Zu spät Ein Dorfroman von Heinrich Schaumberger   *   Berlin 1924 Deutsche Landbuchhandlung G. m. b. H.     Unterwegs Der glühende, endlose Julitag neigte sich; aber trotzdem die Sonne nicht mehr weit vom Untergang war, brannten ihre Strahlen noch heiß herein in die tiefe, heute besonders belebte Schleifgasse. Schwerbeladene, hoch aufgebaute Heuwagen knarrten und schwankten langsam die steile Höhe hinan; feiner, grauer Staub quoll unter den knirschenden Rädern hervor, wirbelte in dünnen Wölkchen durch die heiße, unbewegte Luft und verwandelte das frische Grün der Eichen- und Haselbüsche an den steilen Wegrändern, von deren äußersten Zweigen lange Heufahnen herabwehten, in ein eintöniges, mißfarbenes Grau. Aber trotz der glühenden Hitze, trotz des erstickenden Staubes schritten die Bauern vergnüglich neben den Wagen dahin, qualmten dicke Rauchwolken aus ihren kurzen Pfeifenstummeln, selten einmal mit den Hemdärmeln den Schweiß aus den roten, verbrannten Gesichtern wischend – Hitze, Staub und Schweiß gehören ja zur Heuernte, je ärger die Sonne brennt, desto besser. Im Schatten der Wagen folgten die Frauen und Mädchen, die langen Rechen auf der Schulter, die längst geleerten Brunnstützen in der Hand, jedes irgend entbehrliche Kleidungsstück lässig um den Leib geknüpft. Fröhlich lachten die roten 12 Gesichter aus den hellen Tüchern, welche sie zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gewunden hatten; trotz der Ermüdung waren die Zünglein wacker in Bewegung, oft, besonders dann, wenn junge Burschen mit ihrem Gefährt vorbei kamen, versteckten sie kichernd die Gesichter hinter ihre Schürzen. »Weich' aus, Paule!« rief der Veitenbauer, eine hagere, etwas gebeugte Gestalt mit roten, fließenden Augen im verkniffenen Gesicht, seinem Sohn zu, als am oberen Ende der Schleifgasse unter dem Hexentor, zwei ins Kreuz gewachsenen Vogelbeerbäumen, dichte Staubwolken aufstiegen und Hufschlag eilender Rosse hörbar wurde. »Weich' aus! Der Türkenfritz fährt einmal wieder wie ein Narr; möcht' wissen, ob der auch noch gescheit wird!« Bei dem Namen Türkenfritz fuhr das Veitenbärble, die hinter dem Vater dreinging, erschrocken zusammen und schmiegte sich so dicht an den Wagen, als wolle sie um alles in der Welt nicht von dem Genannten gesehen sein. Im vollen Rosseslauf, von Staubwolken umhüllt, rasselte auch richtig ein Leiterwagen herab, aber trotz der rasenden Flucht war die Warnung des Veitenbauers überflüssig gewesen, denn der schlanke Bursche, der lachend vorn auf dem Leiterwagen stand, hielt die schnaubenden Pferde fest im Zügel und wich jedem Hindernis gewandt aus. Schon von weitem faßte er die Veitenleute scharf ins Auge; als ihn aber nur die Mutter begrüßte, verschwand das Lächeln von seinem Gesicht; trotzig knallte er mit der Peitsche, daß die Pferde hinten und vorn ausschlugen, und es schien ihm Freude zu machen, wenn die Fußgänger erschrocken vor den schäumenden Tieren hinter die Bäume am Weg flüchteten. 13 »Kreuz, Hagel! Bist du verrückt?« schrie ein Bursche zornig, den hinter der Grundmühle, nach der scharfen Biegung des Weges, nur ein rascher Seitensprung vor den Hufen und Rädern rettete. »Ist das eine Manier zu fahren? Mußt du mit deiner Tollheit die Leute in Gefahr bringen?« Fritz war selber heftig erschrocken, zügelte sein Gespann ein und brachte nach vieler Mühe die aufgeregten Tiere zum Stehen. »Wo willst hin?« rief er ziemlich kleinlaut nach dem Burschen zurück, der in Sonntagskleidern, mit einem Paar neuer Stiefeln über der Schulter, rüstig dahinschritt. »Nach Grumbach – was fragst?« »So mach' voran, kannst bis in die Erleswiesen mitfahren.« Das ließ sich der Bursche nicht zweimal sagen, kletterte, während die Pferde schon wieder anzogen, auf den Wagen, lehnte sich neben Fritz, der noch immer frei stand, an die Wagenleiter, schlug sich Feuer und meinte. »Was ist mit dir? – Siehst ja ganz desperat aus!« »So? – Ist dir's den ganzen Tag lacherig?« »Nu – man braucht deswegen auch kein Gesicht zu machen, wie die Katz', wenn's donnert! – Holla! – ich hab's! – Ha ha – 's ist von wegen dem Bärble! – Daß mir das nicht gleich eingefallen ist!« Das Lachen verdroß aber Fritz gewaltig; grob fuhr er seinen Kameraden an: »Bist ein Donnerskerl! Hörst das Gras nicht auch noch wachsen?« »Huhu! – friß mich nur nicht! – Meinetwegen kannst du heulen oder lachen – 's ist mir ganz egal!« Eine Weile war es still auf dem Wagen; der Bursche, 14 dessen gedrungene Gestalt und schwielige Ballen der Hände den Schuhmacher verrieten, machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen; Fritz schwippte unmutig mit der Peitsche und ward noch verdrießlicher, da ihm kein Doppelschlag gelingen wollte. Unterdessen rollte der Wagen langsam auf der hochgelegenen Landstraße hin, von der man den weiten Werthagrund überblicken konnte. Die Sonne stand dicht über den Tannen des Kulms, ihre schrägen Strahlen vergoldeten die Erlen und Pappeln drüben am Fluß, deren Schatten sich endlos über den dunkelgrünen Rasenteppich breiteten. Trotz der weit vorgerückten Tageszeit waren die Wiesen noch voll fleißiger Menschen, die in fröhlicher Arbeit, vom Abendsonnengold umflossen, durcheinanderwimmelten. Hohe, turmartig aufgebaute Wagen fuhren zwischen langen, niederen Heuhaufen dahin, die alle noch droben Platz finden sollten; an anderen Stellen schichteten die Mädchen das halbtrockene Gras auf kleine Schober, ihre roten Halstücher, die kurzen, weißen Hemdärmel leuchteten, und nicht selten blinkten auch die durch langen Gebrauch polierten Rechenstiele wie Metall! Dazwischen tummelten sich jauchzende Kinder, Hunde jagten spielend umher, und von da und dort klang die Sense eines einsamen Mähders. Der leichte Abendwind brachte wohltuende Kühlung und trug süßen Heugeruch das Tal herab. Aufatmend sagte der Schuhmacher: »'s ist doch eine Gottespracht in der Welt, absonderlich in unserem Bergheim. Bin weit 'rum 'kommen draußen, aber so hab' ich's nirgends 'funden. – Ja, Bergheim ist eben Bergheim! – Und nun noch das Wetter! – Ich mein', euch Bauern müßte das Herz im Leib' lachen; solche Ernte ist lange nicht dagewesen.« 15 »Ja, 's hat sich was zu lachen!« murrte Fritz. »Wir Bauern sind die geplagtesten Leut' auf Gottes Erdboden. Kommt ein Mißjahr, können wir verhungern; geraten aber einmal die Früchte, gleich fallen Vieh und Getreide im Preis, und wir haben uns wieder vergeblich geschunden!« »Ja 's ist ein Jammer, was sich so ein Jahr über für Großbauern zu Tod schinden, und zuletzt sterben sie obendrein noch Hungers!« höhnte der andere. »Fritz, du bist ein ganz miserabler Kerl! Wirst du denn nicht einmal genug kriegen?« Fritz biß in voller Verlegenheit den Knoten an seiner Peitschenschnur ab; gern hätte er dem Kameraden heimgezahlt, aber er wußte, daß er gegen diesen doch nichts ausrichtete. Lachend und singend kam ein Schwarm Mädchen die Straße herauf, und als sein Begleiter die Hand als Schirm gegen die blendenden Sonnenstrahlen über die Augen hielt und scharf nach den Mädchen auslugte, sagte Fritz: »Ja, ja – sie ist's – ich seh's deutlich! Hör', Bernhard,« fuhr er fort, während die Pferde in ein Seitental einbogen und mit hochgehobenen Schwänzen durch den Sumpf am Quellrangen wateten, »hör', aufrichtig: Bist du und dein Dorle auch so oft bös zusammen?« Bernhard sah dem Frager lachend in die Augen und meinte bedächtig: »Du fragst verfänglich! – Freilich, ganz glatt geht's auch nicht ab – aber solche Geschichten, wie bei euch – Gott bewahr' uns! – Nein, davon wissen wir nichts!« »'s ist eine Not mit den verdrehten Mädlen!« »Ja – wie man's treibt so geht's und wer ins Wasser schlägt, muß sich nicht beklagen, wird er bespritzt!« 16 »Ich dacht', so wird's kommen, nu werd' ich doch wieder das Kind erbissen haben! – Auf mich kommt alles 'naus!« »O du gerechter Strohsack! Ich glaub' gar, du möchtest dich weiß brennen? – Na, nu sag' ich nichts mehr!« »Man könnt' auch wunder denken, was ich verbrochen hätt',« entgegnete Fritz gezwungen leichtfertig. »'s war ein Spaß, weiter nichts, und wenn das Bärble so gar abstenat sein will – meinetwegen auch, deswegen reiß' ich mir nachher den Kopf nicht 'runter!« »Meiner Seel', Fritz, daß du dir um irgendeiner Sach' willen den Kopf abrissest, darum war's mir noch nicht leid!« lachte Bernhard. »Du bist und bleibst eben der Türkenfritz! – Spaß! – O du armes Mädle, du! – Fritz, im Ernst, es wär' das beste, du ließest von ihr, 's ist ja schändlich, wie du sie zum Narren hast! Erst schwätzst du ihr den Kopf voll von der Theaterfahrt, ruhst nicht, bis sie einwilligt, mitzufahren, und wie nachher Gott den Schaden besieht, hast du noch zwei andere Mädle dazu bestellt. – Pfui Teufel! – 's hat sich alles in mir gedreht, wie ich in Ditterswind die Hämpelsmädle auf den Wagen loskommen sah; hätt' ich's nicht dem Bärble zulieb getan, keinen Schritt wär' ich weiter mitgefahren. Und heut noch vergeß ich nicht, wie das arme Mädle an allen Gliedern zitterte, wie ihr die Tropfen über die Backen 'runter kugelten! – Aber g'freut hat mich's in die Seel' 'nein, wie dich zuletzt die Hämpelsmädle heimschickten – so war's recht!« »Du bist auch ein feiner Kamrad!« knurrte Fritz. »Aber 17 was frag' ich nach den Hämpelsgänsen, die sind mir ja noch lange nicht gut genug!« »Zum Heiraten, aber zum Theaterfahren sind sie recht! – Fritz, um dein bißle Verstand war mir's lang leid, daß er so gar unnütz in der Welt umhergetragen wird – jetzt seh' ich, das war vergeblich!« »Was soll das bedeuten?« »Nichts, mir ist bloß klar geworden, daß du Häckerling haben mußt, wo andern Leuten das Gehirn sitzt.« »Potz Dunnerschlag! Ich laß mir viel gefallen, was aber zu arg ist, ist doch zu arg! – Jetzt sag', was soll das heißen?« »Daß du ein dummer Narr bist, wenn du's grad wissen mußt! – Ist's erhört, daß sich noch einer mit seiner Schand groß macht, den Hochmütigen spielt, wo er sich zu Tod schämen sollt? Siehst du's denn nicht, daß du diesmal radikal verspielt hast? Die Hämpelsmädle sind Gift und Galle auf dich – und 's Bärble – dasmal ist sie ernstlich bös, darfst mir's glauben!« »Das Bärble? – Darüber lach' ich! Was will denn die? – Solch ein armer Schlucker muß froh sein, wenn sie ein Bursch, wie ich, nur anguckt!« »So! – Ei da soll gleich ein Himmeldonner 'neinschlagen! – Halt' still – ich will 'runter, sonst passiert noch was! Du bist ja ein erbärmlicher Kerl! – Halt' still, sag' ich! – Im kleinen Fingernagel bedeutet das Mädle mehr wie du, so lang du bist, du großmäuliger Hochmutsnarr! Und nimm dich vor mir in acht! Alle Knochen schlage ich dir zusammen, hast du sie noch einmal zum Narren!« Damit sprang Bernhard vom Wagen und verschwand 18 in den Büschen des Erlenbaches. Verblüfft schaute ihm Fritz nach, kraute die militärisch kurz gehaltenen Haare und überließ seine Pferde trotz der weit vorgerückten Zeit sich selber. Es war ja nicht das erstemal, daß ihm sein Schulkamerad, der Schustersbernhard, derb die Meinung gesagt hatte, – aber heut war es doch gar zu arg. Der Bauernstolz regte sich in Fritz. – Wie konnte sich solch ein armer Schlucker an ihn, den reichen Bauerssohn, rechnen? Obendrein, was gingen ihn seine Sachen an? Wer hieß ihn, sich zum Beschützer des Veitenbärble aufwerfen? – Aber doch wollte es ihm nicht gelingen, so recht in Zorn zu kommen! Bernhards Worte waren zu ernst, um sich bloß darüber zu ärgern, Fritz empfand ihre Wahrheit, und das machte ihm eine merkwürdige Unruhe. Auch die Drohung ging ihm im Kopfe herum, hatte doch Bernhard bei mehr als einer Gelegenheit gezeigt, daß es ihm Ernst war mit dem, was er sagte. So leichtfertig er sich auch gestellt, in Wahrheit war er tief erschrocken, als er hörte, Bärble sei ernsthaft böse. Bisher hatte er noch immer über die Theaterfahrt gelacht – jetzt ward ihm die Geschichte außer Spaß. Wieder kraute er sich die Haare; – mußte es ihm denn stets so gehen? Wenn er meinte, einen Hauptstreich auszuführen, über den alle Welt erstaunen müsse – immer kam's als lästerliche Dummheit heraus, und statt Ehre und Ansehen, brachte es ihm nur Schaden und Schande! – Fritz kam in eine gewisse Rührung über sein Mißgeschick. Unstreitig war er der erste Bursch der ganzen Gegend; wenn auch nicht an Reichtum, aber an Schönheit, Gescheitigkeit, Witz und Stärke tat es ihm kein Bursch zuvor – und doch ward er überall verlacht, verspottet; hätte ihm nicht sein Geld zu einigem Ansehen verholfen, 19 kein Mensch würde nach ihm gefragt haben. Woran das lag? – Ja, freilich, das war eben sein Unglück, ihm ging alles krumm! Wie herrlich hatte er sich nicht die Theaterfahrt ausgemalt, wie pfiffig, wie fein hatte er alles ins Werk gesetzt, – und wie war ihm seine Freude ins Wasser gefallen! Die Mädle werden gucken, hatte er gerechnet, wenn sie sehen, wie ich mit Schätzen versehen bin; sie werden sich um mich bemühen, mir schön tun, – da hab' ich so recht das Gereiß und sitz' im Glück, wie das Veigele im Rosengarten. – Und wie ging's? – Die Hämpelsmädle rümpften die Nasen, als sie das Veitenbärble erblickten, und gönnten ihm kein Wort; beim Abschied schlugen sie obendrein einen Lärm auf, daß ihm angst und bang wurde, die Ditterswinder könnten aufwachen und seine Schande vernehmen; zum Schluß hatten sie ihm gar gedroht, er solle sich vor ihrem Dorf in acht nehmen, lasse er sich einmal da blicken, wollten sie sorgen, daß ihm ohne Laterne heimgeleuchtet würde. Und Bärble? – Ja, die war nicht aus dem Weinen herausgekommen, nicht mit ihm ins Theater gegangen, und nachts samt dem Dorle, der Beckenmagd, in Ditterswind heimlich vom Wagen gesprungen und hatte ihn allein mit dem Bernhard heimfahren lassen. – War denn das erlaubt? – Und nun mußte er sich deswegen noch von Bernhard grob behandeln lassen, das Bärble wich ihm sichtlich aus – mit Schrecken gedachte er an den festen Willen des Mädchens – 's war wirklich zu arg, so schlecht, wie ihm, mußte es noch keinem Menschen gegangen sein. – Ganz recht hatte er ja freilich nicht gehabt; 's war dumm, daß er die Mädle zusammenbrachte – wäre er einzeln mit ihnen ins Theater gefahren, das hätte ein Vergnügen gegeben, und kein 20 Mensch konnte was dagegen sagen, – aber die Strafe war auch zu hart. Trübselig kaute er an seiner Peitschenschnur und knurrte: »Wer 's Malheur hat, der hat's eben!« Aber diese Niedergeschlagenheit hielt nicht lange vor; der Gedanke richtete ihn mächtig auf: »Was da, was dort! Ich bin doch der Türkenfritz! 's ist ja nicht das erstemal, daß ich in der Bredulg sitz'! – Meinetwegen mögen die Leut' sagen, was sie wollen, ich bin doch der Türkenfritz und bleib' der Türkenfritz, und nach der Zeit kommt wieder eine andere! Das Bärble bring' ich 'rum, das hat keinen Streit, und den einfältigen Bernhard lach' ich aus! – Und wart't nur, ihr Bergheimer, ihr wißt gar nicht, was ihr an dem Türkenfritz habt, das ist einmal einer! Komm' ich nur erst dazu, mich so recht auszulassen, ergibt sich eine Gelegenheit – Dunnerschlag, 's ganze Dorf soll Maul und Augen aufreißen! Nachher will ich aber sagen: ›Ja, das kann der Türkenfritz – macht's nach!‹ Das sag' ich.« – Mit leuchtenden Augen streckte er die Schulter, straffte die Arme und ballte die Fäuste. Am liebsten hätte er gleich auf der Stelle so was recht Großes, Unerhörtes, in die Augen Springendes vollbracht! – »Herrgott,« sagte er, »wär' jetzt eine Gelegenheit da!! – Na, meine Zeit wird schon auch noch kommen, und dann, und dann!« Ein kräftiger Peitschenknall schloß als vielsagendes Ausrufungszeichen den Satz. Fast fuhr er erschrocken zusammen, denn jetzt erst merkte er, daß seine Pferde, klüger wie ihr Lenker, den rechten Weg eingehalten und die Wiese erreicht hatten. Ein Blick auf die wartenden Eltern sagte ihm, daß vorläufig seine Zeit noch nicht gekommen, und als er endlich auf der Wiese hielt, drohte der Vater mit der Faust, die Mutter 21 aber stemmte beide Arme in die Seite und rief: »Bist's denn wirklich? Gottes Wunder, wo kommst her? Von Bamberg oder von Triptstrill? – Ein andermal binden wir dir einen Sessel auf den Wagen, daß du nicht 'runter fällst, wenn du einschläfst. – Wär' die Schand' nicht allzu groß, ich könnt' dich auf dem Fleck da ohrfeigen! Plagen wir uns bis auf's Blut, das Heu noch vor Taufall unter Dach und Fach zu bringen, und der Strick da schlenkert in der Welt herum, als wären Wagen und Pferde nur zu seinem Vergnügen da!« »Potz Christoph von Nordheim! sag' ich's nicht?« keifte der Türkenhenner, ein verhutzeltes Männchen. »Großtun, ins Theater fahren, faullenzen – das ist dem Musje seine Sach'! Ich wollt' wetten, der hat wieder eine Dummheit ausgeheckt und darüber alles vergessen!« Das Kichern der Mägde trieb Fritz das Blut ins Gesicht, zornig schrie er: »Potz Dunnerschlag, macht's nur nicht gar zu arg. Ich bin gefahren, was die Pferde laufen wollten!« »Lüg' du!« fiel ihm sein jüngerer Bruder Gottfried ins Wort. »Jawohl, was die Pferde wollten! Wären die nicht g'scheiter gewesen wie du, wer weiß, wo ihr hingeraten wär't. Du wirst dein Lebtag kein Bauer! Herrgott, hätt' ich deine Kräfte, ich wollt' einen andern Kerl darstellen! – Jetzt nicht gebrummt! Aufgepaßt droben! – Läd'st du nicht ordentlich, werf' ich dich vom Wagen!« Fritz schämte sich vor den Mädchen, noch mehr vor dem Bruder, der, seit seiner Kindheit schwach und kränklich, ihn dennoch an Fleiß und Ausdauer weit überholte, von seiner Umsicht und Bedachtsamkeit gar nicht zu reden. Scheltend gingen die Eltern heim; während des Gehens 22 warf der Türkenhenner seine Arme seltsam durcheinander, von weitem sah es fast aus, als wolle er einen unsichtbaren Feind abwehren. Fritz hatte auf dem Wagen nicht Zeit zum Nachdenken. Gottfried warf ganze Haufen Heu hinauf und deckte ihn fast damit zu – so schämte er sich einstweilen ohne weiteres Sinnen. Nur wenn er die Mägde kichern hörte, biß er ein Stück von dem Grasstengel in seinem Mund ab und spie es zornig aus. In allerkürzester Zeit stand das Fuder fix und fertig, Fritz sprang herunter und schnauzte die lachenden Mädchen an: »Was steht ihr da und habt Maulaffen feil? – Marsch – heim, an die Arbeit!« Als Gottfried dem Wagen folgen wollte, schrie er: »Brauch' keinen Aufpasser! Bin ich gleich kein Bauer, ein Fuder Heu führ' ich noch allein heim!« »Mir recht, daheim ist so alles liegen 'blieben!« war die ruhige Antwort. »Am Quellrangen gib Achtung, 's ist ein böser Fleck!« »Ha, himmeltausend! Bin ich ein dummer Junge?« brauste Fritz auf. »Noch so ein Wort – und ich werf' dir die Peitsche vor die Füße und geh' auf und davon, mögt ihr dann zusehen, wie ihr zurechtkommt!« »Ho ho – nur stet! Deinethalben bleibt keine Arbeit liegen, das solltest du wissen!« Damit ging Gottfried davon. Verdutzt blickte Fritz dem Bruder nach; – war denn heute der Teufel los? Fluchend trieb er die Pferde an und schimpfte auf dem Weg: »'s ist nicht zu ertragen, wie mir's geht, ein Malheur jagt das andere. Daß mich meine Alten so 'runtergehunzt haben, das ist wieder ein Gaudium für meine Gesellschaft – vier Wochen geht's fort: 23 ›Fritzle, ist dein Sessel noch nicht fertig‹ Und das Lachen von dem Mädlesvolk – 's ist, um mit Fäusten drein zu schlagen! Ich hätt' auch die Mägde nur so erwürgen können, wie sie die Mäuler aufrissen, daß ihnen ja kein Pipserle entgeht und sie die Geschicht' recht breit treten können! – – Hü, Brauner!« schrie er und sprang auf die Deichselbäume, als er den Sumpf am Quellrangen erreichte. Mochte nun der plötzliche Zuruf und das Schlagen der Deichsel den Sattelgaul erschreckt haben, oder scheute er vor der spiegelnden Wasserfläche – mit gewaltsamem Ansprung drängte das Tier gegen den Quellrangen hinaus, das rechte Vorderrad stieg am steilen Rand in die Höhe, der schwer beladene Wagen geriet in bedenkliches Schwanken, und Fritz konnte nur mit Mühe seinen Platz behaupten. Zum Glück kamen ihm die Zügel, die an die Wagenleiter befestigt waren, in die Hand, mit kräftigem Ruck riß er die Pferde zurück und seinem freundlichen Zureden gelang es, sie zu beruhigen. Als er sie erst wieder fest in den Zügeln hatte, war die Gefahr vorüber, und er erreichte ohne Unfall die Straße. Aufatmend wischte er sich den Schweiß von der Stirn und murmelte: »So! – das hätte g'rade noch gefehlt – in der Nacht ein Fuder Heu ins Wasser zu werfen, obendrein am Sonnabend! Vor keinem Menschen hätte ich mich mehr sehen lassen dürfen. O, ich!! Der Gottfried hat recht, ich werd' mein Lebtag kein Bauer, ich bleib' ein tappeter Hansgradzu! – 's ist zum Lachen, was ich mir herwärts eingebildet hab', und jetzt muß ich heimschleichen wie ein begoss'ner Hund! – Und erst gar die Geschichte vor acht Tagen! – Die Haare möcht' ich mir ausreißen! – Was 24 will ich eigentlich, und wo soll's noch 'naus? Was nützt Geld und Gut, wenn man der Mann nicht dazu ist? Das Bärble, die paßt für mich und keine andere, die macht vielleicht noch was aus mir! Gott sollt' ich danken, daß solch ein Mädle was von mir wissen mag! – Ob's wirklich ihr Ernst ist? Zuzutrauen wär's ihr wohl! – Ach du lieber Gott, wenn sie nur diesmal kein dummes Zeug macht und sich belehren läßt, von heute an will ich ja gewiß und wahrhaftig ein anderer Kerl werden!« 25   Unter der Kastanie Samstag abend ist für einen Bauernhof eine arbeitsvolle Zeit; besonders in der Heuernte, wo alle Hausbewohner den Tag über auf der Wiese beschäftigt sind, gibt es abends viel zu schaffen, und es ist oft schon weit in der Nacht, ehe der Hof zur Ruhe kommt. Auch im Veitenhof, der etwas abseits vom Dorf drüben über dem Bach einsam in seinen Baumgärten liegt und etwas vernachlässigt aussieht, geht es lebendig her. Die älteren Brüder sind eifrig daran, einen Futtervorrat auf morgen herzurichten, die Ställe gründlich zu reinigen, das Vieh zu striegeln und zu bürsten. Die jüngeren Buben – der Veitenbauer ist mit äußerst zahlreicher Nachkommenschaft gesegnet – müssen zuerst den Ochsen, Kühen und Kälbern die Schwänze auswaschen, sodann ziehen sie mit sämtlichem Schuhwerk der Hausgenossenschaft hinab an den Bach, auch dieses gründlich zu reinigen – was es, beiläufig bemerkt, gar wohl bedarf, denn Stiefel und Schuhe werden nur jeden Sonnabend gewaschen, am Sonntagmorgen sodann mit Fett eingerieben und geschwärzt, dann müssen sie eine Woche lang aushalten. Im Kuhstall eilen die Mädchen hochgeschürzt auf und ab; Bärble, die sonst hier das Regiment führt, ist nicht zu erblicken, dafür geht die Mutter sorgsam ab und zu, damit auch heute dem Vieh 26 sein Recht wird. Der Veitenbauer sitzt schon lange im Wirtshaus – er konnte kaum das Abendessen abwarten – und so hat Bärble im Haus freien Raum für ihre Tätigkeit. Die Tische, Bänke und Stühle sind mit weißem Sand abgerieben und stehen auf einem Haufen im Hausplatz, auch die Fensterscheiben hat sie hell geputzt – jetzt richtet sie eine greuliche Überschwemmung in der Stube an, eine halbe Bütte Wasser gießt sie auf einmal aus und kratzt und fegt mit einem Birkenbesen eifrig in der Sintflut herum. Endlich trocknet sie die schwarze Brühe auf, überspült den Fußboden noch einmal mit reinem Wasser und bestreut ihn mit seinem weißen Sand. Ehe sie die Geräte wieder in die Stube räumt, in der es jetzt sonntäglich sauber aussieht, haben die Brüder noch die Messingbeschläge der Geschirre geputzt und sie neben den Stalltüren in Reihe und Glied gehängt, die kleinen Buben schoben Wagen und Pflüge in Ordnung, und die jüngeren Schwestern rieben im Bach die Bütten und Gelten mit knirschendem Sand ab. Ehe noch völlige Dunkelheit eintritt, ist die Sonnabends-Arbeit vollbracht, das junge Volk sucht müde die Betten auf, die älteren Brüder brennen ihre Pfeifen an und schlendern ins Dorf zu ihren Kameraden. Bärble aber huschte auf ihre Kammer. Nach einem kalten Bad zöpfte sie die Haare neu, schlüpfte in die Sonntagsgewänder, suchte ihr Strickzeug und ging langsam hinab in den Hof. Sie mußte im Anfang viel leiden wegen der Gewohnheit, sich am Sonnabend noch umzukleiden; die Eltern brummten, die Geschwister schalten über Stolz und Hoffart, zuletzt aber hatte sich die Mutter ihrer angenommen, und so ließ man Bärble gewähren. Eben stieg der Mond hinter den Bäumen im 27 Garten empor, als sie durch die Hecke von Jelängerjelieber und Blutnüssen, die im weiten Kreis den mächtigen Kastanienbaum im Hof umgaben, schlüpfte, das einfache Bänkchen sorgfältig abwischte und sich dann seufzend niedersetzte. Es war still ringsum, nur der Bach rauschte und murmelte nicht weit vom Hof, und drüben vom Dorfbrunnen tönte dann und wann ein lautes Lachen herüber. Bärble strich ihre Schürze glatt, fühlte sich wie neugeboren in der frischen Wäsche und freute sich heimlich der wohlverdienten Ruhe, während drüben im Dorfe die Haustöchter und Mägde noch am Brunnen stehen mußten. Dabei regte sie fleißig die Hände, und während sie Masche um Masche verknüpfte, standen auch ihre Gedanken nicht still. Bald lächelte sie nicht mehr; als ein Mondstrahl durch das dichte Blätterwerk den Weg bis zu ihr fand, schimmerte eine Träne in ihrem Auge. In ihrer Versunkenheit überhörte sie die leise näherkommenden Schritte, erst als sich ihr plötzlich zwei Hände über die Augen legten, schrie sie erschrocken auf. Gleich darauf aber rief sie: »Ach, was bin ich doch dumm! Geh' nur, ich kenne den Schleicher! – Wie du mich erschreckt hast, du bös', gut's Mädle! Komm', Dorle, setz' dich zu mir!« »Und schon wieder Wasser in den Augen?« sagte eine klare Stimme. »Bärble, Bärble! Wo soll das noch 'naus?« »Komm', setz' dich,« erwiderte Bärble ausweichend. »Wie hast du's nur angefangen, so bald loszukommen?« »Ja, 's heißt eben sich fix drehen!« lachte Dorle, die große Beckenmagd, und zog ihr Gestrick aus der Tasche. »Und du schon wieder so sauber! – Lieber Gott, wenn ich's nur so weit hätt', daß ich mir wenigstens die Haare 28 machen könnte! – Hu – das würde einen Lärm geben bei meinen Haustöchtern, wollte sich eine Magd so was unterstehen!« »Es hat eben jeder Mensch seine Plag'!« seufzte Bärble. »Ja, aber mit Unterschied. 's gibt zweierlei Plag'; eine, das ist die richtige, wer die auf dem Rücken hat, der weiß, was das Leben besagt; die andere dagegen macht man sich selber, meistens vergeblich, und d'rum meine ich, die darf man gar nicht mitzählen.« »Du meinst, das ist mein Fall? – Du lieber Gott, hättest du recht, wer wäre froher als ich?« »Ja, das ist das Verkehrte, daß man sich einbildet, die gemachte Plag' wär' eine wirkliche. – Bärble, hör' einmal auf, dich zu sorgen und zu grämen, der Fritz ist's wahrhaftig nicht wert! Laß ihn laufen, den Hansdampf, du bleibst nicht am Weg liegen.« »Darum ist mir's nicht!« sagte Bärble leise und ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken. »Ach, das ist ja das Elend, ich kann nicht von dem Türkenfritz lassen, und wenn ich tausendmal einseh', er ist mein Unglück – ich kann nicht!« »Bist ein wunderlich's Ding!« entgegnete Dorle kopfschüttelnd. »Kann dich nicht verstehen! 's weiß der liebe Gott, der Bernhard ist mir doch auch lieber wie's eigne Leben, – aber wenn ich ihn nichts mehr estimieren könnt', wenn er mir nur halb antät', was dir der Fritz schon zugefügt hat – und müßt' ich darüber sterben: ich gucket' ihn nimmer an!« »Hast gut reden!« schluchzte Bärble. »Du weißt eben, so was kann dein Bernhard gar nicht.« Eine Weile war es still unter der Kastanie; drunten 29 murmelte das Bächlein, ein Nachtvogel strich langsam über den Hof, der höher steigende Mond übergoß Haus und Bäume mit seinem Silberlicht, dann und wann streifte ein Strahl die beiden Mädchengestalten unter der Kastanie und glänzte in den Tränen, die auf Bärble's Wangen standen. Leise seufzend begann Dorle, wie zu sich selber sprechend: »Seid wunderliche Menschen, ihr Reichen! Ihr könntet's gut haben, 's ist Euch so leicht gemacht, braucht nur zuzugreifen, so habt ihr das Glück, und doch quält und plagt ihr euch – so vergeblich! Wüßtet Ihr, wie schwer das Leben ist, muß man's alle Tage neu verdienen; müßtet ihr auch jedes Lümple Kleidung, jede kleine Notdurft erst mit eurem Schweiß bezahlen: Ihr würdet bald vernünftig werden! – Du lieber Gott! wie lang sind ich und der Bernhard schon einig, wie sehnen wir uns nach einem eignen Haushalt – und immer fehlt's am Besten, immer heißt's: Geduld haben! – So gehen die schönsten Jahre hin, eines nach dem andern, und wer weiß, ob nicht zuletzt all' unser Mühen doch vergeblich war!« »Ihr habt den Trost, daß es nicht an Euch gelegen; – was soll dagegen ich sagen? Armut ist ja freilich traurig, aber was der Reichtum für Glück bringt, siehst du an mir. Ach wär' der Fritz arm, blutarm, aber brav und ordentlich, – ich wollt' ja warten, so lang's sein müßt', wollt alles ertragen, und keine Klage sollt' über meine Zunge kommen, hätt' ich doch eine Hoffnung. – Aber so! – Ach, Dorle, wofür bin ich auf der Welt?« »Bärble, du weißt nicht, was du sagst! Iß nur dein Brot unter fremden Leuten, häng' nur immer von anderen ab, die dich weniger besser achten als ihr Vieh, – du verstehst nicht, was es heißt, tagtäglich im Geschirr stehen und 30 gar nie dein eigen sein! – Bist nicht selber schuld an deinem Jammer? Könntest's so gut haben, jeden Tag freien – gibt's denn 'nen rechtschaffenern, ansehnlichern Burschen wie den Grundmüllersjakob? Und durch ein Feuer ging er dir, auf den Händen trüg' er dich!« »Hab' ich mir alles wohl hundertmal gesagt, – aber was hilft's. Der Fritz ist mir einmal ins Herz gewachsen, schon von klein auf war er mir der liebste unter allen Buben, – was hilft's Reden? – Ich hab' ihn eben einmal gern, – und hing meine Seligkeit davon ab, einen andern nehm' ich nicht – nie und nimmermehr!« »Mit dem Jakob hättest du ein bess'res Leben!« »Bess'res Leben, wenn einem das Herz aus dem Leib genommen ist? – Geh', Dorle, du redest nicht aufrichtig, – oder du hast deinen Bernhard kein Linsele gern!« »Du wirfst dich weg!« »Dorle – verzeih' dir's Gott! das hat weh' getan!« rief Bärble und blickte mit großen Augen auf die Freundin. »Nein, Dorle, das verdien' ich nicht! Und sollt' ich sterben, wegwerfen tu' ich mich nicht! – – Dorle, er wird kommen, wird wieder ausgleichen wollen, – steh' mir bei, red' ihm ernsthaft ins Gewissen, du kannst's besser wie ich; mir tut das Herz allzu weh, muß ich ihm ein bös' Wort sagen. Steh' mir bei, er muß ernstlich versprechen, daß er anders wird, so kann's nicht gut tun!« »Das ist ja eben mein Reden! Hab' ich's nicht immer gesagt? Du bist zu gut, viel zu gut und untertänig! Wärst du früher ernsthaft aufgetreten, jetzt ständ's gewiß anders; so leichtsinnig der Fritz ist, solch' ein Hasenfuß ist er auch. Zehnmal steck' ich ihn in den Sack, bin ich gleich nur ein Mädle. Sei jetzt gut, vor mir hast du Ruh', ich seh', dir 31 ist doch nicht zu helfen, aber den Fritz – nimm mir's nicht übel – den Fritz – aber ich will lieber nichts sagen. Tu' mir nur den einz'gen Gefallen und sei nicht gleich so weichherzig, laß ihn einmal zappeln, der läuft dir nicht davon.« »Ach, Dorle, mir ist's so weh, so weh im Herzen, – gib acht, das nimmt noch ein traurig End'!« weinte Bärble heftiger und verbarg ihr Gesicht an der Brust der Freundin. Dorle ließ sie still gewähren, sie wußte keinen Trost, dazu war ihr eigenes Herz schwer genug. So ging die Zeit hin; als die Turmuhr halb zehn verkündete, zuckte Bärble zusammen, allein Dorle flüsterte: »Sei still – horch! – er kommt! – Laß mich nur machen – und gib nicht gleich nach, ich bitt' dich!« Bärble richtete sich auf, strich das Haar glatt, legte Schürze und Halstuch zurecht und griff nach ihrem Strickzeug, – aber die Stricknadeln klirrten, und Dorle schüttelte den Kopf. Fritz kam wirklich vorsichtig näher; als er Dorle neben Bärble sitzen sah, runzelte sich seine Stirn und er stand einen Augenblick überlegend still, dann trat er rasch unter die Kastanie und streckte Bärble die Hand entgegen. Diese jedoch beugte den Kopf tief auf ihr Strickzeug, und Dorle tat, als bemerke sie ihn nicht. Fritz war in großer Verlegenheit, endlich begann er kleinlaut: »Guten Abend zusammen! – Bist du's Dorle?« »Wenn's kein Pöpel ist – wahrscheinlich!« war die schnippische Erwiderung. »Das versteh' der Kuckuck! – Was soll's?« »Narr! – Auf eine dumme Red' gehört eine dumme Antwort!« lachte Dorle. »Dein Mundwerk geht einmal wieder wie g'schmiert!« 32 »Und dir sieht man's auf hundert Schritt an, daß dir's Fett ausgegangen ist!« »Du bist ein grob's Ding!« »Bedank' mich für die gute Meinung, du Feiner!« »Brauchst dir auf deine Unart nichts einzubilden!« »Meine Unart ist immer noch nicht so schlimm als deine Art!« »So ist's recht, lob' dich nur selber!« »Das tu' ich nicht; wenn einen Kerle wie du schimpfen, ist's Lobes genug!« »Was willst eigentlich? Meinst, ich bin deinetwegen kommen?« »'s ist dein Glück, daß ich das nicht denk'!« »Du mußt nicht recht bei Trost sein! Laß mich in Frieden, ich mag mit dir gar nichts zu schaffen haben!« »Geh' weiter, ich halt' dich nicht auf! Wenn du nichts mit mir zu schaffen haben magst, was redest mich an?« Fritz kaute ärgerlich an seiner Pfeife, – das war ein schlimmer Empfang; sollte er gehen oder bleiben? Unentschlossen paffte er dicke Rauchwolken vor sich hin; da aber Bärble gar nicht tat, als bemerke sie ihn, begann er kleinlaut: »Ist noch Platz?« »Der ganze Hof voll!« lachte Dorle. »Wenn ich übrig bin«, fuhr Fritz gekränkt auf, »braucht ihr's bloß zu sagen, ich mach' mich nicht aufdringlich!« »'s hat dich kein Mensch hergeheißen, – sonsten fürchten wir uns auch nicht vor dir!« Fritz schluckte heftig, er wußte wieder nicht, sollte er das für eine Abweisung oder Einladung nehmen. So viel war sicher, sehr angesehen war er heute nicht; aber wenn ihn das auch ärgerte, so machte es ihn noch mehr ängstlich. 33 In ganz verändertem, zutraulichem Ton sagte er darum: »Dorle, dein Bernhard ist nach Grumbach, ich hab' ihn bis in die Erleswiesen mitgenommen«. »Ist 'ne grausame Ehr' für ihn, seitdem du die Leut' überall vom Weg auflies'st!« entgegnete Dorle verächtlich. Fritz fuhr sich mit der Hand ins Halstuch, das ihm plötzlich zu eng ward, hustete heftig, und sagte dann, sich gewaltsam aufraffend: »'s hat alles seine Zeit, das Gekippel hab' ich nun satt. Wollt ihr, daß ich dableib', rückt zu, außerdem find' ich meinen Weg weiter!« Lachend machte Dorle nun doch Platz, aber so, daß sie zwischen Fritz und Bärble zu sitzen kam. Fritz war das freilich ungelegen, doch fügte er sich und sagte: »Bärble, gönnst du mir gar kein Wort?« »Sie soll sich wohl bedanken für die Ehr' vom vorigen Sonntag?« fiel Dorle schnippisch ein. »Hör', Dorle, red' jetzt vernünftig oder schweig' still!« entgegnete Fritz, der wirklich ärgerlich ward. »Was hängst du dich immer in meine Sachen?« »'s Bärble ist mein Kamerad; was ihr zu leid geschieht, tut mir auch weh! – Fritz, hast du denn das Herz, dem Bärble unter die Augen zu kommen?« »Herrgott, macht nun nicht gar aus einer Mücke 'nen Elefant! 's war ja freilich ein dummer Streich, was anders geb' ich d'rum, könnt' ich ihn ungeschehen machen. Aber die Geschicht' ist doch auch des argen Aufhebens nicht wert. 's sollt eben ein Spaß sein!« »Fritz – und das magst du noch sagen?« weinte Bärble. »Ach, nun seh' ich erst, wie du mich so gar nichts achtest!« 34 »Herrgott von Bentheim!« rief Fritz in heller Verzweiflung und fuhr sich in die Haare. »Mädle – was hast? – Ich sitz' da, wie ein Büble, dem die Gäns' fortg'flogen sind! – Red' nur ein einzig's g'scheit's Wörtle, ich weiß gar nimmer, wo mir der Kopf steht! – Was hab' ich nun wieder verbrochen?« »Fritz – 's ist das beste, wir gehen auseinander! – – Ach, daß ich das erleben muß! Aber es ist so: wir passen nicht füreinander! – Geh', such' dir ein Mädle, das sich zum Narren halten läßt, ich bin dazu verdorben! – – Laß mich, das ist's ja eben, daß du nicht einsiehst, wie du durch solche Bubenstreiche mich und dich verschimpfst. Zum Spott und Gelächter machst du dich überall, die kleinen Buben haben dich zum besten, jeder Nichtsnutz rechnet dich zu Seinesgleichen. Dabei hast du noch große Rosinen im Kopf, meinst wunder, was du bist, – ach, ich hätt' noch viel zu sagen, aber ich kann nimmer, 's drückt mir das Herz ab! – Merk dir's, wen ich lieb haben soll, vor dem muß ich zuerst Respekt haben, sonst ist's nichts mit der Lieb'! Du aber hast keine Ehr' und Reputation im Leib', du hältst nichts auf dich – wie soll ich dich nachher achten? – Nein, Fritz, wir passen nicht zusammen, – d'rum ist's besser, wir scheiden uns!« »Deine Lieb' muß nicht gar groß sein,« sagte Fritz kleinlaut, »sonst würdest du mich nicht so arg 'runtersetzen!« »Denk' das immerhin, obgleich's umgekehrt ist. Daraus erseh' ich wieder klärlich, daß du mich auch kein Linsele verstehst. – Aber das ist's nicht allein, daß ich dich nichts achten kann, – du selber achtest mich auch für nichts! – Spaß, sagst du, wär' die Geschicht' vor acht Tagen gewesen? Daß sich Gott erbarm'! – Nein, Fritz, ich mag 35 weder einen Hanswurst zum Schatz, noch taug' ich zur Närrin! Ich bin ein ehrlich's Mädle und halte was auf mich, – ich will auch Respekt haben. – Geh', Fritz – wir sind einmal nicht für einander geschaffen!« »Hätt' nicht gedacht, daß du mich so leichtfertig fortschicken könntest!« »Leichtfertig? – Das willst du mir vorwerfen? Schäm' dich, Fritz, weiter sag' ich nichts!« »Und ich glaub' nicht, daß 's dein Ernst ist, 's kann ja nicht sein! Bärble überleg', was du tust, mach nicht leichtsinnig dich und mich unglücklich!« »Ich mach' mich nicht erst unglücklich, ich bin's schon lang; weil ich das Elend nimmer ertragen kann, d'rum sag' ich: 's soll aus sein!« »Bärble, tu's nicht! – tu's nicht! – Denk' doch: was soll nachher aus mir werden, – wie soll ich ohne dich bestehen?« »So sagst du stets, – heute machst du mich damit nicht weich. Wär's, wie du sagst, würdest du mich in Ehren halten! Nein, ich weiß jetzt, ich bin dir nur so nebenher gut genug; kannst du eine Reichere kriegen, lässest du mich sitzen. Die Schande will ich mir ersparen, der erste Verdruß ist besser, als der letzte, – geh' nur, ich werd' auch nicht am Weg liegen bleiben!« »Jetzt lob' ich dich, Bärble!« fiel Dora ein. »Redest doch auch einmal, wie sich's gehört. Bleib' nur dabei, laß dich nicht breit schlagen, 's wär' doch nur zu deinem Unglück!« Aber diese Worte verfehlten ihre Wirkung nach beiden Seiten. Bärble erschrak, daß ihr Dorle den Rückweg fast abschnitt, und Fritz waren die Worte erwünschte 36 Gelegenheit, sich zu erzürnen. Heftig fuhr er auf: »Oho, pfeift der Wind daher? – Dacht' ich's doch! Das ist nicht schön, Bärble, daß du auf andere Leute mehr gibst, als auf mich! – Hätt' nicht geglaubt, daß du dich verhetzen ließest!« »Bin nicht verhetzt, hör' auch auf niemand!« entgegnete Bärble und spielte verlegen mit ihren Stricknadeln. »Ich wollt' ja auch lieber, ich könnt' dich lieb haben, könnt' dir vertrauen, – ach, was wär' das für ein Glück!« »Bärble – sag's, was soll ich tun, daß du wieder gut wirst?« rief Fritz aufatmend. »Sag' – red'! – Durch's Feuer und Wasser geh' ich dir!« »Damit ist mir nicht gedient!« seufzte Bärble beklommen. »Ach Fritz, ist dir in Wahrheit was an mir gelegen, so zeig's. – Werd' ordentlich – und – mach' Anstalt zur Heirat!« Fritz atmete auf; also war es ihr doch nicht Ernst. Wohl rührte ihn die Anhänglichkeit des Mädchens, wohl war er hocherfreut, daß sie sich ihm wieder zuwendete, – aber auch sein Leichtsinn erwachte wieder, die Eigenliebe und Selbstsucht raunten ihm zu: »Sie kann nicht von dir lassen, die ist dir sicher, – nun laß dich nur nicht fangen; immer die Hände frei! Das ist das Wahre!« Dorle beobachtete Fritz scharf, sie ahnte, was in ihm vorging, und sagte vorwurfsvoll: »Bärble, Bärble, was machst? Warum läßt du ihn nicht wenigstens noch eine Zeit zappeln? Du wirst's bereuen, gib nur acht! Ich verwett' meinen Kopf, der denkt schon daran, wie er sich auf die hintern Füß' stellt!« Redensart für falschen Sinn, hier: ein Versprechen geben mit der Absicht, es nicht zu halten. Fritz war heftig erschrocken; um das nicht merken zu 37 lassen, fuhr er auf: »Was hast du dich wieder darein zu hängen? Sorg' du für dich selber! – Bärble, hab' tausend, tausend Dank. Ich werd' anders, verlaß dich d'rauf, und heiraten – heut' lieber als morgen, wenn's ging! – – Aber, meine Alten wollen nun einmal eine reiche Schnur, kann ich sie zwingen, daß sie ihre Einwilligung geben?« »Fritz, deine Mutter ist so freundlich gegen mich, – wenn du mich betrügst? – Ich bin doch auch nicht ganz leer. – Und was haben deine Eltern sonst an mir auszusetzen?« »Nichts, gewiß nichts, aber ihr seid halt gar zu viel Geschwister. – Und wenn sie auch wollten, – worauf sollen wir heiraten? Ich kann doch nicht verlangen, daß sie jetzt schon die Güter aufgeben?« »'s Dorle hat Recht, du suchst Ausfluchten! – Könnten wir nicht euren hintern Hof pachten?« »Das Höfle?« rief Fritz verächtlich, setzte aber sogleich erschrocken hinzu: »Ja, ja doch, mir soll's ja recht sein! Hab' nur Geduld – ich kann doch bei meinen Alten auch nicht mit der Tür ins Haus fallen!« »Aber auf den Herbst muß es gewiß sein, länger laß ich mich nicht auftrödeln!« »So macht ein End' und vertragt euch, – du bist eben einmal ein gut's Närrle!« rief Dorle und sprang auf. »Aber dir, Fritz, sag' ich, mit mir hättest du nicht so leichtes Spiel! Ich muß dir schon sagen, hielt' das Bärble nicht so große Stücke auf dich, die doch das bravste Mädel ist weit und breit – mir dürftest du drei Schrittle vom Leib' bleiben, mitsamt deinem Reichtum und allem! Schäm' dich! Ist's eine Art, zwei, drei Mädlen zugleich nachzurennen? Einer jeden, die dir in den Weg kommt, schön zu tun, wenn sie nur Geld hat? – Ich sag' nichts; 38 aber wärest du nur eine Stund' Meiner, ich wollt' dir die Schelmkappe abtun, ich brächt's so weit, du müßtest dich vor deinem eigenen Schatten schämen!« Fritz wollte auffahren, allein Bärble legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Laß nur! 's Dorle meint's gut, und 's ist ja leider Gottes die Wahrheit, was sie sagt. – Noch einmal will ich vergessen, was vergangen ist, will dir glauben und vertrauen, Fritz; aber denk' nicht, du könntest immer mit mir machen, was dir beliebt! 's ist wahr, ich hab' dich gern, vielleicht zu gern, – deswegen weiß ich aber doch, was ich mir selber schuldig bin! Daran halt' ich fest, Fritz: ich nehm' nur einen richtigen Mann, einen, vor dem ich Respekt haben muß in allen Stücken, und von dem ich weiß, daß er mich auch in Ehren hält! – Ich sag' dir's jetzt: wirst du nicht anders, kannst du's nicht lassen, nach andern Mädlen zu gucken, – dann ist's aus zwischen uns, und sollt' ich darüber sterben!« »Holla, soweit ist's schon wieder? – Fritz, du hast wahrlich mehr Glück als Verstand!« sagte Bernhard, der unbemerkt näher gekommen war, sich auf das Bänkchen setzte und Dorle auf seine Knie nahm. »Na, Gott lenk's zum besten, und laß dich's nicht gereuen, Bärble; du, Fritz, kannst dir aber merken: was ich dir heut' gesagt habe, das bleibt bestehen, davon geht kein Tippele ab, – richt' dich darnach!« Ein paar große Silberstücke in Dorles Hand legend, fuhr er fort: »Mein erster Meisterlohn! – Freu' dich, Mädle! Gibt jetzt der Herrgott seinen Segen, soll der letzte Berg bald überstanden sein – morgen halten wir Verspruch! – Wenn ihr zwei mit ein paar Schalen Schusterkaffee vorlieb nehmen wollt', so kommt nachmittags zu meiner Mutter, ihr seid von Herzen willkommen!« 39   Im Kaffenetle Der Türkenhenner zankte auf dem Heimweg von der Wiese fort und fort über die jetzige Verderbtheit der Jugend im allgemeinen und über die seines »Umschlags«, wie er Fritz nannte, im besonderen. In der Nähe des Dorfes begann er zu klagen: auf den Verdruß sei ihm ganz schlecht geworden, der Umschlag sei ein Nagel zu seinem Sarg, er spüre ordentlich, wie ihm der stete Ärger ans Leben greife. Dazu begann er zu ächzen, blieb oft stehen, als wollten ihn die Beine nicht weiter tragen, und wischte sich seufzend den Schweiß ab. Die Bäurin hörte alles geduldig an; in der Nähe des oberen Wirtshauses unterbrach sie jedoch plötzlich die Jeremiaden: »Zier' dich nicht gar so dumm, alter Narr! Weiß schon was das Geraunz' bedeutet – du möchtest doch bloß ins Wirtshaus! – Meinetwegen lauf' hin, daheim bist du einem doch nur im Weg! Aber nimm dein Maul in acht, schwätz' nicht alles aus, und komm' nicht gar so spät heim, ich hab' mit dir zu reden!« Halb erfreut, halb erzürnt drohte der Henner seiner Alten mit der Faust nach und stieg bedächtig die Wirtstreppe hinan. Im Türkenhof ging es ein wenig wild her; die Arbeiten wollten nicht recht vom Fleck, und Fritz mußte vom Bruder und den Dienstboten manch scharfes Wort hören, 40 als man noch mit Laternen in Ställen und Scheunen schaffen mußte. Fritz nahm das still hin, nur vor dem Zusammentreffen mit der Mutter graute ihm. Aber der gefürchtete Augenblick ging besser vorüber, als er zu hoffen gewagt. Die Bäuerin tat nicht, als sei etwas vorgefallen, war still und freundlich wie immer, griff selber wacker mit an, bis die Ordnung hergestellt war. Fritz war nach dem Tischgebet plötzlich verschwunden, die Dienstboten suchten ihre Kameraden auf, nur Gottfried saß müde im Lehnstuhl und schien daheim bleiben zu wollen. Freundlich trug ihm die Mutter Pfeife und Tabak zu, nötigte ihn in die Jacke und ruhte nicht, bis er sich auf den Weg ins Wirtshaus machte. Hell lag der Mondschein auf der Gasse, – sie blickte dem Sohn nach, bis er um das Ottenshaus bog, dann suchte sie seufzend ihr Strickzeug, setzte sich ans Fenster, und manche Träne fiel in die Maschen. Ja, die schöne, stattliche, vielbeneidete Frau war auch nicht glücklich; ein schweres Leben lag hinter ihr, und die Zukunft versprach wenig Freude. Sie hatte den Türkenhenner auf Befehl ihrer Eltern als siebzehnjähriges Mädchen geheiratet. Wohl war ihr Herz noch frei gewesen, als sie in die Ehe trat, und so stand eigentlich ihrem Glück nichts im Weg, aber der Türkenhenner war ein Mensch, der frohe Gesichter nicht leiden konnte. Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit waren ihm unbekannte Dinge; an Rechtschaffenheit und Treue glaubte er nicht; Ränke spinnen, heimliche Gruben graben war seine Lust; er schien nur glücklich, wo er Verwirrung anrichten, Zwietracht säen, Feindschaft stiften konnte. Das war nun freilich nicht der Mann, ein frisches, fröhliches Mädchenherz glücklich zu machen. Zuerst erschrak die junge Bäurin über so viel Bosheit und 41 Tücke, sie begann ihren Mann zu fürchten, ärger als den Tod. Als er sie verlachte, suchte sie Schutz vor ihm bei den Eltern; – wie vorauszusehen – vergeblich. Als es dem jungen Wesen nicht gelang, ihrem Peiniger zu entrinnen, schlug ihre Furcht in leidenschaftlichen Haß um. Es kam zu fürchterlichen Auftritten, aber Henner lachte und quälte die Ärmste nur um so ärger. Zuletzt ergab sich die Bäurin in ihr schweres Geschick, trug stille ihr Leid, suchte heimlich die Sünden ihres Mannes gut zu machen, – ihn selber konnte sie nur noch verachten. Aber das war gerade, was Henner nicht zu ertragen vermochte. Jeder Mensch hat eine schwache Seite, – der Türkenhenner, der jegliche Liebe verlachte und verspottete, der nur gefürchtet und gehaßt sein wollte, – Verachtung und Geringschätzung konnten ihn aus Rand und Band bringen. Von dem Tage an, da ihn die Bäurin offen ihre Verachtung fühlen ließ, begann ihre Macht über den Bauer, und wie er auch dagegen ankämpfte, sein Widerstand vermehrte nur ihre Herrschaft. Als dann das Verhängnis den Kirchbauer erreichte, seine Unterschleife am Gemeindevermögen ans Licht kamen, ein böser Verdacht auch auf dem Henner sitzen blieb, ihm schimpflich das Schulzenamt entzogen ward, ihn allgemeine Verachtung traf, da war es um sein Regiment im Haus gänzlich geschehen. Besser ward es nun; aber ist von Glück zu reden, wenn ein Schandfleck am Namen des Mannes haftet, wenn ihn von allen Seiten nur Flüche und Verwünschungen treffen? Auch besserte das Unglück den Henner nicht, er blieb der alte Heimtücker; so scharf ihn die Bäurin im Zügel hielt, immer wieder kamen böse Dinge ans Licht, sie hatte alle Hände voll zu tun, öffentliche Schande von ihm abzuwenden. Das 42 Unheil, das er anrichtete, war nur in den seltensten Fällen wieder gut zu machen. Dennoch war es nicht das, was ihr die Tränen in die Augen trieb. Mit dem eigenen Leben hatte sie abgeschlossen, das Unglück mit dem Unverbesserlichen ertrug sie als etwas Unabänderliches; nur ihr Mutterherz schlug noch warm und hoffnungsreich. Die Mutterliebe war es ja allein, was ihr Kraft gab, das jammervolle Leben zu ertragen, die Mutterhoffnung, was sie vor Verzweiflung bewahrte. In ihren Kindern hoffte sie das Glück zu finden, das ihr selbst versagt blieb, mit ihnen wollte sie neu aufleben. Treu erfüllte sie ihre Mutterpflichten; Tag und Nacht wachte sie über ihre Kinder, im heißen Gebet flehte sie zu Gott um Kraft und Einsicht, sie zu braven, tüchtigen Menschen heranzubilden, dem bösen Beispiel des Vaters die Macht zu nehmen. Ihr Streben blieb nicht unbelohnt. Die beiden Jüngsten schlossen sich fest an sie an, ihre empfänglichen Gemüter nahmen die Bitten und Ermahnungen der Mutter willig auf, vielleicht noch mehr als die Lehren wirkte ihr Beispiel, ihre Liebe. Bald trösteten Gottfried und Mathilde die Mutter über die Wildheit des Vaters, halfen ihr im stillen sein Unrecht ausgleichen. Aber beide Kinder waren schwächlich und kränklich von Jugend auf, die sorgsamste Pflege konnte ihre Gesundheit nicht befestigen. Vier Wochen nach ihrer Konfirmation lag Mathilde, das schöne, milde Kind, auf der Totenbahre, und die trostlose Mutter mußte mit der einzigen Tochter ihre liebsten Hoffnungen ins Grab versenken lassen. Nun war Gottfried ihr alleiniger Trost, auch ihre einzige Stütze, – aber wie lange noch? So sehr sie sich auch dagegen sträubte, sie konnte sich nicht verhehlen, 43 daß Gottfried mehr und mehr verfiel, daß auch seine Tage gezählt seien. Als er vorhin so gar zerbrochen, so bleich und verfallen im Sessel saß, da war ihr ein Stich durchs Herz gegangen, sie hatte Gottfried fast mit Gewalt ins Wirtshaus getrieben, um sich in der Stille recht von Herzen ausweinen zu können. Sie hatte ja freilich noch einen Sohn, und ihr ältester, der Fritz, war ein so stattlicher, kräftiger, gesunder Bursche, wie man ihn nur wünschen konnte. Aber gerade an Fritz hatte die Mutter noch wenig Freude erlebt, auch seinetwegen quollen ihre Augen über. Fritz war entschieden mehr dem Vater als der Mutter nachgeartet. Hatte er auch nicht die herzlose Bosheit, die Falschheit und Heimtücke des Vaters völlig geerbt, eine Anlage dazu war unverkennbar in ihm. Vielleicht wäre es der Mutter gelungen, diese Angelegenheit im Keim zu ersticken. Aber Fritz war von klein auf der Liebling des Vaters, wenn man beim Henner überhaupt von Liebe reden darf, stand unter seinem besonderen Schutz und erhielt schon frühe Anleitung, der Mutter zu trotzen. Henner sprach es offen aus: sein Fritz müsse einmal sein Ebenbild werden! – Zum Glück für den Knaben trat der Wechsel in der Hausherrschaft ein, ehe ihn der Vater völlig verdorben; freilich brachte der gewaltsame Umsturz neue Gefahren gerade für ihn. Hatte er schon früher im stillen die Lehre des Vaters: »Du brauchst deine Mutter nicht zu achten,« – dahin vervollständigt: also den Vater erst recht nicht, – so schienen die neuesten Ereignisse seine heimlichen Gedanken nur zu bestätigen, ihn gleichsam aufzufordern, sie nun auch zur Tat werden zu lassen. Mit Schaudern gedachte die Bäurin an die Not, welche ihr der 44 wilde, meisterlose Bube gemacht; lange Zeit konnte sie ihn nicht zwingen, erst als sie ernstlich damit umging, ihn dem Sülzdorfer Schulbauer in die Zucht zu geben, fügte sich Fritz. Aber weder ihre Liebe, noch ihr Ernst, weder Milde noch Strenge vermochte das vom Vater gesäte Unkraut zu vernichten: Fritz blieb ein eigensinniger Trotzkopf. Selbstsucht war sein hervorstechendster Charakterzug, und sie sog aus seiner lächerlichen Eigenliebe, seiner Eitelkeit auf sich selbst, seinem Hochmut auf Reichtum immer neue Nahrung. Liebe zur Arbeit, die er vom Vater verachten gelernt, war ihm nicht einzuflößen, nie tat er mehr, als er unbedingt mußte, dagegen war er stets zu dummen Streichen aufgelegt. – Welchen namenlosen Kummer hatte der armen Frau schon die Torheiten, der Leichtsinn des Sohnes bereitet! Nicht seine albernen Streiche, die ihn zum Gespött bei alt und jung machten, preßten ihr die Tränen aus – ach, Fritz machte ihr noch ganz andere Sorgen. Nur allzu gut wußte sie, wie all sein Dichten und Trachten darauf gerichtet war, schnell und mühelos reich zu werden, wie er darum Tag und Nacht auf eine möglichst vorteilhafte Heirat sann. Dennoch hatte er sich mit einem armen Mädchen in einen Liebeshandel eingelassen, – und nun blutete der Mutter das Herz, wenn sie bedachte, welch grausam frevles Spiel ihr Fritz mit dem Glück des bravsten Mädchens trieb, die sie so gern, ach so gern, als ihre Tochter in ihr Haus eingeführt hätte. All ihr Bitten, all ihre Mahnungen glitten wirkungslos ab am harten Herzen des Sohnes; nicht nur setzte er sein sündhaftes Spiel unbeirrt fort, auch sonst ward er täglich schlimmer, toller, verdrehter, unnützer. – Welche Last lag doch auf dem Herzen der Armen! 45 Leise ging der Mond seine Bahn, in aller Stille kam er um die Hausecke und blickte durch die vordern Fenster in die Stube. Die Dienstboten schlüpften nacheinander ins Haus, auch Gottfried und Fritz waren zurückgekehrt, und noch immer saß die Bäurin am alten Platz. Unerträglich war ihr dieses Leben, noch einen Versuch wollte sie machen, Fritz zu retten, schlug auch der fehl, wollte sie wenigstens für sich und Gottfried eine Änderung des unleidlichen Zustandes herbeiführen. Der Wächter rief eben im unteren Dorf die elfte Stunde an, als endlich schlürfende, unsichere Schritte draußen auf dem Tritt hörbar wurden, die Türen leise knarrten, und der Türkenhenner vorsichtig ins Zimmer trat. Beim Anblick der Bäurin, die aufrecht im Mondschein saß und fleißig die Nadel regte, fuhr er sich mit der Linken in die Haare und knurrte: »Potz Christoph von Nordheim, sie ist meiner Seel' noch auf! – Der Kuckuck hol solch 'ne lästerliche Unordnung im Haus! – Nicht einmal des Nachts hat man Ruhe!« »Sei nur still, du alter Wirtshaushocker! Mach', daß du ins Bett kommst, ich hab' mit dir zu reden!« sagte gleichmütig die Bäurin. »Aber ich will nicht!« schrie der Bauer. »Hast's verstanden? Ich verlang meine Ruh'! – Kein Wort red' ich – kein Wort! Potz Christoph – bin ich Herr im Haus oder du?« »Das kümmert mich wenig, und zu reden brauchst du auch nichts, das besorg' ich selber. Aber mach' voran – ich hab' lang genug auf dich gewartet!« »Wer hat dich's geheißen? Und ich will nichts hören – hast's verstanden? – Morgen ist auch ein Tag! Ich will nicht, ein für allemal, ich will nicht!« 46 »Jetzt geh' im Augenblick ins Bett – oder ich setz' dich an den Tisch da, bis ich fertig bin!« Das wirkte! Knurrend verschwand Henner im Kaffenetle, bald verkündete das Rauschen der Betten, daß er für heute der Welt gute Nacht gesagt hatte. Langsam folgte ihm die Bäurin, zog sich einen Stuhl an das Bett, in dem Henner aus Leibeskräften schnarchte und sagte: »Mich betrügst du nicht, alter Narr! Übrigens kannst du es halten, wie du willst – hörst du nicht auf meine Reden, nehm' ich an, daß du mit mir eines Sinnes bist. Willst du dich nachher bockig stellen, – ich denk', du kennst mich!« Wie der Blitz fuhr Henner im Bett herum und grollte: »Ei, so wollt' ich doch, daß dir's Maul zuwüchs'! – Red', – aber mach's kurz!« »'s ist wegen unsrer Buben!« begann sie mit einem Seufzer. »Der Gottfried wird von Tag zu Tag weniger, der Fritz immer liederlicher, du bist schon lang das fünfte Rad am Wagen, und alle Last liegt auf mir. Nun werd' ich alt und sehn' mich nach Ruh' – das muß anders werden. Ich geb's auf, den Fritz zur Ordnung zu bringen, für den weiß ich nur noch ein Mittel: er muß heiraten und einen eigenen Haushalt anfangen. Eine rechtschaffene Frau wird ihm schon den Kopf zurechtsetzen, und muß er sich plagen, kommen die Sorgen über ihn, wird er wohl endlich gescheit werden. Er kann den hintern Hof pachten, wir geben ihm vom vorderen noch ein paar Wiesen und Äcker dazu, daß er einen ordentlichen Anfang hat. Was wir noch selber behalten, kann der Gottfried mit einem tüchtigen Knecht wohl in Ordnung halten und braucht sich nicht mehr über sein Vermögen zu plagen, – vielleicht, daß es sich mit seinem Zustand auch bessert!« 47 »So? – Und weiter nichts? – Ei, dich soll doch gleich! – Wenn du doch deinem Gottfriedle alles zuschieben könntest! Aber steckt nur die Köpf' zusammen und macht Praktiken – ich bin der Bauer, ich! – Und über mich kommt ihr nicht 'nüber! Oha, nichts da! Der Fritz bleibt im Haus und das Gut beisammen; seiner Zeit kriegt Fritz 's Ganze, der Gottfried kann sich auswärts eine Gelegenheit suchen!« »Ich hab's so erwartet! Nun pass' auf, Henner! – Ich will von meinem Unglück kein groß Wesen machen, 's nützt doch nichts; hab' ich's so lang getragen, trüg ich's auch wohl noch länger – aber es handelt sich um meine Kinder, und da hat die Geduld ein End'! Gott weiß, ich hab' die Buben gleich lieb, drum soll auch keiner in irgend einer Sach' verkürzt werden, kann ich's hindern. Wär' Fritz ein richtiger Bursch, mir sollt's recht sein, wie du meinst, und Gottfried würd' auch mit Freuden ja dazu sagen. – Wie er aber nun einmal ist, geht's nicht! Bisher haben ich und Gottfried den Hof in Stand gehalten; wärest du nicht blind, müßtest du lang gesehen haben, daß Gottfried die Arbeiten nimmer bewältigen kann, – und mir wird's auch zuviel. Zuerst muß der Gottfried Ruh' und Ordnung haben, er soll die paar armen Jahre, die ihm noch beschieden sind, wenigstens nicht geplagt werden. Drum willigst du nicht ein, daß der Fritz den hintern Hof von uns in Pacht nimmt, – mir recht, dann zieh' ich selber mit dem Gottfried dorthin. Du wirst am besten wissen, in welchem Zustand ich Stall und Stadel dir zubrachte, – so verlang' ich's wieder zurück. – Du magst dann zusehen, wie weit du's mit deinem Fritz bringst!« 48 Henner saß schon lange aufrecht im Bett, mit weit aufgerissenen Augen schrie er: »Ha, bist du bei Trost? Rappelt's dir im Oberstüble? – Du willst den hintern Hof – mit Schiff und Geschirr? – du? – weißt du, was das besagen will? Hast's überlegt, was das zu bedeuten hat?« »Weiß ich ganz genau!« »Aber, was verzürn' ich mich! – Das ist ja doch Verrücktheit, alberne! Wie willst du's zwingen, wenn ich sag': daraus wird nichts?« »Ich bin nicht mehr das dumme Ding, wie vor zwanzig Jahren. Der Hof ist mein, das Eingebrachte nicht minder. – Denk' dran, was im Amt fest gemacht ist. Wenn ich's in deinem Haus nicht mehr aushalten kann, wirst du mir mein Gut vorenthalten?« »Aber, Alte, um alles in der Welt!« rief Henner, dem dicke Schweißtropfen auf der Stirn perlten. »Kannst du im Ernst dran denken, aus dem Haus zu gehen, deinen schönen Haushalt zu zerreißen, – der Teufel soll dir's Licht halten – um uns ins Elend zu bringen?« »Ich denk' nicht bloß dran, ich tu's! Meinem Gottfried soll wenigstens jetzt noch sein Recht werden. Was schiebst du mir die Verantwortung zu? In deinen Händen liegt der Entscheid!« Henner kraute sich die Haare. »Das sind Pfiff, dahinter steckt was! Gesteh's nur – holla, holla, jetzt geht mir ein Licht auf! – Gesteh's nur, den Fritz möchtest du aus dem Hause haben, daß dein Gottfriedle sicher im warmen Nest sitzt!« »Hast du etwa nicht das Gleiche mit Fritz im Sinn? Ach, Henner, der Gottfried braucht keine Güter, der 49 verkürzt den Fritz um nichts! Magst du ihm nicht einmal ein klein wenig Ruh' und Bequemlichkeit gönnen?« Das Schluchzen der Bäurin machte Henner doch stutzig, um vieles sanftmütiger begann er: »Hm – wenn man's recht überlegt, – im Grund ist dein Gedanke so unrecht nicht! Daß ich's nur gesteh', ich hab' selber schon dran gedacht. – Ich werd' alt – hab' mich genug geplagt – hm, hm, 's wird mir auch schön tun, krieg ich's leichter! – – Hm, hm, und dem Umschlag ist's gesund, kommt er ins Joch! – Hm, Alte, ich denk', 's wird zu machen sein, – ja, ja, 's wird sich machen lassen, die Geschicht' mit dem Fritz und dem hintern Hof. – Daß dich der Kuckuck! – Wo aber in aller Eil' mit einer Frau für den Fritz her?« »Dafür laß den Fritz sorgen, der wird wissen, wohin er sich zu wenden hat!« »Holla, holla – will's da 'naus? – Nä, nä, – das ist nichts, mit dem Veitenbärble gib's auf, solch' Bettelding kommt nicht in meine Sachen!« »Steht ganz allein bei dir! – Ich aber sag': das Bärble ist das bravste Mädle weit und breit, die macht aus unserm Fritz noch einen Mann, sonst keine; dazu braucht der Fritz nicht auf Geld und Gut zu sehen: kurz und bündig, in meine Sachen kommt keine andere als das Bärble!« »Potz Christoph von Nordheim!« schrie Henner wild und schlug sich im Eifer mit der Faust auf's Knie, daß ihm vor Schmerz ganz übel ward. »Ach, ach, – ist das 'ne Not mit den Weiberleuten! Aber dasmal laß ich mich nicht unterkriegen – so ein arm's Schluckerle kommt nicht in unsre Familie!« 50 »Wie du willst, – dann zieh' ich auf den Herbst mit Gottfried in den hintern Hof.« Henner fluchte und wetterte, allein die Bäurin schien das gar nicht zu hören, auf alle Fragen gab sie keine Antwort, bis Henner einlenkte. Ihr Strickzeug zusammensteckend, sagte die Bäurin: »Nun ist genug gelärmt – 's muß fast schon Sonntag sein. Willigst du ein, daß der Fritz das Veitenbärble freit und den hintern Hof pachtet, ist's gut; wo nicht, weißt du, was geschieht. – Jetzt: Ja oder nein?« Henner schwieg verstockt. Plötzlich mußte ihm ein neuer Gedanke gekommen sein, denn er rief: »Ja, ja, ins – –« »Halt! – Das Übrige für dich, ich hab schon genug!« unterbrach ihn die Bäurin. »Morgen gleich red' ich mit Fritz, die Sach' muß bald in Ordnung kommen. Daß du mir keine Dummheiten machst hinter meinem Rücken, sonst ist's gefehlt, ich sag dir's!« »Das war wieder ein Sturm!« seufzte der Bauer, während seine Frau ihr Lager aufsuchte. »Potz Christoph von Nordheim! 's ist nimmer auszuhalten mit dem alten Brummeisen! – Aber wart' nur!« knurrte er und drohte unter der Bettdecke mit der Faust nach dem Bett der Bäurin: »Ich leg' dir doch ein Kuckucksei ins Nest. Dasmal muß mir der Fritz helfen! 's wär' doch wunderlich, wenn ich den nicht vom Bärble losbrächt'! – – Ha, ha! Hasen will ich hüten mein Lebtag, wird das Veitenbärble Türkenbäurin. 51   Nochmals im Kaffenetle Zu aller Verwunderung war heute der Türkenfritz der erste aus dem Bett und an der Arbeit, während er sonst gerade an Sonntagen fast nicht zu erwecken war. Das hatte freilich seinen Grund. Die Geschichte mit dem Bärble, das halbe Versprechen, durch das er ihre Versöhnung erkauft, machte ihm viel Gedanken und ließ ihn nicht einschlafen. Daß er dem Mädchen von Herzen gut war, daß sie für ihn paßte, daß er mit ihr glücklich leben würde, – wenn er noch daran hätte zweifeln können, gestern war es ihm klar geworden. So sehr es ihn aber auch beruhigte, daß sie ihn wieder angenommen, ja, wenn ihn gleich fast eine Rührung ankam, bedachte er die große Liebe des Mädchens, – dennoch drückte und ärgerte ihn das Versprechen wegen der Heirat. Zornig warf er sich im Bett herum und schalt auf sich, daß er sich so weit hatte vergessen können, zumal gewiß das Bärble auch ohne dies nicht von ihm gelassen haben würde. Heiraten, – sich fürs ganze Leben binden, da ihm noch die Welt offen stand, – dem Glück den Weg verbauen! Fritz hätte sich gern bei den Haaren genommen; die Zähne biß er zusammen, um nicht zornig hinauszulachen, als er an Bärbles übrige Vorschläge dachte. – Das hintere Höfle sollte er pachten – pachten! – Er, der Türkenfritz, – sollte ein 52 Kuhbäuerle machen, als alleiniger Knecht hinter seinem Mistwägele dreintrollen, da er, nahm er seine fünf Sinne zusammen, mit Pferden durch die Welt kutschieren konnte, der erste Mann der Gegend sein mußte? – Nein das war nichts, darauf konnte er um keinen Preis eingehen. Kuhbäuerle? – Fritz schüttelte sich! – Nein, das litt schon seine Ehre nicht! – Aber nun kam ihm wieder Bärble in den Sinn. – Sie war so bleich und kummervoll, allein seinetwegen! – Er sah ihre guten, tränenvollen Augen, in denen nichts als Liebe für ihn leuchtete! – Sollte er sie verlassen? Fritz kam fast das Wasser in die Augen, er fühlte, wie ihm das Herz mitten entzwei gehen müsse, sollte er Bärble verlieren. – Wie sich nun helfen? Was jetzt tun? – Zuletzt kam Fritz auf seine alten Sprünge, sein alter Trost mußte auch jetzt aushelfen. Wozu sich jetzt schon den Kopf abreißen, dachte er; dazu ist nachher auch noch Zeit! Kommt Zeit, kommt Rat! Mit der Heirat, das ist vorläufig nichts, das hintere Höfle läuft mir auf keinen Fall aus der Hand, – wozu sich das Hirn einrennen? Langsam führt auch zum Ziel! Wart's ab! Findet sich was Besseres, nachher ist auch Zeit zum Simulieren, ich kann ja dann immer noch tun, was ich will. – Und findet sich nichts, – mir auch recht! – Türkenbäurin wird das Bärble immer noch bald genug! Damit schlief er denn endlich ein. Aber Ruhe brachte ihm auch der Schlaf nicht. Böse Träume quälten ihn. Bald höhnte ihn der Bernhard und nannte ihn zornig einen ehrlosen Kerl, einen Hallunken; bald wieder stand Bärble vor ihm, weinend, klagend, zuletzt wendete sie sich zornig von ihm, ward hinweggeführt, – immer weiter – immer weiter! Er wollte rufen, aber die Stimme versagte; 53 er wollte ihr nach, aber seine Füße waren wie im Boden festgewurzelt. Noch einmal sah sich Bärble nach ihm um, so traurig, so harmvoll; – Fritz fühlte, wie ihm ihr Blick ins Herz schnitt, ein unendlicher Jammer kam über ihn, eine unsägliche schmerzliche Sehnsucht, – zu spät! – Bärble war verschwunden! – In Schweiß gebadet erwachte Fritz, er zitterte und meinte noch immer den Schmerz im Herzen zu spüren. Ruhe und Schlaf war vorbei, der letzte Blick des Mädchens lag ihm wie ein Alp auf der Seele. Er dankte Gott, als es fünf Uhr schlug; die Arbeit, hoffte er, würde ihn bald auf andere Gedanken bringen. Erst später fiel ihm ein, daß sein Frühaufstehen das Gescheiteste war, was er nach seiner gestrigen Lässigkeit tun konnte. Gottfried kam auch in den Stall, er ging in seiner stillen Weise bedächtig um Fritz herum, daß dieser gleich bemerkte, er würde mit ihm reden wollen. Gottfried öffnete ein paar Mal den Mund, wendete sich aber immer wieder rasch ab, und Fritz schüttelte zu solch sonderbarem Wesen den Kopf. Endlich, Gottfried war gerade mit seinen Ochsen beschäftigt, und Fritz konnte sein Gesicht nicht sehen, begann er: »Hör' – ist's wahr, daß du dem Veitenbärble ernsthaft zu Gefallen gehst?« »Was ist das für 'ne Frag'?« »Red leis', die Mägd' lauschen drüben im Kuhstall auf jedes Wort. – Ich mein eben, ob du das Bärble freien willst?« »Was geht's dich an?« »Nichts, das weiß ich! Aber ich kenn' dich, Fritz, und weiß, wonach dein Sinn steht, drum wollt' ich dir was sagen. Ich bin ein gebrechlicher Mensch und werd' 54 das ewige Leben nicht haben, drum wär's Vermessenheit, wollt' ich einen eigenen Haushalt anfangen. Bleib' ich aber ledig und bei dir im Haus, so ist mir's nicht einerlei, wen du einmal freist. Ich will eine Schwägerin, mit der ich mich vertragen kann, und die gut mit mir umgeht! – Brauchst nicht zu lachen, du einfältiger Hansdampf! – Wenn mir's einmal bei dir nicht gefällt, zieh' ich auf den hintern Hof, den laß ich nicht aus den Händen, kommt's zur Teilung, das merk' dir! – Und wer mich dann ordentlich verpflegt, dem vermach' ich mein Vermögen! – Gelt, jetzt guckst du? – Das kann ich nicht? – Wirst du mich vielleicht hindern? – Geh, das versteh ich besser als du! Was mein ist, ist mein, damit mach' ich, was ich will! – Also, ist dir was an meinem Erbteil gelegen, so hör', was ich dir sage: ich kenn' das Veitenbärble vielleicht besser als du; das wär' die Schnur für die Eltern, eine Frau für dich, wie du sie nicht besser findest, – und für mich wär's auch ein Trost, würde sie Bäurin, dann braucht ich gewiß das Elternhaus nicht zu verlassen. Drum stoß' dich nicht an ihrer Armut, Fritz; die reiche Frau nützt dir doch nicht so viel, als wenn du mich im Haus behältst und dereinst beerbst. So, das war's, überleg' dir's!« Gottfried ging schnell aus dem Stall und ließ Fritz in tiefen Gedanken auf der Futterlade zurück. Trotz seiner Selbstsucht rührte ihn doch die einfache Weise, in der Gottfried von seiner Zukunft sprach; es jammerte ihn, daß er so früh schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Daneben schoß ihm auch wie helle Freude der Gedanke durch den Kopf: Gott sei gelobt, nun ist das Bärble mein! – Dennoch blieb er auf seiner Futterlade sitzen, kaute an einem Strohhalm und seine Stirn legte sich in Falten. Das war 55 so recht seine Natur: wo andere Menschen fröhlichen Herzens einen Entschluß faßten, sann und grübelte er, bis er über ein Haar im Weg stolperte; dagegen, wo bedachtsame Überlegung am Platz war, folgte er der Eingebung des Augenblicks, eine Laune, ein plötzlicher Einfall konnte ihn bestimmen. Jetzt war er ins Rechnen geraten und brachte glücklich heraus: wenn denn einmal der Gottfried nicht alt werden soll, so kommt sein Erbteil auf alle Fälle mir zu, meine Heirat hat damit gar nichts zu schaffen. Herrgott! – Ein schöner Brocken wär' da gleich zusammen, und nun erst noch eine reiche Frau! – Ist das nicht ein Fingerzeig, daß ich meinem Glück nicht die Tür vor der Nase zuwerfe? – Nein, nein, ich wart's ab! Das Bärble ist mir auf alle Fäll' sicher; – kann ich besser ankommen, wär' ich ein Narr, wollte ich nicht zugreifen. Wie ein Feldherr, der den Plan zur Schlacht vollendet, sich im voraus des vermeintlich sicheren Erfolgs erfreut, so sprang jetzt Fritz von der Futterlade herab und stolzierte mit leuchtenden Augen zwischen den Ochsen, – die vergeblich nach frischem Futter brummten, auf und ab. Jeder Zoll an ihm war wieder ganz Türkenfritz! Es fehlte an nichts, als an der Gelegenheit, – und die Welt hätte erstaunen müssen, was sie am Fritz hatte! Mit vier Pferden zu Markt fahren, daß der Kot über drei Häuser wegspritzte, mit Laubtalern um sich werfen, daß den Bergheimern Hören und Sehen vergehen mußte, – es wäre ihm ein Leichtes gewesen. Im Eifer übersah er ganz den Bruder, der schon geraume Zeit in der Stalltür stand und ihm kopfschüttelnd nachblickte. »Mit dir ist's wahrhaftig nicht richtig!« rief endlich Gottfried. »Was ficht dich an, daß du 56 herumkreiselst wie ein tolles Schaf? – Und meiner Treu! Die Ochsen stehen richtig vor leeren Barren, nicht einmal hat er ihnen unterdes Futter gegeben, – und seine Pferde sind auch noch nicht gestriegelt! – Fritz, ich hätte wahrlich Lust, dich aus dem Stall zu werfen, – dank's dem lieben Sonntag, daß es nicht geschieht! – Schäm' dich! Und du willst auf Freiersfüßen gehen?« Fritz wagte keine Entgegnung, beschämt kroch er zwischen seine Pferde und begann aus Leibeskräften zu striegeln und zu putzen. Gottfried versorgte unterdes die Ochsen, half ihm sogar die Pferde reinigen, und Fritz ließ auch das geschehen, obgleich ihm das Blut ins Gesicht schoß; – die Mutter rief eben zum Frühstück. Golden lag die Morgensonne in der großen, sauberen Stube auf dem weißgescheuerten Tisch und Fußboden, kleine Staubwölkchen wirbelten glitzernd durch ihre Strahlen, – aber ihr Licht erhellte keine sonntäglichen Gesichter, und der blaue Himmel, der durch die offenen Fenster hereinlachte, die würzige, mit Rosenduft geschwängerte Luft, die hereinströmte, ward nicht beachtet. Die Bäurin, etwas bleicher als sonst, ging nachdenklicher herum; der Bauer, der nur ungern das Bett verlassen hatte, saß ohne Jacke, Weste und Hosenträger im Lehnstuhl, gähnte die Sonne an, dankte mürrisch auf die Morgengrüße und murrte und brummelte ärgerlich in sich hinein. Ersichtlich lag ihm noch der gestrige Sturm im Kopfe und in den Gliedern. Nachdem sich Söhne und Mägde um den Tisch gereiht, las die Bäurin eine Morgenandacht und schloß sie mit dem Vaterunser und dem Segen. Nun erst kam der Bauer an den Tisch und ließ sich Kaffee und Kuchen schmecken; Söhne und Mägde bekamen statt des Kuchens weißes 57 Semmelbrot. Während die Mägde den Tisch aufräumten und aufwuschen, sagte die Bäurin: »Mach' vorwärts, Henner, und zieh' dich an. – Du, Fritz, gehst ins Kaffenetle, ich hab' mit dir zu reden, – du darfst's auch anhören, Gottfried!« »Bin nicht neugierig!« entgegnete Gottfried und ging hinaus. Fritz ward rot, als die Mägde kicherten, kraute sich die Haare und suchte, um nur seine Verlegenheit zu verbergen, die Tabakspfeife. Schon knurrte der Vater im Kaffenetle, die Mutter ging mit ihrem Strickzeug hinaus, das deutete auf wichtige Verhandlungen. Fritz repetierte in aller Geschwindigkeit die dummen Streiche der letzten Zeit und trat mit sehr verblüfftem Gesicht in das Heiligtum des Hauses. »Setz' dich!« sagte die Mutter, ohne vom Strickzeug aufzublicken. Fritz war es sehr übel zu Mute, ganz demütig nahm er die Pfeife zwischen die Knie. Eine Weile war es still, dann wendete sich die Bäurin an Henner: »So red'!« »Holla, holla! Möchtest mich vorschieben? – Bist nicht dumm, gar nicht dumm, – aber ich will doch sehen, wer Herr im Haus ist!« zankte Henner. »Kannst du des Nachts stürmen, kannst du's auch am Tag ausmachen! Ich geb' mich nicht dazu her, daß ich deine Pfeil' verschieß'!« Dabei warf er Fritz einen aufmunternden Blick zu. »Das Blinzeln und Nicken verbitt' ich mir; übrigens kann Fritz nunmehr wissen, was von deinen Eulenspiegeleien zu halten ist!« »Holla, holla!« wollte der Bauer auffahren. »Willst du nicht reden, hältst du das Maul!« unterbrach ihn die Bäurin und strich über ihre Schürze, als 58 wolle sie etwas von sich wegschieben. »Fritz, ich muß dir sagen, mit dir ist's nicht mehr auszuhalten, deine Art ist völlig nimmer zu ertragen. Sonst heißt's: Der Verstand kommt mit den Jahren, aber bei dir ist's umgekehrt, ich schäm' mich, daß ich's sagen muß: du wirst alle Tage liederlicher und verdrehter! – Was dir nur im Kopfe steckt, möcht' ich wissen; so wie du bist, hab' ich noch gar keinen Burschen gesehen!« »Oha, Alte, allzu scharf macht schartig!« fiel der Henner dazwischen. »So schlecht laß ich den Fritz nicht machen; Jugend hat nicht Tugend!« »'s weiß der liebe Gott,« fuhr die Bäurin fort, ohne darauf zu achten, »ich hab mir doch rechtschaffne Müh geben, dir die Mucken auszutreiben, dich zu Verstand zu bringen, aber bei dir schlägt kein Mittel an, weder Lindigkeit noch Strenge. Freilich ist's eben nicht zu verwundern, verderben die Kinder, wenn der Vater selber sie in ihrer Torheit stärkt und gegen die Mutter aufstiftet«. »Holla, holla!« schrie der Bauer. »Du bist ganz still! Red' ich nicht die Wahrheit? – Ich hab's nun aufgegeben, dich, Fritz, zur Vernunft zu bringen, will mich aber auch nicht deinetwegen verzürnen, und Gottfried – du weißt's wie's mit seiner Gesundheit steht – soll auch nicht mehr deinen Lückenbüßer machen und sich für dich halb zu Tod' arbeiten. Mit einem Wort, du sollst nun selber für dich sorgen, heiraten und einen eigenen Haushalt anfangen.« Fritz blickte überrascht auf. – Das war es also? Die Güter sollte er übernehmen, heiraten! – Freilich, die Einleitung der Mutter hätte anders sein können, aber was schadet es? Seine dummen Streiche hatten nun doch einen 59 Erfolg, den er mit aller Bravheit nicht erreicht hätte. Mochten auch die Eltern noch brummen, er blieb doch der Türkenfritz, und war er erst der Bauer, hatte dies ja ohnedies ein Ende. Unwillkürlich warf er sich in die Brust. – Da, das Kaffenetle war nun bald sein Herrschersitz, von hier aus gab er Befehle, teilte Verweise aus, und er selber war frei, war der Herr! Seine Wangen begannen zu glühen, fast überhörte er die Mutter, die ernst fortfuhr: »Es ist freilich gewagt, dich zum Mann zu machen, aber es bleibt mir eben kein ander Mittel. Guckst du in dein eigen Häfele, mußt du dich zusammennehmen, willst du durchkommen; hast du eine rechtschaffene, brave Frau: vielleicht hilft das mehr als mein Bitten und Warnen. Drum sind ich und dein Vater einig 'worden –« »Einig? – einig?« schrie der Bauer. »Potz Christoph von Nordheim! Das nennst du eine Einigung? Schändlich überfallen hast du mich mitten in der Nacht, gelärmt und gestürmt, bis ich Ja sagte!« »– – Einig 'worden,« fuhr die Mutter fort, ohne darauf zu achten, »du sollst von uns den hintern Hof pachten und –« »Was?« schrie Fritz und riß die Augen auf. »Pachten? – Das hintere Höfle?« Henner lachte vergnüglich in sich hinein und nickte Fritz aufmunternd zu; darauf hatte er gewartet, so mußte es kommen, nun hatte er gewonnen Spiel. Die Bäurin sah ebenfalls erstaunt auf, aber ein tiefer Verdruß lag in der Falte zwischen den Augenbrauen. Mit scharfer Stimme fragte sie: »Nu – was soll der Lärm? Ist dir das hintere Höfle vielleicht nicht gut genug?« Fritz, den diesmal das Nicken und Blinzeln des Vaters betörte und ermutigte, platzte voreilig heraus: »Das 60 solltet ihr mich gar nicht erst fragen! Ich bin der Türkenfritz, so erbärmlich klein fang' ich einmal nicht an!« Der Henner stellte jetzt sein Nicken und Blinzeln ein und zog die Mundwinkel boshaft herunter; die Bäurin, der das nicht entging, fragte scheinbar ganz gelassen: »So, so! – Und was ist denn deine Meinung?« »Ha, fragt auch! – Wenn ich denn freien soll, übergebt mir die Güter, wie sich's gehört! 's soll Euch nicht gereuen, Ihr sollt's gut haben, und Gottfried – –« »Holla, holla! – 's Maul gehalten, du infamer Umschlag! – Kein Wort mehr,« schrie Henner. »Du bist ein fein's Blümle, du! Aber so gescheit, wie du, bin ich auch, und auf deine Gütigkeit hust' ich dir, dafür geb' ich keine Pfeif' Tabak! – Dir in die Händ' gucken? – Holla, holla! – Eher wollt' ich von meinem bittersten Feind abhängen, als von dir! Nä, nä! Das schlag' dir aus dem Kopf, daraus wird nichts, so lang' ich leb', geb' ich keinen Heller von meinem Vermögen aus den Händen! – Du bist und bleibst ein Umschlag, mit dir ist nichts anzufangen!« Henner nahm seinen Stummel vom Sims und ging brummelnd hinaus. Der Bäurin zuckten die Lippen, bittere Worte lagen ihr auf der Zunge – sie hatte die letzten Worte nur zu gut verstanden. Aber vor dem Sohn den Vater schelten? – Nein, sie hatte das nie getan, auch jetzt zwang sie die Bitterkeit zurück, gelassen begann sie wieder: »Deine hirnlose Dummheit könnte einen fast dauern, müßte man sich nicht so sehr darüber ärgern. Du weißt jetzt, wie du mit dem Vater stehst – und was er gesagt hat, unterschreib' ich bis aufs Tippele! Lieber wollt' ich von ganz landfremden Leuten abhängen, als von dir. Merke: so lang' ich 61 leb', kriegst du von meinem Vermögen auch nicht einen Heller, und eine Schnur mag ich erst gar nicht im Haus – wenigstens jetzt noch nicht! Mir ist's mein lebenlang schlecht genug 'gangen, ich will wenigstens im Alter Ruhe haben. – Merk' dir das! – – Wärst du brav und tüchtig, kein Mensch dächte daran, daß du aus dem Haus solltest, zumal ja Gottfried wohl keinen eignen Haushalt anfangen wird; aber so, wie du es treibst, ist es eben nimmer zu ertragen. Du weißt selber, was der Vater in der Wirtschaft nützt. Statt daß du nun an seine Stelle trätest, Hof und Güter in Ordnung hieltest, gehst du deinen Vergnügungen nach, machst eine Albernheit um die andere, und mußt du einmal arbeiten, so bist du nur halb bei der Sach', deine Gedanken sind immer ganz wo anders – so schadest du mehr, als du nützest. Nun liegt alle Last auf mir und dem Gottfried! Eine Frau und ein Kranker müssen einstehen, daß zwei gesunde Männer ein Herrenleben führen können – so recht Türkenart! – Aber ich will's leichter haben, und Gottfried soll sich auch Ruhe gönnen – drum mußt du den hintern Hof pachten. Du bekommst noch ein paar Äcker und Wiesen dazu, damit du nicht gar so klein anfängst – wir halten uns nachher einen Knecht, so ist allen geholfen. Bist du dran, kannst du's zu was bringen; was du erarbeitest, ist dein Vorteil; bist du lässig, ist's dein eigner Schaden. – Jetzt sag': Bist du einverstanden? – – Auf deinen Vater brauchst du dich nicht zu stützen, du weißt, was ich will, das geschieht! – – – Du besinnst dich noch? – So hör': Nimmst du den hintern Hof nicht, ziehen Gottfried und ich auf Petri dort ein, du magst dann sehen, wie du mit dem Vater zurecht kommst!« 62 Fritz ließ den Kopf gewaltig hängen, der Abstand zwischen seinen Erwartungen und der Wirklichkeit war zu groß. Sollte er denn wirklich ein Kuhbauer werden? – Und hätte er wenigstens noch den hintern Hof als sein Eigentum bekommen, dann war's doch eine Sache! – Ach, das war gar zu schlau ausgesonnen, ihn so recht sündhaft ins Joch zu spannen. War's nicht schändlich, von einem jungen Anfänger ein Pachtgeld zu verlangen? Und wenn's nicht groß ausfiel, jeder Kreuzer war ein Unrecht! Sollten seine Eltern nicht froh sein, wenn er in der ersten Zeit überhaupt nur durchkam? Und dann war der Pachtvertrag eine Kette, die ihn gänzlich in die Gewalt seiner Mutter gab; er war dann unfreier als jetzt, und seine Herrlichkeit war vorbei. »Mutter,« sagte er verdrießlich und strich mit den flachen Händen die Knie, »Mutter, ich weiß gar nicht, wie Ihr nur auf solche wunderliche Einfälle kommen könnt. Das geht doch nicht, guckt an – und es geht eben nicht. Denkt nur, was das für eine Schande für die Türkenleute wär', würd' ich ein Kuhbäuerle. Nä – Ihr müßt's selber einsehen, das ist zu viel von mir verlangt!« Die Bäurin mußte lachen. »O du Hanswurst! Magst du mir so kommen? Du darfst was von Schande reden! Ist an unserm Namen noch was Gutes, – du sorgst, daß auch das in Unehr' verwandelt wird! Arbeit schändet nicht, du Hochmutsnarr! – Und kurz und gut: Willst oder willst nicht?« »Solch Sach' bricht man nicht übers Knie, das will überlegt sein!« »Das hab' ich reichlich! Du weißt, ich mein's gut mit dir – ja oder nein?« 63 »Um tausend Gottes willen! Zu einem eignen Haushalt gehört doch auch 'ne Frau – –« »Das sagst du? – Wenn man Mädle ins Theater führt, braucht man noch nach einer Frau zu suchen?« Fritz kraute sich die Haare. »Ja, mit den Hämpelsmädlen ist's nichts, die haben den Spaß arg übel aufgenommen, – und ich mag sie auch gar nicht, die dummen Dinger!« »Ja, was schwätzest du von den Hämpelsmädlen?« »Nun – redet ihr nicht von der Theaterfahrt vor acht Tagen?« »O du meine Güte, was ist das nun wieder? – Ich denk', du hast das Veitenbärble gefahren?« »Da möcht' man sich doch gleich zerreißen! – Ihr wißt noch nichts von der Sach'? – Da hab' ich wieder was schön's gemacht! – Nu ja, was ist's weiter? Ich hab' das Bärble und die Hämpelsmädle zusammen ins Theater gefahren!« »O du gerechter Gott im Himmel!« rief die Bäurin und schlug die Hände über den Kopf zusammen. »Ist's nur möglich, daß du dem armen, armen Mädle auch noch das antun konntest? – Fritz, du mußt wahrlich einen Kieselstein statt des Herzens haben! – Und was sagte das Bärble?« »Nichts! Geheult hat sie und getrotzt bis gestern abend, da sind wir wieder einig 'worden!« »Nun sag' mir, was hast du mit dem Mädle vor? Jahrelang schwätzest du ihr die Ohren voll, und doch läufst du immer wieder anderen nach. Wo will das hinaus – was soll draus werden?« Ja, 's Bärble wär' schon recht,« erwiderte Fritz verstockt, »aber sie ist halt gar zu arm!« 64 »Ich möcht' in den Erdboden versinken, daß ich solchen Nichtsnutz auferzogen hab'!« rief die Bäurin mit funkelnden Augen. »Wär' ich nicht deine Mutter, nimmer vor die Augen dürftest du mir! An dir ist jedes gute Wort verloren, drum red' ich auch anders! Merk's: du pachtest den hintern Hof und heiratest das Veitenbärble – bis Petri nächstes Frühjahr muß alles in Ordnung sein. Tust du's nicht, – der liebe Gott weiß, wie sauer mir's ankommt, aber ich führ's durch – dann zieh' ich meine Hand ab von dir, du wirst wissen, was das bedeutet! – Ich will keine Antwort, du weißt meine Meinung! – Ach, mein Gott, wozu bin ich auf der Welt! – Es ist noch keine Klage über meine Lippen 'kommen, aber jetzt sollst du es wissen! Dein Vater hat durch seine Schlechtigkeit mich fast unter die Erde gebracht; wenn so ein Schelmenstück nach dem andern ans Tageslicht kam, wenn die armen Leute, die er ins Unglück brachte, fluchend am Haus vorbei gingen – da hab' ich auf den Knien gebeten: Gott soll' verhüten, daß meine Kinder werden wie ihr Vater! – Und du bist auf dem besten Weg dahin! Ich kann dich nicht mehr aufhalten, du bist mir entwachsen, – tu nur, was du nicht lassen kannst, aber verlang' nicht, daß ich deinen Hochmut und Leichtsinn stütze. Hast du dem Bärble was weiß gemacht – halt' auch Wort! Noch einmal: Bis Petri muß alles in Ordnung sein, sonst zieh' ich meine Hand von dir! – Geh' jetzt, ich will allein sein!« Verdonnert schlich Fritz auf seine Kammer, seine Hände zitterten, als er seine Sonntagskleider anzog. Er wußte selbst nicht, was ihn so tief erschütterte, so im Innersten erbeben machte, die Worte der Mutter waren es nicht allein. Ja – jetzt wußte er es: ihr Blick quälte und peinigte ihn, 65 ihr Blick, aus dem bei allem Zorn, allem Kummer so viel Liebe leuchtete – freilich: gekränkte Liebe! Als es zur Kirche läutete, griff er nach dem Gesangbuch; unwillkürlich legten sich seine Finger in einander, und aus dem Herzen quoll ihm der Entschluß, nun anders zu werden, ganz anders! Am Gartenzaun lehnte der Vater; als Fritz an ihm vorbeiging, höhnte er: »Hat sie dich zusammengeschmissen? Hast du klein beigeben? – O du Hasenfuß! – Na, geh' hin, frei' das Bettelding, plag' dich dein lebenlang, was kümmert's mich? – Geh' weg! Du hast keinen Blutstropfen der Türkenart in dir! Solch ein Schluckerle! Pfui! Hätt' was anders von dir erwartet! 66   In armer Hütte In dem einsamen Häuschen weit draußen vor dem Dorf, fast auf der Höhe des Lindentalerweges gelegen, gerade da, wo sich die herrliche Aussicht auftut über Bergheim mit seiner stattlichen Kirche, seinem Wald von Obstbäumen hinweg in das Tal der Wertha, in dem sich die stattlichen Ortschaften Sülzdorf und Schottendorf dehnen, hinein in die tiefen Gründe der Erles und Saar, die beide der Wertha zueilen und manches Hammer- und Mühlwerk in Bewegung setzen, über die kahlen Vorberge des Gebirges, von deren Kamm zahlreiche Ortschaften herabschimmern, hinter denen die lange, dunkelblaue Bergkette des Thüringerwaldes die Aussicht abschließt – in dem kleinen Zieglershäuschen wohnte der Schustersbernhard mit seiner Mutter. Es war freilich sehr einsam da droben auf der Höhe; im Winter heulte der rauhe Waldwind grimmig um den kleinen Giebel, und selbst im Sommer war das Leben mit manchen Beschwerlichkeiten verknüpft. – Aber die beiden Leute empfanden dies nicht, sie waren so glücklich über ihr ungestörtes Beisammensein, das sie so lange, so schmerzlich herbeigesehnt hatten, und erfreuten sich ihrer traulichen Wohnung. Und ein trauliches Fleckchen Erde war das Zieglerhäuschen und seine Umgebung. Fünf bis sechs 67 Steinstufen führten von der Straße, die hier fast einen Hohlweg bildete, zu dem freien Platz vor dem Häuschen empor, der breit genug war, neben einem Weg für die Bewohner, auch noch vier dichtbelaubten Kirschbäumen Raum zu geben, die wieder die hölzerne Bank neben der Haustür und den großen Steintrog, der das Wasser der Dachrinne auffing, beschatteten. Zwischen den Stämmen grünten noch Stachelbeer-, Johannisbeer- und Rosenstauden und bildeten eine dichte Hecke, die neugierige Blicke vom Weg aus abhielt. An die vordere Giebelseite schloß sich ein kleiner Baumgarten, ebenfalls von dichten Hecken umsäumt, und wenn Bernhard von seiner Arbeit aufblickte, erquickte sich sein Auge an der schattigen, lichtgrünen Dämmerung, erfreute sich sein Herz an dem munteren Treiben der Vogelwelt in den Zweigen, die, bald den sicheren Schutz erkennend, sich hier häuslich niederließ. Mutter und Sohn lebten still für sich, hatten wenig Umgang mit ihren ohnedies entfernten Nachbarn, besonders die Mutter verließ das Häuschen fast gar nicht. Die rüstige, freundliche, dabei auch verständige und entschlossene Frau hatte gar eine schwere Vergangenheit hinter sich, hatte so viel Leid von den Menschen erfahren, hatte sie so gründlich kennen gelernt, daß es sie nicht nach ihrem Umgang gelüstete. Sie war am liebsten allein für sich; da war sie am wenigsten einsam, fühlte sich ihrem besten Freund so nahe, dem alten, getreuen Herrgott, – was waren alle Menschen gegen den? Ja, eine schwere Vergangenheit lag hinter ihr. Von einem Vater wußte sie nichts, ihre Mutter hatte sie kaum gekannt, und das Wenige, auf das sie sich von ihr erinnern konnte, war der Art, daß sie Gott für ihren frühen Tod dankte. Zehn 68 Jahre alt war sie gewesen, als vier Männer den roh zusammengenagelten, unangestrichenen Sarg in den Gottesacker trugen. Voraus trug ein Bube das Kreuz, hinterdrein schritt die Totenfrau und führte die weinende Rosine an der Hand, sonst begleitete niemand die Lumpenbärbel zur letzten Ruhestätte, nicht einmal eine Glocke läutete. Wozu hätte man um die Lumpenbärbel groß Aufsehen machen sollen, da sie im Leben selbst nichts auf sich gehalten hatte? Eilfertig ward der Sarg in die Grube gesenkt; während die Totenfrau geschwind ein Vaterunser herbetete, zündeten die Träger ihre Pfeifen an und gingen gleichgültig ihres Weges. Der Totengräber schaufelte schimpfend – er war zornig, weil es keinen Leichentrunk gab – das Grab zu und jagte das kleine Mädchen aus dem Gottesacker, das auf einem Grab kauerte, die Händchen unter ihr dünnes Schürzchen verbarg und mit großen Augen zusah, wie der garstige Mann eine Schaufel Erde nach der andern auf die Mutter drunten warf. Dann stand das Kind am Kirchhoftor, drückte das Gesichtchen an die Stäbe des Gitters und schaute nach dem kleinen Hügel, den kein Kranz, keine Blume schmückte. Ihr Haar und ihr Röckchen flatterten im Wind, am Himmel flogen die Wolken, helles Sonnenlicht und tiefe Schatten streiften über das blonde Köpfchen am Kirchhoftor, und immer stand das Mädchen und schaute nach dem kleinen feuchten Hügel, der an der Sonnenseite schon zu trocknen begann! – – Endlich am Abend holte der Schulz das Mädchen und führte es ärgerlich ins Hirtenhaus, wo es einer ledigen Frauensperson um geringe Vergütung zur Pflege übergeben ward. Freude kannte das stille Mädchen wohl kaum, die Tage gingen aber doch vorüber. Im Sommer 69 hütete Rosine die Gänse, las Ähren und half ihrer Pflegemutter Holz für den Winter sammeln; im Winter ging sie betteln. Als sie stärker wurde, kam sie ins Beckenhaus als Kindsmagd; nach ihrer Konfirmation ward sie im selben Haus erst Laufmädle, dann kleine, zuletzt große Magd. Erst Not und Hunger, dann Arbeit, Arbeit und immer Arbeit, dabei manchen Stoß und Schlag, harte Worte ohne Zahl – das war das Leben der Lumpenrosine. Und doch ging sie nicht zugrund; wie sich ihr Körper herrlich entwickelte, erwachte auch ihr Geist. Obgleich sie fast in keine Schule gekommen war, hatte sie doch lesen gelernt; der Pfarrer, der sie konfirmierte, schenkte ihr eine Bibel, die Gemeinde ein Gesangbuch – das wurden ihr Quellen des Trostes, der Erhebung. Ihre Kameraden nannten das saubere, stille, bildschöne Mädchen stolz und eingebildet; das war sie nicht, aber sie wollte frei sein, von niemand abhängen, das Schicksal der Mutter, die eigene Vergangenheit lag schwer auf ihr, der Mangel an Liebe machte sie scheu und verzagt. Aber es kam eine Zeit, da auch ihr Herz sich öffnete, da ihr die Welt leuchtete und glänzte, da es um sie klang und tönte, auch ihre Lippen zum Gesang, zum Scherz und Lachen sich öffneten – sie liebte und ward wieder geliebt. Ihr Schatz war ein schöner, stattlicher Bursch, so arm als sie selbst, aber brav und tüchtig. Es war ihm auswärts eine Hausmannsstelle angetragen, er wollte Rosine heiraten, in der Freude darüber vergaßen sich beide, – damit war Rosinens Glück zu Ende. Die Bergheimer Gemeinde verweigerte die Aufnahme des mittellosen Burschen, seine Heimat wollte nichts von Rosine wissen; unterdessen ward die Hausmannsstelle anderweit besetzt, aus Zorn 70 über seine zerstörten Hoffnungen ergab sich der Bursche dem Trunk, sein Herr schickte ihn aus dem Dienst, und gerade als Bernhard geboren ward, verließ sein Vater Bergheim. Noch eine Zeitlang trieb er sich in der Gegend herum, – Rosine sah ihn nur noch einmal; sie konnte ihn nicht retten, drum zog sie sich zurück. Er verschwand, nie mehr hörte man von ihm. Wer vermöchte zu beschreiben, was die junge Mutter duldete, litt, zu tragen hatte? Und doch war sie nicht ganz unglücklich, sie war ja nicht mehr allein in der Welt, hatte ein Wesen, das sie lieben konnte, das sie dankbar anlächelte, wenn sie ihm wohltat. Rosine lebte nur für ihren Bernhard; trotz ihrer Armut duldete sie nicht, daß er Geschenke nahm, sie gewöhnte ihn früh schon zur Enthaltsamkeit. Beten und arbeiten mußte er auch schon früh lernen. Die Bauern schalten sie, daß sie Bernhard auch im Sommer keine Schule versäumen ließ, aber Rosine kümmerte sich darum nicht; sie wußte zu gut, was an ihr selbst versäumt worden war und wollte Bernhard vor dem gleichen Schicksal bewahren. Nach seiner Konfirmation gab sie ihn zu einem tüchtigen Schottendorfer Schuhmacher in die Lehre, sie selbst trat wieder beim Beckenbauer in Dienste. Das war ein hartes Scheiden für Mutter und Sohn, die sich so sehr liebten und noch nie getrennt worden waren. Aber ein Trost blieb ihnen: die Hoffnung auf Wiedervereinigung dann für immer! Bernhard ward ein wackerer Geselle, kam weit in der Welt herum, diente als Soldat seine Zeit und nahm dann, um der Mutter nahe zu sein, beim Bergheimer Vögelesschuster Arbeit. Noch manches Jahr ging hin, ehe er sein Ziel erreichte; oft wollte ihn Unmut erfassen, daß es ihm 71 gar so schwer gemacht wurde, ein eigenes Geschäft zu beginnen, endlich siegte doch seine Ausdauer: er ward Meister. Schon vorher hatte er für seine Mutter, die er nicht mehr dienen sehen wollte, das Zieglershäuschen gemietet, richtete sich nach und nach eine Werkstätte ein, und als er sein Meisterstück gemacht, zog er zu ihr. Das war ein froher Tag! Pochte auch gleich in der ersten Stunde ihres Zusammenseins die Sorge an die Tür, blickte Mangel und Not durchs Fenster: sie ließen sich nicht erschrecken. Mit fröhlichem Mut ging Bernhard Arbeit suchen, fest entschlossen, eher zu taglöhnern, als noch einmal Geselle zu werden. Und so kam es denn auch. An Bestellungen freilich fehlte es nicht, aber das waren arme Leute oder liederliches Gesindel, die zu ihm kamen, von denen er in Ewigkeit keine Bezahlung würde erhalten haben. Um sich Ärger und Verluste zu sparen, wies er sie von vornherein so bestimmt ab, daß sie das Wiederkommen aufgaben. Das machte, trotzdem ihm jeder Vernünftige recht geben mußte, in Bergheim ein großes Aufsehen und viel Rumor, eine Art Verschwörung entstand, dem hochmütigen Habenichts im Zieglershäusle alle Arbeit zu entziehen, und der Vögelesschuster, der die Konkurrenz des geschickten Bernhard fürchtete, hetzte und schürte öffentlich und im geheimen. Bernhard spürte die Folgen bald, doch ließ er sich nicht erschrecken, arbeitete tapfer, wo ihm Gelegenheit geboten ward, und suchte seine Kunden auswärts. Nach einem Vierteljahr bestellte ein Grumbacher die ersten Stiefel bei ihm, auch von den Bergdörfern liefen Aufträge ein. – Ach, mit welcher Lust setzte sich Bernhard auf seiner Brücke zurecht; wie lachte ihm die Sonne, wie sangen die Vögel noch einmal so schön, als sein Hammer 72 auf das Leder klatschte und der Draht durch die Löcher zischte! Gestern nun hatte er die erste fertige Arbeit ausgetragen, war mit dem ersten Meisterlohn und neuen Bestellungen heimgekehrt; als er dann heute morgen das Geld der Mutter zum Aufheben übergab, sagte er: »Mutter, nun freut Euch, jetzt haben wir gewonnen!« »Geb's Gott!« sagte Rosine mit feuchtem Auge. »Aber, Bernhard, freu' dich nicht zu sehr, du bist ein armer, geringer Anfänger – wer weiß, was wieder d'reinkommt!« »Nein, Mutter, heut' müßt Ihr mir die Freud' nicht verderben, Ihr selber sollt auch einmal die Sorgen aus dem Stüble jagen. Seht, ich hab' auf Wochen 'naus Arbeit, und wer einmal bei mir war, kommt wieder, dafür sorg' ich. Drum seid getrost, und wenn sich der Vögelesschuster auf den Kopf stellt, ich geh' doch nicht wieder auf den Taglohn. Und, Mutter, nun hätt' ich noch was auf dem Herzen.« »Weiß schon, weiß schon, Bernhard, und ich sag' nicht nein! – Du hättest freilich mit dem Freien auch noch 'ne Zeit warten können, an Ordnung hätt' dir's gewiß nicht gefehlt – und – und – nun ja, ich muß dir das auch sagen: Ist erst einmal dein Geschäft im Gang, hättest du dich auch nach einem wohlhabenden Mädle umsehen können. Das sag' ich dir nur, damit du siehst, ich hab' mir die Sach' reiflich überlegt; nun wirst du auch verstehen, daß es mir aus dem Herzen kommt, wenn ich sag': Bring' mir das Dorle, eine bessere Schnur hätt' ich mir nicht wünschen können, und ich will sie lieb haben – so – so wie sie dich liebt!« Da hatte Bernhard seinen Kopf in den Schoß seiner Mutter gelegt und ihre Hand fest an seinen Mund gedrückt, dann war er still in die Kirche gegangen. 73   Es ist Nachmittag, die Sonne brütet heiß in den Baumwipfeln, die Vöglein haben sich still in den dunkelsten Schatten geduckt, und dann und wann piepst eins schlaftrunken. Durch die offenen Fenster zieht ein erquickliches, kühles Lüftchen in das saubere, nette Stübchen; die Rosensträucher unter den Kirschbäumen senden ihren Duft herein und von der Kirche tönt leiser Orgelton herauf. Rosine, die sich gar stattlich herausgeputzt hat, summt leise den Choral nach, der in der Kirche gesungen wird, deswegen ruhen jedoch die Stricknadeln keinen Augenblick. Als die Orgel schweigt und die Predigt drunten beginnt, legt Rosine das Strickzeug weg und greift nach ihrem Starkenbuch; – so sitzt sie still, ihre Gedanken sind bei ihrem Kind, ihrem Bernhard, um dessen Glück sie betet. Und draußen lispeln die Blätter, ein leiser Windhauch streicht flüsternd durch die Zweige wie ein Odem Gottes. – Der Schmiedshahn kräht laut schallend, ein paar Kameraden antworten weiter drunten im Dorf, das weiß und grau getigerte Kätzchen sitzt auf dem Fensterbrett und putzt sich eifrig, ein untrügliches Zeichen baldigen Besuches. Zwei Männer gehen plaudernd vorüber, in der Dachrinne erhebt sich heftiger Zank unter vorwitzigen Spatzen und drunten in der Kirche verkündet Orgelton das Ende der Predigt. Rosine senkt den Kopf auf die gefalteten Hände, dann schließt sie das Buch, legt es vorsichtig auf den Sims und geht, vom Kätzchen begleitet, in die Küche. Nicht lange, erscheint Bernhard im Kirchenrock, das Gesangbuch in der Hand. Mit glückstrahlenden Augen begrüßt er die Mutter: »Sie kommt auch gleich!« winkt er ihr zu, dann eilt er in die Kammer, sich umzukleiden. 74 Während die Mutter den Tisch mit ihrem einfachen, irdenen Kaffeezeug beschickte, guckten zwei lachende Mädchengesichter durchs Fenster in die Stube und Rosine nickte: »Kommt nur, der Kaffee ist gleich fertig!« Schon stürmte auch Bernhard die Treppe herab, zog die verschämt tuenden Mädchen ins Haus, gab Dorle einen herzhaften Kuß, führte sie dann der Mutter zu und sagte: »So, Mutter, nun habt Ihr zwei Kinder! Gelt, Dorle, du hast meine Mutter lieb, du wirst sie einmal in Ehren halten?« »Ich versprech' sonst nicht gern und eigentlich ist's jetzt auch nicht nötig,« entgegnete Dorle, der das Wasser in den Augen stand. »Ach, wer wie ich weder Vater noch Mutter gekannt hat, der dankt Gott, wird ihm endlich eine Mutter geschenkt. Schwieger, ich red' von solchen Dingen nicht gern viel, aber gelt, Ihr vertraut mir, ganz und völlig? – Wenn Ihr noch einen Gedanken habt, sagt's frei; ist Euch was nicht anstehend an mir, tut mir's zu wissen, – ich bin nicht übelnehmerisch und weiß, daß ich nicht vollkommen bin. Aber eins muß ich sicher wissen, – sonst geh' ich nicht um die Welt in das Haus – daß ich Euch anständig bin und daß Ihr mir rechtschaffen traut!« »'s Mundwerk geht beinah' ein bißle arg fix,« lächelte Rosine und zog Dorle an sich, »aber du bist ein brav's Mädle, hältst was auf dich und hast meinen Bernhard gern, – das ist die Hauptsach'! Ich vertrau' dir, Dorle, aus Herzensgrund, sonst würd' ich wohl nicht so fröhlich dreinsehen. Gebt euch die Händ', ihr zwei, der Herrgott segne euch und bewahr' euch vor allzu viel Unglück. Behaltet euch lieb und bleibet brav, das ist das beste, was ihr 75 euch selber antun könnt. – So, und nun setzt euch, lasset den Kaffee nicht erst kalt werden.« »Wo nur Fritz bleibt?« fragte Bernhard verdrießlich. »Hat's so gewiß versprochen, er wollt' kommen!« »Wenn ihr auf jemand wartet, das ist was anders!« sagte Rosine freundlich, als sie sah, wie Bärble das Wasser in die Augen kam. »Der Kaffee verdirbt nicht gleich, heiß will ich ihn schon halten.« Aber Fritz kam nicht, und Bärble mahnte endlich selber, man solle nicht länger warten, auf Fritz sei eben einmal kein Verlaß. Bernhard und Dorle bedauerten Bärble von Herzen, ließen sich aber durch ihren Kummer in ihrem Glück nicht stören. Sie konnten ihr ja auch nicht helfen, und die Freude war ihnen ohnedies karg genug zugemessen. Bärble saß wie auf Kohlen, der Zwang, den sie sich um der Freunde willen antat, vermehrte ihre Not, sie war oft daran, auf und davon zu laufen. Rosine merkte, wie es um sie stand, trank ihr Kaffeehäfele leer und sagte freundlich: »Komm', Bärble, mit denen da ist heute doch nichts anzufangen! Komm', ich will dir meine Levkoje- und Veilstöcke zeigen, – du bist ja grad' solch 'ne Blumennärrin wie ich.« Bärble drückte ihr die Hand und Rosine sagte im Weitergehen: »Ja, hab' dir angesehen, wie's in dir gewühlt hat. Ich versteh' dich, hab's auch erfahren, drum weiß ich, wie's ist, mit einem Herzen voll Jammer fremdes Glück anzusehen. Ach, Bärble, bei mir war's noch viel viel schlimmer, als bei dir! – – Du armes Mädle, du hast dir selber ein rechtes Kreuz aufgeladen! Die Türken waren von jeher nichts nütz', – Gott behüt' mich, 76 daß ich jemand unrecht tu', die Bäurin und den Gottfried, die nehm' ich aus, das sind kreuzbrave Leut', müssen auch schwer genug dran tragen! – Ja – muß es denn grad' der Türkenfritz sein? – Sei still, ich wollt' dir ja nicht weh tun, ich sag' auch gewiß so was nicht wieder, Lieb' ist eben Lieb'! – Aber auf einen schweren Anfang darfst du dich gefaßt machen, wenn's dem Fritz wirklich Ernst ist. Solang' seine Mutter noch lebt, hast du an ihr eine Stütze, dagegen ist der alte Türk ein schlimmer. Mach' dich bereit, Mädle, auf schwere Zeiten! Aber verzagen mußt du deswegen auch nicht! Was ein Mensch mit einfältigem Herzen tut, ist recht und kann ihm nicht völlig zum Unglück ausschlagen, das hab' ich oft und oft erlebt! – Für's Türkenhaus ist's ein Glück, kommst du 'rein! Die alt' Bäurin hat zwar die bösen Geister auch nicht gebändigt, vielleicht gerät's dir! – Aber eins mußt du dir bald anschaffen: Ruhe, Gleichmut und Geduld! Willst du dich wegen jeder Kleinigkeit so abhärmen, wie du eben getan, bist du bald geliefert. Die Türken haben Herzen von Stein, drum müssen stählerne über sie kommen, sonst sind sie nicht zu zwingen. Komm' jetzt, freu' dich der Gottespracht und merk': Was werden soll, wird noch, all dein Seufzen und Sorgen ändert kein Dingle!« »Ach, wenn man eben so ruhig und gelassen sein könnt'!« »Ja, ein jung Herz ist eben ungestüm und meint, es müsse das Schicksal zwingen; – ach, und so ganz ergeben wird ja auch ein altes nicht. Üb' dich, Mädle, den Jammer 'nunterzuschlucken, ein fröhlich Gesicht zu zeigen, wenn's auch im Herzen brennt. Wer das kann, der hat gewonnen in der Welt. Geduld will gelernt sein wie alles; wer's aber erst so weit hat, nach innen zu weinen, den 77 Jammer ins Herz 'neinzudrücken und da unter Schloß und Riegel zu halten, dem hat kein Unglück mehr was an. Denn das Schlimmste bei dem Leid ist, daß man sich selber verliert und aufgibt, daß man meint, das eigne Weh wär' das größte in der Welt, und solches wär' noch gar nicht dagewesen. – Und wenn wirklich das allerschwerste Schicksal auf dir liegt, was hilft's, daß du es der Welt vorjammerst? Sie glaubt dir doch nicht und statt dich zu bemitleiden, verhöhnt und verlacht sie dich! Trag's! – trag's und sei still, – damit allein kannst du im Leid bestehen! Klag's in der Stille deinem Herrgott, vor den Leuten dagegen mußt du stark und getrost tun, – nicht mit Worten und Gebärden, du verstehst mich schon, so mit einem freudigen Wesen, so, als ob du wohl weißt, wofür alles gut ist und wer dir zuletzt helfen wird – ach, wenn ich's ausdrücken könnt', wie ich's so recht mein', – und du wirst bald spüren, wie dir getroster Mut und zuversichtlich Wesen wirklich ins Herz 'neinkommt. – Aber, was schwätz' ich da, – das will ja doch alles erlebt und erfahren sein; nu, gut gemeint war's gewiß!« »Ich dank' Euch, Rosine, Ihr habt nicht vergeblich geredet. Ja, ich will mich zusammennehmen! – Aber gelt, ich darf noch manchmal zu Euch kommen, Ihr helft mir zurecht? – – Rosine, ach Gott, wäret Ihr doch meine Schwieger!« »Ja, hätt' ich's Dorle nicht, wollt' ich damit wohl zufrieden sein! Jetzt wollen wir aber zu den anderen, – sie werden nicht wissen, wo wir bleiben.« Bernhard und Dorle saßen auf dem Bänkchen neben der Haustür; so sehr sich auch Rosine wehrte, Dorle räumte ihr den eigenen Platz und setzte sich mit Bärble 78 auf die Treppe. Bernhard blies mächtige Dampfwolken hinauf zu den schon gebräunten Kirschen und meinte: »Mutter, 's ist doch nirgends schöner als auf der Welt!« »Wenigstens hat's noch niemand probiert, wie sich's wo anders leben läßt!« lächelte Rosine. »Ja, ich meine eben,« fuhr Bernhard fort, »die Welt säh' ganz anders aus, nun ich auf'm Handwerk arbeiten, Euch versorgen und Dorle heiraten kann! Ihr sollt einmal sehen, Mutter, wie wir's vorwärts bringen; Ihr erlebt gewiß noch ein eigen Häusle und Kühle!« »Wenn ihr nur gesund bleibt und brav, ums übrige bet' ich nicht!« entgegnete Rosine. »Ach, ihr Kinder, ihr wißt mein Schicksal, nehmt euch zusammen und bleibet brav allerwegen. Was man so wünscht und hofft, die nächste Stunde kann's einem nehmen, nur was man selber ist und bedeutet, das bleibt. Drum seid verständig, tut's meinetwillen!« »Müßt nicht so bitten, Mutter!« fiel ihr Bernhard ins Wort und gab ihr die Hand. »Einmal versteht sich's von selber, daß wir ehrlich in die Ehe treten, sodann aber ist's schon genug, wenn Ihr sagt: tut so und so; wir sind Eure Kinder!« Rosine lächelte; eben stieg der Türkenfritz mit sehr rotem Gesicht die Treppe herauf, gab allen die Hand, gratulierte dem Brautpaar und sagte: »Ihr müßt mir's nicht übel nehmen, daß ich so spät komm', aber mein oberndorfer Mühlvetter, gar ein arg reicher, war da, und da konnt' ich doch nicht fort.« Um Bernhards Lippen zuckte ein spöttisches Lachen, als Fritz den Reichtum seines Vetters so hervorhob; gern hätte er gesagt: jawohl, und er hat auch zwei Mädle, das 79 ist doch die Hauptsache für dich! – Um Bärble nicht zu kränken, schwieg er. Bärble atmete auf, zog Fritz neben sich, streichelte seine Hand und tröstete: »Ja, da bist du freilich entschuldigt! Ach Gott, Fritz, du hast mir einen Stein vom Herzen genommen!« Fritz wurde rot und blickte verlegen zu Boden. – Wie schön war doch das Bärble, und so gut, so herzig gut! – War's nicht Sünde, so mit ihr zu spielen? – – Wie glücklich waren auch Bernhard und Dorle – warum er nicht? – Nur ein Wort kostete es ihm, und das Mädchen an seiner Seite war das glücklichste Wesen unter der Sonne, und daheim ward dann auch Freude und Sonnenschein. Und eine bessere, schönere Braut konnte er nicht finden, – warum sagte er nicht: »Bärble, ich bin dir gut, willst du Türkenbäurin werden?« – Fritz quoll es warm auf im Herzen, er nahm Bärbles Hand und neigte sich zu ihr. – Da hustete es unter den Büschen am Wegrand, Fritz fuhr zusammen, und Bernhard sagte höhnisch: »Brauchst dich nicht zu verstecken, Hannikel, hab' dich lang' gesehen! – Fritz, deinem Kamerad dauert's zu lang'!« »Der Tausend aber auch! Hätt's bald vergessen, daß ich noch nach Lindenthal muß, Schaf' anzuseh'n!« entgegnete Fritz. »Nehmt's nicht übel, daß ich so bald wieder fortgeh', 's nächste Mal komm' ich auf längere Zeit. Bärble – heut im Dorf – nicht? – Adjes zusammen!« Damit sprang er die Treppe hinab. Bernhard schüttelte den Kopf, Dorle sah nicht von ihrem Strickzeug auf, und Rosine rechnete, was sie aus den Kirschen lösen würde, um Bärble Zeit zu lassen, das Wasser aus ihren Augen zu wischen. 80 Der Wagnershannikel, Fritzens eigentlicher Kamerad, war in der Tat ungeduldig und sagte, als sie außer Hörweite waren: »Du bist ein alter Hansgackele! Wer dich ein bißle anlacht, dir's Pfötle streicht, der hat dich! Ich glaub', wär' ich nicht dazwischen 'kommen, du hätt'st dich auf dem Bänkle vor'm Zieglershäusle mit dem Bärble versprochen! Ha, ha, ha! Hab' mir fast die Zunge abgebissen, um nicht laut hinauszulachen!« »Und was wär' dabei zu lachen, wenn ich's getan hätt'? Ich bin mein eigner Herr und hab' mich vor niemand zu verantworten!« »Freilich, freilich, natürlich bist du dein eigner Herr!« lachte Hannikel. »Aber das Aufsehen – herrjeh! – Die Leut' würden Maul und Augen aufgesperrt haben, hätt's g'heißen: ›Der Fritz hat sich so recht auf Bettelmannsweis' mit dem Veitenbärble versprochen; beim Schustersbernhard, im Zieglershäusle, ist's fertig 'worden!‹ – Du darfst mir's danken! Vor keinem Menschen mehr hättest du dich sehen lassen dürfen!« »Du schwätz'st wie du's verstehst! Ein braver's und ansehnlicher's Mädle gibt's nicht, wie das Bärble, mit der braucht sich kein Bauer zu schämen. Und allen Leuten zum Trotz tu' ich's, nun grad' heirat' ich keine andere!« »Ja so, das ist was anders! – 's ist schad', daß ich das gestern nicht gewußt hab', da hätt' ich die Schottendorfer Hofkleine gleich anders berichten können. – 's ist dumm, die wird ihren Part von mir denken, erfährt sie, wie's mit dir steht!« »Du hast mit der Hofkleinen über mich geredet?« fragte Fritz neugierig. »Nun ja, sie hat sich ja sogar angelegentlich nach dir 81 erkundigt!« war die verdrießliche Antwort. »Aber was kümmert dich das jetzt? – Und deinem Mühlvetter seine Augen möcht' ich auch sehen, wüßte er, was die Grüße an seine Große zu bedeuten haben, die du ihm aufgetragen hast, – 's ist zum Lachen!« »Die Hofkleine hat nach mir gefragt? – Himmelschwenselens auch, nein! Was ist zu machen?« knurrte Fritz und fuhr sich in die Haare. »Solche Mädle, wenn man haben kann, 's wär' Sünd, wollt' man sie aus der Hand lassen! – Donnerwetter, die Hofkleine, das ist ja die Reichste landauf und landab! – – Hm, hm! – Aber das Bärble, das Bärble, – 's ist nicht recht, sie so an der Nas' 'rumzuführen!« »O du Narr,« lachte Hannikel, »was ist weiter dabei? Man macht sich seinen Spaß mit ihnen, damit Punktum! Ich hab' auch so ein Gehäng' mit der Eckenlisbeth, sie ist völlig in mich vernarrt, meint auch, sie hätt' mich bei vier Zipfeln, – aber oha! Ich denk' nicht dran, daß ich sie heirat'! Was? – Soll ich mir alle Aussichten auf Glück und Reichtum und ein bequemes Leben solch dummem Mädle wegen auf einmal abschneiden? Das wär' das Wahre! – Nä, – der Mensch ist auf der Welt, daß er sich's gut macht, und dazu gehört Reichtum; – den aber erst erarbeiten, das wär' ein langweiliger Kram! – Mach', was du willst, Fritz, ich bleib' dabei: man muß dem Glück ein Türle offen halten, und danach tu' ich!« »Ist meine Meinung ganz und gar, – aber – aber – dann sollten wir auch anderen Mädeln nichts weismachen?« »Ein Narr, wer's tut! Sag' ich zu meiner Lisbeth: ich hab' dich gern, so ist das die Wahrheit; bezieht sie das aufs Heiraten, ist's ihre Sache, betrügt sie sich!« 82 »Ja, so läßt sich aber das Bärble nicht abweisen, die will in allen Dingen gewissen Grund!« »So laß sie laufen!« »Das wär' freilich das best', – aber ich kann noch nicht!« »Bist ein Narr! – So sieh', wie du mit ihr zurecht kommst! Die Welt fällt nicht gleich auseinander, geht man einmal so ein bißle um die Wahrheit 'rum! Nur um Gottes willen laß dich nicht fangen, halt' dir die Hände frei, denk' dran, was für dich auf dem Spiel steht!« 83   Scheiden tut weh! Das Veitenbärble stand mit ihrem Strickzeug unter der Haustür, sah sinnend hinein in den glühenden Abendhimmel, verfolgte mit den Blicken die Schwalben, die lärmend hoch oben ihre Kreise zogen, und mit tiefem Seufzer dachte sie: Ach, wer doch auch Flügel hätte und fortfliegen könnte, weit, weit fort, über Land und Meer, immer weiter, gleich in den lichten Himmel hinein! »Träumst einmal wieder?« sagte eine brummige Stimme hinter ihr. »Weiß der Kuckuck, Mädle, was mit dir ist, man wird gar nimmer klug aus deinem Getu'! Was ist's nur schon wieder? – Hast wieder was mit dem Fritz?« Als Bärble leise den Kopf schüttelte, trat die Bäurin ebenfalls in die Haustür, prüfte rasch den Himmel, nickte zufrieden und meinte: »Ein Wetterle, man kann sich's gar nicht schöner wünschen! – Ja, was ich sagen wollt': Bist im Ernst einig mit dem Fritz? – Ganz einig? – Nu – was hängst nachher den Kopf noch? – Mädle, den Fritz darfst nicht aus dem Garn lassen, nicht um alles in der Welt! – Mädle, 's ist mir schlecht genug 'gangen in der Welt, zweimal ist dein Vater auf und davon nach Amerika, und ich hab' mit dem Haufen Kinder dagesessen. Mädle, das waren Zeiten! – 's ist ein Wunder, daß ich's überstand! Aber vorwärts hab' ich's nicht bringen 84 können, mußt' froh sein, hielt ich uns so über Wasser. Ich dacht' immer: Sind deine Kinder erst groß, wird's besser, aber ich spür' nichts davon, konträr, der Sorgen werden alle Tage mehr; – 's ist eben der Jammer allzu groß, ist der Mann ein Latschmichel! Mir hat's den ganzen Tag schon fast das Herz abgedrückt. Denk' nur, nicht genug, daß dein Großer die Altenhäuser Schustersev' zu Fall gebracht hat – der Beck ist auch schon wieder auf dem Weg nach Bergheim. – Allgerechter Gott! Und wie?! – Als echter Vagabund und Stromer! – Was hat uns der Mensch schon für Geld gekostet! Erst das Lehrgeld, hernach, wie er unter den Soldaten stand, und dreimal haben wir ihn schon ausgerüstet und in die Fremde geschickt, – und jetzt kommt er wieder, abgerissen und voller Ungeziefer! – Ach, Mädle – ich mein', ich muß mir mein End' auftun!« »Wißt Ihr's gewiß mit dem Bruder, dem Beck?« »In der Stadt ist er gesehen worden von mehreren. – Er wird sich noch nicht zu uns getrauen; aber wie lange noch, so liegt er uns auf dem Hals, und was fangen wir mit ihm an? – – Ja – wie mir, so ist's noch keiner Frau gegangen! Und nun guck', Bärble, du bist noch mein einziger Trost, meine einzige Hoffnung! Kriegst du den Fritz, ist doch ein Kind richtig versorgt, und man hat was, auf das man stolz sein kann, nachdem soviel Unehr' über einen kommen ist. Und dann vergiß nicht, wir sind arm, Bärble, gar sehr arm, und der Haufen Geschwister ist so arg groß! Du kannst ein Segen werden für deine Eltern und Geschwister. – Drum, ach Kind, merk' dir, 85 was ich dir sag': Nimm dem Fritz seine Wunderlichkeiten nicht so schlimm auf, – halt' ihn fest um jeden Preis, halt' ihn fest, solche Gelegenheit findest du nicht wieder.« Bärble zitterte leise; sie gab der Mutter die Hand und sagte: »Ich hab' Euch lieb, Mutter, mein Herzblut gäb' ich für Euch und die Geschwister – –« sie brach ab und eilte unter die Kastanie. Die Bäurin schaute ihr kopfschüttelnd nach, sie ahnte ein heimliches Aber und wagte doch nicht daran zu glauben. Seufzend ging sie in das Haus zurück. Bärble aber hatte den Kopf in beide Hände gelegt und plagte sich mit schweren Gedanken. Die Worte der Mutter machten ihr Pein. Bisher hatte sie ihre Liebe betrachtet als eine Sache, die nur sie allein, sie ganz allein angehe, jetzt erfuhr sie, wie schon lange auf die Empfindungen ihres Herzens Pläne gebaut, Hoffnungen gegründet wurden, die mit ihrem eigenen Glück wenig oder nichts zu schaffen hatten. Nichts berührt ein edles, feinfühlendes Gemüt schmerzlicher, als wenn es da Berechnungen und Erwartungen gemeinen Vorteils begegnen muß, wo es sich selbstlos und rein hingeben möchte, nichts dagegen heischend als gleiche lautere Liebe. Und Bärble gerade mußte dies um so herber empfinden, da ihr auch bei Fritz ganz die gleiche, selbstsüchtige, nur auf Vorteil und Gewinn gerichtete Sinnesweise schon soviel Kummer bereitete. Das Mädchen hatte die Empfindung, als sei ihr das Beste von sich selbst genommen, als habe sie nun dem Reichtum ihres Liebhabers nichts mehr entgegenzusetzen, was sie ihm völlig gleichstelle. – Wie durfte sie jetzt noch sagen: Ich will nur dich, da die Augen der ihrigen gierig nach dem Reichtum des künftigen Schwagers schielten? Wie konnte sie ihm 86 noch offen und frei in die Augen blicken, da Eltern und Geschwister nur darauf warteten, durch die neue, angesehene Verwandtschaft die eigne Ehre aufzuputzen? Durfte sie Fritz noch tadeln, wenn er um berechnender Klugheit willen seine Liebe verleugnete? – So arm, so verlassen hatte sie sich noch nie gefühlt. Bis heute hatte sie ihre Liebe als ihr freies Eigentum betrachtet und gehütet, über welches sie ganz allein und unbeschränkt zu entscheiden habe, – jetzt drängten sich fremde Gewalten in ihr Heiligtum und wollten, was sie aus freier Neigung getan und gegeben, als Pflicht von ihr fördern. Bärble war im tiefsten Grund ihres Wesens eine starke, selbstbewußte, selbständige Natur. Bei aller Innigkeit des Gefühls war ihr innere Klarheit unabweisbares Bedürfnis. Wie sie an ihrer Kleidung keine Unordnung ertragen konnte, so mußte auch in ihrem Inneren stets alles hell, glatt und eben sein. So quälte sie sich jetzt mit der Frage: Geht wirklich die Gewalt der Eltern so weit, daß sie befehlen dürfen, den mußt du lieben? War es Pflicht der Kindesliebe und Dankbarkeit, auch entgegen besserer Erkenntnis zu heiraten, nur um vielleicht Geschwistern und Eltern zu nützen? – Lang saß Bärble in sich zusammengesunken, und ihr Atem ging schwer! Allmählich färbte ein tieferes Rot ihre Wangen, sie richtete sich stramm auf, mit leuchtenden Augen flüsterte sie: »Nein, bis daher reicht kein Zwang! Was sollte aus der Welt werden, wenn nicht einmal vor dem Altar in der Kirche Wahrhaftigkeit zu finden sein soll? – Ich bin meinen Eltern Gehorsam schuldig und Dank und alles – sell ist richtig – aber vor dem Altar muß ich dem Mann Lieb' und Treu' geloben. – Soll ich mit einer Lüg' in den Ehstand treten? Meinen 87 Mann bloß der Eltern und Geschwister willen gleich in der ersten Stund' betrügen? – Nein, nein, tausendmal nein! Ich hab' den Fritz lieber als mein Leben, wie ich bestehen soll ohne ihn, versteh' ich nicht – aber kommt's so weit, daß ich ihn gar nicht mehr achten kann, wird er nicht von Grund aus anders, dann heirat' ich ihn nicht, mag draus werden, was da will! Lieber in die weite Welt, wenn mir's die Eltern nicht verzeihen, als mit Zwang und Unwahrheit in den Ehestand! – So – dabei bleibt's!« Bärble strich ihre Schürze glatt und nahm eifrig ihr Strickzeug auf. Ein eigener Glanz lag auf ihrem Gesicht und trotz des feuchten Schimmers leuchteten ihre Augen. Sie war sich klar geworden nach allen Seiten; die Forderungen der Eltern ängsteten sie nicht mehr, sie hatte sie als ungerecht von sich gewiesen und sich von ihnen befreit, aber auch ihr Verhältnis zu Fritz hatte sich geändert, auch ihm gegenüber hatte sie einen fest bestimmten Standpunkt gewonnen. Wohl hatten sich die Worte wie Messer in ihr Herz gebohrt, aber sie atmete doch leichter und freier, nun sie das Schlimmste, was ihr begegnen konnte, das Unglück, vor dem sie so lange schon gezittert, und das sie doch nie fest ins Auge zu fassen gewagt, bestimmt und klar ausgesprochen hatte! Die Möglichkeit, Fritz aufgeben zu müssen, hatte wohl nichts an ihrer Furchtbarkeit verloren, aber sie empfand auch eine Vorahnung von der Kraft in sich, die sie aufrecht halten würde in den schwersten Stunden! Eine Ahnung ging in ihr auf von der Macht des Willens bei Wahrhaftigkeit und Lauterkeit der Gesinnung, bei ehrlichem Streben nach dem Rechten. Sie war nicht fühllos gegen die Not der Ihrigen, es war ihr Ernst damit, wenn sie zur Mutter sagte: Mein 88 Herzblut gäb' ich für Euch und die Geschwister! Sich selbst, ihr eigenes Glück würde sie sich nicht bedacht haben, für die Ihrigen zu opfern – aber in ihrem Interesse heiraten, das vermochte sie nicht. Was sie tat, das mußte recht sein nach allen Seiten; für die Lehre: der Zweck heiligt die Mittel, hatte sie kein Verständnis. – Aber wie nun den Eltern beistehen? Wenn der Bruder wirklich als Vagabund heimkehrte – was sollte werden? Bange Fragen für ein treues Kinderherz, dem mit dem Willen nicht zugleich die Macht gegeben ist! Endlich fand Bärble auch hier den rechten Ausweg: sie stellte sich und die Ihrigen in den Schutz dessen, der die Blumen auf dem Felde kleidet; im innigen Gebet fand sie Trost und Ruhe. Müßig ruhten die gefalteten Hände in ihrem Schoß, sinnend blickte sie hinein in das verglühende Abendrot, als sie näherkommende Männertritte aufschreckten. Fritz war das nicht, sie kannte seinen Gang ja so genau! Vorsichtig lugte sie durch die Zweige und verblaßte sich, – eine neue Prüfung stand ihr bevor, – es war der Grundmüllersjakob, der sie suchte. Vorsichtig kam der kräftig gebaute, breit geschulterte Bursche, dem man ansah, wie ihn strenge Arbeit gehärtet, näher. Einen Augenblick blieb er unter den Büschen stehen, als erwarte er eine freundliche Einladung, näherzutreten, als sie aber ausblieb, strich er sich mit der Hand über die Augen, dann setzte er sich mit freundlichem »guten Abend!« neben das Mädchen. Bärble nickte, blickte angelegentlich auf ihr Strickzeug, und Jakob ließ die silbernen Ketten seiner Pfeife sinnend durch die Finger gleiten. »Bärble,« begann er, und wie er sich auch mühte, das Beben seiner Stimme konnte er nicht ganz unterdrücken, »Bärble, ich 89 geh' gern grad' aus – drum: ich hab' dich mit Absicht aufgesucht, möcht' noch einmal mit dir reden. Nimm's nicht übel, daß ich entgegen deinen Bitten doch noch einmal komm'; aber ich kann's nicht glauben, daß du mich für immer fortschicken wirst – ich kann's nicht! Du hast den Fritz gern – sell weiß ich. Aber heut ist nicht morgen, und über kurz oder lang kommt die Zeit, da du vom Fritz lassen mußt , bist du das, wofür ich dich halte und kenne – und was willst nachher anfangen? Wegen einem – sei still, ich sag' nichts über ihn! – Also: willst du zeitlebens den Kopf hängen lassen, einsam und ledig bleiben? – Bärble, das sind dumme Gedanken und unrechte obendrein. Du wirst sagen: ich kann den Fritz nicht vergessen! Aber ich hab's schon oft erfahren, mit der Zeit verheilt alles; – du lieber Gott, wie sollte die Welt bestehen, wär's anders! Und gar wenn man einen Menschen nicht mehr achten kann, seh' ich nicht ein, wie man sich seinetwegen auf die Dauer das Leben verbittern könnte. – Das Leben ist lang, Bärble, mein Fräle sagt: der Kummer hält den Tod ab! – – Bärble, mein Kleiner hat die Grundmühl' übernommen, in einem Vierteljahr hab' ich mein Erbteil bar auf dem Tisch – ich bin ein freier Mann und hab' einen schönen Anfang. Drunten im Unterland weiß ich ein schönes Mühlenanwesen, wohlgelegen, in gutem Stand, billig. – Bärble, ein Wort von dir, – morgen ist die Mühl' mein, und in vier Wochen ist Hochzeit!« »Jakob, du guter, treuer Mensch! – Hab' Dank, hab' tausend Dank! Ich vergeß dir's nie – niemals!« 90 »Ist das alles?« »In Gottesnamen: ja! – Ich kann nicht anders, Jakob!« »Du würdest Fritz nicht gleich vergessen,« fuhr Jakob sehr leise fort, »ich weiß das – du solltest bei mir keine Kränkung erfahren, ich laß dir Zeit, dich an mich zu gewöhnen. – Bärble, Bärble – schick' mich nicht fort!« »Ist's auch recht, so zu reden, Jakob? – Da kenn' ich dich besser! Keine Stund' ertrügst du den Gedanken: Meine Frau hat an einen andern gedacht vor dem Altar! – Nein, Jakob, wir sind beide nicht dazu geschaffen, krumme Wege zu gehen, drum wollen wir in Frieden und Freundschaft scheiden, – unsere Wege führen auseinander!« »Das sagst du so leicht, und mir möcht' das Herz zerspringen!« »Leicht? – Ach, Jakob, das denkst du! – Ich weiß allzu gut, was ich an dir verlier'! – – Geh', Jakob!« fuhr sie schluchzend fort, »geh', – such' dein Glück anderwärts! Du wirst ein Mädle finden, besser und tüchtiger, als ich, das dich von ganzem Herzen lieb hat, so lieb, wie du's verdienst! – Geh', Jakob, du wirst mich bald vergessen haben! – –« »Vergessen? – Dich?« fiel ihr Jakob ins Wort. »Du kennst mich nicht, sagst du das im Ernst!« »Jakob, – denk' an deine eignen Worte!« »Du hast recht, Bärble, ich schlag' mich selber aufs Maul! Und doch hab' ich auch recht! – Du könntest Fritz vergessen – und du wirst ihn vergessen müssen! – Ich aber hab' dich schon jahrelang im Herzen getragen, kein Mensch hat drum gewußt! Wie du dann den Türkenfritz 91 gern hattest, wurd' ich oft wild und wollt' nicht mehr an dich denken, – aber es ging nicht, wie ich's auch anstellte, und so wird's bleiben. So wie dich, Bärble, find' ich keine wieder – drum: Nimmst du den Türkenfritz, bleib' ich ledig – ich darf dann wenigstens an dich denken!« »Jakob, Jakob! – Du brichst mein Herz mitten entzwei!« »'s ist vielleicht das letzte Mal, daß ich allein bei dir bin, drum laß mich reden – als einen guten Freund wirst du mich doch wenigstens gelten lassen – nicht?« Als Bärble ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte, fuhr er fort: »Ja, ohne dich ist mir die ganze Gegend verleidet, aus dem Mühlenkauf wird nichts, ich geh' in die Fremde, je weiter, desto besser, vielleicht nach Amerika. – Jetzt, eh' wir auseinander gehen, Bärble, sag' mir: Was ist's, das dich mit Gewalt an den Türkenfritz zwingt?« »Frag' die Sonn': Warum scheinst du? – Weiß ich's?« »Ist mir ein Wunder, und – nun ja! – 's hat mich manchmal schon fast von Sinnen gebracht, daß 's erste Mädle der Gegend sich grad' in den – Türkenfritz vergucken muß! Sei ruhig, ich hab' dir's versprochen, ich sag' kein Wort über ihn. Nur das empört mich, daß er dir gar so schlecht für deine große Lieb' dankt! – Bärble, siehst du denn nicht, daß er nur seinen Spott mit dir treibt, daß er dich in Wahrheit auch nicht ein Linsele gern hat?« Bärble sprang auf und sagte erregt: »Jakob, ich verzeih' dir deine harte Rede, ja, ich dank' dir drum, – sie hat mir die Augen völlig aufgemacht. Die ganze Welt mag dagegen streiten, ich weiß und bleib' dabei: der Fritz hat mich gern, wahrhaftig gern. – Dabei bleib' ich, und das 92 ist's, was mich nicht von ihm loskommen läßt. Freilich tut er mir oft weh, freilich macht er mich oft zum Gespött vor allen Leuten, – aber das geschieht nicht aus bösem Herzen, nicht mit Absicht und Überlegung. Mein Fritz ist der beste Mensch von der Welt, weichen Gemüts, um einen Finger kann man ihn wickeln mit einem einzigen guten Wort. Und er möcht' ja selber ein rechter, tüchtiger Mensch werden, aber ehe er sich's versieht, schlägt ihn eben der Hochmut, der Leichtsinn, – lauter Erbstückle von seinem Vater, – in den Nacken, und dann weiß er nicht, was er tut! Ja, – er hat mich gern, das ist gewiß; für ihn gibt's kein Glück ohne mich! Guck, Jakob, ich kenn' und versteh' den Fritz durch und durch; ich weiß, wo's ihm fehlt, weiß, wie er sich und seinem Glück selber im Weg steht, und wenn ihm eines helfen kann, bin ich's! – Jakob, du bist ein andrer Bursch, bist so viel – viel – anders, – besser, – tüchtiger wie der Fritz, – gönn's ihm, daß ihm jemand zurechthelfen will, er bedarf's! – Und ich – ach, jetzt weiß ich's, ich hab' ihn gern, grad' weil er nicht ist, wie er sein sollte und sein könnte, dauert er mich, darum kann ich nicht von ihm lassen. – Laß mir die Freude, einen rechten Mann aus ihm zu machen!« »Ja, ja, ich seh's, ich bin gänzlich übrig!« klagte Jakob. »Aber du bist brav durch und durch, – ich muß dich loben! Du hast recht und unrecht zugleich, aber ich will dich nicht weiter beirren, bleib' auf deinem Sinn, wie's auch ausschlägt, du hast's gut gemeint! Bärble, – mein gut's Bärble! – – Leb' wohl – leb' wohl und werd' glücklich! – – Und vergiß nicht: An mir hast du einen Freund, weil ich lebe, wo ich auch bin! – Bärble, ich 93 seh's klar, was dir bevorsteht, – trifft's ein, denk' an mich, denk', beim Grundmüllersjakob find'st du jeder Zeit ein treues Herz und eine Heimat!« Bärble sank auf das Bänkchen zurück. – Da ging Jakob hin, der gute, treue Mensch, – sollte sie ihn zurückrufen? – Aber wozu? – Was konnte sie ihm sagen? – Ein gutes, freundliches Wort, ja, das hätte sie ihm mitgeben können, das hatte er wohl um sie verdient! Und nicht einmal gedankt hatte sie ihm für sein letztes Angebot. – Hastig hob sie den Kopf, – zu spät. – eben verklangen seine Schritte in der Ferne! – Bärble verhüllte ihr Gesicht in die Schürze und weinte. So fand sie Dorle, die bei anbrechender Dämmerung kam, die Freundin ins Dorf abzuholen. Anfangs riet sie auf einen neuen Zwist mit Fritz, als ihr jedoch Bärble die Begegnung mit Jakob kurz erzählte, warf sie die Lippen auf und schüttelte den Kopf. »Bärble, Bärble, was hast gemacht!« rief sie. »Du wirst's bereuen, denk' an mich! – Aber 's ist nun einmal, wie's ist, – so sei auch zufrieden und laß den Kopf nicht hängen bis zu den Füßen, du wunderlich's Mädle, du! Verhärmst dir dein Leben für nichts und wieder nichts! Wasch' dir die Augen hell und komm' mit ins Dorf, 's ist nur einmal Sonntag in der Woch', und der Fritz wird nunmehr auch auf dich warten!« Letzterer Grund entschied; Bärble sehnte sich nach Trost, nach einem freundlichen Wort aus dem Mund dessen, dem sie einen treuen Freund zum Opfer gebracht. Dorle brachte ihr Haar und Kleider in Ordnung, drunten am Bach wusch sie sich mit dem Schürzenzipfel die Augen, dann schritten die beiden Mädchen Arm in Arm droben 94 beim Herrnhof übers Brückle, gingen am Eckenhaus vorbei und kamen beim alten Schulzenhof auf die Dorfgasse, eben als auch der Mond durch die Spitzen der Fichten auf dem Stammberg drüben ins Dorf lugte. Die Burschen standen noch auf einem Kreis zusammen in der Mitte der Gasse, flüchtig huschten Bärble und Dorle an ihnen vorüber und gesellten sich zu den Mädchen, die weiter oben im Dorfe in langer Reihe auf dem Bauholz saßen. Bei ihrem Näherkommen verstummte das Kichern und Lachen plötzlich, dagegen wurden die Köpfe zusammengesteckt, ein heimliches Tuscheln und Raunen lief durch die Reihen, und Bärble glaubte den Namen Türkenfritz zu hören. Sie konnte sich darüber keine Gewißheit verschaffen, denn eben zogen die Burschen singend die Straße herauf und forderten die Mädchen auf, mitzukommen. Die ließen sich nicht lange bitten, schlangen die Arme ineinander und schritten ebenfalls singend hinter den Burschen drein. Bärble bemerkte unter den Burschen auch den Grundmüllersjakob; als draußen beim Zieglershäusle kehrt gemacht wurde, kam er auf einen Augenblick neben Fritz zu stehen, und der Mond beleuchtete ihre Gesichter taghell. Sie hatte die beiden noch nie so nebeneinander gesehen, und jetzt erst fiel ihr auf, wie so viel stattlicher sich der Jakob ausnahm. Fritz war wohl schöner, aber der Ausdruck treuherziger Ehrlichkeit und fester Mannhaftigkeit in Jakobs Gesicht ließ das vergessen. Als habe sie sich selbst auf einer Sünde ertappt, so hastig, so glühend wendete sich Bärble ab, – das Bild ward sie doch nicht los. Beim oberen Wirtshaus machten die Burschen halt, man stand in bunter Reihe zusammen, sang noch einige Lieder, dann begann lustige Unterhaltung. Mädchen und 95 Burschen neckten sich, Liebespaare wurden geärgert, – besonders von noch ledigen – bald aber bemerkte Bärble mit Schrecken, daß Fritz wieder einmal zum Gegenstande des allgemeinen Spottes ausersehen war. Zunächst mußte die Theaterfahrt vorhalten, und Fritz wurden bittere Dinge gesagt, – Bärble stand wie auf Kohlen. So sehr sie ihm auch die Strafe gönnte, der Hohn schmerzte sie doch, und als Fritz sich gar nicht zu helfen wußte, gar so albern sich benahm, trieb ihr der Ärger das Blut in die Wangen. »Bist ein Hauptkerl, Fritz!« schrie der Dorfmüllers-Emil. »Die Mädle müssen dich eigentlich vergolden! Führst deine Liebschaften gleich fuderweis' in der Welt 'rum!« »Sein Vater sagt immer: ›Mein Fritz ist nur ein halber Türk!‹« rief der Beckenkarl, »wenn aber das nicht ganz türkisch ist, nachher heiß' ich Hans!« »Was kost't 's Dutzend Bräut'?« fragte der Michelsschneider. »Wer die Wahl hat, hat die Qual!« fiel der lahme Schneidersmarkus ein. »Dem Fritz ist's so arg nicht zu verübeln, hat er manchmal Einfäll' wie ein altes Haus! Wer die Mädle der ganzen Gegend im Kopf hat, bei dem wird's spät Tag!« »'s ist ein Glück, daß er so gescheite Gäul' hat, der Fritz wär' schon längst verloren!« schrie der Schmiedsdicker. »Ja, gestern hätt' er um ein Haar seine Erleswies' nicht g'funden!« »Der Donner soll dich regieren, du verfluchter Kretschwagen!« fuhr Fritz auf Markus ein, dem seine nach außen verbogenen Beine diesen Schimpfnamen zuzogen. »Was hast du dich an mich zu rechnen?« 96 »Ho ho, nur nicht grob und nicht großmäulig, du Schwänzlesschwänzler!« war die Antwort. »Alle Welt weiß, daß du auf dem Weg zur Wiese auf dem Wagen eingeschlafen bist.« »Seine Mutter hat ihm beim Schreinersfrieder ein Kanapeele auf den Wagen bestellt, daß er ein andermal nicht 'runterfällt und sich Schaden tut!« lachte eine feine Stimme. »Nu hab' ich's aber genug!« brauste Fritz auf. »Meinst's selber?« rief der Beckenkarl, und alles lachte. »Über eure dummen Reden lach' ich, – ich bin doch ein anderer Kerl, wie ihr zusammen!« »Ja, der Fritz fragt nach keinem Menschen was, aber vor dem Kaffenetle, da hat er Respekt!« sagte Markus. »Ist's wahr, Fritz, daß deine Mutter noch immer 'ne Gert' hinterm Spiegel stecken hat?« fragte eine Stimme. Das war doch zu stark! Mit geballten Fäusten sprang er in den Kreis, aus dem die Stimme gekommen war, und wer weiß, was es gegeben hätte, wäre nicht der Grundmüllersjakob, der bemerkte, wie Bärble zitterte, dazwischen getreten. Er verwies den Burschen ihre Unart, mahnte Fritz zur Ruhe und stellte bald die Ordnung wieder her. Fritz dankte ihm seinen Beistand schlecht. Längst hatte er einen geheimen Zorn auf Jakob, den er als Nebenbuhler fürchtete, dessen Überlegenheit in allen Stücken er grollend anerkennen mußte. Dazu hatte er ihn aus dem Veitenhof kommen sehen, ahnte, was ihn dahin geführt haben mochte, – Grund genug für den Türkenfritz, den Ahnungslosen mit giftigen Reden anzufallen. Jakob ließ ihn erstaunt gewähren, als er ihn aber mit geballten Fäusten zum Kampf 'rausforderte, umschlang er Fritz blitzschnell mit beiden Armen, hob ihn frei in die Luft und 97 sagte: »Bitt'st jetzt um gut Wetter?« – Fritz mußte nachgeben und Frieden geloben, danach setzte ihn Jakob nicht eben sanft nieder und ging davon. Fritz schämte sich sehr, ein Stein fiel ihm vom Herzen, als er Bärble nicht mehr bemerkte, – hatte doch wenigstens sie seine Schande nicht gesehen. Um das Gelächter zu ersticken, griff er zu seinem gewöhnlichen Mittel, ließ Bier holen und war auch richtig bald wieder der Held des Abends. Unterdessen saß Bärble in ihrer Kammer auf dem Bett und weinte. Spät klopfte Fritz. Der Jammer des gequälten Mädchens ging ihm doch zu Herzen, reumütig gelobte er ernstliche Besserung, dann erst gab ihm das Mädchen als Zeichen gänzlicher Versöhnung durchs Fenster die Hand. Nachdenklich ging Fritz heim; wie gestern dämmerte ihm der Gedanke auf, er sei eigentlich in Wahrheit ein recht nichtsnutziger Kerl, es sei nun wirklich Zeit, ein Mann zu werden. 98   »I hab' einmal ein Schätzli g'habt!« Die Kirchen standen heute nachmittag leer und verlassen, nur wenige alte Weiber verschliefen die Strafpredigten des eifernden, schwitzenden Geistlichen, und die Organisten erwarteten ungeduldig das Amen, um noch rechtzeitig auf das Schottendorfer Vogelschießen zu kommen. Draußen auf der staubigen Straße rasselte ein Gefährt nach dem andern vorüber, alle Fußwege waren voll geputzter, fröhlicher Menschen, ganze Dorfschaften mußten auf den Beinen sein. Dröhnte dann, was von Zeit zu Zeit geschah, aus der Gegend von Schottendorf ein dumpfer Kanonenschlag herüber, verstummte auf Sekunden das Gespräch und Gelächter, eine erwartungsvolle Spannung zeigte sich auf den Gesichtern, unwillkürlich beschleunigten sich die Schritte, – die Schüsse verkündeten ja, daß die Lustbarkeit auf dem Schottendorfer Schießplatz begonnen hatte. Auch Bergheim war zum guten Teil auf der Wanderschaft, lange Züge zu Fuß und zu Wagen strebten Schottendorf zu. Es war ein drückend schwüler Nachmittag. Kein Lüftchen regte sich, die Blätter hingen welk von den Zweigen, die weißen Halme der Kornäcker knisterten und die verbrannten Wiesen schienen die Glut zu vermehren, – trotzdem ging es lustig vorwärts, Staub und Hitze wurden 99 nicht beachtet. Nur drei Wanderer machten eine Ausnahme. Sie hielten sich fern von den andern, gingen langsamer, in Sülzdorf verließen sie gar die belebte Straße und bogen in einen Wiesenweg ein, der bald am Waldesrand, bald am murmelnden Bach angenehm im Schatten hinführte. Unter einer weitästigen, uralten Eiche blieben sie aufatmend stehen, und Bernhard sagte, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte: »Na, Gott sei Dank! Wir sind doch wenigstens allein! – Ist das 'ne Hitz' – nicht einmal der Schatten gibt Kühlung! – Und wie die Mücken stechen,« fuhr er ärgerlich fort und schlug sich mit dem Taschentuch in den Nacken. »Paßt auf, 's gibt noch was heut', dort hinter dem Bleßberg steigt's auch schon ganz schwarz auf! – Einen Regen können wir zwar brauchen, 's verbrennt sonst alles rattenkahl auf den Feldern und Wiesen, aber 's wär' doch ein allzu schlechter Spaß, würden wir heut' auch noch eingeweicht, da wir so beinah' wider Willen aufs Vogelschießen laufen. Ja, Bärble, hätt' ich's nicht deinetwegen getan, Schottendorf ständ' mir lang' gut!« »Und nun verdrießt's mich doppelt, daß der Fritz wiederum nicht Wort hält!« sagte Dorle und knüpfte ihre Jacke um die Taille. »Jetzt schwitzen wir uns ab rein für die Katz', und der Hanswurst lacht uns obendrein noch aus! Ein feiner Kerl, der Türkenfritz! – Du armer Narr, gehen dir noch immer die Augen nicht auf über ihn?« »Ach, habt nur noch ein Linsele Geduld!« bat Bärble und zerpflückte hastig eine große Gänseblume. »Er kann ja noch jeden Augenblick kommen und zuletzt, wer weiß, was ihn abgehalten hat!« »Wer weiß? – Was Gescheites gewiß nicht!« fiel Dorle 100 bitter ein, während sich alle drei langsam in Bewegung setzten. »Brauchst dich nicht nach ihm umzusehen, Bärble, das ist gänzlich unnütz! O, – ich könnt' dem Fritz was anders antun! Was soll das heimliche Getu' und Geschwänzel? Warum geht er nicht öffentlich mit dir, wenn's ihm Ernst ist? – Bärble, sieh dich vor!« »'s ist nicht zu leugnen,« meinte Bernhard nachdenklich, »nach dem Zank wegen der Theaterfahrt sah's beinah' aus, als wollt' nun der Fritz doch in sich gehen. – Aber trau' dem Teufel, geht er zur Mess'! Nichts war's, und seit der Grundmüllersjakob nun wirklich nach Amerika ausgewandert ist, und er auch von der Seite nichts mehr zu fürchten braucht, seitdem treibt er's schlimmer denn jemals. – Bärble, mich dauert der Jakob, 's ist ihm hart ankommen das Fortgehen, wenn er sich auch tapfer gestellt hat; ich hab's wohl gemerkt. – Und das bloß deinetwegen. Die Augen vergess' ich mein Lebtag nicht, als er mir die Hand drückte und sagte: ›Grüß' das Bärble von mir viel tausendmal und sie soll meine Reden nicht vergessen, ich bleib' darauf bestehen!‹ – Die helle Lieb' hat da 'rausgeleuchtet!« Bärble rollte das Schürzenband um den Finger und sagte leise: »Ja, der Jakob ist ein treues Gemüt, – ich halt' ihn auch wert allezeit, aber kann ich dafür, daß mir der Fritz nun einmal das Liebste ist auf der Welt? Kränkt mich nicht mit euren Reden, mein Herz ist ohnedies nicht leicht! Ihr zwei könnt nun einmal den Fritz nicht leiden, und der Jakob war dein bester Kamerad, Bernhard; – tut mir's nicht an, daß ich auch euch noch mißtrauen muß.« »Verhüt' das Gott! Du hast recht, Bärble, in solchen Sachen ist's 's beste, man hält's Maul! – Verübel' mir's 101 nicht, bin ich knurrig, 's geht mir danach. Da ist zuerst der Jakob fort, – und jetzt merk' ich erst, wie wir zusammengewachsen waren. Das Dorf ist mir so groß, so leer, ich kann's nicht sagen, überall fehlt mir was, eine innerliche Unruhe treibt mich 'rum, ich bin gar nicht mehr daheim, 's ist mir immer, als zupft' mich was und sagt': ›komm' nach, ich erwart' dich!‹ Und das hat noch andern Grund! Hab' immer gedacht: Bin ich Meister und hab' ich erst Arbeit, kann's nicht fehlen, und in ein paar Wochen mach' ich Hochzeit! Ja, hoff' du! Besonders, wenn noch die Gemeind' ein Wörtle drein zu reden hat, dann ist's gewiß g'fehlt. – Jetzt bin ich weiter von der Heirat denn je!« »Ja, aber wie denn?« fragte Bärble teilnehmend und drückte Dorles Hand, der das Wasser in den Augen stand. »Wer kann euch was nachsagen? Und ich hab's von meinem Vater: Rechtschaff'nen Leuten wär' die Aufnahm' nimmer zu weigern. – Woran steupert sich's?« »Ja, freilich, so g'radzu wie sonst dürfen's die Vorständ' nimmer 'raussagen, was sie im Schild führen, die Amtleut' sind ihnen scharf auf der Haub'n, aber sie verstehen sich auch schon meisterlich aufs Katzenpföteln. – Vorn streicheln sie einen, geben einem gute Worte und bei jedem Antrag heißt's: ›Ja, ja, 's wird sich machen lassen, besonders bei dir hat's ja gar keinen Anstand!‹ – Hinterm Rücken ziehen sie einem danach 's Fell über die Ohren, und wundert man sich, heißt's: ›'s ist uns rechtschaffen leid! Ja, wenn's auf uns allein ankäm', – aber so sind einmal die Gesetz' da, und über die Verordnungen können wir nicht 'nüber!‹ – Ja, meine Mutter hat recht: ›die Welt bleibt sich gleich, 's ist immer und überall dasselbe Spiel, nur die Art und Weis' wird anders!‹« 102 »Ach, – wie du mich doch erschreckst!« rief Bärble. »Haben sie dem Dorle die Aufnahm' verweigert?« »Ei, beileib'! – Wo denkst du hin? Ganz im Gegenteil! Der Ausschuß und der Schulz können das brave Mädle nicht genug rühmen, sie sind der Meinung, 's wär' eine Ehr' und ein Glück fürs Dorf, blieb sie für immer da. Nur um eine Kleinigkeit handelt' sich's: – ich sollt' von Breitenfeld – Dorles Heimat – einen Vermögensschein für sie beibringen! – Ach, – im größten Elend mußt' ich vor dem Ausschuß lachen! – Vermögensschein! Ja, wenn wir den erlangen könnten, dann wär' uns ja geholfen! Wie ich das dem Ausschuß auseinandersetz' und mich auf unser Verhalten, auf unsre Ersparnisse beruf', gucken sie sich untereinander an, der Schulz hebt die Schultern und meint: ›Ja, Bernhard, damit ist uns nicht gedient! Wir haben allzu große Verantwortung und müssen uns den Rücken frei halten. – Da ist's mit einer Aufnahm' nichts! Aber tu' dich um im Dorf, vielleicht läßt dich ein Nachbar auf sein Haus trauen, – dir wird's gewiß nicht fehlen. Und ist das nichts, bring's uns schriftlich, daß du auf zehn Jahr unkündbar ein Quartier gemietet kriegst, so ist's auch gut!‹ – Damit war ich abgewiesen! – Ja, wär' der Bergbauer noch Schulz, da ständ's anders!« »Aber das ist doch nicht so arg schlimm! – Und lauten die Gesetz' wirklich so, was kann der Schulz und der Ausschuß dazu?« »Was der dazu kann? – Die Verordnung mag bestehen, sell will ich nicht bezweifeln, aber was sie bedeutet, hat sich gezeigt. Hat vielleicht die Schulzenmagd neulich einen Vermögensschein beigebracht? Was kann ihr 103 die Gemeind' für einen Leumund ausstellen? Und was ist gar ihr Schmiedsgesell' für ein Kerl? Ich will mich nicht selber berühmen, aber wir sind ein ander Paar! Und warum haben die eine Aufnahm' kriegt und wir nicht? – Sieh', da hast du's! Der Schulz wollt' nun einmal seine Magd aus dem Haus haben und doch seinen Gesellen nicht verlieren, drum ist's gegangen! Mir hilft kein Mensch, ich sitz' auch gut! – O, ich möcht' manchmal die Schwerenot kriegen!« »Du hast aber doch noch Ausweg'! Dich läßt jeder Nachbar auf sein Haus trauen!« »Frag' doch deinen Vater oder nur deinen Fritz! Daran mag ich schon gar nicht denken. Aber auf mein Häusle hab' ich gerechnet! Der Paulesnickel kennt mich, meine Hauszins' bezahl' ich pünktlich auf den Tag, – also, warum soll er mir nicht Quartier darin auf zehn Jahr verschreiben? Heut war ich bei ihm. Wie ich in die Stube tret', kommt der Vögelesschuster mir daraus entgegen. Das wollt' mir gleich nicht gefallen, und ich hab' mich nicht geirrt, mein alter Meister hat einen Riegel vorgeschoben, daß mir's Glück nicht in den Himmel wächst! Wie ich mein Anbringens mach', höselt der Nickel in der Stub' auf und ab, knurkst und murkst eine Stund' lang, was ich nicht versteh', endlich kommt's 'raus: Die Verschreibung könne er nicht geben. Zum ersten wollt' er nicht der sein, dem die Gemeind' eine Last zu danken habe; zum andern dürfe man's doch auch mit den Nachbarn nicht verderben, zum letzten wolle er nicht selber ein Servitut auf sein Häusle bringen. Zehn Jahre seien eine lange Zeit, und 104 der Vertrag bringe ihm argen Nachteil, wolle er unter der Zeit das Häusle verkaufen. Übrigens sage er mir auch nicht gradezu ab, in acht bis vierzehn Tagen könne ich wieder nachfragen, bis dahin würd' er sich die Sache überlegt haben. – Ja, ja, Bärble, weiß schon, was du sagen willst, 's ist freilich noch nicht alles aus, aber große Hoffnung hab' ich auch nicht. Ich hab' Feind' im Dorf und im Ausschuß, bin ein armer Teufel und hab' nicht gelernt, den Fuchsschwanz streichen, – drei böse Dinge für einen Anfänger. – Aber nun mag's genug sein von dem; wir sind einmal auf dem Weg zum Vogelschießen, drum wollen wir auch die Köpfe nicht hängen lassen. Heul' nicht, Dorle, du weißt, das geht mir wider die Natur. Wir sind keine Kinder mehr, und solang' wir gesund bleiben, haben wir keine Ursache, zu verzweifeln. Wir haben warten gelernt, was liegt an ein paar Jahren mehr? Zuletzt wird sich ja doch ein Unterschlupf für uns finden.« »Könnt' ich nur helfen!« klagte Bärble. »Du gut's Dingle – hast an deinem Bündel zu tragen! Ja, wenn dein Fritz aufrichtig wollt', dann wär' uns allen geholfen.« Man kam an einem Kornacker vorbei, dessen Ähren in dicken »Gelegen« den Boden deckten; das brachte das Gespräch auf die bevorstehende Ernte. Aus den Seitentälern schlängelten sich schmale Fußpfade; je näher man Schottendorf kam, desto belebter war der anfänglich so einsame Steig. Der Weg führte jetzt an einem mit Obstbäumen und Gartenhäuschen bedeckten Hügel hin, rechts drüben auf der andern Seite des Werthagrundes dehnte sich Schottendorf auf seinem Hügel; gerade voraus, in etwa viertelstündiger Entfernung, stieg mitten aus den 105 Wiesen ein sanft gerundeter Berg empor, dessen Spitze eine alte Burgruine, daneben ein weißes Schlößchen krönte. Am Fuß des Berges, halb vom Walde versteckt, erhob sich ein stattliches Gebäudes, von dessen Giebeln Fahnen wehten, aus dessen Fenstern Schüsse knallten, – das Schottendorfer Schießhaus. Der Weg von Schottendorf bis an den Schießplatz war mit Menschen bedeckt, ein bläulicher Rauch stieg im Wald empor, neben dem Rauschen einer zahlreichen Volksmenge tönte unseren Freunden auch schon das einförmige Gedudel der Leierorgeln und Ziehharmonikas entgegen, ununterbrochen von den Büchsenschüssen, Kanonenschlägen und anderm Getöse, welches stets diese Volksfeste begleitet. Statt aber ihre Schritte zu beschleunigen, wie alle übrigen Wanderer, gingen unsere drei noch langsamer; Bernhard wischte sich den Schweiß von der Stirn und meinte: »Guckt nur, wie's um den Bleßberg braut! Verjagt's nicht ein Wind, ist das Gewitter da, eh' wir's denken! – Ich wollt', ich säß' auf dem Bänkle unter meinen Kirschenbäumen. Solch ein Vogelschießen ist recht für glückliche Leut' und lustige Kinder; wer aber so viel Kreuz auf sich liegen hat wie wir, sollt' daheimbleiben. – Ich wollt', ich wär' schon wieder da an dem Fleck!« Bärble seufzte tief. Sie hatte sich so sehr auf diesen Tag gefreut, hoffte sie doch, Fritz würde nun endlich einmal frei öffentlich mit ihr gehen und dadurch zeigen, daß er nun Ernst zu machen gedenke. Aber wieder, wie so oft schon, brach er sein Wort, verwandelte ihre Freude in bitteres Leid. Bärble hatte die Worte der alten Rosine nicht vergessen, sie gab sich wacker Mühe, den Sturm in ihrem Gemüt zu verbergen. Aber sie war noch eine Anfängerin in der schweren Kunst der Selbstbeherrschung, 106 der Zwang, den sie sich auferlegte, brachte nicht Ruhe, er vermehrte den Aufruhr. Es war nicht gekränkte Liebe allein, was ihr Herz so schmerzlich zusammenzog, es war die Angst vor einer nahen, schrecklichen Entscheidung, der Jammer einer verlorenen Jugend, eines leichtfertig zerstörten Glückes. Plötzlich schrak sie zusammen; dort vor ihnen, neben der schimmernden und tänzelnden Schottendorfer Hofkleinen, – war das nicht der Wagnershannikel und ihr Fritz? Ein Blick des Einverständnisses zwischen Bernhard und Dorle, den sie auffing, bestätigte ihre Entdeckung. Bärble fuhr mit der Hand nach dem Herzen, es wurd ihr schwarz vor den Augen. Als sie wieder zu sich kam, kniete Dorle mit tränennassen Augen neben ihr, Bernhard trug in einem – wer weiß wo? aufgetriebenen – Gefäß frisches Wasser zu und trieb die Neugierigen, die sich um sie sammelten, auseinander. Bärble raffte sich auf und wankte, auf Dorle gestützt, weiter, um nur den Leuten zu entgehen, die sie so zudringlich betrachteten. Seitwärts vom Weg fanden sie hinter dichtem, schattigem Gebüsch ein einsames Plätzchen, hier ließ Bärble ihren Tränen freien Lauf. Dorle blickte finster vor sich nieder, Bernhard aber sagte: »Bärble, nimm dich zusammen. Ich hab's ja lang so kommen sehen! Kopf in die Höh', Mädle! Ich hab' meine Augen scharf umgehen lassen, hab' aber weder was vom Fritz noch vom Hannikel bemerken können, – am End' haben wir uns doch nur geirrt. Zum übrigen will ich dir aufrichtig sagen: Ob er jetzt noch mit andern Mädeln läuft oder nicht, das ist haux wie maux! – 's ist ihm nicht Ernst mit dir, das mußt du jetzt wissen, nachdem er dich so niederträchtig im Stich gelassen hat; danach mußt du mit dir selber ausmachen, wie du dich 107 zu ihm stellen willst. Ich red' nicht zu, nicht ab, – aber nur den Kopf in die Höh', Mädle! Das ist allem Anschein nach erst der Anfang, 's wird noch besser kommen! – Willst umkehren oder willst dir die Geschichte wenigstens einmal angucken?« Bärble seufzte; sie sehnte sich nach Einsamkeit und Stille, um zu sich selber zu kommen; aber auch der Verdacht gegen Fritz ließ ihr keine Ruhe, sie wollte Gewißheit haben, volle, ganze. Langsam strich sie sich über ihr sanft gewelltes Haar, brachte ihren Anzug in Ordnung und sagte: »Kommt, so nah' kehrt man nicht um!« »Wie du willst!« entgegnete Bernhard freundlich. »Bedenk' nur deine Kräfte, kein Mensch kann wissen, was in der nächsten Minute geschieht!« »Also hab' ich doch recht!« sagte Bärble mit zuckenden Lippen. »Drum eben geh' ich, – kommt!« Der Menschenstrom, in dem sie jetzt, wie drei Tropfen im Bach, verschwanden, und der sie gewaltsam vorwärts dem Schießplatz zudrängte, ließ keinerlei vertrauliche Rede zu, und so ließen sich unsere Freunde fortschieben. Mitten in den Wiesen, dicht am Rand des Weges, saß einsam ein Mensch und bewegte den Kopf mit den lichtlosen Augensternen langsam hin und her; auf den Knien balancierte er eine Ziehharmonika und spielte fort und fort: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht; Pflücket die Rose, eh' sie verblüht!« An einem Pfahl war eine Papptafel mit den Worten: »Erbarmt euch des Blinden!« darunter eine Blechbüchse befestigt. Lachend gingen die meisten vorüber, und der schwarze Pudel, der Gefährte des Ärmsten, blickte 108 vergebens die Reihen auf und ab, – niemand gedachte seines Herrn. Bärble gedachte seines Herrn. Sie hatte schon lange in ihren Taschen gesucht, rasch aus der Reihe tretend, schüttete sie, ohne es erst anzusehen, was sie in der Hand hatte, in die Büchse ein Geldstück und flüsterte ihm zu: »Könnt' ich euch doch helfen! Der Herrgott führe euch viel mitleidige Menschen zu!« Der Blinde hob den Kopf und drehte ihn hastig herum, – er vernahm nichts als den Lärm fröhlicher Menschen. Langsam strich er dem Pudel über den Kopf, und als er dann sein Lied wieder aufnahm, rollten zwei große Tropfen über seine Wangen. Je näher dem Schießhaus, desto größer der Lärm und das Gedränge. – Bärble ward es unsäglich weh, sie fühlte sich so verlassen unter den fröhlichen Menschen, bitter bereute sie jetzt, daß sie nicht doch umgekehrt war und hing sich fest an Dorle. Bernhard und sein Schatz boten alles auf, Bärble zu erheitern, führten sie an die bunten Glücksbuden, machten sie auf Bekannte aufmerksam, – Bernhard überraschte sogar die Mädchen, als sie den rauschenden Klängen der Regimentsmusik aus der nächsten Garnisonstadt lauschten, – mit Bier und Bratwürstchen. Aber Bärble lehnte ab, nicht um die Welt konnte sie jetzt einen Bissen essen. Heimlich auf Fritz schimpfend, verzehrte zuletzt der treue Mensch die verschmähte Wurst selber und als er das Fett von den Fingern leckte, schwur er Fritz grimmige Rache. Im Schatten der mächtigen Buchen am Hang hinter dem Schießhaus entfaltete sich ein buntes, fröhliches Treiben. Herren und Damen, Bürger und Bauern, reiche Kaufleute und Grundbesitzer, arme Tagelöhner und liederliches Gesindel, alt und jung, saßen friedlich zusammen auf den 109 roh zusammengenagelten Bänken und gaben sich alle erdenkliche Mühe, so recht lustig zu sein, das Vergnügen dieses Tages recht auszugenießen. Bärble stand einsam seitwärts und blickte starren Auges hinein in das bunte Gewühl; sie sah nicht die freudeglänzenden Gesichter um sich, nichts von dem Gewimmel hinauf zum eigentlichen Festplatz und wieder hinab zum Schießhaus, sie hörte nichts von der rauschenden Musik nebenan, nichts von dem Gedudel unzähliger Leierkasten, dem Schreien der Ausrufer von den Glücks- und Tierbuden, dem Knattern der Schüsse aus den Schießständen, – ihr Geist war weit, weit weg. In Gedanken folgte sie einem einsamen Wanderer, der dem Meere zupilgerte, der Heimatland, Freunde und Verwandte, alles, alles verließ ihretwillen, und der dennoch, obgleich sie ihm das bitterste Weh angetan, auch in der Ferne noch über sie wachte, für sie besorgt war. – Und der, um dessentwillen sie ihn verschmäht, der, für den sie mit Freuden ihr Leben hingegeben hätte, zog jetzt eben vielleicht mit einem andern Mädchen herum, – lachend, scherzend, glücklich! – – Bärble preßte die Hände zusammen. Was war das für eine Welt? Ringsum Licht, Glanz, Leben und Freude, – nur sie allein, verlassen, verstoßen! Wie konnten all die Menschen so fröhlich sein, während ihr das Herz entzwei brach? – »Bärble, das ist nichts!« sagte Dorle und zog sie mit auf den runden, von hohen Fichten umgrenzten Festplatz, mitten im grünen Wald. »Bärble, das ist nichts! – Angst und bang wird's einem um dich! Komm, tu die Augen auf, 's gibt allerlei zu sehen, – das wird dir gut tun, dich lustig machen!« »Hast ihn noch nicht gesehen?« 110 »Frag' mich nicht nach dem, – ich mag seinen Namen nicht über die Zunge bringen.« »'s ist gut, daß ich euch find,« sagte Bernhard, »grad' fängt 's Kasperle zu spielen an, das ist was zum Lachen, komm, Bärble!« Sie unterdrückte eine Frage und folgte den Freunden. Scheu irrten ihre Blicke umher, das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Jeden Augenblick konnte er ja neben ihr stehen und in seiner herzlichen Weise sagen: »Ach, Gott sei's gedankt, daß ich dich endlich – endlich find', hab' dich gesucht wie 'ne Stecknadel!« – Jeden Augenblick konnte sie ihn aber auch bei einer andern erblicken. Bärble zitterte, sie ward schwindlig und mußte das Gedränge um das Kasperletheater verlassen. Die Freunde wollten sie bereden, Tierbuden, ein Wachsfigurenkabinett anzusehen, aber Bärble wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: »Ich kann nicht, nicht um alles! – Geht in Gottesnamen, daß ihr doch nicht ganz vergebens hergelaufen seid.« – »Nimm's«, fuhr sie fort und drückte Dorle Geld in die Hand, »nimm's, das schändet euch nicht, bezahl' den Eintritt damit. Geht jetzt hin, – habt ihr's gesehen, sucht mich dort hinter der einzelnen Bierbude, – jetzt geht, ich muß allein sein und ein paar Minuten Ruhe haben. Wie zerbrochen sank Bärble hinter der bezeichneten Bierbude an einer Buche nieder, ihr war zum Sterben elend. Sie hoffte durch Weinen Erleichterung zu finden, aber ihr Auge war tränenlos, trocken; die Last auf ihrem Herzen ward schwerer und schwerer, keines klaren Gedankens mehr mächtig, lehnte sie den Kopf an den Stamm und wünschte sich den Tod. Auf das Lärmen und Schreien nebenan achtete sie nicht, – plötzlich fuhr sie halb auf, sie 111 hatte eine Stimme in der Bude flüstern hören, die ihr durch und durch ging. Sie brauchte nicht zu lauschen, die Hofkleine von Schottendorf lachte hell auf: »Und das soll ich glauben? O du Narr! Die ganze Gegend ist voll davon: der Türkenfritz läuft dem lumpigen Veitending nach!« »Und was ist da weiter dabei?« lachte der Wagnershannikel, »hast du vielleicht noch keinen Anhang gehabt?« »Solch geringen nicht! Übrigens muß doch Ernst dabei sein, für nichts und wider nichts führt man kein Mädle ins Theater!« »Dummheit! – Wofür hätt' nachher der Fritz die Hämpelsmädle noch mitgenommen?« »So, die waren auch dabei?« – Die Hofkleine wollte sich totlachen! – »Eine schöne Gesellschaft war da zusammen, das muß man sagen!« »Jetzt red' ernstlich – wie steht's?« fragte Fritz halblaut. »Erst muß ich wissen, ob's mit dem Veitenmädle und dir reine Butter ist!« »Wenn du weiter keinen Anstand hast, sag' ja!« drängte Fritz. »Mit dem Bärble, das ist eben so ein Gehäng', weiter nichts, verlaß' dich drauf, ist mir im Traum noch nicht beigekommen, die zu heiraten!« Das laute Gelächter der Hofkleinen übertönte den tiefen Seufzer dort hinter der Buche. In Bärbles Kopf wirbelte und brauste es, alle Pulse schlugen; sie wollte aufspringen und Fritz vor allen Leuten einen Lügner schelten, seine Schändlichkeit aufdecken, – aber sie blieb sitzen, sie wollte aufspringen, – – aber sie schüttelte den Kopf und blieb sitzen. Allmählich legte sich der erste Aufruhr, aber die Welt war dunkler, lichtloser geworden; eine eisige Kälte 112 senkte sich langsam tief und immer tiefer in ihr Herz, – mit einem bitteren Lächeln beugte sie das Gesicht auf die Hände und hauchte vor sich hin: »Nun ist's entschieden, – alles aus und vorbei!« Bernhard und Dorle erschraken über ihr verstörtes Aussehen; ohne sie mit Fragen zu belästigen, nickte Bernhard zustimmend, als Bärble bat, sogleich aufzubrechen. »Geht durchs Holz um das Schießhaus, daß ihr ihm nicht noch begegnet,« sagte er, »beim Blinden kommen wir wieder zusammen, ich muß noch einmal über den Platz. Arm's Mädle! – ich hab's ja vorausgesehen!« Damit wendete er sich nach dem Platz zurück. In der Bierbude, wo er ihn schon vorhin bemerkt, war Fritz nicht mehr, dafür sah er den Wagnershannikel im eifrigsten Gespräch mit der Hofkleinen nach dem Schießhaus hinabgehen. »Also schon auf dem Ball zusammen?« knirschte er. »Das geht ja merkwürdig geschwind! O der Hund!–– Und doch hat der Jammerlappen nicht das Herz, dem Bärble zu begegnen, schleicht heimlich außen 'rum, wie ein Fuchs um's Eisen! – Aber wart', Vogel, mir entgehst du dasmal nicht, ich will, – – nein, vergreifen will und mag ich mich nicht an solch einem. Der Schrecken, wenn er merkt, ich bin ihm auf der Spur, wird ihm seine Herrlichkeit schon auch ein bisle versalzen.« Anscheinend gleichmütig trat er ins Schießhaus, ließ sich ein Glas Bier geben und machte sich's in einer Ecke des Tanzsaals bequem. Es dauerte nicht lang, so kam Fritz auf ihn los, wischte sich den Schweiß ab und fragte, während seine Augen unruhig umherirrten: »Bist allein?« »Ich wollt', ich wär's!« war die kurze Antwort. »Warum?« 113 »Meinst, mir ist was an deiner Gesellschaft gelegen?« Fritz war rot und ein böser Blick streifte Bernhard; nach einer Pause begann er zögernd: »Ist's Bärble da?« »So, – das wollt' ich blos von dir hören!« Bernhard richtete sich hoch auf; nachdem er sein Glas Bier leer getrunken, fuhr er voller Hohn und Verachtung fort: »Kannst dir wohl denken, daß ich nicht für mich auf's Vogelschießen renn'! – 's Bärble läßt der Hofkleinen zu ihrem Hauptfang, den sie an dir gemacht hat, Glück wünschen. Kannst's ihr sagen!« Ohne sich nach dem Bestürzten umzusehen, verließ er den Saal und eilte den Mädchen nach. Als er an dem Blinden vorbei kam, der noch immer, wenngleich der Weg fast leer von Menschen war, sein »Freut euch des Lebens!« fortspielte, warf er ihm eine Gabe in die Büchse und sagte: »He da, könnt ihr euch auf euren Hund verlassen? – So packt euren Kram zusammen und macht, daß ihr unter Dach und Fach kommt, es zieht ein schweres Wetter herauf!« Als er die Mädchen einholte, sagte er: »Hört', wir wollen nach Schottendorf und das Wetter abwarten, – seht nur, wie schwarz 's vom Bleßberg 'runterzieht, wie's hinter der Burk aufsteigt, – kommen die Gewitter zusammen, sei uns Gott gnädig!« Aber Bärble wollte von einem Aufenthalte nichts wissen, obgleich schon der Donner rollte; ihren Bitten gab auch endlich Bernhard nach. »Aber nun aufgeschritten, ihr Mädle, jetzt gilt's!« »Na, Sulzdorf wird ja noch zu erreichen sein«, meinte 114 Dorle. »Und erwischt uns das Wetter, – nässer als bis auf die Haut werden wir doch nicht!« »Jawohl!« nickte Bernhard lächelnd. »'s ist am Ende ein Trost so gut als ein anderer; ich fang' an und versteh' den Fuchs, der sagte: ›'s ist ein Übergängle‹, als ihm das Fell abgezogen wurde. – Bärble, das solltest du beherzigen, zuletzt ist alles eben nur ein Übergängle, und mehr als das Leben kann uns auch nicht genommen werden! – Ach, Gott, Mädle, guck' nicht so grad' 'naus, als gehörtest du schon gar nimmer in die Welt, – komm', red' was, schütt' uns dein Herz aus, schluck nicht alles in dich hinein. Komm', red'! Dazu hat man ja die Freund', daß man ihnen vertraut.« Ein blendender Blitzstrahl, dem betäubender Donner auf dem Fuß folgte, schnitt Bärbles Antwort ab. Nach kurzem Blick auf den Himmel schürzten die Mädchen ihre Röcke auf, dann begannen sie zu laufen; die tiefe Dunkelheit, die sich über die Erde legte, die zuckenden Blitze und der rollende Donner sorgten, daß sie keine Ermüdung spürten. Noch war die Luft unbewegt, kein Blättchen regte sich, kein Laut war vernehmbar, und dieses tiefe Schweigen, dieses ängstliche Lauschen der Natur bedrückte das Gemüt unsäglich. Keuchend, schweißtriefend eilten die drei Wanderer dahin. – Bärble allein ruhig, gelassen; das drohende Wetter am Himmel, – was bedeutete es gegen den Sturm in ihrer Seele? Der dröhnende Donner war ihr eine Wohltat, er betäubte sie auf Sekunden; längst schloß sie nicht die Augen, wenn sich die Wolken öffneten und Feuer über die Erde gossen, – ach, in ihr brannte noch eine ganz andere Glut. Das arme Kind! Sie fürchtete nicht mehr den Blitz, – was lag ihr noch am Leben? 115 Auch in der Luft ward es lebendig; heulend, pfeifend, brausend kam es daher; die Eichen ächzten und stöhnten, die Erlen bogen sich zur Erde, ein grauer Dunst umhüllte die Wanderer, Staub, Blätter, Zweige, ganze Äste wirbelten um ihre Köpfe. »Ausgehalten!« schrie Bernhard. »In den Sulzdorfer Schulbauersschuppen!« Ob er gehört worden? – Er wußte es nicht, der Wind riß ihm die Laute vom Munde weg, kaum vernahm er sich selbst. Ihm war, als flöge er durch feurige Wellen, das Knattern, Rollen und Krachen benahm ihm fast die Besinnung. Da sah er vor sich eine dunkle Wand. »Hieher – hieher!« schrie er, riß eine kleine Tür auf, drängte zwei dunkle Körper ins Innere, – kaum hatte er die Tür geschlossen, so knallten und prasselten die ersten Tropfen auf die Ziegel, bald fielen nicht mehr Tropfen, der Regen goß, rauschte in Strömen nieder. Schauernd saßen die drei Geborgenen auf dem Stroh und der duftenden Waldstreu, lauschten dem Aufruhr der Elemente, dankten Gott für ihre Errettung und beteten, daß er das Wetter gnädig vorüberführe. Tiefe Finsternis, nur auf Sekunden von den zuckenden Blitzen schauerlich erhellt, umgab sie; durch die schmalen Spalten der Bretterwand züngelten die Flammen wie gelbe Schlangen herein und umspielten grausig die geisterbleichen Gesichter mit bläulichen Lichtern. Dazu krachte und knatterte der Donner ununterbrochen, heulte und pfiff der Sturm, klatschte und rauschte der Regen, – selbst dem unverzagten Bernhard ward es schwül, er wußte keinen Trost für das zitternde Dorle, das sich weinend an ihn schmiegte. Nur Bärble hatte die Hände im Schoß gefaltet und blickte, ohne mit der Wimper zu zucken, hinein in den Feuerschein. Mochte auch 116 der Donner noch so betäubend krachen, der Sturm noch so wütend um den leichten Schuppen brüllen, das Rauschen des Wassers im nahen Fluß immer verdächtiger anschwellen, – ihr Atem blieb ruhig und gleichmäßig. Dunkel wie die Welt draußen war ihr Gemüt, wie die Blitze zuckten die Schmerzen durch ihr Herz, betäubend wie der Donner klang es fort und fort in ihr: »Mit dem Bärble ist's eben so ein Gehäng', weiter nichts, verlass' dich drauf, ist mir noch nicht im Traum beikommen, die zu heiraten!« So saß sie still und klaglos, der Aufruhr draußen war ihr Wohltat, die Natur selbst gab ihrem Schmerz Töne und Sprache. Sie hätte versinken mögen in dieser Dunkelheit, diesem Getöse. Aber so rasch es gekommen, so rasch enteilte das Ungewitter auf den Fittigen des Sturmes. Die tiefe Dunkelheit wich einer grauen Dämmerung. Die Blitze wurden seltener und schwächer, der Donner erstarb als fernes Grollen, der Wind schlief ein, nur der segnende Regen rieselte befruchtend nieder. Mit dem wiederkehrenden Licht erfüllten kräftige Wohlgerüche den Schuppen; als Bernhard die Tür öffnete, lag die Abendsonne rötlich auf den Bergen, und vor den schwärzlichen Wolken wölbte sich strahlend der Bogen des Friedens. – Die neubelebte Natur, der heitere Abendfriede löste den Bann des stummen Schmerzes, der ihr Herz zusammenschnürte, der beklemmende Druck auf ihrer Brust verschwand, – Bärble warf sich in den Schoß ihrer Freundin und weinte! »Gott sei gepriesen!« schluchzte Dorle und drückte Bärbles Hände. »Du kannst weinen, – das Schlimmste ist überstanden!« Bernhard nahm wieder Platz neben Dorle und sah 117 sinnend hinein in die fallenden, glänzenden Tropfen. Ja, ein Sturm in der Natur, so schrecklich er sich anläßt, zuletzt wird er doch dem Ganzen zum Segen, reinigt die Luft, erquickt Tiere, Menschen und Pflanzen. Freilich, wen der Blitz erschlagen, den macht alle Herrlichkeit nicht wieder lebendig, der zerbrochene Baum verfault am Boden, die vom Hagel zerschlagene Frucht richtet sich nicht wieder auf. Was hilft den einzelnen Betroffenen der Vorteil des Ganzen? – Da hat auch ein Sturm ein Mädchen niedergeworfen, – wird sie liegen bleiben? Wird sie wieder werden, was sie war? Bernhard verfolgte nicht die Irrgänge menschlicher Zweifel, die sich vor ihm auftaten. Er war gewohnt, von Jugend auf zu stehen, zu tragen, zu handeln, – dem Schicksal zu trotzen, wenn es nicht anders anging. Daraus war ihm die Fähigkeit erwachsen, die Dinge nicht schwärzer zu nehmen, als sie sich darstellen, den Kopf oben zu halten, den Sturm austoben zu lassen. Der unwandelbare Glaube seiner Mutter an eine höhere, weise, liebevolle Leitung aller Dinge hatte auch in seiner Brust tiefe Wurzel geschlagen und hob ihn hinweg über kleinliches Sorgen und Zagen. Seine Erfahrungen waren beschränkt, er kannte wenig vom Leben, aber das hatte er oft erlebt und gefunden: Keine Not ist so groß, daß sie nicht zu tragen, nicht zu überwinden wäre; zeigt sich im Augenblick keine Rettung, kein Ausweg, – nur Geduld! Die Hilfe ist da, ehe man sich's versieht; ein Ausgang gefunden, wo man ihn am wenigsten erwartet. Freundlich nahm er Bärbles Hand und sagte: »Wein' dich aus, von Grund aus! – Dann aber, Bärble raff' dich zusammen! Nur wer sich nicht helfen will, bleibt liegen, und du warst ja immer ein starkes, mannhaftes Mädle. Denk' an, wie's 118 meiner Mutter 'gangen ist. – Ihr Schicksal war gewiß nicht leichter als deines, und sie hat's auch überwunden. Merk' dir ihren Spruch: ›Durch Gebet und Arbeit ist alles zu zwingen, davor hält nichts Stand!‹ – Komm' jetzt, das Wetter ist vorüber, aber es gibt noch mehr Regen heut', wir wollen machen, daß wir Bergheim erreichen. – Und jetzt erzähl', was ist dir begegnet?« Bärble raffte sich auf; mit großen Augen schaute sie im Freien um sich, – wie war die Welt so verwandelt, so groß, so weit, so einsam und öde! Mit Gewalt drängte sie die Tränen, die schon wieder kommen wollten, zurück, – sie gedachte der Reden Rosinens. – Noch war sie schwach, sie konnte nicht mehr an das Leben glauben, – aber liegen bleiben? – Nein! wenigstens vor den Leuten nicht, – sie wollte kein Mitleid! Zwischen duftenden Getreidefeldern, die ihre Ähren wie in demütiger Dankbarkeit beugten, unter tröpfelnden Obstbäumen schritten sie dahin; mit wehmütigem Lächeln sprach Bärble in sich hinein: »Es hat einmal geregnet g'ha't, Die Läubli tröpflen noch; Ich hab' einmal ein Schätzli g'ha't, Ich wollt', ich hätt' es noch!« Leise berichtete sie das Gespräch, das sie vernommen; Dorle ballte die Fäuste und verwünschte Fritz, Bernhard dagegen meinte: »Sei still, Dorle; der Fritz ist nicht wert, daß wir einen Atem an ihn verschwenden. Einen Trost für dich weiß ich nicht, Bärble! – Ach, guter Gott! Ich hab' solches End' ja lang vorausgesehen, und nun ist mir's doch selber, als könnt's nicht möglich sein. – Tröst' dich 119 der liebe Gott! – Vergiß nicht Gebet und Arbeit! – Besuch' meine Mutter, die kann dir mehr sagen!« Damit schieden Bernhard und Dorle von Bärble, die mit gesenktem Köpfchen auf dem Sulzdorfer Kirchsteig zwischen hochholmigen Getreidefeldern hinschritt. Und die Halme neigten ihre Häupter wie sie, aus den Spelzen der Ähren sanken Tropfen zur Erde, wie aus ihren Augen. Im Abendwind wogten die Halme, beugten sich zu ihr herüber und berührten mit ihren feuchten Spitzen ihre gefalteten Hände, als wollten sie sie trösten. Vor den Hecken der Dorfgärten kam ihr die Türkenbäurin mit dem Strickzeug entgegen. »Um Gottes willen, Bärble, wie siehst du aus, was ist dir begegnet?« rief die erschrockene Frau. »Und wo ist Fritz? – Was soll das bedeuten?« – Sie bekam keine Antwort, Bärble war in den Hecken verschwunden. 120   Ein stürmischer Tag und eine wilde Nacht Fritz verbrachte die Nacht nach dem Streit mit dem Grundmüllersjakob und nach seiner abermaligen Aussöhnung mit Bärble schlaflos. Trotz seines Leichtsinns erkannte er, daß sein bisheriges Leben nicht mehr dauern könne, und daß sich in Kürze sein zukünftiges Schicksal entscheiden müsse. Nicht die Mutter allein war es, die ihn so zum Nachdenken brachte, der Spott seiner Kameraden, die Demütigung durch den Grundmüllersjakob, die Tränen Bärbles, – das alles wirkte zusammen. Er mußte sich selbst gestehen, alle Klagen gegen ihn waren begründet, er war durchaus nicht, was er sein sollte und konnte, es tat not, daß er sich zusammennahm, das kindisch alberne Wesen ablegte. Der Schustersbernhard und der Grundmüllersjakob waren nicht älter als er, – aber was stellten die für Burschen vor! – Ja, es half nichts, – er mußte es auch so weit bringen wie die, – solche Schande wie heute, nein, die durfte nicht wieder über ihn kommen. Also von jetzt an besonnen und ernsthaft werden! – Das war der erste Entschluß. Nun handelt es sich um seine Zukunft. – Was die Mutter einmal sagte, das galt; was nun tun? Ihre Vorschläge waren nicht übel, machten ihn selbständig, gaben ihm Raum, sich zu rühren und es vorwärts zu bringen. Aber sie schnitten auch alle außerordentlichen 121 Glücksfälle ab; heiratete Gottfried doch, blieb er sein Lebtag ein Kleinbäuerle, im glücklichsten Falle trat er eben in die Fußstapfen seines Vaters, ward Türkenbauer, nicht weniger, nicht mehr. Mit der Hofkleinen dagegen war er ein gemachter Mann, der reichste landauf, landab; aber es war noch die Frage, ob ihn die Kleine auch wirklich nahm, – dem Wagnershannikel durfte man nicht allzuviel trauen – und wenn auch, war es wirklich ein so großes Glück? Er kannte die Hofkleine; sie war ein stolzes, herrschsüchtiges Ding, dabei leichtfertig und vielleicht noch leichtsinniger als er selber. War das eine Frau für ihn? Zudem war der Vater der Hofkleinen noch sehr jung und seit einem Jahre Witwer; wenn er wieder heiratete und Kinder bekam, dann war es mit der Herrlichkeit der Hofkleinen aus, da alles Vermögen von ihm herstammte. Obendrein konnte seine Mutter die Hofkleine nicht leiden. – Je länger er sann, desto zweifelhafter ward er, ob er das Glück wirklich in Schottendorf finden würde; und nun begann er auch zu überlegen, – womit freilich jeder andere den Anfang würde gemacht haben, – ob er überhaupt eine andere als das Veitenbärble heiraten dürfe und könne! – Er begann Bärble mit der Hofkleinen, mit anderen reichen Mädchen zu vergleichen, – ja, da war keine, die ihr nur von ferne das Wasser reichte, schon in äußerlichen Dingen, und nun gar erst noch ihr freundliches Wesen; ihre Sanftmut, ihre Güte! – Fritz ward es warm im Herzen, sein Blut kam in Wallung. Ja, es gab nur ein Bärble auf der ganzen Welt, – und sie war ihm gut von Herzensgrund, was brauchte er noch auf weiteres Glück zu hoffen, konnte es ein größeres geben? Indem er sich seine Zukunft mit ihr ausmalte, mußte er sich unwillkürlich fragen: wie würde 122 ich leben ohne sie? Der Stich, der ihm durchs Herz ging, wenn er sich Bärble als die Frau des Grundmüllersjakob, sich selbst als den Mann der Hofkleinen dachte, sagte ihm wie lieb ihm das Mädchen sei, wie er sie nie, nie würde vergessen können. Sittliche Bedenken kamen bei den Erwägungen des Türkenfritz demnach nicht ins Spiel; was ihn bestimmte, waren zum Teil äußere Gründe, besonders aber, zu seiner Ehre sei es gesagt, das mit besonderer Frische und Lebhaftigkeit erwachte Gefühl seiner Liebe. Noch nie vielleicht war ihm die Größe seiner Neigung so klar bewußt geworden, als in der Stille dieser Nacht, dazu kam noch eine gesteigerte Empfindung seiner Untüchtigkeit nach allen Seiten, – doppelt mußte es ihn rühren, daß das schöne, brave Mädchen dennoch mit so unwandelbarer Treue an ihm hing, seinetwegen den Grundmüllersjakob, mit dem er sich in keinem Stücke vergleichen konnte, der ihm selbst im Vermögen ziemlich gleichstand, abwies. Fritz empfand sogar etwas wie Scham, daß er so oft in Gedanken das Mädchen bloß um des Geldes willen verließ, – genug, Fritz war auf dem Wege gründlicher Selbsterkenntnis und machte einen ernsthaften Anfang zur Umkehr. Was ihm den Entschluß, den Vorschlag der Mutter in allen Stücken anzunehmen und sich weder vom Vater noch vom Wagnershannikel beirren zu lassen, noch erleichterte, war die Überlegung: Wenn der Grundmüllersjakob um das Veitenbärble herumgeht, so ist das Beweis mehr für ihre Tüchtigkeit, denn der Jakob weiß wohl, was er tut! Wenn der sich aber getraut, mit dem Bärble glücklich zu werden, warum nicht auch ich? – Das überwand die letzten Bedenklichkeiten, und als er erst einmal mit sich einig war, erstaunte Fritz selber über die Freudigkeit, 123 die Ruhe und die Zufriedenheit, die über ihn kam. Eine warme Empfindung von Glück und Sicherheit erwachte in seinem Herzen, er faltete die Hände in der Luft und flüsterte lächelnd: »Bärble – mein lieb's, gut's Bärble!« Und: »Bärble – mein Bärble!« war sein erstes Wort, als er am Morgen erwachte. Der Türkenhenner lachte tückisch, die Bäurin wußte sich vor frohem Erstaunen gar nicht fassen, und Gottfried schüttelte Fritz treuherzig die Hand, als dieser nach dem Frühstück aus freien Stücken erklärte: Er habe sich die Sache überlegt und sei in allen Stücken mit der Mutter einverstanden, – auf Petri wolle er das Bärble freien und den hintern Hof pachtweis' übernehmen. Nur solle die Sach' vorläufig noch verschwiegen bleiben; wenn alles in Ordnung, dann solle das Bärble erst drum erfahren, zu größerer Überraschung und Freude. Der Zusatz gefiel freilich weder Gottfried noch der Mutter, aber Fritz war so herzlich, blickte so aufrichtig drein, – warum sollte man ihm diese Kleinigkeit versagen? Fritz nahm sich nun wirklich zusammen, war ernst und besonnen, tüchtig an der Arbeit, freundlich besonders gegen Mutter und Bruder; – seine Kameraden, vorab der Wagnershannikel, schüttelten die Köpfe, aber im Veiten- und Türkenhaus waren drei Menschen unbeschreiblich glücklich. »Wenn's nur Bestand hat!« warnte Dorle. »Es ist gar so unglaublich, daß der Fritz im Handumdrehen solch ein Ausbund geworden sein soll. Klärt sich der Himmel gar so plötzlich, ist nicht zu trauen, da lauert gewiß was dahinter, und das Wetter wird schlimmer denn zuvor. Freu' dich nicht zu sehr!« Aber Fritz hielt sich wacker; zwei Wochen waren 124 vergangen, und nicht ein dummer Streich war von ihm ausgegangen; die Dienstboten begannen ihn mit andern Augen anzusehen, die Mutter ward täglich freundlicher, und Bärble machte aus ihrem Stolz auf Fritz kein Hehl. Aber gerade dieser rasche Erfolg war für Fritz Gift; zunächst erwachte sein Eigendünkel: hatte er sich's nicht täglich vorgesagt, die Bergheimer wissen gar nicht, was ich für Einer bin? Der alte Hochmut war da, ehe er sich's versah, und nun kamen auch die übrigen leichtfertigen, selbstsüchtigen Gedanken, zuerst verhüllt, bald aber nackt und bloß hervor. In diesen Tagen reiste der Grundmüllersjakob nach Amerika und befreite ihn von einer heimlichen aber drückenden Sorge. Fritz atmete auf, nun war er allein Hahn im Korb. Den Wagnershannikel nahm er wieder in Gnaden an und fiel ganz in sein zerstreutes Wesen zurück. Danach auf der Hochzeit des Beckenjörg mit der Dammsbrücker Luxrosine, einer reichen Hofbauerntochter, erwachte seine Liebe zum Reichtum, zu Glanz und Prunk stärker denn je. Alle guten Vorsätze waren vergessen. Sollte er dem Beckenjörg nachstehen? Mit Kühen zu Feld fahren, während der mit Gäulen daherkam? Sich Tag für Tag, jahraus, jahrein schinden und plagen, während der den Herrn spielte, keinen Finger krumm machte und doch im Schlaf reicher ward? Fritz rannte wie verrückt in den Wald und raufte sich die Haare, – warum mußte er sich so dumm vergaffen, warum wenigstens konnte er das Mädchen nicht los werden, da sie nun einmal seinem Glück im Weg stand? – Der Wagnershannikel hatte gewonnen Spiel, als er ihm am Sonntag früh einen Gruß von der Schottendorfer Hofkleinen ausrichtete und hinzusetzte, die Hofkleine sei ganz in ihn vernarrt und erwarte ihn 125 bestimmt nachmittags auf dem Vogelschießen. Es hätte der spöttischen Bemerkung Henners nicht bedurft, Fritz dachte trotz seines erst gestern Abend gegebenen Versprechens nicht daran, Bärble aufs Vogelschießen zu begleiten; sie fand wohl noch einmal den Weg allein, – er wollte sich wenigstens vorläufig noch den Rücken frei halten. Und so waren er und der Wagnershannikel ziemlich die ersten, die Schottendorf erreichten. Dort paßten sie in einem nahegelegenen Wirtshaus auf die Hofkleine und schlossen sich ihr auf dem Weg zum Schießplatz an. Die prächtig gekleidete, in Gold und Silber funkelnde Hofkleine nahm Fritz freundlich auf und ließ sich seine Begleitung gern gefallen; oft ertappte er sie auf heimlich prüfenden Blicken, und jedesmal stieg ihm das Blut zu Kopf. Fritz geriet in eine Art Taumel; das Rauschen der Seide, das Blitzen der Ketten verwirrte ihm die Sinne. Solch prächtige Frau, die allein paßte ja für ihn, den Türkenfritz, – und das war ein Fingerzeig des Schicksals, daß ihm die Hofkleine fast in die Hände lief. Sie war ja freilich kein Bärble, du lieber Himmel! – Aber er wollte Reichtum und Glanz, beides fand er hier. »In's Teufelsnamen auch,« knirschte Fritz in sich hinein, »heut' noch muß 's gleich mit der Hofkleinen fertig und fest werden! Ich kann dem Bärble nicht helfen, warum ist sie solch arm's Schluckerle! Ein jeder ist seines Glückes Schmied!« Es schien aber wirklich, als habe die Hofkleine extra auf den Türkenfritz gewartet, um sich ihm samt ihrem Reichtum an den Hals zu werfen. Das wilde, ausgelassene Ding war nicht wieder zu erkennen, so sittsam schritt sie neben Fritz her; über seine Artigkeiten lachte sie wohl, aber sie belohnte ihn mit manchem freundlichen 126 Blick, und die scherzend ausgesprochenen Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit ließen zu deutlich die Absicht durchschimmern, Fritz neue Gelegenheit zu erfreulichen Verheißungen zu geben, als daß sie hätte erschrecken können. Das heitere Spiel des Versteckens und Sichfindenlassens begann Fritz allmählich ernstlich zu erregen, seine Eitelkeit und Eigenliebe erwachte, und je gewisser er der Zuneigung der Hofkleinen zu sein glaubte, desto mehr trat das Bild Bärbles in den Hintergrund. Er gedachte ihrer nur noch mit einer gewissen Furcht, – jeden Augenblick konnte sie ja vor ihm stehen, sein wahres Verhältnis zu ihr aufdecken, – und dann war alles verloren. Darum lockte er die Hofkleine in die etwas abseits gelegene Bierbude, – er ahnte nicht, daß gerade dort dem Veitenbärble kein Wort seines ernstlichen Heiratsantrags entgehen sollte. Schon das unpassende Gelächter machte Fritz stutzig, mehr noch die leichtfertige Art, mit der die Kleine jeder bestimmten Erklärung auswich. Wie reimte sich das zu ihrem vorigen, zutunlichen Wesen? Noch unterdrückte er jedes Mißtrauen; als er jedoch im Schützensaal, den er, um Bärble nicht zu begegnen, auf weitem Umweg durch den Wald erreichte, sie im vertrautesten Geplauder bei dem reichen Bundorfer Schloßgustav stehen, ja zum Tanz antreten sah, runzelte sich seine Stirn. Beim nächsten Tanz gehörte sie zwar ihm, aber sie achtete dabei so wenig auf seine Reden, lachte so spöttisch, als er seinen Antrag wiederholte, warf andren Burschen so vielsagende Blicke zu, daß es Fritz heiß und kalt überlief. Er hatte nicht Zeit, seinem Unmut Luft zu machen; vorn in der Saalecke stand Bernhard, also war das Bärble auch nicht weit, – das hatte nur noch gefehlt! Um einer verfrühten 127 Entdeckung vorzubeugen, suchte er selber Bernhard auf, – seine letzten Worte trafen ihn wie ein Schlag auf den Kopf. – Das Bärble war hier, wußte vielleicht alles, – und die Hofkleine trieb ihren Spott mit ihm! – Da tanzte sie wieder mit dem Schloßgustav vorbei, und welche verliebten Blicke sie ihm zuwarf, – genau so, wie vorhin ihm selber! Fritz wirbelte der Kopf, auf einen Zug stürzte er ein Seidel Bier hinab, dann suchte er die Hofkleine, zog sie in eine Ecke und knirschte: »Was soll das bedeuten? Was hast mit dem Schloßgustav?« »Und was hast du danach zu fragen?« »Kreuz, Hagel! Komm' mir auch so! Wenn du ihn noch einmal anlachst, schlag' ich ihm und dir alle Knochen entzwei!« »Ha, ha, ha! Du! – Du siehst mir danach aus! Laß los, was zerrst du an mir? – Laß los, sag' ich, ich will tanzen!« »Holla! – Dageblieben! – Was ist das für 'ne Manier? Schäm' dich, so ein Flunkerle zu machen. Und ich leid's nicht! Hast du eingewilligt, mein Schatz zu sein, mußt du dich auch danach betragen!« »Was hätt' ich? – Dein Schatz? – Ha, ha! – O du spinnenbeiniger Hanskasper, du! – Ha, ha, ha, – ich erstick'! – Dein Schatz, – ich? – Nein, so was ist gänzlich unerhört!« »Daß dich der Geier! Also da will's 'naus? – Aber oha, du Schnepperle, dasmal bist an den Unrechten 'kommen! Du g'hörst mein, verstehst mich? Und lachst du noch 'nen andern an, ich hab's gesagt, alle Knochen schlag' ich ihm und dir zusammen!« »Ich gehör' dein? – Geh', laß dich begraben, du 128 Strohsack! – Merkst denn nicht, daß mir's nur um einen Spaß zu tun war? Holderido, Fritzle!« lachte sie und schlug ihm ein Schnippchen. »So sperr doch 's Maul nicht auf, als wolltest du mich fressen! – Spaß muß sein auf der Welt! Such' dir dein Schluckerle wieder, für dich gibt's keine Hofkleine!« Damit riß sie sich los. Eben öffnete sich drüben über Schottendorf der Himmel, das ganze Gebirge stand in Flammen, und der krachende Donnerschlag, der das Haus in seinen Grundfesten erbeben machte, übertönte das Gelächter der Umstehenden. Eine grenzenlose Verwirrung entstand im dunkeln Saal, die Musik brach ab, die Tänzer stoben auseinander. – »Es hat eingeschlagen!« schrien einzelne Stimmen, andere jammerten: »Gott sei uns gnädig, wir sind alle des Todes!« Von draußen drängten bestürzte Gesichter rücksichtslos in den Saal, der bald zum Erdrücken gefüllt war, und immer noch drückten mehr nach. Jammerrufe, Wutschreie wurden laut. Ungeduldige vermehrten die Verwirrung. Dazu zuckten die Blitze und klirrten die Fenster vom dröhnenden Donner ununterbrochen. Jetzt wälzte sich eine graue Wolke wie ein riesiges Gespenst vom Gebirge herab über Schottendorf heran, – im Saal ward es Nacht, draußen brüllte der Sturm durch die Eichen und Buchen, klappernd und rauschend strömte der Regen an Wänden und Fenstern herab. Fritz stand wie betäubt, das kam alles so schnell, er konnte sich nicht fassen, des Gedankens nicht erwehren: das ist die Strafe für deine Schlechtigkeit! Plötzlich fuhr er zusammen, – wo war Bärble? – Vergessen hatte er die Hofkleine, vergessen die Kränkung, die sie ihm angetan, er dachte nur an die Gefahr, in der Bärble schwebte, hatte sie kein 129 Obdach erreicht. Er stellte sich auf die Fußspitzen, aber bei der Dunkelheit konnte er kaum die nächsten Gesichter erkennen; als er versuchte, sich nach dem Ausgang durchzudrängen, ward er drohend zur Ruhe verwiesen. So stand er, unfähig ein Glied zu regen, vor Aufregung und Angst schwitzend, und mußte geduldig das Ende des Wetters abwarten. Fritz kam eine wahre Wut an über die Hofkleine, den Wagnershannikel, zuletzt über sich selbst. Zum Glück dauerte das Wetter nicht lange; kaum ließ der Regen nach, drängten die Eingeschlossenen, die fast erstickten, ins Freie; Fritz war einer der ersten mit, die den Ausgang gewannen. Was nun? – Auf dem Platz sah es wild aus; viele Buden waren eingestürzt, in andren hatte der Regen die Waren verdorben, heulend jammerten die Besitzer über ihre Verluste. Unter Bretterhaufen hervor, aus dem Wald krochen Unglückliche, die kein Haus mehr hatten erreichen können; triefnaß, mit ruinierten Kleidern, verwünschten sie das Vogelschießen, während andere, glücklichere, sie verlachten. Großer Gott! – Und wie sahen erst die Anzüge der feinen Stadtdamen aus! – – Fritz achtete darauf nicht, er dachte nur an Bärble. Trotz des Schmutzes überall rannte er auf dem Festplatz, suchte, rief, – vergeblich. Ins Schießhaus zurückgekehrt, hatte sich unterdes die Menge verlaufen und Fritz fiel es jetzt ein, daß er die Ausgehenden zuerst hätte mustern sollen. Wenn Bärble, wie wahrscheinlich, doch im Schießhaus das Wetter abwartete, – jetzt war sie gewiß schon weit fort auf dem Heimweg. Noch haderte er mit sich selbst, als eine Gestalt auf ihn loskam, die er im ersten Augenblick gar nicht erkannte, so viel Spuren des Schottendorfer Erdbodens trug sie zur Schau. Trotz seines Elends mußte er lachen und 130 schrie: »Ha, Tausendsapperment, – bist's wirklich, Hannikel? Na, – du mußt das beste Eckele grad' g'funden haben!« »Hol' dich der Geier! Brauchst auch noch zu lachen, du dummer Hansgackel, du!« fluchte Hannikel in übelster Laune und hielt seine triefenden Arme weit ab vom Leib. »Hilf lieber ein Wasserloch suchen und wasch mich, daß ich wieder einem Menschen gleich seh'!« Fritz sah die Notwendigkeit ein, führte Hannikel an einen Wassergraben in der Nähe und gab sich alle Mühe, ihn von seinen Anhängseln zu befreien. »Du siehst aber wirklich sündlich aus!« meinte er dabei. »Was hast nur gemacht?« »Gemacht? – Hätt' bald was g'sagt! – Such' ich dir vorhin die Eckenlisbet, tut's auf einmal einen Donnerschlag, – brrr! – Hören und Sehen ist mir vergangen. Wie ich wieder zu mir komm', ist der Platz leer und alles rennt aufs Schießhaus los. Ihr Narren, denk' ich, das kann man bequemer haben, 's wird ja nicht so arg werden, und kriech in das Kasperletheater, das grad' in der Näh' stand. Kaum war ich drin, Herr meines Lebens, kommt dir ein Wind, und, bums, lieg' ich mit dem Kasten längslang im Dreck! Ich will natürlich wieder 'raus, bleib' aber in den Docken und Figuren, die alle über mich 'nein fallen, stecken, und muß richtig aushalten, bis das Wetter vorbei ist, – den Zustand vergess' ich mein Lebtag nicht! Ich denk' zuerst, die Lappen, die um das Gestell hängen, werden wenigstens den Dreck abhalten, – ja, prost Mahlzeit! Wie ich mich doch endlich 'rausarbeit', kriegt mich so ein Spielerskerl beim Kragen und verlangt Schadenersatz; da ich aufbegehr', hängen sich gleich drei – vier – von 131 der Bande an mich, – richtig, muß ich mich mit einem Taler loskaufen! – Der Geier hol' die Spielersbande! – – Brrr, – Donnerwetter! – Bist nicht bald fertig? Ich klappere vor Frost nur so zusammen! – Mach' voran, daß wir in eine warme Stube kommen! – Wie stehst mit der Hofkleinen, – ist's fertig?« »Fertig, bis aufs Schwärzen, und ich hätt' beinah' Lust, damit bei dir den Anfang zu machen!« schrie Fritz, dem bei dieser Frage all seine Not wieder einfiel. »Du erbärmlicher Maulmacher, am ganzen Elend bist du schuld! – Das Bärble weiß den ganzen Kram, die guckt mich nimmer an!« »Ha, potz Michel, meine Katz'! – Desto besser! Sei froh' brauchst ihr nicht erst den Abschied zu geben, – alle zwei kannst du doch nicht behalten!« »Alle zwei? – Willst mich auch noch hänseln? – Nichts ist's mit der Hofkleinen, – zum Narren hat sie mich gehabt, zum Gespött der Leute gemacht! – Herrgott, wenn ich dran denk', dreht sich alles in mir!« »Red'st du im Ernst?« rief der Wagnershannikel und schüttelte Fritz am Jackenflügel. »'s ist ja rein unmöglich! Und wie seid ihr auseinander 'kommen?« »Wie ich vorhin in den Saal 'nein komm, tanzt sie schon mit dem Schloßgustav von Bundorf drüben und äugelt auf ihn, 's ist eine Schand'! – Wie ich sie nachher darüber zur Red' setz' und mir das ernstlich verbitt' – –« »So? – Dacht' ich doch, es würde auf eine Dummheit deinerseits hinauslaufen!« unterbrach ihn Hannikel zornig und stampfte, ohne den Schmutz zu beachten, mit dem Fuß. »Kommt man einem Mädle, wie der Hofkleinen, so? – Sei nur still, ich weiß jetzt gleich alles. Du bist auf 132 sie eingefahren, und das hat sie sich nicht gefallen lassen, drauf bist du grob 'worden, und sie auch, drauf du noch gröber, wie's so deine Art ist, daß du mit Knitteln unter die Sperlinge wirfst, wenn du sie fangen willst, – das ist ihr ins Näsle g'fahren, sie hat geheult, – und aus war's! – Ist's nicht so?« »Was mich betrifft, wird's schon zutreffen«, entgegnete Fritz kleinlaut, »aber bei der Kleinen war's anders, ganz anders!« »Anders? – Möcht' ich auch wissen! – Und wie denn?« »Ja, grob war die Hofkleine auch, sackgrob! Aber geheult hat sie nicht, konträr – –« »Nun? – was konträr?« »Gelacht hat sie, – grad' 'naus gelacht!« »O du Zipfel! Und du sagst, 's wär aus? – Merkst du denn nicht, was das bedeutet? Wenn sie gelacht hat, das ist ja lauter Lieb'!« »Dafür dank ich«, knurrte Fritz, erst halb gläubig. »Das leichtfertige Ding! Vor allen Leuten hat sie gesagt: Spaß wär's gewesen, für mich gäb's keine Hofkleine«. »Und was sollte sie sagen, nachdem du ihr so rund 'kommen bist? Dich noch loben, – he? – Jetzt mach' mir keine Geschichten! Die Hofkleine hat dich gern, sell ist gewiß, und hast du sie gekränkt, mußt du ihr das erste gute Wort gönnen. Zum Kuckuck auch, willst du ihr verbieten, andre Leute anzugucken? Willst du ihr jetzt schon jedes Vergnügen abschneiden? – Nichts da! Jetzt gehen wir nach Schottendorf, daß ich mich ordentlich trocknen und reinigen kann, – und nachts auf dem Rathausball wird die Sache ins Gleiche gebracht.« 133 Fritz machte zwar noch Einwendungen, aber Hannikel hörte nicht darauf; zuletzt steckte seine Zuversicht auch ihn an. Eine Stimme sprach zwar in ihm: Geh' heim und versöhne dich mit dem Bärble, vielleicht ist's noch nicht zu spät, – aber er unterdrückte sie. Hatte ihn Bärble wirklich beobachtet, so half ihm kein Bitten, kein Versprechen, dafür kannte er sie, – und es war ja auch gut, kam es zum Bruch, wenn sich die Hofkleine doch noch belehren ließ. Hatte aber Bernhard die Sache übertrieben, war Bärble vielleicht gar nicht auf dem Vogelschießen gewesen, dann brachte er sie wieder herum, dafür war ihm nicht bange. Auf alle Fälle konnte es nicht schaden, blieb er auch die Nacht noch in Schottendorf. Es dunkelte eben, als Fritz mit dem getrockneten und gereinigten Wagnershannikel die Treppen zu dem neuen Rathaussaal emporstieg. Da der Himmel noch immer gewitterte und die Lust auf dem Schießplatz gründlich zerstörte, war der weite Saal schon dicht gefüllt; eben begann der Ball, und Fritz machte den Hannikel voll Ingrimm auf die Hofkleine aufmerksam, die schon wieder mit dem Schloßgustav vorbeitanzte. Das freudestrahlende Gesicht der Kleinen, die zärtlichen Blicke auf den Gustav wollten selbst dem Hannikel durchaus nicht gefallen; fluchend brummte er: »Das sind faule Geschichten; ich glaub' beinah' selber, das flattrige Ding hat sich ihren Spaß mit uns gemacht!« »Siehst du?« sagte Fritz, als sei Hannikel der Betrogene, nicht er. »Aber einerlei!« raffte sich Hannikel zusammen. »Du probierst's noch einmal, – ist's nichts, – nu, so war's eben ein Spaß! Der Hofkleinen wegen bleibst du immer 134 der Türkenfritz, wir finden schon noch eine schwerere, die für dich paßt.« »Solchen Spaß hol' der Geier!« brummte Fritz kleinlaut. »Und du bist an der ganzen Geschichte schuld. Hätt'st du mich nicht beschwätzt, mit keinem Atem hätt' ich an die Hofkleine gedacht. – Jetzt wär ich mit dem Bärble ein Herz und eine Seel'. – Herr! – Ich könnt' dich gleich auf dem Fleck zerkrümmeln!« »So, ist das dein Dank?« fuhr Hannikel auf, dem es bei dem Stand der Dinge gar nicht wohl zu Mut war, und der darauf sann, mit guter Art von Fritz loszukommmen. »So, so! – Aber ich will mir das aufs künftige hinter die Ohren schreiben. So! Hast du die Kehr verfahren, sollen andere einstehen! – Dank schön! Friß aus, was du dir eingebrockt! – Ich werd' mich ein andermal besinnen, eh' ich dir einen Gefallen tu'!« – Fort war er. Fritz blickte erschrocken um sich; sollte er ihm nach? – oder heim? – oder noch einmal sein Glück bei der Hofkleinen versuchen? Fritz kraute sich die Haare; nach kurzem Besinnen ging er entschlossen zur Hofkleinen und forderte sie zum Tanz auf. »Einmal tu' ich's, er ist jetzt grad' nicht da, und das muß er sich schon gefallen lassen, – nachher aber geh' mir aus dem Weg, ich rat' dir Gutes! – Komm!« lachte sie. Fritz riß die Augen auf, hätte die Kleine hebräisch gesprochen, es hätte ihm nicht unverständlicher sein können; aber das Mädchen selber half ihm auf die rechte Spur. »Ich bin dir's schuldig, daß ich ein vernünftig Wort mit dir red', du hast mir einen argen Gefallen getan heut', und ich hab' dich gar zu schlecht behandelt. Guck an! – Ich und der Schloßgustav 135 sind lange schon einig, aber um einer Geringigkeit willen trotzt er mit mir seit vierzehn Tagen. Wart', dich krieg' ich, hab' ich gedacht, durch Eifersucht mach' ich dich zahm! Kommt mir der Hannikel, der mir die Ohren von dir vollschwätzt, grad' gelegen, – du warst mir der rechte Bursch. Ich tu' denn auch, als wär' ich arg in dich vernarrt, trag' ihm Grüß' auf und bestell' dich auf heut' Nachmittag. Und 's gelingt über Erwarten! – Du gehst in die Falle, und der Schloßgustav fällt auch 'nein, – ha, ha, ha! Aber nun tu' mir den Gefallen und geh' mir aus dem Weg, je weiter, je besser. Der Schloßgustav nimmt die Sach' ernster, als mir selber lieb ist, – sei auf der Hut! – Es war schlecht von mir, ich seh's selber ein; verzeih' mir die Dummheit, ich wußt' mir nicht anders zu helfen, und du hast dich auch gar zu gutmütig zu allem hergeben. Ein andermal sei gescheiter!« Fritz wirbelte der Kopf, er merkte nicht, daß seine Tänzerin verschwunden war; erst als ihn eine zornige Stimme anschrie, kam er zur Besinnung. Vor ihm stand der Schloßgustav zornrot; drohend schüttelte er die Faust und schrie: »Meinst, man kennt dich nicht, du Schwänzlesschwänzler? – Wofern du dir beikommen läßt und guckst die Hofkleine mit einem Blick an, bist du geliefert!« »Ho, ho, du Bundorfer Großmaul!« schrie Fritz dagegen, der die ganze Welt hätte prügeln können. »Aus dem Weg, sag' ich! Um deinetwillen tu' ich zehnmal, was ich will. Grad' tanz' ich mit der Hofkleinen!« »Und ich sag' dir, ich leid's nicht! Du hast dich schon allzu viel um sie 'rumgetrieben, – dank' Gott, daß ich dir das hingehen lasse!« Fritz sah sich plötzlich von Bundorfern umringt, – was 136 konnte er allein gegen die Übermacht ausrichten? Wütend begab er sich auf den Rückzug, nicht aber ohne den Bundorfern mit der Rache der Bergheimer gedroht zu haben, was diese freilich nur mit höhnischem Gelächter aufnahmen. Zitternd vor Wut stand Fritz in einer Ecke ganz verlassen und allein, und als er sein Unglück so überlegte, hätte er rasend werden können. Die Hofkleine hatte ihn schnöde mißbraucht und betrogen, der Wagnershannikel treulos verlassen, ungerächt mußte er sich von den Bundorfern beschimpfen und bedrohen lassen, hielt die Hofkleine nicht reinen Mund, ward er vollends zum Gespött aller losen Zungen. – Vor allem aber war das Bärble gewiß bös, und diesmal ernstlich! – Fritz wußte nicht, sollte er Streit beginnen, seinen Zorn zu kühlen, oder heulen, dem Jammer Luft zu machen, der ihm fast das Herz abdrückte. Lange schwankte er, bis endlich Zorn und Jammer in ein wehmütiges Selbstbedauern umschlug und ihn auf andere Gedanken brachte. Er war nun einmal ein Pechvogel, alles schlug ihm fehl; immer mußte er sich zum Sündenbock für andere hergeben, – es war sein Schicksal, unrecht zu leiden. Warum sich nun gleich das Leben abfressen? War's Bärble nun einmal hin, da half alles Jammern nichts; die Hofkleine aber verdiente nicht, daß er, der Türkenfritz, sich ein graues Haar um sie wachsen ließ, er fand wohl noch eine bessere, reichere, schönere! Freilich, das Bärble, – das Bärble! – Ein Bärble fand er nicht wieder! – Der Bock begann ihn wieder zu stoßen! – Aber, was da, was dort! Zum Seufzen ist morgen auch noch Zeit! Ist's ihm auch heute schlecht gegangen, er bleibt doch der Türkenfritz, und kommt erst seine Zeit, – 137 Hergott von Bentheim! – kommt erst seine Zeit! – Die Hofkleine soll's noch bereuen, daß sie ihn so schnöd' hat ablaufen lassen, und das Bärble, – trotzt sie auch eine Zeit, auf die Dauer kann sie ihm gewiß nicht widerstehen! Ganz beruhigte ihn dieser Trost freilich nicht, heimliche Sorge, ein heimliches Weh ward er nicht los. Aber es gab ja auch noch andere Trostmittel. Dem Schicksal zum Trotz wollte er sich nun gerade noch einen »Jux« machen! Er trat an den Schenktisch, die Getränke begannen bald zu wirken, nicht alle Mädchen waren so spröde und gefährlich als die Hofkleine, wie toll und rasend flog er durch die Reihen. Ein Schwarm lustiger Gesellen sammelte sich um ihn, Fritz fühlte sich in seinem Element, den wilden Tag beschloß eine wilde Nacht! 138   Folgen Es dämmerte stark, als Fritz todmüde, mit wüstem Kopf und jener Empfindung trostloser Öde und Leere in und um sich, die allzu geräuschvollen Nächten auf dem Fuße zu folgen pflegt, schläfrig in seine Kammer trat und nur daran dachte, möglichst rasch in sein Bett zu kommen. Er bemerkte nicht, daß Gottfried, schon völlig angekleidet, eben die Kammer verlassen wollte. Heftig fuhr er zusammen, als ihm Gottfried die Hand auf die Schulter legte und sagte: »Oha, Fritz! Die Schlafenszeit ist vorbei! Vorwärts, zieh' dich an, es geht in den Stall!« »Ach, du bist wohl närrisch?« entgegnete Fritz gähnend. »Eben hat's zwei geschlagen! Leg' dich und laß mich in Ruh'!« »Nichts! Der Regen muß benützt werden. Zieh' dich nur an und füttre die Ochsen, ich mache derweil die Pflüg' zurecht, dann geht's auf die Brachfelder.« »Warum nicht gar! – Tu', was du magst, ich will schlafen.« »Du mußt mit, – jetzt geht der Pflug im aufgeweichten Boden, wer weiß, was wieder für eine Dürre einfällt.« »Zum Ackern ist am Tag auch Zeit, – zum Kuckuck, ich muß schlafen!« »Am Tag gibt's mehr zu tun, abgesehen davon, daß 139 es in der Hitze Menschen und Vieh am Pflug nicht aushalten. – Nur mit!« »Potz Kuckuck, nein! Jetzt sag' ich ernstlich: Laß mich in Frieden!« »Ich streit' mich nicht mit dir! Merk auf: ziehst du dich nicht im Augenblick an und tust deine Schuldigkeit, reg' ich auch keinen Finger mehr. Seit Jahren hast du alle Vergnügen mitgemacht, während ich daheim sitzen mußte, und war dir dann der Kopf wüst, hab' ich samt meinem kranken Körper noch deinen Anteil aufgearbeitet. Ich tat's gern und wartete nicht auf Dank, – das ist vorbei! Hast du das Vergnügen gehabt, laß dir auch die Arbeit gefallen. Ich bin ein kränklicher Mensch und will mich schonen, jetzt kannst du einen Teil meiner Arbeit auf dich nehmen. – Du lachst? – Bist du nicht zu rechter Zeit im Stall, sag' ich der Mutter, daß eine Änderung eintreten muß, so oder so! – Danach richt' dich!« »Da soll doch auch gleich!« fluchte Fritz, als Gottfried die Kammer verlassen hatte. »Das ist einmal wieder ein herrlicher Anfang. Was mag dem Gottfried über die Leber gelaufen sein? So hat er noch keinmal geredet!« Knurrend ging er hinab in den Stall, aber er ward bald still und vollständig wach. Der sanfte stille Gottfried war wie umgewandelt; finster, wortkarg verrichtete er seine Arbeit, die schwerste stets Fritz überlassend; dabei waren seine Augen überall, kein Versehen, nicht die geringste Lässigkeit entging ihm, und er rügte das mit solch bitterem Hohn, daß Fritz aus der Haut fahren wollte. Stellte sich Fritz zur Wehre, so kam er erst schlimm an, mit Verachtung im Blick und Ton erklärte Gottfried dann kurz: »Nur zu, Fritz! Unterwirfst du dich von dieser Stund' an 140 nicht allen meinen Anordnungen, geh' ich zur Mutter! – Brauchst dir von mir nichts gefallen zu lassen, gar nichts, natürlich, – ich will aber auch nicht mehr dein Lastesel sein!« Vor solcher Bestimmtheit verstummte Fritz. Ein wundervoller Morgen dämmerte herauf. Der Himmel war so klar, als habe niemals ein Wölkchen seine Bläue getrübt, die Erde leuchtete im frischesten Grün und aus dem aufgebrochenen Feld stieg ein kräftiger, erquicklicher Erdgeruch empor. Aber beide Brüder merkten nichts von dieser Herrlichkeit oder achteten wenigstens nicht darauf. Auf dem bleichen Gesicht Gottfrieds lagen die Schatten tiefen Kummers und geheimen Wehs, Fritz hatte alle Aufmerksamkeit nötig, dem strengen Bruder genug zu tun, daneben quälte ihn physischer und moralischer Katzenjammer. Als es im Dorf vier Uhr schlug, hielt Gottfried seine Ochsen an und bedeutete Fritz, es ebenso zu machen, dann setzte er sich behaglich zwischen seine Pflugsterzen, teilte mit Fritz ein mitgebrachtes Frühstück und sagte ernst: »Fritz, Fritz! wo soll's noch hinaus mit dir?« »Ha, Donnerwetter, was ist das nun wieder? Was hast nur?« »Schämst du dich nicht solcher Aufführung?« Fritz war dunkelrot, nahm sich jedoch zusammen und rief: »Was muß ich wieder verbrochen haben?« »Verstell' dich nicht, wir wissen alles!« entgegnete Gottfried ruhig und sah starr vor sich nieder. »Gestern nach dem Gewitter gingen die Mutter und ich durch die Flur, da begegnete uns im Sülzdorfer Kirchsteig das Bärble – mich hat sie nicht gemerkt – gerechter Gott, wie sah das Mädle aus, nicht anders, als sei sie eben vom Sarg aufgestiegen! Abends berichteten nachher die Mägde deinen 141 Umgang mit der Hofkleinen, – da war uns alles klar. Die Mutter ist außer sich, wie du dir denken kannst, und du darfst dich auf einen Sturm gefaßt machen!« Fritz quoll der Bissen im Mund, es war ihm zu Mut. als sei ihm ein Sturz eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen worden, – das war ja schlimmer als schlimm. Gottfried, der unterdessen angelegentlich sein Taschenmesser geputzt, fuhr leise fort: »Ich mache dir keine Vorwürfe, das steht mir nicht zu; aber lässest du das Bärble sitzen und freist die Hofkleine, dann wird's nötig, daß wir uns auseinandersetzen, denn mit solch einer Schwägerin mag ich nicht zusammenleben. Ich hatt's gut mit dir vor, schlägst du aber meinen Rat so in den Wind, tust du mir jetzt schon alles zuwider, wie könnt' ich mich einmal, wenn's mit mir schlimmer werden sollt', auf dich verlassen? Du nötigst mich, daß ich nun auch auf meinen Vorteil seh' und mich, was mein Erbteil betrifft, sicher stell'! Du Narr! Was hilft dir die Hofkleine oder sonst eine Reiche, wenn ich dich bei der Güterübernahme oder der Erbteilung in die Höhe treib'?« »Oha!« schrie Fritz. »Da wird dir der Vater in Zeiten einen Riegel vorschieben!« Ein bitteres Lächeln flog über Gottfrieds Gesicht. »Ist das deine Hoffnung, bist du betrogen. Merk's einstweilen: das Hauptvermögen kommt von der Mutter; will dir der Vater den Türkenhof in die Hände spielen, muß er ihr erst alles Eingebrachte 'rauszahlen, und dann wird sie sorgen, daß auch mir mein Recht wird. Leuchtet dir das ein?« – »Schon gut!« keuchte Fritz, der große Tropfen schwitzte. »Jetzt will ich sorgen, daß der Vater beizeiten eure Praktiken zunichte macht!« 142 »Ist unnötig, das hat die Mutter schon lange im Amt festmachen lassen, und der Vater mußt's unterschreiben!« »Das wäre der Teufel!« fuhr Fritz auf. »Aber noch hast du mich nicht. Biet' nur recht auf die Güter! Wenn ich nun dann den Stiel umkehr' und sag': behalt' die Güter selber um den Preis, – was nachher?« »Meinst, ich kann sie nicht nehmen, wegen meiner Kränklichkeit? – O, vielleicht werd' ich stärker und gesünder, – im schlimmsten Fall verkauf' ich sie wieder. Ich komm' nicht zu Schaden, darauf verlaß dich! – Fritz,« fuhr Gottfried weich fort, als dieser den Kopf hängen ließ, »du hast's Bärble gern, und sie dich, besinn' dich, laß dich nicht durch den Reichtum verlocken, ist's Zeit noch, kehr' um. Du hast dem Bärble einen Floh ins Ohr gesetzt, ihr Versprechungen gemacht, – sei jetzt ehrlich, mach' das arme Ding nicht unglücklich!« »Ho, ho, du nimmst dich ihrer arg an. Liegt dir so gar viel an dem Bärble? – Hast's vielleicht selber gern?« »Und wenn's wär', was kümmert's dich? – Sie hat dich gern, nicht mich! – Brauchst nicht so dumm zu lachen, ich leugne 's nicht, ich möcht' das Mädle glücklich sehen. Also merk' dir: kannst du mit guter Art von der Hofkleinen zurück, besinn' dich nicht, söhn' dich mit dem Bärble aus und mach' die Sach' fertig, ihretwillen will ich deine unbrüderlichen Reden vergessen, und du sollst dich nicht über mich beklagen. Bleibst du aber auf deinen hoffärtigen Gedanken, dann weißt du auch, wessen du dich von mir zu versehen hast. – So, jetzt an die Arbeit!« Betroffen, in tiefster Seele erregt, kehrte Fritz zu seinem Pflug zurück, und wie auf seinem Gesicht Röte und Blässe, so wechselten in seinem Gemüt die widerstreitendsten 143 Empfindungen, Zorn und Scham mit Reue, Ärger und Angst. Zuletzt blieben aber Reue und Angst allein im Herzen zurück, richteten sich da häuslich ein und warfen jede eigensüchtige, hochmütige, entschuldigende Regung unbarmherzig vor die Tür. Bis in die Lippen bleich schirrte er endlich seine Pferde aus und schritt zagend hinter Gottfried dem Elternhaus zu. Dort mußte der Sturm schon losgegangen sein; man hörte die Bäurin eifrig reden, der Henner trippelte hastig in der Stube umher und rief von Zeit zu Zeit: »Holla, holla, Alte! Wer ist Herr, ich oder du?« Plötzlich lachte er tückisch auf: »Holla, holla! Du hast's noch lang nicht bei vier Zipfeln!« und schmetterte die Stubentür hinter sich zu. Eben, als er den Hof verließ, bogen die Brüder von der Straße dahin ab. Bei Fritz blieb er einen Augenblick stehen, klopfte ihm auf die Achsel und flüsterte ihm ins Ohr: »Hast's nicht schlecht angefangen! Potz Christoph von Nordheim! So lob' ich dich, hast doch gezeigt, daß du einen Tropfen Türkenblut im Leib' hast! Bleib' nur dabei, laß dich nicht breitschlagen, die da drinnen frißt dich nicht!« Fritz schüttelte die Hand des Vaters ab und sah ihm zornig und verachtend nach. So hatte er's von jeher getrieben; zu allen schlechten Streichen munterte er ihn auf, war aber der Karren verfahren, ließ er ihn ruhig in der Patsche sitzen oder half redlich mit auf ihn losdonnern. Meinte es der Vater gut oder trieb er mit ihm sein boshaftes Spiel so gut als mit den andern? Diese Frage kam Fritz nicht zum erstenmal, nur war er stets leichtsinnig darüber weggegangen; heute jedoch empörte ihn dieses hinterlistige, feige Hetzen, er begann einzusehen, daß er dem Vater weder vertrauen könne noch dürfe. 144 Damit war ihm auch der letzte Rückhalt genommen, und als ihn nach dem Frühstück die Mutter ins Kaffenetle winkte, war er so zerbrochen, so reuevoll und demütig – am liebsten hätte er die Hand der Mutter ergreifen und sie bitten mögen: »Verzeiht, helft! Ich seh's jetzt, was ich an Euch habe!« Aber Furcht, verkehrtes Mißtrauen hielt ihn ab, das Wort zu sprechen, das seine Mutter so glücklich gemacht haben würde; mit heißer Liebe im Herzen saßen sich die beiden, die sich so nahe standen, fremd und kalt gegenüber, quälten und ängsteten sich ab. O, warum wird so selten zu rechter Zeit das rechte Wort gesprochen? Ohne von dem Strickzeug aufzublicken, begann die Bäurin endlich mit einem tiefen Seufzer: »Wie weit bist du mit der Hofkleinen?« Fritz hatte Vorwürfe, Schelte erwartet und sich dagegen gerüstet. Diese Frage brachte ihn außer Fassung. Wußte die Mutter bereits alles und wollte ihn nur demütigen, oder verlangte sie in der Tat Aufschluß? Er wußte sich nicht zu helfen, dunkelrot im Gesicht schlug er die Augen zu Boden. Als die Antwort ausblieb, blickte die Mutter auf. Das Strickzeug sank in ihren Schoß, Tränen kamen in ihre Augen bei den Worten: »Also auch das noch?« Fritz war ganz bestürzt, der Jammer der Mutter, die Ahnung, warum sie weinte, brachten ihn in eine ihm selbst noch unbekannte Verlegenheit und Aufregung. Schelten, Zürnen und Drohen würde er ertragen haben, es war ihm ja nichts Ungewohntes; aber dieser stumme Schmerz drang ihm tief in die Seele. Leise sagte er: »Mutter, ach Gott im Himmel! Hört auf zu weinen! Macht mit mir, was Ihr wollt, nur hört auf zu weinen!« 145 Auch der Mutter waren das ungewohnte Töne, aber sie hielt an sich. Langsam die Tränen abtrocknend, fragte sie leise: »Ist's denn wahr mit der Hofkleinen? Und hat sie dir wirklich die Schand' angetan? – Gesteh's! – Hat sie dich ablaufen lassen? – öffentlich?« »Ich war wieder einmal Narr, ein dummer und ein schlechter Narr! – Mutter, dringt nicht in mich, ich bin geschlagen genug! Verzeiht mir nur dies eine Mal noch, verzeiht mir, habt wieder Vertrauen! Mutter, wenn Ihr so weint, wenn Ihr mich nichts mehr achtet, ist mir die ganze Welt verleidet. Ich gelob's Euch, Mutter, ich will mir ernstlich Müh' geben! – Mutter – guckt mich nur ein Linsele an! – –« Die Bäurin entzog Fritz ihre Hand nicht, aber ihre Augen blieben verhüllt; die aufwallende Mutterliebe, die so gern vergibt und glaubt, kämpfte mit dem Verstand, der verlangte: mache dem Reuigen die Prüfung nicht zu leicht, damit seine Umkehr Bestand hat! Leise fragte sie: »Und 's Bärble?« »Das ist's ja, Mutter, das ist ja das Elend!« rief Fritz, der ganz seinem besseren Gefühl folgte. »Euer Weinen, Mutter, das ist mir ins Herz 'nein 'gangen; jetzt versteh' ich's erst, wie ich mich verschimpft habe, da Ihr darüber weinen könnt! Ach Gott – wo hab' ich nur meine Gedanken gehabt! Und wenn Ihr schon weint – wie wird's erst das Bärble treiben? – Ich will mich nicht weiß brennen, Mutter, aber der Vater und der Wagnershannikel sind mit ihrem Geschwätz an allem schuld – freilich, ich hätt' auf Euch, nicht auf die hören sollen. Mutter, – verlaßt mich nicht, helft, bringt die Sach' ins gleiche! Ich selber getrau' mich schon nicht zum Bärble – und doch 146 ist's gewiß, ich kann nicht bestehen ohne das Mädle! – Mutter, zankt nicht, redet nichts, ich weiß alles. was Ihr sagen könnt, – Euer Weinen hat mir die Augen aufgetan – geht, wendet das Bärble um!« Das Mutterherz siegte, die Bäurin zog Fritz an sich, und er verbarg seinen Kopf in ihrem Schoß. »Geh' jetzt, Fritz, und Gott erhalt' dich in deinen Vorsätzen. Ich will mein möglichstes beim Bärble tun; du aber sag' deinem Gottfried auch ein freundlich Wort – einen besseren Freund hast du nicht auf der Welt – und bitt' ihn, daß er mit ins Veitenhaus geht und ein gut Wort für dich einlegt, ich fürcht', es wird nötig sein. Ich geh' gleich heut' nach dem Feierabend zum Bärble, halt' dich auch in der Näh'! Geh' jetzt, – ach, Fritz, um deinetwillen halt' endlich, endlich dein Versprechen!« Fritz wischte sich die Augen, als ihm Gottfried im Stall so treuherzig die Hand schüttelte und sagte: »Ich dank' dir, Fritz, du weißt nicht, wie ich mich oft nach einer freundlichen Rede von dir gesehnt hab'. – Es ist für mich nicht leicht, was du verlangst, aber ich tu's, ich geh' mit zum Bärble! Aber, Fritz, mach' sie glücklich – mach' sie glücklich!«   Bärble verbrachte die Nacht schlaflos; was in ihr vorging, was sie litt, welche Kämpfe sie zu überstehen hatte, wer vermöchte das zu sagen. Sie rang mannhaft! Nicht nur die Verzweiflung rang sie nieder, sie brachte es zur Entsagung. Sie liebte Fritz nicht weniger denn bisher, das Leid, das er ihr angetan, brachte sie nicht in Anrechnung, das war längst tausendfach vergeben, – gerade jetzt empfand sie: je mehr Leid, desto größer die Liebe! Aber 147 sie konnte nicht mehr an seine Liebe glauben, konnte ihn nicht mehr achten, und ohne Achtung von ihrer Seite, ohne Liebe seinerseits – wie war dann noch ein rechter Ehestand möglich? – Was sie alle Demütigungen, alle Kränkungen bisher hatte überwinden lassen, das war eben die unumstößliche Gewißheit gewesen, daß er sie dennoch wahrhaft liebe, daß sie ihm zu seinem Lebensglück unentbehrlich sei, und auf diesen Glauben gründete sich wieder die Zuversicht, daß sie ihn zu einem achtungswerten braven Mann umbilden werde. In dieser Gewißheit hatte sie den Grundmüllersjakob abgewiesen, hatte sie Fritz alle Kränkungen verziehen; sie schob alle Ungebühr seinem Leichtsinn zur Last; daß er sie wirklich verleugnen, im Ernst einem andern Mädchen Anträge stellen würde, hätte sie nie für möglich gehalten. Da es nun doch geschehen, war sie keinen Augenblick im Zweifel, daß ihre Wege sich trennen mußten. Mit Mißtrauen, mit Mißachtung im Herzen konnte sie dem Türkenfritz nichts mehr nützen, konnte ihm nicht mehr zurechthelfen, wenn sie ihn auch noch liebte. Sie wußte, daß die Hofkleine nur ihr Spiel mit ihm trieb, sie ahnte, daß er bald reuevoll zu ihr kommen und sie bestürmen werde – darauf rüstete sie sich in der Stille der Nacht. Und nicht umsonst! Mit Verwunderung betrachteten sie ihre Mutter und älteren Brüder. Sie erwarteten Jammer und Wehklage und hielten als Trostmittel den Bericht bereit, wie die Hofkleine Fritz habe ablaufen lassen. Wie erstaunten sie nun, als Bärble, zwar bleich und mit geröteten Augen, aber gefaßt, ruhig und freundlich herabkam und sich nicht nur ihre Erzählungen, sondern überhaupt jedes Gespräch über die gestrigen Vorfälle verbat. Kopfschüttelnd ließ 148 man endlich das »seltsame Mädle« gewähren, nur die Mutter schlich ihr nach, suchte ängstlich ihren Sinn zu erforschen, brachte aber auch nichts aus dem Mädchen heraus, als die Erklärung: »Ich werde tun, was ich denk', das recht ist!« Mehr als den eigenen Angehörigen fiel der Türkenbäurin, die abends, von Gottfried begleitet, durch die Gärten in den Veitenhof trat, die Veränderung des Mädchens auf. Das Gesicht hatte an seiner Rundung verloren, den kleinen Mund umspielte ein sanftschmerzlicher Zug, die sonst so fröhlich lachenden Augen blickten tief ernst, fast fragend in die Welt, ein feuchter Hauch verschleierte ihren früheren Glanz und kündeten ungeweinte Tränen. Was mußten das für Schmerzen gewesen sein, die in einer Nacht solche Veränderungen hervorbringen konnten! Alles um sich vergessend, aufgelöst in Mitleid und Liebe breitete die Bäurin die Arme aus, – mit einem Ausruf des Schmerzes und der Freude flog Bärble an ihr Herz, und ihre Tränen flossen zusammen. Gottfried war ein stiller Zeuge; wohl zuckte es in seinem Gesicht, der drangvolle Atem verkündete seine Bewegung, aber er hielt sich tapfer. Obgleich er vielleicht nicht weniger des Trostes bedurfte, als die Frauen, redete er ihnen freundlich zu, und seinen milden Worten gelang es, den Sturm der ersten, übermächtigen Erregung zu beschwichtigen. Es war auch Zeit, daß sie ihre Fassung fanden. Die Veitenbäurin bemerkte eben den »seltsamen Zuspruch«, der gleich ehrenvoll wie glückverheißend war; mit viel schönen Reden begrüßte sie die Bäurin und Gottfried und nötigte sie in die Stube. Das arme Mädchen! Auf einen heißen Kampf hatte sie 149 sich bereitet, auf solchen Sturm war sie doch nicht gerüstet. Zwar flammte heftiger Unwille in ihr auf, als sie Fritz auf einer neuen Falschheit ertappte, und auch Gottfried und seine Mutter wechselten die Farbe, als sie von Bärble erfuhren, durch welche gemeinen Lügen er das Mädchen hinzuhalten gesucht hatte, da er ihr vorredete, auch seine Mutter wolle nichts von ihm wissen; zwar regte der Machtspruch des Vaters, womit er der albernen »Ziererei« der Tochter ein Ende zu machen gedachte, ihr ganzes Wesen zum trotzigsten Widerstand auf, – aber den Tränen der Mutter, die sie auf das Unglück in ihrer Familie, auf den verlumpten Bruder, dessen Heimkunft täglich zu erwarten stand, verwies, und sie mit gerungenen Händen beschwor, ihr das nicht anzutun, den Bitten der Türkenbäurin, die ihr so eindringlich vorstellte, wie auf sie die letzte Hoffnung ihres Alters gerichtet gewesen, und wie Fritz, wenn sie auf ihrem Nein beharre, ein verlorener Mensch sei, den ernsten ruhigen Worten Gottfrieds konnte sie auf die Dauer doch nicht widerstehen, sie ward ängstlich, verlegen, schwankend. »O Gott im Himmel!« rief sie und rang die Hände. »Was macht ihr mit mir? Laßt ab, quält mich nicht, macht das Elend nicht noch größer, als es ohnedies ist! – Gott weiß, wie's in meinem Herzen aussieht, aber ich kann nicht, ich kann und darf nicht!« »Du siehst zu schwarz, Bärble!« sagte die Türkenbäurin und hielt die Hände des Mädchens fest. »Er hat dich ja doch gern von Grund seines Herzens! Ach, Bärble, hättest du gesehen, wie er heute um dich jammerte, wie er in mich drang, ein gutes Wort für ihn bei dir einzulegen, wie er so gänzlich umgewandelt war, – du könntest nicht so trotzig auf deiner Weigerung bestehen!« 150 »Ach, Bäurin, Ihr wißt nicht, wie oft ich mir durch sein Jammern und Bitten hab' das Herz weich machen lassen! Ich kenn' seine guten Wort' mit'nander! – Das ist's ja, ich kann ihm nimmer glauben, nimmer trauen, und wenn er noch so schön tut; er hat mich zu oft betrogen!« »So probier's nur noch ein einzig's Mal mit ihm!« bat die Bäurin. »Ach Gott, Kind, ich kann nimmer reden, das Elend stößt mir 's Herz ab. Du nimmst die Schand', die er dir angetan, zu groß an!« »Nein, Bäurin!« rief Bärble. »Um die Schande, die er mir angetan, handelt sich's gar nicht, die hab' ich lang verschmerzt. Aber daß er sich so wegwirft, daß er sich so verunehrt, darüber komm' ich nicht weg!« »So willst du mich ohne Trost fortlassen? Mädle – du hast ihn doch nicht wahrhaft gern, sonst könntest du nicht so widerstehen!« »Gott verzeih' Euch, Bäurin! Wie's in mir aussieht, das weiß nur ich, – könnt' ich Fritz vergessen, o, dann wär' ja alles gut! – Seht mich nicht so bestürzt an, Bäurin. Glaubt mir, ich hab' Fritz noch grad' so gern, wie – wie vorher. Aber ich trau' ihm nimmer, ich glaub' nimmer, daß er mich aufrichtig gern hat, – das ist's, das ganz allein, was uns scheidet!« »Ich versteh' dich, Bärble, und acht' dich darum nur um so mehr!« sagte Gottfried weich. »Soll ich's grad' 'raus sagen, wie du's meinst? – 's ist nicht allein, daß du dem Fritz nicht mehr vertraust, – du bist irr' geworden, ob du überhaupt zu seinem Glück nötig bist, ob du was dazu helfen kannst, und ob er mit einer andern nicht besser fahren würde! – Ist's nicht so? – Du gut's Herz, 151 du, aus lauter Lieb' bist auf einen ganz verkehrten Weg geraten! Glaub' mir, Bärble, – du weißt, lieber biß ich mir die Zunge ab, eh' ich mit Wissen ein unwahr Wort red'! – Glaub' mir, der Fritz ist doch nicht so schlecht, als es das Ansehen hat; leichtsinnig ist er, Gott sei's geklagt, nur allzu viel, aber schlecht nicht! Bärble, am Fritz hat sich sein Vater schwer versündigt, und es ist ein Zeichen für seine gute Natur, daß er nicht ganz und gar ein Umschlag 'worden ist. Drum wir dürfen mit Fritz nicht so streng ins Gericht gehen, wir müssen in Geduld manches ertragen, – wir müssen darauf hinarbeiten, daß Fritz endlich zur Vernunft kommt, daß er das wird, was er selber sein möcht', daß er aufhört, sich selber Prügel zwischen die Bein' zu werfen und sich so zu Fall zu bringen! – – Ich seh', Bärble, du verstehst, was ich meine! – Nun überleg'! Kann ihn ein Mensch innerlich zurecht bringen, bist du's! – Schüttle den Kopf nicht; wenn ich je noch daran hätte zweifeln können, heut' ist mir's zur Gewißheit 'worden, – würd' ich's sonst sagen? – Also, Bärble, soll der Fritz so schwer dafür büßen, daß der Vater so unväterlich an ihm gehandelt hat? Ist das nicht schon Unglücks genug? Soll er dafür auch noch so hart gestraft werden?« »Gottfried, hör' auf, – laß ab! – Du machst mich ganz verwirrt!« klagte Bärble. »O Gott im Himmel, ich kann dir nicht widersprechen, – und doch, – und doch, – ich spür's, ich kann, ich darf seine Frau nicht werden!« »Wenn du den Fritz nicht dennoch von Herzen lieb hättest, wollt' ich kein Wort mehr sagen,« entgegnete Gottfried, »aber so wär's unrecht, wollt' ich stillschweigen. Er hat schlecht an dir gehandelt, hat dich belogen, betrogen, 152 hat dich und sich beschimpft, – alles wahr! – und von da aus hast du recht, wenn du nichts mehr von ihm wissen willst, – aber vergiß nur nicht, daß in Fritz zwei Naturen sind, und daß es Leute gibt, die es darauf anlegen, das Schlechte obenauf zu bringen. – Ja, ja, Bärble, ich weiß, was das bedeuten will: Er hat nun gar der Hofkleinen einen ernstlichen Antrag gemacht! – Weißt du denn aber, ob es der Fritz bei der Hofkleinen ausgehalten hätte, wenn sie ihn angenommen? – Ich meine, das solltest du wohl überlegen! – Bärble, mach' ein End'! – Du hast ihn ja doch noch lieb, und er dich, dafür bürg' ich, Bärble! – Und eigentliche Schlechtigkeiten sind Fritz nicht vorzuwerfen. Was geschehen ist, vergißt sich mit der Zeit, aber die Lieb' wird bleiben; und ist der Fritz einmal ein rechter Mann durch dich, wirst du's uns danken, daß wir dich von deinem Willen abbrachten. – Bärble, draußen unter der Kastanie sitzt einer in Angst und Qual – willst du seinem Harm nicht ein Ende machen?« Dem neuen Tränensturm der Mütter, den Bitten und Ermahnungen der Ihrigen widerstand Bärble nicht länger. Leise zitternd sagte sie: »In Gottesnamen, – sei's denn! – Ich tu's nicht mit fröhlichem Herzen, – erwart' auch für mich weder Glück noch Freud'! Es war eben zu viel, was mir der Fritz gestern angetan. Vielleicht vergißt sich's wieder, ich will's hoffen, jetzt kann ich's noch nicht! – Ich sag' noch einmal: ich tu's nicht mit fröhlichem Herzen, mir ist's, als wär's besser gewesen, hätt' ich auf meinen Willen bestanden! Aber würd' der Fritz ohne mich unglücklich, verkäm' er vielleicht gar, – wie sollt' ich das Leben ertragen, nachdem Ihr solche Verantwortung auf mich gelegt? – Mutter, ich tu' Euren Willen und auch 153 Euren, Bäurin; steht mir aber auch bei, helft mir tragen, wenn Unglück über mich kommt. Du, Gottfried, bist brav, – ach, wär' dein Bruder nur halb wie du! – Auf dich verlass' ich mich, Gottfried, ich weiß, an dir hab' ich einen Beistand allezeit – gelt? – – Von Freierei redet nichts, das hat Zeit; aber das verlang' ich, daß es jetzt angesehen wird und gilt, als wär' Verspruch geschehen!« Sie gab den Anwesenden der Reihe nach die Hand, – als sie sich nach Gottfried umsah, war er verschwunden. Langsam ging Bärble hinab in den Hof, immer war ihr, als riefe ihr jemand zu: »Kehr' um!« Als ihr Fritz laut jubelnd entgegenstürmte, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück, mit einem Schauer empfand sie, daß ihr Glück unwiederbringlich verloren sei. Die Aussöhnung war bald geschlossen, Fritz war doppelt dankbar, da sie von gestern nichts hören wollte. Still litt sie seine Liebkosungen, als Erwiderung konnte sie nur weinen; Fritz ließ zuletzt auch den Kopf hängen und klagte: »Bärble – du hast mir doch noch nicht ganz vergeben!« »Vergeben von Herzensgrund, Fritz!« entgegnete Bärble leise. »Vergeben und vergessen! Laß mich nur, ich kann nicht anders! – Ach, Fritz, um das Beste und Schönste an unserer Lieb' hast du dich selber gebracht!« 154   Trübe Tage »Jetzt lob' ich dich!« sagte Dorle am nächsten Tage, da sie mit der Sichel in der Hand neben Bärble aufs Feld zum Kornschneiden ging. »Endlich hast du's einmal beim rechten End' gepackt! Halt nur jetzt fest und sei dem Fritz streng, dann kann dir's nicht fehlen. Ich gönn' dir dein Glück aus Herzensgrund!« »Mein Glück!« sagte Bärble leise. »Ist denn die Welt ganz verkehrt? – Auch du, Dorle, lobst mich und tust, als wär' alles gut? – Ist's wirklich dein Ernst?« »Nun hör' eines solche Reden! – Und warum soll's nicht mein Ernst sein?« »Weil ich von dir was anderes erwartete; ich hab' gemeint, du müßtest mich besser verstehen!« Bärble pflückte gedankenvoll eine rote Glitsche (Klatschmohn), und indem sie die seidenartigen Blätter durch die Finger gleiten ließ, fuhr sie fort: »Schüttle nur nicht den Kopf! Du siehst eben auch bloß aufs äußerliche und meinst, weil wir doch zusammenkommen, wär' alles gut! – – Ich werd' eine innerliche Angst nicht los, mir ist's, als hätt' ich groß Unrecht auf mich geladen, daß ich doch nachgeben hab'. – Ich hab' ja freilich den Fritz noch lieb wie vorher, – aber doch nimmer so wie damals, nimmer so fröhlich, so – so, – ach wenn ich's ausdrücken könnt', was mich quält! 155 Durch ein Feuer ging ich ihm, das Leben wollt' ich lassen für ihn mit Freuden, – aber heiraten, – mich schaudert's, wenn ich dran denk'!« »Nimm mir's nicht übel, Bärble, aber von all dem Getu' versteh' ich wieder einmal kein Dingle. Du bist und bleibst auch die verkehrte Welt! Wo du ihn zum Kuckuck hättest jagen sollen, hast du ihn gehätschelt; wo du dich endlich seiner erfreuen solltest, nun jammerst du und tust, als wär's wer weiß was für 'ne Sünd', daß du ihn heiraten sollst. Daraus werd' klug, wer kann!« »Und ich mein', grad das wär' so einfach! Wenn zwei heiraten, sollen sie sich nicht bloß lieb haben, sie sollen eins sein in allen Stücken. Das wird bei uns nie und nimmer! – Ich kann dem Fritz wohl alles Gut's und Lieb's antun, aber eine rechte Frau werd' ich ihm nicht. Ich getrau' mich nicht mehr, ganz frei vom Herzen weg mit ihm zu reden, ja, dir gesteh' ich's, ich fürcht' mich vor ihm! Und daraus kommt wieder die Angst, ich könnt' ihm zu viel oder zu wenig tun, – ich kann mich bei ihm nimmer auf mich selbst verlassen, – und grad' er braucht eine feste, resolute Frau! – Dorle – für mich wär's beste, ich wär' gestorben!« »O Herrgott, ist das 'ne Rederei! Wenn alle Leut' so difteln wollten, was würd' aus der Welt? Du deutest ja doch die Zukunft nicht aus, und allen Gedanken zum Trotz wird's doch, wie's werden soll! – Ist dir der Käs vom Brot gefallen, sei froh, daß du die Butter noch hast, am End' bist du noch himmeldankbar, bleibt dir's trockne Brot! – Es erzürnt mich: Du – keine rechte Frau! – Bleib' nur, wie du bist, halt' deinen Fritz kurz, bring's dahin, daß er vor einem krummen Blick von dir ins 156 Mausloch kriecht, – und 's ist alles gut! Muß denn dein Glück grad' nach deiner Elle zugemessen sein? – Sei kein Närrle! Halt' fest, was du hast, füg' dich in das, was kommt. So oder so, – du wirst deine Schuldigkeit überall tun, und mehr kann kein Mensch!« Bärble konnte dagegen nichts einwenden, sie mußte zugestehen, es lag eine Wahrheit in Dorles Worten, – aber Beruhigung brachte sie ihr nicht. Wie sie auch sann, sie konnte den Grund nicht finden, sie kam nicht über die Empfindung hinaus: das ist alles recht gut und schön, aber für mich eben paßt es nicht. Besser traf sie es bei der Schustersrosine, die sie in der Dämmerung aufsuchte und ihr unter den leise rauschenden Kirschbäumen ihr Leid klagte, wie sie sich verwirrt vorkomme, seit sie dem Dorle im Herzen recht geben müsse und doch keinen Trost finde. Rosine drückte ihre Hände fest in die ihrigen, sah lange hinauf zu den prächtig funkelnden Sternen und sagte dann: »Armes Ding, mußt's bald erfahren, daß es nicht einen Trost für alle und für alles gibt! Ja, du bist eben ein besonderes Gemüt, eines von denen, die zum Leiden, zum Tragen auf der Welt sind. Nicht so, als ob sie mehr Unglück träfe, als andere; aber was auch über sie kommt, es trifft sie mitten ins Herz, für sie gibt's gar keine Kleinigkeit, und jedes Hindernis, das andere gar nicht beachten und ihm aus dem Wege gehen, laden sie sich lieber auf, müßten sie sich auch damit durchs ganze Leben schleppen, nur damit die Bahn rein und frei wird. Tröst' dich, Bärble, es sind das nicht die schlechtesten Menschen, sie sind auch ein Glück für die Welt, denn sie zeigen immer wieder, wie's eigentlich sein sollt', was doch so gar leicht vergessen wird. – Aber wer nun einmal so geartet ist, der soll auch 157 auf sich achten, daß der Trübsinn nicht über ihn Herr wird, – und das ist dein Fall, Bärble. Ich versteh' dich gar wohl! Du willst das Rechte so recht von Grund aus vollbringen, es soll alles sonnenklar und spiegelglatt verlaufen, und was du nun in dir nicht ganz zurecht legen und in Ordnung bringen kannst, das verwirrt und quält dich, du wirst ängstlich, verzagt und traust dir am Ende gar nichts mehr zu tun, aus Angst, es könne gefehlt sein! – Das ist aber kein rechtes Wesen, und darüber mußt du Herr werden! Wir sind nun einmal keine Engel und Heilige, und die Welt ist auch kein Paradies. Drum trage, was nicht zu ändern ist, grübele nicht über Dinge, die über deinen Verstand hinausliegen, – unser Herrgott hat sich eben auch was vorbehalten, und das mußt du ihm nicht abzwingen wollen. Tu' mit redlichem Sinn, was du vermagst, so wirst du vor Gott und der Welt bestehen. – Die Leute mögen sagen, was sie wollen, ich bin auch der Meinung, du hättest Fritz nicht wieder anhören sollen; denn mir will's nicht in den Kopf, daß ihr zusammenpaßt. Du hast's aber nun einmal getan, und deine Gründe sind nicht zu verwerfen, so führ's auch durch mit Freudigkeit. Die Sorgen wegen der Zukunft nützen so viel, als eine Latern' am Tag, gib sie auf. Bleib' brav allerwegen, so wirst du auch im Eh'stand mit dem Türkenfritz zurecht kommen. Sonst halt' nur was auf dich und laß nicht mit dir spielen; denn ist's auch nicht wahr, daß der Mensch ist, was er aus sich macht, so ist's doch leicht möglich, daß er's wird. – Drum unverzagt, Bärble, frisch und freudig, wie sichs für ein junges Mädle, das noch dazu halbe Braut ist, schickt. Denk' an den Spruch: einem fröhlichen Herzen schmecket alles wohl, was es isset!« 158 Das war freilich ein anderer Trost; er richtete Bärble mächtig auf, und was die Hauptsache war, er bewährte sich auf die Dauer. Die Angst, die innere Unruh' wich von Bärble; wenn auch nicht hoffend, doch wenigstens ohne Sorge blickte sie in die Zukunft. Aber ihre frühere Heiterkeit, ihr sicheres, frisches Wesen fand sie nicht wieder, sie blieb ernst, nachdenklich, zu einer trüben Auffassung des Lebens geneigt. Manche Unvollkommenheiten, die sie früher kaum beachtet, quälten und peinigten sie; ernsthaft drang sie auf Wahrhaftigkeit und Ehrbarkeit in allen Stücken, das schuf ihr viel Verdruß bei Eltern und Geschwistern, die, ohnedies durch die Rückkehr des verlumpten Bruders gereizt und verstimmt, ihre Mahnungen mit bitteren Worten vergalten. So ward Bärble auch im Elternhaus fremd; je einsamer sie sich fühlte, desto mehr zog sie sich in sich selbst zurück, selbst mit Dorle kam sie seltener zusammen, nur der Schustersrosine öffnete sie ihr ganzes Herz, nur bei ihr ward ihr wahrhaft wohl. In eigentümlicher Weise gestaltete sich ihr Verhältnis zu Fritz. Ihr Umgang war warm, zärtlich, dennoch fehlte ihm die rechte Herzlichkeit und Innigkeit; Bärble konnte sich nicht mehr mit ganzer Seele hingeben, bei jeder Zusammenkunft mußte sie erst eine gewisse ängstliche Scheu überwinden, an seiner Liebesglut mußte erst die Eisrinde ihres Herzens wegschmelzen. – Dann brach freilich ihre Liebe desto stürmischer hervor, aber diese leidenschaftlichen Ausbrüche erschreckten mehr durch ihre verzehrende Glut, als daß sie erquickten und erfreuten. Fritz war dieses Wesen vollständig unbegreiflich, es machte ihm viel Sorge, manchmal wollte ihn auch Unmut beschleichen, – aber er hielt mannhaft an sich; er fühlte, daß er mit Geduld tragen 159 müsse, was er selbst verschuldet, und daß es an ihm liege, Bärble innerlich zurechtzuhelfen durch Nachsicht und immer gleiche Freundlichkeit. Auch nach einer andern Seite war Bärble vollständig verändert. Sie klagte nie mehr, wie sonst; eine ihr selbst unbegreifliche Scheu, fast Furcht, hielt sie ab, in früherer Weise auf Fritz einzuwirken, sie wagte weder zu tadeln, noch zu mahnen, sie hatte nicht nur das Vertrauen auf sich und ihre Worte verloren, sie ward auch die Empfindung nicht los, als habe sie kein Recht mehr zu solcher Einwirkung auf Fritz. Fritz war ihr eben fremd geworden, es stand etwas zwischen ihr und ihm, das nicht weichen wollte. Aber gerade ihre demütige Unterwerfung, ihr stilles Ertragen machte Fritz Pein, viel lieber hätte er sie zanken und schelten gehört, da er wohl wußte, daß er es nur zu oft verdiente. Einmal sagte er: »Bärble, ich weiß nicht, was mit dir ist, du bist gar nimmer das alte Mädle! Bist du krank, oder hast du noch immer einen Zorn auf mich?« Bärble fuhr erschrocken zusammen, schlang ihre Arme um seinen Hals und schluchzte: »Hab' Geduld, Fritz, ich kann noch nicht anders! – Hab' Geduld und sei gut, Fritz, recht gut und freundlich; ich bin so schreckhaft jetzt und um ein unfreundlich Wort könnt' ich mich zu Tod' grämen. Hab' Geduld, – ich werd' auch schon wieder anders!« Und so schien es auch. Die Art, wie sich Fritz zusammennahm, wie er nur noch für sie lebte, ihr alles tat, was er ihr nur an den Augen absehen konnte, blieb nicht ohne wohltätigen Einfluß auf ihr krankes Gemüt. Allmählich erschien ihr die Zukunft nicht mehr so dunkel; wenn auch nicht auf großes Glück, so doch auf ein zufriedenes, 160 erträgliches Leben glaubte sie hoffen zu dürfen. Der schmerzliche Zug um ihren Mund verschwand, dann und wann konnte sie wohl leise lächeln bei den Späßen ihrer Kameradinnen, ja eines Abends stimmte sie sogar leise in den Gesang der Mädchen ein. Dorle war überglücklich, und Fritz wußte sich vor Freude kaum zu lassen. Aber Fritz war ein Mensch, der das Glück nicht ertragen konnte; kaum war er Bärbles wegen beruhigt, so erwachte auch sein alter Leichtsinn, er ward wieder ausgelassen, übermütig, selbstzufrieden, eitel! Mit tiefem Schmerz sah Bärble, wie ihre Hoffnungen verfrüht waren, aber sie nahm sich zusammen und schwieg; sie sah ein neues Unheil heraufziehen, fühlte sich machtlos, es abzuwenden und ergab sich still in das Unvermeidliche. Brachte nicht einmal das letzte Zerwürfnis Fritz zur Vernunft, war ihm auch das noch keine Lehre, – dann mußten sie über kurz oder lang doch scheiden, je eher es zum Bruch kam, desto besser. Fritz klagte oft, daß Bärble sich so still in alles füge, gar nicht mehr tue, als habe sie einen eigenen Willen, und dennoch, als sie einmal wagte, ihre eigene Meinung auszusprechen, als sie ihn herzlich bat, seinen Vorsatz aufzugeben, ward er mürrisch, seine Erwiderung klang rauh, er warf ihr vor, sie gönne ihm kein Vergnügen. Verstimmt, ohne ihr das gewünschte Versprechen gegeben zu haben, ging er von ihr. Bärble sah ihm mit Tränen nach, drückte die Hände aufs Herz und betete um Kraft für die schweren Stunden, denen sie entgegenging. Fritz schritt mit gemischten Empfindungen die stille Gasse vom Herrenhof hinauf ins Dorf; fast hätte die Reue den Unmut überwogen, als ihm der Wagnershannikel 161 entgegen kam mit der Nachricht, die Burschen warteten schon lange auf ihn, er solle eilen, daß er ins Wirtshaus komme. Fritz lehnte ab, er habe sich anders besonnen und trete zurück. Einen Augenblick sah ihn Hannikel verdutzt an, dann lachte er höhnisch: »Ach freilich, du kommst vom Bärble! – Die hat dich ja schon herrlich gezogen!« – Fritz fuhr auf: er sei sein eigener Herr und lasse sich von niemandem einreden, auch vom Hannikel nicht; ins Wirtshaus gehe er mit, aber Planbursch' Planbursche und Planjungfer oder Planmädle heißen die Jünglinge und Jungfrauen, die an der Kirmes die drei ersten Reihen um die Dorflinde tanzen. werde er nicht. Hannikel lachte hinter ihm drein, und richtig, Fritz war noch keine halbe Stunde im Wirtshaus, so saß er unter den jungen Leuten, die dabei waren, die Kirmse »anzutrinken« (die Bergheimer nennen die Sache beim rechten Namen!). – Ehe er selbst recht wußte, wie ihm geschehen war, stand sein Name in dem mit Kreide gezogenen Kreis auf dem Tisch – Bärbles Mahnen zum Trotz war er ein Planbursche! Wohl erschrak er am nächsten Morgen darüber, wäre gern zurückgetreten, aber er fürchtete den Spott des Wagnershannikel, und dann meinte er, es könne nicht allzu schwer halten, Bärbles Zustimmung nachträglich noch zu erlangen. Darin irrte er. Auf seine Mitteilung ließ Bärble den Kopf sinken und schwieg; – auf sein Drängen entgegnete sie: »Ich hab dir keine Vorschriften zu machen! Ich werde nicht dein Planmädle, da ist jedes Wort vergebens; ob es dir ansteht, so kurze Zeit vor der Hochzeit noch mit einer andern als deiner Hochzeiterin den Plan aufzuführen, mußt du selber wissen!« – Fritz war in großer Verlegenheit; er ahnte, daß Bärbles Worte mehr 162 enthielten, als sie aussprachen, und die zusammengepreßten Lippen des Mädchens kündeten unbeugsame Entschlossenheit. Nach vielen vergeblichen Bitten und Klagen verfiel er endlich auf den Ausweg, nicht selbst den Plan mit auszuführen, sondern den übrigen Planpaaren nur den Biergießer voranzutragen, ein Amt, welches allerdings gewöhnlich ältere, gesetztere Burschen versahen. Was blieb Bärble übrig? – Seufzend gab sie ihre Einwilligung, und der aufkeimende Zwist war beseitigt, wenigstens äußerlich; Fritz konnte seine Verstimmung nicht gänzlich bemeistern, im Stillen warf er Bärble vor, sie gönne ihm kein Vergnügen, wolle jetzt schon einen Hauspöpel und Weibermann aus ihm machen, und es war doppelt schlimm, daß er in einer schwachen Stunde seine Gedanken dem Wagnershannikel offenbarte. Bärble dagegen sah eintreffen, was sie von Anfang befürchtete; sie ward wieder bleich und still, und ihr gedrücktes Wesen, ihre scheue Zurückhaltung, anstatt ihn zur Besinnung zu bringen, verbitterte Fritz noch mehr. Heimlich rieb sich der Türkenhenner die Hände; jetzt begannen sich seine Erwartungen zu erfüllen. Er begann wieder Fritz die Ohren voll zu raunen: zu spät werde er einsehen, wie gut er's mit ihm im Sinne gehabt; jetzt schon komme es an den Tag, was die Weiber und der Druckser, der Gottfried, im Schilde führten und er werde noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wie ihn die Weiber in die Schraube nehmen würden! Daran reihten sich Schilderungen, wie er es hätte haben können, was er für ein Mann geworden wäre, hätte er sich an den Vater gehalten! Und diese Vorstellungen wirkten um so mehr, da auch der Hannikel aus derselben Tonart sang. Die Bäurin merkte von diesem Treiben nichts, 163 einmal nahm sich Fritz daheim zusammen, dann aber war er mürrisch, so hielt sie das für Reue, daß er sich mit den Planburschen eingelassen, – und Bärble klagte nicht. Nur Gottfried sah tiefer; aber er hatte einen Blick in Bärbles Herz getan, besser als Fritz verstand er, was in ihr vorging, – darum schwieg auch er. Es war am Vorabend der Kirmse, die Planburschen zogen mit den Musikanten durchs Dorf, die üblichen Ständchen den Planmädchen und angesehenen Familien zu bringen. Im Veitenhaus war es still, die Mutter und die jüngeren Geschwister schliefen, der Vater und die älteren Brüder saßen im Wirtshaus, so konnten die beiden Mädchen, die allein in der dunklen Stube waren, ungestört plaudern und auf die bald näher bald ferner klingende Musik und die sie begleitenden Juhuschreie hören. »Du versündigst dich, Bärble!« klagte Dorle. »Nimm an, wie's uns geht! Der Paulesnickel hat's dem Bernhard rund abgeschlagen, als er ihn an das Quartier erinnerte; nicht auf drei, geschweig' gar auf zehn Jahre verschreibe er ihm sein Häusle! Was fangen wir nun an? Mein Bernhard ist ganz desperat, und ich weiß auch oft nimmer, wo mir der Kopf steht!« »Und ist sonst niemand im Dorf,« fragte Bärble, »der sich eurer annähme?« »Geh' mir mit den Bergheimern!« rief Dorle zornig. »Das sind durch die Bank Dickköpf' und hartherzige Geldsäck'! Die Wenigen, die ja noch was für die Armut täten, können sich selber nicht helfen. – Ach Gott, ich möcht' manchmal die ganze Welt bei den Haaren kriegen! Wozu ist man brav und rechtschaffen, wozu plagt man sich und läßt sichs sauer werden, wenn man's doch zu nichts bringt? 164 – Geh' nur, Bärble, du weißt nicht, was dir fehlt! Ständ' ich in deinen Schuhen!« »Dann hättest du's Glück bei Haufen! – Aber was gedenkt ihr jetzt anzufangen?« »Weiß ich's? – Der Bernhard ist ganz wild, schimpft auf Bergheim und ganz Deutschland und will übers Wasser! – Ach du lieber Gott, muß's so kommen?« »Nu? – Und was ist weiter dabei? – Hast du nicht mit Freuden Ja und Amen dazu gesagt?« »Mädle! Bist du bei Trost? – Ich übers Wasser – in das Amerika? – Nein, nie und nimmer, eh' spring' ich da ins Wasser!« »Schäm' dich! Ist das 'ne Red' für ein ordentlich's Mädle? – Und was sagt deine Schwieger?« »Werd' eines klug aus der! Sie heult freilich auch, aber anstatt den Bernhard zur Vernunft zu bringen, bestärkt sie ihn noch in seinen verrückten Gedanken.« »Dorle, ich kenn' dich nicht wieder! – Was hast du gegen Amerika?« »Was? – So viel hundert Stunden übers Wasser, in ein Land, wo einen keine Seele kennt? – Du hast gut reden!« »Und was nützt dir's, daß dich in Bergheim jedes Kind kennt? Ist's nicht besser, unter wildfremden Menschen zu plagen, als sich unter Bekannten tagtäglich über ihre Hartherzigkeit erzürnen? Ich an deiner Stelle sagte kein Wort, ich wollt' froh sein, hätt' ich nur erst das Dorf im Rücken!« »Ist's dein Ernst?« »Warum nicht? Hast du nicht drüben in Amerika deinen Bernhard und deine Schwieger? Was brauchst du 165 mehr? – Dorle, nimm dich überhaupt zusammen! Einen bräveren, besonneneren Menschen wie den Bernhard gibt's nicht, was der will, darfst du getrost unterschreiben. Daß der in Amerika nicht verkommt, das ist sicher! Wer weiß, ob er nicht dort an seinem Platz ist.« »Aber die Sprach' drüben, – man versteht ja keinen Menschen! Und das ewige Geld für die Überfahrt! Unsere Ersparnisse gehen drauf, und wenn's umschlägt, – was nachher?« »Und wenn ihr in Bergheim heiratet, kann's nicht auch mißraten? Ich denk', in Amerika wirds Unglück nicht schwerer zu ertragen sein, als bei uns, und wegen der Sprach', – ihr seid nicht die einzigen Deutschen drüben!« »Ja, du hast eben gut reden!« klagte Dorle, doch merklich getröstet. »Hätt' ich solche Aussichten wie du, ich wollt' mich freilich nicht so absorgen und abquälen! Die Armut ist eben doch das größte Unglück auf der Welt!« »Und was hab' ich für Aussichten? Aber wir wollen still sein, darüber werden wir doch nicht einig. – Horch, die Musik kommt in unsern Hof! Ach, wär' die Kirmes vorbei, mir liegt's so schwer auf dem Herzen, als ständ' mir ein großes Unglück grad' in diesen Tagen bevor!« Dorles Entgegnung übertönte die Musik, die unter ihrem Fenster losschmetterte. Schon polterten und lärmten auch die Planburschen zur Tür herein, stellten ihre Laternen auf den Tisch, und Fritz, nicht mehr nüchtern, wollte Bärble stampfend und jubelnd zum Tanz ziehen. Aber Bärble riß sich los, flüchtete sich in eine Ecke und klagte weinend: »Schämst du dich nicht, mir in solchem Zustand unter die Augen zu kommen. – Geh', mir wär' grade wie tanzen!« Verblüfft stand Fritz vor der Zürnenden. Der 166 Wagnershannikel, der bei Dorle nicht besser angekommen war, lachte höhnisch: »Das sind ja ein paar zimpferliche Weiberleut'! Der Donner schlag' 'nein, sind wir euch nicht gut genug? – Na, ihr wäret mir die Rechten! Meinetwegen wartet, bis euch Prinzen abholen, vor mir habt ihr Ruh'! – Aber das sag' ich, wär' eine von euch mein Schatz, ich wollt's ihr zeigen, wie man mit Burschen umgeht! – Komm, Fritz, da haben wir nichts zu schaffen!« Unter höhnischem Lachen und nicht eben feinen Spottreden taumelten die Burschen hinaus, auch Fritz verließ ohne ein Wort des Abschieds das trostlose Bärble. Draußen schlug ihm Hannikel auf die Schulter: »Du dauerst mich, Fritz, du bist wahrlich ein geschlagener Mensch! Was, ein Bursch' wie du, muß sich so behandeln lassen? – Geh' heim, Fritzle, und leg' dich ins Bett; denn erfährt's das Päpele droben, daß du ein Linsele lustig, kriegst du morgen was abgekanzelt! Da bin ich doch ein anderer Kerl! Donnerwetter, so was sollt' sich meine Lisbeth 'rausnehmen!« Fritz glühte vor Zorn und Aufregung; erst knirschte er mit den Zähnen, dann brach er in ein wildes Gelächter aus: »Oha, ich bin der Türkenfritz, und so laß ich mir nicht kommen. Dem Jammerdingle da zum Trotz mach' ich mir nun erst recht meinen Jux! Und sie soll sich überhaupt vorsehen, noch hat sie mich nicht!« Das böse Wort war heraus. Wird es wirkungslos verhallen? Fritz, Fritz! Die Nacht hat Ohren, und gute Freunde sind nur allzu bereit, ein aufgefangenes Wort dahin zu leiten, wo es nie und nimmer bekannt werden sollte. 167   Entscheidung Fritz erwachte mit einem peinigenden Kopfschmerzen, und dieser unangenehme Mahner an den übertriebenen nächtlichen »Jux« war für Fritz doppelt quälend, da er eine dunkle Erinnerung an irgend einen dummen Streich erweckte, der dem Jux vorausgegangen sein mußte. Unmutig drehte er sich auf die andere Seite, aber der gewünschte Schlaf kam nicht, im gleichen Maße, wie der Kopfschmerz, wuchs seine Unruhe. – Plötzlich setzte er sich halb auf: Richtig, das war's. Angetrunken hatte er Bärble wahrscheinlich ein bischen allzu stürmisch zum Tanz gefordert und eine derbe Abfertigung erfahren, danach höhnte ihn der Wagnershannikel, und er schrie. – – Ein großes Licht ging Fritz auf, in voller Bestürzung fuhr er sich in die Haare; war's denn möglich, daß er so dumm, so sinnlos in den Tag hineinschwätzen konnte? Wenn's das Bärble erfuhr, – was nachher? – – Freilich, als er so sann, erwachte auch sein Unmut über Bärble wieder. Die Art, wie sie ihn abfertigte, noch dazu vor allen Planburschen, war nicht zu entschuldigen und bestätigte seinen Verdacht, sie gönne ihm kein Vergnügen und wolle sich jetzt schon eine Herrschaft über ihn anmaßen. Zu anderen Zeiten wäre wohl ihr Unmut über seinen nicht ganz ordnungsmäßigen Zustand begreiflich und natürlich 168 gewesen, er würde auch eine derbere Zurechtweisung nur gerecht gefunden haben, aber an der Kirmse ist nicht nur manches erlaubt, was sonst nicht gilt, ein Planbursch hat sogar die Verpflichtung, hie und da über die Stränge zu schlagen, um die allgemeine Fröhlichkeit zu erhöhen, die Lust nicht ausgehen zu lassen. Gewiß, ihm war schweres Unrecht geschehen, und noch dazu vor allen Kameraden! Das entschuldigte seine heftigen Worte nicht nur, es gab ihm auch das Recht, selbst einmal den Gekränkten zu spielen; diesmal mußte Bärble an ihn kommen, und bis das geschah, wer konnte es ihm verübeln, wenn er, um die Kränkung zu verschmerzen, sich auf alle Weise entschädigte und das Vergnügen der ledigen Burschen noch einmal gründlich genoß? Das Gefühl, unschuldig zu leiden, wuchs immer mehr; ihm schloß sich ein anderes an: die Empfindung der Sicherheit und Straflosigkeit. – Diesmal hatte er ja zu verzeihen, und Bärble durfte nicht mucken, selbst wenn etwas Ungehöriges vorkommen sollte! – Fritz war eben der Türkenfritz! Alle Lehren und Erfahrungen der letzten Zeit waren vergessen. – Der Vorfall gab ihm erwünschte Freiheit und, das war die Hauptsache, Bärble war ihm ja auf alle Fälle sicher genug! – So mit sich im Reinen, vergaß Fritz seinen Kopfschmerz und sprang mit dem festen Vorsatz aus dem Bett, wenigstens heute das Bärble zappeln zu lassen und noch einmal frank und frei der Türkenfritz zu sein. Bis Mittag hatte er mit den übrigen Planburschen alle Hände voll zu tun, den Plan unter der Dorflinde zu schmücken und Pfarre und Schule, Schulzenhaus und die Häuser der Planmädchen durch Kränze und Tannenbüsche auszuzeichnen. Als er zum Essen heimkehrte, stand ein 169 zierliches, sauber lackiertes Bernerwägelchen im Hof, und der Vater, der ihn unter der Haustür erwartet zu haben schien, flüsterte ihm heimlich zu: »Der Oberndorfer Mühlvetter mit seiner Großen ist da! – Sind bloß deinetwegen 'kommen! – Das ist ein ander Mädle, wie dein Schluckerle, potz Christoph von Nordheim! – Wärst du nicht dümmer, wie dumm – aber ich sag' nichts, ich gelt' ja doch nichts mehr bei dir, seit du deiner Alten gänzlich unterduckst! Aber das Mühlbäsle, – guck' sie nur an, – das gäb' eine Türkenbäurin, holla, holla! – Aber ich sag' nichts, kein Wort sag' ich!« Damit ging er an den Wagen und trug Decken und Sitzpolster ins Haus. Fritz war verblüfft und ward es noch mehr, als ihm bei seinem Eintritt das Mühlenbäsle entgegen tänzelte und ihn wortreich bewillkommnete, während der dicke Müller ächzend im Sessel sitzen blieb. Der Vater hatte nicht übertrieben, – das gab eine Türkenbäurin! An Pracht gab das Bäsle, Theres nannte sie der Vater, der Hofkleinen nichts nach, aber an Schönheit übertraf sie diese weit. Und dieses freundliche Wesen, diese »Redsprächigkeit!« – Die Worte quollen wie Wasser über die kirschroten Lippen, und wie sie beim Lachen die Zähne zu zeigen wußte! – Fritz war wie berauscht. Der Henner lächelte in seiner tückischen Weise und nickte dem Müller heimlich zu, Gottfried stand still am Fenster, und ein finsterer Schatten lag auf seinem Gesicht, auch die Bäurin ging ernster als gewöhnlich ab und zu. Als Fritz im vollen Putz nach Tisch ins Wirtshaus wollte, rief sie ihn in die Küche. »Ist das eine angestellte Geschichte mit dem Müller?« fragte sie, und da Fritz erstaunt dreinsah, fuhr sie fort: »Was bedeutet das Schöntun und 170 Äugeln mit der Theres? – Ich will's glauben, daß die Sach' allein von deinem Vater eingefädelt ist, – aber du, nimm dich in Acht! – Mir will schier das Herz zerbrechen, wenn ich an das arme, arme Mädle, das Bärble, denk'! – Aber ich seh', an dir ist Hopfen und Malz verloren, du bist einmal nicht zu bessern! Ich sag' dir nichts als: nimm dich in Acht! Mit meinem Willen kommt nur das Veitenbärble als Schnur ins Haus! – Machst du an ihr den Schlechten, machst du mich und deinen Gottfried bei ihr zu Lügnern, – dann geschieht, was ich dir am Sonntag in der Heuernt' sagte. So – nun tu' du nach deinem Willen, wir sind vorläufig fertig mit einander!« Das war ein böser Dämpfer; seine Freude war dahin, und ein drohender, finsterer Blick Gottfrieds machte ihn vollends kleinlaut. Doch hielt diese Stimmung nicht lange vor, im Kreise übermütiger Kameraden fand er bald sein Selbstgefühl wieder, und Hannikel, der die Mühltheres nicht genug rühmen konnte, schwätzte ihn in jenen Rausch, jenen Taumel hinein, der ihn stets blind und toll machte. Vergessen war Bärble, Mutter und Bruder, vergessen seine Liebe, vergessen alle früheren Torheiten und die ihnen folgende Reue. Er dachte nur noch an Glanz und Reichtum, Wohlleben und Überfluß. Er sah sich schon im Besitz, sah sich mit der »prächtigen« Frau neben sich, schnaubende, runde Pferde vor dem Wagen, stolz zu Markte fahren; dazu klang die Musik so lustig in seine Träume, und ein paar funkelnde Augen aus den Fenstern des Türkenhofes, die nur auf ihn blickten, leuchteten so glückverheißend hinein, – Fritz schwamm in einem Meere von Wonne. Tänzelnd und den schweren Gießer zierlich schwenkend, schritt er bei dem Umzug durchs Dorf den 171 Musikanten voraus, und seine Juhu übertönten alle anderen. Er ahnte nicht, dachte aber auch gar nicht daran, wie sein übermütiger Jubel dem bleichen Mädchen, das sich hinter dem Hollunderbusch im alten Schulzengarten verbarg und ihm so liebevoll nachblickte, in das Herz schnitt. War ihr auch die Ursache seines Glückes nicht bekannt, das wußte Bärble, daß es mit ihr in keiner Beziehung stand, und während alles um sie her, jung und alt, groß und klein, in fröhlicher Erwartung glühte, Blumen und bunte Seidenbänder im Sonnenschein glänzten, über der Dorflinde die alte Freiheitsfahne aus dem Jahre 1848, – deren Gelb längst in ein graues Weiß verblichen war, – in der blauen Luft flatterte, Musik und Jubelrufe durchs Dorf schallten, fühlte sich Bärble so einsam, so verlassen. Fritz war gestern im Zorn von ihr gegangen, heute hatte er sich noch nicht nach ihr umgesehen, und nun dieses übermütige Jauchzen. – Bärble ahnte, daß die Entscheidung ihres Schicksals noch schneller hereinbrechen werde, als sie befürchtet hatte. Jetzt kam der Zug mit allen Planpaaren das Dorf herab und ordneten sich auf dem Plan um die Dorflinde. Bärble hörte nichts von der Kirmespredigt, nichts von den Trinksprüchen der Planmädchen, ihr Auge haftete auf der schönen, stolzen Fremden, die dort dicht am Plan neben dem Türkenhenner stand, die Fritz im Vorbeiziehen mit lautem Juhu begrüßt und die ihm darauf so vertraulich, so zuversichtlich zugelächelt hatte. Sie preßte die Hand aufs Herz, das zu zerspringen drohte; obgleich sie vor Ungeduld fast verging, wagte sie doch nicht, Dorle nach der Fremden zu fragen, aus Furcht, das Beben ihrer 172 Stimme könne sie verraten. Die drei ersten Reihen, die nur die Planpaare tanzten, schienen kein Ende zu nehmen. – Bärbles Pulse flogen, sie zitterte leise, vor ihren Augen flirrte es. – Jetzt verließen Planburschen und Planmädchen den Plan, sich neue Tänzer zu suchen; Fritz steckte die weiße Schürze, die er als Gießerträger vorgebunden, auf, – wen wird er wählen? Noch steht er unentschlossen, er streicht sich die Haare aus der Stirn, – ach, sie hat ihm unrecht getan, er sucht sie mit den Blicken. – – Nein, die Blicke galten nicht ihr, stolz lächelnd geht er zur Fremden, – ja, er führt sie auf den Plan! – Bärble ward es dunkel vor den Augen, – ein wilder Schrei drängt sich auf ihre Lippen. Da trifft ein verwundertes Flüstern ihr Ohr, sie hört ihren Namen nennen, hört sie bedauern, – soll sie den Leuten die Freude machen und ihren Schmerz zeigen, soll sie sich öffentlich als die Betrogene bemitleiden lassen? – Nein, und wenn sie danach sterben muß, jetzt gilt es, aushalten; die Zähne zusammenbeißend, unter der Schürze die Hände ballend im grimmigsten Schmerz, steht Bärble und blickt unverwandt nach dem Plan, ja, sie zwingt sogar ein Lächeln auf die Lippen, als sie die übrigen Zuschauer lachen hört. So sieht sie drei lange, lange Reihen; als aber eine lustige Jagd der Planmädchen nach neuen Tänzern die Aufmerksamkeit der Umstehenden fesselt, huscht sie, selbst von Dorle nicht bemerkt, aus dem Gärtchen und wankt heim. Fritz überlegt: überging er das Bärble noch einmal, fiel es allzu sehr auf; es war allerdings fatal, sie an der Mühltheres vorüber auf den Plan zu führen, aber es mußte eben sein, ganz mit ihr zu brechen, kam ihm wenigstens vorläufig nicht in den Sinn. Daß er sein Bäsle zuerst 173 geholt, konnte sie ihm nicht verübeln, ohnedies war es leicht als Strafe für gestern darzustellen. Aber wo war Bärble? Niemand wollte sie gesehen haben, auch ihre Brüder nicht. – Was ist das? Treibt sie ihren gestrigen Trotz so weit? Fritz wußte wirklich nicht, sollte er sich ärgern oder freuen. – Bald überwog die Freude; schlau rechnete er: will sie ihren Kopf so gegen mich behaupten, darf sie sich auch nicht beklagen, bleib' ich auf meinem Sinn; nachlaufen tu' ich ihr einmal nicht und in meinem Vergnügen stören laß ich mich auch nicht! – Um sich dennoch auf alle Fälle den Rücken frei zu halten, tanzte er die nächsten drei Reihen nicht, dann aber setzte er keinen Tanz mehr aus, auch die Theres holte er nochmals auf den Plan. In seinem Übermut achtete er abends nicht auf das gedrückte Wesen der Mutter und Gottfrieds, er fühlte sich behaglich, wie der Hecht im Karpfenteich, und war fest entschlossen, dieses Vergnügen einmal bis zum Grund auszukosten, dann konnte man ja sehen, wie sich die Sachen weiter gestalteten. Im Haus litt es ihn nicht, lachend und scherzend kehrte er nach dem Abendessen mit dem Bäsle auf den Tanzboden zurück. »Willst du nicht einmal mit dem Fritz reden?« sagte die Türkenbäurin zu Gottfried, als der Henner mit dem Müller ebenfalls das Haus verlassen hatte. »Wozu?« entgegnete Gottfried traurig. »Solang' er im Rappel ist, hört und sieht er doch nicht, und dann, wie ich das Bärble kenn', wär's auch zu spät!« »Ach, warum muß ich das erleben?« schluchzte die Bäurin. »Ich hab' mich so darauf gefreut, das Bärble ins Haus zu bekommen! – Was nur in aller Welt den Fritz anficht? Die Theres reicht dem Bärble das Wasser 174 nicht, und wie's mit ihrem Vermögen steht, weiß erst kein Mensch. Mir ist auch gleich ein Stich durchs Herz 'gangen, wie ich sie anfahren sah! – Gottfried, ich kann mich nicht dreinfinden, daß nun alles aus sein soll, – ließ' sich nicht auf andere Weis' was tun?« »Wie meint Ihr das?« »Könnt' ich nicht mit dem Vetter, mit der Theres ernstlich reden?« »Laßt's sein, die Geschicht' ist einmal vom Vater eingefädelt, so macht keinen Lärm ins Haus. Das Bärble nimmt den Fritz so wie so nicht, drum mag er's mit der Theres versuchen. – – Mutter, was wird nun mit uns? Sollen wir zu der Niedertracht von Fritz auch wieder Ja und Amen sagen? Sollen wir zusehen, wie die jungen Leut' mit dem Vater ein großartiges Leben anfangen? Sollen wir uns geduldig in die Ecke schieben lassen? – Ich hab' das Leben satt, dick satt! Ich hab's gut mit Fritz gemeint, hab's ihm öfter wie einmal gesagt, aber nun hört meine Brüderlichkeit auf, ich will auch einmal frei sein und nimmer den Lückenbüßer machen. – Mutter, war's Euer Ernst mit dem hintern Hof?« »Mein völliger, und jetzt ist er's mehr denn je!« »Ich dank' Euch, Mutter! Petri fangen wir einen Haushalt für uns an! 's ist das Beste für alle Teile! Im Anfang wird's freilich Sturm setzen, – mit dem Vater und Fritz müssen wir uns gleich gründlich auseinandersetzen, – dann wird auch Ruh'! Wir stören die jungen Leute nicht, und sie sind uns nicht im Weg'! – Ich dank' Euch, Mutter, – so haben wir doch noch ein paar Jahre für uns! – Mir kommt's Bärble nicht aus dem Sinn, – wie mag's dem armen Ding zu Mut' sein!« 175 Ohne Ahnung, wie sich unterdes an zwei Orten sein Schicksal entschied, jubelte und tollte Fritz auf dem überfüllten, von wenigen Talglichtern spärlich erleuchteten Tanzboden herum, und der Henner wechselte mit dem Oberndorfer Müller immer vergnügtere Blicke, je vertrauter Fritz und Theres wurden. Vom Hannikel und ihren Brüdern wußte er, daß Bärble unwohl geworden war und das Bett hütete, – und Fritz dankte dem Zufall, der ihm so günstig freie Bahn machte, ohne ihm den Rückweg abzuschneiden. Er tat sogar ein Übriges, trat in einer Zwischenpause mit einem guten Likör zur Veitenbäurin, erkundigte sich angelegentlich nach dem Bärble und bedauerte – um schöne Worte war er ja nie verlegen – ihre Krankheit, und daß sie das arme Mädle grade heute überfallen mußte. Die Bäurin, die bisher wie auf Kohlen gesessen hatte, der die spöttischen Blicke und Reden ihrer Nachbarinnen wie Stiche ins Herz gegangen waren, atmete froh auf. Mit einem Schwall von Worten dankte sie Fritz, ermahnte ihn zugleich über seinem stolzen Mühlbäsle doch ja das Bärble nicht zu vergessen und sie morgen zu besuchen. Fritz versprach beides und ging nachdenklich davon. Recht zur Unzeit tauchte Bärbles Bild aus den Tiefen seines Gemütes auf, und wie verblaßte vor ihm die Herrlichkeit der Base, wie schwand so rasch der Zauber, der ihm bisher die Augen verblendet hatte. Die Theres war freilich schön, aber neben Bärble konnte sie doch nicht bestehen. Fast ein Gefühl von Heimweh erfaßte ihn, aus der Freude, aus der Musik sehnte er sich nach dem einfachen, sanften Mädchen. – Fritz dankte Gott, als die Mühltheres bald darauf über Müdigkeit klagte. Pflichtschuldigst geleitete er sie bis an den Türkenhof, aber seine 176 Gedanken waren ganz wo anders, und die Theres konnte seine Veränderung nicht begreifen. Auf den Tanzboden zurückgekehrt, setzte er sich in einen Winkel und träumte. Der Wagnershannikel fluchte: »Der Teufel werde aus dem Fritz klug,« als er auf seine Frage, ob Fritz mit dem Bäsle einig sei, eine gesalzene Abfertigung erhielt. Am Morgen quälten Fritz die verweinten Augen der Mutter und der finstere Trotz Gottfrieds; als er danach gar auf Befehl des Vaters den Vetter und die Theres durch Haus und Hof geleiten mußte, war ihm zu Mut, als versinke hinter ihm Glück und Freude, nur mit Mühe vermochte er die allernötigste Freundlichkeit zu zeigen. Sein Herz zog ihn zu Bärble, aber ein dunkles Gefühl hielt ihn ab, solange die Theres im Dorf war, den Veitenhof aufzusuchen. Nach dem Essen schützte er seine Geschäfte als Planbursche vor, und ging zum größten Erstaunen des Vaters, des Müllers und der Theres richtig ins Wirtshaus. Vater und Tochter waren verstimmt; die Bäurin machte aus ihrer Abneigung gegen Theres so gar kein Hehl, Gottfried ging ihnen so weit als möglich aus dem Weg, – und nun noch die Veränderung bei Fritz! Unmutig erklärte der Müller, er müsse heim, mit aller Mühe brachte es Henner kaum so weit, daß er wenigstens den Kaffee abwartete. Eben, als der Tanz auf dem Plane begann, zog er den Gaul aus dem Stall und saß bald droben auf dem Wagen neben der schmollenden Theres. »Ich seh', es ist nicht alles klar bei dir,« sagte er zum Abschied, »aber darum scher' ich mich nichts. Ich hab' nichts gegen den Fritz, obgleich sein Fortlaufen keine Manier ist; will er die Theres, ich sag' nicht nein. Aber dann muß er bald kommen, sonst ist's nichts!« 177 Beim Plan mußte er still halten, so dicht standen die Zuschauer, und Fritz sprang an den Wagen, Abschied zu nehmen. Der Wagnershannikel meinte einen ungeheuer gescheiten Streich zu vollführen und sich namentlich bei Fritz einen Stein ins Brett zu setzen, – plötzlich schwenkte er seine Mütze und schrie wie besessen: »Der Oberndorfer Müller soll leben – und die künftige Türkenbäurin auch daneben, – vivat hoch!« Aber von der Musik fielen nur wenige Instrumente zum Tusch ein und brachen mit abscheulichen Mißklängen ab, statt des Hochs der Zuschauer ertönte ein mißfälliges Murmeln, ja eine spöttische Stimme schrie laut: »Was kümmert uns die künftige Türkenbäurin? – Die Türken sind nicht der Art, daß man sich's ihretwegen einen Atemzug kosten ließ'! Überdem, wer weiß, aus welcher Ecken noch die Türkenbäurin 'reingeschneit kommt, der Fritz hat ja alle Tage 'ne andere auf'm Strich!« Der Müller war klug, hieb auf den Gaul und fuhr davon, ohne auf das brüllende Gelächter zu achten. Fritz war bleich geworden, als ihm noch gar von da und dort zugerufen wurde: »Bist wieder fertig mit einer? Wer kommt nun heut' dran? Der Schwänzlesschwänzler soll leben, vivat hoch!« knirschte er die Zähne zusammen. Auf dem Plan schrie er dem Wagnershannikel, der noch ganz verblüfft dreinschaute, wild an: »Reitet dich der Teufel, oder ist's nicht richtig im Oberstüble bei dir? Ich könnt' dir gleich auf dem Fleck da eine Schellen geben, daß du die Kirche für eine Baßgeige ansiehst, du alberner Schnitzgöker, du!« Das verdroß natürlich den Hannikel, der es so gut gemeint hatte, er gab eine passende Antwort, Fritz hielt auch nicht hinter dem Berg, – die beiden Freunde gingen als bittere Feinde auseinander. 178 Die Demütigung wurmte Fritz je länger je mehr, dazu wuchs seine Sehnsucht nach Bärble, und ihre Krankheit begann ihn zu ängsten, – sollte sie vielleicht gar mit dem Verdruß vom Ständchenabend zusammenhängen? Er ging nicht heim zum Abendessen, ihm war aller Hunger vergangen, kaum hatte der Tanz wieder begonnen, so eilte er mit Herzklopfen ins Veitenhaus. Während er aber vergebens an Bärbles Kammertür pochte, vergeblich die schönsten, herzlichsten Worte und Bitten verschwendete, erhob sich daheim im Elternhaus ein Sturm, – auch seinetwillen. Als sich Henner zum Gang ins Wirtshaus rüstete, sagte die Bäurin: »Bleib'! Ich hab' mit dir zu reden!« »Holla, holla, was ist's nun wieder?« schrie der Bauer, dessen böses Gewissen erwachte. »Nichts da, heut' ist Kirmes! – Und ich hab' überhaupt nichts mit dir auszumachen!« »Doch, doch,« entgegnete die Bäurin, und Gottfried setzte hinzu: »Ja, ja, Vater, – bleibt nur, es ist wichtig und drängt.« »Steckt 'mal wieder unter einer Decke?« knurrte Henner verdrießlich. »Meinetwegen auch, aber macht voran, ich hab' nicht lang' Zeit!« »'s ist nicht viel, was ich zu sagen hab'!« begann die Bäurin. »Du wirst noch wissen, was wir wegen dem Fritz in der Heuernte verabredeten. Da ihr euch nun anders besonnen habt und wahrscheinlich mit der Mühltheres bald Freierei sein wird, wollt' ich dir nur zu wissen tun, daß bis Petri der hintere Hof in den Stand gesetzt sein muß –« »Holla, holla,« schrie der Henner und dachte gar nicht mehr ans Fortgehen. 179 »– mit Vieh, Futter, Getreid', Schiff und Geschirr, genau so, wie du ihn von meiner Mutter überkommen hast –« »Alte, bist du des Teufels?« »Ferner verlang' ich die Hälfte von sämtlichem Hausgerät, – ich könnt' mehr fordern, aber ich will mich bescheiden!« »Holla, holla! – und das nennst du dich bescheiden?« »Mein zugebrachtes Barvermögen zahlst du mir bei Heller und Pfennig auf, und – –« »So wollt' ich doch, daß dir's Maul zuwüchs'! – Bist immer noch nicht fertig?« schrie Henner, dem der Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn stand. – »und da ich auf die Zinsen doch keinen Anspruch machen kann,« fuhr die Bäurin unbeirrt fort, »verlang' ich die Hälfte auch vom erworbenen Vermögen!« »So, weiter nichts? – Holla, holla! – Da nimm doch lieber gleich den ganzen Quark, nimm alles – holla, holla! – Alles! – Friß dich satt dran!« »Ich verlang' nichts, als was ich mit Recht zu fordern hab'! Übrigens was zierst du dich? Hab' ich nicht vorhergesagt: so wird's?« »Potz Christoph von Nordheim! – Alte, nimm Vernunft an, – wie soll ich das möglich machen?« »Eine reiche Schnur bringt alles wieder, der Oberndorfer Müller wird euch nicht sitzen lassen!« »Holla, holla, der wird uns was pfeifen, wenn er sieht, wie die Sachen stehen!« »So? – Guckt an, das ist ja schön!« »Alte, – Himmelherrgott, Alte, mach' mir den Kopf nicht warm. – Zum Donner auch, das kann doch dein 180 Ernst nicht sein! Sei gescheit, Alte! Denk' doch nur, was sollen die Leut' sagen?« »Hast du jemals was danach gefragt? – Nein, Henner, mit meiner Geduld ist's zu End'! Um der Kinder willen laß ich mich nicht gerichtlich auf Tisch und Bett von dir scheiden, – aber ich halt's grad' so, als wär's geschehen! Was du mir zugefügt hast, verzeih' ich dir; daß du den Fritz nun doch ins Unglück gejagt hast, – lach' nur, dir werden bald die Augen aufgehen! – magst du mit dir selber ausmachen. – Aber daß du den Gottfried nicht als dein Kind achtest, daß du nur an den Fritz denkst, – das kann ich nimmer mit anseh'n! – Ja, guck' nur! Gottfried soll nicht mehr seines Bruders Pudelhund sein, auch will ich mein Alter vor gewissenlosen Leuten sicherstellen, ich will nicht von dir, von Fritz und seiner Frau abhängen!« »Holla, holla! – Aber da hab' ich auch erst ein Wort dreinzureden!« »Ich kann dir das nicht wehren! Tust du aber nicht gutwillig, was ich verlange, laß ich mich eben gerichtlich auf Tisch und Bett von dir scheiden!« Fluchend rannte Henner in der Stube auf und ab. Plötzlich schrie er: »So soll Fritz in's Teufelsnamen das Bärble nehmen, ich selber will's fertig machen, nur red' mir nichts mehr vom Auszug!« »Es kommt jetzt nicht auf dich und den Fritz an, sondern aufs Bärble. Aber selbst, wenn sie Fritz nähme, das ändert nichts mehr an meinem Vorsatz. Der Fritz hat das Bärble, mich und den Gottfried sündlich belogen und betrogen, ihm trau' ich nicht mehr über die Türschwelle, und dich kenn' ich lang' genug! Nein, Henner,« fuhr die 181 Bäurin fort und stand auf, »diesmal hast du verspielt, deine Praktiken gegen mich und Gottfried sind fehlgeschlagen. Von dem, was ich sagte, geh' ich kein Tippele ab! Und nun laß es vom Advokaten aufsetzen und festmachen: Du verkaufst dem Fritz den Türkenhof um ein Lumpengeld, aber der Kauf darf erst nach deinem Tod offenbar werden, damit dir der Fritz nicht den Daumen auf's Aug' setzt; laß es nur so einrichten, daß es bei deinem Tod heißt: die Kaufsumme hat der Verkäufer aufgezehrt, daß so Fritz alles zufällt –« »Holla, holla!« schrie Henner und fuhr zurück. »Wer hat – –« »Hab' ich dich erraten? Mach's nur so, ich werd' dagegen beizeiten sorgen, daß Gottfried trotzdem nicht zu kurz kommt! – So, Henner, wir sind fertig zusammen! Bis zum Auszug schlaf' ich in der oberen Stube! – Gut' Nacht!« Da Gottfried schon vorher die Stube verlassen hatte, war Henner allein. An die Kirmes dachte er nicht mehr, im weichen Lehnstuhl saß er wie auf Dornen! Wie hatte er die Geschichte mit der Mühltheres so schlau eingefädelt, wie hatte sich alles so schön gefügt, – und nun mußte seine Alte so dazwischenfahren. Zorn und Angst kämpften in ihm, die Angst behielt jedoch bald die Oberhand. Leise schlich er an die obere Stubentür, klopfte, bat, – keine Antwort. Zuletzt kroch er in sein Bett, aber auch da verscheuchten böse Gedanken den Schlaf; die Not der Gegenwart weckte manche Erinnerung aus der Vergangenheit; das Kaffenetle füllte sich mit höhnenden, drohenden Gestalten, wie ein Alp lag es ihm auf der Brust. – In Schweiß gebadet, an allen Gliedern wie gerädert, die 182 trüben Augen, die kein Schlaf geschlossen, gerötet, – so traf ihn der grauende Morgen.   Als ihn Bärble nicht einließ, nicht einmal antwortete, war Fritz wie betäubt auf den Tanzboden zurückgekehrt. Eine quälende Angst trieb ihn ruhelos umher; die Musik, der Jubel machten ihn fast toll, dennoch konnte er Einsamkeit noch weniger ertragen. Als Bärbles Mutter gegen Mitternacht heimkehrte, schloß er sich ihr an; wohl eine Stunde stand – kniete er vor der Kammertür, aber weder auf seine Bitten, noch auf den Befehl der Mutter erfolgte eine Antwort, in der Kammer blieb es still wie im Grab. Zuletzt stürzte Fritz fort, ziellos rannte er durch die Nacht. Grau dämmerte der Morgen, als er heimkehrte und sich in den Kleidern aufs Bett warf. Eine dumpfe Bewußtlosigkeit befreite ihn von seinen Qualen, – dafür wurden sie desto größer, als er wieder zu sich kam. Die Glieder waren ihm wie gelähmt, als er aufstand. Die Mutter fuhr erschrocken bei seinem Anblick zurück, so zerstört, verwildert, – gealtert sah er aus. »Fritz, Fritz, – was hast gemacht!« rief sie. »Das Bärble weiß deine Reden vom Ständelesabend, weiß alles mit der Mühltheres, – sie läßt dir sagen, du solltest ihr nimmer vor die Augen kommen. – Geh' 'nauf, in der Oberstube liegt was für dich!« – Mit Angst sah sie, wie Fritz zusammenknickte, wie er so müde, so matt die Treppe hinaufschlich. – Als Fritz in der obern Stube auf dem Tisch seine Geschenke an Bärble, – eine Schürze, ein seidenes Halstuch, das noch nicht einmal ihre Brust geschmückt, – erblickte, da brach ihm das Herz. 183 Besorgt schaute die Mutter nach ihm; als sie ihn mit dem Kopf auf dem Tisch liegen sah, als sie ihn schluchzen hörte, schloß sie die Tür, wankte in eine Kammer, schloß sich ein, kniete an einer Lade nieder, weinte mit dem Sohn und über ihn und betete, daß ihn Gott nicht verlasse. 184   Wolken »Lieber Gott! – so ist's in der Welt!« seufzte Bärble, die matt und angegriffen im Sessel saß, als von der Dorfgasse lustige Musik und fröhliche Juhu in die stille Stube tönten. »Dorle – wer hätt's am Ständelesabend gedacht, daß ich eher nach Amerika komme als du?« »Und ist's wirklich dein Ernst?« fragte Bernhard bedrückt, der mit Dorle und dem jungen Grundmüller bei Bärble geblieben war, da Eltern und Geschwister zur Feier der Nachkirchweih auf den Tanzboden eilten. »Getraust du dich allein in das fremde Land?« »Ich bin nicht allein; die Sülzdorfer Amhofsleute, die mich mitnehmen, sind gar brav, die werden mich nicht im Stich lassen!« »Wie kommst du so kurzerhand auf den Gedanken, übers Wasser zu gehen?« fragte der Grundmüller. »Ach Gott, Müller, wie du auch fragst!« entgegnete Bärble, und ihre Augen füllten sich mit Wasser. »Was soll ich jetzt noch in Bergheim? In ein stilles Eckele verkriechen kann ich mich nicht, – wo ich nur den Fuß hinsetz' oder die Augen hinwend', werd' ich an mein Leid gemahnt, und – und, – ich darf's ja auch sagen, – soll ich's mit ansehen, wie der Fritz heiratet, herrlich und in Freuden lebt? – – Dann aber bin ich auch nichts mehr 185 geachtet bei den Eltern und Geschwistern. Sie verzeihen mir's nicht, daß ich mich nun durchaus nicht mehr mit dem Fritz einlassen will. Ach, ihr denkt nicht, wie mir zugesetzt worden ist, wie schlecht sie mich in den paar Tagen behandelt haben. Wie sie's nun gar zu toll machten, wie ich seh', was mir in dem Haus bevorsteht, war ich kurz entschlossen. Mein Bruder, der Beck, sollt' ohnedies auswandern, so sag' ich: ich geh' auch mit; hab's auch noch am selben Tag mit den Sülzdorfer Amhofsleuten verabredet. Mein Schiffsplatz ist bezahlt, – in drei Wochen geht's fort! – Seid mir wunderliche Leute, alle drei! – Was ist nun weiter dabei? Ein neues Leben muß ich einmal sowieso anfangen, und das wär' in Bergheim nicht einmal recht möglich, – drum ist's gleich besser, ich mach' einen richtigen Strich durch das, was vergangen ist. Müßt nicht meinen, als geh' ich mein Glück suchen, als erwart' ich drüben wer weiß was, – damit ist's vorbei. Aber vergrämen und verseufzen mag ich mein Leben nicht, dazu bin ich zu jung, achtet's auch für 'ne Sünd'! Mein Leid geht ja freilich mit mir übers Wasser, aber drüben weiß niemand, was mir begegnet ist, es sieht mich kein Mensch drum an, – so bin ich ein freier Mensch. – Und sonst werd' ich mit Gottes Hilfe auch zurechtkommen.« »Bärble,« schluchzte Dorle, »ich hab' dir oft in Gedanken unrecht getan, hab' dich für windelweich und ein gut's Närrle angesehen und mir was recht's auf meine Stärk' eingebildet. – Bernhard, ich sag' kein Wort mehr gegen Amerika, was du tust, soll recht sein.« »Ist's gewiß mit der Abreise in drei Wochen?« fragte der Grundmüller. »Und geht's über Bremen oder Hamburg?« 186 »Über Bremen mit dem Schiff ›Elisabeth‹ nach Neuyork. – Da ist meine Fahrkarte, am 15. Oktober geht mein Schiff in Bremerhafen ab.« »Und drüben? – Was gedenkst du da anzufangen?« »Weiß ich's? – Zuerst bleib' ich bei den Amhofs, die nach Illinois oder Missouri hineinzugehen gedenken; vielleicht find' ich in ihrer Nähe einen Dienst.« »Das ist ja nicht so arg weit von Wiskonsin, wo sich mein Jakob 'rumtreibt und, glaub' ich, auch anzukaufen gedenkt. – Guck', das bringt mich drauf, warum ich eigentlich 'kommen bin. Da hat mir der Jakob geschrieben und gleich viele Grüße an dich aufgetragen, – hast nichts an ihn auszurichten?« »Grüß' ihn wieder und ich laß ihm danken! – Wenn's ihm nur glückt, er verdient's!« Eben ward die Tür geöffnet und der Türkenfritz stand auf der Schwelle. Wie war auch er verändert! Die Augen lagen tief und glanzlos in ihren Höhlen, aus dem Gesicht war alle Farbe gewichen, die bleichen Lippen waren fest zusammengepreßt. Mit einem Schreckensruf verbarg Bärble das Gesicht in beiden Händen, Fritz aber eilte jetzt zu ihr und versuchte ihre Hände vom Gesicht zu ziehen. Er konnte nichts sagen als: »Bärble!«, aber in diesem einen Wort lag so viel Kummer und Reue, so viel Schmerz und Jammer, daß sich selbst die beiden Männer abwendeten, um ihre Bewegung zu verbergen. Bärble schluchzte krampfhaft, als sie sich aber von Fritz nicht losmachen konnte, als ihr niemand zu Hilfe kam, sprang sie auf, riß ihre Hände los und schlüpfte in die Stubenkammer, deren Tür sie hinter sich verriegelte. Fritz starrte ihr eine Weile regungslos nach, schlaff 187 hingen seine Arme nieder, wie träumend gingen seine gläsernen Augen von einem zum andern, aus den Tiefen der Brust rang sich gewaltsam ein heftiges Schluchzen los. An der Tür rief Fritz die zärtlichsten Namen, verzweiflungsvoll bat er Bärble nur um einen einzigen Blick, ein einziges Wort, – vergebens; unterdrücktes Weinen war die einzige Antwort. Zuletzt verstummte auch Fritz; seine trostlosen, verstörten Blicke, die wie verzaubert an der Tür hingen, ängsteten den Grundmüller. »Fritz,« sagte er und zog ihn weg, »du bist wahrhaftig zu bedauern! – Solche Standhaftigkeit hätt' ich dem Mädle nun und nimmer zugetraut. Nimm dich zusammen, Fritz! Komm' mit, hier hast du nichts mehr zu tun; draußen kommst du auch eher auf andere Gedanken!« Willenlos folgte Fritz dem Grundmüller, nur unter der Tür schlug er beide Hände vor das Gesicht und ein leiser, herzzerreißender Jammerton klang dumpf zurück. Bernhard blickte finster hinauf zu den jagenden, grauen Wolken, und Dorle weinte an seinem Hals; so standen sie lange, endlich klopfte Bernhard an die Kammertür und sagte: »Mach' auf, – er ist fort!« Bei ihrem Eintritt in die Kammer fanden sie Bärble verstört, noch bleicher als vorhin, auf dem Bett ihrer Mutter sitzend. Schluchzend warf sie sich an Dorles Brust, Bernhard schob seine Mütze hin und her: »'s ist eine verkehrte Welt! – Warum müssen sich nur die Menschen so plagen? – 's weiß der Geier! Erst war ich so wild auf den Fritz, ich hätt' ihm was anders antun können, – jetzt dauert er mich doch. Weißt du's ganz gewiß, daß du ihm nie wieder gut sein kannst?« Bärble rang die Hände und blickte zum Himmel. Sie 188 verschluckte jedoch die Worte, die ihr auf der Zunge lagen und sagte: »Nein, niemals! – Ich kann nicht!« »'s ist gut, – 's ist gut so!« entgegnete Bernhard mit einer ihm ungewöhnlichen Hast. »Du mußt das am besten wissen! Nun führ's aber auch ernsthaft durch, – laß das Weinen!« »Ja, Bernhard, das laß ich auch noch und mit Gottes Hilfe bald. Aber das Weinen liegt so gut in unserer Natur wie das Lachen, – und alles hat seine Zeit.« »So ist's nicht gemeint, Bärble; ich mein' nur, das viele Flennen macht weich und wankelmütig und gibt dem andern Teil neue Hoffnung, – so hört das Gezerr in Ewigkeit nicht auf.« »Ich mach' keine Hoffnungen! Ach, wären doch erst die drei Wochen überstanden, ich seh's kommen, wie mir noch zugesetzt werden wird.« »Eben drum! Läßt du nur die geringste Schwachheit spüren, fallen sie erst recht über dich her!« »Du bist ein guter Mensch, ich weiß 's ja! Laß mich nur, ich werd' schon ruhig und fest, wenigstens äußerlich, denn da drinnen, ach, da wird's noch lang wühlen und rumoren. Wir kommen bald auseinander, wer weiß, ob wir uns wiedersehen, – habt Dank für eure große Lieb' und Treu', die ihr mir immer bewiesen habt. Laßt euch mein Schicksal eine Lehre sein; haltet treulich zusammen in Lust und Leid, vergeßt aber auch nicht, daß 's die Lieb' nicht allein tut, daß man sich auch was achten muß, soll wahres Glück 'rauskommen. – Und jetzt geht ihr auf den Tanzboden, ihr sollt meinetwegen die Nachkirmse nicht versäumen, zumal's vielleicht die letzte ist, die ihr hier erlebt. Geht nur hin, ich tu's nicht anders, besucht mich 189 lieber sonst noch recht oft. – Ich ging gern zu deiner Mutter, Bernhard, aber ich fürchte mich vor dem Fritz; möchtet ihr sie auf ein halb's Stündle zu mir schicken? – Es ist ja heut' Sonntag, sie versäumt nichts, und auf den Tanzboden wird sie sich nicht sehnen. – So, ich dank' euch; nun geht hin und macht euch recht lustig, ihr könnt's, ein glücklich's Leben liegt vor euch, – so, – soll ich euch hinausjagen?« Draußen im Hof warf sich Dorle ihrem Bernhard an den Hals. »Was hast nur, Mädle?« fragte dieser höchlich verwundert. »Solch zutunlich Wesen ist doch sonst deine Art nicht?« »Eben drum!« entgegnete Dorle, ohne aufzublicken. »Guck, ich hab' gemeint, solche Herzlichkeit und Liebreichigkeit, wie sie das Bärble an sich hat, das wär' ein geziertes, unnatürliches Wesen, passet' sich nicht und machet' einen weich und flennerig. Drum war ich oft mit Absicht recht herb und trotzig, weil ich dacht', das wär' was rechts! Jetzt seh' ich, das Bärble ist doch ein ganz andres Mädle, wie ich, ohne Furcht tut sie allein, was ich mir nicht einmal zusammen mit dir getraute. – Da seh' ich recht, daß Gütigkeit nicht schwachherzig macht. – Ich will dir auch eine liebreiche Frau werden, deine Mutter soll's von heut' an spüren, wie lieb ich sie hab'!« »Donnerwetter, Mädle, jetzt hätt' ich um ein Haar auch noch Juhu geschrien!« jubelte Bernhard und gab Dorle einen herzhaften Kuß. »So ist's eben noch einmal wahr: auch 's größte Unglück ist noch zu was gut! Ich gesteh' dir's, ein bißle sanftmütiger und zutunlicher hätt' ich dich immer gewünscht; brauchst nicht rot zu werden, ein Linsele Liebetat und Schöntun gehört auch zum Braut- und 190 Ehestand! Geh' jetzt zur Mutter und sag' ihr das auch, du wirst sehen, was du für eine Freud' bei ihr anstellst. Bleib' aber nicht zu lang, darauf müssen wir eins zusammen tanzen!« Als Bernhard an der Kastanie vorbeigehen wollte, sah er Fritz am Stamm lehnen und nach dem Kammerfenster blicken. Er bemerkte den Näherkommenden nicht, erst als ihn dieser am Arm faßte, fuhr er auf und blickte wild um sich. »Bist du's?« begann er tonlos. »Was willst? – Da hast mich, mach' mit mir, was du magst, ich wehr' mich nicht, – schlag' zu! – –« »Fritz!« rief Bernhard heftig erschrocken, »was redest du für verworrenes Zeug? – Komm' doch zu dir, kein Mensch will dir was tun, ich am allerwenigsten!« »Nicht? – Du lügst, Bernhard! – Hast du nicht geschworen: alle Knochen schlag' ich dir entzwei, hast du das Bärble noch einmal zum Narren! – Und kommst du nicht aus ihrem Haus, weißt nicht, wie ich sie wieder zum Narren hatte? – Schlag' zu, – da, – aber gleich ordentlich, fest! – Was guckst mich an? – warum tust's nicht?« »Ach Gott im Himmel, Fritz, komm' zu dir! Fort jetzt aus dem Hof, ich geh' mit dir. Du tust mir gar herzlich leid, Fritz, darfst's glauben, möcht' dir gern helfen, wenn's ging. – Stolper' doch nicht so! Pfui, wer wird so verzagt tun! – Fritz, – wenn du so verwirrt dreinguckst, geh' ich auch nicht mit dir! – Raffle dich zusammen! Soll's heißen: der Fritz ist übergeschnappt? – – Versündige dich nicht an deinem Herrgott! 's ist freilich schlimm, was dich betroffen, aber du bist nicht der einzige, dem's so geht. – – Freilich gibt's nur ein Bärble, aber wenn du sie 191 einmal nicht haben kannst, mußt du eben leben ohne sie. – Ja, ja, 's geht schon, du mußt nur das Deine auch dazutun! So – 's sieht uns kein Mensch, wein' nur – ich versteh' dich, Fritz! Du weißt auch, mir kannst du trauen!« – Dorle wartete lange vergeblich auf Bernhard, als er endlich den Tanzboden betrat, sah er so traurig, so innerlich ergriffen drein, daß Dorle allen Unmut vergaß, ihn in eine Ecke zog und hastig fragte: »Was hast du, was ist dir begegnet?« »Draußen will ich's erzählen, in dem Gedränge erstick' ich, – tanzen kann ich ohne dem nicht, die Lust ist mir vergangen!« entgegnete Bernhard. Als sie dann Hand in Hand durch den Schloßgarten schritten, erzählte er: »Ich bin ganz wirr! – Solche Lieb', wie sie der Fritz hat, ist mir noch nicht vorgekommen! – Man sollt's nicht glauben, daß derselbe Mensch solche hirnlose Streiche ins Werk richten konnt'! Er machte mir recht zu schaffen, wollt' durchaus nichts annehmen, erst das fruchtete, als ich ihm vorstellte, wohin ihn sein unvernünftiger Jammer führen müsse, und wie er dadurch das Bärble erst noch völlig verschimpfe und auf Zeitlebens unglücklich mache. Zuletzt hat er mir doch die Hand drauf 'geben, daß er sich zusammennehmen wollt'! Aber wie lang' wird das vorhalten? Wenn er's auch nicht gesteht, die Hoffnung auf endliche Aussöhnung ist's doch allein, was ihn noch aufrecht erhält! Was werden wird, erfährt er, daß Bärble nach Amerika auswandert, das mag ich mir gar nicht vorstellen!« Graue, finstere Wolken quollen unaufhörlich hinter den Tannen des Lindenbergs und Kulms hervor, langsam wälzten sie sich am Himmel dahin, schwerfällig zogen sie 192 dem schon ganz umhüllten Gebirge zu. Dazu pfiff ein kalter, herbstlicher Wind über öde Stoppelfelder und entfärbte Wiesen, und ein Zug Raben strich mit schwerem Flügelschlag lautlos über das Dorf. Tiefe Stille lag auf den verödeten, kahlen Fluren, nur droben auf dem Kulm brauste es dumpf und hohl in den Tannen, und die schwerbehangenen Obstbäume seufzten unter den Stößen des Windes. Im schneidenden Gegensatz tönten aus dem unteren Wirtshaus dann und wann helle Jauchzer, abgerissene Takte der Musik herauf. Bernhard fröstelte es, er beschleunigte seine Schritte und atmete erst auf, als im stillen, traulichen Stübchen Dorle neben ihm saß. Kopfschüttelnd meinte er: »'s ist 'ne wunderliche Welt! – Wie schön wär's doch, könnten wir in dem Häusle bleiben, unter bekannten Leuten vorwärts kommen, in der Heimat Kinder zu braven Menschen großzieh'n. – Aber es soll nicht sein, und ich tröste mich. Wie jetzt die Wolken so tief auf dem Dorf liegen, kennt man das schöne Bergheim nicht wieder, – wer glaubt, wie es im Sonnenschein lachen kann? Und während drunten im Wirtshaus alt und jung sich vergnügt und an nichts denkt als an Lustbarkeit, härmen sich zwei Menschen, die unter allen am glücklichsten sein könnten, bis zum Tod ab! – Dorle, wir wollen uns bescheiden! Gib mir die Hand: soviel an uns liegt, soll nichts versäumt werden, um zum Glück zu gelangen, – 's weitere aber stellen wir Gott anheim. Bis zum Frühjahr wird sich ein Unterschlupf für die Mutter finden, du bleibst in deinem Dienst, – wenn der Kuckuck schreit, geh' ich übers Wasser, ein Eckele für uns zu suchen. Hab' ich's gefunden, kommt ihr nach – ist's so recht?« 193 »Wie alles, was du tust!« entgegnete Dorle und schmiegte sich fest an ihn. »Habt Dank, daß Ihr kommt!« rief Bärble der Schustersrosine zu und zog sie dicht neben sich. »Hab' mich rechtschaffen nach Euch gesehnt, und getraute mich doch nicht aus dem Haus! – So, nun ich Eure Hand festhalt', ist mir schon wie geholfen. Ach, Rosine, was hab' ich wieder durchmachen müssen!« »Ja, ja! – Weiß alles, erzähl' mir gar nichts!« entgegnete Rosine, legte den Kopf des Mädchens an ihre Brust und strich ihr sanft über Kopf und Wangen. »'s ist schlimm, recht schlimm, – aber ich hab' das ja lang' vorausgesehen, – und du auch!« Als Bärble nickte, fuhr sie fort: »Seine Natur kann ein Mensch nicht so leicht verleugnen; Fritz ist nun einmal ein Leichtfuß, dabei hochmütig und ehrsüchtig, – das ist nicht über Nacht abzugewöhnen. Obendrein wird der Türkenhenner redlich gesorgt haben, den Fritz zu verwirren, denn daß du ihm nicht gut genug warst, weiß ja das ganze Dorf. Kommen mußt's einmal, – dank' Gott, daß es bald geschehen ist! – Ich kann mir nicht helfen, Mädle, ich muß die Türken mehr bedauern wie dich, – du nicht, aber die haben verloren, – und wissen noch gar nicht einmal, wieviel! – Ja, ja,« fuhr sie mild fort, als Bärble tief aufseufzte, »ich versteh's schon, dagegen möchtest du Einspruch tun! – Wart's nur ab, Bärble, du wirst mir selber noch recht geben! Ich freu' mich, daß du bei allem Elend doch den Kopf oben behältst; du tust recht, daß du der Vergangenheit aus dem Weg' gehst. Hätt' ich's damals gekonnt, wie der Bernhard auf die Welt kam, es wär' für ihn und mich 194 besser gewesen, wer weiß, wie's anders um uns ständ'! Geh' du in Gottes Namen, bleib' fromm und rechtschaffen, so wirst du auch bald in Amerika daheim sein!« »Ich dank' Euch! – Gelt, ich tu' recht so?« »Nach meinem Verstand ganz und gar. Das Dorle hat mir erzählt, wie elend der Fritz aussieht, und wie es ihm diesmal gewiß ernst ist mit der Umkehr. – Ja, er tut mir auch schon leid, aber so sehr bedauern kann ich ihn nicht; ein Mensch, der eben gar nicht einsieht, was zu seinem Frieden dient, der ist nichts Rechtes, den kann man nicht achten, noch weniger ihm vertrauen. 's Dorle meint freilich, vielleicht nähm' sich der Fritz die Lehr' nun doch zu Herzen und würd' anders, – gewiß ist's die Möglichkeit, indes – –« »Nein, Rosine! – Ich kann nicht, es ist mir ganz unmöglich, daß ich ihn wieder annehme!« »Dasselbe hab' ich daheim schon dem Dorle gesagt. Alles in der Welt hat Maß und Ziel, auch das Ertragen und Verzeihen. Auch der gutherzigste und liebreichste Mensch hat einen Punkt in sich, über den kann er nicht hinaus. Ist das Seil überspannt, zerreißt's, und ein Gaul, einmal überladen, ist für rechten Zug verdorben. Wer die Lieb' auf gar so harte Proben stellt, der ist rechte Lieb' gar nicht wert. Grad' wer so recht von Herzen vergeben kann, wer erträgt ohne Seufzen, was irgend zu ertragen ist, – der weiß auch genau, wo's ein End' haben muß. Die Welt freilich begreift das nicht, die Leut' schlagen in heller Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen, wie der sanftmütigste Mensch sich so gänzlich verwandeln, wie er im Handumdrehen so fest und hart werden konnte. Sie verstehen nicht, daß von gar keiner Veränderung zu 195 reden ist, daß er nur seiner Natur folgt und in Wahrheit nicht anders kann!« »Ihr wißt einem so recht aus der Seel' zu reden!« sagte Bärble leise. »Ich dank' Euch, – werden mir doch überall andere Gedanken untergeschoben.« »Laß doch, auch von anderen Seiten betrachtet, hast du in allen Stücken recht. Kann mir denken, was dir eingeredet werden mag – 's dritte Wort wird immer »verzeihen« sein. Und doch handelt sich's darum gar nicht. Von Zorn und Haß gegen Fritz ist bei dir nicht zu reden, – also, was sollst du ihm noch vergeben? Lieber Gott, wär's damit abgetan, ihr wäret ja längst schon einig. Aber es handelt sich um mehr. In jedem Ehestand gibt's täglich was nachzusehen, 's ist nun einmal kein Mensch vollkommen; wenn nun aber schon vor der Trauung gar so viel böse, so viel schlimme Dinge vorgefallen sind, dann ist's mit einem rechten Ehestand vorbei. Nehmen wir den Fall, der Fritz wär' dein Mann und beging wirklich einen Fehler ohne bösen Willen, – wer bürgt dir dafür, daß nicht doch eine schlechte Absicht dahintersteckte? Du wirst das Mißtrauen ewig nicht los, wirst ihm bald zuviel, bald zuwenig tun, und was daraus erfolgen muß, ist klar!« »Rosine,« rief Bärble und sprang auf, »Ihr nehmt mir den letzten Stein vom Herzen, nun auch Ihr das sagt, bin ich ganz getröstet!« »Mußt dich nicht so auf mich verlassen; ein jeder Mensch, der das Rechte ernstlich will, findet's endlich auch in sich selber!« »Nun soll mich das sonstige Geschwätz auch nicht mehr anfechten. Ach, Rosine, wie wird auf mich losgestürmt! Was mich zuletzt am meisten verwirrte, war, daß ich's 196 keinem Menschen recht machen konnte. Dem einen war ich zu weinerlich, dem andern zu gleichmütig; dem einen zu niedergeschlagen, dem andern zu gefaßt! – Ach, Rosine, ich hab' meinen Jammer nach dem Vogelschießen durchgekämpft, damals hat sich's in mir entschieden, nicht jetzt. Wie ich mich mit dem Fritz damals vertrug, wußte ich ja gut genug, es ist das nur ein Aufschub der völligen Trennung; ausbleiben kann sie doch nicht. Ich hatte auch die ganze Zeit nicht Ruh' und nicht Rast, es lag was auf mir, wie ein groß, groß Unrecht; eine innerliche Angst trieb mich herum, ich konnt' mir selber nimmer trauen und ward irr' an der ganzen Welt. – Jetzt erst ist mir wieder frei und wohl, ich weiß, ich bin auf dem rechten Weg, ich weiß, ich bin wieder da, wo ich seit dem Vogelschießen hätte stehen müssen. Damit ist nicht gesagt, daß ich nichts spüre, – du lieber Gott, das Leid schläft nie ein in mir, ich weiß am besten, was ich zu tragen habe. Aber Eure Worte sind mir unvergessen, und ich erprobe ihre Wahrheit an mir. Es ist wahrlich schon viel gewonnen, wenn man's so weit hat, die Tränen ins Herz 'nein zu weinen; mit dem Vorsatz: du mußt den Jammer zwingen, ist ihm schon die halbe Schärfe genommen. – Ich hab' Euch viel zu danken, Rosine; ist's doch ein Glück um einen Menschen, von dem man erkannt wird!« Rosine wollte beides, Dank und Lob, ablehnen, da öffnete sich die Tür, und die Türkenbäurin trat ein. Heute flog ihr Bärble nicht entgegen; sie drückte dem unerwarteten Besuch die Hand und sagte: »Bäurin, ich kann mir denken, was Euch zu mir führt, verschont mich. Macht mir meine Last nicht noch schwerer, sie drückt ohnedem genug. Jedes Wort ist vergebens! Einmal hab' ich Euch 197 nachgegeben, – 's war das zu viel. Verschont mich, Bäurin, es hilft doch zu nichts!« »Kind, Kind, ist das wirklich dein letztes Wort?« rief die Bäurin. »Ach, warum bin ich auf der Welt? Warum hab' ich nicht ein Kämmerlein gefunden droben bei meiner Mathilde?« »Bäurin,« mahnte Rosine, »was sind das für Reden?« »Ach, laß mich, laß mich, – ich ertrag's auch nicht mehr!« weinte die Bäurin. »Mein Gottfried ist schon lang dem Grab verfallen, nun werd' ich auch noch meinen Fritz verlieren!« »Bäurin,« rief Bärble, »verdiene ich das?« »O du liebster Heiland, so war's ja nicht gemeint! Für dich soll's kein Vorwurf sein. Aber ich bin die Mutter, Bärble, die Mutter! Soll ich nicht klagen, wenn ich sehen muß, wie der Bursch mehr und mehr verfällt, wie er jetzt nach kaum vier Tagen nimmer zu erkennen ist? – Und das ist ja nicht einmal das Schlimmste! Ich seh's kommen, daß er seine guten, klaren Gedanken verliert! – 's gibt schon Zeiten, wo nichts – nichts mehr mit ihm anzufangen ist.« »Bäurin, Ihr seid auch gleich gar zu ängstlich!« sagte Rosine. »Fritz wird eben manchmal nicht wissen, wo ihm der Kopf steht, – und das mit Recht! – Das wird sich aber bald geben. 's stirbt sich nicht so leicht, Bäurin, das hab' ich an mir erfahren, und auch von Gedanken wird er nicht kommen, – er hat sich ja doch alles selber zuzuschreiben!« »Eben das ist's, was mich so ängstigt, Rosine! Wär' das Unglück ohne sein Verschulden über ihn 'kommen, so würd' er's überstehen, man könnt' ihn ja auch trösten und 198 aufrichten. Aber so! – Ach, es ist das Elend gar zu groß. Bärble, nimm dir meinen Jammer zu Herzen, laß mich nicht ohne Trost von dir! – Bärble, Bärble – hör' auf mich! Du wirst vielleicht auch einmal Mutter, deine Kinder können auch in Not kommen, – Bärble, denk' daran, verlaß mich nicht!« »Hört auf, Bäurin, das ist ja eine sündhafte Unterredung! Wollt Ihr dem Bärble ins Gewissen schieben, was der Fritz ganz allein verschuldet hat? – Lasset ab! Ich bin auch eine Mutter, ich versteh', wie Euch zu Mut sein mag, – aber wär' ich in Eurer Lage, ich würde mich der Sünde fürchten, auf die Weis' in ein armes Mädle zu stürmen. Lasset sie, Ihr kennt das Bärble so gut wie ich, sie weiß allerwegen, was sie tut, macht ihr's nicht zu schwer!« »So soll ich wirklich ohne Trost heim?« meinte die Bäurin. »Wer tröstet mich? wer nimmt sich meiner an?« sagte Bärble, die sich hoch aufgerichtet hatte. »Bin ich weniger wert, verdiene ich weniger Mitleid als der Fritz? Bin nicht ich's, die 's Recht hätte zu jammern, zu klagen, an Gott und der Welt zu verzweifeln? Hab' ich mit Fritz oder er mit mir ein sündhaft freventlich Spiel getrieben? Ich habe Fritz treu geliebt, ja, Euch gesteh' ich's, heut' noch kann ich ihn nicht vergessen, – aber zwischen uns ist's aus! – Vielleicht ists auch seinetwegen gut, bleib' ich standhaft, doch weiß ich das nicht, – ich für meinen Teil kann nicht anders. Um mich sorgt niemand, kein Mensch nimmt sich herzhaft meiner an, so muß ich selber für mich sorgen, selber für mich denken und für mich einstehen. Und da ich einmal weiß, ich kann den Fritz nicht nehmen, merkt das, 199 Bäurin, ich kann nicht, wär's ein groß Unrecht wider mich selber, wollt' ich auf Zureden wiederum nachgeben. Und daraus könnt' auch für alle Teile nichts Gutes erwachsen. Nehmt mir die freie Red' rechtschaffen nicht übel, Eure Lieb' und Güt' gegen mich armes Mädle vergeß ich mein Lebtag nicht; dem Fritz wünsch' ich von Herzen alles Glück, Euren Gottfried grüßt besonders, das ist ein ausbündig braver Mensch. So, – quält mich nicht weiter, hofft das Beste, es wird alles wieder ins Gleis kommen! Gehabt Euch wohl!« Auf dem Hausflur ward die Stimme der Veitenbäurin laut; Bärble schlüpfte durch die Küchentür und riegelte sich in ihrer Kammer ein. 200   Nach Amerika Der Türkenhenner war in den drei Wochen seit der Kirmse auffällig gealtert, gebeugt schlich er herum, schärfte mit der Zunge die schmalen, farblosen Lippen, und seine Augen irrten ängstlich, unruhig von einem Gegenstand zum andern. Dann und wann blitzte wohl noch ein Strahl der alten Heimtücke darin auf, hin und wieder zuckte auch der alte boshafte Spott um seine Lippen, – aber das geschah von Tag zu Tag seltener; je bleicher und faltiger sein Gesicht wurde, je trüber nach schlaflosen Nächten die Augen aus ihren tiefen Höhlen hervorschauten, desto stiller und nachgiebiger ward Henner gegen seine Angehörigen, ja, er machte sogar hie und da Versuche, einen herzlichen Ton in seine Worte zu legen. Ja, das Schicksal schien endlich nachholen zu wollen, was es so lange versäumt; im Alter nahm es den Henner in die rauhe Schule des Unglücks, legte ihm schwere und immer schwerere Sorgen auf den gebeugten Rücken, und erweckte in seiner Brust zwei böse Geister, Kummer und Reue, – und Henner hatte durch sein ganzes Leben lang treulich gesorgt, daß sie nicht so bald zur Ruhe kamen. Wie brannten ihm die Tränen der Armen auf der Seele, die er in seinem Schulzenamt oder auch sonst um Hab' und Gut gebracht, – jetzt, da durch den Auszug der 201 Bäurin sein Reichtum zu verschwinden drohte; wie quälten ihn die blassen Gesichter, die traurigen Blicke derer, denen er erbarmungslos die Heimat geraubt, – jetzt, da der eigene Haushalt auseinander zu fallen drohte. Am schrecklichsten peinigten ihn aber die Erinnerungen an die Armen, denen er es unmöglich gemacht, einen eigenen Herd zu gründen, die er mit kaltem Blut ins Elend oder hinaus in die Fremde getrieben hatte, – jetzt, da er den eigenen Sohn um sein Lebensglück betrogen, ihm alle Aussichten für die Zukunft zerstört, da er ihn aus dem Elternhaus trieb, einer ungewissen Zukunft entgegen. Mit Schauder erkannte Henner eine höhere Hand über sich; das Walten der ewigen Gerechtigkeit, gegen die es keinen Widerstand gab, der er nicht entrinnen konnte, erfüllte ihn mit Entsetzen; sein Elend stieg aufs höchste, da die Bäurin und Gottfried, die einzigen Menschen, bei denen er hätte Trost und Beistand suchen und finden können, ihm scheu, ja fast ängstlich auswichen. Henner war nie fromm gewesen, hatte sich wenig um Religion und Kirche gekümmert, das Gebet hatte er von jeher verachtet und verlacht, – jetzt, wo er sie so nötig brauchte, blieb ihm auch die letzte Quelle des Trostes verschlossen, – er konnte nicht mehr beten. Von all den kräftigen, trostreichen Bibelworten, die er im Schul- und Konfirmandenunterricht gelernt, war ihm nichts geblieben, als die finstere, alttestamentliche Drohung: »Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten«, und »was der Mensch säet, das wird er ernten!« Und so oft sich auch seine arme Seele zu Gott wenden wollte, der furchtbare Spruch scheuchte sie zurück, warf sie noch tiefer darnieder denn zuvor. »Fritz!« sagte Henner leise, aber der Angeredete, der 202 mit den Armen auf dem Tisch lag und darauf seinen Kopf gesenkt hatte, antwortete nicht. Die Lippen schärfend, nahm Henner seinen Gang durch die Stube wieder auf, bei jedem Seufzer der Bäurin, die auf der Ofenbank saß und tränenlos vor sich hinstarrte, schrak er zusammen. »Fritz!« sagte er nach einer Weile. Wiederum tiefe Stille; Henner rang die Hände und blickte seufzend hinaus in das wilde Wetter. »Bäurin, – versuch's, vielleicht bringst du ihn zum Reden!« Ein leichtes Kopfschütteln wies ihn auch hier ab, und Henner trippelte wieder durch die Stube. »Fritz,« begann er zum drittenmal und rüttelte den Sohn, »Fritz, – red' nur ein einzig's Wörtle, – nur ein einzig's!« »Laßt mich«, klang es dumpf unter den Armen hervor. »Was hab' ich mit Euch zu schaffen!« »Kommt man dem Vater so?« »Habt Ihr väterlich an mir gehandelt?« Henner verstummte; aber seine Angst wuchs zusehends, immer eilfertiger trippelte er durch die Stube, bald blickte er auf die Straße, bald in den Hof. Zuletzt konnte er sich nicht mehr bezwingen, legte dem Sohn abermals die Hand auf die Schulter und fragte: »Fritz, – gelt, du gehst nicht nach Amerika?« Die Bäurin seufzte, Fritz schüttelte stumm die Hand des Vaters von sich, und eine Zeit hörte man nichts, als das Ticken der Wanduhr. Da klangen auf dem Tritt vor dem Haus Schritte; die Bäurin verhüllte das Gesicht, Henner trommelte an die Fensterscheiben, Fritz aber fuhr auf und strich die wirren Haare aus dem marmorweißen Gesicht. Fragend starrte er dem langsam eintretenden Gottfried in die Augen, mühsam preßte er die Worte hervor: »Wie steht's?« 203 Gottfried hing seine Mütze bedächtig an die Wand und erwiderte: »Wie ichs voraussagte! – Eben ist das Bärble abgereist! – Sie läßt dich grüßen und bitten, nun endlich abzulassen von törichten Streichen. Zwischen dir und ihr läg' ein Abgrund, den nicht einmal das große Wasser ausfüllte, – drum solltest du deinen Gedanken aufgeben und daheim bleiben. In Amerika würde sie so wenig deine Frau als in Bergheim!« Fritz hatte stöhnend seinen Kopf wieder auf die Arme sinken lassen; Henner wollte erfreut auf ihn einreden, aber ein Wink der Bäurin hielt ihn ab. Die bedrückende Stille unterbrach endlich Fritz selbst, der aufspringend rief: »Und ich muß ihr nach, ich muß, und wenn sich mir die ganze Welt in den Weg stellt! – Redet mir nicht ab, es ist vergebens; ich hab' lang' nicht recht gewußt, was ich will, jetzt weiß ichs. In Bergheim halt' ich's nicht aus, ich ging' zu Grund, und das bald, – drum haltet mich nicht auf, – – Ich kann ohne das Bärble nicht leben, und ich spür's auch, noch ist sie nicht für mich verloren, trotz ihrer Reden. Sie legt mir's ja nah' genug, was ich tun muß. Sie will nur einen Beweis haben, ob mir's auch wirklich ernst ist mit meiner Lieb', und den Beweis muß ich führen dadurch, daß ich ihr nachreis'! – Ich weiß, tret' ich drüben vor sie hin, dann muß sie mir glauben und trauen, dann kann sie nicht länger widerstehen, – ach Gott, schüttelt nicht die Köpfe, nehmt mir nicht die letzte Hoffnung! – Mutter, Gottfried,« fuhr er dringend fort, ohne die Einreden und Bitten des Vaters zu beachten, »macht mich nicht unglücklich, saget nicht nein! Es ist für uns alle das Beste, ihr laßt mir meinen Willen!« »In Gottesnamen sollst du ihn haben!« weinte die 204 Mutter und fuhr mit der Hand dem Sohn, der bittend vor ihr stand, sanft durch die Haare. »Ich hab' nicht das Herz, dich abzuhalten, – Gott geb', daß das der Weg zu deinem Glück ist. Nur eins versprich mir, Fritz, daß du wiederkommst. Gelt – das versprichst du mir!« »Ich meine jetzt beinah' selber auch, wir sollten dir nicht allzu viel abreden!« sagte Gottfried bedächtig. »Was du da gesagt hast, will mir schier selber einleuchten. – Freilich, so sichere Hoffnung, wie du, hab' ich nicht, das Mädle hat einen zu festen Willen. Auf alle Fälle aber kann's nicht schaden, du versuchst noch einmal dein Glück!« Er konnte nicht weiter reden, Fritz lag an seinem Hals und erstickte ihn fast, so fest drückte er ihn an sich. Dem Henner wollte zwar die Sache nicht einleuchten, aber er war doch viel zu sehr gedemütigt, als daß er noch einen Einspruch hätte wagen können. Und die Bäurin? – Ach, in ihrem Herzen stritten Leid und Freude! Schien ihr mit Fritzens Auswanderung gleich der Verlust sämtlicher Kinder gewiß, so rührte sie wieder die ungewohnte Eintracht der Brüder aufs tiefste, und wenn sich auch der Verstand dagegen sträubte, ihr Herz war nur zu geneigt, diese so unerwartet hervorbrechende Zärtlichkeit für ein günstiges Vorzeichen zu nehmen. Einmal mit seinem Plan einverstanden, rieten nun selbst die Eltern und der Bruder, keinen Augenblick unnötig zu versäumen. Denn je eher er ans Ziel gelangte, desto besser war es für alle. Fritz ruhte nicht, bis Gottfried einwilligte, sämtliche Grundstücke, wie auch alle bewegliche und unbewegliche Habe um eine nicht allzu hohe Summe zu übernehmen. Dazu lachte Henner freilich wieder in seiner spöttischen Art und schnippte höhnisch mit den Fingern; 205 als ihm aber die Bäurin und Gottfried erklärten, daß sie unfehlbar bis Petri den hintern Hof beziehen würden, gebe er nicht sogleich freiwillig und freundlich seine Einwilligung, als ihm besonders Fritz mit herben Worten vorwarf, er habe es nun einmal auf seinen gänzlichen Untergang abgesehen, gab er seufzend nach. Nur einen ordentlichen, gründlichen, rechtschaffenen Auszug bedang er sich aus, der ihm denn auch zugesichert ward. »Fritz, daß ich die Güter übernehm',« sagte Gottfried, als man in allen Punkten einig geworden war, »tu' ich bloß der Mutter und deinetwillen. Es wird dadurch vieler Unordnung, vielem Hader vorgebeugt, und die Mutter und ich können's uns leichter machen, ohne daß das Vermögen darunter leidet. Merk' dir's, nimmst du dich zusammen, hältst du drüben deine Sachen zu Rat', wirst du ein ordentlicher, ganzer Kerl, – so sollst du, wenn es dir in Amerika nicht gefällt, jederzeit bei mir eine Heimat finden. Nimmt dich aber das Bärble, dann säume nicht, kehr' auf dem Fleck wieder um. An dem Tag, da das Veitenbärble als deine Frau diese Schwelle übertritt, bist du der Türkenbauer!« »Du beschämst mich, Gottfried!« sagte Fritz und drückte ihm die Hand. »Wollte Gott, ich könnt' dir's vergelten!« Wunderliche Tage kamen nun für den Türkenhof, so still, so friedlich, so reich an Liebe der Hausgenossen untereinander; der Türkenhenner kraute sich oft die Haare und murmelte: »Wach' ich oder träum' ich, oder bin ich behext? Soll mich denn auf meine alten Tage auch noch die Weichseligkeitsduselei anstecken?« Die Bäurin aber erquickte sich in innerster Seele an diesem Aufblühen eines Glückes, das sie so lange ersehnt und erhofft, und das sich ihr nur 206 zeigte, um dann – vielleicht für immer – zu entschwinden. Fritz überwand seinen Jammer, diesmal ging er geklärter aus dem Feuer der Prüfung hervor; von Hochmut, Eitelkeit und Leichtsinn war nichts mehr an ihm zu spüren. Damit soll freilich keineswegs gesagt sein, daß er schon als vollendeter Mann dagestanden hätte. Nein, es fehlte ihm noch viel, sehr viel, die gewaltige Leidenschaft machte ihn unstät, hastig; ruhige Überlegung war noch immer nicht seine Sache, in der Aufwallung des Augenblicks ging noch immer der klare Wille unter. Aber er hatte erkannt, was ihm fehlte, nicht mehr eiteln Träumen jagte er nach, und vor allem die reiche, lebendige Liebe, die bisher von Eigensucht, Stolz, Hochmut und Geiz überwuchert und niedergehalten worden war, sie brach hervor, erwärmte, durchleuchtete sein ganzes Wesen und verkündete, daß das Edlere seiner Natur nach Gestalt rang. Sinnend, wie im Zweifel mit sich selbst, ging Fritz herum, trug sich mit einem Gedanken und hatte doch nicht den Mut, damit herauszurücken. Endlich zog er die Eltern und den Bruder ins Kaffenetle, hustete öfter und begann stockend: »Ich hätt' einen Vorschlag und eine Bitt', – müßt mich aber geduldig anhören. Guckt, ich bin wenig in der Welt 'rumkommen, 's wär' ein Glück, hätt' ich 'nen Kameraden, der schon draußen 'rumgeworfen worden ist und sich auskennt. Was brauch' ich ein Mäntele drum zu hängen? Ich bin noch lang kein gewichster Kerl, mir würd' eine Hilf' gut tun draußen! – Nun will der Schustersbernhard ohnedies auswandern, aber das Geld wird knapp sein bei ihm – wie wär's, wenn ich den mitnähm'? Es wär' damit uns beiden geholfen. Und ich möcht' mich überdies dem Bernhard erkenntlich erzeigen. Er war mir 207 ein aufrichtiger Freund, hat mir allezeit zum guten geraten, sein Dorle ist auch gut mit dem Bärble, – habt ihr was dagegen, wenn ich die Überfahrt für ihn bezahl'?« Der Henner schrie wieder: »Holla, holla!« und lärmte über Verschwendung, aber Gottfried gab Fritz die Hand: »Besonders um letzter Ursach' willen acht' ich dich, und ist mir das ein Zeugnis, daß du wirklich auf andern Wegen gehst. – Tu's!« Freudig drückte ihm auch die Mutter die Hand, erhob jedoch das Bedenken, Bernhard werde erst seine Mutter an sicherem Ort unterbringen wollen, ehe er sie verlasse. Nach einigem Sinnen sagte Gottfried heiter: »Mutter, – wie sich das fügt! – Ihr braucht Hilfe, und mit Mägden hat man nur seine Not, – wie wär's wenn wir die Schustersrosine zu uns nähmen? Eine bravere und tüchtigere Frau kriegen wir gewiß nicht ins Haus!« »Du bist gut, Gottfried'« erwiderte die Bäurin und drückte ihm dankbar die Hand. »Ja, das wär' was, und ich glaub' auch, sie werden nicht nein sagen!« »Holla, holla! – Die Rosine mit ihrem Maulwerk hat nun grad' noch gefehlt im Haus! 's wird immer besser!« klagte Henner, als die übrigen das Kaffenetle verlassen hatten, und schlürfte mürrisch ins Wirtshaus, um wenigstens der Ordnung der Sache aus dem Wege zu gehen. Aber es wollte ihm kein Tropfen schmecken, er sah voraus, die Rosine war schlimmer als ein Gewissen. Voller Erwartung, was sie da sollten, betraten am selben Abend die Schustersrosine und ihr Bernhard das Türkenhaus; wie erstaunten sie über die Vorschläge, die ihnen gemacht wurden. Fast erschrocken sahen sich Mutter 208 und Sohn in die Augen und fanden nicht sogleich eine passende Antwort. »Ich weiß mich nicht zu fassen!« sagte Rosine leise und sah sinnend auf ihre gefalteten Hände im Schoß. »Es ist so wunderlich! – Denkt doch, Euer Henner war's, der meinem Friedel die Aufnahme verweigerte, ihn zu einem elenden, liederlichen Kerl, mich zu einer ehrlosen Dirne, meinen Bernhard zum Bankert machte, – und jetzt! Ach, Bäurin, nehmt mir's nicht übel, ich kann die Gedanken nicht abweisen: ist das nicht Gottes Finger?« »Sieh', Fritz,« sagte die Bäurin, und ein eigenes Feuer glühte in ihren Augen auf, »so weit hat es dein Vater gebracht! Und du hast auch mehr zu ihm gehalten als zu mir, oft warst du nahe daran, ganz und gar in seine Art zu verfallen! – Nimm dir das zu Herzen, Fritz; wenn dein altes, lotteriges, nichtsnutziges Wesen dich wieder übermannen will, denke dran, was das für ein Jammer ist, wenn der Mutter und den Kindern gesagt wird: ›Euer Unglück ist Sündenschuld, euer Vater hat's tausendmal verdient!!‹« Fritz wechselte die Farbe, sah mit großen Augen um sich, dann stützte er die Ellenbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den Händen. Wie im Traum hörte er die Mutter sagen: »Gott weiß, Rosine, ich bin unschuldig an seinem Tun und hab' genug darunter gelitten! Ach, dieselben Gedanken sind mir auch schon oft 'kommen; kannst dir denken, mein Leid wird nicht geringer, wenn ich so sinnen muß, warum mir auferlegt wird, was er verschuldete. Früher sind mir darüber oft fast die Gedanken vergangen, jetzt hab' ich mich ergeben und ertrag's!« »Ertragen!« sagte Rosine und drückte die Hand der Bäurin. »Ergeben und ertragen! Ich kann das auch!« 209 »Er muß aber selber so eine Empfindung haben, als könnte er dir nicht in die Augen sehen; wie er hörte, du kämst, machte er sich gleich aus dem Staub'!« »Wird er mich dann im Haus haben wollen?« »Wie du fragst! – Was kümmert uns das? Er hat gar nichts mehr zu sagen, von übermorgen an ist Gottfried alleiniger Herr im Haus. Grad' das ist ihm gesund, muß er sich schämen, so oft er dich sieht, das bewahrt ihn vielleicht vor neuen Streichen.« »Ihr müßt das besser wissen, obgleich mir's nicht recht paßt. Aber eh' wir weiter reden, muß ich noch was sagen, ich möcht vor Euch als ehrliche Frau bestehen. Geht der Fritz dem Bärble wegen nach Amerika, ist das Geld für die Reise zum Fenster 'nausgeworfen. Das Mädle nimmt ihn nie und nimmer, dafür setz' ich meinen Kopf zum Pfand.« »Rosine, – das kann nicht Euer Ernst sein!« rief Fritz und sprang auf. »Ich muß sagen, wie ich's weiß. Jeder Schritt um das Bärble ist ein verlorener!« »Nein, nein!« rief Fritz. »Ich kenne das Bärble besser, wie ihr alle; ich weiß, tret' ich in Amerika vor sie, dann ist's aus mit ihrem Trotz, dann hab' ich sie verdient, und das Vergangene ist vergessen!« »Lasset ihn nur!« sagte Gottfried. »Ihr möget nun Recht haben oder nicht, auf alle Fälle ist ihm die Reise übers Wasser gesund; bringt sie ihn auf andere Gedanken, ist das Geld nicht vergebens ausgegeben. Eines wissen wir wenigstens gewiß, in Bergheim geht er zu Grund'!« »Gottfried, solche Brüder, wie du einer bist, wird's wenige geben. Nun ist's freilich ein ander Ding, und ich 210 bin zu allem bereit. Übrigens kommt's nicht auf mich an, mein Bernhard hat allein zu bestimmen!« »Mutter, was sollen wir uns da erst lang' besinnen? Solche Gelegenheit bietet sich uns nicht wieder, und je eher ich in Amerika anfange, desto besser. In Gottesnamen denn! Meine Dorle wird wohl große Augen machen, aber sie ist vernünftig. Das Überfahrtsgeld nehm' ich natürlich nur als ein Darlehen, das ich zurückbezahl', so bald ich kann. Um Eines bitt' ich Euch, Bäurin, und dich, Gottfried, haltet meine Mutter gut! Sobald ich drüben sicher sitze, laß ich sie nachkommen. Und nun rasch vorwärts gemacht, am besten wär's, könnten wir das Bärble noch einholen, denn haben wir drüben erst einmal ihre Spur verloren, können wir in dem großen Amerika lange nach ihr suchen. Mit dem nächsten Schiff müssen wir abfahren.« »Und 's Beste wird sein, ihr geht auf ein Dampfschiff!« sagte Gottfried. »Habt ihr nur halbweg Glück, seid ihr früher in Amerika, als das Bärble!« Dieser Vorschlag fand um so mehr den Beifall der Mutter, da ein Dampfer im stürmischen Winterwetter größere Sicherheit gewährt, als ein Segelschiff. Die Bäurin hatte auch Dorle rufen lassen, und so konnten alle nötigen Bestimmungen festgestellt werden. Es flossen wohl viele Tränen, aber das frische, bestimmte Wesen Bernhards ließ allzu große Traurigkeit nicht aufkommen. Beide Familien, die jetzt auseinandergerissen wurden, hofften hier oder dort auf baldiges, frohes Wiedersehen, die Mütter fanden eine Beruhigung darin, daß sie fortan zusammen sein und von den fernen Söhnen reden könnten, und vor allem die Besprechung der nötigen Vorbereitungen 211 ließ gar keine Zeit zu Trübsinn und Jammer. Ein guter Kaffee, den die Bäurin zuletzt auftrug, fand ungeteilten Beifall, selbst Fritz ließ sich den braunen Trank schmecken, und so endete der Abend in erträglicher Stimmung. Der Schneidersnikel machte am andern Tag große Augen, als ihm Bernhard die Miete auf den ersten November kündigte. Nun hätte er gern eingelenkt, machte Bernhard allerlei Vorstellungen, versprach Ermäßigung des Hauszinses, ließ sogar ein Wort fallen von zehnjähriger Hausmiete, – aber Bernhard hörte gar nicht darauf. Als er die hohe Treppe hinabsprang, »höselte« Nikel unmutig in der Stube auf und ab und knurrte unverständliche Worte in sich hinein; er wußte gut genug, solchen Hausmann bekam er so leicht nicht wieder. Am Tage der Güterüberschreibung begleiteten Bernhard und Dorle die Türkenfamilie in die Landeshauptstadt. Fritz wischte sich unterwegs oft heimlich die Augen, – wie hatten sich alle Verhältnisse geändert seid der Theaterfahrt und heute. Bernhard suchte ihn aufzurichten, seine Blicke von der Vergangenheit ab in die Zukunft zu lenken; gelang es ihm auch nicht, Fritz zu erheitern, so erkannte doch dieser schon jetzt den Wert seines Freundes und drückte ihm dankbar die Hand. Nachdem das Güterübergabe-Protokoll unterzeichnet, lagen sich die Brüder lange stumm in den Armen, und Gottfried flüsterte Fritz zu: »Für dich und Bärble!« Danach besorgten sie gemeinschaftlich mit Bernhard die Reisepässe und sonst nötigen Legitimationspapiere, bezahlten zwei Plätze auf dem am ersten November abgehenden Dampfschiff beim Agenten, wechselten beim Bankier brauchbares Geld ein und versahen sich mit den nötigsten Reisebedürfnissen. 212 Die Tage gingen hin; dichte Nebel bedeckten Dorf und Flur, die ersten Schneegestöber hatten vorübergehend die Welt in die winterliche Farbe gekleidet, das Leben hatte sich gänzlich in die Dörfer zurückgezogen, und in den Scheunen klapperten die Flegel, als eines Morgens Gottfried im besten Anzug die Pferde aus dem Stalle zog und vor das im Hof bereitstehende Bernerwäglein schirrte, – die Stunde des Abschiedes war gekommen. In der Stube lag Dorle an Bernhards Hals und weinte leise; die Schustersrosine weinte nicht, der Glanz ihrer Augen sagte denen, die das Zeichen verstanden, daß sie wieder einmal ihre alte Kunst übte und die Tränen zurück ins Herz fließen ließ. Sie hielt die linke Hand ihres Sohnes fest, horchte auf die Schläge seines Herzens, welche ihr der hüpfende Puls verkündete, streichelte ihm lind und leise über die Stirn, als wollte sie ihre Segenswünsche da fest eindrücken und im voraus alles Böse, Unsaubere wegwischen. Keines sprach ein Wort; sie hatten sich nichts mehr zu sagen, waren sich ihrer Liebe und Treue gewiß, dazu milderte eine fröhliche Hoffnung auf eine freudenreiche Zukunft die Bitterkeit des Abschiedes. Nicht Leichtsinn und Frevelmut trieb Bernhard hinaus in die Fremde, er folgte nur dem Zwang der Not, sein Scheiden war eine Bezeugung der Liebe und Treue, – was nun auch kommen mochte, Glück oder Unheil, es mußte eben getragen werden, und war zu ertragen, – sie alle hatten redlich ihre Schuldigkeit getan. Anders war der Abschied bei den Türkenleuten. Fritz lag vor der Mutter auf den Knien und vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß. Er konnte sich nicht von ihr losreißen. Jetzt, in der letzten Stunde ging ihm auf, welchen 213 Schatz er an diesem Mutterherzen besessen, wie leichtsinnig er das größte Gut, das einem Menschen beschieden sein kann, die Mutterliebe, von sich gestoßen hatte. Mit bitterem Schmerze gedachte er daran, was er der Mutter hätte sein können, wie ihm so reiche Gelegenheit geboten war, ihre Liebe, ihre Treue zu vergelten; – ach, und was er ihr getan, es wäre doch wieder nur sein Glück gewesen. – Wie hätte er ihr jetzt wenigstens so gern noch durch Taten seine Liebe und Treue bewiesen, wie quälte es ihn, daß er bloß auf das arme Wort beschränkt war. – »Zu spät!« mußte er sich sagen, und wie eine Ahnung durchfröstelte es ihn: »Zu spät, – hier und dort!« Die Bäurin ließ ihren Tränen freien Lauf; sie sagte es nicht, aber sie nahm Abschied – auf ewig. Wie war ihr Herz so voll, wie gern hätte sie Fritz noch einmal ihre ganze Seele öffnen mögen, aber der Jammer eines verlorenen Lebens schloß ihre Lippen. Wozu auch noch reden? – Ach, das ist das Traurigste im Leben, daß selbst ein Mutterherz zuletzt verzagt und zweifelnd werden kann, daß auch ein Mutterherz sich verschließen, sich lieber in sich verbluten kann, als seinen letzten Hauch dahin zu gießen, wo es gilt, Eisrinden wegzutauen, erlöschende Funken zu hellen Flammen anzufachen. Fritz war nicht verdorben genug, daß er nicht die Not der Mutter gefühlt hätte; und dieser finstere Bann, den er nicht lösen konnte, der so ganz allein sein eigenes Werk war, es war nicht der letzte Schmerz, der heute sein Herz zerriß. Der Türkenhenner schlürfte ächzend und die Hände ringend, – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben in wahrem Jammer – auf und ab. Er konnte nur seufzen: »Fritz, – Fritz, tu's nicht, bleib' da!« Aber niemand 214 beachtete seine Worte, niemand kümmerte sich um seine Not. – Das Ziel seines Lebens und Strebens, unter den Händen war es ihm entschwunden; das Gegenteil seiner Hoffnungen und Pläne war Wirklichkeit geworden, – und er konnte nichts mehr ändern, nicht mehr eingreifen, die Verhältnisse gingen ihren Gang, als ob es gar keinen Türkenhenner mehr in der Welt gäbe. Er war eine Null, eine Überlast, ein Garnichts! – Das warf ihn nieder, seine »holla, holla!« verstummten. Solange er herrschte, solange er sich im Vollbesitz der Macht wußte, verlachte er Liebe. Wozu das »Getue«? Weib und Kind, Knecht und Magd, das halbe Dorf hing ja von ihm ab, konnte ihn nicht entbehren, mußte sich um seinen guten Willen bewerben. Geld regiert die Welt – und das hab' ich! – das war seine Lebensregel. Nun aber war Geld und Gut ihm entschlüpft, Macht und Herrschaft war auf den ungeliebten Sohn übergegangen, – nun kam das Gefühl seiner Ohnmacht und Schwäche über ihn, nun empfand er seine Verlassenheit, jetzt lernte er Liebe und Anhänglichkeit schätzen. Schlaflos verbrachte er die Nächte im einsamen Kaffenetle, die Stille um ihn, die Gleichgültigkeit, der er überall begegnete, die Verachtung, der Hohn, der ihm aus vielen Gesichtern entgegengrinste, die früher die Demut und Freundlichkeit selber waren, beängstigten ihn. Jetzt ging er um Teilnahme, um Freundlichkeit betteln. Eine Art Trost war ihm noch sein Fritz. Wohl hatte er ihn auch nie geliebt, Gegenliebe weder gesucht, noch gefunden, allein er war es doch gewesen, auf dem seine Zukunftpläne ruhten, darum war er ihm wenigstens nicht gleichgültig gewesen, und wenn je ein Mensch Gutes von ihm empfangen hatte, so war es ganz allein sein Fritz. Dies alles ließ ihn sich 215 mit einer wahren Angst an Fritz anklammern, seine Gegenwart als einen Trost empfinden! – Und nun ging auch dieser, – damit war seine letzte Stütze zerbrochen. Gottfried klatschte mit der Peitsche; Bernhard schüttelte Dorle und der Mutter die Hund: »Verzagt nicht, es wird alles gut werden, wir sehen uns glücklich wieder!« Fritz drückte die Hand der Mutter an die Lippen »Behaltet mich lieb!« flüsterte er der Sprachlosen zu. Dem Vater gab er die Hand, wünschte ihm Gesundheit und langes Leben und achtete nicht darauf, daß der alte Mann im Fenster seinen Kopf auf die Arme legte und weinte. »Fahr' zu, Gottfried, laß die Pferde laufen, was sie können, mir drückt's das Herz ab!« flüsterte er dem Bruder zu. Gottfried nickte, die Rosse zogen an, im Galopp ging es das Dorf hinab. »Ade – Ade!« seufzten beide, Bernhard und Fritz, den winkenden, grüßenden Nachbarn zu. »Ade – ade!« – Die gleichen Worte, und doch wie verschieden! Auf der Straße, beim Quellrangen, blickten die Auswanderer auf das Dorf zurück, ehe es, – vielleicht für immer, – ihren Blicken entschwand. »Ade, ade, – du mein schönes Bergheim!« rief Bernhard und schwenkte den Hut. »Hab' nicht gemeint, daß ich dich lassen könnte, und es muß doch gehen. Ade, – behüt' dich Gott! Weißt's noch Fritz, wie wir in der Heuernt' daher fuhren? Damals sagt' ich: ›es gibt doch nur ein Bergheim!‹ Wie sich die Zeiten ändern! – Aber jetzt fort! Fahr' zu, Gottfried! Das lange Rückschauen taugt nichts! Kopf in die Höh', Fritz, wir gehen einer neuen Welt entgegen, dort fangen wir auch ein neues Leben an! Will's Gott, bringen wir's zu was Rechtem!« 216 »Wer so denkt, hat schon gewonnen!« sagte Gottfried leise. »Heb' den Kopf, Fritz! – Grüß' mir's Bärble! – Tu' die Augen auf, kannst viel sehen und lernen, was dir zugut kommt, bist du Türkenbauer. Wir werden uns schwerlich wiedersehen, vergiß nicht, ich hab's alleweil gut mit dir gemeint. Kommst du zurück, behandle die Mutter gut, wenn ich bald sterben sollt', und werd' ein richtiger Mann. Wenn du nur willst, kannst du noch glücklich werden, auch wenn's mit dem Bärble gefehlt sein sollt'!« Fritz drückte Gottfried heftig die Hand und nickte zustimmend, aber in ihm sprach es laut: »Mit meinem Glück ist's vorbei! – Ich fang' zu spät an, dafür zu arbeiten!« 217   Harren in der Fremde Wie fest kleben die Menschen an der Scholle, die sie ihre Heimat nennen, wie verwachsen sie mit dem unbelebten Erdboden, auf dem sie ihre Kinderjahre verspielten und zum Manne heranreiften, wie sind ihre Freuden und Leiden, ja ihre Hoffnungen und Befürchtungen so enge verknüpft mit der gewohnten, vertrauten Umgebung! Ach, wer da sicher wohnt im Erbe seiner Väter, der achtet nicht darauf, wen aber ein rauhes Geschick hinaustreibt in die Fremde, der empfindet es mit herben Schmerzen, wieviel tausend Herzensfäden ihn an die Heimat knüpfen. Und mögen noch so bittere Erinnerungen das Gemüt bedrücken, mögen noch so traurige Erfahrungen und Schicksale den Entschluß zur Reise gebracht haben, die Heimat zu verlassen, – kommt es zum Abschied, o, dann versinkt alles Leid, nur das Gute, das Schöne bleibt im Gedächtnis, jede Kleinigkeit, sonst kaum beachtet, gewinnt Bedeutung und bedrängt das Herz. Gegenstandslos starrt das trübe Auge in die Ferne, wie öde, wie leer ist die Welt! Zum Glück bleibt dem Geist nicht Zeit, ganz in sich zu versinken, nie sind die Anforderungen des Lebens größer und strenger als auf der Reise, nirgends hängt mehr von Pünktlichkeit und Besonnenheit ab. Und was 218 anfangs als drückende Last empfunden wird, erweist sich gar bald als der beste Trost. Das Auge ist ja gezwungen, zu sehen, der Geist muß ja aufmerken, – und die Zeit geht dahin, ein Tag um den andern, und zuletzt ist das Ziel erreicht, und die staunende Frage quillt auf: ist es denn möglich? schon so weit von daheim? Bernhard überwand den Trennungsschmerz zuerst. Er sah hoffend hinein in die Zukunft und genoß die Gegenwart, die ihm so viel Neues, nie Gesehenes bot. Fritz verharrte in einem stumpfen Hinbrüten, nichts vermochte ihn aufzurütteln. Gleichgültig, wie träumend rollte er durch weite, weite Länder, an großen Städten vorbei, über breite Ströme; mochten sich Gebirge an den Seiten des Eisenweges auftürmen oder unabsehbare Ebenen dehnen, – müde drückte er sich in die Ecke des Wagens. Gleichgültig betrat er das Dampfschiff, gleichgültig schweifte sein Auge über das ewige Meer. Und als auf der Weiterreise gefährliche Stürme das Schiff umbrüllten, als alle Passagiere jammerten und zagten, da saß er ebenso bleich und still in seiner Koje wie in den schönsten Tagen. Bernhard schüttelte bedenklich den Kopf, was sollte werden, wenn sich Fritz nicht aufraffte? Die Tage gingen hin, der Dampfer landete in Neuyork. Jetzt ward Fritz ein anderer, aber Bernhard schüttelte nur um so bedenklicher den Kopf. Eine fieberhafte Unruhe trieb Fritz Tag und Nacht um, kaum daß er sich Zeit zum Essen gönnte, mit Gewalt mußte ihn Bernhard oft vom Hafendamm hinwegführen; wie er ihm auch das Zwecklose seines Auf- und Abrennens vorstellte, immer wieder kehrte er zurück und starrte nach den ankommenden Schiffen. Eine »Elisabeth« entdeckte er nicht. Bernhard 219 zog an geeigneten Orten Erkundigungen ein, – was er erfuhr, lautete trostlos genug. Das Bremer Auswandererschiff »Elisabeth« ward vermißt, seit Wochen schon. Er wagte das Fritz nicht mitzuteilen, wollte erst Gewißheit haben. Bald brachten auch Zeitungen die Nachricht, das Bremer Schiff »Elisabeth« sei durch schwere Stürme weit nach Norden verschlagen worden und endlich an der Küste von Neuschottland in Britisch-Amerika gestrandet. Die Passagiere, zum großen Teil gerettet, aber fast sämtlicher Habe beraubt, harrten in Halifax auf eine Gelegenheit zur Weiterbeförderung. Wieder hatte sich Bernhard in Fritz getäuscht. Als er vom Untergang des Schiffes hörte, sprang er wohl leichenblaß auf, bald aber schüttelte er trübe lächelnd den Kopf. »Eine Zeitungslüge!« war seine kurze Antwort, sein Trost; nach wie vor setzte er seine Wanderungen am Hafen fort. Vergebens suchte ihn Bernhard zu bereden, nach Halifax zu reisen, an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen, von dort aus vielleicht Bärble auf die Spur zu kommen – Fritz schüttelte den Kopf. »Soll ich von hier fort, wo ich sie treffen muß? – Laß mich, Bernhard; ich weiß gewiß, kaum habe ich dem Hafen den Rücken gewendet, so läuft die »Elisabeth« ein, und dann ist's Bärble für mich verloren!« Bernhard erbot sich, allein nach Halifax zu reifen, auch davon wollte Fritz nichts hören. »Du bleibst bei mir, Bernhard,« sagte er;»wie sollte ich ohne dich bestehen?« Und das war nur zu wahr; seit ihrer Abreise von daheim hatte sich Fritz um kein Geschäft bekümmert, alle Besorgungen überließ er Bernhard, nicht einmal die Rechnungen, die Bernhard gewissenhaft jede Woche führte, sah er an. Bernhard war ratlos; um nur etwas zu tun, erließ er in mehreren 220 großen Zeitungen Aufrufe und sicherte demjenigen Belohnung zu, der Aufschluß über die mit dem Schiff »Elisabeth« verunglückten Auswanderer Peter und Barbara Wendel geben könne. Täglich lief er nach den Zeitungsbureaus – täglich vergeblich. So vergingen abermals Wochen, Bernhard gab es endlich auf, Nachricht über die Gesuchten zu erhalten, und da es ihm durch kein Mittel gelang, Fritz aus seinem Trübsinn aufzurütteln, da er ihn trotz aller Vorstellungen nicht von der Nutzlosigkeit längeren Wartens überzeugen konnte, beschloß er, in anderer Weise eine Entscheidung herbeizuführen. »Fritz,« begann Bernhard eines Abends, als dieser wiederum erst mit einbrechender Nacht, völlig durchnäßt und durchfroren, in ihr Boardinghaus zurückkehrte: »Fritz, unser Zusammensein muß nun ein Ende haben! Ich bin nicht nach Amerika 'gangen, unserm Herrgott die Tag' abzustehlen und mich umsonst füttern zu lassen. In Neuyork habe ich mich umgetan, da ist nichts für mich. Arbeit getraute ich mir wohl zu finden, aber das Leben und Treiben gefällt mir nicht, zum andern hält's auch schwer, auf die eigenen Füße zu kommen, und darauf hab' ich es doch abgesehen. Da, – hier sind die letzten Rechnungen, nimm dich vor dem Wirt in acht, das ist ein schlitzöhriger Spitzbube, ich habe ihn weg, und laß um Gottes willen nicht merken, daß du noch viel Geld hast. – Morgen reise ich nach Albany, und ist's da nichts, nach Rochester und Buffalo an den See – dort find' ich Bekannte, soll auch was zu machen sein dort.« »Bernhard, – ist's dein Ernst?« rief Fritz. »Mein völliger. Ich geh' auch deinetwillen. Bist du allein, mußt du wohl die Augen auftun, vielleicht merkst du, auf welch verkehrten Wegen du gehst.« 221 »Was kann ich machen? – Ich muß eben abwarten, bis die ›Elisabeth‹ endlich ankommt!« »Ich sag's zum letztenmal: die ›Elisabeth‹ kommt niemals, die ist lang schon zu Grund 'gangen, weit droben im Norden. Jetzt fragt sich nur noch, ob das Bärble davon 'kommen ist oder nicht, – und das erfährst du hier auch nicht. Wach' auf, Fritz! Entweder geh' nach Deutschland zurück, oder unternimm die Fahrt nach Halifax, – 's mag wohl jetzt im Winter seine Mucken haben, da hinauf, – 's ist aber der einzige Ort, wo du was Sicheres über das Bärble erfahren kannst; oder reise mit mir ins Land hinein und such' dir eine Unterkunft. – Es muß doch zu irgendeinem Loch 'naus mit dir!« »Das Bärble lebt, – sell weiß ich gewiß. Meinst, ich wär' sonst so geduldig 'blieben? – Und dann – lach' mich aus, meinetwegen! – Ich kann nicht von hier fort; ich mein', da muß ich das Bärble finden oder nirgends!« »Bist ein wunderlicher Kauz, ich werd' einmal nicht klug aus dir! – Meinetwegen auch! Aber tu' nur die Augen auf, daß du auch merkst, was um dich her vorgeht; – ich glaub' gewiß, daß du von Neuyork noch nichts gesehen, als das Stückle Hafen, wo die Auswandererschiffe anlegen, und die Straße bis an dies Haus, – ist das nicht 'ne Schande? Und sieh' nach deinen Sachen und besonders nach deinem Geld, – die amerikanischen Spitzbuben sind geriebene Kerle. – Du tust mir aufrichtig leid, Fritz, aber ich kann dir auch nicht helfen, – morgen reise ich!« »Bernhard, – du bist mein einziger Freund, – verlaß mich nicht! – Guck', – ich will dir ja gern die Versäumnis vergüten!« 222 »Das hätte nun grad' noch gefehlt; fürs Faulenzen auch noch Bezahlung nehmen! Das solltest du mir gar nicht ansinnen!« »Ich mein's nicht bös! Ach, Bernhard, hab' Geduld; ich bin so elend, so zerbrochen, ich kann's nicht sagen. Meine einzige Hoffnung ist das Bärble, und doch weiß ich, es ist nichts, sie nimmt mich nicht wieder an. Was ich auch tu', – es ist zu spät! Mir blüht kein Glück mehr! – Ach, wenn mir manchmal mein Elend zu Kopf steigt, wenn ich überleg', wie ich so gar nichts bin noch bedeute, so ganz vergeblich auf der Welt herumlaufe, nichts anrichte wie Verwirrung und Unheil – da, ja, da werd' ich oft des Lebens gänzlich überdrüssig.« »Ist mir eine feine Art, das! – Und du schämst dich nicht? magst mir das noch sagen? – Potz Himmelheiden! – Das Fluchen ist nicht meine Sach', aber da kann ich auch nicht anders, so was muß 'runter von der Seel'! – Ist man denn bloß und blank des Glückes wegen auf der Welt? Gibt's sonst nichts, was einen trösten und aufrichten kann, geht's auf der einen Seite schief? Muß dir grad' und apart das Süpple angerichtet werden, das du am liebsten ißt?« »Das ist's nicht! Aber ich hatte ja das Glück in Händen, es mußt' alles zusammenhelfen, daß mir's so recht nach Wunsch ging, – und doch ruh' ich nicht und raste nicht, bis ich's gründlich zernichtet hab'. Das ist's, Bernhard, daß ich mich selber in die Nesseln setzte, darüber komme ich nicht weg.« »Grad', mein' ich, das wäre ein Glück, siehst du das endlich ein. Mach' dir das zunutz, was du jetzt weißt, und sei künftig gescheiter!« 223 »Künftig! was nützt mir die Zukunft? – Ja, wenn das Bärble einwilligte, dann könnt's gehen; ohne das bin ich ein verlorener Mensch. Mit den Gedanken: du warst selber dein ärgster Feind, und was dir hätte zurechthelfen sollen, hat dich nur noch schlechter und verderbter gemacht, – mit den Gedanken fängt sich ein neues Leben schlecht an. An mir ist Hopfen und Malz verloren! Wer so sein Glück mit Füßen tritt wie ich, der ist Glückes nimmer wert, wer alle Menschen, die es wahrhaft gut mit ihm meinen, so kränkt, ihnen so viel Leid antut, wie ich's fertig gebracht hab', den sollt die Sonne nimmer anscheinen!« »Hm, hm! – Nu, nimm mir's nicht übel, früher hab' ich oft die nämlichen Gedanken gehabt. 's ist schad', bei dir kommen sie ein bißle spät! – Aber damit ist dir jetzt nichts mehr geholfen. Siehst du dein altes Unrecht ein, ei, so fang' an und mach's gut, soweit du kannst. Aber dein Sinnieren und Herumschleichen, – wozu soll das helfen?« »Gut machen, – ja, wenn ich das könnt'! Das ist's ja eben, worüber ich oft den Kopf an die Wand rennen möchte. – Alles ist umsonst, was ich auch tun wollte, es ist doch zu spät!« »Ist ein dummes Wort das. Nichts ist zu spät, am allerwenigsten eine Umkehr zur Ordnung! Fritz, ich will dir sagen, wo dir's fehlt. Du hängst an dem Vergangenen und meinst, wenn es nicht doch so wird, wie es hätte werden können, so ist's nichts. Guck' mich an! Bin ich nicht auch in deiner Lage? Ei, Sapperment, wer immer hinter sich gucken wollte, der sollte Einsiedler werden! Weil es in Bergheim nichts mit meinen Entwürfen war, ei, so fang' ich's hier anders an! Dich quält deine Torheit! Ist ganz 224 in der Ordnung, Strafe muß sein in der Welt; – aber bedenk' wohl, deckst du mit einer neuen Dummheit die alten zu?« »Es ist immer leichter trösten, als tragen. Du sollst recht haben, allein ich weiß auch: mir kann allein das Bärble helfen, – und sie wird nicht wollen, drum ist alles zu spät!« »So bleib' dabei, ich kann dir auch nicht helfen!« rief Bernhard, als auch diesmal wieder das Gespräch auf den alten Punkt ankam. »Richt' dich danach, morgen geh' ich ab, meine Sachen sind gepackt!« Darein wollte aber Fritz unter keiner Bedingung willigen; als Bernhard durchaus nicht zu bewegen war, seinen Plan aufzugeben, bestürmte er ihn so lange mit Bitten und Vorstellungen, bis dieser endlich einwilligte, noch acht Tage bei ihm in Neuyork auszuharren. Dafür versprach Fritz, wenn sich auch bis dahin keine Spur der Gesuchten zeige, sein Warten aufzugeben. Bernhard benützte die Zeit, die er noch mit Fritz zusammenzuleben hatte, redlich. Keinen Augenblick ließ er den Freund allein; um ihn von den zwecklosen Gängen am Hafen abzubringen, beredete er ihn zu größeren Ausflügen durch die Weltstadt, machte ihn auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam, suchte ihm einen Einblick in das unbeschreiblich wechselvolle, vielgestaltige Leben und Treiben in den Straßen zu verschaffen, führte ihn in Theater und Konzertsäle, zuletzt auch in deutsche Bierhäuser, – alles vergeblich. Fritz ging herum wie im Traum; mit einem traurigen Lächeln fügte er sich in Bernhards Anordnungen, gleichgültig glitten seine Blicke hinweg über all die Sehenswürdigkeiten und Herrlichkeiten, die sich seinen Augen 225 darstellten, gleich ausdruckslos rauschten die vollen Klänge der Musikchöre in Theater und Konzerten wie das betäubende Getöse des Straßenlärms an seinem Ohr vorüber. Sein Geist war weit weg; mit einer grausamen Lust wühlte er seine Vergangenheit auf, immer neue Verschuldung entdeckte er, es bereitete ihm ein schmerzliches Vergnügen, sich vor sich selbst mehr und mehr zu entwerten, sich sein Unglück als gerechte, nur noch viel zu geringe Strafe vorzustellen. Je tiefer er sich herabwürdigte, desto mehr schwand die Hoffnung auf eine glückliche Lösung seines Geschickes; der Gedankenkreis fixierte sich in seiner Seele: da er einmal durch Leichtsinn und Gedankenlosigkeit eigenes und fremdes Glück zerstört, sei für ihn jede Freude des Lebens verloren; zur Strafe für seine Verkehrtheiten müsse ihm fortan alles, was er unternehme, zum Unheil ausschlagen; jeder Versuch, ordentlich zu werden, in der Welt doch noch vorwärts zu kommen, könne ihn nur tiefer in Unheil und Verderben stürzen. Zu spät! – das war der Grundton aller seiner Gedanken und Empfindungen, der Tag und Nacht in ihm fortklang, jede auftauchende Hoffnung zerstückte, jede aufquellende frische Willensregung erdrückte, überwucherte, ertötete. Zu spät! – das war der unselige Dämon in ihm, der seinen Geist niederdrückte bis an jene schauerliche Grenze; da Licht und Finsternis miteinander streiten. Bernhard erkannte mit Entsetzen, an welchem Abgrund Fritz hintaumelte; aber er fand den Anruf nicht, der dem Unseligen die Augen geöffnet hätte; auch ihm, seiner Liebe, seiner Angst, seinen ernstlichen Mahnungen stellte sich das »Zu spät!« in den Weg und vernichtete jede Wirkung. Nur noch ein Gedanke hielt dem »Zu spät!« bis jetzt in Fritz das Gleichgewicht: das Bewußtsein, die 226 innere Gewißheit, Bärble könnte ihn retten, aber auch nur sie! Als jedoch Tag um Tag verging, ohne daß eine Spur von ihr sich zeigte, da ward dieser Trost immer schwächer. »Zu spät!« klang es in seiner Brust, »für mich gibt es eben keine Hilfe mehr.« Schon nahte der bestimmte letzte Tag ihres Zusammenseins, und Bernhard ward trostlos, denn weder konnte er Fritz dahin bringen, einen entscheidenden Entschluß zu fassen, noch vermochte er ihm seine finsteren Gedanken auszureden. Was sollte er tun: gehen oder bleiben? – Bekümmert schritt er neben Fritz durch die volksbelebten Gassen; tausend und abertausend Menschen drängten und eilten durcheinander, aber kein Freund war darunter, kein Vertrauter, dem er seine Not hätte klagen, den er um Beistand hätte bitten können. Der sonst so tapfere Bursche kam sich so verlassen und hilflos vor, wie noch nie, zum erstenmal verwünschte er seinen Entschluß, Fritz zu begleiten. Plötzlich drückte Fritz seinen Arm, daß er hätte aufschreien mögen, und zeigte mit glühendem Gesicht in das Gewühl. Bernhards Blicke überflogen den Menschenhaufen, auch er zuckte zusammen, – dort kam ihnen der liederliche Bäcker entgegen! Schon hatte ihn Fritz verlassen, achtlos arbeitete er sich durch das dichteste Gedränge, wohl oder übel mußte auch Bernhard ihm folgen. – Kein Zweifel, Fritz hielt Bärbles Bruder an der Hand, es war der verlotterte Peter Wendel, der vor ihnen stand. – War das ein Staunen und Verwundern! Zwar sah der Veitenpeter sehr verlumpt und verkommen aus, aber das bemerkte Fritz nicht, alle Augenblicke umarmte er den Gefundenen, und Peter mußte nur immer bestätigen, 227 daß auch Bärble noch lebe und wohlauf sei. Schon sammelten sich Neugierige um die beiden, und da alle Reden vergeblich blieben, ergriff Bernhard den Beck unterm Arm, zog ihn in eine bekannte deutsche Bierstube, pflanzte ihn in eine einsame Ecke und sagte aufatmend: »So, nun sprich! – aber laß ihm erst was zu essen und zu trinken geben, Fritz, er sieht nicht aus, als hätte er alle Tage herrlich und in Freuden gelebt! – O Gott im Himmel, solch Zusammentreffen! – Mach' voran, daß du satt wirst, du siehst, der Fritz kann kaum die Zeit erwarten, und ich sitz' auch wie auf Nadeln!« Aber das ging doch nicht so schnell, wie Fritz und Bernhard wünschten. Peter mußte gründlich gefastet haben, er war fast nicht zu ersättigen, würgend und schlingend nickte und blinzelte er bald Fritz, bald Bernhard zu, und wenn er ja einmal den Mund frei hatte, da er gerade den Bierkrug absetzte, fluchte er: »Gott verdamm' mich, wenn das nicht das erste vernünftige Fressen ist, das ich in dem verfluchten Amerika über die Zunge bringe! Beim Teufel auch, ihr kamt zu rechter Zeit; morgen war's aus mit mir! Entweder ich war verhungert oder ich macht' einen dummen Streich, und in Amerika machen sie verdammt wenig Umstände!« Er begleitete diese Rede mit der Gebärde des Hängens. Bernhard wandte sich voll Ekel und Verachtung ab, Fritz hatte jedoch für nichts mehr Sinn, ihm war es genug, neben Bärbles Bruder zu sitzen, sie noch am Leben zu wissen. Endlich war doch auch Peters Heißhunger gestillt, und nachdem er sich noch eine Zigarre angebrannt, ließ er sich herbei, die gewünschte Aufklärung über sein und seiner Schwester Geschick zu geben. Es war eine wilde 228 Erzählung, und die unmäßigen Flüche, die Peter einstreute, machten sie noch grausiger. Nach schweren Stürmen und Gefahren aller Art war die »Elisabeth« zuletzt in einer stürmischen Nacht auf den Strand aufgelaufen. Trotz der Verwirrung und des Schreckens gelang es dem umsichtigen Kapitän, Passagiere und Mannschaft zu retten, aber die ganze Ladung, sämtliches Gepäck der Reisenden ward eine Beute der Wellen. Als der Morgen heraufdämmerte, standen auch Peter und Bärble mit hundert Schicksalsgenossen, blutarm, des Nötigsten beraubt, vor Kälte und Nässe zitternd, vom Hunger gepeinigt, auf einer öden, menschenleeren Küste, Fischerboote bemerkten die Gestrandeten und sendeten Hilfe aus der nächsten Hafenstadt Halifax in Neuschottland; die Bewohner nahmen sich freundlich der Verunglückten an, versorgten sie mit Kleidern und Wäsche, halfen ihnen auch, soviel sie konnten, zu ihrem weiteren Fortkommen. Bärble war trostlos, sie wollte nichts davon hören, Unterstützungen anzunehmen, und doch wollte und konnte sie auch, bei ihrer gänzlichen Unkenntnis der englischen Sprache, nicht in Halifax bleiben. Amhofs drängten sie um Entscheidung, da war plötzlich der Grundmüllersjakob erschienen, und nach einer längeren, geheimen Unterredung mit ihm erklärte Bärble, sie nähme das nötige Reisegeld für sich und den Bruder als ein Darlehen vom Jakob an und begleite ihn und Amhofs nach Iowa oder Wisconsin. »Und wie kam der Grundmüllersjakob nach Halifax?« fragte Bernhard auf das höchste erstaunt. »Hat er sich nicht in Wisconsin angekauft?« »Freilich, eine Mühle oder so was in der Gegend von Madison; soll sich gut stehen, was auch nicht zu 229 verwundern ist, der Jakob war ja von jeher ein Hauptbüffler!« entgegnete Peter. Mit einem eigentümlichen Blick auf Fritz fuhr er fort: »Was ihn nach Halifax getrieben, hab' ich nicht 'rauskriegen können, der Jakob ist ein Schuft so gut wie einer, wenn's drauf ankommt. Hab' übrigens doch meine Augen nicht vergebens im Kopf, ha, ha!« »Sag's nur 'raus,« brach Fritz los, der, als die Rede auf Jakob kam, den Kopf in beide Hände gelegt hatte. »Sag's nur 'raus, das Bärble hat an den Jakob geschrieben, ihn zu sich bestellt, – o, mir geht ein großmächtiges Licht auf!« »Nein, so rennt der Fuchs nicht!« lachte Peter. »Ich will verdammt sein, wenn das Bärble mit einem Odem an den Jakob gedacht hat, viel weniger geschrieben, – sie ist gar zu lästerlich erschrocken, wie er so auf einmal in unserem Quartier in der Tür steht. Nein, Fritz, da kennst du's Bärble schlecht, wenn du ihr im Ernst das zutraust. Aber bei ihm, bei dem Jakob ist's nicht ohne, darauf laß ich mich hängen! Irgendwie hat's die Spürnase ausgewittert, wann und wo und auf welchem Schiff das Bärble ankommen sollt', hat in Neuyork auf sie gewartet, in den Zeitungen unsern Schiffbruch gelesen, und ist ihr auch noch nach Halifax nachgegangen. – Ha, ha, dumm ist der Jakob nicht, der weiß es anzufangen, sich bei den Mädchen Steine ins Brett zu setzen, – Gott verdamm' ihn!« »Ohne dein lästerliches Fluchen verständen wir dich grad' so gut!« sagte Bernhard unmutig. Er erinnerte sich des Gespräches im Veitenhaus an der Nachkirchweih, jetzt wußte er, warum damals Jakobs Bruder das Bärble so genau über ihren Reiseplan auskundschaftete. Doch schwieg er darüber, um Fritz nicht noch mehr aufzuregen, der arme 230 Mensch war ohnedies in der übelsten Verfassung. Häufig wechselte er die Farbe, seine Augen glühten, dazu trank er auch mehr, als ihm gut war. Um das Gelage abzukürzen, sagte Bernhard dringend: »Das sind Einfälle, wer weiß, was den Jakob nach dem Norden hinauftrieb. Übrigens kümmert uns das auch wenig, – erzähle lieber zu Ende, mir wird's heiß in der engen Stube.« »Kümmert uns wenig! – Bist ein verdammter Fuchs, aber ich bin auch kein heuriger Has'!« lachte Peter rauh und goß ein Glas Bier hinab. »Wie's weiter ging? – elend und erbärmlich! Da grad' keine Gelegenheit nach Neuyork zu finden war, nahmen wir auf einer Segelbarke Passage nach Boston. Mir gefällt's da, und um dem Predigen des Jakob – die Pest in seinen Hals – zu entgehen, sag' ich, ich wollt' mein Glück da versuchen. Darüber belobt mich der Schleicher; wie ich aber das weitere Reisegeld für den Notfall von ihm verlang', lacht mir der Heuchler ins Gesicht: ich solle jetzt zusehen, wie ich durchkomme; in Amerika, und besonders in einer Stadt wie Boston, verhungere niemand, der die Arbeit nicht scheue! All mein Bitten war vergebens, 's Bärble, der Jakob, die Amhofs fahren mit der Eisenbahn nach Neuyork, – ich – Teufel auch! – sitze gut unter wildfremden Menschen, kaum so viel Geld im Sack, ein Nachtlager zu bezahlen! – Verdammt will ich sein, wenn ich das dem Spitzbuben nicht gedenke!« »Hast du keine Arbeit in Boston gefunden?« fragte Bernhard. »Arbeit! – Du Narr, bin ich deswegen nach Amerika? – Ha, ha – da hätt' ich's in Deutschland bequemer haben können. Nein, Bursch, so ist's nicht gemeint! Ich 231 will verdammt sein, wenn ich in Amerika 'nen Finger krumm mache!« »Überm Wasser sollen schon mehr zahm geworden sein!« brummte Bernhard. »Ist halt die Frag', ob's auf mich paßt! – Ja, ja, Fritz! Also in Boston wollt' ich dem Glück auf meine Art ein bißle nachhelfen, – aber da war's nichts. In Amerika kenn' ich mich noch nicht aus, da muß ich erst wieder lernen, – ha, ha! – In dem verdammten Nest waren sie mir scharf auf den Hacken, Pestilenz auch, so bin ich mein Lebtag nicht gelaufen wie damals!« »Und dein Bärble? – wo ist sie?« fragte Fritz ungeduldig. »Ach so, – hätt' mir's denken können, daß du da hinaus willst. Wo wird sie sein? D'rin, irgendwo in Iowa oder Wisconsin, was weiß ich? – Aber jetzt redet! – Was führt euch, – dich, Fritz, nach Amerika, und was treibt ihr in Neuyork?« Peter brach in ein schallendes Gelächter aus, als er erfuhr, daß Fritz seiner Schwester zu Gefallen die Reise unternommen habe. Fritzens drohende Blicke brachten ihn jedoch rasch zur Besinnung, anscheinend teilnehmend fragte er: »Und was hast' nun vor?« »Heiraten will ich, heiraten dein Bärble, und dann zurück nach Deutschland!« rief Fritz glühend. »Willst du mir deine Schwester suchen helfen? Getraust du dich, das Mädle zu finden?« »Warum denn nicht?« schmunzelte Peter, dem sich eine angenehme Aussicht eröffnete. »Dem Grundmüllersjakob seine Adresse hab' ich, weit davon wird sie nicht sein! – Holla, lustig, Fritz, laß den Kopf nicht hängen, ich will 232 verdammt sein, wenn du den Jakob nicht ausstichst. Tausend Donnerwetter! Das Mädle muß dich nehmen, oder ich will am ersten besten Baum hängen! Sie muß dich nehmen, sag' ich, und wär's auch nur, um dem verdammten Heimtücker, dem Müller, einen Strich durch die Rechnung zu machen!« Bernhard biß die Lippen zusammen, Fritz bezahlte die Zeche und rief: »Schon gut! – Kommt jetzt, wir müssen packen, morgen reisen wir ab!« 233   Zu spät Fritz ließ Peter nicht wieder aus seiner Nähe. Daß der so unerwartet Gefundene die Nacht in ihrem Quartier zubrachte, fand Bernhard begreiflich, weniger das unbedingte Vertrauen, das Fritz jetzt schon dem gar zu heruntergekommenen Menschen bewies. Ihm entging nicht, wie dessen Augen habsüchtig funkelten, als er beim Einpacken Fritzens reichen Kleidervorrat bemerkte. »He, du,« schrie er, »der Donner soll mich erschlagen, wenn du nicht einen ganz unvernünftig großen Plunder mit dir herumschleppst. Wozu der Quark? Dabei fällt mir ein, meinem Anzug sieht man den Schiffbruch gar zu sehr an, die Leut' mögen unterwegs und in Madison nicht schlecht dreingucken, heißt's: ich wär' dein Schwager! Mir ist's egal, aber deinetwegen möcht's gut sein, du borgtest mir ein paar von deinen übrigen Lumpen, – 's ist nur wegen dem Abstich!« Fritz runzelte die Stirn; nach einigem Besinnen wählte er jedoch einen vollen Anzug aus der Kiste und übergab ihn, ohne ein Wort zu sagen, dem grinsenden Peter. Als dieser sich im Nebenzimmer umkleidete, sagte Bernhard leise: »Um Gottes willen, Fritz, sei auf der Hut, laß dich mit dem Menschen nicht zu tief ein. Trau' ihm nicht, er hat keine guten Absichten!« 234 »Was meinst du? – Sollt' er mich betrogen haben von wegen dem Bärble?« »Das nicht, – das gewiß nicht! – Die Augen, mit denen er deine Sachen betrachtet hat, die ängsten mich. Fritz, laß ihn nicht merken, daß du Geld hast!« »Was denkst du auch? – – Nein, Bernhard! Der Peter ist ein liederlicher Strick, aber so weit ist er doch noch nicht!« »Ich möcht' ihm nicht unrecht tun, – aber seine Augen und sein schamloses Wesen, – Fritz, wer so seine Schande auskramt, dem ist alles zuzutrauen!« »Du siehst, ich kann ihn nicht entbehren!« »Freilich – eben drum warne ich dich! – Laß ihn um Gottes willen nichts von deinem Geld merken!« Fritz nickte Bernhard zu, da Peters Eintritt ihr weiteres Gespräch unterbrach. Bald nach Tisch begaben sich alle drei zur Ruhe; Bernhard mochte Peters Geschwätz nicht anhören, und Fritz war wieder so in sich versunken, daß er alles um sich vergaß. Als ihm Bernhard vor dem Niederlegen noch einmal die Hand drückte und treuherzig sagte: »So, nun schlaf' in Ruhe, hoffentlich gestaltet sich die Geschichte ganz nach deinem Wunsch!« – war ein tiefer Seufzer seine einzige Antwort. Wie beneidete Fritz seine Gefährten um ihren tiefen, gesunden Schlaf! Mit offenen Augen wälzte er sich im Bett umher, lauschte auf das Ticken seiner Taschenuhr, auf den regelmäßigen Atem seiner Schlafgenossen, – wie langsam, langsam schlich die Zeit hin. Gegen Mittag des folgenden Tages hatten die drei Bergheimer Neuyork schon weit hinter sich; schnaubend dampfte die Lokomotive durch das winterliche Hudsontal 235 aufwärts, Albany zu. Fritz hatte zuerst den Vorsatz ausgesprochen, direkt nach Westen zu reisen, doch fügte er sich ohne Widerrede dem Wunsch Bernhards, der ihn bat, den Umweg nicht zu scheuen und ihm bis Albany oder Buffalo das Geleite zu geben. Fritz fügte sich um so williger dieser Bitte, da er wohl kannte, aus welch uneigennütziger Absicht sie hervorquoll, da es ihm selber schwer ward, sich von Bernhard zu trennen, und, – da ihn jetzt die Kürze der Zeit, in der er Bärble treffen sollte, fast erschreckte. Wie auf der ganzen Reise, so auch diesmal, saß er teilnahmlos in einer Ecke, kaum, daß er dann und wann mit einem flüchtigen Blick die Gegend musterte. Die Entscheidung fürs Leben, der er entgegenging, der ihn jede Umdrehung der Räder näher brachte, ließ ihn nicht ruhen. Bernhard beobachtete sorgenvoll den Freund, um so sorgenvoller, da er ahnte, was in ihm vorging. Gerne hätte er ihn getröstet, aber wo Trost hernehmen in solcher Lage? Hoffnungen durfte und wollte er nicht in ihm erwecken, – und was sollte er sonst sagen, auch wenn sie allein und unbeobachtet gewesen wären? – Seufzend kehrte er sich endlich ab und wendete all seine Aufmerksamkeit den auch im Winterkleide so reizvollen Umgebungen zu, durch welche sie der Bahnzug führte. Bernhard war im Winter den Rhein hinab gewandert, und als sie jetzt in den bergigen Teil des Hudsontales eintraten, drängten sich ihm unwillkürliche Vergleiche zwischen dort und hier auf. Wie gerne hätte er seinem vollen Herzen Luft gemacht, aber es war niemand, mit dem er hätte reden können. Fritz lehnte jedes Gespräch durch stummes Kopfschütteln ab, und Peter durchwanderte fortwährend die Wagen. Zunächst fiel dies Bernhard nicht besonders 236 auf, als er aber bemerkte, wie sich Peter mit allerlei verdächtig aussehendem Volk einließ, mit einigen wilden Burschen in kurzem sehr vertraut ward, teilte er seine Besorgnisse Fritz mit und warnte ihn ernstlich. Fritz nickte wohl zu seinen Bemerkungen, aber Bernhard seufzte, – er sah, seine Worte waren in den Wind geredet. In Albany fühlte sich Bernhard ebenso unbehaglich wie in Neuyork, nach einigen Tagen ging die Reise weiter nach Rochester. Dort fand sich auch kein passendes Unterkommen, Bernhard begleitete den Freund bis nach Buffalo. – Hier endlich erklärte er, zu Peters unendlichem Vergnügen, dem der nüchterne, besonnene Bernhard höchst unbequem war, doppelt, da er sich von ihm durchschaut fühlte, in Buffalo bleiben und vorläufig sein Glück versuchen zu wollen. Bernhard begleitete den Freund nochmals aus der Stadt zum Bahnhof, – es war ein trauriger Abschied, als sie sich nun trennten. Bernhard mußte den Freund ohne Trost von sich lassen, Fritz schied ohne Hoffnung. »Ich kann dir's jetzt nicht vergelten, was du an mir getan hast«, sagte Bernhard, »aber vergiß nicht, was mein ist, ist auch dein; bring' ich's zu was, so hast du bei mir zu jeder Zeit eine Heimat! – Und, Fritz, nimm dich zusammen, laß dir den Kummer nicht über den Kopf wachsen; geht's schief mit dem Bärble, verlier' den Mut nicht, für dich ist deswegen noch nicht alles verloren; mit der Zeit vergißt sich auch das größte Leid. Besonders das schreib' dir ins Herz: ein ordentliches Leben kann man jederzeit noch anfangen, dazu ist's nie zu spät! – Gott behüt' dich, Fritz, und lenke alles zum besten!« – Noch lang' winkte er mit der Mütze dem Scheidenden nach. Wieder rasselte und klapperte der Zug durch beschneite 237 und beeiste Gegenden, über endlose Ebenen dahin. Fritz hatte Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, Peter kümmerte sich wenig um ihn. Stille saß Fritz in seiner Ecke und schaute achtlos hinaus in die Schneewüste, in das Schneegestöber oder den Sonnenschein, – wer weiß, ob er von beiden etwas bemerkte. Je näher dem Ziel, desto heißer, ungestümer erwachte auch die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen; er hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller zu ihr zu eilen. Ach, und wenn sie ihn von weitem kommen sah, mit holdem Schreck zuerst sich abwendete, aber dann, gerührt von seiner Liebe und Treue, die sich ja jetzt bewährte, mit leuchtenden Augen, glühenden Wangen ihm entgegeneilte, ihm die Arme entgegenbreitete, an seine Brust flüchtete, ihn: »mein lieber, lieber Fritz!« nannte und nun sein war für alle Zeit, – ach, solche Bilder trieben ihm oft das Wasser in die Augen. Wie so gern hätte er hoffen mögen, aber das Stoßen und Puffen der Lokomotive, das Rasseln und Klirren der Räder und Ketten sang eintönig fort und fort: »Zu spät, – zu spät, – zu spät!« – und verschwunden waren alle fröhliche Aussichten, der alte Schmerz durchwühlte ihn, oft ballte er heimlich die Fäuste, um nicht aufzuspringen und laut hinauszuschreien. Ach, es ist gar so traurig, mit einem tiefen Weh im Herzen, mitten unter lachenden, plaudernden Menschen, verlassen, vereinsamt durch die Welt zu jagen, einem erhofften, gefürchteten Ziel entgegen! Endlich war Madison in Wisconsin erreicht. Klopfenden Herzens verließ Fritz die Bahn. Ist Bärble in der Nähe? – wird er sie finden? – und wie wird er sie finden? – Diese Gedanken trieben ihm wechselnd Hitze und Frostschauer aus. Und doch mußte er sich in Geduld fassen, Peter liebte durchaus Überstürzung nicht, und nach der anstrengenden, kaum unterbrochenen Eisenbahnfahrt von Newyork bis Madison erklärte er bestimmt, ehe er es unternehme, Jakob und das Bärble aufzuspüren, müsse er erst einige Tage rasten, seine Glieder fielen fast auseinander. Klug hatte er Jakobs Adresse für sich behalten, kein Bitten, kein Versprechen vermochte sie ihm abzudringen, und so mußte sich Fritz in Geduld fassen und ruhig abwarten, bis es Peter belieben würde, seine Entdeckungsreise anzutreten. Endlich, nach drei endlosen Tagen, erklärte er sich zur Abfahrt bereit. Fritz wollte ihn begleiten, dies duldete jedoch Peter um keinen Preis, dagegen versprach er, wenn es irgend zu ermöglichen sei, werde er das Bärble gleich mitbringen, um sie so ganz sicher dem Jakob aus den Klauen zu reißen. Mit welchen Gefühlen Fritz dem dahinbrausenden Bahnzug nachblickte, mit welcher Ungeduld er Peters Rückkehr erwartete, wie er hin- und hergeworfen ward zwischen Hoffnung und Verzweiflung – es mag übergangen werden. Endlich nach vier Tagen spät in der Nacht kehrte Peter zurück. – Aber wie ward Fritz, als statt des heiß ersehnten Mädchens – der Grundmüllersjakob – in sein Zimmer trat. Peter machte ein verlegenes Gesicht, nach kurzer mürrischer Erklärung, Jakob habe ihm um keinen Preis den Aufenthalt seiner Schwester verraten, so habe er keine andere Wahl gehabt, als ihn selber mitzubringen, Fritz möge sehen, wie er mit ihm zurecht komme, verließ er das Zimmer. Eine Weile standen sich die Männer schweigend 239 gegenüber. Anfangs wollte Fritz trotzig die Blicke Jakobs aushalten, aber es gelang ihm nicht, diese ruhigen, klaren Augen waren ihm unerträglich, mehrmals wechselte er die Farbe, dann wendete er sich ab. Beschämt über seine Schwäche biß er sich auf die Lippen, aufzublicken wagte er dennoch nicht, er fürchtete dem Ausdruck von Teilnahme und Mitleid wieder zu begegnen, der ihn so erschreckt hatte. Die Beschämung verwandelte sich bald in heftigen Zorn, Jakob erschien ihm als der heimtückische Räuber seines Glückes; ein Gedanke an Verrat und Hinterlist durchzuckte ihn, – konnte nicht Jakob das Mädchen unter irgend welchen Vorspiegelungen nach Amerika gelockt und so jede Aussöhnung vereitelt haben? – Seine Augen blitzten, mühsam an sich haltend, stieß er hervor: »Und was hast du hier zu suchen? – was willst du von mir?« Unmerklich zogen sich Jakobs Augenlider zusammen, auf seiner klaren Stirn erschienen sekundenlang kleine Runzeln. »Ist das dein Willkommen?« fragte er. »Gib mir die Hand, dann wollen wir offen und ehrlich reden, wie sich's für Deutsche geziemt!« »Offen und ehrlich!« – lachte Fritz rauh. »Oh, – dich kenn' ich jetzt, dein scheinheiliges Wesen nützt dir nichts, hab' dir in die Karten geguckt!« »Fritz, – bist du bei Trost?« unterbrach ihn Jakob. »Was gibt dir ein Recht zu solch hartem Vorwurf?« »Verstell' dich, – verstell' dich nur! – Mädle magst du berücken, mich aber führst du nicht hinters Licht. Deiner Falschheit bin ich auf der Spur, und ich deck' sie auf! – Wo ists Bärble?« »Welcher Falschheit bist du auf der Spur?« »Wirst's bald erfahren! – Wo ists Bärble?« 240 »Soll ich mich von dir beschimpfen lassen?« brauste Jakob auf. »Red' jetzt, was ist das mit der Falschheit?« »Beim Bärble will ich dir's sagen, – jetzt bleib' mir drei Schritt' vom Leib'!« Jakob war bleich geworden und kniff die Lippen zusammen. »Nein«, rief er plötzlich, »von dir laß ich mich nicht in Zorn bringen! – Was willst du beim Bärble? – seid ihr nicht gänzlich auseinander?« »Hab' ich dich, Fuchs? – Gestehst du deine Umtriebe? – Woher weißt du, daß wir gänzlich auseinander sind?« »Fritz, komm' zu dir! – Von Halifax bis Madison ist ein weiter Weg, und was das Bärble mir verschwieg, haben mir die Amhofs erzählt. Was denkst du von mir? Meinst am Ende gar, ich hätte das Bärble nach Amerika gelockt, weil ich mit ihr in Halifax zusammenkommen bin und ihr ein Unterkommen verschafft habe? – O du! – Wenn du mir so was zutraust, solltest du nicht wenigstens das Bärble besser kennen? Meinst wirklich, sie läßt sich so leicht umwenden und verlocken? – Und du willst zu ihr, willst dich mit ihr aussöhnen? – – Sag' was soll ich von dir halten?« Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und ließ den Kopf hängen; wie Keulenschläge trafen ihn Jakobs Worte, keines klaren Gedankens mehr fähig, hatte er nur noch das dumpfe Bewußtsein: ich bin ein verlorener Mensch, mir ist nimmer zu helfen! Was ich auch beginne, immer und stets pack' ich's beim verkehrten End' an! Jakob ließ Fritz Zeit, sich zu sammeln; mit inniger Teilnahme betrachtete er den Schulkameraden, – wie war er so schmal und bleich geworden, seit er ihn nicht mehr 241 gesehen. »Fritz«, sagte er herzlich und setzte sich ihm gegenüber. »Fritz, laß uns vernünftig zusammen reden. Bist du wirklich bloß und blank Bärbles wegen nach Amerika gegangen?« »Und was hast du danach zu fragen?« »Hör' mich an, Fritz! – Du weißt, ich hab' das Bärble eher lieb gehabt als du; weil sie dir aber den Vorzug 'geben hat, war ich still und hab' mich damit getröstet, daß sie mit dir glücklich werden würde. Nun hab' ich freilich nur allzubald merken müssen, daß du nicht der Mann fürs Bärble bist, daß ihr Zwei zusammenpasset wie Stahl und Stein, – von da begann mein Unglück. Ein paarmal warnte ich das Bärble, kam aber damit so schlecht an, daß ich ihr gänzlich aus dem Weg ging. Ich wollt' sie vergessen, aber ich konnt' nicht, je mehr Müh' ich mir 'geben hab', desto lieber ist sie mir 'worden. Und nun denk', wie mir zu Mut gewesen sein mag, da sie sich immer fester an dich hing, und ich doch ihr Unglück mit dir voraussah! An jenem Sonntag, da wir im Dorf zusammengerieten, war ich zum letztenmal bei ihr, damals hab' ich ihr auch angetragen, sie sollt' mich heiraten. – Du siehst, ich bin ganz aufrichtig! – Natürlich hat sie mich rundweg abgewiesen. Ich aber sah voraus, daß ihr nicht zusammen gut tun würdet; zum Abschied sagt' ich darum zum Bärble, ich geh' nach Amerika und bleibe ledig, brauchte sie mal einen Freund, sollte sie an mich denken!« »Also doch? – Und das sagst du so gelassen, als wär's gar nichts? – Aber weiter, weiter, was nachher?« »Ist gar einfach! Mein Bruder schrieb mir natürlich genau, was in Bergheim, besonders was zwischen dir und 242 dem Bärble vorging, und da ihr an der Kirmse gänzlich auseinanderkamt –« »Mußte dein Bruder dem Bärble so lange die Ohren voll schwätzen, bis sie einwilligte, übers Wasser, – zu dir – zu gehen!« unterbrach ihn Fritz und rannte in der Stube auf und ab. »Verdammt! – Und ich, – ich merk' nichts!« »Natürlich, wie kannst du merken, was nicht ist. Tu' doch nicht so toll! Muß ich dir noch einmal sagen, daß du durch solchen Argwohn ganz allein das Bärble 'runtersetzest? – Hör' jetzt ruhig zu! – Also: da mein Bruder hört, das Bärble wolle nach Amerika auswandern, erkundigt er sich genau und schreibt mir, auf welchem Schiff sie die Überfahrt macht, wann sie in Bremen abreist und in Neuyork ankommen muß. – Du kannst dir denken, daß ich nun auch keine Ruhe mehr hatte, – ach, meine Lieb' zu dem Mädle war in der Fremde nur noch größer geworden. Siehst du, Fritz, ich sag' dir's frei, da es nun mit dir aus war, jetzt faßte ich Hoffnung. – Brauchst mich nicht so anzugucken, – ist dabei ein Unrecht? Ledig bleiben kann das Mädle nicht, das wäre ja das Törichtste, was sie beginnen könnte, und wenn du einmal ihr Mann nicht sein solltest, warum nicht ich? Meine alte Liebe gibt mir ein Recht auf das Mädle vor jedem andern. Also erwarte ich das Bärble in Neuyork, aber das Schiff, auf dem ich sie wußte, blieb aus! Ach, was ich in diesen Tagen ausstand, ist nicht zu beschreiben. Endlich bringen Zeitungen die Nachricht, das Schiff sei in Neuschottland auf den Strand geraten. Ich besann mich natürlich keine Minute, – eine Stunde danach war ich auf dem Wege nach Halifax. Und ich kam zu rechter Zeit! – Mit Bärble hab' 243 ich mich beredet, – mußt nicht meinen, daß ich sie überstürzte, so was ist nicht meine Art. Aber da sie mir freiwillig erklärte, zwischen euch wär's aus, ganz und für immer, ja, Fritz, da hab' ich ihr gesagt, wenn sie erst ihren Kummer überwunden hätte, dann wollte ich sie noch einmal fragen, ob sie nicht meine Frau werden könnte.« Fritz bog sich ächzend zusammen. Jedes Wort ging ihm wie ein Stich durch und durch. Er hätte Jakob so gerne gezürnt, und doch konnte er nicht, Zorn über sich selbst, Scham, Reue überwog jedes andere Gefühl. »Und 's Bärble?« fragte er endlich tonlos. »Ja, siehst du, Fritz, das eben ist's, warum ich selber zu dir 'kommen bin!« sagte Jakob weich. »'s weiß der liebe Gott, wie du mich dauerst, wie gern ich dir beiständ, – aber es ist nichts zu machen, Fritz, glaub' mir. Darauf hat mir's Bärble voll in die Augen geguckt, hat mir die Hand gegeben und gesagt: ›Du weißt, wie's um mich steht. So gern wie den Fritz kann ich keinen Menschen mehr haben, ich sag's gleich jetzt, ich werd' ihn auch niemals gänzlich vergessen. Dagegen acht' ich dich wie sonst keinen Menschen. Ich will sehen, wie sich's mit mir gestaltet. Willst du in ein paar Jahren noch einmal anfragen, will ich dir ehrlich und aufrichtig sagen, ob ich deine Frau werden darf oder nicht!‹ – Das war ihre Antwort.« Fritz hatte das Gesicht in den Händen verborgen, und heiße Tränen quollen durch seine Finger. – Was hatte er verloren, um welchen Schatz hatte er sich gebracht! Jakob nahm seine Hand und fuhr fort: »Du wirst das Bärble kennen. Wenn sie einmal das sagt, dann ist jeder Gedanke an sie von deiner Seite unnütz. Es wird ihr ins Herz schneiden, daß du doch fester an ihr hängst, als es 244 den Anschein hatte, aber ihren Sinn ändert auch das nicht. Fritz, damals, wie mich das Bärble fortschickte, war's mein Trost, daß es eben ihres Glückes wegen geschah, – darum hab' ich mein Leid ertragen. Jetzt ist's umgekehrt. Was dir nicht vergönnt war, will ich versuchen, – da hast du meine Hand darauf, es soll mein ganzes Dichten und Trachten darauf gerichtet sein, das Bärble recht glücklich zu machen! – Ist dir das nicht genug?« fuhr er fort, als Fritz seine Hand von sich stieß. »Was willst du mehr? – Hast du das Bärble wahrhaft gern, muß dir nicht das der beste Trost sein?« »O, – dich kenn' ich jetzt!« fuhr Fritz auf. »Aber an mir ist deine Kunst verloren. O, du Fuchs! Bist also doch deiner Sache noch nicht ganz sicher, weil du mich so eifrig aus dem Wege schwätzen möchtest?« »Nein, sicher bin ich meiner Sache noch nicht, bilde mir das auch nicht ein!« sagte Jakob nachdenklich. »Wenn ich dich aber dahin bringen möchte, dem Bärble nicht vor die Augen zu kommen, geschieht's nur deinet- und ihretwillen. Was soll's nützen? – Ihr machst du neuen Jammer, und dich bringst du vollends um allen Verstand. – Fritz, denk', ich wär' dein Bruder, und hör' mich an. Du bist krank, kränker als es aussieht, du bedarfst der Ruhe, Warte und Pflege, – kehr' um, geh' nach Bergheim zurück, du passest nicht nach Amerika. – Kehr' um, eh' dir übel mitgespielt wird. Mach' dich vom Peter los, das ist ein abgefeimter Spitzbube, in dem ist keine gute Ader! – Kehr' um, so bald als möglich; bist du erst daheim, werden dir andere Gedanken kommen, auch der Weg zum Glück ist dir nicht gänzlich versperrt. – Geh'! – das Bärble will ich von dir grüßen, sie soll dir schreiben –« 245 »Und meinst du im Ernst, damit laß ich mich abweisen?« schrie Fritz außer sich. »Du hältst mich für dümmer als ich bin! Nein, und abermals nein! So leichten Kaufes wirst du mich nicht los, ich will, – ich muß mit dem Bärble reden, und sollt' ich wie ein Hund ganz Amerika durchspüren. Mein Elend ist so groß, daß es auf ein bisle mehr oder minder nicht ankommt; aber es wäre ganz unerträglich, müßte ich mein Lebtag den Gedanken mit mir herumschleppen: nur noch einen Schritt, so war das Glück vielleicht doch mein, hätt' ich mich nicht beschwätzen lassen!« »Daran dachte ich nicht,« sagte Jakob nach einigem Sinnen. »Sei still, schilt mich nicht, in bester Meinung habe ich den weiten Weg zu dir gemacht. Ich rede nicht mehr ab, du sollst den Grundmüllersjakob nicht mit Zweifeln ansehen. Gott gebe, daß euer Zusammentreffen gut abläuft! – Morgen bringe ich dich selbst auf den Weg, – habe nur keine Angst, ich störe euch nicht! – Nur eine Bedingung habe ich, der Peter darf nicht dabei sein, das ist ein erbärmlicher Blutsauger, hat der erst seine Schwester ausgespürt, wird sie ihn nicht wieder los!« »Und du wolltest mich dem Bärble auf die Spur bringen?« »Warum nicht? – Wenn ich dächte, daß sie dich wieder annehmen könnte, ich wär' der Erste, der sagte: geh' zu ihr. – Fritz, jetzt darf ich dir's sagen: ich hab' doch das Bärble viel, viel lieber wie du! Sieh', wenn ich dächte, es wär' zu ihrem Glück, ich wollt' mich freuen, ging sie mit dir nach Deutschland zurück. Doch das ist Gered'! Also morgen! – Mich dauert das Bärble, der alte Jammer kommt von neuem über sie, – doch ist das 246 einmal nicht zu ändern. Nur versprich mir Fritz, daß du sie nicht zu arg quälst, das arme Ding hat genug erfahren.« »Jakob, Jakob, – mir ist's wie ein Traum! – Ach, warum bin ich nicht wie du?« »Und liegt's nicht an dir selber, daß du's nicht bist? Es ist so was Kleines, und doch bringen's so wenige fertig. Sei ehrlich gegen dich und wahrhaftig gegen die Menschen! – Probier's nur einmal ernstlich, du wirst dich verwundern, was dir die Welt für ein anderes Gesicht zeigen wird. – Ja, Fritz, ich seh's kommen, daß du verzweifeln möchtest! Könnt' ich dann bei dir sein – – Fritz, laß dich vom Leid nicht überwältigen, denk', du bist ein Mann, denk' auch, du hast Eltern und einen Bruder, die hoffen auf dich und du bist ihnen viel Dank schuldig. Bring' sie nicht mutwillig in Schande und Kummer! Du hast schon Herzeleid genug angerichtet, fang' ernstlich an und mach's wieder gut!« »Das ists, – Jakob, – wenn ich das könnt', dann wäre mir geholfen. Aber bei mir ist's zu spät, ich bin zu sehr verderbt, der Leichtsinn und die Unart ist bei mir zu Fleisch und Blut 'worden, ich werd' beides nicht los. Ganz allein das Bärble könnt' mich zurecht bringen, verläßt sie mich, ist's vorbei mit mir. Für mich wär's ein Glück, ich stürb' bald!« »Es kommen für jeden Menschen Zeiten, wo er sich den Tod wünschen möchte, – hintennach sieht man ein, wie verkehrt das war. Auch du hast keine Ursache dazu. Und wenn du meinst, nur das Bärble könnte dir zurecht helfen, bist du im argen Irrtum. Hilfe und Beistand kann einem ja wohl von außen kommen, die Hauptsach' 247 muß man doch allein vollbringen. – Fritz, wenn dich das Bärble abweist, komm' zu mir, du sollst gehalten sein wie mein Bruder, und ich hab' auch ein untrügliches Mittel gegen Übel wie das deinige: rechtschaff'ne Arbeit! – Willst du?« »Noch kann ich's nicht versprechen, – aber vergessen will ich deine Reden nicht. Dich kenn' ich jetzt erst, Jakob; du meinst's gut mit mir, ich seh's ein, das sei mein Dank!« Kaum hatte Jakob das Zimmer verlassen, streckte Peter den Kopf durch die Tür. »Darf ich noch rein? Bin ich dir nicht zu schlecht, nachdem solcher Herrgottsengel bei dir war? – Die Pest in seinen Hals! Wer gibt dem Hund das Recht, dich gegen mich aufzubringen? – Aber wart', ich will verdammt sein, wenn ich ihm den Blutsauger und Spitzbuben nicht eintränk'!« »Hast gelauscht? – Dann wirst du auch wissen, daß ich morgen ohne dich geh'. Vielleicht kommen wir nicht wieder zusammen, – da hast du ein Reisegeld, such' dir Arbeit und werd' ordentlich!« »Gottes Donner, Fritz! – Ist das der Dank, daß ich dir auf die Spur meiner Schwester geholfen hab'?« »Und was willst mehr? Soll ich dich deswegen lebenslänglich füttern?« »s' ist gut, 's ist gut, Fritzle, ich werd' dir das gedenken!« schrie Peter und verließ fluchend Zimmer und Haus. Am Morgen reisten Fritz und Jakob mit dem ersten Zuge ab, Peter ließ sich nicht sehen. Als sie auf einem kleinen Haltepunkt ausstiegen, schlüpfte auch Peter aus einem Wagen und folgte in einer Entfernung, die ihn vor 248 Erkennung sicherte, den Wanderern. Drohend hob er oft die Fäuste und fluchte wild hinter ihnen drein. In einem kleinen Städtchen, anmutig zwischen Hügel und Wald gelegen, trennte sich Jakob von Fritz, und dieser setzte seinen Weg, der ihn zwischen eingefaßten Feldern, dann und wann auch am Wald vorbeiführte, einsam fort. Es war windstill, dicht niederrieselnde Schneeflocken hüllten die Gegend in einen dämmerigen Schleier und machten es Peter leicht, Fritz zu folgen. Er hätte nicht so vorsichtig jede Deckung zu benützen gebraucht, Fritz war viel zu sehr in Gedanken, als daß er ihn hätte bemerken können. Achtlos zertrat er die kleinen Fußtapfen, die ganz frisch vor ihm im Schnee sich zeigten und ihn ohne Mühe den rechten Weg finden ließen. Wild klopfte sein Herz; bald, in wenigen Viertelstunden sollte er endlich, endlich sie finden, sehen und sprechen, deretwillen er fern von der Heimat, im fremden Lande umherirrte. Seine Wangen glühten und brannten vor Sehnsucht und hoffnungsvoller Erwartung. – Ach, vielleicht ist es doch nicht so schlimm, als er fürchtet, vielleicht glaubt sie jetzt seiner Liebe; kann nicht auch in ihrem Herzen Sehnsucht nach der Heimat erwacht sein? Und ist er es nicht, der sie mit Ehre zurückführen will? Wie leiser, ferner Glockenton, wie lindes Wehen und Klingen zog es durch sein Gemüt beim Gedenken der Heimat. Heute war ja Weihnachtsheiligerabend! O, welche Fülle von Erinnerungen weckte das eine Wort: Weihnacht! Wie ward es im Herzen so lebendig, wie quoll es ihm so warm, so beseligend auf. Jetzt ward daheim in allen Häusern gescheuert und gefegt, das Weihnachtsgebäck bereitet; aus dem Wald wurden Tannengebüsche heimgeholt, die Geschenke nochmals geprüft und 249 zurechtgelegt. Auf allen Gesichtern lag eine erwartungsvolle Spannung, aus den Augen leuchtete heimliche Lust. O Weihnacht, Weihnacht! – Und wie ward seiner jetzt gewiß so oft mit Schmerzen gedacht, wie mochte sich die Mutter härmen, daß sie ihm keine Überraschung, keine Freude bereiten konnte. Ach, wie würde sie sich erst bekümmern, wüßte sie, wie er jetzt heimatlos, freundlos, einsam durch den fallenden Schnee dahinschritt! Ach, – und wieder, welch herrlichem Ziel ging er entgegen, was war das für ein Christfest, gelang es ihm, das Mißtrauen des Mädchens zu zerstreuen, gab sie sich ihm heute zu eigen. Sein Herz klopfte heftiger und seine Augen glänzten feucht! Aber kein erfreuliches Zeichen kam seiner Erwartung entgegen. Still und tot lag die weite, weite Gegend vor ihm, kein Laut traf sein Ohr, nicht einmal den Schall der eigenen Tritte vernahm er, kein tröstlicher Anblick ermunterte das suchende Auge. Wie ausgestorben war die Welt, und der Schnee rieselte so dicht, so schwer, so traurig langsam und gleichförmig nieder, als wolle er alles Leben verhüllen, begraben für immer. War das nicht ein Bild seiner Liebe, seines Lebens? Die Liebe war ja auch gestorben, er hatte sie selber getötet; damit war alle Freude aus seinem Leben geschwunden, die Reue, der Schmerz verdunkelten, die Tränen umhüllten, begruben es. Das Feuer seiner Augen erlosch, die Glut seiner Wangen wich einer fahlen Blässe. »Zu spät!« rief es wieder in seinem Herzen, »zu spät!« Eine Mattigkeit kam über ihn, die Füße wurden ihm schwer wie Blei, seine Augen irrten suchend umher, – keine Wohnung, keine Spur menschlichen Treibens weit 250 und breit, – Schnee, nichts als Schnee. Doch ja, dort vor ihm schritt eine weibliche Gestalt dahin, jetzt erst beachtete er die Spuren eines auffallend kleinen Fußes, – alles Blut drängte sich nach seinem Herzen, – war die einsame Gestalt das Bärble? – Die Müdigkeit war vergessen, er verdoppelte seine Schritte, – bald erkannte er auch die heimische Tracht der Wandlerin, – sollte es möglich sein, daß er so lange schon ihrer Spur nachgegangen? Fritz mußte sich an eine Fenz lehnen, die überraschende Nähe der Gesuchten verwirrte ihn, er mußte sich erst sammeln, zu sich selber kommen. Was wird ihm beschieden sein? – so klopfte und pochte es in seinem Hirn. War es wirklich zu spät, tat er nicht besser, zu fliehen, wenigstens die Entscheidung hinauszuschieben? Wie sollte er leben, durfte er nicht einmal mehr hoffen? – Aber der Anblick der ruhig fortwandelnden Frauengestalt regte auch seine Liebe, seine Sehnsucht auf, alle Bedenklichkeiten vergessend, stürmte er ihr in beflügelter Hast nach. Und sie war's, bald konnte er nicht mehr zweifeln; diese feine, schlanke Gestalt, dieser leichte, schwebende Gang, – ach, er kannte beides nur allzu gut. Schon war er ihr auf Rufweite nahe, aber der Schnee dämpfte den Schall seiner Tritte, achtlos schritt das Mädchen vorwärts, ahnungslos, wer ihr folgte, was ihr bevorstand. Fritz konnte nicht länger an sich halten, laut hallend rief er ihren Namen. Das Mädchen kehrte sich um, – wie gebannt blieb sie stehen und starrte zitternd, weinend auf den Nähereilenden. »Und das ist dein letztes Wort?« fragte Fritz tonlos und preßte ihre Hand zwischen den seinen. »Du bleibst dabei?« 251 »In Gottesnamen, ich kann nicht anders!« weinte Bärble und versuchte vergeblich, sich loszumachen. »Sieh' mich nicht so wild an, Fritz, mach' mich nicht ängstlich. Ach, warum mußt du mich so erschrecken?« »Warum, Bärble, warum kannst du nicht wieder gut werden? Zweifelst du noch immer an meiner Lieb'?« »Die Lieb' ist nicht das Höchste und das Einzige! – Geh', laß mich, Fritz! – Ach, Gott im Himmel, ist denn niemand, der mir beisteht?« »O, ich versteh' dich! – So fein ihrs anfangt, ich ertapp' euch doch! Gesteh's nur, dir liegt der Jakob im Sinn, und weil du noch nicht gleich von Lieb' reden magst, steckst du dich hinter die Achtung und Bravheit!« »Fritz, du hast mir schon oft weh' getan, heut' machst du's vollends fertig. Siehst du nicht meine Angst? Hast du nicht ein Linsele Mitleid mit mir? Mußt du mich auch noch beschimpfen?« »Bärble, – Bärble!« rief Fritz außer sich. »Wenn's noch eines Beweises bedurft hätte, daß wir nicht zusammengehören, jetzt hast du ihn geliefert. Es hat alles seine Grenzen, auch meine Geduld! Fritz, – ich denk' noch nicht an den Jakob, überhaupt an keinen Mann. Aber werd' ich mit der Zeit Herr meines Elendes, kann ich dich so weit vergessen, daß ich, ohne Sünd' zu begehen, einem andern Treue versprechen darf, – kommt dann der Jakob und ist mit mir zufrieden, wie ich eben bin, – ich weis' ihn dann nicht ab.« »O, mein Gott, – mein Gott! – Das kannst du so ruhig sagen?« »Ruhig? – Ich war mein Lebtag wahrhaftig, dabei will ich verbleiben. Fritz, ich bin ein armes, blutarmes 252 Mädchen, hab' niemand in dem fremden Land, der mir angehört, sich um mich kümmert, – kannst du verlangen, daß ich im Alter verkomme, wenn ich nicht vorher verderbe?« »Ach Bärble, bin ich nicht deshalb übers Wasser kommen? Du sollst es ja gut haben, keinen Finger krumm machen, auf den Händen will ich dich tragen.« »Damit ist's vorbei, vorbei für immer, – wie oft soll ich's noch sagen? – Frag' mich nicht, warum, du weißt's so gut als ich, und ich verlier' kein Wort mehr darüber! – Geh' jetzt, Fritz, dring' nicht weiter in mich. Gott allein weiß, wie nahe mir's geht, daß ich so von dir muß, wo du mir übers Meer nach'gangen bist. Ich vergeß dir das nie, niemals Fritz, – aber nun laß mich, laß mich fort, ich ertrag's nicht länger!« »Und nicht einmal ein freundlich's Wort hast du für mich?« fuhr Fritz aus dumpfen Brüten hervor. »Was soll ich mehr sagen? Ach, Fritz, du weißt nicht, wie du mich plagst!« weinte Bärble. »Ist's nicht genug, daß du weißt, ich kann dich ewig nicht vergessen? – Komm', wir wollen scheiden! Du sollst mich ja auch nicht gänzlich aufgeben, denk', wir wären Geschwister, so lieb dürfen wir uns ja immer behalten!« »Ha, ha, – jawohl, freilich! So lieb dürfen wir uns behalten, auch wenn du einen andern genommen hast!« lachte Fritz verwildert, und ein unheimliches Feuer flackerte in seinen Augen. »Jetzt hör' auch mich an, eh' du davonläufst, und denk' dran, wenn du einen andern nimmst. Ich bin ein nichtsnutziger Mensch, 's ist wahr, aber du hättest was aus mir machen können, du ganz allein. Nun ist's vorbei mit mir, ich bin ein verlor'ner Mensch, – und daran bist du schuld, du ganz allein!« 253 »O, Gott im Himmel, steh' mir bei! Er kommt von sich!« »Ist's ein Wunder! Ja, schrei nur, er kommt von sich! – Wer hat's dahin gebracht – he? Und das sag' ich dir, das Leben ist mir verleidet, es ist mir zur Last, ich ertrag's nicht, – und wenn was mit mir passiert, merk' dir's, du, – du – hast mich auf dem Gewissen!« »Fritz, dasmal schieß'st du über das Ziel hinaus!« rief Bärble und richtete sich hoch auf. »Wenn mit Worten Taten umzukehren wären, möchtest du recht behalten. Wer hätte am ersten Grund zu verzweifeln? – Ich oder du? – Hab' ich dich im größten Jammer also gekränkt? Hast du von mir einen Vorwurf, eine Drohung gehört? – – Ich sag' dir's jetzt, weil du mich dazu zwingst: du hast mir mein Leben verbittert; wie alt ich auch werde, was mir auch beschieden sein mag, – ich werde nie das wieder, was ich war. Und du hast's in der Hand, mich gänzlich elend zu machen, mich in Verzweiflung zu jagen, wenn du ausführst, womit du eben drohtest. Deine Worte werden mir ohnedem wie ein Fluch auf der Seele liegen, die werd' ich schon nimmer los mein Lebtag. Und ich kann dich nicht abhalten, Hand an dich zu legen. Aber das sag' ich dir: Tust du dir ein Leid an, – merk's, dann hast du vor Gott zwei Menschenleben zu verantworten, denn solchen Schrecken überleb' ich nicht! – Und nun sind wir fertig. Gott behüt' dich, Fritz, und steh' dir bei, – ich kann nur noch für dich beten!« Fritz stand wie erstarrt; als sie sich zum Gehen wendete, hielt er sie fest und flehte: »Verzeih' mir, ich weiß nicht, was ich tu'! – Bärble, Bärble, verlaß mich nicht!« »Solche Drohungen stößt ein rechtschaffener Mensch im 254 größten Elend nicht aus! – Laß mich! Ich weis' dich nicht gänzlich ab, ich werd' immer deiner gedenken und für dich beten, ich werd' im stillen um dich sorgen wie eine Schwester. Mehr kann ich dir nicht geben. Und jetzt laß mich los, nach solchen Reden müssen wir auseinander, je weiter, desto besser. Hältst du dich brav und wirst du ein rechter Mann, soll mir's lieb sein, wieder von dir zu hören, ja dich noch einmal zu sehen. – So komme mir nicht wieder vor die Augen.« Fritz schlug sich mit beiden Fäusten ins Gesicht, brach in ein gellendes Gelächter aus und schrie: »Zu spät!« – Ich wußt's ja, es ist zu spät! – Ich bin ein verlorener Mensch!« 255   Gefunden Auf dem Deck des Dampfers, der mit voller Dampfkraft gegen die reißende Strömung des Mississippi ankämpfte, saß eine ältere Frau und blickte mit hellem Auge hinab in die gurgelnden, rauschenden Fluten des Vaters der Ströme oder hinüber nach den waldigen Ufern, deren eintöniges, düsteres Grün nur dann und wann durch eine Lichtung unterbrochen wurde. Die Frau, deren fremdländischer Anzug seltsam gegen die feinen Toiletten der Damen, die hier auf- und abpromenierten, abstach, war der Gegenstand allgemeiner Neugierde; spöttische Blicke streiften sie, manches höhnische Mundverziehen und Nasenrümpfen mußte sie sich gefallen lassen. Das mußte sie jedoch nicht im geringsten anfechten, denn ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihre klaren Augen, die nicht die mindeste Scheu verrieten, trieben mancher Dame das Blut in die Wangen, wenn sie diese auf ihrer unschicklichen Musterung ertappten. Lebhaft winkte die einsame Reisende einen stattlichen jungen Mann, der eben das Deck betrat, zu sich. Fast ist der Schustersbernhard nicht wiederzuerkennen, so sehr hat er sich, und zwar zu seinem Vorteil, verändert. Ein dunkler, wohlgepflegter Vollbart umrahmt das frische Gesicht, die treuen, ehrlichen Augen sind ihm geblieben, aber der Blick ist sicherer, selbstbewußter 256 geworden. Dieses Selbstbewußtsein spricht auch aus seiner Haltung, die, leicht und ungezwungen, nicht nur einen Mann verrät, der seinen Wert fühlt, sondern der auch weiß, was sich schickt und was er der Gesellschaft schuldig ist. Auch sein Anzug zeigt gediegenen Wohlstand, trotzdem alles Auffallende, Prunkende vermieden ist. Unbefangen schreitet er durch die Damen, zieht sich einen Stuhl neben die Wartende und sagt freundlich: »Blieb ich zu lange weg, Mutter? – Verzeiht! Unter den Feuerleuten fiel mir ein Gesicht auf, das ich kennen muß, – und doch, wie ich mich auch besinne, ich kann mich nicht erinnern, wo ich es schon gesehen habe. Ihr fühltet Euch wohl recht verlassen und einsam, nicht? Das englische Geschnatter beklemmt Euch, die neugierigen Augen sind Euch zuwider? – Laßt es Euch nur nicht kümmern, in Amerika sind alle Menschen gleich, es hat einer soviel Recht als der andere. Solche Unterschiede wie in Deutschland gibt es nicht!« »Sei still, was kümmern mich die Putzdockeln da?« lächelte die Schustersrosine und betrachtete den Sohn wohlgefällig. »Setz' dich jetzt zu mir und erzähl' gründlich, wie dir's in Amerika gegangen ist. Also gestern sind wir bis Buffalo 'kommen, – wie ging's weiter?« »Schlecht, Mutter, gar sehr schlecht! Arbeit gab's wohl und der Verdienst war gut, aber ich brachte nichts vorwärts, es war alles gar zu teuer. Und selbständig zu werden, gab es keine Aussicht. Ich war recht bekümmert und kleinmütig, und dabei so allein, so ganz verlassen! – Mutter, damals habe ich etwas durchgemacht, habe oft gedacht, schlimmer könne es nicht kommen, – bin aber bald eines andern belehrt worden. Nach einem halben Jahr schnür' ich mein Bündel; ich hatte Chicago so oft 257 rühmen hören, daß ich dachte: willst dort einmal dein Glück versuchen. Hätte ich dort ein kleines Kapitälchen gehabt, ich wär' ein gemachter Mann! So brachte ich's zu nichts; während alles um mich zusehends reicher wurde, kam ich völlig auf den Hund. Chicago war damals noch ein ungesunder Ort. Ihr könnt denken, daß ich nicht in der besten Lage wohnte, dazu die Angst, der Kummer, die Sorgen, – es war kein Wunder, daß ich endlich liegen blieb und in schwere Krankheit verfiel. Daß ich in jenen Tagen nicht verkam, daß ich das Fieber überstand, ist mir jetzt selber unverständlich.« »Und ich war nicht bei dir,« sagte Rosine und wischte sich die Augen, »wußte gar nichts von deiner Krankheit! Ach, Bernhard, wenn wir einmal einem armen Menschen in deiner Lage begegnen, – gelt, dann hinderst du mich nicht, ich darf mich seiner annehmen?« »Das ist keine Frage!« entgegnete Bernhard herzlich. »Wie ich mich wieder aufraffe, rieten mir meine Hausleute, die mich so treulich verpflegten, ich solle von Chicago fort, sonst würd' ich das Fieber nicht los.« »Du hast's doch den Leuten gedankt?« »Ich denke wohl! Sie sind jetzt unsere Nachbarn, Ihr werdet sie kennen lernen! – Nun war aber guter Rat teuer, – wohin sollt' ich mich wenden? Da fiel mir ein, daß sich der Grundmüllersjakob in der Gegend von Madison angekauft hatte, von dem Augenblick an kam ich nicht zur Ruhe, mir war, als müßt' ich nach Madison, als müßt' ich dort mein Glück finden. – – So mache ich mich in Gottes Namen auf die Reise dahin, fand freilich weder den Jakob noch das Glück, aber doch völlige Gesundheit. In Madison konnt' ich mich nicht eingewöhnen, Ihr wißt, 258 wie's mich von Jugend auf dem Wasser nachzog, ich sehnte mich immer nach den blauen Seen zurück. In jener Zeit kam Milwaukee am Michigansee empor, – kurz entschlossen mache ich mich nochmals auf die Wanderschaft und zog nach dem jungen Städtchen. Und dasmal kam ich zur rechten Zeit. Mit den paar hundert Dollars, die ich mir in Madison ersparte, kaufte ich in Gottesnamen ein Stück Land, setz' eine Bretterhütte darauf und richte eine Werkstatt ein. Nun ging's rasch vorwärts. Noch fehlte es in allen Ecken an Handwerksleuten; da ich obendrein in deutscher Art auf tüchtige Arbeit hielt, ward mein Laden bald bekannt, Gesellen auf Gesellen mußte ich einstellen, und so kam allmählich meine Schuhfabrik von selber in Gang. Freilich, so geschwind, wie sich das erzählt, ging es nicht; es kamen noch viele schwere Stunden über mich, und wie voriges Jahr das Dorle so unerwartet in meinen Laden trat, war ich im ersten Augenblick recht erschrocken.« »Ja,« lächelte die Schustersrosine, »wie das Mädle hörte, das Veitenbärble habe den Grundmüllersjakob gefreit, da war kein Haltens mehr!« »Und es war auch das Rechte so! Bald nachher trat der Glücksfall ein, daß sich die Stadterweiterung hauptsächlich der Gegend, wo mein Grundstück lag, zuwendete. Der Grund und Boden stieg reißend an Wert, da mich keine Not drängte, konnte ich den rechten Zeitpunkt abwarten, teilte meinen Grund in Bauplätze und ward durch den Verkauf ein vermöglicher Mann. Und nun ist's gut, Mutter, daß Ihr so nahe seid, das Dorle wird bald Eures Beistandes bedürfen!« »Hab' mir gleich so was gedacht, wie Ihr auf einmal 259 so arg zur Abreise drängtet!« sagte Rosine lächelnd, während ihr doch das Wasser in den Augen stand. »Ja, ja, der alte Herrgott lebt noch! Seine Wege sind oft wunderlich, aber er führet zuletzt alles herrlich hinaus. Ein Deutschland ist das Amerika ja freilich nicht, aber wir wollen Gott rühmen und preisen und uns in Dankbarkeit seiner Gnade erfreuen!« »Ja, gewiß, Mutter, so soll's bleiben. Ach, nun Ihr noch bei uns seid, ist das Glück voll; Ihr wißt gar nicht, wie Ihr uns überall fehltet, wie wir uns über nichts so recht freuen konnten, da Ihr nicht Teil daran hattet. Und seid nur getrost! Ist auch Milwaukee, was seine Lage betrifft, kein Bergheim, so ist es dort gar wohl auszuhalten, – und der See, Mutter, der See wird Euch gewiß auch erfreuen.« »Ich glaub's, ja!« lächelte Rosine und strich leise über die Hand des Sohnes. »Und wenn es in die Wildnis ginge, ich folgte dir mit Freuden; bei ihren Kindern, da ist die Heimat der Mutter!« »Und ich bin froh, daß ich Euch sagen kann: das Dorle hängt an Euch mit wahrhaftiger Liebe. Ist überhaupt gar eine überaus brave, rechtschaffene Frau, so lind und liebreich, ich hätt' das hinter dem herzhaften Mädle gar nicht gesucht. Manchmal ist sie mir fast ein wenig gar zu demütig und unterwürfig.« Rosine nickte sinnend. »Weißt', wem du das zu danken hast?« »Jawohl, Mutter, und ich bleib' dem Veitenbärble dankbar mein Leben lang.« »Ja, und wie geht's dem Bärble?« nahm die Mutter das Gespräch wieder auf. 260 »Gut, Mutter, recht gut! Der Jakob hat eine schöne Mühle, sie kommen vorwärts, sind gesund, – was wollen sie mehr?« »Kommt ihr zusammen? Haltet ihr auch Freundschaft?« »Das will ich meinen. Jakob kommt fast alle Wochen nach Milwaukee auf den Getreidemarkt und geht nie an unserem Haus vorüber, wir sind ja jetzt auch Gevatterleut'. Ja, wenn ihnen noch was an ihrem Glück fehlt, so ist's, daß der Türkenfritz so gänzlich verschollen ist. – 's ist ein rechter Jammer um den Menschen! Seit dem Weihnachtsabend, da er mit dem Bärble zusammentraf, hat sich weder von ihm, noch vom Veitenpeter eine Spur auffinden lassen. – Mutter, der Fritz war eigentlich nichts wert, aber mir hat er nur Gutes getan, 's weiß der liebe Gott, wie gern ich es ihm vergelten möchte.« »Ja, den Türkenleuten haben wir viel zu danken, sehr viel. In den vier Jahren, die ich bei ihnen war, haben mich die Bäurin und der Gottfried wahrhaft auf den Händen getragen, und ungern genug ließen sie mich fort, – Gott vergelt's ihnen! Der Henner kann wohl noch immer seine alten Tücken nicht lassen, aber das Schicksal mit dem Fritz hat ihn doch auch arg mitgenommen. Und nun gar erst die Bäurin und der Gottfried! Bernhard, du glaubst nicht, was dir das für gute, ehrenbrave Leute sind! – Sie stehen aber auch in einem Ansehen weit und breit, 's ist nicht auszusagen. Du lieber Gott, die arme, arme Bäurin! Was die Frau auch hat durchmachen müssen, man versteht nicht, wie das ein Mensch erträgt. Und ihr Elend nimmt immer zu, statt ab. ›Rosine, ich muß mit Jammer in die Grube fahren!‹ – das waren ihre letzten Worte beim Abschied, – ich konnt' sie nicht einmal 261 trösten. Ein Kind liegt ihr schon lang, lang unter der Erden, ein Sohn ist seit länger denn vier Jahren verschollen, – wer weiß wo im Elend verkommen, – und ihr letzter Trost, der Gottfried, wird auch den Winter nicht überleben, die Doktoren haben ihn schon lang aufgegeben und er sich selber. Ach, ist das ein Jammer, den herzensguten, braven, tüchtigen Menschen so hinschwinden zu sehen; könnt' alles haben, was er nur wünschen möchte, und doch ist keine Hilfe! – Bernhard,« fuhr Rosine schluchzend fort, »dem Gottfried hat ein heimlicher Kummer am Herzen genagt und seine Krankheit verschlimmert. Du weißt, ich sag' nichts ohne gewissen Grund: glaub' mir, der Gottfried hat das Veitenbärble vielleicht noch lieber gehabt als sein Fritz, und ist doch freiwillig zurückgetreten. O, lieber Gott, was mag der arme Bursch' in der Still' getragen haben!« »Wär's denn möglich?« rief Bernhard. »Ja, ja, es ist schon so! Du weißt gar nicht, mit welcher Ungeduld er auf Briefe von Amerika wartete. Wie danach vom Jakob die Nachricht kam, das Bärble habe den Fritz für immer abgewiesen, hat er sich zwei Tage in seine Kammer eingeschlossen, und wie er herunterkam, war er fast nicht wieder zu erkennen. Seitdem hat er sich nicht wieder erholt; wenn die Bäurin um ihn jammerte, war das seine immer gleiche Antwort: ›Mutter, laßt mich; ich bin übrig auf der Welt und sterb' gern, im Grab ist Ruh' und Vergessen!‹ Wie ich ihm deinen Brief, worin du Bärbles Hochzeit gemeldet, übergab, sind ihm beim Lesen zwei dicke, große Tropfen über die Backen gelaufen, er hat tief aufgeseufzt, die Hände zusammengelegt und gemurmelt: ›So! – Nun kann ich ganz getrost 262 sterben!‹ Er hat wohl nicht gedacht, daß ich das mit anhöre!« »Mutter, Mutter! – ist das eine Welt!« rief Bernhard, dem auch die Augen überquollen. »Ja, – und es ist ein eigenes Schicksal, das über den Türkenleuten waltet. – Bernhard, ihr, du und der Jakob, habt doch euer möglichstes getan, den Fritz aufzufinden?« »Darüber seid ruhig. In allen großen Zeitungen standen Aufrufe; Belohnungen wurden ausgeschrieben für gewisse Nachrichten, Advokaten beauftragt und ausgeschickt, bei den Regierungen haben wir angefragt, – alles vergeblich!« »Und glaubst du wirklich, daß er tot ist?« »Was kann ich sagen? Sein letztes Wort war: ›ich bin ein verlorener Mensch!‹ – Vielleicht ist er was, das schlimmer ist, als wär' er gestorben!« »Gott erbarme sich der armen Bäurin! Nein, gesteh's nur, du glaubst das selber nicht, das ist ja gar nicht möglich.« »In Amerika ist alles möglich, und war er nicht in Peters Gesellschaft? – Aber seid nur ruhig, es ist das ja nur eine Vermutung! – – Weiß der Kuckuck, mir kommt das Gesicht des Feuermanns nicht aus den Gedanken! – Hört, es läutet zum Anlegen, – richtig, dort drüben ist die Hütte eines Holzschlägers, es wird angehalten zum Holzeinnehmen! – Geht jetzt hinab in die Kajüte, der Abend kommt und die Moskitos machen sich bemerklich! Ist eine feine Sorte Mücken das, nicht wahr? – Seid nur zufrieden, in Milwaukee gibt's keine solche verteufelten Racker! Also geht hinab, ich will mir eine 263 Zigarre anstecken und den Feuermann noch einmal gründlich betrachten!« Eben hatte das Schiff die Landungsstelle erreicht, die Brücke ward ausgestoßen, die Feuerleute liefen an das Ufer, beluden sich mit den dort aufgeklafterten schweren Holzscheiten und keuchten damit an Bord zurück. Bernhard brannte sich eine Zigarre an und stieg zu dem Maschinenraum hinab; es dämmerte bereits, war aber noch hell genug, die Gesichter der an ihm vorbeieilenden Feuerleute zu erkennen. Jetzt kam der Gesuchte keuchend heran, Bernhard musterte ihn scharf und strich sich kopfschüttelnd über die Augen. – Dort schritt er schon wieder über die Laufbrücke, – die hohe Gestalt war zwar etwas gebeugt, aber er kannte sie doch. – – Bernhard blickte mit weit offenen Augen nach dem Ufer, – sollte es möglich sein? – Da kam er wieder, – der Ruß im Gesicht verbarg die Züge, aber die Augen, – die Augen, – kein Zweifel, es waren seine Augen! – Auch der Feuermann ward aufmerksam, im Vorbeigehen musterte er scharf den Beobachter, – dann wich er ihm sichtlich aus. Bernhards Pulse klopften, die Zigarre war längst erloschen, mit Ungeduld erwartete er die Fortsetzung der Reise. Endlich sprang der letzte Holzträger an Bord, die Brücke ward eingezogen, ein schriller Pfiff, – die Räder begannen rauschend zu arbeiten, das Schiff war in Bewegung. Die Feuerleute, welche nicht Dienst vor den Kesseln hatten, verschwanden in den Maschinenräumen, um zu ruhen. Bernhard hatte seinen Mann nicht aus den Augen gelassen; als derselbe sich müde auf einen Haufen Holz warf und die Augen schloß, trat Bernhard leise zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »Fritz, hast du die 264 Bergheimer ganz vergessen? – Kennst du deine Freunde nicht mehr?« Blitzschnell fuhr der Angeredete empor und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Bernhard, dessen Gestalt, da eben die Tür zum Heizraum aufgerissen ward, hell – von roten Lichtern bestrahlt vor ihm stand. Verdrießlich den Kopf schüttelnd, warf er sich auf das Holz zurück und brummte: »Verdammt auch! – Kenne Euch nicht, Mann; geht weiter, bin müde!« »Aber ich kenne dich!« rief Bernhard, dem das Wasser in den Augen stand. »Verstell' dich nicht, du bist der Türkenfritz von Bergheim! – O Gott im Himmel! Muß ich dich so wiederfinden? – Aber komm' jetzt, das Feuern hat natürlich ein Ende; – komm' zu meiner Mutter, ich hab' sie eben von Neuorleans abgeholt! – Mein Gott, ich weiß mich nicht zu fassen! – wird meine Mutter sich freuen!« »Bernhard, – ist's möglich?« sagte jetzt Fritz leise und drängte unwillkürlich tiefer in den Schatten zurück. »Und du denkst noch an mich? – hast mich noch nicht vergessen? – Ach, das tut gut, Bernhard!« »Was drängst du von mir weg? – Komm' mit; in dem Loch da erstickt man ja, – komm' zu meiner Mutter!« »Hör' mich, Bernhard!« begann Fritz, da einige Feuerleute in der Nähe aufmerksam wurden. »Ich bin ein elender, erbärmlicher Mensch, ich tauge nicht mehr unter die Leute! Laß mich, es kennt mich kein Mensch, ich hab' einen andern Namen angenommen, um meine Schande zu verbergen. Denk', ich wär' tot, – gestorben, – es wird ja auch bald werden, ich fühl's! – Ist mir ein rechter Trost, daß du mich aufgesucht hast, mich nicht verachtest. 265 Damit ist's genug. Red' keinem Menschen von mir, laß mich in der Stille sterben.« »Dummes Zeug!« polterte Bernhard, um seine Bewegung zu verbergen. »Gott sei tausend, tausendmal Dank, daß ich dich wieder hab'! Denkst, ich lass' dich? – O, da kennst du den Schustersbernhard schlecht! Wie so manche Nacht habe ich deinetwegen nicht schlafen können, – und nun soll ich dich im Jammer und Elend verkommen lassen? – Nichts da! – Kein Wort! Du gehörst jetzt mein und hast gar nichts zu reden!« »Aber ich kann doch nicht in dem Zustand durchs Schiff?« wehrte Fritz ängstlich ab. »Geh' einstweilen voraus, ich will mich reinigen, besser anziehen, danach such' ich dich in deiner Kabine auf.« »Nichts da, – ich laß dich nimmer von meiner Seite, bis du erst einem Menschen gleich siehst. Komm' du nur mit! Mögen die Passagiere gucken, bist du erst in ordentlichen Kleidern, kennt dich kein Mensch wieder. Also vorwärts jetzt, nicht geziert, es hilft dir doch nichts!« Fritz sträubte sich, zuletzt mußte er doch nachgeben. Tränen kamen ihm in die Augen bei der herzlichen Art, mit der sich Bernhard seiner annahm, wirklich konnte auch eine Mutter nicht sorglicher mit ihrem Kinde umgehen, als Bernhard mit dem Freunde. Als nun der Gefundene nach gründlicher Reinigung in anständigen Kleidern vor ihm stand, fielen Bernhard erst seine erschreckliche Blässe und Magerkeit, die trüben, tiefliegenden Augen auf. Seinen Schrecken verbarg er unter herzlichen Umarmungen, dann rief er: »Nun zu meiner Mutter, – wird die Augen machen! – Und dann zu Tisch, du kannst eine Stärkung brauchen!« 266 Das war eine Überraschung, für Fritz nicht minder als für Rosine, als sie so plötzlich, so unerwartet zusammentrafen. Wie immer, fand auch diesmal Rosine zuerst ihre Fassung wieder; mit glänzenden Augen und fast mütterlicher Lust betrachtete sie den Wiedergefundenen, ihre warmen Hände hielten seine kalten fest umschlossen, und Fritz war es, als ströme warmes Leben in ihn über. Seine scheue Zurückhaltung wich bald einem herzlichen Vertrauen, mit feuchten Augen lauschte er Rosinens Berichten von daheim, die schonend jede voreilige Frage vermied, vorsichtig nur Erfreuliches von daheim berichtete. Fritz dankte mit heftigen Händedrücken, reden konnte er lange nicht, endlich flüsterte er leise: »Habt Dank! – Ich kann nicht sagen, wie mir zu Mut ist, seit Jahren hab' ich kein freundliches Gesicht gesehen, kein aufrichtig teilnehmendes Wort gehört! – Laßt mich jetzt, fragt mich nichts, – Ihr sollt meinen Lebensgang erfahren, – nur laßt mir Zeit, gönnt mir Ruhe!« »Du bist dein eigener Herr, Fritz, um alles in der Welt wollen wir dich nicht plagen!« lächelte Bernhard. »Komm' jetzt zum Essen, das wird das Nötigste sein, danach gönn' dir Ruhe. Das Feuern hat dich mitgenommen, du bedarfst der Erholung. Iß jetzt und trink' und denk' an gar nichts, – frag' mich auch nichts, – seiner Zeit wirst du alles erfahren. Morgen gleich schreib' ich an deine Eltern; o Herrgott, wird das einen Jubel in Bergheim geben, kommt die Nachricht: der Fritz ist gefunden!« »Bernhard, nach Bergheim schreibe nicht!« sagte Fritz und hielt Bernhard mit zitternder Hand zurück. »Nicht? – Und warum nicht?« »Ich bin für Bergheim, überhaupt für die Welt 267 gestorben. Nur du und deine Leute sollen mich kennen, – ich behalte meinen angenommenen Namen, will unerkannt sterben!« »Fritz,« sagte Bernhard langsam und bemühte sich, einen Blick in sein gesenktes Gesicht zu gewinnen, »so hat mich seit Jahren nichts erschreckt! Darfst du deinen ehrlichen Namen nicht mehr führen, muß sich der Türkenfritz vor dem Tag scheuen?« »Nein, Gott sei Dank, nein!« sagte Fritz aufatmend. »Unrecht und Sünde liegen nicht auf mir, mit Wissen habe ich keinem Menschen ein Leid zugefügt. Aber dennoch schäme ich mich, Leuten, die mich kennen, unter die Augen zu treten! Denke selber: was könnte ich sein, und was bin ich!« »Nun werd' ich deiner erst froh, Fritz! Die Gedanken gib nur auf, damit ist's nichts! Was du nicht bist, das wirst du, punktum!« »Nein, Bernhard, damit ist's zu spät!« »Hätte bald was gesagt! – Höre ein- für allemal: mit den alten Flausen bleibe mir vom Hals! – Zu spät! – Dummheit! Zu einem rechtschaffenen Anfang ist es nie zu spät! Sei nur ganz ruhig; du bist jetzt wieder und bleibst der Fritz Brehm von Bergheim, und morgen geht ein Brief an deine Eltern ab. – So, jetzt iß, trink' und schlaf', weiter hast du nichts zu tun. Beiß' dich heraus, daß sich meine Dorle deiner erfreuen kann, kommen wir heim. – Gar keine Widerrede! Mit dem Kapitän hab' ich deine Angelegenheiten in Ordnung gebracht. Vor vier Jahren reiste ich auf deine Kosten, – heute du auf meine, – da sind wir quitt und ich mache noch ein Geschäft dabei. Also nichts von Dank, sondern zum Essen!« 268   In St. Louis hatten die Reisenden das Dampfboot verlassen, um mittelst der Eisenbahn auf kürzestem Wege Chicago, von da abermals zu Schiff Milwaukee zu erreichen. Die Bahn führte durch das gesegnete Illinois, in lieblicher Abwechslung flog, vom hellen Mondschein zauberhaft beleuchtet, Wald und Feld, Stadt und Farm an ihnen vorüber, und Bernhard sagte, nachdem er sich und Fritz eine frische Zigarre angesteckt: »So, nun schieß' los! Wir sind gänzlich ungestört und haben Zeit. Obendrein erzählt und hört sich's im Mondschein gleich gut! – Wie ist dir's ergangen?« Fritz nickte, blickte eine Weile sinnend hinein in den Mond, und als sich alle drei, – Rosine wollte natürlich die Erzählung auch nicht versäumen, – bequem zurechtgesetzt hatten, begann er: »Ich gehe ungern daran, in Gedanken nochmals die letzten Jahre zu durchleben, und doch muß es sein, ist vielleicht auch heilsam für mich. Habt Mitleid mit mir und verachtet mich nicht; ich habe viel gefehlt, habe mir das meiste Unheil selber zuzuschreiben, ich weiß das gar wohl, aber nebenbei hat mich auch noch absonderliches Unglück verfolgt, bis ich euch endlich fand! Was an jenem Weihnachtsheiligabend, da das Bärble im Zorn, – für immer, – mich von sich wies, – was damals in mir vorging, ist schwer zu sagen. Mir war, als sei der Himmel auf ewig mir verschlossen, als sei die ganze Welt, das Licht selber, dunkler geworden. Ich bin ein verlorener Mensch, schrie es in mir; eine Verzweiflung, eine wilde Wut kam über mich. Noch im letzten Augenblick hatte ich das Bärble gereizt, ich selber trug die Schuld, daß sie im Zorn von mir ging, mich fürchtete und verachtete. Das Bärble fürchtet und verachtet dich! – das war der 269 Gedanke, der fort und fort wie Feuer durch mein Hirn brannte, – nun ist's klar, du bist gänzlich verloren!« »Du armer Mensch!« seufzte Rosine. »Der Peter muß mir von Madison heimlich nachgegangen sein, – auf einmal war er bei mir! War ich bei Sinnen, hätte mich das wohl stutzig machen können, aber in meinem Zustand ward mir sein Kommen ein Trost. Kannte und achtete ich doch den Peter gleichfalls für einen verlorenen Menschen; wie ich, ward er von dem Bärble gemieden, verachtet und gefürchtet, – und – er war ja doch ihr Bruder! – Was ich damals vorgab, weiß ich nicht, arg mag ich es getrieben haben, denn selbst der Peter wollte an die Zeit nicht erinnert sein. Der Peter tat nun alles, mich auf andere Gedanken zu bringen; ich war ihm dankbar, ahnte ich doch nicht, mit welchen schlimmen Dingen er umging, auch das merkte ich nicht, daß seine Arznei schlimmer und gefährlicher war als die Krankheit selber. Er suchte mich zu betäuben, und das gelang ihm nur zu oft; es war gar zu schön, brachten die Weindünste Vergessen, Ruhe, Schlaf! Das war aber doch nur ein Vergessen auf wenige Stunden; lag ich dann auf meinem Bett, dann kamen die bösen Gedanken wieder und die Sehnsucht, die Angst und Reue. Oft stand ich auf und ging stundenlang am Fluß auf und ab. Und wenn die Nebel über den Fluß hinzogen, verwandelten sie sich in blasse Gestalten, die mit feuchten Armen nach mir langten, und das Plätschern der Wellen ward zu heimlichem Murmeln und Rauschen, das mich hinablockte ins Wasser, mir da unten Ruhe verhieß, Ruhe und gänzliches Vergessen! – Oft setzte ich zum Sprung an, aber dann sah ich Bärble vor mir hinschweben, bleich, mit 270 geschlossenen Augen und gefalteten Händen. Und ich wußte, sie sah mich, wenn sie sich auch nicht nach mir kehrte; ich wußte, die blassen, erstorbenen Lippen mußten sich öffnen und das fürchterliche Wort wieder aussprechen, das mich schon einmal bis ins Mark hinein erschreckte! – Dann sträubte sich mein Haar, wie von bösen Geistern gejagt floh ich davon und irrte durch Wald und Feld. Mir fiel es nicht auf, daß Peter an keinem Ort lange aushielt, nach wenigen Wochen stets mit einer gewissen, ängstlichen Hast auf die Weiterreise drang, – in St. Louis, wohin wir uns endlich wendeten, sollte mir ein schreckliches Licht aufgehen! Wie überall, führte er mich auch da in die Spielhöllen, deren Beschreibung ihr mir wohl erlaßt. Dort machte er mich mit einem feinen Herrn bekannt, der bald mein ganzes Vertrauen zu gewinnen wußte. Er war so freundlich, konnte so herzlich reden, hörte mit so aufrichtiger Teilnahme meine Klagen an, hatte für jede einen Trost, – eh' ich selber wußte, wie es geschah, kannte er meine ganze Geschichte, alle meine Verhältnisse. Peter, der unsere Freundschaft zuerst beförderte, ward mürrisch, warnte mich vor dem Fremden, den er einen Schuft und Erzgauner nannte. Ich achtete nicht darauf, der Umgang mit dem Fremden war mir ein Trost, ein Bedürfnis, ich konnte nimmer bleiben ohne ihn. Trotz Peters Wüten und Drohen ging ich jetzt öfter mit dem Fremden ohne Peter in Spielsäle, die dieser wahrscheinlich nicht kannte, sonst wäre er mir sicher gefolgt; und von dem Beispiel, dem Zureden des Fremden verblendet, spielte ich höher und höher, – stets mit gleichem Glück. Nach einem heftigen Zank mit Peter, der fast zu Tätlichkeiten ausgeartet wäre, und den 271 ich natürlich meinem neuen Freund haarklein berichtete, sagte mir dieser, ich solle mich von Peter trennen, er sei als falscher Spieler erkannt und werde von der Polizei verfolgt. Mein Schrecken war groß, ich bat den Fremden, mir beizustehen, was dieser bereitwillig versprach. Wir blieben den Nachmittag zusammen, mit schwerem Kopf folgte ich dem Herrn, dessen Namen ich nicht einmal wußte, in den Spielsaal und setzte, von ihm angestachelt, wie toll und rasend. Heute änderte sich die Sache, Satz auf Satz verlor ich; bald war mein früherer Gewinn dahin, und nun kam die Spielwut über mich, ich wollte das Glück erzwingen. Sinnlos schnallte ich die solange geheim gehaltene Geldkatze los, setzte nicht mehr ein Goldstück, nein, ganze Haufen. – Der Angstschweiß rann mir von der Stirn, ich sah das Ende voraus und konnte doch nicht aufhören, – in kurzer Zeit, die mir freilich eine Ewigkeit dünkte, hatte ich auch das letzte Goldstück verloren, – ich hatte nichts, gar nichts mehr. Ich merkte, wie mich die Kräfte verlassen wollten, wie es mir dunkler und dunkler vor den Augen wurde, – da stand plötzlich Peter mit wutverzerrtem Gesicht neben mir. Mein verstörtes Gesicht, die leere Geldkatze auf dem Tisch mochten ihm den Stand der Dinge klar machen. ›Falsche Spieler, Betrüger! Der da war mein, ich allein hatte das Recht, den dummen Gimpel zu rupfen! Gott verdamm' mich, das kostet dich dein Leben!‹ schrie Peter und drang mit einem Bowiemesser auf den Fremden ein. Doch ehe er ihn erreichte, krachte ein Revolverschuß, und Peter stürzte lautlos zusammen. ›Der hat's, – nun tut den andern auch ab!‹ hörte ich um mich lachen. ›Nein!‹ rief der Fremde, ›den ich hergelockt, den laßt laufen! Er 272 ist ein dummer Teufel, halb verrückt obendrein, von dem haben wir nichts zu befürchten!‹ Dann vergingen mir die Sinne.« Fritz schwieg erschöpft und strich sich über die Augen, als wolle er die schrecklichen Erinnerungen wegwischen. Auch die Hörer saßen still, erst nach geraumer Zeit seufzte Rosine: »O du guter Gott, ist das erschrecklich! Und so was darf in dem Amerika geschehen? – Ach, ich komm' nicht zu mir selber! Der Peter hat wohl nichts getaugt von Jugend auf, aber solch ein End' – das ist grausig!« »Und doch ist's vielleicht noch besser als ein anderes, Mutter,« sagte Bernhard ernst. »Peter wäre in Amerika dem Strang gewiß nicht entgangen. Wir wollen ihn ruhen lassen – und – den Angehörigen seinen Tod verschweigen! – – Hm, hm! Also sind meine Befürchtungen nur allzu gut eingetroffen, du weißt, wie ich dich vor dem Peter warnte!« »Ja, was er eigentlich im Schilde führen mochte, das ist mir danach auch klar 'worden,« sagte Fritz. »Gewiß wollte er mich sicher machen und dann bei günstiger Gelegenheit mit meinem Gelde davongehen!« »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!« sagte Rosine. »Gott sei der armen Seele gnädig!« Wieder ward es stille im Coupé; Bernhard blickte hinaus in die mondbeglänzte Gegend, die hell, fast wie am Tage vor ihm lag, und Fritz, dem längst die Zigarre erloschen war, starrte mit gekreuzten Armen finster vor sich nieder. Endlich fragte Bernhard: »Und wie weiter?« »Der nächsten Begebenheiten entsinne ich mich selber nur dunkel, wie eines wirren, wüsten Traumes. Als ich wieder zu mir kam, war es Nacht und bitter kalt, ich lag in 273 einer engen Nebengasse halb im Wasser, – die Feuchtigkeit mochte mich erweckt haben. Es dauerte lange, bis ich meine Gedanken zusammenbrachte; ich wollte lange nicht an die Wirklichkeit glauben, aber meine fehlende Geldkatze machte jeden Zweifel zunichte. Und nun kam eine Angst über mich, wie in meinem Leben noch nie; der helle Schweiß lief mir von der Stirn, und doch klapperte ich vor Frost mit den Zähnen. Peters blutige Gestalt verfolgte mich; ziellos, sinnlos rannte ich durch die Gassen, der Gestalt entging ich nicht – ich hielt mich zuletzt selber für den Mörder. Endlich kam ich ins Freie, unter einem Baum brach ich zusammen, – da wich das Gespenst von mir; wie sich mein Blut beruhigte, erinnerte ich mich der Worte, die Peter vor seinem Tod ausgestoßen, ich wußte jetzt wieder alles so klar, – so entsetzlich genau, – und ich glaube, ich habe geweint, daß meine Hände rein von Blut und Betrug geblieben waren.« Rosine streichelte Fritzens Hand und ein paar Tropfen aus ihren Augen fielen darauf. »Bald aber kam neue Bedrängnis über mich. Von Mord und Betrug waren meine Hände wohl rein, ein ganzer Lump war ich dennoch. Wieder war es einen großen, großen Schritt mit mir bergab gegangen, – wohin sollte es noch kommen, wie enden? Ich dachte an dich, Bernhard, an Jakob, an – Bärble, – an meine Mutter und meinen Bruder, – und eine tiefe Kluft tat sich auf zwischen mir und euch, – der Spieler war auf ewig von euch geschieden! Mein guter, reiner Name, – er war dahin! Jetzt verdiente ich Bärbles Verachtung. Jetzt klangen ihre Worte wie Glockenläuten in meinen Ohren: ›Ich weis' dich nicht gänzlich ab; ich werd' im stillen um dich 274 sorgen wie eine Schwester. Hältst du dich brav und wirst du ein rechter Mann, soll mir's lieb sein, wieder was von dir zu hören!‹ – Wie glücklich hätte mich das machen können, hätte ich's zu würdigen gewußt; vor wenigen Stunden hatte ich noch eine Schwester, eine Mutter, Freunde, – nun war auch das verloren, ich war gänzlich verlassen. Jetzt galt mir nur noch das Wort von Bärble: ›So komme mir nimmer vor Augen!‹ – – Ich rang die Hände, ich weinte, ich stieß meinen Kopf an den Baum, – aber meine Schande war damit nicht ungeschehen zu machen; ich blieb der Spieler! Wieder meinte ich, das Leben sei nicht zu ertragen. Ich hörte den Fluß rauschen und rannte darauf zu; schon plätscherte das Wasser um meine Füße, noch ein Schritt und alle Qual hatte ein Ende. Da sträubte sich mein Haar, ich hörte Bärbles Stimme: ›Du hast mir mein Leben verbittert, wie alt ich auch werde, was mir auch beschieden sein mag, ich werde nie wieder, was ich war! Du hast's in der Hand, mich gänzlich elend zu machen, mich in Verzweiflung zu jagen. Aber setzest du deine Drohung ins Werk, hast du vor Gott zwei Menschenleben zu verantworten!‹ Und nun kam mir der Gedanke an Gott und Ewigkeit! – Ich hatte lange nicht gebetet, jetzt aber riß es mich aus dem Wasser, es zwang mich auf die Knie nieder, und, – ja, ich betete, betete, daß mich Gott bewahre vor dem Schrecklichsten, was ein Mensch vollführen kann!« Niemand wagte, das trübe Schweigen zu brechen; mit tiefem Seufzer fuhr Fritz endlich fort: »Das Ärgste war damit überstanden, Verzweiflung kam mich nimmer an, – freilich, das Elend, die wirkliche Not, lernte ich erst kennen. Für euch, für meine Eltern, für die Welt mußte 275 ich gestorben sein, es gab keine Rückkehr mehr, – so meinte ich wenigstens damals, – drum nahm ich einen anderen Namen an, und um mein Leben zu fristen, begann ich zu arbeiten! Hätte ich auf Rat und Warnung gehört, wie vieles war mir erspart; aber es war nun mein Schicksal, mit sehenden Augen bis an den Hals ins Unglück zu rennen, um endlich klüger zu werden. Damals lernte ich den Segen ernstlichen Schaffens kennen! Zunächst arbeitete ich am Landungsdamm in St. Louis, aber die furchtbare, übermenschliche Anstrengung hielt ich nicht aus; zufällig hörte ich, daß ein Werbebureau in der Stadt errichtet worden sei, – mit kurzem Entschluß ging ich dahin und ward Soldat der Vereinigten Staaten von Nordamerika!« »Und an mich dachtest du nicht?« fragte Bernhard kopfschüttelnd. »Wollte ich nicht für euch tot sein und gestorben? Nein, damals wenigstens konnte und durfte ich nicht zurück! Mit einem Zug Rekruten kam ich weit hinein in den Westen, wir verstärkten die Besatzung eines der Indianerforts. Der Dienst war leicht, nachdem ich erst einmal das Exerzitium begriffen, und da ich pünktlich im Dienst, gefällig und aufmerksam außer Dienst war, gewann ich bald das Vertrauen, ja die Zuneigung meiner Vorgesetzten. In einigen Scharmützeln mit den Rothäuten mag ich mich nicht gerade feig gezeigt haben, – was lag mir am Leben? – genug, ich stieg seit jener Zeit bedeutend im Ansehen bei meinen Kameraden, und mein Major stellte mir sogar baldiges Avancement in Aussicht. Ich gewöhnte mich fast an den Gedanken, mein Leben in der Wildnis zu beschließen. 276 Das Fort war herrlich gelegen; in einer Biegung eines kleinen Baches, der die Grenze bildete zwischen Wald und Prärie, erhoben sich seine Mauern und Blockhäuser auf einem felsigen Hügel. War die Höhe auch nicht bedeutend, so war sie doch groß genug, einen fast schrankenlosen Umblick über den Wald nach der einen, über die endlosen Prärien nach der andern Seite zu gewähren. Meine dienstfreien Stunden, und ich hatte deren viele, verbrachte ich meistens träumend auf den Wällen. Ach, ich hatte schwer zu kämpfen; Bärbles Bild verfolgte mich im Wachen und Träumen, und der Kummer über mein verfehltes Leben ward nicht geringer, je mehr ich einsah, wie alles, alles nur durch meine eigene Schuld sich zum Schlimmen gewendet, wie ich ganz allein die Ursache war, daß ich als gemeiner Soldat in der Wildnis die Grenzen eines fremden Landes hüten mußte, statt in der Heimat ein glücklicher, freier Mann zu sein! Manche meiner Kameraden suchten Bekanntschaft mit mir, aber ich hielt mich zurückgezogen, nur in Einsamkeit und Stille war mir wohl. Eines Abends starrte ich wieder in die untergehende Sonne, mir war so weh ums Herz, es kann sein, daß mir ein Tropfen im Aug' stand, da klopfte mir jemand auf die Achsel, und als ich herumfuhr, stand mein Major vor mir. Barsch redete er mich in deutscher Sprache an, aber ich hörte doch die herzlichste Teilnahme durch seine rauhen Worte klingen, und mir ging das Herz auf, ich erzählte ihm, was mich drückte. Geduldig hörte er meine Klagen an, dann schalt er mich heftig und ging davon, – am andern Tag ward ich in seine Wohnung beordert, dort machte er mich zu seinem Burschen. 277 Ich sollte bald merken, wie gut es der edle Mensch meinte. Nicht wie seinen Diener behandelte er mich, ich war ihm mehr Vertrauter und Freund. Sein Schicksal hatte viel Ähnlichkeit mit dem meinen, auch er hatte leichtsinnig sein Glück zerstört, und büßte nun, wie er sagte, die Verirrungen seiner Jugend durch freiwillige Verbannung. Meine Träumerei, das stumpfe Brüten war nun zu Ende, der Major sorgte, daß ich dazu nicht mehr kam. Bald war ich ein so verwegener Reiter und furchtloser Jäger wie er selber. Daneben gab er mir auch Unterricht in der englischen Sprache und in anderen Dingen, die ein Soldat wissen und kennen muß, – meine baldige Beförderung konnte nicht ausbleiben. Da brach der Krieg mit den Indianern aus. Ihr erster Überfall galt unserm Fort. Der Sturm ward abgeschlagen; der Major beschloß, die Gelegenheit zu benützen und dem Feind eine derbe Lehre zu geben. Rasch ordnete er zwei Kompagnien; an ihrer Spitze verfolgte er den Feind! Aber das mußten die Rothäute beabsichtigt haben, uns ins freie Feld zu locken, – plötzlich krachten von allen Seiten Schüsse, aus dem Hinterhalte brachen die Feinde hervor, aus Angreifern wurden wir zu Angegriffenen. Schutzlos waren wir den nie fehlenden Büchsen der Wilden bloßgestellt, die, jede Deckung benützend, für unsere Kugeln und Angriffe gleich unerreichbar waren. Fluchend befahl der Major den Rückzug; mit wildem Geheul verfolgten uns die Indianer, ein Kampf Mann gegen Mann begann, ich wich dem Major nicht von der Seite. Eben hatte ich einen Wilden, der sein Tomahawk gegen den Major schwang, niedergestoßen, als mich ein stechender Schmerz in der Hüfte zu Boden warf; noch während ich fiel, sah 278 ich den Major mit gespaltenem Schädel stürzen, dann wurde mir dunkel vor den Augen! Der Rest der Besatzung kam ihren Kameraden zu Hilfe, und so gelang es den Soldaten, ihre Toten und Verwundeten vor den Skalpiermessern der Wilden ins Fort zu retten. Für mich war der Tod des Majors ein schweres Unglück. Der neue Befehlshaber, – unser ehemaliger Kapitän, – konnte mich nicht leiden, schon während meiner Krankheit mußte ich mancherlei Quälereien ertragen, und als meine Wunde notdürftig geheilt war, erhielt ich meinen Abschied. So stand ich wieder verlassen, mittellos in der Welt, bei weitem schlimmer daran als in St. Louis. Was blieb mir übrig? Als ein Zug Auswanderer, die über das Felsengebirge den Weg nach Kalifornien suchen wollten, bei dem Fort rastete, schloß ich mich ihnen an. Und nun folgte ein wunderliches Leben, reich an Abenteuern und Gefahren aller Art, noch reicher an Enttäuschungen und Elend. In Kalifornien hatte ich und mein Kamerad das Glück, ein ziemlich reiches Goldlager zu finden. Wir arbeiteten rüstig, lebten mäßig, und so sah ich die Zeit kommen, da ich mein verspieltes Vermögen ersetzt haben würde, – und dann stand ja meiner Rückkehr zu euch, nach Hause nichts mehr im Weg. In einer stürmischen Nacht verschwand mein Gefährte mit allem Gold – ich war ein Bettler. Das Goldgraben war mir verleidet, ich verließ die Minen und suchte in San Franzisko Arbeit. Ich fand sie und guten Lohn, aber die Arbeit und das Leben dort ertrug ich nicht. Kaum hatte ich das Reisegeld zusammen, schiffte ich mich nach Panama ein, benützte die neue 279 Eisenbahn über die Landenge und nahm dann Passage nach Neuorleans. Hier begann das alte Lied. Arbeit, die für mich paßte, fand ich entweder nicht, oder wenn ich sie fand, war der Lohn so schlecht, daß ich nicht bestehen konnte; lohnende Beschäftigung gab's genug, aber dazu eben taugte ich nicht. Was ich alles begann, will ich nicht aufzählen. Zuletzt kam ich auf den Gedanken, einmal die Jagd zu probieren; halb verhungert gab ich das auf und ward Holzschläger am Mississippi, bis mich das Sumpffieber niederwarf. Bisher hatte ich ausgehalten. Wenn ich auch nicht mehr hoffte, als rechter Mann zu meinen Bekannten oder gar nach Haus zurückzukehren, wenn ich's auch aufgegeben hatte, meine Schande zu tilgen, so stand wenigstens das in mir fest, noch weiter darf es mit mir nicht kommen, ehrlich und redlich wenigstens will ich mich durch die Welt schlagen. Als ich aber jetzt matt und elend zum Sterben in meiner Hütte lag, einsam, verlassen, vergessen, als ich tagelang kaum einen Trunk Wasser erlangen konnte, – da, ja da ward's mir zuviel. Solches Leben war schlimmer als der Tod; wenn mir nichts als Elend beschieden war, wenn ich es trotz aller Mühe zu gar nichts bringen konnte, warum starb ich nicht? Wozu war ich dann auf der Welt? An Selbstmord dachte ich nicht, das war für immer überwunden, aber nach dem Tod sehnte ich mich. Um nicht zu verhungern, ging ich als Feuermann aufs Dampfschiff, als das Fieber nachließ. – Ja, ich gesteh's, ich dachte daran, das Schiff könnte einmal in die Luft gehen und meinem Elend mit einem Schlag ein Ende machen; auf alle Fälle würde ich aber die Arbeit nicht lange aushalten. Der Herrgott hat es anders gefügt, du 280 mußtest mich finden. Was nun werden soll, weiß ich nicht, viel auf keinen Fall, ich bin nun einmal ein Unglücksvogel, meine Umkehr kam zu spät!« »Armer, armer Mensch!« sagte Rosine weich. »Zu verdenken ist dir's nicht, wenn dein Glaube nachläßt. Aber heb' nur den Kopf auf. Sieh', Fritz, daß du bei uns sitzest, daß du uns ehrlich und aufrichtig in die Augen gucken kannst, ist das nicht Beweis genug, daß deine Umkehr nicht zu spät 'kommen ist?« »Ja, und das soll, will's Gott, dein letzter dummer Streich gewesen sein, daß du auch jetzt noch in der bittersten Not dich nicht deinen Freunden anvertrautest. Gib mir die Hand; ein neues Leben wird dir aufgehen!« »Nichts, zu spät!« rief Fritz, und jetzt fiel Rosine der unheimliche Glanz seiner Augen auf. »Nur das Bärble hätte mir zurechthelfen können, mit mir ist's vorbei!« »Das magst du sagen, Fritz? – Hat dir nicht das Bärble schon zurechtgeholfen nach deinen eigenen Worten? Was zog dich vom Wasser zurück? war's nicht ihr Andenken, ihr Wort?« Fritz blickte überrascht auf. Plötzlich rief er: »Und wie steht's mit dem Bärble? – –« »Nimm dich zusammen, Fritz! Mit solchen Hoffnungen freilich ist's nichts! Über drei Jahre stand Bärble bei fremden Leuten in Diensten, seit einem Jahr und darüber ist sie Jakobs Frau!« Fritz schlug stöhnend die Hände vor das Gesicht. »Fritz, – fass' dich, komm' zu dir!« sagte Bernhard ängstlich und versuchte, seine Hände vom Gesicht zu ziehen. »Hab' Geduld, es wird vorübergehen!« ächzte Fritz. »O Gott im Himmel! Kann denn auch das größte Elend 281 die törichten Hoffnungen nicht ertöten? – Habe Geduld, lasse mir Zeit, – ich werde auch das überwinden!« Als am nächsten Tage die Reisenden in Chicago das nach Milwaukee bestimmte Dampfschiff bestiegen, zog sich Fritz sogleich in seine Koje zurück. Rosine sagte bedenklich: »Es ist gut, daß wir bald daheim sind, ich fürchte, unser Fritz wird eine schwere Krankheit zu überstehen haben!« Bernhard nickte traurig. 282   Wiedersehen In der großen, hellen, freundlich ausgestatteten Eckstube, durch deren offene Fenster würziger Blumenduft aus dem Garten hereinzog, und die zwischen Baumwipfeln hindurch einen Ausblick auf den spiegelnden See gewährten, saß im bequemen Lehnstuhl Fritz und erfreute sich der milden Sonnenwärme! Die durchsichtige Blässe seines Gesichts, der müde Blick der tiefliegenden, glanzlosen Augen, die eingefallenen Wangen zeugten, daß er von einer schweren Krankheit erstanden und, wenn auch genesen, noch gar lange der Ruhe und Schonung bedürfe. Nicht weit von ihm am Fenster saß eine junge Frau, eifrig beschäftigt, allerlei lächerlich kleine Hemdchen, Jäckchen und Häubchen zu ordnen und zum Gebrauch vorzubereiten. Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem milden, von der Mutterfreude und Mutterhoffnung verklärten Gesicht; nur wenn ihre Blicke über den stillen Mann im Lehnstuhl glitten, zeigte sich darauf ein Zug ängstlicher, liebreicher Sorge. Es war tief still im Zimmer, nur die zierliche Stutzuhr auf der Konsole tickte eilfertig, und dann und wann summte eine Fliege oder Biene durchs Zimmer. Fritz hatte sich schon mehrmals über die Stirn gestrichen, jetzt richtete er die großen Augen auf die junge Frau und sagte leise: »Dorle!« 283 »Brauchst du was, Fritz?« rief diese und legte die kleinen Sachen beiseite. »Bleib sitzen, – magst ein bißle mit mir plaudern?« »Von Herzen gern! – Gott sei Dank, daß man deine Stimme wieder hört!« »Ihr wohnt schön, – und wie ihr euch so prächtig eingerichtet habt, – ich komm' mir vor wie im Himmel!« »Nun, so schlimm ist's schon nicht! Aber es ist wahr, wir dürfen Gott danken! Hätte nie geglaubt, daß wir's so weit bringen würden!« »Ihr verdient euer Glück!« »Ja, mein Bernhard ist ein rechtschaffener Mann, einen bessern gibt's auf der weiten Welt nicht!« Nach einer Pause begann Fritz: »Ich war wohl sehr krank?« »Du lieber Gott, das glaub' ich!« seufzte Dorle. »Du hast uns Angst eingejagt!« »Lang?« Dorle nickte. Fritz sah sinnend durchs Fenster; wieder strich er sich öfter über Stirn und Augen, als wolle er eine Erinnerung, ein Bild da wegwischen. Aber es mußte nicht gelingen, wie mit sich selber im Zweifel, schüttelte er den Kopf und meinte endlich: »Hör', Dorle, mich quält ein Traum aus meiner Krankheit. Darf ich ihn erzählen?« »Ich bitt' dich darum!« sagte Dorle und legte ihre Arbeit weg. »Es war wunderlich! An jenem Abend, da ich in eurem Haus zu Bett ging, war mir's so wohl, wie lang' nicht, ich fühlte mich so sicher und geborgen. Ich gedachte nun auch einen rechten Schlaf zu tun, aber der Schlaf blieb aus. Ich wollte ruhen, und doch kam mir eine Lust an, zu 284 fliegen; ich konnte nicht widerstehen, – und im Augenblick flog ich davon. Ach, war das herrlich! Ich schwebte so sanft dahin, es tat mir wohl durch und durch. Bald aber ward mein Flug geschwinder, und immer geschwinder, über Wald und Feld ging's dahin, über Prärien und Seen. Mir ward angst, aber ich konnte nicht anhalten, immer schneller, schneller riß es mich fort. Die Erde verschwand, ich flog durch die Wolken, ich kam hinauf zu den Sternen. Und die Sterne schossen an mir vorüber, lange Lichtschwänze hinter sich, so schnell pfiffen sie vorbei. Danach kam der Mond, – zuletzt auch die Sonne. Jetzt ward es Nacht um mich, aber ich flog immer weiter, – immer weiter, und die Finsternis ward immer dunkler und dichter. Und über meine Einsamkeit und Verlassenheit kam mich ein Jammer an, daß ich bitterlich weinen mußte.« Dorle beugte sich tief auf ihre Arbeit; Fritz fuhr fort: »Wie aber meine Angst größer ward, wimmelten auf einmal grausige Gestalten um mich, die wollten sich auf mich werfen und mit sich hinabziehen. Und ich arbeitete, mich ihrer zu erwehren; in meiner Angst schrie ich laut, aber die Not ward immer größer. Auf einmal wußt' ich: konnte ich das Bärble erreichen, dann war ich geborgen. Nun war ich auch wieder auf der Erde, und die Gestalten erkannte ich gar gut; das waren der Wagnershannikel, der Veitenpeter, der Herr, der ihn erschoß und die Wilden heulten hinterdrein, und wie ich auch lief, sie kamen mir immer näher.« Fritz schwieg erschöpft, Dorle aber hatte längst den Kopf auf die Hand gestützt und blickte heimlich durch die Finger auf Fritz, voll Sorge und Spannung. Seufzend begann dieser wieder: »Eben hatten mich die Wilden 285 erreicht und warfen mich zu Boden – da war ich in einem wunderschönen Garten, und – ach, Dorle, das ist's, was mich so peinigt – das Bärble stand neben mir, gab mir liebreich zu trinken und führte mich ins Haus, und alle Not hatte ein Ende. Ich erkannte jetzt auch dich und Bernhard und Rosine, den Jakob und meinen Major, – meine Mutter und Gottfried. Und sie alle winkten mir gar liebreich zu, Bärble blieb aber am Bett sitzen und hielt meine Hand. – Darauf schlief ich endlich fest – fest ein! – – Nun sag', Dorle, ist das nicht wunderlich?« Dorle hatte das Gesicht auf die Arme gelegt und weinte. »Was ist dir, Dorle – was hast?« fragte Fritz bestürzt. Dorle konnte sich lange nicht fassen, endlich begann sie leise: »Ich sollte dir's nicht sagen, – aber, Gott verzeih' mir, ich kann es nicht über das Herz bringen. Fritz – das Bärble war wirklich bei dir, das Bärble und der Jakob!« »Gott im Himmel, Dorle, was sagst du?« »Nimm dich zusammen, Fritz, daß du mir nicht wieder krank wirst. Guck, in deiner Krankheit tatest du gar so wild und ungebärdig, keinen Menschen ließest du an dein Bett, von niemand nahmst du was an. Manchmal schlugst du wie wild und rasend um dich, danach hast du wieder geweint, daß einem das Herz brechen wollte. Und wie du so ohne Aufhören nach dem Bärble jammertest, meinte der Doktor, dem wir deine Geschichte erzählten, wir sollten sie kommen lassen, vielleicht würdest du ruhiger – mit seiner Kunst sei es bei dir zu Ende. So ließ Bernhard an Jakob telegraphieren, und noch am gleichen Tag kam auch richtig das Bärble mit ihrem Kind, unserem Patchen, und am andern Tag auch der Jakob. Ach Gott, wie das 286 Bärble in dein Zimmer trat, wurdest du ruhig; geduldig fügtest du dich in alle Anordnungen, und von Stund' an besserte es sich mit dir. Acht Tage blieb sie bei uns und pflegte dich fast allein, erst als dich der Doktor außer aller Gefahr erklärte, reiste sie wieder ab.« Fritz hatte die Hände gefaltet, der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, in seinen Wimpern hing eine Träne. Ein leiser Wind wehte aus dem Garten herein, die Baumwipfel rauschten, die Blätter des wilden Weines, der in dichten Ranken die Wände überspann, flüsterten. Schmetterlinge gaukelten im Garten auf und ab, Hummeln und Bienchen summten, ferne auf dem See zogen langsam die weißen Segel dahin, dazwischen kräuselten sich auch die Rauchstreifen der Dampfschiffe, – und in der stillen Stube zitterte ein Mannesherz unter den Schlägen eines herben, selbstverschuldeten Geschickes! Noch einmal krampfte sich sein Herz zusammen, als er sich die ganze Größe seines Verlustes vorstellte, als er sich das Glück ausmalte, das er mit dieser Frau hätte finden müssen, das schon sein eigen war, hätte er es zu schätzen gewußt. Noch einmal bäumte sich seine Seele im wilden Schmerz gegen die selbstgeschaffene Armut, verlangte sein Herz nach Liebe, wollte seine Verlassenheit nicht ertragen! – – Aber die Macht des Schmerzes war doch gebrochen, er vermochte nicht mehr die ganze Seele zu erfüllen und zu verfinstern. Fritz war ja nicht mehr verlassen, nicht mehr ausgestoßen. Bernhard und Dorle hatten ihn mit brüderlicher Liebe aufgenommen und stießen sich nicht an seiner Vergangenheit; auch Bärble war zu ihm geeilt, hatte sich seiner angenommen in höchster Not, – also auch sie hatte ihn noch nicht vergessen, – mehr noch, sie vertraute ihm, war ihm eine 287 Schwester geblieben, wie sie versprochen! – Tief atmete Fritz; war das nicht mehr, als er verdiente? – Auch Jakob war noch der alte treue, hingebende Bruder, und Bärble war glücklich – glücklich! – Fritz ward es warm im Herzen! – Die wahre, lautere, selbstlose Liebe hatte in ihm gesiegt, – und schon empfand er den Lohn der Selbstüberwindung. Stille ward es in seiner Seele, die Sonne des Glückes war freilich untergegangen, aber ein heiteres Abendrot leuchtete mild herein in sein Leben, das war Bärbles schwesterliche Zuneigung! – Was er geahnt, gehofft und ersehnt, es war ja eingetroffen, Bärble hatte ihm geholfen, wenn auch anders, als er erwartet! Und nun war ja auch sein Leben nicht mehr verödet, nicht mehr nutz- und ziellos! Eine große Aufgabe lag vor ihm. Es galt jetzt, Bärble zu danken, ihr Vertrauen zu ehren durch ein rechtschaffenes, tätiges Leben! Und mit dem Gelöbnis: um ihretwillen werde ich ein rechter Mann, – war Fritz in ein neues Leben eingetreten. Dorle beobachtete Fritz ängstlich; als er den Kopf gar nicht wieder heben wollte, trat sie zu ihm und fragte: »Fritz – es fehlt dir doch nichts?« Fritz drückte ihre Hand. »Hat sie mir gar kein Zeichen, kein – Angedenken hinterlassen?« »Ach Gott, Fritz, was hab' ich gemacht!« klagte Dorle. »Wenn du wieder krank würdest, – was fing' ich an?« Fritz schüttelte den Kopf. »Nichts – keinen Gruß? – gar nichts?« »Ach freilich, doch – aber darf ich dir's geben? – Wirst du mir nicht wieder krank?« »Ich bin gesund, und wenn du was hast von ihr, das stellt mich vollends her!« 288 »In Gottes Namen denn! – Da ist ein Brief! – Ich meine selber, es könne dir nichts schaden, bekommst du ein Zeichen von ihr!« Fritz drückte das Papier mit ihren Schriftzügen heftig an sein Herz, dann griff er nach seinem Stock. »Dorle, das muß ich allein lesen! – Ängstet euch nicht um mich, mir geschieht nichts, nun werde ich bald gesund! Grüß' Bernhard und die Rosine, und – laßt mich bis morgen allein!« Dorle sah ihm lange nach; als sie zu ihrem Stuhl zurückkehrte, wischte sie sich die Augen und blickte lange hinaus über Garten und See. In seinem Kämmerlein saß indes Fritz am Fenster und blickte auch hinweg über den spiegelnden See in das glühende Abendrot. In der Hand hielt er einen offenen Brief; die Schriftzüge waren oft verwischt, neben den Spuren vertrockneter glänzten frische Tränen. Fritz hob oft den Brief und las ihn immer wieder durch. Bärble schrieb: »Lieber Bruder Fritz! Ich schreib' Dir mit Vorwissen meines Jakob, und ob er es gleich nicht tun will, muß er den Brief auch lesen. Ich bin eine Frau, – Du weißt schon, wie ich das meine. So sei denn viel tausendmal gegrüßt, viellieber Bruder! Und jetzt, da ich schreibe, vergehen mir beinah' die Gedanken, und hätt' Dir doch alsoviel zu sagen! »Ja, ich bin des Jakobs Frau! Mußt Dich darüber nicht kümmern und grämen. Und gelt, mir bist Du auch nicht bös deswegen? Und weil ich denk', daß Dich das freuen wird, schreib' ich das auch her, ich bin eine 289 glückliche Frau und hab' einen rechten (das Wort war unterstrichen), gar guten Mann. Du kennst ja den Jakob auch. Guck, Fritz, Du mußt halt denken, es hat nicht sein sollen mit uns. Mir ist's auch nicht leicht 'worden, bis ich mich dreingefunden hab'. Aber nimm Dir's nur rechtschaffen vor, nachher kommst du schon drüber weg. Mußt immer dran denken, die Lieb' ist nicht das einzige in der Welt, es gibt mehr, und größeres und besseres. Da ist vor allem die Bravheit und Rechtschaffenheit, die geht über alles, und ein gutes Gewissen, das weißt Du ja auch. Hat mich recht gejammert, daß Du immer meinst, Du wärst kein rechter Mann, und wenn Du mich nicht zur Frau kriegst, würdest Du auch keiner. Du guter, lieber Mensch, Du! Aber das ist zweifach falsch, und den Gedanken mußt Du aufgeben, ich bitt' Dich recht ernstlich darum. Wer solche Schicksale durchmacht wie Du, der ist ein rechter Mann, das ist mein Ernst. Danach ist's die Frag', ob wir wirklich so gut zusammen gepaßt hätten, und ob ich Dir hätt' helfen können. Also denk' nimmer so und mach' Dich nicht selber traurig. Ich muß Dir auch sagen, ich und mein Jakob sind zufrieden miteinander, und wie mein Dorle (der Bernhard und seine Frau sind unsere Gevattersleut'!) auf die Welt kam, waren wir recht glücklich. Es hat uns nur eines gefehlt, daß wir nichts von Dir hörten. Ist kein Tag vergangen, wo wir nicht von Dir redeten, und wünschten Dir von Herzen alles Glück und Gottes Segen. Lieber Bruder Fritz, es hat mir schwer auf dem Herzen gelegen, daß ich Dich damals so hart angelassen hab', – Du weißt schon, was ich meine. Aber Du lieber Gott im 290 Himmel droben, ich war in der Angst und wußt' nimmer, wo aus noch ein. Bös hab ich's ja gewiß nicht gemeint, – gelt, das glaubst Du? – So, nun wär' das auch vom Herzen 'runter! Und nun bitt' ich Dich aufrichtig als Deine Schwester, laß dem Jammer und den bösen Gedanken nicht soviel Gewalt über Dich. Werd' wieder frisch und fröhlich, tu's meinet- und auch Deiner Eltern willen, deren einziger Trost du jetzt bist. Guck, wenn ich Dich erst so recht von Herzen zufrieden und fröhlich wüßt', danach wär' ich ganz glücklich und wollt' mir auf der Welt nichts mehr wünschen. Also grüß' ich Dich vielmals, lieber Bruder, und der Jakob auch und wünsch' Dir baldige Besserung und gänzliche Gesundheit. Und es grüßt Dich vielmals Deine treue Schwester Barbara Roschlauin.         Und sei ja nicht mehr traurig, lieber Bruder. Vergiß nicht, die Lieb' tut's nicht allein in der Welt. Und Du wirst bald eine viel bessere finden als mich, und ein ordentliches Hochzeitsgeschenk soll von uns nicht ausbleiben. Ja, – ich komm' noch einmal. Ich hab' Dir ja noch gar nichts von meinem Dorle geschrieben. Das ist Dir ein prächtig's Mädle, Du hättest gewiß auch Deine Freude an ihr. Der Jakob behauptet, sie sei mir wie aus den Augen geschnitten, aber ich find', daß sie in allen Stücken ihrem Vater gleicht. – Und vergiß ja nicht, was ich Dir 291 gesagt hab'. Jetzt leb' wohl, und wenn Du kannst, gib bald eine Nachricht, wie's mit Dir steht.« Das Abendrot verglühte, die goldenen Sterne blitzten einer nach dem andern auf am tiefdunkeln Himmel, – und Fritz saß noch immer mit dem Brief in der Hand am Fenster und schaute hinauf in die unendliche Ferne. Ein stiller, heiterer Friede erfüllte seine Brust, die dunkeln Schatten waren verschwunden, die Vergangenheit überwunden, – begraben in die tiefsten Tiefen seines Herzens. Da sollte das Bild Bärbles und seine Liebe im stillen fortglühen und fortleben; als sein Heiligtum, als das höchste Gut seines Lebens wollte er es hüten und pflegen. Vor der Welt aber mußte er jetzt der ernste starke Mann sein, mußte zeigen, daß die Zeit und ihre Prüfungen nicht vergebens an ihm gearbeitet, durch Taten mußte er die Versäumnisse der Jugend ausgleichen, sühnen. Er faltete die Hände; in der Stille der Nacht stieg manches ernste Gelübde zum Himmel empor. Das Bild seines zukünftigen Lebens stand klar und bestimmt vor ihm; Glück verhieß es ihm nicht, aber Ruhe, ein heiteres Gemüt und wenn auch ein einsames, so doch befriedetes Alter. Nicht sich, – allein seinen Nebenmenschen wollte er hinfort leben. Es war schon spät, als er sich endlich erhob. »So!« sagte er leise, »und nun fort mit allen Gedanken, – ich will schlafen!« »Nun Gott sei Dank, du schläfst ja wie ein Daus!« rief Bernhard fröhlich, als Fritz am Morgen die Augen aufschlug. »Wir waren doch recht in Angst, die Nachrichten und der Brief könnten dich wieder aufregen. Nun ist ja alles gut! Komm' jetzt herunter, damit sich das Dorle mit eigenen Augen überzeugt, daß dir nichts geschehen ist. Und 292 willst du noch einen Stein im Brett bei ihr gewinnen, so sag', der Junge sei mir wie aus den Augen geschnitten.« »Bernhard, – ist's möglich?« »Ja, es ist alles glücklich vorübergegangen!« sagte Bernhard, dem Freudentränen über die Wangen rollten. »Komm' nur jetzt herunter!« Ein leichtes Rot der Freude flog über die blassen Wangen der jungen Mutter, als nun Fritz eintrat. Rosine mußte ihm den jungen Erdenbürger entgegenbringen, und Dorle rief: »Nun sag' selber: gleicht er nicht seinem Vater aufs Haar? – Ja betracht' nur den Buben recht, er geht dich auch was an. – Du wirst doch sein Pate, nicht?« »Wär's euer Ernst?« rief Fritz, und das Rot der Freude kam über ihn. »Haben's schon lang' unter uns ausgemacht so!« sagte Bernhard. Fritz hielt die Hände des glücklichen Ehepaars lange fest, dann sagte er bewegt: »Ich dank' euch so recht von Herzensgrund, und will's Gott, soll sich der Bube dereinst seines Paten nicht zu schämen brauchen. – Aber ich hätte nun auch eine rechte Bitt': nehmt den Jakob noch zum Paten!« Dorle, Rosine und Bernhard tauschten Blicke herzlicher Freude; da eben der kleine Namenlos erwachte und sogleich herzhaft schrie, sagte Bernhard: »Es bleibt dabei! Ich versteh' dich, Fritz, und wenn mir heute noch was eine Freude machen konnte, so ist es das. Nun wollen wir aber fort, wir sind, wie ich merke, gänzlich überflüssig!« Nachmittags saß Fritz auf seiner Stube, Tinte und Papier vor sich, die Feder in der Hand. Aber das Schreiben wollte keinen rechten Fortgang nehmen, oft starrte er 293 träumend durchs Fenster, oft stützte er das Gesicht in beide Hände. Ja der Brief an die Eltern – in Gedanken schrieb Fritz nur an Mutter und Bruder – ward ihm nicht leicht. Aber er bezwang sich, hielt den Erinnerungen Stand und kämpfte mannhaft gegen den neuerwachenden Schmerz. Er bestand die Probe, die er sich selber auferlegt. Einfach, aber wahrhaftig und treu schilderte er seine Erlebnisse – was hatte er alles zu berichten! Zuletzt bat er Mutter und Bruder um Verzeihung, versprach gut zu machen, ihre Liebe und Treue zu vergelten, soviel in seinen Kräften stehe. Fritz atmete tief auf, als er endlich die Feder aus der Hand legte. Der Brief war ja freilich nicht nach Wunsch ausgefallen, was ihm so warm und lebendig im Herzen aufquoll, wie kalt und trocken nahm es sich auf dem Papier aus! Aber er ließ die Feder ruhen; sein Herz selber konnte er doch nicht ab- und ausschreiben, und in der Hauptsache enthielt der Brief alles, was zu sagen nötig war. Träumend lehnte er sich in den Lehnstuhl zurück, in Gedanken verfolgte er den vor ihm liegenden Brief auf seiner weiten, gefahrvollen Reise. – Wird er auch sein Ziel erreichen? – Und wenn, – wie wird es bei seiner Ankunft in der Heimat stehen? – Jetzt fiel ihm die Kränklichkeit Gottfrieds, von der ihm Rosine freilich nur andeutungsweise berichtet, schwer aufs Herz. War er schon tot? – Kam vielleicht sein Brief auch für die Mutter zu spät? – Zu spät! – Da waren sie wieder, die alten Zweifel und Nöten! – Aber sie fanden nicht den alten Menschen! Wenn der Brief wirklich Mutter und Bruder nicht mehr am Leben traf, so war es freilich eine harte Strafe mehr für ihn, aber zu spät kam er deswegen doch nicht. Was lag zuletzt auch an dem Brief? Nicht die 294 Nachrichten, die er enthielt, machten ihn so wichtig, sondern die innere Umkehr, von der er ein lebendig Zeugnis war. Und diese geschah im Geist der Mutter und des Bruders; was er jetzt zu werden sich fest vorgenommen, das war auch ihre Sehnsucht, ihre Hoffnung gewesen. Mochten auch Länder und Meere sie scheiden, mochten die Lieben daheim vielleicht schon Ruhe gefunden haben auf dem stillen Gottesacker neben der Kirche, sie waren nicht mehr von ihm getrennt, im Geist hatten sie sich gefunden und vereinigt für immer. »Zu spät!« sagte Fritz mit leisem Lächeln. »Ja freilich, wollte ich noch nach Glück und Herrlichkeit trachten wie sonst – dazu ists zu spät; sonst aber hat das Wort keine Bedeutung mehr für mich!« Der Brief ging ab. In den ersten Tagen kam ihm die Botschaft, die von ihm unterwegs war, nicht aus den Gedanken, es war ihm so wunderlich, fast als ob ein Stück von ihm selber, ein Teil seines Lebens und Wesens nun durch die Welt laufe, einem ungewissen Geschick entgegen. Und die Möglichkeiten alle, die den Brief von seinem Ziel ablenken, vernichten konnten, machten ihn oft ernstlich unruhig, zuletzt zwang er sich, gar nicht mehr an den Brief zu denken. Und nun folgten stille, gar wundersame Tage. Die junge, bleiche Mutter, der ernste, bleiche junge Mann, beide vom Krankenbett erstanden, der Ruhe und Stärkung noch sehr bedürftig, aber doch schon von der wiederkehrenden Gesundheit mit einem leisen Hauch von Lebensmut und Hoffnungsfreude angeweht, sie saßen meistens zusammen in der freundlichen Eckstube, oder im sonnigen, blühenden und duftenden Garten. Mit besonderem Eifer nahm sich Fritz des Buben an; es ward ihm so wunderlich, wenn er 295 das kleine Wesen auf den Knien wiegte. Eine Ahnung von dem höchsten und reinsten Glück dieser Welt ging ihm wie fernes, verhallendes Klingen durch die Seele, mit stiller Wehmut empfand er die Armut seines Lebens, dem die Vaterfreude versagt blieb. Aber nur wehmütig machte ihn dies Gedenken, nicht traurig. Mit Wonne belauschte er die Lebensregungen der knospenden, keimenden Menschenpflanze, sinnend blickte er hinein in die hellen Kinderaugen, als wolle er das Geheimnis des Lebens, welches ihm so wundersam daraus entgegenleuchtete, ergründen, und mit seliger Lust drückte er das unschuldige Kind an sich, dem er nicht mehr fremd war, das er lieben durfte, das ihn wieder lieben sollte. »Fritz, Fritz«, scherzte oft die glückliche Großmutter, die sich bei ihren Kindern völlig verjüngte, »du machst mich noch ganz eifersüchtig! Meinst du denn, der Bub' ist nur allein für dich da?« So gingen die Tage hin, der Bube gedieh fröhlich, die Wangen der Mutter röteten sich und Fritz erfreute sich der Rückkehr seiner Kräfte. Dann erhob sich eines Tages großes Getöse in dem bisher so stillen Hause, Fritz ward mit dem Buben in den Garten geschickt, und Bernhard erklärte, es müsse eine wahre Scheuerwut über die Weiber gekommen sein, man sei seines Lebens nicht mehr sicher. Doch fehlte es auch nicht an Trost in dieser Männertrübsal; gegen Abend verbreiteten sich aus der Küche verheißungsvolle Düfte durchs Haus, und eine festlich erwartungsvolle Stimmung wehte treppauf treppab, durch Gang und Zimmer. Wieder einmal saß Fritz am Fenster, blickte über den See hinweg in das erlöschende Abendrot, blickte auf zu den funkelnden Sternen, aber die ewige Ruhe und Heiterkeit, 296 die aus der Unendlichkeit herabwehte, stillte das bange Klopfen seines Herzens nicht. Er sollte sie wiedersehen, – sehen und sprechen, morgen schon! Oft überlief ihn ein Frostschauer, dann glühte er wieder. Manchmal kam es über ihn, als müsse er fort, auf und davon, je weiter, desto besser; dann hießen ihn wieder Gedanken bleiben, die er begraben gemeint hatte, die er nicht hören wollte, nicht durfte. Plötzlich richtete er sich stramm auf, strich die verwirrten Haare zurecht und sagte: »Wozu die Plage? Bin ich die Torheit noch immer nicht los? Was will ich? Bärble ist meine Schwester, – sonst nichts! Als Geschwister sehen wir uns, – ist damit nicht alles gesagt und gegeben? Soll ich ihr Bitten abermals überhören, ihr Vertrauen zu Schanden machen? – Fritz, Fritz! Schrieb sie nicht: ›Laß den bösen Gedanken keine Gewalt über dich, tu's meinet- und deiner Eltern willen, deren einziger Trost du jetzt bist. Wenn ich dich so recht von Herzen fröhlich und zufrieden wüßt', danach wär' ich ganz glücklich, und wollt' mir auf der Welt nichts mehr wünschen!‹ – Soll sie das abermals in den Wind geredet haben? – Nein, ich muß es zwingen, dabei bleibt's! – Und jetzt will ich schlafen, – schlafen!« Es gelang, er schlief ein, und keine bösen Träume störten seine Ruhe. Mit hellen Augen blickte er hinein in das Morgenrot, die Gedanken in seiner Seele waren mehr ein Gebet für sein Patchen, dem er heute seinen Namen schenken wollte, als eine Bitte um Kraft und Stärke für die schwere Stunde. Und doch ward es ihm heiß in der Brust, als er Bernhard aus dem Hause kommen sah. Da geht er hin zum Bahnhof, – jetzt pfeift auch schon die Lokomotive, – 297 jetzt steigt sie aus, kommt näher und näher. Wie wird sie kommen? Bleich oder rot, sehnsüchtig oder gleichgültig? »Narr ich!« schalt sich Fritz. »Weiß ich nicht aus ihrem Brief, daß sie als glückliche Frau, als brave, rechtschaffene Ehefrau kommen wird? – Ausgehalten, heißt es jetzt, es werden noch mehr Prüfungen über mich kommen!« »Sie sind da!« flüsterte Rosine in der Tür. »Sie sind da und warten auf dich! – Fritz, – es wird dich doch nicht zu sehr angreifen? – Es ist dir doch ganz wohl?« »Ich danke Euch, Rosine! Wie seid Ihr doch so gut!« entgegnete Fritz herzlich. »Laßt mich nur und seid ganz außer Sorgen, ich werde auch gleich kommen!« Die Tür schloß sich und Fritz ging langsam auf und ab. Er konnte es nicht hindern, das Wasser trat ihm doch in die Augen und sein Herz klopfte rasch und heftig. Wie ein Blitz huschte seine Vergangenheit an ihm vorüber, und er preßte die gefalteten Hände vor die Augen. Aber nur eine Sekunde. »Vorbei!« seufzte Fritz und wusch sich die Augen hell. »Das muß die letzte Schwachheit gewesen sein. Es ist ja nur der erste Augenblick, den ich so arg fürchte. Ausgehalten!« flüsterte er, als er festen Schrittes die Treppe hinabschritt; »Ausgehalten! Ich bin der Mann, – das Bärble soll sich meiner nicht zu schämen brauchen!« In der Stube hörte er nur leise flüstern, gewiß waren die Freunde nicht weniger befangen als er. Jetzt öffnete sich die Tür, ein Nebel legte sich über seine Augen, er sah nur Bernhard und Jakob. Aber vor dem hellen, treuen aufrichtigen Blick Jakobs verschwand aller Dunst, alle Befangenheit; im Herzen ward es ihm leicht und warm, am Hals des alten, treuen Freundes ward auch die letzte Not 298 rasch überwunden. Und nun kam alles wie von selbst. Jakob führte Fritz zu Bärble, die blühte und glühte wie eine Rose; er fühlte ihre Hand in der seinen, sah ihre tiefen Augen auf sich ruhen, – und nichts von allem, was er befürchtete, traf ein, es war eben die Schwester, die er wiederfand, die er mit aufrichtiger Herzlichkeit begrüßte. Mit Jubel drückte er dann das kleine Wesen an sich, das ihm so verwundert von Bärbles Schoß entgegenblickte, – das waren ja ganz die Augen ihrer Mutter. Und nun war der Bann gebrochen, alle Anwesenden atmeten auf, die Herzen schlugen freier, nun erst erfreute man sich der Gegenwart. Nur als Fritz das kleine Dorle gar nicht von sich lassen wollte, neckte Rosine: »Ei, ei, Fritz! hast du dein Patle schon vergessen?« Mit tiefer Rührung wohnte er dem Taufakt bei, und es ward Fritz gar wunderlich, als danach der kleine Bursche mit seinem Namen gerufen wurde. Das war ein neues Band, das ihn mit der Welt verknüpfte, und es tat ihm nur leid, daß nicht auch das kleine Dorle sein Patchen sein konnte. Jakob mußte fast seine Gedanken erraten, denn als nachher beim fröhlichen Mahl die Gläser klangen, stieß Jakob besonders mit ihm an und sagte: »Und wenn ich einmal wieder einen Gevatter brauche, darf ich zu dir kommen?« Darauf konnte Fritz nur mit herzlichem Händedruck antworten. In trautem Verein saßen die Freunde zusammen. Von der Vergangenheit ward nicht geredet, auch nicht über Fritzens Zukunft. Es hatte tiefe Bewegung hervorgerufen, als Fritz auf eine Neckerei Dorles ernst entgegnete: »Ich bleibe ledig, – das steht fest. Tut mir den einzigen Gefallen und glaubt mir diesmal. Ich weiß, was ich 299 will! Ich kann nicht freien, ich kann nicht und darf auch nicht! – Laßt's genug sein damit!« Die Frauen verließen das Zimmer. Jakob drückte Fritz die Hand und sagte: »Ich kann dir zwar nicht eigentlich recht geben, doch versteh' ich dich und achte dich darum um so mehr. – Übrigens soll dir dein Wort hier kein Hindernis sein, würdest du doch einmal andern Sinnes!« Damit war das abgetan und fand keine weitere Erwähnung. Und die anfängliche Wehmut wich allgemach einer herzlichen Fröhlichkeit, tief im fernen Westen Amerikas erklangen deutsche Lieder und deutsche Trinksprüche. »Wir feiern die Taufe meines Ersten,« sagte Bernhard nicht ohne Stolz, »und zugleich den Abschied meines lieben Gevatters, – doppelte Ursache, die Gegenwart zu genießen. Auf, laßt die Gläser klingen! Auf wahrhaftige Freundschaft für alle Zeit!« Jakob und Bärble wollten allerdings mit dem Abendzug wieder fort, darüber lachte aber Bernhard und Dorle, – danach gestanden sie selber, daß es ihnen mit dem Aufbruch gar nicht so rechter Ernst gewesen sei. Die Fröhlichkeit unterbrach am nächsten Tag ein an Fritz gerichteter, schwarz gesiegelter Brief. Seine Hand zitterte merklich, als er das Siegel löste; kaum hatte er die ersten Zeilen überflogen, als er das Schreiben sinken ließ. »Meine Mutter und mein Bruder sind tot!« sagte er leise zu den ängstlich Harrenden. »Ich will auf mein Zimmer, den Brief muß ich allein lesen. Bleibt zusammen und erwartet mich, ich bin bald wieder bei euch!« Auf seinem Zimmer überflog er das längere Schreiben. Im Auftrage des Vaters teilte ihm der Bergheimer Pfarrer nach kurzer Einleitung mit: 300 »Ihre Frau Mutter war sehr schwach, der Tod Gottfrieds verzehrte ihre letzte Kraft, niemand glaubte, daß sie das Leichenbegängnis überleben würde. Während des Trauergottesdienstes kam Ihr Brief an – welchen Eindruck sein Inhalt auf Ihre Eltern, auf die Leidtragenden, auf uns alle machte, mögen Sie sich vorstellen. Allen Anwesenden kam das Wasser in die Augen über die wahrhaft wunderbare Verklärung, die uns vom Angesicht Ihrer Frau Mutter entgegenschimmerte, die Frau war fast nicht mehr zu erkennen. Kein Wort kam über ihre Lippen, Ihren Brief drückte sie fest – fest auf ihre Brust und mit schimmerndem Auge blickte sie nach oben. Was mögen in ihrem Herzen für Gebete lebendig geworden sein! Die Verwandten und Nachbarn, auch Ihr Vater, hofften, die Freude würde die Bäurin kräftig und neu beleben, – ich aber sah bald, daß es dem nicht so war. Solcher Glanz liegt nur auf einem Gesicht, dessen Augen schon den Himmel offen sehen! Ich blieb die Nacht bei Ihrer Frau Mutter, o, diese Stunden werden mir ewig unvergeßlich sein. Was habe ich von dieser einfachen, schlichten Frau gelernt! – Weinen Sie, Ihre Mutter ist Ihrer Tränen wert! – – Von Ihnen ward viel geredet, noch oft mußte ich Ihren Brief vorlesen, besonders die Stellen, wo Sie von Ihrer Liebe reden und gründliche Umkehr geloben. Erst gegen Morgen schlief sie ein, erwachte nach kurzer Zeit, ergriff meine Hand, zog mich nahe an sich und flüsterte: ›Schreiben Sie meinem Fritz, sein Brief hat alle Leiden meines Lebens reichlich aufgewogen. Ich hinterlasse ihm meinen besten Segen und der Herrgott wird ihn auch segnen. Sagen Sie ihm, er soll das Bärble und den Jakob, die Rosine, den Bernhard und sein 301 Dorle grüßen von mir und meinem Gottfried, und ich wolle Gott bitten, daß er ihnen vergelte, was sie an meinem Sohn getan haben, – Fritz soll brav bleiben und gut, soll die Armen nicht vergessen und den letzten Willen seines Bruders in Ehren halten. – Ich hab' meinen Fritz immer geliebt und ihm vertraut, das schreiben Sie ihm auch, und er soll manchmal an mich und seinen Bruder denken und unsere Gräber besuchen!‹ – Nach einer kleinen Weile begann sie: ›Gott im Himmel droben, wie dank' ich Dir, daß Du mich das noch hast erleben lassen! – Ich sterbe in Frieden, Herr Pfarrer schreiben Sie das meinem Fritz, es ist ja jetzt alles, alles gut! – Ja, und auch das noch: er soll seinem Vater ein treuer Sohn sein allezeit und nicht vergessen, es ist eben doch sein Vater, was auch vorgekommen sein mag. – So!‹ dabei strich sie die Bettdecke glatt. ›So, nun ist alles in Ordnung, ade Welt, – Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!‹ – Noch ein Seufzer, – Ihre Frau Mutter war nicht mehr. Ich habe mit Absicht die letzten Augenblicke der Seligen ausführlich berichtet, einmal war es mir selbst Bedürfnis, sodann glaube ich, daß Ihnen das ein Trost, eine Beruhigung sein wird. Mit meinem Trost will ich Sie verschonen. – Was sie mit dem letzten Willen Ihres Bruders meinte, habe ich nicht erkunden können, auf meine betreffende Frage ward ich von Ihrem Vater ziemlich barsch abgewiesen. Doch meint Base Lene, die seit dem Wegzug unserer lieben Rosine, welche ich von mir herzlich zu grüßen bitte, dem Hauswesen Ihrer Eltern vorstand und auch in Zukunft vorstehen wird, es könne sich das nur auf die Frau Barbara Roschlau beziehen, da aus Gottfrieds letzten Reden unzweifelhaft hervorgehe, daß er 302 gleich Ihnen das Veitenbärble geliebt haben müsse, daß vielleicht der Kummer, den er so lange heimlich trug, sein Ende beschleunigte. Doch sind das Berichte, für deren Wahrheit ich begreiflich nicht einstehen kann. Im Auftrage Ihres Herrn Vaters teile ich Ihnen ferner mit, daß er Ihre baldige Rückkehr wünscht und erwartet; als Reisegeld händigte er mir hundertfünfundsiebzig Gulden ein, die ich in einer Einhunderttalernote beischließe. Der Herr Brehm befindet sich wohl, er ist fast rüstiger als früher, steht seiner großen Wirtschaft wacker vor und hat nur noch einen Wunsch, Sie recht bald gesund und frisch wiederzusehen.« Mit herzlichen Versicherungen persönlicher Teilnahme hatte der Bergheimer Pfarrer den Brief geschlossen. Fritz ließ seinen Tränen freien Lauf, warum sollte er auch nicht? Ach, ein Mutterherz ist wohl der Tränen wert und nun gar ein solches! Fast wollte sich etwas wie Bitterkeit gegen sein Schicksal in ihm regen, warum konnte er die Mutter nicht wenigstens wiedersehen, an ihrem Sterbebette stehen und ihr die Augen zudrücken? – Aber der Brief selbst ließ solche Gedanken nicht aufkommen. Er hatte den Segen der Mutter, sie war in Frieden gestorben, hatte ihm ihre Liebe, ja ihr Vertrauen versichern lassen, – durfte er noch klagen? Und noch mehr, sie hinterließ ihm eine Aufgabe. »Vergiß die Armen nicht!« O, er wußte, was das in ihrem Munde besagte. Der Vorsatz, ihr auch hierin gleich zu werden, nahm den letzten Stachel aus seiner Seele, es war nur noch wehmütige Trauer, was seine Augen überfließen ließ. Auch Gottfried vergaß er nicht; die Bestätigung seiner früheren Ahnung, auf die er freilich in seiner leichtfertigen 303 Weise nicht besonders geachtet hatte, – jetzt erschütterte sie ihn. Welch heldenmütige, große Seele hatte in dem schwächlichen Körper gewohnt! So zu überwinden, so zu entsagen, freiwillig, ohne Murren und Klagen sein eigenes Glück zum Opfer zu bringen, – was das bedeutete, Fritz verstand es. Mit demütiger Verwunderung blickte er zu dem Heimgegangenen auf; was der Geschiedene im Leben nicht hatte erreichen können, das gelang ihm im Tode: Fritz erkannte, verstand ihn, ja, er dankte ihm; nicht allein für das, was er an ihm getan und hatte tun wollen, nein, auch für den Wink, den er ihm noch vom Sterbebett gegeben. Er wußte, was Gottfrieds letzter Wille allein konnte gewesen sein, und wie eine Befreiung aus letzter Not erschien ihm das Gelöbnis: in allen Stücken des Bruders Vermächtnis heilig zu halten und zu erfüllen. Gefaßt schritt er hinab zu den harrenden Freunden, Bernhard mußte den ganzen Brief vorlesen. Die Nachricht über die letzten Augenblicke der Bäurin rührten tief, fast noch größere Erregung rief jedoch die Kunde von Gottfrieds heimlicher Liebe hervor. Rosine nickte weinend und sagte: »Ich hab' das lang' gewußt!« Als Fritz danach erzählte, wie Gottfried schon früher um sein und Bärbles Wohl besorgt war, welche Vorschläge er ihm gemacht, für den Fall, daß Bärble in Amerika einwillige, seine Frau zu werden, – da weinte Bärble laut, selbst Jakob wischte sich die Augen und sagte: »Ein braver Mensch, bei Gott! Das hätte ich nicht hinter dem stillen, einfachen Menschen gesucht! Sein Tod ist auch mir eine Mahnung! Bärble, es ist mir ein rechter Trost, daß wir auf geradem Weg' zusammengekommen sind, und daß ich für dich getan, was ich gekonnt! Müßt' ich vor dem Toten die Augen 304 niederschlagen, keine ruhige Stunde hätt' ich mehr! – – Fritz, gib mir die Hand und dem Bärble auch, wir sind jetzt in Wahrheit echte, rechte Geschwister, dein Bruder, der Gottfried, hat uns für alle Zeiten fest verbunden. Wir können sein Andenken nicht anders ehren, als daß wir zusammenstehen in herzlicher Eintracht und Liebe alle Zeit!« Die Freude des Tauffestes war durch die Trauernachricht freilich gestört, Jakob und Bärble rüsteten sich bald zum Aufbruch und Fritz sah ernst und wehmütig drein. Die Tröstungen der Freunde hatte er abgewiesen, er bedurfte des Trostes nicht, selbst Rosine bewunderte seine stille Ergebung, sein gefaßtes Wesen. Als ihn beim Abschied Jakob dringend zu einem Besuch auf seiner Mühle einlud, sagte er: »Ich komme gewiß, aber heute und morgen nicht, – vielleicht erst, wenn du mich als Gevatter zu dir rufst!« Als ihn alle verwundert ansahen, fuhr er fort: »Ich denke nicht daran, jetzt schon heimzukehren. Der Vater ist rüstig und durch die Base Lene versorgt; ich werd' ihm schreiben: wird ihm die Last mit den Gütern zu groß, mag er sie verpachten und sich zur Ruhe setzen. Ich will jetzt in Amerika das Versäumte nachholen, sehen und lernen; will nicht als ein Lump heimkehren, dem man von daheim das Reisegeld schicken muß. Der Hunderttalerschein gehört meinem Patle, ist mein Patengeschenk! – Nur keine Einrede, ich bin nimmer der alte Türkenfritz! Ja, ich will jetzt lernen, aber auch arbeiten und schaffen, ich gehe nicht eher nach Deutschland zurück, – es müßte denn eine Krankheit meines Vaters dreinkommen, – bis ich wenigstens einen Teil des 305 verspielten Geldes erarbeitet habe. – Ja, das ist mein Entschluß, und dabei bleibt's!« »Dagegen ist nichts zu sagen!« rief Jakob fröhlich, während die Freude von allen Gesichtern leuchtete. »Bleib' dabei, du wirst's nicht bereuen. Nur vergiß deine Geschwister in Madison nicht, bis zur Taufe meines Buben – brauchst nicht rot zu werden, Bärble – bis zur Taufe meines Buben, das ist viel zu lang, bis dahin hab' ich nicht Geduld, du mußt eher kommen, und auf vier Wochen richte dich nur gleich ein, früher kommst du nicht wieder aus meinem Haus!« »Nu, nu, vorläufig haben wir noch unsern lieben Gevatter und halten ihn fest; nicht, Dorle und Mutter?« scherzte Bernhard. »So geschwind lassen wir ihn uns auch nicht nehmen. Vorläufig bleibt Fritz bei uns, er ist noch zu schwach, als daß wir ihn unter fremde Leute lassen könnten, und zu sehen, zu lernen, zu arbeiten und zu schaffen gibt es in Milwaukee so viel Gelegenheit, als anderwärts. Ich habe schon eine Stelle für ihn in Aussicht, und wenn es irgend angeht, soll er überhaupt Milwaukee und uns nicht verlassen. Aber das wollen wir gleich ausmachen: alle halben Jahre kommen wir zusammen, einmal bei dir, Jakob, einmal bei mir; ist's recht?« »Es gilt!« sagte Jakob, und auch Fritz schlug herzhaft ein in die dargereichten Hände. Wenige Minuten noch, und Jakob und Bärble, selbst das kleine Dorle winkten aus den Wagenfenstern nach ihren Freunden am Bahnhof zurück. 306   Daheim An einem sonnigen, wonnigen Sonntagnachmittag im Mai kam ein einsamer Wanderer die Schottendorfer Straße den Werthagrund herab. Die Gäste im Sülzdorfer Wirtshaus blickten neugierig dem stattlichen Fremden nach und verwunderten sich, wie vertraut er dem Wirt zugenickt hatte – kannte er ihn vielleicht? Während aber die Gäste gleichmütig zu ihren Karten zurückkehrten und den Wanderer bald vergessen hatten, schritt dieser wie im Traum an den letzten einsamen Häusern vorbei. Aus dem einen guckte der uralte Schneidershannikel noch gerade so lustig auf die Straße wie ehemals, nur älter war er geworden und sein Haar ganz weiß. Und dort vor dem äußersten Häuschen, unter dem weißblühenden Pflaumenbaum neben der Haustür, saß auch noch der breitgeschulterte, muskelkräftige Hammerschmied aus dem nahen Eisenwerk; faul hatte er die mächtigen Arme auf die Knie gestützt, und während ein Häuflein Kinder auf ihm herumkletterte, rauchte er gleichmütig sein Pfeifchen. Fritz mußte sich abwenden und die Augen wischen; waren die trüben, traurigen Jahre, die er in der Fremde verlebt, nur ein Traum gewesen? – Ach nein, wie hätte ihn sonst die Heimatluft so durchschauern können, wie die Heimaterde so mächtig erschüttern, als müsse er niederknien und sie küssen? 307 – – Und doch, – da lag auf der Straße noch derselbe rötlichgraue Staub, den er so oft geatmet, und am Rain standen die alten Apfelbäume noch gerade so verwahrlost, verwildert, vom Wind zerzaust und verbogen, von Wagen und Menschen geschunden und gequetscht wie immer. Da war noch die Narbe am Stamm, die sein eigener Wagen gerissen, und dort schwankte noch der Ast über den Weg herein, der ihm öfter denn einmal im schärfsten Fahren die Mütze vom Kopfe gestoßen. Hatte die Zeit hier still gestanden während seines Fernseins? Jetzt tauchte vor ihm das gebrochene, geschwärzte Dach des Eisenhammers aus den Erlen des Mühlgrabens auf, dahinter dehnten sich die Wiesen bis zur Wertha, die in vielfachen Windungen die jenseitigen, schon zur Bergheimer Flur gehörigen Hügel bespülte. Hinter dem bewaldeten Ufergelände stieg die Bergheimer Feldflur erst sanft bis zum Königsbühel, dahinter steiler zum Steinschrot und Kulm empor. Vom Kulm rauschten die Tannen nieder, vom Steinschrot blinkten die jungen, glänzenden Blättchen der Birken wie grüne Lichttropfen herab. Und lichtgrün schimmerten die Saaten, die Hänge und Raine; helle Wasser hüpften und rauschten zwischen Erlen und Haselgesträuch zu Tal, und die Obstbäume, die besonders am Hang des Steinschrotes kleine Wäldchen bildeten, die Hecken von Schlehdorn – sie hatten sich in duftigen Blütenflaum gehüllt und glichen kleinen schneeigen Federwölkchen! – Ja, das war die Heimat! – War es denn möglich, daß er so lange in der Fremde hatte aushalten, vor Sehnsucht hatte bleiben können? Auf der Höhe des Parnikelsschrotes, dicht über der Wertha, unter der uralten Ruheiche, von wo sich der 308 herrliche Blick talauf und talab öffnet, hatte sich eine Gesellschaft Burschen und Mädchen zusammengefunden, und hell klang ihr Gesang über das Tal: »Ach, du klarblauer Himmel, und wie schön bist du heut'! Möcht' ans Herz gleich dich drücken vor Jubel und Freud', Aber 's geht doch nicht an, denn du bist mir zuweit, Und mit all meiner Freud', was fang' ich doch an? Ach, du lichtgrüne Welt, und wie strahlst du vor Lust! Und ich möcht' mich gleich werfen dir voll Lieb' an die Brust. Aber 's geht doch nicht an, und das ist ja mein Leid, Und mit all meiner Freud', was fang' ich doch an? Und da seh' ich mein Lieb unterm Lindenbaum stehn, War so klar wie der Himmel, wie die Erde so schön! Und wir küßten uns beid', und wir sangen vor Lust, Und da hab' ich gewußt, wohin mit der Freud'!« Fritz stand an seinen Stock gelehnt und lauschte, – und in seinem Herzen quoll es auf, und mit der Hand strich er über die Augen. War er verzaubert? Neckte ihn ein Traum? – War er noch der glückliche, lebensfrohe, hoffnungsreiche Türkenfritz? – – Ach nein, das waren nicht seine Kameraden, die das Lied sangen; das Bärble und das Dorle, der Bernhard, der Jakob – der Wagnershannikel waren nicht mehr darunter, das war ein jüngeres Geschlecht, das ihn nicht kannte! Vorbei, – vorbei für immer sind die schönen Zeiten, da auch er»nicht wußte, wohin mit der Freud'!« – da er »sein Lieb sah unterm Lindenbaum stehn, wie der Himmel so klar, wie die Erde so schön!« Fritz wischte sich die Augen. Vorbei, 309 vorbei! – Mit stiller Wehmut ward er inne, wie die Welt ewig jung, schön und reich bleibt, nur der Mensch altert, verarmt und wird einsam. Auch er war gealtert: wie jener Mensch im Märchen hatte er seine Jugend verträumt, verloren; jetzt, da er erwachte, war er ein alter, verlassener Mann. Eine neue Zeit war gekommen, die er nicht kannte, nicht verstand – nein, so schlimm war es doch nicht! Er war ein Mann, konnte wirken, schaffen, Gutes tun – das ist ja zuletzt das einzige, was dem Menschen bleibt. Freilich sein Herz blieb geteilt; die Heimat hatte er gefunden, aber die Menschen, die er liebte, die waren weit, weit weg!« – »Ausgehalten!« sagte er leise. »Nicht klagen und jammern darf ich, dankbar muß ich sein, daß ich noch schaffen kann und in der Heimat jedem aufrichtig in die Augen sehen darf!« Kurz unterhalb des Eisenhammers verließ er die Landstraße und folgte dem schmalen Windsberger Kirchsteig, der quer über die Wiesen führte. Auf einem Steg überschritt er die murmelnde Wertha, am Rand des Parnikelsschrotes stieg er die steile Uferhöhe hinan. In der Mitte des Hangs senkte ein gewaltiger Kirschbaum seine Blütenzweige über den Weg. Fritz blieb atmend stehen und brach ein Reis, der Baum gehörte zum Türkenhof, er stand auf eigenem Grund und Boden! – – Langsam wandelte er über seinen Acker, nun noch über einen Rain – vor ihm, im Schoße der Berge, von einem Kranz weißblühender Obstbäume fast versteckt, lag Bergheim. Stattlich erhob sich der Quaderbau der Kirche über die tieferliegenden Häuser, und jetzt ward ihm auch ein äußeres Zeichen, daß die Zeit doch nicht ganz spurlos an dem Dorf vorübergegangen war: statt des traurigen Notdaches, das früher 310 den altersgrauen Kirchturm verunstaltete, stieg jetzt eine schlanke Spitze leicht empor, gekrönt von blitzendem Knopf und leuchtender Wetterfahne. Über eine fruchtbare Ebene zwischen sprossenden Saatfeldern hin, leitete der Kirchsteig ins Dorf. Aus der Lorenzgasse kam ihm der Hasenherle mit dem unvermeidlichen Korb auf dem Rücken entgegen. Ein wenig gealtert und gekrümmt wohl, sonst noch das alte schlaue Fuchsgesicht, die durchtriebenen Schelmenaugen. Auch der Herle kannte ihn nicht. Doch jetzt mußte Fritz lächeln. Das junge, frische, fröhlich aufstrebende Leben im Dorf war ihm fremd geworden, dem verknöcherten, verrosteten, stillstehenden Alter war er unkenntlich. Mochte das auch in äußeren Veränderungen seinen Grund haben, Fritz, der jetzt gern mit seinen Gedanken tiefer ging, freute sich darüber. Ja, auch er war nicht mehr der alte; innerlich gewachsen, als neuer Mensch kehrte er heim. Statt durch die Lorenzgasse ins untere Dorf einzutreten, bog er rechts ab, ging an der duftenden Hecke von Schlehdorn, Herrgottsbeeren und wilden Rosen entlang um das Dorf, bis er auf den Sülzdorfer Kirchsteig traf. Die Sonne sank eben hinter dem Steinschrot hinab, als er in den schmalen Heckenweg zwischen den Hausgärten einbog. Auch den Herrenhof umging er; hinter der gewaltigen Scheune stieg er hinab zum Lindenbach und drüben am steilen Rand zum Pfarrhof empor. Seine Sorge war umsonst, die Pfarrfamilie saß vorn im Garten zusammen, niemand bemerkte ihn. Aus dem Pfarrhof wollte er in den Türkenhof schlüpfen, eine stattliche, neue Scheune sperrte ihm den Weg. »Gottfrieds Werk!« sagte er leise, und strich wie zum Gruß über Balken und Mauerwerk. 311 Wollte er nicht umkehren, blieb ihm nur ein schmaler Durchschlupf zwischen der Hirtenwand des Elternhauses und dem Paulesschuppen. Durch kniehohes Sauerampfer- und Nesselgebüsch arbeitete er sich, – wie oft hatte er als Bube mit seinen Kameraden bei ihren wilden Spielen diesen verborgenen, fast vergessenen Gang benützt! – kam auf die Dorfstraße und mußte nun doch den Türkenhof von vorn betreten. Gasse und Hof waren leer, es war gerade Essenszeit; als er an den Stubenfenstern vorbei nach der Haustür schritt, rief drinnen eine erschrockene Mädchenstimme: »Ach Gott, ich glaub' gar, der Amerikaner kommt!« Fritz mußte lachen, also: der ›Amerikaner‹! hieß er in Zukunft. In der Stube war es dunkel, niemand kannte ihn; erst als er mit bebender Stimme einen guten Abend bot, warf die Base den Löffel nieder und hing mit dem Ausruf: »Um Gottes Jesu Christi willen, es ist wahrlich der Fritz!« an seinem Hals. Nun schlürfte auch der Henner dem Sohn entgegen, aber seine Begrüßung war ziemlich frostig. Er konnte es Fritz nicht vergeben, daß er trotz seines strengen Befehls noch einige Jahre in Amerika geblieben war und auch dann nur unter der Bedingung zurückkehrte, daß er ihm nie vom Heiraten rede. Das würgte und kitzelte Henner im Hals, gar zu gern hätte er sogleich den Anfang gemacht, dem Sohn die dummen »amerikanischen Mucken« auszutreiben, aber er kam nicht dazu; Fritz war zu den Dienstboten getreten, drückte ihnen die Hände und versicherte, sie sollten mit ihm wohl auskommen, und wenn sein Koffer eintreffe, werde sich für sie auch etwas finden. Damit hatte er die Dienstleute für sich gewonnen; bei dem großen Kriegsrat in der Küche erklärten Knechte 312 und Mägde einstimmig, der Amerikaner sei nicht vergebens in der Welt gewesen, er wisse wohl, was sich schicke, nur seine »grausamen Schnurren « paßten nicht für Bergheim. Fritz schützte Ermüdung vor und zog sich bald auf seine Kammer zurück. So war er daheim, nach langen Jahren ruhte er wieder unter dem eigenen Dach! – Aber wie einsam, wie öde war es in dem großen Hause geworden, wie wehte es ihm von den kahlen, weißgetünchten Wänden so kalt zu – das Beste fehlte dem Vaterhaus; die Mutter, der Bruder! Und so einsam sollte es nun bleiben sein Leben lang, nur immer stiller sollte es im Haus werden. Fritz schauerte zusammen; er empfand die ganze Schwere seines Geschickes, empfand schmerzlich, wie sein Herz ewig geteilt bleiben, mehr den Freunden in der Fremde, denn der Heimat gehören werde. Durch das Fenster leuchtete das Abendrot glühend herein und übermalte die Wände mit seinem Purpur, unter dem Dach zwitscherten die Schwalben, andere segelten schreiend durch die milde Luft. Um den blühenden Pflaumenbaum drüben im Garten summten die Maikäfer, auf der Gasse jauchzten spielende Kinder, und das Dorf herab zogen singend die Burschen und Mädchen. Wie war die Welt so freudenvoll, nur er allein verlassen, ein dürrer Zweig am Baum des Lebens! Fritz stützte die Arme auf die Knie und legte den Kopf in die Hände; allmählich löste sich die Spannung. »Ausgehalten!« sagte er leise, während er sich entkleidete. »Ausgehalten und jetzt schlafen! Ein Trost bleibt: die Arbeit! Gleich morgen soll ein rechter Anfang gemacht werden!« 313 Dazu kam es freilich nicht. Der Vater konnte seinen Unmut nicht verbergen, seine spitzen Reden führten gleich am Morgen eine gründliche Auseinandersetzung herbei, in der Fritzens Bart nicht die letzte Rolle spielte. Maßvoll, aber ernst und entschieden stellte Fritz ihr gegenseitiges Verhältnis fest. Die Güter waren ihm schon vor seiner Heimkehr zugeschrieben worden, darum übernahm er die alleinige Führung der Wirtschaft, sonst blieb Henner scheinbar im Besitz der Herrschaft und des Kaffenetle. »Vom Heiraten redet kein Wort!« sagte Fritz am Schluß, »wenn Ihr nicht wollt, daß ich noch einmal, und dann für immer, in die Welt gehe. Ich kann nicht heiraten und will nicht, dabei bleibt's!« Vor solcher Sprache verstummte Henner, mürrisch fügte er sich in das Unvermeidliche. Seine Heimkehr war natürlich für Bergheim ein Ereignis, alles drängte sich um ihn, die Neugierde hielt es gar nicht für nötig, sich hinter Teilnahme zu verstecken. Fritz wußte sich aber zu helfen. »Ich freu' mich,« sagte er, »daß ihr mich nicht vergessen habt und dank' euch für eure Teilnahme. Sonst laßt mich in Frieden, mit der Zeit werdet ihr noch alles erfahren, was ihr zu wissen braucht, wir werden auch bald wieder bekannt werden. Fürs erste laßt mich in Ruhe, ich hab' nicht Zeit, einem jeden Nachbarn Red' und Antwort zu stehen, ich muß arbeiten!« Das ward ihm freilich sehr verdacht, fast noch mehr als sein Bart, den er nicht abtun wollte. Knurrend gingen die Nachbarn ohne Fritz ins Wirtshaus, ließen es sich manches Seidel Bier kosten, ihren Zorn recht in Glut zu bringen, und vom Wirtshaus ging nun ein Sturm aus gegen Fritz, der ein verzagtes Gemüt wohl hätte erschrecken können. Aber Fritz lachte, als ihm Achselträger berichten 314 wollten, was der und der, dieser und jener über ihn gesagt. »Laßt sie nur,« war seine Antwort; »an meine amerikanische Weise müssen sie sich gewöhnen, da kann ich ihnen nicht helfen. Mit der Zeit werden die Nachbarn einsehen, daß ich kein Menschenfresser bin!« Statt in das Wirtshaus ging Fritz noch am ersten Tag in das Pfarrhaus; er blieb lange, redete viel mit dem Geistlichen über seine Mutter und seinen Bruder. Als er schied, gab ihm der Pfarrer das Geleit bis an das Hoftor und lud ihn ein, doch recht oft zu kommen. Auch im Veitenhaus und in der Grundmühle sprach er ein; verweinte Augen blickten ihm da und dort nach, er selber machte einen weiten Gang durch die Flur, ehe er ins Dorf zurückkehrte. Und als es am Abend stiller im Dorf ward und das Abendrot sich in den hohen Kirchenfenstern spiegelte, schlüpfte er heimlich auf den stillen Gottesacker. Hier fand er sich bald zurecht; um die Kirche rauschten noch die alten knorrigen Apfelbäume, dort in der Ecke breitete sich noch die dunkle Blutnußhecke, auf der Kirchhofsmauer nickten und schwankten die Herrgottsbeer- und Himbeerzweige, von uralten Efeuranken durchflochten, gerade wie früher. Nur die alten Kreuze waren verschwunden, dafür aber desto mehr neue an ihre Stelle getreten. Der Tod hatte in seiner Abwesenheit eine reiche Ernte gehalten. Und wie hoch war die Trauerweide aufgeschossen, dort inmitten des Friedhofs, die er nur als schwankes Rütchen gekannt hatte. Ach – unter ihren wallenden, eben die Knospen öffnenden Zweigen, dort lag das Doppelgrab, das er suchte. Lange stand er sinnend vor dem kleinen Hügel, dann setzte er sich darauf und blickte wie träumend über die Giebel 315 der Häuser und Scheunen hinweg hinaus in die lichtgrünen Saatfelder, hinüber zu dem rosig angehauchten Waldgebirge. Ja, er war doch recht arm, sehr arm; sein Leben grausam verödet! Es will etwas heißen, ganz allein auf sich selber zu stehen. – Und wofür war er eigentlich auf der Welt? für wen wirkte und schaffte er? – – »Ausgehalten!« seufzte er. »Für mich gibt's keinen andern Trost! Was der Mensch sät, das wird er ernten, – ja, ja! – Wer Liebe nicht erkennt und nicht zu würdigen weiß, der muß eben ohne Liebe durchkommen! – O Mutter, Mutter! warum hab' ich dich erst zu spät verstanden? – Ja, zu spät! – Und doch, o mein Gott, wie dank' ich dir, daß ich noch hier sitzen darf, daß es nicht auch dazu zu spät ist! – Ausgehalten! es muß sein! Und ich werd's tragen, weil ich will! – Wird mir's einmal zu schwer, so weiß ich ein Plätzle, wo ich ausruhen kann. Mutter – Bruder, euer Fritz wird oft kommen!« Damit hatte Fritz der Vergangenheit ihren Zoll abgetragen, fortan gehörte er, wie er sich's gelobt, der lebendigen Gegenwart. Das Urteil der Bergheimer ward bald ein andres über ihn. Man konnte dem ernsten, bleichen Mann, über dessen Mund nie ein unfreundliches Wort kam, der sich so herzensfreundlich, so aufopfernd der Armen annahm, der gegen alle Nachbarn so gefällig und hilfbereit war, nicht zürnen. Langsam, aber sicher stieg er in der allgemeinen Achtung, und noch nicht nach Jahresfrist war der Amerikaner einer der angesehensten Männer im Dorf. Auch er hatte sich in den heimischen Verhältnissen bald zurechtgefunden. Wohl kamen sie ihm oft recht eng und beschränkt vor, aber ein Fortschritt zum bessern war nicht 316 zu verkennen. Aufrichtig unterstützte er die Männer, die vor wenigen Jahren ernstlich in der Gemeinde aufgeräumt und eine neue Ordnung der Dinge begründet hatten, und bald verband ihn neben gleicher Gesinnung und gleichem Streben die herzlichste Freundschaft mit den Tüchtigsten des Ortes und der Umgegend, dem Beckenjörg, dem jungen Herrnbauer, dem Schreinersjohannes, dem Bergjörg und dem Schulbauer von Sülzdorf. Mit dem Wagnershannikel kam er nicht wieder in das alte Verhältnis. Der lockere Bursche hatte sich endlich doch von der Eckenlisbeth »fangen lassen«, wie er Fritz klagte, hatte sie heiraten müssen und führte nun ein trostloses Leben. Wie anders sah es jetzt in dem Zieglershäuschen aus, als da die Schustersrosine darin waltete! Fritz wies den zurückgekommenen Jugendfreund ernsthaft zurecht; mehr als seine Worte wirkte freilich das Versprechen, ihm unter die Arme zu greifen, wenn er sich bessere. Hannikel nahm sich zusammen, Fritz hielt Wort. Da der Hannikel in Bergheim gegen den wohlhabenden Linnertswagner nicht aufkommen konnte, mietete er sich in Sülzdorf ein, Fritz versah ihn reichlich mit Handwerkszeug und Werkholz, auch der Schulbauer nahm sich seiner an, und so besserte sich seine Lage zusehends, nach wenigen Jahren saß er im eigenen Häuschen und erfreute sich eines gesicherten Auskommens. Zufrieden ward er aber nie, und das war es, was Fritz mit den Jahren völlig von ihm schied. Der Erfolg seiner treuen Arbeit blieb nicht aus; die Achtung seiner Freunde, die dankbare Anhänglichkeit seiner Nachbarn erquickte Fritz, – heiter, ja nur ruhig ward er doch nicht. Je länger, desto quälender empfand er seine Verlassenheit; alle Freundschaft, alle Teilnahme konnte 317 ihm die fehlende Familie nicht ersetzen. Oft, wenn die Kinder vor seinem Haus spielten, wendete er sich rasch ab und schloß sich in seine Kammer. Was half ihm, daß sich sein Wohlstand mehrte? Niemand erfreute sich dessen, er konnte ihn mit niemand teilen. Ach, all der Dank der Armen und geretteten Notleidenden ersetzte ihm nicht die Liebe eines Weibes, eigener Kinder. Fritz ward nicht ungeduldig, nicht unmutig; nur eine tiefe Schwermut drückte seinen Geist nieder und trübte sein klares Auge. Öfter besuchte er die Gräber seiner Lieben, tiefer wurden seine Seufzer, und das: ›Zu spät‹, das er schon in Milwaukee überwunden zu haben meinte, es machte ihm von neuem Not. So gingen die Jahre dahin, eines wie das andere arm an Lust, reich an Leid. Schon lange war Fritz ein Liebling der Kinder, und die Augen der Nachbarn ruhten im Verborgenen voll Liebe und Teilnahme auf dem stillen Mann. Dann kam eine Zeit, wo sich seine Stirn noch sorgenvoller faltete denn sonst, und die Nachbarn sannen vergebens, was ihm begegnet sein könne, daß er sogar achtlos an den Kindern vorbeiging, ihre schmeichelnden Zurufe gar nicht zu hören schien. Als nun aber die Grundmüllers- und Veitenleute in schwarzen Anzügen erschienen und mit verweinten Augen berichteten: das Bärble und der Jakob seien in Amerika kurz nacheinander verstorben und ihre zwei Kinderchen seien nun ganz verlassen, – da verstanden sie den Kummer des Amerikaners und ehrten ihn um so mehr. Aber wieder ward er allen ein Rätsel. Zwar ging auch er in schwarzer Trauerkleidung, zwar zeigte sein Auge oft Spuren heimlicher Tränen, – dennoch war der Mann ganz anders, als man ihn erwartete. Sein Gang 318 war aufrechter, seine Stirn freier, auf seinem Gesicht lag es wie ein Schimmer fröhlicher Hoffnung. – Und auch dieses Rätsel löste sich. Eines Tages rollte eine Kutsche in den Türkenhof, daraus sprang der Schustersbernhard, – jetzt ein stattlicher, vornehmer Herr, – und hinter ihm kamen zwei Kinder hervor, ein Mädchen von zwölf, und ein Knabe von zehn Jahren. Fritz drückte die Kinder wortlos an sich, dann führte er sie, an jeder Hand eines, in die Stube zu dem Vater und der Base Lene und sagte: »Vater, Base, – da sind meine Kinder, nehmt sie freundlich auf und behandelt sie gut!« Der Henner sah aus wie einer, der nicht weiß, soll er lachen oder heulen. Als ihm aber Fritz weiter erklärte: das seien die Kinder des Grundmüllersjakob und des Veitenbärble, und er habe sie an Kindes Statt angenommen, da fuhr der Alte auf wie in seinen schlimmen Tagen, stieß die Kinder zurück und rannte fluchend und schimpfend hinaus. Die erschrockenen Kleinen beruhigte bald die gute Base, und Fritz und Bernhard vereint sorgten dafür, daß sie sich bald heimisch fühlten. Das Erstaunen der Nachbarn verwandelte sich in herzliche Teilnahme, aufrichtige Freude; die Veitenleute und Grundmüllers, denen er auch seinen Plan geheim gehalten hatte, waren glückselig. Dank und Lob lehnte Fritz bescheiden ab; zu Bernhard sagte er, als er ihn zu dem Grab der Mutter und des Bruders führte: »Dem da, meinem Gottfried, gebührt das Verdienst, nicht mir! Ich erfülle nur sein Vermächtnis!« Die Kinder waren bald eingewöhnt, und Bernhard drängte zur Abreise. Zwar gefiel es ihm in Bergheim, besonders der Freundeskreis, den er durch Fritz kennen 319 lernte, war ganz nach seinem Sinn, – dennoch sehnte er sich nach Amerika, zu Weib und Kind, in sein Geschäft zurück. Vor seiner Abreise willigte er auf die Bitte seines Freundes darein, daß sein Patchen Dorle forthin nach ihrer Mutter Bärble genannt werden solle. Es ging das wohl an, da ihr voller Name Dorothea Barbara war. Nun erst begann ein neues Leben im Türkenhof. Fritz ward zusehends jünger, seine Wünsche waren ja erfüllt, er hatte Kinder um sich, die er mit vollem Recht sein nennen durfte, für die er wirken und schaffen konnte, – ja, sogar ein Bärble war ihm beschieden, schon jetzt war das Mädchen das verjüngte Ebenbild ihrer Mutter. Und als sich die Kinder an ihn gewöhnten, mit wahrer, inniger Liebe an ihm hingen, – da schwand der letzte Schatten aus seiner Seele. Wunderbar war die Veränderung, die mit dem Henner vorging. Anfangs tückte und quälte er die Kinder, wo er nur konnte, bald jedoch erschreckten ihn die wunderbaren Augen des Mädchens, die ihn gar so unschuldsvoll verwundert, so schmerzlich fragend ansehen konnten. Ihm selbst zum Ärger regte sich in ihm etwas fast wie Liebe und Teilnahme. Zuerst schlich er den Kindern heimlich nach, hütete sie nur mit den Augen, bald aber konnte er ohne ihre Gesellschaft gar nicht mehr bleiben. Ein merkwürdiges Verhältnis bildete sich zwischen ihm und dem Bärble. Das Mädchen fürchtete den alten Grämling und dennoch beherrschte sie ihn, jeder Wink war ihm ein Befehl; was kein Mensch sonst erlangte, das erreichte sie durch ein einziges Wort. Dafür nahm sich aber auch Bärble des doch recht morsch gewordenen Alten auf das liebreichste an, und als er gegen den Herbst den Sessel nicht mehr 320 verlassen konnte, sagte er oft: »Mädle, der Herrgott segne dir, was du an mir tust! – Du bist mein Glück!« Wie seine Kräfte schwanden, ward er milder, weicher; er redete öfter von der Vergangenheit und sah es gern, wenn ihm der Pfarrer Trost einsprach. Wenige Tage vor seinem Tod bat er Fritz um Verzeihung, daß er durch verkehrte Weise soviel Unglück über ihn gebracht, dankte ihm, daß er sein früheres Unrecht gutzumachen suche, und bat ihn, darin nicht nachzulassen. Ohne gerade krank zu sein, schlief er eines Abends in seinem Sessel ein, um nicht mehr zu erwachen. Als Bärble, das liebe, schöne Kind, bei der Konfirmation mit ihren Beichtkameraden vor dem Altar stand, wunderten sich die Nachbarn, daß der Amerikaner, der feste, starke Mann, so heftig weinen mußte. Niemand erriet den Grund; nur Fritz allein wußte, daß heute sein Pflegekind zum erstenmal das Tuch und die Schürze trug, die er einst seiner Mutter geschenkt und an jener Unglückskirmes zurückerhalten hatte. Daheim fand er einen Brief von Bernhard vor, worin ihm dieser schrieb: »Mutter, Frau und Kinder, – vor vier Wochen hatte er sein erstes Töchterchen taufen lassen, – befänden sich wohl, sein Geschäft stehe mehr im Flor denn je, und sein Wohlstand sei im Wachsen. Wenn es ihm jemals in Amerika gefallen habe, so gefalle es ihm jetzt erst recht, da nun endlich der Sklaverei ernstlich zu Leibe gegangen werden solle.« Nach herzlichen Glückwünschen zu dem erfreulichen Familienereignis, schrieb Fritz dagegen: »Du weißt noch, wieviel Not mir in Amerika das ›Zu spät‹ gemacht hat, – jetzt gestehe ich Dir, auch in Deutschland ließ es mir lange, 321 lange nicht Ruhe, nicht Rast. Jetzt ist es aber überwunden, ganz und für immer. Was ich nie für möglich gehalten hätte, ist doch noch geworden: ich bin glücklich! Ich bin nicht vergeblich auf der Welt, was ich an der Mutter gesündigt, darf ich an den Kindern gutmachen, – ach, und ich bin ja nicht mehr verlassen, nicht mehr allein, ich habe ein Bärble, ich habe meine Kinder, – der Herrgott segne sie! Ich gehe noch oft auf den Gottesacker und kehre dann im Herzen still wieder heim. Ja, ich habe empfangen über Verdienst, täglich sehe ich das mehr ein! Macht mich das auch im Herzen gar verzagt und demütig, so freue ich mich doch auch, daß ich endlich die Nichtsnutzigkeiten in mir gründlich überwand, daß es von meiner Umkehr nicht wirklich heißen muß: Zu spät!«