Bernhard Nordahl / Lieutenant Hjalmar Johansen Durch Nacht und Eis – Band 3 Wir Framleute Von Bernhard Nordahl Erstes Kapitel. An der heimatlichen Küste entlang. Es war im Grunde der reine Zufall, daß ich mit unter die Framleute kam, denn mein Name war nicht unter den unzähligen Bewerbern zu finden, die um diese Ehre angehalten hatten. Und doch hatte ich lange den glühendsten Wunsch danach mit mir herumgetragen. Nansen's hohes Führergeschick verlieh der Fahrt schon im voraus Glanz und bürgte dafür, daß die Männer, die an Bord der »Fram« die Expedition mitmachen durften, großen Thaten entgegengingen. Daß Otto Sverdrup das Schiff führen sollte, vergrößerte die Lust zur Fahrt nur noch mehr. Und nach allem, was über die »Fram« selbst geredet und geschrieben worden war, wußte ich, daß, wenn das Meer je ein Schiff getragen hat, das sich im Eise dort oben in den fernen unbekannten Gewässern würde halten können, es die »Fram« sein mußte. Wie gesagt, der Gedanke daran reizte und lockte mich, aber dennoch gewann ich es nicht über mich, den entscheidenden Schritt zu thun und mich zu melden. Es war eines schönen Nachmittags. Die »Fram« war in den Hafen von Christiania gekommen und in die mechanische Werkstatt von Aker geschleppt worden, wo sie ihr geräumiges Innere mit all den tausend zur Fahrt nöthigen Dingen an Proviant und Geräthschaften anfüllen ließ. Müssig schlenderte ich am Quai entlang und kam so auch dahin, wo die »Fram« lag. Das Deck war ein wüstes Durcheinander von Kisten aller Art und der verschiedensten Größen, und unten im Großraume arbeitete ein Mann im Schweiße seines Angesichts daran, das eine Ding hier, das andere dort auf die beste Weise zu verstauen. Es war mir klar, den Mann mußte ich kennen, obschon er so vornübergebeugt stand, daß ich sein Gesicht nicht deutlich sehen konnte. In diesem Augenblick richtete er sich auf, und nun konnte ich ihn sehen. »Aber, lieber Freund, bist du's denn wirklich?« fragte ich. Es war nämlich mein guter alter Kamerad Hjalmar Johansen. »Natürlich bin ich es, ganz gewiß!« rief er lächelnd zu mir herauf, indem er sich mit dem Aermel den Schweiß von seinem heitern Gesichte wischte. »Komm' doch auch mit uns, mein Junge«, sagte er. »Einen wie dich kann Nansen gerade brauchen.« Nun ja, wir sind alle Menschen und als solche wol auch für ein bischen Schmeichelei empfänglich. Und ich leugne durchaus nicht, daß die Worte, einen wie mich könne Nansen gerade brauchen, mich doch ein wenig an der Stelle kitzelten, wo die Eitelkeit sitzt. Und Lust dazu hatte ich ja lange gehabt, das habe ich auch schon erzählt – eine Lust, die wie ein glimmendes Feuer in mir gelegen und nun bei Johansen's Worten in helle Flammen ausbrach. Der Gedanke an alles, dem ich den Rücken kehren mußte, an die mannichfachen Bande des Familienlebens, an den Schmerz, meiner Frau, den Kindern und allem, was mir daheim theuer war, Lebewohl sagen zu müssen, um sie – wenn es das Unglück wollte – nie wieder zu sehen, dieser Gedanke hatte mich bisher immer zurückgehalten, und niemand wird mich deshalb wol tadeln. Doch in jenem Augenblick waren alle diese Zweifel wie ausgelöscht aus meinem Bewußtsein. Konnte Nansen mich brauchen, so sollte er mich auch haben! Inzwischen war Johansen aus dem Raume heraufgekommen und hatte sich fertig gemacht, an Land zu gehen. Er trat zu mir hin und legte den Arm um meine Schultern. »Höre, Freund«, sagte er, »ich werde vorerst mit Nansen reden, und dann fährst du heute Nachmittag gegen 5 Uhr selbst zu ihm hinaus. Du triffst ihn um diese Zeit zu Hause, und die Sache wird dann gleich entschieden.« Nun, ich sagte überhaupt nicht mehr nein. Ich fuhr nach Lysaker hinaus, wo Nansen wohnte, und traf ihn auch richtig zu Hause. Nansen empfing mich sehr freundlich. Als ich mein Anliegen vorgebracht hatte, begann er, sich nach allerlei Einzelheiten zu erkundigen, die ich ihm alle zu seiner Zufriedenheit beantworten konnte. Wir kamen vorläufig überein, daß ich bis Tromsö mitfahren und an Bord der »Fram« die elektrische Beleuchtung einrichten sollte. Unterwegs würden wir uns endgültig entscheiden können, ob ich ganz mitfahren sollte, was ja dann auch geschah. Ich selbst war schon von Anfang darauf vorbereitet, die ganze Reise mitzumachen. Alle, die zur Mannschaft der »Fram« gehörten, hatten sich so verheuern müssen, daß sie sich verpflichteten, sich ohne Murren jeder vorkommenden Arbeit zu unterziehen, wenn sie auch zunächst bei einer ihrer bisherigen Beschäftigung entsprechenden Thätigkeit verwandt werden sollten. Hierzu mußten wir uns kontraktlich verpflichten, und bis auf einen einzigen Ausnahmefall hat sich auch nie einer darüber beschwert. Als langjähriger Elektrotechniker hatte ich an Bord hauptsächlich die Dynamomaschine und die elektrische Beleuchtung zu beaufsichtigen. Dies hinderte jedoch nicht, daß ich auch, wenn es sich gerade traf, bei Arbeiten angestellt wurde, mit denen ich bisher nicht vertraut gewesen war. Ich mußte zum Beispiel als Heizer, Koch, Bäcker und Matrose Dienste thun und fungirte später als Scott-Hansen's Gehülfe bei den meteorologischen Beobachtungen und Messungen, eine Arbeit, die bald mein größtes Interesse erregte. Meine Verabredung mit Nansen war also getroffen. Er drückte mir beim Abschied freundlich die Hand und stellte mich Sverdrup vor, der gerade bei ihm war. Ich kam in heiterster Stimmung wieder in der Stadt an und eilte nach Hause, um meiner Frau und den Kindern den großen Entschluß mitzutheilen. Daß diese darüber nicht mit ebenso großer Begeisterung erfüllt waren wie ich, wird niemand unbegreiflich finden. Trotzdem stieß ich nicht auf ernstlichen Widerstand. Und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, würde es in meinem Entschlusse keine Aenderung mehr bewirkt haben. In den darauf folgenden Tagen wurde an Bord der »Fram« eine Thätigkeit sondergleichen entwickelt. Es war ein wahres Chaos an Bord, ein wüstes Durcheinander aller möglichen Dinge, sodaß einem schon bei dem Gedanken, wie und wo für alles Platz geschaffen werden sollte, beinahe schwindlig wurde. Und das will ich mir gleich zu sagen erlauben: es ist sicherlich nicht die geringste der großen Eigenschaften, die Nansen's Führergenie bilden, daß er diese ganze tausendfältige Ausrüstung durchdacht und von allem, was die Expedition möglicherweise hätte gebrauchen können, auch beinahe kein einziges Ding vergessen oder nicht beachtet hat. Alle übrigen Theilnehmer der Expedition, sowol die wissenschaftlich gebildeten als auch die andern, waren nun an Bord eingetroffen, nur Kapitän Sverdrup fehlte noch. Die meisten von uns wurden bald gute Freunde, was natürlich nicht wenig dazu beitrug, allseitig den Muth und die Zuversicht zu heben. Wir mußten ja alle einsehen, daß ein einziges Element an Bord, das den Keim feindlicher Gesinnungen in sich barg, hinreichen würde, um Verwirrung und verhängnißvolle Zersplitterung in unser kleines Gemeinwesen zu bringen. Nach mehrtägiger angestrengter Arbeit waren wir endlich zur Abreise fertig. Es war am Vorabend des Johannistages 1893. Die »Fram« war nach dem Hafen von Piperviken hinausgewarpt worden und spiegelte dort ihre hohen Masten in der stillen Flut. Auf den Höhen, Inseln und Holmen ringsumher loderten die Johannisfeuer dem längsten Tage des Jahres und dem schönen Sommer zu Ehren, der jetzt in seiner vollen, reichen Pracht stand und dem wir Lebewohl zu sagen im Begriffe waren. Wir hatten alle unsere Familien, Verwandten und Freunde bei uns an Bord, um noch ein letztes mal mit ihnen zusammen zu sein, bevor wir die Anker lichteten. Wer wollte leugnen, daß wir alle in tiefbewegter Stimmung waren? Und daß unsere Stimme bebte und unsere Augen sich mit Thränen füllten, als wir unsern Lieben beim letzten »Lebewohl und auf glückliches Wiedersehen« die Hand reichten: dies einzugestehen ist gewiß auch keine Schande! Der Abend, die helle Johannisnacht vergingen, der Morgen kam: mit ihm der Tag unserer Abreise. Johannistag 1893. Er machte seinem Namen gerade keine Ehre. Kalt und trübe brach er an, als sehe er unserm Vorhaben mürrischen Auges zu. Aber dafür waren die Menschen um so herzlicher! Als die »Fram« mittags um 1 Uhr Dampf aufgemacht und die Anker gelichtet hatte, waren die Festungsberge und die Quaie schwarz von Menschen. Draußen im Hafen wimmelte es von Kuttern, Segel- und Ruderbooten. Und wie wurden wir mit Hurrah begrüßt, wie schwenkte die Jugend ihre Mützen, und wie winkten die Damen mit ihren Taschentüchern! Es erwärmte uns bis ins Herz hinein, als wir sahen, daß diese vielen Tausende von Herzen für uns schlugen, als wir hörten, wie stolz sie auf uns waren, sowol um ihrer selbst wie um der alten Mutter Norwegen willen! Kein besserer Stärkungstrunk konnte uns in dem Abschiedsbecher gereicht werden, als die so trostvolle Gewißheit, daß sie alle an uns glaubten – vielleicht nicht alle an unsere Fähigkeit, das große Vorhaben durchzuführen, aber doch alle an unsere Ausdauer und an unsern redlichen Willen. Unter donnernden Hurrahrufen und Salutschüssen glitt die »Fram« langsam an der Hoved-Insel vorbei. Bald sahen wir Christiania nur noch gleich einem blauen Nebelstreifen in der Ferne verschwinden. Am 27. Juni erhob sich abends ein richtiger Sturm aus Westnordwest, sodaß unser gutes Schiff bald genügend Gelegenheit erhielt, seine Seetüchtigkeit zu beweisen, und wir selbst unsere größere oder geringere Standhaftigkeit dem »Opfer« fordernden Meeresgotte gegenüber zeigen konnten. Da ich selbst gewissermaßen ein alter Seemann und als solcher längst gegen alle derartigen Forderungen abgehärtet war, ist es ja gerade nicht sehr zu rühmen, daß ich mich seiner bösen Angriffe erwehren konnte. Aber auch die »Landratten« unter uns hielten sich im ganzen genommen recht gut. Die »Fram« erwies sich als ein gutes Schiff, war aber zu schwer belastet und mußte eine Sturzsee nach der andern über sich ergehen lassen. Um sie zu erleichtern, sahen wir uns also genöthigt, einen Theil unserer aus Planken und einer Menge leerer Theerölfässer bestehenden Deckslast über Bord zu werfen. Dies half dem Uebelstand sofort recht gut ab, aber der Sturm war so überwältigend, daß wir, nachdem wir die ganze Nacht in Bewegung gewesen waren, uns um etwa 8 Uhr morgens entschließen mußten, einen Hafen aufzusuchen. Gegen 6 Uhr nachmittags kamen wir endlich in Ekersund an, wo schon einige den Küstenverkehr vermittelnde Dampfer in Nothhafen gegangen waren. Gegen Morgen legte sich der Sturm, weshalb wir, von den Ekersundern aufs freundlichste begrüßt, wieder in See stachen und unsern Kurs direkt auf Bergen hielten. In der alten Hansastadt herrschte festliches Leben und Begeisterung, Sang und Klang, von dem Augenblicke unserer Ankunft bis zur Stunde unserer Weiterreise. Die Leute wußten einfach nicht, was sie uns alles Gutes anthun sollten. Es hätte uns wirklich zu Kopf steigen können. Am 5. Juli erreichten wir Beian, wo wir der Verabredung gemäß Kapitän Sverdrup antrafen und noch einen Theil des Proviants einnahmen. Hier kam auch Professor Brögger an Bord, um uns bis Tromsö zu begleiten. Dort kamen wir am 12. Juli an und warfen im Hafen Anker. Das Wetter war schneidend kalt; bisweilen gab es ein Schneetreiben, als wären wir in der Weihnachtszeit – ein hübscher, kleiner Vorgeschmack von dem, welchem wir bald immer mehr entgegengingen. In Tromsö versahen wir uns mit etwas getrocknetem Renthierfleisch. Außer Professor Brögger verließ uns hier noch ein anderer Mann, den wir alle in der kurzen Zeit, die wir mit ihm zusammen verlebt, aufrichtig lieben gelernt hatten. Es war Kapitän Gjertsen, der nächst Nansen und Sverdrup die »Fram« von uns allen am besten kannte, da er von dem Tage ab, an dem ihr Kiel gestreckt worden war, ihren Bau und ihre Einrichtung genau verfolgt hatte. Wir schüttelten ihm beim Abschied alle warm die Hand, viele von uns mit Thränen in den Augen, denn er war uns aufrichtig theuer geworden. Statt seiner kam Bentsen an Bord. Er sollte uns bis Nowaja Semlja begleiten und dachte selbst noch nicht im entferntesten daran, daß er im Ernst weiter mitthun würde. Mit Kapitän Gjertsen verließ uns noch ein anderer guter Freund, Christiansen Trana, von Nansen's Grönland-Fahrt her bekannt, ein außerordentlich gewandter, prächtiger Mensch; es war wirklich schade, daß Nansen diesmal nicht mit ihm einig werden konnte. Von den wärmsten Glückwünschen der Bevölkerung begleitet sagten wir am 14. Juli nachmittags 2 Uhr Tromsö Lebewohl. Das Wetter war noch immer kalt; es wehte frisch aus Nordwesten, und die See ging hoch. Die Last der »Fram« war verkehrt gestaut worden, und das Schiff schlingerte deshalb entsetzlich. Ja, manchmal war das Schwanken so heftig, daß man sich kaum in der Koje festhalten konnte und an Schlaf gar nicht zu denken war. Wir gingen in den Kjölle-Fjord hinein, um die Last umzustauen und das Vorschiff leichter zu machen, eine Arbeit, die im Laufe von zwei Tagen durch Leute vom Lande ausgeführt wurde – Leute, die wir übrigens auf die curiose Weise bekamen, daß wir sie sozusagen aus der Kirche holten (es war nämlich ein Predigtsonntag). Draußen herrschte ein entsetzliches Unwetter; die Gebirgskessel waren bis tief hinunter voll Schnee, und wir mußten wollene Handschuhe anziehen, wenn wir auf Deck etwas zu thun hatten. Wahrhaftig, ein angenehmes Sommerwetter! Erst am 17. Juli klärte es sich auf, und wir stachen nun wieder in See mit dem Kurs auf Vardö, wo wir am Abend des nächsten Tages gegen 10 Uhr ankamen. Hier wartete unser eine Ueberraschung, und schöner hätte Mutter Norwegen ihren Söhnen das letzte Lebewohl nicht sagen können, als die Bewohner von Vardö es thaten. Unsere Ankunft hatte sich um volle zwei Tage verspätet. Aber treulich hatten die Waräger von Vardö Tag und Nacht Wacht gehalten. Wir waren deshalb ebenso erstaunt wie gerührt, als wir in der späten Abendstunde an der Mole anliefen und, statt, wie wir es erwartet hatten, eine Stadt in ihrem Schlafe zu finden, von einer wimmelnden Menschenmenge empfangen wurden mit einem Musikcorps an der Spitze, das kräftig und taktfest »Ja, wir lieben dieses Land!« anstimmte. Die gemüthvolle Innigkeit dieses einfachen Liedes hat uns alle vielleicht nie so ergriffen und gestärkt wie in jener späten Abendstunde, als es uns so überraschend entgegentönte. Und wie an den andern Orten konnte auch hier die Bevölkerung sich nicht genug thun in Bezeugungen ihrer Sympathie. Wir lagen hier ein paar Tage. Es war der letzte norwegische Hafen, den wir anliefen. Deshalb hatten die Taucher hier den Boden der »Fram« von Muscheln, Tang und andern die Fahrt hemmenden Unreinlichkeiten zu befreien. Und die ganze Zeit über hielt uns die Stadt mit Freudenfesten in Athem – ja, sie setzte unsertwegen beinahe Himmel und Erde in Bewegung. Am 21. Juli morgens 4 Uhr lichteten wir endlich die Anker und dampften bei klarem, stillem Wetter aus dem Fjord hinaus. So wollte Mutter Norwegen selbst uns noch einmal ihr freundlichstes Gesicht zeigen und uns als letzte Erinnerung das Bild des hellen Sommermorgens des Nordlandes mit auf den Weg geben, mit den Gebirgen und Fjorden, mit den Inseln und Schären, die in seine seltsamen rothglühenden Farben getaucht waren. Dank dir, Mutter Norwegen! Von uns allen an Bord hat sicherlich keiner das Bild vergessen, das unserm Blicke nach und nach am Horizont entschwand. Zweites Kapitel. Nach Norden. Vardö und seine freundlichen Bewohner werden stets in meiner Erinnerung haften, außer den vielen gemeinschaftlichen Erlebnissen auch durch eine kleine Episode, in der ich selbst die Hauptrolle spielte. Es hätte eigentlich eine recht ernste Geschichte werden können, aber glücklicherweise endete sie mit einem herzlichen Gelächter. Während wir vor Anker lagen und die »Fram« von außen am Schiffsboden abgekratzt wurde, kam natürlich eine Menge Besucher an Bord, die Lust hatten, das »Wunderthier« von innen zu besehen und sich von seiner Haltbarkeit zu überzeugen. So kamen denn auch zwei Damen, zwei wirklich niedliche junge Damen, und fragten, ob sie das Schiff besehen dürften. »Ja gewiß, bitte, treten Sie näher!« Ob sie auch in den Salon hineingucken dürften? »Ja, natürlich! Bitte, meine Damen!« Und ich machte als höflicher Cavalier ein Paar Schritte rückwärts nach der Salonthür, öffnete sie, sagte: »Bitte sehr«, trat selbst noch einen Schritt zurück – einen verhängnißvollen Schritt –, fiel, pardautz, durch eine offenstehende Luke und verschwand zum unaussprechlichen Erstaunen der Damen in der Tiefe. Wenn irgendwo, so könnte man hier in des Wortes verwegenster Bedeutung von »einem Verschwinden wie eine Pflaume im Rum« Im Norwegischen ein Wortspiel: rum , der Rum und der Schiffsraum. sprechen. Nun wohl! Meine Rolle als »Orpheus in der Unterwelt« hätte, wie gesagt, auch ein Ende mit Schrecken nehmen können. Denn es war eine recht respectable Höhe zum Hinunterfallen – und besonders so unerwartet zu fallen –, und der Raum dort unten war mit allen möglichen Gegenständen vollgestaut, mit denen der menschliche Corpus seiner Construction nach eigentlich nicht auf heftige Weise in Berührung kommen darf. Aber glücklicherweise waren dort einige Treibriemen, die das Aergste abhielten, und ich kam, von einigen Beulen und Hautabschürfungen abgesehen, mit dem bloßen Schrecken davon. Natürlich war ich nachher die Zielscheibe des Spottes und der Witze der andern, so geht es ja immer in dieser bösen Welt! Aber ich hielt sie mir nach Kräften vom Leibe und meinte, ich sei an Bord der »Fram« doch der Einzige, der ihr auf den Grund gegangen sei. Aber trotzdem dauerte es recht lange, ehe sie aufhörten, zu sticheln und von meinem »tiefen Falle« zu reden. Bei der Abreise von Norwegen bestand die Besatzung der »Fram« aus 14 Mann mit Einschluß von Dr. Nansen's Secretär, des Journalisten Christofersen, der uns nach Chabarowa begleiten sollte, um von dort mit der Jacht, die beauftragt war, uns dorthin noch einen Kohlenvorrath zu bringen, wieder nach Hause zu fahren. Obgleich es vielleicht überflüssig sein dürfte, will ich doch der Genauigkeit wegen hier die Namen aller eigentlichen Mitglieder der Expedition nennen. Sie bestand außer Dr. Nansen und Kapitän Sverdrup aus Folgenden: Premierlieutenant Sigurd Scott-Hansen als Leiter der meteorologischen, astronomischen und magnetischen Beobachtungen; cand. med. Henrik Blessing als Arzt und Botaniker; Theodor Jacobsen als Steuermann, und Anton Amundsen als erster Maschinist. Dann kamen Anton Juell als Proviantverwalter und Koch; der Schwede Lars Petterson (nicht Pettersen) Petterson hatte Nansen gesagt, er sei von norwegischen Eltern in Schweden geboren. Dies verhält sich jedoch nicht so; er mußte uns – nachdem ihm verschiedentlich sehr zugesetzt worden war – schließlich bekennen, daß auch seine Eltern Schweden seien. als zweiter Maschinist; der Reservelieutenant Hjalmar Johansen anfangs als Heizer und später als meteorologischer Assistent; Peder Hendriken als Harpunierer; meine Wenigkeit hauptsächlich als Elektrotechniker; Ivar Mogstad als »alles Mögliche«, und schließlich Bernt Bentsen in seiner Eigenschaft als erfahrener Eismeerschiffer. Endlich aber darf ich nicht vergessen, unsern treuen vierfüßigen Theilnehmer an der Expedition, Nansen's Hund »Kvik«, zu nennen. »Kvik« hieß das Thier, und quick, flink, war es auch. Es stammte entschieden von der Rasse der grönländischen Hunde ab und war Nansen in Kopenhagen geschenkt worden. Es wurde der Hündin anfangs schwer, sich an die Wechselfälle des Seelebens zu gewöhnen, und wenn das Schiff auf den blauen Wogen schaukelte, war sie gar nicht damit zufrieden, daß es in dieser Welt beständig auf und nieder geht. Aber sie war klug und gelehrig, und es dauerte gar nicht lange, bis sie ebensowol die Situation beherrschte, wie ihre Aufgabe verstand, laut zu verkünden: »Unbefugten ist der Zutritt nicht gestattet«. Sie fing bald an, hierin beinahe zu »preußisch« zu werden, und als wir auf unserer Küstenfahrt in den verschiedenen Häfen anlegten, mußten wir sie sogar anbinden, natürlich unter lautem, tiefempörtem Protest ihrerseits. Am Nachmittag des 21. Juli verschwand der letzte bläuliche Schimmer der norwegischen Gebirge unter dem Horizonte. Wir standen alle an der Rehling und sahen ihrem Entschwinden voll eigenthümlicher Bewegung zu. Das Wetter war schön, nur hin und wieder ein wenig nebelig. Schon hier fingen wir an, die Temperatur des Wassers in verschiedenen Tiefen zu messen. Am 25., um 10 Uhr vormittags, konnten wir von der Ausgucktonne auf dem Großmaste durch das Fernrohr Land erblicken. Der Wind wurde gegen Abend zu einer starken Kuhlte, die die »Fram« jetzt aber mit verhältnißmäßiger Ruhe über sich ergehen ließ. Das Land, das wir erblickt hatten, war die Küste von Nowaja Semlja, und wir richteten unsern Kurs nun nach Osten durch die Jugor'sche Straße auf Chabarowa zu. Zwei Tage darauf stießen wir auf das erste Eis und erlitten dadurch ziemliche Verspätung. Nachdem wir vergeblich versucht hatten, zwischen den Schollen hindurchzukreuzen, blieb uns nichts weiter übrig, als uns in Geduld zu fassen. Wir vertrieben uns inzwischen die Zeit damit, von der Rehling aus auf Seehunde zu schießen, machten aber selbstverständlich keine Beute. Erst am nächsten Tag konnten wir weit in der Ferne offenes Wasser erblicken. Wir heizten also tüchtig an und versuchten, uns hindurch zu zwängen. Nun ja, es ging allerdings, aber natürlich nicht schnell, und wir brauchten den ganzen Tag und die Nacht dazu, ehe wir wieder in offenes Fahrwasser kamen. Endlich, am nächsten Abend, gingen wir in Chabarowa vor Anker und machten die Bekanntschaft der Bewohner des nördlichsten europäischen Sibiriens, sowol die der eigentlichen Eingeborenen, der Samojeden, wie die der vielen russischen Kaufleute, welche mit den erstern einen weitverzweigten, sehr einträglichen Tauschhandel treiben. Hier erwartete uns Trontheim mit 35 Hunden, welche der sich für die Fram-Expedition so lebhaft interessirende russische Baron von Toll aus dem Innern des Landes hierher gesandt hatte. Volle sechs Monate war Trontheim mit seiner Hundekarawane unterwegs gewesen, war ungefähr einen Monat früher als wir eingetroffen und hatte hier ein Lager aufgeschlagen, um unsere Ankunft zu erwarten. Als wir ankamen, wehte die norwegische Flagge über seinem Lager. Nun sollten wir diese ganze Hundekolonie an Bord bringen; dies war aber eine mühselig Arbeit. Ihre Majestät »Kvik« war ebenso verblüfft, wie beleidigt, als ihr diese uncivilisirte Bande auf den Hals geschickt wurde, und zog sich vornehm von dem Vorderdeck, ihrer bisherigen Residenz, nach dem ersten Platz zurück, ließ sich auch durchaus nicht herab, die Neuangekommenen zu begrüßen, sondern betrachtete sie mit überlegener Verachtung als das, was sie wirklich waren, nämlich als »Pöbelpack« und »gemeinen Mob«. Diese abweisende Haltung beobachtete sie während der ganzen Reise, und es war merkwürdig genug, daß, wenn auch die sibirischen Hunde, das »Pack«, sich untereinander noch so sehr rauften – und raufen thaten sie früh und spät und zwar so, daß es eine Art hatte –, sie sich doch von »Kvik« stets in ehrfurchtsvoller Entfernung hielten und sich nie erlaubten, sie anzufallen. Während wir hier auf die Jacht warteten, die uns Kohlenvorrath bringen sollte, benutzte ich die Zeit, um von der Tonne eine elektrische Signalleitung nach dem Maschinenraume anzulegen und die elektrischen Batterien für den Gebrauch in Stand zu setzen. Während ich mit einigen andern hiermit beschäftigt war, nahmen ein paar der übrigen Kameraden wieder eine Kesselreinigung vor. Außerdem mußte ja auch immer jemand auf die Hunde passen, fürwahr nicht die leichteste Aufgabe, die einem mehr als genug zu schaffen machte. In dieser Zeit wurde Tag und Nacht, Sonntag wie Werktag gearbeitet, sodaß wir wirklich sehr angestrengt wurden. Der ganze Juli war vergangen, und da wir auch am 2. August noch nichts von der Kohlenjacht sahen, entschloß sich Nansen, nicht länger auf sie zu warten und sich mit dem vorhandenen Kohlenvorrathe zu begnügen. Infolge dessen wurden am nächsten Morgen alle Mann früh aus den Federn geholt und beim Kohlenschaufeln sowie beim Trimmen der Kohlen von dem Großraum nach den Kohlenbunkern angestellt. Es ging im Handumdrehen, als hätte keiner von uns im Leben je etwas anderes gethan. Wir waren schon mittags um 12 Uhr fertig. Ich heizte den Kessel an, und gegen 4 Uhr hatten wir Dampf auf. Nun mußten wir nicht nur dem gutmüthigen Trontheim die Hand zum Abschied drücken, sondern auch Nansen's Secretär Christofersen Lebewohl sagen und ihm unsern Dank aussprechen für all die angenehmen Tage, die er uns durch sein aufrichtiges, geselliges Wesen und seinen heitern Sinn bereitet hatte. Durch ihn sandten wir unsern Lieben daheim die letzten Grüße und Nachrichten, die letzten, bevor wir im Ernst den Kurs nach den unbekannten, von Menschen bisher noch nicht durchkreuzten Gewässern und Eisfeldern des Polarmeeres richteten. Um 12 Uhr nachts lichteten wir die Anker und steuerten langsam aus der Jugor'schen Straße, dem Thore des Karischen Meeres, hinaus. Nansen selbst fuhr mit Scott-Hansen im Petroleumboote voraus, um das Fahrwasser zu untersuchen. Um in Hinsicht auf die nicht eingetroffene Kohlenzufuhr mit dieser für uns so kostbaren Waare so sparsam wie möglich umzugehen, begannen wir zum ersten mal mit der Theerölheizung. Wir fanden diese Methode jedoch nicht gerade zweckmäßig, und es wurde beschlossen, nur im alleräußersten Nothfalle wieder dazu zu greifen. Es vergingen nun Tage und Wochen, in denen wir alle einem Barometer glichen, worin die Laune das Quecksilber und die Fortschritte der »Fram« der Luftdruck waren, und man konnte so genau wie von einem Zifferblatt uns vom Gesichte »den Barometerstand ablesen«. Laßt mich deshalb, um meine Leser nicht durch unnöthige Wiederholungen zu ermüden, hier nur kurz erzählen, wie unsere Reise sich vom Verlassen Chabarowas bis zu unserm ersten Winterhafen gestaltete. Schon am 6. August mußten wir an der Eiskante anlegen, kamen aber in derselben Nacht wieder los und steuerten mit vollem Dampf auf das Jalmal-Land zu, wobei wir uns der Segel und des Dampfes bedienten. Am 15. passirten wir die Mündung des Ob und entdeckten am 18. auf 74° 40' nördlicher Breite und 80° östlicher Länge eine neue, auf der Karte bisher noch nicht angegebene Insel, die nach Kapitän Sverdrup getauft wurde, weil er sie zuerst erblickt hatte. Dann wurde die Reise ein Paar Tage an der Küste entlang fortgesetzt, ohne daß wir Eis sahen oder Hindernisse antrafen. Erst am 28. stießen wir gegen die Eiskante und mußten uns wieder in Geduld fassen. Das Wetter war die ganze Zeit über unfreundlich, Regen und Schneegestöber wechselten unaufhörlich ab. Nicht allein unsere eigene Laune litt unter dem trüben, feuchtkalten Himmel, auch die Hunde wurden so davon angegriffen, daß zwei starben. Besonders der eine dieser – »Melchi« war sein Name – that uns sehr leid. Er war so treu und gesellig und war unser aller Liebling gewesen. Am 4. September befanden wir uns vor den Taimyr-Inseln, wo Johansen, Juell und ich Ordre erhielten, Nansen auf einer Expedition zur Untersuchung der Eis- und Tiefenverhältnisse zu begleiten, da anzunehmen war, daß wir auf diese Weise an dem Eisgürtel, der uns im Wege war, vorbeikämen. Es war ein trübseliger Ausflug. Wir zogen vormittags 9 Uhr in starkem Schneetreiben zu Boot von der »Fram« aus und mußten abwechselnd rudern und uns mit Stangen weiterschieben, manchmal das Boot sogar über die Eisschollen ziehen. Es galt, soweit wie möglich nach Norden vorzudringen. Als Proviant hatten wir Brot, getrocknetes Renthierfleisch und Kaffee mitgenommen, in der Eile aber die Butter vergessen, und da wir weder Holz hatten, noch solches fanden, blieb auch der gepriesene Kaffee, dessen wir so sehr bedurft hätten, ein schönes Phantasiegebilde, das leider weder die trockenen Brotscheiben verdaulicher, noch den durch Mark und Bein dringenden eiskalten Schnee wärmer machen konnte. War der Hinweg anstrengend gewesen, so wurde die Heimfahrt es nur noch mehr. Denn jetzt hatten wir außer den Eishindernissen auch noch Wind und Strömung gegen uns. Und obendrein frischte der Wind noch zu einer so steifen Kuhlte auf, daß wir alle unsere Kräfte aufbieten mußten, um überhaupt vorwärts kommen zu können. Nansen war dafür, daß wir auf einer der Inseln übernachteten, aber ein Staatsrath wurde abgehalten und darin beschlossen, daß wir weiter rudern und nicht eher nachlassen sollten, als bis wir das feste Deck unsrer theuern »Fram« wieder unter den Füßen hatten. Nach einem gewaltigen Ringen mit allen bösen Mächten des Eismeers gelangten wir morgens um 2 ½ Uhr gesund und glücklich wieder bei der »Fram« an. Doch ein fünfzehn- bis sechzehnstündiges Rudern solcher Art ist wahrhaftig kein Spaziergang in der Karl-Johann-Promenade in Christiania, und deshalb war es auch ein unbeschreiblicher Genuß, nach den erduldeten Strapazen etwas Ordentliches zu essen zu bekommen, heißen Kaffee zu trinken und dann in die Koje zu gehen, um sich einem wohlverdienten Schlafe hinzugeben. Die starke Brise hatte aber auch etwas Gutes für uns gebracht. Sie hatte das Eis aufgebrochen, sodaß wir am 6. nachmittags wieder die Anker lichten und aus der Inselgruppe hinausgehen konnten. Dann fuhren wir eine Weile mit tadelloser Geschwindigkeit an der sibirischen Küste entlang. Das Wetter mußte man für diese Jahreszeit so hoch im Norden wirklich ganz leidlich nennen. Hin und wieder stießen wir freilich auf Eis, aber es war doch nicht so schlimm, daß die »Fram« mit ihrem starken Bug es nicht mit Hülfe einigen Kreuzens hätte überwinden können. Am 9. September passirten wir Kap Vega und den Morgen darauf Kap Tscheljuskin. Das Barometer unserer Laune stieg in diesen Tagen so enorm, daß wir uns vor lauter Munterkeit fast nicht zu lassen wußten, und das letzte Ereigniß, die Anpeilung von Kap Tscheljuskin, wurde sogar mit einem Grog gefeiert, für uns ein riesiger Luxus. Schon am 18. passirten wir die Neusibirischen Inseln und konnten hoffen, Sannikoff-Land im Laufe der nächsten Tage zu Gesicht zu bekommen. Am 20. hatten wir uns dem 78. Grade nördlicher Breite genähert und stießen gleichzeitig wieder auf die feste Eiskante. Hier sandten wir eine Flaschenpost ab, allerdings ohne sonderliche Hoffnung, daß sie je civilisirte Gegenden erreichen würde. Wir schrieben kurze Notizen über die Fahrt und unser eigenes Befinden nieder und steckten sie in festverkorkte, gut versiegelte leere Flaschen, die dann ins Meer geworfen wurden. Scott-Hansen und ich fungirten dabei als Postmeister. Aber da lag immer noch die Eiskante und versperrte uns den Weg. Der Wind war nördlich, das Wetter gut, und wir kreuzten mehrere Tage am Eisrande entlang, um womöglich irgendeine Oeffnung zu entdecken, durch die wir uns hätten weiter nach Norden zwängen können. Aber nein, der Eisgott wollte uns auch nicht eine einzige Thürritze öffnen. Dafür waren wir aber schon am 24. auf allen Seiten von festem Eise umschlossen und erblickten, soweit das Auge reichte, nirgends offenes Wasser. Sollten wir wirklich schon hier in unserm ersten Winterquartier angekommen sein? Ja, so war es auch! Am 25. September lagen wir fest vertäut im Eise und begannen, unsere Vorbereitungen für die bevorstehende lange Winternacht zu treffen. Dies sind, kurz zusammengefaßt, die Meilensteine dieses Theils unserer Reise, des ersten Sommers. Jedesmal, wenn uns das Eis am Weiterkommen hinderte und die »Fram« auf dieser zwei Monate langen Fahrt längs der sibirischen Küste unthätig still liegen mußte, benutzten wir jede wirkliche oder sich unserer Meinung nach bietende Gelegenheit, durch Jagdausflüge oder dergleichen Abwechselung in die Einförmigkeit des Schiffslebens zu bringen, wenn wir die Zeit nicht zur Kesselreinigung und andern großen Scheuerfesten benutzten. So fuhr Nansen, als wir bei den Kjellman-Inseln lagen, mit sieben Mann ans Land, um dort Bären und Renthiere zu jagen. Drei von ihnen kehrten am Tage darauf mit der Nachricht zurück, daß sie zwei Eisbären und zwei Renthiere geschossen hätten; wir müßten nun die Anker lichten und näher ans Land heranfahren, damit sie die Jagdbeute an Bord bringen könnten. Wir gingen so nahe, als die Tiefe es gestattete, und erblickten gegen 6 Uhr das Boot mit den Jägern. Sie hatten den Seegang und die Strömung gegen sich. Wir warfen eine Rettungsboje an einem langen Taue aus, damit der Wind sie zu ihnen hintriebe, und endlich gelang es ihnen auch, sie zu ergreifen. Bis auf die Haut durchnäßt, hungrig und ausgefroren, kamen sie nach großer Anstrengung und vielen Strapazen wieder an Bord. Doch nun galt es, das Wild zu bergen; sie hatten nämlich die beiden Renthiere nicht mitnehmen können. Am andern Morgen um 8 Uhr bat mich Sverdrup daher, ihn ans Land zu begleiten, wo wir einerseits das erlegte Wild abholen, andererseits aber weitere Renthiere und einen Eisbären, der sich am Strande gezeigt hatte, aufspüren wollten. Ich, der noch nie eine so vornehme Jagd mitgemacht hatte, nahm das Anerbieten natürlich mit Freuden an, und gegen 10 Uhr zogen wir – Sverdrup, Scott-Hansen, Bentsen und ich – mit Flinten, Geräthschaften und Proviant wohl ausgerüstet auf unser Abenteuer aus. Wir trugen Anzüge und Stiefel von Seehundfell und sahen, als wir an Land gingen, wie echte Samojeden aus. In Betreff der Jagdbeute mußten wir freilich mit langer Nase abziehen. Wir durchquerten die ganze Insel, aber es ließen sich weder Renthiere noch Eisbären sehen, und wir mußten uns damit begnügen, eine praktische Lösung der Frage zu suchen, wie die Beute des vorigen Tages, die beiden Renthiere, an Bord zu transportiren sei. Vor dem ersten der Thiere, auf das wir stießen, wurde diese Frage mit großem Ernste discutirt; denn die Sache war wirklich keineswegs so einfach, wie sie vielleicht Fernstehenden erscheinen möchte. Das große Thier nach dem Boote tragen? Ja, auf andere Weise ging es nicht; aber woher sollten wir eine Tragbahre nehmen? Denn anders ließ es sich ja von uns unmöglich so weit schleppen. Hier war guter Rath theuer. Wir mußten das Thier entweder zerlegen, oder einer von uns mußte es allein tragen. Nach langer Berathung wurden wir einig, daß Bentsen sich zu einer Art lebender Tragbahre hergeben sollte. Er legte sich der Länge lang auf die Erde, mit dem Rücken gegen das Renthier; dann wurden sie beide miteinander ordentlich »copulirt«, worauf wir dem neuen »Ehepaare« mit vereinten Kräften wieder auf die Beine halfen. Bentsen marschirte, rechts von Sverdrup, links von mir gestützt, unter großer Heiterkeit mit seiner Ehehälfte auf dem Rücken tapfer darauf los. Aber der Weg führte über Steingeröll und Moorgrund, und nach ungefähr 20 Minuten wurde die Bürde Bentsen trotz seiner Bärenstarke denn doch zu schwer. Nun mußten wir das Renthier zerlegen, worauf wir beide, Bentsen und ich, je eine Hälfte nach dem Boote trugen. Die andern Theilnehmer dieser Expedition suchten indessen das andere Renthier auf und behandelten es auf dieselbe Weise. Obwol es noch eine ordentliche Anstrengung kostete, erreichten wir doch endlich mit unserer Last das Boot und brachten sie darin unter. Auch dies geschah mit gar nicht geringer Mühe, da das Boot erst in tieferes Wasser gebracht werden mußte, denn sonst hätte es mit seinem so erheblich vermehrten Ballast auf dem Grunde festgesessen. Wir mußten bis zu den Hüften im Wasser waten, sodaß es uns ins Gesicht spritzte, und nachher wieder angestrengt gegen Wind und Strömung anrudern, ehe wir wieder an Bord anlangten, wo wir die Kleider wechseln und unsere Strapazen über einer Tasse heißen Kaffees und einem Pfeifchen vergessen konnten. Wir sahen auch später nichts von dem Eisbären, der am Morgen trügerische Hoffnungen in uns erweckt hatte. Erst als wir das Winterlager bezogen hatten, dann aber schon am nämlichen Tage, 25. September, machte uns der König des Polareises den ersten eigentlichen Besuch; er verzog sich aber sofort, ehe wir uns ihm auf Schußweite nähern konnten, sodaß diesmal auch nichts aus dem Jagdvergnügen wurde. Drittes Kapitel. In der Drift. Ich sehe, meinen Lesern schwebt die Frage auf den Lippen: Wie hat es euch, die ihr nun die lange Winternacht gemeinsam verbringen solltet, bisher behagt, miteinander stets in so naher Berührung zu leben, wie die Verhältnisse an Bord der »Fram« es nothwendigerweise mit sich brachten? Und wie war Nansen, wird man mich fragen, wie Sverdrup und wie die andern? Auf die erste Frage kann ich nur antworten, daß der Verkehr zwischen uns, den Gemeinen, bisher den Stempel einer so guten Kameradschaft getragen hat, wie man es sich nur wünschen konnte. Und gute Kameraden blieben wir, das darf ich sagen, auch während der langen drei Jahre, wenn auch der Gesprächsstoff, nachdem Monate und Jahre dahingegangen, aufs äußerste erschöpft war und wir einander so genau kannten, daß es beinahe langweilig wurde. Infolge dessen nahm das Zusammenleben nach und nach unvermerkt ein anderes, oft recht seltsames Gepräge an, worauf ich später zurückkommen werde. Der Salon im Achter war der Mittelpunkt, in dem wir uns alle versammelten. Um ihn herum lagen die einzelnen Kabinen, die Nansen's ganz vorn links und Sverdrup's Kabine rechts, der erstern gerade gegenüber. Hinter Nansen's Kabine lag die von Blessing, dieser gegenüber die Scott-Hansen's. Und dann kamen im Hintergrunde des Salons in der Breite zwei größere Kabinen, von denen die eine für Amundsen, Johansen, Juell und Petterson, die andere ursprünglich für Mogstad, Jacobsen, Hendriksen und mich bestimmt war. Doch als noch Bentsen hinzugekommen war, mußte für ihn bei uns Platz geschaffen werden, und da wurde es doch recht eng. Räume für Bälle und große Feste hatten wir nicht, aber von solchen Lustbarkeiten konnte an Bord eines solchen Schiffes ja überhaupt keine Rede sein. Ich darf übrigens wol aussprechen, daß ich fest davon überzeugt bin, die lange, trübe Winternacht, die sich uns allen so kalt und drückend düster aufs Gemüth legte, hätte nicht eine so bezwingende Macht über uns erlangt, wenn wir ein wenig mehr Licht und Raum an Bord gehabt hätten. Ob die Veränderungen, die für die bevorstehende Expedition Sverdrup's auf der »Fram« vorgenommen werden sollen, auf Grund dieser Erfahrungen für nöthig befunden worden sind, weiß ich nicht, halte es aber nicht für unwahrscheinlich. Ja, wir Kameraden sind in der That miteinander gut ausgekommen. Man kann vielleicht sogar mit Fackeln und Laternen nach einem gleichen Beispiel suchen. Natürlich kam es zwischen uns hin und wieder zu einer kleinen Reibung; anders wäre es ja auch nicht möglich, solange wir Menschen sind und nicht mit Engelsflügeln umherstiegen, aber nie drängte sich etwas zwischen uns, das uns im Ernst entzweien konnte. Und dann will ich noch eins sagen: daß wir alle von Anfang an fest an den glücklichen Verlauf der Expedition glaubten, uns darüber freuten, an einem solchen Unternehmen theilnehmen zu dürfen, und daß wir stolz darauf waren, unter so vielen Hunderten von Bewerbern die Auserwählten zu sein. Derjenige, der uns eines nicht so ganz geringen Theils unsers Frohsinns und unsers Vertrauens auf die Zukunft an Bord berauben sollte, war unglücklicherweise Dr. Nansen selbst. Er vergaß sich uns allen gegenüber einmal, nur ein einziges mal. Aber dies ließ auf lange Zeit einen Stachel zurück. Und die Ursache des ganzen Spektakels war – eine Flasche Bier, die er nicht finden konnte! Wenn je, so kann man hier das englische »Much ado about nothing« (Viel Lärm um nichts) anführen. Es war ungefähr einen Tag nach unserer Abreise von Vardö. Nansen war, aus irgendeinem uns unbekannten Grunde, nicht bei Laune. Da begab es sich denn, daß er Flaschenbier, das er aus einer Kiste nahm, wegstauen wollte. Dabei verschwand ihm plötzlich eine Flasche sozusagen unter den Händen – wo sie geblieben, ist nie aufgeklärt worden. Ob nicht die zunächstliegende Erklärung, daß er sich verzählt haben muß, die richtige ist, und seine Erbitterung über die vermeintliche »Mauserei« durch eine Selbsttäuschung veranlaßt worden war?] Sei es, daß ihn seine üble Laune dazu veranlaßte oder daß noch ein anderer Grund vorlag, genug, Nansen fuhr auf und warf mit allen möglichen Beschuldigungen um sich. Ich stand in diesem Augenblick gerade oben im Windfange des Maschinenraums, und da diese Aeußerungen ebenso gut auf mich wie auf sonst jemand gemünzt sein konnten, fragte ich: »Sagen Sie mir, Nansen, glauben Sie, daß ich oder sonst einer aus dem Maschinenraume das Bier genommen hat?« »Nein!« antwortete Nansen kurz. Ich ging wieder zu meiner Heizerarbeit hinunter. Ich mußte glauben, wie es auch anzunehmen war, daß das Ganze nur ein augenblicklicher Ausbruch schlechter Laune gewesen sei. Man kann sich daher unser aller Erstaunen denken, als eine Weile darauf die ganze Mannschaft auf das Achterdeck befohlen wurde, weil Nansen uns etwas mitzutheilen habe, und als wir dort sehr bald erfuhren, daß wieder die verschwundene Bierflasche auf dem Tapet war. Das kann ich sagen, selten sind Leute so gründlich nach Noten ausgescholten worden, wie es uns bei dieser Gelegenheit ging. Und hätte er nur, nachdem er sich beruhigt, sein Versehen wieder gut gemacht! Aber dies that er unglücklicherweise nicht. Doch, endlich einmal! Als wir an jenem unvergeßlichen Tage im März 1895 auf dem Achterdeck der »Fram« versammelt waren, um Nansen und Johansen, die beide allein in das Polareis hinauszogen, das letzte Lebewohl zu sagen, da dankte Nansen uns mit warmen Worten für unsere Treue und sagte, daß es keine bessern Männer gebe, und da bat er uns, ihm zu verzeihen, wenn er bisweilen vielleicht hitzig gewesen sei und heftige Worte gebraucht habe, denn im Ernst habe er es nie so gemeint. In diesem Augenblick war alles, was uns hätte scheiden können, in unserm Herzen ausgelöscht. Leider erst dann, als wir auf andere Weise voneinander scheiden mußten. Doch besser spät als niemals. Ihn, zu dessen Führereigenschaften wir alle mit so grenzenloser Bewunderung aufblickten, wollten wir doch auch als Persönlichkeit gern wirklich liebhaben können. Und darum war es sehr schade – und gerade deshalb habe ich hier dabei verweilt! –, daß jener obenerwähnte Auftritt einen Schatten auf unser sonst so ausgezeichnetes Zusammenarbeiten werfen mußte. Nansen war sonst in seinem ganzen Wesen einfach und offen. Gab es etwas auszuführen, sei es groß oder klein, so war er zwar ernst und zugeknöpft, ja beinahe barsch, solange die Arbeit nicht fertig war. Nachher aber war er die Gutmüthigkeit und die Munterkeit selbst. Er gehörte zu den Menschen, deren Lächeln erheitert und erwärmt. Kapitän Sverdrup war seinem Temperament nach Nansen's directer Gegensatz. Stets ernst bewegte er sich zwischen uns. Selten sah man ein Lächeln auf seinen Lippen, und ihn lachen zu hören – das, glaube ich, hat wol keiner von uns erlebt. Aber deshalb darf man nicht glauben, daß er verdrießlich gewesen wäre oder ein mürrisches Gesicht gezeigt hätte. Im Gegentheil, er war immer freundlich, ertheilte Befehle, fragte und antwortete in seiner sich stets gleichbleibenden stillen Weise. Ist er auch nicht wie Nansen einer von denen, die einen in Begeisterung mit sich fortreißen können, so erweckt er dafür Zutrauen und Sicherheit wie kein Zweiter. Und diese große, unwandelbare Eigenschaft Sverdrup's trat immer mehr hervor, je weiter die Zeit vorschritt und je schwerer die Einsamkeit des Polareises auf uns andern lastete. An ihm war keine sichtbare Veränderung zu bemerken. Darin lag mehr Aufmunterung und ein größerer Sporn zur Ausdauer für uns alle, als uns vielleicht selbst bewußt wurde. Doch zurück zu meiner Erzählung. Wir machten uns jetzt im Ernst an die Vorbereitungen für die Ueberwinterung. Alle möglichen Geräthe wurden in Stand gesetzt, geputzt und fein gemacht, nach bestimmten Regeln geordnet und jedes an seinen Platz gestellt, sodaß man es im Handumdrehen hervorholen konnte. Dann hielten wir ein Generalscheuerfest auf dem Schiffe und an unserm Leibe. Während unser eigenes Reinigungsfest vor sich ging, wurden wir von Dr. Blessing gewogen und nicht zu leicht befunden. Er entnahm auch jedem einzelnen eine Probe Blut und konnte das vergnügliche Factum constatiren, daß wir uns alle des besten körperlichen Befindens erfreuten. Das Blut war sogar noch »besser« als das uns beim letzten Wägen abgezapfte, wenn es auch infolge des herannahenden winterlichen Dunkels ein wenig heller war. Am 29. September, einige Tage nachdem wir uns im Winterlager festgelegt hatten, war Dr. Blessing's Geburtstag. Da wir jetzt viel überflüssige Zeit zur Verfügung hatten, konnten wir dem Tage die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Es wurde zu Ehren des Geburtstagskindes ein Galadiner gegeben, und den Abend verbrachten wir mit fröhlicher Unterhaltung, Gesang und Musik. Ja, einige wagten sogar ein Tänzchen. Wir lagen jetzt im Eise festgefroren, und damit begann auch die von Nansen vorherberechnete Eisdrift der »Fram«. Was die Ursachen derselben betrifft, glaube ich nicht, mich mit den von Nansen aufgestellten Theorien vollständig einverstanden erklären zu können. Ich komme später wieder darauf zurück und werde dann in aller Bescheidenheit die Ansicht darlegen, zu der ich selbst gekommen bin. Anfangs ging es mit der Drift sehr gut. Wir trieben mit dem Eise so schnell nach Norden, daß wir uns am 1. October schon auf 79º nördlicher Breite befanden. Die Temperatur war -6º C. Die armen Hunde, die in der ganzen Zeit seit unserer Abreise von Chabarowa deutlich an den Tag gelegt hatten, daß ihnen das eingeschlossene Leben an Bord nicht behagte, wurden nun frei gelassen und durften sich nach Herzenslust auf dem Eise herumtummeln. Da zeigte es sich denn augenblicklich, daß sie hier die für ihre Natur besonders geeigneten »lokalen Verhältnisse« fanden, die sie so lange und so schwer entbehrt hatten. Das war eine Jagd hin und her, eine wilde Lustigkeit sondergleichen! Es war beinahe rührend, ihre Freude zu sehen. Wenn wir selbst auf das Eis kamen, stürmte uns die ganze Schar schweifwedelnd unter lautem Freudengebell entgegen; sie sprangen an uns hinauf und wußten nicht, wie sie ihren stürmischen Gefühlen deutlich genug Ausdruck verleihen sollten. In der Nacht mußten sie wieder an Bord, in das Gefängniß, zurück, aber doch nur, um dort zu schlafen. Jetzt erbaute auch Scott-Hansen sein »Königlich Norwegisches Observatorium« auf dem Eise in Gestalt eines Zeltes. Es wurde ungefähr 1000 Meter vom Schiffe aufgeschlagen. Um die Stative und die Tische festzumachen, begoß er die Füße mit Wasser, das dann gefror. Am 2. October, als Scott-Hansen, Blessing und Johansen gerade mit dem Zelte beschäftigt waren, ertönte auf einmal der Ruf: »Ein Bär!«, und richtig, da kam wirklich ein gewaltiger Petz angezottelt und steuerte direct auf das Zelt los. Er heftete seine Blicke »liebevoll« auf Blessing und Johansen, die beide neben dem Zelte standen, der eine mit einer Axt, der andere mit einer Stange in der Faust. Schon bereiteten sie sich darauf vor, mit diesen Waffen den Kampf mit der Bestie aufzunehmen, als Nansen vom Schiffe aus auf ihre kritische Lage aufmerksam geworden war und eine Kugel aus seiner sichern Flinte dem Kriege ein Ende machte, noch ehe er begonnen. Es war ein prächtiges Thier, aber sehr abgemagert. Alles, was sich in seinem leeren Wanste befand, war ein Stück Packpapier, auf dem der Name einer Firma aus Christiania und deren Fabrikmarke, ein Hängeschloß, aufgedruckt war. Meine Hauptbeschäftigung in dieser Zeit war das Kochen, und oft mußte ich mir wahrhaftig ordentlich den Kopf zerbrechen, um ein Menü zu erdenken, das auf der ganzen Linie Beifall finden würde. Die Kälte nahm mittlerweile schnell zu. Da von einem Weiterkommen mit Dampf und Segel nicht mehr die Rede sein konnte, wurde das Steuer aufgenommen, damit es in den Eispressungen nicht zerbräche. Auch sonst richteten wir uns für den Winter ein. Unsere bisherigen Anzüge und unser Bettzeug genügten jetzt nicht mehr. Wir kleideten uns wie Esau vom Kopf bis zur Zehe in Felle und sahen in dieser Gewandung so wunderlich aus, daß wir einander anfänglich gar nicht erkennen konnten. Ich habe früher schon von unsern Hunden erzählt und von ihrer stürmischen Freude darüber, daß sie sich frei auf dem Eise tummeln durften. Doch auch dort lief es mit ihnen nicht immer glatt ab. Ehe man sich dessen versah, kam es zwischen ihnen zu wilden Raufereien und mörderischen Treffen, und es war oft eine recht anstrengende Arbeit, die Streitenden auseinanderzubringen. Bei diesen Tournieren waren »Barrabas« und »Pan« beinahe immer die Anführer. Sie waren stets geschworene Feinde gewesen. »Barrabas« sollte, wie die Rede ging, der Stammvater der ganzen Schar sein; er war ein prachtvolles Thier und blieb meistens Sieger, aber bei der letzten Rauferei erhielt er die allerschönsten Bisse. Er und »Pan« waren beide gute Zughunde, aber »Pan« war jünger und ebenso stark und wollte es seinem Stammvater in allen Fertigkeiten zuvorthun, was dieser augenscheinlich nicht leiden konnte. An Bord herrschte über »Pan« nur eine Meinung, die, daß er, natürlich nach »Kvik«, unser bester Hund und außerdem liebenswürdig und gehorsam sei. Als die Hunde sich eines Tages unten auf dem Eise tummelten, begann dieses sich so zu theilen, daß auf jeder treibenden Eisscholle einige waren. Ich mußte augenblicklich mit dem Boote hinaus, um sie wieder zu holen und an Bord zu bringen; aber dies war beinahe eine Arbeit wie »des Königs Hasen hüten«, wovon uns das Märchen erzählt. Ich mußte eine ordentliche Treibjagd anstellen, um ihrer habhaft zu werden, und wenn ich einen im Boote hatte und auf die Scholle sprang, um nach einem andern zu greifen, war der eben Eingefangene schon wieder auf dem Eise, bis ich mit dem zweiten zurückkehrte. Das Ende vom Liede war, daß ich an Bord mußte, um mir Beistand zum Sammeln der Bande zu erbitten. Da uns an Bord allerlei Winterarbeit sehr in Anspruch genommen hatte, waren die Hunde in dieser Zeit mehr als sonst sich selbst überlassen worden, und nun, da wir sie alle sammelten, sahen wir die Folgen davon. Bei ihren Raufereien waren drei ziemlich schwer verwundet worden, so schwer, daß wir die Aermsten verbinden und pflegen mußten. Doch nicht genug damit, sie hatten auch einen von ihnen umgebracht und ihm obendrein das Blut ausgesogen; es war ein Hund mit dem traurigen Namen »Hiob«. Armer »Hiob«, sein Wesen entsprach seinem Namen. Er war ein wunderliches Thier; ja, ich glaube fast, ich habe noch nie etwas so Schwermüthiges, Niedergeschlagenes und Unterdrücktes gesehen. Von seiner Ankunft an Bord an suchte er stets nach einem Schlupfwinkel, in dem er sich vor den andern verstecken konnte. Er kniff den Schwanz beständig zwischen die Beine und kam nicht einmal zur Futtervertheilung aus seinem Loche heraus. Auch draußen auf dem Eise suchte er die Einsamkeit und ging den andern soweit wie möglich aus dem Wege. Diesmal aber mußte es ihm nicht geglückt sein, und da hatten sie sich wahrscheinlich gemeinschaftlich auf ihn gestürzt und ihn zerrissen. Am 9. October sollten wir zum ersten mal kennen lernen, was eine Eispressung hier oben in diesen Gewässern bedeutet. Die »Fram« erfuhr einen solchen Druck, daß die beiden Stahldrahttrossen, mit denen wir sie mit Hülfe von zwei Eisankern vertäut hatten, mitten durchrissen. Das Schiff hob sich sofort um zwei Fuß: der erste deutliche Beweis, daß es den Berechnungen entsprach, nach denen sein Rumpf construirt worden war. Daß die Stimmung an Bord sich mindestens zu derselben Höhe wie der Schiffsrumpf erhob, brauche ich wol nicht erst zu versichern. Denn gerade dies sollte uns ja auf der ganzen Reise unsere Sicherheit geben. Und was unser schönes Schiff hier versprach, das hat es nachher auch redlich gehalten. Die Begebenheit wurde natürlich mit einem Extrafeste und Toasten auf die »Fram« und unser geliebtes Norwegen gefeiert. Was für eine seltsame, unheimliche, aber in ihrer Majestät auch mächtig ergreifende Stille herrschte in dieser Eiswüste, sobald wir uns von unserm Schiffe mit seinem bischen Leben und Lärm eine Strecke entfernt hatten! Das Einzige, was das Schweigen unterbrach, war das klagende, melancholische Heulen des Windes, der über die Eisfelder hinstrich. An Bord hörten wir ihn Tag und Nacht im Takelwerk heulen, klappern, kreischen und pfeifen, sodaß wir uns bald an die Musik gewöhnten und kaum mehr darauf achteten. Doch wenn eine Eispressung kam, dann ging es aus einer andern Tonart. Als wir die Pressungen zum ersten mal hörten, fuhr es uns geradezu durch Mark und Bein, und im Anfang – bevor wir uns auch an diese Musik gewöhnt hatten – konnten wir kein Auge zuthun, solange sie dauerte. Es machte den Eindruck, als seien in der bisher so todtenstillen Eiswüste auf einmal Tausende von fürchterlichen, übernatürlichen Wesen lebendig geworden – es läßt sich dies mit Worten nicht ausdrücken! – und manchmal, immer wenn das Eis barst, hörte es sich genau so an, als würden mehrere Batterien Krupp'scher Kanonen auf einmal abgefeuert. Vor diesem Höllenconcert hatten sogar die Hunde Angst, wie man deutlich hören und sehen konnte. Sie stießen ein lautes Klagegeheul aus und bebten am ganzen Leibe wie Espenlaub; entschieden hatten sie die feste Ueberzeugung, daß ihnen irgendeine fürchterliche Gefahr drohe. Die heftigen Pressungen rissen das Eis um uns her auf, sodaß die »Fram« plötzlich in einer Rinne lag, die nach allen Seiten viele Meter breit war. Aber auch dieser war nicht zu trauen; den einen Augenblick konnten wir darin rudern und segeln, im nächsten hatte sie sich schon wieder geschlossen. Wir mußten deshalb in größter Hast das Beobachtungszelt und die Instrumente wieder an Bord bringen, nachdem wir eben erst mit vieler Mühe draußen auf dem Eise alles so vortrefflich eingerichtet hatten. Am 10. war Nansen's Geburtstag – sein erster an Bord der »Fram« –, weshalb wir ihn auch nach Gebühr zu feiern gedacht hatten. Aber Nansen war gerade in diesen Tagen durchaus nicht wohl; es lag ihm etwas in den Gliedern, wie man zu sagen pflegt, vielleicht eine kleine Influenza als letzte Erinnerung an die Civilisation, der wir den Rücken gekehrt hatten. Trotzdem gab es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ein wenig Extratractament, im übrigen aber wurde der Tag »im Stillen gefeiert«, wie es in den Hofberichten heißt. Am 13. schloß sich das Eis wieder zusammen, und die Hunde wurden wieder auf das Eis hinuntergelassen. Am Abend des nächsten Tages – wir saßen gerade, die einen plaudernd, die andern Karten spielend, gemächlich im Salon beisammen – hörten wir die Hunde ein fürchterliches Concert anstimmen. Scott-Hansen ging hinauf und kam bald mit der Nachricht wieder, daß gewiß Bären draußen seien. Wir, alle wie ein Mann, mit unsern Gewehren auf Deck. Draußen auf dem Eise gewahrten wir einen Schatten, den wir für einen Meister Petz hielten; wir mußten aber die größte Vorsicht beobachten, um nicht in der Dunkelheit statt seiner die Hunde zu treffen. Als wir endlich ohne dieses Risiko schießen konnten, knallten unsere Büchsen alle auf einmal, und bald darauf fanden wir den Bären mausetodt. Es war ein einjähriges Männchen, mit dem wir nach allen Regeln der Kunst umsprangen, nachdem es an Bord gebracht worden war. Am Tage darauf, einem Sonntag, fanden wir im Schnee die Spuren einer kleinen Bärenfamilie. Nansen, Sverdrup, Blessing, Mogstad, Hendriksen, Bentsen und ich zogen sofort mit allem zur Jagd Gehörigen, darunter fünfzehn Hunden, aus und machten uns daran, die Spuren zu verfolgen. Bald fanden wir auch Blutstropfen, die uns zeigten, daß wir auf der rechten Fährte waren. Und wir brauchten auch nicht weit zu gehen, als wir in der Entfernung einen Bären gewahrten, der sich mühsam, den Unterkörper nachziehend, fortschleppte. Wir holten ihn rasch ein und machten seinen Leiden schnell ein Ende. Das erlegte Thier war ein Junges vom letzten Wurfe, woraus wir den naheliegenden Schluß ziehen konnten, daß die Mutter ebenfalls in der Nähe sein mußte. Verschiedene Umstände bewirkten jedoch, daß diese Jagd eingestellt wurde. Bis zum 26. October ging an Bord alles seinen gewöhnlichen Gang. Ich besorgte die Arbeiten bei der Beleuchtungsanlage und der Windmühle und war außerdem noch, sobald ich Zeit fand, in der Küche thätig. Die Windmühle war eine prächtige Einrichtung. Hätten wir sie nicht gehabt, so hätten wir die ganze lange Winternacht in unheimlicher, von einer matten Petroleumlampe nur spärlich erhellter Finsterniß zubringen müssen. Doch wenn die Mühle im Gange war, strahlte unser Salon im schönsten, schneeweißen elektrischen Lichte ebenso hell wie der Salon im »Grand Hotel« zu Christiania, und es ist kaum zu glauben, wie das den Sinn belebte! In den Kabinen war aus verschiedenen Gründen schon seit längerer Zeit kein Licht gestattet, was den Aufenthalt dort natürlich nicht besonders anziehend machte. In der Küche, ja! Essen wollten sie natürlich alle haben, aber der sein, der es zubereitet – das war doch etwas anderes. Es waren nicht viele da, die Lust zum Kochen hatten, und deshalb war es auch keinem als Hauptbeschäftigung übertragen worden. Der 26. October war ein sehr bedeutungsvoller Tag: der Geburtstag der »Fram«. Und da sie unsere Erwartungen durchaus nicht getäuscht, sondern sie in reichstem Maße erfüllt hatte, war es nicht mehr als schuldige Dankbarkeit, daß wir ein Fest veranstalteten. Es fing mit einem Preisschießen draußen auf dem Eise an. Zwei Fahnenstangen mit der norwegischen Flagge wurden dort angebracht und eine Schußbahn von 100 Meter abgesteckt. Dorthin begaben wir uns alle, außer Amundsen, der nicht mitwollte. Nun ging es los; wir merkten aber bald, daß es hier nicht so war wie auf dem Grasholm in Christiania. Wir mußten wahrhaftig flink zielen, wenn wir nicht wollten, daß unsere Finger an dem Hahne und dem Laufe festfroren. Es herrschte nämlich an jenem Tage eine milde Temperatur von -24º. Du liebe Zeit, wir mußten uns später noch an viel stärkern Pfeffer gewöhnen, aber vorläufig fanden wir diese Temperatur hinreichend kühl. Das Schießen verlief nichtsdestoweniger ausgezeichnet; die Treffsicherheit war durchgehends sehr respektabel, und wir erhielten alle einen Preis, sogar Amundsen, der doch gar nicht mitgeschossen hatte. Alle Preise waren von einer scherzhaften Devise begleitet. Dann folgte ein Festmahl mit Kaffee und am Abend Musik und gesellige Zusammenkunft, wobei große Verschwendung mit Reden getrieben wurde. Aber der 26. October war auch in anderer Hinsicht für uns ein bedeutungsvoller Tag: wir sahen heute die Sonne zum letzten mal in diesem Jahre, um sie dann mehrere Monate hindurch nicht wieder zu erblicken. Nun erst sollte sich zeigen, ob wir im Stande waren, auszuhalten und – zusammenzuhalten, wenn die schwere, niederdrückende Finsterniß der Polarnacht mit ihrer ewigen Einförmigkeit uns in ihren schwarzen Mantel hüllte. Mit seltsamen, wehmüthigen Gefühlen sahen wir den letzten Strahl der feurigen runden Kugel, dieser Licht- und Lebenspenderin, unter dem Horizonte verschwinden und auf mehrere Monate in der Tiefe versinken, und, zu einer Gruppe an der Schiffsseite versammelt, schauten wir alle stumm und ergriffen ihrem Verschwinden zu. Am nächsten Tage waren wir gegen 8½ Uhr abends Augenzeugen einer recht merkwürdigen Naturerscheinung am östlichen Himmel. Auf einmal flammte dort ein bläuliches Licht auf, stärker als Tausende von Bogenlampen, ja, so stark, daß unsere Augen davon beinahe geblendet wurden. Dann erlosch die Flamme ebenso plötzlich und hinterließ nur einen matten wagerechten Streifen, der sich von Osten nach Westen zog und allmählich auch verschwand. Am 3. November sank die Temperatur bis auf -33º C. Trotzdem dachten wir noch nicht daran, den Ofen im Salon zu heizen, sondern versuchten, die Kälte, den vielen Reif und die Feuchtigkeit, die den Aufenthalt dort immer unbehaglicher zu machen begannen, uns mit der Wärme vom Leibe zu halten, die von den Lampen und Petroleumapparaten, von denen wir so viele wie möglich anzündeten, ausstrahlte. So sollte denn unser Winterleben im Ernst beginnen. Viertes Kapitel. Das Winterlager. Hier liegen wir also, aber glücklicherweise nicht ganz still und unbeweglich. Wir treiben nämlich und treiben im ganzen recht flott. Ja, es gibt vielleicht sogar Leute, die gelegentlich von uns behaupten werden, wir seien richtige »Herumtreiber« und »Nachtschwärmer«. Aber das hören wir ganz gern, denn unter den jetzigen Verhältnissen kann uns wirklich kein Ausspruch größere Freude machen – das heißt, wenn das »Herumtreiben« den rechten Weg geht: vorwärts und nicht rückwärts! Was für ein seltsames Leben! Hier liegen wir dreizehn Mann in dieser Eiswüste, so ganz allein, so vollständig auf uns selbst und auf einander angewiesen, wie es sich überhaupt nur denken läßt. Wo ist die civilisirte Welt? Sie erscheint uns so weit, weit fort, daß sie für uns gewissermaßen gar nicht mehr vorhanden ist. Jedenfalls habe ich so manches mal rein vergessen, daß etwas dergleichen überhaupt existirt. So müssen wir denn gleichsam eine Welt für uns selber bilden, ein winzig kleines Bruchstück Civilisation, das, wie aus einer gewaltigen Kanone geschossen, irgendwo draußen in der Welteinöde niedergefallen ist, ein im Verhältniß nicht größeres Stück als die Bruchstücke zersprengter Weltkugeln, die als Meteorsteine aus den Himmelsregionen auf unsern sündhaften Erdenkloß fallen. Hier liegen wir, liegen hier mit der Gewißheit, daß nun sechs Wintermonate durchlebt werden müssen und drei davon ganz ohne Sonne, sogar ohne einen Lichtstreifen am Horizont. Um uns herum die Nacht und das Eis des erstarrten Polarmeers, Eis und Nacht! Ueber uns ein Himmel, manchmal bedrückend niedrig und grau mit schweren, dahinjagenden Wolkenmassen, dann aber wieder majestätisch hoch und gewölbt, wie eine Kuppel von dunkelblauer Seide, durchwebt mit funkelnden Sternen, dem flammenden, wildspielenden Nordlicht und einem Mondscheine, der klar und wie bläulichweiße Perlmutter erglänzend die ganze ungeheuere Landschaft in einem Lichte badet, wie man es auf der Erde wol schwerlich irgendwo herrlicher sehen kann. Ach ja, unsere Welt hier oben ist auch schön; ihre Schönheit ist groß und gewaltig und ermahnt zur Andacht. Ja, ihr könnt es glauben, es ist wunderlich, eine kleine Welt für sich selbst bilden zu müssen, eine Welt, worin das, was den meisten von euch Menschen als alltägliches Bedürfniß erscheint, für uns nur noch eine Sage aus alten Zeiten ist. Wir lächeln manchmal bei dem Gedanken an all das, was wir verlassen haben, und was man, wie wir sehen, im Grunde sehr gut entbehren kann. Glücklicherweise ist keiner von uns verwöhnt, und auch keiner hat sich melancholischen Grübeleien hingegeben über Dinge, die zu betrauern gar keinen Zweck hat. Unsere Gedanken gehen beständig mit der »Fram« vorwärts; schweifen sie einmal nach Süden zurück, so geschieht es nur, um bei den Lieben in der Heimat zu weilen und darauf doppelt inbrünstig den Gedanken an sie mit der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Expedition zu verbinden. Wir wollen, wenn wir einst wieder den Kurs nach der Heimat richten, dies mit wirklicher Freude, aufrichtigem Stolz und dem Bewußtsein thun, daß wir nach Hause kommen wie Leute, die in jedem Falle ihre Pflicht erfüllt haben. Ich darf wol sagen, daß alle an Bord hierin einig sind. Und dieses Gefühl ist es, das neben den persönlichern und engern Freundschaftsbanden uns alle am meisten verbindet. Den besten, ja absolut unfehlbaren Beweis dafür, daß ich in dieser Charakteristik von uns, als Ganzes betrachtet, recht habe, liefern wir selbst ganz unfreiwillig, sobald es mit der Drift nicht recht vorwärts geht. Geht diese ihren vorschriftsmäßigen Weg nach Norden und entfernt uns also immer mehr von Norwegen und der Civilisation und zwar mit genügender Geschwindigkeit, dann sind wir in der allerbesten Stimmung! Dann geht jede Arbeit wie von selbst, und wir verkehren so freundlich und liebenswürdig miteinander, daß wir beinahe gar nicht wissen, was wir uns gegenseitig alles zu Liebe thun sollen. Aber ist es umgekehrt, sieht es einen oder zwei Tage mit unsern Fortschritten bös aus oder gehen wir geradezu den Krebsgang, – du meine Güte, wie sind wir dann mürrisch und verdrießlich! Ja, wir machen Gesichter, als hätten wir in einen essigsauern Apfel gebissen, sodaß man sich uns beinahe gar nicht mehr zu nähern wagt! Und dann kommt es auch wol vor, daß gegenseitig ziemlich schwer verdauliche Reden und Complimente fallen, von denen wir, wenn Wind und Wetter sich ändern, vergessen, daß wir sie je gesagt. Doch woher wußten wir stets so genau, welchen Weg wir gingen? Es wurden wie früher Beobachtungen und Ortsbestimmungen gemacht, wenn nicht jeden Tag, so doch jeden zweiten, wenn der Himmel nicht mit dichten Wolken bedeckt war. Sie wurden jedoch nur bei Gelegenheit ausgerechnet, und das genügte unserer in Bezug auf die Drift kaum zu stillenden Neugierde natürlich durchaus nicht. Aber wenn man keinen Taback hat, raucht man ein anderes Kraut! Wie die alten Griechen ihr Orakel hatten, das sie bei jeder wichtigen Gelegenheit um Rath fragten, so besaßen auch wir das unsere. Und dieses hatte obendrein den Vortheil, zuverlässiger zu sein als jenes, wenn die Weltgeschichte nicht lügt. Aber dieses Orakel wurde auch nur um die Drift befragt, und als wir seine Antworten im Laufe der Zeit richtig deuten gelernt hatten, konnte man sich darauf beinahe ebenso sicher verlassen wie auf die beste astronomische Beobachtung. Dieses unser Orakel hieß »Lina«. Man darf aber nicht glauben, daß die »Lina« ein Frauenzimmer ist, das über einer Erdspalte auf einem Dreifuße sitzt und allerlei Räubergeschichten zusammenlügt wie jene alte Griechin. Nein, sie war einfach eine gutnorwegische Hanfleine mit einem Netze dran. Diese Leine wurde in einem Loch im Eise oder in einer Rinne bis auf 2–300 Meter Tiefe auslaufen gelassen, und die Stellung, die sie im Wasser einnahm, war die Antwort des Orakels. An ihrer Stellung konnten wir sehen, ob und wohin wir trieben, und allmählich lernten wir auch daraus die Geschwindigkeit der Drift ungefähr berechnen. Ja, selbst wenn es still war, unterrichtete uns die Leine oft, aus welcher Richtung der Wind bald wehen würde, da dieser auf dem Eise seine Wirkung ja schon in der Ferne geltend machte, ehe er bei uns ankam. Bisweilen war die Richtung der Leine der des Windes gerade entgegengesetzt. Daraus sahen wir, daß er weiter draußen in anderer Richtung wehte. Zuletzt wurden wir, wie gesagt, so vertraut mit dem, was die Leine – oder »Lina«, wie sie getauft worden und stets genannt wurde – verkündete, daß wir, wenn wir sie uns zwischen zwei ausgerechneten Beobachtungen ansahen, schließen konnten, wieviel Kilometer wir in der Zwischenzeit hier- oder dorthin trieben. Und dies geschah, wie schon gesagt, so genau, daß unsere Berechnung oft beinahe auf den Punkt mit dem Resultate der astronomischen Beobachtungen übereinstimmte. Wie soviele andere größere und kleinere Entdeckungen war auch »Lina« gewissermaßen einem Zufalle zu verdanken. Es war an einem Tage im Herbste 1893, nicht lange, nachdem wir festgefroren waren, als ich einen Sack mit Fleisch, das zum Auswässern in eine Rinne in der Nähe des Schiffes gehängt war, heraufziehen sollte. Was zum Kukuk war das? Nicht allein wimmelte der ganze Sack von kleinen braunrothen Thieren, auch das ganze Fleischstück war damit wie besäet. Die gierigen Schlingel hatten sich sogar richtige Kanäle und Gänge in das Fleisch hineingegraben und es sich drinnen ganz gemüthlich gemacht. »Pfui«, dachte ich, »das ist doch geradezu widerlich!« Ich sagte dies auch zu Nansen, der in einiger Entfernung von mir auf dem Eise mit irgendetwas beschäftigt war. Ich meinte, das Fleisch sei ungenießbar geworden und müsse dieser Einwanderung wegen fortgeworfen werden, aber Nansen war anderer Meinung. Er trat zu mir hin, betrachtete das Gesindel, nahm sich eine Fingerspitze voll, steckte sie in den Mund und sagte: »Dies ist etwas Gutes, Nordahl! Nehmen Sie das Fleisch nur und kochen Sie es, wie es ist, denn es ist wirklich gute, kräftige Nahrung! Das ist hübsch! Da sehen wir nun, daß wir hier oben nicht so leicht verhungern werden. Geben Sie mir eine Tasse von dem, was im Sacke liegt, damit ich etwas zu essen und auch zu untersuchen habe.« Später erklärte er, daß an den Thieren allerdings weiter kein Geschmack gewesen und der Nährwerth auch nicht sehr groß sei. Doch unter den verschiedenen Aufgaben der Fram-Expedition war die Untersuchung des Meeresgrundes und der Thierwelt des Wassers keine der geringsten. Deshalb war dieser Fang vom wissenschaftlichen Standpunkte aus sehr interessant, und von diesem Tage an wurde die obenerwähnte Leine mit dem Netze ausgehängt, um darin diese oder andere Krebsthiere und Infusorien zu fangen. Die Leine wurde 100 bis 200 Meter abgelassen, und dabei entdeckten wir denn bald, daß sie auch als eine Art Log Dienste leistete. Nach und nach, in dem Maße als wir ihre Runen deuten lernten, wurde sie unsere eigene liebe, ich hätte beinahe gesagt, angebetete »Lina«, zu der wir früh und spät wallfahrteten, um zu hören, was sie uns zu erzählen hatte. »Hast du Lina heute gesehen?« oder »Was sagt Lina heute?« – »Nein, sagt Lina das?« Solche Fragen kreuzten einander unaufhörlich den ganzen Tag, und Hendriksen, dem das verantwortungsvolle Amt als »Lina's Kindermädchen« übertragen war, hatte manch liebes mal guten Grund, die Geduld zu verlieren, da er beinahe von der ganzen Besatzung in einem fort gefragt wurde. Ueberdies war die Leine an und für sich ein vielseitiges Werkzeug, das heißt, sie wurde zu vielen verschiedenen Dingen benutzt. Sollte die Meerestiefe gemessen oder die Beschaffenheit des Meeresgrundes untersucht werden, so wurde sie oft in einer Länge von 1000 bis 1500 Meter ausgelassen und der Schwere wegen am untern Ende mit einem gewaltigen Eisengewichte, sowie mit einem eisernen Rohre versehen, in welchem Grus und Schlamm zu späterer wissenschaftlicher Untersuchung vom Boden des Meeres heraufgeholt wurden; das Rohr war daher mit einem selbstschließenden Mechanismus versehen. Dieselbe Leine wurde ferner zur Messung der Temperatur und des Salzgehalts des Wassers benutzt. Dies geschah mit Hülfe von Thermometern und Wassersammlern, die in gewissen Abständen an der Leine befestigt waren. Sowol die Thermometer wie die Wassersammler waren so eingerichtet, daß sie in Bügeln hingen, die bei einem kräftigen Ruck an der Leine umschlugen. Die Wassersammler schlossen sich dabei automatisch, und in den Thermometern wurde infolge dessen die Quecksilbersäule abgerissen, wenn das Instrument hinreichend lange im Wasser gewesen war. Dann wurde die Leine wieder eingeholt und die Temperatur der verschiedenen Tiefen mit absoluter Sicherheit von jedem der Thermometer abgelesen. Alle diese mehr wissenschaftlichen Operationen hatten natürlich auch für uns »Gemeine« Interesse. Aber am liebsten war es uns doch, wenn die Leine ihre Dienste in den obenerwähnten Anwendungen gethan und dann wieder mit dem Netze ausgehängt und zur einfachen »Lina« wurde! Das blieb uns das Liebste in der ganzen Zeit, alle die langen drei Jahre hindurch, die wir dort oben im Polarmeere lagen, während Winter und Frühling, Sommer und Herbst einander ablösten. Und noch bis auf diesen Tag, nachdem wir wohlbehalten in »die Welt« zurückgekommen sind, spukt »Lina« in unserer Erinnerung, und noch heute haben wir sie lieb und ist sie uns theuer wie die Erinnerung an einen treuen Freund, an einen, zu dem man in Augenblicken des Kummers mit der festen Ueberzeuguug gegangen ist, daß, wenn überhaupt irgendwo Ermuthigung und Trost zu finden, es dort der Fall sein müßte. Was in aller Welt konntet ihr denn eigentlich zu thun haben, oder gerade heraus gesagt, womit schlugt ihr die Zeit todt, während ihr unthätig im Eise liegen mußtet und ganz allein auf das angewiesen wart, was Wind und Wetter für euch zu thun für gut hielten? So werden vielleicht viele fragen. Und die Anschauung kann ja auch wirklich als natürlich erscheinen, daß es an Bord eines stillliegenden Schiffes, wie das unsere, wenig oder gar nichts zu thun gebe. Glücklicherweise war dem jedoch nicht so. Etwas war stets zu thun, bald dies, bald das. Und selbst wenn, sowol das eine, wie das andere wirklich für den Augenblick nicht so dringende Eile hatte, wurden wir doch dabei angestellt oder wir machten uns unaufgefordert ans Werk, von dem Thätigkeitsdrange getrieben, der gesunde, kräftige Menschen stets beseelt. Aus der Thätigkeit des täglichen Lebens an Bord mag hier einiges angeführt werden. Eines Tages sollte z. B. die Drehbank aus dem Maschinenraum in den Vorraum hinuntergebracht und dort aufgestellt werden. Das gab gleich einigen von uns zu thun. Oder Nansen und Sverdrup brachten am Tiefseelothapparat die Grundzange in Ordnung. Ein andermal hatten Nansen und Bentsen die Grundzange aufgezogen und mußten den Schlamm in einer Wasserkufe auswaschen, um alles, was der Brei an lebenden Wesen enthielt, sammeln zu können. Ich selbst hatte meistens genug Arbeit durch das elektrische Licht, das Ingangbringen der Windmühle, das Laden der Accumulatoren, das Füllen der Zellen mit Wasser und das Ordnen, Reinigen und Aufräumen des Raumes, in dem die Dynamomaschine war. In früher Morgenstunde könnt ihr Sverdrup nähen und sticken und wie den fleißigsten Schneidergesellen mit Nadel und Faden hantieren sehen. Ihr seht ihn auch an einem Paar solider Holzschuhe arbeiten, einer Fußbekleidung, die wir uns hinterher alle anschafften und mit der wir außerordentlich zufrieden waren. Hiervon später mehr. Dr. Blessing thut, als wären wir Patienten, nimmt Blutproben und befühlt uns den Puls. Ich selbst muß neben meiner Hauptarbeit Amundsen im Maschinenraum helfen, die Maschinentheile recht sorgfältig auseinanderzunehmen und sie darauf alle wieder ordentlich zusammenzusetzen. Auf Deck wird ein Theil des Tauwerks abgeschnitten, und das Loshacken und Aufthauen des Eises in den Ventilen und Rohren macht beständig Arbeit. Trotz der Kälte von einigen 20 Grad, zu der wir (abwärts!) avancirt sind, ist der Ofen des Salons bisher noch nicht geheizt worden. Die Luft ist dort, ebenso wie in den Kabinen, nichts weniger als warm und behaglich. Sie ist eisig, feuchtkalt und rauh, und an den Wänden rinnt, von der Decke herab tropft Eiswasser. Alle diese überschüssige Feuchtigkeit abzuleiten, müht sich unser Freund Jacobsen beständig ab. Er ist jedoch ein erfinderischer Kopf in diesem Punkte wie in so manchen andern. Er stellt einen Apparat aus langen drellirten Baumwollfäden und Holzleisten zusammen, mit deren Hülfe das Wasser fortgeleitet wird. Wie man sieht, herrscht an Bord dieses verschwindend kleinen Punktes in der großen Oede des Polarmeers Leben und Thätigkeit genug. Und die Stunden, die nicht der Pflichtarbeit geopfert werden, verwenden wir zu etwas anderm. Blessing und Mogstad z. B. sind im Revolverschießen gewaltige Rivalen um den Titel »Champion of the Northpole«. Eines Tages sollte entschieden werden, wer ein Recht auf diesen Titel hatte und wer nicht. Ich hatte die Ehre, zum Präsidenten des Schiedsgerichts ernannt zu werden. Der Wettkampf fand auf dem Eise statt. Blessing blieb Sieger, und Mogstad war genöthigt, sich für überwunden zu erklären, worüber er sich nachher beständig Sticheleien gefallen lassen mußte. Natürlich wurden auch specielle Vergnügungen arrangirt. So sollten wir am Sonntag den 5. November einen großen Wettlauf abhalten. Eine 500 Meter lange Bahn wurde auf dem Eise abgesteckt und Fahnenstangen an den beiden Enden aufgerichtet. Juell, der gerade die Küchenwoche hatte, backte dreizehn Kuchen von verschiedener Größe, die als Preise vertheilt werden sollten. Das Wetter war freilich die ganze Woche ziemlich kalt, aber sonst ganz beständig gewesen, und wir freuten uns daher alle auf das Fest am Sonntag. Aber Prosit! Der Sonntag brachte uns eine Eispressung, die uns das ganze Vergnügen verdarb. Wir fanden am Morgen die ganze abgesteckte Bahn als ein Chaos von Eistrümmern vor, und so gewaltsam war die Bewegung im Eise, daß wir nicht einmal die aufgerichteten Fahnenstangen rechtzeitig an Bord bringen konnten. Dort, wo wir mit so vieler Mühe und so großen Erwartungen die nördlichste aller Wettlaufbahnen eingerichtet hatten, gähnten nun Spalten und Risse, die sich unaufhörlich öffneten und schlossen. Der Wettlauf mußte also aus zwingenden Gründen aufgeschoben werden. Nun waren aber doch die Preise da! Sie waren weder von Gold, noch von Silber, sondern aus einem Material, das zwar nicht Motten und Rost, aber doch Schimmel und Feuchtigkeit »verzehren« konnten. Wir zogen es daher vor, sie lieber selbst vorher zu verzehren, weshalb wir sie noch am selben Abend beim gemüthlichen Abendessen verlosten. Das Verlosungssystem kam übrigens auch sonst stets zur Anwendung, sobald es sich um Delikatessen wie Pudding und dergleichen handelte. Einer machte davon so viele Stücke, wie wir Mann waren, und ein anderer mußte mit abgewandtem Gesichte »blind« entscheiden, wer dieses Stück haben sollte und wer jenes. Unsere Mahlzeiten nahmen wir genau zur bestimmten Stunde ein, und auch dann wurde darin keine Aenderung vorgenommen, als beständig Nacht herrschte. Der eigentliche Tag sollte für uns ebenfalls Tag sein und die Nacht auch Nacht. Um 8 Uhr morgens aßen wir unser Frühstück. Es bestand aus Chocolade, Butterbrot, mehrern Sorten Käse und allerlei kaltem Aufschnitt. Das Mittagessen gab es um 1 Uhr; wir hatten dazu stets eine reichliche Auswahl von Gerichten, zum Beispiel Bouillon, Fisch-Pudding, Renthierbraten, Birnengrütze, die alle zusammen zu einer einzigen Mahlzeit gehörten. Um 7 Uhr wurde Abendbrot gegessen. Die Bewirthung war dabei ungefähr dieselbe wie beim Frühstück, nur wurde abends statt der Chocolade Thee getrunken. Dann blieben uns die Stunden nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen. Wie brachtet ihr sie hin? Wurden sie euch nicht bisweilen recht lang? O, nicht doch, wenigstens nicht in diesem ersten Jahre. Nachher trat ja mit der Zeit in vielem eine Veränderung ein und zum Theil auch wol hierin. Mehrern von uns war das Kartenspiel natürlich ein angenehmer Zeitvertreib für die Abendstunden. Wir bildeten zwei Partien, an jedem Tischende eine. Hier wurde Whist und Boston, dort Manage gespielt. Das letztere Spiel erfreute sich keines besondern Ansehens, weshalb die Theilnehmer daran zum Spielen nur alte Karten bekamen. Als freilich im Laufe der Zeit in alle Kartenspiele, eines nach dem andern, »Löcher gegriffen« worden und sie theilweise ganz zerrissen waren, verwischte sich auch der Unterschied zwischen »alten« und »neuen« Karten beinahe ganz, und von denen, welche wir wieder mit nach Hause brachten, hätte eine, wenn auch nicht kräftige, so doch jedenfalls fette Suppe gekocht werden können. Die Spieler am Whist- und Boston-Ende waren ursprünglich Scott-Hansen, Messing, Johansen und ich. Nansen, Bentsen und Mogstad, bisweilen auch Sverdrup und Juell, traten hin und wieder als Gäste ein. Später, nachdem Nansen und Johansen uns verlassen hatten, trat Bentsen an Stelle des letztern fest ein, und Mogstad nahm Nansen's Platz als Gast ein. Die Mariage-Partien bestanden von Anfang an aus Juell und Bentsen, sowie aus Petterson und Hendriksen oder Heika, wie er an Bord stets genannt wurde. Sverdrup betheiligte sich ziemlich oft an dieser Mariage, Jacobsen ab und zu wol auch, Amundsen hingegen niemals. Dieser verbrachte den ganzen Abend entweder schreibend oder »denkend«. Jacobsen legte sich gern in seine Koje und las, während er seine Pfeife rauchte. Die Whist- und Boston-Partien wurden zu einer vollständig clubartigen Institution. Es wurde über den Verlauf der Spiele genau Protokoll geführt und sowol ein Präsident wie ein Schriftführer gewählt, welche Ehrenämter der Reihe nach von allen Haupttheilnehmern bekleidet wurden. Das Protokoll enthält nicht nur trockene Berichte, sondern auch Aussprüche über die Spiele und – die Spieler, und zwar nicht allein in Prosa, sondern auch in Versen. Aus einem der Protokollzusätze geht leider hervor, daß wir uns mit der Zeit gelegentlich auch wol einmal dem Hazardspiele hingegeben haben. Denn es steht dort Folgendes: Wir sprechen es hier als Vermuthung aus, daß die wiederholten »Bétes«, die heute Abend umgingen und an denen die beiden Mitglieder Bl(essing) und Joh(ansen) bedeutenden Antheil haben, sich möglicherweise durch leichtsinniges Spiel erklären lassen, das seinerseits wahrscheinlich wieder dem Ansteckungsstoffe zugeschrieben werden kann, der von dem in unserm kleinen Gemeinwesen in der letzten Zeit eingeführten verderblichen Hazardspiel, an dem die angeführten Mitglieder, wie wir wissen, theilgenommen haben, herrührt. Daß das Spiel des Mitglieds C. H(ansen) im allgemeinen leichtsinnig ist, ist in diesem Kreise eine so wohlbekannte Sache, daß er als immun für derartigen obenerwähnten Ansteckungsstoff angesehen werden muß, und man braucht also nicht zu befürchten, daß seine Besuche in diesen obenerwähnten Spielhöllen noch größere Waghalsigkeit in den Gang des Spieles bringen könnten. Dies nur, damit die Verhandlungen der Sitzung auch heute Abend in optima, forma, unterzeichnet werden können. S. Scott-Hansen, Präsident. Das Protokoll ausgefertigt Hjalmar Johansen, Schriftführer. In diesen Spielprotokollen wimmelt es auch sonst von lustigen Einfällen, die Zeugniß dafür ablegen, daß wir uns sehr gut amüsirten. Ich bekomme natürlich auch meinen Antheil, z. B. in folgenden, nicht gerade übertrieben schmeichelhaften Knittelversen: Dicht oben unter Backborddeck Im Sack mit einem großen Fleck Da steckt ein Körper wohlgemuth, Der hat es ausgezeichnet gut. Fett und dick, und kugelrund. Schwitzt er quick. Und schläft gesund. Der kleine Dicke heißt B. N. Geh' zum Sack, dort kannst ihn seh'n. Dies mag als Probe des Geistes, in dem dieses Protokoll geführt wurde, genügen – allerdings ist es eins der am wenigsten steifen Protokolle, die wir vorlegen können. Es fehlte nicht viel, daß diese Protokolle unserm großen Zeitungsunternehmen, der »Framsjaa«, auf das ich später zurückkommen werde, gewissermaßen Concurrenz machten. Am 7. November hatten wir einen Schneesturm aus Westnordwest, der später nach Nordwest herumging. Es war der gewaltigste Sturm, den wir bisher erlebt hatten. Dabei betrug die Temperatur – 26° C., es war also oben auf Deck nichts weniger als angenehm. So meinten wir, aber unsere Hunde schienen anderer Ansicht zu sein. Sie tummelten sich mitten im ärgsten Sturme auf dem Eise herum und schienen sich dabei außerordentlich wohl zu fühlen. Sie dachten gar nicht daran, wieder an Bord zu kriechen und dort Schutz vor dem Unwetter zu suchen. Sie rauften sich und zerrten einander aus Leibeskräften. In der Nacht brachten die Bestien wieder einen ihrer Kameraden, »Ulabrand«, um. Dieser Hund hatte seinen stolzen Namen daher bekommen, weil er zweimal hintereinander ins Meer gesprungen und sich gar nichts aus dem Bade gemacht hatte, obgleich an jenem Tage eine nette kleine Kälte von ungefähr 26° war. Er war groß, rothgefleckt und langhaarig; sein Verlust that uns sehr leid. Mit einzelnen »Pausen zum Verpusten« dauerte der Sturm volle zwei Tage. Aber nichts ist so schlecht, daß es nicht etwas Gutes mit sich brächte. Die Mühle, von der ich bei Windstille gar keinen Nutzen hatte und die bei schwacher Brise recht schwer in Gang zu bringen war, arbeitete nun wie ein Riese. Ich konnte die Batterie vollständig laden, sodaß wir jetzt das prachtvollste elektrische Licht an Bord hatten. Wie uns dies belebte, davon werden sich andere wol kaum einen Begriff machen können. Nun muß ich im Namen sämmtlicher Framleute noch ein Bekenntniß ablegen, bei dem vielleicht manche meiner Leser die Nase rümpfen und ausrufen werden: »Pfui, wie konntet ihr solche Ferkel sein!« Mit der zunehmenden Winterkälte führten wir nämlich die Sitte ein, uns nur aller acht Tage zu waschen! Jedenfalls thaten wir es stets so selten wie möglich, da wir gar bald dahinterkamen, daß nichts Gesichtshaut und Hände so gut gegen Frost schützte wie die Fettschicht, mit der die Haut allmählich ganz überzogen wurde und die Seife und Wasser entfernt haben würden. Die Hundehütten, die bis jetzt auf dem Vorderdeck gestanden hatten, wurden nun nach dem Achterdeck gebracht und dort um das Oberlicht herum aufgestellt. Die bissigsten Thiere erhielten je einen Stall für sich, während die übrigen gruppenweise auf zwei größere Räume vertheilt wurden. »Kvik« hielt sich noch immer in gemessener Entfernung von dem »Pack« und bekam eine besondere Wohnung für sich im Kartenhaus. Dies geschah hauptsächlich, weil Ihre Majestät bald Allerhöchstihre Niederkunft erwartete. Der November verlief ruhig und ohne besondere Ereignisse, und der December kam. Am 5. befanden wir uns auf 78° 50' nördlicher Breite, ein uns sehr befriedigendes Resultat, da es von einer recht schnellen beständigen Drift in der rechten Richtung zeugte. Wir bohrten theils für die Tiefenmessungen, theils für mögliche Feuersgefahr ein tiefes, großes Loch in das Eis, durch das wir jederzeit schnell zum Wasser gelangen konnten. Dieser Brunnen machte natürlich viel Arbeit und Mühe, da er uns, ehe wir uns dessen versahen, zufror und wir ihn täglich mehrmals aufhacken mußten. Die Eispressungen zerstörten ihn ebenfalls oft, sodaß wir wiederholt einen ganz neuen Brunnen bohren mußten. Am 12. December abends gegen 10 Uhr, als wir beim Kartenspiel saßen, hörten wir die Hunde auf einmal einen entsetzlichen Lärm machen. Da wir fürchteten, es möchte ein Bär gekommen sein, eilten wir alle auf Deck, um nachzusehen, konnten aber in der pechschwarzen Finsterniß nichts entdecken. Wir gingen wieder hinunter und legten uns schlafen, aber die Hunde fuhren noch immer mit ihrem Höllenspektakel fort. Ich hatte an jenem Abend die erste Wache und war deshalb zu wiederholten malen auf Deck, konnte aber noch immer nichts Außergewöhnliches entdecken, außer, daß einer der Hunde sich von seiner Koppel losgerissen hatte. Ich legte sie ihm wieder an. Gegen Mitternacht wurde das Wuthgeheul der Hunde noch ärger. Um diese Zeit löste Hendriksen mich ab, und wir versuchten nun beide gemeinschaftlich, uns Gewißheit darüber zu verschaffen, was die Thiere so rebellisch machte. Aber immer noch ohne Resultat. Erst am Morgen, als die Hunde wieder auf das Eis hinuntergelassen werden sollten, entdeckten wir, daß drei von ihnen fehlten. Es war also doch wieder ein Bär dagewesen, und zwar nicht nur in der Nähe des Schiffes; er mußte sich seine Beute an Bord selbst geholt haben. Als Mogstad am Morgen die Hunde nach der Fütterung losgelassen hatte, sah er, daß sie, soweit er vom Schiffe aus in der Dunkelheit unterscheiden konnte, alle in wildem Eifer nach einer bestimmten Stelle auf dem Eise hinstürmten, dann aber ebenso schnell wieder zurückkamen. Er nahm an, daß die Hunde dort einen Bären erblickt hätten, und rief deshalb zu Hendriksen, der nicht weit von ihm ebenfalls auf dem Eise stand, sie wollten sich schnell ihre Flinten von Bord holen. Doch gerade, als sie diesen Vorsatz ausführen wollten – Mogstad voran, Hendriksen hinterdrein –, kam der Bär angelaufen und packte Hendriksen mit der Schnauze in der Seite. Dort stand er, Aug' in Aug' mit dem König der Polarregion und ohne andere Waffe zur Vertheidigung als eine Laterne. Aber diese benutzte er nun gegen diesen »Teufel« auf dieselbe Weise, wie Vater Luther der Ueberlieferung nach sein Tintenfaß dem wirklichen Höllenfürsten gegenüber. Er schlug dem Petz ebenso kurz entschlossen mit der Laterne auf den Schädel, und gleichzeitig begannen auch die Hunde, dem Zottelbären die Hölle heiß zu machen. Das eine in Verbindung mit dem andern bewirkte, daß der Bär Hendriksen los ließ, vielleicht aus Verwirrung, hauptsächlich aber wol, um über die Hunde herzufallen. Hendriksen versuchte, so gut er konnte nach dem Schiffe zu retiriren, aber immer wieder stellte sich der Bär ihm in den Weg, sodaß er wieder dicht bei ihm war. Dann aber waren die Hunde auch immer gleich wieder da und machten Hendriksen dadurch Luft, daß sie den Bären so lange reizten, bis er ihnen von neuem nachsetzte. Dies wiederholte sich mehrmals; bei jedem mal aber benutzte Hendriksen die sich ihm bietende Gelegenheit, näher ans Schiff heranzukommen, bis er schließlich mit einem Satze durch die Lenzluke sprang und gerettet war; »'s war aber auch die höchste Zeit«, wie es im Liede heißt. Inzwischen hatte Mogstad ein Gewehr erwischt, das ihm jedoch zweimal hintereinander versagte. Nun aber kam Johansen herbei und sandte dem Bären zwei Kugeln zu, die seiner Aufdringlichkeit und seinem Leben ein Ende machten. Später, gegen Abend, fanden wir draußen auf dem Eise die Ueberreste von zweien der in der vergangenen Nacht verschwundenen Hunde. Den dritten hingegen konnten wir nirgends entdecken, bis er am Tage darauf hechtgesund und kreuzfidel wieder an Bord zurückkehrte. Wir hatten jetzt acht von unsern Hunden eingebüßt. Doch als Ersatz hierfür schenkte uns »Kvik« in derselben Nacht nicht weniger als dreizehn hoffnungsvolle vierbeinige Weltbürger, sodaß es wirklich den Anschein hatte, als habe die vornehme Dame jeden einzelnen von uns allergnädigst mit einem Weihnachtsgeschenk zu beehren beabsichtigt. Leider mußten wir freiwillig auf einen Theil dieser großen Freigebigkeit verzichten und fünf der Jungen tödten, damit die Mutter nicht mehr Kinder zu ernähren hatte, als sie bequem im Stande war. Die Zeit vor Weihnachten war sonst insofern recht traurig, als der Himmel beständig bewölkt war, sodaß uns die Polarnacht mit ihrer allerdichtesten Finsterniß umgab. Weder Mond, noch Nordlicht brachten uns einige Aufheiterung. Unter solchen Verhältnissen konnten die Bären – wie die eben erzählte Begebenheit beweist – uns leicht überrumpeln, und hiergegen versuchten wir so gut wie möglich unsere Vorkehrungen zu treffen. Deshalb machten wir eine Bärenfalle und thaten angebrannten Speck hinein, damit der Geruch möglichst stark und möglichst weit zu verspüren sei. Diese Falle stellten wir in einiger Entfernung auf dem Eise auf, aber nicht so weit fort, daß wir vom Schiffe aus nicht deutlich hätten sehen können, ob etwas bei der Falle war. Unsere Erfindung erwies sich als sehr zweckmäßig. Allerdings ging kein Bär in die Falle, denn das Ziel der Petze war ja eigentlich das Schiff, aber sie konnten es doch nicht lassen, diese Rarität zu beschnüffeln und nachzusehen, was es denn eigentlich sei. Dadurch aber gewahrten wir sie von Bord aus so rechtzeitig, daß wir, wenn sie schließlich auf uns lossteuerten, vorbereitet waren und ihnen einen recht heißen Empfang bereiten konnten. Einen Tag vor dem Weihnachtsabend hatten wir einen solchen Besuch. Vier von der Mannschaft standen zur Begrüßung bereit, als die Majestät kam. Hendriksen sandte ihr den ersten Salutschuß, der auch der letzte blieb. Petz fiel um und stand nicht wieder auf. Es war unser zehnter Bär. Fünftes Kapitel. Weihnachts- und Neujahrsvergnügen. Ich habe unsere Zeitung »Framsjaa« schon erwähnt. Es dürfte nun wol an der Zeit sein, daß meine Leser von diesem zweifellos nördlichsten aller Preßorgane etwas genauern Bescheid erhalten. Im Spätherbst wurde abends einmal die Frage der Gründung einer eigenen Zeitung zur Beförderung der geistigen, socialen und politischen Interessen der Frambesatzung discutirt; ein motivirter Prospect darüber wurde vorgelegt und das nothwendige Aktienkapital zur Begründung des großen Unternehmens auf der Stelle gezeichnet. Unser Doktor Blessing wurde durch Acclamation zum Chefredacteur erwählt, während es uns andern neben ihm gestattet wurde, gleichzeitig in doppelter Eigenschaft aufzutreten, als ständige Mitarbeiter und als Abonnenten. Die erste Nummer erschien am 10. December und begann mit folgendem »Leiter« aus der Feder der Redaktion: Indem die »Framsjaa« heute in ihrer ersten und hoffentlich nicht letzten Nummer erscheint, gestatten wir uns, das Blatt auf das beste zu empfehlen. Den Gegenständen, denen das Blatt seine Spalten erschließt, sind keine Grenzen gesetzt. In Versen und in Prosa kann man nach Lust und Vermögen alles zwischen Himmel und Erde behandeln und kritisiren. Das Blatt besitzt dreizehn Mitarbeiter, die hoffentlich alle zum Aufblühen der Zeitung beitragen. Die Zahl der Abonnenten beträgt dreizehn, und in dreizehn Exemplaren kann das Blatt auch immer erscheinen, wenn dreizehn Menschen es nur über sich vermögen, sich jeder eine Abschrift davon zu nehmen. Auch Illustrationen werden mit offenen Armen aufgenommen, sei es nun, daß sie von einem erklärenden Text begleitet sind, oder daß ihre Vorzüglichkeit einen solchen überflüssig macht. Es wird gebeten, jedem eingesandten Beitrage der Sicherheit halber einen Beutel voll Ausrufe- und Fragezeichen beizufügen, welche die Redaction dann nach bestem Wissen und Gewissen über die am meisten exponirten Punkte zu vertheilen versuchen wird. – Die Anonymität wird bei der Redaction ebensogut gewahrt werden wie in Sankt Peter's wohlverschlossenem Kasten. Das Blatt wird so oft erscheinen, als es sich bezahlt macht und als es kann. Indem wir die übliche empfehlende Einführung schließen, sprechen wir die Hoffnung aus, daß alle nach Kräften dazu beitragen möchten, daß die »Framsjaa« unbegreiflich und unablässig wiedergeboren werde. Hochachtungsvoll Die Redaction. Dann folgt unter den Beiträgen zur ersten Nummer des Blattes folgendes Gedicht: »Framsjaa« getauft du bist, Blessing dein Redacteur ist. Wir vertrauen auf Leute von Geist und Kraft: Sonst kein Erfolg, keine Führerschaft. Wir wünschen, du möchtest glücklich werden Und prächtig gedeihen allhier auf Erden! Das Sprichwort »Neue Besen kehren gut« bewahrheitete sich auch bei der »Framsjaa«. Die Zeitung wurde namentlich im Anfang mit riesigem allgemeinem Interesse aufgenommen. Es liefen reichlich Beiträge ein, und diese waren oft bei all ihrer Anspruchslosigkeit amüsant und inhaltsreich, wenn auch die meisten weder mit einem strengem kritischen Maßstabe gemessen werden durften, noch auch in dieser Absicht geschrieben waren. Der Gesundheitszustand des Kindes mußte infolge dessen im ersten Lebensjahre für außerordentlich gut erklärt werden. Doch niemand darf sich länger strecken, als die Decke reicht, und dies war vielleicht unser Fehler. Wir verschleuderten gleich mit vollen Händen, was wir zu geben hatten. Aber unter Verhältnissen wie die unsern, wo das geistige Leben wenig oder gar keine Anregung von außen her erhalten konnte, war es ganz natürlich, daß wir auf diese Weise ziemlich bald unsern Stoff erschöpft haben mußten. Schon bevor Nansen und Johansen uns im Frühling 1895 verließen, war der junge Weltbürger deshalb an der Schwindsucht eines stillen, schmerzlosen Todes verblichen. Doch war der Lebenslauf der »Framsjaa« auch nicht lang, so hat sie doch in dieser Zeit viel Gutes gewirkt. Sie verschaffte uns manchen heitern, angenehmen Augenblick, verjagte oft traurige, niedergedrückte Stimmungen und ließ uns gleichzeitig einen tiefern Einblick in unser Inneres thun, wodurch wir unter anderm auch lernten, wie wir uns am besten ineinander schicken konnten, eine Kenntniß, von der wir auf unserer Reise fernerhin oft Nutzen hatten. In den auf die Geburt der »Framsjaa« folgenden Tagen hat uns auch etwas anderes, nicht minder Wichtiges in Anspruch genommen: Weihnachten stand vor der Thür. Während wir in Gedanken unsere Lieben daheim im alten Norwegen alles zum Feste in Stand setzen sehen, während wir sie schauen, wie sie backen und braten, großes Reinemachen abhalten und sonst noch hundert Dinge zu bedenken haben, um, jedes nach seinem Vermögen, allem einen so festlichen Anstrich als nur möglich zu verleihen, darf man nicht glauben, daß wir an Bord der »Fram« nicht auch »Weihnachtsvorbereitungen« trafen. Ja, und ob! Wir hielten großes Scheuerfest sowol auf dem Schiffe wie an uns selbst und machten im Salon und in den Kabinen rein. In der Küche ist gebacken und gebraten worden, Weihnachtsgebäck, Puddinge und Pastetchen, daß es im ganzen Schiffe nach Weihnachten geduftet hat. Und das Weihnachtsfest vor Augen, haben wir längere Zeit an unsern mittäglichen Bierrationen gespart, und dann haben wir auch unser Gehirn angestrengt, damit die Weihnachtsnummer der »Framsjaa« mit einem Inhalt, der sich sehen lassen kann, Staat machen darf. Der Heilige Abend kam, mit ihm die anderthalbjährige Wiederkehr des Tages unserer Abfahrt von Christiania. Diese beiden Dinge zogen unsere Gedanken mehr als je nach der Heimat hin, erweckten schmerzliches Sehnen und damit auch ein wenig Schwermuth, sodaß wir vom Morgen an ziemlich still umhergingen, kurze Fragen über das Allernothwendigste thaten und ebenso einsilbige Antworten gaben. Aber im Laufe des Tages wurde die Stimmung lebhafter, und als nach einem wirklich guten Mittagessen die »Framsjaa« hervorgeholt und vom Redacteur laut vorgelesen wurde, fand sie in uns allen eine sehr gespannte, begeisterte Zuhörerschar. Aus ihrem Inhalt erlaube ich mir hier einige Verse des Gedichtes »Weihnachten 1893« abzudrucken, denn ich glaube, daß dieses bei all seiner Einfachheit der an diesem Tage in uns allen herrschenden Stimmung am besten Ausdruck verleiht. Weihnachten 1893. Im Norden hoch in der Normannen Lande, Da eilt gar oft vom Heimatsstrande Ein Jüngling fort aus trautem Vaterhaus, Denn in die Fremde zieht es ihn hinaus. Millionen-Städt' in Süd und Nord Sieht er von seines Schiffes Bord. Auf andres fiel doch unser Sinn, Uns zieht es nach dem Norden hin. Nach unbekanntem Lande. Doch nicht allein den, der zur Ferne eilt. Laßt die Trennung seltsam erbeben. Heiß klopft auch ein Herz, das daheim noch weilt Und vermißt dich stündlich im Leben, Und noch mehr als sonst, wenn Weihnacht naht. Wenn Schnee bedecket jeglichen Pfad, Wenn jeder sein Heim auf das beste schmückt Und manch lieber Gast das Haus beglückt. – Vereint laßt nun unsere Wünsche erschallen: Gesundheit und Glück unsern Lieben allen! Geduld nur – am Pole harrt unser das Glück, Und der nächste Frühling führt uns zurück! Um 7 Uhr abends wurde mit der Schiffsglocke das Fest eingeläutet. Es klang hier in der Einsamkeit des Polareises seltsam feierlich, beinahe wie ein aus der Ferne herübertönendes Echo aller der Hunderte von Glocken, die gerade jetzt daheim landaus landein in Haus und Hütte das Weihnachtsfest verkünden. Wir waren in die rechte Weihnachtsstimmung gekommen, und sie verflüchtigte sich auch durchaus nicht, hob sich vielmehr noch, als nach dem sehr gemüthlichen Abendessen zwei Kisten mit Geschenken hereingebracht wurden, die Scott-Hansen's jetzige Frau, dazumal noch Fräulein Anna Fougner, und seine Mutter bei der Abreise der »Fram« mitgeschickt hatten. Jeder von uns erhielt eine oder mehrere Gaben, die unter großer Heiterkeit und Freude ausgetheilt und mit einer Dankbarkeit in Empfang genommen wurden, wie sie nicht größer sein konnte. Aber es war auch wirklich zu hübsch von den beiden Damen, schon so lange im voraus daran zu denken, daß auch für uns ein Weihnachtsfest kommen würde, und so viel zu thun, um es für uns zu einem fröhlichen zu machen. Wir fühlten uns dadurch auf einmal der Heimat nähergerückt. Keiner von uns wird ihnen dies je vergessen. Der Rest des Abends verging mit Gesprächen über dies und jenes, hauptsächlich jedoch über unsere Lieben zu Hause. Wir wurden auch mit Weihnachtssüßigkeiten tractirt; jeder erhielt einen Teller voll Rosinen, Feigen, Krachmandeln, Marzipan und Cakes. Und schließlich bekamen wir an diesem Abend das erste »echte« Glas Grog seit unserer Abreise von Norwegen; wir konnten sogar wählen, ob wir Whisky oder Cognak wollten. Das Einzige, was uns die Gemüthlichkeit ein bischen »verdunkelte«, war, daß wir infolge der Windstille auf das elektrische Licht verzichten und uns mit Lampenlicht begnügen mußten. Es war aber trotzdem urgemüthlich, als wir an unserm warmen Grog nippten und unsere Pfeifen rauchten, und erst zwischen 3 und 4 Uhr morgens trennten wir uns. Eine Episode von unserm ersten Heiligen Abend, die ebenso scherzhaft war, wie sie andererseits einen seltsamen Eindruck auf uns machte, muß ich noch erwähnen. Wir warm gerade im Begriff, uns zum Abendessen niederzusetzen, alle in unsere Polartracht gekleidet, da trat durch die Salonthür ein richtiger Elegant aus der Karl-Johann-Promenade in seinem Winteranzuge ein, behandschuht, einen glänzend schwarzen Cylinder auf dem Kopfe und ein Spazierstöckchen unter dem Arme. »Guten Tag, meine Herren«, sagte er, »ich bringe Ihnen allen Weihnachtsgrüße von zu Hause, von allen Bekannten und Lieben. Es geht ihnen allen gut, aber sie sehnen sich unbeschreiblich nach Ihnen und zählen die Tage, bis sie Sie wieder in die Arme schließen können.« Es war Scott-Hansen, der uns diese kleine improvisirte Komödie vorspielte. Er trat die ganze Zeit über als Besuch auf, und wir forderten ihn unsererseits nach guter alter norwegischer Sitte auf, sich zu uns zu setzen, mit dem, was das Haus zu bieten vermöchte, vorlieb zu nehmen und sich ganz als unsern Gast zu betrachten. Am Morgen darauf, am ersten Feiertage, standen wir erst gegen 10 Uhr auf und machten, sieben Mann hoch, nach dem Frühstück einen tüchtigen vierstündigen Spaziergang auf den Eisfeldern. Das Wetter war schön und still bei 38° Kälte. Gegen 3 Uhr kehrten wir mit ungeheuerm Appetit zum Mittagessen zurück, das aus Ochsenschwanzsuppe, Fischpudding mit Kartoffeln und geschmolzener Butter, Renthierbraten, Moltebeeren mit Sahne und Ringnes-Bockbier bestand. Ich halte mich deshalb bei diesem Mittagessen besonders auf, weil in der Mitte des Tisches ein prachtvoller Baumkuchen Prangte, von dessen Spitze die norwegischen Farben wehten und der, wie aus dem unten angeführten Begleitschreiben hervorgeht, ein Geschenk des Bäckers Hansen in Christiania war. Ich hoffe, der geehrte Spender wird nichts dagegen haben, wenn ich sein Schreiben hier anführe. Es lautete: Hochverehrter Herr Dr. Nansen und muthige Genossen auf der Fahrt! Empfangen Sie diese Kleinigkeiten, die Sie daran erinnern sollen, daß es daheim in allen Schichten der Gesellschaft Leute gibt, die Ihrer gedenken und Ihnen von Herzen fröhliche Weihnachten, ein gutes neues Jahr und Glück und Erfolg auf Ihrer kühnen Fahrt wünschen. Mit dem Wunsche, daß Gott Sie ans Ziel und wohlbehalten wieder nach Hause führen möge, zeichne ich mit aller Hochachtung vor unsern muthigen Männern Ihr ergebener Schiffsbäcker H. Hansen. Ich brauche wol nicht zu versichern, daß diese herzlichen Worte einen tiefen Eindruck auf uns machten, und wol ebenso wenig, daß wir dem Kuchen volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Die übrigen Festtage und den Rest des alten Jahres über hatten auch wir »Weihnachtsferien«. Da wurde außer dem Allernothwendigsten keine Arbeit vorgenommen, sondern wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen – wir hatten ja eine gute Bibliothek –, mit ein wenig Karten- und Dominospiel und mit allerlei Vergnügungen im Freien, namentlich damit, mit Pfeilen nach einer Scheibe zu schießen. Dann kam der Sylvesterabend 1893, und wir nahmen von dem alten Jahre Abschied. Die »Framsjaa« zeugte natürlich von außergewöhnlicher dichterischer Begeisterung. In Anbetracht der recht guten Resultate, auf die die Expedition nach dem letzten halben Jahre zurückblicken konnte, hatten wir doppelt Grund, den Tag zu feiern. Beim Mittagessen hielt Nansen eine Rede, gab uns einen Ueberblick über die bisher erreichten Resultate und sprach den Wunsch aus, daß das kommende Jahr uns verhältnißmäßig ebenso günstig sein möchte, ein Wunsch, in den wir alle von Herzen einstimmten, indem wir mit unserm Führer ein Glas auf unser liebes Norwegen leerten. Beim Jahreswechsel um 12 Uhr sang ich »Des alten Jahres Abschied« von Tutti Frutti. Scott-Hansen trat als sterbender Greis verkleidet auf und schwankte mit unsichern Schritten aus der Thür, um gleich darauf als »Neues Jahr« in Jünglingsgestalt wiederzukommen. Auch an diesem Abend blieben wir wieder bis gegen 4 Uhr morgens beisammen und vertrieben uns die Zeit mit Gesang, Deklamation und muntern Gesprächen. – So, wie ich es in diesem und im vorhergehenden Kapitel zu schildern versucht habe, verlief im ersten Winter unser Leben an Bord der »Fram«. Wie mangelhaft meine Beschreibung auch sein mag, hoffe ich doch, daß sie ein einigermaßen anschauliches Bild von unserm Leben und Treiben gibt, im Ernste wie im Scherze, mit seinen Sorgen wie mit seinen Lichtseiten. Ich will diese Schilderung mit einigen Bruchstücken aus einem in der dritten Nummer der »Framsjaa« enthaltenen spaßhaften fingirten »Interview« abschließen, in dem wir fast alle miteinander in harmlos scherzhafter Weise kleine Seitenhiebe abbekommen. Das Interview gibt die Schilderung der Eindrücke eines russischen Vicegouverneurs, der an Bord gewesen ist und nun dem Redacteur der »Framsjaa« über den Besuch berichtet. An den Redacteur der »Framsjaa«. Kotelnyj, 2. Januar 1894. Der Verabredung gemäß sende ich Ihnen hiermit einige Aufzeichnungen über die Eindrücke, die ich gelegentlich meines in voriger Woche an Bord der »Fram« stattgefundenen Besuchs gewonnen habe. Mit gespannter Neugierde stieg ich die steile Kajütentreppe hinab, um die Personen, die ich bisher nur auf dem Papiere gesehen hatte, von Angesicht zu Angesicht zu erblicken. Zuerst gelangte ich in die »Jochgasse«. »Jochgasse« war der Name der gemeinsamen Kabine an Backbord. Dort saß ein Mann mit langem schwarzem Bart und schnitzelte mit einem ungeheuer großen Messer an ein paar Holzleisten. Ich erkannte in ihm nach der Photographie Steuermann J(acobsen); aber meine Verwunderung war groß, als er sich als Eisenhändler, Leistenfabrikant und »Wasserelektrotechniker« vorstellte. Er hielt mir einen Vortrag darüber, wie schlimm es bei all der Feuchtigkeit in der Kabine sei. »Hier muß alles Mögliche geschehen«, sagte er, »damit wir nicht im Wasser umkommen. Wie Sie sehen, habe ich meine Koje und die der andern jetzt durch verschiedene Vorkehrungen geschützt, aber hier ist doch noch täglich neue Verschalung und Auftrocknung nöthig. Meine elektrische Wasserleitung ist noch nicht ganz so, wie sie sein sollte.« Hier wurde er durch den Eintritt einer andern Person unterbrochen. Es war ein untersetzter, kräftig gebauter Bursche, dessen Photographie ich jedoch nicht in der Zeitung gesehen hatte; er mußte also der Dreizehnte sein. Der Dreizehnte: Bentsen. Er trug einen Bart à la Napoleon III., weil er, wie ich später hörte, ein leidenschaftlicher Bewunderer dieses Kaisers war. »Ja, sehen Sie, mit der Wasserleitung ist es noch so so«, sagte er, »sie muß erst noch mit Schmirgelpapier abgerieben werden.« Eine Anspielung darauf, daß Jacobsen alles ganz außerordentlich sorgfältig ausführte. Ich blickte vom einen zum andern. Beide waren ernst; dies mußte also etwas sein, wovon ich nichts verstand. Ich schlug daher ein anderes Thema an. In beiden Oberkojen lag je einer und schlief. Der Kleinste lag in der längsten Koje. Ich erlaubte mir zu fragen, weshalb gerade er, der doch so klein sei, in dem größten Bette liege. »Ja, das will ich Ihnen sagen«, antwortete der Dreizehnte; »er hält sich selbst für so lang, müssen Sie wissen.« Ein kleiner Hieb auf mich, weil mich die Natur nun einmal nicht größer gemacht hat, als ich bin. Dies schien mir eine wunderliche Rede, und ich wechselte wieder das Thema. Indem ich auf das große Messer deutete, mit dem der Leistenfabrikant arbeitete, sagte ich: »Das ist wirklich ein prachtvolles Messer.« »O ja!« erwiderte der andere, »es ist das Taschenmesser unsers Bübleins. Das Büblein: Hendriksen's Spitzname aus ganz entgegengesetzten Gründen; er maß nämlich vom Scheitel bis zur Zehe gut 1,80 Meter. Er bekam es, weil er in die Räuberhöhle »Die Räuberhöhle« wurde Dr. Blessing's mit allen möglichen medicinischen und chirurgischen Bestecken angefüllte Kabine genannt. gegangen ist. Aber da haben wir ja das Büblein selbst«, fügte er hinzu, indem er auf eine kolossale Gestalt deutete, die die Thüröffnung verfinsterte »Sage dem fremden Herrn schön guten Tag«, sagte er dann, »und zeige, daß du in der Räuberhöhle etwas gelernt hast.« »Ist dies denn nicht der Harpunierer P(eder Hendriken)?« fragte ich. »Nein, dies hier ist unser Büblein«, antwortete er. Nun schien es mir wirklich, daß ich von dieser Kabine genug haben könnte; ich sagte also Adieu und zog mich zurück. An der Thür neben der »Jochgasse« stand auf rothem Schilde mit schwarzen Buchstaben »Räuberhöhle«. Das also war die Räuberhöhle. Ich wagte nicht hineinzugehen; ich hatte ja das Spielzeug gesehen, mit dem die unschuldigen Kleinen dort spielten, und das war mir übergenug. Ich ging daher nach der andern Seite hinüber. Dort erblickte ich in einem Schlafsacke eine Gestalt mit schwarzem Barte, offenen Augen und Renthierhaaren in Bart und Haar. Amundsen. Diese bat mich, Platz zu nehmen. Ich sah jedoch nirgends einen Stuhl und setzte mich also auf die andere Koje. »Au, zum Teufel auch!« schrie eine Stimme, und ich fühlte, daß ich auf einem Paar Beinen saß. »Wer ist dies?« fragte ich. »O, ich muß wol vorstellen?«, sagte der andere, »das da ist L(ars Petterson), der zweite Maschinist.« »Aber wie kommt es, daß man sowol hier wie dort am helllichten Tage im Bette liegt?« fragte ich. »Es ist hier an Bord ja nicht möglich zu schlafen«, sagte er. »Länger als 14 Stunden können wir nie schlafen. Und ist das wol für erwachsene Menschen genug Schlaf?« »Und dann sind sie hier an Bord alle so entsetzlich auf das Kartenspiel versessen«, fügte er hinzu. »Karten sind das Scheußlichste, was mir vor Augen kommen kann; sie sind das Spielzeug des Satans. Könnte ich nur alle Kartenspiele in meine Gewalt bekommen, ich würde sie ordentlich mit Schwarzöl Schwarzöl war Theeröl oder nichtraffinirtes Petroleum, das unter anderm versuchsweise auch zum Heizen der Maschine benutzt wurde. tränken und damit heizen.« Ich begriff auch hiervon kein Wort und zog mich zurück, um über all das Merkwürdige, was ich gesehen und gehört hatte, nachzudenken. Meine Zeit ist knapp, Herr Redacteur, deshalb muß ich meinen Bericht für diesmal schließen. Ich soll den Mann, der zu Weihnachten Lieutenant H(ansen) hierher brachte, gar vielmals von der hübschen Anna Feodorowna Fräulein Anna Fougner, Scott-Hansen's Braut. grüßen. Er scheint großen Eindruck auf das schöne Mädchen gemacht zu haben. Sie ist seit kurzem so traurig geworden. Mit den ergebensten Grüßen an alle Framleute Ihr Iwan Skobeleff, Vicegouverneur auf Kotelnyj. Den ganzen Januar hindurch hatten wir stilles, aber kaltes Wetter. Am 29. sank die Temperatur bis auf -48,7 °C. Da mußten wir die Waffen strecken und – den Ofen heizen; mit den Lampen und dem Primus-Apparat allein ging es nicht mehr. Alles Flüssige, sogar das Quecksilber, gefror. Am schlimmsten war es mit dem Wasser. Wir hatten schon seit langem kein anderes als das, welches wir durch Eisschmelzen gewannen. Doch hierzu bedurften wir des Süßwassereises, welches bei dieser ewigen Finsterniß nicht so leicht zu finden war. Am 27. hatten wir eine heftige Eispressung gehabt. Wir befanden uns da auf 79° 50' nördlicher Breite. Am 2. Februar waren wir auf 80° 10' nördlicher Breite, hatten also den 80. Grad schon überschritten. Dies war für uns eine große Begebenheit, und sie wurde denn auch mit einem Diner und Kaffee und Kuchen am Nachmittage gefeiert. Die ärgste Finsterniß neigte sich für diesmal ihrem Ende zu. Man konnte nun schon jeden Tag am Horizonte die Morgendämmerung gewahren, mit der der Tag uns ein »Habt nur Geduld, ich komme bald« zuwinkte. Um diese Zeit begann Nansen, der im Laufe des Winters außer der Theilnahme an der gemeinschaftlichen Arbeit an Bord und neben seinen wissenschaftlichen Studien eifrig das Photographiren mit Magnesiumlicht betrieben hatte, die Hunde zum Ziehen anzulernen. (Das Nähen der Zuggeschirre für die Hunde war auch eine der Arbeiten, die uns im Laufe des Winters in Anspruch genommen hatten.) Mit einem Gespann von acht Hunden fuhr er von nun an täglich eine Strecke; es ging auch im ganzen genommen außerordentlich gut. Die starke Kälte hielt noch immer an. Am schwersten waren die Füße dagegen zu schützen. Doch auch gegen diese Unannehmlichkeit wußten wir Rath zu finden. Wir machten uns alle daran, uns Schuhzeug mit Holzsohlen zu verfertigen, und es zeigte sich bald, daß diese Fußbekleidung die Kälte außerordentlich gut abhielt. Da wir keine passenden Lederstücke für das Oberleder besaßen, nahmen wir dazu die beste Sorte Segeltuch und machten das neue Schuhzeug so weit, daß wir die Füße darin außerdem noch sehr warm einhüllen konnten. Fragt man, wer uns diese Art Handwerk gelehrt hatte, so antworte ich: niemand! An Bord der »Fram« galt mehr als sonst wo das Sprichwort »Noth macht erfinderisch«. Wer irgendetwas nöthig zu haben glaubte, mußte es sich, so gut er konnte, selbst verfertigen. Es nutzte nichts, hier- oder dorthin zu gehen und zu verlangen, daß einem dies und jenes gemacht würde. Prosit! »Mach's dir selbst!« wäre auf jeden Fall die Antwort gewesen. Und so machte man es denn selbst. So ging es auch mit den Holzschuhen. Es war wol keiner unter uns, der von früher her in dieser Arbeit eine Spur von Uebung hatte, aber wir wurden doch damit fertig. Ein höchst merkwürdiges Paar der neuen Fußbekleidung legte sich bei dieser Gelegenheit unser Freund Amundsen bei. Sie hätten wirklich verdient, auf eine Ausstellung geschickt zu werden. Mit Rücksicht darauf, daß seine Beschäftigung ihn hauptsächlich an den Maschinenraum fesselte, wo der Kessel seit einer Ewigkeit nicht geheizt worden war und wo eine milde Temperatur von -20° herrschte, machte er die neue Fußbekleidung nicht nur ganz außergewöhnlich groß, um sie recht gut »füttern« zu können, sondern nahm auch dreizöllige Sohlen, während unsere anderthalb Zoll dick waren, und während unsere Schäfte bis an die Waden gingen, reichten ihm seine bis an die Hüften. Anfangs konnte er mit diesen »Gamaschen« kaum vom Fleck kommen, aber Uebung macht den Meister. Eines Tages hörten wir etwas über das Deck hinmarschiren. Es klang, als sei der Donnergott Thor in eigener Person auf einer Fußwanderung begriffen. Doch als wir genauer nachsahen, war es niemand anders als unser geliebter Maschinist mit seinen neuen Ballschuhen. Obgleich er die Sohlen unterwärts mit Leder beschlagen hatte, dröhnte es dennoch auf dem Verdeck wie ein Lastwagen mit Vorspann auf holperigem Steinpflaster. Wir waren oft über seine Erfindung verdrießlich, wenn sie unsere Nachtruhe störte, aber wir hatten auch manchen Spaß daran und sagten ihm, er solle sich doch auf diese neue Pflasterramme ein Patent nehmen, da sie als solche gewiß vorzügliche Dienste leisten würde, und dergleichen mehr. Wir hüteten uns aber wohl davor, mit seinen Schuhen in Collision zu kommen, denn Gott gnade den Hühneraugen, die ihnen in den Weg kamen, sie mußten wahrhaft schwer dafür büßen. Am 16. Februar erblickten wir zum ersten mal seit dem 26. October eine Spiegelung der Sonne am Horizont, und am 20., meinem Hochzeitstage – weshalb ich mir als alter Seemann erlaubte, es als eine gute Vorbedeutung anzusehen –, zeigte sich die Sonne selbst zum ersten mal über dem Horizont. Sie wurde mit einem großen Schützenfeste auf dem Eise, Pfeilschießen zur Ehre des Tages, Extraspeisen und -Getränken und den fröhlichsten Hoffnungen in Betreff des kommenden Frühlings und Sommers willkommen geheißen. Sechstes Kapitel Der erste Sommer im Eise Das verhältnißmäßig milde Wetter, das uns die Sonne bei ihrer Wiederkehr mitgebracht hatte und das nach unserer Meinung beinahe den Charakter eines Frühlingstages, allerdings waren es -13º, zeigte, war nicht von langer Dauer. Schon am 4. März bekamen wir nördlichen Wind, ein entsetzliches Schneegestöber und eine Kälte, die das Thermometer bis auf -44º fallen ließ. Die Stimmung an Bord war deshalb auch nicht sehr aufgeräumt, um so weniger, als »Lina«, unser Orakel, uns ebenfalls untreu zu werden schien. Sie sagte uns nämlich, daß wir mit dem Winde trieben, und dieser war Gegenwind. Wir machten in dieser Zeit theils der Zerstreuung, theils der Bewegung halber weite Touren, aber stets zu Zweien oder Mehrern, nie allein. Man konnte ja, ehe man sich dessen versah, auf einen Eisbären stoßen, und ein unter Umständen noch gefährlicherer Feind waren die Eispressungen. Dort, wo anfänglich ein guter Weg war, gähnte vielleicht, wenn man zurückkehrte, eine offene Rinne. Es passirte mir dies zweimal. Das eine mal kam ich verhältnißmäßig leicht hinüber, aber das andere mal sah es für mich schlimmer aus. Blessing und ich hatten miteinander einen Ausflug auf Schneeschuhen gemacht, und als wir wieder nach Hause zurückwollten, standen wir plötzlich vor einer breiten Oeffnung im Eise, die gar kein Ende nehmen zu wollen schien. Wir liefen eine weite Strecke daran entlang, aber kein Uebergang war zu finden. Zuletzt mußten wir uns dadurch helfen, daß wir uns aus Eisschollen eine Art Brücke bauten. Und mehr als eine »Art« Brücke war es auch nicht, denn Blessing fiel zweimal zwischen den Eisschollen ins Wasser. Das eine mal zog ich ihn wieder heraus, das andere mal kam er ohne meine Hülfe aufs Trockene. Der unserer guten Laune arg zusetzende Gegenwind hielt bis zum 20. März an. Als er dann zu unserer Freude aufhörte, zeigte es sich, daß wir glücklicherweise nicht so weit zurückgetrieben waren, als wir gefürchtet hatten. Am Charfreitag, 23., ließ sich nämlich eine ordentliche Ortsbestimmung machen, welche ergab, daß wir uns jetzt auf 80º nördlicher Breite befanden. Daraufhin fiel uns gleich ein Stein vom Herzen, besonders da wir das ganze Osterfest hindurch andauernd südlichen Wind in Verbindung mit herrlichstem Sonnenschein hatten. Um auch zu uns in den Salon ein wenig Sonnenschein hineinzulassen, mußten wir wieder mit den Hundehütten umziehen, da sie das Eindringen der Sonne durch das Oberlicht unmöglich machten. Sie wurden niedergerissen und wieder auf das Vorderdeck gebracht, und nun konnten wir während der Osterfeiertage bei hellem Tageslicht und Sonnenschein zu Mittag essen. Gerade zu dieser Zeit gelang es mir, eine für mich und meine Hauptarbeit an Bord wichtige Reform durchzuführen. Die Aufsicht über die Beleuchtungsanlage war ja, genau genommen, nicht schwer, aber doch so complicirt, daß sie die ganze Zeit eines Mannes in Anspruch nahm, wenn sie ordentlich gehandhabt werden sollte. Es war mir lange nicht möglich, hierfür bei den andern Verständniß zu finden, nicht einmal bei Nansen und Sverdrup, und mehr als einmal wurde ich von meiner Beschäftigung mit der Beleuchtungsanlage gerade dann, wenn sie am dringendsten war, abgerufen, um hier- und dorthin zu andern, weit weniger wichtigen Dingen kommandirt zu werden. Ich wurde dessen müde und machte Vorstellungen, die jedoch zu nichts führten. »Gut«, dachte ich, » as you like it !« (Wie ihr wollt!), bis eines schönen Tags die Windmühle in Stücke sprang. Da wurde sofort ein anderer Ton angeschlagen, und nach einer Conferenz mit Sverdrup wurde bestimmt, daß ich vor allen Dingen die Beleuchtungsanlage zu versorgen hätte, dies nach eigenem Gutdünken thun sollte und darauf so viel Zeit verwenden könnte, als ich für nöthig erachtete. Diese Entscheidung war kein kleiner Sieg für mich, und es ließ sich auch nicht verhehlen, daß sie bei dem einen oder andern Verstimmung hervorrief. Wir Menschen sind einmal nicht anders. Tagtäglich freuten wir uns darüber, daß die Sonne ihre Besuche bei uns, die anfangs einer kurzen französischen Visite glichen, immer mehr verlängerte, bis wir endlich am 15. April die Mitternachtssonne über unserm Kopfe stehen sahen. Die Drift ging ebenfalls recht nett vorwärts; wir hätten sie uns natürlich noch schneller gewünscht, aber in dem alten Kinderliede heißt es ja: Zufrieden sei mit dem, was dir gegeben, Und Gott dafür zu danken, sei dein Streben! und danach versuchten wir uns zu richten. Nansen maß die Temperatur des Wassers in den verschiedenen Tiefen und untersuchte gleichzeitig die Strömung, die in der Tiefe oft eine ganz andere Richtung als an der Oberfläche hatte. Mit dem Salzgehalte verhielt es sich ebenso. Wir lotheten mehrmals vergebens, bis wir am 1. Mai in einer Tiefe von 4000 Meter Grund fanden. Durch diese Lothungen hat Nansen die von frühern Polarforschern aufgestellte Theorie eines seichten Polarbeckens vollständig umgestoßen und damit der Wissenschaft auf diesem Gebiete einen unschätzbaren Dienst geleistet. Wir hatten in dieser Zeit den ganzen Tag prachtvolles, sonniges Wetter bei einer Temperatur von -12 bis -20º, und dieser beständige Sonnenschein übte auch sichtlich und fühlbar seine Wirkung auf das Eis um uns herum und auch an Bord aus, wo wir das Deck von Eis und Schnee reinigten und uns wieder ein trockenes gemächliches Heim herrichteten. Wenn keine eilige Schiffsarbeit vorlag, machten wir jetzt eifrig Schneeschuhtouren und beschäftigten uns mit dem Einfahren der Hunde. Einige von uns hatten noch nie Schneeschuhe an den Füßen gehabt, aber infolge der täglichen Uebung konnten wir bald alle miteinander Ausflüge machen. Man darf jedoch nicht glauben, daß die Ausflüge auf Schneeschuhen so ganz einfach waren. Viele werden vielleicht auch fragen, wie man überhaupt darauf verfallen konnte, auf ebenem Eise Schneeschuh zu laufen. Jedenfalls sind doch mit diesem »Sport« keine Schwierigkeiten verknüpft, werden sie sagen. Mit dem Polareise verhält es sich jedoch nicht so wie mit dem Eise der Seen und Fjorde bei uns daheim, das glatt und eben auf dem Wasser liegt. Hier oben haben die Eispressungen es mit ihren Riesenfäusten gewunden, gekrümmt und gebogen, sodaß es sich in steilen Abdachungen und jähen haushohen Abhängen erhebt oder wellenförmige, oft viele Meter tiefe grubenartige Einsenkungen bildet. Manchmal gehörten ein geübtes Auge und ein sicherer Fuß dazu, um diesen Abgründen, die sich oft ganz unerwartet gähnend vor uns öffneten, in der Eile noch zu entgehen. Denn man konnte sich bei dem blendenden Sonnenschein beinahe ebenso schwer vor ihnen in Acht nehmen wie im nächtlichen Dunkel. Und manch gutes Schneeschuhpaar, selbst an den Füßen eines geübten Läufers, brach dabei in Stücke, wenn es das Unglück so wollte. Unsere Beobachtung vom 4. Mai zeigte, daß wir uns nun auf 80º 45' nördlicher Breite befanden. Das ganze Resultat unserer Drift seit dem 1. October des vorigen Jahres betrug noch nicht 1 ½ Grad, und es bleiben uns noch 9 ¼ Grade bis zum Pole. In Anbetracht der darüber hingegangenen Zeit war das Resultat nicht ermuthigend, und es rückte die Aussichten für die Zukunft sowol bezüglich unsers Anlaufens der Station »Nordpol«, als auch unserer Heimkehr noch weiter ins Blaue hinaus, als sie bisher in unsern Gedanken gewesen waren. Allerdings waren wir so ausgerüstet, daß wir nach der Berechnung fünf Jahre lang aushalten konnten, aber wir fanden es doch für alle Fälle am gerathensten, auf verschiedenen Gebieten größere Sparsamkeit einzuführen. Eins dieser Gebiete war der Verbrauch der – Zündhölzer, eines Artikels, bei dem daheim gewiß in keinem Hause irgendwie ans Sparen gedacht wird. Doch ebenso werthlos wie ein Tausendmarkschein für unsere Verhältnisse gewesen wäre, ebenso werthvoll war für uns jedes einzelne Zündholz. Ging uns diese Waare aus, so konnte das ein gefährlicher Verlust werden. Allerdings waren wir reichlich damit versehen, aber bei der Aussicht auf einen mehrjährigen Aufenthalt im Eise war es jedenfalls das Klügste, Sparsamkeit walten zu lassen. Diese führten wir auch gründlich durch. Meine Leser können es mir glauben, an Bord der »Fram« wurden täglich bis zu 50 und mehr Pfeifen Taback mit – einem einzigen Zündholz angesteckt! Uebrigens durchaus nicht mittelst Hexerei, sondern mit Hülfe von Fidibussen, die wir zu Hunderten aus Packpapier machten, in den verschiedenen Räumen deponirten und über der Lampe anzündeten. Am 13. Mai war der erste Pfingstfeiertag, der erste, den wir in dieser Region erlebten. Wir dachten daran, wie daheim jetzt alles grünt und blüht; an das fröhliche Gezwitscher der Vögel, an den Kukuk, der vom Waldrande her ruft, an die Lerche, die hoch über den Feldern schwebt und trillert, daß es durch die Lüfte schallt, an die Hummeln und die Waldbienen, die summend von Blume zu Blume fliegen. Und wir dachten an all die fröhlichen, sonntäglich gekleideten Scharen, die in muntern Gruppen nach allen Richtungen hinziehen, um sich mit den wohlbekannten Speisekörben unter den Bäumen niederzulassen. Doch um uns herum dehnte sich das ewige Eis und die Einsamkeit der Unendlichkeit. Und nur ein einziger Vogel, eine Möve von einer andern Art als den uns aus der Heimat bekannten, die an jenem Tage an uns vorüber flog, war unser Frühlingsbote. Am Tage darauf, dem zweiten Pfingsttage, kam aus Nordosten ein Schneesturm, der mit unverminderter Kraft drei volle Tage anhielt. Es war fast unmöglich, sich auf Deck aufrecht zu halten; die Geschwindigkeit des Windes betrug 12 Meter in der Secunde. Von allen Stürmen, die wir bisher gehabt hatten, war es der heftigste. Was uns dabei am meisten bekümmerte, als er sich gar nicht legen zu wollen schien, war die Furcht, daß er am Ende unser ganzes großes Programm für den vor der Thür stehenden 17. Mai stören könnte, nachdem wir es mit so vieler Mühe zur würdigen Feier unsers Freiheitstages ausgearbeitet hatten. Am Vorabend sah es noch ziemlich hoffnungslos aus, aber es ging doch besser, als wir erwartet hatten. Am Morgen des 17. Mai weckte uns Nansen mit Harmoniumspiel. Im Handumdrehen waren wir oben auf Deck und schauten nach dem Wetter aus. Es war allerdings nicht gerade »wie bestellt«, aber doch auch nicht direct schlecht, weshalb beschlossen wurde, die vorher bestimmte Procession in Scene zu setzen. Wir schmückten uns alle mit wirklich hübschen Brustschleifen in den norwegischen Farben, wozu rother Flanell, weißes Baumwollenband und blaues Papier verwendet wurden. Zur Ehre des Tages war ein prachtvolles, echt norwegisches Banner hergestellt worden. Es zeigte auf rothem Flanellgrund den Wiking Magnus Barfuß (Barfod), wie er den Speer seines Feindes ergreift und über dem Knie zerbricht, und trug darüber die Inschrift: »17. Mai 1894«. An den Seiten stand: »Vorwärts, vorwärts, ihr Norweger. Euere eigene Flagge in euerm eigenen Lande«, und darunter: »Was wir thun, thun wir für Norwegen.« Mit diesem Banner eröffneten Amundsen und ich den Zug. Blessing hatte sich eine Fahne dadurch hergestellt, daß er ein wollenes Hemd auf eine Stange gehängt und die Aermel auf ein Querholz gezogen hatte. Er hatte die Buchstaben N. A. darauf gezeichnet, die »Normal-Arbeitstag« bedeuten sollten. Scott-Hansen demonstrirte zu Gunsten des »Allgemeinen Stimmrechts«. Sverdrup trug die Standarte der »Fram« mit dem Namen »Fram« in weißen Buchstaben auf rothem Grunde, und Nansen selbst schwang hoch in der Hand die an einem Speere befestigte »reine Flagge«. D.h. ohne das Symbol der Verbindung Norwegens mit Schweden. Hendriksen nahm seine Harpune mit der Schleppleine auf die Schulter, Jacobsen trug eine Flinte, Mogstad kam auf einem mit zwei Hunden bespannten Schlitten, und Johansen repräsentierte das Musikcorps und marschierte mit seiner Ziehharmonika vor der Procession her. Nach einigen von Nansen gesprochenen Worten und einem neunfachen Hurrah setzte sich der Zug unter den Klängen des Liedes »Ja, wir lieben dieses Land« in Bewegung. Erst ging es um das Schiff herum und dann nach einem großen Eishügel, der den Festungsplatz in Christiania vorstellen sollte. Mit der reinen Flagge in der Hand erklomm Nansen die Spitze des Eishügels und hielt von dort herab eine schöne Rede über die Bedeutung des Tages, worauf die Procession wieder mit einem neunfachen Hurrah antwortete. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung und ging nochmals um das Schiff herum. Dort hielt Nansen von der Kommandobrücke herab noch eine Rede, in der er namentlich bei dem Gedanken an die Heimat und unsere Lieben daheim verweilte. Von neuem erscholl ein neunfaches Hurrah, und ein Salut von sechs Schüssen donnerte von der Back in die Einöde hinaus. Es klang sehr feierlich und machte einen tiefen Eindruck auf uns. Damit löste sich die Procession auf, und wir begaben uns zum Festessen an Bord. Die Fahnen wurden im Salon aufgepflanzt, der außerdem noch mit Wimpeln geschmückt war, und unter den Klängen des Harmoniums nahmen wir an der reichbesetzten Tafel Platz. Den Rest des Tages verbrachten wir bis spät abends mit Reden, Gesang und gemüthlichem Plaudern über unser Vaterland und unsere Lieben in der Heimat. Einige andere »Nummern« des Programms, so das Preisschießen auf dem Eise, mußten in Anbetracht des ungünstigen Wetters gestrichen werden. Später wurde das »Magnus-Barfuß-Banner« zu unserm eigenen erhoben, indem es fernerhin keine festliche Gelegenheit gab, bei der es nicht auf dem ersten Platze aufgepflanzt worden wäre. Wir liebten unser Banner so sehr und hielten es so hoch in Ehren, daß es sogar an einer besondern Stelle aufbewahrt wurde, damit wir es gleich mitnehmen könnten, wenn wir einmal gezwungen sein würden, das Schiff Hals über Kopf zu verlassen. Nachdem der Himmel uns längere Zeit ein verdrießliches Gesicht gezeigt hatte, sahen wir am 1. Juni die Sonne wieder, und gleichzeitig ergab eine astronomische Ortsbestimmung, daß wir uns nun auf 81º 1' nördlicher Breite befanden. Dadurch wurde »Lina's« Ausspruch, daß wir den rechten Weg trieben, bestätigt, woran einige Mißmuthige schon laut zu zweifeln begonnen hatten. Sie thaten »Lina« sehr demüthig Abbitte und erlaubten sich nie wieder, die Richtigkeit ihrer Aussagen in Zweifel zu ziehen. Das Wetter besserte sich immer mehr. Um uns herum begannen Schnee und Eis zu schmelzen, und wir hatten jetzt außerordentlich viel mit dem Fortschaffen dieser beschwerlichen Gäste sowol auf wie unter Deck zu thun. Draußen auf dem Eise bildeten sich so große Seen, daß wir nun nicht mehr nach Wasser zu suchen brauchten. Dagegen waren die gewohnten Schneeschuhausflüge jetzt mit allerlei Schwierigkeiten verbunden. Der Schnee wurde so feucht, daß die Schneeschuhe kaum noch darauf gleiten konnten, und an vielen Stellen war der Uebergang und das Vorbeikommen mit Lebensgefahr verbunden. Ja, der Sommer war – für unsere Verhältnisse natürlich – wirklich gekommen. Wir hatten es sogar bis auf +4º gebracht! Die »dumpfe Stubenluft« an Bord der »Fram« behagte uns nicht mehr. Wir fingen an, eine heftige Sehnsucht nach frischer Luft und den Drang nach einem bewegtern Leben zu verspüren. Und da alle Touren auf Schneeschuhen sich schließlich von selbst verboten, so machten wir uns, können meine Leser wol errathen, woran? ans – Ballschlagen auf dem Eise! Wir verfertigten uns einen mit Renthierhaaren gestopften Lederball, der uns ausgezeichnete Dienste leistete. Kein Schulknabe kann daheim mit mehr Lust und Liebe am Spiele theilnehmen, als wir alten, langbärtigen Männer es thaten. Wir schlugen im Schweiße unsers Angesichts Ball und rannten wie besessen nach dem Ziele, um nicht getroffen zu werden, und amüsirten uns dabei wie Kinder. Nach dem ersten Versuche erregte die Idee des Ballspiels so allgemeines Interesse und fand so begeisterte Anhänger, daß es lange unser vornehmster Sport blieb. Am 19. Juni hatten wir auf unsrer Drift Nordenskjöld's am 19. September 1868 erreichten Record geschlagen, da wir uns an diesem Tag der angestellten Beobachtung zufolge auf 81° 52' nördlicher Breite befanden. Seit unserer Abreise aus der Heimat war beinahe ein Jahr vergangen, und wir hielten es deshalb für erforderlich, den noch vorhandenen Proviant zu revidiren, hauptsächlich um dabei alles auszusondern, was der Frost im Laufe des Winters möglicherweise beschädigt haben könnte. Es zeigte sich, daß der Proviant sich durchgehends vorzüglich gehalten hatte und für die berechnete Zeit vollauf ausreichen würde. Hierzu trug aber auch bei, daß wir auf unserer Reise Renthiere und Bären geschossen und von ihrem Fleische gelebt hatten. Von dem Bärenfleisch besaßen wir noch einen ziemlichen Vorrath; es hatte bisher in steifgefrorenem Zustande unter der Back gelegen, mußte jetzt aber vor der Sonnenwärme geschützt werden. Zu diesem Zweck legten wir uns in einem unweit des Schiffes gelegenen Eishügel einen »Eiskeller« an, in den wir unsere Fleischvorräthe brachten. Doch mußte dort natürlich stets Wache gehalten werden für den Fall, daß die Bären das Fleisch witterten und sich ein Maulvoll davon holen wollten. Wir begannen nun, uns theils zum Spaße, theils im Ernste im Kajakrudern zu üben. Nansen hatte uns diesen Sport früher als etwas sehr Schwieriges geschildert, aber schon der erste Versuch ergab, daß wir alle mit dieser Kunst über alle Erwartung gut fertig wurden. Nansen war mit dem Resultate außerordentlich zufrieden und meinte, daß wir, die schon im Anfange so geschickt seien, keine Furcht davor zu haben brauchten, daß wir uns im Falle des Untergangs der »Fram« nicht gut in Sicherheit bringen könnten. Von da an übte sich täglich einer von uns im Kajakrudern. Es ging damit immer gut, und wir eigneten uns nach und nach große Fertigkeit darin an. Die Kajaks hatten wir, wie so vieles andere, uns selbst herstellen müssen. Der eifrigste Kajakruderer unter uns war Scott-Hansen. Er widmete diesem Sport jeden freien Augenblick. Eines Tages wollte er sich auch darin üben, mit dem Kajak zu kentern und sich dann selbst wieder aufzurichten. Für den Fall, daß er damit allein nicht fertig würde, sollte ich ihm beispringen, indem ich als Retter in der Noth mit einem am Kajak befestigten Seile in der Hand auf dem Eisrande stehen mußte. Das erste, zweite und vierte mal mußte ich ihm denn auch zu Hülfe kommen und ihn ans Land ziehen, das dritte mal aber brachte er das Kunststück ganz allein zuwege und noch dazu sehr gewandt. Das letzte mal wäre es ihm sicher ebenfalls gelungen, wenn er nicht unglücklicherweise das Ruder verloren hätte. Und muthig war es jedenfalls von ihm, daß er ganz freiwillig ein wiederholtes Bad in dem eiskalten Wasser nahm. Unter den vielen Anzeichen, daß wir uns jetzt im Sommer befanden, entdeckten wir am 7. Juli etwas, was uns in solchem Grade in Erstaunen versetzte, daß wir anfänglich beinahe glaubten, das Opfer einer Sinnestäuschung geworden zu sein. Draußen auf den Teichen auf dem Eise begann es – zu grünen. Bei näherer Untersuchung zeigte sich in der That, daß wir es wirklich mit Pflanzenleben zu thun hatten. Dr. Blessing, unser Botaniker, erklärte uns, daß es Algen seien, die dem Sande und dem Kiese, die an verschiedenen Stellen auf dem Eise lagen, entsprießen. Ihr Erscheinen sei darauf zurückzuführen, daß das Eis seiner Zeit in der Nähe von Land vorbeigetrieben sei und dort der Sturm Kies und Sand ins Meer und auf das Eis geweht habe; nun machten wieder Sonne und Wasser ihren Einfluß auf die vom Sande mitgeführten lebensfähigen Keime geltend. Die Sommertage wurden übrigens auch benutzt, um die Hundeschlitten und die Boote in Stand zu setzen. Es wurde geschmiedet, beschlagen und Segel genäht. Als alles dieses fertig war, hieß es, in den großen Seen, die sich mit der Zeit auf dem Eise gebildet hatten, Segelsport treiben. Auch die Tragkraft der Boote wurde für alle Fälle untersucht. Bei dieser Gelegenheit erlebten wir mit unsern Hunden eine ganz unerwartete Episode. Als wir nämlich in die Boote stiegen, setzte uns die ganze Hundemeute nach. Einige sprangen sofort in ein Boot, und mit wollten sie alle; kamen sie nicht mehr rechtzeitig an, so liefen sie jämmerlich heulend und winselnd am Eisrande entlang. Die armen Thiere bildeten sich gewiß ein, daß wir sie auf immer verlassen würden. Einer von ihnen fand die Situation schließlich so bedenklich, daß er sich ohne Besinnen ins Wasser stürzte und auf das Boot zuschwamm, um uns zu begleiten. Ja sogar, als wir wieder gelandet waren und unser Fahrzeug schon auf das Eis gezogen hatten, wollte er das Boot nicht verlassen; er fürchtete offenbar, wir könnten ihn hintergehen und uns später ohne ihn aus dem Staube machen. Es war »Bjelki«, ein kleiner, artiger, lebhafter Hund, unser aller Liebling. Ja, die Hunde! Ich habe schon früher allerlei von ihnen erzählt und kann nicht umhin, immer wieder auf sie zurückzukommen. Auch glaube ich nicht, daß unter den andern an Bord viele waren, die ihr Leben und Wesen mit so großem Interesse studirten, als ich es that. Ich bin stets ein großer Thierfreund gewesen, und hier, wo sie unsere Mithelfer und Kameraden waren, hatte ich sie, wenn möglich, noch lieber als je zuvor. Wie klug, wie treu, wie uneigennützig und aufopfernd waren sie! Ja, manches mal mußte ich im stillen zugeben: sie sind es viel mehr als wir selbst, so sehr, daß sie uns oft beschämten. So bei einer entsetzlichen Eispressung, die wir in der nächsten Neujahrsnacht hatten und auf die ich später zurückkommen werde. Da vergaßen wir in der Verwirrung, während wir in aller Hast unsere Sachen auf das Eis retteten, ganz der Hunde. Aber einer von ihnen, »Suggen« (die »Sau«), übernahm unaufgefordert die Wache auf dem Platze, wo wir unsere Sachen aufgestapelt hatten, und wehe dem von den andern, der es wagte, sich unsern Habseligkeiten auch nur zu nähern. Zu andern Zeiten legten sie ihre Klugheit allerdings auf eine weniger aufopfernde Weise an den Tag, z.B. unserm Eiskeller gegenüber. Wir hatten den Zugang zu dieser Speisekammer mit schweren Eisblöcken versperrt. Aber glauben meine Leser, die Canaillen hätten dafür nicht Rath gewußt? Erst gruben sie das Eis unter dem Blocke rund herum auf, und half das nicht, so stemmten sie sich alle mit dem Hintertheile gegen den Block und schoben mit vereinten Kräften so lange, bis der Verschluß aus dem Wege geschafft war. Ein andermal brachten sie, soweit wir beobachten konnten, nach einer gemeinsamen Berathung, einen ihrer Kameraden um, der den recht hübschen Namen »der Menschenfresser« trug. Diesen Namen hatte ihm seinerzeit Trontheim gegeben und ihn uns dabei als ein boshaftes, menschenfeindliches Thier geschildert, das man erst kennen müßte, bevor man sich ihm näherte. Der Hund sei aber sehr kräftig, und es wäre also gut, ihn mitzunehmen. Er machte denn auch seinem blutdürstigen Namen alle Ehre und fiel beständig über die andern Hunde her. Doch eines Nachts, als alle Hunde draußen auf dem Eise waren, wurde er von ihnen in geschlossenem Trupp angefallen und so übel zugerichtet, daß er trotz der sorgfältigsten Behandlung am Tage darauf seinen Wunden erlag. – Anfälle übler Laune kamen bei uns allen miteinander sogar in der hellen Sommerszeit vor. Ich hielt sie mir dadurch einigermaßen vom Leibe, daß ich stets in irgendeiner Beschäftigung ein Heilmittel dagegen suchte. Schon bei der Abreise begann ich meine Tagebücher zu führen und beschäftigte mich auch sonst noch mit allerlei Schreibereien. Ich lernte Deutsch, wobei Blessing mein Lehrer war, und jetzt, zu Ende des eben geschilderten Sommers, hatte ich schon über hundert Bände der Schiffsbibliothek durchgelesen. Dazu kamen dann die gewöhnlichen Arbeiten, unsere Zerstreuungen im Freien und unsere Kartenspielabende. Eins ist gewiß: diejenigen, welche sich nicht nach solchen Beschäftigungen umsahen, waren auch die ersten, deren Humor Schaden litt und die sowol für sich selbst, wie für die andern unangenehm wurden. Im Sommer merkte man es ja nicht so sehr, desto mehr aber, als die Herbstnebel und die Winternacht sich wieder über uns zu legen begannen. Ende August, als die Mitternachtssonne uns für diesmal verlassen hatte, war es auch mit den Zeichen des Sommers bald vorbei. Wir bekamen Schneegestöber und 6-7° Kälte. Leider brachte uns der Rückblick auf den verflossenen Sommer im Grunde nur Enttäuschungen, indem die am 31. August angestellte Beobachtung uns die wenig erfreuliche Thatsache offenbarte, daß wir, die am 17. Mai auf 81° 12' nördlicher Breite gewesen, uns nun auf 81° 6' befanden. Doch darum darf man den Muth noch nicht verlieren. Den Kopf obenbehalten, mein Junge! Siebentes Kapitel. Die zweite Winternacht und ein Entschluß. Das Eis beginnt zuzufrieren und fahrbar zu werden. Dies ist ja soweit gut, aber gleichzeitig auch ein sicheres Zeichen dafür, daß die Finsterniß sich wieder nähert. Noch eine lange Winternacht hier oben in dieser Eiswüste zu verleben, vielleicht sogar noch mehrere, halten wir dies aus? Besitzen wir alle die moralische Kraft, die Willensenergie, die neben einem gesunden, starken Körper hierzu die erste, hauptsächlichste Bedingung ist? Sobald erst ein Wille oder ein paar anfangen zu brechen, laufen die andern Gefahr, davon angesteckt zu werden. Das Gemüthsleiden ist eine ansteckende Krankheit, besonders in einer Umgebung wie diese, wo das Grauen der unendlichen Einsamkeit den Menschen oft wie eine feuchtkalte, unsichtbare Riesenhand an der Kehle packt, sodaß man wie vor plötzlicher Angst ersticken zu müssen glaubt. Deshalb kommt es jetzt mehr denn je, und je weiter die Zeit fortschreitet, immer mehr darauf an, sich selbst aufrecht zu erhalten, um dadurch auch auf die andern einzuwirken. Eins fällt uns schon jetzt auf, etwas, was gefährlich werden kann, wenn es hier fruchtbaren Boden findet: wir sind entsetzlich empfindlich geworden, leicht reizbar, wie man zu sagen pflegt. Zeigt »Lina« einige Tage den falschen Weg an, so müssen wir jedes Wort, das wir miteinander sprechen, auf die Goldwage legen. Dann ist es, wie wir ausfindig gemacht haben, das Klügste, lieber ganz stillzuschweigen und die Gabe der Rede nur zu den allernothwendigsten Mittheilungen und dem Bescheidgeben über dies oder jenes zu gebrauchen. Andererseits aber können dreizehn so stumme Männer gerade auch nicht zur Hebung der Stimmung beitragen. Wir befanden uns jetzt also in den letzten Tagen des Monats August und mit der Kälte konnten wir auch die Besuche der Eisbären erwarten. Wir überzeugten uns deshalb davon, ob auch alle unsere Gewehre in brauchbarem Zustande seien, und dies war klug, denn schon in der Nacht zum 28. gerieth ein Bär in unser Fahrwasser. Gerade als Johansen oben die Wache bezog, erblickte er ungefähr 500 Meter vom Schiffe einen Bären. Er weckte Blessing. Als beide wieder auf Deck kamen, war die Bestie so nahe herangekommen, daß sie sie in Schußweite hatten. Sie schickten ihr zwei Kugeln zu, die sie eines stillen, wenn auch plötzlichen Todes entschlafen machten. Für uns alle war es eine angenehme Abwechselung in unserm einförmigen Leben, daß wir nun den Bären abziehen und zerlegen mußten, und nicht minder, daß wir obendrein noch frisches Bärenfleisch mittags als Braten bekamen. Nachdem wir nun so lange von Conserven gelebt hatten, war dies ein wirklicher Leckerbissen. Die Hunde ließen wir andauernd auf dem Eise, wo es ihnen sehr viel besser gefiel als an Bord. Doch theils der Kälte wegen, theils, weil wir noch weitern Bärenbesuch erwarten konnten, bauten wir ihnen Schneehütten, worin sie allerdings nachts wärmer lagen, aber auch die wildesten Raufereien veranstalteten, weil wir sie dort nicht anbinden konnten. Ende September waren wir schon wieder mitten im Winter mit Eis, Schnee und 20° Kälte. Auf Grund der Erfahrungen des letzten Winters hatten wir im Laufe des Sommers neue Vorkehrungen getroffen, um uns an Bord besser gegen Frost und Schneetreiben schützen zu können. Wir hatten also ein Schneesegel über dem ganzen Schiffe ausgespannt und schützten dadurch sowol uns selbst bei unserer Arbeit auf Deck, wie auch die armen Hunde, die sich im Winter dort aufhielten. Ferner hatten wir unsern Vorrath an Schlitten, Schneeschuhen, Kajaks und Fellanzügen verstärkt. Bart und Haare ließen wir beim Herannahen des Winters absichtlich wild wachsen. Und als wir nun nach Verlauf einiger Zeit mit Holzsohlenstiefeln oder Komagern an den Füßen, grauen Kniehosen, mit einem Renthierpelze, der mit einem Riemen über den Hüften zusammengeschnürt war, mit einer Katzenfellkapuze auf dem Kopfe, einem Bärenspieße in der Hand, einem großen Messer an der Seite, dem Revolver im Gürtel oder der Büchse auf der Schulter einherstolzirten, während Haare und Bart zottig herabhingen, würde unter dieser Außenhaut niemand so leicht etwas anders als einen Wilden des Polargebiets, am allerwenigsten aber einen civilisirten Menschen geahnt haben. Wir hätten daheim sicherlich brillante Geschäfte gemacht, wenn wir uns in diesem Anzüge im Tivoli hätten sehen lassen, von einer Tournée durch Europa und Amerika gar nicht zu reden. Barnum würde uns mit offenen Armen und noch offenerer Börse aufgenommen haben. Jetzt begannen wir auch, die Hunde einzufahren, und machten bei dieser Gelegenheit eine Erfahrung, aus der wir später Nutzen zogen. Das Unangenehmste war dabei, daß ich es war, der das Lehrgeld bezahlen mußte. Es ging dies so zu. Ich zog eines Tages allein mit einem Gespann von vier Hunden aus. Mit einem mal kam jedoch der ganze Rest der Hundegesellschaft hinterdrein, stürmte an mir vorüber und – übernahm die Führung, wie man es sportmäßig ausdrückt. Das war aber eine schöne Führung! Bald ging es nach Osten, bald nach Westen, und da diejenigen, die nichts zu ziehen hatten, wie die wilde Jagd dahinsausten und meine Hunde nicht hinter ihnen zurückbleiben wollten, so kann man sich lebhaft vorstellen, welch eine Fahrt es für mich wurde. Mit Windeseile, daß es mir nur so um die Ohren sauste und pfiff, wurde ich fortgerissen, ohne Widerstand leisten zu können. Und wäre die Eisfläche wenigstens noch glatt und eben gewesen, aber sie war an vielen Stellen geradezu scheußlich holperig und uneben, und ich hatte alle Mühe, die Hunde wenigstens so weit im Zaume zu halten, daß ich nicht selbst auf das Eis geschleudert wurde. Ich hatte mir einen losen Sitz auf dem Schlitten angebracht, den ich natürlich verlor, ohne daß davon die Rede sein konnte, anzuhalten und ihn wiederzuholen. Wo er lag, mußte ich ihn liegen lassen und weiter fahren, wohin das Hundegesindel wollte. Von nun an war meine eigene Lage im Schlitten äußerst reich an Abwechselung; bald lag ich auf dem Rücken, bald auf dem Bauch. Ich fuhr nach Norden ab und kehrte nach zweistündiger Fahrt von Süden her zurück und konnte obendrein noch froh sein, daß ich mit heiler Haut davongekommen war. Indeß hatte ich für die Zukunft die auch für die andern vortheilhafte Erfahrung geerntet, daß solche »Führung« nichts tauge. Von diesem Tage an nahmen wir bei den vielen Ausfahrten, die wir machten, stets einen oder mehrere Schneeschuhläufer als »Führer« mit. Am 21. October ergaben die Beobachtungen, daß wir den 82. Grad passirt hatten. Dies war ja ein recht befriedigendes Resultat, das in hohem Grade zur Hebung der Stimmung beitrug, und da infolge des längere Zeit andauernden bewölkten Wetters es hauptsächlich »Lina« gewesen war, die uns offenbarte, daß wir in der rechten Richtung trieben, so wurde bei dem zu Ehren des Tages abgehaltenen Feste eine wohlverdiente, mit Beifall aufgenommene Rede auf sie gehalten, und wir ließen sie hochleben. In Versen wie in Prosa erklang manch hübsches, von Herzen kommendes Wort zu ihrem Lobe. Wir merkten jetzt, daß der Winter im vollen Ernste gekommen war. Am 31. October hatten wir schon 32° Kälte, und die Räume an Bord begannen sehr kalt und ungemüthlich zu werden. Um die Kälte wenigstens so viel abzuhalten, als in unserer Macht stand, begannen wir an der Außenseite der Kajüte und des Halbdecks Schneewände aufzuführen. Es erwies sich dies als eine glückliche Idee; es wurde an Bord den ganzen Winter hindurch selbst bei der strengsten Kälte viel wärmer, als es im vorhergehenden Winter gewesen war. Von Einheizen konnte bei uns ja nur im äußersten Nothfall die Rede sein. Auch die Seiten des Schiffes verbarrikadirten wir auf dieselbe Weise mit soliden Mauern, die wir aus Eis, Schnee und Wasser aufbauten. Das Eis spielte dabei die Rolle der Mauersteine; die Fugen füllten wir mit Schnee aus und begossen dann unser Bauwerk mit Wasser, worauf es zu einer dichten, undurchdringlichen Masse gefror. Ich hatte nun mit dem Ingangbringen des »Elektricitätswerks« alle Hände voll zu thun. Es galt, die Maschinen stets in Ordnung zu halten und Tag und Nacht jeden Windhauch zu benutzen, um die Maschine mit Kraft zu versehen und die Accumulatoren zu füllen, damit wir an Stelle der Sonne, die uns schon lange Lebewohl gesagt hatte, von jetzt an das schöne elektrische Licht als Ersatz und Aufmunterung hätten. Aber manchmal war es wirklich ein zweifelhaftes Vergnügen, in dem schneidenden Froste und dem bitterkalten Schnee stundenlang draußen zu sein und die Mühle zu überwachen. Am 4. November kam eine Bärin mit zwei Jungen zu Besuch und wurde freundlich empfangen. Es war gerade unser bisheriger Vorrath an frischem Fleische fast ganz zu Ende. Eins der Jungen aßen wir vor lauter Zärtlichkeit gleich auf, schenkten den Hunden die beim Schlachten abfallenden Eingeweide und ließen den übrigen Leichen ein anständiges Begräbniß in unserer Vorrathskammer zutheil werden. Um die Mitte dieses Monats reifte mehr und mehr Nansen's Plan, den er mit seinem Begleiter Johansen später so bewundernswerth durchgeführt hat: auf dem Eise, wenn möglich, den Pol zu erreichen und dann nach Hause zurückzukehren. Zu dieser Zeit hatten wir nämlich wieder verschiedentlich an »Gegendrift« gelitten. Sogar die Karte unserer Drift begann jetzt im ganzen genommen ein höchst wunderliches Aussehen anzunehmen. Ich kann sie mit nichts Besserm oder Näherliegendem vergleichen als mit der Schrift eines Mannes mit zitternden Händen. Allerdings zeigte die Karte ein Fortschreiten, wenn wir den Endpunkt direct mit dem Ausgangspunkte verglichen, aber der Fortschritt war verhältnißmäßig doch gar zu gering und der Umwege waren es gar zu viele. Hieraus zog Nansen den Schluß, daß viel längere Zeit, als er erst berechnet, darauf gehen würde, bis wir den Pol erreichen könnten, und daß es noch zweifelhaft wäre, ob wir überhaupt je dorthin kämen. Die größte Wahrscheinlichkeit spreche dafür, daß wir am Pole vorbei treiben würden. Diese Ueberlegung hatte ihn nach und nach dahin gebracht, daß er sich mit dem Plane zu beschäftigen begann, auf einer Expedition mit Hunden und Schlitten nicht durch, sondern über das Eis nach dem Pole zu ziehen. Als er seinen Plan reiflich durchdacht hatte, rief er eines Tages Lieutenant Johansen zu sich hinein, erklärte ihm den Plan und fragte ihn, ob er eine solche Expedition mitmachen wolle. Seine Absicht war, selbst mit nur einem Begleiter zu Anfang März des nächsten Jahres, wenn die Sonne wieder zu erwarten war, mit Hunden, Schlitten und Kajaks, sowie mit Proviant für 100 Tage auszuziehen, um womöglich den Nordpol zu erreichen, jedenfalls aber, soweit es ginge, nach Norden vorzudringen. Von dort wollten sie ihren Kurs nach Franz-Joseph-Land und von da nach Spitzbergen richten, um dort ein Schiff zu finden, mit dem sie nach Hause reisen könnten. Johansen erklärte sich sofort bereit, mitzukommen, und von diesem Tage an wurde eifrig mit den Vorbereitungen zur Expedition begonnen. Wenn sie das Schiff verließen, sollte Sverdrup das Kommando auf der »Fram« übernehmen und Scott-Hansen der Zweite im Kommando werden. Der Letztere sollte auch die Beobachtungen leiten und ich ihm dabei als Assistent dienen. Nansen und Johansen aber gaben in Anbetracht der Expeditionsvorbereitungen sogleich ihre bisherigen Beschäftigungen an Bord auf, um sich ausschließlich jenen Arbeiten und allem, was damit in Verbindung stand, widmen zu können. Ich weiß nicht, ob es von anderer Seite schon irgendwo zur Sprache gekommen ist, aber übergangen darf es hier keineswegs werden: daß jeder von uns unbedingt Ja gesagt haben würde, wenn Nansen sich mit der an Johansen gerichteten Frage, ob er sich an der Expedition betheiligen wolle, an ihn gewandt hätte. Ich erwähne dies nicht, um mit uns andern zu prahlen, auch nicht, um den Muth, der zu der Reise der beiden gehörte, zu schmälern. Doch so klar uns allen natürlich die vielen ungeheuern Anstrengungen und die mögliche Lebensgefahr bei diesem Zuge vor Augen standen, so fest waren wir doch alle miteinander davon überzeugt, daß sie, die uns jetzt verlassen sollten, lange vor uns wieder daheim anlangen und, wenn sie nur einigermaßen Glück hätten, dabei ganz andere Resultate erreichen würden als wir. Und in Lebensgefahr konnten wir an Bord der »Fram« Zurückbleibenden ebenso gut gerathen wie sie draußen auf dem Eise. Alle Chancen gegeneinander gehalten, sahen wir es jedoch nicht nur als eine Auszeichnung, sondern auch als eine glückliche Wahl an, daß Johansen mitging, und da er unser prächtiger guter Kamerad und einer der Besten von uns war, so gönnten wir es ihm von Herzen. Das Erste, was in Hinsicht auf die Expedition fertig gemacht wurde, waren das Zelt und die Schlafsäcke, welche letztern aus Renthierfellen angefertigt wurden. Als dies erledigt war, zogen sie auf das Eis hinaus und schlugen in ziemlicher Entfernung vom Schiffe ein Lager auf. Dort blieben Nansen und Johansen 14 Tage, kochten sich ihr Essen und lebten wie Nomaden, um, bevor sie auszogen, zu versuchen, wie es damit ginge. Außerdem kamen sie auf diese Weise am allersichersten dahinter, womit sie sich begnügen könnten und was sie hauptsächlich brauchten, da es ja darauf ankam, bei einer solchen Fahrt nur das Allernothwendigste mitzunehmen. Am 4. December kamen wir alle einer Einladung von ihnen auf – Hafersuppe nach. Der 12. December war ein seit langem herbeigesehnter denkwürdiger Tag, denn die Ortsbestimmung ergab 82° 30', während der höchste Record, der bisher von Polarfahrern gemacht worden, 82° 27' nördlicher Breite war. Es versteht sich von selbst, daß der Tag gebührendermaßen gefeiert wurde. Die schon früher begonnenen Fahrten nahmen nun mit Rücksicht auf die Expedition ein anderes, ernsteres Gepräge an. Die Schlitten wurden so schwer beladen, wie die Hunde sie vermuthlich auf der Reise würden ziehen müssen. Es zeigte sich, daß die Hunde im Durchschnitt kräftig und willig waren; sogar die ganz jungen zogen recht schwere Lasten. Gerade in der Weihnachtswoche bekamen wir ein entsetzliches Schneewetter, das wildeste, das uns bis dahin je vorgekommen. Der Schnee fiel mehrere Tage hindurch so heftig und so dicht, daß es nicht gerathen war, sich auch nur drei bis vier Schritt vom Schiffe zu entfernen, wenn man nicht riskiren wollte, die »Fram« aus dem Gesichte zu verlieren und sich zu verirren. Und sich hier verirren, würde wol heißen, im Kreise herumwandern, bis man vor Müdigkeit und Kälte zusammenbrach und für immer liegen blieb. Wir hatten nämlich gerade eine Temperatur von -40°. Der Barometerstand war in diesen Tagen so niedrig, wie keiner sich erinnern konnte, je erlebt zu haben. Bei solcher Temperatur war es nicht immer leicht, sich gegen Kälte zu schützen. Wenn wir ausgingen, mußten wir das Gesicht mit einer Maske bedecken. Dies half ganz gut, nur nicht unserer armen Nasenspitze. Ihr ging es geradezu schlecht, und mehr als einmal glaubten wir, daß sie uns für alle Zeiten abgefroren wäre. Hauptsächlich des greulichen Wetters wegen wurden die Tage vor Weihnachten soviel wie möglich in den vier Pfählen zugebracht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen, Schreiben, Musik und Kartenspiel und natürlich auch mit den Vorbereitungen zu dem bevorstehenden Weihnachtsfeste. Die Stimmung war trotz des schlechten Wetters recht gut, da uns »Lina's« zuverlässige Orakelstimme sagte, daß die Drift jetzt hurtig nach Norden ging. Wir alle waren fest davon überzeugt, daß Nansen und Johansen schon lange vor uns nach Hause zurückkehren würden. Sie sollten deshalb von jedem von uns einen Brief mit nach Hause nehmen, der aber des Raumes und Gewichtes wegen so klein wie möglich sein mußte. Wir erhielten deshalb jeder einen Bogen Papier von derselben Größe, und dann blieb es uns selbst überlassen, wieviel wir auf diesem einzigen Bogen unterzubringen vermochten. Am weitesten brachte es Scott-Hansen darin. Sein Brief war ohne Lupe nicht zu lesen, aber unter dieser war er ganz deutlich. Der Weihnachtsabend kam mit trübem, wolkenschwerem Himmel heran. Draußen heulte noch immer der Sturm und pfiff und kreischte im Takelwerk und in den Wanten. Steckten wir nur die Nase aus der Kajüte, so wirbelte uns der Schnee wie rasend entgegen und peitschte unsere Gesichter wie mit Skorpionen. Es war gerade nicht das allerangenehmste Weihnachtswetter, und unter solchen Verhältnissen hatten die Gedanken doppelte Lust, nach der Heimat hinüberzuschweifen und sich die Weihnachtsfeier und den Kinderjubel unter dem brennenden Tannenbaume auszumalen, um dann das Gefühl der Einsamkeit durch den Gegensatz noch drückender zu machen. Nein, fort mit diesen gefährlichen krankhaften Stimmungen und den Kopf hoch! Draußen zeigt ja »Lina« beständig den rechten Weg. Wenn wir, wie anzunehmen Grund vorhanden ist, wirklich schon den 83. Grad passirt hätten? Diese Möglichkeit trieb Scott-Hansen und mich trotz des schauderhaften Wetters auf das Deck, um nachzusehen, ob es uns vielleicht gelingen könnte, durch einen Riß in den Wolken noch eine Beobachtung zu erhaschen. Doch erst am zweiten Feiertag waren wir so glücklich, die Gelegenheit dazu beim Schöpfe ergreifen zu können, und da fanden wir, daß wir auf 83° 22' nördlicher Breite waren. Wir tranken deshalb nach dem Abendessen Champagner, den Messing destillirt und mit Etiketten ausgestattet hatte, auf denen »83° nördlicher Breite« stand. Außerdem gab es Taback, Cigarren und Cigaretten, Früchte und Kuchen. Der Salon war dem Weihnachtsfeste zu Ehren mit Fahnen und unserm Fram-Banner decorirt. Was die Aeußerlichkeiten betraf, war im Grunde alles geschehen, um es uns festlich zu machen, aber dem sei, wie ihm wolle, trotz der achtungswerthesten Bemühungen von allen Seiten wollte die richtige Feststimmung doch nicht aufkommen. Dagegen ließ sich indeß nichts thun; aufrichtige Heiterkeit steht nicht auf Kommando zu Diensten. So standen wir denn wieder vor dem Jahreswechsel. An Sylvester hielt Nansen beim Abendessen eine Rede, in der er bei den im verflossenen Jahre gewonnenen Resultaten verweilte und uns ausmalte, was wir der Wahrscheinlichkeit nach im kommenden Jahre erreichen würden. Seiner Meinung nach war alle Aussicht vorhanden, daß wir den nächsten Sylvesterabend schon in der Heimat würden feiern können. Unsers Führers eigene Zuversicht wirkte ganz natürlich auch auf uns, besonders weil uns jetzt auch der Wind längere Zeit hindurch außerordentlich günstig gewesen war. Deshalb war die ganze Stimmung am Sylvesterabend weit gemüthlicher und heiterer, als sie während des Weihnachtsfestes gewesen war. Zunächst begann aber das neue Jahr recht gefahrdrohend. Am Tage nach Neujahr setzte nämlich eine ungewöhnlich heftige Eispressung ein. In der unmittelbaren Nähe des Schiffes bildeten sich gewaltige Rinnen und Risse im Eise, und das Beobachtungszelt, die Hundehütten und was wir sonst noch draußen auf dem Eise hatten, wurden von den sich heranwälzenden Eisblöcken bedroht. Wir mußten deshalb alles so schnell wie nur möglich an Bord retten. Die armen Hunde wären beinahe in ihren Hütten ertrunken, ehe wir sie herausholten; wir mußten im letzten Augenblick die Thüren sprengen. Die Pressungen wurden immer heftiger und am Abend des 3. Januar 1895 wurden sie sogar so entsetzlich, daß wir nicht einmal das Schiff mehr für sicher hielten. Nun ging es an ein Flüchten aus dem Schiffe. Proviant für Menschen und Hunde, alle möglichen Geräthschaften, Bekleidungsgegenstände und andere zur Ausrüstung gehörige Dinge wurden in größter Eile vom Schiffe auf das Eis gebracht und dort angehäuft, soweit es nur irgend ging von den gefährlichsten Rinnen entfernt. Zwei Mann mußten dort Wache halten, worauf wir andern, von der Anstrengung ermüdet, zu Bett gingen, natürlich in voller Kleidung, bei offenen Thüren und stets bereit, beim ersten Winke aufzuspringen und aufs Eis zu eilen. Die Nacht verlief jedoch verhältnißmäßig ruhig. Am nächsten Tage gingen wir alle Mann ans Nähen von Segeltuchsäcken, um darin die unentbehrlichsten Bedürfnisse mitzunehmen, falls es unabänderlich nothwendig würde, die »Fram« im Eise zurückzulassen. Als die Säcke fertig waren, wurde jedem zugetheilt, was er in dem seinen mitnehmen sollte, worauf sie alle gepackt und neben die Kojen gehängt wurden, damit ein jeder seinen Sack im Augenblick finden und damit davoneilen konnte. Das Eis preßte sich unausgesetzt zusammen, und am 5. Januar morgens gegen 5 Uhr fingen die aufgethürmten Eisrücken an, die Rehling zu entern. Die »Fram« legte sich mit einem Ruck auf die Seite; Eishügel und Schneemassen wälzten sich über sie, sodaß es geradezu grauenerregend aussah. Glücklicherweise leistete das Schneesegel ziemlichen Widerstand, wodurch auf das eigentliche Deck nicht so viel kam. Der größte Theil des Eises blieb an der Schiffsseite liegen und drückte gegen diese, indem es sich bis hoch zu den Wanten hinauf aufthürmte. Wir fuhren noch immer mit dem Bergen aller möglichen Dinge fort. Da aber das Schiff sich nun so gewaltig auf die Seite gelegt hatte, daß man nicht wissen konnte, was im nächsten Augenblick geschehen würde, erhielten wir den Befehl, unsere Säcke zu ergreifen und auf das Eis zu flüchten. Dies kam uns so unerwartet, daß sowol ich wie mehrere andere nicht einmal Zeit hatten, einen ordentlichen Anzug mitzunehmen. Es gab ein Knacken und ein Getöse, und Knall auf Knall folgte; wie Kanonenschüsse klang es im Schiffe, und jeden Augenblick glaubten wir, das Schiff würde mit Stumpf und Stiel zermalmt werden. Die Hunde wurden auf dem Eise losgekoppelt und sich dort selbst überlassen. Keiner hatte Zeit, ihnen auch nur einen Gedanken zu opfern; alle Hände waren beschäftigt, zu retten, was sich noch retten ließ, und dazu fesselte das Hereinbrechen der Eismassen über die »Fram« unsere ganze Aufmerksamkeit und alle unsere Gedanken. Im Laufe des Tages ließ die Pressung ein wenig nach, sodaß wir uns ohne eigentliche Gefahr an Bord wagen und unsere Kleider holen konnten. Alles, was wir hatten bergen können, wurde nach einem ungefähr 500 Meter vom Schiffe entfernten Eishügel gebracht. Bei diesem sah es so bunt aus wie in einem Dorfe nach einer größern Feuersbrunst. Proviant, Kleider, wissenschaftliche Instrumente und alle möglichen Geräthschaften, Küchengeschirr, Schlitten, Kajaks, Schneeschuhbündel und Gott weiß was noch alles lagen dort kunterbunt durcheinander. Ordnung gab es gar nicht, und was man für den Augenblick gerade haben wollte, war natürlich durchaus nicht zu finden. Mit sorgenvollen Blicken sahen wir von unserm Hügel aus auf die »Fram« hinunter, die sich in der engen Umarmung des Eises auf die Seite gelegt hatte. Wol keiner von uns hätte geglaubt, daß sie aus diesem Kampfe siegreich hervorgehen würde. Die Riesen, die sie angriffen, waren zu entsetzlich in ihrer Stärke. Sogar die Hunde begriffen, daß Gefahr im Anzuge war. Sie drängten sich um uns und folgten uns die ganze Zeit über dicht auf den Fersen. Bei dieser Gelegenheit bewies »Suggen«, wie schon erwähnt, ihr braves, aufopferndes Gemüth dadurch, daß sie unaufgefordert den Wachtposten bei unsern Sachen einnahm. Ja, es war ein schmerzlicher, aber zugleich auch ein imponirender Anblick, als unsere stolze »Fram« mit den Eismassen kämpfte, die sich mit Donnergepolter und oft geradezu mit Wuthgeheul über sie stürzten, um sie unter sich in der Tiefe zu begraben. Und sie selbst stöhnte, schrie und seufzte während des Ringens, versuchte gleichsam, sich aufzurichten und zu entfliehen, konnte aber nicht. Indeß sie zu zermalmen, dazu waren die wilden Mächte doch nicht im Stande. Als sie schließlich ihre Wuth ganz erschöpft hatten, lag unsere theure »Fram« vollständig unversehrt da. Mit ihrer Stärke war sie den heftigsten Angriffen der Eismassen gewachsen gewesen. Es war nicht anzunehmen, daß wir es mit einer noch ärgern Pressung als der, bei welcher sie eben ihre Kräfte erprobt hatte, zu thun bekommen könnten. Ja, die »Fram« war ein unvergleichliches Schiff, und nun hatte sie auch noch die – Eistaufe erhalten! Dies in Verbindung mit der am 6. Januar gemachten Beobachtung, aus der sich ergab, daß wir Lockwood's Weltrecord (83° 24') um 9 Minuten geschlagen hatten, belebte die Stimmung außerordentlich. Wir feierten den Tag und tranken ein Glas Punsch auf unser Wohl, sowie auf das der »Fram«. Als die Pressungen sich ganz gelegt hatten, wurde wieder an Bord gezogen. Sobald dies geschehen war, machten wir uns alle mit Kraft und Eifer daran, unsere liebe »Fram« aus der schauerlichen Umarmung der Eismassen zu befreien. Wir fielen die Eis- und Schneemächte mit Spießen und Hacken an, und ein paar Stunden darauf lag das Schiff wieder so frank und frei da wie vor dem Ansturm. Doch ganz sicher davor, daß nicht eine neue Pressung von gleicher oder gar noch größerer Gewalt eintreten würde, konnten wir nicht sein. Deshalb waren wir noch einige Zeit Tag und Nacht bereit, augenblicklich zu retiriren, sobald sich etwas ereignen sollte. Den ganzen Januar hindurch hatten wir prachtvolle Abende, die von Mondschein und spielenden Nordlichtern erhellt waren. Die letztern waren oft von geradezu berückender Pracht mit ihrem unaufhörlichen Wechsel in allen Farben des Regenbogens und dem flackernden, wilden Jagen, wobei sie bald in tiefem Karminroth, bald in blendendem Weiß oder Grün bis zum Zenith hinauffuhren, aufflammten, erloschen und sich von neuem entzündeten. Kein Maler, und wäre er der erste Künstler der Welt, wäre im Stande, auch nur eine annähernde Vorstellung von dem majestätischen Glanze und der Pracht dieses Luftschauspiels wiederzugeben. Die unerwartete Verwirrung, die die Eispressungen verursacht hatten, brachte uns in diesen Tagen übrigens recht viel Arbeit, bis an Bord wieder Ordnung hergestellt war. Dazu kam noch die Ausrüstung für Nansen's und Johansen's Expedition, die auch schon ziemlich nahe heranrückte. Alle Hände waren in dieser Zeit unausgesetzt in geschäftiger Thätigkeit, aber in der dunkeln Polarnacht mußten die verschiedenen Arbeiten manchmal im Rückstand bleiben, umsomehr als das elektrische Licht oft streikte und wir dann auf das angewiesen waren, was wir an Lampen besaßen. Und weder mit Lampen, noch mit Petroleum waren wir besonders gut versehen. Unsere Lampen waren von der allergewöhnlichsten Art, und was wir an Reservetheilen dazu besaßen, war nicht viel. Unsere Arbeitslampen waren zwei gewöhnliche Blechlampen, wie man sie in Haushaltungen benutzt; sie leuchteten schlecht und erloschen beim geringsten Luftzuge. Natürlich hielt uns dies bei der Arbeit nicht wenig auf, von dem vielen Aerger, den sie uns verursachten, gar nicht zu reden. Ob die schlechte Ausrüstung in dieser Beziehung freiwillig und absichtlich war, kann ich nicht sagen – Nansen hatte ja wie begreiflich Angst vor allem, was an Bord hätte Feuersgefahr verursachen können, was sich unter anderm auch in der strengen Verordnung zeigte, in den Kabinen kein Licht zu brennen. Aber auch trotz der Lampen muß Vorsicht zu beobachten möglich sein, und ich möchte allen künftigen Polarexpeditionen rathen, an der Ausrüstung mit Lampen und Lichtern nicht zu sparen, denn dort oben im Eise keine genügende Beleuchtung zu haben, ist eine unglaublich harte Entbehrung. Infolge der angestrengten Thätigkeit ging glücklicherweise die Zeit trotz der Dunkelheit und der damit verknüpften Unannehmlichkeiten schnell dahin, und an der Drift war ebenfalls nichts auszusetzen gewesen. Die Beobachtung vom 21. Januar ergab, daß wir uns auf 83º 42' nördlicher Breite befanden. Zugleich begann der Tag am südlichen Horizont zu dämmern, und wir freuten uns wie Kinder auf die Wiederkehr der Sonne. Nansen selbst war die ganze Zeit über durch die Prüfung der für die Expedition angefertigten Geräthschaften voll in Anspruch genommen; er mußte sich überzeugen, ob sie Fehler hatten, und mußte das Beste und Bequemste auswählen, so z. B. die Bekleidung. Um gleich herauszufinden, was für eine Fahrt wie die bevorstehende das Beste wäre, zogen er und Johansen am 12. Februar in Wolfsfellanzügen wieder auf das Eis hinaus und übernachteten dort in ihren Renthierschlafsäcken. Es zeigte sich, daß ihre Verkleidung noch nicht genügte, und den nächsten Tag zogen sie noch meinen Anzug von Fries unter das Wolfsfellgewand und machten die Schlafsäcke am Fußende dichter. Dies half. Es war Nansen's Wunsch, möglichst bald aufzubrechen, sobald es hier wieder Tag wurde. Die Geschäftigkeit nahm deshalb eher zu als ab, und er selbst gönnte sich weder die nöthige Ruhe beim Essen, noch den nächtlichen Schlaf. Die Zeit, die uns bei den vielen verschiedenen, bis tief in die Nacht dauernden Arbeiten übrigblieb, benutzten wir, unsere Briefe nach Hause zu Ende zu schreiben. Außer den Briefen hatte Nansen auch versprochen, von jedem von uns eine Photographie mitzunehmen, und außerdem schrieb jeder auf ein Blatt Papier eine telegraphische Depesche, die bei Nansen's und Johansen's Heimkehr an die angegebene Adresse befördert werden sollte. Denn, wie schon oben gesagt, zweifelte keiner von uns auch nur einen Augenblick, daß sie lange vor uns in Norwegen ankommen würden. Aber wie eifrig die Ausrüstung auch betrieben wurde, konnte die Expedition doch an dem anfänglich bestimmten Zeitpunkte nicht aufbrechen. Es ging sogar noch eine ganze Woche darüber hin; immer gab es etwas, was entweder vergessen war oder noch einmal gemacht werden mußte. Denn kein Mensch hat eine Ahnung davon, an welch eine unbeschreibliche Menge Dinge man bei einer solchen Gelegenheit denken muß. Von allem muß man etwas mitnehmen, aber des Gewichts wegen darf es auch nicht mehr als das Allernothwendigste sein. Das sahen wir am besten, als die Schlitten fertig bepackt waren. Eins der letzten Dinge, die wir für nothwendig fanden, waren – Hundeschuhe, damit sich die Thiere nicht die Fußsohlen zerschnitten und wundliefen. Wir machten ihnen Schuhe aus Renthierhaut, und allein schon durch diese Arbeit verspätete sich der Aufbruch wieder um einige Tage. Schließlich wurde der 25. Februar als der letzte Zeitpunkt für die Abreise festgesetzt. Am Abend vorher hielten wir ein Abschiedsgelage. Der Salon wurde dazu mit Fahnen und mit unserm Banner geschmückt. Viele herzliche Dankesworte für das Zusammenleben in den letzten eindreiviertel Jahren wurden gewechselt und das Abschiedslebehoch mit Wein ausgebracht, den Scott-Hansen bei dieser Gelegenheit spendirte. Zur Abreise kam es jedoch erst am 26. gegen 2 Uhr nachmittags. Nansen hielt beim Abschiede eine Rede, in der er Sverdrup das Kommando an Bord übertrug. Er dankte uns allen dafür, was wir, jeder auf seinem Gebiete und nach seinem Vermögen, für den Erfolg der Expedition geleistet hatten, und bat uns, auch in Zukunft unser Bestes thun zu wollen. Dann wurden die Hunde vor die Schlitten gespannt, und Sverdrup, Blessing, Mogstad, Scott-Hansen und Hendriksen begleiteten die Fortziehenden auf ihrem Wege. Sie hatten sich dazu mit Proviant auf zwei Tage ausgerüstet und ein Zelt sowie Schlafsäcke mitgenommen. Es war abgemacht worden, daß sie eine Tagereise weit mitgehen sollten. Nachdem der letzte Händedruck ausgetauscht war, setzte sich der Zug in Bewegung. Eine den Umständen nach prachtvolle Illumination, die wir aus diesem Anlaß sowol an Bord der »Fram« mit elektrischem Licht, wie auf den Eishügeln ringsum mit verschiedenen brennbaren Stoffen arrangirt hatten, erhellte den dunkeln Nachmittag in großartiger Weise. Von der Back herab donnerten vier Salutschüsse. Wir hatten die Kanonen tüchtig geladen, sodaß sie gewaltig dröhnten. Darauf folgte ein »Lebehoch!«, ein neunfaches Hurrah auf Nansen und Johansen und ein letztes Lebewohl! Das allerletzte Lebewohl wurde es aber doch nicht. Die Expedition war an diesem Tage noch nicht weit gekommen, als man auch schon die Entdeckung machte, daß die Schlitten viel zu schwer beladen waren. Es wurde also schnell wieder umgekehrt. Nun mußten noch zwei Schlitten angefertigt werden, auf die das Uebergewicht vertheilt werden sollte. Man hatte also wieder alle Hände voll zu thun und war erst am nächsten Tage gegen 11 Uhr so weit fertig, daß die Expedition wieder aufbrechen konnte. Als die Dunkelheit einbrach, zündeten wir auf den Eishügeln Holzstöße und auf dem Ausguck eine Bogenlampe an. Das elektrische Licht brannte stark und klar, und da es so hoch angebracht war, leuchtete es trotz der dicken Luft weithin und begleitete die Fortziehenden wie ein glänzender Abendstern – als Führer und als letzter Gruß. Am Nachmittag des folgenden Tages kamen die Kameraden, welche die Fortziehenden begleitet hatten, müde und naß wieder heim. Schon auf dieser verhältnißmäßig kurzen Strecke Weges war es ihnen klar geworden, daß Nansen und Johansen viele Hindernisse und viele und große Beschwerlichkeiten zu bekämpfen haben würden. Sie hatten aber auch die feste Ueberzeugung gewonnen, daß die beiden sicherlich so weit nach Norden vordringen würden, als es menschlicher Ausdauer und Willenskraft überhaupt möglich sein würde. Wie sah es jetzt aber an Bord der »Fram« nach all diesen Arbeiten aus! Wie in einem großen Hause am Umzugstage. Alle möglichen Gegenstände und Geräthschaften waren bunt durcheinander geworfen, und es gab wieder von neuem Arbeit, da Ordnung geschaffen und jedes Ding wieder an seinen Platz gebracht werden mußte. Etwas wurde uns schnell klar: daß die Ausrüstung für Nansen's und Johansen's Expedition in unsere Vorräthe an Materialien und Geräthschaften ein großes Loch gerissen hatte. Wären wir in diesem Augenblick gezwungen gewesen, unsere gute »Fram« zu verlassen, so hätte es für uns wahrscheinlich schlimm ausgesehen. Aber glücklicherweise drohte uns in dieser Beziehung jetzt gerade keine Gefahr. Alles, was wir an Schlitten und Kajaks besessen hatten, war mitgenommen worden; von Schneeschuhen hatte jeder nur noch ein einziges Paar, und das Allerschlimmste war, daß der Holzvorrath beinahe ganz draufgegangen war, sodaß wir wirklich nicht wußten, was wir zu neuen Schneeschuhen und Schlitten nehmen sollten. Der März kam, und am 2. fanden wir, daß wir nun auch den 84. Grad passirt hatten. Der Tag darauf war ein Sonntag. Es war im Salon und in den Kabinen wieder aufgeräumt und gemächlich. Wir hatten die Absicht, an diesem Tage ein Fest zu veranstalten, um sowol den 84. Grad, als auch das erste Wiedererscheinen der Sonne zu feiern. Am Vormittag saßen einige von uns im Salon und besprachen gerade die Aussichten für Nansen's und Johansen's Expedition – ein Thema, um das sich in diesen Tagen ja das ganze Interesse drehte –, da kam Petterson hereingestürmt und erzählte, daß er draußen auf dem Eise Hundegebell und eine menschliche Stimme gehört habe, die seiner Meinung nach der Stimme Nansen's ähnle. Diese Mittheilung trieb uns alle Hals über Kopf auf das Deck. Ich ergriff den Feldstecher und kletterte in die Tonne. Von hier aus sah ich sofort jenseits eines Eishügels einen Mann, der hin- und herging, als wenn er nach einem Uebergange suchte. Nansen oder Johansen mußte es sein, darüber konnte kein Zweifel herrschen, aber welcher von ihnen? Und die Ursache der Rückkehr? Sollte der eine verunglückt sein, da der andere allein zurückkam? Wir eilten dem Herankommenden inzwischen so schnell wie möglich entgegen, schon allein um, wenn nöthig, dem andern Hülfe leisten zu können. Der Heimkehrende war Nansen selbst. Er kam mit acht Hunden und einem beladenen Schlitten. Wir erhielten sogleich die freudige Nachricht, daß Johansen nichts zugestoßen war. Seine Wiederkehr war durch die in den verflossenen Tagen gemachte Erfahrung veranlaßt worden, daß die Kälte noch zu streng war, sie zu viel Schlitten hatten und ihr Gepäck noch immer zu schwer war. Weil es aus diesem Grunde mit dem Marsch der übrigen Karawane über das unebene Eis zu langsam ging, hatte sich Nansen mit seinen acht Hunden vorausbegeben, um schneller das Schiff erreichen und Johansen Entsatz bringen zu können. Dieser sollte inzwischen mit den übrigen Hunden still liegen bleiben und ihn erwarten. Die Zeit war schon zu weit vorgeschritten, als daß an diesem Tage noch etwas zu diesem Zwecke hätte unternommen werden können, weshalb es bis zum nächsten Morgen aufgeschoben wurde. Aber mit dem Gedanken, daß, während wir hier an Bord ein Fest feierten, unser lieber Kamerad allein, ohne andere Gesellschaft als eine Schar freßgieriger Hunde, draußen auf dem Eise bleiben sollte, konnten wir uns denn doch nicht recht befreunden. Deshalb baten Scott-Hansen und ich um Erlaubniß, uns beide zu ihm begeben und ihm den Abend und die Nacht hindurch Gesellschaft leisten zu dürfen, bis die andern den Tag darauf nachkämen. Damit wir es uns draußen gemüthlich machen könnten, nahmen wir Pfeifen, Taback und Spiritus zu einem Schlummergrog mit und machten uns mit denselben Hunden, mit denen Nansen gekommen war, auf den Weg. Da die Hunde ihren eigenen, noch ganz frischen Spuren folgten, war der Weg sehr leicht zu finden, und früher, als wir es nach Nansen's Beschreibung erwartet hatten, erblickten wir das Zelt, um so früher, als Johansen nicht still liegen geblieben war, sondern gedacht hatte: »Die Reise, die ich heute mache, spare ich mir morgen.« Sobald unsere Schlittenhunde ihre Kameraden erblickten, eilten sie in so wildem Laufe dahin, daß wir in vollem Galop vor Johansen's Zelt eintrafen. Er hatte gerade das Lager aufgeschlagen und das Zelt aufgestellt, als wir ankamen. Auf beiden Seiten gab es ein freudiges Wiedersehen, und er dankte uns gerührt für diesen Beweis kameradschaftlicher Aufmerksamkeit. Ich will dieses Kapitel mit einer kurzen Schilderung des abendlichen und nächtlichen Aufenthalts draußen auf dem Polareise bei unserm Freunde Johansen abschließen, weil wir dadurch einen ziemlich guten Eindruck von einigen der Widerwärtigkeiten erhalten haben, in die eine solche Schlittenexpedition sich mit Geduld finden muß. Abends sollte, nachdem wir drinnen im Zelt ausgepackt hatten, Chocolade gekocht werden. Scott-Hansen holte Süßwassereis, und ich sollte den »Primus« anzünden. Das war jedoch leichter gesagt als gethan, denn als ich Petroleum in den Behälter gießen wollte, stellte sich heraus, daß das Erdöl durch und durch gefroren war. Wir mußten nun die Kanne so lange zwischen den Händen wärmen, bis das Petroleum so weit aufthaute, daß es etwas flüssig war. Dies war eine langweilige, kalte Arbeit; nur hin und wieder kam das Oel in dicken Tropfen aus der Kanne, und wir mußten einander ablösen, damit wir nicht die Finger erfroren. Wie Johansen damit allein hätte fertig werden können, ist mir unbegreiflich. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er hätte schlafen gehen müssen, ohne etwas Warmes in den Leib bekommen zu haben. Endlich gewannen wir mit vereinten Anstrengungen doch so viel Oel für den »Primus«, daß er brannte. Der Kessel wurde aufgesetzt, Eis und Chocolade in Stücke gehackt und hineingeworfen. Das ganze Zelt hatte sich bald so mit Dampf und Rauch vom Apparat gefüllt, daß wir einander gar nicht mehr sehen konnten und nur noch unsere Stimmen hörten. Während wir darauf warteten, bis es im Kessel kochte, vertrieben wir uns die Zeit mit munterm Geplauder, als plötzlich einer von uns entdeckte, daß der Fußboden des Zeltes braun wurde. O weh! Der Kessel hatte im Boden ein Loch, und sowie die schöne Mischung von Eis und Chocolade schmolz, lief sie aus. Wir retteten, was sich retten ließ; es blieb nur gerade so viel, daß jeder von uns einen kleinen Schluck bekam. Dazu hartes Brot und steifgefrorene Butter, die wie ein Pistolenschuß zwischen den Zähnen knallte, wenn wir davon abbissen. Aber die gute Laune wurde dadurch nicht gestört, und als wir nachher Grogwasser kochen wollten und keinen Kessel mehr zur Verfügung hatten, wußten wir doch Rath und nahmen einen Blechdeckel dazu. Es erforderte lange Zeit, da wir den Proceß mehrere male wiederholen mußten, und wir erhielten auf diese Weise viele, aber kleine Gläser Grog, die von ebenso vielen Reden begleitet wurden. Dann sagten wir uns »Gute Nacht!« Scott-Hansen und Johansen krochen in den doppelten Schlafsack und ich in den einfachen. Und so sollten wir denn bei 40° Kälte schlafen. Doch mit dem Schlafe war es, was wenigstens mich betrifft, nur »soso, lala«. Ich war augenscheinlich noch nicht daran gewöhnt; schloß ich die Klappe des Sackes, so glaubte ich ersticken zu müssen, und öffnete ich sie, so schnitt mir die Kälte durch Mark und Bein. Ich fiel höchstens hin und wieder in eine Art Halbschlaf. Am nächsten Morgen, als wir gegen 9 Uhr aus unsern Säcken krochen, hatten wir dieselbe Mühe wie am Abend vorher, ehe wir etwas Warmes zum Frühstück bekamen. Dann wurde das Lager abgebrochen, das Gepäck geordnet, auf unsere Schlitten vertheilt und die Hunde vorgespannt. Wir wollten gerade aufbrechen, als wir in der Ferne drei Schneeschuhläufer erblickten. Es waren Nansen, Sverdrup und Hendriken. Bald ging es mit ihnen zusammen in sausender Fahrt nach der »Fram« zurück. An mehrern Stellen mußten wir auf Eisschollen über offene Rinnen fahren. Die Hunde waren so begierig, wieder nach dem Schiffe zu kommen, daß sie, ehe man es sich dessen versah, unbedacht darauf losstürmten und ins Wasser fielen. Doch trotz alledem langten wir endlich wohlbehalten an und waren nachmittags um 3 Uhr wieder an Bord. Man kann mir glauben, wir freuten uns ebenso sehr wie die Hunde, eine ordentliche Portion Essen zu erhalten und dann »alle Viere« von uns strecken zu können. Wir gingen früh zur Ruhe; ich schlief wie ein Sack, und ich glaube, die andern machten es ebenso. Denn es war wirklich eine recht anstrengende Partie gewesen. Erst nach drei Tagen froren die Rinnen so zu, daß wir das Gepäck holen konnten. Dies war also Nansen's und Johansen's zweiter Versuch, bevor sie zum dritten mal und dann im Ernst auf ihre lange abenteuerliche Fahrt auszogen. Achtes Kapitel. Vom Abschied bis zum Johannistag 1895. Aller guten Dinge sind drei, heißt es. Einem so willensstarken und auf die Erreichung des Zieles, das er sich gesetzt, so sehr bedachten Charakter wie Nansen waren die beiden mißglückten Versuche nur eine Erfahrung mehr, die er sich für seine Polarexpedition zunutze machen konnte. Besonders der letzte Versuch hatte ihn gelehrt, daß eine Schlittenreise über das Polareis mit dem Nordpol als Ziel – wenn man soweit kam – eine Expedition ganz anderer Art war als die, welche er und Sverdrup mit einigen Kameraden seinerzeit über das grönländische Inlandeis gemacht hatten. Die vielen Eishügel und Rücken legten ihnen hier tausend Hindernisse in den Weg, und das Allerschlimmste waren vielleicht die großen Rinnen, die sich im Handumdrehen gähnend öffneten und die Reisenden zwangen, zeitraubende Umwege zu machen, um sie zu umgehen und weiterzukommen. Nansen hatte jetzt durch praktische Erfahrung gelernt, daß es hauptsächlich darauf ankam, die Menge und das Gewicht des Gepäcks auf ein Minimum zu beschränken, dabei aber doch genügend Vorrath für die Zeit mitzunehmen, die seiner Berechnung nach erforderlich war, um, wenn möglich, den Pol und von dort Franz-Joseph-Land zu erreichen. Und mit seiner gewohnten Energie machte er sich augenblicklich an die hierauf bezüglichen Berechnungen sowie an die Bestimmung des Nahrungswerthes der verschiedenen Nährstoffe. Hieran arbeitete er unermüdlich, Tag und Nacht, bis er mit allem im Reinen war. Auch wir andern hatten mit den Vorbereitungen zur neuen Expedition an allen Ecken und Enden zu thun. Die Schlitten sollten stärker gemacht und in Betreff der Bekleidung allerlei Aenderungen vorgenommen werden. Namentlich die Wolfsfellanzüge hatten sich für die Nacht nicht bewährt, da sie den Tag über in der Luft steiffroren, hart wurden und sich mit Reif überzogen. Statt ihrer nähten wir Nachtkleider von Decken. Es wurde nun bestimmt, daß die Expedition ungefähr Mitte März aufbrechen sollte. Die Anzahl der Schlitten wurde im ganzen auf drei mit 28 Hunden herabgesetzt. Nach der neuen Berechnung mußten sie mit dieser Ausrüstung täglich mindestens 15 Kilometer ohne Ueberanstrengung zurücklegen können; die mitgenommenen Lebensmittel reichten der Annahme nach mindestens 100 Tage und wenn sich die Gelegenheit bot, Bären und Seehunde zu schießen, noch länger. Das Gesammtgewicht alles dessen, was sie, gleichmäßig auf drei Schlitten vertheilt, mitnahmen, betrug 660 Kilogramm. Am Morgen des 14. März sollte die Expedition sich endlich auf den Weg machen. Den Abend vorher verbrachten wir bei einer dampfenden Bowle »Fram-Punsch« in gemüthlichem Geplauder. Wir andern waren recht wehmüthig gestimmt; die Heitersten in der ganzen Gesellschaft waren unbedingt die beiden, die uns nun endgültig Lebewohl zu sagen gedachten. Beide, Nansen und Johansen, sprachen wiederholt, bald ernsthaft, bald scherzend, von der verflossenen Zeit, sowie von dem, was die Zukunft in ihrem Schose tragen mochte. Der Morgen brach mit schönem Wetter und 32° Kälte an. Es war ursprünglich bestimmt worden, daß Scott-Hansen, Hendriksen, Mogstad, Petterson und ich die Fortziehenden geleiten sollten, und ebenso wollte Kapitän Sverdrup noch ein Stück Wegs mit ihnen gehen. So große Lust ich auch dazu hatte, gab ich es indeß doch freiwillig auf, weil der, welcher an diesem Tage die Küche zu besorgen hatte, sich darüber beklagte, daß er dann ohne Hülfe bliebe. Hätte ich dies nicht gethan, so wäre ich vielleicht von dem Andenken an die Abreise der Expedition, das ich erhielt, verschont geblieben. Dann würde ich vermuthlich genug damit zu thun gehabt haben, mein eigenes Bündel für die Tour zu schnüren; ich und die vier andern sollten nämlich die erste Nacht in Johansen's und Nansen's Gesellschaft zubringen und ich hätte daher die Wolfsfellanzüge, Zelt, Kochapparat und Proviant auf dem Rücken tragen müssen. Dagegen mußte ich jetzt die Hunde vor die Schlitten spannen helfen und bei dieser Gelegenheit wurde mir das Andenken an die Expedition in der eigentlichsten Bedeutung des Wortes »ins Fleisch eingeprägt«. Unter den Hunden war ein kleiner Satan, der seines schmächtigen Körperbaues wegen den Namen »Barnet« (»das Kind«) erhalten hatte. Er war scharfsinnig, voll Eifer und aufmerksam, von schwächerm Bau als alle andern, verstand es aber doch vorzüglich, sich vor ihnen zu schützen. Der lebhafte kleine Kerl beehrte mich mit seinem Hasse – weshalb, weiß ich nicht, denn ebenso wie ich selbst die Hunde liebte, hingen sie sonst auch an mir –, und dieser Antipathie gegen mich verlieh er jetzt in der Abschiedsstunde »fühlbaren« Ausdruck, indem er mich in dem Augenblick, da ich ihn vor seinen Schlitten spannen wollte, mit seinen scharfen Zähnen durch meine Wolfsfellbeinkleider hindurch tief in die Lende biß. Der Biß war durchaus nicht unbedeutend, und man sah deutlich, daß er mir »von Herzen« zugedacht gewesen, aber unter Dr. Blessing's Behandlung wurde er doch bald wieder geheilt. Endlich war die Karawane fertig und unter Kanonenschüssen, Hurrahrufen und einem »Es lebe Nansen und Johansen!« setzte sie sich in Bewegung und verschwand allmählich in der Ferne. Diesmal sollten wir unsern Führer und unsern Kameraden nicht vor der so merkwürdigen gleichzeitigen Heimkehr ins Vaterland wiedersehen. Diejenigen, welche Nansen und Johansen ein Stück Wegs begleitet hatten, trafen am folgenden Tage wieder an Bord ein. Sie hatten nur Gutes und Ermuthigendes zu berichten. Das Umpacken der Schlitten war entschieden eine glückliche Idee gewesen und, soweit sie mitgegangen und hatten sehen können, hatte auch das Eis keine nennenswerthen Hindernisse geboten. Die Reise war also bisjetzt gut verlaufen, und die erste Nacht draußen auf freiem Eise hatte gezeigt, daß die Ausrüstung gegen die Kälte den angestellten Berechnungen entsprach. Außerdem ging es ja dem Sommer entgegen, und die Temperatur mußte in dem Maße zunehmen, wie die Sonne am Himmel höher stieg, sodaß wir in dieser Hinsicht unserer Kameraden wegen ziemlich ruhig sein durften. Nun aber mußten wir auch an uns selbst denken. Es ist schon oben erwähnt worden, daß unsere verschiedenen Vorräthe durch die Ausrüstung der Schlittenexpedition Nansen's nicht wenig mitgenommen waren, und von den ausgewachsenen Hunden war uns nur noch eine einzige Hündin geblieben. Von Schlitten und Kajaks hatten wir, wie gesagt, gar nichts mehr und nur sehr wenig Holzmaterial zur Herstellung neuer. Nach langem Hinundherüberlegen mußten wir später eines der Schiffsboote hierzu auseinandernehmen. Unsere erste Arbeit war, einen Vorrath von Proviant und Kleidern auf das Eis zu bringen für den nicht unmöglichen Fall, daß wir das Schiff in aller Hast verlassen müßten. Dann machten wir uns daran, die Ueberbleibsel der Schnee- und Eismassen hinwegzuräumen, die sich bei der letzten heftigen Pressung an der Backbordseite aufgethürmt hatten. Sowie dies besorgt war, kam die Reihe an unsere Kleidungsstücke, die nachgesehen, gewaschen und gestopft werden mußten, was im höchsten Grade nöthig war, da die vielen andern eiligen Beschäftigungen uns nun schon solange von dieser nicht so unwichtigen Arbeit abgehalten hatten. Mehrere Tage hindurch war jeder von uns seine eigene Waschfrau, sein Schuster und sein Flickschneider. Ich will nicht behaupten, daß das, was wir in dieser Hinsicht lieferten, gerade Primaarbeit war, aber es mag wol sein, daß mancher daheim, Mann oder Frau, gar nicht schlecht dabei gefahren wäre, wenn er zugesehen hätte, wie man alles bis aufs äußerste benutzen, wie man wenden, sparen und sich zu helfen wissen kann, wenn die Noth es erfordert. Die Hosen, in denen wir gingen, würden auf der Karl-Johann-Promenade zweifellos Aufsehen erregt haben, wenn auch nicht um ihrer Eleganz willen. Wir mußten, wie es sich gerade traf, neue Vordertheile einsetzen und mit neuem Zeuge flicken und stücken, wozu wir ohne Rücksicht auf die Farbe nehmen mußten, was wir hatten. Meistens war es ja Grau und Braun, sodaß wir bald mehr Leibeigenen als freien Männern glichen. Unsere Handschuhe hätte man sehen sollen! Wir stopften und flickten sie, solange noch eine Möglichkeit vorhanden war, daß eine Naht hielt. Dann trennten wir die Flicken wieder ab und zogen ein Paar neue Handschuhe über die alten Lumpen, solange wir welche hatten. Und zuletzt bestand unsere Handbekleidung nur noch aus mehrern übereinandergezogenen Lumpenschichten. Es ist dies ja leicht begreiflich, da die Arbeit draußen auf dem Eise Handschuhen wie Fußbekleidung übel mitspielte. Ja, ja, die Fußbekleidung! Ihr hättet unsere Strümpfe sehen sollen; zuletzt war es absolut unmöglich, herauszufinden, von welcher Sorte Garn sie gestrickt waren. Allerdings stand es, genau genommen, nicht so, daß wir durchaus hätten so gekleidet gehen müssen, denn wir hatten ja noch einen Vorrath neuer Sachen in Reserve. Doch da dieser im Verhältniß zu der Zeit, auf die wir uns gefaßt machen mußten, hier im Eise zu liegen, nicht groß genug schien, mußten wir als verständige Haushälter auch an die Zukunft denken und uns danach einrichten. Obgleich der Wind den ganzen Monat März hindurch günstig war, blieb die Drift seltsamerweise ziemlich unbedeutend. Eine Beobachtung ergab nur wenige Minuten Unterschied gegen die vorhergehende. Die Erklärung des Räthsels war natürlich, daß es weiter nördlich in dem großen Polarbecken aus einer andern Richtung wehte, sodaß es war, wie wenn zwei Kräfte von verschiedenen Richtungen zugleich auf das Eis einwirkten. Es ließ sich also erklären, wenn es auch just nicht besonders ermuthigend war. Trotz alledem nahmen wir es verhältnißmäßig ruhig, merkwürdigerweise viel resignirter auf, als wir es das Jahr vorher gethan haben würden. Wir hatten damals eben weniger Erfahrung und machten größere Ansprüche, litten dafür aber auch mehr unter den Enttäuschungen. Jetzt hatten wir es begriffen, daß wir nicht so fest auf unsere Wahrscheinlichkeitsrechnungen bauen durften; wir waren ihnen gegenüber skeptischer geworden. Wenn es sich einmal ereignete, daß sie auch nur annähernd in Erfüllung gingen, empfanden wir es als freudige Ueberraschung. Das Resultat unserer Drift während des ganzen Monats März betrug 12' nach Norden. Es war nicht viel, aber doch immer besser als gar nichts. Am 2. April sagte uns der Winter endlich für diesmal endgültig Lebewohl. Da sahen wir nämlich die Mitternachtsonne wieder. Wie es uns den Sinn erhob, sie willkommen heißen zu können! Wir freuten uns wie Kinder. Wir trällerten und tanzten, wo wir gingen und standen, und Amundsen, der als Hoforganist an Bord fungirte, »leierte« in seiner überströmenden Freude alle die Melodien herunter, mit denen unsere Orgel versehen war. Im übrigen ging es jetzt wie früher mit der Laune auf und nieder. Es war ein Glück, daß die Melancholie, wenn sie sich einstellte, uns nicht alle gleichzeitig, jedenfalls nicht mit gleicher Heftigkeit befiel. Wenn nun die, welche bei verhältnißmäßig heiterer Laune und gutem Muthe waren, sahen, daß es mit einem oder mehrern Kameraden einen Tag schlimm stand, so fiel ihnen damit die Aufgabe zu, sozusagen die Rolle David's vor Saul zu spielen, sie soviel wie möglich aufzuheitern und ihre Gedanken auf Dinge zu lenken, die sie sonst zu zerstreuen oder zu interessiren pflegten. Und da wir überreichlich Zeit gehabt hatten, gegenseitig unsere Eigenschaften, Eigenheiten und speziellen Interessen gründlich zu studiren, wußten wir auch stets so ungefähr wenigstens, wie wir die Sache angreifen sollten. Meistens verliefen denn auch diese Launenkuren glücklich, aber es kam allerdings gelegentlich auch vor, daß der Trübsinn diesen und jenen so fest gepackt hatte, daß man die Heilung der Zeit und der eigenen geistigen Widerstandsfähigkeit des Kranken überlassen mußte. Auf Grund meiner Erfahrungen von unserm dreijährigen Aufenthalt, während dessen wir so weit von der civilisirten Welt entfernt waren, unter Naturverhältnissen wie die dort oben, und die trostlose Einsamkeit der Eiswüste beständig vor Augen, kann ich im großen und ganzen nur sagen, daß wer eine Nordpolfahrt mitmachen will, sich vorher genau prüfen muß, wie groß sein Vorrath an Charakterstärke, Geduld und heiterm Sinn ist. Gebricht es ihm an einer dieser Eigenschaften, so bleibe er lieber zu Hause, wie sehr er sich auch sonst vielleicht für die Fahrt eignen möge. Diese Wahrheit fühlten wir schon jetzt alle miteinander, obgleich wir alle mit Recht sagen konnten, daß wir uns bisher gut gehalten. Aber wir wußten auch, daß noch eine Winternacht kommen und einen dritten, schlimmern, wenn auch hoffentlich letzten Sturmangriff auf uns machen würde. Und erst dann hatte unsere Veranlagung in den erwähnten Punkten ihre eigentliche Feuerprobe zu bestehen. Derjenige von uns, welcher gewöhnlich zur fidelsten Medizin gegen den Trübsinn griff und dem sie sich als ein wahres »Lebenselixir« der Seele erwies, war unser Freund, der Maschinist und Organist Amundsen. Er griff zur Orgel. Sie war so eingerichtet, daß man darauf wie auf einem gewöhnlichen Harmonium spielen konnte, und hatte Tasten und Pedale. Zugleich konnte sie aber auch als Leierkasten benutzt werden und besaß ein großes Repertoire an Notenscheiben mit ernsten und lustigen Musiknummern. Amundsen hielt sich an die Drehorgel und »drehte« allen möglichen Trübsinn aus sich selbst hinaus – und uns aus dem Salon! Setzte er sich erst an die Drehorgel, so gab er sich in der Regel nicht eher zufrieden, als bis er das ganze Repertoire von Anfang bis zu Ende abgeleiert hatte. Das war auf die Dauer einfach nicht auszuhalten: wir mußten uns verziehen. Als Leierkastenmann in einer Menagerie oder bei einem Caroussel wäre er unbezahlbar gewesen: Er freute sich selbst ganz unbändig über den herrlichen Klang der Töne, legte aber gar keinen Werth auf Publikum. Denn wenn er es endlich erreicht hatte, uns alle zum Salon hinauszuspielen, war er in seiner allerstrahlendsten Laune. Die Sonne stieg nun von Tag zu Tag höher am Himmel hinauf, und die Kälte nahm ab. Freilich zeigte das Thermometer noch unter 20°, aber wir konnten doch an vielem deutlich merken, daß es Frühling wurde. Alle Arbeit, die im Laufe des Winters der Kälte wegen im Salon hatte ausgeführt werden müssen, wurde nun in den Schiffsraum verlegt. Oben auf Deck wurde der Schnee von der Kajüte und dem Oberlicht entfernt, und bald hatten wir wieder Sonnenlicht, das herrliche, aufmunternde Sonnenlicht, bei uns im Salon, in den Kabinen und in der Küche. Ich habe schon erwähnt, daß es mit dem Material für Schneeschuhe, Schlitten und Kajaks schlecht aussah; wir mußten uns jedoch auf irgendeine Weise mit diesen Dingen versehen, für den Fall, daß auch wir gezwungen waren, die »Fram« zu verlassen und über das Eis heimwärts zu ziehen. Unser einziges brauchbares Material bestand aus einigen runden Eichenstämmen. Aber nun fehlte es wieder an einer Säge. Amundsen und Petterson wurden daher in ihrer Eigenschaft als Mechaniker beauftragt, eine Säge anzufertigen. Mehrere Tage quälten sie sich, von Hendriksen und Mogstad unterstützt, mit dieser gar nicht so leichten Aufgabe ab. Endlich gelang es ihnen, ein brauchbares Sägeblatt herzustellen und ein Sägewerk auf dem Eise einzurichten, wo sie dann allmählich anfingen, sich durch das Holz hindurch zu »nagen« und zu »knarren«. Unterdessen besorgen wir andern unsere Arbeiten. Sverdrup hat Nansen's Schreibmaschine geputzt, Scott-Hansen und Blessing sind mit den wissenschaftlichen Experimenten beschäftigt, und ich habe als »Freiezeitarbeit« neben meinen täglichen Pflichten Photographierahmen für die Bilder meiner Lieben daheim gemacht. Am 25. April erlebten wir eine Enttäuschung. Da brachte die Hündin »Susine« volle elf Junge zur Welt – für jeden von uns auf der »Fram« Zurückgebliebenen eines. Leider aber hatte die Hündin ihre Hütte auf Deck, und dort ging die Geburt in der ziemlich strengen Kälte mitten in der Nacht vor sich. Als wir am Morgen dazukamen, waren schon acht Junge todt und nur noch drei am Leben. Diese brachten wir sofort mit der Mutter in den Salon, wo sie es warm und gut hatten und sich bald erholten. Es war aber ein verwünschtes Pech und machte uns wirklich verdrießlich, denn wir hätten so ausgezeichnete Verwendung für alle Elf als Zughunde gehabt, wenn wir die »Fram« einmal hätten verlassen müssen. Die Tage gehen dahin, und wieder steht der 17. Mai vor der Thür. Es ist merkwürdig! Während andere Festtage, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, unsere eigenen Geburtstage oder die unserer Lieben daheim, uns eher mit Wehmuth und Trübsinn als mit Festesfreude erfüllten, hatte der 17. Mai auch in diesem Jahre wieder die gerade entgegengesetzte Wirkung auf uns. Woher kam dies? Ist die Vaterlandsliebe und Freiheitsfreude in der Brust eines jeden guten, ehrlichen Menschen ein so starkes, glühendes Gefühl, daß es wie die Sonne die Macht hat, auch die dunkelsten Wolken zu zertheilen? Der Gedanke, daß daheim jetzt tausend und abertausend Fahnen gehißt wurden, die Nationalhymne über Berg und Thal, Land und Strand, Dorf und Stadt klang, daß sie von Alt und Jung, Arm und Reich gesungen wurde, war so weit davon entfernt, niederdrückend auf uns zu wirken, daß wir im Gegentheil schon eine geraume Zeit, ehe der große Tag anbrach, eifrig damit beschäftigt waren, herauszufinden, wie wir diesen Tag auf unserm hohen Breitengrade am würdigsten und imponirendsten feiern könnten. Deshalb sah man jetzt an Bord nur frohe, eifrige Gesichter. Ein Festcomite wurde gewählt und folgendes Programm für die Feier ausgearbeitet und angenommen: »Morgens 8 Uhr Wecken durch Orgelmusik und 1 – ein – Schuß der Salutbatterie. »Um 11 Uhr Zug mit Fahnen vom Schiffe nach dem nächsten Eishügel und wieder zurück. Sämtliche Theilnehmer müssen sich mit ihren respectiven Fahnen und Abzeichen einstellen. Beim Auflösen des Zuges Salut von der Batterie. »Um 1 Uhr Festmahl mit Reden zu Ehren des Tages und Tafelmusik. »Um 4 Uhr Preisschießen, sodann Sportbelustigungen und gymnastische Productionen. »Abends gesellige Zusammenkunft mit Punschbowle, Violinspiel und Reden.« Ein so großartiges Programm verdiente, Glück zu haben, und hatte es auch. Der Freiheitstag brach mit herrlichem Sonnenschein bei nur 14° Kälte an. Das Festcomité stand früh auf, um noch im Salon wie im Freien die letzte Hand an die getroffenen Arrangements zu legen, und zur bestimmten Zeit setzte der »Siebzehnte-Mai-Festzug« sich in Bewegung. Kapitän Sverdrup marschirte mit einer großen norwegischen Fahne an der Spitze, dann kam Scott-Hansen mit der Standarte der »Fram«. Mogstad saß stolz auf einer von einem Bärenfelle bedeckten Kiste auf einem Schlitten, der von den sieben ältesten der jungen Hunde gezogen wurde; vor sich hatte er eine Fahne, Scott-Hansen's Banner, aufgepflanzt, die aus zwei rothen Taschentüchern zusammengenäht worden war und auf der wieder auf Papier auf blau und weißem Grunde ein »Horizont«, ein Sextant, ein Kompaß und eine Quecksilberflasche kunstvoll abgebildet waren. Ihm folgte Jacobsen mit seiner ebenfalls rothen Fahne, auf die ein in Messing gepreßter Löwe mit einer Axt in den Pranken genäht war. Amundsen und ich führten unser »Bezirksbanner«, ich war außerdem mit Gewehr und Säbelbajonnet auf dem Schneeschuhstocke bewaffnet. Dann kam Petterson mit der Fahne der Mechaniker, die als Emblem einen Kugelregulator zeigte. Den Zug schlossen Blessing mit seinem photographischen Apparate und Bentsen, der mit seiner Harmonika das Lied »Ja, wir lieben dieses Land« kräftig und begeistert über die Eisfelder der Polarwüste erschallen ließ. Oben auf dem Eishügel wurden sämmtliche Fahnen aufgepflanzt, und in einigen herzlichen Worten mit einem dreifachen Hurrah des Vaterlandes gedacht, worauf uns Messing in diesem feierlichen Augenblick alle zusammen aufnahm. Darauf zogen wir wieder nach der »Fram«, wo wir von neuem photographirt wurden und dann ein vierfaches Hurrah für Nansen und Johansen ausbrachten, mit dem herzlichen Wunsche, daß sie, wo sie jetzt auch seien, Glück und Erfolg haben möchten. Um 12 Uhr dröhnte der Salut zu Ehren des Tages in zehn gewaltigen Schüssen aus den Kanonen der »Fram«. Dann gingen wir für eine Stunde an Bord, um das Festmahl einzunehmen, das sich wahrhaftig auch nicht zu schämen brauchte. Es gab Makrelen, Zunge, kleine Würste mit Blumenkohl, Reis mit Eingemachtem, Milch und für jeden eine halbe Flasche Malzextract. Außerdem überraschte uns Dr. Blessing beim Essen noch mit einem echten, veritabeln norwegischen Schnaps, indem er unter allgemeinem Jubel eine ganze Flasche zehn Jahre alten Kornbranntwein auf den Tisch stellte. Dies erhöhte die Feststimmung unbeschreiblich und löste in demselben Grade die Zungenbänder. Des Vaterlandes, der Familie, der Freunde und Bekannten wurde durch die Bank gedacht und bei jedem irgendwie officiellen Toaste mit zwei Schüssen salutirt. Es ging in der That sehr hoch her! Nach Tisch Kaffee mit einer Cigarre und dann ein Mittagsschläfchen. Um 4 Uhr fing das »Volksfest« mit Preisschießen, Seiltanzen auf einem straff gespannten Seile u. dgl. an. Für das Schießen waren nicht weniger als sechs verschiedene Preise, für das Schwungbrettspringen vier, sowie ein aus 15 Mandeln Eier bestehender »Damenpokal« und schließlich für die besten Leistungen auf dem gespannten Seil drei Preise ausgesetzt worden. Die Hauptpreise bestanden aus Champagner und Cognak mit zwei und drei Sternen. »Hattet ihr denn solch feine Waaren an Bord?« wird man mich fragen. Darauf kann ich ruhig mit »Nein« antworten. Die Preise waren alle miteinander »Wechsel auf unbestimmte Sicht«. Sie sollten nämlich erst bei der Ankunft in Norwegen eingelöst werden. Nun ja, »Versprechen ist ehrlich, Halten beschwerlich«, wie geschrieben steht. Als wir erst wieder in einen norwegischen Hafen eingelaufen waren, hatten wir alle wahrhaftig an anderes zu denken, und sowol die Preisgewinner wie die andern erhielten übrigens so oft und so reichlich Champagner und Cognak, daß gewiß keiner daran dachte, seine Forderungen in Erinnerung zu bringen. Doch wieder zurück zu dem 17. Mai und unserm Volksfeste. Das Schießen verlief ausgezeichnet. Mogstad war so glücklich, den ersten Preis, zwei Flaschen Champagner, zu gewinnen, und Sverdrup erhielt den zweiten. Ein bescheidener 5. Preis, aus einer Flasche »Zukunfts-Cognak« bestehend, fiel auf mich. Das Hauptvergnügen des ganzen Volksfestes war jedoch unstreitig das Seiltanzen. Von der Vorderschanze der »Fram« bis zu einem in einiger Entfernung vom Schiffe auf dem Eise aufgestellten Bocke war ein Tau gespannt und mit einem Eisanker weiter hinten über einer doppelten Talje festgemacht worden, die uns erlaubte, das Seil nach Belieben straff zu ziehen. Als Balancirstange gebrauchten die Herren Seiltänzer ein zweiblättriges Ruder, und nun ging es los, vom Vorderdeck der »Fram« bis zum Bocke. Bei den meisten war es wirklich ein Schauspiel für Götter. Was sie auch in ihrer Jugend gelernt haben mochten, Aequilibristik war offenbar nicht darunter gewesen. Wenn sie zum größten Spaße der andern die tollsten Wendungen und Drehungen gemacht und mit den Füßen nach allen vier Enden der Welt ausgeschlagen hatten, um dann schließlich, pardautz, auf ihr Hinterende zu fallen, gab es allemal ein brüllendes Gelächter. Alle waren jedoch nicht gleich klotzig, Mogstad und Jacobsen, die den zweiten und dritten Preis eroberten, konnten sogar für ganz respectabel gelten, und der Gewinner des ersten Preises, Kapitän Sverdrup, legte eine solche Sicherheit an den Tag, daß man hätte glauben können, er sei früher als Seiltänzer aufgetreten. Er balancirte über das ganze Seil mit einer Eleganz, die allgemeine Bewunderung erweckte. Leider sollte dieses so nett begonnene »Maifest« für mich persönlich ein nichts weniger als angenehmes Ende nehmen. Als wir zur nächsten Nummer des Programms, dem Schwungbrettspringen, übergingen, sollte ich starten, hatte aber das Unglück, auszugleiten und mir die rechte Hüfte ganz abscheulich zu verrenken. Um den andern nicht das Vergnügen zu stören, blieb ich sitzen und sah zu, doch als wir uns wieder an Bord begaben, mußte ich gestützt werden. Ebenso mußte ich beim Zubettgehen Hülfe haben, und am andern Tag war die Hüfte steif und schmerzte sehr. Nach einigen Tagen war ich einigermaßen hergestellt, sodaß ich unter Beobachtung einiger Vorsicht meinen täglichen Pflichten wieder genügen konnte. Von diesem Vorfall abgesehen, verlief unser Fest durchaus vorzüglich. Abends wurden die Namen der verschiedenen Preisträger unter vielem Jubel und großer Heiterkeit am Punschtische vorgelesen. Toaste, Gesang, Violinspiel und Drehorgelmusik wechselten bis 2 Uhr morgens miteinander ab, und alle waren einig, daß dieses Maifest im höchsten Grade dazu beigetragen habe, uns aufzufrischen und den Trübsinn zu verscheuchen, der sich infolge der Einförmigkeit des täglichen Lebens, sowie der oft wenig hoffnungsvollen Aussichten auf die Drift im Sommer wie eine schwere dunkle Wolkendecke auf uns herabgesenkt hatte. Augenblicklich waren übrigens die Verhältnisse ganz dazu angethan, uns bei guter Laune zu erhalten. Das Wetter war andauernd wunderschön und der Wind gut. Die Temperatur stieg bis auf –10°. Wir machten uns daran, das Deck ganz von Eis und Schnee zu säubern. Die Hunde erhielten ihren Reisepaß aufs Eis hinaus, und als wir nun 11 Mann hoch mit Schaufeln, Spaten und Besen an die Arbeit gingen, dauerte es gar nicht lange, bis wir wieder in dem heiter strahlenden Sonnenschein auf dem leeren, reingescheuerten Deck spazieren gehen konnten. Dann kam die Reihe an das Nachsehen des Proviants unten im Raume und im Depot auf dem Eishügel. Der draußen befindliche Vorrath wurde wieder an Bord gebracht und auf dem Vorderdeck aufgestapelt, denn wir fürchteten, er möchte draußen unter der steigenden Temperatur leiden, da er dort der Sonne direct ausgesetzt war. Aber auf Deck mußten wir ihn lassen, damit wir ihn vorkommendenfalls schnell wieder auf das Eis flüchten konnten. Es war nun schon lange her, seit wir eine Gelegenheit, Eisbären zu schießen, gehabt hatten, und nach unsern Erfahrungen vom vorigen Sommer mochte es noch eine Weile dauern, bis sich wieder Gelegenheit dazu bieten würde. Doch unser Vorrath an frischem Fleische war gänzlich zu Ende, und das Einzige in dieser Hinsicht, worauf wir einstweilen unsere Hoffnung setzten, war, daß wir vielleicht auf Vögel stoßen könnten. Schneeammern und Eismöven hatten sich schon gezeigt, aber etwas zu schießen, war uns noch nicht geglückt. Es kam vor, daß sie uns schußgerecht waren, wenn wir dann aber nach Gewehren und Munition hinunterliefen, schwupp, waren die Canaillen weg! Später brachten wir die nothwendigen Schußwaffen mit Zubehör oben auf Deck unter, um sie gleich bei der Hand zu haben. Beim Durchsehen des Proviants stellte sich eine bedauerliche Thatsache heraus: wir mußten anfangen, mit dem Taback sparsam umzugehen. Von nun an bekamen wir von diesem, eigentlich unserm einzigen Genußmittel pro Mann ein bestimmtes Gewicht für den Monat. Es war hart, mußte aber sein. Am 11. Juni zeigte das Thermometer zum erstenmal in diesem Jahre über Null. Wir hatten vorher zum Theil starke Schneefälle gehabt. Diese in Verbindung mit der Wärme machten das Eis porös und bildeten zugleich eine Unterlage von Wasser, die Ausflüge beinahe unmöglich machte. Jetzt, in der hellsten Zeit, ausschließlich auf ein enges Schiffsdeck angewiesen zu sein, war durchaus kein Vergnügen. Unsere liebe »Lina« hatte sich seit einiger Zeit ziemlich wankelmüthig gezeigt. Trieben wir einen Tag nach Norden, so trieben wir gewöhnlich den nächsten Tag wieder dieselbe Strecke zurück. Solche verdrehte Wirthschaft konnte selbst eine bewährte Geduld auf die Probe stellen; aber wir kamen auch darüber hinweg und sagten wie das alte Weib, als es den Tisch mit der Katze scheuerte: »Du mußt es dir gefallen lassen, Mieze.« Nachdem die Säge mit vieler Mühe angefertigt und das Eichenholz mit nicht weniger Mühe geschnitten worden war, ging es mit voller Kraft daran, Schlitten und Schneeschuhe in Stand zu setzen. In dem Eise rund um das Schiff herum sowie in der Nähe hatten sich große Rinnen, und Risse gebildet. In diesen konnten leicht Pressungen entstehen, die für das Schiff verderbenbringend werden konnten. Es galt deshalb, auf alle Möglichkeiten vorbereitet zu sein. Aus demselben Grunde wurde auch eines der großen Schiffsboote auf das Eis gebracht, um uns als vorläufiger Aufenthaltsort zu dienen, falls der »Fram« etwas zustoßen sollte. Am 20. Juni schoß ich eine Lumme. Ich servirte sie Kapitän Sverdrup gebraten zum Frühstück. Es war das erste frische Fleisch seit langer Zeit und als solches ein doppelter Leckerbissen. So klein der Vogel war und so gut er ihm auch schmeckte, konnte es Sverdrup doch nicht übers Herz bringen, ihn allein zu verzehren, sondern bestand darauf, ihn mit uns zu theilen. Es zeigten sich im ganzen recht viele Vögel, aber wir hatten durchgehends Pech mit dem Erlegen, und erst am 7. Juli hatten wir so viele geschossen, daß wir an diesem Tage, einem Sonntage, gebratenes Geflügel zu Mittag essen konnten. Das war ein Fest für uns, die seit einem halben Jahre kein frisches Fleisch gekostet hatten! Die am 22. Juni angestellte Beobachtung ergab, daß wir uns jetzt auf 84° 31' nördlicher Breite befanden. In vier Monaten waren wir also im ganzen 28' nach Norden vorgerückt. Das war allerdings nicht sehr ermuthigend, aber wir mußten hoffen, daß die letzte Hälfte des Sommers und der Herbst besser sein würden. Der nächste Tag war ja der Vorabend des Johannisfestes und der darauffolgende der Johannistag, der zweite Jahrestag unserer Abreise aus der Heimat. Möchte es eine gute Vorbedeutung sein! Neuntes Kapitel. Johannisfest. Wintervorbereitungen. Man denke, schon zwei Jahre! Man sollte meinen, daß es uns vorgekommen sein müßte, als wollten die zwei Jahre, die wir in dieser, wenn auch freiwilligen Absperrung von der Außenwelt und den Annehmlichkeiten der Civilisation zugebracht haben, gar kein Ende nehmen. Doch dem war nicht so. Wir fanden vielmehr, daß die Zeit merkwürdig schnell vergangen war, so schnell, daß man, wie man zu sagen pflegt, nicht weiß, wo sie geblieben ist. Und wenn wir auf diese zwei Jahre zurückblickten, mußten wir trotz alles Mißmuthes und aller Niedergeschlagenheit, die uns bisweilen gequält hatten, einräumen, daß die Expedition bisher im großen und ganzen glücklich verlaufen war. Wir waren schon weiter nach Norden dem großen Ziele aller Polarforscher, dem Pole, entgegen vorgedrungen als irgend jemand vor uns. Von Krankheit waren wir merkwürdigerweise die ganze Zeit über verschont geblieben, was wol in erster Linie unserer eigenen gesunden Constitution, dann aber auch dem frischen, arbeitsamen Leben, das wir führten, und last not least der Lebensweise an Bord zu danken war. Den Skorbut, diesen gefährlichen Feind der Seeleute, den man bisher gewohnheitsmäßig als ein unvermeidliches Uebel betrachtete, in das man sich mit Geduld finden und gegen das man nach Kräften mediciniren müsse, diesen Feind hatte Nansen sozusagen »umgebracht « durch die sorgfältige Auswahl des Proviants, den großen Nährwerth der Lebensmittel, die gute Zubereitung und die beständige Abwechselung, die unsere Mahlzeiten dank seiner Fürsorge boten – denn auch die Verdauungsorgane bedürfen der Abwechselung. Die Fram-Expedition hat thatsächlich bewiesen, daß man sich den Skorbut fernhalten kann. Dann dürfen aber die Herren Rheder ihren Schiffsbesatzungen eigentlich nicht mehr solchen Schweinefraß von halbverfaultem Pökelfleisch und »lebendigem« Schiffszwieback zumuthen, und diese dürfen sich so etwas nicht mehr gefallen lassen, was ja noch heutzutage, wenn darin auch eine kleine Besserung eingetreten ist, leider so manchem norwegischen Seemann Magen und Gesundheit ruinirt! Doch zurück zum zweiten Jahrestage unserer Abreise und dem Johannisfeste. In Anbetracht des Glückes, das ohne Zweifel die Expedition diese beiden Jahre hindurch begleitet hatte, wurde der Beschluß gefaßt, daß wir den Vorabend und den Johannistag selbst in entsprechend würdiger Weise begehen wollten. Auf meine Leser macht es vielleicht den Eindruck, als wären wir geradezu darauf versessen gewesen, an Bord Feste zu veranstalten. Man mag es mir aber glauben, daß, wenn ein wirklicher Anlaß wie dieser gegeben war und nichts Gesuchtes oder Gemachtes darin lag, es in der That kein glücklicher und sicherer wirkendes Mittel als dieses gab, die allgemeine Stimmung zu heben und nutzlose Sehnsucht und gefährliche Grübeleien zu verscheuchen, die sich bei uns gern einnisteten und uns die Sonne guter Laune verdunkelten. Und nichts war so geeignet wie dieses, uns zu frohem Muthe zu erheben und daran zu erinnern, daß wir für eine Aufgabe zu leben, für ein Ziel zu kämpfen hatten, und zwar nicht nur um unserer eigenen Ehre, sondern auch um der Ehre unsers Vaterlandes willen. Ja, wir wollten das »Fest des Lichtes« begehen, es mit Aufbietung aller Mittel und Kräfte, die uns zu Gebote standen, feiern. Es wurde sofort ein Festcomité gewählt, das aus Scott-Hansen, Amundsen und mir bestand. Wir machten uns gleich daran, das Programm aufzustellen und die Vorbereitungen in die Hand zu nehmen. Das Programm war folgendes: »Am Vorabend des Festes wird ein mächtiges Johannisfeuer abgebrannt, und am Johannistag morgens Schlag 8 Uhr werden alle mit einem Schusse von der Salutbatterie und mit Orgelmusik geweckt. »Vormittags 10 Uhr Preisschießen und, falls das Eis kein Hinderniß in den Weg legt, Wettrudern. Darauf Festdiner und Kaffee. Dann ein Mittagsschläfchen. »Abends präcis 9 Uhr in dem neuen, eleganten, mit allem Comfort ausgestatteten Theater erstes Auftreten des berühmten Negerkomikers Hannibal Nicodemus Nebukadnezar Zebedäus (Scott-Hansen), des bekannten Humoristen und Liedersängers Ohlsen (Amundsen), des Gelegenheitssängers Lasse (Petterson) und des phänomenalen Coupletsängers Tone Oetarisen ( meine Wenigkeit). »NB. Das Wettrudern findet in der Bucht von Frognerkilen, das Preisschießen auf Grasholm Beides in Christiania wohlbekannte Oertlichkeiten. statt. »Nach Schluß der Theatervorstellung wird auf dem Vorderdeck getanzt, und dann steht die Bühne Sängern und Rednern zur Verfügung.« Wie man sieht, waren es keine Kleinigkeiten, zu denen wir einluden; doch um ein so umfassendes Programm durchführen zu können, mußten wir auch unsere Findigkeit aufs äußerste anstrengen und ernstlich ins Zeug gehen. Aus allerlei sonst zu nichts brauchbaren, dafür aber um so brennbarern Dingen errichteten wir auf einem Eishügel in der Nähe des Schiffes einen gewaltigen Scheiterhaufen. Damit er wirklich prachtvoll auflodern könne, begossen wir ihn mit Theer. Dann wurden die beiden Großboote der »Fram« in eine Rinne gebracht und die Bahn für das Wettrudern abgesteckt. Das Vorderdeck wurde auf Backbord frei gemacht, mit Segeln bekleidet, mit Flaggen und Fahnen geschmückt und zu einem neuen, eleganten, mit allem Comfort ausgestatteten Theater umgestaltet. In dem Halbdeck auf derselben Seite hatten wir gratis die allervorzüglichste Bühne, die Beleuchtung besorgte eine Petroleumlampe, und als Garderobe und Frisirsalon diente das Kartenhaus. Wie man sieht, hatte das Festcomité unter großartigen Verhältnissen zu arbeiten, und wir hatten deshalb auch alle zusammen reichlich zu thun. Am Vorabende des Johannisfestes gab ein Kanonenschuß um 8 Uhr abends das Signal zum Anzünden des Scheiterhaufens. Er flammte mit einem male heftig auf. Der Rauch wurde vom Winde in dichten, gewaltigen Massen in der Richtung nach Franz-Joseph-Land fortgetrieben, gleich einem Gruße von uns an Nansen und Johansen, die, wie wir glaubten, sich jetzt, so lange nach ihrer Abreise vom Schiffe, in jener Gegend befinden mußten. Dies war noch nicht der Fall. Nansen und Johansen kämpften noch immer ihren Strauß mit dem Eise, wenn auch südlicher als die »Fram«. Nansen schreibt hierüber II, 157: »... und wir sitzen hier noch immer auf dem Treibeise, kochen und braten uns Seehundspeck, essen Seehundfleisch, bis uns der Thran vom Leibe tropft, und vor allen Dingen wissen wir nicht, wie schnell dieses Leben ein Ende nehmen wird! Vielleicht haben wir noch einen Winter vor uns. Am allerwenigsten hätte ich geglaubt, daß wir jetzt hier sein würden.« Das war gerade das, was wir uns auch nicht gedacht hatten. Das Johannisfeuer sah wirklich großartig aus, als es flammend und knisternd zu dem sich röthenden Abendhimmel emporloderte und die Eisfelder mit einem sprühenden Funkenregen überschüttete. Wir stellten uns in einer Gruppe um den Holzstoß auf und wurden so von Blessing photographirt. Dann gingen wir wieder aufs Schiff, aßen gut zu Abend, unter anderm unser norwegisches Nationalgericht, Buttergrütze, setzten uns dann um eine dampfende Frampunsch-Bowle und verbrachten einen sehr gemüthlichen Abend, lebhaft in Anspruch genommen durch das große Programm für den folgenden Tag. Dieser fing mit demselben schönen Wetter an, das wir tagsvorher gehabt hatten. Nach dem Frühstück wurde mit dem Schlage 10 Uhr zum Wettrudern aufgebrochen. Scott-Hansen und Juell sollten in dem einen Boote mit langen Rudern, Bentsen und Hendriksen in dem andern mit kurzen Handrudern rudern. Beide Boote wurden gut gerudert, aber die Handruder kamen zuerst ans Ziel und gewannen den Preis (10 Kronen = 11 M. 25 Pf.), den Kapitän Sverdrup ausgesetzt hatte. Der eifrige, äußerst spannende Wettstreit wurde sowol von den Kampfrichtern wie von dem zahlreichen Publikum mit lebhaftem Interesse verfolgt und die Sieger wurden mit donnerndem Beifall belohnt. Als dritte Nummer des Programms sollte ein Preisschießen stattfinden, wurde aber der schon weit vorgerückten Zeit wegen im letzten Augenblick von der Liste gestrichen. Wir zogen vor, unser Festmahl in Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren und uns dann zu dem großen anstrengenden Programm des Abends durch einen ordentlichen Mittagsschlaf zu stärken. Schon eine gute Stunde, bevor sich das Theater mit einem zahlreichen, festlich gekleideten Publikum füllte (man konnte darunter eine Menge Notabilitäten der »Fram« sowie viele Vertreter der Presse, der Kunst und Literatur bemerken), hatten wir, die Auftretenden, eine Heidenarbeit gehabt, uns zu costümiren, zu frisiren und gehörig herauszuputzen. Da ich programmäßig erst später auftrat, half ich den andern beim Ankleiden. Unsere hauptsächlichste Schminke war – Holzkohle, und mit den Costümen halfen wir uns, so gut es ging. Bald konnte Scott-Hansen als ein ausgezeichneter Negerkomiker auftreten; Amundsen war mit verhältnißmäßig geringen Mitteln ein ungemein realistischer Lazzarone geworden, und einen natürlichern reisenden Handwerksburschen als Petterson trifft man auf keiner Landstraße. Als alles so weit fertig war, daß die Vorstellung beginnen konnte, wurde das Publikum aufgefordert, sich einzufinden und Punschbowle und Pfeifen mitzubringen (so gemüthlich hat man es nicht in allen Theatern!). Mogstad »versammelte sich« mit seiner Violine als Orchester vor der »Lampenreihe«, und das Publikum nahm seine respectiven Plätze ein. Es war bestimmt, daß das Vergnügen mit einem Prolog über die Bedeutung des Tages eröffnet werden sollte, welchen Auftrag ich bekommen hatte. Das Mogstad-Orchester spielte eine Ouverture; dann trat ich vor, etwas vom Lampenfieber befallen, das mich aber gleich verließ und einer wirklich gerührten Stimmung Platz machte, als ich auf allen Gesichtern las, wie vergnügt sie waren über unsere bescheidenen Anstrengungen, ein wenig Leben in die Bude zu bringen. Ich möchte um die Erlaubniß bitten, die Worte, die ich bei dieser Gelegenheit sprach, hier anführen zu dürfen. Nicht daß sie etwas besonderes wären, sondern weil sie ausdrücken, wie wir alle miteinander zu dieser Zeit die Expedition betrachteten und wie wir über Nansen's und Johansen's Schicksal dachten. Sie lauteten nach den Aufzeichnungen in meinem Tagebuche folgendermaßen: »Kameraden! »Von allen Johannisfesten wird dieses wol am höchsten im Norden gefeiert. So war es auch. Nansen und Johansen befanden sich zu dieser Zeit auf 82° 4,3' nördlicher Breite. Laßt es uns deshalb mit Glanz feiern, laßt es uns so feiern, daß es nie aus unserer Erinnerung entschwindet! Laßt uns heute Abend so tief wie möglich in die Vorrathskammer der guten Laune greifen, um die trübe Stimmung des Polarlebens zu ersticken! Heute ist ja auch die zweite Wiederkehr des Tages, an dem wir die Anker lichteten und uns dem Schicksal überlieferten. Wir können uns zu dieser Stunde auch wol Nansen und Johansen sicher an Land denken, vielleicht auch auf irgendeinem Walfischfängerschiffe auf dem Wege nach der Heimat, mit staunenswerthen Resultaten. Heute ist das Fest der Laubhütten; aber, meine Herren! Sie müssen das Festcomité entschuldigen: es hat kein Laub auftreiben können. Wir müssen es denen daheim überlassen, wie wir es ihnen auch überlassen müssen, sich auf grünem Rasen unter schattigen Bäumen zu tummeln. Unser Tummelplatz sind die Schnee- und Eisfelder der Polarregion. Wir athmen ihre bacillenfreie Luft ein und sind damit zufrieden. Laßt uns unsere Gläser auf das Johannisfest, auf Nansen und Johansen und auf unsere Lieben in der Heimat leeren!« Dieser Toast wurde mit allgemeiner Zustimmung aufgenommen. Wir sangen: »Daheim, ach daheim, da lebte es sich gut«, und dann fing die Vorstellung an. Amundsen trug ein nettes Lied vor und machte seine Sache vortrefflich; dasselbe war auch bei Scott-Hansen und bei Petterson's »Bruder Straubinger« der Fall. Nach beendeter Vorstellung gingen wir zum Tanze über. Damen hatten unsere Ballcavaliere allerdings nicht zur Verfügung, aber doch ging der Tanz, mit verschiedenen andern Erheiterungen abwechselnd, mit Lust und Leben über die Dielen. Der Abend währte bis 2 Uhr morgens, und die Stimmung war so urgemüthlich und lebhaft, daß das Johannisfest auf den sonnigen Abhängen in der Heimat wol auch nicht heiterer verlaufen ist als unseres hier im Polareise. In diesem Sommer bildeten sich in unmittelbarer Nähe des Schiffes mehrere größere Rinnen, was im Jahre vorher nicht der Fall gewesen war. Nach den Erfahrungen, die wir jetzt von den Eispressungen in der Rinne um die »Fram« herum hatten, war das Erscheinen dieser größern Rinnen ein nichts weniger als beruhigender Anblick, und wir dachten mit bangen Ahnungen daran, was uns der Herbst und der Winter alles bringen mochten. Um auf alles vorbereitet zu sein, selbst auf die schlimmste Möglichkeit – daß wir im Ernst unser Schiff verlassen müßten –, wurde während der Sommerszeit alle Kraft daran gewendet, eine genügende Anzahl Schlitten, Kajaks und Schneeschuhe anzufertigen und uns mit Zelten, Säcken für Lebensmittel und vielen andern Dingen zu versehen, deren wir im Falle einer Wanderung über das Eis bedurften. Das Eis um das Schiff herum sah bald wie eine richtige Schiffswerft aus. Es wurde dort mit Säge, Axt und Hobel hantiert. Den Lärm, den die Arbeit der Zimmerleute und der Schreiner machte, accompagnirten die im Takt erschallenden Hammerschläge des Schmiedes. Als die Eichenstämme soviel als möglich verarbeitet waren, nahmen wir, wie schon erwähnt, das Petroleumboot auseinander und benutzten sein vorzügliches Material zu verschiedenen Dingen. Außer den drohenden offenen Rinnen gab uns noch ein Umstand begründete Ursache zur Besorgniß: die »Fram« hatte seit den Pressungen im vorigen Herbst Wasser gezogen. Das Leck war allerdings nicht von solcher Bedeutung, daß es unter gewöhnlichen Verhältnissen Anlaß zur Beunruhigung gegeben hätte. Aber da die »Fram« mit dem Vordersteven höher lag als mit dem Achterende, sickerte das eindringende Wasser nach hinten und sammelte sich unten im Maschinenraume an. Es wurde deshalb dort eine Pumpe eingesetzt, mit der wir das Schiff vom Wasser befreiten. Augenblicklich war also noch keine Gefahr vorhanden. Aber das Leck war nun einmal da und bewies, daß die »Fram« trotz ihrer durch und durch soliden Bauart im Kampfe mit den Eismassen doch Schaden genommen hatte. Wir waren dabei insofern machtlos, als wir durchaus nicht dahinter kommen konnten, wo das Leck eigentlich saß, und also auch nicht im Stande waren, es dicht zu machen. Man konnte ebensowenig wissen, wie es bei einem härtern Zusammenstoße mit den gewaltigen Mächten des Eises gehen würde. Unter solchen Umständen konnten wir uns unmöglich sicher fühlen, doch ließ sich dabei nur eins thun: dem, was kam, mit aller Kraft entgegenzutreten. Da wir glaubten, aus dem festen Eise herauskommen und die Maschine wieder gebrauchen zu können, wurde diese auseinander genommen und jeder einzelne Theil nachgesehen, gereinigt, geputzt und geölt, worauf sie wieder zusammengesetzt wurde, um in jedem Augenblick gebrauchsfertig zu sein. Ein ähnlicher Untersuchungs- und Reinigungsprozeß wurde auch mit der elektrischen Batterie vorgenommen. In den Rinnen um das Schiff herum zeigten sich oft Narwale und Seehunde. Wir verschwendeten manchen nutzlosen Schuß an die Wale, bis wir durch Schaden klug wurden und einsahen, daß härtere Geschosse dazu gehören, um einen Walfisch zu tödten. Wir wollten es nun mit Harpunen versuchen. Ein Fangboot wurde in die Rinne gebracht; Blessing saß hinten mit einer Flinte, und vorn stand Hendriksen mit einer Harpune. Aber es war gar nicht daran zu denken, auf Wurfweite an sie heranzukommen; dazu waren sie viel zu scheu. Im übrigen vergeht die Zeit schnell mit allerlei Arbeit und dieser oder jener unerwartet hinzukommenden Thätigkeit. Eine solche fiel mir eines Tages durch unsere Eisthermometer zu, die sich erlaubt hatten, im Eise festzufrieren. Hier mußte mit List und Vorsicht zu Werk gegangen werden. Ich füllte die Löcher mit grobem Salz und bekam im Laufe des Tages die beiden obersten Thermometer heraus. Um auch das letzte, das am tiefsten hing, wieder zu erlangen, streute ich Ruß und Asche um das Loch, damit die Sonne stärker wirken und das Eis um das Thermometer herum allmählich zum Schmelzen bringen könnte. Mit Aufbietung eines guten Theiles Vorsicht und einer tüchtigen Portion Geduld gelang es uns, das Thermometer unbeschädigt aus dem Eise zu ziehen. Blessing beschäftigt sich noch immer mit dem Entnehmen von Blutproben. Er hat es gethan, seit wir Chabarowa verlassen haben; er macht uns einen kleinen Einschnitt ins Ohrläppchen und »zapft« uns auf diese Weise das Blut ab. Jeder hat seine bestimmte tägliche Arbeit. Ich habe Bentsen in der Küche abgelöst. Er hat nun angefangen, »Schuhe« (Unterkufen) für die Schlittenkufen bei schneefreier Bahn zu verfertigen. Bei dem nassen Eise im Sommer ist nämlich Holz besser als Aluminium und Stahl. Petterson ist damit beschäftigt gewesen, eine neue Art Harpunen zu schmieden, die nach den bisher mißglückten Versuchen dazu bestimmt sind, den Narwalen ernstlich den Garaus zu machen; außerdem schmiedet er große Nägel für die Schlitten. Als Material benutzt er Stahldraht, der früher zum Festbinden gebraucht worden ist, und der »Primus« dient ihm als Esse. Während wir auf die Resultate der Petterson'schen Harpune warteten, hatten wir ein wenig mehr Glück mit den Seehunden, als uns bisher mit den Walfischen beschieden war. Auch die Seehunde waren ziemlich scheu, aber wir schossen dennoch ein paar, sodaß wir nun zwischen all den Conserven auch ab und zu ein bischen frisches Fleisch zu essen bekamen. Ich glaube nicht, daß Seehundsbraten daheim in unserm Vaterlande für ein besonders feines Essen gilt oder je gegolten hat, aber uns schmeckte er wie die delicatesten Krammetsvögel, und man hätte nur sehen sollen, mit welcher Gier wir über den köstlichen Braten herfielen, als er zum ersten male auf den Tisch kam. »Lina«, unsere theure »Lina«, hatte seit ziemlich langer Zeit ihren Verehrern alles andre als Wohlwollen gezeigt und echt weiblichen Wankelmuth an den Tag gelegt. Bald wies sie in ihrer Laune nach dieser, bald nach jener Richtung, aber stets nach einer verkehrten. Die am 31. Juli angestellte Beobachtung ergab, daß wir seit Johannis wieder um 4 Minuten zurückgetrieben waren. Dabei war es unfreundliches Wetter, Regen mit Schnee gemischt und Schneegestöber. Die Scholle um unser Schiff herum wurde immer mehr zerstückelt, und das Schiff fing an, sich mit dem Eise zu drehen. Es sah wirklich aus, als sei schon der Winter im Anzuge. Dies, in Verbindung damit, daß unser Leben in der freien Luft infolge der erbärmlichen Eisverhältnisse auf einen gelegentlichen Spaziergang auf Deck beschränkt werden mußte; trug nicht dazu bei, die gute Laune zu erhöhen, und die Stimmung an Bord war besonders wegen der drohenden Aussichten für den Winter oft nichts weniger als gehoben. Ein Glück war es wenigstens, daß uns die Verhältnisse so viel Arbeit brachten, daß uns nur wenig oder gar keine Zeit zu Grübeleien blieb. Nachdem die Großboote auf das Eis gesetzt worden waren, kam die Reihe an das Göpelwerk, das auch an Land gebracht wurde, um das Schiff soviel wie möglich zu erleichtern, was bei einer Pressung von großem Nutzen sein konnte. Mancherlei andere Dinge, fertige Schlitten und Kajaks, Proviant u. s. w., wurden ebenfalls hinausgeschafft und auf dem größten Eishügel sicher befestigt, und alle möglichen Vorbereitungen wurden mit größtmöglicher Umsicht und Fürsorge getroffen. Für alle Fälle sollte auch an Bord der »Fram« ein Depot von Proviant und andern Ausrüstungsgegenständen errichtet werden, entsprechend dem, welches wir auf dem Eise hatten. Beide waren darauf berechnet, für mindestens 70 Tage auszureichen, und der Zweck dabei war natürlich, daß wir, wenn uns das eine verloren ginge, das andere in Reserve behielten. Dreiundzwanzig Monate lang hatte unsere theure »Fram« im Eise wie in einem Trockendock gelegen. Eine Schattenseite hatte dies aber gehabt. Seit der gewaltsamen Pressung im letzten Herbst, die sie so heftig nach der Steuerbordseite hinüberdrängte, war das Schiff in derselben Neigung liegen geblieben. Ein jeder wird verstehen, wie unbehaglich diese »Schlagseite«, wie der seemännische Ausdruck lautet, für uns an Bord sein mußte. Sobald wir über Deck gingen, waren wir gezwungen, es im »Seemannsgange« zu thun. Natürlich war uns dies auch bei allen unsern Arbeiten ein böses Hinderniß; wir konnten kaum etwas aus der Hand legen, ohne befürchten zu müssen, daß es herunterfiele. Der Winkel, in dem das Schiff geneigt lag, betrug 6 ½ Grad. Am 9. August ging jedoch darin eine Veränderung vor sich – vorläufig nur insofern, als wir »dasselbe auf andere Weise« bekamen. Es riß nämlich die Eisscholle, die uns umschloß, dicht am Schiffe selbst. Sowie die Scholle barst, glitt die »Fram« auf der Steuerbordseite von dem hohen Eisstapel, auf dem sie gelegen, herab. Für die, welche sich in diesem Augenblicke draußen auf dem Eise befanden, war es ein imponirender Anblick, als die »Fram«, die so lange wie eine an ihrem Lager festgenagelte, todte Masse dagelegen hatte, plötzlich wieder Leben bekam und sich zu rühren begann. Und uns, die wir an Bord waren, klang es, als stoße sie einen Seufzer der Erleichterung aus, daß sie nun die Eisfesseln abschütteln, wieder dahingleiten und sich von ihrem eigentlichen Elemente umfangen lassen durfte. Wir hatten nun an Steuerbordseite offenes Wasser. An Backbord hingegen lagen wir noch immer im Eise fest. Wir hatten jetzt die Schlagseite auf der entgegengesetzten Seite, aber doch nicht so schlimm wie vorher. Es war, als wenn der Eisriese mit der rechten Hand das Schiff hätte loslassen müssen, aber es nun noch mit der linken packte, um uns bis zum äußersten festzuhalten. Wir begannen deshalb hin und her zu überlegen, wie wir uns auch die Schlagseite an Backbord vom Halse schaffen könnten, und beschlossen zuletzt, es mit einer Dosis Pulver zu versuchen. Es wurde ein Versuch mit einer Ladung von drei Kilogramm angestellt, die an Backbord hinter dem Schiffe angebracht wurde. Scott-Hansen fuhr auf einem Prahm hinaus und zündete mit Hülfe einer elektrischen Batterie die Mine an. Es gab einen großartigen Knall, und Eisstücke und Wasser flogen und spritzten himmelhoch auf, aber der »Fram« fiel es nicht einmal ein, sich zu rühren. Noch hatte die Eisfaust ihren Griff nicht gelockert; es war nur ein schwacher Klaps, den sie bekommen. Wir lachten alle, als wir dies sahen, wußten wir doch, daß hierzu andere Kugeln gehörten. Wir fingen schon an, alles für den nächsten Tag in Stand zu setzen, damit wir dann eine weit kräftigere Ladung anbringen könnten, als wir mit einem mal über einem schwachen Geräusche auffuhren, das rasch an Stärke zunahm. Scott-Hansen und Petterson, die draußen auf dem Prahm am Rande des Eises damit beschäftigt waren, den elektrischen Leitungsdraht einzuholen, mußten Hals über Kopf die Flucht ergreifen, denn das Eis war unter Lärm und Gepolter plötzlich gerissen: die andere Riesenfaust ließ ebenfalls los, und die »Fram« konnte frei und majestätisch ins offene Wasser gleiten. Welch ein Anblick, sie nach so langer Zeit wieder in ihrem wahren Element schaukeln und ihre hohen Masten sich in dem klaren Wasser spiegeln zu sehen! Wir freuten uns alle wie kleine Buben, wenn sie im Frühling bei Thauwetter wieder Gelegenheit haben, ihre kleinen Schiffe auf den Pfützen schwimmen zu lassen. Es gab sofort muntere Thätigkeit durch das Hervorsuchen der Trossen und der Eisanker, mit denen das Schiff fest vertäut werden mußte. Bei dieser Naturrevolution war jedoch große Verwirrung unter vielen unserer Habseligkeiten entstanden, die nun auf den losen Eisschollen forttrieben, die einen hierhin, die andern dorthin. Es gab tüchtig zu thun, bis wir sie alle wieder beisammen hatten, um so mehr, als wir auch gezwungen waren, mit unserm Depot von dem Eishügel umzuziehen. Doch die Freude über die Befreiung der »Fram« war so groß und so allgemein, daß uns all die viele Arbeit mit Lust und Liebe und unter beständigem Lachen und Scherzen von der Hand ging. Was mich betrifft, mußte ich schnell mit Scott-Hansen das Haus mit den meteorologischen Instrumenten und das Beobachtungszelt, sowie die Instrumente für die Tiefseelothungen und verschiedenes andere, was noch zur wissenschaftlichen Ausrüstung gehörte, nach der neuen Scholle bringen, die wir gewählt hatten, als die alte in Drift gekommen war. Es war anstrengend, aber »das gehört zum Vergnügen«, sagte der Mann, als er an seinem Hochzeitstage Prügel bekam. Ja, so sind wir Menschenkinder. Ein paar Tage schlechtes Wetter und eine Enttäuschung in Betreff der Drift konnten unser Gemüth oft derartig niederdrücken, daß wir uns alle Aussichten verschlossen sahen und ernstlich in Gefahr schwebten, in gänzlichen Stumpfsinn zu versinken, aus dem wir uns mit Gewalt aufrütteln mußten, damit die uns obliegende Arbeit gethan wurde. Bei einem Ereignisse wie dem eben erzählten aber war es, als zertheile sich die Nebelwand und alles läge hell und sonnig wie ein strahlender Tag vor uns. Und dies war gut. Denn es war doch das erste Anzeichen dessen, was uns schließlich vorwärts und nach Hause führen sollte. Zehntes Kapitel. Der dritte Winter im Polareise. Der Winter, dem wir jetzt entgegengingen, war der dritte im Polareise. Er erfüllte uns alle mehr und in ganz anderm Grade mit Furcht, als die beiden vorhergehenden es gethan hatten. Wir hatten das Gefühl, daß es in diesem Winter mehr Stürme, stärkere Niederschläge, heftigere Pressungen, kurz mehr zu bekämpfende Gefahren als bisher geben würde. Ferner sahen wir es nun als ziemlich sicher an, daß nahe im Westen irgendwo Land zu finden sein müsse, wenn wir auch nicht wußten, wo es lag oder wie weit es sich nach Norden erstreckte. Dieses Land war unserer Meinung nach von ungeheuern Gletschern bedeckt. Unsere Hoffnung war, daß wir es jetzt schon hinter uns hätten, denn sollte die »Fram« im Dunkel der Winternacht gegen dasselbe gepreßt werden, so würde sie damit trotz ihrer soliden Bauart dem Untergange geweiht sein. Doch selbst wenn wir einer solchen Strandung entgingen, war das Zutrauen auf die Widerstandskraft der »Fram«, seitdem das Schiff zu lecken begonnen, nicht mehr so felsenfest wie früher; besonders da sie seit ihrer Befreiung aus dem Eislager immer noch fortfuhr, Wasser, und zwar nicht wenig, zu ziehen. Vorher war die Möglichkeit vorhanden gewesen, daß sie das Leck über der Wasserlinie hätte; nun hatten wir die Gewißheit, daß es irgendwo im Boden sein mußte. Es galt also wirklich, seine Sachen in Ordnung zu haben, um in dem Augenblick, wenn die Anzeichen es geboten, zum Verlassen des Schiffes bereit zu sein. Schon jetzt – ich entnehme dies meinem Tagebuche vom 13. und 14. August – hatten wir jeder unsern Sack mit Zeug fertiggepackt auf Deck stehen. Schlitten, Schneeschuhe und Schneeschuhstöcke, Schneestiefel, Bärenspieße und vieles andere – alles war parat. Draußen auf dem Eise lagen die zwei Großboote und zwei andere Boote, theils um uns als Wohnung zu dienen, theils um das Schiff so viel wie möglich zu erleichtern, da die »Fram« mit ihrer Last an Kohlen und Proviant noch immer recht tief ging. Was noch zu thun bevorstand, ehe wir uns für ganz bereit betrachten konnten, war das gründliche Ordnen der Proviantdepots. Hieran wurde mehrere Tage gearbeitet. Außerdem wurde alles, was an Bord als Sack und Tonne gelten konnte, mit Kohlen gefüllt und auf das Eis gebracht. Um dazu möglichst viele Fässer gebrauchen zu können, schütteten wir Dinge wie Oel, Salz und Thran in Kisten und Kasten. Ich habe schon gesagt, daß der Gedanke an den bevorstehenden Winter uns ganz anders als früher mit Furcht erfüllte. Denn uns drohten nicht nur die äußern Gefahren! Selbst wenn uns nichts zustieß, selbst wenn wir in dem kommenden Winter an Bord der »Fram« ebenso sicher waren wie bisher, würden wir selbst dann auch den Winter aushalten können? Würden wir dieses Leben zum dritten mal führen können, ohne geistig zusammenzubrechen? Ja, wüßten wir nur gewiß, daß es auch der letzte Winter wäre und es nach der Heimat ginge, wenn wir ihn hinter uns hatten! Doch dessen konnten wir durchaus nicht so sicher sein. In lichten Stunden glaubten wir es, in düstern Stunden zweifelten wir daran. Und wenn dieser Zweifel uns ins Ohr flüsterte, dann war der Gedanke an die herannahende unvermeidliche Winternacht wie das Hinabstarren in einen ungeheuern schwarzen Abgrund, aus dem es keinen Ausweg gibt. Man muß wie wir zwei lange Polarnächte durchlebt haben, um das Grauen, mit der wir der dritten entgegensahen, von Grund aus verstehen zu können, und man darf uns darum nicht der Feigheit zeihen. Arbeit – Thätigkeit für Hand und Kopf! Das war beständig die beste Arznei gegen die Grübeleien. Und noch hatten wir genug zu thun, glücklicherweise! Später, als beinahe alle wirkliche Arbeit erledigt war, wurde es schlimmer, zehnmal schlimmer! Ein abscheulicher Eishügel, der seit dem »Stapellaufe« der »Fram« rechts vom Schiffe in nicht ganz gefahrloser Nähe trieb, machte Scott-Hansen und mir recht viel zu schaffen. Wir waren am 14. August den ganzen Tag damit beschäftigt, zwei unterseeische Minen, jede mit 8 Prismen Schießbaumwolle, für den Unhold vorzubereiten. Nachdem wir damit fertig waren, zwei Leinen mit Senkblei versehen und das neue Eis rund herum aufgebrochen hatten, vertheilten wir die Minen mit ihren elektrischen Leitungen unter dem Eise. Nun sollten wir losknallen. Die andern standen alle erwartungsvoll an Bord oder draußen auf dem Eise, um die Wirkung zu beobachten, Sverdrup und Blessing jeder mit einem photographischen Apparate bewaffnet, um den großen Augenblick der Explosion aufzunehmen. Ich schloß den elektrischen Strom. Wir erwarteten ein gewaltiges Donnergepolter; aber – o weh! es kam nur ein erbärmlicher Knall gleich einem schwachen Pistolenschuß, und von einer Wirkung auf das Eis konnte gleich gar keine Rede sein. Nachdem wir die Minen wieder hereingenommen hatten, stellte sich heraus, daß das Zündhütchen zwar explodirt war, jedoch ohne auf die Schießbaumwolle einzuwirken, die ganz unberührt geblieben, aber von dem eingedrungenen Wasser verdorben worden war. Gut! Die Kameraden lachten uns natürlich aus, aber wir verloren darob den Muth nicht, sondern machten möglichst gute »Minen« zum bösen Spiel und erklärten, morgen sei auch noch ein Tag. Der morgende Tag kam. Da legten wir eine Mine von 11 Prismen Schießbaumwolle. Da aber der Grund des Mißlingens unsers Versuches am Tage vorher darin gelegen hatte, daß die Schießbaumwolle kein Wasser vertragen konnte, steckten wir sie diesmal in wasserdichte Säcke und zündeten dann die Mine an. Die Wirkung war großartig. Es gab einen Knall wie beim Kanonensalut am Geburtstage des Königs. Beinahe drei Viertel des Eishügels wurden losgesprengt und die Schollen rings umher in viele Stücke zerrissen. Eine andere Mine zur Sprengung der Reste des Eishügels konnten wir dagegen nicht zum Wirken bringen. Hier lag, wie sich später ergab, der Fehler in den Zündröhren. Wir machten noch einige Versuche und hatten überhaupt viel Arbeit durch diese Minen, sowol beim Zurechtmachen wie bei ihrer Anbringung an Ort und Stelle. Man muß unter dem Eise hin eine Leine ziehen, wozu man es hier und da aufhacken und manch lästige Umwege machen muß. Darauf müssen die Minen an den Leinen bis an ihren Platz geholt und dort an beiden Enden befestigt werden, und dann kommen noch die elektrischen Batterien mit allem, was dazu gehört. Den letzten Versuch, den sechzehnten, machten wir mit einer Mine von 12 Prismen Schießbaumwolle. Diese brachten wir auch nicht zum Explodiren, weshalb wir neue Zündröhren einsetzten und dachten: »Das nächste mal wird es wol besser glücken.« Aber am nächsten Tage hatten wir an anderes zu denken. Gegen 8 Uhr morgens, als wir noch in unsern Kojen lagen, wurden wir plötzlich durch den Ruf aufgeschreckt: »Die Scholle ist gerissen! Auf und bergt die Boote!« Es war die Scholle, auf der wir, nachdem die »Fram« flott geworden war, unser Eigenthum in »Sicherheit« gebracht hatten. In dem Sturme des vergangenen Tages war sie ein ziemliches Theil kleiner geworden, und die Katastrophe stand bevor. Das Alarmsignal des Wachthabenden bewirkte, daß wir alle schleunigst aus den Kojen in die Kleider fuhren. Wir zogen uns Hals über Kopf an, denn wir wußten, was auf dem Spiele stand, wenn wir die Boote, besonders das eine große Schiffsboot, verloren. Ich glaube, keiner von uns brauchte mehr als zwei Minuten, bis wir angekleidet und auf Deck waren. Die Toilette war zwar auch danach, aber kein Soldat konnte präciser als wir auf dem Platze sein, wenn die Alarmtrommel geschlagen wird. Das Eis war an mehrern Stellen geborsten, auch gerade unter dem Großboote, das doch auf einem verhältnißmäßig großen Eishügel lag. So mußten wir uns denn trotz des unfreundlichen, pechfinstern Morgens daran machen, unsere Habseligkeiten nach andern, sicherern Stellen zu bringen. Solcher gab es übrigens bald nicht mehr viele. Das ganze Eisfeld schien immer weniger vertrauenswürdig zu werden. Aber auch diesmal konnten wir unsere Sachen noch bergen. Gleichzeitig hatte das Eis mit Pressungen begonnen. Die Scholle um die »Fram« herum riß an mehrern Stellen mitten durch, und beim Zusammenpressen wurde das Schiff mehrmals emporgehoben, sank aber wieder, sobald das Eis nachließ. Von einer Scholle zur andern springend, retteten Scott-Hansen und ich mit vieler Mühe die Leinen und das sonstige Zubehör unserer Sprengminen. Wir hatten schließlich alle eine Uebung im Balanciren auf Eisschollen erlangt, vor der man wirklich alle Achtung haben konnte, und hätten gewiß bald die Meisterprüfung bestehen können, falls es verlangt worden wäre. Im Laufe des Vormittags legte sich die Pressung ein wenig, begann aber gegen 2 Uhr von neuem in heftiger Weise. Während der Nacht stieß das Eis unaufhörlich so an den Boden des Schiffes, als wären wir auf eine Unterwasserklippe gerathen. Die beiden Schiffspumpen wurden daher der Sicherheit halber heraufgeholt. Inzwischen fiel das Barometer immerfort, und der Wind nahm zu, beständig aus derselben wenig angenehmen Ecke, aus der wir ihn nun schon eine gute Weile gehabt hatten. Am 20. August entstand ein Sturm, der allerlei Schaden anrichtete. Unter anderm nahm er das Sonnendach des Thermometerhauses mit und brach die Ständer durch, und die »Fram« begann, zwischen den Eisschollen nach allen Richtungen hin zu treiben. Damit wir uns nicht gar zu weit von der Scholle, auf der wir unser Depot hatten, entfernten, wurde das Schiff mit zwei Trossen am Eise festgemacht. Die draußen befindlichen Hunde waren jämmerlich anzusehen. Heulend liefen sie von Scholle zu Scholle, und erst spät am Abend waren sie so müde, daß sie sich hinlegten. Wir konnten nur eben ihre Rücken aus dem Schnee, der hoch um sie herumlag, hervorragen sehen. Wir hätten am 20. eine Sonnenfinsterniß beobachten sollen, doch wurde nichts daraus. Das heißt, ein wenig bekamen wir davon zu sehen, aber weder den Anfang, noch das Ende. Immerhin noch soviel, um constatiren zu können, daß unsere Chronometer sich mit der wahren Zeit in bester Uebereinstimnmng befanden und folglich die bisher gemachten Beobachtungen hoffentlich alle richtig waren. Es war bei einem solchen abscheulichen Wetter, wie wir es in diesen Tagen die ganze Zeit über hatten, sauer, draußen auf dem Eise arbeiten zu müssen. Am 21. herrschte z.B. das reine Hundewetter. Der Sturm heulte und pfiff um uns her, und das Schneegestöber peitschte uns das Gesicht. Aber hinaus mußten wir dennoch: Scott-Hansen und ich der meteorologischen Apparate wegen und Hendriksen, um einen Beutel zu holen, den er ausgehängt hatte, um darin Copepoden für Blessing zu sammeln, der selbst nicht ausgehen konnte, weil er in der letzten Zeit unpäßlich gewesen und sich deshalb ein wenig in Acht nehmen mußte. Bei dem heftigen Schneetreiben war es fast unmöglich, sich zu orientiren, da der Schnee uns wie mit Millionen von Nadeln in die Augen schlug und uns beinahe blind machte. Als wir endlich nach vielen Mühen wieder an Bord waren, merkten wir erst, daß wir bis auf die Haut durchnäßt waren – und dies bei einer Kleidung wie der unsern – so dicht und heftig war das Schneegestöber, und fein wie Mehl drang der Schnee überall durch. Die »Fram« lag ungeachtet ihrer zwei Trossen und Eisanker noch immer nicht gut. Einige Tage später gingen wir deshalb alle Mann daran, sie in eine Bucht hinein und an eine feste Eiskante heran zu bringen. Das Unglück dabei war jedoch, daß die ganze Bucht mit so dickem Eise bedeckt war, daß wir darauf gehen konnten. Mit Hülfe des Spills und einer Talje an den Trossen und dadurch, daß wir das Eis vor dem Buge, so gut es uns möglich war, aufbrachen, brachten wir sie allmählich doch vorwärts. Es ging gut, wenn auch nicht schnell, und am Abend desselben Tages hatten wir schon eine hübsche Strecke zurückgelegt. Am nächsten Tage griffen wir das Werk frisch von neuem an und bedienten uns der Eissäge, um das Eis vor dem Buge zu zerschneiden. Schon um die Mittagszeit lag die »Fram« mit drei Eisankern sicher vertäut in der Bucht, einen schmalen Streifen neuen Eises zwischen sich und dem festen Eise. Der eine Eisanker löste sich unter dem starken Winde in der Nacht auf den 4. September, und wir mußten gleich zuspringen, um ihn wieder zu befestigen und die »Fram«, die von der Eiskante abzutreiben begonnen hatte, wieder herein zu holen. Dann gingen wir daran, verschiedene Gegenstände, die noch auf unserm frühern Lagerplatze liegen geblieben waren, nach dem jetzigen zu bringen. Auch das zum Seehundfang bestimmte Boot und die Schmiede mit Zubehör wurden dorthin transportirt. Scott-Hansen und ich mußten ebenfalls verschiedene Umzüge bewerkstelligen, sowie das Aufstellen des Segeltuchzeltes, das umgeweht worden war, besorgen, sodaß es einige Tage Arbeit genug gab. Nachdem der Umzugstrubel vorüber war, kehrte jeder wieder zu seiner täglichen Beschäftigung zurück. Ich habe schon erwähnt, daß die ausgewachsenen Hunde noch auf dem Eise waren. Nun ließen wir eines Tages auch unsere kleinen jungen Hunde hinaus, die Mogstad beaufsichtigte. Doch dieser Umzug aufs Eis bekam ihnen nicht gut. Sie wurden naß und schmutzig, als sie frei umherlaufen durften, und zwei bekamen abscheuliche Krämpfe, sodaß Mogstad alle Hände voll zu thun hatte, um sie wieder an Bord zu befördern. Ein paar brachten wir in den Salon hinunter, die andern legten wir auf Decken in eine warme Kiste, und die, welche die Krampfanfälle bekommen hatten, erholten sich auch allmählich wieder. Am Nachmittag wurde Wasser heiß gemacht, und Mogstad und Sverdrup badeten alle jungen Hunde, die dann in einen Sack mit Sägemehl gesteckt wurden bis sie ordentlich trocken waren. Hierauf wurden sie in einem andern Sack auf das Eis hinausgetragen, wo ihnen aus dem Schutzdache der Vordertreppe ein neues Haus zurecht gemacht worden war und wo sie ein gutes warmes Lager von Hobelspänen erhielten. Am Tage darauf ließ Mogstad sie zum zweiten mal auf das Eis hinaus; aber dieses Bild hätte man sehen sollen! Sie waren nun so glänzend rein und hübsch, daß man sie kaum wieder erkannte. Und wie lebendig waren sie geworden! Sie hüpften und tanzten und sprangen wie besessen umher. Einige von ihnen purzelten denn auch richtig in die Rinne, halfen sich aber selbst wieder heraus und das kalte Bad schien ihnen nach dem gestrigen warmen nichts zu schaden. Im übrigen ging das Leben an Bord eine Weile seinen gewohnten Gang. Jeder that seine Arbeit, und immer gab es für alle genug zu schaffen. Eine Arbeit, von der die meisten von uns am liebsten befreit sein wollten, war der wechselweise umgehende Küchendienst. Einige konnten sich mit der Kocherei gar nicht aussöhnen, und diese Pflicht hatte im Laufe der Zeit manches mal zu privaten Reibereien oft ziemlich unangenehmer Art Veranlassung gegeben. Wir hatten unter uns nur einen einzigen, der die Küchenarbeit recht gern besorgte: Lars Petterson. Wir freuten uns deshalb alle, als mit seiner freiwilligen Zustimmung abgemacht wurde, daß er die Küche allein übernehmen sollte. Während einige der andern, wenn sie an der Reihe gewesen waren, dieses Geschäft nur soso lala und oft unter aller berechtigten Kritik besorgt hatten, trotzdem sie stets einen Mann zur Hülfe verlangt und auch bekommen, meinte Petterson, mit der Arbeit würde er recht gut allein fertig. Ja, er erbot sich sogar, in seiner freien Zeit noch für uns zu arbeiten, wenn wir etwas gethan haben wollten. Und zu seiner Ehre muß man sagen, daß dies keine Prahlerei von ihm war. Ohne auch nur eine Spur von Hülfe hielt er die Küche in einer so musterhaften Ordnung, wie es früher schwerlich je der Fall gewesen war, und ebenso war das Menü gut zusammengestellt und das Essen schmackhaft zubereitet. Das Allerbeste bei der ganzen Sache aber war, daß hiermit eine Quelle von Unruhe, Streit und unausgesetzten Reibungen für die Zukunft beseitigt worden war. Ende August hatte sich der Wind endlich gedreht und war uns längere Zeit hindurch günstig. Die am 12. September angestellte Beobachtung ergab, daß wir den 85. Breitengrad feiern konnten. Es war dies kein so schlechtes Resultat für eine Zeit von vierzehn Tagen. Das Stimmungsbarometer, das während all des vielen Gegenwindes, all des schlechten Wetters und der Mühe und Arbeit, die wir eine ganze Weile gehabt, just nicht besonders hoch gestanden hatte, stieg auf einmal ganz großartig. Solche Gemüthsmenschen waren wir alle sammt und sonders, in verschiedenem Grade natürlich, durch die Macht der Verhältnisse geworden. Der einzige, bei dem sich nie eine sichtbare Veränderung zeigte, weder in der guten Laune noch im Wesen, war Kapitän Sverdrup. Er war und blieb stets derselbe ruhige, gleichmäßig freundliche, scharfblickende Mann. Es hatte fast den Anschein, als gäbe es gar nichts, was ihn aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Ob es sich wirklich so verhielt oder ob nur die beispiellose Kraft der Selbstbeherrschung des Mannes ihn so erscheinen ließ, während er vielleicht ebenso litt wie wir andern, »innerlich« vielleicht sogar doppelt litt, darüber kann ich natürlich kein Urtheil abgeben. In jedem Fall blieb diese unerschütterliche Ruhe bewundernswerth. Am 14. September verließ uns die Mitternachtssonne für dieses Jahr. Es werden nicht mehr als zwei, drei Wochen hingehen, bis sie uns auch den Tag über verläßt und für diesmal ganz von uns Abschied nimmt. So hoch im Norden, wie wir uns jetzt befinden, steigt die Sonne, sobald sie sich zum erstenmal sehen läßt, am Himmel sehr schnell in die Höhe, doch wenn sie diese Gegend im Herbste verläßt, geht sie auch ebenso hurtig wieder zu Thal. So stand denn die lange Winternacht schon da, guckte in die halbgeöffnete Thür und fragte, ob wir bereit seien, sie zu empfangen. Ja, ja, es ließ sich wol nicht ändern? Wir waren gezwungen, sie zu empfangen, ob wir wollten oder nicht. Außerdem hatten wir uns selbst frei und unbeeinflußt in die Gewalt der Schrecken und der Gefahren des Polareises begeben. Niemand hatte uns damals dazu gezwungen, und deshalb mußten wir uns auch wie Männer in das finden, was uns das Schicksal brachte. Da biß die Maus keinen Faden ab. Während der folgenden Tage begannen Scott-Hansen und ich wieder allerlei beschwerliche Arbeit. Die beständige Unruhe im Eise hatte das Beobachtungshaus auf der neuen Scholle zerstört; wir mußten aber ein solches Haus haben. All die feinen Instrumente an Bord zu bringen, war nicht rathsam. Dort war viel zu viel Eisen, das einen störenden Einfluß auf sie ausgeübt hätte, und konnten wir draußen auf dem Eise einen guten sichern Platz für sie finden, so war es das Beste. Wir gingen also ans Bauen und führten ein ordentliches, solides Haus mit Grundmauern von Eisblöcken auf. Scott-Hansen sollte der Baumeister sein und ich das Material herbeischaffen. Letzteres war eine gehörige Anstrengung. Die Eisblöcke, die wir zu den Grundmauern verwenden sollten, lagen in ziemlicher Entfernung von uns um einen Eishügel herum zerstreut. Dort mußte ich sie mit einer Axt nothdürftig behauen, dann auf den Schlitten aufschichten und mit einem Gespanne von sieben Hunden nach dem Bauplatze fahren. Es waren die schlechtesten Zugthiere, mit denen ich im Leben je zu thun gehabt habe. Da sie zu solcher Arbeit nicht abgerichtet waren, wollten sie alles andere lieber als ziehen. Sie begannen, sich vor dem Schlitten zu beißen, oder legten sich platt auf den Schnee nieder. Dann mußte die Peitsche herbei und über den Widerspenstigen geschwungen werden. Pfui, was für eine Wirthschaft! Ich hatte mehrere Tage lang mit diesem Eisfahren zu thun und muß gestehen, daß es eine Arbeit war, die unsere Kräfte und Geduld gehörig mitnahm. Schließlich leistete mir jedoch Kapitän Sverdrup gute Hülfe und später, am Vormittage des letzten Tages, halfen auch Hendriksen, Juell und Bentsen mit. Da ein Riß im Eise den Weg nach dem Eis-Steinbruch plötzlich unterbrochen hatte, mußten Hendriksen und ich einen andern suchen, den wir auch endlich jenseits einer Rinne fanden. Nun wurde die Geschichte aber noch schlimmer. Nach ein paar Fahrten mit den Hunden sahen wir ein, daß uns nichts weiter übrigblieb, als unsere Baumaterialien bis an die feste Eiskante zu tragen und erst dort auf den Schlitten zu laden, da wir sonst riskirten, Hunde und Schlitten in der Rinne verschwinden zu sehen. Hendriksen schleppte Eisblöcke, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann und ich hatte bei meinen Fahrten denselben Erfolg, denn, da wir nicht weniger als vier Mann mit Eis zu versorgen hatten, blieb zum Rasten keine Zeit. Aber um Mittag war das Haus endlich fertig. Wir pflanzten die norwegische Flagge auf dem Dache auf und weihten unser Haus feierlich mit einem Hoch auf den Baumeister und seine Gehülfen ein, in das die Hunde trotz ihrer Widerspenstigkeit einbegriffen wurden. Ich glaube aber nicht, daß sie unsern Edelmuth anerkannten. Eine Arbeit, die uns tagtäglich viel Mühe machte, war das Lenzpumpen des Maschinenraums von dem Wasser, das dort durch das verborgene Leck beständig eindrang. Wir bedienten uns bei dieser Arbeit des Aschenhebers und des Ascheneimers. Unten im Raume stand Amundsen und schöpfte Wasser und Eis aus, das dann zwei Mann aufhißten und über die Rehling schütteten. Mit dieser Arbeit waren wir von früh morgens bis 5 Uhr nachmittags beinahe unausgesetzt beschäftigt; man sieht also, daß das Schiff nicht wenig Wasser zog. Der 22. September war ein denkwürdiger Tag: es war die zweite Wiederkehr jenes Tages, an welchem wir im Eise einfroren. Scott-Hansen stellte am Nachmittag noch eine Beobachtung an, durch die wir erfuhren, daß wir uns nun auf 85° 2' nördlicher Breite und 82° 5' östlicher Länge befanden. Beide Begebenheiten feierten wir mit einer Bowle Punsch und waren den ganzen Abend sehr angelegentlich damit beschäftigt, mit Hülfe des Zirkels auf der Karte nachzumessen, wie weit wir in diesen zwei Jahren getrieben waren. Die Resultate, zu denen wir indessen kamen, waren gerade nicht aufmunternd, wenn man den langen Zeitraum, den wir dazu gebraucht hatten, mit in Anschlag brachte, und sie erschienen uns noch geringer, als wir in der Richtung, in der wir weiterkommen sollten, den uns noch bleibenden Abstand nachmaßen. Das Einzige, worauf wir bauen konnten, war thatsächlich allein die Aussicht, im Sommer von der Dampfmaschine Gebrauch machen zu können, d.h., wenn wir in hinreichend große Rinnen gelangten, die sich in der gewünschten Richtung erstreckten. Sonst mochten, nach den bisher erreichten Resultaten zu urtheilen, noch zwei, drei Jahre vergehen, bis wir endlich aus unserm Gefängniß herauskamen! Unser größter Kummer war und blieb jedoch das Leck der »Fram«. Es ging uns wie einem Manne, der eine noch nicht zum Ausbruch gekommene Krankheit mit sich herumträgt; er will nicht glauben, daß ihm wirklich etwas Ernstliches fehlt, aber die Symptome sind da und quälen ihn täglich. Obgleich wir so wenig wie möglich von diesem Leck redeten, fühlte doch jeder instinctiv, daß nicht nur er selbst, sondern auch die andern sich in Gedanken beständig damit beschäftigten. Gegen Ende September fiel die Temperatur auf -25 °C. Infolge dessen wurde es nöthig, den Hunden, die sich bisher im Freien auf dem Eise aufgehalten hatten, ein ordentliches Obdach zu bereiten. Dasselbe mußte mit der Schmiede geschehen, wo Petterson seit dem Zerreißen des Eises auch kein Dach mehr über dem Kopfe hatte. Jetzt mußte also erst hieran tüchtig gearbeitet werden. Für die ausgewachsenen Hunde bauten wir Hütten aus Proviantkisten. Wir stellten diese aufeinander und füllten die Zwischenräume mit Schnee aus, und für die jungen Hunde errichteten wir ebensolche Hütten aus dem Schirmdache der Vorderluke. Die Hütten wurden so warm, daß es drinnen nur -7° waren, wenn wir draußen -25° hatten. Die Schmiede führte Petterson ebenso aus, wie wir kurz vorher das Beobachtungshaus erbaut hatten. Er war sehr stolz auf sein Bauwerk, als er damit fertig war, und freute sich außerordentlich darüber, daß er wieder unter Dach und Fach arbeiten konnte. Er nannte es »Polareis-Schmiede und Maschinenfabrik« und ließ diesen großartigen Namen auf ein gewaltiges Schild malen, das er über der Thür anbrachte. Am 6. October zeigte sich die Sonne zum letzten mal, und die Winternacht begann. Als ein Mittel gegen unsern schlimmsten Feind in der Zeit der Finsterniß hatten Amundsen und ich uns dahin geeinigt, eine Art schriftlichen Gedankenaustausches über verschiedene Themata miteinander zu führen. Die Correspondenz sollte in ein Buch eingetragen werden, das dann einer von uns verwahrte. Als Gegenstand unserer Betrachtungen wurde unter anderm auch ein Vergleich zwischen frühern Polarexpeditionen und der unsern aufgestellt. Wir gelangten hierbei zu folgenden Resultaten: »Keine Expedition ist so lange ohne Verbindung mit Land und ohne Verkehr mit andern Menschen gewesen. Keine ist so lange ohne frische Nahrungsmittel geblieben und hat eine so lange Polarnacht durchgemacht wie wir.« »Doch dabei hatte trotzdem keine eine bessere Ausrüstung, bessern Gesundheitszustand und geringere Strapazen gehabt, und keine hat eine so hohe nördliche Breite erreicht wie wir oder solche wissenschaftliche Resultate aufzuweisen gehabt.« Amundsen und ich fuhren mit diesem schriftlichen Meinungsaustausch bis tief in den Winter hinein fort und kamen beide zu der Ansicht, daß er uns in unsern melancholischen Stunden eine große Hülfe war. Es wurde von jetzt an immer offenbarer, daß diejenigen, welche irgendwie geistige Interessen hatten, auf die sie zurückgreifen konnten, die größte Widerstandskraft gegen düstere Gedanken an den Tag legten. Diesen Wink gebe ich daher dem, der sich vielleicht an künftigen Expeditionen ähnlicher Art betheiligen will. Am 7. October fand Jacobsen auf einem Schneeschuhausfluge einen Treibholzstamm, den er und Sverdrup auf einem Schlitten nach Hause beförderten. Der Stamm war ungefähr 2- ½ Meter lang und augenscheinlich aus der Lena-Mündung gekommen. Jedenfalls war es ein interessanter Fund. Am 19. October ergaben unsere Beobachtungen, daß wir uns auf 85° 45' nördlicher Breite befanden. Die Temperatur betrug -29 °C. Um diese Zeit war die schlimmste Arbeit gethan, und wenn nicht etwas Besonderes vorfiel, was uns einmal einen Tag in Anspruch nahm, so benutzten wir die Zeit jetzt hauptsächlich zu Schneeschuhausflügen, um uns Bewegung zu machen, uns guten Appetit zu holen und – nicht zum wenigsten – den Tag hinzubringen und uns aufzuheitern. Wir waren nun mit verschiedenen Kleidungsstücken gut versehen, nur mit den Handschuhen kamen wir zu kurz. Die wir von Hause mitgebracht hatten, waren längst dahin, und wir wußten uns weiter keinen Rath, als zu versuchen, aus alten Hosen und ähnlichem Material neue zu machen. Doch bald stellte sich heraus, daß solche Handschuhe bei der strengen Kälte gar nicht zu gebrauchen waren. Wenn wir die Fäuste zur Arbeit benutzten, ging es einigermaßen, und dann zogen wir sie auch an. Doch für unsere Schneeschuhausflüge und dergleichen nähten wir uns Fausthandschuhe von Wolfsfell, die wir infolge dessen auch als eine Art Promenadenhandschuhe betrachteten. Am 25. October begann das Eis bedenklich unruhig zu werden. Es erhielt an Backbord einen so gewaltigen Riß, daß wir mit einer Anzahl unserer Sachen, die am meisten bedroht waren, wieder umziehen mußten. Die Bewegung hielt auch die folgenden Tage an; es bildeten sich mehrere Rinnen, und dann und wann gab es ziemlich starke Pressungen, und zwar dicht beim Schiffe. Sie waren nicht so heftig, daß wir uns veranlaßt gesehen hätten, aufs Eis zu flüchten, aber wir hatten doch alles bis auf unsere Schiffskisten an der Lenzluke bereitstehen und behielten das Eis beständig im Auge. Der Wind brachte die Eismassen jedoch ins Treiben, und die Pressungen hörten allmählich auf. Der November kam, und mit ihm nahmen die Schneestürme ihren Anfang. Am 11. hatten wir einen aus Südsüdost, der mit einer Geschwindigkeit von nahezu 15 Meter in der Secunde wehte. Die Temperatur war bis auf -38° gesunken. Ein abscheulicher Tag! Die Musik, die uns am Morgen weckte, war das Heulen, Brausen und gellende Pfeifen des Sturmes im Takelwerk und in den Tauen, und steckten wir den Kopf aus der Salonthür, so schlug uns das Schneegestöber ins Gesicht, daß uns schier der Athem verging und wir unsere liebe Noth hatten, die Thür wieder zuzumachen. Es war, wie man sagt, ein Wetter, in welchem man keinen Hund vor die Thür jagen möchte. Doch für unsere Hunde schien es gar kein so fürchterliches »Hundewetter« zu sein. Sie hielten sich wie sonst draußen auf dem Eise auf und dachten gar nicht daran, unter Dach in ihre Hütte zu kriechen, sondern hatten sich im Schnee lang hingestreckt. Bald waren sie so tief eingeschneit, daß wir ihre Köpfe nur noch eben wie unter einer weißen Nachtmütze hervorgucken sahen. Die Mannschaft der »Fram« hielt sich übrigens den ganzen Tag vorsichtig in den vier Pfählen auf. Nur wir, die die meteorologischen Instrumente abzulesen hatten, mußten hinaus und versuchen, ob uns dies gelingen würde. Es war eine saure Arbeit. Nicht einmal unsere Fellanzüge gewährten den nöthigen Schutz gegen Wind und Schneetreiben. Wir fanden die Verschanzungen, die wir auf dem Eise aufgeführt hatten, verschneit, und es kostete uns die allergrößte Mühe, unsere Instrumente wiederzufinden. Am nächsten Tag hatten wir eine anstrengende Arbeit, ehe wir all unsere Sachen wieder aus den Schneewehen herausgegraben hatten. Dabei kamen uns die Wolfsfellhandschuhe gut zu statten. Wir nahmen sie zum ersten mal in Gebrauch und fanden sie vortrefflich. Wir trieben nun beständig nach Westen und durften also bald erwarten, den 60. Längengrad zu passiren. Dies bedeutete ungefähr ebensoviel, als daß wir dann durch das ganze unbekannte Polarmeer zwischen den Neusibirischen Inseln und Franz-Joseph-Land getrieben waren. Wir sahen diesem Ereigniß mit wirklicher Sehnsucht entgegen. Bedeutete es doch nicht weniger, als daß wir dann unsere Aufgabe als gelöst betrachten konnten und fürderhin das Recht hatten, uns soviel als möglich anzustrengen, aus dem Eise loszukommen und nach der Heimat zu steuern. Und hatten wir erst den 60. Grad passirt, so würde in dieser Hinsicht viel gewonnen sein. Denn dann waren wir auch in bekannte Gewässer gekommen, aus denen andere als wir einst glücklich zurückgekehrt waren. Allmählich stellte sich heraus, daß bald dieses, bald jenes Mitglied der Expedition sich nicht wohl fühlte, kurz, daß der Gesundheitszustand nicht so gut wie bisher war. Die Ursache mußte unzweifelhaft in dem Mangel an Bewegung gesucht werden. Der ziemlich schroffe Uebergang von unausgesetzter, angestrengter Arbeit zu verhältnißmäßiger Unthätigkeit, der ja an und für sich schon nicht gut war, wurde bei einzelnen noch dazu nicht genügend durch Bewegung in freier Luft ausgeglichen. Kapitän Sverdrup mußte deshalb allen »befehlen«, jeden Tag einen mindestens zweistündigen Schneeschuhlauf auf dem Eise zu unternehmen. Da weitere Ausflüge der herrschenden Dunkelheit wegen nicht anzuempfehlen waren, wurden diese Bewegungen meistens in Gestalt von Spaziergängen in unmittelbarer Nähe des Schiffes unternommen. Mehrere Tage lang machte der wolkenschwere, Schnee verkündende Himmel alle Beobachtungen unmöglich. Erst am 27. November war der Himmel wieder klar genug, sodaß wir eine Ortsbestimmung anstellen konnten. Ihre Ausrechnung ergab zu unserer großen Freude, daß unsere Hoffnung auf baldiges Ueberschreiten des 60. Längengrades sich schon erfüllt hatte. Er war bereits überschritten; wir befanden uns jetzt auf 85° 29' nördlicher Breite und 57° 41' östlicher Länge. Ich brauche wol kaum zu betheuern, daß dieses Resultat mit wahrem Jubel aufgenommen wurde. Ja, ich kann behaupten, daß die Stimmung in den beiden nun verflossenen Jahren, während welcher wir von den Launen des Eises und der Winde abhängig gewesen, noch nie so gehoben war. Es war schon lange her, daß wir uns aufgelegt gefühlt hatten, einen Freudenbecher zu leeren. Wir, die wir früher regelmäßig die Geburtstage unserer Freunde feierten, hatten sogar den unseres Freundes Blessing, der auf den 29. September fiel, mit Stillschweigen übergangen. Etwas besseres Essen war das Einzige, wodurch dieser Tag sich vor den andern auszeichnete. Weder Blessing selbst, noch wir waren in der rechten Stimmung dazu gewesen. Wir hätten uns Gewalt anthun müssen, wenn wir es versucht hätten, festlich gestimmt zu erscheinen. Ein wenig besser, vielmehr bedeutend besser, war die Stimmung an Kapitän Sverdrup's Geburtstag, dem 31. October. Wir waren eben einer Eispressung glücklich entgangen und hatten guten Wind. Dergleichen erhellte stets das Gemüth. Wir verbrachten einen sehr angenehmen Abend miteinander bei Gesang, Musik und einer gemüthlichen Kartenpartie. Doch daß wir jetzt thatsächlich den 60. Längengrad passirt hatten, das war etwas! Das mußte gefeiert und zwar glänzend gefeiert werden. Wir konnten allerdings kein Land sehen, konnten auch nicht die Hoffnung hegen, ein solches noch in Sicht zu bekommen; aber nach unsern Berechnungen mußten wir Kap Fligely an der Nordspitze von Franz-Joseph-Land passirt haben und dieses sich jetzt in einer Entfernung von 350 bis 400 Kilometer von uns befinden. Scott-Hansen, Amundsen und ich mußten wie bei frühern Gelegenheiten so auch jetzt das Amt eines Festcomités übernehmen. Am 28. November standen wir sehr früh auf, um alles zu arrangiren. Der Salon wurde wie gewöhnlich mit Flaggen und Fahnen decorirt. Die Standarte der »Fram« mit der norwegischen Flagge darüber erhielt heute den Ehrenplatz, die übrigen Fahnen wurden an den Seitenwänden angebracht. Dann weckten wir die andern mit Kanonensalut und Orgelmusik. Auch Petterson war früh auf den Beinen gewesen und konnte mit frischem Kuchen zum Frühstück aufwarten. Alle Arbeit, mit Ausnahme der meteorologischen Ablesungen und der Küchenarbeit, ruhte an diesem Tage. Um 1 Uhr hatten wir großes Festdiner, und am Abend versammelten wir uns bei einer Bowle Punsch, wozu wir außerdem noch mit verschiedenen Arten Süßigkeiten tractirt wurden. Kapitän Sverdrup brachte ein Hoch auf den Tag aus. Er knüpfte daran eine Rede, worin er uns zu den erreichten Resultaten gratulirte und daran erinnerte, daß wir uns jetzt als innerhalb des Meridians der civilisirten Welt befindlich betrachten dürften, da der Längengrad, auf dem wir nun seien, durch Chabarowa gehe, wo es Kirchen und Priester gebe. Allerdings befänden wir uns noch auf einem ziemlich hohen Breitengrade, aber nach dem, was die Beobachtungen der letzten Zeit ergeben hätten, werde die Breite in demselben Maße niedriger, wie sich die Länge verringere. Wir könnten deshalb die gute Hoffnung nähren, auch in Zukunft nach Süden und Westen zu treiben, und könnten daher einer Befreiung aus unserm Eisgefängnisse binnen nicht allzu langer Zeit sicher entgegensehen. Er wolle uns gleichzeitig dafür danken, daß wir uns stets bestrebt, ein gutes Verhältniß an Bord aufrecht zu halten, und bitte uns, die Stunde der Freiheit geduldig zu erwarten. Die Zeit verging, das Weihnachtsfest näherte sich mit großen Schritten. Der Koch begann schon seine Vorbereitungen mit Kuchenbacken und dergleichen, doch im übrigen waren die Aussichten auf eine Festmahlzeit mäßig. Vorigen Winter konnten wir wenigstens noch mit frischem Bärenbraten auf dem Tische Staat machen, aber diesmal? Nicht mehr frisches Fleisch als mein Handrücken, und dem Anscheine nach auch keine Gelegenheit, welches zu bekommen. So mußten wir uns denn sowol am Weihnachtsabend wie an den Festtagen mit den gewöhnlichen Conserven begnügen. An und für sich waren diese ja sehr gut und wohlschmeckend, aber wir hatten doch schon so lange davon gelebt, daß sie für unsern Gaumen beinahe gar keinen Geschmack mehr hatten. Wir fanden, daß sie alle gleich schmeckten, und es war wirklich lustig anzusehen, von welch winzigen Portionen Kraftmenschen wie Hendriksen und Bentsen jetzt satt wurden. Daheim würden die meisten beim Anblick des gedeckten Tisches, um den wir uns am Heiligen Abend setzten, ohne Zweifel gesagt haben, es sei ein vorzügliches Essen – und gewiß war das Essen auch gut genug. Aber was nützte es uns, da dies nun schon zwei Jahre hindurch unsere tägliche Kost gewesen war. Wir hätten alles freudig für das kleinste Stück frisches Fleisch oder frischen Fisch hingegeben. Dazu kam die Schwermuth, die uns an solchen Festabenden immer überfiel und uns mit nagendem Heimweh quälte, mit Phantasien von Glockengeläute, brennenden Weihnachtsbäumen und all dem, was jetzt nur weh that und wie eine offene Wunde schmerzte. Wie der Weihnachtsabend verlief auch der erste Festtag. Den ganzen Tag über gingen elf Männer stumm aneinander vorbei, ohne mehr als das Allernothwendigste zu sprechen. Wenn ich sage, daß es das langweiligste Weihnachtsfest war, das ich je erlebt habe, so ist das nicht genug; es war auch das traurigste, und sicherlich hatten alle andern dieselbe Empfindung. Wir fingen an, uns gewissermaßen aus dem Wege zu gehen, um uns unsern krankhaften Grübeleien in größter Einsamkeit frei hingeben zu können. Diese Weihnachtsstimmung wurde durch die letzten Beobachtungen keineswegs verbessert, da diese bewiesen, daß wir anstatt vorwärts zurück getrieben waren. Dies also war unser Weihnachtsgeschenk. So tanzten unsere Hoffnungen und unsere Stimmung auf und nieder wie ein Boot bei hohem Seegang. Bald hoch oben auf den Wogenkämmen, bald tief unten im Wellenthale, so tief, daß es uns schien, als würden wir nie wieder emporsteigen. Elftes Kapitel. Das Ende der letzten Winternacht Neujahr 1896! Was wird uns das neue Jahr bringen? Gutes oder Böses, Gefangenschaft oder Freiheit? Wer das vorhersagen könnte! Doch nein! Denn gesetzt, es wäre mir vergönnt, einen Zipfel vom Schleier der Zukunft zu heben und hineinzuschauen, und ich sähe dann ein Schiff von merkwürdig breiter und kurzer Bauart mit drei hohen Masten und einer Ausgucktonne auf dem Hauptmaste am Jahresschlusse, wie schon bei seinem Beginne, zwischen hochaufgethürmten Eismassen eingefroren liegen; gesetzt, daß dies das Bild wäre, das mir die Zukunft zeigte, und ich mir dann selbst sagen müßte, daß die Männer, die ich ohne Rast und Ruh auf dem Deck auf- und abwandeln sehe, wie wilde Thiere in einem Käfig unaufhörlich hin und herschreitend, meine Kameraden und ich selbst seien ... Nein, nein! Lieber will ich nichts wissen, aber hoffen dürfen! Jedermann wird begreifen, daß jetzt, da wir unsere Aufgabe mit Recht als gelöst Die höchste beobachtete Breite hatten wir am 25. November 1895 mit 85° 57,5' erreicht. Es ist aber höchst wahrscheinlich, daß wir in jener Nacht den 86. Breitengrad passirt haben. betrachten konnten, unsere Sehnsucht, aus dem Eise loszukommen, den Kiel der Heimat zuzuwenden, unsern Lieben entgegen, die in Angst und Bangen unser warteten, stärker geworden war, als sie je gewesen. Deshalb wurden auch die Zweifel immer quälender, ob unsere Hoffnung sich wol erfüllen würde. Konnten wir also Sylvester nicht in besonders heiterer Stimmung verbringen – bei den meisten war sie vielmehr recht gedrückt –, so versuchten wir es doch unter allen Umständen, dem Jahreswechsel ein so festliches Gepräge zu verleihen, wie uns irgend möglich war. Um 12 Uhr wünschten wir einander herzlich »ein glückliches neues Jahr« und ließen die Schiffsglocke dann 12 Uhr schlagen. Wunderbar feierlich hallten die Schläge durch die stille Luft. Ich war auf Deck gegangen, um diesen Feiertagsauftrag auszuführen. Ich fühlte einen Luftzug von Nordwesten, was bedeutete, daß der Wind sich zu unserm Vortheile gedreht hatte. Ich eilte sofort, »Lina« zu befragen. Ganz richtig, auch sie hatte sich zum Bessern gewendet. Um spätern Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich hier gleich einschalten, daß jetzt, da wir nach Süden und nach Hause wollten, nicht mehr ein Wind aus südlicher Richtung, sondern der Nordwind unser Freund war. Also accurat wie früher, nur gerade das Gegentheil. Wer in den Salon hinunterstürmte, den Kameraden diese frohe Neujahrskunde zu bringen, war ich. Man wird mir glauben, daß ihre Mienen sich mit einem Schlage aufhellten. Es war, als wären sie wie ausgewechselt. Die Unterhaltung kam plötzlich in Gang, und wir verbrachten noch eine wirklich gemüthliche Stunde miteinander, die erste im neuen Jahre, unter Gesprächen über alles Mögliche, hauptsächlich natürlich über unsere Aussichten für die Zukunft. Den ganzen Januar hindurch war an Bord außer der täglichen Küchenarbeit und dergleichen wenig oder gar nichts zu thun. Das Einzige war, daß Amundsen sich damit beschäftigte, Blechhülsen für die Minen zu verfertigen, mit denen späterhin das Eis gesprengt werden sollte, und daß Scott-Hansen die Hülsen füllte und ein paar Versuchsminen zurechtmachte. Sonst eigentlich nichts von Interesse. Ein paar Citate, aufs gerathewohl meinem Tagebuche von dieser Zeit entnommen, beleuchten die Verhältnisse vielleicht am besten: »9. Januar. Der Einzige, der ein wenig Beschäftigung hat, ist Amundsen, der an Pulverminen arbeitet. Hendriksen haut jeden Morgen das Wasserloch auf und ist außerordentlich gefällig, wenn es etwas zu thun gibt. Nichts Neues zu bemerken. Der Wind ist gut.« »14. Januar. Dasselbe Faulenzerleben wie gestern. Sverdrup construirt Boottypen. Scott-Hansen ladet eine der von Amundsen verfertigten Pulverminen und bereitet alles vor, um ihre Wirkung durch ein Bohrloch in dem etwa 3- ½ Meter dicken Eise zu erproben. Blessing machte heute Nachmittag ein paar Luftelektricitätsuntersuchungen. Petterson ist in der Kajüte, ich bei den Instrumenten. Heute wurden Finnenschuhe an die ausgegeben, die welche haben wollten.« »21. Januar. Wovon soll ich schreiben? Der eine Tag verläuft genau wie der andere. Dieselben Menschen, dieselben Thiere, dieselbe Eiswüste rundumher, dieselben Bewegungen in dieser Wüste. Derselbe Geist ...« »23. Januar. Ließen das Loth 3000 Meter auslaufen; vor Mittag wurde es wieder eingeholt, aber kein Grund. Vormittags machten Scott-Hansen und ich eine Ortsbestimmung. Scott-Hansen setzt neue Böden in seine Hülsen. Jacobsen führt das Schiffsjournal, Amundsen betreibt die Fabrikation von Pulverminen ...«. In derselben Tonart geht es den ganzen Januar hindurch. Dieses Faulenzerleben nach der angestrengten Thätigkeit und der oft fast übertriebenen Arbeit im Herbst und zu Anfang des Winters war jedoch nichts weniger als gesund. War man schon vorher zu Reizbarkeit und Schwermuth geneigt, so konnte eine solche Unthätigkeit nicht zur Verbesserung der Stimmung beitragen, besonders da die Winternacht uns jetzt dicht, schwarz und beklemmend umgab, uns jede Aussicht versperrte und uns bösen Zweifel und Mißmuth in das oft nur allzu offene Ohr flüsterte. Dann darf nicht vergessen werden: elf Männer haben über zweieinhalb Jahre in täglichem Zusammenleben so dicht beieinander verbracht, als es überhaupt möglich ist. Es gab zwischen Himmel und Erde kaum ein Ding, wovon wir nicht wieder und wieder geredet hätten, bis zur Unerträglichkeit, ich möchte sagen, bis zum Ekel. Schließlich endete es damit, daß wir ganz einfach das Reden nicht nur selbst sein ließen, sondern auch die Unterhaltung anderer nicht mehr ertragen konnten. Ja, es war ein eigenthümliches Zusammenleben, wenn ich jetzt daran zurückdenke – ein Zusammenleben, in dessen Verlauf wir oft bissig gegeneinander wurden und gleich wilden Thieren nacheinander schnappten, obgleich wir es im Innersten unsers Herzens gar nicht so bös meinten. Hatten wir doch in der langen Zeit unsere Eigenschaften gegenseitig kennen und würdigen gelernt. Aber das lange faule Leben hatte uns schließlich in dem Grade krankhaft nervös gemacht, daß wir ordentlich den Drang fühlten, zu schreien, wenn uns etwas reizte. Und dazu gehörte eigentlich ein Nichts. So machten wir denn, jeder für sich, unsern Spaziergang auf Deck und redeten nur das Allernothwendigste miteinander. Diese krankhafte Empfindlichkeit kam ganz komisch zum Ausbruch, wenn wir abends im Salon versammelt waren und etwa zwei von uns eine Frage, die sie zufällig interessiere, zu discutiren begannen. Es waren nämlich einige unter uns, die ein Steckenpferd besaßen, das sie gern zusammen ritten. Da hätte man uns andere sehen sollen! Stumm, mit unsern eigenen Gedanken beschäftigt, saßen wir da. Da aber die beiden laut redeten, allmählich immer lauter und eifriger wurden, war es uns schließlich geradezu unmöglich, gar nicht hinzuhören. Gewöhnlich ertrugen wir es eine Weile, ohne etwas zu sagen, obgleich diese Art, das Blaue vom Himmel herunterzuschwatzen – denn dafür sahen wir in unserer momentanen Laune jedes Gespräch an – unserm Trommelfelle ganz schrecklich war. Doch, wenn das Gerede gar kein Ende nehmen wollte, wurde es uns schließlich unerträglich. Dann konnte man erst den einen, dann noch einen, dann wieder einen sehen, wie er sich wie auf der Folter wand, um sich dann plötzlich mit einem energischen Ruck und einem ausdrucksvollen, nicht mißzuverstehenden Blick auf die Redenden zu erheben, in seine Kabine zu eilen und die Thür hinter sich zuzuwerfen. Den ganzen Januar hindurch hatten wir günstigen Wind, und am 31. zeigte sich, daß wir uns jetzt auf 84° 51' nördlicher Breite und 29° 59' östlicher Länge befanden. Die Stimmung an Bord war daher in dieser Zeit im ganzen recht gut. Wir hatten nun die Länge von Vardö überschritten. Natürlich war dies nicht gleichbedeutend damit, daß wir jetzt ganz einfach nur südwärts, nach der Heimat zu steuern brauchten. Dies stand leider noch in sehr weitem Felde. Noch mußten wir eine gute Strecke weiter treiben und viele Kämpfe bestehen, ehe wir durchzukommen hoffen konnten. Aber etwas war schon gewonnen, und darüber mußten wir froh sein. Im Februar begann das Eis zu bersten und sich zusammenzupressen. Die Boote und unser Depot auf dem Eise schwebten in solcher Gefahr, daß wir wieder eiligst an das Bergen denken und unsere Sachen an sichern Plätzen verwahren mußten. Ganz in der Nähe des Schiffes bildeten sich ziemlich achtunggebietende Rinnen, sodaß wir beständig eine Wiederholung der Eispressungen des vorigen Jahres befürchten mußten. Deshalb wurde Tag und Nacht andauernd scharfer Ausguck auf die Bewegung im Eise gehalten, damit wir nicht unvorbereitet überrascht würden. Am 12. Februar sahen wir das gepriesene Tageslicht zum ersten mal wieder. Welch glückliches Gefühl durchströmt die Seele, wenn man nach der langen schwarzen Winternacht das Licht wieder erblickt! Es ist, als erwache man von einem langen schweren Alpdrücken und könne nun wieder aufathmen. Der 12. war auch sonst ein guter Tag. Der Wind war anhaltend günstig, und wir wußten, daß wir ein gutes Stück nach Süden getrieben sein mußten. Deshalb hießen wir das Tageslicht in der freudigen Hoffnung willkommen, daß die nun beendete Winternacht auch unsere letzte gewesen sei. Am 15. Februar ergab sich, daß wir uns auf 84° 20' nördlicher Breite und 23° 20' östlicher Länge befanden, es ging wirklich wie gewünscht. Am 21. trat ebenso plötzlich wie gewaltsam eine Temperaturänderung ein, und das Thermometer stieg von -47° bis auf -6°. Das Barometer fiel gleichzeitig. So tiefen Barometerstand hatten wir bisher noch nicht gehabt. Der Wind kam aus Südsüdosten und wurde im Laufe des Tages immer stärker, bis er am Abend in einen orkanartigen Sturm mit Schneetreiben überging. Der Wind war so stark, daß es beinahe eine Unmöglichkeit war, sich ins Freie zu wagen. Infolge des plötzlichen Temperaturumschlags aus strenger Kälte in für unsere Verhältnisse mildes Wetter empfanden wir den Wind allerdings nur wie daheim eine lauwarme Sommerbrise, aber der Luftdruck war ungeheuer und der Schnee schlug uns mit solcher Heftigkeit ins Gesicht, daß wir uns in möglichster Eile ehrfurchtsvoll zurückzogen. Die plötzliche Temperaturänderung hatte noch eine andere merkwürdige Folge: wir wurden alle von Kopfweh befallen, das jedoch etwas nachließ, als wir Antipyrin eingenommen hatten. Der Sturm währte mit unverminderter Kraft mehrere Tage hindurch, während die Temperatur dagegen wieder bis unter -30° sank. Es konnte keine Rede davon sein, bei diesem Wetter auch nur das Geringste auszuführen. Der Aufenthalt im Salon war auch nicht besonders gemüthlich, da der Ofen des Sturmes wegen nicht geheizt werden konnte. Er rauchte wie ein Fabrikschornstein, sodaß wir glaubten, ersticken zu müssen. Wir hielten uns deshalb meistens auf dem Vorderdecke unter dem Schutze des Schneesegels auf und verbrachten dort die Zeit mit Hin- und Herwandern oder zogen uns in unsere Kabinen zurück. Bei diesem Sturme bildeten sich noch mehr Rinnen um das Schiff herum, als dort schon vorher waren, und das Eis begann, theilweise sogar recht heftig, sich zusammenzupressen. Wir mußten daher mehrmals auf das Eis, um unsere Sachen zu bergen, und gingen in beständiger Angst herum, die Pressungen könnten die Eismassen über uns wälzen und uns zwingen, das Schiff zu verlassen. Inzwischen erweiterten sich die Rinnen sogar zu großen Seen, die es uns mehrere Tage lang unmöglich machten, zu unserm Beobachtungshause und verschiedenen Gegenständen zu gelangen, die uns mit der losgerissenen Scholle fortgetrieben waren. Wiederholt machten wir den Versuch, über die Rinnen zu setzen, mußten es aber schließlich aufgeben und geduldig warten, bis das Unwetter ein wenig nachließ. Es war kein Vergnügen, diese Landungsversuche mitzumachen, bei Sturm und 30° Kälte! Da spürt man es doppelt. Obwol wir unsere wärmsten Fellanzüge anhatten, ging uns der Wind wie ein eisiger Hauch durch Mark und Bein. Es war gerade so, als wären wir im bloßen Hemd ausgegangen. Endlich hatte sich selbst dieser Sturm müde getobt. Sobald das Unwetter ein bischen nachließ, war es unser Erstes, unsere Sachen draußen auf dem Eise zusammenzusuchen, denn dort war alles zugeschneit. Es war eine kalte Arbeit, sie wieder auszugraben, sie wurde aber doch gethan. Hiermit fertig, hieß es versuchen, eine Beobachtung anzustellen, denn nach der Gewalt des Sturmes zu urtheilen, hatten wir Grund, das Schlimmste zu befürchten: daß wir wieder erheblich nach Norden getrieben worden seien. Die Beobachtung befreite uns glücklicherweise von einem großen Theile unserer Furcht. Wir waren ein wenig zurückgetrieben, aber lange nicht soviel, als wir angenommen hatten. Es waren nicht weniger als sechzehn Monate vergangen, seit wir zuletzt die Ehre gehabt, Se. Majestät den Polarbären begrüßen zu dürfen, und über ein Jahr, daß wir frisches Bärenfleisch gegessen hatten. Es erweckte daher an Bord geradezu Begeisterung, als Petterson, der mit der Segelbekleidung des Verdecks zu thun gehabt hatte, früh am Morgen des 28. Februar in den Salon mit der Meldung stürmte, auf dem Eise sei ein Bär mit einem Jungen im Anzuge. Kapitän Sverdrup, der die Nachricht zuerst erhalten hatte, fuhr augenblicklich in die Kleider, ergriff eine Flinte und eilte nach oben; wir andern kamen ihm alle hurtig nach. Die Bären hatten sich jedoch in der Zwischenzeit wieder ein wenig entfernt – einem so wunderlichen, ihnen bisher noch nicht vorgestellten Geschöpfe wie der »Fram« gegenüber fühlten sie sich wol ein wenig unsicher – und es war nun die Frage, wie wir sie mit List und Schlauheit auf Schußweite heranlocken könnten. Denn sich jetzt einen solchen Leckerbissen aus den Händen kommen zu lassen, wäre doch gar zu verdrießlich. Petterson wußte Rath. Wie der Blitz war er in der Küche, machte Feuer unter den Herd, that Butter, Speck und Zwiebeln in eine Bratpfanne und schürte das Feuer so, daß es meilenweit nach gebratenem Speck und gebräunten Zwiebeln roch. Der Wind trug diese Düfte glücklicherweise in der Richtung der abziehenden Gäste fort, und so dauerte es nicht lange, bis wir merken konnten, daß der süße Duft bis zu ihnen gedrungen war, sie in der Nase zu kitzeln begann und leckere Gelüste in ihnen wachrief. Alle frühern Bedenken über eine nähere Begrüßung der »Fram« waren vergessen; sie machten mit einem mal kehrt und kamen, die Bärin voraus, das Junge hinterdrein, in vollem Galop auf uns zugelaufen. Sobald sie sich in guter Schußweite befanden, legte Kapitän Sverdrup das Gewehr an, zielte auf die Mutter und drückte ab. Sie stürzte zu Boden, erhob sich aber wieder und brüllte vor Wuth und Schmerz. Da knallte die Flinte des Kapitäns noch einmal und ein drittes mal. Die Bärin war nun mausetodt. Das Junge war, als es die Mutter stürzen sah, ängstlich hinter einen Eishügel geeilt, um sich dort zu verstecken. Als es aber gewahrte, daß die Mutter liegen blieb, konnte es sich dies augenscheinlich gar nicht erklären und wagte sich wieder aus seinem Verstecke hervor, um die Mutter zu beschnüffeln. Damit war der arme kleine Bär geliefert. Er erhielt eine Kugel in den Hals, die, wie es sich später herausstellte, zum Nacken herauskam, und sank an der Seite seiner Mutter nieder. Als wir zu ihnen hintraten, war nur noch ein bischen Leben in ihm. Man kann sich denken, wie eilig wir es jetzt hatten. Sollten wir doch wieder schönen frischen Bärenbraten bekommen, nachdem wir solange von den greulichen Conserven gelebt hatten, deren wir so sehr überdrüssig waren! Wir legten die Bären auf je einen Schlitten und transportirten sie bis ans Schiff. Dort ging es an ein Schlachten! Daß wir mittags Bärenbraten aßen, versteht sich von selbst, und daß wir noch gesunde Kerle mit gutem Appetit waren, konnte unser Koch bezeugen, als er sah, was von der gar nicht knapp zugemessenen Portion übrig geblieben war. Am 4. März konnten wir die Sonne wieder willkommen heißen. Ein herzliches Willkommen war es, wie gewiß niemand bezweifeln wird. Für uns alle war es ein Freudentag, als wir in geschlossener Reihe auf dem Hinterdeck standen und die Sonne gegen 11 Uhr vormittags über den Horizont guckte und uns gemüthlich zunickte, gerade als wenn sie sagen wollte: »Guten Tag, meine Jungen, liegt ihr noch da und wartet auf mich?« Ja, so verhielt es sich. Wir lagen noch da und hatten fünf Monate lang auf die liebe Begleiterin gewartet. Weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Als die Sonne über dem Horizonte erschien, war unser erster, sofort laut ausgesprochener Wunsch, daß sie uns nun nicht wieder verlassen, sondern uns den Heimweg nach den Gebirgen, Ufern und grünen Gehängen des alten Norwegen zeigen möchte. Ungefähr eine Woche vorher – an dem Tage, als wir die beiden Bären schossen – war unter einigen Kameraden ein recht unangenehmer Streit entstanden. Ich habe schon erzählt, wie Einsamkeit und Finsterniß hier droben auf unser Gemüth eingewirkt hatten; es war also nicht erstaunlich, daß es gelegentlich zu einem kleinen Zusammenstoße kam. Dieser war jedoch der ernsthafteste, der während der ganzen Reise vorgekommen war, und leider hatte er einige Bitterkeit zurückgelassen. In dem Augenblicke aber, da wir zu einer Gruppe versammelt die Sonne begrüßten, zerstoben alle bittern Gedanken den Erdgeistern gleich vor ihrem Lichte, und wir fühlten uns alle wieder als treue Brüder und Kampfgenossen, bereit, Freud und Leid mit einander zu theilen. Der Tag war überhaupt einer unserer Glückstage, da auch die Beobachtungen günstig waren und darthaten, daß die Drift nach Süden über Erwarten gut ging. Unsere Hoffnung, in diesem Sommer aus dem Eise herauszukommen, war deshalb stärker denn je, sodaß wir alle miteinander frohen Sinnes und aufrichtigen Herzens ein »Sonnenfest« feierten. Wir nahmen ein opulentes Mittagsmahl ein: erster Gang Fischpudding mit zerlassener Butter, zweiter Gang frischer Bärenschinken mit Dessert und hinterher Kaffee, das »herrlichste aller Getränke«. Nach dem Abendessen wurde wieder eine Bowle hereingebracht, unser traditioneller Fram-Punsch, und als wir uns genau zwölf Stunden nach unserm Wiedersehen mit der Sonne zur Ruhe begaben, thaten wir es mit dem Gefühle, daß es eine der allergemüthlichsten festlichen Vereinigungen gewesen sei, die wir je an Bord gehabt hatten. Und gut war es, daß so hervorragende Lichtpunkte all die Traurigkeit und Einförmigkeit unterbrachen. Denn sonst hätte man gar nicht wissen können, was auf die Dauer aus dem Zusammenleben an Bord geworden wäre, so nervös und reizbar hatte uns dieses Polarleben gemacht. »Ja, aber mußtet ihr denn so nervös werden?« wird vielleicht mancher fragen. Man wird uns am Ende gar sagen, daß es »unmännlich« von uns war, sich als erwachsene Männer von übler Laune beherrschen zu lassen, um so mehr, da wir es an Bord besser hatten als alle andern Seeleute. Auf all diese hinterdrein hinkende Weisheit der Zuhausegebliebenen habe ich nur die Antwort: »Versucht es selbst!« Ich glaube, daß sie ein anderes Lied singen würden, wenn sie die Suppe selbst auslöffeln sollten. Am 14. März hatten wir wieder einen Gedenktag: es war der Jahrestag unsers Abschiedes von Nansen und Johansen. Wir alle nahmen fest an, sie seien nun schon lange – schon seit dem letzten Herbste – wieder daheim und hätten nicht nur gute Botschaft von ihrer eigenen Reise mitgebracht, sondern auch unsere Grüße an die Lieben in der Heimat sicher übermittelt. So wußten sie zu Hause wenigstens, daß wir es noch vor einem Jahre an Bord der »Fram« gut gehabt hatten, und brauchten nicht in allzu großer Angst um uns zu sein. Es war für uns gut, daß wir selbst in diesem Glauben lebten. Denn hätten wir gewußt, was wir später erfuhren, daß Nansen und Johansen an diesem Tage, ein Jahr nachdem sie die »Fram« verlassen, im Winterlager auf einem unbekannten Lande in einer selbsterbauten Steinhütte lagen, dort schon seit Ende August 1895 gelegen hatten und ganz wie die Wilden lebten, statt, wie wir glaubten, daheim im gemächlichen Familienkreise bei Tisch zu sitzen: hätten wir damals alles dieses ahnen können, so hätten wir uns beim Gedenken dieses Tages schwerlich so froh gefühlt, als wir es waren. So aber feierten wir den Tag, so gut es mit unsern bescheidenen Mitteln ging, und brachten ein herzliches Hoch auf die beiden aus in der festen Ueberzeugung, daß ihre Namen jetzt die Welt durchflögen, und vom Wunsche erfüllt, auch uns möchte bald vergönnt sein, ihnen die Hand zu drücken. Den ganzen März hindurch war das Wetter mild, gleichzeitig aber gab es auch oft Nebel und so unsichtige Luft, daß es unmöglich war, eine zuverlässige Beobachtung zu machen. Der Wind wehte meistens aus West oder Westsüdwest. Nach der Windrichtung mußte man also begründete Furcht hegen, daß die Drift statt vorwärts rückwärts ging, und es fehlte denn auch nicht an Unglückspropheten. Aber »Lina« wies tapfer den rechten Weg, und die meisten von uns vertrauten ihr. Und als wir endlich eines Tages eine Beobachtung machen konnten, stellte es sich wieder, wie schon so manches mal, heraus, daß »Lina« recht hatte. Und wieder sagten wir, was wir schon so manches mal gesagt: »Hurrah, Lina! Nun könnt ihr euch schämen!« Zwölftes Capitel. Der Kampf mit dem Eise April! Der Monat, von dem man sagt, daß er den Leuten gern alle möglichen Possen spielt, weshalb wir uns nach Kräften dadurch entschädigen, daß wir uns selbst gegenseitig »in den April schicken«. Uns an Bord der »Fram« machte der Monat jedoch keine besonders aufmunternden Versprechungen, sodaß er wenigstens uns nichts vorgespiegelt hat, um das Gelobte nachher mit frechem Lächeln auf den Lippen wieder zu brechen. Allenthalben begann das Eis zu bersten, und es bildeten sich mehrere ziemlich große Rinnen, darunter gerade am Achterende des Schiffes eine so breite und lange, daß sich ein wenig Segelsport darin treiben ließ, eine Zerstreuung, die uns im höchsten Grade willkommen war, da wir in der letzten Zeit so wenig Bewegung gehabt hatten. Doch zur selben Zeit wurde auch das Eis geradezu unangenehm unruhig. Bald theilte es sich hier, bald dort an den Stellen, wo wir unsere Depots und unsere Instrumente hatten. Die Folge davon war, daß mit diesen unaufhörlich hin und her umgezogen wurde, um sie an einen sicherern Platz zu bringen, wo sie sich dann am nächsten Tage wieder in einer ebenso bedrohten Lage befanden. Wir mußten oft mitten in der Nacht hinaus, um zu bergen, und schließlich wußten wir beinahe gar nicht mehr, wo wir mit unsern Sachen hin sollten. Dies wurde auf die Dauer unerträglich. Da der Sommer sich näherte und die Erfahrung früherer Jahre uns gelehrt hatte, daß im Sommer die Gefahren der Pressungen lange nicht so groß waren wie in den andern Jahreszeiten, beschlossen wir schließlich, unser »Gut«, Depot, Boote, Schmiede und Instrumente, wieder an Bord zu schaffen. Wir machten uns gleich an die Arbeit und hatten mehrere Tage damit zu thun. Namentlich war es entsetzlich mühsam, das große Schiffsboot durch das aufgethürmte Eis nach dem Schiffe zu bringen und es in der richtigen Stellung, mit dem Kiele nach oben, an den Davits zu befestigen. So, dies wäre besorgt! Wir fühlten uns wirklich erleichtert. Ja Prosit! Fing es nicht in der Nacht auf den 21. April dermaßen an, zu pressen, daß wir nun für – das Schiff selbst zu fürchten begannen! Die Pressung stieg morgens gegen 7 Uhr zu geradezu überwältigender Heftigkeit an. Wir wurden alle Mann geweckt und waren im Nu in den Kleidern und auf Deck. Der Anblick, der sich uns hier bot, war wahrhaftig abscheulich genug. Das pressende Eis wälzte sich näher und näher heran, thürmte sich sowohl am Heck wie um den Bug auf, bog aber glücklicherweise nach Backbord ab, wo es einen starken Druck ausübte. Ein Glück war, daß das Untereis um das Schiff herum so schwach war, daß es unter den heranwälzenden Eismassen brach, wodurch diese mit ihm hinabsanken, statt die Rehling zu entern und sich über das Deck hinzuwälzen, in welchem Falle – und gerade dies fürchteten wir am meisten – es für uns schlimm genug geworden wäre. Der Angriff des Eises wurde glücklicherweise siegreich zurückgeschlagen; aber daß es seine Kräfte nicht gespart hatte, zeigte sich unter anderm daran, daß die »Fram« aus dem Lager, in dem sie den ganzen Winter über eingefroren gelegen, losgebrochen war, sodaß sie frei in ihrem Becken schwamm, als die Pressungen sich endlich gelegt hatten. Eine an diesem Tage angestellte Beobachtung zeigte, daß wir wieder ein paar Minuten nach Norden getrieben waren. »Hin und her ist gleich lang, und aus und ein derselbe Gang.« Hielten wir diese Weise bei, so konnte der Heimweg recht lang werden und im Zickzack-Kurs verlaufen. Das Gehen auf dem Eise war in dieser Zeit recht unbehaglich, manchmal geradezu mit Lebensgefahr verbunden. Rund umher gähnte Spalte an Spalte, Loch an Loch. Wir mußten von Scholle zu Scholle springen, um hinüberzukommen. Doch das war noch nicht das Aergste. Schlimmer war es, daß der Schneeschlamm an vielen Stellen verrätherische Löcher verdeckte und so auf uns den Eindruck machte, als hätten wir sicheres Eis vor uns, wo unter einer Schneelage und einer dünnen Eishaut offenes Wasser war. Auch ich sollte dies eines Tages erfahren, als ich nach dem Beobachtungshause mußte. Ich hatte mich, von Scholle zu Scholle springend, schon ein gutes Stück vom Schiffe entfernt, als ich, platsch, mit beiden Beinen in ein Loch fuhr. Entschlossen warf ich mich auf den Bauch und hielt mich an der nächsten Eiskante fest, sonst hätte ich wahrscheinlich auf dem letzten Loche pfeifen müssen, denn ich war allein und niemand in der Nähe, der mir in dieser kritischen Situation eine hülfreiche Hand hätte reichen können. Glücklicherweise konnte ich hurtig wieder herauskrabbeln und eilte so schnell wie möglich an Bord, um den Wirkungen des unerwarteten eiskalten Bades entgegenzuarbeiten. An dem Tage, da mir dies passirte, herrschte eine niedliche Kälte von 30°; man kann sich also denken, wie behaglich das Bad gewesen war. Am 25. April traf ein kleiner Gast an Bord ein, eine Schneeammer, die von Süden her kam und sich ein paar Tage bei uns aufhielt. Ach, wenn das Thierchen doch die Gabe der Rede besessen, uns hätte verstehen und sich uns verständlich machen können! Vielleicht hätte es uns dann vieles erzählt, wovon wir in unserer Abgeschiedenheit so gern Kunde erhalten hätten. Doch wir hatten unsern kleinen Gast trotzdem lieb und fütterten ihn mit dem Besten, was wir auftreiben konnten, sodaß er bald ganz zutraulich gegen uns wurde. Wenn er sich auf das Eis oder das Deck setzte, waren natürlich die Hunde hinter ihm her und wollten ihn jagen. Er schlug deshalb seine Wohnung auf der Bootpersenning auf und nahm dort auch seine Mahlzeiten ein. Wir tauften ihn Hänschen. Wir liebten Hänschen alle sehr und interessirten uns ganz ungemein für sein Wohlbefinden, und er schien sich in unserer Gesellschaft ebenfalls wohl zu fühlen, denn sobald einer von uns auf Deck kam, flog er schnell herbei und setzte sich an seinen Platz. Er wußte, daß es dann nicht nur Graupen gab, sondern auch getrocknete Preiselbeeren, die er außerordentlich gern fraß. Als er nach einigen Tagen eines Morgens fort war, trauerten wir ihm, offengestanden, nach; es war uns, als hätten wir einen guten Freund verloren. Der Mai begann mit vielversprechenden Aussichten, und die Drift schien wirklich gut werden zu wollen. »Lina« erzählte uns jetzt täglich, daß es nun nach Westen und auch ein wenig nach Süden gehe, und zwar zum Theil mit ganz respectabler Geschwindigkeit. Ich will mir hier in aller Bescheidenheit erlauben, auf etwas zu sprechen zu kommen, worauf ich schon früher hingewiesen habe. Es betrifft die von Nansen aufgestellte Theorie einer Polarströmung. Meinem Dafürhalten nach zeigte die Drift der »Fram« während der ganzen Zeit, daß es keine Strömung war, die die Eismassen, in denen wir eingefroren lagen, mit sich fortführte, sondern daß die vorherrschenden Winde, und zwar diese allein, sowol die Richtung wie die Geschwindigkeit der Drift bestimmten. Gerade in »Lina« hatten wir ein unwiderlegliches Zeugniß hierfür. Trieben wir nach Norden, so wies sie nach Süden; trieben wir nach Süden, so wies sie nach Norden. Wäre im Wasser eine Strömung gewesen und wären wir diesem Strome gefolgt, so hätte die Leine natürlich gerade herunter gehangen, da sie dann des Schiffes eigener Bewegung gefolgt wäre. Doch da wir und das Eis mit dem Winde trieben und sie vom Wasser zurückgehalten wurde, mußte sie eine der Drift entgegengesetzte Richtung zeigen. Hauptsächlich aus diesem Grunde war sie uns ein so zuverlässiges Orakel. Zeigte sie sich gelegentlich einmal unsicher, so war auch dies nur ein Beweis mehr zu meinen Gunsten. Denn diese Unsicherheit trat stets dann ein, wenn der Wind schwach war und herumging, oder wenn es weiter nördlich oder südlich aus einer andern Richtung wehte, wodurch auf das Eis und die »Fram« von zwei Seiten ein Druck ausgeübt wurde. Wie bewundernswerth Nansen's wissenschaftliche Theorien auch im übrigen ihre Stichhaltigkeit bewiesen haben, wage ich deshalb doch, in Betreff einer Polarströmung eine andere Meinung als er zu haben, wenn ich auch nur ein Laie bin. Ich glaube, daß meine Beweisgründe für meine Ansicht gut sind, und hoffe, Nansen wird mir meine bescheidenen Einwendungen nicht übel nehmen. – »Lina« war uns in jener Zeit außerordentlich gewogen. Dazu kam, daß die Rinne am Achterende des Schiffes sich von Tag zu Tag mehr erweiterte, zuletzt sogar breiter war, als wir mit bloßem Auge übersehen konnten. Mit dieser Rinne vergrößerte sich auch die Hoffnung, daß wir aus dem Eisgürtel, in dem die »Fram« lag, herauskommen und wieder von der Schiffsschraube Gebrauch machen könnten, die uns rasch nach Süden führen würde. Am 13. Mai konnten wir aus den Spiegelungen am Himmel sehen, daß auch weiter südlich offenes Wasser war. Was wir jetzt zuerst zu thun hatten, war natürlich, daß wir den Eisgürtel, der uns noch von der Rinne trennte, zu sprengen versuchten. Darum hieß es wieder darangehen, Minen zurechtzumachen und zu legen. Alle Mann wurden auf die Beine gebracht, um bei der Arbeit zu helfen, Amundsen und Petterson ausgenommen, die genug damit zu thun hatten, den Schraubenbrunnen von Eis und Wasser zu befreien und die Maschine in Stand zu setzen, damit sie auf Kommando den Kessel anheizen konnten. Ich erhielt die Aufgabe, die elektrische Batterie und die Leitung der mit Schießbaumwolle geladenen Minen in Ordnung zu bringen. Wir arbeiteten und quälten uns mit diesen Sprengversuchen sehr lange ab. Obwol die Minen recht stark waren, war doch die Wirkung auf das Eis anfänglich merkwürdig gering. Wir brachten es allerdings hier und da zum Bersten, aber doch nicht so, daß man durch die Spalten hätte hinauskommen können. Dies war das wenig tröstliche Resultat der ununterbrochenen Arbeit eines ganzen Tages und einer ganzen Nacht. Am nächsten Tage ging es wieder dran. Jetzt legten wir ein paar Minen, die alle bisherigen übertrafen. Die Resultate waren denn auch diesmal bedeutend besser, ja so gut, daß wir am Abend alle Aussicht hatten, den folgenden Tag durchkommen zu können, falls sich die Rinnen offen hielten. Doch als der Morgen kam, hatten sich die Rinnen leider dermaßen wieder zusammengeschoben, daß jeder weitere Sprengungsversuch für den Augenblick vollständig verlorene Mühe gewesen wäre. Deshalb stellten wir notgedrungen unsern Kampf ein, bis es den Rinnen gefiele, die Thür wieder aufzumachen. Das Osterfest, das wir dem Kalender nach vom 2. bis 4. April hätten feiern sollen, war ganz still, beinahe unbeachtet hingegangen. Was ich früher von der Stimmung, in die uns solche Feiertage versetzten, erzählt habe, machte sich in diesem Jahre in vielleicht noch stärkerm Maße geltend als im vorigen. Doch auch in diesem Jahre übte der Siebzehnte Mai seinen lichten, belebenden Einfluß auf uns. Daß die neuerdings aufgetauchten Hoffnungen auf baldige Befreiung aus unserm Eiskerker hierzu auch, und in nicht geringem Grade, beitrugen, versteht sich von selbst. Unter allen Umständen war uns klar, daß dieser Tag gefeiert werden sollte, wie es sich für gute Norweger schickte. Allerdings fiel der 17. Mai in diesem Jahre auf einen Sonntag, aber dies konnte uns nicht geniren. Den Vortheil hatten wir wenigstens in unserm Reiche, daß wir weder Polizei, noch Amtmann, noch Bischof um Erlaubniß zu fragen brauchten, wenn wir an Feiertagen etwas vorhatten. Wir waren unsere eigenen Behörden, und folglich hatten alle unsere Beschlüsse von vornherein die nöthige Machtvollkommenheit. So wurde also morgens 8 Uhr nach altem Brauch mit Kanonensalut und Orgelmusik geweckt, worauf wir zum Frühstück Kaffee tranken und frisches Brot, Kuchen und kalten Aufschnitt aßen. Der Salon war mit Flaggen, Fahnen und den Nationalfarben geschmückt. Mit dem Zustandebringen des Festzuges hatte es jedoch seine Schwierigkeiten; wohlverstanden, nicht aus demselben Grunde wie daheim in unserm politisch zersplitterten Vaterlande, wo die Leute nicht einmal am Freiheitstage einig sein können. Nein, die Ursache war einfach die, daß wir nicht recht wußten, wohin wir ziehen sollten. In den frühern Jahren hatten wir unsern prächtigen Eishügel gehabt, der gerade in passender Entfernung, etwa 20 Minuten vom Schiffe, gelegen war. Von ihm aber trennten uns jetzt Risse und Rinnen, die nicht zu passiren waren, am allerwenigsten mit einem Festzuge, und die Eisscholle, an der die »Fram« lag, war bedenklich klein. Aber unsern Siebzehnten-Mai-Zug mußten wir haben, so oder so. Wir stellten uns also zum Zuge auf, Kapitän Sverdrup mit der norwegischen Flagge an der Spitze. Hinter ihm kam als Musikcorps Bentsen mit seiner Handharmonika auf einem von neun Hunden gezogenen Schlitten, den Mogstad lenkte. Jacobsen trug den Messinglöwen auf rothem Grunde, Scott-Hansen die Standarte der »Fram« und an der Spitze der Stange einen Sextanten. Ich kam mit einer Stange, an welcher Anemometer und Stundenglas befestigt waren, Hendriksen mit Harpune und Lanze, Petterson mit seiner »Maschinistenfahne« und Amundsen mit unserm »Bezirksbanner«. Damit die feierliche Prozession nicht gar zu schnell ein Ende nähme, zogen wir unter den Klängen der Musik mehrmals um die Eisscholle herum. Um 12 Uhr wurden zu Ehren des Tages zwei Salutschüsse abgefeuert, und um 1 Uhr wurde ein elegantes Festmahl servirt, dessen einziger dunkler Punkt war, daß wir bei dieser Gelegenheit den letzten Rest unsers Vorraths an frischem Bärenfleisch vertilgten, denn die Aussicht auf neue Zufuhr war in dieser Jahreszeit ziemlich gering. Daran dachten wir in der Feststimmung des Tages aber nicht, und das Mittagessen verlief aufs beste mit vielen Reden auf den Tag und vielen Wünschen für das Vaterland und uns selbst. Wir konnten heute mit gefüllten Weingläsern anstoßen, da jedem eine halbe Flasche edeln Traubensaftes aufgetischt worden war. Was es für eine »Marke« war, bin ich nicht im Stande zu sagen, aber mit desto größerer Sicherheit, welcher »Jahrgang«. Denn der Wein war von Kapitän Sverdrup aus getrockneten Preiselbeeren mit einem kleinen Zusatze von Spiritus bereitet worden. War es auch gerade keine edle Traube, so war es doch auch kein Krätzer. Er schmeckte gut und hinterließ keinen Katzenjammer. Dies that die Bowle Fram-Punsch, um die wir uns abends versammelten, auch nicht. Wir verbrachten einige sehr angenehme Stunden; es wurde im Laufe des Abends Nansen's und Johansen's und noch mancher anderer mit warmen Worten gedacht. Gegen 12 ½ Uhr trennten wir uns und konnten am »Achtzehnten«, der für manche der freien Söhne Norwegens so schmerzensreich ist, mit klarem Kopf und gesundem Appetit erwachen. Das Wetter war am 18. ebenfalls gut, aber die Eisverhältnisse waren ziemlich unverändert. Nun, waren sie auch nicht besser geworden, so hatten sie sich doch nicht verschlechtert, weshalb wir entschlossen daran gingen, an Bord alles klar zu machen, um anzuheizen und nach Süden zu dampfen, sobald das Eis sich wieder öffnete. Amundsen hatte schon vorher die Maschine gründlich untersucht, ob sich auch während der Pressungen keine Schraube gelockert hatte, aber alles war an seiner richtigen Stelle. So wurde denn der Kessel mit Wasser gefüllt. Seit zwei und einem halben Jahre war kein Wasser darin gewesen! Das Füllen geschah in der Weise, daß wir aus einem Loche links von der »Fram« Wasser an Bord trugen. Wir halfen bei dieser Arbeit alle zusammen, sodaß wir den Kessel bald voll hatten. Darauf wurde der Schornstein aufgesetzt und dann angeheizt. Als wir das Feuer wieder unter dem Kessel knistern hörten, den Rauch aus dem Schornstein wirbeln sahen und bald so viel Dampf hatten, daß er zischend und pfeifend aus dem Dampfrohr sauste – welches Hochgefühl war dies! Es glich einem frohen Wiedersehen nach vielen langen traurigen Jahren der Trennung. Wir schauten wahrhaft andächtig zu. Die Hunde faßten es anders auf. Sie waren außerordentlich lustig anzusehen. Als wir den Dampf ausströmen und die Dampfpfeife ein paar mal kräftig ertönen ließen, rannten sie davon, als sei der Teufel los, und eilten jämmerlich heulend nach allen möglichen Winkeln, um sich zu verstecken. Sie waren alle im Polareise geboren, und dieser Lärm der modernen civilisirten Welt war für sie etwas Neues, das sie im Anfange augenscheinlich in Schrecken versetzte. Doch nach und nach gewöhnten auch sie sich daran. Nun wurde alles Eis im Schraubenbrunnen rund um die Welle und um die Schraube selbst mit Hülfe des Dampfes in Wasser verwandelt und entfernt. Als dies geschehen war und der Maschinist seine Maschine in Gang setzen konnte, war alles zur Abfahrt fertig und er selbst seelenvergnügt. Auch für uns war es ein Hochgenuß, dem bekannten Lärm der im Takt erschallenden Schläge der Kolbenstange zu lauschen und den warmen, mit Paraffin gesättigten Dunst des Maschinenraums einzuathmen, sodaß auch wir alle miteinander in gehobene Stimmung versetzt wurden. Das Pfingstfest fiel in diesem Jahre auf den 24. Mai. Wir hatten schon unsern Sommer, indem das Thermometer 1 bis 2º Wärme zeigte, was auf unserer Breite selbst mitten im Sommer etwas Großartiges war. Zu Pfingstausflügen aber konnten wir dieses warme Sommerwetter leider nicht benutzen, da das Eis unter seiner Einwirkung schlecht und porös geworden war, mit vielen Wasserlöchern unter dem Schnee. Wir verbrachten daher die beiden Festtage in größter Ruhe an Bord mit Lesen und etwas Kartenspiel und langweilten uns, aufrichtig gesagt, mit soviel Anstand und Grazie, als nur möglich war. Am dritten Tage jedoch gingen wir an eine interessante Arbeit: wir begannen große Wäsche zu veranstalten. Da wir Feuer unter dem Kessel hatten, gab es heißes Wasser im Ueberfluß, und unten im Maschinenraume ließ sich überdies schnell trocknen. Es waren über zwei Jahre und acht Monate , seit wir uns diesen Luxus zuletzt hatten gestatten können. Bisher hatten wir zur Wäsche Wasser in der Küche in einem Kessel heiß machen müssen, und da wir gezwungen gewesen waren, mit Wasser und Feuerung sparsam umzugehen, so kann man sich denken, daß die Wäsche, die da gewaschen wurde, viel zu wünschen übrig ließ, um so mehr, da sie im Salon getrocknet werden mußte, wo uns diese Wirthschaft in vieler Hinsicht sehr unbehaglich war und von uns allen ungern gesehen wurde. Daher war diese große Wäsche mit dampfendem Seifenwasser, das sich immer wieder erneuern ließ, und mit hinreichenden Mengen warmen Wassers zum Zeugspülen ein wahrer Genuß für uns. Wer hätte sich dies zu Hause wol denken können! Am 28. Mai öffnete sich ungefähr 200 Meter von uns eine Rinne. Sie erstreckte sich, so weit wir blicken konnten, in südlicher Richtung, aber es war nicht leicht, in sie hinein zu gelangen. Der zwischen der Rinne und der »Fram« liegende Eisgürtel bestand nämlich aus dichtem Packeise, das sich nicht ohne weiteres beiseite schieben ließ. Wir mußten also wieder versuchen, uns mit Pulverminen hindurch zu sprengen, und beschlossen, gleich am nächsten Tag daran zu gehen. Das Eis ließ sich aber nicht wegschieben. Es war ganz außerordentlich dick und fest, und wir mußten uns daher vorbereiten, ihm eine ganz außerordentlich kräftige Ladung in den Leib zu schicken, wenn wir hoffen wollten, seine Halsstarrigkeit zu brechen. So nahmen wir einfach das ganze Pulverfaß, das wir bei der Abreise von Horten (bei Christiania) mitgenommen hatten, und befestigten daran Patronen und einen elektrischen Leitungsdraht. Dann wurde es 8 Meter unter das Eis versenkt, worauf wir uns alle entfernten. Ich sollte die Mine entzünden. Mit den dazu nöthigen Apparaten verschanzte ich mich hinter ein Paar tüchtigen Eisschollen, und als ich sah, daß die Kameraden sich in genügend respektvoller Entfernung befanden, schloß ich die Leitung. Ein dumpfer Schlag erdröhnte, gewaltige Eismassen wurden nach allen Seiten geschleudert, und ihnen nach sauste ein ungeheurer Wasserstrahl hoch in die Luft empor. Es war ein großartiges Schauspiel, aber das allerbeste dabei war, daß auch die Wirkung auf das Eis ganz außerordentlich gewesen war. Die Mine hatte ungefähr 200 Quadratmeter Eis gesprengt und aufgebrochen, ein Resultat, das wir mit begeistertem Hurrah begrüßten. Wir glaubten uns schon obenauf, sicher, binnen kurzem herauszukommen. Ja, wir waren dessen in solchem Grade sicher, daß der Maschinist schon tüchtig die Kessel heizte, um mit allem klar zu sein. Inzwischen wurden zwei Minen gelegt, eine an Steuerbord und eine an Backbord, beide ungefähr 80 Meter vom Schiffe entfernt und 12 Meter tief versenkt. »Die werden mit dem Reste fertig werden«, dachten wir siegesgewiß, hatten aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Scott-Hansen sollte den elektrischen Strom schließen. Ich war mit Petterson in den Salon hinuntergegangen, wo jeder von uns während der Explosion einen Chronometer festhalten sollte, um zu verhüten, daß er durch den Luftdruck Stöße erhielte und beschädigt würde. Da hörten wir einen Knall und ein Gepolter im ganzen Schiffe, das heftig erschüttert wurde. »Schön«, meinten wir, »die Minen haben gewiß ordentlich Luft gemacht.« Wie lang wurde unser Gesicht, als wir auf Deck kamen und gewahrten, was für einen Effect die Minen gehabt hatten: wie eine Sündflut schwammen und strömten Eisstücke und Wasser auf dem ganzen Schiff umher, aber das Eis draußen war beinahe ebenso fest wie vorher. Wir erkannten bald den Fehler. Die Minen hatten statt seitwärts, direct aufwärts gewirkt und deshalb nur Wasser und Eis in die Luft und über das Schiff gesandt, sodaß die Eisstücke den auf Deck Befindlichen förmlich um die Ohren geflogen waren, aber merkwürdigerweise niemand verletzt hatten. Selbst Mogstad, der oben im Ausguck Platz genommen hatte, um von diesem erhabenen Standpunkte aus den ebenso erhabenen Anblick genießen zu können, hatte eine kalte Douche erhalten. Die ganze Wirkung der Mine beschränkte sich auf ein Loch und einige Spalten. Eine ungefähr 70 Meter vom Schiffe gelegte letzte Mine, die 20 Meter tief versenkt wurde, brachte freilich eine etwas bessere Wirkung hervor, obgleich auch sie nicht entfernt den Erwartungen entsprach. Trotzdem hatten wir erreicht, das Eis auf eine ganze Strecke hin zu sprengen, und beschlossen nun, den Rest mit kleinen Ladungen allmählich zu zerstören. Es war schon Mitternacht, und da wir den ganzen Tag unermüdlich gearbeitet hatten, bedurften wir wirklich ein wenig der Ruhe, weshalb wir nach einer guten Tasse Kaffee in die Koje gingen und den Schlaf des Gerechten schliefen. Am Morgen waren wir gegen 6 Uhr wieder auf und hatten die Absicht, dort, wo wir am Abend aufgehört, gleich wieder zu beginnen. Doch unsere Hunde hatten uns in der Nacht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir waren so unvorsichtig gewesen, allerlei zur Sprengungsarbeit erforderliche Gegenstände auf dem Eise liegen zu lassen, wo die Hunde sich jetzt bei dem milden Wetter Tag und Nacht aufhielten. Und diese – es waren auch einige ganz junge Hunde dabei – hatten die Gelegenheit wahrgenommen. Bei zwei Pulverminen hatten sie die Lunte abgerissen, um zu dem um die Oeffnung geschmierten Talg zu gelangen, und an einer Mine hatten sie den Leitungsdraht dicht am Pfropfen abgebissen. Hierdurch bekam hauptsächlich ich eine Extraarbeit; aber da die Racker überdies auch sonst, wo sie nur konnten, Schaden angerichtet, und das eine hierhin, das andere dorthin verschleppt hatten, mußten sich die Kameraden auch eine Weile damit beschäftigen, alles zusammenzubringen und den Schaden wieder gut zu machen. Als dies geschehen war, schossen wir zwei kleinere Minen ab. Sie brachten das Eis zwar zum Bersten, da aber der Wind das Eis nach der Seite des Schiffes hin aufeinanderschob, wollten die Spalten sich nicht öffnen. Wir kamen deshalb zu dem vernünftigen Entschlusse, zu warten, bis der Wind umschlüge, ehe wir neue Versuche machten. Alles in allem hatten wir nun vier größere Minen, jede von 8 Kilogramm, und fünf kleinere von je 5 Kilogramm verschossen außerdem drei Minen mit Schießbaumwolle zu je 10 Prismen. Am 2. Juni gewahrte ich, als ich am Morgen auf Deck kam, um die Wache anzutreten, daß eine der achterwärts gelegenen Rinnen sich zu öffnen angefangen hatte und immer größer wurde. Ich benachrichtigte Sverdrup, der aus der Koje sprang und mir Ordre gab, sofort die ganze Mannschaft zu wecken. Wir schluckten das Frühstück schnell hinunter; dann ging es auf Deck und wieder an die Sprengungsarbeit. Wir ließen zwei kleinere Pulverminen und zwei mit Schießbaumwolle springen; besonders die letztern thaten gute Wirkung und schlugen ordentliche Spalten in das Eis. Da das Eis rund umher ziemlich locker zu werden anfing, griffen wir zu großen eisernen Brechstangen, mit denen wir die Schollen Stück für Stück losbrachen. Am Nachmittag hatten wir das Schiff vom Achterende bis zur Lenzluke ganz vom Eise befreit, und am Tage darauf machten wir uns vollständig flott. Doch ist dies nicht so zu verstehen, daß wir nun hätten Dampf aufmachen und fortfahren können. Nein, so beschaffen waren die Rinnen leider noch nicht. Während wir darauf warteten, daß sie sich öffnen und uns herauslassen sollten, erhielten wir in den nächsten Tagen nicht weniger als zwei Bärenbesuche. Der erste erfolgte in der Nacht auf den 5. Juni, als Hendriksen die »Meteorologie« ablas. Er hörte plötzlich einen eigenthümlichen zischenden Ton in der Nähe, und als er sich umsah, war die Bestie nur etwa 40 Schritt von ihm entfernt. Sie hatten beide ungefähr gleich weit bis zum Schiffe. Hendriksen bedachte sich nicht lange, begann zu laufen und kam durch die Lenzluke herein. Jetzt wurde die ganze Hundeschar lebendig und stürmte auf den Bären ein, der nach langem Scharmützel mit den flinken kleinen Quälgeistern schließlich, so schnell ihm möglich war, die Flucht ergriff. Das war der eine. Zwei Tage darauf stand ich morgens draußen auf dem Eise und starrte tiefsinnig in eine Rinne, um die ziemlich heftige Bewegung im Eise zu studiren. Mit einem mal fingen auf der entgegengesetzten Seite die Hunde an, einen gräßlichen Spektakel zu machen. Als ich wieder fortgehen wollte, stand am andern Rande wahrhaftig ein Bär. Er sah mich an, ich sah ihn an, dann aber fuhren die Hunde auf ihn los, und er begann zu retiriren. Ich so schnell wie möglich an Bord, indem ich brüllte: »Ein Bär!« Drei Mann sprangen sofort mit ihren Flinten auf das Eis, um ihn zu verfolgen. Ich mußte meinerseits auf das Vergnügen verzichten, da die meteorologische Ablesung um 10 Uhr auf mich fiel. An den Spuren im Schnee sahen wir, daß zwei Bären hier gewesen waren. Sverdrup und Mogstad zogen ihnen sofort nach, und da wir nach einer Weile in weiter Entfernung Schuß auf Schuß hörten, dachten wir, daß sie die Burschen erlegt hätten, weshalb ihnen fünf Mann mit Schlitten und Hundegeschirr entgegen gingen. Unsere Vermuthung war richtig; sie hatten die Bären erlegt, und diese lagen nun auf je einem mit Hunden bespannten Schlitten. Als wir das Schiff wieder erreichten, wartete das Mittagessen schon auf uns, zum Abendbrot aber erhielten wir köstliches Bärensteak. Es kamen jetzt auch viele Vögel, Lummen und Krabbentaucher, sodaß wir am 8. Juni schon so viele in unserer Speisekammer hatten, daß uns allen zu Mittag gebratenes Geflügel aufgetischt werden konnte. Tags darauf erlebten wir etwas in dieser Jahreszeit ganz Unerwartetes, eine ziemlich heftige Pressung, die von abends 10 Uhr bis 3 Uhr morgens dauerte. Das Achterende der »Fram« wurde so hoch emporgehoben, daß das Schiff beinahe auf dem Kopfe stand. Nachher ließ das Eis in seiner Bewegung allmählich nach, aber erst am 12. ging das Schiff wieder in seine natürliche Lage zurück. Gleichzeitig theilte sich auch das Eis so weit, daß wir uns in die nächste Rinne hineinmanövriren konnten. Die Maschine wurde geheizt und das Dampfspill in Gang gebracht, um das Schiff zu verholen. In unsern Ohren klang es wie die schönste Musik. Wenn nur noch ein wenig mehr Oeffnungen im Eise entstehen wollten, sodaß wir uns ein bischen weiter nach Süden stehlen könnten! Danach spähten wir jetzt früh und spät aus. Am 15 Juni abends kam Kapitän Sverdrup aus der Tonne herunter und gab Ordre zum augenblicklichen Anheizen, da er eine schmale Rinne im Eise sehe, durch die wir uns möglicherweise hindurchzwängen könnten. Es war zwar schon Schlafenszeit, aber es konnte ja keinem von uns einfallen, deshalb zu brummen, weil wir zu einer solchen Arbeit aus dem Bette geholt wurden. Das Steuer, das seit unserm Einfrieren im Eise auf Deck gelegen hatte, wurde in seine Angeln eingehängt, allerdings mit einiger Mühe, da es ein wenig gequollen war. Die noch auf dem Eise befindlichen Sachen und auch die Hunde wurden an Bord geholt. Zum ersten mal seit zwei Jahren und neun Monaten ertönte das Kommando von der Tonne nach der Maschine hinunter, und diese fing an zu arbeiten, mit schweren, taktmäßigen Schlägen und einem Tone, als athme sie tief auf. Die Schraube begann das mit Eis gefüllte Wasser zu peitschen, und die »Fram« wandte ihren Bug nach der Rinne im Eise, durch die wir nach dem offenen Meere, zur Freiheit, vorzudringen hofften. Dreizehntes Kapitel. Das letzte Ringen. Nach Hause Der Mensch denkt, Gott lenkt. Es ging nicht so leicht, uns einen Weg durch das Eis zu bahnen, als wir im Stillen gehofft hatten. Die Rinne war für die »Fram« zu schmal. Doch wenn wir die Maschine kräftig arbeiten ließen, .konnte sich das Schiff vielleicht selbst helfen, als Eisbrecher thätig sein und so hindurchkommen? Dies probirten wir denn, ließen die »Fram« einen Anlauf nehmen und drauf losstürmen. Ein wenig nützte es ja; ein Stück kamen wir vorwärts, aber noch war das Eis zu massiv. Wir arbeiteten die ganze Nacht bis 4 ½ Uhr morgens daran, das Eis zu bezwingen und uns weiterzuwarpen. Dann vertäuten wir uns und sorgten am nächsten Tag dafür, daß das Steuer der »Fram« in seinem Lager besser arbeiten konnte. Am folgenden Tage ging es nach Süden weiter, aber schrecklich langsam; es war eine richtige Geduldprobe. Doch am 18. Juni waren wir trotz alledem auf 82° 53' nördlicher Breite und 12° 18' östlicher Länge, und daß wir uns jetzt in Gewässern befanden, die der bewohnten Welt näher lagen, sahen wir an der Menge der uns begegnenden Vögel, Lummen, Alke, Raubmöven und Eidergänsen, von denen wir so viele schossen, daß wir nun wieder alle Tage frisches Fleisch genug hatten. Vielleicht war diese dem Gaumen als eine Wendung zum Bessern erscheinende Veränderung in unserer Beköstigung doch nicht besonders glücklich. Denn als das Johannisfest kam, wurde diesmal aus dem Mittsommerfeste nichts, unter anderm deswegen, weil sowol Dr. Blessing und Scott-Hansen, als auch Hendriksen und ich uns sehr schlecht befanden, da der eine an Gicht, die andern aber an Leibschmerzen litten. Bärenbesuche erhielten wir jetzt alle Augenblicke. So schossen wir am 26. Juni eine Bärin, schonten aber das Junge, da wir versuchen wollten, es lebendig zu fangen und zu zähmen. Das erstere glückte uns; doch als wir den jungen Bären mit Hülfe von drei Mann endlich an Bord transportirt hatten, machte er dort einen solchen Höllenspektakel, daß darüber die ganze Nacht hindurch keiner von uns auch nur ein Auge schließen konnte. Da meinten wir, wir könnten ihn ebensogut todtschlagen, und thaten es auch. Der Juli begann mit Nebel. Am 3. verzog sich der Nebel einigermaßen, und wir konnten von der Tonne aus sehen, daß die Rinne vor uns sich jetzt so weit geöffnet hatte, daß wir hoffen durften, sie passiren zu können und uns wenigstens ein Stückchen weiter zu bringen. Um 10 Uhr wurde Befehl zum Kesselheizen gegeben, und gegen 12 ½ Uhr setzten wir uns in Gang. Die Rinne war schmal und bestand am Anfange aus einer dicken Suppe von kleinen Eisstücken und Wasser, sodaß die Fahrt nicht gerade imponirend schnell ging. Schon nach anderthalbstündiger Anstrengung mußten wir uns ergeben, den Dampf entweichen lassen und das Schiff vertäuen. Auf diese Weise ging es weiter, »heute einen Schritt, und morgen wieder einen«, einmal eine Seemeile und ein andermal ein paar. Eine unangenehme Geduldprobe war es ja, aber wir freuten uns doch über jede Strecke, die wir weiter kamen. Denn hier war etwas immer besser als gar nichts. Wenn wir zwischendurch still lagen, vertrieben wir uns die Zeit hauptsächlich mit der Jagd auf Vögel und Seehunde, die sich jetzt stets in großer Menge um uns herum zeigten. Zwischen dem 11. und 12. Juli erhielt Jacobsen während seiner Wache Besuch von einem sehr großen Bären, auf den er sofort zwei Schüsse abfeuerte, die jedoch nicht trafen. Wir kamen alle im Nu auf Deck und sahen den Bären draußen in einer Rinne schwimmen. Jacobsen, Bentsen und ich nahmen das Seehundsboot und setzten ihm nach. Das Thier hatte aber jetzt die ganze Hundeschar um sich und war daher schwierig zu treffen, da man Gefahr lief, statt seiner einen der Hunde zu erschießen. Doch nun kletterte der Bär auf einen kleinen Eishügel; infolge dessen konnte ich gut zielen und sandte ihm zwei Kugeln zu. Er schwankte und verschwand in der Rinne, und als wir dorthin kamen, fanden wir ihn mausetodt. Darauf legten wir ihm ein Tau um den Hals und bugsirten ihn nach dem Schiffe und an Bord. Wir hatten mehrere Tage still gelegen. Erst um den 18. Juli herum theilte sich das Eis wieder so weit, daß an ein Weiterkommen zu denken war. Wir fuhren um 12 ½ Uhr nachts ab und waren bis 3 Uhr morgens im Gange, wobei wir ungefähr 5 Kilometer in südlicher Richtung vorgedrungen waren. Dann mußte wieder halt gemacht werden. Wir hatten sehr viele Haltestellen auf dieser Route, viel mehr, als uns angenehm war. Beinahe überall begegneten uns Bären, allerdings keine zweibeinigen mit einer Rechnung in der Hand; denn vor solchen waren wir auf diesen Breitengraden sicher, aber wirkliche auf vier zottigen Beinen. Und während man die zweibeinigen mit einer gewissen Kälte empfängt, nahmen wir die unsrigen trotz der Kälte stets »auf das allerwärmste« auf. Hier, wo wir zuletzt halt machten, sorgten Kapitän Sverdrup und Mogstad für den Empfang. Das Eis fing allmählich an, immer mehr aufgebrochen und zerstückelt zu werden, war aber gleichzeitig dicht zusammengepackt. Wir hielten dies für ein Zeichen, daß wir uns immer mehr dem offenen Eismeere näherten, und dies gab uns Lust und Liebe zur Arbeit. Das Kommando »Klar zur Abfahrt!« mochte bei Tag oder bei Nacht ertönen – wir sprangen alle auf, als wären wir von Gummi-ellasticum, und jeder eilte an seine Arbeit, daß es nur so eine Art hatte. Eine von uns am 19. Juli angestellte Beobachtung zeigte, daß wir uns auf 82° 51' nördlicher Breite befanden. Wir beschlossen, das Eis jetzt zu forciren, wenn es sich machen ließe, und als sich später am Vormittag der Nebel verzog, fanden wir auch eine Oeffnung, durch die wir uns hindurch zwängen konnten. Mehrere Tage blieben wir bei dieser Art des Vordringens. Einige Stunden lang kamen wir langsam und allmählich vorwärts, dann aber zog sich das Eis wieder dicht und fest zu einem ununterbrochenen Wall zusammen. Wir mußten also wieder halt machen und warten, bis es von neuem locker wurde und sich ein wenig theilte. Es kamen Tage, an denen wir wol acht bis zehn mal stoppten, gingen und wieder stoppten. Ebensowenig hielten wir immer direct südlichen Kurs. Ach nein! Auf der Karte sah unser Kurs ungefähr aus wie die Fußspuren der Hunde in frisch gefallenem Schnee: er bewegte sich im Zickzack. Aber vorwärts kamen wir doch, wenn auch auf Umwegen. Am 27. Juli passirten wir auf diese Art den Breitengrad, den Nordenskjöld seinerzeit in offenem Wasser erreicht hatte. Wir waren noch immer von dichtem Packeise umgeben, es war also klar, daß die Eismassen sich in diesem Jahre bedeutend weiter nach Süden erstreckten, als sie es sonst vielleicht zu thun pflegten. Das Wetter war äußerst unangenehm; wir hatten unausgesetzt Regen und Schnee, und das Thermometer stand ungefähr auf 0°. Wir hätten unsern frühern arktischen Winter entschieden vorgezogen. Auch der Wind war ungünstig. Er preßte die Eismassen um uns herum so zusammen, daß nicht einmal eine Mücke hätte hindurchschlüpfen können, viel weniger die »Fram«. So ging es Tag für Tag. Kein Sträfling hätte den Augenblick, in dem sich die Thür seines Gefängnisses öffnet, um ihn der Freiheit wieder zu geben, ungeduldiger erwarten können, als wir unserer Befreiung aus dem Eise entgegensahen. Was bisher auch seinen Theil dazu beigetragen hatte, uns die Beurtheilung der Größe des uns umspannenden Eisgürtels, durch den wir uns hindurch zu kämpfen hatten, zu erschweren, war das neblige, trübe Wetter. Am 12. August nachmittags verzog sich jedoch endlich der Nebel, und wir glaubten, im Süden das blaue Meer zu erblicken. Doch ganz konnten wir uns nicht darauf verlassen, daß unsere Augen uns nicht getäuscht hatten, dazu war die Luft nicht klar genug. Das Blaue konnte eine größere offene Stelle, es konnte aber auch das Meer sein. Und es war das Meer! Als wir, die wir gleich darauf die Wache ablösen sollten, am Morgen des 13. August gegen 4 Uhr unser erstes Frühstück einnahmen, hörten wir die Wachthabenden in ein donnerndes Hurrah ausbrechen. Und gleichzeitig merkten wir, daß das Schiff mit einem mal eine ganz andere Bewegung angenommen hatte als die bisherige schrammende, die wir nur allzu gut kannten. Wir vergaßen das Essen und alles andere und stürmten auf Deck. »Hip, hip, hip! Hurrah, Hurrah, Hurrah!« Ja, wohl konnten wir jetzt Hurrah rufen, daß es weithin schallte! Denn dort, hinter uns, lag der Eisgürtel, und um uns herum rauschten die frischen Wogen des Eismeers und schäumten munter um den Bug der »Fram«. Und die »Fram« schaukelte sich so wohlgefällig, als begriffe auch sie das Vergangene. O, dieser Jubel! Wie Verrückte rannten wir hin und her und wußten vor Freude nicht, auf welchem Fuße wir stehen sollten. Selbst die, welche sich früher den trübsinnigen, düstern Stimmungen am meisten hingegeben hatten, sahen auf einmal aus, als wären ihre Gesichter wie von einer Festillumination erhellt. Schnell luden wir die Kanonen und sparten wahrhaftig nicht am Knalleffect. Wir sandten den hinter uns immer mehr verschwindenden Eismassen einen so donnernden Abschiedsgruß zu, daß uns die Ohren summten. Dann schickte der Koch sich sofort an, uns ein dem Anlasse entsprechendes Festfrühstück zuzubereiten. Bier und Branntwein hatten wir ja nicht, nicht einmal Kaffee, da der letzte Rest unsers Kaffeevorraths leider schon früher draufgegangen war und wir uns am Morgen des letzten Johannistages die letzte Tasse des göttlichen Tranks zu Gemüthe geführt hatten. Es wurde also nicht, was man daheim »ein recht opulentes Dejeuner« nennen würde, aber wol nie hat an Nord der »Fram« eine mehr aus dem Herzen kommende Fröhlichkeit geherrscht als an diesem Frühstückstische. Es war ein ebenso eigenthümliches, wie wunderbares Gefühl, immer wieder die Bewegungen der »Fram« mitzumachen, je nachdem sie sich auf die Seite legte oder ein wenig stampfte. Und dann, zu wissen, daß wir unsern Kurs richten konnten, wohin wir wollten. Wir schienen es anfänglich gar nicht glauben zu können. Aber es war so, es war wirklich so! Wir richteten nun den Kurs auf Land in südsüdöstlicher Richtung. Schon um 7 ½ Uhr morgens bekamen wir ein Segelschiff in Sicht. Es hatte uns gleichzeitig bemerkt, legte das Ruder bei und steuerte auf uns zu. Als wir einander nahe genug waren, zeigte es sich, daß es ein norwegischer Walfischfänger war, die Galeote »Söstrene« aus Tromsö. Um 8 ¼ Uhr konnten wir einander mit der Flagge begrüßen, ein Gruß, den wir von der »Fram« mit zwei donnernden Kanonenschüssen begleiteten und der auf dem Walfischfänger mit einem herzlichen Hurrah aus 15 oder 16 kräftigen Kehlen beantwortet wurde. Dieses Hurrah war zugleich der erste Laut menschlicher Stimmen, der, mit Ausnahme unserer eigenen, seit über drei Jahren unser Ohr traf. Wir alten, verhärteten Männer waren deshalb auch so gerührt davon, daß uns die Thränen in die Augen traten. Gewiß wird niemand finden, daß wir uns dessen zu schämen oder es zu verheimlichen brauchten. Wir signalisirten darauf der Galeote und unsere erste Frage war: »Sind Nansen und Johansen heimgekehrt?« Da die Mannschaft der »Söstrene« in dem Glauben war, die beiden seien noch immer bei uns an Bord, verstanden sie anfangs gar nicht, was diese Frage heißen sollte. Wir warteten alle in größter Spannung auf die Antwort und waren ganz verblüfft, als unsere wiederholten Fragen jedesmal mit »Nein« beantwortet wurden. Wir konnten uns nur denken, daß hier ein Mißverständniß vorliegen müsse, und der Kapitän wurde deshalb gebeten, zu uns an Bord zu kommen. Bald darauf kam Kapitän Botolfsen mit fünf Mann. Mit Thränen in den Augen reichten wir ihnen die Hand zum Gruße. Welch ein Gedanke, wieder Landsleuten die Hand drücken zu können! Doch leider sollte uns ein großer Wermutstropfen in diesen Becher der Freude fallen. Auf unsere erneuten Fragen nach Nansen und Johansen war die Antwort wieder, daß man daheim nichts von ihnen gehört habe und sie mit uns zusammen an Bord der »Fram« glaube. Diese Nachricht that unserer Freude natürlich großen Abbruch, wenn wir auch deshalb noch nicht gerade fürchteten, daß unsere kühnen Kameraden verunglückt wären. Nun ging es an ein Kreuzfeuer von Fragen, wie es daheim in Norwegen stehe, sowol mit der Politik, wie mit vielem andern. Die drei von uns, die selbst Tromsöer waren, erhielten Gott sei Dank nur gute Nachrichten von zu Hause, wo Verwandte und Freunde sich des besten Wohlseins erfreuten. Unter den Neuigkeiten, die wir jetzt erst erfuhren, war auch die, daß Andrée eine Ballonexpedition unternehmen wolle, mit seinem Ballon und seinen Reisekameraden auf Spitzbergen liege und auf günstigen Wind warte. Wie bekannt, kam es 1896 noch nicht zur Auffahrt, sondern erst im Sommer 1897. Leider ist Andrée's und seiner Gefährten Schicksal unbekannt, da man seitdem keine Nachrichten von ihnen hat. Wir beschlossen sofort, Spitzbergen anzulaufen, um Andrée zu begrüßen. Vielleicht, daß wir dort bessern Bescheid über Nansen und Johansen erhielten. Kapitän Botolfsen bat, ob er nicht mit uns nach Hause zurückkehren und zwei lebende Eisbären mitnehmen dürfe. Mit den Eisbären konnten wir uns der Hunde wegen nicht befassen, dagegen war der Kapitän selbst uns natürlich herzlich willkommen. Er übergab seinem Schwager das Kommando auf dem Walfischfänger, dann kam er zu uns an Bord und brachte statt der Eisbären Kaffee, 50 Flaschen Bier und eine Flasche Whisky mit. Und wirklich schmeckte es uns gut, ein Glas Bier und einen Schnaps beim Essen zu haben und eine ordentliche brühheiße Tasse Kaffee hinterdrein zu trinken. Dann sagten wir der Galeote, die weiter auf Fang ausziehen sollte, Lebewohl. In der Nacht um 12 Uhr bekamen wir Spitzbergen in Sicht, doch waren des Nebels wegen die Landmarken nicht deutlich genug, als daß wir hätten wagen können, auf das Land zuzuhalten. Wir mußten also davor liegen bleiben, bis das Wetter sich gegen Morgen aufklärte. Gegen 6 Uhr wußten wir, daß gerade vor uns die Rothe Bai lag, und liefen nun des noch immer ziemlich dichten Nebels wegen mit langsamer Fahrt in die Bucht ein, auf die Däneninsel zu, wo Andrée und seine Gefährten sich aufhielten. Um die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, gaben wir zwei Salutschüsse ab und ließen nicht allein die norwegische Flagge von der Gaffel flattern, sondern hißten auch noch die Standarte der »Fram« im Topp, damit sie uns nicht mit einem gewöhnlichen Walfischfänger verwechseln sollten. Der zur Andrée'schen Expedition gehörige Dampfer »Virgo«, der am Lande lag, beantwortete den Salut sofort mit zwei Schüssen und toppte alle Flaggen; es war also ersichtlich, daß sie augenblicklich erkannt hatten, wer wir waren. Bald darauf kam eine Dampfbarkasse auf uns zugerauscht. Als sie innerhalb Hörweite war, wurde uns zugerufen: »Hoch lebe Dr. Nansen und seine Begleiter!« Die Barkasse legte an, und an Bord kamen Andrée, Dr. Ekholm, Strindberg und Zachäus, der Kapitän der »Virgo«. Ich brauche wol nicht zu versichern, daß es auf beiden Seiten eine herzliche Begegnung war. Sie gratulirten uns allen aufrichtig zu den gewonnenen Resultaten, aber auch sie wußten nichts von Nansen's und Johansen's Schicksal, was natürlich unserer sonst so frohen Stimmung einen Dämpfer aufsetzte. Wir wurden alle eingeladen, die »Virgo« zu besuchen und den Ballon und die Vorbereitungen zum Aufsteigen zu besichtigen. Welch seltsames Gefühl, die Füße wieder auf festen Boden zu setzen! Wir hatten mittlerweile fast vergessen, wie das eigentlich war. Aber heim, heim, war die Hauptsache! Schon um 1 Uhr in der Nacht waren wir zur Abfahrt fertig, und um 3 Uhr morgens stachen wir wieder in See mit dem Kurs auf Norwegen. Das Wetter war bei + 2° recht unfreundlich, aber wir waren ja daran gewöhnt und befanden uns alle wohl. Die Nebeldecke verzog sich allmählich, sodaß wir besser Ausguck halten konnten. Wir konnten daher nun Volldampf geben. Um 9 ½ Uhr vormittags peilten wir die Magdalena-Spitze, um 4 Uhr nachmittags das Prinz-Karl-Borland an. Nun ging es rasch und ohne Hindernisse nach Süden. Hierin lag für uns noch immer etwas so Ungewohntes, daß wir uns alle Augenblicke auf dem Gedanken ertappten, es würde nun wol bald wieder ins Eis hinein und nicht mehr weiter gehen. Vor unserer Abfahrt von Spitzbergen hatte uns Kapitän Zachäus als Geschenk schwedischen Punsch und sonst noch allerlei und Andrée eine kleine Kiste mit Pilsener Flaschenbier und Cigarren mit dem Bescheid an Bord geschickt, daß die Sendung erst dann eröffnet werden dürfe, wenn wir wieder in See gestochen wären. Als wir die Magdalena-Spitze passirt hatten, fand die Oeffnungsfeierlichkeit statt. Unter allgemeiner Zustimmung wurde das Wohl der kühnen schwedischen Expedition und des Kapitäns Zachäus in ihrem eigenen Nationalgetränke getrunken. Dieses Glas Punsch schmeckte uns, die wir an dergleichen jetzt gar nicht mehr gewöhnt waren, sehr gut und nicht minder vortrefflich die Flasche Pilsener Bier, die jeder zum Mittagessen bekam. Wir hatten guten Wind, und da die Segel gesetzt wurden und wir gleichzeitig die Maschine mit vollem Druck arbeiten ließen, ging es jetzt pfeilschnell an der Küste von Spitzbergen entlang, dessen Gletscher und schneebedeckte Berggipfel am Horizonte uns an unser theures Norwegen erinnerten. Wir hatten jetzt begründete Hoffnung, uns schon in wenigen Tagen in einem norwegischen Hafen befinden zu können, und mußten deshalb jetzt auch anfangen, ein wenig an unsere eigene Toilette wie an die der »Fram« zu denken, denn wir wollten uns bei unserer Ankunft doch gern von der vortheilhaftesten Seite zeigen. Infolge dessen hatten wir es sehr eilig, kratzten und scheuerten an Bord, fegten und putzten an allen Ecken und Enden und mußten dann unsere besten Anzüge hervorsuchen, damit auch diese zur Hand lägen. Dies alles konnten wir bei unserer geringen Zahl in unserer Wachtzeit nicht thun, sondern mußten es während der Freiwachen besorgen, sodaß es in dieser Zeit an Bord wenig Schlaf, aber desto mehr Munterkeit gab. Am 16. August begegneten wir mehrern Walfischfängern, mit denen wir durch Flaggen Gruße austauschten. Als es am 17. über 4° warm wurde, war uns diese Hitze geradezu lästig. Von den armen Hunden will ich gar nicht reden. Sie schlichen äußerst trübselig umher und begriffen offenbar nicht, was dies hier für ein »unnatürliches« Klima war. So rasch nach Hause, als wir gehofft hatten, ging es aber doch nicht. Der Wind ging mehr nach Süden herum und wurde immer schwächer, sodaß wir jetzt auf die Maschine allein angewiesen waren. Am 18. August trat ein uns unerwartetes Phänomen ein: es wurde plötzlich Nacht; wir waren überrascht, waren wir doch während dreier Sommer daran gewöhnt, die Sonne immer über dem Horizont zu haben. Doch als am 19. der Tag wieder anbrach, erblickten wir tief unten am Horizont durch die Morgennebel ein schwaches Dämmerbild, das wir für Land zu halten wagten. Die Form und die Linien wurden deutlicher, und aus dem Nebel stiegen Bergkuppen empor: »Das alte Gebirge war in Sicht!« Wir hatten das Gefühl, als müsse uns das Herz zerspringen. Wir starrten nur darauf hin und konnten kein Wort hervorbringen. In dem Maße, als sich der Nebel verzog, erkannten wir immer deutlicher, daß wir die Berggipfel von Andö vor uns hatten, und dahinter lag ja unser erster Anlaufsplatz in der Heimat, Skjärvö. Da hier für uns die nächste Telegraphenstation in Norwegen war, wollten wir auch sofort die Gelegenheit benutzen, von dort die erste Kunde von unserer Heimkehr in die Welt hinauszusenden. Am 20. August zwischen 2 und 3 Uhr morgens fuhren wir um das Vorgebirge herum und ließen bei stillem, schönem Wetter die Anker im Hafen von Skjärvö fallen. Nur einige hundert Schritt von uns entfernt lag jetzt das Land da: unser Heimatland, mit seinen Häuserreihen und grünen Gehängen und wirklichen, man denke nur, wirklichen Heuhaufen auf den Wiesen, im Morgensonnenscheine glänzend. An Bord waren in diesem für uns so feierlichen Augenblicke natürlich alle Mann auf Deck, aber an Land war alles öde und still. Dort lagen die Leute augenscheinlich noch in Morpheus' Armen. Obgleich es uns unangenehm war, den Herrn Telegraphisten in seinem Morgenschlummer stören zu müssen, konnten wir unter den obwaltenden Umständen darauf keine Rücksicht nehmen. Sverdrup ging deshalb, mit Bentsen als Ruderer, sofort mit den Telegrammen an Land, und bald darauf sahen wir ihn den Abhang hinaufschreiten, während Bentsen im Boote zurückblieb. So verging eine geraume Zeit. Dann aber bot sich unsern erstaunten Augen auf einmal ein außerordentlich merkwürdiger Anblick dar. Außerhalb der Häuser stürmte Sverdrup, als sei ihm der Gottseibeiuns auf den Fersen, den Abhang hinunter und in wildem Laufe nach dem Boote. Dann hatte es den Anschein, als sei Bentsen plötzlich verrückt geworden. Er griff nach den Rudern und führte sie mit solcher Kraft, daß das Boot von weißem Wellenschaume umgeben war. Und jeden Augenblick erhob er den Kopf, um die Entfernung zu bemessen. Was in aller Welt hatte dies zu bedeuten? Sobald er aber in Hörweite gekommen war, zog er plötzlich die Ruder ein, erhob sich im Boote und brüllte uns durch die hohle Hand zu: »Nansen ist angekommen!« Worauf er sofort das Boot wendete und wieder an Land ruderte. Gerade die Ungewißheit über Nansen's und Johansen's Geschick hatte bewirkt, daß wir unsere Heimkehr nicht durch Salutschüsse hatten ankündigen wollen. Doch nun war es gleich etwas anders. Nun hatten wir das Recht, tüchtig drauf loszuknallen. Dies thaten wir denn auch vollauf. Einen bessern Wecker haben die Leute von Skjärvö nie gehabt als den, den sie in früher Morgenstunde von uns gratis erhielten. – Meine Erzählung ist hier eigentlich aus. Ueber den festlichen Empfang, der uns in Tromsö bei unserer Ankunft am Abend desselben Tages zutheil wurde, und über unser Zusammentreffen am Tage darauf mit Nansen und Johansen, die sich auf Sir George Baden-Powell's Lustjacht »Otaria« als Gäste befanden – ein Zusammentreffen nach siebzehnmonatlicher Trennung, sodaß man sich unsere Gefühle beim Wiedersehen denken kann –, über alles dieses, sowie über den Triumphzug, den uns unsere Landsleute an der Küste entlang überall bereiteten, sind ja die Leser ebenso genau unterrichtet wie ich selbst. Daß diese Tage, deren Gipfelpunkt der großartige Empfang in Christiania war, in unserm Herzen stets als die schönsten unserer Erinnerung leben werden, brauche ich wol keinem erst noch zu versichern. Die Hauptsache war, daß wir zum Dank für alles dieses sagen durften, daß wir die uns anvertraute Aufgabe, an die so viel Arbeit und Kosten gewendet worden waren, der solche Antheilnahme geschenkt und auf die solche Hoffnungen gesetzt worden waren, wenigstens so gut ausgeführt hatten, als es unserer Meinung nach in Menschenmacht stand. So konnte mit einiger Berechtigung von uns gesagt werden: Spät kommt ihr – doch ihr kommt! Der weite Weg, Graf Isolan, entschuldigt euer Säumen. Nansen und ich auf 86° 14' Von Lieutenant Hjalmar Johansen Erstes Kapitel. Abschied vom Vaterland. Die letzten Menschen. Im Frühling 1893 begannen wir, die zur Theilnahme an Nansen's Expedition Berufenen, uns in Christiania zu versammeln. Wir waren einander fremd, kamen wir ja aus den verschiedensten Theilen des Landes, und musterten uns daher gegenseitig mit einer gewissen Neugierde. An den Erfolg der Expedition glaubten wir natürlich felsenfest; wir begrüßten uns und wünschten uns gegenseitig eine glückliche Reise zum Pole, wenn auch die Ansichten darüber, wieviel Zeit dazu wol erforderlich sein würde, getheilt sein mochten. Es waren arbeitsreiche Tage in den paar Monaten vor der Abreise. Das ganze Schiff war voll von Arbeitsleuten aller Art. Kapitän Juell und ich untersuchten auf Tjuveholm die Proviantkisten und legten eine Liste derselben an; dann wurde der Proviant mit der größten Sorgfalt untergebracht. Ganz vorn im Schiffe zwischen den Kniestützen und Balken lag Peder Hendriksen aus Tromsö und verstaute Hundekuchen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann. Als das Schiff mit andern Dingen fast schon vollgepfropft war, war nämlich noch eine große Sendung Hundekuchen aus London angekommen. Ich erinnere mich, daß Nansen erzählte, er sei beinahe erschrocken, als er eines Morgens an Bord gekommen sei und dort das ganze Deck voll Kisten mit Hundekuchen erblickt habe, die auch noch untergebracht werden sollten. Doch alles fand seinen Platz – es war wirklich merkwürdig, wieviel in das Schiff hineinging. Und es war auch nicht leer, als wir wieder nach Hause kamen; mit dem, was noch übrig war, hätten wir gleich wieder auf eine Expedition ausziehen können. Wir nahmen über die verschiedenen Kistenreihen eine Art Plan auf, damit wir die gerade gebrauchte Proviantsorte leicht finden könnten. Im untern Raume und zu beiden Seiten der Maschine hatten wir Kohlen untergebracht, und schwere eiserne Tonnen mit Theeröl standen sowol im untern Raume wie im Zwischendecke und oben auf Deck. Im Großraume war der meiste Proviant verstaut, wobei jedes Plätzchen ausgenutzt worden war; gingen die Kisten nicht zwischen die Kniestützen, so wurde der Raum zwischen diesen mit Holzkloben ausgefüllt, die uns ja unterwegs auch nützlich sein konnten. Es gab an Bord der »Fram« sehr viele gute Nahrungsmittel: conservirtes Fleisch aller Art aus Norwegen, Dänemark, Amerika und Australien, Schweinecotelettes, Fricandellen, Rinderbraten, Corned-Beef, Hammelbraten, geräuchertes Schaffleisch, Kaninchen, Frühstücksschinken (auch »Gesangbücher« genannt), Dorschkaviar, Fischpudding, Makrelen, geraspeltes Fischfleisch, Fischmehl, getrocknetes Gemüse und Suppenkraut, Gemüseconserven, Eingemachtes und Marmelade, Reis, Chocolade, Cacao, Hafer- und Maisgrütze, Weizen- und Roggenbrot, Mehl, Zucker und Kaffee, verschiedene Sorten Pemmikan, Citronensaft, Knorr's Suppenpräparate u.s.w., alles so frisch und gut, wie es nur zu bekommen war. Nansen mußte das ganze Getriebe leiten; er hielt alle Fäden in der Hand und mußte dafür sorgen, daß alles so in Stand gesetzt wurde, wie er es haben wollte, so gut, wie man beide, das Schiff und den Proviant, machen konnte. Unser Chef wußte sehr wohl, welche Bedeutung in einer in jeder Hinsicht vorzüglichen Ausrüstung liegt, und hatte es sich deshalb auch mehrere Jahre unermüdlicher Arbeit kosten lassen. Kapitän Sverdrup hatte ihm dabei getreulich geholfen. Still ging dieser Mann an Bord umher; er sah alles, sprach wenig, richtete aber desto mehr aus. So kam denn der Tag heran, an dem wir in der Bucht von Piperviken die Anker lichteten: der 24. Juni 1893. Es war ein trüber Tag, doch in unserm Gemüth war es nicht trübe; wir freuten uns, endlich an dem Punkte angelangt zu sein, daß unsere Reise beginnen sollte. Es ist die alte Geschichte, im letzten Augenblick fehlt stets noch etwas, was man mitnehmen muß. So erinnere ich mich, daß wir vergebens auf das Eis für die Küche warteten; wir mußten auch schließlich ohne dasselbe abreisen; »wir bekommen es schon noch später«, meinte der Koch. Gerade als der Anker gelichtet werden sollte, kam Nansen allein in dem Petroleumboote von Lysaker her an der Seite des Schiffes an, und gleich darauf glitt die »Fram« schwer, ruhig und majestätisch durch den Fjord von Christiania, von einem Schwarm von Dampfern und Segelbooten begleitet. Musik und Hurrahrufe folgten uns. In Horten, dem Haupthafen der norwegischen Marine, nahmen wir Pulver und Kanonen zum Salutschießen ein. Die »Fram« machte 37 Kilometer in vier Stunden, die Maschine arbeitete vorzüglich. In Raekvik, auf Colin Archer's Werft, nahmen wir die Großboote an Bord. Archer war mit seiner Familie an Bord, als wir in den Fjord von Laurvik hineinsteuerten und unter den lebhaften Begrüßungen der Leute und unter Flaggensalut eine Bogenlinie im Hafen beschrieben. Gegen Abend bekamen wir ziemlich starken Seegang; die »Fram« schaukelte auf den Wellen und rief bei mehrern Symptome der Seekrankheit hervor. Es ging langsam vorwärts, da das Schiff der großen Last wegen sehr tief eintauchte. An Bord ist es lebhaft; wir sind ausgezeichneter Laune, den ganzen Tag fliegen Witze hin und her, besonders bei den Mahlzeiten, wo die meisten beisammen sind. Die Unterhaltung dreht sich hauptsächlich darum, was wir thun werden, wenn wir am Pole ankommen. Nansen musicirt ein wenig, der Koch schimpft, weil wir so gierig auf Essen und Trinken sind. »Gott steh' mir bei«, sagt er, »der Kaffee reicht wahrhaftig nicht länger als bis Tromsö!« Alles ist voller Leben, wie es sich auch gehört, während wir uns unserm Ziele Seemeile um Seemeile nähern. Wir eilen mit Weile, und das soll ja das Beste sein. Die Nacht zum 28. Juni war schwer. Die See ging gar nicht sehr hoch, aber die »Fram« mit ihrem runden Bau rollte tüchtig. Unausgesetzt schlugen Seen über das Vorderdeck. Ich war mit Pettersen zusammen im Maschinenraum, jetzt gerade nicht dem besten Aufenthaltsorte; es war dort eng und schwül, und bei dem Rollen den Heizer zu spielen, war auch nicht schön; es wäre noch angegangen, wenn uns nicht die Qualen der Seekrankheit das Unterste zu oberst gekehrt hätten, und mit der Schaufel kamen nicht immer nur Kohlen unter den Kessel. Am Abend des 28. warfen wir bei Ekersund Anker. Am nächsten Tage flogen wir bei ruhiger See unter Dampf und Segel mit guter Fahrt an Jäderen vorbei. Am 5. Juli kam in Beian Sverdrup an Bord; ein jüngerer Bruder von ihm verließ uns hier. Bis hierher war Scott-Hansen Kapitän des Schiffs gewesen. Am 7. Juli hatten wir in Rörvik halt gemacht. Es gab viel Arbeit mit dem Umstauen des Proviants und der Kohlen. Während der Reise an der Küste nordwärts wohnte ich meistens im »Grand Hotel«. Wir hatten sowol »Gravesen« wie »Grand« (bekannte Hotels in Christiania) an Bord; es waren unsere beiden Großboote, die wir mit Hülfe von Renthierfellen und Schlafsäcken zu gemüthlichen Schlafgemächern eingerichtet hatten. Ueberall, wohin wir kamen, zeigte sich Interesse für die Expedition. Man begreift kaum, woher alle diese Menschen kommen; wir sehen ja nichts weiter als das nackte Gebirge, nur hier und da einen grünlichen Schimmer; das ist das arme Norwegen. Doch halten wir an, so haben wir sofort ein dichtes Volksgewühl um uns herum. Wir fuhren an einem Schiffer aus dem Bergener Stifte vorbei, der wahrscheinlich über uns noch nicht klug geworden war. Er rief uns an und fragte: »Woher ist das Schiff?« »Christiania«, war die Antwort. »Was hat sie für Last?« »Essen und Kohlen.« »Wo will sie hin?« »Nach dem Eismeer, zum Nordpol.« Am 12. Juli waren wir in Tromsö. Dort hagelte und schneite es wie mitten im Winter. Amundsen hatte hier beinahe das Leben verloren; die Kohlen stürzten auf ihn herunter, als er im Kohlenbunker war. Er erhielt eine große klaffende Wunde am Kopfe, machte aber kein Aufheben davon. Er wurde geschoren, gewaschen, zugenäht und verbunden, und dann war alles wieder in Ordnung. Mit verbundenem Kopfe ging er umher, bis wir im Eise festgekommen waren. In Bardö, dem letzten Orte, den wir anliefen, bevor wir unser Vaterland verließen, zeigten uns die Leute, welche Sympathie sie für uns hatten. Sie gaben uns ein glänzendes Fest. Am 21. Juli morgens 4 Uhr verließen wir die Stadt und sagten dem Vaterland Lebewohl. Ich kletterte in die Ausgucktonne hinauf, um noch einen Blick auf das Land zu werfen; man konnte ja nicht wissen, wann wir es wiedersehen würden. Am 24. Juli wurde an Bord der erste Geburtstag gefeiert; es war der Scott-Hansen's. Große Feierlichkeit, Marmelade zum Frühstück, mittags Tischreden und ausgewählte Gerichte. »Kvik«, Nansen's Hündin, die wir von Christiania mitgenommen haben, ist natürlich der Liebling aller an Bord. Sie ist der Sprößling eines Neufundländers und einer Eskimohündin und liebt alles, was von Leder ist; sie frißt alles, was sie erwischen kann: Segelhandschuhe, alte Stiefel und Kleider, Papier, Regenröcke und dergleichen mehr. Ganz so schlimm wie der Hund, den sie auf der »Polaris« Das Schiff der unter Führung von Hall auf Kosten der Vereinigten Staaten 1871–73 unternommenen Nordpolexpedition. an Bord hatten, war sie freilich noch nicht, denn jener Hund verspeiste sogar Thürklinken. Am 27. Juli machten wir zum ersten male mit dem Eise Bekanntschaft. Wir haben es auf beiden Seiten und schleichen uns unter Stößen und Püffen vorsichtig nach der Jugor'schen Straße. Es ist gut, daß wir reichlich Nahrungsmittel an Bord haben, denn hier sind Jünglinge, die das Essen gründlich verstehen. Jede Mahlzeit ist ein kleines Fest; die Speisen werden mit manchem muntern Scherze gewürzt, besonders Bentsen ist unerschöpflich an Geschichtchen. Täglich erzählte er lustige Sachen und immer wieder tischte er etwas Neues auf, und in den langen Polarnächten zeigte er sich erst recht in seinem Glanze. Schön ist der Anblick der Mitternachtsonne, wenn sie am Horizont blutroth über dem Meeresspiegel und den zerstreuten Eisblöcken flammt. Draußen in der Ferne schimmert die Luft zwischen den Eistrümmern bläulich, und die »Fram« windet sich hindurch, leicht dem Steuer gehorchend, aber schwer beim Hinabsinken, wenn es das Rammen der Eisblöcke gilt. Wir können das Eis getrost mit ihr rammen. Hier war die »Fram« in ihrem Elemente, aber der Mann am Ruder hatte es hart. Das Treibeis bestand nicht überall aus flachen, hübsch anständigen Schollen, es trat vielmehr in allen möglichen Gestalten auf. Zackig und zerrissen, grau, weiß und dunkel trieben die Massen heran; einige führten sogar Erde, andere Süßwasser mit, alle aber waren schwer, träge und unter der Wasserlinie von bedeutender Größe. Am 29. Juli abends 6 ½ Uhr warfen wir vor Chabarowa Anker. Hier kam Trontheim an Bord, der im Auftrage von Baron Toll ganz Sibirien durchreist hatte, um Hunde für die Expedition zu kaufen. Kaum hatten wir Anker geworfen, als die in Chabarowa lebenden Samojeden in ihren Fellkleidern an Bord kamen. Die meisten von ihnen sind scheußlich; häßlich und schmutzig sind sie alle. Die russischen Kaufleute hingegen, die sich hier aufhalten, sehen in ihren langen Renthierpelzen und ihren eigenthümlichen Mützen aus dem Felle der Renthierkälber sehr schneidig aus. In Chabarowa halten sie sich den Sommer über auf, um von den Samojeden verschiedene Arten Felle und Pelzwaaren einzutauschen. Der Samojede liebt Branntwein und Taback sehr; er legt mit seinen Renthieren und seinen Hunden oft große Entfernungen zurück, wenn er weiß, daß irgendwo Branntwein zu bekommen ist. Dies wissen die Kaufleute sich zunutze zu machen, und wenn sie am Ende des Sommers fortziehen, um die Pelzwaaren in ihrer Heimat abzusetzen, haben sie gewöhnlich ein einträgliches Geschäft gemacht. Im nächsten Sommer kommen sie dann wieder. Die Samojeden suchten Doctor Blessing an Bord auf, um von seiner Kunst zu profitiren, einige für ihre gichtischen Hände, andere für ihre tauben Ohren. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Menschen, als sie an Bord waren und ihre Fellkleider vor dem Eintritt in die Kajüte des Doctors auf den Fußboden legten, so freundlich gewesen waren, uns eine ganze Ladung Läuse mit auf den Weg zu geben; denn wir hatten Chabarowa gar nicht lange verlassen, da merkten wir, daß wir eine Reisegesellschaft bekommen hatten, an der uns gerade nicht viel gelegen war. Es gab in Chabarowa 10 Russen und 35 Samojeden und nicht weniger als zwei Kirchen, eine alte und eine neue. Am 1. August wurde ein großes kirchliches Fest gefeiert. Solange der Gottesdienst dauerte, bekreuzigten sich die Samojeden und thaten ungemein fromm. Aber am Abend waren sie durchaus keine Heiligen mehr. Alle Männer waren betrunken und die Weiber ebenfalls. Es waren viele vom Lande hereingekommen, um an der Feier des Tages theilzunehmen; zwei davon sahen wir mit fünf Renthieren kreuz und quer zwischen den Zelten herumfahren. Vor einem Zelte war an kleinen, in die Erde gerammten Pfählen eine ganze Anzahl junger Füchse angebunden; mitten zwischen diese Thiere fuhren die beiden Samojeden hinein, worauf ein Weib heulend aus dem Zelte stürzte, die unerfahrenen Füchslein aufsammelte und hineintrug. Andere Samojeden wurden handgemein; sie schlugen jedoch nicht aufeinander los, sondern bemühten sich nur, sich gegenseitig die Kleider vom Leibe zu reißen. Einige vergnügten sich mit einer Art Kegelspiel, dessen Kegel aus Holzpflöcken bestanden, nach denen mit einem Holzstücke geworfen wurde. Scott-Hansen guckte in ein Zelt hinein und erblickte dort in einer Ecke ein seltsames Lumpenbündel; sein Erstaunen wurde nicht geringer, als sich das Bündel bewegte und das Gesicht einer alten Frau daraus hervorkam. Sie hatte sich in ihrem Rausche zu einem richtigen Knäuel zusammengerollt. Unsere Hunde konnten diesen Spektakel auch nicht leiden. Als wir uns dahin begaben, wo sie angebunden waren, begleitete uns ein betrunkener Samojede; er wollte uns zeigen, daß die Hunde nicht auf ihn, sondern auf uns böse seien, und ging keck zu einem der kurzohrigen, glatten weißen Hunde hin, um ihn zu streicheln. Der Hund schnappte und biß nach ihm und hängte sich schließlich an einen seiner Fausthandschuhe, die unten an den Aermeln seines Pelzmantels baumelten. Wir wurden also nicht überzeugt, der Samojede aber kam jedenfalls zur Einsicht, daß die Zähne eines Hundes mit Fausthandschuhen von ungegerbtem Leder übel umspringen können. An Bord hatten wir in diesen Tagen viel mit dem Kessel und den Kohlen zu thun. Pettersen und ich mußten in den Kessel hineinkriechen und das Salz, das sich dort angesetzt hatte, loshacken. Es war dort drinnen zwischen all den Röhren sehr eng, und wenn wir uns umdrehen wollten, mußten wir uns rückwärts zurückziehen und von der andern Seite wieder hineinkriechen. Als wir fertig waren, sahen wir auch danach aus; der schmutzigste Samojede war, mit uns verglichen, ein feiner Mann. Nansen meinte, wir müßten so verewigt werden, und nahm ein Bild von uns auf. Nansen, Sverdrup und Hendriksen, auch »das Büblein« genannt, unternahmen eine Fahrt mit dem Petroleumboote, um die Eisverhältnisse im Karischen Meere zu untersuchen. Dort war Eis vollauf, aber am Lande zog sich eine lange, offene Rinne hin. In Chabarowa legten wir eine elektrische Klingelleitung an, die von der Ausgucktonne in den Maschinenraum hinunterführte, damit die Maschine mit dem Manne auf dem Ausguck in directer Verbindung stehen konnte. Auch die Apparate zur Heizung mit Theeröl setzten wir hier in Stand. Am 3. August waren wir fertig und nahmen die Hunde an Bord, wobei Trontheim die von König Oskar verliehene goldene Verdienstmedaille für die gute Ausführung seiner Aufgabe überreicht wurde. Nansen's Sekretär Christofersen trennte sich hier von uns; gern hätten wir gesehen, daß er auf der ganzen Reise unser Begleiter gewesen wäre. Wir waren alle feierlich gestimmt, als er mit unsern Briefen nach Norwegen ins Boot stieg. Er war mit allerlei Lebensmitteln von der »Fram« versehen worden, denn es war ja möglich, daß er noch manches Abenteuer erleben mußte, ehe er wieder in der Heimat anlangte. Am letzten Tage in Chabarowa wurde auch Bernt Bentsen in die Schiffsliste eingetragen. Der Gute hatte nicht mehr viel Zeit, sich zu entschließen. Als wir in der Nacht die Anker lichteten, war es nebelig; Nansen ging uns daher mit dem Petroleumboote voran, um das Fahrwasser auszulothen. Hierbei hätte er sich beinahe verbrannt, da sich das Oel entzündete; seitdem wir das Boot im Christiania-Fjord zu benutzen angefangen hatten, war beständig etwas mit ihm los. Das Heizen mit Theeröl geht gerade nicht besonders. Es gehört so viel Dampf dazu, das Oel in das Feuerloch zu blasen, daß es wirklich fraglich bleibt, ob bei dieser Heizungsart viel gewonnen werden kann. Am 6. August lagen wir des Nebels wegen unweit der Jalmal-Küste an einer Eisscholle still. An Bord herrschte Sonntagsruhe; die Mannschaft hatte sich gemüthlich hingesetzt, nur die Dynamomaschine war in Thätigkeit. Nansen, Sverdrup, Scott-Hansen, Blessing, Hendriksen und ich gingen an Land zu einem Ausflug auf Jalmal. Das Ufer fiel dort, wo wir landeten, so langsam ab, daß wir aussteigen und das Boot eine lange Strecke über den flachen Grund ziehen mußten. Diejenigen, welche Wasserstiefel anhatten, mußten die andern auf dem Rücken aus dem Boote und wieder hineintragen. Hansen und ich gingen zusammen auf die Entenjagd und schossen auch ein paar Enten. Wir hatten uns hierbei von den andern entfernt und fanden an einem der hier vielfach vorkommenden kleinen Gewässer Spuren eines Samojedenlagers. Es war ein ziemlich dunkler Abend. Als wir so spähend umhergingen und Ausguck hielten, erblickten wir denn auch ein Zelt. Natürlich dachten wir, es sei ein Samojedenzelt, und näherten uns vorsichtig, um nicht von den Hunden, die es dort unsrer Meinung nach geben mußte, angefallen zu werden. Doch als wir dicht davor waren, merkten wir, daß es unsere Kameraden waren, die die Ruder und Persennings aus dem Boote geholt und ein Zelt damit aufgeschlagen hatten, worin sie es sich gemüthlich gemacht hatten. Wir fanden ein wenig Treibholz und kochten uns einen ordentlichen Topf Kaffee, der trefflich schmeckte, wie auch das Pfeifchen Taback, das wir hinterher schmauchten. Gegen Morgen kehrten wir wieder an Bord zurück. Am 7. August ruderte ein Boot mit zwei Samojeden an die »Fram« heran und legte am Achterende des Schiffes an. Die beiden Insassen schienen Angst zu haben, ihr Boot zu verlassen; sie fürchteten vielleicht, des Eises wegen nicht wieder ans Land kommen zu können. Es war ein graubärtiger Alter mit einem jungen Manne. Sie erhielten von uns Lebensmittel und machten dabei Zeichen nach dem Lande hin, wo sich wahrscheinlich noch mehrere ihresgleichen befanden. Bentsen stand auf dem Achterdeck und warf ihnen einige Schiffszwiebacke hinunter, nach denen sie sehr gierig griffen. Der junge Mann biß auch sofort hinein, um sie zu probiren. Einige Hundekuchen waren auch darunter, aber das schien ihm nichts auszumachen. Dann zog Bentsen eine Streichholzschachtel aus der Tasche und zündete ein Streichholz an. Sie starrten mit offenem Munde nach der Flamme. Bentsen warf ihnen nun die ganze Schachtel ins Boot hinunter, der junge Mann fing sie auf, zündete auch sofort ein Streichholz an, betrachtete lächelnd die Flamme, blies sie aus und legte das abgebrannte Hölzchen sorgfältig wieder in die Schachtel, um es sich bis zum nächsten male aufzuheben. Aus Dankbarkeit schenkten sie Bentsen ein Paar Stiefel von Renthierfell. Dann sahen wir sie in ihrem schlechten Boote fortrudern. Da wir der mißlichen Eisverhältnisse wegen fortwährend stillliegen mußten, begaben sich einige von uns zu Boot an die Küste, um dieses so wenig bekannte Land zu besuchen und Samojeden anzutreffen, von denen wir uns allerlei Felle eintauschen wollten. Es waren Nansen, Sverdrup, Mogstad, Blessing und ich. Blessing begann sogleich auf der öden Ebene zu botanisiren; ich schloß mich ihm an. Die drei andern erblickten in der Ferne ein paar Gestalten; es waren gewiß Samojeden, die sich anscheinend fürchteten und zu laufen begannen. Sie winkten ihnen zu, aber die Samojeden liefen nur um so schneller, und bald waren sie ganz verschwunden. Nachdem wir allerlei Pflanzen gesammelt und einiges Federwild geschossen hatten, kehrten Blessing und ich zum Boote zurück, das jetzt von der Flut geschaukelt wurde; wir nahmen die Persennings heraus und schlugen ein Zelt auf, das uns von großem Nutzen war, da es nachher, als die andern sich nachts zu uns gesellt hatten, ziemlich heftig zu wehen und zu regnen begann. Wir unterhielten uns trotzdem sehr lebhaft mit wahren und erfundenen Geschichten, bis uns die Müdigkeit den Mund schloß. Am Morgen begannen wir in die See hinauszurudern, konnten aber des Gegenwindes wegen anfangs nur schwer vorwärtskommen. Desto größer war daher unsere Freude, als wir gegen Mittag endlich wieder an Bord steigen, die durchnäßten Kleider mit trockenen vertauschen und uns ordentlich satt essen konnten. Zweites Kapitel. Zum nördlichsten Punkte der Alten Welt Bald fanden wir lockeres Eis und gingen unter Segel und Dampf weiter. Pettersen und ich, die wir stets zusammen die Wache im Maschinenraume haben, fanden, daß wir jetzt viel zu viel Haar auf dem Kopfe hatten, und schoren uns daher gegenseitig so kurz, wie es irgend gehen wollte. Am 12. August stoppten wir die Maschine und benutzten nur noch die Segel. Es ging ausgezeichnet, und wir freuten uns alle darüber, da wir die Kohlen soviel wie möglich sparen wollten. 14. August. Den Hunden auf dem Deck bekommt der Seegang schlecht; wir haben sie nun nach dem Achterdeck bringen müssen, da sie jedesmal, wenn eine See über die Rehling schlug, ganz naß wurden und dann heulend die Pfoten aufhoben und an den Ketten rissen. Einige von ihnen sind auch sehr von der Seekrankheit geplagt; im übrigen aber sind sie sehr zutraulich und fügsam geworden. Während meiner Wache sprang einmal an der Maschine das Wasserstandsrohr. Glücklicherweise kam ich mit einer Douche kochenden Salzwassers davon, ohne daß mir Glassplitter ins Gesicht flogen. Am 16. August hatten wir schlechtes Wetter, und die Hunde litten sehr darunter. Das Petroleumboot wäre beinahe ins Wasser gefallen; die großen, massiven Eisendavits, in denen es hing, bogen sich wie Stahldraht, als die See an ihnen zerrte, und immer wieder drohten die Wogen, uns das Boot zu entreißen, bis es uns endlich gelang, es festzubinden. Jedesmal, wenn wir auf diesem schlingernden Schiffe eine Kuhlte haben, geht es an Bord lebhaft zu. Die Gewehre klappern in ihren Ständern, die Sessel im Salon rutschen auf dem Fußboden hin und her, das Küchengeschirr rasselt und macht entsetzlichen Spektakel, und im Maschinenraume müssen wir uns sehr in Acht nehmen, daß wir nicht in die Maschinentheile hineingeschleudert werden. Am 20. August ankerten wir bei den Kjellman-Inseln, da wir den Wasservorrath für unsern Kessel erneuern mußten. Dabei bemerkten wir, daß es auf den Inseln Renthiere gab. Nun wurde es lebendig; fast alle, die schießen konnten, wollten an Land, und nur fünf Mann blieben an Bord zurück. Wir ruderten nach der größten Insel und begaben uns dort auf die Jagd. Die Thiere waren außergewöhnlich scheu, sodaß wir lange Strecken auf allen Vieren kriechend zurücklegen mußten. Das Terrain war zum Anschleichen ungünstig; das Wild wurde uns, noch ehe wir zielen konnten, gewahr und entfloh mit Blitzesschnelle. Dann mußten wir unsere beschwerliche Wanderung über Moor und Steppe von neuem beginnen, um die Thiere wieder mit demselben Resultate zu beschleichen. Hendriksen und ich waren beisammen. Müde und hungrig hatten wir uns auf einen Stein gesetzt, als Peder plötzlich die Pfeife aus dem Mund nahm und sagte: »Dort ist ein Bär!« Und richtig, nicht weit vom Strande ging ein Eisbär spazieren. »Zum Teufel auch, daß wir so kleine Kugeln haben«, sagte Peder, der in das Krag-Jörgensen-Gewehr Das Krag-Jörgensen-Gewehr ist ein kleinkalibriges Repetirgewehr, welches außer von Dänemark und den Vereinigten Staaten von Nordamerika auch im norwegischen Heere eingeführt ist. Die Patronen sind zu je 5 Stück in einem Blechkasten enthalten, aus welchem sie in das Magazin geschüttet werden.] kein Vertrauen setzte. Vorsichtig krochen wir hinter einen Felsblock, aber schon hatte uns der Bär gewittert und kam gerade auf uns zu. Wir legten die Gewehre an – Peder hatte eine lange Büchse, ich einen Karabiner – und drückten gleichzeitig ab. Aber Peder mußte wol mit Vaseline zu splendid gewesen sein, denn beide Schüsse versagten. Ein zweiter Schuß verwundete den Bären an dem einen Vorderbein. Jetzt wandte er sich von uns ab der See zu. Er erhielt einen Schuß ins Hintertheil, was ihn aber im Laufen durchaus nicht zu hindern schien. Peder rief mir zu: »Lassen Sie das Schießen und laufen Sie dem Bären nach!« Ich lud in aller Hast mein Gewehr und lief ihm den mit Steinen bedeckten Abhang hinunter nach. Es gelang mir, ihm eine Kugel durch den Leib zu schießen, sodaß er stürzte und liegen blieb. »Nun hat er wol genug«, sagte ich zu Peder, der mir inzwischen nachgekommen war. »Nein«, meinte dieser, »der verträgt noch mehr.« Und wirklich, der Bär richtete sich auf und drehte sich um, sodaß Peder ihm auch von der andern Seite eine Kugel in den Leib schicken konnte. Dann trat er dicht an ihn heran und gab ihm noch einen Schuß gerade hinter das Ohr. Ich erlaubte mir die Bemerkung, daß dies nicht nöthig gewesen, aber Peder antwortete mir: »Doch, Sie wissen nicht, wie schlau sich so ein Schwein verstellen kann.« Ich mußte mich vor seiner Autorität beugen, denn Peder hatte in seinem Leben schon 40 oder 50 Bären geschossen, und dieser hier war mein erster. Wir zogen ihn ab und machten uns dann auf den Weg, um wieder zu den andern zu stoßen. Unterwegs hörten wir vereinzelte Schüsse. Die Sonne erhob sich gerade über der Ebene, als wir auf einmal bemerkten, daß zwischen uns und der Sonne etwas auf der Ebene stand und ab und zu das Licht verdunkelte. Dann gewahrten wir das große vielästige Geweih eines Renthiers, das uns entgegenhinkte. Schnell warfen wir uns nieder. Das Thier kam immer näher, witterte uns aber und eilte in Sprüngen dem Strande zu; das eine Bein war abgeschossen und hing nur noch an der Haut. Wir sprangen auf, um ihm den Weg abzuschneiden; doch ehe uns das gelang, knallten mehrere Schüsse, und dann sahen wir Nansen dem Thiere den Genickfang geben. Er hatte schon eins geschossen; dafür erzählten wir ihm von unserm Bären. Nachdem wir den Rückweg über die nassen Moore mit großer Mühe zurückgelegt hatten, versammelten wir uns alle bei den Booten und ließen uns unser Butterbrot gut schmecken. Es wurde bestimmt, daß Sverdrup, Jacobsen und Scott-Hansen nach der »Fram« zurückrudern und sie uns ein wenig näher bringen sollten, während wir Uebrigen mit dem andern Boote den Bären und die Renthiere holen wollten. Als wir uns der Stelle näherten, wo der Bär lag, erblickten wir einen zweiten, der ein wenig mehr landeinwärts am Boden lag und schlief. Er wurde sehr unsanft geweckt. Wir gingen ganz lautlos näher, einer immer in die Fußspuren des andern tretend, bis wir in gute Schußweite gekommen waren, stellten uns dann, ohne ein Wort zu sagen, auf und schickten dem Bären eine Kugel in den Kopf und diverse andere in den Leib, wodurch er bald in noch tiefern Schlaf versenkt wurde. Es war ein hübsches langhaariges Thier und so naß, daß es eben aus dem Wasser gekommen sein mußte; wahrscheinlich hatte es am Ufer gesessen und den jungen Weißwalen aufgelauert. Wir fanden dort die Ueberreste von solchen. Die beiden todten Bären lagen ziemlich weit vom Strande entfernt, und es kostete uns einige Mühe, sie zu zerlegen und die einzelnen Theile ins Boot zu tragen. Müde und hungerig waren wir schon vorher gewesen, und besser wurde es dabei natürlich nicht. Es fing jetzt an, frisch zu wehen, und während wir noch mit dem Fleische beschäftigt waren, warf die See unser Boot auf die Seite und füllte es so mit Wasser, daß unsere Gewehre und unser Brotvorrath ganz durchnäßt wurden. Wir mußten uns lange plagen, ehe es uns gelang, das Boot wieder aufzurichten und ans Land zu ziehen, wobei wir natürlich erst recht naß wurden. Als wir das Fleisch und die Felle mit Hülfe einer Leine endlich an Bord gebracht hatten, begannen wir nach dem Schiffe zurückzurudern. Das war aber ein hartes Stück Arbeit. Wind und Strömung waren gegen uns, und wir kamen beinahe gar nicht von der Stelle. Wir legten uns in die Ruder, soviel wir konnten: Nansen, Blessing, Mogstad, Hendriksen und ich. Erst ging es am Lande entlang, bis wir ungefähr die Höhe des Schiffes erreicht hatten; dann hielten wir auf das Schiff zu. Das Boot war schwer belastet, und die Wellen schlugen beständig hinein. Die Strömung und der Wind gingen uns stark entgegen; bald trieben wir ab, bald wieder in die rechte Richtung hinein. Nach den Anstrengungen auf der Renthier-Insel waren wir müde geworden, aber alle Mann arbeiteten noch aus Leibeskräften. Endlich sahen wir, daß wir uns der »Fram« genähert hatten. Vom Schiffe aus wurde eine Boje für uns abgefiert, die gar nicht weit von uns auf dem Wasser tanzte. Peder, der auf der vordersten Ruderbank saß, sollte sie greifen, sobald er sie erreichen konnte. »Hast du sie, Peder?« »Nein, noch nicht.« Nansen trieb an, und wir thaten, was wir vermochten. Endlich ertönte es von Peder's Lippen: »Nun hab' ich sie.« Das war gut! Aber noch waren wir nicht an Bord; die Leine konnte reißen, wir mußten die Boje noch schlaff mitnehmen. Endlich kamen wir, das Fleisch und die Felle an Bord. Ach, wie köstlich war es, trockene Kleider anzulegen und warmes Essen zu bekommen und dann ins Bett zu kriechen! Am 22. August machten wir einen Versuch, aus diesem Stromloche bei den Kjellman-Inseln herauszukommen, doch trotz des höchsten Dampfdrucks glückte es uns nicht, vorwärts zu kommen. Wir müssen wieder Anker werfen und bleiben mit angeheizter Maschine liegen. Es ist Schneegestöber und kalt. Wir essen jetzt Bärenfleisch zu Mittag und finden großen Geschmack daran; besonders das Herz steht hoch im Kurs. Es sind auch keine Kleinigkeiten diese Herzen, zwei Stück reichen für dreizehn Mann. Am 24. August lichteten wir die Anker und versuchten mit allem Dampfe, den wir aufbringen konnten, loszukommen; es glückte uns diesmal auch, und wir segelten nach Norden. Peder zieht den Speck von den Bären- und Seehundhäuten ab. Die Bärenschnitzel schmecken uns ebenso gut wie ein saftiges Beefsteak im Grand Hotel zu Christiania. Der Wind, der so lange gegen uns gewesen ist, hat jetzt angefangen, sich zu legen. Am 27. August segelten wir wieder an Holmen und Inseln vorbei, die auf Nordenskjöld's Karte nicht angegeben sind; wir befinden uns also in unbekanntem Fahrwasser und müssen es deshalb alle Augenblicke auslothen. Die Hunde scheinen sich jetzt an Bord wohler zu fühlen, sie sind auch viel liebenswürdiger geworden. Der 28. August ist ein bemerkenswerther Tag gewesen. Mit der Maschine ist heute ein größeres Unglück passirt. Bei der Theerölfeuerung entdeckten wir nämlich heute Vormittag, sozusagen im letzten Augenblick, daß das Oel den Kessel derartig angegriffen hatte, daß er über dem Feuer zu bersten drohte. Es hatte sich in der Stahlwandung eine größere Beule gebildet, die nur noch aufs Platzen wartete, um verderbenbringenden glühenden Dampf ausströmen zu lassen und Pettersen und mich, die die Wache im Maschinenräume hatten, zu verbrennen. Glücklicherweise entdeckten wir diese Scheußlichkeit noch. In Zukunft werden wir das Heizen mit Theeröl sein lassen, werden aber auch wol mit dem Kohlenheizen vorsichtig sein müssen. Heute Nachmittag haben wir an einer ziemlich großen Eisscholle gelegen und unsere Behälter mit Süßwasser gefüllt. Es war ein Vergnügen, auf dem Eise spazieren zu gehen, und in den Süßwasserpfützen wurde allgemeine große Wäsche gehalten. Auch die Hunde durften sich ordentlich satt trinken, denn wir haben in der letzten Zeit nicht gerade reichlich Wasser gehabt. 29. August. Es geht nicht immer so, wie man es gern hätte. Wir haben anderthalb Tage mit dem Versuche verloren, den Eisgürtel zu durchbrechen. Aber es ist schwer, dergleichen vorherzuwissen. Wir trafen auf Eis, hatten auf der einen Seite Land, ob Inseln oder Festland konnten wir nicht wissen, und es war uns, als gewahrten wir auf der andern Seite offene Stellen, die weiteres Vordringen gestatteten. Wir werden wieder nach dem Lande zurückkehren und dort einen Versuch machen müssen. Augenblicklich aber liegen wir des Nebels wegen still. Leider ist uns heute einer der Hunde crepirt. In der letzten Zeit sind mehrere von ihnen krank geworden; auf dem kalten, feuchten Deck haben sie es ja auch nicht gut, da sie jeder Unbill des Wetters ausgesetzt sind. Wenn sie sich nur vertragen wollten, würden wir sie unter die Back bringen, aber sie beißen einander und sehen ihr eigenes Bestes nicht ein, accurat wie die Menschen. Am 30. August ankerten wir an einer eisfreien Stelle vor der Taimyr-Insel. Jetzt sind uns schon zwei Hunde eingegangen. Blessing, der sie secirt hat, sagt, daß sie am Bärenspeck, der irgendwie giftig gewesen sein muß, gestorben sind. Nansen, Sverdrup und ich waren mit zwei Hunden an Land hinter einer Bärin mit ihren Jungen her; wir verfolgten die Fährten ein paar Stunden und mußten dann sehen, daß die Thiere wieder ins Wasser gegangen waren. Auf dem Deck liegen jetzt Haufen von frischem Fleisch, Speck und Fellen. Bei der Taimyr-Insel lagen wir bis zum 2. September. Während dieser Zeit hatten wir Kesselreinigung und andere Arbeit an der Maschine, Gewehrputzen und allerlei Veränderungen mit den Hunden vorgenommen. Wir verfertigten für alle Halfter aus Tauen, damit sie frei umherlaufen und es besser haben könnten. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß die Halfter ihren Zweck nicht erfüllten. Nachts ist es jetzt recht kalt, und wir haben daher angefangen, uns mit Renthierfellen zuzudecken. Am 4. und 5. September waren Nansen, Juell, Nordahl und ich auf Recognoscirung aus. Wir ruderten 17 Stunden, ohne etwas anderes zum Essen zu haben als ein bischen gedörrtes Renthierfleisch und Brot, die Butter hatten wir vergessen. Die erste Landspitze, an der wir Rast machten, tauften wir darum »Kap Butterlos«. Wir ruderten und lotheten uns vorwärts, mußten uns hier und da sogar mit dem Bootshaken fortstoßen und das Boot über das Eis ziehen. Dabei schössen wir fünf Seehunde, die jedoch alle versanken. Unsere Schneeschuhe, Kleider und Persennings zum Zeltaufschlagen hatten wir mitgenommen, überhaupt waren wir, die Lebensmittel leider ausgenommen, gut ausgerüstet. Die Recognoscirung ergab, daß wir allerdings ein ziemliches Stück in dem Sunde vordringen konnten, daß uns dann aber auch dort ein Eisgürtel von der See trennte, die nach unserer Vermuthung in der Ferne unter dem blauen Horizonte liegen mußte. Es ist merkwürdig, daß wir jedesmal, wenn wir das Schiff zu irgendeinem Zwecke verlassen, auf dem Rückwege schlechtes Wetter bekommen und müde, naß und hungerig, wie wir sind, alle unsere Kräfte aufbieten müssen, um wieder zurückzukommen; und wenn wir uns nach der noch immer so fern liegenden »Fram« umsehen, scheint es uns stets, als ginge es trotz aller Anstrengung entsetzlich langsam. Es war die Rede davon gewesen, daß wir auf einer der im Sunde liegenden Inseln übernachten sollten; doch hatten wir es glücklicherweise nicht gethan, denn als wir an Bord waren, ging der Wind in Sturm über. Während wir vor beiden Ankern lagen, schaufelten wir die Kohlen um. Später versuchten wir auch auf mehrern andern Stellen durchzukommen, aber stets ohne Erfolg. Am 7. September machten wir jedoch ein »brillantes Geschäft«. Wir haben uns durch das schlimmste Eis, das uns dem Anscheine nach vom offenen Wasser trennt, hindurchgearbeitet. Nansen und Sverdrup waren im Ausguck, und der mit der Maschine verbundene elektrische Signalapparat befand sich in voller Thätigkeit; der Anker war bis vor den Bug herabgelassen, um jeden Augenblick zum Fallen bereit zu sein, und ein Mann lothete fortwährend. So konnte die »Fram« heute einen guten Schritt thun und uns wahrscheinlich davor bewahren, ein Jahr bei der Taimyr-Insel liegen bleiben zu müssen, um vielleicht auch dann nicht einmal durchzukommen. Am 9. September machten wir, nachdem wir dem Eise aufs neue entronnen waren, eine brillante Fahrt – 60 Kilometer in 4 Stunden unter Dampf und vollen Segeln. Es hat den Anschein, als werde Jacobsen seine Wette, daß wir in diesem Jahre nicht über Kap Tscheljuskin hinauskommen, an mich und mehrere andere verlieren. Jacobsen ist nämlich sehr aufs Wetten versessen. Er wettet mit uns allen. Mit dem einen auf das eine und mit dem andern auf das gerade Gegentheil, sodaß sich die Sache meistens ausgleicht. Es geht an Bord überhaupt außerordentlich gemüthlich zu. Gutes Essen gibt es immer. Wir haben frisches Renthier-, Bären- und Seehundfleisch und brauchen unsern eigentlichen Proviant kaum anzugreifen. Mogstad ist aus der Küche zur Maschine gekommen, und Nordahl ist als Koch angestellt worden, wozu er sich als außerordentlich geeignet erweist. Das Kartenhaus ist in der wachefreien Zeit nach den Mahlzeiten unser Sammelplatz; dort rauchen wir unsere Pfeifen und plaudern in aller Gemächlichkeit. Während der einen Wache waren Sverdrup, Bentsen und Blessing auf Deck, Amundsen mit Nordahl und Mogstad bei der Maschine, während der andern hatten Jacobsen, Juell und Hendriksen auf Deck, Pettersen und ich im Maschinenraume Dienst. Nansen saß früh und spät im Ausguck, und Scott-Hansen stellte seine Beobachtungen an. Sonntag, 10. September. Endlich, kann ich sagen, haben wir ein Ziel erreicht, das in der Geschichte der Expedition gewissermaßen einen Abschnitt bildet. In den letzten drei Wochen hat das Eis, dem wir begegnet sind, unberechenbar ausgesehen, und mehrmals haben wir, wenn wir auf einer Stelle vor Anker gelegen, geglaubt, daß hier wol leider unser Winterquartier sein würde. Kap Tscheljuskin ist die ganze Zeit über in aller Munde gewesen. Wenn wir doch nur dorthin kämen! Heute Morgen um 4 Uhr sind wir endlich dort angekommen. Große Feier an Bord. Schlag 4 Uhr, als die Sonne aufging, wurden auf ein gegebenes Signal die norwegische Flagge und die »Fram«-Standarte gehißt. Gleichzeitig wurde mit drei Schüssen salutirt, von denen der letzte übrigens Fiasko machte, weil die Kartusche naß war. In dem festlich erleuchteten Salon wurde aus der Punschterrine ein Getränk servirt, das wir später Tscheljuskin-Punsch nannten, außerdem gab es Früchte und Cigarren, und wir leerten unsere Gläser auf unsere Ankunft hier. Auf dem ganzen Schiffe herrscht festliche Stimmung; auch Jacobsen ist seelenvergnügt, obgleich er seine Wetten verloren hat. Am 12. September gingen Nansen, Juell und Peder auf die Walroßjagd. Auf einer Eisscholle lagen eine ganze Menge Walrosse, von denen sie zwei schossen. Es kam ordentlich Leben in die Kolosse, als Nansen, sobald das Boot an die Scholle stieß, abfeuerte und Peder die Harpune schleuderte; wir konnten vom Schiffe aus sehen, wie die Thiere ins Wasser fuhren, und hörten die Männchen brüllen. Die Jäger erbeuteten jedoch nur zwei, weil es ihnen an Harpunen fehlte, sie festzuhalten. Nachmittags wurden noch zwei geschossen. Am 15., 16. und 17. September ging es meistens unter Dampf und Segel weiter mit wechselndem Kurse, je nachdem das Eis es nothwendig machte. Am 18. hielten wir im Westen der Neusibirischen Inseln, die wir in der Dunkelheit allerdings nicht sehen konnten, Kurs nach Norden. Auf diesen Inseln befanden sich Depots für uns, die von Baron Toll, demselben, der der Expedition auch die Hunde besorgt hatte, dort angelegt worden waren. Drittes Kapitel. Im Eise fest. Am 19. September sind wir auf 76° nördlicher Breite und steuern nun mit gutem Wind und unter Volldampf in offenem Fahrwasser direct nach Norden. Alle freuen wir uns herzlich über eine solche Fahrt in einem bisher von niemand besuchten Fahrwasser und eifrig discutiren wir die Frage, wie weit wir wol kommen werden, bevor wir wieder festlegen müssen. An Bord herrscht jetzt eine förmliche Manie, sich den Bart auf möglichst phantastische Weise zuzustutzen. Scott-Hansen sieht gerade so aus wie Zimmermeister Olsen, der die »Fram« gebaut hat, Nordahl gleicht König Victor Emanuel von Italien und Bentsen Napoleon III., wovon er übrigens durchaus nichts hören will. Wir haben eine unangenehme Entdeckung gemacht: das böse Insekt, das man Laus nennt, hat sich deutlich gezeigt, und alle Mann werden gründlich in Untersuchung genommen. Jeder muß sein Hemd umkehren, und Flüche und Witze fliegen hin und her, viel flinker als die Läuse, die so etwas bekanntermaßen mit Ruhe zu nehmen wissen. In einem Theile der Auflage ist im 1. Bd. irrthümlicherweise von Wanzen die Rede. Morgen wird eine ordentliche Läusekocherei mit Dampf angestellt. Die Samojeden in Chabarowa werden als die eigentliche Ursache dieser angenehmen Unterhaltung betrachtet. Das ewige Läuse-Thema ist schuld daran, daß wir beständig glauben, die Thiere bissen uns, sodaß wir uns hier und dort kratzen und alle Augenblicke sagen: »Da beißt's mich wieder.« Am nächsten Tage ging der großartige Mord vor sich. Wir steckten die Kleider in ein Faß, ließen durch einen Schlauch Dampf von der Maschine hinein und glaubten, die Läuse ihren Schwanengesang singen, oder richtiger schreien zu hören. Später stellte sich jedoch heraus, daß sie uns trotz alledem angeführt hatten. Ich sollte unsere Bettdecken in der Tonne dämpfen, aber der Dampf war für die schon sehr mitgenommene Tonne zu stark, und die Folge davon war, daß die ganze Geschichte explodirte und Rauch, Dampf und Kleidungsstücke sich über das ganze Deck verbreiteten. Es muß ein schöner Anblick gewesen sein, als wir, schmutzig, zerlumpt und zerkratzt, auf der Jagd nach Läusen in dem Dampfe herumsprangen! Am 22. September gegen 4 Uhr nachmittags vertäuten wir das Schiff an einer Eisscholle. Nun liegt unsere kleine Gesellschaft auf 78º 54' nördlicher Breite fern von aller Civilisation im Eise. Bei dem herrlichen Wetter ist eine entzückende Aussicht nach allen Seiten; bald ist das Eis hoch, bald ist es flach, dazwischen Wasserflächen bis an den Horizont, der in allen möglichen Farben mit dem Eise und dem Wasser verschmolzen scheint. Nur die Hunde unterbrechen die feierliche Stille. Vielleicht wittern sie einen Bären oder ein anderes Thier, wenn sie ab und zu zu bellen anfangen. 23. September. Alle Mann um 7 Uhr auf, um Kohlen zu schaufeln, was lustig und lebendig vor sich geht. Das Kohlenschaufeln ist gewissermaßen ein gemeinschaftlicher Anknüpfungspunkt für uns, da wir dabei ja alle zusammen auf einmal in Thätigkeit sind. Schwarz wie die Neger werden wir dabei natürlich alle, und wenn wir uns auch abends gründlich waschen, so darf man nicht glauben, daß wir rein werden. Besonders die Augen machen einen ganz südländischen Eindruck, und wir stimmten alle überein, daß Belladonna nicht halb so verschönernd auf die Augen wirkt wie das Hantieren mit Kohlen. Wir können wol mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß wir hier den Winter über in ungefähr derselben Umgebung wie jetzt liegen bleiben werden. Diejenigen von uns, die die Läusewirthschaft gehabt haben, liegen leider nachts nicht so gut, als sie gern möchten. Die Kleider werden natürlich anbehalten, aber man schläft auf dem bloßen Segeltuche und deckt sich mit einigen Kleidungsstücken zu, da alles Bettzeug u. s. w. aus den Kojen der Läuse wegen hat in die Wäsche gegeben werden müssen. Und zum Trocknen haben wir auch keinen Platz. Es ist helles, schönes Wetter bei 7 bis 8° Kälte. Wir haben angefangen, die ganze Last von Brettern und Pfosten, sowie die Windmühle, die hinten auf dem Deck gelegen hat, von den Hinterlassenschaften der Hunde reinzuschrapen und vorn und im Raume Ordnung zu schaffen, wodurch wir ein ordentlich aussehendes Deck und Platz zum Spazierengehen gewannen. Eines Tages entdeckten wir hinter einem Eisblocke nicht weit vom Schiffe einen Bären. Nansen und Sverdrup schütteten Patronen ins Magazin des Gewehrs und machten sich dann auf, wie sie gingen und standen. Alle Mann eilten hinauf ins Takelwerk, um der seltenen Jagd folgen zu können. Aber der Bär wollte nichts mit Menschen zu schaffen haben, er machte kehrt und schlenderte in nordwestlicher Richtung fort. Dort verschwand er, ohne daß es möglich gewesen wäre, ihm auf Schußweite nahe zu kommen, obgleich drei Hunde auf ihn losgelassen worden waren. Wir haben uns jetzt durch den Raum, wo die Dynamomaschine steht, einen Zugang zu dem Proviant im Großraume geschaffen, ebenso das Halbdeck an der Backbordseite nach dem Kajüteneingang frei gemacht, und können also, ohne auf Deck gehen zu müssen, zu unsern Vorräthen gelangen. Kohlenstaub und Schmutz sind weggefegt, die Hobelbank wurde im Raume aufgestellt, und von da an blieb es auf dem Deck sauber. Die Wohnräume sind gescheuert worden, und alle Mann haben eines Tages im Großraume große Wäsche gehabt. Bei dieser Gelegenheit ließen wir uns alle zum zweiten male wiegen, was zu vielem Gelächter Anlaß gab, da die Wage bei den meisten infolge eines kleinen Fehlers eine viel zu große Gewichtszunahme für einen Monat zeigte. Kapitän Sverdrup ist noch immer der leichteste und Juell der schwerste Mann an Bord. Das Wasser zum Waschen für uns und die Wohnräume wurde auf eine neue Art heiß gemacht. Wir nahmen das Theeröl, mit dem wir den Kessel nicht mehr heizen konnten, tauchten Ziegelsteine hinein und brannten sie dann an. Es ging ganz gut, aber das Bespritzen erwies sich als noch praktischer. Am 28. September brachten wir alle Hunde auf das Eis neben dem Schiffe. Es schien ihnen sehr recht zu sein, als wir sie einen nach dem andern losließen, damit sie sich einer kurzen Freiheit erfreuen konnten, ehe sie wieder angebunden wurden. Der »Billeteur« lief gleich nach Norden, als wollte er nach dem Pole und dort die Billete abfordern. Wir haben die Hunde an langen, mit Eisstücken belasteten Planken angebunden, sie können uns also nicht ausreißen. Am 29. war Blessing's Geburtstag; infolge dessen wurde ein festliches Diner servirt. Die Musik war entsprechend; das Harmonium that sein Bestes. Es herrschte Feststimmung, und alle Mann haben sich beinahe überessen, wenigstens wollte keiner mehr Abendbrot haben. Den Hunden scheint der Aufenthalt auf dem Eise gut zu bekommen. Besuch haben sie außerordentlich gern und sind ganz unbändig vor Freude, wenn man zu ihnen kommt. Mogstad soll die Aufsicht über sie führen. 30. September. Wir sind noch immer beim Ordnen, Aufräumen und bei den Vorbereitungen für den Winter und haben alle Hände voll zu thun; heute ist das Schneeschaufeln im Großen betrieben worden. Nachmittags haben wir mit einer ebenso nothwendigen wie anstrengenden Arbeit angefangen, wir wollen nämlich das Schiff achteraus in das zusammengefrorene Schlammeis warpen. Unsere Lage ist jetzt für zukünftige Pressungen nicht gerade günstig, da ein schwerer Eishügel, der unmittelbar an Backbord steht, uns auf das Deck fallen kann. Es geht mit dem Bewegen des Schiffes nichts weniger als schnell. Wir haben hinten in einiger Entfernung zwei Eisanker im Eise befestigt und arbeiten nun mit Hülfe von Drahtseilen, vierdrähtigen Taljereepen, Strippen und dergleichen an dem Gangspill, sodaß das Schiff Zoll für Zoll durch das Schlammeis dringt, das jedoch erst aufgehauen werden muß. Ab und zu brechen wir durch dieses tückische Eis mehr oder weniger tief ein. Ich erinnere mich, daß Peder hineinplumpste, sich aber im Fallen umdrehte und auf dem Rücken im Eisschlamme schwamm. Er sah ein, daß er sich nicht selbst heraushelfen konnte, und blieb deshalb mit ausgestreckten Armen und Beinen ruhig liegen, indem er dem in der Nähe befindlichen Sverdrup zurief: »Komm, Kapitän, hilf mir auf!« Dieser beförderte ihn denn auch wieder auf eine feste Scholle. Sonntag, 1. October, war der erste Sonntag an Bord, der wirklich ein Ruhetag war. Bisher hatte jeder Sonntag den Werktagen geglichen; es war darum ein Genuß, einmal einen freien Tag zu haben. Vormittags spielten wir Choräle auf dem Harmonium und nahmen uns jeder ein Buch aus unserer reichhaltigen Bibliothek; nach Tisch machten wir wol auch ein Schläfchen und setzten uns dann zum Kartenspiel. Am Tage darauf wurde unsere Lage für den Winter endgültig bestimmt, und wir hörten um die Mittagszeit mit dem Warpen auf. Die »Fram« wendet nun den Bug nach Süden. Sobald wir einmal festsaßen, hat sie sich nach Süden gedreht und ist die ganze Zeit über mit dem Heck nach vorn getrieben. Scott-Hansen, Blessing und ich schlugen für die magnetischen Beobachtungen ein Zelt auf, das so weit vom Schiffe entfernt war, daß das an Bord befindliche Eisen keinen störenden Einfluß mehr ausüben konnte. Wir waren gerade alle drei eifrig dabei, das Eis an dem dazu bestimmten Platze zu ebnen, als mein Blick zufällig auf einen Bären fiel, der, keine 50 Schritt von uns entfernt, gerade auf uns zukam. »Ein Bär!«, rief ich aus. Unser erster Gedanke war nicht, uns zu vertheidigen, sondern das Schiff in unauffälliger Weise zu benachrichtigen, damit der Bär nicht, wie der erste, den wir hier gesehen hatten, verscheucht würde. Es wurde bestimmt, daß Blessing an Bord eilen und Flinten holen sollte. Aber auch der Bär schien seinen Entschluß gefaßt zu haben, und bald hatten wir nicht mehr zu befürchten, daß wir ihn verscheuchen könnten; er schlenderte gerade auf uns los und hatte es augenscheinlich auf frisches Fleisch abgesehen. Die Sache wurde allmählich ernst. Als Blessing uns verließ, um an Bord zu eilen, wandte sich der Bär flink und entschlossen seitwärts, ein Manöver, das gerade so verständlich war, als wenn die Bestie den Mund aufgethan und gesagt hätte: »Sei so gut, mein Lieber, verhalte dich ruhig; du hast an Bord nichts zu suchen, ausgekniffen wird hier nicht.« Wir fingen an, zu toben und aus Leibeskräften zu schreien, aber ohne Erfolg; er war nun schon ganz nahe. Scott-Hansen ergriff einen Eispickel, ich eine Axt, dies waren unsere Waffen. Blessing stieß jetzt wieder zu uns, und nun stellten wir uns in Positur, dem Bären einen warmen Empfang zu bereiten. Glücklicherweise fiel es dem Bären ein, zuerst unser Zelt zu beschnüffeln, während wir unterdessen zu retiriren begannen. Er setzte uns nach, aber in demselben Augenblick waren die an Bord Befindlichen alarmirt worden, und Nansen und Sverdrup sprangen mit ihren Gewehren auf das Eis hinunter. Nansen legte an, und unser Verfolger brach zusammen; noch eine Kugel durch den Kopf, und es war mit ihm vorbei. Es war ein schönes Männchen, das entsetzlich hungerig gewesen sein mußte, denn sein Magen enthielt keine Spur von Speiseresten. Das Einzige, was wir darin fanden, war ein Stück graues Papier. Wir lernten daraus wiederholt, das Schiff nie ohne Waffen zu verlassen, wäre es auch auf eine noch so kleine Entfernung. Am 4. October lotheten wir und fanden, daß der Grund bei 1460 Meter Tiefe aus feinem blauem Thon bestand. An diesem Tage rissen plötzlich die Eismassen achteraus, das offene Wasser kam wieder hervor und bildete von Osten nach Westen ein langes Band. Im Eise ist Bewegung. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, wenn man während der Nachtwache auf Deck steht und das Dröhnen in der Ferne und die seltsamen Töne hört, die die schweren Eismassen hervorbringen, wenn sie sich unter dem Einfluß von Wind und Strömung gegeneinander pressen. Nichts ist zu sehen, nur auf der Scholle neben dem Schiffe liegen 33 Körper auf dem Eise. Es sind unsere Hunde, die hin und wieder durch ein kurzes Gebell oder ein Klirren der Ketten zeigen, daß noch Leben in ihnen ist. Am nächsten Morgen näherte sich dem Schiffe wieder ein Bär. Nansen und Hendriksen schlichen sich vorsichtig von einem Eisblocke zum andern an ihn heran, aber er bekam doch Witterung von ihnen und wollte sich aus dem Staube machen. Nansen erlegte ihn nichtsdestoweniger aus ziemlicher Entfernung mit zwei Kugeln. Mittags hatten wir das außerordentliche Vergnügen, Carbonade zu speisen von dem Bären, der aus uns selbst hatte Carbonade machen wollen. Er schmeckte ganz vorzüglich. Die Beobachtungen zeigen, daß wir uns auf 78° 47,5' nördlicher Breite befinden. Das Ruder ist jetzt aus seinem Brunnen herausgenommen und auf das Deck gelegt worden. Eine entsetzliche Entdeckung! Die Läuse sind an Bord noch nicht vollständig ausgerottet. Man möchte sie wirklich für unsterblich halten, da sie eine Behandlung, wie wir ihnen hatten angedeihen lassen, überleben konnten. Einige von uns müssen jetzt wieder in den Läusekrieg ziehen. Die Hunde haben wir losgelassen. Anfänglich gab es einen entsetzlichen Lärm; bellend und beißend fuhren sie aufeinander los. Mehrere Mann hatten genug zu thun, sie mit einem Tauende einigermaßen in Ordnung zu halten. Es war gerade, als wären sie auf einmal wieder wild geworden und befänden sich in der sibirischen Steppe. Wenn zwei sich beißen, fährt die ganze Schar, alle miteinander, auf den einen Theil los, und merkwürdigerweise ist es immer der Schwächere, auf den sich alle stürzen. Es kommt dabei auch vor, daß der Kampf einen größern Umfang annimmt. Jetzt laufen sie alle mehr oder weniger verwundet umher und scheinen an ihren häufigen Raufereien außerordentlich großen Gefallen zu finden. Einmal werden sie wol ausfindig machen, wer von ihnen der stärkste ist, und dann werden sie vielleicht ruhiger. Sonst sind sie nette Thiere, diese Hunde; wir haben ihnen verschiedene passende Namen gegeben. Einen aus ihrer Schar haben wir »Hiob« getauft. Er ist so merkwürdig verschüchtert und zaghaft und hat lange, emporstehende Eselsohren, einen gelblichweißen Pelz und einen langgestreckten, kurzbeinigen Körperbau. Er hält sich von den andern fern, macht ganz allein weite Ausflüge, verzichtet auf alles Mögliche und hat noch nie in seinem Leben geknurrt oder gar die Zähne gezeigt. Dann haben wir den »Billeteur« mit seiner boshaften, häßlichen Billeteurfratze. Er stand immer auf dem Schirm der Treppe nach dem Maschinenraum und bellte jeden an, der den Kopf aus der Luke steckte. Da waren ferner »Barrabas« und »Pan«, die bisher stets darum gekämpft haben, wer der stärkste ist. Da ist auch »Narrifas«, ein kleiner, flinker Schwarzer mit blendend weißen Zähnen, die er beständig zeigt, und mit glänzenden schwarzen Augen. »Ulenka« ist blaugefleckt, hat einen spitzen Kopf, glatte Haare und ist außerordentlich liebenswürdig. Von »Sultan«, einem braun und weißen, starkknochigen, streitsüchtigen, braunäugigen Köter, kann man dies gerade nicht behaupten. »Kaiphas« ist ein sehr feistes Thier mit dickem, weißem Pelze. Seine Stimme klingt ein wenig heiser, und er scheint an chronischem Schnupfen zu leiden. Doch ich darf um alles in der Welt die vornehmste der ganzen Gesellschaft nicht vergessen: »Kvik«, die Vertreterin des schönen Geschlechts. Sie ist braungestreift, kräftig gebaut, glatthaarig und hat eine schwarze Schnauze. Mit den andern Hunden, besonders den Cavalieren unter ihnen, kokettirt sie ganz gewaltig, und diese lassen es ihr gegenüber auch nicht an der nöthigen Ehrfurcht fehlen. Im ganzen sind unter unsern 33 Hunden drei verschiedene Rassen vertreten. Als sie sich noch auf Deck befanden, dauerte es eine ganze Weile, bis wir darüber ins Reine gekommen waren, und die Frage hat zu vielen Wetten Veranlassung gegeben. Wir haben nun die letzte Läuseschlacht ausgekämpft. Jeder der fünf Angegriffenen mußte sich bis auf den letzten Faden ausziehen und sein Zeug, sowie alle Kleidungsstücke und Decken, die er in seiner Kajüte gehabt, auf den Schnee hinauswerfen, worauf er vollständig neu eingekleidet wurde. Wir alle haben jetzt unsere Expeditionsanzüge aus grauem Fries bekommen: Kniehosen mit Gamaschen, einen Anorak (Halbpelz) mit pelzbesetzter Kapuze und Komager, wie die Lappländer sie tragen, aus Seehundfell. Scott-Hansen und ich haben außerdem noch unsere Wolfsfellanzüge erhalten, die wir bei den Beobachtungen sehr gut brauchen können. Wir haben nun auch angefangen, in beiden mit vier Mann besetzten Räumen die Schlafsäcke zu benutzen; es schläft sich wirklich großartig darin. 9. October. Das Eis fängt mit bösen Pressungen an. Wir treiben nach Süden und Westen. Vor einigen Tagen fanden wir erst in 1460 Meter Grund, nun haben wir ihn schon bei 270 Meter. Gestern Abend mußten alle Mann auf Deck. Im Eise war große Bewegung, es preßte sich aufeinander und barst, sodaß wir mehrere Eisanker aussetzen mußten, damit die Scholle mit den Hunden und die mit dem Beobachtungszelte uns nicht forttrieben. Während meiner Nachtwache gab es von 4–5 Uhr gewaltige Pressungen im Eise. Die »Fram« wurde zwar sehr erschüttert, hielt sich aber tapfer. Sie wurde vom Bug her mit solcher Kraft gepreßt, daß ein dickes Drahtseil, das an einem der Eisanker hing, wie ein Zwirnfaden durchgerissen wurde. Ich war gerade auf der Back angekommen, als die Trosse sich anspannte, und sprang hurtig auf das Deck nieder, wo ich nach dem Tauende griff, um die Leine zu lockern. In demselben Augenblick sprang das Drahtseil mit einer solchen Gewalt, daß die Funken umherstoben. Ich konnte von Glück sagen, daß es nicht gerissen war, als ich mich gerade über ihm befand. Am 10. October ist Nansen's Geburtstag. Es findet jedoch keine festliche Veranstaltung statt, denn Nansen fühlt sich nicht wohl; er fiebert seit mehrern Tagen und ist noch nicht wiederhergestellt. Es wird gewiß nicht schwer werden, den Winter hindurch für jeden Tag Arbeit zu finden. Noch haben wir das Tauwerk nicht abgeschnitten, die Segel nicht geborgen und über dem Schiffsdeck kein Zeltdach angebracht; der Proviant muß noch geordnet, die Bootsegel und andere Segel müssen genäht, alle Vorbereitungen getroffen werden, damit das Schiff plötzlich verlassen werden kann, kurz, es sind außer den täglichen Beobachtungen noch gar viele Dinge zu thun. Wir haben von abends 11 Uhr an jeder eine Stunde lang die Nachtwache. Nur Nansen, Sverdrup, Scott-Hansen und der dienstthuende Koch betheiligen sich nicht an diesen Wachen. Juell ist der eigentliche Proviantverwalter und Koch, aber bisher haben Mogstad und Nordahl jeder eine Zeit lang im Küchendepartement gearbeitet. Augenblicklich bin ich Koch und finde, daß das Kochen für 13 Personen einschließlich der Bedienung nicht gerade ein Spaß ist. Wir kochen auf Theerölherden, die die Angewohnheit haben, allmählich schwächer zu brennen. Eines Tages sollte ich zu Mittag gesalzenes Fleisch sieden, das zum Auswässern in einem Sacke unter das Eis gehängt worden war. Aber es war zu früh wieder herausgenommen und auf das Deck gelegt worden, wo es natürlich zu einer festen Masse gefror. Gerade bei dieser Gelegenheit konnte ich mit dem Kochapparate gar nicht zurechtkommen. Nansen mußte mir mit seinem Primus-Apparat unter die Arme greifen, und erst um 6 Uhr abends kam das Essen auf den Tisch. Dafür hatte ich allerdings nicht nöthig, noch Abendbrot anzurichten, bin aber auch nicht wieder zum Koch erwählt worden. Nansen beschäftigt sich damit, das Wasser in den verschiedenen Tiefen zu untersuchen, und findet eine Menge kleiner Thiere. Wir haben ein Thermometerhaus angefertigt und es auf dem Eishügel bei der »Hündinscholle« aufgestellt. Blessing hat in den letzten Tagen alle Bücher zusammengesucht und geordnet. Er hat rechts im Kajütengang eine Bibliothek eingerichtet. Wir besitzen ungefähr 600 Bände. 13. October. Das Eis spielt uns übel mit. Ehe man sich dessen versieht, preßt es sich so zusammen, daß man glauben könnte, die »Fram« sei geliefert, und im nächsten Augenblick haben wir rund um das Schiff herum offenes Wasser. Heute Morgen gegen 5 Uhr war die Pressung sehr heftig. Die größte Scholle in unserer Nachbarschaft, die »Hündinscholle«, barst in zwei Theile, und von allen Seiten drängten sich die Schollen zusammen. Alle Mann mußten hinaus; ein Eisanker ging flöten, da zertrümmerte Blöcke des aufeinandergeschobenen Eises ihn begraben hatten. Nachdem uns das Eis eine Weile so blockirt hatte, ließ die Bewegung wieder nach, und wir mußten nun sehen, wie fünf oder sechs Schollen mit heulenden Hunden forttrieben. Eine wilde Treibjagd wurde angestellt, und mit Hülfe unsers leichten Lärchenholzprahms gelang es uns schließlich, sie an Bord zurückzubringen. Amundsen und Pettersen sind dabei, die Maschine wieder zu montiren. Es wäre ja möglich, daß wir Gelegenheit hatten, uns noch weiter nach Norden durchzuschieben, denn das Eis scheint locker zu werden; es ist Tag und Nacht in beständiger Unruhe. Hansen und ich waren im Zelt und machten eine magnetische Beobachtung. Auf dem Heimweg krachte das sich aufeinander pressende Eis um uns herum, ja sogar unter uns, während wir von Scholle zu Scholle sprangen. Dann kam der Abend, und wir saßen beim Kartenspiel. Auf einmal hören wir alle Hunde miteinander wie toll bellen. Einer von uns – ich glaube, es war Peder – sprang auf, um nachzusehen, was los war. Er kam mit der Nachricht wieder, daß er hinter einem kleinen Eishügel dicht beim Schiffe einen Bären gesehen zu haben glaube. Wir eilten alle hinauf in die Dunkelheit, trotzdem es über 20° Kälte hatte und wir eigentlich nur leicht gekleidet waren. Peder, Hansen und ich waren die ersten, welche Flinten in die Hände bekamen; sie hingen mit gefülltem Magazin an der Wand. Dann hieß es, sich an der Rehling aufstellen und über die Eisstücke und die zerstreute bellende Hundemeute hinweg umherspähen. Und richtig! Dort hinten zwischen den Hügeln schleicht mit dem Schiffe parallel eine schwerfällige Gestalt, wenn es nicht gar zwei sind. Wir nehmen sie aufs Korn, so gut wir können, drücken los und laden wieder so schnell wie möglich. Ein Gebrüll ertönt und eine Gestalt bricht hinter einem Eishügel zusammen. Dunkel ist es, das Eis preßt sich gegeneinander und siedet, die Stücke drehen sich um und richten sich auf, die Hunde schwärmen von Scholle zu Scholle, beständig nach einer bestimmten Richtung hin bellend. Von der Rehling der »Fram« kommt Blitz auf Blitz, die Schüsse hallen in der Nacht wieder, die Männer eilen hin und her, die meisten nur halb angekleidet. Und nachdem das Magazin wieder gefüllt ist, geht es kunterbunt ins Dunkle hinein, auf das Eis hinunter. Mit dem Finger am Abzug, mit dem Fuße nach dem Weg tastend, nach allen Seiten umherspähend, schleichen wir uns vorwärts und finden endlich eine Gestalt. Es ist der Bär. Wir geben ihm noch einen Schuß, um zu sehen, ob noch Leben in ihm ist. Nein, er ist mausetodt. Still! Was ist das? Weiter hinten auf dem Eise ertönt jämmerliches Gebrüll. Es waren also doch zwei gewesen. Ist der andere verwundet? Ist er weit entfernt? Wird er wiederkommen? Wir holten uns ein Tau und eine Laterne – die natürlich ausging –, näherten uns dem Bären, legten ihm eine Schlinge um den Kopf und zogen ihn an Bord. Es war ein junges Thier; es mußte also die Mutter sein, die dort draußen jammerte. Der erlegte Bär war nur von zwei, höchstens drei Kugeln getroffen worden, aber bei der Finsterniß war ja dies alles Mögliche. Hinterher hatten wir noch den ganzen Abend mit Vertäuungsarbeiten zu thun. Am nächsten Tag wurden die Hunde wieder an Bord gebracht und an ihren alten Plätzen angekettet. Noch einer von ihnen ist todt. Zwei sind verschwunden; ob sie während der Eispressungen verunglückt sind oder der Bär sie geholt hat, wissen wir nicht. Es waren »Fuchs« und »Narrifas«. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß über Nacht noch ein Bär außer dem erlegten dagewesen war. Aber nicht genug damit, zeigten sich auch noch Spuren eines dritten. Nansen, Sverdrup, Blessing, Jacobsen, Bentsen und Mogstad, vielleicht auch noch mehrere andere, zogen aus, während Hansen und ich ihnen vom Beobachtungszelte aus, das wir abzubrechen im Begriff standen, nachschauten. Die Jäger erblickten ein Bärenjunges, das sich mit durchschossenem Rücken auf den Vorderbeinen auf dem Eise dahinschleppte, während die Hinterbeine gelähmt zu sein schienen. Von der Mutter sahen sie nichts. So hatten wir denn zwei delicate junge Bären, einen zweijährigen und einen einjährigen, bei der Dunkelheit wahrlich kein schlechtes Schußresultat. Viertes Kapitel. Das Leben auf der »Fram«. Scott-Hansen stellt untertags magnetische Beobachtungen an, und einen um den andern Tag versuchen wir, wenn es das Wetter erlaubt, Ortsbestimmungen zu machen. Nansen ist dabei, den Salzgehalt des Wassers in den verschiedenen Tiefen zu untersuchen. Die täglichen meteorologischen Beobachtungen bestehen in der Untersuchung der Windrichtung und Windstärke, der Bewölkung und des Wolkenzugs, sowie im Ablesen verschiedener Thermometer, Barometer, Barographen, Thermographen und Hygrometer. Dies geschieht alle vier Stunden bei Tag und Nacht, später alle zwei Stunden. Eines Morgens war ich gerade mit diesen Beobachtungen beschäftigt und wollte hinuntergehen, als ich die Hunde, die wir der vielen Pressungen wegen wieder auf das Deck gebracht hatten, heulen und toben hörte. Es fiel mir auf, daß »Kaiphas« auf den Hinterbeinen an der Rehling stand und aufs Eis hinunter schaute, während er seine heisere Stimme unausgesetzt erschallen ließ. Ich beugte mich vorsichtig über die Rehling und erblickte dicht beim Schiffe den Rücken eines Bären. Vorsichtig schlich ich mich nach der Kajütenwand, wo mein Gewehr mit vollem Magazine hing. Inzwischen ging der Bär leise brummend am Schiffe entlang. Hätte meine Kugel ihn nicht aufs Blatt getroffen, so wäre er wahrscheinlich an Bord geklettert. Er brüllte, that noch ein paar Schritte und brach dann zusammen, nachdem er noch eine Kugel erhalten hatte. Die andern, die unten beim Frühstück gesessen, stürzten nun auch aufs Deck, als sie die Schüsse hörten. Eine Stunde später waren Hansen und ich in einiger Entfernung vom Schiffe auf einer Eisscholle mit Beobachtungen beschäftigt. Plötzlich entdeckten wir einen Bären, der gerade auf uns los trollte. Sobald er aber auf dem Eise das Blut des Bären erblickt hatte, den wir neulich abgehäutet haben, richtete er seine Schritte dorthin. Hansen griff schon nach dem Revolver, unserm ständigen Begleiter bei diesen Beobachtungen, als wir oben auf dem Achterdeck der »Fram« Peder mit seinem Krag-Jörgensen-Gewehr erblickten. Dieser legte an, drückte ab, spannte den Hahn wieder, zielte und drückte wieder ab, aber kein Schuß kam. Peder fluchte über die »lumpige Büchse«; »sie will nicht losbrennen«, sagte er. Natürlich kam es wieder daher, daß er mit Vaseline zu üppig umgegangen war. Endlich ging der Schuß los. Der inzwischen ziemlich nahegekommene Bär stieß ein dumpfes Gebrüll aus, erhob sich auf den Hinterbeinen, beugte den Kopf, um sich in die Wunde zu beißen, schlug mit den Tatzen in die Luft, machte kehrt und lief zwischen den Eishügeln fort. Hansen eilte mit dem Revolver hinterher, fand den Bären auf dem Eise liegen und schoß ihm zwei Kugeln in den Kopf. Später stellte sich heraus, daß Peder's Kugel ihm gerade durchs Herz gegangen war. Das war ein guter Treffer in früher Morgenstunde; es hat den Anschein, als würde es uns auch fernerhin nicht an frischem Fleische mangeln. Nansen fährt jetzt die Hunde ein. Wenn alle in einer Richtung ziehen, geht es ausgezeichnet, leider aber wollen sie das nicht immer thun. In rasender Geschwindigkeit geht es dahin, besonders auf dem Heimwege zum Schiffe. Sverdrup hat beschlossen, Geräthe zum Bärenfang anzufertigen; er denkt an eine Falle und hat auch schon von einer Fallgrube gesprochen. »Wenn wir nur nicht Hunde statt der Bären drin fangen«, meint Nansen. Die Hunde sind so wild, daß sie sich alle Augenblicke losreißen. Die andern melden es jedoch sofort, wenn einer ihrer Kameraden auf das Eis hinuntergesprungen ist; sie scheinen einander kein Vergnügen zu gönnen. Die Temperatur beträgt jetzt -24° bis -25° C. Im Salon schwankt sie zwischen +6° und +12° C. In den Schlafräumen wird es gewiß sehr feucht werden. Wir müssen uns Matten anschaffen, die wir zwischen den Schlafsack und die Dielen legen, damit der erstere vor Feuchtigkeit geschützt ist. Jacobsen hat ein sehr complicirtes Netz aus Baumwolldochten und Blechgefäßen angefertigt, das die Feuchtigkeit aufsaugen soll. Juell wollte eines Tages einen Kuchen backen, was recht oft vorkommt. Dazu wurde eine Art Backpulver genommen, über dessen Gärkraft Juell sich vielleicht nicht ganz klar war. Genug, wir merkten, daß sich aus der Küche ein ganz verdächtiger Geruch verbreitete. Da kam Bentsen in die Kajütenthür und rief uns zu: »Jungens, der Kuchen kommt hinter mir her!« Juell hatte mit großen Buchstaben »FRAM« auf den Kuchen gemalt, und Bentsen erzählte, daß diese Buchstaben einer nach dem andern zur Thür hinausgelaufen seien. »Das F, das R und das A sind schon draußen«, sagte er, »jetzt ist nur noch das M übrig, und das ist so auseinandergelaufen, daß es den ganzen Kuchen bedeckt.« Wir benutzen in der Kajüte keinen Ofen, sondern brennen dort eine Lampe. Blessing beschäftigt sich mit dem Untersuchen des Kohlensäuregehalts der Luft im Schiffe und draußen. Wir haben einen schwarz und weißen Hund, der mich durchaus nicht leiden kann. Sowie er mich auf Deck sieht oder hört, bellt und knurrt er unausgesetzt. Ja, wenn ich mich in den Ausguck begab, um die dort angebrachten Thermometer abzulesen, und er den Schein der Laterne gewahrte, die ich während des Kletterns im Takelwerk auf der Brust trug, so wußte der Hund, selbst wenn er sich weit draußen auf dem Eise befand, daß ich es war, und sofort stimmte er ein wüthendes Gebell an. Ich muß ihn gewiß geängstigt haben, als Hansen und ich uns zum eisten male in Wolfsfellkleidern zeigten. Der Hund hieß deshalb nicht anders als »Johansen's Freund«. Am 25. October wurde die Windmühle, die das elektrische Licht erzeugen sollte, zum ersten male probirt. Das Resultat war besser, als wir es nach den früher angestellten Versuchen hatten erwarten können. Strahlend vor Freude aßen wir bei glänzender elektrischer Beleuchtung zu Mittag, gedachten dankbar Oskar Dickson's, der uns die Anlage geschenkt hatte, und tranken sein Wohl in bairischem Bier. Bis zum ersten Weihnachtsfeste hatten wir bairisches Bier, Bockbier und Haushaltungsbier, dann aber war es damit vorbei, und wir mußten uns an eine Mischung von Citronensaft, Zucker und Wasser halten. Das elektrische Licht gewährte uns ebensoviel Nutzen als Freude. Ein Wind von 4–5 Meter in der Secunde war stark genug, die Windmühle in Gang zu halten, und wir nannten daher einen solchen Wind von nun an immer »Mühlenbrise«. Am 26. October war an Bord und auf dem Eise ein großes Fest. Der erste Geburtstag der »Fram« sollte würdig gefeiert werden. Die Herrlichkeit fing schon früh morgens mit Weizenbrötchen und Apfelkuchen zum Frühstücke an. Hansen, Blessing und ich machten uns sofort daran, zur Ehre des Tages ein Preisschießen zu arrangiren, und es war wirklich ein feierlicher Moment, als wir uns mit unser« Gewehren auf der Schießstätte versammelten. Es war gerade der letzte Tag, an dem wir die Sonne sahen, ehe sie uns auf Monate verließ. Blutroth und plattgedrückt versank sie zum letzten male vor unsern Blicken, um sich erst dann wieder zu zeigen, wenn das alte Jahr um ist. Auch der Mond stand mitten am Tage hell und klar am Himmel. Das Festcomite suchte allerlei Plunder zu Preisen für die Schützen hervor und fügte jedem eine Devise bei. Die Vertheilung sollte am Abend unter großer Feierlichkeit vor sich gehen. Hansen hatte aus Birkenholz einen geschmackvollen Orden hergestellt und ihn mit einem Endchen Blondenspitze verziert, das er Gott weiß wo gefunden. Dies war unser feinster Preis, der Jacobsen mit folgender Devise ausgehändigt wurde: Den Preis gewannst du, Das Centrum fandst du. Den Sieg allen nahmst du, Den Orden bekamst du. Nimm ihn in Acht! Verliere ihn nicht! Sonst wird es genau dieselbe Geschicht' Wie mit der Mütze, die abhanden gekommen. Ehe ihr Herr es selber wahrgenommen! Jacobsen trug gewöhnlich zwei Mützen übereinander. Dabei war ihm einmal, als er die Wache auf der Kommandobrücke hatte, die oberste vom Winde entführt worden, ohne daß er es gemerkt hatte. Den zweiten Preis, eine Schlafmütze, erhielt ich mit folgender Devise: Schütz und Professor in einer Person, Das geht doch nicht an, mein theurer Mohn! Der Schütze trägt freilich den Preis nach Haus, Der Professor guckt lieber zur Nachtmütz' heraus! Ich wurde »Professor Mohn« genannt, weil ich die meteorologischen Beobachtungen anstellen mußte. Von den übrigen Devisen will ich noch folgende anführen. 4. Preis, eine Pfeife aus Renthierhorn, für Sverdrup. »Langbüchse« hat heute wol Streik gemacht, Ein anderer prangt nun in Ordenstracht, Die Pfeife dir dennoch willkommen sein mag. Du weißt ja, es kommt 'mal ein anderer Tag. Sverdrup nannte sein Gewehr nicht anders als »Langbüchse«. 6. Preis, Hendriksen, drei Cigarren. Seit in die Küche Heika ist gekommen, Hat man 'ne Aenderung an ihm wahrgenommen, Denn die Gedanken sind jetzt all' beim Braten; Das taugt nicht, Heika, laß dir bestens rathen. Die drei Cigarren wollen wir dir geben, Du kannst sie rauchen oder auf sie heben. Siehst in den Lüften du den Rauch zerfließen, Denk dann, es sei wie bei dem Scheibenschießen. Peder Hendriksen wurde an Bord auch »Heika« genannt. Er hatte diesmal gerade Küchendienst. Der Koch hatte immer einen Mann zur Hülfe, der jede Woche durch einen andern abgelöst wurde. 7. Preis, Bentsen, eine Rolle Kautaback. Zielst du auf den innern Ring, Folg' getreulich meinem Wink: Nimm 'ne Priem von deinem alten Und laß dann den Herrgott walten. 8. Preis, Pettersen, ein Renthierhorn, das er übrigens nie bekommen hat. Als tapfrer Schwede wollt über's Ziel hinaus er schießen, Doch da dies ward monirt, zielt er zuweit nach vorn. Deshalb erhält als Preis er dieses feine Horn Und nehme fernerhin das rechte Ziel aufs Korn! 9. Preis, Nansen, ein Wisch Putzwerg. Vorwärts geht es und geht zurück. Gott bewahr' uns vor solchem Geschick! Nimm dies Putzwergwischelein, Putz' deine Flint', o Freundchen mein! 10. Preis, Nordahl, ein Notizbuch. Dies Buch wir geben dem Mann von den Lichten, Nicht weil er das Centrum getroffen, mit nichten, Nein, nein, damit in das Büchlein er schreibe, Daß nicht jeder schießen kann nach der Scheibe. Am Abend versammelten wir uns um eine Bowle, die »Fram-Punsch« genannt wurde und aus Citronensaft, Zucker, Wasser und eingemachten Erdbeeren oder Moltebeeren bestand. Am 27. October nahmen wir das Steuer aus dem Ruderbrunnen, in dem es festgefroren war, heraus. Wir waren gerade bei dieser Arbeit, als plötzlich ein scharfes, blaues, klares Licht auf das Schiff und das nächstliegende Eis fiel. Es war eine Feuerkugel von außergewöhnlicher Größe und auffallendem Glanze. Sie hinterließ einen doppelt so langen Streifen glühender Theilchen, die recht lange leuchteten. Messing ist jetzt wieder bei der monatlichen Blutuntersuchung. Bei den meisten hat die Anzahl der Blutkörper sich nicht vermindert, sondern im Gegentheil zugenommen. Nansen hat zum ersten male aus der Meerestiefe seltsame Pflanzen und Thiere mit der Grundzange des Tiefseelothes und dem Schleppnetz heraufgeholt. Es scheint also hier unter der Eisdecke Thier- und Pflanzenleben zu geben. Am 31. October war Kapitän Sverdrup's Geburtstag, der natürlich als großer Festtag begangen wurde. Wir schwelgten in dem Besten, was uns das Schiff bieten konnte. Die Naturkräfte waren ebenfalls so freundlich, ihren Antheil zur Feier beizutragen. Es wehte eine solche »Mühlenbrise«, daß alle elektrischen Lampen im Salon brannten. Die Bogenlampe sandte ihre mächtigen Strahlen durch das Oberlicht der Kajüte und erleuchtete das Halbdeck, sodaß die Hunde wie im hellsten Tageslicht lagen. Weit über das Eis hinaus warf sie ihren Schein, und die Thiere dort draußen werden sich darüber vermuthlich sehr gewundert haben. Zur Ehre des Tages wurde allgemeines Revolverschießen veranstaltet, bei dem Scott-Hansen den besten Schuß that. Mogstad und Blessing haben einander zu einem »match« auf Revolver herausgefordert, und es sind schon viele Wetten darauf eingegangen worden. Das Schießen verlief unter großer Spannung seitens der Zuschauer. Blessing blieb mit 25 Punkten Sieger, während Mogstad es nur bis auf 21 gebracht hatte. Ein lautes »Hurrah« für den Sieger hallte auf dem Eise wieder. Die Kälte beträgt jetzt unter -30°. Trotz dieser Temperatur heizen wir noch immer nicht den Ofen im Salon. Wir sind jetzt mit Winterunterzeug versehen worden; es besteht aus englischen Tricotunterkleidern und norwegischen Bauernstrümpfen. Sverdrup hat ein vorzügliches Schuhzeug eingeführt, Holzschuhe mit hohen Segeltuchschäften, und die meisten von uns haben sich an ihm ein Beispiel genommen und sich solche Stiefel gemacht. Die Stiefel sind so weit, daß man darin viel auf die Füße ziehen kann, und für Hansen und mich, die wir bei den magnetischen Beobachtungen oft stundenlang auf dem Eise stillstehen müssen, kann es gar nichts Besseres geben. Am 5. November wollten wir ein Wettrennen auf dem Eise abhalten. Eine gerade, schöne Rinne war zu einer brauchbaren Bahn gefroren; wir hatten sie abgesteckt, und Juell hatte 13 Preise, aus 13 Kuchen bestehend, geliefert; der erste war eine große Torte, der dreizehnte ein kleines Plätzchen. Doch als der Tag kam, war unsere Bahn mitten durchgerissen. Die Spalte war zwar nicht so groß, daß wir nicht sehr gut hätten hinüberspringen und unsern Lauf auf der andern Seite fortsetzen können, wir waren jedoch viel zu faul dazu, als es schließlich losgehen sollte. Die Preise ließen wir uns aber nicht nehmen, sondern vertheilten sie auf dem Wege der Verlosung, eine Methode, die wir alle einstimmig für viel leichter und besser als jede andere Anstrengung erklärten. Am Tage darauf waren infolge des starken Südwestwindes, der einige Zeit geweht hatte, verschiedene offene Stellen im Eise; einen solchen Wind haben wir gar zu gern, denn er treibt uns nach Norden, wohin uns unsere Sehnsucht zieht. Die Hunde haben jetzt wieder einen Kameraden umgebracht. Diesmal hat »Ulabrand« ins Gras beißen müssen. Wie der selige »Hiob« war er erwürgt worden, und dann hatten sie ihm das Blut ausgesogen. Wir haben noch zwei, die die andern Bestien nicht ausstehen können; der eine ist »Hiob's« Bruder, der andere ein kleiner, Weißer. Wenn die Hunde die Freiheit nicht vertragen können, müssen sie sich die Fesseln gefallen lassen und sind daher wieder an Bord angekettet worden. Es wird jetzt darüber nachgegrübelt, wozu wir das ungereinigte Theeröl, mit dem wir nicht mehr heizen dürfen, wol verwenden könnten. Bisjetzt haben unsere Speculationen noch kein Resultat ergeben. Bei den Petroleumkochern, auf denen wir unsere Speisen bereiten, werden sehr viele rundgewebte große Dochte verbraucht, und wir fürchten, daß unser Vorrath davon eher zu Ende sein dürfte, als uns lieb wäre. Sverdrup, der alles kann, ist jetzt dabei, uns einen Webstuhl zu bauen. Wir können keinen salzfreien Schnee finden; selbst bis in die Tonne hinein dringt das »Erdgestöber«, wie wir es nennen, wenn der Wind den Schnee aufwirbelt. Das Eis um die »Fram« herum ist geborsten und preßt sich zusammen. Richtige Kraftproben vollziehen sich vor unsern Augen, wenn die Schollen aneinander prallen und in kleine Stücke zermalmt werden oder sich zu Eisrücken und Eishügeln aufthürmen. Wir haben angefangen, für die Hunde Geschirre von Segeltuch zu fabriziren, damit wir jederzeit mit ihnen fahren können. Die Hunde sind doch eigenthümliche Thiere. Jetzt fallen sie gemeinschaftlich über »Sultan« her. Es sieht beinahe so aus, als hätten alle über ihn Gericht gehalten, und das Urtheil lautete auf Tod. Sowie sich ihnen Gelegenheit bietet, stürzt sich die ganze Schar, »Pan« an der Spitze, auf den Verurtheilten, um ihm den Garaus zu machen. So verfuhren sie mit »Ulabrand« und »Hiob«. Der zum Tode verurtheilte Hund weiß dies ganz genau; er ist muthlos, läßt die Ohren hängen und schleicht ängstlich ganz allein herum. Augenblicklich sind »Barrabas«, »Sultan« und ein kleiner Weißer zum Tode verurtheilt. Wir wagen es nicht, sie bei Tage mit den andern frei auf dem Eise herumlaufen zu lassen, sondern behalten sie beständig an Bord. 15. November. Sobald wir Mühlenbrise haben und das Elektrizitätswerk in voller Thätigkeit ist, können wir uns wirklich in eine Fabrik versetzt glauben, wenn wir das Halbdeck auf dem Wege zur Tischlerwerkstatt passiren und das Surren der Maschine und der Riemenscheiben hören. Diese Illusion verflüchtigt sich jedoch, sobald wir auf Deck kommen, wo sich die Kälte infolge des Windes doppelt fühlbar macht und durch Mark und Bein dringt, während das Auge in der Dunkelheit nur die unendliche Eiswüste erblickt, in der unsere kleine Gesellschaft alles sichtbare Leben repräsentirt. Das Nordlicht ist manchmal so stark, daß der ganze Himmel in Flammen steht. Vom Zenith herab breitet es sich in Feuer und Flammen aus. Eine Krone mit feurigen Zungen zieht sich abwärts und vereinigt sich dort mit Bändern und Draperien; fächerförmige Strahlen entzünden sich plötzlich und gehen in weiche, flatternde, in allen Regenbogenfarben spielende Wimpel über, während sich unten am Horizont der Nordlichtnebel in mystischem Schimmer ausbreitet. Wir waren so daran gewöhnt, daß sich bei klarem Himmel Nordlichter zeigten, daß wir uns eigentlich nur dann darum kümmerten, wenn sie besonders schön waren. Bei Dunkelheit und Kälte geht alles langsamer. Auch zur geringsten Arbeit müssen wir Licht haben und warm angezogen sein, daher nehmen die Kleinigkeiten soviel Zeit weg, und wir sind beständig in Anspruch genommen. Scott-Hansen zeigte bei seinen magnetischen Beobachtungen trotz der wirklich schweren Arbeit eine einzig dastehende Ausdauer und Geduld. Stundenlang konnte er mit seinen Instrumenten in Dunkelheit und Kälte auf dem Eise stehen, die Schwingungen und den Ausschlag der Magnetnadel beobachten und mit der Lupe die feinen Gradeintheilungen ablesen, wobei er den Atem anhalten mußte, damit sich keine Eisdecke auf sie legte. Es ist wirklich zu bewundern, daß er Hände und Füße nicht mehr erfroren hat, als es der Fall war. Im ersten Winter, als er auf dem bloßen Eise arbeiten mußte, da wegen der Pressungen kein Zelt aufgeschlagen werden konnte, half ich ihm bei den Beobachtungen. Später bauten wir uns eine Schneehütte, und dort ging es ausgezeichnet. Den ersten Winter hindurch aber mußten wir immer mit unsern Kasten und Stativen in die Dunkelheit hinausziehen. Wenn wir eine Weile stillgestanden hatten, machten wir einen kleinen Dauerlauf, gingen auf den Händen, schlugen Purzelbäume oder tanzten. Am schlimmsten war es für unsere Hände, die wir doch hin und wieder entblößen mußten. Wie schön war es dann, wieder an Bord zu kommen und im warmen Salon der »Fram« eine Tasse heißen Thee in den Leib zu bekommen! Eines Sonntags abends, während wir, Hansen, Blessing, Sverdrup und ich, gemüthlich Mariage spielen, fällt es den beiden Erstgenannten ein, daß jetzt ein Schluck Bier vortrefflich schmecken müßte. Die beiden haben nämlich die Gewohnheit, sich das zu ihrer Mittagsportion gehörige Bier oder wenigstens einen Theil davon aufzuheben. Irgendein Spaßmacher, wahrscheinlich Bentsen, fand, daß diese Sammelwuth zu irgendetwas gut sein könnte, und vermischte, ohne daß es einer wußte, das Bier in der einen Flasche mit Kaffee und Wasser. Mit großer Feierlichkeit wollten wir uns also an dem köstlichen Bockbier laben. Der Kapitän und ich sollten auch jeder ein Glas bekommen, aber keiner wollte zuerst trinken; es war gerade, als ob wir etwas ahnten. Ich werde Hansen's Gesicht und Geberden, als er einen Schluck getrunken hatte, nicht so leicht vergessen, und ebenso wenig, wie der Doctor sich anstellte, als er das Getränk probiren sollte, um zu sagen, was es für ein Gemisch sei. Brüllendes Gelächter übertönte die Ergüsse der beiden, die von nichts weniger als liebevollen Gesinnungen gegen den Thäter Zeugniß ablegten. Sie bemühten sich, den Schuldigen ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg, was den Spaß noch vergrößerte. Es gab großen Lärm, und die brennende Frage des Tages an Bord war, wer wol der Kaffeemischer sein möchte. Wir haben ihn jedoch nie entdeckt! Am 21. November lotheten wir und fanden bei nicht ganz 100 Meter Grund. Nansen hat sich mit dem Photographiren bei elektrischem und bei Magnesiumlicht beschäftigt. Nach jeder Mahlzeit nehmen wir unsere Pfeifen zur Hand und gehen in die Küche, die zugleich unser Rauchzimmer ist, denn in der ersten Zeit war das Rauchen im Salon verpönt. Dort stehen wir zusammengepackt wie die Heringe in der Tonne, qualmen, daß wir einander kaum sehen können, und erzählen uns allerhand Schnurren. Bentsen und Sverdrup sind die besten Erzähler. Und bisweilen schimpft der Koch, wie ganz begreiflich ist, darüber, daß er zum Aufwaschen keinen Platz finden kann. Für die Hunde, die es mit Gottes freiem Himmel als Dach gerade nicht allzu schön gehabt haben, sind jetzt um das Kajütenoberlicht herum Hütten gezimmert worden, die mit Hobelspänen ausgelegt wurden. Außerdem werden sie jeden Morgen losgelassen und müssen sich unter der Aufsicht eines von uns, der jede Woche abgelöst wird, Bewegung machen. Sie verlassen ihre Behausung jedoch gerade nicht mit großem Eifer, obgleich man sie wahrhaftig nicht zu warm nennen kann. Am 23. November hatte der Mond einen Ring und zwei Nebenmonde. Die Temperatur betrug -30°. Eins war schlimm: unsere Kabinen waren so feucht geworden, daß wir unsere Schlafsäcke nur mit größter Mühe vor dem Verderben bewahren konnten. In den beiden Viermann-Kabinen wurden über die Kojen eigens dazu genähte Segeltuchdecken gebreitet und diese mit Talg eingeschmiert, sodaß das Wasser daran herunterlief und sich in einem Behälter sammeln konnte. Um den Gang unserer vier Chronometer zu controliren, nehmen wir ab und zu Zeitbestimmungen mit Hülfe der Jupitermonde vor; wir haben ein vorzügliches astronomisches Fernrohr und bekommen bei klarem Wetter ausgezeichnete Beobachtungen. 29. November. Nun haben die Hunde wieder einen Kameraden getödtet; diesmal war es »Fuchs«. Wir schneiden uns das Haar mit einer Maschine; einige tragen es jetzt bis auf 3 Millimeter abgeschnitten. Das ist bei der Kälte nicht viel, aber wir haben dafür auch beständig unsere Katzenfellmützen auf. Hansen schor uns ganz kurz, ließ aber im Nacken eine Stelle stehen, und ehe wir darauf aufmerksam wurden, zeigte sich dort ein kleiner Haarbüschel, einem angehenden Chinesenzopfe ähnlich, was bei unsern langhaarigen Kameraden große Heiterkeit hervorrief. 8. December. Heute um 2 ½ Uhr, als wir nach dem Mittagessen ein wenig schlummerten, hörten wir plötzlich einen starken, dumpfen Fall und ein solches Gepolter auf dem Deck, als stürze das ganze Takelwerk nieder. Alle Mann eilten im Nu hinauf. Es war das Eis. Es tobte wie ein erzürnter Mann, der sich nicht zu beherrschen versteht. Heute Morgen hatten sich zu beiden Seiten des Hecks Eismassen zusammengepreßt, die ansehnliche Haufen bildeten. Plötzlich stürzten diese, ohne vorher auch nur das geringste Geräusch zu machen, von oben herab gegen das Achterende der »Fram«, während die untere Masse langsam von dem Schiffe forttrieb. Es war ein tüchtiger Stoß, aber die »Fram« machte sich nichts daraus; wir sind überhaupt überzeugt, daß kein anderes Schiff die Pressungen, denen wir bisher ausgesetzt gewesen sind, hätte aushalten können. Das Eis bricht in Stücke, die dann in der Regel unter das Schiff gerathen, das sie hinabdrückt und sich dadurch in die Höhe hebt. Die Pressungen dauerten bis zum Abend fort. Gegen 6 Uhr begann wieder ein richtiges Donnergepolter. Wir saßen gerade beim Abendessen; einige eilten hinauf, um sich das Schauspiel anzusehen, und die Zurückbleibenden mußten laut schreien, um sich einander verständlich machen zu können. Nansen, der bei der glänzenden Ausrüstung der Expedition auch nicht das Geringste vergessen hat, hatte auch einen Phonographen mitnehmen wollen, aber es war bei der Abreise doch nichts daraus geworden. Es wäre interessant gewesen, wenn wir von der gewöhnlich so stillen Eiswüste die Töne hätten mitbringen können, die sie wie von Wuth erfüllt ausstößt, weil Menschen mit Schiffen in sie einzudringen wagten, um ihre Geheimnisse zu enthüllen. Die »Fram« wurde 4° nach Backbord hinübergepreßt. Blessing und Nordahl haben im Kartenspiel alle ihre Brötchen und Kuchen für den ganzen nächsten Monat verloren. Die armen Menschen müssen sich nun mit hartem Roggenbrot begnügen. Am 10. December erschien zum ersten male unsere Zeitung »Framsjaa«. Bisjetzt ist sie noch ein Säugling, und es fragt sich, ob wir im Stande sind, sie hier oben im Eise aufzuziehen. Jedenfalls war der Anfang gut; die erste Nummer behandelte alles Mögliche. Blessing zeichnet als verantwortlicher Redacteur. 13. December. Ein ereignißreicher Tag in unserm stillen Leben im Eise. Gestern Abend begannen plötzlich die Hunde einen fürchterlichen Lärm zu machen. Wir eilten hinauf und sahen, daß sie alle ihre Hütten verlassen hatten und auf die ihnen zunächstliegende Rehling gesprungen waren, wo sie alle nach einer Richtung hin bellten. Wir konnten in der Dunkelheit natürlich nichts sehen; Mogstad und ich glaubten jedoch draußen zwischen den Eishügeln ein heiseres Bellen, wie von Füchsen, zu vernehmen. Die Hunde konnten sich die ganze Nacht über nicht beruhigen. Es war gerade, als wagten sie nicht zu schlafen. Jeder Wachthabende berichtete dasselbe über ihre Unruhe. Besonders die Hunde, deren Hütten sich auf der Steuerbordseite befanden, am Fuße des Halbdecks dicht neben der Lenzluke, die als Durchgang zum und vom Eise offengehalten wurde, waren entsetzlich aufgeregt. Die drei der Luke zunächstbefindlichen Hunde verschwanden im Laufe des Abends; wir glaubten, die andern seien wüthend darüber, daß es den Dreien gelungen, sich loszureißen und auf das Eis hinunterzukommen, wie es gewöhnlich der Fall war. Am andern Tage sollten Hendriksen und Mogstad unweit des Schiffes Eis für die Küche holen; Waffen hatten sie nicht mitgenommen. Draußen gewahrten sie einen Bären, der ihnen entgegenkam, wobei er beständig die ihn angreifenden Hunde abwehrte. Er machte Miene, sie anzufallen, und es galt also, an Bord zu kommen, ehe er sie packen konnte. Mogstad, der sich in der Dunkelheit besser orientiren konnte, weil er früher dort zwischen den Eishügeln bei Tage die Aufsicht über die losgelassenen Hunde geführt hatte, gelang dies auch; Peder aber wäre es beinahe schlecht ergangen, da er mit seinen großen schweren Segeltuchstiefeln nicht so flink auf den Beinen war. Als er ein Stück gelaufen war und glaubte, der Bär setze ihm nicht nach, drehte er sich wieder um und leuchtete mit der kleinen Laterne, die er in der Hand hielt, umher. Doch ehe er sich's versah, war der Bär schon neben ihm und packte ihn an der Seite. Peder brach mit seiner Bärenstimme in ein gewaltiges Geschrei aus und glaubte, das Licht der Sonne nie wieder zu sehen. Doch schnell wie der Blitz schlug er der Bestie die Laterne an den Kopf, worauf der Bär ihn losließ, sich sehr verwundert hinsetzte und Peder, der sich sofort auf die Beine machte, verblüfft nachstarrte. Dann nahm der Bär wieder einen Anlauf, um ihm den Garaus zu machen, während Peder ihn beim Laufen mit der Laterne abwehrte. Da kam zum Glück der rettende Engel in Gestalt eines Hundes, der die Aufmerksamkeit des Bären auf sich zog, und diesem Umstande verdankte es unser Freund, daß er diesmal noch nicht in die Klauen des Bären fiel. Die Hunde, die während der ganzen Zeit diese Jagd mit wüthendem Gebell begleitet hatten, sprangen nun von allen Seiten gewandt auf die Bestie ein, waren aber doch nicht hurtiger als der Bär, der pfeilschnell nach dem Schiffe lief. Da knallte von dort her ein Schuß; Mogstad war an Bord gekommen und hatte sofort Hansen's Karabiner, der an der Kajütenwand hing, ergriffen. Jetzt kam auch Peder atemlos, aber unverletzt an. Die Kugel verfehlte in der Dunkelheit ihr Ziel, ein zweiter Schuß traf ebensowenig, und dann versagte das Gewehr überhaupt. Peder polterte mit seinen schweren Holzschuhen die Kajütentreppe hinunter und schrie wie besessen: »Der Bär hat mich in die Seite gebissen; Patronen, Patronen, schießt ihn todt, schießt ihn todt!« Hansen, Jacobsen und Nansen ergriffen die Flinten und eilten hinaus. Doch nun wollte es das Unglück, daß die Gewehre noch nicht ganz gereinigt waren und vorn und hinten noch Wergpfropfen darin saßen, welchem Uebelstand in der Dunkelheit nicht so schnell abzuhelfen war. So mußten sie unthätig zusehen, wie der Bär dicht neben der Schiffswand über einen Hund herfiel. Peder kramte inzwischen in den Laden seiner Kommode herum und rief laut nach Patronen. Jetzt waren Blessing und ich auch auf Deck gekommen, und Jacobsen, der überall nach einer Walroßlanze herumsuchte, um den Baren damit zu erstechen, rief uns entgegen: »Schießt, schießt; dort liegt er! Er bringt uns sonst die Hunde um!« Mein Gewehr war in Ordnung; ich sah etwas sich auf dem Eise wälzen und sandte dem dunkeln Knäuel nacheinander drei Schüsse zu, worauf wir deutlich Blut auf das Eis sickern hörten. »Gib ihm noch einen!« rieth mir Jacobsen, was ich auch that. Der Bär streckte sich nun im Todeskampfe und erhielt noch eine Kugel von Nansen, der inzwischen sein Gewehr schußfertig gemacht hatte. Bei meinem ersten Schusse sprang unter dem Bären ein Hund leicht wie eine Feder hervor, unverletzt und vergnügt. Nun sahen wir auch, daß die Koppeln von drei Hunden durchgerissen waren; der Bär war also meiner Meinung nach durch die Lenzluke hereinspaziert, hatte sich die Hunde mit aufs Eis genommen und beim Fortschleppen der Thiere die Koppeln theils abgestreift, theils zerrissen. Bei der Nachsuche zwischen den Eishügeln fanden wir zwei unserer besten Hunde, »Johansen's Freund« und den Bruder von »Suggen«. Ich konnte mich jetzt meinem »Freunde« nähern, ohne von ihm angeknurrt zu werden; das arme Thier lag mit zerfleischtem Rücken und ganz plattgedrückt da. Es war mir eine große Befriedigung, daß ich seinen Tod an dem Mörder hatte rächen können. Den andern Hund hatte die Bestie quer über die Schnauze gebissen, und sein Geschrei war es vermuthlich gewesen, was wir für Fuchsgebell gehalten hatten. Wir konnten sehen, daß der Bär auf ihm gelegen hatte, während er sich an dem andern gütlich gethan. Es war ein Glück, daß Peder noch so davongekommen ist. Jetzt konnten wir die Sache mit all ihrer Aufregung und ihrem Wirrwarr von der komischen Seite betrachten. Der Bär war noch nicht einmal ausgewachsen – dafür hat er wirklich alles Mögliche geleistet. Doch wenn wir heute Hunde verloren haben, so haben wir dafür auch wieder Hunde bekommen, da »Kvik« am 13. mit 13 Jungen niederkam, einen für jeden von uns Dreizehn an Bord! Die übelbeleumundete Dreizehn hat sich auf unserer Expedition noch mehrere male als Glückszahl erwiesen. Fünftes Kapitel. In der ersten Polarnacht. Wir studiren darüber, ob nicht irgendwo in der Nähe Land ist. Der Eisbär tritt hier häufig auf, einen Polarfuchs haben wir auch schon gesehen; unserer Meinung nach läßt dies auf Land schließen – aber wir können gar nichts davon sehen. Tagsüber bin ich jetzt bei Scott-Hansen in der Schule, der mich mit seiner gewöhnlichen Geduld- und Liebenswürdigkeit in den verschiedenen Beobachtungen unterrichtet. Eines Tages kam Peder mit der Meldung: »Da ist gewiß wieder ein Bär.« Sofort wurde nach Gewehren und Patronen gegriffen, und alle Mann eilten auf Deck. Wie besessen rannten die Hunde laut bellend im Mondschein umher. Einige von uns liefen Hals über Kopf dahin, wo sich der Bär gezeigt haben sollte, bekamen ihn indeß nicht zu Gesicht; wir fanden aber Spuren von ihm. Der Bär mußte es sehr eilig gehabt haben, aus der Nachbarschaft des Schiffes fortzukommen. Nun bestand Sverdrup darauf, daß eine Bärenfalle aufgestellt werde. Gesagt, gethan; sie hängt jetzt zwischen zwei Pfosten beim Schiffe, sodaß wir sie im Mondschein sehen können. Sie ist so hoch angebracht, daß sich wol Bären, nicht aber die Hunde darin fangen können. Der 21. December, der kürzeste Tag. Heute haben wir den ganzen Tag gelothet, ohne auf Grund zu stoßen. 2100 Meter haben wir auslaufen lassen; bei 1500 Meter betrug die Temperatur des Wassers -0,5°. Zehn von uns sind den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, die Leine mit dem 50 Kilogramm schweren Lothe aufzuholen. Wir gingen mit der Leine auf der Schulter im Gänsemarsch eine Strecke von dem Loche fort und kehrten dann ebenso dorthin zurück. Es war eine nützliche Bewegung, und das Hin- und Hermarschiren beim Scheine des Schmiedefeuers an Bord, wo Pettersen mit der Reparatur der Windmühle beschäftigt war, hat uns viel Spaß gemacht. Den Hunden geht es gut. Es hat den Anschein, als vertrügen sie sich jetzt besser, seitdem ihnen vom gemeinschaftlichen Feinde, dem Bären, Tod und Untergang droht. Der »Billeteur« ist sich gleichgeblieben; er stiehlt immer noch getrocknete Fische und trägt sie hinter die Eishügel. Dort hält er sich überhaupt den ganzen Tag auf, sobald er am Morgen freigelassen wird, und läßt sich nur zu den Mahlzeiten bei uns sehen. »Kaiphas« hat sich am Schwänze eine richtige Klapper aus Eisklumpen zugelegt, mit der er rasselt wie eine Klapperschlange. »Kvik« verläßt ihre Jungen, um auf dem Eise frische Luft zu schöpfen. »Barnet« (das Kind) ist gewöhnlich bereit, uns eine Pfote zu geben, sowie wir uns ihm nähern. Der »Menschenfresser« knurrt ein wenig, meint es aber nicht böse. In Hinsicht auf die Stärke können wir noch immer »Pan« als den König betrachten, in Wirklichkeit führt aber »Suggen« (die Sau) das Scepter. »Barrabas« ist »Kviks« Cavalier und wird von den andern darob sehr scheel angesehen. »Bjelki« gibt scharf auf die Bären Acht, und blickt uns mit seinen großen schwarzen, melancholischen Augen starr an. 22. December. Heute Nacht um 4 Uhr war ein Bär beim Schiffe. Jacobsen sah ihn vorn an Backbord; er schoß auf ihn, konnte ihn aber im Mondschein infolge des großen Abstandes nicht treffen. Hendriksen, Mogstad, Bentsen und Sverdrup kamen auf den Schuß hin auf Deck. Inzwischen hatte der Bär die rechts von der »Fram« stehende Falle bemerkt; er ging vorn um das Schiff herum und wollte das Gerüst untersuchen. Dreimal erhob er sich auf den Hinterbeinen und sah vorsichtig nach, wie die Geschichte zusammenhinge. Er legte behutsam die Tatzen an die beiden Pfosten, zwischen denen die Falle hing, schnupperte nach dem Speckstück in der Mitte und schaute sich dann nach beiden Seiten um. Dann ließ er sich bedächtig nieder und ging an dem Drahtseile entlang, mit dem der Apparat an einem Eisblocke befestigt war. Diesen besah er sich, als wollte er sich überzeugen, ob das Seil auch ordentlich festgemacht sei, und schlenderte dann gemächlich wieder fort. »Der Bursche hatte Mutterwitz«, sagte Sverdrup; »ich möchte darauf wetten, daß ein Samojede keine einzige seiner Entdeckungen gemacht hätte, sondern gleich in der Schlinge sitzen geblieben wäre.« Als der Bär näher ans Schiff herankam, wurde er erschossen; eine Kugel aufs Blatt machte ihm den Garaus. Jacobsen und Peder konnten nicht einig werden, wessen Kugel dies gewesen. Der Bär war nicht sehr groß, aber ziemlich fett; eine gute Portion der »llustrated London News«, die er beim Schiffe auf dem Eise gefunden, hatte er mit verspeist gehabt. Das erste Weihnachtsfest hält seinen Einzug bei uns, und im Salon der »Fram« ertönt der alte Gruß »Fröhliche Weihnachten«. Diese Worte gehen jetzt auch daheim in Schloß und Hütte von Mund zu Mund. Wir feiern Weihnachten hier oben für uns allein als freie Männer in unserm eigenen Reiche. Hier stoßen wir nicht bei einer Obrigkeit an und übertreten keine Gesetze: haben wir doch keine andern als die, welche wir uns selbst geben. Wie glücklich fühlt sich unsere kleine Gemeinschaft dabei! Und doch, wie gern möchten wir ein Stündchen in der Heimat sein! Die Gedanken eilen dahin wie ein warmer Strom, der das Eis aufthaut, das uns vom Süden trennt, und da muß es ja auch hier oben in Nacht und Eis licht und warm werden. Wir saßen in unsern isländischen Wolljacken (Anoraks) zum Weihnachtsmahle um den Tisch herum, als plötzlich ein fein gekleideter Herr mit Kragen, Manschetten und weißer Halsbinde vor uns stand. Es war Scott-Hansen, der sich in seiner Kabine umgekleidet hatte; er brachte Grüße aus Norwegen und drückte uns die Hand. Auch aus der Kabine des Kapitäns kam ein feiner Mann, der sich, ruhig und liebenswürdig wie gewöhnlich, an seinen Platz setzte. Es berührte uns wie ein Hauch aus der civilisirten Welt. Nach dem Festmahle holte Nansen zwei Kisten aus seiner Kabine; darin waren Geschenke für uns alle von Scott-Hansen's Mutter und von dessen Braut. Mit wahrhaft kindlicher Freude nahmen wir die Gaben, Messer, Pfeifen, Cigaretten u. s. w. in Empfang. Ich bekam eine Schießscheibe mit dazugehörigen Pfeilen, und ich glaube, wenn die Geberin den Eifer gesehen hätte, mit dem wir diesem Sport manchen Abend bis spät in die Nacht hinein huldigten, und wie wir einander damit Cigaretten und Honigkuchen abgewannen, so würde sie sich sicher gefreut haben. Kuchen, die Juell alle Ehre machten, Confect und Südfrüchte kamen dann auf den Tisch, und obendrein bekamen wir einen Grog. Das Harmonium war in Unordnung, und noch hatte Mogstad nicht entdecken können, wo der Fehler lag; deshalb mußte ich mit meiner Ziehharmonika antreten. Wir sangen auch, und Nansen deklamirte. Bisweilen sah sich einer von uns auf Deck um und kam dann wieder zum Bewußtsein unserer einsamen Lage. Das geheimnißvolle Mondlicht gestattete einen weiten Ausblick über die Eisfelder, die uns von der Civilisation abschließen. Kalt ist es auch, wir haben -38°. Am Weihnachtsabend waren wir auf 79° 11' nördlicher Breite. Die »Framsjaa« war sehr reichhaltig; das Blatt hat einen Künstler als Mitarbeiter gewonnen, der von den »Framleuten in Friedenszeiten« und den »Framleuten auf dem Kriegspfade« ganz vorzügliche Zeichnungen geliefert hat. In Friedenszeiten, wenn uns keine Gefahr droht, sind wir mit Flinten, Revolvern und langen Messern bewaffnet. Auf dem Kriegspfade aber, wenn der Bär hinter uns her ist, haben wir nichts weiter als eine Laterne in der Hand und schwere Holzpantoffel an den Füßen. Zwischen Weihnachten und Neujahr ging das Leben seinen gewöhnlichen Gang. Einige von uns klagen darüber, daß sie nachts schlecht schlafen, ja manchmal sogar überhaupt kein Auge zuthun. Ich für meine Person kann mich nicht über Schlaflosigkeit beschweren. Blessing hat angefangen, Statistik über den Schlaf an Bord zu führen. Das alte Jahr geht zu Ende. Noch sind wir, seit wir im Eise festsitzen, nicht weit nach Norden gekommen. Bei der Drift scheint der Wind das meiste zu sagen zu haben. Kommt er aus Norden, so werden wir nach Süden gedrängt; kommt er aus Süden, so geht es nach Norden. Heute heizten wir zum ersten male im Salon, was sehr angenehm war; aber wir werden wol nicht in der Lage sein, viel in den Ofen hineinlegen zu können. Dunkel, mit wolkenschwerem Himmel brach Sylvester an; es klärte sich jedoch im Laufe des Tages auf, und als das alte Jahr Abschied nahm, stand der ganze Himmel in Nordlichtflammen. Wir waren auf 79° 6' nördlicher Breite. Die Temperatur betrug -36°. Der Abend verlief sehr vergnügt und lebendig; die »Framsjaa« enthielt unter anderm Telegramme aus Norwegen über die merkwürdigsten politischen Umwälzungen. »Huttetu«, unser Zeichner, lieferte ein Pastellbild: es war eine auf der Mondsichel sitzende weibliche Gestalt, die die unten im Eise liegende »Fram« verwundert betrachtet, während das Nordlicht in Bändern und Spiralen flammt. Beim Jahreswechsel toastete Nansen auf unser Zusammenleben im kommenden Jahre und dankte uns für die gute Kameradschaft im alten Jahre. 1. Januar 1894. Willkommen, du neues Jahr! Möchtest du uns ein gutes Jahr werden und uns ans Ziel führen! Du kommst mit Kälte – mit 38° Kälte –, aber du kommst auch mit Licht; unter stammendem Nordlichtschein hast du bei uns deinen Einzug gehalten. Und auch das andere große Licht bringst du uns, wir können es von Tag zu Tag deutlicher am südlichen Horizont wahrnehmen. Vielleicht bringst du auch in unser Wissen noch mehr Licht, wenn du erst ein wenig älter geworden bist? Oder willst du uns im Ernst im Dunkeln lassen? Nun, was du auch in deinem Schose tragen magst, sei es das Licht, sei es die Finsterniß, es wird am besten sein, daß du das, was du weißt, für dich behältst. Je weiter wir in den Januar hineinkommen, desto mehr nehmen die Tage zu. Wenn die Sonne zum ersten male wieder erscheint, werden wir ein großes Sonnenfest feiern; es wird eine Art Gottesdienst sein. An Bord werden nie Andachtstunden abgehalten; es bleibt dies dem Einzelnen überlassen. Was das Leben an Bord betrifft, so muß ich sagen, daß unser Verhältniß zueinander im großen und ganzen gut war. Gelegentliche Reibereien konnten natürlich nicht ausbleiben, denn das beständige Zusammenleben in den engen Räumen Tag und Nacht in Verbindung mit der großen Einförmigkeit brachte es mit sich, daß man leicht über etwas in Harnisch gerieth, doch hatte dies nicht viel auf sich. Die Polarnacht übte wol auch ihren Einfluß auf die Gemüther. Indeß sind wir Dreizehn, glaube ich, darin alle einig, daß wir uns gut vertragen haben. Im Januar herrschten hauptsächlich südliche Winde vor, und wir trieben deshalb tüchtig nach Norden. Da es sich nun so deutlich zeigte, daß wir vom Winde abhängig waren, war es der höchste Wunsch eines jeden, es möchte immer aus Süden wehen, damit wir beständig weiter nach Norden kämen. Nie habe ich so vergnügte Gesichter gesehen wie an den Tagen, da eine Kuhlte aus Südosten wehte. Oft wurde das Für und Wider der Frage des Erreichens des Poles gründlich erörtert: ob wir ihm überhaupt nahe kommen, ob wir uns im Schiffe oder in Schlitten nähern werden und ob wir vielleicht die »Fram« werden verlassen müssen u. s. w. Die Karten werden studirt, die Geschichte der frühern Expeditionen wird gelesen und discutirt. Wir können uns deren Erlebnisse lebhaft vorstellen, aber wir wissen auch, daß wir es viel besser haben als alle arktischen Expeditionen vor uns. Im Dienste der arktischen Forschung ist manches Menschenleben verloren gegangen, und theuer sind die Erfahrungen erkauft worden, auf die Nansen gebaut hat, als er den Plan zu unserer Expedition entwarf und für eine Ausrüstung Sorge trug, die sich allen andern in jeder Hinsicht überlegen zeigte. Hier sitzen wir an Bord unsers vorzüglichen Schiffes, in dem wir alle nur erdenklichen Bequemlichkeiten haben und so viel Essen bekommen, wie wir wollen, und brauchen weder zu hungern, noch zu frieren. Die Schrecken der Polarnacht sind uns unbekannt; ruhig sitzen wir in unserm stolzen Schiffe und lassen das Eis draußen donnern und krachen. Krankheiten kennen wir auch nicht, und den ärgsten Feind, den Schrecken der Polarfahrer, den Skorbut, fürchten wir nicht, denn unser Proviant ist auf Grund eingehenden Studiums sorgfältig ausgewählt. Am 6. Januar waren wir auf 78° 57' nördlicher Breite, zwei Tage später auf 79° 6', und die darauf folgenden Tage trieben wir gut nach Norden. Wir haben jetzt über 40° Kälte; das Quecksilber gefriert, und wir müssen Thermometer mit Weingeist und andern Flüssigkeiten gebrauchen. Schon am 14. Januar sprachen wir davon, ob wir nicht eine Schlittenreise nach dem Pole und von da nach Franz-Joseph-Land unternehmen könnten, wenn wir erst weiter nach Norden vorgedrungen wären. Die »Fram« sollte unterdessen aus dem Eise loszukommen versuchen und dann ebenfalls nach Franz-Joseph-Land steuern, um dort die mit den Schlitten reisenden Expeditionsteilnehmer zu erwarten, deren es nicht mehr als drei sein sollten, die aber alle Hunde mitzunehmen hätten. Scott-Hansen hat Pendelbeobachtungen zur Schwerebestimmung begonnen; er stellt sie nachts an, da dabei absolute Stille herrschen muß. Die Dicke des Eises der flachen Schollen ist an unserer Seite 1,4 Meter, während sie am Vorderende des Schiffes 1,7 Meter beträgt. Wie dick es werden kann, wenn bei den Pressungen eine Scholle sich unter die andere schiebt, kann man nicht wissen. Um unsere Nasen gegen die Kälte zu schützen, haben wir uns aus Flanell Masken gemacht, die ganz vorzüglich sind; es hat sich auch als nützlich erwiesen, sich den Schnurrbart abrasiren zu lassen, da sich darin gar leicht ein kleiner Gletscher bildet. Am 22. Januar entstand gar nicht weit von uns in Nordwesten eine große Rinne. Es wurde uns also der seltene Anblick zutheil, den Mond sich im Wasser spiegeln zu sehen; es war gerade wie in der Heimat. Am andern Tage hatte sich die Rinne schon wieder mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Gegen Mittag hörten wir einen der Hunde dort einen entsetzlichen Lärm machen; dem Gebell nach mußte sich ein Bär gezeigt haben. Man kann deutlich unterscheiden, ob sie infolge innerer Streitigkeiten oder wegen äußerer Feinde bellen. Nansen und Sverdrup waren schon fort, als Nordahl und ich uns dahin begaben, um die Temperatur des Wassers zu messen und eine Wasserprobe zur Bestimmung des Salzgehalts mitzunehmen. Als ich mit der Laterne der Länge nach auf dem Eise lag und das Thermometer ablas, hörte ich plötzlich ein Schnauben und das Rieseln von Wasser und Eisstücken. Wir glaubten, es müsse ein Bär sein, da das große Thier hinten in der Rinne unserer Meinung nach gar nichts anderes sein konnte. Das Gewehr wurde, bereit gehalten; wir sprangen auf einen kleinen Eishügel, um das Thier in Empfang zu nehmen, und riefen nach dem Schiffe hinüber, daß hier wieder ein Bär sei. Da hörten wir Nansen zurückrufen, wir sollten nicht schießen, es sei ein Walroß und sie kämen gleich mit Harpune und Leine, um es zu fangen. Auf dem Schiffe vernahmen wir später, daß Nansen und Sverdrup ein Walroß auf dem Eise erblickt hatten, als sie nachsehen wollten, warum »Kaiphas« bellte. Es war in die Rinne gegangen und verschwunden. Aus dem Fange wurde nichts, da alles Suchen erfolglos blieb. Dies gab Veranlassung zu vielen Betrachtungen darüber, wie ein Walroß sich mitten im wilden Treibeise in einem Meere von mehrern tausend Meter Tiefe ernähren kann. Es muß Land in der Nähe sein. Unsere Vermuthung, daß sich hier eine Bank befände, erwies sich als unrichtig; wir lotheten 200 bis 300 Meter, ohne Grund zu finden. Das Walroß wird uns also vorläufig noch ein Räthsel bleiben. Die »Fram« bietet einen ganz malerischen Anblick, wenn man sie vom Eise aus betrachtet. Sie liegt ein wenig kokett auf der Seite und läßt die Eishügel ihren kraftvollen Rumpf liebkosen, während die Masten majestätisch gen Himmel zeigen und das Takelwerk dick bereift ist. Hin und wieder geht die Windmühle, wie um zu zeigen, daß auch hier in der Einöde noch Leben ist. Wir haben angefangen, weite Spaziergänge zu machen, und möchten gar zu gern wissen, ob nördlich von uns Land zu finden ist. Bald kommt dieser, bald jener aus dem Takelwerk herunter mit der Nachricht, er habe Land gesehen. Wenn die Sonne erst da ist, wird es sich ja zeigen. Am 27. Januar ist abends im Eise eine gewaltige Umwälzung vor sich gegangen. Wir sind jedoch gut davongekommen, während es in der 200 Meter nördlich von uns liegenden Rinne toll herging. Aber obgleich dies ziemlich weit ist und das Schiff wie in einem Schraubstocke lag, kamen doch hin und wieder gehörige Stöße, als wenn das ganze Eis in Wellenbewegung gewesen wäre. Mit solchen Bewegungen in einem Eise, dessen Schollen fast 2 Meter dick sind und das sich an einzelnen Stellen zu der dreifachen, wenn nicht gar vierfachen Dicke zusammengeschoben hat, ist in der That nicht zu spaßen. Hansen und ich mußten das Anemometer und die Thermometer von der Scholle neben dem Schiffe retten, da das Eis auf der Backbortseite 30 Meter von der »Fram« barst. Am nächsten Tage besichtigten wir die entsetzliche Verheerung. Es war ein imponirender Anblick, zu sehen, welche Kräfte dort in Wirksamkeit getreten waren. Das Eis war zermalmt und in Blöcken und kleinen Trümmern bis zu einer Höhe von 6 Meter aufgethürmt. An einer Stelle war eine einzelne Eisscholle, die die Form eines Bautasteines Bautasteine heißen in Skandinavien hohe, ganz unbearbeitete und inschriftlose Steine, die einzeln oder auch in Gruppen stehen und auf oder neben den Grabhügeln als Gedenksteine dienten. Vereinzelt findet man sie auch in Gräbern, ab und zu mit symbolischen Zeichen. An Stelle der Bautasteine traten mit dem 6. Jahrhundert die Runensteine. hatte; so aufgerichtet, daß sie mindestens 4 Meter hoch in die Luft ragte, obgleich sie kaum einen Meter breit war. Die »Fram« liegt jetzt wie in einem Thale, auf allen Seiten von diesen Eisrücken umgeben, die am Heck besonders stark entwickelt sind. Zwischen den Rücken, die hauptsächlich von Westen nach Osten laufen, ist das gewaltige Eis zerrissen, zu Grus zermalmt und durcheinandergeworfen, sodaß unsere Umgebung sich ganz neu gestaltet hat. Ende Januar war es so hell, daß wir mittags eine Zeitung lesen konnten, aber Land bekamen wir noch immer nicht zu sehen. Am 1. Februar nahmen wir an, daß wir schon über den 80. Grad hinaus wären oder ihn eben passirt hätten; des trüben Wetters wegen ließen sich nämlich keine Ortsbestimmungen machen, aber wir hatten prächtigen Wind und feierten seinetwegen ein kleines Fest. Es gilt, so viele Feste wie möglich zu veranstalten und sie beileibe nicht zusammenzulegen. Am nächsten Tage wurde unsere gegenwärtige Lage auf 80º 10' nördlicher Breite und etwa 132º östlicher Länge bestimmt, eine Drift von 19 Minuten in 3 Tagen. Den ganzen Februar wollte es mit der Drift nicht recht vorwärts. Am 9. passirten wir den 80. Grad, diesmal aber leider in rückläufiger Bewegung, und so ging es immer vor und zurück, sodaß wir zu Anfang März auf 79º 53' nördlicher Breite und 134º 57' östlicher Länge waren. Während dieser Zeit wurde an Bord eifrig am Zusammenstellen der Schlitten und Instandsetzen der Schneeschuhe gearbeitet. Die Hunde wurden eingefahren, und wir lernten, sie mit einer Peitsche mit kurzem Stile und langer Schnur, wie die Eskimos sie benutzen, zu lenken. Man hätte sehen können, wie wir uns jetzt draußen auf dem Eise übten, mit der Peitsche die leeren Conservendosen zu treffen, die Juell dorthin geworfen hatte. Doch trotz unserer Uebungen gelang es uns nicht, hinreichende Geschicklichkeit im Lenken der Hunde zu erwerben. Wir mußten mit ihnen nach ihrer gewohnten Art fahren, das heißt, ein Mann mußte vor ihnen hergehen und den Weg zeigen. Auf schlechtem Eise zog ein Gespann von 4 Hunden 2 Mann mit dem Schlitten. Wir stellten auch Probefahrten an, um zu sehen, welche Schlitten bei hartem und bei lockerm Eise am leichtesten liefen. Nansen und Sverdrup konnten dabei auf ihren in Grönland gemachten Erfahrungen weiterbauen. Verschiedene Arten von Schlittenkufen und allerlei Beschläge wurden ausprobirt und wir versuchten es auch mit runden, concaven und glatten Kufen, sowie mit Beschlägen von Aluminium, Neusilber und Stahl. Es war von großer Wichtigkeit, daß wir genau wußten, welche Art die beste war. Der arme »Billeteur« ist eines sanften Todes verschieden. Er starb wirklich in seinem Bette, nachdem er seit einiger Zeit gekränkelt hatte. Wahrscheinlich ist ihm das Klima zu rauh gewesen. So hat er denn also dieses Leben verlassen müssen und damit seine Lieblingsbeschäftigung, seine Speisekammer zwischen den Eishügeln mit gefrorenem getrocknetem Fisch zu versehen. Die »Framsjaa« brachte ein Preisausschreiben für die beste Grabschrift für »Hiob« und den »Billeteur«; ich glaube, es war Juell, der den Preis erhielt. Der Salon ist zu einer Werkstatt für Arbeiten aller Art geworden. Auf dem Deck liegen Schlitten, die zusammengestellt, und Schneeschuhe, die mit Riemen versehen werden sollen; einige bessern Komager aus, andere schnitzen Holzschuhe. Aus Sverdrup's Kabine ertönt das anheimelnde Schnurren einer Nähmaschine; er näht Bootsegel. Wir haben jetzt angefangen, die Umgegend auf Schneeschuhen zu durchstreifen. Die Temperatur beträgt gewöhnlich einige 40º Kälte, aber beim Schneeschuhlaufen friert man nicht so leicht. Am 16. Februar sahen wir über dem Horizont eine Luftspiegelung der Sonne, eine flammende, feuerrothe Fackel, was uns Veranlassung zu einem vorläufigen Sonnenfeste gab. Das eigentliche fand am 20. Februar statt, obgleich wir des bewölkten Himmels wegen nicht die Sonne selbst, sondern nur ihren Widerschein oben in den Wolken sehen konnten. Auch diesmal war ein Schützenfest, aber ohne Preisvertheilung. Peder und Nansen haben am besten geschossen. So ist also unsere erste Polarnacht vorbei. Wir können aber nicht finden, daß sie einen an Bord arg mitgenommen hätte. In einer Rinne, die sich vor vier Wochen gebildet hat, haben wir das Eis an verschiedenen Stellen gemessen. Wo die Schneelage am dünnsten war, hatte das Eis seine größte Dicke, 56 Centimeter, wo der Schnee aber in dickern Schichten lag, betrug die Dicke nur 44 Centimeter, wie man sieht, kein so kleiner Unterschied. Am 1. März fing das Tiefseelothen wieder an; das erste mal verloren wir das Loth, da ein Drahtseil durchriß, das zweite mal ließen wir die Leine bis auf 3400 Meter auslaufen, ohne auf Grund zu stoßen. Kein Mensch hätte für möglich gehalten, daß das Polarmeer eine solche Tiefe besäße. Deshalb hatten wir auch gar keine große Auswahl von Material für Lothungen mitgenommen und mußten nun bei 40º Kälte eine Reeperbahn auf dem Eise anlegen, in der wir aus Drahtseilen eine Lothleine drehten. Nansen hatte eines Tages in seinem Netze eine Menge kleiner Infusorien gefangen, die einem lebendigen Feuerwerke glichen. Jedesmal, wenn er das Netz schüttelte, strahlten sie in wunderschöner grünblauer Farbe. Die strenge Kälte ist uns zwar nicht schlecht bekommen, aber vorsichtig muß man dabei doch sein. Peder erfror eines Tages die Backe, und Bentsen erfriert, wie er sagt, beinahe jeden Tag die eine Seite der Nase; er glaubt, seine halbe Nase wird ganz schwarz werden, wenn er wieder in wärmere Gegenden kommt. Hansen erfriert bei den Beobachtungen die Finger, und als Nansen mich einmal photographiren wollte, wurde meine Nase, ohne daß ich es merkte, plötzlich so kreideweiß, daß Nansen mich bat, sie sofort tüchtig zu reiben. Eines Tages machten Nansen, Sverdrup, Hansen und ich bei 51º Kälte einen Ausflug auf Schneeschuhen. Wir waren im Pelz, hatten aber an den Beinen nichts weiter als unsere dicken Frieshosen. Als wir eine Weile gelaufen waren, machten wir alle zusammen die Entdeckung, daß wir in den Knien das Gefühl beinahe ganz verloren hatten, und wir mußten sie tüchtig reiben und schlagen, um das Blut wieder in Bewegung zu bringen. Nun änderten wir den Kurs, sodaß wir den Wind, der ungefähr 3 Meter in der Secunde machte, von der Seite statt gerade entgegen hatten. Die Schneeschuhe zerbrechen leicht, da die strenge Kälte das Holz spröde macht; es ist schon manches Paar draufgegangen. Für Jacobsen waren keine zu finden, die gehalten hätten; schließlich bekam er ein Paar mit fester Stahlunterlage, aber auch dieses ging in Trümmer. Auf solchen Touren trugen wir meistens unsere isländischen wollenen Jacken und die Windkleider. Diese bestehen aus leichtem, gegen Luftzug dichtem Stoffe; die Hosen sind so weit, daß wir sie bequem über unsere andern Beinkleider ziehen können, und die Jacke hat den Schnitt eines Eskimo-Anorak und hat auch eine Kapuze, die über den Kopf gezogen und unter dem Kinn zugebunden wird. Es ist eine vortreffliche Kleidung. Am 12. März hatten wir -51,6º. Es war dies die niedrigste Temperatur, die wir bisher beobachtet hatten. Eines Tages hörten wir die Hunde einen entsetzlichen Spektakel machen, und ihr Bellen klang sehr ernst. Natürlich dachten alle gleich an einen Bären. »Ulenka« und »Pan« wurden losgemacht, und beide schossen pfeilschnell in westlicher Richtung fort, einer Rinne zu, die sich dort gebildet hatte. Nansen und Sverdrup eilten hinterdrein. Sie gewahrten da in der leicht überfrorenen Rinne Löcher, die nur ein Walroß gemacht haben konnte. Mehrere von uns gingen auf die Suche nach dem Thiere, aber ohne Erfolg. Es ist geradezu unbegreiflich, daß diese Thiere sich mitten im stärksten, schwersten Treibeise halten können, aber Thatsache ist, daß sie dort vorkommen. Wir haben westlichen und südwestlichen Wind, treiben aber nichtsdestoweniger nach Süden. Das Leben geht jedoch seinen gewohnten Gang; nur haben wir, seit es wieder hell ist, Veranlassung, uns mehr Bewegung zu machen. Unsere Bibliothek wird viel in Anspruch genommen, und wir verdanken ihr manche gemüthliche und vergnügte Stunde. In erster Linie ist natürlich die Geschichte der frühern arktischen Expeditionen gelesen worden. Von den übrigen Büchern waren mehrere Jahrgänge illustrirter englischer Zeitschriften sehr begehrt. Ueber die Bilder haben wir uns wie kleine Kinder gefreut. Jeden Morgen werden die Hunde losgelassen, damit sie sich auf dem Eise Bewegung machen. Sie bellen und sind ganz außer sich vor Freude, wenn wir sie losketten; aber kaum sind sie auf dem Eise angekommen, so wollen sie schon wieder an Bord. Vor Mittag wird dies jedoch nicht erlaubt, aber dann kriechen sie auch beinahe alle gleich in ihre Hütte. Nur einer liegt beständig draußen. Es ist der kleine »Bjelki«, der einen so außerordentlich dichten Pelz hat, daß ihm nicht einmal 51º Kälte zum Schlafen im Freien zu kalt waren. Einen haben wir auch, der nie mit den andern an Bord will. Es ist ein hochbeiniger, glatthaariger weißer Hund mit spitzen Ohren und langer Schnauze; er heißt »Haren« (der Hase), friert nie und hält sich am liebsten auf dem Eise auf. »Sjölike« (das Segeltau), ein kleiner, magerer, zottiger, alter, bissiger Satan von weißer Farbe, der über alle Maßen gern Streit anfängt, obwol er fast keine Zähne mehr hat, ist heute in den Salon gebracht worden, damit er sich dort erwärme. »Kvik«, die bisher allein das Privilegium gehabt hat, diesen geheiligten Raum betreten zu dürfen, wurde darüber außerordentlich eifersüchtig. Es ist wirklich belustigend, wie still und artig, geradezu verlegen die Hunde sind, wenn wir sie einmal mit in den Salon bringen; man möchte meinen, die Pracht und der Glanz dort unten habe sie ganz verlegen gemacht. Einen von »Kvik's« Jungen haben wir erschießen müssen, weil er plötzlich Krämpfe bekam und mit Schaum vor dem Munde umherlief. Jetzt scheint das Tageslicht in den Salon hinein, da wir die Hundehütten um das Oberlicht herum fortgenommen und Doppelfenster eingesetzt haben; das elektrische Licht ist ja recht angenehm, aber das Sonnenlicht ist doch schöner. Ende März waren wir auf 80° 4' nördlicher Breite und hatten eine Temperatur von -32°. Die Sonne steht jetzt schon ziemlich hoch, was uns bei den Beobachtungen sehr zu statten kommt. Trotz der Kälte haben ihre Strahlen doch bereits solche Kraft, daß der Schnee am Bug der »Fram« zu schmelzen begonnen hat. Die Hunde freuen sich des Sonnenscheins so sehr, daß sie einander in Stücke zu reißen suchen. Die Jungen machen es den Alten nach und raufen sich vormittags nach Herzenslust auf dem Deck herum. Am 6. April sollte eine Sonnenfinsterniß stattfinden. Scott-Hansen hatte Dauer und Zeitpunkt derselben ausgerechnet, und er, Nansen und ich begannen rechtzeitig aufzupassen. Wir stellten das große astronomische Fernrohr und den Theodoliten auf, und zwei von uns beobachteten das Gestirn, während der Dritte die Zeit ablas. Als der Zeitpunkt herannahte, beobachteten gerade Hansen und ich und meldeten fast gleichzeitig mit »Jetzt!« das Eintreten des Mondschattens in die Sonnenscheibe, das hinter Hansen's Berechnungen nur um ein paar Secunden zurückblieb. Als ich am nächsten Tage morgens auf Deck die meteorologischen Beobachtungen vornahm, lenkte »Ulenka's« Bellen meine Aufmerksamkeit auf zwei Bären am Achterende des Schiffes neben dem Großen Hügel. Sie waren mit ihrem schneeweißen Pelze in dem glänzenden Sonnenlichte kaum zu sehen. Ich nahm einen mit mehrern Schüssen geladenen Karabiner von der Kajütenwand; Mogstad, der inzwischen auf Deck gekommen war, ergriff einen zweiten. Die Bären, die windeten, waren durch das Hundegebell wahrscheinlich beunruhigt worden und machten kehrt. Wir sprangen auf das Eis hinunter und eilten ihnen nach; ich hatte Holzschuhe an den Füßen, die ich in den Schneewehen ziemlich oft verlor. Es war eine Bärin mit einem einjährigen Jungen, die wir vor uns hatten. Ich wollte die Mutter, Mogstad das Junge auf das Korn nehmen. Als wir beim Großen Hügel ankamen, sahen wir sie vor uns. Obgleich der Abstand recht groß war, gaben wir doch Feuer und konnten beobachten, daß beide Kugeln getroffen hatten. Die Bärin brach mit drei Kugeln zusammen, das Junge war schon vorher gestürzt, aber keiner von uns hatte mehr Patronen als die in den Gewehren befindlich gewesenen, und leider waren es keine Expansionsgeschosse. Der junge Bär erhob sich wieder und that ein paar unsichere Schritte, die Mutter richtete sich ebenfalls mühsam auf und schwankte wie eine Trunkene hinterdrein, legte sich darauf einen Augenblick hin und setzte sich dann wieder in Bewegung. Ich eilte an Bord, um Patronen zu holen, und benachrichtigte zugleich die andern davon, daß wir beim Großen Hügel zwei Bären angeschossen hätten. Alle griffen sogleich nach Flinten und Patronen. Nansen lief, ohne gegessen zu haben, auf Schneeschuhen fort, und wir sahen ihn vor Abend nicht wieder. Es wurde jetzt eine förmliche Expedition ausgerüstet, die sich nach der Stelle begab, wo die Bären angeschossen worden waren. Wir sahen weder die Thiere noch Nansen. Während die andern mit Schlitten abzogen, um die Beute, deren wir sicher zu sein glaubten, darauf zu laden, stand ich auf einem Hügel und hielt Ausschau. Plötzlich erblickte ich nicht weit von mir wieder zwei Bären, gleichzeitig aber gewahrten auch sie mich und machten sich auf die Beine. Die Flinte von der Schulter nehmen und laden war eins, und dann ging es vorwärts über die Schneewehen, zwischen den Rinnen und den Eishügeln hindurch, immer den Bären nach, die ab und zu zum Vorschein kamen. Peder, der allein von den andern eine Flinte bei sich hatte, lief eine Strecke weit mit; auch Nordahl und Pettersen nahmen an der Jagd theil. Ich war leicht gekleidet und lief, so schnell ich konnte. Nach anderthalb Stunden betrieb ich ganz allein noch die Verfolgung, die sich schließlich leider doch als nutzlos erwies. An der Fährte konnte ich sehen, daß die Schnelligkeit des Laufs der Bären geringer wurde, und hoffte also, sie noch einholen zu können, mußte aber schließlich einsehen, daß es selbst auf Schneeschuhen unmöglich war, einen Eisbären einzuholen, und als nun obendrein der Nebel über dem Eise aufzusteigen begann, blieb mir nichts weiter übrig, als nach dem Schiffe zurückzukehren, wo ich um Mittag wieder eintraf. Nachmittags waren wieder einige von uns auf Bärensuche aus, aber ebenso vergeblich. Gegen Abend kam Nansen von der mühseligen Verfolgung der verwundeten Bären zurück. Er hatte deutlich die Blutspuren gesehen, aber die zählebigen Thiere waren ihm trotzdem entkommen. Wir tränken unsere Schneeschuhe mit einer Mischung von Theer, Stearin und Talg, wodurch sie außerordentlich glatt werden. Es wird lebhaft darüber gestritten, wer die glattesten Schneeschuhe hat, und wir halten auf einem dazu geeigneten Eishügel öfter einen Wettlauf im Abwärtslaufen, wobei jeder Theilnehmer allerlei Kniffe gebraucht, damit er auf seinen Schneeschuhen ein paar Zoll weitergleitet als seine Concurrenten. Sverdrup's und Nansen's Schneeschuhe gleiten am weitesten; der erstere hat ein Paar aus dünnem Erlenholz, das er sich an Bord selbst geschnitzt hat, der andere ein Paar leichte, in Finland verfertigte Schneeschuhe von Birkenholz. Im April hatten wir gute Drift nach Norden. Am 18. waren wir auf 80º 23' nördlicher Breite und am 28. auf 80º 40'. In der letzten Hälfte des Monats betrug die Temperatur ungefähr -20º. Wir stellen morgens und abends Beobachtungen der Temperatur des Eises in verschiedenen Tiefen an und haben deshalb vier Bohrlöcher von 0,40; 0,80; 1,20 und 1,60 Meter Tiefe gemacht. Es hat sich herausgestellt, daß es immer wärmer wird, je tiefer wir in das Eis hineinkommen; bei 1,60 Meter ist es nur halb so kalt wie bei 0,40 Meter. Die Wassertemperatur betrug bei 200 Meter +0,5º. Auf die Schneeschuhtouren im Sonnenscheine freuen wir uns, und die Hunde freuen sich mit uns, obgleich ihnen ihr dicker Pelz schon recht heiß zu werden beginnt. Der kleine »Bjelki« keuchte und schnaubte und ließ die Zunge lang aus dem Halse hängen, wie die Hunde es daheim in den Hundstagen thun, nur mit dem Unterschiede, daß wir hier 21º Kälte haben und die Hunde, um sich abzukühlen, den Kopf in die Schneewehen stecken. Jetzt steht die Sonne hier Tag und Nacht am Himmel. Daheim rückt der Frühling heran, die Vögel kehren als seine ersten Boten aus dem Süden zurück, das Herz erhellt sich und freut sich des rundherum neu sich regenden Lebens. Dort unten in der Heimat kämpfen Sonne und Schnee den alten Kampf mit größerm Erfolge aus als bei uns. Hier bleibt alles beim alten, nur mit dem großen, durchgreifenden Unterschiede, daß es jetzt Tag und Nacht hindurch hell ist, während früher ununterbrochene Dunkelheit herrschte. Doch hier ist kein Boden, der die Schneedecke abwerfen kann; keine Bäume, keine Gewächse, die neu sprießen können, keine Blumen bekommen wir zu Gesicht, kein Vogel singt, und nichts von alledem gewahren wir, was uns jetzt in der Erinnerung so wunderbar schön erscheint. Der Mai kam, das Wetter wurde milder, und wir hatten zu unserer Freude so guten Wind, daß wir am 13., dem Pfingstsonntage, die Breite von 80º 53' erreichten. Am selben Tage sahen wir auch eine Möve über dem Großen Hügel schweben. Es war unser Frühlingsbote. Im Laufe des Sommers wurden allerlei Vögel geschossen, Elfenbeinmöven, Sturmvögel, Schneeammern und nicht weniger als 8 junge Exemplare der sehr seltenen Rosenmöve. Lummen durften wir nicht schießen, da Peder es nicht litt, daß wir dem »Glücksvogel«, etwas zu Leide thaten. Sechstes Kapitel. Der zweite Sommer. Nansen's Plan. 17. Mai. Der Jahrestag der norwegischen Freiheit brach mit demselben schlechten Wetter wie der gestrige Tag an. Doch in unsern Gemüthern war Sonnenschein; dort hatte die festliche Stimmung schon morgens ihren Einzug gehalten, und wir begingen den Tag in würdiger Weise. Eine seltsamere Prozession ist auf der Welt wol nie gesehen worden als die, welche sich heute hier im hohen Norden auf den endlosen Eisfeldern um das im Eise liegende Schiff bewegte, obwol es ein Wetter war, wie man es bei der Feier der Unabhängigkeitserklärung Norwegens gewiß noch nie erlebt hat. Die »Fram« hatten wir, wie es sich gehört, zur Ehre des Tages festlich geschmückt. Voran ging Nansen mit seiner kleinen Fahne auf dem Bärenspeere, hinter ihm ließ Sverdrup die Standarte der »Fram« im Winde flattern. Dann kam ein Schlitten, den die beiden besten Hunde zogen, während die übrigen Hunde voll Verwunderung über den seltsamen Anblick umherliefen. Auf dem Schlitten saßen Mogstad und ich, er als Kutscher, ich mit meiner Ziehharmonika als das Musikcorps des Umzugs. Die Musik war auch danach, denn bei dem schneidenden Winde und 12° Kälte wurden mir natürlich gleich die Finger steif. Hinter dem Schlitten gingen Jacobsen mit seiner Büchse und Peder mit seiner langen Harpune und einer Walroßleine auf der Schulter. Ihnen folgten Amundsen und Nordahl mit einer rothen Fahne, in deren Mitte ein norwegischer Wiking steht, der einen Speer zerbricht. Dann kam Blessing mit seiner Fahne, die aus einem seiner Hemden bestand, worauf mit großen rothen Buchstaben N. A. , d. h. Normal-Arbeitstag, stand. Das Hemd war an einer Harpunenstange mit einem Querholz zwischen den Schultern befestigt, und er hatte sich mit Gewehr, Revolver und Messer bewaffnet, um sein Banner vertheidigen zu können. Hinter Blessing schritt Hansen mit der Fahne der Meteorologen; es war ein großes Blechschild, das die Buchstaben A. L. S. T. R. = »Allgemeines Stimmrecht« im rothen Felde zeigte. Die Fahne war prächtig, streikte aber mitten in der Prozession, da die Stange vom Winde abgeknickt wurde. Sie wurde jedoch augenblicklich wieder reparirt und zwar so gut, daß sie, als der Umzug zu Ende war und sie mit den andern Fahnen in dem Eise neben dem Schiffe aufgepflanzt worden war, sich während Nansen's Festrede gar nicht schämte, mit lautem Blechgeklapper auch ein Wort dreinzureden, sodaß wir sie vom Winde brassen mußten, um sie zum Schweigen zu bringen. Zuletzt kam Juell, der den Kessel aus der Küche und eine große Ofengabel schleppte. Schon früh am Morgen hatten wir uns mit den Nationalfarben geschmückt. Rothen und weißen Stoff hatten wir, aber zu der blauen Farbe mußten wir Papier nehmen. Ja, selbst der Patriarch unter den Hunden, »Suggen«, ging mit einer langen Schleife umher. Bentsen und Pettersen waren nicht mit dabei. Sie opferten sich für uns auf, damit wir nicht ohne Mittagessen blieben. Wie schon bemerkt, begann die Prozession um 12 Uhr. Es war ein seltsamer, erhebender Anblick, als wir auf Schneeschuhen mit unsern Abzeichen um die »Fram« herum glitten, die sicher, breit und ein wenig schief im Eise lag. Ich spielte aus Leibeskräften »Ja, wir lieben dieses Land«, und wir meinten nachher alle, daß die Musik sich gut angehört habe. Zweimal zogen wir um das Schiff herum und dann nach dem Großen Hügel am Achterende des Schiffes, wo Nansen ein Hoch auf die »Fram« ausbrachte, die uns bisher so treu auf unserer Fahrt geführt, und die Hoffnung aussprach, daß sie es auch in Zukunft thun möge. Ein neunfaches Hurrah erscholl auf dem Eise, dann traten wir den Rückzug an. An der Seite des Schiffes wurde halt gemacht, Nansen stieg auf die Kommandobrücke und hielt eine Rede auf Norwegen. Er wünschte, daß es daheim allen wohlgehen möge; wenn diejenigen, die sich vielleicht um uns sorgten, nur wissen könnten, wie gut es uns hier gehe, würden sie sich unsertwegen keine trüben Gedanken mehr machen. Bisher könnten wir zufrieden sein, und wenn nicht unvorhergesehene Umstände einträten, würden wir durch die Erreichung unsers Zieles zur Hebung der Ehre unsers Vaterlandes in den Augen fremder Nationen beitragen. Wir könnten froh darüber sein, daß wir etwas für unser altes Norwegen zu thun vermöchten. Ein neunmaliges Hurrah für das Vaterland, mit der vollen Kraft unserer Lungen ausgebracht, folgte der Rede. Nun ertönten die Salutschüsse: viermal ließen die Kanonen ihre ehernen Stimmen über die schweigenden Eisfelder hin donnern. Einige der Hunde liefen erschreckt davon. Das »Kind« und die »Klapperschlange« kamen erst nach langer Zeit wieder. Dann versammelten wir uns zu einem opulenten Festmahle in dem mit Flaggen geschmückten Salon. Die Unterhaltung drehte sich, wie es in frohen Stunden oft der Fall ist, um die Heimkehr, und dieses Thema macht uns stets alle gesprächig. Nach Tisch kamen die Cigarren und der Kaffee und abends ein aus Feigen, Rosinen, Mandeln und Honigkuchen bestehendes Festdessert. 18. Mai. Am andern Morgen gab es an Bord keinen Katzenjammer. Bewölkter Himmel, das Schneetreiben dauert fort. Der Wind ist jetzt Ost zu Süd und macht gegen 10 Meter in der Secunde. Das Schiff hat sich so gedreht, daß es jetzt Süd ½ Ost statt wie bisher Süd ½ West liegt. Beobachtungen können heute gar nicht gemacht werden. Die Temperatur beträgt -10º. Zwei Tage später glückte uns eine Ortsbestimmung, die ergab, daß wir auf 81° 12,4' nördlicher Breite waren. Die Länge ist 125° 45' östlich von Greenwich. Amundsen stellt einen Apparat zusammen, mit dem die Richtung der Meeresströmungen in verschiedenen Tiefen gemessen werden soll, und Pettersen, dem das Kochen Spaß macht, ist mit Juell darin übereingekommen, daß sie sich in der Küche alle 14 Tage ablösen wollen. Am 1. Juni nahmen wir eine Lothung vor. Wir ließen 4400 Meter Leine, die wir aus einem Stahlkabel gedreht und zusammengelöthet hatten, ganz auslaufen, konnten aber nur 3200 Meter wieder einholen, da die übrigen 1200 Meter mit einem Grundproberohre auf dem Meeresgrunde liegen blieben. Anfang Juni hatten wir die schönste Schneeschuhbahn, die man sich denken kann. Sverdrup und ich benutzten sie fleißig und sahen dabei wiederholt im Eise der Rinnen Luftlöcher, die nur von Walrossen oder Seehunden herrühren konnten. Unsere zum Trocknen aufgehißten Segel blähten sich im Winde, aber die »Fram« lag nichtsdestoweniger still, und wir hatten leider nicht viele Meilen in der Wache zu verzeichnen. Die Luft wird sommerlich; feuchte Nebel schlagen sich nieder, die Temperatur ist mild, und wir haben schon 4° Wärme. Der Schnee schmilzt, und hier und dort bilden sich Wassertümpel. In allen Richtungen lassen zahlreiche blaue Stellen über dem Horizont auf offenes Wasser schließen. Bei dem milden Wetter und der Tag und Nacht andauernden Helligkeit gehen wir oft auf dem jetzt fein und ordentlich aussehenden Deck spazieren, rauchen dort unsere Pfeifen und plaudern von dem Eise, der Drift und den Aussichten auf weiteres Vordringen. Bei südlichem Wind hebt sich die Stimmung. Vorläufig ist unser Ziel, es beiden bisher am weitesten nach Norden vorgedrungenen Schiffen, der englischen »Alert«, die bis 82° 27' nördlicher Breite gekommen ist, und der amerikanischen »Polaris«, die 82° 26' erreicht hat, zuvorzuthun. Auch an Land denken wir viel, besonders Peder, der regelmäßig in den Ausguck klettert und von der Tonne aus nach allen Richtungen späht. Sobald er nur in die Kajütenthür tritt, schallt ihm die ironische Frage entgegen: »Hast du etwas gesehen? Hast du etwas gehört?«, was er jedoch mit unerschütterlicher Ruhe anhört. Am 16. Juni waren wir auf 81° 51' nördlicher Breite. Die Temperatur betrug als Maximum +4,3° und als Minimum -7°. Hansen, Nordahl und Peder haben eine Expedition unternommen, die der weiteste der bisher im Treibeise gemachten Ausflüge war. Peder hatte von der Tonne aus einen außergewöhnlich großen, an den Seiten schwarzgestreiften Eishügel gesehen. Sie peilten diesen sofort an und begaben sich eines Sonntagsmorgens auf Schneeschuhen dorthin. Lebensmittel hatten sie zur Genüge mitgenommen, und mehr als die Hälfte der Hunde schloß sich ihnen an. Das eigentliche Schwarzeis fanden sie allerdings nicht, trafen aber einen andern 8 Meter hohen Eishügel; von diesem brachten sie Lehm mit, auch einen Treibholzstamm fanden sie, von dem sie einige Späne abschnitten. Auf dem Heimwege fanden sie in einer offenen Rinne ein eigenthümliches Ding, von dem sie nicht wußten, ob es ein Thier oder eine Pflanze sei. Die Untersuchung ergab, daß man es mit einer Alge zu thun hatte. Als die Drei wieder nach Hause kamen, waren sie von dem schlechten Wege über das schmutzige Eis der Hügel und Rinnen sehr angegriffen. Hansen und Peder wurden infolge dieser Tour schneeblind, wenn auch nicht in hohem Grade, und Blessing mußte sie mit Cocaïn behandeln. Das Wasser breitet sich um das Schiff herum immer mehr aus, und wir üben uns jetzt im Kajakrudern. Hansen ist besonders eifrig dabei; er läßt sein Kajak kentern und versucht, sich allein wieder aufzurichten. Nordahl hält ihn an einer Leine fest, die sich Hansen um den Leib gebunden hat, und zieht ihn, wenn er nahe am Ertrinken ist, auf das Eis, worauf er sich sofort zum Umkleiden an Bord begeben muß. Hansen scheint diese Kenterübungen außerordentlich gern zu haben. Von den höher liegenden Tümpeln rinnen kleine Flüsse über das Eis; es ist ganz derselbe Ton wie das Rieseln der Gebirgsbäche daheim in Norwegen. An Bord zeigen sich an allen feuchten Stellen Schimmelpilze. Blessing züchtet Bakterien, die er im Schleime der todten Hunde gefunden hat, in der Luft aber hat er bisjetzt noch keine entdeckt. Der Vorabend des Johannistages fand uns auf 81° 43' nördlicher Breite. Wir hatten schlechtes Wetter, kalten Nordwind mit Schneeregen und weder Birkenzweige, noch Blumen, nur Eis und wieder Eis. Während wir beim Mittagessen saßen, hatte ein Bär bei dem Großen Hügel, wo Mogstad und Jacobsen zur Aufbewahrung unsers Bären-, Walroß- und Seehundfleisches einen Eiskeller bauen, einen Besuch abgestattet. Als sie nach Tisch wieder an die Arbeit gingen, fanden sie deutliche Spuren des Bären, dem Nansen den ganzen Nachmittag nachspürte; er fand ihn aber nicht. Es ist übrigens schwer, über die Hügel und Rinnen hinwegzukommen; man hätte an manchen Stellen Wasserschneeschuhe brauchen können. Den Johannistag feierten wir auf unsere gewöhnliche Art: mit einem guten Mittagessen. Wir können ja nicht viel Abwechselung in unsere Feste bringen. Das Leben hier ist einförmig, ein Tag verläuft wie der andere. Jede Stunde bringt eine bestimmte Arbeit, und unsere Zerstreuungen haben auch ihre bestimmten Stunden. Die Zerstreuungen bestehen in Kartenspiel und Lesen, wennschon das erstere jetzt beinahe keinen Reiz mehr für uns hat. Aber wir haben es doch gut, das ist gewiß, und damit müssen wir zufrieden sein. 30. Juni. Bewölkter, trüber Himmel und ein Regenwetter, das dem Eise übel mitspielt. Die Tümpel auf unserer Scholle werden immer größer, und das Beobachtungszelt und das Thermometerhaus sind nahezu unzugängliche Punkte geworden, zu denen wir nur durch Ueberspringen verschiedener Gewässer gelangen können. Am Tage darauf zerriß die Wolkendecke ein wenig, sodaß wir eine Ortsbestimmung anstellen konnten. Die Breite ist 81° 32'. Es geht also auch diese Woche wieder nach Süden. Wir hatten vom Juni große Erwartungen gehegt, haben aber in diesem Monate keine Fortschritte nach Norden gemacht. Wir füllten unsere Reservoirs mit Wasser von der Eisscholle. Es war ein wenig salzig, aber wir benutzten es doch längere Zeit. Als wir zum ersten male frisches Süßwasser bekamen, wollte uns allen der Thee gar nicht schmecken, und wir erklärten ihn für ein fades Getränk. Wir vermißten den salzigen Geschmack und fanden das Süßwasser nicht im geringsten wohlschmeckend. Wir hatten also keine Angst vor ein wenig salzhaltigem Wasser wie z. B. die Besatzung der »Jeannette«. Dort wurde jedes einzelne Eisstück, das in die Küche kam, erst genau untersucht, weil sie glaubten, davon den Skorbut zu bekommen. Die Temperatur in den der Meeresoberfläche zunächstliegenden Schichten ist den angestellten Beobachtungen nach sehr verschieden: Tiefe in Meter Temperatur in °C. Oberfläche +0,42 1,0 +0,35 2,0 +0,28 2,5 -0,03 2,6 -0,10 2,7 -0,30 2,8 -1,52 2,9 -1,60 3,0 -1,58 In der letztern Tiefe fanden wir eine dünne Eisschicht, die leicht zerbrach und deren Stücke dann in die Höhe stiegen. Beim Eismessen am 10. Juli zeigte sich, daß das Eis der alten festen Schollen in einer Woche um ungefähr 20 Centimeter dicker geworden war. Daß das Eis dicker werden konnte, während es auf der Oberfläche beständig abschmolz, erschien uns sehr merkwürdig. Es kam wol daher, daß das beim Schmelzen erzeugte Süßwasser durch die Risse im Eise sickerte und dort bei der Berührung mit dem kalten Wasser allmählich die Temperatur desselben annahm und gefror. Um das Schiff herum sieht es jetzt nicht gerade schön aus. Die »Fram« liegt so hoch, daß wir auf Leitern hinaus- und hineinklettern müssen. Unten auf dem Eise treffen wir zuerst zahllose zerbrochene Bierflaschen an, die wir alle ausgetrunken haben; das Bier hat schon lange ein Ende genommen. Alles, was wir im Laufe des Jahres fortgeworfen haben, tritt jetzt bei der Schneeschmelze wieder zu Tage. Die Hundehütten, die wir auf dem Eise aufgebaut haben und die aus zwei langen niedrigen Bretterkisten mit abgetheilten Räumen für die bissigsten Thiere bestehen, machen von Tag zu Tag einen schmutzigern, baufälligern Eindruck, und hier und da bahnt sich ein munterer, kleinere und größere Pfützen bildender Bach unter ihnen hindurch seinen Weg. Am Horizont sieht es jetzt nicht mehr Weiß in Weiß aus; schwärzliches Eis und Wasserflächen bringen Abwechselung in das nichtsdestoweniger trübe Bild. Der jetzt wieder auf dem Eise liegende Schnee sieht ganz wie Streuzucker aus. Auf der Steuerbordseite haben wir einen hübschen Süßwassertümpel, auf dem wir mit unsern Fangbooten segeln können. Hauptsächlich Hansen, Mogstad und Bentsen huldigen diesem Sport. Sverdrup hat die Boote mit einem Raasegel getakelt, wie es im nördlichen Theile von Norwegen gebräuchlich ist. Bei schwachem Winde ging das Segeln vortrefflich; wehte es aber ein wenig stärker, so konnten wir Zuschauer uns halb krank lachen, da sie dann in dem seichten Gewässer alle Augenblicke auf Grund stießen, Wasser ins Boot bekamen und schließlich die Segel ganz bergen mußten. Eines Tages begaben wir uns alle Mann nach dem Süßwassersee, um die Tragfähigkeit der Boote zu prüfen. Alle Hunde merkten, daß etwas Besonderes los war, und liefen neugierig mit; selbst »Kvik«, die sich wieder einmal in gesegneten Umständen befand, verließ ihr Haus und einen schönen Knochen, um sich die Sache mit anzusehen. »Barrabas« nahm stracks ihren Platz beim Knochen ein und blieb als einziger zu Hause. Als wir im Boote saßen, das uns alle Dreizehn sehr gut trug, und anfingen, uns mit Stangen weiterzuschieben, zeigten die Hunde Zeichen der größten Angst. Die armen Thiere glaubten offenbar, daß wir fortfahren und sie in der Eiswüste allein zurücklassen würden. Sie weinten auf ihre Weise und liefen unruhig auf den Schollen hin und her. »Suggen«, unsere Veteranin, machte sich sofort auf die Beine und lief, von einigen andern begleitet, um den Tümpel herum nach der andern Seite. Der kleine »Bjelki« stürzte sich nach kurzem Besinnen ins eiskalte Wasser und schwamm uns nach, wobei er mit seinem schwarzen Pelze einem Wollknäuel glich. Nach beendigter Probefahrt kamen wir jedoch zurück und beruhigten die Thiere wieder. »Suggen«, die einsah, daß sie sich geirrt hatte, wollte sich dies jedoch nicht merken lassen; sie kehrte nicht wieder um, sondern machte auf der andern Seite des Tümpels einen langen Spaziergang, als wollte sie uns dadurch zu verstehen geben, daß sie uns durchaus nicht nachgelaufen sei. »Suggen« ist offenbar eine Respektsperson unter den Hunden. Sie läßt sich in keine Raufereien ein, und alle machen ihr Zugeständnisse; sie ist ein Häuptling, hat eine Hütte für sich allein und wird nie angebunden, sondern kann nach ihrem Belieben frei umhergehen. Sie erniedrigt sich nie so weit, daß sie in den Eiskeller einbricht wie die andern Hunde, die nach solchen Diebstählen oft mit beinahe viereckigen Bäuchen umherschleichen. Wenn es »Suggen« in ihrer Hütte nicht mehr gefällt, belegt sie ohne weiteres die eines andern mit Beschlag, gewöhnlich die »Pan's«, der doch von allen Hunden der am wenigsten nachgiebige ist. Sobald »Suggen« kommt und ihn hinausjagt, muß er auf das Dach seiner Kiste flüchten; geht er nicht freiwillig, so legt sie sich ganz ruhig auf ihn, was er sich merkwürdigerweise stets gefallen läßt. Um Fleisch zu bekommen, kann »Suggen« sogar lange Reden halten; rein und ordentlich ist sie immer. Einer, der sich nicht rein hält, ist »Kaiphas«, den wir als den schmutzigsten aller Hunde bezeichnen können. Er hat seinen dicken Pelz, der stets so voll Schmutz ist, wie man ihn nur hier bekommen kann, bisjetzt noch nicht verloren. (Es zeigte sich später, daß diese beiden Thiere, »Suggen« und »Kaiphas«, treu zusammenhielten und auf der Schlittenfahrt am meisten Ausdauer bewiesen; sie waren getreu bis in den Tod, bis sie ihr Leben im Dienste der Wissenschaft ließen.) 18. Juli. Bisjetzt hat uns der Sommer nur Enttäuschungen gebracht; wir hatten für diese Zeit auf eine größere Drift nach Norden gerechnet und haben statt dessen Stillstand gehabt. Es ist also das Beste, sich mit Geduld zu wappnen. Manche von uns haben wol, bevor der Sommer kam, die stille Hoffnung gehegt, daß wir loskommen und mit Dampf durch die Rinnen nach Norden würden steuern können. Diesen Gedanken haben sich nun, glaube ich, alle aus dem Kopfe geschlagen. Denn trotz allen Wassers, das sich beim beständigen Schmelzen des Eises auf den Schollen ansammelt, sind noch große feste Massen da, und obwol das Eis um das Schiff herum dem Anscheine nach abnimmt, liegt die »Fram« in derselben schrägen Stellung in ihrem soliden Eislager mit dem in den beiden Brunnen am Heck aufeinander gestapelten Eise. Unsere Drift nach Norden hängt jetzt einzig und allein vom Winde ab, und darüber kann viel Zeit hingehen, denn er ist ein launischer Geselle. Eine Strömung gibt es hier nicht, das ist gewiß; vergleicht man die täglichen Ortsbestimmungen mit der Richtung und Stärke des Windes, so sieht man, daß unsere Bewegung ausschließlich vom Winde herrührt. 20. Juli. Bewölkter Himmel, keine Beobachtungen, Regen und Nebel. Die Temperatur beträgt + 0,2 und + 1,7°-. Heute Vormittag begann der Wind leicht aus Nordosten zu wehen. Vielleicht werden wir ihn nun eine Weile aus dieser Richtung haben. Wir haben diesen Sommer kein Glück gehabt, obwol wir soviel von ihm erwarteten; wir müssen also unsere Hoffnung auf den Winter, den dunkeln Winter setzen. Vor einiger Zeit wurde Plötzlich »Ulenka«, einer unserer besten Hunde, so lahm, daß er nicht mehr auf den Füßen stehen konnte; er wurde nie ganz wiederhergestellt und mußte bei den jungen Hunden auf dem Vorderdeck untergebracht werden. Auf Deck herrschte den Sommer über rege Thätigkeit. Vorn bei der Schmiede streckten Lars, der Schmied, und seine Gehülfen Eisen zu Schlittenbeschlägen. Unter dem über das Vorderdeck gespannten Segel baute Sverdrup mit seinen Gesellen sechs Doppelkajaks, während Jacobsen als Schlittenfertigmacher fest angestellt war. Es galt, sich in jeder Hinsicht auf den Tag vorzubereiten, da wir vielleicht unser gutes Schiff würden verlassen müssen. Im Arbeitsraume beschäftigte sich Nansen bis tief in die Nacht hinein mit der mikroskopischen Untersuchung von Algen. Messing betrieb in seiner Kabine dieselben Untersuchungen; er war oft auf Algenfang in den Süßwassertümpeln aus, und wenn er etwas ganz Besonderes unter dem Mikroskop hatte, kamen Hansen und ich zu ihm hinunter, um die Merkwürdigkeiten, die wir da sehen konnten, zu bewundern. Aber Blessing konnte nicht nur Blut und Algen untersuchen, er verstand sich auch noch auf ganz andere Dinge: er war sowol Tischler wie Segelmacher, und Sverdrup hatte in seiner Werkstatt stets Verwendung für ihn, wenn er sich meldete. Ende Juli hatten wir beständig Westwind und trieben nach Süden. An Bord hat sich hin und wieder ein wenig Schneeblindheit gezeigt. Peder, der das Eismeer schon von seinen Knabenjahren an befahren hat und nie davon befallen worden war, wollte nicht glauben, daß es etwas Schlimmes sei, mußte sich schließlich aber doch an Blessing wenden und sich von ihm mit Cocaïn behandeln lassen. Von da an trug er stets eine Schneebrille. Wir hatten auch Schleier zum Schutze gegen die Schneeblindheit, hübsche rothe, blaue und schwarze Seidenschleier, die jedoch nicht viel zur Anwendung kamen. Ich erinnere mich, daß Sverdrup einmal mit einem blauen Schleier umherging, der über seinem starken rothen Barte schnurrig aussah. Er war der Schneeblindheit gegenüber auch nicht vorsichtig genug und mußte sich ebenfalls an Blessing wenden, den er bat, ihm doch einmal ins Auge zu sehen, da er glaube, es sei ihm etwas hineingeflogen. Eines Abends, als ich nach einer Tour auf dem Eise an Bord ging, erblickte ich plötzlich in einiger Entfernung das Hintertheil eines flüchtenden Bären. Ich griff sofort nach dem stets an der Kajütentreppe stehenden geladenen Wachtgewehre. Die andern, die dabei standen, glaubten anfänglich, es sei nur ein Scherz von mir, bis Blessing den Bären ebenfalls wahrnahm. Sofort waren alle an Deck; einige kletterten in das Takelwerk, laute Rufen flogen hin und her, und dadurch wurde der Bär natürlich verscheucht. Nansen und Sverdrup setzten ihm nach, konnten ihn aber bei der außerordentlich schlechten Schneeschuhbahn nicht mehr einholen. Am 31. Juli brachte »Kvik« zehn lebendige Junge zur Welt, sowie eine Mißgeburt, die sofort todtgeschlagen wurde. Von den ersten dreizehn lebten nur noch vier, »Susine«, »Barbara«, »Gulen« (der Gelbe) und »Freia«. (»Susine« lebt heute noch und befindet sich hier zu Hause in Norwegen sehr wohl. Sie ist schon Stammmutter einer ganzen Schar, obwol viele von ihren Jungen bereits todt sind.) Anfangs August hatten wir so schönes Sommerwetter, wie man es hier überhaupt haben kann. Hansen spricht sogar davon, daß er gern baden möchte. Dies dürfte ihm aber doch schlecht bekommen, denn die Temperatur des Wassers beträgt an der Oberfläche nur + 0,38°. Wir halten uns den ganzen Tag auf Deck auf, rauchen dort abends unsere Pfeife und spielen Karten. Hansen und Nordahl haben auf einer Excursion zwei Stück Treibholz, vermuthlich Kiefern aus den sibirischen Wäldern, im Eise gefunden, und Peder, der immer auf der Suche nach Seltenheiten ist, hat auf einer Scholle unter ein wenig Sand ein Stück Moos entdeckt. Wieder ein Zeichen, daß hier herum irgendwo Land sein muß. Die Untersuchung der Temperatur und des Salzgehaltes des Wassers in den verschiedenen Tiefen begann am 2. August. Diese geht so vor sich, daß vier Mann die Leine auf einer Rolle mit zwei Wellen ablassen. Die Leine läuft über ein Meterrad, sodaß man ablesen kann, wieviel Meter ausgelaufen sind. Zwischen 3800 und 3900 Meter stießen wir auf Grund. Am ›Menschenfresser‹ haben wir eine Tugend entdeckt. Er ist sicherlich früher an das Wachehalten gewöhnt gewesen, denn in den letzten Tagen hat er unausgesetzt einen Brotsack bewacht, den wir auf dem Eise liegen haben, da die Hunde daraus gefüttert werden. Der ›Menschenfresser‹ liegt unverdrossen auf dem Sacke, zeigt jedem sich nähernden Hunde knurrend die Zähne und macht auch keinen Versuch, auf eigene Rechnung von dem Inhalte des Sackes zu stehlen. 10. August. Heute Morgen gerade so wie in den letzten Tagen naßkalter, feuchter Nebel. Gegen Mittag klärte es sich jedoch auf, und Hansen und ich entschlossen uns, eine kleinere Excursion nach Norden zu machen, um die Eispressungen mit dem Photogrammeter Das Photogrammeter ist eine in Verbindung mit einem Theodoliten gebrachte photographische Camera und dient dazu, die wahren Abmessungen der abgebildeten Gegenstände aus ihren Bildern abzuleiten, was bei der gewöhnlichen Photographie nicht möglich ist. Für Terrain- und architektonische Aufnahmen ist dieses Verfahren besonders vortheilhaft. aufzunehmen. Nördlich von uns gibt es außerordentlich große Eisanhäufungen; wenn man solch kolossale, 6 bis 9 Meter hohe Eismassen erblickt, die sich drei- bis viermal so lang wie die »Fram« hinziehen und viel breiter als diese sind, und sieht, wie die schwersten Eisblöcke zerschmettert und in die Luft gehoben worden sind, geräth man wirklich in Versuchung, den Glauben an die Festigkeit eines in solche Pressungen hineingerathenden Fahrzeugs zu verlieren. Unser Ausflug machte uns viel Vergnügen; es war so schön und warm, daß wir unsern Anorak auszogen und wie daheim im Sommer in Hemdärmeln gingen. Wir stellten unsern Apparat auf und machten uns an die Arbeit mit dem Gefühle des Alleinseins in der Stille der Eiswüste. In der Ferne erblickten wir das Schiff, das einzige Zeichen, daß der Mensch auch bis hierher vorgedrungen. Mit freudiger Bewunderung betrachteten wir es und fühlten lebhaft, wie gut wir es an Bord haben. Wir bekamen einen Vorgeschmack davon, wie es mit dem Vordringen im Eise sein würde, wenn wir das Schiff verlassen müßten. Schnell würde es nicht gehen und mühevoll würde es werden, wenn wir über das Eis nach irgendeinem Lande ziehen sollten. 16. August. Heute Vormittag fällt feiner Regen. Gestern Nacht um 12 Uhr, als ich die Wache hatte, wurde ich gründlich angeführt. Es war dichter Nebel, und alle Gegenstände waren über die Maßen vergrößert. Ich glaubte hinten beim Großen Hügel einen Bären zu sehen, der im Begriffe war, mit solcher Gewalt in unsern Fleischkeller einzubrechen, daß die Eisstücke rechts und links flogen. Ich sah nur die Tatzen und etwas vom Rücken, aber ein Bär mußte es sein. Ich holte mir also das Wachtgewehr, legte auf der Rehling an und zielte sorgfältig. Die Entfernung betrug etwa 200 Meter, und da ich gern noch ein wenig mehr von dem Thiere sehen wollte, ließ ich mir ziemlich lange Zeit zum Zielen. Endlich sah ich das Thier deutlicher und drückte ab. Alles blieb still. Nansen kam sofort auf Deck und fragte, was es denn gebe. Ich antwortete, daß ich nach dem Großen Hügel geschossen hätte, weil ich geglaubt habe, daß dort etwas sei. Da sahen wir meinen Bären über das Eis auf uns zutraben, und als er näherkam, stellte sich heraus, daß es einer der Hunde war, den wir auf den sehr zutreffenden Namen »Eisbär« getauft hatten. Glücklicherweise war er unverletzt. Der Nebel hatte ihn zu einem großen Bären gemacht, aber auch dafür gesorgt, daß ich zu hoch zielte, was wirklich ein Glück war, da der »Eisbär« zu unsern allerbesten Hunden gehörte. Man kann sich denken, wie oft ich von den Kameraden diese That noch zu hören bekam. In den Rinnen haben wir hier wiederholt Seehunde gesehen. Sverdrup schoß einmal einen, doch ging das Thier unter, ehe es aufs Eis gezogen werden konnte. Wir haben nicht erwartet, daß unsere Drift jetzt rückwärts gehen würde, sondern fest auf den Sommer gebaut; jetzt ist es der Winter, auf den wir unsere Hoffnung setzen. Wir glauben freilich, daß wir unser Ziel erreichen werden, aber wir sehen auch ein, daß wir uns gehörig mit Geduld wappnen müssen. Ende August fing es wieder an kalt zu werden; die Süßwassertümpel froren zu, die Schneebahn war vorzüglich, und die Schneeschuhe wurden viel benutzt. Eines Nachts, als Blessing mich um 3 Uhr zur Uebernahme der Wache weckte, gewahrten wir beide von der Rehling aus, daß sich ungefähr 500 Meter von uns auf einer Eisscholle etwas regte. Es war ein Bär, der sich behaglich in dem frischgefallenen Schnee wälzte. Ein starker Nordwest – 9 Meter in der Secunde – wehte gerade vom Schiffe zu ihm hinüber, und die Windmühle war in vollem Gang. Doch daraus machte er sich anscheinend nicht das Geringste, denn wir sahen ganz deutlich, wie er sich, mit dem Oberkörper voran, erhob und ganz ruhig im Zickzack gegen das Schiff vorzurücken begann, wobei er den Kopf nach beiden Seiten drehte, wie er es zu thun pflegt, wenn er auf Raub ausgeht. Die Hunde mit ihrem scharfen Geruche hatten ihn natürlich auch schon gewittert. Das Wachtgewehr war wieder voll Vaseline; ich holte also leise zwei Flinten aus der Kajüte herauf, und dann gingen wir so geräuschlos wie möglich nach der Back, wo wir uns in Anschlag legten. Der Bär näherte sich immer mehr, er hatte offenbar nicht einmal vor der Windmühle mit ihrem Geklapper Furcht. Wir lagen mit gespanntem Hahn ganz still. Bald kam er an die 100 Meter von uns befindliche Rinne, tappte über das dünne Eis und stand schließlich mit einem Sprunge auf unserer Scholle. Jetzt war es an der Zeit, ihn unschädlich zu machen, und sowie er sich nach Osten wandte, donnerten zwei Schüsse. Der Bär stürzte rücklings von der Scholle auf das Eis der Rinne hinunter. Es zeigte sich später, daß beide Schüsse getroffen und die eine Kugel, die gerade über dem Herzen in die große Schlagader gedrungen war, ihn auf der Stelle getödtet hatte. Die auf dem Eise angebundenen Hunde, die einer Gefahr entgangen waren, wurden erst aufmerksam, als sie die Schüsse fallen hörten, und als sie uns dann mit den Flinten aufs Eis springen sahen, erhoben sie ein wüthendes Gebell. Es gelang uns, den Bären von dem dünnen Eise auf unsere Scholle zu ziehen, wobei Blessing allerdings einbrach, und ihn nach dem Schiffe zu schleppen. Hier sperrten wir ihm mit einem Holzpflocke den Rachen auf, damit er Nordahl, der die nächste Wache hatte, etwas überraschte. Die Hunde bellten den ganzen nächsten Tag wie rasend nach der Richtung hin, aus der der Bär gekommen war. Sie hatten sicherlich den Petz nicht vergessen, der in der letzten Polarnacht an Bord gekommen war, mit seinen Tatzen in ihre Hütten gegriffen und einige von ihnen losgerissen, fortgeschleppt und aufgefressen hatte. So etwas vergißt man nicht, nicht einmal ein Hund. Am 28. August ergab die Beobachtung 80° 53' nördlicher Breite, wir hatten also wieder den 81. Grad nach rückwärts passirt; aber am 4. September waren wir wieder auf 81° 14' nördlicher Breite und 123° 36' östlicher Länge, trotzdem wir östlichen, ja sogar nordöstlichen Wind gehabt hatten. In den darauf folgenden Tagen trieben wir jedoch wieder nach Süden. Der »Menschenfresser«, einer unserer bissigsten Hunde, ist jetzt von den andern angefallen und entsetzlich zugerichtet worden. Sie haben ihn mit ihren scharfen Zähnen in die Weichen gebissen (diesen schwachen Punkt wissen sie stets zu treffen), wo sie nur irgend ankommen konnten. Bisjetzt ist er noch am Leben; Blessing hat ihm die Wunden wieder zugenäht und ihn in Behandlung genommen. Das tägliche Leben an Bord verläuft ungefähr auf folgende Weise. Der Koch (zwei Wochen lang Juell und zwei Wochen Pettersen) steht morgens um 6 Uhr auf, wenn der letzte Wachthabende zu Bett geht. Um 8 Uhr wird Kaffee oder Chocolade aufgetragen und alle Mann werden geweckt. Doch gewöhnlich wird erst später gefrühstückt; in der Regel sind es die beiden Doctoren, denen nachservirt werden muß, da sie immer zuletzt erscheinen. Der Frühaufsteher Mogstad citirt oft das alte Sprichwort »Morgenstund hat Gold im Mund«, doch Blessing erklärt es für grundfalsch und meint, es müsse heißen: »Morgenschlummer schützt vor Krankheit und vor Kummer.« Dann geht jeder an seine Arbeit; die Hunde werden gefüttert und losgebunden. Späterhin wurde bestimmt, daß jeder täglich zwei Stunden Schneeschuh laufen sollte, was denn auch trotz Wind und Wetter geschah und uns sehr gut bekam. Nansen hat ein einsitziges Kajak verfertigt. Blessing und Sverdrup haben längere Zeit Bezüge von Segeltuch genäht. Um 1 Uhr wird Mittag, um 6 Uhr Abendbrot gegessen. Danach spielen wir entweder Karten oder studiren die Schätze unserer Bibliothek. Amundsen erklärt die Karten für »des Teufels Spielzeug« und rührt sie nicht an, und Jacobsen nimmt auch nur selten am Spiele theil, da er immer sehr früh zu Bett geht. Wir andern aber spielen öfter Hazard auf Wechsel, die sich schließlich so anhäufen, daß wir, um der Last des genauen Buchführens darüber zu entgehen, einen Strich durch das ganze Conto machen und ein neues beginnen. Das Wetten und der Brothandel sind ebenfalls sehr im Schwange. Bisweilen kommt es auch zu heftigen Discussionen über Verhältnisse in Tromsö oder auf der Flottenstation Horten. Den Hunden bauen wir jetzt bequeme, solide Schneehütten, denn es wird immer kälter; die Dunkelheit fängt bald an zuzunehmen, und der Winter naht heran. 22. September. Heute sitzen wir gerade ein Jahr im Eise fest. Jetzt können wir einen Ueberblick über unsere bisherige Drift gewinnen, da Nansen eine Karte derselben ausgearbeitet hat. Trotz der vielen krummen Rückschritte sehen wir doch, daß die Drift eine bestimmte Richtung eingehalten hat: Nord 36° West, circa 220 Kilometer in der Länge von Osten nach Westen und circa 260 Kilometer in der Breite nach Norden. Es ist zwar langsam, aber doch vorwärts gegangen. Wir hegen die feste Ueberzeugung, daß wir das nächste Jahr besser als bisher nach Norden treiben können und nicht so häufig wieder zurücktreiben werden. Bei der bisherigen Drift würde es sieben Jahre dauern, ehe wir wieder aus dem Eise herauskämen! Wir sind jetzt der Meinung, daß wir weder über den Pol selbst, noch dicht daran vorbei, sondern ungefähr bis 86° nördlicher Breite treiben werden. Es ist im allgemeinen die Rede davon gewesen, daß dort zwei von uns mit allen Hunden das Schiff verlassen und nach dem Pole ziehen sollten, von wo sie sich nach Spitzbergen zurückbegeben müßten, ohne sich um das Schiff zu bekümmern, das sie dann ja doch nicht wiederfinden könnten. Kapitän Sverdrup fragte mich eines Nachmittags, ob ich mich an einem solchen Unternehmen betheiligen würde, wozu ich mich natürlich bereit erklärte. Wir rechneten zum Spaße die Entfernungen, das Gewicht des Proviants u. s. w. und die Tagemärsche aus, um zu sehen, wie sich die Sache machen ließe. Es ist übrigens nicht das erste mal, daß diese Frage aufgeworfen worden ist. Nansen hat jetzt einen Theerölheizapparat in der Küche zusammengesetzt, der wirklich vorzüglich functionirt. Pettersen hatte aber anfangs Unglück damit; der Apparat explodirte, und Pettersen wäre beinahe mit den zum Trocknen aufgehängten Kleidern in die Luft geflogen. Als er uns über das Ereigniß Bericht erstattete, glaubten wir, er würde selbst explodiren, solch ein Strom von Verwünschungen und Flüchen über das »verdammte Schwarzöl« sprudelte aus seinem Munde. 29. September. Blessing's Geburtstag. Wir hatten mittags ein Festmahl, das aus Makrelen, Fleischpudding mit Blumenkohl, Reis mit Moltebeeren und Malzextract bestand. Wenn wir gelegentlich einmal Malzextract bekommen, so nehmen wir ihn nicht eßlöffelweise, wie auf der Gebrauchsanweisung steht, sondern flaschenweise, was uns vorzüglich bekommt. Am nächsten Tage kamen Sverdrup und ich auf einer herrlichen Schneeschuhpartie wieder auf unser Lieblingsthema zu sprechen, auf den Zug nach dem Pole und von dort zurück nach Spitzbergen. Er wisse noch nicht, ob Nansen ihn vom Schiffe fortlassen werde, sagte er mir; er glaube beinahe, Nansen wolle die Expedition selbst unternehmen. Es wurden Versuche angestellt, beladene Schlitten auf Schneeschuhen und ohne diese zu ziehen. Die Schlitten trugen eine Last von 120 Kilogramm; aber wir hatten keine ordentlichen Zuggeschirre, und bei der gegenwärtigen Beschaffenheit des Terrains ging es auf canadischen Schneeschuhen entschieden besser. Drei Hunde wurden vor einen Schlitten gespannt, die ihn ohne die geringste Anstrengung zogen. 10. October. Heute ist Nansen's Geburtstag. Auf dem Besanmaste weht die Flagge, und die Kajüte ist festlich decorirt. Es waren -30°. Wir hatten vormittags einen weiten Ausflug auf Schneeschuhen gemacht. Pettersen hatte sich unterdessen aufs äußerste angestrengt, um uns ein auserlesenes Mittagessen zu liefern, wozu Blessing Lysholmer Kornbranntwein spendirte. Gleich nach Tisch wurde Kaffee getrunken, Nansen theilte uns von seinem Cigarrenvorrathe mit, und abends gab es wieder das übliche Festmahl. In den darauffolgenden Tagen wehten gute Winde aus Süden und Südosten, sodaß wir am 21. October den 82. Grad passirten. An diesem Abend ging es an Bord so lustig her wie seit langem nicht; wir spielten auf dem Harmonium und tanzten wie toll nach der nichts weniger als flotten Tanzmusik. Am selben Tage fanden wir auch die Fährten eines alten und zweier jungen Bären; sie hatten von dem Schiffe keine Witterung gehabt, aber die Schneeschuhspuren schienen sie außerordentlich interessirt zu haben. Wir haben wieder gelothet und in einer Tiefe von 3500 Meter Grund gefunden. Am 31. October war wieder ein Festtag an Bord: Sverdrup wurde 40 Jahre alt. »Das kann man übrigens gar nicht so genau wissen«, sagte er, denn er besitzt zwei verschiedene Geburtsscheine. 4. November. Ein wenig Abwechselung in unserm einförmigen Leben. Peder entdeckte westlich vom Schiffe eine Bärin mit zwei Jungen. Da wurde es bei uns lebendig. Sverdrup, Mogstad, Peder und ich eilten fort, obgleich es nicht gerade vortheilhaftes Licht zum Schießen war; fast alle Hunde hatten sich uns angeschlossen. Nach einer Viertelstunde erblickten wir drei Bären, die ruhig, viel ruhiger als bei Tageslicht, nach Südwesten fortbummelten. Die Hunde waren sehr muthig, da sie uns hinter sich wußten. Wir näherten uns den Bären rasch, mußten aber auch ziemlich dicht an sie heran, da wir das Visir nicht gebrauchen konnten, sondern am Laufe entlang zielen mußten. Die Bären machten halt und drehten sich um, als sie merkten, daß die Hunde zu dreist wurden; sofort schwenkten diese wie auf Kommando alle in einer zu unserm Wege senkrechten Linie seitwärts ab. Die Bärin bot uns nun ein gutes Ziel dar, als sie mit ihren Jungen auf uns und die Hunde zueilte und mit den Tatzen nach ihnen ausholte. Wir knieten nieder und schossen. Peder's Gewehr ging wie gewöhnlich nicht los; Mogstad hatte zwei Versager, doch als Sverdrup und ich schossen, fiel auch sein Schuß. Die Bärin hatte schon mit der ersten Salve genug bekommen, jedenfalls so viel, daß sie uns nicht mehr entwischen konnte. Das eine der Jungen war durch eine Kugel sofort niedergestreckt worden, das andere wurde von den Hunden umringt, die es zu Boden warfen und tüchtig zerrten und bissen. Einige Hunde wollten, sobald sie merkten, daß die Bärin verwundet worden war, mit ihr ebenso verfahren, aber diese richtete sich wieder auf und schlug nach ihnen. Peder gedachte ihr den Garaus zu machen, seine Flinte streikte jedoch wieder. »Schießt doch, sie will nicht losbrennen!« rief er uns zu, worauf die Bärin eine Kugel durch den Kopf bekam. Die Hunde waren auf das eine Junge ganz versessen, sodaß Mogstad mit Mühe und Noth dazu kommen konnte, es zu erschießen, und hinterdrein bissen sie, besonders »Suggen« und »Ulenka«, wie rasend in die tobten Bärenleiber. Alles ging mit Windeseile vor sich; zwölf Schüsse waren im ganzen gefallen, und nach wenigen Minuten lagen die Bären todt am Boden. Jetzt kam auch Nansen herbei. Er hatte uns von weitem gesehen, konnte aber nicht unterscheiden, was wir trieben, als wir so nach allen Richtungen hin schossen. Der Braten war uns um so willkommener, als wir seit geraumer Zeit kein frisches Fleisch mehr gehabt hatten. Nachher hieß es, die Gewehre putzen und von Vaseline befreien, damit sie uns ein andermal, wenn es galt, nicht wieder versagen konnten. Peder war die ganze Zeit über auf weiten Ausflügen mit den Hunden mit einem solchen Gewehre herumgelaufen; wenn er nur eine Flinte hatte, mußte es gut sein. Hätte er wieder einen Kerl getroffen wie den, der ihn in die Seite gebissen hatte, ich glaube, es wäre ihm schlecht ergangen. An den letzten Abenden haben wir prachtvolle Nordlichter beobachtet. Sie spielten in allen Regenbogenfarben und erglänzten trotz des starken Mondscheins außerordentlich hell. Mit unglaublicher Schnelligkeit breitete sich das Nordlicht lautlos in beständigem Farbenwechsel in Zungen, Wellenlinien, Streifen, Wirbeln, Draperien, Bogen und Bändern über das halbe Himmelsgewölbe aus. Im Norden sahen wir das Nordlicht am seltensten, wir scheinen uns also nördlich von dem eigentlichen Nordlichtgürtel zu befinden. Blessing hat die Nordlichtbeobachtungen bei Tage übernommen, während nachts der jeweilige Wachthabende die vorkommenden Nordlichter in ein Journal einträgt und sie eventuell auch gleich skizzirt. 17. November. Heute ebenfalls Südwestwind, 5 bis 6 Meter in der Secunde. Temperatur -29º. Bei Tage sind wir in den Freistunden mit Flickereien beschäftigt. Alte Hosen und wollene Unterjacken werden zerschnitten und davon Fußlappen gemacht oder die Löcher in den Strümpfen damit gestopft. Wir werden alle noch ausgelernte Flickschneider; liefern wir auch keine hübsche Arbeit, so hält sie doch gut, und das ist die Hauptsache. Ein kleiner Hund vom letzten Wurfe hatte heute eine gehörige Fahrt auszustehen; er gerieth in die Windmühlenachse und wurde von ihr herumgewirbelt, bis es Bentsen, der auf Deck war, gelang, die Mühle anzuhalten und ihn zu befreien. Der Hund stieß ein fürchterliches Geheul aus, aber als er in den Salon hinabgebracht wurde, der für ihn eine ganz neue Welt war, faßte er sich wieder. Der Aermste war ein wenig lahm, aber doch unverletzt, was eigentlich nicht zu erwarten gewesen. Der Hund wurde »Axel« getauft und lebt noch heute. 19. November. Heute fragte mich Nansen, ob ich bereit wäre, ihn auf einer Expedition nach dem Nordpole zu begleiten. In Sverdrup's Gegenwart theilte er mir seine darauf bezüglichen Pläne mit. Sie laufen im großen und ganzen darauf hinaus, daß wir Ende Februar oder Anfang März nächsten Jahres das Schiff verlassen. Alle 28 Hunde werden mitgenommen, dazu 4 Schlitten, die von je 7 Hunden gezogen werden. Wir gehen direct nach Norden zum Pole, von da begeben wir uns im besten Falle nach Spitzbergen, schlimmstenfalls aber nach Franz-Joseph-Land. Die bisherigen Berechnungen ergeben, daß wir zu Anfang Juni bei Kap Fligely (82º 5' nördlicher Breite) sein können, wenn es uns gelingt, im Durchschnitt täglich 15 Kilometer zurückzulegen, und dann bliebe uns noch für 18 Tage Proviant, nachdem wir alle Hunde bis auf fünf zur Nahrung für die andern geschlachtet haben. Wir nehmen für die Hunde nur auf 50 Tage Proviant mit. Zwei Einmannkajaks sollen ebenfalls mitgenommen werden. Von Franz-Joseph-Land aus heißt es nach Spitzbergen oder Nowaja Semlja zu kommen, um Fangschiffer zu treffen. Wenn wir eine dieser Küsten erreicht haben, werden wir im Nothfalle von der Jagd leben müssen. Dies ist in großen Zügen der Plan, den mir Nansen im Verlaufe von beinahe drei Stunden ausführlich auseinandersetzte. Nansen betonte den Ernst dieses Unternehmens. Das Risico sei für uns beide gleich groß. Bekämen wir Skorbut, so seien wir rettungslos verloren. Er habe sich mit der Frage an mich gewandt, weil er mich zu einer solchen Reise für geeignet halte, bitte mich aber, mir die Antwort zu überlegen. Ich hatte mich in der letzten Zeit in Gedanken viel mit einer solchen Reise beschäftigt, veranlaßt durch Gespräche mit Sverdrup, der mir die Möglichkeit meiner Theilnahme an der Reise in Aussicht gestellt hatte, und auf Grund des an Bord bei den Kameraden darüber umgehenden Gerüchts. Daher antwortete ich, daß ich keiner Bedenkzeit bedürfe, mir die Sache vielmehr schon überlegt habe und zum Mitkommen bereit sei. Natürlich müsse ich es als eine Auszeichnung ansehen, daß die Wahl auf mich gefallen sei. Ich werde jedenfalls mein Bestes thun, damit wir ein glückliches Resultat erzielen. Sollte es anders gehen, so sterben wir wenigstens keines schimpflichen Todes. Doch wir wollen hoffen, daß uns die Heimat mit ihrer Sonne und ihrem Vogelgesange nächsten Sommer mit offenen Armen empfangen wird und daß wir uns dessen, was uns theuer ist, freuen können; denn dies alles ist ja dort, in der Heimat! Siebentes Kapitel. Die härteste Prüfung der »Fram«. 20. November. Wir befinden uns jetzt nördlich vom 82. Grade. Am Abend berief Nansen uns alle in den Salon, wo er uns vor einer Karte des Polargebietes einen längern Vortrag hielt. Er begann mit der Geschichte unserer Expedition und den Voraussetzungen für dieselbe, verweilte bei den Kenntnissen, die man von den Eisverhältnissen im Polarmeere hat, und bei unsern in Bezug auf die Eisdrift gemachten Erfahrungen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde die »Fram« ihren Weg wie berechnet fortsetzen und höchstens eine kleine Abweichung nach Süden machen. Doch zu allen Zeiten hätten die Nationen soweit wie möglich nach Norden vorzudringen versucht; der Pol selbst sei das Ziel gewesen, und es handle sich nun darum, ob nicht auch wir den Versuch machen müßten, ihn zu erreichen. Es würde sich kaum in einem Menschenalter wieder eine so gute Gelegenheit bieten wie im nächsten Frühling, da dann eine Schlittenexpedition einen viel nördlichern Ausgangspunkt haben würde als je eine Expedition vor ihr. Er habe beschlossen, daß zwei von uns, er und ich, auf eine solche Expedition ausziehen sollten. Er entwickelte dann den Plan der Reise und die von ihm darüber angestellten Berechnungen. Es sei denkbar, daß der »Fram« auf ihrer Drift etwas zustoße. Die Pressungen könnten zu stark werden, auch könnte sie ans Land gedrückt werden oder gar, was das Allerschlimmste wäre, verbrennen. Er verbreitete sich nun darüber, daß es der Besatzung möglich sein müsse, sich dann auf das nächste Land zu retten; denn es sei wenig oder gar keine Aussicht, daß die »Fram« so weit nach Norden treiben könnte, daß das Erreichen von Land mit ungeheuern Schwierigkeiten verknüpft sei. Dagegen sei es möglich, daß die »Fram« im nächsten Sommer wieder in offenes Wasser käme. Der Vortrag war sehr interessant, und wir hörten ihm alle mit gespanntestem Interesse zu. Nun begann an Bord der »Fram« eine emsige Thätigkeit, da die Ausrüstung der Schlittenexpedition beschafft werden sollte. Diese Ausrüstung kostete uns nicht wenig Arbeit und machte dem Chef, der dabei alles aufs beste ausdenken mußte, viel Kopfzerbrechen. Zu einer solchen Expedition gehören gar manche Dinge und nichts darf übersehen werden. Eine nach Nowaja Semlja abgeschickte russische Expedition z. B. konnte nichts ausrichten, weil die Schneebrillen vergessen worden waren. Es galt, alles so gut, so zweckmäßig und so leicht wie möglich einzurichten. Besonders das Gewicht spielt eine große Rolle; ein paar Kilogramm in der Verpackung weniger bedeuten für uns Proviant für ein paar Tage mehr. Meine Mitwirkung bei den meteorologischen Beobachtungen an Bord hörte jetzt auf, und Scott-Hansen erhielt in Nordahl einen neuen Gehülfen. Nansen hat ein einsitziges Kajak angefertigt, und Mogstad wird ein zweites bauen. Diese Fahrzeuge sind uns unentbehrlich, da wir über Rinnen zu setzen und es auch in der Nähe des Landes, sei es Spitzbergen oder Franz-Joseph-Land, immer mit offenem Wasser zu thun haben werden. Die Kajaks werden aus Bambusrohr gemacht und mit Segeltuch überzogen. Nansen und ich selbst sind gerade dabei, die Bezüge zu nähen. Die Kajaks sind breiter als die der Eskimos und nicht so lang, damit sie stabiler und im Eise auf den Schlitten zu manövriren sind. In der Mitte ist eine Oeffnung mit einem Holzringe, über den wir den untern Rand unsers Kajakpelzes ziehen. Schnüren wir dann unsere Kapuze und die Aermel am Handgelenk zu, so sitzen wir beim stärksten Seegange im Trockenen. Vorn und hinten sind Oeffnungen, damit der Proviant und andere Geräthe leicht erreichbar sind. Scott-Hansen und ich tragen jeder zwei Uhren und vergleichen sie täglich mit den großen Chronometern, um ihren Gang genau zu bestimmen; die beiden besten wollen wir dann mitnehmen. Sverdrup näht zwei Schlafsäcke und nimmt dazu Renthierkalbfell, damit sie recht leicht werden. Juell ist Sattler; er hat den Hunden Maß genommen und macht für sie ein neues starkes Geschirr von Segeltuch. Diejenigen Hunde, die sich gern losbeißen, erhalten einen Einschlag von Stahldraht, an dem sie ihre Zähne versuchen können. Mogstad, der in jeder Hinsicht außerordentlich geschickt ist, wird die Schlitten, die wir mitnehmen, anfertigen. Die Schlittenexpedition ist selbstverständlich tagsüber das beliebteste Unterhaltungsthema. Wir besprechen das Für und Wider, die Beschaffenheit des Eises, die Rinnen, die Leistungsfähigkeit der Hunde, den Proviant, die Kälte u. s. w. Alle wünschen uns Glück und Erfolg auf den Weg. Ihre Briefe an ihre Lieben daheim werden wir treu befördern. Es wird eine einzig dastehende Postverbindung, die von uns in Betrieb gesetzt werden soll; dicke Briefe können wir natürlich nicht befördern; darum heißt es mit den Worten sparsam sein. Die Tage gehen schnell dahin; bald sind wir mitten in unserer zweiten Polarnacht. Es ist dieselbe traurige Dunkelheit, aber die Kälte scheint mir nicht mehr so lästig wie im vorigen Jahre; die Kameraden sind anscheinend derselben Ansicht. Im Gegensatz dazu sollen die Theilnehmer der Tegetthoff-Expedition gefunden haben, daß sie die Kälte im ersten Jahre am besten ertragen konnten. Die Hunde halten jetzt nachts bisweilen Heulconcerte ab, gerade so, wie sie es im vorigen Jahre thaten, als sie auf Deck angebunden waren. Alle an Backbord Einquartierten, die Wand an Wand mit den Hunden wohnen, sind über diese Concerte wüthend, da sie nachts gar nicht schlafen können; wir andern auf Steuerbord hören jedoch kaum etwas davon. Das Kochen ist auf unserer bevorstehenden Reise ein sehr wichtiges Ding. Wir beschäftigen uns daher mit Kochversuchen in einem Zelte, das wir neben dem Schiffe aufgeschlagen haben. Das Zelt, das wir mitnehmen werden, gleicht ungefähr einem Zelte für vier Soldaten und ist aus einem Stück Rohseide gearbeitet. Zu unterst in einer der Kanten ist ein Schlitz, der als Eingang dienen soll. Wir richten das Zelt mit Hülfe eines Schneeschuhstocks auf und machen die Strippen mit kleinen Holzpflöcken fest. Nansen und ich machten im Mondscheine einen Schneeschuhausflug, um zu sehen, wie es sich in den Wolfsfellanzügen läuft. Die Bahn war, ausgenommen auf den Rinnen, nicht schön, und die Temperatur betrug -42º. Wir schwitzten beide entsetzlich und fanden die Wolfsfellanzüge für das Schneeschuhlaufen bei dieser Temperatur viel zu warm. Es war aber doch sehr angenehm, wieder einmal hinauszukommen, da sich jetzt bei der Dunkelheit zu weitern Touren selten Veranlassung bietet. Im December wehten oft südöstliche Winde, und am 13. konnten wir ein Fest feiern zu Ehren der »Fram«, die von allen Schiffen am weitesten nach Norden vorgedrungen war, denn die Ortsbestimmung ergab, daß wir uns auf 82º 30' nördlicher Breite befanden. Von nun an verfolgten alle Mann die Ortsbestimmungen mit gespanntestem Interesse. Sobald Hansen eine Sternhöhe genommen hatte, mußte er uns unsere gegenwärtige Lage ausrechnen. Besonders nach südöstlichen Winden waren wir auf das Resultat seiner Berechnungen gespannt, und manche Brotration wurde bei den Wetten über unsere Fortschritte verloren. In dem Wasserloche, aus dem wir unsere Wasserproben holten und in dem die Temperatur des Wassers gemessen wurde, hing an einer langen Leine ein Fangnetz von dünnem Seidenzeug zum Sammeln kleiner Seethiere. Aus der Stellung dieser Leine konnten wir auf den Gang unserer Drift schließen. Zeigte sie nach Süden, so wußten wir, daß die Eisfläche nach Norden vorrückte. Peder konnte aus ihrer mehr oder weniger schrägen Lage sogar bis auf die Minute erkennen, wie weit wir getrieben waren. Nie waren wir fröhlicherer Laune, als wenn die Leine in südlicher Richtung unter dem Eise »trocken« lag und die Windmühle mit gerefften Segeln von einem scharfen Südost herumgejagt wurde, denn dann wußten wir, daß wir uns dem offenen Wasser im Norden näherten, und wir beide, die wir ausziehen sollten, freuten uns, weil der Wind uns den Weg nach dem Pole verkürzte. Wiederholt machten wir den Versuch, die Hunde schwer beladene Schlitten ziehen zu lassen, und wechselten dabei die Gespanne, sodaß wir gute und schlechte zusammenbrachten. Die Versuche fielen gut aus: auf ebenem Eise ging es ausgezeichnet; aber Hindernisse nahmen sie noch nicht. Ohne Raufereien geht es dabei natürlich nicht ab; die beiden Todfeinde »Pan« und »Narnet« beißen sich ineinander fest, sowie sich Gelegenheit dazu bietet, und wir können sie oft nur mit größter Mühe wieder auseinander bringen. Scott-Hansen stellt seine magnetischen Beobachtungen jetzt in der Schneehütte an, die wir beide errichtet haben; es gefällt ihm darin ausgezeichnet. Dort ist es, wie er sagt, so gemüthlich warm, nur einige zwanzig Grad Kälte, und dazu ist es unter der weißen, reinen, gewölbten Decke bei dem Lampenlicht hell und schön. Er steht oft den halben Tag darin, »kratzt sich den Kopf« und lauert auf den Ausschlag der Magnetnadel. Der Mensch besitzt wirklich merkwürdige Geduld und Ausdauer und dabei eine gute Laune, die sich nie trüben läßt. Weihnachtsabend. Der Wind weht stark aus Südosten, und das Barometer ist bis auf 726,7 Millimeter gefallen. Es ist doch ein gar zu schönes Gefühl, in einem festen, warmen Hause zu sein, wenn hier oben in der Polarnacht der Sturm über die Eisfelder heult! Uns, die wir vom Lärme der Welt und ihren Weihnachtsvorbereitungen soweit entfernt sind, erscheint der Heilige Abend wie ein gewöhnlicher Tag. Es ist ein stilles Fest, das wir Dreizehn feiern. Heute haben wir im Salon und in den Kabinen rein gemacht; eine gründliche Säuberung ist es allerdings nicht gewesen, aber wir sind doch damit zufrieden. Augenblicklich ist der Himmel Tag und Nacht so bewölkt, daß wir gar keine Beobachtungen machen können. Doch läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß wir schon ein gutes Stück über den 83. Grad hinaus sind; vielleicht wird es sogar unser Weihnachtsgeschenk, daß wir 83° 24' erreichen, die nördlichste Breite, auf der je ein Mensch gewesen ist. Nansen und Blessing waren den ganzen Tag oben im Arbeitsraume mit einem geheimnißvollen Gebräu beschäftigt. Als die Flaschen am Abend auf den Tisch kamen, zeigte es sich, daß sie nichts Geringeres als Champagner, »Polarchampagner 83. Grad«, enthielten, gewiß ein in der Welt einzig dastehendes Getränk. Es war aus Spiritus, Eingemachtem, Wasser und Backpulver gebraut worden; auf jeden von uns kamen zwei halbe Flaschen. Aber die rechte Champagnerstimmung schien zu fehlen; es ging am Weihnachtsabend nicht lebhaft her. Wir sind still, und oft entstehen Pausen in der Unterhaltung, die deutlich erkennen lassen, daß wir mit unsern Gedanken anderswo sind. Und ist es denn zu verwundern, daß wir an einem solchen Abend mit unsern Gedanken dort weilen, wo wir am liebsten sein möchten? Nein, niemand kann es uns verdenken, daß wir still sind, trotzdem wir es an Bord so gut haben. Zu essen haben wir vielleicht mehr und besser, als manch einer bei uns in der Heimat am Weihnachtsabend hat, und wir sitzen hier mitten in der Eiswüste im warmen Zimmer, aber Gefangene sind wir doch. Fern von der Welt liegen wir in einem gefrorenen Meere fest, wo alles Leben erstarrt und dessen Untersuchung schon manches Menschenleben gekostet hat. In solcher Umgebung, nach jahrelanger Trennung von der Heimat muß man wol an das denken, was man verlassen hat. Am ersten Weihnachtstage gab es »Polar-Curaçao«, der wirklich gut war, und abends wurde nach Mogstad's Geige getanzt. Wir lasen dieselben Weihnachtsnummern und besahen dieselben Illustrationen, die wir uns vorige Weihnachten aus der Bibliothek geholt hatten. Das Eis ist heute Nacht dicht beim Thermometerhause geborsten, sodaß wir die Instrumente schleunigst bergen mußten. Es ist wieder die alte Rinne, die nun schon bald ein halbes Jahr zugefroren war. Auf den zweiten Weihnachtstag fiel Juell's Geburtstag. Blessing hatte noch zwei Flaschen Cognak und spendirte uns einen richtigen steifen Grog. Unser hauptsächlichstes Weihnachtsspiel ist Halma zu Vieren; Amundsen ist wie gewöhnlich unser Drehorgel-Kapellmeister, besonders ein alter monotoner Walzer spricht ihn so an, daß wir ihn manchmal beim Drehen ablösen müssen. Die Hunde draußen auf dem Eise in der immerwährenden Dunkelheit kennen freilich kein Weihnachtsfest, aber sie haben auch ihre Aufgabe zu erfüllen, und vielleicht nicht die am wenigsten wichtige. Bei unserer bevorstehenden Expedition erscheint es mir als das Allerschwerste, daß wir diesen Thieren das Leben nehmen müssen, nachdem sie gethan, was in ihren Kräften stand, um uns ans Ziel zu bringen. Am nächsten Tage lotheten wir mit 3400 Meter Leine, ohne jedoch auf Grund zu stoßen. Nachmittags wurde die »Fram« durch einen ziemlich starken Stoß erschüttert, der uns daran erinnerte, daß sich das Eis in Bewegung gesetzt hatte, und am Tage darauf preßte es sich in der Rinne so anhaltend und mit solcher Kraft zusammen, daß das Schiff in seinem festen Lager mehrmals schwankte. Nicht weit vom Buge hatte sich ein großer Eisrücken gebildet. Am 31. December 1894, am letzten Tage des alten Jahres. Willkommen du neues Jahr, möchtest du uns Glück bringen! Licht bringst du uns ja in jedem Falle mit. Könntest du uns nicht auch mehr Licht in das, was uns auf unserer Erde noch dunkel ist, bringen? Wir wollen es hoffen! Heute sind wir auf 83° 20,7' nördlicher Breite und 105° 2' östlicher Länge. Die Temperatur beträgt -41,5°. Die Kabinen haben im Laufe der Zeit folgende Namen bekommen: Sverdrup's Kabine heißt »Altersruhe«, die Blessing's »Linderung«, der Schlafraum an Backbord, den Jacobsen, Bentsen, Mogstad, Nordahl und Hendriksen einnehmen, »die ewige Ruhe« und der an Steuerbord, den Amundsen, Juell, Pettersen und ich theilen, »der geheimnißvolle Raum«. Hansen wohnt im »Hotel garni« und Nansen im »Phönix«. Am Sylvesterabend erwarteten wir bei einer Bowle »Polargrog« das neue Jahr. Nansen brachte ein Hoch auf das alte Jahr aus, das viel schneller hingegangen, als er und wir alle gedacht, und meinte, dies sei dem guten, zwischen uns herrschenden Verhältnisse zuzuschreiben. Wenn auch manchmal Reibungen vorgekommen seien und jeder von uns gelegentlich seine trüben Stunden gehabt habe, so sei das Zusammenleben doch gut gewesen und wir seien dem alten Jahre dafür Dank schuldig. Beim Schlage Zwölf leerten wir unsere Gläser auf das alte Jahr, wozu Blessing Lysholmer Kornbranntwein spendirte. Zu allgemeinem Erstaunen ergriff Sverdrup sein Glas und sagte in seiner ruhigen Weise, daß er der Expedition, besonders aber den beiden zu Schlitten Ausziehenden, für das nächste Jahr alles Gute wünsche, worauf Nansen die an Bord Zurückbleibenden leben ließ. Nansen sagte, es gäbe ein irisches Sprichwort, das ungefähr so laute: »Sei glücklich; wenn du nicht glücklich sein kannst, sei sorglos; und wenn du nicht sorglos sein kannst, sei wenigstens so sorglos wie möglich.« Dies wolle er denen, welche zurückbleiben, ans Herz legen. Richteten sie sich nach diesem Sprichworte, so würde auch das kommende Jahr ihnen schnell dahin gehen. Und dieses Jahr würde wol das letzte im Eise sein. Wir wachten noch ein paar Stunden in das neue Jahr hinein, bis die Müdigkeit uns zwang, in die Kojen zu kriechen, um wieder aufzustehen, je nachdem die Reihe des Wachehalten einen jeden traf. 2. Januar 1895. Jetzt haben alle Mann angefangen, nach Hause zu schreiben. Es gilt, soviel als möglich auf möglichst wenig Papier zu schreiben. Nach dünnem, starkem Papier und spitzen Federn ist daher große Nachfrage, und alle üben sich in mikroskopischer Schrift. Hansen hat ein wahres Meisterstück geliefert; er hat so klein geschrieben, daß der Brief mit der Lupe gelesen werden muß. Das Eis ist in der letzten Zeit in beständiger Bewegung gewesen; gestern bekam das Schiff einen so heftigen Stoß, wie wir ihn seit dem vorigen Winter nicht gehabt haben. 3. Januar. Ueber Nacht war es still, aber von 4 ½ Uhr morgens bis nach 9 Uhr preßte sich das Eis an Backbord stark zusammen. Immer näher und höher wälzte es sich an das Schiff heran, das von Zeit zu Zeit von dem Drucke erschüttert wurde, der sich durch das unten liegende Eis hindurch fortpflanzte. Hansen und ich machten in der Dunkelheit die Runde, um uns die gräßliche Verheerung anzusehen. An Backbord, ungefähr 18 Schritt vom Schiffe, stand ein ansehnlicher Eisrücken, vor dem an der der »Fram« zugekehrten Seite das Eis auseinandergerissen war. An seiner andern Seite, hinter dem Zelte und dem Beobachtungshause, verlief eine Rinne in schräger Richtung nach dem Achterende des Schiffes. Im Laufe des Vormittags kam es hin und wieder zu Pressungen, und hinten bei der neuen Rinne barst das Eis an verschiedenen Stellen. Nach Tisch fingen die Pressungen wieder an; der Eisrücken an Backbord glitt bis dicht an den Riß vor dem Schiffe heran. Wir mußten schnell den Samojedenschlitten mit den Lothungsgeräthen und einen zweiten beladenen Schlitten, die wir dort stehen hatten, in Sicherheit bringen. Während wir beim Abendbrot saßen, gab es wieder einen Stoß; es stellte sich heraus, daß unsere Scholle von neuem an mehrern Stellen in der Mitte und am Buge des Schiffes geborsten war. Unsere feste Scholle, auf die wir so stolz waren und auf der wir uns so sicher fühlten, fängt also nun auch an, sich in kleine Stücke aufzulösen und an den Pressungen theilzunehmen. Wir haben heute alle Vorbereitungen für den Fall getroffen, daß wir genöthigt sein würden, die »Fram« plötzlich zu verlassen. Die Schlitten liegen auf Deck bereit, der Proviant ist heraufgeholt und vertheilt, die Hundekuchen sind auf das Eis gebracht und die Kajaks gebrauchsfertig gemacht. Noch ist die Hauptmasse unserer Scholle, der feste Kern, in dem die »Fram« liegt, nicht angegriffen worden. Wir sind alle der Ansicht, daß es ungeheurer Kräfte bedarf, um Eismassen so durcheinanderzuwerfen, wie wir es hier sehen. Millionen Pferdekräfte gehören dazu, meint Amundsen, und hätte die »Fram« sich nicht gehoben, sodaß das Eis unter ihrem Kiele nach Belieben weiter pressen konnte, so würde sie eine solche Pressung wol kaum ausgehalten haben. Aber sie ist so gebaut, daß sie es konnte, und in eine noch gefährlichere Lage, als sie bei diesen Pressungen war, kann sie schwerlich kommen. Liegt sie doch wie in einem Schraubstocke und muß den Druck der von der einen Seite herandrängenden Eisrücken aushalten. Wir spielten abends gerade Halma zu Vieren, als eine starke Pressung das Schiff erschütterte. Peder stürmte mit der Meldung in die Thür, daß die Hunde im Begriffe seien, zu ertrinken. Alle Mann eilten auf Deck, aber Peder hatte die erschreckten Thiere, die in ihren Hütten bei dem immer höher steigenden Wasser laut winselten, schon befreit. Wir brachten nun Proviant nach dem 200 Meter vom Schiffe entfernten Großen Hügel, wozu wir uns dreier Schlitten bedienten. Dann holten wir aus dem Großraume und dem Vorraume Lebensmittel für Menschen und Thiere, Pemmikan, Brot, Chocolade und allerlei Fleisch. Die Hunde liefen aufgeregt umher; sie schienen etwas Besonderes zu erwarten und suchten vergeblich nach ihren alten Schlafstätten. Lange dauerte es, bis sie hier und da unter einem Eisblocke zur Ruhe kamen. Da jeder Mann einen Sack und die nöthige Kleidung bekommen hat, brauchen wir nur die Säcke auf das Eis zu werfen, wenn die Pressungen uns überrumpeln sollten. Freitag Abend begann die Wache wie gewöhnlich um 11 Uhr. Das Eis war unruhig; schwere Eisrücken drängten auf der Backbordseite heran. Die Partie zwischen dem Schiffe und der Rinne preßte sich zusammen, die auf ihr befindlichen Schneelager stäubten bis zu uns hinüber, und es entstanden Querrisse, deren Ränder sich nach und nach unter dem anhaltenden Drucke der Eisrücken aufwärts bogen. Ich hatte von 1 bis 2 Uhr die Wache; die Pressungen dauerten fort. Manchmal gab das Eis Laute von sich wie ein lebendes Wesen; es waren hohe und wieder unbeschreiblich tiefe Töne, die sich in der Nacht geradezu abscheulich anhörten. So hielt es die ganze Nacht bis morgens 5 Uhr an, wo alle Mann alarmirt wurden. Der Eisrücken war beinahe bis an die Lenzluke vorgerückt. Wir mußten nun die Proviantkisten nach unserm Depot am Großen Hügel schaffen, und das Hin- und herziehen der Schlitten in der Dunkelheit fing wieder an. Im Schiffsraume wurde tüchtig herumgewirthschaftet, um die nothwendigen Lebensmittelsorten herauszufinden, und wir hatten bis Mittag recht schwer zu arbeiten. Patronen wurden vertheilt, jeder bekam 10 in seinen Sack, und eine Kiste mit Schrot- und Kugelpatronen wurde nach dem Depot gebracht. Dann aßen wir zu Abend, später als wir es sonst Sonnabends thun, und hofften auf eine gute Nachtruhe. Es sollte aber anders kommen. Um 8 Uhr begannen die Pressungen wieder, und diesmal wurde es ernst. Die Eismasse zu unserer Linken wälzte sich über das auf dem Vorderdeck ausgespannte Schneesegel hin bis zur Kommandobrücke empor. Jetzt galt es also, sich zu retten; der Ruf »Alle Mann auf Deck« ertönte. Nansen hatte ihn ausgestoßen. Dieser war gleich im Anfang auf Deck geeilt und hatte die Hunde, die das Schneesegel vor dem stürzenden Eise beschützte, losgemacht. Es war wirklich ein Wunder, daß das Segel hielt. Ich war gerade dabei, die Strümpfe auszuziehen, und stand sehr leicht gekleidet in der Küche, wo ich gewartet hatte, bis nach Sverdrup die Reihe des Waschens an mich kam. Ich hatte mir eben erst die Hände naß gemacht, als der Alarmruf laut wurde. Es war ungemüthlich, dazusitzen und sich wieder anzuziehen, während einer nach dem andern auf Deck verschwand, die Pressungen ein betäubendes Gepolter verursachten und die »Fram« unter dem herandrängenden Eise ächzte. Ich kam nicht früher auf Deck, als bis die Pressung beinahe vorbei war und die andern schon wieder die Treppen hinabstiegen, um die Transportsäcke, die Schlafsäcke und allerlei Kleidungsstücke zu holen. Selbst in diesem Augenblicke, als alles zum Verlassen des Schiffes bereit war, zeigte sich, daß noch mancherlei unbedingt mitgenommen werden mußte. Zum Glück betrug die Temperatur nicht mehr als einige 20 Grad Kälte. Sollte die »Fram« wirklich draufgehen, so waren wir ja auf dem Eise in Sicherheit und hatten dort Hunde, Schlitten, Segel, Zelte, Schlafsäcke, Kleider und Lebensmittel für ein ganzes Jahr. Allerdings waren wir mitten im Meere und von der nächsten bekannten Küste ungefähr 440 Kilometer entfernt. Wir waren gar nicht niedergeschlagen, es schien uns nur merkwürdig, daß das Pressen jetzt mit einem male ganz aufhörte. Es war, als sei die Wuth des Eises gestillt, nachdem es uns vom Schiffe gejagt hatte. Nachher stellte sich heraus, daß die »Fram« sich beinahe um einen Fuß gehoben hatte und nach hinten vorgerückt war. Dabei hatte sie sich auch wieder ein bischen nach Steuerbord geneigt, und die Schlagseite, die in der Nacht auf den Sonnabend noch 7° betrug, ist jetzt 6 ½°. Als alles wieder geborgen war und wir uns nach und nach alle an Bord eingefunden hatten, versammelten wir uns sämmtlich in Sverdrup's Kabine zu einem kleinen fröhlichen Gelage. Sverdrup theilte uns von seinem großen, durch Tauschhandel gewonnenen Honigkuchenlager mit, und wir stießen mit Malzextract darauf an, daß wir noch manches Glas an Bord der »Fram« trinken möchten. Es wurde bestimmt, daß wir die Nacht über an Bord bleiben sollten. Die Wache wurde in gewohnter Weise angetreten, während wir andern uns in die leeren Kojen legten, bereit, beim ersten Alarmrufe auf Deck zu eilen. Unter den gegenwärtigen Umständen wurde jedoch aus dem Schlafen noch weniger als in der vorigen Nacht. Wir lagen eine Welle im Halbschlummer, mußten dann auf Wache und versuchten nachher wieder einzuschlafen. Aber die Nacht verlief ruhig und bisjetzt, da ich am Sonntag Mittag diese Notizen auf ein Stück loses Papier niederschreibe – unsere Tagebücher befinden sich drüben im Depot – haben die Pressungen noch nicht wieder angefangen. Achtes Kapitel. Ein verunglückter Abschied. 6. Januar. Heute Nachmittag waren alle Mann bei der Arbeit, da das Fortschaffen des Eises von der Schiffsseite uns viel zu thun gab. Es ging nicht so schnell, als wir gedacht hatten; zwischen der Windmühle und dem vorderen Rande des Halbdeckes lag eine schwere, mit Schneeschlamm untermischte Eismasse, und wir wunderten uns alle darüber, daß das Schneesegel, das uns wirklich unschätzbare Dienste geleistet hat, eine solche Last hat tragen können. Heute haben wir den Weltrecord geschlagen. Die Beobachtung ergab, daß wir uns auf 83° 34,2' nördlicher Breite und 102° 51' östlicher Länge befinden. Infolge dessen wurde abends ein Fest veranstaltet, bei dem wir aber leider müde und schläfrig waren. Wir tranken Polargrog, aßen Backwerk mit Südfrüchten und legten uns auch in dieser Nacht völlig angekleidet in den leeren Kojen nieder. Ein wenig Pressungen hat es im Laufe des Tages gegeben, aber die »Fram« hat nicht dadurch gelitten. Bald war an Bord wieder alles beim Alten. – Ende Januar und den Februar hindurch fand allgemeine Eisabfuhr statt, mit welcher Arbeit sich die Kameraden sicherlich auch noch beschäftigt haben, nachdem Nansen und ich im März das Schiff verlassen hatten. Pettersen prophezeit hin und wieder guten Wind; es geht ihm aber schlecht, wenn seine Prophezeiung sich nicht erfüllt, wovor er ja auch nicht sicher ist. Vor einiger Zeit sprach er sich ungefähr folgendermaßen aus: »Ich bin allerdings kein Wahrsager, aber ich glaube doch, daß wir bald einen »verteufelten Schub« nach Norden bekommen werden.« Aus dem »verteufelten Schub nach Norden« wurde freilich nichts, aber Pettersen wurde bei jeder Mahlzeit daran erinnert, da er ihn uns doch versprochen habe. Als sich lange Zeit danach ein starker Südost von 10 Meter in der Secunde mit Schneetreiben einstellte, kam Pettersen wieder in die Höhe. 11. Januar. Einige von uns sind heute im Depot gewesen, um den Proviant, die Kleidungsstücke, kurz alles, was dort liegt, zu ordnen. Bisher lagen die Sachen wüst durcheinander, jetzt sind sie ordentlich aufgestapelt. Von jedem liegt auf jedem Haufen etwas, damit wir, wenn es an einer Stelle ein Unglück geben sollte, nicht von einer Art alles verlieren können. 12. Januar. Es läßt sich nicht leugnen, daß wir den schlimmen Einfluß der Polarnacht hin und wieder an uns verspüren. Wie begreiflich sind die Gemüther nicht immer so gestimmt, wie sie es sein sollten. Wenn die Menschen, mit denen man zusammen ist, noch so gut und nett sind, ist es doch eine Kunst, den rechten Umgangston zu treffen. Wir Dreizehn sind ja immer, bei Tag und bei Nacht, unter den stets genau gleichen Verhältnissen beisammen, lernen einander in- und auswendig kennen und müssen natürlich alle kleinen Schwächen und wunden Punkte entdecken. Die Stimmung ist bisweilen gedrückt; man wird leicht streitsüchtig, stichelt aufeinander und »mutzt«, wie man sagt, jede Aeußerung, an der auch nur das Geringste auszusetzen ist, auf, selbst wenn es sich dabei um die gleichgültigste Sache der Welt handelt. Die Vertheilung der Wärme ist jetzt im Salon und in den Kabinen recht ungleich, weil das Schiff nach Steuerbord hinüberneigt; die ganze Wärme hält sich dort beisammen. Leider wohnen aber alle diejenigen, welche die Wärme lieben, an Backbord. Sie heizen daher tüchtig mit Theeröl ein, um eine gemächliche Wärme zu erzielen, während es bei uns an Steuerbord so heiß ist, daß wir oben auf unsern Schlafsäcken liegen, ja, Hansen rechnet seine Beobachtungen in seiner Kabine manchmal bei ganz entblößtem Oberkörper aus. Am meisten hatten wir davor Furcht, daß wir auf unserer Schlittenexpedition ein Bein oder einen Arm brechen könnten. Damit wir uns auch für diesen Fall zu helfen wüßten, mußten wir lernen, wie das Einschienen vorgenommen und wie ein Nothverband angelegt wird. Blessing hielt uns eines Abends einen Vortrag und zeigte uns, wie wir es machen müßten. Nansen saß auf dem Tische im Salon; er stellte einen Verletzten vor, der ein Bein gebrochen hatte, und wir andern sahen zu, wie der Doctor es anstellte. Als Nansen fertig war, kam die Reihe an mich; ich hatte einen Schlüsselbeinbruch. Blessing's Unterricht war leichtfaßlich und interessant, aber beide hofften wir, daß wir nie Gelegenheit haben möchten, unsere neuerworbenen Kenntnisse verwerthen zu müssen. Jacobsen baute mit Hülfe einiger der andern in dem zusammengepreßten Eise an Backbord aus Eis eine prächtige Schmiede. Dort war jetzt bei Tag beständig Feuer in der Esse. Pettersen ließ den Hammer auf den Amboß niedersausen und war nicht wenig stolz darauf, daß er der nördlichste Schmied der Welt war, der bei 40° Kälte in einer Eisschmiede arbeitete, wo er von der Hitze nicht zu leiden und an Feuerversicherung nicht zu denken brauchte. Er schmiedete für die Schlittenexpedition ein Beil mit einem Blatte von der Größe einer Streichholzschachtel und konnte gar nicht begreifen, was wir mit einem so »verteufelt kleinen« Dinge wollten. Dann machte er für Nansen einen kleinen Bärenspeer, der jedoch nie einen Bären bedroht hat, sondern als Löthkolben benutzt und über unsern Thranlampen erhitzt wurde, als wir die Nähte unserer Kajaks auf dem Eise mit Stearin dicht machten. Wir hatten aber auch einen richtigen Löthkolben mitgenommen und bedienten uns desselben ebenfalls. Die Schmiede wurde noch zu vielen andern Dingen benutzt. Die Schneeschuhe mußten sorgfältig mit einer Mischung von Theer, Talg und Stearin getränkt werden. Wir bedurften einer ziemlichen Auswahl von Schneeschuhen aus Birken-, Ahorn- und Hickoryholz, die alle stark und gut getränkt sein mußten, damit sie bei jeder Art Bahn zu gebrauchen waren. Die Schlittenkufen wurden mit derselben Mischung getränkt, ehe wir die neusilbernen Beschläge aufnieteten; wir präparirten sie in einem Kessel über dem Feuer mit Dampf, damit sie sich biegen ließen. Mogstad fertigte aus Ahornholz dünne Unterkufen an, die er über den Neusilberschienen befestigte. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß eingetheerte Holzkufen in der Kälte viel leichter glitten als Metallschienen, und außerdem machten diese doppelten Kufen die Schlitten bedeutend stärker. Sobald die Kälte nachließ und die Ladung sich vermindert hatte, brauchten wir nur die Unterkufen zu entfernen, um funkelnagelneue Neusilberschienen zu erhalten, die bei wärmerm Wetter besser glitten. Pettersen hat eine Drahtstiftfabrik eingerichtet, Mogstad löthet Neusilber mit Schlagloth. Bei dieser Gelegenheit ist zum ersten und einzigen male an Bord Nachfrage nach Geld gewesen; Hansen hatte ein Fünfkronenstück in Gold, das jedoch nicht zu brauchen war, da es klingendes Silber sein mußte. Schließlich gelang es Mogstad, noch ein Paar Fünfzigörestücke aufzutreiben, mit denen er löthen konnte. Beim Löthen entstand eine kleine Feuersbrunst; die Lampe explodirte, und jetzt haben wir auf unserm schönen Tische einen großen Brandfleck. Amundsen hat sich in der letzten Zeit sehr mit der Ausbesserung der Windmühle abquälen müssen, die schon zu alt wird und deren Getriebe sehr abgenutzt ist. Es war ein saures Stück Arbeit, in der Kälte oben auf dem Maste in den harten Rädern des »Franz Joseph«, wie er die Mühle nennt, zu bohren. Er will sehen, ob er sie nicht doch wieder in Bewegung setzen und zum Füllen der Batterien bringen kann, damit wir vor unserer Abreise noch alle zusammen im Salon bei elektrischem Licht photographirt werden können. Unsere Abreise ist vorläufig auf den 20. Februar festgesetzt, falls es dann nicht noch zu dunkel sein sollte. Blessing hat die photographischen Arbeiten übernommen und sich von Nansen dazu anlernen lassen; wir nennen ihn Szacinski nach dem bekannten Photographen in Christiania und überhäufen ihn mit Bestellungen. Ich habe mich damit beschäftigt, alle meteorologischen Beobachtungen, Wasseruntersuchungen u. s. w. auf dünnes starkes Papier mit im Wasser unauslöschlicher Tinte abzuschreiben, da wir diese auf jeden Fall unbeschädigt mit nach Hause bringen müssen. Das Tiefseelothen hat wieder angefangen, und alle Mann haben also vollauf zu thun. Wir arbeiten alle, jeder auf seine Weise, auf dasselbe Ziel hin, auf die Lösung der Aufgabe unserer Expedition. Selbstverständlich kam es sehr darauf an, daß die Lebensmittel für eine Schlittenexpedition wie die unsere mit der größten Sorgfalt ausgesucht wurden. Vor allem müssen sie nahrhaft und tadellos erhalten sein, damit wir nicht den Skorbut bekommen, auch müssen sie leicht und concentrirt sein. Ferner war es wichtig, daß wir die Lebensmittel genießen konnten, wie sie waren. Die wichtigste Nahrung auf Schlittenexpeditionen ist, wie die Erfahrung bewiesen hat, Pemmikan. Auf Nansen's Grönland-Reise war der Pemmikan zu trocken gewesen, und er und seine Begleiter hatten deshalb alle an Fetthunger gelitten. Diesmal aber hatte Nansen dafür gesorgt, daß dergleichen nicht wieder vorkommen konnte. Unser Pemmikan bestand aus dem besten Fleische; er war rein, rasch an der Luft getrocknet, pulverisirt und mit einem Zusatz von ebenfalls sehr gutem Rindertalg gemengt worden; er war fast ganz ohne Wassergehalt. Unsere Leberpasteten waren auf dieselbe Art zubereitet. Daneben hatten wir noch andern Pemmikan, der mit vegetabilischem Oele statt mit Rindertalg versetzt war, sich aber viel weniger haltbar erwies. Der Pemmikan war uns von großem Nutzen, da auch die Hunde damit gefüttert wurden. Er kam aus der Fabrik in Blechbüchsen, in Backsteinformen von der Größe eines aus sauren Molken bereiteten Käses, und wir hatten natürlich keine Lust, ihn in dieser schweren Verpackung mitzunehmen. Wir machten deshalb Unterlagen daraus für die Boote auf den Schlitten. Damit die Kajaks bei der Fahrt über das holperige Eis auf den Schlitten fest und sicher blieben, bedurften wir der Unterlagen und statt diese aus Holz anzufertigen, nähten Sverdrup und ich Segeltuchsäcke von derselben Form wie der Kajakboden, ließen den Pemmikan zergehen und stopften dann diese Matratzen damit aus. Der Pemmikan wurde sofort wieder kalt und hart, sobald die Unterlagen an die freie Luft kamen. Professor Waage's Fischmehl erwies sich während der Schlittenreise als ein vortreffliches Nahrungsmittel. Mit Mehl und Butter zubereitet war es ein herrliches Gericht, das uns auch trefflich erwärmte. Einige getrocknete Kartoffeln nahmen wir ebenfalls mit, die mit Pemmikan zusammen den herrlichsten Labskaus auf der Welt gaben. Nansen zog das Fiskegratin vor, aber mir schmeckte, im Anfange wenigstens, Labskaus am besten. Bei der Durchquerung Grönlands hatten Nansen und seine Begleiter sich beständig hungerig gefühlt. Damit wir nun wenigstens hin und wieder das angenehme Gefühl, das ein richtig voller Magen gibt, empfinden könnten, nahmen wir gedämpfte Hafergrütze und Maismehl zum Grützekochen mit. Ferner hatten wir auch ein wenig englische »Bril food« , ein süßliches Mehl, das wir bald schätzen lernten, wie überhaupt Zucker und Mehl – von Chocolade gar nicht zu reden – bei uns sehr hoch im Kurse standen. Wir hatten gewöhnliche Chocolade sowie einige Tafeln mit Fleischpulverzusatz, doch unterschieden sich diese im Geschmack nur wenig von der erstern. Molkenpulver nahmen wir ebenfalls mit. Es bestand aus pulverisirten Molken und wurde abends, bevor wir unsere durchfrorenen Körper im Schlafsacke zur Ruhe legten, in kochendem Wasser aufgelöst getrunken. Dieses Getränk war von geradezu wunderbarer Wirkung, und mehr als einmal sehnten wir uns bei den Anstrengungen in der Kälte nach einem Trunke. Das Brot, das wir mitnahmen, enthielt natürlich so wenig Wasser wie möglich; es bestand aus zwei Sorten: Weizenbrot und Aleuronatbrot. Die Butter nahm Peder in Behandlung und knetete die Feuchtigkeit mit so eifrigem Bemühen heraus, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann. Sie war aber nachher auch so fest, daß ich auf der Reise ein stählernes Schnitzmesser daran abbrach. Sverdrup hatte uns drei kleine Schlittensegel angefertigt, da wir den Wind zu Lande und zu Wasser soviel wie möglich benutzen mußten; Ruderblätter von spanischem Rohr mit ausgespanntem Segeltuche, die sich an den Schneeschuhstöcken befestigen ließen, erhielten wir auch. Außerdem nahmen wir noch einen kleinen Schlitten mit einem weißen Segel mit, wie ihn die Eskimos benutzen, wenn sie auf den Seehundsfang gehen. Die Flinten und die Munition waren natürlich eine Hauptsache. Nach vielen Ueberlegungen und mancherlei Versuchen wurde beschlossen, daß wir ebensolche Gewehre mitnehmen sollten, wie Nansen auf der Grönland-Expedition gehabt hatte. Es waren zwei doppelläufige Flinten, jede für Schrot und Kugeln; der Kugellauf Kaliber 360 und der Schrotlauf Kaliber 20. Wir nahmen dazu 180 Kugelpatronen und 150 Schrotpatronen mit. Messer hatten wir mehrere. Nansen benutzte eins der prächtigen großen Lappenmesser, deren sich die Nomaden Finmarkens im Sommer bedienen und deren große, flache, breite Stahlklinge auch als Beil benutzt werden kann. Eins der ausgezeichneten Messer mit Birkenrindeheft that uns ebenfalls großen Nutzen. Außerdem hatten wir eine Menge kleiner Messer, darunter eins, das ich von Sverdrup geschenkt bekommen, mit Korkzieher, Bohrer, Feile, Säge, Schraubenzieher u. s. w. Dieses Messer haben wir so aufgebraucht, daß es schließlich nur noch eine einzige Klinge besaß. Unser Schuhzeug bestand aus einem Paar Komager und zwei Paaren Finnenschuhe. Die Finnenschuhe waren aus dem auf den Hinterbeinen des männlichen Renthiers sitzenden Felle gemacht, nicht aus dem sonst gewöhnlich dazu genommenen Kopffelle, da das erstere ebenso warm, aber viel stärker als das andere ist. Die Komager waren aus Seehundfell und wurden mit Theer und Thran eingerieben. Wir stopften Sennegras in das Schuhzeug, zogen dann Socken von dickem Fries und Ueberstrümpfe von Haargewebe an und trugen darüber Wolfsfellgamaschen. Eigentliche Strümpfe trugen wir nicht; wir hatten jeder ein Paar mitgenommen, schnitten sie aber durch, sodaß wir Fuß und Schäfte für sich benutzen konnten. Das Kochgeschirr war so eingerichtet, daß wir mit möglichst geringer Hitze unser Essen bereiten und möglichst viel Eis schmelzen konnten. Die Wärmequelle war Petroleum im Primuskocher, da dieser Petroleumgasapparat sich als der am sparsamsten brennende erwiesen hatte. Wir leben jetzt sehr üppig von dem Fleische der drei zuletzt erlegten Bären. Juell ist ein Meister in der Zubereitung köstlicher Beefsteaks mit Petersilienbutter, und wir finden alle, daß wir hier wie unser Herrgott in Frankreich leben, besonders wenn wir lesen, wie andere Expeditionen es gehabt haben. Am 23. Januar lotheten wir sogar zweimal und fanden das eine mal bei 3600 Meter, das andere mal bei 3500 Meter Grund. 25. Januar. Heute haben Nansen und ich im Raume an unsern Schneeschuhen gearbeitet. Es ist jetzt tagsüber klares Wetter, und der helle Streifen am Mittag über dem südlichen Horizonte, der die allmähliche Annäherung der Sonne verkündet, wird täglich breiter. Die schlimmste Zeit der Polarnacht haben wir hinter uns. Die Temperatur hat gestern und heute unter -50° betragen. Dazu ist die Luft heute fast ganz still, aber Pettersen war draußen und prophezeit wieder Wind. Im Raume befindet sich unsere Tischlerwerkstatt, sicherlich die kälteste auf der Welt, da wir dort -20° haben, wenn nicht gar noch mehr. 1. Februar. Heute arbeite ich wieder mit Sverdrup zusammen; wir biegen eschene Stäbe im Dampf. Wenn wir draußen in der Schmiede stehen, denken wir selten daran, daß erst 3500 Meter unter uns fester Boden ist. Wir haben es nicht besonders warm, aber an die Kälte sind wir wirklich schon gewöhnt. Der Salon ist das reine Chaos; improvisirtes Beschlagmaterial, Löthwerkzeuge und Zurrleinen liegen dort durcheinander, denn alle Arbeiten, die sich in der Kälte nicht vornehmen lassen, werden hier in unserm einzigen warmen Zimmer ausgeführt. An den Wänden und von der Decke herab hängen Holzstücke, Schneeschuhe, Schlittenkufen, Neusilber, Eschenstöcke im trauten Verein mit Bildern, Barometer, Barograph, Wanduhr, Anzügen, Pelzen, Gewehren und Proviantsäcken. Man kann sich kaum noch dazwischen durchfinden. Nansen theilte uns heute mit, daß die Briefe, die unsere Kameraden uns mitgeben, nur das einfache Gewicht (15 Gramm) haben dürften, da es leicht sein könnte, daß wir, um uns zu retten, alles im Stiche lassen müßten, wir aber die Briefe so lange wie möglich bewahren würden und es deshalb darauf ankomme, daß sie möglichst leicht seien. Unsere Kameraden haben aber nicht einmal auf so viel gerechnet, und da sie alle ihre Briefe mit winzig kleiner Schrift schreiben, können sie auf 15 Gramm dünnem Papier eine ganze Masse sagen. Nansen und ich probirten die beiden von Sverdrup für uns angefertigten Schlafsäcke, um zu sehen, ob sie auch warm genug seien. Sie wogen nur 3,5 und 2,3 Kilogramm. Wir lagen ein Paar Nächte im Freien, froren aber darin. Sie waren entschieden zu dünn, und wir sahen ein, daß sich bei den Schlafsäcken an Gewicht nichts werde sparen lassen. Sverdrup mußte noch einmal heran; er nähte uns nun einen Doppelsack aus dem dicken Felle eines ausgewachsenen Renthieres. Aus einem auf einem Eishügel stehenden Anemometer, das sich Tag und Nacht drehte und immerwährend reparaturbedürftig war, machte Mogstad für uns einen Distanzmesser, der auf dem hintersten Schlitten angebracht wurde. Am 10. Februar war es so hell, daß wir mittags ohne Licht lesen konnten. Die Hunde haben es jetzt gut. Auf dem ganzen Eise beim Schiffe liegen Hundekuchen umher, werden von ihnen aber kaum angerührt. Sie bekommen jetzt nämlich so viel zu fressen, als sie nur haben wollen, damit sie sich für die bevorstehenden Anstrengungen stärken. Die vier Hundekadaver, die den ganzen Winter unter dem Klüverbaume gehangen hatten und von ihnen schon lange mit begehrlichen Blicken betrachtet worden waren, fanden reißenden Abgang. Außerdem erhalten sie Pemmikan und Speck. Mit Ausnahme des »Leibjägers« sind sie alle recht wohlgenährt. Es ist jetzt nicht mehr so wie damals, als der selige »Menschenfresser« auf dem Brotsacke lag und ihn gegen die andern vertheidigte. Auch für Hunde ändern sich die Zeiten, und die nächste Zukunft wird uns und ihnen wol noch größere Veränderungen bringen. Neben Pettersen haben wir in Peder noch einen Propheten an Bord; er kündigt aber nur Nordwind an. Er bedient sich dabei des Kalenders und behauptet, daß der Wind stets aus Norden wehen muß, sobald der Jupiter eine gewisse Stellung am Himmel einnimmt. Als Peder's Prophezeiungen ein paarmal eingetroffen waren, fand er in Amundsen sofort einen eifrigen Anhänger. Wenn aber der angekündigte Nordwind ausblieb und wir statt dessen nach Norden trieben, so genirte dies Peder nicht im geringsten. Er erklärte, daß auf dem Eise, vier Kilometer vom Schiffe, jedenfalls Nordwind wehe, und versicherte uns, daß wir von der Wahrheit dieser Behauptung fest überzeugt sein könnten. 22. Februar. Heute sind wir über das Schlimmste hinweg. Die Schneeschuhe sind, das Riemenwerk inbegriffen, vollständig in Ordnung, der Proviant ist verstaut, und die vier Schlitten stehen mit voller Ladung neben dem Schiffe. Wir haben über die Proviantsorten ein Verzeichniß aufgenommen, und dabei hat sich herausgestellt, daß wir, wenn die Instrumente und die Munition mitgerechnet werden, über 100 Kilogramm Uebergewicht bekommen. Es muß also noch eine Reducirung vorgenommen werden. In diesen Tagen sind, wie es so zu sein pflegt, eine Menge Kleinigkeiten fertig geworden oder im Begriffe fertig zu werden, darunter die kleinen Harpunen, die an der Zwinge der Schneeschuhstöcke befestigt werden können, Kajakpumpen, Hundeschuhe aus Seehundfell und zwei aus kurzen doppelten Koppeln gebogene Drahtseile. Wir werden diese Seile zwischen die Schlitten spannen, um daran bei unserm ersten Nachtlager die Hunde anzubinden, damit wir nicht befürchten müssen, daß sie wieder nach dem Schiffe zurücklaufen. Wir nahmen von vornherein an, daß die Hunde sich in einem solchen improvisirten Lager leichter an die Reise gewöhnen würden, als wenn sie mit uns auf dem Eise liegen müßten. 24. Februar. Gestern und heute sollten Ruhetage vor der Abreise sein, es waren aber die anstrengendsten Arbeitstage, die wir je gehabt haben. Die Arbeit drängt sich wie ein Wirbel zusammen; es geht schneller und schneller und schließlich werden wir doch fertig werden. Trotz aller Arbeit hatten die Kameraden Zeit gefunden, den Salon im Laufe der Nacht mit Fahnen zu schmücken und über dem Sopha drei neue elektrische Lampen mit bunten Papierschirmen anzubringen. Das Mittagessen verlief sehr feierlich. Scott-Hansen spendete Rothwein, den er die ganze Zeit über versteckt gehabt hatte. Blessing hielt eine Rede, worin er Nansen zu dem bisher von der Expedition erreichten Resultate gratulirte und uns beiden wünschte, daß wir nach einer glücklichen Reise zu Hause alles gesund wiederfinden möchten. Nansen antwortete für uns beide, daß wir uns des Lebens an Bord der »Fram« noch manches mal mit Wehmuth erinnern und sicher der Kameraden im Eise gedenken würden, wenn es uns beschieden sei, lebendig und gesund in die Heimat zurückzukehren. Er hoffe, daß keiner an Bord diese Fahrt bereuen würde, und bitte uns, ein Glas auf allseitiges fröhliches Wiedersehen in Norwegen zu leeren. Nach Tische gab es Kaffee mit Curaçao, dann eine kleine Ruhepause, hierauf ging es wieder ans Nähen, Patronenladen, Schleifen, Gewehrputzen und Ordnen der Fischereigeräthe, Nähutensilien und Kajakpumpen. Die Kleidung war noch nicht ganz fertig, die Windjacken mußten geändert und hier und da Bänder und Strippen angenäht werden. Wir hatten buchstäblich bis zum letzten Augenblick zu thun. Jetzt, da ich dies schreibe, ist es 12 ½ Uhr morgens; der Montag, der Tag vor unserer Abreise, ist also schon angebrochen. Ich muß auch noch meine Briefe nach Hause abschließen und will mich dann zum Schlusse noch einmal gründlich waschen. Alle Mann sind auf den Beinen; Bentsen sitzt bei uns im Schlafraume und erzählt Geschichten. Heute Abend haben wir noch einmal Polargrog getrunken und uns an Südfrüchten und Confect gütlich gethan. Kapitän Sverdrup hielt eine kleine Rede, nur wenige, aber aus warmem Herzen kommende Worte. Nach Tische ging Nansen wieder an seine Arbeit, die darin bestand, Blessing eine Menge Vorschriften über die Beobachtungen des im Meere vorkommenden kleinen Gethieres zu dictiren. Endlich, am Dienstag, 26. Februar, konnten wir Lebewohl sagen. Es war kein leichtes Ding! Das Wetter war trübe, kalt und schneeig, der Wind Ost zu Süd. Zum letzten male wurde von denen, die an Bord blieben, Abschied genommen. Sverdrup, Hansen, Blessing, Mogstad und Hendriksen begleiteten uns. Sie nahmen ein Zelt mit, da sie uns in der ersten Nacht noch Gesellschaft leisten wollten. Nansen glitt auf seinen Schneeschuhen voran und zeigte uns den Weg; ihm folgte der erste Schlitten, in dessen Gespann »Kvik« der Leithund war. Es wurde jedoch keine lange Reise. Wir waren noch nicht weit vom Schiffe entfernt und der Kanonenschuß war eben verhallt, als einer der schwer beladenen Schlitten auf einem kleinen Eisrücken entzweiging, da eine hervorstehende scharfe Eisspitze drei Querhölzer zwischen den Kufen zerschnitten hatte. Da standen wir nun. Es blieb uns nichts weiter übrig, als nach unserm Ausgangspunkte zurückzukehren. Wir hätten es uns beim Abschiede wahrhaftig nicht träumen lassen, daß der Augenblick der Rückkehr schon so nahe bevorstehe, aber es war auch ein Glück, daß wir mit all unsern Sachen noch nicht weiter fort waren. Die Schlitten waren also für die schwere Ladung nicht fest genug und mußten verstärkt werden. Nansen bestimmte, daß wir noch zwei neue Schlitten zu unsern vieren hinzufügen und die Ladung auf alle sechs vertheilen sollten. So begann denn die Arbeit wieder mit demselben Eifer wie vorher. Sverdrup und ich standen noch einmal zusammen in der Schmiede, wo wir die neuen Schlitten theerten. Dann wurde bei allen ein langes breites Brett mit Stahldraht unter den Querhölzern festgebunden, damit uns künftig keine Eisspitzen Verdruß bereiten können. Auch wurden die Schlitten genau untersucht und dann erst wieder beladen. Mit dieser Ausrüstungsarbeit wurden wir am Mittwoch Nacht fertig, am Donnerstag sollte die Abfahrt zum zweiten male vor sich gehen. Donnerstag, 28. Februar, ging es wieder mit derselben, diesmal auf sechs Schlitten vertheilten Ladung fort. Sverdrup, Blessing, Mogstad, Hansen und Hendriksen beluden einen einfachen Schlitten mit einem Zelte und sonstigem Zubehör, um uns noch eine oder zwei Tagereisen weit das Geleite zu geben. Die andern Kameraden kamen ebenfalls eine Strecke mit, am weitesten Jacobsen und Bentsen. Obgleich bei jedem Schlitten ein Mann war, um beim Passiren holperiger Stellen und Eisrücken nach Kräften zu helfen, ging es doch nur sehr langsam. Wir mußten uns gehörig anstrengen, da die Schlitten bald geschoben, bald gehoben werden mußten und die Hunde oft nicht mehr weiter wollten, nicht nur bei Hindernissen, sondern auch auf ebener Bahn. Bald ward uns klar, daß die Ladung noch immer zu schwer war, und nach kurzer Fahrt machten wir halt, um zwei Bootsunterlagen und einen Sack mit Pemmikan auszuwerfen, was etwas half. Bentsen und Jacobsen kehrten jetzt um; der letztere meinte beim Abschiede, daß wir sicherlich noch einmal nach der »Fram« zurückkehren würden. Den abgeworfenen Proviant trugen sie nach einem Eishügel und befestigten dort einen unterwegs abgebrochenen Schneeschuh, um die Stelle später wiederfinden zu können, wenn diese Lebensmittel bei Gelegenheit vom Schiffe aus geholt werden sollten. Mit unserer verminderten Last zogen wir weiter, aber besonders schnell ging es auch jetzt nicht. Bald schlugen wir ein Lager auf und errichteten die Zelte. Die Hunde wurden zu zweien nebeneinander angekoppelt und gefüttert. Wir bekamen einen kleinen Vorgeschmack davon, wie lange es dauern würde, bis wir mit dem Lager in Ordnung wären, wenn wir beide es allein besorgen müßten, und sahen ein, daß wir uns, wenigstens zu Anfang, auf ziemliche Zeit gefaßt zu machen hätten. In dem großen Zelte unserer fünf Begleiter wurde ein großes Fest gegeben. In unsern Wolfsfellkleidern kam es uns dort drinnen ganz behaglich warm vor. Sie tischten ein feines Abendessen auf, das aus Chocolade, Butter, Brot, Fleisch und Napfkuchen bestand, welch letzterer noch den Theerölgeruch aus der Küche der »Fram« an sich hatte. Dann holten sie eine große Flasche hervor und brauten uns aus reinem Alkohol einen ausgezeichneten Grog, den wir uns aus unsern Blechbechern trefflich schmecken ließen. Die Pfeifen wurden angezündet, und Nansen und Blessing hielten Reden. Nach einem gemüthlichen Abend legten wir uns in unsern Schlafsäcken zur Ruhe nieder. Aus dem Schlafen wurde aber nicht viel, dafür sorgten schon die Hunde, die während der ganzen Nacht heulend nacheinander schnappten. Am nächsten Tage (Freitag, 1. März) war der Himmel trübe und der Wind Ost zu Süd. Wir brachen das Lager ab, und dann zog die ganze Gesellschaft nach mehrstündiger Arbeit mit dem Beladen, Anspannen und Kochen weiter. Im Laufe des Freitag Nachmittags kam die Stunde des letzten Abschieds. Trübe war das Wetter, trübe die Stimmung; noch war die Polarnacht nicht vorbei. Wir tauschten den letzten Händedruck aus und nahmen die letzten vertraulichen Botschaften an die Lieben in der Heimat entgegen. Auf beiden Seiten wurde die Bewegung mühsam zurückgedrängt. Dann waren Nansen und ich mit unsern sechs Schlitten in der Eiswüste allein. Wir machten keinen langen Tagemarsch, dazu ging die Fahrt zu langsam. Nansen ging voran und zeigte den Weg. Wenn die Schlitten anhielten – zwischen jedem Halt lagen nicht viele Schritte –, mußten wir sie wieder in Gang bringen. Dann eilten wir zwischen ihnen hin und her, schoben hier und hoben dort und ruhten nicht eher, als bis sie alle wieder ins Gleiten geriethen. Am Tage darauf ging es in derselben Weise weiter, und bald wurde uns klar, daß weder die Hunde noch wir einer solchen Anstrengung gewachsen waren, selbst wenn wir annahmen, daß es leichter werden würde, je weiter wir nach Norden kämen. Das Eis war ebenfalls nichts weniger als gut. Wir machten also halt, und Nansen erklärte, daß die Ladung noch einmal verringert werden müßte. Hätten die andern uns noch nicht verlassen, meinte er, so wäre es das Vernünftigste gewesen, gleich wieder mit ihnen nach dem Schiffe zurückzukehren. Er machte einen kleinen Ausflug nach Norden, um dort das Eis zu recognosciren, während ich die Hunde fütterte und das Lager in Ordnung brachte. Als er wieder kam, wurde der Primus angezündet, wir speisten und kröchen dann in unsere Schlafsäcke. Am andern Morgen nahm Nansen ein starkes Hundegespann und fuhr mit einem der Schlitten nach der »Fram« zurück, um uns von dort Hülfe für unsern Rückzug zu holen. Nun befand ich mich ganz allein auf den stillen Eisfeldern. Es war der 3. März, ein Sonntag. Das Wetter war schön und frisch. Ob das, was ich unten am Horizonte sah, wirklich die Sonne war, wußte ich nicht ganz sicher. Platt und feuerroth, ohne auch nur die geringste Wärme zu spenden, stand sie zum ersten male wieder am Himmel; aber es war doch die Sonne, die neues Leben ins Lager brachte. Ganz hinten in der Ferne zeichneten sich die Masten der »Fram« in der klaren Luft ab; ich peilte sie der Sicherheit wegen mit dem Kompaß an, denn lieber wollte ich mit der ganzen Karawane nach dem Schiffe aufbrechen, als die Rückkehr der andern unthätig im Zelte erwarten. Ich reiste also auf folgende Weise zurück. Erst ließ ich drei Schlitten von allen Hunden ziehen, während die beiden andern stehen blieben. Sobald ich dann mit den Dreien eine kleine Strecke zurückgelegt hatte, band ich mir selbst die Zugleinen um den Leib und ließ mich, auf den Schneeschuhen stehend, von den Hunden ziehen. Es war mir jedoch nicht möglich, bei dem holperigen Eise fest auf den Schneeschuhen zu stehen. Sobald die Thiere die leichte Last fühlten, eilten sie wie der Blitz dahin. Dies paßte wieder mir nicht; ich wurde in den Schnee geworfen und mitgeschleift und mußte zum ersten und letzten male als Schneepflug fungiren. Die Schneeschuhe hatte ich obendrein noch an den Füßen. Endlich kam uns ein Eisrücken in den Weg, an dem ich mich vor Anker legte, während die Thiere mit meinem Messergürtel, der sich gelöst hatte, durchgingen. Schon fürchtete ich, daß sie sich alle zusammen empfohlen hätten, aber merkwürdigerweise blieben sie stehen, sowie sie sich frei fühlten, und sahen sich neugierig aus einiger Entfernung nach mir um. Nun schnallte ich die Schneeschuhe ab und lockte die Hunde mit guten Worten zu mir heran. Dann ließ ich mich wieder von den Hunden ziehen und sauste auf meinen Finnenschuhen dahin, daß der Schnee nur so stob. Natürlich ging es auch wieder ein paarmal kopfüber, aber da ich keine Schneeschuhe mehr an den Füßen hatte, konnte ich stets gleich wieder auf die Beine kommen. Es schien mir wirklich ein großes Vergnügen, so allein in der Eiswüste, wo noch kein Mensch gewesen war, nach Norden dahin zu fliegen. Auf diese Weise erreichte ich die zurückgelassenen Schlitten und holte sie einen nach dem andern nach dem Platze, wo die andern standen. Das Schlimmste dabei war, sie über den hohen Rand einer überfrorenen Rinne dicht beim Lager hinaufzuziehen, aber im ganzen ging es bei meiner lustigen Art zu reisen doch so schnell, daß ich, als der Abend kam, eine größere Strecke des Weges zurückgelegt hatte, als wir am Tage vorher vorgerückt waren. Bald hatte ich auch einen hübschen Platz für das Zelt gefunden, schlug das Lager auf, gab den Hunden ein wenig Pemmikan und begann, mir mein eigenes Abendessen zu bereiten. In lebhaften Farben malte ich mir aus, wie gut es sein würde, etwas Warmes in den Leib zu bekommen, dann Licht anzuzünden und in den Schlafsack zu kriechen, um dort schließlich in aller Ruhe und Bequemlichkeit die Ereignisse der letzten Tage ins Tagebuch einzutragen. Doch als ich noch mit dem Kochapparate hantierte, begann »Suggen« zu bellen und erhielt sofort aus einiger Entfernung Antwort. Ich eilte ins Freie und hörte ebenfalls Stimmen; auch sah ich hinten zwischen den Eishügeln Hunde mit einem Schlitten, auf dem zwei Personen saßen, bald auftauchen, bald wieder verschwinden. In kurzer Zeit kamen sie ins Lager gesaust, während die Hunde einen entsetzlichen Lärm machten. Es war Nansen's Gespann, mit dem Scott-Hansen und Nordahl gekommen waren, um mir über Nacht Gesellschaft zu leisten. Das war eine Freude! Hansen erzählte mir, daß er seine letzte Beobachtung ausgerechnet habe und wir uns danach auf 84° 4' nördlicher Breite befänden. Da nun heute auch die Sonne zum ersten male sichtbar sei, werde an Bord ein großes Fest veranstaltet, wir Drei wollten aber hier draußen auch ein solches abhalten. Wir genossen ein einfaches Abendessen und zündeten dann die Pfeifen an. Sverdrup hatte ihnen für mich seine beste Pfeife mitgegeben, da er wußte, daß ich keine hatte. Pfeifen und Taback hatten wir nämlich auf die Schlittenreise nicht mitgenommen. Da die beiden auch Alkohol mitgebracht hatten, brauten wir uns noch einen Grog. So verlebten wir zu dritt einen außerordentlich gemüthlichen Abend; die Stimmung im Zelte fern von unserer Heimat war so heiter, daß wir unsere alten Volkslieder sangen. Erst spät in der Nacht krochen wir in die Schlafsäcke, Hansen und ich in den doppelten und Nordahl in einen einfachen, den er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte. Am nächsten Morgen kamen Nansen, Sverdrup und Peder auf Schneeschuhen vom Schiffe. Wir brachen das Lager ab und zogen zum zweiten male nach Hause, aber in der Nähe der »Fram« wurden wir von einer neugebildeten langen Rinne aufgehalten. Um sie herum war nicht zu kommen, und da wir keine Lust hatten, im Kajak überzufahren, zogen wir die Schlitten wieder auf das sichere Eis und ließen sie dort einstweilen stehen, um sie an Bord zu holen, sobald die Rinne wieder zugefroren sein würde. Wir selbst und die Hunde kamen auf kleinen Eisstücken ganz gut hinüber. So saßen wir denn wieder in der warmen, gemächlichen Kajüte und ließen dem reichbesetzten Tische volle Gerechtigkeit widerfahren. Als wir das erste mal mit vier Schlitten auszogen, kamen auf jeden circa 280 Kilogramm. Ganz genau kannten wir das Gewicht nicht, da nicht alles gewogen worden war. Das Gewicht des gesammten Proviants betrug nicht ganz 1000 Kilogramm. Als wir zum zweiten male starteten, war dasselbe Gewicht anfangs auf sechs Schlitten vertheilt, dann aber wurden zwei Bootsunterlagen und ein Sack mit Pemmikan, zusammen circa 150 Kilogramm, unterwegs zurückgelassen. Jeder der sechs Schlitten trug also ungefähr 160 Kilogramm, zwei waren aber außerdem noch mit je einem Kajak belastet. Dabei hatten wir das Gewicht der Schlitten selbst noch nicht in Anschlag gebracht; es stellte sich heraus, daß einer der größten von ihnen mit Kufenschonern und Schneeschuhen 34 Kilogramm wog. Mit so großer Last und so schweren Schlitten konnten wir nicht fertig werden. Nach erneuten Ueberlegungen und Berechnungen entschied sich Nansen für drei Schlitten mit einer Last von je 220 Kilogramm. Wir sollten Proviant für uns selbst auf 100 Tage und für die Hunde auf 30 Tage mitnehmen. Die drei Schlitten wurden auf jede Weise verstärkt; auf der Oberseite der Querhölzer wurden Eschenrippen befestigt und zwischen jenen und den Stützen kleine eiserne Verbindungen angebracht. Die Wolfsfellanzüge erwiesen sich als für die Reise nicht recht geeignet. Wenn man nachts damit im Schlafsacke lag, wurden sowol sie, wie der mit den Haaren nach außen gekehrte Sack feucht, und wenn wir sie abends vor dem Schlafengehen anzogen, waren sie so steif, daß wir den Pelz kaum über den Kopf ziehen konnten. In der letzten Nacht auf dem Eise waren es -42,8°, während im Thermometerhause beim Schiffe in derselben Nacht nur -39,7° gewesen waren. Wir schneiderten aus unsern wollenen Schlafdecken ein Nachtgewand zurecht, in das wir uns einknöpfen konnten, wenn wir im Sacke lagen; vorn ließen wir es offen, damit wir es, wenn wir bei Tage Rast machten, auch als Plaid umwerfen könnten. Sverdrup machte den Schlafsack ein wenig größer, da wir ihn zu eng gefunden hatten, wenn die Haare nach innen kamen. Dann lagen wir eine Nacht im Freien, um die neue Einrichtung zu erproben. Der Schlafsack war mit den Haaren nach innen gekehrt und die wollenen Decken hatten wir ganz zugeknöpft. Unser sonstiger Anzug bestand aus zwei dicken wollenen Hemden, Unterhosen, Wadenstrümpfen, Socken, Finnenschuhen, Kniehosen aus Fries und Gamaschen. Darüber trugen wir auf dem Oberkörper eine leichtere wollene Jacke, eine Jacke von Kamelhaaren, außerdem Nansen eine isländische Wollenbluse und ich einen Anorak aus Fries. Den Kopf bedeckte eine wollene Kapuze. Unsere Erfindung erwies sich als probat, und es war viel trockener im Sacke als bisher. Die dritte Ausrüstung war jetzt auch fertig geworden, und bald waren wir wieder so weit, daß wir den Kameraden und der »Fram« zum dritten male Lebewohl sagen konnten. Ich war mit Jacobsen zusammen unten im Raume und machte die eisernen Verbindungen zwischen den Schlittenquerhölzern fest. Dabei erklärte er mir, daß er uns jetzt gar nicht mehr Adieu sagen werde, da wir gewiß auch diesmal wie bisjetzt immer wieder zurückkämen. Allerdings kehrten wir wieder an Bord der »Fram« zurück, aber erst nach Jahr und Tag daheim in Norwegen im Hafen von Tromsö! Neuntes Kapitel. Im höchsten Norden. Am 14. März 1895 dröhnte wieder Kanonendonner über die öden Eisfelder hin, und von der »Fram« wehte die norwegische Flagge. Diesmal wurde es Ernst mit der Reise. Auch jetzt hatten wir Begleitung auf dem Wege, die uns über das erste Alleinsein hinweghelfen wollte. Sverdrup und Mogstad verließen uns gegen Abend, aber Scott-Hansen, Hendriksen und Pettersen blieben noch bis zum nächsten Tage bei uns. Nansen ging wieder voran, um den Weg zu zeigen; ihm folgte sein Kajakschlitten, der von »Kvik«, »Baro«, »Lilleräven« (Füchslein), »Sjölike« (Segeltau), »Narrifas«, »Freia«, »Barbara«, »Potiphar« und der »Klapperschlange« gezogen wurde. Dann kam der Mittelschlitten, und am Schlusse ich mit meinem Kajak. Der erstere war mit »Suggen«, »Barnet«, »Haren« (Hase), »Gulen« (der Gelbe), »Flint« (Feuerstein), »Kaiphas«, »Blok«, »Bjelki« und »Sultan« bespannt, und das letzte Gespann bestand aus »Barrabas«, »Kvindfolket« (Frauenzimmer), »Perpetuum«, »Katta« (Katze), »Livjägeren« (Leibjäger), »Storräven« (Großer Fuchs), »Isbjörn« (Eisbär), »Russen« (Russe), »Pan« und »Ulenka«. Auf ebener Bahn ging es ausgezeichnet, aber die Eisrücken machten uns viel Mühe und kosteten uns viel Zeit. Ich brach gleich zu Anfang meinen einen Schneeschuh durch und erhielt dafür einen von Mogstad, der nun auf anderthalb Schneeschuhen heimstümpern mußte. Als wir halt machten, um das Lager aufzuschlagen, zeigte das Distanzmesserrad auf dem hintersten Schlitten, daß wir 11 Kilometer zurückgelegt hatten. Wir waren mit der Zeit hungerig und durstig geworden. Der Durst war vielleicht ein wenig größer als gewöhnlich, weil wir am letzten Abend noch ein Fest an Bord gefeiert hatten. Jedenfalls fühlten wir uns erst dann ganz wohl, als wir bei einer reichlichen Mahlzeit gemüthlich im Zelte saßen. Am nächsten Tage trennten wir uns von unsern drei Kameraden, die die Nacht in einer mit Hülfe von Schneeschuhen und Schneeschuhstöcken erbauten Schneehütte zugebracht hatten. Es war dort natürlich nichts weniger als warm gewesen, weshalb sie am Morgen auch schon sehr früh auf den Beinen waren. Sie halfen uns beim Abbrechen des Lagers und beim Anspannen der Hunde. Dann dankten wir ihnen für ihre Begleitung, schüttelten einander die Hände und schlugen bewegten Herzens den Weg nach Norden ein. Als ich von Scott-Hansen Abschied nahm, wurde ich von dem einen Gespann, das in Unordnung gerathen war, umgeworfen und mußte hinter den Schlitten herlaufen; ich hatte aber doch noch Zeit, mich nach den Dreien umzusehen, die stehen geblieben waren und den nach dem unbekannten Norden Ziehenden gedankenvoll nachblickten. Montag, 18. März. Heute ist unser fünfter Reisetag, und nach dem Meterrade haben wir über 45 Kilometer zurückgelegt. Auf ebener Bahn, bei glattem Eise geht es sehr schnell vorwärts; aber dann kommen Eisrücken und Rinnen, die wir nur mit großer Anstrengung überwinden. Am schlimmsten sind für uns die Rinnen, da wir dort erst nach einem Uebergange suchen müssen und dabei viel Zeit einbüßen. Die »Fram« ist schon lange aus unserm Gesichtskreise entschwunden; außer uns beiden sind hier nur noch die Hunde zu erblicken. Das Eis sieht jedoch besser aus, je weiter wir nach Norden kommen, und die Schlitten werden mit jedem Tage leichter. Der mittelste Schlitten, der meistens ohne Aufsicht ist, wirft leider oft um, und wenn ich ihn dann wieder aufrichte, bleibt mein Schlitten gewöhnlich stehen und muß wieder durch Schieben in Gang gebracht werden. Wir leiden von der Kälte, die sich beständig auf circa -40° hält. Bei Tage ist es warm genug, da wir uns oft so abplagen, daß uns der Schweiß von der Stirne rinnt, aber bei Nacht ist es dann um so schlimmer. Feucht ist es auch. Gestern breiteten wir die wollenen Decken auf unsern Kajaks aus, damit sie während der Fahrt trockneten. Unsere auf die Sonne gesetzten Hoffnungen wurden jedoch zu Schanden; sie ist so unbeschreiblich kalt und so weit fort, daß sie noch keinen Faden zu trocknen im Stande ist. Abends sehnen wir uns danach, in den Schlafsack zu kriechen, und morgens sehen wir nur zu, wieder in Bewegung zu kommen. Aber langsam geht es damit, besonders weil wir jeden einzelnen Hund vor dem Einspannen erst loskoppeln müssen. Abends nach Schluß des Tagemarsches füttern wir die Hunde; sie haben dann etwas, worauf sie sich freuen können, und strengen sich den Tag über an, um so schnell wie möglich dorthin zu kommen, wo ihnen, wie sie wissen, die Fütterung winkt. Den »Leibjäger« binde ich hinten an einen der beiden unter meiner Aufsicht stehenden Schlitten an; er ist ganz zum Wrack geworden und kann im Gespanne nichts mehr nützen; er wird jetzt nur noch als Schlachtvieh mitgenommen. Gestern wäre er beinahe erdrosselt worden; ich mußte daher das Tau, an dem er vom Schlitten mitgeschleift wurde, kappen. Neulich abends habe ich einen Finger erfroren, sodaß ihn Nansen mit Schnee reiben mußte. 19. März. Gestern hatten wir das Unglück, daß der mittelste Schlitten gegen einen Eisvorsprung prallte, wobei ein Proviantsack mit Fischmehl verloren ging. Dies hielt uns eine Weile auf, da der ganze Schlitten natürlich umgepackt werden mußte. Das Meterrad ist auch zerbrochen, und mein Kajak hat beim Umwerfen des Schlittens in der Seite ein Loch erhalten. Nansen hat die Scheide seines Bärenspeeres verloren und den Taschenkompaß auf einem Eishügel vergessen, auf dem ich ihn glücklicherweise noch erblickte. Mittags halten wir ein wenig Rast und verzehren ein Butterbrot mit etwas Fleischchocolade, fangen aber gleich an zu frieren, weshalb wir uns so schnell wie möglich wieder aufmachen. Trotz aller, Widerwärtigkeiten legen wir doch täglich ungefähr 15 Kilometer zurück. Der Vormittag ist meiner Meinung nach die beste Tageszeit, da dann das warme Frühstück unsere Lebensgeister wieder frisch angeregt und unsern Körper erwärmt hat. Die Tage, die bis zum Höhersteigen der Sonne und der damit verbundenen Abnahme der Kälte folgten, müssen als die schlimmste Zeit unserer ganzen Expedition bezeichnet werden. Tagsüber die ewige Anstrengung bis aufs äußerste, um weiterzukommen; nachts wenig Schlaf und viel Kälte. Unsere Körperausdünstung während des Marsches zog in die Frieskleidungsstücke ein und machte sie schon in den ersten Tagen ganz steif. Mit der Zeit gefroren sie immer mehr und bei der anhaltenden strengen Kälte, die sogar das Quecksilber fest werden ließ, wurden sie schließlich zu vollständigen Eispanzern. Ich wechselte eine Zeit lang die Ueberkleider, wenn wir uns in den Sack legten, und zog einmal die Kamelhaarjacke, und das andere mal den Anorak an, mußte es aber bald aufgeben, da das Ausziehen der steifen steinharten Kleidungsstücke meinen von Frost geschwollenen Fingern gar zu große Schmerzen verursachte. Wir mußten sie ruhig sitzen lassen und schweigend dulden, daß sie uns die Kniekehlen und die Handgelenke wund scheuerten. Den Hunden wurde das Ziehen allmählich auch langweilig. Sie blieben oft ohne weiteres stehen, fingen an, über die Zugleinen ihrer Gefährten zu springen, und trieben allen möglichen Unfug. Das Ordnen der Leinen war für unsere blutenden erfrorenen Finger eine saure Arbeit. Einige Hunde haben die Angewohnheit, in die Leinen zu beißen, sowie angehalten wird; den ärgsten Beißern ist freilich Stahldraht in die Zugriemen genäht worden, ja, der »Russe« ist sogar mit einem Drahtseile angebunden, aber was nutzt das? Können sie sich nicht selbst losbeißen, so beißen sie einen andern los. Dann verlieren wir durch das Einfangen der entlaufenen Hunde wieder Zeit, und bisweilen müssen wir nur mit wenigen Zugthieren fahren, während die freigekommenen Hunde der Karawane in gebührender Entfernung folgen. Die Handschuhe wurden vor Eis so steif, daß wir schließlich, um unsere Finger zu retten, die Fausthandschuhe von Wolfsfell mit einer Einlage von Sennegras anziehen mußten. Unsere Füße sind merkwürdigerweise gut davongekommen. Wir waren aber auch sehr um sie besorgt und machten morgens und abends besondere Fußtoilette. Vor dem Schlafengehen zogen wir die ganze Fußbekleidung aus, drehten die Finnenschuhe um, rangen das nasse Sennegras aus, das wir nachts auf dem Leibe zu trocknen versuchten, legten dann Filz- oder Wolfsfellgamaschen an und steckten die Füße für die Nacht in die umgekehrten Finnenschuhe. Morgens schützten wir uns die Füße dann wieder so, daß sie den Tag über aushalten konnten. Der Schlafsack war unser bester Freund; aber auch er wurde mit jedem Tage steifer und härter. Von Zeit zu Zeit drehten wir ihn um und klopften das darin befindliche Eis mit unsern Schneeschuhstöcken los. Wenn wir abends hineinkrochen, wurden er und unsere Kleider allmählich weich. Der arme Körper mußte auch diese erst aufthauen, bevor er sich selbst des Gefühls der Wärme erfreuen durfte. Die steifgefrorenen Fausthandschuhe und das nasse Sennegras, das uns zum Trocknen auf der Brust lag, trugen auch nicht zur Annehmlichkeit bei. Aber doch sehnten wir uns auf jedem Marsche nach dem Augenblick, wo wir in den Schlafsack kriechen und unsern ausgehungerten durchgefrorenen Leib mit etwas Warmem laben konnten, sei es nun mit Labskaus, Fiskegratin oder Knorr's Suppen. Auf die Tasse warme Molkenlösung, die wir hinterher bekamen, freuten wir uns schon den ganzen Tag. Dann machten wir die Klappe des Sackes so dicht wie möglich zu, schmiegten uns eng aneinander und streckten unsere müden Glieder zur Ruhe aus. Wenn wir für die Tagesarbeit gestärkt erwachten, waren die Kleider weich und naß, und sobald wir die Klappe des Schlafsackes zurückschlugen, rieselte es von der weiß bereiften Zeltwand auf uns herab, und die Kleider wurden allmählich wieder zu Panzern. Schon am Morgen nahmen wir genug Feuchtigkeit in uns auf, sodaß wir an dem sogenannten arktischen Durste eigentlich gar nicht litten. Manchmal mochte es ja schlimm sein, besonders wenn wir von Warmbier redeten. Doch wenn wir uns nur den Gedanken an Durst aus dem Sinne schlagen konnten, dann ging das Gefühl von selbst vorüber. Wir hatten Feldflaschen von Hartgummi, die wir morgens mit Wasser füllten und des Tags auf der Brust trugen; wir benutzten sie aber nur im Anfange der Reise, und überdies verlor ich die meinige bald. 21. März. Die Kälte wird immer schlimmer statt besser. Gestern kam uns unser Meterrad abhanden, wir verloren jedoch keine Zeit mit dem Suchen, da wir vorher des »Leibjägers« wegen längern Aufenthalt gehabt hatten. Als wir uns schon eine weite Strecke von unserm letzten Lagerplatze entfernt hatten, merkten wir, daß uns der Hund fehlte. Nansen kehrte also wieder um und fand ihn genau an der Stelle, wo er bei unserer Abfahrt gelegen, im Schnee. Der Hund macht uns viel zu schaffen; zweimal habe ich ihn schon vom Stricke abgeschnitten und wiederholt bin ich seinethalben auf dem Wege umgekehrt. Am nächsten Tage war die Kälte ebenso intensiv. Das Schlimmste dabei ist, daß wir nachts nicht schlafen können. Kälte und Feuchtigkeit halten uns wach. Nansen nahm heute zum ersten male die Mittagshöhe der Sonne und rechnete aus, daß wir uns auf 85° 9' nördlicher Breite befinden. Bisher hat ein schwacher Nordostwind geweht. 23. März. Gestern machten wir einen Tagesmarsch von circa 15 Kilometer und kamen erst nachts um 2 Uhr in den Sack. Ich habe während der letzten Tage so nach den Hunden schreien müssen, daß ich meine eigene Stimme kaum wiederkenne, und in Rücken und Seiten kann ich es spüren, wie schwer es ist, die Schlitten über die Eisrücken zu bringen, und wie sauer es wird, die umgeworfenen Schlitten wieder aufzurichten. Zur Feier des 85. Grades haben wir die Kajaks beflaggt. 24. März. 45° Kälte. Gestern scharfer Nordostwind, sehr schlechtes Eis und harte Arbeit. Der »Leibjäger« wurde gestern als Futter für die andern Hunde geschlachtet; er fand seinen Tod durch den Bärenspeer und hatte trotz seines jämmerlichen Aussehens ein sehr zähes Leben. Er schien den andern Hunden nicht besonders zu schmecken, sie sind noch zu verwöhnt. Der Wind hat sich nicht verändert, aber die Luft ist schwerer, und es steigen kalte Nebel auf. Es ist wirklich ein greuliches Wetter und einer der unangenehmsten Sonntage, die ich je erlebt habe. Es blieb auch ein harter Tag. Wir waren so müde und schläfrig, daß wir förmlich taumelten, bis wir einen Platz für unser Nachtlager erreicht hatten. Am 25. waren wir etwa auf 85° 20' nördlicher Breite. Die strenge Kälte will noch immer nicht nachlassen. Mit dem Aufschlagen und Abbrechen des Lagers geht uns so viel Zeit verloren, daß uns der Tag fast zu kurz wird. Bei der Kälte ist jede Arbeit sauer und geht entsetzlich langsam. Das Füttern der Hunde ist ebenso beschwerlich wie zeitraubend, da ich mit meinen wunden Händen den gefrorenen Pemmikan aus den Bootsunterlagen herauskratzen und ihn in Portionen vertheilen muß, damit auch jeder nach Verdienst bekommt. Und dann müssen entsprechend dem Leerwerden der Pemmikansäcke solche von dem dritten Schlitten als Unterlage unter die Kajaks gestopft werden. Am 27. schlugen wir unser Lager schon gegen Mittag auf und legten uns dann sofort schlafen, aber tags darauf machten wir wieder einen vollen Tagemarsch. Es ist immer dasselbe Elend mit Kälte und wenig Schlaf, gefrorenen Kleidern, steifem Schlafsacke und schweren Schlitten, aber vorwärts müssen wir, und nach Norden geht es. Am 28. passirten wir einen großen Eishügel, den größten, den wir bisher gesehen haben; er glich einem richtigen Eisberg. Wir hatten einen längern Aufenthalt dadurch, daß sich plötzlich eine Rinne öffnete, nachdem wir schon mit einem Schlitten über die Stelle hinweg waren. Mit den andern mußten wir nun einen Umweg machen. Nachmittags bewölkte sich der Himmel plötzlich, und die Temperatur stieg um 5 bis 6 Grad; wir begrüßten diese Veränderung mit Freude, wenn wir uns auch auf einen Schneesturm gefaßt machten. Dieser kam jedoch nicht, wir hatten vielmehr am Tage darauf schönes, klares Wetter bei 36,5° Kälte. Nansen machte mit dem kleinen Theodoliten eine Breitenbestimmung. Danach befanden wir uns auf 85° 15', was wir nicht erwartet hatten. Entweder war ein Fehler in der Beobachtung, oder die Drift nach Süden war außergewöhnlich stark gewesen. Er nahm dann noch mit dem Sextanten eine Sonnenhöhe, woraus sich ergab, daß wir doch schon auf 85° 56' nördlicher Breite waren. 30. März. In der Nacht betrug die Temperatur -42°, und heute bei Tage haben wir -36°. Das Barometer fällt unaufhörlich, der Himmel ist bewölkt, und der Wind weht mit einer Stärke von ungefähr 4 Meter in der Secunde aus Südosten. Es scheint ein Witterungsumschlag eintreten zu wollen. Wir haben uns heute dazu entschlossen, den Kurs ungefähr einen Kompaßstrich (11 ¼ Grad) westlich vom astronomischen Norden zu halten. Heute Nacht kamen wir gar nicht zur Ruhe, und unser Essen erhielten wir erst morgens 6 Uhr, da unser Primus in Unordnung gerathen war. Nansen versuchte auf alle mögliche Weise, ihn in Gang zu bringen, mühte sich damit aber vergeblich ab, bis er endlich dahinter kam, daß der in den Schraubengängen vereiste Deckel nicht fest schloß und deshalb die Luft trotz allen Pumpens aus dem Petroleumbehälter wieder entweichen konnte. Auf unserm letzten Tagemarsche war das Eis geradezu scheußlich. Besonders an einer Stelle mußten wir uns sehr anstrengen; es galt, über altes, solides, gründlich zusammengepreßtes Scholleneis zu kommen, wobei vor den Eisrücken noch dazu eine breite Spalte gähnte. Der eine Schlitten mit den Proviantsäcken fiel richtig hinein und einige Hunde mit. Einer von uns mußte nun in die 3 bis 4 Meter tiefe Spalte hinabspringen und dort die Säcke abladen. Es war keine Kleinigkeit, die schweren Säcke und den nichts weniger als leichten Schlitten wieder aus der Spalte herauszubringen. Als dies geschehen war, holten wir die Hunde vermittelst der Leinen empor. 31. März. Ich sitze jetzt im Sacke und schreibe, mit Fingerhandschuhen an den Händen, diese Aufzeichnungen in aller Muße nieder. Was ich bisher auf dieser Reise in das Tagebuch eingetragen habe, wurde stets im Augenblicke vor dem Abbruche des Lagers auf meinem Kajak geschrieben, und ich trug dabei die großen Wolfsfellfausthandschuhe, in denen der Bleistift beinahe verschwand. Heute Nacht ging die Reise anfangs vorzüglich, da wir den Wind gerade im Rücken hatten. Dann trafen wir eine Rinne, über die wir noch mit allen Schlitten glücklich hinüberkamen, obgleich sie gerade im Begriffe stand, sich zu öffnen. Nun kamen wir aber wieder an eine Rinne, die uns mehr zu schaffen machte. Wir hatten sie eben mit dem ersten Schlitten passirt, als die Ränder der Rinne sich voneinander entfernten, und nun waren Nansen und ich mit einem bespannten Schlitten auf der einen Seite der Rinne, während sich die übrigen Hunde und Schlitten noch auf der andern befanden. Wir standen auf dem übereinander geschobenen Eise des Randes der Rinne und betrachteten uns die Bewegung des Eises. Plötzlich barst der Grund, auf dem ich stand, und versank, und ich fiel ins Wasser. Zum Glück hatten sich die Eisstücke unter mir schon so übereinandergeschoben, daß ich nur bis zu den Hüften im Wasser war, und es gelang mir, die Rinne auf kleinen Eisschollen zu überschreiten und am gegenüberliegenden Rande hinaufzuklettern. Es war gerade kein sehr großes Vergnügen bei fast 40° Kälte; die Kleider waren natürlich sofort steif gefroren. Da standen wir nun, jeder auf seiner Seite, während das Wasser zwischen uns immer breiter wurde; wir hatten die nichts weniger als angenehme Aussicht, den Rest der Nacht getrennt zubringen zu müssen. Auf Nansen's Seite waren das Zelt und das Kochgeschirr. Ich mußte nun auf meiner Scholle zwischen den Hunden hinundherlaufen, um mich einigermaßen warm zu halten, während Nansen an der andern Seite der Rinne entlangging, um einen Uebergang zu suchen, auf dem wir uns wieder vereinigen könnten. Da das spitze Eis uns bei dem häufigen Umwerfen der Schlitten Löcher in die Kajaks gestoßen hatte, waren diese zum Ueberfahren untauglich. Nansen fand endlich einen Uebergang; aber es war eine langwierige Arbeit, die andern Schlitten hinüberzubringen, und konnte nur auf großen Umwegen geschehen. Die steifgefrorenen Windhosen, die ich auf diesem Marsche trug, waren nach dem Bade so spröde geworden, daß sie an mehrern Stellen zerrissen. Als wir das Lager aufgeschlagen hatten und ich in den Sack kroch, mußte ich sie mit hinein nehmen, damit sie, wenn ich wieder erwachte, weich genug waren, um geflickt werden zu können. Es war die schwierigste Näherei, mit der ich mich je im Leben befaßt habe; sowie ich ein Paar Stiche genäht hatte, wurde das Zeug hart wie Stein, und ich mußte dann schnell erst wieder damit zu Bette gehen. Wir haben zwar schon bei 40° Kälte Segel genäht, aber das war gar nichts gegen diese Flickerei. 1. April. Gestern fiel es Nansen auf dem Marsche plötzlich ein, daß wir unsere Uhren lange nicht aufgezogen hatten. Als wir es nun thun wollten, stellte sich heraus, daß Nansen's Uhr zum Glücke noch ging, meine aber leider stehen geblieben war. Wir haben jetzt eine ganz andere Temperatur, -24°, ja heute Abend sogar nur -22°. Dabei weht ein Schneesturm aus Südosten, den wir während des Marsches im Rücken haben. Das Eis fängt an, schlimm zu werden; wir müssen über unzählige Eisrücken und legen infolge dessen täglich nur kurze Strecken zurück, trotzdem wir uns nach Kräften beeilen. Reicht der Tag nicht aus, so nehmen wir die Nacht zu Hülfe, und genügt auch diese nicht, so wird die Arbeit am folgenden Tage fortgesetzt. Jetzt ist es hier ja immerwährend hell. Heute Morgen dauerte es lange, ehe wir aufbrechen konnten. Mein Kajak mußte eine neue Unterlage haben, da der Inhalt des einen Sackes ganz aufgegessen war. Wir nähten noch schnell verschiedene Säcke zusammen, was unsern wunden Fingern bei der Kälte recht sauer wurde. Der 2. April ist mit Abbruch des Lagers und Marschiren hingegangen, und wir sind nicht vor heute (3.) Morgen 7 Uhr nach einem die Nacht hindurch andauernden Marsche in den Sack gekommen. Ich hatte wieder das Unglück, in eine Rinne zu fallen, blieb aber diesmal nicht so lange im Wasser. Nansen hatte sie mit dem ersten Schlitten auf Schneeschuhen passirt. Als ich ohne Schneeschuhe mit den beiden andern Schlitten hinüber marschirte, brach das Eis unter mir, und ich fiel ins Wasser, hielt mich aber glücklicherweise noch am Kajak fest und wurde so von den Hunden gleich wieder herausgezogen. Das Eis ist heute ein ganz klein wenig besser gewesen, aber schnell kommen wir noch immer nicht weiter. Heute mußte der »Russe« sein Leben für seine Kameraden lassen, von denen jedoch keiner nach seinem Fleische sehr lüstern war. Das Fleisch der Hunde, die sie in den guten alten Zeiten an Bord der »Fram« todtgebissen hatten, hat ihnen dem Anscheine nach viel besser gemundet. Die Temperatur beträgt jetzt -31,5°, das ist verhältnißmäßig warm; schönes, klares Wetter ist es auch, und der Wind ist heute ein wenig mehr nach Osten herumgegangen. 4. April nachmittags 4 ½ Uhr. So schwer wir es bei Tage und oft auch nachts haben, gibt es doch selbst für uns lichtere Augenblicke, auf die wir uns freuen können. Ein solcher, ja unser allerlichtester, ist es, wenn wir in Erwartung des Essens im Sacke sitzen, hungerig wie die Wölfe, vor Frost bebend und mit so steif gefrorenen Kleidern, daß wir erst eine Weile liegen müssen, ehe wir die Fußbekleidung wechseln können. Der Schlaf ist natürlich nicht der beste, wenn man so Nacht für Nacht in den Kleidern liegt, mit denen man täglich durch Wasser, Eis und Schnee geht. Es gilt nur, dies auf die Dauer auszuhalten. Die Temperatur beträgt jetzt -31,3°, und das Barometer, das bisher hoch gestanden, fällt. Die Luft ist klar und der Wind Nordnordost. Die gestrige Meridianhöhe ergab, daß wir uns auf 85° 59' nördlicher Breite befinden. Wir hatten mehr erwartet. Allerdings ist es in der letzten Zeit bei dem ungünstigen Terrain nur langsam vorwärts gegangen, und es hat durchaus den Anschein, als würde das Eis noch schlechter werden. Nach meiner Meinung dürfen wir nicht versuchen, noch viel weiter nach Norden vorzudringen; es wird schon schwierig genug sein, von hier, mitten im Treibeise, nach Franz-Joseph-Land zu gelangen. Auch Nansen hat seine Bedenken über die Fortsetzung des Weitermarsches nach Norden und hat heute einen mehr westlichen Kurs eingeschlagen. Es wird immer schwerer, die Hunde in Ordnung zu halten. Die Zugleinen bestehen bald nur noch aus Knoten, die außer am Morgen und Abend auch tagsüber mehrmals entwirrt werden müssen: eine angenehme Arbeit! Am nächsten Tage rechnete Nansen mehrere Beobachtungen aus. Die letzte ergab, daß wir auf 86° 2,8' nördlicher Breite und ungefähr auf 98° östlicher Länge sind. Um den 86. Grad zu feiern, hatten wir gestern Abend ein kleines Festmahl, das aus Labskaus mit viel Kartoffeln bestand; hinterdrein gab es reichlich warmes Molkenwasser. Am 6. April arbeiteten wir uns durch so entsetzlich schlechtes Eis hindurch, wie es uns bisher noch nicht vorgekommen ist. Ein Eisrücken folgte dem andern, und diese Reihe wurde nur von altem höckerigem Eise mit tiefen Schneewehen und Rinnen unterbrochen. Wir kamen auch nicht weit. Wenn das Eis bis zum Lande hin ebenso ist, dann werden wir, wie es scheint, nicht so bald dorthin gelangen. Nansen spricht nun auch davon, daß wir uns »das Eis noch einen Tag ansehen« wollen. Die Temperatur ist jetzt ganz gemäßigt, nur -24°, der Wind nordöstlich, die Luft nebelig. Wir frieren jetzt nicht mehr so sehr, aber die Nässe ist schlimm. Ach, hätten wir doch trockenes Zeug! Nun einmal wird es wol auch dahin kommen. Aber das Ausziehen, fürchte ich, wird dann unangenehm werden. In der Nacht zum Sonntag (7.) hatten wir erst eine kleine Strecke zurückgelegt, als Nansen erklärte, nun wolle er nicht weiter. Durch das Eis war auch wirklich nicht hindurchzukommen. Nansen lief auf seinen Schneeschuhen noch eine Strecke weiter nach Norden, um von dort Umschau zu halten, fand aber überall dieselben Hindernisse. Wir entdeckten jedoch einen guten Zeltplatz und ließen uns dort nieder. An dieser Stelle, dem nördlichsten Punkte, den je der Fuß eines Menschen betreten hat, nahmen wir ein aus Labskaus, Chocolade und Preiselbeergrütze bestehendes Festmahl ein, zu dem wir unser Molkenwasser tranken. Nansen maß auf dem neben unserm Zelte liegenden hohen massiven Eishügel eine Meridianhöhe und berechnete die Breite auf 86° 10', doch stellte sich später bei nochmaliger Ausrechnung heraus, daß sie 86° 13,6' betrug. Soweit war uns also zu kommen bestimmt! Gern wären wir noch weiter vorgedrungen. Ein Trost war uns, daß wir gethan, was in unserer Macht stand, und den Schleier, der diesen Theil unserer Erde verhüllt, doch ein wenig mehr gelüftet hatten. Da aber das Eis, soweit das Auge sehen konnte, überall derartig war, daß wir trotz der größten Anstrengung täglich nur eine ganz kurze Strecke vorrücken konnten, mußten wir uns vor der gebieterischen Nothwendigkeit beugen und wieder nach warmem Himmelsstrichen unsern Kurs lenken. Am 8. April kehrten wir um und richteten den Kurs nach Franz-Joseph-Land, nachdem wir diesen nördlichsten Zeltplatz der Welt zuvor noch mit zwei Flaggen, einer mit dem Unionszeichen versehenen und einer reinen, geschmückt hatten. Merkwürdigerweise verlief unser erster Marschtag in der veränderten Richtung sehr gut; das Eis war hier ganz anders und viel besser fahrbar. Ich konnte ganze Strecken weit auf Schneeschuhen hinter den Schlitten herlaufen, während ich sonst hatte zu Fuß gehen und die Schlitten stützen müssen. 10. April. In der letzten Nacht und heute haben wir gute Fortschritte gemacht, die besten, die wir bisher verzeichnen können. Wenn wir erst einmal in Gang gekommen sind, halten wir ordentlich aus, aber viel Zeit geht doch verloren. Es war uns gestern Abend recht verdrießlich, daß wir nach einem Marsche von 10 Stunden noch an eine eben überfrorene Rinne kamen, über die wir gerade noch mit einem Schlitten gelangen konnten. Der zweite war beinahe hinüber, da brachen die Hunde ein, das Wasser sprudelte in die Höhe und das Eis begann unter dem Schlitten zu wogen. Wir auf unsern Schneeschuhen mußten zusehen, daß wir die Hunde und den Schlitten rund um die Rinne herum nach der andern Seite zurückziehen konnten. Das glückte uns denn auch trotz der Bewegung im Eise. Auf dieselbe Weise und mit demselben Erfolge versuchten wir es mit dem letzten Schlitten an zwei Stellen; nur gut, daß kein Unglück geschah. So blieb uns denn weiter nichts übrig, als einen langen Umweg zu machen und an einer andern Stelle den Uebergang zu versuchen. Es gelang uns auch, aber nicht ohne weiteres, denn das Eis begann sich zu lockern. Dann hieß es, die Schlitten wieder zusammenbringen und schließlich einen Zeltplatz finden; aber dort war es auch ein Hochgenuß, ins Zelt zu schlüpfen und warmes Fiskegratin zu bekommen. 11. April. Diese Nacht war die beste, die wir noch gehabt haben. Es war im Schlafsacke warm, und die Sonnenseite des Zeltes ist frei von Reif geblieben. Ich schreibe mit bloßen Händen und finde, daß dies bisher unser schönster Morgen ist. Die Stimmung ist vorzüglich; wir plaudern von der Heimat, und wenn wir hungerig sind – das sind wir eigentlich immer –, sprechen wir davon, was wir alles essen werden, wenn wir erst wieder zu Hause sind. Der bekannte »Polardurst« hat uns bisher nicht sehr geplagt, aber gestern war er wirklich schlimm. Auch am Tage darauf machten wir ausgezeichnete Fortschritte. Das Eis ist noch immer sehr gut fahrbar, und es kommt nicht mehr oft vor, daß wir beide einen Schlitten heben und stützen müssen. Neue Rinnen haben wir heute nicht passirt. Als wir an einem Lagerplatze angekommen waren und ich die Hunde gefüttert hatte, sah ich nach der Uhr, um mich zu vergewissern, wieviel Zeit wir gebraucht hatten: sie war stehen geblieben! Ich rief nun Nansen, der mit dem Kochapparate beschäftigt war, zu, er möchte doch nachsehen, ob seine Uhr gehe, meine sei stehen geblieben. Nein – auch seine stand! Wir hatten mit dem Aufziehen zu lange gewartet. Es war keine angenehme Entdeckung; natürlich brachten wir die Uhren sofort wieder in Gang. Nansen machte eine Zeit- und Breitenbeobachtung, und im übrigen mußten wir uns auf das Besteck seit der letzten Längenbeobachtung verlassen. »Barbara« wurde am 12. geschlachtet und unter ihre Kameraden vertheilt, die nun, da sie anfangen hungeriger zu werden, an dem Fleische immer mehr Geschmack zu finden beginnen. Als wir das arme Thier tödteten, hätte es mich beinahe in die Hand gebissen. Es hielt sich gewiß für zu jung zum Sterben; war es doch auf dem Eismeere geboren und aufgewachsen und fand nun dort auch seinen Tod, ohne von der Welt etwas anderes als Eis und Schnee gesehen zu haben. Das gute Thier hat seine Pflicht gethan und ist sicher in die Jagdgefilde des Jenseits eingegangen. Am Osterabend, 13. April, machten wir keinen so langen Marsch wie an den drei vorhergehenden Tagen. Wir stießen auf eine Rinne, die gar nicht zu passiren war. Nansen lief lange am Rande entlang, um einen Uebergang zu finden, so lange, daß ich anfing, mich seinetwegen zu ängstigen. Endlich kehrte er zurück und machte den Vorschlag, wir wollten mit dem Uebergange lieber bis morgen warten und jetzt das Lager aufschlagen und uns den Osterabend so gemüthlich wie möglich machen. Er kroch sofort in den Sack, wo er ein paar Beobachtungen ausrechnete, während ich die Hunde versorgte; dann hielten wir im Zelte ein großes Festmahl mit Fiskegratin, Butterbrot, Bril und etwas ganz Neuem: heißem Citronensaft. Während ich das Lager in Ordnung brachte, fing das Eis in der Rinne vor uns an, sich entsetzlich zusammenzupressen. Die Ränder der Rinne näherten sich einander, und rund um unsern Zeltplatz herum knackte es dermaßen im Eise, daß die Hunde unruhig wurden. Zweimal hatten diese schon einen Angriff auf den Buttersack gemacht. Jetzt sah ich »Storräven« (den »Großen Fuchs«) gerade wieder dabei; es that mir seinetwegen leid, denn »Storräven« ist ein ausgezeichneter Hund, aber das konnte an der Sache nichts ändern, seine Tracht Prügel mußte er trotz alledem haben. Den Buttersack mußten wir von da an immer mit ins Zelt nehmen. Am ersten Ostertage war es im Zelte sehr gemüthlich. Nansen rechnete, und ich flickte unsere Kleider. Unsere augenblickliche Lage war am 13. April 86° 4' nördlicher Breite und 86° östlicher Länge. Nansen's Uhr wäre danach ungefähr eine Stunde stehen geblieben. Daß wir noch immer so hoch im Norden sind, ist gewiß der Thatsache zuzuschreiben, daß das Eis sich wieder einmal in der Drift nach Norden befindet. Heute schlagen wir einen südlichern Kurs ein. Voriges Jahr um diese Zeit hatten wir auf der »Fram« eine starke nordwestliche Drift; es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie sich jährlich zu derselben Zeit wiederholt. Der 15. April war ein schöner Tag; das Thermometer zeigte -26,2°, und die Sonne wärmte uns gut durch. Bevor wir mittags in den Sack krochen, nachdem wir die ganze Nacht und den ganzen Vormittag auf den Beinen gewesen waren, konnten wir unsere ganze Habe auf Stöcken und Schneeschuhen in dem herrlichen Sonnenschein zum Trocknen aufhängen. Drinnen in dem in der prallen Sonne stehenden Zelte freuten wir uns bei zwei Tassen dampfender Juliennesuppe unsers Daseins. Nach dem Aufbruch machten wir keine so guten Fortschritte, als wir erwartet hatten. Nansen mußte eine ganze Strecke wieder zurück, um den Kompaß zu holen, der bei der letzten Kurspeilung auf dem Eise liegen geblieben war. Es war mir seltsam zu Muthe, als ich hier in der Einsamkeit ganz allein auf seine Rückkehr warten mußte. Eine solche Stille war mir noch nicht vorgekommen. Auch nicht das mindeste Geräusch irgendwelcher Art unterbrach das Schweigen nah und fern. Die Hunde lagen, den Kopf zwischen den Pfoten, wie leblos in dem weißen Schnee, der in dem strahlenden Sonnenlichte glitzerte. Es war so beängstigend still! Wo ich saß, mußte ich sitzen bleiben; ich wagte kein Glied zu rühren, ja kaum zu athmen. So überraschte mich der Schlummer, und weg war ich. Ein kalter Hauch von Süden her ging so böse mit meiner Nase um, daß ich davon erwachte; noch war ja kein wirklicher Sommer. Das Thermometer zeigte -26,2°. Hier und dort erhob sich ein Hundekopf und spähte in die Ferne; die Stille war gebrochen, ich hörte den Ton gleitender Schneeschuhe auf dem Schnee, und gleich darauf erschien Nansen. Er war von dem Laufe in der ungewohnten Wärme müde und angegriffen. Wir zogen zusammen weiter, aber lange dauerte es nicht mehr, dann wurde das Zelt aufgeschlagen und das Mittagessen servirt. Am 16. April machten wir einen guten Fortschritt. Wir brachen früh morgens auf, marschirten 14 Stunden und legten eine hübsche Strecke zurück, um so mehr, da das Eis recht gut war und die Hunde jetzt besser ziehen, weil die Schlitten leichter werden. Auf unsern Wanderungen hielten wir mitten im Marsche eine längere Rast, um etwas zu essen. Wir pflegten dann in unsern Sack zu kriechen und uns dort häuslich niederzulassen, Brot, Butter und Pemmikan zwischen uns. Bei strenger Kälte waren diese nothwendigen Ruhepausen entsetzlich. Da lagen wir und zitterten vor Frost und nagten an den harten Butterstückchen, die in unsern dicken Fausthandschuhen von Wolfsfell oft auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Späterhin wurde es allerdings besser, aber es kam doch vor, daß wir dabei wider Willen einschliefen und unsere kostbare Zeit verloren. Die täglich einmal erfolgende Austheilung von Chocolade war natürlich ein Lichtpunkt in unserm Dasein. Die Tafeln waren längst zerbrochen, ließen sich also nicht so leicht gleichmäßig vertheilen; wir machten es deshalb so, daß einer von uns zwei ungefähr gleich große Portionen auf das Kajak legte, während der andere ihm den Rücken drehte und sich für »rechts oder links« entschied. Gerecht ging es dabei zu. Nansen, der größer war als ich und deshalb vielleicht mehr Nahrung hätte haben müssen, machte nie einen Unterschied bei den Rationen. Gewöhnlich hatten wir ja genug zu essen, aber es kamen doch auch Tage, an denen es damit nur knapp bestellt war. 19. April. Unser letzter Marsch begann am Abend des 17. und dauerte bis zum nächsten Vormittag. Ich habe das Pech gehabt, zwei Schneeschuhe abzubrechen, das heißt, die Hunde sind mit dem Schlitten darüber gerannt. Gestern wurde »Perpetuum« geschlachtet. Wir glaubten, es sei besser, ihn zu erdrosseln, als ihm den Hals abzuschneiden, mußten aber nach fruchtlosen Versuchen wieder davon abstehen und doch zum Messer greifen. Das Bequemste wäre natürlich gewesen, dem Hunde eine Kugel zu spendiren, doch dies erlaubten uns unsere Mittel nicht; wir konnten später von unserer Munition sicher bessern Gebrauch machen. Diese Schlachtereien sind mir greulich. Ich hatte mir die Sache allerdings noch schlimmer vorgestellt; so weh, wie ich erst geglaubt habe, thut es mir nicht. Ich bekam mit der Zeit eine solche Fertigkeit im Halsabschneiden, daß es den Thieren keine großen Schmerzen verursacht haben kann. Die armen Hunde gingen bereitwillig mit mir; ich legte sie im Schnee auf die Seite und während ich mit der Linken den Halsring festhielt, stach ich mit der Rechten das Messer so tief in die Gurgel, daß es an der andern Seite des Halses wieder herauskam. Gewöhnlich verendeten sie, ohne einen Laut von sich zu geben. Das Schlimmste war das Zerlegen in Portionen, damit jeder Hund seinen wohlverdienten Antheil bekam. Die strenge gebieterische Nothwendigkeit machte mir aber auch diese Arbeit verhältnißmäßig leicht. »Perpetuum« war ein fauler, untauglicher Hund, aber fett war er, und darum als Schlachtvieh gut zu gebrauchen. Seinen Namen hatte er davon bekommen, daß er nie den Schwanz still hielt. Nun sahen wir, daß er es doch konnte. Der Abwechselung halber war gestern Mittag in das Fiskegratin und heute in die Grütze Petroleum gerathen, daraus machen wir uns aber nichts. Morgens aßen wir den einen Tag Butterbrot und Pemmikan mit Chocolade, den andern Tag Grütze mit heißem Molkenwasser. Wir haben jetzt mit dem Flicken unserer Finnenschuhe begonnen, was bei der gegenwärtigen Temperatur, die circa -30° beträgt, gerade kein Vergnügen ist. Auf dem Marsche wärmt uns die Sonne jedoch schön durch. Seit sich das Wetter geändert hat, habe ich angefangen, Fingerhandschuhe zu tragen. 21. April. Unser letzter Marsch dauerte von 4 Uhr nachmittags des 19. bis 8 ½ Uhr morgens des 20. Trotz vieler Eisrücken und mehrerer Rinnen kamen wir gut vorwärts. Besonders eine große breite, mit Eisschlamm und Eisstücken angefüllte Rinne machte uns viel zu schaffen, aber wir kamen schließlich doch hinüber, obgleich das Eis sich unter unsern Füßen zusammenpreßte. An der andern Seite war eine schöne glatte Fläche, das reine »Land Kanaan«, wie Nansen zu sagen pflegte, wenn er nach beendeter Recognoscirung zurückkehrte und gutes Eis gefunden hatte. Was ragt denn dort hinten aus der weißen Eisfläche empor? Ist es nicht etwas von einem Schiffsmaste? Es konnten doch wol nicht die Trümmer des »Tegetthoff« sein? Diese Fragen drängten sich mir unwillkürlich auf, als wir einen Balken erblickten, der aus dem Eise schräg in die Luft emporragte. Doch als wir näher kamen, sahen wir, daß es ein Treibholzstamm war, der wahrscheinlich infolge der Pressungen in diese Lage gerathen war. Er kam vermuthlich aus den Urwäldern Sibiriens und hatte vielleicht schon lange hier oben herumgetanzt. Leider waren wir nicht im Stande, ihn mitzunehmen, er hätte uns sonst gutes Brennholz geliefert. Ich schnitt die Anfangsbuchstaben unserer Namen und 85° 30' nördlicher Breite in den Stamm ein. Diesmal war es »Sjölike«, der sein Leben für die andern Hunde lassen mußte. Wir müssen jetzt öfter schlachten und den 3 bis 4 Tage reichenden Pemmikan, den wir noch für die Hunde haben, soviel wie möglich zu sparen suchen. Von 9 ½ Uhr vormittags des 21. bis 1 ½ Uhr morgens des 22. legten wir gewiß 36 Kilometer zurück; es war der beste Marsch, den wir bisher gemacht haben. Aber es fuhr sich auch gut. Große, weite Flächen, hier und da mit einem Eisrücken und gelegentlich einem Stückchen weniger glatten Eises. Es ist wirklich ein Vergnügen, wenn es so gut geht. An einem solchen Tage nähern sich die Freuden der Heimat, wenn man hinter den Schlitten hergeht und phantasirt, und das ganze Dasein erglänzt in rosigem Licht. Am nächsten Tage war das Eis ebenfalls gut, und obgleich ein wenig Schnee gefallen war, auf dem die Schlitten nicht so leicht gleiten wollten, rückten wir doch gegen 35 Kilometer vor. Bisher hat die Sonne unsern Augen nicht geschadet, obgleich wir noch nicht angefangen haben, Schneebrillen zu benutzen, sondern uns nur die Krempe unsers Filzhutes, den wir unter der Kapuze tragen, tief in die Augen ziehen. Der kleine »Bjelki« wurde gestern geschlachtet. Du lieber Gott, viel Fleisch war an dem Wollknäuel nicht und viel Nutzen haben wir auch nicht von ihm gehabt. Noch besitzen wir 21 Hunde, die schlechtesten sind beinahe alle weg. Nansen hat gestern einen Schneeschuh zerbrochen; nun haben wir nur noch einen ganzen in Reserve. Am 24. und 25. April war das Eis allerdings nicht gut, aber wir machten doch ordentliche Fortschritte. Die Temperatur hat in den letzten Tagen den Tag über -26° bis -28° und nachts ungefähr -30° betragen. Merkwürdigerweise trafen wir eine quer über unsern Süd 5° Ost gerichteten Kurs laufende Fuchsspur, und eine Weile später fanden wir noch eine Spur. Die letztere war dicht bei einer offenen Rinne, wegen deren wir unser Lager aufzuschlagen genöthigt waren. Wir mußten hiernach natürlich glauben, in der Nähe von Land zu sein. Bei der ersten Spur fanden wir auch Fuchsexcremente, es konnte also noch nicht lange her sein, daß Reinecke etwas verspeist hatte. Aber woher hätte er hier, draußen im Treibeise wol etwas zu fressen bekommen sollen? Nach unserm Besteck hätten wir bis zur Westküste von Petermann-Land noch circa 220 Kilometer; es kommt also darauf an, wie weit es sich nach Osten erstreckt. Jetzt heißt es, jeden Tag nach Land ausschauen; wir haben auch angefangen, die Gewehre nachts mit ins Zelt zu nehmen. Am 26. April waren wir auf 84° 46' nördlicher Breite. Der »Gelbe« mußte den Tag darauf den Tod erleiden. Er war der letzte der von »Kvik« an Bord der »Fram« geborenen und von uns mitgenommenen Hunde. Die armen Thiere sind uns nützlich gewesen, sollten aber von Gottes schöner Erde nichts weiter als Eis und Schnee zu sehen bekommen. Am 28. waren wir von früh morgens bis 10 Uhr abends unterwegs, dann aber mußten wir des bewölkten Himmels und des starken südlichen Windes wegen das Lager aufschlagen. Als wir den Marsch begannen, stießen wir auf eine ganz offene Rinne, in der das Eis in beständiger Bewegung war. An ihr, die sich von Osten nach Westen zog, mußten wir gegen zwei Stunden entlang ziehen, ehe wir hinüberkommen konnten, und es glückte uns auch nur mit genauer Noth dadurch, daß wir zum Hinüberführen der Schlitten einen günstigen Augenblick benutzten, als sich das Eis zusammenpreßte. Das Eis knisterte, polterte und krachte unter unsern Füßen, während die Rücken sich immer höher aufthürmten. Es war der Lärm, den wir so gut kannten, diesmal aber waren wir mitten drin. Ich mußte an der Stelle unsers Ueberganges einen Laufmarsch nach der andern Seite machen, um meine Schneeschuhe, die ich während der Arbeit abgelegt hatte, in Sicherheit zu bringen; aber schon hatten die herannahenden Eisrücken die Spitzen der Schneeschuhe bedroht, und ich konnte sie gerade noch retten. Unsers Dafürhaltens hatten wir mit dem Uebergange einen guten Schritt gethan, nahmen daher eine Extraportion Chocolade zu uns und thaten uns, auf unsern Kajaks auf sicherm Eise sitzend, recht gütlich, während wir zuhörten, wie das Eis tobte, daß solche Mücken wie wir seiner Umarmung entschlüpft waren. Dann kamen wir auf ebene Flächen, wo es schnell vorwärts ging, obschon uns die ganze Zeit ein heftiger Südwind gerade entgegen blies und wir eine Temperatur von beinahe -30° hatten. Auch hier wieder Fuchsspuren. Vorsichtigerweise schlugen wir das Lager zwischen Eisrücken auf und bereiteten uns, so gut wir konnten, auf einen vielleicht mehrtägigen Schneesturm vor, denn danach sah es aus. Heute, am 29. April, ist jedoch schönes Wetter; wir haben ebenes Eis vor uns und sehnen uns nach einem guten Tagemarsche, der uns dem Lande näher bringen wird, das wir unserer Ansicht nach noch heute erblicken müssen. Gestern wurde das »Kind« geschlachtet, auch dieser Hund war beinahe fertig. Die Hunde bleiben nicht bei Kräften, arbeiten sich ab und werden mager, bekommen sie doch auch zu wenig zu fressen. Wir werden heute eine kleine Extraration von unserm Pemmikan an sie austheilen. Der letzte April. Der »wunderschöne« Monat Mai kommt, aber große Veränderungen wird er uns wol nicht bringen. Gestern waren wir nur 5 oder 6 Stunden unterwegs. Der Anfang war vielversprechend, aber bald stießen wir auf mehrere Rinnen, die unsern Kurs kreuzten und um die wir geduldig herumgehen mußten. Bald trafen wir eine gewaltige Rinne mit offenem Wasser, an der wir nach Westen hin entlang zogen, aber ohne Resultat. Nansen ging allein weiter und blieb mehrere Stunden fort, doch konnte auch er keinen Uebergang finden. Wir mußten uns also in Geduld fassen. Dies thaten wir denn auch, schlachteten »Narrifas« und gaben den Hunden halbe Portionen. Das Wetter ist schön, und es wird jetzt milder, gestern waren nur -20,3°. Im Zelte ist es gemüthlich warm, wir schlafen nachts vorzüglich. Das Leben beginnt lichter zu werden, und die Heimat glänzt vor uns auf dem Marsche in vielen lockenden Gestalten. Zehntes Kapitel. Wo ist das Land? Am ersten Mai hielten wir einen Flicktag, während wir auf das Zufrieren der Rinne warteten. Es war eine angenehme Abwechselung, still zu liegen und nur zu nähen. Die Hunde sind jetzt hungerig wie die Wölfe; ein Paar Sohlen von Renthierleder, die ich die Nacht über zum Trocknen auf das Kajak gelegt, haben sie aufgefressen. Wahrscheinlich hat es »Kvik« gethan, und sie hat auch wol den Angriff auf die Bootsunterlage mit Pemmikan, die wir noch hatten, gemacht. »Kvik« frißt das Fleisch der andern Hunde nicht, wenn es frisch geschlachtet ist, es muß erst eine Nacht über liegen und durchfrieren. In den ersten Maitagen machten uns die Rinnen viel zu schaffen. Der Wind war in dieser Zeit ganz danach angethan, die gute Stimmung an Bord der »Fram« auf den Höhepunkt zu bringen, wir jedoch konnten uns jetzt leider dieser Südostbrise nicht freuen, sie öffnete zu viele Rinnen im Eis und stellte unsere Geduld sehr auf die Probe. Erst mußten wir einen Uebergang suchen, den wir nach vielem Hin- und Herziehen vielleicht auch fanden, und dann konnte es vorkommen, daß uns der Uebergang selbst manche Schwierigkeiten und viel Kopfzerbrechen bereitete. »Pan« und dem »Hasen« wird das Ziehen schwer, sie sind jetzt mager und elend. Die Hunde, die am allerbesten gezogen haben, sind der »Große Fuchs«, das »Füchslein«, der »Eisbär«, »Suggen«, »Baro«, »Barrabas« und »Kaiphas«. »Sultan« ist faul, aber stark. »Ulenka« hält sich im Gespann soviel wie möglich nach der Seite und scheint kein größeres Vergnügen zu kennen, als sich in die Leinen des neben ihm fahrenden Gespanns zu verwickeln. Dieser Hund hat mir viel unnöthige Arbeit gemacht. Am 5. Mai marschirten wir von 1 ½ Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Es war ein guter Sonntag; wir kamen rasch vorwärts und überschritten viele ebene Flächen. Die Rinnen waren auch nicht schwer zu passiren, da sie sich zum Theil so verschoben hatten, daß wir Stellen finden konnten, wo die Ränder aneinander stießen und theilweise schon im Zufrieren begriffen waren, sodaß wir uns dort, wo Eisstücke und Schlammeis mit dem Wasser schon zusammengefroren waren, hinüberwagen konnten. Wir eilten, so schnell wir konnten, vorwärts und waren ganz ermattet, als wir unser Lager aufschlugen. In der Nacht erwachte ich vor Kälte, da eine frische Brise das Zelttuch heruntergeweht hatte; wir hatten den Schlafsack in der letzten Zeit nachts nicht so fest zugemacht, da es auch ohne Klappe darin warm genug gewesen war. Nun aber hat sich der Wind gedreht und weht ziemlich stark aus Norden, was uns gar nicht unangenehm ist. Der südöstliche Wind, der in der letzten Zeit geherrscht hat, muß uns ziemlich weit nach Nordwesten getrieben haben. Die Temperatur beträgt -17,5º. Der nächste Marsch dauerte von 5 Uhr morgens des 6. bis beinahe um 9 Uhr vormittags des 7. Mai. Wir hatten natürlich mit einigen Eisrücken zu kämpfen, aber zwischendurch kamen auch wieder ebene Flächen; im ganzen machten wir sehr gute Fortschritte. Allmählich sehnen wir uns nach dem Lande; wir sind des Anblicks dieser ewigen Eisfelder überdrüßig, haben wir doch seit zwei Jahren kein Land gesehen! Welch herrlicher Augenblick wird es sein, wenn wir den Fuß wieder auf den Boden des Vaterlandes setzen können, vielleicht gerade in der Zeit, da alles in Blüte steht! Welch ein Unterschied zwischen dem Leben hier und dem dort im Süden! Ist es nicht eigenthümlich, Norwegen das herrliche Land des Südens zu nennen? Doch so steht es vor uns. Am 8. Mai mußten wir früher, als wir gewollt hatten, halt machen und das Lager aufschlagen. Der Wind, den wir die ganze Zeit über aus Nordosten gehabt hatten, wurde immer heftiger und am Nachmittag brachte er uns ein solches Schneetreiben, daß wir den Marsch unterbrechen mußten. Als wir am Morgen wol fünf Stunden marschirt waren und uns auf dem holperigen Eise sehr abgequält hatten, riß »Flint«, der am Abend geschlachtet werden sollte, sich los. Er war einer von denen, die schwer wieder einzufangen sind, wenn sie sich einmal losgemacht haben. Er war stark, aber faul und untauglich und machte sich aus Schlägen gar nichts. Gegen die andern Hunde war er beständig mürrisch und boshaft. Als wir halt machten, fand er sich von selbst wieder ein, um seine Portion Hundefleisch in Empfang zu nehmen; aber eine schwere Enttäuschung wartete seiner, denn er mußte mit mir hinter einen Eishügel gehen, um dort zum Besten der andern, die ein längeres Leben als er verdient hatten, in Stücke zerlegt zu werden. Die armen Hunde! Sie sind jetzt nur noch Haut und Knochen, so müssen sie für uns arbeiten und hungern. Doch wir müssen vorwärts und sind gezwungen, sie zu prügeln, wenn sie plötzlich halt machen; ja, wir müssen sie mehr schlagen, als wir selbst es unter andern Umständen möchten. »Flint« war recht fett; es ist in der That merkwürdig, daß er bei der magern Kost so fett hat bleiben können. Die Temperatur beträgt gegen -12°, unserer Meinung nach ein herrliches Sommerwetter im Vergleich mit dem, welches wir gewohnt sind. Unsere Finger sind noch immer wund, aber es braucht uns jetzt doch nicht mehr so wie früher vor dem Ausziehen der Handschuhe und anderer Kleidungsstücke zu grauen. Am 9. Mai war der Himmel bewölkt und die Luft unsichtig. Nach Verlauf einiger Stunden glaubten wir eine herrliche Ebene vor uns zu sehen und sagten zueinander, nun würden wir wol wieder auf glatte Flächen kommen. Es wurde jedoch immer trüber und begann so zu schneien, daß man nicht unterscheiden konnte, ob das Eis glatt oder holperig war. Zwischendurch klärte es sich wieder für einige Augenblicke auf, was uns bestimmte, noch eine Weile in Bewegung zu bleiben. Schließlich mußten wir aber doch halt machen. Zuerst gedachten wir, im Sacke Mittagsrast zu halten und abzuwarten, ob es nicht besser würde, aber schließlich schlugen wir unser Zelt auf, kochten uns Labskaus und legten uns dann schlafen, um ausgeruht zu haben, wenn das Wetter sich aufklärte. Die Hunde bekamen diesmal gar kein Futter. Bevor wir unsern Marsch antraten, gab es im Lager noch allerlei Arbeit. Nansen hatte die Absicht gehabt, die Kufenschoner von seinem Schlitten abzunehmen, um zu sehen, ob er auf den mit Neusilber beschlagenen Schienen nicht leichter glitte, aber es zeigte sich jetzt, daß die theergetränkten Schoner auf der jetzigen Bahn sehr gut liefen, sodaß Nansen sie daran ließ. Von unserm dritten, nicht mit Neusilber beschlagenen Schlitten nahm ich sie jedoch ab, um es mit den glatten, frisch getheerten Kufen aus Birkenholz zu probiren. Dabei stellte sich heraus, daß die eine Kufe eingeknickt war, weshalb die Schoner schleunigst wieder angebracht werden mußten. Hätten wir sie nicht gehabt, so wäre es uns sicher schlecht gegangen. Die Breite ist jetzt 84° 3', die Länge 64° 20'. Unsere Sehnsucht nach Land wird immer größer, und wir wundern uns, daß es sich noch nicht zeigt. Die Temperatur beträgt nur -10,4°. Wir müssen uns jetzt auf dem Marsche leichter kleiden. Am 10. und 11. Mai war das Vordringen mit Schwierigkeiten verknüpft, denn mit Ausnahme eines hellen Streifens im Südwesten war der ganze Himmel gleichmäßig dick überzogen. Der helle Streifen war schon 8 Stunden vorher dagewesen, was uns hin und wieder aufgefallen war, als wir in unserm Lager auf schönes Wetter warteten. Trotz des Nebels machten wir doch einen ordentlichen Marsch. Das Eis nimmt jetzt einen ganz andern Charakter an, was, wie wir glauben, darauf hindeutet, daß Land in der Nähe ist. Es ist nicht mehr so eben wie in der letzten Zeit, aber wir kommen doch darauf vorwärts. 13. Mai. Der gestrige Marsch war anstrengend. Schon gleich zu Anfang mußten wir uns über eine größere Strecke Schlammeis hinwegarbeiten. Das Vordringen ist jetzt mühevoller als bisher. Allerdings sind die Schlitten jetzt leichter, aber dafür haben wir jetzt auch nicht mehr als 12 Hunde zur Verfügung und dabei sind die Wege viel schlechter, da wir an einigen Stellen zwischen Eishügeln oft bis zur Hüfte in den Eismorast einsinken, wenn wir den Hunden mit den Schlitten helfen müssen. Dabei können wir nämlich die Schneeschuhe nicht anbehalten; jetzt wäre es gut, wenn wir indianische Schneeschuhe hätten. Wir waren von 3 Uhr morgens bis 7 ½ Uhr abends auf den Beinen und schlugen dann unser Lager auf, was uns nach einem so mühseligen Tage eine wahre Freude bereitete. Wir hielten auch drei Stunden Mittagsrast. Die Temperatur betrug -17°, und dabei wehte ein unfreundlicher östlicher Wind, der bisweilen sehr heftig wurde und gegen Abend mehr nach Norden umsprang. Zwischendurch passirten wir wol hin und wieder eine Strecke ebenern Eises, aber so flach wie früher war es nicht mehr. Trotz alledem kamen wir ein gutes Stück weiter, 15 bis 20 Kilometer, und das ist die Hauptsache. Das Barometer ist beständig in gleichmäßigem Sinken begriffen. Wir sehnen uns immer mehr nach Land, wenn wir auch wissen, daß es nur ein unwirthliches, unbekanntes Eis- und Schneeland sein kann. 14. Mai. Gestern wurde aus dem Marsche nichts. Wir aßen unser Frühstück und unterhielten uns wie gewöhnlich von der Aussicht auf gutes Weiterkommen. Als wir aber unser Lager abbrechen wollten, war der Himmel vollständig bewölkt und nebelig mit Schneegestöber und nordwestlichem Winde. Wir machten uns darauf an eine Arbeit, die eigentlich schon früher hätte vorgenommen werden sollen: wir entledigten uns des einen Schlittens. Die Ladung desselben war jetzt so zusammengeschmolzen, daß wir es für zweckmäßig hielten, sie auf unsere beiden Schlitten theils als Unterlagen der Kajaks, theils als Füllung derselben zu vertheilen. Die drei Hunde, die den dritten Schlitten bisher gezogen hatten, wurden so vertheilt, daß Nansen »Barrabas« und »Kaiphas« nahm und ich den »Großen Fuchs« erhielt. Ich freue mich über diese Veränderung und hoffe, es wird leichter für mich werden, nur einen Schlitten begleiten zu müssen, statt der zwei, die ich in den 60 Tagen seit unserer Abreise von der »Fram« zu beaufsichtigen hatte. Gestern waren die Hunde beim Umpacken in meinem Kajak gewesen und hatten uns dort unsern Tagesrationssack mit Pemmikan halb leer gefressen, und heute Nacht überraschte ich meine Freunde, den »Großen Fuchs«, »Barrabas« und »Sultan«, bei einem Angriffe auf dasselbe Kajak. Der Hunger quält sie, aber was können wir machen? Wir müssen weiter, wir müssen! Gestern zerlegte ich den dritten Schlitten in seine Theile. Mit dem überflüssigen Holze, das wir mitgeschleppt haben, den zerbrochenen Schneeschuhen und Schneeschuhstöcken und einem Theile des Schlittens wollten wir unser Essen kochen. Aus dem leeren Theerölfasse machten wir einen Kessel und zündeten in der Zeltöffnung, in der er hing, ein tüchtiges Feuer an, aber es währte gar nicht lange, so mußten wir unsere Feuerstätte ins Freie verlegen, da das Zelt in Gefahr war, zu verbrennen. Als das Wasser endlich kochte, hatte sich auch schon im Schnee ein Loch von ein Meter Tiefe gebildet, und wir hatten eine Unmenge Holz verbrannt. Ein solches Kochen ist eine wenig lohnende Arbeit; es wurde daher beschlossen, daß Primus das übrige thun sollte. Gesagt, gethan, und wir bekamen denn auch am Abend unser Fiskegratin, das, wie gewöhnlich, köstlich schmeckte. Heute ist der Himmel klar, und strahlender Sonnenschein herrscht. Die Hunde werden mit einer halben Ration Pemmikan gefüttert. 16. Mai. Gestern hatten wir herrliches Wetter; der Himmel war außergewöhnlich klar, und die Sonne schien warm. Wir mußten Schneebrillen aufsetzen, was wir bisher glücklicherweise nur selten nöthig gehabt haben. Wir haben nur noch zwei Schlitten und vor jedem sechs Hunde. Schneller als früher geht es aber nicht, die Hunde sind zu entkräftet. Auch mit unserm kecken »Baro« ging es gestern zu Ende; die andern Hunde mußten ihn zum Schlusse mitschleppen, und es blieb uns nichts weiter übrig, als dieses prächtige Thier, das so lange den Zug nach der Heimat angeführt hat, zu schlachten. Wir stießen gestern auf eine sehr schlimme, eben entstandene ziemlich breite Rinne, an der wir lange in westlicher Richtung hinziehen mußten, ehe es uns gelang, einen Uebergang zu finden. Dann machten wir halt und schlugen unser Lager auf, denn da, wo wir jetzt sind, haben wir eine Rinne zu passiren. Wir sind auf 83° 36' nördlicher Breite und 59° 55' östlicher Länge. Wir dringen also doch nach Süden vor, wenn es auch langsam damit geht. Wir leben in beständiger Verwunderung, daß wir noch gar kein Land sehen können. Das Land, das die Oesterreicher von Kap Fligely aus erblickten, sollte eigentlich nicht mehr als 67 Kilometer von uns entfernt sein, aber sehen können wir es nicht. Daß wir nicht wieder Fuchsspuren oder andere Spuren gesehen haben, mag von dem beständigen Schneefalle in der letzten Zeit kommen. Doch, das gibt sich mit der Zeit. Gestern war mein 28. Geburtstag. Wir feierten im Zelte ein kleines Fest mit einer tüchtigen Portion Labskaus und einem Nachtisch, bestehend aus Bril mit Brotkrumen und Butter und aus heißem Citronensaft. Nansen brachte ein Hoch auf mich aus und wünschte mir »manche freudige Ueberraschung und manch frohen Augenblick« für das anbrechende Geburtsjahr. Am nächsten Tage kamen wir an eine offene Stelle von außergewöhnlicher Breite, die sich so weit nach Südwesten erstreckte, als wir sehen konnten. Wir zogen in dieser Richtung daran entlang, aber unterwegs stiegen uns Bedenken auf, ob wir dem Rande noch weiter folgen sollten, da man ja nicht wissen konnte, wie weit sie sich erstreckte. Sie war mit ganz dünnem Eise bedeckt, was schlimmer war als offenes Wasser. Erst dachten wir daran, umzukehren und es in der entgegengesetzten Richtung zu versuchen, befragten dann aber die Karte und kamen zu dem Resultate, fortzufahren, wie wir begonnen. Durch den Feldstecher konnten wir sehen, daß die Luftspiegelung Eis hinter dem offenen Wasser zeigte. Wir waren noch gar nicht lange gegangen, so stießen wir auf eine breite Rinne, die in das offene Wasser ausmündete. Es stellte sich heraus, daß das Eis derselben tragfähig war, und die nähere Untersuchung ergab, daß es hier vielleicht möglich wäre, über den großen Teich zu kommen. So machten wir uns denn auf den Weg. Die Eisschollen hatten sich an dieser Stelle kreuz und quer übereinandergeschoben, und das Eis war dadurch recht stark geworden, wenn auch nicht überall gleich stark. In der Rinne war freilich noch Bewegung und befanden sich Streifen offenen Wassers, aber schließlich kamen wir doch hinüber, worüber wir uns sehr freuten. Das Eis zeigte uns, daß die Drift noch immer nach Westen geht; das ist uns jetzt, da wir uns auf 59° 55' östlicher Länge befinden, sehr unangenehm. Nansen hat noch einmal mehrere Beobachtungen aus der Zeit, bevor unsere Uhren stehen blieben, ausgerechnet; mit diesem Stehenbleiben können wir uns noch gar nicht aussöhnen. Am 17. Mai, dem Freiheitstage, brachen wir gegen 6 Uhr abends in recht gedrückter Stimmung auf, trotzdem zur Ehre des Tages auf beiden Kajaks die Flaggen im Winde wehten. Der Abwechselung halber sollte ich vorangehen. Aber meine Hunde, die daran gewöhnt waren, hinter den andern zu laufen, wollten davon durchaus nichts wissen; sie konnten nicht begreifen, weshalb sie sich in Bewegung setzen sollten, wenn die andern nicht mitkamen. Ihre Aufmerksamkeit war unausgesetzt auf das andere Gespann gerichtet, und ich konnte sie trotz aller Prügel nicht in Gang bringen. Wir mußten es also aufgeben. Plötzlich glaubte Nansen in dem großen Teiche vor uns, den wir passiren sollten, Walfische blasen zu hören. Ich hatte diesen Laut ebenfalls vernommen, als ich im Lager umhergehend alles zum Aufbruche vorbereitete, aber ich hatte geglaubt, es komme davon, daß die Schollen sich gegeneinander rieben. Doch wirklich, dort war ein Wal; jetzt sahen wir deutlich, wie er sich über die Wasserfläche erhob und dann wieder verschwand. Hui, schnell in die Kajaks, Büchsen und Patronen geholt und Harpune und Leine hervorgesucht! Das war doch einmal ein Fund, hier gab es Lebensmittel genug für uns! Nansen zog bis an die Zähne bewaffnet an der Rinne entlang, um sein Jagdglück zu versuchen; inzwischen sollte ich zusehen, daß ich einen Uebergang fände. Nansen kehrte jedoch bald unverrichteter Dinge zurück; es seien mehrere Narwale, sagte er, sie schienen aber über die Maßen scheu zu sein. Die Reise wurde in Wind und Schneegestöber bis Mittag fortgesetzt. Es ging entsetzlich langsam mit den Hunden, und wir mußten uns gehörig anstrengen. Als wir zwei Stunden Mittagsrast gehalten hatten und wieder weiter wollten, war es so nebelig, daß wir die Augen wieder schlossen und noch ein paar Stunden warteten. Das war das Vernünftigste; dann setzten wir unsern Weg neugestärkt fort, doch erst, nachdem Nansen die Kufenschoner von seinem Schlitten abgenommen hatte. Wir wollten es doch mit den Neusilberkufen probiren. Es war dies etwas ganz anderes, der Schlitten lief unvergleichlich viel leichter als früher. Wir benutzten deshalb auch die neusilbernen Beschläge meines Schlittens, und von da an ging die Reise sehr gut, so gut, daß wir in viel heiterer Stimmung halt machten. Dann feierten wir den Siebzehnten Mai, obgleich es schon der 18. war; natürlich auf die alte Weise, mit Essen und Trinken. Diesmal hatten wir auch ein neues Getränk, das wir anfangs Bier, schließlich aber Meth nannten. Es war ein Aufguß von Citronensaft auf framefood stamina-Tafeln. 20. Mai. Wir liegen des Schneetreibens wegen still. Gestern machten wir bei recht guter Bahn einen hübschen Marsch von ungefähr 20 Kilometer. Verschiedene Eishügel sahen wir unterwegs – aber kein Land! Danach werden wir gewiß noch eine Weile vergeblich ausschauen, es hat ganz den Anschein dazu. Im Grunde genommen ist es schön, so im Zelte zu liegen, während der Sturm daran rüttelt und der Schnee sich draußen rundherum immer höher aufthürmt. Hier im Sacke fühlt man sich so sicher; laßt das Unwetter draußen toben, uns kümmert es nicht! Ich lasse die Gedanken in wärmern Gegenden umherschweifen, wo im Mai keine Schneestürme vorkommen, wo die Natur zu neuem Leben erwacht und auch neues Leben in die Menschen bringt. Ja ja, auch für uns wird die Zeit einmal kommen! Man kann nicht wissen, wann wir nach Hause kommen werden; wir haben eben über die Aussichten dafür gesprochen. Dieser anhaltende östliche und nordöstliche Wind treibt uns immer mehr nach Westen; es kann sein, daß wir vor Spitzbergen gar kein Land erreichen, und wer weiß, ob wir dort so rechtzeitig anlangen, daß wir noch in diesem Jahre wieder in die Heimat kommen können. Wir müssen es darauf ankommen lassen. An zwei verschiedenen Stellen sahen wir Bärenspuren. Sind es Anzeichen von Land? Während des 21. Mai dauerte das Unwetter fort, aber wir konnten nicht mehr warten, bis es sich legte, und zogen deshalb weiter, nachdem wir die Hunde mit je einer halben Portion Pemmikan gefüttert und drei Kufenschoner fortgeworfen hatten. Das Wetter wurde immer schlechter, zum Schneegestöber kam noch ein sehr heftiger Nordwind; dazu war es unsichtig, und die Bahn war sehr schlecht. Trotz alledem arbeiteten wir uns unaufhaltsam hindurch. Bis Mittag war das Eis noch leidlich und ohne Rinnen. Nachmittags wurde es schlechter, aber wir ließen uns dadurch nicht zurückhalten, und als das Wetter sich ein wenig aufhellte, kamen wir auf ebene Flächen, wo es gut ging. Nansen setzte zum ersten male auf seinen Schlitten ein Segel, infolge dessen brauchten die Hunde beinahe gar nicht zu ziehen; sie liefen deshalb allerdings nicht schneller, aber sie machten doch nicht so oft als sonst halt, was für den, der hinterdrein kam, auch schon ein Gewinn war. Wir passirten eine breite Rinne, obgleich das Eis in heftiger Bewegung war und einige Stellen nicht solche Sicherheit boten, als dem Auge schien. Wir waren mit diesem Tage, der so schlecht angefangen hatte und so gut endete, sehr zufrieden und nahmen an, daß wir den 83. Breitengrad jetzt hinter uns haben. Um so sonderbarer ist es, daß wir noch immer kein Land sehen. »Sultan« wurde geschlachtet und so zerlegt, daß sich 2 ½ Rationen aus ihm machen ließen. Am 23. Mai gab es tüchtige Arbeit. Schlimmer, als die Rinnen hier waren, können sie schwerlich sein; so etwas haben wir noch nie gesehen, und ich nehme an, auch niemand anderer vor uns. Bevor wir aufbrachen, lief Nansen recognoscirend an der breiten Rinne entlang, die wir schon abends, als wir das Lager aufschlugen, gesehen hatten. Er blieb drei Stunden fort. Ich flickte inzwischen das Zelt, das schadhaft zu werden begann. Da die Temperatur jetzt bei Tage nur ungefähr -12° betrug, nähte es sich leicht. Nansen hatte den Rand der Rinne nach Osten hin abgestreift, dort aber keinen Uebergang gefunden. Sie theilte sich jedoch in zwei Arme, und er glaubte, irgendwo müsse es uns gelingen, hinüberzukommen. Wir zogen also nach Osten, theils weil wir unserer Meinung nach schon viel zu weit westlich waren, theils weil wir in dieser Richtung viele blaue Streifen, anscheinend von offenem Wasser herrührend, sahen. Das Resultat unsers Zuges war, daß wir nicht eine Rinne, sondern deren wol 20 trafen und passiren mußten. Einen solchen Wirrwarr von Rinnen und losem Eise kann man sich gar nicht vorstellen. Bald wanden wir uns in dieser, bald in jener Richtung hindurch, nachdem wir erst mühsam recognoscirt und einen Weg erspäht hatten. Auch viele Eisrücken passirten wir; beständig war das Eis in heftiger Bewegung, und oft wurden wir vom Eisschlamm, der wie gutes, festes Eis aussah, getäuscht. An einer Stelle fand gerade, als wir hinüber wollten, eine starke Pressung statt; die Eisrücken wuchsen immer höher an, und die Blöcke wälzten sich nach den Seiten hin, worauf plötzlich Stillstand eintrat. Wir räumten das Schlimmste aus dem Wege und beeilten uns, mit den Schlitten hinüberzukommen. Kaum war dies geschehen, so fing die Pressung wieder an. Oft war der Uebergang über die Rinnen, die wir gefunden, schon zerstört, wenn wir mit den Schlitten nachkamen; denn darüber ging natürlich Zeit hin, sosehr wir uns auch sputeten. Dann galt es, einen neuen Weg zu finden. Vierzehn Stunden kostete uns dieses Wirrsal von Rinnen, bis wir endlich über die letzte Rinne und die letzten Eisrücken hinüberkamen und eine schöne Ebene zu unsern Füßen liegen sahen. Tief aufathmend wanderten wir zur angenehmen Abwechselung über das ebene Eis, bis wir schließlich wieder auf eine Rinne stießen, während es immer nebeliger wurde. Nun mußten wir unser Zelt aufschlagen und zogen deshalb an der Rinne entlang, bis wir einen passenden Platz dazu fanden. An diesem Abend schmeckte uns aber das Essen! Die heutige Mittagshöhe ergab 82° 52' nördlicher Breite. Es ist ja sehr erfreulich, daß wir schon so weit südlich sind, aber sonderbar ist es doch, daß wir noch gar kein Land sehen. Das ist die große Frage. Am nächsten Tag legten wir gegen 20 Kilometer zurück; in den ersten 8 Stunden hatten wir mit Rinnen zu kämpfen, nachher aber ging es gut. Bei dem stürmischen Nordwind konnten wir nur den ersten Schlitten mit einem Segel versehen. Die Länge ist 61° 27' östlich von Greenwich, was uns freudig überraschte; wir hatten uns viel weiter westlich geglaubt und gefürchtet, wir würden nicht auf Kap Fligely lossteuern, und haben deshalb den Kurs in der letzten Zeit möglichst nach Osten gerichtet. Jetzt geht es direct nach Süden. Wir hatten das Unglück, daß unser Zelt durch Eisstücke bös zerrissen wurde, sodaß ich gestern und heute alle Hände voll zu thun hatte, um es wieder in Stand zu setzen. Am 27. Mai wurde die Breite auf 82° 29' bestimmt. Wir nehmen als sicher an, daß wir ziemlich weit östlich vom Lande sind, denn sonst müßten wir es jetzt auf jeden Fall sehen können, sollten wir uns doch südlich von Petermann-Land befinden! Daß wir uns westlich von Land befinden, ist vernünftigerweise nicht anzunehmen; wir müßten in diesem Falle bei unsern Beobachtungen einen Fehler von 10° haben, was doch nicht zu glauben ist. Wir gehen auf jeden Fall von der Voraussetzung aus, daß wir östlich von Land sind, und steuern nach Südwesten. Die Zeit wird es dann lehren. Einstweilen aber tappen wir noch im Dunkeln. Wir haben die Karten hervorgeholt und ergehen uns darüber in Speculationen. Etwas ist uns in den letzten Tagen auf den Märschen und beim Zeltaufschlagen aufgefallen: daß nirgends Süßwassereis zu finden war und das Eis, das wir passirt haben, ausschließlich winteraltes Salzwassereis gewesen ist; dort, wo es herkommt, muß also offenes Wasser sein. Die letzten Maitage brachten dieselben Anstrengungen; Rinnen und Eisrücken erschwerten das Vordringen. Am 28. gewahrte Nansen einen Eissturmvogel über dem einen Kajak kreisen; er wollte gewiß »Kvik's« irdische Ueberreste mit den Hunden theilen. Am Tage darauf beobachteten wir mehrere Narwale in einer Rinne, einen Seehund auf dem Eise und eine Lumme in der Luft. Es ist doch herrlich, Leben zu sehen; es erheitert und stärkt den Glauben an die Nähe des Landes! 31. Mai. Heute geht der Monat Mai zu Ende, und noch immer sehen wir kein Land, nur Wolken am Horizont und Eis, das wir nun schon zwei Jahre lang angestarrt haben. Manchmal ist es recht traurig. Es dauert so entsetzlich lange, bis wir Land erreichen! Und was für ein Land! Ein ödes, tristes, eisbedecktes Land im äußersten Norden, wohin sich kein Mensch wünscht, und nach diesem Lande steht all unser Sehnen. Ein Tag nach dem andern vergeht, längst hätten wir dort sein sollen. Einmal muß es doch kommen; dann hoffen wir gerettet zu sein! Aber bald muß es kommen, denn jetzt geht es mit den Hunden zu Ende! Gestern wurde »Pan« geschlachtet, der seinerzeit für drei zog, und »Kvik«, die zuletzt ihr Segeltuchgeschirr auffraß, ist auch schon dahingegangen. Nansen war an dem Abend, da »Kvik« unter dem Messer starb, ganz anders als sonst. Sie war die einzige von unsern Hunden, die in Norwegen gewesen war; Nansen hatte sie in seinem Hause gehabt, wo alle sie liebgewonnen hatten. Ich erstach sie heimlich, ehe er noch recht zum Bewußtsein darüber kam. Unsere Märsche sind jetzt kürzer geworden und die Ruhestunden ebenfalls; wir müssen versuchen, uns nach den Tagen zu richten, damit nicht alles bunt durcheinander geht. Die Hunde werden öfter gefüttert, und wir glauben, daß sie so bis zum Lande ausdauern werden. Wir halten jetzt nicht mehr im Sacke Mittagsrast, sondern essen unser Butterbrot auf einem Segel im Schnee sitzend. Am Fuße eines Eishügels fanden wir die frischen Spuren von drei Bären; sie führten nach einer Rinne, aber wir konnten uns nicht darauf einlassen, ihnen nachzugehen. Wir sind jetzt auf 82° 21' nördlicher Breite; das ist schön, aber jetzt weht ein häßlicher, starker Südwind, der am Zelte rüttelt, obgleich wir eigentlich Schutz an diesem Platze haben sollten, der mitten zwischen alten, mit Süßwassereis untermengten Eisrücken liegt. Auf der andern Seite hat man die Aussicht auf eine offene, ganz nahe gelegene Rinne. Es ist dafür, daß man im Eise ist, eine malerische Stelle. Oestlich von uns haben wir den »schiefen Thurm von Pisa«; es ist ein außerordentlich großer Eishügel, aus einer Scholle bestehend, die infolge der Pressungen aufgerichtet worden ist. Am 1. Juni überschritten wir eine Rinne auf einer losen Eisscholle, die beständig zu kentern drohte, da sich kleine Schollen darunter schoben und die ganze Rinne in starker Bewegung war. Kaum hatten wir uns mit Hunden und Schlitten in Hast und Eile hinübergebracht, als auch schon die ganze lose Scholle in Stücke sprang und der Uebergang zerstört wurde. Bei strahlendem Sonnenschein bietet sich ein schönes Bild: rabenschwarz heben sich die Rinnen von dem fleckenlosen weißen Eise ab, während die Eisrücken und Hügel zwischen den Blöcken azurblau schimmern. Vergebens sucht das Auge an der Eiswand hinab in die Tiefe bis auf den Grund zu dringen; es sind gewaltige Massen dort unten, und kein Wunder ist es, daß alles, was sie in ihre Arme schließen, wenn Wind und Strömung sie gegeneinander hetzen, zermalmt und zerbrochen wird. Anfang Juni lagen wir sieben Tage an derselben Stelle still, auf einer auf allen Seiten von Rinnen umgebenen Eisinsel. Wir setzten dort unsere Kajaks in Stand, nahmen die Bezüge ab, flickten sie und banden und spleißten die Skelette, denen das Eis übel mitgespielt hatte. Zu all diesem gehörte Zeit, aber jetzt mußte es gethan werden; wir mußten den Rinnen Trotz bieten und ihnen ein Schnippchen schlagen können. Am liebsten sähen wir, daß wir draußen viel offenes Wasser hätten, damit wir statt all der bisherigen Quälerei bequem in unsern Kajaks fahren könnten. Vom 2. Juni heißt es im Tagebuche: Herrgott, heute Abend ist der Abend vor Pfingsten, für uns aber ist er wie ein anderer Tag, Sonntag und Montag sind gleich! Wir können uns am Pfingstfeste nicht über den Sommer mit seinem Reichthum an »allerhand Laub und Blumen« freuen. Aber herrlich muß es sein, dies alles wiederzusehen, und zu dem, was einem lieb und theuer ist, heimzukehren, muß eine Freude über alle Beschreibung sein. Es ist traurig, hier zu liegen und nicht weiter zu kommen; es ist traurig, daran zu denken, welchen Weg wir noch zurückzulegen haben, bevor wir Spitzbergen erreichen und dort nach dem Schiffe, das uns nach Hause bringen soll, auszuschauen beginnen können. Doppelt traurig ist es an einem Tage wie heute, da ich in Gedanken die Lieben in der Heimat sich freuen sehe, in dem schönen Sommerwetter Gottes herrliche Natur preisend. Traurig ist es, hier an das Eis gebunden zu sein, aber: Ist auch noch so lang die Nacht, Einmal doch der Morgen tagt. Auch für mich kommt sicher der Morgen. Du lichter, gesegneter Morgen sei mir willkommen! Die nun beginnende Zeit war sehr schlimm; es sah für uns allmählich immer verzweifelter aus. Die Lebensmittel verminderten sich Tag für Tag, mit ihnen das Brennmaterial; die Hunde schwanden dahin, die Schlitten waren noch schwer, die Wege und das Eis wurden immer schlechter, die Tage vergingen, und wir sahen kein Land. Aber vorwärts mußten wir! An Geduld besaßen wir beide eine hübsche Portion, die auch gehörig auf die Probe gestellt wurde. Ich glaube, der Leser wird am besten erkennen, wie wir es hatten, wenn ich ein wenig aus dem Tagebuche aus jener Zeit anführe: Dienstag, 11. Juni. Wir haben unsere Rationen Aleuronatbrot, Butter und Chocolade verspeist und werden nun mit unserm Tagewerk beginnen. Unter unsern gegenwärtigen Verhältnissen ist es nicht immer leicht, so heitern Sinnes zu sein, wie man eigentlich sein sollte. Das Aufhören der Schlittenbahn steht vor der Thür; der Schnee ist schon durch und durch naß, und die armen fünf Hunde, die wir noch haben, sinken tief darin ein; bald heißt es geradezu im Wasser gehen. Der Rinnen und des schlechten Eises wegen ist schwer vorwärts zu kommen, auch wissen wir nicht, wo wir sind. Das Land, dem wir so lange Zeit voll Hoffnung entgegengegangen sind, haben wir jetzt beinahe aufgegeben. Nun ist es das Meer, auf das wir zustreben; aber es ist weit bis zum Meere und es wird daher sehr schwierig sein, auf diesem Wege Spitzbergen zu erreichen. Die Gewehre müssen uns von nun an den Lebensunterhalt verschaffen. Manchmal fühlen wir, wie schwer wir es haben, und unter dem Einflusse dieser Empfindung sagte Nansen gestern: »Denken Sie sich, wie schön es sein wird, seine Beine ausruhen lassen und sagen zu können: es ist alles überwunden, es bleibt jetzt nichts mehr zu thun übrig.« Wir marschirten gestern circa 5 Kilometer. Nach unserm Mittagessen, das gegenwärtig aus 100 Gramm Pemmikan und 100 Gramm Brot besteht, guckte die Sonne hin und wieder zwischen dunkeln, phantastischen, beinahe schwarzen Wolken hervor, während die andern unten am Horizont hell waren. Das schneebedeckte Eis war blendend weiß, das Wasser in den Rinnen tief schwarz und der südliche Horizont goldigroth, während dunkle Haufenwolken beständig von Ostsüdost über den Himmel jagten und von Zeit zu Zeit die Sonne verfinsterten. Es war wunderbar schön; wir erfreuten uns daran und kamen in gute Stimmung. Gestern fand Nansen in einer Rinne einen kleinen Fisch, einen Polarkabeljau. Gibt es Fische im Wasser, so laufen wir keine Gefahr. Heute Nacht wurde eine Angel mit dem Fische als Köder in der Rinne, an der wir uns befinden, ausgelegt; nun werden wir ja sehen! Fische bekamen wir aber doch nicht. Manchmal mußten wir uns von Eisstücken, die wir mit Hülfe von Bambusstangen an eine passende Stelle flößten, Brücken bauen und gleich Akrobaten Sprünge von Scholle zu Scholle machen. 15. Juni. Bevor wir gestern das Lager abbrachen, gelang es Nansen, eine Sonnenhöhe zu nehmen und dann eine Längenbestimmung anzustellen. Wir sehen übrigens in der letzten Zeit die Sonne äußerst selten. Das Wetter ist so trübe, wie es nur sein kann, und unsere Aussichten sind es ebenfalls. Die Beobachtungen ergaben 57º östlicher Länge und 82º 23' nördlicher Breite. Wir sind also seit der letzten Beobachtung 4º nach Westen getrieben. Ich weiß nicht, soll man dies erfreulich oder betrübend nennen. Vielleicht deutet es darauf hin, daß wir im Westen von Land sind; denn so unrichtig können unsere Uhren wol kaum gegangen sein, daß wir kein Land sehen könnten, selbst wenn wir annehmen, daß wir ein gutes Stück weiter östlich sind. Sind wir aber schon im Westen, so ist die Aussicht, bald Land zu treffen, nicht sicher; dann sind wir andauernd auf dieses ewige Treibeis angewiesen. Und die Lebensmittel in diesem Falle? Wo sollen wir sie hernehmen? Bisher ist hier nicht viel zu holen gewesen. Wird es damit nicht besser, so sieht es böse aus. Sind wir dagegen im Osten, was jetzt vielleicht wenig wahrscheinlich ist, so kann das Land nicht mehr weit sein, und dort finden wir Nahrungsmittel. Daß wir aber auch wieder nach Norden getrieben sind, muß uns mit Sorge erfüllen. Der Marsch geht gegenwärtig in der Weise vor sich, daß Nansen eine Strecke Weges recognoscirt, ich mit beiden Schlitten Strecke für Strecke nachkomme, bis ich Nansen, der nach der Recognoscirung wieder umkehrt, treffe und dann jeder von uns seinen Schlitten nimmt. Oft mußten wir alle zwei die Schlitten über Eisrücken heben oder über Rinnen und unsicheres Eis ziehen. Wenn die Schlittenbahn so schlecht wie jetzt zu befahren ist, dann geht es nicht flott vorwärts. Unsere ganze Hoffnung auf Fortkommen ist nun auf lockeres Eis mit vielen nach Südwesten laufenden Rinnen gerichtet. Nachdem wir unsere letzten Hunde geschlachtet haben werden, deren Fleisch zu essen wir uns werden bequemen müssen, können wir uns durch Rudern weiterbringen. Wir speculiren auch darauf, nur ein Kajak zu nehmen, das wir mit dem andern und einem Schlitten größer machen, alles zu cassiren, was wir irgendwie entbehren können, und dann drauflos zu fahren. Die Temperatur hält sich meistens unter dem Nullpunkte. Auf diesem Marsche schlachtete ich, während Nansen auf Recognoscirung aus war, das »Füchslein«, das vor dem Schlitten gestürzt war. Der »Große Fuchs« hielt bis zum Abend aus, dann mußte auch er daran. Nansen bereitete aus seinem Blute das Abendessen; wenn ich sagte, es habe gut geschmeckt, so müßte ich lügen, aber es glitt hinunter, und das ist die Hauptsache. 16. Juni. Heute ist es windstill, Sonntagsfrieden liegt über dem Eise. Seit langem habe ich nicht empfunden, daß Sonntag ist, aber heute habe ich das Gefühl davon. In mein Gemüth ist Ruhe und Frieden eingekehrt, und voll Wehmuth sehne ich mich nach einem Sonntag in der Heimat. Wir haben uns jetzt Zugriemen angefertigt und müssen uns ordentlich anstrengen, um ein bischen vorwärts zu kommen. Am 20. Juni mußten wir uns entschließen, das Lager an einer Rinne aufzuschlagen und auf Fang auszuziehen. Nansen's Kajak wurde aufs Wasser gesetzt. Wir sahen auch Seehunde, bekamen aber keinen. Nansen versuchte außerdem, mit Hülfe des zu diesem Zweck mitgebrachten Netzes kleine Seethiere zu fangen, aber auch dies glückte nicht. Wir hungern nach bestem Vermögen, sodaß unsere Eingeweide knurren; wird es gar zu arg, so nehmen wir uns 50-60 Gramm Pemmikan und ebensoviel Brot. Im Laufe von zweieinhalb Tagen haben wir erst eine ordentliche Mahlzeit gehabt, es waren zwei Möven, die wie Thau vor der Sonne verschwanden. Einmal bekamen wir 50 Gramm Brot und ebensoviel Pemmikan, ein anderes mal 60 Gramm Aleuronatbrot und 30 Gramm Butter. Nun aber werden wir eine anständige Mahlzeit halten, bevor wir wieder weiterziehen. Am Abend des 20. Juni brachen wir auf, nachdem wir mehrere vergebliche Versuche gemacht hatten, einen Seehund zu schießen. Nansen war vorausgegangen und hatte den Weg ausgesucht. »Wenn wir eine Strecke weiter sind«, sagte er »kommt ein großer Teich, wir haben also Gelegenheit, es mit einer Ueberfahrt im Kajak zu versuchen.« Unterwegs beschlossen wir, um ordentlich vorwärts zu kommen, Holzgriffe unter die Kajaks zu machen und die auf den Schlitten befindlichen Lasten in die Kajaks zu packen, damit sie so, wie sie waren, in die Rinne gesetzt und nach beendeter Ueberfahrt wieder aufs Eis gezogen werden könnten, um sodann die Fahrt fortzusetzen. Auch mußten wir uns alles dessen, was wir irgendwie entbehren konnten, entledigen. Bevor wir an den Teich kamen, sahen wir in einer Rinne einen Seehund; Nansen schoß auf ihn, aber ohne Erfolg. Nun kam unsere erste Ueberfahrt. Die Kajaks wurden nebeneinander gesetzt und vermittelst zweier Schneeschuhe miteinander verbunden, die durch die auf Deck befindlichen Strippen gesteckt wurden; die Schlitten mit den Unterlagen wurden, einer vorn, einer hinten, quer darüber gelegt. Die Hunde gingen willig an Bord und legten sich so still hin, als hätten sie dies schon früher gethan. Die Pumpen wurden in Ordnung gebracht, die Flinten auf die Knie gelegt, die Ruder eingetaucht, und das Rudern begann. So waren wir denn mit all unserer irdischen Habe den Wogen preisgegeben. Zur Abwechselung war diese Zigeunerflotte ganz spaßhaft, obwol wir die Pumpen sehr oft gebrauchen mußten; besonders mein Kajak machte es arg. Als wir an den jenseitigen Eisrand kamen, sprang Nansen mit dem photographischen Apparat ans Ufer und machte einige Aufnahmen von der Flotte, während mein Kajak inzwischen sich immer mehr mit Wasser füllte und ich vom Rande abtrieb. Plötzlich hörten wir hinter uns im Wasser ein gewaltiges Plätschern. »Was war das?« »Ein Seehund«, sagte Nansen. Den Schlitten, der hinten auf meinem Kajak lag und daran schuld war, daß das Wasser oben an der Rehling, wo der Bezug noch nicht zusammengenäht war, eindrang, begann Nansen ans Land zu ziehen. Das Pumpen nützte nichts, ich saß im Wasser. Platsch! machte es wieder, und ein großer, glänzender bärtiger Seehund tauchte auf, that ein paar Schläge gegen den Eisrand und verschwand dann wieder. Wir glaubten nicht, daß wir ihn wiedersehen würden, aber ich griff doch nach der auf dem Kajak liegenden Harpune und warf sie der Sicherheit wegen Nansen zu. Unterdessen füllte sich mein Kajak immer mehr und es mußte ernstlich daran gedacht werden, es vollends ans Land zu ziehen. Platsch! machte es noch einmal, und der Seehundskopf erschien dicht am Eisrande. Hurtig griff ich nach der Flinte und schoß auf ihn, als er gerade im Begriff war, unter dem Eise zu verschwinden. Noch ein letztes, heftiges Plätschern, dann blieb er liegen und das Wasser färbte sich roth. Der Kopf war zerschmettert, der Seehund schwamm auf dem Wasser. Wie der Wind eilte Nansen mit der Harpune herbei und stieß sie in das Thier. Da die Harpune klein und schwach war, hielt Nansen es für das Beste, ihm das Messer in den Hals zu stoßen. Nun folgte ein lebhafter Auftritt. Ich trieb mit den beiden Kajaks ab; der Schlitten, den wir hatten ans Ufer ziehen wollen, lag zur Hälfte im Wasser, die Hunde begannen auch schon unruhig zu werden, ich wagte nicht, den Schlitten loszulassen, und konnte auch nicht aufstehen und so viel Kraft anwenden, daß ich ihn hätte an Bord ziehen können. Hinten am Eisrande lag Nansen und wollte den Seehund um keinen Preis sinken lassen, denn hier war Ueberfluß an Speise und Brennmaterial, dessen wir sosehr benöthigten. Als der Seehund oben schwamm, entschloß sich Nansen, von dem Thiere abzulassen, um mich und meine im Untergehen begriffenen Sachen zu retten; es war hohe Zeit. Ich kam mit den Hunden ans Ufer, die Schlitten und mein Kajak wurden aufgezogen, um das andere kümmerten wir uns einstweilen noch nicht. Dann eilten wir fort, um unsere kostbare Beute in Sicherheit zu bringen; aber es war für zwei Mann nicht leicht, einen schweren, fetten Seehund aus dem Wasser zu ziehen. Während wir damit beschäftigt waren, wurde unsere Aufmerksamkeit wieder auf unsere andern Sachen gelenkt, da wir entdeckten, daß Nansen's Kajak ein Stück von uns forttrieb und der Kochapparat, leicht wie er war, hoch auf dem Wasser schwamm und seinen eigenen Kurs steuerte. Diese wurden geborgen, dann ging es wieder zurück zum Seehunde, den wir endlich an Land bekamen, nachdem wir ihm ein Tau um den Unterkiefer gebunden hatten. Da lag er nun am Ufer vor unsern Füßen. Deß waren wir froh; war doch jetzt fürs erste keine Gefahr, hungern zu müssen. Jetzt hatten wir Lebensmittel auf lange Zeit, des Brennmaterials nicht zu gedenken, und konnten ruhig eine bessere Schlittenbahn und offeneres Eis abwarten. Eine große Frage bestand noch: war die Munition, die in meinem Kajak lag, durch das Wasser verdorben worden? Und die Streichhölzer? Brot und Pemmikan hatte ich ebenfalls darin. Der Munition wegen schwebten wir in besonderer Angst. Wir breiteten die nassen Patronen auf dem Schlafsacke aus, und Nansen probirte eine der Schrotpatronen an zwei Elfenbeinmöven, die sich eingefunden hatten, um die Beute zu theilen; sie zündete. Auch die Streichhölzer thaten noch Dienste; den Hauptvorrath hatten wir in Zinkbüchsen eingelöthet. Nansen zerlegte nun den Seehund und fing das noch vorhandene Blut auf. Ich machte mich daran, einen Zeltplatz auszuwählen, suchte unsere da und dort am Ufer zerstreuten Habseligkeiten zusammen, fuhr sie nach dem Zelte und schöpfte und rang das Wasser aus den Sachen. Inzwischen hatte Nansen unsern Schatz hübsch und fein zerlegt; das Fleisch und das Fell lagen mit einer Menge Speck verlockend auf dem reinen weißen Schnee. Wir schleppten alles zusammen zum Zelte und machten uns zu einer tüchtigen Mahlzeit bereit. Bevor wir den Seehund bekamen, hatten wir beschlossen, die kommende Nacht nur in wollenen Decken im Zelte zu liegen, um zu sehen, ob wir ohne den Schlafsack gut fertig werden könnten. Nun nahmen wir Decken und Schlafsack und krochen hinein, um erst zu speisen und dann gleich zu schlafen. Der Topf wurde mit frischem Seehundfleisch ganz vollgestopft; mit rohem Speck dazu schmeckte es wunderbar. Seit mehr als 24 Stunden hatten wir nichts gegessen. So sind wir denn aller Nahrungssorgen für lange Zeit ledig. Es wird vielleicht langweilig, einen ganzen Monat von Seehundfleisch zu leben, aber dagegen läßt sich nichts machen; die Hauptsache ist, daß wir zu essen haben. Heute hat sich der Wind gedreht, er ist jetzt nördlich und frisch. Ich bin ein wenig draußen gewesen und habe mir die Dinge angesehen. Das Fleisch und das Fell mit dem Speck liegen rund um unser Zelt herum, und Elfenbeinmöven kreisen ab und zu darüber. Eine kleine Strecke davon steht einer der Schlitten mit den drei Hunden in ehrerbietiger Entfernung vom Fleische; die armen Geschöpfe hatten gestern speien müssen, als sie die Eingeweide des Seehunds bekommen hatten. Der See, in dem wir auf Fang ausgehen wollen, ist heute Nacht ein wenig eingeschrumpft, ist aber doch noch ganz respectabel. Zwei Angeln, die ich gestern mit Speck zum Mövenfangen ausgesetzt hatte, waren heute hübsch abgefressen. Die Elfenbeinmöven sind zu schlau, um auf den Leim zu gehen; wir denken aber nicht daran, sie zu schießen, sind wir doch jetzt wieder oben auf. Elftes Kapitel Land in Sicht! Auf der Stelle, wo wir den bärtigen Seehund schossen, blieben wir einen ganzen Monat liegen; wir nannten den Ort das »Sehnsuchtslager«. Dies war er auch sicher. Es erforderte Geduld, so still zu liegen und darauf zu warten, daß der Schnee schmelzen sollte, damit das Eis fahrbar würde und wir weiter, nach dem unbekannten, ungesehenen Lande, das in der Nähe sein mußte, ziehen könnten. Es war nur merkwürdig, daß wir das Land noch immer nicht sehen konnten. Unausgesetzt dachte ich an Welhaven's Gedicht: Westlich von Helgelands-Klippen in der See Schwimmt eine Insel auf glänzenden Wogen; Doch kommt ein Segler in ihre Näh', Gleich sind die Wolken davorgezogen. Verhüllet ist dann der winkende Strand, Und die Insel darf keiner erblicken. Der Seemann kann nur die Gedanken schicken Gen Westen ins herrliche Elfenland. Ich kann mich bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dem Elfenlande, nach dem der Dichter den Seemann sich sehnen läßt, und dem, nach welchem unser Sinn stand, des Lachens nicht erwehren. Doch denke ich, daß unsere Sehnsucht, wenn sie auch keinem Elfenlande galt, trotz alledem nicht hinter jener zurückstand. In dieser Zeit lebten wir von Fleisch, das wir auf Thranlampen kochten oder brieten. Nansen war ja bei den Eskimos in Grönland gewesen; er war beinahe ein ausgelernter Wilder, und seine Erfahrungen aus dem Eskimoleben kamen uns sowol hier, wie später auf der Reise gut zu statten. Die Lampe bestand nur aus einer Schale, die wir aus einem Theile des Neusilbers, das wir zur Reparatur der Schlittenbeschläge mitgenommen hatten, anfertigten; Dochte machten wir von dem Segeltuche unserer Proviantsäcke und nahmen dazu aus dem »Doctorsacke« die feinen sterilisirten Binden, die wol kaum bessere Verwendung finden konnten. Auch sonst kamen die Sachen des Doctors uns auf andere, erfreulichere Art, als beabsichtigt war, zu Nutze; die Pflaster, die uns bei einem Schlüsselbeinbruche dienen sollten, fanden ebenfalls praktische Verwendung, da wir ausfindig machten, daß sich die Fugen der Kajaks mit dem Klebestoffe vorzüglich verkitten ließen. Hierzu brauchten wir übrigens auch einige von Nansen mitgenommene Pastellfarben, die wir fein schabten und mit Thran verrührten. Die Kajaks setzten wir nämlich im »Sehnsuchtslager« ordentlich in Stand; dazu machten wir uns eine Malerfarbe von Ruß und Thran zurecht und beschmierten dann die Kajaks tüchtig mit einem Pinsel von Bärenhaaren. Eines Tages sollten wir nichts Geringeres als Pfannkuchen von Seehundsblut zum Abendessen haben. Nansen begann zu backen und erzielte mit vielen Dochten eine herrliche Hitze. Es ging wunderschön, bis er an den vorletzten Pfannkuchen kam; da wurde die Hitze beunruhigend stark, weil die Speckstücke, die in die Schale gelegt waren, um beim Schmelzen die Dochte mit Thran zu versorgen, auch Feuer fingen. Im Zelte war es bei all den Tassen und Geschirren eng, das Löschen war also nicht so leicht. Da nahm Nansen eine Hand voll Schnee vom Boden auf, um die Hitze damit zu dämpfen. Doch dies geschah nicht, eine hohe Flamme schlug bis an die Zeltdecke empor und zündete das Seidenzeug an. Wir fuhren in einem Nu aus dem Sacke und aus der Thür, die wir aufrissen, daß die Knöpfe nur so umherflogen, hinaus ins Freie. Da war auch schon die Feuersbrunst, die sich auf die eine Ecke beschränkt hatte, zu Ende. Wir mußten eines unserer Segel nehmen, um das Zelt damit zu flicken. Dies passirte am Johannisabend; es war also ganz in der Ordnung gewesen, daß wir das Zelt ansteckten, damit auch wir etwas zur Ehre des Johannisfestes verbrennen konnten. Wir schmückten unsern Zeltboden mit frischer Streu, die aber weder Wachholderreis, noch Birkenlaub war, die hier knapp sind, sondern eine Streu von Schnee, der hier sogar mitten im Sommer reichlich vorhanden ist. Es hat sich herausgestellt, daß wir, obgleich der Wind in letzter Zeit westlich und südwestlich gewesen, doch gar nicht wenig nach Süden getrieben sind, da die Sonnenhöhe am 22. Juni 82º 4' nördlicher Breite ergab. Nach Osten sind wir nicht gekommen. Die Länge betrug 57º 48' östlich von Greenwich. Am 25. schlief ich barfuß und in Hemdärmeln oben auf dem Sacke mit den nackten Beinen außerhalb des Zeltes, so warm und schön war das Wetter, das beste, das wir gehabt haben. Da weckte mich Nansen: »Johansen, jetzt gibt es Klappmützenbraten!« Er hatte eine kleine Klappmützenrobbe geschossen. Am 28. Juni waren wir auf 82º nördlicher Breite. Wir müssen auf Land zutreiben, denn dieser starke Wind würde uns viel schneller weiter treiben, wenn nicht etwas dem Eise halt geböte. Die Temperatur ist über Null, es gibt immerfort Niederschläge, theils nassen Schnee, theils Eisregen. Es ist jetzt naß beim Liegen, wir müssen Schneeschuhe und Stöcke unter den Schlafsack legen, um die Nässe einigermaßen abzuhalten; manchmal tropfte es vom Zeltdache auf den Sack und es kam vor, daß wir das Wasser mit unsern Tassen ausschöpfen mußten, aber doch wünschten wir nicht, mit der Kälte, die wir früher gehabt haben, zu tauschen. Der Nordwind hat heute den ganzen Tag in einer Stärke von 6-7 Meter in der Secunde geweht, ich bin aber doch draußen gewesen und habe Griffe für die Kajaks gearbeitet. Heute war ein Unglückstag; ich habe die Säge an meinem Messer und einen Schraubenzieher abgebrochen und unser letztes Quecksilberthermometer zerschlagen. Trotzdem bin ich guter Laune, vermuthlich, weil ich auf das Essen warte und es heute Abend Dessert gibt. Der Juni endet mit schönem, gutem Wetter; es ist still und warm. Ganz klar wird es nicht leicht, aber wir haben warmen Nebel am liebsten, denn dann schmilzt der Schnee am schnellsten, und wir werden unserm Ziele näher gerückt. Wir liegen hier bei offener Zeltthür auf dem Schlafsacke und machen unsere Notizen, während ein Windhauch ab und zu die Zeltwand bewegt, sodaß sie Schatten auf das Buch wirft und mich dadurch glauben machen kann, ich sei daheim unter den Kronen der Laubbäume. Man kann sich ja soviel einbilden! Wir speisen zweimal am Tage, morgens Fleisch und Suppe, abends in Thran gebratenes Fleisch. Den Speck essen wir gewöhnlich roh. Unser Aussehen hat sich in dieser Zeit sehr verändert; wir sind von dem Ruße und dem Thranrauche so schwarz geworden, daß wir uns selbst nicht wiedererkennen; wir besahen uns nämlich gestern in dem künstlichen Horizonte aus Quecksilber, der uns als Spiegel dient. 4. Juli. Gestern passirte weiter nichts Besonderes, als daß der »Hase« geschlachtet wurde. Armes Thier! Ich glaube, er war der allerbeste der Hunde, so hat er sich von Anfang bis zu Ende angestrengt, und noch immer zog er, obwol sein Rücken schon ganz krumm war. Es that mir leid, daß ich ihm den Hals abschneiden mußte, und besonders, daß der Schnitt nicht so gut gelang, wie ich gewünscht hätte; aber er war so dürr, daß es schwer war, die Halsschlagadern auf einmal zu fassen. Nun sind von den 28 nur noch »Suggen« und »Kaiphas« übrig. Nansen fabricirte gestern eine Knochenfarbe zum Bemalen der Kajaks und probirte sie, sie war jedoch zu grob; das Knochenmehl so fein zu bekommen, wie es sein muß, dazu gehörte wol ein Jahr. 5. Juli. Es ist häßliches Wetter, Schneeregen und Ostwind, der uns nach Westen treibt. Er rüttelt tüchtig am Zelte und macht es so naß, daß das Wasser auf unsern guten Freund, den Schlafsack, niedertropft, in welchem wir uns in Erwartung des Abendessens befinden; dieses besteht, wie gewöhnlich, aus gebratenem Seehundfleisch. Wir sind tagsüber beide schweigsam, und wenn wir von etwas sprechen, ist es gewöhnlich vom Weiterkommen, von der Heimat und davon, wie herrlich es sein muß, dorthin zu kommen. Von der Ueberwinterung auf Spitzbergen oder auf Franz-Joseph-Land reden wir auch; besonders angenehm würde es uns sein, wenn wir die Engländer auf Franz-Joseph-Land treffen würden; wir glauben, daß die Jackson-Harmsworth-Expedition um diese Zeit dort sein müßte, da sie sich das Jahr nach uns dorthin begeben sollte. Auch die eine Frage kehrt immer wieder: wo sind wir? Nansen hat heute mit Rußfarbe gemalt; ich habe Fleisch in Streifen geschnitten und zum Trocknen aufgehängt und begonnen, den noch vorhandenen Proviant zu wägen. Wir haben noch 10 Kilogramm Pemmikan und 7 Kilogramm Fischmehl. Wenn der Abend sich nähert, holt Nansen Fleisch und Speck aus unserm Vorrath, ich bringe süßes und Salzwasser, füttere die Hunde, räume ein wenig im Zelte auf und messe Temperatur, Wind u.s.w., worauf wir ins Zelt kriechen und auf das Essen warten. Dann kommt unsere beste Zeit, da es abends Dessert gibt, das aus einem Löffel Bril-Speise, 15 Gramm Butter und 30 Gramm Brot besteht. Dann vergessen wir das »Sehnsuchtslager« und sind im Traume in der Heimat. Am nächsten Tage hatten wir vorzügliches Wetter; es regnete in einem fort und nahm den Schnee sehr mit. Wir wünschten nur, daß es einstweilen jeden Tag so bleiben möchte. Durch das gute Wetter veranlaßt, verfielen wir darauf, uns bei unserer Fleischdiät zur Abwechselung einmal etwas Gutes zu spendiren; Nansen machte daher Feuer an und begann Cacao zu kochen. Während ich darauf wartete, bis dieser fertig würde (ich hatte eine Tasse bekommen, und Nansen seine durch ein Mißgeschick verschüttet), hörten wir plötzlich die Hunde ganz anders als sonst bellen und erkannten sogleich, daß etwas Außergewöhnliches los sein müsse. Wir hinaus, Nansen voran, ich hinterdrein. Ein dicker Bär beschnüffelte »Kaiphas«; Nansen griff nach dem an der Zeltthür stehenden Gewehr und brannte ihm eins auf den Pelz, traf ihn aber nicht ordentlich. Der Bär ergriff hierauf die Flucht, während das Blut an ihm hinunterlief; Nansen sandte ihm noch einen Schuß nach, aber ohne Wirkung. Ich nahm ebenfalls mein Gewehr, dann setzten wir beide dem Bären nach. Da erblickten wir plötzlich hinter einem Hügel noch zwei Bären, die den Kopf über den Eisrand steckten; es waren zwei einjährige Junge. Nun begann auf dem schlechten Terrain mit dem losen, tiefen Schnee die Jagd über Rinnen und Eisrücken. Wir kamen den Bären manchmal recht nahe, wollten sie aber in guter Schußweite haben, da wir nicht viele Patronen hatten. Da gelangten wir an eine Stelle, wo sie seitwärts ausgebogen waren. Nansen folgte der Spur, ich ging ein wenig außen herum in der Absicht, den Bären von zwei Seiten nahen zu können. Nachdem ich aber eine Weile in dem tiefen Schnee weitergestampft war, gebot mir eine Rinne halt, und Nansen und die Bären waren mir entschwunden. Das war ärgerlich, aber im Jagdeifer setzte ich auf ein paar kleinen Eisstücken hinüber, wobei ich mich kaum vor einem kalten Bade bewahren konnte. Ich war auf der andern Seite noch nicht weit gegangen, als ich auch schon Knall auf Knall hörte. Als ich bald darauf bei Nansen ankam, lagen die drei Bären auf einem gräßlichen Eisrücken bei einer Rinne; das eine Junge war todt, das andere und die Bärin selbst waren aber noch am Leben, obgleich sie entsetzlich bluteten. Die Bärin bekam schließlich eine Vollkugel, das Junge eine Schrotladung in den Kopf. Wir brachen sie auf und kehrten dann auf einem bessern Wege nach unserm Lager zurück. Die Chocolade war kalt geworden und die Lampe erloschen. Nansen zündete sie wieder an und wir genossen unsere unterbrochene Mahlzeit. Dann nahmen wir beide Hunde und einen Schlitten und holten erst das eine Junge. »Suggen« sah aus, als wäre es mit ihr nun auch vorbei; sie konnte nicht gehen, wir mußten sie fahren, und da schrie sie und jammerte, daß ihr solche Schande angethan werde. Es war ein Mißgriff gewesen, den »Hasen« zu schlachten und die »Sau« leben zu lassen. Wir hatten jetzt drei schöne Bärenfelle als Unterlage statt der Schneeschuhe, die sich durch den haarlosen Schlafsack hindurch hart anfühlten. Am ersten Abend, als wir so weich lagen, hatten wir Blutpfannkuchen und Preiselbeergrütze, wobei unsere letzten Preiselbeeren draufgingen; sie waren genügend von süßem und von Salzwasser durchweicht. Um 8 Uhr abends legten wir uns schlafen; als wir aufwachten war es 6 Uhr. Wir glaubten natürlich, es sei 6 Uhr morgens, doch als sich die Sonne nun plötzlich am Nordhimmel zeigte, begannen wir nachdenklich zu werden und kamen dahinter, daß es 6 Uhr abends war, was man wirklich gut geschlafen nennen kann, besonders wenn man auf Eis gelegen hat. Die Hunde bekamen jetzt so viel zu fressen, als sie verzehren konnten, und erholten sich sehr bei dem kräftigen Fleische; wir selbst verspeisten morgens und abends eine unmäßige Menge Bärenfleisch. Eine Hausfrau würde unsern Herrgott bitten, sie davor zu bewahren, Leute wie uns beköstigen zu müssen, wenn sie gesehen hätte, welche Klinge wir schlugen; es waren aber auch lange Pausen zwischen jeder Mahlzeit, 12 bis 14 Stunden war das Gewöhnliche. Bei klarem Wetter spähten wir vom »Ausguckhügel« nach Land aus. Es fiel uns auf, daß sich im Süden eine weiße Wolkenbank beständig an derselben Stelle zeigte; es mußten gewiß Wolken sein, die über dem Lande standen, meinten wir. Später stellte sich jedoch heraus, daß es keine Wolken waren, sondern das Land selbst, das wir gesehen hatten; die weiße Wolkenbank war das Landeis selbst gewesen! Als ich eines Tages mit dem Kajak in einer Rinne war, um es auf seine Dichtigkeit zu prüfen, fand ich im Wasser einen todten Fisch von Häringsgröße, aber dünn und schmal, mit langer Schnauze und feinen Schuppen, einem Hornhechte ähnlich. Nansen wußte auch nicht, was für eine Art Fisch es war. Die Zeit näherte sich, daß wir weiterziehen konnten; die Schlittenbahn war viel besser geworden. Wir hatten uns nun von allem befreit, was wir irgendwie entbehren konnten, von Kleinigkeiten, die an und für sich nichts wiegen, aber doch viel ausmachen, wenn sie zusammenkommen, wie Gips- und andere Bandagen, Baumwolle, Reserveheber des Petroleumfasses, Reservebrenner für den Primus, Kleidungsstücke, Finnenschuhe, Photographirlaterne, Segelhandschuh, eines Theils des Inhalts des Werkzeugsackes und des Nähzeugbeutels, einer Feldflasche u.s.w. Die Schlitten waren von ihren Verstärkungen befreit, die Kajaks waren dicht und ruhten auf mit Socken und Bärenfell gefütterten Holzgriffen, die Hunde waren neugestärkt und voll Feuer, »Kaiphas« hatte einen Rücken wie ein Scheunenthor, und wir selbst waren darauf erpicht, diesem Orte, der uns so lange festgehalten und uns Geduld gelehrt hatte, Lebewohl sagen zu können. Den Schlafsack ließen wir zurück; wir hatten die Absicht, uns in die Kajaks zu legen, mußten dies jedoch nach einem Versuche wieder aufgeben und machten uns aus unsern beiden wollenen Decken einen Sack, der sich auch als ausreichend erwies. Am 22. Juli brachen wir aus dem »Sehnsuchtslager« auf. Nachdem wir unser Gepäck in zwei Haufen getheilt und das Los darum gezogen hatten, ging es fort. Wir hatten vorn an die Schlitten Bambusstangen als Zugdeichseln befestigt, außer dem am Geschirre befestigten Zugseile. Getrocknetes Fleisch und circa 8 Kilogramm Speck nahmen wir mit. Es zeigte sich, daß es über Erwarten gut ging. Obgleich das Eis so schlecht war, wie es nur sein konnte, zogen wir doch unsere Schlitten überall mit nur je einem einzigen Hunde. Der Schneeschuhe bedurften wir die ganze Zeit über nicht; wir befanden uns auf einem wenig beschneiten Gürtel und marschirten daher zu Fuß. Im ganzen waren wir mit unserm ersten Tage auf der »Heimreise« nach der neuen Ordnung sehr zufrieden. Am 24. Juli heißt es im Tagebuche: Endlich ist das Große eingetroffen: wir haben Land gesehen! Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es nur ein paar Tagereisen entfernt. Das Land war in der That recht schwer zu sehen; es ist dort Eis wie das, auf dem wir gehen; nur ein schräger schwarzer Streifen am Horizont, wol ein Gebirge, machte, daß wir es erkennen konnten. Diesen Streifen sah ich gestern um die Mittagszeit, als ich auf einem Hügel stand, während Nansen auf Recognoscirung aus war; aber ich glaubte, es sei nichts anderes als das gewöhnliche mit Schlamm bedeckte Schwarzeis, das sich in der letzten Zeit oft genug gezeigt hat; ich erwähnte dies auch Nansen gegenüber. Als der Abend kam, erblickte Nansen von einem Eisrücken aus denselben schrägen Streifen, nahm den Feldstecher, um ihn genauer zu untersuchen, und sagte dann: »Nein, dies müssen Sie sich auch ansehen, es ist sicher Land.« Berge waren die schwarzen Streifen, die wir sahen, dies ließ sich deutlich unterscheiden, Berge, die aus dem Eise emporragten. Im Osten der beiden kleinen schwarzen Streifen sahen wir den Horizont von Eis, vermuthlich Inlandeis, begrenzt, das dieselbe Farbe hat wie das, auf dem wir gehen, aber eine gewölbte Form mit scharfen Linien besitzt; obenauf konnte man eine kleine Unregelmäßigkeit beobachten. Es war dieselbe Erscheinung, die ich vom »Ausguckhügel« im »Sehnsuchtslager« aus gesehen und für Wolken über dem Lande gehalten hatte. Am Abend sah ich auch im Westen der schwarzen Streifen eine ähnliche Begrenzung des Horizonts, die aber viel kleiner war, und halte auch dies für Land. So ist es denn gefunden, das gepriesene Land, auf das wir so lange Zeit gewartet haben! Nun können wir bald von diesem Treibeise, das uns solange in Banden gehalten hat, Abschied nehmen! Wir können entweder in Rinnen an der Küste entlang oder über das Landeis nach Spitzbergen gelangen, und von da nach dem gelobten Lande, der Heimat. Wie gut das ist; ein neuer Abschnitt beginnt in unserer Reise! Schade; daß wir einen Monat im »Sehnsuchtslager« gelegen haben, da doch das Land sozusagen in der Nachbarschaft war. Aber was blieb uns weiter übrig? Weiterkommen konnten wir nicht, Land sahen wir auch nicht, wir mußten also hübsch geduldig auf bessere Zeiten warten. Nun sind diese gekommen. Alles ist schön, trotzdem wir nicht wissen, was für ein Land es ist. Jetzt ist auch erklärlich, weshalb wir trotz des Windes nicht von der Stelle gekommen sind und weshalb wir neulich so viele Krabbentaucher hin und herfliegen sahen! Das Vordringen geht trotz der einzig dastehenden schlechten Beschaffenheit auf diesem Eise gut, da es bei dem beständigen Nordwind gegen das Land getrieben wird. Ein großer Vortheil ist, daß wir ohne Schneeschuhe fertig werden; wir können zu Fuß gehen und ziehen. Kommen wir an Rinnen, so fahren wir einfach hinein und an der andern Seite wieder hinauf. Ein paarmal machten wir die Hunde bei solchen Ueberfahrten los. »Suggen« benutzte dabei die Gelegenheit, uns, der alten Spur folgend, zu entlaufen; sie gedachte vermuthlich all des schönen Fleisches, das sie im »Sehnsuchtslager« verlassen hatte. Ich mußte die Beine tüchtig gebrauchen, um sie wieder einzufangen, da sie in Galop fiel, wenn ich sie beinahe erreicht hatte; aber mir zu entkommen, ist so eine alte Dame wie dieser Hund denn doch nicht flink genug. Wir feierten das Land gestern Abend mit einem großen Feste. Ja, nun lächelt uns alles; Land haben wir gesehen und hoffen, es in ein paar Tagen zu erreichen, so nahe scheint es zu sein. Die Ueberwinterung hier oben, die uns in der letzten Zeit immer drohender bevorgestanden hat, kann jetzt dem Gedanken an baldige Heimkehr Platz machen. Dies hat die Gewißheit, daß Land da ist, bewirkt – ein Land, das gewiß so unfruchtbar ist, wie es nur sein kann, das aber doch Land ist! Wir beobachteten in dieser Zeit viele Exemplare der seltenen Rosenmöve. Leicht und graziös kamen sie mit lautlosen Flügelschlägen dahergeflogen und waren gar nicht ängstlich, sondern hielten sich so dicht über uns, daß wir die rosenrothe Farbe ihres Bauches sehen konnten. Vielleicht war dies das Land, wo dieser räthselhafte Vogel nistet? »Morgen erreichen wir es wol noch nicht, aber sicher übermorgen«, sagten wir zu einander, als wir auf das Land loszugehen begannen. Ach nein, vierzehn schwere Tage brauchten wir, um uns bis zur Gletscherwand durchzuarbeiten! Theils war das Land weiter entfernt, als wir glaubten, theils war das Eis derartig, daß es für einen Mann allein ein Kunststück war, darauf vorwärts zu kommen, wieviel mehr mit Schlitten und Kajak Manchmal war das Wasser voll kleiner Schollen, zu klein, um einen Mann zu tragen, aber groß genug, uns zu verhindern, im Kajak überzusetzen. Wir mußten dann von Scholle zu Scholle springen und Schlitten und Kajaks an einem Seile nachziehen. Unsere turnerische Fertigkeit fand hier gute Verwendung. Das Allerschlimmste war, daß das Eis sich vom Lande fortbewegte, während wir auf ihm dem Lande entgegenzogen. Wenn wir abends das Lager aufschlugen, sahen wir oft, daß die blaue Gletscherwand uns näher gekommen war, morgens beim Aufbruch aber war sie wieder weiter weg. Damit es noch schlimmer würde, erkrankte Nansen; er bekam Rückenschmerzen, wahrscheinlich einen Hexenschuß, und war ein paar Tage so hülflos, daß er nur auf Schneeschuhstöcke gestützt hinter der Karawane herhinken konnte, die nicht sehr schnell dahinzog, da ich sie auf einem fürchterlichen Eise allein leiten mußte. Es that mir weh, Nansen abends und morgens beim Aus- und Anziehen der Kleider und der Komager helfen zu müssen; er hatte heftige Schmerzen, klagte aber nicht und ging weiter, statt sich hinzulegen. Glücklicherweise war er nach drei Tagen wiederhergestellt; aber es war doch lange genug gewesen, um uns erkennen zu lassen, wie es werden würde, wenn einer von uns ein Bein brechen oder ernstlich erkranken sollte. Am 31. Juli habe ich in das Tagebuch eingetragen: Der Marsch verlief gestern geradeso wie die beiden letzten Tage. Nansen thut der Rücken immer noch recht weh, sodaß ich die Schwierigkeiten allein zu bekämpfen habe. Das Wetter war gestern unfreundlich, das Barometer stand auf 723 Millimeter. Dabei wehte ein sehr starker Südwest mit gelegentlichen Schneeböen, sodaß wir uns trotz der angestrengten Arbeit ebenso warm anziehen mußten wie mitten im Winter. Doch dies wäre noch angegangen, wenn uns nur der Wind nicht jegliches Vordringen dadurch unmöglich gemacht hätte, daß er alle Rinnen der ganzen Breite nach mit Schlammeis und Eisstücken füllte; es ist das Schlimmste, was uns passiren konnte. Eine solche Bewegung im Eise haben wir bisher noch nicht bemerkt. Hatte ich nach vielem Suchen einen Weg gefunden, so war er meistens schon zerstört, wenn ich wieder zurück wollte. Dann hieß es wieder von neuem suchen. Wenn man dazu nimmt, daß Nansen recht hülflos ist, so können uns eigentlich nicht viel mehr Schwierigkeiten in den Weg treten. Dessenungeachtet sahen wir gestern einen Erfolg, als wir das Lager aufschlugen: der blaue Eisrand auf dem Lande ist uns sehr nahe gekommen, so nahe, daß wir die Hoffnung hegen, ihn trotz aller Schwierigkeiten noch heute zu erreichen. Für die Hunde haben wir jetzt kein Futter mehr; ich schoß gestern zwei Elfenbeinmöven für sie. »Suggen« verzehrte die ihre mit sichtbarem Wohlgefallen, »Kaiphas« dagegen macht sich aus Geflügel nichts. Gestern sahen wir auch einige Rosenmöven. Ueber die Rinnen, selbst wenn sie noch so schmal sind, wollen die Hunde nicht gehen und oft fallen sie hinein. Nachts haben wir unter den dünnen Decken gefroren und sehnen uns nun mehr als je nach dem Ende dieses Lebens. Noch wird es freilich lange dauern, aber Geduld, und du wirst alles überwinden und wirst nach Hause kommen! Am 2. August hatten wir die Nordspitze des Landes genau im Westen vor uns und waren also nach Osten getrieben. Wir sind auf derselben Breite wie das Land; es muß 35-40 Kilometer entfernt gewesen sein, als wir es erblickten, aber dieser Abstand ist bei so schlechtem Eise widerwärtig genug. Wenn wir keine Vögel für die Hunde schießen konnten, mußten wir ihnen ein Stückchen Speck geben. »Kaiphas« blieb manchen Tag ohne Futter; er war nicht im Stande, Möven zu fressen, obgleich er sich sehr dafür interessirte, daß wir sie bekamen. Einmal lief er auf ebenem Eise einem angeschossenen Eissturmvogel nach, Schlitten und Kajak hinter sich; doch ihn fressen, nein, davon wollte er nichts wissen. Wir hören bei Tage die Brandung tosen, können aber außer den blauen Reflexen am Himmel keine Spur von Wasser sehen. Nansen versuchte mehrmals, in den Rinnen Seehunde zu schießen, aber ohne Erfolg. Am 4. August passirten wir das schlimmste Treibeis, das wir je gehabt oder gesehen haben, und kamen natürlich nicht weit; aber es ist doch ein Trost, daß wir ein Ende absehen können. Wir sahen gestern durch den Feldstecher offenes Wasser diesseits des Gletscherrandes. Auf diesem Marsche fehlte nicht viel, daß ich von einem Bären aufgefressen worden wäre. Es ging dies so zu: Als wir gestern aufbrachen, war das Wetter sehr nebelig und wurde es immer mehr; das Eis war unpassirbar, überall nur Berg und Thal und tiefer Schnee, mit Rinnen, die zum Theil halb zusammengeschoben, zum Theil offen und mit unpassirbarem Grus gefüllt waren. Als der Nebel am dichtesten war und die Eisrücken am höchsten waren, wurden wir durch eine Rinne aufgehalten, über die wir setzen mußten. Dies machten wir so, daß wir beide Schlitten mit den Kajaks nebeneinander bis dicht an den Rand des Wassers zogen; dann verbanden wir sie mit Schneeschuhen und Stöcken, die wir quer über die Kajaks legten, und damit war die Flotte fertig, um in See zu stechen. Nansen hatte seinen Schlitten gerade an den Rand des Wassers gefahren und hielt ihn fest, weil das Eis leicht nach dem Wasser zu abfiel. Mein Kajak war noch ein wenig zurück, und ich ging voll Eifer hin, es zu holen. Ich beugte mich nieder, um das Zugseil zu ergreifen und erblickte dicht hinter dem Kajak ein Thier, das sich zum Sprunge zusammenkauerte. »Aha, Suggen!« dachte ich erst, merkte aber in demselben Augenblick, daß es nicht »Suggen« war. Noch ehe ich mich aus meiner gebückten Stellung aufrichten konnte, war der Bär über mich hergefallen, stand auf zwei Beinen und drängte mich nach hintenüber, wo ein schwach geneigter Abhang nach einem kleinen Süßwasserteiche hinunterführte. Mit seiner gewaltigen Vordertatze gab er mir eine solche Ohrfeige auf die rechte Backe, daß mir der Kopf brummte. Zum Glück verlor ich davon nicht die Besinnung; ich fiel nur auf den Rücken und lag nun zwischen den Beinen des Bären. »Schnell die Büchse!« rief ich Nansen hinter mir zu; ich sah den Kolben meines geladenen Gewehrs auf dem Kajak neben mir und es juckte mir in den Fingern, danach zu greifen. Ich sah den Bären seinen Rachen dicht über meinem Haupte öffnen und sah die fürchterlichen Zähne glänzen; ich hatte ihn beim Fallen an der Gurgel gepackt und hielt sie nun mit der Kraft der Verzweiflung fest. Der Bär wurde darüber ein wenig stutzig: dies war ja kein Seehund, sondern ein fremdes Thier, das er nicht kannte, und dieser Verwunderungspause verdanke ich gewiß mein Leben. Ich wartete auf Nansen's Schuß und merkte, daß der Bär dorthin blickte, wo Nansen stand; es schien mir im Liegen, als dauere es sehr lange, und ich rief daher Nansen zu: »Schieß schnell, wenn es nicht zu spät sein soll!« Der Bär erhob die eine Tatze ein wenig, langte damit über mich weg und versetzte »Suggen«, die an der Seite sitzend zusah, eins, daß sie heulend über das Eis flog. Dasselbe Tractament erhielt »Kaiphas«. Als ich dies sah, ließ ich den Hals des Bären schnell los, wälzte mich aus dem Bereiche seiner Tatzen fort, sprang auf die Füße und ergriff mein Gewehr: da fielen zwei Schüsse von Nansen, und der Bär lag todt am Teiche. Nansen hatte sich natürlich sosehr er konnte gesputet. Doch als er mich unter dem Bären sah und seine Flinte, die im Futteral oben auf dem Kajak lag, ergreifen wollte, glitt dieses mit dem Schlitten ins Wasser. Hier lag ich unter dem Bären, dort stand Nansen, und auf dem Kajak unten im Wasser lag das Gewehr! Sein erster Gedanke war, ins Wasser zu springen und von dort aus zu schießen, doch gab er ihn wieder auf; dabei hätte er ja ebensogut mich wie den Bären treffen können. Er mußte sich also die Zeit nehmen, die ganze Bescherung erst wieder aufs Eis zu ziehen. Dies ging sehr schnell, aber mir, der ich unter dem Bären lag, erschien natürlich die Zeit dennoch lang. Der Bär stürzte schon bei dem ersten Schusse, der aus einer Schrotpatrone bestand. Nansen hatte in der Eile den Hahn dieses Laufs gespannt, da er ihm zuerst bei der Hand war. Der Sicherheit wegen schickte er ihm darauf noch die Kugel in den Kopf. Ich hatte kein anderes Merkzeichen von der Umarmung des Bären behalten als einige weiße Streifen auf meinen Wangen, die im »Sehnsuchtslager« von Ruß und Fett ganz schwarz geworden waren, und zwei kleine Wunden an der rechten Hand. Darüber können wir jetzt – glücklicherweise – scherzen. Als der Bär todt dalag, erblickte ich plötzlich noch zwei Bären. Sie standen aufrecht hinter einem Hügel und hatten den Auftritt aufmerksam verfolgt; es waren zwei einjährige Junge, die auf Futter warteten, und die Bärin war es, die mich angefallen hatte. Ich eilte hinzu um sie zu schießen, denn junges Fleisch ist besser als altes, und überdies war mein Blut in Wallung gerathen; sie nahmen aber reißaus, und da ließ ich es sein. Als wir das Fleisch der Bärin ausschnitten – wir ließen uns nicht einmal Zeit, sie abzuziehen – erblickten wir die Jungen wieder; ich von neuem hinterdrein, konnte ihnen aber nicht auf Schußweite nahekommen. Trotzdem schickte ich ihnen eine Kugel nach. Ein wüthendes Gebrüll verkündete, daß sie getroffen hatte, aber nicht tödlich, denn sie liefen beide fort. Wir sahen sie nachher noch mehrmals, durften aber keine Patronen mehr an sie verschwenden. Dem einen rann das Blut an der Seite hinab und es brüllte beinahe wie eine Kuh; sie gingen in einem großen Bogen um den Platz herum, wo die Bärin lag, und wir hörten das Brüllen noch lange, nachdem wir schon weitergezogen waren. Die Hunde durften fressen, soviel sie konnten; sie waren unverletzt geblieben, »Kaiphas« hatte nur einen Riß auf der Schnauze. Wir selbst nahmen auch eine gute Mahlzeit ein; wir schnitten dünne Scheiben von dem rohen Fleische ab, legten sie auf den Schnee, bis sie abgekühlt waren, und genossen sie dann mit großem Wohlbehagen. Es war für unsern Proviant ein guter Zuwachs; die beiden Keulen nahmen wir mit, ebenso das Fett des Innern, denn zum Brennen war dieses sehr gut zu verwenden. Es kommt selten vor, daß ein Bär so direct zum Angriff schreitet wie dieser – auf Menschen wenigstens; aber dieser muß sicher sehr hungerig gewesen sein. Ich nahm die Krallen von der Tatze mit, mit der ich geschlagen worden war, und Nansen die Krallen der andern Tatze; wir durften uns eigentlich nicht mit überflüssigen Dingen beschweren, aber es schien uns doch, als müßten wir ein Andenken an diese Begebenheit haben. Auf dem Marsche auf das Land zu wimmelte es kreuz und quer von Bärenspuren. Hier schienen Bären in Hülle und Fülle zu sein, aber wir kümmerten uns jetzt nicht um sie; während wir schliefen, war einer sogar an unserer Zeltwand gewesen. Zwölftes Kapitel. Abschied vom Treibeise. 7. August. Endlich haben wir unser lang herbeigesehntes Ziel erreicht: wir haben heute Nacht am Rande des Gletschers geschlafen, den zu erreichen wir uns so lange schon abgemüht haben. Nun ist es Wirklichkeit geworden, ohne allen Zweifel, denn wir hören es im Gletscher lärmen und donnern. Die letzte Strecke Treibeis erregte durch ihren Charakter unsere große Verwunderung und Freude. Es war viel ebener als bisher und beinahe ohne Rinnen, sodaß der Marsch den Märschen vieler Tage in der letzten Zeit zusammengenommen gleichkam. Wir beeilten uns auch ordentlich. Der Gletscher kam immer näher. Bald konnten wir ihn von dem Eise aus, auf dem wir gingen, sehen, und endlich standen wir am Rande des Treibeises, eine große, offene Landrinne, in der Schollen trieben, zwischen uns und dem Gletscher, der steil in die See abfiel. Nansen stand am Eisrande, wischte sich den Schweiß von der Stirn und winkte mir, der ich ein wenig zurückgeblieben war, mit dem Hute zu; ich schwang ebenfalls den Hut, und das erste Hurrah auf der ganzen Reise klang über das offene Wasser hin. Jubelnd sahen wir auf das Treibeis zurück, das unsere Geduld und unsere Kräfte so lange auf die Probe gestellt hatte. Wir gönnten uns als Belohnung für die letzte Anstrengung jeder ein Stück Chocolade. Nun sollte es auf dem Wasserwege weitergehen; wir versuchten, je einen Schlitten auf ein Kajak zu legen und getrennt zu rudern; doch das ging nicht, wir mußten sie wieder wie früher miteinander verbinden. Die Hunde konnten wir nicht weiter mitnehmen. Wir Menschen sind doch undankbare Geschöpfe! Da hatten sich diese Hunde für uns abgequält, hatten Hunger und Kälte erduldet, sodaß sie kaum noch laufen konnten, und jetzt belohnten wir ihre Treue mit dem Tode, jetzt, da wir selbst glaubten, wieder zum Leben unter Menschen zurückkehren zu können! Es war entsetzlich, dies thun zu müssen, aber leider mußte es sein. Damit es uns leichter würde, nahm Nansen meinen Hund und ich den seinen. Arme Thiere, sie folgten uns willig hinter zwei Hügel, und bald verkündeten zwei Schüsse, daß »Suggen« und »Kaiphas« zu leben aufgehört hatten. Wir hatten sie liebgewonnen und konnten sie nicht schlachten wie die andern, sondern opferten jedem von ihnen eine Patrone. Wir sagten dem Treibeise Lebewohl und ruderten ab. Es war ein wenig nebelig geworden, den Wind hatten wir im Rücken. Wir setzten unsere Segel und näherten uns jetzt in Ruhe und Bequemlichkeit mit ansehnlicher Geschwindigkeit dem Gletscher, den wir bald aus dem Nebel auftauchen sahen. Wir aßen im Kajak auch zu Mittag, oder vielmehr zu Abend, denn die Mittagsstunde war schon längst verstrichen. Welch schroffer Wechsel nach dem Leben auf dem Treibeise! Stillsitzen und essen, und doch vorwärtskommen! An dem Gletscher konnten wir nicht landen; er bildete eine 16 Meter hohe Eiswand, deren verschiedene Schichten wir ganz deutlich sahen. Die Strömung ging nach Westen, in der Richtung, in der wir vorwärts sollten; wahrscheinlich war es die Gezeitenströmung. So steuerten wir denn westwärts und fanden dabei die Scholle wieder, auf der wir geschlafen hatten. Wir sind gewiß auch im Schlafe nach Westen getrieben. In dem Eise um uns herum ist ziemlich viel Bewegung. 8. August. Gestern war unser erster Tag zu Wasser; es ging ausgezeichnet. Die Boote mußten wir gestern Morgen über ein paar Schollen ziehen, die sich um uns herumgelegt hatten und unablässig in Bewegung waren, uns bisweilen einen freundschaftlichen Puff gaben und den Weg nach dem offenen Wasser versperrten, das wir westlich von uns in dem dichten Nebel erblickten. Von dem ziemlich nahen Gletscher ertönte es hin und wieder wie ein Kanonenschuß; es waren Stücke, die sich loslösten und in die See stürzten. Wir ließen uns auf einer festen Scholle dicht am Rande des Wassers nieder und machten uns jeder aus einem abgebrochenen Schneeschuh, den wir an unsern Schneeschuhstöcken festbanden, ein Ruder, mit dem man etwas anfangen konnte, denn die Ruderblätter von Segeltuch erwiesen sich als schlechtes Handwerkszeug. Mit verbundenen Kajaks zogen wir auf dem herrlichen offenen Wasser weiter; nur schade, daß es zu bewölkt war, um eine Beobachtung anzustellen. Als wir eine Weile am Gletscher entlang gerudert waren, mußten wir uns nach Norden wenden, weil wir auf festes Eis stießen. Es war vermuthlich eine Bucht zwischen dem ersten Gletscher und dem Lande mit den schwarzen Bergen. Diese erblickten wir, als es sich landwärts über dem Eise ein wenig lichtete. Seehunde sahen wir im Wasser genug, die Lebensmittel sind hier also nicht knapp. Am Morgen gegen 6 Uhr hatten wir zu rudern begonnen und hörten abends um dieselbe Zeit auf, da es zu regnen anfing, worauf wir unser Zelt auf dem festen Eise aufschlugen. Die Temperatur ist am Tage wie früher um 0° herum. Am nächsten Tag segelten wir bei Nordwestwind 6 bis 7 Stunden mit nicht geringer Geschwindigkeit, mußten aber, bevor wir in offenes Wasser kamen, erst unsere Boote über einige Schollen ziehen, die sich im Laufe der Nacht vor den festen Eisrand gelegt hatten. 9. August. Das Segeln ist ein nasses Vergnügen; ich bin noch nicht trocken auf dem Leibe und habe über Nacht ein wenig gefroren; aber wir kommen schnell vorwärts, und so kehren wir uns nicht daran. Während der Segelfahrt war es nebelig, wir sahen also nicht viel; aber zum Schlusse klärte es sich plötzlich so weit auf, daß wir ganz dicht hinter der Eiskante, an der wir entlang segelten, ein neues Land sehen konnten, eine kleine, wie die beiden andern mit Eis und Schnee bedeckte Insel und ihr gegenüber weiter nach Südsüdwest noch ein Land, welches aber größer war. Jetzt haben wir also vier Inseln. Nansen hat sie später »Hvidtenland« getauft. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wo wir sind, denn je weiter wir gestern vorwärts kamen, desto südlicher ging der Kurs, und bald segelten wir in ausgesprochen südlicher Richtung in, soweit wir sehen konnten, offenem, breitem Fahrwasser dahin. Vielleicht sind wir doch an der Westküste; dann können wir ziemlich sicher annehmen, daß wir noch rechtzeitig genug nach Spitzbergen kommen, um dort ein Schiff anzutreffen. Sind wir auf der Ostküste, so ist dies jedenfalls eine tiefeinschneidende Bucht, und dann müssen wir wieder nordwärts, um weiterzukommen. 10. August. Wir waren gestern morgen oben auf dem »Kleinen Gletscher«. Es klärte sich so weit auf, daß wir von den Inseln, die wir bisher gesehen haben, eine Kompaßaufnahme machen konnten. Wir hatten uns auf einen kleinen Schneeschuhlauf den Gletscher hinunter gefreut, aber die Neigung war so gering und die Bahn so schlecht, daß es nicht ging. So takelten wir denn unsere Kajaks auf und segelten bei Sonnenschein und gutem Winde in offenem Fahrwasser, soweit der Blick reichte, von den vier Inseln fort. Wir hatten es auf unserm Schiffe wirklich gemüthlich; wir aßen unser aus kaltem gekochtem Bärenfleisch und 80 Gramm Brot bestehendes Mittagessen, während der Wind uns weiterführte. Gegen Abend begegneten wir flachem Eise, das in starker Bewegung war. Die Strömung wendete sich gerade hier; wir mußten uns daher mit beiden aneinander festgebundenen Kajaks auf das Eis retten: die Eispressung war uns auf den Fersen. Um die Mittagszeit wurde beim Zelte eine Beobachtung angestellt, eine zweite wurde unterwegs gemacht. Wir zogen die Kajaks über eine ebene Scholle und kamen auf der andern Seite an Wasser, aber die Strömung war ziemlich stark, weshalb wir übereinkamen, das Zelt aufzuschlagen. Dies thaten wir denn, und nicht lange danach kam das Eis auch von der andern Seite heran und legte sich in dem Maße, wie der Zusammenprall erfolgte, mit einem Eisrücken an unsere Scholle. Aber es waren nur große Schollen, die gewiß etwas mit Land zu thun haben. Es kommt uns ein wenig mysteriös vor: offenes Wasser und ebenes Fjordeis, aber kein Land! Am nächsten Tage zogen wir eine Strecke über flaches Eis und trafen dann offenes Wasser, das sich nach Süden und Südwesten erstreckte. An einer Stelle lag eine große Walroßgesellschaft auf dem Eise. Wir kümmerten uns nicht um sie, hatten wir doch für den Augenblick Lebensmittel genug. Ein unangenehmer hartnäckiger Nebel verhinderte den Umblick; auf gut Glück ruderten wir in einem Gewässer, das noch nie von Menschen besucht worden ist. Der Kurs ging schließlich direct nach Süden, und wir begannen aufmerksam umherzuspähen. Da sahen wir einen Eisrand, der sich später als Rand des landfesten Eises erwies, sich nach Westen hinziehen; später wurde er deutlicher sichtbar. Wir waren im Nebel in eine Bucht hineingerathen und mußten nun wieder hinaus, hatten aber jetzt die Strömung entgegen und mußten uns daher ans Land arbeiten und die Boote ziehen. Ueberall, wo wir hier landen, sei es auf einer Scholle oder auf festem Eise, sehen wir eine Menge Bärenspuren. Rund um unsern gegenwärtigen Lagerplatz müssen eine ganze Anzahl Bären im Kreise getanzt haben. Wir erwarten eines schönen Tages Besuch von ihnen und haben für diesen Fall das Gewehr am Zeltstocke bereit stehen. Wenn wir nur endlich klar sehen könnten! Verzöge sich der Nebel, so würden wir ohne Zweifel in der Nähe Land gewahren und aus der Richtung, in der es sich hinzieht, müßten wir dann erkennen können, ob wir uns auf der West- oder Ostseite von Franz-Joseph-Land befinden. Doch bisjetzt sind wir noch immer so klug wie zuerst. Nach Süden kommen wir aber recht gut vorwärts. Am 11. August, als Nansen an Land gegangen war, um sich von einem Eishügel aus über das Vorwärtskommen im offenen Wasser zu orientiren, tauchte plötzlich der unförmliche Kopf eines außergewöhnlich großen Walrosses auf. Es schnaubte und glotzte uns böse an. »Sehen Sie sich den an, das ist ein tüchtiger Kerl«, sagte Nansen. Dann tauchte das Walroß unter; Nansen ging wieder an Bord, und wir fuhren weiter. Plötzlich hatten wir es wieder dicht bei uns; es verschwand mehrere male und tauchte ebenso oft wieder auf, bis es schließlich unmittelbar neben den Kajaks war, sich im Wasser aufrichtete, schnaubte und seine ungeheuern Zähne zeigte. Wir fürchteten, es würde unsere gebrechlichen Fahrzeuge zertrümmern, und griffen nach den Flinten; da tauchte es wieder unter, erschien aber sofort von neuem dicht neben meinem Kajak. Ich jagte ihm eine Kugel in seine abscheuliche Fratze. Da stieß es ein Gebrüll aus, zappelte heftig und verschwand, während das Wasser sich roth färbte. Hierauf ruderten wir weiter und hatten das Walroß bald ganz vergessen. Plötzlich fuhr ich von einem Stoße unter dem Boden meines Kajaks, der dieses ein Stück emporhob, in die Höhe, und im nächsten Augenblick erschien ein Kopf mit langen Zähnen so dicht neben mir, daß das Wasser in das Kajak spritzte. Im Nu die Flinten zur Hand; Nansen schickte ihm, da er es nicht in den Nacken schießen konnte, wo sonst der beste Punkt ist, eine Kugel in sein abscheuliches Gesicht, in welchem das von mir geschossene Kugelloch sichtbar war; glücklicherweise genügte das. Nun schwamm es todt auf dem Wasser. Möven kamen herbei und kreisten in der Luft, während wir mit großer Mühe die zolldicke Haut aufschlitzten und uns ein wenig Speck und Fleisch abschnitten. Hierbei gerieth das Messer in die Lunge des Walrosses, die Luft strömte pfeifend heraus und das Wasser hinein; es wurde uns immer schwerer, das Thier mit den Rudern oben zu halten, und schließlich mußten wir es loslassen. Wir folgten ihm mit den Augen, wie es in Kreisen auf den Grund sank, während die Möven einen entsetzlichen Lärm machten, weil sie um ihren Antheil an der Beute betrogen worden waren. Wir hatten in der letzten Zeit davon gesprochen, die Schlitten so zu verkleinern, daß wir je einen auf ein Kajak legen und dann die Kajaks einzeln rudern könnten, was ja viel schneller gehen mußte als mit den verbundenen Kajaks. Am Abend des 11. August hatten wir nur Eis und Nebel vor uns; wir ließen uns deshalb auf dem festen Eise nieder und machten uns daran, die Schlitten abzuschneiden und ordentliche Kajakruder zu verfertigen. Während wir die Nacht hindurch mit dieser Arbeit beschäftigt waren, lichtete sich der Nebel, der bisher alles um uns herum so hartnäckig verhüllt und unsern Sinn bedrückt hatte, und nach und nach kam von Südost bis Westnordwest viel Land zum Vorschein, Länder mit Gletschern und blauen, jäh abstürzenden Bergen. Im Westen sah es beinahe wie ein Sund aus. Allmählich wurde der Nebelschleier beiseite gezogen, und mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten wir von einem Eishügel in der Nähe die ganze Nacht hindurch die Enthüllung. Wol war es schön, so viel Land zu sehen, aber leider mußten wir eingestehen, daß wir es nun doch für die Ostküste hielten, und damit verschwand auch die Hoffnung auf Heimkehr in diesem Jahre. 16. August. Seit wir unsere Schlitten verkleinert haben, kommen wir einzeln in den Kajaks viel schneller vorwärts, aber wir haben nicht soviel wie bisher Gelegenheit gehabt, den Wasserweg zu benutzen. Wir haben unsere kurzen Schlitten viel ziehen müssen, doch schließlich geht es ja auch so recht gut. Gestern Nacht lagerten wir uns, ohne das Zelt aufzuschlagen und ohne zu kochen – ja, wir aßen nicht einmal, bevor wir uns niederlegten – und beobachteten die Strömung, die uns daran hinderte, zu Wasser vorzudringen. Aber die Strömung blieb unverändert, und wir mußten wieder weiterziehen. So ging es gestern den ganzen Tag ununterbrochen beschwerlich, wobei wir einen 16 Meter hohen Eisberg passirten, den wir vergeblich zu besteigen suchten. Endlich kamen wir an das erste Fleckchen schneefreier Erde, und heute Nacht haben wir auf Granitsand gelegen! Es war ein seltsames, erhebendes Gefühl, den Fuß wieder auf festes Land setzen zu können, wirklich mit dem Fuße zu fühlen, daß es Land und nicht Eis war. Anfänglich traten wir fast vorsichtig auf, der Fuß liebkoste die harten Granitblöcke. Und dazu noch Moos und Blumen zwischen ihnen zu finden! Es war geradezu überwältigend! Wir setzten uns zwischen den Steinen hin und versanken in tiefes Sinnen. Wie merkwürdig ist doch dieses Land! Zur Ehre des Tages hißten wir unsere Flagge. Im Westen haben wir einige Inseln mit verhältnißmäßig hohen Bergen, von denen wir das muntere Geschrei der Krabbentaucher hören. In den letzten Tagen haben wir von kalten Speisen gelebt, da unser Petroleum zu Ende ist. Gestern kochten wir zwischen den Granitblöcken mit Speck eine gehörige Portion Labskaus und nahmen dazu unsere letzten getrockneten Kartoffeln. Am Tage darauf machten wir uns nach der verlockenden Insel auf. Nansen ging voran, er wollte dort die Strandlinie messen. Als ich über die Scholle zog, sah ich einen Bären mir entgegenkommen; er näherte sich gleichmäßig rasch nach echter Bärenweise, indem er gegen den Wind aufkreuzte. Ich machte mich zu seinem Empfange bereit, doch ehe er noch in Schußweite war, blieb er stehen und schnüffelte vorsichtig in der Luft herum. Plötzlich machte er hastig kehrt und lief, so schnell er konnte, davon. Nach den Spuren zu urtheilen, an denen wir täglich vorüberziehen, muß es hier Bären in Menge geben. Auf der Insel herrschte reges Leben: Schneeammern flogen zwitschernd von Stein zu Stein, Krabbentaucher zogen scharenweise nach und von den Rinnen; die belebende Munterkeit dieser kleinen Vögel ist ganz dazu geeignet, den Sinn zu erheitern. Die Mantelmöven, die, um ihre Jungen besorgt, hoch oben auf den schroffen Absätzen saßen, ließen ihre langgezogenen melodischen Flötentöne zu uns hinab erklingen. Unten am Fuße des Gebirges lag prächtiger rother Schnee. Es erschien uns zu herrlich, und wir kletterten daher mit dem photographischen Apparat den Berg hinauf. Den Gipfel ganz zu besteigen, blieb uns keine Zeit, da der Nebel wieder aufzuziehen begann, aber wir sahen doch die Wasserstraße, auf die wir lossteuerten, entlang und überzeugten uns, daß es dort Wasser genug gab, wenn auch einige große Schollen darin waren. Wir stießen die Kajaks ab, konnten aber der Schollen und einer dünnen Eisschicht wegen nicht weit rudern und mußten also ziehen. Endlich gelangten wir an die große offene Stelle, die sich von dem Sunde abzweigte und nach einem vor dem Lande befindlichen Eiskap führte. Hinter jenem Kap lag gewissermaßen unser Schicksal: erstreckte sich von dort Land nach Süden, so mußten wir uns an der Westküste befinden, sahen wir aber noch Land in nordwestlicher Richtung, so mußte es die Ostküste sein. Endlich erreichten wir das Vorgebirge. Das Land bog nach Süden ab, das Fahrwasser war gut. Wir waren froh, und es ging gut vorwärts; anfangs an Eiswänden vorbei, kamen wir dann an ein Bergland, einen ungemein scharfen Bergrücken von zerklüftetem Basalt, in dessen unzugänglichen Felsspalten Lummen und Krabbentaucher hausten. In der Mitte war ein Einschnitt mit jähen Abhängen auf beiden Seiten. Hier kletterten wir hinauf und betrachteten uns von dort den Weiterweg. Dabei sahen wir zwei Füchse um einen Vogel streiten, die Kerle litten sicherlich nicht an Schwindel. Das Fahrwasser erstreckte sich noch mehr nach Süden. Obgleich wir müde und abgehetzt waren und es Zeit zum Rasten war, beschlossen wir doch, so lange zu segeln, als wir konnten, da ein vorzüglicher Segelwind wehte. Nachdem wir uns mit rohem Fleisch und Speck, Pemmikan und Brot gestärkt hatten, ging es weiter. Wir segelten, bis der Wind abflaute, und wurden dabei so schläfrig, daß wir im Sitzen einnickten; dann ruderten wir nach der Eiskante vor dem Lande und schlugen das Lager auf. Das Land wurde von Nansen »Kap Brögger« getauft. 24. August. Das Glück ist wandelbar. Das müssen wir in unserm wechselreichen Leben oft fühlen. Vor einer Woche hatten wir offenes Wasser zu unsern Füßen und waren voll Hoffnung auf Heimkehr in diesem Jahre. Jetzt haben wir eine Woche still gelegen und kommen nicht vom Flecke. Lebe wohl, schöne Hoffnung! Wir müssen uns wol darein finden, unser Leben hier noch eine Polarnacht zu fristen; sicher wird diese die schlimmste von allen werden! Vor einer Woche ruderten wir hoffnungsvoll bei stillem klarem Wetter aus, das, von der Kälte abgesehen, einer Frühlingsnacht daheim nicht unähnlich war, und fanden gute Wege an dem neuen Lande entlang. Dann kamen wir an ein Vorgebirge, vor welchem einige kleine Inseln lagen, und hier war Eis. Ganz dicht am Lande, wo wir hindurchzukommen versuchten, konnten wir in dem Schlammeise und bei der dünnen Eisschicht nicht weiter; deshalb legten wir uns, ohne das Zelt aufzuschlagen, auf dem Eise nieder mit der Absicht, zu schlafen, die Flut abzuwarten und dann mit ihr weiterzukommen. Doch bevor wir soweit gekommen waren, hatten wir noch ein Abenteuer mit einem Walroß. Als wir in dem Eise ruderten, Nansen voran, ich hinterdrein, sah ich plötzlich, wie sich das Wasser unter Nansen's Kajak heftig bewegte und das Kajak emporgehoben wurde; ich glaubte, es sei ein Eishügel, der während Nansen's Vorbeirudern gerade »gekalbt« habe, aber ich hatte kaum ein paar Ruderschläge gethan, als ein mächtiges Walroß nahe am Buge des Kajaks auftauchte, die langen Zähne schüttelte und vor Bosheit schnaubte. Ich sah scharf nach ihm hin und griff nach der Flinte, die ich unten im Kajak liegen hatte. Das Walroß tauchte unter und erschien auf der andern Seite vor mir wieder. Zum Glück war ich nicht weit von einer Scholle entfernt. Ich ruderte nach dieser hin, kletterte aus dem Kajak und freute mich, festes Eis unter den Füßen zu fühlen. Mit der Flinte in der Hand wartete ich darauf, dem Walroß einen guten Schuß geben zu können. Da schwamm es von mir fort und zu Nansen hin, der auch angelegt hatte und im Begriffe war, das Kajak zu verlassen. Gerade wollte er aussteigen, da brach der Eisrand unter ihm. Ein Glück war es, daß das Walroß nicht in diesem Augenblicke kam. Dann schwamm das Thier eine Weile von einem Kajak zum andern, während wir zu Mittag aßen, und verschwand schließlich spurlos. Wir legten uns darauf ohne Zelt auf der Scholle hin, um zu schlafen und auf bessere Zeiten zu warten. Aber nun weckte uns der Wind, der sich gedreht haben mußte, denn wir hatten jetzt keinen Schutz mehr. Dichtes Blockeis drängte sich um uns herum, wir selbst waren auf der kleinen Scholle, die sich vom Landeise losgelöst hatte, ins Treiben gerathen: ein unangenehmes Erwachen; ich hatte gerade geträumt, ich äße daheim in einem Garten Kirschen. Nun galt es, in aller Eile über Schollen auf das feste Eis zu flüchten. Seitdem haben wir eine traurige, ungemüthliche Zeit voll düsterer Aussichten verlebt. Drei Tage darauf schoß Nansen vom Zelte aus einen Bären. Er war ganz dicht bei uns und hätte sehr ungemüthlich werden können, wenn er bösartig gewesen wäre; aber er bedachte sich und kehrte um. Wir lagen beide wach im Sacke, als Nansen es draußen rascheln hörte. Er guckte durch ein Loch in der Zeltwand und erblickte den Burschen; sofort griff er nach der Flinte und schickte ihm durch das Loch im Zelte eine Kugel gerade in die Brust. Petz fiel, erhob sich aber wieder und wollte sich forttrollen, da erhielt er eine Kugel in die Seite und schleppte sich im Todeskampfe in fürchterliches Eis, wo er an einem für uns sehr schlechten Platze liegen blieb. Der Bär kam uns gerade recht; wir hatten nicht mehr viel Fleisch, und er war ein außergewöhnlich großer Kerl. Daß wir während der Fahrt bisher keine Seehunde geschossen hatten, bereuten wir; sie waren in Menge vorhanden. Eines Tages sah ich eine ganze Schar schwarzer, die ich von früher noch nicht kannte. Lautlos tauchten sie einer nach dem andern auf. Nansen sagte mir, es seien junge grönländische Seehunde. Wir kamen dann an Land, ein abscheuliches Land, das Nansen »Kap Holland« genannt hat, mit wol einzig dastehendem zerrissenem und aufeinandergeschobenem Eise davor. Dort sahen wir uns nach einem Platze um, wo wir überwintern könnten; doch als wir wieder gingen, wünschten wir beide, es möchte das erste und letzte mal gewesen sein, daß wir dieses Land betreten hatten. Der Südwest hat Tag und Nacht in gleicher Stärke angehalten, und wir haben für das Zelt schlechten Schutz. Am 24. August hatten wir den Wind von der entgegengesetzten Seite, aus Nordosten, und stärker als je. Das Eis ist zwischen uns und dem Lande geborsten, wir sind also nicht auf festem Eise; die Rinne wird beständig größer, wir treiben immer mehr ab. Wir können die Kajaks nicht ins Wasser bringen, das der Sturm hoch über den Eisrand hinaufpeitscht. Vorläufig müssen wir vom Lande abtreiben, es mehr und mehr verschwinden sehen und mit dem Treibeise in die offene See gehen. 26. August. Für den Augenblick sind wir auf festem Eise dicht am Lande wieder in Sicherheit, eine gute Strecke über »Kap Athos« hinaus, wie wir das Vorgebirge nennen, das zu passiren wir uns soviele Tage gesehnt haben. Als wir uns abmühten, dieses Vorgebirge zu erreichen, nannten wir es »Kap Athos«. Später hat ihm Nansen keinen Namen gegeben, da die englische Expedition unter Jackson dieses Vorgebirge 1895 entdeckt hatte, ehe wir es sahen. Am 25. kamen wir vom Treibeise los; vorher war der Wind heftiger, als wir ihn je gehabt haben. Es war unmöglich, Schutz für das Zelt zu finden. Als wir uns ein paar Stunden hinlegten, nachdem wir uns den Kopf darüber zerbrochen hatten, wie es wol über Nacht werden würde, konnten wir das Zelt nicht aufschlagen, sondern mußten es über uns legen. Sobald wir aber merkten, daß der Wind sich legte, standen wir auf, um abzufahren. Doch kaum waren wir dabei und hatten die Boote an den Rand des Eises gezogen, als der Sturm in der gleichen Heftigkeit wieder anfing; er führte nun auch zu unserm großen Nachtheile viel loses Eis von der Landseite mit sich. Stundenlang wanderten wir am Rande des Eises hin und her, immer danach spähend, daß wir abfahren könnten. Nansen ging zuerst hinaus, um zu erproben, wie sich das Kajak bei so hoher See machte. Er kam mit knapper Noth durch das lose Eis. Das Kajak hielt sich gut, und als Nansen wieder anlief, machte auch ich eine Probefahrt. Diese verlief ebenfalls gut. Nun kam auch Nansen wieder hinaus, und wir ruderten ab. Es zeigte sich jedoch, daß wir auf diese Weise nicht durchkommen konnten, denn die Kajaks waren vorn durch das mitgenommene Fleisch zu sehr belastet und so luvgierig, daß wir nur das eine Ruderblatt gebrauchen durften und nicht von der Stelle kamen. Wir landeten also auf einer Scholle, verzehrten unser Mittagessen und takelten zum Segeln auf. Da sich der Wind ein wenig gelegt hatte, glaubten wir, es mit einem Segel versuchen zu dürfen. Dann segelten wir recht lange in dem hohen Seegange. Nansen steuerte, und ich machte ihn auf die Wellen, vor denen er abfallen mußte, aufmerksam. Es war ohne Zweifel eine merkwürdige Segelfahrt; ich war sogar ein wenig seekrank. Wir fürchteten, unsere Fahrzeuge würden es nicht aushalten, besonders, als wir uns erdreisteten, Doppelsegel aufzuziehen, und eine Bö kam, die uns zwang, in aller Hast die Doppelsegel wieder einzuziehen. Wir wurden mit unsern Sachen gründlich naß und mußten den Schlafsack auswringen, als wir das Zelt aufschlugen, aber vorwärts kamen wir, und das war die Hauptsache. Wir waren froh, als wir ins Zelt kriechen konnten, obwol wir pudelnaß waren und auch zum Lager nichts Trockenes hatten. Heute Nacht hat ein heftiges Schneetreiben geherrscht und Zelt und Sack sind wieder durchweicht; ich mußte in der Nacht aufstehen und meine Ueberstrümpfe auswringen, der Sack lag in einer Pfütze. Welch reizenden Lagerplatz wir hatten, sahen wir am Morgen, als wir den mit glatten Steinen bedeckten Abhang hinaufkletterten, um uns umzusehen. Das Gestein hinter uns bestand aus Basalt; es ragte in spitzen, schlanken Säulen in die Luft, auf denen eine Menge Vögel, Krabbentaucher und Möven, entsetzlichen Spektakel machten, der zwischen den zerklüfteten Felsrippen um vielfaches verstärkt klang. Vor uns war im Laufe der Nacht Eis angetrieben, aber weiter hinten führte offenes Wasser nach einem Vorgebirge in ungefähr Süd zu West; es sah aus, als erstrecke sich hier ein großer Fjord nach Osten. Hinten im Westen lag Eis; dort sahen wir in der Ferne einige Inseln, doch war die Luft nicht ganz klar. 29. August. Am 26. abends verließen wir unsern Lagerplatz bei dem hohen Basaltgebirge mit seinen Vögeln. Wol sah es mit unserm Weiterkommen böse aus, aber wir konnten uns doch bis in freies Wasser durchwinden und richteten den Kurs auf das Vorgebirge in Süd zu West. Da sich Segelwind einzustellen schien, liefen wir eine kleine Insel in unserm Fahrwasser an und setzten die Segel, doch als wir wieder ausliefen, kam hin und wieder schwacher Gegenwind. Wir ruderten also getrennt. Die Nacht über blieb es still. Aber bald erhob sich der Südost, und zwar so schlimm, daß wir auf das Land zu abhalten mußten. So kamen wir dahin, wo wir jetzt sind. Als wir angelegt hatten, machte Nansen einen Spaziergang am Ufer entlang, kehrte aber sofort zurück und fragte mich, ob ich einen Bären schießen wollte, es käme gerade einer angezottelt. »Ja, gern will ich es!« Wir kauerten uns hinter den Kajaks am Ufer nieder, und siehe da, er kam rasch auf uns zu. Er blieb stehen und beschnüffelte nicht weit von uns Nansen's Fußspuren. Bums! erhielt er eine Kugel in den Leib und blieb liegen. Er war aber noch nicht tödlich getroffen, nur das Rückgrat war durchschossen, sodaß der Unterkörper lahm geworden war und keine Dienste mehr that. Mit den Vordertatzen wühlte er im Schnee und wollte fort, aber der Hinterkörper wollte nicht mit; er setzte sich nieder und biß sich tief in die gelähmten Hinterbeine, nachdem er erst vergeblich versucht hatte, sich in die Wunde zu beißen. Er brummte und schielte nach uns, die wir ganz in der Nähe standen; dann erhielt er eine Kugel in den Kopf, und alles war vorbei. Es war eine außergewöhnlich fette junge Bärin; von ihrem Fleische haben wir seitdem gelebt, und ihr Fell ist unser Lager gewesen. Es gibt hier eine Menge Walrosse; sie haben in der Nähe auf dem Eise einen Versammlungsplatz. Dort liegen und grunzen, kämpfen und schlafen sie tagelang, sicher in ihrer eigenen Größe. Sie fürchten nichts, weder Bären noch andere Thiere, um wie viel weniger den Menschen, den sie nie gesehen haben! Als wir in der letzten Nacht im Zelte lagen, erwachten wir über einem wunderlichen jammernden Geschrei, das draußen, wo das Bärenfleisch lag, erscholl, und als wir nachsahen, erblickten wir eine Bärin mit einem Jungen, die offenbar den Verlust ihrer Kameradin beklagte. Nansen ergriff die Flinte, aber wachsam, wie diese Thiere sind, merkten sie, daß wir da waren, und liefen fort. Es scheint hier Lebensmittel in Hülle und Fülle zu geben. Heute haben wir das Zelt verlassen, das bei dem Winde, der in der letzten Zeit so heftig geweht hat, nur wie ein dünner Schleier ist und gar keinen Schutz spendet, und sind in eine Steinhütte gezogen, die wir nachts gebaut haben; Segel und Zelt sind das Dach. Dreizehntes Kapitel. In der Höhle. Es war Ende August 1895, der Winter stand vor der Thür, und noch immer waren wir über dieses Land so klug wie zuvor. Wir mußten uns zur Ueberwinterung vorbereiten, es blieb uns nichts anderes übrig. Wol hatten wir eine schwache Hoffnung gehabt, weiter nach Süden vorzudringen, bevor wir uns zum Ueberwintern genöthigt sähen; falls wir auf Franz-Joseph-Land waren, mußten wir dort im Süden die Stelle finden, wo Leigh Smith überwintert hatte. Wir sprachen darüber, und verlockend schwebte uns die Stelle vor; aber das Fahrwasser war durch Eis gesperrt, und die Vernunft sagte uns, daß die Zeit, die uns noch vor dem Winter blieb, nur gerade ausreichte, eine Hütte zu bauen und uns Lebensmittel und Brennmaterial zu verschaffen. So schickten wir uns darein und begannen, uns so gut wir konnten einzurichten. Unter diesen Umständen schien es uns auch, als wäre es das Beste, nach all den Anstrengungen des Vordringens im Treibeise in einer ordentlichen Hütte ausruhen zu können. Man wird vielleicht glauben, daß wir an diese Ueberwinterung nur voll Verzweiflung und voll düsterer Gedanken gingen. Dem war jedoch nicht so, selbst wenn die Arbeit an der Hütte manchmal ruhte und wir den Blick sehnsüchtig über das Eis nach dem Meere im Süden schickten, nach unserer Heimat, die wir dieses Jahr nicht mehr erreichen sollten. Hoffnung hatten wir stets, um so mehr da wir sahen, wie gut es sich anließ, nur von Bärenfleisch zu leben. Aber wir lernten, daß Geduld dazu gehörte. Die ganze Reise war von Anfang bis zu Ende eine Schule dieser Tugend. Wie vorher erwähnt, hatten wir im Laufe einer Nacht eine Steinhütte erbaut. Diese nannten wir die »Höhle«, und ein elendes Loch war es auch; sie war so niedrig, daß ich darin nur eben sitzen konnte, Nansen aber liegen mußte. Das Zelt und die Segel bildeten das Dach; später bekamen wir dazu Bärenfelle, aber da hatten wir auf dem Dache auch beständig Besuch von Möven, die hackten und schrien und uns fürchterlich ärgerten. In dieser Höhle wohnten wir einen Monat, solange wir an der eigentlichen Winterhütte bauten und des Wintervorraths wegen auf die Jagd gingen. Am 28. August beschlossen wir, Walrosse zu schießen. Auf dem Eise war jetzt jedoch keins zu sehen, wir mußten also auf das Wasser hinaus. Bevor wir dahin kamen, erblickten wir zwei Bären, eine Bärin mit einem Jungen, die am Rande des Eises entlang auf das Land zugingen. Wir nahmen die Flinten und gingen ihnen entgegen, doch als sie ans Ufer kamen, folgten sie diesem den Fjord einwärts und den Abhang hinauf. Wir liefen ihnen im Dauerlaufe nach und versteckten uns hinter einem Eisrücken. Die Entfernung war ziemlich groß, aber ich hatte doch das Glück, die Bärin so in die Seite zu treffen, daß die Kugel durch den Brustkorb ging und an der andern Seite wieder herauskam. Sie brüllte wie gewöhnlich, biß nach der Wunde, taumelte ein paar Schritte weiter und stürzte dann hin. Das Junge konnte nicht begreifen, was der Mutter einfiel, daß sie sich hier hinlegte. Als es uns erblickte, eilte es den Abhang hinauf, kehrte aber gleich wieder zurück und legte den Kopf auf den Hals der Mutter, wobei es uns herausfordernd ansah. Nansen gab ihm eine Schrotladung in den Kopf, worauf es auf der Mutter zusammenbrach. Wir häuteten beide ab, ließen sie dort oben und breiteten der Möven wegen die Felle über das Fleisch. Nun zogen wir mit verbundenen Kajaks aus, um ein Walroß zu erbeuten, deren draußen im offenen Wasser genug vorhanden waren. Bald hatten wir eins in Schußweite, und Nansen sandte ihm eine Kugel zu. Es überschlug sich und tauchte unter die Kajaks, während das Wasser wirbelte und wir aus Leibeskräften ruderten, damit die langen Zähne uns nicht das Segeltuch aufschlitzten. Eine Weile danach sahen wir es, anscheinend ganz gesund, wieder. Wir gaben ihm nun jeder 2-3 Schüsse in den Kopf; es wandte uns beständig das Maul zu, sodaß wir ihm keinen ordentlichen Schuß von der Seite beibringen konnten, doch verlor es viel Blut. Dabei ging Nansen, als er das Gewehr hinlegen und nach den Rudern greifen wollte, unversehens ein Schuß los, die Kugel durchbohrte das Deck und das Vordertheil, glücklicherweise über der Wasserlinie. Das Walroß tauchte und kam wieder und bekam noch mehrere Schüsse; es athmete immer schwerer, seine Augen wurden matter, und das Wasser färbte sich roth. Eine letzte tödliche Kugel blies ihm das Lebenslicht aus, dann aber sank es, ehe Nansen Zeit hatte, ihm die Harpune in den Leib zu stoßen. Wir ärgerten uns sehr darüber, daß wir ganz unnütz soviel Munition verschwendet hatten, und ruderten verdrießlich ans Land. Etwas später erschienen im Fjord eine kleine Strecke von uns zwei Walrosse auf der Eiskante. Wir ließen sie sich eine Weile amüsiren, während wir das Fleisch der beiden geschossenen Bären holten; dann gingen wir vorsichtig wie Indianer, einer in den Spuren des andern, auf sie los. Wir hatten weit über das ebene Eis zu gehen; die Walrosse wandten sich bisweilen um, wir standen dann so lange unbeweglich still und kamen unbemerkt ganz dicht an sie heran. Nansen schoß zuerst auf das ihm zunächstliegende, welches von diesem einen Schusse auf der Stelle getödtet wurde. Das andere fuhr aus seinem Schlafe empor, erhielt aber in demselben Augenblick meine Kugel in den weitvorgestreckten Kopf und Nansen's nächsten Schuß ebenfalls. Es war ein Koloß von einem Walrosse; das Blut strömte ihm aus Nase und Maul und spritzte weit umher, als das Thier die großen Zähne in das Eis bohrte und wieder ins Wasser zurück wollte. Die dritte Kugel traf endlich an der rechten Stelle, und die unförmliche Fleischmasse blieb regungslos liegen. Nun waren wir obenauf; mit vier Patronen hatten wir zwei Stück bekommen, aber die schwerste Arbeit, das Abziehen, stand uns noch bevor. Wir holten unsere Schlitten, um sie darauf zu transportiren; Nansen meinte, wir sollten die Kajaks auch mitnehmen, und zum Glück thaten wir es. Bevor wir mit dem Abziehen anfingen, begann ein ziemlich starker Südost zu wehen. Der Wind nahm schnell an Heftigkeit zu, sodaß wir fürchteten, das Eis, auf dem wir standen, könnte losgerissen und wir mit unserer Beute seewärts getrieben werden. Diese Furcht war nur zu wohl begründet; denn kaum hatten wir das erste Walroß zur Hälfte abgezogen, so merkten wir auch schon, daß wir im Treiben waren. Wir sahen, daß wir mit unserer Beute nicht fertig werden konnten, hofften aber, das halbe Fell mit dem Specke daran noch zu bergen. Die Messer arbeiteten mit aller Macht in der dicken Haut, wir mußten aber doch auf die Hälfte verzichten und uns mit einem Viertel begnügen. Einige Fleischstücke warfen wir in aller Eile noch in die Kajaks, dann ging es fort. Aergerlich sahen wir, wie die Möven sich in den Besitz unserer schönen Beute setzten; auf dem halb abgezogenen Leibe saßen einige dicht beieinander und hackten in das Fleisch, während andere sie mit heiserm Kreischen umkreisten. Das Gesindel kehrte sich nicht an Sturm und Unwetter, sondern war ganz damit zufrieden, in Gesellschaft so vielen Fleisches einen Abstecher aufs Meer hinaus zu machen. Es war unsere Absicht, über die Scholle nach dem Rande auf der Windseite zu gehen, nach dem festen Eise, das noch nicht aufgebrochen war, überzusetzen und die Kajaks dann ans Land zu ziehen. Inzwischen wurde der Wind immer heftiger und riß immer mehr kleine Schollen los; wir konnten im Doppelkajak nicht weiter kommen, sondern mußten uns trennen und jeder für sich rudern. Festes Eis erreichten wir nicht, es war nun auch nach diesem weit, der Sturm hatte es bis tief hinein aufgebrochen. Das Hautviertel mit dem Specke mußten wir fahren lassen, worauf sich die Möven sofort darüber hermachten. Jetzt begann eine schwere Fahrt nach dem Lande, theils im schäumenden Wasser zwischen kleinen Schollen mit dem Schlitten hinten auf dem Kajak, theils auf halbaufgelösten Schollen mit dem Kajak auf dem Schlitten. Wir trieben nach Nordwesten, an unserm Bärenfleische und an der »Höhle« vorbei. Entsetzlich, es sah aus, als sollten wir noch einmal mit dem verhaßten Treibeise ins Meer hinaus treiben! Wir hatten endlich nach dem Lande zu eine ziemlich große Strecke offene See und schifften uns nun zum letzten male ein. Nansen ruderte voran, ich hinterdrein. Aus Furcht, das Ruder zu verlieren, ruderte ich mit bloßen Händen; die See ging dwars, was für mein Kajak nicht sehr gut war, da es schon unter normalen Verhältnissen nach Backbord hinüber lag, dies jetzt aber noch mehr that, weil das Walroßfleisch und das Gewehr sich im Kajak auf der Leeseite hielten. Nansen sah sich bisweilen um, um sich zu überzeugen, ob ich nachkäme. Es war ein heißes Ringen, aber zu unserer unendlichen Freude sahen wir, daß es, wenn auch nur langsam, dem Lande zuging. Endlich konnten wir uns, erschöpft und durchnäßt, an die feste Eiskante des im Nordwesten der »Höhle« gelegenen Landes klammern und dort kleine Eisstückchen abbrechen, um unsern brennenden Durst zu löschen. Das eisfreie Ufer ließ sich am Landeise entlang bequem erreichen. Dort zogen wir die Kajaks aufs Land und rangen unsere Kleider ein wenig aus; dann steckten wir uns in den Sack, aßen Beefsteak von Bärenfleisch und schliefen bald ein, müde und froh, daß wir aus diesem Abenteuer so glücklich davongekommen waren. Lange hatten wir noch nicht geschlafen, als ich von einem klagenden Tone erwachte, der dicht vor der Thür laut wurde und aus einiger Entfernung von demselben Winseln beantwortet wurde. »Das sind Bären«, sagte ich zu Nansen, der auch sofort erwachte. Wir standen auf und erblickten draußen drei Bären. Nansen tödtete die Bärin nach mehreren Schüssen, die beiden ziemlich großen Jungen verschwanden zwischen den Steinblöcken am Ufer und erschienen wieder beide nebeneinander draußen auf dem Wasser auf einem kleinen Eisstücke, das im Begriffe war, mit ihnen unterzugehen; nur die Köpfe waren noch über Wasser. Da, wo sie waren, konnten wir sie nicht schießen; ich erwartete, daß sie ans Ufer schwimmen würden, und lauerte eine Weile darauf, sie trieben aber mit dem Winde, der jetzt bedeutend schwächer geworden war, auf dem Eisstücke nach der See hin. Wir ließen sie treiben, denn nun mußten wir auf jeden Fall im Kajak auf sie Jagd machen. Wir machten uns also, naß wie wir von der vorigen Fahrt waren, wieder bereit, ins Kajak zu steigen, zogen aber jetzt Oeljacken an, um nicht noch nässer zu werden. Doch was erblickten wir, als wir nach den Kajaks gingen: ein todtes Walroß, das dicht am Rande des Eises auf dem Wasser schwamm! Das war etwas für uns! Wir waren nicht faul, es dingfest zu machen: es war das Walroß, das uns so viele Patronen gekostet hatte. Schließlich haben wir es also doch bekommen; es war aufgestiegen und am Lande entlang getrieben. Mit den Kajaks hatten die Bären abscheulich gewirthschaftet. Das von Nansen hatten sie ins Wasser geworfen. Aus beiden hatten sie das Walroßfleisch herausgeholt, ein wenig daran gekaut und es dann rundumher geworfen; dabei hatten sie sich gewiß recht amüsirt. Bei dieser Arbeit hatten sie im Innern meines Kajaks einige Bambusquerstangen zerbrochen; glücklicherweise blieb es noch brauchbar. Die jungen Bären waren nun schon so weit in See, daß wir sie eben noch sehen konnten; wir ruderten jedoch rasch an sie heran. Walrosse tauchten auf und schnaubten ganz in unserer Nähe, ließen uns jedoch in Frieden. Bald hatten wir die Bären erreicht und ruderten auf der Seeseite um sie herum. Wir wollten sie dazu bringen, daß sie das Eis verließen und, von uns getrieben, ans Land schwämmen, damit wir sie dort schießen könnten; dies war die einfachste Art. So war es auch. Als wir dicht an sie herankamen, rissen sie aus und schwammen nach dem Lande. Nun begann eine interessante Jagd. Jeder von uns nahm einen Bären und trieb ihn dorthin, wo wir ihn haben wollten. Sie brummten und fletschten die Zähne, sobald wir mit dem Kajak zu dicht an sie herankamen, beeilten sich aber immer mehr mit dem Schwimmen. Nansen's Bär erwies sich als ein besserer Schwimmer als der meinige, der einen ziemlich breiten Rücken hatte. Nansen war mir deshalb bald ein Stück vor, da ich meinen Bären alle Augenblicke antreiben mußte; er brummte dann entsetzlich, aber schneller ging es. Jetzt fiel Nansen's Schuß. Nansen war dicht beim Lande; ich sah ihn die Harpune der Sicherheit halber in den Bären stoßen und ihn so ans Ufer bugsiren. Meinen Bären steuerte ich nach dem Strande vor die Höhle, wo das übrige Fleisch war. Als wir an der Eiskante ankamen, steckte ich das Ruder in die Strippe, nahm die Flinte und sandte dem Bären, als er gerade einige schnelle Schwimmschläge machte, eine Kugel in den Kopf. Nun hatten wir sie alle drei; die Bärin lag weiter östlich am Strande. Wir zogen sie ab und legten das Fleisch zu unsern Vorräthen. Dann krochen wir in den Sack und schliefen den Schlaf des Gerechten. Nachdem wir in der letzten Zeit keine rechte Ruhe gehabt hatten, gönnten wir uns nun aber den so nöthigen Schlaf. Unser kostbares Walroß war dort, wo der Gletscher in die See fällt, am Ufereise vertäut. Hier erstreckte sich ins Eis eine lange schmale Bucht, in der es gut und sicher lag und wo wir hofften, es an Land ziehen zu können. Auf das Fleisch rechneten wir nicht, wir waren hauptsächlich um die Haut zum Decken unsers Hauses und um den Speck zum Brennen besorgt. Das Walroß abzuziehen war eine mühselige, saure Arbeit. Unsere Kräfte und unsere Geräthe genügten nicht, es aufs Land zu befördern, wir mußten es daher im Wasser abhäuten. Eine halbe Schlittenkufe, die wir bei der Verkleinerung der Schlitten zurückbehalten hatten, leistete uns jetzt und auch späterhin gute Dienste als Handspeiche. Wir hieben mit der Axt Kerben in das Eis; ein anderes kleines, ebenfalls von einer Kufe herrührendes Stück Eschenholz trieben wir so ein, daß es im Eise fest war. Hieran machten wir das eine Ende unsers Taues fest, das andere zogen wir durch eine Strippe, die wir in die dicke Walroßhaut schnitten, und banden es dann an der Speiche fest; hierdurch erhielten wir eine Art Talje und konnten größere Kraft entwickeln. Einer von uns mußte die Speiche bedienen, während der andere beim Abhäuten war; auf diese Weise ging es endlich. Es war aber eine Schinderei erster Klasse, auf dem fetten Walroßkörper zu liegen und im Wasser daran herumzuschneiden. Unsere Kleider sogen sich mit dem Fette ganz voll, und wir besaßen kein Mittel zur Reinigung, sondern mußten sie nachher tragen, wie sie waren. Während Nansen an der zolldicken Haut herumsäbelte und ich an der Speiche stand, sah ich ein ganz gewaltiges Walroß in die Bucht bis dicht an uns heranschwimmen, als wollte es sehen, was wir da mit seinem Kameraden machten. »Sehen Sie den Burschen da«, sagte ich zu Nansen. »Hurrah, das ist eine Bescherung für uns!« Nansen ergriff das Gewehr, das unser steter treuer Begleiter bei der Arbeit war, spannte den Hahn und hielt sich bereit, die Gelegenheit zu benutzen, wenn das Walroß ihm den Nacken zukehrte. Es war nicht im mindesten ängstlich, sondern musterte uns aufmerksam und ließ sich viel Zeit; der Bestie im Kajak zu begegnen, wäre, denke ich, kein Vergnügen gewesen. Ein Schuß knallte. Das Walroß drehte sich im Wasser rund um und blieb still liegen, wurde aber bald wieder lebendig. Nansen schoß, und wieder lag es betäubt still; dies wiederholte sich mehrere male. Es erhielt 3-4 Schüsse, alle in den Kopf, dennoch war es im Begriffe, seiner Wege zu gehen, sodaß ich, nachdem wir unsere Taschen geleert hatten, um mehr Patronen nach der Höhle laufen mußte. Endlich erlosch auch sein Leben, es war seiner Neugierde zum Opfer gefallen. Diese Thiere sind über alle Maßen neugierig und scheinen auch ein scharfes Gesicht zu haben. Sie kamen oft dicht ans Ufer zu uns, hielten sich mit ihren langen Hauern am Rande des Eises fest und glotzten uns stumm an, bis sie sich satt gesehen hatten. Es ist vielleicht auch dieser Neugierde zuzuschreiben, daß sie manchmal, wenn wir ruderten, unsere Kajaks streichelten. Leider waren wir nicht aufgelegt, diese Liebkosung zu schätzen, sie war uns zu gefährlich. Wir ließen das alte Walroß liegen und machten uns über das neuangekommene her, das viel größer und fetter, überhaupt eine Beute war, über die wir uns sehr freuten. Wir brauchten mehrere Tage zum Abhäuten dieser Bestien, aber es ließ sich machen; wir nahmen auch das Fleisch des letztern Thieres, legten es am Ufer auf einen Haufen und breiteten die Häute mit dem Specke darüber. In dem Winkel, wo die Walrosse lagen, war Leben genug. Die großen Möven waren Herrscher über die Gedärme und die übrigen Eingeweide; die hübschen schneeweißen Elfenbeinmöven flatterten böse umher, weil sie nicht haben konnten, was sie wollten, sondern sich mit dem begnügen mußten, was die »Großen« verschmähten. Die Elfenbeinmöve ist hübsch, macht aber ein ungemein häßliches Geschrei und ist zänkisch, boshaft und viel zudringlicher als die zurückhaltenden majestätischen großen Möven. Die Stummelmöve blickt voll Verachtung auf diese Aasvögel herab; sie will mit Futter, das sie nicht selbst gefangen hat, nichts zu thun haben, solange es noch kleine Thiere in der See gibt, und davon sind hier genug vorhanden. Mit ihrem leichten, graziösen Fluge sucht sie scharenweise das Wasser jenseits der Eiskante ab, späht mit ihren scharfen Augen nach Futter aus und schießt dann und wann auf die Wasserfläche herab, um sich mit einem kleinen Krustenthiere im Schnabel wieder emporzuschwingen. Plötzlich fährt sie erschreckt in die Luft: ein großer dunkler Vogel stürzt sich schreiend auf sie und hackt sie mit dem Schnabel; es ist eine Raubmöve, die auch Futter haben will und von dem lebt, was die andern fangen. Diese verfolgt die Stummelmöve mit heiserm Geschrei und hackt sie so lange, bis sie das, was sie im Schnabel hat, losläßt, was dann von dem Räuber blitzschnell aufgefangen wird. Manchesmal machten wir eine Pause in der Arbeit und beobachteten diesen Kampf ums Dasein. Doch was ist das? In einem Nu fliegt die ganze Vogelschar auf! Aha, da haben wir's! Auf dem Gletscher erscheint Reinecke Fuchs, zwei, drei Brüder zusammen; sie nahen sich im Galop, um das Kommando über die Gedärme und das Eingeweide zu übernehmen, gerade als wären gar keine Menschen zugegen. Sitzen wir still da, so kommen sie dicht an uns heran, ganz verwundert über die neuen Steine, die es am Abhange mit einem male gibt. Dann zerren und reißen sie am Kadaver, bis sie dessen überdrüssig werden und einen Wettlauf anstellen. So plötzlich wird halt gemacht, daß das ganze Thier eine Krümmung ist, dann geht es wie der Blitz zurück, während die Möven schreien und toben. Ja, auch hier oben bei uns ist Leben! Am 7. September begannen wir ernstlich an unserer Winterwohnung zu arbeiten. Einen ebenen Platz, auf dem es Moos und Erde gab, wählten wir an einer Stelle aus, wo das Gestein aus dem Gletscher hervortrat und einen steilen Abhang mit passenden Steinen zum Baumaterial bildete; hier und da liefen schmale Aeste des Gletschers auf dem Abhange aus. Wir steckten den Grund mit 2 Meter in der Breite und 3 Meter in der Länge ab, dann holten wir Steine vom Abhange und bauten so, daß wir uns ebensoviel in die Erde eingruben, als die Mauern sich darüber erhoben. Der Eingang war an der Südwestecke, wo wir einen Gang aushoben, der mit Steinen, Eisblöcken und Schnee überdeckt wurde, sodaß wir nach Eskimoweise aus- und einkriechen mußten. Ohne Werkzeuge und ohne alles andere Holzmaterial als Schneeschuhe und Schneeschuhstöcke baut es sich nicht leicht. Mit den Wänden mochte es noch angehen, aber das Dach war ohne Holzwerk nicht gut herzustellen; unsere Bausteine waren keineswegs derartig, daß wir damit ein Gewölbe hätten aufführen können. Zum großen Glück fand Nansen eines Tages in der Nähe der Höhle einen brauchbaren Treibholzstamm am Abhang festgefroren. Diesen beschlossen wir als Dachfirst zu benutzen und die Walroßhäute darüber zu spannen. Viele Werkzeuge besaßen wir gerade nicht: eine Schlittenkufe, einen losen Bärenspieß, eine mikroskopisch kleine Axt und einen Schneeschuhstock mit einer Zwinge, das war alles. Aus einem Walroßschulterblatte und einem Treibholzaste machten wir uns mit Hülfe des Schneeschuhstock-Endes einen Spaten, den wir jedoch in dem harten Kiesgrunde bald verbrauchten. Der Bärenspeer und der Stab mit dem Stachel dienten als Hacken, bis Nansen dem einen Walrosse einen Zahn ausbrach und ich aus einem andern Treibholzaste einen Stiel dafür herstellte. An dem einen Tage war es so mild, daß das Wasser an den Hüttenwänden herunterrieselte, am nächsten war es hart gefroren. Was wir ausgruben, warfen wir auf die Mauern und füllten mit diesem Kiese und mit Moos die Lücken zwischen den Steinen aus. Das Errichten der Mauern nahm nicht sehr lange Zeit in Anspruch, dafür machte uns das Dach viele Arbeit. Der Firstbalken lag mit dem dicksten Ende, an dem noch die Wurzeln saßen, festgefroren tief in der Erde. Es galt, ihn abzuhauen. Eines schönen Morgens »schärfte« ich daher das Beil mittels unserer beiden kleinen Feilen und machte mich an die Holzhauerarbeit; es wurde jedoch Abend, ehe der Stamm durchgehauen war, obgleich ich sehr eifrig dabei war und tüchtig drauf los hackte. Mit Anspannung all unserer Kräfte gelang es uns, den schweren Baumstamm auf die schrägen, niedrigen Mauern hinaufzubringen. Das Wetter wurde nun so kalt, daß wir daran denken mußten, unsere Walroßhäute vom Specke zu befreien; glücklicherweise bekamen wir eines Tages Thauwetter, und infolge dessen konnte diese Arbeit ordentlich ausgeführt werden. Es war wahrlich keine leichte Sache, diese schweren dicken Häute nach der Hütte zu transportiren. Es waren vier halbe Häute. Bei der ersten banden wir an jedes Ende ein Tau und rollten sie den ganzen Abhang hinauf; es war ein ziemlich langer Weg. Die zweite zogen wir auf dem Schlitten eine Strecke am Strande entlang über ziemlich schlechtes Eis hin und trugen sie nachher auf einem Schneeschuh und einer Bambusstange weiter. Die dritte trugen wir den ganzen Weg. Mehr richteten wir an einem Tage nicht aus. Als wir die vierte Haut nahmen, war sie steifgefroren; die andern hatten wir auch noch nicht ordentlich auf dem Dache. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die gefrorene Haut ins Wasser zu stecken, damit sie wenigstens so weit aufthaute, daß wir damit hantieren konnten. Vierzehntes Kapitel. Aus der Höhle in die Hütte. Als ich eines Morgens, wie gewöhnlich mit dein Wassereimer und der Büchse in der Hand, von der »Höhle« am Strande entlang nach der »Hütte« zur Arbeit ging, sah ich Nansen, der vorausgeeilt war, plötzlich stehen bleiben und vorsichtig retiriren. Dort stand ein Bär und beschnüffelte die vierte Dachhaut, die er sich aus dem Wasser, in das sie zum Aufweichen gehängt worden war, herausgezogen hatte. Während Nansen seine Flinte holte, schlich ich mich hinter einigen großen Steinblöcken an den Burschen hinan. Nun konnte ich nicht weiter, da das Terrain zwischen mir und dem Bären ziemlich offen war; da überdies der Abstand von meinem Platze aus zu groß war, blieb ich ruhig liegen, in der Erwartung, daß er mir entgegenkommen würde, denn er stand mir zugewandt und schien in dieser Richtung weitergehen zu wollen; noch hatte er mich nicht gesehen. Doch er schlug den Weg den Abhang hinauf zur Hütte ein; nun wurde es noch schwieriger, ihm einen Schuß nachzusenden. Er ging gerade auf die Hütte los und beschnüffelte das Dach – aber wer beschreibt mein Erstaunen, als ich plötzlich sah, wie ein anderer Bär aus dem Innern der Hütte durch das Dach kam, von dem er die Häute abgerissen hatte. Brummend stand er auf dem Steinbette und holte mit den Tatzen nach dem Neuangekommenen aus, wie um ihn zu ersuchen, daß er sich fortschere. Nansen war inzwischen zurückgekehrt; gleichzeitig ging auch der erste Bär wieder nach dem Strande hinunter. Ich machte Nansen auf den Bären Nummer zwei aufmerksam, der nun ganz aus der Hütte herausgeklettert war. Das Einzige, was uns zu thun blieb, war, drauflos zu gehen und aus so geringer Schußweite wie möglich zu schießen. Nansen sollte den am Strande, ich den bei der Hütte aufs Korn nehmen. Wir eilten also gleichzeitig aus unserm Verstecke auf die Bären los. Diese waren beim Anblicke der zweibeinigen Geschöpfe, die ihnen entgegenliefen, äußerst erschrocken und machten sich alle beide auf die Beine. Nansen konnte seinem Bären eine Kugel ins Hintertheil senden; der meinige lief erst gerade in einen Schneehaufen hinein, der oberhalb der Hütte am Fuße des Gebirges liegt, dann trabte er in einem Bogen wieder nach dem Eise hinunter. Nansen war schon weiter fort und eifrig damit beschäftigt, den Verwundeten zu verfolgen, während mein Bär auf dem Eise einen großen Bogen machte. Ich konnte ihm natürlich nicht folgen, sondern beschränkte mich, hinter einem Eishaufen am Ufer versteckt, darauf, seine Bewegungen zu beobachten. Es fiel mir auf, daß er sich sehr mit seinem Kameraden und mit Nansen beschäftigte. Immer mehr näherte er sich der Stelle am Ufer, wo Blut auf dem Eise war und die Spuren der Verfolgung anfingen; er wollte gewiß die Spur des fremden Geschöpfes, das so plötzlich hier auftrat, untersuchen. Doch nun war er mir, der ich versteckt lag, nahe genug und er erhielt, was ihm zukam, erst einen Schuß durchs Rückgrat, dann einen durch den Kopf, den letztern jedoch erst, nachdem er sich auf dem glatten Eise nach einer sicherern Scholle hingerollt hatte. Ich machte mich ans Abhäuten und war damit beinahe fertig, als ich Nansen, die Hände in den Taschen, das Gewehr auf dem Rücken, gemüthlich daherschlendern sah. Da ich keinen Schuß von ihm gehört hatte, glaubte ich, er habe die Verfolgung aufgeben müssen, und sagte, als er näherkam: »Wie schade, daß wir den nicht auch bekommen sollten.« »Ja, wir haben ihn doch bekommen!« sagte Nansen; »es war eine Schweinebestie, aber nun liegt sie in einer Schneewehe da hinten am Fuße des Gletschers im Verenden.« Dann erzählte er mir, daß der Bär nach einer Weile wieder ans Land gegangen sei und sich ein wenig höher am Gletscher hinauf in den Schnee gelegt habe. Nansen habe ihm da in aller Ruhe und Bequemlichkeit ganz aus der Nähe den Garaus machen wollen, der Bär sei ihm aber so wüthend entgegengestürmt, daß er schnell habe schießen müssen. So hatten wir sie denn alle beide; wir schleppten sie nach dem gemeinsamen großen Fleischhaufen vor der Höhle. Es waren zwei wirklich prächtige junge Bären mit köstlichem Fleische. Aber das Dach der Hütte hatten sie leider dermaßen zerstört, daß wir wieder alle Häute zum Aufweichen ins Wasser werfen mußten. Es war eine beschwerliche Arbeit, und sie ordentlich zu spannen brachten wir nicht fertig, nachdem wir endlich so weit waren, daß wir sie wieder auf das Dach bringen konnten. Wir schnitten dicke Streifen von den Häuten ab und machten davon Schleifen für große Steine, mit denen wir die Enden der auf beiden Seiten über die ganze Höhe der Mauern herabhängenden Häute beschwerten. Gegen das Ende unsers Aufenthalts in der Höhle sah ich eines Morgens, als ich nach dem Aufstehen die Temperatur ablas, gar nicht weit von uns draußen im Fjord, der jetzt beinahe vollständig zugefroren war, eine Schar Walrosse auf dem Eise liegen. Das Walroß ist, wenn es einigermaßen groß ist, im Stande, das Eis zu durchbrechen; es stößt mit seinem unförmlichen dicken Kopfe von unten gegen das Eis, sodaß wir es weithin hören können, und dann kommt es mit solcher Geschwindigkeit heraus, daß Eisstücke und Wasser umherspritzen. Ich sah mir diese Walrosse eine Weile an. Beständig kamen neue hinzu, die an dem Eisrande hinaufkletterten und von dem größten der auf der Scholle liegenden Thiere mit Grunzen und Bissen empfangen wurden. Wir hatten es früher beobachtet und sahen es nun wieder, auf welch eigenthümliche Art diese Thiere ihre Kameraden empfangen. Unter denen, die auf der Scholle lagen, war ein großes Männchen mit langen Hauern. Dann und wann erhob es den Kopf und hieb rechts und links um sich, augenscheinlich, um seine Ueberlegenheit zu zeigen, was sich die andern auch gefallen ließen. Von diesen hieben die Stärkern wieder auf die Schwächern ein. Sobald ein neues an der Eiskante erschien, um auf das Eis zu kommen, strengte sich das alte Männchen entsetzlich mit Grunzen an und biß rund um sich, um dem Ankömmling begreiflich zu machen, daß es der Mann sei, welcher Fremden die Erlaubniß zum Zutritt zu ertheilen habe, und das neuangekommene Walroß gesellte sich dann ganz zahm zu äußerst zur Schar. Ich hatte ihnen schon eine Weile zugeschaut, als Nansen herauskam; wir zählten elf Stück, zu denen immer mehr kamen. Es wurde bestimmt, daß wir zwei von ihnen schießen sollten, besonders wenn, wie wir glaubten, Junge darunter wären. Wir schlichen uns also an die Kolosse heran; zwischen uns und ihnen lagen einige Eisrücken und Eistrümmer, sodaß wir ungesehen recht weit kamen. Da aber die allerletzte Strecke offen war, gewahrten sie uns und wurden ein wenig unruhig; einige schleppten sich näher ans Wasser heran. Wir entdeckten Junge unter ihnen und streckten jeder eins nieder. Meines, das ganz dicht am Rande lag, konnte noch ins Wasser springen, als es die Kugel erhielt. Nansen ging es mit einem Thiere ebenso, aber ein anderes, das er schoß, blieb auf dem Flecke liegen. Eins nach dem andern fuhr nun mit fürchterlichem Lärm kopfüber ins Wasser, besonders der Häuptling war vor Wuth außer sich. Zwei ausgewachsene Walrosse legten sich wieder hin, sie wollten nicht hinunter; das eine erlegte ich mit einem Schusse, das andere blieb ruhig liegen, als ich mit angeschlagenem Gewehr auf dasselbe zuschritt; Nansen nahm die Gelegenheit zum Photographiren dieser Situation wahr. Das Walroß sah uns und seinen todten Kameraden an und konnte nicht begreifen, was diesem einfiel, daß er nicht mit ins Wasser gehen wollte; endlich ging es allein zu den andern. In dem einen Augenblick war die Wasserfläche noch glatt und ruhig, im nächsten spritzte der Schaum empor und das Wasser kochte förmlich. Die Köpfe mit den langen Hauern tauchten auf, und die blutunterlaufenen häßlichen Augen sahen uns böse an. Voll Wuth bohrte der Häuptling seine Zähne in die Eiskante und hob sich an dieser empor, ließ sich dann wieder los und tauchte unter. Wir hörten ihn gegen das Eis unter unsern Füßen stoßen, standen aber glücklicherweise auf einer alten, festen Scholle, sonst würde es gewiß nicht lange gewährt haben, bis sie diese in kleine Stücke zertrümmert hätten. Allmählich verschwänden sie nach der See zu, und wir begannen in aller Ruhe mit dem Abhäuten der beiden erlegten Thiere. Plötzlich tauchte der Häuptling wieder ganz in unserer Nähe mit einem so abscheulichen Gebrüll auf, daß wir zusammenfuhren; er konnte das, was geschehen war, augenscheinlich nicht vergessen. Ein paarmal kam er wieder, dann verschwand er ganz. Wir schnitten uns von den Walrossen so viel Speck und Haut ab, als wir bekommen konnten, ohne uns weiter damit abzuquälen, sie auf die andere Seite zu drehen. Es wurden zwei tüchtige Ladungen, mit denen wir, als die Dunkelheit einbrach, vergnügt ans Land zogen. Infolge dieser Beute hatten wir mehr Häute für unser Dach, aber sie mußten erst im Wasser aufgeweicht werden. Während wir an einer Rinne am Strande damit beschäftigt waren, brach weiter hinten ein Walroß durch das Eis; sowie es uns erblickte, verschwand es und erschien nun in unserer Rinne, um zu sehen, was wir dort vorhätten. Ich griff nach unserm unschätzbaren Werkzeuge, der abgebrochenen Schlittenkufe, und hielt mich bereit, dem Walrosse damit eins auf den Schädel zu geben; es hatte aber anscheinend Angst vor dieser Waffe, tauchte unter und verschwand. Am 16. September schossen wir einen Bären, den wir den »Wasserbären« getauft haben. Nansen ging am Morgen zu den Walroßkadavern, um ein Paar Sehnen zu holen, die er ihnen zu Nähzwirn aus dem Rücken geschnitten hatte. Da sah ich in einiger Entfernung einen Bären zwischen den Eishügeln hindurch auf das neue Eis hinausgehen. Ich pfiff Nansen und gab ihm Zeichen, aber er sah und hörte nicht, da ihn das Suchen nach dem Sehnenzwirn, den die Füchse fortgeschleppt hatten, ganz in Anspruch nahm. Anscheinend wollte der Bär den Walroßkadavern eine Visite machen. Nansen hatte kein Gewehr bei sich, ich nahm deshalb das meinige und lief zu ihm hin. Doch der Bär ging auf dem neuen Eise an der Kante des ältern Eises entlang, dann legte er sich, so lang er war, ruhig hin. Nansen holte jetzt ebenfalls sein Gewehr, und wir kamen nun überein, daß er in großem Bogen außen um den Bären herumgehen sollte, um ihm den Weg nach der See abzuschneiden; ich sollte mich dicht am Lande halten, um ihn, wenn er Nansen entkäme, dort in Empfang zu nehmen. Aber der Bär schien durchaus keine Furcht zu haben; er erhob sich und ging Nansen, der ihn stellte, entgegen; dann bedachte er sich und schritt langsam auf dem neu gefrorenen Eise weiter. Nansen mußte jetzt schießen, obgleich der Abstand groß war. Der erste Schuß ging zu hoch, der zweite aber traf. Ich sah das Aufblitzen und den Rauch des Schusses lange, bevor der Knall mein Ohr erreichte, und sah auch den Bären zusammenzucken und ein paar gewaltige Sprünge nach vorn machen. Aber das dünne Eis konnte den Burschen bei seinen heftigen Bewegungen nicht tragen, und er brach ein. Was dann vorging, konnte ich nicht sehen. Nansen rief mir etwas zu, und schließlich begriff ich, daß ich mit Tauen und Schlitten kommen sollte. Als ich dort anlangte, schwamm der Bär todt im Wasser. Es war ein großer, fetter Geselle mit hübschem weißem Pelz; er hatte bei seinen Versuchen, wieder aus dem Wasser zu kommen, das Eis rund herum zertrümmert; das eine Vorderbein war abgeschossen. Nansen hatte ihm nicht mehr Schüsse geben wollen, weil er hoffte, daß der Bär selbst wieder auf das Eis klettern würde. Er war jedoch bei den Versuchen verendet, und nun mußten wir zusehen, wie wir ihn herausziehen konnten. Es war keine leichte Sache, denn sobald wir ihn ein wenig auf dem Rande hatten, brach das Eis, und wir waren wieder ebenso weit wie zuvor. Während Nansen noch auf mich wartete und der Bär im Wasser schwamm, sah er plötzlich, wie dieser einen heftigen Stoß von unten erhielt, und im nächsten Augenblick wurde auch schon der wohlbekannte Kopf eines Walrosses sichtbar. Es glotzte Nansen eine Weile an, kümmerte sich aber nicht im mindesten um den Bären; schließlich schien es die Situation zu begreifen und verschwand, um nicht wieder zu erscheinen. Um den Bären auf das feste Eis ziehen zu können, mußten wir in dem dünnen Eise einen schmalen Kanal nach einer alten Scholle hin frei hacken; in diesen Kanal brachten wir das Tau, dessen eines Ende um den Hals des Bären geschlungen war. Auf diese Weise zogen wir den Bären durch das Wasser unter der Eisschicht auf sicheres Eis. Wir hatten viel Arbeit mit dem »Wasserbären«, dafür war er aber auch ein werthvolles Stück. Es war schon dunkel, als wir am Abend jeder mit seiner schweren Ladung bei dem großen Fleischhaufen vor der Höhle ankamen, doch war es nicht so dunkel, daß ich nicht recht gut hätte sehen können, wie hinten bei den ersten Walrossen sich nicht weniger als drei Bären an unserm Speckhaufen gütlich thaten. Ich stieß einen leisen Pfiff aus, um Nansen, der mit seiner Ladung ein wenig vor mir war, davon zu unterrichten. Er spitzte die Ohren, ich deutete mit der Hand nach vorn, und er sah sie ebenfalls. Um die Wahrheit zu sagen, hatte eigentlich keiner von uns schon wieder rechte Lust zur Bärenjagd; wir hatten uns längst eingestanden, daß wir für den Augenblick nur nach dem Schlafsacke und nach einem gehörigen Topf voll Essen Verlangen trugen. Gehen lassen konnten wir sie jedoch nicht. Die Flinten wurden vom Rücken genommen, und wir schritten auf die Bären, eine Bärin und zwei Junge, los. Sie witterten uns und verschwanden, ehe wir uns auf Schußweite genähert hatten, worüber wir sehr froh waren. Nansen schnitt Fleisch zum Abendessen, ich holte Salzwasser und Süßwassereis für die Wirtschaft, las die Temperatur ab u. s. w. (es waren jetzt gegen -20°), da sahen wir die drei Gestalten wieder draußen auf dem Eise erscheinen und gerade auf den Speckhaufen lossteuern. Hurtig schlichen wir uns dorthin, kamen vor den Bären an und saßen nun wie Statuen hinter zwei großen Felsblöcken am Abhange. Nansen zielte, so gut er in der Dunkelheit konnte, auf die Bärin und schoß, als sie vorbeipassirte. Sie brüllte, machte kehrt, stolperte noch ein Paar Schritte auf dem Eise weiter und fiel hin. Die Jungen blieben ebenfalls stehen, liefen aber fort, als wir uns näherten; es war nicht möglich, einen Schuß anzubringen. Wir zogen die Bärin schnell ans Land und rissen ihr das Fell vom Leibe, dann kamen wir in unserer erbärmlichen Wohnung endlich zur Ruhe, nachdem wir dem vorzüglichen Fleische des »Wasserbären« volle Gerechtigkeit hatten widerfahren lassen. Am nächsten Tage gewahrten wir, daß die beiden jungen Bären im Laufe der Nacht die Stelle besucht hatten, wo die abgehäutete Mutter lag, und einige in ihrem Magen befindliche Speckstücke aufgefressen hatten. Wir sahen sie weit draußen auf dem neuen Eise hin- und hertraben, glaubten aber, sie würden wieder dort hingehen, wo die Mutter lag, was sie auch thaten. Wir schlichen uns an sie heran, kamen aber nicht gut zum Schusse; Nansen schickte ihnen allerdings eine Kugel zu, aber ohne Resultat, und von neuem liefen sie davon wie zwei Pferde; wir konnten sie auf dem Eise stampfen hören. Wir gingen nach der Hütte, die sich jetzt ihrer Vollendung näherte, und arbeiteten an dem Dache und dem Hausgange. Den jungen Bären setzten wir noch einmal nach, doch nun waren sie so scheu geworden, daß an sie einfach nicht heranzukommen war. Ein Fenster, das heißt ein Guckloch, gaben wir unserer Hütte auch; es lag an der Südwand und ging nach dem Fjord hinaus. Wahrend wir beim Bauen waren, hatten wir davon gesprochen, wie schön es sein werde, hierher überzusiedeln, es war ja mit der Höhle verglichen der reine Palast. Nansen meinte, er würde hier an seiner Reisebeschreibung arbeiten können; er hatte ja von nun an viel Zeit dazu. Wir mußten unserer Ansicht nach ein Fenster haben, um vom Innern der Hütte aus das Eis möglichst weit überschauen zu können, solange es in diesem Jahre noch hell war, und auch nachher, wenn die Sonne nach der Winternacht wieder erschien. Man konnte ja nicht wissen, ob wir nicht gezwungen sein würden, uns nicht das Geringste entgehen zu lassen. Doch wir kamen nie dazu, das »Fenster« zu gebrauchen; wir freuten uns, als wir es, um die Kälte abzuhalten, wieder so dicht wie möglich zugemauert hatten, nachdem wir lange hin und her überlegt, ob wir uns nicht aus der Haut des Bärenmagens oder aus den Darmhäuten eine Fensterscheibe machen könnten. Als ich am Morgen des 28. September zum letzten male in der Höhle aufstand und ans Ablesen der Temperatur ging, gewahrte ich hinten auf dem Speckhaufen einen Bären und glaubte anfangs, es sei eines der kleinen Jungen, das wiedergekommen, sah aber bald, daß es ein gut ausgewachsener Kerl war. Ich sagte es Nansen, der noch in der Höhle lag, ergriff die Flinte und schlich mich vorsichtig soweit als möglich heran, um sicher schießen zu können. Der Bär schien sich um mich nicht zu kümmern; ganz ruhig lag er mitten im Speckhaufen auf dem Bauche und fraß. Als ich anlegte, erhob er den Kopf; im nächsten Augenblick fiel der Schuß. Ich hatte auf den Schädel gezielt und geglaubt, der Bär würde auf der Stelle liegen bleiben. Nachher sahen wir, daß die Kugel der Bestie dicht unter dem Gehirn quer durch die Kehle gegangen war. Zunächst sah man das dem Petz jedoch nicht an; ruhig und ohne Hast erhob er sich aus dem Specke, würdigte mich eines mißbilligenden Blickes und begann majestätischen Ganges nach dem Eise hinzuschreiten, bis er einen Schuß in das Hintertheil erhielt, durch den das Rückgrat gelähmt wurde; das brachte Leben in den Burschen. Jetzt war auch Nansen herzugekommen, der ihm ebenfalls zwei Schüsse gab; von mir erhielt er auch noch einen. Dann bekam er den letzten, tödlichen ins Gehirn. Es war ein außergewöhnlich großer Bär, der größte, den wir je gesehen haben, aber schrecklich mager. Er hatte sich so mit Speck vollgepfropft, daß ihm der Bauch wie eine Trommel vorstand; gewiß hatte er seit Monaten nichts Ordentliches gefressen. Gott mag wissen, von wo er hergewandert kam, vielleicht direct vom Nordpol! Im Todeskampfe hatte er eine Menge Speck wieder von sich gegeben; nun drückte das schwere Thier mit solcher Wucht das Eis hinunter, daß es beinahe versank und wir uns beeilen mußten, es auf sicheres Eis zu bringen. Nirgends war an ihm eine Spur von Fett zu entdecken, weshalb wir ihn den »magern Bären« genannt haben. Nach einem Gegenstücke zu seinem Felle kann man lange suchen! Ein langer, feiner, glänzender Pelz und dichtbehaarte Beine. »Das Fell ist seine 1400 Mark werth«, sagte Nansen. Wir benutzten es den Winter über als Unterlage auf unserm Steinbette. Der Bär hatte außer dem Herumwirthschaften in unserm Speckhaufen auch noch etwas anderes gethan; denn unten am Strande fanden wir das eine der beiden Bärenjungen erschlagen zwischen den Eishügeln liegen. Das andere lag dort ebenfalls starr und leblos, doch fanden wir es erst den Tag darauf. Vermuthlich haben sich die kleinen Bären dem Speckhaufen und der Stelle, wo ihre Mutter den Tod gefunden, unter dem Schleier der Nacht wieder genähert; dabei haben sie den alten Brummbär getroffen und vielleicht Freundschaft mit ihm schließen wollen. Doch dieser hat von Concurrenten beim Futterberge nichts wissen wollen und hat ihnen ganz einfach mit seiner fürchterlichen Tatze einen Klaps verabreicht. Dem einen von ihnen war er noch auf das Eis hinaus nachgelaufen, wie wir an den Spuren sehen konnten. Beim Abhäuten der Bären konnten wir nicht umhin, die großartige Muskulatur der Vorderbeine zu bewundern; doch als ich die Tatzen des »magern Bären« erblickte, erreichte diese Bewunderung ihren Höhepunkt. Solch ein Gewirr von Muskeln und Sehnen, die sich vom Schulterblatt herab bis an die langen gekrümmten Krallen zogen, hätte man sich gar nicht vorstellen können. Nun durfte man sich nicht darüber wundern, daß die jungen Bären mit zerschmettertem Schädel dalagen. Der Kerl mußte alles haben zerschmettern können. Es war ein fürchterliches Thier, das sich nicht einmal aus einer Kugel durch die Kehle und beide Kinnbacken etwas machte. Am Abend desselben Tages hielten wir endlich den Einzug in unsern neuen Palast. Eines der letzten Dinge, die wir in Stand setzten, waren die Steinbänke, auf denen wir zu liegen gedachten. Es schien uns angenehm, jeder sein Bett zu haben, sodaß wir uns nach Belieben umdrehen könnten, ohne voneinander abhängig zu sein; denn bisher hatten wir uns beide gleichzeitig umdrehen müssen. Wir trennten also den wollenen Sack auseinander, damit jeder eine wollene Decke zum Zudecken bekäme. Die Felle, die das Dach der Höhle gebildet hatten, und einige von denen, welche noch nicht vom Specke befreit worden waren, benutzten wir zu den Betten. Es gelang uns schließlich auch, drinnen ein paar Thranlampen anzuzünden. Doch in jener Nacht froren wir auf den steifgefrorenen, bereiften Fellen gehörig und waren froh, daß die Nacht ein Ende nahm. Am Morgen machten wir mehr Feuer und kochten uns eine ordentliche Portion Fleisch. Es war uns, als könnten wir von der fetten, brühwarmen Bärenbouillon gar nicht genug trinken, denn seit den kältesten Tagen im Treibeise hatten wir die Kälte nicht so empfunden. Das Erste, was wir thaten, war, daß wir die wollenen Decken wieder zu einem Sacke zusammennähten, d. h. sie nur hier und da mit einem Stiche zusammennestelten; wir mußten ja jetzt mit dem Zwirn sparsam umgehen. Vermittelst der Schneeschuhstöcke und einigen Treibholzes Auf einer Wanderung am Strande entlang hatten wir noch ein wenig Treibholz gefunden, einige Stücke von einem in Auflösung begriffenen Baumstamme. brachten wir quer über den Einzelbetten eine Bettstelle zu Stande und freuten uns, als wir die nächste Nacht wieder in dem gemeinsamen Sacke zueinander kriechen konnten, obwol wir sehr schlecht lagen. Die Unterlage von Stöcken verbesserten wir zunächst, bauten dann aber statt ihrer eine von Steinen auf. Unsere Thranlampen erzeugten keine große Hitze, aber es wurde unter dem Dache doch so warm, daß die Walroßhäute aufthauten und wie große Beutel herabhingen. Dabei glitten sie an den Kanten auseinander, sodaß es, wenn der auf ihnen liegende Schnee schmolz und die Beutel voll Wasser waren, beständig zu uns herabtropfte. Wir spannten die Häute aufs neue und legten Haut- und Treibholzstücke in die Zwischenräume; das half für eine Weile, doch bald war es wieder ebenso schlimm. Nun mußten wir uns daran machen, das Dach mit Bärenfellen zu verkleiden. Die steifgefrorenen Felle, die draußen vor der Hütte lagen, wurden zum Aufthauen hereingeholt und dienten uns dann als Lager, während wir diejenigen, auf welchen wir bisher gelegen hatten, über einem Schneeschuh abspeckten und darauf vermittelst kleiner Nägel und einiger Zeltüberreste oben an der Decke befestigten. Diese werthvollen Bärenfelle wurden schändlich behandelt. Wir brauchten lange Zeit zu unserer Arbeit, und eine elende Plackerei war es obendrein. An jeder Längswand der Hütte hatten wir einen Schneeschuh, der in Schleifen gesteckt war, die zwischen der Mauer und der Dachhaut quer durch die erstere gingen. Zwischen diesen Schneeschuhen pflegten wir die Felle zum Trocknen auszuspannen. Wochenlang mußten sie dort hängen, bis wir sie abnehmen konnten und für neue Platz erhielten. Außer dem eigentlichen großen Firstbalken mußten wir das Dach an den Seiten mit Schneeschuhen, Bambusstöcken und unsern beiden Rudern, so gut es sich machen ließ, verstärken. Als erst richtige Kälte eintrat, gefror das ganze Dach zu einer steifen Masse mit einer dicken Schneeschicht oben darauf. In der Südostecke wurde ein Herd mit einem Rauchfange aus Bärenhaut errichtet; der Rauch entwich durch ein Loch in der Walroßhaut und durch einen Schornstein, den wir aus Schnee, Bärenknochen und Walroßfleisch erbauten. Wenn das Herdfeuer erloschen war, stopften wir ein Stückchen Fell in das Loch, um es zu schließen. Es kam allerdings manchmal vor, daß unser Schneeschornstein zu schmelzen begann. Besonders wenn es weniger kalt war und wir starkes Feuer anmachten, um uns Beefsteaks ersten Ranges zu braten, tropfte uns das rußige Wasser ins Gesicht, doch wir nahmen es nicht so genau. In der Südwestecke hing ein Fell von der Decke herab, das die Oeffnung des Hausganges verdeckte. Durch diesen krochen wir ins Freie und stiegen aus einem Loche auf, über dem ein Bärenfell lag, das die Hausthür bildete. Oft war das Hinausgelangen morgens recht schwierig, wenn der Wind den Schnee im Laufe der Nacht zu einer festen Wehe zusammengewirbelt hatte, die schwer auf dem Thürfelle lag. Am schlimmsten war es für Nansen, denn er war so groß, daß er sich in dem engen Gange nicht genug zusammenzukauern vermochte, um die Thür, den Rücken ordentlich gegen das Fell gestemmt, mit einem Ruck öffnen zu können. Er mußte die Schneeklumpen an den Rändern des Felles mit dem Messer oder dem Schneschuhstock losmachen, ehe er es zurückschlagen konnte. Fünfzehntes Kapitel. Das Leben in der Hütte. Jetzt begann für uns ein einförmiges, trauriges Leben während unserer dritten, der schlimmsten Polarnacht. Aber verhältnißmäßig hatten wir es wirklich gut, hätte es doch schlimmer sein können! Vor allem lag ein sehr beruhigendes Gefühl darin, daß wir uns bewußt waren, auf alle Fälle Lebensmittel genug vor der Thür zu haben: unsere Speisekammer war hinreichend mit Bärenfleisch versehen; Schinken und ganze Thiere waren rund um die Hütte herum im Schnee aufgepflanzt. Dort hatten wir auch das Wenige, was uns vom Schlittenproviant geblieben war, tief in den Schnee vergraben und sicher vor den Füchsen versteckt. Diesen Proviant wagten wir nicht eher anzurühren, als bis wieder an den Aufbruch gegangen werden mußte. Vielleicht würde er uns auch als eine Art Arznei dienen können, wenn unser Magen infolge der einförmigen Fleischdiät leiden sollte, doch ist uns diese bisher stets gut bekommen. Die ganze Zeit über lagen wir meistens, bei Tag und bei Nacht, im Schlafsack und schliefen so viel, als wir in vierundzwanzig Stunden fertig brachten. Jeden Morgen kochten wir Fleisch und Bouillon, und abends brieten wir uns ein Beefsteak von Bärenfleisch; zu Mittag aßen wir nicht. Wir wechselten jede Woche mit dem Amte des Kochs ab. Neben unserm Kopfende standen die Thranlampen, die Tag und Nacht hindurch brannten; es waren aus Neusilber zurechtgebogene Schalen. Dochte lieferte uns der Inhalt des Doctorsackes: Pflaster und Binden. Der Thran für die Lampen wurde in einem Topfe geschmolzen, der aus dem einen Petroleumfäßchen gemacht worden war. Wer gerade Koch war, lag vorn im Sacke, und sein Amt war es, die Lampen beständig in Ordnung zu halten; Streichhölzer brauchten wir also nicht. Er mußte auch darauf bedacht sein, rechtzeitig einen Schinken oder ein Bruststück, ja manchmal einen ganzen Bären, wenn er klein war, hereinzuholen und zum Herde zu legen, damit das Fleisch aufthauen konnte, ehe es gebraucht wurde. Schwarz und häßlich wurde es natürlich von dem Ruße, doch für uns hatte so etwas nichts zu bedeuten. Der andere, der frei vom Küchendienste war, sorgte für Süßwassereis und salziges Eis für die Wirtschaft, oder noch besser für Salzwasser, falls solches zu bekommen war. Salz hatten wir nicht mehr; das wenige, was wir von der »Fram« mitgenommen (es war ein wenig Tafelsalz in einer Senfkruke), war schon lange, bevor wir aus dem Treibeise kamen, verbraucht worden. Manchmal hatten wir wochenlang keine Spur von Salz, weder in Gestalt von Eis, noch von Wasser; das im Fleische befindliche Salz muß also für den menschlichen Körper hinreichend sein, wenn er ausschließlich von Fleisch lebt. Beständig hing ein halbes, mit Eis gefülltes Paraffintönnchen über den Thranlampen, um jederzeit Trinkwasser zu haben. Mehr als durchaus nothwendig gingen wir den Winter über nicht aus der Thür, denn es fror uns in unsern durchfetteten, abgetragenen Kleidern, und der Wind ging uns durch Mark und Bein. War aber das Wetter gut und Nordlicht oder Mondschein am Himmel, so boten wir der Kälte Trotz und gingen vor der Hütte auf und ab. Die Füchse liefen wie Hausthiere um die Hütte herum und benagten unsere Bären. Wir ließen sie nagen, hatten wir doch Fleisch genug. Zu Zweien und Dreien trampelten sie auf dem Dache herum. Anfangs behagte es uns nicht, denn in der strengen Kälte klang alles so laut; dann klopften wir an den Firstbalken, aber vergebens. Sie gingen auch kaum fort, wenn wir durch den Gang hinauskrochen, das Thürfell zurückschlugen und aus dem Erdboden aufstiegen. Dann schrien sie nur vor Verwunderung und Bosheit laut auf; in der Winternacht klang es geradezu abscheulich. Es muß auch für Füchse seltsam genug sein, ein zweibeiniges Geschöpf aus der Erde auftauchen zu sehen. Was hatte der Mensch hier in den Einöden zu thun, die bisher Jahrtausende hindurch ihnen und den Bären ungestört zu eigen gewesen? Mußten sie nicht alle, die blauen wie die weißen, ihrem Zorne darüber Luft machen? Was die Füchse erwischen konnten, schleppten sie uns fort, Dinge, die für sie auch nicht den geringsten Nutzen hatten, für uns jedoch von Wichtigkeit waren. In das seidene Netz, mit dem wir kleine Wasserthiere fangen wollten, hatte Nansen allerlei gelegt und es bei einem großen Steine versteckt. Aus diesem Netze hatten die Füchse alles Mögliche gestohlen: eine Harpunenleine, einen kleinen Beutel mit Steinproben von dem ersten schneefreien Boden, den wir angetroffen hatten, und, was das Allerschlimmste war, einen Knäuel Angelschnur, aus der wir hatten Nähgarn fabriziren wollen. Für das Thermometer hatten sie ganz besondere Zuneigung; zweimal schleppten sie es fort, aber wir fanden es wieder. Das drittemal hatten sie es sicher mit in ihre Höhle genommen, denn wir sahen es niemals wieder. Wir besaßen nun nur noch ein Minimumthermometer, das wir an einem Schlitten, der als Thermometerhaus diente, festbanden. Es war ein großes, deutlich und einfach eingetheiltes Thermometer mit rother Metaxylolsäule, sodaß es uns möglich wurde, es selbst in der Dunkelheit einigermaßen genau abzulesen, denn eine Lampe oder Fackel zum Leuchten hatten wir nicht zu Stande gebracht; es wurde nur immer davon gesprochen. Es war schade, daß wir uns nicht erlauben konnten, diese Thiere, die uns wie Hausthiere umgaben, zu schießen. Der Pelz des Blaufuchses ist doch so kostbar! Für uns aber hatte er keinen Werth; Werth hatte nur das eßbare Fleisch, und der Leib eines Fuchses war zu klein, um eine Patrone dafür zu opfern. Nansen erlegte allerdings einmal zwei auf einen Schuß und ein andermal sah er sich genöthigt, einen zu schießen, der nicht fortgehen wollte. Wir fanden die weißen Füchse hübscher als die blauen; sie waren so schneeweiß, daß wir uns fast scheuten, sie anzufassen, und sie hatten ein gar feines, weiches Fell. Wir verwandten die Felle schließlich doch, aber erst dann, als wir die Hütte verließen; da zerschnitten wir sie und benutzten sie zum Zubinden der Oeffnung unserer Thranbeutel, damit uns nicht unterwegs der Thran ausliefe. Am Sylvesterabend war ich bei hellem Mondschein oben auf dem Trümmerfeld unterhalb des Gletschers und suchte nach einem flachen Stein, der zu einer Fuchsfalle paßte. Ich fand einen, der gar nicht so übel war, und rollte ihn nach der Hütte hinunter. Dann stellte ich aus dem Dache mit Stellhölzern, zu denen wir ein Stück Eschenholz nahmen, eine Falle auf. Ich erfror beinahe die Finger, bis ich damit fertig war, aber endlich stand sie doch da mit einem köstlichen Köder von angebranntem Speck, und Nansen und ich legten uns lauschend in den Sack, fest überzeugt, die Füchse sofort kommen zu hören. Richtig, da war einer! Bums! machte es auf dem Dache, der Stein fiel, aber der Fuchs war mit dem Leben davongekommen. Ich eilte hinaus, um nachzusehen. Die Falle war zugefallen, der Fuchs aber war fort; der Stein war wol zu kurz, und der Fuchs hatte sich rechtzeitig zurückziehen können, ehe der Stein auf ihn fiel. Darauf versuchte ich es mit einer steifgefrorenen Walroßhaut. Groß genug war sie, und schwer genug mußte sie auch sein, wenn ich Steine oben drauf legte. Aber die Füchse machten sich nur einen Spaß mit der ganzen Bescherung. Die Stellhölzer fand ich ganz unten auf dem Eise am Strande wieder. Die Füchse hatten an dem Specke nicht genug gehabt und geglaubt, auch die Hölzchen mitnehmen zu müssen. Da gab ich es auf. Nansen hatte Fuchsfleisch sehr gern; ich erinnere mich, daß ich ihm einmal einen ganzen Rücken briet. Ich aß es auch, aber nicht so gern wie Bärenfleisch; letzteres war natürlich auch verschieden. Bis zu unserm Aufbruch aus der Hütte hatten wir im ganzen 19 Bären erlegt, und davon war gar nicht sosehr viel Fleisch mehr übrig. An Bord der »Fram« hatten wir 13 Stück verzehrt, und im »Sehnsuchtslager« und ehe wir in die Hütte zogen, waren auch einige daraufgegangen. Wenn wir im Laufe des Winters einen neuen Bären hereingeholt hatten und davon zu essen begannen, gaben wir unser Urtheil über die Güte des Fleisches ab und glaubten, die verschiedenen Thiere genau zu kennen. Der »Wasserbär« war delicat, ebenso der, den wir den »Fettbären« nannten. Am besten aber waren die beiden »Kajakbären«; von dem einen speisten wir an Weihnachten. Der Schinken des »magern Bären« war gar nicht so schlecht, als wir geglaubt hatten. Die Cotelettes von den jungen Bären schmeckten, besonders gekocht, ausgezeichnet. Einigen Bären hatten wir beim Abhäuten den Magen herausgenommen, ihn umgedreht und mit Blut gefüllt, das zu einer festen Masse gefror; diese brieten wir später in der Pfanne. Am liebsten vom ganzen Bären war uns das Gehirn geröstet, es war geradezu delicat. Der Koch mußte dem andern auch serviren. War das Essen fertig, so krochen wir beide in den Sack, der Topf wurde am Bettrande auf die Steinbank gestellt, die Blechtassen kamen zum Vorschein, und der Koch fischte im Topfe nach den Fleischstücken. Dann gebrauchten wir unsere fünf Finger und ließen uns Zeit beim Essen. Schließlich genossen wir die Bouillon in vollen Zügen; waren wir fertig, so schlossen wir die Augen, um weiter zu schlafen, dem Lichte und dem Frühling entgegen. Ab und zu wurde ich durch einen Puff in den Rücken aufgeweckt; ich schnarchte, sagte Nansen; ich brachte mich dann in eine andere Lage, worauf ich still weiter schlief. Im Innern der Hütte war die Temperatur nicht gerade schlimm. Ich legte das Thermometer einmal unter unser Kopfkissen, es zeigte -7°. An den Wänden war es jedoch kalt, besonders wenn draußen ein Wind ging; die ganze Hütte war weiß bereift. Bei Witterungsumschlag thaute es auf dem Dache und tropfte so in unsere Koje hinein, daß die Felle an den Steinen festfroren. Von der Mitte der Wand bis auf den Fußboden hinunter bildete sich ein dicker Eiswall. Die durchfetteten Kleider klebten uns am Leibe fest. Wir hatten gehofft, uns neue aus Bärenfell schneidern zu können, mußten es aber aufgeben, da die Bereitung der Felle zu langsam ging. Wir bekamen nur eben so viele fertig, daß es zu einem Schlafsacke, Fausthandschuhen und einigen Flicken reichte. Aus unsern beiden wollenen Decken machten wir uns aber, als der Frühling kam, jeder einen vortrefflichen Anzug. Haare und Bart wuchsen wild. Schwarz und fettig waren Gesicht und Hände; wir waren vollständige Wilde geworden. Es war uns eine Qual, mit all dem Specke hantieren zu müssen und nichts zu haben, woran wir uns gelegentlich einmal hätten ordentlich die Hände abtrocknen können. Nur wenn wir einen Bären geschossen hatten, ließ sich dies einigermaßen bewerkstelligen. Dann wuschen wir unsere Hände in Blut, worauf sie leuchtend weiß und rein wurden. In der Hütte benutzten wir die Reste des Zeltes als Handtücher; als diese verbraucht waren, mußten wir uns mit Moos begnügen, das mit unserer kleinen Axt unter dem Schnee losgehauen und über dem Herde aufgethaut wurde. Am besten half jedoch das Schrapen mit dem Messer. Nansen's Schenkel wurden von all diesem Schmutze wund. Er mußte dann und wann Wasser in einer Tasse schmelzen, einen Lappen aus dem Doctorsacke nehmen und sich damit waschen. O, wie sehnten wir uns nach Reinlichkeit, nach weichen, anschmiegenden wollenen Anzügen statt unserer durchfetteten! Von Seife und warmem Wasser oder einem Dampfbade gar nicht zu reden! Ich hoffe, die Leser werden entschuldigen, wenn ich dem Gange der Ereignisse vorgreife und ihnen ein Bild von dem Heime anderer Menschen zeige, die sich in dieser Winternacht auf derselben Inselgruppe, aber etwa 180 Kilometer weiter im Südwesten aufhielten. Es war die englische Expedition unter Jackson. Diese acht Männer wohnten in einem guten Blockhause, hatten Licht und Wärme, civilisirte Nahrung, vollauf Seife und Wasser und reine Kleider zur Verfügung. Behaglich und warm war es bei ihnen; sie brauchten ob des arktischen Winters nicht besorgt zu sein. Eine gute Bibliothek hatten sie auch. Das wäre erst etwas für uns gewesen, die wir nur einen nautischen Almanach besaßen! Insbesondere sehnte ich mich nach dem letzten Bande der Heyse'schen Novellen, den ich an Bord der »Fram« nicht mehr hatte auslesen können. Ja, gar nicht so weit entfernt wohnten diese Menschen, die wir später treffen sollten, aber noch hatten wir beiderseitig keine Ahnung von einander. Im October hörten wir eines Morgens schwerere Schritte auf dem Dache als das Trippeln der Füchse, und als wir gleich darauf vernahmen, daß im Speckhaufen herumgewirthschaftet und gefressen wurde, erkannten wir, daß es Bruder Petz selbst war, der sich ein wenig die Füße vertrat. Innerhalb und außerhalb der Thür stand je eine Flinte. Hastig legten wir die Komager an, und Nansen eilte in den Gang. Doch ehe er noch das Thürfell hatte zurückschlagen können, wurde es draußen still, und als wir hinauskrochen, war kein Bär zu sehen. Der Bursche hatte es gewiß eilig gehabt, als er gemerkt hatte, daß unter der Erde Leben war. An den Spuren sahen wir, daß es ein kleiner Bär gewesen sein mußte. Ich citire einiges aus meinem Tagebuche: 11. December. Heute ist meine Küchenwoche zu Ende, und ich habe wieder hinreichend Zeit, mich mit dem Tagebuche zu befassen. In den letzten Tagen haben wir stürmisches Wetter und Südostwind gehabt, der durch den Schnee und die Ritzen zwischen den Steinen unserer Mauern dringt, sodaß die Wände sich mit Reif beschlagen, die Lampen flackern und ein kalter Hauch über unser Lager hinweht. Der Sturm hat einen Schneeschuh von Ahornholz, der draußen aufrecht in einer Schneewehe steckte, abgebrochen, und mein Kajak, das im Schnee so tief festgemacht war, daß man nur ganz wenig von ihm sehen konnte, hat der Wind auch fortgeweht und trotz seiner Schwere circa 100 Schritt weit den Abhang hinaufgeschleudert! Lange mußte ich suchen, ehe ich es in der Dunkelheit fand; daß es beschädigt ist, wird sich wol zeigen, wenn das Licht wieder kommt. Beide Kajaks hatten nebeneinander gelegen, meines auf der Windseite, und es war noch ein Glück, daß nicht auch Nansen's Kajak fortgerissen wurde, denn dann hätten wir sicherlich alle Photographien, die er auf der Tour aufgenommen, und den Apparat obendrein eingebüßt; diese Sachen werden nämlich im Kajak aufbewahrt. Ich habe diese Woche aus Walroßhaut eine vorzügliche Schneeschaufel angefertigt; in der Kälte wird die Haut so hart wie Eisen, während sie sich in der Hütte leicht bearbeiten läßt und man ihr im aufgethauten Zustande jede beliebige Form geben kann. Ich habe angefangen, mit dieser Schaufel wieder Schnee auf das Dach zu bringen. Heute ist also der 11. December, – ach ja, die Zeit vergeht hier glücklicherweise trotz alledem rasch. Bald naht das alte Jahr seinem Ende, das neue Jahr bricht an mit seinen Freuden und dann, hoffen wir, wird unsere heftige Sehnsucht, unser Hangen und Bangen nach dem neuen Leben zur Ruhe kommen. Eine Weile noch hält sich die Sonne fern und läßt uns im Dunkeln sitzen, aber in den letzten Tagen des Monats wendet sie sich uns wieder zu und nähert sich immer mehr mit Grüßen aus den Himmelsstrichen, wo Menschen wohnen, und Ende Februar werden wir eines schönen Tages ihr lächelndes Antlitz dort hinten im Süden über dem Bergrücken jenseits des Fjords auftauchen sehen. Dann werden wir aus unserer Höhle herauskriechen, den theuern Gast zu empfangen, und werden ihn hier in unserm weltvergessenen Winkel herzlich willkommen heißen. Dann werden ihre Strahlen unsere erstarrten Glieder aufthauen und uns das Blut rascher durch die Adern jagen, das Herz wird schneller schlagen, und es wird uns schwindeln bei dem Gedanken, daß die Zeit sich nähert, da wir unsere letzte Reise antreten, der Freiheit, dem Lichte, dem Leben entgegen. Ja, schön ist es, ein großes Ziel zu haben, nach dem man sich sehnen kann! 12. December. Es thut uns gut, ins Freie zu kommen und dort herumzuspazieren, wenn es auch kalt und dunkel ist. Aus der bereiften Höhle herauszukommen und die steifgewordenen Glieder zu bewegen, frischt die Gedanken auf, auch wenn wir dabei hin und wieder frieren. Heute war es wunderschön und sternenklar, und das Nordlicht ließ seine Flammenzungen spielen. Schweigend gehen wir draußen hin und her, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Im Süden und Südwesten können wir dort, wo der klare Himmel mit dem Eise zusammenstößt, einen dunkeln Streifen unterscheiden. Dieser dunkle Streifen ist das Meer; der letzte Sturm hat es vom Eise befreit, das fortgetrieben ist, Gott weiß wohin. Dieser Streifen, den wir in der Polarnacht erblicken, ist dasselbe Meer, das die Küsten unsers Vaterlands bespült. Wie erweckt es heftige Sehnsucht in meiner Brust, Sehnsucht nach Licht und Leben dort im Süden in den warmen Regionen, wo die Liebe wohnt! Bald sind wir drei Jahre außerhalb der Welt gewesen. Neun Monate lang haben wir nicht viel anders gelebt wie die wilden Thiere, die es unter diesem rauhen Himmelsstriche gibt, neun Monate lang haben wir die Kleider Tag und Nacht auf dem Leibe gehabt, wir haben gefroren, und schlecht ist es uns in mancher Hinsicht gegangen! In weichen Augenblicken stehlen sich milde Gedanken in mein Gemüth; erwärmend kommen sie aus der Heimat und verheißen mir ein Leben, besser, als ich es früher je gekannt, frei von allem, was böse ist, ein glückliches Leben! Und mit dem Sommer wird es kommen! 24. December. So ist denn das Weihnachtsfest auch zu uns gekommen. Es gibt auf der ganzen Welt wol keinen Menschen, der den Heiligen Abend auf dieselbe Weise feierte wie wir, die wir hier mitten in der Polarnacht in unserer Steinhütte liegen, außerhalb der Welt, fern von allem, was zur Civilisation gehört. Wir haben für diesen Abend aber dennoch unsere Vorbereitungen, so einfach sie auch sind, getroffen. Einige, zum Theil freilich verdorbene Reste von unserm Schlittenproviant besitzen wir noch, Fischmehl, etwas Brot, Chocolade für eine Mahlzeit und zwei Portionen Knorr'sche Suppen; das ist gar nicht so schlecht. Einen delicaten jungen Bären, den einen der beiden »Kajakbären«, haben wir ebenfalls für das Weihnachtsfest aufgehoben. Er war nicht zerlegt worden, sondern stand steifgefroren, so lang er war, mit dem andern Bärenfleische halb verschneit an die Mauer der Hütte gelehnt da. Ich legte ihn mit dem halben Leibe auf einen großen Stein, suchte mir in der Dunkelheit auf dem Abhange einen andern großen Stein mit scharfen Kanten und schlug mit diesem den steifen Bärenleib schließlich mitten durch. Nun haben wir den untern Theil zum Aufthauen hier drinnen. Von dem letzten Bären, den wir in der Hütte hatten, haben wir vorzügliches Fett aufgehoben, das wir heute mit dem Fischmehl vermischen und auch zum Brotbacken benutzen. Mit Eis, mit süßem und salzigem, haben wir uns so reichlich versehen, daß wir während des Weihnachtsfestes nicht danach umherzusuchen brauchen. Mit unserer Kleidung ist ebenfalls eine Veränderung, wenn auch keine große, vorgegangen. »Reinlichkeit ist eine Tugend«, sagte das alte Weib und kehrte am Heiligen Abend das Hemd um. Etwas anderes haben auch wir nicht gethan, das heißt, wir haben das Oberhemd unter das Unterhemd gezogen, da dieses uns zu sehr am Leibe festklebte. Ich habe statt des Anoraks meine Kamelhaarjacke angelegt und erstern als Kopfkissen genommen; doch welches von beiden mehr durchfettet ist, läßt sich nicht sagen. Nansen ließ seine langen schwarzen Haare, wie sie waren; ich nahm die Schere, streifte die Kapuze ab, richtete mich im Schlafsacke auf und schnitt mir einige Hände voll von meinem Haare ab. Es war mir, als würde mir der Kopf leichter. Mit Kleidung und Nahrung ist es in der That nicht gut bestellt, und mit Licht und Wärme auch nicht, aber es wird wol einmal die Zeit kommen, daß wir ein Weihnachtsfest feiern können, welches das jetzige böse reichlich aufwiegt. »Mit Schmerz muß der Mensch sein künftiges Glück erkaufen.« Nach dieser langen dunkeln Nacht hoffe ich auf einen lichten gesegneten Morgen mit Sonnenschein und Vogelgesang, Blumenduft und Thauperlen im frischen Grase. Die Zeit vergeht schnell genug. Gestern hat die Sonne im Herabsteigen halt gemacht; nun beginnt sie wieder emporzuklimmen, steigt höher und höher und bringt das Licht und auch die Wärme mit, thaut die Eismauer auf, die uns von der Welt absperrt, bringt den Eispanzer um unsere Brust zum Schmelzen, trägt Licht in die Dunkelheit und Helle in unsern Sinn, grüßt uns von der warmen, lächelnden Welt und bietet uns von dort Willkommen, und wir lassen mit unserm Kommen nicht auf uns warten. Ach, die Sonne ist es, die uns das Leben gibt; das sehen wir erst dann recht ein, wenn wir sie nicht haben! 25. December. Der erste Festtag. Wir feierten gestern, so gut wir konnten, den Heiligen Abend. Wir kochten Fischmehl und ein wenig Maismehl mit Thran zusammen und brieten es nachher in der Pfanne. Dies schmeckte jedoch nicht so gut, als wir erwartet hatten, dafür mundete uns das in Bärenfett gebackene Brot vortrefflich. Heute morgen tranken wir Chocolade und aßen Aleuronatbrot und Speck dazu, es war ein köstliches Weihnachtsgericht. Im ganzen haben wir trotz allem gute Weihnachten; wir sind zufrieden mit dem, was wir haben, und freuen uns des Lebens in solchem Grade, daß mancher uns beneiden könnte. Wir haben heute unsern gewöhnlichen Spaziergang auf unserer Promenade auf und ab in einem Wetter gemacht, dessen wir uns noch lange erinnern und wie wir es an Weihnachten sicher nie wieder erleben werden. Als wir aus unserer Höhle krochen und mit dem Kopfe über die Erde kamen, brannte der ganze Himmel von Nordlichtern, die wie ein Wirbelwind in allen möglichen Farben über den Zenith fuhren und sich am nördlichen Himmel sammelten, wo sie sich lange hielten, während wir schweigend unsern Gang gingen. Am südlichen Himmel glänzte der Mond. Die Naturkräfte hatten sich vereint, uns das Weihnachtsfest so angenehm zu machen, als in ihrer Macht stand. Der Wind, der in der letzten Zeit ziemlich scharf aus Osten geweht und unsere Wände mit Reif überzogen hatte, hatte sich jetzt ganz bedeutend gelegt, ja, es war bisweilen sogar ganz windstill. Die Temperatur war mäßig, ungefähr -30°. Es wurde uns seltsam feierlich zu Muthe, als wir in diesem eigentümlichen Wetter umhergingen. Der Mondschein, dieser eigenartige arktische Mondschein, der alles so sanft und friedlich macht und diese harte Natur gleichsam liebkost! Dieser Gegensatz zwischen dem Harten, Strengen und dem mildernden, besänftigenden Lichte des Mondes ist wunderbar. Frieden und gute Gedanken ziehen ins Gemüth ein, lächelnd drängt der Mond sich ein. Es wird dir weich ums Herz, deine guten Gefühle werden erregt, du bist glücklich, während du frierend, fern von deinen Lieben, vor deiner elenden Wohnung auf und ab gehst, indeß das Nordlicht flammt und zittert, als ob eine unsichtbare Hand es hielte, und dich mit Ehrfurcht erfüllt. Wie schön ist die Jugendzeit! Du fühlst Hoffnung in dir und noch ungebrauchte Kräfte, das Glück lächelt dir zu; bewahre dir deinen jugendfrischen Sinn das Leben hindurch und du wirst dir das Glück bewahren! 26. December. Der zweite Tag dieses merkwürdigen Weihnachtsfestes. Ich habe heute Abend gerade eine wichtige Arbeit beendet: ich habe einen Flicken von Bärenfell zugeschnitten und ihn auf mein eines Knie genäht, wo in der letzten Zeit ein großes Loch klaffte. Dies that ich, während Nansen »Backwerk« »Backwerk« hatten wir nicht nur zu Weihnachten. Wir schnitten den gefrorenen Speck zum Thrankochen in hübsche Scheiben und legten diese in den Topf. Wenn das Fett ausgekocht war, blieben die zusammengeschrumpften spröden Scheiben zurück, und dies war dann das »Backwerk«. Wir fanden es wohlschmeckend und gaben uns Mühe, es sehr gut zuzubereiten; es kam dabei sehr viel auf das Kochen an. kochte und sich mit ein paar Tropfen Wasser in einer Tasse die Beine wusch. Das sind andere Beschäftigungen, als man sie sonst am zweiten Weihnachtsfeiertage vorzunehmen pflegt. Daheim tanzt ihr wol und amüsirt euch, so gut ihr könnt. Hier ist kein Tanz von fröhlichen Menschen, aber flammende Nordlichtzungen tanzen bei 33° Kälte am blauen Himmelsgewölbe. 27. December. Heute ist es mit dem schönen Wetter vorbei. Der arktische Winter hat ein neues Gewand angelegt; er meinte wol, es könnte des Guten jetzt genug sein. Er hat den Mond mit Wetterwolken zugedeckt und ist mit Schneesturm aus Südosten gekommen. Wieder können wir den dunkeln Streifen sehen, der davon zeugt, daß das Meer im Südwesten frei ist. Das Nordlicht ist fort; es ist wol nach noch rauhern Gegenden gezogen. Aber es war doch gut, auch heute einen Spaziergang zu machen und sich vom Winde den Schnee ins Gesicht jagen zu lassen. Sechzehntes Kapitel. Abschied von der Hütte. Schlafe, du unruhiges Herz, schlafe, Vergiß, was die Welt hat an Lust und Leid! Keine Hoffnung störe deinen Frieden, Keine Träume deine Ruhe! Diese Worte Runeberg's kamen mir oft in den Sinn, wenn wir uns auf unserm holperigen Steinlager wälzten. Schlafen können und alles vergessen, schlafen und nicht eher erwachen, als bis der Sommer draußen vor der Thür ist, die Zeit, da wir uns von unserm Lager erheben, uns vor die Schlitten spannen und nach Süden ziehen können! Und wenn ich tiefer in den Sack kroch und die Kapuze über den Kopf zog, dachte ich, daß ich nun eine Weile wieder »vorwärts« schlafen und noch mehr Zeit dahin senden würde, von wo sie nie wiederkehrt. Es ist gut, daß die Zeit nie still steht. Neujahr 1896. Am letzten Tage des alten Jahres schlug Nansen vor, daß wir von nun an einander »Du« nennen wollten. Wir hatten uns bisher nämlich stets mit »Sie« angeredet. 9. Januar. Am Sylvesterabend löste ich Nansen als Koch ab. Wir hatten als Festessen statt des reglementmäßigen Beefsteaks Maisgrütze mit reichlich Bärenthran, und es schmeckte vorzüglich, zur Abwechselung Mehlspeise zu bekommen. Das Frühstück am Neujahrsmorgen mundete nicht minder; es bestand aus Fischsuppe, Kraftbrühe, die mit Fischmehl und Knorr'scher Linsensuppe durchgekocht war, sowie aus in Bärenfett gebackenem Aleuronatbrot – ein herrliches Frühstück. (Unser letztes Packet Juliennesuppe ging am Dreikönigstage drauf.) Kalt hatten wir es an Neujahr, -41,6°; ich will also nicht gerade behaupten, daß es warm gewesen sei, in den durchfetteten Kleidern auszugehen, die wie Leder werden, sobald man aus der Thür tritt. Doch die Gewohnheit thut unglaublich viel, und wir preisen uns glücklich, daß wir doch wenigstens einen solchen Unterschlupf haben, wenn die Kälte den Gletscher so zusammenzieht, daß sich unter kanonenschußähnlichem Donner Spalten darin bilden und die ganze Hütte bebt, oder wenn der Wind auf dem Abhange heult und unsern Palast, der doch unter der Erde wohlgeborgen liegt, mitreißen will. In den letzten Tagen hat hier ein Schneesturm aus Südosten geherrscht, und das Barometer stand gestern auf 717,8 Millimeter. Eine Weile war es still, mit dem Steigen des Barometers kam aber der Wind wieder mit erneuter Kraft aus Nordwesten. Er wehte den Schlitten fort, der uns als Thermometerhaus diente; ich fand ihn zwischen einigen großen Steinen auf dem Abhang, wo er vom Winde hin- und hergeworfen wurde. Zum Glück war das Thermometer nicht beschädigt worden. 11. Januar. Der Nordsturm hält noch immer an, die Temperatur ist -41°; es ist beinahe nicht möglich, uns im Freien zu bewegen, und hier drinnen gefriert es in einer Tasse, die mitten zwischen den beiden Lampen steht. 21. Januar. Wieder eine Woche unserer Wartezeit dahin, eine Woche, in der wir weit vorgeschritten zu sein glauben. Denn wir fangen jetzt an, in der Ferne über dem Bergrücken die Dämmerung zu gewahren. In dieser Woche ist es nur gegen 20° kalt gewesen, sodaß wir manchen guten Spaziergang haben machen können. Es erhellte unser trauriges Dasein, daß wir ins Freie gehen und den kleinen hellen Streifen am südlichen Horizonte sehen konnten, der uns verkündet, daß der Tag unterwegs ist, um unsere letzte Winternacht abzulösen. Tag auf Tag, Woche auf Woche geht dahin, eins gerade so einförmig wie das andere. Unser beinahe tägliches Gesprächsthema ist die Heimat und die Zeit, wenn wir unsere Reise dorthin antreten werden. Wir haben uns einen Schlafsack aus Bärenfell angefertigt und brauchen nun nachts die Beinkleider und die vielen Ueberstrümpfe nicht anzubehalten. Dies ist eine große Annehmlichkeit für uns, die wir bald ein Jahr lang die Kleider Tag und Nacht ununterbrochen auf dem Leibe gehabt haben. Ferner haben wir das eine Lager, das wir nicht benutzten, entfernt; es war zu einer festen Masse gefroren, die in Stücke gehauen werden mußte. 23. Januar. Wir haben in der letzten Zeit zu fürchten begonnen, der Speck könnte uns möglicherweise knapp werden, aber wir hoffen zum Frühling auf Bären. Wir haben neulich davon gesprochen, über das Eis nach Spitzbergen zu gehen, statt an diesem Lande entlang nach Süden zu ziehen. Es ist die Frage, ob wir das mit unserer jetzigen Ausrüstung fertig bringen können, besonders wegen der kurzen Schlitten, wenn das Eis holperig sein sollte; denn schwere Ladungen müssen es werden. Es fragt sich auch, wie es mit den Lebensmitteln aussehen wird. Aber wir würden dann früher nach Spitzbergen gelangen, und das schwebt uns verlockend vor. Dann und wann mußten wir unsere Lumpen ein wenig ausbessern. Wir kauen das Fett aus Bärenhautstücken heraus und nähen sie sodann mit Angelschnüren, die wir in viele Fäden theilen, auf unsern Hosen fest. Auf Komager und Fausthandschuhe nähen wir die Lappen mit dünnen Streifen von Bärenhaut, was ganz ausgezeichnet geht. Wir fühlen uns im Schlafsack ganz gemüthlich, während draußen der Wind tobt; unsere Unterhaltung dreht sich um die Drift der »Fram«. Es kann sein, daß unser Schiff vor uns zurückkehrt, und dann werden viele uns nicht mehr am Leben glauben. 13. Februar. Es ist eine ganze Weile her, seit ich zuletzt etwas in mein Tagebuch eingetragen habe. Das kommt daher, daß ich vierzehn Tage hintereinander Koch gewesen bin, weil Nansen Rückenschmerzen hatte und Tag und Nacht stillliegen mußte. Letzten Dienstag war er wiederhergestellt und übernahm sein Küchenamt. Die Zeit vergeht schnell; es wird mit jedem Tage heller, bald kommt die Sonne selbst. Wir sind jetzt sehr mit dem Gedanken an unsere Reise und die Ausrüstung dazu beschäftigt und erwägen die Möglichkeit, wie schnell wir die Strecke über das Eis nach dem Nordostlande werden zurücklegen können; wir glauben jetzt sicher, daß es sich wird machen lassen. Noch immer schweben wir im Dunkeln darüber, wo wir sind, – die Breite ist ja 81° 27', aber die Länge? Wir glauben jedoch ganz bestimmt, daß wir weit im Westen sind. In den vierzehn Tagen habe ich viel ausgerichtet. Ich habe den Fleischhaufen, der mit einer harten Schneewehe bedeckt war, ausgegraben, sodaß wir jetzt eine ziemlich gute Uebersicht über unsern Vorrath an Fleisch und Speck haben. Ein gutes Loch haben wir allerdings hineingegessen, aber es ist noch genug da. Ein Bärenfell habe ich hereingeholt, vom Fette befreit und zum Trocknen aufgehängt; es soll uns zu Fausthandschuhen und Gamaschen dienen. Auf dem Dache war der Schornstein geschmolzen und mußte wieder aus Schnee aufgeführt werden. Es ist herrlich, jetzt um Mittag im Freien zu sein, wenn das Wetter klar ist. Es ist dann so hell, daß man wieder seine Umgebung sieht. Viel lächelt uns nicht entgegen; doch diese wenigen Punkte sind trotzdem willkommen, seien sie ein Eishügel oder eine Bergkuppe. Sie stehen in der rauhen Natur da, wie sie es früher gethan, aber wir betrachten sie mit großen Augen, denn jetzt ist es hell. Am 11. Februar nahm ich das Gewehr über die Schulter und ging nach dem Gletscher über uns auf eine Felskuppe. Es war still und klar und mitten am Tage ziemlich hell. Ich blieb lange dort stehen und sah mich um; es gab soviel Neues zu betrachten, mehr als die vier eisbedeckten Wände der Hütte. Tief unter mir sah ich den Schneehügel, unter dem wir beide mit einem langen dunkeln Winter gekämpft haben. Gott sei Dank, jetzt ist es bald vorbei, und bald können wir unserer Hütte Lebewohl sagen und sie den Füchsen überlassen! Man sollte nicht glauben, daß unter jenem Schneehügel eine menschliche Wohnung sein könnte, und gar während eines arktischen Winters. Doch wir haben dort gelebt, und gar zu schlecht ist es uns nicht ergangen; man kann sich an vieles gewöhnen. Am 16. Februar war es im Freien herrlich. Es war nicht kälter als -12°, allerdings wehte es ein bischen. Ueber Nacht war Schnee gefallen, aber nicht ein Schnee, wie wir ihn hier gewohnt waren, fein, hart und kalt, sondern einer, der an den Schneefall daheim erinnerte. Am nächsten Tage waren es -35°, und ein heftiger schneidender Nordwind wehte. So veränderlich kann es sein. 25. Februar. Morgen kommt die Sonne. Wir sahen ihren goldenen Schein in den Wolken über dem Bergrücken, und der Himmel darüber war mit der herrlichsten Beleuchtung in allen Farben geschmückt. Während wir draußen umhergingen, uns über die Nähe der Sonne freuend, sah ich plötzlich eine Schar Krabbentaucher von Süden her geflogen kommen und dem Lande nach Norden folgen, und gleich darauf sah auch Nansen eine Schar, die denselben Weg nahm. Es waren die Boten des Frühlings! Arme kleine Vögel, was wollt ihr so früh hier oben im kalten Norden? Kehrt um und geht nach freundlichern Regionen! Wieder, wie im Sommer im Treibeise, möchte ich die kleinen Geschöpfe um ihre Flügel beneiden, die sie so schnell dorthin bringen, wohin sie wollen. Doch mein Kurs würde nach Süden gehen, und der Weg würde nicht lang sein. Am 27. Februar sahen wir die Sonne zum ersten male, doch glänzte nur wenig von ihr durch Schneewolken hindurch, und grau und häßlich war das Wetter, das sie mitbrachte. 10. März. Wieder ein guter Schub vorwärts, seit ich in meinem Tagebuche schrieb. Es ist ein wenig dunkel gewesen, jetzt hat es sich aber wieder aufgeklärt. In der letzten Zeit haben wir davon gesprochen, im April von hier fortzugehen, haben aber diesen Lieblingsplan wegen Mangel an Speck wieder aufgeben müssen. Es ist nicht mehr genug Speck zum Essen und zu Brennmaterial für die Reise da, gar nicht davon zu reden, daß wir nun kein Fleisch in kochendem Thran conserviren können, wie wir uns anfangs vorgenommen hatten. Im Speckverbrauch mußte eine gründliche Aenderung eintreten, und jetzt können wir uns täglich nur einmal zu kochen erlauben und können nur dann eine Lampe brennen, wenn es zum Schmelzen von Wasser und Thran durchaus nothwendig ist. Wir sind in derselben Lage wie die Eskimos: wenn es ihnen sehr schlecht geht, können sie nachts keine Lampe brennen lassen, sondern müssen im Dunkeln schlafen, und sie kennen kaum etwas Schrecklicheres. Glücklicherweise ist das Wetter in diesen Tagen mild gewesen, nur ungefähr -3°. Der Speckmangel verdüsterte uns den Sinn, und wir mochten das gefrorene Fleisch morgens zum Frühstück durchaus nicht; das beste Fleisch ist auch schon aufgegessen. Unsere ganze Hoffnung setzten wir auf die Bären. Diese Hoffnung wurde auch nicht getäuscht. Am 8. März hielt ich großes Reinemachen, das darin bestand, daß die Asche von dem Herde heruntergefegt und die Speck- und Fleischabfälle, die in der Hütte dann und wann zu hohen Haufen anwuchsen, vom Fußboden abgekratzt wurden. Das Rückgrat, die Schinkenknochen und den Kopf eines Bären, den wir eben verzehrt hatten, wollte ich auch hinausbringen und hatte diese Dinge schon in den Hausgang befördert, wo ich über sie hinwegkroch und das Thürfell nach außen zurückschlug. Da stand gerade vor der Oeffnung ein großer Bär mit einem so weißen Pelze, daß mir von dem Anblicke die ans Dunkle gewöhnten Augen förmlich wehthaten. Wie der Blitz eilte ich durch den Gang zurück und ergriff die an der Decke hängende Flinte, während ich Nansen die große Neuigkeit erzählte. Ich überzeugte mich, daß das Gewehr geladen war und kroch wieder hinaus. Der Bär beugte sich über die Oeffnung und steckte Kopf und Hals tief in den Gang hinein; sein breiter flacher Schädel wandte sich mir verlockend zu. Ich spannte den Hahn, mußte aber wieder absetzen, da ein großer Pfropfen von Bärenhaaren im Laufe steckte. Bei meiner Bewegung zog der Bär den Kopf zurück, begann aber mit den Vordertatzen am Rande der Oeffnung zu kratzen. Ich mußte jetzt mit dem Schießen Ernst machen, sonst kam er herein. Aber nur die Tatzen allein waren sichtbar, und ich konnte in dem engen Gange nicht ordentlich anlegen. Ich hielt also das Gewehr mit dem Kolben abwärts und den Lauf so geneigt, daß er meiner Ansicht nach auf die Brust des Bären zeigen mußte, und drückte ab. Ein wüthendes Gebrüll verkündete, daß der Bär getroffen war. Inzwischen war Nansen mit dem Ankleiden beschäftigt; er hätte auch in dem engen Gange nichts ausrichten können. Das Ganze ging blitzschnell vor sich. Ich guckte zum Gange hinaus und erblickte den Petz mit einer großen Blutspur hinter sich draußen am Einschnitte im Berge. Ich hatte nur eine Patrone in der Tasche gehabt und diese nach dem Schusse in den Lauf gesteckt; mit dieser ging es jetzt hinter dem Bären her, der seine Schritte verdoppelte, als er merkte, daß er verfolgt wurde. Ich wunderte mich darüber, daß ich noch so gut laufen konnte; denn den Winter hindurch hatten wir uns gerade nicht viel Bewegung gemacht. Es ging nach Norden am Lande entlang; da ein frischer Südwind mit Schneeflocken wehte, hatte der Bär immer Witterung von mir. Dann und wann sah ich seinen Rücken zwischen den Eishügeln längs des Ufers. Nach einer Weile führten die Spuren gerade unter einem jäh abfallenden Berge mit einem Gletscher am Fuße das steile Ufer hinauf nach einigen großen Felsblöcken. Ich nahm an, daß er sich dort hingelegt hätte, und kroch vorsichtig an der Felswand hinauf, um einen Ueberblick zu gewinnen. Aber nein, ich erblickte die Spuren unten auf dem Eise wieder. Dort war eine Bucht mit hohen Felsen im Hintergründe, wo der Wind aus einer andern Richtung kam; hier witterte mich die Bestie nicht länger, und ich nahte mich ihr nun im Eilmarsch, immer hinter den Eishügeln am Ufer entlang Deckung suchend. Endlich hatte ich den Bären in Schußweite und sandte ihm von hinten meine einzige Kugel zu. Er fiel, erhob den Kopf und legte ihn wieder nieder. Ich warf die Flinte auf den Rücken und begab mich hurtig auf den Heimweg, sicher, daß der Bär genug bekommen hatte. Nach einer Weile begegnete ich Nansen, ganz aufgetakelt mit Windkleidern, Flinte und Patronen; meine Fausthandschuhe, ohne die ich fortgelaufen war, hatte er mir auch mitgebracht. Ich theilte ihm mit, daß der Bär dort hinten liege; er wollte ihn nun abhäuten, während ich die Schlitten von zu Hause holte. Als ich nach langer Zeit (wir waren ein gutes Stück von der Hütte entfernt) wieder nach der Stelle zurückkehrte, fand ich dort weder Nansen, noch den Bären vor. An den Spuren und dem Blute sah, ich, daß dieser sich wieder erhoben und seinen Weg fortgesetzt hatte. Ich folgte ihm am Strande entlang und hörte nun Nansen von oben aus einer Bucht zwischen einigen großen Felsblöcken unter einem steilen Abhänge nach mir rufen. Als er an die Stelle gekommen war, wo er den Bären abhäuten sollte, sah er diesen auf drei Beinen ganz lebendig daher trollen. Der Petz ging ans Land, kroch über einen Gletscher und das steile Geröllfeld hinauf bis hoch oben unter die überhängende Felswand. Nansen fürchtete, er würde sich dort hinlegen, wo wir ihn schwerlich bekommen hätten; deshalb wandte er eine Kugel daran, obgleich der Abstand ziemlich groß war. Ob er traf oder nicht, jedenfalls hatte der Schuß die Wirkung, daß der Bär zusammenfuhr; doch das hätte der Bursche lieber bleiben lassen sollen, denn nun glitt er an einer harten Schneewehe aus und kam ins Rutschen. Stück für Stück ging es abwärts, Nansen stand hinter einem Felsblocke und lud schnell sein Gewehr, und sowie der Bär sich unterwegs ein wenig aufhielt, schoß er wieder auf ihn. Nun glitt dieser weiter, bis er die Klippe erreichte, wo er sein Leben lassen mußte. Er war zäh; es war einer von der rechten Art, ein außergewöhnlich großes Männchen; der eine Vorderfuß war oben an der Schulter zerschmettert und der Brustkorb, aber keine edeln Theile durch den ersten, ohne Zielen abgefeuerten Schuß verletzt. Fett war er, worüber wir uns am meisten freuten. Ihn zu zerlegen und nach den Schlitten auf dem Eise am Fuße des Abhanges zu tragen, war mühsam, denn die ganze Zeit über wehte ein so heftiger Sturm, daß wir uns kaum auf den Beinen halten konnten. Wir nahmen jeder die Hälfte des Bären auf unsern Schlitten, aber das ging nicht; an einem Viertel hatten wir vollständig genug. Das Fell mit dem Speck und ein Theil des Fleisches wurden zurückgelassen und später geholt. Wir strebten nach der Hütte; es war weit dorthin, und wir hatten so starken Gegenwind, daß wir hätten »auf ihm liegen« können, wenn er uns packte; wir waren des Ziehens ungewohnt und hatten uns also tüchtig plagen müssen, als wir um Mitternacht nach Hause kamen. Einen der Schinken nahmen wir mit hinein und füllten davon den Topf bis an den Rand, krochen in den Sack und ließen dem frischen Fleische Gerechtigkeit widerfahren. Der Bär kam uns gerade recht, wir hatten durch ihn eine ordentliche Masse Speck für unsere Reise gewonnen, und der Umstand, daß die Bären sich wieder zu zeigen begannen, versetzte uns in gute Laune, obwol jetzt wir selbst und nicht die Walroßkadaver die Lockspeise bilden mußten, denn letztere waren vollständig im Schnee begraben. Am Morgen des 10. März war ich um 6 Uhr draußen vor der Hütte und sah eine außerordentliche Menge Krabbentaucher in Scharen unaufhaltsam von Norden kommen und in den Fjord hineinfliegen. Am Nachmittage desselben Tages zog Schar auf Schar wieder fort. Nansen beobachtete auch zwei Grilllummen. Am 16. März erschien die Sonne in ihrem vollen Glanze. Ich benutzte die Gelegenheit, eine Bergtour bis beinahe zur Spitze zu machen. Auf allen Vieren ging es den steilen Abhang mit den kleinen Gletschern hinauf; ich erreichte einen Absatz, von dem aus ich eine herrliche Aussicht hatte. Offenes Wasser erblickte ich nicht; ganz hinten am Ende des Fjords erhob sich ein großer Gletscher hinter dem »Krabbentaucherberge« (einem Berge, auf dem wir Krabbentaucher sahen und auf dem sie unserer Meinung nach nisteten). Von dem Vorgebirge in Südsüdwest, von wo unser Kurs weiter am Lande entlang gehen sollte, bis zu dem oben erwähnten großen Gletscherlande im Osten konnte ich keinen einzigen Sund entdecken. Die öde erstarrte Natur, der gleißende Sonnenschein auf all dem Weißen boten einen großartigen Anblick dar: Fjordeis und Gletscher, soweit das Auge reichte. Ich saß so still, daß die Krabbentaucher dicht an mir vorbeiflogen. Wie schön, wie sammetweich waren die hübschen kleinen Vögel im Sonnenlichte. Es waren nur -10°. Ja, nun hatten wir bessere Zeiten als vor einem Jahre, als wir hoch oben im Norden im Treibeise mit der Kälte kämpften! Für uns in der Hütte kam jetzt eine geschäftige Zeit, da wir uns zu der Reise nach Süden fertig zu machen hatten. Noch mancherlei mußte in Ordnung gebracht werden. Am schlimmsten sah es mit den zerlumpten, durchfetteten Kleidern aus. Glücklicherweise hatten wir die beiden wollenen Decken; nach vielem Maßnehmen und Berechnen zeigte sich, daß aus dem Zeuge jeder von uns recht gut ein Paar Kniehosen und eine Jacke bekommen konnte, aber lange dauerte es, bis der feierliche Moment kam, da wir es wagten, mit der Schere in die Decken zu fahren und zuzuschneiden. Mit Zwirn konnten wir jetzt so verschwenderisch umgehen, wie wir wollten, da wir entdeckt hatten, daß die baumwollenen Fäden unserer Proviantsäcke von Segeltuch vorzügliche Dienste leisteten. So saßen wir Wochen hindurch nebeneinander im Schlafsacke und nähten. Die Komager mußten wir mit neuen Sohlen aus Walroßhaut versehen, die wir dazu entsprechend dünn schabten und über der Lampe trockneten. Ich brachte es sogar so weit, daß ich mir aus der Haut des »magern Bären« ein Paar Finnenschuhe machte; es waren jedoch so lange Haare darauf, daß ich sie mit der Schere abschneiden mußte, um beim Gehen nicht auszugleiten. Nansen hatte mehrern Bären beim Abhäuten regelrechte »Socken« an den Hinterbeinen stehen lassen. Diese zog er später in einem Stücke ab, befreite sie von Fett und hängte sie zum Trocknen auf, um sie dann, ganz so wie sie von den Bärentatzen gekommen waren, als Fußbekleidung zu benutzen. Er bekam sie jedoch nicht ordentlich trocken, und sie wurden so rußig und häßlich, daß er von ihnen absehen mußte. Die Windkleider waren nur noch Lumpen, aber wir gaben uns nicht zufrieden, bis wir sie wieder so gestückt und gestickt hatten, daß sie noch brauchbar wurden. Die Hosen wurden am Knie abgeschnitten und das Abgenommene, sowie die Proviantsäcke zum Flicken benutzt. Stücke von Bärenhaut wurden abgeschabt, von Speck befreit und getrocknet und dann zu Fausthandschuhen und Gamaschen verarbeitet. Mit unserm Tauwerk war es schlecht bestellt; wir machten uns daher Seile aus Walroßhaut und feine dünne Leinen aus Bärenhaut. Am meisten interessirten uns unsere neuen Anzüge. Wir freuten uns wie Kinder darauf, sie anziehen zu können. Das Nähen ging aber so langsam, daß Nansen gewiß recht gehabt hat, als er behauptete, wir beide würden sicherlich sehr bald verhungern, wenn wir nach unserer Rückkehr vom Schneiderhandwerk leben sollten. Aber Geduld half uns auch darüber hinweg, und eines schönen Tages konnten wir uns draußen in funkelnagelneuen Anzügen nach eigenem Modell aus großcarrirtem modernem Stoff zeigen. Sie hatten freilich hier und da einige Thranflecken, da die Lampe uns bei der Arbeit oft umgefallen war und wir die Flecke nicht vollständig hatten ausreiben oder aussaugen können. Doch es waren jedenfalls starke, gute Anzüge, und die Beinkleider waren obendrein noch außen und innen mit unsern alten Unterhosen gefüttert. Die Seehundfellgamaschen, die wir von der »Fram« mitgebracht hatten und die von Eskimos angefertigt worden waren, ließen sich noch sehr gut brauchen, wir konnten unsere durchfetteten Friesüberstrümpfe also zurücklegen. Während der Arbeit an dieser Ausrüstung drehte sich die Unterhaltung hauptsächlich darum, was wir alles in reichassortirten Wollenwaarenläden kaufen würden, wenn wir erst wieder zu Hause wären. Auch auf die Seehundsfängerjachten auf Spitzbergen kamen wir immer wieder zurück. Wir sprachen davon, was für Lebensmittel und Kleider die Besatzung einer solchen Jacht wol haben würde. Zucker und Brot hatten sie jedenfalls, auch Butter, sodaß wir uns »echte Mehlpfannkuchen« backen könnten. Ein Paar Kleidungsstücke mochten dort wol auch zu bekommen sein – und Seife! Und wenn wir nach Tromsö kämen (wir nahmen stets an, daß wir eine Jacht von dort treffen würden), wollten wir alle Kuchen kaufen, die wir bekommen könnten! Ja, das sollte ein Leben werden! In unsern größten Topf stopften wir Unterkleider, soviel davon hineingingen, und kochten sie auf dem Herde aus. Da wurden sie so »mürbe«, daß wir das Aergste mit dem Messer abkratzen konnten. Das Fett, das wir dadurch erhielten, konnten wir beim Kochen auf »Primus II.«, wie wir die auf dem Herde stehende Thranlampe nannten, brennen. Nansen versuchte auch, auf Eskimoart zu waschen, aber das ging nicht. Ebensowenig ließ sich aus der Asche des wenigen, erbärmlichen Treibholzes, das wir fanden, Lauge herstellen. Das Schaben mit dem Messer blieb noch immer das Beste. Die Kajaks mußten ausgebessert werden, besonders meines, das im Winter eine Luftreise gemacht hatte, und auf den kurzen Schlitten mußten wir von dem bischen Holz, das wir hatten, ordentliche, hohe Unterlagen festbinden, damit die Kajakenden nicht vom Eise beschädigt würden; wir nahmen dazu Riemen aus Bärenhaut. Unsere kostbaren Segel wurden geflickt und das Fett davon abgeschabt; sie sollten uns auf der Reise auch als Zelt dienen. Einen Schlafsack aus guten leichten Bärenfellen machten wir uns ebenfalls. Am 2. April hörten wir draußen Lärm, der, wie wir anfangs annahmen, von einem Bären herrührte; als aber der Spektakel nicht zunahm, glaubten wir beide, es sei nur ein Fuchs. Ich hatte gerade die Kochwoche, und als ich hinausging, um mich nach der »Meteorologie« umzusehen, fand ich, daß es doch ein Bär gewesen war, der einen Spaziergang um die Hütte herum gemacht hatte; die Bärenleichen hatten ihm aber entschieden nicht gefallen, und er war wieder nach dem Eise getrollt. Dort erblickte ich »Väterchen«, gerade als er Witterung von den Walroßkadavern, die tief unter dem Schnee lagen, bekam. Er fing an zu graben, daß der Schnee umherflog. Wir waren von unsern Kleidern so in Anspruch genommen, daß wir fast gar keine Zeit hatten, uns um den Bären zu kümmern; aber dann wurde doch beschlossen, daß Nansen ihn erlegen sollte. Nansen ging, da sein Gewehr in Unordnung war, mit meiner Flinte nach dem Eise; ich sah ihm bei der Hütte von oben aus zu. Der Bär hatte sich jetzt ein gutes Stück hineingegraben; ja, er verstand seine Tatzen zu gebrauchen! Er fühlte sich so sicher, daß er weder sah noch hörte. Nansen ging mit seinem gewöhnlichen Schritte auf dem flachen Eise ganz dicht an den Bären heran, der sich äußerst überrascht umdrehte und in demselben Moment eine Kugel ins Gesicht erhielt. Er lief ein paar Schritte, schüttelte den Kopf, daß das Blut umherspritzte, und blieb dann stehen. Ich sah, daß Nansen sich mit dem Wiederladen abmühte und der Bär auf ihn losgehen zu wollen schien; doch nun verlief alles in Ordnung. Fünf Schüsse mußte Nansen abfeuern, ehe der Bär wirklich verendete. Es war mir greulich, mit einer unbrauchbaren Flinte in der Hand als Zuschauer dastehen zu müssen, und ich konnte jetzt Peder's Herzensergüsse sehr gut verstehen, wenn seine Büchse wiederholt nicht losbrennen wollte. 6. Mai. Wir sind noch immer energisch bei der Ausrüstung. Wenn es sehr klar ist, sehen wir in Südwest ein Land oder die Luftspiegelung eines Landes, das wir für das Nordostland selbst halten. Die blaue Luft, die auf offenes Wasser deutet und sich beständig an derselben Stelle hält, zeigt unserer Meinung nach die Landrinne beim Nordostlande an oder offenes Wasser in vielleicht noch größerer Nähe. Vor drei Tagen war ich mit dem Ausgraben von Fleisch beschäftigt und gewahrte dabei draußen auf dem Eise einen Bären, der in eine Bucht im Nordwesten von uns hineinsteuerte. Ich wollte ihm nachgehen und stieß dabei nicht weit von der Hütte auf die frischen Spuren von drei Bären, konnte aber weder diese, noch jenen erblicken. Ich ging wieder nach Hause, wir aßen unser kaltes Frühstück, machten uns an die Arbeit und dachten gar nicht mehr an Bären, bis wir hörten, daß eine Haut fortgeschleppt wurde, worauf alles still war. Ich stahl mich mit der Flinte hinaus und schlug das Thürfell vorsichtig zurück. Wie gewöhnlich blendete mich das starke Licht, der Bär war jedoch zum Glück gehörig ausgehungert und gewahrte mich nicht. Dann erblickte ich seinen Kopf hinter dem Schneehaufen; die Kiefer kauten eifrig an dem Speck des Bären, der seinerzeit in den Hausgang hinein gewollt hatte. Ich legte an, zielte und schoß den gefräßigen Bären, ohne daß er mich bemerkt hätte, gerade durch das Gehirn, sodaß er auf der Stelle mitten zwischen den übrigen Kadavern todt am Boden lag. Nansen saß inzwischen drinnen und nähte an unserm Schlafsacke für die Reise. Der Bär war mager, kam uns aber doch als Reiseproviant gut zu statten, da wir nun nichts von dem Fleische in der Hütte aufzuthauen brauchten. Von unserm Schlittenproviant war noch ein wenig Maismehl, etwas Fischmehl, Albuminatmehl und ein wenig Brot brauchbar. Dieses wurde mit Thran getränkt, theils damit es trocken bleiben, theils damit es weiter reichen sollte. Außer dem Hauptbestande des Proviants, den rohes Fleisch und roher Speck bildeten, nahmen wir auch etwas Fleisch mit, und zwar sowol in Wasser gesottenes als auch in Thran gekochtes. Das seidene Netz war ganz voll »Backwerk«, denn der Speck, aus dem wir Thran geschmolzen hatten, um drei Blecheimer damit zu füllen, hatte natürlich sehr viel »Gebäck« gegeben. Aus den Ueberresten des alten Kochapparats nieteten wir uns einen guten Kochherd zusammen und aus dem untern Theile des wirklichen Primus machten wir uns eine vorzügliche Lampe zum Brennen von Speck und Thran. Die Bären waren nun nicht mehr knapp, aber wir kümmerten uns jetzt nicht um sie. Am vorletzten Abend, den wir in der Hütte verlebten, besuchte uns eine Bärin mit einem ganz kleinen Jungen. Sie blieben stehen und sahen uns, die wir an den Kajaks arbeiteten, verwundert an, dann begann die Mutter das Kleine zu säugen. Unserer Nachtruhe wegen mußten sie fortgescheucht werden, weshalb wir auf sie zugingen. Die Bärin nahm dies übel und brummte böse, zog aber ab und bemühte sich, das Junge zu ebenso schnellem Laufen zu bringen. Nansen sandte ihnen einen Schreckschuß nach, der aber nichts nützte; er verfolgte sie daher unter beständig zunehmender Wuth der Mutter, die ihr Junges nicht schnell genug mit fortziehen konnte. Endlich holte er die Bären ein; da flüchtete die Bärin unter Schnauben und Brummen den steilsten Theil des Gletschers hinauf, während das winzige Bärlein in der Spur der Mutter hinterdrein krabbelte. Schließlich verschwanden sie oben auf dem Gletscher, und wir sahen sie niemals wieder. Das letzte, was wir thaten, war, daß wir das Dach abnahmen, damit wir unsere kostbaren Schneeschuhe, Stäbe und Ruder, die dort den Winter über gelegen hatten, wieder erhielten. Als das Licht hereinfiel, benutzte Nansen die Gelegenheit, einige Photographien von dem Innern der Hütte aufzunehmen. Dann wurde ein kurzer Bericht über die Expedition geschrieben und in eine kleine Messingröhre, die zur Luftpumpe des Primus gehört hatte, gelegt und diese Röhre am Firstbalken aufgehängt. Siebzehntes Kapitel Nach Süden! So kam der 19. Mai. Wir standen bereit, nach Süden zu ziehen: Immer weckt des Frühlings Kommen Sehnsucht mir im jungen Sinn. Frei macht er von allen Banden, Drinnen ich gefangen bin, Bringet Licht in Dunkelheit. Sei willkommen, Frühlingszeit! Nie hat solch ein stark Empfinden Mir ein Frühling noch gebracht; Nie hat er sein Siegeszeichen Aufgepflanzt mit gleicher Macht. Tilget doch sein lichter Strahl Dreier Jahre Wintersqual. Nach des Südens milden Auen Lockt der helle Frühlingsschein, Füllt die Herzen uns mit Freude, Gibt uns neues Leben ein. Trag' uns, Lenz, hold unsern Wegen, Heim, dem Sommerlicht entgegen! Diese Zeilen finde ich auf dem letzten Blatte in meinem Tagebuche. Sie sind von Ruß und Thran fast unleserlich; ich glaube aber, sie werden dem Leser ein Bild von unserer Sehnsucht nach dem Lichte, der Wärme und dem Kommen des Frühlings geben. Nun war er da, der Frühling! Nun sollten wir diesem unwirthlichen Strande, über den so viele schwere Stürme dahingefegt, Lebewohl sagen; wir sollten Abschied nehmen von den Gletschern und den Basaltbergen, den Geröllfeldern und den Knochen und Fellen der Bären, die wir erlegt; unserer Höhle mit dem harten Steinbette sagen wir Lebewohl und überlassen alles den Füchsen! Ja, es war ein seltsames Gefühl, als wir spät am Nachmittag mit unsern schweren Schlitten nach dem geheimnißvollen Vorgebirge zogen, das wir die ganze Zeit hindurch immer aus der Ferne betrachtet hatten. Wir waren anfangs nicht gar zu eifrig, da wir im Ziehen noch ungeübt waren; wir lagerten uns daher bald auf dem ebenen Eise und schlugen unser neues Zelt auf in dem frohen Bewußtsein, auf dem Heimwege zu sein. Die Kajaks bildeten die Wände, die Segel das Dach, und nachdem wir uns ein wenig in die Schneewehe eingegraben, hatten wir ein ganz comfortables Haus, das, wie Nansen meinte, verewigt werden müßte. Auf dieser Reise an der Küste hinunter lösten wir uns beim Kochen täglich ab. Am 21. Mai erreichten wir das Vorgebirge, müde und abgespannt von den ungewohnten Anstrengungen. Nansen erstieg den Berg, um sich mit dem Feldstecher die Gegend anzusehen, während ich das Lager in Ordnung brachte. Als er wiederkam, erzählte er, er sehe gar nicht weit von uns hinter der Insel vor dem Vorgebirge eine große offene Rinne liegen; die blaue Luft, die wir hier so oft beobachtet haben, ließ sich jetzt erklären. Zwei neue Gletscherinseln hatte er auch entdeckt. Weiter südlich zeigte sich, den fernern Verlauf der Küstenlinie verdeckend, ein Vorgebirge, ähnlich dem, bei welchem wir uns befanden. 23. Mai. Gestern Morgen begann es schon, als wir Frühstück aßen, zu wehen und zu schneien, und das Unwetter nahm noch zu, als wir herausgekommen waren und das Lager abbrachen. Als wir uns mit den Schlitten aufmachten, kamen wir nur eine kleine Strecke weiter. Es war nicht rathsam, in solchem Wetter zu wandern; wir mußten deshalb bleiben, wo wir waren, ein ordentliches Haus bauen und uns in Geduld fassen. Der Südweststurm tobte den Tag und die Nacht hindurch; heute hat er sich ein wenig gelegt, und die Temperatur betrug + 0,4°, sodaß der Schlafsack am Morgen ganz naß war. Wir sind auch heute noch hier geblieben und haben einen Ausflug nach Süden unternommen und dabei gesehen, daß das Land sich in dieser Richtung noch weiter hinzieht. Auf diesem Ausfluge waren wir, ohne etwas davon zu ahnen, nur wenige Schritte von einem Lebensmitteldepot entfernt, das die Engländer auf ihrer Tour im Frühling 1895 in einer engen, schmalen Gebirgskluft angelegt hatten. Der Schnee hatte sich außerhalb derselben zu einer so großen Wehe angehäuft, daß die Stelle einer Bergmulde glich. Nansen überschritt dieselbe und brach ein paar Stücke von dem Gesteine los, um sie mit nach Hause zu nehmen. Aus der Beschreibung der Engländer hörten wir später, daß das Depot gerade in dieser Kluft gelegen hatte. Offenes Wasser sahen wir wol, doch nicht mehr so viel wie am ersten Tage, als wir hierher kamen. Die beiden weißen Inseln, die Nansen im Südwesten erblickt hatte, waren heute nicht sichtbar. Wir haben Ruder zurecht gemacht, die Fugen der Kajaks mit Stearin verkittet und unsere Sachen für die Seereise umgestaut. Als wir am Morgen des 22. unser Frühstück kochten, sahen wir in unserer Nähe einen Bären die Spuren beschnüffeln, die ich am Tage vorher beim Eisholen hinterlassen hatte. Der Bär hatte keine Witterung von uns und setzte seinen Weg ruhig fort. Vom Schlafsacke aus, in dem wir lagen, während neben uns im Schnee »Primus II.« unter dem Topfe mit dem Frühstück flammte und knisterte, hätten wir ihn bequem schießen können. Wir hatten jedoch für den Augenblick Fleisch genug und ließen den Bären in Frieden ziehen. Am Nachmittag des 24. Mai konnten wir aus unserm Lager am Vorgebirge aufbrechen und auf die Insel davor lossteuern, um so an das offene Wasser hinter dieser zu gelangen. Wir hatten etwas östlichen Wind und hißten die Segel auf unsern Schlitten auf. In der Nacht kamen wir vor der Insel an. Hier überfiel uns ein so stürmischer Südwest, daß die Kajaks kenterten und wir Hals über Kopf ans Land flüchten mußten. Ich mußte halt machen, um Mast und Segel zu bergen und sie ordentlich auf dem Kajakdeck festzumachen. Unterdessen war Nansen schon weit voraus. Da sah ich seinen Schlitten und sein Kajak stillstehen. Er ist wol auf den Schneeschuhen ausgeglitten, dachte ich, da dies uns manchmal passirte, wenn wir große Schneehügel überschritten. Ich war fertig und spannte mich wieder vor; doch was war das? Nansen war ja noch immer an derselben Stelle! Wie seltsam, daß er nicht aufsteht und weiter geht! Da hörte ich ihn schreien. Ich machte mich auf den festgebundenen Schneeschuhen auf und war bald bei ihm; ich sah jetzt, daß er in einer überschneiten offenen Eisspalte lag. Die Schneeschuhe waren an den Füßen festgebunden, er konnte sich daher nicht rühren und sank immer tiefer in den Schneeschlamm ein. Schlitten und Kajak hatte er hinter sich; er wußte nicht, ob sie unter oder über dem Wasser waren; das Zugseil war an dem Geschirr auf seinem Rücken befestigt. Vorsichtig trat ich an den Rand der Spalte, packte Nansen's Eisstock mit festem Griffe und half ihm damit wieder heraus. Er hatte, als er so lag; schon lange auf Hülfe gewartet und mehrere male gerufen, ohne daß ich es jedoch gehört hätte. Wir lernten daraus, daß wir auf solchem Eise die Schneeschuhe nicht festbinden durften. Den Rest des Weges mußten wir vorsichtig weiter tappen und fanden dann auf einem schmalen Streifen festen Eises neben einer großen Spalte bei der Insel einen einigermaßen guten Lagerplatz; Nansen kam in den Sack, und sein nasses Zeug wurde zum Trocknen aufgehängt. 27. Mai. Auch heute noch liegen wir, von Wind, Schnee und Regen festgehalten, auf dieser verwünschten Insel. Walrosse gibt es hier in Menge; auf dem Eise liegen sie scharenweise, und aus den Spalten tauchen sie einzeln auf, um uns anzuglotzen. Wir gingen nach Norden an der Insel entlang. Es waren hier viele häßliche Spalten und in Abnahme befindliches Eis; hier und da zeigten sich Walroßköpfe, ja einige dieser Thiere begleiteten uns und tauchten unterwegs dann und wann in den Spalten auf oder stießen gegen das Eis unter unsern Füßen, um uns zu zeigen, daß sie uns im Auge behielten. Auch einen Ausflug nach Süden unternahmen wir auf der Insel. Es wehte tüchtig, aber wir sahen viel offenes Wasser und wünschten nur, daß wir bei schönem Wetter mit Segelwind draußen an der Eiskante wären. 2. Juni. Der Mai ist zu Ende, wir sind noch immer nicht weiter. Leider haben wir ein noch stärkeres Unwetter gehabt; noch liegen wir »wetterfest« am Südende dieser Insel, die wir »Gänse-Insel« genannt haben, weil wir dort Spuren von wilden Gänsen fanden. Am 28. Mai verließen wir unsern Lagerplatz am Nordende der Insel und zogen hierher, wo wir noch zwei Schneestürme ausgehalten haben. Am 31. war der erste zu Ende, dann kam eine kleine Pause mit klarem Wetter, sodaß wir schon Hoffnung hegten, zur Rinne hinauskommen zu können. Statt dessen erhob sich ein neuer Sturm; es war der ärgste, hoffentlich aber auch der letzte. Jetzt ist er schon bedeutend im Abnehmen begriffen, und das Barometer, das bis auf 723 Millimeter gefallen war, steht jetzt auf 746 Millimeter. Wir hoffen also, morgen erlöst zu werden, nachdem wir gleich am Anfange unserer Reise vom Unwetter festgehalten worden sind. Das ist betrübend. Unser Fleischvorrath ist auch zu Ende, wir haben nur noch etwas gekochtes Fleisch. Schlimm genug ist es, tagaus tagein in einem erbärmlichen Zelte im nassen Schlafsacke zu liegen, immer tiefer in den schmelzenden Schnee einzusinken und sich hin und wieder einmal umzudrehen, wenn die Seite, auf der man liegt, gar zu naß wird. Dabei treibt der Sturm das Schneegestöber durch die kleinste Oeffnung herein und läßt es über den Sack sprühen, sodaß wir alle Augenblicke aufstehen müssen, um die Ritzen zu verstopfen. Und dazu noch zu wissen, daß man nicht weiter kommt, während die Zeit dahingeht und der Sommer herannaht, der Sommer unserer Freude; sich hier an das Unbekannte gefesselt zu fühlen, während die Sehnsucht das Herz in der Brust höher schlagen macht: das fällt uns schwer aufs Herz, nachdem wir anderthalb Jahre in dieser Eiswüste wie Thiere, nicht wie Menschen gelebt haben. Doch Geduld, dich müssen wir noch eine Weile bewahren, und alle Herrlichkeit wird unser sein! Als wir am letzten Donnerstag hierherzogen, sahen wir viele Walroßgruppen auf dem Eise liegen. Nansen wollte eine von ihnen photographiren und stahl sich daher vorsichtig bis zu einem Eishaufen neben den Kolossen. Als er sich aufrichtete, um eine Aufnahme zu machen, sprang ein Weibchen mit einem kleinen Jungen durch ein ganz in der Nähe gelegenes Loch ins Wasser. Aber das Verschwinden der übrigen hatte Nansen nicht zu befürchten, sie legten sich ruhig zum Schlafen hin. Ich kam ebenfalls herbei und bombardirte die Bestien mit Eisklumpen, damit Nansen doch ein einigermaßen »lebendiges« Bild von ihnen bekäme. Jetzt hatten wir keine Sorge mehr, sie zu verscheuchen; im Gegentheil, wir erschreckten sie, wo wir nur konnten. Nansen schlug sie mit dem Schneeschuhstocke auf die Schnauze und photographirte unentwegt darauf los. Sie lagen still, erhoben bisweilen den Kopf, gruben die Zähne in das Eis ein und glotzten uns verwundert und verdrießlich an. Am Morgen des 3. Juni erstiegen wir beide den Gipfel der »Unwetterinsel«, um uns nach dem Weiterwege umzusehen. Eine traurige Enttäuschung wurde uns zutheil: die große Rinne war nicht mehr da; der Südweststurm hatte alles Eis hineingetrieben. Wir begannen nun über das Eis nach einem jäh abstürzenden Berge und dem letzten neuen Vorgebirge dieses merkwürdigen Landes hinzuziehen. Unterwegs hatten wir guten Wind und hißten Segel auf den Schlitten auf. Das Eis war jedoch dünn und gefährlich zu befahren, die Schneeschuhe drückten sich in die obenliegende nasse Schneeschicht ein, und die Spuren, die wir hinterließen, füllten sich mit Wasser. Wir waren daher froh, als wir nach einer guten Tagereise unter Land kamen und bei einem Gletscher zwischen einer hohen Basaltklippe Diesen Berg hat Jackson »Kap Fisher« genannt. und dem Vorgebirge Lager schlagen konnten. Unser Fleischvorrath war zu Ende. Alke flogen an der Basaltklippe genug hin und her, aber sie flogen zu hoch. Zwei Eissturmvögel hatten wir unterwegs geschossen, dies verschlug jedoch nicht recht. Wir gingen deshalb auf eine in der Nähe des Zeltplatzes liegende Gruppe von Walrossen zu und schossen eins. Nur mit Mühe gelang es uns, die andern wegzujagen, damit wir uns von dem erlegten Thiere ein Stück Fleisch abschneiden konnten. Am Abend dachten wir es uns so schön, eine Speise aus dem gewonnenen Blute zu bereiten, und kochten daher Fisch- und Maismehl mit Walroßblut und Thran. Wir glaubten, es müßte ein köstliches Gericht werden, aber als es fertig war und wir einzuhauen begannen, konnten wir uns für den Geschmack gerade nicht sehr begeistern. Am nächsten Tag zogen wir nach dem Vorgebirge. Es wehte ein noch besserer Segelwind als früher, und vorwärts ging es mit großer Schnelligkeit. Als wir zum Vorgebirge kamen, war dort offenes Wasser, der Nordwind hatte die Rinnen wieder geöffnet. Zum ersten male auf dieser Fahrt setzten wir das Kajak ins Wasser. Es war ein herrliches Gefühl, die Ruder wieder gebrauchen zu können und sich vom salzigen Seewasser bespritzen zu lassen. Dort flogen und tauchten Vögel; Krabbentaucher lagen scharenweise auf dem Wasser, Stummelmöven schwebten in graziösem Fluge umher, und zwei neue fremde Vögel flogen rasch über unserm Kopfe dahin. »Das waren wahrhaftig Eiderenten!« sagte Nansen. Am Ufer sahen wir auch zwei wilde Gänse. Es war uns auf einmal zu Muthe, als wären wir weit nach Süden vorgerückt. Wir ruderten vor gutem Winde eine tüchtige Strecke am Lande entlang, bis wir auf eine feste Eiskante stießen, wo wir das Lager aufschlugen. Am 6. Juni haben wir die beste Reise gehabt. Dem offenen Wasser konnten wir nicht folgen, es ging nach Nordwest, aber es wird sich weiter südlich wol an irgendeiner Stelle dem Lande wieder nähern, da wahrscheinlich einige Inseln, die weit draußen liegen, das Eis festhalten. Wir folgten also nicht dem Wasser, sondern richteten den Kurs auf ein paar niedrige Inseln im Süden; es war so nebelig, daß wir unsere Umgebung nicht sehen konnten. Nansen befestigte ein Ruder, ich eine Bambusstange am Vorderende des Kajaks; wir standen auf Schneeschuhen davor und hielten uns an diesen Steuerstangen fest, während der Wind in die Segel fiel und uns, die Schlitten und die Kajaks dahintrieb. Nach einer guten Tagereise schlugen wir, müde und hungerig, aber seelenvergnügt, unser Lager bei der westlichsten der Inseln auf. Es ist merkwürdig, wie lange wir hier ohne Nahrung in Bewegung sind; 12 bis 14 Stunden zwischen jeder Mahlzeit ist das Gewöhnliche, und dabei haben wir hart zu arbeiten, hauen dafür aber auch tüchtig ein. Die Blutspeise, die wir bereitet haben, hält freilich noch lange vor; wir essen bei jeder Mahlzeit davon, aber es will uns dünken, als ob noch immer ebenso viel da sei. Fortwerfen wollen wir sie nicht, wir müssen also sehen, daß wir sie aufessen; aber scheußlich schmeckt sie. Eine Mittagshöhe zeigte, daß wir uns auf 80° 45' nördlicher Breite befinden. Jetzt ist es wol ziemlich sicher, daß wir nicht auf Franz-Joseph-Land sind, sondern auf einem aus unzähligen Inseln bestehenden Lande weiter westlich. Der Weg nach Spitzbergen wird also kürzer. Die beiden folgenden Tage segelten wir vor heftigem Winde auf dem Eise. Gegen Westen hatten wir beständig ein großes Gletscherland, auf der Ostseite passirten wir zwei niedrige Vorgebirge mit Inseln und Wasserstraßen dazwischen. Wir segelten nach Noten. Gewöhnlich war ich ein Stück voraus; ich sauste auf den Schneeschuhen leichter dahin als Nansen, der schwerer vorwärts zu bringen war. Manchmal ging es so schnell, daß wir uns nur mit Mühe auf den Schneeschuhen aufrecht halten konnten, und gelegentlich segelten wir auch mit unsern gestutzten Schlitten um. Am 8. Juni machten wir eines Schneesturms wegen halt und gruben uns, nachdem wir die ganze Nacht auf den Beinen gewesen waren, am Vormittage in eine Schneewehe ein. Am nächsten Tage wurde lustig weiter gesegelt; der Schnee war naß, aber es ging trotzdem. An einer Stelle nahe beim Lande hätte ich mich beinahe unter das Eis gesegelt; die Schneeschuhe und der Schlitten schnitten ein, ich konnte nur mit knapper Noth wieder herausklettern und den Schlitten von dem Schneeschlamme weg auf festes Eis schieben. Nansen, der hinter mir war, konnte rechtzeitig beidrehen. Dann mußten wir die Segel reffen und einen langen Umweg machen, ehe wir wieder weitersausen konnten. 9. Juni. Tagsüber geht es jetzt gut. Wir ziehen vor kräftigem Segelwinde am Lande entlang, das sich noch immer in südlicher Richtung erstreckt. Wir können noch nicht recht dahinter kommen, wie es sich im Süden mit dem Lande verhält, und haben heute gefürchtet, daß wir im Begriffe seien, in einen Fjord hineinzusegeln. Doch ist dies gewiß nicht der Fall, es ist sicherlich ein Sund. Unser Fleischvorrath ist wieder zu Ende, ein wenig gekochtes Fleisch haben wir freilich noch; heute Abend werden wir Grütze von Fischmehl essen. Vom 10. bis zum 12. Juni segelten wir mit solcher Geschwindigkeit auf dem Eise dahin, daß es oft schwer war, sich auf den Schneeschuhen aufrecht zu halten. Am 12. sagten wir dem Lande östlich von uns Lebewohl und hielten uns an das auf der Westseite. Eine Wasserstraße zertheilte dieses Land, und auf seiner Südseite entdeckten wir von einem Eishügel herab offenes Wasser; wir konnten das Brausen der Brandung an der Eiskante hören. So zogen wir denn zum Wasser hinaus. Jetzt hieß es, auf anderm Eise als bisher fahren, es war wieder unser alter Bekannter, das holperige Treibeis. Der Wind frischte auf, als wir das Wasser erreichten. Die Kajaks wurden zusammengebunden, das Segel gehißt, wir krochen in das Loch, Nansen nahm einen Schneeschuh und steuerte damit, und vor einer frischen Brise ging es vorwärts am Lande entlang. Nun waren wir also auf der Südseite, aber noch konnten wir nicht klug daraus werden, wo wir uns eigentlich befanden. Nansen sprach davon, daß es am Ende doch Franz-Joseph-Land sein könnte. Er meinte, es stimme hier alles mit Leigh Smith's Karte über die Südseite dieses Landes überein. Ich dagegen meinte, nach Payer's Karte könne es dies nicht sein. Inzwischen segelten wir flott weiter und legten, als der Wind am Abend abflaute, an der Eiskante an. Nansen erklomm einen Eishügel, um sich nach dem Fahrwasser umzuschauen. Als er wieder zurückkam, wollten wir miteinander auf den Hügel steigen. Die Kajaks wurden mit einem Riemen an dem in das Eis gestoßenen Schneeschuhstocke festgebunden. Als wir oben auf dem Hügel angekommen waren, sah ich zufällig, daß die Kajaks sich von dem Stocke losgerissen hatten und im Begriffe waren, fortzutreiben. »Dort, dort!« rief ich, und beide stürmten wir den Hügel hinunter. Nansen riß sich einige Kleidungsstücke vom Leibe. »Nimm die Uhr!« sagte er und gab sie mir; sorgenvoll schaute er nach den Kajaks aus, während er sich auszog, und sprang dann ins kalte Eiswasser. Dort trieb unser ganzes Hab und Gut fort: unser Proviant, Kleider, Munition, Gewehre und unsere einzigen Mittel, vorwärts zu kommen. Das Einzige, was auf dem Eise lag, war mein Packsack; ich hatte das Schuhzeug gewechselt, während Nansen das erste mal auf dem Eishügel war. Nansen schwamm, und die Kajaks trieben. Immer weiter entfernten sie sich, immer ernster wurde die Situation; es war ungewiß, ob er in dem kalten Wasser eine so lange Strecke würde schwimmen können. Ich konnte nicht ruhig bleiben. Ich lief auf dem Eise hin und her und konnte doch nichts, gar nichts thun. Ich sah nach Nansen hin, der von Zeit zu Zeit auf dem Rücken schwamm, um auszuruhen, und hatte Angst, er möchte einen Krampf bekommen und vor meinen Augen sinken. Es half ja nichts, wenn auch ich mich hineinstürzte. Er entfernte sich immer mehr, die Schläge wurden matter und matter. Nun kann er bald nicht mehr – endlich sehe ich ihn mit Mühe in das eine Kajak greifen; er versucht, sich emporzuschwingen, ist aber anfänglich nicht dazu im Stande; noch ein Versuch, es glückt ihm, jetzt sitzt er oben auf dem einen Kajak. Mir fällt ein schwerer Stein vom Herzen. Nansen ergreift ein Ruder und beginnt, wieder auf die Eiskante zusteuernd, auf beiden Seiten der zusammengebundenen Kajaks zu paddeln. Diese Ruderfahrt war, wie er nachher sagte, beinahe das Allerschlimmste. In den dünnen, klatschnassen Kleidern, durch die der Wind blies, fror er entsetzlich. Plötzlich sehe ich ihn aufhören zu rudern; er ergreift die Flinte und schießt zwei Alke, die vor dem Buge liegen. Da muß es, denke ich, doch nicht so schlecht um ihn stehen. Er fischt die Alke auf und rudert weiter, endlich legt er an der Eiskante an, eine kleine Strecke östlich von der Stelle, wo die Kajaks abgetrieben sind. Ich eile dorthin, und gleich sind wir wieder am Landungsplatze. »Wie geht es dir?« frage ich. »Es ist so kalt, so kalt«, antwortet er mühsam. Ich half ihm beim Ausziehen der nassen Kleider und zog ihm die paar trockenen Sachen an, die wir noch hatten. Hierauf entledigte ich mich meiner Beinkleider und gab sie ihm, holte den Schlafsack ans Land, ließ ihn hineinkriechen und deckte ihn dann mit den Segeln zu. Er sah schlecht aus, als er kam. Das Gesicht war bleich, das lange Haar und der Bart naß; Schaum stand ihm vor dem Munde, das Sprechen machte ihm Mühe, er konnte beinahe nicht stehen und zitterte vor Kälte unaufhörlich. Als Nansen gut im Sacke untergebracht worden war, galt es, unsere Habe höher auf das Eis hinaufzubringen, ein ordentliches Haus zu bauen, das nasse Zeug auszuringen, Essen zu kochen u. s. w. Ich besorgte dies alles in meiner leichten Kleidung; glücklicherweise war schönes Wetter. Dann und wann eilte ich zum Schlafsacke, der sich noch immer bewegte, und lauschte gespannt. Nach einer Weile schlief Nansen; ich ließ ihn schlafen, bis alles fertig war. Als er wieder aufwachte und ich mich nach seinem Befinden erkundigte, hatte er seine natürliche Stimme wieder und befand sich wohl. Wir verzehrten nun die Alke, die unter so außergewöhnlichen Umständen geschossen worden waren, besprachen die ernsten Ereignisse dieses Tages und priesen uns glücklich, daß wir alle unsere Sachen behalten hatten. Achtzehntes Kapitel. Ein neues Leben Wir setzten unsere Reise zu Wasser an der Eiskante entlang fort. Am 14. Juni gingen wir an einer Stelle an Land, wo zwei sehr große Gruppen von Walrossen auf dem Eise lagen und einige daneben tauchten und schnauften. Es roch weithin nach Walrossen. Eine solche Menge hatten wir noch nie gesehen, es mußten mehrere Hundert sein. Wir hatten sowol Fleisch wie Speck nöthig: hier war von beidem genug vorhanden. Nansen schoß aus der einen Gruppe zwei junge Walrosse (von den ausgewachsenen hatten wir genug bekommen!), doch als wir hinzuspringen wollten, um sie zu holen, nahmen die Walroßmütter ihre Jungen unter der Finne mit, und wir standen mit langen Gesichtern da. Dann gingen wir nach der andern Gruppe und schossen dort ein Junges sammt der Mutter; nun mußte sie da bleiben. Von der Mutter nahmen wir den Speck und füllten unsere Kajaks damit; von dem Fleische des Jungen kochten wir uns einen gehörigen Topf voll und schwelgten in frischem Fleische. Die Rippenstücke des jungen Walrosses waren wirklich gut, sie schmeckten wie Hammelfleisch. Im Laufe des Tages hatten wir auch so viele Alke geschossen, daß das ganze Deck der Kajaks voll war; wir waren also wieder gut mit Nahrungsmitteln versehen. Nach einem Bären hatten wir uns in der letzten Zeit sehr gesehnt; aber wie gewöhnlich: wenn man jemand braucht, so kommt er nicht. Jetzt konnte es uns auch einerlei sein, da wir entdeckt hatten, daß die jungen Walrosse so gut schmeckten. Nachdem wir geschlafen und wieder gegessen hatten (wir suchten es so einzurichten, daß wir nur ruderten, wenn die Strömung uns half), zogen wir mit zusammengebundenen Kajaks weiter, um besser gegen etwaige Angriffe von Walrossen gesichert zu sein, von denen es im Wasser und auf dem Eise wimmelte. Ja, wir konnten hören, daß sie ab und zu unter uns im Wasser schnauften, ohne zum Vorschein zu kommen. Von Zeit zu Zeit lösten wir die Kajaks, mußten sie aber alle Augenblicke wieder zusammenbinden, sobald die Walrosse uns zu nahe kamen. Die Nacht auf den 15. Juni hindurch zogen wir bei stillem, schönem Wetter dahin. Allmählich wurden es weniger Bestien, und schließlich waren wir allein. Als der Morgen kam, ruderte ich voran, Nansen dicht hinterdrein. Da tauchte ein Stückchen vor uns ein einzelnes Walroß auf, verschwand aber, sobald es uns erblickte. »Wir wollen sehen, wo es wieder erscheint«, sagte ich; »hier liegt es sich so fein.« Unter der Wasserfläche sprang ein Eisfuß ein paar Meter vor, und die Eiskante war hier niedriger, als sie sonst zu sein pflegte. Hier machten wir halt, hatten dies aber kaum gethan, als das Walroß auch schon dicht neben Nansen's Kajak auftauchte, das außen und ein wenig hinter dem meinigen lag. Plötzlich und unerwartet kam das Ungethüm aus der Tiefe emporgeschossen; schnaubend und die langen Hauer zeigend, legte es die Vorderfinne auf den Rand des leichten Fahrzeugs, um es zu kentern. Nansen drückte sich an den entgegengesetzten Rand und schlug das Walroß mit dem Ruder auf den Kopf. Die Bestie drehte den Kopf ein wenig, richtete sich im Wasser höher auf und schien zu mir, der ich mit dem Ruder bereit stand, kommen zu wollen. Doch plötzlich wurde sie andern Sinnes, warf sich mit solcher Wucht im Wasser herum, daß es hoch aufschäumte, und fort war sie. Dies ging sehr schnell vor sich, und wir glaubten, jetzt würde weiter nichts erfolgen. Aber plötzlich sagte Nansen: »Ich muß ans Land, schnell, die Bestie hat mir ein Loch in das Kajak gerissen!« Ein Glück, daß wir auf dem Eisfuße waren. Das Kajak stand bald auf dem Grund, Nansen stieg aus, und ich brachte sein Kajak in eine Bucht an der Seite, wo die Eiskante sehr niedrig war. Es war ein großer Riß seitwärts am Vorderende des Kajaks, durch den das Wasser einströmen konnte. Ich mußte daher das Fahrzeug auf der andern Seite so mit der Hand niederdrücken, daß das Loch sich über die Wasserlinie erhob, während ich mit der andern Hand beide Kajaks ans Land ruderte und Nansen mit der Flinte auf der Scholle bereit stand, um das Walroß zu empfangen, falls es von neuem kommen sollte. Einige von den Alken, die wir unterwegs geschossen hatten, fielen ins Wasser und trieben fort. Ich ging nachher hinaus und fischte sie wieder auf. Glücklicherweise war das Wetter schön und das Eis, auf dem wir uns niederließen, gut und eben; nur beim Wasser war es schlecht und weich. Nansen war bis über die Knie hinauf naß geworden; die durchnäßten Sachen nahmen wir aus seinem Kajak heraus und breiteten sie zum Trocknen aus. Den Schlafsack faßten wir an beiden Enden an und rangen ihn aus, bis er einigermaßen trocken war, krochen dann in die Koje und verschliefen die ganze Walroßgeschichte. 17. Juni abends. Große Dinge sind geschehen: wir haben drinnen im Lande Hunde bellen gehört! Nachdem das Loch in Nansen's Kajak ausgebessert und die Fugen beider mit geschmolzenem Stearin verpicht worden waren, wollten wir heute weiter ziehen. Diesmal war Nansen an der Reihe, das Kochen vor dem Aufbruche zu besorgen. Nachdem er den Topf mit jungem Walroßfleisch und Seewasser gefüllt und das Feuer in Gang gebracht hatte, kletterte er auf einen nebenan liegenden Eishügel, den wir schon mehrmals bestiegen hatten. Nach einer Weile rief er mir, der ich noch im Halbschlafe im Sacke lag, zu: »Johansen, ich höre drinnen im Lande Hunde bellen!« Ich schnell aus dem Sack und den Hügel hinauf. Dort horchte ich eine Weile, während Nansen sich mit dem Kochen beschäftigte. Ich war mir nicht klar darüber, ob das, was ich ein paarmal hörte, Hundegebell oder der Lärm von Tausenden von Vögeln sei, die auf den Bergen landeinwärts nisteten. Es wurde beschlossen, daß Nansen nach dem Lande hinübergehen und die Sache untersuchen sollte, während ich zurückbleiben und unser Eigenthum bewachen mußte, damit es uns nicht ausrückte; denn das Eis, auf dem unser Lager war, konnte sich sehr leicht loslösen und nach der See treiben. Während des Essens erschöpften wir uns in Vermuthungen, wer es sein könnte, falls dort Menschen wären. Vielleicht war es die englische Expedition, von der die Rede war, als wir mit der »Fram« abreisten? Oder der Norweger Ekroll? Waren es überhaupt Menschen, so mußten wir bei ihnen eine ordentliche Ausrüstung bekommen können und erfahren, wo wir uns befanden. Nachdem wir gegessen hatten, nahm Nansen mein Gewehr, da dieses mit einem Riemen versehen war. Wir besaßen jetzt jeder nur noch anderthalb Schneeschuhe; er bekam deshalb meinen ganzen, sodaß er ein benutzbares Paar hatte; den Aluminiumfeldstecher hing er sich um und versah sich reichlich mit Patronen. So ausgerüstet zog er ab, nachdem wir erst noch die Verabredung getroffen hatten, daß ich ein Hemd auf einer Bambusstange aufhängen sollte, damit er sehen könnte, wo ich war. Als Nansen fort war, ging ich auf den Hügel und lauschte wieder. Noch immer hörte ich den Lärm der Vögel. Nansen konnte doch diesen nicht für Hundegebell gehalten haben? Plötzlich erschallte, durch den Wind vom Lande hergetragen, das Gebell mehrerer Hunde mit rauhen und feinen Stimmen; mehrere male schlug es so deutlich an mein Ohr, als wäre es ganz in der Nähe auf dem Eise und nicht landeinwärts, in einer Entfernung von mehr als 5 Kilometer. Jetzt war ich überzeugt: dies kann nichts anders als Hundegebell sein, und dort müssen sich Menschen befinden. Wie eigenthümlich, nach einem so langen Aufenthalte in der Wildniß wieder mit Menschen zusammenzutreffen! Es ist beinahe unfaßbar! In seliger Erwartung klettere ich den Eishügel hinauf und hinunter und lausche. O, möchte Nansen doch Leute finden und bald wieder hier sein! Immer gespannter wurde ich auf die Auflösung dieses Räthsels. Mein eines Hemd flatterte hoch oben auf einer langen Stange auf dem Eishügel und mußte, so schwarz, wie es gegen das weiße Eis abstach, weithin zu sehen sein. Endlich sah ich dann und wann auf dem hügeligen Eise am Lande einen dunkeln Punkt erscheinen und wieder verschwinden. Ich glaubte erst, es sei Nansen, der zurückkehrte; aber bald bemerkte ich, daß der Mann keine Schneeschuhe hatte, und als er näherkam, erblickte ich auf seiner Schulter einen langen Gewehrlauf. Es war ein fremder Mann – der erste seit drei Jahren! Ich eilte hinunter, holte eine unserer Flaggen und hißte sie neben dem Hemde auf, damit der Fremde sehen sollte, welche Nation hier vertreten war. Jetzt sah ich, daß der Mann einen reinen, civilisirten Anzug trug und sein Gesicht reingewaschen war; ich konnte ihn stark atmen hören und sah ihn dann und wann in den Schnee fallen. Er trug hohe, bis zu den Hüften reichende Stiefel. Ich eilte ihm entgegen; er schwenkte die Mütze, ich meinen alten, fettigen Hut, und bald drückten wir einander die Hand. » English ?« fragte er. » No «, sagte ich. Leider war ich seiner Sprache nicht mächtig. Ich versuchte es also mit dem Deutschen und dem Französischen, aber leider konnte keine Verständigung zu Stande kommen. Und dennoch herrschte Verständniß zwischen uns, das aus dem Herzen kam. Herr Child – so hieß der Mann – hatte sich sofort auf den Weg gemacht, als er von Nansen gehört hatte, daß dieser draußen an der Eiskante einen Kameraden zurückgelassen habe. Nansen hatte nur noch Zeit, ihm nachzurufen, daß ich des Englischen nicht mächtig sei. Ich führte ihn nach dem Lager. Als er unsere Schlitten und Kajaks, unser schlechtes Zelt, das Kochgeschirr mit dem Speck und dem Fleische erblickte, da sah ich seine schönen dunkeln Augen bald mich, bald die Sachen anschauen, und Verwunderung prägte sich in seinen Zügen aus. Ich bediente mich, so gut ich es verstand, der Zeichensprache. Nachdem wir uns gegenseitig eine Weile verwundert hatten, gesellten sich noch zwei Männer zu uns. Es waren die Herren Burgeß und Fisher. Dieselbe herzliche Begrüßung, dieselbe Verwunderung; der eine sprach ein wenig Deutsch und Französisch, aber sie thaten so viele Fragen und wollten über so vielerlei aufgeklärt sein, daß ich sie nicht im entferntesten zufrieden stellen konnte. Sie warteten deshalb darauf, bis ein Finne Namens Blomqvist käme. Endlich traf dieser ein, und noch zwei mit ihm; es waren, wie ich hinterher erfuhr, Dr. Koetlitz und der Zweitkommandirende Herr Armitage. Sie brachten zwei prächtige Schlitten mit, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten; die müssen gewiß aus Norwegen sein, dachte ich. Nun hielt ich eine kleine Ansprache an Blomqvist, eine kraftvolle Erscheinung mit scharfgeschnittenem Gesicht, die mich an Runeberg's Gestalten erinnerte. Ich erzählte ihm schnell die Geschichte der Expedition in großen Zügen; daß wir die »Fram« verlassen hätten, bis 86° 14' vorgedrungen seien und nördlich von hier überwintert hätten, ohne zu wissen, wo wir uns befanden, da unsere Uhren stehen geblieben u. s. w. »Erzählen Sie es nun den andern«, sagte ich. »Versteh' den Herrn nicht!« sagte er. Er hatte so lange unter Ausländern gelebt, daß er seine Muttersprache beinahe vergessen hatte, und sich über das, was ich ihm in zusammengedrängter Form erzählt hatte, erst ein bischen besinnen mußte. Deutsch ging jedoch die Conversation tadellos; der Doctor war in Deutschland geboren und fungirte nun als Dolmetscher. Armitage holte eine Feldflasche hervor, schenkte einen Becher Portwein ein und bot ihn mir an. Alle nahmen die Mützen ab und entblößten Hauptes brachten sie, zu unserer Flagge emporsehend, ein Hoch auf Norwegen aus. Meine Gefühle in diesem Augenblick lassen sich eher denken, als beschreiben. Da stand ich mitten unter diesen liebenswürdigen Leuten, ein schwarzer, häßlicher, zerlumpter Wilder mit langem Haar, plötzlich der Civilisation wiedergegeben in einer Gruppe fremder Menschen, die nach Seife und reiner Wäsche dufteten! Um uns herum dehnte sich das Eis, mit dem wir beide diese Jahre hindurch gekämpft hatten, und dort oben wehte die Flagge, die ich vertrat, das fühlte ich – nie hatte ich es so gefühlt, daß ich ein Vaterland habe, wie damals! –, und erhobenen Hauptes leerte ich den Willkommensbecher, während das Hurrah der Engländer auf dem Eise widerhallte. Wir brachen das Lager ab. Mit aufrichtiger Befriedigung schüttete ich nun unsern Vorrath an Fleisch und Speck aus; jetzt brauchte all dieses nicht mehr mitgeschleppt zu werden: dort, wohin wir gingen, gab es sicher etwas zu essen. Die Alke, die Nansen und ich geschossen hatten, lagen auf einem Haufen auf dem Eise. Die Engländer schnitten ihnen den Kopf und die Füße ab, um ein Andenken an diese Stunde mit nach Hause zu nehmen. Ich durfte gar nichts thun, ich mußte nur sagen, wie ich alles transportirt haben wollte, und ich vergaß nichts von unserm schlechten Hab und Gut. Ich wollte nicht, daß von dem, was uns bisher so sehr von Nutzen gewesen war, auch nur das Geringste hier liegen bleiben sollte. Dr. Koetlitz hatte mir sogleich eine Pfeife in den Mund gesteckt, und Child versah mich augenblicklich mit einem wohlgefüllten Tabacksbeutel. Dann zogen wir auf das Land zu, drei vor jedem Schlitten. Ich lief los und ledig auf den mangelhaften Schneeschuhen nebenher und rauchte meine Pfeife, und wenn sie sich ausruhten, mußte ich Dr . Koetlitz von unserer Reise erzählen. Jetzt waren wir schon so nahe, daß ich die Ansiedelung der Engländer, ein großes Haus und vier kleine, auf dem Strande sehen konnte. Als wir näher kamen, erblickte ich vor dem größten Hause Nansen, der gerade in seiner ganzen häßlichen Schmutzigkeit mit den zottigen Haaren photographirt wurde. Ich schwenkte den Hut, und er schwenkte den seinen zum Gruße. Ich sagte ihm, daß dies von all unsern verschiedenen Reisearten im Treibeise die beste sei, die ich erprobt hätte, worin er mit mir ganz übereinstimmte. Jetzt kam mir der Chef der Expedition, Herr Jackson, entgegen; Nansen war Dolmetscher. Was gesagt wurde, darauf achtete ich eigentlich wenig; der Händedruck, den er mir gab, und sein heiteres, wohlwollendes Gesicht sagten mir, daß die bekannte englische Gastfreiheit an ihm einen vorzüglichen Vertreter habe. Hier traf ich auch Herrn Hayward, den Koch, der eiligst Waschwasser für die beiden angekommenen Wilden heiß machen mußte. Nansen hatte, nachdem er mich verlassen, auf dem Wege wieder Hundegebell gehört und war schließlich einem Manne mit einem Hunde begegnet; es war Jackson. Es gab eine herzliche Begrüßung. Sie hatten alle beide ihre Gewehre abgeschossen; es war merkwürdig, daß ich es nicht gehört hatte, vermuthlich hatte der Wind gerade zum Lande geweht. Nansen hatte schon gespeist. Nun kam die Reihe, an dem reichbesetzten Tische Platz zu nehmen, an mich. Ich saß auf einem richtigen Stuhle und aß mit Messer und Gabel, hatte vor mir Butter und Brot, Zucker, Thee, Chocolade u.s.w., lauter civilisirte Genüsse. Ich sah meinen Anzug, sah meine schmutzigen, fettigen Hände an und wußte nicht recht, wo ich damit bleiben sollte. Da kam einer und hielt mir von ungefähr einen Spiegel vors Gesicht. Du lieber Himmel, welcher Anblick! Ich mußte lachen, kannte ich mich doch kaum selbst wieder. Dann aber nahmen wir ein warmes Bad mit Seife und Handtüchern, und das war von allem das Beste. Ah, welch ein Hochgenuß, dem über ein Jahr alten Schmutze Lebewohl sagen zu können! Und dann wieder reine Wäsche anzuziehen, wovon wir mehr als einmal gesprochen hatten! So begannen jene unvergeßlichen Tage in Jackson's Station Elmwood auf Kap Flora. Jeden Tag wurde aus London ein Schiff erwartet. Es sollte erst eine Tour an der Westküste des Landes entlang machen und dann den Kurs nach Hause richten. Nansen wurde in Jackson's Zimmer einquartirt, und Dr. Koetlitz zog aus Armitage's Stube aus und überließ mir den Platz bei seinem Kameraden. Die übrigen schliefen in dem gemeinschaftlichen großen Zimmer, in dessen Mitte ein prachtvoller Ofen stand, auf dem Fußboden. An den Wänden und der Decke standen und hingen Bücherbretter; die Gewehre hatten ihren Platz in einer Ecke, wo auch eine große Spieluhr stand. Ueberall hingen Photographien und Bilder: ja, hier sah es anders aus als in unserer Hütte droben im Norden! Wir erhielten schöne, reine wollene Nachthemden und vor jeder Mahlzeit Waschwasser und Seife! Die Zeit vergeht schnell und angenehm. Wir werden in jeder Weise bedient; diese liebenswürdigen Leute wetteifern förmlich, uns das Leben so gemüthlich wie nur möglich zu machen; sie sind voll Bewunderung über unsere Reise, da sie sich alle für arktische Forschung interessiren. Ich begann sofort mit dem Englischlernen. Nansen und Dr. Koetlitz waren mir dabei behülflich; der letztere suchte einige englische Witzblätter heraus und war unermüdlich, mir den Text ins Deutsche zu übersetzen. Blomqvist hatte ein altes englisch-schwedisches Wörterbuch; dieses half mir sehr, und dann fand ich in der Bibliothek alle Cooper'schen Romane, die ich aus frühern Jahren so gut kannte. Es dauerte gar nicht lange, so sagte Nansen, in Zukunft werde er mit mir nur englisch sprechen. Es kommt uns ganz eigenthümlich vor, daß wir jetzt täglich so viele Mahlzeiten haben, nachdem wir so lange Zeit hindurch gewohnt gewesen sind, in vierundzwanzig Stunden nur ein- bis zweimal zu speisen. Wir essen aber jetzt bei jeder Mahlzeit doch ebensoviel wie sonst und finden durchaus nicht, daß es zu oft ist, sondern freuen uns jedesmal, wenn das Essen auf den Tisch kommt. Merkwürdigerweise sind Nansen und ich bedeutend stärker geworden, seit wir die »Fram« verlassen haben; das kommt wol von dem Stillliegen in der Hütte und der ausschließlichen Bärenfleisch- und Speckdiät. Hier sieht es auch nicht danach aus, als würden wir wieder »abnehmen«. Als Jackson mit seiner Expedition von Europa abreiste, nahm er Briefe aus Norwegen für Nansen und einige andere an Bord der »Fram« mit; es konnte ja sein, daß die beiden Expeditionen einander begegneten. Den Blechkasten, in dem die Briefe waren, erhielt Nansen sofort, als wir bei Kap Flora ankamen. Es waren zwei Jahre alte Briefe darin an ihn und einige Kameraden, an mich keiner; aber Nansen erhielt nur gute Nachrichten. Jetzt konnten wir auch herausbekommen, wie es sich mit unsern Beobachtungen verhielt, da Armitage Nansen's Uhr längere Zeit mit dem Chronometer in Elmwood verglich. Wir überzeugten uns, daß unsere Länge doch nicht so verkehrt gewesen war und der Gang der Uhren sich gut gehalten hatte. Nun lösten sich also alle Räthsel, wenn man den Mangel an Uebereinstimmung zwischen Payer's Karte und dem Lande, wie wir es auf unserer Fahrt gefunden hatten, ausnimmt. Nansen begann sofort, eine Karte von Franz-Joseph-Land nach unsern Aufnahmen und nach der Karte, die Jackson über seine Reise auf diesen Inseln aufgenommen hatte, auszuarbeiten. Ich machte mich daran, unsere meteorologischen Beobachtungen seit unserm Abschiede von der »Fram« aus Nansen's Tagebuch zusammenzustellen und zu copiren, eine Arbeit, die oft schlimm genug war, weil Fett und Schmutz die Zahlen manchmal beinahe unleserlich gemacht hatten. Eines Tages kam ein Bär vom Ufer her auf das Haus zu spaziert. Nansen und Jackson eilten hinaus, jener mit der Flinte, dieser mit dem photographischen Apparate. Jackson wollte versuchen, ihm so nahe wie möglich zu kommen, um ein gutes Bild von dem Raubthiere in seiner Freiheit zu erhalten; der Bär ging ihnen jedoch aus dem Wege. Nansen schickte ihm ein paar Schüsse nach, worauf er hinfiel und im Schnee zu kratzen begann. Wir übrigen standen alle oben auf dem Uferrande und schauten zu, wie der Bär fortzukommen versuchte. Manchmal machte er einen Ausfall gegen zwei Hunde, die ihm zu dreist wurden; der eine wurde in der Seite gepackt und fortgeschleudert, dem andern, der der flinkste Bärenhund war, wurde an dem einen Fuße die Pulsader aufgerissen. Jackson wollte, nachdem er die gewünschten Photographien aufgenommen hatte, dem Bären mit dem Revolver den Garaus machen und gab ihm zwei Schüsse in den Kopf; doch nun wurde das Thier ganz wüthend und fauchte, biß und schlug mit den Tatzen um sich, während sein Blut den Schnee roth färbte. Eine Flintenkugel in den Schädel machte seinen Leiden ein Ende. Hinter dem Platze, auf dem das Haus lag, ging es einen hohen, steilen Abhang hinauf, und über diesem erhob sich ein Basaltberg mit einer Gletscherdecke lothrecht in die Luft. In den Wänden dieses Berges nisteten eine Menge Vögel, Alke und verschiedene Mövenarten. Wir hörten sie immer kreischen, sobald wir aus dem Hause kamen. Droben auf dem Abhange zu sitzen und die Alke zu schießen, die zwischen dem Berge und den offenen Stellen im Eise pfeilschnell hin- und herflogen, war eine herrliche Jagd, und kein Tag verging, an dem wir nicht gebratene Alkenbrüste gespeist hätten. Jackson zog auch mit langen Leitern aus und nahm Eier aus den Nestern an den steilen, brüchigen Basaltfelsen; diese großen Eier, die wir zu jedem Frühstück bekamen, waren außerordentlich wohlschmeckend. Armitage oder Dr. Koetlitz und ich machten gewöhnlich am Vormittag einen Spaziergang in der Umgegend der Station. Am 28. Juni ging eine kleine Expedition nach Kap Gertrud ab; sie bestand aus Armitage, dem Doctor, dem Botaniker Fisher und mir. Wir zogen am Morgen aus und kamen abends wieder heim. Es that mir gut, in den stillen Tagen eine längere Tour machen zu können. Den größten Theil des Weges gingen wir auf Schneeschuhen über einen Gletscher. Es waren prächtige Menschen, mit denen ich zusammen war. Wir hatten gute Schneeschuhe; sie waren für die englische Expedition durch Nansen's Bruder in Norwegen bestellt worden. Auf Kap Gertrud fanden wir Walroßzähne, versteinertes Holz, Walfischknochen, Sandsteine im Basalt und noch verschiedenes andere. Eines Tages machte ich allein einen Ausflug. Ich wollte zum Gletscher auf dem Gipfel des Berges hinauf und über ihn hinweg nach der andern Seite der Insel hinunter. Als ich endlich oben angekommen war, hüllte ein so dichter Nebel die Spitze ein, daß ich die Hand nicht vor den Augen sehen konnte und mich beinahe nicht vom Flecke zu rühren wagte, da ich von dem abschüssigen Felsen leicht hätte abstürzen können. Nun mußte ich den Weg, auf dem ich gekommen war, auf Schneeschuhen im Zickzack mit kleinen Schritten wieder hinuntergleiten, und kam auf diese Weise schließlich aus dem Nebelgürtel heraus. Ich stieß auf eine Moräne und sammelte dort in einen mitgebrachten Sack einige Versteinerungen, die ich Nansen gab. Er und der Doctor gingen ab und zu zusammen auf die Jagd nach Versteinerungen. Wenn sie dann mit ihren Säcken von einem solchen Ausfluge zurückkehrten und ihren Fund auf dem Tische ausbreiteten, entstand zwischen ihnen eine lebhafte Discussion darüber, wer das Beste gefunden habe. Eines Tages erschien Armitage mit einer großen Schneeeule, die er geschossen hatte. Es war einige Tage vorher gerade die Rede davon gewesen, ob dieser Vogel hier existire oder nicht. Weder Nansen noch Jackson glaubten es; doch jetzt hielt ihnen Armitage die Beute vor die Augen. Er hatte sie aus ziemlich weiter Entfernung mit der Flinte erlegt. Am 5. Juli wurde draußen auf einem Eisberge in der Nähe des Ufers wieder ein Bär erlegt; Nansen und Armitage hatten ihn zur Strecke gebracht. Eine Menge Schüsse waren abgefeuert worden, ehe er liegen blieb, und da zeigte sich, daß fünf getroffen hatten. Auch diesmal standen wir andern als Zuschauer auf der Uferböschung und folgten gespannt dem Laufe der Jagd. Jackson, der auf der Alkjagd gewesen war, kam noch rechtzeitig mit seinem Apparate herbei, ehe der Bär stürzte. Es war das letzte Exemplar, das Nansen und ich von diesen Thieren sahen, die uns so lange Zeit hindurch unentbehrlich gewesen waren. Hier wurde von den Bären nichts weiter gegessen als das Herz und das Lendenstück. Eines Tages sammelten Jackson und ich am Ufer eine Strecke westlich von der Station Walfischknochen auf einen Haufen, damit man sie nachher leichter auf das Schiff bringen konnte, wenn dieses kam, um die Expedition nach Hause zu holen; auch eine Menge Muscheln waren hier zu finden. Walrosse konnten wir beinahe täglich draußen in den offenen Stellen im Eise grunzen hören. Die Tage verflossen angenehm. Abends wurde oft Karten gespielt; Armitage, Dr. Koetlitz, Fisher und ich bildeten eine Whistpartie. Die Engländer pflegten an den Freitag- und Sonnabend-Abenden ein Glas Portwein zur Erinnerung an ihre Freundinnen und Freunde in der Heimat zu trinken; Nansen und ich hatten nichts dagegen, diesen Brauch mitzumachen. Allmählich wurden wir ungeduldig, daß das Schiff, das eigentlich schon hätte da sein müssen, noch nicht eingetroffen war; den Eisverhältnissen, sowie der Richtung und Stärke des Windes wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Es konnte ja leicht sein, daß das Schiff des Eises wegen nicht an das Land herankommen konnte, und dann mußten Nansen und ich da, wo wir waren, noch einen Winter bleiben. Wir sprachen davon, nach Spitzbergen hinüberzugehen, doch jetzt im Juli war es nicht sicher, daß wir rechtzeitig genug einträfen, um dort gleich ein Fahrzeug zu finden, und dann hätten wir die Aussicht, auf Spitzbergen überwintern zu müssen. Die einzige Möglichkeit, noch in diesem Jahre nach Hause zu gelangen, war, daß das Schiff jetzt gleich kam. Es ist schön, wieder unter civilisirten Menschen zu sein und nicht mehr das harte Leben im Eise führen zu müssen; es ist schön, bei diesen liebenswürdigen Engländern zu sein, die alles thun, was sie können, damit wir es nach fünfzehn langen Monaten so gut wie möglich haben aber – wir wollen gern in diesem Jahre nach Hause! Es gibt wol nicht viele Menschen, die sich mehr als wir danach gesehnt haben, den Fuß auf heimatlichen Boden zu setzen. Unser Leben hier oben im ewigen Eise ist schuld daran. Wir haben allerlei Schweres durchgemacht, und mehr als einmal ist es gut gewesen, sich des Lebens in der Heimat erinnern zu können. Und wenn wir auch alle beide fest an die Freuden des Wiedersehens geglaubt haben, so sind doch auch viele Lagen gekommen, die uns daran erinnerten, daß unser Leben eine Zeit der Prüfung ist, daß der Mensch, der sich den Herrn der Schöpfung nennt, ein armes, vergängliches Wesen ist. Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat! Mit menschlichen Augen gesehen war der Winter, den wir zuletzt in unserer Hütte zugebracht haben, entsetzlich. Er war grauenhaft mit seiner Dunkelheit und seiner Kälte, mit seinen Entbehrungen und seiner Sehnsucht! Aber wie gering erscheint uns alles dieses, wenn wir an den unfaßbaren Willen denken, der den Menschen und Millionen von Lebewesen in die Welt setzt und sie dort ein Bruchtheil einer Secunde leben läßt; denn längere Zeit ist es nicht, an der Ewigkeit gemessen! Eine Winternacht, wie wir sie durchlebt haben, lehrt uns besser als alles andere verstehen, daß die Sorgen und der Kummer der Menschen nichtig sind! Neunzehntes Capitel. Auf norwegischem Boden Wir begannen jetzt ernstlich nach dem Schiffe auszuspähen. Auch vier von den Theilnehmern der englischen Expedition sollten in diesem Jahre nach Hause zurückkehren: der Finne Blomqvist und die Engländer Fisher, Child und Burgeß. Ein Tag nach dem andern verging, ohne daß sich etwas sehen ließ, dagegen trieb der Wind immer mehr Eis ans Land, und bald erblickten wir nichts anderes als wieder die weiße Fläche. Wenn wir abends hineingingen, um uns schlafen zu legen, nachdem wir vergeblich einen Blick über das Eis geworfen, ob wir die ersehnten Schiffsmasten noch nicht entdecken könnten, war es Blomqvist, der beständig sagte: »No ship, no home!« Er sehnte sich aus dem unsteten Leben nach Hause. 27. Juli. Wieder haben wir einen Abschnitt unsers Lebens auf dieser merkwürdigen Reise hinter uns. In der Nacht auf den Sonntag erwachte ich von einem lebhaften Gespräche meiner Kameraden, die in ihren Nachtgewändern auf den Beinen waren. Das Schiff aus London war gekommen! Draußen an der Eiskante lag es vertäut. Wie schwarz sahen die drei Masten und der Rumpf aus! Und so nahe war es ans Land gekommen! Der Nordwind hatte das lose Eis, das sich vor die feste Eiskante gelegt, im Laufe der Nacht nach der offenen See getrieben. »Windward« hieß das Schiff; von der größten Stadt der Welt hatte es den Weg nach dem ewigen Eise gefunden. Es bringt uns Botschaft von der Welt der Arbeit, die wir verlassen haben. Jackson und Blomqvist waren die ersten an Bord; der letztere brachte uns die Nachricht, daß die »Fram« noch nicht in Norwegen angelangt sei und niemand etwas von ihr gehört habe. Nansen begab sich sogleich an Bord, während Armitage und ich wieder in die Koje krochen, nachdem wir uns eine Weile an dem Anblick der »Windward« erfreut hatten. Doch bald füllte sich das Haus mit Leuten vom Schiffe. Alle sprachen auf einmal, Fragen und Antworten kreuzten einander. Ich hatte gehört, daß unter der Besatzung der »Windward« gewöhnlich auch Norweger seien. Vielleicht waren in der großen Stube Landsleute. Ich trat im Nachtgewande dort ein und fragte norwegisch: »Ist einer von Ihnen aus Norwegen?« »Ja, ich«, sagte eine Stimme. »Ich auch«, rief ein anderer. »Hier ist auch einer«, ertönte es aus einer Ecke. Norwegen schien reichlich vertreten zu sein. Jetzt wurde auch ich lebendig. Ich fragte und erhielt von allen Dreien auf einmal Antwort. Sie gehörten zu jenen Menschen, die beinahe nie daheim im Vaterlande sind, sondern beständig auf ausländischen Schiffen fahren und selten Gelegenheit haben, eine andere Sprache als die englische zu sprechen. Ich erfuhr eine Menge Neuigkeiten und hörte auch, daß daheim die Nachricht verbreitet sei, die »Fram« sei im Eise zerschellt, die Expedition sei aber doch am Nordpole gewesen und nun auf den Neusibirischen Inseln angekommen. In dieser Hinsicht mußten also Nansen und ich unsern Landsleuten eine Enttäuschung bereiten, da wir am Nordpole nicht gewesen waren. Wir haben aber auf jeden Fall das befriedigende Bewußtsein, gethan zu haben, was wir vermochten. An Bord der »Windward« wurden wir von der ganzen Besatzung mit offenen Armen empfangen. Der biedere liebenswürdige Kapitän Brown that alles, was in seiner Macht stand, um es uns möglichst gemüthlich zu machen. Er hatte zwei neue Polarforscher mitgebracht, die Herren Dr. Bruce und Wilton, die beide als Theilnehmer in Jackson's Expedition eintreten sollten. Nansen und ich waren tägliche Gäste an Bord, wo der Koch auftischte, was das Schiff vermochte, während Kapitän Brown mit den andern sich bemühte, uns alles, was sich in den letzten drei Jahren ereignet hatte, eingehend mitzutheilen. An jedem Abend war in dem gemüthlichen Salon der »Windward« eine große lustige und sangesfrohe Gesellschaft beisammen. Alle Mann hatten vollauf Arbeit, da die vom Schiffe mitgebrachte Ladung gelöscht werden mußte; darunter waren unter anderm auch vier Renthiere, die bei der Schlittenexpedition im nächsten Jahre verwendet werden sollten. Aber den Renthieren gefiel es dort oben nicht; ursprünglich waren es fünf gewesen, eins war bereits unterwegs verendet und die andern sagten schon, als wir noch da waren, ebenfalls adieu, obgleich an Bord der »Windward« Renthiermoos genug mitgebracht worden war. Besser gediehen einige Schafe, die man mitgenommen hatte. Obgleich das Löschen recht schwierig war (die Ladung mußte vom Schiffe nach dem Strande eine lange Strecke auf Schlitten gezogen werden), ging es doch sehr schnell von der Hand, und nach einer Woche war die »Windward« zur Abfahrt klar, mußte aber noch ein wenig auf die Post für die Heimat warten. Als wir eines Morgens erwachten, war das Schiff verschwunden. Ein Sturm hatte das Eis gegen die feste Kante getrieben, die »Windward« war losgerissen worden und hatte weiter westlich auf einer seichten Stelle einen Ankerplatz suchen müssen. Hier drängte das Eis von draußen auf sie ein, und es hatte eine Weile ganz den Anschein, als würde sie ans Land gepreßt werden. Doch sie kam zum Glück nach ein paar Tagen wieder los, und nun wurde ernstlich daran gedacht, sich reisefertig zu machen. Am 7. August lag die »Windward« unter Dampf ein gutes Stück draußen; denn vor der festen Kante war jetzt sehr viel loses Eis, wodurch auch der Verkehr mit dem Schiffe in hohem Grade erschwert wurde. Kapitän Brown saß in der Tonne, hielt Ausguck auf das trügerische Eis und ertheilte mit lauter Stimme seine Befehle; er ließ hin- und herkreuzen und die Dampfpfeife unaufhörlich ertönen. Das Boot, das Nansen und mich an Bord holte, entging nur mit genauer Noth der Gefahr, zwischen zwei Schollen zerdrückt zu werden. Schon von weitem sahen wir sie sich nähern, aber es war die einzige Oeffnung, durch die wir in diesem Augenblick hinauskommen konnten, und die Matrosen ruderten aus Leibeskräften. Es sah schlimm aus, aber wir schlüpften gerade noch durch, und kaum war das Achterende des Bootes klar, als die beiden schweren Schollen auch schon so zusammenkrachten, daß die Kanten zersplitterten. Gleich davor lag das Schiff in offenem Wasser, und bald enterten wir über die Rehling. Noch fehlte Fisher, der auch heimreisen wollte; dagegen befand sich Dr. Koetlitz, der nicht nach Hause sollte, noch an Bord, und die Post war auch noch nach dem Schiffe unterwegs. Ein wenig nach Westen war eine Bucht im Eise. Dorthin steuerte Kapitän Brown, der immer im Ausguck saß, und ließ dann ein Boot aussetzen. Dr. Koetlitz ging jetzt ans Land. Theils durch Rudern, theils durch Ziehen des Bootes über die Schollen gelangte schließlich Fisher mit der Post und einigen Kisten voll Versteinerungen an Bord. Mit einem Seufzer der Erleichterung sahen wir das Boot an seinen Platz in den Davits schwingen, und das Abschiedshurrah klang über das feste Eis hin, wo wir Dr. Koetlitz tüchtig ausschreiten sahen, um die fünf andern zu erreichen. Nicht lange dauerte es, so begegneten wir dem Eise. Kapitän Brown saß in der Tonne und dirigirte den Kurs mit der außerordentlichen Tüchtigkeit, die er durch seine langjährigen Eismeerfahrten erlangt hat. Er saß dort Tag und Nacht, kam nur ab und zu herunter, um etwas zu genießen, und gönnte sich nicht mehr als den allernothwendigsten Schlaf. Die »Windward« brach sich durch, und am 11. August sagten wir dem Eise endlich Lebewohl, nachdem Nansen und ich drei Jahre unsers Lebens darin zugebracht hatten. Am selben Tage erblickten wir das erste Segelschiff am Horizont und bald noch mehrere; wir fühlten, daß wir uns dem Ziele näherten. Der Augenblick, der uns so manchesmal als unser höchstes Verlangen, als Ziel unserer Sehnsucht vorgeschwebt hatte, konnte nicht mehr weit sein! Am nächsten Tage erblickten wir endlich Land am Horizonte; es war das Vaterland! Wir konnten es am Abend nur undeutlich sehen, aber es war doch dort. Am andern Morgen sahen wir die klippenreiche Küste; wir waren zu weit nach Norden ans Land herangekommen und mußten nun südwärts nach Bardö hin kreuzen. Wir sahen viele Segelschiffe; mit den Flaggen wurden Grüße ausgetauscht, und dann legte das Lotsenboot an der Seite bei. Der Lotse kam mit seinem Sohne an Bord und wandte sich an Kapitän Brown. Nachdem sie einiges miteinander gesprochen hatten, fragte ihn Brown, indem er auf Nansen deutete, ob er den Mann kenne. Der Lotse hörte Nansen mit mir norwegisch sprechen und zerbrach sich den Kopf darüber, was dies wol für zwei Norweger sein könnten, die auf der Kommandobrücke der »Windward« standen und nicht einmal gut gekleidet waren. Brown mußte ihm sagen, daß es Nansen sei. Da gingen ihm förmlich die Augen auf! Seine Mienen drückten Freude und Erstaunen aus, er schüttelte uns die Hand und hieß uns in der Heimat willkommen. Er und viele andere mit ihm hätten nie geglaubt, daß von der Mannschaft der »Fram« auch nur einer mit dem Leben davonkommen würde. Und von der »Fram« selbst hätte auch keiner seit ihrer Abreise je wieder etwas gehört. Während wir den Lotsen um Neuigkeiten bestürmten und er sich erzählen ließ, war die »Windward« inzwischen in den Hafen eingelaufen, und der Hafenmeister kam an Bord. Als der Anker herabgelassen wurde, stiegen Nansen und ich mit dem Lotsen in ein Boot und ruderten nach dem Telegraphenamte, wohin uns der Lotse den Weg zeigte. Kein Mensch kannte die beiden Fremdlinge. Vielleicht erregten wir durch unsere Kleidung ein wenig Aufsehen. Man konnte ohne Schwierigkeit sehen, daß wir in geliehenen Federn einherstolzirten, und ich hatte außerdem noch die Jacke an, die ich mir in unserer Winterhütte selbst zurechtgeschneidert hatte. Einige Radfahrer, die an uns vorbeifuhren, fand ich in ihren Sportanzügen auf den neuen Rädern wirklich unverschämt civilisirt. Sie warfen einen Blick auf meine ein wenig originelle Jacke von Schlafdeckenzeug, aber keiner von ihnen ahnte, wer wir waren. In einer kleinen Straße ging eine Kuh auf eigene Faust spazieren. Ich muß gestehen, wir sahen sie mit großen Augen an, denn solche Thiere gab es in den Gegenden, die wir durchzogen hatten, nicht. Wir stampften beim Gehen auf die Erde und fühlten wieder vaterländischen Boden unter unsern Füßen. Mit seltsamen Gefühlen ging es zum Telegraphenamte. Nansen trat an die Schranken und reichte dem Amtsvorstand, der gerade selbst anwesend war, ein großes Bündel Depeschen. »Hier sind einige Telegramme,« sagte er, »die ich gern möglichst schnell befördert haben möchte.« Der Vorstand ergriff das Bündel ein wenig zögernd, indem er den fremden Menschen prüfend ansah; sobald er aber einen Blick auf das erste Telegramm geworfen hatte, erschrak er förmlich, wandte sich nach dem Tische, an dem die Telegraphistinnen saßen, und trat dann zu Nansen, gratulirte ihm und hieß ihn in der Heimat willkommen. Er müsse gleich in die Stadt und seine ganze Reserve zusammentrommeln, sagte er, und dann würden sie Tag und Nacht arbeiten, damit die Telegramme fortkämen. Es war auch keine Kleinigkeit. Zwei von Nansen's Depeschen an die Presse enthielten mehrere tausend Worte; er hatte sie auf Franz-Joseph-Land in norwegischer und englischer Sprache niedergeschrieben. Außerdem brachten wir nicht weniger als einige fünfzig Telegramme von den Kameraden an Bord mit. Diese hatte ich bei Jackson ins Reine geschrieben; Scott-Hansen hatte sie alle zusammen auf einem Stückchen Papier mit mikroskopischer Schrift notirt und uns dieses beim Abschiede von der »Fram« mitgegeben. Noch ehe wir das Telegraphenamt verließen, waren die ersten kurzen Depeschen schon abgesandt. Sie waren an Nansen's Frau, meine Mutter, die nächsten Angehörigen der Framleute, den König und an die Regierung gerichtet. Dann gingen wir in die Stadt nach dem Hotel, in dem sich nach Aussage des Telegraphenamtsvorstands Professor Mohn befinden sollte. Diesen Mann, der an der Expedition solchen Antheil nahm, wollten wir gern aufsuchen. Als wir in den Hotelcorridor eintraten, begegnete uns ein Stubenmädchen, das mir wie ein feines Fräulein vorkam. Auf Nansen's Frage, wo Professor Mohn zu finden sei, musterte uns die Dame von Kopf bis zu Fuß; sie zerbrach sich wol den Kopf darüber, was wir bei einem Professor wollten. Sie sagte uns jedoch die Nummer, und Nansen stürmte gleich in Mohn's Zimmer. Nie habe ich einen Menschen so überrascht gesehen, wie Professor Mohn, als er vom Sofa, auf dem er gemüthlich mit seiner Pfeife lag, auffuhr und die hochgewachsene Gestalt vor ihm anstarrte. »Kann es wahr sein? Ist es Fridtjof Nansen?« Als er aber Nansen's Stimme hörte, war er sicher und stürzte gerührt in dessen Arme. Es dauerte eine Weile, bevor Professor Mohn in dem nun folgenden Durcheinander von Fragen und Antworten sich über das Schicksal der Expedition in den verflossenen Jahren klar werden konnte, doch als ihm der Stand der Dinge auseinandergesetzt worden war, brach der Jubel los. Es wurde Champagner geholt, ein Bekannter des Professors gesellte sich ebenfalls zu uns. Inzwischen hatte die ganze Stadt erfahren, wer wir waren. Draußen vor dem Hotel war es schwarz von Köpfen, und die Schiffe im Hafen hißten die Flaggen, während das Musikcorps »Nordpol« unter unsern Fenstern »Ja, wir lieben dieses Land« spielte. Jetzt waren wir daheim! Hier in Bardö kauften wir uns neue feine Anzüge und nahmen, nicht zu vergessen, ein Dampfbad, das uns von dem Reste des noch von unserm Hüttenleben stammenden Schmutzes befreite. Erst hier gelang es uns, ganz rein zu werden. Nach einem gastfreundlichen, gemüthlichen Leben in Bardö begaben wir uns nach Hammerfest, wo alle Menschen auf den Beinen waren, als wir ankamen. Im Hafen lag eine weißangestrichene prachtvolle Jacht, die »Otaria«. Der Besitzer stand auf Deck, als unser Schiff in den Hafen glitt, und rief Nansen ein Willkommen entgegen. Nansen erkannte in ihm einen englischen Freund wieder, Sir George Baden-Powell. Dieser kam auch sofort zu uns an Bord und fragte, ob wir mit den Bequemlichkeiten, die er uns auf seiner Jacht bieten könne, vorlieb nehmen wollten. Das Anerbieten wurde nicht ausgeschlagen, und wir zogen in die Salons der »Otaria« ein, die mit ihrer eleganten Ausstattung nicht gerade an unsere elende Hütte erinnerten, uns aber zum Anstellen eines Vergleichs zwischen unserm jetzigen Leben und dem damaligen anregten; es schien uns schon eine Ewigkeit her, seit wir dort oben waren. In Hammerfest kamen zu uns Nansen's Frau und sein Secretär Christofersen, der uns vor drei Jahren in Chabarowa verlassen hatte. Es war herrlich, wieder in der Heimat zu sein. Alle Leute waren so liebenswürdig; überall sah man nur frohe Gesichter. Die Stadt gab uns zu Ehren ein glänzendes Fest, und alles war Jubel und Herrlichkeit. Eines aber that der Freude Abbruch: wo waren die Kameraden mit der »Fram«? Ich konnte nicht von Herzen froh sein, solange ihr Schicksal unbekannt war. Wenn wir auch glaubten, daß sie wohlbehalten auf dem starken Schiffe waren, so konnten wir dessen doch nicht ganz sicher sein. Und nun war das Jahr schon weit vorgeschritten! Kamen sie jetzt nicht, so konnten wir sie vor dem nächsten Jahre nicht erwarten. Vielleicht hatten sie es ebenso schlecht, wie wir es gut hatten? Am Morgen des 20. August kam ein Mann an Bord der »Otaria« mit einem Telegramm an Nansen, der noch nicht ganz angekleidet war. Nansen müsse kommen, wie er sei, sagte der Mann, der Vorstand des Telegraphenamtes selbst, das Telegramm sei wichtig. Nansen ahnte vielleicht schon etwas; er kam heraus und riß die Depesche auf. Ich hörte im Gange vor der Kabine, in der ich wohnte, außergewöhnliches Geräusch und öffnete die Thür ein wenig; da erblickte ich Nansen mit dem Papiere in der Hand. Sein Gesicht trug einen seltsam bewegten Ausdruck, die Augen blickten starr auf die Schrift; endlich rang es sich aus seiner Kehle hervor: » Die ›Fram‹ ist angekommen!« Wie eine Bombe schlug dies unter uns ein! Der Telegraphenamtsvorsteher stand ruhig dabei und beobachtete die Wirkung dieser Worte auf Sir George, Christofersen und mich. Es läßt sich nicht leugnen, daß wir auf einmal ganz außerordentlich lebendig waren, als wir Sverdrup's Telegramm lasen und daraus ersahen, daß wir uns in Tromsö treffen würden. Die »Fram« ist angekommen! Das war es ja, was uns bisher noch gefehlt hatte, um die Freude vollständig zu machen! Die Kameraden waren also nicht weit von uns, und wir würden sie in Tromsö treffen! Wie ein Sturmwind eilte die Kunde durch die Stadt, daß die »Fram« angekommen sei. Die Leute wurden geradezu wild, sie hatten es plötzlich so eilig. Wir an Bord der »Otaria« sehnten uns, nach Tromsö aufzubrechen. Die »Windward« lichtete schon vor uns die Anker und dampfte unter jubelnden Hurrahrufen auf die »Fram« ab. Am nächsten Tage erblickten wir die hohen Masten und die Ausgucktonne der »Fram«, und bald sahen wir sie vor uns. Etwas mitgenommen sah sie aus, das durfte sie aber auch; unverletzt war sie dem Eise entronnen, das sie fest in die Arme gepreßt hatte, als wir sie in der großen Einsamkeit verließen. Jetzt umspielten leichte Wogen schmeichelnd den kräftigen Rumpf. »Hurrah, die ›Fram‹«! »Hurrah« erscholl es von Bord der »Otaria«, die langsam einlief und Anker warf. »Hurrah!« riefen die Framleute, indem sie ein Boot aussetzten und hineinsprangen. Nun ruderten sie auf uns zu. Die meisten trugen ihre Polaranzüge und einige von ihnen hatten einen langen Bart. Da sah ich Bentsen am Vordersteven, Scott-Hansen in der Mitte – einen neuen Anzug und einen steifen Hut hatte er sich schon verschafft, den Bart aber noch nicht rasirt – Peder, die Hand in einer Binde, und alle die andern. Sie strahlten vor Freude; sie standen aufrecht im Boote und winkten mit den Armen. Jetzt nahten sie dem Vordersteven der »Otaria«, ich stand dort und beugte mich über die Rehling. »Willkommen, ihr Lieben!« Bentsen ergriff meine Hand und zog mich beinahe ins Boot hinunter. Dann kletterte einer nach dem andern auf Deck. »Gut gemacht, meine Jungen!« sagte Nansen. Ich kann den bewegten Auftritt, der sich jetzt auf dem Deck der »Otaria« abspielte, nicht beschreiben. Die Freude, wieder beieinander zu sein, nachdem wir den Schrecken der Eiswüste unverletzt entronnen waren, beseelte uns alle. Sir George und Lady Baden-Powell standen in einiger Entfernung und freuten sich über unser Glück. »Ihre Kameraden scheinen sehr froh darüber zu sein, Sie wieder zu sehen«, sagte Sir George später zu mir. Ja, gewiß; so froh, wie man nur selten im Leben wird! Dann mußten wir einander erzählen, was wir erlebt, seitdem wir uns getrennt hatten. Nansen und ich hörten nun, wie es den Kameraden in der letzten und längsten Polarnacht ergangen war. Auch sie hatten es nicht leicht gehabt; aber die »Fram« hatten sie immer lieber gewonnen. Sie hatte sie sogar bis zum 86. Grade geführt; ein prächtigeres Schiff gab es auf der ganzen Welt nicht. Sie ließ das Vertrauen ihrer Freunde nicht zu Schanden werden, sondern führte ihren Namen mit Recht und bahnte ihnen einen Weg »vorwärts«, wenn es auch noch so hoffnungslos aussah; sie machte sich nichts daraus, wenn sie Minen legten, die dickes Eis gegen ihren Rumpf schleuderten, sie schüttelte sich nur vom Topp bis zum Kiel, aber nachgeben – nein, das gab es bei ihr nicht. Am 13. August, an demselben Tage, als Nansen und ich den Fuß auf norwegischen Boden setzten, hatte sich die »Fram« nach dem offenen Meere durchgebrochen. Bald nach dem Wiedersehen mit den Kameraden dampfte ein anderes Schiff in den Hafen von Tromsö ein; es war die »Virgo«, Andrée's Schiff, die mit der Expedition und dem Ballon an Bord von Spitzbergen zurückkehrte. Andrée hatte der Witterungsverhältnisse wegen nicht aufsteigen können. Einige von uns begaben sich an Bord, um die Expedition zu begrüßen; wir wurden mit der größten Liebenswürdigkeit empfangen. Andrée hielt eine herzliche Ansprache zu unserer Begrüßung, und Nansen antwortete darauf mit dem Wunsche, daß Andrée's genialer Plan sich im nächsten Jahre unter für das Aufsteigen günstigern Verhältnissen ausführen lassen möge. Im Laufe einer Unterredung, die wir hatten, erzählte mir Andrée, daß ihm das Herz nicht leicht gewesen sei, als er sich gezwungen gesehen habe, den Kurs wieder nach Süden zu richten, aber den nöthigen Muth und den Glauben an die Ausführbarkeit seines Planes habe er noch immer, und es handle sich nur darum, Geduld zu haben. Er sah mir auch aus, als besitze er diese für einen Polarforscher so unentbehrliche Tugend. Es folgte eine schöne Zeit, als wir Dreizehn gemeinschaftlich an der Küste unsers Vaterlandes entlang nach Süden fuhren. Die »Fram« wurde von dem Dampfer »Haalogaland« geschleppt; die »Otaria« folgte im Kielwasser der »Fram« bis Drontheim. Ich siedelte sofort aus den eleganten Salons der »Otaria« nach der »Fram« über und installirte mich wieder im »Grand«, das voll Renthierfelle und Schlafsäcke war; ich blieb dort, bis wir in Christiania vor Anker gingen. Der ganze August war für uns ein einziges Fest. Wir hätten es uns nie träumen lassen, daß Norwegen uns so empfangen würde. Ueberall, wohin wir kamen, wetteiferten die Leute, uns zu ehren und uns willkommen zu heißen; arm und reich vereinten sich darin. Es that uns von ganzem Herzen wohl, zu fühlen, daß wir wirklich etwas gethan, worauf unser Vaterland stolz war. Das war ein herrlicher Lohn für unsere Anstrengungen und Entbehrungen! Die Städte machten unsertwegen um die Wette alle möglichen festlichen Zurüstungen. Ich erinnere mich, daß die Umstände es uns nicht erlaubten, in Stavanger, wo wir in der Nacht ankamen, zu bleiben, wir vielmehr gleich weitergehen mußten. Als wir die Stadt verließen, donnerten zwei so starke Schüsse aus den Kanonen der »Fram«, wie wir sie noch nie vernommen hatten; das ganze Schiff wurde davon erschüttert. Den Salut hatte Peder abgefeuert; er war bei dieser Gelegenheit vom Harpunierer zum Kanonier avancirt. Wir fragten ihn, weshalb er denn so schweres Kaliber genommen, und ob er jetzt, da wir heimgekehrt seien, nicht länger leben wolle. Er aber meinte, wir seien Dummköpfe, die nicht begriffen, daß er so schösse, weil wir die Stadt verließen, ohne ihren Bewohnern die Gelegenheit gegeben zu haben, unsertwegen ein Fest zu veranstalten. »Ihnen einen ordentlichen Salut zu schicken, war doch das Mindeste, was wir thun konnten«, meinte er. Der Empfang in Christiania war ergreifend feierlich. Keiner von uns wird je den Augenblick vergessen, als wir an Land stiegen. Der ganze Fjord war voll festlich geschmückter Schiffe, und das Land war eine schwarze Menschenmenge. Doch über den Leuten lag eine andächtige Stille, und dann begann der große Choral: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!« Nun waren wir daheim! Droben aber im ewigen Eise herrscht größere Einsamkeit als vorher; denn kein Schiff störte dort das wilde Spiel des Eises länger, und keine Menschen versuchten mehr, seine Geheimnisse zu erforschen. Doch vielleicht raste die Eiswüste nun gerade deshalb in grimmer Wuth darüber, daß dreizehn Männer ihrem Gebote getrotzt, das ihnen den Eintritt verwehrte, daß sie eingedrungen waren, wo vorher noch nie ein Mensch gewesen war!