Gertrude Aretz Die elegante Frau Eine Sittenschilderung vom Rokoko bis zur Gegenwart   Mit dreiundsechzig Lichtdrucktafeln, davon sechs handkoloriert Grethlein \& Co Leipzig · Zürich   Copyright 1929 by Grethlein \& Co., G. m. b. H. Leipzig Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden Die Lichtdrucktafeln von der Graphischen Anstalt Ganymed in Berlin Printed in Germany 1. Frauenbildnis. Ölgemälde von Fritz Schwarz-Waldegg. 1928 Zur Einführung Die Kunst und die Lust zu gefallen, anzuziehen und mit besonderer Betonung aller Reize zu verführen, sind in der Geschichte der Frau so alt wie die Welt selbst. Zu allen Zeiten und in allen Ländern ist und war der Kult der Schönheit der Ausdruck höchster Kultur. Je mehr ein Volk Kultur besitzt, desto größer ist der Luxus, desto verfeinerter und raffinierter der Geschmack in allen Dingen der Körperpflege und des Körperschmucks, kurz der Eleganz. Aber Eleganz und Mode haben ihre Gesetze wie die Mathematik. Die Einstellung des Geschmacks und die Begriffe von der Schönheit des Weibes sind bei den verschiedenen Rassen und Völkern verschieden und hängen ganz von dem Zeitalter ab. Von jeher und überall betrachtete es die Frau als ihr besonderes Vorrecht, schön zu sein. Mit welchen Mitteln sie das vor allem in den letzten Jahrhunderten erreichte, soll dieses Buch erläutern. Die Mittel sind verschieden und kapriziös wie die Frau selbst, wie die Epoche, in der sie lebt, und der Geschmack der Zeit. So ist für das 18. Jahrhundert typisch Frankreich mit dem Rokoko, dem Direktorium, dem Empire, während im 19. Jahrhundert neben Frankreich auch England und Deutschland, und im 20. Jahrhundert ebenfalls Amerika für die Eleganz der Frau und die Rolle, die sie im mondänen Leben spielt, maßgebend sind. Außerdem sind Mode und Eleganz mit den Sitten einer Epoche und eines Landes eng verknüpft. Es ist daher logisch, daß sich die einzelnen Kapitel auch mit den allgemeinen Sitten beschäftigen, die das Leben und die Umwelt einer eleganten Frau berühren oder ihr das Gepräge geben. 2. Die Toilette der Venus. Farbstich von Janinet nach F. Boucher. Um 1760 Die elegante Frau ist eine Zauberin, die Phänomene zuwege bringen kann. Eine nach den Begriffen des Gesetzes der Schönheit absolut häßliche Frau zum Beispiel kann in das Bereich der Schönheit eintreten oder wenigstens die Grenze der Schönheit berühren, wenn sie es mit Geschmack versteht, ihre eigentlichen körperlichen Nachteile in Vorteile zu verwandeln. Ein hervorragender Kenner der Frau und bedeutender Historiker Frankreichs, Octave Uzanne, sagt in seinem ausgezeichneten Werk »Die Pariserin« Deutsch erschienen im Paul Aretz Verlag, Dresden, 1929. über die Koketterie der Frau: »Um stets schillernd und begehrenswert zu bleiben, um stets, wie erlesene Kunstwerke und Blumen, Nachfrage zu finden, legen die Frauen Schmuck an und umgeben sich mit Reiher- und Straußenfedern, wie die Vögel der Juno.« – Die Eleganz ist die Literatur der Frau. Ihr persönlicher Stil prägt sich in ihrem Anzug aus. Ihr Geschmack, ihr Takt, ihre Vornehmheit, ihr ästhetisches Empfinden, das alles liegt in ihrer Art sich zu kleiden und zu schmücken. Der Mann hat nur das Recht sich anzuziehen, die Frau hingegen darf und soll sich schmücken, verschönen, um die Trübsal des Lebens mit dem Glänze ihres Schmucks, ihrer Anmut und ihrer Schönheit zu erfüllen. Nicht immer ist das allerdings mit äußeren Mitteln zu erreichen, nicht immer können schöne Kleider, Schmuck, Puder, Schminke, Lippen- und Augenstift über Mängel, die ihr von der Natur gegeben sind, hinweghelfen, denn die größte Rolle zum Erfolg einer Frau spielt ihr persönlicher Charme, sowohl der seelische als der physische, immerhin aber vermag eine Frau durch geschickte Betonung ihrer Eigenart wenigstens eine äußere Wirkung zu erzielen. Alles kann sich in der Eleganz der Frau widerspiegeln: Koketterie, Liebe, Leidenschaft, Sinnlichkeit, Keuschheit, gewollte oder ungewollte, Herbe und Süße, kühler Stolz, Reserviertheit ebenso wie frivole Herausforderung und Laszivität. Immer aber ist es zu allen Zeiten und bei allen Völkern die eigenste Natur des Weibes sich zu schmücken, für den Mann zu schmücken, mögen auch manche behaupten, sie täten es einzig und allein zu ihrer eignen Freude und Ästhetik. Im Innersten ihres Herzens möchte auch die Kühlste und Sprödeste, wenn nicht den Männern so wenigstens einem Manne, gefallen, und sie wird sich so zu schmücken wissen, daß sie ihm gefällt. Auch den Frauen, ihren Mitschwestern, will sie gefallen, wenn auch nur, um schöner als die andere zu sein, und so wiederum auf den Mann zu wirken. Zu allen Zeiten beherrschte die Erotik die Eleganz der Frau und wird sie immer beherrschen, selbst in unserem sportlichen Zeitalter. Nur schließt die sportliche Eleganz und Koketterie der modernen Frau eine neue Erotik in sich. Das Schwüle, Geheimnisvolle, Verlogene der früheren Jahrhunderte ist dem natürlichen, gesunden Reiz des trainierten Körpers gewichen. Sonne, Wasser, Luft, die drei bedeutendsten Faktoren zur Entfaltung der Schönheit des menschlichen Körpers, haben das Wunder bewirkt. Aber auch die Frau des 20. Jahrhunderts verzichtet durchaus nicht auf Kunst und Kosmetik, auch nicht auf Modetorheiten und Unpraktisches, wenn sie dazu dienen, ihre Schönheit und ihren Körper in ein vorteilhaftes Licht zu setzen oder, wenn es gilt, die Laune eines Augenblicks zu befriedigen. Nur versteht sie es besser als ihre elegante Schwester der früheren Jahrhunderte, Hygiene und Gesundheit mit Eleganz zu vereinen. Trotz allen Fortschritts geistiger Entwicklung und Tätigkeit will auch die moderne Frau verführerisch sein, und sie ist es vielleicht in höherem Maße, weil sie noch Klugheit, Wissen und Geist zur Verfügung hat. Mit ihrem seltenen Sinn für Harmonie hat die Frau stets begriffen, daß sie die Natur ausgleichen, ihre Person ihrer Umwelt, ihrer Zeit anpassen muß. Nur die Mittel sich zu verschönen und sich zu schmücken und so dem Ideale nahezukommen, das man in ihr sieht, sind verschieden. Die eine versucht es mit kostbaren Steinen, die andere mit Farben, Bemalungen, Tätowierungen. Manche hüllt sich in prunkvolle Stoffe, eine andere in leichte, duftige Gewebe und Spitzen. Die einen mästen ihren Körper, wie die Frauen des Orients, um sich dem Manne begehrenswert zu machen, die anderen essen nichts, damit sie die schlanke Linie nicht einbüßen. Wieder andere verstümmeln ihre Füße, wie die Chinesinnen, oder man drückt, wie bei manchen Indianerstämmen, bei der Geburt den Kopf der Mädchen so schmal, daß er wie eine langgezogene Birne aussieht. Bei der Europäerin und Amerikanerin sind es besonders die Brust, die Hüften, die Beine, der schmale straffe Leib, die sich dem Wandel des Schönheitsideals und der Mode unterwerfen mußten. Und dabei spielt das Mieder und der Hüftgürtel die größte Rolle. Erst in unserem sportlichen Zeitalter büßen sie ihre Macht ein. Alle Anthropologen aber sind sich darüber einig, daß jedes einzelne dieser Schönheitsideale auf erotischer Basis beruht, wie auch der Schmuck, die Eleganz und die Mode der Frau. Von alters her spielten Parfüme und kosmetische Mittel eine große Rolle. Die vornehme Araberin und Ägypterin liebten starke Wohlgerüche. Besonders bevorzugt war Moschus und Ambra. Sie salbten ihre Körper mit duftenden Ölen, färbten die Ränder ihrer Augen mit Antimon, ihre Nägel mit dem Saft der Hennapflanze. An Fuß- und Handgelenken trugen sie goldene und silberne Spangen. Sie kleideten sich in feine, kostbare, oft farbige Stoffe. Das bis auf die Knöchel herabfallende, ganz enganliegende Gewand der Ägypterin betonte besonders die überaus schlanken Formen. Es war bisweilen so durchsichtig, daß bei der geringsten Bewegung des Körpers die einzelnen Linien äußerst reizvoll hervorgehoben wurden. Auch der später aufkommende Mantel war von feinem, durchsichtigem Gewebe. Die Eleganz und Anmut der ägyptischen Tänzerinnen ist berühmt. Und in der Vielseitigkeit ihrer Frisuren und der Verschönerung ihres Kopfschmucks war die Ägypterin geradezu genial. Sie saß oft stundenlang vor dem Spiegel, um die kunstvollen Haartrachten zuwege zu bringen, die sie immer wieder neu erfand. Viele ersparten sich auch die Arbeit und trugen Perücken, genau wie die Damen des 18. Jahrhunderts. Die Ägypterin, die Griechin, die Römerin, die Asiatin, die dunkle Frau des Urwalds, die Amerikanerin und Europäerin – ganz gleich –, alle sind und waren bedacht, durch Ausschmückung oder Pflege des Körpers und durch Hervorhebung körperlicher Reize Augen und Sinne des Mannes auf sich zu lenken. Die Schönheit siegt. Und da alle schön sein wollen, sind sie schön. Und schön ist, was gefällt. Die wirkliche Eleganz der Frau, mit allem Raffinement einer verfeinerten Kultur, haben indes – wenn man von den alten Kulturen der Ägypter, Inder, Perser, Griechen und Römer absieht – erst die letzten Jahrhunderte gezeitigt. Das Christentum brachte jahrhundertelang Kasteiung in den meisten Lebensgenüssen und so auch in der Kleidung und dem Luxus der Frau. Reicher Schmuck und kostbare Gewänder, Gold und Geschmeide, waren im Mittelalter nur dem Ritterstand vorbehalten. Die Bürgerfrauen mußten ihre koketten Neigungen mit sehr einfachen Mitteln bestreiten. Wenn sie sich bisweilen etwas mehr erlaubten oder gar die Künste der hochgestellten Damen anwandten, so wurden sie bald von einem gestrengen Magistrat in ihre Schranken zurückgewiesen. Eines schickt sich nicht für alle, war der damalige Wahlspruch. So erleben wir – mit einigen Ausnahmen in der Epoche der Renaissance – erst wieder im Zeitalter des Rokoko wirkliche Eleganz der Frau, wahrhaftes Raffinement aller Lebensgenüsse. Die Frau des 18. Jahrhunderts ist bewußter kokett, bewußter schön, bewußter raffiniert als ihre elegante Schwester der Renaissance, deren größter Reiz in ihrem ungekünstelten Wesen, aber auch in ihrer derben Erotik und Sinnlichkeit bestand. Die Liebe der Rokokodame ist keine Leidenschaft, keine reine Sinnlichkeit, sondern ein erotisches Spiel, ein raffiniertes Flirten, ein Spielen und Tändeln mit dem Feuer, ein aufreizender Genuß aller Grade der Liebkosungen. Die Frauen schwelgen im Exhibitionismus ihrer speziellen körperlichen Reize und heben diese besonders in den Einzelheiten ihrer Kleidung hervor. Das erotische Element wird nicht mehr durch unverhüllte Nacktheit betont, sondern durch halbe Verschleierung bestimmter Reize des Körpers. Die hochgeschnürte, tiefentblößte Brust ist mit einem halbverhüllenden Busentuch bedeckt und doch den verzehrenden Blicken der Männer preisgegeben. Der weitgebauschte Reifrock verhüllt eifersüchtig alles von der Büste abwärts und läßt nicht das geringste von den Formen einer Frau ahnen. Aber dieser Reifrock – man nannte ihn Vertugadin –, der übrigens bereits im 16. Jahrhundert zur allgemeinen Mode wurde, war ebenso verlogen und ebenso raffiniert wie die ganze Zeit. Er spielte besonders tugendhaften Damen, oder die es wenigstens sein wollten, oft die übelsten Streiche, und den anderen, den Koketten und Frivolen, diente er als erotisierender Vermittler. Sein schelmischster Streich lag in der Eigenschaft, daß er, wenn die Trägerin sich setzte, infolge seines Reifengestelles vorn in die Höhe zu gehen pflegte, oft weiter als es mancher Dame lieb sein mochte. Denn nicht jede hatte ein schönes Bein oder ein kokettes Strumpfband zu zeigen, das im 18. Jahrhundert eine ganz besondere Rolle spielte, gewissermaßen die Dessous der späteren Zeiten ersetzte. Denn der Luxus der Unterwäsche ist erst eine Errungenschaft des l9. Jahrhunderts. Beinkleider kannten die Damen des 18. Jahrhunderts schon gar nicht. Es galt direkt als Schande solche zu tragen. Nicht einmal die Tänzerinnen trugen sie auf der Bühne. Die berühmte Camargo hatte weder Trikot noch Tanzhöschen an. Nur älteren Frauen wurden Beinkleider zugestanden oder in Krankheitsfällen auch bisweilen einer eleganten jungen Frau. Dann aber waren sie aus warmen Stoffen, aus Flanell oder Barchent, zum Schutz gegen Kälte. Aus Koketterie gestattete das Rokoko in keiner Weise dieses Kleidungsstück, das gerade bei den Französinnen in späterer Zeit eine so pikante Rolle spielte. An die Stelle der eleganten Dessous als Reizmittel trat bei den Damen des 18. Jahrhunderts das Busentuch. Man konnte unter ihm viel ahnen und je nach Kaprice sehen lassen. Es spielte wohl die bedeutendste Rolle in der Erotik der damaligen Zeit. Das erste galante Abenteuer junger Männer wie Lauzun, Rétif de la Bretonne und anderer begann fast immer mit dem Lockern des Busentuchs. Nicht weniger wichtig für die Koketterie war der Fächer und in den südlichen Ländern besonders der Domino und die Gesichtsmaske. Die vornehme Dame trug eine solche Maske stets, wenn sie das Theater besuchte, um besser, und ohne erröten zu müssen, die lasziven Stücke der damaligen Zeit mit anhören zu können. Sie bevorzugte die Maske aber besonders bei ihren nächtlichen Rendezvous, ihren Liebesabenteuern. Das Mysteriöse erhöhte den Reiz ihrer Persönlichkeit, und mancher Liebhaber bekam das Gesicht seiner Schönen nie zu sehen, denn er sollte unter der Maske – wenn auch nicht immer eine Herzogin – so doch wenigstens eine hochgestellte Dame der Gesellschaft vermuten. Wie oft mögen die armen Galane angeführt worden sein, ohne je die Wahrheit zu erfahren. Aber das lag im Liebesideal und der Erotik jener galanten Zeiten. Auch die »Mouches« oder Schönheitspflästerchen standen mehr denn je im 18. Jahrhundert im Dienste der Erotik. Obwohl man sie bereits im 17. Jahrhundert anwendete, trieb man doch erst im 18. einen wahren Kult damit. Die Damen klebten sie überall dahin, wo sie den Blick des Mannes auf einen besonderen körperlichen Reiz hinlenken wollten, nicht nur auf die Wangen, nicht nur an Stirn und Schläfen. Man brauchte sie zwar bisweilen, um kleine Hautunregelmäßigkeiten zu verdecken, meist jedoch, um die Schönheit und Weiße der Haut zu erhöhen. So sah man sie tief im Busenausschnitt einer eleganten Schönen, und der Liebhaber entdeckte sie oberhalb des Knies, oder auf den schlanken Hüften und dem zarten gepuderten Rücken seiner Angebeteten. Ein Grübchen am Körper verführte so leicht dazu, eine »Mouche« in seine Nähe zu setzen, um es noch pikanter zu machen. Diese kleinen schwarzen Fleckchen machten die Haut so weiß und jugendlich, so frisch und appetitlich! Der Körper erschien jünger, reizvoller. Und keine Frau des 18. Jahrhunderts durfte und wollte altern. Die sehr schöne und berühmte Tänzerin Marie Madeleine Guimard schien das Elixier der Jugend erfunden zu haben. Sie sah noch als Vierzigjährige blendend aus und blieb fast bis ins hohe Alter auf der Bühne. Das Geheimnis dieser ewigen Jugend enthüllt uns Casil Blaze: »Als die Guimard 20 Jahre alt war, ließ sie sich malen. Nach diesem Jugendporträt schminkte sie sich jeden Morgen und Abend in ihrem Boudoir und ihrer Loge. Vor ihrem Spiegel mischte sie mit geschickter Hand die Farben nach dem Jugendgemälde und zauberte auf ihrem dreißig-, vierzig- und fünfzigjährigen Gesicht die Züge des Bildes hervor, das sie als Zwanzigjährige darstellte.« Leider wurde auch sie später von den verheerenden Pocken heimgesucht, wodurch sie viel von ihrem Charme einbüßte. Alle Damen des 18. Jahrhunderts waren bestrebt, so jung wie möglich oder wenigstens ohne ein bestimmtes Alter zu sein. Dazu verhalfen ihnen nicht nur die Mouches, Puder und Rouge, sondern auch die weißgepuderten Haare. Jede Frau hatte die gleiche Haarfarbe. Das Zeichen des Altwerdens, graue Haare, war verschwunden. Färben der Haare war nicht üblich. Man legte sich mit den kompliziertesten Frisuren schlafen und löste sie oft tage- und wochenlang nicht auf. Auf Reinlichkeit und Hygiene legte die elegante Welt des 18. Jahrhunderts den geringsten Wert. Die Hauptsache war, daß die Frau nach außen hin schön und elegant und für Liebesintrigen und galante Erlebnisse immer so hergerichtet war, daß sie dem Manne gefiel. Madame de Mailly, die erste Mätresse Ludwigs XV., ließ sich abends, ehe sie zu Bett ging, von ihren Frauen wie zur größten Galafestlichkeit frisieren. Die goldenen, mit Diamanten geschmückten Kämme steckten im Übermaß in dem schönen weißgepuderten Haar. Und so geputzt verbrachte sie die ganze Nacht mehr sitzend als liegend in ihrem von tausend Kerzen erleuchteten und mit Spiegeln umgebenen Schlafzimmer, bis der junge König zu ihr kam. Und doch war sie die ärmste aller Mätressen Ludwigs XV. Man sagt, sie habe sich, wie es so viele Damen ihrer Zeit taten, die Juwelen, die sie trug, leihen müssen. Der König war noch nicht der verschwenderische Galan, zu dem er sich seinen späteren Mätressen gegenüber entwickelte. Madame de Mailly mußte für ihn eine Eleganz und einen Reichtum vortäuschen, die sie nicht besaß. Sie mußte schön und begehrenswert durch äußere Mittel, durch Putz sein. Das 18. Jahrhundert war das Zeitalter der Frau und machte sie zur unbedingten Herrscherin, zum Idol des Mannes. Keine Epoche hat Frauenschönheit und die Schönheit der Einzelheiten des weiblichen Körpers so überschwenglich gewürdigt und in Literatur und Kunst verewigt wie die galante Zeit. »Die belebte, ausdrucksvolle, herausfordernde Nacktheit, die blonde und rosige, zarte und fröstelnde, weiche Nacktheit, eine halberblühte Nacktheit, über die wie drohend eine Gänsehaut hinläuft, eine spitzbübische Nacktheit«, nennt Uzanne die nackte Schönheit der Frau des 18. Jahrhunderts, die Lemoine, Watteau, Boucher, Fragonard, Vanloo und andere Maler in immer reizvolleren Darstellungen dem Auge des Beschauers zeigen. Viele große Damen ließen sich von diesen Künstlern für ihre Geliebten in besonders pikanten Kostümen, äußerst gewagten Dekolletes oder ganz nackt malen. Man legte den größten Wert auf eine schöngeformte Büste. Marie Antoinette ließ von ihrem vollendet schönen Busen einen Abguß machen und verwendete das einzigartige Kunstwerk aus Sevresporzellan als Fruchtschale im kleinen Trianon. Derartige Schönheit war natürlich nicht allen Damen des 18. Jahrhunderts von der Natur verliehen. Aber das enge, hochgeschnürte Mieder, das die Wespen- und Schneppentaille erzeugte, half jenen Damen, deren Büste mit Schönheitsfehlern behaftet war, über diese Nachteile hinweg, denn es vermochte wenigstens den unkritischen Blicken im Ballsaal oder auf der Straße volle Rundungen vorzutäuschen. Die Mageren hingegen schützte das bauschige Brusttuch, das manchmal von Drahtgestellen unterstützt wurde und so eine nicht vorhandene Fülle der Formen verbarg. Es wurde daher auch »Menteur« (Lügner) genannt. Wie bereits erwähnt, ist das 18. Jahrhundert das Jahrhundert des ausgesprochenen Exhibitionismus. Auf unzähligen Bildern der Zeit sind Schaukelszenen dargestellt, wobei es den Damen besonders darauf anzukommen scheint, soviel wie möglich von ihren Reizen, die der Vertugadin sonst verbirgt, sehen zu lassen. Und der Mann, der auf diesen Bildern stets nur Zuschauer ist, scheint keinen anderen Gedanken zu haben, als soviel wie möglich mit seinen Blicken zu erhaschen. Trotz dieser ungeheuren Freiheit der Sitten aber mußten die Damen, die sich so ausgelassen benahmen und denen kein Abenteuer zu galant und gewagt erschien, doch wenigstens zum Scheine die Tugendhaften und Unschuldigen spielen. Das erhöhte den Reiz und den Preis ihrer Persönlichkeit. Sie mußten noch erröten können, wenigstens im Beginne eines Flirts oder in Gesellschaft. Und die Schönen des Rokoko wußten Mittel, die ihnen nicht mehr zur Verfügung stehende Schamröte der Natur zu ersetzen. Es gab eigens zu diesem Zweck zubereitete Taschentücher. Man nannte sie bezeichnenderweise »Mouchoirs de Venus«. Sie waren mit einer starken Essenz getränkt, die, sobald man die Tücher an die Nase führte, das Blut in Wangen und Schläfen trieb – und jede Dame hatte den gewünschten Erfolg des Errötens. Die leichten Sitten hatten jedes Schamgefühl der Frauen aus ihrer Seele verdrängt. Selbst junge und noch unschuldige Mädchen konnten nicht mehr erröten. Sie hörten und sahen zu viel. Auch sie mußten sich dem Zeitgeist in Kleidung und Gebaren anpassen, denn das junge Mädchen stellte seine Reize genau so zur Schau wie die reife verheiratete Frau. 3. Liebeserklärung im 18. Jahrhundert. Ölgemälde von J. F. de Troy. Potsdam, 1731 An Stelle des Schamgefühls trat bei der Frau des 18. Jahrhunderts eine große Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, künstliche Geziertheit und äußerliche Verschämtheit. Alles, jede Bewegung, jeder Schritt, jede Geste mußte mit Grazie und Anmut ausgeführt werden. Infolge der außerordentlich hohen Stöckelschuhe waren die Damen gezwungen, sich in kleinen trippelnden Schritten vorwärts zu bewegen. Nicht bei allen sah es vielleicht graziös aus. Casanova besonders fiel am französischen Hofe auf, daß die Damen unsicher auf den Beinen waren und beinahe vornüber zu fallen schienen, wenn sie gingen. Andere Zeitgenossen bestätigen indes, daß gerade in diesen durch die Mode gezwungenen, gemessenen Bewegungen ein großer Reiz gelegen habe, weil sie einen so starken Kontrast zu den ungebundenen sonstigen Sitten bildeten. Es gab eine Menge Bücher über Verhaltungsmaßregeln, über Anstand und Sitte, obwohl man sich um den wahren Anstand durchaus nicht kümmerte. Aber man mußte mit Grazie sprechen, mit Grazie sich setzen, mit Grazie gehen, stehen, mit Anstand eine Prise nehmen – auch die Damen schnupften –, mit Grazie in die Chaise steigen, die Treppen hinaufhüpfen, sich verbeugen und tanzen. Das ganze gesellschaftliche Leben stand unter diesem äußeren Schein, und die Marquise Dudeffand hatte recht, als sie einmal an Walpole schrieb: »Wir sind Kinder der Kunst. Einen wahrhaft vollkommen natürlichen Menschen unter uns sollte man auf dem Jahrmarkt zeigen. Er wäre ein Wunder.« Besser als alles zeigt uns die galante Literatur dieses von Erotik durchtränkten 18. Jahrhunderts das Künstliche, Frivole und doch gleichzeitig Graziöse im Gebaren der Frau als Geliebte. Nur ein Beispiel aus dem damals von allen Damen gelesenen galanten Roman Godard d'Aucourts »Themidor; Deutsch erschienen im Paul Aretz Verlag, Dresden, 1928. meine Geschichte und die meiner Geliebten«. Rosette empfängt ihren Geliebten. »Wie ein Opfer Amors hatte sie sich mit Bändern geschmückt und sich sorgfältig in wohlriechendem Bade gereinigt. Auf einem einfach gebauten Altar aus Myrtenholz lagen verschiedene große seidene Kissen – ein Tuch aus feinem Leinen war darüber gebreitet, und eine Decke mit rosafarbenem Taffet, mit Liebesszenen durchwirkt und an den Enden aufgerollt, wartete der Verwendung als Hülle für irgendwelche Zeremonie. Rosette selbst hatte sich auf den Altar gelegt. Ihre Hände hatte sie über dem Kopf leicht vereinigt. Ihre Augen waren geschlossen; ihr Mund ein wenig geöffnet, wie um ein Opfer zu erbitten. Eine natürliche und frische Röte bedeckte ihre Wangen. Der Zephir hatte ihr ganzes Äußere geliebkost. Ein durchsichtiger Musselinschleier verhüllte die eine Hälfte ihres Busens, die andere zeigte sich unbefangen den Blicken. Von der einen Seite war die Betrachtung erlaubt und auf der anderen wurde sie unter dem Anschein, verboten zu sein, nur noch pikanter. Ihre Arme erschienen in ihrer ganzen Fülle und Weiße ... Rosette schlief, jedoch mit der Fähigkeit leicht zu erwachen und in der begehrlichen Stellung einer Begehrenden ...« Und wie Rosette benehmen sich die meisten Frauen dieser, wie Maupassant sich ausdrückt, »raffinierten, ausschweifenden, bis in die Fingerspitzen künstlichen Gesellschaft, dieser vor allem anmutigen und geistreichen Gesellschaft, für die das Vergnügen das einzige Gesetz und die Liebe die einzige Religion war«. Die Frauen der galanten Zeit Die Königin der Eleganz Ein Land reinster Schönheit von bezauberndstem Glanz steht vor uns, wenn wir an die Zeit des Rokoko denken. Ein sehnsuchtsvolles Gefühl bemächtigt sich unser, die wir in einer Zeit des Hastens, des Mechanismus und der Technik leben, nach jener glücklichen liebenswürdigen Epoche, die nur dem reinsten Lebensgenuß und der Grazie geweiht zu sein schien. Reizende tändelnde Frauen, elegante ritterliche Männer leben in diesem Paradiese ohne Sorgen, ohne Qualen, nur allein mit sich und ihren Herzens- oder Liebesangelegenheiten beschäftigt. Sie sind glücklich, wunschlos glücklich. Das Leben hat ihnen alles, was der Mensch begehrt, in den Schoß geworfen. Es ist wie in einem Märchenland! Wer die Kunst und Literaturerzeugnisse dieses Zeitalters betrachtet, muß unbedingt annehmen, daß das ersehnte Wunderland der Liebe der Alten, jene Insel, wo die Menschen nur der Liebe und dem Genüsse lebten, wirklich vorhanden gewesen ist. Nicht in unerreichbarer Ferne, sondern ganz nahe. Die Menschen des 18. Jahrhunderts scheinen das Paradies auf die Erde verlegt zu haben. Jene galanten höflichen Kavaliere in ihren mit Diamanten, Federn, Samt, Seide und Gold geschmückten Kleidern, jene ätherischen liebeheischenden und liebeverheißenden Damen in mythologischen Kostümen, reizenden verführerischen Negligés und pikanten Deshabillés scheinen nur zur Liebe, zur Freude und Wollust geschaffen zu sein. Das Leben ist keine Last, keine Plage, keine Sorge. Es besteht nur aus graziösen Schäferspielen, anmutigen Tänzen, ländlichen Lustbarkeiten, glänzenden Bällen und galanten Abenteuern. Die Rokokomenschen wohnen in prächtigen Palästen mit koketten Boudoirs, sie ruhen in weichen seidenen Betten, wandeln auf blumigen sonnigen Wiesen oder auf schattigen, geheimnisvollen Wegen herrlicher Parke, kurz, sie haben nur eine Beschäftigung: zu lieben, zu genießen, zu leben und leben zu lassen! 4. Das Bad der Rokokodame. Farbstich von N. F. Regnault nach P. A. Baudouin. Um 1775 So wenigstens erscheint uns das Leben im 18. Jahrhundert, wie es uns Kunst und Literatur übermitteln. Die Zeit ist versunken. Das Leid, das der bittere Ernst des wirklichen Lebens auch den damals lebenden Menschen nicht ersparte, ist vergessen. Nur die Erinnerung an das Schöne, Ideale, an das Typische jener galanten Zeit ist geblieben. Ein sehnsuchtsvoller Traum von Liebe, Glück, Grazie und Eleganz. Ihrem tiefsten Wesen nach ist jene Zeit ein einziger Lobgesang von überwältigender Schönheit auf die Frau, eine Verherrlichung der Sinnenlust und des Liebesrausches, alles Galanten und zum Genüsse Reizenden, ausgehend von den leichtlebigen Sitten der französischen Könige und ihrer Höfe. Die typischste Vertreterin der eleganten und galanten Frau jener Epoche ist Madame de Pompadour. Ihr Name und das Rokoko sind zwei unzertrennliche Begriffe. Die lange Herrschaft dieser überaus klugen Kurtisane ist das goldene Zeitalter der Eleganz, der Mode, der Frivolität, der Leichtlebigkeit, aber schließlich auch der schönen Künste. Wie keine andere königliche Mätresse, ja wie nur wenige ihres Geschlechts, besaß die Pompadour einen wahrhaft feinen schöpferischen Geschmack, der mit einer überaus fruchtbaren Phantasie und einem mehr als mittelmäßigen Talent Hand in Hand ging. Ihre ganze Persönlichkeit trug den Stempel des Zierlichen der Zeit. Sie war das geborene Luxusgeschöpf, das keine Beschränkung der Mittel kannte. Und als sie die Geliebte des genußsüchtigen Königs wurde, als sie mit vollen Händen aus dem Staatsschatz und der Privatschatulle Ludwigs XV. schöpfen konnte, da legte sie ihrer größten Leidenschaft, der Verschwendung, keinerlei Schranken auf. Aber der Geist dieser eleganten Kurtisane war so schöpferisch, daß ihr Name sich für immer mit der Zeit verknüpfte. Wer den literarischen Nachlaß des 18. Jahrhunderts durchblättert, ist erstaunt, immer wieder den Namen Pompadour im Zusammenhang mit irgendeinem Kunstwerk, irgendeinem Erzeugnis der Zeit zu finden. Heute noch bezeichnet man ein kleines Täschchen der Damen mit dem Namen der Favoritin Ludwigs XV. Sicher war an dieser Verhimmelung nicht zum kleinsten Teil jener unglaubliche Byzantinismus schuld, der sich darin gefiel, allem einen gewissen Glanz und größere Anziehungskraft durch den Namen der offiziellen Mätresse des Königs zu verleihen. Sicher sind auch die Pariser mehr geneigt als alle anderen Großstädter, alles was neu und Mode ist, zu ihrem Idol zu machen. Das konnte auch Casanova bei seinem ersten Pariser Aufenthalt beobachten, als er sich einem Freunde gegenüber wunderte, weshalb man einen Tabakladen förmlich belagerte und alle Leute ihren Tabak nur eben da kaufen wollten. Nicht etwa, weil dort der Tabak besser gewesen wäre als anderswo, sondern weil eine elegante Frau, die Herzogin von Chartres, diesen Laden in Mode gebracht hatte. Sie hatte ihren Wagen ein paarmal vor dem Laden halten lassen, um ihre Tabaksdose zu füllen. Das allein genügte, um alle Schnupf er mobil zu machen; und die Tabakhändlerin erwarb dadurch ein Vermögen. Aber die Idolatrie war nicht nur der Grund, daß alles, was die Pompadour erfand, in Mode kam. Diese Frau besaß die Gabe, die wir nicht nur bei hochstehenden oder besonders feingebildeten Damen finden, sondern oft gerade bei Mädchen und Frauen aus sehr einfachem Stande: nämlich ihre eigene Person mit ganz besonders gutem Geschmack zu kleiden und zu umgeben. Aus einem Nichts entsteht in ihren Händen ein Kunstwerk. Ein wenig Stoff, ein Band genügen, um daraus die entzückendste Schleife zu binden, die wiederum gerade da angebracht wird, wo sie am reizendsten wirkt. Man war bezaubert von dieser Zauberin des Geschmacks. Im Handumdrehen hatte jeder einzelne Gegenstand, den die Marquise erfand, den Namen »à la Pompadour«. Sie war indes nicht die Sklavin der Mode, sondern ihre Königin. Die Kostüme und Kleidungsstücke dieser eleganten, extravaganten Frau waren nicht bloße Modelaunen. Sie besaßen wirklichen Kunstwert und waren Muster von wahrhafter Eleganz und feinem Geschmack. Jede Toilette, die sie trug, war ihre eigene Erfindung; sie überraschte nicht nur durch Pracht und Kostbarkeit, sondern vor allem durch die Art, wie sie sie zu tragen verstand und wie sie ihrer Individualität angepaßt war. Selten ließ sie sich von der Eitelkeit hinreißen, um jeden Preis durch ein Kleid wirken zu wollen, das zwar Mode war, aber sich nicht für ihre Person eignete. Immer war sie individuell, stets neu, stets erfinderisch. Sie zeigte sich dem König oder während ihrer berühmten Levers, zu denen alle Höflinge Zutritt hatten, in einem verführerischen Morgenanzug eigener Erfindung, der die Linien ihres reizenden Körpers vorteilhaft hervorhob, und die Welt besaß ein »Déshabillé à la Pompadour«. Diese Deshabillés gehörten im 18. Jahrhundert zu den beliebtesten Vermittlern der Erotik. Madame Pompadour und ihre eleganten Zeitgenossinnen legten darauf die größte Sorgfalt, denn sie wußten, daß eine Frau am verführerischsten im Negligé ist. Und wie raffiniert und pikant man diese Negligés zu gestalten verstand, geht aus den vielen Sittenschilderungen der Zeit über die Levers der vornehmen Frau, der Dame des Adels und der großen Kurtisanen hervor. Die Toilette einer Frau des galanten Zeitalters nahm viele Stunden in Anspruch und verschlang einen guten Teil des Tages. Da man aber auch etwas von seinen Freunden haben wollte, lud man sie zum Lever ein, um in ihrer Gesellschaft diese langen Stunden vor dem Toilettentisch zu verkürzen. Außerdem hatte die elegante Frau dabei die beste Gelegenheit, alle ihre Reize ihren Bewunderern einzeln vorzuführen. Dieses Schauankleiden des 18. Jahrhunderts gehörte zum guten Ton sogar in dem viel prüderen England. Bei vielen einflußreichen Damen des Hofes und Mätressen, wie der Pompadour und mancher ihrer Vorgängerinnen, wurde während der Levers Politik gemacht. Es erschienen Minister, Staatsräte, hohe Diplomaten und die fremden Gesandten, oder man sprach über die neuesten Erscheinungen der Literatur und Kunst. Meist aber dienten die Stunden der Toilette dem galanten Liebesgetändel. Es entspannen sich pikante Flirts, und nicht immer wurde mit Blicken geflirtet. Koketterie und Leichtsinn, verliebte Laune und Sinnlichkeit verliehen, je nach Veranlagung der Frau oder ihrer Freunde, dem Lever einer Dame die gewünschte Note. Die Pompadour war eine der klügsten aber auch kokettesten Frauen ihrer Zeit. Sie verstand es nicht nur, während dieses Schauankleidens Ministern Ratschläge zu erteilen, hohe diplomatische Stellen zu vergeben, Lettres de cachets aus ihrem Boudoir zu senden, sondern ganz besonders verstand sie die Sinne des Königs und ihrer Bewunderer in diesen Augenblicken zu entflammen. Sie liebte es, ihre Levers recht lange auszudehnen, probierte dabei alle möglichen Negligés, Kleider, Galaroben, Schuhe, Pantöffelchen, Strümpfe und Strumpfbänder an. Jeder einzelne Reiz ihres Körpers mußte zur Geltung kommen. Sie war ein echtes Kind ihrer Zeit und liebte alles Schöne ihrer Person zur Schau zu stellen. Die Schultern, die Arme – sie hatte ganz wundervoll geformte Arme, die sogar Marie Leszczinska bemerkte – den Nacken, den entzückenden kleinen Fuß und die zartgebauten schlanken Beine. Der Puder verleiht ihrer Haut einen Marmorschimmer und nimmt ihr die warmen aufregenden Farben des Lebens. Sie sitzt wie ein ätherisches Wesen vor ihrer Frisiertoilette in eine Wolke von Duft und Spitzen gehüllt, um im nächsten Augenblick alles wieder von sich zu reißen und ihre Glieder in neue verführerische Stoffe zu hüllen, die zur Erhöhung ihrer Schönheit beitragen. Die Blicke der Männer ruhen bewundernd, die der wenigen anwesenden Damen neugierig auf dieser koketten Beherrscherin der Eleganz; jede Frau aber merkt sich genau alle Einzelheiten ihrer Kleidung und ihres Boudoirs. Es kam schließlich so weit, daß es bald keinen Gegenstand, kein Kleidungsstück, kein Möbel mehr gab, das nicht à la Pompadour gewesen wäre. Toilettengegenstände, Bänder, Fächer, Taschen, Kleider, Mäntel, Wagen, Tische, Betten, Schränke, Tafelgeschirr, ja sogar Zahnstocher trugen ihren Namen. Es war nicht »schick« nicht à la Pompadour gekleidet, nicht à la Pompadour eingerichtet zu sein, nicht à la Pompadour zu fahren, zu reiten, sich zu unterhalten und zu beschäftigen. Man nahm sich ihren Salon, ihr Boudoir und ihr Schlafzimmer nicht nur in bezug auf die Einrichtung zum Muster. Auch den Ton, der darin herrschte, ahmte man nach. Den größten Wert legten ja die Damen des Rokoko auf die beiden intimsten Räume der Frau, das Schlafzimmer und das Ankleidezimmer. Zu jener Zeit, da die Ehe der höheren Klassen nur Relief, oft sogar nur reiner Schein, wo das ganze Leben der eleganten Frau auf Genuß, Flirt und Wollust gestimmt war, legte man natürlich die Schlafzimmer der Ehegatten möglichst weit auseinander, aber nicht etwa, um das Neue in der Ehe nie ersterben zu lassen, sondern um ungestörter seinen Abenteuern nachgehen zu können. Der Gatte, der verlangt hätte, etwa das Schlafgemach seiner Frau zu teilen, wäre ausgelacht worden. Auch zum Lever seiner Frau war er nicht zugegen. Erstens war er meist anderweitig engagiert und zweitens wäre seine Anwesenheit ja nur störend gewesen. Es lag durchaus nicht im Geschmack der Zeit, bürgerlich und ehrbar zu erscheinen, noch viel weniger aber es zu sein. Auch der Geliebte hatte nicht alle Rechte auf seine Mätresse. Die Damen liebten die Abwechslung. Der leichtsinnige und von den Frauen sehr begehrte Herzog von Lauzun mußte das mehr als einmal erfahren. Am tiefsten traf es ihn, als die wunderbar schöne Lady Barrymore, die eine Zeitlang am Hofe in Paris lebte, ihre Liebe und ihren Körper gleichzeitig ihm und dem jungen Herzog von Artois schenkte. Als Lauzun sich betrogen sah und sie zur Rede setzen wollte, erwiderte sie im echten Sinne des Rokoko: »Sie tun unrecht, Lauzun, mich aufzugeben. Sie gefallen mir. Sie sagen meinem Geschmack zu, ich liebe Sie sehr, aber meine Freiheit ist mir lieber als Sie. Ihnen opfere ich sie nicht. Ich dulde nicht, daß mein Geliebter ein eifersüchtiger, unbequemer, herrschsüchtiger und, in bezug auf meine Treue, eigensinniger Ehegatte ist ... Entzweien wir uns doch nicht um einer so geringfügigen Sache willen, Lauzun.« Und als er sie küßte, flüsterte sie: »Ich will keine Opfer bringen. Ich behalte den Grafen Artois und Sie.« Das war die Liebe der Frau des 18. Jahrhunderts. Es ist selbstverständlich, daß diese Frauen ihre Schlafzimmer, in denen sie sich die meiste Zeit des Tages aufhielten, mit dem höchsten Raffinement und Luxus ausstatteten. Ihre meiste Sorgfalt galt dem Bett. Es beanspruchte den breitesten Raum im Zimmer und schien im wahren Sinne des Wortes ein Tempel der Liebe zu sein. Mit Curt Moreck zu sprechen war es »der esprit der Wollust, der in dem Boudoir der Dame des 18. Jahrhunderts aus leichtem Holzwerk und aus einem Schaum von Seide, Spitzen, Straußenfedern jene muschelartigen Pfühle der Liebe entstehen ließ, wie unter dem Zauberstabe einer Fee, der Spiegel in die Draperien des Hintergrundes und in den Plafond des Betthimmels einließ,« um die Schönheit der darin Ruhenden zu vervielfältigen. Der Maler der Zeit, der in seinen Bildern die Grazie der Frau im Bett am reizvollsten darzustellen verstanden hat, ist Fragonard. Seine Bilder haben uns überliefert, welche herrschende Rolle im Liebesleben des 18. Jahrhunderts dieser persönlichste aller Einrichtungsgegenstände spielte, und welch intimen Reiz selbst die Frauen der Bürgerkreise ihren Schlafzimmern zu verleihen wußten. Wie viel mehr mußte den großen Kurtisanen und den galanten Damen des Hofes und der hohen Gesellschaft daran liegen, ihre Boudoirs zu einem verführerischen Rahmen ihrer halb oder ganz entblößten Schönheit zu gestalten. Und Frau von Pompadour war auf diesem Gebiet Meisterin. Zu ihrer großen Enttäuschung mußte sie indes bald die Erfahrung machen, daß trotz allem der König bereits nach einem Jahr gleichgültig wurde und sich körperlich nicht mehr sehr viel aus ihr machte. Es verbreitete sich bereits am Hofe das Gerücht, sie werde demnächst weggeschickt werden, der König langweile sich auch mit ihr. Sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie ihre so mühsam errungene Stellung als »Maitresse en titre«, allen Glanz und Reichtum gleich im Anfangsstadium ihrer Karriere wieder aufgeben sollte. Sie schrieb ihrem Temperament die Schuld zu, denn sie war von Natur aus kalt. Fast mußte sie sich zu den Pflichten einer Geliebten, die sie weder aus Sinnlichkeit und Leidenschaft noch aus Liebe, sondern nur aus Ehrgeiz geworden war, zwingen. Am liebsten hätte sie es wie Maria Leszczinska gemacht: ihre Tür verriegelt, wenn der König nachts bei ihr anklopfte. Täglich sann sie auf alle möglichen Mittel, um ihre körperliche Veranlagung mehr der des Königs anzupassen. Die Sorge, sie könne ihn ganz verlieren, trieb sie dazu, Aphrodisiaka zu gebrauchen. Anfangs ließ sie sich nur ihre Speisen stark würzen. Zum ersten Frühstück trank sie einige Tassen stark ambrierte Vanillenschokolade. Zu Mittag aß sie scharf gewürzte Suppen und eine Menge Trüffeln. Schließlich aber nahm sie in ihrer Verzweiflung einen sogenannten »Liebestrank«, den ihr irgendein Quacksalber verschrieb. Alle diese Dinge sollten ihr das nötige Temperament verschaffen. Sie war eben auch in dieser Hinsicht ein echtes Kind ihrer Zeit und glaubte, wie alle Menschen des galanten Zeitalters, an solche Wunderkuren und Geheimmittel, die natürlich nur schädlich auf die Gesundheit wirkten. »Liebestränke« und »Liebespillen« einzunehmen war fast allgemeiner Brauch jener Genußmenschen, denn man war darauf bedacht, sich so lange wie möglich in fortwährendem erotischen Rausch zu erhalten. Äußerst beliebt waren die sehr gefährlichen aphrodisischen Gifte wie die Kanthariden, die man den Speisen beimischte oder als Drageen verzehrte. Da die elegante Frau und der Mann beständig auf Liebesabenteuer auswaren und immer etwas erleben mußten und sicher auch erlebten, aber eine von Natur aus frigide Frau nicht im geringsten geschätzt war, suchte man das Fehlende durch künstliche Mittel zu ersetzen. Es ist natürlich, daß stimulierende Leckerbissen zu den beliebtesten Gerichten der Tafel des 18. Jahrhunderts gehörten: Austern, Fische, Krebse, Artischocken, Trüffeln, Schildkröten, scharf gewürzte Ragouts. In dieser Beziehung war der Tisch Ludwigs XIV. und XV. berühmt. Es wurden bis zu achtzig Gänge bei einem Mahl aufgetragen, die mit dem größten Raffinement der französischen Kochkunst zubereitet waren. Dazu gab es die auserlesensten Weine. Und doch glaubten diese Genußmenschen noch zu geheimen Mitteln ihre Zuflucht nehmen zu müssen, um ihre Sinne anzufachen. Liebestränke werden bereits im »Frauenzimmerlexikon« von 1715 erwähnt. Natürlich zogen die Erfinder und Lieferanten dieser »Elixiere« den größten Vorteil daraus, denn in Wahrheit nützten sie nichts und waren nur Quacksalbereien. Auch Frau von Pompadours Leidenschaft gewann dadurch nicht an Kraft. Sie blieb passiv und kalt, und der König tröstete sich bald – allerdings durch die persönliche Vermittlung seiner Favoritin – mit den jungen Mädchen im Hirschpark. 5. Der Tanzmeister. Pinsel- und Federzeichnung von J. Honoré Fragonard. Paris, um 1780 Auch abergläubisch wie alle Damen des 18. Jahrhunderts war die Pompadour. Eine große Rolle spielte damals die berühmte »Kabbala«, die Casanova nach Paris brachte und mit der er bereits in Venedig sein Glück gemacht hatte. Er täuschte damit nicht nur die kleinen galanten Frauen und Mädchen, die seinen Weg kreuzten, sondern auch manche hohe Dame des Hofes. Man war überzeugt, daß er Wunder verrichten könnte, ebensogut wie Saint-Germain, Cagliostro und andere. Aber weder Wunderkuren noch Elixiere, noch die Kabbala nützten der Pompadour. Leider mußte die reizendste, hübscheste und koketteste Frau Frankreichs sehr früh die Vergänglichkeit aller Schönheit erfahren. Bereits mit fünfunddreißig Jahren war ihr einst so blendender Teint fahl und verwelkt. Die entzückende Gestalt, die zarten Rundungen der Büste und Schultern waren verfallen und eckig geworden. Sie mußte die stärksten kosmetischen Mittel anwenden, um die Runzeln und Mängel zu verbergen, die sich durch ein frühzeitiges Altern auf ihrem Gesicht einstellten. Die allgemeine Mode des Schminkens und Puderns in Frankreich kam ihr daher sehr gelegen. Nur scheint sie später des Guten etwas zu viel getan zu haben, denn viele Zeitgenossen berichten, man habe kaum noch ihre Gesichtszüge unter der dicken Schminke erkennen können. Ein scharfer Beobachter der Sitten der Zeit schrieb sogar, man habe am Hofe Ludwigs XV., als Madame Pompadour den Ton angab, durch die »alberne Gewohnheit des Schminkens« eine so lächerliche Ähnlichkeit unter den Damen herbeigeführt, daß man Mühe hatte, eine von der andern zu unterscheiden. Man habe sich kaum noch ausgekannt. Das Rot leuchtete so stark auf den Wangen der Damen des Hofes, daß man sie alle für Furien hätte nehmen können, die eben im Begriff gewesen wären einen wilden Tanz aufzuführen. »Und«, fährt der strenge Berichterstatter fort, »sie verwischen dadurch nicht allein vollständig ihre Züge, sondern ersticken auch jegliches Begehren des Mannes, denn man hat nur den einen Wunsch: sie zu fliehen.« Seine Ansicht scheint aber doch nicht von allen Männern geteilt worden zu sein, denn die meisten dieser so bemalten Damen hatten den größten Erfolg und konnten sich durchaus nicht beklagen, daß sie von ihren Anbetern gemieden wurden. Allerdings fand auch Casanova, daß man sich zur Zeit der Pompadour am Hofe Ludwigs XV. etwas zu rot schminkte, aber es gefiel ihm: »Der Reiz dieser Malerei«, schreibt er, »besteht in der Nonchalance, womit man sie auf die Wangen aufträgt. Man will auch gar nicht, daß dieses Rot natürlich aussehen soll. Man legt es auf, um den Augen eine Lust zu bereiten, denn man sieht darin Anzeichen eines Rausches der Sinne, der außergewöhnliche Genüsse und zauberhafte Liebesrasereien verspricht.« Es mag überdies wohl eine spezielle Art der Pompadour und ihrer Damen gewesen sein, sich so leuchtendes Rot auf die Wangen zu schminken, denn im allgemeinen bevorzugte gerade das Rokoko die pikante Blässe der Frauen. Um diese interessante Blässe noch besonders hervorzuheben, klebte man sich eben die schwarzen »Mouches« an. Aber eins ist gewiß: in keinem Zeitalter ist so viel Puder und Schminke verbraucht worden wie im 18. Jahrhundert. Es schminkten sich sowohl Herren wie Damen und Kinder. Man wollte dem Alter Einhalt gebieten. Es sollte ja keine alten Frauen geben. Auch die weißgepuderten Haare für jung und alt verwischten den Altersunterschied. Mancher Frau gelang es durch Schönheitsmittel besser als Frau von Pompadour, das Altern wenigstens um zehn Jahre hinauszuschieben, und der Lippenstift trug gleichfalls sein Scherflein dazu bei. Vielleicht tat auch darin die Marquise ein Allzuvieles, als sie ihre schwindende Jugend bemerkte und sie doch nicht aufhalten konnte. Und dennoch besaß diese Frau, der nur eine Treibhausschönheit in den kurzen Jahren ihres Aufblühens vergönnt war, das Geheimnis, aus den verfallenen Überbleibseln ihres Körpers durch alle möglichen Künste noch ein Wesen zu machen, das imponierte. Wenn sie in der letzten Zeit ihrer Herrschaft im Salon des Königs oder zur Gala bei Hofe erschien, wo es viele junge, schöne und elegante Frauen gab, sie also die Konkurrenz zu fürchten hatte, zog sie doch aller Blicke auf sich, obwohl sie nicht mehr jung und nicht mehr schön war. Jeder bemerkte zwar unter ihren verzweifelten Anstrengungen, schön zu sein, den Verfall ihrer Reize, aber ihre Gesamterscheinung und ihr Auftreten schienen einem jeden zu gebieten: Sieh mich an! Hier bin ich! Es war das Selbstbewußtsein ihrer Person, ihrer Machtstellung, das ihr eine derartige Sicherheit verlieh. Nie in ihrem Leben war sie schüchtern oder zaghaft gewesen. Ihr kühner Unternehmungsgeist allein hatte sie durch alle Klippen des Lebens geführt. Jugend und Schönheit waren ihr anfangs dabei behilflich gewesen. Später wußte sie diese beiden von der Natur verliehenen Gaben nicht nur durch Kunst und Kosmetik, sondern durch Intelligenz, Einfluß und Macht zu ersetzen. Ohne Frage war sie keine gewöhnliche Frau und keine durchschnittliche Kurtisane. Sie kämpfte bis zuletzt und gab nicht eine Handbreit des einmal Errungenen auf. Aber sie blieb auch bis zuletzt kokett und auf ihre Schönheit bedacht. Es liegt etwas Erschütterndes in der Tragik des Vergehens der Schönheit und in der Geste, die diese gefeierte Kurtisane auf ihrem Sterbebett noch tat, um den Augen der Welt nicht den Anblick ihres Verfalls zu gönnen. Als ihre letzte Stunde nahte und der Geistliche, der ihr das Abendmahl gereicht hatte, sich von ihr verabschieden und gehen wollte, rief sie ihn lächelnd zurück: »Warten Sie doch noch einen Augenblick, Herr Pfarrer,« sagte sie, »wir gehen gleich zusammen.« Dann legte sie schnell noch ein wenig Rot auf, um die Totenblässe ihres Gesichts zu verbergen, und schlief ein. Wenige Stunden später war sie nicht mehr. 6. Das Lever der Rokokodame. Farbstich von N. F. Regnault nach P. A. Baudouin. Um 1775 Von kleinen Modistinnen Ladnerinnen Figurantinnen großen Tänzerinnen und Schauspielerinnen Der Modesalon Seit dem achtzehnten Jahrhundert ist die Pariserin diejenige Frau, die den Geschmack und die Eleganz für beinahe ganz Europa bestimmt. Ihre Art sich zu frisieren, zu schmücken, zu kleiden, die Ideen, die sie ihren Schneiderinnen und Putzmacherinnen gibt, ihre Koketterien und Kapricen dienten und dienen noch den meisten Nationen zum Vorbild. Für sie ist der Luxus, der ihre Person umgibt, ein Altar, auf dem sie mit der größten Inbrunst dem Gotte der Mode und Eleganz opfert. Die Kleidung ist die Synthese des allgemeinen Wesens einer eleganten Frau; das 18. Jahrhundert war ganz besonders das Zeitalter des Kleiderluxus. Es war, wie Fuchs bemerkt, »die Lösung des Zeitproblems,« nämlich »die harmonische Einheit des Körpers aufzulösen und ihn in seine Reize zu zerlegen, bei der Frau vor allem in Busen, Schoß und Lenden ... Was vordem (in der Renaissance) nackt in der sinnlichen Vorstellung gestanden hatte, steht jetzt immer nur ausgezogen oder entkleidet vor ihr.« Die Frau des 18. Jahrhunderts wirkte nicht durch gesunde körperliche Schönheit, sondern durch Betonung und Hervorhebung aller einzelnen Reize ihrer Persönlichkeit. Sie war aber auch in der Erotik ihrer Kleidung raffinierter als die Frau der Renaissance in der betonten Nacktheit. Wie erwähnt, setzte die Rokokodame dem Manne alle Reize einzeln in kleinen Gaben vor, sei es, daß sie die stark heraufgeschnürte bloße Brust mit einem hauchdünnen Tuch verhüllte, das sich indes oft durch Zufall oder gewollt verschob und löste; oder sie zeigte mit einem graziösen Aufheben des weiten Reifrockes beim Besteigen der Chaise und des Wagens, beim Hinaufgehen einer Treppe ein schlankes Bein, den in hohen Stöckelschuhen steckenden zierlichen Fuß. Am meisten jedoch diente der weiblichen Koketterie immer wieder das Busentuch. Jede Frau wußte es auf ihre Weise in ihre Dienste zu stellen. Auch die kleinen Modistinnen und Ladnerinnen, oder vielleicht gerade sie, verstanden das am besten. Man konnte es entweder züchtig um die Schultern legen und die zarten, kaum begonnenen Formen eifersüchtig verhüllen, oder es im gegebenen Augenblick – wie zufällig – ein wenig lockern, um den Blicken eines Verehrers eine ganz kleine Ahnung von den darunter verborgenen Schönheiten zu geben. Denn diese Mädchen hatten ein besonderes Talent, alles nur in kleinen Dosen zu verabreichen. Wiederum diente das Busentuch auch dazu, den darunter befindlichen Kleiderausschnitt noch weiter zu dekolletieren, so daß der Busen fast ganz frei lag. Das Tuch verdeckte ja auf der Straße und in Gesellschaft das allzu Offene, obwohl es oft von so hauchdünnem Gewebe war, daß die Formen deutlich durchschimmerten. In intimen Stunden mit dem Geliebten oder dem, der es werden sollte, war es ein ausgezeichneter Vermittler, ein graziöser Beistand der Koketterie, der nie seine Wirkung verfehlte. Wie oft mögen diese Busentücher in zärtlicher Liebe gelöst oder in leidenschaftlicher Liebesraserei heruntergerissen worden sein. 7. Die hohe Coiffüre. Pariser Modekarikatur um 1780. Punktierte Rötelmanier Die Eleganz des 18. Jahrhunderts war jedoch, trotz kostbarer Stoffe, zarter Spitzen, Blumen, Girlanden, Geschmeide, eine sehr äußerliche. Man legte nicht viel Wert auf das, was man nicht sah. Die wundervollen Brokatkleider, wahre Kunstwerke an Form und Geschmack, waren mit grober Leinwand gefüttert und mit dickstem Hanfzwirn genäht, so daß schwulstige, grobe Nähte entstanden. Die Haut der Rokokodamen muß nicht besonders empfindlich gewesen sein. Wenn man die in Museen und Sammlungen befindlichen Kleidungsstücke jener Damen genauer betrachtet, abgesehen von dem vielen Fischbein, den Drahtgestellen und so weiter, wundert man sich nicht wenig, daß die zierlichen Gestalten so schwere und schwerfällig genähte Kleider auf ihren Körpern ertragen konnten. Es gab schwere panzerartige Korsetts, die im Vergleich zu den Fischbeingehäusen des ausgehenden 19. Jahrhunderts richtige Eisenpanzer waren. Die duftigen Dessous einer späteren Zeit kannte die Dame des 18. Jahrhunderts nicht, nur für das Negligé, das sie morgens im Bett oder vor der Frisiertoilette trug, besaß sie die verschwenderischste Phantasie. Dann war sie immer in eine Wolke von Duft und Spitzen gehüllt. Manche war angezogener im Deshabillé als im Gesellschaftskleid. Die Vermittlerinnen dieser Eleganz, die kleinen Modistinnen, Näherinnen, Ladnerinnen, die im Atelier und im Modesalon alle die Wunder für die kokette Frau entwarfen und verfertigten, waren schon im 18. Jahrhundert wahre Genies. Ein Zeitgenosse nennt sie die »Aristokraten der Pariser Arbeiterinnen«, besonders die Modistinnen, die damals nicht nur Hüte fertigten, sondern beinahe alles, was zur Toilette einer eleganten Frau gehörte. Sie selbst hatten oft mehr Geschmack und würden die schönen Dinge viel besser zu tragen verstanden haben – wenn sie die nötigen Mittel sie zu kaufen gehabt hätten –, als manche Dame der großen Welt, manche Schauspielerin und Kurtisane, denen die Jugend nicht mehr zur Unterstützung ihrer Reize zur Verfügung stand. Aber sie waren auch ohne Reichtum und trotz geringer Mittel elegant, denn sie besaßen Geschmack, Schick, und vor allem waren sie eitel. Ein Modesalon im 18. Jahrhundert war nun ganz besonders geeignet, diese jungen Mädchen in allen Künsten der Koketterie vorwärtszubringen. Meist kamen sie aus der Provinz nach Paris und brachten nicht nur ihre Jugend sondern auch ihre Unverdorbenheit mit. Sie waren hübsch, sorglos, heiter, putzsüchtig, und der Putzladen oder das Atelier bedeuteten für sie den Inbegriff höchsten Raffinements. Ein solcher Laden übte einen unwiderstehlichen Reiz auf ihre Eitelkeit aus. Es dauerte nicht lange, und die kleine Bretonin oder Pikardin hatte gelernt, sich wie eine Pariserin zu bewegen und zu kleiden. Täglich kommen sie mit den eleganten Frauen der Ganz- und Halbwelt in Berührung. Ihre angeborene Vorliebe für den Luxus wächst mit jedem Tag. Es verkehren auch Herren in diesen Modesalons. Der Gent des 18. Jahrhunderts kauft mit Vorliebe für seine Gattin, oder noch öfters für seine Mätresse irgendein kostbares Stück. Nicht immer um dieses Kaufes willen tritt er ein, sondern oft nur, um sich unter den jungen hübschen Ladnerinnen und Modistinnen eine neue Geliebte zu suchen. Viele Modesalons waren gleichzeitig eine verkappte Vermittlungsstelle galanter Interessen. Und im allgemeinen zeigten sich die graziösen liebenswürdigen Mädchen nicht spröde. Dann dauerte es aber auch nicht lange, und aus der etwas verlegenen, schüchternen Provinzlerin ward eine sehr kokette, sehr elegante Pariserin. Die vornehmen Herren ihres Kundenkreises verfehlten nicht, die junge Modistin aufs lebhafteste zu interessieren. Durch ihren Beruf erlangte sie sehr bald die größte Erfahrung darin, was der anspruchsvolle Mann bei der eleganten Frau bevorzugt. Mußten diese jungen Dinger doch so oft dazu beitragen, die Damen jener Herren zu schmücken. Einmal galt es, ein aus dem Kloster entführtes junges Mädchen in die Kunst zu gefallen einzuweihen. Mit Hilfe schöner Kleider, verführerischer Deshabillés und allem, was zum Luxus der Frau des 18. Jahrhunderts gehört, wird sie für den Geliebten – bisweilen ist es auch ein Gatte – hergerichtet; und die Modistin mit ihrem guten Geschmack und ihren geschickten Händen verhilft dazu. Ein andermal heißt es eine junge Frau zu schmücken. Vielleicht soll sie bei Hofe vorgestellt werden, vielleicht auch gleich auf den ersten Blick den galanten König fesseln. Auf jeden Fall müssen ihre Reize in das beste Licht gestellt werden. Hauptsächlich aber hat die kleine Ladnerin und Arbeiterin in einem solchen Geschäft Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen und die großen Kurtisanen zu bedienen, die vielleicht einst, wie sie selbst, im Laden standen oder mit emsiger Hand Stich um Stich an den duftigen Toiletten für andere nähten. Nun aber besaßen sie alle diese Wunderdinge selbst und dazu noch Wagen, Pferde, Chaisen, ein Haus und Dienerschaft. Eine dieser schönen Frauen kommt mit ihrem Geliebten in den Modesalon. Es werden kostbare Nichtigkeiten ausgesucht. Kaum scheint der Dame etwas gut genug, ihre Launen sind schwer zu befriedigen. Bewundernd hängen die Blicke der jungen Modistin, die sie bedient, an dem eleganten und freigebigen, nicht immer, aber bisweilen sehr jungen und hübschen Kavalier. Ein Blick in den Spiegel sagt ihr: Deiner jungen Schönheit würden diese Dinge auch gut stehen, vielleicht noch besser als dieser da. Und sobald die Kundschaft fort ist und die Patronin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat oder vielleicht ins Atelier verschwunden ist, hält das kleine Mädchen im Laden mit hochgeröteten Wangen eine Art Modenschau mit sich selbst ab. Sie probiert die kostbaren Brokate, die duftigen Musseline, die herrlichen weichen Seiden, setzt diesen und jenen Kopfputz zur Probe auf, steckt hier eine Blume, da eine Schleife an, und ist von der Wirkung vollkommen befriedigt. Mit einem resignierten Seufzer aber legt sie alles wieder in den Kasten. Sie darf diese schönen Dinge nur verkaufen oder verarbeiten, aber nicht selbst besitzen. Immer muß sie nur den Wünschen der vornehmen und eleganten Kundin Rechnung tragen, und es gelingt ihr mit einer fast beispiellosen Virtuosität. Nebenbei erblüht ihre eigene Schönheit immer mehr. Sie erregt selbst die Neugier der alten und jungen Gecken, die vor den Fenstern des Modesalons, der sich an der belebtesten Stelle des Palais-Royal befindet, flanieren und durch die Scheiben die darin hantierenden jungen Mädchen beäugen. Die kleinen lustigen Dinger in den kurzen Reifröckchen mit Paniers, mit ihren rosigen nackten Armen und zarten Formen unter dem leicht geknüpften Busentuch lachen ihnen aus blauen oder dunklen Augen zu, singen und trällern die ganze Zeit, während ihre fleißigen Finger die Nadel führen. Man weiß, daß viele große Herren des 18. Jahrhunderts sich ihre Mätressen aus diesem fröhlichen Mädchenkreis geholt haben. So waren der Herzog von Richelieu, der wüste Herzog von Chartres, der galante Herzog von Lauzun, Graf Artois und viele andere eifrige Kunden derartiger Modemagazine. Der Herzog von Richelieu hatte eine ganze Reihe galanter Abenteuer mit kleinen Modistinnen, Schneiderinnen und Statistinnen. Es war nicht schwer, ihre Bekanntschaft zu machen, und im allgemeinen waren sie in jeder Beziehung gefällig. Man begegnete ihnen nach Schluß der Ateliers oder Sonntags im Palais-Royal oder im Tuileriengarten. Leichtfüßig und kokett zogen sie an den ihnen begegnenden Männern vorüber und waren nicht abgeneigt, eine Einladung anzunehmen. Sie waren nicht immer schön, aber meist sehr hübsch, und alle waren jung, liebenswürdig, heiter und sorglos, Dinge, die der Frauenkenner besonders schätzt. Ihre Jugend war der größte Reiz und der verführerischste Zauber für die genußsüchtigen Kavaliere. Viele dieser jungen Damen wurden indes von ihrer Brotgeberin scharf bewacht, nicht aus Moral, sondern aus rein geschäftlichem Interesse. Die Mädchen wohnten meist im Hause, wurden ernährt und gekleidet. Niemals durften sie ohne Erlaubnis eine Nacht außerhalb des Hauses verbringen, es sei denn, daß der Inhaberin des Salons ein besonderer Gewinn daraus erwuchs, wenn einer der reichen und angesehenen Kunden eine junge Arbeiterin mit sich nahm, um aus ihr eine jener Fürstinnen der Eleganz zu machen, die allerdings nicht immer als »Fürstinnen« endeten. Bisweilen stießen indes auch diese vornehmen Kavaliere auf Widerstand bei jenen Novizen der Galanterie. Dann machten die Herren meist kurzen Prozeß. Die Mädchen wurden unter Beihilfe eines ergebenen und schlauen Dieners mit Gewalt in die sehr berüchtigten »Petites Maisons« gebracht, die fast jeder galante Mann des 18. Jahrhunderts besaß. Dem Herzog von Chartres, dem eine Menge derartiger Entführungen zugeschrieben werden, mißglückte dennoch bisweilen ein solcher Gewaltakt. Er war jung verheiratet, hatte eine reizende, sehr kokette Frau, aber eine kleine hübsche Pikardin, die er im Modesalon »Au trait galant« bei Mademoiselle Forgel gesehen hatte, gefiel ihm und schien ihm besonders begehrenswert. Sie hieß Rose und brachte oft die Kleider und Hüte für die junge Herzogin ins Palais-Royal, um sie anzuprobieren. Jedesmal ist auch der Herzog anwesend. Er spielt den Verliebten, steckt ihr Zettel zu, macht Vorschläge. Es hilft ihm nichts: Rose scheint den größten Wert darauf zu legen, ihre Tugend und ihren guten Ruf zu bewahren. Auch später wirken die schönsten Versprechungen von reichen Geschenken nicht. Da erscheint eines Tages der Kammerdiener des Herzogs von Chartres bei Mademoiselle Forgel mit dem Auftrage, die kleine Modistin aus der Pikardie möchte endlich den Bitten seines Herrn nachgeben. Er werde sie genau so halten wie seine gegenwärtige Mätresse, die Schauspielerin Duthé; alles solle ihr zur Verfügung stehen: Wagen, Pferde, Dienerschaft, Diamanten, Perlen und die kostbarsten Toiletten. Aber nichts vermag Rose von ihrer Tugend abzubringen. Chartres ist verzweifelt. Seine Frau lacht über seine Niederlage; sie kennt alle seine Seitensprünge und hält sich selbst schadlos mit anderen Kavalieren. Es wäre ja ein Verstoß gegen den guten Ton gewesen, hätte sie die Eifersüchtige gespielt. Sie würde ihren Ruf als Frau von Welt aufs Spiel gesetzt haben, hätte sie ihren jungen Gatten so geliebt, daß sie keine Nebenbuhlerin duldete. Auch sie war ein echtes Kind ihrer Zeit und ebenso wie der Herzog von »der leichten Luft des Jahrhunderts« erfüllt. In den eignen Mann länger als drei Monate verliebt zu sein, wäre unmodern gewesen. Man spottete über glückliche Ehen und machte die frivolsten Scherze. Eine junge hübsche Frau war sehr unglücklich über alle diese Frivolitäten, denn sie liebte nur ihren Gatten. Als sie sich eines Tages, wie Gaston Maugras erzählt, im Salon des Herzogs von Choiseul befand und traurig in einer Ecke saß, weil sie den Zynismus der Männer und Frauen dieser Gesellschaft nicht ertragen konnte, trat ein alter Geistlicher auf sie zu und sagte: »Madame, seien Sie nicht traurig. Sie sind hübsch, und das schon ist ein Unrecht. Aber das würde man Ihnen vielleicht noch verzeihen. Wollen Sie jedoch hier ruhig leben, so müssen Sie die Liebe zu Ihrem Mann besser verbergen. Die eheliche Liebe ist hier das einzige, was nicht geduldet wird.« Nun, die Herzogin von Chartres liebte ihren Mann nicht, und er liebte sie auch nicht. Es ging das Gerücht, daß er sehr brutal sei, ja der roheste und brutalste Liebhaber in ganz Paris. Er war Wortsadist und warf im zärtlichsten tête-à-tête mit den gröbsten und schamlosesten Worten um sich. Rose hatte keine Lust das mitzuerleben. Da sinnt der »galante« Herzog auf einen Gewaltstreich. Die kleine Midinette sollte entführt werden. In einem seiner Landhäuser soll sie sich seinem Willen beugen. Das alles bespricht er mit seinen guten Freunden, die gleich ihm Wüstlinge sind: den Herren de Conflans, Louvois, D'Entraigues. Aber der Kammerdiener des Herzogs hat Mitleid mit der Kleinen. Er verrät ihr den beabsichtigten Streich und rät ihr, auf der Hut vor jenen vornehmen Herren zu sein. Und Rose faßt einen Entschluß. Sie ist klug und kühn zugleich, die junge Pikardin. Einige Wochen später wird sie wieder einmal mit Kleidern und Hüten nach dem Palais-Royal gesandt. Diesmal zu einer der Hofdamen, zur Gräfin d'Usson. Kurz nach ihrem Eintreffen wird der Gräfin der Herzog von Chartres gemeldet. Er hat den Kampf um das junge Mädchen also noch nicht aufgegeben. Der Etikette gemäß erhebt sich die Gräfin von ihrem Stuhl, um Seine Königliche Hoheit an der Tür zu empfangen. Der Herzog bittet sie, wieder Platz zu nehmen . Ohne zu tun als bemerke er Rose, setzt er sich neben Madame d'Usson und plaudert mit ihr, als wäre sonst niemand im Zimmer. Da zieht die kleine Modistin einen Sessel heran und setzt sich ganz ungeniert gerade an die Seite des Herzogs. Die Gräfin weiß nicht, was sie davon halten soll. Sie ist verlegen und schaut das junge Mädchen bedeutungsvoll an. Rose rührt sich nicht. Da sagt Madame d'Usson ungeduldig: »Fräulein, Sie vergessen, daß Sie Seine Königliche Hoheit vor sich haben.« »O nein, Madame, ich vergaß das sicher nicht.« »Nun, und warum benehmen Sie sich dann so?« »O, Frau Gräfin wissen ja nicht, daß ich, wenn ich wollte, noch heute abend Herzogin von Chartres sein könnte.« 8. Der sanfte Widerstand. Farbiger Kupferstich von Tresca nach einer Zeichnung von L. L. Boilly. Paris, 1786 Der Herzog beißt sich auf die Lippen, erwidert indes nichts. Die Gräfin ist äußerst überrascht und scheint eine Erklärung von ihm zu erwarten. Statt seiner fährt Rose unbekümmert fort: »Ja, Madame, man hat mir alles, was ein armes Mädchen versuchen und verführen kann, versprochen. Und weil ich mich weigerte, wollte man mich einfach entführen. Wenn daher Ihre reizenden Hüte oder eines Ihrer Kleider nicht abgeliefert werden sollten, oder wenn Sie, Madame, erfahren sollten, daß die kleine Rose aus dem Modesalon von Mademoiselle Forgel verschwunden sei, so brauchen Sie nur Seine Königliche Hoheit zu fragen. Er wird es wissen, wo sie ist.« »Was sagen Sie dazu, Monseigneur?« »Ich glaube,« erwiderte der Prinz, »daß man sich nicht anders zu helfen weiß, wenn es sich darum handelt, eine so reizende Rebellin zu bezwingen.« Von neuem wandte sich Rose an die Gräfin. »Madame müssen doch zugeben,« meinte sie, »daß diejenige, die ein Prinz zu seiner Auserwählten machen will, ein Wesen, das die intimsten Stunden des Lebens mit ihm teilt, auch in der Öffentlichkeit vertraut mit ihm verkehren kann. Monseigneur soll nicht vergessen, wer er ist, und ich werde mir stets des außerordentlichen Unterschieds bewußt sein, der zwischen ihm und mir besteht.« Von da an hatte sie Ruhe vor ihm. Aber, als er sich etwas pikiert erhob und aus dem Zimmer ging, zischte er ihr im Vorbeigehen ins Ohr: »Schlange!« Diese kleine Pariser Modistin war indes eine Ausnahme ihrer Klasse und ihrer Zeit. Im allgemeinen wurde es den galanten Herren, oder, wie sie sich auf Anregung des Herzogs von Richelieu gern nannten, den Roués, nicht schwer, in ihren Absteigequartieren, ihren »Petites Maisons«, ihren Schlössern, die Frauen und Mädchen zu empfangen, die sie wünschten. Und wenn sie nicht gutwillig kamen, brauchte man eben Gewalt, wie der Herzog von Chartres. Besonders berüchtigt für derartige Veranstaltungen war auch der Herzog von Orléans, der Sohn der Liselotte. Der Schauplatz seiner galanten Feste war das Palais-Royal. Er nahm wahllos Tänzerinnen, Figurantinnen von der Oper, Mädchen der Straße, Modistinnen und Näherinnen, berühmte Schauspielerinnen und Sängerinnen, hohe vornehme Damen, Herzoginnen und Marquisen, häßliche und schöne Frauen. Auch seine Töchter lebten das gleiche Leben wie er und gehörten zu den extravagantesten Frauen des Jahrhunderts. Filles d'Opéra und Hetären Eine ähnliche Rolle wie der Modesalon spielte im 18. Jahrhundert der Friseur oder Perruquier. Ferner die Wahrsagerinnen und Wahrsager, und nicht nur im galanten Frankreich, sondern ebenso in London, Berlin und Wien. Vor allen war der Friseurberuf und das Kammerzofenamt wie geschaffen zum galanten Dienst. Das Kammerkätzchen in seinem adretten reizenden Kostüm, das Büste und Arme freiließ, war nicht selten die Mätresse des Hausherrn und oft auch noch die seiner Freunde. Daneben spielte sie Mitwisserin und Vermittlerin aller Liebesabenteuer ihrer Herrin. Der Friseur aber war der Vertraute sowohl der Dame des Hauses als auch des Herrn. Nicht selten mußte er auch bei älteren Damen, denen es an Liebhabern mangelte, deren Stelle vertreten. Infolge der komplizierten Frisuren hielt er sich oft stundenlang im Boudoir der Damen auf, hörte alle Skandalgeschichten, die sich die anwesenden Freunde und Freundinnen untereinander erzählten, und wurde dadurch unbeabsichtigt zum Vertrauten seiner Kundschaft. Außerdem lag der Weltdame des 18. Jahrhunderts viel daran, daß ihr Friseur so viel wie möglich von ihren körperlichen Reizen zu sehen bekam, denn er war die beste und geeignetste Person, überall von diesen Schönheiten zu sprechen oder, wie man heute sagen würde, sie zu »lancieren«. Und war die Dame liebenswürdig und freigebig ihm gegenüber, so trug er um so mehr zu ihrem Ruhme und dem Preise ihrer Schönheit bei. »La physiologie du Perruquier« weiß darüber viele pikante Geschichten zu erzählen. Der Friseur war überall beliebt, denn sowohl die vornehme Dame wie die kleinen und großen Schauspielerinnen und Tänzerinnen, die Filles d'Opéra waren auf ihn angewiesen. Die letztgenannten ganz besonders, weil er ihnen oft die freigebigsten Lebemänner vermittelte. Den meisten von diesen Theaterdamen kam es weniger darauf an, durch ihre Talente als durch ihre Schönheit und Extravaganz zu glänzen. Sie fragten nicht viel danach, durch Tugend berühmt zu werden. Viele hatten mehrere Kinder von verschiedenen großen Herren. Sie betrachteten das als eine gewisse Kapitalanlage, denn es ging ihnen um so besser, je mehr Kinder sie hatten. Als der junge Casanova einmal der vergötterten Operndiva Le Fel vorgestellt wurde, sah er in ihrem Hause drei entzückende Knaben. Er bemerkte wohl deren Schönheit, wunderte sich jedoch, daß keiner dem andern ähnelte. »Das glaube ich gern«, erwiderte die Le Fel. »Der Älteste ist der Sohn des Herzogs von Annecy, der Zweite der des Grafen Egmont und der Jüngste ist der Sohn des Grafen Maisonrouge.« »Ach, verzeihen Sie, Madame,« erwiderte Casanova, »ich dachte, Sie seien die Mutter aller drei.« »Das bin ich auch«, sagte sie und lachte dabei laut auf über den Fremden, der die Sitten von Paris so wenig kannte. Die meisten Schauspielerinnen waren Mätressen sehr hoher und reicher Herren. Sie gingen von einer Hand in die andere und wurden im größten Luxus gehalten. Auch viele öffentliche Dirnen ließen sich einfach als Ballettänzerinnen oder Figurantinnen der Oper eintragen und entgingen auf diese Weise der Sittenkontrolle. Sie nannten sich ebenfalls »Filles d'Opéra«, obwohl sie in den seltensten Fällen am Theater Verwendung fanden, oder nur zur Aushilfe dienten. Dafür sah man sie mit ihren Galanen in allen Separees und Theaterlogen, wo sie mit Diamanten beladen in den gewagtesten Dekolletés erschienen. Die Logen, die diese Damen innehatten, wurden indes meist für andere Genüsse als zur Betrachtung des Stückes benutzt, das auf der Bühne vor sich ging, denn die Mädchen kamen dahin, um die Herren zu unterhalten. Und da die Logen oft mit Vorhängen oder einem dichten Gitter versehen waren, konnten sich die unerhörtesten Dinge dahinter abspielen. Das reizende Bild von Moreau »La petite loge«, zeigt uns den Prinzen von Soubise, dem von einer echten oder falschen »Theatermutter« in einer Loge eine junge »Debütantin« vorgestellt wird. Soubise, der unter dem Spitznamen »Sultan« bei den Damen vom Theater bekannt war, erweist sich der kleinen »Neuen« gegenüber sehr galant und scheint nicht abgeneigt zu sein, das hübsche Mädchen in den Kreis seiner Haremsdamen aufzunehmen. Oft wurden diese »Theatermädchen« auch in den kleinen Privattheatern der reichen Roués verwendet, unter denen der Herzog von Richelieu sich mit seinen lasterhaften Vorstellungen einen besonders berüchtigten Namen gemacht hat. Es folgte diesen Theatervorführungen meist ein wüstes Gelage, bei dem die »Filles d'Opéra« ihrer Genußsucht keine Schranken auferlegten. Die Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin war im 18. Jahrhundert noch Freiwild, es sei sie war bereits so reich, daß sie selbst wie eine Königin befahl. Aber ehe sie soweit kam, wurde sie nicht anders behandelt wie eine Dirne. Sie war weder gesellschaftsfähig noch genoß sie irgendwelche Rechte. Für sie gab es weder eine kirchliche Ehe noch ein kirchliches Begräbnis. In einem abgelegenen Winkel des Friedhofs wurde sie, wenn sie nicht sehr hohe Beschützer hatte, die ihr Andenken ehrten, wie eine Verbrecherin verscharrt. Als Karoline Neuber, die Reformatorin der deutschen Schauspielkunst, im Jahre 1760 in Laubegast bei Dresden starb, untersagte der Pfarrer aufs strengste bei ihrem Begräbnis das Offnen der Kirchentüren, und der Sarg mußte über die Kirchhofsmauer gehoben werden, um ein Plätzchen zu finden. Die Kirche schloß die »Komödianten« aus. Wollte eine Schauspielerin oder ein Schauspieler heiraten oder eine Liaison durch die Kirche besiegeln lassen, so mußten sie der Bühne entsagen, was einige unter ihnen auch taten. Die Verachtung der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, der sie ihre Freuden, ihre Talente, ihre Jugend, ihren Körper und ihre Gesundheit schenkten, kannte keine Grenzen. Dabei sind manche dieser Mädchen zu ihrer Glanzzeit von dieser selben Gesellschaft und durch ihre hohen Gönner bis zur höchsten Stufe des Reichtums und zu einer Machtstellung erhoben worden, die ihnen selbst gestattete, Gunst und Vorrechte auszuteilen. Manche wühlte im Geld und in Diamanten und verschwendete Millionen, wie die Tänzerin Duthé, die Schauspielerin Arnould, die Le Duc, die Dubois, die Clairon, die Guimard und viele andere, die durch ihre maßlosen Ansprüche das Vermögen mehrerer Männer verschlangen. Aber viele von ihnen machten auch gar kein Hehl daraus, daß sie Dirnen waren und als solche handeln durften und behandelt werden wollten. Ihre Verschwendung mit dem Gelde der Reichen, der bevorzugten Klasse, war ihre Rache gegen die Unduldsamkeit, mit der sie von der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts behandelt wurden. Ihre Zügellosigkeit, ihre Ausschweifungen, ihr Zynismus überstieg alles, was man in jenem sittenlosen Zeitalter erleben konnte. Ihre Extravaganz, ihre Frechheit in Kleidung und Gebaren, ihr anspruchsvolles Auftreten auf der Promenade und bei öffentlichen Gelegenheiten waren unerhört. Manche fuhr nur sechsspännig in silberbereiften Wagen mit silberbetreßten Dienern, oder sie ließ sich halbnackt in einer Chaise aus Bergkristall oder Porzellan durch die Straßen tragen, gerade da, wo es am meisten auffiel, in den Champs-Élysées und im Bois de Boulogne. Eine der herausforderndsten dieser Theaterdamen war die Duthé, die den Herzog von Chartres zu ihrem reichsten und freigebigsten Liebhaber unter vielen zählte. Außer kostbaren Geschenken an Diamanten, Schmucksachen, Toiletten, Kunstgegenständen bezahlte er ihr monatlich eine Rente von 15 000 Livres. Die schöne Tänzerin Guimard, die »Grazie des 18. Jahrhunderts«, wurde von einem ihrer offiziellen Liebhaber, dem Marschall Prinzen von Soubise, mit einem Luxus unterhalten, der alles dagewesene überstieg, selbst den der ausschweifenden Deschamps. Die Equipagen, Toiletten und Einrichtung der Guimard konnten denen der reichsten Hofdame und Königsmätresse an die Seite gestellt werden. In ihrem Hause verkehrte die beste Gesellschaft. Dreimal in der Woche hielt sie große Tafel und Empfänge. Diese drei Soupers waren indes sehr verschieden von einander. Zum ersten Souper waren nur die reichsten und vornehmsten Grandseigneure des Hofes und alle möglichen Leute von hoher Bedeutung eingeladen. Es ging wie bei einem Empfang der besten Gesellschaft zu. Zur zweiten Soirée erschienen berühmte Schriftsteller, Künstler, Gelehrte, und der Salon der Guimard schien dem Salon der schöngeistigen Madame Geoffrin Konkurrenz machen zu wollen, aber das dritte Souper, das die Guimard in der Woche veranstaltete, war eine wahre Orgie, ein Bacchanal, wozu die verführerischsten und schönsten Mädchen und auch die unzüchtigsten geladen waren. Ausschweifung und Sittenlosigkeit wurden hier, wie die »Mémoires secrets« berichten, auf ihren Höhepunkt gebracht. In ihrem wundervollen Landhaus in Pantin veranstaltete die reiche und elegante Tänzerin Theater- und Ballettaufführungen, genau wie die Pompadour selbst. Und die ganze Pariser Aristokratie, darunter die Prinzen von Geblüt, rechneten es sich zur Ehre, zu diesen Vorstellungen zugelassen zu werden. Man ging ebenso offiziell nach Pantin, wie man nach Versailles ging. Im Theater der Guimard spielte man kleine unmoralische Stücke, und die ehrsamsten Bürger, ja sogar Männer der Kirche und ernste Gelehrte stritten sich um die vergitterten Logen und scheuten sich nicht, mitten unter Hetären und den berüchtigtsten Lebeleuten zu diesen Vorstellungen zu erscheinen. Die Gagen waren zu jener Zeit nicht hoch. Eine Fille d'Opéra war auf ihre Verehrer angewiesen. Figurantinnen und Ballettmädchen erhielten überhaupt nichts. Sie mußten froh sein, Gelegenheit zu haben, ihre Reize in der Öffentlichkeit zur Schau stellen zu können und dadurch reiche Freunde zu bekommen. Fast alle Theatermädchen fingen so an, und es war von vornherein ausgemacht, daß sie auf Tugend verzichteten. Mit wenigen Ausnahmen fügten sich alle diesem Prinzip. Die Tänzerin Vézian, die Casanova kannte, und die eine von den wenigen anständigen Filles d'Opéra war, erstaunte sehr, als sie erfuhr, daß sie als Anfängerin keinen Anspruch auf Gage hätte. »Und wovon soll ich leben?« fragte sie. »Darüber machen Sie sich keine Sorge«, erwiderte man ihr. »So, wie Sie sind, finden Sie zehn reiche Herren, die für die Gage Ersatz leisten. Sie müssen sich freilich den richtigen aussuchen, aber bald werden Sie, des können Sie gewiß sein, mit Diamanten überschüttet werden.« Und diese Weissagung wurde sehr bald wahr. Nach verschiedenen Abenteuern lernte sie den Marquis d'Etréhan kennen, der sie königlich unterhielt. Ihre Eleganz artete allerdings niemals in jenen parvenühaften Luxus aus, den viele ihrer Kolleginnen an den Tag legten. Niemals hätte sie sich dazu verleiten lassen, ihre Waschgeschirre aus massivem Gold, wie es die äußerst lasterhafte Deschamps besaß, anfertigen zu lassen. Die Vézian war reich und anspruchsvoll und hat manchen ihrer Liebhaber ruiniert, aber sie ließ trotz aller Verschwendung und Ansprüche doch eine gewisse Dezenz walten, denn sie besaß Esprit und Geschmack, und das geflügelte Wort der damaligen Zeit: »Dumm wie eine Tänzerin«, paßte nicht auf sie. Viele dieser Theatermädchen hatten trotz aller ihrer Fehler und Laster ein mitfühlendes Herz für die Armen. Die Guimard zum Beispiel bat ihren reichen Freund, den Prinzen von Soubise, im Jahre 1768, als der Winter besonders hart war, er möchte ihr zu Neujahr anstatt wie immer Diamanten zu schenken, diesmal ein Geldgeschenk machen. Soubise sandte ihr 6000 Franken, nach unserem heutigen Gelde etwa das Zehnfache. 9. Im Bade belauscht. Farbstich von Ch. M. Descourtis. Paris, um 1780 Mit dieser Summe und noch etwas mehr begab sich die Guimard ohne Diener und ohne Zofe in alle Mansarden der Bedürftigen ihres Viertels und verteilte die 6000 Franken unter die armen Familien für Nahrung, Kleidung und Heizung. Sie sorgte für die Armen, ja sogar für die Toten, denn sie ließ sie auf ihre Kosten beerdigen. Das mitleidige Herz und die offene Hand der Tänzerin waren in Paris so bekannt, daß nicht nur die Ärmsten der Armen an ihre Tür klopften, sondern auch kleine Kaufleute, wenn sie vor dem Ruin standen, Künstler in Not und sogar Spieler, die nicht wußten, wovon sie ihre Schulden bezahlen sollten. Die Guimard half allen. Einmal kam ein Offizier zu ihr und lieh sich 100 Louisdor, um seine Spielschulden zu bezahlen. Als er ihr einen Schuldschein ausstellen wollte, meinte das gute Mädchen: »Mein Herr, Ihr Wort genügt mir ... Ich denke, ein Offizier wird zum mindesten ebenso viel Ehrlichkeit besitzen wie eine Fille d'Opéra«. Und dabei stand sie bald darauf selbst vor dem Ruin, denn sie hatte zwei ihrer reichsten Liebhaber zugrunde gerichtet und verloren und 400 000 Livres Schulden gemacht. Aber eine so schöne Frau und fabelhafte Tänzerin wie die Guimard fand immer wieder Gönner, und die 400 000 Livres blieben nicht lange ungedeckt. Es war niemand anders, als der Herr Bischof von Orléans, Monseigneur de Jarente, der sich mit seinem ungeheuren Vermögen in den Dienst der kapriziösen Tänzerin stellte und alle ihre Wünsche erfüllte. Sie besaß eins der entzückendsten Palais in Paris. Eine Broschüre der Zeit findet kaum Worte, diesen »Tempel Terpsichores« in all seiner Herrlichkeit zu beschreiben. »Auf einem verhältnismäßig kleinen Raum bietet dieses reizende Heim alle Bequemlichkeiten und alle Annehmlichkeiten. Alles ist bezaubernd durch einen ganz neuen Geschmack, sogar der Garten. Die Zimmer scheinen einer Zauberfee ihre Gemütlichkeit zu verdanken; sie sind kostbar eingerichtet, ohne daß alles angehäuft ist, und galant ohne Indezenz. Es ist ein Liebespalast, der durch die Grazien verschönt wird. Das Schlafzimmer ladet zur Ruhe und Liebe ein, der Salon zum Vergnügen und zu Unterhaltung, das Speisezimmer zum fröhlichen Mahle ... Ein herrliches Treibhaus ersetzt im Winter den Garten ... Es gibt ein kleines entzückendes Badezimmer, das wohl einzig in seiner Art und seinem Stil ist.« Es besaß nämlich ein für die damalige Zeit seltenes eingemauertes persisches Badebassin. Ihr Toilettenzimmer war von karmesinrotem und weißem Samt, ebenso das Schlafzimmer, dessen Wände als Tapete galante Riesengemälde von Fragonard aufwiesen. Die ganze Einrichtung wurde auf 27552 Livres geschätzt. Ebensoviel Geschmack und nicht weniger Geschick, sich reiche Freunde zu verschaffen, besaß die sehr beliebte Schauspielerin Clairon, die ihren Lebenslauf als kleine Weißnäherin begann und zur großen gefeierten Künstlerin und einer der reichsten ausgehaltenen Frauen aufstieg. Sie war ausschweifend und unersättlich und nicht immer wählerisch, obwohl auch sie die höchsten Herren zu ihren Liebhabern zählte, darunter ebenfalls den Prinzen von Soubise, den Herzog von Luxembourg, den Marquis de Bissy, den Herzog de Bouteville und Herrn de la Popelinière. Die Liste ihrer Freunde und Liebhaber ist endlos. Schließlich kannten sie alle Männer von Paris und die dahinkommenden reichen Fremden dazu, besonders viele Offiziere und Musketiere. Ihr zärtlichster Geliebter war der junge Fürst von Monaco. Er opferte Geld und Gesundheit für sie. Aber sie war ihm ebenso untreu wie sie dem jungen Poeten Marmontel untreu war, der sie aufrichtig und leidenschaftlich liebte. Er vergötterte sie und nannte sie die vollkommenste Geliebte, die es geben konnte. Sie war sehr temperamentvoll, sehr lustig, besaß alle Reize eines liebenswürdigen Charakters, hatte keinerlei Launen und war nur darauf bedacht, ihren Geliebten in jeder Beziehung glücklich zu machen. Wenn sie liebte, liebte keine leidenschaftlicher und zärtlicher als sie, aber es dauerte nie lange. Leider erwarb Marmontel sich durch die Liebe zur Clairon einen sehr schlechten Ruf. Die »Archives de la Bastille« vermerken zu jener Zeit: »Marmontel ist nicht wieder zu erkennen, seit er sich den Freuden dieser Dirne hingibt.« Marmontel war übrigens auch der einzige, der ihr kein unumschränktes Vermögen bieten konnte. Alle anderen indes mußten die Liebe der eleganten hübschen und untreuen Frau mit Unsummen erkaufen, und wenn sie ausgeplündert waren – adieu! Mancher nahm es von der leichten Seite, wie der Marquis des Ximenès. Wenn man ihn bedauerte, zitierte er einen damaligen sehr bekannten Vers aus dem Lustspiel »Vendanges de Suresnes«: Défiez vous de ces coquettes, qui ne veulent qu'à vos écus: Sitôt qu'elles les ont reçus, adieu panier, vendanges sont faites. Die Polizeiberichte des 18. Jahrhunderts werfen ein trauriges Licht auf die Pariser Damen vom Theater, nicht nur auf die Ballettmädchen, Figurantinnen der Oper und minderen Schauspielerinnen der kleineren Boulevardtheater. Nein, auch auf die berühmten Stars und bedeutendsten Künstlerinnen der Comédie-Française. Die Prostitution dieser Damen war nicht viel anders als die der öffentlichen Dirnen. Es gab unter ihnen selten dauernde Liebesverbindungen. Entweder hatten sie reiche Männer, die ihnen Paläste bauten und mit ihnen Vermögen verschwendeten, aber bald ruiniert waren. Dann kam ein anderer an die Reihe. Die Mädchen wechselten ihre Liebhaber wie ihre Kleider. Man liebte sich einen Monat, eine Woche, eine Nacht. Oder die Künstlerinnen waren von frühester Jugend an durch das Schmierendasein, das sie anfangs in der Provinz führten, an ein unordentliches liederliches Bohème-Leben gewöhnt und hatten später trotz allen Reichtums nie einen Pfennig in der Tasche. Und das war während des ganzen 18. Jahrhunderts so. Goncourt meint: »Ich finde, daß in dieser Zeit das ›Zuhause‹ jener Frauen nicht die Konvenienz besaß, wie die Interieurs der galanten Damen anderer großen Epochen. Es war in ihren Heimen immer etwas, was an ein öffentliches Haus erinnerte.« Und diesen Namen verdiente besonders das Haus der Clairon. Dennoch wurde sie später die sehr geachtete Freundin des Markgrafen von Ansbach, dessen erster Minister sie beinahe war. Sie spielte an seinem Hof eine sehr bedeutende Rolle, bis sie von der schönen Lady Craven verdrängt wurde. Das Ende dieser talentvollen, intelligenten, aber über alle Maßen ausschweifenden Tragödin war selbst eine Tragödie. Ihr Körper verfiel schrecklichen Leiden und Gebrechen. Der letzte Liebesbrief der alten verfallenen Clairon an einen unbekannten Freund ist erschütternd. Er lautet: »Wie groß auch die Leiden gewesen sein mögen, womit mich die Natur und das Schicksal überhäuft haben, Sie haben mich noch viel mehr malträtiert als diese. Allein, von allen verlassen, blind, sterbend haben Sie mich alles für Sie fürchten lassen und mich überzeugt, daß ich Ihnen kein Interesse mehr einflöße. 0, mein Freund, ich überlasse es Ihnen, sich selbst zu richten. Ich war dem Tode nahe, den ich heiß ersehnte. Was ich noch leide, geht über meine Kräfte. Wollte Gott, daß ich mein trauriges Leben noch so lange erhalten könnte, bis Sie imstande sind, zu mir zu kommen.« Sie starb vielleicht ohne ihn noch einmal gesehen zu haben. Das war das Glück und Ende einer der gefeiertsten Theatergrößen des 18. Jahrhunderts. 10. Rokokoschauspielerin in »Iphigenie auf Tauris«. Kolorierter Kupferstich von Gaillard. Paris, 1780 Die Kurtisane im Königspalast Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, der alte König Ludwig XV. habe eine junge schöne Mätresse. Man staunt, man tuschelt. – »Vorübergehend?« – »Nein, durchaus nicht. Er ist sehr verliebt, wahnsinnig verliebt, es ist ihm ernst mit seiner Liebe.« – Man sagt, er habe sie sich aus dem berüchtigten Hause der Gourdan geholt. Nur die Wohlunterrichteten wollten wissen, daß sie einst als Modistin im Modesalon Labille ihr Brot verdient habe und das schönste Mädchen von Paris sei. Und nun wohnt sie bereits seit geraumer Zeit in Compiègne in einem der Petites Maisons des Königs, völlig abgeschlossen und geheim. Alltäglich um Mitternacht wird sie vom Kammerdiener Lebel ins Schloß geführt. Erst am Morgen verläßt sie den König so geheimnisvoll wie sie gekommen. In einer eleganten Sänfte wird sie wieder in ihre Wohnung zurückgetragen. Wer ist sie? Wie heißt sie? Niemand weiß etwas Genaues. Heißt sie Bécu, Gomard oder Vaubernier? Bei Labille nannte man sie l'Ange wegen ihres entzückend süßen Engelsgesichts. Es war damals nichts Außergewöhnliches, daß sich die kleinen Modistinnen und Ladnerinnen, wie heute die großen Filmschauspielerinnen, Pseudonyme zulegten. Auf jeden Fall war l'Ange ein sehr schönes Mädchen und das außereheliche Kind einer Schneiderin, Anne Bécu aus Vaucouleurs. Der Vater soll ein Mönch aus dem Kloster Picpus gewesen sein. Er nannte sich Gomard de Vaubernier und trug als Mönch den Namen Pater Angelus. Vielleicht auch daher der Name »Ange« für die Kleine, aus der später, als sie die Geliebte des Grafen Dubarry war, ein Fräulein de Vaubernier wurde. Getauft war sie Jeanne. Durch Vermittlung eines Onkels, vielleicht auch durch ihren Vater, kam Jeanne Bécu zur Erziehung in ein Kloster. Dort trug sie den Namen Jeanne Rançon, weil ihre Mutter inzwischen einen Mann dieses Namens geheiratet hatte. Nachdem sie neun Jahre im Kloster erzogen worden war, mußte Jeanne, da ihre Mutter arm war, als Zofe ihren Unterhalt verdienen. Sie kam zu Madame de La Garde, einer reichen Witwe mit zwei Söhnen. Diese beiden jungen Männer scheinen die erste Blüte der schönen Jeanne gepflückt zu haben. Der eine schenkte dem niedlichen Zöfchen eine diamantenbesetzte Uhr, und der andere verwöhnte es mit allerlei Aufmerksamkeiten. Jeanne konnte nicht schweigen. Sie brüstete sich den anderen Dienstboten gegenüber. Aus Eifersucht hinterbrachten sie es ihrer Herrin, und Jeanne Rançon wurde aus dem Hause geschickt. Nun kam sie in die Lehre zu Madame Labille als Modistin, Rue Neuve des Petits-Champs. Hier lernte sie aber außer ihrem Metier noch die Kunst des Goldmachens. Freilich war sie nicht so dumm, daß sie, wie die Scharlatane ihrer Zeit, glaubte, man könne aus Quecksilber Gold bereiten. Sie hatte andere Mittel und Wege. Nicht nur, daß unter ihren geschickten Händen wahre Wunder aus Chiffon, Tüll, Seide, Brokat, Bändern und Spitzen für die Damen der Pariser ganzen und halben Welt entstanden, sondern auch sie selbst, die sich jetzt Lançon nannte – warum weiß man nicht – vergaß ihre eigne sechzehnjährige Schönheit nicht. Sie verstand sich ins rechte Licht zu setzen und wurde bemerkt von den Künstlern ihrer Zeit und von den Männern überhaupt. Der berühmte Maler des 18. Jahrhunderts, La Tour, erbat sie als Modell, und nach ihm viele andere. Nach zwei Jahren war Jeanne plötzlich aus dem Modesalon Labille verschwunden. Sie lebte, nachdem sie einem Perruquier die Ersparnisse von 5000 Franken hatte durchbringen helfen und noch einige andere Geliebte aus ihren Kreisen gehabt hatte, als Mätresse des berüchtigten Roués Dubarry mit ihm in der Rue Saint-Eustache. Mademoiselle Vaubernier – ein neues Pseudonym der entzückenden Jeanne – war der Mittelpunkt der Gesellschaft verschwenderischer Libertins. Ihr Geliebter indes war so unappetitlich anzusehen – Ausschweifungen und Laster standen ihm auf dem Gesicht geschrieben –, daß die reizende junge Dame wohl von vielen im geheimen begehrt wurde, aber nur wenige es wagten, sich ihr zu nähern – aus Ekel vor ihrem Vorgänger. Einige Wagemutige und Sorglose gab es aber doch. So der Herzog von Fitz-James; der in Liebesangelegenheiten äußerst kühne Marschall Richelieu; ferner Herr de Sainte-Foy, der Graf de Manville und andere. Den Herzog von Lauzun, dem sonst kein Abenteuer zu teuer bezahlt schien, hielt die Angst vor dem Gesundheitszustand Dubarrys zurück, obwohl er Mademoiselle de Vaubernier reizend und äußerst begehrenswert fand. Die wenigsten oder gar keine Bedenken hatte der König. Er war wie ein Junger in die schöne elegante Frau verliebt. Ein jüngerer Bruder des Grafen Dubarry, Guillaume Dubarry, hatte sie aus Gefälligkeit für Ludwig XV. der Form halber heiraten müssen und war dafür königlich entschädigt worden. Nun wollte der König die Geliebte nicht länger mehr verstecken. Jeder sollte sie sehen. Ihre Jugend, ihre Schönheit sollten seine Wahl und seinen guten Geschmack bestätigen. Madame Dubarry wohnt jetzt im Schlosse von Fontainebleau. Sie hat das Appartement neben den einstmaligen Gemächern der Pompadour inne. Ihre zahlreiche Dienerschaft trägt die schönste und geschmackvollste Livree von ganz Paris. Ihr Boudoir, ihr Schlafzimmer, ihre Wohnräume sind mit höchstem Raffinement und Geschmack ausgestattet. Das Bett ist das typische Ruhelager der galanten Frau des Rokoko, wie es Moreck so anschaulich beschreibt. »Nicht mehr auf Säulen – wie in der Renaissance – ruht der himmelartige Überbau, sondern wie eine Krone schwebt er unter dem Plafond und läßt die faltigen Draperien aus leichten Seidenstoffen sich um das Lager bauschen, das mit schwellenden Kissen und wollüstigen weichen Polstern reichlich ausstaffiert ist. Spitzen und Musselinrüschen, mit dem die Dame des Jahrhunderts ihr blühendes Fleisch umgibt, ergießen ihren duftigen Schaum über das Bett, in dem diese Dame ausruht von den enervierenden Genüssen des Tages, in dem sie wie in einer goldenen Muschel träumt von den Sensationen der Liebe, und in dem sie, je nach Laune und Gelegenheit ihre Levers bis spät in den Tag abhält.« 11. Rokokoeleganz. Die Tänzerin Guimard. Französischer Meister des 18. Jahrhunderts Auch in Fontainebleau empfängt Madame Dubarry ihre ehemaligen Freunde, die sie bei Dubarry in der Rue Saint-Eustache kennengelernt hatte. Die Herzöge, Grafen und Lebemänner à la mode sind auch am Hofe Ludwigs XV. keine Unbekannten. Der Gesellschaftskreis der Gräfin hat sich wenig verändert, nur daß man ihr als titulierte Mätresse des Königs vielleicht achtungsvoller begegnet als im Hause des Roués. Sie selbst ist die gleiche geblieben. Sie lacht das tolle ungezwungene Lachen des achtzehnjährigen Mädchens der Pariser Boulevards. Sie redet wie sie will in ihrer Sprache und fügt sich nicht im geringsten dem gezierten, etwas läppischen Französisch, das im 18. Jahrhundert in der hohen Gesellschaft üblich war. Sie macht sich nichts aus dem Hofklatsch und dem Gerede der Leute, am wenigsten aus dem der Partei des Herzogs von Choiseul, ihres ärgsten Feindes. Er und seine Freunde verbreiten überall, die Dubarry sei eine Dirne, ein Mädchen der Straße und allen Friseuren und Lakaien zu Willen gewesen. Und diese Gerüchte entbehren nicht einer gewissen Berechtigung, denn Madame Dubarry selbst schrieb einmal ihrem ersten Geliebten, dem Friseur Lamet, demselben, dem sie 5000 Franken aus der Tasche gezogen hatte, daß es ihr in Paris im Jahre 1761 sehr schlecht gehe und sie mit ihrer Mutter abends ins Palais-Royal auf Abenteuer ausgehen müsse. Dieses Leben bringe ihnen indes nicht mehr als 18 bis 20 Franken pro Abend ein. Choiseul wußte das und sorgte dafür, daß es am Hofe bekannt wurde. Er tat noch mehr. Er drängte die Lebemänner ihres Bekanntenkreises, alles aus der Vergangenheit der Mätresse des Königs zu erzählen und riet ihnen freundschaftlichst, sie nicht besser zu behandeln als zu jener Zeit, da sie den Salon des »Roués« mit ihrer herausfordernden Schönheit und ihrem Hetärencharakter so anziehend machte. Man redete am Hofe ganz offen davon, ihr Vater sei ein Regimentsgeistlicher, die Mutter eine Straßendirne gewesen, und sie selbst habe ihren Körper dann einem jeden für ein Zwanzigfrankenstück verkauft, bis Dubarry endlich einen lukrativeren Handel mit ihr betrieben habe. Das alles wurde gesagt, damit der König es erfuhr. Die Zeitungen waren voll von diesen Skandalgeschichten, und Ludwig XV. kannte sie alle. Er lächelte darüber und sagte zu seinem Minister Choiseul: »Sie ist sehr hübsch; sie gefällt mir; das genügt. Die Wut gegen diese Frau ist furchtbar – aber meist zu Unrecht. Man würde ihr zu Füßen liegen – wenn man wüßte – aber so ist das Leben!« Inzwischen war mit der ehemaligen kleinen Modistin eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Sie ist nicht mehr das junge Mädchen, das man anfangs, als der König sich noch im geheimen für sie interessierte, Sonntags in der Kirche von Fontainebleau mit einem dichten Schleier über dem Gesicht in einem für sie reservierten Betstuhl sitzen sah. Jetzt hat sie herrliche Wagen, eine prachtvolle goldene Chaise mit dem doppelten Wappen der verheirateten vornehmen Dame auf dem Wagenschlag. Das eine ist das Wappen der Dubarry, das andere das der Gomard-Vaubernier. Beide wahrscheinlich falsch und erlogen – aber was machts! Sie ist die Mätresse des Königs von Frankreich – die gefeiertste und beneidetste Frau des Landes! Bald wird sie öffentlich anerkannt vor dem ganzen Hof erscheinen, wie einst Madame Pompadour. Sie, das ehemalige Ladenmädchen des Hauses Labille! Vor ihr müssen sich die alten Herzoginnen und Fürstinnen beugen, müssen mit ihr sprechen und ihr die Hand küssen. Sie aber, die Gräfin Dubarry, ist jung und schön, lustig, sorglos, frei und offen, sagt alles was ihr durch den Kopf geht, unterhält den König – den sie übrigens ganz sans façon mit »Monsieur« anredet – aufs angenehmste mit ihrer Fröhlichkeit, ihrer Frechheit und ihrer Jugend. – Und dann kommt der große Tag für sie, der Tag, an dem vielleicht ein Kleid das Geschick Frankreichs entscheidet! Denn man ist sich nicht darüber einig, was für eine Toilette die neue Favoritin anlegen soll. Ob ein einfaches Gesellschaftskleid oder die große Hofrobe. Die meisten sind für das Dekolleté. Man berät sich mit den berühmtesten Pariser Schneidern, den großen Modekünstlern und den in Fragen des Geschmacks damals tonangebenden Tanzmeistern. Sie sind die reinen Propheten. Alles wird sich ihrer Meinung nach am Hofe ändern, wenn erst die Dubarry, jene entzückende, direkt aus Kythera oder Paphos importierte Nymphe regiert! Und alle kamen, um sie zu bewundern, die Herren und auch die Damen, ausgenommen der Herzog von Choiseul. Dafür erschienen seine Freunde um so zahlreicher. Der Schloßhof ist voll von Neugierigen. Die Treppen, die Säle, die Galerien, die Gänge sind angefüllt mit Menschen. Man merkt nicht viel von einer feindlichen Haltung der Zuschauer. In jenem galanten Jahrhundert ist die Frau Souveränin. Plötzlich erscheint der König. Er muß warten – die Ersehnte kommt nicht zur festgesetzten Stunde. Sie, die kleine Ladnerin, wagt es, zum Empfang beim König zu spät zu kommen. Man wird unruhig. Die Freunde Choiseuls wechseln vielsagende Blicke miteinander, die besagen: »Das ›Frauenzimmer‹ hat es doch nicht gewagt zu kommen!« Aller Augen sind auf den Schloßhof gerichtet – aber keine Karosse biegt ein. Der König ist beunruhigt. Auf seinen welken Wangen erscheinen hektische Flecken. Es muß etwas passiert sein, daß sie nicht kommt. Richelieu steht neben ihm. Auch er ist nervös. Man denkt bereits daran, die Feier auf den nächsten Tag zu verschieben. Da plötzlich leuchten die Augen des Königs auf. Sie kommt! Der bekannte Wagen biegt in das blaue Portal des Schloßhofs ein, fährt langsam über das schlechte unregelmäßige Pflaster und hält mit einem Ruck vor dem vergoldeten Tore des Marmorhofes. Leicht und elastisch hüpft Madame Dubarry aus der Karosse. Eigentlich sind ja die Pariser mit Haß im Herzen gegen die teure Kurtisane, gegen die »Grisette« hergekommen. Aber mit einem Mal ist all ihr Groll, all ihre Feindschaft verflogen vor der Schönheit und Lieblichkeit dieser zarten eleganten Frau. Nur Bewunderung, Erstaunen, freudiges Überraschen in aller Augen. Wie lange schon wünschten sie ihrem Gebieter eine hübsche junge Mätresse! Man drängt sich um die Chaise, in der die schönste Frau Frankreichs die Stufen zu einem Thron hinaufgetragen wird. Ein Mädchen aus dem Volke! Eine kleine Putzmacherin! Jeanne Bécu aus der Rue des Petits-Champs! Unerhört! Groß, schlank, sehr zart und gertenhaft in dem großen prächtigen Hofkleid trotz der ungeheuren Paniers und der viele Meter langen Schleppe. Trotz des turmhohen Gebäudes der gepuderten Perücke macht die junge Gräfin Dubarry ihre drei Verbeugungen so tadellos und so liebenswürdig, als hätte sie nie etwas anderes getan. Und dann gibt ihr der König den vorgeschriebenen Kuß auf die Wange. Unter denselben Verbeugungen geht sie wieder zurück bis zur Tür, nur daß das viel schwieriger ist. Mancher großen Dame geschah es, daß sie über die eigene Schleppe fiel und sich nicht wieder erheben konnte. Aber Madame Dubarry macht es mit einer Grazie, einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie seit ihrer Kindheit nichts anderes gewöhnt. Und als sie an ihren Feinden vorüberschreitet, da leuchten ihre großen blauen schelmischen Augen vor Freude. Ihr roter geschminkter Mund lacht, und die hübschen Zähne blitzen. Stolz trägt sie das reizende Köpfchen. Und sogar ihre Neider und Neiderinnen müssen zugeben, daß sie wundervolle Schultern und eine tadellose Büste hat. Man rühmt ihren schönen Teint, die feingebogene Nase, das herrliche Oval ihres Gesichts, die reine Linie ihrer Stirn. Es herrscht nur eine Stimme: Sie ist die schönste Frau der Welt! Sie stellt alle schönen und eleganten Frauen des Hofes in den Schatten. Dazu besitzt sie jene Ungezwungenheit in ihren Manieren, ihren Ausdrücken, ihrer Kleidung und ihrer Koketterie, die alle Männer entzückt und die den alten König ganz besonders reizt. Sie ist eine Frau, ein Mensch, keine Zierpuppe, kein Klischee. Den größten Teil des Tages verbringt sie mit der Pflege ihres knabenhaften Körpers, studiert aufs genaueste, wie sie am vorteilhaftesten und verführerischsten für ihren königlichen Geliebten aussieht. Dem Geschmack ihres Jahrhunderts entsprechend, kleidet – oder verkleidet – sie sich oft als Flora in hauchdünne Gazestoffe. Und diese Metamorphosen nehmen bisweilen so viel Zeit in Anspruch, daß die Hofordnung darunter leidet. Ein Ball, ein Souper, eine Theatervorstellung müssen ihretwegen manchmal ein paar Stunden hinausgeschoben oder abgesagt werden, und der ganze Hof muß warten, bis die schöne Favoritin ihre Kaprice durchgeführt hat. Aber der König liebt diese Verzögerungen, weil Madame Dubarry dann um so schöner vor ihm erscheint. Höchstens, wenn es allzu lange dauert, schickt er Lebel zu ihr, um sie zu bitten, im kleinen Gesellschaftskleid zu erscheinen, weil das schneller gehe. Einmal erfand sie für die damalige Zeit etwas ganz besonders »Revolutionäres«. Sie erschien nämlich zur Cour ohne den hohen Aufbau der gepuderten Perücke mit beinahe aufgelöstem Haar. Auf der einen Seite fielen ein paar Schlangenlocken auf die Schulter. Sie hatte, wie sie behauptete, keine Zeit mehr gehabt, die komplizierte Frisur zu beenden, weil der König drängte. »Sie sehen mich unfrisiert«, entschuldigte sie sich bei ihm. – »Und um so scharmanter«, war die ritterliche Antwort. Von da an trug Madame Dubarry ihr reizendes blondes Haar nicht mehr hoch aufgetürmt, nicht mehr gepudert. Sie hatte eine neue Mode erfunden. Ja, die Kurtisane wagte es sogar, zur Messe im großen Dekolleté mit flatternden Locken zu erscheinen. Die alten Damen des Hofes, die nur noch ein paar spärliche graue oder weiße Haare ihr eigen nannten, und denen die künstlichen Haarfrisuren sehr zustatten gekommen waren, schrien Zetermordio wegen dieser Neuerung, aber die jungen machten es mit Vergnügen der Dubarry nach und fanden sich viel schöner in ihrem eigenen Haarschmuck. Nur die junge Dauphine Marie Antoinette und ihre Damen hielten es unter ihrer Würde, diese Mätresse aus den untersten Schichten des Volkes als ihre Führerin in Mode und Eleganz anzuerkennen. Im Gegenteil, die Frisuren der Marie Antoinette, der Madame de Lamballe und Madame de Polignac türmten sich noch um ein paar Zentimeter höher als üblich auf, so daß sogar Maria Theresia ihrer Tochter einen Verweis geben zu müssen für gut hielt. Sie schreibt am 15. März 1775 an ihre Tochter unter anderem: »Ebenso kann ich nicht zurückhalten, mit Ihnen über einen anderen Punkt zu sprechen, den die Zeitungen mir zu oft wiederholen: es handelt sich um Ihren Kopfputz, man sagt, daß die Frisur von den Haarwurzeln 36 Zoll in die Höhe gehe und mit einer Menge Federn und Bändern geschmückt sei, die das alles heben! Sie wissen, daß ich immer der Meinung war, die Moden mit Mäßigung mitzumachen, sie aber nie zu übertreiben.« Marie Antoinette mußte sich auch von ihrer klugen Mutter sagen lassen, daß sie kein Recht habe, die Mätresse des Königs mit Hochmut zu behandeln, sondern so mit ihr sprechen müsse, wie mit jeder anderen Dame, die bei Hofe empfangen werde. Die Dubarry war natürlich eine sehr teure und anspruchsvolle Favoritin. Ihre Eleganz und ihre Launen kosteten den König Unsummen. Abgesehen von den vielen kostbaren Geschenken an Diamanten, Perlen und sonstigem Schmuck, an Schlössern, Kunstgegenständen, Möbeln, Pferden und Wagen erhielt sie anfangs monatlich in bar 200 000 Franken zu ihrem persönlichen Verbrauch. Später wurde die Summe auf 300 000 Franken erhöht. Besonders kurios ist es, daß ihr diese bedeutende Summe stets in Silbertalern zu 6 Franken ausgezahlt wurde. Natürlich war es nicht nur nicht praktisch, die vielen schweren Geldsäcke von Paris nach Versailles oder Fontainebleau zu befördern, sondern auch gefährlich. Und wenn Madame Dubarry noch andere Summen dazu forderte – was meist geschah, denn sie kam nie mit der ausgesetzten Rente aus – so drohten die Wagen unter dem Gewicht der Geldsäcke zusammenzubrechen. Ihre Karossen und Chaisen waren die elegantesten und teuersten von ganz Frankreich. Nicht einmal die Brautkutsche, die der König für Marie Antoinette bestellte und mit der sie aus Deutschland abgeholt wurde, konnte mit der Karosse der Kurtisane konkurrieren. Sie hatte sie sich im selben Jahre bestellt. Allerdings gingen die Gerüchte, daß Madame Dubarry sie von ihrem Geliebten, dem Herzog von Aiguillon dafür bekommen habe, daß sie ihm seinen Ministerposten verschafft hatte. Der prachtvolle Wagen hatte 50 000 Livres gekostet. Aber bald darauf mußte sie ihn wieder verkaufen, wie man sagte, weil der König eifersüchtig auf das Geschenk seines Ministers war. Das ganze Leben dieser galanten und eleganten Frau war, wie die Goncourts sich ausdrückten, ein toller Traum eines in wahnsinniger Verschwendung und ausschweifendem Luxus sich auslebenden galanten Weibes, »einer Dirne, der bestausgehaltensten Frau Frankreichs«. Millionen werden für die Launen der Mode hinausgeworfen, Millionen für ein seltenes Schmuckstück, für Spitzen, Samt und Seide. Ein wahrer Strom von Gold ergießt sich über die Welt der Schneider, Modistinnen, Näherinnen, Gold- und Silberstickerinnen. Alle Morgen beim kleinen Lever empfängt diese unbekümmerte Frau, halbnackt im Bett liegend, Modekünstler und Kunsthandwerker. Kein Tag vergeht, ohne daß sie etwas bestellt. Und doch tat die Dubarry nichts anderes als was die anderen Damen des 18. Jahrhunderts auch taten. Es war allgemein Brauch, daß eine Frau der vornehmen Gesellschaft ihre Lieferanten entweder im Bett liegend oder in ihrem Badezimmer empfing. Sie lag dann ganz ungeniert in der Wanne, allerdings war meist darüber ein Tuch gebreitet, so daß der Körper nur bis unter die Brust sichtbar wurde. Manche Damen färbten auch das Wasser mit Eselsmilch, teils um die Haut zart zu machen, teils damit das Wasser undurchsichtig werde. Man fand aber durchaus nichts darunter, daß sogar das junge Mädchen der guten Kreise ihre Freunde im Bett liegend empfing. Wieviel mehr konnte sich daher eine Frau wie die Dubarry, die nichts von Schamgefühl und Moral mehr besaß, solche Freiheiten gestatten! 12. Das schöne Bein. Kolorierter Stich von Leclerc. Paris, 1786 Ihre Levers waren berühmt und berüchtigt. Wie bei den Levers der wahren Königinnen erschienen bei ihr die Minister und Gesandten des Königs, des Papstes und der auswärtigen Herrscher. Ganz nackt entstieg sie den seidenen Decken und Spitzenkissen ihres großen Bettes. Alle durften die schlanken Linien ihrer Beine, ihre Schenkel, die schöngeformte Büste, den straffen Leib ohne irgendwelche Hülle bewundern. Ungeniert bewegte sie sich vor den vielen Männeraugen der Höflinge und trieb die tollsten Scherze. Meist hatte sie es dabei auf die ernstesten Würdenträger abgesehen, die nicht wagten ihre Frechheiten abzuweisen. Eines Morgens streckte sie im Übermut einmal dem päpstlichen Nuntius das eine nackte Bein und dem Almosenier des Königs das andere hin. Sie mußten ihr die hohen Stöckelpantoffeln anziehen. Erst dann ließ sie sich von ihrem Kammermädchen ein bezauberndes Negligé aus Spitzen und Seide reichen, das sie indes weit mehr ent- als bekleidete. Übrigens hatte sie in derartigen Extravaganzen und Scherzen berühmte Vorgängerinnen unter den Damen des Hofes. So die Herzogin von Maine, die eine Zeitlang in ihrem Schlafzimmer, während sie in einem sehr pikanten Negligé zu Bett lag, Maskenbälle veranstaltete. Dabei muß man in Betracht ziehen, daß im Schlafzimmer der eleganten Frau des 18. Jahrhunderts allerlei intime Gebrauchsgegenstände herumlagen und standen. Die Dubarry besaß in ihrem Schlosse in Luciennes einen wahren Feenpalast an Geschmack, Reichtum und Raffinement. Sie selbst ist wie eine Fee gekleidet. »Will man die Garderobe der Gräfin sehen,« sagen die Goncourts, »so braucht man nur die Rechnungsbücher zu betrachten, die in der Pariser National-Bibliothek liegen. Es sind kostbare Nachweise und wahrhaftig das einzige Erinnerungs-Dokument, das das Andenken der regierenden Dubarry verdient ... Man findet darin das Theaterkleid geschildert, das sie der Schauspielerin Raucourt oder dem Schauspieler Lekain schenkte, das Kaffeegedeck, das aus indischem feinem Bazin sein mußte, und sogar den letzten Morgenrock nebst »Sultan« und Pantoffeln, die sie für den König bestellte. Wir erfahren von ihrer kleinen Livree aus gemsfarbenem silberbesetztem Tuch, von der großen Livree aus dunkelrotem Samt. Sogar der Neger Zamore wird uns in seinem sächsisch-grünen, goldbesetzten Rock vorgeführt. Ferner der entzückende Vorläufer der Frau Gräfin in verschnürtem himmelblauem polnischem Rock mit gemsfarbenen Trikots ... Wenn man Lust hat, die Garderobe der Dubarry zu betrachten, so kann man die Hoftoiletten, Krinolinenkleider, die Roben »sur la considération« und die »robes de toilette« an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Da gibt es Kleider zu 1000, 2000, 5000 und 10 000 Franken, die die Modehändler Buffant, Lenormand, Assorty, Barbier und Bourjot lieferten. Madame Sigly fertigte die silberlamierten und mit Federtuffs übersäten Kleider, weiße duftige Toiletten mit Rosengirlanden, große Roben mit breiten Goldstreifen auf nelkenbestreutem Grunde, Kleider aus Brokat mit Goldlitzen verziert und mit einem Myrtenrand eingefaßt, sowie Reitkostüme aus Gourgouran, die 6000 Livres kosteten ... Seidene Kleider waren oft völlig mit den fabelhaftesten Mustern und farbigen Pailletten bestickt. Dazu kommen die äußerst kostspieligen Zutaten, der Ausputz, den ein Kleid damals verlangte. Pagelle, der Modekünstler der »Traits galants« von der Rue Saint-Honoré, verstand es mit unerschöpflicher Phantasie immer neuen entzückenden Tand zu schaffen. Es ist darum nicht erstaunlich, wenn eine einzige Toilette von ihm den Preis von 10500 Livres erreichte. Zu den Kleidern kamen noch die Spitzen, dieser zu allen Zeiten heißbegehrte Luxus der Frau. Auch dafür wurden Unsummen aufgewendet... Einen besonderen Sinn hatte die Dubarry für nette Nippes und kostbare Nichtigkeiten aller Art. Betrachten wir nur ihre Ankäufe aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur von Sèvres. Sie erwarb für ihr Palais Luciennes große mit Henkel versehene Vasen mit Widderköpfen, entzückende Körbchen mit Rankenmustern, Teekannen mit Biskuit-Porzellangriffen und herrliche königsblaue Blumenvasen mit Gitterwerk. Dutzende dieser zerbrechlichen Kunstwerke gingen vorerst im Schmelzofen zugrunde, ehe ein einziges dieser Prachtstücke wirklich gelang. Tafelgeschirre in chinesischem Geschmack lieferte die Manufaktur für die Tage, an denen der König in Luciennes speiste. Der berühmteste Maler der Manufaktur hatte zweieinhalb Monate an dem Entwurf des zarten farbigen Dekors gearbeitet ... Die Aufzählung all dieser Verschwendung macht den Eindruck, als ob der Trésorier einer Kleopatra nur Preis und Wert der als Ausdruck einer Frauenlaune aufgelösten Perlen verrechnete. Bald kommen Gold und Silber zur Zierde von Tafel und Toilette dazu. Aber auch Silber ist für Madame Dubarry nicht mehr reich und prächtig genug. Sie wünscht ein Tafelservice aus reinem Gold mit Griffen aus blaurotem Jaspis. Roettiers, der Goldschmied, muß goldene Zuckerlöffel liefern, auf denen Amoretten mit Rosengirlanden graviert sind; eine goldene Kaffeekanne mit Füßen in antikem Stil, ein goldenes Milchkännchen mit den unerläßlichen Myrtenzweigen in den Vertiefungen. Schließlich hat sie auch den Wunsch nach einem goldenen Toilettentisch, Roettiers erhält den Auftrag. In ganz Paris spricht man von diesem Toilettentisch, und man sagt, die Regierung habe das Gold in einem Barren von 700 Pfund vorgestreckt. Aber schließlich müssen die Arbeiten wegen der übergroßen Kosten und wegen des Skandals eingestellt werden. In den Rechnungsbüchern findet man nur eine Entschädigung an Roettiers für einen angefangenen goldenen Frisiertisch ... Luciennes ist ein Palais-Boudoir, das in jeder Beziehung die edle Form und den letzten Schliff einer Kostbarkeit zeigt... Nichts fehlte in diesem feinen Palast. Es gab sogar, wie in einem von Paul Veronese gemalten Märchen, einen kleinen Hausmohren, den man als eine Art menschliche Mißgeburt betrachtete. Er reichte die Platten und Erfrischungen herum, hielt den Sonnenschirm und schlug Purzelbäume. Damit folgte man einer übermütigen Laune des im 18. Jahrhundert herrschenden Geschmacks der Chinoiserie und sah in dem Neger sozusagen einen kleinen zweibeinigen Schoßhund. Den Namen Zamore verdankte er dem Prinzen von Conti... Zamore und Luciennes! Sie paßten so gut zusammen! Man betrachtete das Schloß so ganz als den Käfig des kleinen Negers, so daß der König eines Abends in einer Anwandlung tollen Übermuts den zu seinen Füßen spielenden Zamore zum Gouverneur des Schlosses ernannte mit einer Monatsrente von 600 Livres. Und lachend drückte der Kanzler auf das Gouverneurs-Patent des Leibaffen der Dubarry sein Siegel. Hier im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten konnte man auch sehen, wie ein smaragdgrüner sprechender Vogel vom Finger der Herrin auf die Schulter des Gouverneurs flatterte. Es war der Papagei, für dessen Überbringung Madame Dubarry einem Matrosen den Orden des heiligen Ludwig verlieh.« All dieser Glanz war wie ein Rausch über Madame Dubarry gekommen. Das Ende war um so schrecklicher für sie. Wie Marie Antoinette mußte auch sie ihre Lebenslust und ihre Verschwendung mit dem Tode auf dem Schafott büßen. Aber dieses triebhafte Wesen, das so sehr am Leben und seinen Genüssen hing, war angesichts eines so furchtbaren Endes völlig gebrochen und schwach. Sie war nicht resigniert wie die junge Königin, die ruhig und in sich gekehrt zum Richtplatz fuhr. Madame Dubarry war in ihrer Todesstunde bemitleidenswert. Sie schluchzte auf dem ganzen Wege, und die Menschenmenge hatte für die Unglückliche nur Hohn und Spott übrig. Als sie vor dem Modegeschäft vorüberfuhr, in dem sie einst selbst als kleine Modistin gearbeitet hatte, sah sie auf dem Balkon mehrere Arbeiterinnen stehen, die die Neugier herausgetrieben hatte, um ihre einstige Kollegin auf ihrem Leidenswege zu sehen. »Vielleicht«, sagen die Goncourts, »durchlebte Madame Dubarry noch einmal ihre ganze Vergangenheit in einer blitzartigen Erleuchtung. Ihre Jugend, Versailles, Luciennes, die Bilder eines ganzen Lebens glitten in der Erinnerung an ihr vorüber.« Es war der Traum einer Sekunde, aus dem sie mit einem lauten Schrei auffuhr. Ihr durchdringendes, herzerbarmendes Schreien konnte man von einem Ende der Rue Saint-Honore bis zum andern hören. Nur mit größter Mühe vermochten der Scharfrichter und seine beiden Gehilfen die sich wie wahnsinnig Gebärdende auf dem Karren festzuhalten. In ihrer Angst wollte sie sich auf das Pflaster stürzen. Ein von Tränen ersticktes Flehen folgte auf das Schreien. Die abgeschnittenen Haare hingen ihr bis in die Augen... Die Menge wunderte sich. Man war so sehr gewöhnt, die Menschen tapfer, ja sogar trotzig sterben zu sehen, daß zum erstenmal unter den Zuschauern das Gefühl erweckt wurde: in dieser Frau schleppt man ein Weib zum Tode!... Unter Tränen rief die Unglückliche fortwährend: »Das Leben! Das Leben! Wenn mir das Leben geschenkt wird, gebe ich dem Volke mein ganzes Vermögen.« – »Dein Vermögen? Du gibst dem Volke ja nur, was ihm gehört!« Dennoch schien man mit dieser um ihr kostbares Leben kämpfenden schwachen Frau Mitleid zu empfinden. Ein Kohlenträger gab dem Kerl, der so zynisch einer armen Unglücklichen geantwortet hatte, eine kräftige Ohrfeige, und der Henker machte den unliebsamen Szenen dadurch ein Ende, daß er den Wagen mit den Todesopfern im Galopp davonfahren ließ. Auf dem Richtplatz angekommen, ließ er Madame Dubarry zuerst aussteigen. Sie war fast wahnsinnig vor Angst und Entsetzen. Nur noch wenige Minuten, und dann sollte für sie, die das Leben so sehr geliebt hatte, alles zu Ende sein. Schluchzend fiel sie vor dem Henker nieder und flehte und schrie: »Nur noch eine Minute, Herr Henker! Bitte nur noch eine Minute!« Die Arme glaubte, er werde sich erweichen lassen. Und noch unter dem Beile schrie sie in Todesangst: »Hilfe! Hilfe!« – Niemand konnte ihr helfen. Ihr Schicksal war durch die Ereignisse besiegelt. Die wirklichen Königinnen Von den französischen Königinnen und königlichen Prinzessinnen des 18. Jahrhunderts haben weder Maria Leszczinska, noch deren Schwiegertochter, die Dauphine, noch vor ihr die Gattin des Regenten, die Herzogin von Orléans Anspruch auf das Prädikat einer besonders eleganten Frau. Und das bezieht sich sowohl auf ihre Lebensgewohnheiten als auch auf ihre äußerliche Eleganz. Die Herzogin von Orléans war viel zu faul, um irgend etwas für den Reiz ihrer Erscheinung zu tun. Sie lag den ganzen Tag auf ihrem Diwan, während ihre älteste Tochter, die ausschweifende Herzogin von Berry, nur Sinn für wüste Trinkgelage im Luxembourg-Palais hatte, an denen auch ihr Vater, der Regent Louis Philipp, mit seinen wenig vornehmen Mätressen teilnahm. Maria Leszczinska aber machte schon gar keinen Anspruch auf Eleganz, weder im Äußeren noch in ihrer Umgebung. Sie war fromm und liebte die Häuslichkeit. Sie war die meiste Zeit in ihren Gemächern mit Handarbeiten, mit Musik oder Büchern beschäftigt. Alle Etikette, aller Prunk, aller Schein waren ihr zuwider. Sie war auch die einzige Dame am Hofe Ludwigs  XV., die sich nicht schminkte. Und das zu einer Zeit, wo man es gar nicht anders kannte, als sich das Rouge in dicken Schichten auf die Wangen zu streichen. Als Casanova sie zum erstenmal bei der öffentlichen Tafel in Versailles sah, berichtete er: »Ich sah die Königin von Frankreich. Sie hatte kein Rot aufgelegt, war einfach gekleidet. Auf dem Kopfe hatte sie eine große Haube und sah alt und frömmelnd aus.« Sogar ihr Vater, der polnische König Stanislaus, wußte von der Uneleganz und Langweiligkeit seiner Tochter zu erzählen. Er war später auch gar nicht erstaunt, daß Ludwig XV. sie vernachlässigte und sich anderen, eleganteren und koketteren Frauen zuwandte. Dabei war sie gar nicht dumm und bei weitem gebildeter als die meisten Frauen ihrer Zeit. Sie sprach mehrere Sprachen, las viel und gute Bücher, musizierte, malte und interessierte sich für die verschiedensten Dinge und Künste. Und dennoch fehlte es ihr an dem besonderen Charme, den ein Mann bei einer Frau sucht. Sie war weder kokett noch zärtlich, aber auch nicht launenhaft und anspruchsvoll. Sie machte sich wenig aus den Genüssen des Lebens, am allerwenigsten aus ihrer Ehe. Ihre Hunde waren ihr lieber als ihr Gatte. Er wartete oft halbe Nächte auf sie in ihrem Schlafzimmer in dem großen prächtigen Himmelbett, während sie einzig und allein mit ihren Hunden beschäftigt war. Auch unter den von acht Töchtern Ludwigs XV. am Leben gebliebenen sechs befand sich keine, von der man hätte sagen können, sie habe als besonders elegante Frau eine Rolle gespielt. Im Gegenteil, sie vernachlässigten sich oft in einer Weise, die mit einem so glänzenden Hofe kaum in Einklang zu bringen ist. Zum »Coucher« ihres Vaters, der verlangte, daß seine Töchter, wenn er sich anschickte zu Bett zu gehen, in seinem Zimmer anwesend waren, staffierten sie sich oft ganz eigentümlich heraus. Madame Campan erzählt darüber Ergötzliches. Da sie meist schon in ihren Betten lagen, wenn es dem König gefiel, sein Lager aufzusuchen, es aber vorgeschrieben war, in großer Hoftoilette zum Coucher des Königs zu erscheinen, stülpten sie in der Eile über ihren Nachtanzug einen Brokatreifrock, banden sich eine viele Meter lange Schleppe um und zogen dann darüber einen weiten Mantel aus Taffet oder Seide, der den Betrug ihrer vorgetäuschten Hoftoilette verdeckte. Dann rannten sie wie die Besessenen zum König, blieben dort eine Weile und rannten ebenso wieder zurück, um sich so rasch als möglich in den Federkissen ihrer Betten zu verkriechen. 13. Der Streit um die Rose. Farbstich von Eymar nach L. Boilly. Paris, um 1795 Erst Marie Antoinette legte als Dauphine und Königin wieder Wert auf eine gewisse Koketterie und Eleganz. Es gibt sogar Historiker, die ihrer Koketterie allein die Schuld an dem Mißlingen der Flucht nach Varennes zuschreiben. Die Königin hatte ihren Coiffeur, den berühmten Léonard Autíer bestellt, um ihn und einige ihrer liebsten Kammerfrauen und Putzmacherinnen auf der Flucht mitzunehmen. Aber Autíer war, wie alle großen Künstler, unzuverlässig. Er kam zu spät, und der ganze so minuziös ausgeklügelte Fluchtplan kam zum Scheitern. Und doch war Marie Antoinette nicht in allen Dingen eine kokette und elegante Frau. Sie kleidete sich zwar schön und reich, aber ohne Sorgfalt. Sie war oft in ihrem Anzug liederlich und ungepflegt. Ihre Sauberkeit ließ zu wünschen übrig, besonders als Dauphine. Ihr Badezimmer benutzte sie nur selten. Meist wurde ein großes Gefäß mit Wasser in ihr Zimmer getragen, worin sie sich flüchtig wusch. Ihre Mutter, Maria Theresia, mußte sie wiederholt brieflich auf ihre Unsauberkeit hinweisen, besonders auf die Ungepflegtheit der Zähne. Überhaupt war das galante Zeitalter mit seinem unerhörten Luxus gleichzeitig das Zeitalter des Schmutzes und der Unhygiene. Ludwig XIV. wusch sich bekanntlich fast niemals. Er benetzte morgens nur flüchtig Gesicht und Hände mit Eau de Cologne und badete sich nur einmal im Jahr, im Frühling. Daher verbreitete er auch einen geradezu unerträglichen Geruch um sich, denn er hatte zum Unglück noch jahrelang ein eitriges Mundgeschwür, das die Ärzte nicht zu heilen verstanden. Es gab Bücher, die sogenannten »Anstandslehren«, in denen geradezu gegen alle Hygiene Front gemacht wurde. Sie empfahlen als äußerste Reinlichkeit »sich jeden Morgen das Gesicht mit einem weißen Linnen abzureiben«. Der Gebrauch von Wasser wird nicht erwähnt. Sogar Arzte vertraten den Standpunkt, daß allzugroße Reinlichkeit der Gesundheit schade. Regelmäßige Pflege des Mundes und der Zähne war überhaupt nicht üblich. Marie Antoinette verwandte darauf ebensowenig Sorgfalt wie ihre Zeitgenossen. Es gab keine oder nur wenige Zahnärzte. Alles auf diesem Gebiete lag in den Händen von Pfuschern. Plomben, Gold- und Silberfüllungen oder künstliche Zähne waren unbekannt. Daher hatten oft die schönsten und elegantesten Frauen faule und lückenhafte Zähne, die sie jämmerlich entstellten, sobald sie den vielbesungenen »herrlich geschwungenen Mund« des 18. Jahrhunderts auftaten. Mundgeruch verstand man nur durch Parfüms vorübergehend zu vertreiben. Auch die Ausdünstungen des Körpers wurden meist durch überaus starke Parfüms verwischt. Die Damen des Rokoko waren deshalb immer in eine betäubende Duftwolke gehüllt. Aber sie verstanden es auch wundervoll, ihre Parfüms zu wählen und ihrer Persönlichkeit anzupassen, wie alle Toilettenkünste, die sie anwandten, um ihre Schönheit zu unterstreichen und hervorzuheben. Das Pudern und Schminken war im 18. Jahrhundert eine wahre Kunst geworden, und man kann getrost mit Theophile Gautier in das Loblied über die Toilettengeheimnisse einer eleganten Frau einstimmen, wenn man an diese großen Künstlerinnen der Puderquaste und des Schminkstiftes denkt. »Bei dem seltenen Sinn für Harmonie« sagt er, »der die Damen auszeichnet, haben sie begriffen, daß zwischen der großen Toilette und der natürlichen Erscheinung ein Mißverhältnis besteht. Wie geschickte Maler die Fleischtöne und die Draperien durch leichte Lasuren in Einklang setzen, pudern die Frauen ihre Haut weiß, damit sie neben den Spitzen, dem Moiré, dem Atlas nicht grau erscheint. Sie geben ihr dadurch eine Einheit des Tones, die den Vorzug vor dem Nebeneinandersetzen von weiß, gelb und rosa verdient, wie er der reinsten Haut eignet. Durch diesen feinen Mehlstaub geben sie ihrem Teint einen Marmorschimmer und nehmen ihm die rotbäckige Gesundheit, die für unsere Zivilisation eine Grobheit bedeutet.« Aber Puder und Schminke dienten im Zeitalter der Galanterie nicht allein nur zur Hervorbringung eines jugendfrischen harmonischen Teints. Sie sollten und mußten in vielen Fällen die Spuren der fürchterlichen und sehr stark verbreiteten Pocken verdecken. Denn die meisten Menschen waren damals von dieser entsetzlichen Krankheit gezeichnet. Ludwig XV. starb sogar daran. Marie Antoinettes Teint allerdings war der schönste, den man sich denken konnte. Die Malerin Vigée-Lebrun hatte Mühe, so wundervolle Farben auf ihrer Palette für das Porträt der Königin zu finden, wie sie ihrer natürlichen Hautfarbe entsprachen. Und dennoch war Marie Antoinette nicht eitel genug, ihren schönen Körper zu pflegen. Als Dauphine wollte sie, wie es für damalige Mode absolut unerläßlich war, auch kein Korsett tragen, aber nicht etwa aus Gesundheits- oder Schönheitsrücksichten wollte sie sich nicht schnüren, sondern rein aus Nachlässigkeit und Bequemlichkeit. Die Folge davon war, daß sie, im Verhältnis zu den anderen Damen mit ihren Wespentaillen, breit und ungeschickt erschien, bis sie endlich dem Drängen ihrer Kammerfrauen und ihrer Mutter nachgab und wie alle anderen diese Mode mitmachte. Maria Theresia schickte ihr zu diesem Zweck Mieder aus Wien, die nicht so schwer wie die Pariser Korsetts gearbeitet waren. Den größten Wert legte Marie Antoinette auf ihren Kopfputz und ihre Reitkostüme. Sie war eine blendende Reiterin. Im Gegensatz zu den meisten ihrer französischen Zeitgenossinnen ritt sie, wie die Engländerinnen, immer im Herrensitz. Sie sah hervorragend gut aus in ihrem langen chamoisfarbenen Tuchrock, den engen langen Reithosen aus grünem Samt, dem Dreispitz und dem zu einem Zopf wie bei den Offizieren zusammengebundenen blonden Haar. Da sie als junge Frau sehr schlank war und fast keine Hüften hatte, sah sie zu Pferde aus wie ein sehr hübscher eleganter junger Mann. Ludwig XV. war so entzückt darüber, daß Madame Dubarry sich zur Jagd auch so kleidete, um ihm zu gefallen. Nur waren die Körperformen der Favoritin damals schon etwas runder, weicher und weiblicher als bei Marie Antoinette, die in der Blüte ihrer ersten Jugend stand. Sie war eben erst sechzehn Jahr alt. Die lebenslustige Marie Antoinette hatte nur den einen Wunsch, sich zu amüsieren. Und da ihr Mann die Vorliebe für Unterhaltung und Vergnügen nicht mit ihr teilte, sondern lieber an seiner Drehbank stand und schlosserte, suchte sie sich bald andere Gesellschaft. Graf Artois, der junge leichtsinnige Bruder ihres Gatten, wird ihr Begleiter auf der Hirschjagd im Bois. Er führte sie auch zum Rennen nach Sablon, wo die Unerfahrene mitten unter Jockeys, Lebeleuten und Abenteurern erscheint. Wenn Artois dann nach einer solchen Jagd oder nach einem Ausflug über Land die Nacht in lustiger ausgelassener Gesellschaft mit den übelbeleumundeten Mätressen seiner Freunde in den kleinen Jagdschlössern oder Petites Maisons verbrachte, so war der Hofklatsch und die Verleumdung schnell bei der Hand zu behaupten, die junge Königin sei auch dabei gewesen. Der Schein war gegen sie. Man sah den Grafen Artois überall mit ihr. Er war ihr Berater in allen mondänen Dingen. Er, der größte Wüstling von Paris, von dem man, wenn man gelinde von ihm sprach, sagte, er sei ein »großes, schlecht erzogenes Kind, das, wenn ihm seine Ausschweifungen und Laster einmal einen Augenblick Zeit ließen, nur Narrheiten und Leichtfertigkeiten begehe«. Er war es auch, der Marie Antoinette überredete, mit ihm die berüchtigten Opernbälle zu besuchen, wo sich alles traf, was es in Paris an Leichtfertigkeit und Lasterhaftigkeit gab. Damen der hohen Aristokratie und des Hofes, Dirnen, Abenteuerinnen, Schauspielerinnen, Figurantinnen vom Theater und eben auch die Königin von Frankreich mit einigen ihrer Freundinnen kamen nachts hier zusammen. Die Maske und der Domino waren keine sicheren Bewahrer der Heimlichkeit und des Inkognitos. Man erkannte Marie Antoinette immer. Aber man war ja nur allzu glücklich, wenn man sagen konnte, man sei auch auf diesen Bällen gewesen. Und die Damen beglückwünschten sich untereinander, wenn sie von den dort anwesenden Herren, gleichviel welchen Standes und welchen Rufes, recht abgedrückt und abgeküßt worden waren. Die Sucht nach Abwechslung und Zerstreuung stürzte die junge, von ihrem Manne vernachlässigte Königin ins Verderben. Man warf ihr vor, sie tanze bis fünf Uhr früh auf dem Opernball, kehre morgens halb sieben Uhr nach Versailles zurück und breche ein paar Stunden später, um zehn Uhr, bereits wieder mit dem Grafen Artois zur Jagd oder zum Rennen auf. Ihre Verschwendungssucht sowohl als Dauphine wie als Königin war sprichwörtlich. Man warf ihr die teuren prächtigen Toiletten vor, die hohen, mit kostbaren Straußen- und Reiherfedern geschmückten Coiffüren und Hüte. Man tadelte ihre Spielwut, ihre Vorliebe für Diamanten und sonstige Schmucksachen, weil sie sich immer wieder neue prachtvolle Stücke kaufte, obgleich bereits die Kronjuwelen, die sie trug, an Pracht alles in den Schatten stellten. Sogar Maria Theresia erfuhr von der Verschwendung ihrer Tochter und ersparte ihr nicht die bittersten Vorwürfe. »Alle Nachrichten aus Paris melden,« tadelte sie, »daß Sie sich Armbänder für 250 000 Livres gekauft haben und deshalb Ihre Finanzen in Unordnung gebracht und sich in Schulden gestürzt haben, und um dem abzuhelfen, einige von Ihren Diamanten für einen sehr niedrigen Preis hergegeben haben. Man schließt daraus, daß Sie den König zu soviel überflüssiger Verschwendung verleiten, die seit einiger Zeit zunimmt und den Staat in den trostlosen Zustand bringt, in dem er sich befindet... Dieser französische Leichtsinn mit all den extravaganten Schmucksachen! Meine Tochter, die beste aller Königinnen, sollte auch so werden! Dieser Gedanke ist mir unerträglich!« Mit dieser Vorliebe für Schmuck gab Marie Antoinette nicht nur den Damen des Hofes und des hohen Adels das Beispiel, möglichst viele Brillanten und Diamanten zu tragen, sondern auch die reichen Bürgerfrauen taten es den Damen der Hofkreise gleich. Alle waren mit Schmuck, besonders mit Brillanten und Edelsteinen, Smaragden, Rubinen, Saphiren förmlich behangen. Das 18. Jahrhundert brachte zauberhafte Kunstwerke der Goldschmiede- und Juwelierkunst hervor. Man sah kaum einen Menschen ohne Geschmeide. Und nicht nur die Frauen strahlten in funkelnder Pracht, nein auch die Männer. Monsieur, der Gatte der Liselotte, hatte an seinem überreich mit Gold bestickten Rock nicht ein leeres Plätzchen, wo nicht ein Diamant oder Edelstein angebracht gewesen wäre. Auch Federn, Rosetten, Schleifen, Bänder, Gold- und Silberquasten hingen sich die Geckenhaftesten an. Und die Frauen brachten die kostbaren Kleinodien überall an, wo es nur irgend möglich war: an Kleidern, im Haar; die Arme, der Hals, die Finger strotzten von Brillanten. Im Theater, auf den Bällen, bei Hofe und in anderen Gesellschaften waren die Festsäle in dieses Funkel- und Flimmermeer getaucht. Als Casanova zum erstenmal die Pariser Oper besuchte, fesselten ihn besonders die diamantenbedeckten Damen, die in den vorderen Logen saßen. Und als er noch am selben Abend die Bekanntschaft des Generalsteuereinnehmers, Herrn von Beauchamps und dessen Frau machte, luden sie ihn gleich zu einem Diner in ihr Palais ein. Dort fand er den Überfluß oder vielmehr die Verschwendung, die man in Paris damals bei allen Leuten dieser Klasse sah, bestätigt! Eine große elegante Gesellschaft von diamantengeschmückten Herren und Damen, hohes Spiel, ausgezeichnetes Essen und ungezwungene Fröhlichkeit bei Tisch. Die sehr dicke Dame des Hauses trug selbst ein Vermögen an Perlen, Brillanten und Schmuck mit sich herum. Die Verschwendung und der Luxus, die sich später Marie Antoinette erlaubte, waren also kaum eine Ausnahme. Sie vermehrte und vergrößerte natürlich auch ihre prächtigen Rennställe, verschönerte Trianon, teilte freigebig unter ihre Freunde Pensionen aus, unterhielt die Damen und Herren ihrer Umgebung durch ungezwungene Soupers und Gesellschaften. Die größte Anziehungskraft indes übte immer und zu jeder Zeit auf sie das Spiel aus, und zwar das Hazardspiel Pharao. Abend für Abend verlor Marie Antoinette Unsummen. Jeder, der wollte, konnte, ohne vorgestellt zu sein, an ihren Spieltisch treten und setzen. Die Hauptsache war, er brachte eine große Menge Geld mit und war nicht abgeneigt zu verlieren. Denn die Damen in der Umgebung der Königin betrogen auf die keckste Weise. Es ging das Gerücht, daß der Herzog von Chartres einmal an einem Abend, um der jungen Königin Freude zu machen, 50 000 Louisdor verloren habe. Maria Theresia war höchst unglücklich über diese unselige Leidenschaft ihrer Tochter. Sie zitterte für deren Zukunft. »Geben Sie sich keiner Täuschung hin,« mahnte sie, »das Spiel zieht sehr schlechte Gesellschaft und Handlungen in allen Ländern der Welt herbei... Es fesselt zu sehr durch die Lust zu gewinnen, und schließlich ist man immer geschädigt... Sie müssen dieser Leidenschaft mit einem Schlage entsagen, niemand kann Ihnen da einen besseren Rat geben als ich, weil ich einmal in derselben Lage war.« Aber alle Ermahnungen der Mutter nützten nichts. Die Königin frönte weiter dem Spiel. Die Spielwut an den französischen Höfen war übrigens von jeher sehr groß gewesen, und nicht nur am Spieltisch der Marie Antoinette wurde hoch gespielt. Die sehr elegante und in äußerst schlechtem Rufe stehende Herzogin von Berry, Tochter des Regenten und Enkelin der biederen Liselotte, verlor zum Beispiel einmal in einer Spielnacht 1800 000 Franken! Andere Damen und Herren des Hofes standen ihr nicht nach. Sogar der auf sein Geld erpichte und geizige Herr von Voltaire mußte einmal am Spieltisch 12 000 Franken lassen. Am Hofe Ludwigs XVI. tat man demnach nichts anderes als die Tradition aufrechterhalten. Marie Antoinette war aber nun einmal für die Pariser der Sündenbock und für alles verantwortlich. Man behauptete, Versailles und Fontainebleau seien nicht um ein Haar besser, wie die Spielhöllen von Spa und anderer Modebäder der Zeit. Man tadelte alles, was die Königin tat. Auch ihre Kinderlosigkeit. Man warf ihr vor, sie wolle lieber spielen und sich amüsieren, als Mutter sein. Und sogar, als sie später ihren drei Kindern die liebevollste Mutter wurde, ist man ihr nicht gerecht geworden. Man konnte es ihr wohl nicht vergessen, daß das erstgeborene Kind kein Thronfolger war. Bei dieser Gelegenheit ist es für die Sittengeschichte interessant zu erfahren, was eine regierende Fürstin erdulden mußte, wenn die Stunde ihrer Entbindung nahte, jene Stunde, in der die einfachste Bürgersfrau geschont und behütet wird, damit sie keinerlei Aufregung erleidet, jene Stunde, in der sich jede Frau danach sehnt, ihr Familienglück allein mit ihrem Gatten zu genießen. Aber die Königinnen gehörten dem Volke. Es wollte und durfte nicht nur zusehen, wie die Könige speisten, sondern auch wie die Königinnen entbunden wurden. Bei Marie Antoinettes erster Niederkunft gebärdete sich das Publikum besonders wild. »Sobald die Wehen begonnen hatten und die Königin auf ihr zur Entbindung hergerichtetes Lager gebettet war, versammelte sich die königliche Familie um sie, während der übrige Hofstaat, samt allen Ministern und Staatssekretären, in den Vorgemächern den großen Augenblick erwartete. Auf den Ruf: »Die Königin wird entbunden!« drang auch das draußen harrende Volk ein, mischte sich in buntem Gedränge unter die Höflingsschar und diese ganze unbändige Menge stürzte ins Schlafzimmer der Königin, denn die Etikette verlangte, daß jeder in solchem Augenblick eintreten durfte und keiner zurückgewiesen werde. Als Marie Antoinette von ihrem ersten Kinde entbunden wurde, wälzte sich das Volk in seinem freudigen Ungestüm so wild zu ihrem Bett, daß die Bettschirme, obschon sie vorsichtshalber festgebunden waren, dem Andrang kaum standhielten und fast auf die vor Schmerzen stöhnende und nach Luft ringende junge Königin gefallen wären. Um ihr Bett herum trubelt das Volk wie auf einem öffentlichen Platz, und die Blicke der Neugier haben das Privileg, die bei jeder Bewegung sich entblößenden Reize ihres schönen Körpers zu betasten. Dieser Brauch hatte den Sinn, das Land vor der Möglichkeit einer Kindesunterschiebung zu bewahren und jeglichen Verdacht einer Täuschung zu verhindern.« Diese Schilderung gibt Moreck in seiner »Geschichte des Bettes« und sie wird durch alle zeitgenössischen und späteren historischen Werke über das Leben der unglücklichen französischen Königin bestätigt. Erst Napoleon schaffte die Unsitte der öffentlichen Entbindung ab, denn als Marie Louise den König von Rom gebar, waren nur der Arzt, die Hebamme, eine Kammerfrau und die zukünftige Gouvernante des kaiserlichen Kindes im Schlafzimmer der Wöchnerin anwesend. Den in den angrenzenden Gemächern wartenden Familienmitgliedern und Höflingen wurde das glückliche Ereignis von Napoleon selbst verkündet, aber man besuchte die junge Wöchnerin erst viel später. Abgesehen von diesen wenig schönen Sitten und Gebräuchen in Marie Antoinettes Dasein als Eigentum des Volkes, verknüpfen sich mit ihrem Leben unauslöschliche Erinnerungen an glänzende Hoffeste, an Verschwendungssucht, Tand und Putz, an Diners, Bälle und Balletts, bei denen sie immer als die Schönste glänzte. Horace Walpole, der an einem dieser Bälle bei Gelegenheit der Vermählung Madame Clotildes, der Schwester Ludwigs XVI. teilnahm, findet nicht Worte genug, wie schön Marie Antoinette an diesem Abend aussah. »Man hatte nur Augen für die Königin. Hebe und Flora, die Griechinnen und Grazien sind, mit ihr verglichen, die reinsten Mädchen von der Straße. Ob sie steht oder sitzt, immer ist sie eine schöne Statue. Wenn sie sich jedoch bewegt, ist sie die personifizierte Grazie. Sie trug ein Kleid aus Silberlamé mit Rosenlorbeer bestickt, verhältnismäßig wenige Diamanten, aber lange Straußenfedern. Man sagt, sie tanze nicht rhythmisch. Nun, daran ist jedenfalls nicht sie, sondern der Rhythmus schuld.« Auch Frau von Oberkirch preist in ihren Erinnerungen Marie Antoinettes Schönheit, Eleganz und Liebenswürdigkeit. Über eines jener großen Feste in Versailles, zu dem viele auswärtige Fürstlichkeiten und Gäste geladen waren, schreibt sie: »Man kann sich keine Vorstellung von dem Glanze und diesem Reichtum machen. Die Toiletten waren märchenhaft. Die Königin, schön wie der Tag, belebt alles mit ihrer glänzenden Erscheinung.« Anders dachte die biedere Maria Theresia über diese Eleganz ihrer schönen Tochter. Sie hielt sie für übertrieben und meinte: »Eine junge hübsche Königin, so voller Anmut, hat alle solche Tollheiten nicht nötig; im Gegenteil, die Einfachheit des Putzes hebt die Erscheinung und paßt besser zum Rang der Königin; sie muß den Ton angeben, und alles wird sich beeilen, selbst ihre kleinen Wunderlichkeiten anzunehmen.« 14. Die Amazone in Longchamps. Direktoirezeit. Pariser Modenblatt von 1798 Mit ihrer Jugend und Lebenslust brachte Marie Antoinette an den sonst eintönigen und langweiligen Hof Ludwigs XVI. Abwechslung und Freude. Sie und ihre ebenfalls jungen Freundinnen, Madame de Polignac, Madame de Lamballe, die reizende Herzogin von Orleans, verschiedene Damen der hohen Aristokratie, die Rohan-Guémené, die Choiseul, die Coigny, die Gramont und andere veranstalteten Feste, Bälle, Konzerte, Jagdpartien und Ausflüge. Die temperamentvolle Königin selbst trug in Versailles und Fontainebleau durch kostümierte Balletts und sonstige Veranstaltungen viel dazu bei, daß man bei den Soireen des Hofes nicht vor Langeweile starb. Immer wieder erfand sie etwas Neues. Besonders im Kleinen Trianon, jenem entzückenden Schloß, das den Stempel ihrer Persönlichkeit trug. Als Ludwig XV. starb und Trianon nicht mehr von Madame Dubarry benutzt wurde, weil sie den Hof verlassen mußte, bat Marie Antoinette ihren Mann, er möchte ihr das Schloß als Landaufenthalt schenken. Bei dieser Gelegenheit legt man Ludwig XVI. die Worte in den Mund: »Madame, dieser schöne Ort ist immer der Lieblingsaufenthalt der Favoritinnen der Könige gewesen, er soll daher auch der Ihre sein.« Abgesehen davon, daß Ludwig XVI. kein Phrasenmacher war und daß er das schon deshalb nicht gesagt haben würde, weil er die ganze Mätressenwirtschaft seines Großvaters haßte, besonders aber dessen letzte Geliebte, nahm Marie Antoinette dieses Geschenk mit der größten Freude an, und Trianon wurde tatsächlich ihr Lieblingsaufenthalt. Sie war eine glänzende Gesellschafterin und nicht nur eine liebenswürdige, sondern auch eine sehr generöse Gastgeberin. Als der zukünftige Paul I. von Rußland und seine Gattin im Frühjahr 1782 als Graf und Gräfin du Nord dem französischen Hofe einen Besuch machten, gab es in Fontainebleau, Versailles und in Trianon die glänzendsten Empfänge und Veranstaltungen. Marie Antoinette erfand täglich neue Überraschungen für die junge Großfürstin. In Sevres bewunderten die russischen Gäste unter anderem eine besonders schöne Frisiertoilette aus lapisblauem Porzellan mit goldenen Füßen und goldverzierten Toilettegegenständen. Es war ein Meisterwerk der französischen Porzellanmanufaktur. Großfürstin Marie war begeistert und rief überzeugt aus, es sei sicher für die Königin angefertigt worden. Wie sehr erstaunte sie jedoch, als sie näher trat und auf allen Gegenständen, die die Coiffeuse zierten, ihre eigenen Wappen und Namenszüge fand. Ein Geschenk Marie Antoinettes! Am nächsten Tag überraschte die Königin ihren Gast mit einer nicht weniger kostbaren Gabe. Großfürstin Marie und Marie Antoinette saßen zusammen in dem reizenden kleinen Theater von Versailles. »Wie mir scheint«, sagte plötzlich die Königin zur Großfürstin, »sind Sie ebenso kurzsichtig wie ich. Aber ich helfe mir mit einer kleinen diskret angebrachten Lorgnette in meinem Fächer. Versuchen Sie doch einmal, ob Sie damit besser sehen.« Und damit reichte sie ihr einen wundervollen, reich mit Brillanten und Edelsteinen geschmückten Fächer, in dem eine Lorgnette angebracht war. Mit einer graziösen Bewegung dieses Fächers bediente man sich des Augenglases, ohne daß die anderen Leute auf die fehlerhafte Sehkraft einer schönen Frau aufmerksam wurden. Die Großfürstin war über diese Erfindung entzückt und durfte das kostbare Kleinod behalten. In dieser liebenswürdigen Weise beglückte und erfreute Marie Antoinette alle ihre Gäste. Hatte sie der Hof schon als Dauphine gelangweilt, jetzt, als Königin, wollte sie sich soviel wie möglich von seinen ermüdenden Pflichten und Zeremonien befreien. Sie liebte die Natur, die Intimität, eine freie, ungezwungene Geselligkeit. Wenige Schritte von dem feierlich steifen Versailles entfernt konnte sie allen Neigungen frönen. Trianon sollte ihr das Leben ihrer Mädchenzeit in Schönbrunn ersetzen. Alle Etikette sollte daraus verbannt sein. Und das hat ihr mehr geschadet als alles, mehr als ihre Putzsucht, mehr als ihre Leichtlebigkeit und Unbesonnenheit, mehr als ihre Verschwendungssucht. Denn bei den Festen in Trianon, die manche Zeitgenossen und Historiker, besonders Mercier und der Prince de Ligne, mit dem Namen »Orgien« belegen, spielte Graf Artois den Maître de Plaisir. Hier glaubte die Königin mit ihren Damen leben und sich kleiden zu können, wie sie wollten. Meist trugen sie ein langes, in weichen Falten herabfließendes weißes Linon- oder Musselinkleid, ein über der Brust geknüpftes Spitzenfichu und einen großen Florentiner Hut mit Bändern und Blumen. Reifrock und Brillanten, Schleppen und das Fischbeinkorsett waren verbannt. Aber diese Einfachheit sagte den Parisern an ihrer Königin auch wieder nicht zu, obwohl man seit langem über die kostbaren Geschmeide, den Diamantschmuck, die teuren Seidenstoffe für die mit vielen Volants und Rüschen besetzten Reifröcke, über die unerschwinglichen echten Spitzen, die Blumen und Bänder, die immer höher und anspruchsvoller werdenden Frisuren murrte und Marie Antoinette allein diese Modenarrheiten und Extravaganzen zuschob; obgleich man sich nicht genug tun konnte in Schmähungen über ihre Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht, so mokierte man sich doch jetzt, als sie zur Einfachheit Neigung zeigte, ebenso wie man früher geschimpft hatte. Als man sie zum erstenmal so gekleidet sah und die ersten Bilder der Malerin Vigée-Lebrun von der Königin in dieser entzückenden Tracht erschienen, sagten die Pariser geringschätzig: »Die Königin zieht sich wie ein Dienstmädchen an«. – Andere meinten, weil ihr Kleid nur von Batist oder Musselin war: »Sie will wohl die Lyoner Seidenindustrie zugrunde richten. Denn wenn sie keine Seide mehr trägt, kaufen die anderen Damen auch keine«. Nie konnte sie es den Franzosen recht machen, gleichviel ob sie einfach oder verschwenderisch gekleidet war. Natürlich verzichteten die Damen in Trianon ebensowenig auf Modetorheiten wie in Paris, und die Einfachheit war nicht immer Parole. So erzählt wiederum Madame Oberkirch, daß sie im Jahre 1782 in Trianon an einem der glänzendsten Bälle teilgenommen habe, den sie je erlebte. Es wurden dort die prächtigsten Toiletten der ganzen Saison getragen. Von sechs Uhr morgens an war die Zofe der Baronin beschäftigt, sie zu frisieren und anzukleiden, um bis zum Abend mit der komplizierten Hofrobe und Frisur fertig zu werden. »Ich versuchte damals«, erzählt sie, »eine sehr moderne aber höchst unbequeme Haarfrisur. Die neueste Errungenschaft der Mode waren nämlich kleine mit Wasser gefüllte Flakons, die in die Frisur gesteckt wurden, damit die vielen lebenden Blumen, die das Haar schmückten, sich frisch erhielten. Zwar gelang das nicht immer, aber wenn man es erreichte, war es reizend. Der Frühling auf dem Kopfe der schneeweiß gepuderten Haare machte einen ungeheuren Effekt.« Man kann sich denken, daß die so geschmückten Damen ihren Kopf immer steif halten mußten, wenn sie nicht riskieren wollten, daß es auf ihre Nachbarn regnete. Auch Marie Antoinette trug eine ähnliche Frisur an diesem Tage. Aber ganz besonders beneidet wurde eine andere Dame des Hofes um ihre höchst sonderbare Idee – man nannte sie »originell«. Sie trug einen kleinen bunten Vogel aus kostbaren Steinen in ihrem Haar, der bei jeder Bewegung der Trägerin über einer lebenden Rose auf und nieder hüpfte, denn er war an einem feinen Draht befestigt, so daß es aussah, als schwebe oder fliege er beständig über dem Haupt der schönen Koketten. Und es gab noch viel größere Übertriebenheiten. »Frau von Lauzun«, berichtet der Biograph Lauzuns, Gaston Maugras, »schienen diese Modetorheiten ganz besonders zu gefallen.« Sie hatte die Pocken gehabt und erschien zum erstenmal wieder in Gesellschaft bei Madame Dudeffant mit einem aufsehenerregenden Haarpuff. »Dieser Puff stellte eine ganze Landschaft im Relief dar: ein bewegtes Meer, Enten, die an den Ufern schwimmen; einen Jäger auf dem Anstand, im Begriff, die Enten zu schießen. Auf dem Gipfel der Frisur aber befand sich eine Mühle, deren Müllerin sich von einem galanten Abbé den Hof machen läßt. Ganz unten aber, unterhalb des Ohres, steht der Müller, der einen Esel am Halfter führt.« Man bewunderte und belachte diese »fabelhafte« Idee nicht nur wegen ihrer Originalität, sondern vor allem wegen ihrer Anspielung auf den galanten Charakter der Herzogin, die damit ihre außerehelichen Eskapaden zugestand. Es gab indes noch ganz andere Frisuren, die viel deutlicher die Erotik betonten, als die Coiffure der Herzogin von Lauzun. Daß die eleganten Frauen bei derartig komplizierten Haarfrisuren nicht auf große Hygiene des Kopfes und der Haare achten konnten, liegt auf der Hand, zumal man im 18. Jahrhundert es überhaupt mit der Reinlichkeit nicht genau nahm. Das Haar wurde ganz selten, vielleicht nur einmal im Jahre oder auch nie gewaschen. Solche Frisuren mußten oft wochen-, ja monatelang halten. Es war daher durchaus keine Seltenheit, daß sich Ungeziefer einnistete und der koketten Trägerin dieser monströsen Haargebäude oft recht übel zusetzte. Natürlich war es verpönt, sich zu kratzen, obwohl es zierliche Gratte-Têtes gab. Aber man durfte sie doch nur im geheimen gebrauchen, wenigstens am französischen Hofe. Bei Katharina II. war es allerdings anders. Dort war es erlaubt, daß sich die Damen in aller Ungeniertheit auf dem Kopfe kratzten, wenn es unter der Frisur juckte. Auch die Reinlichkeit der reizenden, zur Liebe geschaffenen Boudoirs jener eleganten Königinnen, Fürstinnen und Weltdamen ließ sehr zu wünschen übrig, was um so mehr erstaunt, als auf die Ausstattung mit luxuriösen Stoffen, wertvollen Kunstgegenständen und Hölzern so großer Wert gelegt wurde. Die mit aller Verschwendung und Überfluß eingerichteten Schlösser starrten vor Schmutz und Unrat, nicht nur während der Regierungszeit des strahlenden Sonnenkönigs, sondern auch noch zur Zeit Marie Antoinettes. Der Herzog und die Herzogin von Sachsen-Teschen waren jedenfalls höchst erstaunt und entsetzt, als sie bei einem Privatbesuche in Versailles bei Marie Antoinette die Treppen und Gänge und auch die Zimmer des Schlosses erstens mit einem sehr üblen Geruch angefüllt und zweitens von beispiellosem Schmutz starrend vorfanden. Besonders waren die Treppen mit allerlei Unrat bedeckt. Schon Liselotte erzählt, daß zu ihrer Zeit die Damen mit ihren eleganten Atlas- und Brokatschuhen, in ihren langen kostbaren Hofkleidern und Schleppen auf den Zehenspitzen und mit hochgehobenen Röcken über die Pfützen und den Schmutz balancieren mußten. Denn viele dieser Gänge und Treppen wurden am Hofe des Sonnenkönigs wie Bedürfnisanstalten benutzt. Man dachte nicht daran, diese Unsitte abzuschaffen. Da man nicht an Hygiene und Reinlichkeit gewöhnt war, fielen derartige Zustände selbst den verwöhntesten Frauen kaum auf. Alle Eleganz war nur auf den äußeren Schein eingestellt. Jede und jeder war mit seinen Liebesintrigen, seinem Putz und seinem Tand, seiner äußeren Erscheinung dermaßen beschäftigt, daß die Reinlichkeit sehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Ja sogar die geringen Bestrebungen Marie Antoinettes, ein wenig Hygiene in die Gewohnheiten des Hofes einzuführen, scheiterten ja, wie wir weiter vorn gesehen haben, und gaben zum Tadel Anlaß. Auch in allen anderen Dingen hatte sie sich die Gunst der Pariser verscherzt. Man hielt sie allgemein für frivol, oberflächlich, putz- und gefallsüchtig, obwohl ihre Verschwendung und Koketterie, ihre Sucht nach Luxus und Vergnügen durchaus nicht aus dem Rahmen der Zeit sprangen. Diese letzte junge, elegante und liebenswürdige Königin des Ancien Régime mußte leider die relativ wenigen Fehler, die sie beging, für die großen Verbrechen, welche die galanten französischen Höfe durch ihre ungeheure Genußsucht am Volke begangen hatten, mit dem Tode auf dem Schafott büßen. Auf ihrer letzten traurigen Fahrt zur Richtstätte, die sie auf einem Leiterwagen zurücklegte, war an der einst schönen Königin nichts mehr von Pracht und Glanz zu sehen. Sie war eine gealterte, von Sorge und Leid gebrochene Frau. Mit gefalteten Händen, ganz in sich gekehrt, saß sie auf einem der Bretter des Wagens. Ihre Hände waren mit einem Strick zusammengebunden, den der Henker festhielt. Sie hatte ein weißes Brusttuch aus Musselin um, einen Morgenrock aus weißem Pikee über einem ärmlichen schwarzen Unterrock an. Auf dem von ihr selbst abgeschnittenen Haar, das die Tage und Nächte des Schreckens ergraut hatten, saß eine weiße Batisthaube und umrahmte das totenbleiche verhärmte Gesicht. Das war die letzte Toilette der einst schönen und eleganten Königin Marie Antoinette. 15. Der Vorwand der Koketten. Kolorierte Radierung von Debucourt. Paris, 1801 Die Göttinnen der Revolution und des Direktoriums Nymphen und Merveilleusen Der neunte Thermidor hatte der Schreckensherrschaft ein Ende gemacht. Die Angst vor allem Auffälligen in Kleidung und Lebensgewohnheiten, vor allem aber die Angst, als reich oder begütert zu gelten, war von allen Menschen gewichen. Wie aus einem schweren Traume erwachend, stürzten sich die Franzosen, besonders die Pariser, in einen sinnverwirrenden Strudel von Vergnügungen. Man brauchte sich jetzt nicht mehr ausschließlich mit der Sorge um sein Leben zu beschäftigen. Der Tod lauerte nicht mehr in jedem Winkel. Er war nicht mehr die einzige Zerstreuung des von barbarischen Genüssen übersättigten und verrohten Volkes. Die öffentlichen und privaten Vergnügen waren nicht mehr einer tyrannischen Zensur unterworfen. Der Reichtum war kein Verbrechen mehr. Man bewegte sich freier, ungezwungener, gab wieder Gesellschaften und zeigte sich nicht mehr als wilder Republikaner, der in der Ungepflegtheit und Vernachlässigung des Äußern seine »echte republikanische Gesinnung« zur Schau tragen mußte. Reifrock und Haarpuder des Ancien Regime waren schon kurze Zeit vor der Revolution verschwunden, aber die eigentliche Umwälzung in der Mode und Eleganz der Frau datiert erst wieder von 1793. Der 9. Thermidor war der Siegestag der Frau. Eine neue Zeit stieg auf und brachte eine ganz neue Gesellschaft hervor. Eine durch die Revolution mit ihren Entbehrungen und Schrecken nach allen sinnlichen Genüssen gierige Gesellschaft. Sie baute sich auf den Trümmern des Terrors auf und bestand aus einem Gemisch von Leuten des alten Regimes und der neuen Herrschaft mit mehr oder weniger republikanischer Gesinnung. Es gab wieder reiche Bürger, die neben der Finanzaristokratie und den Überbleibseln der wahren Aristokraten des Faubourg Saint-Germain eine Rolle spielten und nicht selten von ihnen um Schutz und Vergünstigungen ersucht wurden. Der Adel hatte ausgespielt und der Bürgerstand die Oberhand. Nicht mehr Saint-Germain war der Schauplatz der Pracht und des Glanzes, sondern die Chaussée d'Antin. Alle Reifrocketikette war verschwunden und hatte einer ungezwungenen Geselligkeit Platz gemacht. Diese Ungezwungenheit artete indes bald in Zügellosigkeit aus, und die Gesellschaft unter dem Direktorium besaß sehr viel Ähnlichkeit mit einem Rummelplatz, wo für jeden Geschmack gesorgt ist. Es kamen besonders alle niederen Leidenschaften auf ihre Kosten: Agiotage, bezahlte Liebe, jeder Handel, der selbst das kleinste Gefühl ausschloß. Es wurden zwar wieder Ehen geschlossen, was während der Revolution verpönt war, aber noch mehr Ehen wurden gelöst. Die Goncourts schildern diese neue Gesellschaft in ihrem »Société Française sous le Directoire« höchst anschaulich. Unwillkürlich denkt man beim Lesen dieser Sittenschilderung, wieviel Ähnlichkeit die damalige französische Welt mit der Gesellschaft unserer Nachkriegszeit besaß. Der Vergleich liegt so nahe, daß man ihn nicht umgehen kann. »Öffentliche Promenaden, öffentliche Gärten, öffentliche Bälle sind die Salons des Direktoriums. Salons der Gleichheit, die einen dem Zahlenden, die anderen dem ersten besten geöffnet, der kommt. Die Gesellschaften sind nicht mehr intime Familienfeste, sondern Gastmähler der Brüderlichkeit! Es gibt weder Rang noch Kaste. Alle amüsieren sich untereinander und in aller Öffentlichkeit. Die Gesellschaft ist nur zu Hause, wenn sie nicht zu Hause ist. Der wahre Salon ist die Straße und die öffentlichen Tanzsäle, die Vergnügungsstätten in den Champs-Élysées, ja sogar im Montmartre, von wo aus allabendlich zahllose Feuerwerke auf Paris losgelassen werden. Die Frau ist nicht mehr jenes überzarte, verzärtelte und künstliche Wesen, das nichts, dem äußeren Scheine nach, Unweibliches oder Unästhetisches tun darf. Sie ißt, tanzt, trinkt nach Herzenslust und amüsiert sich genau so wie die Männer mit einer Freiheit, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. Das junge Mädchen tanzt mit dem ersten besten, der sie holt. Schauspielerinnen und die Gattinnen der Direktoren, ehrsame Bürgersfrauen und berüchtigte Kokotten bewegen sich Seite an Seite im gleichen Gesellschaftskreis. Die Frau des Direktoriums scheint ihren Geist materialisiert, ihr Herz animalisiert zu haben. Es gibt weder zarte Aufmerksamkeiten von Seiten der Herren, noch Verlegenheiten von sehen der Damen in delikaten Liebesangelegenheiten. Alles liegt gerade auf der Hand. Direkte Anträge und Vorschläge, ohne irgendwelches Werben des Mannes, ein rasches Draufeingehen der Damen. Eine Verbindung oft nur für ein paar Stunden, für eine Nacht. Dann geht man auseinander, ohne Bedenken. Es gibt keine verbotenen Früchte in diesem Paradies. Die Parole heißt: Ich will dich, du willst mich, wir wollen uns beide. Wenn wir uns nicht mehr mögen, gehen wir auseinander. Für diejenigen, die sich unvorsichtigerweise durch die Ehe enger miteinander verbunden hatten, gab es schnelle Scheidung. Wie eine leichte reizende Verkaufsware geht die Frau des Direktoriums durchs Leben, ihrem Glück nach. Sie löst den Gürtel und knüpft ihn, wie sie ihn eben braucht. Sie ist Gattin, solange sie das nicht langweilt, Mutter, solange es sie amüsiert. Der Mann fliegt von einer Schönen zur andern in den Bacchanalen der vielen Nachtlokale, die sich seit dem 9.Thermidor in Paris aufgetan haben. Man scheidet sich wegen einer Bagatelle, man verheiratet sich, um sich wieder scheiden zu lassen, man verheiratet sich aufs neue und scheidet sich zum dritten- und viertenmal.« Auch jetzt herrscht wieder die Frau, aber es ist eine andere Herrschaft als die der zierlichen Rokokodame. Es gibt nichts Verstecktes mehr, das Geheimnisvolle ist aus der Koketterie der Frau verschwunden. Das tut sich schon in der äußeren Erscheinung kund. Die Merveilleusen, die Nymphen legen in ihrer Eleganz eine Überspanntheit und Herausforderung an den Tag, die ihnen die größten Triumphe sichert. Manche Damen verstehen die Mode der Antike so falsch, daß sie meinen, alles, was nackt zur Schau gestellt ist, sei griechisch oder römisch. Die Kleider haben keine Ärmel mehr, die Arme sind nackt, es gibt keine Schuhe, nur noch Kothurne oder besser, Sohlen mit Bändern. Unterröcke und Hemden sind verschwunden. Daher der Name Sans-chemises für die Damen. Die Brust wird durch einen Büstenhalter noch mehr heraufgedrückt und ganz offen ohne Busentuch getragen. Das Mieder, das noch kurz vorher eine so große Rolle spielte, ist verpönt. Es wurde sogar von den Politikern in der Gesetzgebenden Versammlung als »schädigend für das Volk« hingestellt, und man plaidierte für Abschaffung. Madame Hamelin trieb diese legere Mode so weit, daß sie eines Tages nur mit einem Tüllhemd bekleidet auf der Promenade erschien. Bisweilen wurden zwar allzu herausfordernde Damen, die die griechische Mode gar zu wörtlich auffaßten, von dem entrüsteten Publikum angegriffen, aber es kam doch sehr selten vor. Das »Journal de Luxe et des Modes« beschreibt die damalige Kleidung der Merveilleusen, wenn sie nicht vorzogen, ganz nackt unter ihrem hemdartigen Gewand zu erscheinen, als »halbnackt im wahren Sinne des Wortes«. Die Pariserin erscheint nur in fleischfarbenen Trikotpantalons mit lilafarbenen Zwickeln und Strumpfbändern. Darüber trägt sie ein »vraie chemise«, das nur durch ein paar schmale Bänder über den bloßen Schultern hängt und den ganzen Körper vollkommen zeigt. Und nicht nur Frauen zeigten sich so, sondern auch junge Mädchen. Nicht die Halbweltlerin war die Kühnste, sondern die Dame der Gesellschaft übertraf sie in allen diesen Entblößungen. Nach Moreck ist es nicht mehr »das Kleid, das den Körper modelliert und das Auge lockt, seine Reize im Halbversteck der Spitzen und Bänder lüstern zu erspähen, sondern der Körper ist dominierendes Element, indem er seine Formen durch die Hülle leuchtender, zuweilen vollkommen durchsichtiger Stoffe schimmern läßt. Während bisher die Schönheit des Weibes in den Ausstrahlungen seiner geschlechtlichen Sphäre erblickt wurde, tritt nunmehr wieder die Gesamterscheinung der Frau in den Vordergrund.« Die Frauen sind in ihrem Element nicht nur auf den Bällen und im Theater, in Gesellschaften und den sogenannten »Bureaux d'esprit«, wo sie sich unter die Gelehrten und Männer der Feder und Politik mischen, sondern auch im Sommer in den öffentlichen Gärten und Promenaden, wo sie halbnackt unter den dunklen Bäumen, den Bosketts, Grotten, an den Springbrunnen und Kaskaden von Tausenden von bengalischen Lichtern in allen möglichen Farben beleuchtet erscheinen und sich zeigen. Aber es war eine merkwürdige Mischung von Ungeniertheit und Ziererei unter den Damen. Man durfte sich halb nackt zeigen und mußte doch eine Affektiertheit zur Schau tragen, die des Komischen und Lächerlichen nicht entbehrte. Man mußte eine Sentimentalität an den Tag legen, die sich mit den leichten Sitten kaum vereinbarte. Die elegantesten Frauen dieser Gesellschaft sind Madame Tallien, Madame de Beauharnais, später die schöne Juliette Récamier und Madame Laura Regnault de St. Jean-d'Angely. Die Löwin der Mode und Extravaganz aber ist Theresia Cabarrus, geschiedene Marquise de Fontenay, Geliebte und spätere Gattin des Thermidorianers Tallien. Dank ihres Einflusses auf ihren Geliebten, wurde der Sturz des Diktators Robespierre, des Asketen und Frauen Verächters, beschlossen. Nun liegt ihr das befreite Frankreich zu Füßen. Ihr gelten alle Huldigungen. Das Volk nennt sie »Notre Dame de Thermidor«. Und diesen Ruf als Rettungsengel und gute Fee bewahrte sie sich auch noch, als sie längst nicht mehr die Gattin Talliens war, sondern im Luxembourg-Palais als Mätresse des jungen Direktors Barras die Honneurs machte. Der Volkswitz hatte ihr inzwischen den Namen »Propriété du Gouvernement« gegeben, ja, man hatte es fertiggebracht, einmal am Saume ihres Kleides einen Zettel zu befestigen mit der Aufschrift: »Achtung vor dem nationalen Eigentum«. Ihre herausfordernde Schönheit und unglaubliche Kühnheit im Auftreten, in Gesten und Kleidung gaben in dieser neuen Gesellschaft den Ton an. Ihre Salons in der Chaumière waren der Sammelpunkt aller berühmten und berüchtigten Geister jener Zeit. Sie verstand es, sich mit einem Kreise schöner, liebenswürdiger Frauen zu umgeben, die sich ebenso, wie sie selbst, durch Eleganz, Überspanntheit und leichte Sitten auszeichneten. Unter ihnen befanden sich Damen des Adels der früheren Gesellschaft. Sie waren durch die Revolution zu Abenteuerinnen geworden und verdankten ihr Glück dem Zufall. Frau von Navailles, Frau von Beauharnais, deren Mann auf dem Schafott gestorben war, und die sich später mit der Tallien in die Gunst Barras' teilte, bis der General Bonaparte sie zu seiner Frau machte, ferner die Gattin des Deputierten Rovère, Frau von Forbin, Frau von Châteaurenault, Madame Récamier, Madame Hamelin, Madame Laura Regnault de St. Jean-d'Angely. Alle halfen der schönen Theresia die Männer heranzuziehen, mit deren Hilfe sie aus ihrem Salon nicht nur einen politischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Mittelpunkt zu machen gedachte. Diese Frauen waren jung, hübsch, vergnügungssüchtig und nicht prüde. Viele erfreuten sich sogar eines ziemlich schlechten Rufs, wie Theresia selbst. Madame Hamelin gab ihr an herausforderndem Wesen nichts nach, und von der schönen Laura de St. Jean d'Angely sagte man, daß sie ein jeder besitzen könnte, der sie wollte. Der Maler Isabey verfertigte etwas später von ihr eine entzückende Miniatur. Laura trägt kein anderes Gewand, als eine Blumengirlande, die vom Kopf herabfällt und den ganzen Körper umhüllt. Als sie dieses Bild in einer ihrer Gesellschaften unter dem Konsulat zeigte und es dann auf einem Tische liegen ließ, machte sich einer der Gäste im geheimen den Spaß, doppelsinnig darunter zu schreiben »L'aura qui voudra«. Bei Theresia knüpften sich auch die Intrigen der Politiker vom Tage an, Armeelieferanten vermittelten ihre Geschäfte, Bankiers besprachen ihre Börsenspekulationen, Offiziere suchten Verbindungen, kurz alles, was von Männern und Frauen zu jener fieberhaften Zeit am öffentlichen Leben Anteil hatte, kam bei Madame Tallien zusammen. Vielleicht wurden in ihrem Salon auch die Rollen für den 15. Vendémiaire verteilt. Liebesaffairen wurden in der Chaumière geknüpft und gelöst, und kam man nicht um der Liebe und der Politik oder um der Geschäfte willen zu Theresia, so kam man, um ihre wahrhaft klassische Schönheit, ihre Anmut, ihre Eleganz und ihre alles Maß überschreitende Extravaganz zu bewundern. Sie gestattet sich Freiheiten, die selbst zu jener Zeit Aufsehen erregten. Sie zögerte nicht, ihre nackte Schönheit nicht allein bei ihren beiden Geliebten, dem Direktor Barras und dem Bankier Ouvrard, oder in ihrem eigenen Hause preiszugeben, sondern, erhaben über alle Meinungen, auch auf der Straße, im Theater und überall mit ihr zu prunken, wo neugierige und begehrliche Augen sie verschlingen konnten. Es war ihr Bedürfnis, die Welt, besonders die Männerwelt herauszufordern. Erschien sie nicht einst in ihrer Loge in der Oper als Diana in antiker Nacktheit, nur mit einem Tigerfell bekleidet? Oder auf dem Ball von Frascati in einem Kostüm à la sauvage? Ein fleischfarbener Trikot und ein durchsichtiges Übergewand war alles, was sie trug. Und ein andermal überraschte sie die Welt mit einem Costume à la grecque, das sie in seiner ganzen Kühnheit als erste trug. Es bestand aus einer ärmellosen Tunika aus weißem Atlas, unter der sie weder Hemd noch andere Unterkleidung hatte, auch keinen Trikot, wie ihn die dezenteren Damen, die diese Mode annahmen, einführten. Sie war ganz nackt unter der weichen zarten Seide. Ihr Grundsatz war »Was eine Frau am besten kleidet, ist das Nackte«. Wenn sie ging, öffnete sich das seitwärts geschlitzte Gewand, und die nackten Schenkel wurden sichtbar. An den Armen, den Händen, Fingern, Fußknöcheln und sogar an den Zehen trug sie kostbare Ringe. Diese Ringe an den Zehen sollten, wie sie vorgab, die Narben verbergen, die sie von Rattenbissen aus dem Kerker, während der Schreckensherrschaft, zurückbehalten hatte. Aber auch die Damen, die nicht im Kerker gesessen hatten, machten diese Mode mit und hatten keine andere Entschuldigung dafür, als ihre Koketterie. Die nackten Füße steckten in antiken Sandalen. Diese bestanden aus einer einfachen Sohle mit hohen Absätzen und Bändern. Das griechische Kostüm der Nymphen und Merveilleusen hatte nur den Namen von der Antike, sonst aber nichts gemeinsam mit ihr. Es sollte nicht, wie die Kleidung der eleganten Griechinnen des Altertums, verhüllen, sondern enthüllen. Und Madame Tallien machte davon den ausgiebigsten Gebrauch. Sie war schön und war sich ihrer Schönheit bewußt. Groß und schlank, wundervoll ebenmäßig gebaut, überragte sie die meisten Frauen ihres Kreises. Ihre tiefschwarzen Locken frisierte sie, wenn sie nicht, der Mode der Zeit entsprechend, eine blonde oder rote Perücke trug, griechisch. Wie eine Einfassung von Ebenholz umrahmten sie das schöne zarte Gesicht. Ihre großen wundervollen Augen leuchteten, ihr kleiner sinnlicher Mund lächelte siegesbewußt über all die bewundernden Blicke, die der Schwärm der jungen Gecken, der Muscadins und Incroyables um sie herum, ihrer Schönheit zollte. Wenn sie in ihrem ochsenblutfarbenen Wagen, geschmückt wie eine Hetäre, halbnackt unter den hauchdünnen Stoffen der Gewänder, über die »Promenade de Petit-Coblence« fährt, geraten alle Männer in Ekstase. Wie eine Göttin nimmt sie die Huldigungen an. Sie weiß, welche Macht ihre Schönheit auf die Männer ausübt, die jede Einzelheit ihres herrlichen Körpers mit der Lorgnette beäugen. Bisweilen mußte sie allerdings auch sarkastische Bemerkungen einstecken. Als sie eines Tages auf der Straße, den Busen entblößt, mit Blumen und Diamanten geschmückt, von einem Muscadin in keckster Weise verfolgt wurde und sie ihn fragte: »Was fällt Ihnen ein, mein Herr, mich so anzuschauen?« erwiderte er: »Ich schaue nicht Sie an, Madame, sondern betrachte nur die Kronjuwelen.« Theresias physische Vorzüge schienen wie geschaffen zur Verführung. Sie war die geborene Hetäre. Ihre größte Macht bestand in der Eroberung der Männer, jener Republikaner, die, wenn sie auch den Absolutismus überwunden hatten, doch im allgemeinen noch ebenso im Banne der Liebe standen wie die Männer der galanten Zeit. Gestand nicht Danton selbst, als man ihm sein Anstiften von Verschwörungen vorwarf, mit beinahe naiver Überzeugung seiner Unschuld: »Wie, ich? Das ist unmöglich. Wie kann ein Mensch zum Handeln fähig sein, der jede Nacht mit Leidenschaft der Liebe ergeben ist?« Nur ein Blick aus Theresias Augen brauchte diese Männer zu treffen, um sie zu ihren Sklaven zu machen. So war Theresia Tallien die Königin der Leichtlebigkeit, die wahre Kalypso, wie Lucien Bonaparte sie nannte. »Aber«, sagte die Herzogin von Abrantes, »sie war noch schöner als das Werk des Phidias. Man fand in ihr dieselbe Reinheit der Züge, dieselbe Vollendung der Arme, der Hände, der Füße, und das Ganze war durch einen Ausdruck von Güte belebt. Dieser Ausdruck war der Spiegel ihrer Seele, der alles wiedergab, was in ihr vorging.« Sie war wirklich außerordentlich wohltätig, besonders den Entrechteten und Parias der Gesellschaft gegenüber. Und wie Josephine Beauharnais später den Namen »Notre Dame des Victoires« erhielt, so verdiente die schöne barmherzige Tallien gewiß noch mehr den einer »Notre Dame de Bon Secours«. 16. Merveilleusen auf der Promenade. Farbstich von Le Fevre nach Baubini. Paris, um 1802 Sie hatte nur eine Rivalin in bezug auf die Schönheit: Madame Récamier, obwohl auch diese nicht vermochte Theresia Tallien zu verdunkeln. Sie war viel zu bescheiden dazu. Aber beide Frauen sind anerkannt die schönsten und elegantesten der Gesellschaft des Direktoriums gewesen. Als sie sich zum erstenmal begegneten, gab es eine kleine Theaterszene. In eine Privatgesellschaft, in der Madame Tallien bisher immer als die Schönste gefeiert worden war, kam eines Tages auch Juliette Recamier mit ihrem hübschen verführerischen Gesicht, ihrer weichen geschmeidigen Gestalt. Sie betonte in ihrer Eleganz die raffinierteste Einfachheit. Madame Tallien fühlte sich sofort von dieser neuen Rivalin bedroht. Heftig stand sie auf, warf den feuerroten Schal, den sie noch über den Schultern hatte, ab und stand nun in ihrer ganzen Schönheit neben Madame Récamier. Ihre wundervolle Gestalt, die nackten Arme, die Grazie, jenes Ensemble der Schönheit, das nur wenige Frauen besitzen, wurden bemerkt und bewundert – sogar von der Récamier. Juliettes feine bescheidene Eleganz und naive Liebenswürdigkeit erhoben nicht den Anspruch den Glanz auszulöschen, den Theresia Tallien um sich verbreitete. Sehr bald wurden sie die besten Freundinnen. Madame Récamier war die Idealgestalt des »nach spartanischen Tugenden dürstenden Republikaners«, und der Maler David hat sie in seinem berühmten Bilde als solche verewigt. Sie ruht auf einem Diwan im Stile der Zeit aus Mahagoniholz mit ein paar Seidenrollen als einzige Kissen. Ihre Füße und Arme sind nackt. Der entzückende schlanke Körper ist nur mit einem hauchdünnen, hemdartigen weißen Gewand bekleidet. Das Haar ist kurz gelockt à la Titus und nur mit einem Bande gehalten. Das reizende Gesicht drückt Zärtlichkeit, Weichheit, Gefühl und beinahe kindliche Bescheidenheit aus. Die ganze Gestalt atmet Anmut und Natürlichkeit. Sie hat eine halb liegende, halb sitzende Stellung inne; es ist die Stellung und Kleidung, in der die Damen des Direktoriums ihre Gäste empfingen als Ersatz für die Levers des Ancien Regimes, für die Morgenempfänge im Bett und im Bad. Madame Récamier und Madame Tallien waren nicht nur die Königinnen der Schönheit, sondern auch der Mode. Thibaudeau spricht in seinen Memoiren ausdrücklich davon, als er die Veränderung beschreibt, die nach dem 9. Thermidor in der neuen Gesellschaft vor sich ging. »Paris riß wieder die Herrschaft der Mode und des Geschmacks an sich. Zwei durch ihre Schönheit berühmte Frauen, Madame Tallien und etwas später Madame Récamier gaben den Ton an. Zu jener Zeit vollzog sich in den Sitten und Gewohnheiten des Privatlebens jene Umwälzung, die politisch 178g begann. Die von David bereits in die Kunst eingeführte Antike verdrängte in der Kleidung und den Frisuren der Damen, ja sogar im Ameublement alles Bizarre, Feudale und jenes schreckliche Gemisch der Formen, welches die Sklaverei der französischen Höfe erfand.« Die Goncourts führen uns in die Chaussee d'Antin, jenes Viertel, wo der Luxus der Millionäre Orgien feierte. Und wo auch Récamier für seine entzückende Frau vom Finanzminister Necker eins der schönsten Palais gekauft hatte. Später besaß sie noch viele andere. Ihre Wohnung war ganz im Stile der Zeit eingerichtet. Die Möbel waren fast alle aus Mahagoniholz. Madame Récamiers Haus nennen die Goncourts ein Pompeji, wo weder die Bronzekandelaber noch die Marmorstatuen fehlten. Ihr Schlafzimmer war ein Traum der Antike. Zwei Schwäne von Goldbronze halten über dem Kopfende des Bettes mit ihren Schnäbeln eine Girlande aus dem gleichen Material. Der große Spiegel dem Bett gegenüber ist mit einem Mahagonirahmen mit feinen Goldlinien umgeben. Die Portieren sind aus chamoisfarbener Seide mit Goldstickereien und fallen über violettseidene Vorhänge, die wiederum über weiße Mullgardinen drapiert sind. Der Komponist Reichhardt erzählt, die Wände wären von oben bis unten mit Spiegeln bedeckt gewesen; das »ätherische Götterbett« habe sich mit seinen duftigen Decken und Kissen aus weißem, hauchdünnem indischem Mull darin widergespiegelt. Wenn Madame Récamier im Bett lag, konnte sie ihre Schönheit »von dem Scheitel bis zur Zehe ganz im Spiegel« betrachten, berichtet ein wenig naiv Reichhardt. Auch das Badezimmer der schönen Juliette, das sich gleich an der Seite des Bettes befand, war mit dem gleichen Luxus ausgestattet Ein immenser Spiegel bedeckte die eine Wand fast vollständig. Merkwürdigerweise war es mit einem dicken Wandbehang aus gerippter Seide (Gros-de-tours) bespannt, was sicher nicht vorteilhaft für ein Badezimmer wegen der aufsteigenden Wasserdämpfe sein mag. »Die Badewanne,« erzählt wiederum Reichhardt, »in einer Nische von Spiegeln, machte gestern einen schönen Sofa (!) mit rotem Saffian und so waren auch die niedrigen Fauteuils in dem Badezimmer bekleidet.« Es scheint also, daß man auch zu dieser Zeit noch nicht täglich ein Bad nahm, denn die Badewanne Madame Récamiers wurde im Nichtgebrauch zu einem Sofa umgewandelt. Eine Prozedur, die immerhin Zeit erforderte und sicher nicht täglich vorgenommen werden konnte. Wenn wir dem Chronisten noch weiter folgen, so erfahren wir, daß zur Seite des Bades sich das Boudoir der schönen Frau befand, »ganz mit feingehaltenem, dickem Gros-de-tours bekleidet; so auch das Sofa, das die Breite des Kabinetts einnimmt. Verkleidete Türen führen von hier nach den Kleiderkammern und den Kammern der Kammerjungfern. Schön gemalte und elegant verzierte Plafonds und köstliche argandische Lampen am Gebälk, auf den Kaminen und in den Ecken auf hohen Kandelabern erhoben die Wirkung gar sehr. Die Fenstervorhänge waren alle doppelt und von zwei Farben.« Ein derartiger Luxus der Einrichtung stand nicht vereinzelt da in den Häusern der Chaussée d'Antin. Die Récamiers waren zwar reich, gehörten indes noch nicht zu den Reichsten. Juliettes Gatte, der Bankier war, hatte sein Vermögen bereits vor der Revolution erworben. Er war bedeutend älter als sie und hätte ihr Vater sein können. Übrigens behaupten die neuesten Biographen der schönen Frau sogar, er sei ihr außerehelicher Vater gewesen und habe sie nur geheiratet, um ihr sein Vermögen zu sichern. Damit würde auch das Rätsel gelöst sein, warum sie keine physische Gemeinschaft mit ihm hatte. Denn es war allgemein bekannt, daß sie sich nur freundschaftliche Gefühle entgegenbrachten. Juliette hätte nun nach dem Beispiel der Madame Dudeffant sich in die Arme eines Geliebten werfen können, und es fehlte ihr gewiß nicht an Bewerbern und Anbetern. Aber die Chronique scandaleuse weiß ihr nicht einen Seitensprung während des Direktoriums nachzuweisen. Und dennoch war sie die Freundin der übelbeleumundetsten Frauen der Zeit, Theresia Talliens und Josephine Beauharnais', denen man viele Liebschaften nachweisen konnte. War sie eine jener Frauen, die unter der scheinheiligen Maske der Tugendhaftigkeit die größten Laster verbergen können? War sie, was Arsène Houssaye von ihr sagte, »eine der Neugriechinnen, die sich halb nackt, aber von ihrer Schamhaftigkeit bekleidet, aus den Ruinen eines blutigen Pompeji erhoben?« Jedenfalls versagte sie sich in der Gesellschaft des Direktoriums und des Konsulats kein Vergnügen und machte alles mit, was Mode war und Aufsehen erregte. Sie gehörte offiziell zu den »drei Grazien« des Direktoriums, und ihr Name wurde beständig mit dem der Tallien und Josephine Beauharnais' genannt. Alle drei machten die halbe Männerwelt von Paris verrückt mit ihren Kapricen, ihren Extravaganzen und ihren Erscheinungen. Man sah sie überall, in den Konzerten, wo der berühmte Garat sang, auf den Bällen, wo der vergötterte Trénitz tanzte. Sie waren der Mittelpunkt aller Feste, im Theater, in den Sommergärten, auf der Promenade, in den öffentlichen Tanzlokalen, dem Thélusson, dem Longueville, dem Tivoli, im Idalie. Die ganze Gesellschaft des Direktoriums hatte eine frenetische Tanzwut ergriffen. Überall in Paris entstanden unter den seltsamsten Namen Ballokale für die tanzenden Thermidorianer. Es gab einen »Bal des Victimes«, einen »Bai des Calypso«, einen »Bal des Zéphirs«, einen »Bal des Tilleuls« und andere mehr. Auf dem »Bal des Victimes« (Ball der Opfer der Guillotine) begrüßte man sich à la victime, das heißt mit einem kurzen Ruck des Kopfes, der die Bewegung der zum Tode Verurteilten im Augenblick, wo der Henker das Haupt der Unglücklichen in die Öffnung des Fallbeils legte, imitieren sollte. Zu diesem Balle hatten nur diejenigen Zutritt, die nahe Verwandte, wie Eltern und Geschwister, auf dem Schafott verloren hatten. Freunde oder weitläufige Familienangehörige zählten nicht als voll bei diesen unglaublichen Bedingungen. Ja man trieb die Geschmacklosigkeit so weit, daß die Damen auch ihre Frisuren à la victime betitelten, wenigstens anfangs. Später wurden dafür die Bezeichnungen allgemein »à la Titus« oder »à la Caracalla«. Auch der feuerrote, sehr moderne indische Schal der Damen sollte an den Schal erinnern, den der Henker über die Schultern der Charlotte Corday geworfen hatte, ehe sie das Schafott bestieg. Manche trieben den frivolen Spott so weit, daß sie um den Hals ein ganz dünnes rotes Kettchen trugen, das täuschend den von Henkershand ausgeführten blutigen Schnitt markierte. In allen diesen Tanzlokalen traf eine höchst gemischte Gesellschaft zusammen: elegante vornehme Frauen, Abenteuerinnen, Grisetten, ehemalige Aristokratinnen, Modistinnen, Schneiderinnen, ehrsame Bürgerfrauen und die großen berüchtigten Lebedamen. In manchen dieser mondänen Bailokale, wie im »Bal de l'Élysée nationale«, dem ehemaligen Palais Bourbon, dirigierte mit großem Erfolg der Neger Julien seine Kapelle. Zwar war es nicht wie heute eine Jazzband, immerhin aber hatte dieser Neger damals bei der tanzenden Gesellschaft mindestens ebenso großen Erfolg wie in unserer Zeit der Jazz und die Negerkapellen. Im »Frascati«, im »Pavillon de Hannovre«, im »Bal de Marbeuf«, im »Tivoli«, überall hörte man eine ohrenzerreißende Musik, wie man sie nie zuvor in Paris gekannt hatte. In der inneren Stadt tat sich ein »Bal de la Veillée« auf, aus dem später der berühmte Prado wurde. Hier bediente man sich zur Unterhaltung der Tanzenden einer regelrechten Katzenmusik. Hinter dem Deckel eines Clavecins saßen ungefähr zwanzig Katzen, von denen man nur die Köpfe sah. Die Schwänze der armen Tiere waren eingeklemmt, so daß diese die jämmerlichsten Töne von sich gaben. Im Verein mit der Musik entstand dadurch ein ganz herrlich einzigartiger Mißklang, der sehr viel Anklang gefunden haben muß, denn das Lokal war immer mit tanzenden Paaren überfüllt. Eine etwas bessere aber um so frivolere Gesellschaft versammelte sich im Hotel Longueville. Hier spielte besonders die überaus kecke Madame Hamelin eine Rolle, und hundert schöne parfümierte Frauen in zarten, weichen, anschmiegenden, durchsichtigen Kleidern, »déshabillés à la Venus« genannt, drehten sich zu den sanften Weisen des Geigers Hulin. Das Etablissement ist mit Spiegeln umgeben, in denen sich alle diese wiegenden Körper, dieses rosige Fleisch, diese lachenden, vom Tanzen berauschten Gesichterwiderspiegeln. Auch in Privatgesellschaften ließ man am liebsten Neger zum Tanz aufspielen. Bei einem Ball, den Madame Récamier in ihrem Hause gab und zu dem auch der Komponist Reichhardt geladen war, spielte ein schwarzer Stehgeiger. »Ehe ich den Tanzsaal verlasse,« schreibt Reichhardt an seine Frau, »muß ich noch der Tanzmusik erwähnen, die ein Mohr mit der Violine außerordentlich hübsch anführte ... Auf den schwarzen Vorspieler hält man soviel, und es ist so sehr Ton bei den Reichen, ihn bei ihren Bällen zu haben, daß er für die drei bis vier Stunden der Nacht – denn gegen Mitternacht versammelt sich eine solche Assemblée erst – oft l2 Louisdor erhalten soll.« Und wie diese Vorgeiger engagierten die neuen Reichen auch noch andere Unterhalter der Gesellschaft zu ihren Bällen, vor allem Spaßmacher, eine Art Kabarettartisten. Es kam ihnen hauptsächlich darauf an, diejenigen Gäste zu verspotten, die ihnen durch ihre Manieren oder ihre Kleidung, oder auch weil sie vielleicht nicht so reich oder nicht so angesehen waren, den Anstoß zu geben schienen. Juliette Récamier hat sich indes dieser groben Unterhalter bei ihren Gesellschaften nicht bedient. Man tanzte meist sehr ausgiebig bei ihr. Ihre Gesellschaften waren ausgezeichnet durch feinen Takt und Geschmack. Sie selbst tanzte entzückend, besonders den berühmten »Schaltanz«, den sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen aufführte. Theresia Tallien, Josephine de Beauharnais und Juliette Récamier, die, wie man sich damals ausdrückte, »zur Freude des Herrgotts bekleidet waren«, so sehr hatten sie den Anschein unbekleidet zu sein, trugen auf den Armen eine Chlamys. Das Kleid war aus Gaze oder Linon, an den nackten Füßen hatten sie den Kothurn mit den graziösen Kreuzbändern um die schlanken Knöchel. »Sobald die Geigen anstimmten«, erzählt Arsène Houssaye, »sah man sie sich ernst auf den Schauplatz ihrer Grazie hinbewegen. Mit jenem duftigen Gewand ausgerüstet, nahmen sie bald die sinnlichsten, bald die keuschesten Stellungen ein, je nachdem sie den leichten Stoff um ihre Gestalt drapierten. Bald war es ein Schleier, der die Liebende oder die Leidenschaft der Liebenden verbarg, bald ein Faltenwurf, unter dem man die bedrohte Schamhaftigkeit zu verdecken suchte, bald auch nur ein Gürtel, der Venusgürtel, der, von der Hand der Grazien befestigt, von Amors Hand gelöst wurde.« Man konnte sich keine interessanteren und köstlicheren Vorführungen denken, als diese Tänze der drei Damen. Selbst in der Oper hatte man nichts Ähnliches zu bieten. Oft wurden die drei mondänen Tänzerinnen halb tot vom Tanz in ein nahe gelegenes Zimmer getragen, begleitet von dem Schwarm ihrer Verehrer. Auch die übrigen Damen der Gesellschaft sahen oft totenblaß aus, teils vom übermäßigen Tanzen, teils weil, wie Reichhardt sich ausdrückt, »jetzt viele der schönen Weiber die ehemalige Jungfräulichkeit dadurch betonen, daß sie sich nicht schminken«. 17. Morgentoilette der Grisetten. Kolorierte Radierung. Paris, um 1810 Madame Récamier war in ihrer Kleidung dezenter und feiner als die herausfordernde Theresia Tallien. Sie schmückte sich niemals mit Diamanten; ihre ausgesucht einfache Eleganz vertrug nur Perlen. Ihre ganze Erscheinung hatte den Stempel des Lieblichen. Sie zog mehr an, als daß sie glänzte, und je länger man sie kannte, desto schöner erschien sie einem. Ihr Liebreiz war unaussprechlich. Reichhardt konnte sie auf einer ihrer »Assembléen« in der Chaussée d'Antin beobachten und war von ihrem Liebreiz und ihrer Grazie überwältigt. Er sah sie tanzen »in einem Kleid aus weißem Atlas und feinen indischen Zeugen; sehr bloß, besonders hinten im schönen Nacken und Rücken«. Ihr Teint sei »vollkommen durchsichtig« gewesen, so »daß man das Blut in den Adern rinnen sah. Doch ist sie mehr weiß als rot. In ihrer Miene und ihrem ganzen Wesen hat sie einen ganz eigenen naiven, fast kindlich angenehmen Charakter.« Madame Lenormand beschreibt sie als achtzehnjährige junge Frau und sagt, sie habe eine außerordentlich geschmeidige und elegante Gestalt gehabt. Schultern und Hals waren wundervoll geformt und proportioniert. Ein kleiner roter Mund, Zähne wie Perlen, entzückende Arme, kastanienbraune, natürlich gelockte Haare, eine feine regelmäßige Nase, ein unvergleichlich schöner Teint, der keiner Schminke bedurfte, ein höchst unschuldiger Gesichtsausdruck, der oft schalkhaft sein konnte, und irgend etwas Indolentes und Stolzes in der Haltung des Kopfes machten Madame Récamier zu einem äußerst anziehenden Wesen. Neuere Forscher, wie Moreck, nennen sie »die Frau, die das Rokoko, wenn auch als Kind, noch erlebt hat und einen leichten Duft davon hinüberträgt in die neue Zeit, die ihre Grazie nicht abgestreift hat«. Andere wieder sahen in ihrer Schönheit nicht die absolute Tugend und Unverdorbenheit, sondern ein gewisses Raffinement, tugendhaft zu scheinen, ohne es zu sein. Baron Trémont kannte sie, als sie auf dem Gipfel ihrer Frauenschönheit stand, als sie in Paris das größte Aufsehen erregte und alle Zeitungen von ihrem Charme voll waren. »Es ist unmöglich,« sagt er, »ein schöneres Gesicht als sie zu haben. Aber wie entzückend es auch war, so waren es doch mehr die Züge einer Grisette, als die einer vornehmen Dame. Nur der Ausdruck hatte nichts mit dem Gesichtsausdruck einer Grisette gemein. Madame Récamiers Gesicht war außerordentlich bescheiden im Ausdruck, hatte indes nicht die Reinheit der Raffaelschen Madonnen, wie immer behauptet wurde. Es lag etwas sehr Geziertes in ihr, und man merkte, daß sie absolut gefallen wollte ... Ihre Augen waren schön, aber es fehlte ihnen an Seele. Der Teint war wundervoll. Sie hatte kastanienbraunes Haar, nicht sehr üppig, aber seidig.« Das war Madame Récamier mit zwanzig Jahren. Später entwickelte sie sich körperlich noch schöner. Sie bekam eine etwas vollere Figur, besonders eine herrliche Büste, die viele berühmte Bildhauer verewigt haben, unter anderen auch Chinard. Als Juliette Récamier alt wurde und sie selbst den Verfall ihres Körpers bemerkte, ließ sie an der Statue, die besonders die Schönheit ihrer Büste hervorhob, diesen Teil verstümmeln, weil sie sich nicht daran erinnern mochte, daß alles Schöne vergänglich sei. Tragisch ist es, daß eine so schöne Frau an einer der fürchterlichsten Krankheiten zugrunde gehen mußte. Sie starb an der Cholera, während die Epidemie im Jahre 1849 in Paris wütete.   Ebenso in Mode, wie die Tallien und die Récamier, war Josephine de Beauharnais, eine entzückende, lebensdurstige Kreolin. Sie hatte unter der Schreckensherrschaft als Gattin des Aristokraten Alexander de Beauharnais lange im Kerker gesessen, nichts als Tränen, Elend, Schmutz, Laster und Verkommenheit gesehen. War es da zu verwundern, daß auch sie sich mit aller Leidenschaft in das neue Leben stürzte, das ganz Frankreich in einen Taumel seligen Genießens versetzte? Stärkere Charaktere, als sie, gingen in diesem Strudel unter. Bei Theresia Tallien lernte sie den späteren Direktor Barras kennen. Madame Tallien war zwar die Besitzerin seiner Sinne und seines Geldbeutels, aber ihm, einem Kenner weiblicher Schönheit, gefiel auch die anmutige Vicomtesse de Beauharnais, jenes Gemisch französischer Eleganz und kreolischer Nachlässigkeit. Theresia hatte nichts dagegen. Sie tröstete sich mit Ouvrard und anderen. Beide Frauen verstanden sich vortrefflich und waren wie geschaffen für einander. Beide waren schön, obwohl die Jugend und Schönheit Madame Talliens diejenige Josephines weit überstrahlte; beide waren außerordentlich gutmütig, genußsüchtig, verschwenderisch, elegant und verwöhnt und immer darauf bedacht, einen Mann zu finden, gleichviel ob Gatten oder Geliebten, mit dessen Gelde sie alle ihre Bedürfnisse befriedigen konnten. Josephine Beauharnais besonders, die Verschwenderische, die, wenn sie auch noch soviel Geld hatte, nie auskam und Schulden über Schulden machte, war gezwungen, ihr Heil in der Liebe zu suchen. In der größten Teuerung gab sie die prächtigsten Diners und Gesellschaften. Sie kaufte sich indische Schals, die unerhörtesten Toiletten, seidene Strümpfe das Paar zu 500 Franken. Sie brauchte Geld und immer wieder Geld. Ihre Kleidung allein, die sie zu einer der elegantesten Frauen von Paris machte, verschlang Unsummen. Zwar besaß sie nur 6 Hemden und 2 Paar Unterbeinkleider, aber diese Kleidungsstücke kamen ja nicht in Betracht, weil man sie nicht brauchte. Dafür hatte sie eine Unmenge griechische Tuniken, türkische Dolmans, »Toques à la suisse«, Kothurne, indische Schals und Tücher, Turbane mit Perlen und Aigretten garniert – ein nach Paris gekommener persischer Gesandter hatte die orientalische Mode in den Kopfbedeckungen eingeführt. Als elegante Frau der Zeit und als tonangebende Modedame, wie Madame Tallien, trug sie, besonders auf der Morgenpromenade, selbst wenn ein kühler Wind wehte – oder gerade dann –, ein dünnes weißes Kleid aus Linon, das die schönen Formen ihres Körpers zeichnete und durchschimmern ließ. Napoleon liebte die weißen Batistkleider und wollte Josephine auch später, als Kaiserin, als längst eine andere Mode Platz gegriffen hatte, nur in diesen zarten Stoffen sehen. Ein gelber oder zartrosa Batistschal lag über den Schultern. Auf dem Kopfe trug sie nur ein einfaches Häubchen aus Gaze mit Pailletten; duftige Spitzen fielen über die Stirn. Rote Sandalen mit roten Bändern vervollständigten diese matinale Promenadentoilette. Am Nachmittag legte sie ein nach griechischem Muster geschnittenes Kleid an, das dem Genre der Zeit entsprechend Robe à la Galatée, Robe à la Diane, Robe à la Vestale, à l'Omphale oder à la Minerve genannt wurde. Es war entweder ebenfalls aus weißem Linon, aus Tüll oder weicher fließender Seide. Immer aber ließ es die Brust ganz frei. Die Achselbänder fielen leicht herab, und beim Gehen wurde der hauchdünne Rock graziös so hoch gerafft, daß man die nackten oder mit einem zarten Seidenstrumpf oder Trikot bekleideten Beine sah. Später hat auch Josephine Beauharnais die durchsichtige Mode abgelegt und sich der ägyptischen gefügt, die eine Zeitlang, während des ägyptischen Feldzuges ihres Mannes, die Köpfe der Schönen des Direktoriums beherrschte. Es gab Spencer à l'Algérienne und Fichus de Nil in den Garderobeschränken der Damen. Josephines Vorliebe für Schmuck war nur ein Zug der Zeit. »Juwelen und Schmuck wurden im Übermaß an Armen, Fingern, am Hals, an den Füßen, als Bandeaus im Haar, als Aigretten auf den Turbanen getragen«, sagt Uzanne in seinem »La Française du Siecle«. »Man macht sich keinen Begriff von den zahllosen Diamanten, die damals im Umlauf waren. Die Halsketten von außergewöhnlicher Länge fallen bis zum Knie herab. Sie werden unter der Brust mit einer Agraffe etwas empor gerafft. Und die meisten Frauen besitzen und tragen sie. Ganze Reihen von kostbaren Steinen und Diamanten sind um ihren Hals geschlungen. Die Gürtel werden mit wertvollen Gemmen gehalten. Echte Perlen sind auf die Kleider aus Tüll und auf die Hüte gestickt.« Als Josephine Bonaparte als Gattin des italienischen Siegers aus Italien heimkehrte, trug sie an ihren Kleidern die seltensten Kameen und die kostbarsten Diamanten im Haar und an den Armen. Aber dieser Zeit ging erst jene voraus, als sie im Direktorenpalais Luxembourg die Herrin war. Als sie Barras kennen lernte, mietete sie ein reizendes Haus in der Rue Chantereine – heute Rue de la Victoire – für 4000 Franken jährlich von der Frau des Schauspielers Talma. Sie hielt sich Wagen und Pferde, Kutscher, Koch, Portier und Kammermädchen. Ihr Salon war der Vereinigungspunkt der alten und neuen Gesellschaft und von den bedeutendsten Persönlichkeiten aller Parteien besucht. Auch der junge General Bonaparte kam in ihr Haus. Unter den vielen eleganten, griechisch gekleideten Frauen fiel ihm besonders die geschmeidige Kreolin mit dem braunen, ins rötliche schimmernden Haar, den langbewimperten Augen, auf. Zwar stand sie nicht mehr in der ersten Jugend, sie war 53 Jahre alt, aber sie wußte ihre immer noch außerordentlich reizvolle Erscheinung in das vorteilhafteste Licht zu stellen. Bonaparte verliebte sich echt und leidenschaftlich in sie. Sie hielt ihn ganz und gar gefangen. Sie verwirrte dem jungen General die Sinne mit ihrem raffinierten Luxus, ihrem bezaubernden Wesen, ihrer weichen melodischen Stimme und den schönen sanften Augen. Der Duft ihres griechisch frisierten Haars, die matte Haut ihrer bloßen Schultern und Arme, die Goldspangen, die sie um die Gelenke trug, die Diamanten und Perlen, das betäubende, herrliche Parfüm, das von ihr ausströmte, berauschten ihn. Er sah nur die große Zauberin, die, wie keine andere, ihm das höchste Glück, die leidenschaftlichste Liebe geben sollte. Ihren schlanken, biegsamen Körper verstand sie so vorteilhaft in weiche, leichte, durchsichtige Stoffe zu kleiden. Ihre Bewegungen waren alle so graziös und ungezwungen und blieben doch immer die einer Dame. Unter dem Puder und dem Rot ihrer Wangen und Lippen sah Josephine Beauharnais so jung und frisch aus, wie eine Zwanzigjährige. Er begehrte sie, er liebte sie, und Josephine war nicht grausam. In dem kleinen Haus in der Rue Chantereine, in jenem Zimmer, das vom Boden bis zur Decke ganz mit Spiegelglas bedeckt war, machte Napoleon seinen Liebestraum mit der angebeteten Frau zur Wirklichkeit; Josephine ward sein Weib und stieg von da an mit ihm bis zur schwindelnden Höhe des Kaiserthrones. 18. Das Pariser Serail oder der gute Ton von 1802. Kupferstich von Blanchard nach Naudet. Paris, 1802 Die eleganten Töchter Englands Die Frauen des High-Life Man kann wohl mit Roscoe und Helen Clergue behaupten, daß im Studium der Männer und Frauen in Frankreich und England während des 18. Jahrhunderts ein unwiderstehlicher Reiz liegt. Die Menschen selbst, ihre Sitten und Gewohnheiten sind für immer verschwunden, aber Gainsboroughs graziöse Frauen, Sir Joshua Reynolds' reizende Gestalten und Romneys charaktervolle Typen haben in England die Herrschaft der Schönheit während dieser Epoche unsterblich gemacht. Man vergißt weder eine Herzogin von Devonshire, eine Mrs. Siddons, eine Mrs. Robinson, eine Lady Anne Bingham noch eine Lady Hamilton. Diese Frauen haben das englische Schönheitsideal verkörpert und waren die typischsten Vertreterinnen englischer Eleganz und englischen Geschmacks. Zwar erhielten sie die Anregungen von Frankreich, denn erst am Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Engländerinnen tonangebend für die »nackte griechische Mode«. Luxus und Verschwendung indes waren an der Themse ebenso groß wie an der Seine. Die englischen Sitten sind eher noch verdorbener, wenn auch verfeinerter gewesen als im 17. Jahrhundert, wo man besonders eine Brutalität und absolute Mißachtung der Männer den Frauen gegenüber beobachten konnte. Das wurde im 18. Jahrhundert anders. Wenn auch die Achtung vor der Ehe nicht groß war, Ehebrüche und Entführungen nichts Ungewöhnliches darstellten, so war doch das 18. Jahrhundert der Beginn jener Aufmerksamkeit und Ritterlichkeit, die auch heute noch in England den Frauen gegenüber so wohltun. Allerdings ging diese Umwandlung nicht vom Adel, sondern vom Bürgertum aus. In den höchsten Kreisen herrschte wie überall, so auch in England, große Sittenverderbnis. Ehescheidungen und die damit verbundenen oft skandalösen Prozesse waren nichts Außergewöhnliches. Verheiratete Frauen hatten Geliebte und liefen ihren Männern mit ihnen davon, wie Lady Craven mit dem Markgrafen von Ansbach, Lady Sarah Bunbury mit dem Herzog von Lauzun und Lord William Gordon, und wie viele andere hochgestellte Frauen. Aber diese Ehebrüche gibt es in jeder Epoche und in jedem Lande. Bemerkenswert ist es nur, daß in jener skrupellosen Zeit manche Eheskandale in London so großes Aufsehen erregten. Und daran waren allerdings zum Teil die hemmungslosen Frauen des Adels selbst schuld. So konnte man der Gattin Sir Richard Worseley's nicht weniger als 34 Ehebrüche nachweisen, als sich ihr Mann von ihr scheiden ließ. Lord Frederic Baltimore hatte acht Frauen zu gleicher Zeit und reiste mit ihnen überall in der Welt herum, allerdings – in diesem Falle –, ohne daß die Gesellschaft daran Anstoß nahm. Auch der englische Gesandte am portugiesischen Hof, Lord Tyrawley, brachte aus Lissabon im Jahre 1742 drei Frauen mit, von denen er 14 Kinder hatte. Vielleicht spielte die Frau in England nicht ganz die gleiche Rolle wie in Frankreich. Hier wie dort aber übte sie eine ungeheuere Herrschaft über den Mann aus. Ihre exquisite Schönheit allein prädestinierte sie dazu. Die Sicherheit ihres Auftretens, die Nonchalance ihrer Haltung, die jeder Engländerin, ob hoch oder niedrig, angeboren scheint, machte sie zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Der verschwenderische Luxus der Engländerin überstieg noch die Ansprüche ihrer luxusbedürftigen Schwester auf der anderen Seite des Kanals. Auch Archenholtz, einem feinen Beobachter englischen Lebens, fiel ganz besonders die Verschwendungssucht der englischen Frau auf. Es lag ihr hauptsächlich daran, recht viel Geld für ihre Kleidung und ihre sonstigen Toilettenbedürfnisse zu verschwenden. Im Gegensatz zur Französin des 18. Jahrhunderts, die Putz und Tand um ihrer selbst willen brauchte und sich oft mit billigen Mitteln zu schmücken verstand, mußte bei der Engländerin alles teuer und von tadelloser Qualität sein. Die Aristokratin sowohl wie die Schauspielerin bewiesen darin die gleichen Neigungen und den gleichen Geschmack, ebenso wie sie beide immer gleich vornehm in ihrem Äußern und Auftreten wirkten. Die Putzmacherrechnung einer Dame von Rang belief sich gewöhnlich auf 500 Guineen, also mehr als 10 000 Mark im Jahr. Manche elegante Frau, wie die reizende Herzogin von Devonshire, deren Schönheit uns Reynolds in so entzückenden Bildern überliefert hat, gab für ein einziges, ganz einfaches Nachthäubchen 10 Guineen (200 Mark) aus. Ihre prächtigen Federhüte verschlangen Unsummen. Die Schneiderrechnungen waren dementsprechend. Viele der großen Damen hielten sich außerdem noch eine fashionable Beraterin in allen Modedingen und bezahlten dafür hohe Entschädigungen. Oft gehörten diese Modeberaterinnen selbst der guten Gesellschaft an, aber sie fanden durchaus nichts darunter, daß ein Kleid oder ein Hut, die sie als erste trugen, von anderen hochgestellten Damen gegen Entgelt kopiert wurden. Sie verschafften sich dadurch Neben einnahmen, die wiederum ihrer Eleganz zugute kamen. Meist aber waren es Schauspielerinnen oder Tänzerinnen, deren Namen als elegante Frauen in aller Munde waren. Die geschmackvolle Kleidung der Schauspielerin Abington zum Beispiel war, nach Archenholtz, »beständig das Studium der Zuschauerinnen im Theater, wobei sie der schleunigsten Nachahmung ihrer Putzart versichert war«. Mrs. Abington nützte diese Berühmtheit als Modekönigin insofern aus, als sie überall in London bei den Damen der Aristokratie und der hohen Finanzwelt vorsprach und ihnen für ein nicht geringes Honorar Ratschläge in Modeangelegenheiten und Kosmetik erteilte. Dadurch hatte sie ein Nebeneinkommen von ungefähr 15- bis 1600 Pfund, 30- bis 32 000 Mark im Jahr. Und dabei war diese elegante Frau früher, als Fanny Barton, ein armes Blumenmädchen gewesen, das ihre Liebschaften auf der Straße anknüpfte, bis sie über den Weg eines öffentlichen Hauses auf der Bühne landete und eine der begabtesten Künstlerinnen und Hetären wurde. Sie übertraf an Eleganz, Luxus und Verschwendung die Damen der hohen englischen Aristokratie und zählte, wie die schöne Kitty Fisher, zu ihren Freunden Mitglieder des House of Lords. Auch Kitty und ihre unzertrennliche Freundin Fanny Murray waren für die Damen des High-Life tonangebend in ihrer Extravaganz und Eleganz. Wenn diese galanten Theaterdamen auf der Promenade mit ihren fabelhaften Wagen und Rassepferden erschienen, waren aller Blicke auf sie gerichtet. Ihre Toiletten zeigten immer das Neueste und Gewagteste auf dem Gebiete der Mode, und nichts war ihnen kühn genug, um ihren körperlichen Vorzügen neue Reize zu verleihen. Als die »Paddies« aufkamen, wurden sie zuerst und sofort von den Damen vom Theater mit Begeisterung getragen, obwohl gerade diese Mode nicht dazu beitrug, die Frauen zu verschönen oder begehrenswert zu machen. Neben dem Reifrock nämlich, der in England viel früher getragen wurde als in Frankreich, hatte die englische Damenwelt sich etwas ganz Eigenartiges zur »Verbesserung« ihrer Figur ausgedacht. Bereits 1750 und dann noch einmal 1793 band man sich falsche Bäuche um, »eine Unförmigkeit, die dem weiblichen Geschlecht nur im nahen Gebärstande eigen ist«, bemerkt Archenholtz. »Man nannte diese seltsamen Ausstaffierungen Pads und die kleinen: Paddies; sie waren gewöhnlich von Zinn,« – man denke von Zinn! – »daher man ihnen auch den Namen zinnerne Schürzen beilegte. Diese künstlichen Bäuche fanden sehr großen Beifall, besonders bei den unverheirateten Frauenzimmern, daher die Witzlinge sagten, daß in den Zeichen des Himmelskreises auch eine Revolution vorgegangen und die Zwillinge der Jungfrau zu nahe gekommen wären. Überhaupt gaben diese falschen Bäuche den Spöttern Waffen, die sie auch unbarmherzig brauchten, und dadurch die Pads bald in Verachtung brachten.« Eine solche Geschmacklosigkeit konnte sich, wie vorauszusehen war, nicht lange halten. Im Winter kam sie auf, und im Frühling hatte man sie bereits wieder vergessen. Zwar wurde sie auch von den Damen des Direktoriums in Frankreich in mäßiger Manier eine Zeitlang getragen, aber die Französinnen banden sich anstatt Zinnformen nur Kissen um und ließen auch diese unsinnige Art, die Figur zu verschlechtern, bald fallen. In Deutschland fand die Mode der falschen Bäuche überhaupt keinen Anklang. Mehr Freunde oder besser Freundinnen hatte der künstliche Busen, der auch in England erfunden wurde und in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts von den schmalbrüstigen Engländerinnen für die leichte halbnackte griechische Mode, die die intimsten Reize der Frau enthüllte, in Anwendung gebracht wurde. Diese künstlichen Brüste waren aus Wachs und täuschten getreu die natürlichen Formen vor. Allerdings mußten die Schönen, die sich ihrer bedienten, immer einen hauchdünnen Schleier darüber tragen, um den Betrug nicht merken zu lassen. Früher als in Frankreich, lange vor der Zeit des Direktoriums, trugen die Engländerinnen die nackte griechische Mode und begingen dabei genau dieselben Torheiten und Ausschreitungen wie die koketten Frauen in Frankreich. Die Dicken und die Dünnen, die Häßlichen und die Schönen, die Gutgebauten und die von der Natur Schlechtbedachten, gleichviel, jede Frau glaubte diese Nacktmode mitmachen zu müssen und sich in den fashionablen Parks und Promenaden, in Kensington Garden, Hyde Park, New Bondstreet, Pall Mall sehen lassen und sich den neugierigen lüsternen Blicken der Männer aussetzen zu können. Besonders in den großen eleganten Kaufläden Londons entfaltete die Engländerin gern alle Schönheiten ihres Körpers mittels exzentrischer Kleidung. Von jeher hat sie das »Shopping« geliebt. Bereits im 18. Jahrhundert spielte es im Leben der Londonerin eine Rolle, während es in den anderen Ländern erst viel später auftrat. Es gab in England schon damals viel mehr große Geschäfte, als in Frankreich und in Deutschland. Besonders Old- und New-Bondstreet waren das Paradies der Modebazare. Hier war auch der große tägliche Bummel der eleganten Welt, der sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch stärker entwickelte. »Hier,« sagt Wilhelm Bornemann, »wo die Eleganten, wie sonst schlichte Leute nur für den Wechsel der Jahreszeiten, so für die verschiedenen Tagesstunden anders und wieder anders gekleidet erscheinen; das Neueste aus dem rastlosen Schöpfungsreiche der Mode zur Schau tragen, einkaufen und alles und jedes zwei- und dreimal teurer bezahlen, als in den übrigen Gegenden Londons. Aber es muß erkauft sein in den Läden der gefeierten Straße, soll es Gnade finden vor dem Scharfblick verfeinerter Sinne.« Gewöhnlich begann dieser Bummel und das fashionable Shopping gegen 4 Uhr nachmittags. Es war für die elegante Engländerin ebenso Bedürfnis wie für die Französin etwa der Opernbesuch. Die Engländerin stellte auf der vielbesuchten Bondstreet in den Mode- und Kaufläden ihre Person genau so zur Schau wie die Französin abends in ihrer Loge. Dazu kam für die einkaufende elegante Frau noch ein besonderer Reiz während des »Shopping«. Spekulative Geschäftsinhaber stellten in ihren Läden hübsche junge Männer an, die eine große Anziehungskraft für die weibliche Kundschaft bildeten, und je liebenswürdiger und äußerlich anziehender der »Shopman« war, desto größer war der Zuspruch der Damen zu solchen Läden. Am allermeisten Schick und Sorgfalt legte die vornehme Dame des 18. Jahrhunderts auf den Hut, wie man das auch auf den entzückenden Bildern der großen Maler der Zeit sehen kann. Er war reich mit Bändern und Federn versehen, und die englischen Frauen verstanden es besonders gut, diese kleidsamen malerischen Hüte zu tragen und aufzusetzen. Eine der hübschesten Moden waren die großen weich fallenden Strohhüte, die das Gesicht einer schönen Frau so künstlerisch und vorteilhaft umrahmen. Man nannte sie Dunstables. Außerdem trug man Hüte aus Samt, Seide und Spitzen. Immer war die Farbe abstechend von der Farbe des Kleides. Man gab ihnen alle möglichen Namen. Neben dem »Fly-cab à la Therèse« war der Ranelagh-Mob am beliebtesten. Im Vergnügungspalais Ranelagh trugen ihn die eleganten Halbweltlerinnen zuerst; bald darauf wurde er auch von der fashionablen großen Welt adoptiert. Er war ganz aus Tüll oder Gaze. Die herabhängenden Enden kreuzte man unter dem Kinn und befestigte sie dann am Hinterkopf. Berühmt waren auch die eleganten Hüte der Mrs. Siddons, der Herzogin von Devonshire mit ihren senkrecht in die Höhe stehenden vielen Straußenfedern, der Lady Bingham, die Reynolds in einem Riesenhut malte, und die Hüte der Lady Hamilton. In den Briefen der Hamilton an ihren Freund Lord Greville ist bei Toilettenfragen immer der Hut die Hauptsache, besonders ein blauer Hut, den sie sehr liebte, und der von aller Welt bewundert wurde. Miß Farren, eine sehr schöne und bekannte Londoner Schauspielerin, erschien einmal zu einem Diner in einem entzückenden duftigen mattgrünen Seidenkleid mit einem großen schwarzen Samthut in spanischem Geschmack. Von 1775 bis etwa 1785 waren besonders Straußenfedern beliebt, wie sie auch in Frankreich von Marie Antoinette und den eleganten Französinnen getragen wurden. Manche Engländerin hatte bis zu fünf Stück von ungewöhnlicher Länge auf ihrem Hut. Auf einem Gemälde von Gainsborough trägt die wunderschöne Mrs. Graham einen reich mit Federn garnierten Hut zu einer mattblauen Seidenrobe, und in der Hand hält sie eine einzige lange Straußenfeder als Fächer. Die höchste Eleganz und vornehmste Gesellschaft sah man schon zu jener Zeit im Hyde Park. »Dies ist der Ort, allwo die Damen, wenn sie wohlaufgeputzt sind, ihre Pracht sehen lassen.« Die schönsten Wagen und Pferde sah man auf dem berühmten Reit- und Fahrwege Rotten-Row, und man kann die Begeisterung Rodenbergs im »Alltagsleben in London« für die englischen Reiterinnen und Wagenlenkerinnen verstehen, die es von jeher verstanden, tadellos zu Pferde zu sitzen und den Reitsport nicht nur der Koketterie wegen betrieben, sondern wirklich aus innerstem Bedürfnis und Verständnis heraus. »Ein Hurra für Englands Amazonen! Der Korso beginnt ... So weit das Auge sehen kann, weit hinaus nach Kensington, wo die Perspektive des Weges sich in gefiederte Birken verliert, nichts als schäumende, bäumende Rosse, ihre Häupter schüttelnd, sich schwenkend, und die blauäugigen, blondhaarigen Mädchen von Alt-England darauf ... Englands Mädchen solltet Ihr zu Pferde sehen! Wie lieblich, eine Hand zu küssen, die so ein Roß zu bändigen weiß ... Welch ein lustiges Gewimmel und Getrappel und Schnaufen und Lachen rings um mich! ... 's ist ein gefährlich Geschlecht, diese schönen Pferdebändigerinnen – ›those pretty horsebreakers‹.« Auf der anderen Seite befindet sich die Fahrstraße für den Korso auf Rädern. Die Müßiggänger und Dandies, die das Ende des 18. Jahrhunderts in England zur höchsten Entfaltung der Eleganz durch einen George Brummel brachte, stehen an das Eisengitter gelehnt und beäugen mit ihren Lorgnetten jede einzelne der vielen schönen, in ihren prächtigen Kutschen vorüberfahrenden Frauen. Es ist eine Schönheitsgalerie sondergleichen. Hauptsächlich spielte sich jedoch das High-Life des 18. Jahrhunderts in Kensington Garden ab, der sich westlich an den Hyde Park anschließt. Hier flanierte und promenierte die hohe Gesellschaft, die Rakes, die Dandies und die Damen. Sie stellten ihre Toiletten und ihre Schönheit zur Schau, flirteten und zeigten ihre Equipagen. Man sah bisweilen an die tausend Karossen auf der herrlichen Promenade von Kensington durch den Hyde Park. Die Frauen saßen in ihren Wagen hinter den hellen Spiegelscheiben und wirkten wie schöne Gemälde unter Glas. Manche lenkte auch schon damals ihren Phaethon selbst mit weißen Zügeln. Schütz schreibt in seinen »Briefen über London« am Ende des 18. Jahrhunderts, es sei ein auffälliger Augenblick gewesen, einen englischen Wagen mit zwei Frauenzimmern zu sehen, wo eine die Peitsche in der Hand hält und die andere die mutigen Engländer (nämlich die schönen englischen Rassepferde) mit Anstand zu dirigieren versteht. Auch im Herrensattel ritten damals schon die englischen Damen, was Archenholtz als »eigentümliche Sitte« bezeichnet. Aber dieses Leben und Treiben in den prachtvollen englischen Parks hatte seine »Season«, wie auch heute noch. Nur im Sommer von Mai bis August traf hier die vornehme Welt zusammen. Herbst, Winter und das frühe Frühjahr verbrachte man meist auf den schönen Landsitzen oder in Modebädern und zum Teil auch in Paris. Das beliebteste englische Bad war, neben Tunbridge, Bath. Es entwickelte sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem der vornehmsten und kostspieligsten Luxusbäder. Hierher ging man weniger des Badens als der Eleganz, des Spiels und des Flirts wegen. In »A Lady of the last Century« ist dieses Badeleben sehr anschaulich von Doran geschildert. Er beschreibt, wie alles, Männlein und Weiblein, in den phantastischsten Badeanzügen im Wasser promenierte; – man promenierte nämlich und schwamm nicht – man sah nur die Köpfe, da es in diesem Falle, trotz der sonst sehr freien Sitten, für englisches Empfinden anstößig gewesen wäre, etwas mehr als nur Hals und Kopf zu zeigen. Das Wasser mußte mindestens bis an den Halswirbel gehen. Und so sah es aus, als wenn die Köpfe der Badenden allein auf dem Wasser schwämmen. Für diese Prüderie entschädigte man sich durch allerlei Scherze. Man küßte sich, kniff und zwickte sich. Das Küssen war erlaubt, und das Zwicken – sah ja keiner. Nur am Kreischen und Lachen der Damen merkte man, daß sich die Kavaliere den schönen Nymphen gegenüber Freiheiten erlaubten, die das Wasser diskret verbarg. 19. Die Schauspielerin Mrs. Siddons. Ölgemälde von Joshua Reynolds. London Auch für das leibliche Wohl und die Luxusbedürfnisse der verwöhnten Damen im Wasser war gesorgt. Buntlackierte zierliche Schalen mit Süßigkeiten oder köstlichen Parfüms schwammen vor den eleganten Engländerinnen her, und wenn eine solche schwimmende Bonbonniere sich etwas weiter von ihrer Eigentümerin entfernte, so war es für den mit ihr flirtenden Kavalier eine gute Gelegenheit, ihr seine Aufmerksamkeit dadurch zu beweisen, daß er die Schale zurückholte und dafür mit einem zärtlichen Blick oder einem Kuß belohnt wurde. Oft waren diese Konfektschalen auch ein Anknüpfungspunkt für neue Bekanntschaften im Wasser, wie heute der Wasserball und die Gummitiere, mit denen man sich an der See die Zeit vertreibt. Die im Wasser spielende Welt wurde von einer großen Menge eleganter Zuschauer beobachtet. Jeder Scherz, jedes lustige Intermezzo wurde aufs lebhafteste beklatscht. Man amüsierte sich bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann wurden die Bäder geschlossen, und die Damen ließen sich, naß wie sie waren, in Sänften nach ihren Landhäusern oder Hotels tragen. Viele dieser englischen Modebäder waren die reinen Liebesstationen, wo die Frauen nur darauf ausgingen, sich entweder mit ihren »Lovelaces« ein paar Wochen zu amüsieren, oder neue Abenteuer zu erleben, die mit dem Schluß der Badesaison ebenfalls ihr Ende hatten. Der leichtlebige Geist des Rokoko war auch im englischen High-Life des 18. Jahrhunderts zu finden. Spekulative Damen, deren berühmte elegante Rendezvoushäuser in London den englischen Lebemännern immer neue Reize zu bieten verstanden, besaßen in Bath, Tunbridge und anderen Modebädern ihre »Filialen«, Salons mit allem Raffinement für ein sybaritisches Genußleben eingerichtet, in denen die jüngsten und schönsten Mädchen der Welt für Unterhaltung sorgten. In London waren es besonders um die Wende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts die »Routs«, auf denen sich das galante Nachtleben des High-Life abspielte. Diese berühmten englischen Routs waren Abendgesellschaften in Privathäusern, wobei das Spiel und die Liebe die Hauptrolle spielten. Auf diesen Routs knüpften sich die meisten galanten Abenteuer an. Auch die vornehmen Hetären und die Damen aus der Theaterwelt wurden bisweilen dazu eingeladen, teils um ihren Gesang, ihre Schauspielkunst oder musikalischen Talente in den Dienst der Geselligkeit zu stellen, teils um die Gesellschaft durch ihre Schönheit reizvoller zu gestalten, teils aber auch nur, um die vornehme Männerwelt anzulocken, die Dandies und Rakes, die es sonst vorzogen, ihre Nächte in den öffentlichen Vergnügungsstätten zu verbringen. Diese Routs waren durch maßloses Spiel berüchtigt. I. C. Hüttner in seinem »Sittengemälde von London« schreibt über diese Art englischer Abendunterhaltungen, die nie vor zwölf oder ein Uhr nachts begannen: »Eine Menge Menschen werden von den Bedienten, die auf den Treppen und am Eingange der Zimmer stehen, um die Einlaßbillette zu empfangen, hintereinander mit lautschreiender Stimme angekündigt, schweben in die Zimmer und setzen sich an einen oder den anderen der zahlreichen Spieltische, während die Frau vom Hause aus einem Zimmer in das andere fliegt, um ihre Gäste zu bewillkommnen und sich allen zu zeigen... Doch lassen Sie uns einen Blick auf die Reihen von dichtbesetzten Spieltischen werfen, die hier stehen. Völlige Gleichheit herrscht an diesen Altären der Torheit. Alter, Rang, Charakter und Geschlecht machen nicht den geringsten Unterschied. Alte runzlige Damen sind hier die Nebenbuhlerinnen blühender Mädchen. Die Karten machen alle einander gleich. Whist, Kasino, Faro, Rouge und Noir und so weiter verschließen die Augen der Männer gegen den Anblick der halbnackten Grazien, die um sie herumschweben, und machen das geschwätzigste Weib stumm wie eine Statue. Die schönsten Gesichter, auf denen noch kurz vorher jeder Liebreiz thronte, verwandeln sich in Furienphysiognomien ... Wilde Leidenschaften schaffen Engelsgestalten zu Teufeln um, und Schadenfreude, Betrug, Angst, Verzweiflung, rasender Leichtsinn und grinsende Habsucht scheinen hier um die Oberherrschaft zu kämpfen... Gegen Anbruch des Tages werden endlich die Zimmer wieder leer, und die Gesellschaft eilt nach Hause, der eine mit vor Freude hüpfendem Herzen, der andere mit Gedanken an Gift, Dolch, Strick oder Pistole.« – Aber es war ein glänzender Anblick, diese englischen Routs! Die englische Frau, deren Schönheit besonders am Abend in den prachtvollen tiefdekolletierten Toiletten zur Geltung kommt, weiß sich sehr kunstvoll und diskret herzurichten. Und obwohl man sich in England im 18. Jahrhundert viel weniger schminkte als in den romanischen Ländern, verstanden es doch die Engländerinnen, mit der feinsten chinesischen Schminke ihrem an sich zarten Teint zauberhafte Farben zu verleihen, ohne daß man die Kunst merkte, wenigstens nicht bei einer Dame der Gesellschaft. Die Hetären allein legten offensichtlich Rot auf, ohne sich Mühe zu geben, ein Geheimnis daraus zu machen. Das Schminken der Engländerin der hohen Kreise indes wurde im l8. Jahrhundert zu einer wahren Meisterschaft und erhöhte ihre Schönheit, was man von den Damen des französischen Rokoko zur Zeit der Pompadour nicht immer behaupten konnte. Die englischen Kosmetika waren feiner, diskreter, raffinierter. Der Toilettentisch einer Lady sei ein ganzes chemisches Laboratorium gewesen, meint Hüttner. Besonders geschickt waren die englischen Damen, die natürliche Röte der Wangen nachzuahmen. Sie besaßen zu diesem Zweck diskrete Schminkwässer wie »Dutch Pink« und »Bavarian red water«. Ihre Parfüms und Seifen waren ebenso berühmt wie ihre kosmetischen Gesichtswasser. Natürlich sind auch in England wie in anderen Ländern die »Mouches« Mode gewesen. Die englische Industrie für kosmetische Mittel machte indes die schreiendste Reklame für ihre Erzeugnisse und versprach durch ihre Anwendung fünfzigjährigen Damen die Jugendfrische Zwanzigjähriger. Ganz besondere Sorgfalt legten die Engländerinnen schon im 18. Jahrhundert auf die Pflege ihrer Hände. Eine wohlgepflegte parfümierte Hand und gutgebildete Fuß- und Fingernägel galten, wie auch heute, als größter Reiz einer schönen Frau. Die parfümierten Handschuhe, die in England bereits im 16. Jahrhundert aufkamen, bildeten im 18. Jahrhundert ein Hauptrequisit der mondänen Frau. Man trug sie auch des Nachts, um die Weiße und Zartheit der Haut zu erhalten. Die Nägel wurden mit einem Raffinement behandelt, das selbst unsere moderne Maniküre in den Schatten stellt. Man verwendete viele Stunden des Tages allein auf den Schnitt und die Pflege der Nägel. Es gab Spezialisten, die sich ein Vermögen damit erwarben. Im Jahre 1757, erzählt Archenholtz, habe in London ein Mann gelebt, der eine besondere Methode erfand, »die Nägel an den Fingern abzuschneiden, wodurch sie wohlgeformt werden und überhaupt dienen sollten, schönen Händen, diesem so anziehenden Teile der weiblichen Schönheit, einen größeren Reiz zu verleihen. Die englischen Damen waren nicht gleichgültig gegen diesen Antrag. Der Mann war den ganzen Tag beschäftigt, bewohnte ein großes Haus und hielt Equipage. So trieb er dieses Gewerbe zwei Jahre lang, gewann sehr viel Geld – und verließ dennoch London mit 3000 Pfund Schulden.« Eine schön gepflegte Hand kam vor allem beim Gebrauch des Fächers zur vollen Geltung. Es scheint, daß die vornehmen Ladies sich »dieses allgemeinen Ausdrucksmittels« mit besonderer Vorliebe und mehr als andere Frauen bedienten. In England erlebte der Fächer im 18. Jahrhundert seine Blütezeit. Jede Dame trug ihn, und zwar zu jeder Tageszeit. Der Fächerluxus war derartig verbreitet, daß man einen Fächer für die Straße, einen für morgens, einen für abends zum Diner und einen für große Gelegenheiten haben mußte. Sie waren meist bemalt oder mit Diamanten und anderen kostbaren Steinen ausgelegt. Oft wiesen sie auch recht pikante Bilder auf, so daß manche Dame eher vor dem Fächer als hinter ihm hätte erröten sollen. Gepuderte Haare wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch von den Engländerinnen getragen. In keinem Lande ist so viel für Haar- und Gesichtspuder ausgegeben worden. Die englische Regierung legte deshalb eine Steuer darauf, so daß sich die Sitte des Puderns der Haare früher verlor als in anderen Ländern. Ein spöttischer Beobachter der Zeit meint, die extravaganten Ladies hätten dafür das Fell ihrer Hunde und Pferde gepudert! Die brauchten ja keine Steuer auf Puder zu bezahlen! Es mag aber wohl hauptsächlich ein Gefühl der Hygiene, das bei den Engländerinnen sehr stark ausgeprägt ist, beim Abschaffen des Haarpuderns mitgespielt haben. Sicher ging es gegen ihr Reinlichkeitsgefühl, die gepuderten, hochgetürmten Frisuren wochenlang nicht aufzulösen. Außerdem wußten sie, daß das Haar, das gerade der herrlichste Schmuck der Engländerin ist, unter der Unsauberkeit am meisten leidet. Archenholtz berichtet: »Viele, selbst bei der zierlichsten Kleidung, streuen nie Puder in ihre Haare. Die Reinlichkeit, die hier in allen Stücken in einem sehr hohen Grade herrscht, erhöht auch die natürlichen Reize des schönen Geschlechts nicht wenig.« Nichtsdestoweniger färbten aber, ebenso wie in anderen Ländern, manche Engländerinnen ihre Haare oder sie trugen Perücken »the great feature in the dress of the 18th century«. Diese Perücken wurden in allen Nuancen gekauft: schwarz, grau, rot, fleischfarbig. Sie variierten im Preise bis zu fünf Guineen und noch höher. Die meisten Damen indes zogen vor, in ihrem natürlichen Haarschmuck zu erscheinen und verstanden es mit ganz besonderem Raffinement, ihrer Frisur die persönliche Note zu verleihen. Die Maler schöner Engländerinnen haben uns diese kleidsamen, oft natürlich gelockten Frisuren in unzähligen pikanten Bildern überliefert. 20. Die ritterlichen Männer. Kolorierter Stich von Gatine. Paris, um 1810 Zu dieser Gepflegtheit der Kleidung und Haare gehörte natürlich auch peinliche Pflege des Körpers, und das tägliche Bad der vornehmen Engländerin, ebenso wie das tägliche Wechseln der Wäsche, waren für sie, wie es für jede elegante Frau sein sollte, Grundbedingungen der Eleganz. Zum Unterschied der französischen Frau der galanten Zeit, die soviel wie möglich die Berührung ihrer Haut mit Wasser und Seife vermied, kannten die englischen Frauen am Ende des 18. Jahrhunderts bereits den Gebrauch von türkischen oder Dampfbädern und die Massage. Fürst Hermann von Pückler-Muskau schreibt darüber in seinem Werke »Briefe eines Verstorbenen«: »Nicht weit von Brighton hat ein Indier orientalische Bäder angelegt, wo man wie in der Türkei massiert wird, was sehr stärkend und gesund sein soll, auch bei der vornehmen Welt, besonders den Damen, sehr beliebt ist. Man nennt sie Mahomets Bäder. Ich fand das Innere indes sehr europäisch eingerichtet. Die Behandlung gleicht der in den russischen Dampfbädern; nur finde ich sie weniger zweckmäßig, denn man sitzt in einer kühlen Stube auf einem erhöhten Sessel, den eine Art Palankin von Flanell umgibt, und nur in diesen kleinen Raum dringt, aus dem Boden aufsteigend, ein heißer Kräuterdampf hinein. Die Flanellwand hat mehrere Ärmel, die nach außen herabhängen und in welche der Masseur seine Arme steckt und mit den Händen den Körper des Badenden sanft knetet. Er fährt dann mit festem und stetem Drucke des Daumens an den Gliedern, am Rückgrat, den Rippen und über den Magen vielmal herab, was der Organisation wohl zu tun scheint. Währenddessen transpiriert man so lange und so stark, als man wünscht, und wird zuletzt bei abgenommenem Deckel des Flanellzeltes mit lauem Wasser übergossen.« Am besten indes verstanden es die Engländerinnen – wie auch heute noch – auf ihren wundervollen Landsitzen die Genüsse des Lebens auszukosten. Hier konnte sich die Eleganz der Lady erst voll entfalten. Ihre Schönheit, die nicht schwellender Kissen und der schwülen Atmosphäre eines wollüstigen Boudoirs bedurfte, kam in den großen Hallen, den mit prachtvollen Fresken und Gemälden geschmückten Sälen oder in den tadellos gepflegten Parks mit ihren weiten Rasenflächen und Weihern erst zur vollen Geltung. Hier bewegen sich die hohen schlanken Gestalten in der freien Natur, und es bleibt ihnen keine Zeit für Langeweile. Der Sport ist im 18. Jahrhundert bereits in England allgemein. Kricket, Tennis, Reiten und die Gastfreundschaft nehmen die Gesellschaft auf dem Lande vollkommen in Anspruch. Diese englischen Herzoginnen sind aus anderem Holz als die tändelnden schäkernden Rokokomarquisen. Sie scheuen nicht Luft und Sonne. Die Sphäre, die sie umgibt, ist ihnen Charakteristikum. In ihren Landschlössern sind sie erst richtig zu Hause. Die schönsten Schlösser und Landsitze des englischen Hochadels entstanden zum großen Teil erst im 18. Jahrhundert. Die gediegene Pracht, der erlesene Geschmack in der Einrichtung, die prachtvollen Kunstsammlungen und Bibliotheken, die Gemäldegalerien, die sie enthielten, stellten viele der Schlösser regierender Kaiser und Könige in Europa in den Schatten. »Die Hallen Ossians sind hier verwandelt in die modernsten Prunkzimmer«, sagt Alexander Jung. »Die Flamme des Herdes leuchtet noch jetzt wie einst vom Kamin, aber sie beleuchtet die schönsten Fresken, die ausgewähltesten Fußdecken, die abweichendsten Formen aller Menschengestalt; ein reicher Komfort erfrischt den Mund zu immer neuer Rede, und nach aufgehobener Tafel, wenn die reizenden Damen Altenglands gehen, und die Weine kommen, rücken die Männer noch immer nach alter Sitte zusammen, und nun moussieren die ausgelassensten Geister der Einfälle um die Wette mit dem Champagner.« Es ist bekannt, daß die englische Dame nicht zugeben darf – auch heute noch nicht –, daß sie gern ein Glas Wein trinkt. Wollte sie den Ruf einer Lady genießen, so durfte sie nur vom Weine nippen oder ihn mit Wasser vermischt trinken. Man nahm es daher auch Lady Hamilton sehr übel, daß sie Champagner und Wein ganz ungeniert in der Öffentlichkeit bei Tafel oder in Gesellschaft von Männern trank. Hätte sie es, wie andere englische Damen, heimlich und unbeobachtet in ihrem Zimmer getan, kein Mensch würde Anstoß genommen haben. Sie war indes ein Kind des Volkes, dem hypokritischer Sinn und Heuchelei fern standen. Ihr ganzes Leben wurde vom Impulse ihres Temperamentes geleitet, selbst noch als sie die Gattin Lord Hamiltons war. Aber gerade der englische Hochadel hielt streng an den Traditionen fest, oft auch noch an dem steifen Zeremoniell der Peerage des 17. Jahrhunderts. »Wenn Lady Elizabeth Howard Gräfin Northumberland einen Besuch macht,« schreibt Max von Böhn in seinem »England im 18. Jahrhundert«, »so begleiten barhäuptige Lakaien auf beiden Seiten ihre Kutsche... Ihre Schwiegertochter, die Herzogin von Somerset, wagte nie, sich in ihrer Gegenwart zu setzen, außer wenn sie dazu aufgefordert wurde.«... »Catherine Sedley, Herzogin von Buckingham, eine außereheliche Tochter König Jakobs II., besuchte die Oper nur in ihren Staatsroben mit rotem, hermelinbesetztem Samtmantel, und ließ sich, als sie auf dem Sterbebette lag, von Damen, die um sie waren und sie pflegten, schwören; daß sie sich auch dann nicht setzen wollten, wenn sie etwa das Bewußtsein verlöre, sondern daß sie damit warten würden, bis sie wirklich tot wäre.« Tradition war auch das große Geldverschwenden der englischen Aristokraten. Vom Herzog und der Herzogin von Newcastle schrieb Horace Walpole: »Die Häuser, die Gärten, die Tafel, die Equipagen... verschlangen unermeßliche Summen, und die Höhe seiner Schulden überstieg noch die Gelder, die er verschwendete.« Ebenso erging es dem in Paris 1755 gestorbenen Lord Albermale; er hatte trotz der ungeheuren Mitgift seiner Frau von 25 000 Pfund Sterling und einem Jahreseinkommen von 14 000 Pfund eine Schuldenlast von 90 000 Pfund Sterling hinterlassen. Die Spielschulden und Spielverluste wurden oft durch eine reiche Heirat wieder wettgemacht. Lady Sarah Cadogan wurde zum Beispiel von ihrem Vater mit dem Sohne des Herzogs von Richmond, Lord March, verheiratet, als dieser fast noch ein Knabe war. Die Ehe kam dadurch zustande, daß der Herzog von Richmond an den Vater der jungen Lady ein ungeheures Vermögen im Spiel verloren hatte und die Spielschuld nicht bezahlen konnte. Er gab dafür seinen Sohn hin, und die Familie kam auf diese Weise wieder zu einem Teil des verlorenen Vermögens. Aber Richmond hatte nicht mit dem Widerstand seines Sohnes gerechnet. Erst nach langem Sträuben willigte der junge Lord ein, eine Frau zu heiraten, die er nur den Spielverlusten seines Vaters verdankte. Er ging für ein paar Jahre ins Ausland. Als er nach London zurückkehrte, sah er gleich am ersten Abend im Theater eine junge Dame, in die er sich sofort verliebte. Und als er sich erkundigte, wer sie sei, war er sehr erstaunt zu erfahren, daß es seine eigene Frau, die junge Lady Sarah Cadogan sei. Unwiderstehliche Anziehungskraft besaßen, wie für die Franzosen so auch für die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, die Maskenbälle. Ja, man kann behaupten, sie standen in dieser Epoche in ihrer Blütezeit. Die ganze vornehme Welt nahm daran teil. Es wurden sogar in London eigens große Etablissements zur Abhaltung dieser glänzenden Maskeraden gebaut, wie das Pantheon, das berühmte Ranelagh, ferner elegante Vergnügungspaläste wie das »Carlisle House« der Madame Cornelys am Soho Square und das Ballhaus »Almacks«. Zu diesen Bällen erschienen die Damen des High-Life in den prächtigsten Toiletten und Kostümen. Die angeborene reiche Phantasie und Vorliebe der Engländerin für Maskenkostüme konnte sich hier im reichsten Maße entfalten und ausleben. Das Spiel wurde ihr zum Leben; jede Laune durfte sie auf diesen Maskeraden verwirklichen. In tausend Rollen und Verwandlungen immer wieder neu zu sein, hat für die Frau des 18. Jahrhunderts einen unwiderstehlichen Reiz. »Die geheime Triebkraft, die hinter diesem leidenschaftlichen Maskenspiel steckt,« meint Moreck, »ist die Sucht, alles das, wodurch sie glänzt, ihre Grazie, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Pikanterie, ihre Schönheit, ihren Geist, ihren Geschmack in das Blickfeld männlichen Begehrens zu stellen, und sie folgt nur der Logik der Immoralität, wenn sie der physischen Schamlosigkeit ihres Lebens die seelische ihres Spiels zugesellt.« Ihre Phantasie, die weiblichste aller Gaben, den Mann zu immer neuer Bewunderung und Begeisterung hinzureißen, findet in den Maskenkostümen stets neue Nahrung, und die Engländerin wie auch die Frauen des Kontinents erleben in diesen Verwandlungsrollen mehr und intensiver, als im Alltagsgetriebe den köstlichen prickelnden Genuß ihrer Macht auf den Mann. Aber ihre Phantasie ist oft hemmungslos und auch sie befolgen mit der Nacktheit ihres schönen Körpers den Grundsatz eines berühmten Pariser Schneiders: »Ce qui habille le mieux une femme, c'est le nu«. Die reizende und extravagante Miß Chudleigh wählte ihre Masken meist aus der griechischen Mythologie. Eine zweite Tallien, erschien sie einmal als Iphigenie vor dem Opfer, »aber so nackt«, meint Lady Elizabeth Montagu ein wenig bissig, »daß der Hohepriester mit Leichtigkeit die Eingeweide des Opfers inspizieren konnte«. Diese junge Dame schaffte sich übrigens noch durch andre Extravaganzen und viele bewegte Abenteuer einen Weltruf. Horace Walpole spricht in seinen Briefen wiederholt von ihren zahlreichen Skandalen und Eheprozessen. Sie verheiratete sich heimlich mit Augustus Hervey, dem späteren Earl of Bristol, was sie indes nicht hinderte, sich noch einmal öffentlich mit dem Herzog von Kensington zu verehelichen. Als dieser starb, trat ihr erster heimlicher Gatte wieder auf den Plan und wollte sich nun von ihr offiziell scheiden lassen. Aber sie ließ ihm sagen, er möge ihr erst nachweisen, daß sie seine rechtmäßige Gattin sei, und wenn er das täte, müsse er ihre großen Schulden bezahlen. Es waren nicht weniger als 16 000 Pfund Sterling! Dann wurde sie wegen Bigamie angeklagt und zu der furchtbaren Strafe verurteilt, mit glühendem Eisen in die Hand gebrannt zu werden. Da sie indes einer der berühmtesten Adelsfamilien angehörte, erließ man ihr diese Folter, und sie führte ihr exzentrisches Leben weiter, obwohl sie nicht mehr jung und nicht mehr schön war. Sie hat noch auf vielen Maskeraden und Bällen durch die Ungeniertheit ihrer Kostüme Aufsehen und Anstoß erregt. Einige dieser fashionablen Maskeraden wurden von den Damen der Aristokratie arrangiert und geleitet, und nur die Elite besaß für einen sehr hohen Preis das Recht der Beteiligung. Andere wieder waren ganz öffentlich, und es traf sich dort alles, ohne Unterschied des Ranges. Man subskribierte meist für diese Bälle schon monatelang voraus. Wahrscheinlich entstand die Sitte der Subskription zu Bällen der guten Gesellschaft dadurch, daß derartig elegante und verschwenderische Privatmaskeraden, die mit ungeheuerer Pracht aufgezogen wurden, viel zu kostspielig für einen einzigen Veranstalter gewesen wären. Die Unternehmer oder Unternehmerinnen, in deren Tanzpalais oder Salons diese Art Feste abgehalten wurden, kamen oft zu großem Vermögen. Sie lebten jedenfalls meist auf großem Fuße und gehörten fast immer der Klasse der internationalen Abenteurer und Glücksritter an. Die berüchtigte und vielleicht sogar berühmte Madame Cornelys, die einstige Geliebte Casanovas und des Senators Malipieri, eines bekannten Wüstlings in Italien, eröffnete um das Jahr 1765 in London ein derartiges Gesellschaftslokal, das bald so berühmt und gesucht wurde, daß Fürsten und Herzöge mit ihren Damen es als guten Ton betrachteten, die dort abgehaltenen Maskeraden und Bälle zu besuchen. Auch die fashionablen Dandies und Lebemänner mit den vornehmsten Damen der Gesellschaft verkehrten in den Salons dieser Dame. Die Herzogin von Devonshire, Lord und Lady North, der Herzog von Northumberland, der Herzog und die Herzogin von Gloucester, Sir Joshua Reynolds, der Schauspieler und Dandy Garrick, Tobias Smollet, George Selwyn, einer der elegantesten Männer Englands, die Schauspieler Colman, Samuel Foote, der Musiker Giardini und viele andere prominente Persönlichkeiten waren häufige Gäste bei der Cornelys. Sie war eine außerordentlich pikante, sehr elegante Frau, eine blendende Schönheit. Man nannte sie allgemein »L'Impératrice du bon goût et de la volupté«. Nur Casanova scheint in Hinsicht auf ihr Temperament nicht mit ihr zufrieden gewesen zu sein. Er behauptet, sie sei kalt gewesen, und ihre Gesellschaften kamen ihm langweilig und steif vor, als er einen ihrer berühmten Maskenbälle in London besuchte und ihr bei dieser Gelegenheit ihren 23jährigen Sohn, den er adoptiert hatte, vorstellte. Die Cornelys war keine Engländerin, sondern eine Deutsche von Geburt. Ursprünglich hieß sie Theresa Imer. Ihre galanten Abenteuer hatte sie meist in Italien erlebt. Als sie nach London kam, stand sie zwar nicht mehr in der ersten Jugend, aber sie war immer noch eine blendende Erscheinung. Vor allem verstand sie ihren Bällen einen Glanz zu verleihen, der dem Aufwand von Fürstenhäusern gleichkam. Ihre Gesellschaftssäle waren mit blauer und gelber Seide ausgeschlagen. Zu den Konzerten, die sie veranstaltete, sangen oft Chöre von 500 Personen. In mancher Saison verkaufte sie bis zu 8000 Eintritts- oder Subskriptionskarten, die im Durchschnitt 6-9 Guineen kosteten. Sie lebte auf großem Fuße, hatte 32 Dienstboten, drei Sekretäre, eine Gesellschaftsdame, sechs Reit- und Wagenpferde und die prächtigsten Jagdhunde. Sie war indes zu verschwenderisch, um sich ein Vermögen zurückzulegen. Sie hatte beständig Schulden und machte deswegen öfter Bekanntschaft mit dem Schuldgefängnis. Schließlich lebte sie von der Güte ihrer Freunde und verbrachte 25 Jahre ihres Lebens im Fleetgefängnis wegen Bankerotts. Ihre Maskeraden am Soho Square, die sie bisweilen auch, wenn es größere Veranstaltungen waren, ins Ranelagh verlegte, waren ungefähr zwanzig Jahre lang in Mode. Und keins dieser Feste ähnelte dem andern. Madame Cornelys' Phantasie war unerschöpflich. Sie war ein Genie im Arrangieren dieser glänzenden Maskenbälle. »Man sah hier«, berichtet Archenholtz, »illuminierte Säulen und Triumphbogen, Säle in Gärten verwandelt, mit Orangerien und Springbrunnen verzierte, labyrinthische Blumenbeete, transparente Gemälde und Inschriften, Treppen und Zugänge mit farbigen Lampen in Pyramidal- und anderen Formen gestellt und mit Girlanden festonartig geschmückt; amphitheatralisch gestellte Eßtafeln, die einen so sonderbaren als schönen Anblick gewährten.« – Viele der wahrhaft fürstlich möblierten Zimmer waren den Kostümen, die man auf diesen Maskeraden trug, im Stile angepaßt: eins vielleicht ganz indisch, das andere chinesisch, ein drittes persisch und wieder ein anderes türkisch. Jedes Jahr wurde das Stiftungsfest in Madame Cornelys' Haus gefeiert, wozu 9000 Wachskerzen in Armleuchtern brannten. Der Anblick der so feenhaft beleuchteten Räume war bezaubernd. Natürlich wurde auch hier wie überall sehr hoch gespielt, besonders Pharao, dem die Gesellschaft des Londoner High-Life des 18. Jahrhunderts in einem Maße frönte, daß selbst die Spielhöllen Frankreichs nicht damit konkurrieren konnten. Die englischen Damen, die im Hause der Cornelys verkehrten, gehörten alle zu den schönsten und elegantesten der Welt. Bekanntlich übersteigt die Schönheit der englischen Frau alle Begriffe, ebenso wie ihre Häßlichkeit. Felix Remo in seinem »La vie galante en Angleterre« erscheinen die schönen Engländerinnen mit ihren zärtlichen tiefblauen Augen, ihrem wunderbar durchsichtigen, ätherischen Teint, ihrem hellen üppigen Haar wie die Madonnen des Murillo. Und von ihren wundervollen Körpern mit den schlanken Beinen sagt er: »Nichts ist graziöser als die zarte Rundung der Schenkel und Beine.« Aber er findet auch, daß diesen ätherischen Schönheiten der prickelnde Reiz der sinnlicheren Schönheit der Frauen des Kontinents fehlt. »Man könnte meinen,« sagt er, »daß sie überhaupt nicht denken, nichts empfinden. Sie geraten niemals in Ekstase; niemals werden diese entzückenden Gesichter durch große Eindrücke oder ergreifende Bewunderung bewegt; nur eine Art Gleichgültigkeit ist darauf zu erkennen. Sie zeigen niemals – nicht einmal in der leidenschaftlichsten Liebeshingabe – jene wilden Ausbrüche lasziver Mädchen des Südens. Nur das Lächeln bringt Beweglichkeit in die Züge der Engländerinnen: das verstehen sie allerdings auf eine bezaubernde Art zu gebrauchen.«– Es ist daher kein Wunder, daß unter den englischen Schönheiten Lady Emma Hamilton mit ihrem außerordentlich mimischen Talent und ihrem beweglichen, ausdrucksvollen Gesicht, ihrer Wollust und Sinnlichkeit so großes Aufsehen erregte und Begehren herausforderte. 21. Eine englische »Elegante«. Englisches Schabkunstblatt. London, 1781 Unter den öffentlichen Vergnügungslokalen großen Stiles wie Vauxhall, Panthéon, Marylebone Gardens war das Ranelagh zweifellos das berühmteste und eleganteste. Es bewahrte sich von 1742 an das ganze 18. Jahrhundert hindurch und noch in späterer Zeit seine Anziehungskraft. Hier verkehrte sowohl die Welt des High-Life wie die der Kleinbürger. Prinzen und Prinzessinnen, Angestellte und Verkäuferinnen, die vornehme und die billige Halbwelt, waren hier anzutreffen. Sie tauschten ihre Laster, ihre Freuden und – ihre Männer und Frauen. Im Juni 1755 schrieb Horace Walpole an einen Freund: »Niemand geht wo anders hin, jeder geht hierher. Lord Chesterfield liebt es so sehr, daß er sich alle seine Briefe nach Ranelagh schicken läßt. Wenn Sie es nie gesehen hätten, würde ich es Ihnen pompös beschreiben und Ihnen sagen, daß der Boden mit Prinzen bedeckt ist. Man kann keinen Fuß vor den anderen setzen, ohne nicht auf einen Prinzen von Wales oder einen Herzog von Cumberland zu treten. Die Gesellschaft erstreckt sich vom Herzog von Grafton bis zu den ärmsten Findelkindern, von Lady Townshand bis zur Köchin.« Auch in England gab es eine Stufe zwischen Dame der Gesellschaft und Halbweltlerin. Sie sind vielleicht den »Demi-castors« des Zweiten Kaiserreichs zu vergleichen. Man nannte sie »Demi-reps«, eine Abkürzung von »demi-reputation«. Es waren solche Frauen, die ihren Ruf leichtfertig aufs Spiel setzen, ohne indes offiziell zur Kategorie der Kurtisanen zu gehören. Unter ihnen gab es Schönheiten von Weltruf. Meist waren sie verheiratet und gehörten dem guten Bürgerkreise, manchmal auch dem High-Life an. Ihr großes Luxusbedürfnis, ihre Verschwendungssucht, ihre Vergnügungssucht im Verein mit ihrer Laszivität veranlaßten sie, sich einen oder mehrere Liebhaber zu nehmen, weil der Ehemann den Aufwand nicht allein bestreiten konnte. Sie gaben den Französinnen des 18. Jahrhunderts an Eleganz und Raffinement kaum etwas nach. Ihre Genußsucht kannte keine Grenzen. Ehebruch und Eheverachtung war damals in der hohen englischen Gesellschaft ebenso angesehen, wie im französischen Rokoko. Und dazu trugen die Demi-reps und die echten Hetären, die auf der ganzen Welt in England als die zügellosesten bekannt sind, nicht wenig bei. Schauspielerinnen waren mit wenigen Ausnahmen auch in England Mädchen der Freude, besonders die Tänzerinnen vom Covent Garden. Viele von ihnen machten oft die glänzendsten Partien, denn in England kannte man nicht den Grundsatz der Ebenbürtigkeit. Ein Herzog oder ein Lord konnte ein beliebiges Mädchen aus dem Volke zu seiner Frau machen, und die Gesellschaft behandelte die neue Lady oder Peeress genau so, als wenn sie den höchsten Adelskreisen entsprossen wäre. Die Beispiele dieser bei uns mit dem Namen »Mesalliancen« belegten Ehen sind zahllos in der englischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. So heiratete ein Herzog von Shrewsbury seine langjährige Freundin, eine bekannte italienische Demimonde. Die in »The Beggar's Opera« als Polly auftretende reizende Miß Fenton war die Mätresse des Herzogs von Bolton, gebar ihm mehrere Kinder, und nachher wurde dieser Bund durch eine regelrechte Heirat besiegelt. Noch viele andere Mitglieder des Hochadels wählten sich ihre Frauen aus den niederen Schichten des Volkes. Die außereheliche Tochter eines Jockeys aus Newmarket wurde die Gattin des Herzogs von Ancaster, eine der elegantesten, aber auch schlechtbeleumundetsten Frauen des Jahrhunderts. Ehen zwischen Schauspielerinnen oder Tänzerinnen und Lords waren ein Zug der Zeit und nichts Ungewöhnliches. Und nicht nur die Berühmtesten, die sich bereits als Künstlerin einen Namen gemacht hatten, wurden zu so hohem Range erhoben, sondern oft auch kleine Anfängerinnen, wie die zwei entzückenden Schwestern Elizabeth und Maria Cunning. Beide waren außergewöhnlich schön, aber Kinder einfacher armer irischer Eltern. Sie kamen um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach London, um sich zur Bühne ausbilden zu lassen und ihr Brot als Schauspielerinnen zu verdienen. Die eine erregte sofort die Aufmerksamkeit des Herzogs von Hamilton. Er heiratete sie und brachte sie an den englischen Hof, wo ihre Schönheit und Eleganz Aufsehen erregte. Später heiratete sie als Witwe in zweiter Ehe den Herzog von Argyll. Ebenso von sich reden machte ihre Schwester Maria als Gräfin Coventry. Leider starb sie bereits mit 28 Jahren an einer blutvergiftenden Hautkrankheit, die sie sich durch Anwendung schlechter Schönheitsmittel zugezogen hatte. Manche dieser Eheschließungen entbehren auch nicht des Romantischen. Prinz und Aschenbrödel treten bisweilen in Wirklichkeit auf. Der junge Henry Cecil Earl of Exeter sah auf dem Lande ein hübsches Bauernmädchen, Sarah Hoggins, wie eine andere Magd barfüßig auf dem Felde arbeiten. Er verliebte sich in sie, heiratete sie und lebte mit ihr als wohlhabender Bürger, ohne ihr indes etwas von seiner Abstammung und seinem großen Reichtum zu sagen. Als er 1793 das Erbe seines Onkels antrat, reiste er mit der Ahnungslosen auf seine prächtige Besitzung in Burleigh und sagte ihr erst jetzt, daß sie Gräfin Exeter und unumschränkte Herrscherin über all diesen Reichtum sei. Selbst Mädchen, die aus ihrem galanten Leben durchaus kein Hehl machten, erfreuten sich der Achtung der hohen Gesellschaftskreise. Eine der vornehmsten, geistreichsten, aber auch unzüchtigsten Hetären war die am Covent Garden Theater verpflichtete Schauspielerin Bellamy. »Sie war zwar nicht ganz eine Aspasia,« meint Archenholtz, »allein vielleicht mehr wie eine Maintenon. Ihre Schönheit, ihr Witz, ihr großer Verstand, ihre Talente, ihre großmütige Denkungsart und feinen Sitten rissen alles an sich, was sich ihr nur näherte. Ihr Haus war der Sammelplatz großer und verdienstvoller Männer in allen Fächern. Sie war eine vertraute Freundin von Young, Thomson, Littleton, Garrick und Chesterfield. Staatsminister, Generale und Gesandte besuchten sie täglich und nahmen an ihrer Tafel Platz, wo der Geist so reichliche Nahrung fand, und wo die auserlesensten Speisen und sinnreichen Gespräche beständig die gesellschaftlichen Vergnügungen verfeinerten .....Zwar war sie bei vielen weiblichen Tugenden kein Muster der Sittlichkeit, denn sie hatte immer einen begünstigten Liebhaber, mit dem sie lebte« – (sogar Fox war eine Zeitlang ihr Geliebter) –»allein, so groß war die Macht ihrer außerordentlichen Vorzüge, daß selbst Damen von erstem Range und von strenger Tugend nicht allein mit diesem liebenswürdigen Frauenzimmer vertraut umgingen, sondern auch ihren Töchtern diesen Umgang zur Bildung ihres Verstandes und Herzens gestatteten.« Aber die Bellamy war keineswegs so tugendhaft, wie man es aus Archenholtz' Schilderung entnehmen könnte. Sie selbst hat sich in ihren Memoiren als eine geistvolle Erotomanin geschildert und nichts von ihren Lastern verborgen. Selten aber verband eine englische Hetäre soviel Geist und Liebenswürdigkeit mit glühender Sinnlichkeit und Wollust wie diese Schauspielerin, der die bedeutendsten Männer zu Füßen lagen. Dühren meint, man fühlt sich an den Geist von Schlegels »Lucinde« erinnert, wenn man Stellen aus ihren Memoiren wie diese liest: »Jener Abend, den ich mit Mylord verbrachte, war entzückend: Die Nacht, die darauf folgte, war ein Rausch der Wollust. In einem für die Reize der Literatur empfindsamen Geist ruft eine kluge Unterhaltung immer eine Art Ekstase hervor; wie Circe befreit sie die Seele und versetzt sie in die Elysäischen Gefilde.« Diese reizende Kurtisane, die, wie selten eine, geliebt und verehrt wurde, lebte in großem Luxus, aber wohl kaum, wie viele ihrer Kolleginnen, in unsinniger verschwenderischer Pracht; sie hatte am Ende ihres Lebens sich so viel Vermögen erspart, daß sie 30 000 Pfund Sterling Rente besaß. Die Zügellosigkeit der meisten englischen Theaterdamen übertrifft selbst die der »Filles d'Opéra« des 18. Jahrhunderts in Paris. Die berühmtesten hatten eine stürmische Vergangenheit, ehe sie durch ihre Kunst oder ihre vornehmen Ehen bekannt wurden. Manche ging vom Hetärentum direkt zur Bühne über. Daß die englische vornehme Hetäre viel lasziver und unzüchtiger war als die französische und die anderer Länder, lag zum Teil auch an den Männern, den Lebemännern der Zeit. Unter ihnen gab es gerade in England einen Typ, den man nirgends anderswo findet. Nach Dühren ist ein Hauptcharakterzug der britischen Don Juans, der sie durchweg von den Lebemännern der romanischen und der anderen germanischen Länder unterscheidet, »die kalte eherne Ruhe, mit dem sie dem Lebensgenuß frönen, der ihnen viel weniger eine Sache der Leidenschaft als des Stolzes und der Befriedigung ihres Machtbewußtseins ist. Den französischen, den italienischen Don Juan treibt eine glühende Sinnlichkeit von Eroberung zu Eroberung. Das ist das Hauptmotiv ihrer Handlungen und ihrer Lebensweise. Der englische Don Juan verführt aus Prinzip, des Experimentes halber, er treibt die Liebe als Sport. Die Sinnlichkeit spielt erst in zweiter Linie eine Rolle, und mitten im Genusse blickt die Herzenskälte auf schreckliche Weise durch.« – Diese »Rake- und Lovelacetypen« waren zu Dutzenden unter der hohen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zu finden. Sie tranken, spielten, schlugen sich, verbrachten ihre Nächte mit Frauen, machten die Nacht zum Tage, den Tag zur Nacht, aber ohne die Grazie eines Casanova, eines Lauzun, eines Richelieu. Aber es fehlte auch den schönen galanten englischen Frauen des 18. Jahrhunderts das Prickelnde, Reizvolle der Französin. Dem englischen Boudoir der galanten Frau mangelt, um mit Curt Moreck zu sprechen, das enervierende Parfüm des französischen, aber es fehlt ihm auch die feudale Grazie und Pikanterie, die alles Grobsinnliche mit einem duftigen Schleier umhüllt. 22. Das zeitgemäße Parisurteil. Kolorierter Stich von P. L. Debucourt. Paris, um 1801 Romneys »göttliche Lady« Wenn man die Sitten des englischen Hochadels im 18. Jahrhundert kennt, kommt einem der fast märchenhafte Aufstieg eines armen Mädchens aus den niedersten Sphären des Volkes; wie ihn Emma Lyon, spätere Lady Hamilton erlebte, nicht mehr ganz so unglaublich und vereinzelt dastehend vor, als es, ohne Kenntnis der Zeit, den Anschein haben könnte. Und außerdem gibt es Frauen, Virtuosinnen des Lebens, sie schenken und nehmen Genüsse und Glück durch den Reichtum ihres Wesens, ihrer Gaben und Talente, ihrer physischen Reize. Sie tauchen unter in dem Strudel des Lasters, ohne in ihrem Innersten davon berührt zu werden. Sie verkaufen vielleicht ihren Körper, nicht aber ihre Seele. Mit liebenswürdigem Leichtsinn überspringen sie alle Gesetze der bürgerlichen Moral, ihr Leben ist aufgelöst in Skandalaffairen, offiziellen und heimlichen Liebesverhältnissen, sie sinken und steigen mit dem Mann und seinem Milieu. Sie sind Lebenskünstlerinnen im wahren Sinne des Wortes. Ihr Geschick, ihr Instinkt, ihre Anpassungsfähigkeit an alle Lebenslagen und Verhältnisse und die Macht ihrer außerordentlichen Schönheit öffnen ihnen alle Tore. Die Gesellschaft duldet oder übersieht in ihrem Leben Dinge, die sie bei anderen scharf kritisiert oder verachtet. Solche Frauen können nicht mit dem sittlichen Maßstab bürgerlicher Wohlanständigkeit gemessen werden. Sie bleiben, wie sie auch seien, anziehend und reizend. Unter vielen derartigen Frauen hat Emma Lady Hamilton Aufsehen erregt. Sie besaß allerdings auch vor vielen ihresgleichen die größere Liebenswürdigkeit und die bedeutenderen Talente. Ja, sie war, trotzdem ihr Emporkommen durch die freieren Gewohnheiten einer toleranten Gesellschaft erleichtert war, eine der außerordentlichsten Erscheinungen ihres Jahrhunderts. Ihr Leben bestand aus einer Kette galanter Abenteuer. Ihre Schönheit und Talente sind zum Gegenstand allgemeiner Bewunderung geworden. Es werden ihr Glück, Ehren, Reichtum, eine angesehene Stellung in der Welt zuteil, bis ihr abenteuerliches Leben in Armut endet. Ein Schicksal, wie es nur das 18. Jahrhundert hervorbringen konnte. Als Tochter armer Eltern lernte sie Not und Elend früh kennen. Sie wurde in der Welt herumgeworfen: erst als Kindermädchen, dann als Kellnerin in Matrosenkneipen, als Gesellschaftsdame berüchtigter Vergnügungslokale, als Modell von Künstlern, die zum Teil durch ihre Schönheit berühmt wurden, und denen sie für ihre Bilder nicht nur ihr entzückendes Gesicht und die schlanken Linien ihres Körpers zur Verfügung stellte, sondern auch ihre hervorragende mimische Kunst. Sie vermochte alles darzustellen, was der Maler von ihr verlangte: eine Bacchantin, eine Kalypso, eine Circe, eine Spinnerin, eine Kassandra, eine Magdalena, eine heilige Cäcilie, eine Pythia. Kein Gefühl war dem Ausdruck ihrer Züge fremd. Freude, Ausgelassenheit, Wildheit, Schmerz und Leid, Empfindsamkeit, Naivität und Lasterhaftigkeit, kühlen Stolz und leidenschaftliche Hingabe, alles das vermochte sie auszudrücken. Romneys Biograph sagt: »Die Natur beschenkte die schöne Emma mit den bezauberndsten Talenten für die beiden befreundeten Künste: die Musik und die Malerei. In der Musik erwarb sie sich große Fertigkeit und Gewandtheit. Für die Malerei bewies sie einen so ausgesuchten Geschmack und eine solche Kraft des Ausdrucks, daß sie für einen Maler ein begeisterndes Modell sowohl für zarte und sanfte als auch für große Charaktere darstellte. Gleich Shakespeare's Sprache vermochten ihre Züge alle Gefühle, alle Abstufungen der Leidenschaften mit hinreißender Wahrheit wiederzugeben. Romney war entzückt, wenn er die wunderbare Gewalt sah, mit welcher sie ihre sprechenden Gesichtszüge zu beherrschen wußte ... und immer belebten und veredelten die Kraft und die Mannigfaltigkeit des Ausdrucks ihrer Empfindungen die Werke des Künstlers.« – Die Natur hatte Emma Lyon wirklich verschwenderisch mit Schönheit und Liebreiz ausgestattet, aber auch hilf- und haltlos in das Leben hinausgestoßen. Es konnte nicht fehlen, daß sie als unerfahrenes, unbehütetes junges Mädchen in einer Stadt wie London Verführern verfiel, die sich ihre Jugend, ihre Sinnlichkeit und ihre unerhört reizvolle Anmut und Schönheit zunutze machten. Sie besaß einen wundervollen Wuchs und etwas unbeschreiblich Liebliches und Anziehendes im Ausdruck ihres sehr schönen Gesichts. Leicht und heiter schritt sie trotz Armut und Abhängigkeit durchs Leben. Ihre Strümpfe waren zerrissen, ihr Kleid schäbig und abgenützt. Darum kümmerte sich Emma Lyon oder »Amy«, wie sie in ihrem heimatlichen Dialekt genannt wurde, wenig. Der Gebrauch einer Stopfnadel und Nähnadel war ihr fremd. Sie lebte heute, um das Morgen machte sie sich keine Gedanken. Da ihre Mutter eine arme Näherin war, mußte Amy sich frühzeitig ihren Lebensunterhalt verdienen. Ihre erste Brotherrin, Mrs. Thomas, eine Arztfrau in Hawarden in der Grafschaft Chester, hatte viele Mühe, sie zur Häuslichkeit und Ordnung zu erziehen. Das damals dreizehnjährige Mädchen war indes gut und willig und äußerst leicht zu leiten. Frau Thomas nahm sich seiner mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt an. Lady Hamilton auf dem Zenit ihres Glückes hat darum auch diese Dame niemals vergessen und sich nicht geschämt, sie des öfteren zu besuchen, deren Kinder sie gewartet und ausgefahren hatte. Noch ein zweites Mal diente sie als Kindermädchen in der Familie eines anderen Arztes, Dr. Budd's. Dann aber lockte die Großstadt, lockte London. Amys Mutter hatte erfahren, daß in der Familie des Komponisten Linley ein Platz frei sei. Sie forderte ihre Tochter auf, nach London zu kommen und die Stelle bei den Linleys anzunehmen. Mrs. Linley war Teilhaberin am Drury-Lane Theater und hatte dort ihre Privatloge. Amy oder Emily, wie sie sich jetzt nannte, mußte sie zu den Vorstellungen begleiten und des öfteren Aufträge von der nicht immer gutgelaunten Theaterdirektorin den Schauspielern und Schauspielerinnen hinter die Kulissen bringen. Das Kulissenleben machte Eindruck auf das kleine Mädchen, das selbst in sich bereits alle Gaben eines großen mimischen Talentes vereinigte. In dieser Schauspielerfamilie versuchte Emily zum erstenmal – vielleicht noch heimlich in ihrer Kammer – die »Attitüden« oder wie wir heute sagen würden, die lebenden Bilder, die sie später so berühmt machten. Ihre reizende Gestalt begann sich immer vorteilhafter zu entwickeln. »Schon zeigte sie in ihrer Haltung und in ihrem ganzen Wesen«, schreibt einer ihrer Zeitgenossen, »jene Kühnheit und Sicherheit, die ihr vorwaltender Charakterzug blieb.« Manche Familie der Aristokratie wäre froh gewesen, ein so reizendes Kind als Tochter zu haben. Sie besaß so feine Züge, eine so vornehme Erscheinung, daß sie ohne weiteres mit den aristokratischen Mädchen des englischen High-Life konkurrieren konnte. Bereits als kleines Mädel, wenn sie als Kinderwärterin mit ihren Schützlingen über die Straße ging, erregte sie Aufsehen. Spaziergänger blieben stehen und schauten ihr nach, bis sie außer Sehweite war, und die Bettler Londons segneten sie wegen ihrer sylphenhaften Schönheit mit den Worten: »God bless you, my lovely child.« Jugend, Leichtsinn, Unerfahrenheit oder einfach das Leben mit seinen lockenden Genüssen mögen dieses hübsche Mädchen veranlaßt haben, den ersten folgenschweren Schritt zu tun, der sie auf die schiefe Ebene brachte. Nachdem sie ihre Stelle bei den Linleys plötzlich verlassen hatte, – man sagt, weil sie den Tod des jungen Linley, den sie liebte, nicht in der Umgebung verschmerzen konnte – verdingte sie sich in St. James Market bei einem Obst- und Weinhändler als Kellnerin. Allerdings muß hinzugefügt werden, daß das zweifelhafte Genre der Kellnerin in England unbekannt war und auch noch ist. Die »waitress« des 18. Jahrhunderts war nicht ausschließlich zum Bedienen und Unterhalten der Gäste da, sondern verrichtete nebenbei alle Hausarbeiten, war also mehr Magd als Hetäre. Im Lokal des Weinhändlers in St. James' Market verkehrten übrigens auch Damen, wenn auch sicherlich nicht Damen der ersten Kreise. Der Weinhändler wird die junge Schönheit in der Hoffnung engagiert haben, sie werde ihm neue und viele Kunden zuführen, ebenso wie jene »lady of fashion«, von der Emily wenige Monate darauf direkt aus der Obstweinschänke weg als »Gesellschafterin« gemietet wurde, um »ihre Salons« für die fashionablen Müßiggänger anziehender zu gestalten. Was diese »Lady« für eine Dame war, und daß ihre Salons nichts anderes gewesen sein mögen als eines jener Rendezvoushäuser, die es nicht nur in Paris, sondern auch in London gab, ist nicht schwer zu erraten. Sie hieß Mrs. Kelly und hatte den Spitznamen »Die Äbtissin«. Wer die Volkssprache der Engländer versteht, weiß, daß »Abbess« Kupplerin bedeutet. Ihre »Salons« befanden sich in einem Hause der Arlington Street. Emily Lyon war außerordentlich gutmütig, sinnlich, liebenswürdig; ihr heiteres Wesen, ihre Jugend und Schönheit und ihre vielseitigen Talente waren wie geschaffen für ein solches Haus. Sie beteiligte sich eifrig an den Theateraufführungen, mußte tanzen und singen und die Männer bezaubern, was ihr nicht schwer fiel. Es begann für sie ein Wirbel von Vergnügungen, die ihre leicht erregbaren Sinne berauschten und ihr Herz betörten. Die »Hausfreunde« der »Lady« waren alle von dem anmutigen Mädchen begeistert und hingerissen. Emily erlebt ihre ersten Triumphe als Schönheit. Sie ist kaum vierzehn und noch nicht ganz auf der Höhe ihrer berückenden Weiblichkeit, aber der Dämon der Sinnlichkeit ist bereits in ihr. Jeder Mann, der ihr begegnet, fühlt das, und einer wird ihr Verführer. Dem späteren Admiral John Willet Payne führt ein Zufall das junge zur Liebe und zum Genuß geschaffene Wesen in die Arme. Er nimmt ihre Gunst als Dank für einen Dienst, den er ihr für einen ihrer Verwandten leistet. Ein Vetter Emilys aus Flintshire, ihrer Heimat, war im amerikanischen Krieg zum Matrosen gepreßt und auf ein Kriegsschiff gebracht worden. Zu Hause läßt er Weib und Kind in Armut zurück. Emilys gutes Herz sucht Mittel und Wege, ihn vom Kriegsdienst zu befreien, und findet sie. Sie eilt selbst zum Kapitän des Schiffes, dem einzigen, der die Freilassung des Matrosen befürworten kann. Es ist John Willet Payne, ein noch junger schöner Mann. Emily übt einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus. Er kann der Versuchung nicht widerstehen, als Preis für sein Entgegenkommen den Besitz dieses jungen Mädchens zu fordern, und Emily wird seine Geliebte, vielleicht nicht nur aus Dankbarkeit, sondern weil auch ihr der hübsche Seeoffizier gefiel. Ehe noch die Fünfzehnjährige einem Kinde das Leben schenkte, war Kapitän Payne längst wieder auf See. Einige Monate hat er für ihren Unterhalt gesorgt, sich aber später nicht mehr um sie gekümmert. Ein wohlhabender, aber skrupelloser Rake, Sir Henry Featherstonehaugh, wird Paynes Nachfolger und führt die schöne Emily auf seinen Landsitz »Up Park« in Surrey. Hier und in London, wohin er sie bisweilen nach Vauxhall führt, lernt das junge Mädchen zum erstenmal Luxus und Wohlleben kennen. Featherstonehaugh war freigebig. Er wollte seine Geliebte schön und elegant gekleidet sehen. Er sparte keine Kosten, um ihre Schönheit ins rechte Licht zu setzen. Emily, das Proletarierkind, paßte sich dem neuen Lebensstil mit verblüffender Leichtigkeit an. Es war, als hätte sie ihr Leben lang in dieser Umgebung gelebt. Der junge Lebemann steht spät auf. Um drei Uhr nachmittags frühstückt er mit Emma; gallonierte Diener bedienen sie und die jeden Tag anwesenden Gäste. Nach Tisch geht man zum Reitstall. Die Ställe ihres Freundes bergen prächtige Pferde, und sie, die bisher noch nie auf einem Pferde gesessen hat, wird eine vorzügliche Reiterin. Sie hätte sich im Hyde-Park mit den kühnen Aristokratinnen, jenen »pretty horsebreakers«, von denen Rodenberg schwärmt, messen können. Abends beim Diner trägt sie schöne tiefdekolletierte Kleider, Rubinen und Smaragden an Hals, Armen und im Haar. Allerdings ist dieser Schmuck im Vergleich zu den herrlichen Juwelen, die sie als Lady Hamilton später besaß, sehr bescheiden. Aber sie ist glücklich. Ihre vielen Talente und Vorzüge, ihr heiterer und unbefangener Charakter, ihre Lebenslust und ihre Talente erfreuen die lustigen Gesellschaften der jungen Lebemänner und deren Mätressen, die Featherstonehaugh bei sich empfängt. Emily Lyon ist immer der strahlende Mittelpunkt. Dieses Glück währte nur einen Sommer. Featherstonehaugh kehrte nach London zurück. Er konnte oder wollte dort sein Verhältnis zu Emily nicht fortsetzen. Man sagt, er habe in Emily Lyons Gesellschaft ein Vermögen vergeudet. Kurz, er verließ sie, nachdem er ihr eine kleine bescheidene Wohnung gemietet und ihr gerade so viel Geld gelassen hatte, daß sie in der Postkutsche zu ihrer Großmutter Kidd, einer armen Tagelöhnerin, bei der sie ihr Kind gelassen hatte, in ihre Heimat reisen konnte. Sie blieb nicht lange in ihrem Dorf. Das Leben in der Großstadt trat aufs neue mit seinen Versuchungen an sie heran. Sie war schön. Sie wußte es. Alle hatten es ihr gesagt. Sie war keine Novize in erotischen Dingen. Sie kannte das genießerische, wollüstige Leben junger reicher Wüstlinge und wollte es weiter genießen, skrupellos genießen. Über die Mittel, sich ein solches Genußleben zu verschaffen, grübelte sie nicht nach. Ein Scharlatan kreuzte ihren Weg, und sie verfiel auch ihm. Als »Vestina« oder »Göttin der Gesundheit« diente sie diesem Doktor Graham zur »Erläuterung« seiner Wunderlehre und stellte allabendlich die verführerischen Reize ihres »göttlichen Körpers« einem leichtgläubigen neugierigen und lüsternen Publikum zur Schau, das in Massen zu Grahams »Tempel der Gesundheit« und seinem »himmlischen Bett« gepilgert kam. Vielleicht hatte sie nie darüber nachgedacht, welchen Zwecken sie mit diesen Schaustellungen diente. In den Lebekreisen, in denen sie bisher ihr Dasein verbracht hatte, wurde nie moralisiert, nie abgewogen, was man tun konnte oder nicht; man gab sich allen Genüssen hin und fragte nicht danach, ob sie unzüchtig oder unmoralisch waren. Emily Lyon diente Graham mit ihrer Schönheit ebenso wie sie den anderen Männern gedient hatte. Vielleicht sah sie sogar bewundernd zu ihm auf. Man darf nicht vergessen: sie war ein Kind des Volkes! Ein Kind des an Scharlatanismus und Quacksalbern so reichen 18. Jahrhunderts! In ihren Augen erschien dieser Scharlatan als ein hochgelehrter Mann. Ließen sich doch sogar Leute aus den höchsten und gebildetsten Kreisen von seiner Wunderkur verblüffen. England scheint im 18. Jahrhundert das Idealland für alle Kurpfuscher und Scharlatane gewesen zu sein, besonders für die Wunderkuren auf sexuellem Gebiete. Bereits 1750 »heilte« der berüchtigte Joshua Ward mit »magischen Tropfen« die allzu große Leidenschaft alter Lebemänner und machte Mädchen, die einen Fehltritt getan hatten, wieder zu Jungfrauen! Und dieses Pfuschertum blühte noch mehr zur Zeit Emmas, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Jeder Scharlatan nannte sich Doktor, ohne diesen Titel an einer Universität erworben zu haben. Wie Graham hatten diese »Doktoren« meist ein paar junge hübsche Mädchen zur Hand, mit deren Schönheit und Jugend sie wahrscheinlich am meisten bei ihren »Wunderkuren« Erfolg hatten. Viele Leute kamen daher auch nur zu Graham, »um dieses neuen Genusses der Wollust teilhaftig zu werden«, wie Archenholtz in richtiger Beobachtung sich ausdrückt. »Junge Leute, die, mit Geld reichlich versehen, aus der Provinz kamen, um sich eine kurze Zeit in London zu vergnügen, Offiziere von der Marine und Kaper, die große Summen für Prisen bezogen haben ... Leute, die, mit Reichtum beladen, aus Ostindien kommen; unterhaltene Mätressen der Grafen, die Lust haben, diese neue Art der Wollust zu versuchen ... diese waren die Hauptkunden unseres Doktors, ohne die Menge anderer Verschwender zu rechnen.« Diesem Scharlatan, »welcher entschieden am raffiniertesten von allen auf die sexuellen Instinkte seiner Klientel spekuliert hat, dem wahren Cagliostro der Kurpfuscherei«, war Emma Hart also verfallen. Er ist der berühmte Erfinder des »himmlischen Bettes« und des »Tempels der Gesundheit« ... Im Mai 1779 eröffnete Graham seinen berühmten »Tempel der Gesundheit« in den Adelphi, mit dem darin enthaltenen »himmlischen Bette«, das allein 16 000 Pfund Sterling gekostet haben soll. Es sollte die Wirkung haben, »die Unfruchtbarkeit der Frauen zu heben, sie zu Müttern zu machen und dem bejahrten Manne seine ursprüngliche Kraft wiederzugeben«. Jeder, der dieses Bett, das Graham »Magneto Elektric« nannte, benutzen wollte, mußte eine Karte für 50 Pfund Sterling dazu lösen. Und der Zuspruch der Damen und Herren war groß, um so mehr, als Graham betonte, er und seine Leute wollten nicht wissen, wer die Personen sind, die in diesem Bette einige Stunden ruhten. Er nannte daher auch das Zimmer, worin das Bett stand, das »Sanctum Sanctorum«. Das himmlische Bett ruhte nach Archenholtz auf sechs massiven transparenten Säulen. Die Bettücher waren von Purpur und himmelblauem Atlas und lagen über Matratzen, mit arabischen und anderen morgenländischen Essenzen parfümiert im Geschmack des persischen Hofs, wie es in den Gemächern der Lieblingsfrau des Sultans sich befinden sollte. Aus einem Nebengemach hörte man eine sanfte, weiche, sinnliche Musik, wie Graham sich ausdrückt: »die melodischen Töne einer Flöte, Cölestina und Harmonika, angenehmer Stimmen und einer Orgel«.– Aber nicht nur dieses herrliche Bett war die große Anziehungskraft für die neugierigen Engländer. Graham zeigte auch bei seinen Vorlesungen, gleichsam als bekräftigenden Beweis für seine Lehre, die »Vestina, die rosige Göttin der Gesundheit«. Diese »Vestina« war meist ein sehr schönes, wundervoll gestaltetes junges Mädchen, das er sich unter den Töchtern des Landes wählte. Die sehr schlecht beleumundete Schwester der tugendhaften Schauspielerin Mrs. Siddons, Mrs. Curtis, diente ihm unter anderen als Assistentin und eine Zeitlang, wie erwähnt, auch die entzückende Emily Lyon oder, wie sie sich schon damals nannte, Emma Hart, spätere Lady Hamilton! 23. Lady Hamilton als »Ambassadress«. Farbstich von Appleton nach G. Romney. London, um 1799 Durch diese hüllenlose Schaustellung ihres jungen Körpers wurde Emma als die »englische Venus« bekannt, von der ganz London schwärmte. Die Zahl ihrer Verehrer ward immer größer. Viele Künstler, darunter manche bedeutende, unter anderen auch der exzentrische George Romney, begehrten sie als Modell. Sie saß ihm unzählige Male zu den verschiedensten Gemälden und berauschte ihn jedesmal aufs neue durch ihre unvergleichliche Schönheit. Er nannte sie stets nur seine »göttliche Lady«. Und später noch, als sie längst die gefeierte Lady Hamilton war, gewährte sie ihm Sitzungen zu Gemälden, die ihn unsterblich machten. Als Emma Hart den Malern Modell stand, kannte sie einen Jüngern Weltmann, Sir Charles Greville, den Sohn des zweiten Earl of Warwick. Er nahm sie zu jener Zeit zu sich und enthob sie bald aller Sorge um ihren Unterhalt. Übrigens scheint er das schöne Mädchen schon gekannt zu haben, als Lord Featherstonehaugh ihr Geliebter war. Da er Emmas gute Anlagen kannte und Verständnis dafür hatte, sorgte er nicht nur für ihr leibliches Wohl, sondern auch für die weitere Ausbildung ihrer Talente und die Bildung ihres Geistes. Er gab ihr Musik- und Tanzlehrer, unterwies sie in allen Dingen eines guten Lebensstils, las mit ihr Bücher, ließ sie in Französisch und Italienisch unterrichten, kurz, machte aus ihr eine Dame, mit der er sich in der besten Gesellschaft sehen lassen konnte, wenn er das gewünscht hätte. Daß sie nicht orthographisch schrieb, war keine Ausnahme in der damaligen Zeit. Die Damen der höchsten Kreise schrieben nicht besser. Emma lebte einige Jahre sehr glücklich und idyllisch, wenn auch sehr zurückgezogen mit Greville. Es war ihre erste echte Liebe – vielleicht die einzige und größte in ihrem Leben, denn später liebte Nelson sie mehr als sie ihn. Greville riß sie aus dem Schmutz, bewahrte sie vor dem Abgrund, in den sie zu versinken drohte. Er war der erste Mann, der sie anständig behandelte. Sie liebte ihn und war ihm dankbar dafür. Sie war nicht nur eine sehr intelligente und gelehrige Schülerin, sondern auch eine entzückende Geliebte, eine Zauberin in jeder Beziehung, eine Sirene. Sie ist die verkörperte Wollust. Gleichzeitig aber ist etwas Zartes, Feines, etwas unendlich Weibliches und Gütiges in ihr. Sie ist der Prototyp der englischen Schönheit. Ein echtes englisches Mädchen aus dem Volke: freimütig, wenig sentimental, gutmütig und äußerst dankbar gegen ihre alten und neuen Freunde. Ein sweet-heart im besten Sinne des Wortes. Lord Hamilton schrieb später von ihr: »Sie ist besser als sonst ein Wesen, das die Natur hervorgebracht hat. In ihrer Eigenart ist sie feiner als irgend etwas in der antiken Kunst.« Die Männer, die in ihren Bann geraten, kommen schwer von ihr los und sind ihr, wie Charles Greville, auch nach der Trennung noch Freunde. Selbst wenn sie sie betrügt, sind sie ihr noch zugetan. Vielleicht hätte Greville sich nie von einer so schönen und reizenden Geliebten getrennt, wenn er nicht durch seine zerrütteten Vermögensverhältnisse dazu gezwungen gewesen wäre. Emma liebte ihn wirklich. Sie waltete vier Jahre lang in seinem Hause als liebenswürdige graziöse Herrin. Unnachahmlich war ihre Anmut, wenn sie am Teetisch hantierte. Seine Freunde nannten sie »The pretty teamaker«. Sie war schön und elegant, temperamentvoll, geistreich, intelligent und talentvoll, kokett und reizvoll, kurz, mit allen Gaben ausgestattet, die einen Mann fesseln können, dabei nicht geldgierig, wie die meisten galanten Frauen. Sie folgte stets ihrem Impulse. Sie nahm das Leben, wie es sich ihr bot. Sie war freigebig, aber nicht verschwenderisch im wahren Sinne des Wortes. Ihr Lebensstil war immer den Umständen angepaßt. Reich, großzügig, anspruchsvoll, wenn der Mann die Mittel dazu besaß; bescheiden und einfach, wenn ihr Geliebter nicht im Überfluß lebte. Dem Manne, der sie aus dem Sumpf gerettet hatte, war sie ewig dankbar, und nie hat sie ihre von so außerordentlichem Glück und Reichtum begünstigte Karriere hochmütig gemacht. Immer gedachte sie ihrer armen Herkunft und schämte sich auch nicht als Freundin einer Königin einzugestehen, woher sie gekommen war. Als sie längst die Gattin des englischen Gesandten in Neapel war und bereits viele Jahre am Hofe gelebt hatte, schrieb sie von Nelsons Schiff »The Foudroyant« aus, im Jahre 1799, an ihren alten Freund Greville: »Meine Mutter ist in Palermo (bei der Königin)... Sie können sich nicht vorstellen, wie sie von allen geliebt und geachtet wird. Sie hat sich eine Lebensart angeeignet, die entzückend ist. Sie hat eine schöne Wohnung in unserm Hause, lebt stets bei uns, ißt mit uns, und so weiter. Nur wenn sie es selbst nicht mag (zum Beispiel zu großen Diners), sagt sie selbst ab und hat dann immer eine Freundin bei sich. Und ›La Signora Madama dell'Ambasciatora‹ ist in ganz Palermo bekannt, geradeso, wie sie es in Neapel war. Die Königin ist in meiner Abwesenheit sehr freundlich zu ihr gewesen. Sie hat sie besucht und ihr gesagt, sie könne sehr stolz auf ihre berühmte Tochter sein, die in den letzten qualvollen Monaten soviel getan hätte. Ich sage Ihnen das, damit Sie sehen, daß ich nicht unwürdig bin, einst Ihre Schülerin gewesen zu sein. Gott segne Sie.« Greville war, obwohl der Sohn eines Earls und Mitglied des Parlaments, kein sehr reicher Mann. Er konnte seiner Emma weder eine Equipage noch ein eigenes Palais halten, wie es seine Freunde für ihre Mätressen taten. Auch konnte er ihr keine außergewöhnlich kostbaren Toiletten, Brillanten und Schmucksachen kaufen, sie nicht mit Glanz und Luxus umgeben. Er wünschte nur, sie glücklich zu sehen und aus ihr einen guten gebildeten Menschen zu machen. So lebte sie in seinem schönen künstlerischen Hause in Edgware Row wie eine Dame aus seiner eigenen Sphäre, ebenso diskret vornehm und elegant wie eine andere Lady, die einen wohlhabenden, aber nicht reichen Aristokraten geheiratet hatte. Sie war stets wie eine Lady angezogen; einige ihrer Kleider stammten von der besten Schneiderin in London, Mrs. Hackwood, aber ihre Schneiderrechnung durfte, solange sie mit Greville lebte, nicht 20 Pfund im Monat übersteigen. Sie hatte zwei Dienstboten, ein Haus- und ein Stubenmädchen, aber weder Diener noch Kutscher, denn Greville konnte sich keinen Wagen leisten. Hingegen lebte Emmas Mutter in Grevilles Haus und ersetzte ihr eine sehr wichtige Hausangestellte. Mrs. Cadogan – sie hatte inzwischen ebenso wie ihre Tochter mehrmals ihren Namen umgeändert – war eine vorzügliche Köchin und, wie es scheint, ein äußerst verträglicher und gutmütiger Mensch. Denn alle stellen dieser Mutter nur das beste Zeugnis aus. Sie war immer bei ihrer Tochter und stieg mit ihr von Stufe zu Stufe. Sowohl Greville als auch Sir William Hamilton und Lord Nelson achteten Mrs. Cadogan und behandelten sie so ehrfurchtsvoll, als wäre sie eine Dame aus ihren Kreisen. Im Jahre 1786 trat ein Mann in Emmas Leben, der ihrem Schicksal die entscheidende Richtung gab. Sir William Hamilton, englischer Gesandter am Hofe von Neapel, ein noch gut aussehender Weltmann von 60 Jahren, kam in Privatangelegenheiten, vielleicht, um sich eine zweite Frau zu suchen, auf einer Urlaubsreise nach London und besuchte bei dieser Gelegenheit seinen Neffen Sir Charles Greville. Er sah die schöne vollkommene Geliebte, »the pretty teamaker« des jungen Grandseigneurs und war sofort von ihren Reizen gefangen. Und als er sie tanzen sah und singen hörte, war er vollends bezaubert. In den edlen Linien ihres Körpers sah er, der Kenner und Sammler antiker Kunst, die wundervollen Konturen griechischer Plastik verwirklicht. Und er beschließt, sie mit nach Neapel zu nehmen, unter dem Vorwand, ihre Talente noch weiter auszubilden, in Wahrheit aber, um diese göttliche Frau zu seiner Geliebten zu machen. Sir Charles Greville willigt ein. Er sieht darin den einzigen Ausweg, sich von Emma zu trennen, ohne sie einer ungewissen und für ihren sinnlichen, leicht zu beeinflussenden Charakter gefährdeten Zukunft auszusetzen. Er selbst ist nicht mehr in der Lage, pekuniär für sie zu sorgen. Schließlich wird alles zur gegenseitigen Zufriedenheit geregelt. Sir William Hamilton übernimmt das schöne Mädchen, das bald darauf im März 1786 in Gesellschaft der Mutter und des Malers Gavin England verläßt und über Deutschland nach Neapel reist. Vorläufig weiß Emma nicht, welcher Pakt zwischen Neffen und Onkel geschlossen wurde. Noch sieht sie in dem alten Herrn nur einen Gönner. Zahllose ihrer Briefe an den ehemaligen Geliebten Greville beweisen es. Sie hängt an ihm, sie sehnt sich nach ihm, bis sie begreift, daß der englische Gesandte nicht ganz uneigennützig gehandelt hat, als er sie zu sich nahm, und daß auch Greville, ihr Geliebter, mit dieser Handlungsweise einverstanden war. Sie ist enttäuscht über den einen und von Bewunderung und Dankbarkeit erfüllt für den andern, der sie mit galanter Aufmerksamkeit umgibt und ihr mit seinem Herzen seinen Reichtum, sein Haus und seine Stellung in der Welt zu Füßen legt. Ein neues Leben umgibt sie in Neapel. Sir Hamilton verwöhnt sie, überschüttet sie mit Luxus und Reichtum. Kein Land, keine Stadt war besser als Rahmen für Emmas Schönheit und reiche Gaben geeignet. Neben den großen Vergnügungszentren Paris, London und Wien ist Neapel um diese Zeit die Stadt, die die meisten Zerstreuungen bietet und an Eleganz keiner der größeren Städte Europas nachsteht. Sir Hamilton war einer »jener englischen Epikuräer«, wie ihn Dühren nennt, »die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im sonnigen Italien niedergelassen hatten, um hier in einer milden Natur und umgeben von den herrlichsten Kunstschätzen, im Verkehr mit Gelehrten und Künstlern, die Freuden des Lebens in reichstem Maße zu genießen.« In seinem Hause lernt Emma ein äußerst vielseitiges Genußleben kennen. Ihre Kunst wird durch die Bekanntschaft mit den berühmten griechischen Kunstwerken veredelt, die ihr Freund und Gönner als Archäologe sammelt. Sie beginnt in der neapolitanischen Gesellschaft, besonders in der englischen Kolonie in Neapel, eine Rolle zu spielen. Man scheut sich nicht, die schöne und liebenswürdige Mätresse Lord Hamiltons als gleichberechtigt anzuerkennen, und die in solchen Dingen sonst strengen Engländer, die nach Neapel kamen oder dort ansässig waren, suchten eifrig Emmas Bekanntschaft zu machen. Die Herzogin von Argyll, Lord und Lady Elcho und viele andere Mitglieder des hohen englischen Adels hatten dieses Mädchen aus dem Volke so ins Herz geschlossen, daß sie bald ihre engsten Freunde wurden. Emmas vertrauter Umgang mit der schönen und vornehmen Herzogin von Argyll und Lady Elcho wurde in der ganzen englischen Gesellschaft mit Staunen bemerkt. Allerdings sollen diese englischen Freunde sich selbst eingeredet haben, Emma sei längst Hamiltons heimliche Gattin. Damit beruhigten sie entweder ihr moralisches Empfinden, oder sie wollten wenigstens nach außen hin den Schein wahren. Denn ein Lord konnte, wie gesagt, im 18. Jahrhundert wohl eine Dirne zu seiner Gattin erheben, ohne Anstoß in der Gesellschaft zu erregen, aber die Gesellschaft konnte nicht im Hause einer Frau verkehren, die nur seine Mätresse war. So legten sich also auch die Gäste, die im Hause des Gesandten in Neapel aus- und eingingen, das Verhältnis Sir Williams zu Emma Hart zurecht, wie sie es wünschten. Hamilton widerlegte die Gerüchte über seine heimliche Ehe mit Emma nie, aber in Wahrheit heiratete er sie erst, nachdem sie fünf Jahre seine Mätresse gewesen war. Und nicht nur die englischen durchreisenden Aristokraten und die vornehme neapolitanische Gesellschaft bemühten sich um das junge reizende Mädchen, das Sir Williams Geliebte war. Die Befehlshaber fremder Schiffe, die im Hafen von Neapel vor Anker lagen, luden sie mit dem Gesandten an Bord und veranstalteten zu Ehren der jungen Schönheit Feste und Bälle. Die eleganten Seeoffiziere waren ihre glühendsten Bewunderer. Als der Kommodore Melville von der holländischen Flotte mit zwei anderen holländischen Schiffen im Jahre 1787 vor Neapel lag, veranstaltete er ein Bankett, zu dem er außer Sir William und dessen Freundin auch Emmas Mutter, Mrs. Cadogan, einlud. Der Kommodore, der Kapitän und vier andere Offiziere erwarteten die Gäste, als wären sie die allerhöchsten Persönlichkeiten, am Ufer und brachten sie in ihrer Pinasse zu dem Schiff, auf dem für sie das Bankett stattfand. Emma trug bei solchen Gelegenheiten stets ihr Lieblingskostüm: ein weißes duftiges Musselinkleid mit einer breiten blauen Seidenschärpe. Ihre goldbraunen Haare waren aufgelöst und fielen in langen Locken bald bis zu den Füßen herab. Als sie die Pinasse bestieg, wurde sie mit den Salutschüssen von 20 Kanonen begrüßt, und während das Boot sich langsam dem Schiffe näherte, feuerte die Fregatte der holländischen Schiffe alle ihre Geschütze ab. Die Tafel an Bord des Kommodoreschiffs war für 50 Personen gedeckt, und Emma Hart hatte daran den Ehrensitz. In ganz Neapel hörte man die Ehrensalven, die um eines jungen, aus den untersten Schichten des Volkes hervorgegangenen Mädchens willen abgegeben wurden. Das Diner verlief glänzend. Abends war der Besuch der Oper vorgesehen. Emmas und Lord Hamiltons Loge befand sich ganz in der Nähe der Hof löge. Die schöne Mätresse des englischen Gesandten gedachte an diesem Abend ganz besonders elegant zu sein, denn sie wußte, daß der ganze Hof erscheinen und sie neugierig betrachten werde. Noch war sie nicht offiziell von der Hofgesellschaft anerkannt. Sie hatte sich zu diesem Zweck ein neues rotes Atlaskleid, einen weißen Atlasüberwurf, der über und über mit Goldflitter bestickt war, und eine frisch aus Paris gesandte entzückende weiße Federtoque bereitgelegt. Nach dem Diner an Bord wollte sie in die Gesandtschaft zurückkehren, um große Toilette zu machen. Ihre Enttäuschung war daher groß, als Sir William Hamilton sich nicht von den liebenswürdigen holländischen Gastgebern trennen konnte und mit ihnen eine Flasche nach der anderen auf das Wohl »der entzückendsten Frau der Welt«, wie sie Emma Hart nannten, trank. Als sie dann endlich das Schiff des Kommodore verließen, war es zum Toilettemachen zu spät. Emma hatte gerade noch Zeit, so wie sie war, in ihrem weißen, in weichen Falten herabfallenden Sommerkleid und dem blauen Hut, mit ihrem offenen Haar, in den Wagen zu steigen und mit Sir William und den holländischen Offizieren in die Oper zu fahren. Hier fiel sie durch ihre mädchenhafte Schönheit und Anmut mehr auf, als wenn sie in der elegantesten Abendtoilette gewesen wäre. 24. Amor löst den Gürtel der Venus. Ölgemälde von Joshua Reynolds. Um 1790, Leningrad Bald erregten Emmas Schönheit, ihre »lebenden Bilder« und ihr verführerischer Schaltanz so großes Aufsehen, daß sie in Frankreich sowohl wie in Deutschland Nachahmer fand. In Paris sind es die schöne Julie Récamier, die exzentrische Theresia Tallien und Josephine Beauharnais, die diesen berühmten Tanz in Mode bringen, in Deutschland die Schauspielerinnen Händel-Schütz und Sophie Schröder. Aber Emma Hart, die Geliebte des englischen Gesandten in Neapel, ist die Erfinderin. Ganz Europa ist begeistert von ihr. Selbst Goethe erwähnt in der »Italienischen Reise« ihre Kunst mit den Worten: »... Eine Engländerin von etwa zwanzig Jahren. Sie ist sehr schön und wohlgebaut. Er (Sir Hamilton) hat ihr ein griechisch Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet. Dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen und so weiter, daß man zuletzt wirklich meint, man träume. Man schaut, was so viele Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung; stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bußfertig, lockend, drohend, ängstlich und so weiter, eins folgt aufs andere und aus dem andern. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter (Lord Hamilton) hält das Licht dazu, und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den Belvederschen Apoll selbst.« Der deutsche Maler Friedrich Rehberg hat die schönsten »Attitüden« Lady Hamiltons in einem Bande von 24 Kupferstichen der Nachwelt überliefert, und auch Tischbein ließ sich von ihr zu einigen Bildern inspirieren. Barbey d'Aurevilly nennt Emma Hamilton den »besten Bildhauer«, den dieses originelle und seltsame Land Italien besitze. Lady Hamilton sei würdig gewesen, Italienerin zu sein. Merkwürdig ist es jedoch, daß diese schöne Frau in ihrem reiferen Leben nicht besonders graziös gewesen zu sein scheint; erst wenn sie diese lebenden Bilder stellte, kam alle Grazie in ihren Körper. Viele Zeitgenossen haben das festgestellt; auch daß ihre Füße groß und unschön gestaltet waren. Aber die Gesamterscheinung war so ideal, daß man diese Mängel gern in Kauf nahm. Wenn sie früher, als Sechzehnjährige, mit Greville im Ranelagh erschien, erregten nach der Aussage eines anonymen Zeitgenossen ihre »Nymphengestalt«, ihr entzückendes Gesicht, ihr goldbraunes Haar die allgemeine Aufmerksamkeit und solche Bewunderung, daß sie sich einmal in diesem Vergnügungslokal veranlaßt sah, dem um sie versammelten Kreise mehrerer Freunde ihres Geliebten den Genuß »einiger höchst anziehender Proben ihrer musikalischen und mimischen Talente zu geben«. Greville scheint indes diese Art Provokation seiner Geliebten nicht geschätzt zu haben, denn er machte ihr auf dem Nachhausewege Vorwürfe und nahm sie nie wieder in ein derartiges öffentliches Vergnügungslokal mit. Ebenso vermied er es, sie öfter ins Theater zu führen. Er hatte bemerkt, daß die Bühne für sie eine zu große Anziehungskraft hatte. Vielleicht wäre sie ihm eines Tages auf und davon gegangen, um als Stagegirl eine Laufbahn zu beginnen, die für ein Mädchen wie Emma verderbenbringend gewesen wäre. Bei Sir William Hamilton war sie jedenfalls besser aufgehoben. Hier konnte sie, ohne die dornenvolle Künstlerlaufbahn durchmachen zu müssen, ihre mimischen Talente, wie auf der Bühne ausbilden und verwenden. Und vielleicht hat sie sich als Dilettantin größeren Ruhm erworben, als sie es als Berufskünstlerin vermocht hätte. Für ihre lebenden Bilder brauchte sie wenig Requisiten. Ein Stuhl, einige Schals, ein paar schöne antike Vasen, ein Blumengewinde, ein Tamburin, und für manche Posen ein oder zwei niedliche Kinder – das war ihr ganzer Apparat. Wenn sie mimte, waren alle Fenster geschlossen. Ihre Gestalt wurde nur von einer einzigen hellen Kerze beleuchtet. Sie verstand die türkischen oder indischen Schals so geschickt zu arrangieren, daß sie entweder, je nachdem sie es für ihre »Attitüde« brauchte, ein griechisches oder orientalisches Gewand darstellten oder auch in den verschiedensten Formen von Turbanen um den Kopf geschlungen wurden. Diese Verwandlungen gingen dermaßen schnell vor sich, daß keine Kostümveränderung länger als fünf Minuten dauerte. Archenholtz ist ganz hingerissen von dieser Schnelligkeit der Verwandlung. Einmal stellte sie das lebende Bild einer Madonna des Guido. »In wenigen Augenblicken, vermöge einer geringen Veränderung im Gewand und äußeren Schmuck, war die Madonna verschwunden und in eine vor Fröhlichkeit taumelnde Bacchantin, in eine jagende Diana und dann wieder in eine mediceische Venus verwandelt.« Auch als Tänzerin leistet Emma Hervorragendes. Ihr Schaltanz ist, wie bereits erwähnt, wegen seiner überraschend graziösen Bewegungen berühmt. Sie hatte damit so großen Erfolg, daß sie von mehreren großen Bühnen Engagementsanträge erhielt. In Madrid sollte sie in der italienischen Oper »als erste Tänzerin« für eine Gage von 120 000 Mark für drei Jahre verpflichtet werden, und das Covent-Garden-Theater in London bot ihr 40 000 Schilling für eine Saison. Die ganze Skala der Empfindung wird bei ihrem Tanz zur Geste, zum getanzten Erlebnis. Jeder Schritt, jede Bewegung ihrer Arme und Hände ist eine tänzerische Offenbarung. Nationaltänze tanzt sie mit vollendeter Grazie und immer mit den ihnen zugehörigen volkstümlichen typischen Eigenarten und Temperament. Keine Italienerin tanzte eine so bacchantische, eine so wilde und leidenschaftliche Tarantella wie Lady Hamilton. Und der alte Lord ist zuweilen ihr Partner. Er, der für Sport, Jagd und alle Leibesübungen jederzeit Begeisterte, bleibt an der Seite dieses jungen lebensprühenden Weibes jung und elastisch. Noch als naher Siebziger tanzt er mit Emma – die inzwischen seine Frau geworden ist – auf einem Fest in London diesen Nationaltanz so lebhaft und andauernd, daß er seine um vierzig Jahre jüngere Partnerin ziemlich erschöpfte. Mit solchen Tänzen, mit ihrer verführerischen Wollust, ihrer reizenden Koketterie und einschmeichelnden Liebenswürdigkeit bezauberte diese englische Sirene auch den Sieger von Abukir und vom Nil, Lord Nelson. Er sah sie zum ersten Male im Jahre 1793. Schon damals schrieb er an seine Frau: »Ich hoffe, Dir eines Tages Lady Hamilton vorstellen zu können. Sie ist eine der außerordentlichsten Frauen in der Welt. Sie ist eine Ehre ihres Geschlechts. Ihre und Lord Hamiltons Liebenswürdigkeit mir gegenüber ist größer, als ich in Worten auszudrücken vermag.« Aber erst fünf Jahre später, als Lady Hamilton zwar immer noch schön und begehrenswert war, jedoch nicht mehr jene entzückende sylphenhafte Gestalt und Jugendfrische besaß wie ehedem, – sie wurde bereits Anfang Dreißig sehr stark – verliebte er sich wahnsinnig in sie. Sie war eine jener Frauenschönheiten, die jederzeit, ob alt oder jung, den Mann fesseln. Und viele fanden sie auch viel später noch ebenso reizvoll wie zu jener Zeit, da sie Romney seine »göttliche Lady« nannte. Zu Ehren des Siegers veranstalteten Lord und Lady Hamilton ein großes Fest. Mehr als 1800 Gäste, die schönsten und elegantesten Frauen von Neapel und aus der Hofgesellschaft, füllten die herrlich geschmückten Säle der englischen Gesandtschaft. Aber Nelson sah nur sie, die »Unvergleichliche«, dieses »außerordentliche Wesen«, wie ein sonst kühl denkender Engländer, Sir Gilbert Elliot, sie nannte. Auf Nelson, den einfachen Pfarrerssohn, der trotz aller seiner Siege und Feldzüge die Welt wenig kannte und noch weniger die Frauen, wirkte die reizende, von allen umschwärmte Gattin des englischen Gesandten vollends wie ein Zauberwesen. Ihre verwirrende sinnliche Schönheit, der Charme ihrer Unterhaltung, ihre süße lockende Stimme, ihre impulsive alles vergessende Leidenschaftlichkeit und vollkommene Weiblichkeit bestrickten ihn so, daß er ihr völliger Sklave wurde. Emma Hamilton besaß von da an sein Herz, seine Sinne, aber auch sein ganzes Denken und Handeln. Er tat nur, was sie wollte. Er dachte nur durch sie und mit ihr, sah alles nur mit ihren Augen – leider nicht immer zu seinem und seiner Mitmenschen Nutzen. 25. Gartenfest. Gemälde von Gainsborough. Um 1785. Seitdem Emma Lord Hamiltons rechtmäßige Gattin geworden war, erlangte sie am neapolitanischen Hofe, vor allem durch die außerordentliche Freundschaft, die ihr die Königin Carolina entgegenbrachte, bedeutenden Einfluß. Solange sie nur Hamiltons Mätresse war, konnte der Hof sie natürlich nicht offiziell anerkennen. Aber gleich nach der Rückkehr des Gesandten aus England, wo er Emma im Jahre 1791 geheiratet hatte, wünschte Königin Maria Carolina Lady Hamilton bei Hofe vorgestellt zu sehen. Ein Brief der überglücklichen Emma an ihren alten Freund Romney über diese große Auszeichnung zeigt uns ihren guten dankbaren Charakter für alles, womit das Schicksal sie verwöhnte, und gleichzeitig ihre naive Freude über den ungeheuren Aufstieg, den sie, das kleine arme Modell und Kindermädchen, genommen hatte. »Mein lieber Freund«, schreibt sie aus Caserta am 20. Dezember 1791; »Ich habe das Vergnügen Ihnen mitzuteilen, daß wir glücklich wieder in Neapel angekommen sind. Ich bin mit offenen Armen von allen Neapolitanern beiderlei Geschlechts, von allen vornehmen Ausländern empfangen worden. Auf ihren eigenen Wunsch bin ich der Königin vorgestellt worden. Sie bewies mir die größte Liebenswürdigkeit und herzlichste Aufmerksamkeit. Kurz, ich bin die glücklichste Frau der Welt. Sir William liebt mich jeden Tag mehr, und ich hoffe, er wird nie Ursache haben, den Schritt zu bereuen, den er getan hat. Denn ich bin ihm so dankbar, daß ich glaube, niemals in der Lage zu sein, ihm seine Güte vergelten zu können. Aber warum sage ich Ihnen das? Sie kennen mich genug. Sie waren der erste liebe Freund, dem ich mein Herz öffnete. Sie müssen mich kennen, denn Sie haben mich in meinen armen Tagen gekannt. Sie haben mich in meiner Armut und meinem Glück gesehen... Oh, mein lieber Freund! Ich gestehe, eine Zeitlang war meine Tugend durch Not und Elend besiegt, nicht aber mein Gefühl für das Gute. Wie dankbar bin ich meinem lieben Mann, der meinem Herzen den Frieden wiedergab, mir Ehren, Stellung und Rang verschaffte und, was mehr wert ist, Harmlosigkeit und Glück schenkte. Freuen Sie sich mit mir, mein lieber Freund; Sie sind mir mehr als ein Vater. Glauben Sie mir, ich bin immer noch die gleiche Emma, die Sie kennen. Könnte ich nur einen Augenblick vergessen, was ich war, ich würde es nicht ertragen. Befehlen Sie mir irgend etwas, was ich für Sie tun kann. Es wäre für mich die schönste Freude. Kommen Sie nach Neapel, und ich will Ihr Modell sein; – oder etwas anderes, damit ich Gelegenheit habe, Ihnen meine Dankbarkeit zu zeigen... Wir haben hier in Neapel viele Engländerinnen, wie: Lady Malmsbury, Lady Maiden, Lady Plymouth, Lady Carnegee, Lady Wrigth und so weiter. Sie sind alle sehr liebenswürdig und aufmerksam zu mir und setzen eine Ehre darein, ausgesucht höflich mir gegenüber zu sein. Das wird Sie besonders erfreuen, weil Sie wissen, wie prüde unsere Damen sonst sind. Sagen Sie bitte Hayly, daß ich immer sein Werk: »Triumphs of temper« lese. Diesem Buche verdanke ich, daß ich Lady Hamilton bin. Denn, Gott ist Zeuge, vor fünf Jahren hatte ich genug, um meinen Charakter zu prüfen, und ich fürchte, hätte ich nicht das gute Beispiel in seinem Werk gehabt, mein Temperament wäre mit mir durchgegangen. Und wäre das geschehen, so wäre ich verloren gewesen. Denn Sir William hält mehr vom Charakter als von der Schönheit. Er wünscht daher auch, Mr. Hayly möchte kommen, damit er ihm für seine gutgeartete Frau danken kann.« Lady Hamiltons Landsitz in Caserta und ihr Haus in Neapel waren stets mit Gästen angefüllt. Manchmal hatte sie bis zu 50 Personen an ihrer Tafel. Und da sie als Frau des Gesandten die englischen Damen, die bei Hofe eingeführt werden sollten, der Königin vorstellen mußte, lebte sie in beständiger Aufregung von Festen und Bällen. Der Hof hielt sich zwar ebenfalls einen großen Teil des Jahres in Caserta auf, aber wenn er nicht da war, fand ein fortwährendes Hin und Her zwischen Neapel und Caserta statt. Es kam vor, daß Lady Hamilton in ihrem Hause in Neapel 50 Personen zu Tisch hatte, dann noch 500 Tanzteilnehmern auf ihren berühmten Bällen ein glänzendes Fest gab und erst sehr spät in der Nacht, meist erst gegen Morgen, nach Caserta zurückfuhr. Am Hofe wurde nichts unternommen, nichts beschlossen, kein Fest arrangiert ohne Lady Hamiltons Beihilfe. Beide Frauen, sie und die genießerische Königin, der man den Beinamen einer neapolitanischen Messalina gegeben hat, wetteiferten im Erfinden immer neuer Überraschungen bei den üppigen Gelagen. Emma Hamilton verdankte es der neapolitanische Hof, daß dieses schwelgerische Genußleben nicht nur in Essen, Trinken und Ausschweifungen bestand, sondern eine verfeinerte künstlerische Note erhielt. Sie war die beste Tänzerin unter all den schönen und graziösen Frauen, die Maria Carolina umgaben. Ihre mit einer schönen vollen Stimme, wenn auch nicht immer ganz rein vorgetragenen Lieder und ihre »Attitüden« machten sie zu einer der gefeiertsten Frauen des Hofes. Aber auch in politischen Angelegenheiten, die hier zu erwähnen nicht der Platz ist, besaß sie unumschränkten Einfluß. Es ist indes schwer zu sagen, ob vieles in dieser Beziehung mehr dem Gesandten selbst oder seiner Gattin zugeschrieben werden muß. Auf die Königin jedenfalls übte Lady Hamilton unbegrenzte Macht aus. Sie, die in London am Hofe der Königin Charlotte niemals empfangen wurde, hatte die Tochter der Kaiserin Maria Theresia vom ersten Tage ihrer Bekanntschaft an völlig in ihrer Gewalt. Vielleicht, weil es in ihrer beider Leben so viele Punkte gab, die sich berührten oder wenigstens scheinbar berührten. Die ausschweifende Lebensweise der Königin Carolina gab ihr nicht das Recht, über Lady Hamiltons stürmische Vergangenheit zu richten. Beide Frauen verband ihre große Sinnlichkeit, ihre Eleganz und Koketterie und das vollkommene Hinwegsetzen über alle gesellschaftliche und bürgerliche Moral. Diese letzte Eigenschaft besaß vor allem die Königin in hohem Maße. Man sagt, nicht nur Diplomatie und kluge Berechnung seien die Triebfedern gewesen, die sie zu Lady Hamilton so unwiderstehlich hingezogen habe, sondern auch ihre eigene lasterhafte Veranlagung. Sie habe in Emma nicht nur ein williges Geschöpf für ihre Feste und Gelage, sondern auch für ihre tribadischen Neigungen gefunden. Carolina belohnte diese Freundschaft mit reichen Geschenken. Als der »Foudroyant« nach der Wiedereroberung von Neapel im August 1799 vor Palermo mit Nelson und Lady Hamilton anlangte, eilte die Königin sofort zu ihrer Freundin und beschenkte sie mit einer goldenen Kette, an der das reich mit Diamanten besetzte Bildnis des Königs hing. Fünf Tage später sandte sie ihr zwei Wagen voll kostbarer Kleider und ein Juwelengeschmeide im Werte von 20 000 Mark. Im Ganzen sollen sich die Geschenke, die Lady Hamilton um diese Zeit von der Königin erhielt, auf 120 000 Mark belaufen haben. Die Wiedereinnahme Neapels gab Lady Hamilton Gelegenheit, ihre großen gesellschaftlichen Fähigkeiten zu zeigen, ihrer Vorliebe für Feste, Bälle und Theatervorführungen Genüge zu leisten. Und während Tausende in Neapel und Malta Hungers starben, herrschte in Palermo am Hofe Üppigkeit und Verschwendung. Emma und Carolina veranstalteten Maskeraden und Bälle mit einem »Ruhmestempel«, in dem Lady, Lord Hamilton und Lord Nelson als Wachsfiguren zu sehen waren. Lady Hamilton, als »Siegesgöttin«, mit einem Lorbeerkranz in der Hand, krönt den Admiral, der, von Sir William Hamilton geführt, ihr entgegentritt. Die Festlichkeiten, Galadiners und Bälle an Bord der englischen Kriegsschiffe im Hafen hörten nicht auf. Sie wurden von der wunderschönen Lady Emma veranstaltet, und der Admiral hieß alles gut, was sie tat. Sie erschien auf dem Admiralsschiff wie eine zweite Kleopatra. Wenn sie mit allen ihren Freunden, wie mit einem Hofstaat umgeben, ankam, wurde sie, als wäre sie die Königin selbst, mit Salven von der ganzen Flotte begrüßt. Einmal hatte sie auf dem von Sir Thomas Louis befehligten »Minotaurus« ein Diner bestellt. Es wurden große Tafeln für das Gastmahl auf Deck gebracht, die Kanonen beiseite geschoben, um den mit den köstlichsten Speisen, Früchten und Weinen besetzten Tischen Platz zu machen. Das schien selbst Nelson zu weit zu gehen. Als er sah, was aus seinem Kriegsschiff gemacht worden war, sagte er ärgerlich zu einem der Offiziere: »Verflucht, ich wollte, dieses Treiben hätte ein Ende. Mein Schiff sieht ja aus wie ein Gasthaus.« Als er aber Lady Hamiltons strahlendes Gesicht, ihr glückliches Lächeln sah, als sie ihn mit ihrer einschmeichelnden Stimme beruhigte, war sein Unmut sofort verflogen und man saß noch bis spät abends beim fröhlichen Mahle. Auf Wunsch der Geliebten ließ Nelson bei Einbruch der Dunkelheit das Schiff illuminieren, und bei jedem ausgebrachten Toast wurden an Bord Salven abgegeben, die von den Forts am Festland beantwortet wurden. Es war dem Admiral ganz unmöglich, dieser schönen Verführerin etwas abzuschlagen. Plötzlich fiel ihr etwas ein, und schon mußte es ausgeführt werden. Sie war auch seine Begleiterin und Führerin durch die Schlupfwinkel und Spelunken Neapels. Der abenteuerliche Sinn, die Neigung zum Vagabundentum erwachten in ihr bisweilen von neuem. Dann packte sie die tolle Lust, mit dem Admiral in Verkleidung durch die berüchtigtsten Straßen und Hafenviertel zu streifen. Die Maske und der Domino oder auch ein Männerkostüm schützten sie bei derartigen Streifzügen. Gemeinsam mit dem Admiral besuchte sie die öffentlichen Dirnenlokale und verbrachte die Abende in Gesellschaft von käuflichen Mädchen. Emmas mimischer Veranlagung gelang es hervorragend gut, sich jenen Frauen gegenüber als jungen Mann auszugeben. Lord Nelson sah in diesen zweifelhaften Vergnügen und Tollheiten nur einen neuen Reiz im Charakter seiner Freundin. Sie war die Frau, die er liebte, die er begehrte, die ihm wie keine andere ein nie gekanntes Liebesglück schenkte. »Du brauchst kein Weib in der Welt zu fürchten,« schrieb er ihr einmal, »alle außer Dir sind mir nichts. Ich kenne nur eine, denn wer kann wie meine Emma sein? ... Du bist unvergleichlich. Keine ist wert, Dir die Schuhe zu putzen.« Er war an sie für immer verloren. Im Jahre 1800 nahm er sie und ihren Gatten mit nach England. Da er nicht mehr im Hause seiner Frau wohnen wollte, mit der er viele Jahre in ungetrübter Ehe gelebt hatte, zog er zu den Hamiltons in Piccadilly. Obwohl derartig dreieckige Verhältnisse im 18. Jahrhundert durchaus nichts Seltenes waren und man annehmen konnte, Lord Hamilton habe die Beziehungen seiner Gattin zu Nelson genau gekannt, so scheint er sie doch bis zuletzt für rein platonisch gehalten zu haben, denn als er zwei Jahre später starb, sagte er in seinen letzten Augenblicken zudem Freund: »Mein tapferer und großer Nelson, unsere Freundschaft hat lange gewährt, und ich bin stolz auf meinen Freund. Ich hoffe, Sie werden Emma Gerechtigkeit von den Ministern widerfahren sehen. Sie wissen, wie große Dienste sie ihrem Vaterland geleistet hat. Schützen Sie mein teures Weib.« Dann wandte er sich an Emma und sprach: »Meine unvergleichliche Emma, du hast mich nie, weder in Gedanken noch mit Worten noch mit Taten beleidigt. Laß mich dir nochmals für deine herzliche Zuneigung in unserer ganzen zehnjährigen glücklichen Verbindung danken.« – Welche Macht, welche Geheimnisse besaß diese Frau, die selbst als heimliche Ehebrecherin noch die Achtung und Liebe ihres Gatten genoß! Sie hatte ihrem Geliebten im Januar 1801 eine Tochter geboren, die als Horatia Thompson Nelson eingetragen und von dem Admiral adoptiert wurde. Obwohl Lady Hamilton dieses Kind im Hause ihres Gatten zur Welt brachte, hatte Hamilton doch keine Ahnung davon. Ihren Zustand wußte sie geschickt vor ihm zu verbergen, wobei ihr die weiten faltigen Gewänder sehr behilflich waren. Hamilton war wohl auch zu alt und bereits zwei Jahre vor seinem Tode oft kränklich und bettlägerig, so daß er kaum das Schlafzimmer seiner Frau betreten haben wird. Als sie niederkam, sagte man ihm, sie sei krank, aber die Wahrheit ihrer Unpäßlichkeit verschwieg man. Am 20. Februar schrieb er noch an Nelson, Emma sei nicht wohl, sie habe Magenkrämpfe und Erbrechen und müsse Brechweinstein einnehmen. Der gute Alte wurde auch fernerhin getäuscht. Als die kleine Horatia geboren war, brachte man sie heimlich aus dem Hause zu einer Amme. Lord Nelson und Lady Hamilton sprachen in ihren Briefen, so lange der Alte lebte, von diesem Kinde nur als der Tochter einer Mrs. Thompson, so daß Hamilton, als die Amme das Kind eines Tages ins Haus brachte, um es dem glücklichen Vater, Lord Nelson, zu zeigen, keinen Verdacht schöpfte, als man ihm sagte, es sei Mrs. Thompsons Kind, sie wolle sich der Gunst des Admirals empfehlen. In demselben Jahre kaufte Lady Hamilton im Auftrage Nelsons für ihn den schönen Landsitz Mertonplace in Surrey. Er sollte hauptsächlich zum späteren Wohnsitz für Emma und ihre Tochter Horatia bestimmt sein. Lady Hamilton richtete das Schloß ganz nach ihrem Geschmack ein und machte es, wie Nelson schrieb, »zum schönsten Ort der Welt«. Man verlebte dort und in Hamiltons Hause in Piccadilly einen sehr vergnügungsreichen und heiteren Winter unter fortwährenden Gesellschaften und mitunter recht wüsten Gelagen. Lady Hamilton dachte hier oft an jene Zeit zurück, als sie vor 20 Jahren in Edgware Road als Romneys Modell und Grevilles Geliebte lebte. Jetzt besaß sie alles, was sie sich wünschen konnte, und verbrachte die »Season« in London der Jahre 1801 bis 1805 im großen Stil, in Luxus und Verschwendung. In ihrem Hause verkehrte die fashionabelste Gesellschaft ungeachtet dessen, was man sich in London über sie zuflüsterte. Die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war toleranter als heute. Man sprach ganz offen über Lady Hamiltons Verhältnis zu Nelson, und niemand glaubte an eine platonische Liebe der beiden, außer Sir William Hamilton. Niemand nahm jedoch Anstoß daran, daß alle drei einträchtig in einem Hause wohnten. Man brachte Lady Hamilton die größte Achtung entgegen, und sogar die nächsten Verwandten Nelsons, die seine rechtmäßige Frau sehr schätzten, verkehrten wie Freunde im Hause seiner Geliebten und verehrten sie. Und dennoch war in Emmas Charakter eine große Veränderung vor sich gegangen. Aus der kleinen bescheidenen Freundin Lord Grevilles, die »absolut indifferent gegen materielle Interessen« schien, war eine sehr anspruchsvolle, geldgierige und vergnügungssüchtige Frau geworden, die weder an Festen noch an Toiletten und Tand genug bekommen konnte. Der neapolitanische Hof hatte sie verdorben. Sie machte Schulden über Schulden, ohne zu wissen, ob sie sie je würde bezahlen können. Der alte Sir William Hamilton war diesem wüsten Leben nicht mehr gewachsen. Bisweilen fühlte er sich auch von seiner Frau zurückgesetzt; sie hatte nur Auge und Ohr für Nelson, für ihre Vergnügungen, lebenden Bilder und die zahlreichen Gäste. Hamilton, der 40 Jahre seines Lebens an einem so unruhigen und geräuschvollen Hofe wie dem neapolitanischen zugebracht hatte, sehnte sich in seinen letzten Lebensjahren nach Ruhe. Mit 80 Jahren konnte er sie ja auch beanspruchen. Aber Emma war nicht der Meinung. Sie brauchte, je reifer sie wurde, den Weihrauch der Vergötterung ihrer Person und stürzte sich immer mehr in den Strudel von Vergnügungen. In solchen Augenblicken gingen manchmal dem alten Sir William die Augen auf. Einmal brachte er seinen Unmut sogar zu Papier und schrieb: »Ich habe die letzten 40 Jahre meines Lebens in Unruhe und im Wirrwarr der Geschäfte verbracht, die mit einer offiziellen Stellung notwendigerweise verbunden sind. Nun bin ich in dem Alter, wo etwas Ruhe wirklich nötig ist; ich hoffte auf ein stilles Heim, obwohl ich, als ich heiratete, überzeugt war, daß ich alt und verbraucht wäre, wenn meine Frau in ihrer ganzen Schönheit und Jugendkraft stände. Die Zeit ist nun gekommen, und wir müssen das Beste zu unserer beider Behaglichkeit tun. Unglücklicherweise sind unsere Geschmäcker in bezug auf die Lebensweise sehr verschieden. Ich wünsche vor allem in stiller Zurückgezogenheit zu leben; aber selten weniger als 12 bis 14 Gäste bei Tisch zu haben, und jeden Tag andere, ist für mich genau so ermüdend, wie das Leben in den letzten Jahren in Italien. Ich pflege keinerlei Beziehungen außer zu meiner eigenen Familie. Ich kann mich auch nicht weiter beklagen, aber ich fühle, daß meine Frau ihre ganze Aufmerksamkeit Lord Nelson und seinen Interessen in Merton schenkt. Ich kenne wohl die Reinheit der Freundschaft Nelsons zu Emma und mir. Und ich weiß auch, wie untröstlich seine Lordschaft, unser bester Freund, sein würde, wenn eine Trennung zwischen uns dreien stattfände. Daher bin ich entschlossen, alles, was in meiner Macht steht, zu tun, sie zu vermeiden. Es würde für alle Teile sehr nachteilig sein; vor allem aber würde sie für unseren lieben Freund äußerst fühlbar sein. Vorausgesetzt, daß unser Aufwand und unsere Haushaltkosten nicht ins Maßlose anwachsen – und darin sehe ich offengestanden eine große Gefahr –, bin ich bereit, auf dem gleichen Fuße weiterzuleben. Da ich jedoch nicht mehr hoffen kann, noch viele Jahre zu leben, ist jeder Augenblick für mich kostbar. Und darum hoffe ich, manchmal mein eigener Herr zu sein und meine Zeit nach meinen eigenen Neigungen verbringen zu dürfen. Entweder mit Angeln und Fischen auf der Themse oder, indem ich öfter in London die Museen, Bilderauktionen, die Royal-Society und den Tuesday-Club besuche ...« Er erkrankte indes und starb bald darauf im Jahre 1803 in Piccadilly. Seine Witwe mußte das Haus verlassen und zog nach Clargestreet. Teils hier, teils in Mertonplace verbrachte sie von nun an ihr Leben. Nelson betrachtete sie nach der Geburt Horatias, die er über alle Maßen liebte, und besonders nach dem Tode des Gatten, völlig als seine rechtmäßige Gemahlin. Daß sie eine natürliche Tochter, vielleicht sogar zwei Kinder als Mädchen gehabt hatte, wußte er nicht; er scheint nicht daran gezweifelt zu haben, daß Horatia Emmas erstgeborenes Kind war. Jedenfalls verstand sie es, auch Nelson eine Sache glaubhaft zu machen, die jeder andere Mann ihr widerlegt haben würde. Aber wie sie Sir William Hamilton die Geburt Horatias verschwiegen hatte, so verschwieg sie auch Nelson ihre frühere Tochter. Und er glaubte an sie. Im März 1801 schrieb er ihr: »Jetzt, mein einzig geliebtes Weib, das Du in meinen Augen und im Angesicht des Himmels bist, kann ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, denn ich glaube wohl, daß Oliver diesen Brief getreulich abliefern wird. Du weißt, meine geliebte Emma, es gibt in der Welt nichts, was ich nicht täte, um mit Dir zusammenzuleben und unser liebes kleines Kind bei uns zu haben ... Ich liebe Dich. Ich liebe Dich wie keine andere. Niemals hatte ich ein süßes Pfand der Liebe, bis Du es mir schenktest, und Gott sei Dank gabst Du ein solches niemals einem anderen! ... Ich verbrenne alle Deine lieben Briefe; es geschieht Deiner Sicherheit wegen. Verbrenne bitte auch die meinigen, denn sie könnten Böses anrichten und uns beiden nur schaden, im Falle man sie fände. Ein Tüpfelchen von ihnen würde die Münder der Welt mehr füllen, als wir wünschten ...« – Und ein andermal: »Ich hoffe, Du sollst in kurzer Zeit meine Herzogin von Bronte werden, und dann schlagen wir ihnen allen ein Schnippchen.« Dieses ungeheure Liebesglück fand einen jähen Abbruch durch die Abberufung Nelsons zur Mittelmeerflotte im Jahre 1803. Emma hatte zwar die abenteuerliche Idee, sich mit Horatia und Nelsons Nichte, die in ihrem Hause lebte, auf der »Victory« einschiffen zu lassen und den Geliebten auf seinem Feldzug zu begleiten; aber es gelang dem Admiral diesmal doch, ihr diesen tollen Gedanken auszutreiben. Sie blieb in London. Der Schmerz über die Trennung war bald vergessen. Sie führte in Mertonplace und in ihrem Hause ein sehr ausgelassenes Leben, so daß sie mit der Rente, die ihr Sir William Hamilton ausgesetzt hatte, und mit den 1200 Pfund, die sie von Nelson für ihren Unterhalt bekam, nicht ausreichte. Umringt von einem Schwärm von Schmarotzern lebte sie in Saus und Braus. Sie umgab sich mit schönen leichtlebigen Frauen, die wie sie selbst auf ein Abenteuerleben zurückblickten. Ihre intimste Freundin war die berühmte und äußerst begabte Sängerin am Drury-Lane- und Covent Garden-Theater Mrs. Billington, eine Sächsin von Geburt. Sie führte in London und in allen Städten der Welt, wo sie auftrat, das zügellose Leben einer Hetäre. Königliche Prinzen, Herzöge, Lords waren ihre jeweiligen Liebhaber. Eine Zeitlang auch der Herzog von Rutland, Vizekönig von Irland. Wie Lady Hamilton verfügte die Billington über große und vielseitige Talente und über eine Schönheit, die den »Dämon der Sinnlichkeit in sich hatte«. 26. Die hübschen Putzmacherinnen. Englisches Schabkunstblatt. London, 1781 Unter den Männern in Lady Hamiltons Umgebung in London war der alte achtzigjährige Herzog von Queensberry als der größte Wüstling Englands bekannt. Zwar war er ein sehr eleganter Weltmann, ein Freund des berühmten Dandys George Selwyn, ein großer Kunstkenner und Sportsmann, aber seine Ausschweifungen übertrafen alle Begriffe. Sein Haus in Piccadilly war unter den Zeitgenossen als »Hölle orientalischer Wollust« bekannt. »Er suchte den Genuß«, sagt Sir Nathanael Wraxall, der ihn noch persönlich kannte, »in jeder Gestalt und ebenso eifrig noch mit achtzig Jahren, als er es mit zwanzig tat. Nachdem er alle Freuden des Lebens erschöpft hatte, setzte er sich in sein Haus nahe Hyde Park Corner, wo er Zuschauer jener bewegten Szenen wurde, welche Johnson ›den vollen Strom des Menschenlebens‹ genannt hat.« – Sein Groom stand immer vor der Tür, um eins der hübschen Mädchen, die vorübergingen, hereinzurufen ... Sein Körper war eine Ruine geworden, aber nicht sein Geist. Es ist Tatsache, daß, als er im Dezember 1810 im Sterben lag, sein Bett mit mindestens siebzig Liebesbriefen bedeckt war, die Frauen und Mädchen verschiedenster Natur und aus den verschiedensten Gesellschaftsklassen, von Herzoginnen bis hinab zu Frauen zweifelhaftester Art an ihn gerichtet hatten. Nicht mehr imstande, die Briefe zu öffnen oder durchzulesen, befahl er, sie uneröffnet auf sein Bett zu legen, wo sie bis zu seinem Tode liegen blieben. Dieser Herzog von Queensberry gehörte also zu Lady Hamiltons glühendsten Verehrern, und es ist möglich, daß ihre Beziehungen zu ihm auch nicht nur platonische waren. Jedenfalls war er der einzige, der ihr von ihren Freunden aus dieser Zeit etwas schenkte. Er vermachte ihr, wie noch einigen seiner ehemaligen Geliebten, ein Legat von 1000 Pfund Sterling, das allerdings wegen Erbschaftsstreitigkeiten nie ausbezahlt wurde. Lady Hamiltons Freunde waren nicht alle selbstlos. Die meisten nützten ihre Gutmütigkeit aus, liehen von ihr Geld, das sie nie wiedergaben, praßten an ihrer Tafel, machten ihr den Hof und schmeichelten ihrer Eitelkeit, um desto mehr Vorteile von ihr zu haben. Oft ermahnte Nelson sie in seinen Briefen zur Sparsamkeit und warnte sie vor dem »Gezücht, das bei vollen Tafeln saß und sich sonst nicht um sie kümmerte«. Als er nach zweijähriger Abwesenheit im August i8o5 für kurze Zeit nach Mertonplace zurückkehrte, mißfiel es ihm sehr, daß sein schöner Landsitz auffallend dem Hof von Neapel hinsichtlich des leichten Lebens, das man dort geführt hatte, glich. Neben berühmten englischen Schauspielerinnen, Musikern, Balladendichtern, Opernsängern bildeten leichtlebige Klubmänner und Spieler, abenteuerliche Rakes, darunter auch Mitglieder des Adels und viele, deren Stand und Gewerbe höchst fraglich waren, den Gesellschaftskreis seiner unvergleichlichen Emma. Aber er war doch viel zu glücklich, die geliebte Frau und sein Kind wiederzusehen, als daß er ihr wegen ihres leichtfertigen Lebenswandels Vorwürfe hätte machen können. Solange sie sich amüsierte und wohlfühlte, solange sie als schöne Frau verehrt und umschmeichelt wurde, verzieh er und gestattete er ihr alles. In Merton ging es daher auch während seiner Anwesenheit herrlich und in Freuden weiter. Von nah und fern strömten die Besucher herbei, um den gefeierten Helden zu sehen und ihm und seiner Freundin Beweise ihrer Verehrung zu geben. Sein Verhältnis zu Lady Hamilton wurde in der Gesellschaft mit wenigen Ausnahmen so anerkannt, daß er sie stets bei Empfängen als seine Frau vorstellte und immer nur bedauernd hinzufügte, »unglücklicherweise sei sie noch nicht Lady Nelson«. Sehr bald mußte er von neuem von der heißgeliebten Frau scheiden. Im September 1805 verließ er England auf seinem Schlachtschiff »Victory«. Im Oktober ward ihm die Schlacht von Trafalgar zum Verhängnis. Er wurde von einer Musketenkugel tödlich getroffen. Das Rückgrat war ihm zerschossen. Seine letzten Gedanken galten seiner großen unauslöschlichen Liebe. Sein Fregattenkapitän Hardy, der um ihn war, empfing den letzten Gruß des Admirals an die geliebte Frau. »Ich scheide«, sagte er. »Es wird bald mit mir vorbei sein. Hardy, geben Sie bitte meiner lieben Lady Hamilton meine Haare und alles, was mir sonst gehört ... Ach, wie würde sie sich grämen, wenn sie wüßte, wie es mir geht! ... Hardy, sorgen Sie für meine liebe Lady Hamilton! Sorgen Sie für die arme Lady Hamilton!« Und dann immer wieder zum Arzt gewendet: »Doktor, grüßen Sie mir Lady Hamilton und meine Horatia! Sagen Sie ihr, daß ich ein Testament gemacht und sie meinem Vaterland als Vermächtnis hinterlassen habe.« So treu schied Nelson von der fernen, über alles geliebten Frau. Leider ging es mit ihr nach seinem Tode sehr schnell abwärts. Sie ergab sich immer mehr ihrem ausschweifenden Leben und stürzte sich in ungeheure Schulden. Als sie nichts mehr zu verschenken hatte, wandten ihr die meisten, die an ihrer Tafel gegessen und in ihrem Hause geschwelgt hatten, den Rücken. Schon drei Jahre nach dem Tode Nelsons hatte Lady Hamilton ihr ganzes Vermögen und das ihrer Tochter verschwendet. Mertonplace mußte veräußert werden, und auch über ihren eigenen Besitz in London wurde verfügt. Schließlich kam sie 1815 ins Schuldgefängnis. Aus der schönen berühmten Frau war ein armes Weib geworden, das von der Gnade der wenigen Freunde lebte, die ihr noch blieben. Mit deren Hilfe entfloh sie auch aus dem Gefängnis nach Calais in der Hoffnung, bis nach Italien zu kommen, wo sie auf die Hilfe ihrer früheren reichen Freunde hoffte. Aber schon ein halbes Jahr später, im Jahre 1815, starb sie in Calais an einem Leberleiden. Das üppige Leben und die Freuden der Tafel hatten ihrer Gesundheit und besonders ihrer Gestalt furchtbar geschadet. Sie war sehr dick und unförmig geworden, und von der einstigen Schönheit war nichts geblieben als ihre schöne melodische Stimme und ihre hellen blauen Augen. Die Koketten des neunzehnten Jahrhunderts Die neuen Fürstinnen des Empire Als Napoleon sich an die Spitze von Frankreich stellte und Glanz und Ruhm ihren Glorienschein auf seine Familie und seine Umgebung verbreiteten, spielten natürlich auch seine Schwestern, die alle drei elegant, verschwenderisch und kokett waren, eine Rolle und kamen in Mode. Vor allem die leichtlebige Pauline, die erst die Gattin des Generals Leclerc, dann in zweiter Ehe mit dem Fürsten Borghese verheiratet war. Das Leben dieser reizenden, aber leichtsinnigen, aller Moral entbehrenden Frau ist nichts weiter als eine lange Kette von Liebeleien, Kapricen und Tollheiten. Die Politik ihres Bruders hat sie, solange sie lebte, herzlich wenig berührt und gerührt. Ihre kostbare Person, die Frau in ihr, war stets die Hauptsache, die größte Sorge für sie. Sie schmachtete nicht, wie ihre beiden Schwestern Elisa und Karoline, nach einem Throne, nach Würden und Ehren. Ihr genügte, daß sie als schöne Frau einen Hof von Verehrern um sich hatte. »Ich liebe die Kronen nicht,« pflegte sie zu sagen, »wenn ich eine gewollt hätte, würde ich eine bekommen haben. Das überlasse ich meinen Angehörigen.« Die einzige Herrschaft, auf die sie Anspruch machte, war das Reich der Liebe und Schönheit. Da aber war sie auch unumschränkte Königin, ebenso im Reiche der Eleganz. Sie war in hohem Maße sinnlich, und der vollkommene Mangel an Sittlichkeit, an Keuschheit der Seele, das Außerachtlassen allen Anstandes und ihre geringe Achtung vor der öffentlichen Meinung ließen diese Schwester Napoleons die Genüsse des galanten und eleganten Lebens bis zur Neige auskosten, ohne daß sie jemals in Zwiespalt mit sich selbst geraten wäre. Sie war eine geborene Venuspriesterin, die schönste Schwester des Kaisers, ja vielleicht damals die schönste Frau von Paris. Bereits als Vierzehnjährige war sie eine vollendete Schönheit und verwirrte allen jungen Männern ihres Bekanntenkreises die Köpfe. Frau Lätitia Bonaparte wußte sich keinen anderen Rat, als dieses tolle, lebenslustige, sinnliche Mädchen so schnell wie möglich an den Mann zu bringen. Mit siebzehn Jahren war Paulette bereits Frau Generalin Leclerc. Da man jedoch in diesem Alter nicht im Handumdrehen vernünftig wird, selbst nicht, wenn man die Frau eines Generals geworden ist, so war auch bei Paulette durch diese Heirat keine Wandlung im Charakter zu verspüren: sie war und blieb leichtsinnig, verschwenderisch und im höchsten Grade kokett und oberflächlich. Sie war eine der begehrtesten, gefeiertsten und umschwärmtesten Frauen ihrer Zeit. Ihre Schönheit wirkte so allmächtig, daß sie Geist und Kenntnisse nicht nötig hatte, um zu glänzen. Es genügte, sie anzuschauen und ihr silberhelles Lachen zu hören. Übrigens war sie ziemlich schlagfertig. Sie wußte bisweilen witzige und drollige Antworten zu geben, die man unter Umständen für geistvoll hielt. Ihre reizende Liebenswürdigkeit gewann alle Herzen. Und für die Männerwelt war sie, abgesehen von ihrer Schönheit und Sinnlichkeit, schon deshalb interessant, weil sie sich aus ihrem Gatten, weder dem ersten noch dem zweiten, nichts machte. Man schwärmte sie an und verehrte sie wie eine Göttin. Als der Schriftsteller Esmenard sie als junge Frau auf dem Schiffe sah, das sie mit dem General Leclerc zum Feldzug nach Santo Domingo führte, einer ungewissen Zukunft entgegen, lag sie auf Deck »mit unvergleichlicher Grazie auf einem Ruhebett. In dem ganzen Zauber ihrer Schönheit erinnerte sie an die Galatea der Griechen, an die Venus, an die Schaumgeborene.« Wie eine Königin hielt sie schon damals Hof auf dem Schiffe, als wüßte sie, daß ihr und ihren Schwestern einmal Fürstenkronen bestimmt wären. 27. Biedermeierkoketterie. Kolorierte Lithographie von McLean. London, 1832 Und wirklich, diese Frau, die ihren Körper keineswegs schonte, sondern in allem, was sie tat, Ausschreitungen beging, sie, die stets nur die Leidenschaft ihrer Sinne sprechen ließ, war und blieb lange Zeit unvergleichlich schön. Darüber sind sich alle Zeitgenossen einig, sogar die Frauen, die nicht zu ihren Freunden zählten. Georgette Ducrest, die der Partei Josephine Bonapartes angehörte, nennt Paulette Bonaparte die schönste Frau, die sie je gesehen habe. Kaum daß jemand wagte, den kleinsten Fehler an ihr zu entdecken. Frau Junot, die Herzogin von Abrantes, eine kluge Memoirenschreiberin, meint, man könne sich keinen Begriff machen, wie vollendet schön diese außerordentliche Frau gewesen sei. Und die Gräfin Potocka zollt ihr unumwundene Bewunderung mit den Worten: »Pauline war der Typus der klassischen Schönheit, wie man sie in den griechischen Statuen findet. Trotz allem, was sie tat, um die Verheerung ihres Körpers zu beschleunigen, trug sie doch auch als reife Frau mit Anwendung von ein wenig Kunst noch immer den Sieg über alle Frauen ihrer Zeit davon. Nicht eine würde gewagt haben, ihr den Apfel streitig zu machen, den der Bildhauer Canova ihr reichte, nachdem er sie, wie man sagt, ohne Kleider gesehen hatte. Mit den feinsten, regelmäßigen Zügen, die man sich nur denken kann, vereinigte sie wunderbare, leider nur zu oft bewunderte Formen.« Und dabei war sie außerordentlich klein. Verschwenderisch wie die Götter, geizte die schöne Paulette ebensowenig mit ihren Reizen wie der Himmel, der sie ihr verliehen hatte. Sie geizte aber auch nicht mit ihren Toiletten. Als Fürstin Borghese besaß sie die herrlichsten Diamanten in ganz Paris und stach in dieser Beziehung sogar die Kaiserin Josephine aus, deren Luxus Millionen verschlang. Camillo Borghese schenkte seiner jungen Frau als kleine Brautgabe 45 000 Livres, von denen sie sich kaufen konnte, was ihr gefiel. Und zu den kostbarsten Juwelen seiner Familie, die alles an Pracht überstrahlten, was Paris je gesehen hatte, fügte er noch für 70 000 Livres Schmuck hinzu. In Paulettes Schmuckkasten befanden sich die herrlichsten Edelsteine: Saphire, Rubinen, Smaragde, Perlen vom reinsten Wasser, Brillanten, antike Steine, Kameen; kurz, Geschmeide von anderthalb Millionen Wert. Die Kleider und die Wäsche der Fürstin Borghese übertrafen alles bisher Gesehene. Sie besaß mehr als 600 Kleider, darunter Toiletten von 40-50 000 Franken. Ihre Pferde, ihre Wagen, die Livree ihrer Dienerschaft machten Aufsehen in der französischen Hauptstadt. Sie war ja die erste der Schwestern Napoleons, die den Fürstentitel trug. Wenn sie Besuche machte, fuhr sie meist sechsspännig. Die Diener in Saint-Cloud am Konsularhofe, in Malmaison bei Josephine, in Mortefontaine bei Joseph, in Plessis-Chamant bei Lucien Bonaparte meldeten mit einem gewissen Stolz die schöne elegante Frau als »Ihre Hoheit, die Frau Fürstin Borghese« an. Wie wohl tat das der eitlen Paulette! Sie war überglücklich, daß ihre Schwestern und Schwägerinnen damals noch nur einfach »Madame so und so« tituliert wurden. Aber zu ihrem Schmerz mußte sie bald die schöne vergnügungsreiche Hauptstadt Frankreichs verlassen und ihrem Gatten nach Rom folgen. Sie besaß eine unüberwindliche Abneigung gegen die Ewige Stadt. Pauline Borghese, von der Napoleon behauptete, sie sei Römerin vom Scheitel bis zur Sohle, langweilte sich in Rom. Und doch gab es in der ganzen Welt keinen edleren, keinen passenderen Rahmen für diese antike Frauenschönheit. In den Schlössern und Palästen des Fürsten war Reichtum mit Geschmack und hohem Kunstverständnis vereint. Die Villa Borghese wäre wie geschaffen für diese Venus gewesen. In weichen wallenden Gewändern, die herrlichen Glieder kaum verhüllt, schwebte Paulette wie eine Göttin durch die fast klassischen Räume. Sie sah ihre eigene Schönheit wiedergegeben in den griechischen Statuen, an denen die Säle des Schlosses so reich waren. Hier hätte sie sich wohlfühlen müssen, wenn sie ein Verständnis für die Antike und für Kunst überhaupt gehabt hätte. Ihr Sinn aber stand nach anderem. Was galten ihr all diese wundervollen Kunstschätze? Was galt es ihr, daß man sie in der Familie ihres Mannes verwöhnte, daß ihr aller Reichtum und Überfluß zur Verfügung stand? Sie sehnte sich fort aus der langweiligen Stadt, nach Frankreich, nach Paris, an den unterhaltenden Konsularhof ihres Bruders, wo Josephine, Hortense und ihre Schwestern eine Rolle spielten; nur sie, die Schönste war davon ausgeschlossen. Sie hätte doch gar zu gern in Paris als Königin der Mode den Ton angegeben. Wie gern wäre sie auf den Festen erschienen, die in Saint-Cloud veranstaltet wurden. Wie gern hätte sie mit ihrer blendenden Erscheinung alles in den Schatten gestellt! Schließlich aber erhielt sie, als alle Bonapartes bereits Kronen trugen und über Reiche herrschten, auch einen kleinen Thron und durfte sich als Fürstin und Herzogin von Guastalla einen Hofstaat halten. Da aber weder der Fürst Borghese noch seine Frau sich um die Regierung des kleinen Fürstentums kümmerten, wurde es ihnen wieder vom Kaiser genommen, nur den Herzogstitel ließ er ihnen, und den Fürsten Borghese ernannte er zum Generalgouverneur von Piemont. Paulette dachte aber gar nicht daran, die ihr angewiesene Residenz Turin zu beziehen. Sie hielt sich hauptsächlich in den großen Modebädern auf und kostete in Aix-les-Bains, Nizza, Plombières, Gréoux, wo das strenge Auge ihres Bruders nicht über sie wachte, ihre Liebesräusche aus. Meist war sie von mehreren ihrer Liebhaber begleitet, die sich dann in ihre Gunst teilten. Besonders in Nizza trieb sie es toll, bis Napoleon ein Machtwort sprach und die leichtsinnige Frau nach Turin an die Seite ihres Gatten berief. Er hatte erfahren, welch seltsames Leben seine Schwester in der Villa Vinaille führte, welche Zügellosigkeit in ihrer Umgebung herrschte, wie verschwenderisch auf der einen und wie knausrig auf der anderen Seite sie lebte. Während sie den Kaffee und den Zucker für ihren Haushalt abzählte und auf das mindeste beschränkte, ließ sie sich täglich aus Paris einen ganzen Wagen voll neuer Moden kommen: Kleider, Hüte, Wäsche, Parfümerien, Spitzen, Bänder und allerlei Tand. Man kann sich denken, daß der Umzug von Nizza nach Turin keine Kleinigkeit für diese Königin des Luxus war. Jedenfalls brauchte sie sieben oder acht schwerbeladene Wagen, um alle die reizenden, verführerischen Toiletten, die tausend Kleinigkeiten, die zum Leben einer eleganten, verwöhnten Frau nötig sind, nach Turin zu bringen. Aber schließlich war alles soweit, und die Fürstin Borghese erschien reisefertig in einer entzückenden, amarantroten Kaschmiramazone, die ihre schlanken, zarten Glieder eng umschloß. Dieses prächtige Reisekleid war über und über mit Gold bestickt und ein Modell des Pariser Modehändlers Léger. Paulette und ihr Gatte ließen sich anfangs in Turin im Palast Chablais nieder. Die Fürstin Borghese fand ihn aber viel zu klein zur Entfaltung ihres ungeheuren Reichtums. Ihr Einkommen hatte sich jetzt wieder um anderthalb Millionen vermehrt. Das war die Summe, die dem Fürsten Borghese als Gouverneur von Piémont zur Verfügung stand. Ihr Hof wurde auf beinahe gleichem Fuße eingerichtet wie der französische Kaiserhof in Paris, und die Fürstin Borghese äffte bei ihren Empfängen in geradezu lächerlicher Weise die Sitten und Gebräuche nach, die Napoleon und Josephine in ihrer Umgebung eingeführt hatten. Paulette spielte dabei ihre Rolle glänzend; das äußerliche Repräsentieren war sehr nach ihrem Sinn. Angetan mit den kostbarsten und geschmackvollsten Kleidern, konnte sie sich hier in ihrer ganzen Schönheit zeigen. Sie langweilte sich indes auch in Turin. Besonders aber mit ihrem Mann. Wie hätte sie auch, die selbst keinen Funken Geist besaß, sich mit dem Fürsten Borghese nicht langweilen sollen, den nur eine gute, vollbesetzte Tafel und ein langes Schläfchen interessierten? Endlich, endlich gestattete ihr Napoleon, für immer nach Paris zu kommen. Sie bezog dort ihr schönes, reiches Haus im Faubourg Saint-Honoré und bald darauf das prächtige Schloß Neuilly. Napoleon schenkte es ihr, als seine Schwester, Karoline, mit Joachim Murat den neapolitanischen Thron bestieg. In Neuilly konnte Pauline ungezwungener und unbeobachteter leben, als in unmittelbarer Nähe des Kaiserhofes. Sie sah in ihrem Hause, wen sie wollte. Napoleon sorgte für ihren Unterhalt und setzte ihr eine Monatsrente von 130 000 Franken aus. Sie durfte ihren Hofstaat behalten und ihr Gatte sein Einkommen als Gouverneur. Sie unterhielt sich ausgezeichnet. Es fehlte ihr nicht an Gesellschaft und Vergnügungen in Neuilly. Die Pflege ihrer Gesundheit und besonders die Pflege ihres Körpers nahmen die meiste Zeit ihres Tages in Anspruch. Zum Unterschied von den Schönen des 18. Jahrhunderts, die sich selten oder überhaupt nicht badeten, sah die elegante und gepflegte Frau des Empire auf peinliche Sauberkeit. Allein die leichte Kleidung zwang dazu, denn der Körper war allen neugierigen Blicken dermaßen preisgegeben, daß selbst die geringste Vernachlässigung peinlich gewesen wäre. Täglich badete Pauline Borghese in Milch. Ein junger Neger mußte sie ins Bad und wieder herausheben. Der Kaiser liebte es indes nicht, wenn seine Schwester so freie Sitten an den Tag legte. Als man ihr daher eines Tages zu verstehen gab, daß es sich für eine so junge Frau wie sie nicht schicke, sich von einem Mann ins Bad tragen zu lassen, sagte sie harmlos: »Mein Gott, ein Neger ist doch kein Mann.« Sie fand auch nichts dabei, daß sie die Herren ihrer Umgebung und ihrer Bekanntschaft empfing, wenn sie im Bad saß. Was das 18. Jahrhundert den Damen gestattet hatte, glaubte sie sich auch am Hofe ihres Bruders erlauben zu können, obgleich die Levers der Damen längst aus der Mode gekommen waren und das Empire viel strengere Sitten eingeführt hatte. Paulette Borghese kümmerte sich weder um Sitten noch Gebräuche, noch um die Vorschriften ihres Bruders, des Kaisers. Vor ihren Hofdamen spazierte sie stundenlang ganz nackt herum, ja es schien, als läge für sie ein besonderer Reiz darin, sich vor dem eigenen Geschlecht als Venus zu zeigen und ihren tadellosen Wuchs bewundern zu lassen. Und Paulette machte Schule. Manche elegante Dame des Konsulats und des Empire hatte Lust, jene Morgenempfänge im Bett wieder einzuführen. Es war durchaus keine Seltenheit, daß die eine oder andere Mondäne, wenn es ihr gerade einfiel, das Beispiel der schönen Fürstin Borghese nachahmte. Der Musiker und Komponist Reichhardt erlebte während seines Aufenthalts in Paris unter dem Konsulat, daß ihn eine sehr vornehme und angesehene junge Frau der hohen Gesellschaft zu sich bitten ließ, um mit ihr zu musizieren. Sie bestellte ihn für 2 Uhr nachmittags, und er stellte sich pünktlich ein. Aber wie groß war sein Erstaunen, die Dame, anstatt am Klavier sitzend, noch im Bett liegend zu finden. »Meine junge, schöne Dame« schreibt er, »lag wie zum Malen in ihrem schönen großen griechischen Bett, unter feinen weißen Decken, über welche dickgepolsterte, veilchenblaue seidne Kissen quer und leicht übergeworfen lagen. Zu beiden Seiten des Bettes schöne griechische Gefäße; auf dem Tritte längs vor dem Bette die allerliebsten weißen Tanzschuhchen von gestern. – ... Den rechten Arm gar lieblich unter das feine, nackte Köpfchen stützend, und das linke Knie unter der folgsamen Decke in die Höhe ziehend, begrüßt mich die Dame recht freundlich, ohne weiter ein Wort über die mich sehr angenehm überraschende Lage zu sagen, und heißt mich neben dem Bette niedersitzen...« – Also ganz wie zur galanten Zeit, nur mit dem Unterschied, daß sich die Herren damals nicht wunderten, wenn sie von einer Dame auf diese Weise in ihrem Schlafzimmer empfangen wurden, sondern es als selbstverständlich hielten, weil es so Sitte war. Pauline Borghese hätte gut in jene Zeit gepaßt. Sie trieb einen wahren Kult mit ihrem Körper. Lange stand sie vor ihrem vergoldeten Toilettenspiegel, den man damals Psyche nannte, und strich sich liebkosend über die zarten Glieder, oder sie probierte die anmutigsten Posen vorm Spiegel. Sie liebte sich selbst am meisten und zeigte darin eine Treue und Beständigkeit, wie sie sie nie einem ihrer Liebhaber erwiesen hat. Sie hatte ja deren so viele, daß man sie nicht alle einzeln aufzählen kann. Aber sie behandelte alle ihre Liebschaften mit jener entzückenden Leichtigkeit, die nur der echten Liebeskünstlerin eigen ist. Beugnot vergleicht sie mit einer Atalanta, die über Blumen schwebt und ihren Tau trinkt, ohne daß man die Spuren ihrer Berührung bemerkt. Desto mehr spürten es die Beglückten selbst. Wenn sie ihnen einmal das süße Gift ihrer Liebe ins Herz geträufelt hatte, dann waren sie alle unrettbar an sie verloren. Sie erlebte die verschiedensten Liebesromane, und über manche ihrer Beziehungen waren die köstlichsten Geschichten im Umlauf, über die sie sich selbst am meisten amüsierte. Um das Jahr 1810 schenkte sie ihre Gunst unter vielen anderen auch einem eleganten Offizier aus dem Generalstab des Marschalls Berthier. Es war der fünfundzwanzigjährige Jules de Canouville. Er war leidenschaftlich, leichtsinnig und unbesonnen, und das gefiel Pauline. Beide machten nicht das geringste Geheimnis aus ihrer Verbindung. Canouville war täglich in Neuilly, und die Fürstin zeigte sich ganz öffentlich mit ihm. Eines Tages hatte sie Zahnschmerzen. Es mußte ein Zahnarzt gerufen werden. Er kam und wurde in das Boudoir der Fürstin Borghese geführt. Hier fand er sie in Gesellschaft eines jungen vornehmen Mannes, der in einem leichten Hausrock nachlässig auf der Chaiselongue ausgestreckt lag. Mit unendlicher Fürsorge empfahl er dem Zahnarzt ja recht vorsichtig zu sein und der Fürstin nicht weh zu tun. Und als Pauline schrie und sich unter den Händen des Zahnarztes vor Schmerzen wand, beruhigte der junge Mann sie zärtlich und sagte, sie solle vernünftig sein und sich den bösen Zahn ziehen lassen, der sie beide nun schon drei Nächte nicht habe schlafen lassen. So ward die kleine Operation glücklich vollbracht. Befriedigt verließ der Zahnarzt seine hohe Patientin. Als er das Vorzimmer betrat, wurde er sofort von den anwesenden Hofdamen und Höflingen umringt. Alle wollten wissen, wie sich Ihre Kaiserliche Hoheit befinde. Der Zahnarzt gab Bescheid, und fand kaum Worte genug des Lobes, wie liebevoll sich der junge Fürst um seine hohe Gemahlin bekümmert habe. Es müsse doch eine überaus glückliche Ehe sein, meinte er. Alle mußten an sich halten, um nicht laut aufzulachen. Jeder bemerkte sofort den Irrtum des biederen Mannes. Man wußte ja nur zu gut, daß der Fürst Borghese schon lange nicht mehr den Vorzug hatte, sich im Boudoir oder Schlafzimmer seiner Frau aufzuhalten, sondern daß er bisweilen überhaupt gar keinen Zutritt in Neuilly gewährt bekam. 28. Pauline Bonaparte. Gemälde von Lefèvre Als Pauline Borghese nach dem Sturze ihres Bruders wieder in Rom leben mußte, war sie siech und elend. Aber sie gab trotzdem wundervolle Feste und Gesellschaften, teils in der reizenden Villa Paolina an der Porta Pia, teils in der prächtigen Villa Borghese oder im Palast Sciarra. Ihre Abendgesellschaften und Konzerte waren als äußerst prunkvoll berühmt, und trotz ihres leichtsinnigen Lebenswandels hatte sie ihre größten Anhänger und Verehrer in der vornehmen geistlichen Welt. »Seit den Zeiten der Päpstin Johanna«, sagt Lady Morgan, »ist gewiß keine Dame wieder so von Kardinälen umgeben gewesen wie Pauline.« Im Jahre 1825 breitete der Tod seine Schwingen über die schöne Frau, die so sehr am Leben und seinen Genüssen hing. Bis zu ihrer letzten Stunde blieb Pauline Borghese ein echtes Weib. Sie fühlte ihr Ende nahen. Sie wußte, der Tod wartete auf sie. Aber der Tod war ein Mann! Auch er sollte sie nur als die Frau sehen, die sie im Leben gewesen: schön und anbetungswürdig. Sie wünschte, daß man ihr das kostbarste Hofkleid anzöge, das sie besaß. Man mußte sie mit allen ihren Diamanten schmücken, sie frisieren, schminken, pudern, parfümieren, so daß sie, wie in jenen Tagen des Glanzes am französischen Kaiserhof, festlich geschmückt vor Seiner Majestät dem Tod erschien. Zitternd verlangten ihre kleinen mageren Hände nach einem Spiegel. Sie wollte sich überzeugen, ob nicht doch noch ein Restchen von jener Schönheit in ihrem Gesicht vorhanden wäre, die es einst so bezaubernd gemacht hatte. Verzweifelt klammerte sich das arme gefallsüchtige Wesen an diese letzte Hoffnung. Vielleicht wurde ihr auch dieser letzte Wunsch erfüllt. Vielleicht war ihr Gesicht in den letzten Augenblicken von jenem überirdischen Glänze überstrahlt, den der Tod bisweilen Sterbenden verleiht. So konnte sie, mit sich selbst zufrieden, in unwandelbarer Schönheit aus der Welt scheiden. Aber auch das beruhigte sie noch nicht. Sie wünschte, man solle ihr Antlitz mit einem dichten weißen Schleier bedecken, wenn sie den letzten Seufzer ausgehaucht hätte. Niemand sollte Zeuge sein, wie der Todeskampf und die beginnende Verwesung ihre Züge verändern würden. Nur an ihre unvergleichliche Schönheit sollte man sich erinnern. Sie wollte auch nicht, daß ihr Körper nach dem Tode geöffnet werde. Kein Seziermesser sollte ihr Fleisch berühren und die Formen verunstalten, die der Meißel Canovas auf dem Gipfel ihrer Schönheit der Nachwelt überliefert hatte. So ging sie, ähnlich wie jene andere große Liebeskünstlerin, die Pompadour, in Schönheit aus der Welt, noch jung, erst fünfundvierzigjährig!   Sie hat ihre Schwägerin Josephine, ihre größte Feindin und Rivalin auf dem Gebiete der Eleganz und Verschwendung am Kaiserhofe, um zehn Jahre überlebt. In den Tagen des Glanzes hatte Josephine bis zum Jahre 1809 sich noch immer ihren früheren Ruhm als elegante Frau bewahrt und trotz ihrer Jahre manche Jüngere am Hofe überstrahlt. Ihre Luxusbedürfnisse waren so groß, daß ihr nicht einmal das Einkommen einer Kaiserin genügte, um auszukommen. Sie hatte 600 000 Franken für ihre persönlichen Ausgaben zur Verfügung. Außerdem noch 150 000 Franken für kleine Geschenke und Wohltätigkeiten, und man sollte annehmen, daß sie damit ihre Toilettenbedürfnisse hätte bestreiten können. Nicht im mindesten. Josephine war dermaßen verschwenderisch, kapriziös und unsinnig in ihren Ausgaben, daß sie beständig verschuldet und oft gezwungen war, die Privatschatulle Napoleons in Anspruch zu nehmen. Ihre intimen Gemächer in den Tuilerien, in Saint-Cloud, in Fontainebleau und in Malmaison glichen den reinsten Mode- und Kramläden, und es herrschte das unglaublichste Durcheinander darin. Auf Stühlen, Tabourets, Tischen und Diwans lagen Stoffe, Brokate, Spitzen, Seidenchiffons, Blumen und Federn herum, die man ihr zur Wahl vorgelegt hatte. Immer waren ihre Zimmer voll von Modehändlerinnen, Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Juwelieren, Teppich- und Möbelhändlern, Kartenlegerinnen und Künstlern, besonders Malern. Fast täglich entstand ein Porträt von ihr. Die Bilder verschenkte sie dann freigebig an ihre Umgebung, sogar an ihre Kammermädchen und Modelieferanten. »Man brachte ihr fortwährend Schmucksachen, Schals, Stoffe, allerhand Flitterkram,« sagt Madame de Rémusat in ihren Memoiren; »sie kaufte alles, ohne jemals nach dem Preis zu fragen. Gleich im Anfang (der Regierung ihres Mannes) ließ sie ihre Ehren- und Hofdamen wissen, daß sie sich in nichts zu mischen hätten, was ihre Garderobe beträfe. Alles wurde nur zwischen ihr und ihren sieben oder acht Kammerfrauen abgemacht. Sie stand um 9 Uhr auf und brauchte sehr lange zu ihrer Toilette. Einige Details wurden von ihr äußerst geheim gehalten, und die meiste Zeit verwandte sie selbst darauf, ihre Schönheit zu pflegen und ihr Gesicht zu schminken. Denn niemand sollte wissen, mit welchen Mitteln sie sich jung erhielt. Wenn dann alles soweit war, ließ sie sich frisieren. Sie trug dazu einen langen sehr eleganten mit Spitzen besetzten und gestickten Frisiermantel. Ihre Hemden und Unterröcke waren ebenfalls reich gestickt und von feinstem Leinenbatist mit Spitzen besetzt. Sie wechselte ihr Hemd und alle Unterwäsche dreimal am Tag und trug nur neue seidene Strümpfe, die noch nicht gewaschen sein durften. Während sie frisiert wurde, ließ sie die Palastdamen, die vor der Tür ihres Ankleidezimmers warteten, eintreten. Dann brachte man ihr große Körbe mit den verschiedensten Kleidern, Hüten und Schals. Im Sommer waren es reichgestickte Kleider aus Batist oder Perkal, im Winter lange Gewänder aus Wollstoff oder Samt. Sie wählte dann die Toilette, die sie tragen wollte. Morgens trug sie stets einen mit Blumen und Federn garnierten Hut und einen Schal, der ihre ganze Person einhüllte. Sie besaß an die drei- bis vierhundert solcher Schals. Es wurde alles mögliche daraus gemacht: Kleider, Decken fürs Bett und Kissen für ihre Hunde! Einen solchen indischen Schal hatte sie stets den ganzen Morgen über ihren Schultern, und zwar verstand sie ihn mit einer Grazie zu drapieren, die man nur an ihr sah. Napoleon fand, daß sie durch diese Schals allzusehr bedeckt sei; er riß sie ihr bisweilen vom Körper und warf sie ins Kaminfeuer. Aber dann verlangte Josephine von ihrer Kammerfrau sofort einen neuen. Ein einziger dieser Kaschmirschals kostete die Kleinigkeit von zehn- bis zwölftausend Franken. Er spielte eine so große Rolle unter dem Empire, daß man ihn als Möbel, als Besitztum betrachtete, das sich von Generation zu Generation vererbte. Lady Morgan in ihrem Werke über Frankreich schreibt: »Diese elegante Produktion der indischen Industrie ist für alle Damen ein unerläßliches Stück. Sie legen dermaßen Wert darauf, daß man versucht ist zu glauben, einem solchen Schale wohne magische Kraft inne.« Und die erste Frage, wenn sich zwei Frauen des Empire begegneten, war immer: »Und wieviele Kaschmirs besitzen Sie, meine Liebe?« Wer keinen hatte, galt nicht für mondän und elegant. Diese Mode der indischen Schals wie überhaupt die ganze orientalische Richtung, die zur Zeit des Konsulats und Kaiserreichs in der Eleganz der Frau dominierte, war mit der aus Ägypten zurückkehrenden Armee nach Frankreich gekommen. Josephine, die Frau des Ersten Konsuls, war natürlich eine der ersten, die sie sich zu eigen machten. Sie führte jetzt – wie einst nach dem Italienischen Feldzug die antiken Kameen – orientalische Stickereien, Turbane aus Goldlame und indische Seidenstoffe ein. Und ihre Schwägerinnen ahmten es sofort nach. Karoline Murat, die spätere Königin von Neapel, trug oft Schmuck von ausgegrabenen geschnittenen Steinen aus Herkulanum und Pompeji. Kopf und Arme waren damit bedeckt. Auf dem Gürtel, den Achselbändern und längs dem Kleide waren antike Steine angebracht. Die Erde hatte man sorgfältig zwischen den Steinen und der Fassung gelassen. Dieser Verschwendung von Schmuck aus kostbaren Steinen huldigten alle Damen des Hofes; keine wollte nachstehen. Sie hatten es auch nicht nötig, denn die Männer, die hohen Generale, Marschälle, die neuen Herzöge und Fürsten sorgten schon dafür, daß es ihren Frauen nicht an Juwelen gebrach. Frau von Rémusat erzählt, daß die Gattin des Generals Junot, die spätere Herzogin von Abrantes, von ihrem Mann die Diamanten kistenweise aus Portugal geschickt bekam, und daß der Juwelenschmuck der Frau des Generals Duroc Steine und Perlen für 500 000 Franken barg; ebenso besaß Madame Ney Schmuck im Werte von über 100 000 Franken. Josephines Perlen wurden allein auf über eine Million Franken geschätzt. Unter anderem ließ sie sich im Jahre 1808 ein Kollier aus 24 Kameen und 2275 Perlen anfertigen. Sie konnte es indes nicht tragen, weil es zu schwer war. Reichhardt erzählt in einem Briefe an seine Frau vom 10. Dezember 1802, er habe Madame Bonaparte, die bereits als Gattin des Ersten Konsuls eine Art Hof hielt, schon im Morgenanzug mit Edelsteinen geschmückt gesehen. »Madame Bonaparte war heute, wenngleich auch nur in Morgenputzformen, in weißem Atlas mit breiter Spitzenbesetzung gekleidet. In den schwarzbraunen Haaren hatte sie eine Art Diadem von drei Reihen großer Steine, in denen sich drei Medaillons von schönen alten Gemmen befanden.« 29. Die Anprobe im Modesalon. »Genau die Taillenweite der Venus!« Lithographie von Maurin. Paris, 1830 Da die Damen des napoleonischen Hofes und besonders Josephine viel Zeit hatten, weil sie weder Büchern noch irgendwelcher anderen intellektuellen Beschäftigung Geschmack abzugewinnen vermochte, konnte sie sich ganz allein mit der Ausschmückung ihrer Person, mit ihrer Toilette, ihrer Wohnung, ihren Blumen und Gärten beschäftigen. Sie liebte Blumen und Vögel über alles. Die seltensten Pflanzen und wunderbarsten exotischen Vögel zierten ihre Treibhäuser und Volieren. Mit Tand, Putz und Gesellschaften verging der Tag, nicht nur der Tag Josephines, sondern auch der meisten anderen eleganten Empire-Damen. Er wurde zum großen Teil für Körper- und Schönheitspflege verwendet und verrann im Ausdenken und Aussuchen von Kleidern, Hüten, Schals, Schmuck und den tausend Kleinigkeiten für die Toilette. Die Dame des Empire stand spät auf, begab sich dann in ihr chinesisches parfümiertes Bad, ließ sich abreiben und frottieren, den ganzen Körper parfümieren, sich maniküren und pediküren. Und wenn sie dann frisch wie eine Rose ihr Badezimmer verließ, warf sie ein mit vielen Spitzen besetztes, reich gesticktes weißes Batistmorgenkleid über und frühstückte. Währenddem kamen die Modistinnen, Schneiderinnen, Weißnäherinnen und nahmen die Wünsche der gnädigen Frau entgegen. Darauf wurde der unvermeidliche »Maitre de salut et de présentation« gemeldet, der der Dame von Welt nicht nur die neuesten Tanzschritte beibringen, sondern sie auch lehren mußte, wie man zu grüßen, sich zu verbeugen, wie man seine Arme und Hände am graziösesten zu bewegen und sich in den Hüften zu wiegen hatte. Alles das mußte die Frau des Empire vollendet verstehen, wenn sie den Ruf einer Modedame genoß. Es war eben eine neue Zeit und, wie Max von Boehn in seinem Werke »Das Empire« sehr treffend bemerkt, »es waren auch ganz neue Menschen, aber sie waren doch in Verlegenheit, sie hatten keinen Stil und wußten nicht wo ihn suchen. Die alte Gesellschaft mit ihrem Umgangston und ihren Manieren war beseitigt, und zwar gründlich, aber diejenigen, die ihren Platz eingenommen hatten, fühlten sich in den so merkwürdig veränderten Verhältnissen nicht ganz so behaglich, wie sie gedacht hatten. Darum nahmen Hof- und Palastdamen Unterricht bei Despreaux, der Jahrzehnte zuvor der Tanzlehrer Marie Antoinettes gewesen war.« – Und jeden Morgen nahm die Kokette des Empire diese Anstands- und Tanzstunde mit größtem Vergnügen. Weniger Freude hatte sie am Briefschreiben. Der Sekretär bekam schnell ein paar kurze Billette diktiert, und dann kam die Stunde der Promenade, entweder zu Pferd oder in einer jener reizenden Kaleschen, die mit einem Schirm bedeckt waren, oder in einem eleganten Kabriolett, in denen die vornehme Frau ihre Reize durch besonders schicke Kleider und Hüte zur Geltung bringen konnte. Wenn sie von dieser Morgenspazierfahrt oder diesem Morgenritt zurückkehrte, begab sie sich erst in die Hände des Coiffeurs. Der frisierte sie nach den neuesten Bildern von berühmten Schauspielerinnen. Vielleicht hatte gerade Mademoiselle Mars, Mademoiselle Grassini, Mademoiselle George oder Mademoiselle Duchesnois eine neue Frisur auf der Bühne getragen. Der Friseur nahm es sehr genau mit diesen Dingen und hielt sich zum mindesten für einen ebenso großen Künstler wie ein berühmter Maler der Zeit. Am Abend zog die Frau des Empire entweder eine Toilette mit einem Redingote aus Seidensamt oder Plüsch oder auch ein leichteres tunikaartiges Gesellschaftskleid aus weißem Crêpe de Chine an, fuhr in die Oper, in ein Theater oder Konzert oder zu einer Abendgesellschaft. Nach dem Theater erwartete sie meist noch zu Hause oder bei Freunden ein Souper, und es wurde bis spät in die Nacht an kleinen Tischen gespielt oder auch getanzt. Ermüdet sank sie endlich in ihre weißen spitzenbesetzten Kissen, den Kopf mit einem graziösen Spitzenhäubchen bedeckt und an den mit Creme eingeriebenen Händen Glacéhandschuhe. Mit Josephine Bonaparte war eine gewisse Veränderung vorgegangen, seit sie einen Thron besaß. Aus der überaus vergnügungssüchtigen Frau, die wir unter der Gesellschaft des Direktoriums sahen, wurde eine Kaiserin, die am liebsten in ihren Appartements lebte, besonders in Malmaison, mit ihren Toiletten und Blumen beschäftigt. Bereits unter dem Konsulat hatte Napoleon ihre Gesellschaft mehr und mehr auf ihre Familie, die Bonapartes und Beauharnais beschränkt. Er hatte ihr den Umgang mit ihren ehemaligen Freundinnen unter dem Direktorium verboten, besonders mit der schönen Tallien. Ihm sagte der leichtfertige Ton, der in der Gesellschaft damals herrschte, durchaus nicht zu, und so führte er schon als Konsul und noch mehr als Kaiser strengere Sitten ein. Sogar die tugendhafte Madame Récamier hatte darunter zu leiden. Sie wurde am Hofe nicht zugelassen und mußte ihre Salons, in denen sie die reichste und vornehmste Gesellschaft empfing, schließen. Für seine Frau sollte die Vergangenheit tot sein. Er zog einige Damen der alten Aristokratie an seinen Hof, die die Gewohnheiten des Ancien Régime mitbrachten, wie die Marquise de Montesson, Madame de Montesquieu, Madame de Genlis, Madame de Rémusat. Alle diese Damen waren entzückt von der Liebenswürdigkeit und Anmut Josephines, wie gut sie es verstand, sich der neuen Umgebung und den neuen Sitten anzupassen. Trotz der blendenden Pracht, der herrlich gekleideten Frauen und Männer, trotz des ungeheuren Luxus und der pomphaften Aufmachung ging es am Hofe Napoleons doch steif und gezwungen zu. Mit der Ausgelassenheit, wie sie unter dem Direktorium geherrscht hatte, war es vorbei. Josephine mußte sich fügen und fügte sich vielleicht nicht ungern. Aus Theater und Bällen außerhalb der Tuilerien machte sie sich nicht mehr viel. Sie ging nur in die Oper, wenn sie gezwungen war, an der Seite des Kaisers dort zu erscheinen. Um so eleganter und verschwenderischer war sie zu Hause und zu den Festen, die der Hof veranstaltete. Die geringste Gesellschaft, der kleinste Ball war für sie eine Gelegenheit, sich eine neue Toilette zu bestellen. Gräfin Kielmannsegge sah sie einmal zu einer Cour, bei der sie der Kaiserin vorgestellt wurde, in einem prachtvollen weißen Atlaskleid mit einer Handstickerei von kirschrotem Samt. Der Gürtel mit lang herabhängenden Enden war mit massiv gefaßten Edelsteinen besetzt und mit einer Kamee geschlossen. Hals- und Ohrgehänge von Opalen. Eine Toque, weiß und kirschrot mit goldenen Birnen und einer rückwärtsliegenden weißen Straußenfeder. Am Abend besonders war Josephine äußerst elegant und mit größtem Geschmack und äußerster Sorgfalt gekleidet. Sogar nach der Scheidung, als sie in Malmaison sehr zurückgezogen lebte, legte sie Wert auf die ausgesuchteste Eleganz. Meist trug sie auch jetzt noch jene entzückenden leichten weißen Musselinkleider, die Napoleon an ihr so liebte. Der Stoff war dermaßen zart und fein, daß man denken konnte, sagt Madame Rémusat, er sei ein Nebelschleier gewesen. Es war indischer Seidenmusselin, wovon die Elle nicht weniger als 150 Franken kostete! Die Bordüre eines solchen Kleides war meist mit Gold und Perlen bestickt. Hals und Arme waren nackt, und der zarte Stoff wurde nur auf den Schultern mit einer Kamee oder einer Diamantschnalle, bisweilen auch von einer aus einem goldenen Löwenkopf bestehenden Agraffe zusammengehalten. Oft war es auch ein mattrosa Atlaskleid mit Zobelpelz, das ihre schlanke Gestalt vorteilhaft umschloß. Josephine war stets sehr einfach auf griechische Art frisiert, was ihrem schmalen dunklen Gesicht hervorragend gut stand. Entweder schmückte sie ihre herrlichen kastanienbraunen Haare mit Blumen, Perlenketten, mit Bandeaus, die aus kostbaren Steinen zusammengesetzt waren, wie es die Mode des Empire besonders schätzte, oder sie trug Hüte und Toques aus weißem Atlas mit langen weißen Straußenfedern. Wie die meisten eleganten Frauen der Zeit legte sie Wert darauf, daß ihre Toilette stets mit der Einrichtung ihres Salons oder Boudoirs harmonierte. So trug sie ein pastellblaues Kleid zu gelben Brokatsesseln; eine große Hoftoilette aus myrtengrünem Samt paßte vielleicht nur in einen Salon, dessen Wände mit rotem Seidendamast bespannt waren. Aber durch diese strikte Übereinstimmung des Kleides mit den Möbeln erlebten die Damen des Empire nicht selten die bittersten Enttäuschungen. Nicht immer konnten ihre Toiletten mit der Einrichtung assortiert sein, wenn sie bei Fremden eingeladen waren. So ging es zum Beispiel Pauline Bonaparte bei ihrer Schwägerin in Saint-Cloud. Nach ihrer Vermählung machte sie Josephine und ihrem Bruder einen Besuch in einem wundervollen grünen Brokatkleid, das über und über mit Brillanten bestickt war. Aber welcher Schrecken, als sie gewahrte, daß der Salon ihrer Schwägerin ganz in einem satten Königsblau gehalten war. Für Frauen von Geschmack wie Pauline und Josephine Bonaparte war diese Zusammenstellung unmöglich. Der Besuch war daher auch nur sehr kurz, denn Paulette starb fast vor Sorge, sie könne eine schlechte Figur machen. Es ist begreiflich, daß die Vorliebe der Kaiserin für Luxus und Verschwendung am ganzen Hofe Nachahmung fand und nicht nur die Schwestern Napoleons es der ihnen übrigens verhaßten Schwägerin gleichtun wollten. Auch Josephines Tochter Hortense de Beauharnais, die nachherige Königin von Holland als Gattin Louis Bonapartes, entwickelte großen Geschmack und war immer sehr reich gekleidet, obwohl sie viel sparsamer und diskreter als ihre Mutter war. Sie gab trotzdem viel Geld aus und war nicht weniger vergnügungssüchtig wie Josephine. Sie spielte mit Vorliebe Theater und bewies dabei ein so großes Talent, daß der Schauspieler Fleury, der ihr in Malmaison Stunde gab, einmal bedauerte, daß sie kein Mädel aus dem Volke sei und ihr Talent weiter ausbilden könnte. Hortense tanzte auch mit einer Grazie, wie man es nur an Berufstänzerinnen gewöhnt ist. Die Quadrillen, die sie als Königin von Holland in Paris arrangierte, waren immer ein Ereignis für den Hof und die Stadt. Einmal führte sie mit sechs Damen und sechs Herren ihrer Umgebung ein Ballett auf, bei dem sie alle an Anmut und Können übertraf. Sie tanzte wie die beste Ballettänzerin mit einer Leichtigkeit und Einfachheit in den Bewegungen und mit einer Vollkommenheit der Kunst, die alle Anwesenden verblüffte. Sie war als Frau eines Inka gekleidet in weiß- und silberdurchwirktem Flor mit langen Ärmeln, die mehrere Male durch Brillantagraffen gehalten wurden. Über dem echt silbernen Besatz des Rockes waren viele Reihen von Diamanten und eine ebensolche Franse angebracht. Leib und Gürtel sowie die Brust waren mit Diamanten bedeckt. Auf dem Kopfe hatte sie ein Diadem von weißen Kakadufedern. Vor jeder Feder stand eine Garbe von Diamanten. Das Diadem wurde durch fünf Reihen immenser Brillanten zusammengehalten. In der Hand hielt sie ein Tamburin aus Gold mit bunten Edelsteinen gefaßt. 30. Das Modell. Zeit der Romantik. Kolorierte Lithographie. Paris, um 1835 Die drei Schwestern des Kaisers erschienen in den Tuilerien niemals anders als in großer Toilette und mit allen Diamanten behangen, die sie besaßen. Ihre Kleider allein, ungerechnet die Edelsteine, mit denen sie ausgeputzt waren, kosteten mindestens jedes 25–30 000 Franken. Karoline Murat, die dritte Schwester Napoleons, erschien eines Tages auf einem Ball bei ihrer Nichte, der Königin Hortense von Holland, mit Juwelen im Werte von 40 Millionen. Ihr Kleid von weißem Tüll auf weißem Atlas war mit Diamanten eingefaßt und gestickt, wo sonst Blonden angebracht wurden. An den Ärmeln und dem Rand des Kleides hingen Diamantenschnüre. Der Gürtel war ganz aus Diamanten. Das auf der linken Seite geschlitzte Kleid wurde von Diamantenschleifen zusammengehalten. Von Diamanten schimmerten auch Hals, Ohren und Haar. Neben diesen verschwenderischen Prinzessinnen und Königinnen gab es am französischen Kaiserhof noch viele elegante Frauen, deren jährliche Ausgaben für Kleidung und Luxus mehrere hunderttausend Franken überschritten. Unter ihnen sind als besonders elegant und anspruchsvoll zu nennen: die Herzogin von Rovigo und die Herzogin von Bassano, Madame Canisy, die Fürstin Talleyrand, (Madame le Grand) die Herzogin von Abrantes, die Hofdamen Duchâtel, Eleonore Dénuelle und andere. Alle waren jung und kokett, und jede von ihnen wollte die Schönste sein. Wenn sie zu den Hoffesten erschienen, zogen sie alle Blicke auf sich. Gräfin Kielmannsegge, die längere Zeit am Kaiserhofe in Paris lebte, findet nicht Worte genug, den Luxus zu schildern, den die Damen des Empire bei solchen Gelegenheiten entfalteten, und sie selbst war neben der Herzogin von Kurland eine der elegantesten Fremden am Hofe. Als sie im Februar 1812 der großen Quadrille der Königin von Neapel in den Tuilerien beiwohnte, erzählt sie: »Die Herzogin von Kurland, Gräfin Périgord und ich begaben uns gemeinschaftlich zum Feste. Die Herzogin von Kurland in einem weißen Tüllkleid mit weißem Atlas durchscheinend und mit einer Girlande von weißen Tulpen aus Atlas und Silbertüll besetzt. Im Haar Buketts von Reseda und Diamanten und Kornähren. Frau von Périgord trug ein Kleid ganz aus Silber mit blauen Kornblumen bestickt mit einer Girlande von Kornblumen eingefaßt. Im Haar und um den Hals Diamanten en bandelottes mit Saphiren.« Zweitausend prächtig gekleidete Gäste füllten den Theatersaal in den Tuilerien. Die Mittanzenden an der Quadrille waren Pauline Bonaparte, Karoline Murat (Königin von Neapel) und verschiedene Hofdamen. Die Quadrille war eine Art »Revue« und stellte vor: das durch Frankreich wiedererschaffene Rom. »Madame Le Grand erschien als Iris in weiß und blauem Gewand, einen farbigen Schal in der Hand und mit einem Halsband von bunten Steinen. Sie tanzte einfach und mit Anmut ein Solo und den berühmten Schaltanz, den die englische Schönheit Lady Hamilton in Mode gebracht hatte. Ihr schönes blondes Haar schmückte sie. Dann erschienen sechs Nymphen, die vor allen anderen gut aussahen. Sie trugen Kleider aus weißem indischem Nessel, rund herum mit goldenem Schilf bestickt: kleine Tuniken mit goldener Stickerei. Schilfkränze in den Locken; Diamanten und Perlen im Hinterhaar. Es waren die Damen: Frau von Dalberg, Frau von Brignolle, Madame Augereau, die Hofdame Madame Duchâtel und einige andere. Nach ihrem Tanze trat Rom herein, dargestellt von der Prinzessin Pauline, die, obgleich mit Schmuck bedeckt, durch ihre Schönheit allein strahlte. Helm, Kleidung, Kothurne glänzten von Diamanten; am geöffneten Helm und an der traurigen Gebärde aber sah man, daß sie Hilfe erwartete. Madame Julie de Noailles, in pistaziengrünem Gewande, erschien als Nymphe Egeria und zeigte Rom in einem Spiegel das günstige Schicksal der Zukunft. Egeria tanzte anspruchslos. Ihr folgte die Königin von Neapel, Karoline Murat, Frankreichs Größe und Würde darstellend. Ihr Helm war geschlossen, mit Diamanten und bunten Edelsteinen bedeckt. Die Granaten und Chrysoprase waren von der Größe eines Fünffrankenstücks. Ihre Brodequins waren aus Silber und mit Diamanten besät. Das Schild von purem Gold mit Diamanten und Türkisen. Der Mantel aus rotem Samt mit goldenen Birnen. Das Unterkleid aus weißem Atlas...« – Als die Quadrille oder Revue zu Ende war, begann der Ball, zu dem sich alle diese schönen Tänzerinnen wieder in andere prachtvolle Toiletten kleideten. Auch abseits vom Hofe, in der übrigen vornehmen Gesellschaft wurde großer Luxus getrieben, vor allem mit Edelsteinen. Manche der Damen war beinahe überladen mit Brillanten. Die Bälle und Gesellschaften, die in den Privathäusern der Senatoren und Marschälle des Kaiserreichs stattfanden, boten in ihrer Pracht der phantastischen Uniformen der Offiziere und den über und über mit Brillanten und Perlen gestickten Kleidern der Damen ein Bild, das sehr an die Erzählungen von den fabelhaften Reichtümern aus »Tausendundeiner Nacht« erinnerte. Niemals haben die Frauen ihre Schönheit und ihre Eleganz in einem prunkvolleren Rahmen gesehen. Aber dieser Luxus der Frauen verschlang Unsummen. Eine Elegante des Empire brauchte für ihre persönlichen Bedürfnisse etwa 200 000 Franken im Jahr, wenigstens nach der Aufstellung eines damaligen Ehemannes, die der Komik nicht entbehrt. Danach waren die Bedürfnisse einer Dame von Welt ungefähr folgende: Dreihundertfünfundsechzig Hauben, Kapotten und Hüte Fr. 10 000 Zwei Kaschmirschals 1 200 Dreihundertfünfundsechzig Paar Schuhe 600 Zweihundertfünfzig Paar weiße Strümpfe und ebenso viele bunte 3 000 Sechshundert Kleider 25 000 Zwölf Hemden 300 Schminke und Puder 300 Zwei Schleier 4 800 Gummimieder, Perücken, Réticules, Sonnenschirme, Fächer und so weiter 6 000 Essenzen, Parfüms und andere Drogen, um schön und jung zu erscheinen 1 200 Schmuck und andere Kleinigkeiten 10 000 Griechische, römische, etruskische, türkische, arabische, chinesische, persische, ägyptische, englische und gotische Einrichtungsstücke 50 000 Sechs Reitpferde und zwei Wagenpferde 10 000 Französische, englische, spanische Wagen 25 000 Tanzlehrer 5 000 Französischer Lehrer 300 Ein Bett 20 000 Zeitungsannoncen, Logenplätze in den Theatern, Konzerte und so weiter 30 000 Wohltätigkeit und Armenunterstützung. 100     Total Franken 202 800 Die Koketterie der Frauen des Empire ging so weit, daß sie auch kühleres Wetter nicht scheuten und in ihren leichten Batist- und Musselinkleidern mit nackten Armen und weit dekolletierter Brust, weißen und farbigen Atlasschuhen auf der Promenade erschienen. Höchstens, daß die Empfindlichsten unter ihnen einen leichten mit Schwan besetzten Seidenmantel überwarfen oder einen dünnen Musselinschleier über dem Hut trugen, vielleicht auch einmal einen Pelzkragen, den nach der Pfalzgräfin benannten »Palatine«, umbanden. Im Winter trug man auch einen Muff, aber er war nicht mehr von jenen ungeheuren Dimensionen, wie ihn die Merveilleusen des Direktoriums besaßen. Der Vitchoura, ein pelzbesetzter Paletot, wurde erst später Mode. Für die Kleider brauchte man jetzt wieder viel mehr Stoff, obwohl die Taillen ganz kurz und die Brüste vollkommen offen getragen und so weit in die Höhe gedrückt wurden, daß der hohe Brustansatz beinahe unnatürlich war. Viel Wert legten die Frauen des Empire auf die Schönheit des Nackens, und daher wurde auf dem runden oder viereckigen, sehr tiefen Rückenausschnitt die größte Sorgfalt verwendet. Sowohl unter dem Konsulat wie unter dem Kaiserreich schminkte und puderte man sich in der guten Gesellschaft sehr diskret; besonders gut verstand diese Kunst die Kaiserin Josephine, die zwar sehr viele kosmetische Mittel anwandte, aber es so fein machte, daß es kaum auffiel. Selbst Napoleon, der mit seiner Frau, wie ein guter Bürger, das Schlafzimmer teilte, bekam von der Anwendung dieser Toilettenkünste nichts zu sehen. Es gehörte zum guten Ton, mit matter, blasser Hautfarbe zu erscheinen, nur einen Schimmer von Rouge auf den Wangen, und die Augenbrauen mit dem Stift ganz fein nachgezeichnet. Die Haare wurden nicht mehr vom Friseur in regelmäßige Locken und Löckchen gelegt, sondern man suchte so sehr wie möglich das Natürliche, ein wenig Unordentliche zu markieren, wie das auf dem reizenden Bilde Josephines von Isabay zu sehen ist. Gerade als wenn eben ein leichter Wind durch das Haar gestrichen wäre. Die Frisuren à la Titus erschienen wieder, wie ehedem unter dem Direktorium, aber die Stirn war dichter mit Locken bedeckt. Bandeaus von dünnem Tigerfell, wie sie Pauline Bonaparte bisweilen trug, oder Bänder von Samt, womit Madame Récamier ihre braunen Locken umwand, ferner, zu Festlichkeiten, Diademe von Brillanten und anderen Edelsteinen, silberne und goldene Bandstreifen waren bei den Koketten des Kaiserreichs sehr beliebt und ganz allgemein. Die duftigen Kleider schmückte man mit Blumengirlanden von blauen Rosen, rosa und weißem Lorbeer, Nelken in allen Farben und Nuancen. Der Körper war stets vollkommen von dem langen weichen Faltenkleid umhüllt, abgesehen von Busen, Nacken und Armen. Nach 1806 besonders befiel die Eleganten des Empire eine wahre Sucht nach Juwelen, denn der reiche Hof Napoleons gab ihnen das Beispiel. »Man bedeckte sich dermaßen mit Schmuck,« sagt Uzanne, »daß die Frauen wie wandelnde Juwelierläden aussahen. An jedem Finger blitzten mehrere Diamantringe übereinander. Goldene Ketten trug man bis zu achtmal um den Hals geschlungen. Die Ohren wurden durch schwere massive Gehänge herabgezogen, die Arme waren mit ziselierten wundervoll gearbeiteten Goldspangen umgeben. Perlenkolliers und Perlfransen schmückten die Haare und fielen oft bis auf die Schultern herab. Lange goldene Nadeln hielten das Haar bisweilen zusammen, und die goldenen diamanten- und perlenbesetzten Haarkämme mancher Schönen repräsentierten ein Vermögen. Als der General Arrighi, Herzog von Padua, heiratete, erhielt seine Braut, Fräulein von Montesquieu, vom Kaiser Napoleon ein Halsband von großen Diamanten im Werte von 50 000 Franken zum Geschenk und von Madame Lätitia Bonaparte einen kostbaren Schmuck aus Smaragden und Diamanten. Der Luxus der Juwelen nahm dermaßen überhand, daß die Reaktion nicht ausblieb. Schließlich waren nur noch die Neureichen damit geschmückt, während die geschmackvollen Frauen des Empire um das Jahr 1810 in ihrem Schmuck große Einfachheit an den Tag legten und ihre Diamanten völlig unauffällig trugen. Man begann zu verstehen, daß die Eleganz einer Frau nicht im überladenen Reichtum von Kostbarkeiten zu suchen ist, und daß Jugend und Schönheit weit mehr zur Geltung kommen, je weniger eine Frau mit Geschmeide behangen ist. 31. Schauspielerin beim Theaterfriseur. Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, 1845 bis 1850 Die Romantischen und die Verschämten der Biedermeierzeit Auf die ungeheure Sittenfreiheit am Ende des 18. Jahrhunderts, auf die erzwungene und auf höheren Befehl erfolgte Wohlanständigkeit des öffentlichen Lebens unter dem Empire, folgte um das Jahr 1818, vielleicht schon etwas früher, in allen Ländern eine große Zurückhaltung sowohl in den Ideen und Ansichten, als in den Lebensgewohnheiten und somit auch in der Eleganz der Frau. Jedem galt als das Höchste, so unauffallend wie möglich zu sein. Korrektheit, gute Lebensart, Höflichkeit und Anstand, unglaubliche Vornehmheit bis zur Steifheit und Langweiligkeit, die höchste Dezenz in Farben und Schmuck gehörten unbedingt zu den ersten Grundsätzen der Eleganz und des guten Tons. Der aufdringliche Reichtum und das falsche Dekorum des Empire hatten einer großen Einfachheit Platz gemacht. Die Frauen waren die Trägerinnen und Verbreiterinnen dieser Bewegung. Die militärische Note war aus den Salons gewichen. Männer von Geist und Talenten spielten eine Rolle, und die Frauen mit ihrer Anpassungsfähigkeit hörten ihnen begeistert zu. Fast jede hatte ihren literarischen Salon, in dem sie die mehr oder weniger bedeutenden Größen der Geisteswelt empfing. Fast jede hatte ihren Lieblingsvortragenden, zu dem sie in die literarischen oder wissenschaftlichen Vorlesungen lief. Man schwärmte für Dichter und Schriftsteller, schrieb wohl auch oder machte zum mindesten Verse. Viele Frauen dieser literarischen Welt erlebten die Romane selbst, die sie verfaßten oder die von ihren Freunden und Männern geschrieben wurden. Rahel Varnhagen, Henriette Herz, Bettina von Arnim, Luise Brachmann, Dorothea Veit, keine dieser Romantikerinnen entging dem gefährlichen Gemisch von Sinnlichkeit, idealer Schwärmerei, unbändiger Leidenschaft und Geistigkeit. In Frankreich war Lamartine der verwöhnte Liebling der Frauen. Er veröffentlichte um diese Zeit seine berühmten »Poetischen und religiösen Harmonien«. Die Zeit war eine der reichsten an Meisterwerken der Literatur und an bedeutenden Geistesgrößen. Stendhal schrieb sein »Rouge et Noir«, Balzac seine »Szenen aus dem Privatleben« und die »Physiologie der Ehe«. Theophile Gautier gab den ersten Band seiner »Poesien« heraus. Victor Hugos »Hernani« erschien auf dem Theater. Die Literatur war wie die Musik in jedem Salon ein beliebtes Thema. Es gab keine Gesellschaft, keine Familie, in der nicht wenigstens ein Instrument zu finden war. Fast jede Frau spielte die Harfe oder das Pianoforte und sang dazu zur Freude und zum ästhetischen Genuß oder auch zum Schrecken ihrer Gäste. Musiker und Dichter hatten die gleichen Chancen bei den Damen. Eine geistreiche Unterhaltung in den Salons wechselte ab mit Pfänderspielen, Scharaden oder mit einem Konter, einer Gavotte, einem »Schottischen«, einem »Englischen«, einer Polka oder einem Walzer. Im Jahre 1817 kamen auch die ersten Tanzkarten in Paris auf. Ragueneau erwähnt diese Erfindung in seiner »Chronique indiscrète«. Zuerst hatten sie wenig Erfolg, nach und nach führte sich diese Sitte, vor allem bei offiziellen Bällen, ein und verbreitete sich über alle Länder, besonders über Deutschland, wo sie sich bis ins 20. Jahrhundert in Mode hielt. Man tanzte jedoch weniger gut und viel als im 18. Jahrhundert und am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Herren setzten sich lieber an den Spieltisch und zogen einer jungen Tänzerin die Pik-Dame der Karten vor. Auf allen Bällen zeichneten sich die meisten Frauen durch auffallende Einfachheit aus. Brillanten und schreiender Schmuck waren von den Kleidern und aus den Haaren verschwunden. Man trug lieber die unprätentiösen Granaten oder die schönen, in ihrer Anspruchslosigkeit um so wirkungsvolleren Perlen, am liebsten aber einen massiven Goldschmuck, an dem man die Kunst geübter Goldschmiede bewunderte. Die Hauptattraktion der eleganten Frau aber war die Coiffure und ganz besonders der Hut. Er war in solcher Vielfältigkeit nicht einmal bei den Engländerinnen, die schon lange die schönsten Hüte der Welt besaßen, erschienen. Von 1815 bis 1830 zählte man allein in Frankreich mehr als 10 000 verschiedene Hutformen und -moden, darunter auch Hauben und Mützen. Die romantische Kokette legte ihre ganze Sorgfalt auf den vorteilhaften Rahmen des Gesichts. Alle Modejournale der Zeit widmen den Hüten weit mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt als den Kleidern und Mänteln. Es gab Hüte aus Florentiner Stroh, Seidenplüschkapotten, Samtbaretts mit Federpanaschen, Hüte aus Gros de Naples oder Crêpe Bouilloné, Kapotten aus Perkal, Turbane aus Musselin, Toques à la Polonaise, Mützen à la Österreich, moabitische Turbane, Morgenhauben, sogenannte Cornettes, aus weißem Batist mit vielen zarten Spitzen, aber auch aus schwarzem Samt mit Tüll garniert. Und was für Hüte! Welche Dimensionen in der Höhe! »Sie erinnern«, meint ein guter Beobachter der Zeit witzelnd, »an die unmöglichen Infanterie-Tschakos der Großen Armee, nur daß man diesen schweren Möbeln noch ebenso hohe Töpfe aufsetzte. Außerdem vergegenwärtige man sich die gefüllten Torten aus dem Lande des Gargantua, und man hat eine vage Vorstellung von den massiven Kopfbedeckungen der romantischen Schönen, die mit Bändern, Blumen, Kokarden, Fransen, Tuffs, Schleifen, Rüschen, Federn und Aigretten überladen waren. Es sind Hüte für Kriegerinnen, Helme, die Kopf, Gesicht und Hals bedecken, ungeheuere Monstren, fürchterliche Pickelhauben, mit einem Wort: Hüte mit Sturmbändern, Helmdecken und Windfängern! Man hat Mühe zu glauben, daß derartig bizarre Meisterwerke jemals die lachenden und liebenswürdigen Gesichter unserer Frauen beschirmt haben.« Und wenn man die Modebilder der Zeit betrachtet, muß man diesem Kritiker recht geben. Die Taille wurde wieder länger und der Rock wieder weiter. Es gab wieder Unterröcke und sogar Beinkleider, die die Koketten unter dem ziemlich kurzen Kleid vorsehen ließen. In England wurden sie aus hygienischen Gründen empfohlen. Was noch vor einigen Jahren verpönt war, galt als elegant und smart. Durch die Verlängerung der Taille, die stark geschnürt wurde, gelangten die Damen von 1830 zur außergewöhnlichen Verbreiterung der Schultern. Die Puffärmel kamen in Mode und figurierten unter dem Namen Keulen- und Schinkenärmel oder wurden auch spöttisch Hammelkeule und Elefantenkeule genannt. Beim Dekolleté sind die Schultern ganz frei. Es ist für diese Zeit der höchste Reiz weiblicher Schönheit, einen schlanken Hals und runde Schultern zu besitzen. Und alle Damen legten Wert darauf, diese Reize soviel als möglich zur Geltung zu bringen. Das Korsett, das unter dem 18. Jahrhundert sehr primitiv ausgestattet war und unter dem Direktorium und Empire ganz verschwand, tritt von neuem in Gunst. Die Frauen schnüren sich derart, daß der Körper fast in zwei Hälften geteilt ist. Aber es sind jetzt wahre Kunstwerke von Fischbeingehäusen. Sie sind nicht mehr, wie früher, nur aus grobem, derbem Stoff, sondern aus Batist und Seide, und nur die billigen Mieder werden aus Köper gefertigt. Ein gutgearbeitetes elegantes Korsett kostete schon damals 80 bis 100 Mark. Manche dieser Mieder hatten Gummizüge und erweiterten oder verengerten sich je nach dem Körper. Das Mieder wird um 1850 erst richtig zum Gegenstand galanter Zeichnungen, und bedeutende Maler wie Rops sehen darin einen im hohen Grade erotisierenden Fetisch. Eine kleine Zugabe zu diesen Miedern ist ein kleines Kissen aus rosa oder weißem Atlas, das hinten an das Korsett angebunden wird, um der Figur mehr Rundung zu verleihen, ähnlich dem »cul de Paris« der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. »Die verschämte Lüsternheit der Biedermeierzeit hat hier zum ersten Male förmliche Orgien gefeiert«, sagt Fuchs. »Neben dem Korsett nahm man auch noch den Rock zu Hilfe. Man begann um dieselbe Zeit, die Zahl der Röcke zu vermehren, um dadurch die Hüften grotesk aufzupolstern. Damit aber entsprach man schon mehr der allgemeinen Tendenz, möglichst grob auf die Sinne zu wirken ...« Die künstliche Verbreiterung der Hüften und Schultern war die Reaktion auf die schlanke Linie des Empire. Um aber der Nacktheit den aufreizenden Nimbus des Versteckten zu geben, umhüllt ein breiter, oft pelzverbrämter Schal oder auch ein Umschlagetuch keusch die tiefentblößten Schultern. Beide Kleidungsstücke fehlen nie in den Garderobeschränken der Dame des Biedermeier, die uns Schwind, Richter und Spitzweg in ihren Bildnissen verkörpern. Es ist holde Weiblichkeit, Lieblichkeit und Grazie, aber auch viel falsche Keuschheit und Sentimentalität. Die Dame des Biedermeier stempelte die Natürlichkeit zur Unmoral. Sie mußte sich vor ihrem eigenen Geschlecht genieren. Sich zu entkleiden oder gar sich völlig hüllenlos, vielleicht im Bad, vor einer anderen Frau sehen zu lassen, galt als unschicklich. In den deutschen Seebädern lagen die Herren- und Damenbäder weit auseinander, und ein strenger Strandwächter paßte genau auf, daß die am Strande spazierengehenden Herren nicht in allzu große Nähe der schwimmenden und badenden Damen gerieten, um am Ende gar mit einem Fernglas einen kleinen, ganz kleinen weiblichen Reiz zu erspähen. Dabei war man damals im Badeanzug angezogener als im Abendkleid. Er verdeckte vom Hals bis zur Mitte der Wade den ganzen Körper. Manche Damen zogen sogar im Wasser Strümpfe an. »Die Verwechslung zwischen Nacktheit und Unmoral,« sagt Alexander von Gleichen-Rußwurm in seiner »Sittengeschichte des Bades«, »die dem Baden gegenüber theoretisch wie praktisch allzuoft ins Feld geführt wurde, brachte jenes Gefühl verletzter Schamhaftigkeit hervor, das im 19. Jahrhundert den Siegeszug der alten Badefreude noch lange aufhielt.« »Jede Woche einmal sollen wir unseren Taufbund erneuern, das heißt baden«, rät Weber im »Demokritos« der züchtig verschämten Biedermeierzeit. Man begriff immer noch nicht, daß Luft, Sonne und Wasser zur Erhöhung der Schönheit des Körpers Grundbedingungen sind. 32. Besuch im Bad. »Soll ich Sie vielleicht hinausbegleiten?« Kolorierte Lithographie von Cham. Paris, um 1850 Im Winter trugen verwöhnte Damen der Biedermeierzeit riesenhafte Muffs von Fuchspelz, Chinchilla und anderen wertvollen Fellen. Pelzboas und Federboas wurden mehrmals um den Hals geschlungen. Weniger kostbare Bibermäntel und mit Schwan besetzte Umhänge und Mäntel, sogenannte Palatins, trug man für die Straße und zu Schlittenpartien. Diese waren, wie zur Zeit Maria Antoinettes, auch unter dem Biedermeier sehr beliebt. Man konnte so herrlich dabei flirten, ohne, wie in der Enge eines Zimmers oder im Ballsaal, befürchten zu müssen, von allzu stürmischen Annäherungen der Männer bedrängt zu werden. Das gerade war der Frau des Biedermeier recht, denn es kam ihr jederzeit darauf an, den Schein einer korrekten Lebensführung aufrechtzuerhalten. So durfte eine vornehme Frau zu jener Zeit sich nicht öffentlich mit Schlittschuhen auf das Eis begeben. In Berlin hinter den Zelten liefen die elegantesten Kavaliere der Hofgesellschaft und anderer hoher Kreise Schlittschuh. Ihre Damen aber sahen entweder zu, oder ließen sich von ihnen in Stuhlschlitten lustig über die Eisfläche schieben. Es hätte ja vorkommen können, daß eine Dame beim Eislaufen hingefallen wäre, und das würde sich nicht mit der Korrektheit der damaligen Bürgermoral vereinbart haben. Reiten durften sie, aber nicht Schlittschuhlaufen. Das war noch ein ausschließlicher Männersport. Es kam eine ganz junge, neue Gesellschaft zur Herrschaft und mit ihr ein neuer Frauentypus. Er erblühte unter dem Biedermeier in Deutschland sowohl wie in Frankreich. Seine hervorstechendste Eigenschaft war eine zwar liebenswürdige und poetische, aber etwas erkünstelte Melancholie und Sentimentalität. Sogar die am wenigsten sentimentalen Französinnen waren nicht frei davon. Veron in seinen »Memoiren eines Pariser Bürgers« sagt von den Pariserinnen dieser Zeit: »Geistreiche Frauen von einer gewissen Schönheit, einem gewissen aristokratischen Relief, einer neuen Eleganz und Einfachheit, der man indes nicht allzusehr trauen durfte, glänzten in allen Salons ... Die Politische, die Schöngeistige, die Literarische haben die Oberhand. Man müßte die verschiedenen Gesellschaftsklassen und deren verschiedene Anschauungen neu aufleben lassen, um den vornehmen Frauen gerecht zu werden, die hier in ihren Zirkeln und Gesellschaften zusammenkamen und sich Charme, Geist und Wetteifer gegenseitig streitig machten ...« In Frankreich waren es Frauen wie die reizende Marquise de Castries, eine junge zarte Schönheit mit hellen goldblonden Haaren, die Aufsehen erregte. »Wer sie nicht auf den Bällen der Herzogin von Berry tanzen sah,« meint derselbe Pariser Bürger, »kann sich zweifellos keinen Begriff machen von dem neuen ätherischen Frauentypus, den man in jener Zeit bewunderte.« Das »Journal des Dames et des Modes« brachte 1820 einen Artikel über das damalige Ideal einer eleganten Frau der Zeit, wonach sie schöne blonde, in Zöpfen hochfrisierte oder gescheitelte Haare haben mußte. Ein zierlicher Kaschmirschal ist leicht um die zarten runden Schultern von blendender Weiße geworfen. Die Augen der Schönen glänzen bald im lebhaftesten durchdringendsten Feuer, bald haben sie einen sinnverwirrenden, sehnsuchtsvoll melancholischen Ausdruck. Die Dame ist schlank, leichtfüßig. Ihre Figur ist biegsam und wollüstig. Wenn sie an der Harfe oder am Pianoforte sitzt und singt, wiegt sie sich mit einer Koketterie, die alle Männer in Ekstase versetzt. Sie ist Sappho. Sie ist die Corinne der Frau von Staël. Sie führt das harmonischste Leben von der Welt. Morgens nach dem Frühstück empfängt sie die Blumen-, Spitzen- und Modehändlerinnen. Dutzende von Girlanden aller Art künstlicher Blumen werden aus den Kartons gepackt, über die Harfe, das Pianoforte, über Stühle, Tische und Teppiche geworfen; jedes Kleid ist nahezu mit Blumen geschmückt. Es duftet nach köstlichen Parfüms, nach Lavendel und Flieder. Die Hüte und Kapotten werden alle nacheinander vor dem Spiegel probiert, die kostbaren echten Spitzen zu einem zarten Negligé oder einem leichten Kleid, zu Wäsche, Kragen und Fichus ausgesucht, wieder probiert, um vielleicht nach langer Überlegung doch endgültig verworfen zu werden. Alles wird zurückgeschickt! – Die Verwöhnte streckt sich enttäuscht auf ihrem Sofa aus und liest, das heißt nein, sie liest nicht. Sie ist zerstreut, nervös, sie hat von all dem Probieren Migräne. Man soll sie in Ruhe lassen. Sie setzt sich an ihren Stickrahmen, stickt in ein hauchdünnes Batisttuch in eine der Ecken Girlanden von Rosen und Myrten, in die andere einen Amor mit dem Pfeil. Dieses anakreontische Motiv ist dem »Damenalmanach« entnommen. Ist sie des Stickens müde, befiehlt sie ihren Wagen, wobei sie den kurzen weiten Rock beim Besteigen der Kalesche so hoch hebt, daß ein kleiner zierlicher Fuß, ein zartes, gutgeformtes Bein bis zum Knie und das elegante Strumpfband sichtbar wird. Nach Madame Foa, der Mitarbeiterin des »Livre de Cent et un«, mußte die Elegante der Romantikerzeit, um als Modedame zu gelten, etwas mehr als zwanzig und weniger als dreißig Jahre alt sein, und mädchenhafte Allüren haben. »Die Modedame ist immer mit großer Eleganz, aber einfach gekleidet. Niemals Brillanten und Juwelen – das hebt sich die Vorsichtige auf, wenn die Herrschaft ihrer Jugend und Schönheit vorbei sein wird. Die Modedame hat keine bestimmte und berühmte Modellschneiderin. Sie erfindet ihre Modelle und den Schnitt selbst oder läßt sich nur beraten. Ein einziges Mal – aber nur ein einziges Mal im Jahre – läßt sie sich ein Kleid bei einer der berühmten Kleiderkünstlerinnen machen.« Aber die großen Schneiderinnen wiederholen sich, und es ist so ärgerlich, auf einem Ball Kleider zu sehen, deren Physiognomie sich aufs Haar gleicht ... da könnte man Zustände bekommen! Die Modedame kommt zum Ball. Sobald sie aus dem Wagen steigt, wird sie von den sie erwartenden Kavalieren zum Tanz engagiert: auf der Treppe, auf dem Treppenabsatz, überall wird sie aufgefordert! Man hat sie gestern, vorgestern, ja bereits auf dem letzten Ball für die heute stattfindende Gesellschaft vorengagiert, so daß sie, wenn sie endlich den Ballsaal betritt, viel mehr Kontertänze und Walzer vergeben hat, als die ganze Nacht hindurch getanzt werden. Sie wird umschwärmt, umworben. Sie kann sich kaum bewegen; man bestürmt sie mit Fragen und Liebeserklärungen, auf die sie kaum Zeit findet zu antworten. Aber sie bleibt nicht lange in einer Gesellschaft. Wie ein Meteor erscheint, blendet und verschwindet sie. Und das wiederholt sie an einem Abend mehrmals in verschiedenen Gesellschaften. Dennoch kehrt sie sehr früh zurück, denn sie hält auf ihre Jugendfrische und hütet sich, ihre Schönheit allzufrüh durch nächtliches Schwärmen zu verderben. Noch ehe Tanzen und Müdigkeit den Glanz ihrer Augen matt gemacht haben, noch ehe ihre reizende Frisur in Unordnung geraten, noch ehe ihre Toilette zerdrückt ist, kehrt sie in ihr Ankleidezimmer zurück, um sich sorgfältig für die Nacht herzurichten. Dann schläft sie mit dem befriedigenden Gedanken ein, daß ihr Abend ausgefüllt war und harmonisch verlaufen ist. Man wird von ihr sagen: Sie war nur einen Augenblick da! Sie hat so viele gesellschaftliche Verpflichtungen! Kaum, daß man sie einen Augenblick zu Gesicht bekommt. Aber nie, nie war sie so schön wie heute! Die Dame von 1850 steht spät auf, verbringt ihren Vormittag in ihrem Boudoir, wo sie entweder malt, musiziert oder singt, ihre Kinder, wenn sie welche hat, selbst versorgt, ihren Haushalt leitet. Denn die eleganten Frauen des 19. Jahrhunderts machen das alles selbst und geben es sogar zu! Gegen vier Uhr besteigt sie ihren Wagen und fährt aus. In Paris ist ihr Ziel das Bois de Boulogne, in London der Hyde Park, in Berlin der Tiergarten. Manchmal erwartet der Diener sie mit einem gesattelten Pferd. Sieben bis acht Kavaliere, ihre Tänzer von gestern, sind ihre Begleiter. Bei schlechtem Wetter macht Madame Besuche und Einkäufe. Abends besucht sie die Oper oder Operette, Bälle, Diners etc. So geht es weiter bis zum Frühjahr, wo die Dame, die etwas auf sich, ihren Ruf und ihre Schönheit hält, die Großstadt verläßt und aufs Land oder an die See geht. Im Herbst kehrt sie dann schöner und frischer denn je zurück und ist aufs neue für die Anstrengungen des Winters gestärkt und gewappnet. Der einzige Sport, den die Frau in Deutschland und Frankreich betreibt, ist der Reitsport. Während sie in England bereits seit langem Tennis spielt und sich an anderen Rasensports beteiligt, ebenso auf dem Eise sich tummelt wie der Mann, darf die Dame des Kontinents nur als Amazone ihrem Körper Bewegung verschaffen. Die Mode des Reitens verbreitete sich unter den Frauen zwischen 1830–1835 ungemein. Man wollte es den englischen Reiterinnen gleichtun. Auf jeder Promenade begegnete man eleganten Reiterinnen. Aber der gute Ton verlangte es, daß jede Dame mindestens zwei bis drei Kavaliere neben sich hatte, während ein Stallmeister einige hundert Meter hinterherritt. Das sehr lange Reitkleid war aus farbigem Tuch mit einer weißen Batistweste. Um den Hals ein weißer Batistkragen mit einer karierten Krawatte, oder auch einer Schleife in der Farbe des Reitrocks, Reithosen mit Stegen, kleine Stiefeletten, sämisch lederne Handschuhe, die Reitpeitsche aus Rhinozerosleder oder die zierliche Reitgerte vervollständigten das Reitkostüm. Dazu trugen die kühnen Amazonen sehr unpraktische Hüte aus starkem Seidenstoff mit Pfauen- und Fasanenfedern. Nur die Praktischen und Sportlichen setzten eine Mütze, eine Kappe, vielleicht auch einen Filzhut auf, was ihnen den für die damalige Zeit seltenen knabenhaften Typus verlieh. 33. Der Florentinerhut. »Die Tochter des Künstlers.« Ölgemälde von Jos. Karl Stieler. München, um 1840 Die Frauen von 1830 waren jünger, frischer, anmutiger und lieblicher als die Damen des Empire. Vielleicht weniger schön, besitzen die Frauen dieser Zeit einen größeren mädchenhafteren Charme. Sie sind sanft, hingebend, mehr zärtlich als leidenschaftlich, wenigstens dem äußeren Anscheine nach – sie scheinen der wilden, unbändigen Sinnlichkeit des vorigen Jahrhunderts entsagt zu haben, wo kein Liebhaber, kein Gatte seiner Geliebten oder Gattin sicher war. Sie wissen, was sich gehört, was sich schickt, und wenn sie auch nicht auf verbotene Früchte verzichten, so vermeiden sie doch jeden Skandal, jede Auffälligkeit. Fast jede Frau hat zwar einen Geliebten, aber sie tut sehr tugendhaft, und in der Beichte erleichtert sie ihr sündhaftes Herz. Es sind die Frauen Balzacs. Sie sind weiblicher. Alle haben das Wesen junger Mädchen, auch Frauen in reiferen Jahren. Rassefrauen! Wie die Gräfin Anastasia von Restaud im »Père Goriot«. »Sie hatte wunderschöne Hände,« heißt es darin, »kleine schmale Füße, lebhafte Bewegungen. Nicht mit Unrecht nannte sie der Marquis Ronquerolles ein Vollblut. Ihre nervöse Zartheit beeinträchtigte ihre übrigen Reize nicht. Sie besaß schöne gerundete Formen, ohne zur Fülle zu neigen. Vollblut! Eine rassige Frau!« In ihren weißen duftigen Kleidern, mit ihren Unschuldsmienen und sentimentalem Augenaufschlag wirken diese Rassefrauen dennoch alle wie himmlische ätherische Wesen. Selbst die Damen vom Theater, die noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts beinahe als Parias der Gesellschaft angesehen wurden und es zum Teil auch waren, umhüllen sich mit dem Mantel der Tugend und Keuschheit. Die entzückende Henriette Sontag wurde förmlich von Anbetern, jungen und alten Lebemännern, umlagert, aber sie hielt sie alle mit ihrer Unschuld und Tugendhaftigkeit in Schach. Weder Fürsten noch Herzöge hatten bei ihr Glück. Sie gewährte ihnen wohl bisweilen kleine harmlose Zärtlichkeiten, einen »Kuß in Ehren«, aber zur Mätresse konnte sie keiner bekommen, wie sehr sich auch mancher ihrer Verehrer danach sehnen mochte. Fürst Pückler, der von ihr sagte, »c'est le plus joli petit genre«, und sie müßte wohl eine allerliebste Mätresse abgeben, hoffte vergebens auf dieses Glück. Im Jahre 1828 sah er sie in den hohen aristokratischen Kreisen Londons wieder, wo sie sowohl durch ihre fabelhafte Stimme als auch mit ihrer reizenden natürlichen Anmut und ihrem heiteren naiven Wesen Triumphe feierte. Pückler hatte das Glück, sie eines Abends in einer geschlossenen Kutsche nach Hause zu fahren. Aber außer ein paar Küssen und Zärtlichkeiten gestattete ihm die schöne Künstlerin nicht das geringste. Er schrieb über diese romantische Heimfahrt am 4. Mai noch in der Nacht um 1 Uhr an Lucie: »Bis es dunkel ward, wurde geritten, gelaufen, schöne Aussichten und dann Greenwichs Merkwürdigkeiten besehen. Bei Licht und Sonnenschein zugleich aßen wir über dem Wasser am offenen Fenster, und um 12 Uhr erst fuhren wir im vollzugemachten Wagen zu (!) Haus. Du kennst meine Art, solche Gelegenheiten nicht unbenutzt zu lassen, wenn ich gleich vor ihr auch fürchten würde, unzart zu sein. Im Anfang war man scheu, bös – am Ende gab man doch ein wenig nach, und ehe wir zu (!) Hause kamen, war zwar nichts Unanständiges geschehen, aber doch, was Zärtlichkeit eingeben kann, ausgetauscht. Te voilà satisfait maintenant, denn die Eitelkeit ist wenigstens befriedigt, wirst Du sagen – aber weiter kann ich auch nicht gehen wollen, wenn es mir auch gelänge –, es wäre schlecht auf der einen, unvernünftig auf der anderen Seite, weil es mich, wenn fortgesetzt, in der Verfolgung meiner Pläne hindern müßte! Aber das muß ich sagen, weil es wahr ist – ein reizenderes Geschöpf, eine lieblichere Natur, ganz anders wie ich glaubte, fand ich noch nie.« Fürst Pückler stellte noch vielen schönen Damen der Bühne nach und überhäufte sie mit Geschenken, er mußte sich aber auch noch von anderen als von Henriette Sontag Absagen und Zurechtweisungen gefallen lassen. Die Schauspielerinnen und Sängerinnen des Biedermeier waren bürgerlich eingestellt und wiesen im allgemeinen alle galanten Abenteuer von sich. Sabine Heinefetter, deren »schwarze orientalische Augen«, das »heroische vortreffliche Spiel und der herrliche Gesang« den Fürsten Pückler so hinrissen, daß er ihr kostbare Schmucksachen in die Loge schickte mit der Bitte, ihm ein Rendezvous zu gewähren und seine Freundin zu werden, antwortete ihm in sanft abweisendem Ton, aber doch sehr bestimmt: »Zu einer solchen Liebe und Freundschaft ist eine galante Dame weit besser an ihrem Platz. – Ich bin es mir und Ihnen schuldig, ganz aufrichtig mich auszusprechen. Glauben Sie denn, Sie wären der Erste, der mir solche glänzende und freundschaftliche Anerbieten macht? – Wenn mein Herz auch töricht genug war, zuweilen nicht gleichgültig für solche Männer zu sein, so machte mich doch immer noch zu guter Stunde die Vernunft aufmerksam, zu welchem niedrigen Zweck die Liebe und Freundschaft dieser vornehmen, vom Glücke und der Welt verwöhnten Menschen führt.« Dabei war die schöne Sabine durchaus nicht als Kind von sorglichen Mutterhänden vor den Gefahren des Lebens behütet und bewacht worden. Sie stammte aus sehr armen Verhältnissen und verdiente sich schon als kleines Mädel als Harfenspielerin in Gasthöfen und Schänken ihr Brot. Dennoch blieb sie ehrbar. 34. Bei der Morgentoilette. Kolorierte Lithographie von A. Devéria. Paris, um 1835 Man könnte noch eine Menge Beispiele von sittenreinen Künstlerinnen aus der Biedermeierzeit anführen. Auguste Crelinger, Madame Devrient, die Gattin Ludwig Devrients, waren wohl sehr hübsche und elegante Frauen, aber viel eher Hausfrauen und gute Mütter als Damen, die mit ihrer Theaterkarriere das Leben von Hetären verschmolzen, wie es im 18. Jahrhundert als selbstverständlich betrachtet wurde. Sogar die Sängerin Caroline Bauer, deren Leben durchaus nicht frei von Liebesverhältnissen war, fühlte sich verpflichtet, in ihren Memoiren ihre Tugend in den Vordergrund zu stellen. Ihr Erlebnis mit dem größten damaligen Berliner Don Juan, Prinz August von Preußen, einem Bruder des Prinzen Louis Ferdinand, beschäftigte ganz Berlin im Jahre 1825. Caroline Bauer war nicht nur empört über die Zudringlichkeit und den Zynismus, womit der Prinz sie zu erobern suchte, sondern sie urteilte auch streng über seine zahlreichen Liebesverhältnisse, die sogar vom König Friedrich Wilhelm III. öffentlich anerkannt wurden. Als Prinz August das hübsche Mädchen zum erstenmal bei einer Theateraufführung im Palais sah, entflammten sich sofort seine Sinne. »Er kam«, nach Carolines eigener Schilderung, »mit seinem Faunlächeln« auf die anwesenden Schauspielerinnen zu – »wie ein siegesbewußter Pascha, der seine Sklavinnen mustert: welcher er sein Taschentuch zuwerfen soll!« Er redete sie allein von allen Künstlerinnen an, und seine Worte waren derart, seine dunklen Augen ruhten so verzehrend auf ihrer schönen Figur, daß Fräulein Bauer erröten mußte. Wie ein Sportsmann ein schönes Pferd lobt, so hatte er alle Einzelheiten ihres Körpers gepriesen. In den nächsten Tagen erhielt sie die prachtvollsten Blumen, und schließlich glaubte er sie mit Juwelen erobern zu können. Er war der reichste Prinz am preußischen Hofe und hatte »Hunderte von Mätressen«; darunter als anerkannte Sultaninnen die beiden Schönheiten Mademoiselle Wichmann, spätere Gräfin Waldenburg, und die reizende Jüdin Arens, die als Frau von Prillwitz in den Adelsstand erhoben wurde. Caroline Bauer sollte wohl zur dritten anerkannten Haremsdame ausgewählt werden. Und da sie nicht aus freiem Willen auf des Prinzen Werbung einging, machte er es ganz ähnlich wie die französischen Herzöge des Rokoko. Er gebrauchte List und Gewalt, vergaß indes, daß er nicht mehr in jener galanten Epoche lebte, wo die Frauen auf solche Abenteuer warteten und eingingen. Caroline lebte in der Zeit des Biedermeier und besaß bürgerliche Moral! Prinz August hatte eine ehemalige Geliebte, Madame Kracau, ins Geheimnis gezogen. Sie mußte die junge Sängerin unter einem Vorwand bewegen, mit in ihre Wohnung zu kommen. Als Caroline eine Weile bei der skrupellosen Dame gesessen hatte, ging plötzlich die Tür auf, und Prinz August »näherte sich mit siegessicherem Faunlächeln«. – »Gleichzeitig hörte ich,« fährt Caroline in ihren Memoiren fort, »daß die Tür, durch die ich dies Zimmer vom Flur betreten hatte, von außen leise verschlossen wurde. – Noch zwei Schritte, und Prinz Don Juan hätte mich in seinen Armen gehalten. – Da kam über mich, die sonst so leicht Eingeschüchterte, eine Courage – der höchsten Angst. Mit lautem Hilfeschrei sprang ich auf, warf dem Prinzen den schwarzen Klavierstuhl vor die Füße – stürzte ans Fenster, riß die Töpfe mit den verführerischen weißen Blumen herab und den Flügel auf – und sprang schreiend auf die Straße ... noch ehe der verdutzte Verfolger mich am Gewande erhaschen konnte ... In höchster Aufregung – ohne Hut, ohne Schal und unter dem Zusammenlaufen der fragenden, rufenden, drängenden Nachbarn und Passanten eilte ich in fliegender Hast und fast sinnlos aus der Neuen Wilhelmstraße den Linden zu.« – Dort rannte die Geängstigte zum Glück einem guten Bekannten in die Arme, der sie dann nach Hause brachte. Die Geschichte hatte noch ein Nachspiel. Madame Kracau wurde wegen gewaltsamer Kuppelei zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und der stürmische Prinz August mußte auf Befehl des Königs eine Zeitlang dienstlich Berlin verlassen. Es gab natürlich auch zur Biedermeierzeit und in Berlin Theaterdamen, die es mit der Moral ebensowenig genau nahmen wie ihre Kolleginnen in Frankreich zur galanten Zeit. Von den Nachtfesten der überaus verschwenderischen, eleganten und schönen Henriette Baranius weiß die Chronique scandaleuse nicht nur am Ende des 18. Jahrhunderts, sondern auch noch in den ersten zwei Jahrzehnten des 19. viele Geschichten zu erzählen. Sie skandalisierte durch ihr herausforderndes Auftreten ganz Berlin und lebte im größten Überfluß und Prunk. Schließlich wurde sie aus der Stadt und von der Berliner Bühne verwiesen, kehrte indes wieder zurück und lebte ihr verschwenderisches Leben weiter. Etwas später, etwa um 1835–1846, erregte Charlotte von Hagn als Schönheit und geistsprühende deutsche Bühnenkünstlerin Aufsehen. Auch sie war nicht prüde und hatte stets einen großen Kreis Verehrer um sich. Sie verkörperte das Schönheitsideal des Biedermeier so vollkommen, daß Alexander Freiherr von Ungern-Sternberg in seinen höchst interessanten »Erinnerungsblättern« begeistert ausruft: »Diese Künstlerin hatte den vollendet schönsten Körper, den ich je gesehen. Alles an ihr war Ebenmaß und Grazie. Der Ansatz des Kopfes, das Verhältnis der Schultern, der Nacken und die Oberarme waren köstliche Vorbilder für den Meißel, und selbst die Antike hatte nichts Schöneres aufzuweisen ... Zu diesen Reizen des Körpers denke man sich noch die vollendetste Kunst der Toilette, ein ›nicht zu viel‹ an Putz, eine kokette Einfachheit, ein Kunstsinn in Seide und Spitzen übertragen, eine Ästhetik in Perlen und Armbändern, und man wird mir recht geben, daß diese Künstlerin ein Juwel erster Schönheit auf den Brettern war.« Sie war es übrigens auch im Privatleben. Sie verstand ihre außerordentliche Schönheit mit einer geistvollen Unterhaltung und viel Witz noch reizvoller zu machen. A. W. von Schlegel, Gutzkow und viele andere Geistesgrößen ihrer Zeit waren von ihrem prickelnden Unterhaltungston und ihrer außerordentlichen Liebenswürdigkeit hingerissen. 35. Eine Elegante des Zweiten Kaiserreichs. Aquarell von C. Guys. Um 1855 »Der Umschwung, oder wenn man sagen will: Das Ende der Flegeljahre des bürgerlichen Zeitalters«, sagt Fuchs, »trat zuerst in England, und zwar in der Zeit von 1820–1830 ein. Dieser Umschwung war hier so gründlich, daß man auf den ersten Blick wähnen konnte, um diese Zeit sei wieder ein völlig neues Zeitalter angebrochen; derart diametral verschieden ist die gesamte Physiognomie der Menschen und Dinge von nun ab gegenüber der eben abgeschlossenen Epoche. In Wahrheit hatte sich am Inhalt aber nur so viel geändert, als eben das neue Kostüm unbedingt erforderte. Und nur einen neuen Frack hatte man sich angelegt: den Soliditätsfrack des respektablen Bürgers, den hinfort jeder öffentlich tragen mußte, wenn er zur anständigen Gesellschaft zählen wollte. In Frankreich und Deutschland war der Übergang, als er eintrat, nicht entfernt so auffällig, wenn auch ebenso gründlich, weil hier die Menschen des neuen Zeitalters nie ganz aus ihrem Philisterfrack herausgeschlüpft waren, so brauchten sie nur eine ernste und ›gesetzte‹ Miene aufzuweisen, um sich den neuen Bedingungen des Lebens alsbald würdig anzupassen ... ›Wahrung des äußeren Anstands‹, so lautete also hinfort das Gesetz der bourgeoisen Gesellschaftsordnung, dem sich jedermann unterwerfen mußte.« Zum mindesten war die Gesellschaft weniger terre à terre, weniger heidnisch in ihren Neigungen und Leidenschaften, als sie es am Ausgang des 18. Jahrhunderts gewesen war. Man kultivierte eine äußerst feine Lebensart, einen ritterlichen Geist, eine vielseitige Intelligenz. Literarische und wissenschaftliche Fragen beherrschten sowohl die Akademien wie die Salons der vornehmen Welt. Die Ritter des Geistes wurden belohnt durch unverbrüchliche Treue ihrer Gattinnen oder Freundinnen oft bis über den Tod hinaus. Die Frau des Biedermeier konnte Opfer bringen, wie jene rührende Dichtersgattin Charlotte Stieglitz. »Sie gab sich«, sagt Scherr, Kulturgeschichte der Deutschen Frau. In drei Bänden nach den Quellen von Johannes Scherr. Hrsg. v. Max Bauer. Paul Aretz Verlag, Dresden. »in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1854 in Berlin mit einer Ruhe und Gefaßtheit, mit einer keuschen Würde ohnegleichen in der Fülle ihrer Jugend und Schönheit den Tod, um durch das Entsetzen über eine ungeheure Opfertat den von ihr geglaubten Dichtergenius ihres Gatten zu entbinden.« Aber den feinsten Geist dieser Zeit verkörperte wohl Rahel Levin, die spätere Gattin Varnhagen von Enses. Sie war sicher die größte Gesellschaftskünstlerin, die es je gegeben hat. Nach dem Zeugnis eines ihrer Zeitgenossen von 1850 war sie, ohne schön und elegant zu sein, »immer und überall dieselbe heitere, erfreuende Erscheinung, belebt und belebend, aufrichtig, klar, freundlich, immer und überall übte sie ihr angeborenes Talent des edelsten Menschenumgangs, nicht vordringend, aber auch nie zurückgezogen, sondern recht eigentlich gegenwärtig, mit gutem Willen und reger Seele. Doch hatte sie bei sich zu Hause noch den Vorzug, daß die unbestrittene Verpflichtung der Fürsorge für alle Anwesenden ihren wohltuenden Eifer nur erhöhte und ihn auch in unscheinbaren Dingen wirksam eintreten ließ; dagegen sie auf fremdem Boden sich mehr enthielt, solange nicht ein auffallender Anlaß ihr reizbares Gefühl zum Besten des Ganzen oder Einzelnen in lebhaftere Tätigkeit setzte. Dann konnte auch sie mit aller Geistesmacht hervortreten und mit schöner Leidenschaft und rücksichtslosem Mute das Unrecht bekämpfen, die Verkehrtheit berichtigen und anmaßlichen Unsinn durch das volle Licht der Wahrheit in seine Nichtigkeit auflösen. So war sie denn mehr als eine vortreffliche Dienerin der Geselligkeit, wozu meistens eine gebildete, feine, wohlmeinende Negation ausreicht: sie war zugleich eine Meisterin der Gesellschaft, welche ihr das Gute mit mutiger Entschlossenheit aufzuerlegen, ihr das Schlechte schonungslos abzustrafen nie müde wurde.« – Es mutet daher um so seltsamer an, wenn die Gattin Clemens Brentanos, eine Nichte des hochangesehenen Bankiers Bethmann in Frankfurt, wenige Tage nach der Trauung ihren Ehering zum Fenster hinausschleudert oder zum Ärger ihres Mannes im »wunderlichsten Aufzug, mit Schwungfedern auf dem Kopf und roter, weithin fliegender Pferdedecke durch die Straßen von Kassel sprengte. Die Fertigkeit, mit der Frau Auguste mit den Füßen an die Bettstatt die Trommel zu schlagen verstand, wo dann dem Wirbel regelmäßig ein mit den Nägeln der Zehen ausgeführtes Pizzicato folgte, wurde dem Dichter zuletzt so unerträglich, daß seine Standhaftigkeit erlag und er davonlief.« Solche Frauen mögen Ausnahmen gewesen sein, die die »blaue Blume« der Romantik mit Füßen traten. Aber auch andere geistvolle Frauen dieser Zeit, die den Ruf genossen, eine »Elfenseele« zu besitzen, ein ewiges »Kind« zu sein, »das uns seine wunderlichen Einfälle vorplauderte, wann, wo und wie sie ihm gerade durch den Kopf fuhren«, begingen Verstöße gegen den guten Ton in dieser bürgerlichen Atmosphäre. In den Salons der vornehmen Berliner Gesellschaft legte Bettina von Arnim ungeniert ihr Bein über den Stuhl, so daß man ihre mit vielen Volants besetzten Unterröcke und vor allem ihre Waden zu sehen bekam. Denn trotz allem Männlichen, das in ihr war, besaß diese exzentrischste aller Romantikerinnen eine große Dosis Koketterie und echt weiblicher Gefallsucht. Vor allem aber machte es ihr Spaß, den damaligen gezierten Ton, die Heuchelei des Bürgertums, besonders in den sehr in Mode gebrachten Teegesellschaften, zu verspotten und herauszufordern. Einmal erschien sie als erste in einer solchen Gesellschaft und versteckte sich hinter einem Wandschirm. Nach und nach kamen die Freundinnen und man ging daran, über die abwesende Bettina zu reden. Plötzlich trat die Geschmähte, nachdem sie alles angehört hatte, unbefangen hervor und sagte: »Ja, ich bin eine abscheuliche Person, aber ich will mich bessern.« Diese Tees waren in Deutschland besonders beliebt. Es wurde bald zur wahren Sucht unter den Frauen der guten Gesellschaft, solche Teeabende zu arrangieren, ebenso wie eine jede ihren »literarischen« Salon haben wollte. Die Verlogenheit und Falschheit des gesellschaftlichen Lebens kam bei diesen »ästhetischen Tees« so recht zum Vorschein, und viele geistreiche Köpfe der Zeit haben sich darüber lustig gemacht. Am besten charakterisiert diese geschraubte Geselligkeit jenes Gedicht des Bruders der Rahel Varnhagen: Blumen und Kerzen, Spiegel und Lichter. Geschnürte Herzen, Bewachte Gesichter. – Dort Federn und Spitzen Und türkische Schale, Sind Damen, die sitzen Im Kreise im Saale. Und ferne stehen Die Söhne, die Gatten, Schwarz wie die Krähen Mit weißen Krawatten. – Grüßendes Neigen, Tonloses Summen, Verlegenes Schweigen, Sprödes Verstummen. Ein laulich Gebräue Mit Zucker und Sahne, Und immer aufs neue Die schwache Tisane, Und Kuchen und Backwerk, Und Backwerk und Torte; Man eröffnet zum Hackwerk Das Pianoforte. – Nun trillern und stümpern Die Virtuosen Und Tassen klimpern Und Diener tosen. Es flüstern und zischen Die Frau'n unersättlich Und rufen dazwischen: Ah! bravo! Wie göttlich! – Es werden die Zimmer Stets heißer und enger Und immer und immer Die Weile länger. – 36. Beim Ankleiden. Farbige Lithographie von Numa. Seite 240 Und diese Langeweile erstreckte sich bis auf die Wohnungen der Biedermeierzeit. Sie waren zwar geschmackvoll, aber sehr einfach und in mancher Beziehung kalt eingerichtet, alles machte einen bürgerlichen Eindruck. Nicht nur in Deutschland, das verarmt war, sondern auch in Frankreich. Selbst die Schlafzimmer und Boudoirs der Pariserinnen, die zu jeder Zeit den größten Wert auf diese intimen Räume gelegt hatten, entbehrten jener Wärme und verführerischen Wohlbehagens, mit denen sie in den vorhergehenden Jahrhunderten ausgestattet waren. Man betrachtete sie als eine Art Salon, eine Art Prunkzimmer, aus dem alles Intime verbannt war. Die Einrichtung bestand gewöhnlich aus einer Kommode, einem Sekretär, einem Handarbeitskorb, einem großen Spiegel, der sogenannten »Psyche«, und einem kleinen Kanapee neben dem Bett. Nicht selten befand sich auch ein Pianoforte im Zimmer. Das Bett stand diskret in einer Nische oder einem Alkoven und wurde von weißem Mull oder bunten Vorhängen verdeckt. Da alles auf Repräsentation gestimmt war, war auch das Ankleidezimmer einer eleganten Frau kalt und förmlich, ohne Komfort und beinahe einfach. Nichts schloß auf verheißende Liebesstunden; keine weichen wollüstigen Polster, keine schwellenden duftigen Kissen, wie im 18. Jahrhundert, lockten im Schlafzimmer der Koketten zu tändelndem Liebesscherz. Alles war kühl, beinahe jungfräulich. Die Kanapees, die Sessel mit den steifen Lehnen, sogar das Bett schien jede Hingebung, jede Zärtlichkeit aus diesen Heiligtümern der Frauen zu verbannen. Man träumte hier nur im blauen Dunst der Ideale. Dazu besaß die Frau, wie in keiner anderen Zeit, eine Unmenge spielerische Nippes. Ihre Nähtische und Schreibtische waren voll davon. Besonders liebte die Berlinerin sich mit diesem nötigen und unnötigen Kleinkram zu umgeben. Hans Ostwald hat alle diese Sächelchen in seiner »Berlinerin« mit großem Verständnis für die Bedürfnisse einer verwöhnten Biedermeierdame aufgezählt. »Whistkarten so klein, als wenn sie für Puppen bestimmt wären, in fein ziseliertem Silberschächtelchen. Silberne Nähbestecke in Zwergformat, fein graviert und mit Edelsteinen besetzt, in zierlichen Lederetuis. Niedliche Häuschen aus Zitronenholz mit Intarsien oder Silberbeschlägen öffneten unter einem leichten Fingerdruck sechs oder acht Türen und boten bei einer lieblichen Spieldosenmusik verschiedene Parfüms in fein geschliffenen vergoldeten Flakons. In dem Berlin von damals, das nach den Kriegen noch nicht zweihunderttausend Menschen bewohnten, das sich aber in den Jahrzehnten vor der Revolution verdoppelte, gab es schon mehrere Luxusläden, in denen die Herren Aufmerksamkeiten für ihre Damen kaufen konnten. Dosen, Necessaires, Schnallen, Bonbonnieren, Flakons, Regenmäntel, Reise- und Badekappen, Geldschatullen, englische Sattel- und Reitzeuge, Pariser Schuhe, elegante Silber- und Goldwaren, Stahlwaren, Schnallen, Scheren und viele andere Gegenstände und Gebrauchsartikel für elegante Damen. Alle diese Sachen und Sächelchen waren mit einem köstlichen Geschmack und einer feinen formvollen Empfindung ausgestattet ... Viel Interesse wurde den Glückwünschen zugewendet. Sie dienten der Freude, der heute die illustrierten Zeitschriften entgegenkommen: kleine gefällige Lebensabbildungen und unterhaltsames Bildermaterial zu bringen. Wer sie sammelte, konnte zugleich schöne Erinnerungen gewinnen. Die Damen hatten wohl noch Zeit, ab und zu die vieldeutigen Glückwünsche aus dem Kästchen zu nehmen und sich die Freuden und Schmerzen ins Gedächtnis zu rufen, die sie ihnen gebracht. Da gab es aufklappbare Kärtchen, in denen sich ein junger Mann als Freund in allen Lebenslagen anpries. Auf anderen Kärtchen waren Blumen herauszuziehen, die den Lebensweg der Empfängerin schmücken sollten. Paradiesische Landschaften, denen kleine Spiegel als Seen eingefügt waren, blumenumkränzte Sinnsprüche, Häuschen mit Liebespaaren, hinter papiernen Spinnennetzen versteckte Schönheiten, Mädchen, die sich zum Kusse neigten – alles das wurde auf Glückwunschkarten verschickt.« Die Dame des Biedermeier zeigt nach Moreck die Haltung eines auf Repräsentation bedachten Menschen, dem Adel die Verpflichtung vorbildlicher Lebensführung bedeutet. Ein sicherer Geschmack, der alle modischen Extravaganzen bewußter Koketterie verpönt, hat den Anzug gewählt, der die charakteristischen Grundformen der Mode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkennen läßt. Dieses Kleid läßt ein Stück des Ancien régime wieder aufleben, aber nur als Erinnerung an eine feudale Geschmackskultur mit ihrem Formenreichtum und ihrer festlichen Gehobenheit ... Der runde Courausschnitt entblößt die Achseln und läßt die Schönheit einer sanft geschwungenen Nackenlinie, jene hinreißende Kurve körperlicher Anmut, voll zur Geltung kommen, während die leichtgeschwungene Herzlinie des oberen Taillenrandes den Reiz der mit leichter Schwellung sich erhebenden Brust beim verwirrenden Schauspiel des wogenden Atems erblicken läßt. Diese schönen, sanftblickenden Frauen, diese ästhetischen vornehmen Gestalten, diese zarten weiblichen Wesen, denen selbst in reiferen Jahren etwas Schamhaftes und Keusches anhaftet, haben die einzige Verpflichtung, anmutig und lieblich zu sein. Die Schmachtlocken und der Mittelscheitel tragen zur Verwirklichung dieses keuschen Frauentypus bei. Auch die um den Kopf gelegten Flechten, die manche Frauen bevorzugen, verleihen den Gesichtern etwas Tugendhaftes und Sittenstrenges. Die Männer fühlen sich von diesen idealen Frauengestalten gehoben. Schon Theodor Körner schrieb von seiner Braut, der Schauspielerin Toni Adamberger, die die Lebemänner des Wiener Kongresses zynisch »Tugenddragoner« nannten, an seinen Vater 1812: »Ich darf es ohne Erröten gestehen, ohne sie wäre ich wohl untergegangen in dem Strudel neben mir. Du kennst mich, mein warmes Blut, meine ungeschwächte Kraft, meine wilde Phantasie; male Dir dies ungestüme Gemüt in diesem Garten von blühender Lust und berauschender Freude und Du wirst begreifen, daß mich nur die Liebe zu diesem Engel so weit brachte, daß ich keck aus der Schar heraustreten darf und sagen kann: Hier ist einer, der sich ein reines Herz bewahrt hat.« Die »schöne Andalusierin« mit der Reitpeitsche Nach jenen schöngeistigen, zarten, ästhetischen Frauen der Romantik und des Biedermeier mutet uns ein so wildes, ungebändigtes Wesen wie die Geliebte Ludwigs I. von Bayern doppelt eigenartig an. Das ist wilde Triebhaftigkeit, die ihre Instinkte unverschleiert zeigt. Ihr Lächeln ist Wollust, ihr Blick Gift; sie ist die Inkarnation des Perversen nach einer Zeit, da Lieblichkeit und Anmut Hauptbedingungen des Ideals alles Weiblichen waren. Schon wieder haben sich Zeiten, Sitten und Mode geändert. Die Stimmung des Vormärz, und mit ihr auch die der Frau, ist frisch, männlich und strebend. Nicht alle Frauen unterliegen der Vermännlichung, aber einige verlieren ihr Gleichgewicht und geraten außer Rand und Band. Sie mischen sich in Politik, pochen dabei auf ihre unwiderstehlichen weiblichen Vorzüge, um ihrer Herrschaft um so sicherer zu sein. Eine solche Frau ist Lola Montez. Ihre südliche, sinnliche Schönheit provoziert und zieht gleichzeitig die Männer wie das Licht in der Finsternis an, das den Faltern zum Verderben wird. Sie liegen ihr zu Füßen und erheben ihre Reize in anbetender Seligkeit bis zum höchsten Ideal weiblicher Schönheit und Lieblichkeit. Das Fremde, Unbekannte in ihr übt jenen faszinierenden Zauber aus, dessen sich die Männer schwer erwehren können, wenn es sich um eine Frau, noch dazu um eine äußerst temperamentvolle Bühnenkünstlerin handelt. Leuchtend himmelblaue Augen, Gleich des Südens Äther klar, Die in Seligkeit uns tauchen, Weiches, glänzend schwarzes Haar! Heitern Sinnes, froh und helle, Lebend in der Anmut hin, Schlank und zart wie die Gazelle Ist die Andalusierin! Stolz und doch zugleich hingebend, Ohne Rückhalt, Herz für Herz, In der Liebe Gluten lebend, Höchste Wonne, höchster Schmerz! Voller Geist wie voller Leben Höchster Leidenschaftlichkeit, Ist Dein Wesen, ist Dein Streben Vom Alltäglichen befreit. In dem Süden ist die Liebe, Da ist Licht und da ist Glut Und im stürmischen Getriebe Strömet der Gefühle Flut. Wonnemeer die Seelen trinken, Tönt zur Laute Dein Gesang, Hin zu Deinen Füßen sinken Machet Deiner Stimme Klang. Aufs Entzückende erscheinest Du in zauberischem Glanz Hoh' und Liebliches vereinest Reizend Du in einem Kranz. 37. Grisetten . Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860 Zu diesem Hymnus, der sein Entstehen mehr der Begeisterung als dichterischer Begabung verdankt, riß Lola Montez den sechzigjährigen Bayernkönig Ludwig I. hin, als er sie im Jahre 1847 kennen lernte und sie zu seiner erklärten Favoritin machte. »Es war gewiß nicht das erstemal, daß ein Fürst sich von den Reizen einer pikanten Tochter Terpsichores dermaßen bestricken ließ, daß er selbst die tollsten Sprünge machte. Sprünge, wie sie einzig fürstliche Stellung und Machtmittel zulassen«, sagt Fuchs in seinem »Ein vormärzliches Tanzidyll«. –»›Die Tänzerin des Königs‹ ist im Gegenteil eine stehende Rubrik in der Geschichte. Darin also, daß Ludwig I. von Bayern seine alternden Sinne nochmals, und zwar diesmal an den üppigen Schönheiten einer raffinierten Tänzerin entflammte, darin hätte kein Mensch auf der Welt etwas Aufregendes gefunden ... Die begeisterte Liebe zu Lola Montez, der ›leichtfüßigen Andalusierin‹, wäre darum für die gesamte Öffentlichkeit höchstens eine neue Variante zu einem alten Thema gewesen ... Um diesen zartgeknüpften Liebesreigen auf die Höhe historischer Bedeutung emporzuheben, mußte etwas anderes hinzukommen, etwas, das die materiellen und politischen Interessen der Gesamtheit stark alterierte ... Dieses andere war, daß die ›feurige Andalusierin‹ in die Lage kam, durch ihre runden Hüften die Position derjenigen Partei aus dem Gleichgewicht zu bringen, die bis dahin durch den König regierte, das heißt, daß durch den Einfluß der Tänzerin Lola Montez auf Ludwig I. die äußere Herrschaftsform des allgewaltigen Jesuitismus in Bayern zerbrochen wurde. Dieses andere schließt aber noch ein zweites Gleichgewichtiges in sich, und dieses ist, daß durch das öffentliche Leben der schönen Nebenfrau Ludwigs I. die vormärzlichen Zustände in Bayern, dem größten Mittelstaat Deutschlands, zu einer Zeit als unhaltbar zusammenbrachen, da man an andern Orten noch nicht daran dachte, so nahe vor einem bedeutungsvollen Wendepunkt in der Geschichte zu stehen. Das sind die besonderen Umstände, durch welches dieses von zärtlichster Liebe dirigierte Tanzidyll zu dem ›europäischen Skandal‹ wurde, der in den Brennpunkt der allgemeinen öffentlichen Kritik rückte.« Aber er fügt auch hinzu, es wäre sicher unhistorisch, wollte man der schönen spanischen Tänzerin allein die Schuld an dem Ausbruche der Ereignisse von 1848 in Bayern zuschieben. Ohne Lola wären die Bayern gewiß ebenfalls nicht von den Stürmen verschont geblieben, die über ganz Deutschland hereinbrachen. Die Herrschaft der energischen Andalusierin, die mit der Reitpeitsche in der Hand ihre Gewalt ausübte, lag hauptsächlich auf sinnlichem Gebiete. Ihre faszinierende Schönheit und ihre große Dreistigkeit überwältigten den sechzigjährigen Ludwig I. dermaßen, daß er alles tat, was sie wollte. Gleich ihre erste Begegnung mit dem König ist bezeichnend für sie und für ihn. Lola Montez war von der Münchner Theaterintendanz ein Engagement als Tänzerin verweigert worden, nachdem sie sich auch bereits in Berlin von Friedrich Wilhelm IV. einen Korb geholt und in Paris, London, Madrid und anderen Hauptstädten als Tänzerin auf der Bühne keinen oder sehr geringen Erfolg gehabt hatte. Für eine Lola Montez gab es indes keine Hindernisse. Sie setzte das größte Vertrauen in ihre unwiderstehliche Schönheit. Sie wußte, wie und wodurch sie auf die Männer wirkte. Deshalb begab sie sich in München ohne Umstände gleich selbst zum König, dessen zahlreiche Liebschaften ihr natürlich bekannt waren. Und wäre auch sein Herz in diesem Augenblicke gerade nicht frei gewesen, sie würde doch nicht davor zurückgeschreckt sein, den Kampf eventuell mit einer Rivalin aufzunehmen. Einen sechzigjährigen Lebegreis zu erobern, war für Lolas pikante Reize und große Erfahrung in solchen Dingen keine Schwierigkeit. Ihre ganze Erscheinung sprach eine zu beredte Sprache der Sinne, so daß sie nicht zu befürchten brauchte, von einem so für Frauenschönheit empfänglichen Herrscher eine Absage zu erhalten. Sie ging also ohne vorherige Anmeldung, ohne um eine Audienz gebeten zu haben, ins Schloß. Natürlich hatte sie gleich im Vorzimmer heftigen Streit mit dem Kammerdiener des Königs. Er wollte die Tänzerin durchaus nicht vorlassen. Da sie sich aber nicht abweisen ließ, kam der Adjutant dazu und meldete schließlich ihr dreistes Auftreten dem König. Aber auch der Adjutant war ein Mann. Auch er schien von Lolas Schönheit fasziniert zu sein, denn er fügte seiner Meldung–vielleicht nicht ohne Absicht –hinzu: es wäre schon der Mühe wert, diese Dame zu sehen, denn sie sei sehr schön. Diese Worte zündeten. Nachdem Ludwig I. gesagt hatte: »Was soll ich jede hergereiste Tänzerin empfangen«, wurde er plötzlich sehr interessiert und erwiderte, »man möge sie nur vorlassen, er werde ihr selbst den Kopf waschen und sie zur Raison bringen«. Lola Montez kam. Als sie vor ihm stand in ihrem enganliegenden, wie ein Reitkostüm geschnittenen Kleid, das ihre wundervolle Gestalt, ihre provozierenden Formen so recht zur Geltung brachte, war der alte Herr sogleich gefangen, und mit der »Raison« war es vorbei. Er betrachtete die elegante hübsche Tänzerin mit Wohlgefallen, besonders die schöne Wölbung ihrer Büste und, wie Professor Constantin von Höfler behauptet, »insbesondere einen Reiz Lolas, den Homer auch dem Peliden Achilleus nachrühmte«. Als Ludwig dann etwas zweifelte, ob die Schönheit ihres Busens auch wirklich echt sei und nicht nur dem raffiniert geschnittenen Kleid oder einem jener unterstützenden Mieder zugeschrieben werden müsse, die zu dieser Zeit jede Frau trug, fühlte sich die temperamentvolle Spanierin über eine solche Zumutung dermaßen in ihrer Eitelkeit gekränkt, daß sie mit kühnem Griff von des Königs Schreibtisch eine Schere erfaßte und kurzentschlossen ihr Kleid über der Brust aufriß. Der Effekt wäre nicht halb so groß und so überwältigend gewesen, hätte sie vielleicht ihre Taille aufgeknöpft oder aufgehakt; eine Lola Montez brauchte die leidenschaftliche Geste, die impulsive Handlung. Sie mußte doch beweisen, daß sie die vielbewunderte »leidenschaftliche Andalusierin« war, von der die Zeitungen von Paris, London, Petersburg, Warschau, Wien bereits soviel Pikantes und Abenteuerliches geschrieben hatten. Denn man hatte immer viel mehr ihre Schönheit, ihre Extravaganzen, ihre Eleganz und ihre Skandalaffären bewundert und gewürdigt als ihre tänzerische Kunst. Diese ging nicht über den Durchschnitt hinaus. Daß man trotzdem auch Lola Montez, dem Zeitgeschmack entsprechend, die Pferde ausspannte, lag nicht daran, daß sie eine große Künstlerin war, sondern einzig und allein an ihren überaus reizvollen Körperformen und an ihrem raffinierten Geschick, sich mit den einflußreichsten Männern und Kritikern in Verbindung zu setzen, die sie alle durch ihre Koketterie gefangen nahm. Als Frau gewann sie jeden Mann, auf den sie wirken wollte. Jeder, der sie sah, fühlte sich beinahe magisch zu ihr hingezogen. Es lag in ihrem ganzen Wesen, in ihren Bewegungen, ihrem Blick, etwas ungeheuer Keckes, Herausforderndes, etwas Gewagtes im Spiel ihrer Hüften und Beine, das vor allem auf ältere Lebemänner seinen Reiz nie verfehlte. »Lolas Schönheit,« meint Fuchs, »speziell die Pracht ihrer Büste, hat Unzählige wahrhaft toll gemacht.« Dafür ein Beispiel. Der »Warschauer Kurier« brachte im Jahre 1845, während eines Gastspiels der Lola Montez, die folgende Apotheose auf ihre Schönheit: »Lola besitzt von den dreimal neun Reizen, welche ein spanischer Dichter zur weiblichen Schönheit für erforderlich hält, sechsundzwanzig, und die wahren Kenner unter meinem verehrten Publikum werden sich meinem Geschmack anschließen, wenn ich ihnen gestehe, daß blaue Augen zu schwarzen Haaren mir reizender dünken als schwarze Augen zu schwarzen Haaren. Jener spanische Dichter will nämlich an einer schönen Dame folgende 27 Schönheiten finden: Drei weiße: die Haut, die Zähne und die Hände; drei schwarze: die Augen, die Augenwimpern und die Augenbrauen; drei rote: die Lippen, die Wangen und die Nägel; drei lange: den Leib, die Haare und die Hände; drei kurze: die Zähne, die Ohren und die Beine; drei große: den Busen, die Stirne und den Raum zwischen den beiden Augenbrauen; drei schmale: die Taille, die Hände und die Füße; drei dicke: die Arme, die Schenkel und das Dickbein; drei dünne: die Finger, die Haare und die Lippen. Alle diese Reize vereint besitzt Lola in dem schönsten Ausmaße, mit Ausnahme der Farbe der Augen, ein Umstand, den ich gerade für die Krone ihrer übrigen Reize halte. Seidenweiche Haare, mit dem Glanzgefieder des Raben wetteifernd, fließen in üppiger Fülle den Rücken herunter; auf dem schlanken, zarten Halse, dessen blendende Weiße den Schwanenflaum beschämt, ruht das schöne Antlitz. – Wie soll ich nun Lolas Busen schildern, wenn schon ihre Zähne um Worte mich verlegen machten? Um nicht aus Schwäche des Pinsels hinter der Wahrheit zu bleiben, muß ich gleichwohl mit fremden Federn mich schmücken. Marino sagt im achten Gesänge der Adone, der den Titel: ›I trastulli‹ führt, von der Liebesgöttin in der 78. Stanze: Man sah auf den schönen Wangen süße Flammen von Rosen und Rubinen glühen und im Busen in einem Milchmeere zwei unberührte Äpfel zitternd schwimmen. Lolas Füßchen halten die Mitte zwischen den feinsten Pariser- und Chinesendamenfüßchen, die feinen zierlichen Waden scheinen die beiden untersten Stufen einer Jakobsleiter zu sein, die zum Himmel führt; ihre ganze Gestalt glich gestern abend der Venus von Knidus, jenem unsterblichen Meisterstück des Praxiteles... Die höchste aller Schönheiten Lolas, sowie aller Damen, die Augen, habe ich dem letzten Pinselstriche an meinem Porträt der gefeierten Tänzerin vorbehalten. Als Gott den ersten Menschen gemacht hatte, hauchte er ihm eine unsterbliche Seele ein; da schlug er die Augen auf, und darum glaube ich, daß die Seele in den Augen thront.« – Lolas Augen waren tief vergißmeinnichtblau. Die »schöne Andalusierin« war indes nur Halbblut. Sie wurde 1818 in Montrose in Schottland – nach anderen in Limerick in Irland – als außereheliches Kind eines schottischen oder irischen, jedenfalls eines Offiziers der englischen Armee und einer Spanierin oder Kreolin geboren. Das feurige Temperament der spanischen Rasse und ihren absolut spanischen Typus hatte sie also von der Mutter. Sie hieß weder Montez Gonzales noch Umbro Sos, sondern ganz einfach Gilbert. Ihre Vornamen erinnerten allerdings an die Abstammung der Mutter, die ihr Kind Maria Dolores Eliza Rosanna taufte. Als internationale Abenteuerin sprach Lola Montez mehrere Sprachen. Englisch, Französisch und Spanisch beherrschte sie vollkommen, wenn auch nicht in der Schrift. Als sie nach München kam, war sie dreißig Jahre alt. Wäre sie eine reinrassige Spanierin gewesen, so hätte sie vielleicht nicht mehr jene unglaublich aufreizende ideale Schönheit besessen. Die Mischung mit englischem Blut gereichte ihr zum Vorteil und erhielt sie jünger und frischer, als es Spanierinnen im allgemeinen in diesem Alter sind. Anfangs wohnte sie in München mit einem Engländer – der geheime Berichterstatter Hineis aus Wien meint, es sei ihr Souteneur gewesen, den sie in Paris kennen gelernt hatte – im »Hotel zum Hirschen«. Gleich bei ihrem ersten Auftreten in diesem Hotel benahm sie sich dem Dienstpersonal gegenüber höchst anmaßend und skandalös. Sie befahl allen in herrschendem Tone. Eine Bitte kannte sie nicht, ebensowenig ein Wort des Dankes gegen Untergebene. Wenn sie ihr nicht sofort gehorchten und alle ihre Launen erfüllten, ließ sie die Reitpeitsche, mit der sie stets auf ihren Ausgängen, auch wenn sie nicht ausritt, bewaffnet war, über die Rücken sausen. Einen Hausknecht des »Hirschen« in München verprügelte sie eines Tages auf diese Weise, und mit den übrigen Dienstboten lag sie in beständiger Fehde. Auch der Wirt bekam einmal ihre kleine, aber energische Hand zu spüren. Ehrbare Münchner Bürger hielten eines Abends in einem der Säle des Hotels eine geschlossene Gesellschaft ab. Lola fand es sehr amüsant, obgleich sie gar kein Recht hatte, in diese Gesellschaft einzudringen, sich mit ihrem englischen Beschützer und ihrer großen Dogge an die Tür des Tanzsaales zu stellen und sich über die Gewohnheiten, die Kleidung und das Tanzen der Spießbürger lustig zu machen. Sie lorgnettierte die harmlose Gesellschaft auf die keckste Weise und machte ganz laut die frechsten Bemerkungen. Das ließen sich die Münchner Bürger natürlich nicht gefallen. Der Wirt wurde aufgefordert, die kecke Person zurechtzuweisen, und erhielt dafür von ihr eine schallende Ohrfeige. Es gab einen großen Tumult, wobei die herausfordernde Tänzerin ihre Dogge auf die Anwesenden hetzte, aber schließlich samt ihrem Galan die Treppe hinuntergeworfen wurde. Am nächsten Tag mußte sie aus dem Hotel ausziehen. Der König mietete ihr eine sehr elegante Wohnung in der Theresienstraße, bis er ihr das schöne kleine Palais in der Barerstraße einrichtete. Da die Bewohner Münchens gegen die über alle Maßen freche und exzentrische Mätresse des Königs, die es sogar gewagt hatte, sich in die Politik des Landes zu mischen, ungeheuer aufgebracht waren und es bereits wiederholt von Seiten der Bevölkerung zu Ausschreitungen gegen sie gekommen war, fürchtete man erhöhte Exzesse, wenn Lola dieses Geschenk vom König erhielt. Er ließ daher das Haus mit eisernen Fensterläden versehen, um die Geliebte vor Steinwürfen und Schüssen zu schützen. Vor dem Hause stand stets ein Posten mit geladenem Gewehr, und ab und zu durchstreiften Patrouillen auf Geheiß des Königs die Barer- und die umliegenden Straßen. Auch auf ihren Spazierfahrten und -ritten begleitete Lola Montez stets in einer gewissen Entfernung ein Gendarm. »Unter solcher Bedeckung sah ich sie wenigstens am 8. dieses Monats (März 1847)«, schreibt Hineis, Mitgeteilt von Fournier, in: Deutsche Revue, Jahrg. 27. »in ihr neues Haus fahren, wo sie ausstieg und bei einer halben Stunde verweilte, während die berittenen Gendarmen bei ihrem Wagen hielten. Vor dem Hause versammelten sich sogleich mehrere Menschen, die neugierig durch die Spiegelfenster in die erdniedrigen Zimmer guckten, worauf ein dritter Gendarm aus dem Hause kam und sie sämtlich abschaffte, und zwar die Widerspenstigen, die nicht gehen wollten, hierzu ›im Namen des Königs‹ aufforderte. Bei einem späteren Besuche in ihrem neuen Hause, wobei sie der König begleitete, gefiel der Lola ein Plafond nicht, und sie drang in den König, ihn übermalen zu lassen, worauf der König nicht eingehen wollte. Hierauf fragte sie den mit seinen Gehilfen anwesenden Maler, was der Plafond koste. Er erwiderte: ›Fünfhundert Gulden‹. Die Lola bemerkte darauf, sie wolle sich ihn aus Eigenem malen lassen, und zum König gewendet, sagte sie in gebrochenem Deutsch: ›Du bist ein alter Geizhals.‹ Ludwig war über diese deutsche Phrase der Lola, die er immer zum Deutschlernen anhielt, so erfreut, daß er sogleich die Umarbeitung des Plafonds anordnete.« 38 . Lola Montez, Gräfin von Landsfeld. Kupferstich von Hippolythe Louis Garnier. Paris, um 1835 Sie wußte ganz genau, daß das Fremdländische in ihrer Sprache einen weiteren pikanten Reiz auf ihren Geliebten ausübte, und nützte diese Situation aus. Denn der König liebte besonders an ihr das Ausländische, ihre spanische Abkunft. Noch in seinen alten Tagen hatte er Spanisch gelernt und unterhielt sich mit seiner Mätresse meist in dieser Sprache. Er liebte es auch, wenn sie ihm Calderon oder Cervantes vorlas. Lolas eigene Ausdrucksweise war indes keineswegs dem klassischen Sprachschatz dieser großen spanischen Dichter entnommen. Im Gegenteil, sie bediente sich mit Vorliebe einer recht vulgären Sprache. Man erzählte sich unzählige Anekdoten darüber, wie sie sich in den Läden Münchens benahm, wenn sie die teuren Kleider, Toiletten- und Kunstgegenstände einkaufte, deren sie fast täglich bedurfte. Wenn man ihr die Rechnung vorlegte, sagte sie meist: »Sie kennen mich schon. Der König oder mein Louis wird es bezahlen.« Sie sprach in den Geschäften fast immer französisch, wodurch das Wortspiel mit dem Louis verständlicher wird. Derartige »Bonmots« hatte sie eine ganze Menge auf Lager. Als sie jemand fragte, wen sie denn am häufigsten in ihrem Hause sähe, antwortete sie zynisch: »La Canaille et le Roi.« Mit der »Canaille« meinte sie das Volk, das des öfteren vor ihrem Hause Tumulte anstiftete und sie nie in Ruhe ließ. Ihre Briefe an Lieferanten und Behörden unterzeichnete sie im Anfang ihres Favoritentums ganz offiziell mit »Maitresse du Roi«; sie unterließ es erst, als der König darauf aufmerksam gemacht wurde und es ihr verbot. Als unumschränkte Herrscherin schien sie sich auch zu betrachten, wenn sie in kühnster Weise in die Tageszeitungen Münchens einrücken ließ, sie könne unmöglich fernerhin noch Gnadengesuche annehmen. Das Publikum hatte sich nämlich so sehr daran gewöhnt, sich mit seinen Bittschriften und Beschwerden an die Favoritin zu wenden, daß es Lola schließlich zuviel wurde. Sie wollte ihre Gnade nur austeilen, wenn sie Lust dazu hatte. Im Theater erschien sie ungeniert, selbst wenn die Königin mit dem König und dem ganzen Hof anwesend war. Sie hatte ihre eigene Loge neben der großen mittleren Hofloge. Immer erregte sie das größte Aufsehen, sei es durch ihre wirklich eigenartige Schönheit oder durch ihre auffallenden fabelhaften Toiletten, durch ihr tiefes Dekolleté, oder – vielleicht am meisten – durch ihr äußerst exzentrisches Wesen. Der Schmuck, den ihr der König geschenkt hatte und den sie bei jeder Gelegenheit anlegte, besonders aber im Theater, wurde auf 60 000 Gulden geschätzt. Der ehemals gegen seine früheren Mätressen so geizige Ludwig wurde in Lolas Händen zum Verschwender. »In München erzählt man,« schreibt wiederum Hineis, »der König habe der Lola zum letzten Geburtstag 40 000 Gulden und ein Silberservice um 6000 Gulden geschenkt.« Ihr Haus in der Barerstraße war mit dem größten Luxus ausgestattet. Man speiste bei ihr nur auf silbernem Tafelgeschirr, und die Dienerschaft trug eine reichere Livree als die Hoflakeien. Lola Montez selbst war stets mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet und mit einem derartigen Raffinement, daß jeder einzelne Reiz ihres Körpers zur vollen Geltung kam. Daß sie überaus schön und elegant war, mußten selbst ihre ärgsten Feinde zugeben. Daß sie Witz und Scharfsinn besaß, konnten sie auch nicht leugnen. Sie hat auch Bücher geschrieben, von denen man allerdings behauptet, sie stammten aus der Feder von ihr bezahlter Schriftsteller. Vielleicht nicht mit Unrecht. Erlebt hatte sie zwar genug. Esprit besaß sie wohl, ob sie aber bei ihrer überaus lückenhaften Bildung in der Lage war, das Erlebte und Gesehene zu gestalten, muß dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall schrieb sie keine Sprache grammatikalisch oder orthographisch einwandfrei. Ihre Unterhaltung war, wenn auch nicht immer klug und geistreich, zum mindesten immer amüsant, und der König langweilte sich keineswegs mit ihr. Sie konnte, wenn sie wollte, berückend liebenswürdig sein und eine wahrhaft bestrickende Anmut entfalten. Denn wäre sie das nicht imstande gewesen, schwerlich hätten sich wohl ein Franz Liszt oder andere bedeutende Künstler um ihre Frauengunst bemüht. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit besaßen sogar die Macht, Frauen wie die reizende, geistreiche Marquise d'Agoult, die langjährige Freundin Liszts und Mutter seiner Tochter, Cosima Wagner, aus dem Felde zu schlagen. Lola Montez begleitete den berühmten Virtuosen auf vielen seiner Konzertreisen, bis sie auch seiner überdrüssig wurde, weil sie »keinen Nutzen weiter aus ihm ziehen konnte«. Seine Virtuosität und seine Berühmtheit allein genügten ihr nicht. Und so trennte sie sich ohne Bedauern von ihm. Es fehlte ihr ja nicht an Bewunderern. Die Männer lagen ihr alle zu Füßen. Sie wurde mit Liebesbriefen und Anträgen, besonders in Deutschland, wahrhaft überschüttet. Und sie war sich ihrer Herrschaft über die Männer dermaßen bewußt, daß sie über ihre mächtigste Waffe, ihre unabweisbaren physischen Reize, selbst in Ekstase geriet. In ihren »Memoiren«, die übrigens von Anfang bis Ende in den Tatsachen erfunden und erlogen sind, begeistert sie sich einmal selbst an ihrer Schönheit und ihrer Gewalt über den Mann. »Als ich (in Berlin) in meine Wohnung zurückkam,« erzählt sie, »betrachtete ich mich genau in einer Psyche, einem altmodischen Spiegel, der in Berlin noch Mode ist, und fand nach Beendigung dieser Prüfung, daß ich wirklich schön sei. Schön zu sein! Welche Macht und welches Glück! Nur auftreten zu dürfen, um aller Blicke, aller Huldigungen auf sich zu ziehen, Liebe und Begeisterung zu erregen. Zu sehen, wie sich auf unserem Wege alles vor unserer Schönheit neigt, gleichwie man dem Genie eines großen Mannes huldigt. Die Menge durch eine Bewegung der schönen Augen zu beherrschen, ebenso wie ein überlegener Mann durch das Hinreißende seines Wortes und die Beredsamkeit seiner Gebärden sie beherrscht! Wie herrlich ist es doch, wenn man sagen kann: ›Ich bin schön und ich weiß es!‹ Die Schönheit ist ein Diadem, ein Merkmal königlicher Macht, das die Menschen niemals vermocht haben zu verleugnen! Ein Königtum von Gottes Gnaden, denn die Vorsehung schreibt es den Auserwählten, denen sie diese Macht verleiht, auf die Stirn, die reellste und herrlichste Macht, wenn man sie nur ein wenig anzuwenden versteht.« – Das verstand sie nun, wie wir gesehen haben, ausgezeichnet. Aber sie wollte die Männer nicht nur durch ihre Schönheit in der Gewalt haben, sondern sie in jeder Beziehung beherrschen, wenn es sein mußte, mit Hilfe ihrer Peitsche. Ihre Auffassung von Liebe ist eine unzweideutige Erklärung ihrer sadistischen Veranlagung. Sie verspottete alle Frauen, die im Banne eines geliebten Mannes stehen und sich ihm in natürlicher Hingabe unterordnen. »Man versichert,« bemerkt sie, »daß es Frauen gäbe, die so dumm seien, Männer zu lieben und sich von ihnen beherrschen zu lassen. Das nenne ich verkehrte Wirtschaft. Ich für meinen Teil habe nie an so etwas geglaubt.« Und doch mußte auch sie bisweilen, wenn auch selten, erfahren, daß es Männer gab, die sich nicht von ihren bezaubernden Augen, ihren »hinreißenden« Körperformen faszinieren ließen und sich ihr nicht unbedingt unterwarfen. Als sie auch während ihres zweiten Pariser Aufenthalts keinen Erfolg mit ihren Tänzen hatte und ihr nur die Verehrer ihrer Schönheit wie Dujarrier, Theophile Gautier, Alexandre Dumas, Janin, Fierontino, Sue und andere Dichter und Journalisten aus Höflichkeit, oder weil sie in die schöne Frau verliebt waren, Schmeicheleien über ihre Kunst sagten, versuchte sie auf den damals sehr einflußreichen Schriftsteller Emile de Giradin mit ihren Reizen zu wirken, um ihn für sich zu gewinnen. Er aber blieb bei ihrem Anblick und trotz aller Avancen von ihrer Seite kalt und gleichgültig. Und sie selbst mußte gestehen: »Ich suchte auf diesen Mann mit dem wirren Blick und bleichem Gesicht meine zauberische Macht auszuüben. Aber es gelang mir nicht. Seine Augen wandten sich immer ab von den meinigen. Der Blick eines Löwen höchstens vermöchte solch einen Mann zu blenden.« Dujarrier indes war ihr völlig ergeben. Er mußte seine Begeisterung für die schöne extravagante Señorita in Paris mit seinem Leben büßen. Als der Pariser Kritiker und Schriftsteller Beauvallon Lolas Boleros und Cachuchas äußerst schlecht kritisiert hatte, fühlte sie sich dermaßen gekränkt, daß sie ihren Freund Dujarrier aufforderte, ihre Ehre zu retten. Es entspann sich zwischen den beiden Männern ein heftiger Streit, der schließlich in einem Duell endigte. Dujarrier wurde von seinem Gegner getötet. Lolas Aufenthalt in Paris war nun unmöglich, und sie mußte die Stadt fluchtartig verlassen. 39. Der reizende Postillon. Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860 Sie wandte sich nach Deutschland, wo ihr der Ruf nicht nur einer außergewöhnlich schönen, sondern auch höchst abenteuerlichen Frau vorausging. In Baden-Baden erschien sie im Jahre 1846 und erregte das größte Aufsehen durch ihre fabelhaften Toiletten und den Reichtum, den sie entfaltete. Sie war auf der Suche nach einem reichen Gönner; es lag ihr daher sehr viel daran, aufzufallen. Wie alle Abenteuerinnen verwandte sie darauf nicht nur alle ihr zu Gebote stehende Koketterie, sondern auch sehr viel Geld, selbst auf die Gefahr hin, Schulden zu machen, die sie vielleicht nicht begleichen konnte. Aber damit rechnete sie gar nicht. Sie wußte: einer würde sich finden, der ihr sein Scheckbuch zur Verfügung stellte. Und er fand sich. Nicht lange nach ihrer Ankunft machte sie die Bekanntschaft Heinrichs LXXII. von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf. Als er die »andalusische« Schönheit zum erstenmal auf der Kurpromenade zu Pferde sah, brannten sein Herz und seine Sinne sofort lichterloh. Lola Montez brauchte sich nicht allzusehr anzustrengen, um ihre Taktik auf ihn wirken zu lassen. Heinrich LXXII. genügte ihre rassige Schönheit, die auf ihn, wie auf alle Männer, wie ein Funken zündete. Nachdem er ihre Bekanntschaft gemacht hatte, forderte er sie auf, ihm in sein kleines Reich zu folgen. Und Lola nahm das Anerbieten gern an. Denn wenn Heinrich LXXII. auch nur ein ganz kleiner Duodezfürst war, so war es doch immerhin für sie verlockend, die Mätresse eines Prinzen zu sein, für sie, die bis dahin »nur Bankiers, reiche Industrielle, berühmte Künstler, Schriftsteller und Dichter« zu Geliebten gehabt hatte. Außerdem reizte sie das Neue, an einem kleinen Hofe die kleinstädtische Bürgermoral ihrer Mitmenschen durch ihre Extravaganzen zu entrüsten und in Aufregung zu versetzen. Als sie einige Tage darauf ihrem neuen Anbeter in sein »Reich« folgte, wirkten ihre fremdländische Erscheinung, ihre geschminkten Lippen, ihr mit einer fabelhaften Kunst zurechtgemachtes interessantes Gesicht, ihre ausgesuchte Eleganz, vor allem aber ihr maßlos arrogantes Wesen wie eine Bombe unter der spießbürgerlichen Bevölkerung der kleinen Residenzstadt. Wenn Lola Montez ausfuhr oder ausritt, öffneten sich alle Fenster, um »diese auffallende geschminkte Person«, und sei es auch nur einen Augenblick, vorbeifahren zu sehen. Hielt ihr Wagen vor einem Geschäft, so versammelten sich sofort die Gaffer und Neugierigen vor dem Laden, so daß der Diener ihr erst einen Weg durch die Menge bis zu ihrem Wagen bahnen mußte. Aber das gerade gefiel Lola. Sie wollte provozieren, wollte auffallen, wollte gesehen und umringt sein, gleichviel ob es in guter oder in schlechter Absicht geschah. Indes, die reußschen Untertanen hatten bald genug von dieser Amazone, die es für ihr gutes Recht hielt, sie mit der Reitpeitsche unter ihren Willen zu beugen. Einige Offiziere Heinrichs LXXII. nahmen ihr die Anwendung dieses Instrumentes übel und beschwerten sich bei ihrem Landesherrn. Lolas Allüren schokierten sogar den verliebten Fürsten, und eines Tages erhielt sie ganz offiziell den Laufpaß. Der direkte Anlaß dazu war, daß sie mit ihrem wundervollen Vollblüter über die wohlgepflegten Blumenbeete des fürstlichen Schloßgartens galoppierte und diesen Sport mehrmals wiederholte, ohne sich an die Ermahnungen ihres Freundes und an die Empörung der Bürger zu kehren. Heinrich LXXII. nannte Lola ein »Satansweib« und wies sie für immer aus seinen »Staaten«. Die tolle Tänzerin nahm es sich nicht allzusehr zu Herzen und trauerte ihrem »kleinlichen« Geliebten nicht nach. Entschlossen wandte sie sich anderen Abenteuern zu. Nachdem sie Heinrich LXXII. noch eine nicht unerhebliche Rechnung vorgelegt hatte, die er auch beglich, begab sie sich nach München. Hier fand sie, wie sie selbst gesteht, »den Mann, den sie suchte«. Sie umschmeichelte ihn mit ihrer wollüstigen Zärtlichkeit, ihrem regen Geist, ihrer unglaublichen Phantasie und Lebhaftigkeit, ihrem erstaunlichen Talent, immer so auf den Mann zu wirken und sich so zu geben, wie er es gerade am liebsten hatte. König Ludwig I. von Bayern geriet völlig in ihren Bann und bildete sich wahrhaftig ein, er habe die Frau gefunden, die ihm die höchste, allesbeseligende Liebe schenkte. Seine Gefühle kleidete er in die Verse: Nicht den Geliebten kannst du betrüben, dir fremd sind die Launen, Mit dem Liebenden nie treibst du ein grausames Spiel. Selbstsucht kennst du nicht, hingebendes, göttliches Wesen! Gut ist dein liebendes Herz, treu dein wahrhaft Gemüt. Glücklich willst du den sehn, der dich liebt, dann bist du es selber. Weiß es der Liebende gleich, immer doch hört er's erfreut, Daß geliebt er werde, daß ewig dein Herz ihm gehöre. Nicht, wie's von andern geschah, bist du darüber ihm still. Nein! Aufs neue stets sagst du dem Liebenden, daß du ihn liebest, Und dies alles ertönt immer beseligend neu. Die Italienerin reicht im Meere von bitteren Qualen Tropfen der Seligkeit dar – Seligkeit, Seligkeit nur Lässest du, Spanierin, mich entzückend, begeisternd empfinden; In dir, Göttliche, fand Liebe im Leben ich nur. Aber nicht nur den alten König packte die Liebe und Begeisterung für die schöne Tänzerin. Ihre maßlosen Erfolge bei den Männern im allgemeinen trösteten Lola Montez über die Niederlagen, die sie auf der Bühne als Künstlerin erlitt. – In München tanzte sie übrigens nur zweimal. – Allen, Jungen und Alten, war sie das Idol. Sie trugen ihr Bild an Krawattennadeln, in Zigarettenetuis, auf Tabakdosen. Die Junggesellen und Lebemänner schmückten ihre Wohnungen und Zimmer mit Lolas Bildern in allen möglichen Varianten. Studenten brachten ihr Ovationen und sangen Ständchen vor ihrem Haus. Dabei war es ihnen vergönnt, in die hellerleuchteten Räume zu schauen und das intimere Leben Lolas zu beobachten. Denn ihr ganzes Leben war wie ein öffentliches Schaustück. Es fiel ihr nicht ein, die Jalousien oder Vorhänge zu schließen. Jeder durfte zusehen, wen sie empfing, mit wem sie flirtete, wie sie sich ankleidete. Die Schneider mußten ihr die Kleider und Wäschestücke auf dem bloßen Körper anprobieren. Ihr Boudoir und Ankleidezimmer bargen für niemand Geheimnisse. Aber sie handhabte diesen Exhibitionismus nicht mit jener Grazie und charmanten Koketterie wie die Frauen des 18. Jahrhunderts oder wie eine Pauline Borghese des Ersten Empire. Lola provozierte alles und jeden und rief dadurch die schärfste Kritik hervor. Fuchs nennt sie »die fleischgewordene Provokation« und schildert sie vortrefflich mit den Worten: »Ich bin die Wollust, sagte ihr Leib. Mein Busen verlangt nach der schmeichelnden Hand des Geliebten, meine Glieder wollen sich recken und dehnen in unbegrenzter, immer sich erneuernder Wollust – dieses Lied sang ihr Leib in faszinierenden Rhythmen ... Das erotische Problem, das die meisten Frauen unbewußt lösen oder wenigstens zu lösen suchen, das hatte Lola Montez für sich geradezu mit erstaunlichem Raffinement gelöst. Sie verstand es, sich stets so zu kleiden, um vor der Phantasie des Mannes absolut nackt zu erscheinen: das größte Geheimnis der Toilette, nichts zu zeigen und doch als Nudität auf jeden zu wirken. Lola weiß, daß das knappe, enganliegende Reitkleid besser als jedes andere das heiße Leben, das unter dieser Hülle bei ihr pulsiert, verrät, daß sie durch dasselbe am auffallendsten das Wogen ihrer vollen Brust, die laszive Ausladung ihrer Lenden, die faszinierende Form ihres Beins, kurz all das offenbaren kann, was die Männer zur Wollust aufreizt, und so bewegt sie sich daher vorzugsweise im Reitkostüm. Aber wohlgemerkt, nicht nur zu Pferde, sondern fast immer, ob sie zu Fuß durch die Straßen geht oder ob sie sich im Salon oder in Gesellschaft befindet. Lola Montez weiß, daß der Samt, der Modestoff der Zeit, durch seine plastische Wirkung und durch das Schmiegsame wollüstige Gedanken bei vielen erotischen Naturen erweckt, und so trägt sie nur Samt. Dem Kostüm entsprechen nicht weniger provozierende Gesten und Bewegungen. Alles ist der Amazonentracht angemessen, Schritt, Gang, Haltung – alles provoziert frech. Der Begierde ist alles hintangesetzt. Jede Bewegung verspricht bei ihr einen Genuß, ist ein glühender Tropfen, der Hunderte lüstern macht, den ganzen Becher zu leeren, den sie sich bereiterklärt, einem jeden zu kredenzen. Das Fehlen jedweder Naivität in diesem Gebaren und dem gegenüber das offenkundige Bewußtsein von der Wirkung dessen, was man erstrebt – daß es ein raffiniert durchdachtes und ebenso vollständig gelöstes Rechenexempel ist, das war es, was die erotische Wirkung von Lolas öffentlichem Auftreten ins Außerordentliche steigerte. Zahlreiche, von der Natur verschwenderisch bedachte Frauen lösen, wie gesagt, dasselbe Problem, aber das Unbewußte des Gebarens macht es einwandfrei. So wie Lola als verkörperte Wollust die bürgerliche Wohlanständigkeit Münchens, deren Begriffe von Sitte und Anstand brüskierte, so brüskierte sie den geistigen Horizont derselben Gesellschaft durch die Keckheit ihrer Sprache und Urteile. Nicht weniger brüskierte sie durch ihre Kühnheiten und zynischen Extravaganzen die jedem Spießer ehrwürdigen Vorstellungen von Recht und Gesetz. Lola Montez vollstreckte selbst und eigenhändig jedes Urteil, das sie geruhte zu fällen. Sie dokumentiert ihren Arger durch eigenhändig verabreichte Ohrfeigen und Reitpeitschenstreiche – ihr Handgelenk ist so locker wie ihre Zunge – und sie bahnt sich durch die sich ihr entgegenstellenden Mächte mit ihrer Reitpeitsche und ihrer auf den Mann dressierten Dogge selbst den Weg. Nicht ein einziges Mal nur, nein, dies gehört zu ihren ständigen Gepflogenheiten während ihrer Münchner Regierungszeit.« Die berühmtesten Maler und Bildhauer verewigten diesen Dämon Weib unzählige Male in ihren Bildern und Büsten zur Freude des Königs und der Lola selbst. Aber wehe, wenn sie es sich einfallen ließen, ihre Schönheit nicht voll und ganz zu Worte kommen zu lassen, wenn sie der Karikatur den Vorzug gaben. Und doch ist nie eine schöne Frau von der Karikatur dermaßen zerzaust worden wie gerade diese auf die Macht ihrer körperlichen Reize so stolze Tänzerin. In dem ausgezeichneten Werke »Ein vormärzliches Tanzidyll. Lola Montez in der Karikatur«, hat Fuchs die meisten dieser äußerst amüsanten und zum Teil sehr seltenen und künstlerisch wertvollen Blätter beschrieben, die die Geliebte Ludwigs I., die »deutsche Pompadour«, verhöhnen. Eine sehr köstliche Geschichte erzählt er unter anderem über ein lange Zeit vor dem König und Lola selbst geheimgehaltenes satirisches Ölgemälde, das Kaulbach von dem »Teufelsweib« malte. Es stellte die Tänzerin mit einer Schlange um den nackten Leib und einem Giftbecher in der Hand dar. »Die Tatsache, daß Kaulbach dieses Bild unter der Hand hatte«, schreibt Fuchs nach einem vor Jahren veröffentlichten Bericht eines Freundes Kaulbachs, »blieb dem König nicht verborgen, und eines Tages schoß er daher in seiner bekannten Weise in das Atelier Kaulbachs hinein. ›Kaulbach, was höre ich, was haben Sie gemacht! Das ist eine Beleidigung, gegen mich auch! Warten Sie nur, das wird Ihnen die Lola gedenken!‹ Und ohne das Bild näher zu betrachten oder Kaulbach zu Worte kommen zu lassen, war er auch schon wieder hinaus. Kaulbach, welcher wußte, wie schnell die heißblütige Tochter des Südens zum tätlichen Angriff überging, legte sich für alle Fälle vorsorglich einen tüchtigen Prügel neben die Staffelei. Er hatte nicht lange zu warten. Eine knappe Stunde danach wurde die Tür von neuem jäh aufgerissen, und Lola Montez erschien wutschnaubend, neben ihr die große Dogge, hinter ihr der König. Kaulbach, nichts Gutes ahnend, griff sofort nach seinem Prügel, im selben Augenblick hatte jedoch Lola auch schon ihre Dogge auf ihn gehetzt. Aber auch Kaulbach hatte einen Hund, einen riesigen Neufundländler, dieser schoß ungerufen und ebenso plötzlich hinter der Staffelei hervor, und zwar Lolas Dogge an die Kehle. Das änderte die Situation. Die beiden Bestien hatten sich wütend ineinander verbissen und fuhren jäh in den Hof hinaus. Lola sauste in Angst und Wut hinter ihrem Hunde drein, der König ihr selbstverständlich nach und hinter diesem natürlich wieder Kaulbach. Dadurch nahm dieser Auftritt, der so bedrohlich begonnen hatte, plötzlich ein lächerliches Ende. Die beiden Hundebesitzer hatten die größte Mühe, ihre vierbeinigen Verteidiger wieder auseinanderzubringen. Ein allgemeiner Rückzug schloß die bewegte Szene – das heißt nur für den Augenblick. Denn hat auch Kaulbach das Bild der Öffentlichkeit vorenthalten, so wurde ihm trotzdem seine Kühnheit weder vergeben noch vergessen.« Trotz des großen Einflusses, den Lola Montez auf den König ausübte, ist es ihr doch nicht gelungen, in die Gesellschaft der Aristokratie einzudringen, obwohl sie selbst als Gräfin Landsfeld eine Art Hof hielt und viele Leute von Bedeutung um sich versammelte. Aber die höheren Kreise mieden sie. Selbst die persönlichen Bemühungen des Königs in dieser Beziehung hatten keinen Erfolg. Man wollte nichts mit der kecken Abenteuerin, »dieser hergelaufenen Person« zu tun haben. Sie war keine Lady Hamilton, die es trotz ihres Vorlebens, trotz ihrer obskuren Herkunft so wundervoll verstand, mit ihrem Liebreiz, ihrer großen Liebenswürdigkeit und ihrer göttlichen Schönheit in den feudalsten Kreisen der englischen Aristokratie anerkannt und aufgenommen zu werden, ja sogar die engste Freundschaft einer Königin zu gewinnen. Lola Montez vermochte ihre physischen und geistigen Gaben nur in den Dienst der sie anbetenden Männer zu stellen. Außerdem hatten sich die Zeiten und Sitten verwandelt. Das bürgerliche Zeitalter war nicht tolerant wie das 18. Jahrhundert. Man wahrte in allem den Schein, wenn man auch im geheimen noch so lasterhafte Neigungen besaß und das wüsteste Leben führte. Nach außenhin durfte nichts zugegeben werden. Die Gesellschaft boykottierte Lola. Selbst Männer, die in ihrem Haus ein- und ausgingen, bekamen oft die Verachtung zu fühlen, die man der herausfordernden Abenteuerin entgegenbrachte. Viele verkehrten nur ganz im geheimen in ihrer Gesellschaft und gaben es niemals öffentlich zu, daß sie im Salon der königlichen Mätresse Gäste waren. Als Saphir in München Vorlesungen hielt, vermied er es lange Zeit, sich im Hause der Kurtisane zu zeigen – obwohl ihn Ludwig direkt einlud, die Abendgesellschaften Lolas öfter zu besuchen. Saphir indes befürchtete, er könne von der öffentlichen Meinung boykottiert werden, und so ging er erst am letzten Tage seiner Anwesenheit in München zu Lola. Andere allerdings rissen sich um die Gunst, in ihrer Nähe zu weilen, und es ist durchaus nicht übertrieben, wenn einer ihrer Schmeichler behauptet: »Die ersten Geister ihres Jahrhunderts zogen an ihrem Siegeswagen.« 40. Intime Aussprache bei der Toilette. Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860 Schließlich aber hatte auch sie in München ihre Rolle ausgespielt. Im Februar 1848 schlug ihre Stunde. Als Görres, ihr größter Feind und Gegner, gestorben und in München beigesetzt wurde, kam es zu erneuten Demonstrationen gegen die verhaßte Favoritin, und diese Ereignisse verursachten ihre endgültige Verabschiedung. Einige Tage vorher schon hatte der König seine exzentrische Freundin aus der Hauptstadt entfernt, um Ärgernisse zu vermeiden. Er hatte sie zu dem Arzt und Magnetiseur Justinus Kerner in das Kernerhaus nach Weinsberg gesandt. Kerner sollte ihr »den Teufel austreiben«. »Die Lola Montez kam vorgestern (17. Februar) hier an,« schreibt Kerner an seine Tochter Marie Niethammer, »und ich bewahre sie in meiner Wohnung bis auf weitere Befehle aus München. Drei Alemannen halten dort Wache; es ist mir ärgerlich, daß sie der König zuerst mir sandte, aber es wurde ihm gesagt, die Lola sei besessen und er solle sie mir nach Weinsberg senden, den Teufel aus ihr zu treiben. Interessant ist es immer. Ich werde, ehe ich sie magisch und magnetisch behandle, eine starke Hungerkur mit ihr vornehmen. Sie bekommt täglich nur dreizehn Tropfen Himbeerwasser und das Viertel von einer weißen Oblate. Sage es aber niemand, verbrenne diesen Brief!« Kerners Sohn Theobald, der die magnetischen Kuren des Vaters unterstützte, mußte das »Satansweib« magnetisieren. Es nützte aber nichts. Der »Teufel« saß Lola in Fleisch und Blut. Sie war weder hysterisch noch geistesgestört und fühlte sich auch nicht im geringsten krank, um eine derartige »Teufelskur« auszuhalten. Besonders wird ihr die Hungerkur nicht gefallen haben. Jedenfalls machte sie, wie immer, kurzen Prozeß und verschwand eines Tages heimlich aus Weinsberg. Sie tauchte noch einmal in München beim König auf und hoffte, er werde ihr wie immer zu Füßen liegen. Aber Ludwig schien sie seiner Protektion jetzt nicht mehr für wert zu halten. Es erschien das bekannte Dekret vom 17. März 1848, worin der König erklärte, »daß die Gräfin Landsfeld das bayrische Indigenat zu besitzen aufgehört habe.« Er kümmerte sich auch nicht weiter um sie. Nur mit pekuniären Mitteln unterstützte er sie noch eine Zeitlang, bis sie von England aus auf ihn sehr deutliche Erpressungsversuche machte. Von da an erhielt sie nichts mehr. Bald darauf heiratete sie in England und ließ sich wieder scheiden, siedelte dann nach Amerika über, verheiratete sich dort noch zweimal und starb als Witwe eines Arztes in ziemlich dürftigen Verhältnissen im Jahre 1861 an den Folgen eines Nervenschlags, kaum 43 Jahre alt. Die »Löwinnen« des Zweiten Kaiserreichs Sie ähneln ein wenig den Frauen des achtzehnten Jahrhunderts mit ihren enervierenden Abenteuern, ihrem galanten Einfluß auf die Sitten der Zeit, ihren Erfolgen eines Tages, einer Nacht, mit ihrer reizvollen Schönheit, dem Geheimnisvollen, ein wenig Schwülen, das sie und ihr Leben erfüllt. Es umgibt sie eine unvergeßliche Legende von sieghafter Zärtlichkeit, gewagter Unabhängigkeit und unwiderstehlicher Keckheit, verbunden mit einer lasziven Grazie, einer Liebenswürdigkeit und kapriziösen Verliebtheit, wie sie nur von den Damen des 18. Jahrhunderts bekannt geworden ist. Und doch ist die Frau des Zweiten Kaiserreichs ein Typus für sich. Eine ausgezeichnete Beobachterin des eleganten Lebens der Dame unter dem Zweiten Kaiserreich und der späteren Jahre ist Mademoiselle Romieu. Sie sagt in ihrem Buche »La femme et la Société«: »Die große Dame der Finanzwelt, die faktisch erst unter Louis Philippe aufgetaucht ist, und die heutige große Dame decken sich gewissermaßen. Beide sind elegant und reich, beide haben den künstlichen Reiz, den allein die Gewohnheit der großen Welt geben kann. Die vornehme Dame des Faubourg Saint-Germain zeigt einen aristokratischeren Typus. Sie ist im vollen Sinne des Wortes eine grande dame, von einem Schlage, der sich anderswo nicht findet. Vor lauter Vornehmheit bleichsüchtig, vor lauter Grazie gekünstelt, bewahrt sie inmitten der Vorurteile, von denen sie erfüllt ist, einen gewissen Adel der Empfindungen. In den höchsten Schichten besteht die Rolle der Frau lediglich darin, zu bezaubern und zu verführen. Sie hat keine anderen Pflichten zu erfüllen als die sogenannten Geselligkeitspflichten. Besuche, die sie empfängt oder erwidert, Ausgänge und Geselligkeit füllen ihre ganze Zeit aus; sie hat weder Zeit dazu, die Hausfrau zu spielen, außer sie macht die Honneurs in ihrem Salon, noch Familienmutter zu sein. Ihre Leute werden von einem Hausmeister oder einer Hausdame geleitet; ihre Kinder haben Gouvernanten und Lehrerinnen.« – Ihre Macht ist dank ihrer Koketterie unermeßlich. Vom Minister bis zum letzten Beamten des Hofes, vom hohen Finanzmann bis zum kleinsten Angestellten stehen alle Männer im Banne der Frau, und zwar der vollerblühten Frau. »Während die Vorliebe der Biedermeierkunst der noch unerschlossenen Weiblichkeit mit ihren knospenhaften schlanken Formen und ihrem züchtigen Gebaren, dem liebenswürdigen jungen Weibe und der naiven mädchenhaften Unschuld galt,« meint Moreck in seinem »Das Weib in der Kunst der Neueren Zeit«, »begeistert sich die Kunst des Zweiten Kaiserreichs nur für den vollerblühten Reiz der reifen, wissenden Frau, die in allen Künsten der Liebe erfahren und alle Register der Wollust virtuos beherrscht.« Und die Kunst spiegelt ja das Leben einer Zeit wieder. Verschwenderisch geht die Frau des Zweiten Kaiserreichs mit ihren Reizen und Vorzügen um und wirft sie keck in die Waagschale. Kokett und leichtlebig, wie sie ist, kommt es ihr nicht auf ein Abenteuer mehr oder weniger an. Die großen Mondänen sind wie von einer Wolke wollüstigen Parfüms umgeben. Die Männer von Welt zählen zu ihren Geliebten die angesehensten und vornehmsten Frauen der Gesellschaft. »Er« und »Sie« flattern von einem Erlebnis zum andern. Die Welt will nun einmal die Frau, die sie beherrscht, und die Frauen des Zweiten Kaiserreichs waren, wie die Zeit es von ihnen verlangte. Selbst die Damen der höchsten Kreise kannten weder Hemmungen noch Einschränkungen ihrer Leichtlebigkeit und Genußsucht. Hatten sie sich satt getrunken an den Genüssen, die Paphos ihnen schenkte, so tauchten sie unter in den Freuden von Lesbos. Die Fürstin Trubetzkoi und die Marquise Adda, zwei Schönheiten aus dem Kreise der Prinzessin Mathilde Bonaparte, hatten ganz öffentlich ein Liebesverhältnis miteinander. Sie waren stets zusammen und tauschten ungeniert ihre Zärtlichkeiten aus. Manche große Dame verliebte sich auch in ihr niedliches Zöfchen. Großes Aufsehen erregte zum Beispiel im Jahre 1855 eine Erpressungsaffäre, in die die Gräfin Nansouty verwickelt war. Es war in der Pariser Gesellschaft aufgefallen, daß die sonst sehr elegante Frau seit einiger Zeit keine Juwelen mehr trug, obwohl sie den herrlichsten Schmuck besaß, den man sich denken konnte. Als ihr Gatte sie fragte, konnte sie ihm keine Erklärung dafür geben. Er schöpft Verdacht, daß sie sie verkauft hat, und läßt ihren Juwelenschrank aufbrechen. Er ist leer! Madame bestreitet, die Schmucksachen veräußert zu haben. Wo sind sie? – Gestohlen? Der Graf ordnet eine polizeiliche Haussuchung an, und man findet die Juwelen – bei dem sehr hübschen und jungen Kammermädchen! Man beschuldigt die Zofe als ganz gewöhnliche Diebin, bis sie unter dem Kreuzfeuer des Verhörs gesteht, sie sei die Geliebte der Gräfin und habe sich ihren Phantasien nur unter der Bedingung untergeordnet, daß sie den Schmuck erhalte. Madame habe ihr daraufhin alle ihre Juwelen geschenkt. Im Laufe der Unterhandlungen stellte das Mädchen noch mehrere Marquisen und Herzoginnen bloß, unter anderem auch die obenerwähnte Marquise Adda. Um den Skandal zu unterdrücken, erhielt das Kammermädchen ein Schweigegeld von 80 000 Franken! Derartige Affären standen nicht vereinzelt da. Diejenige war die Begehrteste, die ihre Gunst leicht und skrupellos verschenkte und von der man die größten Skandalgeschichten erzählte. Ein anderes Beispiel: Die wunderschöne Frau von Nesselrode, Gattin des russischen Gesandten in Paris, stand im Rufe einer äußerst eleganten, aber auch extravaganten und leichtlebigen Frau. Eine Zeitlang war sie die Geliebte Alexandre Dumas'. Sie ließ sich überall öffentlich mit ihm sehen. Die Opernbälle waren unter dem Zweiten Kaiserreich genau so beliebt und berüchtigt wie im 18. Jahrhundert. Auf einem solchen Maskenball erschien eines Abends Dumas. An seinem Arm führte er einen eleganten weiblichen Domino mit Gesichtsmaske. Beide begegneten Didier, dem Unterpräfekten von St. Denis, einem Mann ohne Gewissen und Moral. Nachdem man sich begrüßt hatte, sagte der junge Dumas zu Didier: »Du liebst ja die Herzoginnen; amüsiere dich eine halbe Stunde mit dieser Dame hier«, und überließ die hübsche Maske an seiner Seite dem jungen Lebemann. Didier bewegte sich meist in Gesellschaft von leichtsinnigen Theaterdamen, Demimondänen oder ganz gewöhnlichen Dirnen. Die Anspielung Dumas auf die »Herzoginnen«, mit denen er gern verkehrte, war nur Ironie. Trotz seiner Jugend war Didier sehr blasiert und vertrat den Grundsatz, daß die Frauen ausschließlich zum Vergnügen der Männer da seien. Er führte die ihm von seinem Freunde überlassene Maske, die niemand anders war als die Gräfin Nesselrode, in eine Proszeniumsloge und behandelte sie ganz wie eine Kokotte. Sie hatte aber gar nichts dagegen. Nach einer halben Stunde wurde sie von Dumas wieder abgeholt, und beide fuhren ganz fröhlich nach Hause. Die Damen des vielbesprochenen »galanten Zeitalters« hätten sich nicht freier und ungenierter bewegen können als die ganz dem Genüsse ergebenen Frauen des Zweiten Kaiserreichs. 41. Cancan. Farbige Lithographie. Paris, um 1860 Und noch eine Ähnlichkeit hatte diese Epoche mit der des 18. Jahrhunderts. Die Krinoline des Zweiten Kaiserreichs ähnelte auffallend dem Reifrock, dem Vertugadin des Rokoko. Das Unterkleid von Roßhaar, die gestärkten, mit vielen Falbeln versehenen Unterröcke der Damen der Romantikerzeit hatten im Jahre 1855 wieder einem Reifengestell weichen müssen, worin die Modeköniginnen wie in einem Käfig einhergingen. Aber keine Mode hat so viel Spott, so viele witzelnde Betrachtungen von Seiten der Männer herausgefordert wie die Krinoline. Und nicht nur in Witzblättern, sondern auch in ernsten Werken wie in Friedrich Theodor Vischers »Wissenschaft des Schönen«, wo es heißt: »Die Krinoline ist impertinent. Impertinent natürlich schon wegen des großen Raumes, den sie für die Person in Anspruch nimmt. Allein, das ist noch viel zu allgemein, zu abstrakt gesprochen; nein, impertinent wegen der ungeheuer herausfordernden, augenfälligen Beziehung auf den Mann. ›Willst du‹, so spricht die Krinoline zum Individuum männlichen Geschlechts, das ihr in die Nähe kommt, ›hinunter übers Trottoir, oder willst du es wagen, mich anzustreifen, zu drücken? Willst du da neben mir auf dem Parkettsitz mein Kleid auf den Schoß nehmen und darauf sitzen? Fühlst du die eisernen Reifen? Fühlst du die uneinnehmbare Burg, den Malakoff-Kranz, den entsetzlichen Gürtel der Tugend, der an deine Waden drückt? – Wir werden frivol?‹ – O reizende Leserin, für so unschuldig wirst du selber uns dürre Gelehrte nicht halten, daß du glaubest, wir wüßten nicht, was Kleider bei dem schönen Geschlecht sind und bedeuten, wir meinten, sie könnten je etwas anderes sein als eine Welt von Beziehungen, Andeutungen, eine schweigend beredte Sprache, eine Rüstkammer sanfter Fragen, furchtbarer Abweisungen, rührender Bitten, grausamer Drohungen, glühender Geständnisse, kalter Verschließungen, oder es wäre uns verborgen, welche unter diesen Rüstzeugen die mehr verführerischen seien, die entgegenkommenden oder abschreckenden, wir zweifelten, was den Mann kühner mache, wenn man ihn lockt oder wenn man ihn in eine Ecke drückt. – Aber, unsittlicher Mensch, erkennst du denn nicht, daß ein Kleid, das von den wirklichen Körperformen so weit absteht, daß es gar kein Bild von ihnen gibt, das allersittsamste ist? Au contraire, im Gegenteil ... der Kontrast ist es, der reizt, die Entstellung, welche über die wahre Gestalt, über die Naturgeheimnisse mit schärfster Neugier nachzudenken nötigt, welche den gründlichen Forscher anleitet, abzuwarten, bis etwa eine jener Kreisschwingungen mehr gesteht als das Kleid selbst, und so den frechen Eroberer – doch halt! Du süße Unschuld, die etwa diese Zeilen lesen sollte und doch in Krinoline geht, verkenne uns nicht! Wir sind nicht so böse, als es scheint; wir schreiben das Schlimme, was uns bei einer verfänglichen Tracht einfällt, nicht auf Rechnung der einzelnen; wir meinen nicht, jede liebenswürdige Trägerin durchlaufe in ihrem Köpfchen die bösen Gedanken, die in diesen Formen lauern; wir kennen die Macht der Mode, wie sie blendet und zwingt ... Nur das mute man uns nicht zu, daß wir glauben, sie seien in dem großen Hexenkessel, aus welchem die Moden hervorgehen, in Paris, sich dessen nicht bewußt, was man braut.« Selbstverständlich wußten das die Modeschöpferinnen aller Zeiten, denn jede Modelaune wird bewußt geschaffen. Die eleganten Frauen des Zweiten Kaiserreichs folgten dieser Laune ebenso wie jeder anderen so lange, bis eine neue an ihren Platz trat. Übrigens kann man sehr Ergötzliches über die Krinoline in Wendels Werk »Die Mode in der Karikatur« Erschienen im Paul Aretz Verlag, Dresden, 1928. lesen. Auch Challamel in seiner »Histoire de la Mode« macht sich über den »Drahtkäfig« lustig, oder besser, er tadelt die Unsinnigkeit der Frauen, die sich mit solchen Monstren umgeben. »Über die ernstesten politischen Tagesfragen wurde von den französischen Männern nicht leidenschaftlicher diskutiert wie von den Französinnen über die Krinoline«, sagt er ... »Trotz ihrer Feinde, oder vielleicht gerade wegen ihrer Feinde, regierte die Krinoline bald als absolute Herrscherin.« – Viele Frauen, die sich erst energisch dagegen gesträubt hatten, nahmen sie doch schließlich an, denn die Mode verlangte eine Betonung der Korpulenz, das Kaschieren der Magerkeit, besonders aber lag den Damen daran, nicht rückständig zu sein. Wer nicht die »Drahtgestelle« tragen wollte, nähte sich in die Röcke Reifen oder zog vier bis fünf ganz steif gestärkte Unterröcke mit vielen Volants an. Auf jeden Fall war diese Kleidermode mehr eine Last als ein Vergnügen. Die Frauen hatten das Aussehen von Puppen, und mehr als auf eine andere Epoche paßt auf das Zweite Kaiserreich der Ausspruch Taines: »In Frankreich sind wir nur allzusehr bereit zu glauben, eine Frau sei nur eine Frau, wenn sie eine Puppe ist!« Die schöne Kaiserin Eugenie, ehemals Mademoiselle de Montijo, der man die Einführung der Krinolinenmode fälschlich zuschreibt, war nicht nur eine große Zauberin im Kreise vieler charmanter und eleganter Frauen am Hofe Napoleons III., sondern auch vom ersten Tage ihres Erscheinens an die Beherrscherin der Eleganz. Aber sie ist weder die lasterhafte Frau gewesen, die eine Dirnen Wirtschaft am Hofe ihres Mannes einführte, noch hat sie selbst als Kaiserin ein ausschweifendes Leben geführt. Manche ihrer zügellosen Zeitgenossinnen aus den höchsten Kreisen hätte, wie wir gesehen haben, sich eher an ihr ein Beispiel nehmen können. Eugenie war kokett, vergnügungssüchtig, verschwenderisch, sehr elegant – und sehr schön – Dinge, die dem Ruf einer Dame allzu leicht schaden können. Es schlichen sich in ihren Kreis Elemente ein, deren Sitten durchaus nicht einwandfrei waren, für die sie jedoch nicht verantwortlich zu machen ist. Sie war eine Frau, die den Weihrauch der Bewunderung brauchte. Sie flirtete und kokettierte gern. Ohne dem Kaiser jemals wirklichen Grund für seine zahlreichen Untreuen und Seitensprünge zu geben, bereitete es ihr doch das größte Vergnügen, so »en passant« die Herzen der Männer zu entflammen. Sie brauchte diese Sensationen, diese Bestätigung ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft, ihrer wirkungsvollen, südlichen Anmut und Schönheit. Sie genoß solche Augenblicke in vollen Zügen. Ein Zufall, eine Laune, die Phantasie einer Stunde hatten für sie den prickelnden Reiz des Unbekannten, und sie überließ sich ihm mit der ganzen Impulsivität ihres spanischen Temperaments. Bisweilen stürzte sie sich sogar bis zur Unvorsichtigkeit in derartige kleine Abenteuer, und in dieser Beziehung erinnert sie ein wenig an die lebenslustige und so reizend unvorsichtige Marie Antoinette. Maskenbälle übten auf sie ebenso wie auf die Österreicherin auf dem Throne Frankreichs einen unwiderstehlichen Reiz aus. Hier konnte sie für ein paar Stunden alle Etikette beiseite lassen. Hier lastete nicht die schwere Krone des Reichs auf ihr. Hier fühlte sie sich frei wie eine andere Dame der Gesellschaft. Sie glaubte sich zurückversetzt in jene Zeiten, da sie als Mademoiselle de Montijo auf Bällen und Maskeraden mit jedem tanzen und flirten konnte, der ihr gefiel. Dazu kam der Reiz des Mysteriösen, daß niemand ahnte, wer die entzückende graziöse Maske war, mit der man so köstliche Augenblicke des Flirts verbracht hatte. 42. Zwei elegante Pariserinnen in ihrem »Daumont«. Aquarell von C. Guys. Um 1860 Es kam aber auch vor, daß Ihre Majestät durch allzu stürmische Galane arg bedrängt wurde und in die größte Verlegenheit geriet, besonders wenn sie es wagte, sich maskiert zu Volksbelustigungen zu begeben, wo sie natürlich völlig unbekannt war. Auf den Bällen in den Tuilerien erkannte man sie indes meist an gewissen Eigentümlichkeiten ihrer Bewegungen, ihres Ganges, ihrer Gesten, ihrer Art, mit jemand zu sprechen, denn der Domino verhüllte nur unvollkommen ihre Persönlichkeit demjenigen, der sie kannte. Dennoch geschah es einmal, daß sie auch in ihren Kreisen nicht erkannt wurde und die zudringlichen, leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen eines der verwöhntesten, kecksten und als Frauenverführer bekanntesten Männer über sich ergehen lassen mußte. Es war der Marquis de C., ein überzeugter Legitimist. Er hatte nie einen Fuß in die Tuilerien während der Herrschaft Napoleons III. gesetzt und kannte infolgedessen die Kaiserin nicht genau. Der Maskenball, auf dem sie ihm unter dem Domino begegnete, fand beim Herzog von Morny statt. Als geübter Frauenkenner bemerkte der Marquis sofort die elegante Maske mit den verführerischen Bewegungen, der unsagbaren Grazie und entzückenden Gestalt. Er heftete seine Schritte an die ihren und verliebte sich Hals über Kopf in die schöne Unbekannte. Sie war nicht abgeneigt, mit ihm zu flirten, wollte aber weder ihre Maske noch das Inkognito lüften, das sie aufs strengste bewahrte. Er wurde immer zudringlicher, spielte den Gefühlvollen, den Leidenschaftlichen in einem Maße, daß die kokette Frau Angst bekam, vor ihm flüchtete und in der Menge verschwand. Eine Zeitlang verlor er die Geheimnisvolle aus den Augen. Schließlich entdeckte er sie wieder in einem kleinen Salon mit der Herzogin von Bassano. Er drängt sich an ihre Seite und flüstert ihr ins Ohr: »Ich verlasse dich nicht, schöne Maske, bis du mir deinen Namen genannt und bis ich dein hübsches Gesicht von der abscheulichen Samtlarve befreit habe.« Seine glühenden Liebesworte werden immer deutlicher. Aber sie lacht und weicht seinen Andeutungen aus. Da wird er noch unternehmender und sagt: »Gut, wenn du mir nicht gutwillig sagst, wer du bist, werde ich es mit Gewalt erzwingen. Ich werde aufpassen, wenn du den Ball verläßt, und in deinen Wagen steigst. Und wenn du mir bis dahin nicht das erhoffte Wort gesagt hast, werde ich ebenso schnell wie deine Pferde zu deiner Wohnung eilen und dich an der Tür erwarten. Dann wird es für mich nicht schwer sein zu wissen, wer du bist.« Aber auch diese kühnen Worte konnten die Kokette nicht verblüffen. Mit gespielter Sentimentalität erwiderte sie: »Folge deiner Laune; wenn dein Herz nicht aufrichtig ist, habe ich nichts mit dir zu schaffen. Wenn ich aber deinen Liebesversicherungen Glauben schenken kann und die Gefühle, die du mir entgegenbringst, echt sind, dann suche mein Geheimnis nicht zu durchdringen. Als Entschädigung verspreche ich dir, deine Wünsche zu erfüllen, wenn sie vernünftig sind.« –»Was könnte ich wohl wünschen, als ein Rendezvous?« erwiderte der Marquis. – »Ein Rendezvous? Nun, die Sache ist zwar nicht einfach, aber es soll dir gewährt werden. Allerdings nicht bei mir zu Hause. Ich bin verheiratet. – Du kannst mich aber morgen nachmittag um 5 Uhr im Bois de Boulogne in der Nähe des Sees wiedersehen. Ich werde in einem offenen Landauer fahren und zweimal mein Taschentuch an meine Lippen drücken. Daran sollst du mich erkennen.« Zur festgesetzten Stunde findet sich der Marquis im Bois de Boulogne ein. Sein Herz schlägt hoffnungsfreudig. Er malt sich bereits einen Liebesroman mit der schönen Unbekannten aus, zum mindesten ein paar Stunden der Intimität. Vornehme Equipagen mit reizenden Frauen rollen an seinem Wagen vorüber. Aber keine von ihnen hebt das spitzenbesetzte Taschentuch an ihre Lippen. Plötzlich kommt Bewegung und Neugier in die zu Fuß gehende Menge und die lange Reihe der Equipagen. Man bleibt stehen. Pikeure verkünden das Nahen des Wagens der Kaiserin. Auch der Marquis de C. hat seinen Wagen halten lassen und sein Haupt zur Begrüßung Ihrer Majestät entblößt. Langsam fährt sie in ihrem mit vier Pferden bespannten Landauer vorüber. Aber wie ist ihm? Irrt er sich, oder ist es Tatsache? Die Kaiserin führt zweimal mit einer leichten Geste ihr Taschentuch an den Mund und lächelt? Sie also war jene elegante Maske, der er am vorhergehenden Abend so nachgestellt hat? Noch hat er sich nicht von seiner Überraschung erholt, als der Stallmeister vom Dienst sich aus dem kaiserlichen Gefolge loslöst und an den Wagen des Marquis tritt und zu ihm sagt: »Mein Herr, Ihre Majestät läßt fragen, an welchem Tag es Ihnen angenehm wäre, in die Tuilerien eingeladen zu werden.« Aber er kam dieser liebenswürdigen Aufforderung nicht nach; seine royalistische Gesinnung war stärker als die Versuchung, die schöne Kaiserin öfters sehen zu können. Er war nicht wie Napoleon III., den Mademoiselle de Montijo auf den ersten Blick gefesselt hatte, als er noch Prinz Louis Napoleon war. Das schöne Mädchen zeichnete ein ganz persönlicher Charme aus. Das wohlklingende Organ, die Art, sich zu geben, zu sprechen, die weiche, geschmeidige Gestalt und die Grazie der Spanierin, ihr fremdländisches Französisch, alles trug dazu bei, den ungeheuren weiblichen Reiz zu erhöhen, den Eugénie de Montijo besaß. Louis Napoleon sah sie zum erstenmal im Salon seiner Kusine, der klugen Prinzessin Mathilde. In ihren Salons war gewöhnlich alles vertreten, was die Welt an bedeutenden Menschen, an schönen, extravaganten Frauen, an Berühmtheiten in Kunst und Literatur, an vornehmen Ausländern, aber auch an Abenteurern zu bieten hatte. Und so waren auch die Damen Montijo in Mathildes Kreis gekommen, die Mutter und die Tochter. Zwar stammten sie aus einer alten spanischen Grandenfamilie, aber sie waren verarmt und führten ein nicht ganz einwandfreies Abenteurerleben, wenigstens die Mutter. Während des Diners beschäftigte sich Prinz Louis Napoleon ausschließlich mit der bildschönen Fremden, und wenige Tage später machte er ihr seinen ersten Besuch in dem nichts weniger als luxuriösen Appartement, das Eugerhe de Montijo mit ihrer Mutter Place de Vendôme Nr. 12 innehatte. Die Chronique scandaleuse erzählt, der zukünftige Kaiser habe sich um die sechsundzwanzigjährige Mademoiselle de Montijo in einer Weise bemüht, daß man hätte annehmen können, er wolle sie zu seiner Mätresse machen. Aber so sehr sich Napoleon auch um sie bewarb, immer erwiderte man ihm: »Prinz, nur als rechtmäßige Gattin.« Er verliebte sich immer mehr, besonders als er sie später zu den Jagden in Fontainebleau mit einer Grazie zu Pferde sitzen sah, die keine der Frauen seiner Bekanntschaft besaß. »Mademoiselle de Montijo, eine junge blonde Spanierin von hoher Geburt, ist seit der Reise nach Fontainebleau das Ziel der Aufmerksamkeit des Prinzen«, bemerkt Viel Castel. Damals war Napoleon bereits Präsident, und bald darauf wurde er Kaiser von Frankreich. »Der Hof ist immer noch in Compiègne, wo man jagt, tanzt und sich amüsiert«, berichtet fernerhin Viel Castel. »Der Kaiser ist stark verliebt in Mademoiselle de Montijo, die schöne anmutige Spanierin, deren Schwester den Herzog von Alba geheiratet hat. Mademoiselle de Montijo macht alle Lustbarkeiten mit. Sie wird sichtlich begünstigt, aber ich glaube nicht, daß sie sich dem Gesetz eines Siegers unterwerfen würde ... Der Hof verlängert seinen Aufenthalt in Compiegne. Dem Kaiser gefällt es hier. Mademoiselle de Montijo ist viel gesucht und umschmeichelt.« Sie befand sich mit ihrer Mutter unter den geladenen Gästen des Kaiserhofs. Aber Napoleon III. dachte bei weitem noch nicht daran, Eugénie de Montijo zu heiraten. Erst als er vergeblich an die Türen aller Höfe geklopft hatte, fiel seine Wahl auf sie, der sein Herz gehörte. Gleichsam als Revanche, daß man ihm nicht eine Infantin gegeben hatte, hielt er um die Hand der entzückenden Spanierin an, die zwar eine Nachkommin der Guzman war, aber einem Thron doch sehr fern stand. In den Hof kreisen wollte man es kaum glauben. Was? Eine Liebesheirat auf dieser Höhe der Macht? Das gab es also auch außerhalb der Märchen- und Feenwelt? Man hatte keinen anderen Gesprächsstoff als dieses außergewöhnliche Ereignis, und jeder wollte nun der erste sein, der die zukünftige Kaiserin in seinem Hause empfing. 43. Halbwelteleganz unter dem Zweiten Kaiserreich. Aquarell von C. Guys. Um 1860 Zu Ehren Eugénies und ihrer Mutter veranstaltete der Herzog von Morny in seinem Palais ein glänzendes Fest. Alles, was es an eleganten Damen der großen Welt in Paris gab, war dazu eingeladen. Aber noch nicht alle wußten von dem Theatercoup, der sich vorbereitete. Und für diejenigen, die ins Geheimnis gezogen worden waren, war es eine amüsante Komödie zu sehen, wie man sich gegen die Damen Montijo verhielt. Einige Marquisen und Herzoginnen, verschiedene Frauen von Gesandten und Diplomaten hatten bereits die Nase gerümpft, als sie erfuhren, daß auch die Gräfin de Montijo mit ihrer Tochter erscheinen würde. Und unter dem vorgehaltenen Fächer tuschelte man sich nicht eben wohlwollende Bemerkungen über die Damen zu. Als dann aber Eugénie de Montijo in einer entzückenden Toilette aus weißem Tüll, mit vollendeter Grazie, natürlicher Anmut und Liebenswürdigkeit erschien, mußten doch alle zugeben, daß sie eine schöne begehrenswerte Frau war. Und am 30. Januar 1853 wurde die Nachkommin der Guzman in Notre Dame mit allem religiösen Pomp und mit dem glanzvollen Prunk des Hofes Kaiserin von Frankreich. Auch das Volk, das diese neue Kaiserin mit Staunen betrachtete, konnte mit Genugtuung feststellen, daß Napoleon III. auserlesenen Geschmack mit der Wahl dieser schönen Frau bewiesen hatte. Sie verstand es vom ersten Tage an, Frankreich und dem Ausland ihre eigene Note in der Kleidung aufzudrücken. Als Braut trug sie ein Kleid aus weißem Seidensamt mit langer Schleppe. Der Rock war mit unzähligen Volants aus kostbaren Alenconer Spitzen besetzt, die Taille über und über mit Diamanten geschmückt. Den Brautschleier, ebenfalls aus Alenconer Spitzen, hielt ein kleiner Kranz Orangenblüten und ein wundervolles Diadem aus Saphiren zusammen. Damals trug sie ihr herrliches goldbraunes Haar hoch aus der Stirn frisiert, und diese reizende Haartracht wurde sofort von allen eleganten Frauen als Modefrisur angenommen. Ohne in der ersten Blüte der Jugend zu stehen, besaß Eugénie die blendende Frische eines ganz jungen Mädchens. Die wundervolle Harmonie der Proportionen ihrer Gestalt und ihres herrlichen, wie aus einer Kamee geschnittenen Gesichts ließen keinerlei Kritik zu. Besonders ihr Profil war tadellos. Ihre Züge besaßen einen ungeheuren Charme. Jede Einzelheit ihres Gesichts trug dazu bei: die wundervoll glänzenden blauen Augen, die damals noch nicht verrieten, daß sie auch hart in die Welt schauen konnten, ein reizender, sehr kleiner, kühn geschwungener Mund, der zarte, fast durchsichtige Teint, Haare, die weder blond noch rot noch braun waren, sondern einen goldenen Schein hatten, den nur sie allein besaß,– kurz: alles an ihr war mit einem seltenen Reiz der Erscheinung verbunden. Besonders ihr liebenswürdiger, heiterer Charakter war bestrickend. Der Kaiser selbst sagte später, als sie seine Frau war: »Keine könnte mir besser gefallen. Sie ist ergeben, sie ist lustig, sie ist gütig und sie ist geistreich.« Freilich schloß das bei ihm nicht aus, daß er ihr oft und ausgiebig untreu war, und sie selbst unterstützte bisweilen seine Seitensprünge, ja sie war oft sogar die Freundin seiner Mätressen. Die Gräfin Walewska, eine geborene Florentinerin, war eine seiner längsten Favoritinnen und die intimste Freundin der Kaiserin, ebenso die Gräfin Labédoyère, die seine Gunst genoß. Mit Eugénies Erhebung auf den Thron des Zweiten Kaiserreichs begann eine Epoche der Eleganz und der Pracht. Feste folgten auf Feste. Man vergötterte sie. Die Pariser lagen dieser schönen, vergnügungssüchtigen jungen Kaiserin zu Füßen. Eugénies Reise in die westlichen Provinzen von Frankreich glich einem Triumphzug. Allen erschien sie äußerst liebenswürdig. Sie verstand es wie keine andere, mit einer graziösen Geste, einem Blick aus ihren hellen Augen die sich um ihre Wagen stauende Menge in der Runde zu grüßen. Jeder fühlte sich persönlich von ihr ausgezeichnet. Wenn sie in Paris ausfuhr, brachte man ihr Blumen über Blumen, so daß ihr Wagen in der ersten Zeit stets aussah, als führe sie zu einem Korso. Sie hatte es in glücklichster Weise verstanden, sich populär zu machen. Überall war man von ihrer Freigebigkeit, ihrer Wohltätigkeit des Lobes voll. Sie gab mit vollen Händen, und noch lange sprach man von dem Opfer, das sie am Tage nach ihrer Hochzeit gebracht habe. Die Stadt Paris hatte ihr ein prachtvolles Diamantenhalsband zum Geschenk überreicht, aber Eugénie hatte es nicht angenommen, sondern den Geldwert dieser Juwelen zur Verteilung unter die Armen bestimmt. Was sie indes nicht hinderte, gleich darauf sich vom Kaiser ein ähnliches Schmuckstück schenken zu lassen, dessen Wert sich auf eine Million Franken bezifferte. Sie wurde nicht müde, philantropische Werke ins Leben zu rufen, Wohltätigkeitsfeste, Bazare zu veranstalten, und die Presse fand kaum Worte genug, diese großzügige Wohltätigkeit der neuen Kaiserin zu loben. Nicht ganz allein zum Zwecke der Wohltätigkeit wurden diese Feste veranstaltet. Sie gaben Eugénie die beste Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Schönheit und Eleganz. Wenn sie zu einem solchen Feste in einer neuen, fabelhaft geschmackvollen Toilette erschien, sprach die ganze Welt von ihr. Diese Bälle und Bazare waren der Rahmen, in dem ihre fremde südliche Schönheit und ihr Charme erst zur vollen Geltung kamen. Nichts war geeigneter, einer schönen Frau und Kaiserin zur Popularität zu verhelfen, aber nichts war auch mehr dazu geschaffen als diese pompös aufgezogenen Bazare, ihrer Verschwendungssucht und Prachtliebe und ihrem Luxusbedürfnis zu frönen. Und sie war nicht die einzige, die dieses Scheins und Glanzes bedurfte. Die Aristokratinnen und Gattinnen der reichen Bankiers und Finanzmänner waren beinahe noch mehr von einer Scheinwelt umgeben, was einen Pariser Historiker zu dem außerordentlich scharfen Tadel herausfordert: »Scheinen und glänzen – das ist das Dasein dieser eleganten Damen, die vor lauter Idealisierungssucht aufgehört haben, Frauen zu sein. Unter den engen, für die Schaustellung geschnürten Korsetts schlägt das Herz nicht mehr; unter dieser matten, weißen Haut kreist das Blut nicht mehr; diese zarten Körper scheinen nicht für die Mutterschaft gemocht, und die Leidenschaft würde sie knicken wie Rohr. Diese in Seide und Spitzen gehüllten Gefallsüchtigen, die in prächtigen Equipagen einherfahren, leben nicht mehr wie andere Menschen; sie sind von einer steten Inszenierung umgeben, und der Dunstkreis, in dem sie leben, ist ebenso berauschend wie künstlich. 44. Kaiserin Eugénie. Ölgemälde von Winterhalter Bei den Abendgesellschaften, wo sie einen Augenblick an der Seite ihres Gatten erscheinen, empfinden sie nicht mal die tiefe Leere, die herzzerreißende Trübsal dieser korrekten, aufgeblasenen Zusammenkünfte, bei denen jede etwas leidenschaftliche Unterhaltung verpönt ist und nur die kalte Konvenienz herrscht, das heißt Vorstellungen, Begrüßungen und Redensarten, die man nach dem mondänen Zeremoniell miteinander austauscht. Ihre einzige geistige Beschäftigung ist in diesen Stunden die Toiletten- und Modenschau der ›schönen Damen‹, die dort gesellschaftlich repräsentieren, das Abschätzen der Diamanten, die sie auf ihren Schultern tragen, um am nächsten Empfangstage einen aktuellen Gesprächsstoff zu haben.« Einen solch ausgiebigen Gesprächsstoff hatten nun die Pariserinnen der großen Welt bei Gelegenheit der Einführung der Damen Montijo bei Hofe und später, als die Kaiserin selbst die Beherrscherin der Eleganz wurde. Der Hof des Zweiten Kaiserreichs gab beinahe dem Ersten an Pracht und Eleganz nichts nach. Aber es ging ungezwungener, lustiger; fröhlicher und weniger zeremoniell zu als am Hofe des Ersten Empire. Eugénie liebte es, besonders in ihrer Glanzzeit, sich mit hübschen, eleganten Frauen zu umgeben, denen Jugend und Anmut, Geschmack, Esprit, Fröhlichkeit, Extravaganz und Koketterie zur Verfügung standen. Ihr unwiderstehlicher persönlicher Zauber gewann nur noch mehr in dieser harmonischen Umgebung und warf doppelte Lichter auf ihre Eleganz, ihre vollerblühte Schönheit und ihre Sonderstellung. Was hatte sie bei einem Vergleich mit den schönsten Frauen ihrer Umgebung zu fürchten? Ihre reizenden Gesichtszüge ließen nichts zu wünschen übrig. Der leuchtende Ausdruck ihrer mandelförmig geschnittenen Augen, der matte Teint, die klassische Schönheit ihres Halses, ihrer Schultern, der Büste, die aus einer Wolke von Tüll oder Musselin hervorschauten, der elastische Gang der Südländerin erweckten allgemeine Bewunderung und hatten kaum eine Rivalin zu fürchten, wenigstens nicht in der ersten Zeit ihres Auftretens, als sie noch nicht die selbstbewußte, gefeierte Schönheit und die alles an sich reißende Herrscherin betonte. Sie war eine der elegantesten Frauen ihrer Zeit, aber die »Erfinderin« der Krinoline ist sie doch nicht gewesen. Im Gegenteil, sie gehörte zu denen, die sie im Jahre 1860 als erste wieder ablegten. Sie hatte sie nur aus ästhetischen Gründen während ihrer Schwangerschaft getragen. Eine ihrer Palastdamen, Madame Carette, spricht in ihren Memoiren über die Krinolinenmode, wie unbequem und unpraktisch sie war, und daß die Kaiserin selbst bald zur Einsicht gekommen sei, sie wieder abzuschaffen. »Die Menge Stoff, die einen von allen Seiten umgab, erschwerte das Gehen, zumal die enge Taille in der Mitte dieser Masse wie losgelöst von dem übrigen Körper schien. Es war beinahe unmöglich, sich zu setzen, ohne daß die stählernen Reifen sich verschoben. Wenn die Damen im Wagen zu einer Gesellschaft, zu einem Ball, in die Oper etc. fuhren, mußten nicht nur sie die größte Behutsamkeit anwenden, um die kostbaren Spitzen und Blumen, die Tüll- und Chiffonfalbeln, die Schleifen und Bänder nicht zu zerdrücken, sondern auch der Kutscher mußte sehr vorsichtig fahren, um jedes Durcheinanderrütteln sorgsam zu vermeiden. Die Herren durften nur den bescheidensten Platz im Wagen einnehmen und hatten die größte Mühe, der so bereiften und bebauschten Schönheit beim Aussteigen den Arm zu bieten.« Zu Anfang des Zweiten Kaiserreichs blieb die Mode ungefähr die gleiche wie 1850. Die Röcke wurden etwas bauschiger. Man trug Korsagen à la Vierge, à la Pompadour, à la Watteau mit Garnituren von Spitzen, Samt, Blumen, Bandrüschen, was äußerst graziös wirkte. Die Nuancierung der Farben und Stoffe ging ins Unendliche. Die Modetöne hießen »Teba«, »Glimmersteingelb«, »Sonnengelb«, »Maikäferbraun«, »verblühte Rose«, ein ganz mattes Grau und Grün waren sehr beliebt. Für Abendkleider wählte man am liebsten einen antikrosa oder antikblauen Moiré mit Seidenfransen, echten Spitzen oder weißem Straußfederbesatz garniert. Die Kleider waren noch mäßig weit und noch nicht überladen. Die Mode ähnelte in den ersten Jahren eher der Mode des Konsulats, »erst in der zweiten Periode der Regierung Napoleons III.«, sagt Uzanne, »erschien die schreckliche Krinoline, zum Erstaunen aller Französinnen, die das Lächerliche dieser unglaublichen Mode wohl fühlten.« Zu den auffallendsten und elegantesten Frauen der Umgebung der Kaiserin gehörte die Gräfin de Castiglione, eine wunderschöne Florentinerin. Sie hatte den Grafen de Castiglione, Kabinettchef und ersten Stallmeister des Königs Viktor Emanuel, geheiratet. Nachdem sie ihn ruiniert hatte, ließ sie sich nach zweijähriger Ehe wieder von ihm scheiden. Virginie de Castiglione kam eigentlich in einer Art diplomatischer Mission an den Hof Napoleons III. Sie war die Mätresse Viktor Emanuels, und Cavour glaubte, nicht zu Unrecht, ihre provozierende Schönheit und ihr galanter Ruf würden auf den für Frauenschönheit sehr empfänglichen Napoleon III. und seine Minister großen Eindruck machen. Madame de Castiglione sollte mit ihrer Intelligenz, ihrem anschmiegenden und gleichzeitig dominierenden Charakter den Einfluß der führenden Männer gewinnen und Cavours Diplomatie mit Frankreich unterstützen. Ihr ging der Ruf einer überaus faszinierenden Persönlichkeit voraus. Alle Zeitungen waren voll von ihr und ihrem mondänen Leben, ihren Kapricen und Extravaganzen. Sie hatte ihren Mann nie geliebt und sich mit vielen anderen getröstet. Einer der ersten war der König von Italien gewesen, obwohl er weder so jung noch so gutaussehend wie ihr Gatte war, noch irgend etwas Verführerisches in seinem Benehmen gegen Frauen besaß. Aber er war sinnlich und energisch, und beides fehlte dem jungen Grafen de Castiglione. Vergebens umgab er seine Frau mit dem größten Luxus in seinem Schloß bei Turin, vergebens stürzte ersieh in die wahnsinnigste Verschwendung, um ihre Launen zu befriedigen und ihr Leben zu verschönen. Sein Lohn ihrerseits war kalte Abweisung und ein verächtliches Lächeln. Viktor Emanuel im Gegenteil verwöhnte sie nicht. Er glänzte weder durch Eleganz, noch durch Takt, noch durch ein besonders geselliges Wesen. Er haßte alle Gesellschaften und langweilte sich tödlich auf Bällen. Die Jagd, Manöver, Paraden und die gröberen sinnlichen Vergnügungen vermochten ihn allein zu interessieren. Der Volkswitz behauptete: »Kein Monarch hat es besser verstanden als Viktor Emanuel, sich zum Vater seiner Untertanen zu machen.« Als er der Gast am Hofe Napoleons III. war, amüsierte er durch seine groben Spaße und Andeutungen aufs höchste die Herren und trieb den Damen, die gerade zu jener Zeit gewiß nicht prüde waren, die Schamröte ins Gesicht. Eine sehr geistreiche Frau in der Umgebung der Kaiserin Eugénie, die Gräfin Damrémont, schildert in köstlicher Weise die ungeschickten Zudringlichkeiten dieses italienischen Soldatenkönigs gegenüber den jungen Prinzessinnen und Damen des Kaiserhofs. Gleichzeitig werfen ihre Bemerkungen interessante Streiflichter auf die lockeren Sitten des Hofes und die frivolen Unterhaltungen, die sich ein Herr den Damen gegenüber gestatten konnte. In einem Briefe an den französischen Gesandten Thouvenet erzählt sie, wie Viktor Emanuel eines Tages der Kaiserin Eugénie eine Schmeichelei über ihre verführerische Person habe sagen wollen und nichts anderes fand als: »Eure Majestät lassen mich Tantalusqualen erleiden.« Und der Prinzessin Mathilde erklärte er ohne Umschweife, sie übe einen seltsamen Reiz auf ihn aus; er wünsche daher bei ihr hinter verschlossenen Türen empfangen zu werden; die offenen Türflügel störten ihn außerordentlich. Ein andermal bemerkte er im Salon eine Hofdame, Madame de Malaret, knüpfte mit ihr eine sehr laute Unterhaltung an und erzählte ihr, daß es alle im Umkreise hören konnten, er liebe die Französinnen hauptsächlich deshalb, weil sie keine Beinkleider wie die Turiner Damen trügen. 45. Im Salon der Opernloge. Kolorierter Stahlstich von Calix. 1865 Welchen Eindruck konnte ein solcher »Galantuomo« auf die Frauen machen? Die Gräfin de Castiglione fragte nicht danach. Er war König, das genügte ihr. Seine Bemerkung über die Französinnen stimmte übrigens. Dieses weibliche Wäschestück hatte sich um diese Zeit noch nicht zum »erotischen Luxusartikel« entwickelt, obwohl es von der vornehmen Welt um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die Damenmode aufgenommen worden war, besonders in England. Aber nicht alle Frauen trugen es. Man fand Beinkleider zu ungraziös, was ja tatsächlich auch die damals bis zum Knöchel reichenden unten eng zusammengezogenen Hosen waren. Erst das Ende des 19. Jahrhunderts zeitigte jene entzückenden koketten und kecken duftigen Spitzengebilde, die die elegante Frau zur Erhöhung des Reizes ihrer Körperformen anlegt und die in immer hauchdünnerem Stoff und immer kürzeren Formen im 20. Jahrhundert ihre Triumphe höchster Eleganz feiern. Die niedlichen Hemdhöschen aus Batist, Crêpe de Chine, Crêpe lavable oder Crêpe satin der modernen Frau haben, Gott sei Dank, keine Ähnlichkeit mehr mit den für das weibliche Bein so unvorteilhaften engen Röhren, die die eleganten Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu ihren Wäschestücken zählten, und an die sich – wie es scheint mit Unbehagen – auch der König von Italien erinnerte. Als die Gräfin de Castiglione nach Paris kam, war man höchst begierig, diese italienische Schönheit kennen zu lernen. Sie war beim auswärtigen Gesandten, dem Grafen Walewski und dessen Frau, auch einer Florentinerin, abgestiegen. Kaum war sie da, als der ganze französische Adel sich bei ihr eintragen ließ. Sie konnte sich vor Einladungen kaum retten. Zufällig fand gerade in den Tuilerien ein offizieller Ball statt, zu dem sie gebeten wurde zu erscheinen. Sie hätte sich keinen besseren Rahmen für das erste Auftreten in der Pariser Hofgesellschaft wünschen können. Absichtlich kam sie sehr spät, um aufzufallen. Als sie gemeldet wurde, bemächtigte sich der ganzen glänzenden Gesellschaft eine derartig aufgeregte Neugier, daß beim Eintritt der Gräfin in den Festsaal die tanzenden Paare innehielten und die Musik abbrach. Allgemeine Bewunderung empfing sie. Die Kaiserin, die mit dem Kaiser tanzte, ging auf sie zu und führte sie zu einem Sessel. Napoleon bat sofort den Herzog Ernst von Sachsen-Koburg, mit der Kaiserin zu tanzen, während er die Gräfin Castiglione zu einem Walzer aufforderte und unter den Straußschen Klängen mit ihr dahinschwebte. Aller Augen waren auf das Paar gerichtet. Der Erfolg der jungen Schönheit war vollständig. Ihr Erscheinen am Hofe wurde das Ereignis der Woche. Und jeden Tag gewann die interessante Fremde mehr Boden. Aber sie war sich auch ihres Triumphes bewußt. Ihre kostbare Person beschäftigte sie unaufhörlich, besonders wenn sie die Blicke der Männer auf sich gerichtet wußte. Immer hatte sie etwas an sich zurechtzurücken, zu zupfen, eine Locke aufzustecken, eine gelockerte Schleife zu befestigen, die tausend Falbeln ihres Kleides zu ordnen, sich zu pudern und in den Spiegel zu schauen. »Wenn sie in ihren fabelhaften Toiletten erschien und der Ballsaal gestopft voll Menschen war, stieg man auf die Stühle, um sie zu bewundern«, berichtet die Gräfin Stephanie Tascher de la Pagerie. Einmal in London, zur Ausstellung, war sie in der Oper so zauberhaft angezogen, daß die Leute auf die Sitze und Balkonrampen stiegen, um sie in ihrer Loge zu betrachten. An ihr war alles vollkommen. Von ihrem herrlichen dunklen Haar angefangen bis zu den entzückenden Füßen, die sie ebenso pflegte wie ihre reizenden schmalen Hände. Außerdem war sie ganz sie selbst. Sie ahmte nichts und niemand nach. Stets war sie individuell gekleidet, nur darauf bedacht, die ihr von der Natur so reich gewährten Gaben noch zu erhöhen und zu verschönen. Ihre immer wieder neuen Frisuren waren berühmt. Sie hatte die Mode eingeführt, lange Straußenfedern wie einen Kranz um die Coiffure zu legen, was ihre Gestalt höher erscheinen ließ und ihr ein wahrhaft königliches Äußere verlieh. Darüber geriet sie sogar ein wenig in Streit mit der Kaiserin, die in ihrer Kleidung und in ihren Frisuren mehr konservativ blieb. Die Frisuren zwischen 1850 und 1870 sind überhaupt ein Kapitel für sich. An Kompliziertheit und Verwendung von unechtem Beiwerk geben sie beinahe den turmhohen Gebäuden des 18. Jahrhunderts nichts nach, außer daß man die falschen Locken nicht so hoch aufbaute, sondern sie mehr an den Seiten, im Nacken und als Chignon anbrachte. Aber falsch war das meiste an den Coiffuren der Damen des 19. Jahrhunderts auch. Sie waren indes nicht so unkleidsam, wie ein sonst ausgezeichnet unterrichteter Zeitgenosse jammert: »O, die fürchterlichen über die Schultern fallenden Frisuren!« ruft er aus. »Sie hatten, um mit den mondänen Loretten der Zeit zu reden, verteufelt viel Schick. Jetzt aber, aus der Ferne betrachtet, mit unserm modernen Geschmack (das heißt mit dem Geschmack von 1900), welcher Reinfall! Diese aufgelösten Haare flatterten um den Kopf herum; zum großen Teil waren sie falsch, nur angesteckt, von scharfen Bleich- und Färbemitteln verbrannt, vom Onduliereisen versengt, vom Ammoniak ausgetrocknet. Diese toten, künstlichen Haare, die als Chignon oder krause Locken unter den Samttoques hervorquollen, waren schon das allerscheußlichste Ding von der Welt. Niemals bot eine dekadente Epoche uns etwas Groteskeres ... Die Frauen schienen geradezu Vergnügen daran zu finden, sich als Karikaturen herauszustaffieren ... und je mehr eine Dame in ihrer Kleidung Zusammenhangslosigkeit, Verrücktheit, Unwahrscheinlichkeit bewies, desto mehr hatte sie Aussicht, als Modekönigin proklamiert zu werden ... Mit den auf dem Wirbel des Kopfes aufgezwirbelten Zöpfen und Tuffs, den in den Nacken oder über die Schultern fallenden Schlangenlocken, den in Reihen geflochtenen Zöpfen, ondulierten Schmachtlocken und Zimpelfransen, die bald bis in die Augen hingen, hatten die Gesichter der Frauen nichts von jener Anmut an sich, die nur eine natürliche Frisur verleiht. Alles war falsch, theatralisch, geschmacklos. Oft, wenn sie zu diesen Haarwülsten oder Haarkaskaden noch einen kleinen, wie eine Bonbonniere geformten Toque hinzufügten, und wenn sie in ihren kurzen Kleidern in schreienden Farben, vielleicht gerade in den Modefarben eines Rennstalls, mit Sonnenschirmen, Schmucksachen und allen möglichen Uhr- und anderen Gehängen von Gold einhergingen, so muß man schon gestehen, daß die Frauen alle wie kostümierte Affen aussahen, die man gerade zu einer Affenmaskerade losgelassen hatte.« 46. Mädchenakt. Gemälde von Auguste Renoir. Paris, um 1870 Dieser etwas bissige Berichterstatter mag vom Standpunkt des modernen Geschmacks recht haben. Er vergißt indes, daß jede Mode, und ist sie auch noch so komisch, noch so grotesk, noch so unpraktisch und unvorteilhaft, zu ihrer Zeit ihren Reiz hat und als schön und kleidsam empfunden wird. Und besieht man sich die Schönheitsgalerie der Frauen des Zweiten Kaiserreichs, so kann man nicht sagen, daß sie »wie angeputzte Affen« aussehen. Madame de Castiglione übrigens war der Mode immer um einige Jahre voraus. Sie hielt sich weder streng an falsche Locken noch an Fischbeinpanzer und Reifrock, die eine Dame des Zweiten Kaiserreichs zu den absolut nötigen Requisiten ihrer Garderobe zählte. Das Mieder, das mit seinen tausend Möglichkeiten beim An- und Auskleiden in den Nuancen der Erotik der Frau ein so bedeutender Faktor war, spielte bei der Gräfin de Castiglione eine sehr geringe Rolle. Sie besaß andere Mittel, erotisch auf die Männer zu wirken, und brauchte dazu weder Krinoline noch Fischbeinpanzer. Im allgemeinen trug sie, wie viele andere elegante Frauen, ein Roßhaarpolster über den Hüften, so daß das Kleid nur an dieser Stelle gebauscht war und sonst in weichen Falten herabfiel. Ihre straffe, wundervoll geformte Büste bedurfte keiner Stütze. Am Abend erschien sie in tief ausgeschnittenen Kleidern, die die Schultern, den ganzen Rücken und die Brüste freiließen. Damit gewann sie wohl die Zustimmung und offene Bewunderung der Männer, aber die Damen, die sich ein so tiefes Dekolleté nicht leisten konnten, waren chokiert. Sie wählte zarte, weiche, anschmiegende Stoffe, unter denen ihre herrlichen Formen zur Geltung kamen. Die Krinoline trug sie nur, wenn sie bei Hofe vorschriftsmäßig erscheinen mußte. Den größten Triumph aber feierte ihre kühne Phantasie auf den damals sehr beliebten Kostüm- und Maskenbällen. Dann konnte sie die wundervolle Plastik ihres Körpers in aller Freiheit sehen lassen. Einmal erschien sie auf einem solchen Fest in Compiègne als Salambo in einem völlig durchsichtigen Musselingewand ohne andere Unterkleidung als einen seidenen Trikot. Und ein andermal als »Herzdame«. Ihr dunkles Haar war aufgelöst und fiel über den nahezu nackten Oberkörper bis in die Kniekehlen herab. Überall auf ihrem Kostüm waren Herzen angebracht. Eins sogar unterhalb des Gürtels. Als Kaiserin Eugénie sie wegen dieses originellen Kostüms beglückwünschte, meinte sie etwas ironisch: »Das Herz ist etwas tiefgerutscht.« Man sprach noch lange in den Hofkreisen von diesem gewagten Kostüm der schönen Gräfin, und der Klatsch nahm kein Ende. Der scharfzüngige Viel Castel berichtet über dieses Aufsehen erregende Gewand: »Gestern abend war ein schöner Kostümball beim Minister des Auswärtigen. Der Kaiser erschien dort im Domino und hatte an seinem Inkognito viel Spaß. Aber sein langsamer, linkischer Gang und die Gewohnheit, während des Sprechens seinen Schnurrbart auszuziehen, machten ihn leicht erkenntlich. Die Gräfin Castiglione, von der jedermann sagt, daß sie mit dem Kaiser sehr intim sei, hatte das phantastischste, kühnste Kostüm gewählt, das sich erinnern läßt. Der Stil des Kostüms war halb Louis XV., halb modern: »Herzdame«! Die über dem Unterrock geschürzten Röcke und das Leibchen waren von Ketten umschlungen, die aus großen Herzen bestanden. Das wunderbare Haar der Gräfin umrieselte Schläfen und Stirn und fiel in Kaskaden auf Hals und Schultern herab. Das Kostüm, strahlend von Gold, war prächtig. Etliche gute Dummköpfe bewunderten das Talent der Gräfin, daß sie mit ihren 50 000 Franken Rente einen solchen Luxus bestreiten könnte. Die Wissenden aber murmelten: ›Es gibt nur einen Kaiser, und die Castiglione ist sein Prophet.‹ Mehr als eine Dame der Gesellschaft platzte vor Neid über die Eleganz und die Schönheit der Gräfin. Die unparteiischen Männer hingegen dachten nur eins, was sie aber nicht sagen konnten: ›Ich möchte an des Kaisers Stelle sein.‹ Was die Gräfin betrifft, so trug sie ihre Schönheit mit einer gewissen Ungeniertheit und stellte reichliche Proben davon zur Schau. Man konnte eigentlich gar nicht mehr sagen, daß sie dekolletiert war. Man konnte nur die Nacktheit ihres Busens attestieren, den ein Zephirschleier höchst unzulänglich umhüllte. Das Auge verfolgte den Umriß und die geringsten Einzelheiten, und die Partie endlich, die der Schleier völlig im Stich ließ, erstreckte sich bis in die untersten Regionen. Die stolze Gräfin trug kein Korsett. Sie würde bereitwilligst einem Phidias – falls sich heute einer fände – Modell stehen mit nichts anderem geschmückt als mit ihrer Schönheit. Ihre Büste ist wirklich bewunderungswürdig. Ihre Brust strebt stolz in die Höhe wie die der jungen maurischen Mädchen und zeigt kein Fältchen. Diese beiden Halbkugeln scheinen der gesamten Frauenwelt eine Herausforderung zuzuschleudern. Die Castiglione ist eine Buhlerin von der Art der Aspasia, stolz auf ihre Schönheit, die sie nur so weit verhüllt, als es unbedingt nötig ist, um in einem Salon Zutritt zu haben. Ein Herr sagte gestern zu ihr, als er ihre tiefdekolletierte Büste anstarrte: ›Geben Sie acht, Gräfin, auf die beiden hochmütigen Rebellen in ihrer Korsage. Gleich werden die Männer ihre Gewänder abwerfen.‹« – Das war mehr als gewagt, aber es mißfiel der Gräfin de Castiglione nicht. Die Damen waren an einen derartigen Ton gewöhnt. Vielleicht hätte es weniger Aufwand und weniger Herausforderung bedurft, um die Sinne Napoleons III. zu entflammen. Die Schönheit Madame de Castigliones allein hätte ihn angezogen. Und obwohl sie sich selbst mit lebhaften Worten verteidigt, der Kaiserin niemals Veranlassung zur Eifersucht gegeben zu haben, so war sie doch in Wirklichkeit nicht so diskret, daß man nicht auf eine ziemlich intime Freundschaft zu Napoleon III. schließen konnte. »Meine Mutter war dumm.« sagte sie einmal zu einer Freundin; »wenn sie, anstatt mich mit Castiglione zusammenzubringen, die gute Idee gehabt hätte, mich ein paar Jahre früher nach Frankreich zu schicken, so würde jetzt nicht eine Spanierin, sondern eine Italienerin in den Tuilerien regieren.« »Eine schöne Gräfin«, schrieb Cavour an Luigi Cibrario, den auswärtigen Gesandten, »ist zur piemontesischen Diplomatie hinzugezogen worden. Ich habe sie aufgefordert, mit dem Kaiser zu kokettieren und, wenn es sein muß, ihn zu verführen. Wenn sie Erfolg hat, habe ich ihr versprochen, daß ich ihrem Bruder den Posten als Gesandtschaftssekretär in Petersburg verschaffe. – Gestern, im Konzert in den Tuilerien, hat sie ihre Rolle ganz geheim angetreten.« Und in Compiegne scheint die reizende Nicchia, wie ihre Freunde sie nannten, diese Rolle dann weitergeführt und zu Ende gespielt zu haben. Sie selbst schrieb später, am Ende ihrer Tage, an den Rand ihres Testaments, daß man ihr als Sterbekleid das spitzenbesetzte Nachthemd anziehen möchte, das sie einst in jener Nacht in Compiègne im Jahre 1857 getragen hätte, da Napoleon III. sie zum ersten Male im geheimen ins Schloß einlud. Nicht zum ersten Male hing das Geschick der Staaten von einem Frauenstrumpfband oder von einem noch intimeren Kleidungsstück ab. Wie weit die Gräfin Castiglione den französischen Kaiser in seiner Politik beeinflußte, ist nicht mit Bestimmtheit festzusetzen. Sichereres weiß man über die Herrschaft, die sie über sein Herz und seine Sinne ausübte. Er besuchte sie oft in ihrer sehr versteckt gelegenen Wohnung in der Rue de la Pompe. Diese Wohnung besaß einen doppelten Ausgang, eine geheime Wendeltreppe. Ein mysteriöses Etwas, das von diesem Heim einer koketten Frau ausging, schien eigens für zärtliche Zusammenkünfte geschaffen zu sein. Man klopfte oder läutete leise. Ein Fensterchen in der Eingangstüre wurde vorsichtig geöffnet. Wer ist da? – Der Herr und Meister! – Ein schwacher Lichtstreifen deutet die Richtung nach dem Boudoir der Gräfin an. Der hohe Besucher folgt diesem Schein, und nach zwei oder drei Stunden verläßt er unter demselben Zeremoniell die mysteriöse Wohnung seiner Freundin. Gewöhnlich sprach Napoleon nicht über seine persönlichen Erlebnisse, obwohl er in bezug auf vorübergehende galante Abenteuer nicht gerade diskret war. Alle jungen Frauen an seinem Hofe hatten es auf ihn abgesehen und machten ihm Avancen. Man wußte meist sehr rasch, welche im Augenblick seine Geliebte war. Aber derartige private Ausflüge zu seinen Mätressen, wie zur Gräfin de Castiglione, wurden streng geheim gehalten. Meist war er auf diesen Wegen von einem Geheimpolizisten, der über seine Person zu wachen hatte, in einer gewissen Entfernung begleitet. Dennoch setzte er sich oft gefährlichen Lagen aus und wäre auch beinahe einmal nach einem Rendezvous bei der Gräfin Castiglione ermordet worden. Er hatte sich inkognito in seinem kleinen Kupee, ohne Lakai, nur mit seinem Leibkutscher zu ihr begeben und befand sich um drei Uhr morgens auf dem Nachhauseweg. Als der Wagen das Haus der Gräfin verlassen hatte, sah sich der Kaiser plötzlich von drei bewaffneten Leuten angegriffen. Der Kutscher riß indes die Pferde herum. Sie stürmten wild davon und rissen die drei Attentäter zu Boden, so daß der Kaiser in rasender Fahrt unversehrt die Tuilerien erreichte. Als die Gräfin ihr Haus in der Rue de Castiglione bezog, besuchte Napoleon III. sie auch dort. Ihre Privatgemächer besaßen eine mechanische Vorrichtung, eine Art Drehtür, die die eintretende Person völlig den Blicken der Neugierigen entzog. Und so konnte auch der Kaiser, wenn er bei seiner Mätresse erschien, von zufälligen Augenzeugen nicht gesehen werden, ebensowenig wie die anderen Bewunderer, die sie in großer Zahl bei sich empfing. Nie waren ihr Herz und ihre Sinne unbeschäftigt. Sie hatte viele Liebhaber, und alle Welt wußte es, nur der Kaiser nicht. Eine Laune, ein Wunsch, vielleicht auch nur die Sucht nach Abwechslung ließ sie von einem Genuß zum anderen taumeln. Oft waren es nur Erlebnisse von einer Nacht, ein paar Stunden des Rausches. Und nicht immer gab sie Liebe um Liebe oder Leidenschaft um Leidenschaft. Viele mußten ein Tête-à-tête mit der schönen kapriziösen Frau teuer bezahlen. Der Prinz Napoleon erzählte seiner Schwester, der Prinzessin Mathilde, daß der reiche Lord Hertford die Gunst einer Nacht der tollen Gräfin für eine Million Franken abgekauft habe. Hertford selbst hatte es ihm erzählt und ihm eine Empfangsbestätigung von der Castiglione gezeigt, die er sich hatte geben lassen. Allerdings ein fabelhafter Kavalier, dieser Lord Hertford! Aber es scheint nicht, daß man der schönen Nicchia am Hofe diese Freiheiten übelgenommen hat. Sie hatte sich die Umgebung des Kaisers wie ihn selbst erobert. Sogar Eugénie, die sie nicht gerade liebte, empfing sie zu ihren Montagsgesellschaften, und bei der Prinzessin Mathilde war sie persona grata. Mathilde Bonaparte lud sie zu allen Soiréen, Diners und Konzerten ein. 47. Das Bad. Kohlezeichnung von Edgar Degas. Paris, um 1890 Man nahm die Gräfin Castiglione so wie sie war, mit ihrem fremdländischen Charme, ihrer Ungebundenheit, ihren Extravaganzen. Ihre unglaublich freien Allüren, ihre exzentrischen Toiletten, die unerwarteten Ausbrüche ihres Temperaments, das immer bereit war, die Zuschauer irgendwie zu verblüffen, konnten gleichzeitig sehr verletzend und ungeheuer anziehend und verführerisch wirken. Wenn es ihr einfiel, verschwand sie plötzlich von einem Fest, um den Schwarm ihrer Bewunderer loszuwerden. Und wenn sich die Anwesenden fragten, »wo mag sie denn hin verschwunden sein?« erschien sie plötzlich wieder, wie hergezaubert, in einer ganz anderen Toilette, mit Blumen und Diamanten geschmückt, noch provozierender, noch faszinierender und tausendmal mehr von den Frauen beneidet als vorher. Ihre exzentrischen Launen bildeten das Tagesgespräch von Paris. Eines Tages fiel es ihr ein, genau wie eine der berühmten »Grandes Cocottes«, die Wände ihres Salons und ihres Schlafzimmers ganz mit schwarzer Seide bespannen und auch die Möbel, das Bett etc. mit schwarzem Taffet überziehen zu lassen. Darauf empfing sie einige ihrer Verehrer in diesem wie zu einer Totenfeier hergerichteten Appartement. Sie selbst erschien in einem zarten, durchsichtigen, weißen Musselinkleid ohne Blumen, ohne Diamanten. Der Kontrast war sinnverwirrend und hatte die Wirkung, die sie wünschte. Man sprach tagelang von dieser neuen Kaprice der Gräfin de Castiglione. Ein andermal, im Winter, als sie mit ihrem neuen Favoriten Nieuwerkerke, den sie der Prinzessin Mathilde auszuspannen gedachte, den Tee in ihrem Salon nahm, kam sie auf den Gedanken, sich mit ihm am Heiligabend um Mitternacht auf dem Dache des Louvre ein Rendezvous zu geben, um die Weihnachtsglocken läuten zu hören. Nieuwerkerke, der Generalintendant der Schönen Künste, liebte derartige Extravaganzen und ging darauf ein. Sie war pünktlich zur Stelle, und um Mitternacht konnten die Pariser sie mit dem Herrn Intendanten im Mondlicht auf dem Dache des Louvre wandeln sehen. Sie leistete sich noch viele andere derartige Stückchen. Auch ihr früherer Gatte konnte davon erzählen. Als sie eines Tages mit ihm seine Mutter besuchen sollte, die sie wie die Pest haßte, wollte sie durchaus nicht seinem Wunsche nachkommen, bis er sie zwang, in den Wagen zu steigen, weil ein Besuch der Schwiegermutter absolut nötig war. Sie gab nach, aber auf einer Brücke zog sie sich plötzlich die Schuhe aus und warf sie in den Fluß. »Jetzt«, sagte sie zu ihrem Mann, »kannst du mich nicht zu deiner Mutter mitnehmen, denn ich kann doch nicht in Strümpfen vor ihr erscheinen.« Sie hatte ihren Willen durchgesetzt. Das Prestige ihrer körperlichen Schönheit trieb sie bisweilen zu Überspanntheiten, die sie selbst im Krankenzimmer nicht verließen. Der Doktor Arnal, ein alter, ehrwürdiger Herr, war ihr Hausarzt und gleichzeitig der Arzt der Kaiserin. Eines Tages fühlte sich die Gräfin de Castiglione auf einer Badereise in Le Havre ernstlich krank und ließ sofort den berühmten Mediziner aus Paris rufen. Er traf in größter Eile ein und begab sich sogleich in das Hotel, wo die Gräfin abgestiegen war. Aber zu seinem Erstaunen wurde er nicht empfangen. Man bat ihn wiederzukommen. Er tat es, wurde aber wieder abgewiesen mit den Worten, die Frau Gräfin sei noch nicht in der Lage, seinen Besuch anzunehmen. Und Stunde um Stunde verrann. Endlich bekam er die Kranke zu sehen, die es so eilig gehabt hatte, ihn herbeizurufen. Um 9 Uhr früh war er bereits eingetroffen, aber erst um 2 Uhr nachmittags gestattete ihm die Gräfin, das Krankenzimmer zu betreten. Welche Überraschung bot sich ihm! Das Zimmer war angefüllt mit den herrlichsten Blumen, der ganze Fußboden, das Bett, die Sessel, das Sofa waren mit Rosen übersät. Die Kranke selbst lag herrlich geschmückt, mit Diamanten im Haar, an den Armen und um den Hals, in ihren spitzen besetzten Seidenkissen, bleich und vom Fieber geschüttelt. Die Vorbereitungen zu diesem Empfang hatten mehrere Stunden in Anspruch genommen. Und doch hatte sie sicher nicht die Absicht, den alten, nichts weniger als begehrenswerten Mann mit ihren Reizen zu verführen. Nur eine Laune hatte die kapriziöse Dame verleitet, sich als interessante und schöne Kranke den Blicken des Mannes zu zeigen. Der Ruf ihrer Schönheit und Eleganz sollte auch auf dem Krankenlager nichts an seiner Stärke einbüßen. Das Alter überraschte sie früher, als sie gedacht hatte. Die Hauptstärke ihrer Anziehungskraft, die unvergleichliche physische Schönheit war dahin, zwar nicht mit einem Hauch, denn auch nach dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs, im Jahre 1871, war sie noch eine ziemlich schöne Frau, immerhin war ihre Glanzzeit vorbei. Mit 35 Jahren schon war sie nur noch ein Schatten von dem, was sie gewesen. Italienerinnen altern schnell. Sie hatte gehofft, wie Ninon de Lenclos, den Jahren und dem Verfall Einhalt gebieten zu können. Sie hatte sich getäuscht. Ihr wundervolles braunes Haar wurde frühzeitig grau und spärlich, die Perlenzähne wurden schadhaft, ihre Figur nahm Rundungen an, die die klassischen Linien beeinträchtigten, das entzückende Oval des Gesichts entstellte ein Unterkinn. Mehr als eine andere Frau ihres Alters hatte sie sich über die eintretenden Alterserscheinungen zu beklagen. Die Zeit nagte unbarmherzig und verheerend an ihr. Aber diese große Kokette, diese blendendschöne Frau wollte und konnte es nicht ertragen, daß sie nicht mehr die Löwin der Salons sein, daß andere, jüngere, ihren Platz einnehmen sollten. Und sie faßte den Entschluß, sich ganz vom mondänen Leben zurückzuziehen. Sie verschloß sich in ihr Heim. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie jeden Tag etwas mehr von ihrer Schönheit einbüßte, sie, die Siegerin von gestern, und daß sie ohnmächtig gegen den Verfall jenes in ihrem Körper verwirklichten Frauenideals sei. Alle Schönheitsmittel halfen ihr nicht darüber hinweg, daß ihre Rolle ausgespielt war. Sie wollte nicht die Erfahrung aller alternden Schönheiten machen: daß die Augen der Männer und Frauen ironisch und grausam den Fortschritt der Zerstörung ihres Körpers beobachteten. Sie zog sich zurück. Und sie wurde vergessen in dem Trubel der Gesellschaft. In Paris erinnerte man sich zwar ab und zu noch ihres Namens, ihrer Extravaganzen und ihrer fabelhaften Eleganz. Aber bald breitete die Zeit ihre Schatten über sie, bis auch die letzte Erinnerung an sie erlosch und es ganz still um sie wurde.   An Extravaganz am Hofe kam der schönen Nicchia nur die Gräfin Pauline Metternich gleich. Wie die Castiglione war auch sie eine Fremde, aber eine Wienerin. Sie besaß das fröhliche Naturell und die große Anpassungsfähigkeit ihrer Landsleute. Schon vom ersten Tage an am Hofe wußte sie, welcher Geist die Gesellschaft beherrschte, in der sie zu leben hatte. Es war ein Milieu der Jugend, der Sorglosigkeit, der Frivolität, des Luxus und der Verschwendung, das ihr außerordentlich zusagte. Und sie ließ ihrem Temperament alle Zügel schießen. Gleich anfangs paßte sie sich dem Tone an, der in dieser leichtfertigen Gesellschaft herrschte; sehr bald aber war sie die Führerin und übertraf alle anderen an Esprit und Schlagfertigkeit. Sie hatte immer eine Schar junger Männer und Frauen um sich. Alles, was sie tat, wurde tonangebend. Die Eleganz ihrer Kleidung, die Eigenart ihres Charakters, ihre schlagfertigen Antworten, die Bonmots, die jeden Augenblick von ihren Lippen kamen, alles wurde Mode. Nichts, was sie tat, ging unbemerkt vorüber. Auf den Promenaden und Boulevards kannte man die mit sechs Rassepferden bespannte Equipage der jungen Gesandtengattin ebensogut wie die Wagen der Kaiserin. Sie war der Arbiter der Mode, die »Maitresse de plaisir« aller mondänen Veranstaltungen. Ihre Jugend, ihr heiteres Temperament, ihr ausgesucht guter Geschmack, ihre gesellschaftliche Gewandtheit, alles prädestinierte sie zu einer solchen Sonderstellung. Sie war zwar nicht schön, Viel Castel nennt sie geradezu häßlich, aber ihre ganze Persönlichkeit umgab ein unwiderstehlicher Reiz des Frischen, Ungezwungenen, und sie verstand es, ihre Person in das richtige Licht zu setzen. Die großen dunklen Augen und die blonden Haare verliehen ihrem beweglichen und klugen Gesicht etwas sehr Pikantes. Zu dieser Lebhaftigkeit kam ein sehr vornehmes, aristokratisches Äußere. Sie war sehr schlank, ziemlich groß. In ihren Bewegungen lag jene selbstverständliche mondäne Nonchalance, die nur Geburt und Milieu verleihen. Keineswegs war ihre Lebensart den »Loretten niedrigster Kategorie abgeguckt«. Sie war nur für die damalige Zeit etwas exzentrisch, rauchte viel und liebte es, in Gesellschaft von Männern ein Glas Champagner zu trinken, der ihren sprudelnden Geist noch mehr belebte. In Paris und in Compiègne war sie die Veranstalterin fast aller Theateraufführungen, und immer hatte sie neue Ideen für ihre Vorstellungen. »Der Hof amüsiert sich in Compiègne«, schreibt Viel Castel im Dezember 1863 ... »Die Herzogin de la Pagerie stellt dort, wie alle Jahre, lebende Bilder. Das junge Volk befaßt sich mit der Aufführung von Charaden, und die Fürstin Metternich, das kleine, quecksilberne Ungeheuer, arrangiert Ballettänze.« Auch mit Spiritismus beschäftigten sich die Damen des Zweiten Kaiserreichs eingehend. Die Politik Frankreichs und der Welt kümmerte sie wenig, dafür um so mehr, sagt ein Zeitgenosse, »das Tischrücken durch Auflegen der Hände. Es ist augenblicklich die einzige Sorge der Pariser.« In allen Salons der »Löwinnen« des Zweiten Kaiserreichs, auch in dem der Fürstin Metternich, fanden spiritistische Abende statt, und man erhielt dazu schöne gedruckte Einladungen. Bald bildete sich eine ganze Gesellschaft von Geisterbeschwörern. In einem gemieteten Lokal im Palais Royal kamen sie zusammen und besaßen sogar eine eigene Zeitung. Viele elegante Frauen der Hof- und hohen Adelsgesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren von einem wahren Fieber des Tischrückens und der Geisterzitierung geschüttelt. Wer Anspruch auf mondäne Allüren machte, mußte sich mindestens einmal im Monat mit den Toten im Jenseits in Verbindung setzen, und so konnten sich auch die Koketten dieser Zeit nicht dieser Modelaune verschließen. Die Salons der Fürstin Metternich in der Rue de Varenne wurden bald die begehrtesten der ganzen Pariser Gesellschaft. Sie war die Löwin des Tages. Die Feste, die Fürst und Fürstin Metternich veranstalteten, gehörten zu den mondänen Ereignissen. Besonders ihre musikalischen Unterhaltungen und Tanzsoireen. Fürst Richard Metternich war selbst sehr musikalisch und außerdem der beste Walzertänzer am Hofe. In seinem Hause hörte man ausgezeichnete deutsche Musik, vor allem machte er seine Pariser Gäste mit den reizenden Liedern der großen deutschen Komponisten bekannt, und seine Frau war diejenige, die, durch Vermittlung der Kaiserin, Napoleon III. zur ersten Wagneraufführung in Paris veranlaßte. Allerdings damals noch mit negativem Erfolg, denn der Tannhäuser wurde kläglich ausgepfiffen. Und die Fürstin Metternich mußte den Spott der Pariser über sich ergehen lassen. Man sagt, sie habe über diesen Mißerfolg in der Oper vor Wut und Empörung ihren kostbaren Fächer in tausend Stücke zerbrochen. Sogar eine ziemlich geistlose Persiflage der Oper Wagners mußte sie sich in ihrem eigenen Hause gefallen lassen. Einer der Getreuen ihres Salons, Herr de Beyens, war auf den Gedanken gekommen, eines Abends, als sich wie immer die Gesellschaft bei der Gräfin Metternich versammelt hatte, eine lustige Parodie des Tannhäuser auf der kleinen Privatbühne der Gräfin aufführen zu lassen, ohne daß sie allerdings ahnte, was für ein Stück es war. Er hatte dazu Marionetten aus Karton geschnitten. Ehe der Vorhang aufging, verteilte eine als Logenschließerin verkleidete anwesende Dame gratis kleine billige Fächer unter die eleganten Zuschauerinnen mit der Bemerkung »im Fall die Damen aus Sparsamkeit zögerten, die eigenen kostbaren zu zerbrechen«. Die Kulisse stellte die Jagdszene anstatt mit leichtfüßigen Jagdhunden mit plumpen Dackeln vor, aus der Wartburg wurde Schloß Johannisberg, das mit seinen berühmten Weinbergen dem Fürsten Metternich gehörte. Held Tannhäuser war anstatt im Venusberg im Weinkeller eingeschlossen, wo er fröhlich vor einer Flasche Johannisberger saß. Dieser schlechte Scherz hatte die größte Wirkung– es war lange nicht mehr von Wagner und seiner Musik im Salon der Fürstin Metternich und am Hofe die Rede. Mehr Erfolg hatte sie mit ihrem Einfluß auf die Neugestaltung der Mode. Sie erklärte dem langen Krinolinen-Kleid den Krieg und führte den kurzen, weiten, graziös aufgebauschten Rock ein. Auf Bällen und Abendgesellschaften sah man nur noch die kleidsamen verkürzten Toiletten und, wenn die Damen Walzer tanzten, manch schönes Bein und elegantes Strumpfband. Manche trieben die Extravaganz so weit, daß sie die Röcke nur bis kurz unterm Knie trugen. Die neue Mode brachte eine wahre Umwälzung unter den Pariser Schneidern und Schneiderinnen hervor. Der berühmte Worth, der sein Atelier und seine Salons im Jahre 1858 in Paris aufgetan hatte, kam durch die Fürstin Metternich zu Glanz und Ruhm. Er war der größte und geschickteste Kleiderkünstler und hatte den Spitznamen »Faune des Toilettes«, weil unter seinen kräftigen Männerhänden die zarten Stoffe und die duftigen Spitzen einer Corsage nach Belieben zerdrückt, zerknüllt, zurechtgezupft wurden und doch dann daraus ein Kunstwerk ersten Ranges erstand. Fürstin Pauline Metternich hatte ihn zum Autokraten der Mode und des Geschmacks gemacht, und alle Mondänen der Eleganz begaben sich nach der Rue de la Paix, um seiner Kunst und seines Rates teilhaftig zu werden. Es waren indes zwei Lager, die sich um die Oberherrschaft der Mode stritten. Die einen traten für den fußfreien hochgeschürzten Rock ein, die anderen für das dezente Prinzeßkleid mit ellenlanger Schleppe. Aber eins war beiden gemeinsam gelungen: die endgültige Verbannung der Krinoline. »Merkwürdig ist die Feststellung,« sagt Uzanne, »daß der große französische Schneider nicht älter ist als das Zweite Kaiserreich. Bis i85o wurden die Frauen nur von Frauen gekleidet. Die Modehändlerinnen, die man auf den graziösen Stichen des 18. Jahrhunderts sieht, haben sich lange gehalten. Sie existieren noch, denn es gibt heute sehr große Schneiderinnen. Aber der Schneider ist zum Herrn, zum allmächtigen Schiedsrichter der Toilette der großen Dame geworden. Und diese Männer sind oder waren hervorragende Künstler. Die aristokratische Grazie, mit der einst Watteau und Gainsborough die liebenswürdigen, entzückenden Französinnen und Engländerinnen des 18. Jahrhunderts umkleideten, hat noch große Künstler, wie Sargent, Shannon, Jacques Blanche, Albert Besnard, Boldini und so viele andere zur Verfügung, aber neben diesen Meistern der Palette sind die bedeutenden Pariser Schneider gleichsam zu Mitarbeitern der Porträtmaler geworden, insofern sie unsere Zeitgenossinnen mit einem Geschmack, einem Feingefühl, einem Sinn für Nuancen und Faltenwurf kleiden, die die Bilder aller Kunstfreunde entzücken. Mit Recht schrieb Michelet: ›Die meisten Gewerbe, deren gründliche Erlernung lange Zeit beansprucht, sind Kunstzweige. So kommt das Schneidergewerbe der Bildhauerkunst sehr nahe. Für einen Schneider, der die Natur empfindet, modelliert und berichtigt, gäbe ich gern drei klassische Bildhauer hin.‹ Auch Charles Blanc studiert in einem besonderen Werke über ›Die Kunst des Schmuckes und der Kleidung‹ die allgemeinen Gesetze des Schmuckes und beweist schlagend, daß die Dekoration durch Kleidung und Schmuck bei weitem kein Gegenstand oberflächlicher Betrachtung ist, sondern dem Philosophen einen sittengeschichtlichen Wink und ein unstreitiges Zeichen für die herrschenden Ideen gibt.« Als die Fürstin Metternich infolge der politischen Ereignisse nicht mehr in Paris leben konnte und wieder in Wien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, wurde ihr Temperament etwas durch die steifere Etikette am Hofe Kaiser Franz Josephs gedämpft. Ja sie stieß sogar auf Widerstand in der direkten Umgebung der Kaiserin Elisabeth. Man war chokiert über die allzu pariserische Reputation der lustigen Exambassadrice. Und doch war sie auch in Wien gleich vom ersten Tage ihres Erscheinens an populär. Nicht ohne ein gewisses Mißvergnügen stellte der Kaiser von Österreich fest, daß bei Ausfahrten die Hochrufe der Bevölkerung Wiens vielmehr der Fürstin Metternich als der Kaiserin, seiner Frau, galten. Selbst die schweren Ereignisse vermochten ihrer Wiener Leichtblütigkeit nicht den Elan zu nehmen. Mit neuem Eifer ging sie wie in Paris daran, auch in Wien sich einen Kreis zu schaffen, einen Kreis von Künstlern, Dichtern und bedeutenden Männern und Frauen, jungen und alten, besonders aber sehr eleganten Frauen, unter denen sie immer die tonangebende war. Sie war die geblieben, die sie in Compiègne und Paris gewesen: immer von allem Neuen entzückt, was Vergnügen und Freude bereitete. Da gab es blaue, weiße und rosa Redouten, die sie veranstaltete; Maskenbälle, Wohltätigkeitsfeste, auf denen sie erschien, und am nächsten Tag waren die Zeitungen voll von Berichten über ihr großes gesellschaftliches Talent, ihren guten Geschmack, ihre prachtvollen Toiletten, die stets etwas ganz Neues boten. Sie war unglaublich schauspielerisch begabt und wäre sicher Schauspielerin geworden, wenn das Schicksal sie nicht mit einer Fürstenkrone bedacht hätte. Sie liebte das Theater über alles und spielte selbst vorzüglich die verschiedensten Rollen, oft an der Seite berühmter Künstler, und alle bestätigten, daß sie eine ganz besondere Begabung und nichts von Dilettantismus an sich habe. Sie lebte vollkommen in ihrer Rolle und spielte sie mit einer Hingebung, einer Wärme, die selbst Berufsschauspielerinnen nicht immer aufbringen. In Paris war das Theaterspielen ihre herrschende Leidenschaft gewesen. Sie schlug nie eine Beteiligung aus, nicht einmal eine stumme Statistinnenrolle. Lebende Bilder stellte sie mit einigen hübschen Frauen ihres Kreises hervorragend gut und künstlerisch. Sie war Fürstin durch Geburt und Erziehung, aber Künstlerin und Musikerin aus Neigung und Veranlagung. Aus dieser Welt des Scheins, der Eleganz, der Intrigen und des Vergnügens könnte man noch viele elegante und charmante Frauen nennen, die alle zu dem Kreis um Eugenie gehörten und ihn mit ihrem Liebreiz, ihrer Extravaganz, oder ihrer Herausforderung belebten. So die reizende Gräfin de Cannissy, die kleine »Canisette«, wie man sie wegen ihres anziehenden, anmutigen Wesens nannte. Wie eine zarte, duftende Wolke köstlichen Parfüms ist die Erinnerung, die an sie geblieben. Oder Sophie de Castellane, Madame Lehon, die Gräfin Walewska, eine beinahe ebenso schöne Florentinerin wie die Gräfin de Castiglione. Ferner die Gräfin de Loynes, eine temperamentvolle Frau mit viel Esprit, deren Salon vor allem deshalb berühmt wurde, weil sie die Protektorin aller aufgehenden Talente war. Und die blonde Marquise de Galliffet, deren Mann im Kriege in deutsche Gefangenschaft geriet. Andere wieder, wie die Herzogin von Mouchy, wurden wegen ihres hervorragenden Geschmacks und ihres prachtvollen Geschmeides bewundert und – beneidet. Im Jahre 1869 erschien sie zu einem Ball im Schlosse Beauvais mit einem Diamantschmuck im Werte von nahezu zwei Millionen. Ihr Kleid aus weißem Chiffon hatte eine lange, ganz mit Silber bestickte Schleppe, und von den Schultern fiel ein breiter, mit Blumen und Silberblättern bestickter Schal bis über den mit vielen Volants besetzten Rock. »Die Damen des Zweiten Empire«, schreibt Arsène Houssaye in seinem ›Confessions‹, »waren blendende Sterne, alle von süßer Schönheit mit Charme und Esprit – mehr oder weniger. – Wer würde daran zweifeln, wenn ich die Namen der Herzogin von Mouchy, der Gräfin de Saulcy, der Baronin de Vatry, der Gräfin Walewska, der Herzogin von Persigny, der Gräfin Moltke, der Madame Bartholoni, der Gräfin de Pourtalès, der Fürstin Poniatowska, etc. etc. nenne? Mit solchen Frauen waren die Hoffeste und mondänen Veranstaltungen märchenhaft, und man war nicht erstaunt, überall zu hören: ›Das Kaiserreich amüsiert sich‹.« Einen Ruf als besonders elegante Frau genoß auch Madame de Pourtalès. Sie teilte sich mit der Fürstin Metternich am Hofe in die Rolle der »Maitresse de plaisir«. Pauline Metternich erfand täglich etwas Neues, um bei den anderen das Bedürfnis nach Abwechslung in der Unterhaltung zu befriedigen, und Frau von Pourtalès folgte ihren Spuren. Auch ihre Phantasie war fruchtbar im Erfinden von immer neuen Scherzen und Torheiten, wobei es etwas zu lachen gab. So war sie Gründerin eines »Klubs der Lustigen«, in dem junge fröhliche Nichtstuer zusammenkamen, um zu lachen und die angenehme Seite des Lebens unter sich etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Über diesen Klub ist viel von Orgien und Gelagen geschwatzt worden. In Wahrheit war es ein harmloser Vergnügungsklub, aus dem alle Melancholie verbannt war, wo sich die Jugend das Leben so angenehm und sorglos wie möglich gestaltete. Zu den Hauptvergnügungen dieses mondänen Klubs gehörten Farcen wie diese: Es war Empfang im Palais des Grafen und der Gräfin Pourtalès in der Rue de Tronchin. Viele offizielle Persönlichkeiten waren dazu eingeladen. Alle Lüster und Armleuchter brannten. Eine lange Reihe von Equipagen hielt im Hofe und auf der Straße vor dem Palais, und immer kamen noch neue Wagen angefahren. Zu beiden Seiten der Treppe des Palais standen auf jeder Stufe die Lakaien in kurzen scharlachroten Kniehosen und weißgepuderten Perücken. Sobald ein Gast vorgefahren kam, rief der zu unterst stehende Diener den Namen des Ankommenden seinem Nachbar zu. Dieser gab ihn weiter, bis die Meldung oben beim diensttuenden Huissier angekommen war, der dann, indem er die Flügeltüren des Salons aufriß, den Namen hineinrief. Und nun geschah es bei diesem Empfang, daß die glänzendsten und bekanntesten Namen durch die Lakaien schon auf der Treppe verstümmelt wurden, noch ehe sie oben ankamen. So wurde zum Beispiel anstatt der Graf Walewski, der »Graf Walezowski« gemeldet, so daß der Minister, der seinen Namen auf diese Weise verstümmelt sah, sich nicht enthalten konnte, der Dame des Hauses eine ganz kleine leise Bemerkung darüber zu machen. »Ja,« sagte Madame de Pourtalès lächelnd, »Exzellenz müssen ein wenig Nachsicht haben. Unsere ganze Dienerschaft ist neu und hat noch nicht die Gewohnheit der hier verkehrenden Persönlichkeiten.« Plötzlich tritt die Fürstin Metternich äußerst lebhaft in den Salon. Man hatte sie soeben als »Madame Materna« gemeldet. Außerdem hatte ein ungeschickter Lakai ihr den kostbaren Mantel, der kurz zuvor aus dem Atelier Worth hervorgegangen war, recht wenig sorgfältig von den Schultern genommen. Wie wir wissen, hatte sie den Mund auf dem rechten Fleck. Deshalb tat sie sich auch keinen Zwang an und rief ihrer Freundin höchst ungeniert vor allen Anwesenden zu: »Um Gottes willen, meine Liebe, was ist mit Ihren Domestiken? Mit was für unmöglichen Leuten haben Sie sich umgeben?« Madame de Pourtalès entschuldigt sich von neuem. – Inzwischen sind die Gäste vollzählig, und man schreitet zur Tafel. Die beiden Flügeltüren des Speisesaals sind weit geöffnet. Aber welche Überraschung für die Eingeladenen! An der Tafel sitzen die Lakaien in roten Kniehosen und gepuderten Perücken und lassen sich bereits die Speisen gut schmecken. Allgemeine Entrüstung unter den Gästen, bis man erkennt, daß jene Herren in Livree der Marquis soundso, der Herzog soundso, der Graf X., etc. sind. Alle männlichen Mitglieder des »Klubs der Lustigen« hatten sich als Lakaien verkleidet. Der Spaß war glänzend gelungen, und das Diner verlief äußerst fröhlich und ohne Zeremonie. Auf diese Weise amüsierten sich bisweilen die Damen und Herren der hohen Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs. 48. Die Dame des Fin-de-siècle. Kreidezeichnung von Henri Boutet. Um 1899 Weniger harmlos waren die vielen Spielklubs, die sich unter dem Zweiten Kaiserreich überall auftaten. Alle zwei Monate wurde eine solche heimliche Spielhölle von der Polizei geschlossen. In den vornehmen Salons einer Marquise du Hailay und einer Madame d'Hauteville spielte man hohes Hasard, hauptsächlich »Landsknecht«, und gab alten und jungen Lebemännern Gelegenheit, sich zu ruinieren. Sogar die jungen Mädchen frönten dem Spiel, und wenn sie selbst kein Geld zum Verlieren hatten, so machten sie Spielschulden, die dann der Vater oder ein Anbeter bezahlen mußte! Die Tochter der Madame d'Hauteville, aus einer Verbindung mit dem reichen Diamantenhändler Moyenat entsprossen, war eine leidenschaftliche Spielerin und verlor oder gewann oft Unsummen. Eine große Rolle spielte der Turf. Man erwartete mit Spannung den Grand Prix von Longchamp. Und das Rennen selbst war keineswegs die Hauptsache dabei, wenigstens nicht für die Damen. In Longchamp konnte man die exzentrischsten Toiletten bewundern und – kritisieren. Es wurden nur der letzte Schick getragen, die fabelhaftesten und modernsten Equipagen gezeigt. Die Schönheiten der vornehmen Welt, die eleganten Halbweltlerinnen, Schauspielerinnen der Gesellschaft und der Bühne, die ganze menschliche Komödie spielte sich auf dem Rennplatz ab, umgeben von einem Luxus, wie ihn selbst Paris in den verschwenderischsten Zeiten nicht erlebt hatte. »Es gab nur Frauen und Blumen, Anmut und liebenswürdiges Lächeln«. Es wurde gewettet und geflirtet, und mancher verwettete nicht nur am Totalisator, sondern auch im Flirt mit den schönen Frauen sein Vermögen. Demimonde und Demi-Castors Diese selbe Zeit, in der die großen Mondänen sich so frei bewegten, gebar auch die wirkliche »Demimondäne«. Der Name wird jetzt zum erstenmal geprägt für die großen Kokotten und Halbweltlerinnen, die Paris und die Luxusbadeorte der Welt mit ihrer auffallenden Eleganz und ihren Skandalaffären erfüllten. Sie erschienen mit hochrot gefärbten Haaren à la Phryne. Das Rot ihrer Wangen leuchtete aus dem allzu weiß gepuderten Gesicht wie Zinnober, ihre Augen waren allzu schwarz umrandet, und manche klebte sich künstliche lange Wimpern an und erschien so übertüncht auf der Promenade, wie man es heute nur noch von Filmschauspielerinnen auf der Leinwand sieht. Außerdem gab es noch eine Zwischenstufe, die »Demi-Castor«, halb Weltdame, halb Halbweltlerin. Von der ersteren besaß sie die Prätentionen und Manieren, von der zweiten die freien Sitten, die Veranlagung zur Hetäre, die Berechnung und den völligen Mangel an Vorurteil. Diese Demi-Castors waren überall zu sehen. Sie besuchten die Opernbälle, die Redouten, besonders die berühmten, über alle Maßen ausgelassenen Redouten Arsène Houssayes. Überall, wo es elegante Lebemänner gab, da waren diese »Demi-Castors« auch. Sie halfen den Dandies ihre Vermögen aufzehren und waren oft größere Vampire als die wirklichen Hetären. Aber sie bewahrten sich stets ihre Verbindung mit der Gesellschaft, zu der sie entweder durch Geburt oder durch die Stellung ihrer Männer gehörten. Sie führten ein äußerst bewegtes Leben, wechselten ihre Geliebten wie ihre Kleider und waren unter der Pariser Lebewelt des Turfs und der Spielklubs ebenso bekannt wie die großen Kokotten. Nur besuchten die Männer sie ganz im geheimen. Der Schein nach außen wurde gewahrt. »Man könnte Bände schreiben über die von diesen Damen erfundenen intimen Gesellschaften«, berichtet ein Zeitgenosse. »Diese Damen waren mit einer außerordentlichen Phantasie ausgestattet. In irgendeiner entfernten Gegend besaßen sie einen ›Tour de Nesle‹, wo sich Szenen abspielten, die den Römerinnen der Dekadenz würdig gewesen wären. In der Kunst, das Begehren zu stimulieren und die sinnliche Liebe zu vervollkommnen, besaßen sie keine Rivalinnen.« – Diese Frauen waren, abgesehen von ihrer Zügellosigkeit, meist äußerst verführerisch und kokett, spirituell und raffiniert, aber auch kalt berechnend. Sie ahmten gern die freien Allüren der wirklichen Dirnen nach, sprachen den grassesten Jargon des Boulevards, wenn sie sich außerhalb der guten Gesellschaft befanden. In Spa, Baden-Baden, in Biarritz, in Plombières, Eaux-Bonnes, in den großen Luxusseebädern Dieppe und Trouville, die sehr in Mode waren, saßen sie, auffallend wie die Kokotten gekleidet, an den Spieltischen und vergeudeten die Vermögen ihrer Anbeter. Nach Uzanne waren diese Modebäder, »wo sich die eleganten Weltdamen, die Abenteuerinnen der goldenen Bohème und die Hochstaplerinnen Rendezvous gaben«, der Mittelpunkt eines grenzenlosen Luxus. Es wurde wahrhaft Sturm auf die Phantasie in der Kleidung und in der Ungeniertheit gelaufen: eine Furia von Extravaganz, namenloser Kapricen, Verschwendung und Luxus. Und alles nur fürs Auge. Man sah prächtige Toiletten aus Seidenbroché, Röcke aus gold- oder silberlamierter Faille, Jäckchen, sogenannte Casaquins, mit kostbaren Stickereien, extravagante Schals, arabische Burnusse mit Diamantagraffen, golddurchwirkte Tarlatane, Spitzen mit Fransen aus echtem Gold, ungerechnet die Juwelen, die Medaillons, die Broschen, die Anhänger, die Kolliers mit den kostbarsten Steinen und Perlen, die man sich nicht scheute, selbst in den geringsten öffentlichen Kasinos zu zeigen. 49. Vor dem Toilettenspiegel. Farbige Radierung von H. Kalmar Die Löwin dieses Genres in den tiefsten Tiefen der Gesellschaft, die Königin der Demi-Castors oder »Cocodettes« und gleichzeitig die gefeiertste und verwöhnteste, galanteste unter den mondänen Liebespriesterinnen des Zweiten Kaiserreichs ist die berühmte und berüchtigte Païva. Sie war Russin von Geburt, lange Zeit die Geliebte des Pianisten Hertz, darauf die Mätresse des Herzogs von Guiche, späteren Herzogs von Grammont und noch einer ganzen Anzahl mehr oder weniger hoher Herren. Schließlich gelang es ihrer großen Liebeskunst und ihrer außerordentlichen Schönheit, den Marquis Païva, einen jungen Portugiesen, so rasend in sie verliebt zu machen, daß er sie heiratete. Viel Castel ist dermaßen gut über ihr Privatleben unterrichtet, daß man annehmen muß, er war auch einer ihrer Geliebten, zum mindesten einer ihrer vorübergehenden Besucher. Er schreibt über diese »Grande Cocodette« des Zweiten Kaiserreichs, die beinahe ebensoviel von sich reden machte als die Gräfin de Castiglione: »Am Morgen nach der Hochzeit, beim Erwachen des frischgebackenen Gatten, hielt Madame de Païva ihm ungefähr folgende Rede: ›Sie haben mir Ihren Namen gegeben, und ich habe in dieser Nacht meine Schuld bezahlt. Ich habe die ehrenhafte Frau gespielt, denn ich wollte eine Stellung in der Gesellschaft, und ich habe sie bekommen. Sie aber, mein Herr, Sie haben nur eine Kokotte zur Frau. Sie können sie niemand vorstellen, Sie können niemand empfangen. Wir müssen uns also trennen. Kehren Sie zurück nach Portugal, ich – ich bleibe hier mit Ihrem Namen und mit meinem Beruf.‹ – Der junge Marquis, beschämt und verwirrt, folgte dem Rat und begrub in der Einsamkeit eines Schlosses in Portugal die Erinnerung an sein Abenteuer. Die Ex-Hertz, gewordene Païva, konnte mit der Rente, die ihr der Gatte aussetzte, nicht das Leben ihrer Träume führen. Sie machte sich auf die Suche nach einem reichen und freigebigen Prinzen, den sie an ihren Fäden tanzen lassen konnte. Diesem Fürsten – oder Grafen oder Herzog – begegnet sie auf der Reise und folgt ihm nach Konstantinopel, nach Petersburg, nach Neapel, nach Paris. Der Fürst fand sie beständig umgeben von Luxus, strahlend von einer fremdartigen, wollüstigen Schönheit, von einer Schönheit, die ein wenig hergerichtet anmutete, ein wenig bemalt, und sehr raffiniert. Die Païva schien sich gar nicht um den Fürsten zu kümmern. Aber eines schönen Tages war nicht mehr sie es, die dem ihr bestimmten Sterblichen folgte, sondern er war es, der ihr folgte. Er war so schrecklich in sie verliebt, daß er zu ihr kam, nicht, um ihr seine Hand anzubieten – die Païva hätte damit nichts anzufangen gewußt – sondern das Zubehör. ›Ich habe drei Millionen Rente‹, sagte er zu ihr. ›Wollen Sie mit mir leben, so sollen sie uns gemeinsam gehören.‹ – Die Païva, die dreimalhunderttausend Franken zu seiner Eroberung aufgewendet hatte, akzeptierte, um ihre Vorschüsse zu decken.« So der boshafte Viel Castel über die schöne und reiche Demimondäne, die mit ihrem Luxus und ihrer Verschwendung ganz Paris in Staunen versetzte. Sie besaß eins der schönsten und elegantesten Häuser in Paris. Ihre Diners waren erlesen. Ihr Salon war berühmt. Sie empfing viele bedeutende Künstler und Literaten, und ihre Unterhaltung wurde in allen Kreisen als sehr geistreich geschätzt. Sie war witzig und schlagfertig. Arsène Houssaye, der sie noch kannte, sagte einmal zu ihr: »Es ist die Liebe, die Ihnen das Französische beigebracht.« Worauf sie sehr schlagfertig erwiderte: »Nein, es ist das Französische, das mir die Liebe beigebracht hat.« In den Champs-Élysées ließ sie sich vom Architekten Mangin ein Palais bauen, das noch heute den Fremden gezeigt wird. Es kostete ohne Einrichtung anderthalb Millionen Franken und das dazu notwendige Mobiliar ebensoviel. Wenn sie in Gesellschaft erschien, hatte sie Juwelen im Werte von zwei Millionen auf dem Körper, hauptsächlich Brillanten und Perlen. Ihre Liebhaber überschütteten sie mit Reichtum. Aber sie war auch nur für die Reichsten und Freigebigsten zu erreichen. Niemals schenkte sie sich einem Manne aus Laune oder aus Sinnlichkeit, oder weil er ihr gefiel. Immer spielte das Geld die größte Rolle. Und doch hatte sie stets schmachtende Anbeter um sich. Vielleicht gerade, weil sie ihren Besitz so teuer verkaufte und es ihren Liebhabern schwer machte, sie zu gewinnen. Einem ihrer Anbeter riß einmal die Geduld und er sagte es ihr geradeheraus, daß sie ihre Liebe nur für Geld verkaufe. Das störte sie gar nicht, sondern sie erwiderte, das sei richtig. Sie liebe das Geld und könne gar nicht genug davon bekommen, obwohl sie mehr habe als er selbst. Er war ein armer Aristokrat, der nur dreißigtausend Franken Jahresrente hatte. Für eine Païva ein Nichts. Dennoch suchte sie so viel Geld wie möglich aus ihm herauszupressen. Da er jedoch nichts besaß, konnte er sie nicht erobern. »Haben Sie zehntausend Franken?« fragte sie ihn eines Tages. »Nein.« – Darauf erwiderte sie: »Es ist gut, daß Sie das sagen, denn wenn Sie den Besitz von zehntausend Franken eingestanden hätten, so würde ich zwanzigtausend von Ihnen verlangt haben. Da Sie aber nicht einmal zehntausend haben – doch gut – bringen Sie mir das Geld, sobald Sie in der Lage sind. Wir werden es verbrennen, und ich werde Ihnen so lange angehören, als das Feuer der zehn Tausendfrankenscheine brennt.« Der Liebhaber entfernte sich, ohne noch etwas darauf zu erwidern. Einige Tage später erscheint der junge Kavalier wieder. Die Païva empfängt ihn in ihrem Boudoir auf einem Diwan liegend. Neben ihr steht ein marmorner Gueridon mit einem silbernen Leuchter, wie ein Opferaltar. Das Zimmer war ganz mit Wohlgerüchen durchtränkt. Sie selbst in einem sehr verführerischen Negligé. Das Tageslicht ist durch die seidenen Vorhänge abgedämpft. 50. Im Pyjama. Farbige Radierung von Max Brüning. Um 1912 Der junge Mann hält in der Hand triumphierend zehn Tausendfrankenscheine und stürzt sich zu Füßen der angebeteten Frau. Die Païva nimmt die Scheine und legt sie rings um die brennende Kerze, so daß langsam einer nach dem anderen verbrennen muß. Dann erfüllt sie dem jungen Mann den lange gehegten Wunsch. Die Scheine sind verbrannt, spöttisch erhebt sich die Païva, um sich an der Verzweiflung des armen Liebhabers zu weiden, der ein ganzes Vermögen für einen kurzen Augenblick ihrer Gunst geopfert hat. Der aber lächelt noch spöttischer als sie; noch teuflischer ist sein Blick, und Triumph und Rache spiegeln sich in seinen Augen wider. »Mein liebes Kind,« sagt er, »du bist betrogen, nicht ich. Du bist auf den Leim gegangen. Die Scheine waren von meinem Freund so wunderbar photographiert, daß du dich hast täuschen lassen.« – Es war aber wohl der einzige Betrug in punkto Geld, den sie sich von einem Manne gefallen lassen mußte. Im allgemeinen hatte sie Verehrer, die ihr Vermögen zur Verfügung stellten, wie jener junge deutsche Grandseigneur, der von der gräflichen Familie d'Osmont das schöne Schloß und Gut Pontchartrain für zwei Millionen kaufte und es der göttlichen Païva zum Geschenk machte. Sie war wohl eine der reichsten Halbweltlerinnen unter den »Demi-Castors« des Zweiten Kaiserreichs in Paris. Ihr Einkommen aus dem von ihr in Staatspapieren angelegten Vermögen betrug mehr als zwei Millionen Rente. »Der Alkoven der Païva«, bemerkt Viel Castel, »birgt Mysterien, die allein den Schlüssel geben könnten zu dieser Üppigkeit des Lasters.« Eine andere sehr elegante Frau, die ihr Leben halb in der ganzen und halb in der halben Welt verbrachte, war die berühmte Madame Musard. Sie hat mehr als einmal die »Chronique scandaleuse« beschäftigt und ganz Paris begeistert mit dem Luxus ihrer vollendet schönen Pferde und Wagen. Auch sie war keine Französin von Geburt, sondern eine Südamerikanerin. Ihr Gatte, der bekannte Orchesterdirigent Musard, hatte sie »drüben« entdeckt und geheiratet. Sie kam mit ihm nach Paris und begann nicht lange danach ihre außergewöhnliche Karriere. Auf einer Reise nach Baden-Baden, das damals sehr in Mode war, begegnete ihr das Glück in Gestalt des Königs von Holland. Sie bestrickte ihn sofort mit ihrem Charme, ihrer Intelligenz, ihrem sicheren eleganten Auftreten und, er wußte ihr seine Liebe nicht besser zu beweisen, als daß er ihr ein dickes Paket südamerikanischer Minen-Aktien in die Hand drückte. Allerdings standen sie zu jener Zeit sehr unter Kurs, weil die südamerikanische Diamant-Mine in einen zweifelhaften Prozeß verwickelt war und eine ungewisse Zukunft vor sich hatte. Madame Musard fährt mit diesem kleinen Schatz nach Paris, findet nach manchen Schwierigkeiten einen Juristen, der es übernimmt, sich mit dem Prozeß zu befassen unter der Bedingung, mit seiner Klientin den Gewinn zu teilen, im Fall der Prozeß gewonnen wird. Und er wird gewonnen. Die königlichen Aktien steigen ins Phänomenale, und die glückliche Besitzerin dieser Wertpapiere wird mit einem Schlag eine ungeheuer reiche Frau. Sie richtet sich ein prächtiges Palais in der Avenue d'Jena ein, kauft ein Schloß in der Nähe von Le Havre, besitzt eine Loge in der Oper, führt ein Leben in Glanz und Verschwendung, empfängt ganz Paris bei sich und lebt äußerlich als absolute Dame von Welt. Besonders bekannt ist sie wegen ihrer ungemein luxuriösen und prächtigen Equipagen. Sie besitzt unter anderem einen Daumont, mit dem nur der Wagen der Kaiserin konkurrieren kann. Ihr Kutscher ist der berühmte, ganz englisch dressierte Charlie, der einst Lord Pembrocks in London diente, und den sie einer hohen Persönlichkeit des kaiserlichen Hofes ausgespannt hatte. Das Leben dieser eleganten und verschwenderischen Demi-Castor, die aus einfachen bürgerlichen Kreisen hervorging, glich einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Aber Glanz und Glück waren ihr nur vorübergehend vergönnt. Auf einer Jagd, deren sie viele auf ihrem Schlosse veranstaltete, umgeben von einer großen eleganten Jagdgesellschaft, traf sie das Mißgeschick. Durch die Unvorsichtigkeit eines Jägers erhielt sie die Ladung, die für das Wild bestimmt war, gerade ins Gesicht. Noch jung, war sie für immer entstellt und mußte ihrem galanten und mondänen Leben entsagen. Sie zog sich ganz von der Welt zurück und lebte mitten in ihrem Reichtum, umgeben von ihren prachtvollen Kunstschätzen, von denen sie keinen Genuß mehr hatte, einsam, vergessen und unbekannt. Und nicht nur das Leben dieser großen Demi-Castors war so bewegt, sondern die meisten der berühmten Kurtisanen jener Zeit konnten auf eine ähnliche Karriere zurückblicken. Besonders zwischen 1860 und 1870 wurden für diese Frauen in Frankreich Vermögen geopfert. Die Grisette und bescheidenere Halbweltlerin fand geringen Anklang bei den verwöhnten Klubleuten und reichen Industriellen. Die große Kokotte allein monopolisierte allen Erfolg. Ihr flog aller Reichtum, aller Luxus und alle Verschwendung zu. Die elegante Demimondäne bildete eine Kaste für sich. Diese Mädchen führten oft ein glänzenderes Leben als manche der bekanntesten Damen der vornehmen Welt, nur mit dem Unterschied, daß sie mit der Frau der Gesellschaft, außer in den eleganten Badeorten und Spielhöllen, nie in Berührung kamen, sondern überall von der wirklichen großen Welt ausgeschlossen waren. Ganz anders als unter dem Direktorium, wo die Hetäre Seite an Seite mit der Eleganten der Gesellschaft auf öffentlichen Bällen tanzte. Die »Grande Cocotte« des Zweiten Kaiserreichs lebte in ihrem Kreis, nur die Männerwelt ihrer Umgebung gehörte den hohen und höchsten Ständen an. Das Interieur einer berühmten galanten Frau war immer ausgesucht luxuriös, auf großem Fuße aufgestellt. »Alles darin war«, sagt Zed in seinem »Le Demi Monde sous le Second Empire«, »üppig, verschwenderisch, im Überfluß, und gleichzeitig herrschten in den intimsten Einzelheiten und Kleinigkeiten ein Raffinement, eine Koketterie, eine sybaritische Eleganz, die über alle Begriffe gingen. Alles schien nur im Hinblick auf den Mann arrangiert und vorbereitet zu sein, und zwar auf den vornehmen, über alle Maßen genießerischen Mann, der hier seine Besuche abstattete. Die Teekleider, die eleganten Deshabillés, die frischen, schneeweißen Dessous, das Gewirr von Spitzen, Seide und Batist, der Luxus der Unterwäsche und allen Zubehörs konnte einem vor Wonne erschauern lassen. Dieser ganze Apparat des Reizvollen, diese köstliche Würze und kokette Zutat, heute längst vulgarisiert, war zu jener Zeit Alleingut dieser Mädchen. Sie hatten sie erfunden und trieben sie bis zum höchsten Grade der Vollendung. Sie behandelten diese Dinge mit einer Kunst, einer Wissenschaft, einer wundervollen ›mise en scène‹ und waren dadurch nur um so begehrenswerter, um so charmanter, wie es die Frauen der Gesellschaft, selbst die raffiniertesten und kokettesten nicht im entferntesten mit ihren Reizen vermochten.« 51. Der Dämon der Gefallsucht. Farbige Radierung von Félicien Rops Alle großen Hetären von Ruf kleideten sich bei Worth, dem damaligen größten, geschicktesten und gesuchtesten Modeschneider, dem Arbiter der weiblichen Eleganz, dem despotischen, launenhaften Beherrscher des Anzugs der vornehmsten Weltdamen. Und merkwürdig, jene Außenseiter unter den eleganten Frauen bewiesen im allgemeinen in ihrer Kleidung eine Einfachheit des Geschmacks, eine vornehme Zurückhaltung, die ihnen, trotzdem sie den kostbaren Kleinigkeiten, den teuren Zutaten und Stoffen den größten Spielraum ließen, doch in der Gesamterscheinung ein äußerst vornehmes Aussehen und eine Haltung verliehen, so daß sich selbst die besten Menschenkenner über ihre soziale Stellung täuschen konnten. Ihre Equipagen waren prächtig, wundervoll gehalten, von einer Korrektheit, einem Schick, daß sie im Bois de Boulogne ohne Gefahr die Rivalität mit den Karossen der Herzoginnen und Gesandtenfrauen aushielten. Die meisten dieser Demimondänen besaßen gummibereifte Kupees oder Equipagen mit zwei Bedienten auf dem Kutscherbock, nach der Mode der Zeit. Sie wären um keinen Preis im Bois in einer einfachen Viktoria erschienen. Der große, offene, dunkelblaue Wagen mit roten Rädern der Hetäre Barucci, die gelbe Equipage mit den beiden tadellosen Halbblütern der Caroline Hassé, die etwas dunklere und doch nicht weniger schöne Kalesche der Adele Courtois, die Wagen der Constanze, der Lucile Mangin, der Esther Duparc, der Anna Delion, der Cora Pearl etc. waren äußerst elegant und »dernier cri«; sie wurden stets von den Herren des Turfs und der Pariser Gesellschaft bemerkt und schon von weitem erkannt. Wie bereits erwähnt, waren die Kokotten des Zweiten Kaiserreichs äußerst vornehm in ihrem Auftreten nach außen hin. Sie hatten nie mehr als einen Gönner auf einmal. Er unterhielt sie auf großem Fuße und war reich genug, das Leben seiner Mätresse sicherzustellen. Eine Vereinigung von mehreren Liebhabern zum Syndikat, wo jeder seinen Teil zum Unterhalt beiträgt und dafür einen gleichen Anteil am ... Gewinn erhält, meint Zed, war jenen Frauen unbekannt. Hatten sie einmal den »seriösen Freund« gefunden – und das Angebot war groß –, so kamen diese Mädchen stolz und ohne Umschweife ihren Pflichten nach und dachten darüber hinaus nur daran, sich gut zu amüsieren. Amüsieren aber hieß sich nach Herzenslust ihren Kapricen überlassen, unter den jungen, eleganten Lebeleuten, die immer zur Hand, aber nicht so reich oder nicht so dumm waren, eine Mätresse auszuhalten, so viel Herzensfreunde zu suchen, wie sie wollten und sich tagsüber frei und offen mit ihnen in den verschiedensten Lokalen oder im eigenen Hause zu amüsieren. Das kostete diesen Herzensfreunden, die wegen ihrer schönen Augen geliebt wurden, durchschnittlich ungefähr 2000 Franken im Monat, während der Freund und Gönner das Zehnfache ausgab. Dafür gehörten den jungen Lebemännern alle Schäkereien, alle zärtlichen Blicke und alle Avancen dieser Damen. Man stritt sich gegenseitig um diese Herzensfreunde, behandelte sie wie Kameraden, vor denen man nichts zu verbergen, in deren Gesellschaft man sich keinen Zwang auferlegen brauchte. Bisweilen waren die Mädchen auch wahnsinnig in die jungen Freunde verliebt, schenkten ihnen alle ihre Gunst, gingen gelegentlich mit ihnen auf und davon und zogen sie fast immer dem Bourgeois und Hauptzahler vor, der gewöhnlich ungenannt und in ihren Kreisen unbekannt blieb. Er hatte seine bestimmten Stunden bei der Schönen, seine Rechte, die indes nie über die Türe des Schlafzimmers hinausgingen, und er war weder so elegant noch so geschickt, um mit diesen Rechten zu paradieren. Er hatte seine Bequemlichkeit, man war diskret, achtete ihn, und er besaß meist die geheime Genugtuung, daß er die Mätresse dieses oder jenes Grandseigneurs zur Freundin besäße – indes es gerade jener Grandseigneur war, der ihn mit seiner Schönen hinters Licht führte. Diese relative Treue bestand eben darin, daß die Mädchen ihn nicht mit einem Nebenbuhler seiner Art betrogen und ihm nicht Liebe für sein Geld gaben. Die Hetäre des Zweiten Kaiserreichs ist die Dirne par excellence. »Sie bleibt es selbst im Läuterungsfeuer einer wahren Liebe,« sagt Moreck, »einer nicht gespielten, uneigennützigen Leidenschaft, wie Alexandre Dumas fils sie in der ›Kameliendame‹ schildert, diesem Ideal der morbiden Schönheit ... die sich einmal in ihrem Bett unter den Zärtlichkeiten des zahlenden Liebhabers windet und, wenige Stunden darauf, unter den Küssen ihres Herzallerliebsten.« Der Lebensstil der großen Hetären des Zweiten Kaiserreichs verschaffte ihnen bis zu einem gewissen Grade eine Freiheit und Unabhängigkeit, auf die sie ungeheuer viel Wert legten. Sie gestatteten in keiner Weise einem Mann, sich ihnen gegenüber ungebührlich zu benehmen. Mit der Miene von Herzoginnen wiesen sie denjenigen zurück, der es wagte, allzu vertraulich zu werden. Sie nahmen auch nicht den ersten besten Reichen, sondern wählten sehr sorgfältig unter denjenigen, die das Vergnügen hatten, sich für sie zu ruinieren. Von den vorübergehenden Herzensfreunden nahmen sie außer Soupers, Theaterbilletts, Parfüms niemals Geldgeschenke an – sie wären ihnen nicht groß genug gewesen. – Es wäre ihnen aber auch nie eingefallen, einen Mann nur infolge seines Reichtums für schick und vornehm zu halten und in ihm einen vollendeten Kavalier zu sehen, weil er viel Geld ausgab. Er mußte, wollte er auf das Prädikat eines Kavaliers Anspruch machen, Stil, mußte die Allüren eines wirklichen Gentleman haben und nachweisbar zu den vornehmen Kreisen gehören. Wenn sie andererseits einen vornehmen Herrn fanden, der sich ihrer annahm und ihre Zukunft sicherstellte, »so geschah dies von seiner Seite aus fast nie aus Herzensliebe oder aus sinnlicher Leidenschaft«, schreibt Uzanne in seiner »Pariserin«. »Die Weltmänner, die ein dauerndes Verhältnis mit einer Kurtisane öffentlich zur Schau tragen, unterschreiben gewissermaßen einen Vertrag ohne Leidenschaft, laut dessen sie eine Geliebte nehmen, die für sie ein gut gehaltenes, korrekt geführtes Haus leitet, dessen Luxus ihnen Ehre machen soll, in das sie ihre Freunde und Klubgenossen mit ihren Geliebten einladen können, wo sie Baccarat spielen, sich Exzentrizitäten leisten und im kleinen Kreise nach Belieben grob, frei bis zur Betrunkenheit und unabhängig bis zur Roheit sein können. Diese vornehmen Gentlemen fordern von der Frau, die sie sich halten (wie sie sich eine Jacht, einen Rennstall oder ein Jagdgut halten), alles, was zum guten Ruf ihres Vermögens und ihres Schicks beitragen kann, denn in dieser Gesellschaft beobachtet man sich und schätzt sich nach der Art seiner Lebensführung ein. Somit legen sie mehr Wert auf die Toiletten ihrer Freundin als auf deren Schönheit oder Jugend. Sie schätzen sie mehr, wenn sie stolz auf einem Rassepferd galoppiert, als wenn sie den Geist der Sophie Arnould besäße. Sie lieben sie ungemein wegen ihrer Verschwendungssucht, ihrer Launen, ihrer Oberflächlichkeit, nicht wegen ihrer Verständigkeit, ihrer Zuneigung oder ihres zärtlichen Beisammenseins. Sie verlangen von ihr weder Liebe noch Wollust, sondern die Besiegelung ihres Rufes als Lebemänner. Es liegt also in der Rolle dieser eleganten Phrynen, daß sie anspruchsvoll sind und das Geld, dessen Vergeudung ihre Hauptaufgabe ist, in Juwelen, Kleidern und Möbeln vertun. Je mehr Männer sie zugrunde gerichtet haben, für je gefährlicher und unersättlicher man sie hält, desto mehr Zulauf werden sie finden, denn ihre Berühmtheit wird in dem Maße der mondänen Bankrotte, die sie verursacht haben, zunehmen.« 52 . Die moderne Frau. Farbige Lithographie von Ernst Deutsch. Wien, 1917 Der Tag einer so verwöhnten Kokotte oder Lorette begann sehr spät, denn die Lebewelt machte den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage. Vor 4 oder 5 Uhr früh ging man kaum nach Hause. Dann schliefen die Damen bis in den Nachmittag hinein. Aber dann, von 2 Uhr an, begann für sie ein Dasein voll Unruhe, Abwechslung und allen möglichen Zerstreuungen. Die kurzen Stunden bis zum Abend genügten kaum, um mit aller Sorgfalt die elegante Abendtoilette anzulegen und in fröhlicher Gesellschaft oder mit dem Geliebten en titre in ein Kabarett, zum Souper oder in irgendein Ballokal zu fahren. Und sie kamen auch meist eine Stunde zu spät zum Rendezvous. Die ersten Stunden des Nachmittags wurden zur Pflege des Körpers verwendet. Die elegante Demimondäne empfing, wie die Dame der großen Welt, die Friseuse, den Friseur, die Manikure, die Weißnäherin, Schneiderin und Modistin, bestellte bei jener einige entzückende Dessous, bei dieser ein neues Kleid, einen Hut, einen Schal etc., unterhandelte mit dem Juwelenhändler über ein Schmuckstück, das ein freigebiger Liebhaber verehren wollte oder sollte. Das alles nahm viel Zeit in Anspruch, und vor 4 Uhr war die elegante Halbweltlerin nicht bereit, fabelhaft angezogen und mit raffinierter Kunst geschminkt und gepudert, ihren Wagen zu besteigen, um, je nach der Jahreszeit, entweder ins Bois oder auf die großen Boulevards in die Stadt zu fahren. Beim Berühren des Boulevard des Italiens wurde bisweilen auch in der »Librairie Nouvelle« halt gemacht, um mit bekannten Dichtern über die neuesten Romane zu sprechen, denn diese »unvergleichlichen Evastöchter«, wie sie Zed nennt, verschmähten in ihren Mußestunden weder die Literatur noch die Literaten. Ihre zahlreichen galanten Abenteuer ließen ihnen nur nicht viel Zeit übrig, um sich mit Kunst und Literatur zu beschäftigen. Es wird wohl mehr wegen der Literaten geschehen sein, daß sie sich in die Buchläden begaben. Der Abend der Damen war nicht weniger ausgefüllt wie der Nachmittag. Er begann im allgemeinen in irgendeinem Boulevard-Theater und endete in einem Chambre-Séparée des berühmten Café Anglais. Manche der eleganten Halbweltlerinnen besaßen eine Loge im Théatre Français oder in der Oper. Hier erschienen sie stets in großer Toilette und mit wundervollem Schmuck, meist in Begleitung einer Freundin. Aber zum Unterschied von den Hetären des 18. Jahrhunderts benahmen sie sich in der Oper äußerst taktvoll und ohne Aufsehen. Ihr äußerliches Auftreten war das wirklicher Damen der Gesellschaft. Wie diese empfingen auch sie in ihrer Loge ihre Freunde und Verehrer, ließen sich wie Herzoginnen und Marquisen die Hand küssen und unterhielten sich mit den Kavalieren, als wären sie nichts anderes gewöhnt als die Konversation eines vornehmen Salons. Zweideutigkeiten und freies Wesen ließen sie zu Hause. In den großen Theatern waren sie ganz Weltdame. Und die Männer benahmen sich ihnen gegenüber als vollendete Kavaliere. Anders wieder war es, wenn sie die kleinen Boulevardtheater in lustiger Gesellschaft besuchten. Hier war die große Toilette und die Etikette nicht am Platze. Zu mehreren saßen sie dann mit ihren jungen Freunden in den Proszeniumslogen und überließen sich ganz der Freude, sich gut zu unterhalten. Bisweilen ging es in diesen Logen recht lebhaft, laut, ungeniert und ausgelassen zu, ohne daß das Publikum sich darüber entrüstete. Im Gegenteil, man war so an den Übermut gewisser berühmter und berüchtigter Lebemänner vom Turf oder aus den Klubs gewöhnt, daß man sich über diese Ausgelassenheit amüsierte, ja sogar bis zu einem gewissen Grade daran teilnahm und manche der übermütigen Ausschreitungen beklatschte. Nach dem Theater und der Oper begaben sich die fashionablen Paare meist nach dem Café Anglais, dem vornehmsten Pariser Restaurant seiner Zeit, das auch der König von England und viele andere regierende Fürstlichkeiten mit ihrer Gegenwart beehrten. Dort stand ihnen ein großes Zimmer, eine Art Chambre-Séparée zur Verfügung, das unter dem Namen »Die große 16« bekannt war. Hier soupierte mancher hohe Herr, manches vornehme Mitglied des Jockeiklubs in Gesellschaft jener reizenden galanten Frauen, die es verstanden, mit Grazie, Eleganz und Esprit Feste zu feiern. Und die Gents der Jeunesse dorée erschienen einer nach dem anderen, entweder in Begleitung oder einzeln, je nachdem, wie ihnen das Glück der Venus auf der Straße oder des Baccarats am Spieltisch hold gewesen war. Hier waren sie ganz unter sich, ohne zu riskieren, auf Unbefugte oder triviale Fremde zu stoßen. Bis früh am Morgen ging hier das Leben, und der Bürger, der sich so spät noch auf den Boulevard verirrte, warf neugierige und begehrliche Blicke nach den hellerleuchteten Fenstern der »Grande Seize« des Café Anglais. Erst in den letzten drei Jahren des Zweiten Kaiserreichs büßte die »Große 16« ihren Ruf als Lebelokal etwas ein. Die größte Anziehungskraft übten auf die Demimondänen, wie überall und zu jeder Zeit, die öffentlichen Bälle aus, die es in Paris schon damals in großer Anzahl gab. »Mabile« und das »Chateau des Fleurs« in den Champs-Élysées waren die bekanntesten und elegantesten Tanzlokale. Dort traf man die schönen Demimondänen in den fabelhaftesten und extravagantesten Toiletten am Arme ihrer eleganten Kavaliere promenierend. Die wenigsten von ihnen tanzten, aber die es taten, verstanden es mit einer Kunst, die nur Berufstänzerinnen eigen ist. Sie tanzten den klassischen, geistreichen, lasziven Cancan, ohne daß er vulgär wirkte, wie später der Cancan der Goulu und der Grille d'Egout, jener berühmten Tänzerinnenkokotten um die Wende des 19./20. Jahrhunderts in Paris. Rigolboche war unter dem Zweiten Kaiserreich die berühmteste Cancantänzerin. Sie lebte auf großem Fuße, besaß unerhörte Brillanten und wählte sich ihre Geliebten aus den fashionabelsten Kreisen. Neben diesen öffentlichen Bällen veranstalteten die eleganteren Hetären in ihren Privatwohnungen Hausbälle. Es waren Feste, wo Anmut und Schönheit Triumphe feierten. Es wurde dabei ein Luxus entfaltet, der dem der reichsten Familien gleichkam. Man amüsierte sich glänzend. Eine der berühmtesten Halbweltdamen der Zeit, Cora Pearl, bot drei Winter hindurch ihren Freunden und Freundinnen die großartigsten Diners und Bälle, zu denen man nur in großer Abendtoilette und im Frack erschien. Andere Damen der Demimonde freilich arrangierten weniger distinguierte Gesellschaften, wo man weder eines Fracks, noch eines Abendkleides oder überhaupt eines Kleidungsstückes bedurfte. Cora Pearl gab ihren Freunden Soupers und ließ zum Nachtisch die auserlesensten Früchte servieren. Sie lagen in Schalen mit den herrlichsten Parmaveilchen. Für diese schönen Blumen allein, die sie aus Nizza kommen ließ, hatte sie 2000 Franken ausgegeben. Sie reiste immer nur mit ihrem eigenen Küchenchef und einem Troß Dienerschaft in die Modebäder, hauptsächlich nach Vichy und Baden-Baden, aber auch nach den englischen Seebädern. Meist wurde sie dann von einem ihrer Liebhaber begleitet. Das hinderte sie indes nicht, in den Badeorten neue Bekanntschaften zu machen. Vichy besonders war der Schauplatz ihrer Verschwendung. Obwohl sie Herzöge und Prinzen zu Freunden hatte und einer allein ihr eine Monatsrente von 25 000 Franken zur Verfügung stellte, kam sie nie aus. Oft hatte sie nicht einen Sou. Alles vergeudete sie in Gelagen und Festen. Sie hatte Unsummen zur Verfügung, aber das Geld zerrann ihr unter den Händen. Ein Aufenthalt in Baden-Baden kostete sie nie unter 200 000 Franken. Sie besaß die wundervollsten Rassepferde, die schönsten Wagen, die herrlichsten Diamanten. Die Männer überschütteten sie mit Geschenken. Der Herzog von Morny sah sie an einem Wintertag in Paris auf dem Eise. Sie war noch ein wenig Anfängerin sowohl auf dem Eise als auch auf dem Gebiete der Galanterie. Aber ihre schlanke, blonde, englische Schönheit – sie war Engländerin von Geburt – und ihre provozierende Keckheit gefielen ihm. Gleich nach seinem ersten Besuch schenkte er ihr einen weißen Vollblutaraber und richtete ihr nachher eins der schönsten Palais in der Nähe der Champs-Elysees ein. Er hatte es für 450 000 Franken einem verarmten Aristokraten abgekauft. Cora Pearl erfreute sich des schlechtesten Rufs unter allen Pariser Kurtisanen. Sie war die unabhängigste, freieste unter ihresgleichen. Nie hat ein Mann, und mochte er noch so reich und freigebig sein, sie zur Sklavin machen können. Sie war keinem treu und liebte keinen. Und doch traten Männer mit großem Namen für sie ein. In einem fashionablen englischen Seebad untersagte die Kurverwaltung ihr einmal den Aufenthalt im Spielsaal. Da war es niemand anders als der Herzog von Morny, der als öffentlicher Beschützer der Hetäre auftrat. Cora selbst erzählt diesen Vorfall in ihrer burschikosen Art mit beißendem Spott: »Ich kam mit meinem immensen Gefolge in X. an: einem ganzen Wagen voll Gepäck, sechs Pferden, einer Menge Personal. Zuerst hatte man mich für die Prinzessin Gargamelle (fingierter Name) gehalten. Ich fühlte mich durchaus nicht geschmeichelt. Ich begebe mich sofort in den Spielsaal. Ein Kommissar verbietet mir den Zutritt. Wie es schien, war ich der Gegenstand einer außergewöhnlichen Maßnahme. Ich frage, warum man mich so unerbittlich abweist und daran hindert, mein Geld ebensogut wie eine bescheidene Marquise zu verlieren. ›Auf Befehl der Königin,‹ antwortet man mir. Man ist in punkto Sitten streng in diesem Lande. Alle Männer sind äußerst nüchtern, alle Frauen, selbst die am wenigsten schönen, sind keusch. Den jungen Mädchen gestattet man von französischen Romanen nur die ›Aventures de Télémaques‹ ... 53. Bardame. Aquarellierte Zeichnung von G. Léonnec. 1920 Um mich zu trösten, begebe ich mich zum Rennplatz. Dort treffe ich Dufour und Tangis (bekannte Lebemänner unter fingierten Namen der Zeit) und erzähle ihnen mein Mißgeschick. Sie wollen es mir nicht glauben. ›So kommt mit mir‹, sage ich zu ihnen, ›und überzeugt Euch selbst von einer neuen Beleidigung. Kommt, es gibt dabei etwas zu lachen!‹ Während wir noch plaudern, tritt ein Lakai an unseren Tisch und übergibt mir eine Karte: ›Beeile Dich mit Deinem Diner, ich biete Dir meinen Arm, um Dich in den Spielsaal zu führen. Morny.‹ – ›Seht Ihr!‹ triumphiere ich. – ›Eine entzückende Revanche und eines Grandseigneurs würdige Höflichkeit.‹ – ›Ja,‹ erwidere ich sehr gerührt, sehr stolz und sehr glücklich, ›ein echter Franzose!‹« Wie immer in den großen Modebädern hatte sie an diesem Abend an 15 Freunde zu Tisch. Man dinierte nicht lange, dann erschien die elegante, ungemein auffallende Hetäre am Arme des Herzogs im Spielsaal. Die sehr vornehmen Kurgäste, die zum Teil dem hohen französischen, englischen und russischen Adel angehörten, kamen aus dem Staunen nicht heraus. Morny, einer der vornehmsten Männer unter dem Zweiten Kaiserreich, behandelte die Demimondäne, als wäre sie eine Herzogin von edelstem Geblüt. Er war selbst bei der Königin gewesen und hatte für Cora Pearl die Erlaubnis zum Betreten des Spielsalons erbeten. Als diese verschwenderische Kokotte in Armut ihre Memoiren schrieb, übersah sie noch einmal ihr Leben und schloß ihr Buch mit den Worten: »Es ist zu Ende – zu Ende mit meinen Erinnerungen.– Für andere beginnt das gleiche Leben oder es geht weiter. Es wird immer reizvolle, anziehende Geschöpfe geben, wie es auch stets Prinzen und Diplomaten, Nichtstuer und Kapitalisten, ehrenhafte Menschen und Schwindler gibt. Wenn ich mein Leben noch einmal zu beginnen hätte, würde ich mich wohl weniger verrückt benehmen. Ich wäre dann vielleicht geachteter, nicht etwa weil ich achtenswerter wäre, sondern weil ich mich weniger ungeschickt zeigte. Soll ich das Geschick bedauern, das mir bestimmt war? Ja, wenn ich meine Armut in Betracht ziehe. Nein, wenn ich bedenke, was mich ein geordnetes, ruhiges Leben gekostet hätte. Wenn die Goldstücke dazu da sind, zu rollen, die Diamanten zu glänzen, so kann man mir nicht vorwerfen, diese edlen Dinge ihrer Bestimmung entzogen zu haben. Ich habe mit den einen geglänzt und die anderen rollen lassen. Das war ganz in der Ordnung. Ich habe nur insofern gesündigt, als ich aus allzu großem Gerechtigkeitssinn Cäsar gab, was dem Cäsar gehörte, und meinen Gläubigern, was aufgehört hatte, mir zu gehören. Ehre und Gerechtigkeit sind befriedigt. Ich bin niemals jemandem untreu geworden, denn ich gehörte niemandem. Meine Unabhängigkeit war mein ganzes Glück. Nie habe ich ein anderes gekannt. Und es ist das einzige Band, das mich noch mit dem Leben verknüpft: Mir ist die Unabhängigkeit lieber als die kostbarsten Perlenkolliers, das heißt diejenigen, die man nicht verkaufen kann, weil sie einem nicht gehören.« So offen wie Cora Pearl waren allerdings wenige Halbweltlerinnen. Die Wintersaison der großen Pariser Demimonde beendete gewöhnlich ein glänzender Maskenball im »Frères Provencaux«, wo auch die großen Feste der vornehmen Gesellschaft abgehalten wurden. Auch die Halbwelt wollte nicht nachstehen. Man war jedoch ganz unter sich: Nur berühmte, hyperelegante Lebemänner und die Elite der Grande Cocotterie wurde zugelassen. Alle waren maskiert. Die Frauen in wundervollen phantastischen Kostümen, die ihre Reize besonders betonten; die Herren in meist komischen Masken, oft äußerst künstlerisch erfunden, immer aber lustig und amüsant. Da man sich nur unter Leuten von Welt, unter Freunden befand, war alle Pose ausgeschlossen. Hier tanzte man einen wilden zügellosen Cancan, und mancher der jungen Dandies, der auf der Straße oder in einem Salon der oberen Zehntausend die Korrektheit selbst war, verstand es mit seiner Partnerin besser als ein Berufstänzer, diesen herausfordernden Tanz auf eine Weise und mit so großer Virtuosität und Laszivität zu tanzen, die alle Begriffe von ausschweifender Phantasie in den Schatten stellten. 54. Vor dem Spiegel. Aquarell von Ludwig Kainer. 1925 Es gab indes auch Tanzvergnügungen der Halbwelt, wo es so anständig und comme il faut wie in einer Tanzstunde zuging. Ein- oder zweimal in der Woche begaben sich die Damen, wenn sie nicht anderweit engagiert waren, zu den beiden damals berühmten Tanzlehrern Cellarius oder Laborde. Der eine hatte seine Tanzschule in der Passage d'Opèra, der andere in der Nähe der großen Boulevards. Am Tage brachten sie jungen ehrbaren Mädchen, Frauen der Gesellschaft und ehrsamen Bürgern das Tanzen bei, an gewissen Abenden jedoch versammelte sich bei ihnen die elegante Demimonde, um die neuesten Schritte des Cancans und anderer Tänze zu lernen. In einem niedrigen Salon, der höchstens zwanzig Personen fassen konnte und mit einigen Spiegeln und Diwans an den Wänden ausgestattet war, fanden diese Tanzstunden mit beinahe bürgerlicher Aufmachung statt. Man tanzte dort etwa zwei Stunden, die Damen in Straßentoilette mit gesuchter Einfachheit. Es wurde sehr dezent, sehr korrekt und ohne Aufsehen getanzt, dafür aber um so mehr mit den jungen Offizieren, die in Zivil hinkamen, geflirtet. Manche Debütantin wagte hier ihren ersten Schritt in die Halbwelt, wie zum Beispiel die schöne Caroline Hassé. Sie erschien bei Laborde in sehr bescheidener Kleidung, beinahe ärmlich. Und dennoch fiel sie durch ihre wunderbare Schönheit und ihren Charme auf. Es dauerte auch nicht lange, und man sah sie im Bois in einer prächtigen gelben Equipage mit zwei tadellos gepflegten Dienern auf dem Bock. Das elegante Äußere Carolines ließ darauf schließen, daß es ihr äußerst gut ging und sie im Überfluß lebte. Sie hatte einen sehr reichen Gönner gefunden, der sie mit Diamanten und Banknoten überschüttete. Er hielt sie auch in der Folge auf sehr großem Fuße, und wo sie erschien, zog sie durch ihre unerhörte Eleganz und den Geschmack in der Kleidung ebenso sehr die Blicke aller auf sich, wie durch ihre eigenartige Schönheit. Und es war kein ephemerer Erfolg, wie der so vieler ihrer Kolleginnen, den sie zu verzeichnen hatte. Sie stieg von Stufe zu Stufe und machte ziemlich von sich reden. Ihr Appartement in der Rue Ponthieu, wo sie in demselben Hause lebte, das auch Cora Pearl bewohnte, war eins der elegantesten. Man feierte dort Feste und Gelage, die an Extravaganz, Verschwendung, Luxus, erlesenen Menüs und exquisitem Champagner nichts zu wünschen übrig ließen. Ihr Schlafzimmer war eine Sehenswürdigkeit. Um die Weiße ihrer Haut und ihre Körperformen, auf die sie mit Recht sehr stolz war, noch blendender erscheinen zu lassen, waren die Kissen und Decken des Bettes aus schwarzer Seide. Ebenso waren alle Möbel ihres Boudoirs überzogen. Es war das Heim einer echten Kurtisane. Alles war auf maßlose Genußsucht, schwelgerischen Luxus gestimmt. Manche dieser Hetären besaßen neben ihren schönen, eleganten Hotels auch noch irgendwo in Paris ein obskures Absteigequartier. In den luxuriösen Wohnungen empfingen sie nur den Gönner, der all diesen Reichtum bezahlte. In den kleinen Pied-à-terres hingegen trafen sie mit den zahlreichen anderen Männern zusammen, die der Zufall ihnen verschaffte. Die Baronin d'Ange zum Beispiel – natürlich ein Pseudonym – besaß in der Nähe des Bois de Boulogne ein prachtvolles Haus, wo sie täglich von sieben Uhr abends bis zum anderen Mittag in Gesellschaft ihres Freundes beinahe ein eheliches Leben führte, so daß er der Meinung war, sie sei ihm absolut treu. Aber sobald er das Haus verlassen hatte, bestieg sie ihren Wagen und begab sich nach einer kleinen Wohnung, die sie in einem Viertel der inneren Stadt gemietet hatte. Dort empfing sie, wie ein Arzt oder Notar, ihre zahlreichen Klienten; oft waren es arme Künstler, Studenten oder Offiziere, die sich für ihre Gunst mit einem Louisdor, einem Bild, einem Gedicht revanchierten. Mit dem Sturze des Zweiten Kaiserreichs verschwanden auch diese letzten großen Hetären, die das Auftreten von Fürstinnen hatten, aus dem öffentlichen Leben. Zwar ging die Demimonde nicht unter, denn sie wird immer bestehen, aber sie wurde durch die neue Ära um die Jahrhundertwende in andere Bahnen gelenkt. Die große Welt beschäftigte sich nicht mehr so intensiv mit den Einzelheiten des Lebens einer nur verschwenderischen Kurtisane. Diese Frauen mußten außer ihrer Schönheit, ihrer Extravaganz, ihrer Abenteurerlust auch noch etwas anderes in die Waagschale zu werfen haben. Die Varietebühne, das Kabarett, das Überbrettl waren oft die Brücke zur Weltberühmtheit einer galanten Frau am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Der Lebemann ruinierte sich zwar genau noch so wie früher für eine verschwenderische und elegante Frau, aber es waren meist Sterne, wenn auch nicht immer die größten, am Theaterhimmel, für die der Mann eine Skandalaffäre oder den Zusammenbruch seines Vermögens riskierte. Dennoch fehlte es, sagt Dühren, auch in der vornehmen Gesellschaft des Ausgangs des 19. Jahrhunderts nicht an jenen mysteriösen Wesen aus jener anderen Welt, die man die halbe nennt. Es gab gewisse elegante Damen, die eine vornehme Wohnung inne hatten, von ihren Revenuen lebten und doch weder ehrbare Bürgerfrauen, noch wirkliche Kokotten waren. »Es sind Damen, die ihre Unabhängigkeit und ihre Würde bewahren. Es ist nicht leicht, sich ihnen zu nähern. Sie wählen ihre Geliebten nicht nach der Livree ihrer Diener, sondern nach ihrem Geschmack. Diese Frauen aber bewahren ihre Freiheit. Sie verschmähen zwar weder Geschenke noch Geld, aber sie binden sich niemals. Sie geben oft Liebe für Liebe oder wenigstens Leidenschaft. Sie lieben die Vergnügen der verwöhnten, raffinierten Weltdame und würden jedem, der sich mit ihnen grobe Scherze erlaubte, die Türe weisen.« In diesen Halbweltlerinnen eines neuen Stils liegen bereits die Grundzüge unserer modernen Phrynes. 55. Halbakt. Ölgemälde von van Dongen. 1926 Die Eleganz des zwanzigsten Jahrhunderts Die Dame des Fin de Siècle Die Umhüllung aller weiblichen Reize siegt in den letzten zwanzig Jahren des vorigen Jahrhunderts über die mehr oder weniger weitgehenden Entblößungen der vorhergehenden Zeiten. Die Frau legt Wert darauf, sowenig wie möglich von ihren körperlichen Reizen nackt sehen zu lassen. Der Mann darf nur oder soll nur ahnen, was unter der Turnüre, dem weiten Rock, dem Glockenrock oder dem enganliegenden Prinzeßkleid verborgen ist. Aus dem Exhibitionismus der Rokokodame, der Frau des Direktoriums und der koketten Frauen des Zweiten Kaiserreichs wird ein Kleider- und Wäschefetischismus. Der Luxus der Unterwäsche beginnt. Zwar vorwiegend noch in Frankreich und in Amerika, während in Deutschland, England und anderen Ländern mit germanischem Einschlag sich diesen Luxus nur erst die Damen der Halbwelt und die Künstlerinnen auf der Bühne gestatten. Das Frou-Frou fängt an, seine reizvolle Rolle zu spielen, zu allererst im Cancan auf der Bühne und im öffentlichen Ballsaal. Später verbreitet es sich auch in den eleganten Schichten der Gesellschaft. Die Schauspielerin ist dort anfangs die Tonangebende. Sie hat sich nahezu zu einer gesellschaftlichen Stellung durchgerungen und ist zu Einfluß und Ansehen gelangt. Die großen berühmten Darstellerinnen sind die Trägerinnen des Geschmacks. Man lädt sie ein und ist glücklich, sie seinen Gästen »zeigen« zu können. Was sie tragen und wie sie es tragen wird nachgeahmt. Zwar führt der große Toilettenluxus auch manche bedeutende Künstlerin zu Entgleisungen, aber diese Fälle sind relativ selten, sie erstrecken sich mehr auf Frauen, die nicht um der Kunst willen auf der Bühne stehen und nur den Namen, sonst nichts, von einer echten Künstlerin haben. In Wien war Helene Odilon durch ihre fabelhaften Kleider und Hüte und auch durch ihre großen Erfolge als Schönheit auf der Bühne das Ideal einer eleganten, extravaganten Frau. In Berlin gaben Rita Leon, Jenny Groß, Marie Reisenhofer den Ton an, wie man sich zu kleiden hatte. In Paris sind die Königinnen der Eleganz die Schauspielerinnen Réjane, Marthe Régnier, die Tänzerin und Königsmätresse Cléo de Mérode, die schöne Spanierin Otero, die junge Mistinguett vom Moulin Rouge und andere. Die gefeiertste Schönheit um die Jahrhundertwende war wohl Cléo de Mérode: »la belle des reines, la reine des belles, der Liebling der Bildhauer, Götter und Könige«. Sie ist der vollkommene Typus der Frau des Fin de Siècle, in dem bereits die Tendenz der Schlankheit zum Ausdruck kommt. Aber noch ist es eine Schlankheit, die durch das Marterwerkzeug »Korsett« arge Verbildungen aufweist. Dennoch spricht die ganze Welt von ihr. Extravagante Frauen wie die Prinzessin Chimay, die mit einem Zigeunergeiger durchbrannte und dann, nur mit einem Trikot bekleidet, die gleichfalls verschnürte Plastik ihres Körpers auf der Bühne sehen ließ, ferner die schöne, elegante und sehr kokette Kronprinzessin Luise von Sachsen, die das zeremonielle und verlogene Hof leben nicht mehr ertragen konnte und mit dem Hauslehrer ihrer fünf Kinder in eine andere Welt flüchtete, erregten zwar einen Sturm von Entrüstung, aber gleichzeitig bewunderte man ihren Wagemut. Ihre Schönheit und ihre Eleganz sicherten ihnen gewissermaßen in den Augen eines Teiles des Publikums das Recht zu den Skandalen, die sie heraufbeschworen. Alle repräsentierten das Schönheitsideal der Frau von damals. Und die mondänen Frauen des Adels und der hohen Bürgerkreise versuchten wenigstens ebenso fesch, ebenso elegant zu sein, wie diese Bühnensterne und exzentrischen Mondänen. Zwar mußte die große Linie immer ein wenig dezenter gehalten werden, als wie es Künstlerinnen auf der Bühne sich leisten konnten, aber der Ansporn ging von der Rampe aus. 56. Die Tänzerin Edmonde Guy. Typus der modernen Frau. Ölgemälde von van Dongen Die elegante Frau um die Jahrhundertwende geht am Tage auf der Straße niemals dekolletiert. Nur am Abend zum Ball, zum Diner, in der Oper ist ein Dekolleté von verhältnismäßig bescheidenem Ausmaße gestattet; außer in der Hofgesellschaft, wo es Vorschrift ist, Schultern, Arme und Brust ganz tief zu entblößen. Aber die Arme werden mit langen schwedischen oder seidenen Handschuhen bekleidet. Der Rock geht bis zu den Füßen und hat eine Schleppe, oft auch auf der Straße. Dieser lange Schlepprock ist indes dazu da, erstens, um die Figur schlanker erscheinen zu lassen, und zweitens, um in die Höhe genommen zu werden. Man soll die duftigen Gebilde der Jupons aus Batist und Valenciennesspitzen oder aus schillernder Seide sehen. Der seidene Unterrock gehört immer zur Toilette einer eleganten Frau und ist so gearbeitet, daß sie damit prunken kann. Ob es regnet oder die Sonne scheint, stets haben die Kleider den Zweck, in die Höhe genommen zu werden. Und es liegt ein eigener Reiz in dieser Bewegung des Kleideraufhebens; in jeder Saison ist es eine andere Art, mit der die elegante Frau diese graziöse Bewegung ausführt. Ganz besonders gut versteht das die Pariserin. Sie nimmt ihr Kleid sehr hoch auf, so hoch, daß sie es bequem tragen kann. Dann schüttelt sie sich ein wenig, um sicher zu sein, daß ihr spitzenbesetzter Unterrock gleichmäßig um die Knöchel hängt. Sie vermeidet es aber, wenn irgendmöglich herunterzuschauen, ob alles in Ordnung ist, da dies als ein Zeichen von Unkenntnis in Toilettenfragen gilt. Die Straßenübergänge scheint sie stets auf den Fußspitzen zu überschreiten. Ihr Gang ist dann so rasch, und sie hebt die Absätze so hoch, daß die Fußspitze kaum den Schmutz berührt. Sie braucht keinen patentierten Kleideraufschürzer, wie viele Frauen in England und in Deutschland. Ein Heben der Hüften und zwei Finger genügen ihr. Um dies mit Schick und Grazie auszuführen, bleibt sie einen Augenblick stehen. Dann werden die Falten des Kleides mit einer raschen Bewegung zusammengenommen und so hoch an der Seite heraufgerafft, daß die Hand bequem auf der Hüfte ruhen kann. Immer aber kommt es ihr darauf an, das weiße Geriesel der Valenciennesspitzen ihrer Unterwäsche sehen zu lassen. Während die Eleganz und der Schick des Straßenkleides aus dunklen, weichen Stoffen in der Unnachahmlichkeit des tadellosen Schnitts eines guten Schneiders liegen, verwendet man den größten Luxus und die reichste Phantasie der Ausstattung auf die Unterkleidung. »Die Wäschegeschäfte haben es wunderbar begriffen,« sagt Uzanne, »daß man darin nicht weit genug gehen, nicht genug duftige Erfindungen in paradoxen Spitzen, in launenhaften, durchsichtigen Seidenstoffen machen, nicht genug feine schleierartige, lockere Gewebe in zarten, duftigen Farben erfinden kann. Spitzen aus Valenciennes, Gipüren aus Irland, entzückende Spitzen aus Mecheln, Chantilly und Alençon, venezianische Points dienen zum Schmuck unserer Schönen. Der Luxus ihres intimen Kleidungsstückes ist so kompliziert, so groß und künstlerisch geworden, daß seine Beschreibung Bände füllen und das Thema doch nicht erschöpfen würde. Die Frauen treten gewissermaßen vor uns wie jene puritanisch gebundenen Bücher, das heißt, in schlichter Hülle ohne unnütze Zierate, aber im Innern der Schutzdeckel, auf den Vorsatzblättern zeigen sie den Geschmack des Liebhabers ... Besser gesagt: eine kokette moderne Frau des Fin de Siècle gleicht einer umgestülpten Blume, deren zahlreiche Blumenblätter bis zu den holden Tiefen der Mittelblätter immer schöner und zarter werden. Sie ist wie eine seltene Orchidee, die den Duft ihrer Heimlichkeiten nur in der Vertrautheit der Liebe preisgibt. In den Augen eines liebenden Gatten oder eines leidenschaftlichen Liebhabers, der Sinn für Frauenkleidung hat, kommt nichts dem Anblick der sich entkleidenden Geliebten gleich. Die Mysterien der antiken Statuen besaßen sicher nichts von der verwirrenden Poesie der Riten, die zum Auskleiden unserer eleganten Göttinnen gehören, wenn die Stunde der Apotheose ihres Verlangens schlägt, wenn die Hüllen, die sie umrauschen, eine nach der anderen wie leichter Schaum fallen.« – Bereits Balzac sah in der Art, wie eine Frau ihre Schleppe oder ihren Rock aufraffte, eine Kunst, die einen Ehrenpreis verdiente. Die Anmut dieser Bewegung ist alles. Das schlanke Bein, das mit schwarzen, durchbrochenen Florstrümpfen bekleidet, in bis zum Ansatz der Wade gehenden Knopfstiefeletten steckt – ausgeschnittene Schuhe, Pumps und Spangenschuhe sind erst eine spätere Errungenschaft in der Straßenkleidung der Frau, – wirkt in der weißen Umrahmung der Jupons um so pikanter, je weniger man es in seinen Formen preisgibt. Es soll Wunder ahnen lassen, die nur das erfahrene Auge des Kenners der Frauenschönheit erkennt. Die Frau des Fin de Siècle und des beginnenden 20. Jahrhunderts hat, wie Moreck sich in seinem »Weiblichen Schönheitsideal« ausdrückt, »ihren Körper vor dem Schicksal bewahrt, uns (die Männer) zu langweilen und uns seiner überdrüssig zu werden, indem sie ihn durch eine kunstvoll gewählte und wandelbare Hülle nuancierte.« – Aber die Moral dieser Zeit hat auch die Frau dazu veranlaßt, sich für den Mann mit Hilfe von Mitteln herzurichten, die der Schönheit ihres Körpers nachteilig waren: das Korsett. Es spielte noch bis weit in das 20. Jahrhundert eine dominierende Rolle in der erotisierenden Unterkleidung der Frau. Zeichner, wie Rezniċek, Guillaume, Heilemann, nahmen die halbentkleidete Frau im Korsett, spitzenbesetzten Hemd und Unterrock mit Vorliebe zum Motiv ihrer galanten Zeichnungen. Der Zweck der Oberkleidung ist stets Verführung im allgemeinen, während die Dessous vor allem Verführung des Einzelnen und Stimulans des Gatten oder Geliebten bezwecken. Die Spitzen, die Bänder, die zarten Batiste, die weiche, anschmiegende Seide der Unterkleidung einer eleganten Frau wirken berauschend auf die Sinne des Mannes, und die Frau des ausgehenden 19. Jahrhunderts erkannte das als erste der neuen Zeit. Die Wäscheschränke der mondänen Frau bergen Kostbarkeiten an Geschmack und Raffinement in Formen und Material der einzelnen Stücke. Die Hemden, die Höschen, die Jupons, die Negligés, die Nachthemden, die Frisiermäntel, die Nachthäubchen, die Mieder, die Strümpfe werden zu duftigen Zauberkünsten, zu ästhetischen Gegenständen des Genußlebens. Der elegante Mann des Fin de Siècle verlangt von einer Frau, daß sie »von den Knöcheln aufwärts und vom Hals abwärts eine einzige »via triumphalis« für sein Begehren sei. Und die Frauen kommen seinen Wünschen um so lieber entgegen, als sie selbst an diesem entzückenden Zubehör einer gepflegten und eleganten Kleidung die größte Freude haben. Der weiße Batistjupon mit seinen Spitzen und Falbeln ist das Wäschestück, mit dem eine elegante Frau ganz öffentlich kokettieren kann, denn das lange Oberkleid nötigt sie, es bei jeder Gelegenheit in die Höhe zu nehmen. Im geschickten Retroussé zeigt die Elegante ihre Verführungskunst, und sie weiß, welche Macht dem Jupon innewohnt. Das beweist allein die Rolle, die er während langer Jahre des 19. Jahrhunderts hindurch in der weiblichen Kleidung spielte. Neben dem Jupon sind es die immer kürzer werdenden Beinkleider und das Hemd, die den Hymnus der Grazie und Koketterie vollenden. Sie werden nur in den allerintimsten Stunden des Ankleide- oder Schlafzimmers gezeigt. Diese duftigen Gebilde von Spitzen und hauchdünnem weißem Batist umschmeicheln Knie und Schultern der Dame des 19./20. Jahrhunderts. Zarte farbige Seidenbänder und Schleifen werden kokett an den Achseln der Hemden und an den Seiten des weiten Rock- oder Directoirehöschens angebracht. Diese selbst reichen bei einer eleganten Frau des Fin de Siècle nie bis übers Knie. Freilich, wenn wir heute diese Wäschestücke einer Mondänen vor 30 Jahren betrachten, erscheinen uns besonders die Beinkleider so lang und so lächerlich weit, daß man mindestens drei von unsern modernen Combinations daraus machen könnte. Jede Mode hat eben ihre Zeit und ist schön in ihrer Zeit. Aber gerade die elegante Unterwäsche der Dame des Fin de Siècle wirkte wie kaum eine andere auf die Sinne. Sie war die größte Waffe der Frau zur Verführung des Mannes und trat ihren Siegeszug von Paris aus über alle Länder an. Nach Paul Leppin wird sie für viele Männer zum Fetisch. »Wenn wir sehen, wie die Frau in ihrer Kleidung mit hundert kleinen Details und Besonderheiten manövriert, wie sie die Schwächen und Passionen des Mannes bis auf das letzte Pünktchen in ihr Kalkül gezogen hat, dann müssen wir vor ihrer Toilette wie vor einem tausendfach verästelten, kostbaren und feingeäderten Kunstwerke stehen, dessen Mechanismus wir zu den kompliziertesten Resultaten psychischer und biologischer Evolutionen rechnen können.« Die kluge und wissende Frau kennt die Wirkung der Mode ihrer Zeit instinktiv und richtet sich nach ihr. Nicht lange mehr sollte indes der Jupon eine so große Rolle spielen. Bereits 1906 schrieb ein Pariser Modebericht, daß die Tage des Frou-Frou gezählt seien. »Nun schieben«, heißt es in diesem Modebericht, »die eleganten Damen resolut den reizenden Jupon beiseite und greifen zu kokett garnierten kurzen Höschen, die den Körperlinien folgend, die Reize des enganliegenden Kleides vollenden. In den Pariser Wäscheateliers arbeiten erfinderischer Geist und tausend geschickte Hände, um mit den kurzen Beinkleidern all den zarten Schmuck zu vereinen, der dem Jupon seine intimen Triumphe eingetragen hat. Die kostbaren Spitzen gehen auf die Beinkleider über, und Unsummen werden bereits für die neue Unterkleidung ausgelegt.« Die Mode des Fin de Siècle verschaffte auch den Frauen raffinierte Hilfsmittel, körperliche Schönheitsfehler zu verbergen. Das enganliegende Schneiderkleid erforderte Formen, die nicht jeder Frau zur Verfügung standen. Das enggeschnürte Korsett sorgte dafür, daß Hüften und Büste die Wölbungen zeigte, die die Mode erforderte. Entweder es preßte das allzu üppige Fleisch in seine Grenzen oder es half mit Polsterungen da nach, wo etwas fehlte. Mancher Mann, der auf der Straße oder im Ballsaal eine Aphrodite gefunden zu haben glaubte, wurde später in einer intimen Stunde enttäuscht – nicht selten in der Hochzeitsnacht –, wenn die Braut oder Geliebte jede einzelne Requisite ihrer »vollendeten Gestalt«, die wulstigen Unterlagen des weitgebauschten Haares, die falschen Zöpfe und Chignons, die künstlichen Hüften und Polsterungen der Brüste im Ankleidezimmer abgelegt hatte. Mancher aber erlebte auch ungeahnte Überraschungen. Unter der eifersüchtig verhüllenden Kleidung entdeckte das schönheitsdurstende Auge des Künstlers, des Gatten und des Geliebten die göttlichen Formen einer Venus. Und er genoß sie um so intensiver, weil sie wenigstens in dieser Stunde nur ihm gezeigt wurden, nur ihm gehörten und nicht allen Männerblicken auf der Straße, in den Vergnügungslokalen, auf Bällen und in Seebädern zur Schau gestellt wurden – denn die Badeanzüge enthüllten damals noch sehr wenig. Diese bürgerliche Tendenz der Sinnenfreude, die im Verhüllenden und Verhüllten den größten Reiz sah, erhob Kleid, Pelze und Wäsche der Frau zu Fetischen der Wollust. Daneben tauchen bereits Sportkostüme aller Art auf. Für Radlerinnen, Schlittschuhläuferinnen, vor allem aber die Amazone der Reiterin. Freilich kann sich die heutige Sportlerin nicht eines Lächelns erwehren, wenn sie die unpraktischen Gewänder betrachtet, die die Frauen der vorletzten Generation mit dem Namen »Sportdress« bezeichneten. Der Sport war ja auch meist nicht die Hauptsache dabei, sondern das Kleid. Wie es im Festsaal und auf der Straße durch das feine Knistern der seidenen Jupons, der »berauschenden Musik des Frou-Frou«, die Phantasie des Mannes beleben sollte, so mußte es auf der Eisbahn, der Jagd, im Tattersall und auf den großen mondänen Reitwegen, die jede Großstadt besaß, die Aufmerksamkeit auf seine Trägerin lenken. Die Eitelkeit der mondänen Sportlady vor dreißig, ja, noch vor zwanzig Jahren war im allgemeinen größer als ihr sportlicher Ehrgeiz. Es kam ihr bei allen diesen Dingen mehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung und den aus dieser Erscheinung sich entwickelnden Flirt an. Es ist für sie das größte Vergnügen, in entzückenden pelzbesetzten, enganliegenden Eislaufkostümen, ein kleines Pelzbarett auf die blonden oder braunen Locken, keck, etwas schief gesetzt, die schlanken, lederbehandschuhten Hände in einen winzigen Muff gesteckt, die Schlittschuhe am Arm, zur Eisbahn zu gehen. Die Winterkälte treibt ihr das Blut ins Gesicht, das mit einem interessant machenden Schleier umsponnen ist. Sie sieht frisch und blühend aus. Schon auf dem Wege zur Eisbahn fliegen ihr alle Blicke der Männer zu. Sie weiß es und freut sich im voraus der Erfolge, die sie auf dem Eise haben wird. Ihre geschmeidige Gestalt wird im »Bogenfahren« besonders zur Geltung kommen, und das »Rückwärtslaufen« wird alle ihre Verehrer überraschen. Das alles denkt diese »Sportlerin« auf dem Wege zur Eisbahn. Manchmal ist es ein See, manchmal eine gegossene Eisfläche, bisweilen auch ein »Eispalast« mit künstlicher Eisbahn. Dort läuft sie, die eine Hand mit dem Muff an die Wange gedrückt, mit lachenden Augen an der Seite eines Freundes oder einer Freundin und ist beglückt, wenn ihr die Blicke der schlittschuhlaufenden Männer folgen. Sie vermeidet es, bei einem eventuellen Sturz ungraziös zu wirken. Und auch dabei spielen wieder die Dessous eine Rolle, denn die Eisläuferin von damals kannte noch nicht die sportlichen Schlüpfer. Sie trug auch zum Eislauf Unterwäsche und Spitzenjupons. Nur die Radfahrerin legte entweder den geteilten Rock mit Sporthosen oder auch nur die sehr ungraziöse, aber praktische »Pumphose« an. 57. Die Badende. Ölgemälde von van Dongen Praktischer ist die Reiterin gekleidet. Aber auch bei ihr spielt in hohem Maße die mondäne Eitelkeit, die Sucht aufzufallen, eine große Rolle. Ein schönes Pferd mit einer schlanken, rassigen Reiterin im Sattel galt von jeher als eine der schönsten sportlichen Erscheinungen. Die Frau am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war darüber besser orientiert als irgendeine und nutzte diese Schönheit zu ihrem Vorteil aus. Viele der eleganten Amazonen betrieben den Reitsport als Mittel zum Zweck: um gesehen zu werden und aufzufallen! Und wenn sie außerdem gutes Reiten in die Waagschale werfen konnten, so war es um so besser. Ihre Reitkleider sind vom besten Schneider, ihr Sattelzeug ist englischer Herkunft. Das Haar trägt die Reiterin von 1890 – 1900 entweder in einem festen englischen Knoten oder in einem sogenannten Mozartzopf geflochten, mit einer breiten Schleife im Nacken, was besonders Backfischen zu dem breitrandigen Reithut aus Stroh oder Filz gut kleidet. Die weiße Hemdbluse mit einem 6 cm hohen steifen Kragen und einer Herrenkrawatte ersetzen im Sommer die enganliegende Taille der Amazone. So ausgerüstet kann der Flirt zu Pferd beginnen. »Sobald die Dame gelernt hat, sich im Gleichgewicht zu halten und fest im Sattel zu sitzen, kann sie den Gang ihres Pferdes, das sich mit ihrer Person verschmilzt, fast unbewußt lenken. Da flaniert sie denn, liebäugelt und flirtet mit ihren Bekannten, die sie begleiten, trabt englisch, galoppiert im kurzen Galopp, im Mittelgalopp oder Jagdgalopp, ist völlig Herrin ihres Pferdes und lenkt es mit Fachausdrücken, die auf ihre Anbeter großen Eindruck machen.« Im Ballsaal ist die elegante Frau Siegerin. Aber auch hier ist der Tanz Mittel zum Zweck, das heißt, der Vermittler der Erotik. Neben Walzer, Rheinländer, Polka, Mazurka, werden Quadrille und Konter ausgiebig getanzt. Man braucht nicht allzusehr auf die Tanzschritte aufzupassen. Es kommt beim Tanzen nicht, wie heute, auf die Technik an, sondern auf das rein Gefühlsmäßige, das Hingebende. Es sitzt kein kritisches Publikum herum, das den Tanz an sich bemängelt, höchstens den allzu offen zur Schau getragenen Flirt der tanzenden Paare. Ihm huldigten die Frauen und Mädchen um die Jahrhundertwende ganz besonders beim Tanz. Die Wiener Walzermelodien von Johann und Joseph Strauß forderten direkt zum Anschmiegen und Flirten heraus und eroberten sich im Fluge die ganze Welt. Der Flirt beim Tanz wird ebenso eifrig in Amerika, wie in Europa von reifen, lebenslustigen Frauen wie von ganz jungen Mädchen ausgeübt. Die vornehme junge Dame betrachtet ihn als ihr ausschließliches Recht, als Entschädigung für die echten Liebesstunden, die sie erst in der Ehe kennen lernen darf. Sie geht oft unendlich weit im Flirt, aber nie bis zum Äußersten. Daraus entwickelt sich der Typus der »Demivierge« oder im Studentischen ausgedrückt, des »Geheimrats Töchterchens«, des »Tauentziengirls«, das Hans von Kahlenberg im »Nixchen«, Marcel Prevost in vielen Romanen zum erstenmal schildert. Der Flirt wird zur »gesellschaftlich kultivierten Blume der Erotik«, und Tanz und Sport dienen ihm im Fin de Siècle ganz besonders zum Vorwand. Fuchs geht sogar noch weiter und sagt, daß die besitzenden Klassen aus dem Sport eine direkte Organisation des Flirts machten. »Die verschiedenartigsten Sports haben in den letzten Jahrzehnten (um 1905 herum) bei den vornehmen Kreisen viel weniger deshalb einen so ungeheuren Umfang angenommen, weil man ihre große gesundheitliche Bedeutung erkannt hat, als vielmehr deshalb, weil man die Erfahrung macht, daß es keine bessere und vorteilhaftere Gelegenheit gibt, ungestört flirten zu können. Über diese Zusammenhänge kann sich nur die Naivität täuschen. Der Sport ist – damals – die moderne Lösung des Flirtbedürfnisses der unbeschäftigten Mädchen und Frauen der besitzenden Klassen.« So auch der gesellschaftliche Tanz. Er ist außerdem für eine junge Dame der guten Gesellschaft um diese Zeit oft die einzige Gelegenheit, einen Mann zu finden. Wie viele Ehen sind noch vor 25 Jahren nach einmaligem Begegnen im Ballsaal geschlossen worden! Einer vornehmen jungen Dame war es zu Beginn dieses Jahrhunderts noch nicht erlaubt, mit einem Herrn, der nicht ihr Verlobter war, den ganzen Abend zu tanzen. In ganz rigorosen Kreisen durfte sie ihm nicht einmal mehrere Tänze hintereinander gewähren, es sei denn, daß der junge Mann am nächsten Tag bei den Eltern um ihre Hand angehalten hätte, andernfalls wäre sie kompromittiert gewesen. Aber heimlich konnte sie den weitestgehenden Flirt mit ihm unterhalten, der sich mitunter bis in ein entlegenes Absteigequartier, in ein Junggesellenheim oder die Studentenbude ausdehnte. Die Moralheuchelei der bürgerlichen Zeit gestattete keiner Dame einen offiziellen Geliebten wie in früheren Zeiten. Hatte sie einen Freund oder führte sie ein galantes Leben, so mußte sie das mit der größten Diskretion umgeben. Sie schickt die Dienstboten aus dem Haus, wenn der Freund sie besucht. Sein Wagen darf auf keinen Fall vor ihrem Hause halten. Besucht sie den Geliebten in seiner Wohnung, oder geht sie mit ihm in die sehr beliebten und in den Großstädten zahlreich vertretenen »Chambres séparées«, so geschieht das mit aller Vorsicht und so unauffällig wie möglich. Ein Schleier macht auf diesen Rendezvousgängen ihre Züge schwer erkennbar, ein einfaches Straßenkleid erhebt sie über allen Zweifel. Und doch sind Untreue, geheime Liebschaften, das vom Gesetz verbotene Konkubinat, Ehebrüche und Eheskandale in jener Zeit allgemeine Tatsache. Verbotene Früchte schmecken am süßesten, ist ein längst bekannter Spruch, den man vor allem in den Jahren des ausgehenden Jahrhunderts, der sogenannten bürgerlichen Zeit, eifrigst befolgte. Und gerade die verheiratete elegante Frau war am begehrtesten. Überall begegnete sie, wenn sie nur einigermaßen hübsch war, der Versuchung: auf Reisen in den großen Luxushotels, in der Eisenbahn, in der Tram, im Café, im Warenhaus, in Museen, im Theater, auf der Promenade, im Gewühl der Großstadt, in Badeorten an der See und auf dem Lande. Aber diese eleganten Frauen, die so ängstlich bedacht sind, in der Öffentlichkeit die größte Dezenz und Anständigkeit zu zeigen, haben doch sehr viele demimondäne Züge an sich. Unter der Maske der Konvention verbirgt sich »das Animalische, das Triebhafte des Weibes und die gedämpfte Wildheit seiner Instinkte ... Auf den Bildern der Modemaler des 19. Jahrhunderts sehen wir diese Frauen, mit überlegener Ironie lächeln sie aus großen, wissenden Augen uns an, ein wenig müde, ein wenig resigniert, ein wenig abgespannt von den Repräsentationspflichten der Dame, ein wenig nervös von dem ruhelosen Gesellschaftsleben und dem strapaziösen Genußtrieb ihrer Zeit. Der Grundzug ihrer Schönheit ist die Pikanterie, die Melodie ihres Wesens die Sinnlichkeit, ihr Reich ist das duftende Boudoir ... Zwei Gefahren bedrohen ihre gesicherte Existenz: physisch die Fettsucht, psychisch der Skandal. Beide Klippen liegen auf ihrem Wege als Luxusgeschöpfe, als asoziale Erscheinung in einem Leben, das sie ohne Gemeinschaftsbewußtsein in süßem Nichtstun romanelesend ... auf dem Diwan verbringen, das sie, ohne die positiven Werte der Lebensfreude zu besitzen, nur als Umwelt, als Kulisse ihrer selbst begreifen.« Moreck: »Sittengeschichte der neuesten Zeit«. 5 Bde. Paul Aretz Verlag, Dresden. 58. Gesellschaftstoilette. Aquarellierte Federzeichnung von Anni Ganz-Offterdinger. 1928 Diese Luxusfrau hofft, einmal wenigstens ein solches galantes Liebesabenteuer zu erleben, wie sie es eben in einem der vielen modernen, auf versteckte oder offene Erotik aufgebauten Romane gelesen hat. In Paris und anderen Weltstädten bieten ihr die Maisons de Rendez-vous Gelegenheit dazu, wenn sie sonst keine Freunde und Verehrer hat, denen sie sich anvertrauen kann. Bisweilen verschafft ihr auch die galante Reise Sensationen. Solche Reisen sind bei der Dame um 1900 sehr geschätzt. Im Anknüpfen einer Reisebekanntschaft liegt ja nichts Unanständiges, und das sich eventuell daraus entwickelnde Reiseabenteuer oder Liebesverhältnis braucht sie nicht zu gestehen. Niemand kennt sie in einer anderen Stadt, einem anderen Lande. In den großen Luxushotels fällt ihre vornehme Eleganz, ihr sicheres, mondänes Auftreten auf, und niemand würde glauben, daß diese reizende Frau, mit dem stolzen unnahbaren Wesen, den absolut damenhaften Allüren den »Gatten« an ihrer Seite eben erst gestern im Eisenbahnkupee kennen gelernt hat. Das hübsche vornehme Paar reist bald wieder ab, aber wenn man sie verfolgen würde, könnte man sehen, daß ihre Wege oft schon am Bahnhof auseinander gehen. Sie fährt nach Berlin zu ihrem Mann und ihren Kindern zurück, und er setzt seine Reise nach anderen Gegenden fort, in dem glücklichen Bewußtsein, ein Abenteuer mit einer anständigen Frau erlebt zu haben. Halbwelt um die Jahrhundertwende Diese Welt ist ebenso unecht wie die große Welt des Fin de Siècle. Die Kurtisane großen Stils, die Kokotte, ist weder so jung wie die Grisette im Anfang des Jahrhunderts noch so extravagant wie die Demimondäne des Zweiten Kaiserreichs. Die wirkliche Hetäre von Rasse mit allen Prätentionen ihrer Stellung ist verschwunden. Sie hat sich verbürgerlicht. Zwar gibt es noch elegante Frauen, deren Namen in aller Munde sind, von deren Toiletten, Pferden und Wagen, Juwelen, Palästen man spricht, aber sie sind vereinzelt. Sie sind meist nicht mehr jung, dafür reich und posierend, gekünstelt und unecht, äußerst materiell. »Sie besitzen prächtige Toiletten und vornehme Wohnungen, aber nicht aus Schönheitssinn oder künstlerischem Geschmack, sondern weil das zu ihrem Beruf gehört. Diese Dinge sind nötig, ebenso wie ein Zahnarzt ein anständig eingerichtetes Wartezimmer haben muß. Schickt man der Demimondäne in einer Anwandlung von Ritterlichkeit Blumen, so wird sie sagen, man hätte ihr lieber das Geld dafür geben sollen.« Um in der Lebewelt etwas zu gelten, muß sie sich vor allem bemerkbar machen. Sie muß reich und elegant gekleidet sein, kostbaren Schmuck besitzen, muß im Winter nach Nizza reisen, an den Spieltischen in Monte Carlo hohe Summen riskieren. Sie gewinnt ja schließlich alles wieder durch einen freigebigen Gönner, den sie dort kennen lernt. Sie muß vor allem international sein, muß einige Sprachen, wenigstens in der Umgangssprache, sprechen, muß in allen modernen Sportarten bewandert sein oder zum mindesten dafür Verständnis zeigen. Sie muß mit den Namen des Hochadels, der Finanzwelt und den Namen der berühmtesten Männer vom Turf vertraut sein. Muß wenigstens einen Baron oder Grafen, wenn es kein Prinz sein kann, zu ihren Geliebten zählen können und muß sich irgendwie in der Öffentlichkeit, am liebsten als Chansonette oder Varietétänzerin auf der Bühne, und wenn auch nur für kurze Zeit, einen Namen machen, damit sie sagen kann, sie sei Künstlerin. Das alles erfordert Zeit, Geld und Training. Und ehe sie soweit kommt, ist sie nicht mehr jung. Diese ausgehaltene, nicht mehr junge Kurtisane bietet ihrem Freund körperlich meist sehr wenig. Sie ist oft nur die Freundin, die Repräsentantin seiner Eleganz. Es gehört zum Ruf eines vornehmen Lebemannes, eine Frau auszuhalten, die bereits die Mätresse von mehreren reichen Männern gewesen ist und sie womöglich ruiniert hat. Ihre Beziehungen sind mehr offiziell als intim und beschränken sich manchmal nur auf das Zusammenleben. Hält diese Kurtisane auf ihre Stellung, weiß sie, was sie ihrem Gönner schuldig ist, verfehlt sie kein Rennen, fällt ihre Toilette stets auf, spricht man von ihr, so ist der Freund vollkommen zufrieden. Er ist stolz auf sie. »Zeigt sie außerdem bei seinen Empfängen etwas Geschmack, ist ihr Wesen hochmütig und vornehm, lenkt sie geschickt einen Dogcart, ist sie auf der Jagd forsch und bleibt sie in Dingen der Kunst und der Literatur wohlweislich dumm wie eine Gans, so ist sie für ihn die vollkommene, ideale Mätresse, die sein Geld und sein Ansehen wert ist.« Aber diese Luxusweibchen haben Rivalinnen. Mit dem Aufkommen der nach amerikanischem Muster eingerichteten vornehmen Bars um 1900 wird ein neuer Typus Halbweltlerinnen geschaffen. Elegante gepflegte Frauen, die in großer Abendtoilette zur Unterhaltung der reichen männlichen Lebewelt allabendlich jene mit raffiniertem Luxus ausgestatteten Nachtlokale besuchen. Diese modernen Hetären besitzen den Ehrgeiz, wie Damen der Gesellschaft aufzutreten und als solche von den Männern behandelt zu werden. Sie geben sich den Anschein, aus guter Familie zu stammen, die geschiedene Frau eines Offiziers, eines Rechtsanwalts, Frau Dr. Soundso, Frau Oberleutnant Sowieso, Frau Baronin von X, Frau von Y zu sein. Auf jeden Fall aber geben sie weder ihren wahren Namen, noch ihr Gewerbe zu. Sie sind meist nicht ungebildet. Haben internationale Gewohnheiten, sprechen mehrere Sprachen, zum mindesten Englisch und Französisch, sie wissen oberflächlich in der Literatur und Kunst Bescheid, besonders aber in allen Fragen des Genußlebens. Beim Souper handhaben sie Messer und Gabel so tadellos, als hätten sie die beste Kinderstube gehabt. Nie sind sie verlegen, wie sie die oder jene ausländische Delikatesse essen müssen, nie begehen sie einen Fauxpas in dieser Beziehung. Sie sind ganz Dame. In ihrer Kleidung beweisen sie vollendeten Geschmack, um den die wirklichen Damen sie beneiden. Sie sind äußerst vornehm, nie kommt ein zweideutiges Wort von ihren Lippen. Von den in den Bars anwesenden Kavalieren, die zum Teil der besten Gesellschaft angehören, – meist sind es Träger hoher adliger Namen, Offiziere in Zivil, Großindustrielle, reiche Nichtstuer – werden diese Damen mit »Gnädigste« oder »gnädige Frau« angeredet, und nichts deutet in dem Benehmen der Herren darauf hin, daß sie Frauen vor sich haben, die von der Liebe leben. Und doch weiß es ein jeder, daß Frau Dr. Soundso eine entzückende Wohnung im besten Viertel der Stadt hat und dort ihre Barfreunde von gestern und heute ohne Zeremonie empfängt. Diese Halbwelt ist gewissermaßen führend in Dingen der Eleganz, obwohl es die Dame der Gesellschaft nicht gern zugesteht. Und doch ist die Demimondäne meist die Bahnbrecherin einer neuen Mode. Sie wagt zuerst alle Extravaganzen, und die anderen folgen erst, wenn sie nicht mehr riskieren angestarrt zu werden oder herausfordernd zu wirken. Die großen blumen- oder federgeschmückten Hüte zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden zuerst und so exzentrisch wie möglich von den eleganten Halbweltlerinnen in den Bars getragen. Mit der Zeit werden diese Hüte zu Wagenrädern. Kostbare Straußfedern, »Pleureusen« genannt, graziöse Reiher, und die schreckliche Mode ausgestopfter Vögel schmücken diese Monstren von Hüten. Eine oder mehrere Hutnadeln halten sie auf der Frisur fest, damit sie nicht von einem Windstoß davongetragen werden. Aber diese großen Feder- und Blumenhüte sind kleidsam und gehören gewissermaßen zu dem Bilde einer eleganten Bar, eines vornehmen Nachtlokals, in dem die Lebewelt des Fin de Siècle und der ersten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts soupiert, tanzt und sich amüsiert. Kleid und Hut triumphieren noch über den Körper; sie sind zu jener Zeit wichtiger als der Körper selbst. Das große Dekollete, das die Demimondäne der Bars oder die vornehme Weltdame oft zu diesen Federhüten trägt, spielt nicht, wie im 18. und 19. Jahrhundert, die erste, sondern die sekundäre Rolle. Durch die schlanke Pleureuse, die bis auf die entblößte, weißgepuderte Schulter hängt, wird die Aufmerksamkeit und das Interesse für das Dekollete verstärkt. Und die Halbweltlerin wußte diese Kontrastwirkung ganz besonders raffiniert zur Geltung zu bringen. Sie durfte mehr wagen als die Dame von Welt, die sich alles nur in dezenterem Ausmaße aneignen konnte. Das Dekolleté einer Dame mußte immer ein wenig höher hinaufgehen, die Pleureuse etwas kleiner, der Rand des Hutes etwas schmaler sein als bei der Demimondäne. Noch eine andere reizvollere Halbweltlerin des Fin de Siècle ist die junge Probierdame der eleganten Modesalons und großen Warenhäuser. Meist entstammen diese Mannequins ärmlichen Verhältnissen, sie sind zum Teil Kinder von Handwerkern und Arbeitern; das junge Mädchen oder die junge Frau der gebildeten Kreise, die heute in den vornehmen Salons den Beruf einer Probierdame ebenso ausüben kann wie andere Berufe der Frau, wäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts unmöglich gewesen. Am Probierfräulein haftete noch der Ruf des Zweideutigen, oft zwar zu Unrecht, meist jedoch zu Recht. Aber auch diese jungen Mannequins sind in ihrem Auftreten ganz Dame. Allein ihre eleganten schlanken Erscheinungen prädestinieren sie dazu. Auch sie besuchen die vornehmen Bars, um sich einen reichen Freund oder wenigstens vorteilhafte Verbindungen zu suchen. Sie tragen meist sehr gutsitzende, seidengefütterte Schneiderkostüme. Jeder Schritt, den sie tun, ist rauschendes Knistern, die Musik der seidenen Dessous. Und damit das mysteriöse Rauschen der sich reibenden Seide des Jupons und des Kleides noch intensiver wirkt, fassen sie den langen, um die Hüften sich eng anschmiegenden Rock beim Aufheben noch enger. So schreiten sie vornehm und graziös, unsäglich hochmütig und unnahbar über die Straße. Den Typ dieser Mädchen hat Gustav Hochstetter in seinem »Roland von Berlin« köstlich und treffend gezeichnet. Er nennt sein Vorbild »Dorchen«. Und wenn dieses Dorchen auch nicht Probierfräulein ist, so gehört es doch derselben Kategorie und derselben Zeit an. Dorchen also ist »blond – garantiert echt. Jung – garantiert achtzehn. Schick – garantiert Gerson. Und furchtbar vornehm. In Haltung, Gang und Sprache. Nie ein zweideutiges Wort. Ganz Dame. Wo sie's her hat? Weiß der Kuckuck! Vor drei Jahren war sie noch Lehrmädel in einem kleinen Putzgeschäft in der Friedrichstraße. Heute weiß sie in Nizza und Monte, in Venedig und St. Moritz besser Bescheid als ein fünfundfünfzigjähriger Kommerzienrat aus der Tiergartenstraße. 59. Der Lippenstift. Aquarell von Steffie Nathan. Berlin, 1928 Ihre Beziehungen reichen bis in unglaublich hohe Kreise. Wenn der Oberkellner sie ans Telephon ruft, fragt sie im Tone der größten Selbstverständlichkeit: »Wer ist denn da, Ober? Die Durchlaucht oder bloß der Graf?« Dorchen ist hübsch – darüber sind alle Fachleute einig. Aber ihr größter Reiz liegt in ihrem niedlichen Blondgesichtchen und nicht in ihrer üppig schlanken netten Figur. Ihr größter Reiz ist: – ihr liebes Plaudern. Von allem kann man mit ihr reden. Aber: – ein derbes Wort, und man hat bei Dorchen für immer verspielt. Aber »kommt ihr Dorchen zart entgegen«, dann ist mit ihr plaudern ein Genuß. Und es gibt geschmackvolle, gutsituierte Herren, die nach der Bar kommen, um ein Stündchen mit dem blonden Fräulein zu plaudern und dann heiteren Sinnes ganz solide wieder von ihr zu scheiden ... nicht ohne vorher diskret eine winzig zusammengefaltete Banknote in Dorchens wohlgepflegtes Händchen gedrückt zu haben...« Außer den Bars sind die großen Tanzlokale der Treffpunkt der eleganten Halbwelt. In Paris ist noch ein Rest von der frenetischen Wildheit des Cancans in solchen Tanzstätten zu finden. Es gibt von den Wirten engagierte Berufstänzerinnen, zum Teil sehr elegante Mädchen, die gegen ein festes Gehalt allabendlich eine Anzahl Tänze im Moulin Rouge, im Bullier, im Moulin de la Galette und anderen Ballokalen tanzen. Die Hauptattraktion ist das Beinewerfen, damit die spitzenbesetzte Unterkleidung zur Geltung kommt. Die berühmteste dieser Cancantänzerinnen war die »Goulu«. Ihre Frechheit und ihr Zynismus bei diesem Tanz überstieg alle Begriffe. Ihr »Grand écart« oder Spakat war berühmt. Auch in Berlin sind die eleganten Tanzlokale der Anziehungspunkt der Lebewelt, und es geht nicht minder wild und aufreizend zu. Hans Ostwald schreibt von den Tänzerinnen dieser Ballhäuser, »sie warfen die Beine so hoch, daß die Knie zu sehen waren ... Besonders eine mit blaßgebeiztem Haar, in dessen vollen hinteren Knoten eine große schwarze Schleife steckt, reißt beim Tanz die Röcke hoch, so daß die Spitzen der Unterbeinkleider grell hervorleuchten. Und das jedesmal, wenn das Mädchen an einem Tisch mit berlinerischen Elegants vorbeikommt.« Auf der Bühne ist es der Serpentintanz der Loie Fuller, der unter den raffinierten Beleuchtungseffekten neue Reize der Bewegung des Frauenkörpers auslöst. Er erobert sich so sehr die Welt, daß er überall, nicht nur in den Nachtlokalen der Großstädte aufgeführt und nachgeahmt wird, sondern auf der kleinsten Provinzbühne Anklang findet. Schleiertänze sind in ganz Europa beliebt. Die Heuchelei des Fin de Siecle und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestattete die Nacktheit nur unter Schleiern und Trikots. Eine Tänzerin auf der Bühne durfte wohl nackt scheinen, es aber nicht sein. Nackttänzerinnen wie Olga Desmond, Anita Berber und andere gaben Sondervorstellungen, zu denen nur ein kleines Privatpublikum zugelassen wurde. Die Tänze der schönen Saharet und der »Five sisters Barrison« sind vor allem auf das Hervorheben der Dessous berechnet. Max Bauer, der die Barrisons noch erlebte, sagt, ihr Auftreten im Berliner Wintergarten habe eine wahre Revolution in Berlin verursacht, »eine Revolution, die sich von der Lebewelt bis zu den dunklen Hinterhäusern erstreckte«. Er erinnert sich lebhaft des ersten Auftretens der Barrisons. »Eine für Berlin außerordentliche Reklame hatte eingesetzt. Überall sah man Bilder der fünf kaum dem Backfischalter entwachsenen, in duftiges Weiß gekleideten Mädchen mit den typischen englischen Gesichtern, den schelmischen Augen, die so lustig-frech in die Welt blitzten. Hochspannung lag über dem gedrängt vollen Riesenhaus. Ein sexuelles Fluidum ging von der Bühne aus, schien hinter dem noch geschlossenen Vorhang hervorzudringen. Aufatmend sah man den Kapellmeister Wanda den Taktstock ergreifen, und schon halb gefangen lauschte alles den neuartigen Klängen des ›Linger, longer Lucy!‹ Da hob sich der Vorhang nur wenige Spannen hoch, und zehn schlanke, überschlanke Beinchen in weißen Halbstrümpfen und mit niedlichen Elfenfüßchen in schwarzen Lackschuhen schoben sich vor. Nach dem völligen Aufgehen der Gardine sah man diese lustigen Girls sich gesucht ungraziös erheben und zwischen den Spitzen der Frou-Frous eine Handbreit rosiges Jungmädchenfleisch hervorschimmern. Das war eine Sensation, und die Halle schien ob des donnernden Beifallsgetoses ins Wanken zu geraten. Monatelang sprach Berlin von den ›Five sisters‹, ihre Songs waren überall, vom Salon bis zur Kaschemme, zu hören.« Diese fünf hübschen Schwestern sind die eigentlichen Vorgängerinnen der später immer populärer werdenden, in Massen auftretenden Tanztruppen: der »Tillergirls«, der »Admiralgirls«, der »Ziegfeldgirls«, und wie diese Girls alle genannt werden, die unsere modernen Revuen mit ihren beinahe militärisch-exakten Bein- und Armbewegungen beleben. Die Barrisons waren auch die ersten, die es wagten, ohne Trikot ein Stück nackten Schenkels und Beines auf der Bühne vor einem großen Publikum sehen zu lassen und ihre Unterwäsche nicht nur in Form von den althergebrachten und typisch vorgeschriebenen Balletthöschen der Scheinwelt der Bühne zu zeigen, sondern soviel wie möglich der spitzenbesetzten Unterkleidung einer eleganten Frau der wirklichen Welt anzupassen und somit viel stärker auf die Sinne zu wirken, als die in Trikots und Gazeröckchen auftretenden Ballettänzerinnen der Oper. Im übrigen wachte eine strenge Zensur über das Kostüm der Damen vom Theater. Keine Schauspielerin durfte es wagen, allzu entblößt zu erscheinen. Die sehr hübsche Lotte Sarrow erregte als Monna Vanna die höchste Entrüstung, weil sie, wie es Maeterlinck vorschrieb, nackt unter ihrem Mantel auftrat und etwas zuviel von dieser Nacktheit hatte sehen lassen. Auf polizeiliche Verordnung hin mußte das Kostüm geändert werden und die Schauspielerin künftig einen Trikot darunter anziehen. Schon wenige Jahre darauf wurde es anders. Die Bühne, besonders die Revuebühne strebte immer mehr danach, den nackten Körper der Frau zur Geltung zu bringen. Dieses Ziel versuchte man anfangs durch pikante Entkleidungsszenen zu erreichen, und die hauchdünnen, eleganten seidenen Dessous, die die Körperformen kaum bedeckten, dienten als Mittel zum Zweck. Schließlich waren ein kostbarer Busenhalter und ein glitzernder Lendengürtel die einzigen Kleidungsstücke mancher Revuestars, bis auch die letzte Verhüllung der Brüste fiel und nur noch der Lendenschutz bestehen blieb. Heute ist man bereits wieder auf dem Punkte angelangt, daß auf der Revuebühne allzuviel dargebotene Nacktheit reizlos wirkt, und der frühere Grundsatz »in Kleidern nackt erscheinen«, wird von den Revuetheatern von neuem befolgt. Die moderne Eva Das zwanzigste Jahrhundert brachte seit dem ersten Jahrzehnt eine völlige Wandlung nicht nur auf dem Gebiete der sozialen Betätigung der Frau, sondern es stellte, als Resultat dieser Betätigung, auch völlig andere Ansprüche an die Schönheit des Körpers, die Eleganz, die Mode und an die Kunst, diesem Ideal der modernen Frau zu entsprechen. Arbeit, Sport und Training, Luft, Sonne und Wasser, Technik und Fortschritt schaffen einen ganz neuen Frauentypus, seelisch und körperlich, der noch kein Vorbild gehabt hat. Die neue Eva hat ebensowenig mit dem Mannweib, dem Blaustrumpf zu tun, als mit dem verzärtelten koketten Rokokodämchen oder dem sinnlichen Triebwesen des 19. Jahrhunderts. Sie ist sie; das Prototyp ihrer Zeit. Es ist, als wäre sie plötzlich der rein weiblichen Formen überdrüssig geworden. Hüften und eine volle Büste sind Attribute, die eine elegante moderne Frau nicht eingestehen darf. Sie tut daher alles, um diese Merkmale ehemaliger weiblicher Schönheit verschwinden zu lassen, und versucht dies vorerst durch alle möglichen Toilettenkünste. Nicht lange danach sind ihre engsten Verbündeten, den ersehnten Ephebenkörper zu erlangen, Sport, rhythmische und gymnastische Bewegungen, Massage und Enthaltsamkeit im Essen und Trinken. Dieser Gamintypus findet bereits in Paul Verlaine, lange bevor er als Ideal angenommen wurde, seinen Verherrlicher. Die Begeisterung geht bei Verlaine bis zur Anbetung hermaphroditischer Formen. Die ihm folgende Generation der Männer sehnt sich nur noch nach dem knabenhaften Körper der Frau, und diese kommt ihrem Wunsche entgegen. »Sie stilisiert«, wie Moreck im weiblichen Schönheitsideal sich ausdrückt, »ihre Erscheinung auf die strenge Geradlinigkeit des Epheben. Er ist auch in der lichten Daseinssphäre des Hellenentums Symbol für das physisch und psychisch Leichte und Beschwingte gewesen. Drängt das moderne Weib in seiner fanatischen Tanz- und Sportlust durch das Betonen des Knabenhaften ebenfalls instinktiv fort von Schwere und Schwerkraft ...? Welche unbekannte Sehnsucht ist hier formend und bildend am Werk?« – Welche geheime erotische Macht hat diese Metamorphose der Frau seit der Jahrhundertwende bewirkt? Wir werden diese Fragen erst richtig beantworten können, wenn wir unsere Zeit ein wenig im Rücken haben, oder wenn der Frauentypus, das weibliche Schönheitsideal, die Mode, Eleganz, Sitten und Gebräuche wieder eine ganz neue Wandlung durchgemacht haben. 60. Die » Goulue « tanzt im Moulin-Rouge zu Paris. Lithographie-Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec. 1891 Die moderne Frau hat alles geopfert, wonach ihre elegante Schwester des vorigen Jahrhunderts sich geradezu sehnte. Die volle Büste, die üppige Hüftlinie, die langen Haare – und die langen Kleider. Alle diese Attribute gehören bereits der Geschichte an. Bubikopf und kurzer Rock sind seit Jahren dominierend, weil sie erstens der Frau die Jugend geben – bisweilen allerdings nur vortäuschen – und weil sie zweitens praktisch, kleidsam, hygienisch, kokett und elegant zugleich sein können. Dennoch gibt es auch heute noch viele Gegner des modernen Frauentypus, besonders unter den Männern. Sie schreiben sogar Bücher darüber. Und nicht etwa nur die Moralisten und Mucker, die in jedem kurzen Rock, jedem schlanken, seidenbestrumpften Bein, jedem keck gelockten Bubikopf etwas Anstößiges sehen. Auch Männer von Geschmack und von Welt. In Frankreich erschien 1927 von Pierre Lièvre ein entzückendes kleines Buch, das den Titel führt: »Reproches à une Dame qui a coupé ses cheveux«. Mit Wehmut gedenkt der Verfasser jener Zeiten, da eine schöne Frau im Alkoven ihre Flechten löste und die Flut der aufgelösten Haare über Nacken, Schultern und Arme rieseln ließ. Er bedauert, daß es für den Mann keine Überraschungen mehr gibt und macht seinem Kummer darüber in den Worten Luft: »Ich, der ich zum Glück das schönste, geliebteste Haar vor dieser Revolution bewahrt sah, bedaure unendlich den Mann, Gatten oder Liebhaber, dem die unvergleichliche Wollust entgeht, zu sehen, wie die geliebte Frau in den Stunden der Intimität ihr schönes Haar auflöst, nur für ihn allein auflöst! Ich bedaure die Männer, die nicht mehr wissen, was es bedeutet, ein hübsches liebes Köpfchen in der Fülle des aufgelösten Haares auf dem Kissen liegen zu sehen, die Männer, die nicht ahnen, wie entzückend eine Frau sein kann, wenn sie ihr Gesicht unter der dichten Fülle ihres Haares verbirgt und schelmisch darunter hervorlächelt. Ihre intimsten Stunden haben den schönsten Reiz, die höchste Wollust verloren. Sie erwachen nicht mehr neben einer Geliebten mit aufgelöstem, reizend wirrem Haar, sondern neben einem ungekämmten Schlafkameraden. Wir alle haben einmal mit Kameraden in einem Zimmer geschlafen und wissen, daß ein Junge, wenn er morgens aus dem Bett kommt, nicht gerade ein erfreulicher Anblick ist. Nicht einmal die blendendste Jugend rettet ihn davor, unschön zu sein. Und es ist für die Damen von heute jammerschade, daß ihre gegenwärtige Frisur eine ähnliche Erinnerung bei den Männern erweckt, anstatt jene an schwere Flechten, die wie eine Krone den Kopf schmückten, oder an dicke, wie eine Schlange gewundene Knoten im Nacken. Was tat man alles, um diese Flechten zu lösen! Welch verlangende neidische Blicke folgten dem glücklichen Manne, der eine mit solchem Haarschmuck ausgestattete Frau begleitete und wahrscheinlich im nächsten Augenblick seine Hände in diese Fülle aufgelöster Locken wühlen würde! Heute? Um was sollte man heute einen Mann beneiden, der eine Dame mit rasiertem Nacken heimbegleitet? Man weiß genau, daß sie sich in der Intimität des Schlafzimmers nicht mehr verändern kann. Man weiß genau: wie sie ist, bleibt sie! ... Und wenn es nur das allein wäre, worauf die Frauen verzichtet hätten, dem Manne ihres Herzens zu bewahren. Man würde sich vielleicht damit abfinden. Aber ihr wißt ja, daß die Kleidung von Heute noch vieles andere als den Nacken und die Haare der Frauen der Allgemeinheit, wie zur Verfügung des ersten besten, preisgibt. Ihre Arme bis zu den Achselhöhlen, ihre Beine bis zu den Schenkeln, ihre Brust, ihr kühn entblößter Rücken bieten sich allen Blicken dar, und die Frauen halten diese Blicke mit fast schamloser Ruhe aus. Alle ihre Reize sind öffentlich: es gibt keine Geheimnisse mehr.« Glücklicherweise ist dieser schwärmerische Verehrer des langen Haares nicht der Typus aller modernen Männer. Wir wissen alle sehr gut, daß gerade der knabenhafte weibliche Körper und die starkbetonte sportliche Mode unserer Zeit keineswegs ihres erotischen Reizes entbehrt, und daß der trainierte Frauenkörper die köstliche Würze der Gesundheit und Gepflegtheit, des Pikanten und Rassigen ausströmt und ebenso auf reizvolle sinnenerregende Schönheit Anspruch hat – vielleicht noch mehr –wie der Körper jener verwöhnten Luxusgeschöpfe früherer Jahrhunderte. Alle Romane und Novellen unserer Zeit sind voll von diesem neuen prickelnden Reiz der sportlichen Frau. Es sind besonders jene Mädchen mit langen Beinen, schmalen Hüften und sehr kurzen Röcken, die, um mit Alexander von Keller in einer seiner reizendsten Skizzen »Der schielende Wagen« zu reden, »unruhig die Welt durchqueren und Verwirrung in die Herzen der Männer tragen.« Es sind jene eleganten Frauen und Mädchen, die in jedem oder wenigstens in einem Sport firm sind. Sie spielen – mit heruntergerollten Strümpfen oder nackten Beinen – hervorragend gut Tennis, sind auf dem Golfplatz ebenso geschickt wie ihre männlichen Gegenspieler. Sie reiten im Herrensitz, sie schwimmen, turnen, segeln, fliegen. Sie sitzen keck und unternehmend, wie übermütige Knaben, auf dem Motorrad oder am Steuer ihres reizenden Kabrioletts oder schlanken, rassigen Sportwagens. Sie beteiligen sich an Turnieren und Matches. Sie tanzen mit Grazie und unerhörter Technik die neuesten Tangos, Foxtrotts, Blues, Paso-dobles, English Waltzes, erobern sich durch ihre Eleganz und gepflegte, trainierte Körperschönheit die ersten Preise auf allen möglichen Konkurrenzen. Sie durchreisen die Welt im selbstgesteuerten Auto, in eleganten, reizend bequemen Luxusjachten, auf großen Luxusdampfern oder in komfortablen Luxuszügen. Überall sind sie zu Hause, ob in Paris, Berlin, Wien, London, Budapest, Madrid, Rom, Kairo oder New York. In den vornehmen Modebädern an der See oder im Gebirge spielen sie immer die erste Rolle, nicht allein durch ihre persönliche Eleganz, sondern mehr noch durch ihre Vielseitigkeit auf dem Gebiete alles Mondänen. Die Frau von heute nimmt alles ernst: den Sport, die Arbeit – und das Vergnügen – von ihrem morgendlichen Bad und gymnastischen Übungen zur Erhaltung der Elastizität und schlanken Linie, der Pflege ihres Körpers angefangen, bis zum sorgfältigsten An- und Auskleiden für den Abend. Und immer ist sie reizvoll, ob im Sport- oder Abenddreß. Mehr als je weiß die moderne Frau ihren trainierten, rassigen Körper zur Geltung zu bringen. Mehr als je ist die Mode raffiniert und kapriziös, so praktisch sie auch scheint. Die idealsten Repräsentantinnen der weiblichen Eleganz in allen Lebenslagen sind heute die großen Film- und Revuestars. Zu ihrem Lebensstil gehört ein unerhörter Luxus der Kleidung. Darum ist das Streben der heutigen Mode, mit unterschiedlichen Mitteln durch die Wahl des Materials den ersehnten Luxus zu entfalten. Der Unterschied in der Eleganz einer vornehmen Dame und der des Mädchens aus dem Volke liegt heute nur in der Erlesenheit der Stoffe. Um auch den weniger Bemittelten die Möglichkeit dieser Luxuskleidung zu verschaffen, gibt es billigen Ersatz, der oft täuschend echt wirkt. Alles wird imitiert: Pelze, Seide, Leder, Samt, Schmuck und Perlen. Der Amerikanismus unserer Tage, der sich, um mit Moreck zu sprechen, »bei den europäischen Völkern nicht nur in einem wütenden Hang nach Reichtum, in der Überschätzung des Geldes und in einer rasenden Genußgier ausdrückt, bestimmt auch die Geschmacksrichtung der Mode, die früher ihre Inspirationen aus Paris und von der erotisch betonten Weiblichkeit der Pariserin empfing. Amerikas tonangebende Klasse ist aber in bezug auf den Bekleidungsluxus nicht in der exklusiven Oberschicht der Plutokratie zu suchen, sondern in der traditionellen Weiblichkeit der Filmwelt ..., die sich in ihren Tendenzen mit der den Luxus protegierenden Demimonde der alten Welt berührt. Filmstars sind die Mannequins, die die neue Mode lancieren und ihr zu Popularität verhelfen. Die Bühne mit ihren oft äußerst raffinierten Entkleidungsszenen ist schon früher der geeignete Schauplatz gewesen, auf der die Eleganz der intimen Kleidungsstücke den Enthusiasmus der weiblichen Zuschauerschaft erregte und ihre erotische Stimulanswirkung auf die Männerwelt erprobte. Der Film hat diesen weiblichen Exhibitionismus potenziert und bietet ihm weit reichere Gelegenheiten zur Entfaltung. Die Pikanterie der weiblichen Entblößungen ist eine seiner bevorzugten Würzen und die Verpflichtung zur Halbbekleidung ist der Ursprung der eleganten Luxuswäsche, die wie einst von der Demimondäne und der Bühnengröße, so heute von der Kinoschauspielerin zur Schau getragen wird. Die alte Auffassung, daß das, was unter dem Kleide sei, ja nicht gesehen werde und darum nicht von gleicher Gewähltheit und Feinheit zu sein brauche, ist der modernen Frau längst nicht mehr eigen. Heute will sie, gleichviel ob Abenteuerin oder Dame, ob galante Libertine oder anständige Frau, bis auf die Haut so gekleidet sein, daß sie keinen Blick der Neugier zu scheuen nötig hat. – Die elegante Frau wird eher darüber erröten, von unberufenen Augen in einem nicht fashionablen Wäschestück als vollständig entblößt gesehen zu werden.– Die christliche Asketin bekundete äußerlich ihre Verachtung des Leibes, indem sie ihr Fleisch in ein grobes, rauhes Hemd hüllte. Die Frau von heute dokumentiert die Freude an ihrem Körper dadurch, daß sie ihn in die zärtlichsten Stoffe kleidet, in Stoffe, die ihn wie eine Liebkosung berühren, ohne ihn ganz zu verhüllen, die ihn wie ein Hauch streicheln und die Haut umschmeicheln.« 61. Die Tänzerin Saharet. Photo Georg Gerlach. Berlin, 1911 Zu dieser Eleganz ist das kosmetisch gepflegte Gesicht unerläßlich. Die Puderquaste und der Lippenstift, Schminke, Augentusche und Augenbrauenstift sind heute selbstverständliche Dinge auf dem Toilettentisch der eleganten Frau, selbst in Deutschland. Aber nicht von Paris, sondern von Amerika aus bürgerte sich die Mode des Schminkens bei den Frauen in Deutschland ein. Die Pariserin verstand die Kunst des Schminkens ja von jeher in einem Grade, der an Virtuosität grenzt, und nicht nur die Demimondäne, sondern auch die Dame von Welt. In Deutschland hingegen fand die Anwendung von Puder, Rouge, Lippen- und Augenbrauenstift am Tage für die Straße noch bis vor zwei Jahrzehnten nur Anhängerinnen unter der eleganten und minderen Lebe- und Halbwelt. Eine Dame der großen Welt puderte sich höchstens diskret für den Abend. Heute kennt auch die deutsche elegante Frau und das junge Mädchen die kosmetischen Geheimnisse der Verschönerung des Gesichts nicht nur in der Großstadt, sondern auch in der kleinsten Provinz. Und zwar haben sie es nicht, wie gesagt, von der Pariserin gelernt – denn die hätte sie längst zur Nachahmung inspirieren können – sondern von der Amerikanerin. Es gibt heute elegante Frauen in Deutschland, die die Kunst des Schminkens mit einem Raffinement, einer Feinheit und Ästhetik verstehen, die selbst die geschicktesten Pariserinnen übertrumpfen. Eine der liebenswürdigsten Plaudereien über die Kunst des Schminkens der modernen Frau hat die elegante, schöne und begabte Filmschauspielerin Maria Corda in der »Dame« veröffentlicht. Es ist eine große Kunst und man muß viel Geduld haben, um das schöne Antlitz einer mondänen Frau zu jeder Tageszeit noch strahlender, pikanter, reizvoller zu machen, oder das von Natur nicht verschwenderisch bedachte Gesicht zu verschönen. Heute gehört es längst zur Toilette einer gepflegten Frau, sich das Gesicht »zurechtzumachen«, wenn es auch dem persönlichen Geschmack überlassen bleibt, ob dies ganz diskret oder mit allem Freimut des Eingestehens dieses weiblichsten aller Tricks zur Erhöhung oder Vortäuschung der wirksamen Schönheit gehandhabt wird. Maria Corda sagt: »Will man ... nicht müde und abgespannt aussehen, will man strahlend und schön sein, so gibt es glücklicherweise genügend Mittel. Zuerst muß man die Farbe des Puders, ebenso wie die der Schminke, auf die Haut abstimmen. Blondinen benutzen eine Verbindung von weißem und zartrosa Puder. Brünette einen Puder aus Gelb, 1/4 Weiß, 1/8 Rosa und 1/8 Braun. Neigt die Gesichtshaut zur Röte, dann vermindere man den Zusatz des rosa Puders noch um die Hälfte und nehme Weiß oder Elfenbein dafür. Rote Blondinen oder rothaarige Frauen sollen wenig gelben Ton in den Puder mischen. Das Zimmer, in dem man sich zurechtmacht, muß hell erleuchtet sein, gleichviel, ob das Licht natürlich oder künstlich ist. Es muß von der Nordseite auf das Antlitz fallen, damit alle Linien scharf hervortreten, damit man sich keinen verschleierten Täuschungen hingeben kann. Nun beginnt die Vorbereitung. Zuerst reibe man mit einem Stückchen Creme das Gesicht ab, indem man die Creme zart und sanft über die Haut verteilt. Dann wird das Fett mit einem Stückchen Watte sorgsam heruntergenommen, das Gesicht kalt gewaschen und durch Tupfen mit einem Handtuch getrocknet. Jetzt erst wird die Haut gepudert. Auf der Puderquaste oder Watte darf nicht zuviel Puder sein. In aufwärtssteigender Bewegung wird der Puder tupfend aufgetragen. Keine Stelle soll dabei vernachlässigt werden. Man achte besonders auf die Schatten unter den Augen. Will man sie wegzaubern, so gebe man dem Puder eine Nuance des Rots, das man für das Gesicht anwendet, und überpudere den Ansatz der Wange da, wo er in die Augenhöhle übergeht. Das ist außerordentlich wichtig, denn gerade die Schatten wirken entstellend und nehmen dem Gesicht den Ausdruck des Jugendlichen. Nun bekommt das Gesicht die zarte Röte, die, wenn sie richtig verteilt und angewendet wird, einen wirklich hinreißenden Zauber von Jugend verleihen kann. An der Nasenwurzel beginnend, nach dem Wangenknochen zu stärker werdend, wird das Rot aufgetragen, und soll nach der Außenfläche der Wangen zart verschwinden. Es ist wesentlich, daß beide Wangen ganz gleichmäßig geschminkt sind. Jetzt hauche man in die Handflächen und drücke sie gegen die Wangen und Stirn. Die Schminke wird dadurch gleichsam fixiert. Der Hals, die Arme werden mit dem gleichen Puder behandelt, wobei die Übergänge von den Kiefern zum Halsansatz genau beachtet werden müssen; denn gerade hier verrät sich die Hand der kundigen und unkundigen Eva. Einen gepflegten, schimmernden Hautton erreicht man, wenn über das zurechtgemachte Gesicht der Schein eines feinlila Puders kommt . Dies gilt allerdings nur für den Abend. Die Augenpartie wird alsdann ›herausgearbeitet‹. Mit einem schmalen feuchten Bürstchen reinige man die Brauen vom Puder, indem man die Form der Brauen mit dem Bürstchen nachzieht. Nicht ausgleiten, damit die Stirn von der Feuchtigkeit nichts abbekommt! Will man den Bogen verlängern, dann zeichne man mit dem Stift einen schwachen Strich nach außen und bürste ihn mit dem trockenen Bürstchen. Die Täuschung wird vollkommen. Das obere Lid bekommt einen Hauch von lichtblauem Puder, den man unter dem Namen ›Adlerblau‹ erhält. Die Wimpern müssen mit einem feuchten Bürstchen entweder mit oder ohne Farbe von unten nach oben gebürstet werden. Sie sehen dadurch länger und strahlenförmig aus und geben dem Auge einen interessanten, fesselnden Ausdruck. Die unteren Wimpern werden mit dem Stift leicht gezeichnet und gefärbt. Die Lippen dürfen niemals so rot sein, daß sie angestrichen wirken. Nur in der Mitte werden sie mit dem Stift oder mit flüssigem Lippenrot betupft. Nach außen zu bleibt die natürliche Farbe, sofern sie nicht sehr blaß sind. Sonst einen leichten Hauch von Rot, der gegen die Mitte hin stärker sein muß. Rotlackierte Lippen wirken maskenhaft und geben den interessantesten Zügen den Ausdruck eines leeren Puppengesichts.« Und nicht nur die elegante Mondäne sitzt vor dem Frisiertisch, auf dem die zierlichen Kristallflakons mit köstlichen Wohlgerüchen, Gesichtswassern, Porzellannäpfchen mit Hautcreme, Silberdöschen mit Puder in allen Nuancen stehen. Auch das fesche Sportgirl unserer Tage, dem Sonne, Luft und Wasser den straffen Körper und das hübsche Bubengesicht braun gebrannt haben, verzichtet nicht ganz auf Kosmetik. Die Kleine aus dem Warenhaus, das junge Bureaufräulein, die Bürgerstochter der Großstadt, die elegante junge und reifere Dame der Gesellschaft, alle, alle haben sie den einen Wunsch, schön und gepflegt zu sein. Gesichtsmassage, Elektromassage, Schälkuren, kohlensaure und Paraffinbäder allein tun es nicht immer. Mechanisch greift die kokette Frau zu Puderquaste oder Puderleder. Und es gibt so herrliche Nuancen für jeden Typ und jede Beleuchtung, jede Tages- und Jahreszeit, vom zartesten Lila und Grün bis zum dunkelsten Ocker oder Orange! Man möchte ja trotz allem die köstliche Sonnenbräune des Sommers solange wie möglich zur Schau tragen, und dazu braucht man, wenn man nicht täglich in der Sonne liegt, den braunen Puder. Man gilt nur für smart, wenn man durch den gebräunten Körper beweist, daß man eine moderne, dem Sport huldigende Frau ist. Wiederum müssen das gepflegte Dekolleté am Abend, das noch so sportlich gebräunte Gesicht beim Tanztee verraten, daß man die Geheimnisse der Kosmetik mit raffinierter Kunst versteht. »Die Mode hat hundertmal recht,« meint der Pariser Uzanne, »wenn sie die Frauen zu einer zarten Bemalung von Augen, Brauen, Lippen, Haut und Haar antreibt. Die Frauenschönheit ist ein Meisterwerk der Natur; es ist Aufgabe der Kunst, sie zu erhöhen, zu vollenden, ja sie von allem Banalen zu befreien. Alle Frauen des Altertums haben Kunstmittel geliebt. Alle unter den göttlichsten Patrizierinnen Griechenlands, des alten Rom, des großen Venedig oder des stolzen Florenz, deren Namen auf uns gekommen sind, waren Meisterinnen in der Kunst der Schönheitsmittel und Schminken, Pomaden und Opiate, die die Anmut des Antlitzes erhöhen und ihm jene musikalische Note, jenen Perlmutterschimmer, jene wirkungsvolle Kraft verleihen, womit die großen Maler ihren berühmtesten Porträts stets die nötige Steigerung zu geben verstanden.« Indes, auch Art und Geschmack des Bemalens haben sich in unsrer Zeit gewandelt. Keine Dame schminkt und pudert sich heute noch bleichsüchtig weiß mit krankhaften Rosenwangen. Ebenso wie die moderne Frau keinen Sonnenschirm besitzt, ebensowenig strebt sie danach, selbst mit künstlichen Mitteln anämisch und verzärtelt zu wirken. Es gibt auch kaum noch Bleichsüchtige, was vor etwa 25 Jahren beinahe obligatorisch für eine junge Dame war. Der Sport hat die Frau gesund und frei gemacht. So auch der Tanz, obwohl er in einer gewissen Zeit zur Manie und zum grotesken Gliederschütteln wurde. Aber der moderne Tanz gab der Zierpuppe, der verwöhnten, enggeschnürten Ballschönheit von gestern die natürliche Geschmeidigkeit und Gelenkigkeit des Körpers. Berühmte Tanzpaare aus New York, Paris, London, Wien, Berlin zeigten der Welt den eleganten Gesellschaftstanz mit überlegener Tanztechnik und bewunderungswürdiger Eleganz. Und die Frauen der ganzen und halben Welt setzten ihren größten Ehrgeiz darein, die neuen Tanzschritte und Bewegungen mit möglichst ebenso großer Virtuosität in den Hallen der Luxushotels, den eleganten Tanzdielen und Ballsälen nachzuahmen. Nicht allen gelang und gelingt es. Aber die vielen mondänen Tanzklubs der Großstädte sorgen dafür, daß die Dame und der Herr der Gesellschaft heute die Technik des Tanzes beinahe ebenso gut beherrschen wie die Berufstanzpaare. Manche große Mondäne engagiert sich einen ständigen Eintänzer, der überall in den Hotels der Modebäder und Großstädte, und auch in den Ballokalen den tanzlustigen Damen zur Verfügung steht. Der Eintänzer – meist ein junger, eleganter Mann mit argentinisch-chilenisch-brasilianischem Typus, auch wenn seine Wiege in einem Vorort von Berlin gestanden hat – ist der modernste Typus unserer Zeit. Die lebenslustige, moderne Frau, besonders die nicht mehr ganz junge, hatte es plötzlich satt, darauf zu warten, bis sie zum Fünf-Uhr-Tee von einem zufällig anwesenden Bekannten, der meist furchtbar schlecht tanzte, zum Tanz aufgefordert wurde. Sie beneidete den Mann, der sich seine Tänzerin wählen konnte. Da wurde der Eintänzer geboren, dem es Beruf und die Hoffnung auf Verdienst zur Pflicht machen, auch die Mauerblümchen und Damen ohne Begleiter zu engagieren. »Unsere Gesellschaftstänzer werden sich erlauben, die Damen zum Tanz aufzufordern«, besagen die vom Besitzer der Bar, Diele oder vornehmen Tanzlokale auf die Tische gelegten Zettel. Oder, es liegen goldumrandete Karten auf den Tischen. Sie tragen den Namen eines adligen Herrn – meist eines russischen Aristokraten –, der sich als Tanzlehrer oder Eintänzer empfiehlt. Gewöhnlich in folgender Form: »Damen, die zu tanzen wünschen, werden gebeten, sich durch den Oberkellner an Herrn von Soundso zu wenden.« Um aber mit diesen routinierten Tänzern auch gut tanzen zu können, muß sich die elegante Frau von heute fast ebenso trainieren wie die Berufstänzerin. Es gehört daher zum Repertoir einer modernen Mondänen, sich über die immer wieder neu auftauchenden Gesellschaftstänze und Tanzschritte auf dem laufenden zu erhalten. Und dazu nimmt die Dame von Welt ab und zu Privatstunden bei ihrem Tanztrainer oder Tanzlehrer. Denn es handelt sich heute für die Frau von Geschmack nicht nur darum, daß sie tanzt, sondern daß sie gut tanzt. Ihre Haltung, ihre Bewegung beim Tanz, ihre Fußtechnik müssen einwandfrei sein, will sie vor den kritischen Augen der um die oft recht enge Tanzfläche Herumsitzenden die Probe bestehen. 62. Dame auf Sofa. Aquarellierte Kohlezeichnung von Fritz Schwarz-Waldegg. 1929 Einen mondänen Fünf-Uhr-Tee in der Hotelhalle, in der Diele, im Nachtlokal kann man sich heute ohne Eintänzer kaum noch vorstellen, ebensowenig ohne die jungen eleganten Mannequins – die alle aus »vornehmer Familie oder frühere Großfürstinnen« sind! –Sie machen den Fünf-Uhr-Tee zur Modenschau und zeigen die neuesten Modelle von Kleidern, Pyjamas und Badeanzügen aus Paris, Berlin, Wien. Dazwischen tanzt ein mondänes Tänzerpaar, das vielleicht gerade aus New York, London oder Paris kommt, wo es Triumphe gefeiert hat. Oder es sind neue Meteore, die am Tanzhimmel aufflammen und ihren Siegeszug über die ganze Welt beginnen. Die Namen dieser fashionablen Tänzerpaare sind in aller Munde, und man zahlt ihnen die höchsten Gagen. Sie zu sehen, ist meist ein ästhetischer Genuß. Beide, Er und Sie, legen den größten Wert auf eine tadellose Eleganz und auf große Vornehmheit. Beide sind meist jung: Er, ein sehr dekorativer, fabelhaft angezogener, junger Mann und Sie, eine schöne, oft temperamentvolle, rassige und ebenso elegante Frau. Die berühmtesten Vertreter dieser mondänen Tanzkunst sind die internationalen Paare: Norma und Shanley; Fowler und Tamara; Rosita und Ramon; Edmonde Guy und Ernest van Dueren; Cleo und Willy; Laczi und Aenni; Ernest und Yvonne; Yvette und Robert und noch viele andere. Sie alle haben kosmopolitisches Cachet und tanzen meist ihre eigenen Schöpfungen, wie auch die unerreichte Negertänzerin Josephine Baker, die es verschmäht, mit einem Partner aufzutreten. Sie ist neben der schönen, wundervoll gestalteten La Jana wohl der beliebteste Revuestar. Sie brachte den Black-Bottom nach Europa, der sogar eine kurze Zeit – allerdings etwas gemilderter als ihn die Baker zeigte – in den eleganten Tanzdielen und Bars der Weltstädte von Mondänen und Demimondänen getanzt wurde. Josephine glänzte bei ihren Tänzen nicht durch großartige, reiche Toiletten. Ihre braune Schönheit und ihre große mimische und tänzerische Leistung stehen ihr allein zu Gebote. »Ich habe nicht einmal die Zerstreuung in meiner Loge,« sagte sie einmal bedauernd zu dem Schriftsteller Vautel, der einen Artikel über sie schrieb, »wie die anderen Stars sechs- oder siebenmal das Kostüm zu wechseln.« Sie brauchte allerdings in den verschiedenen Bildern der Revue, in der sie auftrat, höchstens einen Gürtel aus grünen Federn, aus Straß, oder eine Girlande aus künstlichen Bananen umzulegen. Ihre einzige große Arbeit vor dem Toilettentisch in der Theaterloge besteht darin, die krausen Negerlocken mit einer Art Gummi zu bestreichen, daß sie wie lackiert erscheinen. Josephine nennt dieses »Entlockungsmittel« »The Baker fix«. Wie Josephine Baker den Black-Bottom aus Amerika mitbrachte, importierte die reizende und auf so tragische Weise zu Grunde gegangene Tänzerin Gaby Deslys den Jazz aus New York. Im Casino de Paris hörte man am Ausgange des Weltkrieges zum erstenmal eine Jazz-Band und Gaby Deslys, im Schmucke von Straußfedern, Paradiesreihern und Diamanten, tanzte mit ihrem Partner, Harry Pilcer, ein beinahe wissenschaftliches Bacchanal. Die moderne Atmosphäre der Music-Hall ward damit gegründet und eroberte sich die Welt, wie der Sport und das Auto, wie der Bubikopf und die kniefreie Kleidung. Alle Versuche, die Frau wieder in einen Fischbeinpanzer, einen Schlepprock und zu einem Leben zu zwingen, das ihrer Schönheit und Gesundheit nachteilig ist, werden scheitern, denn die moderne Frau hat in dem modernen Mann ihren stärksten Verbündeten. 63. Die elegante Frau. Entwurf zu einem Tanzkleid von Hildegard Bader. 1929 Anhang Benutzte Quellen E. et J. de Goncourt, La Femme au XVIII e siècle. Paris 1862. Le Mercure de France, 1743, 1766, etc. La Bigarrure, ou novelles galantes, historiques, littéraires et critiques. La Haye, 1751. Mémoires secrets de la République des lettres. Paris 1766. Le Gazetier cuirassé ou anecdotes scandaleuses de la Cour de France, Paris 1771. Correspondance inédite du roi Stanislas Auguste Poniatowski et de Mme. Geoffrin. Paris 1755. Neu hrsg. von Ch. de Mouy, 1875. Les Fastes de Louis XV. Villefranche, 1782. J. W. Archenholtz, Britische Annalen auf das Jahr 1788. J.W. Archenholtz, England und Italien. Bd. I–III. Leipzig 1787. v. 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Es wurde auf die Wiedergabe allzu bekannter Porträts der in der Geschichte berühmten Herrscherinnen der Eleganz und des mondänen Lebens verzichtet und das sozusagen anonyme, aber charakteristische Bild bevorzugt, daß das Phänomen der »eleganten Frau« in wechselnder Beleuchtung, im Wandel der Zeiten und des Lebensstils besonders hervortreten läßt.   Die meisten Originalwerke der Verfasserin erschienen in englischer, französischer, schwedischer und russischer Übersetzung.