Ferdinand Emmerich Schmugglerfahrten im Malaiischen Archipel An den Leser Mitte der achtziger Jahre durchforschte ich den Malaiischen Archipel. Jene zahllose Menge von Inseln, die wissenschaftlich als die Überreste eines in grauer Vorzeit versunkenen Kontinents, auf dem auch die Wiege des Menschengeschlechtes zu suchen sein soll, angesprochen werden. Neben gewaltigen vulkanischen Erhebungen, die ohne jedes Küstenland schroff aus dem Meer emporschießen, finden wir dort Koralleneilande, über die eine gebefreudige Natur ihre reichsten Schätze in verschwenderischer Fülle ausgestreut hat. – Leider bringen aber diese paradiesischen Inseln nicht auch herrliche Bewohner hervor. Wenigstens besitzen die in unserer Zeit den Archipel bewohnenden Eingeborenen nur ganz wenige Eigenschaften, die von unserer europäischen Weltanschauung als gut bezeichnet werden würden. Das mag daran liegen, daß die Urbevölkerung seit Jahrhunderten mit Einwanderern durchsetzt wird. Vor allem sind es die Malaien, die auf den Inseln zwischen Neuguinea und der Malakkahalbinsel, neben den Chinesen, als herrschende Rasse auftreten. Die Malaien bilden eine eigentümliche Menschenklasse. Sie sind nicht schön. Ihr Gesicht ist breit und flach. Die kleine Nase hat breite Flügel. Langes, dunkelschwarzes Haar umrahmt das dunkelbraune Antlitz, aus dem große, feurig glänzende Augen leuchten. Die Malaien sind überwiegend Seefahrer. Kühn und unternehmend, verachten sie die Gefahr. Sie scheuen aber auch vor nichts zurück. Ihre ungezähmte Heftigkeit treibt sie nicht selten zu Raub und Mord. Sie leben mit ihren Nachbarn in stetem Kriege und lassen keine Gelegenheit unbenutzt, die jene an Gut oder Leben schädigen könnte. Daß sie zur Ausübung gesetzloser Handlungen jederzeit zu haben sind, bedarf nach dem Gesagten keiner besonderen Erwähnung. Sie sind denn auch auf Schmuggler- und Seeräuberfahrzeugen die gesuchtesten Kräfte, und keiner versteht es wie der malaiische Schiffsführer, die staatlichen Verfolger zu täuschen. Natürlich sind die vornehmen Malaien, die sich unserer Kultur im allgemeinen angeschlossen haben, von dieser Charakteristik ausgenommen. Zur Zeit, in der meine Erzählung spielt, befanden sich nur die großen Sunda-Inseln unter der Herrschaft der Holländer und selbst diese noch in beschränktem Maße. Auf der langen Inselreihe östlich von Java wehrten sich die Ureinwohner mit allen Mitteln gegen das Eindringen der fremden Eroberer. Bali, Lombok, Soembawa, Flores, Allor und selbst Timor, auf dem die Portugiesen schon lange festen Fuß gefaßt haben, leisteten den Holländern tapferen Widerstand. Sie wurden unterstützt durch die malaiischen und chinesischen Barkenführer, die ihnen auf tollkühnen Wegen immer wieder Waffen und Munition zuführten, während die eingeborenen Kaiser und Könige auf Timor durch Geldmittel und Gewahrung sicheren Unterschlupfes das gesetzlose Treiben begünstigten. Seit etwa zwanzig Jahren sind nun auch die Ostinseln unter die Herrschaft der Holländer gefallen. Dadurch wurde den blutigen Fehden unter den Bewohnern ein Ziel gesetzt. Die Insulaner beginnen sich an die neuen Herren zu gewöhnen, und schon hört man, daß manchen Inseln bereits die Selbstverwaltung unter eingeborenm Fürsten eingeräumt wird. In Koepang, in dem die Hollander früher nur wie in einer Festung saßen, wohnt jetzt ein Gouverneur. Europäer dürfen sich jetzt auch außerhalb der Stadt, im Reiche des früheren Radja, zeigen. – Mit dieser Ausbreitung ihrer Macht verschwinden die romantischen, aber für alle Beteiligten gefährlichen Schmugglerfahrten, und die tollkühnen Taten todesverachtender Malaien und Chinesen gehören bald der Mythe an. Ich schildere in der vorliegenden Erzählung einige Episoden aus den zahlreichen Unternehmungen eines zur vornehmen Welt des Archipels gezählten Chinesen, der es meisterhaft verstand, andere für sich arbeiten und bluten zu lassen. Die Schilderung der einzelnen Fahrten verdanke ich einem Augenzeugen, den ein widriges Geschick in die Abenteuer der Schmuggler verstrickt hatte, und der die endliche Vernichtung der Bande miterlebte. Zu einem klemm Teil lernte ich das Leben der Schmuggler aus eigener Anschauung kennen, da ich einmal ahnungslos, ein anderes Mal gezwungen kurze Fahrten an Bord von Schmugglerschiffen machte. Der Verfasser Bei unserer Rückkehr aus den Bergen war der kleine Küstendampfer eben abgefahren. Unmutig standen wir auf dem Felsenvorsprung, der in dem Hafenort Pariti, auf der Insel Timor, den einzig möglichen Anlegeplatz bildet. Unsere Blicke verfolgten sehnsüchtig die Rauchfahne des Schiffes, dessen vorzeitige Abfahrt uns für drei lange Wochen an ein Dorf bannte, in dem wir kaum auf ein für Europäer zugeschnittenes Unterkommen rechnen durften. Da ich eigentlich die Ursache unseres verzögerten Eintreffens war, mußte ich meinen Grimm hinunterwürgen. Mein Kamerad aber ließ seinem Zorne freien iauf. Ein kerniger deutscher Rraftausdruck leitete eine Flut von holländischen Unmutsbezeichnungen ein, die im Handumdrehen sämtliche Müßiggänger des Ortes, und das waren wohl alle Bewohner, an unsere Seite brachten. Ein verschmitzt dreinschauender Malaie wagte die Frage: »wollen die Herren nach Kupang (so heißt der Haupthafen der Insel)?« »Nein, nach Mataru auf Allor!« entgegnete ich. Der Malaie pfiff durch die Zähne, besann sich eine Weile und sagte dann: »Das ist nicht möglich!« »Was?« fragte ich. »Daß wir nach Allor hinüber wollen?« »Daß ich mit meiner Prau die Herren fahre.« »Eine Prau hast du?« fiel jetzt mein Gefährte eim »Und das sagst du uns erst jetzt? Wir mieten dein Boot, vorwärts, wo liegt es?« Diese in gutem Malaiisch gesprochenen Worte zeigten dem Malaien, daß er es mit einem Weißen zu tun hatte, der auf den Inseln zu Hause war. Er witterte einen der holländischen Beamten, die damals bereits auf dem portugiesischen Timor festen Fuß faßten. Den durfte er sich nicht zum Feinde machen. »Mein Fahrzeug gehört nicht mir, Tuwán,« erwiderte er ausweichend. »Ich muß noch heute nach Kupang zurückkehren. Dorthin nehme ich die Herren gern mit, wenn es Ihnen angenehm ist.« Da wir in dem größeren Orte eher auf eine uns zusagende Wohnung rechnen durften, gingen wir aus das Anerbieten ein. Etine halbe Stunde später schwammen wir bereit« auf der herrlichen Bai, die von der Hauptstadt ihren Namen entlehnt. Während der Fahrt suchte unser Barkenführer sich Gewißheit über unsere Persönlichkeiten zu verschaffen. Da wir bald die Unterhaltung in deutscher Sprache wieder aufgenommen hatten, schwanden seine Befürchtungen, Er prüfte uns dagegen auf die Möglichkeit einer Ausbeutung. Eine mit vollen Segeln vor dem Winde dahinrauschende Dschunke bot den Anknüpfungspunkt. Der Malaie tauschte Zeichen mit der Besatzung und ließ so nebenbei die Worte fallen: »Die fährt nach der Insel Allor. wenn wir Glück haben, treffen wir auch die andern Dschunken noch, die morgen nach der Kalabahibucht abgehen.« »Nehmen die Dschunken denn Fahrgäste mit?« fragte ich arglos. »Gegen gute Bezahlung werden sie sich kaum weigern, die Herren in Mataru an Land zu setzen, wenn die Herren befehlen, versuche ich den Kapitän dazu zu überreden.« Ich blickte fragend auf meinen Gefährten, der die entschwindende Dschunke aufmerksam durch das Fernglas betrachtete und die Worte des Malaien anscheinend überhört hatte, »was sagen Sie zu dem Vorschlage, Nottebohm?« Statt aller Antwort schlug er sich auf den Schenkel und rief: »Lust hätte ich schon so eine Fahrt mitzumachen, wenn ich nur wüßte, wie sie schließlich endet. Das da vorn ist nämlich ein Schmuggler.« »Das geht doch die Fahrgäste nichts an.« »Wenn sie beweisen können, daß sie an dem Unternehmm unbeteiligt sind, läßt man sie laufen. Das ist aber nur sehr selten der Fall. Wird eine solche Dschunke von den Rriegsschiffen aufgebracht, dann springt man mit der Besatzung sehr summarisch um. Man hängt sie kurzerhand auf.« »Aber doch die Fahrgäste nicht?« »Mein lieber Freund, wenn die Holländer erst anfangen auf solche Leute Rücksicht zu nehmen, dann wird der Schmuggel bald in höchster Blüte stehen. Die Hälfte der Bemannung würde sich als Fahrgäste ausgeben.« »Was für Waren schmuggeln denn die Dschunken? Der Gewinn kann doch» in gar keinem Verhältnis zu dem Risiko stehen, wenn das so ist, wie Sie sagen.« »Der materielle Nutzen kommt für diese Leute erst in zweiter Linie in Frage. Sie wagen ihr Leben für ihre Freiheit. Alle die Fürsten auf der Inselkette von Bali bis Timor wehren sich verzweifelt gegen die holländische Oberherrschaft. Sie lassen kein Mittel unversucht, um sich durch Einführung von modernen Waffen für den Widerstand zu stärken, und tatsächlich haben die Holländer, außer den Küstenplätzen, nur wenig von den Inseln unter ihre Botmäßigkeit gebracht. Kein Wunder, daß sie alles aufbieten, um die Unterstützung der Eingeborenen zu verhindern.« »Woher wissen Sie, daß die Dschunke dort Schmugglerware führt? Wenn man diese Schiffe so leicht erkennen kann, dann dürfte ihnen bald das Handwerk gelegt werden.« »Sehen Sie den kleinen Dampfer, der gleichen Kurs mit der Dschunke läuft? Hier, nehmen Sie das Fernglas! «Er zeigt die holländische Flagge, nicht wahr? Als der seinen Rurs auf den Schmuggler richtete, änderte dieser sofort die Fahrt und suchte die Dreimeilenzone der Küste auf. Das ist portugiesisches Gebiet, wo ihn der Holländer nicht anhalten darf. Das Manöver gibt mir die Gewißheit, daß die Dschunke Bannware an Bord hat. Sie wird daher auch nicht aus dem Bereich der Fürsten von Timor herausgehen, solange das Kriegsboot in Sicht ist.« Unser Bootsmann hatte, obgleich er kein Wort von unserer Unterhaltung verstand, mit dem seiner Rasse und dem schlechten Gewissen eigenen Spürsinn herausgefunden, daß mein Begleiter mehr von den Verhältnissen der Sunda-Inseln wußte. Er suchte uns daher von Schlußfolgerungen, die seiner Person nachteilig werden konnten, abzubringen, indem er, auf die hinter den Bergen verschwindende Dschunke deutend, sagte: »Da habe ich mich doch getäuscht. Sie nimmt Kurs auf Amfuang auf Timor. Die Dschunke nach Allor ist also noch im Hafen. Die Herren haben Glück, wir kommen noch rechtzeitig an. – Soll ich mit dem Kapitän wegen der Überfahrt nach Mataru verhandeln?« »Ist das auch ein Schmugglerschiff?« fragte Nottebohm. Mit gut geheucheltem Erstaunen blickte uns der Bootsmann ins Gesicht und rief dann lachend: »Glaubt der Tuwán auch an diese Märchen? von hier aus gehen keine Schmugglerschifft nach Allor. Die Dschunken gehören alle dem Chinesen Kü-schang, der den portugiesischen und holländischen Behörden als eln achtbarer, ehrlicher Kaufmann bekannt ist. Er ist ein Freund der Fürsten auf Timor. Nie würde er die Hand zum Schmuggel bieten.« »Es kann sein, daß du recht hast,« erwiderte Nottebohm. »Bevor wir uns jedoch zu einer Reise mit der Dschunke entschließen, wollen wir uns Koepang ansehen. Wenn es sich da leben läßt, haben wir keine Eile.« »Aber die Dschunke geht morgen früh, wer weiß, wann sich wieder eine Gelegenheit nach Allor bietet.« »Ich bin dir dankbar für deine Sorge um unser Wohlergehen,« gab Nottebohm lächelnd zur Antwort. »Morgen früh bekommst du Bescheid. Sorge jetzt vor allen Dingen dafür, daß wir nicht auf die Klippen laufen.« Wir näherten uns wieder der Küste, Ein auf der äußersten Spitze der vorspringenden Felsen erbauter, grellweißer Tempel vertrat die Stelle eines Leuchtturmes, Er zeigte uns von weitem schon die halbmondförmige enge Bucht, in die jetzt die Prau, vom Winde gejagt, pfeilschnell einbog. Eine schwere Brandung donnerte gegen die steil aus dem Meere emporsteigenden Korallenwände, und neugierig suchte ich die Einfahrt zu dem vermuteten Hafen der Hauptstadt. Der Malaie war aber hier zu Hause, Er steuerte sein Fahrzeug haarscharf an den schäumenden Brechern vorbei auf eine Mauer zu, die von einer breiten Treppe unterbrochen wurde. Das Segel fiel. »Aufpassen, Tuwán!« schrie er. »Wenn das Boot hochgeht, herausspringen!« »Na, ich danke,« antwortete mein Gefährte. »Der geringste Fehltritt befördert uns auf raschestem Wege in die Ewigkeit. Sahen Sie die Haie?« Als alter Seemann war ich mit derartigen Manövern bekannt und nahm mir daher nicht die Mühe zu antworten. Mit einem Sprung erreichte ich die Treppe, wo sich mir ein Dutzend Hände hilfreich entgegenstreckten. Das Boot nahm die Brandungswelle wieder mit sich zurück. Geschickt benutzte der Malaie die nächste heranflutende Woge, um auch meinen Freund auszubooten, während er selbst die Prau wieder ins offene Meer steuerte und um einen Felsenvorsprung verschwand. »Halt! Unser Gepäck!« schrie ich hinter ihm her, und war eben im Begriff, meinem Zorn über den vermeintlichen Raub Ausdruck zu geben, als ein freundlich lächelnder Chinese meinen Arm berührte und in ruhigem Tone sagte: »Taban wird Ihnen Ihre Sachen bringen, wollen Sie mir bitte folgen und meine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen?« Verblüfft blickten wir den Mann an, der mit solcher Selbstverständlichkeit über uns verfügte. Bevor wir die Einladung annahmen, wollten wir uns doch vergewissern, ob es in dem Städtchen keine Gasthäuser gab. Es widerstrebte uns Verpflichtungen einzugehen, die wir nicht wettmachen konnten. Der Chinese aber überhob uns der Mühe: »Der Radja weilt augenblicklich in der Stadt,« sagte er mit gewinnendem Ausdruck. »Sein Gefolge hat alle freien Räume belegt. – Ich freue mich, den Herren mein Gartenhaus zur Verfügung stellen zu können».« Nun tauchte in uns der Verdacht auf, daß uns der Mann wohl für holländische Beamte halten könnte, deren Gunst er sich durch zuvorkommendes Benehmen zu erringen trachtete. Um derartigen Mißverständnissen vorzubeugen, machte ich den Chinesen mit unserer Nationalität bekannt und erwähnte dabei, daß wir uns auf Timor nur mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigten. »Das weiß ich bereits,« erwiderte er verbindlich. »Die Herren waren in den Paritibergen und versäumten die Abfahrt des Dampfers. Da das nächste Schiff nach Allor erst in drei Wochen unsern Hafen anläuft, so wiederhole ich meine Bitte um Annahme meiner Gastfreundschaft.« Unser Erstaunen über diese genaue Kenntnis unserer Pläne prägte sich wohl deutlich auf unsern Zügen aus, denn der Chinese fügte seinen Worten erklärend hinzu: »Unsere Fürsten haben ein großes Interesse daran, die Absichten aller auf Timor landenden Fremden kennen zu lernen.« »Aber wir haben doch keinem Menschen gesagt, daß wir nach Allor zu gehen beabsichtigen,« warf ich ein. «Unser Bootführer allein erfuhr es während der heutigen Fahrt...« »Die Herren lagerten vor einigen Tagen oben auf den Kalkfelsen hinter Pariti und unterhielten sich über die in der Ferne sichtbaren Umrisse einer Insel. Sie verwechselten die Insel Lomblen mit Allor,« sagte der Chinese. »Donnerwetter, Herr, Sie haben ein vorzügliches Kundschafterkorps,« rief Nottebohm. »Dann wissen Sie vielleicht auch, wer ich bin!« »Privatmann, Herr Nottebohm. Seit Sie Ihre Stellung bei der Firma Reis drüben auf Borneo aufgaben,« antwortete lächelnd der jetzt in einen großen Garten eintretende Chinese. »Hier sind wir an Ort und Stelle. Belieben die Herren hier auf der Veranda Platz zu nehmen. Die Diener werden sofort erscheinen.« »Halt, verehrter Herr,« rief ich. »Soweit sind wir noch nicht einig. Wollen Sie die Güte haben, uns den Preis für die Unterkunft zu nennen.« «Ich stelle den Herren mein Haus unentgeltlich zur Verfügung,« erwiderte er mit seinem verbindlichsten Lächeln. «Es ist doch so der Brauch auf den Inseln. Herr Nottebohm wird das wissen.« »Allerdings. Aber doch nur, wo die Möglichkeit der Gegenseitigkeit besteht was bei uns nicht der Fall ist. wir reisen nur von Insel zu Insel und verlassen dann die Sundastraße für immer.« »Herr Nottebohm nicht,« widersprach der Chinese. «Er wird mir vielleicht doch noch Gegendienste leisten können. Damit ist mein geringes Entgegenkommen mehr als bezahlt.« «Sie irren sich, Herr...?« – »Dongsa heiße ich«. »Sie irren sich, Herr Dongsa. Ich beabsichtige keineswegs hier in den Inseln zu bleiben, sondern ich kehre nach Europa zurück.« »Wenn sich Ihre Verhandlungen mit Makassar zerschlagen, jawohl, Herr Nottebohm. – Sie sehen, daß die Kalkberge auf Timor indiskret sind,« beeilte er sich hinzuzufügen, als mein Begleiter mit einem Fluche auffuhr. »Übrigens reden wir noch darüber. Dort kommen meine Diener mit Ihrem Gepäck, wollen Sie gütigst Ihre Befehle geben.« Mit diesen Worten eilte unser geheimnisvoller Gastfreund davon, und wir folgten einem weißgekleideten Malaien in das Haus, das nach Art der dort draußen allgemein üblichen Herrenhäuser mit zierlichen Bambusmöbeln ausgestattet war. Zwei Räume standen zu unserer Verfügung. Die sonst noch vorhandenen Zimmer waren durch vorgelegte Bambusstäbe gesperrt. Schlösser gab es nicht an den Türen. Die streng befolgten Gesetze der Gastfreundschaft machten sie überflüssig. Kein Mensch würde es wagen, in die so von dem Betreten ausgeschlossenen Räume einzudringen. Als wir mit widerstrebenden Gefühlen unsere Wäsche für die Nacht ausgepackt hatten, erschien eine Malaiin mit einigen schneeweißen Tüchern und meldete: »Das Bad ist fertig.« Das war aber nicht die einzige Überraschung, die uns zuteil wurde, denn als wir neugestärkt, in dem wohligen Behagen, das ein warmes Bad in den Tropen hervorruft, ins Haus zurücktraten, erwartete uns eine reichbesetzte Tafel. Ehe wir noch unserm Erstaunen darüber Ausdruck verleihen konnten, riefen uns die Diener zu Tisch. Nur Augenblicke zögerten wir. Dann siegte der Hunger über alle Bedenken, und wir nahmen von all' den vielen Gerichten, bis uns das erstaunte Gesicht des leitenden Dieners ins Gedächtnis rief, daß wir uns in einem Lande ausgesprochenster Mäßigkeit befanden. Die wohlriechenden Wachskerzen, die uns zur Abendmahlzeit geleuchtet hatten, ließ der Diener in das Schlafgemach bringen, während wir uns auf der Veranda in die langen Ruhestühle legten und den Rauch der Zigarren in die prächtige Nacht hinaus sandten. Wir hatten es bisher vermieden, über all das Unerklärliche, das uns hier auf Schritt und Tritt begegnete, irgendein Wort zu verlieren. Wußten wir doch, daß selbst deutsch geführte Gespräche dem geheimnisvollen Wirte überbracht wurden. Hier auf der Veranda aber fühlten wir uns vor Lauschern sicher. Trotzdem prüften wir auf einem kurzen Spaziergange um das Haus herum Dach und Seitenwand auf das Vorhandensein von Störenfrieden. »Jetzt erklären Sie mir, was das alles zu bedeuten hat, Nottebohm,« hub ich im Flüstertone an, als ich meinen Stuhl dicht an den Gefährten herangezogen hatte. »Der Chinese behandelt uns wie seinen Fürsten und ist über unsere Persönlichkeiten unterrichtet. Das muß einen Haken haben.« »Ja, auch ich zerbreche mir den Ropf, wie der schlitzäugige Ehrenmann von meinen persönlichen Verhältnissen Kenntnis haben kann. Daß ich von Reis \& Comp. fortgegangen bin, kann er ja durch Bootsleute erfahren haben, denn mich kennen alle die Schiffer, die mit der großen Handelsfirma zu tun hatten. Aber von den Verhandlungen mit dem Exporthause in Makassar auf Celebes habe ich bisher mit keinem Menschen gesprochen. Und daß man das hier auf Timor weiß, wundert mich am meisten.« »Vielleicht hat die Makassarfirma hier einen Vertreter, der darüber gesprochen hat, als wir in Sutrana landeten?« »Es ist eine deutsche Firma, die sicher verschwiegen ist... Hallo, wer ist da?« unterbrach er sich plötzlich aufspringend. Aus dem Dunkel des Gartens schälte sich, katzenartig schleichend, eine Gestalt hervor, die bei dem Anruf zusammenfuhr, dann aber in demütiger Haltung sich der Veranda näherte. »Was willst du zu dieser Stunde?« rief Nottebohm den Menschen an. »Verzeih' Tuwán. Mich sendet Taban, der Schiffer. Ich soll fragen, ob der Tuwán sein Gepäck richtig empfangen hat, und wann Taban morgen früh mit dem Boote kommen darf?« »Aha! Er will sein Geld,« sagte Nottebohm, zu mir gewendet. »Wollen wir ihm ein paar Gulden Trinkgeld geben? Die Fahrt war ja billig.« Ich willigte ein und zog die Brieftasche. Der Malaie jedoch hob abwehrend die Hand und rief schnell, diesmal in fließendem Holländisch: »Nein, nein. Taban ist bezahlt. Er steht zur Verfügung der Herren, solange sie auf der Insel weilen. Wann darf Taban morgen an der Treppe warten?« »Wir wissen noch gar nicht, was wir morgen unternehmen wollen,« erwiderte ich. »Erst wollen wir gründlich ausruhen, das weitere findet sich.« Kaum hatte ich das letzte Wort ausgesprochen, da zerflossen die Umrisse des Malaien mit den Schatten der blühenden Sträucher. Lautlos wie er gekommen, war er auch wieder verschwunden. »Das wird ja immer rätselhafter! Lieber Nottebohm, ich glaube, hinter diesen Vorgängen steckt irgendeine Teufelei. Je eher wir abreisen, desto besser wird es für unser Wohlergehen sein.« »Na, na, so ängstlich bin ich nicht. Man erlebt hier auf den Inseln allerlei, was für den Europäer unerklärlich ist, wenn ich auch zugebe, daß die Sorg« des Chinesen für unser Wohlergehen einen besondern Grund haben muß. Wir werden ihn aber erfahren, wenn wir von der sofortigen Abreise sprechen. – Aber jetzt möchte ich schlafen. Hoffentlich läßt man uns nunmehr in Ruhe.« Unser Schlafraum war gegen die Veranda mit der landesüblichen schöngeflochtenen Matte aus Bambusfasern abgeschlossen. Sie vertrat die Stelle der Tür. Eine einfache Schlinge, über einen Knopf gestreift, ersetzte den Riegel. Die heiliggehaltenen Gebräuche der Gastfreundschaft boten sicheren Schutz gegen Überfälle auf Leben und Gut. Dennoch konnte ich lange nicht einschlafen. War es das langentbehrte schwellende Bett oder die ferne Brandung des Meeres, die meine Nerven in Aufregung versetzten? Ich warf mich von einer Seite auf die andere. Aber je mehr ich den Schlaf herbeizwingen wollte, desto mehr floh er mich. Bis ich es aufgab. Ich fügte mich in das Unvermeidliche und beschloß wachzubleiben. Nun achtete ich auf jedes Geräusch. – Irgendwo im Städtchen erklangen die kreischenden Töne der chinesischen Fiedel. Unweit unseres Hauses wieherte ein Pferd, das dadurch ein paar Hunde zum Bellen veranlaßte. Ein Kreischen schlechtgeölter Angeln durchschnitt die Gegend um das eiserne Gartentor. Vor unserer Matte huschte ein Schatten blitzschnell vorüber... Ich hielt den Atem an und lauschte. – Ein Nachtvogel, dachte ich! Nichtsdestoweniger verharrte ich in meiner Horcherstellung. Dabei beschlich mich langsam ein seltsames Gefühl, das mich zwang, das Auge fest auf die Matte zu richten. Da ich mich zu dem Zwecke auf die andere Seite legen mußte, warf ich mich in der geräuschvollen Art des Schläfers herum. Dann markierte ich die regelmäßigen Atemzüge eines vom tiefen Schlafe Umfangenen. Lange Minuten tiefsten Schweigens vergingen. Der Schlaf, den ich vor einer Stunde mit allen Mitteln herbeigesehnt, senkte sich nun, wo ich geheimnisvolle Vorgänge auf der Veranda vermutete, mit Gewalt auf meine Lider. Mit Anstrengung hielt ich die Augen offen. Da plötzlich fiel die schließende Schlinge, von unsichtbarer Hand zurückgestreift, von dem Knopfe. Ein nebelhafter Schatten zwängte sich durch den Spalt, wuchs zu riesiger Größe empor und glitt an der gegenüberliegenden Wand gespensterhaft vorüber. Dort, wo die Verbindung mit den abgesperrten Räumen durch unser Gepäck absichtlich verstellt war, knickte der Schatten zusammen und verschwand, als habe ihn die Finsternis aufgesaugt. Mit einem Satze stand ich an der Türe und riß die Matte zurück. – Sie war Mit der Schlinge verschlossen, so wie ich sie selbst verhängt hatte! Ein Blick durch den Spalt zeigte mir einen dunklen Gegenstand, der dicht vor dem Eingang auf dem Boden lag. In dem Bruchteil einer Sekunde hatte ich die Matte zurückgerissen. Ein kräftiger Fußtritt brachte Leben in die Masse ... «Es war ein chinesischer Kuli, der anscheinend aus tiefstem Schlafe erwachte, und zitternd, den getroffenen Körperteil reibend, sich erhob. Nottebohm war durch das Geräusch geweckt worden und erschien in der Türöffnung. Gähnend fragte er nach der Ursache der Störung. Mit kurzen Worten erzählte ich ihm meine Wahrnehmung und deren Folgen. Da erkundigte er sich bei dem Kuli nach dem Grunde seiner Gegenwart. »Mein Herr hat mir befohlen, hier auf der Schwelle zu wachen, damit die fremden Herren nicht gestört würden,« gab er zur Antwort. Dabei kämpfte er sichtlich mit dem Schlafe. »Dann hast du aber schlecht aufgepaßt, denn soeben war ein Mann in unserm Räume,« ließ ich ihm durch Nottebohm sagen. Mit einem Erstaunen, das zu plump ausgedrückt war, um echt zu sein, beteuerte er seine Unwissenheit. Wir ließen ihm aber keinen Zweifel darüber, daß der nächste, der in unser Zimmer träte, ohne gerufen zu sein, mit unsern Schießwaffen Bekanntschaft machen würde. Er brauche sich mit dem Wachen nicht weiter aufzuhalten, denn von jetzt ab würde einer von uns stets selbst wachbleiben. Als wir wieder auf unsern Betten lagen, sagte Nottebohm schlaftrunken: »Sie werden geträumt haben, lieber Freund. Der Kuli war sicher nicht im Zimmer. – Wie spät ist es eigentlich?« »Zwölf Uhr vorüber,« erwiderte ich, das Zifferblatt gegen die Kerze haltend. »Aber ich war so wach wie jetzt. Ich habe deutlich den Mann gesehen. Dort an der Wand verschwand er. Genau neben Ihrem Reisesack.« »Na ja, Mitternacht und Geister, die gehören ja zusammen. Gute Nacht, lieber Freund. Löschen Sie das Licht und folgen Sie meinem Beispiele. Morgen reden wir weiter über das Erlebnis.« Als ich erwachte, flutete helles Sonnenlicht in den Raum. Nottebohms Stimme drang aus dem Nebenzimmer zu mir herüber. Er unterhielt sich mit jemandem in malaiischer Sprache und schien sehr lustig zu sein. Bei meinem Eintritt erkannte ich unsern Gastgeber, der mir in gutem Holländisch sein Bedauern über die nächtliche Störung aussprach. Er versicherte uns der absoluten Treue seines Kuli und wies den Gedanken an einen nächtlichen Eindringling weit von sich. Während wir noch darüber sprachen, näherte sich dem Hause ein Europäer. »Entschuldigen Sie mich, meine Herren,« rief ich, mich zurückziehend. »Ich werde rasch Toilette machen und helfe Ihnen dann beim Verzehren der herrlichen Gerichte, die den Kaffeetisch schmücken.« Der Europäer wurde mir als ein Holländer vorgestellt, der in den Diensten des Radja stand und dort eine angesehene Stellung einnahm. Er hatte von der Ankunft der Fremden gehört und wollte uns begrüßen. Während des Frühstücks, an dem neben dem Gaste auch Dongsa teilnahm, erzählte ich mein nächtliches Erlebnis mit allen Einzelheiten. Sehr zum Mißvergnügen unseres Gastgebers, der sichtlich bemüht war, die Erzählung als Traumgebilde darzustellen. Der Holländer wollte ihn darin, vielleicht aus Höflichkeit, unterstützen, indem er vorschlug, die Stelle des Zimmers, an der der Schatten verschwand, zu untersuchen. – Ich war sofort dazu bereit und wollte mich erheben, als Dongsa mir ein Stück gebackenen Fisches auf den Teller legte. Das verpflichtete mich zu bleiben, und nun streifte die Unterhaltung alle möglichen Tagesereignisse. Zu mir gewendet, fragte Dongsa: »Schlagen Seeungetüme auch in das Gebiet Ihrer Forschungen?« »Allerdings interessieren sie mich. Gibt es hier etwas Derartiges?« »Drüben in den Klippen auf Samaoe soll ein gewaltiger Polyp seinen Standort haben. Mehrere malaiische Fischer sind ihm schon zum Opfer gefallen. Wenn Sie sich das Tier ansehen wollen, wird Taban Sie hinüberfahren.« »Das Anerbieten nehme ich gern an,« erwiderte ich. »Können Sie uns einen Köder verschaffen, der die Sepie anlockt, oder bedarf es dessen nicht?« »Bei uns drüben werden heute Pferde geschlachtet,« warf der Holländer ein. »Es wird mir leicht sein, größere Stücke davon zu liefern. Wohin sollen sie gebracht werden?« »Sie werden uns doch jedenfalls die Ehre Ihrer Gesellschaft zuteil werden lassen,« sagte Nottebohm. »Wir holen Sie im Boote ab und nehmen dann auch das Fleisch an Bord.« Dongsa nahm die Einladung des Fremden nicht günstig auf. Allein sie war einmal erfolgt und angenommen, und nun ließ sich nichts mehr daran ändern. Als der Holländer gegangen war, glaubte ich Dongsa ein paar Worte der Entschuldigung sagen zu müssen. Er wehrte aber höflich ab und sagte so obenhin: »Meinen Schiffern wird der Mann nicht angenehm sein. Die Beamten des Radja sind bei den Malaien nicht sehr beliebt. Aber ich werde Taban senden, der seine Leute im Zaume zu halten weiß.« »Wenn aber irgendein Zusammenstoß zu befürchten ist, verzichten wir lieber auf die Fahrt. Ich möchte nicht, daß irgendein Insasse des Bootes gekränkt werden könnte.« »Dafür sorge ich schon, lieber Freund,« erwiderte Dongsa. »Sie dürfen ganz beruhigt sein. Übrigens ist der Herr ja Holländer?« Die Worte waren fragend an Nottebohm gerichtet. »Er stellte sich als solcher vor,« antwortete dieser. »Außerdem erkennt man das auch an der Sprache.« Mit einer Schnelligkeit, als sei alles vorher verabredet worden, erschien plötzlich Taban auf der Veranda. Er wechselte ein paar Worte in Liplap (so heißt der in den Inseln gesprochene malaiische Dialekt) mit seinem Herrn und trat hierauf in unser Schlafzimmer. Sich zu dem Gepäck niederbeugend, fragte er: »Welches Stück nehmen die Herren mit?« Sofort stand ich neben ihm und rief: »Halt, Taban! Nicht anrühren! Die Säcke bergen zerbrechliche Dinge, die muß ich erst auspacken. Gehe nur voraus zu deinem Boote, wir tragen das wenige, was wir mitnehmen, selbst.« Nun trat Dongsa herzu. Meinen Arm berührend, sagte er: »Sie dürfen hier auf Timor keine Lasten tragen. Das schadet dem Ansehen der Europäer. Taban wird Ihnen helfen. – Hierher Taban!« Nottebohm hatte inzwischen seinen Rucksack aufgehoben und war eben im Begriff, ihn auf den Tisch zu legen, als ein Gegenstand herunterfiel, der einen metallischen Klang von sich gab. Zufällig haftete mein Blick an der Stelle. Ein funkelnder Blitz, grüngold schimmernd, traf mein Auge und ein heller Lichtstrahl zuckte empor. Bevor ich aber noch einen Laut von mir geben konnte, lag Taban dort auf den Knien und hob einen Kris empor. Eines jener gewöhnlichen Messer, wie sie jeder Eingeborene trägt. Mit der unschuldigsten Miene von der Welt fragte er Nottebohm: »Gehört der Ihnen, Tuwán?« Mein Kamerad streifte die Waffe kaum mit einem Blick und verneinte dann. Auch ich lehnte ab, wollte aber noch eine Bemerkung hinzufügen, die mich ein zwischen Dongsa und dem Schiffer gewechselter Blick jedoch *unterdrücken ließ. Den angefangenen Satz ließ ich in den Wunsch übergehen, das Messer an mich zu nehmen, um damit den nächtlichen Besucher ausfindig zu machen. Als ich später mit Nottebohm allein war, teilte ich ihm meine blitzartig kurzen Wahrnehmungen mit. Wie vorauszusehen, sandte er auch diese Angaben in das Reich der Fabel, indem er unter lautem Lachen sagte: »Gegenstände, die mit funkelnden Edelsteinen besetzt sind, habe ich leider noch nie besessen. Das blendende Sonnenlicht hat Ihnen einen Streich gespielt. Legen Sie dies Märchen zu dem Gespenst, und denken Sie nicht mehr daran.« Taban hatte es durchgesetzt, daß er unser Gepäck zu seiner Prau hinuntertragen durfte. Sie lag nicht an dem gestrigen Anlegeplatz, sondern in einer kleinen Bucht, deren Rückseite der Palast des Radja, richtiger dessen Gartenmauer, bildete. Der Holländer war bereits zur Stelle. Drei braune Burschen trugen eben das in eine Haut eingeschlagene Pferdefleisch herbei, dessen Geruch Tausende von Fliegen heranlockte. »Hoffentlich werden wir diese Fracht bald los!« rief Nottebohm. »Sonst fressen uns die Fliegen, bevor wir den Tintenfisch zu Gesicht bekommen.« »Sobald wir vor dem Winde segeln, merken wir nicht viel davon,« warf ich ein und ließ mein Auge über das Boot schweifen. »Wo ist denn unser Gepäck, Taban?« fragte ich. *»Dort in dem großen Kasten, Tuwán,« gab er zur Antwort, indem er mir einen in drei Farben angestrichenen Behälter zeigte, der recht aufdringlich hinter dem Maste stand und die Bordwand überragte. »Warum denn das? Wenn ich meine Geräte rasch brauche, kann ich doch nicht erst den Kasten aufschließen. Das ist mir zu unbequem.« *»Wir nehmen hier viel Wasser über, Tuwán, denn die Strömung ist sehr stark. Es ist besser so.« Ich wußte nicht viel dagegen einzuwenden. Ein die ganze Breite des Fahrzeugs überspringender Spritzer gab ihm recht, obwohl er nicht ganz ohne Schuld daran war. Ich ließ ihn auch nicht darüber im unklaren. Er sollte wissen, daß ich kein Laie in seiner Kunst war. Auf der kurzen Fahrt – sie dauerte kaum eine halbe Stunde – begegneten uns ein paar tiefgeladene Dschunken, die pfeilschnell mit der Strömung dahinschossen. Mit jedem der Steurer tauschte Taban einen Gruß, was mich zu der Bemerkung veranlaßte, daß er eine weitbekannte Persönlichkeit sein müsse. »Die Dschunken sind Eigentum meines Herrn,« antwortete er. »Darum kenne ich all' die Leute der Besatzung.« Nottebohm pfiff leise durch die Zähne und sagte auf deutsch: »Denken Sie an die gestrige Begegnung? Ich glaube, wir finden bald den Schlüssel des Geheimnisses. Diese Dschunken werden ebensowenig einwandfrei sein, wie die von gestern.« Der Holländer streifte uns mit einem fragenden Blick, da er die Worte nicht verstand. Auch Taban war aufmerksam geworden. Nottebohm entschuldigte sich, er habe unbewußt eine Bemerkung in deutscher Sprache fallen lassen. Dann machte er eine bedeutungslose Mitteilung auf holländisch. Dicht vor einer Reihe von steil aus dem Meere emporstrebenden Klippen ließ Taban das Segel fallen. Das Boot trieb langsam durch einen Korallengürtel in stilles Wasser, das so klar war, daß man tief hinunterblicken konnte. »Hier wohnt das Tier,« sagte Taban. »wir werden es rufen!« Er ließ einen größeren Stein über Bord fallen, dessen Spur wir lange verfolgen konnten. Der Polyp ließ sich nicht blicken. Dagegen strebte ein kleiner Hai aus der Tiefe an die Oberfläche. Langsam, fast ohne Schwimmbewegung, hob sich der graugrüne Leib empor, plötzlich schoß der Hai blitzschnell zurück in die Tiefe. An der Stelle, an der er eben noch gestanden, lagen jetzt zwei lange dunkle Striche, die sich wie gewaltige Aale vorwärts bewegten. – Es waren Arme des Oktopus. »Donnerwetter, das ist ja ein ganz gefährlicher Kerl,« rief ich aus, als ich bemerkte, daß sich die schon meterlangen Arme immer weiter aus den Felsen heraushoben. »Nimm dich in acht, Taban. wenn dich solch ein Arm packt, sind wir alle verloren. Jedenfalls haltet die Beile bereit.« »Weiß schon, Tuwán! Habe schon ein paar arme Fischer hier verschwinden sehen. – Soll ich das Fleisch über Bord werfen?« »Natürlich!« rief Nottebohm, den das zu erwartende seltene Schauspiel ganz aufgeregt hatte. »Rasch, Taban, er zieht die Arme schon wieder ein.« Damit war ich aber durchaus nicht einverstanden. Ich hatte schon zuviel über diese tückischen Ungetüme und ihre Kraft von Augenzeugen gehört, um ohne größte Vorsicht mich in deren unmittelbare Nähe zu wagen. Eine der flachen Klippen schien mir größere Sicherheit zu bieten. Dorthin ließ ich das Boot rudern. Auf dem höchsten Punkte dieses Felsens befanden wir uns zehn Meter über dem Wasserspiegel und konnten aus der Höhe das zu erwartende Schauspiel noch besser beobachten. Taban blieb im Boot zurück. Als er uns oben angekommen sah, stieß er das eine Fleischstück, ein ganzes Hinterviertel, über Bord. Wir sahen durch die kreiselnde Oberfläche hindurch, wie das Stück hin- und herpendeln sank. Schon fürchteten wir, der Polyp würde es nicht annehmen, da schoß blitzschnell ein Arm hervor. Er streifte das Fleisch nur mit dem Gliede, und schon hatte es der Saugnapf im Falle aufgehalten. Ein zweiter und dritter Arm wurden sichtbar. Dann folgte eine gewaltige schwarze Masse, die sich über das Fleisch legte und dort fast regungslos verharrte. Die Oberfläche hatte sich inzwischen beruhigt, und wir konnten jede Bewegung des Tieres beobachten. Anfangs deuteten nur die zitternden, seitlich herabhängenden lappigen Anhängsel des Tieres auf das Vorhandensein von Leben in dem dunklen Körper. Unmerklich veränderte dann der Oktopus seine Lage, und nun leuchtete uns eine große matte Scheibe entgegen, die viel Ähnlichkeit mit den Gläsern einer großen runden Laterne hatte. Während wir uns noch über den matten Glanz dieses riesigen Auges unterhielten, bemerkten wir, wie sich dasselbe zusehends vergrößerte. Der Polyp stieg an die Oberfläche. Ein vielstimmiger Schrei rief Taban zu schleuniger Flucht. Aber auch er hatte die Bewegungen des Tieres verfolgt. Mit einem Fußtritt warf er das zweite Fleischstück in die Flut, das jedoch ziemlich entfernt von dem Ungetüm in die Tiefe sank. Diesmal fand sich ein anderer Bewerber um die saftige Speise ein. Wie der Blitz schoß ein Haifisch heran, der vielleicht durch das Blut angelockt in der Nähe des Bootes auf die Beute gewartet haben mochte. Der weiße Bauch glitzerte in der Sonne, und wir bemerkten deutlich, wie er das ganze Stück im Rachen davonschleppte. Nun kam auch Leben in die dunkle Masse der Sepie. Mit einer Geschwindigkeit, die man in der formlosen Bestie nicht gesucht hätte, schoß sie durch das Wasser – dem Haifisch nach. Dieser mußte wohl einen Bissen von seinem Beutestück abgetrennt haben und dadurch auf seiner Flucht, wenn es sich um eine solche handelte, aufgehalten worden sein. Er wurde mit der Spitze seiner Rückenflosse auf der Oberfläche des Meeres sichtbar. Seine unsteten Bewegungen deuteten an, daß der Hai mit seinem Fund noch immer nicht fertig war. Plötzlich schnellte ein starker Arm aus dem Wasser, blieb den Bruchteil einer Sekunde stehen und fiel klatschend auf die Oberfläche zurück. In demselben Augenblick wurde das Wasser zu Schaum gepeitscht. Starke Wellenbewegungen brachten das Boot ins Schwanken und mit hastigen Ruderschlägen strebte Taban der nächsten Klippe zu. Unter dem Meeresspiegel aber spielte sich ein Drama ab, wie es selten dem menschlichen Auge zu sehen vergönnt ist. Der Hai, ein wohl fünf Meter messender Bursche, wehrte sich mit seiner ganzen Kraft gegen die fürchterlichen Saugarme des Tintenfisches. Während letzterer sichtlich bemüht war, den Feind in seine Felsenburg hinabzuziehen, strebte der Hai ins offene Meer hinaus. Oft schoß der massige, olivgrüne Kopf steil in die Höhe und ließ den Blick auf das furchtbare Gebiß frei. Dann wieder stieß ein Polypenarm aus dem Gischt und fiel wie ein Schmiedehammer zurück. Einmal erschien der Stumpf eines der gewaltigen Tentakeln wie anklagend über dem Wasserspiegel – dann wurde die Meeresfläche ruhiger. Immer weiter zogen sich die Kreise auseinander. Der Kampf war zu Ende. Wer blieb Sieger? Wir erfuhren es nicht mehr, denn wir bekamen plötzlich Besuch. Schon seit geraumer Zeit waren mir drüben auf der Insel zwei Männer aufgefallen, die ihre Ferngläser auf uns richteten. In der Aufregung des unterseeischen Duells hatte ich den Leuten weiter keine Bedeutung beigelegt, bis mir jetzt beim Erscheinen des kleinen Dampfbootes der Umstand wieder einfiel. Ehe ich meinen Gefährten die vielleicht für sie nicht unwichtige Mitteilung machen konnte, scholl der Ruf durch das Sprachrohr herüber: »Boot ahoi! Wer seid ihr und was treibt ihr hier?« Die am Heck wehende holländische Flagge und der goldbetreßte Tropenhut des Schiffsführers ließ uns die Verpflichtung zur Auskunfterteilung anerkennen. Taban antwortete für alle: »Wir sind von Kupang herübergekommen. Die fremden Herren wollten sich das Meeresungeheuer ansehen, das hier sein Unwesen treibt!« »Bequeme Ausrede,« lachte der Goldbetreßte. »Müßt aber doch mit uns kommen, werde euch ein paar Mann auswechseln.« Das Dampfboot war inzwischen quer vor unsern Bug getrieben. Nun legte ich mich ins Mittel. »Verzeihung, Herr Kapitän. Es ist wirklich so, wie der Bootführer sagt. – Belieben Sie Einblick in diese Papiere zu nehmen. Es ist ein von Ihrer Regierung ausgestellter Inlandpaß, der mich allen Behörden, also auch Ihnen gegenüber ausweisen dürfte. Das Boot mietete ich in Kupang.« Der Beamte nahm das Papier mißtrauisch in Empfang. Als er es durchgelesen hatte, wurde er höflicher. Er tippte an den Hut und sagte, den Paß zurückreichend, mit scharfer Betonung: »Ich nehme an, daß Sie in keiner engeren Beziehung zu den Eigentümern dieser Prau stehen. Meine Pflicht verlangt jedoch, daß Sie mir sagen, was in dem Kasten ist, der dort vor Ihrem Maste steht.« »Meine Sammelgerätschaften und einige Reservekleidungsstücke. Bitte überzeugen Sie sich.« Mit den Worten klappte ich den Deckel zurück. Nach einem prüfenden Blick sagte er, wieder an den Hut tippend: »Dante, mein Herr! Werden Sie länger hier verweilen?« »wir haben das gesehen, was wir sehen wollten und kehren nunmehr zurück. Da unser Dampfer nach Allor aber erst in zwanzig Tagen von Kupang abgeht, werden wir uns noch öfter zu Sammelzwecken die zahlreichen Eilande hier herum ansehen. Bedarf es dazu einer Erlaubnis?« »Jetzt nicht mehr – danke!« »Wir trennten uns in verschiedenen Richtungen, während meines Gespräches mit dem holländischen Beamten war es mir aufgefallen, daß Taban eine unverkennbare Freude über meine Worte empfand. Auch den beiden Begleitern war das nicht entgangen, wir tauschten unsere Ansichten darüber aber erst aus, als wir eine halbe Stunde später durch den Park des Radjas der Stadt zugingen. »Kennen Sie unsern chinesischen Gastfreund näher?« fragte Nottebohm den Holländer, das Gespräch über die Tagesereignisse einleitend. »Sie meinen Dongsa?« lautete die Gegenfrage. »Allerdings. «Er war es, der uns am Hafen in Empfang nahm und in das Landhaus geleitete. Er ist doch der Eigentümer des Hauses?« »wir kennen als Besitzer nur den Kaufmann Kü=schan, einen Chinesen, der bei unsern eingeborenen Fürsten großes Ansehen genießt. Auch mein Radja hält große Stücke auf ihn. Bei den Holländern ist er allerdings weniger geschätzt. Man vermutet in ihm den Mann, der allen diesen Inselvölkern in ihrem Widerstand gegen die holländische Oberhoheit das Rückgrat stärkt. Allerdings konnte ihm bis heute noch nichts nachgewiesen werden. Ein einziger Malaie, der beim Waffenschmuggel ertappt, seinen Namen aussprach, fand noch am gleichen Tage ein geheimnisvolles Ende. Jedenfalls muß der Mann, wenn er wirklich das ist, wofür ihn die Holländer halten, über ein Heer von verschwiegenen Leuten verfügen. Ein Beispiel dafür ist jener Taban!« »Wie? Unser Bootführer? Der steht doch im Solde von Dongsa?« »Und dieser ist sicher von Kü-schan abhängig. Ich müßte es wissen, wenn letzterer die Villa veräußert hätte, denn, um es offen zu sagen, ich leite die Geheimpolizei unseres Fürsten.« »Ah! Dann hatte Ihr Besuch bei uns einen bestimmten Zweck?« »Nun ja. Meinem Fürsten kam vorgestern ein wertvoller Kris abhanden. Nach Lage der Sache konnte er nur von fünf Personen, sagen wir, gefunden worden sein. Ich ließ diese fünf überwachen und ermittelte, daß einer von ihnen gestern früh eine lange Unterredung mit Dongsa hatte. Ihr Eintreffen bot mir willkommenen Anlaß, die Villa zu betreten.« »Und haben Sie irgend etwas bemerkt? Sie brauchen nicht zu antworten, wenn die Frage indiskret erscheint.« »Ihre Gespenstergeschichte bringe ich mit irgendeiner geplanten ungesetzlichen Handlung in Zusammenhang.« »Also glauben Sie daran? Sie lächelten heute früh so skeptisch.« »Letzteres gehört zu meinem Berufe. Im übrigen glaube ich alles, was Sie uns über die Geistererscheinung erzählten. Bestärkt wurde ich in dem Glauben durch das Benehmen des Chinesen, der zu geflissentlich eine Nachprüfung verhindern wollte. Nur bin ich mir noch nicht klar darüber, was man mit der Komödie bezweckt. Auch die sonst nicht übliche Aufnahme von zwei stadtfremden Europäern in der Villa muß einen besonderen Zweck haben, hinter den ich unter jeder Bedingung kommen muß.« »Das habe ich mir auch schon gedacht, vielleicht dient Ihnen noch eine andere Wahrnehmung, die ich machte, als Fingerzeig. Nur möchte ich heute noch nicht darüber reden.« Wir hatten inzwischen das gartenreiche Europäerviertel durchschritten und waren durch enge Gäßchen auf einen jäh zum Meere abfallenden Felsen getreten, der einen herrlichen Blick auf den alten portugiesischen Dom mit der Altstadt und über das tiefblaue Meer bot. Im Vordergrunde, dicht am Abhang, erhob sich ein weißer chinesischer Tempel, dessen emporgeschwungenes Dach unwillkürlich den Eindruck hervorrief, als sei dieses Wahrzeichen der gelben Rasse hier nur geduldet. Auch ein danebenliegender, mit Bäumen bewachsener Kaffeegarten schien nicht in dieses prachtvolle Bild zu passen, ebensowenig wie die zahlreichen Zopfträger, die hier bei einer Tasse Kaffe der Unterhaltung pflegten. Noch überlegten wir, ob wir uns an einem der Tischchen niederlassen sollten, als mich der Holländer am Arm berührte und mir einen dicken Chinesen zeigte, der inmitten einer Anzahl Landsleute eifrig debattierte. »Das ist Kü-schan, der reichste Chinese auf Timor, von den übrigen Chinesen kenne ich nur jenen Alten mit der Brille und Ihren Gastgeber Dongsa. – Sehen Sie, man hat uns bemerkt. Ob Dongsa uns an seinen Tisch holt? Die Landessitte erfordert das eigentlich.« Es geschah aber nichts dergleichen. Im Gegenteil, Dongsa beugte sich so tief über den Tisch, daß darin leicht eine Entschuldigung für das Übersehen gefunden werden konnte. Kü-schan selbst gönnte uns keinen Blick, als wir an dem Tische vorübergingen. Als wir den Garten durchschritten hatten, wandte sich Nottebohm noch einmal nach den Chinesen um, die indessen keine Notiz von uns zu nehmen schienen. Mein Gefährte aber rief: »Wißt ihr, wer dort mit am Tische sitzt? Der in der ganzen Bandasee als verwegener Schmuggler gefürchtete Kapitän Tschung-Li von Pasir auf Borneo. Donnerwetter, wenn die Holländer das wüßten!« «Ich gebe Ihnen den guten Rat, die Bekanntschaft hier nicht zu erwähnen. Der Mann ahnt sicher nicht, daß ihn in Kupang jemand kennt – außer seinen Geschäftsfreunden,« erwiderte unser holländischer Begleiter. »Weiß der Kapitän, wer Sie sind?« »Das glaube ich kaum, obwohl es mir unbegreiflich ist, wie Dongsa über mich so genau unterrichtet ist.« »Hm, das läßt allerdings darauf schließen, daß man Ihren Gastfreund auf Ihre Person aufmerksam gemacht hat. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn man mit bestimmten Anträgen an Sie herantreten würde.« »Was für Anträge könnten das sein?« »Das weiß ich nicht. Ich möchte Ihnen in solchem Falle allerdings raten, sie anzunehmen, wenigstens zum Schein. Andernfalls könnte es Ihnen das Leben kosten, vergessen Sie nicht, daß Kü-schan im malaiischen Archipel allmächtig ist. Was er sich vornimmt, setzt er durch. Je mehr ich über alles, was Sie mir erzählten, nachdenke, komme ich zu dem Schlusse, daß er zu irgendeinem Zweck unbewußte Helfer benötigt, die den Behörden auf Timor, oder einer andern Insel, noch nicht bekannt sind. Das ist wenigstens die einzige Erklärung, die ich für das zuvorkommende Verhalten Ihres Dongsa finde.« »Dazu werde ich mich natürlich nicht hergeben,« erwiderte Nottebohm. »Es sei denn, daß die Geschäfte einwandfrei sind.« »Es wird nicht leicht sein, das von vornherein zu beurteilen,« antwortete der Holländer. »Jedenfalls seien Sie vorsichtig und zeigen Sie vor allen Dingen kein Mißtrauen.« Der Holländer trennte sich am Gartentor von uns. Er versprach, uns am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang zu einem Ritt in die Umgebung abzuholen. Dongsa ließ sich während des ganzen Tages nicht blicken. An seiner Stelle leitete ein anderer Chinese unsere Diener und Dienerinnen. Die Bewirtung war wiederum eines Fürsten würdig. Nach dem Essen blieb uns noch eine Stunde bis Sonnenuntergang. Die Zeit hätten wir gern der Besichtigung des Parkes und seiner nächsten Umgebung gewidmet. Die Anlage schien ein gärtnerisches Kunstwerk zu sein. Nottebohm äußerte dem Chinesen diesen Wunsch, der ihn sichtlich in Verlegenheit setzte. »Tuwán Dongsa ist nicht anwesend. Ich bin leider nicht ermächtigt, eine solche Erlaubnis zu erteilen,« entgegnete er. »Wenn die Damen im Garten sind...« »Ah, ich verstehe!« rief Nottebohm. »Der Herr Dongsa ist Mohammedaner. Dann allerdings verzichten wir. Der Park des Radja ist doch offen für jedermann?« »Jetzt nicht mehr,« beeilte sich der Chinese hinzuzufügen. »Es wird bald dunkel, dann schließt man.« »Na, dann bleibt uns nur ein Bummel durch die Stadt,« sagte ich, meinen Hut aufstülpend. Aber auch das schien dem Vertreter unseres Gastgebers nicht zu passen, Er fand wieder eine Ausrede: »Ich habe Befehl, den Herren jede Art Zerstreuung zu beschaffen. Befehlen die Herren Musik, Tänzerinnen oder eine Lustfahrt auf dem Meere... ?« Wir lehnten ab. Gleichzeitig empörte sich unser Inneres gegen diese Bevormundung. Ich bat Nottebohm, dem Chinesen zu verdolmetschen, daß wir morgen unsere Reise fortzusetzen beabsichtigten. Der Holländer würde schon Rat wissen. Zu unserer Verwunderung nahm er die Mitteilung ohne jede Überraschung entgegen. Er entfernte sich unter höflichen Verbeugungen. Die erbetenen Erfrischungen würden uns die Diener bringen. »Was für ein Kerl war jetzt das wieder?« fragte Nottebohm, als wir auf der Veranda unsern Kaffee schlürften. »Ein Chinese war es nicht. Nicht einmal ein Mischling. Malaiisch spricht er mit einem Akzent wie... na, wie etwa ein Schwabe. – Donnerwetter, ich glaube, das ist ein Deutscher! Den hat Dongsa geschickt, um uns auszuhorchen.« »Bah, dann reden wir englisch oder französisch, wenn wir uns Dinge mitzuteilen haben, die nicht für jedermanns Ohren bestimmt sind.« »Hilft nichts, lieber Freund. Wenn es ein Landsmann ist, versteht er auch die Sprachen ... Was beginnen wir übrigens jetzt?« »Briefe schreiben!« erwiderte ich. »Sollten wir vor dem Postdampfer von hier fortkommen, dann besorgt sie unser holländischer Freund.« Das Schreibmaterial mußten wir von unserm Gastfreunde erbitten. Kaum war der Schlag auf den Gong verklungen, da stand ein Diener vor uns. Wo dieser sich aufgehalten hatte, blieb uns ein Rätsel. Ebenso rasch war auch unser Befehl ausgeführt. Es kam uns vor, als kenne man im voraus unsere Wünsche. Die Nacht verlief ohne Störung. Eine Stunde vor Sonnenaufgang nahmen wir unser Bad und legten die Gamaschen an. Von dem beabsichtigten Ritt hatten wir kein Wort unter uns fallen lassen. Wir befahlen dann das Frühstück. Der Diener, der wohl über alles, was wir unternahmen, Bericht erstatten mußte, wagte die Frage, ob er mehrere Gedecke auflegen solle. Auf die verneinende Antwort sagte er zögernd, daß Taban erst um sieben Uhr kommen würde. – Da in diesem Augenblick Aufschläge von der Straße her hörbar wurden, rief Nottebohm aus: »Dann verzichten wir auf das Frühstück. Es wird wohl ein Wirtshaus in Nupang geben, in dem wir eine Tasse Naffee bekommen können.« Mit den Worten verließen wir das Haus und gingen zum Gartentor, wo der Holländer mit drei Pferden und einem berittenen Diener harrte. »Das Tor ist noch geschlossen,« rief er. Zu dem uns folgenden Diener gewendet, verlangte er Einlaß. Doch dieser zuckte nur die Achseln und sprudelte eine Flut von malaiischen Worten hervor. »Das werden wir gleich haben!« sagte ich, Nottebohm winkend. »Klettern wir 'rüber. Wir haben in den letzten Wochen ganz andere Kunstleistungen vollbracht.« Über die entsetzte Miene des Dieners, als er seine Schutzbefohlenen auf dem Wege seiner Obhut entgleiten sah, mußten wir noch lachen, als wir schon im Sattel saßen und in den prachtvollen Morgen hinausritten. »Dongsa und Rü-schan hatten gestern abend eine lange Unterredung mit meinem Radja,« sagte der Holländer später. »Leider konnte ich noch nicht erfahren, um was es sich handelte. Vielleicht sucht man ihn gegen mich zu beeinflussen, denn mein Verkehr mit Ihnen scheint nicht im Rahmen ihrer Pläne zu liegen. – Es mag auch sein, daß man über den Kris gesprochen hat.« »Ah, der Kris!« rief ich. »Darüber kann ich Ihnen vielleicht einen Anhaltspunkt geben. Ich erwähnte das gestern schon.« Nun erzählte ich unserm neuen Freunde, was mir aufgefallen war, als Taban Nottebohms Reisesack von der Stelle rückte. Letzterer lachte. »Haben Sie immer noch Gespenster im Kopf? Betrachten Sie lieber die herrliche Aussicht auf das Meer und die goldüberzogenen Inseln. Da vergehen Ihnen die Phantasiegebilde.« Der Holländer hingegen zog sein Gesicht in ernste Falten. »Jetzt kann ich mir die Geschichte zusammenreimen,« sagte er. »Man hat es zunächst auf Sie abgesehen, Herr Nottebohm. Sie sollen in Küschans Stab aufgenommen werden. Man weiß, daß Sie die Sprachen verstehen und mit Land und Leuten vertraut sind. Sie genießen den Ruf eines tüchtigen Kaufmannes und sind Deutscher ....« »Lesen Sie das alles aus der Gespenstergeschichte heraus?« fragte Nottebohm belustigt. »Allerdings. Und ich will Ihnen auch die Auslegung derselben nicht vorenthalten. – Der ›Geist‹ war Taban, der in der Nacht den gestohlenen Kris in Ihr Gepäck schmuggeln sollte. Da er gestört wurde, ließ er ihn fallen. Bei den Nachforschungen nach dem Wertstück – ich sagte Ihnen bereits, daß die Spuren in das Landhaus führen – hätte Dongsa die Waffe in Ihrem Gepäck gefunden, und nun waren Sie ihm auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert. Sie wissen, daß man hier mit dem Strick rasch bei der Hand ist? Was hätten Ihnen alle Beteuerungen genützt? Das corpus de1icti zeugte gegen Sie. Und Dongsa hätte Sie vor die Wahl gestellt, entweder – oder.« »Aber, bester Herr Bruinsma, das ist ja der reinste Schauerroman, den Sie uns da auftischen. Da wäre es doch einfacher für Dongsa gewesen, wenn er mich gleich gefragt oder mir ein Anerbieten gemacht hätte.« »Nun, das kommt vielleicht noch. Er konnte vorher nicht wissen, daß Taban der Streich nur unvollkommen gelang. Ich bin übrigens noch gar nicht so sicher, daß der Kris des Radja zu dieser Stunde nicht doch in Ihrem Gepäck liegt.« »Donnerwetter, das will ich nicht hoffen! Das wäre eine nette Bescherung,« rief Nottebohm, nun ernstlich beunruhigt, aus. »Am liebsten kehrte ich gleich wieder um.« »Nun, jetzt haben Sie nichts mehr zu fürchten, nachdem ich unterrichtet bin,« erwiderte der Holländer. »Ich bin nur froh, daß ich von Ihren Wahrnehmungen Kenntnis erhielt. Das vereinfacht die Sache bedeutend.« »Man wird Taban oder Dongsa einsperren,« warf ich ein. »Das wird leider Kü-schan verhindern. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich dem Radja von der Entdeckung sprechen soll. Ich fürchte, ich bringe Sie beide damit in schwere Lebensgefahr. Wenn Sie erst die Insel hinter sich haben, ist immer noch Zeit dazu. Wohin gedenken Sie übrigens von hier aus zu reisen?« »Ich will nach Allor. Nottebohm hat auf Celebes Geschäfte.« »Hm, Allor ist in Händen Kü-schans. Die Alloresen sterben für ihn, wenn es sein muß. Da sind Sie leicht erreichbar. Und Celebes? ... Na, es macht den Radja nicht arm, wenn er den Kris nicht wiederbekommt.« »Können Sie uns nicht zu einer Uberfahrtsgelegenheit nach Allor verhelfen?« fragte ich. »Drei Wochen, bis zur Ankunft des Dampfers, halte ich es bei Dongsa nicht mehr aus. Er müßte uns denn unbeschränkte Freiheit lassen.« Bruinsma schüttelte den Kopf. »Die Dschunken gehören fast alle Kü-schan. In einer Prau können Sie die Reise nicht machen. Sie brauchen mindestens fünf Tage dazu, vielleicht auch mehr. Die kleinen Küstendampfer, die sehr unregelmäßig Kupang anlaufen, kommen meist von Allor und gehen von hier nach Savoe und Sumba. Der Postdampfer ist das einzige Mittel ... doch halt!« unterbrach er sich. »Wenn Sie es möglich machen könnten, auf dem holländischen Zollkutter hinüberzufahren. Sie haben ja einen Regierungspaß!?« »Der hilt aber nur für mich. Nottebohm wird keinesfalls mitfahren dürfen. Und ohne ihn reise ich nicht, wenn die Dinge so liegen.« Wir hatten unterdessen die Stadt in ihrer ganzen Ausdehnung umritten und befanden uns vor einem prächtigen Park, aus dessen Grün ein weites, vornehm gebautes Herrenhaus hervorschimmerte. »Das ist Kü-schans Wohnhaus. Der Park zieht sich über die beiden Hügel bis an das Meer. Dort in einer kleinen Bucht liegt sein Dampfboot immer abfahrtbereit. Auf jener Seite schließen sich noch ein paar kleinere Landhäuser an; eines davon bewohnen Sie jetzt.« »Also sind wir eigentlich Gäste Kü-schans? Dann gehört es sich, daß wir ihm einen Besuch machen, Nottebohm.« »Respektieren Sie lieber sein Inkognito, bis sich die Dinge geklärt haben. Er zeigte gestern deutlich, daß er nichts von Ihnen wissen will.« Unwillkürlich waren wir in langsamer Gangart an der Besitzung vorbeigeritten. Dann und wann zügelten wir auch unsere Pferde, um Bemerkungen über besonders prächtige Anlagen auszutauschen. Da öffnete sich plötzlich vor uns ein kleines Tor in der Mauer, aus dem ein reichgekleideter Chinese trat und uns in fließendem Holländisch zum Eintritt in den Park aufforderte. Er würde uns führen. Mit einem Blick las ich in den Augen meiner Begleiter die Ablehnung. Ich nahm daher das Wort und sagte: »Wir danken herzlichst für die freundliche Einladung. Augenblicklich ist es uns leider nicht möglich, sie anzunehmen, wir sind Gäste des Herrn Bruinsma, und außerdem« – ich deutete auf unsere bestaubten Kleider – »möchten wir in diesem Anzüge nicht das Besitztum betreten, wenn Sie uns für eine andere Stunde die Erlaubnis erteilen wollen, so werden wir es uns zur Ehre anrechnen ....« »Die Herren sind jederzeit willkommen. Dieses Tor wird für Sie immer geöffnet sein.« Der Chinese kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und ging ohne weiteres in den Park zurück. »Wer ist das?« war unsere erste Frage. Der Holländer zuckte die Achseln und richtete die Frage an seinen Diener. »Der Bruder des reichen Kü-schan,« lautete die Antwort. »So, den kannte ich noch nicht. Es ist merkwürdig, daß er ihn meinem Radja noch nicht vorgestellt hat. Und wie gut der Mann unsere holländische Spracht beherrscht. Ob der Bruder echt ist?« Ich konnte mich nicht enthalten, über diese letztere Äußerung eine Bemerkung zu machen, indem ich darauf hinwies, daß Kü-schan sich keiner besonderen Achtung seitens unseres neuen Freundes zu erfreuen schien. «Ich persönlich halte ihn jeder Schandtat für fähig. – Leider ist er zu schlau und zu reich, um sich auf einer Gesetzwidrigkeit ertappen zu lassen. Dafür müssen seine Leute den Kopf in die Schlinge stecken.« Bei unserer Rückkehr empfing uns Dongsa in gewohnter Liebenswürdigkeit. Eine reichgedeckte Tafel erwartete uns. Da vier Gedecke aufgelegt waren, luden wir auch unsern Holländer ein. Er lehnte jedoch ab, versprach aber zum Nachtisch zurückzukehren. Als er gegangen war, trat aus einem der bisher verschlossenen Zimmer ein neuer Gast. Jener Mann, den Nottebohm gestern als den gefürchteten Kapitän Tschung-Li bezeichnete. Er war heute europäisch gekleidet. Nur das Käppi, das den Zopf verbarg, deutete auf seine Nationalität. Nach den ersten schwülstigen Redensarten begann der neue Gast das Gespräch: »Ich glaube Sie schon früher gesehen zu haben, Herr Nottebohm. Sie waren Einkäufer bei dem Hause Reis \& Comp., nicht wahr?« »Allerdings Herr ...« – »Tschung ist mein Name. Kaufmann aus Makassar!« Beinahe wäre meinem Freunde ein unbesonnenes Wort entschlüpft. Er besann sich aber rechtzeitig und sagte, nach den üblichen Schmeicheleien: »Ich beabsichtige jetzt in meine Heimat zurückzukehren und dort meine Kenntnisse der Sunda-Inseln nutzbringend zu verwerten. Der nächste Dampfer schon wird mich unter seinen Fahrgästen finden.« »Das bedauere ich lebhaft. Ich dachte Sie für eine mir nahestehende Firma auf Borneo gewinnen zu können. Wir stehen in regem Verkehr mit Ihrer früheren Firma, das heißt mit der Niederlassung in Soerabaya. Würden Sie sich nicht überreden lassen, die Stellung anzunehmen? Die Bezahlung ist glänzend, die Stellung unabhängig.« »Wie heißt die Firma und wo ist ihr Sitz?« fragte Nottebohm, dem ich unter dem Tische einen leisen Stoß mit dem Fuße versetzt hatte. Wir fühlten beide, daß jetzt die Lösung des Rätsels kommen würde. »Es ist ein spanisches Haus. Mayol hermanos . Sie kämen für die Niederlassung in Pasir in Betracht.« »Das Haus ist mir bekannt. Soviel ich weiß, ist der Inhaber ein Malaie?« »Einer der Inhaber, ja. Die beiden Brüder Mayol leiten das Haus in Manila. Für die Zweigstelle in Pasir suchen wir – ich meine die Firma – eine geeignete Persönlichkeit, die mit den Verhältnissen vertraut ist.« Nottebohm spielte den Unentschlossenen. Er blickte sinnend auf seinen Teller und schüttelte wie unbewußt den Kopf. – Nun griff Dongsa ein: »Das wäre eine Gelegenheit zu Gegendiensten,« sagte er lächelnd. »Ich habe ebenfalls ein Interesse an den Geschäften der Firma.« Mein Kamerad blickte mich an und sagte zögernd: »Es wird mir schwer, eine Antwort zu geben. Am liebsten ginge ich nach Deutschland zurück ... Aber lassen Sie mir Zeit bis morgen. Ich will es mir bis dahin überlegen.« »Im zusagenden Falle müßten Sie morgen abend abreisen. Meine Dschunke ist segelfertig und wartet nur noch aus mich – und auf Sie.« »So schnell soll ich schon fort?« rief Nottebohm. »Das geht nicht! Ich will meinen Freund hier nicht allein lassen. Den müßten Sie bis Mataru mitnehmen.« »Wir laufen westlich von Flores durch die Sapi-Straße,« erwiderte Tschung. »Ein Umweg über Allor würde uns bei dem herrschenden Monsun zuviel Zeit nehmen. Ihr Freund wird Sie entschuldigen.« Die Ankunft des Holländers brach das Gespräch ab. Nach wenigen Höflichleitsminuten erhob sich Tschung und ging, von Dongsa begleitet, in den Garten. Da wir nicht wußten, über welche Sprachtenntnisse die anwesenden Diener verfügten, unterließen wir jede Bemerkung über die eben geführte Unterhaltung. Ich konnte Bruinsma nur noch die Worte ins Ohr raunen: »Die Bombe ist geplatzt«, was er mit einem vielsagenden Blick auf Nottebohm entgegennahm. Als Dongsa wieder eingetreten war, lenkte er die Rede auf den gestrigen Ausflug auf die Klippen vor Samaoe und sagte, zu mir gewendet: »Sie sollen ja dem Zollkutter gehörig imponiert haben,« sagte mir Laban. »Sie stehen wohl im Bunde mit den Holländern?« Die Frage sollte scherzhaft klingen, ließ aber die Neugier durchblicken. »Nein, nicht im geringsten. Ich zeigte dem Beamten meinen deutschen Paß, das war alles. Ich stehe wohl noch nicht auf der schwarzen Liste,« erwiderte ich lachend. »Man hat das Boot auch untersucht?« fragte er weiter. »Ja, der große bunte Kasten erregte die Neugier der Behörde. Ich werde nächstens einen so auffälligen Behälter zu Hause lassen.« »Im Gegenteil!« fiel Dongsa lebhaft ein. »Nun wo man ihn kennt, wird man Sie wegen des Kastens nicht mehr belästigen. Ich würde ihn erst recht mitnehmen.« »Warum sollte man mich belästigen? Ich versäume nichts, wenn mich der Kutter anhält. Und irgendeine verbotene Ware führe ich nicht.« »Sie haben doch den Revolver bei sich, wenn Sie auf das Meer hinausfahren? Auch die Waffe ist bei den Holländern verboten.« »Ich führe keine Waffe, wenn ich auf See spazierenfahre,« log ich, worüber Dongsa anscheinend besonders befriedigt war. Nottebohm, der während unserer Unterhaltung das Zimmer verlassen hatte, nahm jetzt wieder an unserer Tafel Platz. In gleichgültigem Tone fragte er mich: »Haben Sie sich an meinem Reisesack zu schaffen gemacht?« »Ich? Nein, fehlt etwas darin?« »Reden wir nicht weiter darüber. Die Sache ist nicht wichtig.« Wir erwarteten, daß Dongsa auf die Frage reagieren würde. Da das nicht geschah, fragte der Holländer: »Ist Ihnen etwas abhanden gekommen?« »Nein, nein. Nur der Verschluß ist nicht mehr so, wie ich ihn anbrachte. Es wird wohl durch Zufall geschehen sein. – Aber ich schlagt vor, wir machen einen Spaziergang durch den schattigen Park. Zum Ausgehen ist es zu heiß. Unser liebenswürdiger Gastfreund macht wohl den Führer?« Dongsa, den seit einigen Minuten eine lebhafte Unruhe befallen hatte, lehnte jedoch ab. Er versprach einen Diener zu senden, der uns führen würde. Kaum waren wir allein, da zog Nottebohm einen mit Juwelen besetzten Kris aus dem Gürtel und reichte ihn Bruinsma. »Hier, lieber Freund, nehmen Sie das Stück an sich. Verlieren wir kein Wort darüber, solange ich noch hier bin.« »Werden Sie das Angebot des Schmugglers annehmen?« »Ja. Ich reise morgen abend mit der Dschunke ab. Ich gebe Ihnen aber mein Wort, daß der Kerl und seine Spießgesellen hängen sollen, sobald ich sie auf verbotenen Wegen ertappe. Herr Bruinsma, als Holländer, wird mich bei seinen Landsleuten rechtfertigen, wenn es soweit ist.« Am nächsten Morgen unterschrieb Nottebohm einen glänzenden Vertrag mit dem Handelshause Mayol hermanos in Manila. Er geriet dadurch in die Gemeinschaft der gefürchtetsten Schmugglerbande, die je den malaiischen Archipel unsicher machte. »Nun ist die Reihe an Ihnen,« sagte mir Nottebohm beim Abschied. »Ich bin begierig auf Ihren Bericht über den weiteren Verlauf der Dinge. Herr Bruinsma wird Sie übrigens in seinm geheimpolizeilichen Schutz nehmen.« Ich behielt die Zimmer im Landhause bei. Dongsa leistete mir bei jeder Mahlzeit Gesellschaft und blieb, bis der Holländer zum Nachtisch erschien. Über den Kris wurde kein Wort mehr gesprochen. Bruinsma bewahrte Stillschweigen in meinem Interesse und Dongsa hüllte sich ebenfalls in undurchdringliches Schweigen. – Dafür wurde Laban um so gesprächiger. Eine Unterhaltung zwischen ihm und mir war zwar nicht möglich, da ich nicht malaiisch und er wenig holländisch sprach. Der Holländer aber mußte um so mehr den Redeschwall über sich ergehen lassen, wobei er eine Engelsgeduld an den Tag legte, die ihm meine Bewunderung eintrug. »Ich warte nur darauf, daß er sich einmal verplappert, dann wird ihm das Handwerk gelegt,« erwiderte er darauf. Dongsa ging bereitwillig auf meinen Wunsch, mir eine Prau zu weiten Ausflügen zur Verfügung zu stellen, ein. Ich wollte die Fauna der wenig bekannten kleineren Eilande erforschen, vor allem das nahe Savu (Savoe) und die sich westlich an Timor anschließende Rotti-Insel. Dazu brauchte ich jedoch einen Begleiter, der neben dem Holländischen auch das Liplap beherrschte. Ich hätte mich sonst mit den Eingeborenen der Inseln nicht verständigen können. Dongsa warnte mich vor dem Eindringen in das Innere jener Felsennester, indem er darauf hinwies, daß sich die dort wohnenden Stämme jedem Europäer, aber auch jedem Malaien gegenüber feindlich stellten. Er empfahl mir Chinesen mitzunehmen. Bruinsma, der bei der Unterredung zugegen war, versprach mir einen Timoresen mitzugeben, der sowohl meine, als auch die Sprache der Boeginesen imstande wäre zu übersetzen, dann könnte ich ohne weitere Sorge sein. Als ich die Prau betrat, fiel mein Blick zunächst auf den farbigen Kasten, der recht vordringlich über die Bordswand schaute. Ich wollte gegen Mitnahme des Möbels Protest einlegen, aber schon faßte der Wind das Segel und das scharfgebaute Fahrzeug durchschnitt pfeilschnell die Wellen. Als wir in die Rotti von Timor trennende Meerenge einbogen, wollte der Steurer mit Südwestkurs an der Küste der Rotti-Insel entlang segeln. Mir war aber darum zu tun, mich zuerst über die Meinung der holländischen Behörden zu vergewissern, und das konnte ich nur bei dem Zollposten auf der Halbinsel Handu tun. Ich befahl daher dem steuernden Chinesen, das Boot auf Nordkurs zu legen. Dieser tat jedoch, als habe er meine Worte nicht verstanden und behielt Kurs. Nun ersuchte ich Jao, den timoresischen Dolmetscher, um seine Vermittlung. Zu meinem Erstaunen antwortete aber der Chinese in gutem Holländisch: »Ich habe das zu tun, was mir Dongsa vorschrieb, sonst nichts!« »So – und was sagte dir Dongsa?« »Daß ich zum Cyrushafen segeln soll. Dort ginge der Herr an Land.« »Sieh mal an! Und du glaubst, ich würde das tun? Warte nur. Ich zeige dir, wer hier Herr ist. Wirst du sofort den Nordkurs steuern?« Ein geringschätziges Lächeln war die Antwort. Er rührte keine Hand. Nun sprang ich neben ihn und warf das Segel los, das ratternd niederfiel. Mit der andern Hand griff ich in den Gürtel und brachte die Mündung des Revolvers an den Kopf des Chinesen. »Wirst du meinen Befehlen gehorchen oder nicht? Schau dir den Hai an, der wartet schon auf dich.« Der Chinese rutschte von der Bank und flehte um Gnade. Er müsse den Vorschriften seines Herrn gehorchen, sonst kostete es ihm das Leben. Er dürfe mich nur in der Cyrusbucht an Land setzen. Jetzt legte sich der Timorese ins Mittel. Auch er protestierte dagegen und rief: »Kennst du überhaupt die Cyrusbucht? Weißt du, wie weit sie von hier noch entfernt liegt?« »Der Patron sagte mir nur, ich solle so lange an der Küste entlang fahren, bis ich eine weiße Flagge wehen sähe. Dort sei die Cyrusbucht.« »Nein, guter Freund. Ich kenne zufällig Rotti sehr genau. Vor morgen früh können wir den Hafen niemals erreichen, und ich habe keine Lust, in der Prau zu übernachten. Kehren wir lieber nach Kupang zurück. Die Strömung nimmt uns ohnehin wieder mit nach Norden.« Gegen Abend erreichten wir wieder die Klippen, die den Polypen beherbergten, und wiederum hielt uns das Wachtschiff an. Meine Papiere bewahrten mich auch diesmal vor der Untersuchung des ominösen Kastens, obwohl ich es dem Zolloffizier anbot. Mit ungeheucheltem Erstaunen wurde ich von Dongsa empfangen. Ich fiel auch gleich mit der Türe ins Haus und erklärte ihm mit aller Bestimmtheit, daß ich unter keiner Bedingung mehr in ein Boot ginge, das nicht ohne jede Einschränkung unter meinen Befehl gestellt würde. Dabei schilderte ich den Vorfall. Wie ich erwartete, schob er alles auf den Chinesen. Der habe seine Angaben falsch verstanden. Er habe zwar die Cyrusbucht genannt, aber nur, weil er gehört hätte, daß dort ein geeigneter Anlegepunkt sei. Im übrigen kenne er die Insel nicht. Sehr unangenehm war ihm die Mitteilung, daß ich eine Waffe bei mir hatte. »Wenn die Holländer das gesehen hätten, säßen Sie jetzt nicht hier,« fügte er hinzu. »Im Gegenteil. Ich sagte den Zolloffizieren offen, daß ich bewaffnet sei und erzählte ihnen auch den Zwischenfall mit dem Steuerer.« »Von der weißen Flagge sagten Sie nichts?« fragte er hastig. »Das weiß ich nicht einmal – es kann aber sein.« Mein Gastfreund blieb den ganzen Abend über bei mir. Wahrscheinlich wollte er verhindern, daß ich Bruinsma aufsuchte. Den hatte ich aber schon durch den Timoresen Ioa benachrichtigt und ihn für den nächsten Morgen gebeten. Ohne daß ich dahingehende Wünsche äußerte, suchte Dongsa mich zu bestimmen, am folgenden Tage den Ausflug zu wiederholen. Er wolle mir einen andern Steuerer mitgeben und diesem in meiner Gegenwart einschärfen, daß er nur mir zu gehorchen habe. – Da ich nicht wußte, wie ich anders die Zeit totschlagen konnte, willigte ich ein – mit dem stillen Vorbehalt, selbst zu steuern. Daß am nächsten Morgen Bruinsma mit Ioa erschien, war Dongsa gar nicht angenehm. Ich erzählte am Kaffeetisch ausführlich mein Abenteuer und vergaß dabei auch die weiße Flagge nicht, deren Erwähnung meinem Gastgeber augenscheinlich am meisten auf die Nerven ging. Im Boot erwartete mich ein anderer Steuerer. Wieder ein Chinese. Auch der buntbemalte Kasten stand wieder da, obwohl ich ein anderes Boot erhielt. Ich teilte dem Holländer meinen Verdacht mit, daß diese Beigabe sicher einen ganz bestimmten Zweck verfolgte. – Beinahe traf ich damit das Richtige. Kaum waren wir aus der Brandung, da trat ich neben den Steuermann und befahl ihm nach vorn zu gehen, ich würde selbst steuern. Nach einigem Zögern gehorchte er widerwillig. Ich änderte nun den Kurs. Statt wie gestern in die Rottistraße zu segeln, brachte ich das Boot auf den andern Bug und lief mit der Strömung nach Osten. Vor dem Hafen von Kupang führte ich einige Kreuzfahrten aus, damit die Aufmerksamkeit etwaiger Interessenten auf die Prau mit dem von der Sonne grell beschienenen Kasten gelenkt wurde. Ich hielt dann auf die Ostspitze der Samaoe-Insel zu, die ich umschiffte, und lief nun vor dem Winde nach Westen. – Kurz vor der Rottistraße hielt uns wieder ein holländisches Wachtschiff auf. Das dritte schon, ein Beweis, daß die Schiffer von Timor in keinem guten Ansehen standen. – Auf die Frage des Beamten, wohin die Fahrt ginge, nannte ich ihm die Rotti-Insel. Gleichzeitig bot ich ihm meine Papiere an. Dieser Herr, ein Farbiger, war jedoch nicht so höflich wie seine Vorgänger. Er befahl kurz beizudrehen und sandte einen Matrosen in unsere Prau, der sich sofort des Steuers bemächtigte. Mit geheimer Freude gewahrte ich, daß mein Chinese wie auf einem glühenden Roste saß. Zwei Stunden später liefen wir in eine kleine Bucht ein, die unbewohnt schien. Nichts am Strande deutete auf menschliche Behausungen, und doch barg sie, hinter Bäumen versteckt und in der Farbe der Felsen gehalten, ein geräumiges Bauwert. Eine Art Kaserne. Die holländische Wachtstation Landu. Als ich an der Seite des Matrosen unter die Veranda trat, tönte mir ein frohes Lachen entgegen. Die beiden Offiziere, deren Bekanntschaft ich bereits gemacht hatte, kamen mir entgegen und riefen: »Na, Herr Naturforscher, sind Sie endlich erwischt worden? Als ich gestern von Ihnen hörte, dachte ich gleich, daß Sie beim dritten Versuche aufgegriffen würden. Was schmuggeln Sie eigentlich, Opium?« Ich wußte nicht recht, war es Ernst oder Scherz. Jedenfalls nahm ich die Sache von der humoristischen Seite und erwiderte ebenso heiter: »Nichts dergleichen, meine Herren. Nur Insekten. Ich komme nach Rotti, um mir einige hundert geflügelte Blutsauger zu fangen, die ich in Europa ausstelle. Man lernt dann die Unannehmlichkeiten des Dienstes der holländischen Offiziere in Indien besser würdigen.« »Herr, machen Sie keine Witze!« fiel nun der eine in barschem Tone ein. »Ihre Sache steht sehr ernst. Wir haben Sie nun zum dritten Male in Booten betroffen, die wir als Eigentum von Schmugglern kennen. Auch ihre Mannschaft ist uns bekannt – und was soll der auffällige Kasten? Dient der etwa zur Irreführung unserer Beamten? Herr, dann täuschen Sie sich!« Nun konnte mich nur die offenste Aussprache retten. Ich bat den Offizier, nnt mir in seine Amtsstube zu treten und dort meinen Bericht zu Protokoll zu nehmen. Ich schilderte ihm wahrheitsgetreu, wie wir in das Haus des Chinesen Dongsa gekommen und was sich dort alles ereignet hatte. Auch von Nottebohms Engagement und dessen Verdacht erzählte ich. Der Beamte unterbrach mich mit keinem Worte. Endlich fragte er: »Bruinsma kennt Sie?« Und als ich bejahte, wollte er wissen, wer Dongsa sei. Er kenne auf Timor einen Mann des Namens, aber der könne kein Haus sein eigen nennen. Dessen vermögen sei gleich Null. – Von Kü-schan hatte ich nichts erwähnt. Er kam nun auf meine Fahrten zu sprechen, wobei er wieder des farbigen Kastens Erwähnung tat. Er schien meine Erklärung, daß ich meine Sammelausbeute vor Nässe schützen müsse, als stichhaltig anzusehen, wenn ihm auch nicht in den Sinn wollte, daß ich der auffälligen Färbung des Behälters keine besondere Bedeutung beilegte. »Wir von der Wasserpolizei müssen in jeder Abweichung vom Gewöhnlichen eine Falle wittern. Nehmen wir an, Ihr Kasten würde zehnmal untersucht und als harmlos befunden. Läge da nicht der Schluß nahe, daß die Polizei ihn fortan als einwandfrei unbehelligt ließe? Darauf baut der Schmuggler und stopft den Kasten das nächstemal voll Gewehrkugeln, auf die unsere Gebirgler hier schon lange warten.« »Einen ähnlichen Verdacht äußerte ich heute früh schon Bruinsma gegenüber,« erwiderte ich. »Es kann kein Zufall sein, daß der Behälter immer so frei und weithin sichtbar in der Prau steht. Irgendein Zweck muß damit verfolgt werden, ob das nun Schmuggel oder ein Signal ist.« »Donnerwetter, das kann auch sein! Man will unsere Aufmerksamkeit auf Ihre Prau lenken und während wir die untersuchen, landet eine andere in aller Ruhe Bannware an der Küste. Es laufen ja genug Fahrzeuge hier in den Gewässern herum. Herr, das will ich einmal ausprobieren!« Der Kapitän wurde ganz aufgeregt. »Bitte nicht so laut, Herr Kapitän. Draußen sind die Leute der Prau.« »Den Ioa kenne ich. Der hält's nicht mit den Schmugglern. Der andere ist ein Chinese und die verstehen unsere Sprache nicht.« »Täuschen Sie sich nicht!« erwiderte ich. »In den paar Tagen, die ich auf Timor weile, habe ich in der Beziehung viele Erfahrungen gesammelt. Es gibt dort unscheinbare Chinesen, die in allen Sprachen beschlagen sind. Nur lassen sie es nicht merken.« »Wie lange wollen Sie auf Rotti bleiben?« fragte der Kapitän nach einigem Nachdenken. »Ein paar Tage, denke ich. Ich wollte in das Gebirge, um meine Sammlungen zu bereichern.« »Sehen Sie sich vor. Die Eingeborenen lassen keinen Weißen in das Innere des Landes. Hier auf der Halbinsel können Sie ein paar Kilometer Wald am Strande durchstreifen, das ist aber auch alles. Haben Sie Waffen? – Ach ja – in dem Passe steht ja, daß Sie zum Tragen von Schießwaffen berechtigt sind.« »Ich habe natürlich den Revolver bei mir. Die Büchse wollte ich nicht mitnehmen, weil es hier nichts zu jagen gibt. Und dann fürchtete ich Unannehmlichkeiten von seiten Ihrer Behörde – trotz der Erlaubnis. Hätten Sie mich auch wirklich nicht beanstandet, dann wäre ich auf Timor in falschen Verdacht geraten.« »Sie wollten nicht als Freund der Holländer angesehen werden!« warf einer der Offiziere ein. »Ich wollte neutral bleiben. Es verträgt sich nicht mit meinem Berufe, der mich durch alle Länder der Welt führen soll, irgendeine Partei zu ergreifen. Ich achte stets die Gesetze der Gastfreundschaft des Landes, in dem ich gerade verweile.« Dunkelheit lagerte schon auf dem Meere, als mein Verhör beendet wurde. Mit dem Timoresen ging es rascher. Er bestätigte meine Angaben, soweit sie ihm bekannt geworden waren. Dann erschien ein farbiger Offizier, der den Chinesen ausfragte. Obwohl ich kein Wort von der Unterhaltung verstand, hielt man meine Anwesenheit doch wohl für nicht erwünscht. Man kleidete das in eine höfliche Form. Der Offizier erhob sich und deutete nach der Tür. »Sie werden nun doch wohl auf unserer Station übernachten müssen. Ich kann Ihnen aber nur einen Liegestuhl auf der Veranda zur Verfügung stellen, wenn Sie Ihre Decken zu Hilfe nehmen, werden Sie kaum schlechter schlafen als im Gasthofe irgendeiner unserer Inselstädte.« Ich nahm unter einigen Dankesausdrücken das Anerbieten an, verzehrte das mitgebrachte Abendessen, das ich mir aus dem beschlagnahmten Gepäck förmlich erbetteln mußte, und streckte mich dann zum Schlafe nieder. – Die ersehnte Nachtruhe aber sollte ich noch nicht finden. Eine Stunde später warf das Echo der Felsen das Heulen einer Sirene zurück. Vor der Einfahrt leuchteten die farbigen Seitenlichter eines Dampfers, der seinen Weckruf dringender ertönen ließ. Nun erschienen, aus dem Dunkel der Uferbüsche sich schälend, ein paar Matrosen, deren blanke Knöpfe Zollsoldaten erkennen ließen. Sie lösten hastig das große Boot von der Kette und ruderten eilig zu dem wartenden Dampfer hinüber, wo sie mit einer Flut von Vorwürfen empfangen wurden. Die Stille der Nacht, im Vereine mit dem Echo, ließ jedes Wort so deutlich verständlich werden, daß ich unschwer den Grund der nächtlichen Störung erfuhr. – Man hatte das Boot eines Schmugglers aufgegriffen, und der Dampfer brachte die Mannschaft gefangen ein. Es waren fünf Mann, die man, an eine Kette gefesselt, vorüberführte. – Ich betrachtete die Gestalten ohne besonderes Interesse, da mir die Dunkelheit die Gesichter verbarg. Und doch ging mich gerade dieser Gefangenentransport mehr an als ich ahnte. Die frische morgendliche Brise riß mich aus traumlosem Schlummer. Noch lag die nächtliche Stille rings um mich her auf Fels und Wald. Nur der wachhabende Matrose unterbrach mit seinen einförmigen Schritten die köstliche Ruhe der Natur. Da erhob ich mich von meinem Lager und schritt zum Strande, um in dem kühlen Salzwasser den Körper für den beabsichtigten Tagesmarsch neu zu stärken. Mit dem ersten Sonnenstrahl kehrte ich auf die Veranda zurück und warf sehnsüchtige Blicke auf den dampfenden Kaffee, den ein Aufwärter eben in das Wachzimmer trug. Bei seiner Rückkehr fragte ich ihn, ob ich für Geld und gute Worte nicht auch eine Tasse Kaffe haben könnte. Er zögerte mit der Antwort und warf einen Blick auf den in der Tür erscheinenden Offizier. »Eigentlich müßte ich die Haft aufrechterhalten, da Sie inzwischen als Verbrecher entlarvt sind. In Anbetracht Ihres Regierungspasses aber will ich Ihnen jede Vergünstigung zukommen lassen, die ich verantworten kann.« Da es derselbe Offizier war, der mich am Abend vorher schon angehaucht hatte, als ich seine Worte von der scherzhaften Seite nahm, so dankte ich ihm mit einfachen Phrasen und trat in das Zimmer. Während des reichhaltigen Frühstücks ließ einer der Offiziere – es saßen sechs an der Tafel – die Worte fallen: »Wir haben Taban gefangen!« Aller Augen hingen gespannt an meinen Zügen bei dieser Mitteilung. Man erwartete wohl, mich auf irgendeiner Gefühlsäußerung zu ertappen. Die Worte überraschten mich aber nicht im geringsten. Hielt ich den schlauen Malaien doch längst für den Spießgesellen der Schmuggler. Demgemäß fiel auch meine Antwort aus. Der Offizier aber fuhr fort: »Wir fanden in seinem Boote tausend Gewehrpatronen. Wissen Sie, wo er die versteckt hatte?« Mit ruhiger Miene antwortete ich: »Keine Ahnung! Ich kenne auch die Listen der Schmuggler zu wenig, um es raten zu können.« Er richtete sich auf und sah mich scharf an. Dann sagte er mit erhobener Stimme: »In einem buntgestrichenen Kasten! Dem Gegenstück zu dem, den Sie in Ihrem Boote mitführen!« Nun aber zeigte sich höchste Überraschung auf meinem Gesichte. Ein sehr natürliches »Donnerwetter« entfuhr mir und ich blickte mich um, ob ich nicht den Beamten im Zimmer sähe, mit dem ich am Abend vorher über die mutmaßliche Bedeutung des Kastens gesprochen hatte. – Der Blick wurde jedoch von dem mißtrauischen Offizier falsch aufgefaßt, denn er sagte höhnisch: »Seien Sie unbesorgt. Von hier gibt es kein Entrinnen!« Nun begann ich meine Ruhe zu verlieren. Ich faßte den Herrn scharf ins Auge und sagte mit Nachdruck: »Herr Leutnant, ich bin Deutscher. Im Militärverhältnis Offizier. Ich muß mir also jede Zweideutigkeit energisch verbitten. Ich weiß nicht, ob in Ihrer Armee der Geist unseres Offizierkorps herrscht, vermute es aber. Glauben Sie, daß sich irgendeiner Ihrer Offiziere dazu hergeben würde, für Geld eine ehrlose Handlung zu begehen?« Betreten blickten sich die Beamten an. Der Sprecher wurde rot bis in die Haarwurzeln und versuchte eine Abschwächung mit den Worten: »Unser Beruf verpflichtet uns zum Mißtrauen. Daher...« Ich ließ ihn nicht aussprechen, sondern erwiderte kurz: »Das mag manches entschuldigen. Ich suchte eben nur jenen Herrn, der das Verhör mit mir aufnahm. Er wird mir bestätigen, daß ich mich mit ihm über die Bedeutung des Behälters unterhielt und ihm sogar gewisse Mutmaßungen aussprach, die als Fingerzeige für Sie wertvoll sein können. – Bitte den Herrn zu rufen!« »Der Kapitän ist dienstlich abwesend,« erwiderte er. »wir erwarten ihn gegen Abend zurück. In bezug auf Sie hinterließ er, daß Sie sich frei bewegen könnten, doch sollten wir für Ihre persönliche Sicherheit, durch Mitgabe eines bewaffneten Matrosen, sorgen.« »Nun ja, das war verabredet. Haben Sie inzwischen Anklagepunkte gegen mich gefunden, die Ihnen die Zurücknahme des Befehls zur Pflicht machen?« »Die «Anbringung jenes Taban und seines Bootes! Sie werden zugeben, daß hier der Zufall merkwürdiges Spiel treibt.« »Das gebe ich zu, obgleich ich unangenehm davon berührt bin, daß man mich mit einem Subjekt, wie jenem malaiischen Schiffer, auch nur in einem Atem nennt! – Wenn Sie das gestrige Protokoll nachlesen, werden Sie wissen, daß ich ahnungslos in die mir gelegte Falle ging. – Ich bitte nun um die Erlaubnis, mich ins Freie zurückziehen zu dürfen.« Ein Hopfnicken als Zustimmung deutend, verließ ich das Zimmer und ging an den Strand hinunter, wo ich mißmutig das Spiel der Wellen betrachtete. Nach einigen Minuten folgte mir ein Soldat, der mit Seitengewehr und Karabiner bewaffnet war und sich mir für den Spaziergang zur Verfügung stellte. Eigentlich war mir die Lust dazu vergangen. Mich kränkte das Mißtrauen der Beamten, und wenn ich nur eine andere Art der Beschäftigung bis zum Abend gewußt hätte, wäre ich bestimmt im Bereiche des Wachthauses geblieben. Die Offiziere mochten inzwischen auch von ihrem Verdachte zurückgekommen sein. Ein sehr junger Leutnant kam zu mir heraus und fragte mich nach meinen Wünschen für das Mittagessen. Ich erwiderte brüsk: »Als Gefangener werde ich wohl die für diese Leute bestimmte Kost essen müssen.« Eine dunkle Röte überflutete sein Antlitz, und sichtlich kämpfte er gegen einen Zornesausbruch. Er bezwang sich aber und sagte in höflichem Tone: »Die Offiziere wären erfreut, Sie an ihrer Tafel zu sehen. Um elf Uhr werden Sie erwartet. Sie haben inzwischen Zeit, Ihren Spaziergang in Ruhe zu machen.« Ich nahm die Einladung an und ging, von dem Offizier und dem Soldaten begleitet, über einen Hof, der ein starkes Blockhaus, das Gefängnis, einschloß. In dem Augenblick erschienen Taban und mein Bootssteuerer, inmitten einer Eskorte, unter der Tür. Bei meinem Anblick zuckten sie überrascht zusammen. Sie glaubten, ich würde zur Hinrichtung geführt! Hinter dem Blockhause bezeichnete mir der Leutnant den Weg, der sowohl auf die Berge als an einer späteren Abzweigung wieder ans Meer führte. Er warnte mich dringend vor einem zu kühnen Vordringen in das innere Land, denn die Bewohner seien nicht nur Feinde der Weißen, sondern führten auch untereinander Krieg. – Zwar besäßen sie keine Feuerwaffen, aber ihre Pfeile verfehlten selten das Ziel. Der Weg stieg durch eine geröllhaltige Schlucht ziemlich steil aufwärts. Am oberen Rande des Einschnittes zeigte sich noch üppiger Baumwuchs, der sich, je höher wir stiegen, verlor. Kahles, rotes Gestein, auf dem wenige Kasuarinen, Gummibäume und Akazien ihr Dasein fristeten, fiel in schroffen Wänden zum Meere ab, das sich in donnernder Brandung an den Klippen brach. Vergeblich hatte ich mich bisher nach einem Lebewesen umgesehen, das mir in meiner Sammlung als Erinnerung an Rotti dienen konnte. Aber weder Käfer, noch Schmetterling noch andere Insekten wurden sichtbar. Wäre nicht ein einsamer Kakadu und ein Zug Krähen über unsere Köpfe geflogen, so hätte ich das Plateau für ausgestorben gehalten. – Nach halbstündiger Wanderung kamen wir an die beschriebene Abzweigung des Weges. Mein Soldat wollte hier zum Meere absteigen. Ich sah jedoch in der Ferne einen dichteren Pflanzenwuchs und vermutete dort einen Wald. Den wollte ich mir wenigstens noch ansehen. – Nur zögernd, und unter vielen »wenn« und »aber« ging er mit. Der Sicherheit halber fünf Schritt hinter mir. – Wenn er all die Schauermären von abgeschnittenen Köpfen und dergleichen wirklich glaubte, so war ihm sein Zögern nicht zu verdenken. Ich hatte in Borneo und auf Celebes die Erzählungen ähnlicher Art auf ihren Wert hin bereits geprüft. Der Wald entpuppte sich als ein schmaler Gürtel von Laubbäumen, nach dessen Durchqueren wir einen weiten Blick auf die Gebirge hatten. Man sah auf einzeln aufstrebende Kegel, auf messerartige Rücken und steile, schroff abfallende Abhänge. Durch das Glas erkannte ich auf den anscheinend unzugänglichsten Höhen bewohnte Häuser, die mit hohen Zäunen umgeben waren. Ein Beweis, daß hier tatsächlich jeder seines Nachbars Todfeind war. Rechts von unserm Aussichtspunkt senkte sich das Gelände ein wenig. Dort sah ich einen freistehenden Baum, in dessen obersten Ästen ein seltsam geformtes Nest saß. Mein Begleiter, der schon seit Jahren in den Inseln Dienst tat, glaubte darin einen Begräbnisplatz zu erkennen. – Den wollte ich natürlich kennenlernen. Als ich mich aber, unter lebhaftem Prolest meines Begleiters, dem Baume näherte, sah ich mich plötzlich vor einer sehr starken Pfahlmauer, die mit lebenden Dornen durchflochten war. Über die Umzäunung ragte das Satteldach einer großen Behausung. Grunzen von Schweinen ließ das Haus bewohnt erscheinen. Ich wollte nun auch die Bewohner in ihrem Heim sehen und beschloß, den Leuten einen Besuch zu machen. Um sie von meiner friedlichen Absicht zu überzeugen, ließ ich den Soldaten abseits warten, was dieser nur zu gern tat. – Da ich auf dieser Seite keinen Eingang fand, umging ich das Haus und näherte mich dabei auch dem Baume, auf dem sich, unter einem dachartigen Bambusgeflecht, eine im Becken zusammengeklappte, ausgedörrte Leiche befand. – Endlich fand ich ein ungeheuer massives Tor, das mit starken Balken kreuz und quer versteift war. Im Begriff, mich dort bemerkbar zu machen, hörte ich ein Klappern. Über dem Tore wurde eine Stange sichtbar, auf der ein abgeschlagener Kopf stak. Die auf mich gerichtete Spitze eines Pfeiles unterstützte die Warnung des Hausbesitzers. – Natürlich hielt ich mich nicht lange in der Nachbarschaft des menschenfreundlichen Bewohners auf. Den ersten Menschen sahen wir beim Abstieg an das Meer auf einer Klippe. Er hatte uns noch nicht bemerkt, und ich zog meinen Begleiter in ein Versteck, da ich den Eingeborenen gern in seinem freien Leben beobachten wollte. Es war ein gut gebauter, kräftiger Mann, der außer der von den Hüften zwischen den Beinen durchgezogenen Binde keinerlei Kleidung trug. Seine Hautfarbe war schokoladenbraun, das Haar schwarz, auf dem Hinterkopf in einen Knoten geschlungen. In der Hand trug er einen Bogen und ein Bündel Pfeile aus leichtem Rohr. Er war mit dem Fischfang beschäftigt. Von seiner Klippe aus konnte er die fischreichen Vertiefungen zwischen den Steinen gut einsehen. Jedesmal, wenn sich ein größerer Fisch nahte, schnellte der Pfeil von der Sehne. Der Fischer warf sich ins Wasser und verwahrte seine Beute in einer im Wasser hängenden Basttasche. Beim dritten Fisch mußten wir uns leider bemerkbar machen, da unsere Zeit abgelaufen war. Bei dem Geräusch fuhr der Wilde blitzschnell herum und hielt uns den gespannten Bogen entgegen. Ich hob sofort beide Hände und rief ihm einige Worte zu, worauf er die Waffe senkte und mit großen Sprüngen von Klippe zu Klippe davonlief. Gern hätte ich ihm seinen Bogen abgekauft. Er hörte aber auf unser Rufen nicht, sondern verdoppelte eher seinen Lauf. Das Essen im Wachthause verlief anfangs ziemlich bedrückt. Alle standen unter dem Eindruck der Szene vom Morgen. Keiner fand so recht den Ton, um die gesellschaftliche Ungezwungenheit wieder herzustellen. Ich war aber durch meinen Spaziergang wieder auf andere Gedanken gekommen und sah den Zwischenfall jetzt mit andern Augen an. Das ließ ich in meiner Unterhaltung durchblicken und brachte dadurch eine mehr kameradschaftliche Note in die Einzelgespräche. Sogar mein Widersacher, der stellvertretende Kapitän, taute auf und dehnte die sonst übliche Mittagspause bis in den Spätnachmittag aus. Kurz nach Einbruch der Nacht kehrte der Kapitän zurück. Jetzt erst bemerkte ich, daß Ioa, an den ich gar nicht mehr gedacht hatte, mit diesem weggefahren war. Nach dem Essen erfuhr ich auch den Grund seines Fehlens. Noch in der Nacht, kurz nach dem Einbringen von Taban und seinen Kumpanen, war er mit dem Kutter nach Samaoe aufgebrochen. Von dort ließ er Ioa nach Kupang hinüberrudern und Bruinsma um eine Unterredung bitten. Wie ich später von meinem holländischen Freunde erfuhr, handelte es sich in der Hauptsache um mich und meine Verbindung mit Dongsa, den Taban später ohne Skrupel verriet. Ich stand ernstlich im Verdachte des Waffenschmuggels, der in jener Zeit, unter Mißbrauch der Unkenntnis fremder Reisender, eben in neue Bahnen gelenkt werden sollte. Meine zufällige Bekanntschaft mit Bruinsma rettete mir das Leben. Die Offiziere zogen sich nach dem Abendessen zurück. Auch der Kapitän, der mir persönlich ein Bett in einem freigewordenen Beamtenzimmer anwies, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Da er mir beim Verlassen des Raumes eine gute Nacht wünschte und die Türe hinter sich zuzog, nahm ich an, daß mein Erscheinen auf der Veranda nicht mehr gewünscht wurde. Ich warf mich daher in den Liegestuhl auf der Galerie und ließ meinen Gedanken über das bisher Erlebte freien Lauf. Nach einer Weile begann es sich in den unteren Räumen zu regen. Feste Tritte ließen das Zimmer leicht erzittern. Soldaten mußten das sein, die dienstlich ab und zu gingen. Ein murmelndes Durcheinander von Stimmen ließ auf erregte Auseinandersetzungen schließen. Das dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann gellte ein Schrei durch die Wände. Der feste Tritt wurde neuerdings erkennbar und leitete mit seinem Ersterben die abendliche Stille wieder ein. Natürlich achtete ich auf jedes Geräusch, in der Hoffnung, irgend etwas erlauschen zu können, was mich über die geheimnisvollen Vorgänge zu unterrichten imstande war. Ich blieb jedoch auf meine Vermutungen angewiesen, die mir denn auch während eines großen Teiles der Nacht den Schlaf raubten. Immer trieb es mich wieder auf den Altan, der mir zwar nur ein Stück Himmel und die dunklen Umrisse einer jäh abfallenden Wand als einzige Aussicht gewährte, aber wenigstens den kühlen Luftzug der Seebrise nicht hinderte. Meine Uhr zeigte die zwölfte Stunde, als plötzlich neuerdings dumpfe Geräusche an mein Ohr drangen. Sie trieben mich wiederum auf den Altan. Kaum hatte ich das Geländer erreicht, da rollte eine Gewehrsalve durch die Nacht. Der Schall tat mir weh und ein Frösteln überlief mich .... Mit Sonnenaufgang bat mich ein Soldat zum Kapitän. Er empfing mich im Speisezimmer, reichte mir die Hand und sagte: »In einer Stunde möchte ich Sie nach Samaoe begleiten. Wenn Sie sich mit dem Bade etwas beeilen, nehmen wir noch ein gründliches Frühstück ein, denn vor Abend bietet sich kaum noch Gelegenheit zum Essen.« Erst als wir an Bord des Kutters waren, der mein Boot mit dem bunten Kasten im Schlepptau hatte, machte mir der Kapitän Mittelungen über die Vorgänge der letzten Tage. Der Fang des von Taban geführten Bootes war darauf zurückzuführen, daß ich, entgegen den Absichten der Schmuggler, mit meinem Fahrzeug die Insel östlich umsegelte. Von einem Versteck auf den Klippen von Samaoe aus sollte Taban, wenn die Wache meinen Kasten untersucht haben würde, die weitere Führung übernehmen, mich für kurze Zeit zum Verlassen der Prau auf den Felsen veranlassen, und dann nach Austausch der Kästen mit mir an der Westspitze von Rotti landen. Was dort mit mir beabsichtigt war, konnte der Kapitän nicht sagen, und so mußte ich mich wohl oder übel bescheiden. »Es liegt nun in unserm Interesse, daß Sie Ihre Fahrten zwischen den Inseln noch fortsetzen. Wir möchten unsern Fang noch einige Tage geheimhalten. Dagegen wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Gefangennahme und Freilassung durch unsere Küstenwache recht laut bekanntmachten. Natürlich dürfen Sie nur das erzählen, was Sie selbst gesehen haben ....« »Darf ich wissen, wo Taban mit seinen Leuten ist?« unterbrach ich. »Wenn Sie meine Antwort als streng vertraulich behandeln wollen, ja!« Ich versprach es durch Handschlag. Der Kapitän sah mir in die Augen. »Sie wurden in der vergangenen Nacht erschossen!« Obwohl ich längst davon überzeugt war, griff mich die Nachricht doch an. Nicht weil notorische Verbrecher von ihrer Strafe ereilt wurden, sondern weil ich nunmehr die Gastfreundschaft des Chinesen nicht mehr ohne Gewissensskrupel in Anspruch nehmen durfte. Wieder war es Bruinsma, der mir über die erste Verlegenheit hinweg half. Als meine Prau an der gewohnten Stelle hinter dem Garten des Radja den Strand berührte, kam mir der Holländer in Gesellschaft meines chinesischen Gastfreundes entgegen. »Wie bedauere ich es, daß Sie durch meine Schuld in so große Unannehmlichkeiten gerieten,« rief Dongsa mit übertriebener Höflichkeit. »Ich hätte das aber auch voraussehen sollen! Hoffentlich hat man Sie nicht gar zu hart behandelt, denn man mußte doch aus Ihren Pässen sehen, daß Sie mit den politischen Dingen auf den Inseln nichts zu tun haben?« »Nun, angenehm war es mir gerade nicht, als Verbrecher angesehen zu werden,« erwiderte ich. »Ich verschaffte mir aber durch mein Auftreten die nötige Achtung. Schließlich fiel auch mein Regierungspaß ausschlaggebend ins Gewicht. Allerdings erst, nachdem er irgendwo anders von einer höheren Stelle geprüft worden war.« »Saßen Sie in einem richtigen Gefängnis?« fragte Dongsa weiter. »Ich war in dem Wachthause interniert!« »Sahen Sie viele Gefangene?« Auf Dongsas Zügen wuchs die Spannung. »Nein. Ich glaube nur noch zwei. Das heißt, ich sah die Männer mit einem Soldaten über den Hof gehen Weiter sah ich nichts.« Da mir das Gespräch peinlich wurde, redete ich den Holländer an und bat ihn, mit mir irgendwo in der Nähe zum Essen zu gehen, da wir zum Landhause Dongsas, das im Europäerviertel lag, noch einen weiten Weg hatten. Bereitwillig führte er mich, nach kurzer Rücksprache mit Dongsa, in ein nahes chinesisches Speisehaus, wo wir in einer Ecke des Gartens Platz nahmm. Dem gebotenen Essen sprach ich mit wahrem Heißhunger zu. Mehr um den erwarteten Fragen einiger chinesischer Herren, die sich neben uns niedergelassen hatten, auszuweichen, als aus wirtlichem Bedürfnis. Derselbe Grund veranlaßte mich auch, unmittelbar nach dem Essen zum Aufbruch nach der Villa zu drängen. Immerhin mußte ich noch einigen höflich gestellten Fragen der Fremden nach meiner Behandlung durch die Holländer Antwort stehen. Auf meinen Wunsch verbrachte Bruinsma den Rest des Abends mit uns in dem Landhause. Ein plötzlich einsetzendes Gewitter mit schwerem Regen unterstützte dann mein Anerbieten, auch die Nacht bei mir zu bleiben. Dongsa schloß sich wider Erwarten meiner Bitte an. Er selbst aber verließ uns, trotz des Regens, noch vor Mitternacht. Von Taban war kein Ton gesprochen worden. Unsere Unterhaltung mußte sich um Dinge drehen, die jedermann hören konnte, denn die drei Diener hielten sich in unserer Nähe auf. Wegen des Unwetters konnten wir sie auch nicht ins Freie weisen. – Ich sprach von der Abreise. Der Zwischenfall mit den holländischen Behörden lag mir wirklich schwer in den Knochen, und ich war fest entschlossen, wenigstens Kupang zu verlassen und irgendeinen andern Ort auf Timor aufzusuchen, wo ich den Dampfer erwarten konnte. Das Thema spannen wir am andern Morgen am Kaffeetische in Dongsas Gegenwart weiter. »Der Dampfer läuft nur noch Deli an und das ist nur mit einer Dschunke zu erreichen,« gab Dongsa zur Antwort. »Bei dem herrschenden Winde ist es aber gar nicht ausgeschlossen, daß Sie Deli erst erreichen, wenn der Dampfer schon abgefahren ist. – Sie können also gerade so gut hier bleiben, bis er kommt. Es sind ohnehin nur noch acht Tage. Übrigens erfuhr ich gestern abend noch, daß übermorgen die Dschunke eines portugiesischen Kaufmannes nach Allor geht. Auf meine Fürsprache hin nimmt er Sie gern mit.« »Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung bis heute mittag,« bat ich. »Wie ich höre, liegen zwei Dampfer im Hafen. Ich werde mich bei denen erkundigen, ob sie mich an mein Ziel bringen können, denn, offen gestanden, die timoresischen Segler bringen mir kein Glück.« Die beiden Dampfer waren Australier, nach Singapore bestimmt, kamen also für mich nicht in Frage. Dafür erfuhr ich aber auf der Agentur des Küstendampfers, daß der erwartete »Landsberg« bei Amboina auf Grund saß. Ob und wann er flott würde, wußte kein Mensch, wohl aber war mit Sicherheit anzunehmen, daß ein Ersatzdampfer in den nächsten Wochen nicht zu erwarten stand. Die Nachricht traf mich hart. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Insel Allor zu besuchen, da man mir überall gesagt hatte, daß das Innere dieses Felseneilandes noch fast unbekannt wäre. Mehr wie acht Tage konnte ich ohnehin nicht darauf verwenden, weil ich auch noch einen Abstecher nach Neuguinea in meinen Reiseplan aufgenommen hatte. Dort lebte ein lieber Freund und Begleiter auf gefahrvollen Unternehmungen, der Inspektor der holländischen Forsten Hienfeldt. Mit diesem gedachte ich den Schauplatz unserer Entdeckungsreisen noch einmal zu besuchen. – Alle diese Pläne drohten zu Wasser zu werden, wenn sich der »Landsberg« wirklich verspäten sollte. Das Schicksal schien mich tatsächlich für eine Dschunkenreise bestimmt zu haben. Bruinsma war während meines Aufenthaltes auf der Agentur nicht untätig gewesen. Er hatte sich mit den in Kupang wohnenden wenigen Besitzern von Dschunken in Verbindung gesetzt, aber nur eine gefunden, die auf ihrer Reise die Kalabahibucht hätte anlaufen können. Gerade diese aber mußte ihre Ladung an der Westküste von Timor, in den Häfen Amanatong und Kailako einnehmen. Das konnte unter Umständen ebenfalls Wochen dauern und meine ganzen Pläne und Absichten vereiteln. »Es bleibt mir keine Wahl,« sagte ich endlich meinem Freunde. Ich muß das Anerbieten Dongsas annehmm. Ich möchte Sie aber dringend bitten, vorher Erkundigungen darüber einzuziehen, ob der Portugiese nicht auch schmuggelt. In dem Falle bleibe ich lieber hier oder fahre mit dem Australier nach Singapore.« Gegen Abend brachte mir Bruinsma beruhigende Nachrichten. »Man kennt den Portugiesen als einen jeder Politik fernstehenden Mann. Er lebt in geordneten Verhältnissen und verfrachtet nur eigene Waren. Allerdings hörte ich auch, daß die Dschunke, die übermorgen abend nach Allor und Wetter in See gehen soll, bis jetzt noch sehr wenig Ladung hat. Ob sie von den genannten Inseln Fracht holen soll, war nicht zu erfahren.« Die Auskunft Bruinsmas beruhigte mich vollkommen. Als später Dongsa erschien, teilte ich ihm meine Bereitwilligkeit mit, bemerkte aber gleichzeitig, daß der Tag der Abfahrt wohl nur mit der landesüblichen Einschränkung zu verstehen sei, da die Dschunke ja noch keine Ladung habe, ihre Ausfahrt also erst nach mehreren Tagen erfolge. »Da irren Sie sich,« rief er lebhaft aus, erfreut über meine Zustimmung. »Die Dschunke hat ziemlich viel Reisladung und wird bis übermorgen abend so voll sein, daß kein Sack mehr hineingeht. – Nun will ich mich aber auch sofort mit dem Kapitän in Verbindung setzen und ihn um Aufnahme für Sie als Fahrgast bitten.« »Was soll ich von der Zuvorkommenheit des Chinesen denken?« fragte ich den Holländer, als Dongsa sich entfernt hatte. »Will er mich los sein oder hat er Interesse daran, daß ich an Bord der Dschunke bin?« »Hm – ich glaubt das erstere. Er hat nach seiner Überzeugung durch Sie erreicht, daß Taban die Patronen auf Rotti landen konnte und nun kann er Sie nicht mehr brauchen, denn er weiß, daß die Holländer Ihre Person jetzt stark beargwöhnen.« – »Ist das wirklich so?« »Im Gegenteil. – Aber Dongsa glaubt es. Er hat auch schon einen andern Weißen, einen Franzosen, als Gast in Kü-schans Villa untergebracht. Der soll, ebenso wie Sie und Nottebohm, die Kastanien aus dem Feuer holen.« »Na, dann wünsche ich ihm Glück. Mich fängt er kein zweites Mal!« Ich ahnte nicht, daß ich schon halb gefangen war! Nach einem langen Abschied von dem lieben Holländer begab ich mich vor Eintritt der Dunkelheit, nur mit dem nötigsten Gepäck versehen, an Bord des Seglers, wo mich Dongsa und ein dunkelhäutiger Kapitän, ein Allorese, freundlich empfing. Mein großes Gepäck sandte mir Bruinsma nach Japan voraus. Kurz vor der Abfahrt, und nachdem Dongsa bereits an Land zurückgekehrt war, traf noch ein Weißer an Bord ein. Er gab sich für einen Portugiesen, namens Teireira, aus und erklärte der Eigentümer der Ladung zu sein. Er teilte die einzige Kajüte mit mir. Der Monsun legte sich mit seiner ganzen Kraft in die großen Mattensegel und trieb das schwerfällige Fahrzeug mit großer Schnelligkeit durch die bewegte See. Ein bewölkter Himmel verhieß einen tüchtigen Regenschauer. Ich verließ das Verdeck und zog mich in die Kajüte zurück, als die letzten Lichter von Kupang in der Ferne verschwanden. Dort zog ich meinen Reisesack hervor und begann meine Instrumente und Geräte zu ordnen, da die einzige Öllampe nicht genügend Helligkeit zum Lesen oder Schreiben verbreitete. Das nahm etwa zwei Stunden Zeit in Anspruch. Hierauf entkleidete ich mich und warf mich auf die Kissen, die an Stelle einer Koje das Bett bildeten. Ich schlief sofort ein. Mitten in der Nacht weckte mich ein Stampfen auf Deck über meinem Kopfe. Die Segel knarrten. Das Schiff lag stark nach Backbord über und ächzte in seinen Spanten. Ich vermutete einen heftigen Wind und drehte mich auf die andere Seite. Schlafen konnte ich jedoch nicht mehr. Ich verfolgte in Gedanken den Lauf der Dschunke und wartete auf den Augenblick, wo sie wieder auf den andern Bug gehen würde, wie das beim Kreuzen gegen widrigen Wind zu geschehen pflegt. Bei diesem Warten verfiel ich jedoch in einen Halbschlummer, aus dem mich wiederum das Laufen auf Deck weckte. Nun bemerkte ich, daß das Schiff seine normale Lage zurückerhalten hatte und nur noch geringe Fahrt machte. Ich kleidete mich an und ging auf Deck. Dunkle Nacht umfing mich. Zu meiner Linken zeichneten sich die Umrisse hoher Berge in die Finsternis. Am Steuerbord tanzte das Toplicht eines kleinen Dampfers auf den Wellen. Wir trieben vor einem kleinen Segel und machten nur soviel Fahrt, daß sich die Dschunke eben von der Küste freihalten konnte. Ich begriff – ein holländisches Wachtschiff kontrollierte das Fahrzeug. An der Steuerbordreling lehnte ein Mann. An ihn wandte ich mich mit der Frage nach der Bedeutung der Durchsuchung. Es war ein Malaie, der mir in holländischer Sprache antwortete, daß der Holländer die Dschunke zur Durchsuchung nach Landu bringen wollte, wogegen aber Kapitän und Eigentümer protestierten. Sie befänden sich auf dem Dampfer. Die Mitteilung erstaunte mich. Wie konnte man das Schiff nach Landu zurückbringen, da wir doch weit davon in der Timorsee sein mußten. Ich sagte das dem Matrosen, der aber kurz erwiderte: »Das hier sind die Berge von Timor. Rotti liegt dort.« Dabei deutete er erst nach links und dann nach rechts. »Mann, das kann nicht sein. Du täuschst dich. Wir wollen doch nach Allor. Nach deiner Angabe müßten wir ja in der Westsee sein.« »Wohin der Kapitän segelt, pflegt er uns nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß wir von Kupang um Samaoe herumgingen und durch die Rottistraße Kurs auf Menifon nahmen. – Dann hielt uns der Zolldampfer an, als wir eben vom Lande frei waren.« Bevor ich noch meiner Überraschung Ausdruck geben konnte, lief der Portugiese an mir vorüber. Als er mich erblickte, zog er mich in den Kajüteingang und rief in befehlendem Tone: »Sie werden nichts von Allor sagen, wenn der Holländer Sie fragt. Sie wollen in Suaio an Land gehen, verstehen Sie mich?« »Vollkommen. Und wenn ich das nicht sage?« »Herr, Sie würden es bereuen, den Fuß auf mein Schiff gesetzt zu haben.« »Das tue ich schon jetzt, denn...« Die Ankunft zweier Uniformierter unterbrach mich. Eine scharfe Stimme, die mir nicht unbekannt war, fragte, den Blick in das dunkle Gelaß richtend: »Wer von Ihnen ist der Passagier?« Ich trat vor und meldete mich. Der den Frager begleitende Soldat hob die Blendlaterne und leuchtete mir ins Gesicht. Ein kurzer Ausruf entschlüpfte ihm dabei. Der Kapitän dagegen verriet mit keinem Tone, daß er mich schon gesehen hatte. Ich war ihm im Innern dankbar dafür und wahrte auch meinerseits das Geheimnis, froh, ihm durch meine Anwesenheit auf der Dschunke schon deren wahren Charakter verraten zu haben. Der Kapitän wußte durch Bruinsma und durch mich, daß ich nach Allor wollte. Der Form wegen stellte er ein Verhör an. »Wohin begeben Sie sich? Haben Sie Ausweispapiere?« »Der Herr geht mit uns bis Suaio. Er besitzt einen holländischen Regierungspaß,« erwiderte schnell der Portugiese. »Warum antworten Sie für ihn. Spricht er nicht holländisch?« fragte der Beamte scharf. »Ich kann die Angaben des Herrn bestätigen, weil er und Sie es zu wünschen scheinen,« antwortete ich, meine Heiterkeit unterdrückend. »Wissen Sie auch, daß Europäern das Betreten timoresischen Gebietes verboten ist?« fragte der Offizier weiter. »Das hätte man Ihnen doch sagen müssen, als Sie hier an Bord gingen.« Wieder antwortete der Portugiese für mich: »Ein Freund des Herrn hat die Erlaubnis vom Radja von Suai erwirkt. Er erwartet uns in Suaio?« »So, so! Und wie heißt dieser Freund?« »Bruinsma. «Er ist Geheimsekretär in den Diensten des Radja.« »Danke. Dann bin ich vollkommen beruhigt! Sie können Ihre Reise fortsetzen. Guten Morgen, mein Herr, und viel Vergnügen in Suaio!« Ich konnte nicht antworten, so sehr mußte ich mich bemühen, mein Lachen über diesen Reinfall der Schmuggler zu unterdrücken. Unbewußt hatten sie sich selbst dem Strick ausgeliefert. Denn daß man uns nun vor der Kalabahibucht auf Allor abfassen würde, war sicher. Zu meinem Erstaunen behielt die Dschunke während der nächsten drei Tage den Kurs bei. Sie steuerte wirklich an der Südküste von Timor entlang nach Osten. Als ich dem Kapitän darüber Vorhaltungen machte, wies er mich an den angeblichen Eigentümer der Ladung, dessen Befehlen er zu gehorchen habe. Letzterer behauptete, Dongsa gegenüber keinen Hehl daraus gemacht zu haben, daß seine Dschunke in der Nähe des Vorgebirges Allas die Ladung ergänzen müsse, bevor sie nach Allor ginge. »Wann gedenken Sie ungefähr in Mataru einzutreffen,« fragte ich. »In längstens vierzehn Tagen. Für Sie ist die Fahrt übrigens ein Gewinn, denn Sie lernen ein Land kennen, das selten noch ein Weißer betreten hat. Der letzte war vor drei Jahren hier. Der suchte auch Käfer und Insekten. Es war ein Engländer, der gute Empfehlungen von seiner Regierung mitbrachte, sonst wäre er nicht lebend von Timor weggekommen.« »Ich besitze doch auch einen Regierungspaß,« warf ich ein. »Von den Holländern – das ist nicht dasselbe. Sprechen Sie lieber nicht davon.« »Nun, er hat Ihnen doch gute Dienste getan. Der Zolloffizier war sofort beruhigt, als er von dem Paß hörte.« »Sie irren sich. Er ließ uns erst frei, als ich ihm von den beiden Radjas sprach. Mit denen wollen es die Holländer nicht verderben. Ich glaube nicht, daß Ihnen Ihr Papier viel geholfen hätte, wenn meine Ladung... nun, wenn sie weniger einwandfrei gewesen wäre.« »Ich weiß doch nicht. Schade, daß ich es nicht auf den Versuch ankommen lassen kann.« »Seien Sie eher froh darüber und meiden Sie Schmugglerfahrzeuge.« Nach dieser Unterredung wußte ich, daß man hier an Bord nichts von meinem Abenteuer mit dem bunten Kasten erfahren hatte. Der Portugiese glaubte auch meinen Verdacht eingeschläfert zu haben, denn er erging sich jetzt mit Vorliebe in der Erzählung von glücklich abgelaufenen Schmugglerfahrten. Er selbst hatte natürlich nie den Versuch dazu gemacht – wie er mir auf eine Frage mit heiligem Eide versicherte. Am vierten Tage abends sichteten wir den 3600 m hohen Altas-Gebirgsstock. Der Kapitän legte den Bug nun dicht unter die Küste und setzte eine sehr große weiße Flagge, die er bei Eintritt der Dunkelheit durch große, hellbrennende Petroleumlaternen – drei übereinander – ersetzte. Es war das Signal für den Lotsen, der die Dschunke zu ihrem Ladeplatz zu bringen hatte. Der Mann schien aber nicht zu Hause zu sein, denn die Signallaternen brannten die ganze Nacht vergeblich. Am nächsten Morgen bemerkte ich, daß uns die Strömung in beängstigende Nähe der Küste versetzt hatte, und daß unserer Dschunke bei Aufkommen eines stärkeren Windes große Gefahr drohe. Derselben Ansicht schien auch der Führer eines rotgemalten Küstendampfers zu sein, der dicht an uns herandampfte und seine Hilfe anbot, wie ich aus dem Namen am Bug schloß, war es ein Holländer, der jedoch schroff abgewiesen wurde. Möglicherweise war es auch ein Zolldampfer, der sich den Vogel, den er so nahe der Küste nicht anhalten durfte, genauer betrachten wollte. Unser Kapitän verstand aber sein Handwerk. Er ließ sein Boot zu Wasser und holte sich die Hilfe einiger in der Nähe angelnder Fischerboote. Diese mußten ihn von der Küste ab- und aus der Strömung schleppen. Langsam segelten wir den gelaufenen Kurs wieder zurück, bis gegen Mittag eine schnellsegelnde Prau hinter einer Landzunge hervorschoß und bald darauf längsseit der Dschunke festmachte. Ein Mann entstieg dem Fahrzeug, der sich sofort in die Kajüte begab, wo ihn der Kapitän und der Portugiese erwartete. Im Vorübergehen streifte mich ein erstaunter Blick. Er war groß, von kräftiger Muskulatur und finsterem herrischen Blick. Der kupferbraune Körper stak in einer rohseidenen Jacke und ebensolcher Hose, die durch einen breiten Ledergürtel zusammengehalten wurde. Die Füße waren nackt, von seiner Schulter hing eine Tasche aus buntem Leder, deren Verschluß mit Muscheln behangene Schnüre bildeten. Auf dem Bauche saß eine Art unserer alten Patronentaschen, worin kleine Bambusröhrchen staken. Der heruntergeklappte Deckel war mit darauf genagelten Goldmünzen übersäet. Ein kurzer breiter Kris, mit geflammter Klinge, zeigte einen reich mit Edelsteinen besetzten Griff. Ebensowenig wie die Waffe, paßte auch zu der Kleidung eine Anzahl größerer goldener Scheiben, die dem Manne an einer echten Kette um den Hals, bis tief auf die Brust, herabhingen. Was mich aber am meisten überraschte, waren seine Hände, die bis zu den Gelenken dick mit geronnenem, gar nicht so altem Blute bedeckt waren. Während ich noch über meine Wahrnehmungen nachdachte, traten die drei aus der Kajüte und blieben an der Reling stehen. Nun sah ich, daß auch die Kleidung des Mannes größere Blutspuren trug. Die Unterhaltung drehte sich augenscheinlich um meine Person, obschon ich kein Wort ihrer Sprache verstand. (Auf Timor spricht man vierzig verschiedene Idiome). Ich weiß noch ganz gut, daß ich damals wie absichtslos hinter ein Wasserfaß stellte und meinen Revolver in die Seitentasche steckte. – Die erwartete Anrede des Mannes blieb aus. Er berührte seine Stirn mit der Hand zum Gruße und sprang leichtfüßig in sein Fahrzeug, das sofort wieder dem Lande zuflog. Der Portugiese glaubte mir eine Aufklärung schuldig zu sein. Vielleicht wollte er auch hören, wie ich über den ungewöhnlichen Besucher urteilte. »Das war der Radja von Suai. Der Herr über das Volk der Lamkitos, die das Land zwischen dem Meere und jenen Bergen bewohnen. Sie leben augenblicklich im Kriege mit einem Nachbarstamme. Das wird uns einige Tage Aufenthalt geben. Die Ladung liegt bereit, aber die Männer fehlen.« »Dann darf ich das Land wohl nicht betreten?« fragte ich. »Solange nicht Frieden geschlossen ist, nein!« »Aber Sie wollen doch nicht hier liegen bleiben, bis die da drüben ihre Kriege beendet haben?« rief ich aus. »Das kann doch Monate dauern.« »Meistens nur Wochen. Und dieser Krieg dauert schon einige Zeit. Sie sahen, daß der Radja ganz allein kam. Das dürfte er nicht wagen, wenn seine Männer nicht schon gesiegt hätten. Er ließ auch durchblicken, daß der Gegner bereits den Austausch der Köpfe angeboten habe.« »Was will damit gesagt werden?« fragte ich erstaunt. »Ah, Sie kennen ja die herrschenden Gebräuche nicht,« fügte der Portugiese, erfreut, daß er dem Weißen etwas erzählen konnte, das dieser noch nicht wußte. Und mit einem überlegenen Lächeln fuhr er fort: »Unter den Stämmen auf Timor besteht die Sitte des Kopfabschneidens. Das heißt, nur im Kriege. wenn einmal eine Kriegserklärung ergangen ist, dann sucht jeder dem Gegner soviel Schaden zuzufügen, als ihm nur immer möglich ist. Man zerstört die Wohnungen, raubt und plündert und schneidet jedem feindlichen Untertan, dessen man habhaft wird, den Kopf ab. Einerlei ob Mann, Weib oder Kind. Selbst Greise und Säuglinge verschont man nicht. Natürlich köpft man auch jene Gegner, die man im Kampfe verwundet oder tötet. Je mehr Köpfe ein Krieger heimbringt, desto höher steht er im Ansehen. Für jeden Kopf wird dem Sieger eine goldene Scheibe zuerkannt...« »Donnerwetter, dann muß der Radja aber gehörig zu Werke gegangen sein, denn er trägt mindestens ein Dutzend solcher Scheiben, und seit der letzten derartigen Operation scheint er sich auch nicht mehr die Hände gewaschen zu haben!« Er hat in den letzten Wochen sechzehn Köpfe erbeutet. Er wäscht sich die Hände nicht mehr, bis der Krieg zu Ende ist – so will es die Sitte!« »Das ist nicht gerade appetitlich und ich hoffe, der Radja wird mich während des Krieges nicht zur Tafel laden.« »Sie werden kaum die Erlaubnis zum Betreten des Landes erhalten; denn wenn auch der Krieg zu Ende ist, so folgen doch noch die Versöhnungsfestlichkeiten, bei denen die Köpfe ausgetauscht, d. h. den Angehörigen der Gefallenen zurückgegeben werden. Bei der Gelegenheit läßt man fremde Besucher nicht ins Reich.« »Wie werden denn die Köpfe solange aufbewahrt. Die verwesen doch in der langen Zeit und in einem solchen Klima?« »Jeder, der einen Kopf erbeutet, nimmt ihn mit nach Hause, löst dort das Gehirn aus und trocknet die Haut mit dem Fleische über der Glut. Dann bewahrt er ihn gut auf, um ihn beim Austauschfest gegen die Köpf der eigenen Stammesgenossen auswechseln zu können. Ehe der Kopf nicht zurückgegeben ist, kann auch der Leichnam nicht begraben werden. – Diese Zeremonien werden mit langewährenden Festen verbunden, auf denen unheimliche Mengen Palmwein und europäischer Schnaps getrunken werden. Das will ich lieber nicht abwarten, denn ich traue dem Radja alles zu – nur kein ehrliches Handeln!« »Was für Waren liefert er Ihnen denn ?« »Hm – Verschiedenes... Reis, Mais, Baumwollgewebe. Was er gerade hat. Diesmal hat er ziemlich viel. Da er aber im Kriege liegt, so will ich ihm vorschlagen, die Waren bei Nacht bringen zu lassen. Er fürchtet nämlich, daß ihm der Nachbar auf der andern Seite des Berges mit seinen Praus die Waren wegnimmt, wenn er sie bei Tage hinaussendet. Nach zwei Seiten kann er sich nicht wehren.« Ich hätte nun gern das Volk, über das ich so viel Interessantes erfahren hatte, persönlich näher kennen gelernt, aber ich glaubte doch davon absehen zu sollen, weil mich auch Bruinsma dringend vor einem Versuche, ohne Begleitung eines portugiesischen Beamten an Land zu gehen, gewarnt hatte. Und daß mir der Zufall einen solchen Begleiter, noch dazu auf einer Schmugglerdschunke, zuführen könnte, glaubte ich nicht. Und dennoch war es der Fall. Wenn auch nicht zu dem Zwecke, sich mir zur Verfügung zu stellen. – Wir hatten den ganzen Tag vor dem Kap Atlas gekreuzt. Zuerst liefen wir westlich bis Suaio, kehrten an der Flußmündung um, und gingen auf dem Kurse zurück bis zu einem Berge, den mir der Portugiese als Rabalati bezeichnete. An seinen Hängen entdeckte ich mit dem Glas eine ganze Anzahl von Hütten, die nach Art jener von Rotti mit Palisaden umgeben waren. Dort sollten die Feinde des Radja von Suai wohnen. – Die Gegend beobachtete der Kapitän besonders lange mit seinem Fernglase. Angeblich erwartete er von dort ein Signal des Radja. Endlich, kurz vor Sonnenaufgang wehte drüben auf einem kahlen Hügel eine Flagge aus. Sofort gab der Kapitän ein Antwortsignal und ließ die Manöver ausführen, die erforderlich waren, die Dschunke durch die Strömung hindurch in den Schutz der Küste und hinter das Vorgebirge zu bringen. Eben bemühte sich die Mannschaft um den Anker, da tauchte in der Ferne eine andere Dschunke auf, die mit der Strömung vor allen Segeln flotte Fahrt machte und rasch näherkam. Deren Erscheinen rief große Aufregung unter dem Schiffskommando hervor. Auch der Portugiese, den man auf das Achterdeck holte, schien unangenehm überrascht zu sein, wenn er auch weniger nervös umherlief. Ich stand auf dem höchsten Aufbau unseres Schiffes und beobachtete mit dem Interesse, das ein unbeteiligter Fachmann stets fremden, begegnenden Fahrzeugen entgegenbringt, die sich stets deutlicher vom Abendhimmel abhebenden Umrisse der Dschunke. Sie fiel mir angenehm auf durch die peinliche Ordnung, die in der Takelung herrschte, und durch die scharfe Bauart des Rumpfes. – Dem neben mir auftauchenden malaiischen Steuermann machte ich meine Bemerkungen darüber und sagte: »Wenn der Sonnenball sich auf die Kimme setzt, haben wir sie längsseit.« Der Portugiese hatte die Worte gehört. Er kam zu mir und fragte: »Haben Sie ein gutes Glas? Können Sie eine Flagge unterscheiden ?« »Der setzt doch jetzt bei Sonnenuntergang keine Flaggen,« erwiderte ich. »Das wäre ja gegen die Regel. Oder erwarten Sie einen Flaggengruß von ihm, wenn er vorüberläuft?« Bevor er antwortete, rief ich: »Die Dschunke geht ebenfalls hier zu Anker! Sie macht ihn schon klar! Geben Sie acht, sie wird gleich ein paar Segel wegnehmen.« Ein lästerlicher Fluch rang sich von den Lippen des Portugiesen, dem sich der Kapitän anschloß. Man war sich offenbar nicht klar, was jetzt zu geschehen hatte. Daß aber ein Entschluß dringend nötig war, das bewiesen die vor unserm Bug in bedrohlicher Nähe auftauchenden Klippen. Jetzt war nur ein Manöver möglich. »Anker fallen!« kommandierte dann auch der Kapitän. Und es war die höchste Zeit, denn als nun die Dschunke vor ihrem Anker herumschwoite, lag das Hinterteil so dicht an der felsigen Küste, daß man vom Lande bequem hätte hinüberspringen können. Hatten unsere Führer noch einen Zweifel über die Absichten des andern Seglers, so wurden sie jetzt darüber belehrt. Kaum spritzte das Wasser über unserm Anker in die Höhe, da fielen drüben die Segel. Zehn Minuten später lag die Dschunke in einer halben Seemeile Entfernung von uns still und zwar so, daß wir unsern Liegeplatz nur verlassen konnten, wenn der andere verholte. In jenen Breiten folgt die Nacht dem Tage fast ohne Übergang. Es war schon dunkel, als das andere Schiff zur Ruhe kam. Vorschriftsmäßig erschienen drüben die Ankerlaternen. Die hellbrennenden Lampen warfen ihren zitternden Schein auf die Meeresfläche und nahmen auch noch einen Teil unseres Rumpfes in ihren Lichttegel auf. Unsererseits geschah jedoch nichts dergleichen. Kein Schimmer beleuchtete unser Verdeck, noch sonst einen Teil der Dschunke. Die Bullaugen in unserer Kajüte waren durch Schiebebretter geschlossen und verhinderten auch die schwachen Strahlen der Öllampe, sich hinauszustehlen. Wer die Dschunke nicht vor wenigen Minuten in voller Tätigkeit gesehen hatte, mußte glauben, das Fahrzeug sei ausgestorben, so lautlose Stille herrschte an Deck. Lebhafter ging es dafür in einem Räume zu, den ich noch nie betreten, der aber wohl die Wohnung des Kapitäns und das Navigationszimmer zugleich war. Die starke Türe war wohlverschlossen und wer auf Deck stand, konnte keinen Laut von der Unterhaltung hören. Nur in meiner Kajüte ließen dumpfe Geräusche darauf schließen, daß unter mir mehrere Personen in einem Gespräch begriffen waren, das sich nicht gerade in höflichen Formen bewegte. Plötzlich erschien in bloßen Füßen der Portugiese in der Kajüte. Seine hastigen, ungestümen Bewegungen zeigten deutlich die große Aufregung, die in seinem Innern tobte. Er warf seine bisherige Kleidung ab und zog dafür die Tracht der hiesigen Eingeborenen an. In den Gürtel steckte er den Kris und einen Revolver. Ich sah mich nicht veranlaßt, ihn über den Grund seiner Aufregung zu befragen. Es war mir längst klar, daß unser ungebetener Nachbar im Begriff stand, meinen Schiffsgenossen einen dicken Strich durch ihre Rechnung zu machen. Natürlich wußte ich noch nicht, ob Konkurrenzneid oder obrigkeitlicher Eingriff die Veranlassung war. Als mein Kajütsgenosse seine Metamorphose beendet hatte, sah er ungefähr so aus, wie der Radja. Natürlich ohne den kostbaren Behang. Er richtete nun das Wort an mich und sagte: »Ich fahre mit dem Kapitän an Land. Der erste Steuermann wird Ihnen beim Abendessen Gesellschaft leisten. Wenn Sie später auf Deck gehen, sorgen Sie dafür, daß kein Licht gemacht wird. Auch die Zigarre bitte ich unter Deck anzuzünden. Vor morgen komme ich nicht zurück.« Ich fand an der Mitteilung nur das Auffällige, daß der Kapitän sein Schiff in solcher Lage auch nur für eine halbe Stunde verließ. Das würde einem Deutschen nie einfallen. Dem Steuermann, der bald darauf in die Kajüte trat, machte ich daraus auch keinen Hehl und wies auf die Möglichkeit des Ausbruches eines Sturmes hin, der die Dschunke unfehlbar zum Wrack schlagen mußte, wenn nicht sofort eingegriffen würde. Er entgegnete: »Es sind Umstände eingetreten, die nur durch den Kapitän in eigener Person wieder ausgeglichen werden können. Dabei muß selbst der Verlust der Dschunke samt Ladung in Berechnung gezogen werden. Übrigens steht das Wetterglas gut. Sie können beruhigt schlafen.« »Angst habe ich nicht im geringsten!« rief ich lachend. »Ich würde mich leicht an die Küste retten, wenn die Dschunke in Bedrängnis geriete.« »Dann wären Sie vielleicht schlimmer daran, als wenn Sie Ihre Rettung nach der Seeseite suchten,« erwiderte der Steuermann trocken. »Wenn Sie den hiesigen Eingeborenen in die Finger fallen, dann sind Sie ein toter Mann. Sie hassen die Weißen.« Diese Worte riefen mir meine Lage ins Gedächtnis zurück. Ich hatte vergessen, daß wir uns in einem Lande befanden, in dem jeder Weiße für das Unrecht büßen muß, das eroberungslüsterne Nationen seit undenklichen Zeiten den armen Wilden zugefügt haben. Der Gedankengang führte automatisch zu der andern Dschunke hinüber. Ich setzte die Unterhaltung fort und fagte: »Das hatte ich allerdings vergessen. Aber drüben ankert ja noch eine Dschunke, die eingreifen würde, denn deren Kapitän erkennt unsere ungünstige Lage so gut wie wir selbst.« »Wenn ich die Wahl hätte, entschiede ich mich in einem solchen Falle vielleicht doch noch für die Wilden,« entgegnete mein Besucher. »Das da drüben ist nämlich ein Holländer.« »Na, das sind doch keine Kopfjäger!« rief ich aus. »Ich habe sie immer nur als brave Seeleute kennen gelernt, denen ich mich jederzeit anvertrauen würde. – Was für Ladung mag der übrigens hier einnehmen wollen?« »Das ist kein Frachtfahrzeug. Wir halten es für eine Regierungsdschunke, die hier herum etwas ausspionieren will.« »Das glaube ich nicht, Maat. Wir liegen doch hier in portugiesischem Gewässer. Dahin würde sich kein Regierungsfahrzeug der Holländer begeben. Es sei denn, daß er die Erlaubnis der Portugiesen hat. – Ubrigens hätte er kurz vor Sonnenuntergang noch Farbe bekannt.« »So etwas Ähnliches sagte ich auch unserm Kapitän,« erwiderte sinnend der Malaie. »Er aber behauptete fest, das sei ein Holländer.« Nun fiel mir wieder die tadellose Ordnung auf der Dschunke ein, und ich stand eben im Begriff, mich mit meinem Gegenüber auszusprechen, als ein taktmäßiger Ruderschlag über das Wasser tönte, und ein Anruf laut wurde. Gleichzeitig schob sich ein Matrose in den Raum, der dem Steuermann etwas ins Ohr flüsterte. »Dachte ich es doch!« rief dieser. »Der andere will an Bord. Aber ich werde mich hüten, ihm zu antworten. Wir sind Portugiesen!« »Warum wollt Ihr denn nicht antworten?« fragte ich erstaunt. »Ihr braucht ja nur zu sagen, daß der Kapitän an Land ist und hinterlassen hat, daß niemand das Schiff betritt. Es ist doch feig, Verstecken zu spielen. Oder habt Ihr irgend etwas zu fürchten?« Der Ruf wiederholte sich draußen. Das Boot war neben dem Schiff. Man hörte, wie die Ruder eingeholt wurden. Zum dritten Male rief man. »So gebt doch Antwort!« rief ich aufspringend. »Der Mann muß doch an Bord kommen, wenn sich hier nichts rührt. Das würde jeder Weiße Seemann tun!« Die letzten Worte hörte der nun wirklich Eintretende noch. Er faßte an den Hut und fragte: »Kapitän hier!« Der Steuermann sprang auf und sagte, seine Erregung unterdrückend: »Was wollt Ihr hier an Bord?« »Das hat der Mann eben ausgesprochen.« Er deutete auf mich. »Seid Ihr der Kapitän dieser Dschunke?« Er sah ihm forschend ins Antlitz. »Ich bin der erste Steuermann. Der Kapitän ist an Land gegangen.« »Kann ich ihn erwarten? Wie lange wird er sich dort aufhalten?« »Glaube nicht. Er hinterließ, daß er keinen Besuch wünsche. Ich hätte Euch nicht an Bord lassen dürfen.« »Das fällt Euch recht spät ein, Maat. Jetzt bin ich hier. Und damit Ihr wißt, mit wem Ihr es zu tun habt: Ich bin zweiter Offizier auf jener Dschunke. Sie fährt als Küstenwacht der portugiesischen Regierung. Wir haben also ein Recht, jedes Schiff zu betreten, das in unsern Gewässern ankert. – Wollt Ihr mir nun einige Fragen beantworten?« »Tut mir leid, Leutnant,« antwortete der Malaie, der bedeutend höflicher geworden war. »Ich möchte aber meinem Kapitän nicht vorgreifen. Ihr werdet das verstehen?« »Ganz gewiß,« antwortete der Leutnant mit eigentümlicher Betonung. »Und Ihr? Wer seid Ihr?« wandte er sich nunmehr an mich. »Ich bin Passagier,« erwiderte ich schmunzelnd, denn ich erwartete genau das verblüffte Gesicht, das ich jetzt bei dem Offizier beobachtete. »Passagier?« wiederholte er voll Erstaunen. »Nach welchem Hafen wollen Sie denn?« Er nahm seinen Hut ab und legte eine höfliche Nuance in seine Worte. »Ich bin Naturforscher und besuche die Inseln des malaiischen Archipels.« »Dazu können Sie sich aber doch der Dampfer bedienen, die alle erlaubten Häfen anlaufen. Sie reisen da schneller und bequemer. Übrigens sind Sie hier bereits auf verbotenem Boden.« »Das weiß ich alles. Aber der Dampfer, der Kupang anläuft, hat irgendwo Unglück gehabt. Die Wartezen dauerte mir zu lange und so benutzte ich die erste sich bietende Gelegenheit, um weiterzukommen. Gerade diese verbotene Küste ist mir sehr interessant. Vielleicht darf ich doch einen Tag am Lande verbringen.« »Das ist unmöglich. Ohne Begleitung eines unserer Beamten würden Sie den größten Gefahren ausgesetzt sein.« »Auch das hörte ich bereits. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Um so weniger, als mir mein guter Stern die Möglichkeit in nächste Nähe gerückt hat.« – »Wie soll ich das verstehen?« – – – »Daß ich Sie hiermit in aller Form bitte, mich an Land begleiten zu lassen, besser noch, selbst zu begleiten. Es würde mir eine hohe Ehre sein.« So etwas mochte dem Offizier wohl noch nie vorgekommen sein. Er wußte sich auch nicht gleich zurechtzufinden, sagte dann aber nach einigen Augenblicken ernsten Nachdenkens: »Wie die Dinge hier liegen, kann davon keine Rede sein. Immerhin wird es meinen Kapitän interessieren, von Ihren Wünschen zu hören.« Sich an den Steuermann wendend, sagte er dann in verändertem Tone: »Ich sollte eigentlich eine Wache hierlassen. Sagt Euerm Kapitän, sobald er zurückkehrt, er solle sich sofort drüben auf der Dschunke melden, einerlei, zu welcher Stunde. Je früher er kommt, desto eher könnt Ihr in See gehen.« Mit kurzem Gruße verließ uns der Offizier. Die verhallenden Ruderschlage bewiesen, daß er zu seinem Schiffe zurückkehrte. »Seht Ihr, Steuermann, daß ich recht hatte, als ich euch sagte, das sei kein Holländer. Ihr hättet den Mann schon etwas höflicher behandeln dürfen, denn schließlich gehört Euere Dschunke doch auch einem Portugiesen.« »Ach was, der alte Kü-schan ist so wenig Portugiese wie Ihr und ich,« rief der Steuermann. »Der ist und bleibt Chinese, wenn er auch hundertmal den Radjas und Sultanen das Gegenteil schwört. Auf seiner anderen Dschunke fahren nur Chinesen. Da kann er keinen von uns brauchen. – Na, er weiß auch, daß ihm kein anderer die Arbeit besorgt.« »Ich dachte, er hätte die Fahrt ganz aufgegeben,« warf ich harmlos hin, obgleich mir das, was ich eben hörte, die Pulse schneller schlagen ließ. »Dongsa ließ so etwas verlauten.« »Der gibt das Handwerk nicht eher auf, bis es zu spät ist,« erwiderte der Malaie. »Augenblicklich ist er wieder nach der Celebes-See unterwegs.« »Er wollte nach Pasir, nicht wahr?« »Das weiß ich nicht. Der dicke Tschung-Li hat ihn an Bord und wird ihn wohl da absetzen, wo sein Schiff ihn erwartet. – Wenn er wüßte, wie ihn der Dongsa betrügt! Ich glaube, der Hund würde ihn auch verkaufen, wenn man ihm einen hohen Preis zahlt! ... Aber ich rede wieder zuviel! Weiß Allah, sobald ich den Genever etwas hastig trinke, geht mir die Zunge durch. – Ich gehe in meine Koje. Gute Nacht, Passagier. Ihr vergeßt doch das dumme Zeug?« »Aber natürlich. Was geht mich das an? Man redet nur so, um die Zeit totzuschlagen. Morgen früh ist alles verschlafen. – Gute Nacht, Steuermann!« Die Nachrichten, die ich soeben unerwartet über Kü-schan und Tschung-Li bekam, beunruhigten mich außerordentlich. Sie bestätigten den Verdacht, den mir Bruinsma mehrfach ausgesprochen hatte, und ich begann ernstlich, für Nottebohm zu fürchten. Mitten in der Nacht erschien Teireica wieder in der Kajüte. Er schlich leise an seine Kiste und machte sich lange dort zu schaffen. An dem Klange merkte ich, daß er Gold holte oder brachte. Auch kleidete er sich um und verschwand dann wieder. Bald nachher reizte ein Scharren und Klopfen meine Neugier. Es drang aus dem Räume unter mir, woraus ich den Schluß zog, daß der Kapitän etwas in seinem Zimmer verbergen wollte. Es mußte sich aber um eine größere Arbeit handeln, denn das dumpfe Gerausch dauerte bis kurz vor Sonnenaufgang. Mehrere Male kam Teireira in die Kajüte zurück, anscheinend nur, um sich zu vergewissern, ob ich wachte oder schliefe. Wie gewöhnlich erhob ich mich und ging auf Deck, wo ein großer Bottich mit Seewasser für mein Bad bereit zu stehen pflegte. Heute vermißte ich ihn. Dafür fand ich den ganzen Raum um die Ladeluke herum mit Reiskörnern bedeckt. Es sah ganz so aus, als ob man in der Nacht Reis geladen oder – umgestaut hätte. Der erste Steuermann kam mit verschlafenem Gesicht vom Achterdeck und fragte: »Seid Ihr gestört worden letzte Nacht?« »Ich? – nein,« gab ich zurück. »Ich bin großartig ausgeruht. – Warum? Ist etwas vorgefallen?« »Nichts! Ich frage nur, weil der Kapitän und der Portugiese, wenn sie von Land kommen, meistens geräuschvoll zu Werke gehen.« »Sind die zurückgekommen?« fragte ich mit gemachtem Erstaunen. »Und schon wieder fort. Sie machen Besuch beim Nachbarn.« »Schade, dann muß ich allein frühstücken. – Wo ist denn mein Bad?« »Ach ja – das haben die Kerle wieder vergessen. – Nun, einmal können wir auch wohl ohne die äußere Anfeuchtung auskommen, besonders wenn man innen gut gewaschen hat,« antwortete er lachend. »Ich habe doch nicht viel getrunken.« »Aber ich! Mir brummt der Schädel ordentlich.« Ich wollte nicht weiterfragen, um nicht in Dinge eingeweiht zu werden, deren Kenntnis mir am besten verborgen blieb. Nach ein paar nichtssagenden Redensarten holte ich mir selbst einen Eimer Wasser herauf und setzte mich nach den Waschungen an den, wie gewöhnlich in heißen Ländern, reich beschickten Frühstückstisch. Gegen neun Uhr kehrte Teireira mit dem Kapitän von dem Portugiesen zurück. Sie waren lustig und guter Dinge und machten den Eindruck von Leuten, die einer Gefahr glücklich entronnen sind. Ersterer war besonders aufgeräumt und plauderte über alle möglichen Dinge. »Sie haben ja dem Landsmann da drüben eine riesig gute Meinung von sich beigebracht,« rief er lachend. »Wenn Sie da ein wenig weiterbohren, werden Sie vielleicht an Land gehen können. Auch der Radja, dem wir von Ihnen erzählten, möchte Sie kennen lernen. Der Engländer, von dem ich bereits sprach, war damals ebenfalls bei ihm.« »Ist denn der Radja auch auf dem Regierungsschiff?« fragte ich. Teireira merkte, daß er sich verplappert hatte. Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf meine Frage. »Wir sahen ihn gestern abend noch flüchtig,« sagte er dann. »Er gedenkt noch heute mit den Gegnern, den Teloes, Frieden zu schließen. – Wenn Sie also noch vor den Austauschfestlichteiten einen Ausflug in sein Gebiet machen wollen, dann rate ich Ihnen, den Kapitän drüben um einen Begleiter zu bitten.« »Bleibt denn die Dschunke noch lange hier liegen? – Und wann gehen wir wieder in See?« »Wir werden vielleicht übermorgen mit Tagesanbruch segeln. Wann der dort drüben seine Reise fortsetzt, wissen wir leider nicht.« »Leider? – Dann soll ich das wohl erforschen?« fragte ich lachend. »Nun – uns kann es schließlich einerlei sein. Wir haben ihm bewiesen, daß wir hier nur Reis und Baumwollgewebe laden. Damit ist seine Neugier befriedigt, und wir denken, daß er uns nunmehr in Ruhe läßt.« »Muß er denn wissen, was jede Dschunke an der Küste zu suchen hat?« »Ach, das ist so eine Liebedienerei gegen die Holländer. Die sehen in jeder Dschunke einen Waffenschmuggler. – Als ob die Eingeborenen hier im Innern moderne Gewehrfabriken besäßen! Sie sollten sich lieber die Australier und Engländer genauer ansehen. Sarawak und Labuan sind viel verdächtiger. – Und erst die Chinesen in den Philippinen!« »Wenn Sie mir ein Boot leihen, besuche ich den Kapitän da drüben,« sagte ich, dem Gespräch eine andere Wendung gebend. »Nehmen Sie gleich die Prau, die noch am Fallreep liegt,« rief Teireira. »Ich werde dem Kapitän sofort Bescheid sagen. – Kommen Sie!« »Stop, Freund!« entgegnete ich lachend. »Erst muß ich mich für den Besuch ankleiden. Ich brauche auch wohl Papier und Geld. – Gehen Sie nur voraus. In weniger als zehn Minuten bin ich fertig.« Auf dem Schiffe schien man mich erwartet zu haben. Vier Offiziere, darunter ein Farbiger, empfingen mich in dem gut eingerichteten Salon der Dschunke und begrüßten mich mit zuvorkommender Höflichkeit. Ein Neger brachte die üblichen eisgekühlten Getränke, und nun ging die Unterhaltung von den gleichgültigen Höflichkeitsphrasen auf ernstere Dinge über. – Ich brachte mein Anliegen vor. »Ich erwartete Ihre Dschunke bereits gestern,« nahm der Kapitän das Wort. »Von Land sowohl, wie vom Radja von Kupang aus wurde uns durch einen unserer Staatsdampfer mitgeteilt, daß sie hier irgendwo an der Küste verdächtige Ladung an Bord nehmen würde. Man nannte uns auch Suaio. Doch glaubten wir eher an Kailato. Erst als uns der angebliche holländische Dampfer, der Ihrer Dschunke Hilfe anbot, diese Bucht nannte, wußten wir, wo Ihr Kapitän zu Anker gehen würde. Der Radja von Suai ist uns schon lange verdächtig. Zu einem Vorgehen gegen ihn durch seinen Sultan fehlen uns jedoch Beweise. – Haben Sie irgend etwas bemerkt, was uns auf eine Spur führen könnte? Nach dem guten Fang, den Sie den Holländern in Landu ermöglichten, dürfen wir Sie wohl für einen Freund der Bestrebungen unserer Inselnachbarn halten?« »Herr Kapitän! Ich bin vor allen Dingen neutral, und mein Beruf zwingt mich, es zu bleiben. Daß die Holländer die Prau bei Rotti abfingen, war ihnen durch deren Unvorsichtigkeit möglich geworden. Man wollte sich meiner Person als Blitzableiter bedienen und rechnete nicht damit, daß ich meinem eigenen Kopfe folgte. Ob die Leitung der Dschunke ähnliche Absichten verfolgt, weiß ich noch nicht. Hier wird sie jetzt, da Sie zur Stelle sind, kaum wagen, Bannware zu laden, und vor Ankunft in Mataru werden wir, wie der Kapitän sagte, keinen Hafen anlaufen.« »Nach Mataru auf Allor wollen Sie?« fragte der Kapitän erstaunt, indem er seine Offiziere mit einem bedeutungsvollen Blick ansah. »Und vor zwei Stunden sagte mir Teireira noch, Sie wollten nach Timorlaut? Dahin lauten auch die Papiere der Dschunke.« »Das verstehe ich dann nicht,« erwiderte ich, unangmehm berührt von dieser Eröffnung. »Ich habe mir einen ganz bestimmten Reiseplan gemacht, den ich nur ungern ändern würde. Und nach diesem Plane ist Allor mein erstes Ziel. In Kupang gab man mir die Versicherung, daß mich jene Dschunke in Mataru oder doch in der Kalabahibucht an Land setzen würde. Auf See erfuhr ich erst, daß vorher noch Suaio zur Auffüllung der Ladung angelaufen werden solle. – Und nun heißt es wieder anders! Ich möchte nur wissen, welche Pläne die Eigentümer der Dschunke mit diesen Winkelzügen mir gegenüber befolgen. Es kann ihnen doch nichts daran liegen, mich für den geringen Preis ein paar Wochen zu beköstigen.« »Daß die Dschunke ihren wahren Bestimmungsort geheimhält, kann ich nach allem, was Sie mir sagen, begreiflich finden. Mit Ihnen an Bord, lenkt sie die Aufmerksamkeit von ihrer Ladung ab. Wenigstens spielte Teireira mir den Trumpf aus, daß Sie mit Empfehlungen der holländischen Regierung reisen und daß sogar der Zolldampfer von Landu, nach Einsicht der Papiere, die Dschunke sofort freigab. – Ich gestehe, daß auch ich mich zu gleicher Rücksicht verpflichtet fühlte. Erst Ihre Unterredung mit meinem Kameraden regte Zweifel in mir. – Haben Sie wirklich ein solches Papier?« »Ich besitze, auf Empfehlung europäischer bekannter Institute, ein Rundschreiben der Regierung an alle Behörden, worin man ersucht, mir in jeder Hinsicht zur Förderung meiner Bestrebungen dienlich zu sein. Insbesondere werde ich dem Schutze jeder Behörde empfohlen. Vor Monaten nahm mich sogar ein Kanonenboot mit von Billiton nach Batavia. – Übrigens bitte ich von dem Paß Einsicht nehmen zu wollen. – Das Zusammentreffen mit dem Zolldampfer und das Unterlassen der Durchsuchung hatte wohl einen andern Grund. Der Kapitän kannte mich und mein Reiseziel, ohne daß Teireira das wußte. Man läßt sich durch die falschen Angaben nicht täuschen. Vor Mataru wird wohl der Knoten gelöst.« »Und fürchten Sie nicht für Ihr Leben? Man wird Sie doch bei der Überrumpelung ohne weiteres ermorden.« »Hoffentlich warten die Holländer, bis ich von Bord bin,« erwiderte ich. »Sonst sähe es allerdings schlecht aus. – Sie werden wohl die Güte haben, das nach Landu zu melden?« »Also glauben Sie immer noch, daß die Dschunke Allor anläuft?« »Ganz bestimmt. Sie werden aber gut tun, meine Mitteilung darüber als vertrauliche zu behandeln, sonst muß ich doch wohl vorher von Bord gehen. Wenn Sie mich irgendwo hinbringen könnten, wo ich sichere Reisegelegenheit finde, wäre es mir natürlich lieber.« »Wir sind im Dienst an der Südküste. Die ist bekanntlich für Weiße geschlossen. Sonst wäre ich natürlich gern bereit .... Aber Ihren Wunsch, einen Blick in das Reich Suais tun zu können, will ich gern erfüllen. Um ein Uhr holt mein Boot Sie an der Dschunke ab.« Als ich an Bord zurückkehrte, nahm mich Teireira sofort in Anspruch. Er wollte genau wissen, über was wir uns unterhalten hätten, und ob ich an Land gehen würde. Als er hörte, daß das heute schon sein sollte, schien er etwas enttäuscht. Auch suchte er herauszubringen, wer und wieviel Mann als Bedeckung mitgingen. »In ein paar Stunden sehen Sie nicht viel von Land und Leuten,« sagte er. »Versuchen Sie wenigstens bis morgen Mittag drüben zu bleiben. Der Radja wird Ihnen gern eine Hütte zur Verfügung stellen. – Außerdem würden Sie hier an Bord schlecht schlafen, denn wir nehmen die ganze Nacht hindurch Ladung über. Das geht ohne Lärm nicht ab.« Ich versprach mein Bestes zu tun, ließ ihn aber nicht darüber im unklaren, daß ich mich dem Willen der Offiziere unterzuordnen hätte. – Daß diese Wünsche Teireiras mit einem schlechten Streiche in Verbindung standen, unterlag für mich keinem Zweifel. Drüben auf der Dschunke war es inzwischen lebendig geworben. Hörnsignale tönten herüber. Der Anker ging auf, und vor kleinen Segeln fuhr der Portugiese mit der Strömung langsam nach Süden. Während wir noch unser Erstaunen über die unerwartete Abreise ausdrückten, sahen wir, daß das Fahrzeug nach kurzer Fahrt wieder über Stag ging und gegen seinen früheren Liegeplatz zurückkehrte. Es lief ein paar Seemeilen darüber hinaus, kreuzte noch einmal und warf dann unweit von uns, aber viel näher zur Küste, den Anker in die Tiefe. – Nun bemerkten wir auch, daß drei große Boote, europäischer Bauart, im Schlepp der Dschunke trieben. Merkwürdigerweise erregte dieses Manöver der Dschunke den Zorn unserer Schiffsleitung. Mit den lästerlichsten Flüchen begleiteten sie jede Handlung der andern, und ganz besonders kritisierte Teireira die offene Aufstellung von drei Kanonen auf dem Achterdeck. »Das soll sich der Radja nicht gefallen lassen,« schrie er, rot vor Zorn. »Das ist eine Bedrohung seiner Küste. Dazu hat der da drüben kein Recht.« Der Allorese nahm die Beobachtung kaltblütiger auf. »Vergeßt nicht, daß die Lamkitos im Kriege liegen. Es kann leicht sein, daß die Offiziere oder unser Passagier angegriffen werden, dann werden die Kanonen ein ernstes Wort dreinreden.« «Ich glaube, Ihr verteidigt das noch, Kapitän,« rief Teireira aufgebracht. »Glaubt Ihr denn, daß uns die Eingeborenen helfen, wenn sie die Dinger da sehen? Die abergläubische Bande läuft ja jetzt schon davon, weil der Uniformierte mit dem Fernglase das Land betrachtet. In dem Glas sehen sie wieder einmal einen ihrer bösen Geister! Da seht nur!« In der Tat strebten die zehn Fischer in hastiger Fahrt dem Strande zu. Ich unterschied im Fernrohr deutlich die angstvoll zurückgeworfenen Blicke der Männer. Eine Bootbemannung, drei Personen, lief mit großen Sprüngen in ihre befestigten Wohnungen und warf die Tore zu. »Kurz nach dem Tiffin, dem zweiten Frühstück, erschien das Regierungsboot längsseit. Ein Offizier und drei Unteroffiziere kamen zu uns an Deck und stellten sich zu meiner Verfügung. Der Offizier erkundigte sich bei unserm Kapitän, wann er in See zu gehen gedenke.« »Vielleicht morgen – wenn wir bis dahin mit Laden fertig sind. Wegen des Krieges arbeiten die Leute nur bei Nacht,« antwortete der Kapitän. »Aber das ist doch verboten? Erlaubt das der Radja?« »Er wird es schon müssen, wenn er die Waren verschiffen will. Solange kann ich nicht hier liegen bleiben, bis die da drüben sich gegenseitig die Hälse abgeschnitten haben,« warf Teireira mürrisch ein. »Besitzen die Lamkitos denn genügend Prauen, um eine größere Ladung herauszubringen? Was ladet Ihr denn?« »Reis und Baumwolle. – Der Radja besitzt schon den Kaufpreis. Er muß also wissen, wie er die Ladung an Bord bringt,« rief Teireira. »Ich sehe, Ihr seid ungehalten über den Aufenthalt. Ich werde versuchen, den Radja zur rascheren Arbeit zu veranlassen. Zur Not stelle ich ihm ein Dutzend unserer Soldaten zur Verfügung.« Der Offizier wartete die Antwort des Portugiesen nicht ab. Sein Gesicht drückte innere Freude aus, während das Antlitz Teireiras einen überschäumenden Zornesausbruch in nahe Aussicht stellte. Ich malte mir die Unterhaltung aus, die zwischen den Schiffsleuten nach unserer Abfahrt geführt wurde. Der Offizier sagte, als wir allein waren, lächelnd: »Dem habe ich seine Pläne gründlich durchkreuzt. Es kommt aber noch besser!« Da er sich nicht weiter aussprach, unterließ ich das Fragen. Unter den kräftigen Ruderschlägen von sechs Matrosen durchflog unser Kielboot die kurze Strecke bis zu der Stelle, an der auf den Strand gezogene Kähne den Landungsplatz anzeigten. Er war jetzt menschenleer. – Als wir an Land sprangen, befahl der Offizier den Matrosen, sich bis zu unserer Rückkehr auf der Dschunke bereitzuhalten. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang sollten sie uns an der gleichen Stelle erwarten, wenn nicht vorher das Signal gegeben würde. Mir empfahl der Offizier, in der unmittelbaren Nähe meiner Begleiter zu bleiben. Der schmale Strand war von einem Gürtel strauchartiger Malven von dem bebauten Lande getrennt. Als wir diesen durchschritten hatten, befanden wir uns zwischen abgeernteten Reisfeldern, die sich bis an die zerstreut liegenden Häuser heranzogen. Die Häuser selbst waren auf Pfählen erbaut. Etwa einen Meter über dem Boden begann das eigentliche Bauwerk, das über einer niedrigen Holzwand ein gewaltiges Dach trug. Eine Leiter vermittelte den Zugang vom Hofe, der Hunden und Schweinen zum Aufenthalt diente, zur Wohnung. Die Dächer trugen Verzierungen aus Holz und Seemuscheln. Je drei bis fünf Häuser, einer Familie gehörig, sicherten sich gegen unberufene Besucher durch starke Palisaden. Sobald unsere Ankunft bemerkt wurde, liefen alle Frauen und Kinder unter lautem Angstgeschrei in die nächste Umzäunung und warfen krachend die schweren Tore hinter sich zu. Unsere Soldaten riefen ihnen in ihrer Sprache beruhigende Worte nach, die aber keine Beachtung fanden. Die ganze Umgebung erschien plötzlich menschenleer. – Einer der Unteroffiziere, der hier ortskundig war, führte uns an einer größeren Anzahl derartiger Wohnstätten vorbei zum Hause des Radja. Vor diesem bemerkten wir schon von weitem ein schauerliches Wahrzeichen seiner Macht. Innerhalb seines Zaunes erhob sich ein langer Pfahl, auf dessen Spitze ein dreieckiges Gestell thronte, dessen Ecken mit Menschenköpfen geziert waren. Ein vierter, ziemlich frischer Kopf hing von einem der Querhölzer herab. Er war an den Haaren aufgehängt. Der Offizier zog bei dieser Wahrnehmung die Stirn kraus und sagte: »Unsere Regierung hat schon seit zwei Jahren den Radjas die Verhängung der Todesstrafe verboten. Ich muß diesen Fall zur Anzeige bringen ....« »Man sagte mir, das Kopfabschneiden sei Kriegsgebrauch,« unterbrach ich. »Allerdings, aber dies sind keine Kriegstrophäen. Diese Menschen hat der Radja auf Grund seiner alten Gesetze hinrichten lassen. Es werden Diebe sein. Zur Warnung für andere Verbrecher läßt er deren Köpfe aufpflanzen.« Das Tor des Hauses war verschlossen. Ein Zeichen, daß der Radja nicht anwesend war. Das war mir sowohl als dem Offizier unangenehm, denn nun bekam ich von seinen Untertanen nichts zu Gesicht. Der Unteroffizier rief öfter um Einlaß, da es sich um Regierungssache handle. Aber obwohl wir bestimmt wußten, daß Menschen anwesend waren, ließ sich niemand blicken. – Mißmutig setzten wir unsern Weg fort, um am Hause des unteren Beamten den Versuch zu wiederholen, als plötzlich der Radja uns auf dampfendem Pferde entgegenkam. Schon in zehn Schritt Abstand sahen wir, daß neue Blutspuren den Anzug bedeckten. Auch die Hände zeigten die grausigen Merkmale blutiger Arbeit. Den Offizier begrüßte der Radja mit großer Höflichkeit. Den Unteroffizieren wurde ein leutseliges Wort zuteil – ich war Luft für ihn! Nach einigen kurzen Worten geleitete uns der Radja zu seinem Hause zurück. Von unsichtbarer Hand geöffnet, flogen die Torflügel auf und wir betraten einen Hofraum, der einem übelriechenden Sumpfe glich. Im schroffsten Gegensatze dazu stand der Raum, den wir dann betraten. Hier atmete alles indische Pracht und Bequemlichkeit. Zahlreiche, dickgepolsterte niedrige Sessel luden zur Ruhe ein. Schwellende Polster standen den hohen Besuchern zur Verfügung. Auf letztere warfen sich Offizier und Radja. Die Sessel wurden den Soldaten angewiesen. Ich war wiederum Luft! Das ärgerte mich. Ich hielt mich dem Braunfell ebenbürtig. Mit lauter Stimme bat ich den Offizier, dieser unwürdigen Situation ein Ende zu machen. Ich sei es nicht gewohnt, wie ein Lakai behandelt zu werden, am wenigsten von ... Der Offizier war aufgesprungen und verhinderte somit, daß ich das epitheton ornans aussprach, das ich für den Radja auf der Zunge hatte. Zu meiner Überraschung verstand letzterer etwas holländisch und wer weiß, wie er meine Äußerung aufgenommen hätte? »Eben erkläre ich dem Radja den Zweck Ihres Besuches. Sie wissen, daß es Weißen strengstens verboten ist, das Reich Timor zu betreten. Eine Erlaubnis dazu kann nur die Regierung in Delhi geben, und diese muß den Besucher vorher bei den Sultanen und Königen anmelden. Da Suai jedoch einen eigenen König in der Person dieses Herrn hat, so hielt ich mich für berechtigt, Sie bis hierher zu begleiten. Der Radja wird Ihnen die Erlaubnis erteilen. Sie sollen bis morgen abend sein Gast sein. Da dies jedoch wegen der Befehle meines Vorgesetzten nicht möglich ist, so verhandeln wir um einen Spaziergang durch den Markt des Dorfes.« Ich verstand den Sinn der Rede. Auffallenderweise wollte aber der Radja nicht auf unsere Wünsche eingehen. Er schien es darauf angelegt zu haben, ebenso wie sein Freund Teireira, mich über Nacht von der Dschunke zu entfernen. – Endlich erhob sich der Offizier und gab einem Unteroffizier einen kurzen Befehl. Dieser verließ den Raum und durchschritt den Hof bis zur Umzäunung, wo er einen weithin schallenden gellenden Pfiff aus einer Trillerpfeife abgab, wenige Augenblicke später heulte der Ton des Nebelhorns von der Dschunke herüber. »Wir kehren an Bord zurück,« sagte der Offizier, »Wir sind nicht gern gesehen. Belieben Sie meinen Arm zu nehmen. Sie sind unter dem Schutze der portugiesischen Uniform unverletzlich.« Zum Radja sprach er noch kurze, dienstliche Worte, dann führte er mich auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, wieder dem Meere zu. Links von mir ging ein Unteroffizier, zwei deckten mir den Rücken. Während des Marsches fragte ich nach der Bedeutung der Vorsichtsmaßregel. »Solange der Radja nicht ausdrücklich seine Erlaubnis dazu gibt, darf ein Weißer den Boden seines Reiches nicht betreten. Ausgenommen sind nur die Beamten der portugiesischen Regierung und derm Schützlinge. Letztere nur, wenn sie in nächster Nähe des Beamten sind.« Bei durchschreiten des Buschwaldes tauchten plötzlich von allen Seiten bewaffnete Männer neben uns auf, die eine bedrohliche Haltung gegen uns einnahmen. Der Pfiff des Unteroffiziers brachte aber die Besatzung des am Strande harrenden Bootes im Laufschritt in unsere Nähe und so erreichten wir ungehindert unser Fahrzeug. Ehe wir zur Dschunke zurückruderten, ließ der Offizier den Blick über die nächste Umgebung schweifen. Er wollte sich das gegen vorher völlig veränderte Bild einprägen, um seinem Vorgesetzten Meldung davon zu machen. Erklärend sagte er: »Die nächtliche Ladung der Dschunke ist der Vorwand für irgendeine ungesetzliche Handlung. Ich sehe nirgendwo Reis, wohl aber verdächtige Sandhügel, unter denen ebensogut Gewehre wie Opiumkisten versteckt sein können. Dazu die für die kleinen Boote unverhältnismäßig große Zahl von Männern, die sämtlich bewaffnet sind. – Fast will es mir scheinen, als wolle man unsere Dschunkenbemannung um vier Soldaten verringern!« »Zu welchem Zwecke?« »Es wäre nicht das erstemal, daß eine Regierungsdschunke von den Eingeborenen überfallen wird. Vielleicht gehört das zu dem Plane Ihres Herrn Teireira. Jedenfalls werden die beiden Herren die Nacht bei uns zubringen müssen, während einer unserer Offiziere die Gastfreundschaft Ihrer Dschunke in Anspruch nimmt.« Teireira war bereits von unserer Unterhaltung mit dem Radja unterrichtet. Meine Rückkehr an Bord war ihm sichtlich unangenehm: »Sie hätten ruhig bei dem Radja bis morgen bleiben können.« sagte er übellaunig. »Kein Mensch würde Ihnen ein Haar gekrümmt haben. Im Gegenteil. Der Radja hätte Sie mit allem versehen, was nur ein Europäer wünschen kann. Jetzt ist er beleidigt und läßt auch uns das fühlen.« »Das tut mir leid, Teireira. Ich sagte Ihnen aber vorher, daß ich mich den Anordnungen der Offiziere zu fügen hätte. Der Leutnant fragte mich übrigens gar nicht um meine Zustimmung oder Ablehnung. Sonst hätte ich vielleicht eingewilligt.« »So?« rief er schnell. »Dann will ich das dem Radja sagen lassen. Er läßt Sie dann durch seine Leute abholen.« »Nein, nein!« wehrte ich ab. »Ich habe genug gesehen. Mein Interesse ist nicht mehr so groß. – Außerdem würde es der Kommandant von drüben nicht erlauben, und der muß doch erst gefragt werden.« »Der merkt das gar nicht. Oder fahren Sie noch einmal hinüber?« »Nein, das nicht, aber... Hören Sie, Teireira, ich will Ihnen eine Mitteilung machen, von der ich Kenntnis erhielt und die vielleicht von Wert für uns alle ist. Sie erhalten heute Nacht eine Wache von drüben, die...« Er ließ mich nicht ausreden. Zornig sprang er von dem Wasserfasse, das ihm als Sitz diente, und rief, mit einem Fluch als Einleitung: »Das soll mir der Radja büßen! Der Hund glaubt, daß er, nun wo er sein Geld hat, mit uns so verfahren kann, wie damals mit dem Dongsa! So feige bin ich nicht! Wissen Sie, was der saubere Herr für Handel treibt? Er ver...« »Ich will es nicht wissen, Teireira,« unterbrach ich ihn. »Ich weiß auch nicht, ob der Radja über Sie gesprochen hat. Ich hörte nur, wie der Offizier über die Sandhügel eine Bemerkung machte.« »Und was sagte er darüber?« fragte er lauernd. »Die Mitteilung galt seinen Unteroffizieren,« erwiderte ich ausweichend. Im Anschluß daran hörte ich das, was ich Ihnen vorher sagte. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie das dem Offizier nicht sagten.« »Gewiß nicht. Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie uns damit erweisen. Dafür tue auch ich Ihnen wieder einen Gefallen.« »Ja? Dann gehen Sie so rasch als möglich nach Allor in See. Am liebsten noch heute. Der Reis kommt ja doch nicht mehr.« Bei den letzten Worten horchte er auf und sah mich aufmerksam an. Mein Gesicht verriet aber nichts von dem Verdacht, den ich schon länger mit mir herumtrug. Da der Aufwärter zum Kaffee auf das Achterdeck rief, brach unser Gespräch ab. Oben, auf dem erhöhten hinteren Teil der Dschunke wartete bereits der Kapitän mit seinem ersten Steuermann. Beide sahen aufmerksam nach der Küste hinüber, die man von diesem Punkte aus bis weit in die Vorberge hinein überblicken konnte. Nur eine hohe Klippe im Vordergrunde verdeckte einen Ausschnitt nach dem nahen Strande hinüber. Als ich unhörbar in den leichten Bordschuhen die Treppe hinaufeilte, hörte ich eben noch, wie der erste Steuermann dem Kapitän auf holländisch sagte: »...ein Tau ausbringen, dann kann man sie von der Klippe hinunterlassen. Auch der da drüben sieht nichts davon.« Die Worte waren von einer Armbewegung begleitet, die ihn veranlaßte, sich umzudrehen. Dabei gewahrte er mich. Betreten schwieg er einen Augenblick. Dann mußte er wohl meine Unaufmerksamkeit sehen. Er rief mich hierauf an und lud mich ein, die Aussicht zu betrachten. »Eben zeige ich dem Kapitän den prachtvollen Blick, den man von hier aus über das Land hat. Ist er nicht schön? Und da wohnen nun Menschen, die ihr ganzes Leben damit zubringen, darüber nachzudenken, wie sie ihrem Nachbarn am bequemsten den Kopf abschneiden können.« Das Panorama war wirklich bezaubernd. Die dem Westhimmel zueilende Sonne goß einen goldigen, gleißenden Schimmer über Meer und Küste. In den Gräben der Reisfelder mischte sie in das Braun der Erde einen kupferfarbenen Unterton, eilte dann sprungweise über flimmernden Sand, und ließ flutendes Licht über eine Anzahl aufgeregter Menschen niederfallen, die lebhaft gestikulierend ein einsames Haus umstanden. Die Gruppe fesselte unwillkürlich meine Aufmerksamkeit in dem Maße, daß ich den einzig schönen Rundblick für Minuten vergaß. Auch die Aufforderung des Kapitäns überhörte ich. Bis dieser sich aus dem Liegestuhl erhob und neben mich trat. »Was erregt Ihre Neugier so, daß Sie den Kaffee kalt werden lassen?« Ich reichte ihm das Glas und deutete auf die Menschenansammlung, Lächelnd zog er mich mit sich und sagte: »Das ist etwas Alltägliches. Die schleppen einen Toten oder Verwundeten zu ihrem Zauberer, der irgendeinen Hokuspokus damit treibt.« »Schade, daß ich das nicht mit ansehen darf. Ich hätte mir gern die Gebräuche der Menschen eingeprägt. Wer weiß, wie lange sie noch aufrecht erhalten bleiben, denn die vordringende Kultur vernichtet das Alte, und wer nach fünfzig Jahren hierherkommt, findet an Stelle dieser Urwüchsigkeit Fabriken und Steinhäuser. Für das spätere Studium der Menschenrassen sollten derartige Dinge aufgezeichnet und erhalten bleiben.« »Davon verstehe ich nichts. Ich möchte jedenfalls nicht in dem Haufen stecken, denn der Landfremde ist bei den abergläubischen Menschen immer der Sündenbock.« »Na, gar so schlimm wird's nicht sein, Kap'tain,« erwiderte ich. »Mich hätten sie sicher ungeschoren gelassen, denn ich tue keinem Menschen wehe.« Nur zu bald sollte ich das Gegenteil erfahren! Teireira erschien am Tische. Das Gespräch drehte sich jetzt wieder um das, was jenem am nächsten lag. Seine Ladung und die Regierungsdschunke. Der Kapitän nahm die Nachricht von der Bordwache ruhig auf. »Ich trinke gern ein paar Flaschen Wein mit den Offizieren,« sagte er. »Es sind brave Männer, die nichts dafür können, daß sie gerade auf eine Küstenfahrt kommandiert wurden.« »Ihr redet einmal wieder ohne zu denken,« fuhr Teireira auf. »Was soll dann aber aus unserer Abrede werden?« »Sendet einen Boten an Land!« »Habe ich schon! Aber ich habe das Warten satt, Kap'tain. Am liebsten ginge ich heute noch in See.« »Donnerschlag! Steht es so?« »Noch schlimmer! Verholt jedenfalls vom Lande weg. Zum Auslaufen ist es doch wohl zu spät, da die Sonne zu dicht auf dem Meere liegt und die Klippen unsichtbar macht.« Nun kam Leben in den phlegmatischen Alloresen [*?*]. In wenigen Sprüngen war er auf Deck. Kommandorufe wurden laut und drangen, von Mund zu Mund wiederholt, bis in die innersten Räume der Dschunke. Zehn Minuten später knarrte bereits das Ankerspill unter dem monotonen Gesange der Matrosen. Das Schiff setzte sich in Bewegung und trieb fast unmerklich vom Lande ab. Etwa eine halbe Meile weiter, und in ebensolchem Abstande von der Regierungsdschunke, fiel der Anker wieder und das schwerfällige Fahrzeug legte sich, dem Drucke der Strömung nachgebend, parallel zu dem andern. Dieses Manöver mußte sowohl am Lande, wie auf dem Portugiesen Erstaunen hervorgerufen haben. Von letzterem stieß ein Boot ab, von dem am Heck die Landesfarben flatterten, das also einen dienstlichen Besuch machte. Am Strande sammelten sich Gruppen von Eingeborenen, die in der gewohnten lebhaften Art über das Ereignis zu debattieren schienen. Aber auch auf unserer Dschunke hatten sich Parteien gebildet, die in der Kapitänskajüte in einen so lebhaften Meinungsaustausch geraten waren, daß sie sogar das Erscheinen eines Offiziers mit Begleitung überhörten. Das ermöglichte letzterem, mehr von der lauten Unterhaltung zu hören, als es der Besatzung dienlich sein konnte. In eben diesem Augenblick verwirkten Teireira und die Schiffsmannschaft ihr Leben! Der aufgeregt herausstürmende erste Steuermann prallte beim Anblick des dicht vor der Türe stehenden Offiziers und seiner Soldaten entsetzt zurück und konnte so die Streitenden vor der Gefahr warnen – leider zu spät! Der Leutnant verriet allerdings mit keiner Miene, was er gehört hatte. Höflich erkundigte er sich nach der Ursache des Verholens. »Wir wollen in See gehen,« erwiderte der Rapitän. »Wegen des glänzenden Wassers müssen wir noch warten. Vielleicht segle ich morgen früh, ich weiß noch nicht.« «Habt Ihr Euere Ladung übergenommen?« »Der Radja wird nicht fertig. Bis jetzt sehe ich noch keinen Sack am Strande. Ich bin des Wartens müde und werde daher auf der Rückreise von... von... hm – von Timorlaut die Waren mitnehmen.« »Danke, Kap'tain! Mein Kommandant beauftragt mich, zu Euerem und Eures Schiffes Schutze mit meinen beiden Leuten bis zur Abreise hier an Bord zu bleiben. Wollt Ihr die Güte haben, für unsere Unterkunft Sorge zu tragen?« , »Aber natürlich!« rief der Kapitän, sichtlich erfreut, während Teireira die Lippen zusammenkniff. »«Es hätte mir nichts Angenehmeres zustoßen können. Bitte, bemüht Euch hier in meine Räume.« Am Strande nahm die Menge inzwischen bedeutend zu. Verworrene Laute drangen bis zu uns herüber, die anscheinend den auf dem Meere fischenden Männern zugerufen wurden. Diese wiederholten die Worte, aus denen ich nur die wenigen, besonders gellend hervorgestoßenen Silben: hena mitin! swangi und motahodi verstand; als Teireira an mir vorüberging, fragte ich ihn nach der Bedeutung dieser Phrasen. »Die Leute reden hier die Tetusprache, hena mitin heißt Weißer und...« Alle Wetter, unterbrach er sich und sah mich mißtrauisch an. »Haben Sie im Dorfe irgend etwas getan, das die Eingeborenen gegen Sie feindlich stimmen könnte?« »Ich?« fragte ich erstaunt. »Nein, ich bin dem Offizier nicht von der Seite gewichen. Gilt denn das mir?« »Die Rufe, wenn Sie richtig gehört haben, heißen: Der Weiße ist ein Swangi. Motahodi heißt soviel wie ertränken..! Das kann doch nur mit Ihrem Besuche zusammenhängen.« »Ich weiß wirklich nicht, was man von mir will...« »Swangi ruft eben einer. Damit meint man einen Menschen, der imstande ist, seinen Körper zu verlassen, um andern Böses zuzufügen. Wahrscheinlich wird während Ihrer Anwesenheit im Dorfe jemand gestorben sein. Da die Lamkitos nicht glauben, daß man eines natürlichen Todes sterben kann, sondern Krankheit und Tod immer einem bösen Geist zuschreibt, so hält man Sie für den Swangi. Jetzt bin ich selbst froh, daß Sie nicht an Land geblieben sind, denn wenn erst einmal einer als swangi erkannt ist, dann wird er auf grausame Art hingerichtet. Meistens gepfählt oder verbrannt. – Es gilt wirklich Ihnen. Sehen Sie die vielen Boote, die jetzt vom Lande abfahren. Da! Hören Sie? kaubeng! kaubeng! Das heißt herausgeben. – Gehen Sie lieber unter Deck und benachrichtigen Sie den Offizier, damit er durch seine Autorität die Kerle im Zaume hält.« »Der Radja weiß aber doch ...« »Der kann da nichts machen. Gerade in diesem Falle wird er auch nicht eingreifen wollen, weil er hofft, durch die Wut seiner Untertanen, einen andern Plan zur Reife zu bringen. – Sehen Sie, dort fahren schon ein paar Boote zu der andern Dschunke hinüber. – Gehen Sie unter Deck! sage ich. Der Offizier muß Sie schützen.« Nur ungern folgte ich dem Rate Teireiras. Ich war mir keiner Schuld bewußt, und sah keine Veranlassung mich zu verbergen. Der Offizier hingegen nahm meine Meldung mit großer Besorgnis entgegen Er fragte den Kapitän, ob er die internationalen Flaggen führe. Zum Glück war das der Fall. Nach dem Signalbuche stellte er eine Mitteilung zusammen und signalisierte sie zu seinem Schiff hinüber. Von da kam prompt Antwort. Wenige Minuten später hob auch die Regierungsdschunke die Anker und legte sich in unsere nächste Nähe, so daß man, bei der guten Schalleitung der See, sich von Bord zu Bord verständigen konnte. Inzwischen hatte das Tagesgestirn seinen Lauf beendet und die Nacht begann ihre Herrschaft. Auf den Booten der Eingeborenen flammten vereinzelte Späne auf. Sie wurden auf gleiche Weise vom Lande her beantwortet. Bald war der Strand in seiner ganzen Länge von Feuern besäet, und ebenso belebte sich das Meer rings um unsere Dschunken mit fackeltragenden Kanoes. – Die Rufe waren verstummt. Man wartete auf den Ausgang der Unterredung mit den Männern, die von der Abordnung der Lamkitos an Bord des Portugiesen gesandt worden war, um die Auslieferung des Missetäters zu betreiben. Wir sahen mit wachsender Besorgnis auf die an Zahl immer noch zunehmenden Kanoes, die bereits einen vielfachen Gürtel um unsere Fahrzeuge gelegt hatten und deren Angriff wir zweifellos unterliegen mußten, wenn sie zu offenen Feindseligkeiten übergehen würden. Es war ja ein äußerst malerischer Anblick, die kräftigen, schön gebauten, fast nackten Männer in der flackernden Beleuchtung ihrer Spanfackeln zu sehen, wie sie die trotzigen Köpfe hoben, um jeder feindlichen Bewegung von unserer Seite mit dem Pfeile zuvorzukommen. Da rief man uns von drüben an: »Der Kommandant befiehlt, alle Waffen zur Abwehr bereitzuhalten, aber nicht zu schießen, bis ein Befehl erfolgt. Man zweifelt an einer befriedigenden Lösung.« – Wenige Minuten später ging eine Bewegung durch die Reihen der Boote. Man hörte wieder die Worte, swangi – hena mitin – Rassa rahun' – der Weiße mit dem Barte ist der swangi . Das galt mir! – Ich muß gestehen, daß mir nun doch etwas warm ums Herz wurde, denn allzuviel Vertrauen setzte ich nicht auf den Schutz der Seeleute. Was lag ihnen an einem fremden Weißen? Plötzlich rief ein Matrose von drüben sein vorschriftsmäßiges: »Dampfer an Backbord!« Aller Augen blickten nach Westen. Richtig – ein rotes Licht näherte sich. Ein nach Osten bestimmter Dampfer zog seine Bahn. Der mußte uns helfen! Ein gleicher Gedanke durchblitzte uns alle in diesem Augenblick, denn nun stieg zischend eine blaue Rakete in den sternbesäeten Äther. Eine zweite und dritte folgte. Kurz darauf trug uns der Wind den Ton einer Sirene herüber. Die rote Scheibe verschwand und machte der grünen Platz, die unter dem Toplicht ihren Schein auf die Fläche des Meeres warf. Ungeheuer war der Eindruck, den diese Notsignale auf die Lamkitos machten. Ein hundertstimmiges, markerschütterndes Geheul erfüllte die Luft. In wilder Unordnung stieben die Kanoes auseinander. Viele Männer warfen sich ins Meer, um schwimmend die Klippen zu erreichen. Andere hoben die Hände und riefen: »Peluk-nai« (Freunde sind wir!). – Der Zauber wirkte besser, wie es ein paar Kanonenschüsse vermocht hätten. Von diesem abergläubischen Vorurteil zog auch der Kommandant der Dschunke insofern Nutzen, als er die Abgesandten gefangennehmen ließ, um sie als Geiseln an Bord zu behalten, bis der neue Tag uns die Abreise möglich machte. Der Dampfer näherte sich vorsichtig der ihm unbekannten Küste. Er rief uns durch das Sprachrohr an und fragte: »Ist das Wasser hier gefährlich? Kann ich näher herankommen?« Von drüben hieß es: »Keine Gefahr! Wir setzen ein Boot aus.« Eines der Kielboote schoß bald darauf an unserm Heck vorüber, dem Dampfer entgegen, der sich uns langsam näherte. Die Unterredung zwischen den beiden war nur kurz. Das Boot kehrte zurück, der Dampfer wartete. Plötzlich verlangte unser Nachbar seinen Offizier zu sprechen. Er wurde abberufen und verließ uns mit seinen Soldaten in ziemlicher Eile. – Wieder löste sich ein weißes Boot von der Regierungsdschunke und nahm Kurs auf den Dampfer. Diesmal erkannte ich die Gestalt im Stern. Es war der Leutnant, den man uns zum »Schutze« an Deck geschickt hatte. – Drüben rasselte die Dampfwinde. Erstaunt fragten wir uns, ob auch der Dampfer hier zu Anker gehen wolle. Doch vergeblich warteten wir auf das Aufschlagen der schweren Eisenmasse aufs Wasser. Das Nachtglas verriet uns den Grund. Man nahm das Boot mitsamt seiner Bemannung an Bord, wenige Minuten später stieg vom Deck unseres Nachbarn eine gelbe Rakete in die Luft, der Dampfer zog die Sirene, und bald lag friedliche Stille über der kleinen Bucht. Mitternacht war vorüber. Eine steife Brise wehte vom Lande her. Ungeduldig zerrte unsere Dschunke an ihrer Ankerkette und wiegte sich in der bewegten See von einer Seite auf die andere. Durch den Raum lief ein geheimnisvolles Knirschen, wie wenn Eisen auf Eisen trifft. Dunkle Gestalten huschten um die Masten. An der Ruderpinne arbeitete ein Malaie mit der Ölflasche. Da klatschte ein schwerer Gegenstand auf das Wasser. Als ob das ein verabredetes Zeichen gewesen wäre, tauchten plötzlich aus allen Winkeln Matrosen hervor. Ohne den üblichen Singsang flogen die großen Segel in die Höhe und in rascher Fahrt rauschte die Dschunke in das freie Meer. Anker und Kette waren geopfert, um freie Bewegung zurückzuerhalten. Mit frohem Gesichte begrüßte mich der Kapitän. »Jetzt werden wir uns nicht mehr aufhalten. Wenn der Wind es gut mit uns meint, sind wir in acht Tagen vor Mataru. Dort werden Sie von uns erlöst.« Ich drückte dem Alloresen meine Befriedigung über seine Mitteilung aus, vermied es aber, auf die ungewöhnliche Art der Abreise zurückzukommen. Notwendigerweise hätte das zur Erörterung eines Themas geführt, das ich nicht wissen wollte – um nicht darüber aussagen zu müssen. Wir hatten bei Sonnenaufgang bereits das Land aus den Augen verloren und liefen vor dem Winde auf Südwestkurs durch eine bewegte See. Beim Mittagessen machte ich eine Bemerkung über diese Richtung und fragte so nebenbei, warum wir nicht den näheren Weg über die Nordostspitze von Timor gewählt hätten. Das würde uns über hundert Seemeilen Fahrt ersparen. »Trotzdem kommen wir mit unserem Kurse rascher ans Ziel,« antwortete Teixeira. »Ich habe unsern gestrigen Nachbarn im Verdacht, daß er uns wegen ... nun, wegen der Aufruhrgeschichte von gestern abend Schwierigkeiten in den Weg legen will. Darum schickte er seinen Offizier mit dem Dampfer weg, der ihn so dicht an die Küste von Bibifussu bringen soll, daß er mit seinem Boot die Telegraphenstation erreichen kann. Bei dem Winde wird das allerdings sehr gefährlich sein.« »Was für ein Dampfer mag das gewesen sein?« »Ich war mit einem Kanoe dicht bei ihm. Den Heimathafen konnte ich lesen. Er hieß Hamburg...« »Was, ein Deutscher war's? Wenn ich das gewußt hätte! Wie hieß er?« »Das andere Wort konnte ich nicht entziffern. Ich sah nur die ersten Buchstaben: ›Itze...‹ weiter kam ich nicht, da mich ein Schraubenschlag abtrieb.« »Das war die ›Itzehoe‹ aus Hamburg,« erwiderte ich. Eine Art Trauer umfing mich. So dicht bei der Heimat und ich wußte es nicht! – Vielleicht war es besser so, denn ich glaube, ich wäre unter allen Umständen dort an Bord gegangen und – wäre dort geblieben. Vier Tage später sichteten wir an Steuerbord die blauen Umrisse eines gebirgigen Landes. Teixeira näherte sich mir, als er sah, daß ich es mit dem Fernglase betrachtete. »Kennen Sie die Insel?« fragte er schmunzelnd. »Dort wohnen Freunde von Ihnen, bei denen Sie Gastfreundschaft genossen haben.« »Das ist doch die Kupang-Halbinsel nicht?« »Nein. Das ist Rotti. Schade, daß wir es in der Nacht passieren, sonst würden uns die Holländer sicher einen Besuch abstatten.« Der Besuch unterblieb allerdings, weil wir so weit von Rotti sowohl wie von Savu entfernt durch die Straße steuerten, daß die holländischen Beamten es nicht gut wagen durften, eine Dschunke anzuhalten. Um so eifriger machten sie sich auf die Jagd, als wir wenige Tage später in der Timorsee in eine größere Anzahl von Fahrzeugen gerieten, die nicht ohne Absicht in beängstigend engem Zusammenhang auf die Inseln östlich von Flores zusteuerten. Die Führer dieser Dschunken kannten sich alle. Es schien mir nach allem, was ich schon über diese Fahrten gehört hatte, daß jeder Schiffsführer auf die für den Uneingeweihten harmlos scheinenden Bedingungen eines Einzigen zu achten hatte. Teireira und der Kapitän blieben auch unausgesetzt auf dem Verdeck, und ohne daß ich es für notwendig gehalten hätte, legten sie das Ruder bald so, bald so, dadurch einer andern Dschunke einen Kurs freigebend, der uns nicht gemeldet war. So liefen dicht neben uns etwa acht Dschunken plötzlich aus reinem Ostkurs nach Norden in die Maurissastraße. Drei gingen zwischen Pantar und Allor in die Flores-See. Uns zwang die hereinbrechende Nacht, wie auch zwei andere Dschunken, vor Mataru zu kreuzen. Das so heiß erkämpfte Land durfte ich trotz meiner Bitten nicht mehr betreten. Der nächste Morgen erst brachte uns von Land einen Lotsen, der die drei Dschunken, unsere voran, direkt vor den Bug eines in einem Winkel der Bucht versteckt liegenden holländischen Kanonenbootes brachte. Im Handumdrehen nahmen die Blaujacken Besitz von den Schiffen, und jeder an Bord befindliche Mensch mußte es sich gefallen lassen, als Gefangener behandelt zu werden. Mein energischer Protest ersparte mir zwar die Fesselung, doch mußte ich ohne jede Nahrung bis zum Spätnachmittag in der Kajüte, zwischen der gesamten hier eingesperrten Besatzung, auf meine Vernehmung warten. Auf Deck übten fünf holländische Offiziere das Richteramt aus. Wie das Urteil über die Schmuggler ausfallen würde, zeigte das grausige Bild, das die beiden mitgefangenen Dschunken boten. – Es war mir nicht schwer, meine Unschuld an der Schmugglerfahrt darzutun. Ich ließ mich aber auch nicht dazu bewegen, belastend über die Mannschaft unserer Dschunke auszusagen, denn, wie ich dem Richter betonen mußte, gehört und gesehen hatte ich nichts, was auf unerlaubte Handlungen des Kapitäns und seiner Leute schließen ließe, und Vermutungen auf meinen Eid zu nehmen, hielt ich nicht für zulässig. – Ich wurde noch vor Sonnenuntergang durch ein Boot des Kriegsschiffes mit meinem Gepäck in Mataru an Land gesetzt. So wurde mir der Schmerz erspart, der Hinrichtung der armen verblendeten Menschen beizuwohnen. Sie wurden sämtlich aufgehängt. Die Ladung ihres Schiffes bestand aus Waffen. – So endete meine zweite Schmugglerfahrt. Viel schlimmer erging es meinem Gefährten Nottebohm. Nach seinen eigenen Erzählungen schildere ich seine Irrfahrten an Bord der Dschunken des berüchtigten Tschung-Li und Kü-schan. – Ich lasse ihn selbst sprechen: Schon in der Sapistraße hatten wir den ersten Zusammenstoß mit den Holländern. Ein Zolldampfer hißte die Flagge und gab einen Schuß ab. Darauf befahl Tschung-Li, der an Bord seine Kaufmannswürde abgelegt hatte und wieder Kapitän geworden war, daß die spanische Flagge gesetzt werden solle. Diese durfte der Holländer nun eigentlich nicht anhalten. Der führende Offizier schien jedoch mehr über die Dschunke zu wissen, als deren Kapitän dienlich war. Er lief längsseit und forderte den Chinesen auf, sofort beizudrehen, andernfalls müsse er Gewalt brauchen. Nun entspann sich ein Gespräch, das mich zum ersten Male in Verbindung mit dieser Sorte von Seeleuten brachte. »Diese Dschunke ist spanisches Eigentum. Sie fährt unter spanischer Flagge. Oder sollten Sie diese nicht kennen? Dann gehen Sie nach Hause und lernen Sie erst internationales Seerecht!« Diesen groben Worten ließ Tschung-Li noch eine Reihe von malaiischen Flüchen folgen, die unter jener Menschenklasse geläufig sind. Der Offizier ließ sich aber nicht einschüchtern. Er gab mit weithin schallender Stimme seinen zwölf Soldaten Befehl, die beiden Geschütze unter die Wasserlinie der Dschunke zu richten und die Boote klar zu machen. Hierauf wiederholte er die Aufforderung, die Dschunke zu stoppen. Tschung-Li raste. Da er aber genau wußte, was folgen würde, wenn er sich noch länger widersetzte, so ließ er endlich beidrehen. – Der Offizier kam mit vier Soldaten selbst an Bord der Dschunke. Er schien auf solch widerborstige Aufnahme schon eingerichtet zu sein, denn er verlangte gar nicht erst das Fallreep, sondern ließ eine Leiter auf die Reling der Dschunke werfen, mittels der er bequem, und ohne die Waffe aus der Hand zu legen, hinüberklettern tonnte. Ein Soldat blieb als Wache neben der Treppe. Da kein Mensch ihm zu seinem Empfange entgegenkam, hielt er den ersten ihm begegnenden Mann mit der Frage nach dem Eigentümer des Schiffes an. Dieser Mann war ich. Höflich antwortete ich: »Der Kapitän ist jener Herr mit der roten Leibbinde.« »Ist das auch der Eigentümer?« Achselzuckend erwiderte ich: »Darüber kann ich nichts sagen. Ich reise auf dieser Dschunke einer neuen Heimat entgegen. Das weitere wird Ihnen der Kapitän sagen können.« »Sind Sie Holländer ?« fragte darauf der Offizier überrascht. »Nein, Deutscher. Ich lebe aber schon sechs Jahre auf den Inseln. Ich war bisher bei Reis \& Comp. Jetzt unterschrieb ich einen Vertrag mit Mayol hermanos . »Mayol – hm – der Name ist nicht beliebt bei uns. – Sie heißen ?« »Nottebohm.« Sinnend blätterte der Offizier in seinen Papieren, als riefe ihm mein Name eine Erinnerung wach. Er wurde aber durch Tschung-Li unterbrochen, der mit großen Schritten herankam und den Offizier anfuhr. »Wenn Sie zu mir an Bord kommen, haben Sie sich zuerst bei mir zu melden. Sie scheinen nicht viel Anstand gelernt zu haben.« Eine leichte Röte stieg in das Gesicht des Offiziers. Der ihn begleitende Unteroffizier machte eine Bewegung, als wolle er diese Beleidigung seines Vorgesetzten rächen. Dieser aber überhörte die Worte und fragte kurz: »Wer sind Sie und wie heißen Sie ?« »Ich bin der Kapitän dieser Dschunke, Dong Yeng heiße ich. Und nun sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen.« Äußerlich ruhig, machte sich der Offizier seine Notizen und verlangte dann Einsicht in die Schiffspapiere. »Was da drin steht, kann ich Ihnen auch hier sagen. Mein Schiff führt eine Ladung Mais und Mehl in Fässern, kommt von Delhi auf Portugiesisch-Timor und ist nach Pollok auf Mindanao bestimmt. Eigentümer sind Mayol hermanos in Manila, deren Vertreter dieser Herr ist, der zugleich als für die Ladung verantwortlicher Supercargo mitfährt. Heimatshafen ist Spanisch-Pollok, demgemäß führen wir spanische Flagge. Gleichzeitig protestiere ich gegen die gegen mein Schiff angewandte Gewalt, für die meine Regierung Sie zur Rechenschaft ziehen wird.« Alle diese Angaben schrieb der Offizier in sein Notizbuch. Hierauf ließ er mich nochmals meinen Namen nennen und fragte so obenhin: »Im übrigen stimmt das, was Sie mir vorhin sagten?« Als ich kopfnickend bejahte, wandte er sich wieder an den Kapitän: »Ich bitte um Ihr Flaggenattest. Das möchte ich einsehen.« Tschung-Li fuhr herum, als hätte ihn jemand geohrfeigt. Eben wollte er zornbebend auf das Verlangen des Offiziers antworten, als der Zolldampfer drei kurze Pfiffe ausstieß. Sofort sprang der Leutnant an die Reling, und was er nun sah, würde auch eine größere Besatzung, wie die seines kleinen Fahrzeugs, mit Besorgnis erfüllt haben. Er pfiff seinen Leuten und kehrte eilig an Bord zurück. Während der Vernehmung hatten sich in der starkbefahrenen Straße eine Anzahl Dschunken eingefunden, die, wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, sich nach und nach unserm Schiffe näherten und dann das große Segel fallen ließen. Andere liefen eine halbe Seemeile weiter und kehrten anscheinend absichtslos auf ihrem Kurse zurück. So bildete sich in überraschend kurzer Zeit ein Ring um den Zollkutter, der diesen vollständig einschloß. Auf allen Dschunken wurden zahlreiche, verdächtig aussehende Gestalten, meist Malaien, Chinesen und Papuaner sichtbar, die neugierig die Vorgänge auf unserer Dschunke verfolgten. Hin und wieder flog der Blick zu unserm Mast empor, als ob man von dort ein Zeichen erwarte. – Unverkennbar jedoch war die Absicht, dem angehaltenen Kameraden hilfreiche Hand zu leisten, falls dieser nicht gutwillig den Anordnungen des Holländers Folge zu geben gewillt war. Das erkannte auch das Zollboot, und der Offizier mochte wohl ahnen, daß er bei einer Kraftprobe mit seiner gesamten Mannschaft verloren war. Er gab daher die Dschunke frei, bahnte sich einen Weg durch die nun wieder unter Segel gehenden Fahrzeuge, und lief eilends zu seinem Stützpunkt auf Gili Bantu zurück. Von dort aus spielte der Telegraph nach allen Richtungen. Er begann die Fäden zu dem Netze mit großer Umsicht vorzubereiten, in dem die zu übermütig gewordenen malaiischen Schmuggler in wenigen Monaten ihr Ende finden sollten. Tschung-Li setzte befriedigt seine Reise fort. Er ließ ein in keinem internationalen Flaggenkodex bekanntes Signal vom Vormast flattern, das den Kameraden seinen Dank anzeigte. Nicht so zufrieden mit dem Ausgang war ich. Zu vieles war mir bei der Unterredung mit dem Offizier unklar geblieben, als daß ich es hätte mit Stillschweigen übergehen dürfen. Beim Frühstück fragte ich Tschung- Li nach den Widersprüchen zwischen seinen Angaben und den Tatsachen. – Er zog die Stirn kraus und erwiderte nach kurzer Überlegung: «Ich will den verdammten Holländern die Schnüffelei abgewöhnen. was geht es sie an, wohin eine Dschunke läuft, hier in der Sapistraße?« »Sie haben mich auch als Supercargo dieser Dschunke ausgegeben...« »Nun ja! Sie sind doch von Mayol angestellt!« »Aber nicht als Supercargo. Außerdem kenne ich die Art der Ladung gar nicht.« – »Sie haben doch gehört: Mais und Mehl in Fässern.« »Dongsa sprach anders,« erwiderte ich. »Aber als Supercargo muß ich die Ladungspapiere in meinem Besitz haben, wenn Sie mir diese übergeben wollen, dann vertiefe ich mich in deren Inhalt. Dem nächsten, der uns anhält, kann ich dann Antwort auf seine Frage geben. Es ist jedenfalls verdächtig, wenn der Supercargo sagen muß, er wisse nicht, was für eine Fracht sein Schiff hat.« »Das sagten Sie dem Holländer?« fragte der Kapitän unwillig. »Ich verwies ihn an Sie. Das war das Klügste, was ich tun konnte.« »Nun, der übermütige Zollwächter hat eine Lehre bekommen. Es fehlte nicht viel und er nähme jetzt als leidender Teil sein Frühstück bei den Fischen.« »Sie würden doch nicht mit Gewalt gegen ihn vorgegangen sein ?« fragte ich überrascht. – »Das wäre der Erste nicht!« entfuhr es ihm. Er verbesserte sich aber rasch und sagte: »Es sind schon viele Wachtschiffe zwischen den Inseln verschwunden, die man ohne Erlaubnis der Eigentümer geentert hat. Ich hätte diesen jungen Herrn auch über Bord geworfen, wenn er seine Zudringlichkeit noch weiter getrieben hätte.« »Wie kam es eigentlich, daß sich so viele Dschunken wie auf Verabredung hier zusammenfanden? Würden sich die der Beschlagnahme Ihres Schiffes gewaltsam widersetzt haben?« »Da die Belästigungen neuerdings eine weite Ausdehnung angenommen haben, so sind wir Dschunkenbesitzer übereingekommen, uns keine Beschlagnahme mehr gefallen zu lassen. Alle stehen wir dem Betroffenen bei, und das Wachtschiff möchte ich sehen, das einem Dutzend gutbewaffneter Dschunken standhält.« »Aber das ist den Holländern doch nicht zu verdenken, daß sie die Waffenzufuhr an die Eingeborenen verhindern wollen. Dadurch wird deren Widerstand nur noch gestärkt.« »So! Auch Sie sind so einer?!« rief Tschung-Li und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wer gibt den Holländern das Recht, in die Inseln einzudringen, die Bewohner zu töten und deren Eigentum zu verwüsten, um sich nachher zum Herrn des Landes aufzuwerfen? Was würden Sie sagen, wenn eine fremde Macht in Ihr Heimatland eindränge und sich dort mit brutaler Gewalt festsetzte. Wären Sie nicht froh, wenn Ihnen jemand die Waffen lieferte, um sich gegen fremde Willkür zu wehren? Würden Sie nicht alles opfern, um den Eindringling zu vernichten? – Ja, jetzt schweigen Sie, weil Sie mir nicht zustimmen wollen! – Ich sage Ihnen, daß Sie genau so handeln würden wie der Balinese oder der Boeginese von Allor und Flores. Auch Sie würden denen, die von den Holländern mit allen möglichen Mitteln verfolgt und mit einem schimpflichen Tode bedroht werden, als Ihren Rettern freudig die Hand reichen! Geben Sie mir da nicht recht?« »Das sind Fragen, die in das Gebiet der hohen Politik fallen und davon verstehe ich nichts. Ich weiß nur, daß die Holländer ein Gesetz erlassen haben, das den Besitz von jeglichen Waffen und deren Einfuhr nach allen Inseln des Malaiischen Archipels unter schwere Strafen stellt. – Danach muß ich als Fremder mich richten. Es ist nicht meine Sache zu untersuchen, ob diese Gesetze zu Recht oder zu Unrecht erlassen wurden. Jedenfalls besitzen die Holländer die Macht, ihren Willen durchzusetzen.« »Und diese Macht erkennen wir nie und nimmer an!« rief Tschung-Li mit lästerlichen Flüchen. »Wir werden sie schon mürbe kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!« Ein Matrose rief den Kapitän nach oben. Ich folgte ihm und sah, daß sich das Wetter inzwischen verschlechtert hatte. Der Himmel zeigte eine glasige Färbung und das Meer hob sich in langen Hügeln, wie in Erwartung eines schweren Sturmes. Noch waren wir in Sicht von Gili Bantu, dessen schroff in den Äther ragenden Kegel kleine Wolkenfetzen umtanzten. Im Nordwesten war das unbewohnte Sangeang sichtbar. Eine schwere schwarze Rauchfahne wälzte sich über das Meer und zeigte, daß dort ein Dampfer in eiliger Flucht vor dem Unwetter begriffen war. Auf dem hohen Achterdeck stand Tschung-Li in eifrigem Gespräch mit seinen Steuerleuten. Besorgt schweiften ihre Blicke zum Südwesthimmel hinüber. Sie suchten zu ergründen, ob es noch gelingen würde, einen schützenden Zufluchtsort zu erreichen, bevor der wilde Tanz losbräche. Einige Dschunken, die bis jetzt auf unserm Kurse gesteuert waren, kreuzten mit allen Segeln gegen die Ratten-Insel auf. Ich gesellte mich zu der Gruppe und suchte aus den gewechselten Reden zu erfahren, ob eine Gefahr für unsere Dschunke bestände. – Tschung-Li war für eine Rückkehr nach der Insel Komodo. Die beiden Steuerleute waren dagegen. »Wenn wir noch lange Zeit verlieren, hat uns der Orkan und dann sind wir wehrlos. Auf den Inseln kenne ich Schlupfwinkel genug,« rief er. »Die kenne ich auch!« entgegnete der erste Steuermann, »wäre der Zwischenfall mit dem Holländer nicht gewesen, dann wollte ich nicht widersprechen. So aber weiß er genau, daß wir hier irgendwo Schutz suchen müssen. Da fängt er uns dann einfach ab.« »Ach was, die Angst habe ich nicht!« sagte der Kapitän. »Laßt die Segel ändern, dann kennt er uns nicht, denn jetzt haben wir ja auch den weißen Streifen. Oder habt Ihr die Verschalung noch nicht fallen lassen?« »Nun ja! So oder so!« antwortete unwirsch der Erste. »Soll es uns an den Kragen gehen, dann schieben wir den fatalen Moment so lange als möglich hinaus. Dem Orkan können wir niemals standhalten. Versuchen wir es mit der Ratten-Insel.« Mit Blitzesschnelle wurde die Metamorphose der Dschunke vorgenommen. Die Reling des hohen Achterdecks ließ eine gut angebrachte Verschalung fallen. An Stelle der braunen Mattensegel flogen hellgelbe, mit roten Längsstreifen versehene neue Segel an den Masten empor. Die rote Rose, die dem Bug als Bemalung diente, mußte dem Auge weichen, das allen chinesischen Fahrzeugen eigen ist. – Wer die Dschunke vor einer Viertelstunde gesehen hatte, kannte sie jetzt nicht wieder. – Die Verwandlung wurde in der Nähe von zwei andern Seglern vorgenommen, unbekümmert um etwaige Spione. Ich ließ eine Bemerkung darüber fallen. »Was hier an Dschunken in der Nähe ist, gehört zu meinen Freunden. Wäre ein Verräter darunter, dann würde die See die Trümmer seines Schiffes nach dem Sturme an irgendeine Küste spülen.« Der Wind lief unstet durch den ganzen Kompaß. Er zwang dadurch unsere Seeleute zur allergrößten Aufmerksamkeit. Bald liefen wir vor dem Winde, bald mußten wir kreuzen. Schäumend flog die Dschunke durch das sich zu dem rasenden Tanze rüstende Meer, dessen schneegekrönte Wellen ihren Gischt in großen Flocken über unser Deck warfen. Tschung- Li stand mit zusammengebissenen Zähnen neben dem Steuerer und spähte angestrengt nach dem hinter Komodo verschwindenden, für ihn besonders gefährlichen Eilande Gili Bantu. Auch ich suchte mit dem Fernrohr die rasch näherkommenden Inseln ab. Noch zeigte sich keine offene Straße zwischen ihnen, da die zerstreut liegenden gewaltigen Klippen eine einzige Küstenlinie, von Einschnitten zersägt, vortäuschten. Ein weißer Punkt fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich wußte, daß diese Farbe nur europäisch gebaute Steinhäuser und – Kriegsdampfer trugen. Ich machte den Kapitän darauf aufmerksam. »Wo sehen Sie einen weißen Punkt ?« fragte er hastig. »Dort, zwischen Flores und der Ratten-Insel!... Es ist ein Dampfer. Ich sehe den Rauch, wahrscheinlich der Postdampfer nach Neuguinea.« »Unsinn! Der hat in der Mangerai-Straße nichts zu suchen. – Das ist der neue holländische Kreuzer. – Verdammt, daß uns der gerade jetzt in den Weg läuft. Der sollte doch in Sumatra Dienst tun!« Wieder ließ Tschung-Li seine Flüche los. Gleichzeitig pfiff er dem ersten Steuermann. »Da haben wir die Bescherung!« rief er, auf den jetzt deutlicher erkennbaren weißen Rumpf zeigend. »Jetzt ist es zu spät, einen andern Schlupfwinkel aufzusuchen, wir müssen in die Straße einlaufen und in die erste Bucht von Komodo zu Anker gehen.« Der Angeredete spähte lange auf den verdächtigen Dampfer, bevor er antwortete. »Das ist ein Kriegsschiff,« sagte er. «Es macht Fahrt und scheint sich die einkommenden Fahrzeuge genau anzusehen... Aber wir spielen ihm doch einen Streich, wir laufen in die Sapistraße ein!« »Seid Ihr verrückt?« schrie der Kapitän. »Dort liegt doch der Aufpasser von heute morgen auf der Lauer, und die Kanonen von Gili Bantu werden uns sicher den Weg verlegen, wenn wir das Signal nicht befolgen. – Und wie wollen wir wieder in die Sundasee hineinkommen?« »Laßt mich nur machen, Kapitän. Zeit zu langem Überlegen haben wir nicht, wir werden gleich ein paar Reffe in die Segel machen müssen, sonst reißt sie der Sturm mit. Achtung – wir gehen über Stag!« Die Dschunke flog jetzt über das Wasser. Sie lag so hart auf der Seite, daß sie zu kentern drohte. Mit sicherer Hand lenkte sie der verschlagene Malaie durch die kochende See. Ein fernstehender Beobachter mußte glauben, daß sie die Nordbucht von Komodo anlaufen würde, plötzlich aber ging sie wieder über den andern Bug und flog auf die gefährlichen Klippen der Mangerai-Straße zu. Nun jagte die Küste uns förmlich entgegen. Am Maste des Kreuzers ging eine Warnungsflagge hoch. Dicker Qualm bewies, daß er sich bereithielt, der zerschellten Dschunke Hilfe zu bringen. – Aber der kühne Seemann kannte die Küste. Im letzten Augenblick, kaum eine halbe Seemeile vor den drohenden Felsen, deren Brandung trotz des Sturmes bei uns hörbar war, ging er nochmal über Stag. Das Schiff bäumte sich auf wie ein scheues Roß. Aber es gehorchte. Mit großer Fahrt sauste es unter dem Schütze des hohen Ufers der Sapistraße zu. In Sicht von Gili Bantu packte uns der Sturm wiederum mit voller Gewalt, wiederum warnte der Küstenwächter, der wohl – ebenso wie ich – keine Sekunde daran zweifelte, daß wir in den nächsten Minuten ein schreckliches Ende zwischen den zahlreichen Klippen finden würden. Vorbei jagten wir an dem Eilande. Vorbei an dem auf seinem Anker reitenden kleinen Wachtschiff, das unsern Widersacher vom Vormittag barg. Starre, von der See in ein Schaumkleid gehüllte Klippen stiegen rechts und links aus dem brodelnden Gischt, Tod und Verderben drohend. Dem lächelnd am Steuer stehenden Malaien schien der tosende Lärm Sphärenmusik. – Da plötzlich eine himmelhohe Wand. Pfeilschnell jagte sie uns entgegen, als wolle sie uns mit ihren stürzenden Wassern zerschmettern. Gewaltige Spritzwellen überfluteten das Deck. – Dann rasselten die Segel nieder. Ein breites Tor öffnete sich und die Dschunke lief in einen Kessel, in dem es wie in einem Höllenschlunde tobte. Der Anker fiel. Minutenlang drehte sich das Schiff wie ein Kreisel um die straff bis zum Zerspringen angespannte schwere Kette. Dann gab der Malaie mehr und mehr nach und ließ die Dschunke, unter dem Drucke der von außen herandrängenden Strömung, bis in den innersten Winkel des Kessels treiben. Dort fanden wir ruhigeres Wasser. Nun löste sich die Spannung, die uns alle wie mit eisernen Bändern an die Bewegungen des Steuermanns gefesselt hatte. Fast die gesamte Besatzung drängte sich um den kühnen Schiffer und sprach ihm die ungeheuchelte Anerkennung aus. Selbst der Kapitän sagte: »Das war ein Meisterstück, Steuermann, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Ich selbst stehe in dem Rufe eines Wagehalses, aber das hätte ich denn doch nicht gewagt. Ich gab keinen Deut mehr um mein Schiff und mein Leben.« »Das ist kein so großes Meisterstück, wenn man die Küste kennt. Hier in diesem Winkel habe ich schon manche bange Stunde verbracht. Damals, als – na, Ihr wißt's ja!« »Das glaube ich, daß Euch hier kein Verfolger suchte. Wie kommen wir aber wieder aus der Mausefalle heraus? Die haben uns von dem Turm aus doch sicher mit Staunen und Neugier beobachtet?« fragte der Kapitän. »Die halten uns für verloren. Mit Mann und Maus. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn der Dampfer, trotz des schweren Wetters, jetzt die Klippen nach Überlebenden absuchen würde – der brave Mann!« »Oder nach unsern Leichen,« warf ich ein. »Ist das nicht auffällig, daß er die nicht findet?« »Durchaus nicht! Was der Hai übrig läßt, frißt der Tintenfisch. Damals gab's gerade in diesem Kessel ein paar gewaltige Kerle, deren Arme bis zum halben Mast reichten. Eines unserer Boote brachten sie zum Kentern. Die drei Mann sahen wir am nächsten Tage in den Armen der Ungeheuer, die damit vor ihren Löchern saßen und die Leichen aussaugten.« »Wie kommen wir wieder aus diesem Loche heraus?« wiederholte der Kapitän, den das Schicksal von ein paar Menschen nicht interessierte. »In einer Stunde wird es dunkel, dann legt sich der Sturm. Dann drängt das Wasser nicht mehr herein und die starke Strömung läßt so weit nach, daß wir mit dem heraussetzenden Strom in die Straße treiben können. Wir laufen mit ihm in offenes Wasser und nehmen Kurs auf die Sangeang-Insel. Die ist, wie Euch bekannt, bei Nacht verrufen, und jeder Schiffer geht dort zu Anker, wenn ihn die Nacht in der Straße überfällt. Deshalb läßt ihn das Wachtschiff auch unbehelligt, weil die Station auf der Vulkan-Insel Goengseng Api die Kontrolle besorgt.« »Dann wiederholt sich das Theater von heute früh,« warf ich ein. »Wenn wir noch da sind, ja! Aber gerade ihr Feuerberg hilft mir ins offene Meer. Vor allen Dingen laßt andere Segel anschlagen und ändert die Randbemalung. Das Wetter läßt nach. Ich will hinausrudern und mir die Gegend vorher ein wenig betrachten. – Hallo! Nieder das Boot. Vier Mann zum Rudern!« Lange blieb der Malaie aus. Er sprang atemlos auf das Deck und rief: »Das war eine schwere Arbeit, das Boot aus der Brandung zu bringen. Ich selbst mußte mit rudern, weil den Kao der Hai gefressen hat. Der dumme Kerl sprang auf die Klippe glitt aus und war sofort verschlungen.« »Geschah ihm recht,« sagte gleichgültig der Kapitän. »wie sieht's aus?« »Die Luft ist jetzt rein. Als wir die Nase aus der Brandung steckten, ging gerade der große Weiße vorbei. Sein kleiner Bruder lief hinterher. Da sie an der jenseitigen Küste fuhren, denke ich, daß sie in die Sumbasee gehen. Dort ist ja heute Versammlung von... na, Ihr wißt Bescheid.« »Das nenne ich Glück,« jubelte der Kapitän. »Nun aber rasch heraus! Solange ich hier zwischen den Wänden sitze, habe ich das Gefühl, als ob ich eingesperrt wäre.« »Dazu werdet Ihr nie kommen, Kapitän,« antwortete der Malaie anzüglich. »Laßt vorsichtig den Anker heben, denn die Nacht trägt jeden Laut verstärkt ins Freie. Und wenn es dem Kleinen einfallen sollte, nochmal nach dem Rechten zu sehen, dann ginge es uns schlecht genug – oder ihm.« Die Strömung half der Seemannskunst des Malaien, wie dieser es wünschte. Nach kaum einstündiger Arbeit liefen wir unter kleinen Segeln in den Schutz der jenseitigen Küste. Dort faßte uns ein günstiger Wind, der uns noch vor Tagesanbruch in die Nähe des Vulkans brachte. Eine größere Anzahl von Seeschiffen lag dort vor Anker, weil der von zahllosen Klippen übersäete Grund selbst für die Lotsen Schwierigkeiten barg. – Unser Malaie jedoch ließ sich nicht abhalten, seine Fahrt fortzusetzen, trotz der drei farbigen Laternen, die an dem Holzgerüst sichtbar wurden. Die aufgehende Sonne fand uns bereits auf hoher See unter Nordostkurs. Nun zog die Dschunke wiederum ein anderes Kleid an. Die Segel trugen anstatt der roten Streifen einen grünen, kugelförmigen Klecks, und aus dem weißen Bordstreifen wurde ein roter. Das Auge am Vordersteven blieb. – Fünf Tage lang segelten wir auf dem gleichen Kurse. Dschunken begegneten uns und tauschten geheimnisvolle Zeichen aus. Manchmal flackerte auf Deck eines in der Nacht vorübersegelnden Schiffes ein Feuerbrand auf. Das Signal fand kein Echo auf unserer Dschunke, eher das Gegenteil, denn solchen Fahrzeugen sandte unser Kapitän keine Segenswünsche nach. Es mußten wohl Konkurrenten meines Brotherrn sein. Da tauchte nachmittags eine schwache Rauchfahne am Horizont auf, die rasch größere Dimensionen annahm und uns endlich einen rotgemalten Dampfer brachte, der bei unserm Anblick einen großen gelben Wimpel mit grüner Kugel im Vortopp hißte. Die Ähnlichkeit dieser Flagge mit dem Zeichen in unserm Segel fiel mir sofort auf. Ich vermutete einen Freund unseres chinesischen Kapitäns und wunderte mich daher nicht, daß dieser sofort beidrehte und ein Boot klarmachen ließ, vom Dampfer gellte ein Pfiff mit der Sirene, den Tschung-Li als die erwartete Einladung zum Besuch an Bord aufnahm. Das Boot wurde mit vier Matrosen bemannt und nahm Kurs auf den Dampfer, Es hatte aber die Seemeile, die uns von dem Fremden trennte, noch nicht durchmessen, als wiederum eine Rauchsäule auftauchte. Diesmal im Süden. Also von der Sundasee her. Sie wurde auf beiden Schiffen sofort entdeckt. Die Wirkung auf diese war die gleiche. Der Dampfer ließ kurz die Dampfpfeife ertönen und entfernte sich rasch nach Westen, während unser Erster die Segel setzen ließ und trotz der gellenden Rufe der Bootsinfassen auf Nordwestkurs davonfuhr, den Kapitän seinem Schicksal überlassend. Ich stellte den Malaien darüber zur Rede und machte ihm leise Vorwürfe, daß er seinen Vorgesetzten einfach im Stiche ließ. »Wenn ihn Kü-schan nicht aufgenommen hat, dann ist große Gefahr im Anzuge. Warum soll ich gerade meinen Kopf in die Schlinge hängen?« »Das war Kü-schans Dampfer?« fragte ich überrascht. »Er selbst ist da an Bord, und daß er es so eilig hat, beweist sein schlechtes Gewissen. Ich möchte nicht von einem Kriegsschiff in seiner Nähe gefunden werden.« »Was soll denn aber aus Tschung-Li werden? Er hat weder Wasser noch sonstige Lebensmittel im Boot. Auch führt er kein Licht.« »Ach, der weiß sich zu helfen. Hier herum gibt's genug Atolle, wo er Wasser findet. In drei Seemeilen Abstand liegen auch ein paar größere Eilande, die zur Gruppe der Laoet-ketjil-Inseln gehören, die kann er vor morgen früh noch erreichen. Wenn es mir möglich ist, suche ich ihn dort auf. – Aber jetzt muß ich die Karte studieren, daß ich keiner der Inselchen zu nahe komme, sonst...« Er vollendete den Satz nicht, sondern begann eifrig in den Seekarten zu messen. Endlich ließ er die Dschunke nach Norden abfallen und rieb sich vergnügt die Hände. »So – jetzt mag er kommen und sich eine gründliche Abfuhr holen.« Während der rote Dampfer in der Ferne verschwand, näherte sich der andere mit großer Geschwindigkeit. Schon die scharfe Bauart ließ ihn als ein staatliches Fahrzeug erkennen. In unserer Nähe hißte er die holländische Flagge und zwang dadurch unsern Steuermann, auch seine Nationalität bekanntzugeben. Nach einigem Suchen kam die portugiesische Flagge zum Vorschein. Das schien der Holländer nicht erwartet zu haben, denn wir bemerkten, daß die Matrosen, die schon am Boote standen, wieder zurücktraten. Der Dampfer näherte sich uns jedoch auf Rufweite und fragte: »Woher und wohin?« »Von Timor nach Puerto Princesa auf Palawan. – Könnt Ihr einen Arzt senden? Wir haben Cholera an Bord.« Die Frage wurde, wie vorauszusehen, verneint. «Habt Ihr keinen rotgemalten Dampfer gesehen?« »Jawohl. Vor drei Stunden lief einer dicht bei uns vorbei. Er ist nach Makassar bestimmt. Von da will er uns Schlepper senden.« »Seid Ihr der Kapitän?« »Nein, den haben wir heute über Bord gesetzt. Ebenso vier Matrosen.« »Danke. Wünschen gute Reise.« Der Dampfer ließ seine Maschine volle Kraft laufen und nahm Ostkurs – auf Celebes zu, wo er den rotgemalten Dampfer zu finden hoffte. »Den habt Ihr aber gründlich angelogen,« sagte ich zum Steuermann, als der Holländer abdrehte, »wenn der nun einen Arzt herübergeschickt hätte?« »Das darf er ja nicht, «Er müßte sonst die vierzig Tage Quarantäne machen, die das Gesetz für den vorschreibt, der mit einem verseuchten Schiff in Verbindung tritt. Wenn er nach Makassar kommt, wird er wohl Meldung machen. – Jetzt wollen wir uns nach unserm Kapitän umsehen, der noch nicht weit sein kann.« Wir fanden das Boot erst am andern Morgen auf einem Atoll, das vom Schiffe aus gesehen, einen eigenartigen Anblick bot. Inmitten des Ozeans lag ein ruhiger See, der von einem Kranze von Palmen rings umgeben war. Eine kaum meterhohe Korallenmauer schützte den Pflanzenwuchs gegen den stetigen Ansturm des Ozeans. Das etwa hundert bis zweihundert Meter breite Land war von zahlreichen Seevögeln bevölkert, denen auch die Anwesenheit der wenigen Menschen keine Furcht einzuflößen schien. Hier auf diesem Atoll hatte Tschung-Li mit seinen Leuten die Nacht verbracht und mit den Eiern der brütenden Vögel den Hunger gestillt. Er wußte, daß ihn die Kameraden abholen würden. In der Tat tauchte auch bald der rote Dampfer wieder auf, der hier bekannter war, als unser Malaie, denn er lief ohne weiteres durch eine Öffnung im Riff in das ruhige Wasser ein. – Auch unsere Dschunke erhielt Befehl, zu folgen. Das lehnte Tschung-Li aber aus Sicherheitsgründen ab. Wir kreuzten den ganzen Tag vor dem Atoll. Während dieser Zeit wurde an Bord des Dampfers zwischen den Führern unserer Schiffe verhandelt. Es muß dabei hart auf hart gegangen sein, denn die lauten Worte der Malaien drangen oft bis zu uns herüber. Als Tschung-Li dann wieder auf die Dschunke zurückkam, ließ er sofort alle Segel setzen und lief mit Nordkurs in die Makassarstraße. Während der Nacht nahm das Äußere des Schiffes wieder die gewöhnliche Farbe aller malaiischen Dschunken an, so daß nur ein Kennerauge das Fahrzeug Tschung-Lis von den vielen andern, die hier kreuzten, unterscheiden konnte. Am nächsten Morgen eröffnete mir der Kapitän, daß er nun Pasir anlaufe. Mit einem lauten »Gott sei Dank« quittierte ich diese Mitteilung, was offensichtlich sein höchstes Erstaunen hervorrief, denn er fragte: »Sind Sie so ungern bei uns, daß Ihnen meine Worte den Ausruf der Erleichterung entlocken? Es fehlt Ihnen hier doch an nichts.« »Darüber kann man verschiedener Anschauung sein, Kapitän. Ich liebe meine Freiheit und die hat man nicht, wenn man – nun, wenn man von Wind und Wetter abhängig ist. Das Leben auf schwankendem Boden ist nicht mein Fall. Das feste Land ist mir lieber.« »Hm – ja. Aber eine Reise werden Sie doch noch mit uns machen müssen. Mayols müssen Sie kennen lernen, damit sie wissen, was für einen Posten sie Ihnen übertragen können.« »Das sagt ja schon mein Vertrag. Ich soll die Leitung des Hauses in Pasir übernehmen.« »Vielleicht haben wir auf den Philippinen ein einträglicheres Amt für Sie. Ich sprach darüber mit meinem Teilhaber, der Sie gern auf Mindanao untergebracht sähe.« »War denn Ihr Teilhaber auf dem Dampfer?« fragte ich erstaunt. »Dann bedauere ich, daß Sie mich nicht hinüberholen ließen. Ich möchte doch meine neuen Vorgesetzten von Angesicht kennen.« »Dazu bietet sich in Pasir Gelegenheit. Wir werden dort einen Teil unserer Ladung löschen und drei Tage dort bleiben.« »Wann hoffen Sie, den Hafen zu erreichen?« »Bis Kap Aru sind es hundertachtzig Seemeilen, die wir bei diesem Winde in fünfzig Stunden durchlaufen können. Wie lange wir bis zu dem fünfzig Kilometer flußaufwärts liegenden Städtchen brauchen, hängt von allerlei Umständen ab.« »Dann werde ich mit dem Packen meines Koffers beginnen, damit ich bei Ankunft nicht aufgehalten bin.« »Nun, gar so eilig brauchten Sie es nicht zu machen. Ich behielte Sie gern an Bord.« Die Antwort, die ich darauf hätte geben können, wäre doch zu unhöflich gewesen. Deshalb schwieg ich und vertiefte mich in die Zeitungen, die Tschung-Li vom Dampfer mitgebracht hatte. – Mein Entschluß stand fest. Ich wollte die Dschunke unter allen Umständen verlassen, und wenn meine neue Firma gesetzwidrige Geschäfte mit der Bande Tschung-Lis trieb, wäre ich auch dort nicht geblieben. Mittel besaß ich, und junge Leute fanden damals in den Sunda-Inseln leicht Anstellung. Ich begrüßte die blauen Linien der am Horizont auftauchenden Küste von Borneo zwei Tage später mit ungeheuchelter Befriedigung. Die Ostseite der Insel kannte ich noch nicht und ich war im Herzen froh, daß ich vor dem Verlassen dieser Inselwelt noch Gelegenheit fand, auch mit den abweichenden Sitten und Gebräuchen dieser Dajakstämme bekannt zu werden. Unser erster Steuermann gab mir schon jetzt manche Erklärung und empfahl mir besonders einige einflußreiche Eingeborene in Pasir, an die ich mich halten sollte. – Wir ahnten beide nicht, daß wir das so nahe Ziel nicht erreichen würden! Gegen vier Uhr nachmittags geriet unsere Mannschaft plötzlich in eine ungewohnte Aufregung. Der Kurs wurde dichter zur Küste gelegt, das Hauptsegel eingeholt und in den Topp des Großmastes ein weithin sichtbarer Ball gehißt. Ich lief aufs Achterdeck, um mich nach der Ursache dieser Nervosität umzusehen. Anfangs bemerkte ich nur ein paar Dschunken, die mit uns liefen. Mit deren Besatzung tauschte Tschung-Li die gewohnten Grüße aus, denen aber diesmal ein geheimer Sinn zugrunde liegen mußte, denn zwei der Schiffe booteten einen Teil ihrer Mannschaft aus, die sich mit Fischereigeräten nach See zu entfernten. Zwei andere Dschunken änderten ebenfalls den Kurs und liefen nach Südost, gegen den Wind kreuzend. – Endlich fiel es mir auf, daß Kapitän und Steuermann mit den Ferngläsern angestrengt nach einer bestimmten Richtung blickten. – Ich sprang in die Kajüte und holte mein eigenes Glas. Als ich wieder nach oben kam, hatte sich das Meer belebt. Zahlreiche Fahrzeuge liefen anscheinend regellos auf verschiedenen Kursen nach allen Richtungen. In der Ferne zeigte mir das Glas zwei Dampfer am Horizont, die einen ungeheueren Aufwand an Kohlen machten, denn der neben ihnen auf dem Wasser lagernde Qualm war dick und tiefschwarz. Die beiden waren in einem Abstand von etwa fünf Seemeilen auseinander. So schätzte es der Kapitän, wie ich aus seiner Unterhaltung mit dem Malaien entnahm. Daß eben diese Dampfer die Ursache der Aufregung an Bord der Dschunke, und wohl auch auf mancher andern, waren, entdeckte ich erst, als mir mein Glas die Einzelheiten enthüllte. Der nächste der beiden war der rotgemalte Dampfer, dessen Kapitän vor ein paar Tagen mit unserm Kapitän verhandelte. Der andere hatte einen weißen Rumpf und zwei Schornsteine – sichtlich ein holländischer Staatsdampfer! Des Rätsels Lösung war jetzt nicht mehr schwer. Der erstere wurde von dem Weißen gejagt! Nun konnte ich mir auch die Aufregung unserer Leute leicht erklären, denn nun sah auch ich mich plötzlich von dem allgemeinen Interesse angesteckt. Ich suchte mir eine schattige Ecke und verfolgte die Jagd mit großer Spannung. Meine Sympathien waren dabei auf Seiten des Weißen. Ich wünschte ihm die Erreichung seiner Beute, ohne jedoch mit diesem Wunsche der Besatzung des roten Dampfers schaden zu wollen. Rein sportliches Interesse lenkte mich bei dem Gedanken. Wie man ja auch auf Rennplätzen Partei für den einen oder andern nimmt. Die beiden Dampfer befanden sich jetzt in Sehweite. Ich konnte sie in ihren Bewegungen genau beobachten. Der rote suchte die Nähe der Küste auf und schien die dort kreuzenden Dschunken durchaus nicht als Hindernis anzusehen. Geschickt steuerte er durch die teils unter vollen Segeln, teils nur auf der kleinen vordern Matte fahrenden Schiffe. Nicht so geschickt war sein Verfolger. Er mußte oft durch rasches Umlegen des Steuers einen Zusammenstoß mit einer vor seinem Bug plötzlich wendenden Dschunke zu vermeiden suchen. Dann wieder zwangen ihn die kleinen Sampangs der Fischer zum Ausweichen. Natürlich gewann dadurch der Verfolgte bedeutend an Raum. Trotzdem setzte der Weiße mit Volldampf die Jagd fort. Er hielt ebenfalls auf die Küste ab, wohl aus Besorgnis, daß ihm der Dampfer hinter einem der zahllosen Inselchen seinen Kapitän landen könnte. Damit war der Hauptschuldige und vielleicht auch das Beweismaterial verloren. – Aber gerade hier hatte der rote Dampfer die meisten Freunde. Eine Dschunke trieb ihre Aufopferung so weit, daß sie die Kollision sogar suchte, denn anders ließen sich wohl die Rudermanöver nicht erklären, die ein großes Fahrzeug dicht vor dem weißen Dampfer ausführte. Letzterer merkte zweifellos die Absicht. Er suchte durch rasches Umlegen des Steuers der vor ihm auftauchenden Dschunke Raum zu geben, doch war es dazu bereits zu spät. Mit einem gewaltigen Krach fuhr der Steven des Dampfers mitten in den Rumpf der Dschunke und blieb dort sitzen. Durch die Gewalt der Eigenbewegung drückte er sie noch eine große Strecke quer durch das Wasser. Jetzt mußte der Dampfer natürlich stoppen. Denn nun sah er sich im Handumdrehen von einer großen Anzahl von Fahrzeugen jeder Größe umringt. Von allen Dschunken stießen dicht bemannte Boote ab. Die Sampangs der Fischer eilten vor ihren kleinen Segeln zur Unfallstelle – kurz, das Meer wimmelte dort im wahrsten Sinne des Wortes von Menschen, die einen Lärm vollführten, der weithin hörbar war. Wenn diese erregten Eingeborenen den Dampfer angriffen, mußte die Besatzung der Übermacht erliegen. Der einzige, der sich an dem Tumulte nicht beteiligte, war Tschung-Li. Hämische Schadenfreude lag auf seinem feisten Gesichte. Ihm war der Ausgang der Jagd nicht unerwartet gekommen. Er kannte die straffe Disziplin, die unter den Anhängern Kü-schans herrschte. Mit ruhiger Stimme befahl er die Wegnahme des weißen Balles von der Mastspitze und ließ dafür den breiten Wimpel setzen: gelb mit grünem Ball. Hierauf flog das Segel wieder in die Höhe, und rauschend brachen sich die Wasser vor seinem Bug. – Er steuerte dicht an der Unfallstelle vorüber, so daß wir genau sehen konnten, wie sich der Führer des Dampfers gegen die aufgebrachte Menge zu rechtfertigen suchte. Wir hätten nach der Berechnung unserer Führung noch vor Sonnenuntergang in der Mündung des Pasirflusses, hinter Kap Aru, zu Anker gehen sollen. Durch den Zwischenfall war indessen eine kostbare Stunde versäumt worden, und es war schon Nacht, als wir das Leuchtfeuer quer von uns sichteten. Ich stand neben Tschung-Li auf dem Achterdeck und unterhielt mich mit ihm über die Möglichkeit, trotz der Dunkelheit den Ankerplatz zu finden. Da rief der Malaie von seinem Ausguck: Grün-rot- grün voraus! Dieser Zauberspruch wirkte auf unsern Kapitän wie ein kalter Wasserstrahl. In zwei Sprüngen stand er neben dem ersten Steuermann. Als er sich von der Richtigkeit des Signals überzeugt hatte, donnerten seine Kommandos über das Schiff. Die Segel flogen, trotz der Gefahr, durch die starke Strömung des mündenden Flusses abgetrieben zu werden, herunter. Die rot und gelben Matten wurden an deren Stelle gesetzt, der weiße Streifen erschien wieder. Dann brachte der Steuermann die Dschunke auf den andern Bug, und die Kreuzfahrt begann. »Was bedeutet denn das wieder?« erkundigte ich mich bei dem Malaien. »Daß wir dringend nach Celebes hinüber müssen,« antwortete dieser lachend. »Nach Pasir werden Sie in den nächsten Wochen noch nicht kommen.« Ich nahm die Nachricht für einen Scherz und wandte mich an den Kapitän, der wie ein gereizter Panther vor sich hinknurrte. Zum ersten Male wurde er grob. »Danken Sie Allah, daß uns die Warnung rechtzeitig erreichte. Sonst wäre es leicht möglich, daß wir morgen früh mit ein paar Armbändern beglückt worden wären. Im übrigen ersuche ich Sie, endlich mit dem Versteckspielen Schluß zu machen. Sie wissen doch ganz genau, daß wir Sie zum Waffenschmuggel brauchen.« »Davon weiß ich im Gegenteil kein Wort, Kapitän. Ich hätte nie den Fuß auf Ihr Schiff gesetzt, wenn man mir das gesagt hätte,« rief ich. »Dongsa hat es Ihnen deutlich gesagt. Ich habe ihn ausdrücklich darum befragt, weil ich keine Geheimnistuerei liebe. Sie haben ihm sogar versprochen, in Pasir unsere andern Geschäfte ebenfalls zu vermitteln, zu denen wir aus guten Gründen einen Fremden, einen neutralen Europäer, brauchen.« »Wenn Dongsa Ihnen das sagte, dann hat er Sie glatt belogen. Ich weiß nur das, was in Ihrer Gegenwart besprochen wurde – sonst nichts. – Wenn Sie jedoch den Vertrag unter andern Voraussetzungen abschlossen, dann gebe ich Ihnen Ihre Unterschrift zurück. Ich will mit Ihrem Handel nichts zu tun haben. Setzen Sie mich bei der ersten Küste an Land und trennen wir uns als Freunde.« »Damit Sie uns der nächsten Behörde anzeigen und die Kopfprämie verdienen?« lachte er höhnisch. »Nein, mein Lieber, so dumm sind wir nicht! Ihr Vorgänger in Pasir hatte ähnliche Absichten. Zum Glück erfuhren wir es noch zeitig genug – nun ist er stumm! Sie haben wohl genügend Gelegenheit gehabt zu sehen, wie weit unser Arm reicht – merken Sie sich das! – Und nun lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe andere Dinge im Kopf als Ihr Reuebekenntnis mit anzuhören.« Das, was ich längst befürchtete, war also eingetroffen. Dongsa hatte mich verkauft. Ich war den Schmugglern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Wurden sie gefangen, so mußte ich ihr Schicksal teilen! Von nun an sann ich auf Verrat. Mochten sie mich morden, die gewissenlosen Briganten. Aber den schimpflichen Tod der Schmuggler wollte ich nicht erleiden ... Ich begab mich in die Kajüte und überdachte meine Lage. Wie konnte ich den Behörden melden, daß ich mich auf der Dschunke als Gefangener in Händen von Schmugglern befand? – Die Flaschenpost! Schon wollte ich mich niedersetzen und die in die Flasche zu legende Notiz schreiben, als mir noch rechtzeitig einfiel, daß ich mich dadurch erst recht in die Hände meiner nunmehrigen Feinde begab. Ich hatte ja gesehm, daß alles zu meinen Führern hielt. Die Möglichkeit, daß die Flasche in die richtigen Hände geriet, war nur sehr gering, denn auf hundert Malaienboote kam kaum eines der Holländerpartei. Mitten in mein Grübeln fiel ein Schuß, der mich wieder nach oben gehen ließ. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete fast tageshell die weite Wasserfläche, auf der ich drei Dschunken in unserer Nähe zählte. Sie liefen gleichen Kurs mit uns. Auf der andern Seite, in Lee unserer Dschunke, bemerkte ich einen scharfgebauten Kutter europäischer Bauart, der vor uns vorüber zu steuern beabsichtigte. Er richtete seinen Lauf nach dem Fortgang unseres Schiffes, und da er bei weitem schneller lief als die schwerfällige Dschunke, so war es nur eine Frage von Minuten, bis er freie Bahn hatte. Was den Kutter zu einem so rätselhaften Segeln veranlassen konnte, sah ich erst, als er uns gelegentlich eines Segelmanövers seine Breitseite zeigte. Es waren Uniformierte, die das Boot steuerten, und der Zweck ihrer nächtlichen Fahrt konnte nur der sein, eine der drei Dschunken zu überraschen. Unser Fahrzeug schien ihnen wohl unverdächtig, wenigstens deutete nichts darauf hin, daß ihr Besuch uns galt. – Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken, die Beamten anzurufen und sie um ihren Schutz zu bitten. Mir fiel aber noch rechtzeitig ein, daß unsere Matrosen sich in dem Falle sofort auf die Beamten gestürzt und sie und mich ermordet hätten. Ich schwieg und beobachtete weiter. Der Kutter lief so dicht neben uns, daß wir uns ohne Anstrengung mit der Besatzung hätten unterhalten können. Es waren fünf Uniformierte und zwei Matrosen in Soldatenuniform. Auf unserer Dschunke herrschte tiefste Stille. Nur das Knarren der Ruderpinne unterbrach das Schweigen. Tschung-Lis Silhouette hob sich wie der Schatten eines Riesen gegen den Nachthimmel ab. Plötzlich huschten drei Gestalten über das Deck. Sechs weitere tauchten aus den untern Räumen auf. Sie liefen eiligst zu den Masten, und im nächsten Augenblick flogen die Segel herum. Die Dschunke legte sich auf den andern Bug und brachte dadurch die Beamten, welche das Manöver nicht voraussahen, in Kollision mit unserem Schiff. Der Stoß war so hart, daß der Klüver des Kutters brach und sein Fallen eine heillose Unordnung auf dem Boote hervorrief. Als ob der Zusammenstoß ein verabredetes Signal gewesen wäre, wurde es jetzt auf den Dschunken lebendig. Nicht nur unsere Mannschaft erging sich in den gröbsten Schmähungen, sondern auch die drei Mitläufer setzten Boote aus, um über die verhaßten Beamten herzufallen. Unser Malaie sprang als Erster auf den Kutter und überschüttete die Beamten mit den gemeinsten Schimpfworten. Der leitende Offizier suchte ihn zu besänftigen. Aber ebensowenig hätte er einen Tiger beruhigen können. Im Gegenteil. Je ruhiger er auf die Schmähungen antwortete, desto rasender wurde der Malaie. Auch Tschung-Li griff mit in die Debatte ein. Aus seinem Munde mußte wohl eine besonders schwere Beleidigung, vielleicht gar eine Drohung gefallen sein, denn einer der Soldaten griff plötzlich zu seinem Karabiner. Das war das Signal zu einem Handgemenge, in dem, wie vorauszusehen, die Schmuggler Sieger blieben. Den Überfall selbst wollte ich nicht mit ansehen. Ich hörte nur das wüste Geschrei der Malaien, das die Reden der Holländer übertönte. Dann klatschte es dreimal kurz hintereinander auf den Wasserspiegel, als ob schwere Körper über Bord geworfen würden ... Mich überlief es eiskalt. Ich stürzte in meine Kabine und zog den Riegel vor den Eingang. »Großer Gott, wohin bin ich geraten!? Herr, hilf mir aus dieser Not, befreie mich aus der Gemeinschaft dieser Teufel!« Meine Gedanken begannen sich zu verwirren. Hätte ich meine Waffe zur Hand gehabt, ich glaube, ich wäre auf Deck gesprungen und hätte Tschung-Li und seinen ersten Steuermann erschossen! – Zum Glück befand sich der Revolver in meinem verschlossenen Koffer auf Deck. Die bei dem Zusammenstoße eingezogenen Segel glitten knirschend an den Masten empor. Die Dschunke legte sich auf die Seite, und aus dem Plätschern an den Wänden schloß ich, daß wir wieder in voller Fahrt sein mußten. Der schlaflosen Nacht folgte ein Tag, der mir neue Schreckensnachrichten brachte. Auf unserm Deck stand, mit Matten zugedeckt, der holländische Kutter. Als ich an ihm vorbeiging, gewahrte ich Blutspuren ... Tschung-Li saß seelenruhig in der Kajüte beim Frühstück. Ich nahm auf dem gewohnten Sessel Platz und trank wortlos meinen Kaffee. Essen konnte ich nicht. Die herrlichen Früchte, die mir der Aufwärter vorsetzte, wies ich zurück. »Was hat denn Ihnen den Appetit verdorben?« fragte Tschung-Li launig. »Sind Sie im Schlaf gestört worden?« »Na, ich glaube, man hat sich Mühe genug gegeben. Der Lärm mußte ja Tote aufwecken.« »Nein, nein, sagen Sie das nicht,« wehrte er ab. »Die Toten ruhen selig in den Verdauungskanälen der Haie. Die kommen nicht wieder, und wenn man noch so viel Lärm macht.« »Wie soll ich das verstehen? Gab es Tote letzte Nacht?« »Nun ja – der Holländer fing an. Wir wehrten uns natürlich unserer Haut. Mein Erster warf den Beamten erst über Bord, als zwei von der andern Dschunke unter dem Kris fielen. Dann konnte ich die Leute nicht mehr halten. – Sie nahmen eben Rache ...« »Gräßlich! Sind alle Holländer tot?« »Bis auf einen – ja. Den Kapitän ließen wir leben. Der kann uns gute Dienste leisten, wenn ... na, wenn Kü-schan mit dem Dampfer Unglück haben sollte.« »Der Kutter steht auf Deck. Nehmen Sie den mit?« »Das ist Kriegsbeute. So einen Schnellsegler suchen wir schon lange,« erzählte offenherzig der Kapitän. »Aber den kennt jeder Laie!« rief ich. »Damit können Sie sich doch in dem ganzen malaiischen Archipel nicht sehen lassen.« »Glauben Sie? Morgen früh zeige ich Ihnen den Kutter wieder. Bin neugierig, ob Sie ihn wiedererkennen.« »Wohin segeln wir übrigens?« fragte ich, das Gespräch abbrechend. »Ich sehe, daß wir wieder vor dem Winde laufen.« »Ich hoffe, in der Adang-Bai neue Nachrichten zu finden. Gegen Morgen erhielt ich von einem Gegensegler Nachricht, daß Kü-schan uns entgegenkommt.« «Hat Ihnen der denn Flaggensignale gegeben? Das Buch liegt doch in meiner Kabine.« »Ja, nach dem Kodex signalisieren wir nicht. Das kann ja jeder lesen. Wir haben da unsere eigenen Zeichen. Sie sahen doch die Stäbe und Pfeile, die hinten neben dem Steuer in dem roten Kasten liegen. Die genügen uns vollkommen.« »Wie signalisieren Sie denn damit?« fragte ich erstaunt. »Das sage ich Ihnen gelegentlich. Ich dachte schon, Ihnen die Arbeit zu übertragen, da meine Malaien keine Lust zum Lernen haben. – Jetzt muß ich nach oben. Der Erste stampft schon zum dritten Male. Da wird etwas los sein.« Die letzten Worte des Kapitäns gaben mir die Gewißheit, daß man fest damit rechnete, daß ich im Dienste der Schmuggler bliebe. Wie es schien, sollte ich auf den Dschunken bleiben, nachdem ich so kategorisch erklärt hatte, den Wünschen der Bande in Pasir nicht willfahren zu wollen. Daß mir dann eine Flucht erschwert würde, war sicher. – Ich bereute jetzt meine gestrige Übereilung. Ich hätte meine Pläne ausführen sollen, ohne den Schmugglern davon Mitteilung zu machen. Aber die Reue kommt bekanntlich immer zu spät. – So auch in meiner kritischen Lage. Während ich noch mit mir zu Rate ging, wie ich mich am besten aus der Zwickmühle befreien könnte, kam der erste Steuermann zum Frühstück: »Sie haben wohl unsern Kleinkrieg verschlafen?« lautete seine erste Frage. »Donnerwetter, Mann, da hätten Sie etwas lernen können. Der dicke Kapitän von der ›blauen Taube‹ da drüben nahm es mit drei Mann auf, ohne jede Waffe. Nur mit der Faust. Die Schädel krachten nur so. Die haben es gar nicht mehr gespürt, als sich der Hai an sie heranmachte!« »Wie könnt Ihr nur so kalt über einen dreifachen Mord reden, Steuermann? Es sind doch Menschen wie Ihr, die nur Ihre Pflicht tun, wenn sie auf Schmugglerschiffe Jagd machen.« »Das ist es ja eben. Sie sollen sich nicht um unsere Geschäfte bekümmern. Wenn sich keiner zu der Menschenjagd hergäbe, dann hörte sie bald von selbst auf. Wir sind die Gejagten, auf uns ist es abgesehen. Und nicht nur auf die Ladung, die unsere Dschunken führen, sondern auf unser Leben. Sie wollen uns ausrotten, um unser Geschäft unmöglich zu machen. Nun, da die Holländer so angefangen haben, machen wir es ebenso. Jeder Schmuggler wird ohne Verhör von den Weißen aufgehängt. Seit der Zeit haben Kü-schan und Maharani, die beiden Häupter unserer Gemeinschaft, dasselbe vorgeschrieben. Jeder Holländer, der im Dienste der Polizei oder der Kriegsmarine steht, muß getötet werden, wie und wo er auch immer gefunden werden mag. Darum war es unklug von den Holländern, so dicht an unsere Dschunke heranzulaufen. Sie wollten sich in unserm Schatten an ein Fischerboot heranschleichen, das heute Nacht zehn Kisten Patronen nach unserm Depot auf den Balabalakan-Atollen bringen sollte. Weiß Allah, wer das verraten hat! Nun, viel hätten sie nicht gefunden, denn der Dajak hatte die Kisten, bis auf eine, bereits verteilt, und die wäre im entscheidenden Augenblick über Bord gefallen.« «Ihr lebt also immer in Gefahr, gehängt zu werden,« erwiderte ich. »Das muß doch ein verwünscht unangenehmes Gefühl sein. Da ziehe ich doch den Posten an Land vor. Der ist nicht so gefährlich.« »Ach, wer wird denn an den Strick denken, solange er noch nicht um den Hals hängt,« rief der Malaie lachend. »Ehe sie mich kriegen, habe ich so viele von den Ihren zu den Fischen befördert, daß die Rechnung immer noch günstig für mich abschließt. Und so leicht bekommt man mich nicht. Sie jagen mich schon über zehn Jahre, und wenn ich noch ein Jahr dabei bin, kaufe ich mir eine Dschunke und gehe nach Annam hinüber. Der Opiumhandel bringt mehr ein als die alten Flinten.« »Opium ist aber auch verboten,« warf ich ein. »Sonst würde ich den Handel gar nicht anfangen. Glauben Sie, ich würde mich um eine Fracht von einigen hundert Gulden wochenlang mit Orkanen und Windstillen herumschlagen? Nein, jede Reise muß mir mindestens tausend Gulden einbringen, sonst danke ich. Vor drei Jahren gab es zehntausend auf einmal. Da hatten wir einen General drüben vor Palopa auf Celebes abgefangen. Der bot für seinen kahlen Schädel hunderttausend Lösegeld. – Na, das war mitzunehmen, denn der Verdienst war gering. Die Boeginesen im Latimodjong-Gebirge hatten sich unterworfen und lieferten die Waffen ab. Die fielen uns mit dem General in die Hände.« «Habt Ihr den Kapitän, den Ihr letzte Nacht an Bord nahmt, auch für das Lösegeld aufbewahrt?« »Nein, der soll gegen einen unserer Kapitäne ausgewechselt werden. Ich weiß nicht, wo und wann – aber er muß sich gedulden, bis Kü-schan kommt, der hat zu bestimmen. – Haben Sie ihn schon gesprochen?« «Nein, ich weiß gar nicht, wo er sitzt. Kann ich ihn besuchen?« «Ich habe nichts dagegen. Aber fragen Sie den Kapitän lieber, dem gehört er, denn er hat ihn sich heraufgeholt. Möglich auch, daß bei dem freundschaftlichen Klaps der Schädel geborsten ist. Dann allerdings wird die Unterhaltung ziemlich einseitig verlaufen.« Als der redselige Malaie auf Deck gegangen war, suchte ich Tschung-Li auf. Ich hoffte von ihm dieselbe Aufforderung bezüglich des Offiziers zu erhalten. Daß ich alles daran setzen würde, mir in diesem einen Verbündeten zu suchen, das stand bei mir fest. »Langweilen Sie sich, daß Sie die Gesellschaft des Holländers suchen?« erwiderte der Kapitän auf meine Frage. «Ich glaube kaum, daß der Mann zum Reden aufgelegt ist. Er wird noch starke Kopfschmerzen verspüren.« »Mir liegt nicht viel an der Unterhaltung mit ihm,« entgegnete ich. «Es wäre mir nur lieb, die Gesichter kennen zu lernen, vor denen ich mich später in Pasir zu hüten habe.« »Donnerwetter ja! Daran dachte ich nicht. Dann wird es doch besser sein, er sieht Sie überhaupt nicht ... Übrigens ist es einerlei. Er wird kaum noch Gelegenheit finden, einen von uns zu verraten.« »Sie wollen ihn doch nicht etwa ermorden?« »Ermorden – ermorden! Sie brauchen da starke Ausdrücke. Ein Gefangener, der zum Tode verurteilt wird, wird nicht ermordet, sondern gerichtet. Das ist nicht dasselbe. Wir leben im Kriege mit den Holländern und üben nur Vergeltung. Wie sie uns behandeln, so zahlen wir ihnen heraus. – Meinetwegen können Sie einmal nach dem Manne sehen, vielleicht ist er jetzt wach.« Ich wollte von der Erlaubnis Gebrauch machen und hinuntergehen, als mein Blick durch einen seltsamen Vorgang auf See gefesselt wurde. – In kurzer Entfernung von uns war ein kleines Boot damit beschäftigt, ein schweres Floß, aus etwa dreißig Stämmen bestehend, aus dem ruhigen Wasser in die deutlich erkennbare Strömung zu schleppen. Die vier Ruderer mühten sich gewaltig ab, denn die Balken schienen von einer Holzart zu sein, die nicht sehr viel Schwimmkraft besitzt, obwohl sie das Aussehen von Koniferen hatten. Auch Tschung-Li und sein zweiter Steuermann betrachteten das merkwürdige Gespann mit dem Interesse, das ein Seemann jedem in sein Fach schlagenden Ereignis abgewinnt. Ich mischte mich in die Unterhaltung und erkundigte mich nach der Bedeutung des seltsamen Fahrzeuges. Beide wußten mir keine Antwort zu geben. Der schlaue Chinese vermutete irgendeine Falle für hilfsbereite Schiffe dahinter, indem er uns die kürzlich in den Zeitungen erwähnte Seeräuberbande ins Gedächtnis rief. Wie nahe er bei der Wahrheit war, zeigte sich in den nächsten Minuten. Der Steuerer des Bootes, wohl einsehend, daß er der übernommenen Aufgabe doch nicht gewachsen war, ließ plötzlich eine weiße Flagge auswehen. Sie saß so niedrig, daß sie die Gestalt des Mannes ganz verdeckte. Dafür bemerkte man ein paar braune Hände, die vier dunkelgefärbte Stäbe auf der Bordwand aufrichteten, sie kurze Zeit in Form eines durchstrichenen Dreiecks stehen ließen und sie dann senkrecht nebeneinander stellten. – Schon beim Entfalten der Flagge hatte Tschung-Li gerufen: »Hallo, das geht uns an. Steht bei den Segeln!« Die mystischen Zeichen drückten ihm die Wünsche des Bootführers aus, die das Kommando des Kapitäns veranlaßten: »Segel fallen! Weißer Ball in den Vormast! Vier Mann in das Großboot. Waffen mitnehmen!« Kaum waren die Worte gesprochen, da war auch der Befehl schon ausgeführt. Unter dem Kommando des zweiten Steuermanns, ebenfalls Malaie, ruderten vier riesige Matrosen zu dem Schlepper hinüber. Unterdessen suchte ich meine Neugier zu befriedigen, indem ich den Kapitän nach der Bedeutung der Kommandos fragte. Er antwortete unwirsch: »Weiß der Henker, wer dem Spanier den Gedanken eingegeben hat, gerade heute mit neuen Spielereien zu kommen. In ein paar Stunden entdeckt man das Fehlen des Kutters und dann wimmelt drei Tage lang die Straße von Kriegsdampfern, die jedes Fahrzeug anhalten. Wir besonders haben Eile weiterzukommen, und nun hält uns der da auf. – Wenn wenigstens noch ein paar Dschunken in die Nähe kämen!« »Ich weiß nun genau so viel wie vorher, Kapitän,« erwiderte ich auf diesen Erguß. »Hängt das Boot und seine Ladung mit den Geschäften der – Gesellschaft zusammen?« »Das Boot sicher, sonst könnte es nicht das Signal kennen. Was aber die Bäume zu bedeuten haben, weiß ich noch nicht. Der Steuermann wird es schon melden.– Aha! Schlepphilfe hat er nicht nötig... Er wechselt nur die Ruderer. Das glaube ich, daß er mit den Boeginesen die Last nicht zwingt. Da sind meine Dajaks andere Kerle!« Nachdem die Rudermannschaft ausgetauscht war, kehrte das Boot zur Dschunke zurück. »Unter den Bäumen sind Gewehr- und Patronenkisten befestigt,« meldete er. »Das Floß soll sie nach der Balik-Papanbucht bringen, wo Nummer neunzehn wartet. – Rawnah hat das Gewicht falsch berechnet und nun fürchtet der Steuerer, daß die Stämme in der starken Strömung sinken. Er verlangt Euer Gutachten.« Die Zumutung versetzte Tschung-Li in heftigen Zorn. Mitten in seine lästerlichen Flüche platzte aber der Ausguckmann: »Weiße Segel voraus. Drei Strich Backbord!« Sofort richteten sich die Ferngläser in die Gegend. – Richtig, da schwamm vor all seiner Leinwand ein stattlicher Dreimastschoner auf dem blauen Meere. Er war eben aus der Adang-Bai gekommm und hatte Nordostkurs eingeschlagen, der ihn am Floß und unserer Dschunke vorüberführen mußte. Obwohl noch nichts von der Art des Schiffes zu erkennen war, ließ Tschung-Li den Ball wieder wegnehmen und die Segel setzen, wobei er das Steuer so richtete, daß wir an dem Segler vorbei, in die genannte Bucht einfuhren. – Der Kapitän mußte aber kein gutes Gewissen haben, denn er ließ den Kutter, dessen Farbe zum Teil bereits einem grünen Anstrich gewichen war, dicht mit Matten belegen. – Eine halbe Stunde später rauschten die beiden Fahrzeuge aneinander vorbei. »Oranje Nassau- Rotterdam« las ich am Heck. «Ein Kraftausdruck leitete einen Zornesausbruch des Kapitäns ein: »Sonst hängen die Weißen bei jeder Gelegenheit ihre bunten Lappen heraus,« schrie er. »Jetzt, wo ich das größte Interesse habe zu wissen, was hier herumsegelt, schwimmt der vorbei und läßt mich raten, wer er ist.« – Ein Holländer ist es, Kapitän. Ich habe den Namen gelesen.« »Ich auch, aber ich kenne die Ortsnamen nicht. So, ein Holländer! Den habe ich hier noch nicht gesehen und es wundert mich, daß seine Ankunft nicht gemeldet ist. Was hat der wohl in der Adangbucht zu suchen?« »Es wird ein Kauffahrer sein, der von Holland kommt und Ladung nach Europa nimmt. Das ist doch nichts Seltenes!« »In der Adangbucht kann er nichts löschen oder laden, weil da kein Dorf oder Hafen ist. Und daß er als Holländer uns Waren bringen sollte, glaube ich nicht. Wenn der Kutter fertig wäre, würde ich den Fremdling verfolgen lassen. – Hallo! Er bekümmert sich um das Floß. Also doch ein Spion! Na, diesmal werden sie nichts finden.« In der Tat hatte der Schoner beigedreht und mit dem Bootsführer eine Unterhaltung begonne. Er ließ ein Boot zu Wasser, und wir bemerkten, daß sich ein weißgekleideter Mann dicht an das Floß heranrudern ließ. »Seid mit dem Pendje nur artig, Mijnheer!« höhnte Tschung-Li, der die Szene nicht ohne innere Aufregung verfolgte. »Der trifft dich auf zwanzig Schritt Entfernung mit dem Kris ins Herz. Das ist seine Spezialität!... Aha, der gibt dem Schnüffler heraus ... Sehen Sie, er zieht ab! Nun werden wir bald wissen, wer das ist.« Langsam waren wir wieder über den andern Bug gegangen, um dem Floßführer erneut beizustehen. Da erschien plötzlich auf der Spitze des Vorderstevens eine kleine weiße Flagge, in der ein Kreuz mit einem roten und einem schwarzen Balken leuchtete. »Dachte ich es doch!« sagte Tschung-Li. »Ein Regierungsschiff sucht nach den Vermißten. Nun ist es Zeit, eine einsamere Gegend aufzusuchen und möglichst nahe an der Küste zu bleiben. Eine Dschunke war vergangene Nacht dicht bei uns, die nicht zu uns gehörte. Wenn deren Mannschaft schwätzt, werden wir ein paar Wochen an Land verbringen müssen. Vielleicht hat aber die ›blaue Taube‹ sie schon in Behandlung genommen.« »Woraus schließen Sie, daß das ein Regierungsschiff ist, Kapitän?« fragte ich. »Die holländische Regierung ist doch nicht so arm, wie die portugiesische, daß sie ihre Küsten von Segelschiffen bewachen läßt. Die kann sich doch Dampfer leisten.« »Das tut sie auch. Aber trotzdem kann sie Segelschiffe nicht entbehren. Ein Dampfer ist unter uns und unsern Freunden sofort bekannt. Man geht ihm aus dem Wege oder opfert die Ladung, wenn er gar zu nahe herankommt. Segelschiffe aber sind viel schwerer zu erkennen. Die Dschunken der Regierung kann ich von unsern eigenen oft nicht unterscheiden. Ebensowenig die Prauen und Sampangs. Deshalb haben wir unsere Geheimzeichen eingeführt, die nur Eingeweihte kennen. Hier an Bord weiß nur mein Erster und ich damit umzugehen. Die Holländer haben das natürlich längst herausgebracht. Sie versuchten einige Male durch Nachahmung unserer Signale sich als Freunde auszugeben. Aber jedesmal kam der Betrug sofort auf, da irgendein wichtiges Zeichen fehlte oder falsch angewendet wurde. Natürlich wurde ihnen dann das Handwerk gelegt. Die Dschunken werden noch heute zurückerwartet! – Und nun wollen sie uns sogar mit dem Dreimaster jagen! Na, der Steuermann muß die Küste genau kennen, sonst sitzt er in den nächsten drei Tagen irgendwo auf den Riffen.« Mehr und mehr entschwand das Floß unsern Augen. Zwei Dschunken lagen in seiner Nähe und leisteten dem Steuerer die nötige Hilfe. Wir konnten daher beruhigt unsern neuen Kurs verfolgen, der uns an der felsigen Küste vorbeiführte. Wir hatten hier kaum zwanzig Meter Wassertiefe und das Meer war so klar, daß ich die unterseeische Fauna mit Muße bewundern konnte. Große Gärten der fleischfressenden Seeanemonen, Tausende von Holothurien, die wie dicke braune Wülste auf Alpenwiesen lagen, wechselten ab mit den rot und grün schillernden Spongien, auf denen wiederum grotesk geformte Muscheltiere ihre Nahrung fanden. Auf einer fast den Wasserspiegel berührenden Klippe lagen zwei riesige Tridacnamuscheln, deren Schalen imstande sind, einen Menschen durch einfaches Zuklappen in zwei Teile zu schneiden. Eine der beiden lieferte den Beweis für diese von Tauchern bestätigte Mitteilung, denn zwischen ihren halbgeschlossenen Rändern hing der vordere Teil eines sehr großen, delphinartigen Fisches, der das Unglück gehabt hatte, die Riesenmuschel zu berühren. – Mitten in meinen Betrachtungen störte mich der Kapitän mit der Frage: »Waren Sie bei dem Holländer?« Als ich verneinte, ersuchte er mich, ihn zu besuchen und durch geschickte Redewendungen zu ermitteln, zu welcher Station er gehöre. Es sei das sehr wichtig für seine weiteren Entschlüsse. »Und wenn er es nicht sagt? Es ist immerhin wahrscheinlich, da er genau weiß, welchen Wert diese Kenntnis für Sie haben muß.« »Dann sagen Sie ihm, er würde gehängt werden!« rief Tschung-Li. »Das wäre wohl das verkehrteste Mittel, Kapitän. Dann wird er erst recht nichts sagen, und ich täte es auch nicht. Wenn man mir schon mit dem Tode droht, dann liegt auch der Schluß nahe, daß man mich unter allen Umständen ermorden wird. Dann sage ich gar nichts mehr.« »Dann versprechen Sie ihm die Freiheit!« rief er. »Das glaubt er noch weniger, nachdem er die Besatzung einmal gesehen hat. Ich werde ihm sagen, man beabsichtige ihn gegen Lösegeld freizugeben oder gegen andere Gefangene auszuwechseln. Ist Ihnen das recht?« »Meinetwegen sagen Sie ihm auch das!« »Natürlich müssen Sie dann Wort halten,« erwiderte ich. »Sonst möchte ich lieber nichts mit der Geschichte zu tun haben.« »Reden Sie doch nicht so naiv, Nottebohm,« antwortete Tschung-Li und schlug mir vertraulich auf die Schulter. »Sie sind jetzt einmal in unsere Geschäfte verstrickt und müssen mit uns durch dick und dünn, Ein Ausweichen ist nicht mehr möglich. Betrügen Sie uns, dann trifft Sie der Kris, wo Sie auch weilen mögen.« Ich zog es vor, auf diese Worte keine Antwort zu geben. Sie bestärkten mich in meinem Entschlusse, nun erst recht alles daranzusetzen, um die Verbrecher der Gerechtigkeit in die Arme zu treiben. Dazu sollte mir der holländische Offizier helfen. In dem engen Gelaß, das nur durch ein handgroßes, von außen verschließbares Loch Licht und Luft erhielt, fand ich einen Mann mit leicht angegrautem Haar, dessen Gesicht einen energischen Zug eisernen Willens trug. Seine grauen Augen schossen drohende Blicke, die einen ausgesprochen feindseligen Ausdruck annahmen, als ich mich seinem Lager näherte. Eine Bewegung der Überraschung beim Eintritt des Europäers wich sofort der ablehnenden Miene. »Ich komme im Auftrage des Kapitäns, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,« sagte ich mit lauter Stimme, da ich Matrosen in der Nähe wußte. Meine Anrede begleitete ich jedoch mit einer Gebärde, die ihm andeutete, daß ich aus eigenem Antriebe zu ihm kam. Er verstand die Geste, schien ihr aber nicht zu trauen. Ablehnend erwiderte er: »Mein Befinden geht den Kapitän nichts an. Sagen Sie ihm das und verlassen Sie mich, wenn damit Ihr Auftrag erledigt ist.« »Sie tun unrecht, Herr Kapitän, mich so schroff abzuweisen. Wir werden noch ein paar Tage gemeinsam reisen müssen, und da glaubte ich es in unserm beiderseitigen Interesse, wenn wir uns durch Unterhaltung die Zeit vertreiben.« »Sagen Sie mir zunächst, wer Sie sind und welche Stellung Sie hier an Bord bekleiden?« fragte er, in strengem, inquisitorischem Tone. »Ich bin Angestellter einer spanischen Firma und begebe mich auf meinen neuen Posten. Zunächst nach Pollok auf Mindanao. Eigentlich war ich für eine Niederlassung auf Borneo bestimmt, aber diese Dschunke, die Fracht für die Firma führt, erhielt unterwegs die Order, nach Pollok zu segeln.« »Von wem kam die Order? Woher kommt überhaupt diese Dschunke?« »Wir kommen von Rupang auf Timor. In der Mangerai-Straße trafen wir einen Sampang, der uns die neue Order brachte. Der Schiffer gehörte zum Semaphor auf Rindja.« Diese Lüge glaubte ich Tschung-Li schuldig zu sein. »Ihren Namen werden Sie nicht nennen wollen?« «Ich habe keine Ursache ihn zu verbergen. Nottebohm heiße ich.« Sinnend blickte der Offizier in die Ferne. Halblaut flüsterte er: »Den Namen hörte ich kürzlich.« Die Worte, im Verein mit einem wohlwollenderen Zuge im Gesichte des Gefangenen, gaben mir neue Hoffnung. Er bemerkte das und beantwortete meine warnende Geste nach dem Deck hin mit einem Kopfnicken. Ich lenkte das Gespräch auf andere Bahnen. »Brauchen Sie irgend etwas? Essen, Trinken, Rauchen?« «Ja, ich möchte mich waschen. Darf ich auf Deck spazieren gehen?« »Darüber werde ich den Kapitän befragen. Ich selbst bin ja nur Passagier – und ebenfalls Gefangener,« fügte ich leise hinzu. Wider Erwarten fand ich keinen Horcher in der Nähe der kleinen Kabine, als ich den Holländer verließ. Der Kapitän lag in der Kajüte und grübelte. Eine dichte Dampfwolke ließ auf seine innere Erregung schließen. Ich überbrachte ihm die Wünsche des Gefangenen. »Der Aufwärter soll ihm Wasser vor seine Koje bringen. Er kann meinetwegen auch auf Deck spazierengehen, wenn keine Fahrzeuge in Sicht sind. Sobald sich ein Segel zeigt, muß er in seine Koje zurück. – Haben Sie schon etwas erfahren?« »Noch nicht! Der Mann ist natürlich noch zurückhaltend, wenn ich mich aber mehr mit ihm beschäftige, hoffe ich manches zu erfahren.« »Ich will hauptsächlich wissen, ob er zu der Station in Pasir gehört. Wenn irgend möglich, möchte ich auch etwas über die Verhandlungen in bezug auf den kürzlich aufgebrachten Dampfer in Erfahrung bringen.« »Wie soll ich das anfangen, Kapitän. Ich weiß ja kein Wort davon.« »Hier ist eine Zeitung, die wir an Bord des Kutters fanden, da steht etwas von einem kürzlich eingebrachten Dampfschiffe.« In Gegenwart des Aufwärters überbrachte ich dem Offizier die Zusage des Kapitäns. Darauf entfernte ich mich, um dem Gefangenen bei seiner Toilette nicht im Wege zu stehen. Als ich auf Deck kam, sah ich, daß der weiße Ball wieder im Vortopp hing. Am Heck flatterte die spanische Flagge. Ein Schiff war weit und breit nicht zu sehen. Der erste Steuermann stand allein neben dem Ruder, vor ihm lag eine Tafel mit allerlei mystischen Zeichen, in die er hineinstarrte, um nach einiger Zeit das Glas brummend auf die Küste zu richten. »Gibt's etwas Neues, Steuermann?« fragte ich, neben ihn tretend. »Weiß der Henker, was dem da drüben einfällt,« brummte er, ohne das Glas von den Augen zu nehmen. Der rote Ball paßt nicht zu dem grünen und beides nicht zu der weißen Flagge. – Würden Sie den Kapitän nach oben bitten. Er möchte rasch kommen, sonst wird es zu dunkel.« Tschung-Li sprang an mir vorbei auf das Achterdeck. Er riß dem Steuermann das Fernrohr aus der Hand und suchte die steile Küste ab. Auch er blickte lange auf einen Punkt, und machte dann eine verneinende Geste. »Das ist nicht für uns,« rief er aufgeregt. »Entweder ist das eine Falle, oder da sitzt einer, der das Signalisieren nicht versteht.« »Da liegt aber unsere Hütte,« erwiderte der Steuermann. »Nur kann er keine Schiffssignale geben, die nicht mit der Flagge übereinstimmen. Ich denke, wir lassen sie unbeachtet, Kapitän.« »Ja, so ist die Meldung nicht richtig. Würde sie stimmen, dann müßten wir die Dschunken doch irgendwo entdecken. Sichtet Ihr nichts?« »Keine Spur von einem Fahrzeug. Da sind wahrscheinlich wieder die Holländer am Werk. Es ist gut, daß Ihr keine Antwort gegeben habt.« »Der weiße Ball sitzt im Vortopp, wenn der da drüben das Verzeichnis kennt, weiß er, daß Ihr hier an Bord seid, Kapitän.« »Alle Wetter, Steuermann! Warum wart Ihr so eilig damit?« »Seht doch selbst. Rot und grün. Die weiße Flagge wehte nicht aus, darum glaubte ich, es sei Maharani, der ja um diese Zeit hier sein muß.« »Na, jetzt ist's geschehen. Ein Glück, daß es dunkel wird. Lasset die grünen Segel wegnehmen und setzt die grauen. Auch die graue Bemalung wollen wir herunterklappen. Wir sind dann unter der Küste nicht zu erkennen. Lichter führen wir natürlich nicht.« Diese Unterredung war mit lauter Stimme geführt worden. Keiner der beiden Führer hatte daran gedacht, daß der fremde Offizier jedes Wort verstehen konnte. Ich fand ihn auch noch vor seiner Koje und hatte eben noch Zeit, ihn in das Gelaß zurückzudrängen und ihm zuzuraunen: »Stellen Sie sich schlafend.« Da kam auch schon der Steuermann hinter mir her, um den Befehl des Kapitäns ausführen zu lassen. Er unterbrach seinen Lauf und warf mir die Frage hin: »Ist der Holländer draußen?« «Er liegt auf den Matten und schläft oder stellt sich so.« »Dann ist es gut. Er darf nicht auf Deck. Sorgen Sie dafür!« »Keine Angst, Steuermann. Ich passe auf.« Ich ging in meine Kabine zurück, um dort einige aufklärende Zeilen für den Holländer niederzuschreiben. Zufällig fiel mein Blick aus dem nach rückwärts gelegenen Fenster auf den Wasserspiegel. Da sah ich das Topplicht und beide Seitenlichter eines Dampfers, der genau auf uns zukam. – Sollte das für mich eine Rettung bedeuten, oder...? – Ich eilte nach oben. Auf dem Achterdeck war nur der Rudersmann, der die Augen auf Kompaß und Segel gerichtet hatte und sonst für nichts Interesse zeigte. Weder Tschung-Li noch der Malaie befanden sich in der Nähe. – Wie ich es von den Schiffsführern gesehen hatte, klopfte ich nun mehrere Male heftig auf die Decksplanken, mit dem Erfolg, daß beide, Kapitän umd Steuermann, nach oben stürzten. »Was gibt's?« fragten sie, wie aus einem Munde. «Da – seht selbst!« Mit einem Blick hatten sie das Gefährliche ihrer Lage erkannt. Ein Hagel von Flüchen entfuhr beiden, die ihren Zorn auf den Unschuldigsten, den Rudersmann entluden. Ich rief den lautesten Schreier zur Besinnung. »Schreit nicht so, Kapitän. Das hört man auf zehn Meilen, und der Dampfer ist nur halb so weit. – Oder soll er wissen, daß hier Ihre Dschunke ohne Lichter läuft? Dann machen Sie sich bemerkbar, sonst übersegelt er uns.« Der Malaie hatte, ohne viel zu fragen, das Steuer herumgelegt und die Dschunke dadurch noch dichter an die Küste getrieben. Die Segel wurden festgebunden und alles Leben mußte ersterben. Wenn der Dampfer nicht mit bestimmten Absichten diesen Kurs steuerte, war es möglich, daß wir von ihm gar nicht bemerkt wurden. Der Umriß der Dschunke mußte mit der finsteren Küste verschwimmen. Bange Augenblicke vergingen. Wohl jedem an Deck schlugen in diesen Minuten die Pulse schneller. Ich glitt leise die Treppe hinunter, um den Offizier vor einer Unbesonnenheit zu bewahren, die seinen sofortigen Tod herbeiführen mußte. Ich fand ihn lauschend vor seiner Türe. »Kommen Sie rasch herein,« raunte ich ihm ins Ohr und drückte die Türe zu. »Da kommt ein Dampfer, nicht wahr?« fragte er aufgeregt. »Lassen Sie mich heraus. Der muß mich retten.« »Es wäre im Gegenteil sicherer Tod. Tschung-Li wird Sie sofort töten, wenn Sie den geringsten Versuch zu einer verräterischen Handlung unternehmen. Warten Sie eine günstigere Gelegenheit ab.« »Ist Tschung-Li hier an Bord? Der berüchtigte Tschung-Li? O, wenn ich das geahnt hätte! Zwanzigtausend Gulden und Beförderung wären mir sicher!« »Wer weiß, ob Sie die nicht verdienen können. Seien Sie nur jetzt vorsichtig und bleiben Sie ihm so lange als möglich aus den Augen – horch! Der Dampfer stoppt!« Wirklich vernahmen wir das Abblasen des Dampfers. Das Geräusch der Schraube war verstummt. Eine Stimme rief das übliche: »Ship-ahoi!« Und dann nach kurzer Zeit in englischer Sprache: »Ist da noch jemand an Bord?« Von unserer Seite erhielt der Frager natürlich keine Antwort. – Nach kurzer Pause hörten wir dann die Worte: »Halten Sie sich nicht auf. Entweder schlafen die oder es ist ein verlassenes Wrack. In beiden Fällen geht's uns nichts an. Wir können es ja morgen früh in Samarinda melden...« Das Weitere ging in dem Getöse der jetzt wieder das Meer peitschenden Schraube verloren. – Nach einer kurzen Warnung an den Offizier eilte ich auf Deck, wo sich Tschung-Li eben aus einem Haufen Matten schälte. Seine erste Frage war: »Wo waren Sie? Haben Sie verstanden, was man rief? Das waren Deutsche.« »Nein, Kapitän, das ist ein Engländer. Ich war bei dem Holländer in der Koje, um ihn vor einem dummen Streiche zu bewahren. – Er dachte übrigens nicht daran.« »Was sagte der Engländer? Sie verstehen doch die Sprache?« Ich wiederholte dem Kapitän und dem hinzutretenden ersten Steuermann die Worte, worüber Tschung-Li in ein höhnisches Gelächter ausbrach. Der Malaie aber nahm die Sache viel ernster: »Ihr habt durchaus keine Ursache zum Lachen, Kapitän. Wenn der Dampfer die Meldung macht, geht sofort der Rettungsdampfer heraus und dann findet er uns rasch auf unserm Kurse. Ich bin dafür, daß wir so viel Seeraum als möglich zwischen uns und diese verdammte Küste bringen. Gehen wir lieber auf acht Tage nach Celebes hinüber. Von da aus ist Mindanao auch nicht weiter als von hier.« »Das geht doch nicht, Steuermann,« rief Tschung-Li. »Ihr wißt doch, daß wir hier irgendwo mit Kü-schan zusammentreffen sollen. Und dann wollt Ihr doch wohl selbst nicht mit unserer Ladung in einen spanischen Hafen einlaufen?« »Allerdings nicht! Hätten wir doch den roten Dampfer nie gesehen! Dann hätten wir unsere Ladung auf unserer Balabalakan-Station abgegeben und säßen zu dieser Stunde vergnügt in Pasir. Ich möchte nur wissen, was den Kü-schan neuerdings dazu treibt, jede Dschunke mitten auf See nach einem andern Hafen zu schicken. Keiner weiß mehr, wohin er gehört. Ich werde ihm das bei der nächsten Gelegenheit sagen.« »Kü-schan muß am besten wissen, was er tut. Er verkauft seine Waren, wo er den besten Preis dafür bekommt. Augenblicklich zahlen die Dajaks die höchsten Preise.« »Davon hat aber nur er Gewinn, und Ihr. Wir andern müssen alle Gefahr laufen, oft wochenlang fahren, ohne für die verlorene Zeit entschädigt zu werden.« »Dongsa hat Euch doch für die Fahrt von Singapore nach Kupang ein Aufgeld gezahlt!« »Lumpige fünfzig Gulden. Dafür brauchten wir genau drei Wochen länger und wären auf ein Haar dem Engländer in die Hände gefallen, wenn ich ihm nicht noch im letzten Augenblick zu der Strandung auf den Montaran-Riffen verholfen hätte.« «Nun, beruhigt Euch nur wieder! Ich will mit Kü-schan reden, daß er Euch die Nummer sieben als Kapitän gibt. Das entschädigt Euch für vieles. – Jetzt aber müssen wir einen Entschluß fassen. Warum wollt Ihr die Reise nicht fortsetzen?« »Weil ich den Rettungsdampfer nicht längsseit haben will. Entweder gehen wir in der Bucht vor der Hütte zu Anker oder wir suchen die hohe See auf. Hier ist's mir zu gefährlich.« »Wenn der Dampfer die Küste absucht, findet er auch die Hütte. Hoffentlich merkt es der, der dort nachmittags war, beizeiten.« »Darum können wir uns nicht auch noch bekümmern. Am besten für die Gesundheit unserer Hälse ist es, wenn wir geradewegs nach Kü-schans Insel in der Lucia-Bai laufen. Wenn er nicht da ist, wird er jedenfalls kommen und uns dort suchen. Und dann gehen wir aus der Dreimeilenzone heraus. Dann hört die Schnüffelei der Holländer von selbst auf.« Tschung-Li gab dem Malaien nach. Als das Schiff wieder Fahrt machte, tauchte vor uns wiederum ein Dampferlicht auf. Diesmal von Norden kommend und in größerem Abstand. Der Malaie ließ neuerdings wenden. Dadurch kam er aber der Küste so nahe, daß die Dschunke leise den Grund berührte. Das entfesselte bei beiden wieder Verwünschungen. »Weiß der Henker, was die Dampfer plötzlich hier zu suchen haben,« wetterte Tschung-Li. »Sonst können acht Tage vergehen, ehe sich einer hier blicken läßt, und jetzt gar zwei in einer Nacht!« »Die hat Kü-schan mit seinem roten Teufelskasten in diese Gegend gezogen. Wie konnte er auch nur so unvorsichtig sein und dem Dampfer eine so auffallende Farbe geben?« – Er warf das Lot über Bord, um die Tiefe des Fahrwassers festzustellen, zog es aber sofort wieder herauf und brach nach der bei ihm üblichen Einleitung in die Worte aus: »Wir haben keine Handbreit Wasser unter dem Kiel, Kapitän. Wenn wir nicht Gefahr laufen wollen zu stranden, dann laßt den Anker ausbringen. Bevor nicht der Dampfer vorüber ist, können wir keine Versuche machen, in tieferes Wasser zu kommen. Der Lärm muß ja drüben gehört werden. – Was macht übrigens unser Gefangener? Gehen Sie hinunter zu ihm, Nottebohm. Er darf nicht wissen, wo wir sind.« «Habt Ihr Angst, er ginge über Bord?« fragte Tschung-Li. »Dafür sorgen schon die Haie, daß er nicht weit kommt.« Ich brannte schon lange darauf, dem Holländer zu sagen, daß sich hier eine Möglichkeit zur Flucht für ihn böte, wagte aber nicht, unter Deck zu gehen. Der Auftrag kam mir gerade gelegen. Der Holländer lag auf seier Matte und lauschte auf jedes Geräusch. Als Fachmann konnte er danach dieLtage der Dschunke beurteilen. »Wir sitzen auf Grund?« fragte er leise. Und als ich bejahte, wollte er wissen, wo wir uns befänden. »An der Ostküste von Borneo,« raunte ich ihm zu. »Es kann nicht weit von der Adang-Bai sein. Gegen Abend sichteten wir eine Hütte, die den Schmugglern gehört. Tschung-Li sagt, sie müsse hier herum sein, da wir mit der Strömung zurücktrieben...« »Die Hütte kenne ich. Sie ist von unsern Leuten besetzt. Ha, wenn ich dort über Bord gehe, bin ich gerettet. Wie weit mag sie noch von hier sein? Die Küste hat fast gar keinen Strand. Dort wäre ich verloren...« »Ich werde mich erkundigen,« sagte ich. »Wenn Ihnen die Flucht gelingt, denken Sie an mich. Wird unsere Mannschaft gefangen genommen, dann muß ich mit büßen und bin so unschuldig wie Sie.« »Mein Wort darauf. Berufen Sie sich auf Kapitän Dekker von der Station in Pasir, wenn man Ihnen den Prozeß machen will. Im übrigen haben Sie mir und uns so große Dienste erwiesen, daß Sie dadurch allein schon von jedem Verdacht befreit werden.« Ein Rumoren auf dem Achterdeck ließ mich den Besuch abbrechen. Ich eilte nach oben. Der Dampfer war auf gleicher Höhe mit uns. Seine Umrisse hoben sich undeutlich von dem helleren Himmel ab, doch sah man, daß er einen weißgemalten Rumpf und zwei Schornsteine hatte. Er fuhr halbe Kraft, was vielleicht auf das klippenreiche Fahrwasser zurückzuführen war. – Unsere Mannschaft verfolgte seinen Lauf mit Groll im Herzen. Schienen doch die Minuten, die er brauchte, um aus unserer Nähe zu kommen, ebenso viele Ewigkeiten. Wohl jeder von uns zitterte in diesem Augenblick vor Aufregung. Endlich schob sich der Rumpf aus unserer Gesichtslinie und gab den Blick auf die See wieder frei. Dort waren inzwischen zwei rote Lichter erschienen. Nach Norden steuernde Segler. Der Malaie wies stumm mit der Hand nach ihnen, fuhr aber mit einem Ruck herum, denn nun stieg plötzlich in unserer Nähe am Lande eine Rakete gen Himmel, die mit roter Flamme einen goldenen Regen niederfallen ließ. Ehe der Steuermann noch ein Wort darüber äußern konnte, antwortete der Dampfer ebenso. »Zum Henker noch einmal, da ist die Hütte!« schrie Tschung-Li mit seiner lauten Stimme, worauf ich von den obersten Treppenstufen aus absichtlich laut wiederholte: »Das ist die Hütte? Da sind wir ja keine fünfzig Meter entfernt.« »Da ist etwas nicht richtig!« schrie plötzlich der Malaie. »Dachte ich es doch gestern abend! – Auf, alle Mann an Deck! Hoch den Anker! Nieder die Segel!« In der nun herrschenden allgemeinen Aufregung ging das leise Klatschen unter, auf das ich mit fiebernden Pulsen wartete. Wie ein leichter Schlag eines spielenden Fisches drang das Geräusch an mein Ohr. Ich beugte mich über die Reling und sah mit geheimer Freude, wie die Oberfläche des Meeres die immer weiter auseinanderlaufenden Kreise bis unter unsern Bug trug. Da die Entfernung zur Küste nicht groß war, hoffte ich den schwer heimgesuchten Beamten in Sicherheit. Den Schmugglern aber war ein Todesopfer entrissen. Dm angestrengten Bemühungen der Mannschaft war es endlich gelungen, die Dschunke in tieferes Wasser zu bringen, wo Wind und Strömung ihr die Bewegungsfreiheit wiedergaben. Es war auch keine Minute zu früh, denn schon vernahm man das taktmäßige Aufschlagen von Rudern und das laute Kommando eines Holländers, der seine Soldaten zur Feuerbereitschaft aufforderte. Automatisch folgte auf der Dschunke der Ruf: »Alle Mann unter Deck!« Mich riß Tschung-Li unter einen Haufen Matten, die nach drei Seiten durch Eisenholzbretter zu einer Art Bett zusammengelegt waren. Der Malaie steuerte nun von der Kajüte aus nach den Rufen des Mannes auf der Back. Wieder verbrachten wir bange Minuten. Die Ruderer arbeiteten mit aller Kraft, mußten aber bald einsehen, daß sie den Segler nicht mehr einholen konnten. Einen Abschiedsgruß schenkten sie uns jedoch noch. Eine Salve krachte über die Wasserfläche und brach sich im Echo an der Küste. »Getroffen!« rief ich dem neben mir liegenden Kapitän zu, obwohl ich wußte, daß ich damit eine Unwahrheit sprach. »Wer? Sie? Wo denn?« »Ich nicht. Ich hörte eben einen Schrei und ein Klatschen, als ob ein Körper ins Wasser fiele.« »Wird so ein naseweiser Malaie gewesen sein. Geschieht ihm recht.« Damit war der Fall für den Kapitän erledigt. Mir aber fiel ein Stein vom Herzen. Hatte ich doch den Verdacht der Mitschuld von vornherein erstickt. Um das Unglück voll zu machen, gaben auch die beiden fernen Segler Signale. Ein rotes flackerndes Feuer loderte auf dem Meeresspiegel auf, das langsam in grün überging und dann verlöschte. Eine rote und eine grüne Laterne, untereinandergestellt, schob sich an einem Maste in die Höhe. »Das ist Maharani selbst!« rief Tschung-Li in größter Erregung, »er weiß noch nicht, daß die Hütte besetzt ist. – Wir müssen ihn warnen, Steuermann. Haltet auf die Fahrzeuge ab und gebt das Signal.« »Mit den Holländern auf den Fersen! Nein, Kapitän, das werde ich bleiben lassen. Ich brauche meinen Hals noch länger. – Hört Ihr das Klappern hinter uns? Die machen Jagd auf uns oder die andern. Ich bin nur froh, daß wir den Kutter haben. Das ist unsere letzte Rettung,« erwiderte der Steuermann in höchster Erregung. «Ihr glaubt doch nicht, daß...« »... wir an Land flüchten müssen? Ja, das glaube ich, Kapitän! Wenn die an der Hütte noch einen solchen Kutter haben, wie jenen, dann können wir ihnen nicht entgehen.« »Nun, dann kämpfen wir, wie wir es schon oft getan haben. Wir sind noch immer Sieger geblieben.« »Aber nicht wenn die Holländer mit Geschütz und Gewehren kommen, Kapitän. Ich lasse lieber den Kutter klar machen.« »Im äußersten Falle haben wir ja noch den Holländer als Geisel!« warf ich ein. »Der muß uns mit seiner Person für unsere Freiheit haften.« »Bei Allah – ja! Daran habe ich gar nicht mehr gedacht,« rief Tschung-Li. »Den Mann wollen wir uns jedenfalls sichern.« »Ihr wolltet ihn doch für Kü-schan aufheben, Kapitän,« antwortete der Malaie mit anzüglicher Geste. »Mein Kopf ist mir lieber wie der ganze Kü-schan,« erwiderte er lachend. »Aber seht doch nur, was der Maharani für Tollheiten macht. Der steuert wahrhaftig an die Küste. – Wir müssen ihn warnen, Steuermann. Es ist unser Oberhaupt, dem wir Treue geschworen haben.« »Es heißt aber auch, daß sich im Falle der Gefahr jeder auf eigene Faust retten soll und vom Nachbarn keine Hilfe beanspruchen darf. – Glaubt Ihr, daß Maharani uns hilft, wenn er sieht, daß der Holländer uns umzingelt hat?« – »Hm – das ist etwas anderes...« »Hahaha, weil er das Geld hat und wir, das heißt, Steuerleute und Matrosen, dafür bezahlt werden, daß wir uns von den Weißen am Halse aufhängen lassen. – Nein, Kapitän, soweit geht meine Verehrung für den Seeräuber nicht.« Eine heftige Antwort Tschung-Lis wurde durch die Vorgänge unterbrochen, die sich jetzt auf dem Meere abspielten. Die Holländer hatten uns entweder in unserm grauen Kleide aus den Augen verloren, oder sie kannten die Beute, die ihnen mit den beiden Dschunken in die Hände fallen mußte. Während die Insassen der Hütte durch Signale, die uns durch die steile Küste verborgen blieben, die Dschunken der ahnungslosen Schmuggler immer näher an den Strand lockten, lösten sich mehrere Boote vom Lande und legten sich mit umwickelten Rudern in weitem Halbkreis um die beiden Opfer. Eines der Boote, mit zehn Matrosen bemannt, lief so dicht an uns vorüber, daß es uns wunderte, warum man uns nicht angriff. Jedenfalls bildete diese unerklärliche Unterlassung den Gegenstand der Unterhaltung zwischen uns. »Sie glauben uns sicher zu haben,« äußerte ich auf eine Bemerkung Tschung-Lis. »Auch wir werden umzingelt wie die beiden, und wer weiß, ob wir nicht die Sonne zum letzten Male aufgehen sehen.« »Fangen Sie auch noch an mit Ihrer Schwarzmalerei,« rief der abergläubische Kapitän. »Noch haben sie uns nicht, und so lange noch ein paar Meilen Seeraum vor uns sind, gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich bin ihnen schon einmal aus dem Netz geschlüpft, und hatte nicht so viel Vorsprung. Wißt Ihr noch, Steuermann?« »Vergeßt nicht, daß wir damals auf Tapul Schutz suchen konnten. Das ist spanisch. Da durften sie uns nicht folgen. – Und dann denkt daran, daß Ihr Euch damals den Kopfpreis verdientet, weil ihr den...« »Da – endlich scheint der Maharani den Betrug zu entdecken!« unterbrach Tschung-Li die Enthüllungen. »Er gibt das Notzeichen! was meint Ihr, Steuermann, sollen wir es wagen? Er muß viele Millionen an Bord haben. Das wäre eine gute Gelegenheit, reich zu werden.« »Ah – so! Der Maharani liegt Euch nicht am Herzen, sondern seine Schätze!« rief der Malaie. »Die nehmen sich die Holländer! – Da! Da geht's schon los! – Nun bringt die Dschunke vor den Wind, denn sobald sie da drüben fertig sind, kommen wir an die Reihe.« Wir hatten uns inzwischen so weit entfernt, daß uns die Einzelheiten des Dramas, das sich dort abspielte, verloren gingen. Wir hörten nur den dumpfen Lärm des Getümmels, sahen das Aufblitzen der Schüsse und hörten oft einen schwachen Schrei, der das Ende eines der Kämpfenden in die Nacht hinaus trug. Ein schwacher Feuerschein, sich zusehends vergrößernd, beleuchtete die furchtbare Szene des Zweikampfes zwischen Gesetz und Verbrechen. Man sah die einzelnen Gestalten als dunkle Punkte sich aus dem Lichtkegel hervordrängen... Atemlos verfolgten unsere Matrosen das Schauspiel. Mancher der braunen Söhne des Archipels faßte in diesen bangen Augenblicken den Entschluß, dem gefährlichen Berufe zu entsagen. Nur Kapitän und Steuermann betrachteten die längst gewohnten Kämpfe mit der kalten Entschlossenheit des Spielers, der seinen Kopf als Einsatz auf die letzte Karte gesetzt hat: Va banque! »Der Maharani verbrennt seine Dschunke,« sagte Tschung-Li, und ein Bedauern klang aus seinen Worten. »Alle die Werte, die er in einem Leben voll Gefahren zusammengetragen, verschlingt dort das Meer.« »Besser als wenn sie den Holländern in die Hände fielen,« antwortete der Malaie. »Ich kenne den Platz, und wenn mir niemand zuvorkommt, hole ich mir das, was das Feuer übrig ließ.« Ein bezeichnender Blick streifte dabei den Kapitän. Dieser empfand die Anspielung. Mit gleichgültiger Miene entgegnete er: »Die Schätze bleiben auch Eigentum unserer Gemeinschaft, wenn sie versenkt worden sind. Ihr wißt das so gut als ich. Wir haben das doch schon öfter erlebt, und das letzte Strafgericht Rü-schans wird Euch hoffentlich noch recht frisch im Gedächtnis sein?« »Darüber reden wir, wenn wir erst wieder unser eigener Herr sind. Seht Ihr den weißen Kutter, der von See her kommt? Dem müssm wir ausweichen oder...« »Wieviel Gewehre haben wir eigentlich an Bord?« fragte plötzlich der Kapitän, nachdem er den Kutter längere Zeit durch das Glas betrachtet hatte. Jeder Zug seines Gesichtes war in Spannung. »Gewehre genug – aber nur vier Mann, die schießen können,« antwortete der Malaie geringschätzig. »Unser Heil liegt in der Flucht. – Wir wollen versuchen, unsern Ankerplatz in der Koetei-Mündung zu erreichen. Dort finden wir Freunde.« »Die ist viel zu weit weg, Steuermann. Bei einem Wettsegeln holt uns der Kutter sicher ein. – Und dann blickt einmal hinter Euch. Sagte ich es nicht, daß sie uns nach Sonnenaufgang jagen werden. Da habt Ihr den Beweis. Der läuft, wie wir, vor dem Winde. – Also bleibt uns nur die Küste. Vorwärts, in die Mündung des Pirobong.« Letzterer ist ein kleiner Fluß, der bei seiner Mündung ein großes Becken aus den Felsen gewaschen hat. Von dichtem Urwald umgeben, bildet dieser natürliche Hafen ein leicht zu verteidigendes Versteck, das noch dazu durch vorgelagerte Klippen und Sandbänke für den Nichteingeweihten sehr gefährlich werden kann. Hierhin steuerte Tschung-Li die Dschunke. Und da die Entfernung nur wenige Seemeilen betrug, so liefen wir in den Fluß ein, bevor noch der Führer des Kutters die genauen Kennzeichen unseres Fahrzeuges in sich aufnehmen konnte. In dem Becken trafen wir Gesellschaft. Vier tiefbeladene Dschunken harrten des Befehls zur Abreise. Drei davon hatten Landesprodukte geladen und waren nur hier eingelaufen, um von den Schmugglerfahrzeugen Bannwaren aufzunehmen. Die vierte lag in Ballast. Die Nachricht von der Gefangennahme des Maharani wurde mit verschiedenen Gefühlsausbrüchen aufgenommen. Wirkliches Bedauern sah ich auf keinem Gesichte – eher das Gegenteil. Größere Aufregung verursachte die durch die Kutter drohende Gefahr. Zwar führte keine Dschunke, außer unserer, verbotene Waffen in ihrer Ladung, aber jeder einzelne der hier Versammelten hatte ein Verhör durch die Holländer zu fürchten. Fünf Minuten nach Bekanntwerden der Gefahr verschwanden bereits Matrosen und sogar Steuerleute in den das Ufer in ein undurchdringlich scheinendes Gewirr hüllenden Mangroven. Aber auch auf unserer Dschunke herrschte fieberhafte Aufregung. Tschung-Li war kaum in den Kessel eingelaufen, als er auch schon über eine im Wege liegende Dschunke hinweg auf ein schlankeres Fahrzeug, allerdings auch als Dschunke getakelt, hinübersprang. Mit fliegender Hast riß er dort die Seitenbretter herunter. Seine Donnerstimme zwang die wenigen an Bord befindlichen Matrosen, an Stelle der gewöhnlichen grauen, schwarzgestreifte Mastensegel, die ihm die erste Dschunke liefern mußte, anzuschlagen. Hierauf rief er seinen zweiten Steuermann und befahl diesem, das Fahrzeug bis vor die Mündung zu verholen und dort auf ihn zu warten. In der Zwischenzeit leitete der Malaie auf unserer Dschunke die zum Verlassen des Schiffes erforderlichen Arbeiten. Alles, was irgendwie mit den Signalen und der Metamorphose der Dschunke zusammenhing, blieb ruhig an Bord. Nur mein Gepäck – und hierauf legte der Steuermann besondern Wert – mußte mit hinüber auf das neue Fahrzeug, dessen ursprüngliche Besatzung, zufällig waren es nur Chinesen, beibehalten wurde. Kaum eine Viertelstunde später waren wir auf dem neuen Schiffe auslaufbereit. Nur Tschung-Li fehlte noch, während der Steuermann ungeduldig auf dem Vorderdeck auf- und ablief und unter hundert Flüchen auf den saumseligen Kapitän seinem Zorn Luft machte. Endlich wurde er aus dem Dickicht nahe der sandigen Ausfahrtrinne angerufen. Dort stand ein Chinese mit einem um den Mund hängenden Schnauzbart und lackiertem Hute. Ein Pfiff belehrte den Malaien, daß er seinen Kapitän vor sich hatte, der mit der Jolle an Bord geholt werden wollte. »Zum Henker, wo bleibt Ihr denn so lange, Kapitän?« fuhr ihn der Malaie an. »In einer halben Stunde haben uns die Kutter eingeholt!« »Ich fand die passenden Papiere nicht gleich!« – Er wandte sich an mich. »Passen Sie genau auf: Wir kommen von Tawao – das ist britisch und gehört zu Nordborneo – und gehen in Ballast nach Delhi auf Timor. Wir liefen vor drei Tagen hier ein, um ein paar Tote zu begraben, die an den Pocken starben. Verstanden?« »Sehr gut – und was für Ladung führen wir?« »Ballast – Sand!« Mit einem geheimen Unbehagen sah ich dem Augenblick entgegen, in dem man das Verschwinden des Holländers entdecken würde. Als dann in der fieberhaften Aufregung, mit der man sich zur Flucht aus der Umklammerung vorbereitete, weder Tschung-Li noch der Steuermann ein Wort darüber verloren, dankte ich Gott, daß er alles so gefügt hatte, daß auch nicht der Schatten eines Verdachtes auf mich fallen konnte. Bis der Anker dem Fahrzeuge freien Lauf gab, und wir durch die Sandbänke in das offene Meer liefen, zitterte ich noch innerlich. Dann aber, angesichts der drei Kutter, die in kurzem Abstande hintereinander vor dem Winde nach Westen liefen, fragte ich, das Gespräch der beiden Schiffsführer unterbrechend, so ganz nebenbei: «Kann auch der Holländer seinen Landsleuten kein Zeichen geben?« Wenn eine Granate neben uns eingeschlagen wäre, hätte sie kein größeres Entsetzen hervorrufen können als meine Frage. «Ja, zum Henker, wo habt Ihr den Offizier untergebracht, Steuermann?« rief Tschung-Ki voller Heftigkeit. «Ich? Ich habe mich nicht um ihn bekümmert. Ich schloß kurz vor Sonnenaufgang seine Koje mit dem Riegel ab. Seit der Zeit habe ich nicht mehr an ihn gedacht.« »Sahen Sie nicht nach ihm, bevor Sie von Bord gingen, Nottebohm?« «Nein, Kapitän. Ich hatte genug mit meinen Sachen zu tun...« «Dann sitzt er noch in der Koje!« rief Tschung-Ki unter seinen gräßlichsten Flüchen, »wenn ihn da die Holländer finden, ist uns auch der Zufluchtsort verloren. – Und alle die Kameraden, die dieser Tage dort einlaufen, mit ihm. Daß Ihr das auch vergessen konntet, Steuermann!« «Alles Reden darüber hat jetzt keinen Zweck mehr,« erwiderte dieser schroff. »Haltet lieber die Flagge bereit. Ich glaube, der eine von den dreien möchte seine Neugierde befriedigen.« In der Tat hatte einer der drei Kutter noch ein Segel gesetzt und dadurch einen Vorsprung vor den andern gewonnen. Er lief unzweifelhaft in unsern Kurs, und schon erwog der Steuermann, ob er ihm nicht einen Streich spielen und eine Kollision herbeiführen sollte. – Aber da uns nur noch wenige hundert Meter von der Dreimeilenzone trennten, hoffte er diese zu erreichen, bevor der Holländer sich zu erkennen gab. Tschung-Ki schärfte mir mein Verhalten ein. Ich sollte englisch sprechen und nach Art der Engländer grob und abweisend antworten. Bis ein Einverständnis im einen oder anderen Sinne erzielt worden wäre, mußten wir in der neutralen Zone sein. Dann waren wir überhaupt zu keiner Antwort mehr verpflichtet. Bis dahin hatte ich mir das immer fesselnde Bild schnellsegelnder Fahrzeuge in voller Fahrt auf dem Meere, hinter der Reling stehend, von Deck aus angesehen. Jetzt mußte ich meinen englischen Tropenhut aus dem Koffer holen und mich in meine Rolle hineinfinden. Ich hoffte auch, den Engländer täuschend markieren zu können, denn wir hatten das früher oft in fröhlichen Stunden geübt. Ein Gedanke allerdings war geeignet, meine Sicherheit zu erschüttern. Wenn der Kapitän Dekkers in einem der Boote wäre! «Der Kutter hißte die holländische Zollflagge. Der Aufforderung mußten wir Folge leisten. Nach einigem Zögern stieg die englische Flagge an unserm Heck empor. Darüber entstand anscheinend ein Zwiespalt unter den Insassen des Kutters, denn es dauerte geraume Weile, bis ein Anruf durch's Sprachrohr erfolgte. Der Frager sprach holländisch. Jetzt erschien ich bedächtig auf der Treppe zum Achterdeck. Englischer Tupiehut, kurze Pfeife, Hände in den Taschen. Ich wartete eine neue Frage ab. Tschung-Li und der Steuermann standen gleichgültig an ihren Posten. Jeder hatte die Winchesterbüchse im Bereich seines Armes. Selbst der Chinese am Steuer verbarg unter seinen Füßen ein Gewehr. Die Frage wurde wiederholt. Ein drohender Ton lag in den Worten. Nun antwortete ich in echt englischer Weise: »Sprecht englisch, oder geht zur Hölle! Auf Piraten sind wir vorbereitet.« Diese englischen Worte erschütterten das Selbstvertrauen der Bootsbesatzung noch mehr. Sie hatten nicht erwartet, einen Engländer, und noch dazu einen Weißen, vorzufinden. Dennoch setzte der Holländer das Verhör fort. Diesmal in ziemlich schlechtem Englisch, das mit den Ausdrücken der Eingeborenen vermischt war. »Woher kommt die Dschunke und wohin geht sie?« »Zur Hölle, wohin ich auch euch verdammte Piraten schicke, wenn ihr uns nicht in Ruhe laßt. Wer seid Ihr eigentlich?« »Wir sind Zolloffiziere der Königlich Niederländischen Regierung. Das seht Ihr doch aus unserer Flagge.« »Die hatte der Pirat auch gehißt, als er uns vor drei Tagen begegnete. Wir gaben es ihm aber so, daß er schleunigst das Weite suchte: Also gebt Raum. Außerdem sind wir hier in freiem Wasser. Ihr wißt, daß wir hier keine Zollboote anerkennen. Seid froh, daß ich euch glaube, sonst...« Eine bezeichnende Gebärde beschloß meine kurze Rede, die aber den gewollten Eindruck nicht verfehlte. Der Kutter wendete und fiel langsam nach hinten ab. Tschung-Li fiel mir beinahe um den Hals. »Mann, dem haben Sie es gut gegeben. Was der für ein Gesicht zog, als er sich drücken mußte. Sie will ich Rü-schan besonders empfehlen. Das verdient eine Belohnung. – was haben Sie denn eigentlich gesagt?« Ich gab den Inhalt meiner Unterredung mit dem Holländer möglichst wortgetreu wieder und erntete dafür das volle Lob der beiden Führer. Sie kamen aus dem Lachen über den gelungenen Streich gar nicht mehr heraus. Am größten war ihre Freude, als sie die drei Kutter jetzt nebeneinander treiben, und dann den Rückweg nach der »Hütte« einschlagen sahen. – Ich allerdings bereute es im Stillen, daß ich nicht die Gelegenheit benutzt hatte, mich von den Schmugglern zu trennen. – Allerdings wäre ich kaum den Kugeln der betrogenen Schiffsführer entgangen. Am Spätnachmittag glaubte Tschung-Li das schützende freie Meer verlassen und wieder in die Nähe der Küste zurücklehren zu sollen. Ihm lag daran, allen uns begegnenden Dschunken der Gemeinschaft das Vorgefallene zu melden. Insbesondere brannte er darauf, etwas über Kü-schan zu erfahren, der hier stündlich erwartet wurde. Nicht wenig Sorge bereitete ihm auch das gänzliche Fehlen befreundeter Fahrzeuge, die zu gewöhnlichen Zeiten das inselreiche Gebiet um die Dondrekingruppe belebten. Aus seinen Gesprächen mit dem ersten Steuermann klang immer die Befürchtung heraus, daß auch jener Schlupfwinkel für die Schmuggler verschlossen, und ihre geheimen Lager aufgehoben seien. »Fast möchte ich glauben, daß auch Kü-schan das Schicksal des Maharani betroffen hat,« sagte er. »Er müßte uns schon längst begegnet sein.« »Das wäre ein fetter Bissen für die Holländer,« entgegnete der Malaie gleichmütig. »Allein seine reichen Besitzungen in Kupang, Samarang, Makassar und auf Flores sind hundert Millionen wert. Nicht gerechnet das bare Geld und die Juwelen. Donnerwetter, Kapitän, wenn wir das gewiß wüßten, segelte ich sofort nach der englischen Insel und träte die Erbschaft an!« Tschung-Li gab darauf keine Antwort. Er verarbeitete wohl ähnliche Pläne in seinem Hirn, bei denen er jedoch keineswegs mit der Teilhaberschaft des Malaien rechnete, wie ich ihn kennen gelernt hatte. Kurz nach Sonnenuntergang wurden in regelmäßigen Abständen vier langsam, vor kleinen Segeln kreuzende Dschunken sichtbar. Sie gehörten unzweifelhaft der Gemeinschaft an, denn jede trug, neben den gewöhnlichen Seitenlaternen, noch ein gelbes Licht in jedem Topp – wie dies bei Dampfern gebräuchlich ist. Die Wahrnehmung entlockte dem Kapitän einen tiefen Seufzer der Erleichterung. Er wandte sich an seinen Steuermann mit dem Auftrage, die bekannten Warnungszeichen auszuhängen. »Wo habt Ihr denn die Lichter hinstauen lassen?« fragte dieser. »Das müßt Ihr wissen. Das ist Euere Sache!« «Ich hatte genug zu tun, um diesen Kahn fahrbereit zu machen. Um die verdächtigen Signale kümmerte ich mich nicht. Ihr selbst habt befohlen, daß nichts an Bord genommen würde, was uns verraten könnte.« »Aber die Signale waren doch ausgenommen davon,« brüllte Tschung-Li, der ganz außer sich hin- und herlief. »Davon weiß ich nichts. Überhaupt verlohnt es sich nicht über Dinge zu reden, die dadurch nicht geändert werden können. – Wenn wir denen etwas sagen wollen, können wir ja längsseit laufen.« Das wurde auch nach längerer erregter Auseinandersetzung beschlossen. Wir nahmen Kurs auf die vier Schiffe und setzten noch ein kleineres Hilfssegel, um sie vor ihrem Eindringen in das bedrohte Gebiet noch zu erreichen. – Das Manöver wurde jedoch von den andern mißverstanden. Kaum bemerkten sie unsern veränderten Lauf, als auch sie vor den Wind gingen und unter vollen Segeln zurückeilten. Man male sich die Wutausbrüche aus, mit denen Tschung-Li diese Flucht vor seinem Fahrzeug begleitete. Er überhäufte den Malaien mit den gröbsten Schimpfworten, die dieser auch nicht ruhig hinnahm. Bald standen sich die beiden Verbrecher mit gezogenem Kris gegenüber... da war es wieder ein Ereignis auf dem Meere, das sie zur Besinnung brachte. Den Lärm der Streitenden übertönend, flog die aufgeregte Meldung des Chinesen vom Ausguck hinüber auf das Achterdeck: »Dampfer rechts voraus!« Die drei Worte schlugen wie eine Bombe ein. Sofort schlang die Nähe der Gefahr ihr einigendes Band um die gleichgesinnten Kumpane. Jeder sprang an seinen Posten auf der erhöhten Schanzkleidung und betrachtete abwägend das sich nähernde Schiff, von dem man Top- und Seitenlichter sah. Er kam also genau auf uns zu. »Seitenlichter löschen! Steht bei den Segeln! Hart Backbord das Ruder!« Kurz und entschlossen kamen die Befehle. Kaum gegeben, waren die Kommandos auch schon ausgeführt. Der Bug drehte sich dem Lande zu, und schwerfällig verfolgte die Dschunke ihre neue Bahn. Als man von dem fremden Dampfer nur noch das grüne Licht bemerkte, ließ Tschung-Li die Seitenlaternen wieder anzünden, um etwa begegnenden Fahrzeugen keinen Grund zum Verdacht zu geben. – Zornig lief er die Treppe hinunter, um seinen Ärger in der Kabine zu »ertränken«. Dazu kam er indessen noch nicht, denn der laute Aufschrei seines ersten Steuermanns brachte ihn rasch wieder an dessen Seite: »Was ist los? Warum schreit Ihn denn, als ob Euch der Kris an der Kehle säße?« rief er, dem Malaien das Glas aus der Hand reißend. »Vielleicht entdeckt Ihr es selbst, wenn es auch zu spät ist!« erwiderte dieser mit seinem gewohnten Gleichmut. Tschung-Li untersuchte lange den Streifen, der den Dampfer andeutete, mit dem Fernglas. Selbstverständlich suchte er dort die Ursache des ungewöhnlichen Ausrufes seines Steuermannes. »Seht Ihr immer noch nichts?« rief dieser wütend. »Die beiden rot und grünen Kugeln an Steuerbordseite sehe ich doch ohne euer verwünschtes Glas!« Die Bemerkung elektrisierte den Kapitän. »Zwei rote und zwei grüne Kugellaternen sagt Ihr? Mann, das ist ja doch das Zeichen von Kü-schan! Und der ist uns vorbeigelaufen, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte?!« Gräßlichere Flüche und Verwünschungen kamen wohl selten aus dem Munde eines Menschen, als die, welche Tschung-Lis herbe Enttäuschung über diesen Mißerfolg seines überstürzten Segelmanövers Ausdruck verliehen. Er raste wie ein wildes Tier, das gegen die Eisenstangen seines Käfigs rennt. »Verloren ist er! Verloren ist er!« brüllte er in kurzen Zwischenpausen, und jedesmal flog seine Faust krachend auf die Platte des Kompaßtisches. Er machte auch einige Male den Versuch, seine Wut an der Person seines ersten Steuermannes auszulassen, aber dieser hatte den Kris mit dem langen und schweren Mandang vertauscht und war auf seiner Hut. Seine ganze kaltblütige Haltung ließ klar erkennen, daß er gewillt war, seinen Vorgesetzten bei der geringsten Beleidigung zu töten. Eine Stunde mochte vergangen sein. Ich lag im ersten Halbschlummer auf meinen Polstern. Unweit von mir warf sich der Kapitän ruhelos auf seiner Liegestatt umher. Da drang der langgezogene Ton einer Dampfsirene an mein Ohr. Ich hob den Kopf, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte. Da auch ein dumpfes, ungewöhnliches Geräusch auf dem Meere lagerte, ging ich an das nach rückwärts gehende Fenster und erblickte nun ein aufregendes Bild. Eine Jagd, wie ich sie schon einmal bei Tage erlebt hatte. Zwei Dampfer fuhren mit voller Kraft, die ruhige See zu schäumenden Bergen aufwühlend, auf kaum eine halbe Seemeile Entfernung zwischen uns und der Küste vorüber... Das durfte ich dem Kapitän nicht vorenthalten. Daß der Malaie die Meldung unterließ, schob ich auf die gereizte Stimmung des Mannes. Ich rüttelte Tschung-Li, vergebens, dann brüllte ich ihm in die Ohren: »Auf, Kapitän! Zwei Dampfer in nächster Nähe!« Das brachte ihn auf die Beine, und da in demselben Augenblick auch ein Chinese in der Türe erschien, der eine Meldung überbrachte, schob ich mich an diesem vorüber auf Deck. – «Eben stieg die große Mondsichel aus dem Meere und überschüttete die leicht bewegte See mit ihrem silbernen Lichte, aus dem sich die vollbeleuchteten Dampfer mit ihrem weißgestrichenen Rumpfe plastisch ins Auge drängten. Beide befanden sich in diesem Augenblick etwa dreihundert Meter hinter uns. Sie mußten uns in einem geringeren Abstand von unserm Bord überholen. – Bildet unter gewöhnlichen Verhältnissen ein schön gebauter Dampfer in voller Fahrt schon einen dem Auge wohltuenden Anblick, wie viel mehr, wenn eine innere Erregung das Interesse an dem Ausgange des Wettlaufes aufs höchste spannt. So konnte auch ich mich an dieser aufregenden Jagd in den ersten Minuten nur erfreuen. Bis mich die Unterhaltung der beiden Schiffsführer in die Wirklichkeit zurückrief. Die ersten Worte, die fielen, war ein Ausruf des Kapitäns, aus dem volle Befriedigung klang: »Brav, Kü-schan! Laß ihn laufen, bis die Kessel platzen. Locke ihn zwischen unsere Inseln, dann haben wir bald zwei Dampfer.« »Er scheint nicht zwischen die Dondrekins laufen zu wollen,« meinte der Malaie, »sonst müßte er jetzt schon abfallen. Vielleicht sitzt dort auch schon einer im Hinterhalt.« »Das würde den Holländern nicht gut bekommen,« entgegnete Tschung-Li, jede Bewegung des gejagten Schiffes mit Spannung verfolgend. »In unserm Kanal sind genug Leute, um die ganze Dampferbesatzung zu den Fischen zu schicken.« Ein zweifaches, kurzes Sirenenzeichen lenkte unsere Aufmerksamkeit auf den uns am nächsten liegenden holländischen Dampfer. Er drückte, nach dem Seerecht, damit eine veränderte Schiffsbewegung aus. In der Tat lief er jetzt näher an seinen Feind heran und kam dadurch unserer Dschunke so nahe, daß wir deutlich die Offiziere auf der Kommandobrücke erkennen konnten. Den, welchen ich suchte, fand ich nicht darunter. Tschung-Li hatte sich bei dem dumpfen Tone unwillkürlich hinter die Schanzkleidung auf den Boden geworfen und ein Gewehr ergriffen. Er wollte seinem tödlichen Hasse eine Genugtuung verschaffen. – In einem Satze lag ich neben ihm und drückte das Knie auf den Lauf: »Sind Sie denn toll geworden, Kapitän?« raunte ich ihm zu. »Sie bringen uns ja heute noch an den Galgen. Was nutzt es Ihnen, wenn Sie zwei oder drei Mann abschießen?« Es sind drüben so viele, daß wir in den nächsten fünf Minuten an der Rahe baumeln.« Anfangs sträubte er sich gegen mein Eingreifen. Er gab dann aber selbst zu, daß er sich durch diese unbesonnene Tat das Todesurteil gesprochen haben würde. Er erhob sich und trat neben den Steuermann, der die Dschunke dem Kurse des eben vorüberrauschenden Dampfers anpaßte und fast unmerklich hinter dessen Heck auf die deutlich sichtbaren Felsen der in der Koetei-Mündung liegenden Inseln zusteuerte. Denselben Kurs hatte der verfolgte Dampfer eingeschlagen, und das Steuermanöver des Holländers konnte nur den Zweck haben, ihn von dem einzigen sicheren Kanal abzuschneiden. »Wenn der Holländer erst merkt, daß Kü-schan die Inseln besser kennt, als er, dann ist es zu spät. Dann ist unser Baas gerettet,« bemerkte Tschung-Li mit großer Befriedigung. »Steuert die Balit-Riffe an, Steuermann. Dort wird er von Bord gehen, wir nehmen ihn dann zu uns, und unser 'englischer Raufherr' nimmt ihn unter seinen Schutz.« »Er geht aber nicht in die Balit-Riffe,« erwiderte der Malaie nach kurzem Studium der Fahrtrichtung des Dampfers. »Er fällt eben wieder ein wenig nach Steuerbord ab! ... Wißt Ihr bestimmt, daß Rü-schan dort an Bord ist?« »Na, wer sollte es sonst sein? Kein anderer von uns besitzt einen Dampfer. Jener dort hat zwar einen andern Anstrich und Briggtakelung, aber das ändert sich ja bei uns wie das Wetter.« Durch den geäußerten Zweifel des Malaien wurde unser Interesse an den beiden Schiffen noch erhöht und wir ließen die Ferngläser fast nicht von den Augen. Das klare Mondlicht ließ uns auch jede ungewohnte Erscheinung auf dem Meere sofort erkennen. So entging es uns nicht, daß auf einem der Berge ein kaum bemerkbares rotes Licht auftauchte und nach kurzer Dauer wieder verschwand. Das wiederholte sich in ganz bestimmten Zwischenräumen dreimal. »Gleich werden wir wissen, ob es einer der unsern ist,« rief Tschung-Li. Und unmittelbar nachher: »Seht Ihr! Er ist's! Er kehrt wieder um. Bei Kap Bajor ist also die Luft nicht rein! – – Wenn er das grüne Riff umfährt, muß er auf Rufesweite an uns vorüber. Dann melde ich mich.« Aber auch der Verfolger bemerkte die veränderte Maßnahme seines Wildes, Er hatte durch sein auf falschen Voraussetzungen aufgebautes Manöver an Seeraum verloren. Die Nähe der seinen Lenkern offenbar nicht genau vertrauten Riffe ließ es ihm auch wohl nicht ratsam erscheinen, dem Schmuggler in das Gewirr der Klippen zu folgen, und so fuhr er einfach auf seinem Kurse zurück. Mit etwas mehr Backbordruder konnte er sich dann dem andern derart nähern, daß er ihm mit Gewalt den Weg an die Küste verlegen konnte. – Das alles hörte ich aus den Reden meiner beiden Nachbarn, die nun nicht mehr so zuversichtlich an ein Entkommen ihres Baas glaubten. »Wenn er nur nicht aus dem Balik-Riff hinausginge,« sagte der Malaie. »Dahin folgt ihm der Holländer niemals. Er könnte sogar die Papan-Insel ganz gut noch erreichen. Dort, in unserm Schuppen, sind immer dreißig bis vierzig Dajaken anwesend. Die freuen sich, wenn sie ein paar Dutzend Holländerköpfe mit heimbringen können.« »Er kommt wahrhaftig wieder heraus,« rief Tschung-Li, ärgerlich mit dem Fuße stampfend. »Das ist doch Tollkühnheit...« »Ah, ich begreife jetzt das Manöver!« frohlockte der Malaie. »Er will den Verfolger an das grüne Riff heranbringen. – Sicher hat er den Pendje als Steuerer an Bord. Das ist so ziemlich der einzige von uns, der einen großen Dampfer durch den Kanal bringen kann. Wenn ihm der Holländer dahin folgt, ist er verloren.« Wir lagen jetzt genau zwischen dem Verfolger und dem Verfolgten, so, daß wir ersterem die Aussicht auf den Schmugglerdampfer verdeckten, wenn dieser unter unserm Schutze eine Wendung ausführte, gewann er weiteren Vorsprung vor dem Holländer. »Helft ihm ein wenig, Steuermann,« sagte Tschung-Li. »Geht ein wenig mehr über den andern Bug... So... Noch etwas...« Durch diese Befehle brachte der Kapitän unsere Dschunke so zwischen die beiden Dampfer, daß sie dem befreundeten viel näherkam, als dem Holländer. Tschung-Li nahm die Gelegenheit wahr, um seinem Baas, unbemerkt von dem Feinde, ein Zeichen zu geben, das ihn als Anhänger kennzeichnete. Da ihm jedoch alles fehlte, was zu der gut ausgebauten Telegraphie gehörte, so versuchte er durch die Stellung seiner Arme und zweier Bambusstäbe seinen Namen hinüberzumelden. – Diese Manipulation hatte eine überraschende Wirkung, die keiner von uns erwartete: Der Dampfer drehte den Vordersteven auf das Riff zu, zeigte uns sein Heck und in demselben Augenblick löste sich ein weißes Wölkchen neben seinem Steuer. Zischend durchschlug eine faustgroße Kugel unsere Bordwand und bohrte sich in den Mast, den sie noch bis zur Hälfte seines Durchmessers absplitterte. Kaum eine Minute später folgte eine zweite Kugel. Diesmal fand sie ein Opfer – richtiger zwei! Einen herbeieilenden [bild] Chinesen, der sich um den beschädigten Mast bekümmern wollte, traf das Geschoß vor den Kopf und gleichzeitig riß es Tschung-Li, der hinter ihm stand, drei Finger der linken Hand weg. – Ein weiteres Bombardement verhinderte der Holländer, der inzwischen freies Gesichtsfeld bekommen hatte, und uns zu Hilfe eilte. Auch er ließ sein Geschütz feuern, während er rasch seinen Rumpf schützend vor uns legte. Allem Anscheine nach wollte er auch in Fühlung mit uns treten. – Das aber konnte nur unangenehme Folgen für uns haben. Unser erster Steuermann zog es vor, das ungastliche Gestade zu verlassen und die hohe See aufzusuchen. Ich hatte inzwischen den Kapitän in die Kajüte begleitet, während er seine heftigen Schmerzen unter der bekannten Flut von Schimpfworten verbarg. Die Kugel hatte seine Hand getroffen, als er eben im Begriff stand, den Mast auf seine Festigkeit hin zu prüfen. Die drei letzten Finger waren fast zu Brei gedrückt und mußten amputiert werden. Schleunige ärztliche Hilfe tat not. Durch den Aufwärter ließ ich den ersten Steuermann herunterrufen, der sich auf Wundbehandlung verstehen sollte. Da ich aber derartigen Operationen gern aus dem Wege ging, verließ ich den Raum und besuchte den Chinesen, der nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab. Er wurde eben von seinen Landsleuten nach vorn getragen, wo ihn ihr Ältester in Behandlung nahm. Der arme Teufel starb noch an demselben Abend. Auf dem Achterdeck hatte jetzt der zweite Steuermann das Kommando. Ein Chinese, der, wie ich kurz darauf erfuhr, auf eine ähnliche Art zwischen die Schmuggler geraten war, wie ich. Er hatte den von dem Malaien übernommenen Kurs etwas geändert und schien nicht übel Lust zu haben, unsere Dschunke den Holländern in die Arme zu steuern. Ich machte ihn auf das Gefährliche seines Vorhabens aufmerksam und, um ihm seine Absicht zu erschweren, hißte ich selbst die englische Flagge, als wenige Minuten später die Nacht dem Tagesgestirn die Herrschaft über diesen Teil der Erdkugel zurückgab. – Anfangs wollte er diesen Eingriff in seine Befugnisse wieder rückgängig machen. Als ich ihm aber erzählte, wie es mir bisher ergangen war, und daß, nach Lage der Dinge, uns nur eine Flucht auf neutrales Gebiet retten könne; erblickte er in mir einen Verbündeten. Er ließ die Dschunke wieder vor den Wind laufen, und der jetzt auffrischende Ostmonsun brachte uns rasch in freies Wasser. – Die beiden Dampfer waren bald nach Beginn der Kanonade hinter den Dondrekin- Inseln verschwunden, und die bis in die höchsten Spitzen bewaldeten Berge lagen so friedlich und glückverheißend im Scheine der goldenen Sonnenstrahlen, als ob auch hinter ihren Felsenleibern, in der Koetei- Mündung eitel Friede und Eintracht herrschte. – Dort spielte sich aber in eben diesen Stunden ein Drama ab, das die Vernichtung der weitverzweigten Schmugglerbanden des Malaiischen Archipels einleitete. Gar bald sollte ich dem Schlußakt, als leidender Teil, beiwohnen. Der Malaie erschien erst nach Stunden wieder auf Deck. Auf Befragen schüttelte er bedenklich den Kopf und sagte mit einem Ernste, den ich sonst nicht an ihm gewohnt war: »Wir müssen den Kapitän an Land bringen. Wenigstens muß ein Arzt einen richtigen Verband anlegen. Mir fehlt hier eben alles, da wir ja unser Wohnschiff so plötzlich verlassen mußten. Wenn wir im Laufe des Tages keinen Dampfer treffen, der uns ärztliche Hilfe leihen will, segeln wir mit Einbruch der Nacht nach Celebes hinüber. Dort, unter Kap Temoel, finden wir Freunde.« Am nächsten Mittag sichteten wir das Kap, liefen aber nicht in die Bai ein, sondern gingen an einem dicht bewachsenen Eilande, das sechs bis sieben Seemeilen vom Festlande liegt, vor Anker. Der Malaie ließ das Boot zu Wasser und ruderte ganz allein auf den hellweißen Strand zu, wo er in einem Einschnitt verschwand. Inzwischen schritt ich mit dem Chinesen auf Deck auf und ab und – machte Fluchtpläne. Die gefährliche Verwundung des Kapitäns sollte den Vorwand zu einem Ausfluge an Land bilden. In der nicht sehr weit von unserm Ankerplatz gelegenen Stadt Sirendja war ich nicht bekannt und konnte, als Weißer, auch keinen Verdacht erwecken. Meine eigenen Papiere wiesen mich den holländischen Behörden gegenüber aus, und mein Begleiter, eben jener zweite Steuermann, trat als Seemann, der auf der englischen Dschunke Steuermannsdienste tat, auf. Wir verabredeten auch noch, um den Kapitän nicht ohne jede Hilfe zu lassen, einen eingeborenen Fischer mit dem durch mich zu unterrichtenden Ärzte an Bord der Dschunke zu senden. Wir selbst aber würden jede Verbindung mit den Schmugglern abbrechen. – Dieser Plan schien auch insoweit vom Glück befürwortet zu werden, als mich der Kapitän in eben dem Moment zu sich bitten ließ und mich ersuchte – gerade als ob er Ohrenzeuge unserer Unterredung gewesen wäre – an Land zu fahren, und alles aufzubieten, einen Wundarzt zu einem Besuche auf der Dschunke zu veranlassen. Er zahle jedes geforderte Honorar. Natürlich willigte ich sofort ein. Ich fragte auch gleichzeitig, ob mich der zweite Steuermann begleiten dürfe, da er, außer dem Ersten, der einzige an Bord sei, der holländisch verstände. Auch dazu gab der Kapitän seine Zustimmung. Er ließ sich den Chinesen in die Kajüte kommen und gab ihm genaue nautische Anweisungen für den Fall, daß uns die Nacht bei unserer Rückkehr überrasche. Wir schwammen in Glück. Die Freude über unsere Befreiung aus der Sklaverei der Schmuggler war so groß, daß sie notgedrungen – ins Gegenteil umschlagen mußte. – Das Boot fehlte! In unserm Taumel hatten wir ganz vergessen, daß der Malaie es zu seinem Ausflug auf die Insel benutzt hatte. Ein zweites stand uns nicht zur Verfügung, und weit und breit zeigte sich auch kein Segel, das uns hinüber an die jetzt mit erhöhter Sehnsucht betrachtete Küste hätte bringen können. – Der Chinese erbot sich, dem Kapitän darüber Bericht zu erstatten, als ob dieser ein Boot hätte herbeizaubern können. Tschung-Li bekam vielmehr einen seiner Zornesanfälle, die den zweiten Steuermann eilig aus seinem Bereiche entfernten. – Ich selbst wagte, als letztes verzweifeltes Mittel, dem tobenden Kapitän vorzuschlagen, gleich mit der Dschunke in die Bai einzufahren. Das würde den Arzt sicher viel willfähriger machen, zu ihm zu kommen, als die Aussicht, mit einem offenen Boote sechs Meilen hin- und ebensoviele zurücksegeln zu müssen. Zu meiner Verwunderung lehnte Tschung-Li ab. Er getraute sich nicht den Behörden des Festlandes die englische Dschunke vorzuführen. Man hätte dort Telegraphen – überhaupt, es sei nicht ratsam! Er wolle lieber die Rückkehr des Ersten abwarten. Dann müßten wir aber sofort segeln und den Arzt – er nannte einen bestimmten Namen – selbst bei eingetretener Dunkelheit herausbringen. – Ich versprach alles, nur jetzt weniger zuversichtlich. Die Stunden, die wir jetzt auf der Dschunke zubrachten, waren geradezu qualvoll. Nicht nur für mich, sondern auch für den Chinesen. Wir sprachen kaum noch ein Wort miteinander. Unausgesetzt hefteten wir unser Auge auf den kleinen dunklen Einschnitt in dem weißen Sande, der von unserm Bord aus ein so unschuldiges Aussehen hatte, als sei nie eines Bootes Kiel durch sein klares Wasser geschwommen. Endlich, die Sonne ging schon zum Westhimmel hinunter, tauchte das so heiß ersehnte Boot aus dem Schutze der Manglaren auf. Es trug drei Insassen. Als wir das bemerkten, wußten wir beide, daß heute aus unserm Plane nichts mehr werden konnte. – Wir wollten ihn jedoch noch nicht als gescheitert ansehen – obwohl die Hoffnungslosigkeit, die bei dieser Erkenntnis aus unsern Augen sah, genau das Gegenteil besagte. Die Fahrgäste des Malaien erwiesen sich als zwei Kapitäne von Dschunken der Gemeinschaft, von denen der eine angeblich medizinische Kenntnisse besaß und den Verwundeten kunstgerecht verbinden sollte. In einem letzten Aufbäumen von Hoffnungen zweifelte ich dem Malaien gegenüber die Kunst des Besuchers an und redete von Menschenpflicht und Kameradschaftsinn. Wenn er selbst sich nicht bemühen wolle, so führe ich gern zur Stadt. – Zu meinen Worten fand der Malaie nur die Antwort: »Regen Sie sich doch nicht auf. Es ist doch nicht Ihre Hand, die auf dem Spiele steht!« Diesem Weisheitspruch gegenüber mußte ich mich bescheiden. – Noch verzweifelter war ich, als wir kurz vor Sonnenuntergang dicht an die Insel verholten, sie langsam umfuhren und durch einen zwischen dem Kap und dem Eilande verborgen liegenden, natürlichen Kanal in ein geräumiges Becken einfuhren, in dem bereits drei Dschunken lagen. Auch wir ließen dort den Anker fallen. An eine Flucht von hier aus war gar nicht zu denken. Die Insel war zwar sehr dicht mit Urwald bestanden, und das uns umschließende Dickicht wies kaum einen erkennbaren Pfad auf. Aber eine Möglichkeit, sich dort längere Zeit verborgen aufhalten, oder gar an der andern Seite vorübersegelnde Schiffe um Aufnahme bitten zu können, war ausgeschlossen. Diese niederschmetternde Entdeckung, nach so warm empfundener Freude, brachte mich fast zur Raserei. Zum großen Glück für mich, fiel dem ersten Steuermann nicht im Schlafe ein, daß ich wohl Fluchtgedanken hegen könne, sonst wäre ihm meine stille innere Wut bestimmt aufgefallen. – Ich war ihm dankbar, daß er mich zum Abendessen in seine Kabine einlud, mit der Begründung, daß die drei Kapitäne wichtige Dinge zu beraten hätten, die für uneingeweihte Ohren nicht bestimmt seien. «Den Maharani Mantanari haben sie wirklich abgefangen,« erzählte er während des Essens, als sei das ein für ihn höchst nebensächliches Ereignis. »Er hatte vierundzwanzig Mann an Bord, darunter zwei Kapitäne. Sie alle sind gefangen abgeführt, bis auf drei, die von den Haifischen mehr Gnade erwarteten, wie von den Holländern. – Mantanari hat seine Dschunke wirklich verbrannt. Er soll große Werte mit sich geführt haben.« »Wie kam das, daß eines euerer Häupter so sorglos in die Falle ging?« »Die Holländer müssen Wind davon bekommen haben, daß Mantanari mit Kü-schan, Tschung-Li und Dongsa in der Nähe der Adang-Bai zusammentreffen wollte. Die Bai ist nämlich wegen der dort herrschenden Fieber berüchtigt, und kein Holländer hat jemals geglaubt, daß gerade dort ein Sommerhaus des Maharani steht. Die Hütte war sein Wachthaus. Jede vorüberfahrende Dschunke mußte ihr Zeichen melden, damit Mantanari immer wußte, wer unterwegs war. Er telegraphierte dann von Pasir aus die Nachricht an die, welche es anging.« »Was geschieht nun mit den Gefangenen?« »Komische Frage. Sie werden natürlich aufgehängt,« erwiderte er lächelnd. »Die meisten werden es zu dieser Stunde bereits überstanden haben. Den Maharani Mantanari bringen sie wohl nach der Hauptstadt, um ihm dort einen regelrechten Prozeß zu machen. Er ist ein Radja von der englischen Grenze im Norden. Sein Vater regiert da irgendeinen der Eingeborenenstaaten, die unter englischem Schutze stehen. Deshalb macht man etwas mehr Lärm. Im Grunde ist aber das Ende dasselbe.« «Ihr habt die Mitteilungen von einer dieser Dschunken, nicht wahr?« »Ja, jene dort kam eben aus dem Pasirflusse, als der Tanz losging. Der Kapitän hat alles mit angesehen. Schon in Pasir erfuhr er, daß die Regierung vier große Dampfer, drei Segelschiffe und einen neuen Typ, Torpedoboot nannten sie es, an die Westküste von Borneo und auf die Ostinseln gesandt hat. Man will gründlich mit uns aufräumen.« »Dann ist ja auch mein Vertrag mit Kü-schan und Tschung-Li erledigt?« wagte ich hervorzubringen. »Im Gegenteil! Ich glaube, man verhandelt da drinnen über Sie. Die Kapitäne halten eine Luftveränderung für notwendig. Sie möchten den ganzen Betrieb jetzt nach dem englischen Teil verlegen und von den spanischen Inseln aus Geschäfte betreiben. Da werden Sie eine hervorragende Rolle spielen sollen.« »Nein, ich danke. Ich habe nun genug von den Fahrten. Ich sehne mich nach einer weniger aufregenden Beschäftigung an Land. Für das Seeleben passe ich nicht.« »Nun ja, man wird Sie natürlich am Lande brauchen. Besonders jetzt, wo Sie einmal eingeweiht sind, können Sie nicht mehr austreten. Das wäre Ihr Tod. Wir haben ja auf den ganzen Inseln unsere Helfer, die Ihnen auf Befehl von oben mit Vergnügen den Kris ins Herz stechen.« Bei diesen Worten sah mir der Malaie zynisch ins Gesicht. »Gar so weit sind wir noch nicht,« erwiderte ich mit erzwungenem Lächeln. »An Verrat denke ich nicht. Ich will nur nicht mehr fahren.« »Das habe ich dem Tschung-Li schon oft wiederholt, er bildete sich aber ein, Sie würden ihn verraten. Ich glaube, Kü-schan hat ihm damals, als sie auf dem Laoet-ketijl-Atoll zusammentrafen, so etwas Ähnliches gesagt. Deshalb ließ er Sie auch vor Pasir nicht an die Küste.« »So etwas hätte ich dem Kapitän nicht zugetraut,« erwiderte ich in beleidigtem Tone. »Ich habe ihm doch während unserer Irrfahrten bewiesen, daß ich zu Euch halte, denn wenn ich Verrat geplant hätte, so fand sich bereits mehr als eine Gelegenheit.« Der Malaie wurde abberufen und ließ mich mit meinen Gedanken allein. Nun, da er mir so offen von dem Verdachte des Kapitäns gesprochen hatte, zweifelte ich auch nicht mehr daran, daß dieser meine Verabredungen mit dem Chinesen durch einen mir verborgen gebliebenen Schalleiter gehört hatte und darum so prompt auf meine Wünsche eingegangen war. Er wußte ja ganz genau, daß kein Boot an Bord war, dessen wir uns hätten bedienen können. –- Jedenfalls wollte ich den Chinesen warnen und begab mich zu dem Zweck auf Deck, wo ich ihn auf einer Matte liegend antraf. Als ich mich zu ihm niederbeugte, um ihm meine Befürchtungen zuzuflüstern, gebot er mir durch Auflegen eines Fingers auf den Mund Schweigen und zog meinen Kopf zu sich nieder. »Ich höre jedes Wort, das in dem Kapitänszimmer gesprochen wird. Gehen Sie auf das Oberdeck und legen Sie sich dort zum Schlafe nieder, Wenn die da unten fertig sind, komme ich zu Ihnen.« Das beruhigte mich wieder. Der Chinese hätte mich sicher gewarnt, wenn unser Plan entdeckt worden wäre. Ich befolgte seinen Rat und legte mich auf die weichen Kissen des Kapitäns, deckte mich mit einer Matte bis an den Hals zu und wartete geduldig auf den Chinesen. Ein Sonnenstrahl schreckte mich empor. Ich hatte die ganze Nacht durchschlafen und fühlte mich wie neugeboren. »Das nenne ich schlafen!« tönte es mir ins Ohr, als ich mit einem Sprung auf den Beinen stand. »Aber Sie hatten es auch nötig. Im stillen wunderte ich mich, daß Sie fast zu jeder Stunde an Deck waren.« Es war der Malaie, der so zu mir sprach. Er kam eben aus seinem Morgenbade, das ihm ein Sprung über Bord verschafft hatte. »Wo ist denn die große braune Dschunke?« fragte ich erstaunt, als ich den Platz, an dem das ungeschlachte Fahrzeug gelegen hatte, leer fand. »Haben Sie auch das nicht gehört? Die haben doch Lärm genug gemacht, als sie vor Tagesanbruch ausliefen. – Der Steuermann hat Sie sogar geschüttelt – das haben Sie auch nicht gemerkt?« »Nein, ich erinnere mich nicht. Welcher Steuermann wollte mich wecken ?« »Unser Zweiter, der Chinese!« »Nun, dann mag er mich jetzt besuchen,« erwiderte ich mit möglichst gleichgültiger Miene, obwohl mein Inneres vor Erwartung bebte. »Das wird er wohl nicht können. Er ist mit der Dschunke ausgelaufen, wir haben ihr die gesamte chinesische Mannschaft mitgegeben, weil der lange Polderang seine Fahrten nach Formosa wieder aufnimmt. Er hat vierhundert Fäßchen Opium an Bord. Das bringt Geld.« Um meine Aufregung zu verbergen, in die mich diese unerwartete Nachricht versetzte, sprang auch ich über Bord. Ich wollte mich durch ein Bad zu beruhigen suchen, denn instinktiv ahnte ich, daß ich durch Tschung- Li wegen unserer gestrigen Hilfeleistung noch gründlicher ausgefragt werden würde. Dabei brauchte ich meine volle Geistesgegenwart. Ich plätscherte, in diese nichts weniger als rosigen Gedanken vertieft, unbekümmert in dem kristallklaren Wasser, das mir einen Blick in einen der Feengärten öffnete, mit dem der Meeresboden der tropischen Gewässer so verschwenderisch ausgestattet ist, als mich plötzlich das Gebaren der Matrosen eine Gefahr ahnen ließ. »Achtung, Kamerad! Ein Hai!« Da ich ihn vom Wasserspiegel aus nicht sehen konnte, zögerte ich sekundenlang. Das aufgeregte Geschrei der Seeleute auf den andern Dschunken belehrte mich jedoch, daß schleunigste Flucht notwendig war, und ich schwamm daher mit langen Strichen auf die Ankerkette zu, an der ich an Bord zurückklettern konnte. – Das war aber gerade der verkehrteste Weg, denn dadurch trieb ich dem Hai direkt vor den Rachen. Zu meinem Entsetzen gewahrte ich das erst, als ich die sichelförmige Rückenflosse in fast greifbarer Nähe vor mir auftauchen sah. Ich gab mich schon verloren und machte nur, als Reflexbewegung des Selbsterhaltungstriebes, mit Armen und Beinen so viel Lärm als möglich, in der Hoffnung, vielleicht mir dadurch eine Gnadenfrist zu erkämpfen. An ein überlegtes Handeln dachte ich in jenem Augenblicke wohl nicht. Da nahte mir Hilfe von dem benachbarten Boote. Ein Papuaner sprang, mit einem langen Messer bewaffnet, in das Wasser und tauchte sofort neben dem Hai unter. Bald färbte sich das Meer blutrot, und der Hai überschüttete mich mit einem wahren Sturzbade schäumenden Wassers. An Stelle des Rachens tauchte der furchtbare Schwanz neben mir auf, dessen gewaltige Schläge große wirbelnde Trichter erzeugten, die mich in die Gefahr des Ertrinkens brachten. Jetzt konnte ich aber die Ankerkette erfassen und mit einer Geschwindigkeit, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte, brachte ich mich unter der Klüse in Sicherheit. Im Wasser aber nahm der Kampf zwischen dem Papuaneger und der gefräßigen Bestie seinen Fortgang. Ersterer schien kein Neuling auf diesem Gebiete zu sein. Er tauchte immer wieder in die Tiefe und jedesmal, wenn sein Kopf verschwunden war, färbte ein neuer Blutstrom die klare Flut. Nach dem vierten Angriff hatte der Hai genug. Er kam leblos, auf dem Rücken liegend, an die Oberfläche, als wollte er uns anklagend die furchtbaren Messerwunden zeigen, die ihm der Mensch in seiner Zerstörungswut verursacht hatte. Ich wollte mich, nachdem ich mich wieder angekleidet, auf die andere Dschunke begeben, um meinem Lebensretter meinen Dank in greifbarer Form abzustatten. Aber dieser wollte davon nichts wissen. »Das war doch nur eine Spielerei für mich. In meiner Heimat kann das jeder mannbare junge Mann,« wehrte er lächelnd ab. »Du hast aber doch dein Leben für mich riskiert!« rief ich, indem ich ihm ein Paket Zigarren in die Hand drückte. »Ach was! Man sieht, daß du das nicht verstehst,« antwortete er. »Ich wage nicht viel dabei. Nur der Hai riskiert sein Leben und das verliert er sicher. Man muß nur darauf Bedacht nehmen, daß man immer unter ihm bleibt. Dann kann er nicht beißen, weil er sich zum Erfassen seines Gegners immer umdrehen muß. – Wenn wir noch länger hier liegen bleiben, lehre ich dich, wie man es macht.« Dazu nun spürte ich nicht die geringste Lust. In mein abwehrendes Lachen stimmten auch alle die auf den Schiffen stehenden Farbigen ein, besonders als der Papua in einem gewissen mitleidsvollen Ton sagte: »Nicht wahr, dazu fehlt den Weißen doch der Mut. Ein Hai ist auch kein armer Papuaneger!« Worte, die eine bittere Wahrheit enthielten. Tschung-Li verlangte erst nach dem Frühstück nach mir. Er war sehr frisch und gab mir auf meine Frage nach seinem Befinden die Antwort: »Schmerzen habe ich nicht mehr. Aber der Arm schwillt an und da versagt auch das Wissen meiner Kollegen. – Sie wollten gestern zur Stadt hinüber, um mir den Arzt zu bringen. Getrauen Sie sich auch heute noch?« »Aber lieber Kapitän, welche Frage? Warum sollte ich das heute nicht auch tun wollen? Geben Sie mir einen oder zwei gute Seeleute mit und dann fahre ich sofort.« »Das ist es ja eben. Der chinesische Steuermann ist nicht mehr hier. Wen wollen Sie an dessen Stelle mitnehmen?« »Sie werden doch genug tüchtige Seeleute haben,« erwiderte ich. »Die Hauptsache ist nur, daß meine Begleiter holländisch sprechen – damit ich mich auf der langen Fahrt mit ihnen unterhalten kann – und wenigstens etwas englisch, weil sonst die Ausrede, der Mann sei Steuermann auf einer englischen Dschunke, nicht leicht geglaubt wird.« »So – so – das war der Grund!« sagte Tschung-Li gedehnt. »Aber mit dem Engländer ist das jetzt nichts mehr, denn wir liegen ja hier in unserm Versteck. Sie müßten dann schon einen andern Grund angeben, wenn die Behörden neugierig würden.« »Hm, aber welchen? Ich kenne ja weder die Gegend noch die Stadt. – Und wie soll ich es dem Arzte klar machen, daß er in ein Versteck geführt werden soll, von dem er später nicht reden darf? – Nein, Kapitän, ohne die Dschunke ist das Unternehmen doch zu auffällig. – Wollen Sie nicht selbst den Arzt aufsuchen?« »Bringen Sie uns den Arzt nur ruhig her. Daß er nicht schwätzt, soll meine Sorge sein,« sagte der mitanwesende Kapitän einer andern Dschunke. Passar nannte ihn Tschung-Li. »Das Herbringen ist ja gerade der Punkt, um den sich alles dreht,« erwiderte ich. »Und wenn Sie auch den Arzt haben – ohne die Verbindung mit seiner Apotheke oder seinen Instrumenten nützt er Ihnen nichts!« Ich hatte jetzt die Überzeugung gewonnen, daß mein Fluchtplan von hier aus nicht mehr ausführbar war, und suchte nun meinen Unmut darüber in kleinen Widersprüchen gegen die Vorschläge der andern zu äußern. Dadurch glaubte ich sie zu einem Ausflug in die nächste Stadt anspornen zu können. Ich gestehe, daß ich dabei auch mit dem Gedanken spielte, die ganze Bande der Polizei in die Hände zu liefern. – Wieder verhinderte ein Zwischenfall die Ausführung der Fahrt in die Stadt. Am Eingang der Fahrtrinne wurde ein mit sieben Seeleuten bemanntes Boot sichtbar, das durch die Last fast bis zum Sinken auf das Wasser gedrückt wurde. Die Leute trugen die Spuren großer Erschöpfung auf dem Gesichte ausgeprägt und als sie sich in der Nähe von Kameraden wußten, entglitten die Ruder den kraftlosen Händen. Unser Malaie war der erste, der sich tatkräftig der Matrosen annahm. »Vorwärts, ihr faulen Kerle, holt die Kameraden herauf. – Besinnt euch nicht so lange. Bringt sie hier auf Deck! – Koch! Bringe Tee mit etwas Rum – Reis und Eier her!« Jeder von uns wußte auch ohne lange Berichte, daß wir hier Unglückliche vor uns hatten, die einer Verfolgung durch die Holländer entronnen waren. – Nur das wo? brannte auf aller Lippen, und diese einzige Frage stellte denn auch der Malaie sofort. »Vor der Dampelasbucht – – drei Dschunken – ein Dampfer ...« war die Antwort. Diese wenigen Worte riefen größere Aufregung hervor, als man wohl erwartet hatte, denn eben diesen Kurs mußte ja die heute früh ausgelaufene Dschunke steuern, wenn sie nach Formosa hinüber wollte. Der Malaie lief auch sofort zu Tschung-Li hinunter, um eine Möglichkeit zu beraten, wie jener zu helfen wäre. Die beiden Kapitäne nahmen die Nachricht von der Nähe eines Dampfers ohne besondere Erregung hin. Sie wähnten sich hier in dem alten Kraterkessel in vollkommener Sicherheit. Passar meinte: »Der lange Polderang wird sich schon rechtzeitig in Sicherheit bringen. Der kennt die ganze Küste von Celebes mit all' ihren Schlupfwinkeln. Haben die Leute, die da eben ankamen, denn nichts von ihm gesehen?« »Das weiß ich noch nicht,« erwiderte der erste Steuermann. »Sie sind noch zu erschöpft, um Antwort zu geben. – Ich frage Euch, Kapitän, ob wir Polderang ein Segelboot mit einer Warnung nachsenden sollen. Zwischen hier und Dampelas findet er kein Loch, in dem er seinen Hut verstecken könnte.« »Laßt ihn laufen, Steuermann,« rief Passar anstelle Tschung-Lis. »Aber ein Boot zur Beobachtung könnt Ihr hinaussenden. Sagt meinem Ersten, er solle meine Jolle dazu hergeben.« »Und Kapitän Polderang wollt Ihr ohne Hilfe lassen, Kapitän Passar?« fragte der Malaie in scharfem Tone. Als der Angeredete spöttisch die Achseln zuckte, fuhr er fort: »Das werde ich mir für ähnliche Fälle merken, Kapitän! – Und Ihr, Tschung-Li, denkt Ihr auch so?« »Laßt das viele Fragen, Steuermann,« erwiderte dieser. »Ihr seht doch, daß ich mich nicht frei bewegen kann! Macht unser Boot fertig und wählt zwei Mann aus, die holländisch sprechen. Sie sollen den Deutschen nach Sirendja bringen.« »Geht der Deutsche hier von Bord?« fragte der Malaie rasch, und ein mißtrauischer Blick traf mich. »Tut was ich Euch sage,« rief Tschung-Li wütend. »Wer ist hier der Herr? Seid es Ihr oder bin ich es.« Wortlos verließ der Malaie die Kajüte und warf krachend die Tür hinter sich zu. Der kurze Augenblick, der die Außengeräusche in den Raum dringen ließ, hatte genügt, mir einen Ton zuzutragen, bei dessen Wahrnehmung ich erbleichte. – Die Kapitäne bemerkten das und ließen ihre Blicke fragend zwischen sich und mir hin- und hergleiten. »Haben Sie denn das nicht gehört?« rief ich heiser, unwillkürlich die Stimme zum Flüstertone senkend. »Was denn?« fragten beide verwundert. »Ein Dampfer ist in der Nähe. Ich habe das Zischen des abgeblasenen Dampfes gehört.« »Zum Teufel, Mann, redet keinen Unsinn,« entfuhr es dem Munde Passars, dessen hochmütige Miene rasch einem ängstlichen Ausdruck wich. »Wie soll hierher ein Dampfer kommen?« »Lauft doch nach oben und fragt den Malaien, ob er es auch hörte,« sagte Tschung-Li, durch dessen Körper ein Zittern lief. Passar erhob sich und riß die Türe auf. Seine Zweifel wurden schon hier behoben, denn nun hörte man deutlich das Zischen und – was uns noch größeren Schrecken einjagte – das Klirren von Ketten. »Bei Allah, der geht hier zu Anker,« knirschte Tschung-Li. »Wenn er den Eingang findet, gibt es eine blutige Geschichte.« »Bleibt hier!« herrschte mich Passat an, als ich an ihm vorüber auf das Oberdeck gehen wollte. »Ich sehe selbst nach dem Rechten.« »Was geschieht, wenn uns der Dampfer entdeckt?« fragte ich Tschung- Li, dessen finstere Miene nichts Gutes ahnen ließ. »Dann kämpfen wir. Unsere Leute sind in der Übermacht und werden die Mannschaft des Dampfers bald überwältigt haben. Ich bedauere nur, daß ich nicht dabei sein darf. Ich würde ihnen das Spionieren austreiben,« erwiderte Tschung-Li wieder vollkommen beherrscht. »Wenn aber die Holländer Sieger bleiben, Kapitän, dann sind Sie doch wehrlos in ihre Hand gegeben. Wollen Sie sich nicht lieber an die Küste hinüberrudern lassen, bis die Gefahr vorüber ist?« Nachdenklich ließ Tschung-Li seine Augen über die etwa zwei Seemeilen entfernten Berge von Kap Temoel schweifen. Er mochte wohl meinen Vorschlag überdenken. Der Eintritt Passars riß ihn in die Wirklichkeit. »Ein Dampfer liegt am andern Ende der Insel vor Anker,« berichtete er. »Euer Malaie ist durch die Mangroven in den Busch gegangen, um ihn auszukundschaften. Es ist alles bereit, um einen Angriff abzuwehren.« »Was sagen die fremden Seeleute?« »Drei von Kü-schans Abteilung wurden gestern nachmittag von einem Dampfer gejagt. Ein paar Meilen vom Kap Dampelas holte er die letzte ein und brachte die Mannschaft auf sein Deck hinüber. Darauf gingen von der ersten Dschunke, es war die ›Elf‹, drei Mann mit dem Boot davon. Sie fischten noch vier von der zweiten auf. Fünf nahm sich der Hai. Sie entkamen auf das Kap, trotz Beschießung durch den Holländer. Von da ruderten sie hierher. Die ›Elf‹ und die ›Acht‹ sind nachher gesunken.« »Wissen sie nichts von Kü-schan?« fragte Tschung-Li rasch. »Ja, aber nichts Gutes. Sein Dampfer wurde von zwei Holländern verfolgt und strandete in der Koetei-Mündung. Er selbst und seine ganze Besatzung haben sich an Land gerettet. – Ich denke, er wird in dem Versteck bei Kap Sintang warten.« »Es ist zum Verzweifeln,« rief Tschung-Li aus. »Wenn ich nur eine Möglichkeit sähe, mit Kü-schan zusammenzutreffen! Ich muß ihn sprechen! – Oh, wenn ich hier nicht festläge, ich wüßte schon ein Mittel!« »Sagt es mir. Ich helfe Euch, das wißt Ihr!« sagte Passar. »Dasselbe, an das Ihr denkt!« »Ich warte nur auf die Antwort Eueres Steuermannes,« erwiderte der andere, »wenn nicht gar so viele Matrosen an Bord sind, gehen wir vor Sonnenuntergang noch mit dem Dampfer in See. Sonst ganz bestimmt vor Sonnenaufgang.« »Ist jemand unter Euern Leuten, der mit Maschinen umzugehen weiß?« »Hm, das weiß ich nicht einmal. Aber drüben gibt's solche. Die können sich freikaufen, wenn sie den Dampfer nach Kap Sintang bringen.« »Und nachher verraten sie uns!« »Seid Ihr so naiv oder stellt Ihr Euch so, Tschung-Li? Ich glaube jetzt selbst, daß wir uns alle mit Kü-schan verständigen müssen. Wir werden in den letzten Tagen schwere Verluste erlitten haben, die unsere ganze Organisation durcheinanderbringen. Auch ich erwartete hier Anweisungen.« – »Ihr habt Waffen, nicht wahr?« »Tausend Flinten und hunderttausend Patronen für Lombok. Bei Maratoea aber signalisierte mir eine Dschunke mit dem grün-roten Zeichen, ich solle hier auf neue Anweisungen warten.« «Ihr kommt also nicht von Mindanao?« »Nein, aus der Lucia-Bai. Die Engländer liefern billiger als die Spanier.« Der Malaie erschien in der Kajüte. «Ich zählte sechsundzwanzig Mann. Alle bewaffnet. Sie haben Gefangene an Bord. Einer blickte zufällig durch das Bullauge. Ich gab ihm das Zeichen für die Nacht. Wann sollen wir losgehen?« »Liegt er weit vom Strande ab?« – »Keine zwanzig Längen.« »Dann sagen wir, um zehn Uhr. Das ist ein Rufzeichen, das auch die Gefangenen kennen. Verteilt die Leute. Je ein Viertel von den vier Seiten. Keiner darf leben bleiben!« Ich schauderte bei dem Gedanken an den mörderischen Überfall. Minutenlang ertappte ich mich bei der Erwägung einer Flucht an die nahe Küste. Die zwei Seemeilen würde ich schwimmen können. Und in der Unruhe des Aufbruchs entdeckte sicher kein Mensch mein Verschwinden. – Später würde Gott weiter helfen. – Aber das Abenteuer mit dem Hai war mir noch zu frisch im Gedächtnis, und dann ließ mir Tschung-Li keine Zeit mehr zu längerem Nachdenken. »Wenn meine Leute bei der Arbeit sind, kann ich hier nicht ruhig sitzen bleiben,« hub er an. »Sie werden sich natürlich auch nicht beteiligen? Da wäre es mir lieb, wenn Sie mit mir auf die See hinausruderten. Wir sehen uns den Verlauf der Operation an und gehen dann gleich an Bord des Dampfers, wenn unsere Leute reinen Tisch gemacht haben. – Wir können schon vor Tagesgrauen am Ziele sein, denn von hier nach Kap Sintang sind es nur hundert Meilen. Unsere Dschunken finden wir wieder. Das Versteck kennen nur die unsern und die sorgen dafür, daß nichts abhanden kommt.« Nach Lage der Dinge blieb mir nichts anderes übrig, als zustimmend zu antworten. Insgeheim aber machte ich Pläne über Pläne, wie ich diese Gelegenheit zur Erlangung meiner Freiheit ausnutzen könnte. Vom Oberdeck konnte man ein paar alleinstehende, hohe Bäume des Festlandes sehen, die den Baumbestand unserer Insel überragten. Diese prägte ich mir genau ein, denn sie sollten mir als Landmarke für den kürzesten Weg dienen. In unserm Becken begann eine rege Tätigkeit, die um so eindrucksvoller wirkte, als jegliches vordringliche Geräusch vermieden werden mußte. Unter der Leitung des Malaien, der das Innere der Insel genau kannte, wurden alle verfügbaren Waffen an die Nordseite des Eilandes gebracht. Dort lag der Dampfer in der Glut der Mittagssonne wie ausgestorben. Keiner seiner Besatzung ahnte, wie dicht der Tod neben ihm auftauchte und eifrig Vorbereitungen zu seiner grausigen Ernte traf. – Auf den Dschunken traf Passar die zu sofortigem Auslaufen erforderlichen Maßnahmen. Unmittelbar nach Niedermetzelung der Holländer wollte er seine Schiffe in Sicherheit bringen. Schon jetzt verteilte er die Matrosen auf die Dschunken. Mit den neu hinzugekommenen bestand die Mannschaft aus sechsundvierzig Köpfen, und er rechnete mit so geringen Verlusten unter seinen Leuten, daß er für jedes der drei Fahrzeuge dreizehn Mann bestimmte. Kurz vor Sonnenuntergang wurde in der Kajüte Tschung-Lis Kriegsrat gehalten. Der Malaie erstattete Bericht über die von ihm getroffenen Maßnahmen. Drei Boote mit je sechs Mann mußten sich so zeitig in der Nähe des Dampfers bereithalten, daß sie beim ersten Angriffssignal den Dampfer enterten und die vom Malaien geführte Landmannschaft wirksam unterstützten. Da als Schützen nur vier Mann in Frage kamen, denen allerdings zehn Mehrladegewehre zur Verfügung standen, so war anzunehmen, daß die Schmuggler unter der Deckung der Gewehre auf Deck des Dampfers gelangten, bevor dessen Mannschaft sich von der ersten Überraschung erholen konnte. Die Augen des kühnen Malaien leuchteten vor Kampfbegierde. Auch Passar konnte den Moment des Handelns kaum erwarten. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, daß beide bis vor zwei Jahren auf Seeräuberschiffen gefahren hatten. Noch jetzt schwelgten sie in der Erinnerung an die blutigen Kämpfe, die sie mit Engländern und Holländern ausgefochten hatten. Je mehr sich der Zeiger der Chronometer der verabredeten Stunde näherte, um so größer wurde die Aufregung. Sie äußerte sich recht verschieden bei den einzelnen Individuen. Tschung-Li schien äußerlich kalt und gleichgültig. Er rechnete so fest mit dem Sieg, daß er sich bereits mit den für die Unterredung mit Kü-schan nötigen Papieren versehen hatte, die er in einer Ledertasche auf der Brust trug. Zwei große Revolver, ein Kris und ein Mandang bildeten die Bewaffnung. Passar und der Malaie glühten vor Tatendurst. Ihnen war das blutige Schauspiel ein Freudenfest. Zu oft schon waren sie Teilnehmer derartiger Überfälle gewesen, als daß sie einen Zweifel an dem guten Ausgang des heutigen Unternehmens hegten. – Von der Mannschaft teilten Malaien und Dajaks die frohe Stimmung ihrer Anführer. Die Chinesen dagegen zeigten nicht übel Lust zu desertieren. Auch die Papuas folgten widerwillig den Befehlen. Um ein Zusammenwirken [bild] dieser Elemente zu verhindern, wurden sie unter den Malaien verteilt, die dafür zu sorgen hatten, daß keine Störungen eintraten. Ich selbst zitterte vor Aufregung. Der Gedanke, daß drei Kilometer von mir entfernt ein Viertelhundert pflichttreuer Soldaten dem Tode durch Mörderhand ausgeliefert waren, raubte mir fast die Besinnung. Ich nahm meine Zuflucht zu einem Gebete für die Rettung der Menschen in dieser letzten Stunde, ohne jede Hoffnung indessen auf eine derartige Möglichkeit. Um halb zehn Uhr fuhren die Boote aus der Einfahrt ins offene Meer. Unter dem Schutze der Nacht glitten sie lautlos dahin. Auch die beiden Führer der Landmannschaft eilten auf ihre Posten. – Da erhob sich Tschung-Li und bestieg mit meiner und des Ruderers Hilfe das Boot, das uns zu untätigen Zuschauern des Blutbades machen sollte. Als wir das Dickicht verließen, bemerkten wir, daß noch ein Boot zwischen den Riffen zögerte. Tschung-Li wollte ihm eben einen seiner Flüche zurufen, da drang ein ungewöhnliches Geräusch an unser Ohr. Das nächtliche Meer trug uns einen Schall zu, aus dem ich das wohlbekannte Schlagen einer Schiffsschraube zu entnehmen glaubte. – Ich zwang den Ruderer zur Ruhe und bedeutete Tschung-Li, er möge lauschen. Doch in diesem Augenblick schwand jeder Zweifel. Der langgezogene Ton einer Sirene lief über die Felsen des Kap Temoel und fand ein Echo an Bord des Dampfers in unserer Nähe. Zwei gleichartige Signale antworteten und vermischten sich mit dem Rasseln der Ankerwinde. Zischend entströmte der Dampf den fesselnden Rohren. Die Schraube peitschte das Wasser... Wenige Minuten später tauchte ein großer Dampfer hinter dem Kap hervor und zog, nach Austausch einiger Lichtsignale, rasch nordwärts, unsern unerwünschten Nachbarn mit sich entführend. Ein tiefempfundenes »Gott sei Dank« entfuhr mir, als ich die so sicher geglaubte Beute den Schmugglern entgleiten sah. Am liebsten hätte ich laut hinausgejubelt, wenn mich nicht das lästerliche Fluchen des Kapitäns und der um ihren Gewinn betrogenen Mannschaften zur Vorsicht gemahnt hätte. Ich brachte es sogar fertig, Tschung-Li gegenüber meinem Zorn in derben Worten Ausdruck zu verleihen. Alle die Wutausbrüche der Matrosen wurden aber durch das Benehmen der beiden Führer weit in den Schatten gestellt. Sie kamen, atemlos von dem Laufe durch das hindernde Unterholz, mit vor Grimm entstellten Gesichtern, auf Deck gestürzt. Das matte Licht der Laternen ließ ihre blutunterlaufenen, mordgierigen Augen in grünem Glanze funkeln, während die schäumenden Lippen die fürchterlichsten Verwünschungen hervorstießen. Nie sah ich derartig rasende Geschöpfe, die kaum die Bezeichnung Mensch noch verdienten. Es war nur gut, daß Tschung-Li seine Vorgesetztenautorität, zur Verbergung der eigenen Enttäuschung, geltend machte, sonst wäre die Nacht gewiß nicht ohne einen oder mehrere Morde verlaufen. – Er ließ die Unholde ohne ein Wort der Erwiderung austoben. Dann fragte er streng: »Wen habt Ihr zur Beobachtung hinausgeschickt?« Die Frage brachte den Malaien zur Besinnung. Er gestand, daß er, vom Zorn verblendet, das unterlassen habe. Er wolle sofort selbst hinaussegeln, um den Kurs der beiden Dampfer festzustellen. Mit nervöser Hast sprang er auf das Verdeck, und einige Minuten später schon hörte man, wie er das Einsetzen eines Mastes befahl und das Boot mit raschen Ruderschlägen in die See trieb. Die Töne waren noch nicht verhallt, da rief Tschung-Lis Donnerstimme seine Leute an ihre Posten: »Macht alles fertig zum Auslaufen! – Auch Ihr, Passar, laßt Eure beiden Dschunken seeklar machen. Ich gebe Euch den Malaien als Kapitän für die andere mit. Wir steuern den geradesten Weg auf Kap Sintang. Sollte dahin der Weg verlegt sein, dann sucht Tawao zu erreichen und zwar unter englischer Flagge, verlaßt aber die neutrale Zone nicht, wenn Ihr nicht ganz klar seht.« Passar wollte Einwendungen machen. Er mochte wohl den englischen Behörden gegenüber kein reines Gewissen haben, und Tawao war britischer Boden. Aber Tschung-Li hörte ihn gar nicht an. Er bestand darauf, daß seinen Befehlen gehorcht würde. Er könne ja so lange kreuzen, bis die Landung vor Sintang möglich sei. Der Malaie meldete, daß beide Dampfer in großem Bogen gewendet hätten und nach Süden abgedampft seien. Er war mit den Dispositionen seines Kapitäns einverstanden, denn er ahnte wohl, daß ohne sofortige Verständigung mit dem Oberhaupte ein Weiterarbeiten auf der bisherigen Basis nur ins Verderben führen könnte. – Mir persönlich ging der Abschied von dem Malaien, der bei allen niedrigen Charaktereigenschaften wenigstens Offenheit und Mannesmut zeigte, ziemlich nahe. Ich war nun auf Tschung-Li angewiesen, denn unser neuer erster Steuermann verstand nur chinesisch und einen malaiischen Dialekt, den ich nicht kannte. Unsere Dschunke, als die zuletzt gekommene, verließ als erste den schützenden Kratersee. Es wunderte mich, daß die Holländer dieses ideale Versteck für allerlei gesetzloses Gesindel noch nicht kannten. Allerdings, wer nicht in der Absicht, das Innere der Insel zu durchforschen, in den Kanal eindrang, würde den mit dem Meere zusammenhängenden, ehemaligen Krater kaum zu finden vermögen, denn von See aus deutete nichts darauf hin, daß die anscheinend aus festem Urgestein aufgeführte Insel weiter nichts war, als ein erloschener Vulkan. Außerdem hatte sich gerade an dieser Südostseite eine Reihe von Riffen gebildet, die jedem Schiffer die Lust zu ankern verleiden konnte. Die Ausfahrt der Dschunken aus dem Becken war ebenso umständlich wie die Einfahrt. Starke Taue wurden um die zackigen Ränder befestigt, und an diesen zogen die Matrosen das schwere Fahrzeug Hand um Hand bis in den Kanal, der so genau die Breite dieser Schiffe hatte, als sei er eigens nach deren Maß gebaut worden. Vom Kanal bis zwischen die Riffe bewegte der Anker die Last vorwärts. Dann lieh der Wind seine Kraft. Der neue Steuermann verstand sein Geschäft gründlich. Vom Vordersteven aus lenkte er die Dschunke durch seine kurzen, klaren Kommandos glücklich ins offene Meer. Hier kreuzte er vor kleinen Segeln, bis alle drei Fahrzeuge freien Seeraum gewonnen hatten. Dann schallten die Abschiedsrufe von Bord zu Bord, die diesmal eine ganz besondere Note erhielten. Wußte doch keiner, ob und wo er den Kameraden wiedersehen würde! Eben gesetzt, mußten die Segel jedoch wieder gerefft werden. Um die äußerste Spitze des Kap kamen von Süden herauf zwei Dschunken, die den Schutz der Insel aufzusuchen beabsichtigten. Sie gehörten zu der Abteilung des Maharani Mantanari und hatten ebenfalls den Überfall als Augenzeugen erlebt. Sie entgingen nur mit genauer Not der Verfolgung durch einen Kutter, der auf ein treibendes Floß auflief und kenterte. Die List des alten Malaien war demnach gelungen. – Von der Unterhaltung der Kapitäne, die wieder bei Tschung-Li stattfand, erfuhr ich nicht viel. Ich sah nur, daß beide Dschunken die Ladung über Bord geworfen hatten, denn sie waren leer. Das soll sie auch bei einer Untersuchung, die tags zuvor durch das Kommando des Dampfers vorgenommen worden war, gerettet haben. Zur Beruhigung unserer Kapitäne bestätigten auch die Angekommenen, daß die beiden Dampfer nach Süden gegangen seien, wo Kü-schan durch Dongsa eine fingierte Unternehmung einleiten ließ. Es war Mittag geworden, als wir das Kap umschifften und den Kurs nach Westen einschlugen. Die drei Dschunken wurden soweit auseinandergezogen, daß jeder einzelnen im Falle einer Überraschung sowohl Raum zur Flucht, als zur Hilfeleistung bei dem Kameraden blieb. Wir begegneten einigen Küstenschiffen, die aber Tschung-Li nicht als zu der Gemeinschaft gehörend erkannte. Kurz vor Sonnenuntergang aber erschien plötzlich ein Segler, der sich eingehender mit uns befassen zu wollen schien. Da an ein Entfliehen mittels der Segel nicht zu denken war, blieb nur der Kampf oder die List. Glücklicherweise lief er zuerst in unsere Nähe und ließ die holländische Zollflagge im Winde flattern. Ich mußte nun meine Eigenschaft als englischer Untertan wieder hervorkehren. Genau wie das erstemal stellte ich mich möglichst ablehnend. Die Frage nach der Herkunft beantwortete ich so zögernd, daß der Holländer schon begann seine Kanone fertig zu machen. – Das löste nun, wie es wohl auch bei jedem echten Engländer der Fall gewesen wäre, eine solche Flut von englischen Donnerwettern aus, daß sich der Holländer tatsächlich zufrieden gab, als er die englische Flagge am Heck sich entfalten sah. Mit stillem Schmunzeln sahen unsere Matrosen, wie sich der Feind entfernte. Unsere beiden Mitsegler ließ er ebenfalls ungeschoren. Gegen Mitternacht sahen wir an Steuerbord die Lichter des von vielen Chinesen bewohnten Dajakstädtchens Bentang und benutzten diese als Wegweiser zu der zwei Meilen südlicher liegenden, klippenreichen Bucht um Kap Sintang. Hier schien sich die gesamte Flotte der Schmuggler Stelldichein gegeben zu haben, denn gleichzeitig mit uns liefen noch zwei Dschunken in die Bucht. Jeder der Lenker dieser lichterlosen, dunklen Kolosse schien genau mit der schmalen Einfahrt vertraut zu sein, denn alle gingen mit vollen Segeln hindurch. Diese fielen erst knatternd zusammen, als sich vor unsern Augen graue Gebilde zu Dschunken verdichteten, die uns kameradschaftlich in ihre Mitte nahmen. Der erste Eindruck, den ich von diesem Hafen in mich aufnahm, war kein guter. Ich gab ihm Tschung-Li gegenüber mit den Worten Ausdruck: »Eine bessere Mausefalle hätten Sie sich gar nicht aussuchen können. Wenn uns hier die Holländer überraschen, sind wir alle verloren.« »Ah bah!« erwiderte er wegwerfend. »Heute nacht besucht uns keiner und morgen früh gehe ich wieder in See. – Jetzt muß ich zu Kü-schan, und Sie sollen mich begleiten, er wird für Sie neue Aufträge haben.« Ich stand im Begriff, ihm hierauf eine ablehnende Antwort zu geben, unterließ es aber, weil ich mir doch nichts davon versprach. Ich hoffte in dem Oberhaupt der Bande einen vernünftigeren Menschen zu finden. Außerdem brannte ich darauf, endlich wieder einmal den Fuß auf festes Land zu setzen. Daß mich dann so leicht niemand an Bord zurückbrachte, war mehr als gewiß. Aus diesem Gefühl heraus steckte ich alle meine Papiere, mein Geld, die Waffe und einige sonst wertvolle Sachen zu mir. Ein letzter Blick umfaßte dann noch den Rest meiner Habe – dann ging ich. – Wie gut diese meine Vorsicht war, sollte sich bald zeigen. Das Boot suchte sich mit einer staunenswerten Sicherheit seinen Weg durch die vielen Fahrzeuge, die hier in der engen Bucht ankerten. Ich glaubte, Tschung-Li etwas Angenehmes zu sagen, wenn ich ihm gegenüber die Gewandtheit des steuernden Matrosen lobend hervorhob. Er knurrte aber nur einen seiner Flüche als Antwort und stützte den verwundeten Arm, den er in einer Schlinge trug, fester. Anscheinend litt er große Schmerzen. Nach viertelstündiger Fahrt scheuerte der Kiel den Sand. Tschung-Li ließ einen besonderen Pfiff hören, der sofort zwei Männer mit einer verhüllten Laterne herbeirief. Sie behandelten den Kapitän sehr unterwürfig, was sowohl auf sein hohes Ansehen in der Gemeinschaft, als auf rücksichtslose Strenge, die hier gleichbedeutend mit Grausamkeit war, schließen ließ. – Tschung-Li forderte mich auf, dem mit der Laterne vorangehenden Manne zu folgen. Er ging hinter mir. Zum Schluß kam der zweite Mann. Nachdem wir dem mattleuchtenden Strande etwa fünfhundert Meter gefolgt waren, bog mein Vordermann in eine gähnende Kluft ein. Sie war durch einen Riß im Gestein gebildet und so eng, daß man zu beiden Seiten die Wände berühren konnte. Zahlreiche Windungen, die vielleicht ebenso viele Spalten bildeten, die mir die Nacht verbarg, mußten wir durchwandern, bis mir der Führer endlich ein Zeichen gab. Wir mußten auf Tschung-Li warten, der als guter Seemann ein schlechter Fußgänger war. »Zum Henker, Deutscher, warum lauft Ihr denn so ?« fragte er schnaufend und sichtlich schlechter Laune. »Das kommt daher, Kapitän, daß ich eine Landratte bin. Wenn Sie einmal drei Wochen am Lande herumlaufen müssen, freuen Sie sich auch, wenn Ihnen die schwankenden Bretter wieder unter die Füße kommen.« »Ich denke Kü-schan wird wohl dafür sorgen, daß Ihr nicht mehr allzuviel auf die Dschunke kommt. Da seid Ihr nicht zu gebrauchen.« »Höchstens als Engländer,« warf ich lachend ein. Ein herrisches Knurren jagte den Laternenträger in einen Spalt, der in mäßig starker Steigung aufwärts führte. Auf dieser Strecke mußten wir oft halten, um den Kapitän zu erwarten. Er wollte mich wohl nicht aus den Augen lassen, obwohl ich durchaus keine Lust verspürte, diesen nächtlichen Spaziergang ohne Führer zu machen. Fünf Minuten später umwehte mich die balsamische Luft eines waldähnlichen Parkes. Daß es kein eigentlicher Wald war, sagten indessen nur die schmalen, gutgehaltenen Pfade, denen wir nun folgten. – Plötzlich drangen verworrene Laute zu uns herüber. Ich blieb stehen und wartete. »Bleiben Sie jetzt an meiner Seite,« sagte Tschung-Li, die höflichere Redeform wieder aufnehmend. »Sie werden der einzige Europäer sein, und wie die Dinge heute liegen, könnte Ihr Erscheinen manchen zu Unbesonnenheiten veranlassen.« – »Wo sind wir hier denn eigentlich?« »In unserem Eigentum. Hier finden Sie immer Nachrichten über mich und die andern Oberführer. – Gehen Sie nur ruhig weiter. Die Hunde kennen mich. Sie sind uns mehr wert, wie menschliche Wächter.« Er sagte das, weil ich vor drei ungeheuer großen Hunden unwillkürlich zurückgewichen war. Die Tiere ähnelten eher dem Tiger als dem Hunde, und wenn ich nicht wüßte, daß eine Kreuzung außerhalb jeder Möglichkeit lag, so hätte ich auf eine solche geschlossen. Auf meine Bemerkung hin sagte Tschung-Li auch: »Die Hunde stehen dem Tiger in nichts nach, vielleicht sind sie noch blutgieriger. Mancher hauchte schon sein Leben unter ihren Zähnen aus.« »Wieso? Schlichen sich Diebe ein?« »So etwas der Art! Aber reden wir nicht darüber. Treten Sie nun mit mir in diese Allee ein. Nehmen Sie die Laterne. Die Männer dürfen nicht mitgehen.« »Brauchen wir denn die Laterne? Es ist doch hell hier.« »Ich brauche sie später noch.« Bei einer Wendung tauchte plötzlich ein langes, schuppenähnliches Haus auf, das ganz in javanischer Manier aus bunten Bambushölzern aufgeführt war. Eine breite Veranda umgab es in seiner ganzen Ausdehnung, so daß man eigentlich von zwei ineinandergeschachtelten Häusern reden konnte. Das äußere für den Tag und das innere, geschlossen, für die Nacht. Jetzt schien der nächtliche Teil die durcheinanderredenden Anwesenden aufgesaugt zu haben. Auf der Veranda schritten nur drei Personen, es waren Araber, auf und ab. – Bei unserm Erscheinen löste sich einer von seinen Kameraden ab und fragte nach Namen und Nummer. Tschung-Li antwortete für uns beide, dennoch glaubte der Wächter mich anhalten zu sollen. Europäer seien nicht zugelassen. »Ich verbürge mich für den Mann,« rief Tschung-Li ungeduldig. »Ist Kü-schan hier?« Der Araber kreuzte die Arme auf der Brust und verneigte sich: »Ja, er ist anwesend. Der Kapitän trete ein.« »Sage ihm, daß ich da bin, und ihn im Eßraum erwarte. Ich bin verwundet, und muß ihn sofort sprechen. – Hörst du? Sofort!« Der Araber verschwand, während mich Tschung-Li in ein kleines Gemach führte, das keine andere Sitzgelegenheiten aufwies, als eine Unzahl schwellender Kissen, die auf prächtigen Teppichen lagen. Kü-schan kam unmittelbar nach Empfang der Meldung herüber. Mit ausgebreiteten Armen schritt er auf Tschung-Li zu und rief: »Ich habe von deinem Unfall gehört, lieber Freund. Es tut mir herzlich leid, daß es eine Kugel von meinem Dampfer war, die dich verletzte. Ist es schlimm?« Tschung-Li machte eine abwehrende Handbewegung. »Davon später. Wie stehen die Dinge hier? Haben wir große Verluste heute erlitten oder sind wir glimpflich weggekommen?« Kü-schan schien mich nicht zum Mitwisser der Geheimnisse der Gemeinschaft machen zu wollen, denn er erwiderte, mich begrüßend: »Sie werden es begreiflich finden, wenn wir chinesisch sprechen. Ich sende Ihnen inzwischen einen andern Gesellschafter.« Er schlug auf einen Gong und gab dem aus dem Boden wachsenden Diener einen kurzen Befehl. Eine Minute später erschien – Dongsa! – Der geschmeidige Chinese eilte auf mich zu und schüttelte mir stürmisch die Hand. Während er mich aus dem Zimmer drängte, faßte er meinen Arm und rief: »Das freut mich, daß ich Sie hier wiedersehe. Sie haben uns ja großartige Dienste geleistet und ich hoffe, daß Sie noch recht lange mit uns arbeiten werden.« »Den Wunsch teile ich keineswegs!« erwiderte ich kühl. »Das Leben, in das Sie mich da hineingetrieben haben, behagt mir absolut nicht. Wenn Sie mir vorher reinen Wein eingeschenkt hätten, dann wäre ich heute längst in Europa. – Haben Sie übrigens Nachrichten von meinem Kameraden, in dessen Gesellschaft ich damals Ihre Gastfreundschaft genoß?« »Oh ja. Er ist von Allor nach Batavia zurückgegangen und wird, wie mir Ihr Freund Bruinsma jüngst mitteilte, über Manila nach Japan gehen. Augenblicklich dürfte er auf der Reise sein.« »Danke sehr! Nun aber sagen Sie mir, Dongsa, was Sie eigentlich mit mir vorhaben. Tschung-Li hat mir verschiedene Andeutungen gemacht, die mit unserm Vertrage im schroffsten Widerspruch stehen. Nicht einmal die ausbedungene erste Vierteljahrsrate hat man mir ausbezahlt – und das ist doch eine der Hauptbedingungen gewesen.« »Aber bester Nottebohm, bis jetzt brauchten Sie ja gar kein Geld ...« »Woher wissen Sie das?« unterbrach ich ihn. »Ich muß meinen Angehörigen mit jedem Europadampfer einen Scheck schicken. Sie sind nicht reich und warten darauf.« »Verzeihen Sie, das konnte ich natürlich nicht wissen. Von Bentang aus haben Sie Gelegenheit Geld abzuschicken Genügen Ihnen einstweilen tausend Gulden?« »Leider nicht. Ich habe ja das vielfache zu beanspruchen ...« »Hier sind noch hundert Pfund Sterling. Geben Sie mir morgen eine Quittung über beide Beträge. Und dann lassen Sie sich den Kameraden im Saal vorstellen.« »Das eilt noch nicht so. Sagen Sie mir zunächst, in welcher Weise Sie auf meine Mitarbeit rechnen. Ich muß doch klar sehen. Das Umhersegeln in der Makassarstraße, mit der Aussicht, eines schönen Tages von einer Rahnocke mit der Schlinge um den Hals die Fernsicht auf die blauen Berge zu bewundern, ist mir unsympathisch und widerspricht unserm Abkommen.« »Das war ja auch nicht vorauszusehen. Sie sollten unsere Vertretung in Pasir übernehmen. Damals konnten wir nicht wissen, daß eine Landung nicht möglich war.« »Einverstanden! Aber jetzt? Wo soll ich jetzt arbeiten?« »Kü-schan wünscht Sie in seiner Nähe zu haben. Ihrer Sprachkenntnisse wegen. Er geht auf seine Besitzungen nach Tawao, auf dem englischen Teile Nordborneos. Dorthin sollen Sie ihn begleiten.« »Na, das klingt schon annehmbarer. Was soll ich dort tun?« »Das wird Ihnen Kü-schan selbst sagen. Wollen Sie nun mit in den Saal treten?« Dongsa führte mich in den Versammlungsraum, in dem etwa fünfzehn Männer anwesend waren, die bei meinem Eintreten erstaunt aufsprangen. Der größere Teil darum, weil in diesem Hause wohl noch nie ein Europäer gesehen wurde. Drei aber riefen mich bei meinem Namen. Es waren der Chinese, Passar und der Malaie, der ebenso wie der chinesische Steuermann jetzt zum Kapitän ernannt worden war. Letzterer machte mir ein unmerkliches Zeichen, das ich als Warnung vor allzu großer Betonung unserer Bekanntschaft auffaßte. – Alle die hier versammelten Männer waren Kapitäne der Schmugglerdschunken und ich muß sagen, es war eine so interessante Gesellschaft der prachtvollsten Typen, wie sie kaum je wieder in dieser Zusammensetzung angetroffen werden wird. – Leider büßten alle die hier in vollstem Genusse ihrer Lebensfreude zechenden Männer bald darauf ihr tatenreiches Leben ein – bis auf einen, außer mir! Die Unterhaltung drehte sich, wie das eigentlich selbstverständlich war, um die Verluste der letzten Zeit. Dongsa schrieb sie der immer schärfer hervortretenden Sorglosigkeit der Kapitäne zu, die sich kaum noch die Mühe gaben, ihre Bannwaren in unverdächtige Verpackungen zu hüllen. So machte er einen Kapitän namhaft, der vor Allor gefangengenommen wurde. Er soll die Munitionskisten offen unter die Ladeluke verstaut haben, so daß der untersuchende Beamte sie gar nicht vor seinem Vorgesetzten verleugnen konnte, so gern er es getan hätte. »Den Juwelentransport, den der Maharani selbst führte, muß aber jemand verraten haben,« sagte ein anderer. »Die Dschunken wurden sofort aufgebracht, ohne daß man sich die Mühe einer Untersuchung vorher gemacht hätte.« – »Woher kam er denn?« »Von Tawao. Dort hatte er Reis in Säcken als Ladung genommen und seine Schätze in gewisse Säcke versteckt. Gerade diese wurden von den Holländern zuerst an Land gebracht. Demnach muß man es verraten haben.« »Wie soll denn der aber die Nachricht so schnell nach Pasir befördert haben?« fragte Passar. »Wir haben weder Telegraphen noch Dampfer auf Tawao. Eine Dschunke hätten wir aber gesehen.« Ich beobachtete während dieser Unterhaltung, an der ich keinen Anteil nahm, alle die einzelnen Gesichter und suchte herauszubringen, ob sich der Angeber wohl unter den hier versammelten Kapitänen befinden könnte. Zwei davon heuchelten zu sichtbar eine Gleichgültigkeit an dem Ereignisse, die nicht natürlich war. Beide waren Chinesen. Dann fiel mir ein Araber auf, der wiederum Abwesende mit dem Verdachte der Schuld zu beladen trachtete. Keiner aber ahnte, daß der Hauptschuldige in ihrer Mitte saß und mit den Wissenden verstohlene Zeichen wechselte. Später lief dessen Name allerdings durch den ganzen Archipel. Doch da konnten ihm die meisten von denen, die sich für ihn und seinen Kumpan geopfert hatten, nicht zur Rechenschaft ziehen. Es war – Dongsa! Der neue Tag breitete seine violetten Tinten bereits über den Park, als endlich Kü-schan, in Begleitung Tschung-Lis, im Saale erschien. Letzterer wurde von allen Seiten mit einem reichen Wortschwall empfangen, und zwanzig Augenpaare drängten sich, den verwundeten Arm, der übrigens recht böse aussah, zu besichtigen. Dongsa sandte einen der Diener sofort nach Bentang, um einen Vertrauensarzt, einen Engländer, herbeizuholen, obwohl der Kranke sich gerade diesen energisch verbat. Aus dem sich aus der Weigerung entspinnenden Wortwechsel hörte ich deutlich die gegenseitige Antipathie der beiden Dunkelmänner heraus. Sie führte in der Hauptsache zu den Ereignissen, die den Schlußakt des Schmugglerdramas einleiteten. Kü-schan beschäftigte sich endlich mit mir. Obwohl ich nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte und nur einmal flüchtig seine Person sah, behandelte er mich wie einen alten Bekannten. Er sprach mit mir über seine Angelegenheiten, wie mit seinem intimsten Freunde ... Aus allem entnahm ich, daß ich mit unlösbaren Fesseln an die Gemeinschaft gekettet werden sollte, damit ich bei einem Verrat in eigener Schlinge gefangen würde. Ich ging auf alles ein, was mir der Chinese anbot. Mein Entschluß, keinen Fuß mehr auf ein Schmugglerschiff zu setzen, war so fest, daß mich Berge von Gold nicht hätten umstimmen können. Von hier aus wollte ich fliehen, und das war nur möglich, wenn ich meine Bewegungsfreiheit wieder erlangte. Letztere aber war mit den Anerbietungen Kü-schans eng verknüpft und darum zwang mich mein eigenes Interesse, zu allem ja zu sagen. – Kü-schan war von meiner unerwarteten Bereitwilligkeit überrascht und so froh gestimmt, daß er meinen Wünschen nach einem Landausfluge keine Schwierigkeiten entgegenstellte. Er verstand ohne weiteres, daß eine Landratte das Bedürfnis fühlte, nach längerer Seereise auf dem beschränkten Deck einer Dschunke wieder einmal im Walde herumzustreifen. Er bot mir sogar ein Jagdgewehr an und sprach dabei die Hoffnung aus, als Resultat des Morgenspazierganges einen Hirsch auf seiner Abendtafel zu finden. – Wer war froher als ich? Das Haus Kü-schans lag inmitten eines Parkes, der dem daran anschließenden Urwalde abgewonnen war, auf den schroff zum Meere abfallenden Klippen. Zu seiner Linken, kaum hundert Meter entfernt, erhebt sich ein einzelner Berg, der dem Kap den Namen gibt. Er ist bis fast an den Gipfel bewachsen und birgt in seinen selten betretenen Waldbeständen reiche Wildmengen. Zur Rechten führen kaum wahrnehmbare Pfade durch den absichtlich in seiner ursprünglichen Wildheit gehaltenen Wald nach dem zwanzig Kilometer entfernten Städtchen Bentang. Wer dieser Pfade unkundig, findet kaum die Besitzung, zu der, wie wir gesehen haben, der eigentliche Weg durch die Felswände der jäh abstürzenden Klippen führt. – Der ganze ungeheure Waldbestand ist von Sumpfland eingeschlossen, das der fünfzig Kilometer entfernte schiffbare Fluß Koetei alljährlich zur Regenzeit in weite Seeflächen verwandelt. In der trockenen Jahreszeit aber beherbergen die zahlreichen Bauminseln die scheuesten Vertreter der Fauna Borneos. Ich zeichne diese Gegend deshalb besonders genau, weil sie in der Flucht der Ereignisse eine Rolle spielen. Nach dem ersten Frühstück brach ich zu meinem Jagdzuge auf. Der zu meiner Begleitung bestimmte Diener, ein Dajak, verstand jedoch keine mir bekannte Sprache, und so hätte er mir keinerlei Dienste leisten können. Ich ersuchte daher den Araber, unter dessen Befehl die zahlreiche Dienerschaft stand, mir einen Mann mitzugeben, der mir wirklich eine Hilfe im Bedarfsfalle hätte bieten können. Nach langem Besinnen fiel seine Wahl auf einen Braunen, der mir bereits am Abend vorher durch die ungebändigte Wildheit, die aus seinen Zügen sprach, aufgefallen war. Auch er war ein Dajak, sprach aber gebrochen holländisch. – Der Mann wagte zwar unter der eisernen Disziplin, die im Hause Kü-schans herrschte, keinerlei Meinungsäußerung. Das seltsame Funkeln in seinen Augen sagte mir aber, daß der Auftrag ganz nach seinen Wünschen war. – Instinktiv mußte er wohl in mir den Mann gewittert haben, der seinen Absichten keinen Widerstand entgegensetzte. Meinem Aufbruch wohnten mehrere Kapitäne bei, von denen zwei den Wunsch laut werden ließen, einen in meiner Wegerichtung gelegenen hohen Felsen zu besteigen, von dessen Flanken man einen freien Blick bis weit aufs Meer hinaus haben sollte. Einer dieser beiden war jener Steuermann, mit dem ich am Kap Temoel die Flucht besprochen hatte. Dieser ging auch bei unserm Marsche voran, während ich als dritter im Zuge folgte. Ein unbelauschtes Wort konnte daher nicht gewechselt werden. Immerhin hatte ich das Gefühl, daß der Chinese sich mit einer bestimmten Absicht mir angeschlossen hatte. Der Aussichtspunkt war nicht weit entfernt. Ein kurzer Marsch durch die Parkwege, dann ein Durchschlüpfen von künstlichen und natürlichen Pflanzenmauern brachte uns nach kaum zehn Minuten an das Meer, das tief unten zu unsern Füßen in schäumender Brandung gegen die braunroten Wände anstürmte. Der Blick von hier oben war unvergeßlich. Die in gleißendes Sonnenlicht getauchte, ätherblaue Fläche der Makassarstraße zeigte reges Leben. Eine ungewöhnlich große Zahl von Fahrzeugen drängte sich auf dem Raume zwischen dem halb von den Felsnasen verborgenen Städtchen Bentang und dem südlicher gelegenen Kap zusammen. Kleine Kanoes mit Auslegern, von nackten Eingeborenen getrieben, vermischten sich mit Prauen, Sampangs und europäischen Kielbooten. Hin und wieder schob sich eine schmutzig graue, gar nicht in das farbenfrohe Bild passende Dschunke schwerfällig aus dem Hafen des Städtchens. Wie Spielzeuge aus einem Kinderbaukasten dagegen fesselten jene Schiffe das Auge, die in der versteckten Bucht vor Kü-schans Besitztum auf ihren Ankern schaukelten. Die klare Luft erlaubte uns sogar einzelne bekanntere Männer zu unterscheiden. Vor allen Tschung-Li, dessen weißer Verband sich leuchtend aus dem schattigen Dunkel des Kessels abhob. Seine ungestümen Gesten veranlaßten den Chinesen zu der launigen Bemerkung: »Der Dicke vermißt seine bisherigen Gesellschafter. Er brauchte immer einen, den er peinigen kann, einen der ihn quält, und einen, der ihm Gesellschaft bei den Mahlzeiten leistet. Diese drei, an die er sich in den letzten Wochen gewöhnt hatte, sind ihm entlaufen. Daher die Aufregung.« »Er geht in See!« erwiderte der andere Kapitän. »Seht Ihr, er läßt den Anker heben. Was mag da vorgefallen sein? Wir sollten doch erst morgen auslaufen. Heute abend wird ja der neue Arbeitsplan aufgestellt. Da muß Tschung-Li dabei sein!« »Vielleicht zwingt ihn seine Wunde eine Stadt aufzusuchen,« warf ich ein. »Der Arm sah gefährlich genug aus. Er wird ihn wohl verlieren.« »Das wäre hart für Tschung-Li,« erwiderte der Kapitän. »Der hält es keine acht Tage an Land aus, und zu unserm Geschäft können wir Einarmige nicht brauchen.« Des Chinesen Aufmerksamkeit wurde seit einigen Minuten von einem feinen schwarzen Faden angezogen, der sich zwischen den im Süden am Horizont abzeichnenden Pomaran-Inseln in den Äther schob. Er hob den Arm in jener Richtung und sagte: »Wenn das nicht die Rauchsäule eines Dampfers ist, dann mag man Euch hängen, Kamerad. Betrachtet das einmal genau.« »Danke für den frommen Wunsch,« gab der Kapitän lachend zurück, indem er die Augen mit der Hand beschattete. »Ihr habt, weiß Allah, recht! Wenn der es sich einfallen läßt, seine Nase in unsere Bucht zu stecken, dann kann es ihm eine Stunde lang übel ergehen. Jedenfalls wollen wir an Bord gehen, damit die Kameraden alles zu den Empfangsfeierlichkeiten bereitstellen.« »Erst müssen wir wissen, ob es ein Dampfer ist. Kann auch sein, daß einer der Unsern ein großes Feuer unterhält.« Unser aller Interesse hing jetzt an dem einen dunklen Rauchfaden. Vermutungen flogen hin und her. Bis endlich jeder Zweifel darüber gehoben war, daß es sich um ein Dampfboot handelte, das ungewöhnlich rasch näherkam. Nur daß man noch nichts von einem Rumpf sah, erregte das Erstaunen der Seeleute. »Ich hörte, daß die Holländer Torpedoboote hierher gebracht haben,« sagte ich. »Die haben so wenig Bord über Wasser, daß man sie auf die Entfernung kaum sieht.« »Beim Henker, das wird es sein. Da ziehe ich doch vor, die Kameraden zu warnen. Bleibt ihr noch hier?« «Ja, ich beobachte das Boot und gebe euch das bekannte Signal, wenn es ein feindliches Fahrzeug sein sollte,« erwiderte der Chinese. Minutenlang sprachen wir kein Wort. Wir fürchteten den Dajak, obwohl ich der Ansicht war, daß er größere Sehnsucht nach der Freiheit in sich spürte, als der Chinese und ich. – Endlich wagte der Letztere die Frage: »Denkt Ihr noch an den Plan vom Kap Temoel?« »Mehr als je. Und Ihr?« «Ich gehe noch heute, wenn es ohne Aufsehen möglich ist! ... Aber blickt dort hinunter. Tschung-Li geht wirklich in See. – Wenn der wüßte, daß ein Dampfer aufkommt!« »Können wir ihn nicht warnen?« »Von hier aus nicht. Und warum? In die Bucht kann er jetzt doch nicht mehr ungesehen. Dadurch würde er sich auch nur verdächtig machen. Nur Glück kann ihn noch retten. – Wahrhaftig, das ist ein Regierungsboot! Seht, er setzt die Kriegswimpel.« »Ein Torpedoboot, wie ich sagte. Armer Tschung-Li, jetzt hilft dir auch deine englische Flagge nicht viel.« »Und doch hißt er sie!« rief der Chinese. »Da – der Holländer steuert auf seine Dschunke zu. Jetzt bin ich neugierig, was der Dicke vornimmt.« Das Torpedoboot hatte sich dicht neben die Dschunke gelegt. Man sah, wie Tschung-Li mit dem Führer sprach und erregt gestikulierte. Dann dampfte das Kriegsschiff wieder weiter, aber nur um in großem Bogen zurückzukommen, und sich neben die Dschunke zu legen. »Oh weh!« rief ich. »Der nimmt sie mit. Armer Tschung-Li!« Aber auch in der Bucht hatte man die Gefangennahme der Dschunke bemerkt. Jetzt zeigte es sich, daß alle für Einen stehen wollten. Drei scharfgebaute Kutter flogen aus der schmalen Einfahrt und steuerten direkt auf die beiden Schiffe zu. Auch einige in der Nähe befindlichen Prauen und Sampangs ruderten pfeilschnell dem feindlichen Boote entgegen und legten sich hindernd in dessen Kurs. Dadurch, und daß Tschung-Lis Dschunke immer noch alle Segel stehen hatte, war es dem Torpedoboote nicht möglich, seine Beute rasch in Sicherheit zu bringen. Je länger das verzögert wurde, desto schwieriger wurde es, denn die Menge der Fahrzeuge wuchs von Minute zu Minute. Als die Kutter dann noch in unmittelbare Nähe kamen, machte das Torpedoboot Miene, sich der Umklammerung zu entziehen und Hilfe herbeizuholen, vielleicht auch um von den Waffen Gebrauch zu machen. Das aber wollten die Schmuggler verhindern. Ein grüngestrichener Kutter legte sich hart neben das Kriegsschiff. Wir sahen, wie sich ein Mann, wahrscheinlich der Malaie, auf die Back seines Seglers stellte und auf einen Offizier einsprach. Die Unterredung dauerte wenige Minuten, schien aber sehr erregt zu verlaufen. Plötzlich leuchtete der weiße Verband Tschung-Lis an seiner Bordwand auf. Er sprang auf den zweiten, neben der Dschunke treibenden Kutter, worauf dieser die Segel in den Wind braßte und nach Norden entfloh. Da löste sich ein weißes Wölkchen auf dem Torpedoboot. Ein Schuß brach rollend das Echo in den Klippen und dann erfüllte ein einziger, gellender Wutschrei aus hundert Kehlen die Luft. Schüsse knatterten von Kuttern, Booten und Sampangs. Braune Leiber flogen zwischen die weißen Uniformen. Krise funkelten in der Sonne. Eine jener Schlachten war im Gange, die so manchen pflichttreuen holländischen Soldaten in ein nasses Grab geworfen hat. »Ha, da kommt noch ein Dampfer!« schrie der Chinese. »Nun ist das Spiel aus!« »Dann laßt uns die Gelegenheit benutzen, um uns in Sicherheit zu bringen. Kennt ihr einen sicheren Schlupfwinkel?« »Nur die Sümpfe. Wenn wir den Fluß überschreiten, sind wir gerettet.« »Und wie weit ist das noch?« »Hm, zwei, drei Tage. Vielleicht auch mehr. – Aber den Dajak werden wir hierlassen müssen.« »Im Gegenteil. Der scheint mehr Lust zu einem Besuche bei seinem Stamme zu haben, wie wir.« »Ich weiß doch nicht. Kü-schans Leute pflegen ihm blindlings zu gehorchen. – Aber fragen können wir ihn immerhin.« »He, Dajak, kennst du einen Weg an den Fluß?« fragte ich den mit gierigen Augen auf die allgemeine Flucht dort unten blickenden Diener. «Beru ist ein Krambitdajak, seine Hütte steht in den Bergen am Koeteifluß. Beru kennt einen sicheren Weg.« »Wirst du ihn uns zeigen? Wir wollen dort jagen.« Ein breites Lächeln überflog das unschöne Gesicht. »Beru wird mitgehen – und auch nicht wiederkommen, Kü-schan ist ein Hund.« Wir standen eben im Begriff, in den Wald zurückzukehren, als uns Kanonendonner an die Stelle bannte. Die Schmuggler hatten irgendwo unten an der Küste ein Geschütz versteckt, das mit seiner ehernen Stimme den Holländern eine ernste Mahnung in die Ohren brüllte. Die Kugel hatte auch gut getroffen, denn der gelbgemalte Schornstein des Dampfers zeigte ein großes Loch. Nun antwortete das Torpedoboot mit seinen Geschützen. Da es von See aus kein Ziel fand, näherte es sich der Küste und geriet dadurch unversehens zwischen das Gewehrfeuer der bei der Einfahrt versteckten Schützen ... Gern hätte ich den weiteren Verlauf dieses eigenartigen Gefechtes mit angesehen, aber der Chinese drängte zur Flucht. Nicht mit Unrecht vermutete er, daß Kü-schan aus seinen Beständen in der Villa Kanonen hierher bringen ließe. Dann waren wir zum Bleiben gezwungen. Der Dajak führte uns zuerst bis an den Fuß des Sintangberges, wo er eine Hütte Kü-schans wußte. Diese erbrach er kurzerhand und eignete sich ein paar Krise an, die in Unzahl in einer Kiste lagen. Der Chinese hingegen nahm zwei Flaschen Genever an sich und reichte mir einen Steinkrug mit Whisky. »In den Sümpfen sind giftige Fliegen. Der Schnaps heilt den Biß.« Das glaubte ich ihm ohne weiteres, obschon ich gegen Moskitostiche andere Mittel und für Schnäpse andere Verwendungsmöglichkeiten kannte. Die Flucht durch den dichten Wald wurde ohne längeres Verweilen bis in den Spätnachmittag fortgesetzt. Hin und wieder brachen wir eine Mangustane, eine Duriane oder eine sonst genießbare Frucht, die uns das Mittag- und Abendessen ersetzen mußte. Oft hemmte ich den Schritt, um einen Hirsch oder ein Wildschwein zu schießen, aber die Furcht, uns durch den Knall zu verraten, ließ mich die Kugeln sparen. – Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir eine steppenartige, offene Fläche, die als Lagerplatz für die Nacht wie geschaffen schien. Sie bildete eine Anhöhe und von ihrer höchsten Erhebung aus sahen wir den Kegel des Sintangberges. Der Dajak zündete ein großes Feuer an und lief in den Wald zurück, um grünes Brennmaterial herbeizuschaffen. Während wir seiner Rückkehr harrten, bot sich uns ein seltenes Schauspiel. Ein Orang-Utan kam in unsere Nähe und betrachtete die Eindringlinge in sein Reich mit scheuem Interesse. Er war nur wenig über einen Meter hoch. Sein Arm aber, den er ausgestreckt gegen einen Baum reckte, schien fast die Körpergröße zu erreichen, was einen äußerst drolligen Anblick bot. Als ich mich erhob, um mich ihm einige Schritte zu nähern, stieß er ein unwilliges Knurren aus und kletterte behende in den nächsten Baum. In einer Astgabelung machte unser mutmaßlicher Stammvater Halt und begann einige kräftige Zweige abzubrechen, die er wie einen Schutzschirm vor sich ausbreitete. Ob er sich dadurch unsichtbar zu machen glaubte? Die Rückkehr des Dajaks lenkte uns von dem interessanten Menschenaffen ab. Als wir Beru von dessen Anwesenheit erzählten, war er sehr erfreut. »Dann sind wir dicht an den Sümpfen. Der Mias – wie die Dajaks den Orang-Utan nennen – geht nicht weit von dem sumpfigen Lande weg. Mit Tagesanbruch werden wir die Niederungen erreichen.« Die Nacht brachte uns eine trübe Kunde von dem Schicksal der Schmuggler. Unaufhörlich krachte es vom Meere herüber und da sich kaum viele Dschunken gerettet haben konnten, war das Schicksal der Eingeschlossenen nicht zweifelhaft. Kurz nach Sonnenaufgang hörten wir auch unweit von uns im Walde menschliche Stimmen. Flüchtlinge, die der drohenden Gefangennahme zu entrinnen hofften. Wir machten uns nicht bemerkbar, da wir jede Gemeinschaft mit den ehemaligen Kameraden abzubrechen wünschten. In dem sumpfigen Urwald hielten wir es jedoch nicht lange aus. Ein furchtbar übelduftender Geruch lag über den seltenen Lichtungen, und im Walde selbst zwang uns das Unterholz zu angestrengtester Arbeit, die ich vermeiden zu können glaubte, wenn wir wieder den höhergelegenen Teil aufsuchen würden. Der Chinese war sofort damit einverstanden. Der Dajak aber fürchtete den langen Arm seines mächtigen Brotherrn und zog das Leben im Sumpfe der Rückkehr in seine Sklaverei vor. Erst nachdem wir ihm feierlich gelobten, alle Schuld an seiner Entfernung auf uns nehmen zu wollen, beruhigte er sich. Nun wußte er auch wieder gangbare Pfade. Sie führten nach Süden und brachten uns so nahe an den Fluß, daß wir beschlossen, dessen Ufer am nächsten Morgen aufzusuchen. Abends peinigte uns der Hunger. Ich beschloß irgendein Tier zu schießen, denn die Früchte, so wohlschmeckend und saftig sie auch waren, brachten uns keine Sättigung. Ich stand in dem goldenen Lichte der untergehenden Sonne und besprach mich mit meinen Begleitern über den am leichtesten zu erlegenden Braten, als es plötzlich neben uns in den Büschen lebendig wurde. Eine rauhe Stimme rief gebieterisch: »Die Waffen nieder! Keine Bewegung oder du bist ein toter Mann!« Überrascht ließ ich das Gewehr fallen und blickte mehr belustigt als erschreckt auf die auf uns einstürmenden Soldaten. Ich versuchte sogar einen Scherz. Der Offizier jedoch war nicht auf Humor gestimmt. »Warte, Bursche, das Lachen wird dir vergehen. – Vorwärts, fesselt die beiden! – Wo ist der Dajak?« Ja, wo war der Dajak? Es ist uns stets ein Rätsel geblieben, wie er so rasch verschwinden konnte. Als ich die feinen Stahlketten an den Handgelenken spürte, verging mir wirklich der Humor. Ich protestierte gegen die Behandlung und fragte nach dem Grunde der Fesselung. »Du bist mit der Waffe in der Hand betroffen worden. Das erschwert deinen Fall!« »Herr Leutnant, ich ersuche Sie dringend mir die Fesseln abzunehmen. Sie scheinen sich in der Person zu irren. Ich bin ...« »Kenne ich,« unterbrach er. »Du bist ein Schmuggler und folgst uns jetzt! Sonst ...« »Gut! Wenn Sie mich nicht hören wollen, muß ich der Gewalt weichen. Ich freue mich aber schon jetzt auf das – schlaue Gesicht, das Sie machen werden, wenn Sie erst wissen, wer ich bin.« Bei diesen Worten lachte auch der Chinese, der zu meiner Verwunderung die ganze Prozedur wortlos über sich hatte ergehen lassen. Er sagte kurz: »Habt recht, Deutscher. Laßt sie nur machen. Wir sind rasch wieder frei.« »Was, Deutscher sind Sie?« fragte der Leutnant etwas höflicher. »Na, das sehen Sie doch. – Allerdings hat mich das Seewasser etwas stark gefärbt ...« Auf eine weitere Auseinandersetzung ließ sich aber der Leutnant nicht ein. Er wollte uns vor Einbruch der Nacht noch in sicherem Gewahrsam wissen, und brachte uns in halbem Laufschritt auf ein kleines Dampfboot, das auf dem Flusse wartete, wir fanden dort bereits fünf Gefesselte, die wir jedoch nicht kannten. Nach kurzer Fahrt kamen wir vor der Stadt Samarinda an. Hier mußten wir durch eine dichtgedrängte Menge Spießruten laufen, bis ein hohes, massives Haus seine Tore hinter uns schloß. Jetzt protestierte ich nochmals. Ein General war im Hofe anwesend. »Ist Kapitän Dekker hier? Der Herr wird mich legitimieren.« Die Offiziere sahen sich fragend an. Einer flüsterte dem General einige Worte ins Ohr. »Nehmt meine Papiere hier aus dem Gürtel. Sie werden vielleicht Ihrer eigenen Regierung Glauben schenken, wenn meine Worte nicht genügen.« Einer der Offiziere nahm mir die Papiere ab und übergab sie dem General. Er steckte sie in die Seitentasche seines Rockes und entfernte sich. »Abführen! «Einzelzelle!« schnarrte einer der Leutnants. Fünf Minuten später saß ich vor einem Kruge Wasser auf einer Matte und hatte nun Muße über meinen Fall gründlich nachzudenken. Erst der kommende Tag brachte mir Befreiung von den fesselnden Ketten. Kapitän Dekker war zufällig in der Nacht mit einem Dampfer eingelaufen und hatte von dem gefangenen Deutschen gehört. Immerhin hatte ich noch fünf lange Stunden Rede und Antwort zu stehen, bevor sich die Pforten des Gefängnisses vor mir öffneten. Mein Retter erzählte mir dann noch einige Einzelheiten über den gelungenen Überfall auf die Burg der Schmuggler. Ein chinesischer Kapitän hatte den Tag und Ort der Zusammenkunft verraten, um sich Straflosigkeit und das Kopfgeld zu sichern. Es war mein Begleiter auf meiner Flucht. Wenige Tage später wurden die Gefangenen abgeurteilt und gehängt. Auch der Malaie und Passar waren unter diesen. Tschung-Li fiel im Kampfe beim Kap. Der Hauptanführer der Bande aber, Kü-schan, wurde nach Batavia verbracht. Um seine Freilassung bemühten sich Fürsten und Radjas von Timor – vergeblich. Die Holländer ließen der Gerechtigkeit freien Lauf. Der reichste Mann der Sundainseln büßte sein Vergehen am Galgen. – Mit seiner Vernichtung nahmen auch die Schmugglerfahrten im Malaiischen Archipel ihr Ende.