Robert Ascher Der Schuhmeier Roman Albert Sever Dem Bewahrer und Mehrer des grossen Erbes Franz Schuhmeiers zugeeignet. Zum Geleite Vielseitigen Wünschen und Anregungen folgend, liegt nun der wienerische, soziale Roman »Der Schuhmeier«, der zuerst als Zeitungsroman erschien und unerwartet großes Interesse fand, als Buch vor. Er wird damit einem weiteren Kreise zugänglich gemacht, als es einer Zeitung möglich ist. Es bereitete große Schwierigkeiten, die sich am Beginne der Arbeit nicht voraussehen ließen, eine Persönlichkeit zum Helden eines Romanes zu machen, die viele der heute Lebenden gekannt und am Werke gesehen haben und eine Anzahl noch lebender Menschen in dem Roman handelnd auftreten zu lassen. Ein Roman ist eine Dichtung, die der Phantasie freiesten Spielraum läßt. Der Autor eines solchen Romanes aber läuft Gefahr, daß ihm von den Zeitgenossen seines Helden und von den lebenden Mitakteuren auf die Finger geklopft und er historischer Fälschungen bezichtigt wird. Solcher muß er sich freilich schuldig machen, weil sonst kein Roman, sondern eine trockene Biographie daraus würde, die der Leser gelangweilt weglegt. Dieser Roman soll aber gelesen werden. Er ist der erste Versuch, die Geschichte der Arbeiterbewegung im alten Österreich, jener Bewegung, die aus einer stumpfen, wesenlosen Masse wissende, wollende, handelnde Einzelmenschen gemacht, in erzählender und daher nicht ermüdender Form einer großen Öffentlichkeit verständlich zu machen. Der Versuch, gleichermaßen in die Handlung einzuweben das abrollende Schicksal und die schmerzhafte Agonie dieses alten Österreich, des Völkerkerkers, in dem die österreichische Arbeiterbewegung ihre ersten Gehversuche machte und an dessen morschen Mauern sie sich oft wundstieß, und nebenher ein Stück Geschichte Wiens aus jenen Tagen. Und schließlich der Versuch, der älteren Generation, die Franz Schuhmeier noch gekannt und mit ihm marschiert ist, ihre Jugendtage und das Heldenzeitalter der österreichischen Arbeiterbewegung in verklärte Erinnerung zu rufen; der Jugend, die an dieser mordenden Zeit irre werden will, zu zeigen, wie ihre Väter mit noch viel ärgeren Widerwärtigkeiten fertig geworden sind und was zu erreichen ist und wie hoch man auch von ganz unten hinauf kann, wenn der Wille da ist, die Begeisterung und das Wichtigste: der Zusammenhalt. Da es nicht jedermanns Geschmack ist, solche Kenntnisse aus bloß lehrhaften Abhandlungen zu schöpfen, wurde der Versuch gewagt, diese Kenntnisse über eine romanhafte Lektüre zu verbreiten. Und weil die Arbeiterbewegung, soll sie siegen – und sie will und sie muß siegen – recht viele Menschen braucht, die über solche Kenntnisse verfügen, ist diesem Versuch vollstes Gelingen dringend zu wünschen. Deshalb wird und muß manches, das strenger historischer Prüfung nicht standhält, in Kauf genommen werden. Die Schilderungen der Kindheit und der frühen Jugend Franz Schuhmeiers erheben keinen Anspruch auf Authentizität. Sie bezwecken ja auch nur, die Zeit und die Umwelt darzustellen, aus der Franz Schuhmeier hervorgegangen und herausgewachsen ist. Die Schilderungen des Wirkens und Kämpfens des Mannes Schuhmeier hingegen brauchen keine Nachprüfung von Zeitgenossen und Forschern zu scheuen. So geht denn dieses Buch hinaus in die Welt, begleitet von der Hoffnung, daß es seinen Zweck erfülle. Dieses Werk hätte nicht werden können ohne vielseitige und bereitwilligste Unterstützung und Förderung. Die Anregung zu ihm stammt von den Herren Chefredakteur Maximilian Schreier und Verlagsdirektor Ernst Hein . Gefördert wurde es von dem Freunde und Weggenossen Franz Schuhmeiers, Landeshauptmann a. D. Nationalrat Albert Sever , der mir seinen kostbaren Reliquienschrein, der Persönliches und Persönlichstes von Franz Schuhmeier birgt, überließ und auch sonst wertvolle Winke gab; vom Sekretariat der Organisation Wien der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs, die mir monatelang in ihren Archiven zu arbeiten gestattete; dem Bezirksrat Philipp Müllner , der aus dem reichen Schatze seiner persönlichen Erinnerungen an Franz Schuhmeier viel Wertvolles beitrug, und den Freunden Johann Suchanek, Oskar Sternglas und vielen anderen. Ihnen allen sei herzlichst gedankt. Als Quellen wurden ferner benützt: die im Freidenkerverlag erschienene Broschüre: »Leben und Wirken unseres Führers Franz Schuhmeier« von Hugo Burghauser und August Schuhmeier , die »Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie« von Ludwig Brügel und die »Geschichte der Stadt Wien« von Heinrich Penn . Wien, im Februar 1933, dem 20. Todesjahre Franz Schuhmeiers. Robert Ascher Erstes Buch Das Kind und der Jüngling Erstes Kapitel Das war noch die Zeit, in der ungeschrieben aber unbestritten das Gesetz galt: dem Volke muß es schlecht gehen, damit es der Volkswirtschaft gut gehe. In der ersten Hälfte der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts war Mariahilf einer der vornehmsten der zehn Bezirke Wiens. Geschäftsleute, denen man beruhigt borgen konnte, wohnten dort und angesehene Gewerbetreibende, die fest auf dem goldenen Boden ihres Handwerks standen, erbgesessene, behäbige Bürgersleute, deren größter Ehrgeiz es nicht bloß war, einen Orden im Knopfloch stecken oder den Titel eines kaiserlichen Rates auf der Visitkarte gedruckt zu haben, sondern es noch viel weiter, bis zum Mariahilfer oder Gumpendorfer Hausherrn zu bringen. War es so weit, dann gab es ein beschauliches Ausruhen und Rückblicken auf den steinigen Weg zur zwei- oder dreistöckigen schwindelnden Höhe hinauf, von der aus sie geringschätzig hinunterschauen konnten auf die armen Leut'. Die armen Leut' waren dünn gesät in Mariahilf. Hausmeister, Kutscher und sonst nur noch ganz wenige waren im eigentlichen Mariahilf angesiedelt. Richtige Proleten in größerer Zahl hausten im südlicheren Gumpendorf. Die Färber, Appreteure und Wäscher, die in den Betrieben am stinkenden Wienfluß ihr täglich Brot mit spinnwebdünnen Butterschichten drauf verdienten. Und überhaupt war das noch eine zeithaberische Zeit, Automobile und Straßenbahn und das Telephon und die raffinierten Maschinen waren noch nicht erfunden und die Nerven auch noch nicht, und wer viel Geld hatte, war wer, und wer keines hatte, war der reine Niemand, mit einem Wort: man lebte mitten drin in der so viel beweinten »guten, alten Zeit« und wußte es eigentlich gar nicht. Die Bewohner des einstöckigen Einundzwanzigerhauses in der Hirschengasse schnarchten dem nächsten Tag entgegen. Die Hausfrau vom Einundzwanzigerhaus konnte heute aber nicht gut schlafen, denn die Schlechtigkeit der Menschen verfolgte sie bis in ihre Träume. In wachen Momenten sagte sie sich selber ins Ohr, was seit Erschaffung der Welt die ältere Generation zu sagen pflegt: »Eine Welt ist das heutzutag' und die heutigen Menschen... ja, früher, zu meiner Zeit... aber das kann sich net halten.« Freilich war es zum Beispiel für diese Hausfrau früher schöner, weil sie selbst früher auch jünger und schöner gewesen ist, aber das wird die ältere Generation nie verstehen. Vor dem Einschlafen stellte die Hausfrau gewöhnlich den Leuchter mit der flackernden Kerze auf das Nachtkastel, setzte die Brille auf die Nase und las ihr Leibblatt. Ihr Leibblatt wurde es wegen seiner soviel schönen Romane, in denen die Tugend immer siegte und das Laster bestraft wurde und nach vielen Widerwärtigkeiten der edle Graf sein schönes Freifräulein kriegte. Da konnte man Vergleiche anstellen zwischen edlen Grafen und dem Mannsbild im Bett nebenan, das man sich eingewirtschaftet hat, und heiße Tränen vergießen und das patzweiche goldene Wienerherz unter dem wogenden Busen tanzen lassen. Die Zeitung ersetzte ihr die Schlafmittel des Apothekers, die so teuer und obendrein für die Katz waren. Sonst immer las sie zuerst die Romanfortsetzung und weiter kam sie höchstens bis zu den Hof- und Personalnachrichten. Es erhob hoch über den Alltag, teilnehmen zu dürfen an dem glanzvollen Leben der noch Höheren und ganz Hohen. Danach ließ sie das Blatt zu Boden sinken und erstickte mit dem nassen Zeigefinger das Kerzenlicht, weil sie schon zu träg geworden war, sich zu erheben. Heute war das anders. Gestern haben sie unten in der Gumpendorferstraße einen Juwelier erschlagen und ausgeraubt. Sie hat die gruselige Geschichte wohl schon vormittag beim Fleischhauer haargenau erfahren und dabei eine Gänsehaut gekriegt, dann noch einmal bei der Kräutlerin, und der Herr Gemahl hat die Bezirkssensation wieder so ausgeschmückt, als wäre er knapp neben dem Mörder gestanden; aber wenn man das schwarz auf weiß liest und man den Ermordeten so gut gekannt hat, bekommt man doch einen anderen Begriff von der schauerlichen Moritat. »Stückerlweise sollt' man den Verbrecher hinrichten, net so human auf einmal. Erst die Augen ausstechen, am andern Tag die Haxen ausreißen, bis nix mehr übrigbleibt. Das Ganze is nur der blasse Neid und weil die Leut' ka Religion mehr haben. Sie vergönnen's einem nicht, wenn man sich a bisserl was erwirtschaftet hat. I, wann i was zu schaffen hätt', i möcht den Leuten schon die verruckten Ideen austreiben.« So sprach sie zu ihrem Herrn Gemahl, der sich, erbost über diese Störung seiner Nachtruhe, auf die andere Seite drehte, wobei das Bettgestell unter dieser Last unwillig knarrte. »Zu was i eigentlich verheirat' hin, weiß ich wirklich net. Da kommt er mitten in der Nacht mit ein' dummen G'sicht aus sein' Beisel z'haus, haut sich ins Bett und schlaft wie ein Toter. Kein g'scheites Wort kann man mit ihm reden. Das is meine Ehe.« Das warf sie ihm noch an den Kopf und dachte dabei wehmütig an den edlen Grafen, der gerade in der heutigen Fortsetzung für sein schönes Freifräulein durch einen breiten Fluß geschwommen war. Ob das der ihrige für sie auch täte? Dann schloß sie die Augen. Öffnete sie aber jede Viertelstunde wieder, weil ihr der Raubmörder von der Gumpendorferstraße im Kopf und im Magen gleich neben der gerösteten Leber vom Nachtmahl lag. Selbst im Traum erschien er ihr. Er kniete auf ihrer Brust und schwang mit blutunterlaufenen Augen ein blitzendes Messer über sie. Sie wollte schreien, aber sie brachte keinen Ton heraus. Hätte das ihr Herr Gemahl erfahren, er hätte es erst nicht für möglich gehalten und dann gewünscht, daß es öfters so sein möge. Völlig erwachte sie erst, als der fette Mops Blunzerl, der auf dem Bettvorleger wie ein Igel zusammengerollt schlief, wütend zu kläffen begann und gleichzeitig zu hören war, wie unten das Haustor zugeschlagen wurde und holzschlapfige Schritte davoneilten. »Marandjosef, Einbrecher san da«, schrie sie und bekreuzigte sich. Dann griff sie ins Nachbarbett und zerrte ihren Herrn Gemahl an dem Ohrwaschel, an dem sie ihn erwischt hatte. »Aufstehn, hörst, steh auf, sie wollen uns umbringen. Jessas, die Angst, so steh doch auf, Schlafhauben übereinand!« Ihr Gekreisch und Blunzerls Gekläff und das Reißen am Ohr rief den Schläfer ins Leben zurück. »Was hast denn? Heut' bist wieder wo auskommen«, knurrte er und blinzelte aus halbgeöffneten Lidern in die Finsternis. »So steh doch auf und nimm dir was um, daß d' kein' Schnupfen kriegst, gleich werden s' da sein.« »Wer?« »Die Raubmörder. Das Haustor haben s' schon eindruckt, i hörs' schon kommen...« »Tu dir nix an, auf deine Reize werden sie's abg'sehn haben«, brummte er und zog die Tuchent über die Ohren. Aber drunten wurden Stimmen laut, eine männliche und eine weibliche, und wieder ging das Haustor auf und flog krachend zu. Die Hausfrau quietschte, der Hausherr stutzte und der Blunzerl kratzte bellend an der Tür. »Da muß i doch...« meinte der Hausherr und das klang gar nicht heldenhaft. Er erhob sich vom kuhwarmen Lager, schlüpfte in die Unterhose, ohne die Bandeln unten am Fußgelenk zusammenzubinden, dann in die Filzpatschen und zog den Schlafrock an. Die Hausfrau entzündete zitternd die Kerze und bekleidete sich mit einem Barchentunterrock und mit einem Umhangtuch. Der fette Blunzerl voraus, zeppelten erst der Herr, dann die Frau in die Küche; er bewaffnete sich mit der Holzhacke und sie mit dem Pracker. Dann ging's Schritt für Schritt hinaus auf den kalten, finsteren Gang. »Ha!« schrie die Hausfrau, »da is wer.« Es war aber nur der Widerschein des Kerzenlichtes an der Mauer. »Erschreck' mi net«, schluckte der Hausherr. Der Hausfrau schepperten die Zähne, ihm nicht, denn seine waren drinnen im Wasserglas geblieben. Es war wie der Geisterzug der Ahnherren und Ahnfrauen in einer verfallenen Ritterburg. Vom Gangfenster sah man in den weiten Hof. In der Hausmeisterwohnung war Licht und Schatten tanzten hin und her. »Die werden doch net zuerst zum Schuhmeier...«, stotterte die Hausfrau. Nun kriegte es der Hausherr mit dem Heldentum. Sie soll nur sehen, was für einer er ist. Er öffnete das Gangfenster... »Mach' zu, es zieht«, verwies ihn die Hausfrau und kuschelte sich noch fester in ihr Umhangtuch... und rief in den Hof hinunter: »Hallo, was gibt's denn?« Da trat der Hausmeister Eduard Schuhmeier aus der Wohnung in den Hof und rief jubelnd zum ersten Stock hinauf: »Küß' die Hand, nix für ungut, die Hebamm' hab' i g'holt, es is schon alles vorbei, ein Buam haben mir kriegt, Franzl wird er heißen.« Das war die Nacht zum 11. Oktober 1864. Zweites Kapitel Die Wöchnerin lag schwach und blaß auf ihrer Liegestatt und neben ihr der in der vergangenen Nacht unter Assistenz der Madam Meier angekommene neue Erdenbürger. Es war eine muffige, armselige Kammer, in der nur das Allernotwendigste Platz fand, und das war alt, wacklig und zusammengewürfelt. Es war eine richtige Armeleutwohnung, in der sich der Blunzerl der Hausfrau bestimmt nicht wohlgefühlt hätte; aber das war ja das Glück und zugleich das Unglück der armen Leute jener Tage, daß ihnen nie einfiel, es könnte auch anders sein. Diese Kammer und eine noch dürftigere Küche bildeten die Dienstwohnung der Hausmeisterischen vom Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. Eduard Schuhmeier, der Hausmeister, trat behutsam an das Wochenbett: »Wie geht's dir denn, Resi?« »Ist schon besser. Kehr' die Stiege zusamm', sonst schimpft die Hausfrau«, entgegnete müde die junge Mutter. »Laß das jetzt mei' Sorg' sein, Resi, und zeig' mir a bisserl unsern Buam.« »Net jetzt, Edi, er schlaft soviel gut, weck' ihn net auf.« »A bisserl nur, Resi, a ganz kleines bisserl.« Die Frau lächelte glückselig, und das war, als huschte ein Sonnenstrahl über ihr Gesicht. So lächeln alle jungen Mütter, wenn man teilnimmt an ihrem närrischen Glück. Sie hab die Bettdecke, unter der das rosige Wunder eingepackt lag und noch nichts wußte vom Leben, Leiden und Sterben. Das Elternpaar schaute voll Zärtlichkeit auf ihr Fleisch und Blut und hielt sich an der Hand und der Vater wollte schon mit dem erst wenige Stunden alten Knäblein »Guck, guck, da« spielen, als die Madam Meier mit freundlichem Greisinnenlächeln eintrat. Sie war gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und das Kleine zu baden. Diese weise Frau mit ihrer großen Tasche war in der ganzen Gegend bekannt und beliebt. Nicht zu zählen sind die Menschen, denen sie geholfen, Mensch zu werden, und schon drei Generationen ist sie beigestanden in der schweren Stunde, Großmutter, Mutter und Kind. Sie war die richtige gute Stund'. »Wo nix is, hat der Kaiser 's Recht verloren«, sagte sie in Wöchnerinnenstuben wie dieser und tat ihr Menschlichstes aller Werke um Gotteslohn. Schuhmeier nahm den Besen, um die Stiege zu kehren, und entfernte sich, die Frau Meier richtete den Waschtrog zum Bade her. Am Abend desselben Tages saß Vater Schuhmeier, der arbeitslose Bandmachergeselle und Hausmeister vom Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse, am Bett der Wöchnerin. Die Petroleumlampe gab spärliches Licht, die Kammer lag im Halbdunkel. Im Kasten hörte man den Holzwurm bohren. Es roch nach Windeln und nach Armut und nach aufgewärmtem Kraut, halt so, wie wenn die ordnende Frauenhand fehlt. Sie hießen ihn den feschen Eduard und die Weiber, die jungen und die schon früher geborenen, wenn sie paarweise an ihm vorübergingen, stießen sich an und sagten schwärmerisch zueinander: »Das is ein hübscher Mensch.« Wenn er gewollt hätte, sein Leibsprücherl: ›Ein Ehebruch is mir lieber wie ein Beinbruch‹, in die Tat umzusetzen... und ob es ihm gelungen wäre! Vielleicht war es sein Glück, daß er immer stier und daß er im Gewand eines Arbeitslosen und Hausmeisters noch dazu und nicht in der gebügelten und geschniegelten Schale eines Basteibummlers steckte, denn dann wäre er wahrscheinlich den vielen Anfechtungen von weiblicher Seite erlegen. So stark ist ja das starke Geschlecht nicht, daß es vom schwachen nicht schwach gemacht werden könnte, und der Eduard Schuhmeier gehörte in dieser Beziehung nicht zu den Allerstärksten. Das leichte Wienerblut innen und die weiche Wienerluft außen, die werden meistens mit den schönsten Vorsätzen fertig. Er war aber nicht nur der fesche, er war auch der hamurische Eduard. Aus hellen, pfiffig herumguckenden Augen besah er sich die Welt, ohne sie freilich recht zu verstehen; auf alles wußte er einen kernigen Witz, keinen irgendwo zusammengefangenen, sondern einen, der im richtigen Moment aus ihm heraussprudelte; und wenn ihn wer frotzeln oder ein Siebengescheiter gar von oben herab behandeln wollte, den konnte er so schlagfertig abbaden, daß er abzog, als wäre er gerade unter einer Dusche gestanden. Es gab aber auch Zeiten, in denen er niedergeschlagen war, und zwar dann, wenn ihm etwas nicht nach Wunsch ging. Dann fluchte er seinem Schicksal, weil er glaubte, daß die hysterische Frau Fortuna ihm speziell aufsässig sei. Daß er das uralte Schicksal einer Klasse erduldete, ahnte er nicht, und wenn es ihm wer gesagt hätte, dem hätte er mit dem Zeigefinger auf die Stirne getippt. War Eduard Schuhmeier der echte, unausgegorene Wiener, rauhe Schale mit gutem Kern, so war seine Resi anderer Art. Von Schlesiens Bergen ist sie nach Wien gekommen, die Brenner-Resi, aus Wagstadt, wo sich surrend die Spindeln drehten, um Linnen für der Menschen Blößen zu weben. Sie sind ein härterer Schlag, die Schlesier, härter in der Aussprache und härter, wetterfester im Lebenskampfe als die wetterwendischeren Wiener, in deren Adern aus den Zeiten, da Österreich täglich eine Seite der Weltgeschichte vollschrieb, kalfakterische welsche Blutstropfen mitkreisen. Die Resi ließ sich durch nichts unterkriegen. Wie eine Eiche im schlesischen Wald hielt sie allen Stürmen stand, war nie verzagt, nahm alles von der heitersten Seite und nie konnte ihr wer gram sein. Sie war gläubig aus Anlehnungsbedürfnis und wäre damals wahrscheinlich ohne diesen Glauben nicht so leicht fertig geworden mit dem grausamen Leben. Ihr Edi glaubte auch an seinen Herrgott, aber dieser Glaube war schon mehr ein großstädtisch-verschlampter, war etwas, von dem man nicht loskommt, dessen man sich aber eigentlich geniert. Für alles wollte er gelten, nur nicht für einen Betbruder. Zwischen Herrn Eduard und Frau Theresia Schuhmeier, geborene Brenner, er aus Wien, sie aus Wagstadt in Schlesien, bestanden, wie man sieht, gar nicht unbedeutende Gegensätze, aber die Gegensätze sind es ja, die sich anziehen und ergänzen; denn wenn Gleiches mit Gleichem sich vermählt, ist es Inzucht. Der fesche Bandmachergeselle Eduard Schuhmeier hat in der großen Bandweberei auf dem Brillantengrund gearbeitet, und es hat sich gefügt, daß dort auch die Brenner-Resi beschäftigt war. Wenn man sich so alltäglich sieht, ein Männlein und ein Weiblein, und hundsjung und pudelnarrisch ist und meint, daß es immer so bleiben müsse, jeder abendliche Spaziergang unterm Sternenhimmel ein Feiertag, jedes Hand-in-Handhalten ein Rieseln durch das Rückenmark, daß man glaubt, die Engel auf der Harfe spielen zu hören, dann ist es nur mehr ein Katzensprung bis zur Kopulation. Eine Zeitlang ging's. Er verdiente, sie verdiente, viel vom Leben zu verlangen, hatten beide nicht gelernt, bloß zu zweit waren sie vorläufig auch. Da ging's. Freilich, wenn man die Löhne kennt, die dazumal gezahlt wurden, begreift man nicht, wie man es da von Samstag bis wieder Samstag übertauchen konnte. Die Herren, wie die Unternehmer damals noch geheißen zu werden verlangten, wunderten sich manchmal selber darüber, wenn sie nach einer durchlumpten Nacht Vergleiche anstellten zwischen dem, was diese Nacht gekostet, und dem, wovon so ein Gesell' oder Knecht – so hießen ungelernte Hilfsarbeiter – eine ganze Woche leben mußte; aber schließlich beruhigten sie ihr Gewissen damit, daß Gesellen und Knechte seit jeher daran gewöhnt worden seien, so zu leben. Nicht einmal so ist es geblieben. Eduard und Theresia Schuhmeier trieben keine Politik, aber sie wurden dennoch ihr Opfer. Erst sie. Später er. Mit der Politik war es immer schon ein Gefrett. Man kann ihr noch so aus weichen, sie läßt einen nicht los. Man ist entweder Objekt oder Subjekt der Politik. Anno 1863 waren die Herzogtümer Schleswig-Holstein herrenlos geworden, weil der Dänenkönig Friedrich VII. gestorben war. Österreich und Preußen rüsteten zu einer gemeinsamen Heerfahrt gegen und um Schleswig-Holstein. Die Wiener begriffen zwar nicht, was sie das meerumschlungene Schleswig-Holstein anging, das weit, so weit war und nirgends an die Monarchie grenzte, aber schließlich, wer hat sie schon gefragt? Die Rüstungen zu dieser Heerfahrt verursachten einen Zustand der Unsicherheit. Alles Geld verschwand in Truhen und Strümpfen und ins Ausland, Handel und Wandel stockten. Die Theresia Schuhmeier wurde abgebaut, wie man heute sagen würde, und sie schickte sich drein, lachte silberhell wie immer und befaßte sich jetzt damit, das einzuteilen, was der Eduard heimbrachte. Nicht wegen der Theresia Schuhmeier, sondern wegen Handel und Wandel überhaupt, warf sich der Gemeinderat der k. u. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in Frack und Zylinder und erschien unter Führung seines Bürgermeisters Dr. Andreas Zelinka bei Seiner Majestät dem Kaiser alleruntertänigst und rechtwinkelig in Audienz. Gemeinderäte von Wien wurden zu jener Zeit nur ganz vornehme Leute, denn die, von denen sie gewählt wurden, waren auch wieder nur Vornehme. Die Armen und sogar die Mittleren hatten nichts dreinzureden, durften nicht wählen, waren rechtlos. Denn »wer zahlt, schafft an« hieß es. Bürgermeister und Gemeinderat wagten ehrfurchtsvoll Seiner Apostolischen Majestät, dem allergnädigsten Kaiser und Herrn, die Bitte zu Füßen zu legen, er möge geruhen, die Rüstungen wider Schleswig-Holstein einzustellen zu befehlen, da sich Bürgermeister und Gemeinderat von einer Bekriegung und Eroberung dieses Dingsda da droben für die Monarchie und für Wien im besonderen keinen Vorteil versprachen, sondern im Gegenteil, jetzt schon alles darniederläge und das gemeine Volk große Not litte. Potztausend, das war Mut! Aber der sollte ihnen schlecht bekommen. Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät geruhten zuerst leutselig und elastischen Schrittes auf und abzugehen, dann huldvollst die Stirne kraus zu ziehen, worauf Er Bürgermeister und Gemeinderat ernst und gemessen Seine Allerhöchste Mißbilligung aussprach, daß der Gemeinderat politische Ziele betreibe, die ihn einen Schmarren angingen, statt sich um die endliche Behebung der zerfahrenen Verwaltung zu bekümmern. Klitsch – Klatsch! Bürgermeister und Gemeinderat krümmten ihre loyalen Rücken noch um einige Grade tiefer und waren paff, faßten sich aber wieder und rechtfertigten, zwar ehrerbietig, aber fest und entschieden, wie der Chronist vermeldet, die erfolgreiche und wahrhaft patriotische Wirksamkeit des Hohen Rates von Wien. Dann wurden sie ungnädig entlassen. Der Bürgermeister ist wegen seines Männerstolzes vor dem Kaiser sehr populär geworden, aber schließlich war Schleswig-Holstein stärker als der Bürgermeister, Gemeinderat, Handel und Wandel und alle Wiener inklusive der Theresia Schuhmeier. Denn Ende Jänner 1864 sind wir doch oben eingerückt, unser Tegetthoff hat die Dänen siegreich geschlagen, Preußen hat Schleswig-Holstein eingesteckt und Österreich ist nach Haus gegangen und hat gesagt: es war nichts. Viele junge Männer konnten das nicht mehr sagen, denn sie haben Schleswig-Holstein so schön gefunden, daß sie unbedingt dort begraben sein wollten. Vorher schon sah es traurig aus in Wien. Die Fabriken hatten ihre Leute 14 Stunden und noch mehr arbeiten lassen, weil das damals nichts kostete. So brachten sie mehr fertig, als gebraucht wurde. Die Magazine füllten sich, das Betriebskapital war in Lagerware festgerannt. Was tut man da? Man schickt Gesellen und Knechte fort. Wovon sie leben sollen? Hätten sie gespart und nicht so sorglos in den Tag hineingelebt! Schon im Jänner 1863 waren viele Arbeitsleute brotlos und kriegten gar nichts. Von niemandem. Die Hungernden rotteten sich zusammen und zogen zum Rathaus in die Wipplingerstraße. Sie verlangten, bei den Demolierungsarbeiten für die Stadterweiterung verwendet zu werden. Regierung, Gemeinderat und private Wohltätigkeit griffen ein. An tausend Mann wurden bei den Stadterweiterungsarbeiten beschäftigt, an die übrigen wurden Geld, Lebensmittel und Brennmaterial verteilt. Die Schuhmeierischen fanden den Hausmeisterposten im Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. So ein Hausmeisterposten war gar nicht zu verachten. Nicht nur ersparte man den Zins, verdiente Reinigungs- und Sperrgeld, auch sonst fiel manches ab aus Küche und Kleiderschrank von Hausbesitzer und Parteien – eine richtige Hausmeisterei war schon allerhand. War der Hausherr absoluter König in seinem Reich, war der Hausmeister sein Flügeladjutant und von den Parteien mehr gefürchtet als der Hausherr selbst. Die Hausmeisterin wieder war Auge und Ohr der meist unsichtbar waltenden Hausfrau. War der Hausmeister mürrisch, kotzengrob, zugebunden, aber gleich wieder katzenfreundlich, wenn seine immer offene Hand nicht lange leer blieb, so konnte sie siebensüß sein zum Abküssen, um im Handumdrehen sämtliche Ehrenbeleidigungsparagraphen schwer zu übertreten. Die Schuhmeierischen waren keine richtigen Hausmeister und das Einundzwanzigerhaus kein machtverleihendes und schon gar kein einträgliches, weil es gar so klein war. Gewiß waren sie unterwürfig nach oben, das lag ihnen im Blute und gehörte zum Amt, aber es mangelte ihnen der sogenannte subordinierte Autoritätsdünkel. Während Österreich in Schleswig-Holstein siegte, wurde es allmählich wieder besser. Es begann das Kriegsverdienen. Aber der Eduard Schuhmeier kriegte doch sein Büchel. Die Fabrikanten vom Brillantengrund freute das Mehrverdienen nur, wenn die Arbeitsleute weniger verdienten. Und weil die Wiener Arbeitsleute mit noch weniger gar nicht hätten leben können, wurden die Wiener Fabriken zugesperrt und droben in Böhmen und in Mähren neu erbaut, wo der tschechische Arbeiter, noch von jeder Kultur unbeleckt und so bedürfnislos wie heute nur noch ein chinesischer Kuli, viel billiger zu haben war. Die Industrie blühte, wenn ihre Werkleute verblühten. Diese Fabrikanten waren alle stramm national gesinnte Deutsche, Deutschliberale und Deutschnationale und ließen den schwarzrotgoldenen Bierzipf von der Weste baumeln und sangen in ihren Klubs die schmetternden Lieder vom deutschen Volke, dem sie dienen wollten, bis zum letzten Blutstropfen. Aber Geld durfte sie Volk und Nation nicht kosten, nicht einen Knopf. Nationale Lieder singen, das war Politik, deutsche Arbeitsleute aufs Pflaster werfen und fremdnationale ausbeuten, das war Wirtschaft, und Politik und Wirtschaft haben bekanntlich nichts miteinander zu tun. Deshalb hatten sie ja auch für Erdarbeiten die genügsamen Italiener geholt, die nur von Polenta lebten, und die Zwiefelkrowoten und zur Feldarbeit die Slowaken; das hat ihnen gar nichts gemacht, im Gegenteil, genützt, aber wegen einer zweisprachigen Tafel auf irgendeinem Bahnhof in den Sudetenländern war das Deutschtum in schwerer Gefahr und deshalb haben sie Spazierstöcke geschwungen, Heil! geschrien und noch einen Schoppen Pilsnerbier getrunken. Das waren die Menschen und die Zustände in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre des vorigen Säkulums. Über diese Betrachtungen haben wir den Vater Schuhmeier am Bettrand neben der Wöchnerin sitzen lassen. Er war wieder einmal niedergeschlagen. Kurz vorher noch irrsinnige Freude über den quietschenden, strampelnden »Buam« und jetzt schon der Katzenjammer. »Weiß der Teufel, wie das werden wird«, stöhnte er und vergrub seinen Kopf in beide Hände. »Ich hab' geglaubt du freust dich auch?« frug die junge Mutter. »Wie kann man sich freuen bei die Zeiten, wo's uns am G'nack sitzt, das heulende Elend Was soll aus dem Buam amal werden, wenn sein Vater selber nix is?« »Aber Edi, so kenn' ich dich ja gar net, er is doch unser Bua.« Dabei sah sie den Kleinmütigen so verliebt und so zukunftsgläubig an, daß im Nu der Umschwung da war. »Unser Bua is a Weaner. Allerweil die dummen Gedanken. Hast recht, weg damit!« Schweigen. »Resi?« »Was denn, Edi?« »Hast was dagegen, wenn die Fanni auf a halbe Stund zu dir kommt?« »Was für eine Fanni?« »Aber Resi, die Fanni, das Dienstmadel von die Wagnerischen vom ersten Stock.« »Richtig, ich bin ganz Wirr im Kopf. Die vielen Menschen, die da waren. Wozu soll denn die Fanni jetzt, so spät, kommen?« »Daß d' net allein bist.« »Wieso allein?« »Weil i den Buam feiern gehn will.« »Was denn? Wie denn?« »Schau, Resi, nur a Vierterl trink i auf sein Wohl, sonst machert i mir mein Lebtag Vorwürfe, wann nix wird aus ihm.« »Na also, weißt... und hast Geld?« »Ja, Resi, soviel hab' i grad, von vorgestern, wie i unserm Kohlenhändler Kohlen tragen g'holfen hab'...« »Mann, sag' mir... wann ich nur net so schwach wär'... grad hast geflennt, daß kein Geld im Haus is.« »Ja, ja, aber nur das eine Mal, heut is doch ein großer Tag für uns, der muß doch g'feiert werden, net?« »Also hol' dich der Teufel.« Und als er mit einem Satz draußen war: »Mein Gott, der Mann, ob der noch vernünftig wird, das ewige Kind.« Drittes Kapitel Sommersonntag in Mariahilf. Juli 1866. Die Sonne trieb es so arg, als müßte sie die Erdoberfläche und alles, was auf ihr herumkroch, braten wie der Maronibrater die Erdäpfel. Die Gassen waren ausgestorben. Die wohlhabenden Mariahilfer waren über Sommer auf dem Land, in Dornbach oder Grinzing, manche sogar in Weidlingau und die Zurückgebliebenen auf der den Wienern zur Leidenschaft gewordenen Sommersonntagslandpartie auf Schusters Rappen oder per Zeiserlwagen. Eine solche Sommersonntagslandpartie war immer ein großer Umweg ins Wirtshaus. Die Hirschengasse, durch die auch wochentags nur ging, wer mußte, und nur selten ein Wagen ratterte, die Hirschengasse brütete. Nur aus einigen Fenstern schaute ein Greis oder eine verhutzelte Matrone, deren dürre Beine nicht mehr gehorchten, auf das Pflaster und warteten geduldig auf den Tod. Vor mehreren Toren auf der Schattenseite saßen die dazugehörigen Hausmeisterinnen und strickten Strümpfe und Socken an oder schnitten aus alten Hemden Stiefelfetzen. Und hinter einem der Tore lehnte weißbeschürzt ein Stubenmädel, das heute keinen Ausgang hatte, und nahe, viel zu nahe an ihr stand der Mischer vom Bäcker in der Hirschengasse. Aber stören wir sie nicht. Uns wäre das auch nicht recht. Sie wurden doch gestört. Durch die Hirschengasse schritten drei Soldaten und die machten mit ihren hohen, benagelten Stiefeln ein solches Getöse, wie es die sommersonntägliche Hirschengasse gar nicht gewohnt war. Und das scheuchte das Paar auseinander. Es war überhaupt eine aufgeregte Zeit, dieser Sommer 1866, und der Mischer sagte zu seinem Stubenmädel: »Der Krieg! Nix wie Soldaten. Man kommt sich als Zivilist schon völlig überflüssig vor.« Die Weißbeschürzte meinte: »Aber gut steht die Uniform den Männern.« Eifersüchtig entgegnete der Mischer: »Sie auch? Sie fliegen auch auf's farbige Tuch?« »Fliegen net, aber gefallen tut's mir«, gab sie schnippisch zurück, worauf der Mischer noch eifersüchtiger wurde... Es war eine aufgeregte Zeit, dieser Sommer 1866, doch die Wiener, dieses leichtsinnige Volk, tänzelten über sie hinweg, rannten hinter jeder Zerstreuung und Ablenkung her. Im Hofe des Einundzwanzigerhauses war es womöglich noch sonntäglicher. Es war leer. Die Hausherrenleute saßen in ihrer Sommerwohnung weit draußen in Ober-St.-Veit, die übrigen Bewohner waren heute auch ausgeflogen, nach Schönbrunn oder Neu-Lerchenfeld, das damals des Heiligen Römischen Reiches größtes Wirtshaus hieß. Im Hofe sonnte sich der schwarze Hauskater und träumte von verflossenen und kommenden nächtlichen Abenteuern, und die Mutter Schuhmeier, die Hausmeisterin, paßte auf den 21 Monate alten Franzi auf, der ein prächtiges Kerlchen geworden war, mit dem alle Leute gerne spielten und der so lustig krähen konnte und so possierlich im Hofe herumwatschelte, daß die Griesgrämigsten lachen mußten. Eheleute, wenn sie Hausmeister sind, können auch am schönsten Sonntag nicht gemeinsam fort. Ein Teil muß zu Hause bleiben, weil irgendwer da sein muß, falls ein Feuer ausbricht und so. Der andere Teil kann, wenn er Lust hat und das nötige Kleingeld dazu, ins Grüne wandern oder sonstwohin, wo es ihn freut. Da sind halt meistens die Frauen zu Hause geblieben, diese zweibeinigen Lasttiere, denen man mehr auflud, als sich ein Elefant aufladen ließe. Die ganze unbedankte Hauspatschenarbeit mußten sie verrichten, das so Wenige, das ihnen der Mann gab, einteilen und wieder einteilen und noch etwas abzwacken, damit es bis zum nächsten Lohntage reiche und für Schuhdoppler und für Nadel und Zwirn und etwas zum Anziehen vom Tandler und für die Kinder, daß sie genüg zu essen und ihr Schulzeug und manchmal etwas zum Naschen haben, und gar nicht selten davon noch dem Mann ein paar Kreuzer auf Nimmerwiedersehen borgen, wenn er mehr verbraucht hatte, als er durfte. Kochen mußte sie jeglichen Tag, das Beste Mann und Kindern geben und sich mit dem bescheiden, was übrig blieb. Ihm zu Vergnügen sein und neun Monate daran tragen, die Kinder säugen, warten, sich um sie sorgen und um sie zittern, sich braun und blau prügeln lassen, weil das zur Liebe und zu einer richtigen Ehe gehörte, selbst verdienen, Wäschewaschen, ins Bedienen geben, oder in die Fabrik oder als Hausmeisterin das Haus reinhalten und immer zu Hause sitzen, von der primitivsten Lustbarkeit und jedweder Erholung ausgeschlossen, das war die proletarische Frau und daran hat sich noch nicht viel geändert. Und das war das Los der Mutter Schuhmeier vom Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. Es wäre gelogen, zu behaupten, daß diese Frauen darunter geseufzt und über die gar zu ungleiche Verteilung der Lasten geklagt hätten. Sie haben genommen, was gekommen ist, und sagten: »Wie Gott will, ich halt still.« Überhaupt die Resi, die war wunschlos glücklich, wenn sie mit ihrem Augapferl, ihrem Zuckergoscherl, dem Franzi, allein sein konnte und von niemandem gestört wurde. Seine Patschhanderln vor Gernhaben schier zerquetschen, sein Naserl an ihre Nase drücken, ihm wunderschöne Geschichten erzählen, die er freilich nicht verstand, denen er aber mit klugem Geschau zuhörte – das und vormittags der Kirchgang nach Gumpendorf hinunter war ihr heiliger Sonntag. Und wenn der Bub seine kleinen Ärmchen um ihren Hals legte, sie dabei fast erwürgte, und »Mami, Mami« juchzte, da war sie so reich, daß ihr nichts abging und sie mit niemandem getauscht hatte. Den feschen Eduard, den duldete es nicht zu Hause. Sonntags schon gar nicht. Die Mami sagte, er habe irgendwo Paprika. Er war noch vazierend und viele, viele mit ihm, und seit wieder einmal Krieg war, gab es überhaupt keine Hoffnung, Arbeit zu finden. Darum half er der Resi Stiegenkehren und Reiben und Schnallen- und Fensterputzen und trug den Parteien in Butten Wasser von der Bassena. Die Resi wieder wusch nebenbei noch Wäsche für die Leute, trotzdem schon wieder etwas unterwegs war, das täglich energischer ans Dasein drängte, und davon lebten sie. Mußten sogar zugestehen, daß es vielen noch schlechter ging, die nicht einmal Hausmeister, sondern nur vazierend waren. Es war ein unbeschreibliches Elend in Wien. Unter den armen Leuten natürlich nur. Die anderen spürten es kaum. Nur, daß alles ein bisserl teurer war. Und das Elend mußte das Maul halten... Aber an einem Sonntag blieb der Eduard Schuhmeier trotzdem nicht zu Hause. Der Franzi hatte heute sein erstes Schnellfeuerhoserl an, das ihm die Mami nächtlich zurechtgeschneidert. Hinten hing der Zumpel heraus wie eine Wetterfahne. Die Mami saß am Hackstock und nähte an einem Hemdchen. Der Franzi hockte daneben auf einem Schamerl. Langweilig ist's heut', dachte der und suchte Betätigung. Da sah er auf dem Schachtdeckel des Schöpfbrunnens den schwarzen Hauskater faul sein. Wozu braucht das Miezikatzi bei Tag heidi machen, dazu ist doch die schwarze Nacht da, dachte der Franzi, der überhaupt viel zuviel dachte, und beschloß, den Faulpelz zu wecken. Beim Schwanz natürlich, denn wozu hat die Miezikatzi den schönen langen Schwanz? Franzi wackelte auf den Kater zu und lockte: »Miez, Miez«, und weil er sich so tummelte, geriet er ins Schwanken und suchte mit den Ärmchen in der Luft das verlorene Gleichgewicht. Das sah die Mami und mit einem Sprung war sie bei ihm und erwischte gerade noch seinen Zumpel, um ihn vor dem Hinplumpsen zu bewahren. Die Mami hinter sich herziehend, steuerte er dem Kater zu, doch als er ihn fassen wollte, fauchte der und hüpfte auf den breiten Nußbaum im Hofe, um in dessen Zweigen, ungestört vor rücksichtslosen Kleinkinderhanderln, neue Kräfte zu sammeln. Franzi weinte kläglich. Er wollte doch bloß spielen, weil es so fad ist, und diese dumme Miezikatzi will nicht. »Franzi muß schön brav sein, sonst kommt der schwarze Mann und nimmt den Franzi mit«, drohte die Mami und mußte selber lachen, wenn sie sich vorstellte, daß es irgendjemanden geben könnte, von dem sie sich ihren Buben nehmen ließe. Um den würde sie mit dem Teufel raufen und ihm die Augen auskratzen. Der Franzi wußte genau, was er wert war. Schelmisch erhob er drohend das winzige Zeigefingerchen: »Franzi bav, Mami schlimm, Mami schwarzer Mann holt.« Aber auf einmal schnitt er ein finsteres Gesicht, um seine Mundwinkel zuckte es: »Mami, Franzi nehmen, schwarzer Mann tommt«, und jämmerlich heulend, schmiegte er sich an Mamis Rock und streckte ihr die Ärmchen entgegen. Wirklich stand ein Mann im Windfang, aber fürchterlich schaute der gerade nicht aus. Die Mami nahm den Franzi auf, der weiterheulte und sich mit den Händchen die Augen verhielt, damit der schwarze Mann nicht da sei. »Suchen S' wem?« erkundigte sich die Mami. »Bitt' schön, wo is da die Hausmeisterin?« frug höflich der Fremdling. »Ich bin's selber.« »Bitt' schön, möchten S' nicht so freundlich sein, aber sind S' nicht bös, ich weiß gar net, wie ich's sagen soll, es ist so peinlich vor einer Frau...« »Um Gotteswillen, is was g'schehn?« »Noch net, aber...« »Herr, jagen S' mir keine Angst ein, reden S'.« »Ich möcht nur, wenn's erlaubt ist, fragen, ob S' net so gut sein wollen, mir den – den Abortschlüssel zu borgen?« Die Mienen der Mami heiterten sich sofort wieder auf. »Wenn S' sonst nix wollen, bitte.« Sie griff hinter ihre Wohnungstüre und nahm einen großen Schlüssel auf einem großen eisernen Ring vom Nagel und reichte ihn dann dem fremden Mann. Der Fremde drückte nach getaner Arbeit der Mami mit dem Schlüssel ein Zehnkreuzerstück in die Hand und empfahl sich. Der Franzi fürchtete sich nicht mehr und schickte ihm »pa-pa« nach. Die Mami beguckte das Zehnkreuzerstück, sagte: »Das erste Geld heut« spuckte es an und legte es auf das Fensterbrett. Dann mußte sie mit dem Franzi Ringelreiher spielen. »Die Preußen kommen!« Mit diesem Schreckensruf stürzte unvermittelt Vater Schuhmeier ins Haus. Haus Österreich schrieb sich die Finger wund, um sein Kapitel in der Weltgeschichte rasch zu Ende zu beginnen. Es wollte fertig werden. Schleswig-Holstein wurmte es. Nämlich, daß die Preußen das schöne Land allein geschluckt haben, ohne auch nur »danke« zu sagen. Das gab nachträglich Zank unter den Brüdern. Wenn Haus Österreich mit Haus Preußen Zank hatte, gingen die Chefs dieser beiden Häuser nicht selber gegeneinander los, bis einer auf der Walstatt blieb, wonach dann ohnehin sofort wieder ein anderer Chef da war – dann schickten sie ihre braven, folgsamen Untertanen gegeneinander, die nie richtig wußten, warum. Mochten sich diese für ihre Chefs die Schädel einhauen; es gab ja genug Schädel. Die im Felde mußten sich totschießen lassen, die Zuhausegebliebenen bitterste Not leiden. Waren genügend Schädel eingeschlagen, hatte der eine Chef gesiegt, der andere war unterlegen und die ganz gebliebenen Schädel wurden wieder heimgeschickt und sie gründeten dann Veteranenvereine. Im Sommer 1866 kam es zum Krieg zwischen Österreich und Preußen und die Österreicher freuten sich, es diesen Großgoscherten zu zeigen. Sie taten, als ob es zu einer Kirchweih ginge, und bewaffneten sich mit nassen Fetzen, mit denen sie den Feind hinaushauen wollten. Aber die Preußen verbündeten sich mit Italien, das Österreich von der anderen Seite anfiel. Tegetthoff schlug die Welschen bei Lissa, die Preußen schlugen die Österreicher bei Sadowa, rückten in Prag und in Brünn ein und marschierten auf Wien los. »Die Preußen kommen!« Dieser Schreckensruf machte in den Julitagen ganz Österreich erzittern. Wo sie anrückten, floh Mensch und Tier aus Dorf und Stadt, und wer was hatte, vergrub seine Habe vor dem Feind in Gärten und auf Feldern. Der kaiserliche Hof übersiedelte nach Budapest, der Staatsschatz wurde nach Komorn in Ungarn gebracht, ebenso die kaiserlichen Kassen, Schatzkammern und Kunstschätze. Die wohlhabenderen Leute verließen Wien, dafür flüchteten wieder tausende Familien aus den Ortschaften um Wien und aus dem Marchfelde in die große Stadt. »Die Preußen kommen!« Als es eineinhalb Jahrtausende früher hieß: »Die Hunnen kommen!« kann diese Kunde auch nicht größere Panik ausgelöst haben und standen doch diesmal Deutsche gegen Deutsche. »Die Preußen kommen!« keuchte Vater Schuhmeier nochmals. »Jessas, Mann, schnauf' dich doch erst ordentlich aus«, tadelte die beherrschtere Resi. »Wieviel Krügel waren's wieder?« »Mach' keine Witz, Resi, sie kommen, wann i dir sag', sie kommen, so kommen s'.« Bei dieser Rede schloß er den Windfang ab. Der Franzi hatte seinen Erzeuger mit: »Tati, Tati, Zucki« begrüßt, fand aber heute gar keine Beachtung. Der Mami wurde es auch seltsam. »Wo kommen's?« »Bei der Taborlinie kommen s' eini.« »Geh, du Narrischer, von dort kommen doch nur die Böhm!« »Sixt es, sie kommen ja aus Böhmen.« »Jetzt kenn' ich mich nimmer aus. Wer hat denn das ausg'sprengt?« »Mir san in der Bierhalle g'sessen...« »Aha.« »Nix aha! G'schnapst haben mir, i spiel' grad den Herzkönig aus und freu' mich schon auf das Bummerl, was der Glasscherbentandler sicher kriegt hätt', wenn der blöde Krieg – « »Pst, Ederl, net so laut, sonst kommen mir alle zwei ins Kriminal.« »– a was, – der blöde Krieg mit die Großgoscherten net wär', da kommt auf einmal...« Die Erzählung stockte. Des Erzählers Augen weiteten sich, dort auf dem Fensterbrett blinkte ein Zehnkreuzerstückel. Hypnotisiert auf diesen Reichtum starrend, den nur sein Engel hingelegt haben konnte, setzte er fort und machte sich gleichzeitig unmerklich an das Fensterbrett heran! »Daß ich also sag': da kommt auf einmal einer eini, rot wie ein Puterhahn, und schreit: »Die Preußen kommen!« Wo? schrei'n mir. Bei der Taborlinie, schreit er. Haben Sie's selber g'sehn? schrei'n mir. Na, aber de Straßenkehrer von der Taborlinie, schreit er. Hat Ihnen's der selber g'sagt? schrei'n mir. Na, aber de Frau Wondraschek, hat er's g'sagt, schreit er. Und Ihnen hat's die Frau Wondraschek g'sagt?, schrei'n mir. Na, die hat's meiner Tant' g'sagt, die auf de Simmeringerheid' wohnt, schreit er. Und Sie haben mit der Tant selber g'redt?« schrei'n mir. Na, die hat's mein' G'schwisterkind g'sagt, schreit er...« Und jetzt war das Zehnkreuzerstückel geangelt und in der Hosentasche verschwunden. »Weiter, du spannst mich auf die Folter«, drängte die Mami in ihn. »Ui je, das andere hab' i vergessen, i muß noch amal fragen gehn.« Und wendete sich zum Gehen. »So red' doch g'scheit, Mann, wann kommen die Preußen?« »Wann s' bis zum Torzusperren net da sein, brauchst net auf sie warten.« Der Franzi rief dem Enteilenden eindringlich nach: »Tati, Tati, Zucki«, und strampelte mit Händen und Füßen. Aber der Tati war schon fort. Wieder, wie meistens, war es nichts mit Zucki. Die Mami sann und sann und streifte dabei mit den Blicken das Fensterbrett. Nachsichtig lächelnd rief sie gegen den Windfang: »Fallot« und küßte den enttäuschten Franzi ab, daß ihr und ihm bald die Luft ausgegangen wäre. Die Preußen sind gar nicht gekommen, nicht an jenem Sonntag, und auch später nicht. Die Not des Wiener Volkes wurde mit jedem Tage unerträglicher, es murrte zu Hause, aber es rührte sich nicht. Eine von oben herabgelangte Verwarnung bewirkte, daß sich die Not nicht mehr öffentlich zu zeigen wagte. Also war sie nicht da. Sie bettelten, wo die Polizei nicht hinsehen konnte, stahlen Erdäpfel auf den Feldern, erhängten sich oder sprangen in die Donau und gaben dem und jenem die Schuld, den Juden im allgemeinen und überhaupt und den Zwiefelkrowoten und den Katzelmachern, den Böhm', die ihnen die Fabriken und damit die Arbeit genommen, und den Arbeitern, die noch Arbeit hatten; einmal schimpften sie auf die Pfaffen und dann wieder auf die Gottlosen – sie suchten und suchten, aber immer in der falschen Richtung. Der Bürgermeister Dr. Andreas Zelinka rief die Wiener zur Bildung einer Bürgerwehr auf, um die Not in Schranken zu halten. Einen Teil der Notleidenden ließ man hinter Floridsdorf Schanzen graben. Auch das Bürgertum murrte. Wieder von wegen Handel und Wandel und weil denen, die gar nichts besaßen, schon manchmal ein Haß in den Augen funkelte, der nichts Gutes ahnen ließ. das wurde aber als Neid gedeutet. Der löbliche Wiener Gemeinderat und sein Bürgermeister trabten wieder in die Burg, versicherten Seine Majestät der Ergebenheit der Wiener, legten aber wieder alleruntertänigst usw. die Petition an die Stufen des Thrones, es möge zur Beruhigung der Gemüter Männer in die Regierung berufen werden, die das Vertrauen der Bürgerschaft genössen. Wieder zog der Kaiser die Stirn kraus und donnerte, Er wünsche, aber schon dringend wünsche Er, daß den Versicherungen der Treue die Taten entsprächen. Der Gemeinderat Seiner von Ihm über alles geliebten Reichshaupt- und Residenzstadt sei zu derlei Manifestationen keineswegs berechtigt und für Regierungsbildungen sei nicht der Wunsch der Stadt Wien, sondern das Bedürfnis des ganzen Reichs maßgebend. Und zwei Tage später – am 26. Juli – wurde über Wien und Niederösterreich der Belagerungszustand verhängt. Am 23. August schloß Haus Österreich in Prag mit Preußen und am 3. Oktober mit Italien Frieden. Es hatte in Italien gesiegt, mußte aber auf Venedig und die Lombardei verzichten, 20 Millionen Thaler Kriegsentschädigung zahlen, aus dem deutschen Bund ausscheiden und seine Rechte auf die Elbherzogtümer an Preußen abtreten. Die Zeit rollte ab und alles blieb, wie es immer war... Wien arbeitete an der Stadterweiterung. Die Basteien fielen, die Ringstraße erstand und alle die herrlichen Bauten, die sie zieren. Die Stadt dehnte und reckte sich. Es gab allmählich wieder Arbeit. Aber während die Lebensmittelpreise, die während des Krieges hoch hinaufgeklettert waren, nicht hinunter wollten, sanken die Löhne tiefer denn je. Es griffen eben mehr Hände nach Krampen und Schaufeln, als gebraucht wurden. Sie steckten die Köpfe zusammen, in Arbeitspausen, in ihren Zinskasernen, auf grünem Rasen, auf dem sie sich die Sonne in den Magen scheinen ließen, und stellten immer nur die eine Frage: »Warum?« »Warum denn nur?« Und sie fanden die Antwort: Es gibt noch immer zu viel Menschen auf der Welt. Der Krieg hätte länger dauern sollen, damit noch viel mehr umgebracht worden wären. Und an allen Ecken lehnten die Invaliden von 1866, ohne Bein, ohne Arm, ohne Augen, und bettelten die Passanten an. Der, für den sie Glieder und Augen hergegeben hatten, gab nichts her. Der fesche Eduard war noch immer vazierend. Die Bänder, mit denen sich jetzt die schönen Wienerinnen schmückten, um den Männern zu gefallen, kamen nicht mehr vom Schottenfeld, kamen aus dem Königreiche Böhmen und aus der Markgrafschaft Mähren her. Und waren genau so schön. Nur verdienten die Fabrikanten mehr als früher daran, dafür die Wiener Bandmachergesellen gar nichts. Vater Schuhmeiers Hände waren zu fein für Schaufel und Spitzhacke und um dem Nebenmann Ziegel zuzuschupfen – und daher blieb er Bandmachergeselle a. D. und aktiver Hausmeister vom Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. Aber er wurde dünner und in seine Mundwinkel hatte sich Verbissenheit eingegraben und er trug eine Wut mit sich herum, die er mangels eines anderen Objektes über die ganze Welt ergoß. Die Mami war eine Künstlerin. Wie sie es traf, mit so wenig, das man getrost nichts nennen kann, vier Mäuler zu stopfen, denn inzwischen hatte auch schon die Nettl ihren Willen, das Licht der Welt zu erblicken, durchgesetzt – den sogenannten häuslichen Herd in Ordnung zu halten, sich selbst alles zu versagen und dabei noch so wie je stark und froh zu bleiben, ist eines jener Wunder, die nur unsere Frauen aus des Volkes Tiefen zu vollbringen vermögen, jene Frauen, vor denen man staunend und ehrfürchtig den Hut ziehen möchte. Die Mami lebte voraus. Sie lebte nicht im Heute, sondern in der Zukunft und die stellte sie sich wunderschön vor. Da konnte ihr die schlimme Zeit freilich nichts anhaben und das war das köstlichste Erbteil des Franzi. Der Franzi feierte heute seinen vierten Geburtstag. Der quecksilberige Knirps hatte rote Wangerln, denn ihn ließ die Mami die große Not nicht spüren, lieber aß sie noch einen Löffel Suppe weniger. Aber letzten Endes war der Franzi doch nur ein Proletenbub und der Ernst des Lebens blieb ihm nicht lange fremd. In jenen Jahren, in denen andere Kinder noch in Watte gewickelt wurden, mußte er schon Arbeit leisten und schwere Verantwortung übernehmen. Es schickte sich für den vierjährigen Franzi nicht, immer nur im Hofe, mit Sand und Steinen zu spielen, den fetten Mops der Hausfrau und den Hauskater zusammenzuhussen, zu tanzen, wenn der einbeinige Werkelmann angefahren kam und seine Drehorgel spielen ließ, in den ersten Stock hinauf zu kokettieren, ob von dort nicht ein Kreuzer auf Zuckerln oder eine »Bacherei« herunterfiele. Wenn die Mami das Haus putzte, in der Waschküche wusch oder gewaschene Wäsche liefern ging, mußte er auf sein putziges Schwesterl, auf die Nettl, aufpassen und sie unterhalten, weil sie gleich mörderisch zu schreien anfing, wenn man sie vernachlässigte. Der Vater –, von dem sagte die Mami, daß auf ihn kein Verlaß sei, und der war ohnehin die meiste Zeit nicht da. Entweder er ging Arbeit suchen, ohne sie zu finden, oder er räsonierte unter Leidensgenossen über diesen »elendigen Zeitpunkt«. Bei schönem Wetter tagten diese Konferenzen bei der Sechshauserlinie, am sogenannten »Linagraben«, wenn es kalt war, beim »Vattern Pollak«, wie der Verschleißer geistfördernder geistiger Getränke hieß, der für wenige Kreuzer ein Stamperl »Unblachten« kredenzte und stundenlange Gastfreundschaft am warmen Ofen gewährte. Freilich haben satte Ästheten über solchen Lebenswandel die Nase gerümpft. »Bitte«, haben sie gesagt, »da sieht man es wieder. Kein Verdienst, Weib und Kinder zu Hause und die letzten Kreuzer beim Branntweiner versaufen – verdienen diese Menschen ein besseres Los?« Diese Ästheten wollten es nicht wahr haben, daß sich mit dem besseren Los der Lebenswandel wandelt und daß diese armen Menschen ja nur deshalb seit jeher in untermenschlicher Unwissenheit erhalten wurden, um ihnen kein besseres Los bereiten zu müssen. Wie behutsam und zart ging der Franzi mit dem Schwesterl um und wie groß und wichtig kam er sich als Beschützer eines ganz auf ihn angewiesenen, hilflosen Menschen vor! Das lag auf Mamis Bett, zappelte mit den krummen Beinchen, steckte wohl auch die große Zehe in den Mund, fuchtelte mit den Händchen herum und starrte auf die Stubendecke, als gäbe es dort Erstaunliches zu bewundern. Dann lachte es sich munter selber aus und schaute den Franzi an, als wollte es fragen: »Bin ich nicht dumm?«, und lallte »A« und »Ma« und »Ta« und »Ba«, die Weltsprache aller Kleinkinder, die nur die Mütter verstehen. Ohne Übergang raunzte es dann wieder und verstieg sich bis zu kaprizigem Brüllen; aber wenn endlich das Baucherl leer und das Windel voll war, steckte es das ganze Handerl in den Mund und schlief ein. Der Franzi war toll verliebt in sein Schwesterl und bedeckte seine sämtlichen Körperteile mit Küssen und kitzelte es auf dem Bauch und nahm es um den Hals, bis die Nettl, die auf männliche Liebkosungen noch kein Gewicht legte, kreischend Protest erhob. Dann legte er es wieder sanft hin und sagte: »Wart' Wildfang, kriegst peitsch – peitsch«, aber statt peitsch – peitsch brachte er das milchgefüllte Duttenflascherl und stopfte dem Schreihals den Mund. Heute also war sein vierter Geburtstag. Die Mami hatte Kreuzer auf Kreuzer gelegt und ihm ein Matroseng'wanderl zum Geschenk gemacht. »Bin i schon groß, Mami?« wollte er jede Minute neu bestätigt erhalten, als er es nach dem Essen zum ersten Male an hatte und im Hof herumstolzierte. Auf einmal stand eine Frau da, die noch nie dagewesen war. Das war die Marietant und mit ihr trat ein Stück Schicksal vor den Franzi. Die Marietant war die leibliche Schwester Vater Schuhmeiers. Vor Jahren war sie mit dem Bruder auseinandergeraten, wie das unter Geschwistern vorzukommen pflegt. Sie war die Gattin des Komfortablers Borinsky in Matzleinsdorf und hatte einen Obst- und Gemüsestand auf dem Naschmarkt. Und zu Hause einen Buben, den Karl, der um einige Jahre älter war als der Franzi. Sie hatten, wie die Leute sagten, ihr Sacherl im Trockenen, die Borinskyschen, und nicht etwa aus Stolz, weil sie mehr hatte als der Bruder Eduard oder aus Angst, er könnte ihr im Sack liegen, blieb sie so lange faschee (böse), sondern weil beide, der Bruder und die Schwester, Dickschädel waren und sich noch keine Gelegenheit schickte, die dumme Geschichte wieder einzurenken. Aber nun war sie da, die Marietant. So eine uneingestandene heimliche Sehnsucht trug sie schon immer herum, ihren Neffen und das neue Nichterl zu Gesicht zu kriegen und überhaupt nachzuschauen, wie's geht und wie's steht. No, und weil sie erfahren hat, daß der Franzi heut Geburtstag hat, ist sie gekommen. Der Eduard, der Plutzer, ist gottseidank ohnehin nicht da, wie sie sofort wahrnahm, und mit der Frau Schwägerin redet man sich viel leichter. Die Marietant, das war eine fesche und resche Godel, urwiener Naschmarktgewächs. Unterspickt, aber g'sund, nicht »gebildet«, aber voll Naturverstand, manchmal guter Kerl und manchmal saugrob, auch streng, wo sie es nötig hielt. Sie wußte, was sie wollte, und was sie wollte, mußten die anderen wollen. Da gab's keine Würsteln. Und die war also jetzt da und grüßte hell: »Grüß Gott miteinand.« »Jessas, die Marietant,« rief betroffen die Mami, »und wie ich ausschau, na so eine Überraschung, das muß man gleich in'n Rauchfang schreiben.« Und sie versuchte, ihr Äußeres zu ordnen. »Eins muß anfangen mit'n Anfangen. D' Hauptsach, die Trotzerei nimmt amal a End.« Sie sprudelte das so leichthin und so selbstverständlich heraus, daß das Gefühl, es wäre lange etwas dazwischengewesen, gar nicht aufkam, so als ob sie nur auf einen Sprung weggewesen wäre. »Und das is der Franzi?« Dem hatte die imposante Frau Respekt eingeflößt und er hatte sich hinter die Mami verkrochen. Die Mami zerrte den Buben hervor. »Na, sag' schön Küß die Hand, Franzi, das is ja die Marietant, weißt net, von der der Vater so lustige G'schichten erzählt hat?« »Net g'schreckt sein, Bua, und net g'schamig sein, mit der G'schamigkeit kommt ma net weit. So, gib mir schön 's Pratzerl, bist a braver Bua, und groß is er schon, a ganzer Mann.« Der Franzi nahm die Finger aus dem Mund und gab der neuen, bisher einzigen Tante die Hand. Er war sonst nicht so rasch zu gewinnen, aber diese Frau, ihre Art zu reden und sich zu geben, mag ihm Vertrauen eingeflößt haben. »Kommen S' doch a bisserl herein zu uns, Marietant, und setzen S' Ihnen, daß S' uns net den Schlaf austragen, aber daß S' net erschrecken, herrschaftlich schaut's net aus bei uns, wie halt bei die armen Leut.« »Ein anderes Mal, Schwägerin, ein anderes Mal, wir werden uns doch hoffentlich öfter sehn, wenn der Eduard, der Blunzenstricker, net wieder ein Kräutel dreinmacht. Z'erst muß i dem Geburtstagskind gratuliern.« Und zog aus ihrem mächtigen Ridikül einen großen bunten Gummiball heraus und überreichte ihn mit feierlicher Gebärde dem Franzl, der vor Freude rot und wieder blaß wurde. Dann hockerlte sie sich, was im Hinblick auf ihren Leibesumfang nicht ohne Schnaufen ging, nahm den Buben um den Hals und busselte ihn ab wie einen Haubenstock. Der Franzi, kaum freigekommen, rief aufgeregt: »Mami, schau, Mami, den schönen, großen Balling, je«, und schon hupfte und schupfte er mit ihm herum. »Franzi, hast dich schon bedankt?« ermahnte die Mami. »Ja, i hab mich schon«, jubelte der Franzi, obzwar es gar nicht wahr war. »Vergelt's Gott, Marietant, a größere Freud hatten S' mir und dem Buben gar net machen können, ich weiß gar net, wie...« »Net der Red wert, hab selber a Freud, wann i a Freud machen kann. Aber i muß schon wieder fort, mit der Pferderlbahn nach Dornbach 'naus. Will der Franzi mitfahren, weil er so brav is und Geburtstag hat?« Am 4. Oktober 1864, also drei Jahre vor dem Besuch der Marietant, bekam Wien ein ganz neues Verkehrsmittel, die erste Tramway oder Pferdeeisenbahn oder Glöckerlbahn. Sie fuhr von der Alservorstadt über Hernals nach Dornbach, wurde von zwei herzigen Pferderln gezogen, die jedes ein Glöckerl um den Hals geschnallt hatten. Innen waren elegante Samtsitze, auf dem Dache eine Galerie. Drinnen fuhr man um 8, oben um 6 Kreuzer, also I. und II. Klasse. Die unteren Schichten waren damals sehr seßhafte Leute und in die Alservorstadt oder gar nach Dornbach kamen viele, die etwa in Mariahilf wohnten, ihr Lebtag nicht. »Ja, Pferderlbahnfahren möcht i Mami, laß mich Pferderlbahnfahren!« So umhüpfte der Franzi behende die Mami. »Aber dummer Bub, die Marietant wird sich doch net mit dir abschleppen.« »Freilich wird die Marietant, deswegen is sie ja da. Anziehen, gehn ma!« »Hurra, hurra, i fahr mit der Pferderlbahn«, klatschte der Franzi in die Hände und zog die Mami hinein, damit sie ihm Kappe und Überrock ausfolge. Die Marietant warf inzwischen einen Blick in die ärmliche Wohnung: »Sans S' ma net bös, aber es schaut fast so aus, als ob's euch net am besten ging.« »Man tragt halt sein Binkerl,« gab die Mami zurück, »aber man muß mit dem zufrieden sein, was man hat, 's wird schon besser werden, gelt Franzi?« Drinnen quietschte die Nettl, weil sie gestört worden war. »Und das is die Jüngste?« frug die Marietant, betrat die im ewigen Zwielicht liegende Kammer und hielt an die Kleinste eine liebevolle Ansprache. Kramte dann wieder in dem tiefen Ridikül herum und zog eine »Scheppern« heraus und steckte sie dem Wurm zwischen die Fingerln. »Und, Schwägerin,« meinte sie dann ernster, die Mami musternd, »is bei Ihnen net schon wieder was los?« Die Mami nickte verschämt. »Is halt noch immer der alte Leichtsinn, mein Herr Bruder.« Der Franzi war fertig. Die Mami gab ihm einen Abschiedskuß und ermahnte: »Net schlimm sein und der Marietant für alles danken.« Der Franzi hörte gar nicht mehr hin. Die Marietant nahm ihn an der Hand und wendete sich zum Gehen. Auf einmal riß sich der Bub los, rannte zurück und klammerte sich an die Mami: »Die Mami soll aa mit, die Mami will aa Pferderlbahn fahren.« Nur mit vielem Zureden und Erklärungen, daß die Mami zu Hause bleiben müsse, weil sie kein schönes Kleid zum Anziehen habe, brachte man ihn weg. Der Mami rann eine Träne über die Wange. Die Mariahilferstraße. Die war so nahe, aber so weit war er noch nie gekommen. »Marietant, warum san da so viel Leut? Je, so viel Leut? Wohnen die alle in der Hirschengassen?« »Aber na, Franzi, die kommen von der ganzen Wienerstadt her.« »Wo ist die ganze Wienerstadt? Marietant, zeig' mir's!« »Da mußt aber erst größer werden.« »So groß wie der Vatter?« »Ja, so groß wie der Vatter, Franzi.« »Kann, i dann aa immer ins Wirtshaus gehn?« Die Marietant mußte lachen: »Können kannst schon, aber hoffentlich wirst net.« »Weil sonst die Mami bös is, net wahr?« »Natürlich, weil sonst die Mami bös is.« Dieses Frage- und Antwortspiel wurde unterbrochen, wenn der Bub in den Auslagen der großen Geschäfte Niegeahntes bestaunen konnte; das alles einmal, wenn er nur erst groß sein, ihm gehören würde. Beide, der Kleine und die Große waren rechtschaffen müde, als sie in der Alservorstadt anlangten. Dem Franzi hatte sich eine Welt erschlossen, von der er gar nicht gewußt hat, daß sie ist. Und dann das große Ereignis! Die Pferderlbahn kam angebimmelt, hielt und der Franzi kletterte, gestützt von der Marietant, auf die luftige Galerie und die Pferderl trabten philosophisch weiter. Die Leute auf der Straße standen dem Neuen noch immer Spalier. Wie unvorstellbar schön war doch alles von oben besehen! Jedes Haus, jeder Baum, die Menschen und die Pferde und die Hunde und die zwitschernden Vogerln über ihnen erregte sein Entzücken. Er klatschte in die Hände und riet fortwährend: »Schau Marietant, schau«, und zeigte auf irgend etwas völlig Neues, so daß auch die Mitfahrenden an dem Bubenglück teilnehmen mußten. Plötzlich wurde er ernster und ruhiger und die Augen wurden naß und er trocknete sie mit dem Handrücken. »Was hast denn Bua? bist krank?« »Die Mami und der Vatter und die Nettl.« »Was denn?« »Die Mami und der Vatter und die Nettl sollen aa mit der Pferderlbahn fahren.« »Das geht net, Franzi!« »Warum net, Marietant?« »Weil s'arm san.« »Warum san s' arm, Marietant?« »Fragst mich z'viel Bua, es is halt schon so eing'richt auf der Welt.« Der Franzi dachte nach. Dann durchzuckte es ihn wie Erleuchtung. »Marietant, wann ich groß hin, gib i den Armen viel Geld und dann san s' nimmer arm und dann können s' aa mit der Pferderlbahn fahren.« »Tschapperl dummes«, lächelte die Marietant. Draußen in Dornbach stiegen sie aus und die Marietant kehrte mit dem Buben in ein Gasthaus ein und ließ ihm einen Kaffee und einen Gugelhupf mit recht viel Weinberln geben. Ach, das war fein! Das war überhaupt ein Feiertag heute, als ob das Christkindl gekommen wäre. Auf der Rückfahrt schlief der Franzi. Der Nachmittag hatte ihn überwältigt. Und von der Alservorstadt bis in die Hirschengasse mußte ihn die Marietant streckenweise tragen. »Mami,« kam es aus ihm überströmend heraus, »Mami, so schön, so was hast no net g'sehn.« Während sich die Mami von der Marietant erzählen ließ und immer wieder dankte, war der Bub sitzend eingeschlafen. Die Marietant empfahl sich: »Mit dem werds noch a große Freud haben.« Viertes Kapitel Wieder war Krieg. Der Deutsch-Französische. Die Monarchie war diesmal unbeteiligt. Nicht ganz so unbeteiligt blieben die Menschen in den Proleten- und Hausmeisterwohnungen. Die müssen ihren Kriegstribut zahlen so und so. Das ist ja das ewige Auf und Ab im Leben der Gesellen und Knechte: ist Konjunktur, müssen sie darben, ist Krise, noch viel mehr – aber das Darben ist ihr unentrinnbares Los. Im Achtzehnhundertsiebzigerjahr, im September, beschwipsten sie sich draußen im Reich an dem Tag von Sedan, an dem sie den Franzmann feste verhauen, und in der vom Schauplatz des Krieges und des Sieges ziemlich weit entfernten Hausmeisterwohnung im Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse hatten sie den Katzenjammer davon. Jetzt waren es schon sechs Köpfe: Vater, Mami und vier Haserl ohne Graserl. Dem Franzi und der Nettl hat der Storch kurz nacheinander noch zwei Brüderln geschenkt, den Hansl und den Karli. Und die viere sperrten spektakelnd ihre Mäuler auf und wollten geatzt werden. Der Vater Schuhmeier flog aus, um Futter zu suchen, kam aber meist mit leerem Beutel heim. Bei den Menschenvätern ersetzt der Beutel den Schnabel der Vogelväter. Die Mami robotete unverdrossen, aber auch sie brachte weniger ins Nest, als die vier immer offenen, immer piepsenden Schnäbel verlangten. Ihre Hände waren von der Wäschelauge angefressen, mehr als ihr Magen von Erdäpfelsuppe und Brot. Vater Eduard Schuhmeier war auch nicht mehr ganz so fesch wie einst und die Weiber bemerkten ihn kaum mehr. Er ging mit düsteren Gedanken herum und kam zu dem Schlusse: »Es muß was g'schehn«, wußte aber nie, was. Die Mami spintisierte weniger, arbeitete dafür noch mehr und kam zu dem Schlusse: »Es wird schon was g'schehn«, wußte freilich auch nicht was. Ihr Optimismus war unverwüstlich. Einmal, als sie mit der Buckelkraxen nach Margarethen hinüber um Schmutzwäsche mußte, stand sie vor dem alten Gärtnerhause auf der Siebenbrunnenwiese in Matzleinsdorf und hätte nicht zu sagen gewußt wie sie hergekommen. Sie fand die Marietant im Pferdestall beim Streumachen und sagte kopfhängerisch und ein bisserl geniert: »Jetzt geht's völlig nimmer weiter, Marietant...« Am anderen Tag erschien die Marietant im Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. Diesmal wie der Wolf, der sich ein Lamm holen kommt: »Also, da wären mir in Gottes Nam«, grüßte sie mit einem aufmunternden Blick auf die rotgeweinten, verschwollenen Augen der Mami. »Net den Buam 's Herz schwer machen. Er geht ja net aus der Welt.« Die Mami schüttelte es: »Soviel hart g'schieht mir, Marietant, so viel hart, i kann's gar net sagen. Und dem Edi erst. Der is auf und davon, weil er den Jammer net anschaun kann.« »Drum überlaßt er's uns schwachen Weibern, mit'n Jammer fertig z' werden. San halt Helden, die Mannsbilder. Und gar erst der Herr Bruder.« Also, auf die Marietant hat das vom schwachen Geschlecht bestimmt nicht gepaßt. Aus der Kammer drang ein Heulen, das durch Mark und Bein ging: »Mami, die Marietant soll fort, i will bei dir bleiben ... Mami, ... i geh net mit der Marietant, ... i bleib bei meiner Mami ... bei der Nettl ... beim Hansl und Karli ... bei dir.« Die Mami in der Küche mußte sich setzen. Sie verhielt das Gesicht mit den Händen und wimmerte. Sogar die Marietant bekam schwache Füße. Die kleine Nettl kam von irgendwoher gesprungen. Kleines Kind und schon starkherziges Weib, schlug sie ein Kompromiß vor, um es der Mami leichter zu machen: »Mami, i mit der Marietant geh, i mit der Marietant Pferderl fahr.« Da überwog die herrliche Aussicht auf das Pferderlfahren alle Gefühlsduseleien. Die zwei Kleinsten spielten im Hofe auf einem Sandhaufen und zeigten keinerlei Interesse für das Familiendrama, das sich vor ihnen abwickelte. Der Franzi, schon im Sonntagsgewanderl, hatte sich zwischen Kasten und Zimmerecke verschanzt und war entschlossen, lieber in diesem Versteck zu verhungern, als gutwillig hervorzukommen. Er strampelte mit den Beinen und hieb mit den Fäusten an die Kastenwand und machte der Mami das Herz noch viel schwerer. Aber sein Widerpart dürfte nicht die Marietant gewesen sein. Wie zutiefst beleidigt sagte sie: »No, gut is's, wann der Franzi net will, fahrt halt der Borinsky-Onkel mit sein Pferderl wieder z' haus und wird halt a anderer Bua mit'n Ziegenbock, mit'n Meckerl alle Tag auf'n Naschmarkt fahren und die Mami wird sterben, weil s' so ein schlimmen Buam hat. Geh i halt wieder, pfiat Gott, Schwägerin, morgen hol' i mir die Nettl, die is net so dumm wie ihr dalkerter Bruder«, traf aber dennoch keine Anstalten, zu gehen. Der Franzi hinter dem Kasten spitzte die Ohren. Der Borinsky-Onkel mit dem Pferderl und das Meckerl und die Mami muß sterben und dann hat die Nettl alles und er gar nichts. Er steckte das schmierig-geweinte Gesicht vor und verlegte sich aufs Unterhandeln. »Und wann i mitgeh, Marietant, muß die Mami net sterben und alle Tag därf i mit'n Meckerl fahrn und wird die Mami zu mir kommen und auch mit'n Meckerl fahrn und ... und ...« Alles wurde bewilligt und zugesichert. Die Mami hat ihn nicht angerührt zum Abschied, sie hat weggeschaut, wie der Franzi an der Hand der Marietant mit seinem Binkerl Habseligkeiten aus dem Hause ist – sie hätte ihn sonst nicht weggelassen und der Bub hat sich nicht mehr umgeschaut, wie er die Kammer und den Hof und das Haus verlassen hat. Er fühlte wohl, er hätte sich sonst losreißen müssen und wäre wieder hinter den Kasten gekrochen. Vor dem Tore stand ein Einspänner und auf dem Bocke saß, die Wetschina im Munde, in quadrillierter Hose und einer Melone mit flacher Stößerkrempe auf dem Kopfe, der Borinsky-Onkel. Der Gaul, der Peter, fraß Hafer aus dem umgehängten Futtersackel und machte einen gutgepflegten Eindruck. Der Borinsky-Onkel verfügte über eine »lose Goschen«. Wortewählen und Wortedrechseln war seine Sache nicht. Wer ihn nur oberflächlich kannte und sein Sprucherl hörte, hielt ihn für einen Matzleinsdorfer Kannibalen, der täglich zum Gabelfrühstück einen Menschen mit einem Achtel G'spritzten verspeist. Aber man mußte nur genauer seine Physiognomie anschauen und verlor gleich alle Furcht. Dieses von Wind und Wetter und vom Wein gerötete, von den Jahren gegerbte Gesicht, das bei den derbsten und fürchterlichsten Flüchen und Drohungen listig schmunzelte, und diese Augen, die so arglos und so froh aus dem Plutzerschädel herausguckten: das alles verriet den gutmütigen, patzweichen Kerl, der sich seiner Gutmütigkeit und Weichheit schämt und der poltert, damit man ihn für keinen Ausreibfetzen halte, wie die Kollegen am Standplatz so geartete Männer verächtlich zu betiteln pflegten. Die Fliegen, die im Sommer seinen Peter peinigten, konnte er verscheuchen, aber sie zu töten, das brachte er nicht fertig, und vor seiner Gesponsin, der Marie, hatte er einen unbändigen Respekt. Die Marietant erklärte das so: »I hab mir'n gleich vom Anfang an so eing'fahren, wie i ihn brauch! Das Leitseil halt i. In der Ehe muß einer Roß und einer Kutscher sein. Zwei Rösser oder zwei Kutscher das halt sich net. No und wie i gebaut hin, taug i zu kein Roß.« Worauf der Borinsky-Onkel regelmäßig laut dachte: »Immeramal is in der Ehe der Mann 's Roß, sonst hätt' er net g'heirat'.« Als der Borinsky-Onkel seinen Ehekutscher mit dem ihm noch unbekannten Neffen Franzi herauskommen sah, kletterte er vom Kutschbock, gab dem Buben die massive Pratzen und führte sich bei ihm mit einem »Serwas Mistbua« ein. Dann trabten sie hinüber nach Matzleinsdorf. Das alte Gärtnerhaus auf der Siebenbrunnenwiese hatte noch einen Namen: Hendelhof. Es wohnten Gärtner drinnen, die auf der fruchtbaren Erde des Siebenbrunnenfeldes ihr blühendes und blütenreiches Gewerbe betrieben, und die Hendelkramerinnen, die ihre gackernde Ware in tragbaren Steigen zu Markte oder in die Häuser trugen. Heute steht dort das Haus Reinprechtsdorferstraße 14, Ecke Jahngasse, die früher Mohngasse geheißen hat. Auf der Siebenbrunnenwiese gab es schon damals den Heu- und Strohmarkt, und wo jetzt der Pferdemarkt ist, standen damals die Blatternbaracken, in denen der Tod ein und aus ging. Wo das alte Gärtnerhaus stand, war einstmals das Florianibad, von dem man sich noch heute mancherlei sittenlose Geschichten erzählt, die wir gar nicht wiedergeben können. Das Badhaus wurde abgebrochen und an seiner Stelle entstanden die Landwehrbaracken und dann das Gärtnerhaus vulgo Hendelhof. Das war nun dem Schuhmeier-Franzi seine neue Heimat: ein größeres, lauteres und mannigfaltigeres Stück Welt. Bei Tante und Onkel Borinsky herrschte ein anderes Kommando als in der Hirschengasse. Sommer und Winter stand die Marietant um 3 Uhr früh auf und mit ihr der einzige Borinskysproß, der Karl, der schon an die vierzehn ging. Sonntagsruhe kannten sie noch nicht. Aus einem Schupfen holten sie ein Handwagerl, luden die Schragen auf, Gemüse und Obst, spannten den bockigen Ziegenbock Meckerl davor und fuhren auf den Naschmarkt. Im Sommer um 5, im Winter 6 Uhr morgens weckte der Borinsky-Onkel den Franzi, und während der Herr Lohnfuhrwerksbesitzer für sich und seinen Neffen den Kaffee bereitete, mußte der Franzi in den Stall und, so klein er noch war, dem Gaul Peter Futter einschütten und den Stall reinigen. Und war erst 6 Jahre alt. Aber mächtig stolz, daß er auch schon zu etwas zu brauchen war. Er setzte großen Ehrgeiz darein, sein Pensum schon erledigt zu haben, wenn der Borinsky-Onkel zum Frühstück rief. Dann spannte der Onkel den Peter ein und fuhr »Kreuzerl verdienen«, zum Südbahnhof, wo er seinen Standplatz hatte. Inzwischen kam der Karl mit dem Meckerl zurück und dann ging es ans Taubenfüttern. Mit Ferienbeginn war der Karl aus der Schule ausgetreten und nun sollte er in die Lehre kommen. Die Frau Mutter wollte einen Bäcker aus ihm machen, der Herr Vater einen Schuster, was in damaliger Zeit eine harte Strafe für ungeratene Buben war, und diese Drohung stieß der Herr Vater auch nur aus, weil er wußte, daß er nicht viel zu sagen hatte, aber der Karl selbst spekulierte insgeheim auf etwas Besonderes, worauf kein Mensch im Gärtnerhause verfiel und das er nur nach einer abenteuerlichen Flucht aus dem Elternhause hätte werden können. Einstweilen, bis eine Einigung zustande gekommen sein würde – und diese Einigung bewirkte in allen Fällen das Machtwort der Frau Mutter – beschäftigte er sich mit der Taubenzucht. Am Dachboden des Hoftraktes hatte er sich einen Taubenschlag errichtet. Dort vermählten sich die gurrenden Tauber mit den schmachtenden Täubinnen. Er und der Franzi waren ganz närrisch in ihr Federvieh. Jede Taube hatte ihren Namen und sie redeten mit ihnen so gescheit wie mit Menschen. Fehlte einmal eine, dann gingen sie in die Nachbarschaft suchen und waren untröstlich, wenn sie feststellen mußten, daß die Verlorene entweder von einer Katz' oder einem menschenähnlichen Raubtier gefressen worden war. Hatte sich die Schar wieder gar zu fleißig vermehrt, mußten sie auf Geheiß der Frau Mutter an einem Sonntagvormittag einen Korb voll auf den Taubenmarkt nach Gaudenzdorf tragen und dort verkaufen. Einen Kreuzer pro Stück durften sie sich behalten, aber die Trennung von etlichen ihrer Lieblinge tat ihnen dennoch weh und immer kamen sie mit nassen Augen vom Taubenmarkt zurück. Wenn sie ihre Tauben fütterten und pflegten, gesellte sich manchmal der Bombenjongleur zu ihnen. Der Bombenjongleur war kein Artist, er war der vazierende Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel, und vazierend war er nicht wie so viele andere wegen des Deutsch-Französischen Krieges und wegen der allgemeinen Flauheit, sondern, weil er eben der Bombenjongleur war. Und das bedarf einer Erklärung. Wenn auch die wimmelnde Masse der Lohnsklaven hoffnungslos und in ihr grausames Schicksal ergeben vegetierte, dahindöste, schuftete, alles entbehrte und starb, ohne die Welt und das Leben gekannt zu haben, – wenn auch dieses wie das Tier in Unbildung und Bedürfnislosigkeit gehaltene Volk nichts anderes kannte als sich Sonntags im Fuselrausch im Rinnstein zu wälzen und sich und das graue Elend kaninchenartig zu vermehren, gab es doch immer welche, die aus diesem Pferch herauswollten, an den Gittern ihres Kerkers rissen und nicht und nicht glauben wollten, daß es ewig so sein müsse. Immer wieder tauchten aus der Masse Apostel auf, die den Kreuzzug der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter predigten. Sie verglichen die Ausgebeuteten mit dem Elefanten, der sich von einem schwachen Menschlein in die Gefangenschaft und zu Kunststücken und Arbeitsleistungen zwingen läßt. Wäre sich, lehrten sie, der Elefant seiner Riesenkräfte bewußt, er würde seine kleinen Bezwinger einfach mit dem Rüssel wegblasen. Diese Prediger in der Wüste fanden Jünger, aber nur wenige, weil sie von vielen nicht verstanden wurden. Daß sie von den Erbpächtern der Welt, die ihr Alleinbenützungsrecht bedroht sahen, mit allen Hunden gehetzt, durch die Kerker geschleift und auf ihre Galgen und Schafotte gezerrt wurden, begreift man. Keiner, der im Paradiese sitzt, läßt sich ohne Gegenwehr daraus verjagen. Noch dazu, wenn er alle Waffen hat und die Belagerer des Paradieses keine. Aber sie wurden auch von denen geächtet, die sie erlösen wollten. Wären diese Apostel einige Jahrhunderte früher unter die Menge getreten, sie wären von ihr ans Kreuz geschlagen worden. Wie die Wachthunde stellten sich die Knechte hin, fletschten die Zähne und knurrten, damit sich keiner an ihre Herren heranwage und ihnen ein Leid tue. Sie waren Knechte und sie waren feig. In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts herrschte in Österreich der Liberalismus. Er stand auf schwankem Boden. Vom Klerikalismus und vom Feudalismus bedroht, war er nur nach unten brutal, weil von unten kein Widerstand zu fürchten war. Seine Aufgabe war es, die Fiktion aufrechtzuerhalten, daß Österreich ein deutscher Staat sei, trotzdem die nichtdeutschen Nationen in der Mehrzahl waren. Eine dieser nichtdeutschen Nationen nach der anderen wurde flügge. Die Ungarn ungebärdig, in der rechten Flanke die unsanften Stöße der Klerikalen und Feudalen, in der linken das Andrängen der Slaven, von unten herauf das anschwellende Grollen der Sklaven – dazwischen und darüber das sozusagen deutsche freiheitliche Bürgertum, das alle diese Dinge meistern sollte und natürlich nicht konnte, weil das niemand gekonnt hätte, – so sah damals schon Österreich aus. Der Märzsturm des Jahres 1848 hat das arbeitende Volk von Wien, das in den Vorstädten jenseits der Linienwälle hauste, aufgerüttelt. Sie stellten sich in den März- und Oktobertagen des Revolutionsjahres dem damals ach! so freiheitshungrigen Bürgertum nicht nur zur Seite, sondern kämpften auf den Barrikaden in den vordersten Reihen und bluteten und starben für Freiheit und Menschenrechte. Aber als diese dank dem Schwerte und der Faust der Wiener Arbeiter errungen waren, wurden sie von dem nun freiheitgesättigten Bürgertum wieder nach Hause geschickt in ihre Vorstädte, blieben rechtlos und geknechtet wie eh und versanken wieder in den Dämmerschlaf des gefesselten Riesen. Aber dem regsameren und beweglicheren Teil des Wiener Volkes wollte das Jahr 1848 nicht mehr aus dem Kopfe, und auch die Worte des ersten deutschen Kommunisten Wilhelm Weitling sind nicht wirkungslos verpufft. Der Schneidergeselle Wilhelm Weitling aus Magdeburg zog durch die Welt und predigte einen allerdings nicht wissenschaftlich fundierten, sondern rein gefühlsmäßigen Kommunismus. Seine Broschüre »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte«, wurde von denen, die diese überall verbotene Schrift erhaschen konnten, mit fieberglänzenden Augen verschlungen. Er wurde als Verkünder eines neuen Evangeliums von vielen tausend Bedrückten vergöttert, von den öffentlichen Gewalten natürlich von einer Grenze zur anderen gehetzt. Er machte sich schließlich in New York ansässig, wo er durch Selbstmord endigte, nachdem er eine wertvolle Erfindung gemacht hatte. Aber der Same, den er auf seinen Wegen gestreut, keimte in fruchtbarer Erde. Später drang die Kunde von Karl Marx nach Österreich und das kommunistische Manifest, und sein »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!« weckte das Proletariat. Als im Jahre 1864 Karl Marx in London die Internationale Arbeiter-Assoziation gründete und im selben Jahre Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, gab es auch in Wien kein Halten mehr. Nach jahrelangem vergeblichen Bemühen, den Widerstand der furchtsamen Staatsgewalt zu brechen, gelang es endlich 1867, die Genehmigung der Statuten des ersten Arbeiterbildungsvereines (des noch heute bestehenden ehrwürdigen Gumpendorfer Arbeiterbildungsvereines) durchzusetzen. Die für den 8. Dezember 1867 in den Saal des Hotels »Zum blauen Bock« einberufene konstituierende Versammlung war so massenhaft besucht, daß diese Versammlung auf Sonntag, den 15. Dezember vertagt werden mußte. Über 3000 Personen waren herbeigeströmt, über 1000 sind sogleich beigetreten. Im Jahre 1868 fand man im Briefkasten des Arbeiterbildungsvereines den mit J. J. Zapf gezeichneten Text eines Liedes: dieses »Lied der Arbeit«, von Josef Scheu vertont, wurde bald zur Hymne der österreichischen Arbeiterschaft. Im Arbeiterbildungsverein, der zum Zentrum der Arbeiterbewegung geworden war, gab es zwei Strömungen: die Anhänger der von Lassalle verfochtenen Staatshilfe und die sogenannten Selbsthilfler, eine von dem Deutschen Schulze-Delitzsch nach der Idee des Franzosen Bastiat zurechtgestutzte, einigermaßen verschwommene kleinbürgerliche Lehre, wonach das Proletariat durch Gründung von Konsumvereinen und Produktivgenossenschaften seine Lage verbessern könnte und so alle Klassengegensätze verschwinden würden. Dieser Streit wogte so lange, bis sie allesamt Marxisten wurden. Der Anfang der Arbeiterbewegung in Österreich fällt sonach in das Jahr 1867. Den Herrschenden und ihrem Vollzugsorgan, der Staatsgewalt, behagte es nicht, Arbeiter aus Werkstätten und Fabriken, die zu arbeiten und sich zu verkriechen hatten, so selbstbewußt auftreten zu sehen. Die Behörden hemmten die Tätigkeit des Arbeiterbildungsvereins und schikanierten ihre Funktionäre, die täglich mit einem Fuß im Landesgericht standen, und die Spießer erklärten am Stammtisch: »Zu was brauchen die Falotten a Urganisation? No weniger arbeiten und no mehr Lohn möchtens haben. Wenn i ein' von meine G'sellen draufkomm, daß er urganisiert is, kriegt er a paar Watschen und fliegt aussi.« Und das ist gar nicht selten wirklich geschehen. Aber die, die schon das neue Evangelium in sich aufgenommen hatten, waren nicht mehr einzuschüchtern. Sogar in den Kronländern ging man mit Erfolg an die Gründung von Arbeitervereinen. Am 11. Mai 1868 erschien beim Minister des Innern Dr. Giskra eine Deputation des 5. Arbeitertages und überreichte ihm eine Resolution, in der das allgemeine Wahlrecht gefordert wurde. Dieser deutsche Liberale, der schon vorher den denkwürdigen Ausspruch getan, daß die soziale Frage bei Bodenbach (Grenzstadt zwischen Deutschland und der Monarchie) aufhöre, sagte: »Nein, niemals taugt das allgemeine Wahlrecht für Österreich, weder jetzt noch später.« Derselben Deputation erklärte Dr. Giskra: »Die soziale Frage, das ist auch so ein Schlagwort, welches die Leute, so wie das Wort: Freiheit, im Munde führen und nicht wissen, was es heißt.« Am 29. August 1868 veranstaltete der Arbeiterbildungsverein für den 1864 in einem Duell gefallenen Ferdinand Lassalle eine würdige Totenfeier, bei welcher Gelegenheit die Fahne des Vereins, die erste rote Fahne in Österreich, enthüllt wurde. Noch heute wird bei Demonstrationen und festlichen Aufzügen die alte verwitterte Fahne des Gumpendorfer Arbeiterbildungsvereins mitgetragen und als Blutzeugin historischer Kampfe gegrüßt. Allmählich stellten sich auch Intellektuelle der Arbeiterbewegung zur Verfügung. Sicher aus ideellen Gründen, denn die damals so schwache und einflußlose Arbeiterbewegung konnte Strebern keinerlei Befriedigung bieten. Aber die Arbeiterschaft war mit Mißtrauen erfüllt gegen alles, was aus dem Lager des Bürgertums herüberkam, welches Mißtrauen Karl Marx in den Satz gekleidet hat: »Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein!« Dennoch war damals ein Intellektueller, Dr. Hyppolit Tauschinsky, der Führer der sozialdemokratischen Partei in Österreich, jedoch nur bis Ende 1868; am 22. Dezember d. J. schied er infolge persönlicher Differenzen aus der Partei aus, in der er aber später nochmals eine große Rolle spielte. Der Arbeiterbildungsverein gründete Fachsektionen, aus denen später die Gewerkschaften hervorgingen, aber auch eigene Gewerkvereine wurden schon 1868 und 1869 ins Leben gerufen, die den Zweck hatten, für eine Herabsetzung der übermenschlichen, oft sechzehnstündigen Arbeitszeit auf zwölf Stunden und gegen die Willkürlichkeiten in der Lohnhöhe zu kämpfen. Die behördlichen Schikanen nahmen zu. Versammlungen, die abgehalten werden sollten, wurden rundweg verboten, die junge Partei sah sich um alle Möglichkeiten gebracht, die Arbeiterschaft aufzurütteln; um zu den Massen sprechen zu können, erschien am 11. April 1869 das erste sozialdemokratische Blatt, die »Volksstimme«, die von Hermann Hartung und Heinrich Oberwinder redigiert wurde. Doch bald folgte auf dem politischen Schachbrett der Gegenzug. Das Protokoll des Kronrates vom 9. September 1869 enthält darüber folgenden Bericht: »Der Minister des Innern befaßt sich mit der Bildung eines sozialdemokratischen Arbeiterbildungsvereines in Wiener-Neustadt und ist für ein Verbot. Unterrichtsminister Dr. Ritter von Hasner gibt zu erwägen, ob es nicht korrekter wäre, erst wenn in einer Versammlung von der sozialdemokratischen Republik geredet wird, den Verein aufzulösen. Auch Finanzminister Dr. Brestel ist für strenge Einhaltung formeller Gesetzlichkeit. Dr. Giskra meint, man könne mit formeller Gesetzlichkeit nicht regieren.« Kaiser Franz Josef I. schrieb an den Rand dieses Protokolles: Sehr wahr! Daraufhin wurden alle angemeldeten Arbeitertage und -Kongresse verboten. In der interministeriellen Konferenz vom 30. November 1869 wurde Klage geführt, daß hinsichtlich Statutengenehmigung als auch rücksichtlich Beaufsichtigung der Versammlungen zu liberal vorgegangen werde. Sektionschef von Wehli beantragt: »Es sollen jene Arbeitervereine aufgelöst werden, deren Mitglieder sich an Volksversammlungen mit politischem Programm beteiligen.« Beschluß: Jeder Gegenstand politischer Natur sei von den Verhandlungen der Arbeitervereine streng ausgeschlossen. Jede Verbindung eines solchen Vereines mit einem politischen Verein des In- und Auslandes sei zu untersagen. Das Verhältnis des Arbeiterbildungsvereines zu den Fachvereinen sei näher zu erheben. Jede Beteiligung eines Vereines bei der Veranstaltung oder Abhaltung einer Volksversammlung, auf welcher auch politische Fragen behandelt werden, sei auszuschließen. Im Falle des Zuwiderhandelns sei mit der Auflösung des Vereines nach der Strenge des Gesetzes vorzugehen. Es sei auf eine strengere Anwendung des § 6 des Gesetzes über das Versammlungsrecht, namentlich in Fabriksorten mit einer bereits aufgeregten Bevölkerung, zu bestehen. Ministerialrat Dr. Klun hält mit Rücksicht auf den Bildungsgrad der Arbeiter in Wien eine Diskussion über Produktivassoziationen durch Staatshilfe und über das Referendum für unbedingt staatsgefährlich. Sektionschef Banhans meint: »Es sei notwendig, die Sorge für Arbeiterwohnungen in verläßliche Hände zu bringen. Gegenwärtig haben sich nur Leute der klerikalen Richtung dieser Sache angenommen und dieser Umstand sei gefährlich.« Da die Arbeiter selbst keine Versammlung mehr einberufen konnten, wandten sie sich an wohlwollende bürgerliche Politiker, die die Einberufung besorgten. Meist fand sich der demokratische Wiener Gemeinderat Steudel dazu bereit. Am 13. Dezember 1869 wurde das Parlament nach langer Ferialzeit wieder eröffnet. Es war ein wunderschöner Wintermorgen, ein Montag. Von überall her strömten Arbeitermassen auf den Paradeplatz. (So hieß der Platz, wo heute das Rathaus steht und der Rathauspark davor.) Es waren bald mehr als 20.000 Menschen beisammen. Eine Deputation überreichte dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe eine Petition, die das Koalitionsrecht, die Beseitigung der Zwangsgenossenschaften, freies Vereins- und Versammlungsrecht, absolute Preßfreiheit, gleiches und direktes Wahlrecht, Beseitigung des stehenden Heeres, allgemeine Volksbewaffnung forderte. Nach Rückkehr der Deputation zog die Menge zum »Zobel« nach Fünfhaus, wo eine Volksversammlung abgehalten wurde. Ferdinand Kürnberger, ein Wiener Schriftsteller jener Zeit und wortgewaltiger Hasser aller Tyrannei, der die Lenker der Menschheitsgeschicke nicht mit Glacéhandschuhen anfaßte, schrieb nach dem 13. Dezember 1869: »Mit diesem Schritt tritt ein neuer Herrscher auf die Weltbühne.« In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1869, also vor der »stillen heiligen Nacht«, wurden die Mitglieder der Deputation aus den Betten geholt, verhaftet und unter Hochverratsanklage gestellt. Nur Hermann Hartung war rechtzeitig entwischt. Am 2. März wurden auch die Wortführer Andreas Scheu, Johann Pabst, Johann Most und Heinrich Oberwinder in Haft gesetzt. Vom 4. bis 14. Juli fand der Hochverratsprozeß statt, der mit der Verurteilung der Angeklagten, zu 6, 4 und 3 Jahren schweren Kerkers und mehrmonatigem Arrest, teils wegen Hochverrats, teils wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, endete. Im Februar 1871 wurden sämtliche Verurteilten amnestiert. Nach dem Hochverratsprozeß erfolgte die Auflösung fast aller Arbeiter- und Fachvereine Wiens. Das war ja auch der Zweck der Übung. In der Magdalenenstraße in Gumpendorf, wo der Arbeiterbildungsverein seinen Sitz hatte, kam es in der Folge zu Straßendemonstrationen, denen Militär zu Roß ein Ende machte. Nach der Auflösung wurde der Arbeiterbildungsverein am 13. November 1870 wieder neu konstituiert. Doch schon am 14. Dezember 1869 lag dem Parlament ein Gesetzentwurf über das Koalitionsrecht vor, das mit unheimlicher Promptheit beschlossen wurde und am 7. April 1870 in Kraft trat. Der 13. Dezember 1869 war doch kein vergeblicher Kraftaufwand gewesen, wenn er auch schwere Opfer gekostet hat. Freilich, die, die das Gesetz gemacht hatten, glaubten, einen Brocken hingeworfen und nun Ruhe zu haben. Unter welchen Verhältnissen die Arbeiterschaft lebte, solange man sie hindern konnte, sich zur Abwehr zusammenzuschließen, ist heute unvorstellbar. Die Bäckerarbeiter mußten bei elenden Löhnen täglich 18 Stunden arbeiten und wurden von den Meistern so lange geduzt, bis sie beschlossen, auch die Meister zu duzen. So wie den emsigen Ameisen, die Splitter und Sandkorn herbeischleppen, bis nach langer mühseliger Arbeit der Bau fertig ist, den dann ein rücksichtsloser Stiefel niedertritt und damit alles wieder zerstört, so erging es damals auch dem Proletariat. Sie bauten sich ihre Festungen und schmiedeten ihre Waffen – dann setzten sich in einem Regierungssalon ein paar Herren um den grünen Tisch herum und zerschmissen mit einem Federstrich den Bau, zerbrachen mit einem Befehl an Exekutivorgane die Waffen. Und was noch übrig blieb, vernichteten sie mit Verleumdungen und Verdächtigungen, die Übelwollende und Engstirnige aus den Reihen des Proletariats selbst gerne glaubten. So sagte man den Sozialdemokraten nach, daß sie die Absicht haben, Brände zu legen, Kassen zu erbrechen und Bomben zu werfen, um die göttliche Weltordnung aus den Angeln zu heben. Und die Wortführer glaubte man unschädlich zu machen, indem man ihnen vorwarf, daß sie von blutigen Arbeiterkreuzern flott lebten. Und weil der Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel auch einer von denen war, die mit dieser Weltordnung unzufrieden waren und sie nicht gerecht fanden, hießen sie ihn den Bombenjongleur, trotzdem er keine Ahnung hatte, wie eine Bombe ausschaut. Fünftes Kapitel Der Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel war sonst ein ganz harmloser Mensch und im beneidenswerten Alter von 20 Jahren stand er auch erst, aber wie es in der Welt zuging, das machte ihn wild. Wenn er Leute sah, die so fein angezogen waren, daß man sie in die Auslage eines Modewarengeschäftes hätte stellen können, und damit das Glumpert verglich, das er am Leibe trug; wenn er an einem noblen Restaurant vorbeikam und leckere Speisen auf schneeweiß gedeckten Tischen ihm den Mund wässerig machten, die er nicht einmal dem Namen nach kannte, und dabei an sein Menü dachte, das zumeist aus einer Maurersalami vulgo geselchte Blunzen oder aus Paprikaspeck mit zwei Schusterlaberln und nur Sonntags aus einem Gigererrostbraten in der Pferdefleischauskocherei bestand und all das auch nur, wenn er Arbeit hatte, also kurz: wenn er Vergleiche anstellte mit dem, was andere besaßen, genossen und sich erlauben durften, und was ihm zugemessen oder eigentlich schuldig geblieben ward, dann fand er, daß alles wert sei, in Trümmer gehaut zu werden. In ihm bohrte ein Viechszorn auf die Kapitalisten. Und das war wirklich nichts als blasser Neid. Als er in den Arbeiterbildungsverein geriet, eigentlich nur wegen des Tanzunterrichtes und wieder eigentlich nur, weil man beim Tanzen den verwirrenden Duft und die Blutwärme schmiegsamer Frauenleiber fühlen darf, dort aber auch Vortrage anhörte und in Versammlungen kam, wurde aus dem unfruchtbaren Neid ein Ahnen – und dann war nicht mehr der Kapitalist, dann war der Kapitalismus der Feind. Der temperamentvolle Jüngling Alois Kragel wollte allen begreiflich machen, was er aufgenommen, aber noch nicht gut verdaut hatte. Was er in Versammlungen und Vorträgen gehört, versuchte er den Köpfen, in denen es noch nachtrabenschwarz war, einzutrichtern und wenn so ein Kopf Widerstand leistete, weil er voll Stroh war und für anderes nicht mehr Raum hatte, wurde der Alois Kragel grob. Er begriff nicht, daß die anderen nicht begreifen konnten; er nahm das als Bosheit hin, die man ihm persönlich antat. Deshalb lief ein unsichtbarer Steckbrief gegen ihn. Ein Meister sagte es dem anderen, daß der Alois ein roter Hund sei, der die Arbeitsleute gegen ihre Brotgeber aufhetze und sie verleiten wolle, immer weniger zu arbeiten und dafür noch mehr Lohn zu fordern, und so flog er, kaum er in einer Werkstätte angefangen, gleich wieder aufs Pflaster. Und wo der Meister zögerte, weil der Alois – die Gesellen wurden damals noch mit dem Vornamen angesprochen – kein schlechter Arbeiter war, dort bissen ihn die Arbeitskollegen hinaus, weil sie sich beim Herrn Chef einweinberln wollten und auch weil sie wirklich ihr Seelenheil von dem roten Herrgottsschänder – auch als solche wurden Sozialdemokraten auf den Kanzeln und Versammlungspawlatschen hingestellt – gefährdet glaubten. Auch im Gärtnerhause war der Bombenjongleur geächtet. Dort wohnten lauter kreuzbrave, einfache Kleinbürgersleute, die alle ein bisserl Erspartes hatten, in Geschäften investiert oder im Strohsack eingenäht, und sich wegen dieses bisserl Ersparten mit den Millionären solidarisch fühlten und in einem Roten einen Kerl sahen, der ihnen ihre Habe wegnehmen oder zumindest mit ihnen »teilen« wolle. Niemand im weiten Hause redete mit ihm, alles wich ihm aus, und wenn er grüßte, blieben sie ihm den Dank schuldig. Auch die paar Proleten mieden ihn demonstrativ, so daß es jeder gleich bemerken konnte, denn die wollten nicht der hohen Ehre verlustig werden, von den Geschäftsleuten im Gärtnerhause dann und wann gönnerhaft ins Gespräch gezogen zu werden. Da war also der Alois meistens arbeitslos. Eine Arbeitslosenunterstützung kannte man nicht einmal dem Namen nach. Er war Bettgeher bei der alten Frau Bramesberger, einer gewesenen Hendelkramerin, die halb blind und schon ganz taub war, von dem Inhalt ihres Strohsackes ihren Lebensabend bestritt, mit niemandem verkehrte und daher nicht wußte, daß und warum ihre Afterpartei sich in Acht und Bann befand, und die froh war, einen kräftigen jungen Mann in der Wohnung zu haben, der sie des Nachts vor Einbrechern behütete. Als wilder Gepäcksträger beim Südbahnhof oder indem er gelegentlich Fuhrwerkern aufladen half, erwarb er sich das Allernötigste. Weil aber der Mensch eine Ansprache braucht, hielt sich der Alois Kragel an die beiden Buben, den Borinsky-Karl und den Schuhmeier-Franzl. Der Karl wußte, wie es um den Bombenjongleur stand, wenn er auch die Gründe nicht recht kapierte. Aber das kapierte er schon, daß der Alois eigentlich auf ihn angewiesen war, wenn er mit jemandem reden wollte, und er ließ es ihn fühlen, daß er der Schenkende und der andere der Beschenkte war. Und er traute sich mit dem Alois nur zu reden, wenn es niemand sah. Deshalb erteilte er ihm im Taubenschlag Audienzen. Der kleine Franzl spürte, daß der Alois sich freute, wenn er helfen durfte beim Taubenfüttern und beim Schlagreinigen, und daß er glücklich war, wenn er einmal eine ausgekommene Taube nach langem Suchen heimbringen konnte. Und weil er bemerkte, daß der Karl sich fürchtete, mit dem Bombenjongleur gesehen zu werden, wollte er zeigen, daß er anders sei, und rief den Alois im Hofe vor den Leuten an und erzählte ihm Geschichten. Einmal wurde er dabei von der Marietant erwischt. Sie packte den Buben am Ohrwaschel, zerrte ihn weg und verwies ihn streng: »Daß i dich nimmer mit dem Tagdieben siech, an sowas streift a anständiger Mensch net an. So a Hungerleider is ka G'sellschaft für dich, merk dir's, sonst...« Der Alois Kragel knirschte mit den Zähnen und dann rief er der zürnenden Marietant nach: »Blas dich net so auf, alte Zuaspeistandlerin, weil s' mehr hat, glaubt s', sie is schon mehr als unsereins. Woher hat sie's denn, als von die dummen Proleten? Wart's nur, mir werden schon noch mit euch abrechnen.« Und ging. Abends überfiel die Marietant ihren Herrn Gemahl mit einem langatmigen Bericht von den Sünden des Franzls und wünschte, daß er seine männliche Autorität geltend mache, um dem Buben ein- für allemal den Umgang mit dem Bombenjongleur auszutreiben. Der Borinsky-Onkel schnitt ein Krampusgesicht und donnerte: »Lausbua übereinand, i werd dir helfen ... Rotzbua, dreckiger, wirst es no amal tuan? ... I hau dir eine obi, wennst net glei davonrennst – möchst am End a so a Gallingstrick werden – Himmelfixlaudon, halt's mi z'ruck...« Die Marietant ging befriedigt in die Küche. Kaum war sie draußen, brüllte der Borinsky-Onkel so, daß er blau wurde: »Himmelfixlaudon, wenn i no zehn Jahr a so verheirat sein muß, werd i a Doppelanarchist, verstehst, Bua? ... Aber das verstehst no net. So und jetzt geh i mein Peter wassern und dann mi selber, aber net mit Stangelbrunner.« Frankreich war nach der großen Niederlage Republik geworden. Adel und Bourgeoisie zitterten um Gut und Leben. Das Pariser Proletariat errichtete die Commune. Adel und Bourgeoisie faßten und sammelten sich rasch wieder, holten zum Gegenschlag aus, ersäuften nach einem fürchterlichen Gemetzel die Commune im Blute tausender Schlachtopfer. Die Namen Thiers und Galifet werden als viehische Massenmörder in die Geschichte eingehen. Die mutige, wenn auch fruchtlose Erhebung des Pariser Proletariats verursachte den Beherrschern aller anderen Staaten Europas Unbehagen. Auch ihre getreuen Untertanen könnten eines Tages unbotmäßig werden. Im Herbst 1871 fand in Gastein eine Begegnung des »eisernen Kanzlers« des nun geeinigten Deutschen Reiches, Fürsten Otto von Bismarck mit dem österreichischen Kanzler Grafen Beust statt. Dieser Entrevue folgten weitere Konferenzen der Staatsmänner, in denen Maßnahmen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und zum Schutze der Regierungen und der besitzenden bürgerlichen Klassen beraten wurden. Es wehte in Österreich wieder ein schärferer Wind. Das Proletariat sollte noch mehr gefesselt und geknebelt werden, damit es sich nicht mucksen könne. Und zu dieser Zeit geschah, was sich später zum schweren Schaden der Arbeiterklasse noch mehrmals wiederholen sollte. Noch öfter hatte die geeinte Reaktion dann, wenn sie zu einem entscheidenden Schlage gegen das Proletariat ausholte, um es unschädlich zu machen und damit ihre Vorrechte und Profitinteressen zu konservieren, das Glück, auf einen uneinigen, untereinander hadernden Gegner zu stoßen, den sie leicht schlagen konnte. Man sollte glauben, daß wachsende Unterdrückung die unterdrückten Massen nur noch fester zusammenschweiße, um sich des Angreifers erwehren und selbst zum Angriff übergehen zu können. Es war leider gerade umgekehrt, andernfalls die Welt und die Menschen schon ein gewaltigeres Stück vorwärts gekommen wären. Die Reaktion arbeitete und arbeitet mit vielerlei Mitteln. Ehe sie losschlägt, kauft sie sich für ihr lockendes Geld widerliche Subjekte, die die Massen durcheinanderhetzen, Mißtrauen gegen die Führer säen, zu den tollsten Abenteuern verleiten und die Verführten dann den Schergen ausliefern. So haben die Finsterlinge noch immer gesiegt . Statt eine eherne Mauer gegen die brutalen Klassenfeinde zu bilden, haben sie auch in Österreich und besonders in Wien untereinander zu zanken begonnen und sich dann gespalten. Die Arbeiterpartei, hieß es, sei viel zu zahm, es fehle ihr der revolutionäre Schwung, die Führer wollten gar nicht wirklich kämpfen, sondern nur gut leben und seien Beschwichtigungshofräte und Bremser und man käme so überhaupt nicht vom Fleck. So haben sie über den raschesten und sichersten Weg zum Ziel gestritten und sich verfeindet und ineinander verbissen, bis sie balgend am Wege geblieben und auf den eigentlichen Feind ganz vergessen haben. Die Arbeiter, soweit sie schon an der Arbeiterbewegung Anteil hatten, teilten sich in Gemäßigte und in Radikale. Der Führer der Gemäßigten war Heinrich Oberwinder, der später als Lockspitzel der Polizei entlarvt wurde, der der Radikalen Andreas Scheu. Das Blatt der Gemäßigten war der »Volkswille«, das der Radikalen die »Gleichheit«, die in Wiener-Neustadt, das ja schon immer ein heißer Boden war, erschien. Wenn die Gemäßigten eine Versammlung abhielten, kamen die Radikalen und sprengten sie und umgekehrt. Sie beschimpften, verdächtigten und bespuckten sich gegenseitig und die Staatsgewalt ebenso wie die Besitzenden frohlockten. Den Feind brauchten sie nicht zu fürchten. Der fraß sich selber auf. Sie wurden noch rechtloser, noch unfreier, noch geachteter und geknechteter und immer tiefer sank der Preis ihrer einzigen Ware, ihrer Arbeitskraft. Sechstes Kapitel Ganz unten spürt man immer den Druck am stärksten. Deshalb hat auch der Bombenjongleur die Maßnahmen zum Schutze der Regierungen und der besitzenden bürgerlichen Klassen in Form von hoffnungsloser Arbeitslosigkeit zu spüren bekommen. Das verbitterte ihn immer mehr. Er stieß zu den Radikalen, die ihm noch lange nicht radikal genug waren. Er war für's Zusammenhauen und für's Aufhängen und er verdächtigte den gleich als Zurückschieber und Kapitalistenknecht, der sich's erst noch ein bißchen überlegen wollte. Einmal hat er in der Kärntnerstraße ein Auslagenfenster, hinter dem Schätze von für ihn unvorstellbarer Pracht lagen, mit der bloßen Faust eingeschlagen und dann dem Polizeikommissär gesagt, daß er damit den nur auf einen Ruf wartenden Massen das Signal geben wollte, aufzustehen, ihre Peiniger zu verjagen und Besitz zu ergreifen von den Herrlichkeiten dieser Welt. Da ihn der Polizeiarzt für normal erklärte, haben sie ihm diese Geschichte nicht geglaubt, ihn vielmehr für einen Einbrecher gehalten und zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt. Am 16. September 1871 sagte die Marietant zu ihrem Sohne Karl, als sie im Halbdunkel des werdenden Tages neben dem Wagerl, das der verschlafene Ziegenbock Meckerl zog, naschmarktwärts gingen: »Heut bleibst mir beim Stand, i muß wieder z' Haus, den Franzl in d' Schul führen.« Der Karl hatte nichts dagegen. Es geschah ohnehin selten, daß ihm die Mutter den Betrieb anvertraute. Ein kleiner Schab schaute dabei immer heraus, und die paar Kreuzer konnte der Junge ganz gut brauchen, um in Favoriten drüben beim »Künstler« als zahlender Gast erscheinen zu können und nicht als alle fünf Minuten verjagter Astlochgucker. Nichts auf Erden bewunderte der Borinsky-Karl so sehr wie den großen Mann im rosafarbenen Flinserltrikot, der allabendlich vor einer atemanhaltenden Menge den Riesenluftsprung exekutierte. Sein heißester Wunsch war es, auch so ein bewunderter Künstler zu werden. Freilich mußte er diesen Wunsch, wie schon gesagt, im Busen bewahren, denn die Frau Mutter hätte ihm ein paar heftige Watschen geschmiert und ihm in längerer Rede bedeutet, daß sie ihm früher beide Läufeln abhauen als einen solchen Zigeuner werden lassen würde. Der Karl verbarg wohlweislich seine Freude über den erhofften Schmattes und meinte nebenhin: »Da wird der Herr Lehrer a Freud haben, wann der Franzl kommt, den braucht er eh nix mehr lernen.« Der Franzl ist ein heller Kopf geworden. Er war ein großer Frager. Er begnügte sich nicht damit, zu wissen, daß etwas ist, er wollte gleich dazu wissen, wieso und warum es geworden ist und welchen Zweck es hat. Der Marietant und dem Borinsky-Onkel war die viele Fragerei zuwider. Erstens, weil sie keine Zeit für solche Dummheiten hatten, und zweitens, weil sie die meisten Fragen selbst nicht beantworten konnten. Zu ihrer Zeit hat man in ihren Kreisen wenig Wert auf Wissen gelegt. Ein bisserl lesen, schreiben und rechnen und den kleinen Katechismus auswendig können – mehr war überflüssig, aber auch das hat nicht unbedingt sein müssen. Und um sich keine Blößen vor dem Buben zu geben, haben sie ihn abgebeutelt, wenn er lästig wurde. Und der Karl gab sich auch nicht gern mit solchen Sachen ab. Der bereitete sich mit heiligem Ernst auf seinen Künstlerberuf vor. Auf der Wagenstange übte er den Bauchaufschwung und auf einem Sandhaufen den Lüftler. Nur der Bombenjongleur gab sich zu dem endlosen Frage- und Antwortspiel her und unterwies den Franzl im Zählen, lehrte ihn die großen Buchstaben auf Geschäftsschildern enträtseln und daß Wien die Hauptstadt des Kaisertums Österreichs, die Donau der Hauptfluß sei und wie die zehn Gemeindebezirke hießen. Es fügte sich gut, daß der Franzl just zur selben Zeit zur Schule kam, als sein Hoflehrer im grauen Hause auf Staatskosten Quartier und Verpflegung bekam. Die Marietant würdigte das vorzeitige Wissen des Franzl wenig. Für sie gab es nur ein Wissensgebiet, das wert war, den Kopf anzustrengen, das ihrer Meinung nach voll auf genügte und alles andere weit in den Hintergrund drängte: die Religion. Die Marietant war eine fromme Frau, die es kein Jahr versäumte, nach Mariazell zu pilgern und nach St. Corona, dem Wallfahrtsorte der Damen vom Stande, um geläutert wieder neue Berufssünden auf den Buckel zu laden, die man auf dem Naschmarkte so gerne mit der Waage und der Zunge beging. Aber weil der Franzl vom Bombenjongleur wohl allerlei erfuhr, nur nichts von überirdischen Dingen, über die sich dieser sonderbare Schulmeister manchmal geradezu gotteslästerlich ausließ, was der Bub zu seinem Glück noch nicht verstand, wußte er gerade von den Dingen, die der Marietant als die wichtigsten schienen, rein gar nichts. Und trotz täglichem Gebet und sonntäglichem Kirchgang interessierten ihn die unfaßbaren überirdischen Dinge weniger als die faßbaren irdischen. Die abergläubischen Frauen im Hause sagten über den Franzl: »Der Bua is für sein Alter viel zu g'scheit. Schad um ihn. So g'scheite Kinder werden net alt.« Und so führte die Marietant den Franzl zum erstenmal zur Schule. Es war die Pfarrschule gegenüber der Matzleinsdorfer Kirche. Das Haus Matzleinsdorferstraße 23 war vorne Pfarrhaus, rückwärts Schule. Heute ist es das Haus Nummer 103 der Wiedner Hauptstraße. Das Pfarrhaus steht noch, der Schultrakt wurde vor einigen Jahren abgetragen. Auf Äußerlichkeiten hielt die Marietant nichts, weil sie gar nicht eitel und weil es schad um's Geld war. Über sein Sonntagsgewand trug der Franzl eine blaue Schürze und an den Füßen schlotternde Holzschlapfen, als er an der Hand der Marietant das Schulzimmer betrat. Die Marietant setzte ihn in die letzte Bank, steckte ihm eine Semmel zu und sagte: »So, Bua, daß d' mir schön brav bist und daß i nix hör von dir, sonst kriegen mir a Haararbeit miteinand. Und wann d' Schul aus is, kommst gleich z' Haus. Umeinanderstrawanzen nach der Schul, das leid i net, im Stall hast Arbeit genug. Und d' Hauptsach is, daß d' fleißig beten lernst, daß d' a Mensch wirst, verstanden?« Damit ging sie im Bewußtsein erfüllter Pflicht und ließ den Franzl allein im fremden Haus unter fremden Kindern. Gleich darauf betrat der Herr Lehrer Winkler die 1. Klasse B und nach einer kurzen Ansprache begann der Unterricht. Was den anderen erst mühsam eingepaukt werden mußte, wußte der Franzl schon dank den Bemühungen seines Freundes, des nunmehrigen Sträflings Alois Kragel. Aber er bildete sich darauf gar nichts ein, er war ein bescheidener Bub, der die Hände auf die Bank legte, nicht schwatzte und nicht »ganserlte«, dem geplagten Lehrer überhaupt keine Scherereien machte. Über 90 Kinder wurden in das dreifenstrige niedrige Klassenzimmer hineingestopft, über 90 Menschlein, die jedes ein anderes waren, gesittet und ungebärdig, offen und verstockt, leicht von Begriff und schwerfällig, verzogenes Mutterkind und verwahrlostes Geschöpf der Straße. Dieses Material sollte der Lehrer kneten und walken und lebenstaugliche Menschen daraus machen. Es ist ein hoher und heiliger Beruf, der des Jugendbildners, dem die Zukunft der Menschheit anvertraut ist, und wir schulden ihm Verehrung. Jedoch in den Schulen der damaligen Zeit glaubte auch der beste Lehrer ohne Rohrstaberl nicht auskommen zu können. Die Braven kriegten einen Einser, die Schlimmen Patzen auf den Handteller gepatzt. Und bei dem Kneten und Walken schaute nichts Besonderes heraus, denn da ihrer so viele waren, konnte der Lehrer nur alle, die ganze Masse, kneten und nicht jeden einzelnen. Als der Franzl mit rotem Kopf in das Gärtnerhaus gestürmt kam, weil ihn das Neue – Schulbank, Mitschüler, Lehrer – aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, war die Mami da. Das war für den Buben immer ein hoher Feiertag, wenn sie ihn besuchen kam. Es geschah ohnehin sehr selten, weil die Mami immer noch mehr Arbeit hatte und sich nur alle heiligen Zeiten eine Stunde abstehlen konnte und weil die Marietant es nicht gerne sah, daß der Franzl durch solche Besuche an die Hirschengasse erinnert wurde. Aber das nützte nicht viel. Er sagte doch immer: »Im Gärtnerhaus wohn' i, aber in der Hirschengassen, bei der Mami, hin i z' haus.« Nur wenn die Mami oder der Vater oder eines von den Geschwistern Namenstag hatte, durfte der Karl den Franzl ins Elternhaus führen. Und dann mußte der Karl förmlich Gewalt anwenden, um den Kleinen wieder fortzubringen. Der Vater Schuhmeier kam nie nach Matzleinsdorf hinüber. Er blieb der alte Dickschädel, der gebeten werden wollte, und weil ihm die Frau Schwester sagen ließ, daß er »a alter Jud« werden würde, ehe sie anfinge, konnten sie nicht zusammenkommen. Der Franzl sprang der Mami an den Hals und berichtete ihr, als ob sie's gar nicht gewußt hätte und nicht eigens deswegen gekommen wäre: »Mami, i geh schon in d' Schul und der Herr Lehrer hat g'sagt, i bin a g'scheiter Bua.« Die Mami mußte lachen: »So, hat er das g'sagt, der Herr Lehrer? Und wirst auch immer so bleiben?« »Ja, Mami, i werd viel lernen, und wann i groß bin, werd i viel Geld verdienen und das werd i alles der Mami geben, daß sie sich nimmer so rackern muß.« Und dann fingen alle zwei zu heulen an. Die Mami faßte sich zuerst: »Was willst denn werden, wann du groß bist, Franzi?« »I will a Tramwaykondukteur werden,« verriet der Franzl, »da kann i alle Tag nach Dornbach fahren und die Karten einzwicken und krieg so viel Trinkgeld und dann kauf' i den Vattern auch a Pferderl, daß er Kreuzerl verdienen kann.« Die Mami lachte schon wieder und tätschelte ihren Buben. »Komm, Mami, i zeig' dir den Meckerl«, fiel es ihm plötzlich ein, »und die Tauberln, ja, da wirst schauen.« Und er zog sie in den Stall zum Ziegenbock Meckerl, den er halste und streichelte und dem er Heu gab. Die Mami neckte ihn: »Franzi, du bist ja a Narr in die Viecher.« Der Franzi sagte altklug: »Weil s' so arm san und sich selber net helfen können.« Dann wollte er die Mami nicht weglassen. Sie solle auch dableiben. Sie mußte ihm erst begreiflich machen, daß sich die in der Hirschengasse ohne sie nicht helfen könnten. »Dann geh i halt mit dir, Mami«, beharrte er. »Das geht jetzt noch net, Franzi«, wehrte sie tapfer ab. »Wann wird's denn gehn?« »Bis wieder bessere Zeiten kommen.« »Da muß i g'schwind viel lernen, daß bald bessere Zeiten kommen.« »Wie meinst das, Bub?« »Der Herr Kragel, weißt der, den s' jetzt eing'sperrt haben, weil er auch arm is, hat g'sagt, es wird erst besser, bis die Leut g'scheiter san.« Die Mami begriff zwar diesen Zusammenhang nicht, aber sie wollte den Vorsatz ihres Buben, gescheit zu werden, nicht erschüttern. Als die Mami gegangen war, schlich der Franzl in den Stall und weinte sich beim Meckerl aus. Der Ziegenbock beleckte die Wangen des Buben, als fühlte er mit ihm und als wollte er ihm die Tränen trocknen. Der Franzl war bald in der Schule der Prämiand, wie man damals den Klassenersten nannte, und der Herr Lehrer verlieh ihm die Würde des Klassenaufsehers. In Abwesenheit des Lehrers hatte er darüber zu wachen, daß die Kinder nicht Unfug trieben. Es gelang ihm, die Schar mit seinem Blick im Zaume zu halten. Dieser Blick hatte etwas Beherrschendes. Die wildesten Rangen bändigte dieser Blick und alle in der Klasse, sogar die schnippischen Mädeln, fügten sich. Es war etwas in ihm und an ihm, das ihm Gewalt über die anderen gab. Sie spürten irgendwie, daß der Schuhmeier-Franz stärker war als sie. Der Franzl brauchte niemals einen Missetäter beim Herrn Lehrer zu vertratschen und es war doch immer musterhafte Ordnung in der Klasse, wenn der Lehrer nicht da war. Den Herrn Lehrer fürchteten, den Franzl respektierten sie. Zwischen Schule und schwerer Hausarbeit wuchs der Franzl heran. Seinen einzigen Freund, den Bombenjongleur, hatte er verloren. Nachdem der seine Strafe abgebrummt hatte, kam er nicht mehr ins Gärtnerhaus zurück. Die Frau Bramesberger nahm ihn nicht mehr, weil sie vor dem Abgestraften Angst und wohl auch Verachtung für ihn hatte, und so ist er denen vom Gärtnerhaus aus dem Auge und aus dem Sinn gekommen, worüber sie sehr froh waren. Der Borinsky-Karl war auch schon in der Lehre und kam nur am Sonntag zu Besuch. Die Marietant wurde mit den Jahren immer grantiger. Die Frauen im Hause sagten, das käme vom »Wechsel«. Der Borinsky-Onkel wurde immer ruhebedürftiger, und da er diese Ruhe zu Hause nicht fand, suchte er sie bei den Schnapskarten bei den »Sieben Kurfürsten« auf der Matzleinsdorferstraße. Vor der Schule mußte der Franzl jetzt auch noch den Kaffee für den Borinsky-Onkel kochen, weil der nicht mehr so früh aus den Federn zu bringen war. In diesen Morgenstunden war die Marietant schon längst auf dem Markt, der Borinsky-Onkel allein und daher der Herr im Hause. Das war die einzige Zeit, in der er tun durfte, was er wollte, und er wollte schlafen. Nach der Schule spannte der Franzl den Meckerl ein und holte mit diesem behäbigen Fuhrwerk einmal Stroh vom Naschmarkt, ein andermal wieder Heu gar von der Landstraße, von der Salesianergasse. Wenn er mit dem Meckerl die Matzleinsdorfer- und Wiedner Hauptstraße hinunterfuhr, liefen die Gassenbuben herbei und rissen ihre Witze. »Hö,« riefen sie, »gib acht, daß dir der Vollblutschimmel net durchgeht, sonst schreibt dich der Schurl mit der Blechhauben auf.« Der »Schurl mit der Blechhauben« war der Herr Wachmann. Auf den waren die Wiener Gassenjungen nicht gut zu sprechen, weil er sich oft ungerufen einmengte, wenn die Matzleinsdorferstraßler den Nikolsdorfergaßlern eine Schlacht lieferten, die infolge dieser Einmengung mit unfreiwilligen Umgruppierungen endete. Der Franzl giftete sich nicht, wenn ihn die Strolcherln uzten. Vom Borinsky-Onkel hatte er einen Satz von Goethe erlernt, der in allen Lebenslagen zauberhafte Wirkung tut, den gepreßtesten Herzen Luft macht und dem schlagfertigsten Gegner die Red verschlägt. Worauf die hoffnungsvollen Jünglinge ehrfurchtsvoll den Weg freigaben und sich eingestanden, daß der mit dem meckernden Fuhrwerk kein Feind, sondern würdig wäre, ihr Häuptling zu werden. Aus den Schulbüchern mußte er zu Hause nicht viel lernen. Er hatte, wie seine Lehrer sagten, einen »offenen Kopf«, und was er in der Schule einmal gehört, das merkte er sich. Mit dem Borinsky-Karl waren auch die Tauben verschwunden. Die Marietant fand, daß die »Viecher« zu viel »Schweinerei« machen. Das konnte der Franzl lange nicht verwinden. In unbewachten Augenblicken füllte er auf dem Markte und beim Fouragehändler seine Taschen mit Futter und streute es fremden Tauben. Einmal, am Abend, kam sein Sitznachbar in der Schulbank, der Wimmer-Hansl, daher. Das war ein gefinkelter Mistbub und der begrüßte die Marietant auffallend freundlich. Er sagte: »Küß die Hand« und »gnädige Frau« hin und »gnädige Frau« her, und der Marietant tat das wohl und sie war sehr geschmeichelt, denn am Naschmarkt nannten sich die Damen vom Stand untereinander ganz anders, so etwa, wie man es alle Tage bei den Bezirksgerichten hören kann. Da war das einmal eine wohltuende Abwechslung, wenn man von einem gesitteten Knaben so behandelt wurde, wie sich's gebührt. Aber der Wimmer-Hansl war gar nicht so. Er war zwar aus besserem Hause, denn sein Herr Vater war ein k. k. Staatsbeamter, der bei festlichen Anlässen in einer Uniform mit Goldkragen einherging und einen Degen links hängen hatte, obzwar eigentlich ein Federstiel symbolischer gewesen wäre; denn seine Kämpfe mit den Parteien, die ihn im Amte belästigten, focht er mit dem schnauzbartverzierten Mundwerk aus, das schärfer war als ein Schwert, und der Hansl selber, der sollte nachher ins Gymnasium und auch pensionsberechtigter k. k. Beamter werden. Vorläufig indeß war er noch ein Bengel, der sich am liebsten auf der Gasse herumtrieb und die gottverbotensten Bübereien trieb, und so artig war er auch nicht, wie sich das die geschmeichelte Marietant einbildete. Das war anders. Allabendlich sammelte er oben, am Ende der Blechturmgasse, wo noch der Linienwall stand und sich heute der Wiedner Gürtel zieht, eine Schar gleichalteriger Jünglinge um sich und unter seinem Kommando wurde die Gegend unsicher gemacht. Kleine Mädel an den Zöpfen reißen, ihnen die Schürzenbandel lösen, Buben, die allein daherkamen, ein Füßel stellen, sich an Wagen anhängen, an Greißlerläden vorbeigehen und vom ausgeräumten Obst stibitzen – das war ihre Abendunterhaltung. Davon erzählten sie in der Schule und erzählten noch viel mehr, als wahr war. Und dem Schuhmeier-Franzl, der nie dabei war, machten sie extra lange Zähne. Er hätte sich die Gaude ja gerne einmal angeschaut, aber die Marietant erklärte: »Solche Buam, wie du einer bist, haben auf d' Nacht auf der Gassen nichts zu suchen. Auf der Gassen werden s' eh nur Falotten.« Wenn die Marietant etwas sagte, blieb es dabei. Da gab es nichts mehr zu plaudern und darum blieb für den Franzl der abendliche Matzlelnsdorfer Linagraben samt seinen unausdenkbar herrlichen Vergnüglichkeiten das Land der Sehnsucht. Deswegen neckten ihn die Buben und sie wollten ihn verleiten, einfach abzufahren. Das traute sich der Franzl nicht, denn ihm drohten für den Fall solcher Auflehnung nicht nur Hiebe, sondern Rückversetzung in das Elend der Hirschengasse. Der Vater Schuhmeier war inzwischen ganz Pfeifdrauf geworden, weil ohnehin alles nichts nützte, und schon völlig dem Alkohol verfallen. So arg war es schon, daß sie daheim auch die drei Kleinen nicht mehr futtern konnten. Nur die Nettl war noch da und mußte schon der Mami fleißig helfen. Der Hansl und der Karli waren im Waldviertel bei Kleinbauersleuten in der Kost. Einmal sagte der Franzl zum Wimmer-Hansl: »Weißt was, geh zu der Marietant und tu sie bitten, daß i zu dir kommen därf, helfen, die Aufgab machen, derweil geh i aber mit euch spielen.« Den Wimmer-Hansl reizte diese Aufgabe. Erstens versprach sie eine Mordshetz, und zweitens, was konnte schon ihm, dem Sohne eines k. k, Staatsbeamten mit Degen und Goldkragen passieren? Die Marietant rechnete es sich als eine hohe Ehre an, daß sie von dem Sohne eines k. k. Staatsbeamten und sogar in dessen Namen um etwas gebeten und ihr Schützling, der Franzl, würdig befunden wurde, in ein so vornehmes Haus geladen zu werden. Und deshalb willigte sie ein und berichtete von dieser ehrenvollen Berufung stolz im ganzen Gärtnerhause. Der Franzl war befangen, als er das erstemal inmitten der Buben stand, die sich so fessellos gebärdeten wie junge Jagdhunde, die man nach langer Gefangenschaft im Zwinger auf freies Feld tollen läßt. Die Kameraden mußten ihn erst auslachen und zwicken und puffen, bis er auftaute. Aber er tat nur mit, um für vollwertig genommen zu werden. Was sie da trieben, war ihm zuwider. Warum sekkierten sie die Mädel? Weil sie schwächer sind und sich nicht wehren können? Das ist doch keine Hetz, das ist doch gemein. Daß so ein Mädel etwas anderes ist als so ein Bub, sogar etwas ganz anderes, das hat er schon gespürt. Darüber hat er auch schon nachgedacht, wobei allerdings nicht viel herausgekommen ist, und einen Erwachsenen zu fragen, hätte er sich nicht getraut. Er empfand schon dunkel, daß es da ein großes, ein sehr großes Geheimnis gibt und daß kleine Buben so tun müssen, als ahnten sie nichts davon. Aber während er zu den Buben seines Alters hinunterschaute, schaute er zu den Mädeln auf. Vor Buben fühlte er sich groß, vor Mädeln klein. In ihnen sah er das Bessere, das edler Geformte und edler Geartete und vor allem das Schutzbedürftige und er konnte rot vor Zorn werden, wenn sie sagten: »Das is nur a Madel.« Nachdem sie mit dem ersten Mädel, das ihnen der Zufall in den Weg geführt, verfuhren, wie sie es gewohnt waren, stieg ein feindseliges Gefühl gegen die Kameraden in ihm auf. Als wieder eines näher kam, lief er ihm entgegen und warnte: »Geh net hin, die wollen dir was tun«, was aber nichts nützte, denn sie lief der Bande justament über den Weg. Hätte sich der Franzl in der Schule mehr mit den Mädeln abgegeben und sich nicht vor ihnen scheu abseits gehalten, hätte er schon gewußt, daß sie sich, wenn sie unter sich waren, nicht über die ihnen von den Buben angetane Unbill beschwerten, sondern damit prahlten, ganz so wie die erwachsenen Geschlechtsgenossinnen mit ihren Eroberungen prahlen. Und er erfuhr zu seiner Freude, daß es noch eine Gerechtigkeit gibt in dieser Welt, als ein schlichter Mann in Röhrenstiefeln und mit blauer Schürze den Wimmer-Hansl, der das vergeblich gewarnte Mädel kniff und puffte, herausfing und ihm links und rechts eine schmierte, daß der also Behandelte trotz bewölkten Himmels Sterne funkeln und tanzen sah. Der Wimmer-Hansl hielt sich die brennenden Backen und weniger vor Schmerz als vor Scham wütend gickste er: »Ich laß mich net schlagen, warten S' nur, ich sag's mein Vattern, der is k. k. Staatsbeamter, der wird's Ihnen schon zeigen.« Das schien diesem schlichten Manne aus dem respektlosen Volke nicht im mindesten zu imponieren. Ohne Ehrfurcht vor dem K. K. und vor der Beamtenherrlichkeit zündete er sich befriedigt über die eben vollbrachte Leistung seine Porzellanpfeife an und empfahl sich mit den Worten: »Tagdieb krauperter, wann i dich noch amal erwisch beim Madelsekkieren, hau ich dich in d' Luft, daß d' erst in vierzehn Tag verhungert 'runterkommst. Du g'hörst noch ans Schürzenzipfel von der Muatter und darfst noch lang net wissen, daß 's zweierlei Leut gibt.« Dann war er verschwunden. Und der Wimmer-Hansl mutig. »Hm,« sagte er, die Nase verziehend, »hm, mit so einem ordinären Kerl stellt sich unsereiner nicht her, sonst hätt' ich ihm was gezeigt.« Die anderen Buben, froh, daß ihre Wangen und sonstigen Körperteile unlädiert geblieben waren, taten ebenfalls entrüstet über den Rohling, aber innerlich freuten sie sich kannibalisch, daß dieser eingebildete Tropf auch einmal eine gehörige Lektion abbekommen hatte. So sind die guten Freunderl, aber nicht nur die im Kindesalter, die erwachsenen bis zu den vergreisten nicht minder, sogar noch ärger. Um auf andere Gedanken zu kommen, lugte der Wimmer-Hansl nach neuen Taten aus. Kein Angriffsobjekt kam. Kein zweibeiniges, aber dafür ein vierbeiniges. Ein Hund. Ein schwarzer Pudel, damals eine beliebte, weil gelehrige Rasse. Es war ein schöner und gepflegter Hund und sicher der gehätschelte Liebling seines Frauerls. Er hatte es eilig, wie ein Mensch, der sich zu einem aussichtsreichen Rendezvous begibt. Da war ein Angriffsobjekt. Der Wimmer-Hansl zog blitzschnell eine Zuckerschnur aus der Hosentasche, übergab das eine Ende dem Schneider-Fritzl, behielt das andere selber in der Hand und die beiden spannten die Schnur so niedrig quer über den Weg, daß der wachen Auges von Liebesseligkeiten träumende Hund nicht durch konnte. Davor mußten sich die anderen Helden stellen, um den Pudel das Überspringen unmöglich zu machen. Der dumme Hund wäre in die Falle gegangen. Der Wimmer-Hansl packte ihn am Fell. Aber ehe er dazukam – pitsch-patsch – hatte er schon wieder auf jeder Wange eine picken. Der den zum Watschenmann avancierten Wimmer-Hansl also züchtigte, war der Schuhmeier-Franzl, der zornig vor dem kleinen Rohling stand und zu neuen Hieben ausholte. Der Hansl war so perplex, daß er den Hund ausließ, und dieser Hund schoß mit eingezogenem Schweif wie ein Pfeil davon. Mit der Liebe war's heute nichts mehr wegen dieser dalkerter Buben, die von ihr noch nichts verstanden. Der Wimmer-Hansl war also perplex und wollte aufreiben. Von diesem zugestandenen Kostkind vom Gärtnerhause, der ihm dankbar dafür sein mußte, daß er überhaupt auf die Gasse durfte, sollte er sich das gefallen lassen? Schon holte der Arm des Hansl zum Schlage aus, da sagte ihm der Schuhmeier-Franzl dicht ins Gesicht: »Pfui, schämst dich net, a Viecherl martern?« Er sagte das so fest und bestimmt, daß der Arm des Hansl kraftlos herunterfiel. »Wegen ein Hund willst mich schlagen, mich, dein Freund? Wart nur, ich sag's der Frau Borinsky, daß das ganze mit dem Aufgabenmachen ein Schwindel war, dann därfst nimmer fort. Ich werd dir schon zeigen.« »Sag's, von mir aus sag's,« beharrte der Franzl unbeirrt, »aber ein Feigling bist doch, pfui, ein Feigling.« Wo hatte er das her, der Schuhmeier-Franzl? Den guten Boden von der Mami und den Samen, der darin so prächtig gedieh, den hat der verachtete Alois Kragel hineingepflanzt. Als der Schuhmeier-Franzl bei diesem und vielen anderen Anlässen in die zuchtlose Bubenschar hineindonnerte, wurden sie immer kleinlauter. Sie schämten sich. Erwachsene haben schon so zu ihnen geredet, aber das waren fade Gesellen, die nicht verstanden oder schon vergessen hatten, was ein richtiger Bub braucht, um sich die Zeit zu vertreiben. Denen zeigte man eine lange Nase, man steckte hinterrücks die Zunge heraus, aber von einem Altersgenossen haben sie so etwas noch nie zu hören gekriegt. Deshalb wirkte es. Und deshalb war der Schuhmeier-Franzl von Stund an ihr Capo, ohne daß sie ihn förmlich dazu ernannt oder gewählt hätten. Sie gestanden es sich nicht und keiner gestand es dem anderen ein, aber es stand fest; der Franzl war ihnen allen über. Er war besser als sie alle, er verstand es sie dort zu packen, wo das Gute in ihnen saß, und so zu packen, daß man sich mit Dawiderreden nur blamiert hätte. Der Wimmer-Hansl verzieh die Watschen und dachte nicht mehr ans Vertratschen. Er bat den Franzl weiterhin jeden Abend bei der Marietant aus. Und der ganze Kreis wurde gesittet. Es gab bald in ganz Matzleinsdorf keine so artigen Jungen wie die um den Schuhmeier-Franzl. Sie ließen auch keinen neuen zu, von dem zu befürchten war, daß er sie in Versuchung bringen könnte, und sie nannten sich den Blechturmverein. Obmann war der Franzl. Der neue Blechturmverein ließ die kleinen Menschen und die Tiere in Frieden. Sie saßen auf herbeigeschleppten Steinen um den Franzl herum, der ihnen sonderbare Geschichten erzählte, immer andere, Geschichten, die in keinem Buche standen und auch in keiner Schule gelehrt wurden, Geschichten, die der Franzl selber erdachte und die die Zuhörer so schön und so gescheit fanden, daß sie die Mäuler aufrissen und sich nicht genug wundern konnten, wo der verflixte Kerl das hernahm. Der Blechturmverein hätte noch viel zur Veredelung der Matzleinsdorfer Jugend beigetragen, wäre er nicht eines Abends brutal aufgelöst worden. Nicht von einer verknöcherten Behörde, sondern von der Marietant. Da war nämlich ein Bub darunter, der eifersüchtig war auf das hohe Ansehen, das der Franzl genoß. Und deshalb ist der zu der Marietant geschlichen und hat ihr gesteckt, wie sich das mit dem Aufgabenmachen im vornehmen Heim des Herrn k. k. Staatsbeamten wirklich verhielt. Gerade malte der Franzl seinem andächtig horchenden Publikum die Herrlichkeiten der Menagerie in Schönbrunn aus, die er nie gesehen hatte, als, wie dem Erdboden entstiegen, die Marietant dastand. Der Franzl war eben bei den Affen und das bezog die empfindsame Dame unglücklicherweise auf sich. Sie erwischte den Erzähler beim Rockkragen, zerrte ihn in die Höhe, boxte ihn mit der anderen Hand in den Buckel und schleppte den Überraschten vom Fleck weg dem Gärtnerhause zu. Was sich dort noch alles begab, bleibe lieber diskret verschwiegen. Sogar der ganz unschuldige Borinsky-Onkel bekam noch in der Nacht seinen Teil ab. Traurig hockte der Franzl nun die Abende auf seinem Bette. Und die gewesenen Mitglieder des Blechturmvereins verwilderten wieder. Siebentes Kapitel Wien weitete sich. Die meisten der Baudenkmäler, die jahrzehntelang neben den Wiener Frauen, der Wiener Musik und der einmaligen Umgebung den Weltruf dieser Stadt ausmachten, entstanden anfangs der Siebzigerjahre. »Unter der glorreichen Regierung Franz Josefs I.«, wie es in hundert servilen Marmortafeln eingemeißelt steht, trotzdem der Kaiser nichts anderes dazu getan hatte, als es nicht verhindert zu haben. Es wurde projektiert und gegründet und gebaut, und wer es verstand, konnte über Nacht an der Börse nichtstuend steinreich werden. Nach dem Deutsch-Französischen Kriege gab es wieder Arbeit für viele. Nicht für alle, Vazierende blieben immer noch genug, unter denen der Vater Schuhmeier nach wie vor zu finden war. Die Gründerzeit sollte durch ein gigantisches Werk gekrönt werden, das die Augen der ganzen Welt auf das Kaisertum Österreich und die Kaiserstadt an der Donau zu lenken bestimmt war. Hunderttausende sollten von überall herbeiströmen und staunen und jenes Geld dalassen, das die Gründer und Projektanten und Spekulanten brauchten, um zu bezahlen, was sie ohne Geld, bloß in Anhoffnung eines reichen Fischzuges, begonnen. Die Weltausstellung. Sie bedurfte jahrelanger Vorbereitung. Im Prater wurde 2,500.000 Quadratmeter Grundfläche verbaut, um der Weltausstellung einen würdigen Rahmen zu geben. Ein Industriepalast, eine Maschinenhalle, eine Kunsthalle, ein Kaiserpavillon und noch mehrere hundert Pavillone, Gastwirtschaften und Kaffeehäuser schossen in die Höhe. Sieben Millionen Gulden waren für den Ausstellungsbau veranschlagt, zwanzig Millionen Gulden hat alles in allem wirklich gekostet. Alle Gebäude, die für die Weltausstellung errichtet wurden, sind bald wieder verschwunden, geblieben ist nur der Industriepalast mit seiner Rotunde. Am 1. Mai 1873 wurde die Weltausstellung durch den Kaiser in prunkvoller Weise eröffnet. Sie zeigte, was der Arbeitshände Fleiß, der Forscher und Techniker Geist und der Heimaterde Schoß hervorzubringen vermochte. Aber die Weltausstellung brachte nichts den Gründern und nichts den Wienern. Ein ungewöhnlich kaltes Frühlingswetter hielt den Fremdenstrom fern. Doch nicht nur das. In der Welt draußen war es ruchbar geworden, daß die Wiener ihre Gäste nicht nur freudig empfangen, sondern auch tüchtig wurzen wollten. Eigens wegen der Weltausstellung sind prächtige Hotels errichtet worden und diese und alle sonstigen Vermieter verlangten geradezu irrsinnige Zimmerpreise. Auch die Preise aller Lebensmittel und Bedarfsgegenstände wurden auf Fremdenverkehr hinaufnumeriert. Die Wiener konnten sich dagegen nicht wehren und mußten alles viel teurer bezahlen und weniger essen. Die Fremden aber wehrten sich, indem sie einfach nicht kamen. Den Text gab der Weltausstellung der Börsenkrach, der bald nach ihrer Eröffnung hunderte Gründungen, Banken und Geschäfte wegrasierte, als wären sie nie gewesen. Sie hatten sich überessen und sind aufgeplatzt. Reiche wollten noch reicher, geldbesessene Habenichtse wollten Kapitalisten werden. Einigen, die das Jahr vorher noch neben den Absätzen gehatscht sind, ist es zufällig geglückt, statt Landesgerichtspensionäre Millionäre zu werden, und deshalb entstand eine wilde Jagd nach den Millionen. Das brach zusammen wie ein Kartenhaus und begrub alles unter sich. Lange Krisenjahre folgten dem Krach von 1873. Der alte, gesättigte Reichtum feixte. Er war wieder unter sich. Einer von ihnen, der alte Baron Königswarter witzelte: »Nicht jeder, der eine Million gewinnt, ist deshalb schon ein Millionär.« Als im Jänner 1875 dem Eisenbahngründer Ritter von Ofenheim der Prozeß gemacht wurde, verteidigte er sich mit dem Satze, der das innerste Wesen dieser Ordnung wie ein Blitz beleuchtet: »Mit Sittensprüchlein baut man keine Eisenbahnen.« Am 24. Oktober 1873 fand die feierliche Eröffnung der Hochquellenleitung statt. Damit bekam Wien gutes Trinkwasser. Bei dieser Gelegenheit wurde der Hochstrahlbrunnen auf dem Schwarzenbergplatz in Tätigkeit gesetzt. Am Abend des 2. Dezember desselben Jahres war Wien festlich illuminiert. Es galt dem 25jährigen Regierungsjubiläum Franz Josefs. Ganz Wien war auf den Beinen. Es gab auch viel zu schauen. Auf dem Donaukanal schwammen dekorierte Boote, die bei Einbruch der Dunkelheit bengalisch beleuchtet wurden und Leuchtkugeln ausspieen, was sich auf dem Wasserspiegel nochmals abzeichnete und feenhaft wirkte. Mit der Arbeiterbewegung ging es nicht vorwärts. Hader und Eifersüchteleien entzweiten die führenden Männer und statt gegen den gemeinsamen Feind gingen sie aufeinander los. Das Blatt der Radikalen, die »Gleichheit«, beschimpfte die Gemäßigten und das Organ der Gemäßigten, der »Volkswille«, schmähte die Radikalen. Viele treue Anhänger der Sozialdemokratie zogen sich angeekelt vom Parteileben zurück. Indifferente sagten sich, wie immer, wenn zwei, die dasselbe wollen, sich gegenseitig befetzen, daß beide Lumpen seien, und wurden zur leichten Beute er Reaktion. Der Wiener Börsenkrach verursachte eine schwere Absatz- und Geldkrise, die den Weg auch über andere Länder Europas nahm und bis nach Amerika übergriff. Fabriken und Werkstätten sperrten, hunderttausende Arbeiter waren brotlos. Das radikalisierte die von der Arbeiterbewegung erfaßten und ihr treu gebliebenen Massen. Und das verstärkte wieder den Druck von oben. Wenn sich ein Versammlungsredner unterfing, das Wort »Sozialdemokrat« auszusprechen, erhob sich der Regierungsvertreter, setzte seine Kappe auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Wie arg sie es getrieben haben, mag man daraus erkennen, daß es im Jahre 1872 zwischen Arbeitern, die von einem Sonntagsausflug auf die Kordonwiese zurückkehrten, und der Polizei zu blutigen Zusammenstößen kam, weil ein Arbeiter das unerhörte Verbrechen beging, eine rote Fahne zu entrollen. Die Gemäßigten forderten, da an ein Wahlrecht für die Rechtlosen nicht zu denken war, die Errichtung von Arbeiterkammern mit parlamentarischer Vertretung – auch die Handelskammern der Unternehmer entsendeten ihre Abgeordneten in das Parlament –, was von den Machthabern natürlich schroff abgelehnt wurde. Die Radikalen nannten das Verrat. Sie erhofften sich vom Parlamentarismus keinerlei Rettung aus ihrer unmenschlichen Lage. Sie erhitzten sich für die Propaganda der Tat. Sie anarchistelten. Es gäbe nur ein Mittel, meinten sie, den Klassenfeind in die Knie zu zwingen: ihn in ständiger Furcht zu erhalten. Regierende, höhere Polizeiorgane und Großkapitalisten abzuknallen, die letzteren auch auszuplündern, um mit der Beute Arme zu beteilen und den Kampffonds des Proletariats zu stärken – so primitiv stellten sie sich die Überwindung dieser Gesellschaftsordnung vor. Da hatten die von der Polizei in die Reihen der Radikalen geschmuggelten Lockspitzel leichte Arbeit. Es fehlte nicht an Versuchen, die Entzweiten zu einigen, Dr. Hyppolit Tauschinsky war wieder auf den Plan getreten. Er berief einen Einigungskongreß nach Baden bei Wien ein, der verboten wurde. Auch Oberwinder, dem man nicht mehr recht traute, war gegen diesen Kongreß. Der Kongreß fand dann in Neudörfl in Ungarn statt, wo man damals die Gesetze etwas liberaler handhabte, weil Ungarn selbst noch von keiner »sozialistischen Gefahr« bedroht war. Es wurde beschlossen, die Zentrale der Gemäßigten nach Graz zu verlegen. Doch auch dieser Kongreß und ein Delegiertentag in Marchegg im Jahre 1875 brachten die so bitter notwendige Einigung nicht zustande. Der Marchegger Delegiertentag wurde übrigens von dem Konzipisten der Staatspolizei, dem späteren Polizeirat Bernhard Frankl, ausgehoben. Dieser karrierebeflissene Polizeibüttel hat späterhin der Arbeiterbewegung noch viel zu schaffen gemacht und viele ihrer Besten dem berüchtigten Holzinger, dem Vorsitzenden des politischen Strafsenates ausgeliefert. Diese beiden erbarmungslosen Verfolger der Arbeiterbewegung und ihrer Funktionäre, Frankl und Holzinger, wurden, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan, kaltgestellt und endeten durch Selbstmord. Es wurde mancherlei versucht, um zu verhindern, daß die Tätigkeit der Arbeiterorganisationen und ihrer Presse gänzlich unterbunden werde. Es spannen sich Fäden zu den bürgerlichen Demokraten und es wurde sogar an eine Fusion mit ihnen gedacht. Auf diese Weise hoffte man das allgemeine und gleiche Wahlrecht und sozialpolitische Reformen zu erreichen. Die eifrigsten Befürworter der Fusion auf Seite der Demokraten waren Dr. Schrank, Dr. Kronawetter und – Dr. Karl Lueger, der nachmalige erzreaktionäre christlichsoziale Parteichef, der damals Sozialdemokraten, die unter Anklage des Hochverrats standen, als Rechtsanwalt verteidigte. Im Borinskyschen Stall war es dunkel und duftete nicht nach Veilchen, draußen aber lachte die liebe Frühlingssonne und blühte schon der alte Nußbaum. Es war nach Ostern. Trotzdem ließ sich der Franzl nicht draußen von der lieben Frühlingssonne bescheinen, was nach langer Winteröde den Gliedern doppelt wohl tut, sondern er lag drinnen im Stall auf einem Bündel Stroh. Und er war blaß und traurig. An der Stelle, an der das Strohbündel lag, war immer sein guter Freund, der Ziegenbock Meckerl wiederkauend gestanden. Jetzt stand er nicht mehr dort. Er stand überhaupt nirgends mehr. Seine sterblichen Überreste schickten sich an, ins Schwarze Meer zu schwimmen. Der Meckerl war alt geworden, die Augen trüb und die Beine steif, und er taugte nicht mehr zum Lastenziehen. Unnütze Fresser duldete die Marietant nicht. Ein ausgetretenes Hufeisen wirft man ins alte Eisen, ein ausgewerkeltes Haustier sticht man ab. Dieser Vergleich ging dem Franzl nicht ein. Das Hufeisen ist eine tote Sache, der Meckerl aber ein Lebewesen, das so gerne da ist, wie alles, was atmet, das um seiner selbst willen erschaffen wurde und nicht dazu, daß es der Marietant ihr Wagerl ziehe und, wenn es abgenützt ist, zum Lohn für seine treuen Dienste gewalttätig umgebracht werde. Die Marietant blieb solchen Einwänden gegenüber unzugänglich. Sie hieß den Franzl einen weltfremden Sterngucker. Das hatte sie irgendwo aufgefangen. Sie sah das alles anders. Sogar der tote Meckerl mußte noch was eintragen. Er wurde zum Osterbraten. Der Borinsky-Onkel fand ihn zwar zähe wie eine zehnmal gedoppelte Stiefelsohle, aber er würgte seinen Teil von dem alten Ziegenbock in anerzogener Disziplin hinunter. Der Franzl hätte dieses Festtagsgericht um nichts m der Welt angerührt. Lieber hätte er sich totschlagen lassen. Schon der bloße Geruch des auf dem Herde prasselnden Fleisches, das er lebend gekannt und so gern gehabt, machte ihm das Herz schwer. Am österlichen Mittagstisch fehlte er. Er lag im Stall und weinte. Die Marietant schimpfte wie ein Rohrspatz auf den Buben, der bei einem Nachtgeschirr mit goldenem Monogramm aufgezogen worden sei und der es, wie sie prophezeite, noch viel billiger geben werde. Drei Tage hat der Bub nichts gegessen und noch länger hat er seinem vierbeinigen Gefährten nachgetrauert und es seiner Mörderin nachgetragen. Seither bestand ein gespanntes Verhältnis zwischen dem Franzl und seiner Ziehmutter. Der Franzl hörte seinen Namen rufen. Unwillig begab er sich in den Hof. »Franzl, spinnst schon wieder?« So empfing ihn die Marietant. »Ich rat dir,« setzte sie fort, »laß das Trotzen sein, das vertrag ich net, geh in die Einfahrt, dort steht der Herr Kooperator und küß ihm schön die Hand!« Im Hausflur stand der Herr Kooperator von der Matzleinsdorfer Pfarrkirche. Er war bei der Frau Bramesberger gewesen, um sich um das Befinden des achtzigjährigen Weibleins zu kümmern. Der Herr Kooperator strich dem Buben gütig durch das Haar. Dann setzte er sein Gespräch mit der Frau Reitmaier, einer der Nachbarinnen der alten Bramesberger, fort. Der Franzl hörte zu. »Gesundes Blut, diese Frau Bramesberger,« sagte er, »die kann noch lange unter uns bleiben.« »Mein Gott, Hochwürden,« entgegnete die Frau Reitmaier, »was kann man denn wissen, bei so ein Alter!« »Unser Herrgott hat eben die Frau Bramesberger gern, darum schenkt er ihr ein langes Leben.« Die Frau Reitmaier empfahl sich, und als der Priester sich zum Gehen wendete, kam ihm die junge Frau Riegler in die Quere, die ebenfalls im Gärtnerhause wohnte. Sie war in tiefer Trauer. Der Herr Kooperator redete sie freundlich an: »Noch immer untröstlich, Frau Riegler? Jetzt könnten Sie sich schon in das Unabänderliche gefügt haben. Ihr Gatte ist gut aufgehoben. Bedenken Sie doch, was der Arme gelitten hat!« Die Frau Riegler begann zu schluchzen: »Dank vielmals Hochwürden für die Teilnahme, aber is das net schrecklich, so jung war er noch, der Ferdinand, erst zweiunddreißig Jahr, und hat schon sterben müssen.« Wie ein Vater redete der Priester der Verzweifelten zu: »Liebe Frau Riegler, es muß sie der Gedanke trösten, daß unser Herrgott Ihren Gatten so gern gehabt hat, daß er ihn frühzeitig zu sich nahm.« Der Franzl hatte beides gehört, warum die Frau Bramesberger so alt werden durfte und der Herr Riegler so jung sterben mußte. Alle waren schon fort, nur der Bub rührte sich noch immer nicht vom Fleck. Wie war das? Wen...? Das ist dem Franzl nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Im April 1876 haben sie die Organisation der Radikalen, den Verein »Volksstimme«, aufgelöst, der unter der Leitung Andreas Scheus stand, weil »die im Verein 'Volksstimme' vertretene Arbeiterpartei die statutarisch bestimmten Grenzen ihrer Tätigkeit überschritten hat und wegen Verfolgung jener sozialdemokratischen Tendenzen, welche bereits wiederholt als staatsgefährlich bezeichnet wurden, den Bedingungen seines rechtlichen Bestandes als Verein nicht mehr entspricht«. Die Besitzenden und die Bevorrechteten haben sich gestört und belästigt gefühlt und die Behörden haben ihnen Ruhe und gute Verdauung verschafft. Serbien und die Türkei hatten wieder einmal miteinander gerauft. Österreich blieb neutral. Aber kaum war zwischen beiden Streitteilen ein Waffenstillstand abgeschlossen, als sich Rußland dreinmischte und ein Ultimatum stellte. Und dann kam es zum Krieg zwischen den Russen und der Türkei. Die Türkei hieß damals in der Diplomatensprache »der kranke Mann« und die Erbschleicher ringsum wollten sich jeder rasch einen Fetzen Landes holen, ehe der kranke Mann starb. Rußland rückte in die europäische Türkei ein, Plewna fiel, und der Friedensschluß von San Stefano, am 3. März 1878, war nur ein provisorischer. Rußland durfte seine Beute nicht ohne weiteres einstecken, das ließ die Eifersucht und Habgier der anderen Mächte nicht zu. Der Franzl blieb durch alle sechs Klassen der Vorzugsschüler. Das Schuljahr 1876/77 ging seinem Ende zu. Der Oberlehrer Walter ließ den Franzl zu sich in die Kanzlei kommen. »Schuhmeier,« redete er den aufgeschossenen Dreizehnjährigen an, »setz dich daher und paß auf, was ich dir sag.« Der Franzl wurde blaß. Wenn der Herr Oberlehrer so feierlich kommt, ist das verdächtig. Was kann's nur sein? Der Oberlehrer Walter putzte umständlich seine Brille mit einem Lederfleck, setzte sie wieder auf und begann: »Du bist ein gescheiter Bub, Schuhmeier, um dich wär schade, wenn du ein Handwerker werden müßtest. Jünglinge mit deinen Fähigkeiten sollen nicht in das Proletariat hinabsinken. Solche Fähigkeiten dürfen der Menschheit nicht verlorengehen. Ich habe also mit dem Herrn Pfarrer über dich gesprochen, Schuhmeier. Wir sind übereingekommen, daß du Geistlicher werden sollst. Du kommst in das Priesterseminar, und weil du das Kind armer Leute bist, bekommst du einen Freiplatz.« Hier machte der Herr Oberlehrer eine Pause, um die Wirkung seiner Mitteilung zu prüfen. Der Franzl – zuerst war er froh, daß es keinen Rüffel gab. Dann war er stolz, daß ihn der Herr Oberlehrer so lobte, und dann war er verzagt, denn an alles hätte er eher gedacht, als ein Geistlicher zu werden. Einmal hat er ja Tramwaykondukteur werden wollen, aber das war längst wieder vorüber und viel hat er sich über seine Zukunft noch nicht den Kopf zerbrochen und die im Gärtnerhause auch nicht. Noch weniger die in der Hirschengasse, die hatten andere Sorgen. »Na was sagst du dazu, Schuhmeier?« forschte der Herr Oberlehrer, »ein geistlicher Herr, der ist was, der gilt was, der genießt Ansehen, hat Macht über die Menschen und so einer wie du kann es weit bringen, Bischof kann er werden, wenn er halbwegs Glück hat.« Dem Franzl wurde es schwummerlich. Alles konnte er sich vorstellen, nur nicht, daß er einmal in der Soutane würdevoll einhergehen und frühen Tod und langes Leben auf die gleichen Ursachen zurückzuführen verpflichtet sein würde. Es widersprach seiner Wesensart, etwas zu behaupten, was er nicht zu beweisen imstande war. Die Klerisei war ihm eigentlich bloß erst in Gestalt des Herrn Katecheten seiner Schule nähergekommen und den hatte er, so wie übrigens alle Schüler der Matzleinsdorfer Schule, riesig gern. Das war ein wohlgenährter, rotbackiger Herr mit lustigen Äuglein, der den Kindern das Wissen um die Dinge des Glaubens so gemütlich und spielerisch beizubringen wußte, daß die Religionsstunde immer eine höchst angenehme Abwechslung im Unterrichtsbetriebe war. In Matzleinsdorf hieß er der »Zuckerlkatechet«. Die Taschen seines Überrockes waren immer mit Kaffeebohnen aus Schokolade gefüllt, und wer im Religionsunterricht eine Frage gut beantworten konnte oder welches Kind auf der Straße ihm die Hand küßte, dem steckte er ein Zuckerl in den Mund und gab ihm noch einen wohlgemeinten Backenstreich drauf, damit es besser schmecke. Die genäschigen Kinder paßten den Zuckerlkatecheten immer ab und nicht selten drängte sich einer oder eine zehnmal zum Handkuß, gewiß auch der süßen Lutscherei wegen, aber ebenso, weil sie alle in diesen gütigen, kinderliebenden Mann Gottes, der im Hauptamte Seelsorger im Wiener Landesgericht gewesen ist, auf ihre Weise vernarrt waren. Der Herr Oberlehrer drängte zur Entscheidung. »Ich weiß nicht, Herr Oberlehrer, ich muß erst zu Hause fragen.« »Gut«, sagte dieser, »besprich das zu Hause, am besten ist, du schickst mir deine Tante her, damit wir uns ausreden können, ich lasse sie bitten, herzukommen.« Der Franzl stolperte gedankenvoll heimwärts. Mittenwegs wurde er angerufen. »He, hallo, Sterngucker!« Er drehte sich um. Der Zuckerlkatechet war es. Der steckte dem Franzl zwei Zuckerln auf einmal in den fischartig geöffneten Mund. »Wovon träumen wir denn wieder he, vom vorjährigen Schnee?« frug der hochwürdige Herr lachend. »Ich bitte,« antwortete der Franzl, »ich bitte, Hochwürden, der Herr Oberlehrer hat gesagt, ich soll auf Geistlich studieren.« »So, so, hat er das gesagt, der Herr und was sagt der Sterngucker dazu?« »Ich bitte, ich weiß noch nicht.« »Dann laß es bleiben. Ein Bub wie du, der gehört in die Welt, an der ist auch noch viel zu richten, verstanden? Servus!« »Marietant,« berichtete der Bub zu Hause, »Sie sollen morgen zum Herrn Oberlehrer kommen, er laßt Sie vielmals bitten.« »I soll zum Herrn Oberlehrer? Was hast denn wieder angestellt, Bua? Gesteh's lieber gleich, dann geht's vielleicht glimpflicher aus für dich und dann weiß i wenigstens, was i in der Schul reden soll.« »Der Herr Oberlehrer will, ich soll auf Geistlich studieren.« »Wirklich, hat er das g'sagt?« rief die Marietant, hochrot vor Freude, »wirklich, das hat er g' sagt, und du Bua, wirst ein hochwürdiger Herr?« »Frau Schestak, Frau Schestak«, schrie sie dann in den rückwärtigen Hofteil, wo eben besagte Frau Schestak frisch gewaschene Wäsche über eine Leine zum Trocknen breitete. »Wer is g'storben?« schrie die schwerhörige Frau Schestak zurück. »Denken S' Ihnen, unser Franzl studiert auf Geistlich. Hab i's net immer g'sagt, daß aus dem Buam noch was wird? Wann i wem unter meine Hand nimm...« In der Nacht wälzte sich der Franzl in seinem Bette herum und stöhnte. Der Borinsky-Onkel, der gerade – eine Stunde nach Mitternacht war es – hereingewackelt kam, weckte seine bessere Hälfte auf. »Hörst, Marie – hupp – schlaf net wia a Tote – hupp – wach auf – hupp – der Franzl hat mir scheint a Fieber.« Die Marietant zürnte, daß man sie so brutal aus süßem Schlummer riß. »Was is – wer hat a Fieber? Der Franzl hat a Fieber? Mir scheint, du hast eins im Hirn, du alter Badschwamm, a Geistlicher wird er, unser Franzl, und jetzt träumt er von alle Heiligen.« Der Borinsky-Onkel war plötzlich nüchtern: »A Geistlicher wird er – der Franzl? Der Franzl? Der wird so a Geistlicher wie i a Wassertrinker. Mir scheint, Alte, heut hast du an Rausch.« Dann war Friede im Hause Borinsky. Die Marietant ging mit dem Franzl zur Schule. Der Herr Oberlehrer Walter empfing die Frau und ihren Neffen aufs freundlichste: »Also, liebe Frau Borinsky,« begann er, »Sie werden ja schon wissen, worum es sich handelt. Ist ein braver, kluger Bub, Ihr Neffe, wir haben ihn alle recht lieb und wollen aus ihm einen Priester machen.« »Jessas, Herr Oberlehrer,« unterbrach die aufgeregte Frau, »i bin ja so stolz, i bin ja so froh, wie soll i Ihnen danken? Wir sind eine streng christliche Familie und da ist's uns a hohe Ehre. – Na, daß unser Franzl Geistlich wird, i kann's noch immer net glauben.« Der Franzl, um den es eigentlich ging, war bisher stumm dagestanden. Auf einmal gab er sich einen Ruck, stellte sich vor die Erwachsenen hin und erklärte mit einer erstaunlichen Festigkeit: »Ich bitte, Herr Oberlehrer, ich will nicht auf Geistlich studieren.« Den zwei Erwachsenen verschlug es die Rede. Der Herr Oberlehrer faßte sich zuerst wieder: »Warum willst du nicht, mein Kind?« »Ich bitte, Herr Oberlehrer, ich kann es nicht sagen, warum ich nicht will, aber ich will nicht.« »Was sagt er? Was erlaubt sich der Bua?« keuchte die Marietant, »sein Wohltäter erlaubt er sich zu widerreden? A hochwürdiger Herr kann er werden und schlagt's aus? Entweder du wirst Geistlich oder du wirst a Schuster. Mir bleibt der Verstand stehen.« Und rang nach Luft. »Beruhigen Sie sich, liebe Frau,« beschwichtigte der Herr Oberlehrer, »der Bub versteht doch noch gar nicht, um welch wichtige Entscheidung für sein ganzes Leben es sich handelt.« »Bitte, Herr Oberlehrer, ich verstehe es schon, aber ich will nicht.« »Also was denn möchtest du eigentlich werden, Schuhmeier, hast du schon einen Plan?« »Bitte, Herr Oberlehrer, ich habe schon nachgedacht, ich möchte auch Lehrer werden.« »Nicht übel, Junge, vielleicht taugst du wirklich zum Lehramt besser. Vielleicht läßt sich auch das machen.« Die Marietant fuhr wieder in die Höhe: »Hat die Welt schon so was g'sehn? Ein geistlichen Herrn könnten mir in unser Familie kriegn und wir hätten ein Fürbitter und der Lausbua will net? Legen S' ihm übers Knie, Herr Oberlehrer!« »Das werde ich nicht tun«, gab dieser zurück. »Wen es nicht selber drängt, Priester zu werden, der soll die Hand davon lassen. Offen gestanden, ich hätte auch einer werden sollen und bin's nicht geworden, trotzdem ich meiner gottseligen Mutter dadurch viel Schmerz bereitet habe.« »Dein Glück, daß du net mir g'hörst, sonst wüßt i, was i z' tun hätt«, schimpfte die Marietant, indem sie den Franzl am Rockärmel fortzerrte. Er kriegte an dem Tag weder zu Mittag noch abends zu essen und mußte im Stalle übernachten. Der Borinsky-Onkel, als er zwei Stunden nach Mitternacht angetorkelt kam, schluckte: »Heut is sie ganz schief – hupp – ganz schief g'wickelt – hupp – heut geh i ihr – hupp – lieber aus dem Weg«, und legte sich in den Stall neben dem Franzl schnarchen. Die Marietant schämte sich vor dem ganzen Hause, daß sogar sie einmal ihren Willen nicht hat durchsetzen können, und es kränkte sie, daß sie wegen der Starrköpfigkeit dieses Buben nicht mit einem hochwürdigen Neffen Staat machen konnte. Dem Herrn Oberlehrer Walter ließ es keine Ruhe. Er besprach sich mit Franzls Klassenlehrer Blaschke und der sprach am nächsten Sonntag bei der Familie Borinsky vor, die gerade um den Mittagstisch saß. »Der Franzl«, begann er, »will Lehrer werden. Ist zwar ein aufreibender Beruf, zu dem viel Liebe und Selbstverleugnung gehört, aber dafür elend entlohnt wird, aber wenn er das Zeug dazu in sich fühlt, soll er. Der Herr Oberlehrer hat durch den Herrn Schulinspektor erwirkt, daß der Bub im Lehrerseminar in St. Pölten einen Halbfreiplatz bekommt, sofern er die Aufnahmsprüfungen besteht, was mir nicht zweifelhaft scheint. Das halbe Schulgeld muß allerdings bezahlt werden und die vorgeschriebene Ausstattung an Kleidern und Wäsche muß er mitbringen.« Der Borinsky-Onkel, der eben einen Knochen von dem gebackenen Schweinernen abnagte, das dem Sonntag zu Ehren serviert worden war, redete aus vollem Munde: »Sehn S' Herr Lehrer, das i a G'schäft für 'n Franzl. Mit 'n spanischen Röhrl kann er eh schon gut umgehen, und die schlimmen Buam trischacken, das hat er schon von seiner Frau Tant g'lernt.« Ein strafender Blick der Marietant machte ihn verstummen und sich ducken. »Von mir aus,« sprach die in tiefster Seele Gekränkte, »von mir aus soll er werden, was er will. Von mir aus ein Rastelbinder.« »Das ist vernünftig«, mengte sich wieder der Herr Lehrer Blaschke ein. »Jeder Mensch muß selber wissen, wozu er Lust hat und taugt. Die unglücklichsten Menschen sind die mit einem aufgezwungenen Beruf. Gewiß ist der Lehrerberuf der heikelste. Der Schuster verarbeitet Leder, der Tischler Holz, der Lehrer aber Menschen.« »I hab schon g'sagt,« so die Marietant, »i misch mich nimmer drein.« »Schön, gnädige Frau,« kam wieder der Herr Lehrer zu Wort, »aber es handelt sich zunächst um das halbe Schulgeld und um die Ausstattung.« »Was geht das mich an, was sagen S' das mir? I bin, Gott sei Dank, net seine Mutter, i bin ja nur die Tant, die nix zu reden hat.« »Also was das anbelangt," wagte sich der Borinsky-Onkel zu äußern, »das werden wir noch z'sammbringen, uns hat ja der Esel auch net im Galopp verloren.« »Untersteh dich«, so fuhr sie auf ihn los. Er unterstand sich nicht. Er spuckte, was er eben im Munde hatte, auf den Teller und ging in den Stall zum Peter. »Mit dem Roß kann man wenigstens ein g'scheites Wort reden«, brummte er unterwegs. Dem Herrn Lehrer Blaschke wurde es unbehaglich. Er rutschte noch eine Weile auf dem Stuhl hin und her, endlich erhob er sich und sagte noch: »Überlegen Sie sich's halt noch, gnädige Frau, aber überlegen Sie sich's gut, vielleicht, wenn es damit auch nichts werden sollte, könnte er etwas beginnen, wo er sein Zeichentalent verwerten kann.« Und dann machte er sich davon. Die frische Luft draußen tat gut. Der Franzl mochte noch so viel bitten, die Marietant blieb hart. »Studier auf Geistlich,« beharrte sie, »dann ja, für alles andere nicht ein luckerten Kreuzer.« Er schlich in die Hirschengasse zu der Mami. Die Mami konnte nur mitfühlen, mehr konnte sie nicht tun. Vater Schuhmeier gefiel der Hausfrau schon lange nicht mehr und sie ließ ihn das spüren. Und der Vater Schuhmeier war auch nicht höflich. So standen sie auf dem Sprung, auch noch den Hausmeisterposten zu verlieren. Die Mami konnte nicht helfen. Sie konnte nicht einmal sich selber helfen. Sie konnte ihren Buben nur trösten: »Nur nicht verzagen, Franzl, unser Herrgott verlaßt uns nicht. Aus dir wird einmal was, das laß ich mir nicht nehmen, und richt der Marietant einen schönen Gruß von mir aus und sei artig zu ihr und sei brav!« Getröstet ging der Franzl nach Matzleinsdorf hinüber. Um eine Hoffnung ärmer, um neue Hoffnungen reicher. Es blieb ein gespanntes Verhältnis zwischen der Marietant und ihm. Und noch zwei Jahre mußte er die sechste Volksschulklasse wiederholen, weil es eine höhere Klasse an der Matzleinsdorfer Schule nicht gab. Achtes Kapitel Im Juni 1878 tagten die Mächte zu Berlin. England beantragte, Österreich-Ungarn das Mandat zur Okkupation Bosniens und der Herzegowina zu übertragen. Zuerst wurde von den österreichischen Truppen die Donauinsel Adakaleh besetzt. Am 29. Juli rückten die Österreicher unter dem Oberbefehl des Freiherrn von Philippoviè in Bosnien, am 31. Juli unter General Jovanovic in der Herzegowina ein. Man hatte sich diesen Einmarsch recht einfach vorgestellt. Voran eine Militärmusikbanda, dahinter eichenlaubgeschmückte Soldaten und hierauf eine fidele Verbrüderung zwischen unseren Kriegern und den dortigen Muselmanen, und eine noch innigere zwischen unseren feschen Vaterlandsverteidigern und den glutäugigen Bosniakinnen. Aber Hadschi-Loja, ein fanatischer Derwisch aus Sarajevo, sammelte tausende verwegene Insurgenten um sich, die alle Höhen und Pässe des Landes besetzten und aus sicheren Verstecken auf die Eindringlinge pfefferten. Bei Dolna-Tuzla und Doboj kamen die Österreicher in ein arges Gedränge und mußten sich zurückziehen. Doch die Österreicher waren in der Überzahl und besser bewaffnet und am 20. August 1878 konnte dem Kaiser die vollzogene Besetzung Bosniens und der Herzegowina und die Gefangennahme Hadschi-Lojas gemeldet werden. Am 17. und 19. September rückten die »Sieger« in der festlich geschmückten Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ein und wurden von den Wienern mit Jubel empfangen und von den Wienerinnen mit Blumen beworfen. So war dem Kaiser von Österreich und König von Ungarn wieder ein neues schönes Land untertan. Aber 1918 ist die Monarchie daran gestorben. Die Deutschen in Österreich haben das bosnische Unternehmen von Anfang an mit scheelen Augen betrachtet. Es war schon jetzt schwierig genug, die Vorherrschaft der Deutschen über die nichtdeutsche Mehrheit aufrechtzuerhalten. Durch die Okkupation Bosniens bekamen die Slawen Zuwachs. Ein Teil der deutschen Presse war von Anbeginn gegen den Einmarsch und die Okkupation. Im Kronrate sagte der Kaiser unmutig und voll Verachtung für die Presse, die er gut gekannt haben muß: »Es wäre gut, die Zeitungen in ein besseres Fahrwasser zu bringen, was allerdings nur eine Geldfrage ist.« Es wurde beschlossen, eine Summe von 100.000 bis 150.000 Gulden zum Kauf von Blättern zu verwenden, »welchen Vorgang als den zweckentsprechendsten Seine Majestät zu genehmigen geruhte«. In Deutschland machte die Arbeiterbewegung Fortschritte. In Deutschland waren auch schon die Arbeiter wahlberechtigt. Bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag im Jahre 1877 erhielten die Sozialdemokraten zehn Prozent aller abgegebenen Stimmen. Bismarck unternahm es, der »roten Flut« einen Damm zu setzen. Er hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, die »vaterlandslosen Gesellen« auszurotten. Das Lied von den »vaterlandslosen Gesellen« zwitscherten die reaktionären Vögel in allen Ländern jahrzehntelang nach und wurde von denen am lautesten gesungen, deren Vaterland dort ist, wo es Profit gibt. Bismarck bekam bald einen Vorwand zu schneidigem Vorgehen. Am 11. Mai 1878 versuchte der Klempner Hödel ein Attentat auf den deutschen Kaiser, das mißlang. Am 2. Juni unternahm ein Dr. Nobiling denselben Versuch. Nun setzte eine Sozialistenverfolgung ein, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Der Reichstag, weil er ein von Bismarck eingebrachtes Sozialistengesetz abgelehnt hatte, wurde aufgelöst. Der am 21. Oktober 1878 neu gewählte Reichstag schluckte das Sozialistengesetz. Aus Berlin wurde alles ausgewiesen, was als sozialistisch verdächtig war, darunter Johann Most. Alle sozialdemokratischen Zeitungen wurden verboten, alle Organisationen aufgelöst. In allen größeren Städten herrschte der Belagerungszustand. Die sozialdemokratische Partei war genötigt, ihre Kongresse im Ausland abzuhalten, ihre publizistischen Organe teils in der Schweiz, teils in London drucken zu lassen und in Bambusrohren ins deutsche Vaterland zu schmuggeln. In Österreich wollte man das nachmachen. Man verbot und löste auf, stellte und sperrte ein, der Arbeiterführer Emil Kaller-Reinthal wurde aus Wien abgeschafft. Der Arbeiterschaft bemächtigte sich wieder Verzweiflung. Wer ihr zuredete, sich zu sammeln und einen günstigen Zeitpunkt zum Losschlagen abzuwarten, war ein Judas, wer sie zu Verzweiflungsausbrüchen haranguierte, war ein Heiland. Johann Most, der sich nach seiner Ausweisung in London festgesetzt hatte, riet zur Gründung von Klubs und zur Anwendung der »Wunderwerke der Chemie«, worunter er Bomben und Sprengstoffe verstand. Die Mehrheit der klassenbewußten Arbeiterschaft verfiel dem Anarchismus. Ihr Organ war die von Johann Most in London hergestellte »Freiheit«. Der Bruderkampf nahm immer schrecklichere Formen an. Im August 1879 wurde das deutsche Bürgerministerium gestürzt. An dessen Stelle trat die Regierung des Grafen Taaffe, das die Völkerversöhnung und die Heranziehung aller Nationen zur Mitarbeit am Staate in seinem Programm hatte. Die Regierung Taaffe versuchte die Völker dieses unmöglichen Staates, beziehungsweise die Bevorrechteten innerhalb jeder Nation untereinander zu versöhnen, indem auch er ihnen in den »vaterlandslosen Gesellen« einen gemeinsamen Feind präsentierte, den sie gemeinsam schlagen müßten, wenn sie von ihm nicht gemeinsam aufgefressen werden wollten. Er appellierte an die Besitzinstinkte und ein solcher Appell ist immer wirksam. Und das Proletariat war rechtloser, gehetzter, ausgebeuteter denn je. Und zugleich hoffnungslos gespalten. Der Wimmer-Hansl kam wieder den Schuhmeier-Franzl besuchen. Fast jeden Tag. »Sind wir wieder gut. Ihr habt einen so großen Hof, da kann man allerhand spielen«, sagte er. Er brachte Kugeln zum »Anmäuerln« mit und wußte auch sonst manche Kurzweil. Aber der Franzl kam bald dahinter, daß diese Besuche gar nicht ihm galten, sondern er nur der Vorwand war, dessen sich der gehaute Wimmer-Hansl bediente, der auch sonst um Dinge wußte, die solche Buben noch lange nicht wissen sollten. Freilich, der Hansl war schon Gymnasiast und das berechtigte nicht nur, sondern verpflichtete sogar zur Betonung einer linkischen und komisch wirkenden Männlichkeit und einer ins Aschgraue gehenden Frechheit. Er rauchte sogar schon Zigaretten. Im Klosett und in Gegenden, wo ihn niemand kannte. Im Gärtnerhause war die Frau Schromm die Hausbesorgerin. Und diese besaß ein Töchterlein. Mia hieß sie und nicht etwa Marie oder Mizzi, weil diese Namen zu alltäglich sind. Sie besuchte auch die sechste Klasse, ließ zwei blonde Zöpfe an ihrem Rücken baumeln, tat, wie alle diese Kücken, damenhaft und guckte aus Augen in die schöne Welt, die der poetische Gymnasiast »tief wie das blaue Meer« nannte, obzwar er noch nie ein Meer gesehen hatte. Wegen der Mia also kam der Wimmer-Hansl den Franzl besuchen. Im Sündenmonat Mai war es, als der Hansl und der Franzl im Hofe spielten und die Mia daherkam. Der Hof war menschenleer. Der Hansl faßte die Mia am Schürzenzipfl und sagte zu ihr mit einer Sicherheit, die den Franzl verblüffte: »Hörst, Hausmeisterische, komm mit uns in den Borinsky-Stall, ich muß dir was zeigen.« Als der Franzl das hörte, gab es ihm einen Stich. Ein Mädel so mir nix dir nix anreden! Hätte ihn der Hansl nicht am Ärmel erwischt, er wäre auf und davon. Fräulein Mia von der sechsten Volksschulklasse machte, als diese formlose Einladung an ihr jungfräulich Ohr drang, ein Schnoferl und grollte: »Sind Sie nicht so frech, sonst sag ich's meiner Mama, hm.« »Sag ihr's,« gab der Hansl zurück, »die Frau Mama liegt eh g'rad im 2. Stock auf der Erd und reibt den Gang auf.« Das allein war schon Substrat einer Ehrenbeleidigung, wie er das »Mama« aussprach. Der Franzl hörte die Welt in den Fugen krachen. Das Fräulein Mia von der sechsten Volksschulklasse zischte: »Hm, hm, Sie sind mir viel zu ordinär, Sie... Sie... Sie...« und es ging ihr der Atem aus und sie ging. »Wie kannst denn nur mit einem Mädel so sein?« frug entsetzt der Franzl. »Esel,« so antwortete der Herr stud. gym., »so muß man's machen, dann kann man sie alle um den Finger wickeln.« Da plagen sich die Gelehrten aller Fakultäten seit undenklichen Zeiten, das Weib zu ergründen, und müssen sich von einem vierzehnjährigen Gymnasiasten beschämen lassen. Die Mia war bei der Tür ihrer Hofwohnung angelangt. Da steckte der Hansl zwei Finger in den Mund und pfiff schrill, worauf sich die Mia wieder umdrehte. Der Hansl winkte ihr mit dem Arm, wieder herzukommen. »Jetzt wird sie dir was blasen«, prophezeite der Franzl. Aber ... die Mia setzte sich langsam in Bewegung, kam heran und frug, als ob nie etwas geschehen wäre: »Willst was von mir?« Der Hansl redete gar nichts mehr: Er nahm das Mädel unter dem Arm und führte es, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, in den Stall. Dem Franzl rief er zu: »Komm mit, Sterngucker.« Der zottelte nach und schloß die Stalltür hinter sich. Er begriff gar nichts mehr. Eben hatte sie noch zum Hansl »Sie« gesagt, war über seine Unverschämtheit empört und jetzt ging sie einfach mit. Drinnen im Stall war es halbdunkel und roch es nach Roßmist. Der vierzehnjährige Hansl nahm die zwölfjährige Mia um die Taille und preßte sie so fest an sich, daß sie aufschrie: »O weh, du Grobian.« Der Hansl begehrte unter kurzen Atemstößen: »Jetzt gibst mir ein Bussel.« Dem Franzl war nichts gewisser, als daß nun der Hansl Ohrfeigen abfangen würde. Aber sie blieb an Hansls Brust liegen, schaute ihm tief in die Augen und keuchte: »Jessas, Hansl, wann die Mama kommt.« »Aber die kommt nicht, zu was ist denn der Sterngucker da? Der muß aufpassen«, beruhigt sie der Hansl. Und zum Franzl: »Wannst einen Schritt hörst, rufst: Jung ist's.« Der Horchposten lehnte sich folgsam mit dem Rücken an die Stalltüre und hielt die Schnalle fest. Mit weiten Augen schaute er auf das, was geschah. Die Mia stellte sich auf die Zehen, schlang ihre Arme um Hansls Hals und schon schmatzte es. Es war freilich kein kunstgerechtes Küssen, es klang eher wie das Piepsen junger Spatzen, die von der alten Spätzin gefüttert werden. Wie muß dem armen Kiebitz gewesen sein! Endlich löste sich die Mia von dem Hansl los, richtete ihr Haar und an ihrem Kleidchen herum und erklärte: »Jetzt geh ich, die Mama könnt mich suchen.« »So kannst nicht gehen,« darauf sachkundig der Gymnasiast, noch stoßweise atmend und sich die Haarbüschel aus der Stirn rückend, »jetzt bist noch ganz rot im Gesicht, da kennt man's gleich.« »Was willst eigentlich noch?« forschte die Mia, wie eine, die eine ganz bestimmte Antwort erwartet. »Noch ein Bussel«, war diese Antwort, unsicher gegeben, wie die Rede eines, der überlegt, ob er nicht zu weit gegangen. »Hast noch nicht genug, Nimmersatt?« Kokett sagte das die Mia, wie eine, die weiß, daß man an ihren Reizen nie satt werden kann. »No, halt so,« stammelte der Hansl, und das klang wie ein Tappen in Finsternis, »ich bin der Vater und du bist die Mutter.« Der Franzl duckte sich. Jetzt müsse der Plafond herunterkrachen. Aber er krachte nicht. Die Mia verdeckte ihre blauen Augen mit seidig bewimperten Lidern und das hörte sich gar nicht so echt an: »Pfui, du ... du ...« Das reizte den Hansi. Er packte das Mädel wild und warf es in die Streu, die dem Pferd Peter als Nachtlager diente. Die Mia wimmerte: »Nicht, Hansl, sei g'scheit ...« Das hielt der Franzl nicht mehr aus. Ihm war, als ginge alles in Flammen auf. Und zugleich glaubte er, das Mädel dort aus großer Gefahr erretten zu müssen. Wie irrsinnig schrie er: »Halt aus, es kommt wer, Jung is.« Das wirkte wie kalter Wasserstrahl. Der Hansl ließ von dem Mädel ab, öffnete den Deckel der Haferkiste, hüpfte hinein, und ließ den Deckel über sich zufallen. Ein Held! Die Mia quietschte wie ein Kätzchen, dem man auf den Schweif getreten ist, sprang auf, brachte wieder Haar und Kleidung in Ordnung, streifte Strohhalme von sich ab und frug zitternd: »Wer, um Gotteswillen, wer kommt?« »Niemand,« antwortete der Franzl, »ich hab's nur g'sagt, daß er aufhört.« Und erwartete Anerkennung dafür, daß er das Mädel aus schwerer Bedrängnis befreit. Das hörte der Hansl in der Haferkiste, machte einen Satz heraus und gab dem Franzl eine Ohrfeige, daß er an die Wand flog. Und dann verzog er sich, ohne sich weiter um die Mia zu kümmern. Und Fräulein Mia, Schülerin der 6. Volksschulklasse? »Hm, hm, dummer Bub,« fauchte sie ihren Beschützer an, »mach dich nicht so patzert.« Und draußen war auch sie. Drinnen blieb nur der Franzl mit einem urdummen Gesicht. Dieses Erlebnis bildete den Schlußpunkt hinter Franzls Kindheit. Von da an war die Welt für ihn voller Rätsel und er wollte alle Rätsel lösen. Und wurde ein Büchernarr. So meinten es wenigstens in seltener Übereinstimmung die Marietant und der Borinsky-Onkel. Nach Auffassung dieser guten Leute konnte nur ein Narr die Zeit mit gedrucktem Zeug vergeuden. Vernünftige Menschen, meinten sie, wüßten sich was Gescheiteres. Er las, was ihm unter die Hände kam. Die siebzigste Fortsetzung eines Zeitungsromans vom guten Kaiser Josef und der Nachtwächtersenkelin, erbauliche Geschichten, die in der Schule die Bravsten geliehen bekamen, den Krakauer Kalender von der Marietant und was er sich von anderen Buben ausborgte, Indianerbüchel und so Zeugs. Aber das war alles viel zu wenig für seinen Leseheißhunger. Wenn er Zeit fand, rannte er auf die Wiedner Hauptstraße hinunter und stand stundenlang vor dem Schaufenster der großen Buchhandlung. Dahinter gab es unermeßliche Herrlichkeiten. Die wollte er alle haben. Alle verschlingen. Aber wann? Bis er ein Mann geworden? So lang hielt er es nicht aus. Woher aber Geld nehmen, um auch nur antiquarische Bücher kaufen zu können? Geld für Bücher. Das mußte aufgetrieben werden. Er trieb es auf. Nicht viel, aber ein zerlesener Goethe und ein muffliger Heine mit Tränenspuren auf den herzwärmenden Liebesgedichten und Reisebeschreibungen kamen doch heraus dabei. Auf der Siebenbrunnenwiese hatte sich ein »kleiner Prater« etabliert. Ein Ringelspiel, eine Schießstätte, eine Hutsche und ein Kasperltheater für die ganz Kleinen und ein Werkel hustete die Musik dazu. Der Franzl stand mit anderen Buben herum, als der »kleine Prater« aufgebaut wurde. Manche schauten aus bloßer Neugierde zu, manche aber aus spekulativen Gründen. Der Franzl sah, wie einige den Herrn Direktor anredeten und sich als Ringelspieltaucher offerierten, und hörte, daß dabei von einem Lohn geredet wurde, der freilich herzlich wenig, für die Begriffe solcher Buben aber schwindelnde Beträge ausmachte. Geld für Bücher! Der Franzl bot sich auch an. Ringelspieltaucher werden keine mehr gebraucht, alles besetzt, meinte der Herr Direktor, aber als Hutschenschleuderer ginge es noch. Fünf Kreuzer für den Wochentag und zehn für den Sonntag. Der Franzl nahm das Engagement an. Geld für Bücher. Die Marietant gab ihre Einwilligung; gegen das Geldverdienen hatte sie nie etwas, nur gegen das Geldausgeben. So wurde der Franzl fixangestellter Hutschenschleuderer und blieb es zwei Monate lang. Bis der Herbst kam und in das schöne Geschäft hineinregnete. Er heimste manchmal sogar Trinkgelder ein. Kavaliere ließen ihre Damen hutschen, blieben unten stehen und steckten dem Franzl einen Kreuzer mit der Aufforderung zu, recht fest zu schleudern... Die erschleuderten Bücher bildeten das Heiligtum des Franzl. Lesen und Zeichnen, für das er ein treffsicheres Auge und eine Künstlerhand besaß, waren seine Leidenschaften. Wenn sie ihm nachriefen: »Serwas, Hutschenschleuderer«, genierte ihn das nicht. Ist schließlich auch eine ehrliche Arbeit. Das Vergnügen der anderen verschaffte ihm sein Vergnügen und das war ein größeres und nachhaltigeres. Und brachte niemals Enttäuschungen. Denn die Bücher waren nicht das alleinige Vergnügen, das er sich mit dem verdienten Gelde bereiten konnte. So manches Silberzehnerl trug er in die Hirschengasse und steckte es der Mami. »Tu dir damit ein guten Tag an, Mami«, sagte er dabei. Doch die Mami tat sich keinen guten Tag an, sie schusterte das Geld in die Wirtschaft, um die es so traurig bestellt war. Das waren dem Franzl seine allerschönsten Tage, wenn er der Mami mit dem aushelfen konnte, was ihr immer fehlte. Neuntes Kapitel Die Familie Schuhmeier waren entthronte Hausmeister. Das Verhältnis zwischen Hausherren- und Hausmeisterleuten wurde immer gespannter. Der Vater Schuhmeier tat alles, um die Kluft zu erweitern. War er doch mit Gott und der Welt übers Kreuz. Die Frau Schuhmeier bemühte sich immer wieder, die Kluft zu überbrücken, aber schließlich brach der schmale Steg doch einmal ein. Sie mußten ihre sieben Zwetschken packen und der Hirschengasse Ade sagen. – Sie zogen für kurze Zeit in die Haydngasse und dann nach Fünfhaus auf den Reithofferplatz auf Zimmer und Küche. Diesmal als zinszahlende Partei. Die Nettl half der Mami fest beim Geldverdienen und im letzten Augenblick fand der Vater einen Geschäftsdienerposten. Und einen Bettgeher konnten sie sich auch nehmen, der in der Küche schlief. Dadurch brachten sie einen Teil des Zinses herein. Es war zwar kein annehmliches Wohnen und Hausen, einiger Gulden wegen einen wildfremden Menschen im Intimsten, im Eigensten, das der Mensch hat, herumsitzen und herumgehen zu haben, noch dazu, wenn dieses Intimste und Eigenste so eng war, daß eines dem anderen im Wege stand. Auf diesen wildfremden Menschen Tag und Nacht Rücksicht nehmen und vor lauter Rücksichtnehmen auf ein eigenes Leben verzichten müssen – aber so lebten damals die meisten von der Armut Gezeichneten, sofern man das überhaupt noch leben nennen will. Der Borinsky-Onkel hat den Buben einmal auf die Seite genommen und ihm, sicher nicht aus eigenem Antrieb, den Rat gegeben, sich eine Lehre zu suchen. »Das is das Vernünftigste, was du tun kannst,« meinte er, »erstens lernst was, und zweitens hast du dei Ruh, und i könnt auch schon eine brauchen, wann's für mich auf der Welt überhaupt eine gibt.« Der Herr Lehrer Blaschke, den der Franzl um Rat bat, empfahl ihm, Graveur oder Ziseleur zu werden. Er wäre seiner zeichnerischen Fähigkeiten wegen für diese Kunsthandwerke wie geschaffen. Die Genossenschaft vermittelte den Schuhmeier-Franzl als Lehrling mit Kost und Quartier an den Ziseleurmeister Großkopf in der Neubaugasse. Der Abschied vom Gärtnerhause war nicht sehr dramatisch. Die Marietant packte ihm sein Binkerl. Der Borinsky-Onkel steckte ihm heimlich zwei Gulden zu, versetzte ihm noch ein Magenbeugel und ermahnte: »Daß d' mir brav bist, Bua, daß i nix hör von dir. Pfüat Gott.« Damit wandte er sich ab. Der Bub sollte nicht sehen, daß dem alten robusten Rosselenker aus jedem Auge eine Träne tropfte. Noch einmal drehte sich der Alte um und sagte: »Wannst was brauchst, weißt, wo i bin, aber net da, auf 'm Standplatz.« Sein breiter Rücken verschwand langsam. In der Neubaugasse hat die Mami auf den Franzl gewartet und ihn unter vielen Belehrungen und Ermahnungen zum Herrn Meister Großkopf geführt. »Das schaut nicht schön aus,« war ihre Meinung, »wann der neue Lehrbub so allein hereingeschneit kommt. Der Lehrherr soll wissen, daß Eltern da sind und daß der Bub nicht allein steht in der Welt.« Der Meister war abwesend. »Mein Mann hat einen Gang,« empfing ihn die Frau Meisterin, »aber das macht nix. Komm nur schön her, ich zeig dir zuerst dein Bett, siehst da ist es – in dem Kasten das dritte Fach g'hört dir, da räumst dir deine Sachen ein, aber um Nettigkeit möcht ich bitten, Schlamperei gibt's bei uns nicht und dann werd ich dir zeigen, was du zu tun hast.« Es war ein Hofkabinett, in dem nebst einem Kasten, drei Sesseln, einem Stockerl mit einer blechernen Waschschüssel noch drei windschiefe Feldbetten standen. In diesem Betrieb arbeiteten außer dem Meister ein Geselle und ständig drei Lehrbuben. Der Franzl ordnete seine Habseligkeiten und voll Lerneifer ging er in die Werkstätte: »So, bitt' schön, ich bin fertig und möcht anfangen.« Zwei Lehrbuben kicherten. Der Geselle lächelte wie einer, der sich besser auskennt. »Oho,« bremste er Franzls Eifer, »so gnädig hast es mit der Arbeit? Wird dir schon noch zu viel werden.« »O nein,« versicherte der Neue, »je mehr, desto besser.« Die beiden Lehrbuben kicherten noch unverschämter. Der Geselle gebot ihnen: »Maul halten, sonst setzt's was«, und zum Franzl: »Na, dann geh nur zur Frau Meisterin 'nein, die hat Arbeit genug in Vorrat.« Der Franzl ging hinein. Drinnen war auch schon der Meister, der beim Küchentisch saß und auf sein Gabelfrühstück wartete, das die Meisterin zubereitete. Der Meister beguckte sich den neuen Lehrbuben von allen Seiten. »Wie heißt du?« frug er. »Schuhmeier Franz«, antwortete dieser artig. »Bei uns heißt du Franzl,« entschied der Meister »und bei uns heißt's arbeiten, daß die Schwarten krachen und Wehleidigkeit gibt's bei uns keine, wenn mir oder der Frau Meisterin einmal die Hand ausrutscht, und sich in deine Ohrwascheln verfangt. Das werden die besten Ohren. Hast verstanden?« »Jawohl, Herr Meister«, antwortete der Schuhmeier Franz und stand, wie's ihm die Mami geheißen, respektvoll stramm. »Dann ist's gut. So und da hast a Glasel und 'nauf in die Neubaugassen, gleich Eck der Siebensterngassen, dort is a Wirtshaus, dort sagst, es g'hört für mich und bringst mir a Krügel Lager. Aber gib acht, daß dich der Schankbursch net anschmiert und a Abzug einschenkt. Zahlt wird's auf d' Nacht. Und jetzt nimm d' Füß in d' Händ.« Der Franzl rannte pflichteifrigst, um dann endlich in die Mysterien seines Berufes eingeweiht zu werden. »Ganz ein nettes Bürscherl,« meinte der Meister, als er draußen war. »Nur nicht zu familiär werden,« ermahnte die Frau Meisterin, »sonst haben diese Buben von heutzutag kein Respekt und nehmen sich weiß Gott was heraus. Nur kurz halten, das hab ich dir schon oft genug g'sagt. Aber du mit deiner Gütigkeit ... Wo du damit schon so schlechte Erfahrungen g'macht hast.« »Wahr ist's,« bestätigte der Meister, »ich hab auch um fünfe in der Früh aufstehen und bis in die sinkende Nacht tschinageln, auf d' Nacht, wann ich schon hundsmüd war, und den ganzen Sonntagvormittag in der Lehrbubenschul sitzen müssen und dafür extra noch mehr Schläg wie z' essen kriegt.« »Drum is was worden aus dir«, ergänzte die Frau Meisterin diesen historischen Rückblick. Der Franzl brachte das Bier. Der Meister hielt es gegen das Licht. Seine Mienen verfinsterten sich. »Wann man ein Narren auf 'n Markt schickt, freuen sich die Krämer«, sagte er sehr ungehalten. »Ist das eing'schenkt? Wo ist bei dem Bier der Faum? Hast ihn etwa wegg'schleckt? Und is das a frisches Bier? Ha? Das is a Lack, das soll der Wirt selber saufen. Geh z'ruck damit und komm ma net ohne a frisches mit einer Generalsborten. Avanti.« Der Franzl lief mit dem Bier zurück, erschien aber bald wieder mit untröstlichem Gesicht und dem beanstandeten Bier, das jetzt noch lackartiger aussah. »Bitte, Herr Meister,« meldete er, »sie haben g'sagt, sie haben kein anderes.« »So,« grollte der Meister, »hams das g'sagt, und was hab ich dir g'sagt? He? Daß ich das Bier net mag und du ein anderes bringen sollst. Hab ich das g'sagt? Und du laßt dir jeden Schmarrn anhängen? Also, das seh ich schon, aus dir wir d nix. Geh mir aus die Augen, sonst...« Und drohend schwang der Zürnende das Krügelglas, als ob er es über den Sünder schütten wollte. Dann goß er es in seinen Schlund. Der Franzl stand ratlos da. »Halt keine Maulaffen feil, Zeit ist Geld,« tadelte nun die Frau Meisterin, »da hast ein Einkaufskorb und holst mir von der Krowotin vis-a-vis um zwei Kreuzer Zwiefel, um ein Kreuzer Grünes, ein halben Kilo Spinat, und sie soll dir, wie immer, ein paar Pletschn für die Hasen geben, und beim Fleischhauer bringst 30 Deka Kügerl – aber ein anständiges Stückerl Fleisch soll er hergeben und kein Hundsfutter, verstanden? – und beim Kaufmann am Eck holst ein halben Kilo Würfelzucker und ein Paprika und da hast die Kanne, bringst ein halben Liter Petroleum, verstanden?« Der Junge schob seinen Arm unter den Henkel des Einkaufskorbes, steckte das Geld ein, übernahm die Petroleumkanne und wollte gehen. »Halt, Bua,« befahl ihn der Meister zurück, »mir bringst vom Tabakkramer das Extrablatt und zehn Sportzigaretten, aber weiche und keine so harten Pfosten, aber g'schwind, net so hoppadatschert, bei uns muß a Lehrbub schießen wie a Vorreiter von der Dampftramway, verstanden?« Der Franzl bemühte sich so günstig als möglich einzukaufen, aber es gelang nicht. Vom Meister bekam er das erste Kopfstück, weil die Zigaretten infolge unsachgemäßer Verwahrung in der Rocktasche ausgeronnen waren. Die Meisterin schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, als sie Stück für Stück prüfte. Was sich der dalkerte Bua alles anhängen laßt! Sie boxte den ganz verzagten Franzl in die Rippen und schimpfte mit einer Zungenfertigkeit, die betäubte, und alles mußte er umtauschen gehen. Und als er dann doch brachte, was die Wählerische halbwegs zufrieden stellte, ohne daß sie es merken ließ, fiel ihr ein: »Jessas, bald hätt ich vergessen, renn g'schwind in die Eszterhazygassen nach Mariahilf 'nüber, auf achte ist ein Schuster, dort sind vom Meister ein paar Schuh zum Doppeln, die bring und er soll ein Schachterl Wichs draufgeben, verstanden?« Wieder lief er. Und als er wiederkam, mußte er eine Wasserbutte auf den Buckel nehmen und vom öffentlichen Auslaufbrunnen Wasser holen. Dann mußte er drei Paar Schuhe putzen, das Lehrbubenkammerl lüften und auskehren und noch geschwind beim Kaufmann einen gestoßenen Pfeffer holen und Kaffee reiben, worüber die Mittagszeit heranrückte. Nun mußte er schleunigst den Meistersohn Schorschl, der in die zweite Klasse ging, von der Schule abholen. Dieses erste Mal wurde der zweite Lehrbub mitgeschickt, weil der Franzl noch nicht das Vergnügen hatte, den Schorschl persönlich zu kennen. Der Rückweg führte an der Spielschule vorbei, von wo die vierjährige Tildi nach Hause zu bringen war. »Wie lange lernst du schon?« holte der Franzl seinen Mitlehrbuben aus. »Anderthalb Jahr«, sagte dieser, stand schon wieder, wie schon einige Male vorher, vor einem Greißlerladen und bewunderte die ausgestellten dürren Würste und den Schweizerkäse mit den großen Löchern. Plötzlich ging er den Franzl an: »Hast zwei Kreuzer? Kannst mir's bis Samstag leihen?« »Zu was?« wollte der Franzl wissen. »Ein damischen Hunger hab i, i möcht mir ein Schusterlaberl kaufen, mir kracht direkt der Magen.« Der Franzl frug: »Is denn net gleich Mittag? Kriegst denn da nix zu essen?« »Ja, ein aufg'wärmtes Kraut von gestern und wann ich Fleisch dazu will, muß i mich in 'n Hintern beißen,« beklagte sich der im Wachsen begriffene Jüngling, »i weiß net, i muß krank sein, i könnt den ganzen Tag nix wie fressen.« Und lüstern schaute er auf die herrlichen Fressalien im Greißlerladen. Der Franzl hatte die zwei Gulden vom Borinsky-Onkel bei sich. Noch ungewechselt. Einen ganzen Gulden wagte er nicht dem fremden Knaben anzuvertrauen. Er holte daher selber das begehrte Schusterlaberl, das noch warm war und angenehm duftete, heraus und der ewig Hungrige verschluckte es wie eine Riesenschlange ein Lamm. »Laß mich net vergessen, am Samstag, daß ich dir die zwei Kreuzer abstreit.« »Kannst schon viel?« erkundigte sich der Franzl. »Und ob,« sagte der mit dem Schusterlaberl im Leibe, »wer bei uns auslernt, is a g'machter Mann. Als Stütze der Hausfrau könnt i schon gehn. Scherberl austragen, kann i aus 'n ff, daß a Krügel Bier a drei Zentimeter breite Borten haben muß, weiß i aa schon, und für d' Frau Meisterin in d' Lotterie setzen, ohne daß der Meister davon was spannt, das kann i wie kein zweiter. Und jetzt wirst du in die Wissenschaften eing'führt.« »Das mein i ja net, was du von der Kunst verstehst, mein i«, drang der Franzl weiter. »Von der Kunst hab i noch kein Dunst,« grinste der, »dazu is a Lehrbub net da.« Als sie zur Schule kamen, stand der Schorschl schon vor dem Tore und war sehr ungnädig, daß sich die zwei Plaudertaschen verspätet hatten, was er der Mutter zu sagen drohte, und in der Spielschule fanden sie die Tildi heulend, weil alle anderen Kinder schon abgeholt waren und sie allein mit der Lehrerin warten mußte, bis wer um sie kam. Das Kopfstück faßte diesmal der ältere Lehrling. Der Redestrom der Frau Meisterin ergoß sich über beide. Das Mittagmahl mußten die drei Jünger der Ziseleurkunst im Lehrbubenkammerl einnehmen. Tisch gab es keinen. Jeder nahm sich seinen Teller aufs Knie und löffelte. Richtig gab es aufgewärmtes Kraut mit je einem Knödel. Der älteste Lehrbub sagte: »Därfst net glauben, daß mir alle Tag Kraut kriegen, das gibt's nur unter der Wochen, daß mir net aus der Übung kommen. Am Sonntag aber wird was Feines auftischt, Linsen, mein Lieber, und als Dessert Powidlgolatschen vom Sonntag vorher. Die san delikat, nur mußt achtgeben, daß dabei kein Stockzahn draufgeht.« Sie waren noch gar nicht fertig mit der Mahlzeit, als schon die Frau Meisterin den Kopf hereinsteckte: »Was is denn, meine Herren Buben, schaut's dazu, arbeiten gehn, zum Herumspielen haben wir keine Zeit, verstanden?« Rasch verschlangen sie, was noch auf den Tellern war, und gingen wieder an ihr Tagewerk. Der mittlere Lehrbub meinte noch: »Is a gute Frau, die Frau Meisterin. Nach dem Essen is Bewegung g'sund, darum treibt s' uns an.« Der Franzl mußte sich wieder bei ihr melden. »So,« begann sie, »da bind dir die Schürzen um, damit du dich nicht schmierig machst und hilf mir G'schirrwaschen. Aber die Mauer nicht anspritzen, sonst hab ich dich bei die Haar, und nix zerbrechen. Was du brichst, wird dir abg'zogen, verstanden?« Er wusch das Geschirr und das Eßzeug, und wenn er einen ungeschickten Handgriff machte, war die Meisterin schon da und unterwies ihn wie er es besser zu machen hatte. Er mußte diese Arbeit unterbrechen, weil der Meister rief und ihn um ein Werkzeug schickte, das ausgegangen war, und nebenher gleich wieder um Zigaretten. Zurückgekehrt, wurde wieder die Schürze umgebunden und weiter gewaschen. Die Frau Meisterin drängte ihn, fertig zu werden, weil es bald dreiviertel auf Zwei sein und die Kinder zur Schule geführt werden müßten. Auch das war getan. Jetzt hieß es, in die Stadt liefern gehen, aber eiligst, denn am Rückweg mußten die Kinder wieder von der Schule geholt werden. In die Innere Stadt kam der Franzl zum erstenmal allein. Er fand sich nicht leicht zurecht und mußte zehnmal um den richtigen Weg fragen. In der Kärntnerstraße, in der er nur langsam vorwärtskam, kitzelte ihn auf einmal ein Peitschenriemen an der Nase. Der Borinsky-Onkel fuhr vorbei und lachte wie ein Vollmond vom Kutschbock herunter: »Hörst Bua, i hab glaubt, du bist a Ziselierer, derweil bist a Dienstmann worden.« Und schon war er wieder weg. Wo er ablieferte, beanständete man allerlei und wollte ihm weniger bezahlen, als auf der Rechnung stand. Weniger zu nehmen, traute er sich nicht, darum nahm er lieber die Ware wieder mit. So brachte er die beiden Kinder und das Paket nach Hause. Dafür gab es das zweite Kopfstück. Der Meister und noch mehr die Frau Meisterin haben auf das Geld gewartet, das er hätte bringen sollen, weil eine dringende Zahlung fällig war. Der, dem gezahlt werden sollte, stand sogar schon in der Werkstätte und wartete. Noch einmal mußte der Franzl in die Stadt jagen. »Nimmst, was du kriegst,« schärfte ihm der Meister ein, »das andere werd ich schon selber in Ordnung bringen.« Müde und hungrig machte er sich wieder auf den Weg. Es klimperte wohl Geld in seiner Tasche, aber das wollte er sparen auf neue Bücher und für die Mami und auf Zeichenmaterial, um sich in der Zeichenkunst zu vervollkommnen. Was das Geldausgeben anbelangt, hatte der Franzl niemals eine leichte Hand. Da war er das Gegenteil von seinem Vater. Nach Feierabend durfte der Franzl zum ersten Male in der Werkstätte arbeiten. Er und der zweite Lehrbub mußten Zusammenräumen. Der erste Lehrbub spielte dabei den Partieführer, der anschaffte und antrieb. Dafür war er jetzt der Oberlehrbub. Es wurde neun Uhr, als der Franzl, den Magen voll Kartoffel, wie ein toter Hund ins Bett fiel. Und war noch immer kein Ziseleur. »Nur Geduld,« tröstete ihn der zweite Lehrbub, »lernen wirst erst was, wann du ausg'lernt bist.« Und wirklich ging das so fort. Immer erst kam er nach Feierabend in die Werkstätte, tagsüber blieb er Stütze der Hausfrau. Wenn er am Sonntagnachmittag zur Mami nach Fünfhaus kam und über seine große Enttäuschung klagte, wußte ihn diese einfache Frau mit soviel Lebensweisheit zu beruhigen, daß er jede neue Woche mit neuen Hoffnungen begann. Zehntes Kapitel Am 24. April 1879 feierten Franz Josef I. und Elisabeth Silberhochzeit und Wien feierte sie mit. An diesem 24. April wurde bei strömendem Regen die Votivkirche feierlich eingeweiht. Am 18. Februar 1853 hatte der ungarische Schneidergeselle Johann Libeny auf der Bastei nächst dem Kärntnertore einen Mordanschlag auf den Kaiser versucht, diesen je doch nur ganz leicht verletzt. Der Täter wurde gefangen und am 26. Februar hingerichtet. Zur Erinnerung an die Errettung des Kaisers von diesem Attentat wurde die Votivkirche erbaut. Und am Sonntag den 29. April 1879 bei herrlichstem »Kaiserwetter« fand zu Ehren des Silberhochzeitspaares ein glänzender Festzug vom Prater aus über die Ringstraße statt. Hans Makart, der gefeiertste Maler jener Zeit, war der Arrangeur dieses Festzuges, bei dem eine Farbenpracht entfaltet wurde, wie sie Wien noch nie zuvor bestaunen konnte. An diesem Sonntagvormittag hatte sich der Franzl freimachen können und vom Vater die Mami ausgebeten. Mit ihr und mit einem Zeichenblock und einem feingespitzten Bleistift stand er eingekeilt im Spalier. Der Mami wurde schwindelig und sie mußte sich auf ihres Buben Schultern stützen. Daß es so viele Menschen gibt! Und diese Kostüme und die vielen Pferde und Wagen, diese flimmernde und glitzernde Herrlichkeit! »Muß das Geld kosten«, sagte sie immer wieder und schüttelte vor Verwunderung den Kopf. Der Franzl zeichnete ab, was ihm am besten gefiel. Ein Herr aus dem Spalier guckte ihm zu. Er frug die Mami: »Gehört der junge Mann Ihnen?« »Freilich,« antwortete sie, »das ist doch mein Franzl.« »Der kann was,« gab der Herr sein Urteil ab, »den sollten Sie ausbilden lassen.« Die Mami wurde stolz. Jede Mutter wird stolz, wenn man ihr Kind lobt. Der Franzl spitzte die Ohren. »Das ist leicht g'sagt,« sprach die Mami, »wir sind arme Leut, unsereins kann seine Kinder nicht studieren lassen. Das einzige, was unsereins studieren lassen kann, is die Pendeluhr«, fügte sie mit Humor bei. »Wäre aber schad um das Talent,« ließ der Fremde nicht locker, »vielleicht läßt sich doch etwas tun. Geben Sie mir Ihre Adresse.« Der Franzl steckte den Bleistift hinter das Ohr und hub an: »Schuhmeier Franz heiß i und...« Die spitzknochige Faust der Mami stieß ihn in die Rippen und deshalb brach er ab. »Du wirst doch nicht,« wispelte ihm die Mami vorwurfsvoll zu, »es gibt heutzutag so viel Schwindler auf der Welt, wer weiß, was der im Sinn hat. Du bist halt noch jung und weißt noch nix.« Der Franzl gehorchte und zeichnete weiter. Der fremde Herr zuckte die Achseln und kümmerte sich nicht mehr um Mutter und Sohn. Wer kann wissen, welche Gelegenheit da wieder versäumt wurde? Das Leben besteht zumeist aus versäumten Gelegenheiten. Die Zeichnungen vom Makart-Festzug hat der Schuhmeier noch in späteren Jahren herumgezeigt. Beim Meister Großkopf ging es weiter, wie am ersten Tag. Der Franzl war wohl Titularziseleurlehrling, aber in Wahrheit der Hauspatsch. Das ertrug er nicht. Er wollte etwas Tüchtiges lernen, um sich später sein Brot selbst verdienen zu können. Er begann bockig zu werden. Er gab manchmal Antworten, die im Munde eines Lehrbuben etwas Unerhörtes waren. Und als ihm einmal die Frau Meisterin anschaffte, den gefüllten Nachttopf des krank im Bette liegenden Schorschl auszutragen, weigerte er sich mit den Worten: »Dazu bin i net da«, eine Arbeit zu verrichten, die sicher nicht geeignet war, ihm die Anfangsgründe der Ziseleurkunst beizubringen. Die Frau Meisterin würdigte den renitenten Buben keines Wortes. Sie rief den Herrn Meister aus der Werkstätte und teilte ihm, bleich vor Empörung, mit, was dieser da sich herausgenommen. Der Herr Meister haute dem Rebellen eine links und eine rechts herunter und brüllte ihn an: »Folgen wirst, auf der Stell wirst folgen oder du fliegst hinaus, Lausbub verdächtiger.« Der Franzl biß sich in die Lippen, Trotz funkelte aus seinen Augen. »I tu's nicht«, beharrte er, nahm den Besen und ging in die Werkstätte. »Das kann auch nur dir passieren.« So ließ jetzt die Frau Meisterin ihre Wut an dem Herrn Meister aus, der doch gar nichts dafür konnte. Zum Hinauswurf sollte es gar nicht kommen. Der Franzl beklagte sich wohl am nächsten Sonntag bitter bei der Mami und erklärte ihr mit Nachdruck, daß er das nicht mehr aushalte und alles gar keinen Zweck hätte, weil er ja in dieser Lehre doch nie etwas Rechtes lernen würde; aber die Mami, in deren Natur es lag, zu vermitteln, zu begütigen und Auflehnungen gegen Hergebrachtes im Keime zu ersticken, versuchte ihren Buben zu besänftigen. »Aber Franzl, du wirst doch die Welt nicht ändern. Das war immer so und wird wohl immer so sein müssen. Schön gehorchen und weiter dienen, nur so kommen arme Leut vorwärts.« Der Franzl tat so, als hätte ihn die Mami überzeugt, weil er sie nicht kränken und nicht beunruhigen wollte, aber er war nicht überzeugt. Alles in ihm lehnte sich gegen das auf, »das immer so war und wohl so wird sein müssen«. Am Montagmorgen gab sich der Franzl einen Ruck und verlangte von dem zweiten Lehrbuben endlich die zwei Kreuzer zurück, die dieser noch immer schuldig war, von denen er sich aber beharrlich nichts wissen machte. Der zweite Lehrbub benahm sich nicht anders, als viele Schuldner sich in ähnlicher Lage benehmen. Er leugnete, etwas schuldig zu sein, und wurde zum Schluß noch kotzengrob. Solche Verlogenheit war dem in kaufmännischen Usancen noch nicht bewanderten Franzl neu. Er sagte dem die Rechtmäßigkeit seiner Forderung bestreitenden Schuldner gehörig die Meinung. Darüber geriet der in Saft, ein Wort gab das andere, eine Balgerei entstand, bei der der ältere, aber kleinerere den kürzeren gezogen hätte; der bückte sich, holte hinter dem Werktisch eine Handvoll Metallspäne hervor und schmiß diese seinem Gegner ins Gesicht. Der Franzl tat einen gellenden Schrei. Feine, aber spitzige und kantige Metallspäne waren ihm ins Auge geflogen. Ein Span war im Augenwinkel stecken geblieben, und bei den verzweifelten Versuchen, den Span herauszubringen, wurde die Hornhaut verletzt. Sie haben den Franzi sofort zu einem Arzt geführt. Der hat das verletzte Auge gereinigt und verbunden und festgestellt, daß dieses Auge dauernden Schaden erlitten habe. Zum Ziseleur werde es nicht mehr taugen. So ist der Meister Großkopf den Lehrbuben Franz Schuhmeier losgeworden und dieser seine erste Lehre, in der er nichts gelernt hat. Elftes Kapitel Die Mami schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als der Franzl an einem gewöhnlichen Wochentag mit seinem Binkerl und einem eingefatschten Auge mit einem hellen: »So, da bin i«, zur Türe hereinkam. Hinter ihm die Nettl mit dem Einkaufszöger am Arm. Der Vater war im Geschäft, wo er mit Hingabe seines Amtes, Packeln zu schupfen, waltete, der Hansl und der Karli waren noch immer in der Kost. Die Mami war so aufgeregt, daß sie die Fragen, mit denen sie den Franzl bestürmte, sich überschreiend herausbrachte, die Nettl war auch nicht schwach auf der Lunge und der Franzl mußte die beiden noch überbrüllen, um sich verständlich zu machen. Sonst hätte sich die Mami nicht so leicht über die Ausreißerei ihres Buben beruhigt, und sie hatte es ihm schon gehörig gesagt, daß man nicht so mir nichts dir nichts die Flinte ins Korn wirft, daß man ausharren muß, weil das Leben schon einmal so ist. Aber so, wie der Franzl hereing'schneit gekommen war, – das kranke Auge! – vergaß sie, ihm die Leviten zu lesen und war in die Haut froh, daß es nicht ärger ausgefallen. Und der Franzl bemerkte zum ersten Male, was die Nettl für ein sauberer Fratz geworden war. »Aber Sorgen macht's mir doch, was jetzt mit dir sein wird«, beschloß sie den mehr menschlichen Teil der stürmischen Unterredung, um die Angelegenheit von der volkswirtschaftlichen Seite zu betrachten. »Ka Angst, Mami,« beruhigte sie der Franzl, »die Welt is weit und groß und i bin jung und hab Muskeln, da schau dir s' amal an,« und er krempelte die Hemdärmeln auf und ließ seine Muskulatur spielen, »verlaß dich auf mich.« »Wenn uns nur unser Herrgott nicht ganz verlaßt, du Unband. G'rad jetzt ist wieder so eine schwere Zeit, wo die kräftigsten Männer spazieren gehn und Gelsen fangen müssen, wenn sie Fleisch essen wollen.« Und die Nettl gab ihren Kren dazu: »Bevor man net was anderes hat, laßt man net was Sicheres aus.« Der Vorwurf kränkte den Franzl. »Was verstehst denn du von solche Sachen, du Urschel,« verwies er die Schwester, »is ihr Lebtag das Nesthäkerl g'wesen und red't was«, das sagte er absichtlich geschraubt »vom Ernst des Lebens«. »Schau, Franzl,« begann wieder die Mami, »es is nur, weil's uns grad jetzt wieder rundum net zusammgeht. Mir haben nämlich erst in der vorigen Wochen den...« »Jessas Nettl,« schlug sich die Mami vor die Stirn, »ich hab in den Tod hinein vergessen, daß ich kein Reibsand mehr hab, geh g'schwind um ein.« Die Nettl nahm wieder den Zöger, machte ein Schnoferl und brummte im Abgehen: »Immer, wenn's interessant wird, schicken s' mich weg. überall sagen doch die Leut schon Fräulein zu mir.« Draußen war sie. »Weißt,« knüpfte die Mami den abgerissenen Satz wieder an, »bis vorige Woche haben wir den Jeschek auf'n Bett g'habt, ein Gulden hat er die Wochen zahlt, das war a Rausreißer, der uns jetzt abgeht.« »No und was is mit'n Jeschek passiert?« frug der Franzl. »Aufkündigen haben mir 'n müssen. Ist uns eigentlich echt leid um ihm, war soweit ein ganz anständiger Mensch und hat pünktlich jeden Samstag das Bettgeld hergelegt, aber auf einmal bemerk ich, daß der Kerl auf unser Menscherl, auf d' Nettl, so eigene Augen macht. ›Herr Jeschek,‹ hab ich da zu ihm g'sagt, ›ich habe Ihnen in Verdacht, daß Sie ein Kinderverzahrer sind, ich bemerk schon d' längste Zeit, daß Sie in der Früh, wenn sich unser Nettl wascht, immer im Zimmer herumschleichen. Das kann eine anständige Mutter nicht angehn lassen und darum ist's g'scheiter, wir gehn im Guten auseinand, bevor noch ein Unglück passiert.‹ Er hat g'leugnet und bei alle Heiligen g'schworen, daß ihm so was nie im Schlaf eing'fallen wär, und er ist kein solcher und er hat eine Braut. Aber sicher ist sicher, hab ich mir denkt und fort hat er müssen. Jetzt hab ich ein solides Mädel aufs Bett nehmen wollen, denn mit ein Mann riskier ich's nimmer, solang die Nettl z' Haus ist, und jetzt geht auch das wieder nicht ... wegen dir.« Die gute Frau, die von den Sorgen nie los kam, erinnerte sich gleich wieder, daß einem Sohne, wenn er schutzsuchend ins Vaterhaus kommt, ein freundlicherer Empfang gebührt, und sagte unter Lachen und Weinen: »Die Hauptsach ist, du lebst und es ist dir nicht viel g'schehn.« In einem der Reithofferhäuser wohnte der Schuhmachermeister Köck. Im Parterre hatte er seinen Laden und daneben die Werkstätte, in der er mit Gesellen und Lehrbuben Fußbekleidungen fabrizierte. Im ersten Stock war die Wohnung, recht wohlhabend eingerichtet, denn das Schuhmacherhandwerk nährte noch seinen Mann. Schuhfabriken und Schuhgeschäfte gab es noch nicht, und wer Schuhe brauchte, mußte zum Meister gehen, der nach Altväterart Maß nahm, indem er in einem an den Fuß angelegten Papierstreifen Einrisse machte. Und dann mußte man probieren und noch einmal probieren kommen, bis das Zeug nicht mehr auf die Hühneraugen drückte. Die Familie Köck bestand aus dem Herrn Meister und Haushaltungsvorstand Johann Sebastian Köck, der Gattin Ludmilla, geborene Bohacek, dem Sohne Paul, der auch das väterliche Handwerk erlernt hatte, weil er, wenn dem Herrn Vater heut oder morgen einmal was passiert, wie diese hübsche Redewendung lautet, das Geschäft übernehmen sollte – aber er hatte es der strengeren Zucht wegen bei einem fremden Meister erlernt – und dem Töchterlein Gisela kurz, die Gisl genannt, die 16 Jahre alt und lieblich anzuschauen war wie ein junger Maienmorgen. Der Paul war eben ausgelernt und sollte sich ein wenig ausrasten, ehe er in das väterliche Geschäft eintrat. Die Gisl lernte Kochen, Haushalten, Klavierspielen und sich auf den Märchenprinzen vorbereiten, der da kommen sollte, um aus der Jungfrau eine junge Frau zu machen. Den Köckischen ging es gut. Der Alte war fleißig, die Alte verstand es, die Kreuzer zusammenzuhalten. Hier sei eingefügt, daß weder der Alte noch die Alte alt waren. Der Vater Köck war im besten Mannesalter, in dem das Herz manchmal noch rebellisch wird, und die Mutter Köck eine recht stattliche Frau, auf die ein grüner Jüngling, der für reife Früchte schwärmt, noch ganz gut fliegen könnte. Nach heutigen Begriffen waren beide noch lange nicht für das alte Eisen reif gewesen. Aber damals, wer schon halbwegs erwachsene Kinder hatte, zählte nichts mehr. In der Familie Köck herrschten, was auch dazumal schon etwas Seltenes war, noch recht patriarchalische Verhältnisse. Der Vater war der unumschränkte Herr, dem sich die übrigen Familienmitglieder bedingungslos beugten. Vor ihm zitterten sie, vor ihm hatten sie ihre ängstlich behüteten Geheimnisse. Es gab keine fürchterlichere Drohung als die: »I sag's dem Vater.« Der Paul und die Gisl markierten den Gehorsam eigentlich nur. Hinter Vaters Rücken taten sie doch was sie wollten. Die Mutter Köck aber hätte es einfach nicht verstanden, wenn man ihr gesagt hätte, es sei gar nicht Gottes Wille, daß ein Eheweib bloß dienende und gehorchende Magd zu sein habe. Sie war da grundverschieden von der Marietant und der Meisterin Großkopf, noch vom ganz alten Schlag. Arbeit und Verdienst gab es hinreichend. Gab es doch genug Füße, die sich in Schuhen und Schühlein schöner machten als ohne. Vom grauen Morgen bis zum Anbruch der Nacht mußte gearbeitet werden. Kürzere Arbeits- und längere Feierzeit gab es nur vom Tage Maria-Lichtmeß, der auf den 2. Februar fällt, weil nach damaligem Brauch vom Lichtmeßtage an nur mehr bei Tageslicht, also vom vollen Tagesanbruch bis zum Eintritt der Dämmerung gewerkt wurde. Der Köck-Paul hatte also Urlaub und viel Zeit. Der Schuhmeier-Franzl ditto, obwohl sein Urlaub anderer Art war. Der Köck-Paul verfügte außerdem über etwas Taschengeld, mit dem er gerne klimperte, der Schuhmeier-Franzl hätte eins nötig gehabt. Er lief wohl herum, um Arbeit zu finden, suchte auf Bauten und in Fabriken, sie haben aber nirgends auf ihn gewartet. Der Vater Schuhmeier meinte nämlich, daß der Franzl schon zu alt wäre, sich eine neue Lehre zu suchen. Er müsse ans Verdienen denken, um der Familie nicht im Sack zu liegen. Mit dem Köck-Paul wurde der Franzl bekannt, weil dieser, so oft er fortging, ein Buch unter dem Arm trug. Die Bücher gingen dem Franzl ab. Darum machte er sich an den Köck-Paul heran. Der Köck-Paul schloß gerne Freundschaft mit dem um einige Jahre jüngeren Franzl. Er besaß bisher keinen Kameraden, der ihm die Urlaubszeit verkürzen geholfen hatte. Und deshalb legte er sich oft auf einer Wiese auf den Bauch und verschlang Gedrucktes. Aber er zog menschliche Ansprache den Büchern vor. Und seine Bücher stellte er dem Franzl bereitwillig zur Verfügung. Es war eine Enttäuschung. Der Bücherschatz des Köck-Paul war außerstande, die Tausende von Fragen, die der Franzl zu stellen hatte, zu beantworten. Von Rinaldo Rinaldini, die Geschichte von Rosza-Sandor und anderen edlen Räubern, die den Reichen nahmen, um es den Armen zu geben, von Indianerhäuptlingen, die heldenmütig lebten und an vergifteten Pfeilen starben, erzählten diese Bücheln. Der Franzl verschlang auch die und bekam einen hochroten Kopf davon, weil er fand, daß es eigentlich das Beste wäre, die, die zu viel haben, um einiges zu erleichtern und das denen, die zu wenig haben, zu schenken, auf daß es keine Armen und keine Not mehr gebe. Wenn er darüber mit dem Köck-Paul redete, tat dieser einen höhnischen Lacher und sagte wie ein Ganzgescheiter zu einem Ganzdummen: »Hörst, Bua, bist du aber blöd. Arme und Reiche hat's immer 'geben, net, und wirds immer geben. Wer denen Reichen was wegnimmt, wird eing'sperrt, net, und wer denen Armen was gibt, kommt nach Brünnlfeld in 'n Narrenturm, net?« »Woher weiß man's, daß es so sein muß?« meldete sich die Fürwitzigkeit des Franzls. »Das bemerk i schon,« fuhr ihm der Köck-Paul ins Wort, »das Pulver hast du net erfunden. Wenn sich wer sein ganzes Leben geplagt hat, net, wie zum Beispiel meine Leut, net, so muß er doch was davon haben, net, das ist doch klar? Zu was braucht man sich dann das ganze Leben plagen, net?« Der Franzl dachte angestrengt nach: Dann sagte er: »Ja, aber mei Mutter plagt sich auch ihr ganzes Leben, und wie auch noch, und hat gar nix, oft net amal rechtschaffen was zum Essen, warum hat denn die nix davon?« Jetzt mußte auch der Köck-Paul nachdenken. Das Resultat dieses Denkprozesses war: »Da mußt schon ein G'scheiteren fragen, net, aber eins is sicher, mir werden das net ändern, Gott sei Dank, net?« Der Franzl klappte zusammen, wie einer, der seine schönsten Träume zerstört sieht. Der Köck-Paul ging aber gleich zu praktischen Dingen über. »Wann's bei dir z' Haus stier san, i weiß dir a G'schäft.« »I bin dabei«, meinte der Franzl. »Mir gehn Finkenfangen, net?« »Finken? Vogerln? Is das ka Tierquälerei?« »Aber Tschaperl, mir heben Junge aus die Nester aus, net, und der Vogelkramer gibt uns für jedes Manderl zehn Kreuzer und für a Weiberl fünfe, net? Das is a prima Hacken für uns zwa.« Der Franzl war schon gewonnen: »Wo müssen mir da hingehen?« »Oben, in Schönbrunn, hinter der Gloriette, gibt's Buchfinken massenhaft. Zeitlich in der Früh müssen wir dort sein, wenn die Alten auf Futter aus san, net, i kraxel auf die Baum, du machst den Aufpasser, net, und auf ja und na bist a Kapitalist.« Sie vereinbarten für den nächsten Morgen die erste Geschäftstour und redeten dann von anderen Dingen. Plötzlich gab es dem Köck-Paul einen Riß. Er packte den Franzl am Arm, zerrte ihn mit und sagte während des Laufens: »Komm mit, der Falott is schon wieder in unser Haus 'neingangen. Den fangen mir ab und haun ihn erst windelweich, net, und dann übergeben mir ihm ein'n Wachmann, net?« »Was denn, wer denn, wie denn?« erkundigte sich der Franzl keuchend im Laufen. »Der rote Hund teilt schon wieder in unserem Haus Zetteln aus zum Leutaufhetzen.« »Was für Zetteln?« »Na so Zetteln von die Sozi, wo drinnen steht, daß s' unzufrieden sein und mit den Reichen teilen sollen. Der g'hört doch g'haut wie a Büffel, net?« Und sie liefen. »Warum g'hört er deswegen g'haut,« wollte der Franzl, dem die Untugend der Neugierde eingeboren war, schon wieder wissen, »wissen die Leut net von selber, daß 's ihnen elendig geht?« Sie waren schon im zweiten Stock. Dort schlich ein Mann herum, mit aufgestelltem Rockkragen, den Hut tief ins Gesicht gedrückt. Wie einer, der Böses im Schilde führt, benahm er sich, vor jeder Wohnung blieb er stehen, äugte ängstlich herum, griff dann rasch in die innere Rocktasche, zog ein bedrucktes Stück Papier heraus und steckte es behutsam, um ja nur kein Geräusch zu machen, zwischen die Türen. Der Köck-Paul machte sich von hinten an den Mann heran, faßte ihn am Kragen und rief: »Hab i dich endlich, du roter Hund, du arbeitsscheuer Strizzi, du Herrgottschänder, i werd dir geben, die Leut aufhussen ...« und schon klatschte die Hand des Köck-Paul erst auf der einen, dann auf der anderen Wange des Flugzettelverbreiters. Der drehte sich um, holte aus und prompt hatte der Köck-Paul seine beiden Ohrfeigen zurück. Es entstand eine wüste Balgerei. Die beiden Ringer wälzten sich der Stiege bedenklich nahe und schon schien es, als sollten sie, wie ineinander verbissen, die Treppe hinunterkollern. In diesem Augenblick schrie der Franzl, der bisher passiver Zuschauer gewesen: »Halt, halt, aufpassen, die Stiegen ...« Aus dem einen Knäuel wurden wieder zwei Menschen. Sie erhoben sich und rangierten ihre Toilette. Und jetzt erst konnte der Franzl das Gesicht des fremden Mannes sehen. Es war der Alois Kragel, der Bombenjongleur vom Gärtnerhause in Matzleinsdorf. Der erkannte seinen einstigen jungen Freund sofort. »Aha,« meinte er mit verbissener Mundstellung, »du g'hörst auch schon zu der Rass' und Klass'? Haben s' dich auch schon so weit? Na ich gratulier.« Der Franzl fühlte sich nicht behaglich in seiner Haut. »I bin nur ganz zufällig da, Herr Kragel,« entschuldigte er sich, »i hab Ihnen nix g'macht.« Der Bombenjongleur sagte nur noch: »Du verstehst noch nix von der Welt, Jüngling, aber hüt dich und halt ja net mit die Burschoa. Denen geht's an den Kragen und allen denen, die sich von ihnen kaufen lassen. Hüt dich.« Und er ging wie einer, der seiner Sache sicher ist. Unten beim Haustor stand der Hausmeister und paßte auf den frechen Eindringling. Der Hausmeister vertrat hier die Autorität. Er hieb dem Bombenjongleur mit der Faust auf die Nase, daß Blut daraus spritzte. Der also Mißhandelte durfte sich nicht wehren, mußte froh sein, wenn er nicht auch noch an die K. K. Behörde ausgeliefert wurde. Die Weltordnung hielt sich ihre Kettenhunde und fütterte sie mit abgenagten Knochen von den Tischen der Herren. »Solche Bekannte hast?« forschte der Köck-Paul. »Das is der Herr Kragel,« erklärte der Franzl, »wie ich noch ganz klein war und bei der Marietant g'wohnt hab, hat er mir Taubenfüttern g'holfen. Aber jetzt hab ich ihn schon lang net g'sehn.« Er war so feinfühlend zu verschweigen, daß der Herr Kragel auch schon eingesperrt war. »Hüt dich vor solche Freunderln,« warnte der Köck-Paul eindringlich, »die Verbrecher kommen alle auf 'n Galgen, net, und wer an die nur anstreift, ditto, net? Hüt dich.« Und er ging wie einer, der seiner Sache noch sicherer ist, weil hinter ihr der Wachmann steht. Der junge Tag mußte mit der retirierenden Nacht noch fest raufen, um sich Platz zu schaffen, als der Köck-Paul und der Schuhmeier-Franzl aufbrachen. Sie wanderten dem jungen Morgen entgegen, der sie strahlend begrüßte, und am Ziel schwangen sie sich über eine Mauer in den kaiserlichen Fasangarten, der sich hinter der Gloriette gegen Hetzendorf zieht. Die Sonne war schon aufgegangen in ihrer ganzen leuchtenden Pracht und die Wipfel uralter Baume streichelte behutsam, wie ein gütiger Vater, der sanfte Morgenwind. Das gab ein feierliches Rauschen durch das sattgrüne Laub, durch das sich goldene Strahlen stahlen, die auf dem taufeuchten Grün der Wiesen lustig tanzten, und unter der Erde, im Gras, auf den Ästen und in der Luft erwachte tausendfältiges Leben. Aus Erdlöchern krauchten die Wühltiere und die Käfer hervor, um zu frühstücken, in den Zweigen und im Ätherblau sang und schlug und pfiff und scharrte das bunte Gefieder und weiter drinnen hörte man es in den Büschen knacken, wenn Kleinwild auf die Pirsch ging. Und dieses Wunder, wohl nur ein winziger Farbenklecks auf der Palette der Schöpfung, gehörte einem, einem einzigen Menschen, dem Kaiser. Hatte der, der dies alles mit so viel Liebe erschaffen, in der Stunde des Schöpferdranges nur an den einen gedacht? Der Köck-Paul beschwerte sich nicht viel mit solchen zwecklosen Gedanken. Ihm war das alles Pomade. Er suchte Finkennester. Und weckte den Franzl: »Also los, gehn mir's an, net?« Und unterwies den Neuling im Vogelnesterausheben: »Erst horchen mir auf 'n Schlag von die alten Finken, bevor s´ ausfliegen, net, und wo die Alten den schönsten Schlag haben, dort holen wir uns die Brut, net? Siehst, da droben, die kugelrunden Nester, das san denen Finken ihre. Und daß du a Ahnung hast von der Finkologie, es gibt Doppelschlager, Schmalkalder, dann ein scharfen und ein schlechten Weingesang und halt so, net. Für Doppelschlager kriegt man das meiste.« »Ja, aber«, wendete der Franzl ein, »die Jungen können doch noch gar net schlagen, wie kennt das der Vogelkramer, was für Schlager so a Finkensäugling einmal wird?« Der Paul entgegnete branchenkundig: »Kennen kann er´s net, net? Aber wann i ihm sag, das is a solchener, so glaubt er's, weil er mich kennt und weiß, daß i ihm net anschmier, net? Das tu ich auch net, wegen ein andersmal. Ich sag ihm akkurat, das is a guter Schläger und das is a schlechter, wie's wahr is.« »Nimmt er die schlechten auch?« »Freilich nimmt er s'. Die zieht er auf, und wenn s' a bissel fett san, werden Brateln draus g'macht, net?« »Was, Finken werden 'gessen?« frug der Franzl perplex. »Das hast auch noch net g'hört?« belehrte ihn der Paul, »das Fleisch von die Finken is a Sympathiemittel gegen die hinfallende Krankheit.« »Grauslich,« schüttelte es den Franzl, »daß die Leut noch immer so abergläubisch san.« »Siehst,« redete der Paul altklug, »dafür muß es Dumme geben, damit die G'scheiten von der Dummheit leben können.« »I glaub halt, daß man die Dummen net auswurzen, sondern g'scheiter machen sollt. Das müßt doch gehen. Wann man sich so ein Dummen hernimmt und ihm expliziert, schau, das is dumm und die Dummen lacht man net nur aus, man beutet sie auch aus, so wird er doch...« »So wird er doch«, fiel ihm der Paul ins Wort, »hergehn und dir eine 'runterhaun, net, und sagen, daß das dich ein Schmarrn angeht und er kann so dumm sein als er will.« »Das werden mir erst sehn«, blieb der Franzl bei seiner Meinung. »Weißt, i bin dir a guter Freund«, sagte mit ironischem Unterton der Paul, »und drum wünsch ich dir, du sollst so lang leben, bis der letzte Dumme stirbt. Dann lebst nämlich ewig. So und jetzt lassen wir die Dummheiten, net, und jetzt aufpassen.« Sie hatten die Schuhe ausgezogen und schlichen von Baum zu Baum. »Hörst;« flüsterte der Paul, »das da oben ist a gute Familie. Hörst den Schlag? Immer zwei gehörig abgeschlossene Strophen, net? Das san die richtigen.« Der Franzl paßte gut auf, aber besonders gefiel ihm dieses Handwerk nicht. Da gab es glückliche Vogeleltern, sicher nicht weniger glücklich als Menscheneltern, die werden nun fortfliegen, um für ihre schreienden Kleinen Futter zu suchen, und bis sie zurückkommen werden, wird das Nest leer sein, werden ihre kleinen Vogelherzen so schwer, und das Brüten und alle Pflege und Liebe und Sorgfalt wird umsonst gewesen sein, weil da unten zwei Räuber auf der Lauer waren, die mit dem Liebsten, was so ein Vogelpaar hat, schnödes Geld verdienen wollen. Das behielt der Franzl freilich für sich, denn das wußte er schon, daß ihn sein Spießgeselle nur auslachen würde, wenn er ihm mit solchen Faxen käme. Sie erwischten steinerweichend schreiende junge Buchfinken, aber auch anderes Vogelzeug verschmähten sie nicht, Amseln, Kohlmeisen und Schwarzblatteln schubsten sie in die Leinwandsackerln, die der Paul mitgebracht hatte. Der Vogelkramer prüfte jedes Stück sachkundig, bot für dieses Exemplar mehr und für jenes bedeutend weniger und sperrte die armen, in der Freiheit zur Freiheit geborenen künftigen Sänger in leere Käfige. Es waren keine Vögel mehr, es war Ware. Der Paul handelte um jedes Stück langmächtig herum, wollte in jedem Falle mehr haben, als der Handelsmann geben wollte, und begründete seine Forderungen so: »Sie füttern s' a bisserl auf und werden ohne viel Arbeit reich. Mir aber müssen die Viecher unter Lebensgefahr zusamm'fangen, und wann mir von der Behörde erwischt werden, kriegn mir unser Fetten. Und dafür wollen S' uns a Butterbrot geben?« Für die Begriffe des Franzl machte es eine ganz hübsche Summe aus, die der Paul einsteckte und mit ihm ehrlich teilte. Nur ein wenig gönnerhaft tat er das, wie einer, der Wohltaten übt und dies anerkannt sehen will. Nach Geschäftsabschluß lud der Paul den Franzl ein, ins Wirtshaus auf ein Viertel Wein mitzukommen. Der Franzl lehnte dankend ab. Das Geld kriegte die Mami. Er nannte es das Bettgeld. Und die Mami war froh, die Nettl brauchte dringend neue Schuhe. »Daß du nur kein Anstand mit der Polizei hast«, besorgte sie, ließ sich aber gerne und leicht beruhigen. Sie gingen alle Tage Nester ausheben, der Paul und der Franzl. Der Franzl war aber so eigentümlich. Den Paul interessierte dabei nur das Geld, den Franzl die Lebewesen. Sie haben ihn ja schon im Gärtnerhause den Viechernarren geheißen. Aber er tat mit, weil er sich zu Hause nicht aushalten lassen wollte und weil er sich ein paar Kreuzer beiseitelegen und Bücher kaufen konnte. Die große, weite Welt, die ihm verschlossen war, wollte er vorläufig wenigstens aus Büchern kennen lernen. Von den berühmten großen Städten wollte er lesen, von den Bergen, deren Häupter in die Wolken ragen, von den Wäldern und seinem Getier, das sich gegenseitig auffressen muß, um zu leben, vom großen, schiffetragenden Meer, das zu schauen seine größte Sehnsucht war, und selbst von den Gestirnen über uns, die bei Tag nicht da sind und des Nachts so rätselhaft leuchten und funkeln. Und nicht zuletzt Bücher über den Menschen selbst. Über das Räderwerk in uns, das keine Sekunde stillestehen darf, weil wir sonst umfallen und tot sind, ohne daß es einen Uhrmacher gäbe, der es wieder in Gang bringen könnte; wie sie zusammengelebt haben in grauer Vorzeit und wie das alles so geworden ist, wie es heute ist. Das studierte er, nachdem er tage- und oft wochenlang alle Antiquariate abhausiert, um das Gesuchte zu finden. Die schönsten seiner piepsenden Gefangenen trug er aber nach Hause. Wo er in der Nachbarschaft einen alten, außer Gebrauch stehenden Vogelbauer wußte, bettelte er sich ihn aus. Und in der Küche der Mami spektakelte es nun von früh bis spät, daß der Vater Schuhmeier seinem ältesten Sohne fast täglich drohte, er werde ihn samt seiner Vogelkramuri hinausschmeißen, weil er sich zu Hause nicht einmal mehr ordentlich ausschlafen könne. Jeder Vogel hatte seinen Namen und der Franzl freute sich wie ein Kind und die Mami und die Nettl mit ihm, wie die Tierchen immer zutraulicher wurden. Und das vielstimmige Konzert, das dieser Vogelgesangsverein gab, war ihnen Ohrenschmaus. Einmal sagte der Paul zum Franzl: »Heut lassen mir einmal die Vogerln in Ruh, net? Heut gehn mir auf d' Schmelz und schaun den Soldaten exerzieren zu.« »Warum?« »Weil mir doch auch bald in den Verein kommen, net, damit mir dann schon was können.« Sie trabten hinaus auf das große Luftreservoir im Westen Wiens, auf die Schmelz, auf der vormittags unsere wackeren Vaterlandsverteidiger sich im Gewehrklopfen und Marscheinspracken übten, die nachmittags den Frauen mit ihren Kindern und Hunden und Ziegen und Hühnern als Sommerfrische und Weideplatz diente, abends, wenn es dunkelte, die süße Last für immer oder nur vorübergehend verliebter Pärchen zu tragen hatte und wo nachts unheimliche Gestalten schattenhaft geisterten, sich Pfeifsignale gaben, Messer auf Steinen wetzten und mit Luchsaugen nach Opfern zum Abstieren spähten. Auf dem nördlichen Rande der Schmelz war es schon lebendig. Kommandos wurden geschnarrt, der Boden dröhnte unter dem Kommißstiefeltritt feldmäßig bepackter Soldaten, die Artillerie fuhr Kanonen auf und seitwärts standen die Herren Offiziere auf eigenen Beinen oder saßen auf gesattelten Pferderücken. Es wurde für die Kaiserparade gedrillt. Die Soldaten schwitzten und die geschniegelten Herren Offiziere rauchten Zigaretten und kokettierten mit den prachtvoll modellierten Ottakringer Mädeln, die sich im zuschauenden Publikum befanden. Diese Vorstadtmädeln fühlten sich beglückt und begnadet, wenn ein Herr Leutnant ein Auge wohlgefällig auf sie zu werfen geruhte, weil sie erstens das feine bunte Tuch und der scheppernde Säbel rebellisch machte, und zweitens, weil das einer aus einer höheren Sphäre war, zu der die von Ottakring und Umgebung damals noch ehrfürchtig aufblickten. Da schmolzen sie hin wie Wachs und die Herren Leutnants, denen der Kaiser nicht zuletzt der Mädel wegen so schillerndes Gefieder gab, hatten leichtes Spiel und konnten mitten im Frieden die schönsten Siege erringen. Der Franzl und der Paul setzten sich ins zertretene und zerliebte Gras und schauten zu, wie sie die Kaiserparade und zugleich den nächsten Krieg vorbereiteten. Es war wie auf dem Theater. Man durfte nur nicht hinter die Kulissen schauen, denn dann verflog der Zauber. Natürlich nur für die, denen kommandiert wurde, für die, die kommandieren durften, blieb es immer schön. »Wenn aber kein Krieg mehr kommt,« sagte der Franzl zum Paul, »dann is die ganze Plag umsonst und das viele Geld, was das kost, auch.« »Bimpf,« bemitleidete ihn der Paul, »glaubst, das Militär is nur für 'n Krieg da?« »Zu was denn?« »Zu unserm Schutz. Wann die Hungerleider, so wie dein Bekannter einer is, den i neulich g'salzen hab, frech werden und zum Teilen anfangen wollen, kriegen s' von denen da blaue Bohnen, daß ihnen der Neid und das Atemschöpfen vergeht, net? Dazu zahln mir ja so viel Steuer.« »Schau amal dort hin, bitt dich, schau amal dort hin,« rief später aufgeregt der Paul und zeigte mit dem Finger nach dem Platze, wo die Herren Offiziere beisammen waren, »siehst den einen Leutnant, der dort, der Lange, wie er zu dem Madel dort, net, was den Sonnenschirm aufg'spannt hat, hingangen is, und wie er in sie 'neinredet. Die machen sich was aus.« »Ein Rendezvous? I hab auch schon bemerkt, daß die Offizier bei die Weiber mehr Glück haben als Zivilisten«, verriet der Franzi schmunzelnd sein Wissen um diese Dinge. »Weil s' blöd san, die Frauenzimmer,« konstatierte der Paul, »nachher sitzen s' da mit 'n Klapetz und müssen sich erst hinterher ein Vater dazu suchen, der sein Stammhalter fertig ins Haus geliefert kriegt.« Der Paul fuhr fort: »Mir haben z' Haus auch unser G'frett mit meiner Schwester, mit der Gisl, auf die müssen mir aufpassen wie die Haftelmacher. Erst unlängst hab i s' auf der Mariahilferstraßen erwischt, die dumme Urschel. Mit ein Dragonerleutnant is sie eing'hängt daherstolziert, a Baron soll er sein und in Geld soll er nur so schwimmen. I hab's dem Vater g'sagt, das muß ich doch, net, i bin doch der Bruder, und da hat s' ihrn Teil kriegt, daß s' drei Tag net die Augen aufbracht hat. G'heult hat s', daß im Zimmer bald a Überschwemmung g'wesen war, und sie hat ihm so gern, hat s' g'schluckt und er wird s' heiraten, der Herr Baron die Schusterstochter, wie im Kaiser-Joseph-Roman. Jetzt därf s' nimmer allein fort und drum trotzt s', das Nockerl.« »Die Gisl?« frug der Franzl und brachte schier den Mund nicht mehr zu. Die Gisl? Die auch? Die hat er immer für das Feinste und Unnahbarste gehalten und sie hatte er sich nie anzureden getraut, trotzdem in ihm immer etwas los war, wenn er sie sah, ein halb freudiges, ein halb banges Gefühl, und so warm war ihm immer nachher und er wußte es nicht zu deuten. War er von ungefähr in ihrer Nähe, wollte er davonlaufen, sah er sie nicht, zog es ihn zu ihr. Und er traute sich kaum, sie zu grüßen, weil er meinte, sie mit seinem Proletengruß zu entweihen. Schon in mancher Nacht hat er wachend von ihr geträumt. Und jetzt hörte er das da. Sein Heiligenbild lag im Staub. Er mühte sich, sie vor sich zu entschuldigen, sie zu begreifen, um das Bild wieder rein zu kriegen. Ein Brüllen rief ihn in den Vormittag und auf die Schmelz zurück. Die Kiebitze, die im Grase saßen oder halb lagen, sprangen auf und drängten der Stelle zu, wo es den Krawall gab. Einer von der Artillerie muß gepatzt oder sonst was getan haben. Ein Unteroffizier stand vor dem Mann, stieß mit seiner Nase an die des Sünders und schrie, daß ihm die Augen herausquollen: »Kerl, steh net da wie a Spatzenschrecker, stier mich net so blöd an! Habtacht! Verstanden? Habtacht! Dich werd ich karniffeln. Du Urtepp, der unserem Kaiser für nix und wieder nix das Brot wegfrißt. Dich laß ich wippen, bist d' auf die Knie Hühneraugen kriegst. Eins – zwei – auf – nieder – auf – nieder – was tust, brummen tust? Da hast fürs Brummen.« Und zum Entsetzen der Zuschauer hieb der Unteroffizier dem Gemeinen mit der Faust auf den Mund, Blut rann heraus, und der Mann fiel hin wie ein Stück Holz. Alle waren entsetzt, aber niemand wagte sein Entsetzen zu äußern. Der Franzl zitterte vor Erregung und wendete sich an den Paul: »Teufel noch einmal, darf denn das sein?« Der Paul war viel ruhiger und antwortete: »Ja, das is der k. k. Zwirn, mein Lieber, net? Nur so kommt a Disziplin unter die Klacheln. So verschaffen sich die Oberen vor die Unteren Respekt. Und ohne den geht's amal net, net?« Der Franzl sagte absichtlich laut: »Wenn i bei den Verein wär und so ein Stehaufmandel mir das tät, der könnt sein Testament machen.« Der Paul stupfte seinen fürwitzigen Freund in den Bauch. »Bist net ruhig, wenn dich wer anzeigt, kannst ein paar Jahrln bei Wasser und Brot über Patriotismus nachdenken, net?« Inzwischen waren einige Offiziere auf den Schauplatz der aufregenden Handlung geeilt und fuchtelten dort mit den weißbehandschuhten Händen herum. »Jetzt kriegt aber der Schinderknecht sein Teil«, freute sich der Franzl. Der »Schindersknecht« stand vor den Offizieren stramm, rapportierte etwas und dann wurden zwei Mann herbeigerufen, die den halb Ohnmächtigen aufhoben, zu einer der Kanonen schleppten und ihn an das Rad der Lafette so anbanden, daß er auf den Zehenspitzen stehen mußte. Das nahm sich von weitem aus, als wäre wieder einer ans Kreuz geschlagen worden. Die Zuschauer murrten. Aber so, daß keiner etwas gesagt haben konnte. »Und das darf sein? Das darf sein?« schrie der Franzl empört, »und da schauen so viel erwachsene Menschen zu und keiner geht hin und haut die Bestie nieder? Wann keiner hingeht, geh halt i...« Und allen Ernstes wollte er hinrennen. Der Paul erwischte ihn noch rechtzeitig am Hosenboden und zog ihn zurück. Gleichzeitig kamen im Laufschritt Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren und drohenden Bajonetten darauf und vertrieben die Zivilisten gegen den Schmelzer Friedhof zu. Und noch immer hing einer am Kreuz... »Hörst,« sagte auf dem Heimweg der Paul zum Franzl, »hörst, du bist aber ein narrischer Kerl. Was regst dich denn so auf? Dafür is das doch das Militär, net?« »Aber der arme Kerl is doch auch a Mensch...« »Beim Militär gibt's keine Menschen, beim Militär gibt's nur Material. Das wirst schon begreifen lernen.« »Das werd i nie begreifen,« bockte der Franzl, »wenn einer a Katz so martert, wird er wegen Tierquälerei eing'sperrt...« »Aber wirst dich schon beruhigen, wie sich noch jeder beruhigt hat«, schnitt der Paul diese zwecklose Debatte ab und begab sich in die Tabaktrafik, wo er fünf Dramazigaretten einhandelte und davon eine dem Franzl anbot. Das war dessen erster Rauchversuch. Die erste Zigarette, wenn diese auch noch dazu von der billigsten Sorte ist, tut immer üble Wirkung. Und so drehte sich vor dem Franzl, gleich nach den ersten Zügen, die Häuser, die Wagen und die Menschen und er wurde käsebleich und warf die halbe Giftnudel weg. »Meine Herrn, is mir schlecht«, gestand er dem Paul, was aber bei diesem keineswegs Mitleid, sondern innige Schadenfreude auslöste. So waren sie vors Reithofferhaus gekommen. Vor diesem stand, sonntäglich geputzt und zum Hineinbeißen appetitlich das Fräulein Gisela Köck, die Gisl. Und gerade jetzt war dem Schuhmeier-Franzl so sterbenselend, daß er hätte heulen mögen und alles, sogar die Gisl, nur wie durch einen Schleier sah. »Ah,« begrüßte sie der Bruder Paul und gab seinen Worten einen ironischen Unterton, »das gnädige Fräulein geruht auszugehn? Wer is denn heut der Glückliche, wenn ein ganz ordinärer Schuster fragen därf?« »Kümmere dich um deine Sachen, ja?« verwies ihn das gnädige Fräulein höchst ungnädig. »Wo du hingehst, will i wissen«, frug der Paul nochmals, diesmal schon strenger. »Schmecks hab ich heut noch nicht g'sagt«, gab die zur Antwort. Es gab und gibt Exemplare unter der Weiblichkeit, die anzuschauen sind wie überirdische Wesen, für die diese Welt zu rauh ist – solange sie nicht den Mund aufmachen. Tun sie ihn auf, werden unterirdische Wesen draus. Das gab der brüderlichen Autorität des Köck-Paul einen derben Stoß. »Wann du net auf der Stell umkehrst und 'naufgehst,« herrschte er das überirdische Wesen wütend an, »leg i dich vor alle Leut übers Knie, du Offiziersschlamperl du. I werd dir helfen mit die uniformierten Pflastertreter auf 'n Strich gehn.« Da versetzte die Gisl ihrem Bruder eine Maulschelle: »So, da hast, du ordinärer Kerl du.« Das konnte sich der Paul natürlich nicht bieten lassen. Schließlich war er ein Mann. In seiner ganzen Größe wollte er sich auf die schlagfertige Gisl stürzen. Aber da wurde der Franzl, der während dieser idyllischen Familienszene an die Mauer gelehnt stand und verzweifelt mit seinem herausdrängenden Mageninhalt kämpfte, nüchtern, ganz nüchtern. Er warf sich zwischen das Geschwisterpaar und deckte die Gisl mit seinem Leibe. »Pfui, schäm dich,« donnerte er dem Paul ins haßverzerrte Gesicht, »ein Mäd... eine Dame schlagen. Das duld i net, das is niedrig.« Jetzt war er ein Ritter, der eine Dame – bald wäre ihm das für dieses Objekt zu banale Wort: Mädel herausgerutscht – beschützen konnte. Noch dazu die Dame, die sein erstes Herzklopfen verursacht hatte. Das versetzte den Paul in noch größere Wut. Er packte den Franzl an der Hemdbrust und zerrte ihn weg, um das Ziel für seine hiebbereite Faust freizubekommen. Doch als es endlich gelang, die lebendige Mauer fortzuschieben, war dahinter – nichts mehr. Die Gisl war hinter des Schuhmeier-Franzls breitem Rücken – abgefahren. »Na wart nur, wannst z' Haus kommst, freu dich, heut sag i's aber dem Vater«, drohte der Paul nach allen vier Windrichtungen. Wendete sich dann an den Franzl und sagte kurz: »Geh mit 'nauf.« Der lehnte indes wieder an der Mauer und hauchte wie ein Sterbender. »Meine Herrn, is mir schlecht.« Zwölftes Kapitel Den nächsten Tag waren sie wieder auf Vogelfang. Von der Geschichte von gestern wurde nichts geredet. Der Paul fing nicht an davon und der Franzl wollte sich nicht in fremde Familienangelegenheiten mischen. Die Gisl spukte trotzdem in seinem Kopf herum. Der Franzl lag im Grase auf dem Bauch und las, nicht zum ersten Male, Schillers »Räuber«. Am besten gefiel ihm die zweite Szene in der Schenke an den Grenzen von Sachsen, und Karl Moors »Menschen, – Menschen! Falsche heuchlerische Krokodilbrut« wußte er längst auswendig. Und auch jetzt, als er zu dieser Stelle kam, deklamierte er mit geschlossenen Augen diesen Tobsuchtsanfall eines Mannes, den die Menschen so schwer enttäuscht hatten. Der Köck-Paul betrieb turnerische Freiübungen. Über den Franzl machte er sich lustig: »Willst am End auch a Räuberhauptmann werden? Sag's, i hin dabei.« »Hör auf mit solche Witz,« wehrte der Franzl ab, »i bin heut net aufg'legt dazu.« »Is dir a Laus über die Leber 'krochen?« »Zuwider is mir schon alles. Das Herumfaulenzen führt zu nix. Arbeiten möcht i wieder. Meine Leut z'haus und besonders der Vater, schaun mi schon immer so eigenartig an, wie ein' unnützen Fresser.« »Such dir halt a G'schäft.« »Is leicht g'sagt. Wo denn? Überall, wo i anklopf, beuteln s' mit 'n Kopf. Mir brauchen niemand, ham selber nix zu tun, heißt das.« »Wannst auch so ung'schickt bist. Wer geht heutzutag noch anklopfen? Heutzutag geht man zum Isidor.« »Isidor?« »Na, der Isidor! der alte Jud in der Schottenfeldgassen, Stieglitz heißt er, aber alle sagen halt Isidor zu ihm, das is a Arbeitsvermittler, der hat allerweil freie Arbeitsplätz, und wannst sagst, du bist stier, brauchst nur a paar Sechserln geben. Und wann einer schlau is, zahlt er's dem Juden im Jenseits. Morgen gehst hin, sag, ich hab dich g'schickt, oder noch besser, i geh mit dir.« Der alte Isidor wohnte im Hintertrakt eines behäbigen alten Schottenfelder Bürgerhauses, das noch einen tiefen Garten mit schattigen Bäumen hatte, in deren Rinden Jahrhunderte eingekerbt waren. Der Greis mit dem weißen gekräuselten Patriarchenbart und einem Käppchen auf dem frommen, silberhaarigen Haupte war einer von jenen, die damals Vazierenden Arbeit verschafften. Die Arbeitsvermittlung war noch ein Geschäft wie jedes andere. Um Arbeitsuchende brauchte sich so ein Vermittler nicht umzuschauen. Die kamen von selber. Das wichtigste bei diesem Berufe waren gute Verbindungen mit Fabrikanten und Handwerksmeistern, die es dem Vermittler sagen ließen, wenn sie Leute suchten. Diese Verbindungen hatte der alte Isidor. Er besuchte seine Klientel regelmäßig, um sich fortwährend in Erinnerung zu bringen, und wartete allen, auf die es ankam, aus seiner Schnupftabakdose auf. Die Werkmeister in den größeren Betrieben beschenkte er mit Rauchmaterial und bei besonderen Anlässen, wie Neujahr, Geburt eines Kindes und ähnlichem, mit passenden Kleinigkeiten. Auch sonst wußte er in verzwickten Situationen wertvollen Rat und so war er gerne gesehen. Auch deshalb, weil er meistens gar nicht bösgemeinte Sticheleien über das Volk und den Glauben seiner Väter nicht übel nahm. Die Unternehmer mußten ihm für die Vermittlung von Arbeitsleuten nichts bezahlen. Bezahlen mußten, wie dies ortsüblich war, die Vermittelten. Nicht gleich, denn meistens waren sie längere Zeit ohne Verdienst gewesen und besaßen nichts als Schulden. Daher ließen sich die Vermittler von den Vermittelten die Vermittlungsgebühr an den Arbeitgeber zedieren, der sie vom Lohn abzog und an den Vermittler abführte. Auf dem Wege zum alten Isidor hat der Paul spontan von der vorgestrigen Geschichte mit der Gisl zu reden begonnen. »Um zwölfe bei der Nacht is das Flitscherl z'haus 'kommen. Der Vater hat s' gar nimmer 'neinlassen wollen. Langmächtig hat s' anklopfen müssen. G'schicht ihr recht, net? Die Mutter hat g'heult und g'sagt, daß man das Mädel doch net bei der Nacht auf der Gassen lassen kann.« »Wo war s' denn eigentlich?« erkundigte sich der Franzl, den alles, was die Gisl anging, riesig interessierte. »Das is aus ihr net rauszukriegen. Der Vater hat a Wut kriegt und hat z'erst die Mutter g'haut, als ob er die große Trommel g'schlagen hätt' – die kriegt überhaupt mehr Schläg wie z' essen – dann hat er aufg'sperrt und die Gisl...« »Hat er s' aa g'haut?« fuhr der FranzI dazwischen. »Na, dasmal net. Die ganze Nacht hat s' in der Kuchl auf der Rumpel knien müssen und der Vater und i haben abwechselnd aufpaßt, daß s' net aufsteht. Siehst, so heiter is das Familienleben.« Dem Franzl taten seine Knie weh. Der alte Isidor hatte für den Herrn Schuhmeier etwas auf Lager. Leider keine stabile Beschäftigung, die seien jetzt rar, aber so Gott will, würden doch bald wieder bessere Zeiten kommen, dafür könne er aushilfsweise beim Buchbinder Muth in der Hirschengasse auf Nummero 22 eintreten. Wochenlohn sechs Gulden. Wenn er Glück habe, der Herr Schuhmeier, könne es dort vielleicht doch noch etwas für die Dauer werden, sei ein feiner Mann, der Herr Muth, gar nicht stolz und sogar ein Arbeiter könne mit ihm reden und schließlich, wenn der Herr Schuhmeier wieder Arbeit brauche, werde er, der alte Stieglitz schon dem Herrn Köck zuliebe dem Herrn Schuhmeier wieder ein passendes Plätzchen verschaffen. Dazu sei er ja da, der alte Stieglitz, so Gott will bis hundertzwanzig Jahr. Und der Herr Schuhmeier hätte dem alten Stieglitz für diesmal bloß einen Gulden zu bezahlen, koste ihm selbst so viel, aber für so prächtige junge Menschen tue er es gerne um Gotteslohn und es müsse nicht gleich bezahlt werden, er wisse, daß heutzutage bei jungen Leuten Geld das wenigste sei, und er würde es schon bekommen. Sie wurden handelseins. Beim Weggehen empfahl sich der Köck-Paul so: Er steckte beide Daumen in die Ärmelausschnitte seiner Weste und imitierte das Mauscheln, was ihm aber kläglich mißlang: »Servus, Jüdlach, laß mir dei alte Sarah grüßen.« Der Paul war nicht wenig stolz, daß er zu einem alten Manne ungestraft so reden durfte. Der alte Isidor lächelte sauer, wie einer, der es nicht hindern kann, daß jeder dumme Junge mit ihm, dem Greis, so redet, weil die, die so reden, viele und die, die es erdulden müssen, wenige sind; aber aus seinen Augen leuchtete die trotzige Überlegenheit eines Menschen, der entschlossen ist, trotz alledem dem Gott seiner Väter die Treue zu halten, um dereinst gnädig in sein ewiges Reich aufgenommen zu werden, und ginge es über Martertod und Scheiterhaufen. Der Franzl rügte: »Das g'fallt mir absolut net, daß du junger Lecker mit ein alten Mann so umgehst.« »Dafür is er a Jud«, beruhigte der Paul den Franzl und sich selber. »Was haben uns die Juden eigentlich getan, daß mir so grauslich mit ihnen sind«, fragte der Franzl. »Weil sie unsern Heiland gekreuzigt haben.« »Is damals der alte Isidor g'fragt worden, ob er einverstanden is, daß unser Heiland gekreuzigt wird?« »Geh, hör auf, so a alter Jud is er noch net, da müßt er ja schon über tausendachthundertachtzig Jahr alt sein.« Der Paul mußte über seinen guten Witz selber lachen. Der Franzl freute sich, wieder Arbeit zu haben, und ganz besonders freute es ihn, daß er in seiner Hirschengasse, ganz in der Nähe seines Geburtshauses, arbeiten konnte. An dem Hause, in dem man zur Welt kam, in dem man als Säugling gebrüllt, gestrampelt, gelallt hat und schließlich Mensch geworden ist, geht man auch noch im spätesten Alter ehrfürchtig vorbei. Auch die Seinigen waren es zufrieden. Da nun der Älteste verdiente, wenig, aber doch, schmiedeten sie im Reithofferhause Pläne. So auch den, den Hansl und den Karli aus der Fremde wieder nach Hause kommen zu lassen. Die Nettl ging, um das möglich zu machen, auch schon in die Fabrik. Sie hat es nicht gerade mit Begeisterung getan, denn auf ein »Fabriksmadl« schaute man damals sehr tief und sehr über die Achseln hinunter. Aber da ihr mangels hinreichender Vorkenntnisse nur die Wahl blieb, in den Dienst oder in die Fabrik zu gehen, die doch mehr Freiheit ließ und das Wohnen im Elternhause ermöglichte, entschied sie sich für das letztere. In der Buchbinderei Muth wurde der junge Schuhmeier schon wie ein Erwachsener behandelt. Etwas von oben herab behandelten ihn zwar die Professionisten, die gelernten Buchbindergehilfen. Die Professionisten dünkten sich noch etwas Besseres als die ungelernten Handlanger und kehrten ihren Standesdünkel oft recht brutal hervor. Schließlich will jeder Mensch zumindest vor sich und den Seinen etwas gelten und auch der Getretenste fühlt sich, wenn einer da ist, an den er die Fußtritte, die er abbekommt, weitergeben kann. Aber die Ungelernten verkehrten mit dem »Neuen«, wie sie den Schuhmeier nannten, auf gleich und gleich, und aus den Erfahrungen, die sie untereinander austauschten, gewann Schuhmeier Einblick in Verhältnisse, von denen er bisher nichts geahnt hatte. Er lernte dabei so manches begreifen, was er sich vorher nicht erklären konnte und was seiner Grüblernatur viel zu schaffen gab. Faden um Faden knüpfte er aneinander und sah früher als manche andern, die ihr Leben lang nichts sahen, daß nichts, was ist, zufällig, sondern einem System untergeordnet ist, das die Beherrscher von Menschen und Dingen raffiniert und mit unheimlicher Gescheitheit erdacht, eingesetzt haben und mit Feuer und Schwert und mit Kerker verteidigen, damit es für alle Ewigkeit Herrscher und Beherrschte gebe. Der junge Schuhmeier war von da an nicht mehr der ewige Frager, er konnte nun sich und anderen Antwort geben. Freilich beschlichen ihn manchmal Zweifel, ob diese Antworten absolut richtig waren, und es ließ ihm keine Ruhe, die richtigen Lösungen zu finden. Nach der Arbeit setzte er sich in den kleinen Park in der Nähe des Reithofferhauses und las. Immer schwerere Bücher las er, immer neue Wissensgebiete erschloß er sich. Und wenn es dunkel wurde, stellte er sich unter eine Gaslaterne, die spärliches Licht spendete, und las und las wieder, bis die Zeit der Haustorsperre da war. Der Hausmeister brummte oft unfreundlich, weil der junge Schuhmeier gerade immer zum Tor hineinschoß, wenn der Hausvogt schon den Schlüssel umdrehen wollte und sich um das Sperrsechserl geblitzt sah. Sonntags zog Schuhmeier mit Arbeitskollegen, deren Frauen und Töchtern hinaus ins Grüne, zu Fuß natürlich, denn Bahnfahrten trug es nicht. Hütteldorf, Weidlingau, der Heuberg in Dornbach, Klosterneuburg und die Donau noch ein Stückerl weiter hinauf waren die Ziele ihrer Sonntagswanderungen, die, mit Wegzehrung beladen, zeitlich früh angetreten und abends hundsmüde beendet wurden. Der Schuhmeier konnte sich nicht beruhigen vor Begeisterung über den kleinen Ausschnitt Welt, in dem er sich ergehen konnte, und Baum und Strauch und Blumen und Schmetterlinge und Käfer und gar die Vögel erweckten in ihm eine unbändige Daseinsfreude. Seine Augen leuchteten und auf alles machte er seine Wandergefährten aufmerksam, auf dies und auf jenes und wie unbeschreiblich herrlich alles zusammen sei, und wenn es aufbrechen hieß, band er Blumen zu einem großen Buschen, den er der Mami, die noch immer zu Hause bleiben mußte, noch nirgends war und nirgends hinkam, als duftenden Gruß aus Feld und Flur heimbrachte. Mit den Mädeln, die mit waren, teils allein, teils in elterlicher Obhut, ging er um, als wären sie gar nicht das ganz andere, ohne die frühere Scheu, tollte mit ihnen und trieb mit ihnen übermütige Späße, die ihm, wenn er sich nicht beengt fühlte, locker auf der Zunge saßen. Diese Mädel gaben sich wohl frei und ungeziert und taten an dem einen eigenen Tag nach sechs Tagen Fron und dürftiger Lebensenge ihrem Jugendübermut keinen Zwang an, trafen es aber instinktiv, zwischen sich und den jungen Männern, die mit ihnen, nicht immer bewußt, das alte Katz- und Mausspiel spielten, eine Schranke aufzurichten, die keiner, der Schuhmeier-Franzl schon gar nicht, zu überspringen wagte. Und gerade das gefiel ihm, obzwar ..., obzwar diese Köck-Gisl auch an solchen Sonntagen in seinem Unterbewußtsein herumspukte. Nach einer solchen Sonntagswanderung, an einem Montagabend war es, als er wieder auf einer Bank saß und las. Mag einem die Arbeit noch so Lebensbedürfnis sein, der Montag ist, vielleicht nur aus Tradition, ein öder Tag. Der Sonntag steckt einem noch zu sehr in den Gliedern. Man hat einen Tag keine Fesseln gespürt und muß sich erst wieder an sie gewöhnen. Am Abend des Montags geht's schon wieder. Der junge Schuhmeier blätterte um, schaute dabei auf und bemerkte, daß eine feingekleidete Dame auf derselben Bank Platz genommen hatte. Guckte sie von der Seite an und sah, daß es die Köck-Gisl war. Er wurde rot. Vor der hatte er noch die alte Scheu. Das war eine aus einer anderen Welt. Und war die erste, die sein Herz in Unordnung gebracht. Er grüßte schüchtern. Und las weiter. Tat eigentlich nur so. Die Augen glitten wohl über die Buchstaben, das Hirn nahm aber nichts auf. Immer mußte er nebenan schielen. Und überlegen, ob es sich nicht gehörte, die Schwester seines Freundes anzureden. Was sagt man zu so einer Feinen? So gewöhnlich wie mit den anderen darf man mit der doch nicht reden. Was würde sie sich sonst denken? Er würde sich zu Tode schämen müssen. Diese Sorgen erwiesen sich als überflüssig. Die Gisl saß mit einem Male neben ihm. Ganz nahe und fing selber an: »Net wahr, Herr Schuhmeier, Sie denken net schlecht von mir?« »Warum sollt i schlecht denken von Ihnen, Fräuln Gisl?« sagte er verlegen. »No wegen neulich, der Streit mit mein feinen Bruder beim Haustor.« Sie redete nicht so selbstbewußt und überheblich wie damals, sie redete stockend und kleinlaut. »Aber Fräuln Gisl, da is doch nix dabei, in jeder Familie kommt amal was vor.« Sie rückte um noch zwei Zentimeter näher. Schuhmeier konnte nun in ihr Gesicht sehen. Es war blaß und eingefallen und die Augen waren rotgeweint. Er mußte sie fragen: »Haben S' was, Fräuln Gisl? Is was passiert?« Sie fing zu schluchzen an, daß es sie hob, und der junge Schuhmeier, fassungslos, nahm ihre Hand und streichelte sie begütigend. »Ja, was Schreckliches is passiert. I muß ins Wasser gehn.« Sie bedeckte mit beiden Händen das tränennasse Gesicht. Die Situation wurde unbehaglich. »Wird net so arg sein. Kann i vielleicht was helfen?« »Der Vater bringt mich um, wenn i mich net selber umbring. Aus is mit mir und i leb so gern.« »Was denn, was denn, reden S' doch.« »Mei Baron, der Schuft, hat mich ins Unglück g'stürzt. Er hat mich dummes Madel drankriegt, weil er mirs Heiraten versprochen hat, und wie ich ihm g'sagt hab, daß i von ihm in der Hoffnung bin, hat er sich nach Galizien versetzen lassen und laßt nix mehr hören von sich. I schreib ihm alle Tag und er gibt net amal a Antwort, der Schuft.« Da hätte auch ein wildes Tier mitgeweint. Der Schuhmeier hielt an sich, aber wußte dazu nichts zu sagen. Die arme Gisl, die, wie tausende mit ihr, die dumme Mädeleitelkeit, mit einem Offizier und Baron noch dazu »gehen« zu dürfen, so furchtbar büßen mußte, klammerte sich an ihren Nachbar: »I möcht Sie halt vielmals bitten, ob S' net so gut wären und das mein Bruder langsam beibringen möchten, i bin's net imstand, der Mutter trau i's mir schon gar net zu sagen, die wüßt sich überhaupt net zu helfen – und der Vater wird eh ihr die ganze Schuld geben, weil s' net besser aufg'paßt hat... Und der Paul soll mi net verfluchen und soll's dem Vater tropfenweis eingeben, damit er mir nichts tut und mi net verstoßt.« Der Schuhmeier hatte die Empfindung, daß die Gisl eine zu hohe Meinung von seiner diplomatischen Geschicklichkeit habe, versprach aber zu tun, was möglich sei, und verlegte sich wieder auf das Beruhigen. So etwas sei gewiß unangenehm, sei aber auch schon in den besten Kreisen vorgekommen und was man halt so sagt. Und er half ihr die Augen trocknen und das Gesicht abwaschen und ging mit ihr einige Male um die Reithofferhäuser herum, damit sie sich beruhige und nicht so aufgeregt nach Hause komme. Dann empfahl er sich. Ihm war so schwer wie noch nie. Diese Herren Offiziere... Er hat's dem Köck-Paul wirklich tropfenweise eingegeben. Hat es zuerst so erzählt, als ob es in irgend einer anderen Familie passiert wäre und sich das Mädel, weil Vater und Bruder hart geblieben, vergiftet habe, worauf Vater und Bruder vor Reue irrsinnig geworden seien und im Irrsinn selbst Hand an sich gelegt hätten. Der Paul verurteilte auf das schärfste die Herzlosigkeit dieses Vaters und dieses Bruders. Als er aber endlich darauf kam, daß es sich um seine eigene Schwester handle – ah, das war etwas anderes. Er ließ den Schuhmeier stehen und rannte nach Hause. Zwei Tage später haben sie die Gisl unter den Weißgärbern aus dem Donaukanal gefischt. Den jungen Schuhmeier hat dieses Erlebnis arg hergenommen. Die Gisl spukte lange als eine büßende Magdalena in seinem Kopfe herum. Seine allererste Liebe endete dramatischer als sonst solche Jugendeseleien zu enden pflegen. Nur war er nicht Mitakteur, sondern gerührter Zuschauer dieses Dramas. Gerade als die beiden Brüder, der Hansl und der Karl, zu Hause einrückten, mußte er seine liebe Hirschengasse verlassen. Er war nur als Aushilfe aufgenommen worden und die Zeit war um. Er hätte wieder zum alten Isidor gehen und sich vermitteln lassen können. Aber er wollte nicht. Es war ihm zu enge geworden im Reithofferhause und in seiner Vaterstadt, so groß und so schön sie auch war. Andere Gegenden und andere Menschen und auch andere Verhältnisse kennenzulernen war schon lange seine größte Sehnsucht. Und jetzt die traurige Geschichte mit der Gisl gab den Ausschlag. Er ging auf die Walz. Das war zu jener Zeit kein richtiger Handwerksgeselle, der sich nicht in der Welt umtat, ehe er sich daheim oder oft auch unterwegs irgendwo seßhaft machte. Der Walzbruder oder reisende Handwerksbursche war eine Erscheinung, der man auf allen Landstraßen und in den Dörfern ebenso wie in den Städten, lustig singend, hie und da zugreifend, meistens aber fechtend begegnete. Fast ganz Europa stand ihnen damals offen, die Welt war noch nicht mit so vielen Brettern verschlagen und unser Vaterland Österreich selber war noch unermeßlich weit und herrlich. Mit nicht viel mehr als was sie am Leibe hatten, sind sie ausgezogen und haben zumeist mit noch weniger nach langen Kreuz- und Querfahrten auf Schusters Rappen und oft auch nur auf der eigenen Sohlenhaut wieder heimgefunden. Nur wenige brachten unterwegs Erworbenes mit. Es war aber auch ein fröhliches und leichtes Leben, dieses Wanderburschenleben, so recht geeignet, den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen und ihm die Sorgen für Speise, Trank und Nachtquartier und für die Liebe und gar erst für die Zukunft zu überantworten. Da bekam man ein Stück Brot, dort eine Suppe und anderswo wieder bare Kreuzer und die Erlaubnis, nachts in der Scheune unterzukriechen; manchmal half man bei einer Arbeit mit, nur zu lange dauernd und zu schwer durfte sie nicht sein; in den Werkstätten der Branche, die man gelernt hatte, sprach man sein »Gott grüß das Handwerk« und bekam von Meister und Gesellen blankes Geld in den Hut, gar zu streng wurde nicht immer zwischen Mein und Dein unterschieden; in jedem größeren Orte gab es Herbergen, in Dörfern nicht selten auch Landmannstöchter und Mägde, die nachts ihr Fenster offen ließen und eine Leiter daran stellten, wobei man allerdings Gefahr lief, von ortsansässigen Konkurrenten krumm und blau geschlagen zu werden; sonst aber liefen im Troß der »Kunden«, wie man die Walzbrüder in deutschen Landen nannte, die Tippelschicksen mit, die nicht selten denen, die einmal das dachlose Lager mit ihnen teilten, ein Andenken hinterließen, das dem Beschenkten nie mehr in Verlust geriet. Es gab Kunden, die nur kurze Zeit die Welt zwischen ihre Beine nahmen, um zu schauen und zuzulernen, und alte, graubärtige Walzbrüder, die sich nie mehr in ein geordnetes Dasein fügen konnten. Die waren so lange unterwegs, bis sie irgendwo elendiglich am Wege blieben. Manche wieder haben Gelegenheit gesucht und gefunden, sich in ihrem Berufe zu vervollkommnen, und sind später etwas Tüchtiges geworden. Im allgemeinen war es ein Stück blumige Romantik, eingestreut in ein sonst graues, hoffnungsloses Sein. Die Mami weinte zwar, wie Mütter immer weinen, wenn ein Kind sie verläßt, aber sie hielt den Vorsatz des Franzl schließlich auch für die beste Lösung. Sie packte ihm Wegzehrung in seinem Tornister und gab seiner Wanderung ein Ziel: Wagstadt in Schlesien, zu der Großmutter. Für sie gab ihm die Mami tausend Grüße und ein Heiligenbild mit. Der junge Schuhmeier trabte mit seinem mageren Felleisen, seiner Jugend und dem seligen Gefühle völliger Ungebundenheit nordwärts. Die unvergleichliche Aufmachung dieser Welt erhob ihn, ihre schlechte Einrichtung drückte ihn nieder. Erheben läßt sich ein junger Mensch gerne, je höher je lieber, niederdrücken minder gern. Und damit es ihn nicht unterkriege, pfiff er sich ein lustig Liedel und pfeifend und singend und fechtend, die Angefochtenen mit seinem kernigen Humor zum Geben zwingend, überschritt er die Grenze des Kronlandes Niederösterreich und betrat die fruchtbare Erde der Markgrafschaft Mähren. In Nordmähren, wo die Seidenbandwebereien stehen, die von Wien weg den billigeren Arbeitshänden nachgezogen sind und er auch die fand, in der auf dem Brillantengrund zu Wien Vater und Mutter gearbeitet und sich gefunden hatten, freundete er sich mit Webern an, durfte manchen Betrieb besichtigen, hörte manches Klagelied über schlechte Bezahlung, sah frühverblühte Frauen und blasse Kinder, die mit verbogenen Beinchen und viel zu großen Köpfen rudelweise herumwatschelten, und er entdeckte: je weniger Brot, desto mehr Kinder. Ob ein solches Leben wert sei, gelebt zu werden? Und ob das auch noch Ebenbilder Gottes seien? Der junge Schuhmeier war halt ein Wanderer eigener Art. Andere, die meisten sogar, sehen in der Fremde nur die Nobelstraßen, wo die geputzten Menschen kokettierend promenieren, und meiden die Peripherie, so wie der Besuch beim illustren Gastgeber nur die Prunkräume bewundert und die Dienstbotenstuben unbeachtet läßt, – weil es gegen den guten Ton verstieße, sich um Domestikenkammern zu kümmern – der junge Schuhmeier suchte beides und denen in den Dienstbotenstuben fühlte er sich zugehörig. Er überstieg den Altvater, den höchsten Berg der Sudeten an der mährisch-schlesischen Grenze. Sein Schuhwerk war schon sehr defekt und bestand eigentlich nur mehr aus den Oberteilen ohne Sohlen, die Kleidung von Regen und Wind und den oftmaligen Nächtigen im Freien arg hergenommen. Aber das Endziel, Wagstadt, rückte immer näher. Auf dem Altvater schloß sich ihm ein alter, vom Stromerleben gegerbter Walzbruder an, aus dessen von grauen Bartstoppeln umrahmtem Gesicht zwei pfiffige Äuglein als das Menschlichste an dem ganzen zusammengeflickten Kerl hervorstachen. Der Alte, der nirgends ein Daheim hatte und dem dafür die ganze Welt gehörte, auf den nirgends ein Mensch wartete, nur irgendwo ein Totengräber, war ein Philosoph der Landstraße. Auf seinen langen Wanderschaften hatte er den ganzen Schwindel, der sich Leben und Ordnung und Gerechtigkeit nennt, gründlich durchschaut und ihm konnten sie damit nicht imponieren. Zu ihm konnten sie alle in die Schule kommen, die Wißbegierigen und die Neunmalweisen. Er stach jedem den Star und setzte ihnen seine Brille auf, durch die die Menschen und die Dinge auf einmal ganz anders ausschauten als zuvor. Der stapfte also neben dem Franzl her und sie kamen ins Diskurieren. Der Franzl schüttete vor dem Alten sein Herz aus, das so übervoll war von seinen Erlebnissen in den Dienstbotenstuben der menschlichen Gesellschaft. Und ob man da denn gar nichts machen könne, weil das ja einfach nicht zu ertragen sei und man wahnsinnig werde, wenn man nur daran denke. »Brav, Büabel,« lobte der Alte, »brav, daß du so denkst. Wann alle so dächten, brauchtest net wahnsinnig werden. Weil aber die wenigsten so denken, is noch das beste, wenn man wahnsinnig wird, sonst haltert man's überhaupt net aus.« Er setzte sich ins Gras, lud den Franzl ein, das gleiche zu tun, fing einen Zigarrenstummel aus der tiefen Hosentasche, schob ihn in den Mund und kaute daran, bis der braune Saft heraustropfte. Dann redete er weiter: »Aber es denkt keiner so. Die in der Woll sitzen, die natürlich net, das begreift man. Aber auch die ganz unten san, denken net so. Denen meisten von den Unterigen haben s' so wenig Mark lassen, daß s' überhaupt nix denken können. Und die paar, die noch können, die bilden sich ein, daß sie, weil s' noch denken können, auch amal hoch 'nauf kommen und glücklich sein werden, daß 's a Unten gibt. Denn was hätten die Oberen für a Vergnügen am Obensein, wenn's unten keine Unterigen gäb?« Dagegen wehrte sich der junge Schuhmeier. So wie es jetzt sei, das sei Menschenwerk, meinte er, und könne von Menschen sicher wieder geändert werden. »Die Red is net blöd, Büabel,« anerkannte der alte Kunde, »aber z'sammhalten müaßten die Unterigen. Mit jeden allein von uns werden die Oberen leicht fertig, mit alle z'samm nie. Schau, Büabl, das is so.« Er entnahm einer Streichholzschachtel ein Streichholz und demonstrierte: »I nimm das Schwefelhölzl zwischen zwei Finger, schau, a ganz leichter Druck und i hab's zerbrochen. Stimmt's? Aber jetzt leg i alle Hölzln, die in der Schachtel warn, zu ein Bündel z'samm und nimm das eine End in die linke und das andere End in die rechte Hand, schau, und jetzt druck i und bieg i und werd ganz rot vor Anstrengung, stimmt's? Aber es rührt si nix. Eins brech i mit ein leichten Knax, alle z'samm nie. Und sixt, Büabl, so is's mit uns Untere. Z'sammhalten müaßten mir, aber da g'hört ein Rückgrat und a Hirn dazu, und damit mir ja net z'sammenhalten, haben s' uns das Rückgrat brochen und das Hirn verhungern lassen und extra noch, damit s' auf Numero sicher gehn, tun s' uns gegeneinander hetzen, Deutsche auf Böhm, Christen auf Juden, damit mir uns untereinand die Schädeln einschlagen und auf sie ganz vergessen.« Der Alte holte aus der inneren Rocktasche eine Flasche, die nach Branntwein roch, und tat einen glucksenden Schluck. Dann bot er die Flasche dem Franzl an, der aber ablehnte. Er war zu bewegt. »Ja, ja, so ist's Büabl,« sagte der Alte, wischte sich mit dem Handrücken den struppigen Bart und wackelte resigniert mit dem Kopfe, »aber es wird schon wieder anders werden, nur weiß man halt net wann. I erleb's nimmer, vielleicht du, aber auch nur vielleicht. Bis dahin muß man halt so schaun, daß man mit dem Sauhaufen fertig wird. I will dir net raten, daß du a solcher wirst, wie i einer bin, dazu schaust mir zu schad aus, i bin's auch net gern worden – ah, lassen mir das – aber wehren muß man sich doch können, wenigstens mit Nadeln stechen, wenn schon net mit ein Schlägel hinhaun. Der Hund hat scharfe Zähn zum Beißen, die Biene ein Stachel zum Stechen, und wer von uns Unteren beißen und stechen will, wenn er's nimmer aushalt vor Zorn, aber doch mit 'n Schandarm nix z' tua haben mag, der haut den Oberen im richtigen Moment ein Witz ins G'sicht, daß s' glauben, sie san bissen und g'stochen worden und können doch nix dagegen tuan. Glaub mir's Büabel, der Witz is unser Stachel, der kann gar weh tuan, und manche san schon g'storben dran. Der beste Rat, Büabl, den i dir geben kann is: üb dein Witz.« Dann schwieg er. Auch der Franzl schwieg. Sie schauten vom Gipfel des Altvater hinunter in schlesisches Land und zupften nervös Grashalme aus. Der Franzl brach das Schweigen: »Wirklich großartig haben S' das g'sagt. I möcht nur noch eins wissen?« »Noch was möchst wissen, Büabl?« frug der Alte, erhob sich und sagte: »Wart a kleins bisserl, i muß erst auf d' Seiten gehn, gleich bin i wieder da.« Er schlug sich in den Wald. Der Franzl wartete. Aber der Alte ist nicht mehr gekommen. Es zirpten schon die Grillen als der Franzl den Abstieg antrat. Die Großmutter Brenner in Wagstadt hat die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als sich der total zerrissene Vagabund, der ihr eben ins Haus gefallen war, als ihr Enkel Franz Schuhmeier aus Wien, ältester Sohn ihrer Tochter Resi, vorstellte. Die Großmutter hat sich noch in derselben Nacht hingesetzt und an ihre Tochter nach Wien geschrieben: »Liebe Resi! Der Franzl ist gekommen, aber ganz zerrissen, daß ich ihn gar nie erkennt hab.« Sie hätte ihn zwar auch anders nicht erkannt, weil sie ihn noch nie gesehen gehabt hat, aber das macht nichts. Diesem Brief sind übrigens einige Geldnoten beigelegt gewesen, weil die Großmutter gleich gesehen hat, daß es denen in Wien nicht zum besten gehen dürfte. Die Großmutter wohnte im Hause ihres Sohnes, der eine Gastwirtschaft nebst Fleischhauerei betrieb. Denen in Wagstadt ging es nicht am schlechtesten. Der Franzl wurde gut aufgenommen, ausstaffiert und in der Wirtschaft des Onkels beschäftigt. Der junge Wiener mit seinem hellen Kopf und ehrlichen Geschau gefiel allen, und er gewann in Wagstadt rasch Freunde. Der Wahrheit die Ehre: auch Freundinnen. Aber auch dort vergaß er nicht, über die kleinen Freuden, die sich ihm boten, den großen Leiden der Leute an der Peripherie auf den Grund zu gehen. Das Weberelend in Schlesien war noch grauenhafter als das in Mähren. In Wagstadt wurde der junge Schuhmeier Gefühlssozialist. Er dachte jede Stunde an sein Mamerl und an Vater und Geschwister. Wöchentlich schrieb er nach Hause, rührend zärtliche Briefe, und immer lag Papiergeld bei. Auch bei seinen Ausflügen in die Umgebung Wagstadts, inmitten seiner geliebten Natur, dachte er an zu Hause. Die Familie Schuhmeier bewahrt noch heute als kostbare Reliquie ein kleines Tannenreis mit Edelweiß auf, das auf einen Karton genäht ist; darauf steht geschrieben: »Von Bilowa bei Wagstadt 4./8. 1881. F. Sch.« Fast zwei Jahre blieb er beim Onkel und bei der Großmutter. Im Frühjahr 1882 hielt er es nicht mehr aus. Heimweh und die Sehnsucht, die Seinen wiederzusehen, zogen ihn fort. Heim ist er nicht getippelt, sondern als vollzahlender Passagier der dritten Klasse Eisenbahn von Wagstadt bis nach Wien gefahren. Und brachte einige Ersparnisse und reiche Erfahrungen mit. Er war 18 Jahre alt, aber schon ein Mann. Vom Jahre 1881 an spielte Josef Peukert durch mehrere Jahre in der österreichischen Arbeiterbewegung eine große Rolle. Er war ein Mann von ungewöhnlicher Begabung und wurde von der Arbeiterschaft der radikalen Richtung bewundert und verehrt. In einem Statthaltereierlaß hieß es von ihm: »Er ist zweifellos der gefährlichste Wanderredner. Er hat sich ziemlich weit herumgetrieben und wurde im November 1880 aus Frankreich ausgewiesen. Peukert ist groß, hager, hat langes, schwarzes, am Hinterhaupt spärliches Haar, schwarzen Schnurrbart, lange Nase, kleinen Mund, im ganzen ein unfreundliches Aussehen und trägt stets einen Demokratenhut. Bei seinen mit ausländischem, norddeutsch klingendem Akzent vorgetragenen Reden pflegt er die rechte Hand hölzern vor sich ausgestreckt zu halten. Peukert trat für eine gewaltsame Lösung der sozialen Frage ein. Er bekämpfte diejenigen leidenschaftlich, die unter anderem auch das allgemeine, gleiche Wahlrecht forderten, von dem er behauptete, daß es dazu diene, das arbeitende Volk im Namen des Volkes auszubeuten und zu unterdrücken. Peukert gewann damit den Radikalen großen Anhang. Sie stellten ihn an ihre Spitze. Er redigierte auch das Blatt der Radikalen, die »Zukunft«. Von den Machthabern erwarteten sich die rechtlosen, darbenden Massen nichts mehr. Josef Peukert brachte neuen Schwung in die Bewegung. Die Kluft zwischen Radikalen und Gemäßigten erweiterte sich. Die Arbeiter begeisterten sich für die Propaganda der Tat und sie nannten sich Sozialrevolutionäre, sogar auch Anarchisten. Diese Propaganda kostete zahllose Opfer, die in die Kerker geworfen oder ausgewiesen wurden. Am 4. Juli 1882 wurde an dem Schuhmachermeister Josef Merstallinger in der Zieglergasse am hellen Mittag ein Raubattentat verübt. Er wurde chloroformiert und mehrere hundert Gulden und Schmuckstücke wurden ihm geraubt. Als Täter wurden Ende August die Tischlergehilfen Josef Engel, Franz Pfleger und der Tischlermeister Wilhelm Berndt verhaftet. Alle drei waren Radikale. Polizeiberichten zufolge sollen die Verhafteten gestanden haben, die Tat über Auftrag der Parteileitung zu dem Zwecke verübt zu haben, um Geld für die Parteikasse zu erlangen. Darauf wurden fast alle führenden Radikalen dem Landesgerichte eingeliefert. Die Gemäßigten nahmen in ihrer Presse, der »Wahrheit«, und in Versammlungen gegen die Taktik Peukerts und der Radikalen Stellung. Deshalb entbrannte ein noch wilderer Bruderkampf. Die Radikalen sprengten alle Versammlungen der Gemäßigten, deren öffentliche Tätigkeit dadurch fast lahmgelegt wurde. Hie und da wagte die Arbeiterschaft schon Lohnkämpfe. Aber die Besitzenden, die die Macht hatten, wehrten sich. Bei einem Lohnkampfe der Bergarbeiter in Böhmen gab es Tote und Verletzte. Auch anläßlich der Schusterkrawalle brachte schneidige Kavallerie Lorbeerreiser heim. Im Oktober 1882 wurde die Schuhmachergewerkschaft wegen »Verbreitung verbotener Druckschriften« aufgelöst und die vorhandenen. Organisationsgelder wurden beschlagnahmt. Vom 1. bis 9. November sammelten sich jeden Abend die Schuhmacher in der Kaiserstraße, um gegen diese behördliche Willkür zu protestieren. Das brachte wieder einmal den Staat in Gefahr und an mehreren Abenden bohrten sich blinkende Kavalleriesäbel in Schustergesellenfleisch. Vom 8. bis 21. März 1883 fand vor dem Wiener Schwurgericht der Merstallingerprozeß statt. 29 Personen waren wegen Hochverrats, Mitschuld am Hochverrat, wegen Raubes, Mitschuld und Teilnehmung am Raub und Vorschubleistung angeklagt. Einer der Verteidiger der Angeklagten war der Advokat Dr. Karl Lueger, Wiens späterer Bürgermeister. Der Vorsitzende der Verhandlung, Graf Lamezan, höhnte die Gemäßigten als »Wassersuppensozialisten« und »Revolutionäre im Schlafrock«. Den Mächtigen waren und sind die Radikalen immer sympathischer als die überlegteren Gemäßigten, weil sich die bedenkenlosen, tollwütigen Radikalen leichter ins Garn locken lassen. Die Geschworenen sprachen nur die drei Attentäter Engel, Pfleger und Berndt schuldig, – die beiden ersteren bekamen 15 Jahre, Berndt 2 Jahre – die übrigen 26 Angeklagten aber gingen frei. Die Taktik Peukerts hat noch viel Unheil über die Arbeiterschaft gebracht. Auf einmal, als er auf der Höhe seines Ruhmes stand, tauchte der Verdacht auf, Peukert sei ein Polizeispitzel. Als 1884 über Wien der Ausnahmezustand verhängt wurde, war Peukert aus Österreich verschwunden. Es ist nie gelungen, nachzuweisen, daß Peukert wirklich im Dienste der internationalen Polizei gestanden ist, wie behauptet wurde. Als ein Geächteter verließ er Europa. 1910 ist er in Amerika gestorben. Zweites Buch Der Mann Dreizehntes Kapitel Wenn man die Bilanz des Lebens eines Menschen zieht, werden sich weder die Soll- noch die Habenseite, um es buchhalterisch auszudrücken, decken. Der Kontoauszugbogen wird ausschauen wie die graphische Darstellung einer Statistik. Einmal geht der Strich hinauf, stürzt dann wieder steil ab, um ein Stück horizontal zu verlaufen, steigt wieder an und so weiter. Denn jeder Mensch, der unbedeutende ebenso wie noch viel mehr der bedeutende, ist ein Produkt seiner Zeit und seiner Umwelt, und da Zeit und Umwelt unaufhörlich, wenn auch meist unbemerkt im Flusse sind, verändert sich mit ihnen ihr Produkt. Und es ist dabei gar nicht zu vermeiden, daß gerade der Mensch, der sich nicht vom Strome treiben läßt, sondern immer neu Einstellung zu Zeit und Umwelt sucht, dabei irrt, so wie er aber den Irrtum erkennt, sich wieder richtig einzustellen bemüht. Victor Adler hat das so gesagt: »Wer handelt, macht immer Fehler.« Franz Schuhmeier wie einen Heiligen mit einem Glorienschein durch diese Geschichte wandeln zu lassen, entspräche nicht der Wahrheit. Auch Franz Schuhmeier war ein Mensch mit seinem Widerspruch und so mußte er sein, um das zu werden, was er geworden ist. Vorzugsschüler mit einem Sitteneinser in jedem Zeugnis mögen in der Schulbank taugen, im harten Leben sind verweichlichte, ewige Mutterbubis unbrauchbar. Und nur so wie Franz Schuhmeier, der Mann, war, begegnen wir ihm auf den folgenden Seiten wieder. Die Familie Schuhmeier war in der Zwischenzeit in die Pouthongasse übersiedelt. Der Hansl und der Karli waren beide schon in der Lehre, nächtigten aber zu Hause. Außerdem kränkelte der Vater schon längere Zeit, er hatte es auf der Leber – konnte nichts mehr tun, weil er körperlich arg heruntergekommen war, und mußte die meiste Zeit im Bett liegen. Für den heimgekehrten Franzl war kein Platz in der Pouthongasse. Er wurde Kammerherr in der Kohlgasse in Margareten bei der Familie Wagner. Die Mami – das blieb sie bis an Franz Schuhmeiers Ende – mußte jetzt noch mehr rackern als zuvor. Die beiden Buben bekamen an ihren Lehrstellen nur die Kost, verdangen sich aber abends den Hausparteien als »Buttenhansln«, indem der Karl von der »Bassena« an der Schweglerbrücke und der Hansl von der in der Beingasse in Holzbutten Wasser schleppten und für jede Butte vier Kreuzer einkassierten; Fabriksmädel, wie die Nettel eine war, wurden mit besseren Trinkgeldern entlohnt. Zu all dem Jammer kam die Krankheit des Vaters. Nicht nur, daß er nichts verdiente, der Arzt und die Medikamente kosteten heidenmäßig viel. Aber die Schuhmeier wollten alles tun und das letzte hergeben, damit er wieder gesund werde oder zumindest nicht sterben müsse. Pflichtkrankenkassen gab es noch nicht. Und so hofften sie... freilich, als der Franzl einmal zugleich mit dem Doktor da war und er diesen ausholte, wie es um den Patienten stünde, wußte der Sohn, trotzdem der Arzt mit Wenn und Aber nicht sparte, wieviel es geschlagen habe. Behielt es aber für sich und ließ sie weiter hoffen. Und so mußte wieder die Mami das meiste herbeischaffen. Sie wusch. Ihr Rücken war krumm geworden in der Zeit und ihre Augen wurden rot, weil sie viel zu wenig schlief. Sorge und Not sind treu wie die Hunde, und wenn sie sich auch manchmal verlaufen, sie kommen wieder. Der junge Schuhmeier gab fürs erste alles Geld her, das er aus Schlesien mitgebracht, damit dem Vater nichts abgehe und die Mami es ein bißchen leichter habe. Durch seinen Wohnungsgeber Wagner bekam er Arbeit in der Buntpapierfabrik Goppold \& Schmiedl in der Stumpergasse 16 in Mariahilf. Dort ist er am 2. April 1882 eingestanden und hat gleich sieben Gulden Wochenlohn bekommen. War damals gar nicht wenig für einen so jungen Menschen und für einen ungelernten Hilfsarbeiter. Er wurde in die Bürsterei gestellt und brauchte nicht lange, um alles zu begreifen und fix zu sein. Die Buntpapierfabrik Goppold \& Schmiedl, in der der junge Schuhmeier nahezu neun Jahre seines Lebens verbrachte, wurde zum Gärkeller, in dem der Most zum Sturm und aus dem Sturm köstlicher Wein wurde. Dort traf er einen Kreis junger und älterer Arbeiter, die schon viel gehört und gelesen hatten von der Lehre, die aus einer stillen Gelehrtenstube in der englischen Hauptstadt in die Welt hinausgeschickt wurde, und überall, wo Geknechtete und Unterdrückte hoffnungslos dahindämmerten, ein Aufhorchen bewirkte, und die selber zu Verkündern dieser Menschwerdungslehre geworden waren. Sie waren dort schon alle Sozialisten, als der junge Schuhmeier zu ihnen stieß, und sie wurden bald alle Sozialdemokraten. Und ihm, dessen Augen und dessen Herz schon immer offen standen, öffneten sie nun auch den Kopf. Sie zeigten ihm den Weg und das Ziel. Er war dafür aufnahmsfähig. Es geht, das hatte er schon erkannt, in dieser schönen Welt mit ihren Reichtümern und Wundern, willkürlich und sinnlos zu. Wie wenn man zehn Leute an einen reich gedeckten Tisch setzte, aber nur zweien gestattete, zu essen, so viel sie mögen, und nach Hause zu tragen, so viel sie können, während die übrigen acht mit dem vorlieb zu nehmen haben, was übrig bleibt, wenn überhaupt etwas übrig bleibt. Die Zweifel in Sachen des Glaubens, die sich in ihm immer mehr verdichteten, sein Haß gegen das Militär, von seiner Zeugenschaft bei der Soldatenmißhandlung auf der Schmelz und der Gemeinheit, die ein Offizier an der Köck-Gisl begangen hatte, herrührend, erhöhten diese Aufnahmsfähigkeit. Und weil er daraufgekommen zu sein glaubte, daß dies alles nur möglich sei, weil die Menschen davon und überhaupt zu wenig wußten. Was er von seinem Lohne nicht für sich selber brauchte, zum einfachsten Leben und für Bücher, die seine treuesten Freunde blieben, trug er in die Pouthongasse. Dort schlich schon das Unglück als dritter im Bunde mit Sorge und Not herum und wollte seine Opfer haben. Bekam sie auch. An einem Abend im Mai rannte der Hansl mit seiner Butten für eine Partei im dritten Stock zum Wasserauslauf. Er ließ sie nicht ganz voll rinnen, damit sie leichter sei und ihn nicht beim Zurückeilen zu sehr behindere. Er war heute pressiert, der Hansl, denn er wollte mit Freunden zusammenkommen zum Kopf- oder Adlerspiel. Wenn man sich mit einer nicht bis zum Rande gefüllten Wasserbutte nicht schön langsam fortbewegt, schlenkert das Wasser und mit ihm sein Träger hin und her. Der Hansl hatte aber nur seine Spezi im Kopfe und das gewinnversprechende und noch dazu verbotene, darum um so herrlichere Spiel und achtete deshalb der Schaukelbewegungen seines Körpers nicht. Auf der Stiege zwischen dem zweiten und dritten Stock warf es ihn hin, er kollerte die Stufen hinunter und blieb mit einem Schädelbruch bewußtlos liegen. Sie haben ihn sofort ins Spital gebracht, doch ist er dort nach acht Tagen gestorben. Der Franzl hatte mit Eltern und Geschwistern, die er immer und immer wieder beruhigen und von Verzweiflungsausbrüchen abhalten mußte, so viel zu schaffen, daß ihm tagsüber keine Zeit blieb, sich dem eigenen Schmerze über den tragischen Verlust des Bruders hinzugeben. Den Vater Schuhmeier hat es am ärgsten getroffen. Sein Zustand verschlechterte sich derart, daß ihn der Doktor gegen den Einspruch der ganzen Familie ins Krankenhaus transportieren ließ. Die Spitalsärzte hoben jedesmal die Achseln, wenn einer von den Schuhmeierischen wissen wollte, ob Aussicht bestünde, daß der Vater wieder genese, und schließlich sagten sie zum Franzl: »Junger Mann, machen Sie sich auf alles gefaßt, da kann nur mehr Gott helfen.« Das war das Todesurteil. Und es ging ihm durch den Kopf: »Wenn Leben oder Sterben von Gott allein abhängt, wozu braucht man dann die Wissenschaft?« Die Mami, die ihren Hansl noch lange nicht verwunden hatte und grauengeschüttelt daran dachte, daß so schnell darauf auch das noch..., sie konnte es gar nicht zu Ende denken..., hätte am liebsten die Sterne vom Himmel heruntergeholt, um den Eduard, mit dem sie neunzehn Jahre in Leid, fast nur in Leid, zusammengelebt, zu retten, aber die Sterne sind so hoch... Darum verfiel sie auf den letzten Ausweg, der kleinen, schwachen Menschen bleibt, wenn sie nicht mehr ein noch aus wissen, wenn sie keinen Boden mehr unter den Füßen spüren und sich doch verzweifelt an etwas anklammern möchten – darum verfiel sie darauf, ihre Kinder zu dem anzuhalten, was sie selber immer getan hat: zu beten, diesmal für das Leben des Vaters zu beten. Die Kinder taten es. Auch der Franzl, der schon lange nicht mehr gebetet hat, schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen war. Seit der Geschichte mit dem Kooperator von Matzleinsdorf konnte er nicht mehr. Aber er ging in die Kirche und betete für das Leben seines Vaters. Jeden Tag. Er mit der Nettl und dem Karl. In der Stille und Kühle und Feierlichkeit des Gotteshauses überkommt es auch den Zweifler. Es packt ihn und macht ihn klein, so winzig klein, daß er sich vor sich selber in sich selber verkriecht. Und während er spürt, welche Beruhigung und welchen Trost es gewahrt, glauben zu können, daß der ist, zu dem man flüchtet, wenn man sich nicht mehr auskennt und zu dessen Ohr man alle Bitten und Klagen schickt, springt ein anderer wetterleuchtender Gedanke vor: wenn er ist! Als die drei Schuhmeierkinder wieder einmal von der Kirche zur Mutter gingen, sagten ihnen schon die Leute im Hausflur, es sei eben aus dem Spital die Nachricht gekommen, daß der Vater gestorben sei. Die Mutter konnte gar nicht mehr weinen. Sie schaute bloß aus vorwurfsvollen Augen hinauf zur Zimmerdecke. Der Franzl wollte sagen: »Aber wir kommen doch g'rad aus der Kirche...« sagte es aber nicht. Er übersiedelte zur Mami in die Pouthongasse, wo nun Platz genug war. Die Radikalen, die die Gemäßigten nahezu ganz an die Wand gedrückt und den Arbeitern verdächtig gemacht hatten, daß diese »Verräter« im Dienste der Polizei stünden und von den Kapitalisten bestochen wären, gingen daran, auf ihre Weise die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu stürzen. Sie stellten sich das freilich recht simpel vor. Sie verrannten sich in die Idee, daß man bloß einige Terrorakte setzen müßte, um die Zaghaften und Knechtseligen aufzurütteln, wonach man das Alte beiseiteschieben und sich in den Besitz der Macht und aller Produktionsgüter setzen könnte. Sie haben das Beharrungsvermögen derer, die oben sind, unterschätzt, zugleich aber auch das Proletariat ihrer Zeit hoch überschätzt. Die Arbeitsmenschen von damals, zu denen die Kunde von der neuen Lehre noch nicht gedrungen war, murrten und knurrten wohl ab und zu, wenn ihnen gar arg geschah, aber sie murrten und knurrten nicht gegen ein Prinzip, sondern gegen den einzelnen, der ihnen als Unterdrücker und Ausbeuter gegenübertrat, und wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, stieg ihnen das Blut zu Kopfe und dann waren bereit, dreinzuhauen, aber wenn sie Widerstand spürten, das Stirnrunzeln eines »Herrn« oder gar Säbel blitzen sahen, knickten sie ein und duckten wieder unter, weil sie schon geduckt zur Welt gekommen sind. Am 15. Dezember 1883 wurde auf dem Heimweg von einer Arbeiterversammlung in Floridsdorf, bei der er als Regierungsvertreter fungiert hatte, der Polizeibeamte Franz Hlubek erschossen, Die Tat wurde sofort als das Werk der »Anarchisten« erkannt. In einem Flugblatt, das die Radikalen wenige Tage nach dem Attentat auf Hlubek mit der Überschrift »Zur Richtschnur« herausgaben, wurden den Polizisten weitere solche »Taten« angedroht. In einer anderen Flugschrift: »Nieder mit den Tyrannen und ihren Schergen« hieß es: »Den Ordnungskanaillen vom Schottenring, denen machen wir hiemit bekannt, daß wir jetzt den Kampf mit allen Mitteln aufnehmen und auf jeden Gewaltakt werden wir einen Gewaltakt zur Antwort haben. Siehe Hlubek in Floridsdorf!« Schon am 10. Jänner 1884 wurde an dem Wechselstubenbesitzer Heinrich Eisert ein Raubmord verübt und am 25. Jänner desselben Jahres der Polizeiagent Blöch ermordet. Die Urheber dieser Untaten waren Anton Kammerer und Heinrich Stellmacher. Letzterer kam vor das Wiener Ausnahmegericht. Er leugnete den Raubmord an dem Wechselstubenbesitzer Eisert. Nicht um sich zu retten, da er sehr gut wußte, daß der nicht zu leugnende Mord an dem Polizeiagenten Bloch für ein Todesurteil genügte, sondern weil er sich schämte einzubekennen, daß er ein Raubmörder sei. Er wurde am 8. August 1884 hingerichtet. Anton Kammerer kam, da er Deserteur war, vor ein Militärgericht. Kammerer bekannte sich im vollen Umfange zu seinen Taten und erklärte, daß er auch weiter noch »Propaganda der Tat« betrieben hätte, wäre er nicht festgenommen worden. Er gab zu, daß ihm das Gefühl der Reue vollständig fehle. Kammerer wurde zur Ausstoßung aus der K. und K. Armee und zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Todesurteil wurde am 20. September 1884 in der Alserkaserne vollzogen. Anton Kammerer, der beim 84. Infanterieregiment gedient hatte, war im August 1882 in die Schweiz desertiert, und zwar aus Furcht vor einer ihm drohenden militärgerichtlichen Aburteilung. Er war schon vor der Militärzeit bei den Radikalen aktiv tätig gewesen und hatte sich besonders mit der Einschmuggelung verbotener Druckschriften befaßt. In der Schweiz verkehrte er in dortigen Anarchistenkreisen, wo er Heinrich Stellmacher kennenlernte. Beide einigten sich, den Kampf gegen die bestehende Gesellschaft mit allen Mitteln zu führen, teils um Unsicherheit zu verbreiten, teils um Geldmittel für Parteizwecke zu beschaffen. Dem Raubmord an dem Wechselstubenbesitzer Eisert lagen auch keine eigensüchtigen Motive zugrunde. Er geschah, um die Partei der Radikalen mit Geldmitteln zu versorgen. Kammerer und Stellmacher dürften stark unter dem Einflusse Peukerts und Johann Mosts gestanden sein. Die Mostsche »Freiheit«, die nun in New York gedruckt wurde, schrieb am 12. Jänner 1884 über diese Attentate: »In Wien wurde ein Polizeikommissär wie ein toller Hund niedergeschossen, man setzte berüchtigten Ausbeutern den roten Hahn aufs Dach, man kämpfte auf offener Straße gegen Bütteltum und Soldateska, man steinigte Jesuiten, setzte einen Altar in Brand und zertrümmerte die Beichtstühle.« Letzteres bezog sich darauf, daß es im Dezember 1883 in einer Favoritener Kirche während der Predigt, in der der Sozialismus verdammt wurde, zu Ausschreitungen kam, so daß der Prediger in die Sakristei flüchten mußte. Das war der Geist, der in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in der österreichischen Arbeiterbewegung vorherrschte. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse und diese als willkommenen Vorwand zur Verwirklichung einer alten Lieblingsidee Taaffes benützend, trat am 27. Jänner 1884 der Ministerrat zusammen. Er verzichtete vorläufig darauf, ein Sozialistengesetz nach reichsdeutschem Muster einzubringen, es wurde jedoch beschlossen, über Wien, Korneuburg und Wiener-Neustadt den Ausnahmezustand zu verhängen und dort die Geschworenengerichte einzustellen. Die Wiener Sicherheitswache wurde um 352 Mann vermehrt. Am 30. Jänner 1884 erschien die diesbezügliche Verordnung der Gesamtregierung. Am 15. Februar 1884 genehmigte das Parlament diese Ausnahmeverordnungen nachträglich. Vom 30. Jänner bis 17. Februar 1884 wurden 238 Personen wegen Beteiligung an anarchistischen Umtrieben ausgewiesen. Die österreichische Arbeiterbewegung stand unter Polizeiaufsicht wie die Dirnen. Die Organisationen mußten ihre Tätigkeit einstellen. Nicht nur die Radikalen, auch die Gemäßigten. Peukert verschwand am Tage vor der Verhängung des Ausnahmezustandes aus Österreich. Im Organ der Gemäßigten, der »Wahrheit«, nahm ihr Redakteur Bardorf mit folgenden Worten zu den Ausnahmegesetzen Stellung: »So hätten also eine Hand voll wahnwitziger Fanatiker und Agents provocateurs im Dienste der Reaktion ihr Ziel erreicht: politisch machtlos, wirtschaftlich arm und widerstandslos, verzweifeln wir deshalb noch immer durchaus nicht an unserem Siege. Im Gegenteil werden wir auch in Zukunft, mag sich dieselbe gestalten wie immer, mit allen moralischen Mitteln dafür eintreten, das Klassenbewußtsein in die Reihen der Enterbten zu tragen, sie aufzumuntern, mit der schneidigen Waffe unseres Jahrhunderts: Kenntnis der Sozialwissenschaft zu sammeln und hievon den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Hoch und erhaben sind unsere Bestrebungen, lauter und rein müssen auch die hiefür in Anwendung zu bringenden Mittel sein; großartig ist unser Ziel: »Die Wohlfahrt aller«. Mutig und entschlossen müssen deren Kämpfer sein. Darum sei unsere Parole nach wie vor: »Hoch die Sozialdemokratie!« Die Wahrheit bohrt sich durch! Im Jänner 1884 mußte das Organ der Radikalen, die »Zukunft«, ihr Erscheinen einstellen. Im April desselben Jahres erließ die »Wahrheit« einen Aufruf zur Einigung der sich bekämpfenden Gruppen. Die Radikalen lehnten ab. Die Regierung Taaffe wollte den Sozialismus mit Stumpf und Stiel ausrotten. Die Vernichter und Ausrotter des Marxismus haben bis zum heutigen Tage nicht gelernt, daß man wohl Marxisten ausrotten, töten kann, aber nie die Idee, den Marxismus, ebenso wie man zur Zeit der Christenverfolgungen Christen, aber nicht das Christentum ausrotten konnte. Die Idee ist ewig. Die Ausnahmegesetze reichten dazu noch immer nicht aus. Die Regierung unterbreitete am 20. Jänner 1885 dem Parlament den Entwurf eines Sozialistengesetzes, der dem deutschen Sozialistengesetz nachgebildet war. Da man der Arbeiterschaft durch das Ausnahmegesetz eine legale politische Betätigung unmöglich gemacht hatte, gründete sie geheime Organisationen. Das hieß im Polizeistil »Geheimbündelei«. Die Gemäßigten hatten für Dezember 1884 eine Versammlung einberufen, in der der deutsche Arbeiterführer Wilhelm Liebknecht über »Die Stellung der Sozialdemokratie zu den verschiedenen Parteien und deren Presse« sprechen sollte. Liebknecht wurde die Einreise nach Österreich nicht erlaubt. Im Februar 1885 mußte auch die »Wahrheit« infolge unausgesetzter behördlicher Drangsalierungen ihr Erscheinen einstellen. Die letzte Nummer schloß: »Zum letztenmal sprechen wir heute zu den Lesern der ´Wahrheit´. Allein die sozialistische Presse ist nicht gestorben, sie wird wieder auferstehen. Wir nehmen nicht besser Abschied als mit den Worten unseres Dichters Freiligrath: »Nun Ade, doch nicht für immer Ade! Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh', Bald kehr' ich reisiger wieder.« Der Regierungsentwurf eines Sozialistengesetzes enthielt drakonische Bestimmungen zur Überwachung des Vereinswesens, zielte gegen geheime Verbindungen, sah eine starke Einschränkung des Versammlungsrechtes und der sozialistischen Presse vor. Die Wortführer der Arbeiter sollten unschädlich gemacht, Schankbetriebe, Buchhandlungen und Druckereien unter besondere Aufsicht gestellt werden. Und das Sozialistengesetz und die Ausnahmegerichte sollten nicht bloß, wie das Ausnahmegesetz, für bestimmte Gebiete, sondern für das ganze Reich gelten. Am 25. Juni 1888 nahm das Abgeordnetenhaus das Sozialistengesetz mit einer zweijährigen Geltungsdauer an. Gegen das Gesetz sprachen und stimmten die Jungtschechen, der Demokrat Dr. Kronawetter und der spätere Sozialdemokrat Engelbert Pernerstorfer. Daß das hochfeudale Herrenhaus das Sozialistengesetz schweifwedelnd und gern apportierte, ist selbstverständlich. Äußerlich sah es eine Zeitlang so aus in Österreich, als wäre die Arbeiterbewegung und der Sozialismus mausetot. Nichts rührte sich und die Herrschenden fanden wieder, daß es herrlich sei zu leben, wenn man zu den Herrschenden gehört. Die Polizei und ihre gutbezahlten Spitzel, die Zensoren und die Ausnahmegerichte zertraten alles, was nicht schön brav war. Besonders das Wiener Ausnahmegericht unter dem Vorsitze des sadistischen Blutrichters Ritter von Holzinger leistete prompt die bei ihm bestellte Arbeit und bald wurden die Strafhäuser zu klein. Prozesse wegen Hochverrats, Geheimbündelei, wegen Verbreitung verbotener Druckschriften und wegen Benützung von Geheimdruckereien waren an der Tagesordnung und die Strafen, die verhängt wurden, barbarisch. Es traute der Bruder dem Bruder nicht mehr und wir Epigonen dieser furchtbaren Zeit, die wir uns dank der beispiellosen Opfer unserer Vorkämpfer zum Sozialismus bekennen und für ihn werben und wirken können, müssen uns in Verehrung und Bewunderung neigen vor diesen tausenden namenloser Helden, die hungernd, darbend schwerste Gefahren für körperliche Existenz und Freiheit ohne viel Ruhmredigkeit auf sich genommen und, von böswilligen Feinden und Spitzeln belauert, verbotene Zeitungen und Flugschriften unter den Flügeln der damals Mode gewesenen Havelocks, um den Leib gebunden, die Frauen unter den Röcken versteckt, von Mann zu Mann geschmuggelt haben, um Aufklärung zu verbreiten. Zur rechten Zeit ist der geknechteten und dennoch noch immer uneinigen, wie das Tier an der Kette gehaltenen Arbeiterschaft von Österreich ein Lehrer, Einiger und Befreier erstanden: Dr. Victor Adler. Er kam vom Großbürgertum her. Sein Vater war zuerst in Prag, wo auch Victor geboren wurde, und dann in Wien Börseaner und zählte zu den Schwerreichen. In seiner Studienzeit schloß sich Victor Adler nationalen Verbindungen an und bewegte sich auch sonst in deutschnationalen Zirkeln, was auf Prager Einflüsse zurückzuführen sein dürfte. Die Deutschnationalen und ihr Führer, Georg Ritter von Schönerer, machten damals noch nicht in jenem blödsinnigen Antisemitismus, der das Deutschtum in Österreich später bis zur Ohnmacht schwächte. In vielen Gebieten der Sudetenländer hielten sich Deutsche und Tschechen die Waage. Die Deutschen konnten die Gemeindevertretungen sehr vieler Städte und Märkte dieser Gebiete nur deshalb beherrschen, weil die Juden, die sich mit dem deutschen Volke und der deutschen Kultur innig verwachsen fühlten, zu den Deutschen standen und ihnen zur Mehrheit verhalfen. Als Schönerer den antisemitischen Kurs einschleppte und die Juden für nations- und rassenfremd, als Feinde der deutschen Nation erklärte, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten, trat langsam ein Umschwung ein. Die Tschechen haben die Juden immer als ihre Feinde bekämpft, weil sie die Deutschen stärken halfen. Und nun wurden sie auch von denen geächtet, die es ihnen hatten danken sollen, daß sie noch so viele schwer gefährdete Positionen halten konnten. Und diese ausbündige Torheit hat sicher sehr zum rapiden Aufstieg der Slawen in Böhmen und Mähren beigetragen. Die patentierten Hüter des Deutschtums haben das Deutschtum selbst am schwersten verwundet. Und ihre Nachfahren sind um nichts klüger geworden. Victor Adler wurde Arzt. Als Armeleutdoktor lernte er das graue Elend kennen, in dem die übergroße Mehrheit der Menschen dahinvegetierte, ihr physisches und geistiges Elend, zu dem sie diese Weltordnung verurteilt hat, von der ihre Nutznießer behaupten, ohne es je bewiesen zu haben, daß sie von Gott gewollt und es eine Sünde wider Gott sei, sich gegen sie aufzulehnen. Der junge Doktor, der ein großer Menschenfreund war und jedes Unrecht, dem geringsten seiner Brüder getan, so empfand, als wäre es ihm selber geschehen, konnte das nicht untätig mitansehen. Er schämte sich und hielt es nicht länger aus, dank dem Reichtum seines Vaters sich alles gönnen zu können, wonach es ihm verlangte, während unzählbare Menschen, geboren wie er, mit demselben Recht auf Wohlergehen, mit demselben Recht auf Freude, überhaupt nie erfuhren, was leben heißt. Es wurde ihm Lebenszweck, diese menschenähnlichen Lebewesen erst zu Menschen zu machen, sie herauszureißen aus ihrer geistigen Enge, auf daß sie dann schon von selber den materiellen und geistigen Druck, der von altersher auf ihnen lastet, abzuschütteln vermögen. Adler begann in seinen Kreisen, zu denen auch Engelbert Pernerstorfer gehörte, der sein Intimus war, über die soziale Frage zu diskutieren und zu streiten. Und es reifte in ihm der Entschluß, seine ganze Zukunft, auf die des arbeitenden Volkes zu stellen. Es genügte ihm nicht, daß er arme Kranke unentgeltlich behandelte und ihnen noch das Geld für Medikamente und Kuren dazulegte, daß er gegen den oft sehr entschiedenen Einspruch seiner Familie in die Elendswohnungen ging, um sie mit einer dünner gewordenen Geldbörse wieder zu verlassen. Er wollte sich ganz in den Dienst des Proletariats stellen. Anfangs wollte er Gewerbeinspektor werden, um die Einhaltung der noch recht spärlichen Arbeiterschutzgesetze überwachen zu können. Sie haben ihn aber nicht genommen. Dann – schon 1885 – sah er sich in der Arbeiterbewegung um. Er schloß sich keiner der beiden feindlichen Gruppen an, denn er hatte sofort erkannt, daß es die wichtigste Aufgabe wäre, die streitenden Brüder zusammenzuführen, wenn die Bewegung vorwärtskommen, ja überhaupt je aktiv werden sollte. Er hielt in größeren und kleineren Zirkeln Vorträge. Anfänglich begegnete er einem begreiflichen Mißtrauen. Kam er doch aus dem anderen Lager, aus einer anderen Welt – und daß es einer von dort gut und ehrlich meine, konnten die Arbeiter auf Grund vieler schlimmer Erfahrungen nicht mehr glauben. Sie hielten dafür, daß der sie zu Unüberlegtheiten verleiten wolle, um sie dann der Polizei auszuliefern, oder daß dieser »Studierte« beabsichtige, ihre Hirne zu benebeln, damit sie noch gefügiger würden. Als sie aber wahrnahmen, daß dieser dreiunddreißigjährige, kluge, ernste, bedächtige Doktor alle Brücken zu der Gesellschaft und der Klasse, von der er herkam, abbrach, auf Wohlleben und Wohlbehütetheit verzichtete, und alles was er besaß der Bewegung und den Notleidenden opferte, gewannen sie ihn lieb und begannen ihm zu glauben und zu vertrauen. Er unternahm es, trotz Sozialistengesetz Arbeiterversammlungen einzuberufen und in ihnen über die Fragen, die den Arbeiter interessierten, zu sprechen. Krankenkassenwesen, Arbeiterschutz und Arbeiterkammern waren die Themen, die er in seinen Versammlungen mit größter Sachkenntnis und tiefem Ernst behandelte, und Radikale sowie Gemäßigte lauschten seinen Worten. Er machte die Abhaltung von Versammlungen möglich, indem er bürgerliche Politiker, die weit links standen, wie Dr. Kronawetter und seinen Freund Engelbert Pernerstorfer, veranlaßte, als Einberufer zu fungieren. Zu Weihnachten 1886 erschien die erste Nummer der »Gleichheit«. Sie war ein Wochenblatt. Redaktion und Administration und Expedition waren in einem kleinen Gassenladen in der Gumpendorferstraße untergebracht. Die Mittel zur Gründung dieser Zeitung für die Arbeiter wurden durch kreuzerweise Spenden und durch reichliche Zuschüsse Victor Adlers aufgebracht. Dr. Adler zeichnete als Herausgeber, Ludwig August Bretschneider als verantwortlicher Redakteur. Die »Gleichheit« stand über den Fraktionen innerhalb der Arbeiterbewegung. Sie setzte sich das hohe Ziel, eine Einigung und Vereinigung herbeizuführen. Natürlich verfiel gleich die erste Nummer dem Rotstift des Staatsanwalts. Und auch die meisten folgenden teilten dieses Schicksal. Aber Adler und Bretschneider waren dem Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert, wie Nestroy den Zensor charakterisierte, gewachsen. Besonders Bretschneider war ein Meisterstratege im abwechslungsreichen Kleinkrieg gegen die Wortvernichter. Erst wenn die ganze Auflage gedruckt war, schickte er dem Herrn Staatsanwalt das Pflichtexemplar. Während dieser Wort für Wort studierte, um seine Gründe für die dieswöchige Konfiskation herauszutifteln, stoben die Genossen und die Genossinnen schon mit den Blättern nach allen Windrichtungen auseinander. Kamen dann die Polizisten, um die Blätter wegzutragen, waren keine mehr da. Oder doch zwei bis drei Exemplare, die sie der höfliche Bretschneider finden ließ, damit sie nicht ganz umsonst amtshandeln mußten. 1888, als die Geltungsdauer des Sozialistengesetzes zu Ende ging, verlangte die Regierung eine Verlängerung der Geltungsdauer auf weitere 3 Jahre. Diesmal stieß sie auf eine starke Opposition. Das Parlament wurde vertagt und das Ministerium erließ nach Ablauf des Sozialistengesetzes Ausnahmeverfügungen. Damit wurden für Wien und weitere 14 Gerichtssprengel neuerlich Maßnahmen gegen anarchistische, auf gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen, verfügt. Der junge Schuhmeier arbeitete nicht nur im Betriebe Goppold und Schmiedl, sondern in seiner freien Zeit auch an seiner Weiterbildung. Man müsse, sagte er denen, die ihn als Bücherwurm hänselten, erst selbst etwas wissen, ehe man den Versuch wagen dürfe, die andern aus ihrer Unwissenheit herauszuführen. Er war auch schon in der »Bude« avanciert, und zwar zum Magazineur, und bezog einen Wochenlohn von dreizehn Gulden, war also nach damaligen Begriffen ein Spitzenverdiener. Was er gelesen hatte, borgte er weiter oder las es bei zwangslosen Zusammenkünften in der Gumpendorfer Bierhalle, in der einst sein Vater Stammgast gewesen, vor. Manche von der Tischgesellschaft murrten zwar, weil sie lieber geschnapst hätten, aber der Schuhmeier verstand es, sie zum Gescheiterwerden zu zwingen. Er war jetzt auch in das Theater vernarrt. An jedem Wintersonntag nachmittags oder abends sah er sich ein gutes Stück an. Im alten Burgtheater auf dem Josefsplatz stellte er sich, wenn es eine besondere Aufführung gab, schon zeitlich morgens an und stand geduldig, mit Lektüre beschäftigt, bis abends die Stehplatzkasse aufgemacht wurde. Den »Faust«, die »Räuber« und den »Wilhelm Tell« wußte er fast auswendig. Im Theater in der Leopoldstadt – Carltheater – versäumte er kein Nestroystück und keines von Ferdinand Raimund. Wie Nestroy die sogenannte gute Gesellschaft, die feisten Spießer und die Ämter und die Beamten, und alles, was dem guten Bürger heilig war, zerzauste, das ließ verwandte Saiten in ihm aufklingen. So hätte er's, fühlte er, auch gesagt, wenn er schon zum Sagen gekommen wäre. Und die übersinnliche Welt des schwermütigen Raimund half ihm, sich für Stunden aus dem erdenschweren wirklichen in ein Phantasiereich der unbegrenzten Möglichkeiten zu versetzen. Im Theater an der Wien ergötzte er sich an den naturfrischen Bauerndramen und Possen Ludwig Anzengrubers, der ihm der liebste unter den Dichtern der österreichischen Heimat wurde. Manchmal nahm er die Mami, die vordem noch nie in einem Theater gewesen war, mit. Für diese Frau war das immer ein hoher Festtag. Dann leistete sich der Franzl bessere Sitze, während er sonst mit dem »Juchhe« vorlieb nahm. Und dem Franzl bereitete es, wenn die Mami neben ihm saß, ein doppeltes Vergnügen. Einmal, weil er sich freute, daß die Mami sich freute, und zum andern, weil es ihn belustigte, wie sie mit den Vorgängen auf der Bühne mitging, den Schein für Wirklichkeit nahm und über die von den Darstellern dargestellten Menschen halblaut lobende oder abfällige Bemerkungen machte. Auch die Musik, die leichtfüßigere Schwester der Dichtkunst, zog ihn an. Die prickelnden Sphärenklange der vier Sträuße – Johann den Vater, Jean, Josef und Eduard, die Söhne –, die derbsinnlichen Walzer Josef Lanners, von denen man die Drehkrankheit kriegen konnte, juckten und zuckten ihm im Blute und der kecke Offenbach verleitete ihn zu sündhaften Gedanken. Wenn er Mozart hörte, hörte er Zauberflöten aus Österreichs Bergen und Tälern und des Heimatlandes alten Städten erklingen. Vor Beethoven, dem Titanen, wurde ihm ängstlich, wie einem in schwüler Gewitterluft der Kragen zu eng wird. Sonst aber war und blieb er ein Schubertverehrer. Wo es ein Schubert-Konzert gab, dort war er, wo man Schubertlieder sang, dort hörte er mit. Franz Schubert und Wien, das war für ihn ein untrennbarer Begriff. Dieses Lichtentaler Schulmeisterlein, das auf Bildern so aussieht, als wollte es jeden Augenblick um Entschuldigung bitten, daß es auf der Welt sei, hat bei seinen Streifzügen am Rande dieser Stadt all die Musik, die, aus der Wiener Luft, dem Wiener Duft und dem Wiener Blut geboren, im Äther herumschwirrte, mit seinem schwammigen Leib aufgefangen, wie heutzutage Antennen die Schallwellen des Rundfunkes auffangen, und was es da zusammengefangen hat, hat es wie ein heutiger Sender restlos den Wienern auf Notenpapier geschenkt. Zu Schubert-Aufführungen ging der Schuhmeier, wenn er Wiener, nichts als Wiener sein wollte und dem Weltbürger, der er war, kurzen Urlaub gönnte. Einmal war er in der Oper, in die sich damals Proleten gar nicht hineintrauten, weil ihr Prunk einschüchternd wirkte. Nach Schluß der Vorstellung sah er auf dem Fiakerstandplatze vor der Oper den Borinsky-Onkel vor seinem Zeugel stehen und einladend sein: »Fahrn ma, Euer Gnaden?« in die aus dem Theater strömende Menge schleudern. Der Borinsky-Onkel war, von brennendem Ehrgeiz getrieben, zum Fiaker avanciert. Das war viele, viele Jahre sein heißestes Verlangen. Die Einspänner, das waren die mißachteten Proleten unter den Peitschenschnalzern, der Fiaker, das war der Aristokrat unter ihnen. Und als endlich der alte Peter gestorben war, wagte er den Sprung. Nach Schluß der Opernvorführung also begrüßte er seinen Neffen mit Matzleinsdorfer Herzlichkeit und überschüttete ihn mit Vorwürfen, weil er sich bei ihm und der Frau Tant gar nicht mehr anschauen lasse. »Kannst uns schon wieder einmal die Ehr schenken, Bua, wannst aa schon a paar Haarln unter die Nasenlöcher hast, und wannst heirat'st, führ i die Braut. Aber g'scheiter is's, du machst ka so a dummes Stückel.« Ein Fahrgast schwang sich in den Wagen. Der Borinsky-Onkel mußte die Pferde abdecken, auf den Bock steigen, Leitseil und Peitschenstiel in die Hände nehmen und davonfahren. »Also komm bald«, rief er noch zurück und war schon weg. Vierzehntes Kapitel Dann nahm der junge Schuhmeier nur mehr die Cilli ins Theater und zu Konzerten mit und zur schönen Jahreszeit auf Berg- und Landpartien. Die Ditz-Cilli war Streicherin in der Buntpapierfabrik Goppold und Schmiedl und der Schuhmeier als Magazineur ihr Vorgesetzter. Als sich der Vorgesetzte seine Untergebene einmal genauer anschaute, privat und nicht dienstlich, kam er darauf, daß die recht hatten, die immer sagten, daß der Mensch nicht nur Futter für den Magen und den Verstand, sondern auch etwas fürs Herz braucht. Der junge Schuhmeier war bis dahin beileibe kein Weiberfeind gewesen. Im Gegenteil, sie haben ihm immer sehr gut gefallen, dafür war er schließlich ein Mann. Aber er hat sich noch nie die Zeit genommen, so wie alle anderen Jünglinge und alten Esel, ein Pantscherl anzufangen, wozu es kürzerer oder längerer Vorbereitungen und allerlei Kniffe und Redekünste bedarf, bis man dort ist, wohin auch ein gerader Weg führt. Tagsüber Arbeit, die meisten Abende bei politischen Konventikeln und in Kursen und dann noch zu Hause bis zwei Uhr nachts oder gar drei früh gelernt und gelesen. Als er sich ab er die Ditz-Cilli einmal privat angesehen hat, hat er sie noch ein paarmal angeschaut und hat gefunden, daß diese Buntpapierstreicherin ein lieber Schneck ist und das richtige Öferl wäre, ein im politischen Getriebe erkaltetes Herz zu erwärmen. Und frei war sie auch noch, die Cilli, was eine Seltenheit ist, denn für gewöhnlich mag man zu einer noch so Jungen kommen, es ist schon immer einer früher dagewesen. Die Ditz-Cilli war nicht nur mudelsauber, wie man in Gumpendorf sagte, sondern sie hatte auch ihr Göscherl auf dem rechten Fleck. Und wenn der worttüchtige, jeden gern übertrumpfende Herr Magazineur sie necken wollte, traf sie es, ihn noch zu übertrumpfen und ihn manchmal um eine Antwort verlegen zu machen. Und das imponierte ihm. Das imponiert überhaupt allen Männern. Am Anfang zumindest. Also beschloß der Schuhmeier-Franz, mit der Cilli zu »gehn«. Mit einem Mädel »gehn«, heißt in Wien ein schlampertes Verhältnis anfangen, das alle möglichen Vorteile bringt und doch zu nichts verpflichtet. Die Cilli war aber nicht fürs »Gehn«, sondern mehr fürs Fahren, nämlich mit dem Ein- oder Zweispänner zum Traualtar. Und das hat sie durchgesetzt. Denn am 22. August 1886 stand der zweiundzwanzigjährige Franz Schuhmeier mit der Jungfer Cilli Ditz vor dem Pfarrer von Gumpendorf und sie verließen ihn als würdiges Ehepaar. Geführt hat sie der Borinsky-Onkel. Die Mami hat an dem Tag eine neue Tochter, freilich eine schon recht erwachsene, bekommen. Der junge Ehemann hat am anderen Tage seinen Kollegen gebeichtet, er habe vor dem Heiraten eine solche Angst gehabt, daß er sich vorher mit fünf Stamperln Slibowitz Mut antrinken mußte, und er wundere sich, daß der Pfarrer nichts gerochen habe. Wenn dem neugebackenen Gatten noch nachträglich etwas vorzuwerfen wäre, so dies, daß er seine bisherige Lebensweise nach der Verehelichung nicht änderte. Nicht ändern konnte. Zu sehr hatte ihn der Wissensdrang noch immer und das revolutionäre Fieber schon beim Krawattel. Frauen, wenn sie lieben, sind schrecklich egoistisch. Dann dulden Gattinnen keine anderen Göttinnen neben sich. Und dann wollen sie, daß der Mann wenigstens in seiner freien Zeit zu Hause in der Küche auf dem Wasserbankerl sitze und zuschaue, wie sie das Häusliche betreut, erstens, damit er ihr Lob und Anerkennung spende, und zweitens, um die saure Arbeit mit der angenehmen Beschäftigung des Abknutschens zu unterbrechen. Überhaupt: die Arbeiterbewegung – und nicht nur diese – hat wegen der verflixten Liebe schon viele große Hoffnungen verloren. Da sind junge Menschen aufgetaucht, überschäumend vor Begeisterung für die Idee der Neugestaltung der Welt, haben sich in die Parteiarbeit gestürzt und sind ganz in ihr aufgegangen, haben den Kopf mit Wissen vollgepfropft, und dieses Wissen weitergegeben, und haben scharenweise neue Mitstreiter herbeigeschleppt – die Partei war stolz auf sie und man sagte ihnen voraus, daß man noch von ihnen reden und die Partei durch sie hochkommen wird. Auf einmal tauchte ein kleines, dummes Mädel auf, das von den hohen Dingen, in deren Bann der Jüngling stand, auch nicht die Spur einer Ahnung, aber dafür lachende Augen und ein freches Naserl und ein Figurl hatte, das Jünglinge blöd machen kann, und die Zukunftshoffnung wurde täglich laxer, rarer, blieb aus und ward nicht mehr gesehn. Man fand ihn an der Rockfalte des dummen Mädels, von der er nicht mehr loszubringen war. In jenen Tagen haben sie auch um den Schuhmeier gezittert. Die Gefahr war gar nicht klein, daß er nichts als ein braver Ehemann und zärtlicher Vater werden könnte, von dem nach seinem Tode nicht viel mehr zu sagen bleibt, als daß er nur für seine Familie gelebt hat. Die Cilli hat anfänglich gewiß auch Manderl gemacht und die Haare aufgestellt, als er fast jeden Abend etwas anderes zu tun hatte. Eigentlich hat sie ihn schon vor der Hochzeit manchmal vor die Wahl gestellt: ich oder die Politik! Dem Schuhmeier ist es gar immer gelungen, sie zu besänftigen, indem er ihr begreiflich machte, warum es ging. Ob sie es schon damals wirklich begriffen hat, sei nicht näher untersucht. Es ist eher anzunehmen, daß sie sich gedacht hat: Wart nur, nach der Hochzeit, wann du mir nimmer auskommen kannst, werd ich schon andere Saiten aufziehn. Sie hat es nach der Hochzeit probiert, andere Saiten aufzuziehen, wie das jede andere Frau an ihrer Stelle auch getan hätte aber der Franzl hat sie statt vieler Worte, die nichts gefruchtet hätten, mitgenommen und dort hat sie begreifen gelernt. Sie ist so lange mitgegangen, bis sie zu Hause bleiben mußte, weil zu Hause etwas war, das ihrer bedurfte – das erste Kind. Im Betrieb Goppold und Schmiedl war der Schuhmeier pflichteifrig, brauchbar. Das beweist sein schnelles Avancement. Dabei war er nicht unterwürfig, sondern eigenwillig, gehörte nicht zu jenen, die, wie damals noch die meisten, vor dem Unternehmer katzbuckelten und hinterrücks lästerten. Wenn ihm etwas nicht recht war, sagte er es, so jung er war, dem Chef ins Gesicht. Sehr höflich, wie es sich ziemt, aber fest und bestimmt, und wenn er sich im Rechte wußte, gab er nicht nach. Der Chef, der den jungen Mann gut brauchen konnte, meinte nach solchen Auseinandersetzungen: »Na, warten Sie nur, bis Sie zum Militär kommen, dort wird man Ihnen schon Disziplin beibringen, dort wird Ihnen das Wilde gehörig heruntergeräumt werden.« Aber von jeder der drei Assentierungen haben sie ihn wegen der Geschichte mit dem Auge als Staatskrüppel nach Hause geschickt. Und der Schuhmeier war ganz froh, daß er dem »Verein«, wie sie das Militär nannten, nicht beitreten mußte. Sonst hätte die Cilli drei Jahr länger aufs Heiraten warten müssen. »Vielleicht hätt' i mir's derweil überlegt und wär aus der Butten g'sprungen«, hänselte er sie. Einmal versuchte der junge Schuhmeier für die »Wahrheit« einen Artikel zu schreiben. Stilistisch traf er es, die Ausdrucksweise war einfach und prägnant auch die Rechtschreibung ließ nichts zu wünschen übrig, nur grammatikalisch happerte es. »Teufel noch einmal,« warf er sich selber vor, »a Deutscher muß doch zuerst deutsch schreiben können eh er überhaupt was schreibt« – und warf sich auf das Studium der Grammatik. Und in einem Aufwaschen besuchte er gleich auch einen Stenographiekurs. An der Technischen Hochschule gab es damals Abendkurse für Hörer aus Arbeiterkreisen. Die besuchte er und drang so in viele Wissensgebiete ein. Sozialwissenschaft, Naturwissenschaft interessierten ihn lebhaft, nebenbei hörte er sogar einen Kurs über Anatomie bei Professor Brüll im Anatomischen Institut. Bei Goppold und Schmiedl war Franz Schicker der Apostel des Sozialismus, der alle im Betriebe für ihn zu interessieren wußte und alle dafür zu gewinnen sich abmühte. Dann war noch der Dippel da, der in der Glänzerei arbeitete. 1887 kam Albert Sever in den Keller zur Farbenmischerei, die Brüder Peklo aus Favoriten, die sie das »Grünzeug« nannten, und schließlich auch Schuhmeiers Bruder, der Karl, und seine Schwester, die Nettl. Zuerst politisierten sie im Betriebe. Um aber unliebsamen Störungen auszuweichen und zu ihren Konferenzen auch Außenstehende zuziehen zu können, was im Betrieb nicht gut möglich war, bezogen sie ein Wirtshaus in der Goldschlagstraße, in Fünfhaus. Weil das Sozialistengesetz die Gründung eines politischen Vereines unmöglich machte, gründeten sie in diesem Wirtshaus den Rauchklub »Lassalle« und Schuhmeier wurde über Vorschlag Schickers der Obmann. Die Geschichte wurde recht harmlos aufgemacht. Neben dem Klubtisch war ein Pfeifenständer. Jedes Mitglied hatte seine Pfeife, die zu Beginn der Klubabende in Brand gesteckt wurde. Sie dampften so hingegeben, daß der Klub bald im Pfeifenqualm verschwand und unsichtbar wurde. Jedes Klubmitglied bekam einen Namen, den eines berühmten Mannes. Einer hieß Lassalle, ein anderer Marx, andere wieder wurden nach unsterblichen alten Griechen getauft. Den Dippel tauften sie »Kara-Mustapha«, Schuhmeier, der Obmann, hieß Lassalle. Eröffnet wurden die Klubabende, indem sie vom Wetter zu reden begannen. Und dann vorsichtig, sehr vorsichtig über Fragen des Sozialismus, der Religion, über das Wahlrecht, den Arbeiterschutz und hauptsächlich, wie man vielleicht doch die hadernden Brüder, Radikale und Gemäßigte, zusammenbringen könnte. Die Klubmitglieder nahmen für keine der beiden Partei, sondern hielten sich in der Mitte. Sie standen schon unter dem Einflusse Victor Adlers und der »Gleichheit«. Dabei mußten sie sehr auf der Hut sein, denn sie waren trotz der unverfänglichen Form, die sie dem Klub gegeben, von allem Anfang an der Polizei verdächtig. An jedem Klubabend knotzten ein oder mehrere »Kiberer« – Geheimpolizisten – im Schankzimmer und spitzten die Ohren. Sobald die Raucher erfuhren, daß man sich für sie lebhaft interessierte, brachen sie die Diskussion ab und schimpften über die Tabakregie, die einen solchen Matschker von Tabak für sündteueres Geld liefere. Die Klubmitglieder brachten vertrauenswürdige Freunde mit, um sie für ihre Sache zu gewinnen. Sie wurden auf recht primitive Weise in die Ideengänge der Arbeiterbewegung eingeführt. Ein Beispiel: Schuhmeier hatte ein Buch aufgestöbert, das ihm gefiel. »Der Gottesbegriff« von Professor Pichner in Darmstadt. Daraus las er an den Klubabenden kapitelweise vor, erläuterte den Inhalt jedes Kapitels und forderte die Anwesenden auf, ihre Meinungen zu äußern. Auf diese Weise lehrte er sie denken und ihre Redescheu überwinden. Victor Adlers zäher Beharrlichkeit und kluger Diplomatie gelang es, allerdings nur ganz allmählich, die Radikalen und die Gemäßigten an den gemeinsamen Verhandlungstisch zu führen und ihnen beizubringen, daß der ewige Streit um die bessere Taktik müßig sei, weil jetzt noch lange nicht von Taktik, sondern vorerst von der Gewinnung der Massen durch unermüdliche Werbe- und Erziehungsarbeit die Rede sei. Erst müsse man die Massen haben und mit ihnen kampftaugliche Kaders aufstellen. Wer sich über strategische Pläne zerzankt, ohne eine Armee zu besitzen, mache sich lächerlich. Sie kamen wiederholt zusammen und gingen noch mehr verfeindet wieder auseinander. Manchen tat das wehe, manche freute es. Doch die das freute, hatten nicht mit Adlers Geduld, ohne die einer nicht Führer sein kann, gerechnet. Es glückte ihm, sie auf ein gemeinsames Programm festzulegen. Einmal so weit, handelte es sich darum, die sozialdemokratische Partei zu konstituieren. Dies sollte zwischen Weihnachten und Neujahr 1889 geschehen. Als Ort der Tagung wurde der niederösterreichische Industrieort Hainfeld gewählt, weil dort starke Ansätze einer einigen Arbeiterbewegung anzutreffen waren, weil Hainfeld nicht zu jenen Gebieten gehörte, in denen die Ausnahmegesetze galten, und weil der zuständige Bezirkshauptmann von Lilienfeld, Graf Auersperg, als freisinnig und unvoreingenommen galt, man also annehmen durfte, daß dieser weiße Rabe seiner Klasse und Kaste sie nicht überflüssig schikanieren würde. Tatsächlich ist Graf Auersperg auf dem Hainfelder Parteitag erschienen, hat zeitweilig den Debatten zugehört und soll, als das »Lied der Arbeit« stehend gesungen wurde, Tränen in den Augen gehabt haben. Überall in Österreich, wo es erwachte Arbeiter gab, rüstete man zum Hainfelder Parteitag, ging man daran, Delegierte für Hainfeld zu nominieren. Auch Franz Schuhmeier wurde nach Hainfeld delegiert. Es machte ihn stolz, daß er so viel Vertrauen genoß, und er bereitete sich eifrig vor, weil er zu verschiedenen Punkten der Tagesordnung das Wort ergreifen wollte. Mitte Dezember 1888 ging ein Tischlermeister, der in den Rauchklub eingeführt worden war, zur Polizei, naderte, daß sich der Rauchklub politischer Umtriebe schuldig mache, und gab der Polizei die Namen und Adressen der von ihm der Staatsgewalt verratenen Verbrecher preis. Der Rauchklub tagte wieder und diskutierte eben über den »Gottesbegriff«. Da kam gemächlich der Herr Polizeikommissar Sabatzky, der der Partei noch öfters unangenehm wurde, mit Bedeckung herein und erklärte die siebzehn Anwesenden im Namen des Gesetzes für verhaftet und den Rauchklub »Lassalle« für aufgelöst, damit sie einen Begriff von der Gottähnlichkeit der Polizei bekamen. Schuhmeier wanderte mit seinen 16 Genossen in Untersuchungshaft, die 7 Wochen dauerte. Während in Hainfeld die geeinigte Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs geboren wurde, saß der Delegierte zum Hainfelder Parteitag Franz Schuhmeier als Untersuchungshäftling im Loch. Bei der Verhandlung waren die siebzehn nur wegen Übertretung des Vereins- und Versammlungsgesetzes angeklagt. Schuhmeier als Obmann des polizeiwidrigen und staatsgefährlichen Rauchklubs wurde nach siebenwöchiger Untersuchungshaft zu 24 Stunden Arrest verurteilt, alle übrigen freigesprochen. Franz Schuhmeier hatte zum erstenmal mit dem Arrest Bekanntschaft gemacht. Es gab viele Wiedersehen. Fünfundzwanzigmal war er angeklagt, dreizehnmal wurde er freigesprochen, zwölfmal verurteilt. Anfang Jänner 1889 schied der Kronprinz Rudolf von Österreich in Mayerling aus dem Leben. Am Wiener Hofe war die Trauer um ihn nicht ganz echt, denn dieser Rudolf war nicht nur in Liebes-, sondern auch in anderen Dingen ein mißratener Habsburgersproß. Zeitgenossen wissen zu berichten, daß er ein eifriger Leser des Organs der Radikalen, der »Zukunft«, war, um die er an den Erscheinungstagen einen Diener in die Administration schickte, welcher ihm auch die Mostsche »Freiheit« und alle geheim erschienenen Flugblatter verschaffen mußte. Es werden ihm Äußerungen nachgesagt, mit denen er der alten morschen Monarchie eine noch lange Lebensdauer absprach. In einem seiner Briefe findet sich folgende Stelle: »... neugierig bin ich nur als stiller Beobachter, wie lange ein so alter und zäher Bau wie dieses Österreich braucht, um in allen Fugen zu krachen und zusammenzustürzen.« Auch seine Mutter, die Kaiserin Elisabeth, soll völlig aus der Art geschlagen gewesen sein. Sie sprach oft von der bevorstehenden Zeit, in der es in Europa keinen Kaiserthron mehr geben würde, sie unterstützte den Utopisten Theodor Hertzka, der in Afrika eine »edelanarchistische« Kolonie errichten wollte, mit Geldmitteln, unterstützte ebenso den Berliner Sozialisten Gustav Landauer, der den »Sozialist« herausgab, als dieser in materielle Schwierigkeiten geraten war, und als Johann Most in Österreich im Kerker saß, soll sie für dessen Begnadigung eingetreten sein. Die »Gleichheit« war inzwischen behördlich eingestellt worden. Am 12. Juli 1889 erschien die erste Nummer der »Arbeiter-Zeitung«. Zuerst vierzehntägig, schon ab 18. Oktober als Wochenblatt jeden Freitag. Die Redaktion, Administration und Expedition befand sich in der Gumpendorferstraße 79. Zuerst fungierten als Herausgeber Rudolf Pokorny, als verantwortlicher Redakteur: Ludwig August Bretschneider, später als Eigentümer Rudolf Pokorny, Julius Popp und Jakob Reumann, als Herausgeber: Rudolf Pokorny und Dr. Victor Adler. Verantwortlicher blieb Bretschneider. Die Einzelnummer kostete 6 Kreuzer. Die Arbeiter-Zeitung wurde zum großen Teil von Victor Adler selbstgeschrieben. Der Umfang des Blattes war sehr gering, mußte es sich doch in der Zeit des Ausnahmezustandes größter Zurückhaltung befleißigen und jedes Wort auf die Waagschale legen, was aber noch immer nicht hinderte, daß lustig drauflos konfisziert wurde. Ergreifend ist es, aus den alten Jahrgängen der Arbeiter-Zeitung die geradezu beispiellose Opferwilligkeit der mit Hungerlöhnen abgespeisten Arbeiterschaft herauszulesen. Fast eine ganze Seite jeder Nummer füllten die Spendenlisten für die diversen Fonds. Da gab es einen Fonds für die Familien der Inhaftierten, einen Agitationsfonds und einen Pressefonds, für jeden Streik wurde separat gesammelt und sogar für die deutschen Reichstagswahlen im Jahre 1890 wurde unter der Wiener Arbeiterschaft eine Sammlung veranstaltet. Aus der ständigen Rubrik in der Arbeiter-Zeitung: »Wie man mit uns umgeht«, kann man entnehmen, unter welchen Verhältnissen Sozialdemokraten damals arbeiten und kämpfen mußten. Einer Idee, der die Menschen mit einer solchen Selbstverleugnung und geradezu religiösen Inbrunst anhängen, vermag keine Macht der Welt beizukommen. In der Nummer vom 19. Jänner 1890 ist zu lesen: »Die für den 19. Jänner nach Latowitz bei Teplitz in Böhmen einberufene Volksversammlung wurde vom Bezirkshauptmann Grafen Thun unter Hinweis auf § 6 Versammlungsschutzgesetz, 'Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und des öffentlichen Wohles' durch Verbreitung der Influenza verboten.« Verboten wurde auch die Sammlung für den Wahlfonds der deutschen Bruderpartei und an manchen Orten wurden die bereits eingegangenen Gelder in Beschlag genommen. Oder: »Die für den 2. März 1890 nach Hainfeld einberufene Volksversammlung wurde von der Bezirkshauptmannschaft St.-Pölten verboten, da die Tagesordnung: ›Der achtstündige Normal-Arbeitstag‹ eine offenbar agitatorische Tendenz verfolgt und hiedurch nur neuerlich Beunruhigung in die Arbeiterkreise von außen her gebracht würde.« Man ging eben mit allen Mitteln der »Begehrlichkeit der Arbeiterschaft«, wie die Besitzenden jede Willensregung der Arbeiterschaft nannten, energisch zu Leibe. Begehrlich durften nur die Besitzenden sein. Und das waren sie ausgiebig. Man jagte Arbeiter, die für die sozialdemokratische Partei irgend ein Interesse verrieten oder gar die, die für sie tätig waren, von Betrieb zu Betrieb und nahm sie nirgends auf. Es wurden »schwarze Listen« angelegt und auf einer solchen Liste zu stehen hieß, zum Hungertod verurteilt zu sein. Die Arbeiter-Zeitung druckte 1890 das folgende Rundschreiben ab: Berndorfer                                          Berndorf, 189. Metallwarenfabrik                                     N.-Ö. Herrn ..................................................... Der sich bei mir um Arbeit meldende und provisorisch aufgenommene Arbeiter ................ hat nach seinen Ausweisen zuletzt bei Ihnen gearbeitet und erlaube ich mir daher vertraulich die höfliche Anfrage, ob der Obgenannte in sozialpolitischen und sonstigen Beziehungen unbedenklich ist. Ich bitte diese Anfrage nebst dem beiliegenden Couvert als Antwort zu benützen und nur das nichtentsprechende zu streichen. Wir sagen Ihnen für Ihre gefällige Auskunft besten Dank und zeichnen Achtungsvoll Berndorfer Metallwaren-Fabrik Artur Krupp Antwort : Bedenklich – Unbedenklich. Auch mit solchen Mitteln war die Bewegung nicht umzubringen. Jetzt erst recht strömte die Arbeiterschaft der neu geeinten Partei zu, wurden die Arbeiter scharenweise Sozialdemokraten, die man als leibhaftige Teufel schilderte, die Blut trinken und Feuer speien, so daß Leichtgläubige ihre Kinder versteckten, wenn sie hörten, daß ein Sozialdemokrat in der Nahe wäre. Die Versammlungstätigkeit blieb nach wie vor erschwert, nahezu unmöglich. Um sich darüber einigermaßen hinwegzuhelfen, begann man sich des § 2 des Versammlungsgesetzes zu bedienen, wonach Versammlungen, die auf geladene Gäste beschränkt blieben, die alle dem Einberufer persönlich bekannt sein mußten, nicht angemeldet werden brauchten und polizeilich nicht überwacht wurden. Die Polizei versuchte auch diesen Ausweg zu verrammeln. Der schon genannte Polizeikommissär Sabatzky, ein Spezialist im Aufspüren von § 2-Versammlungen, drang in solche ein, behauptete, erfahren zu haben, daß zu dieser Versammlung jeder, der wollte, eine, wie vorgeschrieben, auf Namen lautende Einladung erhalten konnte, machte Stichproben, indem er irgend einen Versammlungsteilnehmer zum Einberufer schleppte, und wenn dieser, wie meistens, den Namen des Herbeigeschleppten nicht sofort wußte, ließ er das Lokal räumen. Als der Schuhmeier wieder in Freiheit war wurde er bei Goppold und Schmiedl wieder aufgenommen und mußte zunächst untergeordnete Arbeiten verrichten. Er nahm das mit Humor hin und meinte, daß deswegen keine Perle aus seiner Krone falle. Oft sagte er: »Diese 7 Wochen Feuertaufe müssen die Arbeiterschaft emporbringen. Ich hab Zeit gehabt nachzudenken, wie man Organisationen gründet.« Im Loch ist der unbeugsame Vorsatz in ihm lebendig geworden, die dumpfe und stumpfe Masse, aus der auch er hervorgegangen, aufwärtsführen zu helfen und sein ganzes Leben, die ihm angeborenen Fähigkeiten, deren er sich bewußt geworden, und sein bisher erworbenes, noch sehr ergänzungsbedürftiges Wissen dieser Aufgabe zu widmen. Sie blieben weiter »starke Raucher«. Sever brachte den Schuhmeier nach Neulerchenfeld bei Ottakring, dem dichtestbesiedelten Proletariervorort Wiens. Dort gründeten sie den Rauchklub »Apollo«, der im Rittersaal bei der »Bretze« in der Grundsteingasse in Neulerchenfeld Tabakwolken und Sozialisten erzeugte. Und weil ihrer so viele waren, wurde am 7. Juli 1889 beim »Goldenen Luchsen« in der Neulerchenfelderstraße der Arbeiterbildungsverein »Apollo« konstituiert und damit der Grundstein zu dem späteren stolzen Bau der politischen Organisation Ottakring, der roten Hochburg., gelegt. Der Arbeiterbildungsverein »Apollo« hatte zuerst seinen Sitz beim »Weißen Engel« in der Grundsteingasse. Er begann seine Tätigkeit mit Kursen über Logik und Rhetorik und Stenographie. Franz Schuhmeier war der Stenographielehrer. Der Mitgliedsbeitrag betrug monatlich 20 Kreuzer. Der Schuhmeier leitete zuerst die Einschreibesektion und wurde noch im selben Jahre Schriftführer. Der »Apollo« eröffnete kurz hintereinander weitere Kurse, Buchhaltung, Anatomie, Naturwissenschaft, Deutsch für Tschechen, und Tschechisch für Deutsche, Schnittzeichnen wurde gelehrt, und ein Elementarkurs für Leute, die notdürftig oder gar nicht lesen, schreiben und rechnen gelernt hatten, wurde eingeführt. Und auch eine Bibliothek wurde langsam zusammengetragen. Jeden Samstag gab es interessante Vorträge. Da solche Kurse nicht gut in einem Wirtshaus abgehalten werden konnten, wurde im Hause Gaullachergasse 47 ein Privatlokal gemietet, in dem auch die Bibliothek und ein Lesezimmer, wo Zeitungen auflagen, untergebracht waren. Mit den geringen Mitgliedsbeiträgen konnte der Bildungsverein nicht das Auslangen finden. Bis in die späte Nacht dauernde Ausschußsitzungen befaßten sich mit der komplizierten Frage, wo und wie das Geld für den Zins, die Beleuchtung und die Beheizung, aufgebracht werden könnte. Bis im Gasthaus Bauer in der Grundsteingasse 9 ein Tanzunterricht angefangen wurde, dessen Teilnehmer separate Beiträge zu leisten hatten. Dann ging es dem »Apollo« gleich besser. Die Einschreibesektion, bestehend aus dem Genossen Franz Schuhmeier, saß jeden Abend im Privatlokal hinter dem für diesen Zweck errichteten Holzverschlag. Es kamen sehr unterschiedliche neue Mitglieder. Solche, die mittun wollten, immer neue Mitglieder zu gewinnen, solche, die es drängte, ihr mangelhaftes Wissen zu erweitern, und sehr viele solche, die nur der Tanzerei wegen kamen. Gerade auf die hatte es die Einschreibesektion abgesehen. Die nahm er in die Kost. Den einen machte er ernste Vorhalte, die anderen fing er sich mit seinen Spaßetteln, bis sie zutraulich wurden. Die ließ er in den Sozialismus hineintanzen. Mit allen, die kamen und gingen, war der hinter seinem Käfig in Fühlung und wurde so der bekannteste und beliebteste Funktionär vom »Apollo«. Die meisten Mädel, die sich einschreiben ließen, wußten vom »Apollo« nicht viel mehr, als daß das ein Tanzverein sei. Von Politik verstanden sie nichts, die war ihnen viel zu fad. Aber sie wußten, weil es eine der anderen sagte, daß man, wenn man sich einschreiben ließ, sich mit einem hübschen jungen Mann unterhalten konnte, der es verstand, die Mädeln über das, was sie von einem hübschen jungen Mann zuerst wissen wollten, nämlich, ob er noch zu haben oder schon besetzt ist, lange im unklaren zu lassen. Es gab da immer ein Gekuder und ein Wortgeplänkel vor dem Einschreibschalter und Witze flogen hin und her, die in keinem Familienjournal Aufnahme gefunden hätten. Und wenn die Mädchen wieder gingen, waren sie ganz begeistert von dem Herrn Schuhmeier und versicherten einander: »Das is a fescher Mensch,« und fügten hinzu: »und ein so viel lustiger Mensch is er.« Aber ohne daß sie es merkten, streute er ein paar Worte ein, über die sie nachdenken mußten, dann drückte er ihnen verstohlen etwas in die Hand, das wie ein Liebesbrieferl zusammengeknittert, aber ein Flugblatt war; er machte sie auf dieses und jenes Buch aufmerksam, und wenn der fesche lustige Mensch einen Vortrag hielt, kamen sie alle, weil sie sich eine Unterhaltung versprachen. Doch wenn er oben stand und zu ihnen redete, war es gar nicht so lustig, war es im Gegenteil blutig ernst und dann machten die Mädel auch toternste Gesichter und am Heimweg sagten sie: »Das is aber ein g'scheiter Mensch.« – Etliche solche Tänzerinnen sind kuraschierte Kämpferinnen geworden. Punkt 8 Uhr abends ließ der Franz – im engeren Kreise riefen sie sich nur bei den Vornamen und duzten sich – den Schalter herunter. Immer in diesem Augenblick schoß der Michel herein. Der Michel hatte es ewig eilig. Der war im »Apollo« das Mädchen für alles. Nicht deshalb war er es, weil die Funktionäre in ihm eine Wurzen gefunden hatten, die ihnen alle Arbeit abnahm, mit der sie sich dann, wenn sie geleistet war, selber fett machten. So war das nicht. Der Michel wäre ernstlich böse geworden, wenn man ihm eine Arbeit, die ihm seiner Meinung nach zukam, vorenthalten hätte. Der Michel war unter den vielen armen Hunden, die dieses Hundedasein nicht mehr ertragen konnten, der ärmste. Zu Hause hatte er ein Weib, das von der vielen Rackerei und den lebenslänglichen Entbehrungen auf der Lunge hin war, täglich weniger wurde und schon Blut spuckte, ohne daß geholfen werden konnte, weil kein Geld da war. Dazu hat ihn die gütige Vorsehung noch mit sieben Kindern beschenkt, die täglich fünfmal Hunger hatten, der oft nicht einmal einmal gestillt werden konnte. Dabei war der Michel gar kein Prolet im eigentlichsten Sinne. Er verdang sich nicht um Lohn, er besaß einen Gewerbeschein als Schneidermeister. Aber doch ein armseliges Flickschneiderlein, das sein Gewerbe auf dem Fensterbrettel des übervölkerten Wohnzimmers ausübte und nur zerrissene Hosenböden und schadhafte Wämse zusammenflicken konnte. Das trug nicht annähernd so viel, als ein Ziegelschupfer verdiente, wenn er Arbeit hatte. Solange der Michel noch nicht erfahren hatte, daß es auch anders sein könnte, trug er sein Schicksal in Demut. Einmal ist er ganz zufällig in den »Apollo« zu einem Vortrag gekommen und hat den Schuhmeier reden gehört. Über »Die wirtschaftliche Lage der Arbeiterschaft«. Seither wußte er, daß es auch anders sein könnte, und seither ertrug er sein Los nicht mehr so leicht. Er war seither so fest überzeugt, daß alle, die an dem gleichen Übel litten wie er, nur wollen, nur noch einmal fest anzutauchen brauchten – und sie wären oben. Er sowie damals auch der Schuhmeier und die anderen Gleichgesinnten mit ihm glaubten unerschütterlich an die nahe bevorstehende Revolution. Sie hatten die Schwachen des Kapitalismus herausgefunden und jene Stellen, wo er verwundbar ist, und sie fühlten, wie übermächtig sie selber schon vermöge ihrer Zahl wären wenn sie zusammenstünden – also alle zusammentreiben und dann los! Und deshalb fürchtete der Michel, dafür verantwortlich zu sein, wenn sich die Stunde der Erlösung, infolge Lauheit und Nachlässigkeit seinerseits verzögerte, und deshalb mußte er überall anpacken, noch schnell alle Vorarbeit tun, damit es, wenn es zur Entscheidung kommt, klappe. Der Michel war der, der nie genannt, nie öffentlich sichtbar wurde und doch das ganze Getriebe unter Dampf hielt. Er lief mit Versammlungseinladungen, Vortragsankündigungen, Flugblättern und Zeitungen treppauf, treppab. Er mengte sich, wo ein paar Leute beisammen standen, unter diese und fing mit ihnen zu politisieren an. Entweder überzeugte er sie oder er faßte Hiebe. Er ging Referenten für Vorträge und Versammlungen aufnehmen, für diverse Fonds sammeln, wenn es ein Fest gab, Karten verkaufen und für den Juxbasar schnorren, hielt nebenbei Kataster in Ordnung, rannte Mitgliedern des »Apollo« nach, die in der Bibliothek Bücher entlehnt und sie nicht zeitgerecht zurückgestellt hatten, besorgte bei säumigen Zahlern das Inkasso, besuchte gegnerische Versammlungen, störte sie durch Zwischenrufe und ließ sich arretieren, war bei Parteiversammlungen, März- und Maidemonstrationen der Ordner – es läßt sich gar nicht sagen, was alles er sich nicht nehmen ließ. Und wenn es ihm zu langsam ging, trieb er an. Der Michel war der Vorreiter der Revolution, der Ur-Vertrauensmann. Auch äußerlich trug er seine Gesinnung zur Schau. Ohne das rote Röserl aus Zelluloid im Knopfloch, das das Parteiabzeichen war, ohne brennrote Krawatte mit der Lassallekrawattennadel und ohne die rote Sportkette mit dem Marx-Kopf sowie ohne den regenschirmgroßen Kalabreser ging er überhaupt nicht auf die Gasse. »Serwas Franz,« so betrat er das Lokal, »is heut noch was los?« »Heut nix mehr,« sagte der Franz, »heut geh einmal z'haus und schlaf dir dein Revolutionsrausch aus.« »Und morgen?« »Morgen kannst blau machen und deine Kinder äußerln führen.« »Dazu hab i ka Zeit. Wann sonst nix is, geh i nach Floridsdorf, dort red't der Adler.« Er ist wirklich von Ottakring zu Fuß nach Floridsdorf gegangen und wieder zurück. Bei der Gründungsversammlung des »Apollo« hat der Schuhmeier seine erste richtige Rede gehalten. Er zitierte den Satz Jacobys: »Die Gründung des kleinsten Arbeitervereins ist für die Geschichte der Menschheit wichtiger als die größte Schlacht«, und schloß: »Die Arbeiter müssen sechs Tage fronden und sollen darum den siebenten für sich selber gut benützen.« Die Bibliothek wurde auf sein Betreiben errichtet. Den Grundstein legte er durch Bücherspenden aus seinem Besitz. Er gab »Moses und Darwin«, philosophische Werke, wie die des Bauernphilosophen Konrad Deubler, naturwissenschaftliche und sozialpolitische Schriften. Sogar Spinoza war darunter. Im »Apollo« lernte er den Redakteur der »Volkspresse«, Rudolf Hanser, kennen. Rudolf Hanser war ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, der populär und mitreißend zu schreiben und zu sprechen verstand, und der, wenn er Vorträge hielt, großen Zulauf hatte. Die »Volkspresse«, die aus Mitteln der Partei gegründet wurde, wurde hauptsächlich in der österreichischen Provinz verbreitet. Adolf Heimann zeichnete formell als Eigentümer, Hanser war der Redakteur. Die Redaktion befand sich in der Kaiserstraße 117. Die große Intelligenz, das umfassende Wissen und die faszinierende Rednergabe Hansers gefielen dem jungen Schuhmeier, dessen nichts weniger als proletarische Lebensweise und die Gesellschaft, mit der er sich umgab, machten ihn vorsichtig. Und Schuhmeier hörte als erster aus den klingenden Reden Hansers auf der Tribüne sowie aus seinen Privatgesprächen unechte Töne heraus. Hanser und Schuhmeier sind einmal spät nachts im Café Schlager in der Grundsteingasse, in dem die Genossen nach der Parteiarbeit zu einem gemütlichen Plausch oder zum Strohmandeln zusammenkamen, auf die Landagitation zu sprechen gekommen. In den Städten und Industrieorten, meinten sie, wäre ja schon alles für die letzte Schlacht gerüstet, aber auf dem Lande draußen käme man nicht vorwäts. Dort lebten die Menschen, auch die allerausgebeutetsten, die Knechte und Mägde, nicht nur in völliger Ahnungslosigkeit von den kommenden großen Dingen dahin, weil man sich noch nie um sie gekümmert habe, sie ließen sich sogar von ihren Sklavenhaltern, den großen Bauern, und von den Pfarrern und Kaplänen als Bullenbeißer mißbrauchen, die denen, die es gut mit ihnen meinten, die fletschenden Zähne zeigten und ihnen auch an die Beine fuhren, wenn der Herr »faß an« rief. Die Wiener, meinte Hanser, müßten aufs Land hinaus, in die Dörfer und Rotten und Weiler, und dort, wo es noch so finster ist, Lichter aufstecken. Der Schuhmeier erinnerte sich noch 1897 dieses Gespräches und schlug vor: »Mir, die's uns noch zur Not leisten können, kaufen auf Raten Fahrräder, gründen einen Radfahrverein und fahren alle Sonntag wo anders hin. Dort reden wir mit die Leut, lassen für sie Flugblatteln drucken, die der Schwerfälligste leicht versteht, und wann wir in jedem Ort ein bis zwei brauchbare Leut auftreiben, die denen anderen den Kopf aufmachen und mit uns in Verbindung bleiben, wird's auch bei die G'scherten heller werden.« Aus dieser Idee entstand zuerst der Arbeiterradfahrverein »Biene« und aus diesem der 1. niederösterreichische Arbeiter-Radfahrerverein. Und alle wurden sie leidenschaftliche Radelsportler. Jeden Sonntag gab es eine, später auch schon zwei und drei Vereinspartien in noch unerschlossene Gebiete. In qualmigen Dorfwirtshausstuben und auf den Kegelbahnen fingen sie mit den Burschen und den kleinen Bauersleuten unverfängliche Diskurse an und drückten den noch lesescheuen Landleuten Gedrucktes in die Hand. Sie nannten das »Unterzünden« und rechneten damit, daß daraus eine mächtige Flamme entstehen würde, die nicht einmal mehr die Großkopferten und die geweihten Herren zu löschen imstande wären. Der Schuhmeier in der Radlerdreß machte sich hauptsächlich an die Dirndeln heran und tanzte und strampfte mit ihnen. Aber die Geschichte war nicht so leicht, wie sie es sich vorgestellt haben mochten. Wenn sie ein zweitesmal irgend wohin kamen, kannte man sie schon und nicht selten mußten sie auf sausenden Rädern flüchten. Die Großkopferten und die geweihten Herren verstanden das »Unterzünden« doch noch besser. An den Montagen nachher sind sie alle ehrlich müde in die Buntpapierfabrik arbeiten gekommen. Sehr frisch waren sie eigentlich an keinem Morgen, denn es ist ihnen zum Schlafen verflucht wenig Zeit übrig geblieben. Am wenigsten dem Schuhmeier, denn wenn alle anderen schon schnarchten, in Schuhmeiers kleinem Heim auch schon die Cilli und der Erstgeborene, der Franzl, der nur zehn Jahre alt wurde, und die kleine Rosl, ist er noch lange bei einer trüben Kerze gesessen und hat gelesen und gelernt. Er war mit sich und seinem Können noch immer nicht zufrieden. Und wenn er schon nicht lernte und las, konnte er sich von seinem Bücherkasten nicht trennen. Dieser Kasten barg seit Wochen ein Heiligtum, ein großes, schweres, uraltes Buch, für das er lang gespart, dessen Rücken er streichelte, als wäre es die Hand einer Geliebten. Es war eine alte Übersetzung der Kirchenväter, ein seltenes und kostbares Exemplar, das in jeder Stiftsbibliothek einen Ehrenplatz gefunden hätte und nun in den Besitz des Hausmeisterbuben von der Hirschengasse übergegangen war. Die braven alten Kirchenväter festigten seinen Antiklerikalismus. Schuhmeier erhält sein erstes Mandat: er wird zum Delegierten zur Generalversammlung der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse gewählt. Fünfzehntes Kapitel Im Juli 1889 beschloß der Internationale Sozialistenkongreß zu Paris, den 1. Mai zum Weltfeiertag der Arbeit zu erheben. Überall sollte die Arbeit ruhen und die Arbeiter sollten für den Achtstundentag, für das allgemeine Wahlrecht und für gesetzlichen Arbeiterschutz demonstrieren. Victor Adler kam aus Paris zurück und rief das österreichische Proletariat auf, zum ersten 1. Mai zu rüsten. Er stand bereits in hohem Ansehen und sein Führeramt wurde kaum mehr bestritten. Zum Führer machte ihn unter anderem auch seine unfehlbare Menschenkenntnis, seine Fähigkeit, Spreu vom Weizen zu sondern und die richtigen Leute an den richtigen Platz zu stellen. Ehe einer in der Partei an verantwortungsvollen Posten kam, mußte er vor das prüfende Auge Victor Adlers, und das hat sich nur selten verschaut. Wer des Doktors Sanktion hatte, zählte und konnte sich, wenn er es nicht gar zu ungeschickt machte, durchsetzen. Der Doktor sah nicht nur auf geistige, er sah gleichermaßen auf menschliche Qualitäten und für Charaktereigenschaften hatte er eine feine Nase. Und darauf hielt er das meiste, ob einer bloß Schönredner, Schwätzer war, der um des Beifalls, des Angestauntwerdens und des Emporkommens willen so redete, wie es sein Auditorium gerne hörte, oder ob einer nur sagte, was er wirklich glaubte, und für jedes gesprochene Wort die volle Verantwortung zu tragen bereit und fähig war. Vielleicht deshalb war er gegen die Akademiker und Ästheten so mißtrauisch. In diesem Punkte kannte der Doktor kein Kompromiß. Was die Gegner und ihre Behörden sonst über ihn sagten und dachten, nahm er mit überlegenem Achselzucken hin. Aber daß ein Präsidialist im Ministerium des Innern auf einem Polizeibericht über Victor Adler diese Randbemerkung setzte: »Das Strebertum Dr. Adlers, der jetzt als die Seele der sozialistischen Umsturzbestrebungen in Österreich angesehen werden muß, ist bisher ein sehr erfolgreiches, da alle früheren Arbeiterführer sich vor ihm beugen. Daß aber Dr. Adler nichts anderes ist als ein ehrgeiziger Streber, sollte den sozialistischen Kreisen im Wege der Presse zu Gemüte geführt werden. Dieselben würden dann gewiß ganz oder zum Teil sich von Dr. Adler abwenden und wahrscheinlich in die alte Uneinigkeit zurückfallen, welche gewiß weit weniger gefährlich war, als das jetzt geschlossene Auftreten aller Sozialisten, der Gemäßigten, Radikalen und Anarchisten«, das hat ihn, als er davon erfuhr, aus der Fassung gebracht. Hat es aber dann zu den übrigen k. k. Kretinismen gelegt. Der Doktor war auf den Schuhmeier aufmerksam geworden. Gesehen hatte er ihn zum erstenmal, als er im »Apollo« einen Vortrag hielt. Und damals hat der Entdecker Schuhmeiers, der Schicker-Franz, dem Doktor gegenüber wie beiläufig die Bemerkung fallen lassen, daß dieser junge Mann, der wie zehn Rösser anziehe und der auch nicht wenig im Schädel drinnen habe, aus der Bude herausgenommen und ganz in den Dienst der Partei gestellt werden sollte. Victor Adler ließ sich den jungen Mann in die Arbeiter-Zeitung kommen. Jungen Leuten, mit denen er etwas vor hatte, begegnete er so, daß sie nicht befangen wurden. Und die Prüfung fiel so schmerzlos aus, daß der Prüfling gar nicht merkte, einer Prüfung unterzogen zu werden. Der Schuhmeier war keiner von denen, die klein wurden, wenn sie vor einem Größeren stehen. Vor dem Doktor spürte er jedoch so wie jeder andere: der weiß mehr als ich – und vor Besitz und Rang und Namen nie, aber vor dem größeren Wissen und Können beugte er sich. Unterkriegen ließ er sich deshalb nicht. Viel mehr als sonst Proleten, die nicht in hohen Schulen sitzen durften und tagsüber Lohn schinden müssen, wußten, wußte er und über Lücken, die sich zeigten, voltigierte er mit einem eigenen Witz. Der Doktor hat sich bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Schuhmeier köstlich unterhalten. Er entließ ihn mit den Worten: »Wir werden uns ja noch öfter unterhalten«, enthielt sich aber sonst jedes Urteils. Zum Schicker-Franz sagte er bei nächster Gelegenheit: »Das wird noch einer«. Damit war der Schuhmeier gemacht. Im Februar 1890 wählten die Deutschen ihren Reichstag. Die Sozialdemokratie erhielt 1,342.000 Stimmen, im ersten Wahlgang 23 und in der Stichwahl weitere 16 Mandate. Das war ein unerhörter Erfolg. Der große Sieg der deutschen Sozialisten tat auch in Österreich seine Wirkung. Die Hoffenden wurden noch hoffnungsfroher, die Schwankenden zuversichtlicher und die Gleichgültigen wurden aufgerüttelt. Die Partei ging in die Breite. Am 1. Jänner 1890 wurde aus der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien durch Einverleibung der Vororte Groß-Wien. Bisher waren es 10 Bezirke, jetzt 19. Floridsdorf kam erst später dazu, die heutige Brigittenau gehörte noch zum II. Bezirk. Damit verschwanden viele selbständige Gemeinden. Neulerchenfeld und Ottakring waren zwei solche und sind nun der XVI. Wiener Gemeindebezirk geworden. Aus den Gemeinden Hernals, Dornbach, Neuwaldegg entstand der XVII., aus Währing, Weinhaus, Gersthof und Pötzleinsdorf der XVIII. Bezirk usw. Der Schuhmeier rief den Michel: »Jetzt bist ein Wiener geworden und das mußt feiern. Da hast a Karte fürs Fürsttheater im Prater, geh auf d' Nacht hin und unterhalt dich gut.« Der Michel antwortete: »Laß mich in Ruh, i hab ka Zeit für solche Dummheiten, heut muß i beim Tanzunterricht in der Kassa sitzen.« Am 16. Februar 1890 spricht Schuhmeier in einer Versammlung beim Wagner in der Ottakringerstraße 136. Er weist hin auf die Sozialdemokratie als die Urheberin der Idee der Verkürzung der Arbeitszeit und der Sonntagsruhe, deren noch viele Branchen entraten müssen, und fordert die Versammlung auf, den ersten 1. Mai ruhig und würdevoll zu feiern und den Behörden und der übrigen Gesellschaft zu zeigen, daß die Sozialdemokratie eine Partei der Ordnung ist. Im April spricht er in Rudolfsheim über »Die Lage der Arbeiter«. Er schildert die materielle, geistige und politische Not des Proletariats, klagt über Kinderarbeit und fordert die Verkürzung der Arbeitszeit, damit auch der Arbeiter sich bilden könne. Am liebsten ging er den Militarismus und den Klerikalismus an. Es hat sich rasch herumgesprochen, was für ein urwüchsiger, temperamentvoller Redner dieser Schuhmeier sei, und daß man, wenn man ihm zuhöre, gar nicht zu Atem komme. Zu Schuhmeier-Versammlungen ließen sich die Indifferentesten, ließen sich auch Gegner schleppen. Und verstanden hat ihn jeder, selbst der Schwerfälligste. Für die Genossen wurde eine Schuhmeier-Versammlung zum Fest und keiner ist gegangen, ehe nicht das letzte Wort verklungen war. Da haben die Ärmsten, die jeden Kreuzer zehnmal umdrehen mußten, ehe sie ihn ausgaben, gerne das gefürchtete Sperrsechserl geopfert. Einige ganz Verbissene waren immer darunter, die freilich dem, was Schuhmeier sagte, nichts entgegenzusetzen wußten, denen angst und bange vor dem Gehörten wurde und die sich über diese Angst und Bangigkeit so hinüberhalfen: »Der kann leicht plaudern, der lebt ja davon, der mästet sich von blutige Arbeiterkreuzer.« Und er lebte noch immer von seinem Arbeitslohn. Der Arbeiter Schuhmeier ist auch in den Studentenverein »Veritas« gekommen. Diese Studenten waren erst bürgerliche Demokraten und sind nur ganz langsam zur Sozialdemokratie gestoßen. Viele waren es ja nicht, aber es waren die besten. Der Schuhmeier beteiligte sich über Einladung an den Festkommersen, sang und kneipte mit und disputierte mit jungen Akademikern über wissenschaftliche Themen. Der Schuhmeier schämte sich nicht, wie dies viele andere getan hätten, es offen einzugestehen, wenn er einmal nicht mitkonnte. Über solche Themen borgte er sich Bücher aus oder er schlenderte mit einigen Studenten bis zum grauen Morgen durch die Gassen und ließ sich belehren. Der neugewählte Deutsche Reichstag lehnte eine Verlängerung des Sozialistengesetzes ab. Am 1. Oktober 1890 war das Sozialistengesetz gefallen. In der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober beim zwölften Glockenschlag wurden in ganz Deutschland unter ungeheurem Jubel die versteckt und vergraben gewesenen staatsgefährlichen roten Fahnen wieder entrollt. Beim Gschwandner in Hernals war große Volksversammlung. Sie galt der Vorbereitung des ersten 1. Mai. Sie war bumvoll. Als erster sprach Victor Adler, zweiter Referent war Franz Schuhmeier. Das war sein erstes Auftreten in einer großen öffentlichen Versammlung, und zum erstenmal durfte er neben, sogar nach Adler sprechen, was als hohe Auszeichnung galt. In einer öffentlichen sozialdemokratischen Versammlung sprechen, war in damaliger Zeit eine verflucht schwierige Sache, die viel Geschick und Takt verlangte. So ein Redner durfte sich nicht gehen lassen, der mußte jedes Wort auf die Goldwaage legen, ehe es die Zähne verließ. Das Wort »Sozialdemokrat«, »Sozialdemokratie« oder »sozialdemokratisch« durfte überhaupt nicht ausgesprochen werden. Geschah es doch, wurde die Versammlung sofort aufgelöst. Über diese Worte, über diese Begriffe mußten sich die Referenten irgendwie hinüberhelfen. Schuhmeier tat dies mit Gesten, die jeder verstand, nur der Regierungsvertreter nicht – manche allerdings wollten sie auch nicht verstehen – und die jedesmal Stürme der Heiterkeit auslösten. Als Schuhmeier sich durch die Menge zur Rednertribüne wand, sah er an einem Tisch den Bombenjongleur mit einer Frau sitzen. Er grüßte ihn mit einer Handbewegung, der Bombenjongleur dankte mit einem Kopfnicken. Seine Mienen blieben unbewegt. »Na wart,« nahm sich der Schuhmeier vor, »der soll heut auf seine Rechnung kommen. Der soll sehen, daß man auch mit Worten und nicht nur mit Revolver und Dynamit die Gesellschaft in die Luft sprengen kann. Dem Anarchisten servier ich heut einmal eine paprizierte und keine Wassersuppe. Dem werden wir nicht länger Revolutionäre im Schlafrock abgeben.« Er redete, wie er noch nie geredet hat. Die Menge raste. Hätte er ihnen nach dieser Rede Gewehre gegeben und sie geheißen, die Gewehre zu schultern und loszugehen, – sie hätten es ohne Überlegung getan. Er schaute dabei nur auf den Bombenjongleur. Für ihn allein sprach er heute. Der saß dort, den Kopf gesenkt, und rührte sich nicht, schrie nicht mit, wenn die anderen schrien, applaudierte nicht, wo die anderen applaudierten. »Zum Kuckuck,« dachte der Redner, »das is dem Herrn Kragel noch immer zu viel Himbeersaft?« und heizte ihm noch mehr ein. Der wurde aber nicht warm und blieb eiszapfig bis zum Schlusse. Nach der Versammlung, er war wegen dieses Bombenjongleurs ein bißchen verstimmt, stieß der Schuhmeier auf den Michel. Der wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Bist so ang'rührt?« frug der Schuhmeier, nicht etwa selbstgefällig, sondern ironisch. »Ja,« schluckte der Michel, »heut nachmittag is mir mein Kleinster an Scharlach gestorben.« »Und da gehst daher und bleibst net z'haus bei der armen Mutter und dem toten Kind?« schalt der Franz. »I muß doch antauchen helfen,« gab der Michel ganz schlicht, wie selbstverständlich, zurück, »damit bald die Zeit kommt, wo die armen Kinder nimmer an Scharlach verrecken müssen.« Der Bombenjongleur ging mit der Frau, die in der Versammlung neben ihm gesessen war, Arm in Arm nach Hause. Der Bombenjongleur war zum Schluß schon so rabiat gewesen, daß ihn überhaupt kein Meister mehr nahm und ihn außerdem die Polizei streng überwachen ließ und alle Augenblick einlieferte. In der Zwischenzeit ging er einfach fechten. Von Tür zu Tür. Bei einer Türe bekam er von der dicken Köchin Ludmilla Jeržabek einen Teller Suppe und ein Stück Brot, und weil sie sah, daß er solchen Hunger hatte, gab sie ihm auf Rechnung ihrer Herrschaft noch ein paniertes Schnitzel und auf eigene Rechnung 10 Kreuzer Bargeld drauf. Und sie lud ihn ein wiederzukommen so oft er hungrig sei. Natürlich kam er wieder. Die dicke Köchin Ludmilla Jeržabek aus Podebrad war 50 Jahre alt, also um 10 Jahre älter als der Herr Kragel. Sie diente seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr, demnach schon 35 Jahre lang, immer treu, fleißig und ehrlich. Als ihre größte Tugend jedoch wollen wir ihre Sparsamkeit ansprechen. Zweitausend ersparte Gulden hatte sie in der Sparkassa liegen. Warum sie mit 50 Jahren – für eine Frau sicher kein hohes Alter, aber für eine Jungfrau immerhin – noch unvermählt war? Weil es allezeit noch hübschere gegeben hat – und sich bloß so mit einem Kerl zu dessen Vergnügen einzulassen, ließen ihre Grundsätze nicht zu. Deshalb hat sie gespart und gespart und davon geträumt, einmal, wenn genug Erspartes da sein wird, einen Gatten zu freien, – sich einen kaufen würden weniger zartfühlende Romanschreiber sagen – und mit dem Geld ein Greißlergeschäft zu erwerben und es gemeinsam zu führen. Jetzt hatte sie das Geld, aber jetzt wollten die Männer überhaupt nicht mehr. Fünfzig Jahre müssen schon in mehr Tausender eingewickelt sein, soll einer zugreifen. So hat sie den Herrn Kragel gefangen, der nach reiflicher Überlegung fand, daß es angenehmer sei, mit zweitausend Gulden und dann mit Mehlsackerln und Zwiefel, statt mit Bomben zu jonglieren, und daß es hinter einem Ladenpult schöner sei, als hinter Arrestgittern. Sie wurden handelseins. Der Herr Kragel ging als zukünftiger bürgerlicher Gemischtwarenverschleißer herum. Das besänftigte sein Rebellentum, beruhigte sein aufgeregtes Gemüt. Der gewesene Bombenjongleur fand sich drein. Er zog unter seiner Vergangenheit einen dicken Strich und begann im Buche seines Lebens eine neue Seite. Der erste 1. Mai wurde in Österreich nahezu lückenlos gefeiert. Sogar die Staatsbetriebe hatten den Tag, gewiß sehr widerwillig, freigegeben. Wien war schon Wochen vorher in höchster Aufregung. Die Presse schmeichelte, drohte, rief nach dem Belagerungszustand, nannte es eine Frechheit, daß, sich der Pöbel auf die Gasse wage und sich selber einen Feiertag mache. Das Militär wurde konsigniert und mit scharfen Patronen ausgerüstet. Die Haustore wurden geschlossen. Die vermögenden Wiener waren auf und davon, die Zurückgebliebenen versorgten sich für einige Wochen mit Proviant. Vormittags fanden in allen Wiener Bezirken und auch in der Provinz Volksversammlungen statt. Schuhmeier sprach neben Hanser beim »Goldenen Luchsen«. Heimann gab eine Maifestschrift heraus, von der über 100.000 Exemplare abgesetzt wurden. Nachmittags zogen die Massen in den Prater. Die Beteiligung war eine überwältigende. Und alles blieb ruhig. Nichts geschah. Von diesem Tage an nahm die Sozialdemokratische Partei in Österreich einen unerwarteten Aufschwung. Die »Neue Freie Presse« schrieb am 1. Mai 1890 giftig: »Der Heilige, welcher an diesem Tage in allen Ländern gefeiert wird, heißt Karl Marx.« Die sogenannte gute Gesellschaft hatte allen Grund, empört zu sein. Bisher war im Prater an jedem 1. Mai Nobeltag gewesen. Der hohe Adel und das begüterte Bürgertum sind da in eleganten Karossen die Hauptallee hinauf- und hinuntergefahren, die Damen haben ihre neuen Frühjahrstoiletten zur Schau gestellt und das Volk ist offenen Mundes Spalier gestanden. Und diesmal erfrechte sich das lichtscheue Gesindel aus seinen Höhlen und Löchern hervorzukriechen, den k. k. Prater zu überfluten und ihn den besseren Leuten zu verekeln. Einer fehlte am ersten 1. Mai. Gerade der, dessen Werk er war, Dr. Victor Adler. Einige Monate vorher war er von dem Holzingerschen Ausnahmegericht, weil er sich der ausgebeuteten Tramwaysklaven anläßlich ihres Hungerstreikes annahm – die Wiener Tramway gehörte damals noch dem Herrn von Reitzes – zu vier Monaten Arrest verurteilt worden. Sie haben es so eingerichtet, daß er zur selben Stunde im Landesgericht brummen mußte, als die Arbeiter von Wien an dem grauen Hause vorbei zum ersten Male in den Prater zogen. Die Direktion der k. k. priv. Ferdinands-Nordbahn zwang ihre Werkstättenarbeiter, bei sonstiger sofortiger Entlassung, am 1. Mai zu arbeiten. Damit keiner aufmucke, wurden die Nordbahnsklaven an diesem Tage sogar unter militärische Aufsicht gestellt. Sie arbeiteten zähneknirschend. Zum Protest haben sie ausnahmslos den Taglohn, der auf den 1. Mai entfiel, dem Fonds für gemaßregelte Maiopfer gewidmet. Auch die Alpine Montangesellschaft hat in Donawitz plakatiert, daß am 1. Mai den ganzen Tag gearbeitet werden müsse – sonst Entlassung. Die Alpine glaubte die Donawitzer Arbeiter damit zu trösten, daß sie am Sonntag darauf das Florianifest feiern ließ und dafür 20 Hektoliter Bier spendierte. Der »Apollo« zählte bereits 2300 Mitglieder. Franz Schuhmeier war seit 1890 sein Obmann. Gleichzeitig übernahm er die Leitung der Unterrichtssektion, da diese Sektion nach seinen Begriffen zu wenig agil war. Er gewann auch bestimmenden Einfluß auf den eben gegründeten »Unterrichtsverband der Arbeiterbildungs- und Fachvereine Wiens«. »Das Proletariat politisch zu organisieren, es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten«, wie es im Hainfelder Programm hieß, war ihm Lebensaufgabe geworden, in der er ganz aufging. Unmittelbar nach der ersten 1. Maifeier setzte in ganz Österreich ein Kampf um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für alle Männer und Frauen ein. Das Recht zu wählen und dadurch Einfluß zu nehmen auf das Geschick des einzelnen und der Gesamtheit, war einer dünnen Oberschicht vorbehalten, privilegierten, abgeklärten Staatsbürgern, von denen nicht zu befürchten war, daß sie sich unterfangen könnten, in die Machtsphäre der Krone einzugreifen. Aber selbst diesen Erwählten der Auserwählten wurden noch »Volksvertreter« zugesellt, die niemanden vertraten, die nur dazu da waren, zu apportieren, was Krone und Regierung für gut hielten, die Herrenhäusler. Das mit der »Konstitution« sah in Österreich so aus: ein Gesetz mußte zuerst vom Abgeordnetenhause beschlossen werden. Von den 26 Millionen Einwohnern Österreichs waren nur 1,732.057 wahlberechtigt. Das Abgeordnetenhaus bestand aus 353 Abgeordneten. Die wurden so gewählt: Etwa dreihunderttausend Wähler in den Städten und Märkten wählten 118 Abgeordnete, annähernd 1,3 Millionen Wähler in den Landgemeinden 128 Abgeordnete, die Handelskammern, die aus 560 Wählern bestanden, wählten noch 21 und einige hundert Großgrundbesitzer abermals 85 Abgeordnete dazu. Was diese Abgeordneten beschlossen haben, war noch lange nicht Gesetz. Dem Beschluß des Abgeordnetenhauses mußte auch das Herrenhaus beitreten. Das Herrenhaus bestand ausschließlich aus vom Kaiser ernannten Mitgliedern und aus geborenen Herrenhäuslern. Sämtliche großjährigen Erzherzoge gehörten dem Herrenhause an, ferner die erblichen Herrenhausmitglieder, das war der gesamte Hochadel. Starb der Vater, so wurde der älteste Sohn automatisch Gesetzgeber. Solche Gesetzgeber waren auch alle Kirchenfürsten und schließlich auf Lebensdauer ernannte Personen. Darunter gab es wohl auch hervorragende Männer der Wissenschaft und der Wirtschaft sowie Dichter und Künstler, aber nur ganz wenige, sonst saßen als »lebenslängliche« im Herrenhause reiche Leute, hohe Bureaukraten. Und da hatte es der Kaiser noch in der Hand, die Zahl der Herrenhausmitglieder willkürlich durch willfährige Schranzen zu erhöhen, wenn das Herrenhaus einmal unbotmäßig geworden wäre. Und was Abgeordneten- und Herrenhaus beschlossen hatten, galt erst wirklich, nachdem es vom Kaiser sanktioniert worden war. Das wirklich schaffende Volk, die Arbeiterschaft, hatte kein Wahlrecht, war nur Objekt der Gesetzgebung. Dieses Volk wäre ein unbequemer Störenfried gewesen. Wohl ist das Wahlrecht im Jahre 1885 auf die »Fünfguldenmänner«, auf alle, die mindestens fünf Gulden direkte Steuer vorgeschrieben bekamen, erweitert worden, aber das war vorläufig noch eine bunt zusammengewürfelte Masse ohne klaren Wunsch und ohne Ziel und das waren lauter gute Patrioten und Veteranenvereinsmitglieder, deren kühnster Traum es gewesen ist, zu ihrer Nachtwächteruniform noch einen Säbel tragen zu dürfen. Aber vor den Toren des Parlaments stand schon das Volk und forderte Einlaß. Daß das Volk in Recht- und Einflußlosigkeit gehalten wurde, begründeten sie so; »Wer zahlt, schafft an.« Das war eine große Lüge., denn das rechtlose Volk zahlte mehr, viel mehr als die Bevorrechteten. Es zahlte mit jedem Schluck Alkohol, mit jedem Bissen, den es aß, die indirekten Steuern, die ein weit höheres Erträgnis abwarfen als die direkten, die Rechte verliehen. Und Franz Schuhmeier prägte in den ersten Wahlrechtsversammlungen das Wort von der Blutsteuer, die das Volk entrichte, indem es unter die Waffen, in des Kaisers Rock, müsse. »Wir müssen«, rief er, »zahlen und bluten und uns den Mund verbinden.« Im September 1890 hielt der »Apollo« sein erstes Gründungsfest ab. Schuhmeier sollte die Festrede halten. Aber die Polizei verbot nicht nur jede Festrede, jede Ansprache überhaupt, sondern auch die Verlesung von Begrüßungsschreiben und Telegrammen. Es mußten ihr sogar, wie auch lange nachher bei allen Arbeiterfesten, die Texte der Lieder, die gesungen werden sollten, vorgelegt werden. Aus diesen Liedern hat sie manches Wort gestrichen und je nach dichterischer Ader des betreffenden Polizeigewaltigen durch ein anderes, gar nicht hinpassendes ersetzt, so daß oft ein greulicher Blödsinn zusammengesungen werden mußte. Viele Liedertexte hat sie gänzlich verboten. Die Gesangsvereine summten dann nur die Melodie ohne Text. Der Schuhmeier wußte sich aber zu helfen. Er brachte oberhalb der Tribüne ein Transparent an, auf dem es hieß: »Es naht der Zeiten Wende, Es ringt die Zukunft sich los, Genossen! reicht euch die Hände, Bedenkt: eure Macht ist groß.« Und als das Festprogramm zu Ende war, kletterte er schnell, ehe er daran gehindert werden konnte, auf das Podium und rief: »Genossen! Vorläufig erlauben uns die hochlöblichen Behörden nichts als fest zu arbeiten. Aber bald wird man uns neben festarbeiten auch Festreden erlauben.« Im November 1890 hat sich in den Ressourcesälen der politische Verein »Gleichheit« konstituiert. Obmann wurde Julius Popp. Damit schuf sich die sozialdemokratische Partei in Wien ihre erste politische Organisation. Für eine sozialdemokratische politische Organisation Mitglieder zu werben war nicht leicht, besonders zur Zeit des Ausnahmezustandes. Es mußten damals und auch noch Jahrzehnte nachher die Mitglieder politischer Vereine bei der Polizei angezeigt werden. Diese Mitglieder mußten großjährig und österreichische Staatsbürger sein. Frauen durften überhaupt nicht aufgenommen werden. Man kann sich vorstellen, welches Opfer einer auf sich nahm der sich durch seine Mitgliedschaft bei einer roten politischen Organisation den k. k. Behörden als »Umstürzler« deklarierte. Im Dezember 1890 forderte der Demokrat Dr. Ferdinand Kronawetter den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Dr. Smolka, auf, die Frage des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen zu stellen. Bei den Reichsratswahlen im März 1891 unterlag dieser aufrechte Bürger im Wahlbezirk Hernals-Ottakring gegen den schwarzen Prinzen Alois Liechtenstein, der kurz darauf, als Pernerstorfer, der bei dieser Wahl in Wiener-Neustadt als »Wilder« gewählt wurde, die Aufhebung des Ausnahmezustandes beantragte, erklärte, daß man für Dynamitarden Ausnahmegesetze brauche. Lueger heimste diesmal noch größere Erfolge ein als bei früheren Wahlen. Was in Wien noch freiheitlich war, die Arbeiterschaft insbesondere, empfand Unbehagen vor der hereinbrechenden schwarzen Flut und manch einer wollte kleinmütig werden. Franz Schuhmeier richtete sie alle wieder auf. In einer Versammlung, die am Abend des Wahltages im Hernalser Brauhaussaale stattfand, ermutigte er die Massen, indem er in kaustischer Weise die Hintergründe der Luegerei schilderte und die geistige Konstruktion des »kleinen Mannes«, der ihm nachlief, und schloß mit den Worten: »Abwirtschaften lassen!« An der Reichstagswahl 1891 beteiligten sich die Sozialdemokraten zum erstenmal mit Zählkandidaten. Die Partei ging ohne jede Hoffnung in den Wahlkampf. Die Arbeiter waren ja nicht wahlberechtigt. Es handelte sich lediglich um eine Demonstration für die Erringung des allgemeinen Wahlrechtes. Dr. Victor Adler kandidierte in mehreren Wahlbezirken. Die meisten Stimmen erhielt er in Mariahilf. Nämlich 101. Im Wahlbezirk Hernals-Ottakring bekam Jakob Reumann ebenfalls 101 Stimmen. Der böhmische Wahlbezirk Tetschen brachte der Partei 484 Stimmen, Triest gar 510 Stimmen. Der Bezirk Alsergrund ganze 7 Stimmen. Um diese Zeit wurde der Schuhmeier zu seinem Chef gerufen. Der sagte zu ihm: »Sie werden wohl schon selbst einsehen, daß das nicht so weiter geht. Entweder Goppold und Schmiedl oder Politik.« Der Schuhmeier wählte die Politik und ging. Als aushilfsweiser Adressenschreiber zur Arbeiterzeitung, die noch immer ein kleines Wochenblatt und arm war. Der Lohn, den der Aushilfs-Adressenschreiber bekam, war auch klein, sehr klein sogar, dafür die Arbeit groß, für ihn war das eine Nebenbeschäftigung, freilich die einzige, die etwas zum Leben eintrug. Die Hauptbeschäftigung blieben der »Apollo« und die Versammlungen im ganzen Reiche und immer noch lernen, um lehren zu können. »Wenn die Menschen wüßten, was sie wissen sollten,« sagte er oftmals, »wären sie schon viel weiter.« Im »Apollo« frug der Schuhmeier den Michel: »Wo warst denn gestern?« »Gestern,« entgegnete der Michel, »gestern war i auf der Wachstuben.« »Auf der Wachstuben? Was hast denn wieder ang'stellt?« »G'haut hab i ein'n.« »G'haut hast ein'n? Und warum?« »Weil er g'sagt hat, daß du a Streber bist, der's nur auf ein warmen Sessel in ein warmen Amterl abg'sehn hat.« »Wer wird deswegen gleich hinhauen? Mir is das Butten, was die schwarzen Brüder von mir reden.« »Es war aber a Unsriger«, gestand der Michel. Der Schuhmeier schaute ins Leere. Den Posten bei Goppold \& Schmiedl hat er aufgegeben und eine Schreiberstelle dafür angenommen, wo er halb soviel der Cilli heimbringen konnte, nur um seiner Idee leben zu können, und da gibt es in den eigenen Reihen Neider, die... Aber er tat es gleich mit einer verächtlichen Handbewegung ab. Im Juni 1891 wurde der Ausnahmezustand aufgehoben. Das größte Verdienst daran durfte der »wilde« Abgeordnete Engelbert Pernerstorfer für sich in Anspruch nehmen, der damals noch nicht der Partei angehörte, aber ihr verläßlichster Helfer im Privilegienparlament war. Lueger, den die »liberale« Regierung hin und wieder schikanierte und Prügel vor die Füße warf, verhöhnte die Partei als »k. k. privilegierte Sozialdemokraten«, und drohte, wenn man nur als »Feind des Eigentums, der Familie und der Religion« etwas erreichen könne, auch Sozialdemokrat, aber einer der gefährlichsten Sorte zu werden. Man konnte wieder ein bißchen atmen in Österreich, wenn auch die Luft immer wieder verpestet wurde durch die absolutistischen Neigungen und Gewohnheiten der Herrschenden und fast noch mehr ihrer Unterläufel. Aber diese Unterläufel konnte man auch dupieren, denn die waren manchmal gar zu einfältig und lebensfremd. Victor Adler nannte diesen Zustand »Absolutismus, gemildert durch Schlamperei«. Es gab schon Streiks und erfolgreiche Lohnbewegungen. Die Bäcker streikten und die Buchdrucker, denen man vergeblich drohte, daß Soldaten zur Arbeit in die Druckereien kommandiert werden würden. Das größte Hindernis für die Ausbreitung von Partei und Gewerkschaften bildete das Verbot, Verbände zu bilden, die sich über das ganze Reich erstrecken. Es waren nur lokale politische Organisationen und lokale Gewerkschaften gestattet. Mit der Zeit wurden Mittel und Wege gefunden, auch dieses Verbot zu umgehen. Der Stein rollte; aufzuhalten war er nicht mehr. Es gab bereits 219 Parteiorganisationen mit 47.166 Mitgliedern. Die Gewerkschaften zählten schon 60.000 Mitglieder. Sechzehntes Kapitel Der Schuhmeier las die »Volkspresse«. Er las überhaupt alle Zeitungen, deren er habhaft werden konnte. Ein Artikel, mit R. H. gezeichnet, fiel ihm auf. Er las ihn nocheinmal. »Zum Kuckuck,« sagte er sich, »das hab ich doch schon wo anders auch gelesen. Wo denn nur?« Sein fabelhaftes Gedächtnis half ihm. Und er fand das bürgerliche Blatt, in dem derselbe Artikel wortwörtlich, nur ohne das R. H., schon früher erschienen war. R. H. Rudolf Hanser. »Schau, schau,« monologisierte er weiter, »der Herr Hanser ist unter die Scherenjournalisten gegangen; gegnerische Zeitungen schreibt er ab, setzt sein Signum darunter und das, was er da zusammenschustert, nennt er ein Parteiblatt. Na wart.« Er redete mit anderen Genossen über seine Entdeckung. Einer machte ihn auf eine Briefkastennotiz in der Volkspresse aufmerksam, in der die Polizei allzu deutlich auf einen Parteifunktionär aufmerksam gemacht wurde. Ein anderer, ein Mitglied der Pressekommission, klagte, daß Hanser und Heimann bisher jede Kontrolle der Fonds der »Volkspresse« zu vereiteln verstanden hatten. Und ein dritter berichtete, daß sich Hanser mit Leuten herumtreibe, die wegen unreiner Gangart aus der Partei entfernt wurden und gegen sie konspirierten. Diese ließ er Artikel für die »Volkspresse« schreiben und zeichnete sie ebenfalls mit R. H. Schuhmeier war von allem Anfang an ein Fanatiker der Parteireinheit. Und besonders der Parteipresse. Je mehr Dreck es bei der anderen gibt, sagte er immer, desto ängstlicher müssen wir auf Sauberkeit bei uns bedacht sein. Auch darin müssen wir von den anderen abstechen. Er ging zum Doktor. Sagte rund heraus, daß der Hanser Dreck am Stecken habe. Dem Doktor war das, was ihm Schuhmeier über Hanser zu sagen wußte, nicht beweiskräftig genug. Er schätzte in Hanser ein nicht alltägliches Talent. Der Doktor hielt die »Volkspresse« so, wie sie jetzt geschrieben war, für die Provinzagitation für unentbehrlich und unersetzlich. Mehr wußte er von Hanser nicht. Er ersuchte Schuhmeier, nichts zu übereilen, er werde Hanser unauffällig beobachten lassen und sich mehr als bisher für das Gebaren der »Volkspresse« sowohl was Geld als auch, was redaktionelle Gebarung betrifft, interessieren. Schuhmeier gab sich damit nicht zufrieden. Ehre und Reinheit der Partei standen auf dem Spiele. Er nahm die Sache selbst in die Hand. Bald hatte er eine solche Fülle von Beweismaterial gegen Hanser beisammen, daß er es einer Wiener Lokalkonferenz vorlegen konnte, die den folgenden Beschluß faßte und veröffentlichte: »Rudolf Hanser wird nicht mehr als zur sozialdemokratischen Partei gehörig anerkannt; die »Volkspresse« ist insolange nicht als Parteiorgan zu betrachten, als Hanser die Redaktion nicht abgibt. Es wird ihm hiefür eine Frist von 14 Tagen gestellt.« Der Doktor tadelte, daß übereifrig gehandelt wurde. Schuhmeier gab zu seiner Rechtfertigung ein Flugblatt heraus: »Warum die Wiener gegen Hanser auftreten«; außerdem sprach er in einer Versammlung beim Schwender über die »Volkspresse« und die Notwendigkeit der Reinheit der Parteipresse. Heimann, der formelle Eigentümer der »Volkspresse«, der allein berechtigt war, Hanser zu entfernen, deckte diesen. Beide riefen die Entscheidung einer Parteikonferenz an. Hanser hatte einen beträchtlichen Anhang. Besonders in der Provinz. Diesen Anhang mobilisierte er. Es regnete Proteste dagegen, daß sich Wien anmaße, in einer Frage, die die ganze Partei angehe, allein zu entscheiden. Am nachdrücklichsten protestierte Brünn. Ein kleiner Kreis ehemaliger Radikaler hatte eine neue Partei gegründet. Sie nannten sich die »Unabhängigen«. Der Bäckergehilfe August Krèal, ein äußerst fähiger Mensch, war ihr Führer. An diese »Unabhängigen« machten sich Hanser und Heimann heran. Sie beriefen eine Protestversammlung nach Neunkirchen ein, in der diese Föderalisten nicht sehr glimpflich mit den Wiener Zentralisten verfuhren. Ein Redner beschwerte sich, daß in Österreich ein »einköpfiger Adler« regieren wolle. Dabei wollte Adler Hanser bis zuletzt halten. Ein anderer sagte: »Die Volkspresse ist, für die Provinz wenigstens, das beste Arbeiterblatt und nur aus Konkurrenzneid hat man das Blatt angegriffen und Hanser in perfidester Weise verleumdet. Man will ihn aus der Redaktion hinausbringen, ein gewisser Herr Schuhmeier lauert schon darauf, seinen Posten einzunehmen. « Die von Hanser und Heimann verlangte Parteikonferenz fand in Brûnn statt. Beide waren nicht erschienen. Die Konferenz faßte den folgenden Beschluß: »Rudolf Hanser hat jede Vertrauensstellung in der Partei verwirkt und hat daher als Redakteur der ›Volkspresse‹, als eines Organes, welches der Parteitag zu Wien als Parteiorgan anerkannt hat, zurückzutreten. Sollten der Redakteur Hanser und der Herausgeber Heimann binnen 14 Tagen den gefaßten Beschlüssen nachzukommen sich weigern, beschließt die Parteikonferenz: die ›Volkspresse‹ hört auf, Parteiorgan zu sein, und werden die Genossen ersucht, dieselbe nicht mehr zu verbreiten.« Mit der eventuellen Gründung eines neuen Blattes als Ersatz für die »Volkspresse« wurde die niederösterreichische Landeskonferenz betraut. Diese Landeskonferenz tagte am 11. Oktober 1891 in Wiener Neustadt. Zu gleicher Stunde hatte Hanser eine Protestversammlung nach Wiener Neustadt einberufen. Versuche, die Teilnehmer der Protestversammlung zur Landeskonferenz zu bringen, wurden hintertrieben. Die Landeskonferenz beschloß die Gründung eines neuen Blattes. Schuhmeier schlug den Titel »Volkstribüne« vor. Das Blatt sollte vierzehntägig erscheinen. Die erste Nummer der »Volkstribüne« erschien am 19. Oktober 1891. Ihr Motto war: »Der Arbeit eine Wehr.« Es zeichneten: als Eigentümer Laurenz Widholz, Josef Lischka, als Herausgeber Franz Schuhmeier, als verantwortlicher Redakteur Emil Kralik, der spätere »Habakuk« der Arbeiterzeitung. Mitarbeiter wurden auch der Buchdrucker Karl Höger und Dr. Wilhelm Ellenbogen. Der »Apollo« hat 50 Gulden für den Gründungsfonds der »Volkstribüne« beigesteuert. Die Redaktion war in einem kleinen Gassenladen in der Hundsturmstraße 4. Zwei alte Schreibtische, ein Verkaufspult und ein paar rohgezimmerte Stellagen – das war die ganze Redaktion. Schuhmeier schrieb den Einführungsartikel. Er lautete: »Die Volkstribüne, deren erste Nummer hiermit den Genossen vorgelegt wird, wurde gegründet über Beschluß der niederösterreichischen Landeskonferenz vom 11. Oktober d. J., welche die Notwendigkeit eines volkstümlich geschriebenen, leicht verständlichen Blattes einstimmig anerkannte. Und die Wiener Genossen gingen sofort ans Werk und heute, wenige Tage nach jener Konferenz, liegt die ›Volkstribüne‹ vor den Augen der Genossen. Was wir also wollen, näher auszuführen, erscheint vollkommen überflüssig. Es ist selbstverständlich, daß die ›Volkstribüne‹ auf dem Boden des in Hainfeld festgestellten Parteiprogramms fußt sowie, daß sie in jeder Beziehung sich enge mit der Organisation der österreichischen Arbeiterschaft verbunden fühlt. Nur einige Worte über das Wie unserer Aufgabe, die in der Tat eine sehr bedeutsame ist, nämlich der Sozialdemokratie neue Anhänger, neue Kämpfer zuzuführen, in diesen unseren Prinzipien zu festigen und sie über die Ziele unserer Bewegung sowie ihre Mittel aufzuklären, zu unterrichten. Die ›Volkstribüne‹ will und muß in Anbetracht dieser wichtigen und erhabenen Aufgabe so recht zum Herzen des Volkes sprechen, in jener Sprache, wie sie das Volk spricht, die ohne Umschweife jedes Ding bei seinem richtigen Namen nennt. Die ›Volkstribüne‹ wird scharf und derb geschrieben sein, ohne roh zu werden, und sie wird sich eindringlich und anfeuernd ausdrücken, ohne in dummes Poltern zu verfallen, das unseren Feinden nur ein Lachen abringt. Die ›Volkstribüne‹ wird sich bemühen, ihren Lesern nur das Beste zu bieten. Und sie wird auch dem bisher gegenüber unserer Bewegung Gleichgültigen Stoff zum Nachdenken geben, was ihn dann in die Reihen unserer Partei drängt. Sie soll damit ein Agitationsmittel werden, ein Werber für unsere Partei. Daß die ›Volkstribüne‹ aber auch ein Kämpfer für unsere Partei und somit für die Befreiung der Arbeit – ›der Arbeit eine Wehr‹ – sein wird, das ist schon damit ausgedrückt, daß sie das Hainfelder Programm das ihre nennt. Zur Lösung dieser schönen Aufgabe der ›Volkstribüne‹ berufen wir alle Genossen. Alle mögen Mitarbeiter sein, sei es durch schriftliche, sei es durch materielle Beiträge, sei es durch Ratschläge, sei es durch Agitation für unser Blatt. Mögen sie hauptsächlich für die weiteste Verbreitung unseres Blattes sorgen und nur sie werden die Früchte des Erfolges ernten. An die Arbeit somit, Genossen, um unseren Zweck zu erreichen. Sie dient der weltbewegenden Idee des Sozialismus, der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Und unser Ruf, mit dem wir die erste Nummer der ›Volkstribüne‹ hinausgeleiten, sei: ›Es lebe die österreichische Sozialdemokratie!‹ Mit Brudergruß und Handschlag Franz Schuhmeier Herausgeber Emil Kralik Redakteur. Im November 1891 war das zweite Gründungsfest des »Apollo«. Wieder wurden Festreden, Ansprachen und Verlesung von Begrüßungsschreiben verboten. Schuhmeier mußte lächeln. Euch krieg ich schon, dachte er und meldete für dieselbe Zeit in dasselbe Lokal einen Vortrag über »Zweck und Nutzen der Vereine« an. Der Vortrag wurde glatt bewilligt. Die Aktenschinder sind zu spät daraufgekommen, daß Vortrag und Gründungsfest zusammenfallen sollten. »Alles Heil«, sagte er in seinem Vortrag auf dem Gründungsfest, »liegt nur im Sozialismus, nicht nur für die industriellen, auch für die Kopfarbeiter, für die ganze Menschheit.« Nach einem Vortrag, den der Professor Devidé im »Apollo« über »Das Recht auf Erziehung« gehalten hatte, wollte ein Zuhörer eine Anfrage an den Referenten richten. Der Regierungsvertreter ließ die Fragestellung nicht zu, da eine Diskussion nicht angemeldet worden sei. Auch der stürmische Widerspruch der Versammlung konnte den Regierungsvertreter nicht von seinem Standpunkte abbringen. Als Schuhmeier als Leiter der Unterrichtssektion noch mitteilen wollte, weiche Kurse der »Apollo« abhalte, wurde die Versammlung kurzerhand aufgelöst. Schuhmeier lachte, aber wie lachte er und die Versammlungsteilnehmer begleiteten den Herrn k. k. Polizeikommissär mit schallendem Gelächter bis auf die Straße. »Fein hast das g'macht, Franzl,« lobte der Michel, »daß sich der net schämt.« »Der schämen?« meinte der Franzl, »der glaubt ja steif und fest, i bin ausg'lacht worden.« Die »Volkstribüne« wurde unter Schuhmeiers Leitung eine schneidige Waffe. Sie war wirklich »scharf und derb« geschrieben und ihre Auflage stieg bald an die 60.000. In ihr konnte der Schuhmeier so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, wenn ihm der Zensor keinen Maulkorb umhing. Das tat er aber oft. Fast jede Nummer wurde konfisziert. Nach jeder Konfiskation wurde eine zweite Auflage gedruckt, aber nur in wenigen Exemplaren und nur, um der Behörde die Augen auszuwischen, denn ehe das Konfiskationserkenntnis da war, war die »Volkstribüne« schon auf demselben Wege wie die Arbeiter-Zeitung und wie verbotene Flugblätter in die Hände der Leser gelangt. An die Stelle konfiszierter Artikel setzte Schuhmeier in Fettdruck: »Aus dem Staatsgrundgesetze vom 21. Dezember 1867, Artikel 13: Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern. Die Presse darf weder unter Zensur gestellt, noch durch das Konzessionssystem beschränkt werden.« Interessant sind die Konfiskationserkenntnisse, die die »Volkstribüne« abdrucken mußte: Gründe : In den zitierten Artikeln, und zwar ad 1 wurden durch Entstellungen von Tatsachen Anordnungen von Behörden herabzuwürdigen und auf solche Weise andere zum Hasse und zur Verachtung gegen Staatsbehörden aufzureizen gesucht; ad 2 werden die Einwohner des Staates zu feindseligen Parteiungen gegeneinander aufgefordert, angeeifert und zu verleiten gesucht. Graf Lamezan K. k. Landesgerichtspräsident. Oder: »Da in dem obigen Artikel zu Feindseligkeiten gegen die besitzen den Klassen aufgefordert, angeeifert und zu verleiten gesucht wird, so erscheint sein Inhalt geeignet den Tatbestand des Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung nach § 302 StG. zu begründen.« Den achtundzwanzigjährigen Herausgeber und Hauptschriftleiter der »Volkstribüne« nannte Freund und Feind den »Volkstribun«. Nur zwei Männer gab es im deutschen Österreich, denen dieses Prädikat beigelegt wurde: Dr. Karl Lueger und Franz Schuhmeier. Seine große Popularität wurde ihm sogar amtlich bescheinigt. In einer Anklageschrift wider die »Volkstribüne« wegen Vergehens nach § 300 StG. hieß es: »Die Halbmonatsschrift ›Volkstribüne‹, welche nächst der Arbeiterzeitung das verbreitetste der hiesigen sozialdemokratischen Organe ist und unter Leitung des bekannten Agitators und Versammlungsredners Franz Schuhmeier steht ...« Ihm ward Macht über die Menschen gegeben. Sie folgten ihm nicht aus Furcht, sie folgten ihm aus Liebe. Denn dieser junge Franz Schuhmeier diente im Gegensatze zu seinem bedeutendsten und viel älteren Widersacher Dr. Karl Lueger einer Idee, der größten, die bisher Menschenhirnen entsprungen. Er war nicht zur Sozialdemokratie gekommen, um etwas zu werden. Die Sozialdemokratie war klein, einflußlos, verfolgt, und wer ihr diente, mußte Entbehrung, Achtung, den Kerker auf sich nehmen. Er kam als trotziger Rebell, den es trieb, den Kampf mit den Usurpatoren aller Gewalt und allen Rechtes aufzunehmen und mit den Vergewaltigten zu siegen oder unterzugehen. Überall im großen Österreich wollten sie den Schuhmeier als Redner. Wenn er auf das Podium sprang, die Augen hell und keck durch den Saal schweifen ließ und seine Rede mit »Werte Genossen und Freunde« begann, war schon der Kontakt, die rechte Stimmung da. Jeder fühlte: der ist echt. Er stand nicht droben wie einer, der Auswendiggelerntes memorierte, sondern wie einer, der sich seine Leute zusammengerufen hat, um mit ihnen einmal deutsch zu reden. So wie er hätte es jeder seiner hingerissenen Zuhörer gesagt, wenn er mit der Gabe, zu sagen, was sie alle litten, begnadet gewesen wäre. Dieser Schuhmeier, der vernichtete seine Gegner nicht mit Keulen, er zerfranste sie mit einer Geste, er zog sie splitternackt aus, so daß man sie nicht mehr furchterregend, nur noch komisch fand. Sein Witz tötete, seine treffsicheren Pointen saßen und keiner, der sie gehört, vergaß sie je. Das war der urwüchsige Wiener, aus dem der kecke Spaß heraussprühte, und da klang das Schwierigste wie selbstverständlich. Wenn so ein kleines Nichtserl mit ihm anbinden wollte, schaute er es sich zuerst von allen Seiten an, dann verzog sich sein Mund zu einem spitzbübischen Schmunzeln, dann lachte er, wie ein Erwachsener nachsichtig über einen dummen Jungen lacht, und dann fuhr das Wort heraus, ein einziges oft nur, aber der, den es anging, hätte sich am liebsten unter die Bank verkrochen wie ein Schulbub, der sich vom Herrn Lehrer bei einer Büberei ertappt sieht. Wurde er wieder ernst, war es, als spräche nun das ganze Volk. Dann sprach er würdig und sachlich. Dann zitterte Zorn und Groll über alles Unrecht in seiner Stimme. In ihm war personifiziert der Aufstieg der breiig-wimmelnden Masse zu gigantischer Höhe, zu Sonnennähe. Wohl konnten ihm auf seinem Höhenflug nur wenige folgen, weil sie noch zu sehr in den Tiefen steckten, in die man sie hinabgestoßen und aus denen man sie nicht herauslassen wollte, aber er zeigte der Welt, wie hoch man hinauf kann, wenn der Mut da ist, der Wille und die Kraft. Die Dummheit und die Frechheit ließ er nicht zu Atem kommen, die hetzte und verfolgte er, so gefährlich das manchmal auch war und trotzdem er zu Zeiten an der Möglichkeit verzweifeln wollte, diese Drachen zur Strecke bringen zu können. »Frechheit und Fliegen Sind nicht zu besiegen«, sagte er dann, verschnaufte und ging schon wieder los. Am liebsten hätte er sich vor jede Lottokollektur hingestellt und den alten Weibern mit und ohne Hosen zugeredet, doch nicht die »Blödsinnigensteuer«, wie er den Lotterieeinsatz nannte, dem Staat in den unersättlichen Rachen zu werfen. Und den Jockeiklub, der die Pferderennen in der Freudenau veranstaltete, hieß er den »Roßmartererklub«. Siebzehntes Kapitel Der Michel war ganz zerquetscht. Er war wortkarg. Wer ihn kannte, hielt ihn für krank. Denn wenn der einmal nichts redete, meinten sie, müsse es schon arg sein. Der Schuhmeier drang in ihn: »Was hast denn, Micherl, brauchst a Geld?« »Willst mich pflanzen?« knurrte der Michel. »Wie werd ich mich trauen?« begütigte der Franz schalkhaft. »Weil's wahr is. Wann mich einer fragt, ob i a Geld brauch, is das so, wie wann einer ein'n, der am Galgen hängt, fragt, ob er a Luft braucht.« »Dann spann uns net auf die Folter und red, was dich druckt.« »Was soll i reden? Ein'n Floh hat mir einer ins Ohr g'setzt.« »Her mit dem Ohrwaschel, i fang ihm 'raus«, trieb der Schuhmeier weiter seinen Ulk. »Weißt, Franz,« begehrte der Michel auf, »i versteh ein'n G'spaß, von dir überhaupt, aber heut geht mir a Radel im Kopf um. Da hab i mir ein'n auf's Korn g'nommen, so a Würstel, das allerweil über uns lacht. Wart nur, hab i mir denkt, dich kriag i, und wann's Graz gilt. Du frißt mir noch aus der Hand. Also hab i ihm, der selber a armer Schlucker is, der nix zum Nagen und zum Beißen hat, ausdeutscht, was mir wollen. Wär net schlecht, hat er g'meint, aber bis das g'schieht tut uns ka Bein mehr weh. Und is 'gangen. No und jetzt möchte ich doch selber wissen: werden wir's noch erleben oder net.« Franz Schuhmeier setzte sich hin und schrieb die Broschüre: In elfter Stunde : An alle Arbeiter und Arbeiterinnen. Im Vorwort sagte er, daß diese Broschüre den Zweck habe, die Prinzipien der österreichischen Sozialdemokratie besser zur Verbreitung zu bringen. Der Schluß lautet: »Ach was, in elfter Stunde! Es wird noch lange dauern, ehe die Stunde schlägt, höre ich Menschen sagen. Es dauert eben nur noch eine Stunde, bis die letzte für die heutige Ordnung schlägt, und in dieser müssen wir uns zusammen- und zurechtgefunden haben. Mit aller Macht suchen die Gegner den Zeiger, und das ist heute der Sozialismus, zurückzuhalten. Jedoch die Stunde wird und muß schlagen. Schon ist der Hammer in Bereitschaft um an die Glocke, die bisher nur Elend verkündete, schlagen zu können. Nur noch einmal geht's herum und dann wird und muß es anders werden. Mit dem zwölften Schlag müssen die Arbeiter jene Macht sein und jenes Wissen besitzen, um die Herrschaft ergreifen zu können. Mit dem letzten Schlag wird der Reif zersprungen sein, der uns in Not und Elend gefangen halt. Es ist unsere Aufgabe, das Volk in allen Dingen aufzuklären, Wir müssen den Wahn, daß alles so sein muß, 'weil es immer so war', zerstören, wir müssen eine kulturelle und weltgeschichtliche Aufgabe lösen: die Befreiung der Arbeit aus den Fesseln des sie niederdrückenden Kapitals. Und die Befreiung der Arbeit kann nur ein Werk der Arbeiter selbst sein. Darum Arbeitsmann, heraus, heraus mit Weib und Kind aus deiner engen Gedankenwelt. Erhebe dein niedergebeugtes Haupt, blick der Zukunft, die dir gehört, entgegen und zeige, wie recht Lavant hatte, als er schrieb: Die Fahne, die dem dritten Stande Vorangeweht bei kühner Tat, Er gab sie preis, zu seiner Schande Durch feigen, tückischen Verrat, Sie lag im Staub, zerfetzt und blutig Das Bannertuch, zerknickt der Schaft. Da aber hat sie todesmutig Der vierte Stand emporgerafft. Wir haben sie aufgerafft und werden sie zum Siege führen.« Aus dieser Schrift spricht der Schuhmeier, der an den baldigen Sieg glaubt, weil er die Grenzen der Tragfähigkeit menschlicher Rücken erkennt und an das Gute im Menschen glaubt. Es ist materialistische Geschichtsauffassung, wenn der Sozialismus nicht als der unmittelbare Überwinder der kapitalistischen Unordnung, sondern nur als der Zeiger, der den Ablauf der Ereignisse anzeigt, dargestellt wird. Schuhmeier stellt sich die Entscheidung zwangsläufig vor. Was reif ist, müsse von selbst fallen. Es handle sich nur darum: gerüstet zu sein, um beim zwölften Glockenschlag die Herrschaft übernehmen zu können, und daran hielt er unverrückbar fest, daß es ohne gründliches Wissen keine Machtergreifung gebe, daß die Oberen sich nur so lange oben halten können, solange die Unteren unwissend bleiben. Wenn er aufgefordert wurde, in engerem Kreis, vor Vertrauensmännern etwa, einen Vortrag zu halten, wählte er das Thema: »Der Wert der Bildung«. Er war in diesen Jahren auch Anhänger der Verelendungstheorie, über die in der Partei für und wider gestritten wurde. Die Verfechter der Verelendungstheorie waren gegen den Kampf um soziale Reformen. Sie nannten diese Brosamen, die man dem Proletariat gerne hinwerfe, um ihm das Maul zu stopfen, die nur geeignet seien, das Übel in der Welt zu konservieren und überdies das Proletariat seines revolutionären Schwunges zu berauben. Je größer und unerträglicher das Elend, meinten sie, desto rascher müßte es zur Explosion kommen. Die Löhne waren unfaßbar nieder, Hilfsarbeiter erhielten 4 bis 4 1/2 Gulden wöchentlich, die Hausweber auf dem Lande verdienten maximal 1 bis 2 Gulden. In einer Versammlung in Wels sagte er: »Die Arbeiterschutzgesetze sind einem Nudelsieb gleich, wo die Löcher so groß sind, daß der Fabrikant bequem durchspringen kann.« Und in den Rosensälen in Wien nach Victor Adler über die Lebensmittelfrage: »Die geringen Löhne der Arbeiter machen es unmöglich, die in der Fabrik oder Werkstätte verausgabte Kraft durch die entsprechende Nahrung zu ersetzen. Die Folge davon ist ein beständiges Degenerieren, eine körperliche Rückentwicklung des Volkes. Die vor kurzem bekanntgewordene Tatsache, die nicht vereinzelt dasteht, sei ein Beweis in dieser Hinsicht: die schwangere Frau eines Schuhmachers, abgehetzt und abgearbeitet, hatte nicht die natürliche Kraft, ihr Kind zur Welt zu bringen. Als das junge Geschöpf durch einen operativen Eingriff entbunden hatte, konstatierte der Arzt an dem Kinde: Auszehrung von Geburt aus! In Wien nimmt der Pferdefleischkonsum überhand, in München denke man schon an die Errichtung eines Hundeschlachthauses.« Zu jener Zeit war wieder Krise. Die Arbeitslosigkeit nahm beängstigende Dimensionen an – über 50.000 Arbeitslose zählte man in Wien allein. In den fünf Wärmestuben Wiens übernachteten innerhalb von vier Wochen 111.000 Personen. Das Bürgertum gründete Wohltätigkeitskomitees, die Bälle veranstalteten, aus deren Erträgnis die Arbeitslosen unterstützt werden sollten. Schuhmeier rief: »Erspart euch das Schwitzen auf den Bällen zum wohltätigen Zweck, verkürzt dagegen die Arbeitszeit auf acht Stunden! O nein, hören wir den Chor brüllen, laßt uns lieber tanzen, fest drauf los tanzen, damit die Armen eine Bettelsuppe bekommen, und die Arbeitszeit laßt uns lieber noch um zwei Stunden ausdehnen!« Der Streit für und wider die Verelendungstheorie wurde von Victor Adler abgetan, der sarkastisch meinte, »daß es halt ein Elend sei mit der Verelendungstheorie«, und dem es schließlich gelang, überzeugend darzutun, daß gerade umgekehrt, verelendete Menschen alles eher denn revolutionär, sondern entweder völlig apathisch oder um ein Butterbrot käuflich seien. Bei sich zu Hause war der Schuhmeier eigentlich nur auf Gastrollen. Die Cilli nannte ihn den liederlichen Schlafburschen. Tatsächlich gab es für ihn keinen freien Tag. Auch keinen freien Sonn- oder Feiertag. An solchen mußte er in der Provinz Versammlungen abhalten. Es waren schon drei Kinder da. Sieben insgesamt gebar ihm die Cilli, drei sind am Leben geblieben. Die Rosl, die Viki und der Gustl. Doch auch dieses von ihm so stiefmütterlich behandelte Heim ließ der politische Kampf nicht verschont. In den ersten Jahren seiner Ehe herbergte der Schuhmeier samt Frau und Kindern bei der Mami auf der Kammer. Das Zimmer bewohnten die Mami, die Nettl und der Bruder Karl. Wenn damals die »Gleichheit« konfisziert worden war, wurde ein großer Teil der Auflage in Schuhmeiers Behausung verschleppt, um sie vor einer Beschlagnahme zu sichern. Doch auch dahinter sind die Spitzel bald gekommen. Als die »Gleichheit« wieder einmal dem Rotstift verfallen und ein großes Pack zum Schuhmeier befördert worden war, ahnte dieser, daß man bei ihm haussuchen würde. Und richtig ist zeitlich Vormittag die Polizei ins Haus gekommen. Erst sind sie in die Kammer eingedrungen, in der der Schuhmeier noch schlief, haben aber dort nichts gefunden. Dann durchstöberten sie das Zimmer. Die Nettl, die ein resolutes Ding geworden war, sagte den Polizisten ins Gesicht, daß sie da nichts zu suchen hätten, aber die kümmerten sich nicht um sie und frugen: »Er muß gestern Zeitungen gebracht haben. Wo sind die?« Die Nettl sagte schnippisch: »Da fragen S' mich zuviel.« Und ging weiter, die festeingewickelte, schreiende kleine Rosl auf den Armen wiegend, auf und ab. Auch der Karl Schuhmeier lag noch im Bett. – Den haben sie herausgezerrt, haben alle Strohsäcke aufgerissen und ausgeleert, aber nichts gefunden. Enttäuscht zogen sie ab. Als die Polizei weg war, legte die Nettl die kleine Rosl auf das Bett, schälte sie aus der dicken Umhüllung heraus und entnahm dieser eine Menge Exemplare der konfiszierten »Gleichheit«. Während die Polizei suchte, trug die Nettl die in die »Gleichheit« gewickelte Rosl zum Einschlafen herum. »So,« sagte sie dann zum Karl, »die Zeitungen gehören für 'n Tomschik, der braucht sie für die Westbahnwerkstätte.« Josef Tomschik, der spätere Führer der freigewerkschaftlich organisierten Eisenbahner, war in der ohnehin schon so zahlreich bevölkerten Schuhmeierwohnung der Bettgeher. Eine so kompromißlose Kampfnatur der Schuhmeier im öffentlichen Leben war, gehörte er im privaten Leben zu den Menschen mit der glücklichen Veranlagung, sich auf eigenes Kommando blitzartig umstellen zu können. Im Privatleben ist diese Sorte heiter, übermütig, zuweilen sogar ausgelassen; sowie aber die Arbeit angeht, wird ein ganz anderer aus ihnen, werden sie tiefernst, geben in der Arbeit völlig auf, und wer, der einige Stunden vorher mit ihnen Allotria getrieben, jetzt zu ihnen kommt und sich einbildet, mit Berufung auf diese gemeinsame Unterhaltung leicht etwas erreichen zu können, staunt. Das ist ja gar nicht mehr der von vordem, der weiß gar nicht mehr, was Stunden zuvor war. So einer war der Schuhmeier. Schuhmeier, Sever und Höger bildeten ein unzertrennliches Kleeblatt. Am Werke sowohl als beim spärlichen Vergnügen. Nach anstrengenden Versammlungen und Sitzungen und Konferenzen, die kein Ende nehmen wollten, weil immer noch einer seinen Text dazugeben mußte, hauten sie zuweilen über die Schnur. Das verlangten die angespannten Nerven. Denn Versammlungen, Sitzungen und Konferenzen gab es jeglichen Tag. Victor Adler machte sich einmal darüber lustig: »Nach zwanzigtausend Jahren werden Altertumsforscher Schriften ausgraben und darinnen das Wort ›Sozialdemokraten‹ finden. Sie werden sich interessieren, was das waren, die Sozialdemokraten, und zu dieser Lösung kommen: Sozialdemokraten, das waren Menschen, die aus einer Sitzung heraus und in die andere hineingegangen sind.« Höger hat den Schuhmeier so geschildert: »Is ein eigentümlicher Kerl, der Franzl. Da haben wir gestern die ganze Nacht umdraht. Wie a Lausbua hat er sich aufg'führt und i hab ihm z'ruckhalten müssen, daß er net kopfsteht. Spaßetteln hat er g'macht, daß das ganze Kaffeehaus g'wiehert hat und die Leut auf der Gassen vor die Fenster stehn blieben san. In der Früh hat er g'sagt, jetzt steht's gar nimmer dafür, daß mir z'hausgehn, dort kriegerten mir eh den Buckel voll Schläg, weil mir solche Lumpen san, also gehn mir lieber gleich in die Redaktion. Gut, sag i, gehn mir in die Redaktion. Beim Haustor sagt er: ›Hörst, Karl, i schäm mich, daß i so ein Falott bin, heut tu ich's nimmer.‹ Auf der Stiegen mach i ihm Vorwürfe, daß er mich wieder verführt hat. Vor der Redaktionstür boxt er mich in 'n Bauch, daß i an die Wand taumelt bin und lacht: ›Du alter Hallodri du, du bist mein Mephisto‹, und wie mir dann jeder vor unserm Schreibtisch sitzen, mein i: ›Das beste Bier kriegt man doch beim Lagerwaldl‹ (altes Gasthaus Ecke Burggasse und Kaiserstraße). No und was glaubst, war jetzt? Da war er schon ganz in sein Artikel vertieft, hat getan, als ob mir uns schon vierundzwanzig Stunden net g'sehn hätten, und hat mit einer undurchdringlichen Amtsmiene g'sagt: ›Guten Morgen, du weißt, daß i bei der Arbeit net g'stört werden will; also bitte.‹« Besonders gemütlich waren die Abende bei Albert Severs Mutter in ihrem Heim in der Ottakringerstraße. Dort mußten sich die Freunde allerdings einigen Zwang antun und sich gesittet aufführen, denn die alte Frau Sever war eine gediegene, feinsinnige Altwienerin, in deren Gegenwart sich der Vorlauteste gebändigt fühlte. Scherze verstand sie und war ihnen auch nicht abhold, aber in ihrer Gesellschaft wäre keiner auch nur auf die Idee gekommen, die gewisse Grenze zu überschreiten. Dazu war sie über alle Ereignisse im öffentlichen und politischen Leben informiert, hatte über alles ihre eigenen, gesunden Ansichten und ließ sich auch von Schuhmeier nicht kleinkriegen, der oft und gerne von den genußreichen Stunden bei Mama Sever sprach. Aber, nachdem sie sich verabschiedet hatten, wollte sich der Schuhmeier doch noch ein bißchen abreagieren. Und so gingen sie noch spät nachts in die Menzelgasse, in Severs Wohnung und stöberten die schon fest schlafende Frau Ida Sever aus den Federn. Jetzt war die jüngere Generation unter sich und tat sich keinen Zwang an. Der Schuhmeier, der den Hausbrauch kannte, band sich sofort Frau Severs Küchenschürze und ein Kopftüchel um und begann auf der Kaffeemühle den Kaffee zu reiben. Frau Sever mußte inzwischen in aller Eile alles Eßbare, das sich in der Wohnung befand, in Sicherheit bringen, denn der Schuhmeier, dieser gewaltige Fresser vor dem Herrn, hat mitleidlos alles, dessen er habhaft wurde, verschlungen, und mögen die Vorräte noch so groß gewesen sein. Die Partei Luegers, die von Erfolg zu Erfolg eilte, streckte ihre Fühler aus, ob es nicht die Möglichkeit einer Vereinigung mit der aufstrebenden Sozialdemokratie gäbe. Dr. Lueger sagte einmal zu Victor Adler: »Wir beide müssen miteinander geben, wir mit unseren Gewerbetreibenden und ihr mit euren Arbeitern. Wir werden schon Ordnung machen. Und wenn es dann einmal dazukommt, hängt ihr die arischen Ausbeuter und wir die jüdischen.« Schuhmeier tat diese Lockrufe in der »Volkstribüne« folgendermaßen ab: »Nein, meine Herrn, wir steigen zu Ihnen nicht hinunter. Wir lassen Sie ganz ruhig heraufkommen. Unsere Bundesgenossen werden Sie auf ganz andere Weise werden; echte, verläßliche Sozialdemokraten. Bis dahin aber gebe sich keiner von Ihnen der Hoffnung hin, daß wir Ihnen auf Ihr albernes Geschwätz hineinfallen. Daß Sie es aber schon für nötig finden, sich mit uns zu versöhnen, – wir sind Ihnen ja gar nicht böse, im Gegenteil, dankbar für Ihre Vorschubleistung zu unseren wirtschaftlichen Kämpfen und für die vielen Stunden ungetrübter Heiterkeit, die uns Ihr bajazzomäßiges Benehmen bereits bereitet hat – das zeigt uns, wie tief Ihnen bereits das Herz zu fallen beginnt, wie heftig Sie bereits den Boden unter sich wanken fühlen, wie dringend Sie einer Nachhilfe bedürfen. Sie, nicht wir. Wir könnten durch Ihre Bundesgenossenschaft nur eine Verwässerung unserer Partei, eine Verblödung unserer Parteigenossen, ein Aufgeben unserer stramm prinzipiellen Haltung gewinnen, weiter nichts. Also geben Sie sich keine Mühe. Wir werden Ihre Dummheit ausnützen, aber Ihre Freunde können wir nicht werden, dazu machen Sie uns zu viele Dummheiten.« Lueger verbot von da an seinen Schäfchen den Besuch sozialdemokratischer Versammlungen. August 1893: Im schwärzesten Viertel Österreichs, in Ried im Innkreis, hält Schuhmeier, der erste Rote, der in diese Gegend gekommen war, einen Vortrag »Über die verschiedenen Formen des Eigentums«. Wegen dieses Vortrages stand Schuhmeier im September desselben Jahres vor dem Geschworenengericht in Ried. Die Geschworenenbank bestand durchwegs aus Kleinbürgern und Bauern. Die Anklage lautete: er habe: 1. öffentlich und vor mehreren Leuten durch Schmähungen, Verspottungen, unwahre Angaben und Entstellungen von Tatsachen andere zum Hasse und zur Verachtung gegen die kaiserliche Armee aufzureizen versucht; 2. diese öffentlich und vor mehreren Leuten vorgebrachten Schmähungen, Lästerungen und Verspottungen haben die Ehrfurcht gegen den Kaiser verletzt und wurde dadurch ad 1 das Vergehen der Aufwiegelung nach Art. IV des Gesetzes vom 17. Dezember 1862, Nr. 8 RGBI. ex 1863, und ad 2 das Verbrechen der Majestätsbeleidigung nach § 63 StG., strafbar nach §§ 35 und 36 StG. begangen. Aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Ordnung wurde die Verhandlung geheim durchgeführt. Die Anklageschrift behauptete, daß die Äußerungen »dem Munde eines Vertreters und Agitators derjenigen politischen Partei entstammen, welche die Untergrabung jeder öffentlichen Autorität und ihrer Stützen sich zur wichtigsten Aufgabe gestellt hat«. Trotz des Protestes des Verteidigers Dr. Zweybrück gegen den Ausschluß der Öffentlichkeit blieb es dabei. Das Beweisverfahren ergab, daß der Regierungsvertreter bei Schuhmeiers Versammlung die Sätze, die unter Anklage gestellt worden waren, erst nachträglich dazustenographiert hat. Schuhmeier verteidigte sich größtenteils selbst, indem er den Geschworenen volkstümlich und humorgewürzt die Ziele der Partei auseinandersetzte, wobei er vom Vorsitzenden oft unterbrochen wurde. Das Verdikt der Geschworenen lautete: »Aufreizung gegen die kaiserliche Armee: 4 Ja, 8 Nein. Majestätsbeleidigung: 12 Nein. Schuhmeier war – in Ried! – freigesprochen worden. 1893 gab Schuhmeier wieder ein Büchlein heraus, diesmal literarischen Inhalts: »Der rote Deklamator.« Eine Sammlung ernster und humoristischer Gedichte nebst einem Anhang von Liedern. Zusammengestellt und herausgegeben von Franz Schuhmeier. Preis zehn Kreuzer = zwanzig Heller. Diese Sammlung enthielt politisch-satirische Lieder und Gedichte, aber auch ernste Kampfdichtungen von Dehmel, Freiligrath und anderen und bezweckte, dem Proletariat die Freiheitsdichtung näherzubringen, es durch die Worte freier Dichter anzufeuern. Das war nicht erlaubt. Das Büchlein verfiel der Konfiskation und Schuhmeier einer Anklage wegen § 24 Preßgesetz, Verbreitung verbotetener Druckschriften. Diesmal wurde er verurteilt. Vierzehn Tage Arrest und 50 Gulden Geldstrafe. Im Arrest war er mit der Kost ganz und gar nicht zufrieden. Mit der Kostaufbesserung auf eigene Rechnung haperte es meistens, weil es am Gelde fehlte. Da beschloß er, diesmal der Welt zu zeigen, welchen Schlangenfraß der Rabenvater Staat seinen Häftlingen vorsetzt, erstens, um sich für die eigene schlechte Fütterung zu rächen, und zum andern, um zum Frommen aller künftigen Häftlinge die Gefangenenhausküchen zu reformieren. Am letzten Tage der diesmaligen Haft gab es Knödel. Die waren steinhart, so daß man sich die Zähne ausbeißen konnte, und so kohlschwarz, als wären sie aus Kohlenstaub statt aus Mehl hergestellt. Es gelang ihm, ein solches Knödel hinauszuschmuggeln und im Gassenladen der »Volkstribüne« in der Schottenfeldgasse, in dem sich die Administration und zugleich die Redaktion des Blattes befand, stellte er dieses Nahrungsmonstrum fein säuberlich auf einem Teller in die Auslage. Ganz Wien strömte herbei, um dieses Landesgerichtknödel zu bewundern und die Leute genierten sich nicht, laut ihre Meinungen zu äußern. So viele Menschen standen immer vor dem Knödel, daß die Schottenfeldgasse für Fußgänger und Wagen unpassierbar wurde. Das paßte den Behörden nicht, ihre eigene Schande ausgestellt zu sehen. Sie verlangten Entfernung des Knödels, weil es ein Passagehindernis bilde. Der Schuhmeier weigerte sich. Das Knödel sei sein Eigentum, das er sich vom Munde abgespart habe und damit könne er tun, was ihm beliebt. Dagegen war nichts zu machen. Die Belagerung des berühmten Knödels wurde immer ärger, das Knödel aber auch immer schimmeliger. Schließlich ließ er sich wegen des Straßenverkehrs doch herbei, es zu entfernen, aber diese sonderbare Demonstration hatte Erfolg. Den Häftlingen wurde von da an menschlichere Nahrung vorgesetzt. 1893 setzte eine Wahlrechtsbewegung ein, die sich auf das ganze Reich erstreckte. Im Verlaufe von sechs Monaten wurden 404 Wahlrechtsversammlungen abgehalten, darunter 94 unter freiem Himmel, 67 davon wurden verboten, 9 aufgelöst. In vielen solchen Versammlungen sprach auch Schuhmeier. Die Herrschenden und Bevorrechteten schäumten. Die guten Christen wurden von der Kanzel herab vor dem Besuch solcher Versammlungen gewarnt. Überall wurden, was eine alte Taktik der Reaktion war, die Wirte mit leichterem oder heftigerem Nachdrucke veranlaßt, ihre Lokale nicht für sozialdemokratische Versammlungen herzugeben. Nützte aber nichts. Alle Versammlungen waren überfüllt. Hunderttausende Flugblätter mit der Parole: »Keine Ruhe in Österreich, bis das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht errungen ist« wurden verteilt. Im August waren 50.000 Wiener auf der Feuerwerkswiese im Prater, schon im Juli ebensoviele vor dem Rathaus versammelt, um ihr Recht, das gleiche Recht, zu fordern. Schuhmeier schrieb in der »Volkstribüne«: »Das war nicht das Ende, sondern erst der Anfang eines Kampfes, den wir auszufechten entschlossen sind. – Wir müssen das verschlafene und faule Bürgertum aufrütteln und ihm in die Ohren rufen: »Jetzt ist es Zeit !« Er geht wieder nach Oberösterreich. Diesmal nach Wels. Spricht in einer Riesenversammlung über »Die wirtschaftliche Notlage der Arbeiter, Kleingewerbetreibenden und Bauern«, sowie über »Die Bestrebungen des Volkes und die Sozialdemokratie«. Er führt aus, daß Arbeiter, Kleingewerbetreibende und Bauern Hand in Hand gehen müssen. Es sei Unsinn, wenn sich der Kleingewerbetreibende von dem Arbeiter wegwendet mit der Motivierung: »Ich bin Meister und du bist Geselle.« Die Leiden sind jedoch die gleichen. Wir leiden Hunger als Arbeiter und er hungert als Meister. Wenn ein Kleingewerbetreibender zugrunde geht, so ist es selbstverständlich, daß er dann nicht in eine höhere Gesellschaftsklasse aufsteigt, sondern daß er nur mehr Arbeiter werden kann. Ebenso ist es beim Bauer, wenn der von seiner Scholle vertrieben wird; er geht dorthin, wo er Arbeit findet, in die Fabrik und Kleingewerbetreibender und Bauer sind dann froh, in die Armee der Arbeiter aufgenommen zu werden. Dann legt er, wie in fast jeder seiner Reden, gegen den Militarismus los, den er die Mordskultur nennt. »Die enormen Kosten für das stehende Heer, das abgeschafft werden muß, haben die Arbeiter, Kleingewerbetreibenden und Bauern aufzubringen in Form direkter und indirekter Steuern. »An allem, was wir essen und trinken, überall hängt ein Soldat daran, und wenn dann nichts für uns übrig bleibt, ist dies kein Wunder, weil so viele Mitesser vorhanden sind. Die jetzigen Abgeordneten haben eben keinen Sinn für das Volk, sie vertreten nur ihre Interessen. An der Stelle des Herzens haben sie eine Rechentafel hängen und die Arbeiter sind der Griffel, mit dem auf dieser Tafel geschrieben wird.« Diese Versammlung hatte einen derart nachhaltigen Erfolg, daß der Kaiser, der einige Zeit darauf in Wels war, etwas tun zu müssen glaubte, um die Wirkung der Rede Schuhmeiers abzuschwächen. In den Berichten über den Besuch des Kaisers in Wels hieß es: »Anknüpfend an eine Erkundigung über die Arbeiterverhältnisse in Wels gab der Monarch dem Bedauern darüber Ausdruck, daß in den sozialen Fragen die extreme Richtung die Oberhand gewinne. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß beide Teile etwaige Differenzen auf gütlichem Wege zu lösen versuchen. Dies entspräche den Interessen der Arbeiter besser, die ja ihrerseits auch die Interessen ihrer Brotgeber berucksichtigen sollen.« Daß die Brotgeber ihrerseits ebenfalls die Interessen der .Arbeiter berücksichtigen sollen, darüber sagte Seine Majestät nichts. Vielleicht, wenn die Brotgeber sich schon tausend Jahre vorher um die Interessen der Brotnehmer gekümmert hätten, äatte die extreme Richtung nicht die Oberhand gewonnen. Es ist anzunehmen, daß viele Welser das, was der Schuhmeier gesprochen hat, interessanter gefunden haben denn das Wortgeplätscher des Kaisers. Es gab tatsächlich lange Zeit keine Ruhe in Österreich. Alles mögliche wurde versucht, um der Wahlrechtsbewegung Herr zu werden. Sie gruben die alte Idee aus, den Arbeitern an Stelle des Wahlrechtes für die Gesetzgebung ein solches für Arbeiterkammern ohne jeden Einfluß zu geben. Der Ministerpräsident Graf Taaffe erklärte kategorisch, daß die Wahlreformfrage verfrüht sei und die Regierung sich an der Beratung eines solchen Gesetzentwurfes nicht beteiligen könne. In Deutschland siegte die Sozialdemokratie neuerlich. 1,800.000 Stimmen und 45 Mandate brachte sie in die Scheune. Schuhmeier donnert vor dem Rathause: »Ihr Herren da drüben im Parlament, nun geht vorwärts oder ihr werdet getrieben werden! Wir sind entschlossen, zu zeigen, daß wir reif sind, zum Zahlrecht das Wahlrecht zu erringen. So reif wie gewisse Leute, die am Rennplatz, ihrem geistigen Zusammenkunftsort, ihre Reitknechte zusammenreiten oder noch Ärgeres tun, sind wir auch. Das allgemeine Wahlrecht ist uns nur Mittel zum Zweck und nicht Endziel. Wir müssen weitergehen und wollen den ganzen gesellschaftlichen Baum ausgraben bis auf die Wurzel und einen neuen Staat mit einer neuen Ordnung gründen, wo es gleiches Recht und gleiche Pflicht gibt. Hoch die internationale Sozialdemokratie!« Im Oktober 1893 rückte Taaffe dann doch mit einer Wahlreformvorlage heraus. Außer den bisher schon Wahlberechtigten sollten mitwählen dürfen alle männlichen Staatsbürger, die 1. vor dem Feinde gestanden, bzw. zum Tragen der Kriegsmedaille berechtigt sind oder das Zertifikat für ausgediente Unteroffiziere erworben haben; 2. in der Lage sind, sowohl den erforderlichen Bildungsnachweis (Kenntnis des Lesens und Schreibens in den landesüblichen Sprachen), als den Nachweis über rechtzeitige und ordnungsgemäß erfüllte Stellungspflicht zu erbringen. 3,440.000 neue Wähler wären nach dieser Vorlage zugewachsen. Von einem Wahlrecht der Frauen war nach wie vor keine Rede. Der Führer der Deutschliberalen, Plener, bezeichnete diese Vorlage als bösartig, gefährlich, antiösterreichisch. Der klerikale Graf Hohenwart brüllte: »Wir werden nie zugeben, daß das politische Schwergewicht von den besitzenden Klassen in die besitzlosen überwalzt wird.« Dieser Sturm fegte das Kabinett Taaffe über Nacht hinweg. Das Koalitionsministerium Fürst Alfred Windischgrätz kam. Damit war die Wahlreformvorlage Taaffe gefallen. Das war für die österreichische Arbeiterschaft um so unerträglicher, als gerade um diese Zeit die belgische Arbeiterschaft sich nach einem diszipliniert durchgeführten politischen Generalstreik das allgemeine Wahlrecht erkämpft hatte. »Belgisch reden«, war der Schlachtruf jener Tage in Österreich, womit ein Generalstreik nach belgischem Muster für den Fall weiterer Verweigerung der politischen Rechte angedroht werden sollte. Am III. internationalen sozialistischen Kongreß in Zürich gehört Schuhmeier der österreichischen Delegation an. Er tadelt dort heftig die deutsche Bruderpartei, die 1889 für die Erhebung des 1. Mai zum Weltfeiertag der Arbeit gestimmt, sich aber widerstandslos von den deutschen Bütteln den 1. Mai hat verbieten lassen. Schuhmeiers Stärke bestand bis zuletzt im Angriff. Er war kein Diplomat, kein Taktiker, er ging drauf los, wenn er es für nötig hielt, ohne erst lange die etwaigen Folgen zu erwägen. Er ließ sich nichts verbieten. Als die Polizei schikanöserweise anordnete, daß bei der »Bretzen« in Ottakring bei Versammlungen nur 300 Leute sitzen und 500 stehen dürfen, keiner mehr, veranlaßte er, daß Versammlungen so lange in anderen Sälen, die nicht mit solchen Vorschriften belegt waren, abgehalten wurden, bis die Polizei zu wissen gab, daß sie nicht mehr nachzählen werde. 1894 wird Schuhmeier Obmann der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse. Er hat damit neben seinen vielen und vielseitigen Obliegenheiten eine neue schwere Bürde übernommen. In dieser Kasse gab es viel einzurenken, viel zu reformieren und eben deshalb hat man den Schuhmeier zum Obmann gemacht, weil man wußte, daß er eine starke Hand hatte und sie zu gebrauchen verstand. In der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse bestanden unhaltbare Zustände. Die Bezirksstellen amtierten in Wirtshäusern, wo man die Beiträge einzuzahlen hatte, wo aber auch das Krankengeld ausgezahlt wurde, so daß Schwerkranke sich stundenlang in qualmigen Wirtsstuben drängen mußten. Unter seiner Obmannschaft wurden gegen mannigfache Widerstände Zahlstellen in Privatlokalen errichtet, wurde der Ärztestab, besonders das Fachärztewesen, ausgebaut, wurden Inspektoren und Kontrollore bestellt und durch Vereinbarungen mit dem Verband der Genossenschaftskrankenkassen wurde für Rekonvaleszentenpflege, sowie für Kur- und Landaufenthalt zeitgemäß vorgesorgt. Trotzdem er nur karg bemessene Stunden den Geschäften der Krankenkasse widmen konnte, leistete er für sie Bedeutendes, wobei er allerdings von Leo Walecka, dem Sekretär der Kasse, in jeder Weise unterstützt wurde; er hatte ihretwegen aber auch viele Sorgen und großen Ärger mit den Aufsichtsbehörden, die eifrig auf der Suche nach irgend etwas waren, womit man der Kasse und ihrer Leitung hätte einen Strick drehen können, aber auch mit verzopften Leitungsmitgliedern, die mit der Zeit nicht mitkonnten. Während Schuhmeiers Tätigkeit als Kassenobmann verordnete der Wiener Magistrat, daß ihm die Krankenkassen alle jene von der Arbeitsstelle abgemeldeten Arbeiter bekanntgeben müssen, die innerhalb von sechs Wochen keine neue Arbeit gefunden haben. Der Wiener Magistrat brauchte diese Meldungen, um nach damaliger Praxis alle nicht nach Wien zuständigen Arbeiter, die länger als sechs Wochen ohne Arbeit blieben, ausweisen und abschieben zu können. Schuhmeier leistete dieser Verordnung, solange es ging, Widerstand und bekämpfte den Magistrat schonungslos in aller Öffentlichkeit. »Jede Sau findet ihren Metzger!« zürnte er in einer Versammlung, die deswegen aufgelöst wurde. Als Schuhmeier 1896 Reichsparteisekretär wurde, resignierte er als Kassenobmann. Diese Funktion zu behalten, wäre zuviel gewesen. Den Michel, der mit den Seinen schon buchstäblich hungerte, um nicht zu sagen, verhungerte, weil der rote Flickschneider von den bessern Leuten, bei denen noch etwas zu verdienen gewesen wäre, boykottiert war, aber lieber wirklich Hungers gestorben als ein anderer geworden wäre, hat der Kassenobmann Franz Schuhmeier als Kassenboten angestellt. Darüber, wie in jedem solchen Falle, haben die Gegner gezetert, daß die Krankenkassen zu einer Versorgungsstelle für rote Agitatoren mißbraucht werden. Der Schuhmeier hat bei passender Gelegenheit einen solchen Schreier gefragt: »Wie viele Rote werden dort angestellt, wo ihr das Heft in der Hand habt?« Darauf wußte der keine Antwort. Achtzehntes Kapitel Der Schuhmeier war aus der katholischen Kirche ausgetreten und konfessionslos geworden. Er war ein Fanatiker des Nichtglaubens geworden und machte auf diesem Gebiete nicht die kleinste Konzession. Beim Leichenbegängnis eines nahen Verwandten blieb er als einziger außerhalb der Kirche. »In einem solchen Fall könntest du schon eine Ausnahme machen«, hielt man ihm vor. »Nein,« beharrte er, »alles oder gar nichts. Entweder ich glaube, dann erfülle ich bis zum letzten Punkterl alle Gebote und Vorschriften meiner Religion – oder ich glaube nicht, dann daf ich, wenn ich mich nicht selbst zum besten halten will, keine Handbewegung machen, die mit Glaubensübungen irgend etwas zu tun hat.« Er befaßte sich viel mit den Dingen des Glaubens, viel mehr als die Gläubigen, und eben darum ist er, wie er das erklärte, ungläubig geworden. Die Klerikalen haben es auch arg getrieben und damit viele zum Denken angeregt, die sonst nicht gedacht hätten. Der klerikale Pole Graf Pininski sagte im Parlament: »Für jene Leute hingegen, die sich eine höhere Bildung nicht erwerben können, ist zweifellos die Religion die hauptsächlichste und einzig verläßliche Stütze der Moral, und was speziell die bäuerliche Bevölkerung betrifft, ist die Religion zugleich die festeste Stütze ihres Glückes, und wenn sie dem Bauer die Religion wegnehmen oder abschwächen, so erschweren sie ihm das bittere Los, welches ihm beschieden ist.« In einer Wiener Schule sprach während des Religionsunterrichtes der Katechet zu den Kindern: »Ich hoffen, daß in dieser Klasse keine Kinder von sozialdemokratischen Eltern sind, denn Sozialdemokraten sind alle Schwindler und schlechte Leute.« Der Schuhmeier erkannte früher als viele andere seiner Genossen, welcher Mißbrauch mit der Religion getrieben wird. Mit allen Konfessionen. Die »Hochgebildeten«, die das nicht nötig haben, wollen die »Menge« gläubig haben, weil sie sie nur dadurch in Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit erhalten zu können glauben, und das nicht ohne guten Grund. Darum machten und machen sie die Sozialdemokraten schlecht und stellen den Frommen jeden Sozialdemokraten als einen Gotteslästerer und Glaubensräuber hin. Dieselben Leute wären viel ehrlicher, wenn sie ohne religiöse Verbrämung sagten, was sie meinen und wollen. Der Herr Graf Pininski hat es gesagt. Nämlich: »Die Sozialdemokraten verlangen den Übergang der Produktionsmittel und des hieraus entspringenden Gütererwerbes in den Besitz der Allgemeinheit, also haben es die Sozialdemokraten nur auf Essen und Trinken abgesehen und wollen andere für sich arbeiten lassen. Überhaupt ist die Genußsucht der Arbeiter ein großes Übel. Die Sozialdemokratie will auch die Erde in ein großes Bordell verwandeln. Ihre Roheit äußert sich darin, daß sie Suppen- und Teeanstalten, Herbergen, wie überhaupt alle humanitären Einrichtungen bekämpft.« Wie die Sozialdemokraten humanitäre Einrichtungen »bekämpfen«, haben sie später dort gezeigt, wo sie an der Regierung oder Verwaltung (Wien!) beteiligt waren. Und ehe so ein erlauchter Herr Graf auf die dumme Phrase von der »freien Liebe« anspielt, möge er vorerst die Häupter seiner Maitressen zählen. Der Schuhmeier stürzte sich in diesen Kampf. Da war er in seinem Element. »Das Wesen des Klerikalismus ist Unverstand der Massen, das Wesen der Sozialdemokratie ist Vernunft der Massen«, donnerte er in die Versammlungen und denen ins Gesicht, die ihm so kamen. In seiner »Volkstribüne« veröffentlichte er auch von Fachleuten vielbeachtete, freilich auch vielkonfiszierte Artikelserien über religiöse und religionsgeschichtliche Fragen, in denen er verblüffend bewandert war. – Bei jedem geeigneten Anlaß zitierte er die Kirchenväter. Zum Beispiel: Basilius: »Der Reiche ist ein Dieb.« Chrysostomus: »Der Reiche ist ein Räuber. Es ist notwendig, daß eine Art Gleichheit entstehe, indem der eine dem andern von seinem Überfluß gebe.« Hieronymus: »Der Überfluß ist stets das Ergebnis des Diebstahls. Wenn er nicht durch den gegenwärtigen Eigentümer begangen worden ist, so ist er doch begangen worden durch dessen Vorfahren.« Clemens: »Nach Fug und Recht muß alles allen gehören. Die Ungerechtigkeit ist es, die das Sondereigentum geschaffen hat.« Ambrosius: »Die Natur hat die Gemeinschaftlichkeit eingeführt, die widerrechtliche Besitzergreifung das Sondereigentum. Wer mehr nimmt, als er braucht, ist ein Mörder.« Matthäus: »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser durchziehet, daß ihr einen Proselyten macht, und wenn er es geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefach mehr denn ihr seid. Von außen scheinet ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr lauter Heuchler.« Auch Alexander von Humboldt gebrauchte er: »Das Chamäleon ist das einzige Tier, welches das eine seiner Augen nach oben und zugleich das andere nach unten richten kann. Nur unsere Pfaffen können das noch, mit dem einen nach dem Himmel, mit dem andern auf die Güter und Vorteile der Welt gerichtet.« Dazu schrieb er: »Jenes Gelichter, das nun schon fünfzehn Jahrhunderte lang das Christentum einzig und allein nur dazu benützte, um daraus ein famoses Geschäft zu machen, wagte uns Sozialdemokraten zu verbieten, mit dem Evangelium zu operieren. Die Zeit ist vorüber, da ihr uns befehlen könnt. Ja, wir benutzen das Evangelium auch weiterhin, um dem Volke zu zeigen, was in demselben geschrieben steht, und um damit zu beweisen, daß ihr nicht die Vertreter des wahren Christentums, sondern die Beschützer der Reichen seid. Aber der Sozialismus schreitet als Herr durch die Welt und erst mit dem Siege desselben wird der wirtschaftliche Teil des wahren Christentums seine Auferstehung feiern.« Auch in seinem parlamentarischen Wirken raufte er sich mit den Klerikalen und dem Klerikalismus herum. Bald nach seiner ersten Wahl in den Reichsrat – 1901 – sprach er zum Dringlichkeitsantrag des deutschnationalen Abgeordneten Dr. Erler in Angelegenheit der Kongregationen. Er schilderte die Schul- und Bildungsfeindlichkeit der Klerikalen, das Treiben der Jesuiten und schloß: »Wir wollen nicht, daß die religiösen Gefühle für vogelfrei erklärt werden. Nur gleiches Recht wollen wir. In dem Moment, da die Klerikalen Einkehr halten und nicht mehr in dieser Weise über die Stränge schlagen werden, wie es heute der Fall ist, wird es ihnen vielleicht gelingen, die Achtung ihrer Mitbürger zu erringen. Heute verlangen die Klerikalen einen Vorteil nach dem andern. Sie geben sich als Vertreter der Religion aus, während sie die Bevölkerung untereinander verhetzen und jeden Andersgläubigen beschimpfen und mit der Religion die besten Geschäfte machen. Das Geschäft geht Rom über alles. So war es seit jeher und so ist es heute noch. Was ich jüngst gesagt, ich wiederhole es jetzt: Das heutige Christentum, ist nicht das, das der Zimmermannssohn von Nazareth gelehrt hat, sondern eine Lehre, die ausgeheckt wurde, um gute Geschäfte auf Kosten des Volkes zu machen. Sorgen wir alle, die wir die Freiheit wollen, daß wir von diesen Geschäftsleuten befreit werden im Interesse des Fortschrittes, der Vernunft und des geistigen Gedeihens des Volkes.« Diese ausgezeichnete Parlamentsrede erschien als Broschüre unter dem Titel: »Aus der Werkstätte des Klerikalismus.« 1905 zur Vorlage wegen Erhöhung der Kongrua redet er wieder. Der Abgeordnete Graf Adalbert Sternberg, ein böhmischer Adeliger, der sich ins Parlament eingekauft hatte, gegen alles und jedes, auch gegen den Kaiser in gesucht burschikoser Weise loszog und meistens alkoholisiert war, hatte unsern Schuhmeier vorher einen gebildeten Hausknecht genannt. Schuhmeier begann: »Ich muß sagen, daß es dem österreichischen Parlament immerhin mehr zur Ehre anzurechnen ist, wenn ein gebildeter Hausknecht hier das Wort ergreift als ein sittlich verkommener und geistig verlotterter Graf.« Monsignore Scheicher hat gesagt, daß der Religionsfonds gestohlenes Gut sei: »Nun, meine Herren, das ist das hohe Lied der Klerikalen, das ist das, was sie so sehr gegen einen Mann immer und immer wieder aufbringen, was einen Mann immer und immer wieder in Erinnerung ruft, der halt doch in Österreich – wenn ich das sage, so bedeutet das vielleicht etwas – unerreicht ist. Unvergeßlich lebt Kaiser Joseph II. fort im Gedächtnis aller Völker Österreichs, meine Herren, und wenn da die Klerikalen heute immer noch davon reden, daß er ihnen ihr ›Gut‹ gestohlen, und wenn das ein Monsignore sagt, dann scheint er gerade auf diesem Gebiete mit dem Gedächtnis in Unordnung geraten zu sein. Meines Wissens hat Kaiser Joseph reiche Klöster aufgehoben. Ist es nicht die Pflicht der Klostergeistlichen, arm zu sein, legen sie denn nicht das Gelübde der Armut ab? Kaiser Joseph hat sich aber dessen erinnert. Leuten, die arm sein sollen und die Unmassen Geldes gesammelt haben, denen hat er es genommen, den reichen Klöstern und Stiften, denen hat er die goldenen Eier aus dem Neste herausgeholt, hat sie aber nicht dem Staat zur Fütterung verabreicht, sondern zum Religionsfonds zusammengelegt und hat dafür Pfarreien gegründet, deren Angestellte er mit dem Gelde bezahlt, das er aus den Klöstern herausgeholt hat. Ich gestehe ohne weiteres zu, daß es in Österreich zahlreiche Kooperatoren und Kapläne gibt, geistliche Herren des sogenannten niederen Klerus, die wirklich in elender Lebensstellung sind. Ich sage es unumwunden, daß ich, wenn ich Neid hätte, am allerwenigsten einen dieser Herren um das Los beneiden würde, das sie zu tragen haben. Sie sind doch eigentlich nur die Werkzeuge; aber nicht das allein, sie sind nicht nur die Kreuzereinnehmer, die Finanzleute, die Finanzwachter der Kirche, sondern sie sind auch noch die Werkzeuge nach der Richtung hin, daß sie Aufträge auszuführen haben, die nicht in ihrem Interesse, sondern im Interesse der Kirche, der Institution, liegen. So kommt ein schlecht bezahlter Priester dazu, daß er sich mit den Pfarrkindern herumstreiten muß, weil er ihnen gegenüber Dinge vertreten soll, die ein anständiger Mensch unter Umständen gar nicht vertreten kann. Aber es kommt die Frage, aus welchen Mitteln die Bezahlung der Priester zu erfolgen habe, und da gehen die Ansichten allerdings sehr weit auseinander. Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Kirche sich ihre Diener selbst bezahlen soll, und zwar anständig bezahlen soll. Und wir stellen diese Forderung auf, weil wir wissen, daß die Kirche dazu hinreichend die Mittel hat.« Und er schließt: »Vom Dornbusch kommen keine Trauben und von Lug und Trug kommt kein Heil. Überall wo die Kirche so dominiert, wie bei uns in Österreich, kann das immer nur zum Nachteil der Staatsbürger und des Staates führen. Darum werden wir immer eintreten für die Trennung der Kirche vom Staate, werden wir immer gegen die Gier nach fremder Habe auftreten, die wir zu beleuchten in der Lage waren aus Anlaß der Behandlung der Kongrua.« Einen Zwischenrufer tut er ab: »Studiert habe ich die heilige Schrift nicht, aber ich kenne sie besser als mancher hochwürdige Herr.« Zu einer tatsächlichen Berichtigung sagt er noch: »Ich wäre wohl in der Lage, den Herren Gegnern aus der Bibel nachzuweisen, daß sie keine Ursache haben, uns so zu bekämpfen; trotz aller Flüche ist uns das Himmelreich nach der Bibel sicher, denn das wird nicht demjenigen gegeben, dem es die Klerikalen zumessen, sondern dem, der sich im Kampfe um die Menschheit ehrlich und redlich verdient gemacht hat. Ist das der Fall, dann werden die Sozialdemokraten noch früher selig werden als die Klerikalen.« 1908 war er als Vertreter der österreichischen Partei Gast auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Nürnberg. In einer Massenversammlung auf dem Ludwigsfelde hielt er diese köstliche und tiefe Rede: »In Österreich werden für das stehende Heer genau so viele Millionen Kronen ausgegeben als das Jahr Tage hat. Und das geschieht in einem Lande, dessen Volksschulbudget nur sechs Millionen Kronen beträgt. Uns Sozialdemokraten steht nichts Gutes bevor. Hören sie nur einmal solch einen echt katholischen Bruder, der weiß genau, daß das Ende der Sozialdemokratie die Hölle ist. Ich habe mich schon damit abgefunden.« Zwischenrufe: »Wir auch.« Und nun hat Schuhmeier wahrhaft dichterische Visionen: »Wir in Österreich haben freilich ein gutes Mittel, das uns die Klerikalen selbst gegeben haben. Da verkauft an den Kirchentüren ein Mann so kleine Zettelchen, die man schon für zwei Kreuzer kaufen kann. Was steht darauf? ›Reisebillets ins Jenseits.‹ Weil ich nun weiß, welches Ende der Klerikalismus uns Sozialdemokraten prophezeit, habe ich mir zwei solche Billets gekauft. Wenn ich eines verliere, habe ich immer noch eins. Sagt der Teufel: ›Jetzt geht der Weg zur Hölle,‹ dann zeige ich ihm mein redlich erstandenes Billet. Und wenn mich der Teufel trotzdem holen sollte, dann werde ich sagen: ›Freunderl, wir machen eine Wette! Binde mir die Augen zu, steck mich in einen Sack, fliege mit mir in die Luft und setze mich irgendwo. nieder. Errate ich, wo ich bin, so mußt du mich freilassen.‹ Dann werde ich den Teufel fragen, wie viele Lasten das betreffende Land für die Schule aufbringt; sagt er: ›Sechs Millionen‹, so schreie ich: ›Sack aufmachen, freilassen, das ist Österreich!‹ Und ich habe die Wette gewonnen.« Neunzehntes Kapitel Eine politische Partei ist wie eine Tag und Nacht sausende Maschine. Wer in einer politischen Partei tätig ist, ist Bestandteil dieser Maschine, ist ein Rad in ihr, von dem eines ins andere greift. Herausspringen kann keines, weil ihn die andern festhalten. So eine Maschine hat kleine Räderchen und große Schwungräder. Der Schuhmeier war bereits ein ganz großes Schwungrad seiner Parteimaschine. Im März 1894 präsentierte das Ministerium des Fürsten Windischgrätz wieder eine Wahlreformvorlage. So mächtig brauste der Kampf der Sozialdemokratie durchs Land, daß ihm auch die borniertesten Reaktionäre irgendwie Rechnung tragen mußten. Die Vorlage Windischgrätz' wollte den bisherigen Abgeordneten noch 43 neue Volksvertreter zugesellen, die in einer eigenen Wählerklasse derjenigen, die in den alten Kurien kein Wahlrecht hatten, gewählt werden sollten. In dieser neuen Wählerklasse sollten alle 24jährigen österreichischen Staatsbürger männlichen Geschlechts wahlberechtigt sein, die am Tage der Wahlausschreibung mindestens sechs Monate am Wahlorte ansässig waren. Eine noch heftigere Bewegung setzte ein. Kleine rote Flugzettel wurden in mehreren hunderttausend Exemplaren verteilt. Auf ihnen hieß es: »Heraus mit dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht!« »Weg mit der Interessenvertretung.« Die Flugzettel wurden verboten. Tagelang hatte die Polizei nichts anderes zu tun, als in allen Winkeln auf diese Zettel Jagd zu machen. Sie wurden oft gründlich gefoppt. Am Vorabend der Parlamenteröffnung tagte im Sophiensaale eine Massenversammlung. Schuhmeier sprach und nannte diese Vorlage einen Schlag ins Gesicht der Arbeiterklasse. Als die Massen heimzogen, kam es auf der Ringstraße zu schweren Zusammenstößen mit der auf Befehl besonders schneidigen Polizei. Es gab viel Verwundete und verhaftet wurde nach Noten. Am nächsten Tage depeschierte Kaiser Franz Joseph aus Budapest: »... empfehle ich, daß mit unnachsichtlicher Strenge und mit mehr Erfolg den Straßendemonstrationen entgegengetreten werde. Der Anschein einer Pression und der Angst vor einer solchen muß absolut vermieden werden.« Polizei und Gerichte ließen sich unnachsichtliche Strenge nicht zweimal befehlen. Vor dem Bezirksgericht Rudolfsheim standen Dr. Victor Adler und Franz Schuhmeier. Letzterer, weil er in einer Versammlung gesagt hatte: »Dieses Vorgehen der Regierung ist allerdings offen und wahr, aber auch brutal.« Beide Angeklagte bekamen je einen Monat Arrest. Im Arrest war der Schuhmeier schon wie zu Hause, und wenn der Michel den politischen Sträfling besuchen kam, gab es immer ein Theater. Der Michel wollte sich jedesmal für den Schuhmeier einsperren lassen und versicherte, sich schon so verstellen zu können, daß man ihn für den Franz halte. Der Schuhmeier hänselte ihn: »Was täten derweil Weib und Kind?« »Die san net so wichtig für die Partei wie du«, meinte jedesmal treuherzig der Michel. Dann haben sie den Schuhmeier wieder einmal mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und eingeliefert. Wegen Fluchtverdachts- und Kollisionsgefahr. Das Weinen der Cilli und das Kreischen der schlaftrunkenen Kinder hat sie nicht gerührt. Nach sechs Tagen mußten sie ihn wieder freilassen. Bei der Verhandlung vor dem Erkenntnissenat, wo er also wegen Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung und wegen Übertretung gegen die Sicherheit der Ehre, begangen in der Sophiensaalversammlung, stand, wurde er im ersten Punkte freigesprochen, jedoch der Beleidigung staatlicher Institutionen schuldig erkannt und zu sechs Wochen einfachen Arrests, verschärft durch einen Fasttag, und zwanzig Gulden Geldstrafe verurteilt. Er hatte gesagt: »Wenn die Regierung nicht vorwärts gehen will, wird sie gleich einem störrigen Esel vorwärts getrieben werden.« Ab 1. Jänner 1895 erschien die Arbeiter-Zeitung als Tagblatt. Gleich zu Beginn des Jahres 1895 hat das Bezirksgericht Alsergrund den Schuhmeier wegen »Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge« als verantwortlicher Redakteur der »Volkstribüne« zu einem Monat Arrest verurteilt, weil in einem »Der Fortgang der Wahlrechtsbewegung« betitelten Artikel stand: »Der Tag des Aufwachens naht, und wenn wir nicht schleunigst das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht bekommen, kommt der Massenstreik.« Nicht einmal den »Schlag ins Gesicht der Arbeiterklasse« konnte Windischgrätz bei den Privilegienrittern durchsetzen. Er mußte gehen und es kam das Übergangsministerium des Grafen Kielmansegg, dem, wenige Tage darauf das Ministerium des polnischen Grafen Kasimir Badeni folgte. Graf Badeni, der frühere Statthalter von Galizien, war ein gehorsamer Diener der Schlachta, worunter man den niedereren polnischen Adel zu verstehen hatte, der damals Galizien beherrschte. Er kündigte eine »zielbewußte, wohlwollende, aber entschiedene Regierung der festen Hand« an. Badenis Königsgedanke war es, den Tschechen, deren nationale Opposition das parlamentarische Getriebe lahmlegte, Konzessionen in der Weise zu machen, daß er in rein tschechischen Gebieten neben der deutschen auch die tschechische Amtssprache einführen wollte. Der österreichische Arbeiterkalender für das Jahr 1895 enthielt einen Aufsatz: »Bilder aus der österreichischen Revolution« von Franz Schuhmeier. So rührig die Partei war, besonders in der aktuellen Frage der Wahlreform, und so sehr sie zusehends wuchs, es gab doch eine Menge Unzufriedener, die gerne mehr Wirbel gesehen hätten. Auf dem Wiener Parteitag warf die Opposition der Parteivertretung zu große Lauheit im Wahlrechtskampfe vor. Sie hätte längst mit dem Generalstreik einsetzen und »belgisch reden« sollen und überhaupt seien die Führer alle »Bremser«. Victor Adler verstand es, diese »Kiebitze, denen kein Einsatz der anderen zu hoch« sei, abzutun. Einige Oppositionelle rächten sich für ihre Niederlage, indem sie die Führer, die an der vordersten Front standen, verdächtigten. Von Franz Schuhmeier wurde nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß er im Dienste der Polizei stehe und von ihr bezahlt werde. Und es gab Leute – nicht nur Gegner –, die das ungeschaut glaubten. Manchem älteren Genossen lag noch die Zeit des Ausnahmezustandes und des Sozialistengesetzes in den Gliedern, wo es in der Partei von Polizeisöldlingen wimmelte, die sich nicht radikal genug gebärden konnten. Da fuhr aber der Schuhmeier auf. Und verlangte Beweise. Öffentlich verlangte er sie. Die Beweise wurden natürlich nicht geliefert. Es war überhaupt schwer, die Verleumder ausfindig zu machen, um sie packen zu können. Jeder wollte es wieder nur von einem andern gehört haben. Der Michel ging zum Schuhmeier: »Soll i a paar erwürgen?« Der Schuhmeier machte ein sehr ernstes Gesicht und drehte nervös an seinem Schnurrbart: »Viel Arbeit, sehr viel Arbeit haben wir noch, Freunderl, bis wir's mit diesen Menschen ernstlich angehn können.« In Wien gingen große Veränderungen vor sich. Zuerst haben die Liberalen allein diese Stadt beherrscht. Nur ein kleiner Kreis, die Hochbesteuerten, besaßen das Gemeindewahlrecht. Ihre Politik machten würdegespreizte Herren, die in den Salons eines kulturgesättigten Bürgertums ihre abgeklärten und abgetönten Kandidatenreden hielten. Die blieben immer unter sich und teilten die Mandate unter sich und die Ämter und Pfründen unter ihre Vetternschaft auf. Und behandschuht und die Nase zuhaltend hüteten sie sich vor jeder Berührung mit dem schlecht riechenden Volke. Da betrat eine neue Gruppe die politische Bühne. Die kleinen Handwerker und die Greißler und die Pfaidler, der »kleine Mann« also, für den schon immer etwas geschehen mußte, aber nie etwas geschah. Der, bisher rechtlos gewesen, bekam 1885 das Wahlrecht. Fünf Gulden direkte Steuer mußte man nicht unbedingt bezahlt, bloß vorgeschrieben bekommen haben, um »Sehr geehrter Herr Wähler« zu sein, Fünfguldenmänner wurden sie geringschätzig von denen geheißen, die bisher allein befugt waren, zu wählen, und diese »Fünfguldenmänner« waren nun die stärkste Wählergruppe. Die wußten mit ihrem neuen Recht nichts anzufangen. Die würdegespreizten Herren von der liberalen Partei waren um nichts in der Welt zu ihnen hinuntergestiegen und sie hätten sich auch gar nicht verständlich machen können. Aber der Dr. Karl Lueger stieg zu ihnen hinunter und nahm sie im Sturm. Seit 1892 gewann er von Wahl zu Wahl mehr Mandate und mehr Macht, und 1894 hielten sich Liberale und Luegers Antiliberale im Gemeinderate schon die Waage. Und in den Gemeinderatssitzungen ging es immer stürmischer zu. Im Mai 1895 wählten sie den Dr. Lueger zum Vizebürgermeister. Sie glaubten, daß er dann Ruhe geben würde. Bald darauf war der Bürgermeisterstuhl vakant. Von den Liberalen wollte keiner Bürgermeister werden, weil sie nur noch eine sehr knappe Mehrheit hatten und weil die wüste Minderheit der antiliberalen vereinigten Christen Luegers einem liberalen Bürgermeister mit Hofratsallüren das Leben zu sauer gemacht hätte. Sie wählten den Dr. Karl Lueger zum Bürgermeister. Er soll zeigen, was er kann, meinten sie. Lueger aber lehnte ab. Er wollte erst eine Mehrheit haben. Da die Bürgermeisterwahl ohne Ergebnis blieb, wurde der Gemeinderat aufgelöst, wurden Neuwahlen ausgeschrieben. Mit der Leitung der Gemeindegeschäfte wurde der Statthaltereirat Dr. Hans von Friebeis betraut. Lueger stürzte sich mit Elan in den Kampf um Wien. Seine Versammlungen sind nicht öffentlich. Nur gegen Einladung darf man hinein. Nicht aus Furcht vor den Liberalen, die ohnehin nicht hingegangen wären, sondern aus Furcht vor den Sozialdemokraten. Die hatten wohl kein Wahlrecht, aber gefürchtet waren sie schon sehr. Hingegen ließ Lueger die Versammlungen der Liberalen von Viehtreibern aus St. Marx, seinen Allergetreuesten, die mit Ochsenziemern ausgerüstet waren, sprengen und die Versammlungsbesucher arg verprügeln. Liberale Versammlungen waren bald unmöglich, weil sich niemand mehr hintraute. Die Sozialdemokraten beteiligten sich nicht an dieser Wahl. Es wäre ja aussichtslos gewesen. Aber sie gingen daran, ihren Organisationsapparat auszubauen. Es wurden Bezirksorganisationen gegründet, auf dem Lande auch Lokalorganisationen, Fabriks- und Branchenvertrauensmänner wurden bestellt und die »Volkstribüne« für die Mitglieder der politischen Organisationen obligatorisch erklärt. In allen größeren Bezirken und Orten wurde die administrative Arbeit in Privatlokale verlegt. In Ottakring befand sich das erste Privatlokal des sozialdemokratischen Wahlvereins, dessen Obmann Albert Sever war in der Lindauergasse 25. Die Partei bekämpfte sowohl die Liberalen wie die Anti. Am forschesten kämpfte da der Schuhmeier. Von den Liberalen nimmt er sich das »Schöpserne Tagblatt« besonders aufs Korn, von Schuhmeier so benannt, weil der Herausgeber Moritz Szeps hieß. Im September 1895 bei den Gemeinderatswahlen errang Lueger einen gewaltigen Sieg. Von 138 Mandaten fielen 93 ihm zu. Nun hatte er die Mehrheit, nun hatte er Wien. Und Wien, die berauschende und selbst so leicht berauschte Stadt, lag dem Dr. Karl Lueger zu Füßen. Zwei Drittel der Männer von Wien hatten nichts dreinzureden bei der Wahl des Geliebten der Stadt. Das waren die Arbeitsbienen in den Fabriken und Werkstätten, hinter Verkaufspulten und vor Schreibtischen. Das restliche Drittel zerfiel abermals in zwei ungleiche Teile. Zwei Drittel von diesem einen waren die Weaner und das letzte die Wiener. Die Weaner, leicht und seicht und ohne Glauben an sich selbst, nur voll des Glaubens an den einen, der's schon machen wird, versumperten und versumpften Wien, und die Wiener, die bürgerliche Intelligenz von damals, rümpften erst die Nasen, weil das nicht fein war, was da geschah, zuckten die Achseln und blieben schließlich selber dumpf und stumpf im Sumpf stecken. Manchmal leistet sich die Natur den Witz, einen Menschen hervorzubringen, in den von allen Tugenden und Lastern einer Gattung ein bisserl hineingetan wurde. Wenn man sämtliche Weaner in einer Mühle zermahlen, daraus einen Teig gemacht, aus diesem Teig einen Menschen geknetet und ihm Seele eingeblasen hätte, es wäre auch nichts anderes daraus geworden als der Dr. Karl Lueger. Dieser Dr. Karl Lueger verstand es meisterhaft, die buntschillernden Gaben, die ihm die Natur in die Wiege gelegt, zu nützen. Er legte den Weaner hin, wenn er es brauchte, wie man ihn beim Heurigen beim vierten Viertel gesehen hat. Aufreiben, aber deswegen nicht gleich hinhauen, schimpfen und poltern und dabei spitzbübisch zwinkern, daß man gar nicht so wild ist, nur so tut, damit sich die andern fürchten: ein wenig dadäderln, trotzdem man Doktor ist, weil sie vor einem, der die Weisheit mit Löffeln gefressen haben will, schon gespeist haben; ihnen ihr Ach und Weh aus einem Punkt erklären, daß sie ohne viel Gehirnschmalzkonsum kapieren; unheimlich klug und mit allen Salben geschmiert sein, es aber nicht merken, lassen und sie trösten, daß viel Wissen Kopfweh macht; predigen, daß der Mensch eine Religion haben muß, weil er sonst ein Viech ist, und selber bei solchen Kapuzinaden ein Auge zukneifen, daß sich jeder dabei denken kann, was er will: das war der Dr. Karl Lueger. Der Mann konnte einmal stachelig wie ein Igel, aber auch wieder faszinierend liebenswürdig sein, es war überhaupt ein wienerischer Charme in ihm, der Schwächlinge hinriß und auch Starke entwaffnete. Von imponierender Figur, mit wiegendem Gang, das verteufelt gescheite Gesicht von einem Vollbarte umrahmt, war er das, was sie einen »feschen Menschen« nannten. Die Stimme war Musik, ein Potpourri aus Beethoven über den Schubert-Franzl, den Lanner-Pepi, den Strauß-Schani bis zum Schrammel-Hans. Und er war ein großer Hypnotiseur, in dessen Nähe man Medium wurde. Der »schöne Karl« machte die Weiber verrückt, aber drangekriegt hat ihn keine, weil er sich von keiner die Flügel stutzen lassen wollte. Die Frauen haben redlich mitgeholfen, aus ihm den Lueger zu machen, aber er hat keine gute Meinung von ihnen gehabt. So oft von ihm verlangt wurde, sich für die politische Gleichberechtigung der Frau einzusetzen, meinte er schalkhaft: »Weiber? Politisches Recht? Gleiches Recht? Weiber sind etwas ganz Schönes, am schönsten bei Nacht Weiber gehören zum Kochtopf, zum Strickstrumpf, ins Wochenbett, lange Haare, kurzer Verstand usf.« Vor allen Wahlen sind die vom »Christlichen Frauenbund« nach Maria-Enzersdorf gewallt, um für seinen Sieg und seine Gesundheit zu beten. Es hat Zeiten gegeben, wo sie ihm, wenn sie ihn erwischten, Rockschösse, Ärmel und Hände küßten. Und bei einer solchen Wallfahrt hat ein Geistlicher von der Kanzel herab den Lueger den Schüler des Heilands genannt. Weil er so vielfältig und zwiespältig war, daß jeder an ihm ein Stück von sich erkannte, gaben sie sich ihm hin, die Weaner, ganz und ohne Vorbehalt. Kaum einer vor ihm hat diese Stadt so ganz besessen wie der Dr. Karl Lueger, und es war verständlich, daß man in der Hofburg zu Wien, wo man ein angestammtes Recht auf die ungeteilte Liebe des Volkes zu haben glaubte, eifersüchtig wurde. In keiner Wohnung eines richtigen Weaners fehlte das Luegerbild, wo er erschien, standen sie verzückt Spalier und brüllten ihr »Hoch Lueger«, bis sie nicht mehr »Mau« sagen konnten, und jedes Werkel hustete den Luegermarsch. Sie hatten halt wieder einen Götzen, die Weaner, einen aus ihrem Fleisch und aus ihrem Blut noch dazu. Immer aber blieb zwischen dem Dr. Lueger und seinen Anbetern so eine Art luftleerer Raum, so daß niemand ganz an ihn herankam, auch die von seinem engsten Stabe nicht. Vielleicht ist gerade daraus das Geheimnis seines grandiosen Triumphes zu erklären: daß nämlich immer noch etwas zwischen ihm und den Massen blieb, daß er sie ganz nahm, sich aber nie ganz gab; und auch daraus, daß er sie unverhüllt von oben her ab behandelte, was die perverse Masse reizte; er stand nie mitten unter ihnen, zeitlebens über ihnen. Dieser gemütliche Weaner war aber dennoch auch ein gewaltiger Hasser. Wer sich ihm in den Weg stellen, ihn ausziehen und nackt dem Volke zeigen wollte, gar erst, wer ihm als Nebenbuhler um die Volksgunst gar er verdächtig wurde, den konnte er mit blutunterlaufenen Augen anfallen und den vernichtete er, wenn er konnte. Das Weanerischeste an dem Dr. Karl Lueger war sein Geltungsdrang. Der steckt in ihnen allen. Irgendwer muß bewundernd zu ihm aufschauen, zum Weaner, einmal wenigstens müssen sich zwei anstoßen und auf ihn zeigen, wenn er vorbeigeht, und respektvoll zueinander sagen: »Siehst, das ist der...« Und wenn er keinen Titel und kein Prädikat hat, muß der Wirt und der Ober und der Pikkolo und der Friseur einen solchen taxfrei verleihen, wobei man der Frau Gemahlin zeigen kann, wer man ist, damit sie endlich einmal Respekt kriegt. Die Geltungsdränge sämtlicher Weaner waren in Lueger aufgestapelt. Sein Ehrgeiz war brennend. Er wollte nicht wer sein, um einer, seiner, nur dieser einen Idee zu dienen. Er hätte vielleicht auch einer andern Idee gedient, die bereit gewesen wäre, ihn groß zu machen. Er hat da und dort auch mit der Sozialdemokratie kokettiert, die aber weder Macht verleihen noch Würden zu vergeben hatte. Als Verteidiger im Hochverratsprozeß 1883 sagte er: »Nun, meine Herren Geschworenen, ist es geradezu merkwürdig, in welcher Weise man Verdachtsmomente gegen die Sozialdemokraten findet oder konstruiert.« Er hat das später selber so gemacht. Also schuf er sich selber die Idee und ihr Werkzeug, die Christlichsoziale Partei, schuf sie mit seinem zungenschnalzerischen Weanerisch. Die »Fünfguldenmänner«, das waren seine Weaner, denen konnte man alles einreden, weil sie gar nichts wußten. Und dazu waren es politische Jungfrauen und hatten Mandate und damit Macht zu vergeben. Der politische Aufstieg des kleinen Mannes fiel mit seinem wirtschaftlichen Niedergang zusammen. Er konnte mit der davoneilenden Zeit nicht mit, denn er war ein wenig asthmatisch und anstatt des Sonntagshuhnes brodelte nur mehr eine Taube und dann gar nur mehr ein Spatz im Topfe. Fabriken und Warenhäuser erstanden. Wenn einer eine Wohnungseinrichtung brauchte, stieg er nicht mehr in die Kellerwerkstätte des Tischlermeisters, wo er nach einem halben Jahre die Möbel bekam, die nach vier Wochen geliefert werden sollten, und die meistens ganz anders ausfielen, als man sie gewünscht und es sich vorgestellt hatte. Man ging jetzt zum Möbelhändler, wo man große Auswahl hatte und nicht die Katz im Sack kaufen mußte. In den Kellerwerkstätten wurde ein Geselle nach dem andern abgebaut und im Topf gab es nicht einmal mehr den Spatzen. Der Steuerexekutor war Stammgast und der Holzhändler schickte einem auch den Advokaten auf den Hals. Bis zum Samstag Mittag trotzte der Meister mit der neuen Zeit. Nachmittag lud er, was auf Lager war, auf das Handwagerl, spannte sich und den Lehrbuben davor und fuhr zum Möbelhändler. Wenn er wenigstens am Montag gekommen wäre! Am Samstag wußte der Möbelhändler, daß der Meister seinen Kram nicht mehr nach Hause führen würde, weil sie zu Hause auf Geld warten, und so kriegte er die Ware um jeden Preis. Und das Gewerbe kam auf den Hund. Da packte sie der Dr. Lueger. Hätte er ihnen auseinandergesetzt, daß sie mit der Zeit gehen und von Großvaterart lassen müssen, um gegen das unaufhaltsame Vordringen kapitalistischer Produktions- und Handelsmethoden bestehen zu können – sie hätten es nicht verstanden und den »faden Zipf« ausgepfiffen, Aber das wollte der Dr. Karl Lueger gar nicht. Er wollte ihnen gar nicht helfen, weil er wußte; daß da nicht zu helfen war. Er hat ihnen den Befähigungsnachweis als Beruhigungspille gebracht, aber er hat ihren Niedergang nicht einen Tag aufgehalten, hat nur verhindert, daß sich einer, wenn sein Gewerbe auf den Hund kam, sich auf ein anderes werfen konnte. Er trommelte in sie hinein, daß »dar Jud« an allem Übel schuld sei. Und sie glaubten es, daß man nur die Juden aus Wien hinausschmeißen oder gleich erschlagen müsse, worauf sofort wieder die Möbelkäufer in die Kellerwerkstätten klettern würden. Alles, was ihm im Wege stand, war jüdisch. Ungefügige Zeitungen waren »Judenblätter«, die Liberalen »Judenliberale«, die Sozialdemokraten »Judensozi«, beide waren »Judenschutztruppen«, wer nicht miteinstimmte in das antisemitische Geheul, ein »Judenknecht«, und sogar die Ungarn beehrte er aus nicht ganz klaren Ursachen mit dem Prädikat »Judäomagyaren«. Es war nur ein Feind da, der allein an allem schuld war, der Jud. Wie ein Zeisig pfiff ihnen der Dr. Lueger die Liedeln vor, die sie gern hörten, und war doch gar kein Zeisig, sondern ein Gimpelfänger, der seine Leimspindeln auslegte, auf denen sie alle picken blieben. Durch sie kam er hoch. Er saß bereits im Reichsrat und im Landtag, im Gemeinderat schon lange, und die Neuwahlen in den Gemeinderat brachten ihm einen überwältigenden Sieg. Der Bürgermeisterstuhl war frei und wartete auf ihn. Und sie wählten ihn zum Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Aber die Hofburg war eifersüchtig und verweigerte die Bestätigung. Zwei Götzen durfte es nicht geben. Jedoch, wozu hatte man im Gemeinderat eine kompakte, auf den Wink gehorchende Mehrheit? Sie wählten den Dr. Lueger noch einmal zum Bürgermeister. Das war schon Auflehnung gegen den kaiserlichen Willen. Das war unerhört. Der widerspenstige Gemeinderat wurde aufgelöst. Neuwahlen wurden ausgeschrieben, die den Übermut Luegers brechen sollten. Lueger lächelte nur. Er wußte es, im Zweikampf des Kaisers von Österreich mit dem Margaretner Advokaten Dr. Karl L.ueger wird nicht der mächtigste Herrscher Europas Sieger bleiben. Am Abend machten Luegers Getreue vor der Hofburg Katzenmusik. Lueger behielt recht. Am 27. Februar 1896 wählte der III. Wahlkörper seine Vertreter. Das war der Wahlkörper des »kleinen Mannes«. Alle 46 Mandate fielen Lueger zu. Der zweite Wahlkörper entschied sich mit drei Ausnahmen gleichfalls für ihn. In ihm wählten die Beamten, die Lehrer und die sonstige Intelligenz. Sie wollten den Anschluß an die stärkeren Bataillone nicht verpassen. Auch der I. Wahlkörper der oberen Zehntausend neigte sich ihm zu. Die Sozialdemokraten hatten für den III. Wahlkörper Zählkandidaten aufgestellt. Der Schuhmeier erhielt in Ottakring im ganzen 175 gegen 2247 Stimmen der Christlichsozialen. Der liberale Gegner war dezimiert. – Lueger ließ den gänzlich unbekannten Gemeinderat Josef Strobach als Strohmann zum Bürgermeister wählen und beschied sich damit, als Vizebürgermeister, der keiner kaiserlichen Bestätigung bedurfte, das Rathaus und damit Wien zu beherrschen. Er lächelte wieder. Er wußte es: seine Zeit kommt. Bisher konnte er nur Gewalt gewinnen über seine »Fünfguldenmänner«. Aber auch die Proleten wollte der Dr. Lueger auch vor seinen Siegeswagen spannen, um sagen zu können: »Nun ist diese ganze, große Stadt mein«. Mußte ihm das nicht ebenso leicht gelingen, auf der Höhe seiner Macht, wie es ihm beim »kleinen Mann« gelang? Gab es noch einen, der es wie er verstand, die Menschen mitzureißen, anzufeuern, so daß alles durch dick und dünn mitging? Ja es gab ihn, und dieser gefährliche Gegenspieler des Dr. Karl Lueger hieß Franz Schuhmeier. Sich mit dem übermütigen Lueger herumzuraufen, reizte den Schuhmeier. Es war schwer. In Luegers Versammlungen konnte man nicht, weil er sie nur hinter geschlossenen Türen abhielt; es war schwer, den Mann zu stellen, der sich auf der einen Seite um die Arbeiter bemühte, auf der anderen sich als festesten Damm gegen die »Begehrlichkeit« dieser Arbeiter empfahl; der dem hohen Klerus versprach, ihm wieder die Kirchen zu füllen und dafür die Kanzeln als unbezahlbare Agitationstribüne und die Kapläne als Wahlschlepper gewann; der sich, wo es Vorteile brachte, national, ja nationalistisch gebärdete, gleich darauf aber wieder ausrief: »Laßt mir meine Böhm in Ruh, das sind kernbrave Leut, gute Handwerker und treue Patrioten«; den »Volksmann«, der es auf dem Gipfel seines Ruhmes so arg trieb, daß das christlichsoziale Blatt »Politische Fragmente« schreiben mußte: »Die Feste folgen sich wie der Tag der Nacht. Jeden Sonntag ein Luegerfest mit mindestens 5 Musikchören, Athletenproduktionen, Feuerwerken usw. Letzten Sonntag in Baumgarten, gestern beim Weigl, nächsten Sonntag am Kahlenberg, – wo dann noch? Die besten Freunde des großen Volkstribunen schütteln den Kopfund fragen sich: Wohin soll das führen? Geht es wirklich aller Welt so gut, geht es insbesondere den Wiener Gewerbetreibenden so gut, daß sie am Sonntag verjubeln können, was sie in der Woche vorher verdient oder vielleicht auch nicht verdient haben? Wird hier nicht auf den Leichtsinn des Wieners für Unterhaltungen und Lustbarkeiten spekuliert? Man sage nicht, wer nicht gehen will, kann zu Hause bleiben. Es gibt auch einen moralischen Zwang, und wenn der Gevatter Schuster geht, weil er einige Ersparnisse besitzt, so will der Gevatter Schneider nicht zurückbleiben, trotzdem er kein Geld hat und ins Versatzamt gehen mußte. Herr Dr. Lueger kennt hier die Wiener so gut, wie wir sie kennen. Wozu aber dient die ›Gelegenheitsmacherei?‹ Will man wirklich die so schöne christliche Bewegung in Lustbarkeiten und ewigen Saufgelagen ersticken? Wir möchten dringend raten, den Personenkult etwas zu zähmen und an ernste, nützliche Arbeit zu schreiten.« Es war schwer, den Mann zu stellen, der, wenn er als Bürgermeister bei einer Festlichkeit erschien, duldete oder vielleicht nicht nur duldete, daß ihm ein Präsidialbeamter im grünen Frack mit gelben Knöpfen voranschritt, in Nachäffung des spanischen Hofzeremoniells mit dem Zeremonienstab aufklopfte und in den Saal rief: »Seine Exzellenz, der Herr Volksbürgermeister.« Dem war es um nichts zu tun, als um persönlichen Erfolg, persönlichen Ruhm, persönliche Macht, ihm, der nicht anders redete, als: » Ich werde das tun, ich werde jenes unterlassen, ich werde euch eine Subvention geben« usw., und der einmal vor aller Welt ganz ungeniert sagte: »Was nach meinem Tode geschieht, das kümmert mich nicht«. Den wollte, den mußte der Schuhmeier stellen. Mit dem nahm er den Kampf auf. Und da ging es hart auf hart. Zwanzigstes Kapitel Der Schuhmeier fährt nach Wagstadt in Schlesien zu einer Volksversammlung. Diesmal nimmt er die Frau Cilli mit, die Kinder bleiben bei der Großmami. Ganz Wagstadt ist auf den Beinen, um den Franzl zu hören, den sie noch als ruhigen, schlichten Burschen gekannt und der seither ein so großer Mann geworden. Die Frau Cilli meint auf der Heimreise: »Alles schön und gut und es freut mich und ich bin stolz, aber a bisserl mehr Ehemann und Vater könntest doch auch sein.« »Bist arm, ich seh's ein,« begütigte sie der Schuhmeier, »aber die Maschin hat mich und läßt mich nimmer aus.« Nach Wien zurückgekehrt, ging er wieder einige Strafen absitzen. Schon im Jänner 1896 stand er abermals vor dem Kadi. Wegen einiger Streiflichter in der »Volkstribüne« war er angeklagt wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, Verletzung der Ehrfurcht gegen den Kaiser und wegen Aufreizung zu Haß und Verachtung wider einzelne Organe der Regierung. Nicht zu wenig auf einmal. Verteidigt von Dr. Ornstein, wurde der Schuhmeier in geheimer Verhandlung freigesprochen. Dann gleich wieder, weil er der Gewerbegenossenschaft Hamburg vorgeworfen hat, daß es mit ihrer Kassengebarung stinkt. Trotzdem die Geschworenen aussprachen, daß der Schuhmeier im guten Glauben richtig informiert zu sein, gehandelt habe, wurde er zu 14 Tagen mit zwei bitteren Fasttagen verdonnert. Er eröffnete nun in der »Volkstribüne einen rücksichtslosen Kampf gegen den Pressestaatsanwalt Hawlath, den er einen Gedankenscharfrichter hieß. Auf dem Parteitag zu Prag wurde Schuhmeier in die Parteivertretung gewählt, wobei er von allen Gewählten die meisten Stimmen – 78 – erhielt, – Victor Adler sogar bekam nur 76 Stimmen – und zum Reichsparteisekretär bestellt. Damit war er einer der einflußreichsten Männer in der Partei geworden. Wenn er jetzt als Redner auftrat, schrieb das christlichsoziale »Deutsche Volksblatt« regelmäßig: »Als Referent sprach der wohlbezahlte Parteisekretär Schuhmeier, der, wie gewöhnlich, die Backen voll nahm.« Gleichzeitig behauptete dieses Blatt, wie die Redner seiner Partei in den Versammlungen, daß er 300 Gulden monatlich aus blutigen Arbeiterkreuzern herauspresse. Als er nachwies, daß er bloß 14 Gulden wöchentlich beziehe, verstummten diese Lügen allmählich. Anläßlich seiner Bestellung zum Parteisekretär schied der Schuhmeier aus der von ihm gegründeten »Volkstribüne«. Sehr ungern. Er blieb ihr dennoch verbunden und lieferte für jede Nummer auch jetzt noch einen Artikel. Um diese Zeit trat er entschieden für die Landagitation ein. In der »Volkstribüne« hatte er eine ständige Rubrik »Sozialistische Bauernstube« errichtet. Er hatte als einer der ersten erkannt, daß nach der Bevölkerungsstruktur in Österreich gegen die Landarbeiter und kleinen Bauern ebenso wie gegen die Kleingewerbetreibenden an eine Übernahme der Macht nie zu denken sei. Die Simmeringer Hauptstraße, die zur Endstation unserer Lebensreise, zum Zentralfriedhof, führt, ist wohl der trostloseste Verkehrsweg Wiens. Von niederen alten Hütten flankiert, gleicht sie einer Dorfstraße ohne Farbe, ohne Leben. Vieleicht stimmt sie uns deshalb so melancholisch, weil man immer denken muß: »Hier wirst du auch einmal mit den Füßen voraus zur Grube gefahren werden.« Im Quatsch des Märzenschnees, bei grauem Himmel und grauer Stimmung ist diese Straße der Toten noch düsterer als sonst. Heute, am Sonntag, den 15. März 1896, aber hat sie Leben und Farbe. Ein unendlich langer Heerwurm zieht zum Friedhof hinaus und aus ihm leuchten Kränze aus bunten Blumen und mit blutroten Schleifen. Schweigend marschieren sie, ein Meer von Köpfen, aber in allen der gleiche Gedanke. Die Männer und Frauen haben rote Nelken aus Papier angesteckt. Wie alljährlich um den 13. März herum wallt jener Teil der Wiener Arbeiterschaft zum Grabe der Märzgefallenen, der schon zu eigenem Leben erweckt wurde, der sich nicht mehr stupid vor dem Stirnrunzeln seiner sogenannten Brotgeber und den öffentlichen Gewalten in seine Löcher verkriecht, sondern zeigt, daß er da und gewillt ist, seine Rechte an das Leben zu reklamieren. Seit die Gebeine der Achtundvierzigeropfer, die ursprünglich auf dem Schmelzer Friedhof beerdigt waren, auf dem Zentralfriedhof unter einem feierlichen Obelisken ruhen, zogen an einem Märzsonntag von Jahr zu Jahr immer größere Massen hinaus, um sich trotzig zu diesen Märtyrern der Freiheit zu bekennen. Um die Unvergeßlichen, die für das Volk gestorben sind, zu ehren, sind die Volksmassen nicht etwa mit der Straßenbahn hinausgefahren. Von überall her, von Margareten ebenso wie von Döbling und Ottakring und Floridsdorf sind sie den endlosen Weg zu Fuß gewandert und haben sich bei der Marxerlinie zu einem einzigen Zuge vereinigt. Die stärkste Gruppe im Zuge stellten, wie immer, die Ottakringer. Vom Sitz des Wahlvereines in der Lindauergasse sind sie ausgezogen, an der Spitze ihr Führer Franz Schuhmeier. Wie er seiner Schar voranschritt, den hageren Leib in den Havelock gehüllt, den braunhaarigen Revoluzzerhut auf dem Haupte, den Blick einladend auf Gleichgestimmte und herausfordernd auf frostig Zugeknöpfte werfend, – jeder wußte gleich: das ist ein Mann aus einem Guß und der weiß, was er will, und dem muß man glauben, was er sagt, mag man sich noch so dagegen wehren. Die Ottakringer marschierten. Sonst ging es über Thalia-, Lerchenfelderstraße durch die Lastenstraße und über den Rennweg nach Simmering. Heute wurde bekannt, daß die Lerchenfelderstraße bespickt sei mit Polizei zu Fuß und zu Pferd. Pickelhaube an Pickelhaube glänzte. Sie mußten aufpassen, ob nicht rote Fahnen mitgetragen wurden, die als staatsgefährlich galten, ob die vorgeschriebenen Viererreihen eingehalten wurden, und sollten überhaupt einschreiten, damit das Volk nicht vergesse, daß es einen strengen Vormund habe. Bei dieser Nachricht blitzten die Augen Schuhmeiers keck auf. Zum Freund und Kampfgefährten Albert Sever sagte er: »Weißt was, Albertl, lassen mir s' warten. Wenn's ihnen zu fad wird, nachher gehn s' z'haus und die armen Teufeln sollen auch ihr bisserl Sonntagsruh haben.« »Gilt schon«, schmunzelte verständnisinnig Freund Sever, schwang seinen Spazierstock, der an Demonstrationstagen zum Feldherrnstabe wurde, und führte den Zug an den verdutzten Gesetzesaugen vorbei durch den 7. Bezirk. Und die Demonstranten sangen: »Der Staat ist in Gefahr, der Staat ist in Gefahr, der Staat, der niemals sicher war...« Die Menschenschlange näherte sich ihrem Ziele. »Wer wird denn reden?« wurden die Eingeweihten gefragt. »Der Franzl.« Es muß einer schon sehr populär sein, wenn man nicht der »Schuhmeier«, nicht »der Franz«, sondern »der Franzl« sagt und jeder Mensch weiß, wer gemeint ist. »O je,« bedauerten die Frager, »schad, daß man nur ein Stückerl hören kann.« Vor dem Obelisk loderten Brandfackeln, Ordner mit Armbinden umsäumten ihn. Rückwärts standen die Sänger. Langsam flutete der Zug vorbei, die roten Nelken aus den Knopflöchern und Mantelausschnitten wurden zu Füßen des Monumentes geworfen. Auf dem Sockel stand entblößten Hauptes Franz Schuhmeier. Er sprach. Hätte er sich nicht geregt, man hätte das erzerne Standbild eines Tribunen im alten Rom zu sehen geglaubt. Zorn flammte aus seinen Augen und besessen von der Idee, der er Worte verlieh, sprach er: »Diejenigen, die mit dem Blute der unter diesem Obelisk Begrabenen ihre Macht kitteten, haben diese Taten schon längst vergessen. Das Bürgertum, das sich auf dem Rücken des arbeitenden Volkes und der an dieser Stätte Ruhenden zur Macht emporschwang, hat keine Gefühle mehr für die ersten Opfer der Freiheit in Österreich, die auf dem Straßenpflaster am 13. März 1848 ihr Leben aushauchten. Das Bürgertum hat mit Hilfe der Arbeiter erreicht, was es erreichen wollte, es ist zu Ansehen gelangt und wirkt heute gegen das arbeitende Volk, das um die wahre Freiheit für alle kämpft. Die unter diesem Marmorblock sind lange noch nicht alle Opfer, die das Jahr 48 kostete. Viele Opfer fielen noch durch die Waffen, die das befreite Bürgertum gegen die Freiheitskämpfer erhob. Nach einer Volksvertretung sehnte sich das Volk schon 1848 und für diese und andere Forderungen kämpften die Arbeiter auf den Barrikaden. Aber was errungen wurde, hat das Bürgertum für sich allein in Anspruch genommen. Und es mußten neue Kämpfer erstehen, um dieses Recht auch dem übrigen Volke zu erstreiten. Ein Teil von ihnen ist heute hier versammelt. Sozialdemokraten! So wie uns der März das Herannahen des Frühlings anzeigt, so kündigen uns jene tausend und abertausend Proletarier, die alljährlich im März an diesem Denkmal ihre Kränze niederlegen, das Herannahen des Völkerfrühlings an. Das Proletarierherz beginnt lauter zu schlagen im Gedanken an die endliche Befreiung. Diese ungezählten Scharen mögen den Herrschenden zeigen, daß der Gedanke an die Freiheit und das ernste Streben, sie zu erringen, im Volke nicht erstickt ist. Umleget nicht den Ozean Mit einem Bretterzaun! Die Schranke, die vor Sturm euch feit, Ist ein zerbrechlich' Joch. Ihr wähnt, sie trotzt der Ewigkeit, Und sie bewegt sich doch! Diese Worte rufe ich vom Grabe der Märzgefallenen den heute Herrschenden zu. Denen aber, die wir besuchten, deren Gedanke an die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in uns fortlebt, bringe ich ein dreimaliges Hoch! Das Werk, das sie begonnen, wollen wir vollenden!« Über 30.000 Menschen haben an diesem Märzgang teilgenommen. Für damalige Begriffe eine imponierende Zahl. Graf Badeni hatte der rechtlosen Arbeiterschaft, wie Victor Adler sagte: »einen Knochen zugeworfen«. Er setzte eine V. Kurie durch, dasselbe was das Ministerium Windischgrätz wollte und worüber es gestolpert ist. Zu den 353 privilegierten Abgeordneten, die blieben, kamen 72 neue hinzu, die in der sogenannten allgemeinen Kurie zu wählen waren. In ihr waren wahlberechtigt alle männlichen Staatsbürger, die das 24. Lebensjahr erreicht hatten und mindest sechs Monate ununterbrochen am Wahlorte wohnten. Wer aus öffentlichen Mitteln eine Armenversorgung erhielt, also wessen Kind in der Schule Armenlehrmitteln, auch nur ein einziges Mal, bekommen hatte, blieb vom Wahlrecht ausgeschlossen. In der V. Kurie waren aber nicht etwa nur die wahlberechtigt, die es in den anderen privilegierten Kurien nicht waren, also die bisher Rechtlosen – nein, – auch die, die in den Städte- und Landgemeindekurien, in den Kurien der Handelskammern und des Großgrundbesitzes wählten, wählten in der V. Kurie noch einmal mit. Es gab also ein doppeltes und dreifaches Wahlrecht. Besser konnten sich die Privilegierten gar nicht mehr vor der »roten Flut« schützen. In der Praxis sah das aus: In der V. Kurie hatten 872 Wählerstimmen so viel Gewicht wie 168 Stimmen in der Landgemeinden-, 46 in der Städtekurie und eine Stimme in der Kurie der Großgrundbesitzer. Der Schuhmeier sagte zu diesem Machwerk nichts als: »Pfui Teufel«. Dennoch ging die Partei daran, diesen Bettel von einem Recht auszunutzen. Sie bereitete ihren ersten Wahlkampf vor. Zum erstenmal sollte die Arbeiterschaft in Österreich zur Urne schreiten. Für den V. Wiener Wahlkreis, bestehend aus den Bezirken Ottakring, Hernals, Währing und Döbling, den man in der Partei für einen der aussichtsreichen in ganz Österreich, ja für einen absolut sicheren hielt, wurde Franz Schuhmeier als Kandidat aufgestellt. Sechs Maifeiern waren musterhaft verlaufen, die Beteiligung war von Jahr zu Jahr gestiegen. Der 1. Mai 1896, der siebente 1. Mai also, ein Freitag, sollte eine Ausnahme machen. Am Vormittag fanden in allen Bezirken Massen- und Branchenversammlungen statt und nachmittags folgte der Gang in den Prater. Das Etablissement Swoboda im Prater war von der Partei boykottiert worden, weil es seinen Saal für Arbeiterversammlungen nicht hergeben wollte. Beim Swoboda gab es den Fünfkreuzertanz, wo bei Trompetengekreisch die Wehrmacht aller österreichischen Zungen vom Feldwebel abwärts mit dienenden Libussatöchtern so lange Polka tanzten, bis sie sich aus lauter Liebe mit Säbeln und Bajonetten die Schädel einhieben. Außerdem war das Etablissement Swoboda der größte Lieferant des Findelhauses. Als die Arbeiter an diesem Lokal vorbeikamen, begannen sie drinnen provokatorisch eine Polka zu blasen. Hitzköpfe wollten den Saal stürmen und warfen mit Steinen die Fenster ein. Auch aus dem Gasthaus Domansky, das von Arbeitern überfüllt war, flogen Steine. Im Nu war Polizei da, fuchtelte mit Säbeln herum und der Wirbel, der absichtlich arrangierte, war fertig. Aus dem Gewirre von zivilen und uniformierten Leibern tauchte eine den Arbeitern wohlbekannte Gestalt auf: Franz Schuhmeier. »Aufhören,« schrien Besonnene, »der Franzl ist da, der wird's schon leimen.« Der Schuhmeier ging auf den Polizeikommissär zu und forderte ihn energisch auf, die Säbel versorgen und die Polizeimannschaft abziehen zu lassen, da die polizeiliche Einmischung keinen Zweck habe. Bisher seien sechs Maifeiern würdig verlaufen, weil sich eben die Polizei abseits gehalten habe. Dann hielt er einen eben vorbeifahrenden Einspänner an, bestieg denselben und rief in die Menge: »Ich ersuche euch, mir von hier weg in den Prater zum ›Hirschen‹ zu folgen, und zwar treten wir den Marsch an mit dem Lied der Arbeit.« Das wirkte. Mit wenigen Worten und mit den ihm eigenen Blicken hatte er sie gebändigt und unvorstellbares Unglück verhütet. »Stimmt an das Lied der hohen Braut...«, so zogen sie zum »Hirschen«. Aber weiter unten ging's wieder los. Aus einer anderen Ursache. Es lag heute schon in der Luft. Wieder hieb die Polizei drein und bald war auch Militär da. Ein Bataillon Kaiserjäger und zwei Bataillone Bosniaken. Die Bosniaken, wilde Gesellen von den Felsennestern an der Narenta, die kein Wort deutsch verstanden und sich im Lande der Eroberer ihrer Heimat in Feindesland fühlten, wurden immer losgelassen, wenn es gegen das Volk ging. Die hieben und schossen bedenkenlos und besinnungslos drein. Wußten sie ja nie, warum. Eine unabsehbare Katastrophe drohte. Aber schon war der Einspänner mit dem Schuhmeier-Franzl da, auf den sich auch noch Engelbert Pernerstorfer schwang. Schuhmeier mahnte nach links, Pernerstorfer nach rechts. Der Wagen setzte sich in Bewegung und fünftausend Menschen, eben noch in ein sinnloses Handgemenge mit Polizei und Militär verwickelt gewesen, folgten wie die braven Kinder. Der 1. Mai 1896 kostete 19 Verletzte und 42 Verhaftete. Im Oktober 1896 war er schon wieder wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Ein Omnibuskutscher mußte auf seiner Tour einen k. u. k. Offizier, der mitten auf der Straße stand und nicht ausweichen wollte, zum Beiseitegehen auffordern. Der k. u. k. Offizier zog seinen Säbel und hieb dem Kutscher den kleinen Finger ab. Das Militärgericht sprach den k. u. k. Offizier frei, weil er in Verteidigung seiner besonderen Offiziersehre gehandelt habe und gar nicht anders handeln durfte. Auf den Fall stürzte sich. der Schuhmeier voll Wut. Und das trug ihm die Klage wegen Majestätsbeleidigung ein. Nach einer glänzenden Selbstverteidigung sprachen ihn die Geschworenen frei. Die besondere k. u. k. Offiziersehre hatte eine Watschen übers feixende Gesicht bekommen. Einundzwanzigstes Kapitel Der Wahlkampf setzte mit aller Vehemenz ein, um jede Seele wurde gerauft. Die Privilegierten übten einen nicht für möglich gehaltenen Terror aus. In Wien besorgten das die Christlichsozialen Arbeiter, die organisiert waren, wurden gemaßregelt, den Frauen wurde in den Kirchenpredigten Angst gemacht, daß die Sozialdemokraten die freie Liebe einführen, die Ehe brechen und die Familie zerstören wollen. Industrielle und Handwerksmeister befahlen ihren Arbeitern, ihre Stimmzettel zum Ausfüllen mitzubringen, die Arbeiterinnen mußten die Stimmzettel ihrer Männer bringen. Für den Weigerungsfall wurde sofortige Entlassung angedroht. Die Hausherren drohten ihren Parteien mit Kündigung und Delogierung, wenn sie rot wählten. Seine Durchlaucht der Prinz Alois von und zu Liechtenstein verdächtigte die Arbeiterführer, daß sie nur deshalb Streiks anzetteln, um die Streikkassen ausrauben und hinterher sagen zu können, der Streik habe alles Geld verschlungen. Auf dem Lande erzählten sie, daß die Roten die Dörfer in Brand stecken und die Bauern von ihrer Scholle verjagen wollten. Trotzdem war alles in der Partei voll Siegeszuversicht. Niemand wollte glauben, daß Arbeiter ihr den Klassenfeinden abgetrotztes Recht dazu mißbrauchen könnten, diesen Klassenfeinden zu noch größerer Macht und zu nie erträumtem Triumph zu verhelfen. Die Wählerversammlungen der Partei waren überfüllt, die Stimmung eine begeisterte, tausende Genossen und Genossinnen leisteten Tag und Nacht freiwillige Wahlarbeit und viele kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Aber die christlichsoziale Partei, neben der es in Wien keine andere bürgerliche Partei mehr gab, hatte zu alledem auch noch den Wahlapparat in der Hand. In ihrem Belieben lag es, in die Wählerliste aufzunehmen, wen sie wollte, und nicht aufzunehmen, wer ihr als Roter verdächtig war. Sie nahm ferner in die Wählerliste massenhaft langst tote Wähler hinein, deren unbestellbare Legitimationen am Wahltag von ihren Agitatoren zur Stimmenabgabe benützt wurden. Und trieb noch sonst allerlei. Auch ihre Versammlungen, besonders die, wo er, der Abgott, der Dr. Lueger, auftrat, hatten riesigen Zulauf. Sobald er erschien, raste ein freilich geschickt aufgepulverter Fanatismus durch den Saal. In einer solchen Versammlung, beim Dreher auf der Landstraße, peitschte der Dr. Lueger gerade wieder alle spießbürgerlichen Leidenschaften auf. Wieder war »darr Jud« an allem schuld, was die Zuhörer hinriß: »Außi mit eahner«, »aufhängen«, »derschlagen«, zu brüllen; wieder wollten die Judensozi mit arm und reich teilen, nicht nur mit dem Gelde, sondern auch mit den Weibern, den guten Kaiser verjagen und einen polnischen Juden mit Kaftan und Pajes auf den Thron setzen und wieder wollten sie dem Volke sein Heiligstes, die Religion, aus dem Herzen reißen. Und dann kam der Clou. Gestern erst habe ein sozialdemokratischer Agitator in der Wohnung eines christlichen Arbeiters, der sich weigerte, rot zu wählen, das Heiligenbild von der Wand gerissen und es, teuflische Fratzen schneidend, zertreten. Wo das war, sagte er nicht. Die Zuhörer waren auch gar nicht neugierig auf solche Details. Ein Wutschrei durchschnitt den Saal. Fäuste fielen schwer auf Tischplatten. Da rief es ganz rückwärts: »Das ist nicht wahr.« Lähmende Stille. Den Dr. Karl Lueger wagte einer öffentlich der Unwahrheit zu zeihen? Alles erhob sich, wollte die Plätze verlassen und auf den Verwegenen stürzen. Der Dr. Lueger aber machte oben eine Handbewegung, wie wenn man etwas Lästiges beiseiteschiebt, und sagte mit süßsaurem Lächeln: »Gehn mir weiter. Das andere wird schon besorgt werden«, und setzte seine Rede fort. Den Zwischenrufer haben sie hinausgetragen in den Hof. Fünfzig Fäuste hoben sich, um auf das Opfer niederzusausen. »Halt, den überlaßt's mir«, schrie da einer, noch ehe die anderen mit der Exekution begannen. Und der, der sich erbötig gemacht, die Strafe ganz allein zu vollziehen, packte den Zwischenrufer am Rockkragen, blitzte ihn haßerfüllt an und stieß heiser hervor: »Hab ich dich, du roter Rund, du arbeitsscheuer Strizzi, du Herrgottschänder, i werd dir geben, unsern Lueger ein Lügner zu heißen. Jetzt saldier ich endlich die Rechnung.« Die Hiebe, die der Mann austeilte, waren von guten Eltern. Der Verprügelte blutete aus der Nase und sein ohnehin nicht mehr ganz neuer Anzug war an verschiedenen Stellen zerfetzt. Die anderen bewunderten den Helden achtungsvoll. Der Hauende und der Gehaute standen sich keuchend gegenüber. Der erstere war der Herr Alois Kragel, der gewesene Bombenjongleur, und der letztere der Köck-Paul, der Schuhmachermeistersohn von Fünfhaus und gewesene couragierte Verteidiger der bestehenden Ordnung. Das war eine merkwürdige Geschichte. Einmal hat der Herr Alois Kragel diese Ordnung in die Luft sprengen wollen und ist dafür vom Köck-Paul gezüchtigt worden. Und jetzt hat derselbe Herr Alois Kragel denselben Köck-Paul gezüchtigt, weil dieser einen Zwischenruf gemacht hat, aus dem sich schließen ließ, daß er an dieser Ordnung keinen sonderlichen Gefallen mehr fand. Der Herr Alois Kragel war längst mit der Ludmilla Jerzabek aus Podebrad vermählt. Die Greißlerei ging gut, und wenn der gutsituierte Gemischtwarenverschleißer und Hausherrnkandidat Herr Alois Kragel nun mit der blauen Vorsatzschürze hinter dem Quargelsturz stand und von da aus die Welt betrachtete, fand er sie nicht nur gut, sondern hielt er es für ein Kapitalverbrechen, an ihr herumzunörgeln. Langsam wurde er als Geschäftsmann vom Grund auch der hohen Ehre teilhaftig, im Wirtshaus im Extrazimmer mit dem Bäcker- und Selchermeister und dem Hausherrn vom Eck an einem, natürlich weiß gedeckten Tische sitzen zu dürfen. So wurde er zur Freude seiner Ludmilla ein guter Bürger und braver Christlichsozialer, hing dem Dr. Lueger mit geradezu religiöser Verehrung an und seine Wahl zum Armenrat stand schon bevor. Das sollte nur das erste Sprießel auf der Leiter seiner politischen Karriere werden. Und gleichzeitig stieg ein Haß gegen die »roten Hund« in ihm auf, von denen er sich auch einmal, als er noch jung und dumm gewesen, hatte blöd machen lassen, aber jetzt hatte er sie gründlich durchschaut. Es kommt eben darauf an, von welchem Standpunkte aus man die Dinge sieht. War der Herr Alois Kragel hoch hinaufgestiegen, war der Köck-Paul tief hinuntergefallen. Nach der Geschichte mit der Gisl mußten sie die Mutter ins Irrenhaus bringen, wo sie bald nachher im Wahnsinn gestorben ist. Der Vater hat zu saufen angefangen, um seinen Schmerz zu vergessen, ist immer mehr herunter und in liederliche Gesellschaft gekommen, die ihn auswurzte, bis nichts mehr da war, und dann ist der alte Köck hergegangen und hat sich doch auf dem Fensterkreuz erhängt. Nun war der Paul ein armer Schlucker und mußte in die Schuhfabrik. Wenn man von der Schuhfabrik aus die Welt betrachtet, findet man sie nicht gut und sieht es als ein Kapitalverbrechen an, sie mit Feuer und Schwert so, wie sie ist, erhalten zu wollen. Langsam geriet er in die Gesellschaft von Sozialdemokraten, in die Gewerkschaft und in den Bildungsverein; und zu seinem ehemaligen Freunde Franz Schuhmeier, dem er überall nachging, wo der sprach, blickte er voll Verehrung auf. Er war auch schon Vertrauensmann und gleichzeitig stieg ein Haß gegen alle die in ihm auf, die alle Schätze der Erde für sich monopolisiert hatten, zu denen er, wie er damals glaubte, auch einmal gehören werde und von denen er sich verblenden ließ. Aber jetzt hatte er sie gründlich durchschaut. Es kommt eben darauf an, von wo aus man die Dinge betrachtet. Die überwiegende Mehrheit der Menschen steht dort, von wo die Welt sich nicht gut ausnimmt. Es handelt sich nur darum, alle, die dort stehen, richtig schauen zu lehren. Der Wahlkampf 1897 erreichte seinen Höhepunkt. Immer schwerer wurde es der Partei gemacht, zu wer ben. Die Genossen, die in die Häuser gingen, um Wahlaufrufe in die Türen zu stecken, wurden von den Hausmeistern und auch von Parteien abgefangen, gepufft und die Treppen hinuntergeworfen. Im V. Wiener Wahlkreise kandidierte für die Christlichsozialen der Kellner Karl Mittermayer gegen den Schuhmeier. Dieser Mittermayer, der nicht einmal seinen Namen richtig schreiben konnte, hielt nur geschlossene Versammlungen ab, weil er, wie er vorgab, mit dem »ungebildeten Hausknecht Schuhmeier« nicht zusammentreffen wollte. Der Schuhmeier nannte Mittermayer öffentlich einen »schäbigen Charakter«, der »Dreck am Stecken« habe, und enthüllte, daß dieser Mann, den der große Doktor Lueger würdig befunden hatte, das Volk von vier Wiener Bezirken in der Gesetzgebung zu vertreten, einem Arbeitskollegen die Brieftasche gestohlen und Riskonti gefälscht hatte, um die Auszahlung eines Lotterietreffers zu erschwindeln. Mittermayer konnte diese Tatsachen nicht direkt bestreiten. Er wand sich wie ein Wurm. Aber rächen wollte er sich. Und es gelang ihm, den gefährlichen Gegner Schuhmeier an seiner verwundbarsten, an seiner menschlichsten Stelle zu treffen. In einer Versammlung behauptete Mittermayer, der glänzend bezahlte Parteisekretär und Kirchenstürmer Schuhmeier lasse seine alte Mutter an Kirchentüren betteln. Das hat den Schuhmeier gepackt. In der »Volkstribüne« läßt er diese Aufforderung erscheinen: »Karl Mittermayer, der Zählkandidat der ›vereinigten Antisemiten‹, wird aufgefordert, den Namen jenes niederträchtigen Buben bekanntzugeben, der ihm schrieb, meine Mutter lebte vor Jahren nur von dem, was sie bei den Kirchentüren in Reindorf und bei den Geistlichen erbettelte. Meine Mutter gilt mir als das Heiligste auf Erden, und wer diese ohne jeden Grund beleidigt, ist in meinen Augen ein total verkommener Strolch, der verdient, mit der Hundspeitsche gezüchtigt zu werden, und hier habe ich es mit solchen zu tun. Existiert der Briefschreiber, ist er der Strolch. Ist der Brief eine Erfindung Karl Mittermayers – wie das Kaffeehaus – dann ist es dieser. Also heraus mit dem Namen! Franz Schuhmeier.« Darauf gab Mittermayer keine Antwort, blieb sie auch auf eine zweite Aufforderung schuldig. Der Schuhmeier wollte in Mittermayers Versammlungen, um ihn zu stellen, konnte ihn aber nicht erwischen. Daß der christlichsoziale Kandidat Hermann Bielohlawek, ein gewesener Greißler und von Schuhmeier der dumme August der Christlichsozialen genannt, den Franz mit Beziehung auf seine vorübergehende Beschäftigung in der Knabenzeit in diesem Wahlkampf und später wiederholt einen »Hutschenschleuderer« nannte, verursachte keinerlei Aufregung. So siegessicher fühlten sich die Sozialdemokraten im V. Wiener Wahlkreis, daß der Schuhmeier den Mittermayer als »Zählkandidaten« ansprechen konnte. Die Gegner wieder unterschätzten sich und boten alles auf, um nur nicht allzu schlecht abzuschneiden. In Neulerchenfeld wurden die Frauen aufgefordert, am Sonntag vor dem Wahltage ihre Männer in die Kirche zur Predigt mitzubringen, damit ihnen von der Kanzel herab gesagt werden könne, wen sie wählen sollen. Lueger verlangte von der Regierung für den Wahltag Militär. Am Dienstag, den 9. Mai 1897, wählte die V. Kurie. Der Wahltag brachte eine furchtbare Enttäuschung. Ganz Wien wählte christlichsozial. Auch der Schuhmeier war mit 20.920 gegen 24.773 Stimmen, die der »Taschelzieher und Riskontofälscher« Mittermayer erhielt, unterlegen. Selbst Engelbert Pernerstorfer, der das erstemal als Sozialdemokrat in Neunkirchen kandidierte, blieb auf der Strecke. In ganz Österreich erhielt die Partei von den 72 Mandaten der V. Kurie nur vierzehn. Sieben waren in Böhmen, drei in Mähren, zwei in Galizien und je einer in Schlesien und Graz gewählt. In Ottakring haben tausende Männer vor Wut und Enttäuschung geweint. In Ottakring hatten sie ja die Mehrheit, 11.095 gegen 7885 Stimmen, aber in den anderen drei Bezirken des Wahlkreises hatten die Gegner einen großen Vorsprung. Der Michel zitterte am ganzen Körper vor Erregung und drohte fortwährend: »Unter so blöden Menschen hat's kein Sinn, Mensch zu sein. I geh z' Haus und häng mich auf. Der Messermayer is g'wählt.« Der Schuhmeier richtete sie alle wieder auf. Bei der »Bretzn« sagte er zu den auf das Wahlresultat Wartenden: »Es fällt kein Baum auf den ersten Schlag. Diese Niederlage mußte kommen, um uns zu zwingen, uns fester zu organisieren, uns fester zusammenzuschließen.« In der »Volkstribüne« schrieb er: »Als ich nach den Wahlen vom 9. März in einem vergilbten Buche blätterte, fand ich folgende goldene Worte, die ich nicht umhin kann, unseren Genossen zur Kenntnis zu bringen. Die Worte sagen uns: ›Die Überzeugung ist des Mannes Ehre, Ein golden' Vlies, das keines Fürsten Hand Und kein Kapital um die Brust ihm hängt, Die Überzeugung ist des Kriegers Fahne, Mit der er fallend nie unrühmlich fällt. Der Ärmste selbst, verloren in der Masse, Erwirbt durch Überzeugung sich den Adel, Ein Wappen, das er selbst zerbricht und schändet, Wenn er zum Lügner seiner Meinung wird.‹ Proletarier! Prägt diese Worte eurem Gedächtnis ein.« Die Arbeiterzeitung schrieb am Tage nach der Wahl: »Die Sozialdemokratie hat ihre erste Wahlschlacht in Wien verloren. Dr. Lueger ist der Herr von Wien und der Herr der Wahlurnen. Hoch die Herzen! Die Fahnen hoch! Dreimal hoch! Es lebe die internationale Sozialdemokratie!« Nach der Wahl klagte Mittermayer den Schuhmeier wegen der Behauptungen, er habe Riskonti gefälscht und einem Arbeitskollegen die Brieftasche gestohlen. Schuhmeier wurde wegen erbrachten Wahrheitsbeweises freigesprochen. Mittermayer blieb christlichsozialer Reichsratsabgeordneter. Bei der Märzfeier vor dem Obelisk der Märzgefallenen sagte Dr. Ellenbogen über den Wahlausgang: »In Wien hat die Dummheit gesiegt.« Die Partei ging mit Eifer daran, die Lehren der verlorenen Wahlschlacht zu nutzen. Es wurden Sektionen – Unterteilungen der Bezirksorganisationen – errichtet, Häuservertrauensmänner bestellt und bald war ganz Wien wie mit einem Netz umzogen. Bei der nächsten Wahl kannte man fast schon jeden Wähler und wußte, wie er dachte. Und die Konsumvereinsbewegung wurde groß. Die Greißler und Mehlmesser und Fleischhauer und die Schuster und Schneider hatten alle christlichsozial gewählt. Da sagten sich die Arbeiter, daß es dumm wäre, den ärgsten Feinden das Geld hinzutragen, mit dem sie dann bekämpft werden, und traten den Konsumvereinen bei. Im April 1897, wohl als Folge des großen Wahlsieges, wurde Dr. Karl Lueger neuerlich mit 93 von 132 Stimmen zum Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien gewählt. Nach seiner Wahl führte er aus: »Sollten Se. Majestät der Kaiser allergnädigst geruhen, meine heutige Wahl zu bestätigen, um welche Gnade ich hiemit in Ergebenheit bitte...« Und der Kaiser hatte die Gnade. Er bestätigte. Am Abend nach der Bestätigung war Wien illuminiert. Alle Bürger stellten Lichter, Transparente und Luegerbilder in die Fenster und die Straßen durchflutete eine glückstrahlende Menge. »Hoch Lueger!« gröhlten auch noch beim Morgengrauen die zahlreichen Freudenrauschbesitzer. Sie hatten ihn. Der Michel sah dem Treiben zu und murrte: »Neugierig bin i, ob's uns jetzt besser gehn wird.« Im Mai 1897 beantragten die deutschen Abgeordneten, es sei die Regierung Badeni wegen ihrer Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren in den Anklagezustand zu versetzen. Die nichtdeutschen Abgeordneten stellten einen Antrag auf Übergang zur Tagesordnung, der mit 203 gegen 163 Stimmen angenommen wurde. Darauf eröffneten die Deutschen die Obstruktion. Erst redeten sie. Der Abgeordnete Doktor Lecher sprach zwölf Stunden ohne Pause. Dann setzte die technische Obstruktion mit Pfeiferln und Pultdeckelkonzerten ein. Da der Präsident Abrahamowicz unter Verletzung der Geschäftsordnung die Obstruktion mit Gewalt brechen will, erstürmen sozialdemokratische und deutschnationale Abgeordnete die Präsidententribüne. Polizei erscheint zum ersten Male im Sitzungssaale des hohen Hauses und schleppt Abgeordnete hinaus. Tags darauf stehen Wiens Arbeiter vor dem Parlament und verlangen, daß Badeni gehe. Er demissioniert. Nachdem der Kaiser die Demission angenommen, erscheint Dr. Lueger und verkündet den Sturz Badenis als sein Werk. »Wie der komische Mann im Zirkus hat er das g'macht, der Bürgermeister«, hat der Michel konstatiert. Ministerpräsident wird Freiherr von Gautsch. Nach dem Linzer Parteitag 1898 schied der Schuhmeier von der Funktion eines Reichsparteisekretärs. Es zog ihn zu seiner »Volkstribüne« zurück. Vielleicht waren auch noch andere Gründe hierfür ausschlaggebend. Er war ein eigenwilliger Mensch, der nicht ruhig bleiben konnte, wenn er etwas der breitgetretenen Meinung Entgegengesetztes zu sagen hatte, und Bindungen und Rücksichten auf Personen, Amt oder Stellung lagen ihm nicht. Er war zu seiner Zeit der einzige in der Partei, der Meinungsverschiedenheiten grundsätzlicher Art mit Parteigenossen nicht hinter den Kulissen, sondern öffentlich austrug und dabei oft sehr heftig wurde und in der Hitze des Gefechtes manchmal den Boden der gebotenen Objektivität verlor. Auf dem Linzer Parteitage war Engelbert Pernerstorfer der Meinung, daß es gut wäre, im Kampfe gegen die Deutschnationalen den deutschen Standpunkt der deutschen Sozialdemokraten besonders herauszustreichen. Dem trat Schuhmeier energisch und opportunitätsfeindlich entgegen: »Ich halte dieses Rezept für schlecht. Nie und nimmer dürfen wir vergessen, daß wir internationale Sozialdemokraten sind, die sich weniger auf den Standpunkt des deutschen Volkes, sondern vielmehr auf den Boden des proletarischen Klassenkampfes zu stellen haben. Die Arbeiter haben an den deutschen Phrasen kein Interesse. Nur wer schön reden kann und über eine wohlklingende Stimme verfügt, kann mit diesem Rezept Erfolge erzielen. Unsere Pflicht ist es aber, den Arbeitern entgegen der Agitation der Deutschnationalen als deutsche Männer zu erklären, daß wir uns um das Deutschtum nicht in erster Linie sorgen. Hauptsache ist uns die wirtschaftliche Besserstellung der Arbeiterschaft... Das Bürgertum besitzt den Grund und Boden, die Werkzeuge und Maschinen. Es hat das Interesse, für eine recht lange Arbeitszeit einen kurzen Lohn zu bezahlen. Wir Arbeiter haben das umgekehrte Interesse: für angemessene Arbeitszeit einen würdigen Lohn. Mit diesen Argumenten müssen wir die Arbeiter aufklären. Es wäre wirklich sehr schlimm, wenn jeder Genosse eine so stark quellende deutsche Krampfader hätte wie Genosse Pernerstorfer. Ich warne Sie vor seinem Rezept.« Dr. Ellenbogen mußte diesen Streit schlichten, indem er vermittelnd ausführte: »Die Polemik Schuhmeiers gegen Pernerstorfer beruht auf einem Mißverständnis. Es gibt keine klügere Taktik, als wenn man dem Gegner beweist, daß er sein Programm nicht einhält. Was heißt nationale Politik? Eine Nation auf ein hohes Kulturniveau bringen. Wir weisen nun nach, daß die Deutschnationalen als eine kapitalistische Partei mithelfen, alle Keime in den Massen zu töten, Tausende von Talenten, die im Volke schlummern, zu ersticken. Verfolgen wir diese Taktik, so handeln wir im höchsten Sinne national und sozialdemokratisch.« Aus der Polemik Schuhmeiers geht wieder hervor, daß er – damals wenigstens noch – die Menschen und die Massen stark überschätzt, eine unverdient gute Meinung von ihnen gehabt hat. Er konnte es sich nicht denken, daß sich ihrer Stellung in der menschlichen Gesellschaft bewußte Arbeiter von »schönen Reden und wohlklingenden Stimmen«, von schmetternden Phrasen verlocken lassen könnten, ihre Metzger selber zu wählen. Er wurde bald darauf seinen großen Irrtum gewahr und würde auch heute noch aus dem Staunen und Kopfschütteln nicht herauskommen. Mit Pernerstorfer geriet er noch einigemal aneinander. Nicht nur in politischen Fragen. Nach der Premiere des Volksstückes »Familie Wawroch« von Adamus im Deutschen Volkstheater schrieb Pernerstorfer in einer Besprechung des Stückes in der Arbeiterzeitung, daß der Dichter sehr viel Begabung habe. In einem gegen seine sonstige Gewohnheit mit Namen gezeichneten Artikel in der »Volkstribüne« fuhr der Schuhmeier auf: »Es muß Staunen erwecken, daß Engelbert Pernerstorfer in der Arbeiterzeitung dem Dichter Adamus, der in ›Familie Wawroch‹ die Maifeier und einen Kohlenarbeiterstreik verhöhnt, ›sehr viel Begabung‹ nachrühmt.« Auf dem niederösterreichischen Landesparteitag in Hainfeld wurde an der Schreibweise der »Volkstribüne« Kritik geübt. Pernerstorfer war der Ansicht, daß für den Aufschwung der »Volkstribüne« der Administration großes Lob gebühre. Eine Zeitung müsse nach oben ziehen und manche Ausdrücke in der »Volkstribüne« können ihm nicht gefallen. Schuhmeier habe das Talent zur Demagogie und habe es mißbraucht. Schuhmeier antwortete: »Ich hin nicht grob und ordinär, wenn irgend eine Wahrheit, die gesagt werden muß, mit dem richtigen Namen bezeichnet wird. Wir schreiben eben die Sprache der Arbeiter, und wenn wir grob werden, dann ist der Fall, um den es sich handelt, daran schuld, denn wir bemühen uns nicht, grob zu sein.« Das Erstarken der Konsumvereinsbewegung nach der verlorenen Wahlschlacht gab Anlaß zu allerlei Neugründungen. Nicht immer aus idealen Motiven. Im Arbeiterkonsumverein »Brüderlichkeit« war vieles nicht in Ordnung. In der Partei war man für gründliches Ordnungmachen, aber ohne Aufsehen. Der Schuhmeier packte die Sache öffentlich in der »Volkstribüne« an, nannte jedes Ding beim rechten Namen und prangerte Schädlinge ebenso öffentlich an. Und so war bald Ordnung. In Wiener-Neustadt hatte ein Dr. Berstel das Heft der politischen Organisation in der Hand. Dr. Berstel fügte sich Parteibeschlüssen nicht und ließ sich Eigenmächtigkeiten zuschulden kommen. Es war gegen ihn nichts auszurichten, weil er über einen großen Anhang verfügte. Das war was für den Schuhmeier. Er nahm die Geschichte in die Hand und nicht allzulange danach war der Dr. Berstel kaltgestellt. Die Liebenswürdigkeiten, die der Schuhmeier von Dr. Berstels Anhang an den Kopf geworfen bekam, warf er ebenso liebenswürdig zurück. Nach dem Linzer Parteitag hat die Linzer »Katholische Arbeiterzeitung« behauptet, Schuhmeier, der »ehemalige Hausknecht«, habe sich ein Haus erhungert. Schuhmeier veröffentlicht folgende ›Schenkung‹: »Das mir von der in Linz erscheinenden ›Katholischen Arbeiterzeitung‹ in der Nummer 1 des IV. Jahrganges zugesprochene er-hungerte Haus schenke ich hiemit freiwillig, ohne daß es mir abgeschlichen wäre, der Gesellschaft ›zum guten Hirten‹ in Linz. Herr Dr. Rudolf Hiptmair, der Direktor dieser frommen Gesellschaft, möge sich die nähere Adresse meines Hauses von der Redaktion des vorhin erwähnten Blattes geben lassen und das Haus für die Gesellschaft ›Zum guten Hirten‹ in Empfang nehmen. Eigenhändig gefertigt am 1. Februar 1898. Franz Schuhmeier.« Nach der Ermordung der Kaiserin Elisabeth in Genf durch den italienischen Anarchisten Luccheni trieben die Wiener Patrioten eine frischfröhliche Hetze gegen die italienischen Erdarbeiter, die »Katzelmacher«, und verlangten deren Abschiebung. Schuhmeier schrieb in der »Volkstribüne« über den Mord: »Geradezu unbegreiflich ist es, daß die Herren aus dem Gefolge der Kaiserin sich um ihre Monarchin nicht kümmerten und die kranke Frau lediglich unter dem Schutze einer anderen schwachen Frau ließen. Sind denn unsere Hofschranzen schon derart unfähig, daß sie nicht einmal zur Beschützung einer Frau zu gebrauchen sind? Diese Herren, welche ihre Kaiserin allein ließen, sollten sich – schämen.« Und über den Anarchismus und Sozialismus läßt er sich bei dieser Gelegenheit aus: »Die Kampfesweise des Anarchismus ist rein bürgerlich. Beide Richtungen hantieren in gleich verächtlicher Weise mit Menschenleben, während der Sozialismus das Leben jedes Menschen geschützt wissen will.« Das Ministerium Gautsch hatte, so wie alle Vorgänger, seine Schwierigkeiten. Es warf den Krempel hin und überließ das Geschäft dem neuen Kabinett des Grafen Thun. In einer Versammlung hatte der Schuhmeier gelästert: »Der Landtag, wie er heute beisammen ist, ist nichts als Lug und Trug.« Deswegen wird er angeklagt, in erster Instanz freigesprochen, in der zweiten zu vierzehn Tagen Arrest verurteilt. Die »Wüstlich-sozialen« im Rathause, die sich immer ungenierter den Besitzenden als der festeste, ja der einzige Schutzwall »gegen die sich heranwälzenden Wogen der sozialdemokratischen Bewegung« empfehlen, haben die Lehrer Seitz, Drögsler, Hawel, den bedeutenden Volksdichter, Hellmann, Sonntag, Jordan, Katschinka, Knopf, Müller, Riese, Täubler und Wichtrei gemaßregelt. Teils aufs Pflaster geworfen, teils präteriert, weil sie nicht so wollten wie der Dr. Lueger und die Seinen. Der von der Maßregelung bedrohte Lehrer Peyrl erschießt sich im Lehrmittelzimmer seiner Schule. Lueger verkündet: Sozialdemokraten und Schönerianer werden nicht befördert. Angestellt natürlich schon gar nicht. Den Sozialdemokraten verweigert er die Volkshalle des Rathauses zur Abhaltung von Versammlungen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Wenn der Schuhmeier die Dummheit, die gespreizte Unwissenheit dem Gelächter preisgeben konnte, war er in seinem Element. In Ottakring erschien ein christlichsoziales Bezirksblättchen, der »Wiener Volksbote«. In einem Bericht über die Erstaufführung des »Kaufmann von Venedig« im Kaiser-Jubiläums-Stadttheater hieß es, daß dieses Stück von Grillparzer sei. Der Schuhmeier setzte sich hin und schrieb an den »Wiener Volksboten«: Geehrter Herr Redakteur! Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, in Ihrer nächsten Nummer richtigzustellen, daß der »Kaufmann von Venedig« nicht, wie Sie in Ihrer letzten Nummer angeben, von Grillparzer, sondern von mir ist. Ein Stück mit so stramm antisemitischer Tendenz hätte dieser waschlappige Liberale doch nie übers Herz gebracht. Mit ergebenstem Dank im voraus Ihr ergebener                   William Shakespeare. Wien, den 7. November 1899. Und der »Wiener Volksbote« brachte pünktlich im Jahre 1899 die Berichtigung des im Jahre 1616 verstorbenen Shakespeare. Er begann: »Grillparzer hat sich im Grabe umgedreht. Durch einen allerdings groben Irrtum wurde ihm in unserer letzten Nummer zugemutet, er sei der Autor des streng antisemitischen Schauspiels: ›Der Kaufmann von Venedig‹. Dies ist wahrlich von dem Freimaurer Grillparzer zuviel verlangt. Aber er kann sich sofort wieder umdrehen, damit er in seine alte Lage kommt, Wilhelm Shakespeare hat sofort berichtigt, denn wir erhielten am 7. November folgendes Schreiben: (Folgt nun die Berichtigung.) Und es ist somit jetzt beiden Teilen Rechnung getragen.« Der Dr. Lueger konnte sich nicht länger dem Drucke von unten entgegenstemmen und auch von oben bekam er manchen zarten Wink. Jetzt haben wir's für den Reichsrat geschluckt, jetzt mach es gefälligst auch in deinem Gemeinderat, bedeuteten sie ihm. So wurde der vierte Wahlkörper für die Gemeinden geschaffen, der womöglich noch bösartiger ausfiel als die fünfte Parlamentskurie. War doch dieses Wahlrecht an eine fünfjährige Seßhaftigkeit gebunden. Bei den Verhandlungen im niederösterreichischen Landtag machten sie noch Manderl. Sie wollten noch rasch ein sogenanntes Intelligenzwahlrecht einschmuggeln. Intelligenzler oder was die um Bielohlawek darunter verstanden, sollten zwei Stimmen haben. Eine Arbeiterdemonstration dagegen und der Plan war begraben. Zu den 138 Gemeinderatsmandaten aus den drei Privilegienwahlkörpern kam der vierte Wahlkörper mit 20 Mandaten. Jeder Bezirk ein Mandat. Die Ottakringer kandidierten ihren Schuhmeier für den Gemeinderat. Auf dem Brünner Gesamtparteitag – die tschechischen Sozialdemokraten, von tschechischen Akademikern, die zu ihnen gestoßen sind, beeinflußt, treiben bereits, zunächst aus Opportunitätsgründen, nationalistische Politik – ist der Schuhmeier dagegen, daß die Partei sich überhaupt mit nationalen Fragen befasse. Sie möge lieber einen energischeren Kampf gegen die internationale Dreieinigkeit, Pfaff, Adel und Kapital aufnehmen. In einer Versammlung hat er wieder einmal den Herrn vom »Deutschen Volksblatt«, Ernst Vergani, beleidigt, und kriegt dafür drei Wochen Arrest, verschärft mit einem Fasttag. Im Arrest schrieb er zwei Broschüren für den Gemeindewahlkampf: »Politischer Guckkasten, Bilder aus dem christlichsozialen Affentheater«, und »Ein Blütenstrauß christlichsozialer Parteitätigkeit«, gepflückt, zierlich gebunden und den christlichsozialen Volksmännern in entsprechender Wertschätzung dargebracht von einem Freunde der Wahrheit. Um diese Zeit stand die Öffentlichkeit ganz Österreichs unter dem Eindrucke der Affäre Hilsner. In einem Walde bei Polna in Böhmen wurde die Leiche eines ermordeten Mädchens gefunden. Der Verdacht der Täterschaft wurde auf den Schuhmachergehilfen Leopold Hilsner gelenkt, der ein Bursche zweifelhaften Charakters gewesen sein soll, dabei aber auch Jude war. Diesen Umstand benützte die Reaktion aller Nationen in Österreich, um wieder einmal die antisemitischen Instinkte im Volke aufzustacheln. Sie nützte den Umstand, daß der des Mordes Verdächtigte ein Jude und die Ermordete ein junges Christenmädchen war, dazu, das alte Ritualmordmärchen aufzuwärmen. Danach brauchten die Juden zu gewissen Feiertagen das Blut eines unschuldigen Christenmädchens, um es irgendwelchen Festtagsspeisen beizumengen. Diese Blutlüge ist uralt und immer wieder hervorgeholt worden, wenn das Volk von den Verbrechen der Mächtigen abgelenkt und sein Zorn auf einen wehrlosen Sündenbock gehetzt werden sollte. Aber noch niemals ist der Beweis eines Ritualmordes gelungen. Besonders die Wiener Christlichsozialen trieben es toll. Ihre Presse entblödete sich nicht, den Mord von Polna als eine Verschwörung der gesamten Judenschaft hinzustellen, und schickte den Wiener Stadtrat Hans Arnold Schwer, der ein Journalist war, nach Pisek, wo der Hilsner-Prozeß stattfand. Der lieferte blutrünstige Artikel nach Wien und erzeugte in Pisek und Umgebung eine Pogromstimmung, damit das Geschworenengericht bestimmt das den Ritualmordhetzern genehme Urteil apportiere. Dieser Schwer hieß lange Zeit der »Bluthund von Polna«. Man konnte den Hilsner schließlich nur wegen Mitschuld an dem Mord anklagen, ohne daß sonstige Mit- oder Hauptschuldige gefunden worden wären; er wurde trotzdem zum Tode durch den Strang verurteilt. Doch wurde das Todesurteil nicht vollstreckt. Die antisemitische Presse jauchzte: »Nun ist erwiesen, daß die Juden zu Ostern christliche Jungfrauen schlachten, um mit deren Blut ihre Feiertagsspeise zu versüßen.« Der Schuhmeier schrieb dazu in der »Volkstribüne«, die ab Jänner 1900 wöchentlich erschien: »Warum soll es in einer Zeit, wo die Dummheit und der Pfaffenaberglaube, die Unduldsamkeit und Niederträchtigkeit ihre Orgien feiern, keine ›Menschen‹ geben, die derartiges blödes Zeug glauben? Das eine steht jedoch fest, daß es dem letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts vorbehalten geblieben ist, einen widersinnigen, von elenden und dummen Menschen verbreiteten Aberglauben üppig gedeihen zu lassen.« Zur Judenfrage hat der Schuhmeier wiederholt Stellung zu nehmen Gelegenheit gehabt. Schon in einer der ersten Nummern der »Volkstribüne« sagte er da seine Meinung: »Wir machen keinen Unterschied. Juden, die vorgeben, Sozialdemokraten zu sein, und welche vielleicht die Absicht haben sollten, die sozialdemokratische Partei zu einer Schutztruppe für philosemitische Parteien zu machen, werden geradeso hinausgeschmissen wie Antisemiten, welche nur in den jüdischen Gaunern an der Börse und im Wirtschaftsleben der Gegenwart die Bedrücker und Ausbeuter des Volkes sehen.« Und kurz darauf: »Wer gegen Ausbeutung ist, der kämpfe gegen den Reichtum als wirtschaftliches und soziales Prinzip wie Christus der Herr und lasse nicht einen Teil der Aufgabe unerledigt: die Bekämpfung des in christlichen Händen befindlichen mobilen und immobilen Kapitals. Er lege sich die Frage vor, ob die Millionen von Vanderbilt und Gould weniger schädlich für die Mühseligen sind als die von Rothschild und Bleichröder oder ob die Riesenbesitze der Falkenhayn, der Schwarzenberg und Lobkowitz weniger Kleinbauern proletarisieren, weil es diesen Herren nur so urkatholisch von den Lippen träuft.« Noch später: »Das Ausgebeutetwerden schmerzt, ob es römisch-katholisch oder israelitisch geschieht. Für nationale und konfessionelle Fragen haben wir kein Ohr, weil wir damit nur unsere eigenen Kräfte schwächen würden.« In Döbling war eine bumvolle Wählerversammlung. War doch der Schuhmeier der Referent. Auf dem Heimweg sagte sein Adjutant, der Michel, zu ihm: »Hörst, Franz, so a Versammlung in Döbling, in so ein schwarzen Viertel... Das hätt i net für möglich g'halten, daß i das noch erleb. Erinnerst dich noch, wie wir vor noch net ganz zehn Jahr in Döbling a Versammlung einberufen haben? Kein einziger Wirt hat uns sein Lokal geben, und so haben mir die Versammlung in Zimmer, Kabinett und Kuchel von ein Genossen abhalten müssen, der seine Möbel bis auf die wacklerten Sessel derweil auf 'n Boden 'naufg'räumt hat? Und dann san mir Ottakringer, der Sever und der Volkert und der David und der Körbler und der Wlczek und i und noch a paar, zur Sicherheit als Watta mitgangen und dann war außer uns nur noch der Genosse, dem die Wohnung g'hört hat und a einziger fremder Döblinger da. Weißt es noch? Weißt es noch, wie du zwei Stund g'redt hast und wie g'redt hast, um den einen fremden Döblinger, den niemand kennt hat, zu überzeugen?« Der Schuhmeier wurde träumerisch: »Ja, so war's. Manchmal glaub i doch wieder, daß wir schon a Stückerl weiter'kommen sind.« »Und paß auf,« rief der Michel im Überschwang seiner Gefühle, »paß auf, sag, i hab's g'sagt, du Franzl wirst noch Kaiser von der österreichisch-ungarischen Republik.« Am 31. Mai 1900 wählte der vierte Wahlkörper zum ersten Male seine Vertreter in den Wiener Gemeinderat. Die christlichsoziale Partei entfaltete den nun schon gewohnten Terror und die Wählerlisten strotzten von fingierten Wählern. Den städtischen Angestellten wurde bedeutet: »Wer rot wählt, fliegt«, und am Wahltag mußten sie truppweise mit ihren Vorgesetzten ins Wahllokal marschieren. Erst vor der Urne wurde ihnen der schon ausgefüllte Stimmzettel eingehändigt und genau aufgepaßt, daß er unverändert abgegeben wurde. Die Partei kämpfte um den letzten Mann. Die Organisation war schon eine bedeutend bessere, als sie es 1897 gewesen ist. Insbesondere der Vertrauensmännerapparat war gut ausgebaut und die Häuservertrauensmänner funktionierten bereits. Die Ottakringer waren siegessicher. Sie hatten doch schon 1897 eine große Mehrheit gehabt und waren inzwischen bedeutend gewachsen. In jedem nur halbwegs zugänglichen Wirtshaus wurden Versammlungen abgehalten, mit Flugschriften wurde nicht gespart, die Vertrauensmänner überliefen, wenn es sein mußte, alle Wähler zehnmal, von denen sich annehmen ließ, daß sie für den Schuhmeier gewonnen werden könnten. Schon am Vortage der Wahl waren in viele Fenster mit Schuhmeierbildern geschmückt, über die Straßen waren Transparente mit der Inschrift: »Hoch der Gemeinderat Schuhmeier« gezogen und am Vorabend waren die Hauptstraßen des Bezirkes voll Menschen, die ununterbrochen ihr »Hoch Schuhmeier« riefen. Aber auch die Gegner gaben Ottakring nicht verloren. Der Dr. Lueger wollte den Schuhmeier um keinen Preis im Rathause haben und deshalb hat er seine Leute beschworen, alles, aber wirklich alles zu tun, damit er vor dem Schuhmeier, den er mit windschiefem Humor den »Herrn Stiefelmeier« nannte, verschont bleibe. Sie hofften also auch. In ihrem Hauptquartier lagen schon schwarzumränderte Partezettel, die am Abend nach der Wahl den politischen Tod Schuhmeiers anzeigen sollten. Der Schuhmeier erhielt 7932, sein Gegenkandidat Nagorzansky 5209 Stimmen. Franz Schuhmeier war am Abend des 31. Mai 1900 Gemeinderat der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Im christlichsozialen Hauptquartier haben sie die Partezettel rasch verbrannt, sind käsebleich dagesessen und haben händeringend geseufzt: »Mein Gott, alles verloren, was wird der Herr Bürgermeister sagen?« Bei der »Bretze« herrschte ein Jubel und ein Begeisterungstaumel. Der Gemeinderat Franz Schuhmeier wurde auf den Schultern in den Saal getragen und sprach zur Menge: »Wir können stolz sein auf unsere Arbeit. Aber traurig bleibt es doch, daß in Wien ein Mann von der Qualität meines Gegenkandidaten überhaupt 5000 Stimmen erhalten konnte. Das zeigt, wie Arbeiter wirklich die Hüter des Fortschrittes und der Kultur sind. Es sind jetzt zwölf Jahre, seit ich hier an dieser Stelle zum ersten Male zu Ihnen sprach, und seit der Zeit bin ich mehr als hundertmal hier vor Ihnen gestanden und immer haben Sie durch Ihren Beifall mich zu weiterer Arbeit für unsere Sache angeeifert. Der Erfolg, den wir heute errungen, es ist nicht mein Erfolg, es ist der Erfolg unserer Genossen und vor allem unserer Organisation. (Hier hob er eine große Schachtel vom Tische, die den Wählerkataster enthielt.) Da darin steckt das Geheimnis unseres Sieges. Was diese Schachtel enthält, sind wertlose Papiere, aber die sind das Resultat der Arbeit von vielen Tagen und Nächten, das Resultat einer Ausdauer, wie sie nur die Sozialdemokratie aufzubringen imstande ist. Daß wir heute gesiegt haben, haben wir, kurz gesagt, unserer Häuserorganisation zu danken. Ich will diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne allen jenen zu danken, die zu unserem Erfolg beigetragen haben. Das sind vor allem Sie alle, Parteigenossen, und die Bezirksvertrauensmänner im besonderen. (Rufe: Wir haben nur unsere Pflicht getan.) Wir hier in Ottakring sind stolz darauf, daß dieses Arbeiterviertel es war, das die Ehre Wiens und ganz Österreichs heute gerettet hat. (Auf die rote Fahne weisend): Diese rote Fahne hier hat vor kurzem aus meinen Händen die Taufe empfangen und ich habe damals den Wunsch ausgesprochen, daß sie uns zum Siege führen möge. Heute hat die Fahne die Feuertaufe bestanden und mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Möge sie uns bei allen künftigen Schlachten voranwehen und uns nur Siege bringen! Sie haben mich mit Ihrem Vertrauen beehrt, aber Sie haben auch gleichzeitig eine schwere Last auf meine Schultern geladen. Jedoch ich gebe Ihnen die Versicherung: sowie ich bisher meine Pflicht erfüllt habe, werde ich sie auch erfüllen in aller Zukunft. Wir können mit unserem Siege zufrieden sein. Es war ein ehrlicher Sieg und darum ein glänzender Sieg und wir haben alle Ursache, uns seiner zu freuen. Ein dreifaches Hoch der internationalen siegenden Sozialdemokratie.« Sever forderte die Ottakringer auf, zur Feier des Sieges am nächsten Abend die Fenster zu illuminieren. Und Ottakring war illuminiert. Neben den Leuchtern waren tausende Fenster mit Blumen und Schuhmeierbildern, Marx- und Lassallebüsten geschmückt und die Straßen durchzogen unter Hochrufen auf den neuen Gemeinderat Schuhmeier wahre Menschenwogen. Es war ein großes Volksfest, ein Fest der Zuversicht und der Freude, daß sie ihren Franzl ins Rathaus hineingebracht, wo er es dem Lueger und seinem Stimmvieh schon zeigen werde. Einer war in der Menge, eine riesige rote Nelke hatte der im Knopfloch und ein Mädel am Arm, der schrie fortwährend: »Leuteln, i werd narrisch vor Freud, net, Hoch unser Franzl, unser Franzl is g'wählt, net?« Und er redete in sein Mädel hinein und wollte allen Leuten die Hand drücken und umarmen und kannte sich nicht aus vor Seligkeit. Unschwer vermögen wir in ihm unseren alten Freund, den Köck-Paul zu erkennen. Und der Michel hatte an diesem Abend seinen ersten und letzten Kanonenrausch. Er versicherte noch wochenlang auch diejenigen, die von dem Rausch gar nichts gewußt hatten, daß er sich zu Tode schäme und ihm so was nie wieder passieren würde. Aber nur zwei von den zwanzig Mandaten, die der IV. Wahlkörper zu vergeben hatte, konnten die Sozialdemokraten erringen. Außer Schuhmeier wurde nur noch in Favoriten Jakob Reumann, der nachmalige erste sozialdemokratische Bürgermeister von Wien, gewählt. Die übrigen 18 Mandate gehörten dem »Herrn von Wien«, dem Dr. Karl Lueger. 77.608 Stimmen erhielten die Christlichsozialen und dafür 18 Mandate, für 56.306 Stimmen bekamen die Sozialdemokraten ganze zwei Mandate oder, da ja im IV. Wahlkörper sämtliche Wiener Wähler, auch die, die in den anderen drei Wahlkörpern wahlberechtigt waren, mitwählten, die Christlichsozialen für 77.608 nicht weniger als 131 Mandate und die Sozialdemokraten für 56.306 Stimmen zwei oder: die Christlichsozialen für je 592 Stimmen ein Mandat, die Sozialdemokraten erst für 28.153 Stimmen eines. Das hieß »Recht«. Sogar »gleiches Recht«. Nach diesem »Sieg« hat der Wiener Gemeinderat seinen Herrn und Meister Dr. Karl Lueger zum Ehrenbürger von Wien gemacht. Der Gemeinderat Franz Schuhmeier und sein Kollege Jakob Reumann saßen zur rechten Hand des Bürgermeisters oben auf dem »Bergel«. Die letzte erhöhte Bankreihe haben sie den beiden unwillkommenen Eindringlingen und »In-die-Suppe-Spuckern« angewiesen. 131 Barrierestöcken standen sie gegenüber, die nichts wollten, als sich im Ratssaale spreizen zu dürfen, nichts wußten, höchstens die eine Antwort auf jede Frage: »Der Lueger wird's schon machen«, die aber jederzeit bereit waren, zähnefletschend loszufahren, wenn das Herrl pfiff. Das war eine ganz eigenartige und sicher einzigartige Korona, diese Luegertruppe im Wiener Gemeinderate, und es war eine Belustigung, die freilich manchmal auch trübselig stimmte, auf der Galerie zu sitzen und zuzuschauen, wie drunten im prächtigen Ratssaale die Meute lauerte und knurrte und ihr Bändiger sie nach Bedarf und Laune losließ und wieder an das Halfter nahm. Da drunten sah man Gestalten und Gesichter und Typen herumsitzen, herumstehen und herumwatscheln und teilnahmslos auf irgend etwas starren, über das sie sich auch nichts dachten, die auf einem Gemälde für die Ewigkeit konserviert zu werden verdient hätten. Das war die Repräsentanz des ungeistigen Wien, waren Gustostückeln aus dem Fleisch und nichts als Fleisch der Weaner. Die nahmen an den Sitzungen teil, weil sie mußten, um die hobe Ratswürde nicht zu verlieren, mit der man, weil man interessante Dinge, wie Straßenbahnprojekte und Baulinienbestimmungen und so, früher wußte als andere Sterbliche, nebenamtlich außeramtliche Geschäftchen machen konnte; weil sie die Frau Gemahlin samt etwa noch vorhandener Schwiegermutter und bei besonderen Anlässen die kleine, süße Freundin, das »g'stellte Menscherl«, das man den Herren Kollegen zeigte, um von ihnen beneidet zu werden, auf die Galerie gesetzt hat, damit sie ihn in seiner Würde strahlen sehen; und weil das Beste und Fescheste an dem ganzen Sums das Teilnehmen an den Fressereien und Saufereien war, die droben im Festsaale oder unten im Rathauskeller aus den unmöglichsten Anlässen auf Regimentsunkosten veranstaltet wurden, wobei man noch so viele Zigarren mit Bauchbinden in die Taschen stopfen durfte, daß man. sich damit in den nächsten acht Tagen die dauerhafteste Nikotinvergiftung einwirtschaften konnte, und bei festlichen Anlässen und bei Einweihungen und beim »Umgang« und beim Photographen die glitzernde Ratskette um den Hals bis hinunter zum Würdenbauch trug. Aber was in den Sitzungen vorging, in denen sie saßen, wußten sie nicht, interessierte sie auch gar nicht. Bei Abstimmungen schauten sie auf den Doktor Lueger und stimmten dafür oder dagegen, wie man sie hieß. Wofür oder wogegen, wenn man einen schnell gefragt hätte, nichts hätte er gewußt. Und will man auch noch nachträglich über ihre Weltanschauung und ihren Weitblick orientiert sein, braucht man sich nur einen einzigen Zwischenruf, den man selber gehört, in Erinnerung rufen, einen Zwischenruf, den einer von denen mit den niedrigen Stirnen gemacht, als von einem Selcher die Rede war: »Mehr wie a Hoflieferant kann der Mensch nimmer sein.« Der Dr. Lueger wollte diesen Typ, sicher auch, um bis zur Neige auszuprobieren, was er seinen Wählern alles zumuten durfte, aber sonst, weil er Nummern neben sich nicht vertrug und überhaupt die G'scherten den G'scheiten vorzog. G'scheit war er und die andern brauchten das nicht zu sein. So ein paar, aber wirklich nur ein paar Einser ließ er mitdurchrutschen, weil man die brauchte, wegen der Welt und des nötigsten Fachwissens, und einige Originale durften mitkommen, um das eintönige Grau ein bißchen zu sprenkeln. Der Herr Hermann Bielohlawek zum Beispiel, von dem wir schon wissen, daß er vom Schubmeier aus der »dumme August« hieß, der allerliebst possierlich und geradezu herzig war. Der wollte immer reden und gab so lange keine Ruhe, bis ihn der »Alte« reden ließ, und wenn er dann redete, war das ein Hauptjux. Die Originalität dieses Mannes bestand darin, daß er sich seiner verblüffenden Ahnungslosigkeit bewußt war und den bewundernswerten Mut besaß, sich zu seiner Ahnungslosigkeit zu bekennen, sie geradezu in Mode zu bringen. Keiner als der Hermann Bielohlawek hatte es zuwege gebracht, in öffentlicher Sitzung auszurufen: »Schon wieder a Büachl, da hab i schon g'fressen«, und keiner hat es zuwege gebracht, von nichts zu wissen und über alles zu reden. Dann war der dicke Gregorig da, der Modewarenhändler von der Mariahilferstraße, der öffentlich über den Niedergang der Tugend und Moral Tränen vergoß und an diesem Übel – wem denn sonst als den Juden die Schuld gab und abends im verschwiegenen Kellerstüberl beim Wimberger im Kreise gar nicht spröder Damen Witze machte, über die sogar der selige Jargonkomiker Eisenbach errötet wäre. Auch der Mechaniker Ernest Schneider ist zu erwähnen, der einen solchen Gizzi auf die Juden hatte, daß er das Judenschußgeld erfand, das der Meisterschütze als Prämie bekommen sollte, dem es gelang, die meisten Juden abzuschießen. Der Herr Albert Geßmann war sozusagen der Parteidiplomat, wenn auch ein reichlich ungeschickter und viel zu grobschlächtiger, aber über das meiste übrige etwas zu sagen ist nicht der Rede wert. Gestützt auf diese »Räte«, die es geworden sind, weil sie in der in ihrem Bezirke maßgebenden Stammtischrunde ein paar Liter Wein gezahlt haben, Obmänner von Wohltätigkeitsvereinen zur Bekleidung armer Schulkinder oder die kräftigsten »Hoch-Lueger«-Schreier waren, schwang der Dr. Lueger seine Fuchtel über Wien. Aber auch über seine »Räte«. Es war köstlich dabei zu sein, wenn der Bielo oder sonst einer gegen den Strom schwimmen und unbedingt etwas sagen oder rufen wollte – der strengste Herr Lehrer in der Schule hat den nichtsnutzigen Rangen nie so hergenommen, wie der Lueger vor allen Leuten seine Leute hernahm. Aber auch der hergenommenste nichtsnutzigste Range hatte sich vor dem strengsten Herrn Lehrer nicht so knurrend geduckt wie die ungebärdigen Herren Räte vor dem Rätedresseur. Der Dr. Lueger genierte sich gar nicht, auch wenn eine gesetzliche Körperschaft etwas beschlossen hatte, das ihm nicht paßte, solche Beschlüsse zu verwerfen. Es ist öfters vorgekommen, daß ein Herr Stadtrat in öffentlicher Gemeinderatssitzung über einen Stadtratsbeschluß referierte, der Dr. Lueger aber dreinfuhr und in seiner Art donnerte: »Das mache ich nicht, das dulde ich nicht, dazu habe ich kein Geld«, und seine Gemeinderäte mußten gegen den Beschluß ihrer Parteigenossen Stadträte stimmen. Die dürftigen Reste der Liberalen, die gar nicht lange vorher diesen Saal und von ihm aus diese Stadt beherrscht hatten, bemerkte man kaum. Diese meist schon alten Herren standen verschämt und degoutiert im Winkerl, weil sie keine Wähler mehr hinter sich hatten und also eigentlich gar nicht mehr hergehörten und weil der Ton, der hier herrschte, ihrer guten Kinderstube zuwiderlief. Dreiundzwanzigstes Kapitel Da hinein kamen aus einer ganz anderen Welt der Reumann und der Schuhmeier. Zwei gegen 146. Aber das Bewußtsein, das ganze arbeitende Volk von Wien und dessen Interessen gegen diesen Wall bornierter Feinde unerschrocken und beharrlich vertreten zu müssen, verlieh ihnen Stärke. Sie nahmen ihre Aufgabe ernst. Sie konnten nicht, wie Luegers Marionetten, einfach dasitzen, die Hände hochheben und sich nach dieser Plage zur Stärkung ins feuchtfröhliche Buffet verziehen. Sie waren sich bewußt, daß sie von all den vielen und vielfältigen Dingen, die der Gemeinderat zu behandeln hatte, etwas wissen mußten, wollten sie sich nicht blamieren und sollten sie Erfolge heimbringen können. Deshalb machten sie sich mit Eifer ans Lernen. Dem Schuhmeier fiel es gar nicht leicht, sich in die Details der vielseitigen kommunalen Angelegenheiten zu vertiefen. Er war nie ein Ressortmensch. Kein Politiker von Format ist Ressortmensch, keiner ist Fachmann, denn der Fachmann ist wieder kein Politiker. Der Politiker muß das Ganze im Auge haben und darf sich nicht an Teile verlieren. Ein solcher Politiker, der das Ganze übersieht, war der Schuhmeier, und trotzdem mußte er jetzt das Schul- und Verkehrs- und Straßenreinigungswesen, die Fragen des Dienstverhältnisses der städtischen Angestellten, der Sonntagsruhe der Handlungsgehilfen, Bau- und Approvisionierungsfragen büffeln, und es gelang ihm und er hat sich nie Blößen gegeben, trotzdem er im Gemeinderat unzählige Male und zu den unmöglichsten Gegenständen reden mußte, zumindest solange sie nur zu zweit waren. Die beiden arbeiteten wunderbar. Wenn der Schuhmeier redete, machte der Reumann Zwischenrufe und umgekehrt. Das eigenartigste aber war das Verhältnis zwischen dem Dr. Karl Lueger und dem Franz Schuhmeier, dem alternden Volkstribunen von rechts und dem jungen Volkstribunen von links. Der Dr. Lueger haßte die Sozialdemokraten. Als nach einer Wahl, bei der es den Christlichsozialen gelungen war, den Sozialdemokraten den erwarteten Erfolg wegzuschnappen, Schuhmeier und Reumann den Gemeinderats-Sitzungssaal betraten, begrüßte er sie von der Vorsitzendentribüne mit einem höhnischen »Rrrtsch awidraht«, und dabei schielte er die beiden Sozialdemokraten wie eine Katze an, die mit der Maus noch spielt, sie aber bald mit einem Pfotenhieb umbringen wird. Nur den Schuhmeier ging er sofort, als er in den Gemeinderat einzog, anders an. Bei dem versuchte er es, wie der Wiener sagt, »mit dem Untermann zu stechen«, dem Schuhmeier kam er katzenfreundlich, weanerisch, biedermännisch, obzwar er diesen roten Hund am liebsten in einem Löffel Wasser ertränkt hätte – vielleicht, weil er sich einige Zeitlang der mehr als trügerischen Hoffnung hingab, diesen ganzen Kerl auf seine Seite hinüberzubringen. Während er den Gemeinderat Reumann wütend anblies, vom Schuhmeier sagte er: »Der Herr Kollege Schuhmeier kann reden und machen, was er will, ich werde ihn nicht ausschließen lassen« und oft wenn er eine Angelegenheit glatt erledigt haben wollte, nahm er vor der Sitzung den Schuhmeier kollegial unter den Arm und redete ihm zu und war auch bereit, in Kleinigkeiten nachzugeben. Aber der Schuhmeier kannte diesen Fuchs. Er ließ sich nicht fangen und nicht schön tun und wußte: da gab es nur Kampf bis zur Vernichtung des einen oder des anderen. Manchmal freilich fiel der Dr. Lueger auch aus der Rolle und einmal tröstete er die erbosten Seinen so: »Ich bitte um Ruhe, der Reumann und der Schuhmeier werden auch nicht ewig sein. Es wird alles gut werden.« Gleich in der ersten Sitzung mußte der Schuhmeier in die Arena steigen: Der Vizebürgermeister Dr. Neumayer beantragte in feierlicher Rede, es seien seitens der Gemeinde Wien alle Vorkehrungen zu treffen, um das bevorstehende Fest des siebzigsten Geburtstages des Kaisers würdig zu begehen. Darauf hielt der Schuhmeier im Gemeinderat seine Jungfernrede. Die Wasteln in den christlichsozialen Banken verdrehten ihre dicken Hälse und spitzten die Ohren. Einen Roten hatten sie noch nie reden gehört, und manche von den Kirchenlichtern glaubten, daß jetzt einer mit Teufelshörnern und einem Pferdefuß aufstehen werde. Der Schuhmeier sagte zum Gegenstand: »Ich erkläre zunächst, daß es uns nicht einfällt, Ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, wenn Sie Ihren Patriotismus bekunden wollen. Aber das eine muß erklärt werden: in letzter Zeit häufen sich derartige Kundgebungen so, daß man endlich auch einmal den Kostenpunkt berühren muß. Bekunden Sie Ihren Patriotismus, wie Sie wollen, aber seien Sie auch davon überzeugt, daß Ihr Patriotismus der Wiener Bevölkerung schon sehr viel Geld gekostet hat.« Die Wasteln krawallierten. »Därf man denn so was sagen?« frug einer ehrlich erstaunt. Kaltblütig rief ihnen der Redner zu: »Sie werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns zu hören.« Der Herr Bielohlawek gab diesen Satz von sich: »Gengan S' weiter, Ihna fragt ja niemand.« Schuhmeier: »Dazu hin ich ja gewählt worden, daß ich die Interessen meiner Wähler vertrete. Ich erlaube Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in Wien noch andere Dinge zu vollbringen gibt, als Feste auf Feste zu veranstalten. Sie geben dem Volke Unterhaltung aber kein Brot.« In der nächsten Sitzung interpellierte er wegen der Dienstverhältnisse der Lagerhausarbeiter. Die Majorität ging in Saft und warf dem Redner vor, daß er die städtischen Arbeiter gegen ihre Brotgeber, die Gemeinde Wien, aufhetze. Gemütlich lachte der Schuhmeier die Majoritätler oder, wie er das sagte, die Rathäusler, an: »Nichts für ungut, meine Herren.« Dr. Lueger apostrophierte ihn vom Bürgermeisterstuhl aus: »Sie sind ja in gemütlicher Mensch, nur manches Mal geht's mit Ihnen durch. Wir sind ja beide Wiener und werden uns gegenseitig nichts tun.« Einmal meinte der Dr. Lueger in öffentlicher Sitzung augenzwinkernd: »Wenn speziell einer meine Sympathien hat, obwohl er immer über mich schimpft, so sind Sie es, Herr Schuhmeier.« Der Schuhmeier winkte ebenso augenzwinkernd ab: »Aber Herr Bürgermeister, Sie wollen mich damit ja nur kompromittieren.« Der Dr. Lueger war nicht immer jovial. Gar nicht selten kam die Spießerbösartigkeit zum Vorschein. Als in einer Gemeinderatssitzung die Ausspeisung armer Schulkinder und deren Beteilung mit Lernmitteln verlangt wurde, fuhr er los: »Arme Leute hat es früher auch gegeben, ich selbst bin ein Kind armer Eltern. Es hat in früherer Zeit auch keine achtstündige Arbeitszeit gegeben, sondern die Arbeiter haben sich von früh morgens bis spät in die Nacht plagen müssen. Wissen Sie aber, was es gegeben hat? Und da spreche ich aus meiner Erfahrung. Es hat Ehrgefühl im Volke gegeben. Meine Eltern hätten sich geschämt, wenn sie geschenkte Bücher für ihren Buben hätten nehmen müssen. Wenn man meiner Mutter zugemutet hätte, daß ihr Bub sich hätte öffentlich ausspeisen lassen sollen, ich glaube, meine Mutter wäre darüber sehr entrüstet gewesen.« Zornrot rief ihm der Schuhmeier zu: »Geben Sie den armen Kindern halt Rattengift.« Bald darauf referierte der Stadtrat Tomola über einen Nachtragskredit von 140.000 Kronen zur Beteilung armer Schulkinder mit Lernmitteln. Da ging der Schuhmeier ins Zeug: »Vor nicht zu langer Zeit, wo wir für die Erhöhung der eingestellten Summe sprachen, hat einer Ihrer berühmtesten Männer – hier im Zentrum sitzt er – (zeigt auf den Gemeinderat Bielohlawek) – erklärt, er glaube, daß jeder von uns ein Herz hat, aber ihm schienen 200.000 Kronen zu genügen, und er hat darauf hingewiesen, daß der Gemeinderat nicht die Stätte ist für sozialdemokratische Phrasen, sondern für Wahrheit und Recht. (Rufe: Sehr gut.) Sie rufen: Sehr gut. Hören Sie, was nun gekommen ist! Der Herr Bürgermeister hat in derselben Sitzung, wo wir für die Erhöhung der eingestellten Summen gesprochen haben, die Liebenswürdigkeit gehabt, – von seinem Standpunkt aus liebenswürdig, uns ist das absolut nicht erklärlich – zu erklären, daß er auch der Meinung sei, es wäre nicht notwendig, diese Summe zu erhöhen, und er hat sich damals darüber beschwert, daß in dieser Beziehung kein Ehrgefühl mehr vorhanden sei. Der Herr Bürgermeister hat ausdrücklich erklärt, es gebe Ehrgefühl im Volke, und es klang seine Rede so, als ob er der Meinung wäre, wir verlangen deshalb mehr Geld zum Ankauf von Lernmitteln für die armen Kinder, damit das Ehrgefühl sinke. Der Herr Bürgermeister hat damals darauf hingewiesen, daß seine selige Mutter oder sein Vater es nie geduldet hätten, wenn ihr Bub jemals hätte mit Büchern beteilt werden müssen. Es war seither keine Gelegenheit, im Gemeinderat darüber zu sprechen, aber der Herr Bürgermeister sowohl als auch Sie, meine Herren, haben gehört, daß ein Schrei der Entrüstung darüber laut wurde, als der Herr Bürgermeister sich unterfing der Meinung Ausdruck zu geben, daßp kein Ehrgefühl mehr in der Bevölkerung existiere. Die Beteilung der Kinder mit Lernmitteln hat mit dem Ehrgefühl der Bevölkerung nichts zu tun. Pflicht der Gemeinde ist es, zu sorgen, daß die Kinder die notwendigen Lernmittel bekommen.« Dr. Lueger bestritt hierauf, der Bevölkerung Ehrgefühl abgesprochen zu haben. Ehrlos seien bloß die, die für ihre Kinder sorgen können und die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch nehmen. Ehrlos sei es, wenn die Bevölkerung verleitet wird, die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch zu nehmen. Ein so meisterhafter Volksredner in großen Versammlungen der Schuhmeier auch war, wenn er im Gemeinderat und auch noch später im Parlament zu Gegenständen zu sprechen hatte, wozu sachliches Wissen nötig war, hatte er es oft mit dem Lampenfieber. Jede solche Rede bereitete er gründlich vor, informierte sich, studierte nächtelang Bücher und Fachzeitschriften, machte sich Notizen, und ehe er in der Sitzung drankam, konnte man ihn hinter den Bankreihen ziemlich aufgeregt auf- und abgehen und immer wieder in den Notizzetteln blättern sehen. Der Schuhmeier stellte die Anfrage, warum die Professionisten der Straßenbahn keine Lohnerhöhung gleich den übrigen Straßenbahnbediensteten bekommen hatten: Der Herr Bielohlawek plauderte ungeniert aus: »Warum für die Professionisten nichts geschieht? Weil die immer schon a rote Rass' waren.« Der Schuhmeier rief dazwischen: »Das war wieder ein echter Bielohlawek.« Bielohlawek: »Rass' ist doch keine Ehrenbeleidigung.« Schuhmeier: »Dann seid's ihr auch eine Rass', wenn es keine Ehrenbeleidigung ist.« Bei einer anderen Gelegenheit bekam wieder das Fahrpersonal der Straßenbahn keine Lohnerhöhung. Der Bürgermeister meinte, die kriegten ohnehin genug Trinkgelder. Dazu sagte der Schuhmeier: »Lueger hat auf das Trinkgeld verwiesen, sogar auf das der Schusterbuben. Aber ein Bürgermeister darf doch den Grundsatz nicht proklamieren, daß eine Amtsperson, ein ausgedienter Militär, auf die Wohltat eines Schusterbuben angewiesen sein soll. Sehen Sie, der die Straßenbahner auf die Kreuzer der Schusterbuben verweist, das ist derselbe Mann, der vor zwei Jahren vom Ehrgefühl sprach, das die Eltern abschrecken soll, für ihre Kinder auch nur die unentgeltlichen Lernmittel zu nehmen. Bei den Tramwayleuten aber weiß der Lueger vom Ehrgefühl nichts. Die werden ihre Ehre nur wahren und ihr Recht erreichen, wenn sie es sich erkämpfen.« Im Mai 1903 sagte der Dr. Lueger bei der Beratung der Dienstordnung für die Straßenbahner: »Jeder muß erklären, daß er ein kaisertreuer und gut österreichisch gesinnter Mann ist und nicht einer Partei angehört, die republikanischen Tendenzen huldigt. Jeder, der republikanischen Tendenzen huldigt, wird rücksichtslos und nachsichtslos entlassen. So ist es meine Pflicht, Österreich ist eine Monarchie und die Republikaner sollen in eine Republik gehen. In einer Monarchie haben sie nichts zu suchen.« Dem Dr. Lueger war das Antimonarchistische nicht so wichtig, als das Antikapitalistische, aber es klang schöner und die Dummen kapierten noch weniger, wenn der schwarzgelbe Patriotismus herausgestrichen und die roten Republikaner als Landesverräter angeprangert wurden. Der Schuhmeier erwiderte dem Bürgermeister: »Durch diese Bestimmung berauben Sie die Tramwaybediensteten ihrer freien Meinungsäußerung. Das Gesetz gibt das Vereins- und Versammlungsrecht; nach Ihrer Meinung nur christlichsozialen Vereinen und Versammlungen. Nach dem Gesetz hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äußern.« Dr. Lueger ruft dazwischen: »Wo steht denn das, daß einer Tramwaybediensteter werden muß?« Schuhmeier: »Wo steht denn, daß das Gesetz für Tramwaybedienstete nicht gilt? Sie tun, Herr Bürgermeister, als ob Sie ein Anhang zum Staatsgrundgesetz wären, zum Glück ein noch nicht herausgegebener Anhang. Nach meiner innersten Überzeugung ist es ein Gewaltakt, den Sie da vollführen. Sie werden damit unserer Partei nicht schaden und Ihrer nicht nützen. Sie werden bloß das eine erreichen, daß man lachen wird über die Mittel, die Sie anwenden, um Ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten.« Tatsachlich mußten die Tramwaybediensteten nach der Verstadtlichung der Tramway, ehe sie in den städtischen Dienst übernommen wurden, das schriftliche Gelöbnis ablegen: »Ich gelobe mit meinem Ehrenworte, Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen Majestät Franz Josef I. und Allerhöchsten Nachfolgern aus dem durchlauchtigsten Hause Habsburg-Lothringen getreu und gehorsam zu sein, der Stadt Wien Ehre und Vorteil nach allen meinen Kräften zu befördern und jeden Nachteil davon abzuwenden. Ich erkläre weiters mit meinem Ehrenworte, daß ich einer Partei, welche republikanische oder sonstige österreichfeindliche Tendenzen verfolgt, weder angehöre, noch angehören werde.« Die städtischen Angestellten wurden ohnehin nur angestellt, wenn sie als vollkommen parteiverläßlich bekannt und von zehn Bezirksmachern empfohlen waren, außerdem aber wurden sie bespitzelt, ihres Rechtes auf freie Meinungsäußerung auch im Privatleben beraubt und es wurde ihnen ein massiver Maulkorb umgehängt. Als der Schuhmeier eine Versammlung der städtischen Lagerhausarbeiter einberief, ließ sie der Herr Bürgermeister wissen, er wünsche es nicht, daß sie hingingen, und sie gingen nicht hin. Straßenbahner wurden über Nacht entlassen, weil sie gesehen worden sind, wie sie in ihrer dienstfreien Zeit die Arbeiter-Zeitung gelesen haben, wurden entlassen, weil sie bei einer Dilettantentheatervorstellung mitgewirkt haben, die auf der Bühne des Arbeiterheims Favoriten stattfand. Zu allen Wahlen wurden sie, wie wir schon vernommen haben, wie Schafherden getrieben, und da hat der Lueger noch den Mut gehabt, in Beantwortung einer Interpellation Schuhmeiers wegen Ordnungswidrigkeiten bei Verwendung des Personals in den Unterstationen des Elektrizitätswerkes gereizt zu drohen: »Ich wünsche, die städtischen Arbeiter mögen sich das Wohlwollen, das ihnen die Rathausmajorität entgegenbringt, nicht verscherzen.« Der Bürgermeister ließ sich vom Gemeinderat wieder hohe Summen für Bankette und Empfänge bewilligen. Schuhmeier spricht sachlich dagegen und weist nach, daß in den letzten 10 Jahren für Feste, Feierlichkeiten, Bewirtungen und Empfänge 3,319.731 Kronen ausgegeben wurden, während die Gemeinde 795 Millionen Kronen Schulden hat. Die Christlichsozialen rufen dazwischen, daß solche Bankette und Empfänge den Wiener Geschäftsleuten zugute kämen. »Mehr Hirn und weniger Magen wäre für die Geschäftsleute besser«, fertigte sie der Schuhmeier ab. 1905, nachdem die Gemeinde Floridsdorf einverleibt und der XXI.. Wiener Gemeindebezirk geworden war, kommt als dritter Sozialdemokrat Anton Schlinger in den Gemeinderat. Schuhmeier fordert Schulbäder, Schulärzte. »Freilich, was denn,« meinte der Dr. Lueger, »Schulärzte, was denn net noch alles, damit die jüdischen Doktor die Schulmadeln genau untersuchen können.« Der Schuhmeier gibt seiner Empörung über eine solche Behandlung einer so wichtigen Frage Ausdruck. Die Mehrheit tobt und verlangt Schuhmeiers Ausschluß. Da wird der Dr. Lueger wieder der Weaner. »Lassen Sie meinen Freund Schuhmeier reden,« ruft er, »ich schließ ihn nicht aus.« Das mit dem Ausschließen war so: Da bestand ein Disziplinarausschuß. Wenn der Vorsitzende einen Gemeinderat schon dreimal zur Ordnung gerufen hatte und dieser noch immer nicht kuschte, berief der Bürgermeister den Disziplinarausschuß ein. Der konnte den Übeltäter von dieser und den nachfolgenden drei Sitzungen ausschließen. Tat es auch immer, wenn er angerufen war. Natürlich wurde dieser »Hausknechtparagraph« der Geschäftsordnung nur gegen Oppositionelle angewendet. Im Mai 1906 war wieder Gemeinderatswahl. Diesmal entsandte der IV. Wahlkörper schon sieben Sozialdemokraten. Die Christlichsozialen erhielten 14 Mandate. Die Sozialdemokraten hatten 98.112 Stimmen, die Christlichsozialen 110.950. Das hieß wieder, die Christlichsozialen erhielten für 854, die Sozialdemokraten für 14.016 Stimmen ein Mandat. Die Majorität war sehr niedergeschlagen. Die rote Flut schwoll an. Der Schuhmeier kam etwas verspätet in die erste Sitzung nach der Wahl, mit einer roten Nelke geschmückt und grüßte: »Habe die Ehre, meine Herren, habe die Ehre, Herr Bürgermeister.« Dr. Lueger: »O, schamster Diener, Herr von Schuhmeier. Ein bisserl spät gekommen, Herr von Schuhmeier. Nur immer rechtzeitig, bitte.« Schuhmeier: »Man muß doch seine Freunde begrüßen.« Dr. Lueger: »Freilich, freilich. Aber Sie Herr von Schuhmeier, das Telegramm habe ich nicht bekommen.« »Nicht meine Schuld, Herr Bürgermeister«, antwortete der Schuhmeier. Das mit dem Telegramm hatte das folgende Bewandtnis: Der Dr. Lueger wollte seinen »Freund« Schuhmeier gern aus dem Gemeinderat draußen haben. Vor der Wahl sagte er in einer Ottakringer Versammlung: »Die Sozialdemokraten wachsen wie die Schwammerln aber sie vergehen auch wie diese. Ottakringer! Macht's mir a Freud. A Telegramm möcht i am Wahltag kriegen: »Ottakring hat gesiegt.« Sie haben sich auch ehrlich angestrengt, Luegers Ottakringer, dieses Telegramm abschicken zu können, sie haben nach Noten geschwindelt, aber diese roten Schwammerln waren noch rühriger und noch pfiffiger. Unter Leitung Severs, der bereits Bezirksobmann war, wurde beispiellose Wahlarbeit geleistet und insbesondere wurde – gut aufgepaßt. Die Wahlschwindler, also die, die mit falschen Legitimationen christlichsozial wählen gingen, gaben sich den christlichsozialen Vorsitzenden der Wahlkommissionen zu erkennen, indem sie auf alle Fragen: »Bitte« oder »Bitte schön« antworteten. In den Wahllokalen hielten sich Genossen auf, die diesen Wahlschwindlern rasch mit der Kreide ein Kreuz auf den Buckel zeichneten. Die bekamen dann auf der Straße zu dem Kreuz noch ihre Hiebe auf den Buckel. Schon gegen Mittag traute sich keiner mehr falsch wählen zu gehen, so daß die vielen vorbereiteten falschen Legitimationen nicht »aufgearbeitet« werden konnten. Auch die Ottakringer Frauen taten diesmal schon mit, indem sie die christlichsozialen Agitatoren mit nassen Fetzen aus den Wohnungen und Häusern jagten. So erhielt der Schuhmeier 13.760, sein Gegner Spalowsky 7885 Stimmen. Sie konnten das Telegramm an »Ihn« nicht abschicken. Dafür beschlossen die Roten bei ihrer Siegesfeier bei der »Bretze« dem Dr. Lueger zu depeschieren: »Lumpengruß (bezog sich auf Dr. Luegers ›Lumpenrede‹, die noch ausführlich erwähnt wird) zuvor. Wir konnten Ihnen nicht die Freude machen, unseren Schuhmeier fallen zu lassen. Bitten um Gnade, aber Ottakring bleibt rot. Es empfehlen sich Ihre Schmerzenskinder.« Leider wollte die Post dieses Telegramm nicht befördern. In einer Gemeinderatssitzung behauptet der Herr Bielohlawek: »Im Arbeiterheim erscheinen die großen und kleinen Pfeiferlbuben, um die Ausführungen der Herren Dr. Adler, Schuhmeier und Konsorten anzuhören.« Der Schuhmeier braust auf: »Wenn der Bielohlawek hier aufstehen und behaupten kann, daß Pfeiferlbuben bei unseren Versammlungen anwesend sind, und der Vorsitzende diese Beleidigung anständiger Leute gestattet, dann muß ich erklären, daß solche Lausbübereien sich von selbst richten.« Diesmal fühlte sich der Dr. Lueger selber getroffen. Er durfte schimpfen und verdächtigen, wollte aber ein Blümchen Rührmichnichtan sein. Der Disziplinarausschuß mußte den Schuhmeier von dieser und den nächstfolgenden drei Sitzungen ausschließen. Als der Schuhmeier den Sitzungssaal verließ, rief ihm einer von der Galerie nach: »Hutschenschleuderer!« Der Michel ist auch auf der Galerie gewesen, mit der Karte, die er vom Franzl gekriegt hat. Der hat den, der »Hutschenschleuderer« gerufen hat, ein bißchen gehutscht und ein bißchen geschleudert, wie gesagt, nur ein bißchen, denn als er immer noch wollte, haben ihn zwei bärenstarke Ratsdiener gefaßt, hinausgetragen und der k. k. Polizei zur weiteren Amtshandlung übergeben. Vierzehn Tage Arrest hat dem Michel das gekostet und vorher eine Butten voll Schläge auf der Polizeiwachstube. Nach einer großen Überschwemmung in Ottakring, bei der viele in alten, niederen Häusern gelegene Proletarierwohnungen unter Wasser standen, die armseligen Einrichtungen zugrunde gingen und viele Familien obdachlos waren, legte der Schuhmeier, unterstützt von Sever, Volkert, David und vielen Ottakringer Vertrauensmännern selbst Hand an, um retten zu helfen, was noch zu retten war. Hernach berief er Volksversammlungen ein, um die große Wohnungsnot, die damals herrschte, und die ein erschreckendes Hinaufschnellen der Mietzinse für die engsten Arbeiterbehausungen verursachte, aufzuzeigen und von der Gemeinde Wien Abhilfe zu verlangen. Im Gemeinderat sprach er über die Wohnungsnot und sah dabei die spätere Gestaltung des Wohnungswesens voraus. Er sagte: »Wie arg es um die Wohnungsnot in Wien bestellt ist, ist sogar einem Beschluß der christlichsozialen Bezirksvertretung von Favoriten zu entnehmen. Dieser besagt, die letzte Volkszählung habe den Beweis geliefert, daß die Wohnungsverhältnisse im X. Bezirke zur Vornahme einer Reform überreif seien. Vor zehn Jahren waren 29.007 Parteien in 2020 Häusern, heute seien 36.024 Parteien in 2184 Häusern.« »Die Gemeinde«, fuhr er fort, »soll endlich einmal anfangen, selbst zu bauen, um der Wohnungsnot zu steuern. Ich weiß, daß die verehrten Hausherren des Gemeinderates das nicht vertragen. Sie sind auch gegen die Arbeiterhäuser. Sie schänden dadurch Ihr Christentum, und das, was Sie in Ihrer Partei sozial nennen. In diesem Saale wird lediglich Hausherrenpolitik getrieben. Sie verschleppen geradezu das ganze Gemeindevermögen, ohne sich Ihrer großen Aufgabe bewußt zu sein. Die Frage der Wohnungsfürsorge ist Aufgabe der Gemeinde. Sie sprechen immer von der Heiligkeit der Familie. Sie stehen auf dem Standpunkte: was Gott zusammengefügt, darf der Mensch nicht trennen, aber unter Ihrer Wirtschaft muß die Frau mit den Kindern zu Verwandten, der Mann ins Asyl.« Wenn man weiß, daß von 138 bürgerlichen Gemeinderäten 79 Stück Hausbesitzer waren, wird man sich nicht wundern, daß diese Gemeindeverwaltung ihre Aufgabe, die Wohnungsfrage zu lösen, die Wohnungsnot zu lindern, beharrlich vernachlässigt hat. Zur Budgetdebatte 1908 im Gemeinderate schreibt er in der »Volkstribüne«: »Im Wiener Rathaus, das entschieden viel zu kostbar und gut ist für jene Bagasche und das politische Gesindel, das sich dort als die herrschende Partei installiert hat und dessen Räume anderen Zwecken dienen sollten als jenen, zu denen sie heute in Anspruch genommen, mißbraucht und verunreinigt werden, von den Bekannten, Freunden, Vettern, Gevattern, Basen und Nichten der bezeichneten Bagasche, hat sich im Verlaufe der letzten Jahre ein ganz persönliches Regiment herausgebildet. Was die Wiener Hofburg für den Kaiser ist, ist das Wiener Rathaus für Herrn Lueger geworden, der sich in seiner kindischen Eitelkeit gewiß von Gott dazu berufen hält, daß er gleich dem Kaiser ein Hoheitsrecht und eine Hofhaltung haben müsse. Daß unmittelbar nach dem Kaiser Herr Lueger kommt, scheint auch die Meinung der gesamten christlichsozialen Partei zu sein, denn Kaiserbilder werden mit Luegerbildern unter einem als Preise gegeben, einem Hoch auf den Kaiser folgt stets auch ein Hoch auf Lueger. Das Recht auf Dummheit ist in der Luegerei ein uneingeschränktes. Dumm kann jeder sein, so viel er will, dumm kann jeder auch vor Lueger sein, schlecht freilich nur hinter ihm. Die Gefahr dieses persönlichen Regiments wird größer, je länger dieses besteht und je größer das Budget der Stadt Wien wird. 207 Millionen Kronen verwirtschaftet heute schon die christlichsoziale Majorität, ohne einer ernsten Kontrolle von seiten der Opposition im Wiener Gemeinderat unterworfen zu sein. Mit einer Geflissenheit und Beharrlichkeit wird die Opposition von der Verwaltung und Kontrolle ferngehalten, die nichts Gutes ahnen läßt. Die Opposition ist weder im Stadtrat, noch in den vielen Ausschüssen, die alle wichtig sind, noch in den Komitees, noch in den Kommissionen vertreten. Die Luegerei bewilligt alles für sich in sich. Kein fremdes Auge kann irgendwo überwachen. Die Herren sind überall allein – unter sich.« Bei einer Budgetdebatte trieben die paar sozialdemokratischen Gemeinderäte Redeobstruktion, weil der Stadtrat Hraba bei Punkt Armenwesen diese Rede hielt: »Es wird jeder von Ihnen wissen, daß das Amt eines Armenrates das unangenehmste Amt ist, welches man haben kann. Die Leute, insbesondere die die der sozialdemokratischen Partei angehören, fordern ja diese Armenunterstützung in der niederträchtigsten frechsten Weise, die man sich vorstellen kann. Ich habe immer meinen Revolver auf dem Schreibtische liegen. Ich möchte nur wünschen, daß die Armenväter uniformiert werden, und jeder soll eine ordentliche Hundspeitsche in die Hand kriegen, damit er sich gegen diese frechen Beschimpfungen und Drohungen gewisser Leute wehren kann.« Der Dr. Lueger hat diese Obstruktion durch einen Gewaltstreich abgebrochen. Der Schuhmeier rief ihm zu: »Herr Dr. Lueger! Bei Philippi sehen wir uns wieder.« Vierundzwanzigstes Kapitel So wurde der Schuhmeier eine Nummer. Er zog wie kaum sonst einer. Nicht nur in Österreich, auch schon im Auslande, wo man sich ihn immer öfter ausbat. Sein Äußeres und sein Gehaben machte alles, was er sagte, glaubhaft, ließ nie Zweifel aufkommen. Er war aber auch ein Meister der gesprochenen Satire. Er hat immer die Lacher auf seiner Seite gehabt, hat mit seinem manchmal recht gemütlichen, manchmal aber blutig stechenden Witz bedrohliche Situationen gerettet, manchen gehässigen Feind für alle Zeiten unschädlich gemacht, manchen Bockbeinigen, der justament kalt bleiben und nicht mitgehen wollte, zum Schmunzeln gebracht und so zu sich herübergezogen. Auch im sonstigen Verkehr platzte oft seine satirische Ader. Die, auf die es ging, nannten ihn bissig, arrogant, dichteten ihm Emporkömmlingsallüren an. Das war gar nicht so. Satirisch behandelt hat er die Sorte, die sich herandrängte mit dem gewissen Blinzeln, wobei sie versicherten, daß sie ja längst auch schon dazu gehörten, mit der Partei sympathisierten, ihr Wohlwollen entgegenbrächten und sie insgeheim förderten, denn es gäbe da gewisse Rücksichten und Vorsichten. Denen begegnete er mit großem Mißtrauen und die mußten sehr unbefriedigt abziehen. Wenn er in einem Menschen einen kalt berechnenden Streber erkannt zu haben glaubte, konnte er sehr unhöflich, sagen wir gleich, saugrob werden. Er hat sich da auch manchmal geirrt und ehrliche Freunde abgeschreckt; aber wer sich nicht abschrecken ließ und ein gutes Gewissen hatte, kam mit ihm doch bald auf gleich. In Budapest fiel auf einen 1. Mai das Jubiläum der dortigen Arbeiterkrankenkasse. Der Schuhmeier war dringend eingeladen worden und kam auch. Der Maiaufmarsch war verboten worden, die Festversammlung der Krankenkasse mußte in einem Wirtshaus abgehalten werden, das von der Stadt stundenweit entfernt war. Am Abend fand dann in Budapest eine in letzter Minute doch noch erlaubte Massenversammlung statt, in der der Schuhmeier sprach. Es war die größte Versammlung, die Budapest bis dahin gesehen hatte. Viele unter den Massen haben ihn nicht verstanden, weil sie nicht deutsch konnten, aber sie haben den Mann an- und ihm zugeschaut und gefühlt, was er wollte. Noch zweimal hat der Schuhmeier in Budapest in Riesenversammlungen gesprochen. Die Budapester Arbeiter haben diesen Wiener gern gehabt bis zuletzt. In einer Riesenversammlung in der oberösterreichischen Eisenstadt Steyr. Neben dem Vorsitzenden thront ein uniformierter Beamter der Bezirkshauptmannschaft als Regierungsvertreter. Das Gesicht voll Schmisse, wie ein raufender und saufender Couleurstudent, starrt er den Referenten Schuhmeier so eigenartig an. Dem Schuhmeier kommt es vor, als wollte der Bengel provozieren. Der Schuhmeier redet kritisch: »Den sozialdemokratischen Abgeordneten ist das Mandat eine Bleikugel, wie uns der Parlamentarismus. Seitdem wir in diesem Kurienparlament vertreten sind, kommt es uns vor, als ob unsere Kraft dahin, als ob wir nicht besser wie jene bürgerlichen Parteien wären, die nur dem Scheine nach arbeiten. Herrgott, wenn wir uns früher reckten und streckten, außerhalb des Parlaments, auch auf der Straße, da waren wir groß und gefürchtet. Und jetzt? Wir kommen aus lauter Rücksichtnehmen auf die Herren 'Kollegen' zur linken und rechten Hand nicht heraus.« Der Herr Regierungsvertreter forderte den Vorsitzenden auf, den Redner zur Mäßigung zu mahnen. Der Schuhmeier macht eine wegwerfende Geste und spricht weiter: »Hier an dieser Stelle will ich nachdrücklichst betonen, daß die arbeitenden Massen auf all die Humanität – verzichten, um keinen passenderen Ausdruck zu gebrauchen, und daß sie wissen, daß die Arbeit, die sie leisten, den anderen weit mehr einbringt, als ihnen gegeben wird. Wir wollen den Ertrag der Arbeit, die wir für die ganze Gesellschaft leisten. Dann gibt es keine Not mehr für eines ihrer Glieder. Durch jenen Bettel aber wird der Arbeiter, der alles dies ja schafft, noch erniedrigt. Er ist ein Bettler, der diejenige Hand küssen soll, die von ihm erhalten wird.« Der Herr Regierungsvertreter fordert den Vorsitzenden auf, den Redner zu ermahnen, er möge derlei Aufreizungen unterlassen. Der Schuhmeier geht in Saft und redet nun plötzlich von den Beamten: »Im Vormärz herrschten die Beamten. Was zu ihnen kam, mußte stets bittlich kommen. Sie waren nicht des Volkes wegen, sondern das Volk war, ihrem Benehmen nach beurteilt, ihretwegen da. Ist es im Nachmärz anders? Leider nein. Wieder gibt es Beamte, die sich nicht einmal bemühen, zu danken, wenn einer, der ins Amt kommt, sie grüßt. Nicht alle unsere Volksgenossen wissen es, daß die Beamten des Staates des Volkes wegen da sind. Sie benehmen sich, als ob wir noch im Vormärz leben würden, und das macht gewisse Herren kühn. Das Volk wird immer so behandelt werden, wie es sich behandeln läßt. Darum sagen wir: Nur Hut ab vor dem, der ein Ehrenmann ist, aber nicht vor jedem Tropf, der an den Kleidern gelbe Knöpfe tragt.« Die Versammlung hat den Schuhmeier verstanden und gleich gewußt, auf wen das gemünzt war. Darum wurde gelacht und nach jedem Satz rasend applaudiert wie noch nie in einer Versammlung. Der Herr Regierungsvertreter bekam einen kürzeren Hals und einen brennroten Kopf. Der Schuhmeier ging auf das Schulwesen über. Und legte sich absichtlich keine Mäßigung auf: »Gilt in der Volksschule die mosaische Lehre, dort auf der Hochschule die naturwissenschaftliche Lehre – warum der Gegensatz zwischen Volks- und Hochschule, warum eine doppelte Lehrmethode, die einen Widerspruch schafft hier und dort? Warum ein Kontra von dem hier, was dort gelehrt wird? Volks- und Hochschule eine Stätte für einen Volkssinn und eine Wahrheit. Gleiche Lehren unten und oben!« Der Schuhmeier drosch hin: »So wie Rom seit Menschengedenken die Zentrale war, welche Bannflüche und Ketzerurteile in die Welt sendete, durch die das Blut von Tausenden floß, jenes Rom, gegen welches der gelbe Feuerschein flammender Scheiterhaufen loderte, so geht auch von dort die Weisung in die Länder: Je unwissender das Volk, desto ergiebiger das Fischen im Trüben! Nicht durch Feuer und Rad kämpft heute eine weitverzweigte Priesterschaft gegen Wahrheit und menschlichen Geist, sondern lautlos und stetig besorgt eine stille Maulwurfsarbeit den Kampf gegen menschliches Wissen, und diese Maulwurfsarbeit besorgt die moderne Volksschule. Darum das Bestreben einer Klerisei, sich sie ganz wieder zurückzuerobern.« Der Herr Regierungsvertreter erhob sich, setzte sein Käppi fesch und schief auf und die Versammlung war aufgelöst. Die Menge tobte: »Pfui« und »Nieder«, aber der Schuhmeier beschwichtigte sie mit einer Handbewegung. Langsam leerte sich der Saal. Als nur mehr ganz vereinzelte Leute da waren, gab sich der Herr Regierungsvertreter einen jähen Ruck, ging auf den Schuhmeier zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Also jetzt außerdienstlich: »Servus Franzl!« Der Schuhmeier schaute verdutzt auf den Herrn Regierungsvertreter, der eben so forsch gewesen, und nur zögernd nahm er dessen Rechte. »Ja Franzl, kennst mich denn nimmer? Vielleicht wegen der Gluft,*) in der ich stecke?« Der Schuhmeier verbohrte sich in das zerhackte Gesicht seines Gegenüber. »Allerdings,« sagte er langsam, »bekannt kommt mir manches vor, aber... aber...? »No, der Wimmer-Hansl bin i, in die Schul san mir miteinand gangen, im Blechturmverein waren mir Kollegen und an die G'schicht im Stall mit der Schromm-Mia – der Hausmeisterischen vom Gärtnerhaus – wirst dich doch auch erinnern, gelt?« »Richtig ja, der Wimmer-Hansl... Man hat sich halt verändert, wenn man sich über zwanzig Jahr net g'sehn hat. Und die Uniform, und die Amtsmiene, ja... ja... und die Mia...« »Die übrigens meine Frau Gemahlin geworden ist. So bleibt man picken. Ich muß mich ja noch vorstellen: Dr. Hans Wimmer, k. k. Statthaltereisekretär, zugeteilt der Bezirkshauptmannschaft Steyr, seit zwei Jahren verschlagen in das gottverlassene und fade Hungerleidernest.« Der Schuhmeier wurde wärmer. Kindheitserinnerungen tauchten auf. Der Wimmer-Hansl lud ihn zu einem Schwarzen mit gemütlichem Plausch ins Kaffeehaus auf dem Hauptplatz ein. »Komm nur, komm nur,« drängte der Herr k. k. Statthaltereisekretär, »wirst doch net bös sein wegen der G'schicht in der Versammlung. Mein Gott, Dienst ist Dienst. Man muß oft anders als man möcht, gelt?« Im Kaffeehaus, in dem der Wimmer-Hansl, ehemals der größte Lausbub von Matzleinsdorf, als einer von den Stadthonoratioren dienernd begrüßt und bedient wurde, redeten sie erst von Gewesenem und dabei geschah ihnen so warm und so weich, langsam kamen sie sich näher... Der k. k. Statthaltereisekretär Hans Wimmer bekannte sich als strammer Deutschnationaler und so kamen sie ins Politisieren. »No und so kommt man auseinander,« sagte der Herr k. k. Beamte elegisch »und, wie sich heut gezeigt hat, übereinander. Aber weißt, Franzl, mir san Jugendfreund und da därf i dir sagen: du treibst es a bisserl arg – Leut aufhetzen, gut, schön, man lebt ganz gut davon, wie Figura zeigt, und wird dabei sozusagen berühmt, wie wieder Figura zeigt, aber laß dir raten, alles mit Maß und Ziel. Aber wieder alle Achtung, wie du das dahersagst mit dein treuherzigen G'schau. Naive Gemüter, gelt, müssen direkt meinen, du glaubst das, was du sagst. Daß 's Menschen gibt, die die Leut anplaudern können, hab i g'wußt, bitt dich, bei mein Dienst, gelt, aber so mit Talent anplaudern wie du – das is schon allerhand. Net amal der Girardi brächte das so z'samm.« »Du überschätzt mich aber anständig, Freunderl,« erwiderte der Schuhmeier, der die Sache und den Mann nicht ernst nehmen konnte, »und hast keine Spur von einer Idee. Du kommst ja schließlich aus einer anderen und lebst in einer anderen Welt als unsereins und wirst in ihr sterben.« »Weißt,« lenkte der k. k. Beamte ein, »manches Mal, wenn ich so nachdenke...« »Geh weiter,« unterbrach der Schuhmeier, »was du net sagst, gibt's das auch?« »... wenn ich also so nachdenke, find ich, daß diese Sozi eigentlich in manchen Sachen, bitte, nur in manchen und net in allen, net unrecht haben und wieder manches wär gar net so schlecht, wenn's nur möglich wär – siehst also, daß ich ka Reaktionär bin, gelt?« »Zu gütig, Euer Wohlgeboren, da könnt's uns am End gar noch passieren, daß du zu uns kämst. Das wär ein Glanz in unserer niederen Hütten. Das mußt uns aber vierzehn Tag vorher telegraphieren, damit wir Zeit haben, alles zum festlichen Empfang vorzubereiten.« »Ausgeschlossen, Franzl, ganz ausgeschlossen. Meine Position, gelt, k. k. Beamter, Weib und Kind hat man auch und will weiterkommen und meine gesellschaftliche Stellung, ich verkehr mit dem Herrn Bezirkshauptmann, der sogar Hofrat is, mit dem Herrn Bürgermeister von daselbst und dem Herrn Steueramtsdirektor, der is doch sogar ein Baron, denk dir, und mit dem Herrn Gerichtspräsidenten und mit hiesige Fabrikanten, schwerreiche Leut, sag ich dir, und unsere Damen verkehren auch miteinander, stell dir vor, in so einem Nest noch dazu, wenn bekannt werden möcht, daß i a Roter hin, a Umstürzler, brr, ka Mensch gäb mir mehr die Hand und net amal in 'n Kegelklub könnt i mehr kommen, na, also, schon deswegen, wär das natürlich ganz unmöglich, Standesrücksichten, gelt, siehst das ein?« »No, sei so gut, ob ich's einseh. Schad, wirklich jammerschad. Da kann man halt nix machen. Ob wir's überleben werden?« Der Redselige fuhr fort: »Und net das allein. Unsereins, gelt, kann sich doch net mit sein Dienstmädel und mit ein schmierigen Hausknecht von der Fabrik und mit 'n Herrn Stadtschreiber, der mit der großen Feder aufs Pflaster schreibt, auf a Stufe stellen. Die Manieren und der Bildungsgrad, schon mehr Grad als Bildung, hahaha, ja also, das is a Riesenabstand, das geht ja net, wo doch schon mein Papa ein hoher kaiserlicher Beamter war, das is wohl selbstverständlich, gelt? Aber daß du net vielleicht glaubst – Standesdünkel, oh, das kenn i gar net, sonst hätt i doch net die Mia g'heiratet, gelt, und grad die is in der Beziehung unnahbarer wie i, mein Lieber, die bewahrt Haltung und wann einer net unseresgleichen is macht s' gleich ein Schnoferl.« »Ja richtig, Hansl, bitt dich, vergiß nicht, bestell der verehrten Frau Gemahlin Gruß und Handkuß.« »Bestimmt werd i net vergessen Franzl i glaub sie wird sich riesig freuen.« »Also, was das anbelangt, ganz bestimmt ist das net. Die Gnädige is mir noch ein Dank schuldig, und wie man sieht, sehr viel Dank, denn wenn i damals net verhindert hätt, so wär s' wahrscheinlich heut net Frau k. k. Statthaltereisekretär, und Leut, besonders Damen, die einem Dank schuldig sind, die können einem gar net leiden.« »Was du wieder glaubst. Ja also um auf das Ursprüngliche zurückzukommen, die Leut, euere Sozi, haben kein Schliff und ka Bildung und Ideale schon gar net so wie wir von der guten Gesellschaft.« »Sag einmal, lieber Hansl, kommt's dir net vor, als ob ihr, die gute G'sellschaft, das aus die Menschen gemacht hättet, was sie sind? Ihr wollt's doch gar net, daß sie Schliff und Bildung und Ideale haben, ihr laßt's ja die Menschen absichtlich net aus dem Sumpf heraus und macht's ihnen das jetzt zum Vorwurf, was ihr selbst verbrochen habt. Is dir das noch nie eing'fallen? Ihr braucht's doch den schwarzen Hintergrund, damit ihr euch strahlend abheben könnt und ohne den tät kein Mensch etwas von eurem Glanz bemerken. Stimmt's?« »Kann i das ändern?« Mit Spitzbubenaugen sagte der Schuhmeier: »Aber Hansi, wer tät denn das von dir verlangen. Aber wenn ihr so angepampft seid mit Wissen und Schliff, so helft's doch mit, die armen Menschen aus dem Sumpf rauszuziehen.« »Du mit deiner Gleichmacherei. Unterschiede hat's immer geben und wird's immer geben. Gott sei Dank, gelt? I bin a Akademiker, a Intelligenzler und will net in der Masse untergehn. I will a Individualität bleiben, i will wer sein.« »Die Masse besteht doch aus Individualitäten wie das Haus aus Ziegeln.« »Ja, aber den einzelnen Ziegelstein sieht man net, hehehe, nur's ganze Haus, i will aber g'sehn werden. Schau, reden mir ernst, gelt? Was da für Leut dabei sein, soviel Bastardln, soviel Böhm und i bin a kerndeutscher Mann, a Deutschnationaler, i war in einer schlagenden Verbindung, ich kenn nur Deutsche, alles andere is G'sindel.« Der Schuhmeier kam nun in Schwung: »Das ist doch alles Schwindel, aber entschuldige schon, so hellsichtige Intellektuelle, wie du einer bist, kommen da nie drauf.« »Na hör amal? No sei so gut, willst vielleicht mit mir aa streiten, wo mir doch Jugendfreund san, gelt?« »Wo werd ich es wagen! Die Deutschen g'hören z'samm, hast g'sagt. Bitte. Aber du hast auch g'sagt, daß du dich mit dein Dienstmädel und mit ein Hausknecht und dem Besenschreiber net auf eine Stufe stellen kannst, weil die Leut keine Bildung und kein Schliff und keine Ideale haben. Das sind aber doch auch Deutsche und gehören also zu dir und du zu ihnen, stimmt's?« »Also so... das is kindisch.« »Na, na, so is das schon richtig. Der deutsche Hausknecht muß zum deutschen Fabrikanten halten, freilich, aber dem deutschen Fabrikanten wird's net im Schlaf einfallen, zu sein deutschen Hausknecht zu halten. Beweis mir, daß der deutsche Fabrikant sein deutschen Hausknecht besser behandelt und mehr zahlt als sein böhmischen. Kannst das? Wen er am billigsten kriegt, der ist ihm willkommen. Im Betrieb, wird er sagen, hab ich für solche Dummheiten keine Zeit. Der deutsche Hausknecht wird also von euch, von der deutschen Intelligenz nicht bevorzugt, und auch gesellschaftlich nicht als gleichwertig behandelt. Was haben also die zwei Gemeinsames? Aber die Fabrikanten halten z'samm. Ergo müssen auch die Proleten zusammenhalten gegen die vom Industriellenverband. Das mit Deutsche und Juden, das ist das Dynamit, mit dem die Arbeitsleut auseinandergesprengt werden, damit sie sich untereinand raufen. Das ist das uralte ›teile und herrsche!‹ Stimmt's?« »Was gehen mich eigentlich deine Proleten an, sei so gut. Wo gehören dann wir Gebildete hin, wir Beamte zum Beispiel?« »Ihr Stehkragenproleten? Goldkragenproleten meinethalben? Wenn's auf den Letzten zugeht, müßt's auch beim Greißler aufschreiben lassen. Die Oberen, die auch so gebildet sind wie ihr, weil ihnen der Herr Papa Bildung per Kilo hat eintrichtern lassen, nehmen euch doch nicht voll, wenn ihr euch noch so an sie anschmiert, die lassen euch nur als ihre Pinscherln hinten nachrennen. Wenn ihr den ungebildeten deutschen Arbeitern Schliff beibringt und Freude an allem Schönen, daß er sich für den Schiller zu interessieren anfangt statt sich wie ein Schwamm anzusaufen, habt ihr tausendmal mehr für das Deutschtum geleistet, als wann ihr nach jedem Krügel Pilsner Heil! brüllt.« Zum Schluß wußte der Herr Wimmer nicht mehr weiter und wehrte ab: »Jessas Franzl, mir brummt schon der Schädel. So spät in der Nacht noch so langweilige Sachen. Man möcht sich doch auch a bisserl unterhalten, gelt, nach dem anstrengenden Dienst.« »Ich unterhalt mich großartig. Also das sind die Gebildeten, die Herren Akademiker. Ist das blöd von mir, wenn ich denen nie über 'n Weg getraut hab?« »Plag dich net, 's wär schad, um deine schöne Stimm. Mir Gebildeten bleiben Völkische, stramm Nationale, wie man sagt, gelt, und daran kann net amal der berühmte Herr Genosse Franz Schuhmeier was ändern. Tut mir ja leid.« »Bleibt's ruhig Völkische! Wenn noch was Dümmeres kommt, seid ihr Gebildeten die ersten dabei. Ich sag's ja: die Studierten waren noch immer die Dümmsten. Zahlen! Schläfrig bin ich. Servus!« »Servus Franzl. Is das a fader Kerl. Der glaubt, i glaub, daß er das alles glaubt. Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Ministerien kommen und gehen. Keines kann den verfahrenen Karren Österreich weiterbringen. Die zusammengeheirateten Nationen wollen wieder auseinander. Sie empfinden dieses Österreich als einen Völkerkerker. Nach Badeni kam Gautsch, nach Gautsch Thun, dann Clary, Wittek und schließlich 1900 das Ministerium Dr. Ernst von Koerber. Dr. von Koerber war ein Unikum unter den altösterreichischen Bürokraten. Er war sozusagen ein Europäer und hatte recht moderne Ansichten über Regieren und Verwalten. Es begann eine freiere Luft zu wehen. Es wurden fast keine Zeitungen mehr konfisziert, in den Versammlungen erschien kein Regierungsvertreter mehr, man konnte lauter und offener reden. Dr. von Koerber hatte sicher die besten Absichten, es mit diesem Österreich noch einmal zu probieren. Er selbst nannte sich einen Mann der »leidenschaftslosen Beharrlichkeit« und war der unbeirrbaren Meinung, daß »Österreich ist«, aber kam auch nicht weiter. Die auseinander wollten, konnte er auch nicht aneinander fesseln, die hohe Bürokratie sabotierte seine Wünsche und Anordnungen. Sie konnte das Bevormunden und Kujonieren und Maulverbinden und das »Zaruck« und »Einspirrn« nicht lassen. Daß ihr oberster Chef, der Ministerpräsident Doktor Ernst von Koerber von ihnen verlangte: »Die Beamten sollen auf die Bedürfnisse der Bevölkerung in erster Linie Rücksicht nehmen«, überhörten sie. Im Feber 1900 streikten die Bergarbeiter in den böhmisch-schlesischen Kohlenrevieren fast acht Wochen lang. Die Bergarbeiter wurden von den Kohlenbaronen Rothschild und Gutmann und dem Grafen Larisch schließlich durch Aushungerung niedergezwungen. Anläßlich einer Parlamentsdebatte verteidigten die christlichsozialen Antisemiten die Barone Rothschild und Gutmann und nahmen gegen die Streikenden Stellung. Die Sozialdemokraten wurden beschuldigt, die Streikgelder der Kohlenarbeiter gestohlen zu haben. Der Abgeordnete Leopold Steiner von der Luegerpartei tat sich im Anbiedern an Rothschild besonders hervor und erhielt von Schuhmeier den Titel »Rothschildsteiner«. Fast wäre es dem Dr. von Koerber gelungen, mit den Tschechen friedlich auszukommen und sie zum Aufgeben ihrer Obstruktion zu bringen – da geschah rechtzeitig die traditionelle österreichische Dummheit. Bei einer sogenannten Kontrollversammlung irgendwo in Mähren haben tschechische Reservisten beim Namensaufruf »Zde« statt »Hier« gerufen. Sie erhielten wegen Meuterei mehrere Monate Festungshaft. Und die Tschechen wurden wieder wild und lähmten das Parlament. In der »Volkstribüne« führte der Schuhmeier inzwischen einen rücksichtslosen Kampf gegen die sich häufenden Soldatenmißhandlungen und gegen die Schmutzkonkurrenz, die die Militärmusiken den Zivilmusikern machten. In seinem Blatte veröffentlichte er um diese Zeit auch Feuilletonzyklen gegen die Klerisei: »Widerspruche zwischen Theorie und Praxis« – »Pfaffen-Schnitzerln« – »Ceterum censeo« – »Bilder aus der Geschichte des Papsttums« – und verdammte in Reden und Artikeln den Mißbrauch der Kanzeln für politische Agitation. Ein großer Teil dieser Abhandlungen verfiel natürlich dem Rotstift des Staatsanwaltes. Für den Lichtstrahlenkalender 1901 schreibt er einen grimmigen antiklerikalen Aufsatz: »Von der Freßfreiheit der Hasen«, interessiert sich nebenbei auch für die Literatur, die Kunst, das Theater und schreibt Theaterkritiken. Über eine Aufführung des Volksstückes »Das vierte Gebot« von Ludwig Anzengruber begeistert er sich: »Es ist ein bürgerliches Drama von ungeheurer Kraft und furchtbarer Wahrheit, das Anzengruber in seinem ´Vierten Gebot' dem Volke geschenkt hat.« Über die »Öffentliche Meinung« und über die bürgerliche und Parteipresse schreibt er diesen trefflichen Aufsatz, der heute noch genau so zeitgemäß ist wie damals: »In früheren Zeiten war die öffentliche Meinung etwas Unbegreifliches; sie hatte keinen Körper, keine deutlichen Umrisse; sie bestand, man wußte nicht wie; sie setzte sich aus tausend kleinen Zügen zusammen: aus dem flüchtigen Wort des Prinzen und vornehmen Herrn, aus dem bedeutungsvollen Kopfschütteln des Gevatters Schneider in der Innungskneipe, aus dem Geschwätz der Frau Base beim Nachmittagsbesuche, auf dem Markte, in der Spinnstube. Eine bestimmte Gestalt nahm sie nur in der wohl nicht durch das geschriebene Gesetz, aber durch die Sitte eingesetzten Ehren-Gerichtsbarkeit an, welche jeder Stand, namentlich aber jede geschlossene Körperschaft über die eigenen Mitglieder übte und deren eine Höherberufung ausschließendes Urteil den Betroffenen sicherer moralisch vernichtete als das Erkenntnis einer bestellten Gerichtsbehörde. Heute ist die öffentliche Meinung dagegen eine festorganisierte Gewalt und im Besitze eines Organes, das von aller Welt anerkannt wird, und dieses Organ ist – die Presse. Die Presse wurde dadurch eine Macht, daß, was zurzeit als öffentliche Meinung ausgegeben wird, sehr oft nur die Meinung irgend eines besseren, das heißt eines gewissermaßen mit einer Lizenz ausgestatteten Preßstrolches ist, der, zum Unterschied von seinen Berufskollegen, der die Leute mit dem Messer angeht, nicht konzessioniert ist und auf den die Polizisten lauern, Personen, eine gesetzgebende Körperschaft oder vielleicht auch, wenn es sich gerade lohnt, die Regierung angreift. Da gibt es dann natürlich Schweige- oder Lärmgelder. Diese Art Strolche streifen zwar mitunter, wie man sagt, mit dem Ärmel das Zuchthaus, welches schon hundertmal ehrlichere Menschen in seinen Mauern gefangen gehalten, es findet sich aber kein Staatsanwalt, der sie anklagt, und so bauen sie sich stets schon, nachdem sie ein paar Jahr ›öffentliche Meinung‹ gewesen, Häuser, auf deren Giebel sie dann mit großen, vergoldeten Lettern den Namen ihres Hofes anbringen lassen. (Gemeint ist der ›Antisemitenhof‹ der damaligen Tageszeitung ›Deutsches Volksblatt‹ in der Josefsgasse.) Wir wollen uns deshalb ein wenig mit der Frage beschäftigen, wer denn eigentlich berechtigt ist, von sich zu behaupten, daß er, wenn auch nicht die öffentliche Meinung in ihrer Gänze, so doch einen Teil derselben darstellt. Nehmen wir zum Beispiel die bürgerliche Presse her. Sie behauptet, sie sei die öffentliche Meinung selbst, wenn auch zeitweilig recht geteilte Ansichten in ihr zum Ausdruck kommen. Einzig ist sie ja doch beim Volksbetrug und beim Bekämpfen der Arbeiter, die bei ihrer Arbeit nicht verhungern wollen. Im Namen anderer aber kann ich doch nur sprechen, wenn ich von ihnen hiezu ermächtigt, gewählt worden bin. Welcher Macher – was immer für einer bürgerlichen Zeitung – kann nun von sich oder seinem Redaktionsstab behaupten, er sei gewählt worden? Anders ist es mit der sozialdemokratischen Presse. Sie kann von sich mit Recht sagen, daß sie ein gut Teil der öffentlichen Meinung ist, denn diejenigen, welche diese Presse schreiben, sind als Redakteure von einer Anzahl Staatsbürger gewählt worden, und sogar das Gehalt, das sie beziehen, wird von ihren Wählern bestimmt. Freilich ist ein solches Blatt ein Parteiblatt. Aber hat denn nicht gerade der Arbeiter in seinem Interesse zur Arbeiterpartei zu stehen? Die Zeitung, die ich halte, muß das Interesse jener Klasse verfechten, zu der ich gehöre, also mein Interesse vertreten. Und es wäre so manches anders, wenn die Masse der Arbeiter dies jetzt schon einsehen würde.« Hier sei ein kurzer Streifen aus dem Riesenfilm: »Was Österreich war«, abgerollt: In Wiener-Neustadt sind Gemeinderatswahlen. Zum ersten Male werden ein paar Sozialdemokraten gewählt, darunter auch der Sozialdemokrat Nelson. Die k. k. niederösterreichische Statthalterei annulliert die Wahl Nelsons, weil »Personen, die, wie Taglöhner oder gewerbliche Gehilfen, keinen selbständigen Erwerb, somit auch kein freies Verfügungsrecht über ihre Zeit haben, von der Wählbarkeit ausgeschlossen sind«. Das war Österreich. Und auch das: In Rottenmann in Steiermark sitzt ein Kadettenschulbuberl im Kaffeehaus und fängt mit dem Kaffeesieder Krakeel an. Ein Arbeiter fragt den Buben, was er denn eigentlich von dem Kaffeesieder wolle. Das Kadettenschulbuberl zieht sein Bajonett und sticht den Arbeiter, weil er sich eine Frage an den uniformierten Knaben erlaubte, mitten ins Herz. Der Arbeiter ist auf der Stelle tot. Dem uniformierten Knaben geschieht gar nichts. Mit einer ähnlichen Geschichte hatte sich der Schuhmeier etwas eingebrockt. Der Herr k. k. Leutnant Eugen Freiherr von Fleschner hatte in St. Pölten einen Postbeamten mit dem Säbel niedergeschlagen. Der Schuhmeier schrieb darüber den Artikel »Der Militarismus im Frieden«, in dem er den Herrn k. k. Leutnant. einen »Burschen« nannte und von ihm sagte: »Vielleicht findet er bei irgend einem Schinder eine ihm zusagende und gebührende Stellung.« Dann hat er eine Agitationsreise durch Deutschböhmen angetreten und ist von ihr mit einer ausgewachsenen Influenza heimgekehrt. In seiner Wohnung in der Kaiserstraße 100, ist er, bis zum Nasenspitzel zugedeckt und in nasse Wickel verpackt, gelegen und hat geschwitzt wie im Dampfbad auf dem obersten Sprießel. Geredet hat er wie ein Kehlkopftuberkuloser im letzten Stadium, und es war ihm überhaupt entsetzlich mies. Den Michel, der den kranken Franzl mit aller Gewalt heimsuchen wollte, erstens so und zweitens weil er mit ihm so viel Wichtiges von der Organisation und von dem und jenem zu reden hatte, ließ die Frau Cilli nicht hinein. »Sie haben z'haus a Butten voll Kinder und auf die müssen S' Rücksicht nehmen«, meinte sie. »Das wär mir ein schöner Vater, der denen Kindern a Fieber und was drum und dran hängt mitbringen tät.« Murrend zog der Michel ab. Daß nicht einmal er zum Franzl dürfe – entweder steht die Welt nicht mehr lang, erwog er, oder mit dem Franzl muß es schon recht schlecht stehen. Und gerade er, der Michel, wüßte noch von seiner Urgroßmutter her einen Tee, der einen Sterbenskranken, einen so unersetzlichen noch dazu, wie der Franzl einer ist, sicherer wieder gesund machen würde als die Himbeersafteln von die Herren Doktores. Nur der Höger-Karl durfte ans Krankenlager. Der Bärenkerl hielt sich Ansteckungen gegenüber immun und mußte unbedingt mit dem Franz wegen der »Volkstribüne« in Verbindung sein. Der Höger-Karl saß neben dem Bett und beredete mit dem Patienten allerlei. Da stürzte die Frau Cilli aufgeregt ins Krankenzimmer und berichtete: »Franz, g'schehn is was, zwa hohe Offizier mit weiße Handschuh san draußen. Sie stehn so steif da, als ob jeder ein Säbel g'schluckt hätt, und sie wollen unbedingt mit dir reden.« Der Franz schob die Tuchent vom Munde weg und säuselte: »G'wiß hat's der Kaiser g'schickt, weil er wissen will, wie's mir geht. I lass schön danken und sagen, daß i leider außerstand hin, aus Untertanentreue schon jetzt abzukratzen.« »Mach keine Witz,« stoppte der Höger, »wer weiß, was die wollen, i werd mit ihnen reden.« Er ging mit der Frau Cilli hinaus. Ein Hakenzusammenschlag drang ins Krankenzimmer und schnarrende Stimmen. Der Höger kam herein. »Zwei Hauptmänner sind's, die Sekundanten von dem Leutnant, der in St. Pölten den Postbeamten niederg'haut hat. Du hast mit dem Artikel die Offiziersehre von dem Herrn gekränkt und sollst dich mit ihm duellieren. Magst? Bist a Held? – Mühsam hob der Patient seinen Oberkörper und sagte: »Sei so gut, gib mir aus 'n Bücherkasten, oberstes Fach, den Goethe, vierter Band, her.« »Bist narrisch?« wollte der Höger wissen, »bleib amal ruhig liegen, sonst steigt's Fieber.« »Nachdem laß 's bleiben, i weiß es eh auswendig. Sag also den hoben Herren, sie sollen den Götz von Berlichingen nachlesen, dritten Akt, siebzehnte Szene, auf Jaxthausen, die letzten Worte Götzens, ehe er das Fenster zuschmeißt, und dem Herrn Leutnant sagen, daß das meine Antwort ist.« Und er drehte sich nach der Wand. Der Höger-Karl hat das nicht so wörtlich ausgerichtet, sondern die Weigerung Schuhmeiers, sich zu duellieren, prinzipiell begründet. Steif, förmlich und mit einem hochmütigen Schnoferl sind die Herren Offiziere abgezogen. Die Frau Cilli hatte ihnen nachgerufen: »Gfrißer, möchten mich zur Witwe und meine Kinder zu armen Waserln machen.« In der »Volkstribüne« hat der Schuhmeier diese Duellforderung sehr ausführlich und mit beißendem Spott behandelt. Das haben seine Widersacher und Neider in der Partei zum Anlaß genommen, ihm eines aufs Zeug zu flicken. Der »Holzarbeiter« brachte folgende Briefkastennotiz: »K. G. Wien. Daß die Duellgeschichte in der ›Volkstribüne‹ urdumm ist, hast du Recht, aber dagegen läßt sich nichts machen, denn wir leben in der Zeit der Reklame. Es gibt Leute, die den Personenkultus verabscheuen, aber nur, wenn er mit anderen Personen getrieben wird, ihre eigene Person nehmen sie aus. Übrigens ist e r diesmal nicht der alleinige Verantwortliche, diese Ausschrotung eines blöden Zwischenfalles haben andere auf dem Gewissen, es befinden sich darunter akademisch gebildete als auch akademisch nicht gebildete Trottel.« Der »Holzarbeiter« mußte sich hinterher wegen dieser Anrempelung entschuldigen. Sechsundzwanzigstes Kapitel Auch Dr. Ernst von Koerber kam nicht weiter. Die slawische Obstruktion verhinderte jede parlamentarische Arbeit. Was die Regierung brauchte, mußte sie sich mit dem berüchtigten § 14 selbst bewilligen. Dieser § 14 ermächtigte die Regierung, dringende Staatsnotwendigkeiten oder was sie dafür hielt unter Gegenzeichnung des Kaisers zu verordnen, wenn das Parlament nicht versammelt war. Und da auch das versammelte Parlament nicht mehr lieferte, was von ihm verlangt wurde, wurde es einfach vertagt, wenn die Regierung Steuern, Rekruten und Sonstiges haben wollte, und dann trat der § 14 in Aktion. Als es überhaupt nicht mehr ging, wurde das Abgeordnetenhaus aufgelöst und für anfangs Jänner 1901 wurden Neuwahlen ausgeschrieben. Wieder tobte ein Wahlkampf. Die Partei war jetzt allerdings schon kampfgeübter und die Genossen beschlagener im Kleinkrieg gegen die Luegerei und die öffentlichen Gewalten. Am 12. August 1900 wurde in Berlin Wielhelm Liebknecht, der große Führer des deutschen Proletariats, zu Grabe getragen. Zur selben Stunde wurde in Wien eine Totenfeier für Wilhelm Liebknecht abgehalten, in der Schuhmeier sprach. Er sagte: »Es ist eine stolze Rebellenleiche, die sie heute in Berlin der Erde übergeben.« Es war der zweite und letzte Wahlkampf in das Kurienparlament. Seit 1897 waren die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen in Wien und in den meisten Industriebezirken mächtig angewachsen und die Partei dürfte großer Hoffnungen voll dem Wahltage entgegensehen. Der Wahltag der V. Kurie war der Donnerstag, der 3. Jänner 1901. Im V. Wiener Wahlkreise Ottakring – Hernals – Währing – Döbling kandidierte selbstverständlich wieder der Schuhmeier. Sein christlichsozialer Gegenkandidat war diesmal nicht mehr der Herr Mittermayer, den seine Partei schließlich doch fallen lassen mußte, sondern ein ebenso unbekannter Herr Josef Mender. Die Christlichsozialen in den Alpenländern und die Nationalisten der verschiedensten Spielarten in den Sudetenländern – Deutschnationale – Deutschfreiheitliche, Schönerianer und so ähnlich nannten sie sich, waren aber ein Bund Hadern – kämpften nach lieber alter Gewohnheit mit Terror, Schwindel, Bestechung, wirtschaftlicher Bedrohung und mit ihren hohlen Phrasen, mit religiösen die einen, mit nationalen die anderen. Im Wiener Gemeinderat tobte sich die Luegerei gegen die »vaterlandslosen Gesellen« wild aus, um gegen sie Stimmung zu machen. Sie wollte möglichst viele Arbeiterstimmen haben, genierten sich aber trotzdem nicht, den Arbeitern ihre Verachtung zu zeigen. Kurz vor dem Wahltag stellte der Schuhmeier im Gemeinderat den Antrag, »daß bei allen Gemeindearbeiten nur solche Unternehmer berücksichtigt werden sollen, welche die zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern einer Branche vereinbarten Lohnsätze zu zahlen sich verpflichten«. Diesen Antrag haben sie abgelehnt und über diesen Sieg gejubelt und sich nicht getäuscht in der Blindheit großer Arbeiterschichten, die diese Leute und diese Partei dann dennoch wieder gewählt haben. In Schuhmeiers Wahlkreis war man wieder siegesgewiß. Diesmal müßte es gelingen, war die allgemeine Überzeugung. Am Vorabend der Wahl fanden in den vier Bezirken Riesenversammlungen statt. In Ottakring eine bei der »Bretze«. Der Kandidat Franz Schuhmeier fuhr im holpernden Einspänner des Partei-Personenspediteurs, des Wlczek-Poldl, von Versammlung zu Versammlung. Die »Bretze« war so vollgestopft, daß nur ein kleiner Teil der Erschienenen hinein konnte. Die Grundstein- und die Brunnengasse waren von Menschen belagert. Als der Schuhmeier angefahren kam, wollten ihn die Massen nicht hineinlassen und verlangten, er möge auf der Straße in der grimmigen Jännerkälte zu ihnen reden. Er stand vor einer Menschenmauer, die unermüdlich »Hoch Schuhmeier!« rief. Und zur Abwechslung wurde er dann wieder mit »Serwas«, »Serwas Franzl« begrüßt. Dieses »Serwas« war im westlichen Wien der übliche Parteigruß, der dann von dem schöneren »Freundschaft« abgelöst wurde. Schließlich packten ein paar Athleten den Kandidaten mit dem Schneidergewicht, setzten ihn auf zwei starke Schultern, bohrten einen Weg durch die Leiber und luden ihn auf der Tribüne ab. Dort zog der Schuhmeier behende seinen Havelock und auch den Überrock aus und begann in Hemdärmeln: »Mein Militär, meine Soldaten! Morgen schlagen wir eine große Schlacht. Morgen müssen wir siegen, weil wir siegen wollen. Das Wort hat jetzt der Genosse Sever, denn ich muß jetzt in die nächste Kaserne, wo die anderen Soldaten auf mich warten, nach Hernals.« Zog Überrock und Havelock an und ließ sich von den Athleten wieder hinaustragen. Hochrufe ohne Ende durchzitterten Saal und Straßen und alle riefen ihm nach: »Morgen, Franzl, bist g'wählt.« Und er war gewählt. Franz Schuhmeier erhielt 24.236, sein Gegenkandidat Mender 21.116 Stimmen. Franz Schuhmeier war nun auch Reichsratsabgeordneter. Der Wlczek-Poldl fuhr den neuen Abgeordneten von Bezirk zu Bezirk. Im Hernalser Brauhaus hatte Petersilka der harrenden Menge schon verkündet: »Sieg auf allen Linien!«, was einen Freudentaumel auslöste der nicht zu beschreiben ist. Wieder brachten sie ihren Franzl auf den Schultern herein. Er sagte nur: »Wir im fünften Wiener Wahlkreise haben uns glänzend geschlagen, wir haben glänzend gesiegt. Ich danke allen für ihre Opfer und für ihre Treue. So wie Sie sich auf den Vertrauensmann Schuhmeier, so wie Sie sich auf den Gemeinderat Schuhmeier jederzeit verlassen konnten, so können Sie sich auch auf den Abgeordneten Schuhmeier verlassen. Und nun muß ich hinüber nach Ottakring in meine Hochburg, wo sie auch auf mich warten und wo ich den Pionieren unserer herrlichen Partei ebenso Dank sagen muß, wie ich Ihnen gedankt habe.« Bis lange nach Mittemacht durchzog eine begeisterte Menge die Straßen der vier Bezirke. Hinter den Fenstern der Gegner war es finster und Nacht. Geschlafen werden sie in diesen Wohnungen wohl nicht haben. Der Michel rannte durch ganz Ottakring und schrie sich heiser: »Unser Franzl is g'wählt! Hoch Schuhmeier! Heut möcht i der ganzen Welt a Bussel geben. Die armen Schwarzen, die werden morgen vom Lueger ihren Radi kriegen.« Er kam erst am Morgen nach Hause. Es war die zehnte Nacht, die er nicht aus den Kleidern und nicht in die Federn gekommen war. Einige Tage nach der Wahl sprach der Abgeordnete Franz Schuhmeier in einer Siegesversammlung beim Stalehner in Hernals: »Der 3. Jänner war der Tag der Hinrichtung der politischen Wegelagerer. Die Affenschande ist von Wien genommen und wir werden Wien hoffentlich bald vollständig von den Elementen säubern, die es so lange geschändet haben. Es hat dem Prinzen Liechtenstein beliebt, zu behaupten, daß es eine Schande für den V. Wahlkreis wäre, wenn der Schuhmeier gewählt würde. Nun, diese Schande ist über den V. Wahlkreis gekommen und Sie alle werden sie wohl zu ertragen wissen, und ich wieder gebe Ihnen die Versicherung, daß ich die Interessen der ganzen arbeitenden Bevölkerung in diesem Wahlkreise vertreten werde ohne Unterschied, ob es ein Arbeiter oder ein Gewerbetreibender oder ein Bauer von Grinzing ist. Wer Rat braucht, wird wissen, wo er hinzugehen hat und wo er ihn findet.« In Wien wurde außer dem Schuhmeier noch Dr. Wilhelm Ellenbogen mit 16.317 Stimmen gegen den Bielohlawek gewählt, der es auf 15.388 Stimmen brachte. Victor Adler kam in den Bezirken Landstraße, Wieden, Favoriten und Simmering gegen den Christlichsozialen Prochaska zur Stichwahl, in der er mit 25.248 gegen 26.555 Stimmen unterlag. Man bekommt einen kleinen Begriff von der Ungleichheit des Rechtes von damals, wenn man weiß, daß ein Victor Adler mit über 25.000 Stimmen durchgefallen war, während in der Tiroler Großgrundbesitzerkurie der Abt Treuinfels mit ganzen neun Stimmen Abgeordneter geworden ist. In Niederösterreich wurde Pernerstorfer wiedergewählt und in der Städtewahlkurie Floridsdorf, wo also die Arbeiter nicht, nur die Privilegierten mitwählten, der junge Lehrer Karl Seitz. Hingegen ist in Graz, wie der Schuhmeier in der Stalehner-Versammlung sagte, »der Resl-Hans, der brave, ehrliche Schneiderg'sell«, durchgefallen und in Böhmen und Mähren hat die Partei Mandate an die Nationalen abgeben müssen. Trotzdem sie in Wien und Niederösterreich vier Mandate gewann, zog sie nur mit zehn Abgeordneten ins neue Parlament ein, während sie vorher vierzehn besaß. In Wien entfielen auf die Sozialdemokraten 100.223 auf die Luegerianer 102.333 Stimmen. Beide Parteien standen sich schon nahezu gleich. Trotzdem beherrschten die Luegerianer mit ihren 2000 Stimmen plus unumschränkt die Stadt Wien. Das neugewählte Abgeordnetenhaus wurde am 4. Februar 1901 mit der üblichen Thronrede, die der Kaiser in der Hofburg von einem Blatt Papier herunterlas, eröffnet. Die sozialdemokratischen Abgeordneten sind, wie auch schon das vorige Mal, nicht in die Burg gegangen. In der ersten Haussitzung stellte der Abgeordnete Dr. Baernreither diesen Dringlichkeitsantrag: »Das Haus wolle beschließen: das Präsidium des Abgeordnetenhauses wird beauftragt, an den Stufen des Allerhöchsten Thrones den ehrfurchtsvollsten Dank für die erhebenden Worte darzubringen, mit denen Seine Majestät am 4. Februar laufenden Jahres den Reichsrat zu begrüßen geruht haben. Das Präsidium wird dem Gefühle unwandelbarer Treue und tiefster Verehrung des Abgeordnetenhauses wärmstens Ausdruck verleihen.« Diese unwandelbare Treue hat sich 17 Jahre später fast über Nacht gewandelt. Dazu hielt der Schuhmeier seine parlamentarische Jungfernrede: »Ich begreife, daß die Ansicht über die bürgerlichen Freiheiten in Österreich oben eine andere ist als die Ansicht unten. Wer da unten zu leben gezwungen ist, wird sagen müssen, daß wir in diesem Österreich von bürgerlichen Freiheiten wenig zu spüren haben und daß wir dort, wo eine Freiheit vorhanden ist, nichts weniger behaupten können, als daß diese Freiheit 'auf fester Grundlage', wie es in der Thronrede heißt, beruhe. Die Preßfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit und alle Freiheiten, die wir in Österreich haben, finden ihre Ergänzung im österreichischen Strafgesetze und bei der Polizei, denn die ist bei uns zulande mit den bürgerlichen Freiheiten so verwandt, wie ich mit meiner Mutter es bin.« Der Präsident unterbricht: »Ich möchte den Herrn Redner ersuchen, sich auf die Frage der Dringlichkeit zu beschränken.« Schuhmeier: »Und ich, Herr Präsident, möchte bitten, seien Sie hier weniger Rittmeister und mehr Präsident. Die Thronrede spricht nur von Dingen, die der Regierung genehm sind, aber an keiner Stelle davon, was dem Volke nottut. Ich urgiere die Erfüllung der Volkswünsche. Mir ist die Regierung in Österreich Nebensache, das Volk ist mir Hauptsache.« Der Wiener Bezirksschulrat, in dem lauter Unterläufeln Luegers sitzen, beschließt, beim Landesschulrat die Entlassung des kurz vorher zum Abgeordneten gewählten Lehrers Seitz zu beantragen. Der Landesschulrat hat zwar von einer Entlassung Abstand genommen, aber Karl Seitz strafweise in die Kategorie der Unterlehrer versetzt. Da der Schuhmeier Abgeordneter ist, kann es der Herr Staatsanwalt der »Volkstribüne« mit seinen Konfiskationen nicht mehr anz'widern. Der Schuhmeier immunisiert jeden konfiszierten Artikel. Er bringt solche Artikel im Parlament als Interpellation ein, auf diese Weise kommen sie ins Sitzungsprotokoll und Abdrucke aus dem Protokoll des Abgeordnetenhauses sind immun, können nicht konfisziert werden. Um jene Zeit hat der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand das Protektorat über den katholischen Schulverein, eine Kampforganisation gegen die interkonfessionelle Staatsschule und gegen das Reichsvolksschulgesetz, übernommen. Der Thronfolger wollte damit öffentlich seine Gesinnung bekunden und dem österreichischen Volke zu wissen geben, wie er dereinst diesen Staat zu regieren gedenke, wenn heute oder morgen einmal der gute, alte Herr vom Schönbrunner Park – – wozu es allerdings nicht gekommen ist. Darüber schrieb der Schuhmeier den Artikel: »Der Schutzengel der Klerikalen und Christlichsozialen«, den der k. k. Staatsanwalt Dr. Bobies pflichteifrigst beschlagnahmte. Bei Immunisierung dieses Artikels wurde der Herr Dr. Lueger gar wild. Pernerstorfer rief ihm zu: »Der Lueger ist durch den Umgang mit dem Wittek verdorben worden.« Der Schuhmeier trumpfte drauf: »Ich glaub, er war von Haus aus nicht viel wert.« Dem Staatsanwalt Dr. Bobies widmete er dieses Gedicht: »Die Wahrheit kannst du halt nimmermehr vertragen. Doch werden wir sie dir immer wieder sagen, Und steigst du zehnmal dich auf den Kopf, Es wird nicht anders – glaub es –, armer Tropf.« Zum zweiten Male spricht er über die Arbeitsverhältnisse der Bergarbeiter. Seinen im sozialpolitischen Ausschuß abgelehnten Antrag auf gesetzliche Festlegung der Achtstundenschicht für die Bergarbeiter bringt er im Hause als Minoritätsantrag ein, der selbstredend abgelehnt wird. Diese große Rede erscheint als Broschüre unter dem Titel »Acht oder neun Stunden«, die in den österreichischen Bergbaurevieren reißenden Absatz findet. Bei einer Ergänzungswahl für das Favoritener Mandat in den niederösterreichischen Landtag wird Victor Adler gewählt, der damit sein erstes Mandat erhält und als erster Sozialdemokrat in den Landtag einzieht. Die Christlichsozialen rasen. Sie beschimpfen insbesondere die sozialdemokratischen Frauen, die für Victor Adler agitiert haben, und nennen. diese: »Priesterinnen der freien Liebe, jüdische Prostituierte aus der Leopoldstadt, Abschaum des weiblichen Geschlechtes.« Die Slawen setzen auch im neuen Abgeordnetenhaus ihre Obstruktion fort. Dr. von Koerber weiß sie zu packen. Er droht mit dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht. Geschreckt verwandeln sich die wilden Männer in brave, gefügige Kinder. Ihre Mandate und ihre Vorrechte sind ihnen doch mehr wert als ihre »nationalen Belange«. Der Hofrat Dr. Ferdinand Ritter von Holzinger, der dazu ausersehen war, klassenbewußten Arbeitern, die in die Fange der Justiz gerieten, in den österreichischen Strafhäusern verschwinden zu lassen, hat sich in seinem Büro entleibt. Man war ihm auf sexuelle Verfehlungen gekommen. Der Schuhmeier widmete ihm diesen Nekrolog: »Der Blutrichter von Wien hat sich an der Stätte des Wiener Blut- und Hochgerichtes den Tod gegeben. Er ist sein eigener Scharfrichter geworden. Gibt es eine Nemesis?« Der Schuhmeier schloß eine Rede mit dem Rufe »Nieder mit der Dynastie!« Große Aufregung bei den schwarzgelben Patrioten. Sie wollten sich auf den Majestätsverbrecher stürzen, drohten ihm mit geballten Fäusten und die Parlamentswache schritt ein, um den Schuhmeier wegen Majestätsbeleidigung auf der Stelle zu verhaften. Schon legte der diensthabende Beamte Hand an den Schuhmeier. Dieser stand unbewegt da und erklärte ruhig: »Nieder mit der Dynastie Geßmann habe ich natürlich gemeint.« Der Sturm wich einem befreienden Gelachter. Nicht nur Luegers Leibintrigant, der alte Dr. Albert Geßmann, sondern auch sein Sohn spielten damals in der Politik eine wenig rühmliche Rolle. Vater und Sohn waren die »Dynastie Geßmann«. Der Schuhmeier war noch nicht lange Abgeordneter, noch nicht ganz parlamentarisch zimmerrein und rutschte daher auf dem glitschigen parlamentarischen Parkett aus. Schuld war wieder der Dr. Geßmann. Bei der Wahl in den Gehilfenausschuß der Handlungsgehilfen siegte zum ersten Male die sozialdemokratische Liste Karl Pick und Kollegen über den bisherigen christlichsozialen Gehilfenobmann und Abgeordneten Axmann. Der Luegermagistrat ließ die Wahl aus fadenscheinigen Gründen annullieren. Als bei der zweiten Wahl klar zutage trat, daß die Liste Pick wieder einen großen Vorsprung hatte, brach der Vertreter des Wiener Magistrats den Wahlakt vorzeitig ab. Dieser Gewaltakt kam im Parlament zur Sprache: Dr. Geßmann, der bereits Regierungsrat und, wenn er – wie fast immer – aufgeregt war, beim Reden mit seinem Speichel herumspritzte, vom Schuhmeier »Regierungsrat Spuckerl« gefrotzelt wurde, verteidigte mit den unglaublichsten Drehs den Magistrat, wobei er mit dem Schuhmeier in ein Wortgefecht geriet. Mit dem ging es durch und er warf dem Dr. Geßmann an den Kopf: »L. m. i. A. Sie akademisch gebildeter Trottel.« Sprachlosigkeit, Entsetzen. Das hat man sich im Hohen Hause bisher höchstens gedacht, aber gesagt ist es noch nie worden. Am nächsten Tage machte die bürgerliche Presse in aufgeblasener Entrüstung. Der Schuhmeier hat dafür im Parteivorstand vom »Doktor« eine ernstliche Verwarnung bekommen. »Soll er's halt bleiben lassen«, beendigte der Delinquent die Debatte. Kurze Zeit darauf hat auch der alldeutsche Abgeordnete Iro in öffentlicher Sitzung den Götz zitiert. Da war die Entrüstung lange nicht mehr so groß. Gegen Ende 1901 nahm in Wien die Arbeitslosigkeit katastrophale Formen an. Arbeitslos zu sein war damals etwas Furchtbares, weil nur die Organisierten von ihrer Gewerkschaft eine minimale Arbeitslosenunterstützung, die Nichtorganisierten aber gar nichts bekamen. Eine Arbeitslosendemonstration im Dezember, an der über 30.000 hungernde Menschen teilnahmen, verlief äußerst turbulent und endete mit »Zaruck« und »Einspirr'n«. Siebenundzwanzigstes Kapitel Der Schuhmeier sprach in einer Versammlung beim Hamberger in der Schloßgasse in Margareten. Sie war übervoll wie immer, und der Jubel, der den Referenten empfing, seine Rede begleitete und in wieder entließ, beispiellos. Zu dieser Versammlung hat sich die Mami vom Karl führen lassen. Sie hat ihren berühmten Franzl noch nie gehört gehabt. Sie interessierte weniger, was ihr Bub dort oben redete, als wie entzückt die Menge von ihm war. Und glänzenden Auges sah sie in die glänzenden Augen der Zuhörer. Zu Hause sagte sie zum Karl: »Alles recht schön, aber er hat auch so viel Feind. Werds sehn, den erschießen s' uns amal. Dann ist mein ersten Gang zum Fenster. Ich will mein Franzl net ins Grab nachschaun.« Sie las täglich die Zeitung, aber was ihr Franzl schrieb, las sie fast nie. Wenn man ihr die »Volkstribüne« hinlegte, schob sie sie beiseite und meinte: »Die Arbeiter-Zeitung«, ja, die lese ich alle Tag, aber die Volkstribüne ist mir zu politisch, die versteh ich net.« Der Sever gab die Parole aus: »Heute wichtige Offiziersbesprechung.« Abends kamen sie nach Erledigung ihrer Obliegenheiten in einer der niedrigen, winkeligen Stuben im altehrwürdigen Reichenberger Griechenbeisel auf dem Fleischmarkt zusammen, dessen Renomme sich von dem bestkonservierten Pilsnerbier mit der breiten schäumenden Borte, das man dort bekam, herschrieb. Das tranken sie nach der nervenzerstörenden Mühsal des Tageskampfes mit Feind und Freund und waren nur Menschen. Wer nicht recht bei Appetit war, wartete, bis der Schuhmeier mitten drin im Einhauen war, worauf sie konstatierten, daß der unmöglich einen menschlichen Magen besitze, der doch einen begrenzten Fassungsraum habe, sondern nur einen Schlauch. Zum Dessert wartete der Schuhmeier allen an der Tafelrunde mit Giardinetto auf. Das war keine gemischte Bäckerei, sondern im Griechenbeisel verstand man darunter drei gebratene Erdäpfel, ganz so wie man sie im Winter beim Maronibrater bekommt. Einer der vielen harmlosen Scherze, über die der sonst so ernste Mann wie ein Kind lachen konnte, war der, daß er die rauchenden Bramburi auf die Tischplatte legte, mit der Faust auf den Tisch haute und vor Freude in die Hände klatschte, wenn sie recht hoch sprangen. Und ganz zum Schlusse verschlang er dann noch einige Olmützer Quargel, die von wegen der Durstanregung ebenfalls eine Spezialität des Griechenbeisels waren. Nach Hause gingen sie nicht direkt. Der Heimweg führte fast immer durch die Menzelgasse, wo der Schuhmeier den Hausmeister von Severs Wohnhaus stürmisch herausläutete, »weil i oben unbedingt nachschauen muß, ob die net was versteckt haben, was mich net frißt, sonst werden mir die Severleut zu fett.« Als der Schuhmeier schon draußen auf dem Ottakringer Berg, in der Wilhelminenstraße wohnte, ging Philipp Müllner, der künstlerische Leiter des Vereines »Arbeiterbühne«, mit ihm hinaus. Da sind dann die beiden noch stundenlang, bis ihnen die ersten Sonnenstrahlen ein Augenblinzeln verursachten, bis ganz hinauf zum Schloß oder gar bis zum Steinbruch geschlendert und haben unterm Sternenhimmel im Wandern ganze Anzengruberstücke aufgeführt. Die haben beide auswendig gekonnt. Der Schuhmeier spielte einmal den Dusterer aus dem »G'wissenswurm«, dann wieder den Wurzelsepp aus dem »Pfarrer von Kirchfeld«, am liebsten aber den fidelen Steinklopferhans aus den »Kreuzelschreibern«, und wenn er das »Nur lustig, es kann dir nix g'schehn« in die Nacht hinausschmettern konnte, war er wunschlos. Außerdem kreierte er noch gerne die weiblichen Hauptrollen, während der Müllner alle anderen Rollen sprach. Danach wusch er sich meistens gleich, zog sich an und fuhr wieder in die »Volkstribüne«. Es war erstaunlich, mit wie wenig Schlaf er auskam. Das war aber seinem Nervensystem nicht sehr zuträglich und er war manchmal recht unstet und fahrig. Sommer war es und eine Versammlung bei der »Bretze«. Im Saale war es unerträglich heiß, weshalb alle ins Freie führenden Türen offen blieben. Der Schuhmeier sprach über »Wohnungselend und Volksgesundheit«. Draußen vor der Türe ging einer auf und ab. Wahrscheinlich wollte er den Redner hören und durch das Auf- und Abgehen kühlenden Wind erzeugen. Den Schuhmeier irritierte der hin- und hergehende Mensch schrecklich. Er ging im Reden auf der Tribüne einmal vor, einmal rückwärts, um sich abzureagieren, er nahm sich vor, nicht hinzuschauen, aber der draußen zog seine Blicke immer wieder an. Er sprach gerade davon, daß man Tierschutzvereine gründe, was sehr löblich sei, aber auch die Menschen bedürften des Schutzes und die sozialdemokratische Partei sei ein Menschenschutzverein. Der draußen ging auf und ab. Und als der draußen nach Schuhmeiers Sätzen: »Je besser der Mensch wohnt, desto edler und besser wird er sein. Das muß als Leitmotiv gelten für alle jene, welche wollen, daß das Menschengeschlecht ein anderes, besseres werde«, noch immer hin- und herpendelte, unterbrach er, was nie vorher passiert war, seine Rede und rief in den Saal: »Macht's die Türen zu, sonst kann ich nicht weiterreden.« Als die Türen zu waren, ging es wieder wie geschmiert. Im Parlament redet er zur Wehrvorlage: »In der Mordkultur sind wir also groß, in der wahren und wirklichen Kultur aber winzig klein; wo es sich um Militärzwecke handelt, ist Österreich immer voran, wo es sich um wirkliche kulturelle Zwecke handelt, bleibt Österreich weit zurück. Wir sind prinzipiell gegen den Moloch Militarismus und haben die feste Überzeugung, daß sich ein Volk auch ohne den Militarismus in der heutigen Form wehrfähig erhalten kann. Wir sind für die allgemeine Volksbewaffnung... Jede Kanone bedeutet den Tod von so und so vielen Proletariern. Dieser und auch jeder anderen Regierung werden wir keinen Heller und keinen Mann bewilligen.« In der zweiten Lesung der Militärvorlage beantragt er als Minoritätsberichterstatter: 1. Die Einführung der zwei- statt der bisherigen dreijährigen Dienstzeit; 2. Vergütung des Verdienstentganges an die zur Waffenübung eingeruckten Reservisten, was natürlich auf einen Wink von oben glatt abgelehnt wird. Eine Parlamentsrede über Fragen der Volkserziehung erscheint als Broschüre: »Wahrheit und Irrtum. Oben Wahrheit – unten Irrtum.« Wiederholt urgiert er einen Gesetzentwurf über die langst fällige Alters- und Invaliditätsversicherung für Arbeiter und Angestellte. Wieder in Steyr. Der Wimmer-Hansl, den er aufsuchen will, ist nicht mehr da. Irgendwohin versetzt worden, noch weiter hinaus, wo die Welt schon mit Brettern verschlagen ist. Die Frau Mia Wimmer hat ihrem Herrn k. k. Gemahl Hörner aufgesetzt. Das gab in der tratschgewohnten Kleinstadt riesigen Skandal, wovon die dortige »gute Gesellschaft« jahrelang geistig gelebt hat, und deshalb wurde der gehörnte Hansl strafweise versetzt. Nach der Versammlung sagte der Obmann der Lokalorganisation Steyr zum Schuhmeier: »Der Genosse Medelsky möchte mit Ihnen reden.« Der Genosse Josef Medelsky wurde ihm vorgestellt. Ein Tischlergehilfe, der in der Waffenfabrik arbeitete. Der traute sich erst nicht mit seinem Anliegen heraus, war ganz verschüchtert: »Wissen S', Genosse Schuhmeier, aber lachen S' mich nicht aus, i hab da in meiner freien Zeit ein Theaterstück g'schrieben. Mir is das so im Kopf herumgangen und da hab i mir einbild't, i muß es zu Papier bringen. Ob es was wert oder ein Schmarrn is, kann i selber net beurteilen. Jeder Vater halt sein Kind für das Schönste und G'scheiteste.« Nach der langen Einleitung glaubte der Schuhmeier es mit einem jener Dichter zu tun zu haben, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen. »Ja, schön, freut mich,« unterbrach er kühl, »und was soll ich dabei tun?« »Weil Sie halt aus Wien sind und Verbindungen haben, während i gar keine hab, und was davon verstehen, weil Sie ja selber viel schreiben, tät i bitten, daß Sie das Zeug lesen, wenn Sie einmal recht viel Zeit haben. Ist's nix wert, schmeißen Sie's ruhig in den Ofen. Sollte sich aber was draus machen lassen, schreiben S' mir's halt. Ich hab zwar eine Nichte am Burgtheater, die Lotte Medelsky, aber die will ich net belästigen. Also vielleicht könnten Sie es bei ein Theater in Wien unterbringen. Jessas, wann i aufg'führt werden tät... I kann's gar net sagen, was für a Freud das wär.« »Also gut, geben Sie's her! Ich versteh zwar nicht viel davon, aber schließlich muß ein Abgeordneter den sehr geehrten Herrn Wählern zu Diensten stehen.« Der Genosse Medelsky überreichte dem Schuhmeier ein sauber geschriebenes, dickes Heft. Der Titel lautete: »Der Kreuzwegstürmer«. Ein Volksschauspiel mit einem Vorspiel und drei Aufzügen von Josef Werkmann. »Josef Werkmann,« erklärte der Dichter, »das ist nämlich mein Pseudonym, gewissermaßen mein Künstlername.« Der Schuhmeier fuhr noch in der Nacht nach Wien zurück. Im schlecht beleuchteten Waggon begann er den »Kreuzwegstürmer« zu lesen, um sich während der langen Fahrt die Zeit zu vertreiben. Anfangs gelangweilt, dann immer aufmerksamer, schließlich kam er nicht mehr los und legte das Heft erst weg, als er zu Ende war. Das Stück schilderte bäuerliches Elend, den frömmelnden Egoismus und das Muckertum auf dem Lande. Es war ein Drama der sozialen Gegensätze im Dorfe und der Dichter hieb auf die Scheinheiligkeit los. »Das hat der Mann geschrieben, der den ganzen Tag hinter der Hobelbank steht?« staunte er, »das ist ja ein zweiter Anzengruber. Da sieht man wieder, was für Genies das Proletariat hervorbringt. Und die meisten verkümmern sang- und klanglos.« In Wien ging der Schuhmeier, der jetzt mehr denn je, aber verschämt, für das Theater schwärmte, weil er sich einbildete, daß man dies einem Kämpfer als Schwäche auslegen könnte, gleich zum Pernerstorfer, dem Literaturgewaltigen der Partei, und bat ihn, das Stück zu lesen und sein Urteil abzugeben. Der Pernerstorfer, dem täglich Dutzende literarische Mißgeburten angehängt wurden, damit er sie protegiere, brummte gereizt: »Am End haben Sie das selber g'schrieben, Sie halt ich jeder Schandtat fähig.« Der Pernerstorfer las »das Zeug« nicht selber, sondern veranlaßte den Stefan Großmann, den Theaterreferenten der Arbeiter-Zeitung, dazu. Der war von dem Stück begeistert. »Das Volksstück ist neu geboren,« sagte er, »Österreich hat wieder einen großen Dichter, Josef Werkmann heißt er.« Nun ließ sich auch der Pernerstorfer herbei und sein Urteil fiel womöglich noch enthusiastischer aus. Der Schuhmeier gewann einen Wiener Verlag, der das Stück in Buchform herausbrachte. Dann interessierte er den Oberregisseur das Raimundtheaters, Wilhelm Popp, dafür, dem es gelang, die Annahme und Aufführung durchzusetzen. Auch er sagte: »Das ist ein begnadeter Dichter.« Am 18. Oktober 1902 wurde der »Kreuzwegstürmer« zum erstenmal im Raimundtheater mit riesigem Erfolg aufgeführt. Wilhelm Popp führte die Regie und spielte die männliche, die Hansi Niese die weibliche Hauptrolle. Die »Volkstribüne« schrieb über sie, daß sie »eine Gestalt schuf, von welcher die Theatergeschichte Wiens einst zu erzählen bemüßigt sein wird«. Und über das Stück selbst schrieb Karl Höger in der »Volkstribüne«: »Der Tischlergehilfe Josef Werkmann hat in seinem mit wahrem dichterischen Schwung geschriebenen Volksdrama ›Der Kreuzwegstürmer‹ der deutschen Schaubühne ein Werk geschenkt, das nicht so bald vergessen und immer wieder wird aus dem Staube der Theaterarchive herausgeholt werden müssen, wie die Werke aller Begnadeten, die ein Recht haben, auf dem deutschen Parnaß ihren Platz einzunehmen.« »Der Kreuzwegstürmer« hielt sich lange auf dem Spielplan, ging über alle deutschen Bühnen und die gesamte objektíve Presse spendete dieser Dichtung höchstes Lob. Mit noch einem zweiten Stück, den »Liebessünden«, feierte Medelsky-Werkmann auf den deutschen Bühnen Triumphe. So hat der Schuhmeier einen wirklichen Dichter aus der Taufe gehoben und die deutsche Literatur bereichern und einen Menschen glücklich machen geholfen. Im November 1902 wird der niederösterreichische Landtag neugewählt. Der bisherige einzige Sozialdemokrat im Landtage, Victor Adler, unterliegt in Favoriten in Stichwahl gegen einen Christlichsozialen mit einer Differenz von nur 39 Stimmen. Dagegen entsendet Floridsdorf seinen Reichsratsabgeordneten Karl Seitz auch in den Landtag, der dort, wieder als einziger, einen harten Stand hatte. Man schrie ihn nieder, bedrohte ihn körperlich und einmal nach einer Sitzung wurde er sogar auf der Straße überfallen. Der nachmalige erste Präsident der Republik Deutschösterreich und Bürgermeister und Landeshauptmann des roten Wien ließ sich nicht einschüchtern. Mutig hielt er einer tobenden Meute stand, und als ihn bei einer Landtagssitzung ein paar Luegerianer attackieren wollten, sprangen Ottakringer, die auf der Galerie zum Schutze ihres Genossen Seitz Posto gefaßt hatten, mit Sever voran über die Brüstung in den Sitzungssaal und schützten den Bedrängten mit ihren Leibern. Der Sever hatte sich damals nicht gedacht, daß er 17 Jahre später in diesem selben Saal als Landeshauptmann von Niederösterreich seines Amtes walten wird. Die Arbeiterschaft von Favoriten war, als sie die Niederlage ihres Führers Victor Adler erfuhr, ungeheuer erregt, um so mehr als bekannt wurde, daß der Gegner nur »siegen« konnte, weil er schamlos geschwindelt und Abhängige vergewaltigt hat, für die Luegerei zu stimmen. Die Favoritner gaben vor dem Arbeiterheim ihrem Zorn laut Ausdruck. Die Polizei drang mit gezückten Säbeln ins Arbeiterheim und hieb blindwütig auf Menschen und Sachen ein. Es gab viele Arretierte, Verwundete und im Arbeiterheim wurden Fenster und viele Einrichtungsgegenstande demoliert. An diese Entweihung des Favoritner Arbeiterheims durch die Polizei erinnert eine Votivtafel im Vestibül. Der Michel kam atemlos zum Schuhmeier gelaufen. »No, no, wo brennt's denn?« dämpfte dieser des Michels Eifer. »Weil's wahr is, so geht das nimmer weiter mit dem Kunschak.« »Was willst denn vom Kunschak? Jeder tut halt, was ihm ang'schafft wird.« »Aber Franzi, was red'st denn z'samm? I mein doch net den Leopold Kunschak, der geht mich gar nix an, i mein den Paul, sein Bruder, was bei uns im 'Apollo' is und der seit einiger Zeit in der Bibliothek mithilft.« »Was ist's mit dem?« »G'fallen tut er mir net. Der is net waschecht, sag, i hab's g'sagt. Der muß 'naus.« »Red kein Stiefel, Michel! Du siehst weiße Mäus. Du bist voreingenommen. Was kann der Mensch für sein Bruder?« »So is das net, Franz! Laß g'scheit mit dir reden. I sag nur, was i weiß. Der spielt den Genossen und führt dabei Reden, die mir net g'fallen und die mir uns net g'fallen lassen können. Der schimpft wie ein Rohrspatz vor die Genossen über unsere »Bonzen« und über alles, was Gott verboten hat, und macht uns die Leut kopfscheu. Der muß 'naus, sag i.« »Nur net so g'schwind, Michel. Mir können net ein jeden 'nausschmeißen, der dir net zu G'sicht steht.« Der Michel knurrte und zog gekränkt ab. »Werd's schon sehn, was da noch 'rauskommt, i hab euch g'warnt, mir dürft's nachher keine Vorwürfe machen.« Der Paul Kunschak hat es selber bemerkt, daß man gegen ihn mißtrauisch geworden war, ließ sich streichen und verschwand. Der Schuhmeier wollte mit ihm reden, aber er lehnte die Einladung zu einer Unterredung ab. Er wisse schon, ließ er sagen, daß der Schuhmeier, dieser Oberbonze, alle gegen ihn aufgehetzt habe, und vielleicht könne er sich einmal revanchieren. Achtundzwanzigstes Kapitel Die Regierung verlangte vom Parlament eine Erhöhung des Rekrutenkontingentes. Das bedeutete eine Vergrößerung des stehenden Heeres. Diese Pille wollte die Volksvertretung doch nicht so gehorsam schlucken. Die Regierung übte eine Pression auf die Abgeordneten aus. Sie behielt die Soldaten, deren drei Jahre um waren, weiter in den Kasernen und ließ sie nicht nach Hause. Der Schuhmeier ging im Parlament los und warf der Regierung vor, daß sie ihr ausgelieferte wehrlose Menschen als Geiseln zurückbehalte. Alles wurde teurer, Milch, Mehl, Erdäpfel, Zucker, Butter steigen im Preise, die Hausherren »steigerten«, das heißt, sie erhöhten die Mietzinse. Dabei wuchs die Zahl der Arbeitslosen, der Menschen ohne jedes Einkommen, jeden Tag. Die Regierung wurde von den Sozialdemokraten immer wieder an ihre Pflicht gemahnt, helfend und lindernd einzugreifen. Sie tat aber gar nichts und überließ es dem »Freien Spiel der Kräfte«, alles wieder einzurenken. Es renkte sich aber nicht ein und die darbenden Massen waren nur schwer zurückzuhalten. Sie wollten irgend etwas tun, sinnlos dreinhauen, um sich Luft zu machen, und beschimpften die Parteiführer, die davor warnten, »Bremser« und »Beschwichtigungshofräte«. Auf dem Parteitag 1904 in Salzburg war die Rede Schuhmeiers eine einzige Klage über Österreich. »Wir versumpfen nicht,« sagte er, »aber wir leben in einem Sumpfe.« In Deutschland war die Sozialdemokratie so stark geworden, daß sie Anspruch auf den Vizepräsidenten des Reichstages hatte. Präsident und Vizepräsidenten des deutschen Reichstages mußten aber nach ihrer Wahl zu Hof geben, um sich S. M. vorzustellen. Wer da nicht mittun wollte, konnte vorweg nicht gewählt werden. In der deutschen Partei waren die Meinungen geteilt. Die »Revisionisten« waren dafür, unter allen Umständen das Recht, einen Vizepräsidenten zu stellen, auszunützen, und dafür die »Hofgängerei« mit in Kauf zu nehmen. Die »Orthodoxen«, wie die Linken von den Revisionisten genannt wurden, waren entschieden dagegen. Sie wollten lieber auf ihren Vizepräsidenten verzichten, ehe sie einen der ihren zu Hof gehen ließen. Der bevorstehende deutsche Parteitag sollte darüber entscheiden. Der Schuhmeier nahm in der »Volkstribüne« scharf gegen die »Hofgänger« Stellung. Ein Sozialdemokrat dürfe sich nicht, meinte er, so tief erniedrigen, vor Wilhelm II. oder irgend einem anderen Gekrönten das vorgeschriebene Knixchen zu machen. Das wäre Todsünde wider den Geist der Partei. Der deutsche Parteitag hat die »Hofgängerei« abgelehnt und damit auf den umstrittenen Vizepräsidenten verzichtet. »Glück auf«, schrieb dazu der Schuhmeier in der »Volkstribüne« Je älter und kränklicher der Dr. Lueger wurde, einen desto widrigeren Kultus trieben seine Leute mit ihm. Er war ihr Herr und Brotgeber und mit ihm standen und fielen sie. Sein 60. Geburtstag stand bevor. Den sollte ganz Wien feiern. Einen Fackelzug wollten sie ihm am Vorabend bringen und am Jubeltag selbst, einem Sonntag, vor dem Rathaus ein Ständchen, zu dem das ganze »christliche Wien« geladen war. Kurz zuvor hielt der Dr. Lueger im Landtag ohne besonderen Anlaß, aus reinem Übermut, seine »Lumpenrede«. Er sagte herausfordernd: »Es ist übrigens merkwürdig. Schauen Sie sich am 1. Mai die an, die in den Prater wandern, das, meine Herren, sind lauter Lumpen.« Die vielen Zehntausende, die seit 14 Jahren in den Prater marschierten, um für ihre große Idee, für das, was ihnen ihr armseliges Leben erst lebenswert machte, zu werben, schrien auf. Es wäre feig und ehrlos gewesen, diesen Schimpf ruhig einzustecken, es dem Schimpfbold nicht heimzuzahlen. Die »Lumpen«, die am 1. Mai in den Prater wanderten, beschlossen, beim Fackelzug und bei der Serenade für den »Lumpenredner« dabei zu sein und ihm auf ihre Weise zum 60. Wiegenfeste zu »huldigen«. Diese Ankündigung beunruhigte die Behörden. Sie versuchten zu erst auf die Sozialdemokraten einzuwirken, diese mögen von ihrem Vorhaben ablassen. Die Sozialdemokraten lassen nicht mit sich handeln. Dann wollen sie den Dr. Lueger durch Mittelsmänner veranlassen, in irgend einer Erklärung seine beleidigenden Äußerungen wenigstens abzuschwächen. Dr. Lueger bleibt bockig und in diesem Zusammenhange fällt sein oft zitierter Ausspruch: »Lieber feig als dumm.« Die Behörde droht mit dem Verbot des Fackelzuges und der Serenade. Die Luegerianer sind feig und dumm und sagen alle öffentlichen Geburtstagfeiern ab. Die »Lumpen« aber lassen es sich nicht nehmen, dem Herrn Bürgermeister zu gratulieren. Am Sonntag den 23, Oktober 1904 nachmittags ziehen über 60.000 »Lumpen« in geschlossenem Zuge auf der Burgtheaterseite der Ringstraße vor dem Rathause vorüber. Polizistenmauern trennten das Volk von dem »Volksmann« und seiner Rathausburg. Dieses Volk von Wien zog vorüber und schickte ein kräftiges »Pfui« zu den Fenstern des Festsaales im Rathause hinauf, wo das schimpffeste Geburtstagskind von den Allerintimsten angestrudelt wurde. So hatten sie sich diese Geburtstagsfeier nicht vorgestellt. Noch einmal haben sich die »Lumpen« beim Herrn Bürgermeister für die liebenswürdige Erwähnung im Landtag bedankt: In Margareten, auf dem Siebenbrunnenplatz, haben sie anläßlich des 60. Geburtstages einen Luegerbrunnen errichtet. Dessen Enthüllung sollte ein großes Fest, ein Ersatz für die abgesagten Geburtstagsfeierlichkeiten werden. Aber diese »Lumpen« waren auch wieder da. Und als »ER« erschien, um die Huldigungen »seiner« Wiener entgegenzunehmen, stimmten die »Lumpen«, die in den Gassen und in den Fenstern der umliegenden Hauser postiert waren, eine trommelfellzerreißende Katzenmusik an und das ganze Animo war beim Teufel. Rasch wurden die Reden abgehaspelt, die kein Mensch hören konnte, und Huldiger und Gehuldigter verließen eiligst diese ungastliche Gegend. Weil über die Freimaurer und ihre Logen so viel und so Arges geredet und geschrieben wurde, wollte der Schuhmeier sich das ansehen. Ein liberaler Gemeinderat und Logenbruder setzte die Aufnahme des Schuhmeier durch und so kam er in die Loge »Sokrates«. Sie haben ihn zuerst sehr zugeknöpft empfangen und wie einen exotischen Gast angestaunt. Der ist ja von ganz wo anders hergekommen als sie alle und der predigte doch draußen den Vernichtungskrieg gegen sie und ihresgleichen. Sie haben im Verkehr mit ihm nicht gleich den richtigen Ton gefunden und er auch nicht. Aber sie tauten schließlich doch auf, sie und er. Die Herren fanden, daß dieser Schuhmeier ein ganz umgänglicher und grundgescheiter Mensch sei, der nicht beißt und mit dem man reden kann, freilich nur nicht über Politik und was dazu gehört. Und der Schuhmeier wieder fand, daß diese Herren vom jenseitigen Ufer, wenn sie nicht an ihren Schreibtischen saßen, von denen aus sie die Wirtschaft und ihre Objekte, das arbeitende Volk, dirigierten, auf ihre Art gute, kluge und feinsinnige Menschen seien, die nicht, wie manche Exemplare dieser Gattung, aus Bösartigkeit und Sadismus das Proletariat beherrschten, entrechteten und ausbeuteten, sondern von ihrer begünstigten und bevorzugten Stellung aus nicht anders handeln zu dürfen glaubten, weil sonst diese für sie vorteilhafte Ordnung in Gefahr käme. Mit dem System würden sich schon, dachte der Schuhmeier, auch die Menschen ändern. Weil man sich in der Loge »Sokrates« geistreich und geistanregend unterhalten und dabei vom Politischen ganz ausspannen konnte, fühlte sich der Schuhmeier dort bald wohl und er ging hin, so oft er an solchen Abenden keine anderen Verpflichtungen hatte. Und mit einigen der Herren, die sich das allenthalben zur besonderen Ehre anrechneten, verkehrte er privat. Die hatten an dem urwüchsigen, bodenständigen, gemütlichen Wiener aus einer ihnen fremden Schicht einen Narren gefressen. Der erwähnte liberale Gemeinderat und der größte Brotfabrikant Österreichs waren passionierte Jäger und der Schuhmeier mußte ihr Jagdgast werden. Leicht und schnell verstand er sich nicht dazu. Noch nie im Leben hatte er ein Gewehr in der Hand gehabt, er, der große Tierfreund, glaubte es nicht übers Herz zu bringen, ein lebendes Geschöpf aus dem Hinterhalt zu töten, und dann fürchtete er, daß ihm solche feudale Allüren von Feind und Freund übel genommen werden könnten. Schließlich siegte der Naturfreund in ihm. Das Jagdgebiet dieser Herren war im Gebiet des Reichenstein in der Admonter Gegend im Gesäuse. Einmal ließ er sich aus Neugierde in diese unvergleichliche Gegend mitschleppen, das zweitemal ließ er sich nicht mehr lange bitten. Außer in der kurzen Ferienzeit, die er zum größten Teil seiner, das ganze Jahr über arg vernachlässigten Familie widmete, kam er nur mehr wenig hinaus in die Natur. Die Jagd brachte ihn ihr wieder näher. Mit Kniehosen und Stulpen, Lodenwams, dem Jagerhütl mit dem Gamsbart, Bergstock und dem Büchsenriemen über die Achsel ging er, so oft er konnte, auf die Pirsch. Er konnte zum Poeten werden, wenn er davon erzählte. Beim ersten Schuß hat er freilich gezittert und um das erste Haserl, das sich seinetwegen überpurzelte, hat er fast geweint, aber dann kam das Weidmannsglück über ihn und er wurde ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn. Dabei konnte er seinen Spürsinn betätigen. Seine Augen leuchteten, wenn er die Auerhahnbalz im erwachenden Hochwald und den Pirschgang auf Geweihwild durch den vom Rauhreif überzuckerten Tann schilderte. Gegessen hatte er niemals das Fleisch eines von ihm getöteten Tieres. Neunundzwanzigstes Kapitel Das Jahr 1905 war ein sehr unruhiges in Österreich. Mit dem vernewerten Kurienparlament ging es auch nicht. Die Arbeiterschaft wurde sich immer mehr ihrer Macht und ihres Wertes bewußt. Der Kampf um das gleiche Recht und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht erreichte seinen Höhepunkt. Im niederösterreichischen Landtag stellte der Doktor Geßmann Anträge, die die Volksschule, die einzige Bildungsanstalt für die Kinder des Volkes, verschlechtern sollten. Die Kirche sollte erhöhte Aufsichtsrechte über die Schule bekommen. Die Partei nahm den Kampf gegen die Schulverderber auf. In der »Volkstribüne« und in Versammlungen ruft der Schuhmeier: »Elternrecht geht vor Pfaffenrecht!« und fordert zum Austritt aus der Kirche auf. Los von Rom! Konfessionslos werden! ist seine Parole. Auf der Landeskonferenz in Krems ist man damit nicht ganz einverstanden. Der Schuhmeier erwidert: »Ich erkläre, daß ich nicht die Absicht habe, meinen Standpunkt zu verlassen, da ich der Überzeugung hin, daß es einen anderen Weg, aus der Sklaverei der Papstkirche loszukommen, nicht gibt, als durch den Austritt... Ich habe es doch selbst erlebt, daß der Katechet meines Kindes zu mir in die Wohnung kam. Was muß sich so einer erst mit den anderen Arbeitern erlauben, die ihm nicht, wie ich, sagen können: ›Über ihr Geschäft dürfen Sie in meiner Wohnung kein Wort reden.‹« Nach erregter Debatte wurde einstimmig beschlossen: »Die Landeskonferenz stimmt der Taktik der ›Volkstribüne‹ in der Angelegenheit der ›Los-von-Rom-Bewegung‹ vollständig zu.« Auch im »Holzarbeiter« erscheint eine hämische Notiz. Ihr Verfasser meint, daß die Partei Gescheiteres zu tun hätte als das ewige blöde Pfaffengeschimpfe. Die Regierung versagte schließlich der vom Landtag beschlossenen Schulverschlechterung die Sanktion. Das Gesetz mußte wesentlich verbessert werden. Koerber geht angewidert. Freiherr von Gautsch kommt wieder. Hält die Zügel straffer als Koerber. In Rußland geht es drüber und drunter. Die dumpfe Masse erwacht. Es ist gerade Krieg zwischen Rußland und Japan und der russische Koloß kriegt feste Haue. Es begann mit einer Meuterei der Matrosen auf dem Panzerkreuzer »Potemkin«. Diese Meuterei wurde blutig niedergeworfen. Am 20. Jänner 1905, an einem Sonntag, zog das Petersburger Proletariat von den Putilowwerken aus unter Führung des plötzlich aufgetauchten Priesters Gapon, der das Kreuz vorantrug, zum Winterpalast, um demütig kniend an das gütige Herz des Väterchen Zaren zu appellieren, er möge seine braven Kinder vor übermäßiger Ausbeutung beschützen und ihnen endlich Menschenrechte verleihen. Väterchen sandte ihnen blaue Bohnen. Über tausend Tote lagen vor dem Winterpalast im frischen Schnee. In der Debatte über das Rekrutenkontingent forderte der Schuhmeier neuerlich: Ersatz des stehenden Heeres durch Volkswehr. Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit. Allgemeine Volksbewaffnung. Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung. Er fordert ferner Bedingnishefte für die Arbeiter, die in Betrieben mit ärarischen Lieferungen arbeiten, in welchen die Minimallöhne, die diese Arbeiter zu erhalten haben, festgesetzt sind. Wird natürlich alles niedergestimmt. Im August 1905 erklärt der ungarische Minister des Innern, Kristoffy, einer Arbeiterdeputation, daß er ihre Bestrebungen nach Erreichung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes unbedingt billige. Die ungarischen Grafen, die seit jeher das Monopol auf Beherrschung und Ausplünderung Ungarns und seiner Nationalitäten besaßen, wollen sich das nicht gefallen, ihr gutes Geschaft nicht von Plebs stören lassen. Sie beklagen sich beim König Franz Joseph I. über Kristoffy, was der ihnen antun wolle, und daß der ungarische Globus aus den Fugen geben würde. Der König von Ungarn lag schon lange mit den Magnaten und denen um den jüngeren Kossuth im Streite. Diese wollten Ungarn noch selbständiger und unabhängiger von Österreich haben, als es ohnehin schon war. Sie verlangten insbesondere die ungarische Kommando- und Dienstsprache für die ungarischen Regimenter. Damit wäre es Schluß gewesen mit der Einheitlichkeit der österreichisch-ungarischen Armee und die lag dem König von Ungarn, der zuerst Kaiser von Österreich und zu allererst Oberster Kriegsherr war, zuvörderst am Herzen. Franz Joseph ließ öffentlich verkünden, daß er bereit sei, in Ungarn das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht einzuführen. Die ungarische Herrenklasse kriegte es mit der schlotternden Angst. Ihre schönen Privilegien waren in Gefahr. Darauf hatte es ja Franz Joseph nur abgesehen. Er beschied die Grafen Zichy, Andrassy, Apponyi, den Baron Bauffy und den jüngeren Kossuth zu sich nach Wien und da wurde der Handel perfekt. Die ungarische Gentry verzichtete auf die ungarische Kommando- und Dienstsprache und ihre sonstigen militärischen Forderungen, der Kaiser-König auf das allgemeine Wahlrecht und das ungarische Volk blieb seinen Herren weiterhin ausgeliefert. Zuvor schon hatte Österreichs Ministerpräsident Gautsch beim Kaiser gegen die Absicht, in Ungarn das allgemeine Wahlrecht einzuführen, protestiert, weil dies die Gefahr heraufbeschwören würde, es auch in Österreich einführen zu müssen. Im Stahlwerk Lenz in Traisen war ein Streik ausgebrochen. Es ging um ein paar Heller mehr Lohn. Herr von Lenz, der Fabriksherr, war ein guter deutscher Mann, der sogar bei mehreren Wahlen als Kandidat aufgetreten war. Aber es war die alte Geschichte. Seine um ein größres Stück Brot kämpfenden bodenständigen deutschen Arbeiter wollte er durch Kroaten, die er als Streikbrecher kommen ließ, niederzwingen. Er ließ diese Kroaten nicht nur für niedrigen Lohn schuften, sondern auch gegen die Streikenden aufhetzen, und so kam es in Traisen während des Streiks täglich zu blutigen Zusammenstößen. Am Sonntag den 31. Juli 1905 unternahmen die verhetzten Streikbrecher auf das Streiklokal einen Überfall. Es wurden Steine geworfen und aus Revolvern geschossen. Der Hauptvertrauensmann der Streikenden, Müller, wurde von einem Stein an der Stirne verwundet. Um weiteren Angriffen zu entgehen, mußte er aus dem Fenster springen, wobei er sich ein Bein brach. Die Gendarmerie schaute dem Treiben der zugereisten Streikbrecher untätig zu, was diese ermutigte, das Gasthaus, in dem sich das Streiklokal befand, zu demolieren und auf Streikende mit Messern loszugehen. Die Streikenden riefen den Schuhmeier, daß er Ordnung mache und in einer Versammlung zu ihnen rede. Am Sonntag den 7. August kam der Schuhmeier mit Franz Domes, dem Sekretär des Metallarbeiterverbandes, und Alfred Engel von der Arbeiter-Zeitung nach Traisen. Fünftausend Arbeiter aus dem ganzen Traisentale durchzogen in einem mächtigen Demonstrationszuge den Ort, und der Schuhmeier sprach über den Zweck der Demonstration. Als die aus der Umgebung gekommenen Arbeiter bereits abgezogen waren, wurden die Streikbrecher wieder frech. Sie höhnten mit Gebärden und warfen wieder mit Steinen, wobei sie mehrere Streikende verwundeten. Die empörten Arbeiter schickten sich an, die Frechlinge zu züchtigen. Schuhmeier, Domes und Engel versuchten, auf die Menge beruhigend einzuwirken. Da krachte ein Schuß. Die Kugel schlug direkt vor den Füßen Schuhmeiers in den Boden ein. An diesem Tage ist er wie durch ein Wunder dem Tode oder zumindest einer schweren Körperbeschädigung entronnen. Dann erst kam eine Abteilung Infanterie von Nr. 84 mit Offizieren im Eilschritt daher, die sich natürlich nicht gegen die Angreifer, sondern gegen die Angegriffenen wendeten, weil es Rote und streikende Arbeiter waren. Der Zar aller Reußen, durch die Niederlagen seiner Armeen unsicher geworden, kündigt die Konstitution an. Eine beratende Nationalversammlung, die Duma, soll gewählt werden. Bald darauf schließen Rußland und Japan Frieden. Im September beschließt eine Reichskonferenz der sozialdemokratischen Partei ein Manifest, in dem zum Endkampfe um das Wahlrecht aufgerufen wird. Überall seien Versammlungen abzuhalten, Broschüren und Flugblätter in großen Mengen zu verteilen. Die führenden Personen der Sozialdemokratie waren damals noch der Meinung, daß dieses alte, morsche Österreich eine wirtschaftliche Notwendigkeit sei und noch und nur dann zusammengehalten werden könne, wenn es sich auf die breiten Massen des arbeitenden Volkes und nicht bloß auf dünne Oberschichten stützt. Jetzt sei dieser unnatürliche Staat durch den nationalen Hader zerklüftet; lasse man aber das wirkliche Volk, das andere Sorgen habe, im Hause der Gesetzgebung mitbestimmen, dann kämen an Stelle der auseinanderstrebenden die zusammenfassenden Kräfte dieses Staates zur Geltung. Das Proletariat aller Nationen wäre klassenmäßig verbunden und das allein noch könnte der Kitt sein, der Österreich vor dem Zerfall bewahrt. Und außerdem müßte man den Nationen das Selbstbestimmungsrecht geben. Auch in Österreich lauft die herrschende Schicht gegen die Absicht, das Volk zur Mitbestimmung zuzulassen, Sturm. Sie bedient sich dazu der Hofkamarilla. Die Weiblichkeit bei Hofe, die sehr einflußreich ist, bohrt und wühlt besonders eifrig. Der Schuhmeier legt im Parlament los: »Es ist genug, wenn die österreichischen Erzherzoginnen alljährlich einen Erzherzog oder eine Erzherzogin als Nachwuchs liefern. Mehr wollen wir diesen Leuten absolut nicht einräumen. Wir haben gar nichts dagegen, wenn man auch den österreichischen Erzherzoginnen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gibt, aber man soll auch anderen Frauen der menschlichen Gesellschaft, die der arbeitenden Klasse angehören, dieses Recht geben. Aber so wie die Sache heute ist, üben die einen, ohne das Wahlrecht zu besitzen, Einfluß auf politische Kreise aus, dirigieren und bestimmen sie und die österreichischen Völker, und auch wir, die wir mit zu den österreichischen Völkern gehören, müssen die Kosten für dieses Treiben bei Hofe bezahlen. Diese weiblichen Mitglieder der Kamarilla sollen auf dem Gebiete bleiben, das ihnen vermöge ihrer Geburt und der Stellung, die sie einnehmen, zugewiesen ist, aber die Politik sollen sie die Völker allein machen lassen, und wir verwahren uns entschiedenst dagegen, daß eine Clique am Wiener Hofe das öffentliche politische Leben beeinflußt, daß von dieser Clique die Lösung gewisser Fragen abhängig ist.« Nun beginnt der Wahlrechtskampf. Josef Hannich legt sein sicheres Reichenberger Mandat zurück, um Victor Adler in den Reichsrat einziehen zu lassen, wo er für das entscheidende Ringen gebraucht wird. Er wird in Reichenberg glatt gewählt. Im Parlament wurden Dringlichkeitsanträge auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes eingebracht. 155 Abgeordnete stimmten dafür, 114 dagegen. Damit war die Dringlichkeit abgelehnt, weil zu ihr die Zweidrittelmehrheit erforderlich war, aber die einfache Mehrheit für die Wahlreform war doch schon vorhanden. Der Schuhmeier rief in seiner ersten Wahlrechtsversammlung nach der Reichskonferenz: »Man holt das Recht sich von der Straße.« Am 30. Oktober 1905 begann im Arbeiterheim Favoriten der Gesamtparteitag der österreichischen Sozialdemokratie. Ihm wurde nicht ohne Bangen entgegengesehen. Es gab bereits sehr ernste Differenzen zwischen den tschechischen und deutschen Genossen, namentlich in Gewerkschaftsfragen, und man befürchtete nicht ohne Grund, daß es zu unerquicklichen Auseinandersetzungen mit noch schlimmeren Folgen kommen könnte. Aber es kam anders. Als gerade Dr. Ellenbogen über »Die österreichische Krise und das Wahlrecht« referierte, kam ein Telegramm, das das Manifest des Zaren enthielt. in welchem er eine Verfassung, bürgerliche Freiheiten, ein gesetzgeberisches Parlament und die Ausdehnung des Wahlrechtes zusicherte. Dr. Ellenbogen brach sein Referat ab, die Versammlung erhob sich und sang revolutionäre Lieder. Alle fühlen, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei. Der Gesamtparteitag beschloß ein Manifest an das arbeitende Volk aller Zungen. Schuhmeier nahm das Wort und erklärte: »Die Ereignisse rufen zur raschen Tat. Heute abends werden wir vor dem Parlament und vor der Burg demonstrieren, morgen beraten wir dann noch über den Generalstreik. Und dann ist's aus mit dem Beraten. Dann gehen wir zum Volke, das uns ruft und das wir führen wollen zur befreienden Tat.« Skaret teilt mit: »Vor kaum zwei Stunden haben wir die Ereignisse aus Rußland vernommen und soeben wird mir telephonisch berichtet, daß die Kasernengasse vor der Arbeiter-Zeitung voll von Arbeitern ist, die auch von dem großen Ereignis gehört haben und offenbar dort auf die Parole warten, was nun geschehen soll.« Dr. Czech aus Brünn: »Ich teile Ihnen mit, daß, wie uns eben aus Brünn telephoniert wurde, zu derselben Stunde, wo Sie sich auf dem Burgring versammeln, auch die Brünner Arbeiter auf die Straße geben werden.« Um 7 Uhr abends strömt das Volk von allen Seiten zum Parlament. Es sind bald hunderttausend. Da geschieht etwas Unerhörtes. An den beiden Fahnenmasten an denen an Sitzungstagen die schwarzgelben Fahnen Altösterreichs flatterten, werden rote Fahnen aufgezogen, die roten Fahnen eines zukünftigen Österreich. Am nächsten Tag muß die Feuerwehr ausrücken, die roten Fahnen herunterzuholen. Der Dr. Lueger schimpft. Er hatte nie seine Zustimmung gegeben, daß die Feuerwehr die roten Fetzen entferne. Sie hätten nur oben bleiben sollen zur Schande einer Regierung, die solchen Unfug erlaubt. Ehe die Menge auseinanderging, sprach der Schuhmeier zu ihr: »Wir wollen keinen Kampf gegen die Polizisten, sie hätten zu Hause bleiben können. Bewahren wir Disziplin. Was wir können, das zu beweisen haben wir heute angefangen. Wir haben heute nicht die Absicht, die Burg davonzutragen. Folgen Sie uns: Halten wir unser Pulver trocken. Unsere Demonstration ist glänzend gelungen. Jetzt auf zum Abmarsch!« Drei Tage später, nach einer Wahlreformversammlung in den Sophiensälen, formiert sich die Masse zu einem geschlossenen Zuge. Bei der Babenbergerstraße will die Polizei verhindern, daß der Zug an der Hofburg vorbeimarschiere. Reiterattacken, dreinhauende Säbel, Verfolgung der Flüchtenden, fünfzig Schwerverwundete. Die Regierung Gautsch verlautbart, daß sie eine Wahlreformvorlage einbringen werde. Am Sonntag darauf ist vormittags Wahlrechtsdemonstration auf dem Ring. Unübersehbare Massen waren gekommen. Der Schuhmeier spricht: »Die Kurienschande muß verschwinden und wird verschwinden. Der heutige Tag wird aller Welt beweisen, daß an der Metzelei am Donnerstag die Arbeiter nicht schuld waren, sondern jene blindwütigen Elemente, die an der Arbeiterschaft ihr Mütchen kühlen wollten. Die Arbeiter werden heute beweisen, daß sie Disziplin halten und auf ihre Vertrauensmänner hören. Es lebe die internationale, revolutionäre Sozialdemokratie! Heraus mit dem gleichen Wahlrecht! Nieder mit Gautsch! Auf Wiedersehen, Genossen!« Am gleichen Tage fanden in ganz Österreich Wahlrechtsdemonstrationen statt. In Prag gab es einen Toten und hundert Verwundete. Für den Tag der Parlamentseröffnung, den 25. November 1905, wurde der Generalstreik proklamiert. Alle Betriebe feierten, alle Geschäfte blieben geschlossen. Ein Zug von über 250.000 Menschen zog stundenlang vor dem Parlament vorbei. Die Gegner wurden blaß und behaupteten, das ganze wäre ein Ringelspiel gewesen. Immer dieselben Leute wären über den Ring gezogen, die Lastenstraße hinaufgerannt und wieder auf dem Ring erschienen. Eine Deputation aus Vertretern aller Kronländer und Nationen erschien bei dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses und beim Ministerpräsidenten. Reumann überbrachte die Forderung der österreichischen Arbeiterschaft nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht. Der Ministerpräsident erwiderte: »Ich möchte nur darauf verweisen, daß die Regierung ihren Standpunkt in der Wahlreformfrage sowohl in der bekannten Kundgebung der ›Wiener Abendpost‹ als auch in jenen Äußerungen, die ich gegenüber einer Abordnung der Industriellen gemacht habe, zum Ausdrucke gebracht hat. Diesen Standpunkt werden wir heute in ausführlicher Rede im Abgeordnetenhaus als der berufensten Stelle darlegen, so daß binnen kürzester Frist über die Absichten der Regierung Klarheit verbreitet sein wird. Es ist meine feste Überzeugung, daß Ruhe und Ordnung die besten Mittel einer Förderung der Wahlreform sind.« In der Sitzung kündigt der Ministerpräsident die Einbringung der Wahlreformvorlage an. Sie lag bereits im Februar 1906 vor. Nach ihr sollte das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, allerdings nur für alle 24jährigen männlichen Staatsbürger mit einjähriger Seßhaftigkeit eingeführt werden. Die Hofkamarilla wühlte weiter. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand äußerte sich höchst ungnädig, daß er sich von der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes nichts Gutes verspreche und daß es Sache der Regierung gewesen wäre, die Agitation für das allgemeine Wahlrecht beizeiten einzudämmen. Der Michel faßte den Schuhmeier wieder am Westenknopf. Das tat er nur, wenn er aufgeregt und sein Kopf wichtiger Dinge voll war. »Na, Franzl, was sagst jetzt, wer schaut deinen Leuten tiefer ins Beuschel, i oder du?« frug er, wobei selbstbewußter Hohn mitklang. »Mach keine so lange Einleitung, Michel, und rück raus mit der Farb!« Der Michel übergab dem Schuhmeier statt weiterer Worte eine aufgeschlagene Arbeiter-Zeitung, tippte auf einen Gerichtssaalbericht und sagte trocken: »Das lies.« Der Schuhmeier las. Der Paul Kunschak hatte zwei Vertrauensmänner von den Schuckertwerken wegen Erpressung angezeigt. Der Paul Kunschak hatte in den Schuckertwerken zu arbeiten begonnen. Wie üblich, stellte sich der Vertrauensmann Saumwald ihm vor und teilte ihm mit, daß sämtliche Arbeiter des Betriebes gewerkschaftlich organisiert seien und nur diesem Umstande die großen Erfolge und Vorteile, welche sich die Arbeiter hier errungen hatten, zu danken seien. Der neue Arbeitskollege möge sich bei allen Wünschen und Beschwerden, die er vorzubringen habe, an ihn, den Vertrauensmann, wenden. Daran knüpfte Saumwald die obligate Frage, ob auch er organisiert sei. Der Paul Kunschak verneinte dies kurz angebunden. Auch die Frage, ob er nun der Gewerkschaft beitreten wolle, um damit seine Solidarität mit der Kollegenschaft zu dokumentieren, verneinte er. Saumwald gab ihm den Rat, es sich noch zu überlegen. Der zweite Vertrauensmann, Schwarzböck, redete dem Paul Kunschak zu: »Sie werden doch wissen, wohin ein anständiger Arbeiter gehört: in die Organisation. Wir dulden keinen Arbeiter, der nicht organisiert ist.« Der Paul Kunschak blieb hartnäckig bei seiner Weigerung. »Dann«, schloß der Vertrauensmann Schwarzböck, »werden Sie die Konsequenzen tragen.« Zunächst geschah nichts. Nach einigen Tagen erkundigte sich Saumwald beim Paul Kunschak, ob er es sich schon überlegt habe. Barsch fuhr der Kunschak den Vertrauensmann an: »Ich hab mir nichts zu überlegen.« Nun sagte Saumwald: »Dann werden entweder wir gehen oder Sie.« In der Betriebsversammlung berichtete Saumwald über diese Vorfälle. Die Arbeiterschaft stellte sich einmütig auf den Standpunkt, mit einem Schmarotzer, der die Vorteile, die die Organisation für alle erkämpft hat und erkämpft, in Anspruch nimmt, zu diesem Kampfe aber nichts beitragen, sondern ihn im Gegenteil sabotieren will, schon aus Reinlichkeitsgründen nicht zusammenzuarbeiten. Die Versammlung beauftragte die Vertrauensmänner Saumwald und Faß, dies dem Werkführer Braulik mitzuteilen und ihn zu ersuchen, den Paul Kunschak zu entlassen, andernfalls die gesamte Arbeiterschaft gezwungen wäre, die Arbeit niederzulegen. Der Werkführer Braulik entließ hierauf den Paul Kunschak, der zu Gericht lief. Die beiden Vertrauensmänner Saumwald und Schwarzböck wurden bei der Verhandlung am 20. November 1905 wegen Erpressung zu je 14 Tagen Kerker verurteilt. Und sie hatten nichts als ihre gewerkschaftliche Pflicht getan und nur über einstimmigen Auftrag der Betriebsversammlung gehandelt. Sie wurden zu 14 Tagen Kerker verurteilt, trotz dem durch Zeugen bewiesen wurde, daß der Paul Kunschak durch diese Entlassung keinerlei Schaden erlitten hatte und längst wieder in einem anderen Betrieb ungeschoren in Arbeit stand. Und trotzdem in der Verhandlung herauskam, daß er, der genau gewußt hatte, was geschehen werde, in provokatorischer Absicht in den Betrieb ging, um ihn als »christlicher Märtyrer« rasch wieder zu verlassen. Bei der Verhandlung antwortete er auf die Frage des Votanten Landesgerichtsrates Dr. Weinlich: »Haben Sie nicht schon früher gewußt, daß Ihnen in den Schuckertwerken etwas passieren wird?« mit aller Offenherzigkeit: »Das habe ich mir schon denken können.« Saumwald und Schwarzböck wurden wegen Erpressung zu 14 Tagen Kerker verurteilt, weil sie und ihre Kollegen mit Unorganisierten nicht zusammenarbeiten wollten. Mußten verurteilt werden, weil in Österreich vor dem Gesetze alle gleich waren, und Fabrikanten, die etwa einem anderen Fabrikanten, der ihren Kartellen oder Industriellenverbänden nicht beitreten wollte, den Rohmaterialbezug unmöglich machten oder ihn durch Preisunterbietungen wirtschaftlich zugrunde richteten, eben so verurteilt wurden – oder was beißt uns. Nach der Verhandlung äußerte sich der Paul Kunschak: »Der Schuhmeier gehört auch auf die Anklagebank und in den Kerker. Aber der hetzt nur auf und dann schleicht er sich. Aber für alles kommt der zahlende Tag.« »No?« forschte der Michel, nachdem der Schuhmeier nachdenklich das Blatt weggelegt hatte. »Gehn wir weiter und halten wir uns mit sowas nicht auf.« »Ob man einmal Dank und Anerkennung finden möcht«, knurrte der Michel gekränkt. Dreißigstes Kapitel Im Parlament hielt er eine mehrstündige wuchtige Rede gegen die Soldatenmißhandlungen im allgemeinen und über den speziellen Fall des zu Tode gequälten Rekruten Hangler im besonderen. So schwer und so ernst er auch anklagte und so festsitzende Hiebe er austeilte, er blieb dennoch streng sachlich und hielt sich nur an beweisbare Tatsachen. Die Christlichsozialen, für die er das Prädikat »Stiefelwichspatrioten« erfunden hatte, wollten ihn niederschreien. Der Dr. Lueger tat sich dabei besonders hervor. Ihrem vergeblichen Wutgeheul setzte er gelassen seinen wienerischen Humor und seinen gutmütigen Spott entgegen und hatte die Lacher auf seiner Seite. Dem Landesverteidigungsminister Latscher, der die Soldatenschindereien verteidigen wollte, setzten er und die anderen sozialdemokratischen Abgeordneten derart zu, daß dieser in offener Haussitzung seine Demission gab. Das Abgeordnetenhaus setzte einen Wahlreformausschuß ein und in diesem wurde monatelang herumgeschachert. Bis zuletzt glaubten die Feinde der Volksrechte die Regierungsvorlage umbringen zu können. Zudem wollte jede der großen bürgerlichen Parteien eine Wahlkreiseinteilung, die ihr von vornherein eine große Mandatszahl garantierte , und jeder Abgeordnete einen solchen zusammengestoppelt haben, in dem er sicher gewählt werden müßte. Die Deutschen verlangten gar von der Wahlreform das Wunder, daß sie in diesem Österreich mit seiner überwiegenden Mehrheit der Nichtdeutschen eine deutsche Majorität hervorbringe. Die polnische Schlachta wieder wollte, daß Galizien überhaupt von der Reform ausgeschlossen bleibe und seine Vertreter weiterhin nach der alten Methode wähle. Es wurde von den Wahlreformfeinden ein Pluralwahlrecht gefordert. Wer eine gewisse Intelligenz oder einen gewissen Besitz nachweise, sollte zwei Stimmen haben, Familienväter für jedes Kind eine Stimme mehr. Über längere oder kürzere oder gar keine Seßhaftigkeit als Voraussetzung zur Erlangung des Wahlrechtes wurde monatelang gestritten, das Frauenwahlrecht wurde von allen Bürgerparteien unter Hohngelächter abgelehnt. Wiederholt drohte das Reformwerk zu scheitern. Da taucht die sozialdemokratische Partei immer wieder fest an. Wenn die Arbeit im Ausschuß stockt, werden in ganz Österreich Massenversammlungen einberufen. Riesendemonstrationen finden statt, der Ruf nach dem Generalstreik ertönt spontan – und die Wahlreformmaschine setzt sich wieder knarrend in Bewegung. Außerdem hat Friedrich Austerlitz, der Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, ungemein viel zum endlichen Gelingen des Wahlreformwerkes beigetragen. Mehr als ein Jahr lang war jeder Leitartikel der Arbeiter-Zeitung der Wahlreformfrage gewidmet. Alle Argumente der Gegner zerpflückte er Schlag auf Schlag in verblüffend geistreicher Weise, bis ihnen kein einziges mehr übrig blieb, von hundert Seiten ging er das eine Problem an, ohne sich je zu wiederholen oder die Leser zu ermüden. Die Austerlitzsche Artikelserie über die Wahlreform ist ein journalistisches Meisterwerk. Keine Partei und kein Blatt deutscher Zunge besaß je ein solches Genie der Tagesschriftstellerei, wie der Sozialdemokrat und ehemalige »Budlhupfer« Friedrich Austerlitz es gewesen ist. Es wurde weiter unterminiert und konterkariert und man kam nicht weiter. Koerber sah keinen Ausweg mehr und warf den Krempel hin. Sein Nachfolger war der Prinz Konrad zu Hohenlohe-Schillingsfürst, den sie aus bis heute noch nicht erforschten Gründen den »roten Prinzen« nannten. Von ihm hieß es, daß er vom Kaiser den strikten Auftrag habe, die Wahlreform unter allen Umständen unter Dach zu bringen. In seiner Programmrede führte er aus: »Indem ich an die Entwicklung des Regierungsprogramms gehe, erlaube ich mir vor allem darauf hinzuweisen, daß auf diesem Programm als erster Punkt jene Reform steht, der heute alle Völker Österreichs mit gespannter Erwartung entgegensehen. Das ist die Reform des gegenwärtigen Wahlrechtes. Es handelt sich darum, das österreichische Reichsratswahlrecht auf die Basis des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes zu stellen und auch auf diesem Gebiete dem Grundsatz Geltung zu verschaffen, daß gleichen Pflichten gleiche Rechte gegenüberstehen.« Das war entschieden deutlich. Auch die Krone sah in der Heranziehung der bisher rechtlos gewesenen breiten Schichten des Arbeitsvolkes zur Gesetzgebung und Mitbestimmung ihres Schicksals das letzte Mittel, um die alte Monarchie zu retten, sah in den verachteten arbeitenden Massen jene Kräfte, die den Willen und die Kraft besaßen, das auseinanderstrebende aus Selbsterhaltungstrieb beisammenzuhalten. Aber auch der »rote Prinz« schaffte es nicht. Der Wille des angeblich so heiß geliebten »guten alten Herrn im Schönbrunnerpark« war den Nutznießern der Macht höchst gleichgültig, wenn dieser Wille von ihnen verlangte, ein Zipfelchen ihrer Vorrechte und Sinekuren preiszugeben. Schon nach vier Wochen mußte ihn Max Wladimir Freiherr von Beck ablösen. Die Partei verlor die Geduld. Noch ungeduldiger wurden die Massen. Die Partei drohte mit einer dreitägigen Arbeitsruhe. Die Maschine begann sich wieder ächzend zu drehen. Anläßlich der Debatte über eine Änderung des Militärtaxgesetzes, der sogenannten Krüppelsteuer, urgiert der Schuhmeier das von ihm wiederholt verlangte und eingehend begründete Gesetz über die Unterstützung der Reservisten und deren Familien während der Waffenübungen und sonstigen Einberufungen. Der Vater Staat riß alljährlich Reservisten und Ersatzreservisten aus Beruf und Verdienst, steckte sie einige Wochen in Kaisers bunten Rock und verwendete sie für seine Zwecke – wovon inzwischen die Familien derer lebten, die sich auf das Umgebrachtwerden vorbereiten mußten, darum wollte er sich nicht kümmern. Die Bezirksorganisation Ottakring, die größte der Monarchie, empfand schon längst schmerzlich den Mangel eines eigenen Heims. Die verschiedenen Organisationen und Vereine waren zerstreut in ungeeigneten Wirtshäusern untergebracht, die Ottakringer verfügten über keinen entsprechend großen Saal in dem sie ihre Feste und Versammlungen hätten abhalten können, und es war auf die Dauer unhaltbar, auch die Vorträge und Kurse in rauchigen Gaststuben mit Trinkzwang abzuhalten. Die Ottakringer brauchten ihr eigenes Heim, ein Arbeiterheim. Mit Neid blickten sie auf die Favoritner, die schon eines besaßen. Die Ottakringer gründeten eine eigene Genossenschaft zum Bau und zur Erhaltung eines Arbeiterheims, gaben Anteilscheine aus, verkauften Bausteine, und auch die anderen drei Bezirke, die zum V. Wiener Wahlkreis gehörten, taten mit, sammelten bei jeder Gelegenheit für den Baufonds. Und als eine bescheidene Summe beisammen war, gingen sie ans Werk. Der Schuhmeier legte sich mit Feuereifer ins Zeug und setzte seinen Ehrgeiz daran, seinen Ottakringern baldigst ihr Heim zu geben. Die größte Schwierigkeit war die Platzfrage. Es war ihnen natürlich daran gelegen, das rote Heim der Ottakringer Arbeiter, in dem sie lernen, werben, kämpfen und sich auch zerstreuen sollten, in den Mittelpunkt des Bezirkes und dorthin, wo er am frequentiertesten ist, zu stellen. An solchen Stellen war aber kein brauchbarer Baugrund zu haben. Entweder waren solche Gründe unverkäuflich oder ihre Besitzer wollten sie um keinen Preis den verfluchten Roten geben. Schließlich erwarben sie Gründe zwischen der Kreitner- und der Klausgasse, die genügend Raum für das Heim boten, aber etwas zu abseits gelegen sind, was sich bald nach Vollendung des Baues und noch mehr späterhin nachteilig fühlbar machen sollte. Bei der Grundsteinlegung hielt der Schuhmeier die Grundsteinrede. Er war in feierlichem Schwarz und mit einem Zylinderhut erschienen. Wegen dieser »Angströhre« mußte er manchen Spott einstecken. Er sagte: »Wenn wir heute darangehen, einen Grundstein für ein Arbeiterheim zu legen, so wissen wir, was dieses Arbeiterheim für uns alle bedeutet. Es wird eine gute und verläßliche Zufluchtsstätte der Freiheit sein. Es wird sein ein Haus für die Wissenschaft und für ihre Lehre, die in Österreich frei ist und die man, wahrscheinlich, weil sie frei ist, so selten anzutreffen vermag. Und so wollen wir denn der Wissenschaft und ihrer Lehre ein eigenes Heim bauen, und der Bau, der sich hier erhebt, er wird sein eine Universität, eine Hochschule der sozialdemokratischen Arbeiterschaft des V. Wiener Wahlkreises. Meine verehrten Freunde! Wenn es wahr ist, daß Steine reden, dann wird auch dieser Grundstein zur Zeit, wo er dereinst von unseren Nachkommen gehoben werden wird, reden. Er wird reden von unserem Opfermut, er wird reden von unserer Unbeugsamkeit, er wird reden von unserer treuen Hingabe an die Sache, der wir alle dienen mit Leib und Seele – der Sache des Volkes. Und so, meine verehrten Freunde, wenn Sie sich heute versammeln, um Zeugen des schönen und seltenen Festes zu sein, prägen Sie sich ein den heutigen Tag in Ihr Gedächtnis, seien Sie stolz auf diesen Tag und arbeiten Sie mit uns, von dem Grundstein angefangen bis weiter zu dem fertigen Bau, auf daß wir einziehen können in ihn und erfüllt werde unser Zweck. Bildung und Freiheit für die Arbeiterschaft – sie mögen gefördert werden in dem Bau, der hier erstehen soll, in dem Bau des Arbeiterheimes für den V. Wiener Wahlkreis. Und nun lassen Sie mich in Ihrer Gegenwart die Urkunde in den Grundstein legen und lassen Sie mich Ihnen auch zu wissen machen, was wir in der Urkunde der Nachwelt mitteilen wollen.« Nachdem er die Urkunde vorgelesen hatte, wurde diese versenkt. Der Schuhmeier nahm den Hammer, tat die üblichen drei Schläge auf den Grundstein und sagte diesen Hammerspruch: »Ein Grundpfeiler mehr erstehe auf diesem Platze der Zukunft der sozialdemokratischen Arbeiterschaft der Hauptstadt Wien! Der Arbeit, der Wissenschaft, der Freiheit!« Im Kaiser-Jubiläums-Stadttheater, auf das die Gemeinde Wien starken Einfluß hatte und das unter Lueger ein arisches, judenreines Theater blieb, wurden Anzengrubers kecke »Kreuzelschreiber« aufgeführt. Der Gemeinderat Pfarrer Laux von der Neulerchenfelder Pfarrkirche wetterte in öffentlicher Gemeinderatssitzung gegen die Aufführung dieser gotteslästerlichen Komödie auf einer christlichen Bühne und verlangte ein Verbot dieses Stückes und Bestrafung der Schuldigen. Wie der Schuhmeier diesen hochwürdigen Herrn heimgeschickt und seine Gesinnungsgenossen, die die »Kreuzelschreiber« wohl nie gesehen oder gelesen hatten, aber mitfluchten und polterten, hübsch nacheinander zum Schweigen gebracht und abgetuscht, wie er mit diesen Nichtswissern einfach Katze und Maus gespielt hat, wie sie sich alle umdrehten, weil sie selber lachen mußten – das nachzulesen wird auch späteren Geschlechtern noch einen auserlesenen Genuß bereiten. Bei einer Fleischteuerungsdebatte im Parlament verlangt der Schuhmeier mit allem Nachdruck die Öffnung der Grenzen für billiges überseeisches Fleisch. Die Agrarier und die Ungarn sind natürlich dagegen, weil dann auch sie mit den Viehpreisen herunter müßten. Bei dieser Gelegenheit zeigt er die Schwindelpolitik der Christlichsozialen auf. Er weist nach, wie der Dr. Geßmann in Bauernversammlungen auf dem Lande draußen forderte, daß die Ochsen teurer werden müßten, und gleich darauf im Wiener Gemeinderate verlangte, daß das Fleisch billiger werden müsse. Im Dezember 1906 war das Abgeordnetenhaus mit der Wahlreform fertig. Sie gelangte nun in das Herrenhaus, wo die von niemandem gewählten Hochadeligen, die Latifundienbesitzer und Geldsäcke beisammensaßen, die sich schon die Nase zuhielten, wenn sie bloß das Wort »Volk« hörten. Die Herrenhäusler machten natürlich Manderln. Die Regierung Beck verlangte von den Herrenhäuslern kategorisch, daß sie die Wahlreform schlucken, andernfalls sich der Kaiser einen Pairsschub vorbehalte. Das hieß, daß so viele willfährige Männer zu Herrenhausmitgliedern (Pairs) ernannt werden würden, als zu einer Mehrheit für die Wahlreform erforderlich waren. Das wirkte. Die Herrenhäusler duckten sich und apportierten zähneknirschend die Wahlreform. Der Kaiser sanktionierte sie und vom 14. bis 23. Mai 1907 fanden die ersten Wahlen in Österreich nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht statt. Die Frauen blieben nach wie vor rechtlos. Zur Vorbereitung des Wahlkampfes wurde eine Reichskonferenz aller sozialdemokratischen Parteien nach Wien einberufen. Die tschechischen Genossen, die sich dem »zentralistischen« Wien immer mehr entfremdet hatten, erschienen nicht mehr auf der Reichskonferenz. Sie schickten ein Begrüßungstelegramm. Das war sicher die erste Enttäuschung in Parteikreisen, denn es zeigte sich sofort, daß das so schwer erkämpfte gleiche Recht für die bisher Rechtlosen nicht einmal in der Partei selbst mehr zentripetale Wirkungen auszulösen vermochte. Bei einem Wahlrechtsfeste sagte der Schuhmeier: »Das alte Österreich liegt nun in Trümmern. Aber die Arbeiterschaft dieses Staates, die imstande war, es in Trümmer zu legen, wird auch vermögen, aus den Ruinen neues Leben erblühen zu lassen. Unser ganzes Interesse gehört der Zukunft. Die Prophezeiung unserer großen Lehrmeister wird Wirklichkeit: Daß die Arbeiterschaft gegenüberstehen wird einer einzigen reaktionären Masse. Wir gehen großen Kämpfen entgegen. Rings um uns sehen wir nur Feinde.« Der Schuhmeier kandidierte nicht nur in Ottakring I – Ottakring war in zwei Wahlbezirke geteilt –, sondern auch in Asch, in Böhmen. Man wollte ihn in zehn Wahlbezirken als Kandidaten haben. Von den 5 1/2 Millionen Wahlberechtigter erhielt die Sozialdemokratie in ganz Österreich 1,040.100 Stimmen und 87 Mandate. Sie war die stärkste Partei des neuen Abgeordnetenhauses. Die Christlichsozialen erhielten nur 562.869 Stimmen. Der Schuhmeier wurde in Ottakring I mit 9027 gegen 4225 Stimmen, die der Christlichsoziale Haberreiter erhielt glänzend gewählt. Ottakring II wählte Anton David. In Asch kam der Schuhmeier mit dem Deutschradikalen von Stransky in die Stichwahl, bei der er nur knapp unterlag. Wien wählte 20 Christlichsoziale, 10 Sozialdemokraten und 3 Bürgerlich-Freisinnige. Der Michel kannte sich vor Freude nicht aus. »Jetzt,« rief er immer wieder, »jetzt is an uns die Reih, jetzt haben endlich a mir was z' reden, jetzt geht's aus einem anderen Ton.« Die tschechischen Sozialdemokraten sind in den Gesamtverband der sozialdemokratischen Abgeordneten eingetreten, haben aber außerdem ihren eigenen Klub. Wie immer, wurde die Session des neugewählten Abgeordnetenhauses mit einer Thronrede eröffnet. Die Abgeordneten mußten sich zu diesem Zwecke in die Hofburg begeben. Diesmal gingen auch die Sozialdemokraten hin. Nur einige wenige blieben dieser Zeremonie fern. Auch der Schuhmeier ging in die Hofburg. Es gab deswegen viel Kopfschütteln in der Partei. Bei den Sitzungen und Versammlungen der nächsten Zeit fragten die Genossen höhnisch, warum nicht mit der Absingung des Kaiserliedes begonnen werde. Der Schuhmeier, der wenige Jahre vorher gegen die beabsichtigte, aber dann abgelehnte Hofgängerei der Sozialdemokraten in Deutschland losgegangen war, wurde auf dem nächsten Parteitag vorgeschickt, um den tatsächlich erfolgten Hofgang der Österreicher zu rechtfertigen, weil aus dem Munde des geraden, ehrlichen Schuhmeier nichts, was er sagte, wie ausgetiftelte Auslegung herauskam und weil er sich schließlich nicht starrsinnig in eine einmal gefaßte Meinung verbiß, sondern diese, wenn es die Umstände erforderten, revidierte: »Der Gang in die Hofburg war etwas, was aus sehr reiflicher Überlegung gemacht wurde. Es hat sich ja nicht gehandelt um einen Besuch in der Hofburg, sondern es hat sich darum gehandelt, endlich zu dokumentieren, daß wir uns von niemand wehren lassen, an dem ersten Akt des Parlaments, der die Thronrede ist, teilzunehmen. Die Thronrede ist nichts anderes als der Beginn jeder Session, die Verkündigung des Programms der Regierung, das in der Thronrede niedergelegt ist; und insolange in Österreich der Kaiser nicht ins Parlament kommt, muß auch uns das Recht zustehen, dorhin zu gehen, wo diese Thronrede zur Vorlesung gelangt. Wenn es heute noch Parteigenossen gibt, die niemals damit einverstanden sein werden, so verstehe ich deren Gefühle, und ich bin der letzte, der diese Gefühle irgendwie lächerlich machen wollte; aber die sozialdemokratische Politik darf sich nicht mehr vom Gefühl leiten lassen, sondern ihre Aufgabe schreibt der Verstand vor; und wenn wir heuer zur Thronrede gegangen sind, so haben wir nur Rechnung getragen der Vernunft und dem, was in dieser Situation unbedingt notwendig war und was hat geschehen müssen. Ich bin auch im sozialdemokratischen Verband unbedingt dafür gewesen, nicht vielleicht, weil ich so genußsüchtig bin, um in die Hofburg zu gehen oder dem Volke einmal zu zeigen, wie ich unter dem Zylinder aussehe, sondern weil ich damit demonstrieren wollte, daß bei uns nicht das Gefühl, sondern der Verstand entscheidet. Die Folgen und besonders der Zorn unserer christlichsozialen Gegner haben es dann auch deutlich gezeigt, was für ein kluger Schachzug es war, daß wir einmal so frei waren, in die Hofburg zu gehen. Die österreichische Sozialdemokratie ist heute so stark, daß vor ihr nicht verschlossen werden kann das Tor der letzten Hütte, sondern auch aufgemacht werden müssen die Tore der Hofburg. Auch in der Hofburg wird die Sozialdemokratie ihren Mann stellen und wir sozialdemokratischen Abgeordneten sind so echt gefärbt, daß wir nicht abfärben, wenn wir in andere Gesellschaft kommen; es hat sich nur immer gezeigt, daß umgekehrt, die mit uns verkehren, mehr die Farbe von uns bekommen. Wir sind niemals verpflichtet, der Thronrede beizuwohnen. Es kann uns gar nicht schaden, sondern nur nützen, wenn wieder eine andere Zeit kommt und wieder andere Sitten angenommen werden, – ich meine, wenn ein anderer Mann an die Spitze kommt –, wir eine sehr wirksame Waffe zur Demonstration in die Hand gegeben haben. Wir geben dann einfach nicht hin und dieses Nichterscheinen wird mehr wirken, als wenn wir niemals dort gewesen waren. Der Kaiser kann uns nicht kompromittieren, so wenig als wir ihn kompromittieren können. Es ist lediglich eine Sache der Taktik und die Taktik war gut und hat uns genützt.« Die letzten Sätze waren auf den Thronfolger Franz Ferdinand gemünzt, der die Absicht hatte, einmal auf den Thron gekommen, es Wilhelm II. im Zerschmettern der Sozialdemokratie gleichzutun. Das prächtige Arbeiterheim der Ottakringer war fertig und am Sonntag den 16. Juni 1907, bald nach der Wahlschlacht, wurde es eröffnet. Der Schuhmeier hielt die Eröffnungsrede. »Am 14. Mai (Wahltag) haben wir mit einem Sprung die anderen überholt, haben vollbracht, was bei ihnen lange noch Projekt sein wird, wir haben in Wien einen Wald- und Wiesengürtel geschaffen. Daß er ein bisserl zu früh aufhört und unterbrochen wird, wo das kaiserliche Lustschloß steht, darf uns die Freude daran nicht verderben. Rings um Wien ist schon fast alles rot. Und hier, am Fuße des Wienerwaldes, haben wir eine Burg gebaut, von der wir sagen können: Von dem Tage an, da der Grundstein gelegt wurde, mußte für die Feinde die Hoffnung schwinden, daß sie hier noch jemals siegen können. Das ›Hausregiment‹ – und hier werden neue Rekrutenkontingente gerne gegeben – dankt für die Ehrung, es wird seine Schuldigkeit tun.« Mit dem Wald- und Wiesengürtel meinte er ein nie ausgeführtes Lieblingsprojekt Dr. Luegers. Sein »Hausregiment« – so hießen in Wien die Deutschmeister –, die Ottakringer, hat unermüdlich Rekruten geworben, hat sich um Kompagnien und Bataillone vermehrt und diese sind als richtige Edelknaben in jedem Kampfe voran gewesen. Denn einen solchen Regimentskommandanten, wie der Schuhmeier einer war, gab es kaum noch sonst in einem der roten Regimenter. Und in ihrem neuen Heim haben sie viel erlebt, sogar, daß es während des unausdenkbaren Völkermordens zum Kriegsspital umgewandelt wurde, viele Sorgen und viele Freuden, auch viele Enttäuschungen und viel Schmerz, den größten aber in jenen bitterkalten Februartagen, da in der Mitte des trauerschwarz verhängten großen Saales ein Sarg stand, in dem still und stumm der Franzl gelegen ist, der an derselben Stelle immer so lebendig und so laut war... In der Maschinenfabrik Kaiser in Mödling wurde gestreikt. Die Behörden waren wie immer auf Seite des Unternehmens und gegen die Arbeiter. Weil sie nämlich gegen den Klassenkampf sind. Sie verboten sogar das Streikpostenstehen, obzwar ein solches Verbot in keinem Gesetz begründet war. Wer dennoch Streikposten stand, wurde verhaftet und geprügelt. Der Schuhmeier fuhr nach Mödling und stand einige Tage Streikposten. Ihn konnten sie nicht verhaften, weil er als Abgeordneter immun war. Daraufhin hat es die Behörde aufgegeben, die Streikposten zu vertreiben. Sie ließ sie stehen. So hat der Schuhmeier Behörden erzogen und der Arbeiterschaft zu ihrem Rechte verholfen. Der Schuhmeier wird vom Abgeordnetenhause in die Delegation entsendet. Die Delegationen waren nebst dem Kaiser – König und der Armee das einzige Gemeinsame zwischen Österreich und Ungarn. Sowohl das österreichische als auch das ungarische Parlament wählten eine Delegation. Diese beiden Delegationen sollten sich darüber einigen, in welchem Verhältnis beide Staaten zu den gemeinsamen Lasten beizutragen hatten – Österreich war dabei immer die Wurzen, weil sich Ungarn dafür, daß sie sich herbeiließ, mit Österreich irgend etwas gemeinsam zu haben, gut bezahlen ließ –, sie waren das Forum, in dem über Österreich-Ungarns Außenpolitik und über Armeefragen geredet, aber wirklich nur geredet werden konnte. Einunddreißigstes Kapitel Für die erste Sylvesterfeier im Arbeiterheim wurden große Vorbereitungen getroffen. Die »Arbeiterbühne« interessierte den Schuhmeier vom ersten Tage ihres Bestehens an. Als das graue Drama vom Proletenelend, Gerhart Hauptmanns »Weber« verboten wurde, auf keiner österreichischen Bühne aufgeführt werden durfte, veranstaltete die »Arbeiterbühne« über Schuhmeiers Anregung eine Vorlesung des Stückes mit verteilten Rollen, was nicht verboten werden konnte. Als die Zensur der »Arbeiterbühne« die Aufführung des russischen Revolutionsdramas »Am Vorabend« untersagte, wurde es über Schuhmeiers Rat dennoch in einer § 2-Versammlung aufgeführt. So oft er nur konnte, war er bei den Vorstellungen der »Arbeiterbühne« dabei und freute sich über das Talent, das in diesen Dilettanten, in diesen jungen Arbeitern und Arbeiterinnen steckte. Am liebsten hätte er selbst mitgespielt. Für die Sylvesterfeier wurde ein Festspiel »Prometheus« von Philipp Müllner einstudiert. Den Abschluß bildete eine Apotheose, ein lebendes Bild, innerhalb dessen der Schuhmeier die Neujahrsrede halten sollte. In dem lebenden Bild sollten Mädel in Badetrikots vorkommen. Mädel in Badetrikots auf einer Bühne, vor der brave Ehefrauen und ehrsame Familienväter sitzen sollten, waren dazumal noch etwas Unerhörtes. So was hielt man höchstens in pikanten Nachtlokalen gerade noch möglich. Bei der Generalprobe, der Vertrauensmänner und Funktionärinnen beiwohnten, war alles entrüstet. In dieser Beziehung war man in der Partei sehr im Gegensatz zu den Behauptungen der Gegner immer etwas prüde. »Wir san im Arbeiterheim und auf kein Fleischmarkt«, mokierte sich der Michel. Die Genossen meinten: »Wenn das unsere Frauen erfahren, dürfen wir gar net hergehn.« Die Genossinnen meinten: »Da müßten wir unsere Töchter und Söhne zu Haus lassen, damit s' uns net verdorben werden, und dann bleiben wir auch zu Haus.« Und alle zusammen meinten: »Das würde der Partei schaden, was täten die Gegner dazu sagen!« Sie konnten sich nicht einigen und überließen die Entscheidung dem Schuhmeier, der erst zur Feier selbst kam. War er dagegen, müßten halt die »Nackerten« wegbleiben. Die »Nackerten« standen bengalisch beleuchtet auf der Bühne und in ihrer Mitte stand der Schuhmeier und ließ, noch begeistert von dem künstlerischen Genuß, den ihm das Festspiel bereitete, eine Rede steigen, wie kaum je vorher. Als ihm nachher die ganz Moralischen Vorwürfe machten, daß er eine solche »Schweinerei« toleriere, erwiderte er ehrlich erstaunt: »Wieso Schweinerei? Die haben doch unterisch fleischfarbene Trikots angehabt?« »Verstell dich net. Das war die Haut.« »So, die Haut war's? Das hab ich gar net bemerkt. Auch net schlecht.« In der Delegation widmete er sich hauptsächlich militärischen Fragen. Er, der nie beim Militär gedient, war bald ein Fachmann, von dem sich die Kriegsminister und Generäle schon etwas sagen lassen mußten. Im Februar 1905 führte er zum Kapitel »Kriegsministerium, ordentliches Erfordernis« aus: »Der heutige Klassenstaat stützt sich in erster Linie auf die bewaffnete Macht. Die Arbeiterklasse spannt der kapitalistische Staat für sich gegen sie selbst ins Joch. Die Arbeiterklasse muß zu diesem Heer nicht nur die Tausende und Abertausende stellen, sie muß nicht nur den größten Teil der Kosten für das Heer aufbringen, sondern sie erlebt es, daß aus dem Heer heraus ihre eigenen Interessen niedergetreten werden. In der Armee steht der Arbeiter gegen den Arbeiter. Während die Religion sagt: ›Du sollst Vater und Mutter ehren‹, ist der Militarismus zur entgegengesetzten Konsequenz gelangt. Bekannt ist der menschenfreundliche Ausspruch Kaiser Wilhelms II.: ›Wenn ich es befehle, muß auf Vater und Mutter geschossen werden.‹ Ein System, das solche Früchte zeitigt, kann von der Arbeiterschaft nicht gehalten werden. Die Sozialdemokraten sind aber auch deshalb gegen das System des stehenden Heeres, weil sie darin die ständige Kriegsgefahr erblicken. Ein Staat überwacht den anderen mit Argusaugen, ob er nicht Fortifikationen errichtet, sein Heer vergrößert. Der Bundesbruder fühlt sich vor dem Bundesbruder nicht mehr sicher, ja er muß auf ihn mehr achtgeben als auf Staaten, mit denen er in keinerlei Brüderschaftsverhältnis steht. Die Sozialdemokraten wünschen daher, daß an die Stelle des Wehrsystems von heute ein besseres, ein höheres trete, nicht, um der kapitalistischen Gesellschaft Schutz angedeihen zu lassen, sondern um daraus auch für die Bevölkerung Nutzen zu ziehen. Der Militarismus ist auch kulturfeindlich. Für die Mordskultur werden solch ungeheure Summen geopfert, daß für die wahre Kultur, für die Volksschule, dem Staat kein Geld bleibt. Man möge nicht glauben, daß die Sozialdemokraten etwa den Staat seiner Wehrhaftigkeit berauben wollen, um eines Tages über die bürgerliche Gesellschaft herzufallen. Diese Arbeit wird der kapitalistische Staat selbst an sich vollbringen.« Den Geist, der in der Armee herrschte, illustrierte er an diesem Beispiel: In der Fahrradfabrik Dürrkopp in Graz wurde gestreikt. Soldaten wurden zur Bereitschaft kommandiert und mit 120 scharfen Patronen versorgt. Ein Hauptmann belehrte sie, daß niemand geschont werden dürfe, sei es Vater, Bruder oder Schwester, und wenn es heiße: »Feuer!«, dann müsse in das Volk geschossen werden. Wer bei Hochschießen erwischt wird, wird strengstens bestraft! Er schloß: »Die Vertreter der sozialdemokratischen Partei in der Delegation werden sowohl wegen der in der Armee herrschenden Mängel als auch infolge ihrer prinzipiellen Anschauungen über den Militarismus der Kriegsverwaltung keinen Mann und keinen Heller bewilligen.« Er wendet sich ein nächstes Mal scharf gegen die beabsichtigte Erhöhung der Offiziersgagen und verlangt dafür eine Erhöhung der Mannschaftslöhnung. Der Schuhmeier scheute sich anderseits nicht, Arbeitern, die gefehlt haben, seine Meinung zu sagen. Im Seearsenal in Pola war man auf Materialdiebstähle gekommen. Es wurde daher die Leibesvisitation eingeführt. In einem Artikel in der »Volkstribüne« fordert er die Genossen auf, ihre Ehre zu wahren. Mit Diebstählen könne man nicht willkürlich seinen Lohn erhöhen, bereite mit solchen aber dem Arbeitskollegen und der ganzen Arbeiterschaft Schmach und Schande. Auch in der Delegation tritt er für die Bedingnishefte für die Arbeiter in Betrieben mit Heereslieferungen und ganz besonders für das Gewerbe ein. Er verlangt, daß auch die Gewerbetreibenden bei Vergebung von Heereslieferungen berücksichtigt werden und nicht nur die Großindustrie und ihre nicht immer einwandfreien Zwischenhändler. Die Genossenschaft der Riemer in Wien ernennt den Abgeordneten Schuhmeier für sein Eintreten für das Gewerbe zum Ehrenmitglied. Der Wiener Magistrat inhibiert diesen Beschluß der Genossenschaft der Riemer. Ein Nichtmitglied einer Genossenschaft, enunziert er, könne nicht ihr Ehrenmitglied werden. Das hat der Lueger-Magistrat aber nur enunziert, weil es sich um den Sozialdemokraten Schuhmeier gehandelt hat. Er, der Dr. Lueger selbst, war bereits Ehrenmitglied mehrerer Genossenschaften, zum Beispiel der der Fleischhauer, »Ehrenfleischhauer«, wie man ihn uzte, und war natürlich bei keiner dieser Genossenschaften Mitglied. Das war aber das gleiche Recht. Der Schuhmeier hat sich aber nicht gekränkt. Gelacht hat er. Und war mit einem hübschen Ehrendiplom, das ihm die Genossenschaft der Riemer zur Entschädigung überreichte, auch zufrieden. Engelbert Pernerstorfer wird als Vertreter der stärksten Partei, der Sozialdemokraten, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses und muß sich beim Kaiser vorstellen. Der Kaiser, der nie vorher einem Sozialdemokraten gegenübergestanden war, gleitet über die Situation, die ihm gewiß alles eher denn behaglich war, hinweg, indem er sich zu seinen Hofleuten äußert: »Der Herr Pernerstorfer war recht nett zu mir.« Pernerstorfer, der ehemalige deutschnationale Demokrat und Jugendfreund Victor Adlers, war mit Leib und Seele Sozialdemokrat geworden, wenn er sich auch, wie einmal der Schuhmeier spottete, »von den Brüsten der Mutter Germania nicht losreißen konnte«. Auf dem Parteitag zu Innsbruck tat er den Ausspruch: »Es ist ein persönliches Glück, Sozialdemokrat zu sein«, und auf die Frage, warum er, der überzeugte Atheist, nicht konfessionslos werde, antwortete er: »Ich bin in den Verein nicht eingetreten, ergo brauche ich mich auch nicht ausstreichen lassen.« Die zentripetale Wirkung der Wahlreform blieb aus. Es war nichts mehr zu retten. Der nationale Hader machte auch das Parlament des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes arbeitsunfähig. Es regierte wieder, wie vorher, der § 14. Zwei Jahre blieb das Kabinett Beck im Amte. Die Christlichsozialen waren in ihm durch Luegers Liebling, dem Kronprinzen ihrer Partei, den ehemaligen Magistratsdirektor Dr. Richard Weiskirchner, vertreten, der das Handelsministerium leitete. Dann kam Freiherr von Bienerth, der den Dr. Geßmann in sein Kabinett nahm. Am 6. Juni 1908 gab es wieder einmal eine furchtbare Zelluloidkatastrophe. In der Zelluloidwarenfabrik der Gebrüder Sailer in Ottakring erfolgte eine Explosion, die 18 Menschenleben forderte. 4 Arbeiter und 14 Arbeiterinnen, darunter Mädchen von 14, 15, 16 und 17 Jahren, wurden teils mit herausquellenden Eingeweiden, teils als bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen herausgetragen. Im Betrieb der Gebrüder Sailer hat es einige Jahre vorher schon eine Explosion mit Todesopfer gegeben. Trotzdem wurde verabsäumt, die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, und die Aufsichtsbehörden drückten beide Augen zu. Sicherheitsvorkehrungen kosten Geld und das wiegt mehr als Proletariereben. Der Schuhmeier war mit Sever, Volkert und David an die Unglücksstelle geeilt. Mit der Zigarre im Munde schaute er zu, wie die nicht mehr menschenähnlichen Leichen herausgebracht wurden. Er überschätzte seine Nerven. Plötzlich wendete er sich um, die Zigarre fiel ihm aus dem Munde, er schlug beide Hände vors Gesicht und dann durchschüttelte ein Schluchzkrampf seinen Körper. Er mußte weggeführt werden. Bei der Trauerversammlung für die Opfer der Zelluloidkatastrophe im Arbeiterheim sprach er: »Alle, die in harter Fron ihr Leben fristen müssen, wissen was der Kapitalismus bedeutet. Der Kapitalismus ist zum Kannibalismus entartet. Der Mammon braucht schon geschmortes Menschenfleisch zu seiner Nahrung. Jeder Tag lehrt uns aufs neue, daß wir für das Unternehmertum nur sind, was die Kohle für die Maschine, und jeder neue Tag bringt uns zum Bewußtsein, daß, was in den Kassen der Unternehmer ist, Leiden und Entbehrungen der Arbeiterschaft zur Voraussetzung hat. Die Arbeiterschaft ist die Grundlage des Staates in der heutigen Gesellschaft, und die uns erzählen, daß wir dulden müssen, während die anderen genießen, weil das die von Gott gewollte Ordnung sei, sind verfluchte Lügner. Ließe man dem Arbeiter die Frucht seiner Arbeit, könnte es nur glückliche Menschen geben. Der Kapitalismus baut sich auf auf Unterdrückungen, er schreckt auch vor dem scheußlichsten Verbrechen nicht zurück. Dagegen müssen wir unsere Stimme erheben und wie Donnerbrausen soll es hinausgehen in alle Welt: Auch der Arbeiter hat das Recht, menschlich behandelt zu werden.« Im Parlament fordert er in einer Interpellation Fürsorge des Staates für die Hinterbliebenen der Opfer und hält eine große Anklagerede gegen die Kontrollosigkeit solcher lebensgefährlicher Betriebe – Menschenfallen nennt er sie – und gegen die Beschäftigung jugendlicher Personen in diesen. Am 1. Dezember 1908, anläßlich des sechzigjährigen Regierungsjubiläums des Kaisers, ist das innere Wien glanzvoll illuminiert. Hunderttausende Menschen schieben sich zusammengepreßt über den Ring. Es gibt 5 Tote und 100 Verletzte. Der große Jubiläumsfestzug war schon im Juni. Er endete mit einem Riesendefizit und einem Rattenschwanz von Prozessen sowie mit der Erhebung Dr. Luegers zum Geheimen Rat und Exzellenzherrn. In der Delegation beantragt der Schuhmeier die Bewilligung von 5 Millionen Kronen zur Erhöhung der Mannschaftslöhnung um 5 Kreuzer pro Tag und zur Aufbesserung der Mannschaftskost, was abgelehnt wird. Am 7. Oktober 1908 wurde Bosnien und die Herzegowina definitiv an die österreichisch-ungarische Monarchie angegliedert. Man nannte das die Annexion Bosniens und der Herzegowina. Seit 1878 waren diese Länder gemäß Vereinbarung auf dem Berliner Kongreß von der Monarchie okkupiert. Nun wurden sie annektiert. Die Türkei und besonders Serbien leisteten heftigen Widerstand; Serbien erblickte in dieser Machtvergrößerung der Monarchie über serbische Gebiete, als welche Bosnien und die Herzegowina galten, eine Beeinträchtigung seiner eigenen Aspirationen auf ein Großserbien. Es kam zu einem erregten diplomatischen Notenwechsel und sogar zu Kriegsrüstungen der Monarchie gegen Serbien. Das Heer wurde auf Kriegsstand ergänzt, die Reservisten mußten einrücken und wurden in die unwirtlichen bosnischen Felsennester geschickt. Die österreichische Kriegspartei und die Wiener Christlichsozialen hetzten zum Kriege. Und Krieg lag in der Luft. In Prag gab es große Krawalle, denen der Ausnahmezustand ein Ende setzte. Das Parlament wurde geschlossen. Die Sparkassen wurden gestürmt. Der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, Graf Forgach, setzte im Auftrage der k. u. k. Regierung die serbische Regierung in Kenntnis, daß die Monarchie infolge der von Serbien in den letzten Monaten gezeigten Haltung zu ihrem Bedauern nicht in der Lage sei, den Handelsvertrag mit Serbien parlamentarisch zu erledigen. Außerdem gab der Gesandte die Erklärung ab, die k. u. k. Regierung hege die bestimmte Hoffnung, daß Serbien seine Politik bezüglich Bosniens und der Herzegowina im Sinne der Mächte geändert habe und friedliche und freundnachbarliche Beziehungen zu der Monarchie zu unterhalten wünsche. Die serbische Regierung erklärte, sie werde ihre Politik Österreich gegenüber nicht andern. Auch Serbien mobilisierte. Es hatte Grund, für den Fall einer kriegerischen Verwicklung auf die Unterstützung Rußlands zu rechnen. Die Monarchie erließ ein Ultimatum an Serbien, in welchem sie sofortige Abrüstung und Einstellung der Tätigkeit der serbischen Emissäre in Bosnien fordert, andernfalls eine Strafexpedition nach Serbien angedroht wird. In Riesenversammlungen tritt die Partei der Kriegsgefahr und den Kriegshetzern entgegen. Sie fordert als allerletzte Möglichkeit zur Rettung Österreichs nationale Selbstregierung innerhalb des Nationalitätenstaates Österreich. Die Patrioten und Nationalisten schelten das Hochverrat. In einer Versammlung erklärt der Schuhmeier, der glühende Hasser des Krieges: »Für Österreich darf der serbische Fanatismus nicht die Knochen eines einzigen österreichischen Soldaten wert sein. Das Annexionsabenteuer hat uns schon zu viel Geld und Aufregung gekostet – wir wollen den Frieden.« Nach Wiedereröffnung des Abgeordnetenhauses spricht er zur Rekrutenvorlage: »Ich für meinen Teil habe keinen Moment daran glauben können, und glaube auch jetzt noch nicht daran, daß es zu einem Kriege kommen wird. Ich anerkenne und gebe rund zu, daß ich Gründe für diese meine optimistische Auffassung in verflucht spärlichem Maße habe, aber ich bin der Meinung, bei demjenigen Teil des Volkes in Österreich, der den Frieden will, werde die Einsicht und die Argumentation so stark sein, daß es der Majorität gelingen wird, die Absichten der Minorität, die jetzt zum Kriege hetzt und auch in den Zeitungen öffentlich hetzt, niederzuhalten. Österreich ist als Großstaat nun einmal verpflichtet, mehr für den Frieden zu tun als ein kleiner Staat. Und wenn Serbien auch in den letzten Monaten sich in einer Art und Weise benommen hat, daß ganz berechtigterweise Unwille laut wurde, und zwar nicht nur in Österreich, sondern auch im Auslande, so kann man das bei ruhiger Überlegung immer noch begreifen. Serbien gleicht in der Tat in Europa einem Bauer, der auf dem Besitz eines anderen eine Keusche, eine Hütte stehen hat, zu der ihm der Zugang und Abgang fehlt.« Und nun wird seine Rede zur prophetischen Voraussage! »Von unseren Bänken aus ist die Friedensliebe wohl in der nachdrücklichsten Art und Weise betont worden, und wer weiß, was ein Krieg der Zukunft bedeuten wird, kann wohl gar nicht anders reden, als es von unseren Bänken aus geschehen ist. Keiner der Kriege der Vergangenheit wird ein Bild, ein Beispiel abgeben können für das, was zukünftige Kriege uns bieten würden.« Er beantragt Einführung der zweijährigen Dienstzeit, der 14monatigen bei der Landwehr und den Tiroler Landesschützen. In gewaltigen Demonstrationen lehnte sich die Partei gegen den Krieg auf. Fünf Jahre später zeigte es sich, wie bitter recht Schuhmeier hatte. Victor Adler beantragte im Parlament: »Die Regierung wird aufgefordert, ihren verfassungsmäßigen Einfluß auf die gemeinsame Regierung voll auszunützen, um sie zu veranlassen, ihre Bemühungen um die Erhaltung des Friedens auch weiterhin energisch und andauernd fortzusetzen.« Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen, jedoch mit dem Zusatz der Christlichsozialen: »... unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß dadurch das Ansehen und die Interessen der Monarchie nicht beeinträchtigt werden, wobei wir unseren braven Soldaten, welche den schweren Dienst an der Grenze versehen, die wärmsten Sympathien zum Ausdruck bringen.« Die Sozialdemokraten stimmten gegen den ersten Passus des Zusatzes. Schließlich ließen England und Rußland Serbien wissen, daß es in einem Kriege mit Österreich nicht auf ihre Unterstützung zu rechnen habe. Nun fügte sich Serbien. Und die Kriegshetzer schmollten: »Österreich hat eine Niederlage erlitten.« Der Dr. Lueger ließ im Schloßhof von Schönbrunn seine Männlein und Weiblein und die biederen Veteranen, die Scharfschützen und die Gesangvereine antreten, um dem Kaiser als Friedenserhalter zu huldigen. Die Kriegsverwaltung ließ, trotzdem die Kriegsgefahr gebannt war, die Reservisten noch nicht abrüsten und heimgehen. Zu einem Dringlichkeitsantrag der Sozialdemokraten Hackenberg, Jarosch und Diamant wegen Zurückbehaltung der Ersatzreservisten sprach der Schuhmeier: »Sie, die Sie immer uns Sozialdemokraten vorwerfen, daß wir die Zerstörer der Familie, die Ruinierer des Bauernstandes und des Gewerbes sind, Sie können es hier wieder an einem deutlichen Beispiel erleben, wer eigentlich den Ruin dieser kleinen Leute besorgt. Um den Ruin dieser kleinen Leute aufzuhalten, deswegen wollen wir Antwort haben auf die Frage: Wie lange noch gedenkt die Heeresleitung die Ersatzreservisten zurückzubehalten? Oder ist es vielleicht richtig, daß man die Ersatzreservisten deshalb nicht in Urlaub gehen läßt, damit für die kommenden Herbstmanöver genug Soldaten da sind?« Der Michel gehörte mit zu denen, die »zu den Fahnen« eilen mußten. Das nagte in ihm. Er hätte lieber ganz andere Dinge gekämpft und gerauft, als dafür, daß der Kaiser von Österreich noch ein Land mehr beherrschen dürfe und Menschen zu »Unserigen« wurden, die uns und die wir nicht verstanden. Und er, der nach der Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes steif und fest glaubte, daß gegen den Willen der Arbeiterschaft nichts mehr geschehen könne und die Macht der Sozialdemokratie mit ihren 87 Abgeordneten unter 516 eine unbegrenzte sei, schrieb aus Mostar, wo er herumlungern und auf einen Feind warten mußte, der sich nicht zeigen wollte, vorwurfsvolle, ungeduldige und manchmal schon recht grobe Briefe an den »Franzl«, was denn das für eine Sauwirtschaft sei, daß die Partei so etwas dulde, und ob man dafür jahrzehntelang gekämpft habe. Freilich, meinte er, die Herren, die in den Versammlungen das große Wort führen, brauchten ja nicht selber in den Räubernestern da herunten Kommißbrot und Fisolen fressen, die saßen in Wien im Kaffeehaus und ließen sich nichts abgehen und darum rührten sie keinen Finger für die armen Soldaten und gegen die Kriegsspielerei. Aber wenn er doch noch einmal nach Hause käme, würde er der Gesellschaft schon seine Meinung sagen. Die Absperrungspolitik, die auf Geheiß sowohl der österreichischen und auf das der noch mächtigeren ungarischen Großagrarier betrieben wird, treibt die Preise der wichtigsten Volksnahrungsmittel irrsinnig in die Höhe. Die Arbeiter und Angestellten aber sind, da eine schwere Krise, die sogenannte Annexionskrise herrscht, außerstande, diese Teuerung durch Lohn- und Gehaltserhöhungen zu kompensieren. Das Volk leidet Not, es gärt im Volke. Nur schwer kann die Partei die Massen zurückhalten. Die Partei stellt Dringlichkeitsantrage auf Herabsetzung der Getreidezölle, um die Teuerung zu lindern. Das Abgeordnetenhaus wird aber wegen der tschechischen Obstruktion noch vor Verhandlung dieser Dringlichkeitsanträge geschlossen. In der letzten Sitzung wurden die Obstruktionisten von der Galerie herunter angespuckt. Und der Michel, der wieder zu Hause und in Zivil war, murrte: »Die schönen Reden sind für die Katz. Die Bagasch hört ja net amal zu. Denen muß man die Faust zeigen. Wahlrecht hin, Wahlrecht her. Die, was Geld haben, sind noch immer die Herren, und die keins haben, die Narren, die man auspreßt und dann wie a Zitrone, die kein Saft mehr hat, auf 'n Mist schmeißt.« Am Abend des 15. Dezember 1909 steht die Arbeiterschaft Wiens vor dem Parlament. Sie verlangt Abhilfe gegen die furchtbare Teuerung, sofortige Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung, um der täglich wachsenden Arbeitslosigkeit zu steuern, fordert Ausbau der Arbeiterschutzgesetze. Sie wünscht ferner Einstellung der Obstruktion, und daß das Parlament im Interesse des notleidenden Volkes endlich fruchtbare Arbeit leiste. Die Obstruktionisten selbst stellen Abänderungsanträge zur Geschäftsordnung, die die Obstruktion erschweren sollen. In der »Volkstribüne« und in Versammlungen fordert der Schuhmeier Trennung von Stadt und Land, also die Reichsunmittelbarkeit der Stadt Wien, – da es nicht angehe, daß sich eine Industriestadt wie Wien von den Agrariern diktieren lasse. Die Interessen der Stadt Wien und die der Agrarier seien unvereinbar. Wichtigere Beschlüsse des Gemeinderates von Wien bedurften nämlich der Zustimmung des niederösterreichischen Landtages, in dem die Agrarier in der Überzahl waren. Auch in dieser Frage hat sich der Schuhmeier als weitvoraussehender Politiker erwiesen. Bald nach dem Umsturz mußte sich Wien von Niederösterreich trennen und ein selbständiges Land werden, andernfalls es den Agrariern im Landtag ausgeliefert gewesen und seine von aller Welt bewunderte Aufbauarbeit unmöglich gewesen wäre. Der Schuhmeier interessiert sich für alles. Überall, wo ihm etwas nicht richtig scheint, taucht er auf. Er schaut sich die Dinge erst selber an, ehe er sie aufzeigt. In manchen Gegenden Österreichs, so auch in Gmünd in Niederösterreich, gab es noch immer den alljährlichen Dienstbotenmarkt, wo, wie zu der Urväter Zeiten, die Bauern zusammenkamen, um sich »a Mensch z' kafen« (eine Magd von den Eltern, die das Mädel auf den Markt brachten, einzuhandeln). Drastisch schildert er, wie dort in abstoßender Weise im 20. Jahrhundert noch um Menschen gefeilscht wird wie auf den Viehmärkten um das liebe Vieh. Wie die in der verschrienen Judengasse noch so manches lernen könnten an dem Handel um den Lohn, das Gewand und selbst um eine Schürze auf dem Dienstbotenmarkt zu Gmünd. Und tatsächlich verschwindet dieser Menschenfleischmarkt bald darauf. Mutig – und es gehörte damals Mut dazu – rückt er der Nebenregierung im Belvedere zu Leibe. Im Belvedere residierte der ungeduldige Thronfolger Franz Ferdinand, der mit der Vorsehung haderte, daß sie einen gewissen steinalten Herrn noch immer nicht zu sich berief, der ihm den Weg zur Macht verstellte. Wie noch jeder Thronfolger, war er mit den Regierungsmethoden des noch immer Herrschenden ganz und gar nicht einverstanden. Er wollte ein anderes Kommando führen, und der schlappen Bande, die sich jetzt breit mache, zeigen, was ein richtiger »Von Gottes Gnade« vermag und wie der dreinfahren kann. Und in allen Fällen war das Belvedere für den Krieg. Mißvergnügte, die sich beim gegenwärtigen Regime nicht durchsetzen konnten, setzten ihre Karte auf das zukünftige, schlugen sich zur Belvederepartei und wühlten und intrigierten für sie und mit ihr. Diese Zustände charakterisierte der Schuhmeier: »Diese Nebenregierung ist Herrn von Bienerth sehr gewogen, weil er alle ihre Einfälle vom Tage, das ganze Zickzack ihrer Launen, die ganze Aufgeregtheit ihrer unerfahrenen Poltronnerie nicht nur bedingungslos erträgt, sondern auch ihre Aufträge mit geschlossenen Augen erledigt. Das Belvedere existiert und mischt sich fortwährend aufdringlich und aktiv in die Politik ein.« Die Fronvögte der arbeitenden Menschen sahen mit Verdruß das Anwachsen der roten Bataillone, das Erwachen der Lohnsklaven zu Selbstbewußtsein, Erkennen ihres Wertes und ihrer Kraft und überhaupt zu Kulturmenschen. Daß es Gewerkschaften gab, die im Namen der Arbeiter forderten, daß sie mit den Vertretern der Gewerkschaften an einem Tisch sitzen und gleich auf gleich verhandeln und klein beigeben mußten, daß in den Betrieben Vertrauensmänner, »Spitzeln«, wie sie das nannten, waren, die darüber wachten, daß der Belegschaft keines der erworbenen Rechte verkürzt oder ganz vorenthalten werde, daß deswegen in der alljährlichen Bilanz der Reingewinn magerer wurde, das konnten sie nicht verwinden. Aber sie gaben deswegen ihr Spiel nicht verloren. Sie wußten recht gut, daß in einem großen Teil der Proleten noch immer der ererbte Knechtsinn und die Kriecherei vor dem, der mehr ist und mehr hat, schlummerte wie in einem gezähmten Raubtier die Bestie und daß sie es als gottgegeben hinnehmen, daß der »Herr« alles hat und sie nichts haben, und das Gefühl, daß das Unrecht ist, gar nicht aufkam, daß sie aber den Nebenproleten, den Arbeitsbruder beneideten und haßten, wenn er eine Krone mehr Lohn bekam, eine bessere Hose und zu Hause ein schöneres Bett besaß. Sie erinnerten sich der alten Herrscherweisheit »Divide et impera«, teile und herrsche: Was lag näher als die Arbeiter zu entzweien, um von ihnen in Ruhe gelassen zu werden und sie wieder ganz beherrschen zu können. Es handelte sich nur darum, ihre Einigkeit zu zerstören, ihre Organisationen, die Gewerkschaften, zu teilen. Und so gingen sie hin und gründeten gelbe Gewerkschaften. Einmal hießen sie sie unpolitische, dann wieder christliche, nationale Gewerkschaften oder einfach Werkvereine. In manchen Großbetrieben war es den freien Arbeitern im freien Staate überhaupt verboten, einer Berufsorganisation anzugehören. Wer dagegen handelte, flog hinaus. Die Unternehmer selbst waren natürlich straff organisiert, das war ja ihr gutes staatsbürgerliches Recht. Sie kauften sich um Schandlohn Judasse, die den Arbeitern in den Ohren lagen. Sie sollten, raunten sie ihnen zu, doch nicht so töricht sein, von ihrem sauer erworbenen Lohn einen Teil Weib und Kindern abzustehlen, um der Organisation Beiträge zu leisten. Diese Gelder würden ja doch nur von den »Führern« gestohlen, verhurt und verpraßt. Sie sollten sich doch nicht von gutbezahlten, ausgefressenen, natürlich meist jüdischen Hetzern gegen ihre Brotgeber aufwiegeln lassen, die es so gut mit ihnen meinten und Tag und Nacht sorgten, um ihren geschätzten Mitarbeitern das tägliche Brot zu verschaffen. Sie sollten sich nicht um die schmutzige Politik bekümmern, die den Charakter verderbe – die Herrn Unternehmer politisierten selber fest drauflos und glaubten ein Monopol auf die Politik zu haben – sie könnten sich als gute Christen doch nicht mit gottlosen Roten gemein machen und müßten daher in die christliche Gewerkschaft; als echte Deutsche doch nicht mit Böhm und Juden und Slowaken und sonstigem Gesindel Bruder im Spiel sein und müßten daher in die nationale Gewerkschaft; und überhaupt als anständige Menschen, die ihre Heimat und ihren Kaiser liebten und gute Patrioten seien, schon gar nicht mit Republikanern und Feinden des Kaisers und des Staates auch nur in Berührung kommen und deshalb müßten sie sich der unpolitischen Gewerkschaft oder dem Werkverein anschließen. Sie meinten es ja so gut mit ihren Leuten, die Herrn Kapitalisten. Und diese Arbeiter, geehrt und gerührt von der Fürsorge und der Herablassung ihrer »Herren«, ließen sich zu den Gelben einfangen und kannten nur mehr einen Feind: ihre Klassenbrüder, die Roten. Und die bekämpften sie mit Messern und Revolvern und denen fielen sie in den Rücken, so oft sie für alle, einschließlich der Gelben, mehr Brot, mehr Freiheit, mehr Sicherheit, mehr Menschenrecht und das Recht auf Arbeit überhaupt erkämpfen wollten. Das ging dem Schuhmeier nahe, sehr nahe. Das tat ihm weh. Immer wieder las er nach, was Karl Marx darüber geschrieben hat: »Den proletarischen Bettelsack schwenken sie als Fahne in der Hand, um das Volk hinter sich her zu versammeln. So oft es ihnen aber folgte, erblickte es auf ihren Hintern die alten, feudalen Wappen und verlief sich mit lautem und unehrerbietigem Gelächter.« Aber daß es nach so harter und eindringlicher Aufklärungsarbeit, nachdem man sich so viel und so liebevoll mit ihm befaßt, es herausgezogen hat aus dem Nichts und dem Dreck, noch immer hinter wappenverzierten Hintern herläuft, wenn ihm diese unappetitlichen Körperteile hingestreckt werden, das machte ihn oft irre, verzagt, kleinmütig. Und als ihm einmal der Michel meldete, daß einer, den man immer für einen der Zuverlässigsten gehalten hatte, auf den man trauen und bauen durfte, zu den Gelben übergelaufen sei, weil man ihm, der einige Monate arbeitslos gewesen, eine Arbeitsstelle, und, wenn er sich bei den Gelben brav betätige, baldiges Avancement zum Werkführer versprochen habe, fand er lange keine Worte. Dann sagte er blaß und leise: »Michel, Michel, ich glaub, wir haben uns alle verrechnet. Unser Rechenfehler war eine viel zu gute Meinung von den Menschen. Mit denen werden wir's nicht ermachen. Noch sehr lang net.« »Wie meinst das?« wollte der Michel wissen. »Wenn wir uns eine neue Welt bauen wollen, brauchen wir ganz neue Menschen dazu. Die müssen wir uns erst schaffen. Und das braucht viel Zeit und viel Arbeit und unendlich viel Begeisterung und Geduld.« Nach solchen Enttäuschungen verschwand er oft tagelang und trieb sich draußen in der tröstenden und mutspendenden Natur herum. Er war aber bald wieder auf dem Posten. Bei der Jugend, schon bei den Kindern der Arbeiterschaft, bei der jungen und jüngsten Garde, müsse angefangen werden. Der Sozialismus, – diese Idee verfocht er nun mit Feuereifer – braucht zu seiner Verwirklichung ganz andere Menschen, als die es sind, die diese Weltordnung heranzieht. Er braucht einen guten, veredelten Menschenschlag, der nicht nur an sich, der auch an die anderen, an das Ganze denkt, er braucht offene Köpfe und offene Herzen und Menschen von nicht zu erschütterndem Gerechtigkeitsgefühl, solche, denen das: »Was du nicht willst, daß man dir tu'...« in Fleisch und Blut übergegangen ist. Solche Menschen müsse sich die Sozialdemokratie selbst heranziehen, sonst sei ihr Beginnen aussichtslos. Er begann, indem er in Otta kring die erste Kinderbibliothek durchsetzte und errichten half. Bei Eröffnung dieser Kinderbibliothek hielt er eine seiner schönsten und tiefsten Reden: »Ich habe eigentlich einen Vortrag über Bücher halten wollen. Aber als ich die Kinder sah und den Kinderchor hörte, da durchfluteten ganz andere Gedanken mein Herz. Ich erinnerte mich der eigenen freudlosen Jugend , leer, voll schwerer Arbeit schon vom siebenten Lebensjahr an, und wenn Sie bedenken, daß auch heute noch tausende Kinder ihre Jugend ebenso freudlos verbringen, dann werden Sie auch die Bedeutung verstehen, die unsere heutige Gründung hat, und welche Gefühle mich dabei beseelen. Wie viele Menschen bleiben das, als was sie geboren worden sind: die Knechte der anderen! Und nur deshalb, weil es in ihrer Jugend an der Anleitung fehlte, sie geistig vorwärts und geistig aufwärts zu bringen . Wir wissen, wie schwer es dem Arbeiter gemacht wird, sich auf eine höhere geistige Stufe emporzuarbeiten. Ich sage immer, daß das Wissen der Besitzenden mir nicht imponiert und daß es nichts bedeutet gegenüber dem Wissen, das sich der Arbeiter unter harter Mühe aus eigener Kraft erarbeitet. Es ist keine Kunst, gebildet zu werden, wenn der Vater alle möglichen Professoren dafür zahlt, und es gehört keine Kunst dazu, ehrlich und charakterfest zu bleiben, wenn man alles hat, was das Leben an Anforderungen stellt. Wie viele Talente verkümmern, wie viele edle Anlagen verwahrlosen, weil die Armut sie erdrückt und dem Kinde in der Jugend die richtige geistige Leitung fehlt... Wieder erinnere ich mich an meine Jugend, wie ich als kleiner Bub die gruseligsten Romane verschlungen habe – in die Kammern der Armen kommen leider nur Schauderromane als Bücher. Heute weiß ich, in welcher Gefahr ich bei jener Lektüre damals schwebte. Davor wollen wir unsere Kinder bewahren und wir wollen sie durch gute, wertvolle Lektüre auch aus der Unbildung herausführen, die so viele Menschen zum Werkzeug ihrer stillen Feinde macht. Unsere Gegner benützen Zeitungen und Bücher, um die Arbeiter zu täuschen, zu blenden und zu verdummen, damit sie nicht einmal ihr Interesse mehr erkennen und in ihrer Verblendung oft ihre Klasse, ja ihre eigenen Kinder verraten. Wir wissen, daß sich die Macht der besitzenden Klasse zum großen Teil auch auf Bücher stützt. Auch wir wollen uns der Bücher bedienen. Bücher haben uns in die Sklaverei gebracht, Bücher werden uns befreien . Unserer Jugend wollen wir es leichter machen, sich aus Büchern edlere Genüsse und höheres Wissen zu erwerben, in den Büchern die besten Freunde zu finden, die sie auf höhere Stufen des Geistes führen und für ihr großes Lebenswerk stärken. Gute Bücher leben fort und wirken fort wie die guten Werke guter Menschen...« Zweiunddreißigstes Kapitel In einer Versammlung hat einer von den Gegnern gesagt: »Dieser Schuhmeier gehört auch zu den Volksbeglückern, die sechs bis sieben Zimmer bewohnen, ihre Kinder von Pfaffen erziehen lassen – und die Arbeiter haben doch nichts zu essen.« »Das laßt du dir gefallen?« forschte der Michel, »wo i deine Wohnung auf 'n Berg draußen kenn und die Schulen, in die deine Kinder 'gangen san?« »Schmeiß die Zeitung weg,« gab ihm der Schuhmeier ruhig zur Antwort, »morgen erscheint eine neue Nummer. Was ich mir denke, darf ich net sagen, sonst sind wieder alle bös auf mich.« »Noch was weiß i,« wieder der Michel, »die eigenen Leut zerreißen sich wieder 's Maul über dich. Sie rechnen aus, was du alles für Amterln hast, und sagen, du bist a Großverdiener für unser Geld.« »Denen sag dasselbe, was i net sagen darf, Serwas.« »Serwas.« Und der Schuhmeier ging seinen Weg, von Hunderten mit »Serwas« begrüßt. Der Schuhmeier bezog Gehalt und Diäten, aber für sich und die Seinen und die alte Mami verbrauchte er lange nicht alles. Er konnte sich nie mit dem Geldausgeben befreunden. Einen Teil seiner Einkünfte gab er an Notleidende, ohne viel Aufhebens davon zu machen, und oft wußten die Beteilten gar nicht; wer der Spender war. Er ließ das nicht, wie die bürgerlichen Wohltäter, in die Zeitung geben, die sich davon einen Titel oder einen Orden erhofften. Da war zum Beispiel in Ottakring eine junge Frau, eine gewesene Klosternovize und natürlich gute Christlichsoziale; die war schwer tuberkulos. Der Mann war arbeitslos, sie waren seit sechs Wochen mit dem Zins im Rückstand und vom Hausbesitzer gekündigt worden. Davon erfuhr die Ottakringer Genossin Lippa und sie ging in die Wohnung dieses politischen Gegners, um nachzuschauen, ob und wie geholfen werden könnte. Sie fand die Frau zum Skelett abgemagert im Bett, neben ihr das todkranke Kind. Die Genossin Lippa intervenierte bei dem Beichtvater der Frau, dem Pater Maier im Kloster in der Mariengasse, und beim Christlichen Frauenbund ohne jeden Erfolg. Der Pater Maier kam zu der Kranken, schimpfte, was sie eigentlich glaube und noch alles wolle. Beim Weggehen ließ er ein Heiligenbild zurück. Auf dem stand: »Rette deine Seele.« Die Genossin Lippa erzählte die Geschichte dem Schuhmeier. Der gab ihr sofort zwanzig Kronen und schickte der armen Frau am nächsten Tage durch seinen Bruder Karl noch eine Summe. Nach einigen Tagen erkundigte er sich bei der Genossin Lippa, wie es ihrem Schützling gehe. »Sehr schlecht«, war die Antwort. Der Schuhmeier steckte ihr wieder zehn Kronen und sagte: »Geben Sie das der armen Frau, sie soll sich gute Pfingstfeiertage machen.« Dabei hat er diese Frau nie gesehen. Sie ist bald darauf gestorben. Das ist ein Fall unter vielen. In seiner Wirksamkeit kam der Schuhmeier wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, viel mit Frauen, jungen und alten, in Berührung. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann, den schon jedes Kind in Wien und auch darüber hinaus kannte, von dem so viel gesprochen und geschrieben wurde, daß also dieser populäre Mann auch von vielen Frauen bewundert, mitunter freundlicher angeschaut wurde, als Frauen sonst Männer anschauen. Frauen sonnen sich gerne an der Berühmtheit eines Mannes. Und es mag manche darunter gegeben haben, die nicht abgeneigt gewesen wäre, sich sogar eine Ehre daraus gemacht hätte, näher, ganz nahe mit ihm bekannt zu werden. Der Schuhmeier, wenn er herausstaffiert war, war ein hübscher Mann. Es wurde manches über den Schuhmeier und seine eheliche Treue getuschelt. Und wir können nicht mit gutem Gewissen behaupten, daß er immer eisenstark geblieben und niemals gestrauchelt ist. An Männer, die draußen stehen, treten mehr und stärkere Versuchungen heran als an solche, die in stiller Zurückgezogenheit leben. Der deutschradikale Politiker Karl Hermann Wolf, der auf dem Gipfel seines Ruhmes über eine Weibergeschichte stolperte, sagte vor Gericht ganz einfach: »Das ist der Punkt, wo wir alle sterblich sind.« Zu jener Zeit hat es in der Partei viele Ehegeschichten gegeben. Die Männer waren Proleten in Fabriken und Werkstätten mit dem Wissen und den Umgangsformen der damaligen Proleten, als sie, jung noch, eine Proletin gleicher Art und Herkunft geheiratet haben. Diese Männer sind zur Partei gekommen, haben in ihr gearbeitet und vieles gelernt, sind etwas geworden, Funktionäre, Mandatare. Besaßen nun Wissen, Schliff, kamen in Kreise, in denen man auf schöngeistige Unterhaltung und höhere Lebensformen hält, dort mit schönen, gepflegten Frauen zusammen, die sich auch etwas Bildung angelesen hatten und die, vielleicht nur aus Spielerei, dem vielgenannten Politiker und Parlamentarier Avancen machten. Und zu Hause saß die eigene Frau, die über Wirtschaftssorgen und Kinderwartung dieselbe geblieben war, die sie gewesen, als er sie nahm. Er war hochgekommen, sie unten geblieben. Manchmal, weil er sich um alles, nur nicht um das Mitkommen seiner Frau kümmerte, manchmal auch, weil sie gar nicht mit hinaufkommen wollte. Das paßte dann nicht mehr zusammen und ging in die Brüche. Der Schuhmeier hat sich nie an eine andere Frau verloren und damit alle in den Sumpf gezogen, denn er hat von den Frauen eine zu hohe Meinung gehabt, und wer in diesem sicher schon längst erwarteten Abschnitt pikante Enthüllungen sucht, kommt nicht auf seine Rechnung. »Eins paßt mir net vom Franzl,« sagte ein Genosse zum Michel, »daß alles nach sein Kopf gehn muß. Da heißt's mir san Demokraten und mir bestimmen mit, Schnecken. Soll sich einer anders abzustimmen traun, als der Franzl will. Sie heißen ihm a schon den roten Zaren von Ottakring.« »Weil seiner der beste Kopf is«, erwiderte der Michel. »Woher wissen wir denn,« wieder der andere Genosse, »ob's net doch noch ein helleren Kopf gibt, den er net aufkommen laßt? Gegen die Kaiser und Autokraten san wir und selber ziehen wir uns so was groß.« »Weil das einer von unsern Fleisch und Blut is und weil wir den davonjagen können, wann er uns nimmer paßt, du aber ein Kaiser oder ein Autokraten nimmer wegbringst. Der bleibt sitzen auf sein Hintern, wann a alles gegen ihm is. Und man darf's net amal sagen, daß man gegen ihm is.« Mit dem Dr. Lueger ging es zu Ende. Sein Leib, von langer, böser Krankheit geschwächt, versagte den Dienst und sein von den Aufregungen des politischen Kampfes ermüdetes Herz begann immer schwächer und schwächer zu schlagen und wollte schon seine Ruhe haben. Es war ein grausiges Sterben. Das Sterbebett stand sozusagen auf öffentlichem Platz in einem Glaskasten. Wochenlange dauerte der Todeskampf. Die sensationsgierigen Zeitungen berichteten früh und mittags groß aufgemacht jede Phase dieses vergeblichen Raufens mit dem Sensenmann, jedes Wort, das der Totgeweihte noch hervorbrachte, jedes Räuspern und Husten und jede Kopfbewegung, und die Menschen umstanden Tag und Nacht das Rathaus, in dem sich dieses Sterben begab, um aus erster Hand die neuesten Bulletins zu erfahren. Frauen kochten allerlei Tees und Suppen und Kraftbrühen zusammen, von denen sie überzeugt waren, daß sie den Bürgermeister noch retten könnten, und schickten sie hinauf ins Krankenzimmer. Am 10. März 1910 hatte der Dr. Karl Lueger ausgelitten. Nach den Martern dieser Agonie eine Erlösung. Der Tod ist ein großer Verklärer. Er streift von seinem Opfer alle Schlacken ab, die ihm vom Lebenskampfe anhaften, und man sieht nur den Menschen, der über sich nicht hinauskonnte und es auf seine Weise gut und ehrlich gemeint haben mochte. Der tote Dr. Karl Lueger war auch für seine erbittertsten und von ihm noch erbitterter bekämpften Gegner der Mann, der sein liebes Wien geliebt hat und persönlich selbstlos geblieben ist, während rings um ihn alles gerafft und gestohlen hat. Der Tod stimmt die Überlebenden weich, und zum ersten Male findet der Gegner gute Worte für den Gegner, wenn er tot ist. Der Schuhmeier schrieb dem Dr. Karl Lueger, seinem Widerpart, in der »Volkstribüne« diesen Nachruf: »Er war ein Wiener, mit allen Vorzügen und Schwächen eines solchen behaftet. Lueger liebte seine Vaterstadt wie selten einer und er sah aber auch wie bald keiner über die bedeutenden Erscheinungen des Kapitalismus in dieser Stadt, für die er allerdings nicht verantwortlich zu machen ist, hinweg. Daß Tausende in Wien Hunger litten, während im Rathause prunkende Festlichkeiten stattfanden, daß armen, geängstigten Müttern kranke Kinder auf der Suche nach einem Spitalbett in den Armen starben, in der Zeit, wo Wien äußerlich so schön gestaltet wurde, das wußte Dr. Lueger, aber er ging daran mit einem Achselzucken, gewiß mit einem bedauernden Achselzucken, vorüber. Was der Mann erstrebte, Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt zu werden, hat er in verhältnismäßig kurzer Zeit aus eigener Kraft erreicht. Wider die Liberalen kam, sah und siegte er. Er schuf sich seine Mitstreiter, indem er sie machte. Für wen Lueger auf die Tribüne stieg, der war gewählt. Lueger wurde Bürgermeister und Hunderte hob er mit zu Amt und Würden empor. Lueger hob viele von denen, die sich heute als ›Größen‹ in der Gemeinde geben und die früher unbekannt waren, aus dem Nichts empor. Er überschüttete seine Getreuen mit Gunst und sie waren es, die ihm zum Dank dafür die Popularität begründeten und ihm im wohlverstandenen Interesse mit nie rastendem Eifer zu einer andauernden Volkstümlichkeit in ihren Kreisen verhalfen. In den Kreisen der Arbeiterschaft war aber Lueger nie das, was er so gerne sein wollte und worauf seine Bewunderer auch hinarbeiteten: der Volksmann. Die Arbeiter, das heißt: die freie Arbeiterschaft kannte Lueger so recht doch nur aus seiner Feindschaft gegen sie, als den Redner, der, wie der letzte in seiner Partei, sie vor der Öffentlichkeit im Ansehen herabzusetzen suchte. Als Agitator war Lueger der beste und verläßlichste seiner Partei. Sie hat keinen zweiten wie er. Als Mann der Verwaltung in der Gemeinde war er wohlbewandert in allen Zweigen derselben und einzig unter den Christlichsozialen eingearbeitet. Zeitlebens hatte Lueger auch reine Hände und nichts konnte ihn, als er noch in den Jahren der Vollkraft war, mehr entsetzen, als angehäuftes Geld bei einem derjenigen, die mit ihm gearbeitet hatten. Aber wo im politischen Leben die ersten Reihen der sozialdemokratischen Armee, ja nur deren Vorposten standen, fand die politische Gewalt und die Macht der Persönlichkeit Luegers ihre Grenze. Was gut war im Wirken Luegers, können wir rückhaltlos anerkennen, denn wir haben, unserer Ansicht nach, unsere Rechnung mit ihm restlos beglichen. Er schenkte uns nichts und wir sparten ihm nichts.« Mit großem Pomp und unter riesiger Teilnahme der Wiener wurde der Bürgermeister Dr. Karl Lueger durch seine Vaterstadt Wien zu Grabe getragen. In seinem politischen Testament hatte er seinen Günstling, den Dr. Richard Weiskirchner zu seinem Nachfolger bestellt. Der sollte die Partei führen und den Bürgermeisterstuhl erklimmen. Der Dr. Weiskirchner war der einzige unter seinen Leuten, zu dem der Dr. Lueger Vertrauen hatte und den er für befähigt hielt, sein Werk fortzusetzen. Der Dr. Richard Weiskirchner war aber gerade Handelsminister und mochte sich von diesem warmen Sessel ohne Not nicht trennen. Er trat das große Erbe nur bedingt an. Erst wenn er nicht mehr Minister sei, wolle er, erklärte er, die Partei führen und Bürgermeister werden. Sie wählten den alten, stocktauben Dr. Josef Neumayer zum Bürgermeister von Wien und die Führung der Partei kam in die ungeeignetsten Hände. Prinz Alois von und zu Liechtenstein wurde Parteichef. Die treibende Kraft wurde der Dr. Albert Geßmann. Die Regierung verlangte eine Erhöhung der indirekten Steuern, die das Volk zu zahlen hat. Der Besitz sollte, wie immer, verschont bleiben. Erhöht werden sollten die Personaleinkommen-, die Branntwein-, Sodawasser-, Mineralwasser-, Wein- und Zündholzsteuern. Dazu sprach der Schuhmeier: »Die Belastung der österreichischen Bevölkerung ist in einem so unerhörten Maße vorhanden, daß jedes Mehr, das dazukommt, für die Bevölkerung eine weitere unerträgliche Last bedeuten würde. Und da wir Sozialdemokraten immer nur hören, die Regierung brauche soundso viele Millionen, nie aber ganz genau wissen, daß sie auch diese Millionen außer den 182 Millionen Kronen, die sie noch beansprucht, nur dem Militarismus in den Rachen werfen will, daß uns absolut an keiner Stelle gesagt wird, was die Regierung zu tun gedenkt, um endlich einmal die Alters- und Invaliditätsversicherung, die Witwen- und Waisenversorgung ins Leben zu rufen; da die Regierung immer nur für sich Geld aus dem Volke heraus braucht, aber das Geld nicht in das Volk zurückführen will, auf daß das Volk etwas Positives davon habe, darum, meine Herren, müssen wir gegen den Finanzplan der Regierung und auch gegen ihre 182-Millionen-Kronen-Forderung auf das energischeste ankämpfen. Was an uns liegt, werden wir tun. Wir werden das Steuerbukett nicht nur untersuchen, wie es gebunden ist, wir werden es zerlegen und zerzausen bis auf das letzte Blümerl und den Rest dem Finanzminister vor die Füße werfen und ihm sagen: So löst man in Österreich Steuerfragen nicht. Es ist das höchste Ziel der Leistungsfähigkeit erreicht. Der Staat soll suchen, mit dem, was er hat, auszukommen, jetzt ist es einmal Zeit, Volksnotwendigkeiten zu erledigen, jetzt ist es einmal Zeit, der Teuerung zu steuern, die Alters- und Invaliditätsversicherung, die Witwen- und Waisenversorgung zu machen, dann die Frage der Arbeitslosigkeit zu lösen. Der Herr Finanzminister, der manchmal so witzig zu sein weiß, möge hinausgehen ins Volk und den Hunger und die Not sehen und der Witz wird ihm auf den Lippen ersterben, wenn er auch nur noch einen Funken Menschlichkeitsgefühl in seinem finanzministerlichen Herzen sich aufzubewahren in der Lage gewesen ist.« Bald nach dem Leichenschmaus lagen sich Luegers Getreue in den Haaren. Sie rauften um jeden Brocken, daß die Fetzen flogen, und rissen einander die Larven vom Gesicht. Der Stadtrat Felix Hraba, der Finanzreferent, scheint irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Denn – der Herr und Meister war noch nicht ganz kalt – er ließ eine Bombe platzen. In einer öffentlichen Versammlung nannte er seine engsten Parteigenossen Beutepolitiker, Gaukler und sagte: »Es gibt nämlich auch Antisemiten, die Wölfe im Schafspelz sind, die zu einem ›Gott Nimm‹ beten.« Der »Gott Nimm« ist ein geflügeltes Wort geworden. Später wurde er deutlicher und nannte Namen. Es gab »Gott-Nimm«-Prozesse, in denen sich die Wölfe im Schafspelz die unsaubersten Dinge vorwarfen – es wäre zum Brüllen gewesen, wenn es nicht gar so traurig gewesen wäre. Noch später gab der Stadtrat Hraba Ehrenerklärungen ab. Wie die zustande gekommen sind – das mag spätere Forscher interessieren. Die Partei selbst blieb vom Nationalitätenkampf nicht verschont. Die Tschechen, »Separatisten« wurden sie von den Zentralisten und den deutschen Genossen genannt, gründeten ihre eigenen Gewerkschaften, auch in den Betrieben, wo die deutschen Arbeiter in der Mehrheit waren und es nur wenige tschechische gab, so daß in vielen Betrieben die Arbeiterschaft national gespalten war. Sie lieferten keine Beiträge mehr an das »feindliche Wien« ab, bekämpften und beschimpften die Wiener Gewerkschaftszentralen und die zentrale Wiener Parteileitung als Unterdrücker des Slawentums und als deutsche Nationalisten und traten schließlich aus dem Gesamtverband der sozialdemokratischen Abgeordneten aus: Es kam schon damals vor, daß die tschechischen sozialdemokratischen Abgeordneten in offener Sitzung gegen die deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten stimmten. Es war ein verbitterter und verbissener Kampf. Der Riß war nicht mehr zu flicken. Der Bruch war nicht aufzuhalten gewesen, wie der spätere Zerfall Österreichs nicht aufzuhalten war. Die Arbeitslosigkeit wuchs und damit die Not und gleichzeitig kletterten die Lebensmittelpreise lustig in die Höhe. Die Fleischpreise stiegen infolge der einseitigen Agrarpolitik Österreichs und nach dem Diktat Ungarns und ein Stückerl Fleisch war nur mehr ein Festtagsgericht auf dem Tische des Arbeiters. Die Forderung der Sozialdemokraten nach Öffnung der Grenzen und Einfuhr billigen argentinischen Gefrierfleisches fand taube Ohren. Am Sonntag, den 2. Oktober 1910, bewegte sich ein mächtiger Demonstrationszug vom Schwarzenbergplatz zum Rathaus. 350.000 Menschen haben daran teilgenommen. Die Nachwahlen für die durch Luegers Tod freigewordenen Mandate waren fällig. In Hietzing wurde der neue Bürgermeister Dr. Neumayer gegen den Sozialdemokraten Emil Polke glatt gewählt. Die Leopoldstädter erklärten, die Garantie für die Eroberung des Luegerschen Landtagsmandates übernehmen zu können, wenn sich der Schuhmeier darum bewerbe. Im Zeichen Schuhmeiers, das war die allgemeine Ansicht, läßt sich überall siegen. Der Schuhmeier, der schon Gemeinderat und Reichsratsabgeordneter war, nahm auch das noch auf sich. Als die Christlichsozialen erfuhren, daß sie gegen den Schuhmeier zu bestehen hätten, wurde ihnen bange. Sie montierten einen überdimensionalen Schwindelapparat und drohten den in der Leopoldstadt zahlreich vertretenen jüdischen Wählern ganz offen mit einem blutigen Pogrom, falls der Schuhmeier gewählt werden sollte. Der erste Wahlgang blieb unentschieden. Am Vorabend der Stichwahl erschien der Schuhmeier in einer Versammlung der bürgerlich-freisinnigen Partei, die beschlossen hatte, in der Stichwahl für den Schuhmeier einzutreten. Er führte dort aus: »Was wir jetzt sehen, ist der sich in Todesängsten windende konfuse Antisemit. Was sie da alles erzählen über Entthronung, Portugal, Dynastie, soll nur ablenken von der Wahrheit. Es handelt sich morgen nicht um diese Dinge, sondern um billiges Brot, billiges Fleisch, Abwehr neuer Steuern, vor denen Sie nicht sicher sind, wenn die Schlacht morgen zugunsten der Christlichsozialen ausfällt. Morgen soll allerdings der Anfang mit dem Sturze einer Dynastie gemacht werden; sie heißt Geßmann. In den Wahlkampf ziehen wir mit der Parole: Weg mit der Lüge, herunter mit der Niedertracht, der Wahrheit eine Gasse!« In der Stichwahl wurde der Schuhmeier mit mehr Stimmen, als seinerzeit der Obergott Lueger erhalten hatte, zum Landtagsabgeordneten gewählt. Die Genossen von ganz Wien, natürlich in erster Linie die Ottakringer, haben den ganzen Tag wie die Rösser angezogen. Der Sieg war nicht leicht. Er wurde nur möglich, weil es gelang, noch am Vormittag die Schwindelhöhlen der Christlichsozialen auszuheben. Die Genossen bemerkten, daß viele Männer, die zur Urne schritten, Stecknadeln mit blauen Köpfen angesteckt hatten. Sie schlichen diesen verdächtigen Herrschaften nach und sahen, wie diese von einem Wahllokal ins andere gingen und überall »wählten«. Nun ließen sie die Stecknadelwähler nicht mehr aus dem Auge und so gelang es, in die Wählerfabrik einzudringen und deren Betrieb zu schließen. Noch tausende Wahllegitimationen lagen dort herum, die alle, wäre man nicht rechtzeitig auf den Schwindel gekommen, christlichsozial »gewählt« hätten. Die blauen Stecknadelköpfe dienten als Erkennungszeichen für die durchwegs christlichsozialen Vorsitzenden der Wahlkommissionen. Der Michel hat einen Wahlschwindler erwischt, wie er aus einem Wirtshaus mit anderem Hut und anderer Krawatte herauskam, als er hineingegangen war. Er kam mit dem Wahlschwindler, der ein Riese war, in Meinungsverschiedenheiten und dann ins Raufen, wobei er, der viel kleinere und schwächere, ein Loch im Kopf davontrug, aus dem das Blut wie ein Bächlein rann. Dann, nachdem er sein Loch im Kopfe hatte, kam die Polizei und arretierte – den Michel. Den Wahlschwindler und Kopflochschläger ließ sie verkommen. Der Jubel über den Sieg Schuhmeiers war unbeschreiblich. Beim »goldenen Widder« in der Taborstraße sprach er: »Es ist uns gelungen, zu erreichen, was wir wollten, Bresche zu legen in die feste Burg, die Dr. Lueger in diesem Bezirk aufgerichtet hat. Dabei muß ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt lenken, der wohl der Erwägung wert ist. Dr. Lueger ist in diesem Bezirk mit 12.338 Stimmen gewählt worden, der sozialdemokratische Kandidat aber mit 12.736 Stimmen. Wir haben also wirklich begründete Ursache, uns über einen solchen Erfolg zu freuen. Die heutige Wahl muß den Christlichsozialen ein Denkzettel dafür sein, daß man das Wahlglück nicht immer korrigieren kann mit Schwindel und Betrug. Heute ist die Meinung der Leopoldstädter wirklich zum Ausdruck gekommen, sie konnte nicht, wie schon so oft, unterbunden werden durch den christlichsozialen Betrug. Wäre es uns gelungen, heute jeden Schwindel zu verhindern, um wieviel jämmerlicher hätte der christlichsoziale Kandidat abgeschnitten! Nichts hat es genützt, daß sie an die städtischen Bediensteten Stimmzettel von unerhört prononcierter Farbe hinausgegeben haben, so daß sie genau kontrollieren konnten, wie diese Bediensteten stimmten. Ich danke allen, die heute für unsere gerechte Sache im Feuer gestanden sind, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich, wenn Sie mich rufen, ebenso am Platze sein werde, wie Sie für mich am Platze gewesen sind. Stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: ›Es lebe die internationale Sozialdemokratie!‹« Für die Ottakringer sagte Sever: »Wir haben Ihnen unseren besten Mann gegeben und wir danken Ihnen, daß Sie ihm zu einem so glänzenden Siege verholfen haben.« Als der Schuhmeier schon am nächsten Tage im Landtag erschien, riefen ihm die über die Niederlage noch nicht beruhigten Christlichsozialen zu: »Judenvertreter! König von Zion!« Im April 1911 wurde das Abgeordnetenhaus, das erste nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht gewählte, aufgelöst. Vier Jahre blieb es nur am Leben. Im Kampf der Nationalitäten war es unrühmlich gefallen. Die Neuwahlen wurden für den Juni ausgeschrieben. Dreiunddreißigstes Kapitel In der ersten Junihälfte 1911 wurde der letzte Reichsrat des Kaisertums Österreich gewählt. Eigentlich gab es das gar nicht, man nannte es nur so. Es gab rechtlich und gesetzlich nur »die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder«. Die tschechische Sozialdemokratie war gespalten. Es gab zwei tschechische sozialdemokratische Parteien: die Separatisten und die international gebliebenen Zentralisten, die aber sehr schwach waren. In den rein tschechischen Wahlbezirken kandidierten Zentralisten gegen Separatisten, und sogar in rein deutschen Wahlbezirken der Sudetenländer nahmen die tschechischen den deutschen Sozialdemokraten durch Aufstellung von Zählkandidaten Stimmen weg und verhalfen bürgerlichen Nationalisten zu Mandaten und deutschen Sozialdemokraten zu Niederlagen. Im anderen Teil Österreichs und besonders in Wien ging es den Christlichsozialen schlecht. Der Führer, der Dr. Lueger, fehlte, die neue Führung machte eine Dummheit nach der anderen und die »Gott-Nimm«-Geschichte hatte ihre Wirkung getan. Der Schuhmeier war sowohl in Ottakring als auch in der Leopoldstadt Kandidat. Auch das Reichsratsmandat wollten die Leopoldstädter mit dem Schuhmeier erobern. Die Christlichsozialen hielten beim Mandl in Hernals eine Wählerversammlung ab. Dr. Weiskirchner und der »Salonantisemit« Dr. Robert Pattai sollten sprechen, kamen aber nicht. Wahrscheinlich sind sie gewarnt worden, daß die Stimmung in der Versammlung für sie nicht besonders günstig sei. Aber der Schuhmeier und der Sever kamen in diese christlichsoziale Versammlung und wurden mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Der Schuhmeier sprach. Die, die ihn anfangs nicht reden lassen wollten, brachte er sehr rasch zum Schweigen. »So aufmerksame Zuhörer und einen solchen Applaus hab ich noch nie gehabt«, erklärte er am Heimweg. »Und wie s' g'redt haben!« berichtete der Michel. »A Sumper mit so ein Bauch und ein goldenen Strang dran hat beim 'nausgehn g'sagt: I hab schon lang amal den Schuhmeier hören wollen. Hat mi g'freut. Schön hat er g'redt. Wann i so schön reden könnt wie der, würd i aa a Sozi.« Der Schuhmeier ist sowohl in Ottakring als auch in der Leopoldstadt gewählt worden. Er behielt das Leopoldstädter Mandat und legte das Ottakringer zurück. In Wien, das 33 Mandate zu vergeben hatte, wurden nur 4 Christlichsoziale gewählt – 1907 noch 20 – dagegen 19 Sozialdemokraten und 10 Bürgerlich-Freisinnige und Deutschnationale. Wien war schon rot. Unter den Gewählten befand sich von der engeren Schuhmeiergarde neben Anton David, der wieder in Ottakring II gewählt wurde, auch Karl Volkert, der gegen den christlichsozialen Arbeiterführer Leopold Kunschak Abgeordneter von Hernals geworden ist. In den Sudetenländern verlor die Partei infolge des inneren Zwistes zwischen Deutschen und Tschechen einige Mandate. Es kamen insgesamt 82 Sozialdemokraten in den Reichsrat zurück. Früher waren es 8 gewesen. Insgesamt erhielten die Sozialdemokraten 1,043.297 Stimmen, um 3197 Stimmen mehr als 1907. Karl Volkert war als junger Goldarbeitergehilfe aus Thüringen nach Wien gekommen und hat sich sofort in der Arbeiterbewegung betätigt. Er trat dem »Apollo« bei. In der ersten Zeit, wenn er redete, schmunzelten seine Zuhörer und verbissen sich das Lachen, weil er so stark schwäbelte, daß man ihn kaum verstand. Aber der junge Genosse lernte es bald, sich den bodenständigsten Lerchenfeldern verständlich zu machen. Durch seine ungewöhnliche Intelligenz und durch ein in strenger Selbstzucht erarbeitetes, umfangreiches Wissen gewann dieser auch persönlich sehr sympathische Mensch das Vertrauen seiner Genossen. Er wurde Landtags-, dann Reichsratsabgeordneter, Landesrat, Präsident des Touristenvereines »Naturfreunde« und Obmann des Fortbildungsschulrates. Der letzteren Funktion brachte er besonders viel Liebe entgegen, weil er hier, so wie schon früher in der Kinderfreundebewegung, für die geistige Höherentwicklung der Proletarierjugend wirken konnte. Außerdem war er der Stellvertreter des Bezirksobmannes Sever. In Karl Volkert steckte auch eine starke poetische Ader. Seine gemütstiefen Freiheitsgedichte werden noch spätere Generationen erfreuen und seine Kampflieder bereichern den Liederschatz des deutschen Proletariats und seiner Jugend. Die Niederlage der Christlichsozialen war eine katastrophale. Sie zogen fast nur mit Vertretern des flachen Landes ins neue Abgeordnetenhaus ein. In den Städten hatten sie ganz abgewirtschaftet. Alle ihre Großen, der Prinz Liechtenstein, der Bürgermeister Neumayer, Geßmann, Kunschak, Pattai, Bielohlawek, Steiner, waren auf der Walstatt geblieben. Sie waren, wie die Arbeiter-Zeitung schrieb, zerstampft und zerrieben. Die Zerstampften und Zerriebenen höhnten ihre Überwinder als »Junisieger«, die sie nun für alles, was geschah, verantwortlich machten. Die erste Folge der christlichsozialen Niederlage war, daß Dr. Richard Weiskirchner als Handelsminister demissionierte und sich herbeiließ, sein Erbe als Bürgermeister von Wien anzutreten. Auch das Ministerium Bienerth ging und Gautsch kehrte wieder. Die Not und mit ihr die Lebensmittelpreise stiegen. Im neuen Abgeordnetenhause stellten nach einer großen Rede Schuhmeiers die Abgeordneten Seliger und Genossen für die Sozialdemokraten den Antrag: »Die Regierung wird aufgefordert, die Einfuhr des gekühlten Fleisches, und zwar der Zeit und der Menge nach unbeschränkt ohne Rücksicht auf den Einspruch der ungarischen Regierung zu gestatten.« Dieser Antrag wurde mit 251 gegen 174 Stimmen abgelehnt. Auch die Christlichsozialen waren dagegen. Sie begründeten ihre Gegnerschaft damit, daß das überseeische Gefrierfleisch »dem verwöhnten Gaumen der Wiener« nicht munden würde. Da waren die Wiener Arbeiter nicht mehr zu halten. Die Partei veranstaltete am Sonntag, den 17. September 1911 eine Massenversammlung vor dem Rathause gegen die Teuerung und gegen das Verhalten von Regierung und Parlamentsmehrheit. Nach Schluß der Versammlung wurden aus der erregten Menge Steine gegen das Rathaus geworfen. Die Polizei vertrieb in gewohnt schneidiger Weise die Demonstranten. Auf dem Rückmarsch verloren die von der Polizei wie Hasen gejagten Ottakringer die Nerven. Ob nicht auch Provokateure am Werke waren, ließ sich, wie meistens, nicht feststellen. Es wurden Gaslaternen umgerissen, Fenster von Schulgebäuden eingeschlagen, ein Straßenbahnwagen umgeworfen und angezündet. Die große Enttäuschung der Arbeiterschaft, die ihnen das Parlament des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes gebracht, in das sie solche Hoffnungen gesetzt hatten, mag an dieser unbegreiflichen plötzlich en Explosion schuldtragend gewesen sein. Die Behörden sahen in diesen gewiß nicht zu billigenden, aber gar nicht so unbegreiflichen Vorgängen sofort Aufruhr, Revolution. Gaslaternen waren beschädigt, Fensterscheiben zertrümmert, sogar ein Straßenbahnwagen umgeworfen worden – das konnte nur mit Blut und Arbeiterleben gesühnt werden. Über Ottakring wurde ein förmlicher Belagerungszustand verhängt. Wie gewöhnlich wurden die Bosniaken hinausgeschickt, »Ordnung« zu machen. Es gab an diesem Sonntag, den 17. September 1911, in Ottakring drei Tote, 89 Verletzte und 263 Verhaftete. Der Michel trug einen Säbelhieb über den ganzen Schädel heim. Die Toten waren zu einer Zeit ermordet worden, da schon alles vorbei war, denn den übermenschlichen Bemühungen der Vertrauensmänner war es längst gelungen, die erregten Gemüter zu beruhigen. Und die drei Toten waren an den Tumulten ganz unbeteiligt. Drei junge Genossen waren die Opfer: Otto Brötzenberger, Franz Joachimstaler, Franz Wögerbauer. Franz Joachimstaler ging nachmittags mit drei kleinen Geschwistern zum Zuckerbäcker, hörte Lärm, führte die Kleinen rasch heim und wollte nachschauen, was los ist. Plötzlich sah er vor sich Bosniaken, wendete sich um und im selben Augenblick krachte eine Salve die ihm den Unterleib durchbohrte. Franz Wögerbauer war nicht bei der Demonstration. Er hörte nachmittags schießen, ging in Hemdärmeln auf die Straße, sah aber nichts. Dann holte er sein zehnjähriges Töchterchen und ging zu einem Gasthause, um Zigaretten zu kaufen. Im selben Augenblick ließ der Wirt den Rollbalken herunter und da ritten auch schon Husaren heran. Ein Husar spaltete Wögerbauer mit dem Säbel den Schädel. Ähnlich kam Otto Brötzenberger um sein Leben. Die Verhafteten wurden aus den nichtigsten Ursachen drakonisch bestraft. Hier konnte sich die unparteiische Justiz austoben. Ein Sechzehnjähriger erhielt zwei Jahre schweren Kerker, weil er einen Stein geworfen haben soll. Ein anderer ein Jahr aus der gleichen Ursache. Für die Klassengegner ohne Unterschied der Partei war dieses Unglück ein gefundenes Fressen. Was schierten sie die Toten – das waren ja ohnehin nur Proleten; wären sie zu Hause geblieben, was haben die gegen die Teuerung zu murren! Der Bürgermeister Dr. Neumayer, behauptete, daß zu diesen Verwüstungen von irgend einer Zentralstelle der Auftrag gegeben worden sein müsse. Daß auch Proleten einmal von selbst die Geduld reißen könnte, war für ihn ausgeschlossen. Die bürgerliche Presse, die »christliche« ebenso wie die »demokratische« und die »jüdische«, fiel im trauten Verein über die überreizte Arbeiterschaft her. Beschimpfungen, wie »Dirnen, Horden, Kerle, in deren Gesichtern das Verbrechen ihre Spuren eingegraben habe«, waren die geringsten. Hier zeigte sich wieder einmal das gesamte Bürgertum als Klasse geeint. Die Parteigegensätze schwiegen, waren, wie immer in solchen Fällen, vergessen, als es galt, dem Klassengegner eins auszuwischen, ihn zurückzuwerfen und womöglich unschädlich zu machen. Eine ganze Woche nach dem 17. September war in Ottakring der Ausnahmezustand. Die Haustore mußten um 8, die öffentlichen Lokale um 9 Uhr abends gesperrt werden. Die Leichenbegängnisse der drei Opfer, die, da sie nicht an einem Tage gestorben waren, an verschiedenen Tagen stattfanden, waren riesige Demonstrationen. Je 50.000 Menschen nahmen daran teil. Bei der Bestattung Otto Brötzenbergers sprach der Schuhmeier am offenen Grabe tief erschüttert: »Mußte es so sein? Mußte dieses blühende, reiche Frucht versprechende Leben zerstört werden? Warum? zu welchem Zweck? Aus welchem zu rechtfertigenden Grunde wurde es zerstört? Von ungefähr geriet Brötzenberger vor diese Berserker der Ordnung und wurde niedergestochen. Warum? Warum tat nach der gräßlichen Mordtat der Leutnant dem blutberauschten Soldaten, der ein zweites Opfer suchte, Einhalt? Warum nicht früher schon? Was geschah, als nicht weitergemordet wurde, und was wäre wohl Entsetzliches geschehen, wenn dieser tobende Ausfall mit dem Bajonett unterblieben wäre? Nichts, gar nichts! Um ein Nichts ist ein Menschenleben von der nie gezügelten Willkür der bewaffneten Macht zerstört worden. Aber wer redet von Menschen? Man redet nur von Scheiben. Man rechnet die Kosten jeder Glaskugel der Gaslaternen nach – die getötete Jünglingskraft, die Verzweiflung der Eltern, das Leid und Mitleid der in dem Genossen und Arbeitsgefährten getroffenen Arbeiterklasse hat kein städtischer und kein staatlicher Kalkulator nachgemessen. Was gäbe es Billigeres als Proletarierblut? Sie haben geprügelt, verletzt und getötet – wer sprach davon? Trotzdem das Bajonett und das Mannlichergewehr Menschenleben gefordert haben und durch niemand anderen Menschenleben vernichtet wurden als durch die Ordnungsträger, ist es offenbar doch gerechtfertigt, ausschließlich über das ›sinnlose Wüten des Pöbels‹ zu sprechen, durch das kein Mensch weder Leben noch Gesundheit eingebüßt hat. Wie weit ist die Kluft, die uns von jenen trennt! Sie stehen vor Fensterscheiben, wir aber stehen vor dem offenen Grabe. Sie rechnen und jammern aus Demagogie – um unsere Toten aber trägt das Proletariat Trauer als um die getöteten Brüder und weil es in seinem Schicksal das Bild erblickt des eigenen blutigen Ringens um das harte bißchen elende Arbeiterleben.« Ähnliche Reden wurden beim Begräbnis der beiden anderen gehalten, die in einem gemeinsamen Grabe auf dem Ottakringer Friedhofe ruhen. Als der Schuhmeier dreimal an diesem Grabe stand, hat wohl weder er noch sonst einer gedacht, daß er schon eineinhalb Jahre später genau diesem Grabe gegenüber liegen wird. Die Ottakringer haben die richtige Antwort gegeben. Am 3. Oktober 1911 fand in Ottakring I die Nachwahl für das durch den Mandatsverzicht Schuhmeiers freigewordene Reichsratsmandat statt. Die Partei kandidierte Albert Sever, den Bezirksobmann. Die Gegner freuten sich auf die Niederlage der Roten. Erstens, rechneten sie, ist der Sever kein Schuhmeier, zweitens, müßte sich doch eine Wirkung der Verleumdungen und der Verächtlichmachung der Roten nach dem 17. September zeigen. Albert Sever erhielt sogar um 326 Stimmen mehr als im Juni der Schuhmeier. Das war die Antwort der Ottakringer an die eine reaktionäre Masse. Am 5. Oktober besprach Victor Adler im Parlament die Vorfäle vom 17. September. Während seiner Rede feuerte von der Galerie aus der Tischlergehilfe Nikolaus Njegusch Wawrik aus Sebenico in Dalmatien einen Schuß auf den Justizminister Dr. von Hochenburger ab, ohne ihn zu treffen. Ungeheure Erregung im Hause. Das sei wieder eine Wirkung der roten Hetzreden, hieß es. Der Attentäter erklärte, es hätte ihn so erbittert, als er sah, daß bei den erschütternden Klagen Dr. Adlers um Menschenleben die Herren auf der Ministerbank höhnisch gelächelt haben. Noch im selben Jahre geht auch Gautsch wieder und Graf Karl Stürgkh, der einer der verbissensten Gegner der Wahlreform war, wird Regierungschef. Die Sozialdemokraten beantragen neuerlich Freigabe der Einfuhr für überseeisches Fleisch. Wird wieder abgelehnt. Wohl nur, um dem Volke die Augen auszuwischen, stellt daraufhin der christlichsoziale Abgeordnete Jerzabek einen ähnlichen Antrag. Und siehe – für ihn stimmen von seinen Parteifreunden, den christlichsozialen Abgeordneten, nur 8 von 65 und 57 dagegen! Vierunddreißigstes Kapitel Beim Kührer in der Hahngasse fand Ende 1911 eine Versammlung der Ortsgruppe Alsergrund des Vereines »Kinderfreunde« statt. Ehe sie noch zu Ende war, kamen aus der nahen Pramergasse einige Arbeiter von der »Kronen-Zeitung« atemlos hereingestürmt und berichteten, die Redaktion der »Kronen-Zeitung« hatte die Nachricht erhalten, der Schuhmeier sei ermordet worden. Wo und wann, sei noch nicht bekannt. Der Redner unterbricht. Alles springt entsetzt auf, alle Gesichter sind leichenblaß. Die von der »Kronen-Zeitung« wissen nichts Näheres. Die Nachricht sei telephonisch übermittelt worden. Max Winter, der Zentralobmann der »Kinderfreunde«, ruft die Arbeiter-Zeitung an. Dort weiß man nichts. Trotzdem will sich niemand beruhigen. Karl Volkert, der anwesend ist, fährt mit dem Ottakringer Genossen Sternglas in einem Autotaxi hinaus in die Wilhelminenstraße. Der Volkert läutet an. Die Rosl öffnet. »Wissen Sie, wo der Vater ist?« frug der Volkert. »Ja, drinnen schläft er.« »Ist das ganz bestimmt?« Die Rosl versteht nicht. »Bitte schauen Sie sei selber, drinnen schläft er.« Der Volkert atmet tief auf: »Na, dann ist's recht. Gute Nacht.« Die beiden gehen und jubeln in sich hinein. Die Rosl schaut ihnen kopfschüttelnd nach. Der Schuhmeier hat von dem Gerücht erfahren. Vom Tod und vom Sterben wollte er nichts hören. Er hing am Leben. Es blieb ihm in dieser Welt noch so viel zu tun, das noch nicht getan war. Und sie ist überhaupt so schön die Welt –, wenn man sich die Menschen wegdenkt. Der Dr. Lueger hat einmal im Landtag gesagt, daß er von der medizinischen Wissenschaft nichts halte, solange sie nicht einen Grashalm konstruieren könne. Das hat man ihm sehr übel genommen. Auch bei den Sozialdemokraten. Der Schuhmeier war nicht unter den Übelnehmern. Er hat noch mehr gesagt: »Solang die Herren Ärzte nicht einen Toten wieder lebendig machen können, können s' nix, abgesehen davon, daß sie überhaupt nix können.« Ihn wurmte es, daß der heikelste Beruf, der ärztliche, bei dem es um das Kostbarste und Einmaligste, um das Leben geht, der einzige Beruf sei, der keinerlei Verantwortung zu tragen hat. »Wird der Patient zufällig gesund,« sagte er einmal, »dann sagen sie, das ist die ärztliche Kunst, stirbt er, reden sie sich auf die Natur und auf die Krankheit aus. Und sie sind doch dazu da, Krankheiten zu kurieren, ein Gesunder braucht sie nicht.« Öfters meinte er, es sei gar nicht wahr, daß der Mensch sterben müsse; es wachse sicher ein Kraut gegen den Tod, aber die Wissenschaft, die nichts wisse, suche es nicht und finde es daher nicht, weil sie selbst noch gar nicht an die Möglichkeit, es könnte ein solches Kraut geben, gedacht habe. Und er prophezeite, daß das Kraut einmal gefunden und das Sterben aufhören würde. Ganz elegisch schloß er solche Betrachtungen: »Leider werd ich's nimmer erleben.« Im Jänner 1912 wählte das deutsche Volk wieder seinen Reichstag. Die Sozialdemokraten erhielten eine Million Stimmen und 110 Mandate, ein überwältigender Sieg. Im April wählten die Wiener wieder ihren Gemeinderat. Die Sozialdemokraten erhielten im IV. Wahlkörper 118.526 Stimmen und zehn Mandate. Die Christlichsozialen bekamen 120.817, also nur um 2291 Stimmen mehr und dafür in allen vier Wahlkörpern 135 Mandate. In Ottakring wurde sogar im III. Wahlkörper der Sozialdemokrat Anton David in den Gemeinderat und vom selben Wahlkörper des »kleinen Mannes« zehn Sozialdemokraten in die Bezirksvertretung entsendet. Den Christlichsozialen, die die Bezirksvertretungen als ihre alleinige Domäne betrachteten, in denen sie sich ungestört und unkontrolliert alles ausschnapsen konnten, paßten diese zehn sozialdemokratischen Bezirksrate unter 30 nicht. Sie sabotierten so lange die Wahl des Bezirksvorstehers, bis die Bezirksvertretung aufgelöst wurde, und bei der Neuwahl funktionierte der Apparat wieder besser. Der neue Bürgermeister von Wien, Dr. Josef Neumayer, war nicht nur taub und unfähig, sondern auch bösartig. Wo er, auf seine Macht und seine Barrierestöcke gestützt, der Opposition etwas antun, sie vergewaltigen konnte, tat er es. Der Schuhmeier unternahm es, diesen Bürgermeister zu stürzen, und setzte es durch. In einer Gemeinderatssitzung rief er: »Fahrt ab mit dem Schandfleck da oben, ehe es zum Eklat kommt.« Und bald darauf wieder: »Der Vorsitzende ist ein Schandfleck dort oben auf dem Bürgermeisterstuhl.« Er wird dafür von dieser und den nächsten drei Sitzungen ausgeschlossen, der Bürgermeister klagt, der Schuhmeier betreibt sowohl im Landtag als im Reichsrat seine Auslieferung, weil er den Dr. Neumayer bei Gericht stellen will. Aber noch ehe es zur Verhandlung kam haben seine eigenen Leute dem Dr. Neumayer nahegelegt, zu verschwinden. Dr. Richard Weiskirchner wurde Bürgermeister von Wien. Das Belvedere und seine Kriegspartei ruhten nicht und gaben keine Ruhe. Der Balkankrieg war ausgebrochen. Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland führten gemeinsam gegen die Türkei Krieg. Das wäre, meinte die österreichische Kriegspartei, der günstigste Moment, Serbien für immer unschädlich zu machen. Sie wühlten und wühlten und eine lakaienhaft-willfährige Presse wühlte mit. Die Kriegspartei konnte nicht ganz durchdringen. Die Regierung verlangte wohl Kredite für neue Rüstungen, aber einen entscheidenden Schritt wagte sie nicht. Verärgert ging der Chef des Generalstabes, Conrad von Hötzendorf, in Pension. In der Sitzung der Delegation im Oktober 1912 nahm der Schuhmeier energisch gegen die verlangten Kredite für neue Rüstungen Stellung: »Wir lassen uns nicht einschüchtern mit der großen Gefahr, die man als Feuer benützen will, um ein Süppchen daran zu kochen. Wir bauen auf das Volk als die verläßlichste Stütze des Friedens. Wir betonen unsere Friedensliebe, wir verlangen von der Regierung, daß sie unausgesetzt, ehrlich, aufrichtig und offen für den Frieden tätig ist. Und um die Kriegsgefahr nicht zu erhöhen, um nicht in Widerspruch zu kommen mit den Reden in der Delegation und auch aus prinzipiellen Gründen bekommt die Kriegsverwaltung von uns keinen Mann und keinen Heller.« Am Sonntag, den 10. November, fand im Sophiensaal eine Massenversammlung gegen den Krieg statt. Der Schuhmeier sagt: »Der Beginn des Krieges am Balkan war die größte und schallendste Ohrfeige, die die europäische Diplomatie erhalten hat. Es ist zweifellos, daß die Großmächte über den wahren Zustand der Türkei gar nicht orientiert waren, gründlich orientiert waren wohl die vier Balkanstaaten, aber Österreich nicht. Und wir können darum schon fragen, was die Vertreter der österreichischen Diplomatie die ganze Zeit in der Türkei gemacht haben? Die europäische Diplomatie hat sich den Balkanstaaten gegenüber blamiert, weil sie den berühmten Status quo noch aufrecht hielt, als er längst schon erledigt war und umsatteln mußte. Diejenigen, die zum Kriege hetzen, verfolgen Sonderinteressen. Entweder wollen sie billigen Lorbeer erringen oder schamlosen Profit. Wenn der Mord bestraft wird mit dem Tode, wenn der Mord an dem einzelnen nach dem Gesetze den Galgen verdient, was verdienen die für eine Strafe, die zu Urhebern eines Massenmordes werden?« Und seherisch schloß er diese Rede: »Österreich wird sein ein Bund freier Völker oder es wird nicht sein.« Die Kriegspartei fiel über die Sozialdemokraten her und denunzierte sie als Hoch- und Vaterlandsverräter, und die »Patrioten« zogen vor die serbische Gesandtschaft und gröhlten damals schon ihr »Serbien muß sterbien«. Die Gegnerschaft zwischen Österreich-Ungarn und Serbien hatte weniger territoriale als handelspolitische Hintergrunde. Das kleine Serbien war ein Land der Schweinezüchter. Da dieses Land zwischen anderen Staaten eingeschachtelt war, nicht einmal einen Zugang zum Meere hatte, wäre der Nachbar Österreich-Ungarn der einzige in Betracht kommende Abnehmer für die serbischen Schweine gewesen. Und wir hätten billiges Fleisch gehabt. Dagegen wehrten sich sowohl die österreichischen als auch – noch mehr – die ungarischen Schweinezüchter. Sie hätten sonst mit den hohen Schweinepreisen herunter müssen. Hauptsachlich deshalb suchte Serbien Landzuwachs, um neue Nachbarn und in diesen Abnehmer für seine Schweine zu bekommen. Den Großgrundbesitzern war Krieg und Massenmord lieber als geringerer Profit am österreichischen und ungarischen Schwein und Erleichterung der Volksernährung. In diesen kriegerischen Tagen sagte der Führer der Großagrarier, der Reichsritter von Hohenblum: »Uns sind die serbischen Soldaten ungefährlicher, als die serbischen Ochsen und Schweine.« Darauf antwortete der Schuhmeier in der »Volkstribüne«: »Nun weiß man, daß es zwischen der Teuerung und der Kriegsgefahr einen Zusammenhang gibt und daß die Herren Agrarier lieber die österreichischen Soldaten den serbischen Bajonetten ausliefern würden, als daß sie zugeben, daß die serbischen Ochsen ihnen Konkurrenz machen und die Preise drücken könnten.« Rußland mobilisiert, um Serbien, sollte es angegriffen werden, beizustehen. Graf Stürgkh schickt das Parlament heim und regiert mit dem § 14. Die Kriegspartei hat Oberwasser. Die Situation ist zum Reißen gespannt. Die Kriegspartei will einen Vorwand schaffen, um Österreich-Ungarn in die Zwangslage zu versetzen, in den Balkankrieg einzugreifen, gegen Serbien marschieren zu müssen. Serbien sollte von der Landkarte verschwinden. Zunächst ließ sie durch die feile Presse verkünden, daß die Monarchie zu ihrem Glücke unbedingt den Sandschak Novibazar brauche, von dem kein Österreicher bisher gewußt, daß es ihn gibt, und um zu verhindern, daß dieses Nest an Serbien falle, müsse man es bekriegen. Dann packte sie das Volk an der Gefühlsseite. In Serbien gibt es eine Ortschaft, die Prizrend heißt, und in dieser saß – wozu, weiß man nicht – ein österreichischer Konsul namens Prochaska. Der war eines Tages zur Zeit der Kriegsgefahr verschwunden. Weg war er. Nichts hörte man von ihm. Ja, doch, plötzlich hörte man, die Serben hätten diesen österreichisch-ungarischen Funktionär geraubt, entführt und ihn seiner – man kann es gar nicht sagen, es ist unanständig –, aber nur heraus damit, seiner Männlichkeit beraubt. Ganz Österreich weinte um Prochaskas Männlichkeit, und jetzt gab's kein Halten mehr. Um dieses teure Kleinod mußten wir in den Krieg. Es wurde mobilisiert. Prochaskas Männlichkeit war der Feldruf. Die Christlichsozialen veranstalteten Kundgebungen und Demonstrationen für einen Rachefeldzug. Der christliche Frauenbund hat sich, eingedenk dessen, worum es ging, besonders zahlreich daran beteiligt und nach Rache geschrien. Im Wiener Gemeinderat beschloß die Mehrheit feierlich: »Wohl ist der Friede das höchste Gut der Völker und Staaten und seine Erhaltung ist größter Opfer wert; aber das wirtschaftliche Gedeihen der Völker, der volle Segen der Arbeit werden nur solchen Staaten zuteil, die sich den Frieden nicht durch ehrlose Schwäche, sondern gestützt auf das Bewußtsein ihrer gerechten Sache kraftvoll erhalten.« Die Regierung unterbreitet eine Vorlage wegen der Unterhaltsbeiträge für Angehörige von Mobilisierten, was der Schuhmeier schon oftmals vorher vergeblich verlangt hat. In den Tagen der höchsten Kriegsgefahr beruft die sozialistische Internationale nach Basel in der Schweiz einen Kongreß ein, um gegen die Kriegshetze zu protestieren und Maßnahmen zur Verhinderung eines europäischen Krieges zu beraten. Alle Länder und Nationen sind vertreten. Der internationale sozialistische Friedenskongreß findet in einer ungewohnten Lokalität statt: im Münster zu Basel, einem evangelisch-reformierten Gotteshaus. Wo sonst der Priester predigte, warnten die Vertreter aller sozialistischen Parteien vor dem Massenmord und beschlossen ein herrliches Friedensmanifest, das freilich in Österreich sofort konfisziert, dann aber vom Wiener Landesgerichte doch freigegeben wurde. Aber nicht nur die Delegierten der sozialistischen Parteien, auch der Pfarrer des Münsters zu Basel, Täschler, ergriff das Wort zu einer Rede, die aus solchem Munde kaum je gehört wurde und überall großes Aufsehen erregte. Auch der Schuhmeier war mit in Basel. Bald nach dem Kongreß ist der Herr Konsul Prochaska inklusive seiner mausetotgesagten Männlichkeit wieder aufgetaucht. Er war gerettet und wir auch. Die rasende Kriegsfurie mußte Beruhigungspillen einnehmen und auf bessere Zeiten warten. Fünfunddreißigstes Kapitel Der sozialdemokratische Abgeordnete für den Wahlbezirk Krems – Stein – Klosterneuburg – Korneuburg – Stockerau, Anton Schlinger, war gestorben und die Nachwahl für dieses Mandat ausgeschrieben. Die Stockerauer verlangten den Schuhmeier als Redner für ihre Wählerversammlung am 11. Februar 1913. Er wollte nicht recht. Er suchte nach Ausflüchten, fand aber keine. »Stockerau ist keine gesunde Gegend«, hat er, wie zur Entschuldigung gesagt, dann aber doch nachgegeben. Es waren keine Vorahnungen. Man hat manchmal zu etwas keine rechte Lust und in diesem Falle hatte er sie nicht. Am 10. Februar war die Jahreskonferenz der Bezirksorganisation Leopoldstadt. Der Schuhmeier als der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete dieses Bezirkes war dabei und hielt ein kurzes Referat über die politische Lage. Es war seine letzte Rede, die er in Wien hielt. Nach Schluß ging er ins Griechenbeisel. War dort tollster Laune und ersparte den Kumpanen zu reden und ihren Geist anzustrengen. Sie brauchten dem Schuhmeier nur zuzuhören, der besorgte alles selbst und die Heiterkeit grenzte schon an Übermut. So mitten drinnen erwähnte er, daß er morgen nach Stockerau müsse, und dabei machte er ein Schnoferl, wie wenn man an etwas Unangenehmes denkt. Es ist sehr spät geworden an diesem letzten Lebensabend Franz Schuhmeiers. Am 11. Februar vormittags hatte er im Parlament zu tun. Gegen Mittag verließ er es mit dem deutsch-böhmischen sozialdemokratischen Abgeordneten Josef Seliger. »Heut muß ich in Stockerau reden«, teilte der Schuhmeier dem Kollegen mit. Eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her. Plötzlich fing er wieder an: »Möchtest du net statt mir nausfahren, Joschi?« Diese Frage war nicht ernst gemeint und Seliger gab gar keine Antwort darauf. Er sagte nur: »Hungrig bin ich.« »Ich auch«, nahm der Schuhmeier dieses sein Lieblingsthema auf. »Gehn mir miteinand essen. Weißt, wo die Fiaker verkehren, kriegst immer ein gutes und billiges Essen und ein guten Wein.« Und er führte den Joschi in ein solches kleines Wirtshaus in der Auerspergstraße. Zu seinem letzten Mittagmahl. Der Kellner trug eben eine Stelze vorüber. »Siehst,« riet der Schuhmeier, »nimm dir so eine Kalbshaxen, da kannst dich anhalten und teuer is s' auch net.« Er selbst bestellte sich auch eine Stelze. »Die größte, die auf Lager ist«, schärfte er dem Kellner ein. Als sie gebracht wurde, machte der Joschi große Augen. »Was schaust denn?« lachte der Schuhmeier und machte sich ans Transchieren. »Das ist ja ein halber Ochse,« rief der Joschi in seinem deutschböhmischen Idiom, »das kann doch ein einzelner Mensch unmöglich auf einem Sitz vertilgen.« »Aber,« meinte der Schuhmeier, schon kauend, »ist ja eh net viel, wenn man so ein Hunger hat wie ich.« Nachmittags arbeitete er in der Redaktion der »Volkstribüne« an einem Artikel für die nächste Nummer. Er schrieb: » Für die Arbeiterpresse alles ! Wer den Wert der Arbeiterpresse für die Arbeiter erkennen will, tut gut, sich zunächst die Presse der Feinde der Arbeiter genau anzusehen. Zunächst wird auffallen, daß es leider noch zahlreiche Arbeiter gibt, die jene Waffe, mit der sie gezüchtigt werden, kaufen, also mit ihrem Gelde direkt den Feind unterstützen. Ein solcher Arbeiter ist zweifellos in der Hauptsache...« Hier sah er auf die Uhr. »Ui je,« sagte er zu Karl Höger, »Zeit ist's, ich muß auf 'n Nordwestbahnhof. Ich versäum sonst noch den Zug.« Damit schob er den halbbeschriebenen Bogen beiseite und murmelte halb für sich: »Morgen ist auch ein Tag.« Dann zog er sich an, nahm seine Aktentasche, ging auf den Höger zu, der an seinem Schreibtisch saß, packte ihn unterm Kinn, hob seinen Kopf, küßte ihn auf die Stirn und sagte: »Servus Alter, schau daß du g'sund bleibst.« Und verließ die Redaktion der von ihm gegründeten »Volkstribüne«. Während der Fahrt las er in einem Buche. Im zweiten Abteil desselben Waggons ging ein Mann mit tief ins Gesicht gedrücktem Hut aufgeregt hin und her. Die Mitreisenden betrachten ihn kopfschüttelnd und einer sagte zu einem anderen: »Der is net recht bei Trost.« Der aufgeregte Mann stieg in Korneuburg aus. Der Zug traf eine Stunde vor Beginn der Versammlung in Stockerau ein. Der Schuhmeier wurde auf dem Bahnhof vom Stockerauer Hauptvertrauensmann Wolfik erwartet. Sie setzten sich in das Extrazimmer und kamen ins Plaudern. Beim Plaudern bekam der Schuhmeier immer einen Hunger. Er ließ sich ein Landgeselchtes geben. »Ah,« lobte er, »das is was Feines, so was hab ich noch nie gegessen. Hoch Stockerau! Bald hätt ich dem nahrhaften Ort Unrecht getan.« Die Versammlung war glänzend besucht. Der Besuch versprach das Beste für den Wahlkampf. Der Schuhmeier sprach über die Annexionskrise und über die Exzesse des Militarismus. Die Zuhörer waren in seinem Bann. Er holte aus sich heraus, was in ihm war. Und er war nach dem guten Geselchten in einer Laune, wie schon lange nicht. Die Witzraketen sprühten nur so heraus, daß sich die Hörer vor Lachen bogen. Um ½ 10 Uhr schloß er. Nach ihm kam der Kandidat Hackenberg. Der konnte aber lange nicht beginnen, weil der Applaus, der dem Schuhmeier galt, kein Ende nehmen wollte. Wie er den Saal verließ, riefen sie ihm nach: »Auf baldiges Wiedersehen! Kommen S' recht bald und recht oft wieder, dann wird's auch bei uns vorwärts gehn.« Der Schuhmeier winkte mit der Hand seinen Serwas in die Versammlung, stellte den Rockkragen auf und ging. Der Zug ging um 9 Uhr 50 Minuten nach Wien ab, Pilar aus Langenzersdorf und Böck aus Floridsdorf fuhren mit. Sie unterhielten sich während der Fahrt königlich. Der Schuhmeier ließ neueste Anekdoten los, die er auf Lager hatte. Im Parlament konnte man bei den Journalisten, insbesondere bei der markantesten Figur des Journalistenzimmers, dem alten Mendel Singer, der während des Krieges ein Edler von Singer wurde, täglich die neuesten »Lozelach« beziehen. In Korneuburg bestieg der aufgeregte Mann von der Hinfahrt den Zug. Der Hut war noch tiefer ins Gesicht gedrückt, die Hände hielt er in den Winterrocktaschen vergraben. Er ging suchend durch alle Waggons. Als er den Schuhmeier sah, blieb er einen Moment stehen, überlegte, riß sich zusammen und begab sich in den anstoßenden Waggon. Der Schuhmeier und seine Gesellschaft hatten den Mann gar nicht bemerkt. In Langenzersdorf stieg Pilar aus, in Floridsdorf Böck. Nun war der Schuhmeier allein. Auf dem Nordwestbahnhof angelangt, eilte er, die eine Hand in der Winterrocktasche, mit der anderen die Aktentasche haltend, dem Ausgang zu. Er hatte den Ottakringern versprochen, noch auf einen Sprung ins Café Arbeiterheim zu kommen. Als er die Halle durchschritt, eilte einer auf ihn zu. Es war der aufgeregte Mann vom Zug. Als der bis auf fünf Schritte an den Schuhmeier herangekommen war, zog er einen Revolver aus der Manteltasche, richtete den Lauf gegen den Kopf seines Opfers, und während er rief: »Das ist meine Rache! Weil ich verfolgt wurde!«, drückte er ab. Die Kugel drang dem Schuhmeier durch das Ohr ins Gehirn. Lautlos brach er zusammen. Er kam mit dem Gesicht auf das Steinpflaster zu liegen. Regte sich nicht mehr. War sofort tot. Das Gehirn, dieses Gehirn war zerschmettert. Blut rann aus dem Kopfe, aus d i e s e m Kopfe, und auf den Boden in einem dünnen schreiend roten Streifen dem Ausgang zu ... Menschen eilten herbei. Die einen bückten sich nach dem Toten, die anderen packten den Täter. Der stand kalt und ruhig da, den noch rauchenden Revolver in der Hand, und sagte: »Nur keine Aufregung. Ich werde mich schon selber stellen.« Der Täter hieß Paul Kunschak; war seinerzeit beim »Apollo« gewesen und war der, auf dessen Veranlassung die beiden Vertrauensmänner von den Schuckertwerken wegen Erpressung angeklagt und verurteilt wurden. Als man die Taschen des Toten durchsuchte, fand man in der Brieftasche zuerst ein Bild seiner Mami. Neunundvierzig Jahre ist er nur alt geworden... Im Café Arbeiterheim in Ottakring sitzen die Genossen beim Plausch. Der Sever kommt herein und berichtet: »Landsleut sind da.« Und schon erscheint der lustige bärenhafte Rudolf Bichl aus Leoben in der Tür. Die Unterhaltung geht weiter. Sie warten auf den Schuhmeier. Der Sever wird ans Telephon gerufen. Leichenblaß kommt er zurück. Spricht kein Wort. Flüstert nur dem Philipp Müllner, der ihm zunächst sitzt, zu: »Nimm deinen Rock und Hut und komm.« Draußen beginnt der Sever zu laufen. Der Müllner ihm nach. »Der Schuhmeier soll erschossen worden sein«, sagt er im Laufen. Sonst nichts. »Blöder Witz«, keucht der Müllner und läuft nach. Auf dem Johann-Nepomuk-Bergerplatz besteigen sie ein Autotaxi und fahren. Zuerst zum Franz-Josef-Bahnhof. Dort weiß man nichts. »Er war doch in Stockerau,« meint der Müllner, »da kommt man ja auf dem Nordwestbahnhof an.« Sie fahren dorthin. Es ist inzwischen Mitternacht geworden. Auf dem Nordwestbahnhofe sehen sie viele Menschen und begegnen zuerst dem Polizeipräsidenten Gorup. Der führt sie in die Garderobe der Ankunftshalle. Dort liegt auf dem Boden eine Leiche, mit Packpapier zugedeckt. Blut tropft noch immer aus dem Kopfe. Der Tote war Franz Schuhmeier. Inzwischen waren Volkert, Seitz und Dr. Renner erschienen. Das Weinen hat alle geschüttelt. Draußen stand eine erregte Menge. Ins Arbeiterheim waren schon unbestimmte Gerüchte gedrungen. Die Arbeiter-Zeitung mußte die Schreckensnachricht bestätigen. Niemand wollte nach Hause, es kamen immer neue nach, die schon zu Hause im Bett gewesen. Sie waren alle ratlos, sie waren alle wie gelähmt. Der Sever berichtete kurz und stockend. Alle sanken auf die Stühle. Viele Köpfe auf die Tischplatte. »Der Franzl, unser Franzl... Das gibt's doch gar net«, stöhnen sie. »Der hat doch keinem Menschen was getan.« Plötzlich erhob sich einer: »Wer sagt's seiner Frau?« Keiner wollte dieses schreckliche Amt übernehmen. Der Volkert und Philipp Kütt mußten den schweren Gang antreten. Der Schuhmeier wohnte draußen in der Wilhelminenstraße in einem freistehenden Hause mit einem Vorgarten. Es war eine finstere, bitterkalte Nacht. Der Volkert klingelte zögernd. Es rührte sich lange nichts. Alle im Hause schliefen. Nochmaliges Klingeln. Ein Fenster wurde aufgetan und die Rosel, die Älteste, die glückliche Braut, die in einigen Tagen heiraten sollte, steckte den Kopf heraus: »Vater bist du's?« Der Volkert und der Kütt melden sich. Erschrocken ruft die Rosel: »Was denn? Was denn? Ist dem Vater was geschehen?« Der Volkert, mit aller Kraft an sich haltend, sagt ruhig: »Machen Sie nur auf und kommen Sie herunter, Rosa, und wecken Sie auch die Mutter.« Es war so finster, daß man den Sprecher nicht sehen konnte. Seine Rede klang gespenstisch. Zitternd kam die Rosel heruntergelaufen. »Seien Sie stark, Rosa«, nahm sie der Volkert unter dem Arm. »Ich werde stark sein, aber sagen Sie nur alles, lebt er?« Oben hörte man die Frau Cilli und die Viki aufschreien. Der Gustl, der Jüngste, hatte etwas auf der Lunge gehabt und war gerade in Alland zur Kur. Stockend warf der Kütt ein: »Er ist überfallen worden und liegt verletzt im Spital.« Die Cilli, die mit der Viki nachgekommen war und das gehört hatte, schrie: »Das ist nicht wahr, Sie sagen mir nicht alles, er lebt nicht mehr.« Die schwer herzleidende Frau Cilli fiel in Ohnmacht. Die Rosel und die Viki bemühten sich um sie, bekamen aber selbst Weinkrämpfe. Die beiden Männer stellten sich abseits. Und dann sagte ihnen der Volkert alles. Die Rosel, die Braut, schluchzte: »So fangt mein Glück an.« Ein Genosse ist noch in der Nacht in einem Auto hinaus nach Alland zum Gustl gefahren und hat ihn nach Wien gebracht. Der Mörder wurde im Auto in das Polizeigefangenenhaus auf der Elisabethpromenade gebracht. Die Ruhe und Fassung, die er behielt, überraschte die erfahrensten Kriminalisten. Das Geschoß, mit dem er den Schuhmeier niedergeschossen hat, hatte eine Stahlhülse mit zwei Querschnitten, ein Dumdumgeschoß. Am nächsten Morgen, als die Zeitungen von dem Grausigen berichteten, gingen die Menschen in Wien wie verloren herum. Auf der Straße und in der Straßenbahn sah man viele gerötete Augen. Aber auch viele zusammengebissene Zähne und viele geballte Fäuste in Rocktaschen verschwinden. Nur die christlichsoziale Presse verteidigte den Mörder. Sie bekannte sich zu ihm. Paul Kunschak, schrieben die Preisfechter der Religion der Nächstenliebe, sei durch die Verfolgungen der Sozialdemokraten zum Verbrechen getrieben worden. So war es immer und so ist es geblieben. Wurde und wird ein Sozialdemokrat ermordet, war und ist immer der Ermordete schuld. Fiel oder fällt aber einmal einer von ihnen, dann hat die rote Mordbestie gewütet und alle Sozialdemokraten zusammen und ihre Führer natürlich voran sind schuld. Und dann kam das Allerschwerste. Die Mami. Die gute alte Frau saß zu Hause und wußte noch nichts. Die Mami wohnte bei ihrem zweiten Sohne Karl Schuhmeier. Die Tochter Nettl war mit dem Schuhmachermeister Bubenik verheiratet, der im selben Hause unten seinen Laden mit Werkstätte samt anstoßender Wohnung hatte. Der Karl und die Nettl haben das Entsetzliche erst morgens durch die Zeitung erfahren. Niemand hatte den Mut, der Mami etwas zu sagen. Zuerst mußten sie die alte Frau aus der Wohnung Karls locken, damit ihr dort nicht die Zeitung in die Hand falle. Der Schwiegersohn Bubenik kam zu ihr: »Mutter, die Nettl is krank, kommen S' runter helfen.« – Die Nettl hat sich zum Schein ins Bett gelegt – Später, als sie schon unten war, sagte der Karl: »Mutter, dem Franzl is a Unglück passiert, er muß operiert werden.« Die alte Frau mußte sich niedersetzen: »Marand-josef, es wird doch net arg sein.« »Wird net so arg sein, Mutter.« Am Nachmittag entschloß sich der Karl zu dem Teilgeständnis: »G'rad hör i, Mutter, daß die Operation lebensgefährlich war.« Die Mami wimmerte leise in sich hinein und bestand darauf, daß sich der Karl sofort erkundige, wie es jetzt stehe. Es kostete Mühe, sie zurückzuhalten, selbst ins Spital zu humpeln. Der Karl ging. Als er wieder kam, sagte er: »Mutter, es wird immer schlechter.« Schon nach einer Stunde mußte er wieder Erkundigungen einziehen. Als er zurückkam, sagte er: »Mutter, der Franzl is tot.« Und mit Hilfe der Nettl und des Schwiegersohnes erfuhr sie alles. Die erwarteten Verzweiflungsausbrüche blieben aus. Aufrecht stand die alte Frau da. »Erschossen haben s' ihn? Hab ich's net immer g'sagt? Wie in der Schlacht is er g'fallen.« Und dann malte sie sich die schrecklichen Vorgänge, die ihr geschildert worden waren, aus, und mit den Worten: »Bei der Versammlung in Stockerau hat ihm das G'selchte so gut g'schmeckt«, warf sich diese todwunde alte Mutter auf das Bett und überließ sich ihrem Weh. Bei den Verhören bekannte der Mörder, daß er schon vor Monaten den Plan gefaßt habe, den Schuhmeier zu töten. Aus der Zeltung habe er erfahren, daß der Schuhmeier in Stockerau sprechen werde. Er sei mit demselben Zuge gefahren und wollte die Tat in Stockerau begehen. Während der Fahrt habe er es sich überlegt. Er sei in Korneuburg ausgestiegen, habe dort den Zug, mit dem der Schuhmeier zurückfahren mußte, abgewartet, sei in denselben eingestiegen und habe in der Ankunftshalle des Nordwestbahnhofes seinen Vorsatz ausgeführt. Paul Kunschak gestand weiters, daß er die Tat aus innerster Überzeugung und nach reiflicher Überlegung verübt habe. Der Schuhmeier sei der erste gewesen, der ihm indirekt die freiheitlichen Ideen eingeprägt, und er sei es gewesen, der ihn dafür begeistert habe. Später habe er sich für die Ideen Schuhmeiers nicht mehr interessiert und er sei deshalb von der sozialdemokratischen Partei abgefallen. Bei weiteren Verhören, immer ohne jede Spur von Reue, sagte er, er sei Sozialdemokrat gewesen und habe den Schuhmeier als den Lehrer der freiheitlichen Ideen verehrt. Als er wegen Differenzen aus der Partei scheiden mußte, sei er von der Organisation verfolgt und herumgehetzt worden. Als er mit ersparten 2000 Mark von Deutschland nach Wien zurückkam, habe er von seinen Ersparnissen gelebt. Gleich anfangs – schon vor zwölf Jahren – habe er den Plan gefaßt, sobald er mit dem ersparten Gelde fertig sein würde, einen der Führer der Sozialdemokratie zu ermorden. Nun war der Zeitpunkt gekommen, daß die Ersparnisse zur Neige gingen, weshalb er sich an die Verwirklichung seines alten Planes machte. Er habe es nicht gerade auf den früher von ihm verehrten Schuhmeier abgesehen gehabt, sondern er wollte irgend einen Führer treffen. Als er in der Zeitung las, daß der Schuhmeier in Stockerau eine Versammlung abhalte, sei sein Plan fertig gewesen, an Schuhmeier Rache zu nehmen. Auch bei der Verhandlung gegen ihn, die am 19. und 20. Mai 1913 stattfand, blieb er bei dieser Verantwortung. Er behauptete, von den Roten zum Hungertod verurteilt worden zu sein, ihretwegen nirgends Arbeit gefunden zu haben. Mit zynischer Ruhe erzählte und zeigte er, wie er auf sein Opfer schoß: »... und der Schuhmeier war weg.« Es wurde ihm nachgewiesen, daß er nach dem Zwischenfall bei den Schuckertwerken an mehreren Stellen unbehelligt gearbeitet hat. Neun Jahre war er fern von Wien, in Deutschland und in Amerika, und er mußte schließlich selber zugeben, daß er seit den Reichsratswahlen von 1911 wahrscheinlich aus Wut über die »Junisieger« gar keine Arbeit mehr gesucht habe. Nach der Verhaftung fand man in seiner Wohnung 170 Kronen in Silber. Paul Kunschak wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, jedoch über Fürbitte der Witwe seines Opfers, Cilli Schuhmeier, zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Das Gnadengesuch an den Justizminister lautete: Eure Exzellenz! Am 20. Mai dieses Jahres wurde vom hiesigen Schwurgericht Paul Kunschak wegen Verbrechens des Meuchelmordes, begangen an meinem mir unvergeßlichen, geliebten Gatten Franz Schuhmeier, nach einstimmiger Schuldsprechung durch die Geschworenen zum Tode durch den Strang verurteilt. Infolge der Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde des Verurteilten ist dieses Urteil am 6. September dieses Jahres in Rechtskraft erwachsen und müßte vollstreckt werden, wenn die über Paul Kunschak verhängte Strafe nicht in eine Freiheitsstrafe umgewandelt wird. Ich bitte nun Sie, Herr Minister, von Ihrem verfassungsmäßigen Recht, die Umwandlung der über einen Verbrecher ausgesprochenen Todesstrafe zu erwirken, Gebrauch zu machen. Würden Sie das nicht und würde die vom Wiener Schwurgericht ausgesprochene und jetzt rechtskräftige Strafe wirklich vollzogen werden, so würde mir und meinen drei Kindern der unsägliche Schmerz, den das Verbrechen des Paul Kunschak über uns gebracht hat noch gräßlicher werden und alle die Hunderttausende, die das Andenken meines teuren Mannes in Ehren halten, würden die Hinrichtung seines Mörders als Verunehrung des Andenkens an den Toten empfinden. Getreu dem Programm der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, das die Abschaffung der Todesstrafe fordert, ist mein Mann die ganze Zeit seines öffentlichen Wirkens hindurch in Wort und Schrift für die Beseitigung der Todesstrafe eingetreten und die Anträge der sozialdemokratischen Partei im Abgeordnetenhause, in denen die Befreiung Österreichs von dieser barbarischen Strafart gefordert wird, tragen auch seine Unterschrift. Wenn er auch als Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft das Ziel seiner Anträge nicht erreichen konnte, so soll doch wenigstens nicht das, was er verabscheute und zu beseitigen sich bemühte, um seinetwillen geschehen. Tiefe Trauer hat das Verbrechen, dessen Opfer mein geliebter Gatte geworden ist, bei allen Sozialdemokraten Österreichs hervorgerufen, aber schon in der Stunde des allergrößten Schmerzes, am frischen Grabe, hat es der Vertreter der vielen hunderttausende gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Österreichs ausgesprochen, daß der Mord, so viel Schmerz und Trauer er auch gebracht hat, nicht mit neuem Mord vergolten werden solle. In meinem Auftrag hat in der Schwurgerichtsverhandlung gegen Paul Kunschak mein Anwalt erklärt, daß mir und meinen Kindern nichts ferner liege, als den haßvollen Ruf nach Rache und Vergeltung zu erheben, und daß wir, wenn das Gericht gesprochen hat, beweisen werden, daß uns auch dem Mörder gegenüber menschliches Empfinden nicht fremd ist. Im Einverständnis mit dem Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie Österreichs, dem auch mein Mann durch zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tode angehört hat, und in Übereinstimmung mit der Ansicht aller Sozialdemokraten ersuche ich Sie, Herr Justizminister, zu veranlassen, daß die Todesstrafe an Paul Kunschak nicht vollzogen werde. Hochachtungsvoll Cäcilie Schuhmeier In den Tagen des Umsturzes 1918 wurde Paul Kunschak in Freiheit gesetzt. Die Leiche Franz Schuhmeiers lag in der Beisetzkammer des Allgemeinen Krankenhauses in der Spitalgasse. Als ob er schliefe, so friedlich waren seine Züge. An der rechten Stirnseite sah man eine kleine Beule, die vom Sturz herrührte. Im Knopfloch seines Totenkleides steckte eine rote Rose, in der Hand hielt er rote Nelken, die ihm seine Frau und die Kinder hineingesteckt. Von der Spitalgasse wurde der Leichnam des Volkstribunen eingeholt und in das Ottakringer Arbeiterheim geleitet. Die Ottakringer haben ihren armen, toten Franzl heimgebracht. Der große Saal des Arbeiterheims, das der Franzl erdacht und auch eröffnet und in dem er so oft Worte der Befreiung und Aufmunterung sowie der Beruhigung gesprochen, aber auch Wissen verbreitet hat, lag ganz in Schwarz. In der Mitte stand ein Katafalk. Auf den wurde der Sarg gehoben. Und Blumen, Blumen und Kränze ohne Ende kamen, so daß sie bald keinen Platz mehr fanden in dem riesigen Raum. Die Ottakringer Vertrauensmänner umstanden den Sarg. Der Sever geleitete die Familie an den Sarg. Sie waren alle fassungslos. Der Tapferste war noch der Gustl. Die Mami wankte zum toten Sohn und legte einen Strauß roter Nelken auf den Sarg. Neunundvierzig rote Nelken waren es, für jedes erlebte Jahr eine. Und eine schmale rote Schleife war daran. Darauf war eingeprägt: »Meinem lieben Franzl – von seinem Mamerl.« Als sie auf die Straße kam und die unübersehbare Menschenmenge sah, die trauernd das Arbeiterheim umstand, sagte sie: »Die Arbeiter müssen ihn doch recht gern g'habt haben, mein Franzl.« Der alte Karl Höger schluchzte auf: »Wann schreibst denn dein Artikel für die Volkstribüne, Franzl?« Drei Tage lang zogen hunderttausende Menschen an dem Sarge dieses gewesenen Hilfsarbeiters, der in einer Hausmeisterwohnung in der Hirschengasse geboren wurde, vorüber. Nicht einer und nicht eine, die trockenen Auges gegangen wären, nachdem sie zum letztenmal das wächserne Antlitz ihres Abgottes geschaut. Die roten Nelken, die die Vorüberwandelnden zum Katafalk hinwarfen, häuften sich zu Bergen. Viele schrien auf: »Franzl, bleib da, geh net fort von uns.« Der neue christlichsoziale Bürgermeister von Wien, Dr. Richard Weiskirchner, ließ sagen, daß er am Leichenbegängnisse als Vertreter der Stadt Wien teilnehmen werde. Der Sever mußte zu ihm gehen und von diesem Vorhaben dringend abraten, da niemand Garantien übernehmen könne. Am Sonntag den 16. Februar 1913 wurde er zu Grabe getragen. Wie keiner noch vor ihm und noch keiner nach ihm. Es war ein heller Wintertag. Die Kälte schnitt wie Glas. Im Saale, in dem Turner und Feuerwehrleute die Ehrenwache hielten, hatten sich die Trauergäste versammelt. Die Kränze, die gebracht worden waren, konnten nicht mehr gezählt werden. Sechzehn Kranzwagen konnten nur den kleinsten Teil aufnehmen. Nahezu tausend Kränze mußten im Zuge mitgetragen werden. Ein Posaunenchor stimmte den Trauermarsch aus der Götterdämmerung an. 400 Sänger sangen das: »Ruhe, müder Wandrer.« Dr. Ellenbogen begann seine Trauerrede mit diesen Worten: »Franzl, Schuhmeier-Franzl, das hättest du vor wenigen Wochen nicht gedacht, als du scherzend mir den Auftrag gabst, an deinem Grabe zu sprechen, daß ich dieser Verpflichtung so bald werde nachkommen müssen.« Und dann trugen sie ihn hinaus aus seinem Haus. Der unendliche Zug bewegte sich vom Arbeiterheim durch die Hasnerstraße, über den Gürtel, durch die Thaliastraße hinaus auf den Ottakringer Friedhof. Gegenüber dem Grabe der Opfer des 17. September 1911 war eine offene Grube. Nicht lang, nicht breit, nicht tief, und mußte doch so viel aufnehmen, daß es sich gar nicht sagen läßt. 1800 Ordner waren notwendig, den Zug in Ordnung zu halten. Dreihunderttausend gingen dem Leichenwagen nach. Nicht viel weniger mögen im Spalier gestanden sein. Trotz der großen Kälte war der Friedhof schon seit den ersten Morgenstunden belagert. In vielen Fenstern, an denen der Schuhmeier vorbei seinen letzten Weg geführt wurde, zuckten Lichter. Auf diesem Wege standen die Wiener stumm, entblößten Hauptes und wischten sich die Tränen von den Augen. Manche streckten die Hände nach dem Leichenwagen aus, als wollten sie ihren Franzl zurückhalten, damit er bei ihnen bleibe. Zwei »Damen« standen auf einem Balkon und sagten zueinander: »Recht ist ihm geschehen. Schaun Sie, nicht einmal ein Geistlicher ist dabei. Der wird wie ein Vieh begraben. Um so was ist nicht schade.« Zum Glück hat sie niemand gehört. Die Bläser bliesen den Pilgerchor aus »Tannhäuser«. Der Sever nahm für die Ottakringer für immer Abschied: »Mein lieber Franzl! Du warst uns ein Kamerad, ein Freund, wie wir ihn nie wieder bekommen werden. Wir haben tausende Parteigenossen, aber wir haben keinen Schuhmeier, wir haben keinen, der uns ein solcher Freund gewesen wie du. Wir können dir nichts versprechen, als daß wir Ottakringer Arbeiter dein Andenken bewahren, daß wir den Feinden zum Schrecken und Trutz die Schuhmeiergarde bleiben, daß wir stets und überall dort, wo es gilt, die Feinde der Arbeiter zu bekämpfen, mit deinem Bilde voraus marschieren und siegen werden. Franzl, die Erde sei dir leicht.« Stockfinster war es schon und noch immer zogen die Massen an dieser Grube vorbei, die längst ausgefüllt war mit roten Nelken, die jeder und jede als letzten Liebesgruß hineinwarfen. Und noch am Tage darauf gab es eine Massenwallfahrt zum Grabe Franz Schuhmeiers, die von 7 Uhr früh bis 6 Uhr abends dauerte. Viele rissen Blumen aus den haushoch aufgestapelten Kränzen, die sie zu Hause zum ewigen Gedenken an den Franzl preßten und auf einem Ehrenplatz verwahrten. Franz Schuhmeier, der 25 Jahre lang für das leidende Volk gelebt und gestritten, davon 20 Jahre in Ottakring, war nicht mehr. Ein Holzschrein in einer Grube, ein Hügel darüber, und dann ein steinernes Monument davor mit dem Prachtmenschen Schuhmeier aus Erz, redend, so wie er immer geredet hat – das war übrig geblieben von seinem Leib. Der Michel mußte nach dem Begräbnis eine Woche im Bette bleiben und sie haben für seinen Verstand gefürchtet. Dann kam er wieder zu den Genossen und sagte mit tonloser Stimme: »Und jetzt gehn wir's wieder an. Der tote Franzl muß ihnen gefährlicher werden als der lebendige es war.« In der »Volkstribüne« schrieb Karl Höger: »Vom klaren Himmel ist ein Blitz niedergefahren auf die Erde und eine Eiche hat er bis zu den Wurzeln gespaltet. Einen prächtigen Baum hat das Geschick sich auserwählt, zu sterben vor der Zeit. Und alle, die dieses Baumes Zauber sich einmal hingegeben und die Eiche liebten ob ihrer Herrlichkeit und knorrigen Schönheit, waren tief erschüttert über den so unvermittelt eingetretenen Verlust, den sie erfahren... Schuhmeiers Leib ist im Grabe – sein Geist aber wird uns alle erfüllen, jetzt und in aller Zeit. Der Märtyrer wird uns stets ein Heiliger der Menschheit sein.« Am 2. Oktober desselben Jahres ist die Mami zu ihrem Franzl ins Grab gestiegen. Im Wahlbezirke Krems-Stein-Klosterneuburg-Korneuburg-Stockerau, der seit dem Junisieg 1911 den Sozialdemokraten gehörte, ist bei der Nachwahl ein Bürgerlicher, ein Deutschnationaler gewählt worden. Schuhmeiers Opfertod zählte bei der Mehrheit der Wähler nichts. Und in der Leopoldstadt haben sie bei der Nachwahl an Stelle des Schuhmeiers den Christlichsozialen Dr. Mataja gewählt. Die Partei des Mörders als Erbin des von einem der ihren Gemordeten – wer findet sich in Menschenköpfen zurecht? Was hat der Schuhmeier einmal zum Michel gesagt: »Wenn wir uns eine neue Welt bauen wollen, brauchen wir ganz neue Menschen dazu. Die müssen wir uns erst schaffen. Und das braucht viel Zeit und viel Arbeit und unendlich viel Begeisterung und Geduld.« Der Parteivorstand beschloß, das Andenken Franz Schuhmeiers, der sein ganzes Leben lang von einem unbezähmbaren Lern- und Bildungseifer besessen war und in jeder Minute der Muße immer wieder zu den Büchern zurückkehrte, durch Errichtung eines Schuhmeier-Fonds zu ehren. Der Fonds sollte durch freiwillige Beiträge, Kranzablösungsspenden und sonstige Zuwendungen gespeist werden. Das Erträgnis sollte der Bildungsarbeit der Arbeiterschaft dienen und insbesondere begabten, mittellosen Arbeiterjünglingen ermöglichen, sich auszubilden, ihre Kenntnisse zu erweitern, um dann das Bildungsgut, das sie sich erworben haben, wieder weiterzugeben und der Arbeiterklasse fruchtbar machen zu können. So sollte der tiefste Sinn des Arbeiterlebens, das Franz Schuhmeiers Lebensgang zeigte, in fortwirkende Tat umgesetzt werden. »Es wirke«, hieß es in dem Aufruf, »nicht allein sein unvergängliches Beispiel weiter, sondern wie er im Leben ein Lehrer war, so sei er es auch nach dem Tode, indem in seinem Namen die Arbeit für die Bildung und Erhöhung der Arbeiterjugend fortgesetzt wird! Der Schuhmeier-Fonds, der geschaffen wird für die Bildungbestrebungen der Arbeiterjugend, zur Förderung begabter Arbeiterjünglinge, der wird das schönste und leuchtendste Andenken an dieses unvergängliche Leben sein.« Sechsunddreißigstes Kapitel Als das Morden draußen auf den Feldern der Verunehrung des Namens Mensch immer grausiger und die Not daheim mit jedem Tage unerträglicher wurde in den Weltkriegsjahren, sagten die Leute: »Wenn der Schuhmeier noch lebte, wär es nicht so weit gekommen«, und äußerten den Verdacht, daß man ihn eigens aus dem Wege räumen ließ, um das große Schlachten ungehindert beginnen zu können. Wurde er doch einundeinhalb Jahre vor dem Unglücks-Juli 1914 gefällt. Auch von Dr. Lueger haben seine Leute, nachdem der Begeisterungsrausch verflogen war, behauptet, daß er den Weltkrieg nicht zugelassen hätte. Weder der Dr. Lueger noch der Schuhmeier hätten den Weltkrieg verhindert – und so sehr gefürchtet haben damals seine Anstifter das österreichische Proletariat noch nicht, daß sie nur über die Leiche eines seiner geliebtesten Führer mit Brandfackeln zu jonglieren gewagt hätten. Aber daß das Volk glaubte, er wäre imstande gewesen, der rasenden Kriegsfurie in den Arm zu fallen und so unausdenkbar Furchtbares von der Menschheit abzuwenden, zeugt, wie überlebensgroß Franz Schuhmeier in den Herzen und Hirnen derer fortlebt, die ihn am Werke gesehen. Der heutigen Jugend freilich ist er nicht viel mehr als ein klingender Name, der zu verblassen droht, wie das Proletariat überhaupt viel zu wenig haushält mit seinen Lebenden und mit seinen Toten, mit den einen zu wenig Geschichten und mit den anderen zu wenig Geschichte macht. Das ist ein schwerer Fehler, weil sich Mut und Leidenschaft nur an großen Vorbildern entzünden. Nicht umsonst schleppt die Weltgeschichte, die dynastischen Interessen dient, die Namen und die scheußlichen Taten aller Menschenschlächter und aller Strohköpfe, die auf irgend einem wurmstichigen Thron geknotzt, durch die Zeiten fort. Einer, dessen Erdenwallen mehr aufwiegt als das von ein paar tausend Schlachtenlenkern, -denkern, -gewinnern und -verlierern, war der Franz Schuhmeier. In ihm war Saft und Kraft, aus den Wurzeln des Volkes gezogen, und während die Großen der Geschichte alter, neuer und neuester Zeit die Menschen für schmierige Privatinteressen in den schwarzen Tod führten, hat er es unternommen, sie ins lachende, sonnige Leben zu geleiten. Während sich die Obern als die alleinigen, auserwählten Menschen dünkten, für die ausschließlich alles, was die Erde birgt, bereitgestellt wurde, und sie die anderen als Gewürm verachteten, hat der Schuhmeier sich gemüht, aus den Volksmassen Menschen zu machen, fühlende, denkende, handelnde, ihr Geschick selbst bestimmende Menschen, die so frei sein sollen wie die oben es sind, und auch ihr bißchen Freude und Glück genießen dürfen. Nicht darum handelt es sich, trockene Biographien unserer Lehrer, Führer, Wegbereiter und Märtyrer zu schreiben, wie die Historiker es tun, nicht darum, Geburtsorte und Tage aufzuzeichnen, Jahreszahlen zum Auswendiglernen hinzusetzen, Aussprüche, irgend einmal getan oder nicht getan, zu zitieren, und wie von einbalsamierten Monarchen Episoden aus dem Leben, wahre oder gut erfundene, auf die Nachwelt zu bringen. Aber was wichtig ist und erzen in die Geschichte des österreichischen Proletariats hineingeschrieben werden muß für immer, das ist, daß die Partei dieses Proletariats, die österreichische Sozialdemokratie mit Franz Schuhmeier und auch durch ihn gewachsen ist. Franz Schuhmeier hat die unten alle an der Hand genommen und mitgeführt, weil er wollte, daß sie alle sich der Welt und ihrer Schönheit freuen sollen und – weil er wußte, daß dort oben Platz für alle ist. Von Franz Schuhmeier nichts zu wissen, als daß es ihn einmal gegeben hat, heißt, von der Geschichte der Partei des Proletariats nichts zu wissen und nichts davon, was dieses Proletariat im Gegensatz zu heute einmal gewesen ist. Wer den Weg zum Ziele von der Stelle aus, wo einer liegen geblieben ist, fortsetzen will, muß wissen, wie der Gefallene bis hierher gekommen ist, sonst kommt er nicht ans Ziel. Wenn er nicht weiß, welche Hindernisse sein Vorgänger zu umgehen, welche Hürden er zu überspringen hatte, die auch er auf der weiteren Wegstrecke zu überwinden haben wird, verzagt und ermattet er vor dem weiten Ziel. Franz Schuhmeier war nicht die sozialdemokratische Partei und er war nicht der einzige, dem sie ihre Größe dankt. Und wenn er etwa gar nie gelebt hätte, wäre sie auch dort, wo sie heute ist. Das Entstehen, die Entfaltung und der Sieg des Sozialismus sind nicht das Werk einzelner zufälliger Personen. Das ist alles ehernes Muß. Wer das anders sieht, ist kein Sozialist. Und die Menschen, die der Sozialismus braucht, um sich entfalten und um siegen zu können, waren immer da und werden immer da sein. Er war nicht der Schöpfer einer Idee, er war ihr Verbreiter. Einer der erfolgreichsten Verbreiter des zündenden Gedankens von der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, einer der Jünger und Apostel der weltumwälzendsten Lehre seit Verkündigung des Christentums, des marxistischen Sozialismus. Und er war ein eifervoller Künder dieser neuen Lehre, der argwöhnisch darüber wachte, daß sie nicht verfälscht werde, wie andere Lehren täglich verfälscht werden. Aber für das österreichische und für das Wiener Arbeitervolk zumal war, ist und bleibt dieser Franzl, der Hausmeistersohn aus der Hirschengasse in Mariahilf eine hochragende Figur, ein Symbol. Ein Wiener, der diese herrlichste aller Städte liebte wie nur einer, ohne zum weinseligen versumperten Weaner zu verflachen, für den es nur die blaue Donau und den Stefansturm und sonst überhaupt nichts mehr in der Welt gibt. Ein Prolet, der nicht Prolet bleiben wollte und sich zum modernen Proletarier emporgearbeitet hat, es dabei nicht selbstgenügsam bewenden ließ, sondern alle die anderen Proleten auch dort haben wollte, wohin zu gelangen es ihm möglich gewesen ist. Ein Fanatiker der Gerechtigkeit und des gleichen Rechtes und ein unbeugsamer Kämpfer für Gerechtigkeit und gleiches Recht. Und ein Aristophanes aus dem Proletariat, der den Mutterwitz, die kecke Satire, die Heiterkeit und die Schlagfertigkeit seiner unterdrückten, aber ihrer Befreiung sicheren Klasse verkörperte. Auch den Alten und Ältesten, aber noch mehr der nachkommenden Jugend muß dieser Mann, sein Leben und sein Werk ins Bewußtsein und ins Gedächtnis geätzt werden, damit sie an ihm erstarke und werde wie er. Und wenn sie marschieren und kämpfen für die Befreiung der ganzen Menschheit aus Geistesnacht und Körpernot – mögen die von oben, die um ihre Monopole zittern, ihre Kanonen auffahren und ihre Schergen die Knüttel schwingen lassen und mögen sie für Geld und Gönnerworte arme Hunde aus der Menschheit allertiefsten Tiefen wie Buldoggen gegen die sich hinaufarbeitenden armen Hunde hetzen – mit dem Bilde Franz Schuhmeiers voraus werden sie dennoch siegen!