Auguste Groner So war mein Wien Skizzen über alte Straßen, Plätze, Höfe in Wien Mit einem Aquarell von Prof. Franz Kopallik und zahlreichen Federzeichnungen von Igo Pötsch Verlag der Waldheim-Eberle A.G. Wien – Leipzig     Inhalt Vorwort Die Rotgasse Die Herrengasse Wo die Rotenturmstraße ihren Ursprung fand Der Stein an der Gumpe Der Tiefe Graben Trattnernhof Berghof / Der Neustädterhof / Der Schottenhof Die Judengasse Der Salzgries Haarmarkt / Heiltumstuhl Der Fähnrichshof / Der Zwettlhof / Der Domherrenhof / Der kleine und der große Federlhof Vom Zahnwehherrgott zum Bisenius Im Griechenviertel Der Heiligenkreuzerhof Im Empfangssaale der Toten Der Auwinkel Wiens Bergfriedhof     Der Stephansturm (Ansicht vom Hofe eines Hauses in der Weihburggasse) Nach einem im Besitze des Architekten Adolf Micheroli befindlichen Aquarell von Prof. Franz Kopallik Vorwort Wien ist von verschiedenen Standpunkten aus und von Historikern und Belletristen, von militärischen Topographen und von Humoristen geschildert worden. Lokalpatrioten haben es in ihren Schriften gepriesen und griesgrämige Reisende haben es bekrittelt. Eine alte Frau aber, die als Kind die Basteien, das Wasserglacis und das Elysium gesehen hat und die beim Brand des Treumann-Theaters gewesen ist, hat über Wien noch nicht geschrieben. So geschehe es denn! In manchem der vielen Bücher, die ich geschrieben habe, war Wien der Schauplatz der Begebenheiten, er wurde als Boden, auf dem sich die Handlung abspielte, nur nebensächlich behandelt, nur skizziert. Und als ich ehemals für düstere Geschichten dunkle Gassen studierte und finstere Häuser und unheimliche Winkel kennen lernte, als mir damals Altwiener Häuser mit ihrem graziösen Barock-Schnörkelwerk und alte Höfe mit ihren steinernen Brunnen und lauschigen Winkeln gar viel Liebes aus alten Zeiten erzählten, da fand ich tiefes Interesse am alten Wien und seinen stillen Gassen. Da wurde die Erinnerung wach an manches, was Vater und Großmutter erzählt haben, und an beschaulich stillen Plätzchen in Bibliotheken fand ich, was über Großmutterzeiten weit zurückreicht in vergangene Jahrhunderte. Wollen Sie mit mir durch einige alte Gassen meiner Vaterstadt gehen und zuhorchen meinem Geplauder über Häuser, die gewesen und nicht mehr sind, über Menschen, die in ihnen gewohnt haben und dahin gegangen sind und über manches, das jeder sehen kann und doch nicht jeder sieht? Ja? Wollen Sie? Gut! Also gehen wir! A. Gr. Wien, am Allerheiligentag. Die Rotgasse Wege sind älter als die Häuser, zu denen sie leiten, Straßen sind älter als die Städte, zu denen sie führen. Bauten schießen wie kantige Kristalle an die Linien der Straßen – am liebsten an gerade – und das Bleibende im langsamen steten Wechsel der Bilder einer Stadt sind nicht die massigen, hochragenden Gebäude mit felsenartiger Rustika, nicht Kirchen und Paläste, sondern das Unmaterielle, das Stofflose, das zwischen den Häuserzeilen liegt, die Straße. Wie wir in einem jugendlichen, einem Knabengesichte die Züge der Ahnen des Kindes zu erkennen vermögen, so können wir im Bilde einer Stadt tausendjährige Straßenzüge zwischen jugendlichen, modernen Häusern finden. Wir erkennen noch das uralte Wien, nicht an seinen Häusern, aber an seinen Straßen. Eine der ältesten der nachrömischen Zeit ist die Rotgasse. Sie hat heute als Gasse keine praktische Bedeutung, keine Existenzberechtigung. Sie entlastet die nahe Rotenturmstraße nicht bezüglich des Wagenverkehres, weil sie schmal ist, sie nimmt vom Gedränge der Fußgänger in jener Straße nichts auf sich, weil das Geschäftsleben in ihr zu unbedeutend ist, und sie verbindet keine bedeutsame Anfangstelle mit einem Zielpunkte von öffentlicher Wichtigkeit. Die Rotgasse hat uns vor kurzer Zeit noch angemutet wie ein rüstiger Greis, ein Großvater im Austragstübchen, der mit zitternden Händen noch geschäftig ist. Jetzt hat man dem Greis neue Kleider angelegt, aber sie passen nicht überall. Die Rotgasse ist eine Erbschaft aus alter Zeit, die den Architekten fast eine Verlegenheit bedeutet. Wir haben sie als Erbstück aus Römerhänden übernommen, und doch hat keiner der Bewohner des Castrum Romanum auf dem späteren »Hohen Markt« sie gesehen. Das römische Standlager wurde gegen Südosten von einer starken Festungsmauer begrenzt, die mit der heutigen Rotgasse parallel lief. Die Häuser, die auf der Seite des Hohen Marktes die Rotgasse bilden, sind auf dem Fundament der Festungsmauer erstanden. Als die Römer bauten, war das Terrain anders als heute. Hügelböschungen waren nicht abgeschliffen, die Steilheit der Wege nicht durch Regulierungen gemäßigt, und die Donau floß in breitem Zuge am Fuße des hohen Hügels, auf dem das Castrum stand, dort, wo heute die Kohlmessergasse ist. Der Hafen der römischen Donauflottille schnitt tief ins Gestade ein, und seine Wasser bespülten die Stellen, wo heute der Hafnersteig und der Fuß des Laurenzerbergs ist. Und wo man den »Doppelschlag« im Kaffeehause Siller bekommt, haben vor 2000 Jahren die römischen Widderschiffe geankert ... Die Straße, die vom Hafen aufwärts führte – heute heißt sie Rotenturmstraße – hatte zu ihrer rechten Seite den jäh aufsteigenden Festungshügel, der an seinem Steilrande die massige Schutzmauer des Lagersteiges trug, und links von ihr breitete sich ödes, baumloses Gelände, das schußfreie Glacis der Römerburg, aus, das von den Zenturien und Kohorten als militärischer Übungsplatz benützt wurde. Aber an der andern Seite der Straße, unter der Wallmauer, sorgten verständnisvolle Geschäftsleute, wie der alte Jude Elimelech, für des Gaumens Notdurft derer, die des steilen Weges wandelten. Da hatten Händler ihre Hütten und Verkaufsstände und boten gebratene Fische, Roggen- und Weizenbrote feil, verkauften Obst und hatten für zahlungskräftigere Feinschmecker Wein, der in langen Wagenzügen vom Süden in das Standlager geführt wurde. Da stand der alte Jude Elimelech in seinem Zelte und neben ihm ein Assyrer, der Honigkuchen feilbot, und da standen römische Invalide, die sich von den Soldaten der Flottille erzählen ließen, was Neues sich in Sirmium und Carnuntum ereignete. Die Verkaufsstände nahe der Lagermauer waren die ersten Bauten in der jetzigen Rotenturmstraße, und ihnen folgten nach dem Abzuge der Römer, aber vor der ersten Erweiterung der nie ganz verödeten Stadt, feste Wohnhäuser. Ihre Fenster waren nach der alten Straße gerichtet, und ihre baulich primitiven, gerümpelreichen Rückseiten sahen auf die ganz nahe Böschung des Stadtplateaus und auf die Mauer, die nun die Grenz- und Wallmauer einer Christenstadt geworden war. Als Herzog Jasomirgott beiläufig um das Jahr 1170 Wiens Grenze bis zur heutigen Riemergasse und dem jetzigen Dominikanerplatz hinausschob und dort eine neue Stadtmauer baute, wurde die römische Mauer am Hügelrande niedergerissen. Da wurde die Rotgasse geboren . Die hinteren Teile der Häuser in der (späteren) Rotenturmstraße wurden zu Fassaden gemacht oder an sie neue Häuser angebaut, deren Stirnseiten nach der nunmehrigen Altstadt sahen. So war die eine Seite der Rotgasse hergestellt. Die Bauten auf der andern, der Altstadtseite, wurden hügelaufwärts gebaut, und so kam es, daß man in einem dieser Häuser von der Rotgasse aus auf einer schmalen, finsteren Stiege zwei Stockwerke hoch hinansteigen konnte, um dann in einen altertümlichen Hof des Gebäudes hinauszutreten. Es war dies unter anderm der Dreifaltigkeitshof hinter der Ruprechtskirche, beziehungsweise das Haus des berühmten Dr. Wolfgang Laz, der Lazenhof. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, wie einige Wien-Forscher es getan, daß die Rotgasse eine Wallgasse gewesen sei. Wallstraßen begleiteten die Stadtmauern immer an deren inneren Seiten, dort, wo in mittelalterlichen Städten der hölzerne Wehr- oder Mordgang es den Bogen- und Armbrustschützen ermöglichte, durch die Schießscharten an der Zinne der Stadtmauer den Feind zu beschießen. Das konnte man in der Rotgasse nie, weil sie nicht im Castrum vindobonense lag und weil sie erst durch die Demolierung der römischen Festungsmauer tief unter dem Niveau des Castrum entstand. Der alte Jude Elimelech, der an der Straße Brot feilbot, mag alttestamentarisch angemutet haben; die Soldaten schrieben ihm absonderliches Können zu, und seinen Volksgenossen war er unheimlich. An einem Morgen – so erzählt eine alte Sage –, es war ein besonderer Morgen, der Morgen des Tages, an dem Christus geboren ward, opferte die Römerin Livia, das schöne Weib des Präfekten, als sie in der rauhen Fremde, wo graue Nebel durch düstere Wälder zogen, hinwelkte, den Hausgöttern. Ihr Favoritpenate war eine kleine chryselephantine Statue, ein Bild ihres Großvaters. Livia sah, daß das goldene Schwert der Hand des elfenbeinernen Kriegers entfallen war. Ein böses Omen! Livia erschrak. Der Auguren Erklärung befriedigte sie nicht; Livia befahl, Elimelech, den alten Wahrsager, zu holen und ihn durch eine kleine Pforte im Hinterhaus insgeheim zu ihr zu führen. Es geschah. Bald stand der Alte vor der schönen Römerin. Livia befragte ihn um die Bedeutung des Vorfalles, der sie erschreckt hatte. Ohne nachzudenken antwortete Elimelech: »Stern, der über den kalten Wäldern funkelt, höre deinen niedrigsten Knecht! Bleiche Perle im Haarreifen der Venus! Vernimm die Worte deines niedrigsten Knechtes. Heute ist Großes geschehen! Der unbekannte Gott ist geboren worden aus dem Geschlechte Davids, des Juden.« Livia lächelte mit welken Lippen: »Was könnte der Unbekannte, das Kind, den Penaten anhaben? Wessen Schwert könnte Götter bekriegen?« »Kein Schwert . Des neuen Gottes Liebe wird Götter, wird Jahrtausende besiegen, und der Sieger wird Jesus heißen.« Am nächsten Tage wurde Elimelech hinter seinem Verkaufszelte an die äußere Seite der Halbmauer genagelt und starb. Seine Lippen sollen das Wort »Jesus« geflüstert haben. Daß Livia und Elimelech gelebt haben und daß er an die Mauer genagelt wurde, mag ja wahr sein. Die Sage aber schuf im ältesten Wien die Redensart: »Wo der Jud' Jesus sagt«, eine Phrase, die als Kritik gebraucht wurde, wenn jemand von einem Orte gar zu Unwahrscheinliches erzählte ... Im 15. Jahrhundert war an einer Ecke des Lichtensteges (die »am Brezeneck« genannt wurde) und der Rotgasse ein kleines, sehr schmales Gäßchen, das die Reffel-Luke hieß und das bei der Straßenregulierung 1475 verschwand. Die Reffler handelten mit den verschiedensten Kleinwaren, mit hölzernen Schaufeln, Rechen, Sieben, Werkzeugen für Schuhflickereien, die sie auf einem hölzernen Traggestell mit kleinen Fächern und Haken zum Aufhängen allerhand kleiner Geräte feilboten. Das heute noch gangbare wienerische Wort »Graffelwerk« kommt von der Bezeichnung dieser Ware her, die man kurzweg auch Gereffel benannte. Ein Haus, das gut in die Rotgasse paßte und ihr eine altertümliche und gemütliche Stimmung gab, war das Taschnerhaus , das am Eingange der Rotgasse in der Nähe der Reffel-Luke stand und, weit in den Straßenraum des Lichtenstegs vorstehend, die Passage arg beengte. Es wurde 1842 abgebrochen. In seinem Erdgeschoß waren vier kleine Verkaufsgewölbe und im ersten Stockwerke zwischen zwei breiten Erkern ein rotes, weit vorspringendes Blechdach. An seiner Front gegen den Lichtensteg aber trug das Haus im zweiten Stockwerk eine Steinskulptur, ein Wahrzeichen Wiens: den oft abgebildeten Engel mit den zwei Wappenschildern. Heute können wir ihn an einer Ecke des alten Rathauses sehen. Das Steinbild dürfte um 1430 entstanden sein. Es gliedert sich weder der Rathausecke harmonisch an, noch war es mit der Architektur des Taschnerhauses gut verwoben, und es ist anzunehmen, daß die Skulptur für einen uns unbekannten Zweck und Ort geschaffen worden ist. Das Wappen Wiens und das des Landesfürsten erscheinen vom Engel behütet und mit ehernen Ketten aneinandergeschlossen, auf ewig verbunden. Es ist zu verwundern, daß zur sinnigen Zeit, in der die Postkasten grau gestrichen wurden, nicht gefühlvolle Ikonoklasten die beiden Wappen voneinander trennten! Am Haarmarkte, mit dem Hinterhaus gegen die Rotgasse gelegen, war die seinerzeit berühmte, vielmehr berüchtigte Badestube der behäbigen Frau Berliebin. Dieser Badestube wird bereits um 1309 Erwähnung getan, und es wird berichtet, daß schon im Jahre 1342 ein Schöpfwerk, welches das Bad mit Wasser versorgte – ein Radbrunnen – gegen die Radgasse hin gelegen war. Die Rotgasse hieß nämlich damals nach dem Rade des Brunnens Radgasse , ein Name, der später in Rotgasse verdorben wurde. Solche Brunnen mit großen Rädern, wie man sie zum Beispiel im Waldviertel jetzt noch findet, scheinen damals in Wien sehr selten gewesen zu sein. Die Radgasse, beziehungsweise Rotgasse führte übrigens nur in ihrem unteren Teil (vom Fischhof bis zum Bergl) diesen Namen, während der obere Teil dieses Verkehrsweges bis gegen den Lichtensteg zu nach einer dort bestandenen Auskocherei lange Zeit hindurch Kochgassel genannt wurde. Was Chronisten nicht sagen, sagen Steine, und was Steine nicht sagen, sagt die Phantasie. Sie ist eine schlechte Wahrsagerin, aber sie sagt Wahres, wenn sie Anzeichen von Vergangenem recht benützt und Imponderabilien richtig empfindet. Klio stößt nicht immer in ihre Tuba, sie raunt zuweilen. Sie schreibt nicht immer mit großen Lapidarbuchstaben; oft kritzelt sie mit krauser Doktorenschrift. Dann ist Phantasie allein imstande, die Geschichtsindizien wahrzunehmen, sie richtig zu deuten. Mit ihrer Hilfe können wir aus Klios geheimnisvollem Flüstern vernehmen, wie alte Straßen entstanden sind. Die Herrengasse Als Wien noch Vindobona hieß, war da, wo heute die Herrengasse ist, eine breite, häuserlose Fahrstraße, die in ödem Gelände lag. Die Römer nannten sie Strata alta . Seit dem Jahre 1175 nannten sie Urkunden Hochstraße. Bei der dritten Erweiterung der Stadt, die beiläufig um das Jahr 1220 stattgefunden haben dürfte, wurde die neue Stadtmauer von der Linie Graben – Bognergasse bis zur Hochstraße vorgerückt, und als Leopold der Glorreiche seine Burg auf freiem Felde außerhalb der Stadt erbaute – wir kennen sie als den uralten Bau, der den Schweizerhof umgibt –, siedelten sich viele Ministerialen des Herzogs zwischen der Burg und der alten Stadtmauer an. Aber hier entbehrten sie des starken Schutzes der Mauer und der gastlichen Sicherheit, welche die Stadt bot. Dem wurde abgeholfen, indem man eine neue Mauer bis zur Hochstraße und zum Michaelerplatz, die junge Pfarre zu Sankt Michael einschließend, vorrückte. Erst dann, als auch diese Mauer gefallen war und im Jahre 1513 das Landständehaus und andere Herrenhäuser an der Hochstraße erbaut wurden, erhielt die alte Straße den Namen Herrengasse. Keines der Häuser, die Anno 1520 standen, ist uns erhalten geblieben, und das Älteste an der Straße ist ihr Name. Schade! Das alte Landständehaus in der Herrengasse war ein Prunkbeispiel alter, gliederungsreicher Bauten, in die nicht nur, was früherer Tage Lebensbedürfnisse waren, hineingebaut wurde, sondern in denen des Baumeisters Phantasie helle Sonne und Clair-obscur und bei übersichtlicher Anlage des Ganzen geheimnisvolle Winkel schuf. Die Landstände waren schon im Anfang des 16. Jahrhunderts eine zahlreiche, vielvermögende Körperschaft und wollten ihren stabilen Sitz, ein festes Haus, eine kleine Burg in Wien, recht nahe der Kaiserburg haben. Die Stände unter Landmarschall Wilhelm von Puchhaim kauften das Haus der Brüder Erasmus, Wolfgang und Bernhard Liechtenstein, das bei dem Minoritenfriedhof lag, und bauten an seiner Stelle ein neues Haus. Der berühmte Cuspinian sagte von ihm, »daß es prachtvoll, unter den vielen schönen Häusern Wiens vor allem eines Königs würdig und das erste nach der Burg war«. Die zweistöckige Front des Ständehauses mit dem hohen Dache und dem Turm auf diesem war gegen die Minoritenkirche gerichtet. Des Hauses Seitentrakte reichten bis zur Herrengasse, und von dieser aus bot das Haus mit seinen vielgestaltigen Vor- und Anbauten und der Symphonie der verschieden geformten Dächer den interessanteren Anblick. Sah es als Dame im Prunkgewand zu der Kirche hin, so blickte es als allsorgende Hausmutter gegen die Herrengasse. Gegen diese Gasse lag auch der Hof des Hauses, zu dem ein großes Bogentor führte, dessen Sopraporten das Wappen Rudolfs IV., die fünf goldenen Adler im blauen Felde, trug. So breit aber auch das Tor war, für das konfessionelle Parteigezänke war es zu schmal. Als sich Katholiken und Protestanten recht empfindlich und derb in den Haaren lagen, wurde – es war im Jahre 1573 – für die Evangelischen knapp neben dem Bogentor eine Spezialtür durch die Wand geschlagen, auf daß die Gegensätze nicht schon im Torwege aufeinanderträfen. Und sie trafen scharf in der Ratsstube mit Fäusten und Stoßdegen. Da wurde das »Friedenszeichen« Maximilians II. – die steinerne Hand mit dem Schwert – über das Tor gesetzt, und das Friedenszeichen bedeutete das Abhauen der Hand. Neben dem drohenden Zeichen wurde eine Tafel angebracht mit der Inschrift: »Der röm. Kais. Majestät unsres allergnädigsten Landesfürsten ernstliche Meynung und Befehl ist, daß sich Niemand, wer der auch seyn mag, unterstehe, in oder vor diesem befreiten Landhauß die Wöhr zu blößen oder balgen und zueschlagen, noch zu rumoren; welche aber freventlich dawider handeln, daß dieselben an Leib und Leben nach Ungnaden bestraffet werden sollen. Aktum 1571 Jahr 20. Hornung.« Das war eine deutliche Erklärung des steinernen Symbols. Trotzdem lag den ständischen Herren oft viel daran, sich mit ihrem Nachbarn in der Kaiserburg gut zu vertragen. So ließen einmal – es war zur Feier der Vermählung Ferdinands III. mit Maria Anna von Spanien – die Ständeherren, welche die Majestäten und »dero fürstliches, adeliges und hochansehnliches Gefolge« zu einem Feste in ihr Haus geladen hatten, von der Hofburg bis zum Ständehaus einen gedeckten Gang aus Holz herstellen. An den geschnitzten Stützbalken des Daches standen hohe Maste mit farbigen Bannern, von dem Dache wehten bunte Fahnen und lange Wimpel; Teppiche und Reisig waren zu reichem Schmuck verwendet, und als der Kaiser im Gange herankam, bliesen Bläser Fanfaren. Ob der Kaiser durch das katholische Tor gegangen und ob er nicht ein ganz klein wenig durch die protestantische Tür geblinzelt, melden die Chronisten nicht. Aber auch den höchsten Herren in der Kaiserburg war um ein gutes Einvernehmen mit den Ständischen zu tun. Nachdem 1710 der große Saal im Ständehaus neu ausgeschmückt worden war, fand aus diesem Anlasse ein Maskenball statt. Den besuchte Kaiser Josef I. mit der Kaiserin und den Erzherzoginnen. Wie alle andern war auch der Kaiser vermummt; er trug die Uniform eines Grenadiers. Das neue Ständehaus scheint, nach seiner Fassade beurteilt, nur irrtümlich in die Herrengasse gekommen zu sein. Seine wohl harmonischen, aber wuchtigen, derben Formen, die massigen Säulen und was über ihnen ist, schicken sich recht gut für einen großen, geräumigen Platz, der es erlaubt, das Haus von hinreichender Ferne aus anzusehen. In der schmalen Herrengasse aber ist das Haus eine Faust auf dem Auge. Wie viele von den sehr Vielen, die durch die Herrengasse gehen, haben mit Hilfe einer Turnbewegung, die an das Müllern erinnern würde, hoch oben am Giebel des Hauses die Worte: »Die Stände Niederösterreichs« gelesen? ... Wer von der Freiung her die Gasse betritt, hat zur linken Hand eine hohe, düstere Mauer. Wirkliche, bodenständige Bäume ragen über sie hinaus und winken im Frühling mit zarten grünen Zweigen den hastenden Wanderern zu. Die Bäume stehen in einem der letzten privaten Gärtchen in der Innern Stadt, und das Gärtchen gehört zum Palais Harrach. Die Herren von Harrach besaßen schon Anno 1470 da, wo heute das Palais steht, mehrere kleine Häuser. Sie ließen an ihrer Stelle ein großes bauen, und dieses brannte während der zweiten Türkenbelagerung ab. Im Jahre 1689 begann der Bau des heutigen Palais, in dem einst als Gast seines Schwiegervaters der schwererkrankte Wallenstein wohnte. Wenige Schritte weiter steht ein Haus, das die Leute den Bankbasar nannten. Sie meinten damit das Haus der ehemaligen Nationalbank. Ferstel hat das Gebäude – wie man da und dort lesen kann – im Stile der italienischen Renaissance geschaffen; er war wohl mehr Gotiker als Renaissancekünstler, und das Haus gemahnt an romanische Vorbilder. Vom kühnen und freifrohen Geiste des Stils der Wiedergeburt altklassischer Formen weist der Bau wenig auf, und eine der einsamsten, düstersten Passagen in Wien war der »Basar« in ihm. Was alles erwarteten die Wiener, als es kund wurde, in dem neuen Hause – es wurde im Jahre 1860 vollendet – werde ein Basar geschaffen werden! An die Basare von Damaskus und Kairo dachten sie, an Gulistan- und Anatolteppiche und an damaszierte Schwertklingen und goldtauschierte Gefäße; und manch ein Nikolsdorfer oder Lichtentaler Bürger mag mit grinsender Seele an einen Sklavinnenmarkt auf der Freiung gedacht haben. Aber der augenfälligste Geschäftsladen im Basar hatte nur Salamander, Molche, Grottenolme und Axolotl in der Auslage. Auf Axolotln legen aber die Wiener wenig Gewicht, und der Basar wurde nie eine populäre Einkaufsstelle. Die Auslage des Uhrmachers aber, die in der Vorhalle des Basars gegen die Freiung hin zu sehen war und in der inmitten einer Alpenlandschaft neben einem Ziffernblatt ein sich drehender Glasstab jahrzehntelang einen Wasserfall imitierte, war jedem Wiener bekannt. Gegen die Herrengasse hin mündet der Basar in einen kleinen, sechseckigen Hof, von dem Türen in die Herrengasse führen. Dieser Hof ist von beklemmendem Ernst, und die schöne, dunkelbronzene Donaunixe, die Fernkorn gemacht hat und die den Brunnen im Hofe bekrönt, kann den strengen, düsteren Charakter ihrer Umgebung nicht bannen. Von Gnomen an der Bassinwand bewacht, erscheint die Nixe als Gefangene. Heiter aber wirkt es, daß das eherne Weib auf dem steinernen Brunnen ein ganz kleines Fischlein triumphierend hochhält. So viel Stein und Erz wegen einer – Sardine! Heute sperren Bretterwände den Basar ab, und Warenballen liegen zu Füßen der Nixe. Kaum einer wird es bedauern, den Basar nicht mehr durchwandern zu können. Nicht weit vom Basar bestand in der Herrengasse ein Verkaufsladen, der gewiß manchem alten Herrn von heute, als er noch bei den nahen »Schotten« studierte, lieb war. Es war die Naturalienhandlung von Muralt. Die Auslage war schmal, aber sie enthielt Schätze für junge Sammlerseelen. Die Geheimnisse der Mineralogie enthüllten sich da in Amethystdrusen und glasiger Obsidianlava und wurden offenbar in Goldkörnern und Schwefelkies. Der sah viel goldiger aus als Gold und genoß hoher Tertianerachtung, weil er in Pentagon-Dodekaedern kristallisierte. Da gab es Seesterne, prächtige Muscheln und ausgestopfte Vögel mit herrlichem Gefieder. Wenige Schritte weiter war ein Paradies oder doch die Filiale eines Paradieses für Mädchen. Ein Stückchen von Armidas Zaubergarten, mit Primeln und Astern, die gleichzeitig blühten, mit phantastischen tellergroßen Mohnblumen und unverwelkbaren Rosen. Es war »Kaufmanns« Kaufladen von künstlichen Blumen. In vornehmer Zurückhaltung an Zahl und Aufmachung standen den Kunstblumen schief gegenüber auf der anderen Straßenseite, im Blumenladen Hoybrenks, wenige auserlesene Blumen. Auch sie waren zeitlos. Orchideen von bizarren Formen, seltsam gezeichnet wie mit chinesischer Schrift, und wenige blasse, langgestielte Rosen waren stets im Schaufenster. Splendid Isolation! Die Königin der Blumen wurde geadelt durch die Marke Hoybrenk auf dem feingetonten Umhüllungspapier. Eine große Strecke der Herrengasse nahm das fürstlich Liechtensteinsche Palais ein. Daß sein Eigentümer ein Fürst sei, zeigten nicht nur die beiden Wappenakroterien auf der Balustrade an der Stirnseite des Daches, sondern auch das Fehlen von allem derb Auffallenden, Protzigen und das Imponderable der Noblesse, das über den ganzen Bau gebreitet lag. Das Palais wurde durch seine einstige Reitschule volkstümlich; wurde doch aus ihr der Bösendorfersaal geschaffen. Die richtige Reitschule! Ein großer, rechteckiger Raum, kahl und ohne plastische Ornamentik, mit vier Bogenfenstern an je einer Langseite. Zwei Fenster waren vermauert. Schmucklos lag der weiße Plafond über den Wänden von lichter Drapfarbe. Der Saal war ein Sinnbild der Langweile. Aber an der Stirnseite über dem Podium waren in feinen, goldenen Buchstaben vier Namen geschrieben. Anton Rubinstein Zyklus 1885, Franz Liszt 1879, Dr. Johannes Brahms 1893, 1895, Dr. Hans von Bülow. Eröffnung 19. November 1872. Diese Namen erfüllten den Saal mit Weihe. Schade um ihn! Er hatte die beste Akustik der Musiksäle Wiens. Das Palais ist gefallen, und Feuermauern begrenzen eine ungeheure Leere, ein Loch in der Herrengasse, und manchen derer, die dem Fürsten zum Abbruche geraten, mag das heute bitter leid tun ... Nahe der Stelle, wo die Herrengasse und der Kohlmarkt eine Ecke bilden, standen noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Häuser. Das eine gehörte dem Grafen Abensberg-Traun, das andere der Familie Weißhappel und später der Frau Elisabeth Elender. An der Ecke der Herrengasse war lange Zeit hindurch eine öde Brandstätte. Auf ihr ist früher ein Haus gestanden, das nach dem Schilde der Spezereihandlung des Resch den Namen Dreilauferhaus trug. In diesem Hause wurde Anno 1699 dem Hausmeister ein Söhnchen geboren, der kleine Gottfried Prehauser, der später als großer Hanswurst im Kärntnertortheater die Herzen der Wiener und viel Geld einnahm. Karl Freiherr v. Wetzlar kaufte im Jahre 1797 die beiden erwähnten Häuser und die Brandstätte und erbaute das Eckhaus gegenüber dem Herberstein-Palais. Sein Äußeres hielt mit seinen Nachbarbauten gute Eintracht. Jetzt steht an der Stelle des Dreilauferhauses ein seltsamer Bau, der von allen andern in seiner Nähe schneidend absticht, der den Vorübergehenden ohne Unterlaß zuruft: »Seht mich an! Meine Hose ist Seide, mein Rock ein Zwilchsack. Wo Prehauser geboren wurde, kam auch ich zur Welt.« Das Beste, was man von dem Hause sagen kann, ist, daß es nicht zum Geiste des Ortes paßt, an dem es steht. Wo ist der alte Genius loci ? Wohnt er bei der Obrigkeit im Gebäude der Statthalterei, in dem auch vieles Alte erhalten ist, und das erst kürzlich, in den Tagen des Gedenkens an die Revolution des Jahres 1848, aktuell geworden ist? Wer vor fünfzig Jahren in der Herrengasse, die damals noch nicht Geschäftsstraße war, ging, wer die vornehme Ruhe, die zwischen den patinierten Barockfassaden lag, empfand, wer der Empirefronten noble Schönheit fühlte, der hatte auf der Straße die Empfindung, in stukkogeschmückten, weiten Gängen und den seidentapezierten Zimmern der Großen eines großen Reiches zu wandeln; die Straße schon schien das Vorzimmer der Aristokraten in der Zeit der Wiener gemütlichen Noblesse zu sein. Die einheitliche Stimmung, die vornehme Stille und ein Jahrhundert der Poesie aus der Großväterzeit, sie sind aus der Herrengasse gewichen; sie wohnen in Vollmondnächten auf dem nahen, stillen Minoritenplatz. Wo die Rotenturmstraße ihren Ursprung fand In mittelalterlichen Städten gab es zweierlei Stellen von hauptsächlicher Bedeutung. Das waren Plätze, in die schmale, dämmerige Gassen mündeten und auf denen Kirchen standen, die nahe den Wolken wohnten, morgens mit jubelnder Schalmei die Stadt wachriefen, und wenn die Sonne zur Rüste ging, Schlaflieder über die steilen Dächer und hohen Rauchfänge hinbliesen. Da gab es Plätze, auf denen Sonnenschein über Marktzelten und Krämerbuden flimmerte, auf denen Weihrauchduft durch gotische Kirchenpforten drang und wo es nach Fischen, Fleisch und Gewürzen roch. Da mischte sich das Gezeter der Marktweiber und die hellen Stimmen der Feilschenden mit heiligen Orgeltönen, die durch gemalte Bogenfenster drangen. Da war kreischendes Leben und stillfromme Mystik. Und andere Stellen gab es, an denen ängstliche Wachsamkeit wohnte und das Lauern hinter engen Schießscharten und in dunklen Torwinkeln lag. Da standen die Türme mit den Stadttoren, da wohnten geharnischte Bogenschützen, bezogen gewappnete Bürger mit scharfspitzigen Speeren die Wache, und Klirren von Schwertern rief in gewölbten Hallen eisernes Echo wach. Das waren die Kardinalstellen einer alten Stadt. Auch Wien besaß sie. Sahen die Wiener mit Ehrfurcht auf ihren Stephansdom, so sahen sie mit der stolzen Ruhe eines Kriegers, der hinter seinem festen Setzschilde den Feind erwartet, auf ihren lieben Rothen Thurm. Viele Türme standen groß und stark in der Stadtmauer, die Wien schützte. Von ihren vielen war keiner so volkstümlich als der Rothe Thurm, der Liebling der Wiener, und nach keinem andern der Stadttürme ist eine Straße benannt worden, und nur dieser gab der Straße, die von ihm bis zur Mitte der Stadt führte, seinen Namen. In der ältesten Zeit des nachrömischen Wien reichte die jetzige Rotenturmstraße nur so weit, als des Turmes Schatten in der Morgensonne fiel, nur bis zum Fleischmarkt. Weiter hinauf bis zum Lichtensteg hieß sie »Haarmarkt« und von da bis zum Stephansplatz, beziehungsweise zum St. Stephans-Freythof »Bischofsgasse«. Lange nachdem der Taktschritt römischer Kohorten verhallt und ihr schreckliches Marschlied: »Mille decollavimus« Tausende haben wir erschlagen (geköpft). verklungen, war es still vor den Trümmern der Wehrmauer des römischen Standlagers, und die wenigen Häuschen, die den Grundstock der jetzigen Rotgasse bildeten, waren öde. Wo Vindobona gestanden, war ein Kreuzweg für die Völker auf ihrer großen, langen Wanderung gegen Westen und Süden geworden, und das Drängen und sich Hinschieben wilder Kriegerhorden mit ihrem Troß, mit Frauen, Vieh und Wagen, ging jahrhundertelang über die Stelle hin, an der schon Wiens Wiege stand. Und da, wo Händler und Krämer und Kauffahrer von ihren Donauschiffen an das Land stiegen, wo manche Abenteuerfahrt auf dem Wasser im verlassenen römischen Hafen ihr Ziel fand, entstanden Neubesiedlungen, Warenniederlagen und Wirtschaftshilfe, die vorwiegend von den Franken gegründet wurden. Das alte Castrum, die Urstadt Wiens, war schon bis zum späteren Graben, der jetzigen Bognergasse und dem Tiefen Graben erweitert und mauerumgürtet worden, als diese Siedlung an der Donau vor der Stadtmauer groß wurde. Leopold der Glorreiche umgab zu Ende des 12. Jahrhunderts auch diesen neuen Stadtteil mit Mauern, und wo der alte Weg, der von der Donau aufwärts führte, das Ufergelände verließ, wurde ein fester Torturm in die Mauer gestellt. Was der Stephansdom unter den Kirchen, das wurde nun jener unter den Stadttürmen: ein Wahrzeichen Wiens. Fünf Stockwerke hoch, war er massig und fest. Sein hohes Ziegeldach hatte die Form des Daches der historischen Kirche in Perchtoldsdorf, und seine Wände waren mit großen, hochroten Gevierten auf blaßrotem Grunde bemalt. So stand er da, wie ein ritterlicher Wächter, angetan mit rotem Panzer, und sah hinaus auf Fluß und Au, von wannen Feinde kommen konnten. Bald erschien den Wienern ihr Wächter zu schmucklos. Sie setzten ihm unter dem Dache, an den vier Mauerkanten, spitze Türmchen an. Vor vierhundert Jahren war das modern und kokett, so etwa, wie wenn man heute einem Schoßhündchen ein rosafarbiges Halsband mit einer großen Masche umbindet. Und wie man vor fünfzig Jahren noch auf das saffianlederne Halsband eines Lieblingshundes schrieb: »Ich heiße Ami«, schmückten die Wiener den Turm mit heraldisch bunten Wappen, deren fünf sie an seiner Front unter dem Dachgesimse malen ließen. Wie Kämpen alterssiech werden, so wurde es auch der Rothe Thurm. Und alt geworden, stand er dem jungen Volke im Wege. An seine Stelle kam ein Rother-Thurm-Ersatz, ein kleiner, der nicht leuchten durfte, ein Turm, der weniger ritterlich, der mehr demokratisch war. Ober seinem Tor aber wurden fein säuberlich fünf Wappenschilder gemalt, und zu ihnen kamen noch Banderolen und gemalte Ritter. Ohne ein wenig Heraldik ging es doch nicht! Später wurde unweit des jungen Turmes ein Rother-Thurm-Surrogatchen gebaut ... Der Torbogen des alten Turmes barg noch etwas den Wienern Wichtiges: das Probemaß für Weinstecken. Schon im 13. Jahrhundert war in Wien der Weinbau die Ursache des Wohlstandes und – der Wohlbeleibtheit. Wer Wein schenkte, der trank ihn auch, fast jeder fünfte Hausherr war Leutgeb, und die Weinrieden lagen in großem grünen Kranze um die Stadtmauer. Im Tore des Rothen Thurmes hing eine Zeitlang, es war im 16. Jahrhundert, ein Kuriosum – ein Erziehungsmittel für Erwachsene. Es war dies eine große, mächtige Speckseite. Es war verlautbart, daß jener Ehemann, der daheim selber das Hausregiment führe und nicht unter seines Weibes Fuchtel stünde, den Bachen Aus dem mittelhochdeutschen Bache, Mutterschwein, Speckseite. (Pachen) von der Mauer herunternehmen und als sein Eigentum nach Hause tragen dürfe. Die Speckseite war gewissermaßen eine Belohnung für tapferes Verhalten vor dem Feinde und ein Ansporn für Ehemänner, das akrobatenhaft-schwierige Kunststück zu erlernen, die Hose selber anzubehalten. Naive Ehemänner, die durch das Tor gingen, warfen schweigend einen Blick begehrender Sehnsucht nach dem Bachen; abgehärtete aber gingen unter dem Spitzbogengewölbe durch, taten ganz gleichgültig, als wüßten sie von nichts, und blickten gar nicht nach der Speckseite. »Es sind,« sagt eine alte Chronik, »während der Bachen im Thore hing, weniger Ehen denn sonst geschlossen worden, und die hohe Klerisei war sehr bekümmert. Viele, so verlobt gewesen, sind in Zwietracht auseinandergegangen, und die Weiber sind ohne Maß zanksüchtig und hoffärtig geworden ...« Und an den alten Hagestolzen, die Wien damals aufwies, soll diabolische Heiterkeit bemerkt worden sein, und sie sollen beim Leutgeb nächst dem Rothen Thurme greulich gesungen und gezecht haben. Da ließen sich Stimmen im Volke vernehmen, die fragten warum denn keiner von den Ratsherren, die doch den Bachen aufhängen ließen, ihn herabgeholt habe. Und endlich wollten sie die Speckseite ohne jegliche Zeremonie nächtlicherweile von der Wand nehmen lassen, »zu dem sich denn doch ein ganz junger Bogenschütze von der Torwache hergegeben«, der die Speckseite von dem Tor entfernte, durch das einst der grimme Hagen und die Nibelungen geritten. Die Wiener raunten nachher, daß manch Weib eines Ratsherrn ein Stückchen der Schwarte als Amulett unterm Busentuch trage. Die Speckseite war eine Apotheose der Macht der Frauen. Lange Zeit noch rumorte die Erinnerung an sie in den Gemütern der Wiener. Sagen rankten sich um sie, und später wurde zum Andenken an den Bachen – wohl auf Anstiftung der Weiber – eine Speckseite aus Holz geschnitzt, realistisch bemalt und an Stelle der echten gehängt. Der Spaß mit der Speckseite – als solcher wurde er angesehen – war nicht Wiener Monopol. Hans Sachs erwähnt eines Bachens, der im Deutschordenshause zu Nürnberg hing, und in der Bretagne und in Essex finden wir feiste Speckseiten, mit Heiratsgedanken zart durchwoben, an Wänden hängen. Woher diese Sitte stammt und welche Bedeutung ihr zukommt, ist bislang nicht restlos aufgeklärt; sie dürfte in das vorchristliche Altertum zurückreichen. Es ist selbstverständlich, daß sich nahe dem Landungsplatze der Schiffe, die von oben kamen, Einkehrwirtshäuser auftaten, und es fanden die Wienfahrer unweit vom Rothen Thurm mehrere gastliche Stätten. Das bedeutendste Gasthaus war der »Steyrerhoff«, an Stelle jenes Hauses, das jetzt noch diesen Namen trägt. Er gehörte 1421 dem Sohne Ulrichs von Steyer und 1476 dem Jörg und der Margarethe Prewes. Am 12. Juni 1495 war der Steyrerhoff der Schauplatz eines Gefechtes, das abgedankte Soldaten inszenierten. Der Stadtrat mußte Sturm läuten lassen und die Dämpfung des Exzesses durch Waffengewalt herbeiführen. Unweit des Steyrerhofs stand das Haus »Zur goldenen Sonne«, ein hohes, schmales Haus, in dem ein beliebter Bierschank war. Am 16. September 1590 warf ein Erdbeben das Haus nieder, und ein Knecht, der unter dem Dachboden schlief, fiel in seinem Bette ins Erdgeschoß. Der Wackere blieb unversehrt und »es geschah ihm kein Leid«. Ein interessantes Haus – es hieß »Zum güldenen Hirschen« – stand an der Ecke des Fleischmarktes und des Haarmarktes, das Haus des Ratsherrn Matthias Heuperger. Darinnen wohnte einst Paul Khölbl, der Krakauer Steinmetz und Erbauer des Augustinerganges in Wien. Er beherbergte einen illustren Freund, den Doktor Faust, und in der Wohnung Khölbls soll das sagenumwobene »spukhafte Bankett« stattgefunden haben. Die Gegend bei dem Rothen Thurm und die älteste Rothethurmstraße, deren erster Name, ihrer Steilheit wegen, »Am Steig« lautete, boten ein reizvolles Bild mittelalterlicher Bauweise. Warum gerade der Rothe Thurm vor allen andern den Wienern so lieb war? Bei ihm hatte sich nichts Wichtigeres ereignet als bei den andern Türmen. Diese hielten den Feinden öfter Stand als er und sahen mehr Kämpfe, bei denen es sich um das Wohl oder Wehe der Stadt handelte. »Kleider machen Leute«, und der Turm an der Donau trug ein rotes Wams. Nicht das Rot der Henkerstracht, nicht das politische Parteirot gefiel den Wienern. Was den Rothen Thurm volkstümlich machte, war das helle Rot, das Nerven erregt, das Rot der Ostereier und der Zentifolie. Es strahlte Freude in naive Gemüter. Daß wir doch auch noch solche hätten! Der Stein an der Gumpe Altägyptische Tempel und die Geschichtsforschung haben Gemeinsames. Reihen von Sphinxen, den Rätselsymbolen, leiteten zu einer weiten, geräumigen Halle, dem Torteile des Tempels. Niederer und düsterer war das Gemach, das ihr folgte, und immer enger und dunkler und niederer wurden die Räume, die zur Naos, zum Heiligtum, führten. Und hinter dem engsten, finstersten Gelaß stand im mystischen Lichte, das von oben kam, die Gottheit. So findet der Forscher, der zum Anfang des Geschehens auf Erden hinfinden will, das jüngst Vergangene in klarem, scharfem Licht in tausend Büchern geschrieben. Schreitet er in der Zeit weiter, so werden die Wege der Forschung schmäler und düsterer und verlieren sich in geheimnisvollem Dunkel. Da läßt sich in der tiefen Nacht der Zeit ein Stein finden, der Zeichen trägt, ein fossiler Knochen, Fußspuren von unbekannten Wesen in hartem Sandstein oder irgendwo ein Name in Stein gemeißelt oder auf Schilfmasse geschrieben, der vor Jahrtausenden verklungen. Und diese alle flüstern und raunen als Wegweiser in die Tiefe der Zeit. Und der Forscher, der tastend und sinnend dem Flüstern folgt, sieht plötzlich in mystischem Lichte die Gottheit vor sich. Sie ist da. Das Licht aber ist die Phantasie. Aber auch sicher Erkanntes und prosaische Notizen in dürren Büchern, in Wiener Chroniken können phantastisch wirken. In alten Bibliotheken, versteckt auf hohen Regalen, vergraben in versperrten Archiven, stehen, verträumt und verstaubt, alte Bücher. Mit dicken Einbanddeckeln, die mit Eisenbeschlägen umklammert sind, und mit festen Schließen behüten sie ihren Inhalt. Und wenn wir sie öffnen, finden wir Unwichtiges, Gleichgültiges oder lehrhafte geistliche Betrachtungen. Und da wir das Buch enttäuscht schließen wollen, finden wir eine Zeile – eine einzige – und die bringt uns, was wir gesucht haben: einen Namen, eine flüchtige Notiz, die wie ein Lichtstrahl wirkt. Und seltsam! Manches der trockensten, dürrsten Bücher enthält – vom Autor unbeabsichtigt, Plauderecken. So finden wir Mosaiksteinchen, aus denen wir uralte Bilder neu zusammensetzen können, und ein solches zeigt die Stelle des heutigen Haarhofes und erzählt uns, was dort in grauen Zeiten geschehen ist. Heute ist der Haarhof eine wenig benützte, stille Verbindungsgasse der Naglergasse mit der Wallnerstraße; sie hat einen schrullenhaften, winkeligen Grundriß. Seltsam ist es, daß eine Gasse Hof heißt, um so seltsamer, als die platzartige Erweiterung in ihr ehemals als Markt, dem Verkaufe von Flachs Im österreichisch-bajuvarischen Dialekt Flachs – Haar. diente. Die geräumige Stelle der Gasse war aber ein Marktplatz. Allerdings brauchen wir uns das Plätzchen im Haarhof nur durch zwei Tore, die quer über die Gasse gestellt sind, abgeschlossen zu denken, so entsteht das Bild eines gewöhnlichen Haushofes von der Art, die in alten Städten zu finden ist. Es liegt nahe, anzunehmen, daß der Flachsverkauf in einem Hofe stattgefunden habe, der mehreren Häusern, deren Besitzer Flachshändler gewesen, gemeinsam war. Es gibt Plätze, die absichtlich als Plätze geschaffen wurden, indem man ihnen die freundlichen Gesichter der Häuser, die fensterreichen Fronten oder die monumental prunkenden Fassaden zuwandte. Und andere Plätze, die dort entstanden, wo die primitiven Zu- und Anbauten der hinteren Teile von Häusern – meist schmucklose Wände mit vernachlässigtem Mörtelbewurf und ebensolchem Anstrich – einander gegenüberstehen, Plätzchen, denen im Organismus einer Stadt die Aufgabe von Lichthöfen, von Luftschachten zukommt. Ein solcher Platz ist die winkelige Ausweitung in der Gasse, die Haarhof heißt, und er bietet deshalb nichts vom Charme, der so vielen anderen, alten Stadtplätzen eigen ist. Aber eine Stelle findet der Suchende doch, die ihn interessieren mag. In einem ganz engen, düstern Schlupf, zwischen zwei alten Wänden, deren Mündung in die Gasse von einer Mauer verschlossen ist, ragt ein Erker hinein; einer von den ganz wenigen alten. Von der Wand eines Hauses, dessen Fassade der Naglergasse zugekehrt ist, mag er ehemals dem Treiben auf dem Flachsmarkte zugesehen haben. Als aber auf Armeslänge entfernt vor ihm eine neue Mauer rücksichtslos und arrogant hoch in die Höhe wuchs und ihm Sonne und Wind nahm, schloß er im Verdruß sein Auge – sein Fenster wurde vermauert. Der Haarhof ist bar aller Erinnerungszeichen an alte Zeiten, die Erinnerung lebt in alten Büchern... Vor achthundert Jahren war eine tiefe Mulde zwischen den Stellen, an denen heute die Naglergasse und die Wallnerstraße ist, und sie reichte bis unter die Mauer der Stadt, wo sie in den Stadtgraben überging. Die Spuren römischer Kultur waren schon vernichtet, und die Gegend um Wien war verwilderter Wald, in dem Brombeergestrüpp und Efeu Ruinen verfallener römischer Villen überwucherten, in dem Eichen in Gräbern römischer Soldaten wurzelten und in dem zwischen dichtem Unterholz, zwischen Schlehdorn und Farnkraut Lilien, Melissen und Rosen wuchsen: die letzten Grüße römischer Gärten an den deutschen Wald! An vielen Stellen reichte der Forst bis an die Stadtmauer. In der Mulde, wo heute der Haarhof ist, stand tiefes, grünes Wasser und die Ufer des stillen Weihers waren dicht umbuscht von Weiden und Erlen. Wo heute die Strauchgasse ist, floß ein Bach, der die Bergwasser von Nordwesten brachte, und die Stelle, da, wo er in die Strauchgasse einbog, wurde nach Jahrhunderten noch »Im Fluder« genannt. Dieser Bach speiste den Weiher, so daß seine Wasser bis in die breite, grabenartige Mulde flossen, an der später die Stadtmauer erbaut wurde. Am Morgen jubelten die Vögel des Waldes an dem Wasser, und abends kamen aus dem Laubdunkel Rehe an den Weiher, tranken und horchten hinüber, dorthin, wo Menschen wohnten und das Glöcklein von St. Ruprecht zum Ave rief. Ein Mächtiger störte die Ruhe am Weiher. Nachdem der Babenberger Leopold IV., lange ehe er heilig war, um Liebeslohn seinen Kaiser verraten und sein Schloß auf dem – jetzigen – Leopoldsberge gebaut hatte, mag oft des verlassenen Kaisers flehende Stimme im Ohr seiner Erinnerung geflüstert haben. Dann mag Leopold in rasender Jagd bei Hussa und Horrido ein Vergessen gesucht haben, das er in den Armen seiner schönen Agnes nicht finden konnte. Auf seinen Jagdzügen fand er aber auch anderes: Wiener Wilddiebe. Durften auch die Wiener in Leopolds Forsten den roten Reinecke und Isegrim erlegen und sich mit dem braunen Meister Petz herumraufen, stand ihnen auch die niedere Jagd offen – das Rotwild gehörte dem Markgrafen. Weil die Wiener wohlfeile Rehbraten besonders schmackhaft fanden, baute der Markgraf vor ihren Nasen einen »Gejaidhof«, eine Trutzburg des Försters, der mit seinen Knechten den Wienern auf die Kappen gehen, sie beobachten sollte. Drei Pfeilschüsse weit von Wiens kleiner Ringmauer, an der stillen, tiefen Gumpe, Uraltes deutsches Wort, soviel wie Wassertümpel. Schon von Kosker, dem St. Gallener Mönch, im elften Jahrhundert gebraucht. Heute noch in Bayern üblich. fing ein Hämmern, ein Karren und Zimmern an. Wildenten flogen mit schwerem Flügelschlag davon. Die Dommeln im Rohr und die Meisen in den Weiden verstummten, und nachdenklich sah ein Rabe von seinem Nest im Gipfel einer riesigen Waldpappel dem Treiben der Werkleute zu. Paltram der Zwetter, ein Steinmetz, der den Bau führte, war um Material für diesen nicht verlegen. An der römischen Hochstraße – heute heißt sie Herrengasse – lag, von Brombeeren überwachsen, überwuchert von Efeu und beschattet von Eichen, die Ruine einer großen römischen Villa. Für Paltram war sie ein Steinbruch. Die Strecke, an der sie lag, war weichbemoost, Farnkraut und Ginster, Wacholder und Disteln wuchsen auf ihr, und noch hatte kein Baum vermocht, seine Wurzeln in ihren festen steinernen Unterbau zu zwängen. Auf diesem lichtgrünen, mit farbigen Blumen bestickten Bande ließ Paltram auf schweren Wagen Ziegel, die vor Jahrhunderten geformt worden waren, behauene Steine und manchen marmornen Zierat zur Gumpe schaffen und baute dort einen festen, derben und seltsamen Bau. Sein Hauptteil lag am Ufer und war ebenerdig. Ober dem Tor aber ragten zwei Kemenaten des Markgrafen unter einem steilen Dache hoch auf, und an der Wasserseite stand ein runder Turm, dessen Grundfeste vom Wasser umschmeichelt und vom Schilfe umflüstert wurde. In ihm führte eine hölzerne Wendeltreppe aufwärts; ihre Spindel war eine Säule aus rotem Marmor, und wäre ein Fenster im Turm nicht ein gar so winziges Lichtsieb gewesen, so hätte man an ihr eine Inschrift in kleinen Buchstaben, die ein harter Edelstein in sie geritzt, sehen können. » Vale Claudia, semper amata « war da geschrieben. Wer mochte die Inschrift gemacht haben? Ein Römer, der nach dem Süden heimzog? Oder einer, der an den Rhein kommandiert worden war? Des Markgrafen Schlafstube hatte einen kostbaren Estrich, ein Mosaikbild aus dem Atrium des Hauses in der Hochstraße. Das Haus, der Stein an der Gumpe, wuchs, und Paltram, der derbe deutsche Steinmetz, betrachtete die römische Ruine als Vermächtnis eines unbekannten längst Verstorbenen und sich als dessen Erben. Er wurde Archäolog, fand nie Gesehenes, Geheimnisvolles, und forschte und schürfte und grub. Er wurde an der Hochstraße zum Sammler und nahm sich vor, bei irgendeinem geduldigen Klerikus Lateinisch zu lernen. An einem glücklichen Tage fand er ein lebensgroßes Relief eines Weibes, das einen Bogen spannte; hinter der Figur sprang ein Jagdhund. War das nicht ein passender Schmuck für einen Gejaidhof? Auf knarrendem Wagen mit ächzenden Achsen ließ Paltram den schweren Stein zur Gumpe führen und mauerte ihn neben dem schmalen, niederen Tor in die Wand. Nachdenklich sah der Rabe von seinem Horst die Diana an, stellte sich auf eines seiner dürren Beine und kraute sich mit dem anderen hinter seinem winzig kleinen Vogelohr. Der Steinmetz war mit seinem Werk zufrieden, der Markgraf auch, und der Förster konnte es bald beziehen. Der hieß Konrad Piligrin, war ein weidgerechter Jäger mit Armbrust und Saufeder. Weil er den Wiener Wildschützen zu wehren hatte, gebar sein amtlicher Verdacht so etwas wie Widerwillen gegen die Wiener, und weil diese wußten, daß er ihr Wächter war, hatten sie so etwas wie Abneigung gegen ihn. Als Piligrin zum erstenmal sein Haus betreten wollte und er, vor dem Tor stehend, es prüfend musterte, begab sich Sonderbares. Ein kleines, glänzendes Kreuzlein fiel vom Himmel vor seine Füße. Erschrocken fast sah der Jäger aufwärts; da flog der Rabe über ihn krächzend zu seinem Nest. Das war ein lieber Empfang! Und Piligrin schloß den Raben in sein Herz. Die Waldpappel mit dem Rabenneste war fortan für den Förster heilig. Der Gejaidhof aber schien den Wienern höchst unheilig, denn sie erfuhren bald, daß die steinerne Jägerin neben dem Tor des neuen Hauses ein heidnisches Weib sei, und Pater Siegebert, ihr Seelsorger bei St. Ruprecht, erzählte, daß das Steinbild eine Göttin sei. Die Wiener nannten das Jagdhaus, weil es aus Stein gebaut war, zum Unterschied von vielen anderen Häusern und nach alter Sitte einen »Stein«. Der Stein an der Gumpe wurde den Wienern unheimlich, denn die heidnische Göttin wurde ihnen zum Bilde einer Hexe, und so wie den Andächtigen, den Frommen Heiligenbilder in der Kirche voll geheimnisvoller heilbringender Kräfte waren, so mochte auch das graue Weib am Stein an der Gumpe zauberische Macht haben! Piligrin aber liebte das Bild der Jägerin; er betrachtete die Bogenspannende als Kameradin, als schützendes Symbol, und als Heilige wäre sie ihm lieber gewesen als eine Gertrudis oder Walpurga... Nach einem glücklichen Jagdtage pflanzte er zu Füßen des Reliefs mächtige Efeuranken, die er vom Walde genommen und zog sie als Rahmen um das Steinbild. Nicht allein deshalb, weil er es lieb hatte, sondern weil die Wiener sein Haus mieden, schmückte Piligrin seine Diana. Da wurde aber auch Piligrin gemieden, und am Sonntag in der Kirche wollte keiner neben ihm sitzen oder stehen, und hatte der Jäger seine Finger in das Weihwasserbecken getaucht, so fragten sich die Leute, ob denn das Wasser noch seine Weihe habe? Und Wernherrs, des Schmiedes Ehefrau, wollte gehört und gesehen haben, wie sich das Weihwasser vor den Fingern Piligrins, des Hexenbuhlers, zischend und brodelnd zurückgezogen habe! Der Jäger hörte oft die schlechte Nachrede, die seiner Diana, der schuldlosen Jägerin, von den Wienern zuteil wurde, und er ergrimmte darob. Da begab es sich, daß Maria, des Platners Eheweib, das Bild ihrer Schutzpatronin, Unserer lieben Frau, das neben dem Altar zu St. Ruprecht hing, in inniger Verehrung mit einem Kranze roter Rosen schmückte. Am Sonntag darauf sah Piligrin das Muttergottesbild mit den Rosen. Er ging aus der Kirche, bestieg sein Roß, das er an das Friedhofstor gebunden hatte, und ritt auf den Berg zur Burg seines Herrn. Der hatte einen Rosengarten. Da brach der Jäger Blumen – in seinem Leben zum erstenmal – gab sie in seine Weidtasche und ritt davon, zum Stein an der Gumpe, zur Frau Diana. Noch am selbigen Abend umschmeichelten rote Rosen in duftendem Kranze das Haupt der steinernen Schutzpatronin Piligrins. Nachdenklich sah der Rabe vom hohen Horst auf den Rosenkranz nieder, schloß ein Auge und blinzelte mit dem anderen. Am nächsten Tage wußte das männiglich in Wien. War das ein Frevel! Zornig murrte ein jeder. Aber des Markgrafen Jagdmeister war ein eherner Mann, mit dem nicht gut zu reden war. Pater Siegebert aber redet doch mit Piligrin über die heidnische Figur und den Rosenkranz. Doch lachend sagte der Jäger, daß der Stein weder christlich noch heidnisch, sondern nur grau und hart sei. Er liebe ihn, weil er das Sinnbild der Jägerei trage, und wenn es einem beliebe, so könne er auch einen Esel mit Rosen bekränzen. Die Wiener haßten fortan Piligrin... Tiefdunkle, mondlose Sommernacht war über den wenigen Häusern, die damals Wien bedeuteten, über St. Ruprecht und dem Stein an der Gumpe. In lautloser Stille lag schwarz der Wald und schwarz das Wasser; kein Blatt regte sich und kein Schilfhalm, und die Luft war heiß und schwer. Ein bleichblaues Flämmchen stand still über dem Wasser. Ein Irrlicht. Wer Atem hatte, lag in tiefem, schwerem Schlaf. Da stieg plötzlich ein Funke hoch in die Luft. Wie ein glühender Vogel schwebte er dann im Bogen abwärts, entfaltete flammende Flügel und ließ sich auf das dürre Schindeldach des Jagdhauses nieder. Ein Brandpfeil! Jäh fuhr der Jäger, der im Turme schlief, vom Lager auf; das kreischende Krächzen des Raben hatte ihn erweckt, und jetzt sah er, wie Funken aus dem Dache aufsprühten, in dessen trockenem Holze der lohende Pfeil stak. Da hörte er ein rollendes Brüllen, einen furchtbaren Donnerschlag. Maßlos strömte Gußregen und Hagel nieder. Er schlug mit seiner Wucht das Feuer, aber der Hagel vernichtete auch die Obst- und Weinernte der Wiener. Sonderbar! Der und jener wußte, daß das Dach des Jagdhauses gebrannt habe, und bald wußte jeder im weiten Umkreise Wiens, daß das Gewitter, das die Ernte zerstört, dem Stein an der Gumpe Rettung gebracht hatte. War das nicht ein Werk der steinernen Hexe, nicht zugleich ihre Rache? Die Wiener wichen vor Piligrin und berieten, wie sie dem Frevel ein Ende machen könnten. Bald darauf kam der Markgraf in sein Jagdhaus. Er gab seinem Jagdmeister den Auftrag, die hohe Waldpappel, in deren Gipfel das Nest der Raben war, fällen zu lassen. Der Graf wollte vom Turme des Steines an der Gumpe sein Schloß auf dem Berge sehen können, und gerade die eine Pappel verwehre den Ausblick. Piligrin schlug vor, den Turm lieber höher zu bauen. Der Graf lehnte ab und beharrte auf seinem Wunsche. Da erzählte der Jäger, daß er den Baum als Wohnsitz seines lieben Raben erhalten wolle. Da rief sein Herr einen der jungen Jagdknechte und sagte ihm, er solle sein Probestück als gräflicher Schütze machen und den Raben vom Neste schießen. Der Knecht tat es und der Herr meinte, daß nun nichts mehr im Wege stehe, den Baum zu fällen. Am Abend desselbigen Tages ließ Piligrin sein Roß satteln, bestieg es und sagte lachend zu dem Knecht, der den Raben geschossen: »Dieter, man muß immer lernen. Die Christen habe ich kennen gelernt. Jetzt will ich zu den Heiden reiten. Dich soll dreimal der Teufel holen. Brenne gut!« Und Piligrin ritt in die Nacht hinein. Am anderen Morgen sah der Sakristan von St. Ruprecht, daß die Kirchentür, aus den Angeln gehoben, neben der Türöffnung lehnte und daß das Aas eines Raben mit einem kräftigen Bolzen auf dem Tische des Hochaltars, gerade unter dem Tabernakel, festgenagelt war... Piligrin soll bei den Türken ein großer Feldhauptmann geworden sein. Wenn aber in schauervollen Nächten Odins Heer im Sturme dahinzog, da vermeinten die Wiener, Piligrins Stimme über den wankenden Baumwipfeln zu hören... Das alles geschah in grauen Zeiten. An den Stein an der Gumpe erinnert heute nichts mehr als ein Stein mit halbverlöschter Schrift in einem Hofe des Esterhazy-Palais in der Wallnerstraße, und seine Inschrift erzählt, daß dort, wo sie über einem Torbogen jetzt verwittert, das Jagdschloß Leopolds – der Stein an der Gumpe – gestanden. Der Tiefe Graben Dem Wanderer von heute ist der »Tiefe Graben« eine schmale Straße mit hohen alten und mit neuen Häusern, eine Straße, deren einzige Charakteristik es ist, daß sie unter einer Brücke ohne besondere Charakteristik durchführt. Vor fünfzig Jahren war der Tiefe Graben eine pikant anrüchige Straße mit lauter hundertjährigen und noch älteren, düsteren, turmhohen Häusern, in denen enge, hochstufige Wendeltreppen zu manchen Zimmern führten, durch deren mit rosa Tüll verhangene Fenster meist verblühte Mädchen auf die Straße hinabguckten und hinablächelten. Der Tiefe Graben hatte Charakter, und zwar besonders dann, wenn das Abendläuten der Aveglocken im Turm der Schottenkirche verklungen, wenn die letzten Rosawolken verblaßt waren und wenn die Dämmerung und die Öllampen nicht mehr erkennen ließen, ob Mädchenwangen in Schminke, in Jugendluft oder in Scham glühten. Er hatte auch architektonischen Charakter: den einer alten Straße mit Barockhäusern, deren schön gegliederte Fronten, schön patiniert, sich über dämmerigen Erdgeschossen, die kleine dunkle Kaufläden bargen, auf Halbsäulen und über zahllosen Fenstergesimsen ins Licht, zum hellen Himmel hoben. Der Tiefe Graben hatte auch etwas von der Charakteristik seines Nachbars und Namensvetters, des Grabens. Der war eine vornehme Promenade, auf der sich alle Welt – also auch die Halbwelt – bewegte. Der Tiefe Graben war eine Promenade letzter Güte, aber nicht für alle Welt. Unsere Großväter, auch wenn sie schon ganz alt waren, vermieden es gern, den dunklen Weg gegen den Salzgries zu gehen. Man hätte von der »Hohen Brücke« herab von seinem Nachbar oder von dem Herrn Pfarrer gesehen werden können, und das hätte Wispern und Raunen, ein Lächeln und Staunen gegeben. Vorurteil, das vage Urteil einer Tradition, und das Düster, das auch an sonnigen Maimorgen über der grauen Gegend unter der Hohen Brücke lag, beeinflußte die Schritte der Beau monde , der Herren mit den grauen Zylindern, den Redingotes und Nankinghosen und der Damen mit den Kapothüten, den Reifröcken aus lilafarbigem Gros des Naples und den Kaschmirschalen. Keiner der Lions der letzten vierzig Jahre hat im Geplauder mit einer Demoiselle den Tiefen Graben erwähnt; der war anrüchig von alters her, als noch das Diebsschergenhaus und das gemain Frawenhaus in ihm stand. Herzog Heinrich Jasomirgott, der Babenberger, kannte den Tiefen Graben noch als einen tiefen Graben, als Schlucht zwischen hohen, zerrissenen Lehmwänden, in deren Furchen Haselnußsträucher und Erlen wuchsen und in der ein wilder Bergbach seine schlammgelben Wasser zur Donau rollte. Dieser Bach, später Ottakringer Bach genannt, der zwischen Wäldern und Rebengeländen vom Westen her der Stadt zueilte, war ein launisches Wildwasser und schützte, wenn er nicht versiegend in der Sommerhitze dahinschlich, in reißendem Rennen eine Front der Herzogsburg, indem er den Platz, den wir heute »Am Hof« nennen, vom Westen her unzugänglich machte. Bei dem heutigen »Heidenschuß« führte eine feste Bohlenbrücke von der Freyung her über den Bach zur starken Mauer, die den Platz vor der Burg umgab, und zur Zugbrücke im Torbau. Der Herzog brauchte die Wellen als Schild. Handwerker brauchten sie als Arbeitskraft, und knapp vor der Burgmauer, bachabwärts am Wasser und am steilen Ufergelände bauten Gerber, Färber und Lederer ihre Werkstätten und auf der Ebene über dem Steilrand des Ufers ihre kleinen Wohnhäuser. Die Namen Färbergasse und Ledererhof erinnern uns noch heute an die wehrhaften Handwerker von ehemals, die alle wackere Kämpfer, deren viele Künstler waren, und deren manche singen und sagen konnten. Es ist lange her. Der Ottakringer Bach floß durch den Tiefen Graben. Ein Arm des Alsbaches auch. Man weiß ja vieles von beiden Bächen, was einst gewesen und was vergangen ist. Über ihre Beziehungen zum Tiefen Graben, durch den sie flossen, scheint Geschichtsunsicherheit zu bestehen. Ein geschätzter Wienforscher sagt: »Der Ottakringer Bach floß mitten durch die Bauarea der Minoriten. Die Auflassung desselben war also notwendig, wenn ein Kirchenbau zustande kommen sollte.« Sonderbar! Man wollte also die Kirche partout dort bauen, wo der Bach floß – und überall anderswo, ein paar Meter vom Bachrande, wäre doch so schöner ebener Boden für einen Kirchenbau gewesen! Und wollte man das Schifflein Petri symbolisieren, dann hätte man doch den Bach nicht ableiten dürfen! Der geschätzte Forscher fährt fort: »Der Bach wurde also abgeleitet und das Rinnsal dadurch wasserleer (nun konnte die Minoritenkirche gebaut werden), da aber die vielen Färber und Gerber«, fährt der Schreiber fort, »ohne Wasser nicht leben konnten, so leitete man den Alsbach bis ans Eck der Strauchgasse und in das alte Bett des Ottakringer Baches hinein und behob so den Übelstand.« Was taten nun die Färber und Gerber in der langen wasserlosen Zeit? Das Tarockieren war damals noch nicht erfunden; auch konnte die damalige Technik mit Flüssen noch nicht jonglieren. Sollte man Bestehendes zerstört haben, nur um Ähnliches wieder zu schaffen? Wenn in den hundertfach kommentierten Dichtungen Shakespeares unklare, ja sinnlose Stellen vorkommen, darf es uns nicht wundern, wenn in der quellenarmen Geschichte der Wasserläufe Wiens Lücken bestehen und wenn der Baum der Geschichtserkenntnis so seltsame Blätter treibt, wie jenes ist, auf dem die Notiz über den Ottakringer Bach steht. Mit Wasser haben sich die Wiener nie gern beschäftigt, davon zeugt das alte Wiener Lied: »Na, nur ka Wasser net, na, na, dös mag i net.« Anderswo hätte man fließendes Wasser nutzbar gemacht. Bei uns war immer die Ultimo ratio das Zudecken. Und ist das Einwölben unmöglich oder zu teuer gewesen, so ersannen schlaue Techniker andere wasserfeindliche Mittel. Sie nahmen durch Schleusen dem Donaukanal sein Temperament und machten ihn mit wuchtigen Uferfestungsquadermauern tot. Mausetot. Gewohnter als die Verwendung des Wassers war den Wienern immer jene von gebrannten und gegorenen Flüssigkeiten. Davon zeugen die vielen Schenken und im alten Wien namentlich die Kellerschenken. War doch das Fundament fast jeden Stadthauses ein Weinkeller und die Grundlage der Gemütlichkeit der Hausinsassen der hochprozentige Inhalt der Keller. Bedeutsam für die Biederkeit der Weinschenken in alten Zeiten ist es, daß in einem Winkel des tiefsten Kellers, im Hause Nr. 7 in der Weihburggasse, ein – heute verschütteter – ausgiebiger Schöpfbrunnen gewesen. Auch im Tiefen Graben waren Kellerschenken. Da war der Scheckelkeller, ihm nahe am Heidenschuß der Türkenkeller, und ein ganz besonderer Keller, der Bischofskeller, war im Hause am Heidenschuß Nr. 2 und hatte den Eingang am Tiefen Graben. Zeugten Keller meist Räusche, so gebar der Bischofskeller das Sprichwort: »Man soll den Teufel nicht an die Wand malen.« Saßen dort einst in tiefer Nacht ehrenfeste Männer an einem Eichentisch. Neben Fritz Hagenauer saßen der Steinmetzen Zechenmeister, der berühmte Wohlmuet – sein Konterfei am Kärntnertor haben unsere Großväter den »Fenstergucker« genannt –, saß Hirsvogel, der Kupferstecher, und Faust. Schweren Wein und schwere Gedanken trugen ihre Köpfe. Sie redeten von des Kreises Quadratur, vom Homunkulus und von Alchimie. Ob man dem Hermes Trismegistos nichts abzwingen könne? »Wenn man den Teufel als Helfer hätte«, meinte Hagenauer, und die Männer blinzelten zu Faust hin. Wohlmuet flüsterte etwas vom Teufelzitieren. Da lächelte Faust sarkastisch und sagte: »Will einer den Teufel rufen, so ist er ihm schon nahe.« »Und ist er nahe, so soll er hier sein«, rief der Kupferstecher, stand auf, nahm des Wirtes Kreide und zeichnete in schnellen Zügen ein widerlich boshaftes Gesicht an die dunkle Wand. Faust erhob sich langsam von seinem Sitz, trat hinter Hirsvogel und streckte schweigend seinen Arm gegen die Zeichnung aus. Da wurde das Gesicht auf der rauchgebräunten Wand leichenfarbig, seine Augen wurden schwarz und blickten in der Runde, und unter dem schrecklichen Gesicht erschien ein Mantel, rot, wie mit Glut gemalt, und des leuchtenden Mantels Falten bewegten sich, wie berührt vom Hauch der Hölle. Da wichen die drei Männer in Schrecken zurück. Faust aber sagte kichernd: »Wollt ihr Belsazars Gastmahl spielen? Ihr hättet den Teufel nicht malen sollen, und wer ihn nicht bannen kann, soll ihn nicht rufen!« Weiter berichtet die Sage über diesen Vorgang nichts. Das Volk hat aus ihm ein Sprichwort gemacht, und ein späterer Eigentümer des Hauses, in dem der Teufel an die Wand gemalt worden, ließ des Teufels Bild in glutrotem Mantel – ganz gegen das Sprichwort – an seine Hauswand malen. Er wollte wohl damit zeigen, daß Malen und Malen zweierlei ist, ganz so, wie man das heute in unseren Kunstausstellungen sieht ... War in alter Zeit der Tiefe Graben, da, »wo der Haid' scheußt«, auch belebt, an seinem unteren Ende war er gemieden. Da stand manch verrufenes Haus, so die Herberge der gastlichen Frauen und das düstere Diebsschergenhaus. Hier wurden auch gewalttätige Bettler gefangengehalten, weshalb es auch Bettlerkotter hieß. Schenken, Frauenhäuser und Kerker. Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Und doch war eine Zeit, in der im Tiefen Graben (Nr. 231) im dritten Stocke Beethoven wohnte. Für den 2. April 1800 war eine musikalische Akademie »zum Vorteil des Herrn Ludwig van Beethoven« angekündigt, und auf dem Anschlagzettel stand »Billets zu Logen bey Herrn v. Beethoven in dessen Wohnung, Tiefer Graben Nr. 231, 3. Stock, zu haben«. Das Programm enthielt l. Große Symphonie von W. A. Mozart; 2. Arie aus Haydns »Schöpfung«, gesungen von Mademoiselle Saal; 3. Großes Klavierkonzert, komponiert und gespielt von Beethoven; 4. ein Ihrer Majestät der Kaiserin zugeeignetes und von Beethoven komponiertes Septett auf vier Saiten- und drei Blasinstrumenten; 5. Duett aus der »Schöpfung«; 6. Große Symphonie (die erste) für Orchester, komponiert von L. van Beethoven. Was sich im Tiefen Graben ereignen würde, wenn wir heute um Billetts zu einem solchen Konzert zu Beethoven in den dritten Stock hinaufsteigen könnten! ... Im festen Kausalnexus zum Tiefen Graben steht die »Hohe Brücke«. Ein kurzes Wegstück, das fast so viele Schicksalsänderungen erfuhr, als es Schritte zählt. Zur Römerzeit war sie eine feste Bohlenbrücke, dann eine Steinbrücke, getragen von einem massigen Spitzbogengewölbe. Von der Ferne gesehen glich sie einem Stadttor. Dann in der Barockzeit war sie von Mauern in doppelter Manneshöhe flankiert, die architektonisch reich geschmückt waren. Durch Fenster in ihr konnte man in den Graben hinabschauen und durch zwei Türen – fast wie doppelflügelige Salontüren – konnte man Stiegen betreten, die in den Tiefen Graben führten. Vasen standen auf Pfeilern, steinerne Heilige auf Sockeln, und eine entzückende Rundkapelle mit zierlich ornamentalem schmiedeeisernen Gitterwerk stand, von einer Balustrade umgeben, seitlich vom Gehwege auf einem Vorsprunge der Brücke. Die Hohe Brücke war eine der reizvollsten Stellen im alten Wien. Warum mußten ihre hohen Geländer schon vor so langer Zeit verschwinden? Warum mußte die Kapelle fallen? Es gab immer Ikonoklasten, und sie haben immer Ausreden erfunden, Beschönigungen erdichtet. Die Hohe Brücke zeugte vom Alt-Wiener Behagen am Schönen, und Beethovens bescheidene Wohnung von der Anspruchslosigkeit eines Alt-Wiener Großen. Ein tiefer Graben trennt uns von der anspruchslosen Behaglichkeit unserer Vorfahren, aber unsere Phantasie kann auf einer hohen Regenbogenbrücke im Menuettschritt hinübertänzeln in Zeiten, die vergangen, verklungen sind. Trattnernhof Hoch und massig stand auf dem Graben unweit der Kaiserburg eine Burg der Wiener, ein Bürgerschloß, der Trattnerhof. »Trattnernhof«, so stand es in großen, schwarzen Lapidarbuchstaben an der Attika des Hauses. Die Wiener machen sich aber aus großen Lapidarbuchstaben nichts, sie lesen besser kleingedruckte Theaterzettel oder blaßgeschriebene Speisekarten. Und so haben sie vom Namen des Erbauers des Hofes, der Trattnern hieß und Hofbuchdrucker war, ein charakteristisches Neuntel wegvernachlässigt und allgemein den Trattnernhof nur Trattnerhof genannt. Übrigens ist eine Attika kein offizielles Dokument und Papier oft dauerhafter als Stein. Linnés »Philosophia botanica« zum Beispiel, die ich besitze, und die der Erwähnte gedruckt hat, trägt den Vermerk: »Gedruckt bei Thomas Trattner.« Der »Nordstern, ein Führer zur Seligkeit«, weist den Vermerk auf: »Gedruckt zu finden bei Joh. Thomas Trattner«. Aus diesem Umstande geht hervor, daß das Gebäude des Trattnerhofes so geheißen hat, wie er allgemein genannt wurde, und daß die Attikaaufschrift vielleicht falsch war. Sonderbarerweise aber tragen Geßners Schriften die fein in Kupfer gestochene Bemerkung: »Gedruckt bei Johann Thomas Edlen von Trattnern.« Sollte die Nobilitierung dem Buchdrucker ein Schluß-»n« eingetragen haben? Es ist doch anzunehmen, daß die Lapidarbuchstaben das Richtige sagen! Der Trattnerhof war nicht nur der größte und ansehnlichste der Wiener Höfe, die nicht Stiftshöfe waren, sondern auch der populärste, denn er lag am Graben, der viele Jahrzehnte lang die liebste Promenade der Wiener Beau monde war. Alte Herren, die ihre großen Meerschaumpfeifen in Ruhe rauchen wollten, und alle, die nicht promenieren, sondern gehen wollten, umwandelten die Stadt auf der Bastei. Der Graben diente populären Wiener Persönlichkeiten, die jeder als die »Hauptakteurs« stadtläufiger Anekdoten kannte, und allen denen, die etwas auf sich hielten. Und welcher Wiener von ehemals hielt nicht auf sich? Nicht nur die Stutzer – die Gigerln von dazumal – und die »Lions«, sondern auch die selig verstorbenen Wäschermädel und die feschen »Vorfahren« – kein Wort paßt besser – des »Bratfisches« und des »Christkindls« wußten den Graben in echter Wiener Weise zu beleben. Zudem waren die vielen Verkaufsläden im Trattnerhofe, das Gasthaus »Zur Großen Tabakspfeife« und das Kaffeehaus Pfob – später Schrangl – sowie die beiden Durchgänge für Alt-Wien orientalische Basars, ein Anziehungsmittel, das bis Lichtental und Nikolsdorf reichte. Der imposante Hof, den auch Castelli in einem sonderbaren Gedicht »Trattnerhof« und eine Stadt in der Stadt nannte, stand auf altehrwürdiger Stätte. In der Zeit, in der jedes Haus die Burg seiner Bewohner sein mußte, eine Herberge der Jerusalem- und Rompilger und andrer fahrender Leute und ein Hospital sein sollte, erstand an Wiens Grenze, dort, wo lange ein Wachtturm als geballte Römerfaust vom alten Castrum ins Land drohte, angelehnt an die Stadtmauer, die ihre Stützpfeiler tief in den Stadtgraben senkte, ein Haus. Es war zweistöckig, fest erbaut und trotzte mit dicken Mauern aus Quadern, Ziegeln und Bruchsteinen der Zeit und andern Feinden. Es war eines der ältesten festen Häuser im ältesten kleinen Wien und hatte einen erlauchten Bauherrn. Der Sohn Leopolds des Heiligen, der Bruder Herzogs Jasomirgott, der gelehrte Mönch und Bischof Otto von Freisingen hat es Anno 1140 erbaut, und es wurde Freisingerhof, auch Turmpropsthof genannt. Was mag ein Turmpropst sein? Propst = Praepositus , also ein Vorgesetzter der Türme. Ist es dem Turmpropsthof vielleicht wie der Teinfaltstraße gegangen? In der ältesten Teinfaltstraße wohnte ein Domvogt. Die ältesten Wiener, die wie ihre jüngsten Nachkommen nur dann die Sprache nicht beschädigten, wenn es sich um besonders widerstandsfähige Wörter handelt, wie zum Beispiel Bier, Wein und dergleichen, sprachen Dom wie Toam aus. Das Wort läßt sich nicht gut schreiben. Wer aber ein wenig schnofelt und dabei an die französische Aussprache der Silbe toin denkt, trifft annähernd die Art, wie die Wiener »Dom« gesagt haben. Einen Vogt nannten sie Voit und die Domvogtstraße Toanvoitstraße. Daß später Hochdeutschnaive und überdies Offizielle aus dem erwähnten geheimnisvollen Wort »Teinfalt« gemacht haben, ist ergötzlich. Sollte der Turmpropsthof nicht Dompropsthof geheißen haben? In seiner Jugend war der Freisingerhof, der Vorfahre des Trattnerhofes – gleich seinem Nachkommen eine Stadt in der Stadt. Wien wuchs damals wie ein junger Hollerbusch auf einem Grabhügel, von weicher Mailuft umschmeichelt, ins Blaue hinan, zur Sonne aufwärts. Die schwarze Friedhofserde von Vindobonas großem Römergrab war guter Grund für die Pflanzstätte der nördlichen, der christlichen Kultur, und der Hollerbusch trieb Blüten. In der kaum gebornen Stadt war der Freisingerhof ansehnlich. Er hatte alles, dessen ein Haus in der Zeit bedurfte, in der die blaue Blume wuchs, Ritter turnierten und Minnesänger sangen. Er war ein Paradigma romantischer Stadthäuser, wie Schreiber von Rittersgeschichten sie schildern. Breite Mauern schlossen kleine, dämmerige Gemächer, lange, winkelige Gänge und schmale, steile Stiegen ein. Erker mit spitzen Schindeldächern hingen an Quaderwänden, und ein Heiliger aus Stein blickte aus einer Nische unter dem Dache über die Stadtmauer ins Weite. Und über das Dach hinaus ragte der starke, viereckige Turm der Kapelle des Drachentöters Sankt Georg. Der Freisingerhof, dem bald nach seinem Entstehen auf der Stadtseite mannigfaltige Zubauten auf unregelmäßigem Grundriß angegliedert wurden, erlitt im Zeitenlaufe Korrekturen von Schönheitsfehlern. Sein Dach wurde mit roten Ziegeln gedeckt, an der Wand gegen den Graben hin wurde, als dieser schon zum Marktplatz geworden und »Mehlzeil« oder »Unter den Melbern« hieß, eine große Sonnenuhr gemalt, und um das Jahr 1600 herum brach man vom Hofe gegen die Mehlzeil heraus ein großes Bogentor, von kräftiger Rustika eingefaßt, wie es damals üblich war. Der alte Freisingerhof hatte sich im Johannistrieb einen Weg ins Freie zum Marktleben gebrochen. Aber das schöne Bogentor und die bunte Sonnenuhr waren nur mehr Schminke auf dem Gesichte eines Greises. Neben ihm wuchsen hohe, neumodische Häuser, deren Giebeldächer geringschätzend auf seine verrauchten Schornsteine herabsahen, und vor ihm erstanden auf der Grabenseite, den Torweg kaum freilassend, fünf kleine Häuschen. Jedes ein winziger Naseweis gegen den hohen alten hinter ihnen, aber sie sorgten für das, was dieser versäumt hatte, für den Handel. Eins davon, mit dem Schilde »Zu den Drei Ruben«, gehörte einem Obsthändler, das zweite beherbergte eine Butter- und Käsehandlung und die andern gehörten je einem Hofsporer, einem Schlosser und einem Leutgeb. Überragt, umbaut, senil geworden, paßte der Freisingerhof nicht mehr zu seinen hohen, jugendstolzen Häuserkameraden. Er blieb aber vor dem Zerbröckeln, vor dem Hinsiechen bewahrt. Eines Tages flammte er in heller Lohe auf und starb eines glanzvollen Feuertodes. Die Georgskapelle, die Seele des Freisingerhofes, starb nicht mit ihm. Der junge Trattnerhof nahm sie auf, aber auch Seelen werden alt; sie war schon lange nicht mehr, als der Trattnerhof fiel. Und da der Freisingerhof brannte, sah aus dem Hause gegenüber, das einen gigantischen Wasserspeier, der einen greulichen Drachen darstellte, weit in den Platz hinausstreckte, eine ältliche Baronesse hinaus. Ihre gepuderte Frisur à la tour de Bable war im Feuerschein rosafarbig, sie hielt ein Spitzentuch an ihre Nase und lispelte: »Quelle odeur!« Vom Unterkammeramt kamen zwei Feuerspritzen, Rauchfangkehrer liefen und rote Feuereimer krabbelten an Leitern aufwärts. Anschlagen der Kirchenglocken durchpolterte die Stadt und langsam kam von der Landstraße her im Taktschritt die Stadtguardia. Unter dem Fenster, aus dem die verblühte Baronesse schaute, stand der Herr von Trattnern. Er dachte an die Baronesse, die ihn, als er vor zehn Jahren – ein armer verliebter Buchdruckergeselle – um ihre Hand geworben, abgewiesen hatte. Trattnern sah sinnend in die Lohe, sah die stürzenden Dachbalken des Freisingerhofes niederkrachen, die Mauern bersten, ging nach Hause und rechnete. Trattnern war jetzt wohlhabend, später wurde sein Reichtum so stadtbekannt, daß die Wiener sagten: »Er hat's trattnerisch«, wenn sie ausdrücken wollten, daß einer sehr viel Geld habe, so wie sie später, um Pracht und Eleganz zu kennzeichnen, sagten: »Bei dem ist's wie beim Stametzmeier.« Trattnern wollte da, wo der Freisingerhof gestanden, ein fürstliches Bürgerhaus bauen, gerade der Baronesse gegenüber, die so wenig Verständnis für arme Buchdruckergesellen hatte. Er bat die Stadtbank um ein Darlehen von 100.000 Gulden. Es wurde ihm verweigert. Trattnern wendete sich an die Kaiserin, und Maria Theresia sprach mit Kaunitz. Dieser gab hinsichtlich des Planes Trattnerns ein Gutachten ab, in dem er sagte, ein Bürger der Stadt verdiene bei einem großen Unternehmen, das zur Ehre, zur Schönheit und zum Nutzen derselben gereicht, schon an und für sich und dann auch deshalb Unterstützung, weil andre Bürger dadurch zu ähnlichen Unternehmungen angeeifert werden. Die Stadtbank war jetzt ganz der Meinung des Ministers und gewährte das Darlehen. Und Trattnern baute ein Haus und nannte es Trattnernhof. Was er baute, war für Alt-Wien Zukunftsstil, übermodern, und der Trattnerhof war das »Looshaus« von 1776. Nichts war da von der gewohnten Art. Kein Giebel, keine Säulen mit korinthischen Prunkkapitälen, keine weitausladenden, geschwungenen Fenstergesimse und mythologische Statuen auf Balustraden. Das neue Haus wirkte starr und »Loos-haft«. Geometrisch war seine Architektur, und aus seiner langen Front sahen achtzig gleichförmige Fenster in fünf Reihen auf die Wiener herunter, die kopfschüttelnd und bewundernd sagten: »Sehr groß und sehr fad.« Schade, daß es damals schon einen »Schubladkasten« gab, als der Trattnerhof gebaut wurde. Warum nannten die Wiener das Priorathaus der Schotten auf der Freyung Schubladkasten? Wohl weil es noch keinen Trattnerhof gab, als es gebaut wurde. Das Prioratshaus mit seinem klassischen Giebel, den vier Halbsäulen an der harmonisch gegliederten Fassade, dem hohen Dach mit den drei mächtigen, gut geformten Rauchfängen, das Haus mit dem reizvollen, säulenflankierten Tor gleicht in nichts einem Schubladkasten – auch keinem ganz schönen; dazu hat es eine zu bedeutende Gliederung und zu viele schöne, rein architektonische Einzelheiten. Es ist ein Haus im besten Sinne. Und fragte man einen Wiener, warum er das Haus Schubladkasten nenne, wird er antworten, »weil man es so nennt«. Einen Spitznamen, der das Flache und Glatte zum Ausdrucke bringt, hat eher der Trattnerhof verdient. Aber – der hatte es trattnerisch, und die Wiener Satire schwieg vor Trattnern und vor Stametzmeier. So wie am Looshause am Michaelerplatz mit der zwiespältigen Fassade der obere kahlgeometrische Teil mit einigen Schönheitspflästerchen – anhängbaren Blumenbehältern – geschmückt wurde, so brachte auch der Trattnerhoftechniker Peter Moller, verstohlen fast, verloren in der Riesenfassade einige Milderungen der Langeweile an: zwei bescheidene Balkons, die von Atlanten getragen wurden. Aber jeder der vier stämmigen Muskelmänner war eine Faust auf einem Auge, ein rauher Felsklotz, an eine seidenglatte Wand gelehnt. Zu den unbedeutenden, unkräftigen Formen des Hauses hätten die Zaunerschen Karyatiden des Pallavicinipalais, die Frauen mit der ruhigen, graziösen Haltung viel besser gepaßt. Freilich wäre es für solche Damen in antikem Gewand« unmotiviert gewesen, ihre Kehrseite dem Publikum und der alten Baronesse ihnen gegenüber zuzuwenden, wie es der eine der Atlanten tat. Die Wiener meinten, daß die seltsame Attitüde, die bei Naturburschen und Atlanten wenig befremdet, die kaum verhüllte Antwort Trattnerns auf den Korb gewesen sei, den er von der Dame, der gegenüber er sein Haus gebaut, erhalten hatte. Unwahrscheinlich! Ein armer Geselle, der eine Kränkung so monumental quittiert, wie es Trattnern getan, fügt der großen Antwort keine niedrige, kleinliche Stichelei bei. Was die Wiener meinten, sollte ein Witz sein – aber keiner Trattnerns. Übrigens waren die Eisengitter des Balkons, die von riesigen Schildern der Firma Theodor Friedmann verhüllt waren, prächtige Meisterstücke der Empirezeit. Kaum irgendeiner andern Hausfassade haben die Firmenschilder, die zahllos und in den mannigfaltigsten Farben die Wände des Trattnerhofes belebten, so wenig Abbruch getan wie der seinen. Farben, Abwechslung, Interesse und Leben entwuchs den weißen, goldenen und schwarzen, den großen und kleinen Schriften in den verschiedensten Buchstaben, und es war, als trügen die unteren Stockwerke des Hauses einen durchsichtigen Überwurf, mit buntschillernden Flittern benäht. Der Blick, der über die Fassade glitt, erfaßte aus den vielen kleinen Aufschriften die Worte Donath, Kamaraith, Kodak, Apotheke, Café Schrangl, Ilse, Damenhüte, Krawattenfabrik, Tanzschule, Restaurant usw., und die kleine Tafel mit der Hausnummer lugte recht gedrückt und bescheiden zwischen ihren großen, aufdringlichen Kameraden hervor. Die meistbesuchten Lokale im Trattnerhof waren das Kaffeehaus Schrangl, vormals Pfob, und das Gasthaus »Zur Großen Tabakspfeife«. Das war ein gemütliches Lokal beim Schrangl! Wo man heute, seiner Toilette entsprechend, in einem ganz unwienerischen Auslagekasten sitzt, in dem Vorübergehende den Preis der Schuhe derer, die im Café sitzen, abschätzen und feststellen können, wie viel der Mantel und der Pelzhut der Dame in der vierten Tischreihe rückwärts gekostet hat, saß man früher – im Trattnerhof – wie in einer diskret gebauten Theaterloge, saß man wie im traulichen, eleganten Alt-Wiener Heim eines Freundes. Die Wände und die gewölbte Decke waren polierter Stuck, eine treffliche Marmornachahmung in weichem Karneolrot, in grauen und blassen elfenbeingelben Farbtönen, und die Sitzmöbel waren mit dunkelrotem Samt gepolstert. Eine hohe Standuhr mit langem Pendel gab dem Raum den Eindruck des Privaten. Das Kaffeehaus Schrangl war der gesteigerte Typus der Wiener Stadtkaffeehäuser, derer, die in der Welt beliebt waren, ohne Garderobe und Musik, ein Raum stillen Genießens, in dem man es hörte, wenn in Zeitungen geblättert wurde. Ähnlich in der Grundstimmung und doch anders war es im Gasthaus »Zur Großen Tabakspfeife«, dem einzigen Gasthaus mit Musik. Später gab es manche solche; in ihnen konnte man hören, wie Grammophone »Hupf, mein Mäderl, hupf recht hoch« und ähnliche gemütstiefe Lieder sangen. Bei der »Pfeife« spielte ein großes, würdiges Orchestrion, dessen Orgelpfeifen mit einem Vorhang aus grüner Seide verhängt waren, Opernpiecen von Mozart, Meyerbeer und alten Italienern, und wer es in den neunziger Jahren hörte, konnte sich in dem breitgewölbten dämmerigen Gasthaussaal recht gut um Jahrzehnte zurückversetzt denken, in die Zeit, in der Anschütz und Erl – die Berühmten aus dem Kärntnertortheater – da Stammgäste waren. Im ersten kleinen Zimmer links vom Eingang war über der Tür zum zweiten Gemach unter einem mächtigen Glassturz auf einer Konsole die große historische Pfeife angebracht, nach der das Gasthaus benannt war. Zwei schmale Durchgänge vermittelten den Verkehr zwischen dem Graben und der Goldschmiedgasse, sie waren Basare en miniature . Der eine beherbergte den transportablen Garten der »Pfeife«, der immer schattig war, weil die Sonne nie den Grund des Hofschachtes erreichte. In den andern sahen die Glaswände eines kleinen, lauschigen, stets halbdunkeln Zimmers des Kaffeehauses. Die schmale Passage wurde noch enger gemacht durch ein freundliches Verkehrshemmnis, durch allerlei Blumen in großen Töpfen, durch Oleander und Lorbeerbäumchen, die vor der Auslage der Blumenhandlung »Zum Ewigen Frühling« standen. Ein Potpourri, das das Orchestrion im Gasthaus oft spielte, enthielt das alte Lied »Brüderlein fein, Brüderlein fein, sollst auf mich nicht böse sein«. Der Bühnenliebling der alten Wiener, die junge Krones, hat es gesungen, als sie in einem Zimmer des Trattnerhofes, auf den Knieen des Mörders Jaroszinski sitzend, seine Blutgedanken bannen wollte ... Trattnerns Wahlspruch war: »Labore et favore.« Durch Arbeit der Inwohner und Gunst der Wiener lebte der Trattnerhof. Durch Geldspekulation fiel er. Das feste Haus schien gebaut für ein Jahrtausend, und wer es sah, mochte des Spruches des Beduinen, der den Pyramiden gilt, in veränderter Form gedenken: »Alles fürchtet die Zeit, die Zeit aber fürchtet den Trattnerhof.« Unser Zeitgeist hat ihn nicht gefürchtet, und vom Trattnerhof sind nur Notizen von Chronisten übriggeblieben. Berghof / Der Neustädterhof / Der Schottenhof Der kleine Ferdl aus der Langengasse in der Josefstadt hat eine noble Bekanntschaft gemacht: den Maxl aus der Sterngasse. »Teit's ös a im Hof Vaterl spül'n?« fragte er den Maxl. Verständnislos sagte Maxl: »Vaterlspielen im Hof? Wie macht man das?« »Na, aner stellt sich zum Akazibam, der zweite zum Salett'l-Eck, der Karl stellt sich zum Kest'nbam und der Franzi zum Hausherrn sein Holzschupf'n, nachher rennen mir.« Maxl ließ seine Verblüffung nicht merken. Was müßte das für ein Hof sein in der Josefstadt! Er sagte: »So was spielen wir nicht. Wir spielen nur im Zimmer.« Der arme Stadt-Maxl! Wenn der in seinem Hof in der Sterngasse war, glich er einem Frauenkäferl auf dem Grunde einer alten, leeren Konservenbüchse. Unten finster, vier steile Wände, und oben ein wenig Licht, wenn die Wolken es wollten. Und wie viel Luft und Sonne und Grünes genoß der Ferdl in seinem Hof! Hof. – Ein liebes, merkwürdiges Wort. Könige haben Höfe und Bauern auch. So verschieden die beiden heute sind, im Grunde genommen waren sie einst dasselbe. Spricht der Hias vom Jakobbauern seinem Hof, so meint er dessen Haus, Hof, Scheuern und Ställe. Und kam in primitiven Zeiten einer an den Hof des Königs, so kam er in des Königs aus Balken fest gezimmertes Haus, dessen Wirtschaftshof oft wichtiger als das Haus war. Wenn Leporello singt, daß seinem Herrn jede »Schürze« recht war, und damit Mädchen meint, so meinen wir gar oft, wenn wir »Hof« sagen, ein Haus, das keinen Hof hat, und so kommt es, daß in Wien 473 Höfe sind, viele ohne Hof, wie der Philipphof oder der »Contentus in domo -Hof« in Döbling. Sind wir sicher, daß nicht nächstens ein »Es ist bestimmt in Gottes Rat-Hof« entsteht? Wie angenehm bescheiden klingt daneben die Bezeichnung »Wetterhöfl« (13. Bezirk) oder »Z-Hof« (14. Bezirk). Auf uraltem Grunde, dort, wo Wien geboren wurde, an stiller, sagengemiedener Stelle, ziehen dunkle Gassen Winkellinien. Da standen die Kasernen der Wächter Wiens, der römischen Legionen. Die Stelle könnte ein Sagenheim sein. Aber die Steine und die Chronisten schweigen, und dort ist der Volksmund stumm. Dort stehen hohe, finstere Häuser, und an ihren Wänden und Gesimsen liegt graues Alter. Nicht archäologisch ehrwürdiges Alter, das Furchen, Runen und Runzeln in Mauern schürft und sie mit interessanter Patina überhaucht. Dort ist das Alter Laster oder Siechtum, denn Schmutz und Verwahrlosung blinzeln aus trüben Fenstern und lauern in düsteren Hausfluren. Dort stand dereinst das Haus der Generalkommandatur der römischen Legion; ein Haus, das im Lande nordischer Barbaren den Römern heimische Kultur bot. Noch im 16. Jahrhundert waren hier Spuren einer unterirdischen Anlage, einer Luftheizung für Warmbäder vorhanden. Und nach der Römerzeit, am diesseitigen Rand der großen Lücke in der Wiener Geschichte, fand man auf den Grundmauern der römischen Stadtkommandatur die Spuren des ältesten Wiener Hauses, des alten Berghofes , von welchem längst keine Spur mehr vorhanden ist, der aber dem Namen nach einen Nachfolger erhalten hat in dem Hause Nr. 2 der Marc Aurelstraße, einem schon recht alt aussehenden Hause, von dem sich kaum mehr sagen läßt, als daß seine Fenster mit so auffallend weit ausladenden Gesimsen bekrönt sind, als ob sie die sengenden Strahlen Indiens abzuwehren da seien. Auch kann man noch das Seltsame erwähnen, daß das Haus in privatem Besitz ist, während der Hof, den es umschließt, der Kommune Wien gehört. Der Berghof ist ein Durchhaus und hat gegen die Sterngasse hin einen interessanten Nachbarn, den Neustädterhof , der jetzt dem Stifte Heiligenkreuz gehört. Wenn einer von der Sterngasse her in diesen gelangen will, findet er sich vor einem schweren, breiten Tor. Langsam dreht sich das derbe Tor in mächtigen Angeln, und der eintritt, steht im mystischen Halbdunkel des tiefen, gewölbten Torweges. Ist man in eine Burg eingetreten, in ein altes Kloster oder in ein monumentales Gefängnis? Der kühlen Dämmerung vermischt sich ein Geruch wie von feuchter Erde. Ist eine Apotheke nahe oder ein Archiv mit unzähligen verstaubten Akten? Das Zwielicht des Torweges leitet zum Zwielicht des Hofes. Der liegt klein und quadratisch zwischen vier Mauern, deren jede vier Fenster in jedem der vier Stockwerke hat. Und oben – nun von dort kann manchmal die Sonne in den Backsteinschlund niedertauchen bis zum dritten oder zweiten Stockwerk. Die Wände dieses düsteren Hofes sind architektonisch gegliedert, als wäre davor ein Korso für Kunstkenner. Hier öffnet sich ein Seitengang und läßt in alten Bauformen und Eisengittern strenge, herrische Schönheit vermuten, dort führt ein Gewölbebogen in vornehm gewesene Räume, und zwei leere Nischen zu den beiden Seiten des gegenüberliegenden Tores, durch das man in den Berghof kommt, bitten den Beschauer, sich als ihre Bewohner vornehme, steife Statuen zu denken ohne Rokokobewegtheit, mit sinnendem Antlitz und vielen Röhrenfalten im Gewande. Jetzt gruppieren sich um die Nischen gewöhnlich alte, leere Kisten und Handwagerl, und eine Klythia, die anderswo besser angebracht werden könnte, schaut verdrießlich auf sie nieder, so dem Anblick des Aufzuges ausweichend, der dem Hof gar nicht gut steht. Ober diesem Tor, in der Höhe des ersten Stockwerkes, hängt in starken Eisenklammern ein großer Stein. Über ihm befindet sich eine Inschrifttafel. Die Schrift, kaum lesbar, besagt, daß der Stein von den Türken während der letzten Belagerung in das Haus geworfen worden ist. Er ist jedenfalls ein interessantes Wahrzeichen des Neustädterhofes. Anders wirkt ein populärer Hof, der Bonvivant unter den Höfen, das Haus der billigen Wohnungen, der Schottenhof . Er ist ein Klosterhof bürgerlichster Art, durchpulst von geschäftiger Eile und belebt von behaglichem Wienertum. In seinen Fenstern blühen Pelargonien und Fuchsien, und gegenüber dem säulengetragenen, monumentalen Architrav über der Klosterpforte, der die Inschrift zeigt: »Henricus austriae dux fundavit MCLVIII« piepst ein Grammophon einen modernen Gassenhauer. Vier mächtige Hausfronten schauen mit 270 Fenstern in den sonnigen Hof hinunter, von dem ein Garten mit Birken- und Lindenzweigen zu ihnen hinaufwinkt. Ja, ein Garten mit Gras und Bäumen, die einen altersgrauen Steinbrunnen grün umschleiern, der, längst versiegt, die Statue Sankti Leopoldi trägt. Dieser Garten ist einer der lauschigsten der Kaffeehausgärten Wiens. Da kann man drei »Vaterunser« weit vom Stephansplatz, auf echtem Gras und von frischem Grün umgeben sich wohl fühlen. Jenseits des Gehweges, über dem Eingang in das Kaffeehaus, steht mit entzückend echten, alten Lapidarbuchstaben, mit solchen, die über einem Boulevardcafé zur Zeit des ersten Napoleon geprangt haben könnten: Patisserie, Café, Confiserie. Das echte, alte Wien war immer etwas Französisch. Das neueste, nicht echte, ist mehr für – andere Sprachen. Der Schottenhof entlastet als Durchhaus die schmalen Gehwege der Schottengasse. Aber auch in ihm stauten sich oft die Menschen: wenn das Musikquartett, das sich dort unter freiem Himmel hören ließ und dessen Leistungen weit über dem gewöhnlicher Straßenmusikanten standen, seine feinen Weisen spielte, umgab es immer eine Schar aufmerksam Lauschender. Der Selcher mit dem Zöger neben dem Advokaten mit der Aktentasche und der Hofrat neben der Modistin, die ihre runde Riesenschachtel eilig hätte befördern sollen, Soldaten und Schüler, ihnen allen hatte die Geige des Blinden die Herzen angerufen, und die Füße vergaßen der Eile. Das nächste Bemerkenswerte im Durchweg ist der Weinschank des Stiftes Schotten. Er war einst von den Weißgerbern bis Ottakring wegen der köstlichen Gansviertel bekannt, die, kaisersemmelgelb gebraten, auf einer großen Schüssel auf dem Schanktische lagen; und Eingeborene des Schottenkellers – früher gab es einen – behaupten, daß der Wein da besser sei als da, »Wo der Zapfen rinnt«, und da, »Wo das Radl lauft«. Aber nicht nur für Wein und Braten, für Kaffee und Zugehör ist im Schottenhof gesorgt, er könnte auch eine kleine Stadt mit Silber, Gold und Juwelen, mit Kleiderstoffen und Wirkwaren, Regenschirmen, Pelzen und Tabak versorgen, und für die Wissenschaften sorgt Deuticke, für Kunst ein Musikalienhändler und für okkultistisch-kabbalistische Gemüter eine Lotterie. Wissen die Wandler in der Schottengasse, wie der Schottenhof aussieht? Man hat Eile, und die Gasse ist schmal. Jeder kennt ihn. Muß man ihn aber auch angesehen haben, wenn man ihn gesehen hat? Er ist sehenswert und ansehnlich, ist eines der wenigen Empirehäuser in Wien und erinnert mit seinem riesigen Giebel und in seiner vornehmen Einfachheit an das gewesene Schwarzenbergpalais am Mehlmarkt. Daß der Giebel leer ist, zeigt von kluger Resignation des Erbauers, wie sie Hasenauer nicht besessen. Wie schön wäre es, wenn man den Bacchantenfries Weyrs, der, am Burgtheater in Turmeshöhe angebracht, nur für eilende Schwalben gemacht scheint, sehen könnte! Nebenhöfe des Schottenhofes, so der Hof des Gymnasiums mit seiner starren, stimmungsvollen Langweile – man könnte ihn den steinernen Zopf der Zopfzeit nennen –, sie auch gehören zum Schottenhof, zu dem noch so viel Interessantes und Wenigen Bekanntes gehört. Vor kurzem machten Mitglieder des Altertumsvereines eine Studienreise in den Schottenhof. Nun, wer auch des Schottenhofes intimste Reize nicht kennt, die Kaffeegäste auf der Wiese, die Weinbeißer an den massigen Tischen im Weinschank und die vielen Einwohner des Hofes sagen, wohlig und schmunzelnd, mit Schmälzl, dem Lehrer, und vielen andern vor vielen Jahrhunderten: »Es ist gut sein bei den Schotten am Stein ...« Die Judengasse In der Jul-Nacht eines Jahres, das kein Jornandes, kein Eugippius nennt, das kein Geschichtsforscher kennt, standen hinter den Toren des Castrum vindobonense die römischen Wachtposten. In weiten Mänteln vermummt, mit beschneiten Helmen, froren die Südländer im Boreas, der über sie hinfuhr und sie in Schneewehen hüllte. Lichtlose nordische Nacht lag auf dem Standlager. Als des Winters erster Schnee gefallen, waren auf den Bergwegen gegen Norden Patrouillen erwürgt worden, römische Reiter waren nicht mehr ins Lager zurückgekehrt, und unlängst wurde eine Kohorte durch Markomannen vernichtet. Dumpfe Ruhe und Barbarenschreck waren im Römerlager, und jeder Krieger lauschte gegen Osten, von wannen Schauervolles kommen mochte. Es kam. In der Jul-Nacht flogen Raben krächzend von ihren Nestern im Donauwalde, und Wölfe duckten sich ins vereiste Gestrüpp, denn sie sahen lange, dunkle Reihen fellbekleideter Männer durch den Wald ziehen. Die Barbaren kamen. Ihre Kolonnen schlichen wie schwarze Schlangen über das Eis der Donau und krochen zu den Mauern der Lagerfestung empor. Ungesehen in der Nacht, ungehört im Schneesturm. Die Römer bemerkten sie erst, als das Tor bei dem Hafen in Splitter barst ... Da, wo die Via praetoria , die von der Mitte des freien Platzes ins Lager gegen Osten lief, die Festungsmauer an der Donau erreichte, bog ein schiefer, schmaler Weg im rechten Winkel gegen rechts hin davon ab. Zwischen zwei hohen Mauern senkte er sich zum Hafentor hinab. Dorthin, wo später der Rote Turm stand. Auf diesem Ausfallswege hob der Kampf an. Schreien durchlief das Lager, Tubizene bliesen, im Schneesturm und in der Nacht wurde der schmale Weg zur Blutrinne. Heute heißt er Seitenstettengasse. Und da, wo die Markomannen über erschlagene Römer in das Lager drangen, da, wo die Via praetoria die Vernichtung in das Lager führte, ist heute die Judengasse. Heute sagen wir die Judengasse. Ehemals war sie eine Gasse unter andern ihresgleichen, unter andern Judengassen ohne besonderen Namen; nur die Häuser in ihnen trugen die Namen ihrer Besitzer. So war es, ehe um die Mitte des 14. Jahrhunderts das Ghetto entstand. Mit den ältesten Beziehungen der Juden zu dem Orte, an dem Wien entstanden ist, haben sich Geschichtsschreiber wenig befaßt. Den Römern waren die Juden zu gering, um sie, wenn es sich nicht um Geld, um Steuern und Tribut handelte, zu beachten, und im Mittelalter – auch später noch – bewirkte das Echo der vier Silben »Kreuziget ihn!«, daß jeder die Juden mied – der kein Geld brauchte. Und die Juden selbst taten nichts, daß sich Kunst- und Literaturforscher um ihre Geschichte bemühten. Sie bauten keine Pyramiden, keine chinesische Mauer, sie dichteten keine Odyssee, kein Nibelungenlied, denn all derlei wäre vergänglicher gewesen als Geld, und selbst das größte Kulturwerk der Juden, ihre geschriebene Geschichte, die Bibel, die merkwürdigerweise alle Christenkinder des Erdteiles auswendig lernen mußten, reicht nicht in die Römerzeit und berichtet nichts über die Besiedlung Europas durch die Juden. Ist es nicht wahrscheinlich, daß lange bevor die Römer und deutsche Halbwilde auf dem Boden Wiens wohnten, jüdische Händler auf unserem Grunde einen Stützpunkt für die phönizischen Abenteurerzüge auf dem Wege durch die Urwälder nach der Bernsteinküste schufen? Gibt es nur eine Beweis-, nicht auch eine Indiziengeschichte? Freilich, zünftige Professoren würden die letztere nicht gelten lassen. Wohl gibt es auch eine lächerliche Karikatur der Historia mundi , wie sie in Hagens »Chronik« vorkommt. Da wird erzählt, daß ein Mann, Abraham von Theomanaria, geboren Anno 810 nach der »Sündflut«, in ein Land an der Donau kam, das nach einem Juden den Namen Judaysapta führte! Wie lange immer die Juden in Wien gewesen, in der Judengasse waren sie schon lange vor den mehreren, nie völlig ausgeführten Vertreibungen, und auch nach der letzten im Jahre 1670. Und seltsam – kein Haus in der alten Gasse ist älter als 200 Jahre, obwohl die Patina der meisten Häuser – hier ist sie nicht Edelrost – ihrem Aussehen nach tausendjährig sein könnte. Bauformen sind bessere Zeitmesser als der Verfall ... Zwischen hohen, düsteren Mauern liegt der schmale Straßengrund in ewigem Dämmern; die Sonne des Mittags erreicht ihn nicht. Die Kühle der Keller liegt auf den Gehwegen und steigt zu den Stockwerken hinauf, und feiner antiquarischer Geruch, das Bukett alter, verschwitzter Kleider, die mit Essenzen und Mixturen geputzt worden, dringt aus finsteren Verkaufsläden und schwer vergitterten Fenstern in die Gasse. Wo der verlängerte Fleischmarkt die Judengasse trifft, steht ein hohes Haus. Vor 90 Jahren mag sein Äußeres vornehm gewesen sein und zu grauen Seidenzylindern und zu Damenkleidern von Gros de Tour und Häubchen von Tüll Illusion gepaßt haben; heute erscheint das Haus als kokette Ruine. Der Mörtelverputz fehlt vom Erdgeschoß bis zum Dache, die Ziegel liegen bloß, und die Wände erinnern an anatomische Tafeln, die hautlose Muskelmenschen darstellen. Das Haus ist geschunden; über den Fenstern aber prangen in Halbkreisfeldern verschlungene Eichenkränze, wie wir sie auf alten Stammbuchblättern sehen, und stumme, steinerne Lyren, deren jede in der Gasse der Altkleiderhändler anmutet wie eine Toga neben Schwimmhosen. Naive könnten erwarten, in der Judengasse Häuser nationaljüdischen Stils, alte Reste alter Zeiten in alttestamentarischer Bauweise, zu finden. Solche hat es nie gegeben, und die Häuser der Judengasse sind teils in der nichtssagenden Art alter Zinshäuser, teils im guten Alt-Wiener Stil erbaut. An der linken Ecke des »Lazenhofes«, wie sonderbarerweise eine Sack-, beziehungsweise Seitengasse der Judengasse benannt wurde, weil sich dort einst der Lazenhof befand, steht ein interessantes Haus. Der Barockstil zeigt sein Alter an. Es steht in den besten Jahren. Aber die Cheopspyramide trägt weniger Schmutz und sieht jünger aus als seine Mauern. Gewiß hat der persönliche Geschmack seines Besitzers das Haus in seinem heutigen Zustand gelassen, denn geputzt und hell getüncht würde es den Charakter der Judengasse verändern. Zwischen zwei Fenstern des zweiten Stockwerkes steht in einer seichten Nische eine lebensgroße Statue Unsrer lieben Frau. Das Steinbild und sein ganzes ornamentales Beiwerk ist tief dunkel wie die Wand, von der es sich unterscheidet. In steinerner Ruhe fleht die Madonna auf das Feilschen zu ihren Füßen nieder, und an den offenen, trüben Fenstern neben ihr sind viele alte Hosen, Spenser und Sakkos an den Fensterrahmen und Riegeln und vom Fensterbrett herabhängend als Schaustücke angebracht. Wer denkt da bei der Madonna im Grauen nicht an die »Madonna im Grünen«? Die Fenster in der Judengasse scheinen nicht gemacht zu sein, damit sie Luft und Licht in Zimmer einlassen, sie sehen aus, als sollten sie das unheimlich kalte, tiefe Dunkel muffiger Räume auf die Straße schaffen und diese damit ausfüllen bis zu den Dächern. Gewiß trifft ein Vorwurf wegen der Düsterheit der Gasse, die ja in der alten Bauart ihre Ursache hat, nicht die jüdischen Händler in den schwarzen Gewölben. Wo der Durchbruch gegen die Rotenturmstraße Licht in die Judengasse wirft, stand ein uraltes Haus, der Dreifaltigkeitshof. Schon im Jahre 1326 wurde geschrieben, daß ein Wiener Bürger in diesem Hause eine Kapelle vergrößern ließ, und im Jahre 1345 gehörte es der wohlangesehenen Bürgersfamilie der Chranesten. Obwohl das Haus oft renoviert worden ist, sprach sein Alter aus finstern Winkeln, blinzelten verschlafen Jahrhunderte aus seinen kleinen Fenstern, und der vielwinklige Hof mit dem holperigen Pflaster mutete an wie eine Rumpelkammer der Zeit, und es war, als habe diese Zeit alle Bauformen, sobald sie unmodern geworden waren, im Dreifaltigkeitshofe deponiert. Wer durch den dämmerigen, nieder gewölbten Toreingang den Hof betrat, fühlte sich in einem Zwinger. Hohe Mauern mit kleinen Fenstern und großen fensterlosen Stellen umgaben den Hof, in dem unter dem einzigen Dachgiebel ein drei Stockwerke hoher Vorbau war. Er barg ehedem die Kapelle »Zur heiligen Dreifaltigkeit«, die dem Hause ihren Namen gab. Wie alt mag das Kammerhaus – so hieß früher dieser Hof – gewesen sein, wenn die Kapelle in ihm schon 1204 durch den Passauer Bischof Wolfker von St. Stephan eximiert wurde? Die Namen Gottfrieds des Stadtkämmerers und seiner Frau Goldrun, dann Friedrichs des Streitbaren und König Otakars knüpfen sich an das Haus. Kaiser Josef II. hob 1780 die Kapelle auf. Die Verfallene, die Entweihte haben wir noch gesehen. Im Hofe, der Toreinfahrt gegenüber, war eine niedere, mit vier kleinen Tafeln verglaste Tür. Hinter ihr war Nacht und am Boden eine Falltür. Und dann kam eine Treppe, eng und finster, die abwärts führte, tief hinab, und wer sie tastend bis zu ihrem Grunde niederstieg, der trat in der Rotgasse in das Licht. Im Gebiet der Judengasse, dem heutigen »Lazenhofe«, einer finsteren, schluchtähnlichen Seitengasse der Judengasse, stand das Haus des berühmten Doktors und Geschichtsforschers Wolfgang Laz. Die Geschichte dieses einst mit Kunstschätzen angefüllten Hauses liegt offen vor uns, und weil sie klar ist, ist sie lang. Da, wo in grauen Zeiten die niederen Judenhäuser standen, auf dem heutigen dunkeln Boden der Judengasse, mag eine Sage entstanden sein, deren Kern ein Nützlichkeitsgedanke ist und die in einer jüdischen Legendensammlung eines Rabbi aus Groß-Mostry zu lesen war. In der Judengemeinde waren in alten Zeiten, als die Ruprechtskirche noch vom Friedhofe umgeben war, zwei Männer wegen ihres Reichtums und ihrer Habsucht bekannt. Der eine war Manasse ben Asoph. Ihm war Geheimes kund und Verborgenes offenbar, und was an Übeln der Leiber litt und wer Gebreste hatte, ging zu Manasse und wurde geheilt. Der andere hieß Achitob und war Händler. Als Manasse ben Asoph noch in Bologna war (wo er gelernt hatte, lebte und dort keinen Armen besucht und geheilt, sondern seine Wissenschaft nur um hohen Preis angewendet hatte), erschien ihm in einer Nacht ein Bote Eloas, der sprach: »Manasse ben Asoph! Mich schickt der Herr, der dir die Seele gegeben hat und der sie richten wird. Mich schickt Jehova, der deinen ersten Gedanken weiß und deinen letzten richten wird, der deine Wissenschaft und deine Habsucht kennt, und spricht zu dir: »Du sollst jedem, der dich bittet, von deiner Kunst und deiner Wissenschaft geben, was du kannst, und sollst keinen Lohn begehren. Und jeder, der dir vertraut, wird gesund werden, und du sollst leben, so lang du willst.« Manasse dachte über das Gesicht nach. Ein beliebig langes Leben und der Ruhm, der beste Arzt im Erdkreis zu sein, der Gedanke erfüllte ihn mit Entzücken. Aber auf Gold, auf Reichtum verzichten zu sollen? Manasse wollte die Worte des Engels erproben. Keiner der Kranken, die er behandelte, starb, und jeder gab ihm als Dank ein Geschenk. Als Manasse nach Wien kam, siedelte er sich nahe bei St. Ruprecht an, und die Gaben derer, die er geheilt hatte, waren zahlreich und wertvoll, und er verbarg sie irgendwo in seinem Hause. Seine Nachbarn meinten, daß er sie in Gruben in seinem Keller verwahre. Je reicher Manasse wurde, desto kleiner erschien ihm die Dankbarkeit der Geheilten, und desto größer wuchs seine Habgier. In einer bösen Winternacht kam Achitob, der reiche Geizhals, zu ihm und begehrte Hilfe für sein krankes Töchterlein Hagar. Asoph wußte, daß Achitob sehr reich war, wußte aber auch, daß er noch geiziger als reich war, und Asoph meinte von Achitobs Dankbarkeit nichts erwarten zu dürfen; deshalb sagte er: »Es tut mir leid, daß deine Tochter krank ist. Hörst du aber den Regen an die Fenster klopfen? Ich fürchte die Nässe!« Da legte Achitob 20 Pfennig auf den Tisch und sagte: »Nimm das Geld und komm schnell!« Manasse sagte: »Nein, hörst du den Sturm? Ich fürchte ihn und bin alt.« Achitob legte noch 20 Pfennig auf den Tisch und sagte: »Manasse, ich bitte dich, höre mich. Hagar wird sterben, komm schnell.« Manasse antwortete: »Nein! Hörst du den Donner? Ich fürchte das Gewitter.« Da legte Achitob einen Säckel voll mit Pfennigen vor Manasse und sagte: »Manasse, höre mich! Hagar wird sterben, wenn du nicht zu ihr kommst. Höre meine Bitte! Nimm deinen Mantel und komme!« Manasse sagte: »Nein! Dein Kind ist sehr krank, aber du bist sehr reich. Ist dir deine Tochter nur einen Säckel Pfennige wert?« Da erbleichte Achitob, sein Geiz erstickte seine Tränen und verzweifelt schrie er: »So will ich beten , und Jehova wird billiger sein als du, den ich verfluche.« Achitob, der Geizige, ging zu beten, denn Gebet ist billiger als Geld. Da kam der Engel des Herrn zum zweiten Male zu Manasse. Sein Antlitz leuchtete wie Blitze, und seine Stimme war wie der Donner im Gebirge, und er sprach: »Manasse ben Asoph! Du hast keinen Preis von Achitob gefordert, aber du hast um Dankbarkeit gehandelt. Jehova wird des Geizigen Gebet nicht erhören, und Hagar wird sterben, und Achitob wird an ihrer Bahre sterben. Und du , Manasse, mußt sterben in dieser Nacht noch, und der Herr wird dich richten, ehe die Sonne aufgeht.« Da verschwand der Engel. Manasse stieg tief hinab in das Gewölbe, in dem er seine Schätze verborgen hatte, und keiner der Juden sah ihn mehr und keiner fand seine Leiche und seinen Reichtum. Diese Sage hat nicht Wiener Lokalfarbe, sie könnte in Sevilla und in Krakau entstanden sein und zeigt nur nationales Denken, nicht örtliche Anlehnung. – – Von Schätzen im Erdenschoß der Judengasse handelt auch eine Begebenheit aus der letzten Jahrhundertwende. Damals hob in der Judengasse ein Munkeln und Tuscheln und Kopfschütteln an, weil der und jener und viele bemerkten, daß der Hausmeister eines Hauses in der erwähnten Gasse über seine Verhältnisse lebte. Hundert Vermutungen wurden laut. Der Hausmeister blieb zugeknöpft und praßte weiter. In einer Stunde starken Trinkens redete er in geheimnisvoller Weise von einem tiefen Keller und einem goldenen Ritter. Da nahm Fama ihre Tuba und blies. Im Rathause hörte man etwas davon, an zuständiger Stelle nahm man die Sache nicht gleichgültig auf, und die zuständige Stelle war diesmal nicht das Steueramt, sondern das Historische Museum der Stadt Wien. Natürlich glaubte dort niemand an einen goldenen Ritter. Konnten aber nicht in der Judengasse Dinge von archäologischer Bedeutung, von lokalhistorischem Werte verschleppt worden sein? Die Museumsleitung nahm mit dem maßgebenden Hausherrn Fühlung, und obwohl der Hausmeister seine größeren Ausgaben mit alten Ersparnissen erklärte, stiegen der Hausherr und der Direktor der städtischen Sammlungen Johann Probst mit Arbeitsleuten in den Keller hinunter, wo ein Suchen und Untersuchen begann. Das erste Kellerstockwerk bot nichts Bemerkenswertes. Man stieg in den zweiten, den tieferen Keller. Er war leer bis auf riesige Schleier von Spinnennetzen, die von der niederen Decke bis zum Boden hingen. Allerdings fanden die Suchenden, daß die Spinnenschleier an einer Stelle beseitigt worden waren. Und an dieser Stelle klang es hohl unter den Füßen. Sollte ein noch tieferer Keller vorhanden sein? Die Arbeiter begannen unter der behördlichen Leitung zu graben. Schon die ersten Krampenhiebe verrieten, daß man über einem Hohlraume stand. Nach wenigen Minuten fiel da, wo gegraben wurde, ein Stein in eine unbekannte Tiefe hinab. Sand rieselte ihm nach und ein schwarzes Loch lag zu Füßen der Arbeiter. – Da verbot der Hausherr weiteres Graben mit dem Hinweis auf die Gefährdung der Bausicherheit des Hauses. Was mag in dem tiefsten Keller verborgen sein? ... Manasses Reichtum gehört der Sage an. Des Hausmeisters Schätze sind hypothetisch, aber wahrscheinlich ist, daß ein Kleinod irgendwo in einem verschütteten Brunnen der Judengasse liegt. Der Juden Richter Hirschl Mayer wurde im Jahre 1667 wegen großer Unterschleife verhaftet und für immer aus Wien verbannt. Als er lange danach als Greis fühlte, daß er sterben müsse, sprach er in der Verbannung brechenden Herzens davon, daß er 3000 Dukaten und eine Perlenschnur in einen Brunnen geworfen habe, ehe er in Wien in den Kerker geführt worden war. Wäre es zu verwundern, wenn heutzutage nächtlicherweile in tiefen Kellern der Judengasse ein heimliches Graben und geheimes Suchen und Forschen und Bohren begänne? Und fänden die Sucher nichts andres im tiefsten Gewölbe: im verborgensten Winkel fänden sie die blaue Blume der Romantik ... Der Salzgries Unlängst hat einer gefragt, welcher Unterschied zwischen einer Gasse und einer Straße bestehe. Der Gefragte lächelte listig, blinzelte schlau und antwortete: Beiläufig derselbe wie zwischen konkret und konvex. Ein Dritter hörte das Gespräch der beiden, lächelte nicht und begann zu grübeln. Konkret und konvex – lautähnliche Bezeichnungen grundverschiedener Begriffe! Sind die Begriffe »Gasse« und »Straße« so sehr verschieden? Eine Straße muß ein Fahrweg sein, der Gassen, Plätze, Städte oder Dinge von noch größerer Flächenausdehnung miteinander verbindet. So die kurze Schenkenstraße, die lange Mariahilferstraße und die Straße von Gibraltar. Gassen müssen das nicht : sie können Sackgassen sein, die nur angelegt wurden, damit Häuser erreichbar seien. Brauchen Straßen Häuser? Nein! Die Laxenburgerstraße ist dort am schönsten, wo sie zwischen Feldern liegt. Gibt es Sackstraßen ? Nein! Gassen werden in Städten normalerweise durch Häuser und ihre Annexe gebildet, die sie geschaffen haben. Man baut Häuser in einer Gasse und an einer Straße, abgesehen von den domestizierten Straßen, die nur in Städten vorkommen. Auch Städte können an Straßen, niemals aber an Gassen liegen. Gassen leben nur in Städten, in Ortschaften. Straßen ziehen sich weithin durch Wälder und von Ozean zu Ozean. Und der Grübler, er mochte ein guter Deutscher sein, der gern theoretisiert und katalogisiert, dachte: »Theoretisch hat der Mann mit dem ›konkret und konvex‹ nicht ganz unrecht. Zwischen den Begriffen Straße und Gasse bestehen ganz essentielle Unterschiede, insbesondere dann, wenn man die Frage von folkloristisch allgemeinerem und vom etymologisch richtigeren Standpunkt aus ansieht, als Stadtpläne und Stadtväter es tun – übrigens will ich noch einen Juristen fragen.« Lieber Grübler! Wir haben eine kurze Schenkenstraße, eine lange »Lange Gasse«. Begriffe ändern sich und ihre Bezeichnungen mit ihnen. Ein nachgedunkelter Quabbelmeier wird als Rembrandt erkannt, die Tiara des Saitaphernes wird entlarvt, alles ändert sich, und was früher ein rauschendes Wasser gewesen, ist heute eine gut gepflasterte Geschäftsstraße. Und käme Chidher gefahren, Rückerts Phantasiefigur, die von fünf- zu fünfhundert Jahren dieselbe Gegend besucht, er fände »nach aber fünfhundert Jahren« korrigierte Museumskataloge. Alles fließt und verwandelt sich. Die Gasse, die sich in Wien im Schneckengang der Jahrhunderte am meisten verändert haben mag, wegen deren auch Chidher sein Haupt schütteln würde, ist der Salzgries. Im Biedermeier-Wien, in der Zeit der Behäbigkeit, in der es ein »Capua der Geister« und ein glückliches Krähwinkel war, gab es viele Solitär-Straßen und Plätze, solche, die ein Individuum, etwas Besonderes und Originelles waren. Der Salzgries gehörte zu ihnen. Heute unterscheidet er sich von den meisten andern Straßen nur mehr durch seine Straßenbenennung. Seine Häuser, völlig unindividuell und im Dutzendstil erbaut, haben Allerweltscharakter, und des alten Salzgries Genius loci hat sich in das intime Privatleben, in alte Chroniken und Stadtbeschreibungen zurückgezogen, von wo er uns manchesmal – selten nur – aus einem alten Holzschnitte wehmütig entgegenlächelt. Viele der ältesten Gassen Wiens hatten einen scharf ausgeprägten Charakter, und heute noch wird unsre Phantasie angeregt durch Namen, wie Goldschmiedgasse, Bognergasse, Seilerstätte, und in irgendeinem tief verborgenen reproduktiven Winkel unsres Hirnes schauen wir die Bogenmacher und Pfeilschnitzer in niederen, dämmerigen Werkstätten hinter vergitterten Fenstern die geschnitzten Bogen bemalen und die Armbrustsehnen prüfen. Vor fünfzig Jahren hatte auch der Salzgries noch seinen besonderen Charakter. Er hätte in Sadagora oder in Tarnopol als Ghetto bestehen können. Männer mit kaftanartigen schwarzen Röcken, mit rauhhaarigen Zylinderhüten und schaukelnden Peies standen vor schmalen Türen schmaler dunkler Geschäftsladen, die so wenig rein waren wie die Häuser, in denen sie sich befanden, wie die Waren, die sie enthielten, und wie die Männer vor ihnen. Und was für Waren gab es da! Schmutzige, vom Tandelmarkt »abgelegte« Kleider, Trödelkram, grau und runzelig gewordene, gerupfte Fettgänse und andre antikisierende Lebensmittel. Eine Kaffeetaverne – Tschecherl sagt man heute – lockte mit einer rotverglasten Laterne, der zwei Scheiben fehlten, zum Genuß. Ein naiver Student – später ist er Universitätsprofessor geworden – wollte sich dort um fünf Kreuzer an Kaffee erlaben. Im dunkeln Zimmerchen saßen mehrere Juden, die weder Kaffee noch Wasser auf den Tischen hatten und mit den Händen laut sprachen. Die alte Schenkin sagte zum Studenten: »Kaffee wollen Se haben? 's is kaner da. Aber e saures Beuschel is da. Es steht in der Röhr'n.« Und vor diesem Laden standen galizische Handelsleute, die mit denen im Zimmer durch das Fenster und mit vielen vorübergehenden Kommittenten in einer Sprache, die an die deutsche erinnerte. verhandelten. Leute, die auf der Gasse Geschäfte machten, und solche, die auf andre lauerten, mit denen vielleicht Geschäfte zu machen wären, belebten den unteren Teil des Salzgries und redeten zu offenen Fenstern hinauf, aus denen bärtige Männer mit rauhhaarigen Zylindern auf dem Kopfe herabsahen. Wollte man aber sagen, der Salzgries sei wie ein Ghetto gewesen, wäre das nicht ganz richtig. Er war auch wie eine Straße in Kecskemet oder Kikinda, was das Leben betrifft. Bauernwagen mit knarrenden Rädern, bestaubt von weiter Fahrt, brachten Körbe mit Eiern, Kisten mit lebenden Gänsen und Butten voll Erdäpfel den Greislern und andern Eßwarenhändlern, und die neuen Frachten wurden vor dem kleinen Verkaufsladen auf den Gehweg gestellt, zu Herings- und Sirupfässern und Obstkörben, welche die Passage bedenklich verengten. Da keiften Feilschende, schnatterten Gänse und knurrten bissige Hunde. Stroh, das zum Verpacken gedient, und Heu, das die Bauerngäule aus ihrem Futtertrog geworfen, lag allenthalben auf der Straße bei Pferdemist, welken Gemüseblättern, Eierschalen und andern Küchenabfällen. Es hätte einem abgehärteten Straßenkehrer grausen mögen! Wollte man aber sagen, der Salzgries sei wie eine ungarische Dorfstraße gewesen, wäre das nicht ganz richtig. Er erinnerte auch an eine Gasse einer ehemaligen Garnisonsstadt. Die große Kaserne auf der Donauseite des Salzgries hätte in Mantua oder in Verona unser ehemaliges Festungsviereck bewachen helfen können. Ihre zwei Stockwerke mit den endlosen Arkadenreihen muteten oberitalienisch an, und die Bogengänge waren für die Soldaten Theatergalerien, von denen herab sie ins zivilistische Leben schauten und von wo sie oft mit lautem Beifall das Defilieren üppiger Dienstmädchen und auch andrer betrachteten. Wenn aber die Infanteristen in den offenen Gängen Gewehrgriffe übten oder Gelenksübungen machten, wurden sie selbst zu Akteuren, und die Mädel blieben auf der Straße stehen, blinzelten zu ihnen hinauf und unterhielten sich. Ein dankbares Publikum, das mit Liebe zusah und mit Liebe bezahlte ... Der Salzgries gemahnte nicht nur an ein Ghetto, an eine Marktstraße und an eine Garnisonsstadt von ehemals. Es lag ein schweigendes, graues Erinnern an längst Vergangenes über ihm. Ein Erinnern, das an den hohen, grauen, schmutzigen Hauswänden hinschlich, das aus niederen, schwarzen Torwegen und an den Ecken der engen Stiegengäßchen lugte, die zu ihm herabführten. Vier Stock hoch, unheimlich und fast schwarz stand am unteren Ende des Salzgries auf der Stadtseite eine lange, kahle Mauer, hoch oben nur von wenigen Fenstern unterbrochen. Sie war die hintere Seite des Polizeigefangenenhauses, des ehemaligen Siebenbüchner-Klosters. Das Haus war alt. Es wurde als Nonnenkloster an der Stelle erbaut, wo früher ein Haus mit dem Schilde »Zu den sieben Büchern« stand. Diesen Schildnamen verdankte es dem Meister Hans von der Selingstat, dem Magister der sieben freien Künste, dem es (1483) zu eigen gewesen. Die Umwandlung des Hauses der freiwillig Verschlossenen zu dem der Polizeigefangenen war leicht, denn Zellen und vergitterte Gänge waren schon vorhanden. Auch als Schuldenarrest wurde das alte Kloster, in dem eine Kaiserin gestorben, später benützt. Unsre frühere Justitia, erzürnt über die wucherischen Gläubiger, sperrte die Schuldner ein, damit sie nicht durch Gelderwerb ihre hartherzigen Förderer befriedigen konnten. Die schwarze Mauer des Siebenbüchner-Klosters war ein letztes Echo der Erinnerungen, die noch vor fünfzig Jahren den Salzgries umschwebten. Für ihn gab es kein Empire, keine Biedermeierzeit. In der Zeit der eisernen Rüstungen war er jung und wehrhaft, in der Epoche der gepuderten Perücken war er ein freundlicher Greis, und dann kam der Verfall mit allen Gebresten des Alters. Das dunkle Kloster leitet uns zum alten Salzgries. An der Ecke der Fischerstiege, die durch ein uraltes gotisches Bogentor vom Salzgries abgeschlossen war, stand in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein niederes, freundliches Wirtshaus. Es gehörte dem ehrenfesten Hans Rechberger. Seine Braut, die Tochter des Schloßverwalters im Neugebäude, hieß Berta. Kaiser Maximilian II. hatte im Neugebäude einen großen Tierzwinger angelegt, und ein mächtiger Berberlöwe in ihm war Bertas verhätschelter Liebling. Am Tage ihrer Vermählung betrat Rechbergers Braut, ehe sie ihres Vaters Haus verließ, hochzeitlich geschmückt den Löwenzwinger, wie sie es oft getan. Das Tier erkannte seine Freundin im Brautgewande nicht und erwürgte sie. Die Leute sagten: aus Eifersucht. Das Gedicht »Die Löwenbraut« erzählt uns davon, Bilder stellten das Geschehnis dar, und Rechbergers Haus am Salzgries wurde fortan »Zur Löwenbraut« genannt. Rechberger ließ sein Haus verfallen, und Anno 1651 wurde ein neues Gast- und Einkehrwirtshaus auf der alten Stelle gebaut und »Zum weißen Löwen« beschildert. Es war ein Treffpunkt der Reisenden, die von der Brünner Gegend ankamen, und gehörte dem Johann Gebhard. Wenige Häuser aufwärts stand zu Anfang des 18. Jahrhunderts das Einkehrgasthaus »Zum Wolfen in der Au« mit der Hausnummer 435. »Allwo den Fasching hindurch Musik gehalten und man zugleich soupieren kann.« So sagt das Wiener Kommerzialschema vom Jahre 1780, der Vorläufer unsres Lehmann. Das Schild des Hauses fand seine Entstehung in der Erinnerung an alte Zeiten, in denen nächtlicherweile, wenn die Donau Eis trug und das Land verschneit lag, von der Au im Werd über die Donau das Heulen der Wölfe die Bewohner des Salzgries im Schlafe aufschreckte. Unweit vom »Wolfen« war das fidele Gasthaus »Zum blauen Hecht« im Hause Nr. 209, und in dessen Nähe Leopold Mangels Gasthaus »Zum grünen Gattern«. Von den kleinen Tavernen und Bettlerspelunken erzählen weder Wolfgang Schmälzl noch andre Chronisten, obwohl manche in ihren Schilderungen so gewissenhaft sind, anzugeben, daß am Salzgries um das Jahr 1780 der »Hosenschneider Anton Wachala« im Hause Nr. 436 gewohnt habe. Im besten ursächlichen Zusammenhange mit der Gegenwart zahlreicher Gasthäuser ist das Bestehen mehrerer Innungshäuser. Sollten Schuster und Bäcker nicht Durst haben und Schlosser nicht zechen wollen? Zudem war ja der blaue Montag schon lange erfunden – allerdings nicht von Doktoren, Professoren oder der Sippe der Schriftgelehrten. Die Zeit, die für den Wissenden graues Erinnern über die düstere Gegend bei dem alten Turm mit dem feinen Steinhelm breitet, über die Gegend des Steilrandes der Stadt bei der Donau, sie ließ uns ihre steinernen Spuren am Salzgries bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sehen. Lange nachdem die ältesten, zinnengekrönten Mauern gefallen waren, blieben die Öffnungen in ihnen, von Torbogen und Quaderrahmen umschlossen, bestehen. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts standen am Fuße des steilen Hügels, an ihn angelehnt, festgebaute niedere Giebelhäuser in langer Zeile von der Mündung des Ottakringer Baches, der durch den tiefen Graben floß, bis zum heutigen Morzinplatz. Vor ihnen lag eine tief zerfahrene Straße, und über ihre spitzen Dächer hinaus ragten die Kirche Maria am Gestade und eine Häuserreihe am oberen Rande des Hügels. Die Straße wurde gegen die Donauseite von der Ringmauer Wiens beschirmt. Kleine spitzbogige Tore, die in feste Türme mit Schießscharten und Pechnasen eingebaut waren, ließen die Donaufahrer und andere reisende Kaufleute in die Stadt, und die Wiener Schiffleute und Fischer und die »behauste Bürgerschaft der Salzer« zum Wasser gelangen. Gegenüber der heutigen Marienstiege stand der »Werderthurm« und in seiner Nähe, in einen Winkel der Stadtmauer eingebaut, stand so recht als spähender Wächter Meister Petreims Turm. Vor ihm auf dem Anger am Donauufer befand sich die Stange mit dem Vogel, den abzuschießen sich die städtischen Armbrustschützen übten. Das Werdertor, das seit dem 13. Jahrhundert ritterlich mancher Berennung widerstanden, wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur Torhöhe abgetragen. Auf dem ehernfesten Unterbau, der die demolierenden Spitzhauen zuschanden gemacht hat, baute Anno 1717 der bekannte Hanswurst J. A. Stranitzky ein drei Stock hohes Zinshaus. Dem Ritterhelm folgte die Schellenkappe und dieser der Zopf, denn 1798 übernahm das Haus die niederösterreichische Staatsgüteradministration und in der Folge die Lottogefällsdirektion. Wie kräftig klingt neben diesen ärarialischen Bezeichnungen das Wort »Werderthurm«! Das Interessanteste am Salzgries – unsere Großväter haben es noch gekannt – war der große Passauerhof. Er lag unter der Kirche Maria am Gestade. Das Bistum Passau kaufte Anno 1357 den Besitz des Hanns von Greif »unterhalb der Unseren Frauen Kapelle in der Gstätten auf dem Salzgries«. Das Stift erbaute da eine seltsame Häusergruppe. Niedrig und arm an Fenstern, im Eindruck ärmlich, stand ein langes Haus an der Straße. Es hatte aber einen Mittelbau, der dreistöckig mit einem hohen Satteldach emporragte. Hügelansteigende Höfe mit winkeligen Einbauten schlössen sich daran, und in der halben Höhe des Hügels, zu Füßen der Kirche, stand stolz und hoch ein burggleicher Bau, zu dem eine mächtige, zwei Stock hohe Marmorstiege emporführte. Der Passauerhof zeigte Stärke, behagliche Wohnlichkeit und Pracht, und in seinen jüngeren Jahren beherbergte er oft die Großen des Reiches, des Landes und der Stadt, die da Wichtiges berieten. Als schmutzige Bettlerherberge siechte er in seinem Alter dahin. Im Jahre 1822 wurde er durch die Marienstiege entzweigeschnitten und hörte auf zu bestehen. In alten Büchern liest man, daß in der Wand des Passauerhofes gegen den Salzgries hin schwere eiserne Ringe angebracht waren, die zum Anbinden der Schiffe dienten, der schweren Trauner, die Salz nach Wien brachten. Gewiß war der Salzgries der Stapelplatz für die Salzfrachten. Sie und das sandige Ufer gaben ihm ja den Namen. Das Salzamt und die alte Salzgasse zeugen von dem Salzhandel an dieser Stelle. Aber das Bild mit den an der Wand des Passauerhofes vertäuten Schiffen ist gar zu schön venezianisch. Bei Demolierung der Salzgrieskaserne, also auf der anderen Seite der Straße, fand man in der Erde uralte, durch Nässe schwarz gewordene Pfähle und an jedem von ihnen große Eisenringe. Dort floß die Donau und dort landeten die Schiffe. Zudem brauchte man zum Weiterverfrachten des Salzes eine Straße, die gewiß den Häusern entlang lief. Es war einmal ein wirklicher Salzgries. Heute gibt es nur einen sogenannten. Und führte sein Weg Chidher, den ewig Jungen, heute auf den Salzgries, er würde verwundert sein Haupt schütteln und dann nachdenklich sagen: »Und aber nach fünfhundert Jahren will ich desselbigen Weges fahren.« Haarmarkt / Heiltumstuhl Alle Wege führen nach Rom: freilich führen auch Umwege dahin. Im alten, kleinen Wien, in dem es noch keine Bezirke, sondern nur vier Viertel gab, führten alle Wege zum Stephansdom; freilich oft auf Umwegen, durch schmale, finstere Durchhäuser und über Stiegen und Brücken. Aber die Straßen, die von weither durch die großen Stadttore kamen, führten geradewegs – so gut es eben alte Gassen konnten, die auf Bedürfnisse und Schrullen ihrer Anwohner liebe Rücksicht nahmen – zum Stephansfreythof, dem späteren Stephansplatze. Architektonische Mißgeburten von der Art der Thaliastraße, dieses monströsen Siebenmonatkindes, die als Anschauungsmittel zur Erlernung der linearen Perspektive für Realschüler gebaut zu sein scheinen, Straßen, von denen man sagt, daß sie bei besonders wichtigen Gelegenheiten Geschützprojektilen »eine Gasse« bilden sollen, gab es nicht. Von allen Windrichtungen, über den Wiener Berg, auf der uralten Straße, die nach Osten, nach Hainburg führt, aus dem Berglande im Westen kamen, bestaubt und mit knarrenden Achsen, Wagenzüge, und der Stephansturm war der Wegfahrer Wegweiser, und sie fuhren durch das Kärntnertor, das Stuben- und das Schottentor. Und die Schiffe, die schwer im Wasser lagen und Waren vom Reiche brachten, fanden am Rotenturmtore das Ziel ihrer langsamen Fahrt. Da wurden die Schiffe entladen und auf dem Gestade vor dem Roten Turm wurden Kisten und Ballen auf die Wagen gebracht. Mit Hüh und Hott ging's dann rasselnd durch das Tor und in der steilen Gasse aufwärts, daß die Pferde keuchten und schnoben und die Stränge zum Reißen gespannt waren. Da, wo der Boden eben wurde und die Pferde rasten konnten, erweiterte sich die Gasse zu einem kleinen Plätzchen, von Giebelhäusern umstanden, und da erwuchs ein Markt, der Haarmarkt. Wer denkt nicht an die blonden, die Flachshaare der Frauen? Aber nicht Haare, sondern lediglich blonder Flachs wurde am Haarmarkte feilgeboten und eine Zeitlang mit Schinderlingen, mit »Hrebenkos«, bezahlt: Ein durchsichtiger Name für eine verhaßte Münze. In Österreich und Bayern wurde noch vor hundert Jahren der Flachs Haar genannt. Der Haarmarkt war das Urbild eines kleinen Plätzchens in einer alten Stadt. Schmale Häuser stehen in regellosem Vieleck um ein Plätzchen mit holperigem Boden, in dem die Radspuren schwerer Frachtwagen eingegraben sind. Niedere, breite Bogentore laden ein, aber die finsteren Torwege scheuchen zurück. An hellfarbigen Hauswänden hängen Erker mit kleinen Fenstern und hohen Spitzdächern, aus Mauerwinkeln schauen viereckige Löcher, so groß wie eines Mannes Gesicht, und machen für den Spähenden hinter der Mauer den Winkel zum Lugeck. Dachrinnen ragen mit phantastisch geformten Enden weit in den Platz hinein; am Hause an der Nordseite wirft der weitragende eiserne Zeigerstab einer Sonnenuhr seinen wandelnden Schatten, und ein steinerner Heiliger blickt seit Jahrhunderten mit magerem, asketischem Gesicht aus einer Nische auf die Fuhrleute nieder. Schwergeschirrte Pferde, die Frachten herbeigezogen, stampfen und niesen im gelben Rauche, den die Sommersonne von den massigen, hohen Rauchfängen über die steilen Dachgiebel niederdrückt und über den Markt breitet, über dem, hoch im Blauen, Störche ziehen. So war der Haarmarkt, der Flachsmarkt, auf dem die Wienerinnen kauften, was sie in der Fruowenheimliche, der Frauenkemenate, spannen. Das war lange her! Anno 187l, als damals moderne Damen – deutsche und andere – deutsch fühlen lernten, fühlten sie gleich altdeutsch – ganz tiudisk! Sie stellten in ihre Zimmer, die oft reicher aussahen als die der Augsburger Fugger, an auffallender Stelle ein Spinnrad auf und banden den Hanf mit blauen oder rosafarbenen Bändern an den Rocken. Cheruskerhaft war das nicht, aber kokett, und es wirkte so, als wollte man Kemenate mit Boudoir oder Heidekrug mit Heiderestaurant übersetzen. In all den Spinnrädern in den Ringstraßenpalästen lag dekorativer Anachronismus, und an keinem saß ein stilechtes Gretchen. Auf dem Haarmarkt stand der Stadt Wien Waghaus und auch das gastliche Haus »Zur Goldenen Gans«. Gold und Gans! Wer dabei nicht an Ritscher denkt, kann an das beginnende Wiener Phäakentum denken. Der Haarmarkt reichte bis zum Lichtensteg und dem Lugeck. Von ihm ist nichts geblieben als der Name, und wo er war, rinnt und drängt nun modernes Leben; aber die platzartige Erweiterung der Rotenturmstraße erinnert an ihn. Wo eine alte Weinschenke gewesen, ist jetzt eine Wechselstube der Unionbank, und vor ihr auf dem Plätzchen stehen moderne Requisiten, ragt ein Lichtmast neben einer Annoncensäule, die zum Zeichnen der Goldanleihe einlud, steht eine Telephonzelle, und aus den Auslagen eines Optikers schauen aus ausdruckslosen Larven gläserne Augen. Da ist auch der »Basar«, der Kölnerhofbasar, der vor einigen Jahrzehnten ein Schuhmarkt war. Das Haus, in dem er ist, wurde 1842 an Stelle des berühmten Kölnerhofes gebaut. Dieser Hof wurde urkundlich schon Anno 1289 genannt, und die reichen Handelsherren aus Köln hatten in dem umfangreichen Gebäude, das aus mehreren Höfen bestand, die Niederlagen ihrer Waren. Der aus Köln eingewanderte Kaufherr Seifried Leubel, der in Wien Münzmeister wurde, stiftete im Kölnerhofe zwei Kapellen, und seine Tochter hatte die Ehre, von dem Wiener Bürgermeister Konrad dem Poll gefreit zu werden. Seine höchste Blüte sah der Kölnerhof im 15. und 16. Jahrhundert. In dieser Zeit konnte er kaum alle Herberge heischenden Kaufleute und ihre Waren fassen, und in ihm befand sich von 1624 bis 1638 die Offizin und die Wohnung des weit über Wien hinaus berühmten Buchdruckers Matthäus Formica, der aus der Lammburse hieher gezogen war. Wer vor 26 Jahren noch vom Ende des Haarmarktes über das Lugeck gegen Osten blickte, sah ein uraltes dreistöckiges Haus mit hohem Dach: den Regensburgerhof; er barg die Niederlagen der reichen Regensburger Handelsherren. Er stand zwischen den beiden Bäckerstraßen, der jetzigen Sonnenfelsgasse und Bäckerstraße, die er als Durchhaus miteinander verband. Im 15. Jahrhundert gehörte der Hof dem reichen Wiener Bürger Niklas Teschler, der als diplomatischer Vertreter der Stadt Wien sowie als Kriegsheld eine Rolle spielte und den Kaiser Friedrich III. und den in Wien zu Besuch weilenden König Matthias Corvinus hier in seinem Hause bewirtete und ihnen zu Ehren ein einst vielbesprochenes Tanzfest veranstaltete. Jeder Wiener kannte die zwei steinernen Köpfe, die unter den zwei Eckrondellen des Hauses in Manneshöhe über dem Erdboden aus der Hauswand hervorsehen, an welche Skulpturen sich Legenden knüpften. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts sah man über den Rondellen noch zwei Blechtürme mit gefälligem Profil. Wer als Alt-Wiener gern im »Roten Igel«, bei der »Großen Tabakspfeife« oder beim Kühfuß, in den guten Gasthäusern mit ihren niederen, gewölbten Plafonds und den tiefen Fensternischen saß, liebte den Regensburgerhof ob der Traulichkeit der Stübchen des Gasthauses, das er barg. Auch da waren Fensternischen zwischen klafterdicken Mauern, auch da war Dämmerung und Behagen und Kühle an sommerheißen Tagen, und die wenigsten der »Spießer«, die, vergnügt schmatzend, hier ihr abonniertes »Banfleisch« aßen, wußten, daß just in diesen Räumen Anno 1683 während der Türkenbelagerung eines der größten Munitiondepots sich befunden hatte. Der Regensburgerhof ist im Jahre 1892 gefallen, und heute steht an seiner Stelle ein absonderlicher Bau. Modernen Baumeistern entlockt er spöttisches Lächeln, und ganz alte, baugerechte Architekten schütteln vor ihm verwundert die Köpfe. Dem Publikum gefällt er. Von ferne gesehen gemahnt das Privathaus an ein mittelalterliches Stadttor mit hohem Steildach, Ecktürmchen und einem großen Rundbogentor. Das Tor aber ist – verglast und zeigt sich, näher besehen, als gigantisches Auslagefenster, als Loch in der Mauer, auf dem der größte Teil der Fassade lastet. »Voll über hohl« haben ehemals Bauverständige tadelnd gesagt. Wie groß die Last über dem Hohlraum ist, zeigen anschaulich zwei Atlanten, die sie schmerzverkrümmt und mühsam stützen. Wie beneidenswert im Vergleiche mit diesen Atlanten sind die Jungfrauen, die in würdevoller Ruhe das Gebälk der Kanephorenhalle am Erechtheion in Athen stützen! Warum der ehemalige Gemeinderat und Architekt Neuman die barockisierenden Kraft- und Mühemänner am Hause anbringen ließ, wird durch manche Einzelheiten, Fenstergesimse, einen Baldachin und andre Ornamente im Barockstil, erklärt. Die Gesamtfront des Hauses und die altförmigen, weit in die Straße reichenden Wasserspeier sind mittelalterlich und dem alten Regensburgerhof nachempfunden; die Ornamentik des Hauses ist einige Jahrhunderte jünger, und die Auslagenkonstruktion ist modern. Aber das Haus gefällt dem Publikum, und die moderne Auslage versöhnt mit den Bauformen aus drei grundverschiedenen Zeiten. In der Bischofsgasse, dem Anfang der heutigen Rotenturmstraße, wo jetzt das Haus Nr. 3 ist, stand das alte Feldapothekerhaus »Zum Guldenen Greif«. Es war eines der kleinsten Häuser der Stadt und barg eine der zwölf Apotheken, die es noch zur Zeit Karls VI. in Wien gab. Auch das Geburtshaus des gelehrten Menschenfreundes Freiherrn v. Chaos, das Haus »Zum Goldenen Einhorn«, stand in der Bischofsgasse. Zu Ende des 18. Jahrhunderts wohnte in dieser Gasse eine reiche Irländerin, Frau Marie Edle von Ertl, geborne Freiin D'Omolley. Sie setzte in ihrem Testament vom 12. April 1801 unbemittelte Rechtsgelehrte zu Universalerben ihres Vermögens ein und bestimmte, daß über dem Tor des (aus dem Erlöse dieses und mehrerer andrer Häuser im Kramergassel erbauten) großen Stiftungshauses auf schwarzer Marmortafel geschrieben werde »Ertlsche Stiftung für junge, neuangehende Advokaten«. Die Erbwohltaten wurden genossen, und im Hause wurde der »Juridisch-politische Leseverein« gebildet. Leseverein hieß er, denn vor 1848 wäre ein bloß politischer Verein als zu gefährlich von den Behörden nicht geduldet worden. Die Revolution wurde aber von ihm vorbereitet und Anno 1848 kräftig gefördert. Ob das den Absichten der Erblasserin, die nur die schlechten Erwerbsverhältnisse der Advokaten ihrer Zeit im Auge hatte, entsprach? Es ist unwahrscheinlich ... An der Ecke der Wollzeile stand zu Maria Theresiens Zeit ein schönes Haus. Es hatte eine schöne Herrin, die geistreiche Dorothea Gräfin von Rabutin. Ihr Haus, um die Mitte des 15. Jahrhunderts »Ladererhof« genannt, wurde bald nachdem sie es im Jahre 1770 gekauft hatte, bekannt, beliebt und berühmt durch die vornehm-gemütlichen Soireen, die von der Gräfin allwöchentlich zweimal gegeben wurden. Es waren Abende wie die in den berühmten Pariser Salons, aber der französische Esprit war auf den gemütlichen Wiener Ton abgestimmt. Im Hause Rabutin verkehrten der Adel Österreichs und die hervorragendsten Bürger Wiens. Auch Prinz Eugen und die schöne Lori, die Gräfin Batthyany, seine Freundin. Die Hausfrau war so populär, daß die Wienerinnen Kleider und Sonnenschirme à la Rabutin und Rabutincoiffuren trugen, was mich an die Tatsache erinnert, daß, als Kronprinz Rudolf seine Braut heimführte, ein besonders biederer Fleischselcher und Hoflieferant »Stephanieschinken« anpries. (Darauf wurde ihm allerdings der Hoftitel entzogen.) Gegenüber dem froh-weltlichen Hause stand auf den Gründen des alten Propsthofes von St. Stephan der Bischofshof, das jetzige erzbischöfliche Palais. Die Bischöfe Wolfrath und Graf Breuner erbauten das neue Palais, dessen Fassade 1641 vollendet wurde. Die Bischofgasse fand vor einem Gebäude, das halb einem Stadttor, halb einem Triumphbogen glich, der quer über die Gasse gestellt war und den St. Stephansfreythof abschloß, ihr Ende. Es war dies der Heiltumstuhl. Starke, massige Quaderwände umschlossen ein großes Rundbogentor, das die Gasse umspannte. In der Höhe eines Stockwerkes blickten acht Spitzbogenfenster auf die Gasse, und über ihnen erhob sich ein steiles, rotes Ziegeldach. Einfach und fest war der Bau; er hatte die köstlichen Kirchenschätze von St. Stephan zu schirmen und zu bergen, Monstranzen und Kelche, kostbare Reliquiarien und edelsteingeschmückte Kreuze, heilige Kleinode und goldene Gefäße, Heiligtümer und Heiltümer. An hohen Kirchenfesten wurden die Schätze von den Fenstern herab durch Priester im Ornat dem Volke gezeigt. Am frühen Nachmittag des Christabends versammelte sich viel Volk vor dem Heiltumstuhle. Hinter seinen Fenstern standen Chorsänger, junge Schüler aus den nahen Bursen, und die sangen fromme Lieder um Abwendung von Krieg und Pest und Brand, und das Volk sang mit ihnen. Dann kamen Priester, die beteten, und einer von ihnen gab dem Volke den Wolfsegen, auf daß jeder sicher vor der Stadt wandeln könne und keinem, der vor der Stadt jagen oder in den Wäldern Holz fällen oder auf einsamen Wegen gehen würde, von Wölfen Übles widerfahre. Der Heiltumstuhl, den Herzog Friedrich III. im Jahre 1483 erbaut hatte und der, an die Brandstatt angebaut, gerade dort stand, wo später der Verkehr auf der Straße am lebhaftesten wurde und Raum sein sollte für zahllose Wagen und für Fußgänger, die einander drängten, mußte fallen und wurde im Jahre 1700 abgebrochen. Heute werden die Steine des Stephansturmes locker und bröckeln ab. Wer wird die Kosten zur Sicherung dieses Wiener Kleinods tragen? Böte die Stelle, auf der der Dom des heiligen Stephan steht, nicht Raum für einen netten, viel Mietzins und Wohnbausteuer tragenden Häuserblock? Natürlich ganz feiner und neuestmodischer Häuser mit Lift und Badezimmern? Der Fähnrichshof / Der Zwettlhof / Der Domherrenhof / Der kleine und der große Federlhof Ein Milieu für ganz andre Geschichten, für solche in der Art des seligen Julius Löwy, Chiavaccis oder Skurawys, mit den Titeln »Das Roserl von der Linzerstraße« oder »Die beiden Hausherren von Nr. 11«, böte der Fähnrichshof in der Singerstraße. Gemütlichkeit haust in allen seinen Winkeln. Er ist ein Anti-Neustädterhof, ein Vorbild der wenigen freundlichen, alten Höfe in Wien. Sieben Häuser schließen ihn ein, und zwei davon treffen sich gerade über dem Torbogen. Jedes von beiden hat einen halben Torweg und einen Torflügel. Konsequenterweise müßte es auch einen halben Hausmeister haben. Ist das nicht ein Sinnbild größter Eintracht? Alle sieben Häuser sind verschieden, aber gleichartig gemacht durch die Gewohnheiten seiner Bewohner. Blumenstöcke hinter blanken Fensterscheiben, und hinter weißen Fensterrahmen Vogelhäuschen, lichte Vorhänge und helle Hauswände. Der Fähnrichshof ist ein Handwerkerhof im Sinne von ehemals. Da arbeitet ein Präger und Golddrucker, ein Tischler hämmert, ein Anstreicher verträgt sich mit seinem Nachbar, dem Zimmermaler; und es mag da ehemals nicht an Feierabendszenen gemangelt haben, wie sie von den Alt-Wiener Malern behandelt wurden. Die Schornsteine rauchen, die Meisterin kocht das Nachtmahl. Hellgelb und warm liegen die oberen Teile des alten Gemäuers im letzten Sonnenlicht, und im Hofe, bei den zwei großen Bäumen, treiben Kinder, Lehrbuben und Handwerksgesellen Kurzweil. Dienstmädchen lachen von den Fenstern herunter, und Kanarienvögel schmettern lustig darein. Ein Echo der lieben alten Zeit klingt noch leise im Fähnrichshof, dem vernehmbar, der es versteht. In der heutigen Mitte der Stadt wuchsen, nachdem die Stadtmauern liebreich die junge, kleine, noch etwas plumpe Stephanskirche umfangen hatten, um diese herum bescheidene, ganz altväterische Häuser heran. Sie wurden größer, als die kleine Kirche sich dehnte, reckte, in die Höhe stieg. Manche fielen im Zeitenlauf, andre stehen noch im Schatten der mächtigen Kathedrale; einmal das, dann jenes, je nachdem die Sonne scheint. Es sind zwei Höfe darunter. Ihr alter Name blieb, sie wechselten ihre Gestalten. Unsere Großväter haben sie anders gesehen als wir, sahen sie besonnt von allen Reizen der phantasievollen Formenfülle ehemaliger Baukunst, umschleiert von gotischer Romantik und durchwoben vom Mystizismus alter Bauhütten. Der Geist derer, die im Dome über Bündelpfeilern und vielrippigen Gewölben Steine zu lebendigem Ornament wachsen ließen und Fialen über Baldachine türmten, bis in Wolkennähe die Kreuzrose des Turmes aufblühte, waltete auch in den beiden alten Höfen, so daß sie ein freundliches bürgerliches Echo des Domes wurden. Es sind der Zwettlhof und der Domherrenhof. So blieben die beiden jahrhundertelang, bis zum Jahre 1846. Und sonderbar! Angesichts des Stephansturmes, der, mit seinen zahllosen Zieraten und tausend Fialen in unendlicher Mannigfaltigkeit der Formen eine Symphonie in Stein, zu den ziehenden Wolken hinaufjubelt, hat eine fade, öde Bauepoche es zuwege gebracht, die beiden Höfe zu Symbolen kompakter, dauerhafter Langweile zu machen. Die Höfe dieser Höfe sind nicht um ihrer selbst willen gemacht worden. Sie sollen nur den Fenstern an kahlen Wänden ein wenig Licht und ein bißchen Luft geben. Neben dem Domherrenhof steht der Hof par excellence , er hat einen der vier größten Höfe der Stadt, heißt aber »Deutsches Haus«, und neben dem Zwettlhof steht ein Haus, das einen der schönsten Höfe Wiens hat. Auch das heißt nicht Hof, sondern »Fürsterzbischöfliches Palais«. Die Wiener kennen den Domherrenhof als Durchhaus. Alte Wiener aber kennen ihn auch, weil sie jung gewesen sind und damals dort, beim Trentsensky, die schönsten Mandelbogen von ganz Wien kaufen konnten. Das bedeutet Großes im Geringen. Mühlhofer und Lustig hatten schöne Mandelbogen; besonders schöne hatte Katzer im »Schmeckenden Wurmhof«. Er belieferte in der guten alten Zeit sämtliche Christkindl und Nikolos mit bogenweise erzeugten Infanteriekolonnen, die noch weiße Waffenröcke trugen, und mit Karawanen, die Wüsten durchzogen. Für Trentsensky aber, der alle diese Bilderbogen auch hatte, zeichnete L. Petrovits, der auch für die »London News« arbeitete und ein anerkannter Künstler war, und unser Schwind schuf für Trentsensky bogenweise das »Leben der Ritter«, Bilderbogen, die mancher, der sie als Bub mit Zweikreuzerfarben bemalt hatte, später als Wissender, als Kunstschätzer suchte. Was für prächtige Modellierbogen und stimmungsreiche Dekorationen für Kindertheater gab es da! Heute ist der Weg unsrer Buben von der Fibel zur Zigarette so kurz, daß auf ihm kein Plätzchen für Bilderbogen ist. Die stille, liebe Beschäftigung mit dem Mandelbogen ist unmodern, die jungen und alten Kinder finden ihre Mandelbogen auf der Leinwand des Kinos. Keine exerzierenden Deutschmeister und Wüstenkarawanen, sondern Nerven und anderes ruinierende Schauerszenen. Ein unveränderlicher Bestandteil des Domherrenhofes ist ein Geschäft, das, wie es sich am Stephansplatz gebührt, auf das Heil der Seele bedacht ist und Dinge zum Verkauf ausstellt, die keiner Mode unterliegen: Meßgewänder, Stolen und Casulä, Heiligenstatuen und Bilder und anderes Rüstzeug der Frömmigkeit. Beruhigend und wohltuend ist es, zu sehen, wie die Kirche, modelos, als Rocher de bronze , im aufbrodelnden Treiben der Geschmacksrichtungen und Geschmacklosigkeiten feststeht. Nur bezüglich der Bilder der Beuroner Schule, die ja keine neue Mode bedeuten, die eben einer Kunstrichtung angehören, sei die Frage erlaubt: Wird da gotische Steifheit nicht noch starrer und das nur Gedankliche nicht allzusehr vom Wirklichen losgelöst? Nun, zwischen den zwei Haustoren des Domherrenhofes wird man durch das daselbst befindliche Geschäft sofort wieder zum Wirklichen zurückgeführt. Es ist ein Geschäft, das der Wohlfahrt des Leibes dient: eine Küchengeräte- und Baderequisitenniederlage. Eine Sybaritenseele kann lange ahnend in die Auslage schauen und sich vorstellen, was alles Gutes und Ersprießliches mit den ausgestellten Geräten gemacht werden kann zu des Leibes Wohlergehen und zur Verlängerung des Lebens. Und gegenüber den Kasserollen und Badewannen ist hinter den Gittern der Kruzifixkapelle die eiserne Falltür, die das große, unheimliche Reich der Skelette in den Katakomben verschließt und in deren Nähe der bekannte Totenkopf aus gelblichem Marmor, der, ohne Hirnschale, als barockes Weihwasserbecken dient. Wer denkt da nicht an Alboin und Rosamunde? Verlangt dieses sonderbare Becken nicht besondere Benutzer? Vielleicht ein junges Mädchen im weißen Kleide, mit Blumen im lichten Haare, das seine rosigen Finger in den Totenschädel senkt. Und kann man sich nicht einen düsteren Mann, den mystischen Bewohner eines andern Hofes, des Federlhofes, den Magier und Nekromanten Oporin vorstellen, wie er mit dürren Fingern aus dem Totenkopf Weihwasser schöpft und die Beschwörungsformel: »Im Namen des Vaters« murmelnd, das Zauberzeichen des heiligen Kreuzes in sein bleiches Gesicht schreibt? Nicht schöner als der Domherrenhof ist der Zwettlhof in seiner heutigen Form, er gehört zu den Stiftshöfen, die in unruhigen Zeiten, in denen bewegliche Kirchengüter in Klöstern wegen deren oft einsamen Lage, fern von schützender weltlicher Macht, gefährdet waren, in Wien, der damaligen »Hauptstadt der Christenheit«, als sichere Depots der Kostbarkeiten erbaut wurden. So wurden der Freisingerhof (der nachmalige Trattnerhof auf dem Graben) und noch manche andre Stiftshöfe in Wien gegründet. Alle haben eine interessante Geschichte, die meisten irgendeine charakteristische Besonderheit, einen ernsten Zug oder einen würdevollen Ausdruck im Antlitz ihrer Fassaden. Im Jahre 1303 kaufte das Stift Zwettl das stattliche, früher den Greifensteinern gehörige Haus samt der dazugehörigen Katharinenkapelle (auf dem Stephansfreythof gelegen) an, und es war bis 1361 im Besitze dieses Stiftes, dessen Name ihm bis heute blieb, wiewohl es längst schon sich im Besitze des Wiener Domkapitels befindet. Der Zwettlhof brannte wiederholt, zuletzt 1627, ab. Er war schon vor 350 Jahren ein Durchhaus. Er hatte gegen die Wollzeile hin nur ein Stockwerk, in welchem sich das Hofrichteramt des Wiener Domkapitels befand. Schon frühzeitig öffneten sich in diesem Hofe Geschäftsladen aller Art, und gegen den Stephansfreythof erwuchsen mehrere kleine ebenerdige Vorbauten, die Kranzelbinderhäuschen. Das alles fügte sich mit winkeligen Wänden, an denen gemalte Heilige sich mit Al fresco -Geschäftsemblemen vertrugen, mit tiefen Torbogen, mit beschindelten Vordächern, Giebeln, Türmchen und offenen Gängen in reizender Kombination aneinander. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war im Hofe die Verlagshandlung der berühmten Solingerschen Buchdruckerei und das Verkaufsgewölbe des noch berühmteren Antiquars Binz, dem die Klosteraufhebung ein unschätzbares Lager alter Bücher zugeführt hatte. Von all dem Erwähnten, den Geschäften, den Läden, der Kapelle und dem alten Zwettlhof ist nichts übrig geblieben. Nur alte Schreiber und Zeichner lassen die Wesenheit des alten Hofes vor uns lebendig werden. Ja, Schreiber können Tote zitieren, und Zeichner haben etwas von Nekromanten! Wer heute durch eines der vier Tore den Zwettlhof betritt und den Blick an den vier Wänden die vier Stock hohe Langweile aufwärts gleiten läßt, der denkt: Es ist gut, daß noch drei Tore da sind, durch die man den Hof verlassen kann. Mehr Fadaise, als da ein Architekt der vierziger Jahre zustande gebracht, könnte wahrlich niemand zuwege bringen – außer vielleicht zwei Architekten der vierziger Jahre. Wir gehen vom Stephansplatz durch das linke Tor, dem gegenüber wir den Hof verlassen wollen, und kommen an dem Stiegenaufgang vorüber. Vier Stufen führen zum Stiegenhaus. Betreten wir sie. Mit angenehmstem Erstaunen entdecken wir, daß in dem öden Hofschlund sich eine allerliebste Stiegenanlage öffnet. Unter einem zierlichen Bogen steigt die Stiege aufwärts, unter einem zweiten führt eine andre in den Keller, und eine dritte Bogenstellung schafft der Stiege Raum und Luft. Bei kluger Raumausnützung sind in graziöser Weise hübsche Durchblicke erzielt, und der Genius der alten Bauschule, die viel auf schöne Stiegenhäuser hielt, lächelt uns Überraschte schelmisch an. Sie konnten auch schalkhafte Schäker sein, die Architekten der vierziger Jahre. Wer bei einem der neuen Kaffeehäuser am Lugeck steht und an dem bronzenen Meister Gutenberg vorüber auf die Dächer der alten Häuser in der Bäckerstraße hinschaut, sieht über dem Dache des Hauses Nr. 2 einen Turm aufragen. Er ist einer der drei privaten Türme, die wir noch aus alter Zeit haben. Er ist ein Anachronismus, ein materialisiertes Gespenst aus dunklen, fernen Tagen. Er gehört zum kleinen Federlhof und steigt, in einer Ecke dieses Hofes, links vom Tor, drei Stockwerke hoch über das Dach hinaus. Türme waren die Fernrohre unserer Vorfahren. Von ihnen aus konnte man erspähen, was aus engen, winkeligen Gassen nicht zu sehen war: Blitzgefahr, ferner Brand, heranschleichende Mordbrenner. Deshalb erinnern alte Stadtansichten an Nadelkissen. Auch der große Federlhof, von dem nichts mehr existiert, der Nachbar des kleinen, hatte einen hohen Turm, der, als er im Jahre 1846 abgebrochen wurde, schon durchfurcht von Rissen und Sprüngen, noch dem Krampen harten Widerstand bot. Der kleine Federlhof, heute vernachlässigt, trägt den Charakter eines Patrizierhauses aus dem sechzehnten Jahrhundert. Eine elliptische Nische nahe dem niederen, breiten Bogentor birgt eine prächtig bewegte Liebfrauenstatue mit Engeln im besten Barockstil, die Spuren einer späteren Bemalung aufweist. Den geräumigen Hof umsäumen offene, jetzt verglaste Gänge, gestützt von massigen Tragsteinen ältester Form. Ein steiles Dach schützt die beiden Stockwerke. Die Stiege, unten breit und herrschaftlich, im ersten Stock durch ein eisernes Gitter abgeschlossen, wird gegen oben schmäler und steiler, führt durch einen engen Paß mit schmalen, hohen Stufen im Turm aufwärts und endet in einer hölzernen Leiter, die in das oberste kleine Turmgelaß führt. Die Turmstiege bietet nur einem Manne Raum, und der muß vorsichtig steigen, geschickt gehen können. Der letzte, der vor langer Zeit das höchste Turmgemach bewohnt hatte, ist dort, zwischen braunen Dächern und grauen Wolken, gestorben. Für den Toten war keine Stiege da. Sein Sarg wurde durch das kleine Fenster hinausgeschoben, auf das Dach hinabgelassen und von da zur Erde gesenkt. Höher und schöner als der kleine Federlhof war der große. Das Bedeutendste in ihm war sein Turm, und das Bedeutsamste waren seine Bewohner. Zu Ende des 15. Jahrhunderts wohnte dort Peter Edlasberger, ein Ritter des Drachenordens, und es mag schön gewesen sein, wenn er zu einem Ordensfest im scharlachroten Mantel mit grünseidenem Übertan aus dem finsteren Torweg ritt. 1590 besaß Georg Federl aus Tribuswinkel, ein Wiener Kaufmann, das Haus, das nach ihm den Namen erhielt. Vor- und nachher hatte es interessante und illustre Wohngäste. So zum Beispiel im Jahre 1538 den berühmten Bombastus Theophrastus Paracelsus, der von hier aus zweimal zur Audienz zu Kaiser Ferdinand I. berufen worden war; im Jahre 1550 Philippine Welser, eine der schönsten Damen ihrer Zeit. Hoch oben im Turme hauste so manches Jahr ein Mann, dem die andern Bewohner des Hauses Ehrfurcht erwiesen und gern auswichen: der alte Magier und Astrologe Oporin. Weithin war er bekannt, der Meister der unbegreiflichen Kunst, und das Volk sprach leise von ihm. An einem Dezemberabend stieg ein Mann, in seinem Mantel vermummt, die steile Stiege zum Turmgemach Oporins hinan. Es war Wallenstein. – Hatte Seni versagt? – Lange saß der Feldherr bei dem Astrologen, und als er von ihm schied, war er traurig. Der Frühling kam, und in ihm eine Nacht, in der Deveroux' Partisane das Herz des Herzogs traf. »In selbiger Nacht«, so schreibt ein Chronist, »förchteten sich, die im Federlhof wohneten, weil aus der Luft der Totengesang De profundis , so Priester singen, gehöret ward. Etliche aber sagen, das Singen käme aus Oporins Losament.« Vom Zahnwehherrgott zum Bisenius Name einer mit Dekorationsstücken, Fahnen, Raketen und Feuerwerkskörpern aller Art handelnden Firma. Dem »Deutschen Haus« gegenüber ist an einer Wand der Stephanskirche der »Zahnwehherrgott« zu sehen. Er steht an der Südostmauer des Doms und ist ein Unikum wie die »Dienstbotenmuttergottes« im Innern der Kirche. An die Wand der Apsis des Stephansdomes, die zur Längenachse der Kirche senkrecht ist, steht eine niedere Halbsäule mit einem phantastischen Kapitäl, das, in keine Stilart einzureihen, entfernt an indische Zieratenkunst erinnert. Auf diesem Kapitäl steht, an die Wand gelehnt, eine steinerne Halbfigur des dornengekrönten Heilands. Ein Hofmeister bei den Laurenzerinnen, Wolf Salzmann, hat sie Anno 1625 errichten lassen. Die Skulptur ist weder durch hohes Alter noch wegen ihres besonderen Kunstwertes bemerkenswert, und sie könnte an einer alten Dorfkirche oder als Wegsäule an einer Straße stehen, ohne die sensiblen Gemüter der Kunstkritiker zu bewegen. Auch die alten Wiener dürften in dem Christusbilde, das bei so vielen Grabkreuzen in dem alten Freythof von St. Stephan stand, nichts ganz Besonderes empfunden haben, bis der Tag kam, der das Heiligtum volkstümlich machte. Naturgemäß soll das Gesicht mit der dornenumflochtenen Stirn Schmerz ausdrücken. Dem Bildhauer, der es schuf und der nicht Ursache hatte, nach Photographenart zu sagen: »So, bitte, jetzt recht freundlich!« gelang es, in gotisierender Weise das Ecce homo -Bildnis geziemend darzustellen. Der ursächliche Zusammenhang zwischen der Dornenkrone und dem leidvollen Gesichte Christi war jedem selbstverständlich. Da kam in einer Mondnacht ein Mann, sah mit weinfeuchten Augen in das Gesicht des Heilands und sagte: »Der hat g'wiß Zähndweh! Das kommt davon, weil am Stephansplatz immer a Wind geht!« Er nahm sein großes Sacktuch aus der Tasche, faltete es zum Verband, umschlang damit das Antlitz der Statue und knüpfte die Zipfel des Tuches unter dem Kinn fest. Auch anderswo als auf dem Stephansplatz würde man diesen Vorgang als ungeziemend, als frevelhaft empfunden haben. Die feinfühligen Wiener ließen den Verband auf dem leidvollen Antlitz und nannten das Bildwerk fortan »Zahnwehherrgott«. Erst lange, nachdem das Tuch verschwunden und der Spaß vergessen war, mag einer oder der andre in frommem Vertrauen auf die Bezeichnung der Statue bei ihr Hilfe für seine Zahnschmerzen gesucht haben. Danhauser, der Wiener Maler, hat vor beiläufig hundert Jahren rechts und links vom »Zahnwehherrgott« an der Kirchenmauer – al fresco – das Fegefeuer gemalt. Sollte es eine Allegorie des Zahnschmerzes sein? Schade, daß Danhauser nicht das Porträt des Spaßmachers in das Fegefeuer gemalt hat! An der rechten Seite der Bildsäule ist ein kleines Epitaph aus dem Jahre 1664 an der Kirchenwand befestigt, an dem zu lesen ist: Der wohledl und gestrenge Herr Hans Christof Hindterhofer Ihrer Maj. der verwittibten Röm. Kaiserin Elenora Cammerdiener und Haubtmann über dero Herrschaften und Landgieter ... ec., und unter dem Epitaph ist die Grundierung des Freskobildes ein wenig abgeblättert. Dort stand letzthin ein alter Herr, ein Wiener Forscher, sah den Dom durch seine konvexen Brillengläser an, begann dann mit einem Federmesser an der kleinen brüchigen Stelle der Grundierung zu schaben. Er hatte unter der oberen Mörtelschichte etwas wie einen Namen entdeckt. Interessiert kratzte er. Ein Wort trat langsam zutage. Der alte Herr brummte: »Kyselak! Josef Kyselak, kaiserlicher Beamter und Tourist (gestorben 1831), hatte die Marotte, auf Mauern sehenswerter Bauten und an schwer zugänglichen Objekten seinen Namen anzubringen. Der obere Bewurf ist also nach 1831 gemacht worden.« Da trat ein wohlgenährter, eleganter Herr auf ihn zu, grüßte ergebenst und sagte: »Guten Tag, Herr Doktor! Was machen Sie denn da? Lange habe ich Sie nicht gesehen. Aber Sie sehen leidend aus. Haben wohl eine böse Grippe überstanden?« »Nein; ich esse seit zwei Monaten in einer Gemeinschaftsküche,« sagte der Doktor zu dem Besitzer des vornehmen Stadtgasthauses, in dem er ehemals zu essen pflegte. »Das ist freilich schlimm!« meinte der Elegante, und der Doktor fragte: »Was kostet jetzt ein Schweinsbraten bei Ihnen?« »Neunzehntausend Kronen!« »Das ist eben noch schlimmer«, sagte der Doktor. »Und wohin des Weges?« »Zum Bisenius,« sagte der Wirt, »Dekorationen und andre Dummheiten bestellen. Nächstens wird in meinem Hietzinger Etablissement wieder ein Fest stattfinden.« »So? Heutzutage ein Fest? Das ist völlig grotesk!« Und der Wirt antwortete gewissermaßen entschuldigend: »Die Leut' denken halt: Hat dudelt der Papa, so dudeln wir halt a!« »Ja,« erwiderte der Doktor, »die Papas haben aber zu einer Zeit gedudelt, die zum Dudeln geradezu aufforderte. Heute sieht es widerlich aus, wenn der Bettler, der die Hand gabenheischend hinstreckt, dazu dudelt.« »Ja, wissen Sie,« sagte der Wirt, »so ist 's halt jetzt. Doch gehen wir lieber; Herr Doktor könnten mir ein bisserl was erzählen von den guten alten Zeiten und gleich da etwas über das Platzerl, auf dem wir stehen.« »So kommen Sie,« sagte der alte Forscher, »ich werde Sie durch das Deutsche Haus bis zum Bisenius begleiten.« Wenige Schritte gingen die beiden bis zu einem Loch im Trottoir, das wie ein Kanalschacht vergittert ist. Und wer hält es nicht für einen solchen? Da man gewöhnlich in Kanalschächte nicht genau hinabschaut, sehen die Leute nicht, daß an dem Gitter ein schwerer Ring aus Eisen befestigt ist, an dem eine lange Kette hängt. Der Schacht endigt in einem tiefliegenden Gang, der schief zur Kirche hinüber, zu den Katakomben führt. Wo jetzt der Eingang zur Artinschen Kunsthandlung im Deutschen Hause ist, war bis zum Ende der letztverflossenen sechziger Jahre eine meistens verschlossene schmale Tür, gleich der eines kleinen Kaufladens bescheidenster Art. Jene, welche an ihr vorübergingen, bemerkten sie kaum, und beachtete sie einer, so mochte er gedacht haben: »Ein versperrter Trödlerladen«. Jedoch war die Ladentür, die nur eines Mannes Breite hatte, der Eingang zur Wohnung von Tausenden, die kein zweitesmal durch die Tür gingen, zum großen unterirdischen Friedhof in der Stadt, zu den Katakomben, die erst später einen monumentalen Eingang, den durch die Kruzifixkapelle, bekamen. Die Ladentür leitete durch einen kurzen Gang in einen kleinen Lichthof, von dem 29 Stufen in einen Keller des Deutschen Hauses führen. Von ihm senkt sich eine neunzehnstufige Stiege in den Raum hinab, den man durch den Luftschacht bei dem Deutschen Hause sehen kann. So erzählte der Doktor. Er und sein Begleiter gingen durch den schmalen Gang, der vom Stephansplatz zu dem Gasthausgarten in den großen Hof führt und der an schwülen Sommerabenden gar oft nach Rettich und Pilsner Bier duftet. Geräumig und behaglich, ein privates, stilles Plätzchen Alt-Wiens, liegt der Hof da. Wärmer als draußen liegt das Sonnenlicht auf seinen patinierten Mauern, und kühler als draußen sind die Schatten in seinen laubumsponnenen Ecken. Vor einem Jahrhundert mochte der Hof ernst gewirkt haben; heute, da eine seiner Schmalseiten durch den Sommergarten des Gasthauses ausgefüllt wird, da Bratenduft und Gläserklirren ihre Reize üben, hat die Würde des Hofes einen behaglich bürgerlichen Einschlag bekommen. Durch einen breiten gewölbten Durchlaß führte der Doktor seinen Bekannten in einen andern Hof. Und dieser Hof ist ein Juwel, ein Paradigma aller Höfe; er ist eine grüne Insel der Ruhe im städtischen Hasten und ein ernster würdiger Teil des Hauses des uralten Ordens der deutschen Ritter. Der Hof, der mit keiner Nürnberger oder Rothenburger mittelalterlichen Bauform prunken kann, der keine architektonische Besonderheit aufweist, wirkt auf den, der ihn betreten, durch Feineres, als es Stein und Form ist. Die Zeit, die ihn geschaffen, ist im Hofe irgendwo latent, und obwohl er umgebaut und erneuert worden, schwebt ein Hauch uralter Zeit – von damals, als Leopold der Glorreiche die Ritter aus dem Norden zu uns rief – um den Hof. Wie in eines Mannes Antlitz, das keine malerisch bedeutsamen Formen, keine physiognomisch merkwürdigen Einzelheiten trägt, sein Geist stumm zu uns redet, so erzählen uns Formen, die anderswo gewöhnlich sind, in diesem Hofe von dem Sinne derer, die ihn seit 600 Jahren besitzen. In die Stille des Hofes der nordischen Ritter scheint die Wiener Sonne, liegt goldig auf den alten Wänden, auf dem hohen braunroten Dache mit den vielen Rauchfängen, und Schmetterlinge schweben von Ranke zu Ranke des wilden Weines, der dicht die Wände bis zum ersten Stockwerk übergrünt. Und über die Dächer schaut hochragend und zum Greifen nahe vom blauen Grunde des Himmels der Stephansturm in den Hof. Nicht düster, sondern ruhevoll mutet es an, daß Erinnerungstafeln und Epitaphien in den Wänden eingemauert sind, wo sie vom üppigen Laube eingerahmt und beschattet werden. Da ist eine Tafel mit der Inschrift: »Wolfgang Amadeus Mozart wohnte im Deutschen Hause vom 16. März bis zum 2. Mai 1781«, und die Inschrift einer anderen Tafel sagt: »Zur Erinnerung an den heimischen Dichter Cornelius Hermann Paul von Ayrenhoff, welcher in diesem Hause am 28. Mai 1733 geboren wurde.« Der Wirt sagte zum Doktor: »Sonderbar! Von dem Ayrenhoff hab' ich noch nie etwas gehört. Wie das kommt?« »Mein Lieber,« sagte der Doktor, »die Antwort steht ja schon auf der Tafel: heimischer Dichter!« Unweit von Ayrenhoffs Tafel lugt ein Bruchstück eines Grabsteines durch das dunkle Grün. Was an ihm noch zu lesen, ist: »Wolfgang, gestorben 1442.« Und dann, vom Laube überrankt, eine sonderbare Gruftplatte. Epitaphium kann man sie nicht nennen. Ein mannshoher dicker Stein. Es mag viel gekostet haben, ihn an der Wand zu befestigen. Rauh und ausgewittert ist seine graue Fläche. In einem Kreise ist ein Wappen der ältesten heraldischen Form – ein Quadrat mit dem unten angefügten Halbkreis – eingemeißelt, und in dem Wappen eine aufrecht stehende Raute. Und kein Wort, kein Buchstabe gibt uns kund, für wessen Grab der Stein gehört, für wen so viel Kraft, so viel Arbeit verwendet worden ist. Der Grabstein ist da, groß, schwer – und schweigt. Wer denkt da nicht jener Alten, die den Namen eines verhaßten Königs nach seinem Tode von allen Denkmalen ihres großen Landes, an denen er angebracht war, wegmeißeln ließen? Wessen Name und welche Geschichte verschweigt der Grabstein? ... Wer von diesem Hofe aus durch den breiten Torgang zur Singerstraße geht, sieht links im Hausflur eine recht bescheidene Holztür. Sie verschließt den Haupteingang zur Deutschen-Ordens-Kirche. Die Tür in der Singerstraße ist nur wegen der Fassade aus ornamentalen Rücksichten gemacht und hinsichtlich des Innenraumes der Kirche unorganisch angebracht. Die Kirche mit dem fast geheimen Eingang wird wenig besucht, und ihr Inneres ist vielen unbekannt. Sie enthält nur 14 Bänke, sie hat im vorhinein auf Popularität verzichtet, wollte nie eine Allerweltskirche sein und nimmt unter den andern Kirchen eine besondere Stellung ein, so etwa wie der biblische kleine Josef unter seinen vielen großen Brüdern. Die Ordenskirche wirkt wie die Burgkapelle eines mächtigen Ritters, alt und ernst und doch familiär und intim. Kein Speisegitter vor dem Altar sagt: »Kommt nicht näher, ihr seid nicht würdig.« Der rote Altarteppich reicht bis zur ersten Bankreihe. Er stellt eine Verbindung zwischen dem Allerheiligsten und den Betenden her, und wer in der ersten Bank sitzt, fühlt, daß er in der Kirche zu Hause ist. Wie in manchem Herrenzimmer Waffentrophäen die Wände schmücken, so sind in der Ordenskirche – sie ist der heiligen Elisabeth geweiht – Gestecke alter großer Fahnen an den Fensterpfeilern angebracht, und die Stelle der Ahnenbilder vertreten 80 Wappenschilde. Sie sind oval und zeigen alle auf Goldgrund die Wappen der toten Komture und Ritter in kräftigen heraldischen Farben, und die Farbentöne der Wappen gleichen Fanfarenklängen, denen der stumme Ritter auf der Grabplatte aus rotem Marmor lauscht. Ein Epitaph in der Nähe des Einganges ist von besonderem Interesse. Es gehört dem berühmten Wiener Humanisten Johann Cuspinian, dem Mitbegründer des Wiener Dichterkollegiums und Mitgliede der »Gelehrten Donau-Gesellschaft«. Obwohl vieles in der Kirche echte Gotik zeigt, wie das feine Netzgewölbe und der schöne Altar, der von Danzig hergebracht wurde, ist doch so manches durch Renovieren und Adaptieren in die romantische Laxenburger Pseudogotik hineingeraten. Der ganze Deutschherrenbesitz in der Singerstraße besteht aus drei untereinander völlig fremdartigen Bauten. Die gotische Kirche erscheint in das prächtige Ordenshaus eingeschoben; sie steht eingezwängt in das Barockhaus, und der ärmliche, kahle Turm wirkt wie ein Fabrikschlot neben gotischem Maßwerk. Das älteste Ordenshaus und die Kirche wurden bald nach dem Jahre 1227 erbaut, fielen aber kurz danach einem Brande zum Raube, und die noch heute stehende Kirche wurde Anno 1316 von dem Steinmetzmeister Georg Schiffering aus Nördlingen gebaut. Die beiden gleichen Teile des Ordenshauses aber wurden im Jahre 1719 vom Grafen Guido von Starhemberg geschaffen, der zugleich die alte Kirche zwischen ihnen »verschönerte«. Die verschiedenen Bauzeiten erklären die Konkurrenz von Stilarten an Häusern, die miteinander verwachsen sein sollten. Aus dem breiten Bogentor traten der Doktor und der Wirt. Der Gelehrte sagte: »Sie haben jetzt in dem Hause manches gesehen, was den meisten, die täglich im Gasthause darin essen und trinken, unbekannt ist, und es freut mich, daß Sie auch den Namen des alten Ayrenhoff gehört haben.« – »Schauen Sie,« unterbrach ihn der andere, »wenn man derlei sieht und es einem erklärt wird, tut's einem leid, daß man in der Schule so wenig davon erfahren hat. Freilich, zu meiner Zeit ist wenig darauf gehalten worden, daß der Wiener seine Vaterstadt kennen lernt.« »Ja, ja,« erwiderte der Doktor, »wenn unsere Unterrichtsbehörde auch heute macht, was mir nicht zusagt, auf die Schulbildung hält sie viel. Täglich fast gehen Lehrer mit ihren Schülern in der Stadt herum und erklären und reden von der Geschichte der Stadt und ihren alten Bauten und Sagen. Sehen Sie, da kommt gerade so ein junger Studiosus!« Der da kam, mochte in die 2. oder 3. »Bürger« gehen, und trug seine Schulbücher in einer Aktentasche. Der alte Doktor grüßte den Kleinen und fragte ihn, ob er schon etwas über die Sage vom »Stock-im-Eisen« gehört habe. Ohne sich lange zu besinnen antwortete der kluge Knabe: »Schmecks, Kropfeter!« ... Traurig gingen die beiden Männer auseinander ... Im Griechenviertel Der doppelköpfige kaiserliche Adler trug nicht Zöpfe. Ehemals, aber besonders in der Zopfzeit, trugen die k. k. Beamten Zöpfe, solche, die weit über den Nacken der Träger hinaus in Erlässe und Verordnungen hineinragten, Zöpfe, die auf Gesetze abfärbten und die bremsend zwischen alle Räder der Staatsmaschine hineingerieten. In der Zopfzeit wollte Österreich eine Kolonie gründen; nicht im wilden Serbien oder Albanien – das wäre doch nahegelegen – sondern weit weg von allen Seressanern und Ogulinern; so eine richtige Kolonie auf einer südlichen Palminsel, und es errichtete seine »Faktoreien« auf den nikobarischen Inseln im Indischen Ozean. Bald aber wurde die Kolonie als unrentabel aufgegeben. Der Zopf hatte bis zu den Nikobaren gereicht. Und damals gab es noch viel weniger Verordnungen und Beamte als heute. Da wir in fremden Landen nichts anfangen konnten, kamen die Fremden zu uns. Es gab eine Zeit, in der Wien ein Settlement Spaniens war, in der italienische Sänger, Gesanglehrer, Baumeister und Rauchfangkehrer bei uns heimisch waren. Niemals sagte ein Wiener »Schornsteinfeger«, aber »Spazzocamino« war ein übliches Wort dafür, und auf alten Stadtansichten sehen wir Türken in weiten Hosen und mit Turbanen. Die Handelstüchtigsten der Fremden, die Schlauesten, die Griechen, haben sich zahlreich hier niedergelassen und haben einem Teil des Stubenviertels ihren Namen gegeben, die unoffizielle Bezeichnung: »Griechenviertel.« Interessant ist es, darüber zu denken, warum in der Stadt eine Gegend, die nicht mit Grenzen umschrieben werden kann, die arithmetische und geometrische Bezeichnung »Viertel« trägt, zudem sie überdies ein Teil eines in Plänen genau begrenzten Stadtviertels, des ehemaligen Stubenviertels, ist, das aber auch kein Viertel der Stadt gewesen ist. Ist das Diplomatenviertel bei dem Rennweg nicht auch ein Viertel ohne Grenzen? Wo in der Stadt die ältesten Häuser sind, wo in der Stadt die steilsten Dächer ragen, da ist das schmälste Gäßchen, die Griechengasse. Mit Eisenplatten ist mannshoch die Mauer des linken Hauses an ihrem Eingang vom Fleischmarkt gepanzert, damit der Wagen, der sich in die schmale Gasse hineinpreßt, nicht Mörtel und Stein zerreibe, und an den Eisenplatten ziehen sich lange, horizontale Rillen und Schürfe hin, und auf der andern Seite der Gasse schützen elf Prellsteine, abgeschliffen und zermürbt, die Hausmauer. Die dämmerige Gasse ist ein Stadtrest aus alter Zeit. Als in den letzten sechziger Jahren Wien durch die Altweibermühle ging und sein Gesicht neumodisch wurde, hat es vergessen, diese graue Falte zu überschminken, und etwas vom Antlitz der Urahne ist geblieben; und wer heute durch die Griechengasse geht, mag an Rosenkreuzer, an Alchimisten und an die Sucher des Homunkulus denken. Das Haus mit den Prellsteinen ist das altertümlichste in Wien, es ist ein Schulbeispiel mittelalterlicher Baugemütlichkeit, es ist eine köstliche Theaterdekoration auf der Straße, und es wirkt in seiner Schmalheit wie eine Kulisse einer altdeutschen Straße auf der Bühne. Mondnacht im Theater. Hinter dem Vorhange im Fenster des niedrigen Erkers lugt die Geliebte auf den Ritter hinunter, der unter dem breiten Federhute, den Raufdegen an der Seite, auf der Laute klimpert. Aus dem kleinen Fenster über dem Erker späht die besorgte Mutter – die Fassade hat nur zwei Fenster – und im schwarzen Schatten hinter der Hausecke lauert, mantelvermummt, der Nebenbuhler. Für eine Serenade der romantischeste Platz in der Stadt! Unter dem Erker ist eine schwarze Tafel mit der Aufschrift »Reichenberger Beisel«. Außer seiner Architektur und seinem Alter ist das Haus noch zwiefach bemerkenswert. Schenkt man doch in ihm berühmt gutes Bier und sang doch dort einst das Original eines Monuments: der Bänkelsänger Augustin, von dessen Lebenslauf nicht viel mehr bekannt ist, als daß er einmal im Rausche in eine Pestgrube gefallen; aber er hat das erhebende, gedankentiefe Lied »O du lieber Augustin, 's Geld is hin, 's Mensch is hin, o du lieber Augustin, alles is hin« gedichtet, komponiert und gesungen. Von Dante ist nichts populär geworden als »Die göttliche Komödie«, und man hat ihm Denkmäler gesetzt. Von Augustin ist nichts populär geworden als »'s Mensch is hin« – und man hat ihm ein Denkmal errichtet und er ist jahrhundertelang unvergessen geblieben. Charakterisiert das nicht die Volksseele? Das uralte Haus, in dem das Griechenbeisel ist und das im 17. Jahrhundert zur großen Pestzeit eine beliebte Schenke enthielt – Konrad Puffan war damals ihr Besitzer – hat bis heute wenig Veränderung erfahren. Die niederen, kleinen, dämmerigen Stuben sind wie sie ehemals gewesen, die Enge und die zahlreichen düsteren Winkel sind wie zu Puffans Zeiten, und hinten gegen den drei Schritte breiten Hof des Nebenhauses ragt ein alter Turm mit einem steilen, mit Röhrenziegeln gedeckten Dache ganz anachronistisch in unsre Zeit herein. Wer aber einen unbeschreiblich engen, düsteren Hof, einen Schlupf zwischen ruinenhaften Burgmauern sehen will, der versuche, durch das Tor des Hauses neben dem Reichenberger Beisel (das ehemals »Zum Roten Dachl« hieß) einzudringen. Dieses einstöckige Haus sieht von außen recht gemütlich aus, und eine lebhaft bewegte, große Muttergottesstatue, die zwischen den Fenstern des ersten Geschosses in einer Nische steht, belebt die Fassade in angenehmer Art. Diesem Hause schief gegenüber, an der platzartigen Erweiterung der Griechengasse, steht ein seltsamer Bau. Er ist eine Kirche der weltlichsten Bauart und sieht einem zierlichen Provinztheaterchen ähnlich. Sie ist dem heiligen Georg geweiht und dient, wie ein Historiker sagt, »seit 1783 jenen Griechen zum Gottesdienste, die kaiserlich türkische Untertanen waren«, während die Griechen österreichischer Staatsangehörigkeit die später erwähnte Kirche am Fleischmarkt zugewiesen erhielten. Das Kirchlein ist in recht lebenslustigem, profanem Renaissancestil erneuert worden, und nur zwei Kreuze, die wenig zu den vielen Vasen an der Stirnseite des Daches passen, bezeichnen bescheiden den ehemaligen Zweck des Hauses. Im Felde eines von Halbsäulen getragenen Giebels – eine Partie des Hauses, die an das ehemalige Stadttheater auf der Seilerstätte erinnert – kämpft St. Georg zu Fuß mit einem Drachen. Er ist vom Pferde gestiegen, weil er sonst im Giebel keinen Platz hätte, und im Hintergrunde bäumt sich sein Roß. Die aus nicht solidem Material gemachte Gruppe erscheint durch Schmutzflecke und abgebröckelte Stellen einer Übertünchung so unruhig und zerrissen, daß der heilige Gaul ganz gut ein Hippogryph und St. Georg der Sänger und Tierbändiger Orpheus sein könnte. Das Plätzchen dort, kaum für einen flüchtigen Sonnenstrahl groß genug, wird schon Anno 1499 urkundlich als Bürgermusterung erwähnt. Einige Geschichtsschreiber berichten, daß es damals den Bürgern zur Waffenübung gedient habe. Der Raum reicht nicht für dreißig Mann mit Spießen aus. In irgendeinem Zimmer auf der »Bürgermusterung« mögen wohl Kontrollversammlungen – Musterungen – stattgefunden haben. Unweit dem romantischen Hause »Zum roten Dachl« steht die baulich hervorragendste griechische Kirche Wiens. Sie wirkt zwischen den Alt-Wiener Bauten so morgenländisch wie ein Turban zwischen Zipfelmützen und Zylinderhüten. Schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Griechen in Wien so zahlreich, daß es notwendig war, für sie eine Kirche zu bauen. Da gab das Toleranzedikt Kaiser Josefs II. allen Konfessionen gleichen Schutz, und die Gemeinde der nichtunierten Griechen kaufte 1782 das gräflich Stockhammersche Haus und ließ es in eine Kirche bescheidenster Art – ohne Turm und ohne Geläute – umbauen. In dem Maße, in dem die griechische Kolonie reicher wurde, schien ihr Gotteshaus armseliger zu werden; deshalb ließ Baron Sina 1858 von Hansen eine neue Kirche erbauen. Theophil Hansen stellte einen prächtigen byzantinischen Tempel her, der im Erdgeschoß des Vordertraktes Kaufläden enthält. Reich wie die Fassade ist auch das Innere der Kirche, zu deren Ausschmückung Rahl und seine Schüler Bitterlich und Eisenmenger beitrugen. Der Kirche privater Nachbar aber, ein Alt-Wiener Bürgerhaus, sieht stolz und stattlich auf den kleineren vergoldeten Byzantiner herab. Es ist ein Haus, charakteristisch für die Größenverhältnisse vieler alter Wiener Häuser. Bei einer Höhe von fünf Stockwerken ist es nur fünf Fenster breit. Es ist auf Grund derselben Notwendigkeit entstanden, welche die amerikanischen Riesenbauten in die Höhe wachsen ließ; es ist ein Alt-Wiener Wolkenkratzer, ein Zwergriese. Diesem zur Seite, an der Ecke des Laurenzerberges, steht jetzt ein Haus von Durchschnittsarchitektur. An seiner Stelle befand sich noch vor wenigen Jahren ein Haus, dessen Hof so schöne Bauformen aufwies, daß der Altertumsverein, die Zentralkommission zur Erhaltung alter Denkmale und die Stadtbehörde bestrebt waren, es vor dem Untergang zu retten. Das einzige aber, das in dieser Hinsicht geschehen konnte, war, daß Propst, der Direktor des städtischen Museums, von berufener Hand in malerischer und bautechnischer Weise die Schönheiten des Arkadenhauses in Bildern konservieren ließ. Zierliche Arkaden umrahmten die offenen Gänge der vier Hausseiten gegen den Hof hin, und schöne schmiedeeiserne Gitter bildeten die Brüstungen zwischen den Säulen. Das konnte jeder sehen. Geheimer aber war eine Merkwürdigkeit in dem alten Hause: der Keller und seine Stiege, die, mit Kisten, Fässern und allerlei Gerümpel verstellt, nur einem Menschen Raum zum Niedersteigen gewährte. An einer Seite war sie von einer wurmstichigen Holzverschalung begrenzt. Im ersten Geschosse des Kellers verwehrte eine Holztür den weiteren Abstieg. Hinter dieser Tür erst erkannte man den Charakter der Stiege. Zwei Meter breit und frei führte sie mit weißen, niederen Steinstufen durch einen leeren, dunklen Raum in das zweite Geschoß des Kellers nieder. In diesem Raum wirkte sie als Monumentaltreppe, und an ihrem Fuße stand man in einem hohen, gewölbten Saal. Das Laternenlicht konnte die schwarze Decke nicht erreichen. Riesige Schleier, von Spinnen gewoben, hingen kulissenartig hintereinander vom Gewölbe zum Boden und machten das Vordringen in dem wohl seit mehr als einem Jahrhundert unbenutzten Raum recht unangenehm. Rechts war eine über drei Meter hohe Wand von uralten Balken, die den Saal von einem kleineren Raum trennte. Die Tür im Balkengefüge fehlte, und in dem Nebenraum waren sechs übermannshohe, seichte Nischen. Eine Grabung ergab, daß man nicht auf gewachsenem Boden stand, denn aus der Tiefe von einem halben Meter kamen noch Eisenteile und Trümmer einer Marmortafel ans Licht. Und in zweieinhalb Meter Höhe stak tief im Holze des Türrahmens eine mit dickem Rost überzogene Schere von sonderbarer Form ... Manch andere der alten Keller Wiens dürften Sehens- und Erforschungswertes enthalten – und enthalten haben. Aber ich danke dem Zufall, der es mir ermöglichte, diesen interessanten Bau zu besichtigen, über den wohl niemand Schriftliches niedergelegt haben dürfte ... Der Fleischmarkt, einer der ältesten Verkehrswege des alten Wien, schon 1329 urkundlich erwähnt, war der Hauptsitz der griechischen Kolonie, die unter anderen in den Kaufleuten Johann Darvar, dem Erbauer des Darvar-Hofes, und Christian von Nako, dem Erbauer des unweit davon stehenden, dem »Roten Dachl« gegenüber befindlichen Hauses, glänzende Vertreter hatte. An der Front des Nakoschen Hauses konnte man oberhalb des zweiten Stockwerkes die bald nach Herausgabe des Toleranzpatents in großen Goldbuchstaben angebrachten Worte lesen: »Vergänglich ist dies Haus, doch Josefs Nachruhm nie; Er gab uns Toleranz, Unsterblichkeit gab sie.« Josefs Toleranz reichte am Fleischmarkte gerade nur bis zur Pforte des Laurenzerinnenklosters. Das duldete er nicht und hob es auf. Damit der Nachruhm des Toleranten gefestigt werde, stürzten vor einigen Jahren Tschechen voll Dankbarkeit sein Standbild in den Staub ... Der Heiligenkreuzerhof Alt-Wien ist modern. Es ist hinter seinem Epitaphium, das der Geschmack der sechziger Jahre, so um die Zeit der Stadterweiterung herum, aus den Steinen der Bastei gemeißelt hat, hervorgetreten. Nicht mit schwerem, wuchtigem Schritt, wie es das Rom der Cäsarenzeit getan hat, als die großen Ausgrabungen am Forum begannen. Altwien ist als junge Dame graziös im Menuettschritt in unsre Mode von heute hereingetänzelt, lächelt uns mit blauen Kinderaugen an und kokettiert ein wenig nach rückwärts mit dem ernsteren, steiferen Empirestil. Und hört heute einer von Alt-Wien reden, so denkt er an zierliche, goldrandige Kaffeetassen mit dem Bienenkorb, an savannenbraune Reifröcke, Kaschmirschals, an graue, hohe Zylinderhüte über Frisuren à la Giraffe und an Pepitahosen. Wer denkt da nicht an die lieben Lockenköpfchen unter den Pamelahüten? Alt-Wien guckt nicht als ehrwürdige Ahne, sondern als schelmischer Backfisch in unsre Zeit. Was hinter der Kongreßzeit liegt, gilt nicht als Alt-Wien. In der Architektur erst recht nicht. Wer nennt den Stephansdom einen Alt-Wiener Bau? Oder das Belvedere oder das Bräunerpalais? Ihnen fehlt die Behaglichkeit und das ein wenig Kokette; wichtige Ingredienzien der Wiener Art. Inmitten der Stadt, knapp neben belebten Gassen, steht ein »entlegenes« Durchhaus. Wie römische Backsteine die Legionszeichen, so könnte jeder seiner Ziegel den Bienenkorb aufweisen. Es ist ein Altwiener Haus nach der neuen Mode und nach dem Herzen der Historiker, der Heiligenkreuzerhof. Behäbig und ein klein wenig kokett. Das nur in wenigen Einzelheiten; so in der graziös bewegten Linie der Bekrönung der kurzen Mauer, die das Prälatenstöckel vom Hofe trennt, nicht abschließt, denn das Prälatenhaus hinter ihr mit seinem kleinen Gärtchen wirkt wie eine bequeme, grün tapezierte Loge, von der man die Bühne – den großen Hof – überblickt. Aber die Bühne bleibt leer. Wer hat im Heiligenkreuzerhof zu tun? Hie und da ein Maler, der mit scharfem, forschendem Blick schaut und vor der Natur Dinge sieht und Stimmungen fühlt, die wir erst dem gemalten Bilde ablesen können. In einer Ecke des Hofes erscheint manchesmal, durch den Wiener Hausfrauenverein hervorgerufen, in bescheidener Weise mehr oder weniger anmutige Bewegung, und ein Tuchgeschäft en gros sowie ein »Spezialgeschäft für den hochwürdigen katholischen Klerus« vermögen nicht die riesige Fläche des Hofes mit ihren Kunden wohltätig zu beleben; wir denken an den statistischen Nachweis über die Bevölkerungsdichte der Erde, wie wir ihn in geographischen Lehrbüchern finden. Zum Beispiel: »Kirgisensteppe, 1·3 Bewohner auf einen Quadratkilometer.« Der Hof ist so groß und so leer, daß er Freunde der Ruhe und des Lichtes und – Häuserspekulanten reizt, und wer ihn an einem Julisonntag gegen Abend, von der Rotenturmstraße kommend, betritt, den überkommt eine Empfindung wie vor dem Böcklinschen Bilde »Insel der Abgeschiedenen«. Wer aber in einer wohlig-warmen Mainacht, wenn der Vollmond zwischen Silberwolken schwimmt, aus dem kleinen Weinstübchen neben der Bernardikapelle in die »mondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält«, hinaustritt, der mag an eines der modern gewordenen, romantischen Bilder des seligen Spitzweg denken, an die alten Gassen mit dem Mondlicht, den Erkern im Dämmerschatten und dem Nachtwächter mit der Hellebarde und der Hornlaterne. In dem tiefen Dunkel der Ecke des Hofes, bei dem niederen, breiten Bogentor, das zur Schönlaterngasse führt, steht dunkler in der Wand das Barockportal der Bernardikapelle. Ihre rundbogigen Fenster sind schwarze Flecken im Schatten. Aber silberig im Mondlicht glänzt das hohe Dach, auf das massige Rauchfänge Schattenstreifen werfen. Und Hochauf ragen hinter dem Dache in nebelhaften Silhouetten die graziösen Türme der Jesuitenkirche. Warmes Licht, das aus der Tür der Weinschenke neben der Bernardikapelle dringt, zeichnet auf die Steinplatten und Katzenköpfe des Hofpflasters einen schmalen, hellgelben Streifen, und an den Sträuchern des Gartens vor dem Prälatenstöckel träumen weiße Blüten. Irgendwo am offenen Fenster hinter den Zweigen schlägt eine Nachtigall, und die steinernen Amoretten, die sich an den großen Vasen auf den Pfeilern des Gassentores herumtummeln, flüstern einander schalkhafte Koseworte zu. »Wundervolle Märchenwelt, steig auf in der alten Pracht.« Schade, daß kein Brunnen in des Hofes Mitte seine Wasser plätschern läßt und daß nicht Linden – alte Klosterlinden – als Vogelherbergen Leben in die Klosterstille des Hofes tragen. Wasserrieseln, Laubgeflüster und waches Träumen sind nirgendwo so stilrichtig wie im Heime der Beschaulichkeit, in einem Kloster. Freilich, die Heiligenkreuzer Mönche waren ehemals Schuster und mehr realistisch als poetisch gesinnt, sie waren vor Zeiten mannhafte Gewerbetreibende, und keiner war ein »Schuh-Macher und Poet dazu«, keiner war vom Schlage der berühmten Schuster wie Hans Sachs und Ahasver. Herzog Albrecht hat den Abt von Heiligenkreuz seinen »geliebten Meisterschuster« genannt, und in der Mitte des 14. Jahrhunderts waren die Klosterschuhe von Heiligenkreuz ein begehrter Modeartikel auf dem »Bauernmarkt« in Wien. Der Gedanke ist nicht kurzerhand wegzuweisen, daß der gelehrte Heiligenkreuzer Abt nach zelebrierter Messe und »gelesenem Brevier« in seiner privaten Gartenwerkstätte ein Paar mächtiger Jagdstiefel als sinniges Cadeau für den Herzog zurechtzimmerte, so daß sein Schusterhammer Funken aus den Absatznägeln schlug. Uns würde es seltsam anmuten, wenn der Mönch, der eben umflort und umduftet von Weihrauchwolken am Altar die Monstranz vor dem knienden Volke emporgehalten, in die Schusterwerkstätte – den düstern Raum mit den wuchtigen Säulen – hinabginge, dort auf seinem Bein einen Bauernstiefel mit dem Knieriemen einspannte und mit Ahle und Hammer ein lustiges Klopfen und Besohlen begänne – ohne Streikabsichten und hundertprozentige Lohnerhöhungen. Die arbeitsfrohen grauen Brüder im Waldtale sangen auch nicht das Lied von der Arbeit, sondern das »Pax domini vobiscum« . Waren das dunkle, rückständige Zeiten! ... An der Mauer der einförmigen, zwanzigfenstrigen Front, die dem Prälatenbau gegenüberliegt, ist wohl ein Brunnen. Mit einem vertikalen, aus einem Schlitz in der Erde aufragenden Hebel wurde das Wasser in einen unbedeutenden »Grand« gepumpt; die auf einem steinernen Wappen über ihm angebrachte Zahl 1610 bezieht sich auf einen andern, verschwundenen Brunnen. Ein zweites altes Klosterwappen mit der Schwurhand ist ein Sinnbild des Stiftshofes. Ober dem Tor in der Grashofgasse ziert es die Wand. Steinern, grau, verwittert und überladen mit abbröckelnden Barockzieraten, ist es umgeben von sieben Firmenschildern, die ja dem Wappen sinnverwandt sind. Da wirkt das Stiftswappen als würdiger Greis im farbigen Kranze seiner modernen, heiteren Urenkel. Vor dreißig Jahren besaß der Heiligenkreuzerhof eine allen Wienern bekannte Spezialität. Die Taverne neben der Bernardikapelle. Sie war die Zuflucht der Durstigen der unteren Hunderttausend, ein Buen Retiro der Romantiker und die geistige Nährmutter einer ausgestorbenen Menschengattung: der k. k. Invaliden. Die zumeist weißhaarigen Träger der langen, hechtgrauen Mäntel und der kurzen Säbel in der Lederscheide am Bandelier hatten drei Stammlokale: das primitive Kaffeehaus unter dem Schwibbogen der Verbindungsbahn bei dem Durchlasse zur Landstraßer Hauptstraße, den Dominikanerkeller und die Heiligenkreuzer Weinstube. Da war es am billigsten. Wie an den Toren mancher einsamen Anwesen geschrieben steht: »Vorsicht, bissiger Hund!« so prangen jetzt an Gasthaustüren oder -fenstern Zettel mit der Preisliste der Speisen und Getränke, auf daß sie den arglosen Wanderer vom unvorsichtigen Betreten des Lokals zurückschrecken. Auch im Fenster der Heiligenkreuzer Taverne ist jetzt so ein Schreckzettel. Er ist das Bemerkenswerteste an ihrem Äußeren. Heutzutage ist auch ihr Inneres recht gewöhnlich. Wer aber einst an einem heißen Tage, geblendet vom Sonnenglast und müde der Hitze, ihr Schanklokal betrat, der fühlte die köstliche Labe einer Kühle, wie lange Klostergänge sie bieten, fühlte die beruhigende Wohltat weicher Dämmerung und einen feinen, würzigen Weinduft. Nur drei Tische sind in der grün und weiß bemalten Stube. Neben dem Tisch in der dunkeln Ecke grüßen durch das Fenster hellbesonnte Blütenzweige herein, auf denen sich Vögel wiegen und zwitschernd Zwiesprache halten mit den Finken und Kanarienvögeln, den Bewohnern dreier Vogelhäuschen, die zwischen alten Lithographien von Zampis an den breiten Wänden der Fensteröffnungen hängen. Auf einem dreifächerigen, altväterischen Regal neben dem Fenster steht eine große, blecherne Sparkasse mit einer Einwurföffnung, wie sie Klingelbeutel haben. Neben ihr sind grüne Flaschen, ein Zigarrenkistchen, alte Maßgläser mit Zinndeckeln. Da liegt ein Band »Hans Jörgl«, der sechs Jahre alt ist, und Knauers hundertjähriger Kalender. Wichtig und dominierend wie ein Katheder im Klassenzimmer steht der große Schanktisch, blitzblank und prätentiös, als wäre der Heiligenkreuzerhof seinetwegen erbaut worden. Zitternde Lichter blinken auf zinnernen Zimenten und Trichtern und spielen hell auf Reihen breiter Gläser und bauchiger Flaschen. Ein Ausguß und Spülbecken von Zink gliedern sich rechts der ganzen Breite des Tisches an, groß und rund wie ein riesiger Weihbrunnkessel, ornamentiert und massiv, als wollte er ein Bad sein all der Affen und Kater, die in den Fässern noch verspundet lauern. In die behagliche Dämmerung auf den behäbigen Wirt mit der hörnernen Schnupftabaksdose und auf die Invaliden schaut aus einer Stubenecke ein vergoldeter Heiland vom hölzernen Kreuz herab. Heute ist die Weinstube anders gestimmt, noch nüchterner als ihre Gäste, und über dem ganzen Hofe liegt es wie eine Ahnung vom Abschied, vom Ende. Auf einem Zukunftsplan, einem Projekt im Stadtbauamt, zieht schon eine Straße quer durch den Heiligenkreuzerhof. Der Stiftshof ist alt. Schon 1242 hatten die Mönche von Heiligenkreuz ihren Hof in der Stadt, und Friedrich der Streitbare verlieh ihm Steuerfreiheit. Obwohl auf uraltem Kulturboden gelegen, benachbart dem Basiliskenhause, den düsteren Winkelgassen mit den Studentenbursen, unfern dem geheimnisvollen Curtiusloch und nahe einer alten Sternwarte, entbehrt der Heiligenkreuzerhof jeder Sage. Waren die Schuster durchweg Realisten oder die Mönche so ganz frei vom Aberglauben? Im Vergleich zu andern Städten, zu Prag und Nürnberg, ist Wien sagenarm. Ein voller Wanst fabuliert nicht gern, und Wein erfindet nur Lieder. Nicht alle, die einst im Stiftsgebäude wohnten und verkehrten, waren phantasiearm. War doch einst eine ganze Künstlerschule – die Graveurakademie – im Heiligenkreuzerhofe untergebracht, bis sie zu Ende des 18. Jahrhunderts in das Kollegiatgebäude des aufgehobenen Jesuitenordens in der Annagasse verlegt wurde. Der Bildhauer Giulliani und sein berühmter Schüler Raphael Donner, die im Auftrage des Abtes Leeb, des feinsinnigen Kunstkenners, viele von ihren Arbeiten schufen und im Heiligenkreuzerhof wohnten, weilten oft lange im hiesigen Stiftshofe. Martin Altomonte lebte 15 Jahre lang als Familiaris des Klosters im Heiligenkreuzerhof, wo er sein Atelier hatte und wo er Anno 1745 starb. Keine Anekdote verknüpft seinen Namen mit dem Stiftshofe. Als man den toten Malerfürsten zu seiner letzten Ruhestätte nach Heiligenkreuz aus dem Hofe trug, ließ Abt Robert, sein Freund, das »Fürstengeläute« läuten. Auch andre Männer, die gar leicht den Samen zum Aufblühen einer Heiligenkreuzersage in ein Blumenbeet des Gärtchens hätten säen können, wohnten im Stiftshause. So Eduard Pohl, so der Schloßherr vom Lilienfelder Berghof, Castelli. Doch – Castelli, ja, der hat so etwas von einem Anfang zu einer Sage erzählt – ganz privatim. Im Winter war es und in einer froststarren Mondnacht, als der Dichter, vom Seitzerkeller kommend, wo er mit Bäuerle ein Konvivium gehalten, über den Hof des Stiftshauses, der tief im Schnee lag, hinging. Wenige Schritte vor ihm wandelte müde sein Wohnungsnachbar mit seinen beiden bildhübschen Töchtern. Sie kamen aus dem Kärntnertortheater. Die beiden Mädel stapften wacker im Schnee und hoben dabei die Röcke auf. Mit faunischen Blicken betrachtete der »Höllenzote« (Castellis Name in der »Grünen Insel«) die vier rundlich ausgefüllten Strümpfe und murmelte: »Liebe Wiener Kinder!« Da huschte jemand an der Wand neben ihm vorüber. Ein großer Mann in einem weiten, schwarzen Mantel und mit einem niederen Hut mit breiter, flacher Krempe. Einen Augenblick lang konnte Castelli des Mannes Gesicht sehen. Sarkastisch sagte der Fremde: »Liebe Wiener Kinder.« Dann war der Dunkle verschwunden. Für Castelli war er nicht ganz fremd. Der Dichter hatte ihn schon irgendwo gesehen. Wo? Auf einem alten Kupferstich? In seinem Zimmer blätterte Castelli in einer Sammlung alter Stiche. Er suchte. Da hielt er einen Kupferstich knapp vor das Gesicht, nahm die Kerze vom Tisch und brachte sie ganz nahe zum Bilde ... Er hatte den Mann mit dem flachen Hut gefunden. Unter dem Porträt war zu lesen: Bischof Leopold Graf Kolonitz. Castelli war tagelang recht nachdenklich ... Auch Bischof Kolonitz, der Sucher der »Wiener Kinder« im Türkenlager, wohnte und starb im Heiligenkreuzerhof! Im Empfangssaale der Toten Viele Grabsteine, eingemauert in den Wänden und Pfeilern der Stephanskirche, melden mit fein säuberlich ausgeführter Schrift in verschnörkelten Buchstaben oder mit klaren lapidaren Lettern, wie die geheißen haben, die sie veranlaßten, welchen Standes selbe waren und wann sie starben. Die Toten und ihre Gräber sind nicht mehr bei den Epitaphien, und die Grabmäler, alle die vielen, sind Teile eines einzigen gigantischen und wundervollen Grabsteines – des Stephandomes, des Domes, der als riesiges Grabmal über den geheimnisvollen Grüften von tausend und aber tausend unbekannten, namenlosen Toten steht. Tausend Fialen ragen am Dome empor, und aus jeder sprießt eine Kreuzrose. Himmelan ragt der herrliche graue Rosenbusch aus Stein, und des Turmes letzte Rose grüßt weithin ins Leben, weithin ins Land. Wie Rosenbüsche auf Friedhöfen ihre Wurzeln in Gräber senken, so hat der rosenreiche Dom seine Fundamente zwischen langen Gruftgewölben, die das bergen, was vom alten Wiener Humor, von Gemüt, Mannhaftigkeit und Sybaritentum von einer Stadt voll Menschen, die lange vor uns lebten, übriggeblieben ist: Schädel, die lippenlos lachen wollen, und Särge, die zu bemalen man ehemals sinnig genug war. Die Gruftgewölbe heißen Katakomben. Ein Wort, dessen ursprünglicher Sinn unbekannt ist wie heute noch die Ausdehnung unserer Katakomben. Vor 300 Jahren konnten die Wiener noch in die Grabgewölbe hinabsteigen und dort die Allerseelengebete für ihre Toten sprechen. Dann begann ein Vermauern der Nischen, in denen Särge standen, ein Abmauern von Gängen, die mit Leichen gefüllt waren, ein Wegräumen der Knochen und Sargtrümmer, und vor vierzig Jahren schon waren die Katakomben größtenteils »zusammengeräumt«. Sogar etwas kokett, wie es Stubenmädchen mit Boudoirs tun. Alles effektvoll geordnet. Arm- und Schenkelknochen an den Wänden zierlich geschichtet und aufgebaut, dazwischen Schädel, eindrucksvoll angebracht, alles blank und sauber wie in einer Küche – aber man ging mit sachtem Schritt auf weichem Moder; auf verwesten Muskeln und Nerven, auf staubgewordenen Herzen und amorphen Gehirnen. Und wer auf dem weichen Boden dahinwandelte, fühlte bei jedem Schritt, als zerträte er auf maigrüner Wiese blühende Blumen; von der Fußsohle stieg ein Vorwurf zum Hirn, und der Schreitende hätte lieber schweben wollen. Im alten, vernachlässigten Karner von St. Michael in der Wachau, wo ein Schritt knirschend Fingerknochen zerbrach und Schulterblätter zersplitterte, war ja jede Bewegung auch peinlich, aber sie war aufrichtig brutal. Moder aber wirkt lebendiger als Knochen. Es ist weiter »zusammengeräumt« und vermauert worden, und was man jetzt, da die Katakomben wieder besucht werden dürfen, noch sehen kann, erinnert an einen leeren alten Weinkeller. Ich will in der Erinnerung wieder in die Katakombeniedersteigen, die ich vor fünfzig Jahren gesehen habe. Wollen Sie mich begleiten, sich unsrer kleinen Gesellschaft anschließen? Ihre Besuchskarte habe ich schon im Kirchenmeisteramt für fünf Gulden gelöst. – Wohlan, gehen wir. Zwei Führer und zwei Fackelträger warten auf den Stufen der Kruzifixkapelle neben der Capistrankanzel. Dem gewohnten Begriff einer Kapelle entspricht die Kruzifixkapelle nicht. Sie ist ein kleiner, offener, in antikisierendem Barock gehaltener Vorbau am Dome, dessen ernster Stil seine jüngeren, heiteren Schwestern, die Renaissance und das Barock, allenthalben liebreich aufgenommen hat. Die Kapelle überdacht eine schwere eiserne Falltür, die zum Reiche der Toten führt, und einen Kruzifixus über dieser. Ist er der Erlöser, der gesagt hat: »Kommet zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid«, oder ist er der Richter über die Toten, der gesagt hat: »Mein ist die Vergeltung«? Die Tür wird aufgehoben, Kühle steigt aus der nachtdunklen Öffnung, die Fackeln werden angebrannt, und wir gehen auf schmalen, steilen Stufen hinab. Zwanzig mögen es sein. Dann führt ein niederer, gewölbter Gang schief abwärts. Seine Wände sind tiefdunkel und saugen das Fackellicht ein. Wir fühlen, daß wir im Hause derer sind, die nicht mehr sehen. Die niedere Decke lastet schwer im engen Raume, wir bücken uns und unsre Kleider streifen an den Wänden hin; wir empfinden, daß wir im Hause derer sind, die sich nicht mehr bewegen. Wo sind sie? Da schimmert es grau an der Wand! Knochen, die auf dem Wege gelegen, die aus morschen Särgen gefallen, sind an den Wänden bis zur Decke übereinander geordnet. Ellen und Speichen, Schienbeine und Wadenbeine sind zu Teilchen eines Mosaikbildes geworden, das verschiedene Empfindungen in den Beschauern weckt. Ein schmaler Luftschlauch mit quadratischem Querschnitt führt links durch die Wand steil aufwärts. Ein Führer erzählt recht plastisch, wie Hunderte von Pestleichen vom Stephansplatz da herunter geschleift wurden und durch den aufgebrochenen Boden des Ganges in das zweite Stockwerk der Katakomben fielen. Dort wurden sie weiter verteilt, und die Pestgrube, auf der wir jetzt stehen, wurde dann vermauert. Die Luft in der Totenstadt ist trocken und verhältnismäßig rein. Wir schreiten weiter zwischen den Knochenwänden, auf denen flackerndes Fackellicht seltsame Effekte erzeugt. Schatten, die über das Gebein huschen, verleihen ihm eine Scheinbewegung. Griff da nicht eine Hand nach uns? Traf uns nicht ein lauernder Blick aus einer Augenhöhle? Bei einer Elf-Uhr-Promenade auf dem Opernring verbraucht man viel weniger Phantasie als hier. Wieder führen viele Stufen abwärts zu einem langen schmalen Quergang. Wir kommen an seitlich einmündenden Gängen vorüber, die bis zur Brusthöhe vermauert sind. Und über die versperrenden Quermauern bringt das Fackellicht in die ewige Nacht und zeigt uns Leichen und Gewandteile und Sargtrümmer, die chaotisch anderthalb Meter hoch aufgeschichtet die Breite des Ganges ausfüllen. Über sie hin sind Bretter gebreitet für den, der auf so schwankendem Wege kriechen will. Schon hat sich unser Empfinden im Reiche der Schatten, dem Gebiete ehemaliger Menschen, akklimatisiert. Das Grauen weicht dem Interesse, das Schauen dem Beobachten. Wir finden ein Kugelloch in der Stirn eines Schädels bemerkenswert, sehen an Totenköpfen lange Haarsträhne, in Nasen- und Augenhöhlen vertrocknetes braunes Fleisch und hie und da prächtige weiße Gebisse. Wir sind unter dem Zwettlhof. Der Weg führt weiter durch saalartige Verbreiterungen des Ganges, an andern Gängen vorüber zur Kirche zurück. – So sagen die Führer. Uns fehlt die Orientierung, und wir empfinden, daß wir in labyrinthischen Irrwegen gehen. Ein Zurückbleiben hinter den Gefährten wäre peinlich, und die Führer behalten jeden von uns im Auge. Die schmalen Gänge beengen uns, das niedere Gewölbe bedrückt uns, und die lautlose Stille, das tiefe Schweigen in dem großen Grabe lastet auf uns. An vielen Stellen sind Särge bis zur Decke übereinandergeschichtet. Wäre ein leichter Schmetterling, der an ihnen hingaukelte, nicht etwas Befreiendes, Erlösendes? Oder würde er uns an eine materialisierte Seele denken machen? Da treten wir in ein geräumiges Gemach. Das Fackellicht kann es nicht ausfüllen. Nur unbestimmt sehen wir stellenweise Stuckornamente an der Decke, aber sie und die Wände sind dunkel vom Alter und dem Rauch der Fackeln derer, die hier seit Generationen die Toten besuchten. Mitten durch den Raum führt der Weg, zu dessen beiden Seiten je eine Reihe offener Särge auf dem Boden steht. Die Toten in ihnen tragen ihre Galagewänder und ihre Leiber sind nicht vermodert. Mit starren und harten Zügen im Gesicht haben sie zwei Jahrhunderte lang gewartet, bis wir kommen, und es wäre nur stilrichtig, wenn sie sich erhöben, um uns zu empfangen, zu begrüßen als die Repräsentanten ihrer zahllosen Gefährten im Acheron. Wir sind im Empfangssaale der Toten. Was wir bis jetzt gesehen, sind Knochen, Schädel, Skelette; Symbole des Todes, die für uns Laien zeitlos geworden sind. Hier aber liegen unverweste Leichen wie die im Totenkeller von Palermo, denen ihre lebenden Verwandten an Festtagen neue, modische Gewänder anziehen. Die hier in den beiden Sargreihen liegen, scheinen aus dem Rokokosalon oder vom Exerzierplatz weg in die Katakomben gegangen zu sein und sich zu kurzer Siesta in die Särge niedergestreckt zu haben, erwartend, daß ein livrierter Lakai sie bald wecke. – Der bleiche Herr der Katakomben hat sie nicht geweckt. Ihre Gesichter sind vertrocknet, verschrumpft sind ihre Hände, und verblichen ist ihr Festgewand. Da liegt ein Mann. Er mag jung und Kavalier gewesen sein, da er starb. Die Farbe seines Samtrockes, dessen Schnitt mit der hohen Taille und den langen Schößen an die Theresianische Zeit gemahnt, ist schokoladebraun, seine seidenen Strumpfe sind violett und die Hochgestöckelten Schuhe tragen Silberschnallen. Neben ihm liegt ein Offizier. Seine Tracht läßt auf die Zeit der Schlacht von Zenta oder der Affäre von Belgrad schließen, und wir können uns gut vorstellen, wie er salutierend vor Eugenius gestanden. Silber blitzt auf seinem Tressenrock, und das dreispitzige Hütchen, federumsäumt, liegt auf dem Totenpolster neben seinem Haupt. In einem Prunksarge schläft – ein Sinnbild der Askese – in brauner Kutte ein Mönch. Sein verdorrtes Gesicht mit der mächtigen Nase erinnert an das Mumienhaupt des Ramses. Er mag einer der Prediger gewesen sein, die mit sengender Flammenrede gegen Hoffart und Fleischeslust gepredigt haben, ein Vorbild für gotische Bildhauer, die so trefflich Entsagung und Mystik ihren Mönchsstatuen aufprägten. Wir fühlen, daß wir etwas an dem Toten entbehren – daß ihm die schimmernde Gloriole des Heiligen fehlt. Ihm gegenüber ruht eine Äbtissin. Der Krummstab liegt neben ihr, und in ihrem schmalen, verschrumpften Gesicht ist noch Milde, Weiblichkeit und Würde. Und über allen liegen Jahrhunderte der Ruhe, des Schweigens. Und weiter geht es durch winkelige Gänge, vorüber an übereinander getürmten Särgen, deren untere, morsch geworden, zersplittert waren unter der Last, die sie trugen. Vorüber an den nachgeglittenen, aufgebrochenen Särgen, und endlich – Tageslicht, Menschen, Fiaker, Leben. Das schönste Stuwersche Feuerwerk war nie so effektvoll wie der Sonnenschein auf dem Stephansplatz, da ich den Kopf aus der Falltür der Kruzifixkapelle erhob. Ich hatte die Katakomben gesehen, die lange schon ein mich lockendes Geheimnis gewesen ... Sie sind noch heute ein Geheimnis. Nicht nur für mich. Für alle. Auch für das Dombaumeisteramt. Eigentlich sollte man das nicht laut sagen, denn offiziell bergen sie kein Geheimnis, sind in allen ihren Teilen genau bekannt, wie etwa der Wurstelprater, und völlig und präzis auch in ihren letzten Winkeln vermessen und in einem offiziellen Plan festgelegt. Punktum! – Was war nicht alles klipp und klar bewiesen, bis einer kam, der sagte: »Und sie bewegt sich doch!« Und sie ist doch unbekannt, die Größe der Katakomben. Dem Offiziosus steht nur Volksüberlieferung entgegen. Daß aber ein fliegendes Wort, eine Idee, die nicht in Büchern festgebunden, über Generationen hinschweben und lebendiger, mächtiger wirken kann als ein starrer Lehrsatz in dürren Folianten, ist oft dagewesen, und lebende Erinnerung weiß oft mehr als Aktenfaszikel. Lange gab es überhaupt keinen Offiziosus, keinen Fachmann und keinen Forscher, der sich um die Katakomben bekümmerte. Sickingen und Weiß, die Wiener Geschichtschreiber schweigen über die Katakomben, und Tschischka und der vielbändige Hormayr, der in unendlichen Quellenangaben lustig plätschert, fertigen die Katakomben mit den Worten Ogessers ab: »Außerdem hat die Kirche noch dreißig unterirdische Gewölbe, jedes acht Klafter lang, drei breit und zwei hoch.« Nur der gewissenhafte Wienforscher J. Feil hat auf die »riesenhaften, bisher leider noch nirgends beschriebenen oder durch Situationszeichnungen zur Übersicht gebrachten Souterrains, jene kolossalen Katakomben, welche eine ungeheure Unterkirche bilden«, aufmerksam gemacht. Darauf hat ein Stadtbauamts-Adjunkt vermessen – es war vor vielen Jahrzehnten – und hat festgestellt, daß die Katakomben nur ein Stockwerk haben und dieses nicht so ausgedehnt ist, wie man damals »fabelte«. Hat aber der Herr Adjunkt nicht vielleicht eine Vermauerung übersehen? Bermann sagt, daß im Jahre 1470 ein neues unterirdisches Beinhaus bei St. Stephan angelegt wurde und daß von daher die Entstehung der Katakomben datierte, »denen man ganz ungerechtfertigt ein höheres Alter zuschreibt«. Drei Zeilen weiter sagt er, daß zur Vergrößerung der Katakomben »die Keller, die unter dem Stephansfreythof bestanden«, benützt worden sind. Der Stephansfreythof war aber naturgemäß viel älter als das neue Beinhaus, und die »Keller« waren älter als der Freythof; denn es ist gewiß niemals jemand eingefallen, Keller unter einem Friedhof anzulegen. Der Friedhof wurde über den unbekannten unterirdischen Gängen angelegt, und diese wurden erst bei der Erweiterung des unterirdischen Beinhauses entdeckt. Derselbe Historiker, der sagt, daß man den Katakomben »in großer Übertreibung eine übermäßige Ausdehnung gibt«, sagt auch, »daß wenn eine weitere Ausdehnung der Katakomben bestand, diese nur in der Richtung des Zwettlhofes möglich wäre,« und er gibt zu, daß dort Räume sind, die bisher noch nicht genau untersucht wurden. Sollte sie der Herr Adjunkt übersehen haben? In der Nähe des Zwettlhofes hat man den Fußboden eines leeren Grabgewölbes aufgebrochen und hätte in ein zweites Stockwerk hinabsteigen können, wenn man die Särge, die dort bis zur Decke aufgeschichtet sind, hätte entfernen können. Warum hat man das große Kunststück nicht vollbracht, und wo ist der offizielle Eingang in das mit Särgen gefüllte Gemach? Sollte der Offiziosus sich darum nicht gekümmert haben? Guido List, der vielfabelnde Phantast, spricht von fünf Stockwerken. Zwei davon dürften erfunden sein. Aber ein klassischer Zeuge für das Vorhandensein eines zweiten Stockwerkes ist der gute Beobachter und Schilderer Adalbert Stifter , der anschaulich erzählt, wie er im Jahre 1844 zugesehen hat, als zwei seiner Begleiter bei einem Besuche der Katakomben auf einer Leiter in das zweite Stockwerk hinabgestiegen sind. Wagt es der Offiziosus, Stifter einen Lügner zu nennen? Stifter, der zu einer Zeit vom zweiten Stockwerk geschrieben, in der jeder Beliebige seine Beschreibung nachprüfen konnte? Als man die Erde für den Bau der Fundamente des jetzigen Zwettlhofes aushob, stieß man an einigen Stellen auf Gewölbe, die zu den Katakomben gehörten. Der Plan aber reicht nicht bis zum Zwettlhof. Sollte der Herr Adjunkt nicht absichtlich manches verschwiegen haben? Bei der Ausschachtung der Erde zum Baue des Rothbergerhauses fand man in großer Tiefe unter dem Straßenniveau einen Gang, der in der Richtung zum Riesentor führte. Gewiß hat manch einer der Hausmeister von alten Häusern in der Nähe des Stephansdomes Kunde von einem geheimnisvollen Gang, der vom tiefsten Keller aus erreicht werden kann – oder konnte, oder von einem Gange, der irgendwo ehemals von einem Keller aus erreichbar gewesen sein soll. Zahlreiche Gründe zwingen uns anzunehmen, daß die Katakomben unerforscht, daß ihre Ausdehnung unbekannt ist und daß ihre ältesten Teile, die wir nicht kennen, Geheimes bergen, dessen Auffindung für die Geschichte Wiens wichtig wäre. Schade, daß sich nicht einige Männer in dem Bestreben zusammenfinden, in Wien archäologische »Kunsthöhlenforschung« zu betreiben und aufzusuchen, was in dem Boden Wiens seit 2000 Jahren an Interessantem und Wertvollem in Gruben Mund Gräbern, in Stollen und Gängen und Gewölben verborgen worden ist. Schade, daß in den Katakomben so vieles an Dingen und Eindrücken verschlossen ist. Mag es nicht mächtig ergreifend wirken, neben den Toten unter dem Presbyterium von St. Stephan durch die Gruftplatten den Gesang des » Dies irae « zu hören, und mag es nicht an das jüngste Gericht gemahnen, wenn des Domes große Glocke aufwacht, in deren Dröhnen der Heidenturm bebt und ein dumpfes Aufstöhnen die Grabgewölbe durchzieht? Schade, die Katakomben sind leer geworden, und ihre Geheimnisse sind vermauert ... Der Auwinkel Der Auwinkel lag jahrhundertelang an der Grenze Wiens, und Wiens Grenze war damals eine feste, steinerne Wehrmauer, in der feste, steinerne Türme aufragten; eine machtvolle, trotzige Grenze aus behauenen Felsen, ein Schild, hinter dem eisenharte, geharnischte Bürger standen. Heute liegt der Auwinkel gewissermaßen »mitten in Wien«, und Wiens sichtbare Grenze sind punktierte Linien auf papierenen Stadtplänen. Sprechen wir heute von der »Peripherie der Großstadt« – eine anrüchige Bezeichnung – so denken wir an Küchengärten mit staubigen, verrußten Salat- und Krauthäupteln neben hohen Fabriksschloten, die über flache Werkstattdächer aufragen; denken an endlos lange, fade Straßen, die aus der Gegend der Vorstadtkaffeehäuser mit Spiegelscheiben und geflicktem Billardtuch in die Zone der »Tschecherln« führen und dorthin, wo »Kappeln« und Kopftücher zu Hause sind und wo es unheimlich ist, abends allein zu wandeln. Auch in alten Zeiten hatten die Grenzgegenden der Städte besonderen Charakter. Auch damals waren dort die »Armenleuthäuser«, die, schmal, und nieder, mit ihren hohen Rauchfängen kaum über die Stadtmauer ragten und die, sich aneinander drängend, aus kleinen, vergitterten Fenstern scheu und ängstlich auf den hölzernen Mordgang an der Stadtmauer blickten. Wie winklig und düster mag eine Häusergruppe gewesen sein, die von der biederen Staatsobrigkeit speziell als »Winkel« bezeichnet wurde? Hören wir heute von einem alten Stadtwinkel, so denken wir an Halbverborgenes, Trauliches, an Erker, an spitze Giebeldächer und verblaßte Heiligenbilder über tiefen Tornischen. Und heißt ein solcher Winkel »Auwinkel«, dann wird die Poesie der Erker und der Giebeldächer von kühlem Waldeshauch umweht. Der Auwinkel hieß aber früher nach dem Schweinemarkt in seiner Nähe Sauwinkel, und erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts, nachdem der Viehmarkt an eine andre Stelle verlegt wurde, strich der ästhetisch fühlende Magistrat das S vom »Sauwinkel« weg und erzielte so schnell und einfach eine liebliche Bezeichnung für eine schmutzige Gegend. Eine ähnliche radikale und einfache Behandlung wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts der Spiegelgasse auf der Landstraße zuteil, als durch die Einbeziehung der Vororte viele gleichlautende Straßennamen zu eliminieren waren. In dem alten Spiegelmacherhause im dritten Bezirk übte zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts der im In- und Auslande angesehene Spiegelmacher Christian Wilkenhausen sein Geschäft aus, dem zu Ehren die Gasse den Namen Spiegelgasse erhalten hatte. Bei der Neubenennung der vielen nun zur Stadt Wien gehörigen Straßenzüge wurde auch die Spiegelgasse im dritten Bezirk geopfert, man strich ihr einfach das »p«, und seither heißt sie Siegelgasse. Daß das Wort Au aus Sau entstanden war, merkte man den dortigen Häusern nur wenig an. Der riesige Viehmarkt vor der Stadtmauer, dessen pußtahaftes Areale sich vom heutigen Auwinkel bis zum Wienflusse und flußaufwärts bis zum heutigen Beethovenplatz erstreckte, bot Raum für gigantische Schweineauftriebe, würdig, daß eine ganze Stadt nach den Speckträgern benannt werde. Der Auwinkel bildete gewissermaßen eine Ecke der Stadt dort, wo die Rotenturmbastei und die Dominikanerbastei im rechten Winkel zusammentrafen. Es lag nur ein schmaler Weg zwischen den Häusern des Auwinkels und der dunkelbraunen Ziegelwand der Bastei. An der Ecke des Auwinkels und des Laurenzerberges stand das Haus »Zum roten Apfel«, in dem ein altberühmtes Gasthaus desselben Namens war. An dessen Stelle befindet sich jetzt der Garten des Café Siller. Die Wiener, die auf der beliebtesten Promenade der Stadt, auf der Bastei, lustwandelten und über die hellgestrichene Holzbarriere – dem Geländer auf der Rotenturmbastei – stadtwärts sahen, konnten mit den Gästen im »Roten Apfel« plaudern, denn das Gasthaus hatte über einer verglasten Veranda im Parterre eine ebensolche im ersten Stockwerk, und die servierten Flaschen »Grinzinger« oder ein »Pfiff Marker«, standen auf den Tischen in gleicher Höhe mit der Basteipromenade. Die Veranda zog sich über die ganze Breite des Hauses hin. Über dem sechsten Fenster des zweiten Stockwerkes prangte protzig das damals größte Firmenschild der Stadt und zeigte in weißen Buchstaben von Grenadiergröße vier Wörter »Kleider-Magazin Anton Rauch«. Das Haus »Zum roten Apfel« gehörte Anno 1684 zum benachbarten Stadtbrauhause. Der Eingang zur unteren Veranda lag im Zuge des Laurenzerbergels, wenige Schritte weit vom kleinen Rotenturmtor, dem schmalen Durchlaß durch die Bastei, der von der Schlagbrücke – der späteren Ferdinandsbrücke – jetzt heißt sie Schwedenbrücke – zum Laurenzerbergel führte. Das Plätzchen vor der Bastei bot in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Bild biedermeierischen Stadtcharakters. Knapp an der Brücke standen zwei runde steinerne Schildwachhäuser, deren unerbittliche Polizeiposten ehemals – in den dreißiger Jahren – dafür zu sorgen hatten, daß keiner, der die Brücke betrat, Tabak rauche. Mehr als 30 große steinerne Barrierestöcke – Straßenrequisiten, die schon lange verschwunden find – flankierten den Fahrweg, der im Bogen zum Rotenturmtor führte, und die ganze Gegend wurde von zwei Laternen »erhellt«. Die Häuser, die sich an den »Roten Apfel« reihten, waren bedeutungslos. Ein Haus unter diesen war eine Art Hotel Garni, in der letzten Zeit seines Bestandes ein Hospitium schnell verflackernder Liebe. Gute Biedermeier-Bauart zeigte das Haus, das eine Ecke der Stadt bildete, ein Häuschen auf einem Hause. Über seinen Fenstern im ersten Stockwerke waren banddurchschlungene Kränze in Halbkreisfeldern angebracht. Das Nachbarhaus (Nr. 3) verdiente ob seines liebenswürdigen Äußern nicht in einem Winkel, sondern auf einem Platze zu stehen. Über seinen beiden Stockwerken erhob sich zwischen zwei Bodenfenstern ein geräumiger Mansardenaufbau, auf dem weit vorragenden Torbau ruhte ein vorspringender verglaster Raum, gewissermaßen als Erker des Mittelzimmers, und zwei auf der grasbewachsenen Böschung stehende Bäume schenkten dem Bilde freundliche Farbe, Farbe, an der es dem Auwinkel am meisten gebrach. Ibn Firdusi, der greise Dichter, hat vor 900 Jahren vom »alten Iran staubbedeckt« gesungen. Ein phantastisches Bild! Ein ganzes Land staubbedeckt! Wer an dem Auwinkel vorüberging, mochte an Firdusi denken und an Iran. Die fahlbraunen Häuser waren staubbedeckt. Dicht lag Staub auf allen Vorsprüngen, auf den Gesimsen und Dächern, Staub hing an den Wänden, und die Grundfarbe des Auwinkels war grau. Die breite Straße vor der Franz Josefs-Kaserne war ungepflastert. Der Auwinkel war eine verlorene Stadtgegend, vielen Wienern kaum bekannt, eine Insel Encoberta, im Häusermeer, ein Häuserblock ohne Geschäftsleben. Wo einstens die Stadtmauer nahe der Donau lag, unweit der Stelle, wo sich die nordwestliche Ecke der späteren Kaserne befand, war das Donauufer niedrig und moorig. Die Wasser einer Mühle – der Krätzmühle – machten oft das Moor zum Sumpfe, und wo es am sumpfigsten war, stand ein Wehrturm in der Mauer, der »Krotenturm«. Die Menge der Kröten, die im Morast bei seinem Fuße wohnten, hatten ihm zu diesem Namen verholfen, und ein Chronist berichtet, »daß ob der Einsamkeit, so um den Krotenthurm war, allwo nächtens Irrwische hupfeten und insonderheit ob des Klagens und Geschrei der Kroten die Wanderer von bemeldetem Orte wichen.« Wahrlich, der dunkle Turm, die finsteren Winkel zwischen dunkeln Mauern, der dumpfe Unkenruf aus schwarzen Tümpeln und die Irrlichter mögen den Sauwinkel zu einer unheimlichen Stätte gemacht haben. Im Jahre 1732 wurde der Krotenturm abgebrochen, auf seine Grundfesten ein Haus gebaut und das Terrain trockengelegt. Das Haus gehörte Anno 1775 dem Anton Hundhagen, und wo früher die Unken gerufen, wurde der »gemeinen Stadt Wien Häring-Niederlage« eingerichtet und ihr ein kleiner Markt, gebildet aus Bretterbuden, angegliedert. Unter Leinwandplachen wurden getrocknete und geräucherte Heringe feilgeboten. Im Auwinkel stand auch eines der ältesten und wichtigsten Gebäude Wiens, nämlich »gemeiner Stadt Wien Getreidekasten«. In diesem, auch »gemeiner Stadt Kasten« genannten Hause wurden Wiens Getreidevorräte aufbewahrt. Im Jahre 1700 verlor dieses Haus seine Benennung, wurde nunmehr als Gefällshaus benützt und kommt später in Wiener Akten als »kleines Hauptmautgebäude« vor. Es stand an der Stelle eines Teiles des heutigen Postgebäudes. Neben der Hauptmaut stand die »Schlesische Burse«, die schon im Jahre 1420 von dem Breslauer Kanonikus Nikolaus Gleiwitz gegründet worden war. Um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts fiel ein Haus im Auwinkel, das sogenannt« »Biberhaus«, einer Erweiterung des Postgebäudes zum Opfer. Das Haus war schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts alt, sah unfreundlich aus und war in architektonischer Hinsicht ganz unbedeutend. Hier aber wohnte ein Mann, der den Nachbarn unheimlich war, ein Mann, der Unmögliches erstrebte, Seltsames erreichte – und vergessen wurde. Er hatte – das beobachteten die Anrainer – viel Geld. Warum bezog er das ärmliche Haus in der düsteren Gegend? Warum ließ der schweigsame Mann in seiner Wohnung bauliche Veränderungen vornehmen, deren Zweck er niemand verriet? Die Leute im Auwinkel beobachteten scharf das Tun des bleichen Mannes mit dem schwarzen Bart und wunderten sich, daß manchmal grünliche Dünste oder rosenroter Rauch dem von ihm erbauten hohen Kamin entschwebten. Ihre Verwunderung wurde zum Grauen, wenn sie in Vollmondnächten oder wenn der Mond in Opposition stand, rotes Licht durch die dichten Vorhänge eines Fensters dringen sahen und wenn sie, lauschend, hörten, daß der Unheimliche unverständliche Worte in beschwörendem Tone ausrief und seine Rede zum bittenden Murmeln wurde; wußten sie doch, daß er allein war! Oder sprach er zu Unsichtbaren? Die Leute im Auwinkel mieden den geheimnisvollen Mann, und die einen meinten, er suche den »Stein der Weisen« oder er sei ein Nekromant; die anderen raunten, daß er Gold oder einen Homunkulus machen wolle, und das »Biberhaus« wurde von ihnen »Goldmacherhaus« genannt. Der Gemiedene saß und grübelte und koagulierte und tingierte. Er war Alchimist. Er suchte den »roten Löwen« und das »große Magisterium«. Vergeblich suchte er die » Tabula smaragdina «. Vergeblich, aber nicht umsonst. Seine Arbeitsmittel waren teuer, sie kosteten alles, was er besaß, und je hartnäckiger er forschte, desto dunkler breitete die Armut ihre Schatten über ihn. Alt geworden und grau und hager, saß der Alchimist – er hieß Khünnel – vor leerer Gelblade und leeren Retorten, sein Herz aber war voll Bitterkeit. Er hatte einem leuchtenden Phantom nachgejagt. Seine dürren Finger griffen nach dem Entschwindenden, und – er sah den Schatten seiner Hand, einen bewegten, ausdrucksvollen Schatten, einen Schatten an der Wand, der ein Greifen, ein Haschen nachahmte. Der Schatten dünkte Khünnel realer als das Irrlicht der Alchimie: Sollte er mit ihm nichts machen können? In langen Nächten versuchte Khünnel dem Schatten, den seine Hände machten, durch Bewegungen und Verschlingungen der Finger und Hände mancherlei Formen zu geben, und der Phantast wurde – Schattenspieler. Er stellte an der Wand Schattenengel und Schattenteufel dar. Es gelang ihm, Bilder von mancherlei Tieren, wie Schwänen, Tauben, heraldischen Adlern und Löwen, zu erzeugen, und als er Pilger und Heilige darstellen konnte, begann er zu den Schattenfiguren lehrhafte Verse zu verfassen. Khünnel gab nunmehr Vorstellungen. Er wurde in die Häuser der Reichen gerufen, Adelige öffneten ihm ihre Salons, und im Jahre 1728 spielte er bei Hofe vor Kaiser Karl dem Sechsten. Was die Alchimie trügerisch versprochen hatte, gewährten die Schatten, sie brachten ihm Gold und Anerkennung. Zweiundachtzigjährig starb Khünnel Anno 1755 im »Biberhaus«. Seine Kunst starb mit ihm, und nur wenige Bruchstücke von ihr gingen später in beliebte Zeitschriften, wie zum Beispiel in den »Bazar«, über oder sind in Spielbüchern für Kinder erhalten geblieben. Lange noch, nachdem Khünnel zu den Schatten gegangen, erzählten an stillen Abenden im Scheine des Kerzenlichtes weißhaarige Matronen, die als Kinder den Mann vom »Biberhaus« noch gesehen hatten, ihren Enkeln von dem Schattenmann im Auwinkel. Wiens Bergfriedhof Nahe den Nußberger Weinrieden, in Wiens sangesfrohester Gegend, ist eine Stelle, zu der an lauen Sommerabenden Lieder von der Hotelterrasse auf dem Kahlenberg gern hinabziehen. Heitere Studentenlieder und elegische Wiener Weisen. Dort singt eine Amsel, die auf einer Ranke sitzt. Und im Tale unter den Nußbäumen der Heurigenschenke der freundlichen Frau Kreuzspiegel fiedeln in lauen Sommernächten Musikanten. Einer davon hat es gar schön gekonnt, der kleine, schwarze Bucklige, der seine Virginia immer bis zum Strohhalm rauchte und der, je nach der Melodie, die er geigte, schwärmerisch und fromm aussah wie der heilige Antonius oder dämonisch-sarkastisch wie Mephisto. Er und sein Begleiter mit der Ziehharmonika, der mit dem biederen Wiener Gesicht und dem Klumpfuß, und die Gäste, die sangen, wenn sie nicht tranken, ließen ihre Lieder hoch aufsteigen durch das Gezweige der Bäume. Sie wußten nicht, wohin ihr Gesang zog und wo er verhallte. Aber die Amsel auf der Ranke hörte ihn und horchte. Wenn die Winzer am Berghang Rebenzweige schneiden sowie das Geranke vom wilden Wein, um es ihren Ziegen als Futter zu bringen, brechen sie nicht die Ranke, auf der so oft die Amsel sitzt; denn die Ranke ist Efeu und schmiegt sich an einen Grabstein. Und wenn die Mähder mähen, schneiden sie nicht das Gras neben dem Grabstein, denn es sprießt auf einem niederen, gar selten betretenen Hügel in einem einsamen Friedhofe, dem friedvollen Friedhofe auf dem Kahlenberg. Man könnte ihn einen weltfernen, einen verlorenen nennen, man könnte ihn aber auch den »Friedhof an der Straße« nennen. Nur wenig Schritte von ihm entfernt liegt ein breiter Fahrweg. Freilich, welch eine Straße! Mit gleisnerischer Glattheit beginnt sie in Nußdorf, nimmt aber hinter der letzten Heurigenschenke recht ländliche Manieren an und wird hinter dem »Beethovengang« unangenehm. Schattenlos in der Sonne, stürmisch bei Wind und staubreich zieht sie holperig und ungepflegt bergan und fordert jeden Wanderer beständig auf, neben ihr zu gehen. Erst vor wenigen Jahren versuchte die städtische Feuerwehr, ob es ihr möglich sei, auf dieser Straße nach Josefsdorf zu fahren. Die Zahnradbahn hatte ihr Frachten und Wanderer abgenommen. Für Touristen ist sie zu wenig gefährlich, für harmlose Wanderer zu »einschichtig« – und so liegt der kleine Friedhof an der einsam gewordenen Straße verlassen, vergessen fast, nur betreut von Tau und Regen und Sonne. Das »De profundis« des Priesters ist seit langem verklungen, keiner ist da, der ein Gebet murmelt, aber im Efeu singt die Amsel. Mit dem mondänen Zentralfriedhof verglichen, in dessen Kapellen und anderen Objekten ein Totenkultus getrieben wird, der ein bißchen geschäftlich anmutet, indem der Trauer gewissermaßen technisch nachgeholfen wird und mit künstlichen und künstlerischen Mitteln hie und da Effekte erzielt werden, die an Bühnendekorationen gemahnen, wirkt der Friedhof auf dem Kahlenberg wie ein einsamer Heidekrug gegen das Semmeringhotel oder eine Karawanserei in Mekka. Im Zentralfriedhofe bezieht der Erdentourist ein komfortables Hotel, im kleinen Friedhofe am Hange des Kahlenberges kam der wegmüde Wanderer nach Hause. – Jahrtausendelang, ehe die Kolumbarien erfunden waren, haben wir unsere Toten begraben in tiefen Grüften, in schweren Sarkophagen, unter alten Kathedralen, und die Grabsteine, eingemauert in düsteren Winkeln, in gotisch verschnörkelten dunklen Quaderwänden und an grauen Säulen, und die Namen der Toten waren nur zu lesen, wenn ein Lichtstrahl, durch ein gemaltes Fenster dringend, regenbogengleich über ein Epitaphium glitt oder das ewige Licht mit bleichrotem Scheine heller aufflackerte. Oder wir begruben die Toten in weicher Erde unter dem blauen Himmel und luden die lebende Natur ein, den Ort zu schmücken, an dem wir ihr gegeben, was schon lange ihrer war. Und Zypressen wuchsen und Trauerweiden, und Rosen sprossen und Lorbeer. Für den Friedhof unter dem Gipfel des Kahlenberges hat die Natur liebevoll und in souveräner Weise, von Gärtnern selten gestört und korrigiert, gesorgt, und was sie geschaffen hat, ist Friedhofpoesie im Stil Lenaus, Poesie aus der Zeit der Großeltern derer, die heute alt sind, Poesie, wie man sie auf alten Stammbuchblättern findet, wo niederhängende Trauerweiden griechische Urnen beschatten und geborstene Grabsteine von altklassischen Formen vom Eppich überwuchert werden. Dichtes Gesträuch, das zähe Wurzeln in abbröckelndes Mauerwerk einbohrt, ein ganz kleines Stück korsikanischer Macchia, umgrenzt, behütet, umfriedet den Friedhof, und in ihm sprießen Gras und Löwenzahn auf den Wegen, und der Hartriegel mit den hellgelben Blüten umarmt graue Grabmäler, auf denen Moos in breiten Flecken grünt, und üppige Efeuranken schaukeln im Lusthauch. Weithin ist Schweigen, ist Stille um den heiligen Ort der Ruhe gebreitet. Nur auf der nahen hochhalmigen Wiese brummen die Hummeln, zirpen Zikaden, und von weither, aus verlorener Ferne bringt der Ostwind echogleich das dumpfe Pfeifen eines Dampfers auf der Donau. Wie alt wohl der Friedhof im Frieden der Burg des heiligen Leopold sein mag! Chronisten geben sein Alter nicht an; sie erwähnen ihn als bestehend. Eine Überlieferung sagt, daß von irgendeinem Grabe dieses Friedhofes ein unterirdischer Gang irgendwohin gehe. Verbürgt ist es, daß von einem Keller des Kahlenberghotels ein Gang – noch unerforscht – in die Tiefe des Berges führt. Da solche Gänge nicht zu Friedhofsrequisiten gehören, scheint der mit dieser Überlieferung bedachte Friedhof ein altes Geheimnis zu bergen. Es kann uns wundernehmen, daß Guido List nicht genau nachgewiesen hat, daß der Ort des Friedhofes auf dem Kahlenberge ein Halgadom, eine religiöse Heilstätte im altgermanischen Sinne, gewesen. Der frühere Name des Kahlenberges »Sauberg« ließe sich leicht mit Gulimbursti, dem goldborstigen Eber Wuotans, in Beziehung bringen. Die Stätte, die später in vager Erinnerung an Früheres zum Gottesacker gemacht wurde, wäre dann schon lange vor der römischen Invasion ein geweihter Ort gewesen. Die hohe Lage, der Ausblick gegen Sonnenaufgang, die vielumfassende Fernsicht und die durch Wald und Terrain erzeugte Geschütztheit des Ortes könnten diesen Gedanken unterstützen. Sind dort nicht Ministeriale und andere Insassen der nahen Babenbergerburg begraben worden, ehe über ihren verschollenen Gräbern ein Friedhof eingeweiht worden ist? Wir wissen nur das Zeitnahe, und unsre Archäologen, die in Griechenland und Ägypten, in Arabien und auf Samothrake gearbeitet, haben den Kahlenberg übersehen, und die »Gesellschaft zur Erforschung des Kahlenberges« schlummert ... Was heute den Stoff zu einer Skizze gibt, könnte der Gegenstand eines Buches sein. Die Zeitangaben auf den wenigen Epitaphien führen uns nicht weit zurück, nur ein wenig über hundert Jahre. Das Grabmal, das den interessantesten Namen im Friedhofe trägt, wurde von zwei Freunden dem dritten gewidmet, von den Fürsten Clary und Palffy dem rosenroten Prinzen, dem »Chéri de ses enfants« , wie die Grabschrift sagt, dem Fürsten Ligne. Es war mehr modern als patriotisch, die Grabschrift des österreichischen Generals französisch zu schreiben. Der Grabstein trägt aber noch eine Inschrift, die offizielle, auf seiner Vorderseite. Damit Frauen und die meisten Männer sie nicht lesen können, ist sie lateinisch abgefaßt, und damit die Lateiner sie auch nicht lesen können, sind ihre Wörter aufs äußerste abgekürzt. Das macht aber nichts. Die Toten sind so gleichmäßig tot, und das Todsein ist ein so bekannter Begriff, daß man über ihn nicht viel zu sagen braucht, und was in Epitaphien über den Amtskalender hinausgeht, ist eine oft mit Herzblut geschriebene, gutgemeinte Phrase. Muß doch auf allen Grabmälern das Beste stehen – und sie erröten ja nicht. Wo ist die Grabschrift, die lautet: » N. N., er war ein unverschämter Geizhals. Er ruhe zu unserm Frieden. «? Das Schweigen des Grabes fängt bei der Grabschrift an. Wie gerecht waren die alten Ägypter, die ein Curriculum vitae in den Steinsarg meißelten! Wäre de Ligne nach altägyptischem Brauch bestattet worden, so könnte man nach viertausend Jahren noch lesen, daß er der treue Freund Kaiser Josefs II. und der großen Katharina von Rußland gewesen, daß er in den Schlachten von Breslau, Hochkirchen und Leuthen gekämpft, mit seinem Freunde Loudon die Schlacht bei Belgrad geschlagen, mit Potemkin Politik getrieben und mit seinem jüngsten Freunde, dem Herzog von Reichstadt, »Soldaten« gespielt hat. Auch ein Lieferant Büchmanns war de Ligne; er hat die später »geflügelten Worte«: »Le congrès danse, il ne marche pas« geschrieben. Der witzige Schöngeist ohnegleichen hatte sich nahe seinem Kahlenberger Sommerhause die Stelle ausgesucht, an der er vergehen, zu Staub werden wollte. Ihm nahe liegt seine Frau, eine geborne Prinzessin Franziska von Liechtenstein. Unweit von de Ligne ruhen zwei Damen der guten Alt-Wiener Gesellschaft. Ein halb verwittertes Epitaph erzählt, daß beide – Franziska und Antonie Hoßner – Gesellschafterinnen der Erzherzogin Maria Anna waren. Noch heute blüht die Familie Hoßner in Wien. Außer einigen andern Grüften und Grabsteinen ist auch einer hier, welcher meldet, daß eine Tochter des Heiligenstädter Patriziers Traunwieser hier liege. Kurze, schweigsame Inschrift! Wer die nie geschriebene Geschichte des Sterbens der Traunwieser kennt, der wünscht statt des Steines ein grandioses Monument der Liebe zu sehen und ist verwundert, daß nicht üppige Büsche voll glutroter Rosen das Grab überdecken. Die da begraben liegt, liebte einen Kavalier, den sie am Hofe des Kaisers kennen gelernt. Glutvoll wurde ihre Liebe erwidert, und der Karneval 1836 fand sie als Braut. Ihr Geliebter starb. Was sie litt, war so groß, daß Tränen ihr Leid nicht ausdrücken konnten. Ihre Seele war so groß wie ihre Liebe. Im Mondlicht einer Mitternacht legte sie ihr Brautkleid an, schmückte sich hochzeitlich, nahm den Schleier, ging still aus ihrem Hause, das weit draußen in der Nähe der Heiligenstädter Kirche lag. Auf beschneiten Wegen ging sie aufwärts, und der Schleier war ihr Mantel in der froststarren Winternacht. Sie ging zum kleinen Friedhofe auf dem Kahlenberge. Und als die Sonne blutrot aus grauen Nebeln hervorstieg, saß sie bei dem Friedhofstor, und Tränen lagen als Perlen aus Eis auf ihrem toten Gesicht. Die junge Dame wollte auf dem kleinen Friedhofe ihre Ruhe finden ... Die Toten schlafen, der Friedhof schläft, und die Amsel singt leise. Schmidt, der bekannte Topograph, schrieb im Jahre 1825: »Selten nur wird wohl der unterhalb der Fahrstraße gelegene Friedhof besucht. Wenige Friedhöfe verdienen so sehr diesen Namen wie der auf dem Josefsberge in reizender Einsamkeit auf einer weithinschauenden Höhe gelegene.« Kein beladener Wagen, der knarrend mit ächzenden Achsen hinter schnaubenden Pferden bergauf holpert, kein leerer Wagen, der hurtig mit Donnergepolter herunterrumpelt, stört mehr den Frieden der Straße, die Stille des Friedhofes. Wiener! Entdeckt euren kleinsten, einsamsten Friedhof! Kommt nicht in Scharen, nicht in Gruppen. Jeder nur allein! Es könnte sich sonst da, wo täglich die Königin Poesie baut, ein Kärrner einstellen, der mit Mineralwässern und rosafarbigen »Kracherln« zu tun hat. Dann würde der Friedhof erwachen, dann würde die Amsel weinen.