Edmund Hoefer Die alte Erlaucht 1857 Erstes Kapitel. Stillleben »Also deutsch heraus, mon neveu – wollen Sie mit mir nach Königshofen hinüber kommen, oder nicht?« fragte sie ein wenig verdrießlich und legte dabei die Hand an die Mähne des Pferdes, welches der alte Leibjäger am Zügel hielt, als wolle sie sich auf die Antwort hin gleich in den Sattel schwingen. – Der junge Mann schüttelte mit einem schelmischen Lächeln den Kopf. »Nicht kapabel, liebe Großtante,« sagte er dann. »Seit die Seejungfer drüben ist – sie ist doch noch dort, Tantchen? – scheint's mir gar nicht mehr geheuer.« – Sie zog die Hand zurück und setzte sie bequem in die Seite. »Du bist ein Narr, Hugo,« entgegnete sie dabei; »was hast du gegen die Diana?« – »Ich, Tantchen? Viel! Vor allen Dingen – wir passen beide gar zu sehr zu einander! Da könnte es in Wahrheit heißen: »Ich hab' Euch erkannt beim ersten Blick An Eurem spöttischen Knixe – Du bist kein irdisches Menschenkind, Du bist mein Mühmchen, die Nixe! »Brr!« setzte er sich schüttelnd hinzu, »das könnte eine gefährliche Geschichte werden! Fordern Sie den Teufel nicht heraus, Tantchen! Königshofen – das ganze alte Gemäuer, würde wenigstens sicher auf den Kopf gestellt, wenn wir zwei da zusammen unser Spiel hätten.« Sie war herzlich lachend wieder näher zu ihm getreten und zupfte ihn jetzt leise am Ohr. »Versuch's immerhin einmal, du Uebermuth,« sprach sie und blickte ihm freundlich in das muntere offene Gesicht und die lustig blitzenden Augen. »Im Ernst, Hugo, komm' hinüber. Du bist ja seit Ewigkeitzeiten nicht mehr bei mir gewesen – denn was waren die zwei Stunden neulich und die acht Tage im Frühling? – und weißt doch, wie sehr mir ein Haus voll lustiger Herzen zusagt. Komm' und tobe dich aus. Du sollst auch die Zauberstube haben und kannst treiben, was dir gefällt. Nur sollst du mir Leben ins Schloß und in die beiden Mädchen bringen, daß sie mich nicht immer so gelangweilt anschauen.« »Donnerwetter – Pardon, Großtantchen! – nein, wollt' ich sagen, es geht nicht!« rief er aus und zog sich schelmisch lachend ein paar Schritt' zurück. »Und wenn Sie erst anfangen zu bitten und gute Worte zu geben, da wird's Zeit, daß ich mich salvire – denn da könnte kein Teufel und kein Engel widerstehen! – Adieu – adieu! – Hui – da, Luna!« Und sich mit einem kurzen Nicken abwendend, nahm er die Flinte in die Hand, sprang über den Graben und war im nächsten Moment, von dem lustig bellenden Hunde gefolgt, zwischen den zusammenrauschenden Haselbüschen verschwunden. – »Hugo, Hugo!« rief sie ihm nach, »willst du gleich dableiben? – Hugo, Tollkopf, kommst du gleich zurück?« – Ein helles Lachen und ein mehrmals wiederholtes, immer ferner klingendes »Adio! – Adio!« war seine Antwort, und dann blieb alles still; nur die Blätter flüsterten im leisen Wind und hie und da fiel ein dürres Blatt oder eine Eichel aus den hohen Kronen herab auf das trockene Laub des Waldbodens. Einen Augenblick sah sie noch kopfschüttelnd in den Wald hinein, dann aber wandte sie sich langsam ab zum Pferde zurück, und indem sie die Augen zu dem Leibjäger erhob, sagte sie beinah gedankenvoll: »ein wilder Patron, Hubert! Schlägt ganz aus der Art! Wenn ich denke, sein Vater oder sein Oheim hätten einmal so daherfahren und spektakeln sollen – himmlischer Gott! – Und doch ist's ein wackerer, lieber Knabe, Hubert!« setzte sie hinzu, mit einem flüchtigen Kopfnicken ihre Worte bekräftigend, nahm dem Alten den Zügel aus der Hand, setzte den Fuß in den Bügel und schwang sich aufs Pferd, so leicht, wie man es bei ihrer starken schweren Gestalt und ihrem sichtbar nicht mehr geringen Alter gar nicht erwartet hätte. – Der Jäger schüttelte den Zaum und wandte sein Pferd; um seine Augen zeigte sich ein flüchtiges schlaues Lächeln. »Ja, ja, Erlaucht,« bemerkte er, »und kommen thut der Herr Graf doch, darauf wett' ich.« – »Kannst recht haben,« versetzte sie, das Gesicht zum Lachen verziehend. »Und nun laß uns zur Tannenburg reiten. Du hast doch den Reitknecht bestellt?« – »Zu Befehl, Erlaucht,« entgegnete er, und sie ritten langsam an dem Graben entlang, wo rechts bereits die junge Saat die Aecker mit grünem Schimmer überkleidete und links der weite Forst prachtvoll und dicht, aber mit schon bunt gefärbtem Laube zur Höhe stieg. So ritten sie eine geraume Zeit bald im Schritt, bald, wo der Boden ebener und nicht von der letzten Furche der Pflüger mit loser Erde überschüttet war, auch einmal im leichten Trabe immer den Waldsaum entlang, bis sie zu einer Wiese gelangten, die sich, gegen den übrigen Acker tief absinkend, links weit in den Forst hinein erstreckte und ebenso rechts die Kornfelder auseinander drängte. Da parirte die Dame ihr Pferd und fragte: »Kommen wir durch, Hubert?« – Er hatte sein Thier schon rechts gelenkt, als er antwortete: »unmöglich, Erlaucht! Wir vielleicht, aber die Pferde gehn bis an den Bauch hinein! es hat zu viel Wasser gegeben in den letzten vierzehn Tagen.« – »So wollen wir über die Brache reiten,« sagte sie, »es wird sonst gar zu spät.« Und die Zügel schüttelnd und den Hals des feurigen Thiers klopfend, das sie ritt, setzte sie munter hinzu: »das wird dir schmecken, Mirabelle! Hell auf, mein Thier!« so daß der Schimmel muthig den Kopf aufwerfend ein leises Wiehern hören ließ und dann im leichten Galopp mit seiner Reiterin dahinging, über die Brache und ein paar andere Felder, an den respektvoll grüßenden Hirten vorbei, welche mit ihren Heerden hie und da den Reitern begegneten, über Gräben und durch Feldwege, bis sie sich wieder dem hier aufsteigenden, meistens aus alten Tannen bestehenden Walde näherten. Dort, vor einer Brücke, welche über den Waldbach führte, zeigten sich neben einem Reitknecht in dunkler Livree ein paar andere Männer in Jägertracht, und nahe vor ihnen hielt die Gräfin wieder an und schwang sich so leicht aus dem Sattel, daß der hastig herbeistolpernde Diener zu spät kam. »Da,« sprach sie und warf ihm die Zügel zu, »nimm die Pferde. Und merke dir, mein Sohn – du brauchst nicht so zu springen, denn ich lasse mir doch nicht helfen. Alles mit Manier und Geduld!« Sie wandte sich freundlich den Andern zu. »Sieh da, Gerhard, mein trefflicher Forstmeister,« sagte sie, indem sie den Stulphandschuh abzog und die runzelige, aber sehr kleine Hand einem respektvoll herantretenden und grüßenden, noch jungen Mann hinbot. »Wo treibst du dich denn eigentlich umher, Gesell, daß man dich gar nicht mehr sieht? Gibt's so viel zu thun? Ich erwartete dich heut auch gar nicht hier.« – Er hatte ihre Hand leicht an die Lippen gezogen. »Ja, Erlaucht, in den Seeforsten gibt's viel zu thun,« erwiderte er dann; »ich habe beinah vierzehn Tage mit dem Rentmeister zu verhandeln gehabt, und Erlaucht wissen ja – da geht es nicht so leicht, wie hier.« – »Jetzt bleibst du aber wieder daheim?« fragte sie. »Mein Neffe, der Hugo, kommt wahrscheinlich heut oder morgen und hat mir gedroht, das Haus auf den Kopf zu stellen. Da mußt du auf Ordnung sehn, wie's einem getreuen Lehnsmann geziemt, Gerhard.« – Sein offenes, schönes Gesicht überflog ein schelmisches Lächeln, auch schüttelte er leicht den Kopf, und dann entgegnete er: »werde nicht verfehlen, Erlaucht. Aber bei Graf Hugo wird's nicht viel nützen; von mir läßt er sich gar nichts sagen.« – Sie lachte, »Du meinst, am liebsten würdest du ihm helfen zu aller Ausgelassenheit. Ich kenne dich! Und wie ich dich eigentlich habe zum Forstmeister machen können, verstehe ich noch heute nicht, du großes Kind.« – Er zuckte die Achseln. »Erlaucht haben ganz recht; ich will mich zu bessern suchen. Und der Herr Rentmeister macht's mir leicht – bei dem muß jeder gesetzt werden.« – Sie lachte wieder. »Laß mir meinen Rentmeister ungeschoren,« erwiderte sie. »Und nun genug geplaudert,« fuhr sie fort, indem sie den Handschuh wieder anzog und sich zu den rückwärts stehenden beiden Förstern wandte. »Was setzt ihr nicht wieder auf, Kinder? Wißt doch, daß ich so was nicht mag und daß ihr euch meinetwegen nicht zu erkälten braucht. Vorwärts also, ins Holz! Weißt du Bescheid, Gerhard?« – »Ja Erlaucht. Und weil der Handel gar zu bedeutend ist, habe ich mich drüben einen Tag früher los gemacht, um selbst mit dabei zu sein.« Sie faßte das braune Tuchkleid, welches, obgleich sie auf Männerart zu Pferde saß, dennoch ziemlich lang war, fest zusammen und in die Höhe, denn der Pfad, denn sie betraten, war sehr feucht, und in den tief eingeschnittenen Wagenspuren stand hin und wider sogar das blanke Wasser. Dessenungeachtet schritt sie rasch und unbekümmert vorwärts, und als auf einer Stelle der Weg in seiner ganzen Breite vom Wasser, das aus einem vollen Graben übertrat, tief überströmt war, setzte sie den mit einem festen Stiefel bekleideten Fuß so sorglos hinein, wie es nur immer die ihr folgenden, an dergleichen gewöhnten Männer thun mochten. Jenseits aber blieb sie stehn und sagte nach einem schnellen und scharfen Blick in die Runde: »ich hab' es Ihm neulich gleich gesagt, Förster Ratki, mit einem Niederhauen und Schlagen im Ganzen will ich nichts zu thun haben, hier den alten Rain ausgenommen, wo etwa die Hälfte herauskommen wird. Du hast mir einmal gesagt, Gerhard, hier würden besser Birken passen, – nicht?« »So ist's, Erlaucht,« entgegnete er respektvoll und ohne die geringste Spur von der frühern Vertraulichkeit zu zeigen. »Und ich muß Euer Erlaucht Meinung durchaus beipflichten. Wir nehmen das Uebrige in einzelnen Stämmen. Das Zusammenbringen und Hinausschaffen haben, soviel mir Ratki gesagt, Euer Erlaucht von uns abgelehnt?« – »Gewiß, mein Freund! Ich wollte den Kukuk das auch noch auf uns laden,« erwiderte sie. »Und nun, Hubert, gib mir den Hammer, daß wir anfangen können.« Und nachdem der alte Jäger den Holzhammer aus der Jagdtasche und dem Lederfutteral genommen und ihr überreicht hatte, befreite sie geschickt eine Stelle des nächsten Eichenstammes von der Rinde und schlug mit kräftiger Hand das Forstzeichen ein. »So,« sagte sie dann, »nun schlagt durch bis zu den ›drei Eichen‹ und dann rechts hinauf bis an den alten Weg – aber das wißt ihr ja.« Damit schritt sie den Männern voran über den Waldboden hin und ließ das Geschäft seinen Fortgang nehmen. Aber bei mehr als einem der prächtigen Stämme, die angeschlagen wurden, blieb sie stehn, sah lange hinauf zur leise rauschenden Krone und meinte seufzend: »es ist Jammer und Schade, Gerhard! Mir ist's, als sollt' ich ein Glied meines Leibes verlieren mit den alten schönen Bäumen. Und wenn es nicht sein müßte – ich thät's bei Gott nicht!« Als sie sich dann von dem großen Platz in den Wald hinein und zu einzelnen Stämmen wandten, wiederholte sie ihre Worte und Seufzer in ähnlicher Weise noch oft, suchte auch diesen und jenen Stamm zu retten und verbot bei einigen das Anschlagen ganz. Und als sie dabei einmal auf Gerhards und Huberts Gesichtern ein unterdrücktes Lächeln bemerkte, meinte sie: »ja, ja, Kinder, ihr nehmt's eben, wie ihr's versteht; aber Unsereiner faßt das anders auf. Die alten Bursche da sind mir ans Herz gewachsen; sie und ich, wir gehören alle zu Königshofen, und es ist von jeher nicht anders gewesen, hat mir mein seliger Herr noch selbst gesagt.« So mochten ein paar Stunden vergangen sein, bis sie das Geschäft beendigt hatten und die Mittagszeit herangekommen war. Da standen sie auf einem kleinen freien Platz, allein hell war es dort doch nicht, weil die rings stehenden Bäume den Raum mit ihren mächtigen weitverzweigten Kronen fast ganz überwölbten und ihn in grüne Dämmerung hüllten. Nach der einen Seite hin ward er durch vier ungeheure alte Eichenstämme begrenzt, von denen jeder vier bis fünf Klafter im Umfang haben mochte. Der zweite Förster, der bisher meistens schweigend sein Geschäft versehn oder doch nur, wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, eine Aeußerung gethan, lüftete hier leicht seine Mütze und sagte: »Euer Erlaucht – der Alte da in der Mitte würde auch am besten gleich mit angeschlagen; es ist Zeit für ihn. Wenn mir im nächsten Frühling einen Sturm kriegen, wie den letzten – da, glaub' ich, geht er doch kaput.« Sie war mit ihren Begleitern zwischen den letzten Bäumen, gegenüber von den Riesen, stehn geblieben und hatte ihre großen hellbraunen Augen mit einem eigenthümlich ernsten und nachdenklichen Blick über den Platz schweifen lassen, bis der Förster zu reden begann und sie ihr Gesicht langsam ihm zuwandte. Nun da er geendet, schüttelte sie leicht das Haupt und entgegnete ernst:, »das wird kommen, wie Gott will, mein Freund, und nicht wie Er denkt; geschlagen werden die Bäume da nie und zu keiner Zeit. Merkt euch das, ihr alle, die ihr dabei seid, und die ihr hier wohl noch wirthschaftet, wenn ich längst todt bin. Er aber, Friedberg, Er sollte sich was schämen,« fuhr sie mit einem ernsthaften strafenden Blick auf den bestürzten Mann fort. »Er ist zwar erst seit einem halben Jahr an seinem Posten, aber das könnte und müßte Er doch wissen, daß dies hier der Königsring ist und die Bäume dort die Fürsteneichen heißen. Es haben einmal darunter die Fürsten gesessen, als unser Ahnherr, Herr Wolf von Hirschegg, hier dem deutschen König Ludwig, den sie den Baiern nennen, und seinem Gefolge nach der Bärenjagd ein Frühstück und Imbiß gab. Und der hohe Herr selber saß dort unter dem Baume, den Er mir abschlagen will, und er heißt drum auch die Königseiche. Sieht Er, das müßte Er doch wissen.« Ringsum waren sie still, bis Gerhard nach einer Weile sagte: »erlauben Euer Erlaucht, daß ich Friedberg zu entschuldigen suche. An die Königseiche würde niemand die Hand oder die Art zu legen wagen; allein wir alle glaubten, das sei der letzte Baum dort an der linken Ecke.« Die hohe Dame erhob in zürnender Verwunderung Augen und Arme zum Himmel. »Das geht zu weit!« rief sie aus. »Gibt es denn in der jetzigen Welt gar keine Treue mehr und gar kein Gedächtniß für das, was wir Alten Jahrhunderte lang als merkwürdig beachtet haben? Seht, ich bin nur einmal noch wieder hergekommen, seit mein seliger Herr mir zuerst und zufällig den Platz gezeigt, da ich ihn zu einer Grenzkonferenz mit dem Herrn Bischof begleitete. Der Platz ist zu abgelegen, ich habe hier nichts zu thun. Allein das vergesse ich nicht, was er mir damals erzählt: es waren ursprünglich fünf Bäume und der mittelste der des Königs. Der fünfte da auf der Ecke, wo die beiden jungen Eichen stehen, war unter Graf Wolf Eberhard umgebrochen; mein seliger Herr hat in seiner Jugend selbst noch den Stock herausheben sehn. Aber du mußt das alles ja auch wissen, Hubert,« schloß sie zu diesem gewendet. Der alte Jäger nickte. »Freilich weiß ich's,« bemerkte er; »Erlaucht haben ganz recht. Auch hab' ich's den Herren da oft genug gesagt, aber sie wollten mir nicht glauben, weil es in der Forstkarte anders stände und das dumme Volk umher es auch auf ihre Weise behauptete. Aber Erlaucht wissen ja, der Forstmeister, der die Karte aufnahm, war halbblind und trug eine Brille. Der hat sich verschrieben.« – Die Gräfin schüttelte verwundert den Kopf. »Daß ich das auch nie bemerkt habe!« sagte sie. »Das ist ja ein arger Fehler und muß gleich verbessert werden. Und dir, Gerhard, sollte am meisten drum zu thun sein,« fuhr sie fort. »Denn unter der Königseiche stand dein Vater bei dem erlegten Hirsch, als mein seliger Herr darüber zu kam und den wilden Gesellen so gewann, daß er ihm Treue hielt bis in den Tod.« Ueber des jungen Mannes Gesicht flog ein leichter Schatten. »Das habe ich nicht gewußt, Erlaucht,« versetzte er, »wie »ich ja überhaupt nur wenig von meinen armen Eltern weiß. Nur Hubert hat mir zuweilen davon erzählt, als ich noch ein Knabe war; aber auch er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.« – Die Gräfin wandte sich nach einem langen gedankenvollen Blick über den Platz ab und ging langsam auf einem Fußsteige zurück in den Wald hinein. »Davon läßt sich auch nicht viel sagen,« sprach sie erst nach einer ganzen Weile zu dem ihr zunächst gehenden Forstmeister. »Es ist an und für sich ein kurzes und zuletzt recht trübes Kapitel. Aber das weißt du ja, Gerhard. Ich rede nicht gern davon, denn das führt zu nichts, als das Herz noch schwerer zu machen. – Und nun genug,« fuhr sie fort. »Besorge jetzt alles Uebrige mit den Leuten und weise sie gehörig an, daß man in drei Wochen mit dem Schlagen beginnen kann. Lässest du dich heut Abend noch einmal sehn, mein Sohn?« Und als er sich dankend und zustimmend verbeugt hatte, sagte sie: »nun, dann adieu. Wir gehn hier auf dem Richtsteige. Komm, Hubert!« Dann ging sie nach einem freundlichen Nicken mit ihrem Begleiter in einen sich öffnenden schmalen Pfad hinein, der sie in nicht zu langer Zeit wieder an den Saum des Waldes und zu der Brücke führte, wo der Diener mit den Pferden wartete. Seit dem Abschied von Gerhard hatte sie kein Wort mehr geredet; ihre Stirn war leicht gefaltet, ihr Blick ernst und fast traurig. Und auch der Jäger schaute finster darein. Erst als sie nach einem scharfen Galopp sich der Parkseite näherten, welche dieser Gegend zugewendet war, hob die Gräfin den bisher gesenkten Kopf wieder empor, und indem das freundliche Lächeln, welches heut Morgen so oft ihr Gesicht erhellt hatte, noch einmal durch die Züge flog, schob sie den kleinen schwarzen Hut, der ihr silbergraues Haar bedeckte, ein wenig nach hinten und sagte: »sind wir nicht Thoren, Hubert, uns so niederdrücken zu lassen? Vorbei, vorbei! Das ist nun einmal hin und in Gottes Hand. – Laß uns mit vergnügten Gesichtern nach Hause kommen!« setzte sie hinzu und ließ die Reitpeitsche mit leichtem Schlag auf ihr schäumendes Pferd fallen, so daß es wiehernd und kopfschüttelnd wieder in den kurzen Galopp fiel, vor dem niedrigen hölzernen Gatterthor in der Umfriedigung des Parks scharf ansetzte und im zierlichen Sprunge leicht hinüberschoß. Auf dem runden kleinen Rasenplatze drüben hielt die Dame an und wandte ihr Thier um, so daß sie auch noch den Sprung von Huberts Pferd bemerkte und mit einem »Bravo!« belohnte. Das Thier des Reitknechts aber scheute und machte dem Menschen so viel zu schaffen, daß die Gräfin endlich lachend den Kopf schüttelte und ihm zurief: »laß es gehn, mein Sohn, so thut sich's nicht. Reite außen herum nach dem Lehnhof; wir sind gleich da.« Und indem sie ihr Pferd in den langen schmalen Weg lenkte, der vom Rasenplatz aus an der Rückseite des Parks zwischen einer prachtvollen, dichten und hohen Dornhecke und einer hohen Gebüschwand entlang lief, und es dann liebkosend auf den blanken Hals klopfte, sprach sie zu Hubert gewendet halb spöttisch, halb ärgerlich weiter: »ich weiß nicht, wohin das alles will! Reiten können sie auch nicht mehr, die Menschen, – was kann man denn eigentlich noch?« – »Den Mund aufreißen und Redensarten machen, Erlaucht,« versetzte der Alte launig im Weiterreiten. – Es war ein paar Stunden später. Die Sonne des Oktobertags hatte sich bereits so tief gesenkt, daß die Wege des Parks und die dichten Gebüschpartien im milden Schatten ruhten; aber desto voller und wärmer, wie mit heller Freude, übergossen ihre Strahlen den hohen Wall, welcher früher eine Art von Befestigungswerk, jetzt nur eine großartige Wehr gegen die Wasser des Sees bildete, der sich, von einem raschen Flusse genährt, mit lustigen Wellen theils am Park entlang zog, theils durch eine große gewölbte Oeffnung des Walls hereintrat und sich drinnen zwischen den kleinen Wiesen und Wäldern zu einer spiegelnden Fläche ausdehnte. Als Befestigungswerk hatte der Wall augenscheinlich schon lange nicht mehr gedient, denn von einer Brustwehr war keine Spur zu sehn, und der breite Gang war zu beiden Seiten mit alten hohen Linden besetzt, welche ihn stets schattig und angenehm im Sommer, im Herbst und Frühling aber windfrei erhielten. Es war eine Promenade, wie sie eine Dame nur wünschen kann. Das schienen auch die beiden jungen Mädchen zu denken, welche sich zu dieser Stunde in der Allee befanden und sich der Annehmlichkeit ihres festen, trockenen Weges, wie der wundervoll klaren, milden Luft erfreuten. In ihre Shawls gehüllt gingen sie schweigend und fest aneinander geschlossen auf und nieder; jede hatte den einen Arm um die Freundin geschlungen, und wenn ihre Blicke die Landschaft draußen verließen, wandten sie sich lächelnd und voll innigen Verständnisses einander zu, als wollten sie auch ohne Worte sich immer auf's neue sagen, wie wohl ihnen sei in solcher Gegenwart, in dieser Umgebung. Endlich traten sie an das steinerne Geländer, welches den äußern Rand des Wallganges gegen das Wasser zu einfaßte, und blieben dort, indem sie ihre Umschlingung lösten, noch immer stumm neben einander stehn. Die Eine faltete ruhig die Arme über die Brust; die Andere lehnte sich an das Steingesims, stützte den Ellenbogen darauf und legte die Wange in die Hand. Und so schauten sie hinaus in die Landschaft. Es war eine weite wellenförmige, hie und da von kleinen Wäldchen unterbrochene fruchtbare Flur, die sich links bis an die Wälder erstreckte, in denen wir am Morgen der alten Gräfin begegneten. Rechts dagegen zeigten sich in nicht großer Ferne Kirchen und Häusermassen eines bedeutenden Fleckens, und unmittelbar dahinter erhob sich noch im vollen Sonnenglanz das Waldgebirge. Auf einer seiner Vorhöhen ragte ein alter Thurm über anklebendes, zerrissenes Gemäuer noch jetzt trotzig und dunkel empor. »Was ist das?« fragte nach einiger Zeit die Dame, welche sich an das Gesims gelehnt hatte, indem sie, ohne ihren Kopf von der Hand zu erheben, mit dem grünen Fächer auf die Ruine deutete. – »Das ist die Hirschegg – die Stammburg; habe ich sie dir noch nicht gezeigt, Diana?« gab die Andere zur Antwort; die Stimme war eigenthümlich sanft und melodiös und entsprach durchaus dem Eindruck, den ihre ganze Erscheinung machte, die hohe schlanke Gestalt mit dem kleinen, leicht zur Seite geneigten Kopf, das Gesicht mit der kaum durchschimmernden Röthe auf den weichen, nicht schönen, aber überaus lieblichen Zügen, und vor allen das große, braune Auge mit seinem so milden, sammetweichen Blick. »Nein,« versetzte Diana jetzt auf ihre Worte, »du hast es mir noch nicht gezeigt. Und wie solltest du auch? Sind wir doch seit dem erstenmal nicht wieder hier gewesen: und da rief man uns ja zu deinem Cousin ab, Margot.« – »Ah!« sprach diese und legte den Arm wieder um die Freundin, und beugte das Gesicht mit einem schelmischen Lächeln zu ihr nieder, »das ist also schon ein Zeitpunkt für dich, nach dem du rechnest?« – »Rede keinen Unsinn, Margot!« sagte Diana verdrießlich und schüttelte den Kopf: »wie soll ich denn sonst rechnen, wenn ich nichts von Montag, Dienstag und den andern lieben Wochentagen weiß? Denn davon erfährt man ja in diesem gesegneten Hause nichts. Und das ist gut,« fuhr sie fort und richtete sich auf. »Ich habe es bei meinem verehrten Herrn Onkel zur Genüge erfahren, welch eine Qual in diesen Tagen liegen kann. ›Morgen ist Sonnabend,‹ hieß es, ›da fährt man in die Stadt. – Morgen ist Montag, da säen mir Waizen. – Morgen wollen mir – ah, Donnerwetter! Morgen ist ja Mittwoch, da geh' ich auf die Jagd! Du mußt bis übermorgen – nein, bis zum Sonnabend warten: das ist der Stadttag, liebe Nichte!‹ Und weil es Mittwoch und nicht Samstag war, bekam ich meine Wolle nicht und konnte meine Arbeit nicht mehr zum Geburtstag meiner Tante, der Stiftsdame, beendigen, was sie mir auf ihrem Todbette noch gedenken wird.« Margarethe, oder wie die Freundin sie nannte, Margot lachte. »Immer noch die alte Spötterin, Diana!« rief sie mit dem Finger drohend. »Was würde Mademoiselle Chenaud sagen oder gar Schwester Rosalie!« – »Spott? Bah, Margot, keine Idee! Bitterer Ernst ist's und bittere Wahrheit! Du kannst dir nicht vorstellen, wie diese alten Leute sind; und was aus mir hätte werden sollen, wenn deine Großmutter mir nicht hier bei euch ein Asil eröffnet, weiß ich in der That kaum zu denken. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber die leidende Gattin eines der rothnasigen Jagdgesellen meines Onkels, oder die steife Gemahlin eines der alten hochadeligen und sehr gichtbrüchigen Hagestolze, die sich mit meiner Tante Abends am L'Hombretisch zanken. Eine andere Aussicht gab's nicht, und darum geh' ich auch mein Lebenlang nicht wieder in dies doppelte Heirathsbureau.« Sie waren lachend in den Gang zwischen den Bäumen getreten, den die untergehende Sonne mit einem so vollen und glühenden Licht erfüllte, daß die beiden Mädchen sich geblendet ab- und den Stufen zuwandten, die vom Wall in den Park hinabführten. »Boshaft – neckisch – und schön, wie eine Seejungfer!« bemerkte Margarethe im Hinuntersteigen heiter; »mein Cousin hat recht – so bist du. Den hast du, glaub' ich, schon bestrickt, Diana! Und er gehört wenigstens nicht in jene Antikensammlung.« – Diana lachte, aber als sie jetzt drunten am Seeufer waren, blieb sie, statt weiterzugehn, plötzlich stehn, hob den Kopf auf und sah der Freundin mit einem forschenden Blick ihrer prachtvollen blauen Augen so scharf und plötzlich in's Gesicht, daß diese unwillkürlich den Blick senkte, während sich ihre Stirn und Wangen mit einer leisen Röthe überzogen. »Bist du eifersüchtig, Margot?« fragte Diana nach einer kleinen Pause mit so schalkhafter Betonung, daß die Andere überrascht wieder aufsah. – »Eifersüchtig?« versetzte sie verwundert; »auf wen? Weßhalb?« – »Margot – Kind, verstelle dich nicht so! Auf wen denn sonst, als auf mich, die Seejungfer, und zwar deines Cousins wegen?« – »Hugo, meinst du?« rief sie und schüttelte herzlich lachend den Kopf. »Hugo und ich? Diana, du hast wunderherrliche Einfälle! Hugo und ich, die wir fast als Bruder und Schwester mit einander aufwuchsen – nein, Gott weiß, daran haben wir beide niemals gedacht! Niemals!« setzte sie eifrig hinzu. »Wir haben uns sehr lieb und könnten, glaub' ich, viel für einander thun und dürfen stets auf einander rechnen. Aber von einer Heirath und den akkompagnirenden Herzensgefühlen steht in unserm Freundschaftsvertrage kein einziges Wort.« Diana wandte sich ab, und den Arm der Freundin in den ihren ziehend, ging sie mit ihr in einen Pfad hinein, der sich unter dichtem Gebüsch von hier aus bis in die offenern Partien des weitläufigen Parks zog und schon mit tiefer Dämmerung erfüllt war. »Weißt du,« fing sie nach einigen Schritten wieder an und es war fast, als ob ihre Stimme leise zitterte, so eigenthümlich vibrirte sie, »eigentlich ist mir dies Bekenntniß lieb, Margot. Und weißt du auch weßhalb?« fuhr sie fort und erhob ihr Gesicht zu dem der Andern, die ein wenig größer war, und suchte ihre Augen mit einem stammenden und doch auch wieder zärtlichen Blick. »Sieh, es ist lächerlich, aber es ist einmal so. Ich bin eigensüchtig – grenzenlos eigensüchtig, Margot! Ich weiß, daß du mich sehr lieb hast, aber ich will das auch! Ich will die Höchste und Erste sein in deinem Herzen und in deinen Gedanken, denn ich habe dich auch so lieb, mein schlankes Zauberkind! Und ich kann nicht theilen! Ich könnt' es nicht ertragen, jemand anders neben oder über mir in deinem Herzen zu wissen! Ich müßte dir ganz entsagen, wenn ich dich nicht mehr, ganz für mich hätte, und müßte mir auch das Herz darüber brechen!« Sie schwieg tief aufathmend, und erst, als Margarethe nach einer Weile mit der Hand leicht über ihren Kopf streichelte und mit befangen klingender Stimme flüsterte: »du liebe, thörichte kleine Phantastin!« blieb sie plötzlich stehn, ergriff ungestüm die beiden Hände der Andern und fragte dringend: »hör' Margot, das bekenne mir – bist du wirklich noch frei und mir treu, wie du es mir damals im Klostergarten schwurst? – Ich habe das für wahr genommen und behalten, Margot!« Sie sah dabei der Freundin mit einem forschenden, scharfen Blick in's Gesicht und suchte den Ausdruck desselben zu erkennen. Allein die Dämmerung war bereits zu tief, und indem entzog Margarethe ihr auch die Hände, umfaßte sie heftig, küßte sie mehreremale auf Lippen und Augen und rief dann mit einem lebhaften, muntern Tone: »aber sah man je eine solche liebe kleine Thörin! Wie sollte ich denn dir nicht treu sein, Diana? Hast du nicht meine langen – langen Briefe und jetzt mich selbst?« Diana wandte sich den Kopf zurückwerfend und mit einer heftigen Bewegung ab und ging, die schlanke Gestalt fest in ihren Shawl gewickelt weiter. »Laß es also gut sein, Margot,« bemerkte sie nach einer Pause. »Du machst mir jetzt zuweilen den Vorwurf, daß ich mich verändert; aber könnte ich dasselbe nicht mit größerem Recht von dir sagen?« – »Wie so, Diana? Ich weiß nicht, was du meinen kannst,« war die verwundert klingende Antwort. – »Nun, woher ist denn diese oftmalige Zerstreutheit und Träumerei über dich gekommen, dies schwermüthige Sinnen und das erschrockene Auffahren, wenn man deine Gedanken oder Träume unterbricht? Du willst mir doch nicht einbilden, daß es immer so gewesen?« setzte sie lebhaft hinzu. Margarethe schaute eine Weile gedankenvoll vor sich hin, wo der Pfad sich in einen noch ziemlich hellen Raum öffnete, und erst dann versetzte sie milde: »du magst recht haben, liebes Herz. Aber das Woher weiß ich selbst nicht. Es müßte denn sein, weil es wieder allerlei Trübes in meiner Familie gegeben, und die Großmutter mir in den letzten Tagen vor deiner Ankunft auch grade viel von meinen seligen Eltern erzählte. Ich kann das nicht so schnell überwinden, mein Herz! – Sieh,« fuhr sie fort, da Diana schweigend zuhörte, und schlang den Arm um sie, »von Mitte September an war die Tante Leopoldine drei Wochen lang mit dem unglücklichen Onkel hier, der schwächer und hinfälliger an Geist ist als je. – Auch Onkel Hirscheggs Hypochondrie – ich sollte wohl besser Schwermuth sagen – bessert sich wenig oder gar nicht, so daß er seit vorigem Herbst meinen Besuch ablehnte und, wie mir Hugo neulich sagte, oft viele Tage lang auch keins von den Kindern sehen mag. – Das sind nur ein paar Züge, liebes Herz.« Indem traten sie aus dem engen Pfade in die breite, noch immer ziemlich helle Allee, welche von links nach rechts den ganzen Park in grader Linie zu durchschneiden schien, und in demselben Moment kam von rechts der eben zurückkehrende Forstmeister ihnen so plötzlich entgegen, daß die Damen erschrocken zur Seite wichen und auch der junge Mann bestürzt seinen Fuß zurückzog. Doch als im nächsten Augenblick die ihn erkennende Margarethe überrascht ausrief: »mein Gott, Gerhard?« – lüftete er auch bereits den leichten grauen Hut und versetzte artig: »ja, Comteß Margot, ich bin heut Morgen zurückgekommen. Ich will nicht fürchten, daß ich Sie erschreckt habe!« Und mit einer Verbeugung schritt er vorüber und verlor sich in den nächsten Seitenweg. »Wer war denn das?« fragte nach einer Pause Diana verwundert, und auch ihr Blick, der sich jetzt von dem verschwindenden Mann auf die Freundin zurückwandte, sprach das gleiche Gefühl aus. – Margarethe erhob das bisher gesenkte Auge. »Das ist der Forstmeister der Grafschaft,« entgegnete sie, »und heißt Gerhard Wolthusen.« – »Und den nennst du so kurzweg Gerhard, und er darf dich Margot nennen, wie bisher nur ich dich genannt?« fragte Diana aufs neue voll Lebhaftigkeit. – Margarethe lächelte. »So hat er ein größer Recht dazu als du,« versetzte sie neckend. »Denn schon meine Wärterin nannte mich so, und Gerhard war ihr Assistent. Er ist im Schlosse aufgewachsen,« setzte sie wie zur Erklärung hinzu, »und ich weiß noch sehr gut, wie er mich Winters durch den Schnee zum Eis des Sees trug und dort treulich Hugo's und meine Ausgelassenheit bewachte.« Sie gingen die Allee entlang und bogen dann in eine andere ein, welche sie in der Ferne die hohe dunkle Masse des Schlosses erblicken ließ. »Aber ich sehe nicht ein, was das alles mit eurer jetzigen Stellung zu einander zu schaffen hat,« bemerkte Diana ziemlich wegwerfend. »Diese Vertraulichkeit mit den Namen scheint mir unendlich überflüssig.« Margarethe schüttelte nach einem langen, beinah trüben Blick auf die gereizte Freundin leise den Kopf. »Es sind nicht allein die Spiele, die uns verbanden,« sagte sie dann sanft: »Gerhard Wolthusen ist auch mein Lebensretter. – Siehst du, dort war's,« fuhr sie fort und deutete auf eine Gruppe hoher Tannen, welche sich im Hintergrund eines Rasenplatzes erhob; »von den Bäumen dort hatte ein heftiger Sturm den einen entwurzelt und so schwer gegen, einen andern gelehnt, daß er entweder die Stütze zerbrechen oder sich lösend, im Sturz alle Anlagen umher zerstören mußte. Daher waren morgens gleich die Forster und Arbeiter darüber her, ihn unschädlich auf die Erde zu bringen. Die Großmutter und meine Mutter standen dort hinten; ich, das siebenjährige, neugierige Kind, war näher herangelaufen, grade als die Masse in Bewegung kam und durch das Reißen eines Taus sich in der Richtung nach meinem Platz zu senkte. Ringsum schrieen sie auf, ich schrie auch selbst, aber ich stand wie gelähmt und sah das furchtbare Gezweige schon über mir. Da sprang Gerhard herbei und schleuderte mich fort, nicht um eine Sekunde zu früh; denn im selben Augenblick fast schlug auch der Stamm nieder und ein Zweig zerschmetterte des treuen Menschen Arm. An seinem Lager war's, wo meine Mutter zu mir sagte: »das darfst du ihm nie vergessen, Gretchen, wie ich es ihm nie vergessen werde! Achte ihn wie deinen besten Freund, deinen wahren ältern Bruder.« »Du hast viele Brüder,« bemerkte Diana nach einer Pause spöttisch, und um ihren Mund und ihre Augen trat der auch sonst bemerkbare hochmüthige Zug in voller Schärfe hervor, so daß die außerdem tadellose und vollendete Schönheit ihres Gesichts dadurch nicht wenig beeinträchtigt wurde. – Margarethe erhob ihren Kopf. »Spotte nicht!« rief sie erregt aus. »Wollte Gott, ich hätte einen Bruder von Gerhards Werth! Den erkennen alle und vor allen auch meine Großmutter und mein Onkel Hirschegg. – Damals war Gerhard eben Gehülfe bei einem unserer Förster geworden,« sprach sie ruhiger weiter: »als er von seiner Verwundung genesen war, stellte ihm meine Großmutter frei, mit ihrer Unterstützung eine andere Laufbahn zu betreten. Er nahm das dankbar an, aber nur insofern, daß er sich mit seinen schönen Kenntnissen auf eine Forstakademie begab, eifrig studirte und dann ein Jahr lang reiste. Als er, kurz nach meinem Abgang ins Kloster, zurückkam, übertrug man ihm die Forstmeistersstelle. Das ist alles.« »Nun ja,« sagte Diana achselzuckend, »wer läugnet denn das alles? Es ist also ein recht braver Mann und für euch von Werth. Aber Diener ist Diener, ob ein wenig höher, ob ein wenig tiefer. Euere Wege sind äußerlich wie innerlich geschieden, – wo trefft und seht ihr euch? Und wenn er ein so verständiger Mensch ist –.« – »Du irrst dich wieder,« unterbrach Margarethe Diana's Worte. Ihre Stimme klang jetzt kalt und ruhig, allein das dunkle Erröthen ihres Gesichts vermochte nur die wachsende Dämmerung zu verbergen. »Du irrst dich wieder, mein Herz. Du wirst ihm oft begegnen, so gut wie wir; denn es hängt nur von ihm ab, ob er Abends bei der Großmutter im Salon erscheinen will.« »Ah – viel Vergnügen!« versetzte Diana bitter. »In der That, ich finde hier bei euch einige ganz wunderbar freundliche und bürgerliche Züge! – Möglich, daß es meine früheren und späteren Erzieher verabsäumten, mich dieselben verstehn und würdigen zu lassen. Vielleicht auch recht schade! Aber ich kann nicht helfen – ich versteh's nicht!« Jedes weitere Wort und auch Margarethens etwa beabsichtigte Entgegnung ward in diesem Augenblick durch hastige Schritte unterbrochen, die auf den Steinplatten der Schloßterrasse, unter welcher sie standen, vom rechten Schloßflügel daher kamen. Dann folgte eine schmetternd hinausgeblasene Jagdfanfare, und darauf rief Hugo's lustige Stimme: »wo sind denn die Mädchen, Gerhard? – Soll mich der Teufel holen, wenn die zauberische Nixe nicht meine arme kleine schüchterne Cousine mit sich in ihre Grotten und Paläste gezogen hat!« Wie sich auch die Stimmung der beiden Mädchen im Laufe ihrer Unterhaltung verändert hatte, vor der Weise und den Worten des frohherzigen jungen Verwandten hielt weder Bitterkeit noch Verstimmung Stand. Lachend riefen ihm beide ihren Abendgruß hinauf, und lustig aufjubelnd stürmte er ihnen entgegen, die Stufen hinab. Gerhard blieb droben stehn. Zweites Kapitel. Der Lindenhof Es war wirklich auch nöthig gewesen, daß ein erheiterndes Element in das Leben kam, wie es auf Schloß Königshofen in den letzten Wochen geführt worden war. Es war niemals so still gewesen, seit die alte Erlaucht, früher als Gemahlin des letzten regierenden Grafen, Wolf Christoph, und nach dessen Tode als Wittwe hier lebte. Ihr Rang und noch mehr ihre Geselligkeit, die hohe Achtung, in der sie überall stand, die Liebenswürdigkeit und ächte Vornehmheit, welche die alte Dame von jeher ausgezeichnet hatten, mit denen sie jedermann bei sich aufnahm, jedem sein Recht widerfahren ließ und es ihm bei sich so behaglich zu machen wußte, wie es seine Stellung, seine Lebensweise verlangte – das alles hatte die ganze Nachbarschaft durchdrungen und einen großen Kreis in Künigshofen und dem dortigen Leben seinen geselligen Mittelpunkt finden lassen. Alle Welt verweilte gern bei der ›alten Erlaucht,‹ wie man sie landein und aus nannte, und besonders die jungen Leute mußten sich nichts Besseres als einen Aufenthalt in dem weitläufigen Schloß, ein heiteres, oft ausgelassenes Dahinleben unter den Augen der wohlwollenden, selbst zu allem Scherz aufgelegten Dame, mit Freunden, Verwandten und Bekannten, die stets daselbst zu finden waren. Seit Menschengedenken, das heißt, seit Gräfin Charlotte vom letzten Pariser Frieden und der Verheirathung ihres Stiefsohns an ununterbrochen hier residirte, war Königshofen niemals ohne Gäste gewesen. Das hatte sich nun seit einigen Jahren aber nach und nach geändert. Die Alten waren gestorben oder nicht mehr zu Ausflügen geneigt: die Jungen waren alt geworden und fingen an, der früher in dieser Gegend ziemlich unbekannten Mode zu folgen und den Winter in irgend einer größern Stadt, den Sommer auf Reisen oder in Bädern zuzubringen, wobei sie natürlich von der jetzt heranwachsenden Generation begleitet wurden. Dazu kamen nun auch mancherlei Familienereignisse – der Tod des einen Verwandten, die unheilbare Krankheit eines andern; der Stiefsohn der Erlaucht, der jetzt regierende Reichsgraf, lebte, wenn er daheim war, auf den größern und reichern Besitzungen, zu denen dies alte Stammgut trotz seines großen Umfangs und seines angemessenen Ertrages noch lange nicht gehörte. Die Tochter der alten Gräfin war auch vor Jahren gestorben, und das heranwachsende Kind derselben, Margarethe, kam von ihrem vierzehnten bis zum achtzehnten Jahre nach alter Familiensitte zur Vollendung ihrer Erziehung in ein französisches Kloster. Zu gleicher Zeit etwa ging auch Hugo, der bisher mehr in Königshofen als bei seinen Eltern gelebt, auf die Universität und von da auf große Reisen, und damit ward es im Schlosse so still, daß Gräfin Charlotte sich gar nicht darin zu finden wußte. Zwar wuchs kein Gras auf den Höfen – dafür sorgte die sehr aufmerksame und strenge Gutsverwaltung – aber die Diener hockten gelangweilt umher, die Pferde wurden steif in den Ställen, und all die Prachtgemächer öffneten sich nur noch, wenn sie gelüftet wurden, oder die Hausmeisterin es für nöthig hielt, sie einmal wieder von Grund auf zu reinigen. Nun war Margarethe bereits seit Jahr und Tag zurückgekehrt, und seit dem Frühling auch Hugo wieder in der Heimat erschienen, allein der Letztere war durch den Tod der Mutter niedergedrückt, der in seiner Abwesenheit erfolgt war, und als sein froher Sinn und sein kräftiges Herz diese Trauer überwunden, hielt ihn die Sorge um den Vater zurück, der, wie wir schon hörten, seit dem Tode seiner Frau in finsterer Schwermuth und Einsamkeit dahinlebte. Margarethe aber zeigte von vornherein neben aller Jugendlust und Heiterkeit auch so viel Ernst und – die Gesellschafterin der alten Erlaucht nannte es mit höchster Anerkennung: Gesetztheit – daß die Großmutter mehr als einmal den Kopf schüttelte und alles Mögliche versuchte, ihre Enkelin, wie sie es hieß, aufzuwecken. Es half aber nicht viel: Margarethe blieb still. Sie war wohl heiter, jedoch nur selten wirklich munter und lustig, selbst ihr Scherz und ihre gelegentliche Neckerei behielten stets etwas Gehaltenes! und zu Zeiten traf man sie in einer so tiefen Träumerei oder gar Schwermuth, daß die Erlaucht darüber ganz böse und heftig werden konnte. Die alte Dame war aber eine kluge Frau und Margarethe nicht das erste junge Mädchen, das unter ihren Augen herangewachsen und in die Welt getreten war. Sie wußte zwar nicht, wie und zu wem der Enkelin Herz von Liebe erfaßt sein könne, allein sie dachte doch an diese Möglichkeit und befragte das Mädchen, da die gedrückte und gedankenvolle Stimmung desselben ihr einmal besonders auffällig ward, in ihrer offenen Weise gradezu, ernst und eindringlich nach dem Zustande seiner Gefühle. Margarethe erröthete tief, erklärte aber ziemlich gefaßt und bestimmt, daß sie bisher sich zu niemand inniger hingezogen fühle, an niemand mehr und lebhafter denke als an alle Welt. »Mein Kind,« hatte die Großmutter da gesagt, indem sie ihre Augen mit durchdringendem Blick auf dem Gesicht der Enkelin ruhen ließ, »ich dränge mich nicht in dein Vertrauen; ich bin immerhin nicht deine Mutter, und weiß sehr gut, daß in dergleichen Dingen selbst das zärtlichste Kind auch vor der zärtlichsten Mutter seine Geheimnisse hat. Das Gegentheil, den Wunsch, daß ein Kind nie etwas verberge, findet man nur in dummen Romanen oder bei eben so dummen Menschen, die romanhaft denken und handeln. Ich aber habe das Vertrauen zu dir, daß du, wo du dich auch bewegst, mit wem du zusammentriffst, stets deiner Ehre und deiner Familie eingedenk warst und es bleibst. Es braucht kein Graf zu sein,« hatte sie lächelnd hinzugesetzt: »aber es muß ein ehrenwerther Mann sein und in selbständiger Stellung, den du erwählst; sonst geb' ich dich ihm nicht. Das ist nun also abgemacht. Aber Eins will ich dir noch sagen,« hatte sie weiter geredet, während ihr Blick wieder ernster wurde. »Es sollte mir leid thun, wenn du an deinen Cousin Hugo dächtest. Daraus wird mit meinem Willen nie etwas.« Da hatte Margarethe zuerst verwundert aufgesehn, dann, wie die Großmutter ihre letzten Worte noch ernster wiederholte, herzlich gelacht und endlich ungefähr in derselben Weite, wie sie Eingangsabend unserer Geschichte zu Diana that, sich offen über die Grundlosigkeit dieser Annahme ausgesprochen. »Das beruhigt mich sehr!« hatte die alte Dame heiter entgegnet. »Siehst du, mein Kind, sein Vater, Graf Wolfgang, denkt, wie ich weiß, sehr ernsthaft an eine solche Verbindung, wahrscheinlich, weil du ihm so sehr gefällst. Denn im Uebrigen sehe ich keinen Grund dafür; Hugo erbt das Majorat und nach menschlichen Aussichten auch das unsere dazu, und du bist nur ein armes Fräulein, während Hugo doch trotz des großen Besitzes grade auf Geld sehen muß. Verwandtschaftsehen mag und will ich aber auch nicht, habe das Graf Wolfgang schon angedeutet, und daher war es mir im Frühling ordentlich lieb, daß Hugo so schnell wieder fortging. Schon die Ehe deiner Mutter mit seinem Oheim war mir nicht recht, und ihr beide seid ja nun gar richtig Vetter und Cousine.« »Da wüßte ich jemand für ihn,« bemerkte Margarethe lachend. »Reich wie Crösus, Großmama, schön wie ein Engel und ganz dazu geeignet, seinen Uebermuth zu brechen und ihn zum gehorsamen Hausherrn zu machen.« – »Nun?« fragte die Erlaucht nach einer Pause, da das Mädchen lächelnd, aber schweigend vor sich hinsah. – »Es ist Diana Kaufberg, Großmama,« sagte sie munter ausschauend. – »Wie denn, deine Freundin und Correspondentin, die wir im Herbst hier erwarten, Gretchen?« – »Gewiß, Großmama! Sie ist reich, schön, klug und heiter, und wie du ja weißt, in ihrer Stellung bei den alten Verwandten höchst unglücklich. O, wenn ich das erlebte!« setzte sie, in die Hände schlagend und mit einer Lustigkeit hinzu, wie man sie selten oder nie an ihr bemerkt hatte, »meine beiden liebsten Menschen vereint und mir, so nahe! Da könnte ich Tag und Nacht jubeln und necken! Wäre sie nur erst hier!« – Die alte Dame drohte mit dem Finger, lächelte aber sehr zufrieden. »Gretchen, Gretchen!« sprach sie; »muß ich dich jetzt daran mahnen, die Dehors zu wahren, und warst noch vor einer Minute der stillste Anstand von der Welt?« – »O wär' sie nur erst hier, Großmama, und hätte ich auch Hugo bei uns!« rief sie und schlang die Arme um den Nacken der Großmutter und bedeckte ihre Lippen mit heißen Küssen. Seitdem war von alledem nicht weiter die Rede gewesen und das Leben seinen gewöhnlichen Weg gegangen. Margarethe erschien wieder heiterer, die Großmutter daher auch zufriedener als in der letzten Zeit, und da um die Mitte des October Diana endlich eintraf, schien das Leben auf Königshofen wirklich wieder ein regeres und bewegteres werden zu wollen; andere Besuche standen in Aussicht und plötzlich stellte sich auch Hugo ein, der dem Wunsche seines Vaters gemäß nach einer an Königshofen grenzenden Besitzung gegangen war, um sich zum erstenmal in einer selbständigen Verwaltung zu versuchen. Doch wie es zuweilen geht – auch diese Hoffnung auf eine erfreuliche Veränderung schien wieder fehl zu schlagen. Die Besuche blieben aus, das Wetter ward, wie in dieser Jahreszeit gewöhnlich, regnerisch und veränderlich, die wenigen Hausgenossen fanden sich auf die Zimmer beschränkt. Die Mädchen hatten, wie üblich, viel allein mit einander zu verkehren und sich nach der anderthalbjährigen Trennung aus- und einzusprechen: die Gesellschafterin der alten Dame, eine zweite, welche seit dem Frühling bei Margarethen eine ähnliche Stellung einnahm, machten den Kreis zwar größer, aber nicht belebter, und Gerhard, der einzige Hausgenosse, welcher seiner Bildung nach zeitweise dem Damenkreis sich hätte anschließen können, war in Geschäften abwesend. Daher hatte Gräfin Charlotte, als sie dem Neffen zufällig am Walde begegnete, ihn mit aller Dringlichkeit und Herzlichkeit zu einem Besuche aufgefordert, ohne dabei an Margarethens Pläne zu denken, und ihn mit wahrhafter Freude empfangen, da er Abends wirklich erschien. Und eben daher war ihr auch Gerhards Rückkehr willkommener gewesen als jemals zu einer andern Zeit. Denn sie wußte ihn gern um sich, da sie nicht nur mit seinem Wesen und Schaffen zufrieden war, sondern ihn wahrhaft achtete und liebte, wie es der treue wackere Mann verdiente. Es gab dergleichen »bürgerliche Züge,« wie Diana es nannte, bei der alten Dame noch mehr als einen. Sie war vorurtheilsfrei wie wenige ihrer Alters- und Standesgenossen, und von dem sogenannten Adelsstolz wußte sie gar nichts. Dazu war ihre Familie zu alt, ihr Rang zu hoch, ihr Charakter zu kraftvoll und selbstbewußt. »Bildung und Charakter bestimmen den Umgang,« pflegte sie zu sagen. »Damit hat der Stand nichts zu thun. Wir können nicht alle Fürsten und Grafen sein.« Da saßen sie denn nun zusammen die jungen Leute, und Hugo machte der Erwartung, welche man von ihm hegte, und zugleich auch seinen eigenen Verheißungen alle Ehre. Es gab mehr Lust und auch Ausgelassenheit in Königshofen als seit mancher Zeit; durch Park und See, durch Feld und Wald streifte der fröhliche Zug bald zu Fuß oder Pferd, bald im leichten Boot oder Jagdwagen umher; bald nur zum Vergnügen, bald um einen Besuch zu machen und andere Genossen herbeizuziehn, die Hugo nah und fern aufzufinden wußte. Daheim hallten die hohen Zimmer und Säle, die weiten Corridore und Treppen wieder von Musik und Gesang, von neckischen Scherzen und fröhlichem Gelächter, von Tanz und Spiel. Und wenn sich einmal ein einsamer Tag fand, wo auch die Witterung keinen Ausflug gestattete, so hatte man so viel zu plaudern und fand im engen Kreise so viel Unterhaltung, daß die Zeit rasch verging und niemand sich nach Zerstreuung sehnte. Auch dann wußte der junge Graf Herzen und Köpfe in Bewegung zu erhalten, und Gerhard half ihm dabei, soweit ihm seine Geschäfte und seine Bescheidenheit eine Einmischung erlaubten, gar getreulich. »Woher nehmt ihr nur all die Wildheit?« fragte die alte Erlaucht zuweilen gut gelaunt. – Und Hugo versetzte lachend: »ich hab's Ihnen ja vorhergesagt, Großtantchen, Sie sollten mich nicht beschwören! Nun geht es unaufhaltsam fort! ›Ich bin der Wassermann und will – Verlocken des Dorfes Schönen!‹ Was ließt ihr mich nicht in meinem Reich?« Es war ein grauer Tag voll dichten, feuchten Nebels, der erst nach und nach vor dem schärfer werdenden Winde wich und in kalten Regen überging; aber in den Gebüschpartieen und Baumgruppen, welche man jenseits des Rasenparterres vom Frühstückssaal aus erblickte, hing er noch in schweren trüben Massen und vermehrte den melancholischen Eindruck, den der ganze Park in seinem Hinsterben machte. Das Feuer im Kamin flackerte und glühte, aber es erwärmte das große Gemach nicht, und die Gesellschaft war fröstelnd und schweigend um den Frühstückstisch versammelt. Man war einmal wieder unter sich; die letzten Gäste hatten vor einer Stunde das Schloß verlassen und für die nächsten Tage stand kein Besuch in Aussicht. Die alte Erlaucht hatte sich heut Morgen noch nicht gezeigt; die jungen Leute saßen allein, und als nun auch Margarethens Gesellschafterin zu ihrer täglichen Musikstunde aufbrach, sagte Diana, sich fest in ihre Mantille hüllend, zu Hugo: »heut möchte man wünschen, daß Sie einmal statt aus dem Wasser, aus Feuer geboren wären, um uns zu erwärmen.« Er lachte. »Ich sage Ihnen ja, rufen Sie meine Kräfte nicht auf!« versetzte er, »Ich möchte Sie beim Wort nehmen.« – »Und ich Sie auch,« entgegnete Diana lustig. – »Ei, an mir soll's nicht fehlen. Ich wüßte schon, was uns warm machen könnte.« – »Und das wäre?« – »Das wäre eine Besichtigung des Schlosses, aber auch von den Kellern bis unter die Dächer. Darnach bin ich schon lange lüstern gewesen, denn es gibt hier Stellen, wo, glaub' ich, nie ein Mensch hinkommt, und die ich eben so wenig kenne, wie ein Anderer. Und dazu wäre heut der Tag,« fuhr er fort. »Wenn es draußen hell und sonnig, und die Sonne in alle Ecken leuchtet – das ist nichts, oder nur für die Prunkzimmer. Aber zu den andern Räumen paßt ein graues Licht, wie das heutige. Damit wächst das rieselnde Grausen, das ahnungsvolle Beben in uns selbst, das gespenstige, dämmernde Leben und Weben in den alten Räumen.« »Topp!« sagte Diana nach einer Pause. »Ich bin dabei, schon um den Genuß Ihrer poetischen Erklärungen und Illustrationen zu haben. Nur für die Keller danke ich. Es ist hier droben schon dunkel genug.« –»Auch ich komme mit,« bemerkte Margarethe. »Ich kenne noch manchen Raum gar nicht, obschon ich hier geboren und erzogen bin.« – »Wohlan!« rief Hugo lustig. »Die Keller schenke ich Ihnen, sonst geht's jedoch bis in die letzte Kammer! Aber eins mache ich zur Bedingung – wir bleiben unter uns mit Gerhard – denn der muß dabei sein als zweiter Ritter! – und dem Kastellan, der allein alle die Schlösser und Schlüssel kennt. Dein Fräulein, Gretchen,« setzte er lachend hinzu, »ist mir allzu zart und furchtsam. Und die Erlaucht hat zu thun.« Die Damen stimmten fröhlich zu, und die Drei eilten auseinander, um Hut und Shawl zu holen, Gerhard herbeizurufen und den alten Kastellan zu suchen. Nach einer Viertelstunde fanden sie sich in der großen Halle des Eberhards-Baus zusammen und begannen ihre Wanderung. Das Schloß war in langen Jahren aus dem ältesten, burgartig mit Thürmen flankirten Gebäude nach zwei Seiten hin zu einer imposanten Masse herausgewachsen. Jeder der alten Reichsgrafen hatte entweder neue Anlagen gemacht oder die vom Vorgänger begonnenen fortgesetzt und ausgebaut, und die Hirschegg-Königshofen waren bei diesem Werk und in dieser Leidenschaft nicht hinter den andern hohen Familien zurückgeblieben, welche im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wetteiferten, sich und noch ihre Nachkommen durch solche Prachtbauten zu Grunde zu richten. Königshofen verschlang unermeßliche Summen, und zwar noch bis auf den heutigen Tag, da selbst die Instandhaltung der Gebäude mehr Kosten verursachte, als das große Vermögen zu diesem Zweck eigentlich gewähren konnte. Das Ganze zerfiel in drei Theile. Der älteste war die sogenannte ›Burg‹, im Viereck um den Lehnhof erbaut und an seinen Ecken, wie bemerkt, von ungeheuern Thürmen flankirt, von denen der eine die Schloßkapelle enthielt. Aeußerlich stammte die Burg aus dem vierzehnten Jahrhundert, war jedoch im Innern vielfach verändert worden und enthielt noch jetzt die Privat- und Wohngemächer der Familie, wie im untern Geschoß die Wohnungen der Beamten, und außerdem Bureauzimmer, Gerichtssaal, Archiv und Bibliothek. – Daran schloß sich, gegen Westen und in den Park hinaus der ›Josefsbau‹, im siebzehnten Jahrhundert vom Reichsgrafen Wolf Josef II. erbaut und ursprünglich für Gäste und zu Festen bestimmt. Seine auf der Front und an der Rückseite vorspringenden Flügel umfaßten dort und hier ein paar kleine Höfe, von denen die inneren Räume Licht und Luft erhielten. Jetzt enthielt das große Gebäude mancherlei Wirthschaftsräume, Gastzimmer, und in dem Haupttheil, der im Park lag, eine prächtige und geräumige Wohnung für den gegenwärtig regierenden Grafen Leo, wenn er einmal in Königshofen verweilte. – Von der Burg nördlich endlich erstreckte sich ein ungeheurer Bau, welcher nach seinem Erbauer, dem Grafen Wolf Eberhard, benannt und im achtzehnten Jahrhundert entstanden, aber niemals dem eigentlichen Plane gemäß vollendet war. Hier waren jetzt die Speisezimmer, die Räume für besonders vornehme Gäste und Saal an Saal für große Feste. Vom Corps de Logis aus erstreckte sich der Hauptflügel ebensoweit in den Park hinein, wie links der Josefsbau, und von der prachtvollen steinernen Terrasse, die an der ganzen Rückseite dieses Palastes entlang lief, hatte man eine wundervolle Aussicht auf die Rasenplätze, welche den Raum zwischen dem Josefsbau und dem Festflügel ausfüllten, und auf den weiter hinten sich erhebenden Park. Hier begannen die jungen Leute ihren Weg, und nachdem sie all die Räume in ihrer jetzt öden Pracht durchwandert, den Jagdsaal mit seinen riesigen Hirschgeweihen bewundert, die Gallerie mit den Ahnenbildern durchmessen und über die prächtig frisirten steifen Herren und Damen gelacht hatten, besahen sie in den Spielzimmern die Tische von wundervoll schöner, ausgelegter Arbeit, und machten zum Entsetzen des alten Kastellans im ungeheuern Ballsaal, der den ganzen Festflügel ausfüllte, einige lustige Schwenkungen und Ronden. Dann kamen andere Gemächer an die Reihe, das Zimmer, in dem die jugendliche Marie Antoinette auf ihrer Reise nach Frankreich ein paar Stunden geruht hatte, und das unverändert geblieben war, wie es die Fürstin damals verlassen; ein anderes, das Kaiser Josef II. auf seiner Krönungsreise bewohnt; ein Schlafzimmer mit daranstoßendem Saal, in denen Napoleon einen Tag und eine Nacht lang rastete und seine Dispositionen für die bald darauf folgende Schlacht dictirte. So waren schon ein paar Stunden vergangen, bis sie diesen Theil verließen und durch die Bibliothek, welche die Verbindung bildete, in die Burg und den nur selten noch benützten Kapellenthurm hinüberzogen. Von dort ging es dann durch die Räume, welche den Lehnhof begrenzten, an den Gemächern der alten Erlaucht vorüber nach dem Waffenthurm, wo sich alte Waffen, Rüstungen und zerrissene Banner zeigten, und dann folgten sie dem Corridor, der gewölbt und dunkel bis zu dem Vorzimmer des Lindenthurms führte, durch welchen sie in den interessantesten Theil des Gebäudes, den Josefsbau, hinübergehn wollten. Denn dort fanden sich alle die Spielereien vereinigt, welche die Neckerei und Frivolität des siebzehnten Jahrhunderts erfand – Zimmer, deren Fußboden und Scheidewand auf Drehscheiben ruhte, im Täfelwerk verborgene Thüren und geheime Treppen, Versenkungen, Wände, aus denen bei einem zufälligen Druck auf einen Knopf dem Unvorsichtigen ein Strahl Wasser ins Gesicht sprang, und was dergleichen mehr war. Als sie in das Vorzimmer des Lindenthurms hineingehn wollten, fühlte Hugo, der sich, während der Alte aufschloß, an die Wand gelehnt hatte, plötzlich hinter sich, wo der Corridor endete, eine Thür, die bei dem Dunkel des Ganges von dem Mauerwerk kaum zu unterscheiden war. »Halloh!« rief er lustig und klopfte mit der Faust daran, daß es dumpf durch den Gang schallte, »wußte ich doch, daß wir noch allerlei Geheimnisse finden würden! Die Thür da hab' ich noch nie gesehn! Wohin führt denn die?« – Der Kastellan hatte die Pforte des Zimmers geöffnet, so daß das Tageslicht in den Corridor und grade auf die Thür fiel, welche, wie es schien, von massivem Eisen war. »Die führt in den Lindenhof, gräfliche Gnaden,« versetzte ehrerbietig der alte Mann. – »Was, in den Lindenhof?« rief Hugo verwundert. »Ist das nicht der Raum zwischen der Burg und dem Josefsbau, zu dem der enge Weg neben dem Kapellenthurm hineinführt, der aber stets verschlossen ist? Ich bin ein einzigmal als kleiner Junge dort gewesen und wurde gleich wieder hinausgejagt.« – »Auch ich habe die Hofpforte nur einmal offen gesehn und bin nie hineingekommen. Von dieser Thüre weiß ich auch nichts,« sagte Margarethe. »Wir kommen hieher nur selten, Diana. Der eigentliche Weg geht durch das Erdgeschoß in den Josefsbau hinüber.« »Der ›Lindenhof‹ heißt nicht nur der wirkliche Hof zwischen den beiden Gebäuden,« erklärte Gerhard, »sondern man nennt nach ihm so auch die ihn umgebenden Gemächer sowohl hier in der Burg wie drüben. Früher hat, glaube ich, zeitweise Ihr Herr Großvater dort gewohnt, Comteß Margot. Ueberdies sind auch noch alte Registraturen und unwichtige Partien des Archivs darin; weiter nichts. Ich bin übrigens gleichfalls seit manchen Jahren nicht dort gewesen; in den Zimmern noch nie,« setzte er hinzu. »Sie werden nicht geöffnet.« »Um so besser!« meinte Hugo lachend. »Wir haben einmal geschworen, alles zu sehen und sind alle neugierig. Schließ auf, Alter!« – Der Kastellan trat einen Schritt zurück. »Halten zu Gnaden, Herr Graf,« sprach er, »das darf ich nicht.« – »Das darfst du nicht? Unsinn!« rief der junge Mann ungestüm. »Wer hat das verboten?« – Und der Alte versetzte, indem er die kleine Sammtkappe von seinem schneeweißen Haar nahm, ehrfurchtsvoll, aber fest: »das hat Ihro Erlaucht, Gräfin Charlotte höchst selbst so befohlen.« Die jungen Leute sahen bald den Alten, bald einander, halb verwundert, halb enttäuscht an. »Was ist da zu thun?« bemerkte Hugo mit komischem Verdruß. »Ich glaube, ich riskir's und gehe zur Großtante hinüber, daß sie selbst uns hilft. Denn – »Da sprach der Herr von Anderwerth, Stand kühn zu ihrer Seit': »Laßt ab, laßt ab, Frau Königin, Heut ist nicht Tanzenszeit! »Es liegen zwei vor Eurem Schloß, Die sind zu Tode wund; Die hat verlockt Euer blaues Aug', Euer Bogenter rother Mund.« Die Andern brachen bei diesen pathetisch vorgetragenen Versen in ein helles Gelächter aus; Diana fragte: »was meinst du, Margaritta, sind wir beide die armen Verlockten?« – Und Margarethe erwiderte ebenso: »ja, die Großmutter wird sich auch bei dir für die tanzlustige Königin bedanken, Hugo!« – Der Kastellan stand noch immer mit unbedecktem Haupte, und in dem tiefen Ernst seines Gesichts allein zeigte sich keine Spur von Heiterkeit. Nach einer Pause sagte Gerhard endlich: »Sie haben unrecht, Graf Hugo, hier zu spotten; da drinnen ist der Herr Reichsgraf, Wolf Christoph, Ihr Großonkel, vor langen Jahren eines plötzlichen Todes verblichen, und seitdem ist der Raum abgesperrt. Ich denke es aber vertreten zu können,« fuhr er fort, »wenn die Thür für die hier Anwesenden geöffnet wird. Es ist ja dein zukünftiger Gebieter, Dominik,« setzte er gegen den Alten gewendet hinzu, und deutete auf Hugo. »Ueber kurz oder lang geht er hier doch aus und ein, wie er will, und wir alle sind ja ernste, teilnehmende Menschen, Angehörige und Freunde des Hauses. Also in Gottesnamen, Dominik, schließ auf!« Der Alte schüttelte düster das Haupt, suchte jedoch einen lange nicht gebrauchten Schlüssel aus dem Bunde hervor und steckte ihn in das Schloß. »Und heut grade!« murmelte er dabei. – »Was heut? Was ist heut passirt?« forschte Diana aufgeregt. – »Es ist heut, glaub' ich, der fünfte November, gnädige Dame,« entgegnete der Kastellan kopfschüttelnd, »und an dem Tage, anno 1806, als die Franzosen gegen Preußen marschirten, fand man drinnen Seine Erlaucht todt.« Dann zündete er seine Laterne an und drehte den Schlüssel um; die Thür sprang auf. Ein enger Vorplatz, der gradeaus und rechts in schmale Corridore auslief und nur aus einer kleinen Seitenöffnung ein sehr gedämpftes Licht erhielt, nahm die Gesellschaft auf. Bei dem Schein der Laterne sahen sie, daß der Fußboden mit einer ebenen Decke dichten Standes bedeckt war, und in den Winkeln der Wände sich große Spinngewebe ausdehnten, die theilweise aber auch schon verwittert und zerfetzt herabhingen, denn ihre Bewohner mochten hier längst Hungers gestorben sein. Nach einigen Schritten in dem Corridor, der sich gradehinaus zog, zeigte sich rechts in der glatten Wand wieder eine Thür, und nachdem der Kastellan hier einen Schlüssel eingesteckt, blies er das Licht der Laterne aus und sagte: »dort hinter den Herrschaften, in der Ecke, war vordem die Kanzleitreppe, welche Ihro Erlaucht nachdem hat abbrechen und vermauern lassen. Daher ist es anjetzt hier auch so dunkel. Hier,« setzte er die Thüre öffnend hinzu, »war das Vorzimmer, und hier nebenan,« fuhr er fort, indem er durch das kleine Eckzimmer schritt und eine andere Thür aufstieß, »hier ist der Registratur- und Archivsaal.« Sie waren ihm gefolgt und traten ein. Es war ein großer, hoher, gewölbter Saal, der durch die beiden breiten Fenster in tiefen Nischen ein sehr gedämpftes, nur in ihrer Nähe ein wenig helleres Licht empfing. Die Rückwand wurde ganz durch enorme, verschlossene Archivschränke eingenommen, während an der Seitenwand und zwischen den Fenstern sich andere, thürlose Kästen mit Fächern zeigten, wie man sie in Registraturen zu haben pflegt. Vor den Fenstern, so daß sie das beste Licht empfingen und nur einen schmalen Durchweg in die Nischen offen ließen, standen zwei lange Bureautische, daneben auch ein paar mit Leder überzogene Sessel. Weiter war in dem ganzen Raum nichts. Durch die tief hinabgehenden Fenster sahen sie in einen ziemlich großen, grasbewachsenen und mit dürrem Laube bestreuten Hof; links war die starre Wand des Lindenthurms, gegenüber zeigten sich erblindete, zum Josefsbau gehörende Fensterreihen: rings um den Hof lief eine Reihe hoher alter Linden, und in der Mitte ragte ein Stamm empor, wie ihn noch niemand von den Anwesenden so stark und riesenhaft gesehn. Nur weil die Baume jetzt fast ganz entlaubt waren und nur noch wenige vergelbte nasse Blätter an ihren Zweigen hatten, konnte man das alles einigermaßen erkennen. Wenn sie im vollen Laube standen, mußte jede Aussicht abgeschnitten und der Saal fast dunkel sein. Das alles war nun todtenstill, denn in den abgeschlossenen Hof kam selbst der Wind nicht hinein, und die Linden standen regungslos mit ihren kahlen schwarzen Zweigen, wie rings das alte Gemäuer, und die Blätter bewegten sich an ihren halbgelösten Stielen nur unter dem rieselnden Regen. Und wie die jungen Leute nun dort standen in dem weiten, öden, dunklen Raum, mit seinen tiefen Winkeln und Nischen, wo der Staub so grau und still lag und unter den Stühlen und an den Schränken entlang hie und da ein kleines Häufchen des gelblichen Wurmmehls; als ihnen jeder Blick umher nur die Oede zeigte, wie lange hier kein Mensch mehr gewandelt, wie lange keine Hand mehr geschafft und geordnet – wie lange hier kein Hauch eines lebenden Wesens mehr geweht; als sie dann in den schweigenden Hofraum schauten, auf die starren Mauern und blinden Fenster, die stummen Bäume; und als sie das alles zusammenfaßten und daran dachten, daß der Letzte, der hier gewohnt, todt sei wie der Raum, – lange, lange todt, und seit man ihn hinausgetragen, war kein Leben mehr zurückgekehrt – da überkam es auch die fröhlichen Herzen mit der grenzenlosen Melancholie, mit der tiefen Trauer, die alles umher erfüllte, die beiden Männer standen tiefbewegt, Margarethens Augen waren voll großer Thränen, und Diana sagte leise, während ihren ganzen Körper ein nervöses Zittern durchflog: »ich weiß nicht – ich weiß nicht! – Aber mir ist, als sei dies einmal der Ort eines Schreckens gewesen, wie ihn der Tod allein nicht mit sich bringt. Wüßte ich, daß und wo im Hause ein Mord geschehen sein könnte – hier glaubt' ich's.« Wie leise sie gesprochen waren, die Worte klangen schreckhaft deutlich. Im nächsten Augenblick fuhren alle erschrocken zusammen, und die beiden Mädchen schrieen hell auf, denn hinter ihnen ward das Rauschen eines Gewandes hörbar, und als sie sich umwandten, sahen sie den Kastellan tief gebückt und das Käppchen in der Hand an der Thür des Vorzimmers stehn, und mitten im Saale, dicht neben ihnen stand hoch aufgerichtet, im schwarzen Kleide und langen Schleier, die alte Erlaucht. Sie sah bleich und angegriffen aus, und ihre sonst so muntern Augen lagen tief in ihren Höhlen. »Mein Fräulein von Kaufberg,« sprach sie mit gedämpfter Stimme, aber man konnte es wieder deutlich im ganzen Raum vernehmen, »Sie haben nur zu recht mit Ihren Worten. Ja, dies ist ein verfluchter Ort! Denn dort hinter der kleinen Thür in der Ecke fand heut vor Vierunddreißig Jahren der Leibjäger Hubert seinen Herrn und meinen Gemahl hinterlistig und elend ermordet.« Es war wieder todtenstill umher: nur athmete dieser oder der tief auf, als wehre er sich gegen eine schwere, drückende Last, und sie sahen die alte Frau an mit starren, angstvollen Blicken, ob sie denn ihre Worte nicht zurücknähme, ob sie einen Scherz gemacht mit so furchtbarem Ernst. Denn es mußte niemand von diesem Ereigniß, und sie waren doch daheim im Schloß seit ihrer Jugend! »Es ist nicht recht von euch, daß ihr euch hier eingedrängt und meinen alten Dominik verführt habt, gegen meinen Befehl zu handeln,« begann Gräfin Charlotte mit derselben Stimme und in der gleichen starren Haltung von neuem, »allein es sollte nun einmal so sein und – es mußte auch einmal so sein. Dir, Hugo, konnte die That doch nicht lange mehr, verborgen bleiben, auch du, Gretchen, mußt doch wissen, was deine Großeltern betroffen, und dich, Gerhard, mein Kind, geht es mehr an als alle diese. – Es ist auch gut, daß ihr davon erfahrt. – Es haben niemals viele darum gewußt – und jetzt, wenn unser himmlischer Vater dort den Dominik und Hubert abruft, die beide allgemach zu ihren Jahren kamen, und mich, die ich schon lange müde bin und sage: Herr, komme zu deiner Magd! – dann wüßte niemand mehr von der schlimmen That, als dein Vater, Hugo, und meine edle, wackere Schwiegertochter, die erlauchte Frau und Gräfin Leopoldine.« Sie hatte das alles sehr langsam gesprochen und sehr deutlich, als ringe sie, sich auf solche Weise gewaltsam die Fassung wiederzugewinnen, die durch den Eintritt in diese Räume und Diana's Worte so heftig erschüttert worden war. Nun fuhr sie ruhiger fort. »Aber auch die sind alt,« sagte sie mit trübem Kopfschütteln, »und es ist mir nicht genug, daß die Akten bei dem Hofgericht in B. liegen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß die Sache einmal aufgeklärt wird, und ich hinterlasse sie daher meinen Nachkommen und Vettern als das theuerste Vermächtniß. Darum will ich es euch mittheilen, denn der Tag ist gekommen. Des Herrn Wege sind wunderbar! Führte er euch doch an dem Tage hier hinein, an dem die That voreinst geschehn, und erweckte er doch auch in mir den Gedanken, zum erstenmal seit dem Tode von Gretchens Mutter wieder hieher zu gehn. – Heut Abend will ich euch die Geschichte erzählen, kommt um sieben Uhr in mein Kabinet, alle, die ihr hier seid. – Aber alle, die ihr hier seid,« sprach sie die Stimme erhebend weiter und erhob auch den Kopf und ließ das Auge mit einem ernsten, fast strengen Blick über die jungen Leute gleiten, – »ihr gebt mir alle euer Wort, eure Ehre und eure Hand, daß bis zur Entdeckung des Thäters nie ein Wort von dem laut wird, was ihr hören werdet, und auch dann kein Wort mehr als nöthig ist. Denn das Geschick der Hirschegg-Königshofen soll nicht im Munde der Leute sein.« Sie streckte ihre Hand aus und nahm unbewegt den Handschlag von jedem der erschütterten Anwesenden entgegen. Dann zog sie einen Schlüssel aus dem Gürtel, reichte ihn Hugo und sagte: »jetzt schließt die Thür dort in der Ecke auf, tretet ein und seht alles genau an, damit ihr heut Abend Bescheid wißt. Es ist Wolfs Arbeitskabinet, wo der Mord geschah.« Man that nach ihrem Willen. Das Zimmer war klein und, da es nur ein Fenster hatte, nicht Heller als der Saal. Neben dem Fenster, in der Mitte der Vorderwand und ins Zimmer hinein stand ein großer Schreibtisch von dunklem Holz mit vielen Schubladen und Fächern, davor ein seitwärts gerückter einfacher Lehnstuhl. An der Rückwand, hinter dem Schreibtisch, so daß dazwischen nur ein schmaler Weg zu einer weitern, eisenbeschlagenen Thür führte, war ein hohes, leeres Repositorium, und an der Seitenwand endlich ein niedriges Feldbett. Weiter zeigte sich in dem Gemache nichts von Möbeln, und auch kein anderer Ausweg als die eisenbeschlagene Thür, welche in ein jetzt ganz leeres kleines Kassenzimmer führte. Da dasselbe in einem Anbau gelegen war, so waren ringsum nur die massiven Wände. Aus dem Fenster sah man hier wie in den übrigen Räumen, beinah dreißig Fuß tief in den Hof hinab. War einmal der Staub im Kabinet fortgewischt worden, oder hatte er sich dort überhaupt weniger angesammelt – er lag nur in dünner Decke, und auf der mit Leder bezogenen Platte des Schreibtisches und auf dem Fußboden vor demselben erkannte man deutlich ein paar große Blutflecke. – An der obern Gallerie des Schreibtisches endlich lehnte ein kleines, sehr gut gemaltes Oelbild in schmucklos schwarzem Rahmen, das sich wunderbar frisch erhalten hatte. Es zeigte einen Mann in gewöhnlichem, einfachem und dunklem Jagdanzuge mit Flinte und Jagdtasche; auf dem schlichten braunen Haar trug er eine Kappe von Pelzwerk. Das Gesicht war von dunkler Färbung, aber schön und bedeutend, und die Augen blickten selbst hier im Bilde so kraftvoll und kühn, wie der Mann im Leben gewesen sein mochte. »Das ist dein Vater, Gerhard,« sagte die alte Gräfin, die den Andern gefolgt war, mit ernster Stimme. »Er war der beste Freund meines seligen Herrn.« Drittes Kapitel. Das letzte Blatt der Chronik »Es ist ein trübes und ernstes Kapitel unserer Hausgeschichte, das ich euch zu erzählen habe, meine Kinder,« begann die Gräfin Charlotte am Abend vor dem versammelten, fast andächtig gestimmten Kreise der jungen Leute ihre Mittheilung. »Von dem Tage an, wo Graf Wolf Josef II., der Erbauer des nach ihm benannten Schloßtheils, durch persönliche Freundschaft mit dem Churfürsten Max Emanuel von Baiern sich verleiten ließ, im spanischen Erbfolgekriege die Partei des Churfürsten und des Reichsfeindes, der Franzosen, zu ergreifen, war es mit dem frühem Glück und der frühern Blüthe unseres alten Hauses zu Ende. In der Schlacht bei Höchstädt fielen drei seiner Söhne in den Reihen der Franzosen, und ein vierter starb an den Wunden, die er in einem Gefecht des Jahres 1705 davontrug, so daß von dem großen Familienkreise nur der älteste Sohn, Wolf Eberhard, übrig blieb. Aber es war damit nicht genug. Im gerechten Zorn über solchen Verrath seines Vaterlandes, wandte sich der Bruder des Grafen Josef, Graf Augustin, ganz von ihm ab, heirathete gegen seine frühere Absicht, und stiftete mit seinem bedeutenden, bisher von ihm dem Hauptstamm bestimmten Vermögen für seine Kinder eine neue Linie – die der Grafen von Hirschegg. Das ist dein Ahnherr, Hugo. Und dazu kam endlich, daß neben dem Verlust dieses Vermögens auch das eigene immer mehr belastet wurde. Bauten und Ausschweifungen hatten es verringert, der Krieg und bedeutende Contributionen, die den Besitzungen als Strafe für den Verrath des Herrn aufgelegt wurden, brachten es dem Ruin nahe. Ja, Graf Josef hatte es einzig der Verwandtschaft zu danken, in der er mütterlicherseits mit der Kaiserin Eleonore stand, daß er mit diesen Opfern davonkam. »Von der Zeit an, könnte man sagen, krankte das alte Geschlecht. Das Vermögen wollte sich noch lange nicht wieder von diesen schweren Schlägen erholen, wozu freilich die unsinnige Baulust der beiden folgenden Grafen – Wolf Eberhard und Wolf Leo – sowie der unter dem letztern hereinbrechende siebenjährige Krieg ihr Theil beitrugen. Aber auch mit der Familie selbst sah es traurig aus. Der Besitz stand von Generation zu Generation entweder nur auf den zwei Augen des direkten Nachfolgers, oder wenn noch mehr Söhne da waren, litten sie an allerlei körperlichen oder geistigen Gebrechen. »So war auch mein späterer Gemahl, Reichsgraf Wolf Christoph, der einzige Sohn seiner Eltern, und in seiner eigenen Ehe mit der Gräfin Leonore schien es nicht anders gehn zu sollen. Die Kinder, welche auf den ersten Sohn folgten, starben alle fast unmittelbar nach der Geburt; und als nach fünf oder sechs Jahren wieder ein Kind kam und am Leben blieb, war es eine Tochter, die Blanka genannt wurde. Dann starben wieder ein paar, und zum Schluß dieses reichen Segens ward im Jahre 1789 Leo geboren, mein unglücklicher Stiefsohn, der jetzt – regierende Graf. Es war ein kräftiges, gesundes Kind, und die Freude der Eltern daher groß. Aber schon nach dem Verlauf des ersten Jahrs stellte sich eine leise Betrübniß ein und steigerte sich von da immer mehr, bis sie alle Freude verdrängte. Wie auch der Körper des Kindes gedieh – es wollte liegen und nur liegen. Mühsam lernte es erst im vierten oder fünften Jahr einige Schritte gehn – und was ja das Schlimmste war, sein Geist war und blieb schwach. Ihr mögt euch selbst denken, wie das alles den armen Eltern das Herz zerdrückte. »Indessen war es für beide eine große Beruhigung, daß sie in dem ältesten Sohne Wolf einen so gesunden, kräftigen und vortrefflichen Jüngling heranblühen sahen, und als er sich in seinem einundzwanzigsten Jahre verlobte, schien ihnen ihr Stamm diesmal noch gerettet zu sein. »Da kam ein großes Unglück über Königshofen. Um Weihnachten 1795 erkrankte und starb Gräfin Leonore in wenig Tagen, und als Graf Wolf Christoph etwa drei Wochen später mit seinem Sohne, der in den nächsten Tagen seine Hochzeit feiern sollte, und deinem Vater, Gerhard, der Zerstreuung wegen auf der Jagd war, ging beim Uebersteigen über einen Schlagbaum des jungen Grafen Gewehr los und der Schuß verwundete den unglücklichen Jüngling so schwer über der linken Hüfte, daß er nach qualvollen Leiden kaum achtundvierzig Stunden später starb. Der Vater brach schier zusammen in seinem Schmerz. Wochen und Monde verflossen, ohne daß er seine Zimmer verließ, und dann verging Jahr und Tag, bevor er wieder mit diesem oder jenem Bekannten verkehrte. Sein einziger Gesellschafter in dieser ganzen Zeit, und der einzige Mensch, dem er hin und wider eine Tröstung, ein vernünftiges Zureden, ja sogar einen Tadel gestattete, wenn sich sein Gram und Schmerz zuweilen fast bis zu unsinniger Raserei und Lästerung steigerte, war wieder Rolof Wolthusen. Denn so hieß Gerhard's Vater, von dem ich später noch manches Weitere zu sagen haben werde. Neben ihm durfte lange Zeit nur noch der Leibjäger Hubert um seinen kranken Herrn sein. Der ist der Sohn des alten Leibjägers und im Schlosse geboren und erzogen. »So verging, wie gesagt, Jahr und Tag, bis der Graf eigentlich wieder zum Leben erwachte und über die Zukunft seines Stammes und seiner Familie nachzudenken begann. Da mußte er denn freilich bald erkennen, daß es damit übel bestellt sei; daß seiner Tochter grade in dem Alter, wo sie's am meisten bedurfte, das Auge und Herz einer Mutter fehlen werde, – jetzt war sie im Kloster, – und daß Leo, wenn er überhaupt zum männlichen Alter gelange, niemals im Stande sein würde, die Pflichten zu erfüllen, die ihm seine Stellung und sein Besitz auferlegten. Jedoch fing der Geist des Knaben grade damals an sich ein wenig mehr zu entwickeln, auch ward sein Körper zusehens kräftiger, und dies vermochte den Grafen einstweilen noch zum hartnäckigen Widerstand gegen die Anmuthung seiner Freunde, – daß er sich wieder verheirathen solle. Der Gedanke war ihm überaus peinlich und er konnte sich nicht an ihn gewöhnen; auch da noch nicht, als Leo's Zustand sich wieder verschlimmerte, und die Aussichten auf allmälige Besserung fast ganz schwanden. Und doch verlangte auch der Zustand der Grafschaft dringend eine kräftige, wenigstens eine helfende Hand. Denn trotz des großen Vermögens, welches Mutter und Großmutter des Grafen zugebracht, und trotz des schuldenfreien Besitzthums seiner verstorbenen Frau, welches nach den Ehepacten zur Grafschaft geschlagen wurde und nicht an die Tochter kam, – waren die Finanzen in unheilbarer Verwirrung; und wie der Graf selbst sparte und ordnete und neue Einnahmequellen zu eröffnen suchte, wollte es ihm doch nicht gelingen, sie nachhaltig zu verbessern. Die damals wild einhertobenden Kriege mit der französischen Republik verwirrten das alles noch mehr. »Im Jahre 1799 entschloß sich der Graf auf den Rath des Arztes Leo's wegen nach Pyrmont zu gehen. Ob es für den armen Knaben angemessen war, weiß ich nicht; es war damals eben ein Modebad, nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Aerzte. Als er jenseits Königshofen in die Waldberge fuhr, begegnete ihm Rolof Wolthusen, um von dem Freunde Abschied zu nehmen, und sagte; »nun, Graf Christoph, bringt der Grafschaft einen gesunden Erbherrn und Euch selbst eine brave junge Frau mit. Glaubt mir, das Letztere muß doch einmal sein!« – »Wollen sehn, alter Schatz,« versetzte der Graf lachend. »Du denkst wie du schießest – immer fix! – Doch Gott befohlen.« Und damit schieden sie. Aber der Graf konnte des Freundes Wort: »das muß doch einmal sein!« nicht mehr aus dem Kopfe bringen. »Um dieselbe Zeit war auch ich mit meinen Eltern nach Pyrmont gekommen, mein Vater litt an unheilbarer, gar sehr betrübender Schwäche. Ich muß wieder hinzusetzen: ob das Bad für ihn paßte, weiß ich nicht, ja möchte es fast bezweifeln. Wie dem aber auch sei – auf diese Weise trafen wir mit dem Grafen zusammen, der vordem meinen Vater gekannt hatte, uns alsbald aufsuchte und uns unser trauriges, angstvolles Leben so viel wie möglich zu erleichtern und erheitern suchte. Denn meine Kinder,« setzte die alte Dame mit leisem Kopfschütteln hinzu, »wir waren sehr arm; so arm, daß wir nur mit Noth und Mühe das Geld zur Badereise auftreiben und die Mitnahme eines Dieners nur dadurch möglich machen konnten, daß wir uns selbst die herbsten Entbehrungen auferlegten. Und dennoch bedurfte mein Vater männlicher Hülfe, zu der unser alter Ignaz wenig fähig war. Da half uns denn der Graf, der neben uns wohnte, mit seinem Hubert aus der Noth. »Daß ich es kurz mache, meine Kinder – mein Vater starb; und an dem Tage, wo wir traurig in unsere alte Kutsche steigen und nach Berndingen zurückkehren wollten, warb der Graf mit offenen, herzlichen und ehrlichen Worten bei meiner Mutter um meine Hand. Er habe gesehn, sagte er zur Mutter, daß ich ein starkes und geduldiges Herz, einen treuen, theilnehmenden Sinn habe. Das brauche er, das brauche sein Kind. Er habe mich herzlich liebgewonnen, und wenn ich ja sage, könne er mir – nicht ein leichtes, aber ein ehrenvolles und gesichertes Leben und alle Liebe, Treue und Achtung verheißen, wie sie ein Mann in seinen Jahren nur zu bieten vermöge. – Die Mutter rief mich herein und theilte mir die Sache in seiner Gegenwart mit. Ich war wie vom Donner gerührt; ich rang in bitterer Angst; ich wollte nicht nein, ich konnte nicht ja sagen. Denn ich dummes Mädchen glaubte schon einen Andern im Herzen zu tragen, und sah doch nur zu wohl ein, daß diese Liebe nie zu einem guten Ende führen konnte; es war ein blutarmer Cavalier, ein Nachbarskind, aber ohne einen andern Besitz, ohne andere Aussichten als seinen Degen. Das wußte ich alles! »Ich bat mir Bedenkzeit aus und wir reisten ab. Meine Mutter redete nicht zu, nicht ab; sie sprach kein Wort über die Sache, sie verrieth durch keine Miene, durch keine noch so leise Andeutung ihre Wünsche. Ich hatte allein mit meinem Herzen fertig zu werden, und ich ward's; das Wie braucht niemand zu wissen. Genug, am Tage unserer Ankunft in Berndingen schrieb ich dem Grafen das Jawort und –« die Gräfin machte eine Pause. Sie legte die Hand auf den Tisch und sah mit einem gedankenvollen Lächeln ins Licht der Lampe. Dann, nach einigen Sekunden, wandte sie die Augen mit vollem Aufschlag und einem freundlichen Blick zu den jungen Leuten zurück und sagte: »und ich habe es nie zu bereuen gehabt, Graf Christoph ward mir ein Gemahl, wie ich ihn nicht treuer, ehrenfester und liebevoller hätte wünschen können, und ich danke ihm noch heut für jeden Tag, den er mich an seiner Seite durchleben ließ. – »Unsere Vermählung fand nach wenigen Wochen statt, und am 2. October des Jahres 1799 betrat mein Fuß zum erstem mal diese Räume, wo ich seitdem in viel Leid und Freud' gelebt und meine rechte, liebe Heimat gefunden habe. »Am zweiten Tage nach unserm Einzuge sagte mir der Graf morgens vor dem Frühstück lächelnd: »erschrick nicht, Charlott' – er sprach meinen Namen stets mit dieser Betonung aus – über die Bekanntschaft, die dir bevorsteht. Wenn du mich lieb hast, nimmst du den Mann auch jetzt schon, bevor du ihn recht kennst, freundlich auf. Später wird's damit keine Noth haben, denn es ist das treuste und bravste Herz im Lande, und wer weiß, ob du ohne ihn meine Frau geworden.« – Und allerdings, als wir dann in das Frühstückszimmer traten, erschrak ich doch ein wenig. Denn der Mann, der dort stand und sich mit uns nachher zu Tisch setzte, war in rauher, gar schmuckloser Jägertracht, die dunklen Haare umgaben nichts weniger als zierlich sein Haupt, sein Gesicht hatte eine tiefgebräunte Farbe, und sein Blick kam aus den braunen Augen so adlerartig, kühn und scharf hervor, daß es mich leise überrieselte. Seine Mütze und Tasche hingen an einer Stuhllehne und die Flinte stand daneben. »Mein Gemahl reichte ihm die Hand zum festen Druck. »Grüß dich Gott, Rolof,« sprach er herzlich: »nun, du wilder Gesell, da ist denn meine Frau, die ich mir nach deinem Befehl erwählt.« – Und der Mann streckte auch mir die Hand entgegen, die so braun und hart aussah, daß ich ganz zaghaft ward, aber doch tapfer die meine hineinlegte, und dann sagte er, offen und ungenirt: »grüß Gott, Erlaucht, und willkommen in Königshofen! Ihr bekommt einen braven Mann; es läßt sich gut mit ihm leben.« Ich kann nicht grade sagen, daß mich diese Worte übermäßig erbauten; allein was half's? Sie waren nun einmal geredet und ganz so, wie der Mann selbst. Und es währte auch gar nicht lange, da hatte ich mich an ihn und seine Weise gewöhnt. Ich war von Natur eigentlich niemals recht schreckhaft oder empfindsam, und habe mir aus zarten Redensarten mein Lebenlang nichts gemacht. »Aber ich muß euch nun wohl ein Wort über den Rolof Wolthusen sagen, so viel wie für meinen Bericht nöthig ist und ich selbst von ihm weiß. Woher er eigentlich gekommen und weßhalb er sich hier niedergelassen, habe ich nicht erfahren. Er schien jedoch ein Norddeutscher, an der See zu Hause und mochte etwa von der preußischen Armee, die 1787 gegen die holländischen Patrioten zog, desertirt oder entlassen, vielleicht auch aus dem nordamerikanischen Freiheitskriege zurückgekehrt sein. Genug, um jene Zeit war er drunten in Königshofen erschienen, hatte das Bürgerrecht erworben und ein kleines Haus in Miethe genommen. Beides war nicht schwierig. Der Ort hatte für eine bedeutende Summe, die er dem damals grade sehr bedrängten Grafen Josef bezahlte, sich von unserer Herrschaft eigentlich fast ganz frei gekauft, war dann aber im siebenjährigen Kriege entvölkert und verarmt und gewährte jedermann, der bezahlen konnte, bereitwillig Aufnahme und Wohnung; denn es standen Häuser genug leer. »Um die Zeit, zu der Rolof in der Gegend erschien, nahmen die Wildfrevel in den gräflichen Forsten in einer Weise überhand, wie man es nie früher gekannt. Es war an und für sich kein Unglück, denn der Wildstand überschritt grade damals alles Maß, aber es war einmal ein Frevel, der nicht ungeahndet bleiben konnte, und daher waren alle Forstbeamte auf's eifrigste bemüht, den Thätern auf die Spur zu kommen. Indessen blieb alle Mühe umsonst, niemand traf die oder den Schützen, wie oft man auch an einen Ort kam, den er augenscheinlich erst vor wenig Minuten verlassen. Und wenn sich auch die meisten Stimmen für einen Schützen entschieden – gesehen hatte ihn kein Mensch; und als sich ein unbestimmtes Gerücht verbreitete, daß Rolof der Mann sei, so führte das gleichfalls zu nichts, da man ihm nichts zu beweisen vermochte, und der eifersüchtige Vorstand des Oertchens grundsätzlich und überall seinen alten Grafen entgegentrat, wo er auch nur im entferntesten fürchten konnte, daß sie auf ihre frühern Rechte zurückkommen und in die Angelegenheiten der Stadt und Bürger eingreifen möchten. Auch jetzt ward jede Untersuchung gegen den neuen Mitbürger beharrlich abgelehnt, die Sache blieb unaufgeklärt, und es konnte daher nicht ausbleiben, daß der Wildschütz im Aberglauben der Förster und Jäger, der Dienerschaft und des Landvolks zu einem spukhaften Popanz wurde, von dem man sich Abends am Herde schreckliche Geschichten erzählte, und den man fürchtete wie das höllische Feuer, obgleich er noch keinem Manschen etwas zu Leide gethan. »Da war eines Tags der Graf selbst drüben in den Forsten an der Tannenburg, hatte sich, ich weiß nicht wobei, verspätet und wollte, da es bereits dämmerte, auf dem kürzesten Wege zurückkehren, als er einen Schuß fallen hörte und demselben halb ärgerlich, halb neugierig nachging. So gelangte er zum Königsring, und unter der Königseiche fand er den Rolof bei dem eben erlegten Hirsch. Was dort zwischen den Männern vorgefallen, weiß ich nicht. »Da hab' ich ihn gewonnen,« pflegte mein Gemahl wohl zu sagen, wenn er einmal auf diese Begegnung zu sprechen kam. Und als ich später einmal Rolof selbst darnach fragte, da schüttelte er lachend den Kopf und meinte: »je nun, Erlaucht, da hat mich der Graf gebändigt; weiter läßt sich nichts davon sagen.« »Genug, von dem Augenblick an wurden sie gute Freunde, Rolof schoß, wenn er mochte, offen und unbelästigt ein Stück Wild in den Forsten, begleitete den Grafen auf seinen Jagden, besuchte ihn auch zuweilen im Schloß auf seinem Zimmer, würdigte aber, mit Ausnahme von Hubert, keinen Menschen weiter eines Blicks oder Worts. Wie treu er dann im Unglück bei dem Grafen aushielt, habe ich euch schon erzählt. Ihr Verhältniß ward dadurch immer vertrauter und freundschaftlicher, und bald nachher vermochte endlich der Graf den nun schon vieljährigen Genossen die Stadt zu verlassen und das »Heidehaus« zu beziehen, wo der Waldwärter grade gestorben war. Das heißt, meine Kinder, Rolof bezog die Wohnung, nahm aber keinen Gehalt, wie er denn auch nicht anders als von freien Stücken irgend einen Dienst leistete, und machte es zur ausdrücklichen, schriftlich aufgesetzten Bedingung, daß er Herr seines Willens bleibe und thun und lassen, gehn oder bleiben könne, was und wie er's wolle. Von da an verkehrten sie mehr als je mit einander. »So standen die Sachen, als ich ihn kennen und bald auch schätzen lernte. Dein Vater, Gerhard, war ein seltsamer, rauher und oft wilder Gesell, aber ein Herz so treu, so fest wie Stahl, unverzagt in aller Noth, offen und unverstellt in Freundschaft und Feindschaft. Und als ich mich an die herbe Außenseite gewöhnt hatte, fand ich mich leicht in den ganzen Menschen und seinen Verkehr hinein. Denn von jenem ersten Tage an kam er hin und wider einmal ins Schloß, wenn er wußte, daß wir allein waren, und verweilte ein paar Stunden; und als mir unser Herrgott nach einem Jahr meinen Knaben, und nach einem zweiten meine Lucie schenkte, kam er noch häufiger, spielte und lachte mit den Kleinen und hütete sie mit einer Zärtlichkeit, die ich bei dem rauhen Mann nie für möglich gehalten. Meine Stieftochter Blanka dagegen konnte er nicht leiden und ging ihr finster oder kalt aus dein Weg, wie er grade gelaunt war. »Diese Abneigung, die beiläufig gesagt, gegenseitig war, kann ich ihm indessen kaum verdenken, denn meine Stieftochter war kein Wesen, welches das Vertrauen, geschweige denn die Zuneigung eines solchen Menschen sich erwerben konnte. Sie vermochte das nicht einmal bei uns, ihrem Vater und Bruder und mir, die wir ihr doch so nahe standen, und machte diesen – ich muß sagen: abwehrenden Eindruck auf jedermann, der sich ihr näherte. Du kannst einmal deinen Vater darum befragen, Hugo,« setzte die Erzählerin zu dem jungen Manne gewendet hinzu. »Er kam damals mit seinem Bruder Eugen, meinem spätern Schwiegersohn, viel in unser Haus. »Ich will es kurz machen, meine Kinder. Blanka hatte von jeher einen Zug gehabt, der dem Vater stets mißfiel – sie war hochmüthig , und als sie bald nach der Geburt meines ersten Kindes aus dem Kloster zurückkam, war sie's in noch erhöhtem Maße, und dazu so kalt und so unnahbar, daß sie von vornherein jedermann zurückstieß. Ich selbst bin ihr nach den ersten paar Begegnungen nie mehr nahe gekommen; die Idee für eine Stief mutter zu gelten oder gar es zu werden, war mir zu widerwärtig. Und da wir auch unserm Alter nach für ein solches Verhältniß ziemlich wunderlich zu einander standen – ich war kaum fünf Jahre älter – so meinte ich, das Wunderliche sei hier das Natürliche, bat meinen Gemahl, Blanka so selbständig und unabhängig wie möglich zu stellen, lehnte ein für allemal eine Einmischung in ihre Angelegenheiten von mir ab und sagte selber zu ihr: »mein liebes Kind, daß wir nicht für einander passen, sehn wir beide, daher bleiben wir am besten für uns und gehn jede den eigenen Weg. Indessen können Sie darauf rechnen, daß Sie stets, wo Sie mit mir zu reden, zu verhandeln haben, an mir die redlichste Freundin finden werden.« Dabei standen wir uns beide denn auch ganz gut, und ich glaube, daß sie zu mir so viel Zuneigung fühlte, wie ihr kaltes Herz derselben überhaupt fähig war. »Uebrigens blieb sie nicht lange bei uns. Ein Emigré, Marquis de Montarliers, kam zuweilen von B. herüber hieher zum Besuch, ein schöner junger Mann, dessen Vater, mit meinem Gemahl vor Zeiten genau bekannt gewesen. Im Jahre 1801 erhielt er die Erlaubnis nach Frankreich zurückzukehren, und hielt dann um Blanka's Hand an, die ihm, da sie selbst einwilligte und seine Verhältnisse durchaus geordnet und seine Aussichten auf Rückerstattung der Familiengüter sehr günstig sein sollten, auch nicht versagt wurde. Die Hochzeit folgte bald und beide reisten ab – leider nach einer betrübenden Scene mit meinem Gemahl. Das Genauere darüber mochte ich nie erfahren, wie ich auch nicht dabei zugegen war. Nur so viel weiß ich, daß der Marquis, der genau wußte, was Blanka an Vermögen zu erwarten und zu beanspruchen hatte, plötzlich, als der Graf ihm in der Scheidestunde die Anweisungen und andere Papiere überantwortete, mit den seltsamsten und übertriebensten Forderungen hervortrat und darin von seiner jungen Gattin unterstützt wurde. Es kam zu ernsten, harten, bösen Worten, und nachdem sie so traurig sich getrennt, zu einer Correspondenz, die so widerwärtig war, daß der Graf die ganze Angelegenheit alsbald seinem Geschäftsführer übergab und die Tochter immer mehr aus dem Herzen verlor. Es war daher fast ein Glück zu nennen, daß der Marquis mit seiner Gattin schon im Jahre 1802 nach den westindischen Inseln ging, wo er Besitzungen hatte. Seitdem haben wir aber nichts mehr von ihnen erfahren und unsere Erkundigungen nach des Vaters Tode haben nicht den geringsten Erfolg gehabt. Sie sind verschwunden, und niemand hörte seit ihrer Abreise nach Frankreich von ihnen ein Wort. »Von den folgenden Jahren weiß ich wenig zu sagen, wie inhaltschwer sie damals auch für uns sein mochten. Seit dem Frieden von Lüneville schon drohte uns wie den meisten unserer Standesgenossen die Mediatisirung, und da mein Gemahl einsah, daß er sich doch nicht halten könnte, wie denn ja auch in solcher Zeit, wo die größten Reiche nur mühsam sich behaupteten, die Existenz der kleinen Herrschaften eine Unmöglichkeit, ja ein Unsinn geworden war, so kam er dem drohenden Verhängniß zuvor und schloß sich freiwillig an das Reich an, dem wir jetzt noch angehören. Er konnte es unter den günstigsten Bedingungen thun, und die guten Folgen spürten wir schon 1805, wo der neubeginnende Kriegssturm, der uns allein vernichtet hätte, uns nun nicht härter traf als den ganzen Staat. In jenen Zeiten der ewigen Unsicherheit und Unruhe, der steten Truppenzüge und Einquartierungen, zeigte sich Rolof's treue Freundschaft, seine Gewandtheit und Unverzagtheit, seine eiserne Entschlossenheit und sein kaltes Blut aufs neue und so glänzend wie nie vorher. Aus hunderterlei Bedrängnissen half er uns treulich heraus, in hunderterlei Gefahren stand er uns ebenso treu zur Seite, niemals dachte er an sich, obgleich er grade damals, ich meine im Sommer 1805, deine Mutter geheirathet hatte, Gerhard, – ein – Waisenkind drüben aus Rodingen, das wildeste und hübscheste junge Mädchen, das ich gekannt. »Ja, es waren trotz all der Unruhe und Gefahr, trotz des eigenen Leids, das uns traf – mein Knabe starb, und Leo's Zustand besserte sich wenig oder gar nicht – doch schöne, reiche, Jahre. Sie führten uns Menschen recht sichtbar und fühlbar darauf hin, daß wir in und durch einander, nur im engen Aneinanderschließen, im treusten und innigsten Zusammenleben unser wahres, volles Glück finden und uns sichern können. Wie kurze Zeit es äußerlich dann auch währen mochte – es war in der Gegenwart so voll, so wahr und ächt gewesen, daß es im Herzen der Ueberlebenden seine festen Wurzeln schlagen konnte und über Tod und Zeit hinaus für alle Zukunft sich unverändert und segensvoll empfinden ließ. »Im Jahre 1806, als die Truppenzüge, welche zur Schlacht von Jena eilten, eben vorüber waren und wir vor wenigen Tagen die erste Kunde von der Schlacht selbst erhalten hatten, empfing ich die Nachricht, daß meine Mutter in Berndingen, dessen Besitz uns durch meines Gatten freigebige Hülfe bis an ihr Ende gesichert worden war, auf den Tod liege und mich zu sehn wünsche. War es nur der allgemeine Druck, den damals in der schweren Zeit jedermann fühlte, oder war es eine Vorahnung des Kommenden, die uns Beiden das Herz beim Scheiden so schwer und bang machte – ich war noch nie mit solchem Gefühl zu meinen häufigen kleinen Reisen aufgebrochen, und auch mein Gemahl schien von ähnlichen Empfindungen beherrscht. »Der Courier war gegen Mitternacht eingetroffen, und bevor ich am Morgen gegen acht Uhr in den Wagen stieg, zog mich der Graf noch zu einem kleinen Gange in den Park; und nachdem er allerlei Naheliegendes besprochen, wiederholt seine Betrübniß ausgedrückt, daß er mich nicht begleiten könne, mich nochmals zur Vorsicht auf meinem, von der Heerstraße durchkreuzten Wege und zur Schonung meiner Gesundheit ermahnt hatte, sagte er mit der wunderbaren, milden Freundlichkeit, die dem starken, ernsten und strengen Mann so ganz eigentümlich war und ihm jedes Herz gewann: »Charlott', ich habe dir noch nicht gesagt, daß ich vor einigen Wochen mein Testament gemacht und im Hofgericht zu B. niedergelegt habe. Ich habe für dich gethan, so viel ich vermochte, mein theures Kind. Du wirst dereinst finden, wie dein Mann dich geliebt und dir vertraut hat. Ich habe dir auch während Leo's Unmündigkeit nur den Wolfgang Hirschegg zur Seite gestellt, den wir beide als einen wackern und klugen jungen Mann kennen.« – »Aber Christoph,« versetzte ich und seine Worte hatten mich so erschüttert, daß ich kaum sprechen konnte, – »wie kommst du darauf? Du bist ja, allen Heiligen sei tausend Dank! gesund und rüstig und –.« – Er drückte meinen Arm an sich und unterbrach mich lächelnd mit den Worten: »ja, ja, Charlott', das ist alles richtig, und die Sache sollte dir eigentlich auch verschwiegen bleiben, um dir keinen Kummer zu machen. Aber in solcher Zeit ist es besser, man hält sich auf alles gefaßt. Auch muß ich gestehn, daß mir die großen Geldsummen im Hause unbehaglich sind. Das mag mich wohl verstimmen und auf dumme Gedanken bringen. Im Uebrigen, mein Kind,« setzte er hinzu, »wenn mir jetzt oder später etwas Menschliches passirt – so weißt du, daß theils Vetter Wolfgang, theils Rolof von allem Kunde hat. Und nun laß uns zurück, es ist Zeit.« »So gingen wir, und als ich im Wagen saß und die Thür schon geschlossen war, beugte er den Kopf nochmals ins Fenster, ließ sich Lucie zum Kuß reichen und sagte: »wenn du zurückkommst, Charlott', hole ich dich entweder selbst von D. ab oder schicke dir Rolof entgegen. Gott behüte euch!« Das waren die letzten Worte, die ich aus dem theuren Munde vernahm. – »Von nun an,« sagte die Gräfin nach einem kurzen, ernsten Schweigen, »muß ich euch das Folgende nach den Berichten Anderer erzählen. Es wird freilich darum nicht minder treu sein. »Die beiden letzten Vorfahren meines Gemahls und auch er selbst hatten, obgleich ihre Besitzungen sich bedeutend vergrößert, ja durch Heirathen und Erbfälle der Umfang der Grafschaft fast um das Doppelte vermehrt war, dennoch ihre Residenz und alle Beamten hier in Königshofen behalten, wodurch natürlich die Verwaltung erschwert und die Geschäfte verdreifacht wurden. Ich sehe das selbst erst recht ein, seit Graf Leo und die Hauptverwaltung an der richtigen Stelle und im Mittelpunkt der Grafschaft, in Willsburg sind. Genug, damals war hier noch alles vereint, und durch die vielen Kriegszüge, durch die Mediatisirung und hunderterlei dadurch herbeigeführte Aenderungen, Ansprüche, Inconvenienzen aller Art, sowie noch durch mancherlei Zufälle hatte sich grade damals eine Unsumme von Geschäften zusammengefunden, bei welchen allen die Abwickelung und endliche Ordnung höchst nöthig und erwünscht schien. Mein Gemahl hatte schon in den letzten Wochen sehr viel in seiner Privatkanzlei, wie er's nannte, gearbeitet, und sich vorgenommen, in meiner Abwesenheit alles so viel wie möglich ins Reine zu bringen. Es kam dazu, daß er für einen jungen Herrn von Hentsch die Vormundschaft geführt hatte und bei der demnächst eintretenden Mündigkeit desselben eine bedeutende Summe auszahlen mußte. Daher hatte er, zumal auch eigene Kapitalien eingelaufen waren, beinah für 150,000 Gulden baares Geld und Papiere im Kassenzimmer. »Die Rentmeisterei und die eigentlichen Kanzlei- und Bureauzimmer waren damals gleichfalls im Lindenhof, aber dem Privatbureau des Herrn gegenüber im Josefsbau. Doch waren sie durch Klingelzüge unter einander und mit dem Kabinet des Grafen verbunden. »Weil die Arbeit drängte und am Tage durch mannigfache Störungen unterbrochen und verzögert wurde, arbeitete mein Gemahl jetzt häufig Abends spät und auch wieder am Morgen, wo die Dienerschaft Befehl hatte, wenn irgend möglich, jeden Besuch und jede andere Störung abzuhalten oder doch auf den Nachmittag zu verweisen. Unter diesen Umständen schlief er, wie auch sonst bei ähnlichen Veranlassungen meistens, in seinem Arbeitskabinet, machte Morgens selbst Feuer im eisernen Ofen, bereitete sich auch selber seinen Kaffee und erschien oft erst gegen Mittag in der Kanzlei oder, während meiner Anwesenheit, bei mir und den Kindern, um noch ein halbes Stündchen zu plaudern, bevor er sich zur Tafel ankleidete. – Seit ich mit ihm verheirathet war, hatte ich es durchgesetzt, daß bei solchen Gelegenheiten der Leibjäger Hubert im Vorzimmer seines Herrn schlief; denn der Lindenhof war, wenn auch auf der andern Seite nicht ohne Bewohner, doch sehr abgelegen und einsam, die Zeit unruhig, das Land voll Gesindel; und die zwei Wachen, welche Nachts den Dienst hatten, konnten bei der unmäßigen Ausdehnung des Schlosses wenig nützen, da sie nicht eine Seite, geschweige denn das Ganze zu übersehn vermochten. »Jetzt ergriff Hubert daher auch auf seinen eigenen Kopf und weil, wie er behauptete, ihm gleichfalls unbehaglich zu Muth war, weitere Vorsichtsmaßregeln. Er schloß bei Dunkelwerden eigenhändig alle Thüren, durch welche man zur Privatkanzlei gelangen konnte, und ließ nur die eine drunten im Lindenhof, welche bei eiligen Gängen und Geschäften von den Beamten drüben in der großen Kanzlei benützt wurde, so lange offen, bis die Tagesarbeit beendet und der Graf sich für die Nacht in sein Kabinet zurückzog. Dazu ließ er Nachts noch im kleinen Wartezimmer am Fuß der Kanzleitreppe einen Jäger mit einem tüchtigen, wachsamen Hunde die Wache beziehen, welcher Befehl hatte, hin und wider durch das Gebäude und den angrenzenden Hof die Runde zu machen. Und da er selbst, wie gesagt, im Vorzimmer schlief, und die ganze Zimmerreihe, wie ihr heut Morgen selbst gesehn, keinen andern Zugang hat als den durch das Vorgemach, vorüber an Huberts Bett, so schien nach menschlichen Begriffen ein Unglück, ein Einbruch unmöglich, und der Graf sowohl wie seine Diener waren ruhig. »So verging die Zeit, der October lief aus, der November begann mit kaltem, unfreundlichem Nebel- und Regenwetter. Da meine Mutter schon am Tage meiner Ankunft, am 25. October, gestorben war, wollte ich gleich nach dem Begräbniß nach Königshofen zurück, denn mir war das Herz schwer und ich sehnte mich nach meinem Gemahl, nach meinem Hause – es war in Berndingen sterbenseinsam und traurig. Ihr könnt daher denken, daß mir ordentlich leicht ward, als mir der Courier des Grafen die Nachricht brachte, es stehe hier alles gut; ich möge am dritten November abreisen, daß ich am fünften, einem Montage, hier eintreffen könne; nach D. wolle er mir Rolof entgegenschicken. »Den Brief hatte er am Donnerstag in der Frühe geschrieben und abgeschickt. Als er im Lehnhof – es war Morgens sechs Uhr und noch ziemlich finster – dem Reitenden selbst den Brief und die letzten Instructionen gegeben, trabte ein anderer Reiter in den Hof, stieg ab und gab dem Grafen einen Brief. »Von Waldseck, Euer Erlaucht,« sagte er dabei; »es habe Eile, brauche aber keiner Antwort.« – »Schon gut,« versetzte mein Gemahl, »warte Er nur, bis ich gelesen; es könnte doch nöthig sein zu antworten.« Und damit ging er die Kanzleitreppe hinauf in sein Kabinet, um den Brief zu lesen. »Das konnte aber kaum geschehen sein, als Hubert durch ein heftiges Klingeln hereingerufen wurde und die Weisung empfing, augenblicklich den Boten heraufzuholen. »Was das für Menschen sind!« sprach mein Gemahl dabei ärgerlich: »schicken mir den seltsamsten Brief und denken, es sei damit gut!« – Hubert eilte jedoch umsonst, der Reiter war schon wieder fort, weil er, wie er zu einem Diener gesagt, noch viele Aufträge und die Weisung habe, so schnell wie möglich zurückzukehren. Diese Nachricht verstimmte den Grafen sichtbar noch mehr. »Werde 'mal mit dem Lienhardt – so hieß der Verwalter – reden! Werden die Menschen denn alle toll?« sagte er vor sich hin. Dann aber setzte er sich ruhig zur Arbeit, und es dachte bald niemand mehr an den ganzen Vorgang, bis nach einigen Tagen das Unglück geschah und alle Umstände erwogen wurden. Da freilich fiel ihnen denn ein, daß sie seltsamer Weise den Boten ja auch gar nicht gekannt hatten, obgleich der Verkehr zwischen dort und hier ein sehr häufiger war und niemand hier oder drüben lebte, den nicht alle Angehörigen wenigstens hie und da einmal gesehen hatten. »Am Nachmittag ließ der Graf sich ein Pferd satteln und ritt nach Waldseck hinüber, wie immer nur in Begleitung eines Reitknechts. Auch daß beide, Herr und Diener, Pistolen in den Holstern hatten, war schon seit Jahr und Tag gewöhnlich. Als er Abends zurückkam und Hubert, der halb und halb auch das Amt eines Kammerdieners versah, ihm die Reiterstiefel ausgezogen und den Hausrock hingereicht hatte und dann noch aufräumend im Kabinet hin und her kramte, ging der Graf, die Hände auf dem Rücken nachdenklich auf und ab und sagte ein paarmal abgebrochen vor sich hin: »kurios! – Kurios! – Müssen's denn eben abwarten! – Sollte mir fehlen!« Und endlich schickte er Hubert hinaus und setzte sich an den Tisch zur Arbeit. »Das war am Donnerstag. Die folgenden Tage vergingen wie gewöhnlich, arbeitsam und still, und der Graf war in der besten Laune. Er freute sich sehr zu unserer Ankunft, und als er am Sonntag mir Rolof entgegenschickte, sagte er beim Abschied zu ihm: »grüß' mir die Charlott' vielmal und küsse meine kleine Lucie. Kommt nicht zu spät!« Damit lenkte er sein Pferd um, hielt jedoch nach einigen Schritten wieder an, wandte sich im Sattel und rief dem Andern nach: »du, Rolof, erinnere mich doch übermorgen dran, daß ich dir etwas zu erzählen habe. Die kurioseste und unverschämteste Bettelei, die ich je erlebt!« Er lachte bei diesen Worten. Wenige Augenblicke darauf waren die beiden einander aus den Augen. So war er auch am Abend, den er bei Leo und seinem Erzieher zubrachte, gar heiter, und als er gegen zehn Uhr in die Privatkanzlei und sein Kabinet zurückkehrte, bemerkte er gegen Hubert: »nun, morgen kommt die Gräfin, da muß ich heut aufarbeiten. Aber ich habe sicher bis gegen Mittag zu thun. Lasse mich nicht stören, Hubert.« Dann entließ er den Leibjäger, und dieser hörte ihn, während er durch den Saal ging, die Thür schließen und dann den Stuhl zum Schreibtisch rücken. »Der arme geplagte Herr!« dachte er, »es wird Zeit! Er arbeitet sich sonst noch krank!« »Hubert war bis gegen Abend mit Erlaubniß des Grafen drunten in Königshofen gewesen, hatte das Schließen der Thüren seinem Kameraden übertragen und fand, wie er nun selbst vorsorglich nachsah, alles in der besten Ordnung, traf Jäger und Hund auf dem Posten, nahm die Schlüssel an sich, erkundigte sich, ob auch etwas passirt sei, und ging endlich nach oben und in sein Vorzimmer, das während seines Ganges wie üblich verschlossen gewesen war. Da er sich frostig fühlte in dem kalten, ofenlosen Gemach, so holte er aus dem dort befindlichen kleinen Wandschrank Geräthe und Ingredienzen, kochte Wasser und machte sich ein Glas Grog. Dann, weil er noch nicht schlafen mochte, setzte er sich mit Riedingers Thierbuch zur Lampe. Der Grog schmeckte ihm nicht, er schien ihm bitter zu sein, so daß er glaubte, der Rum, der schon lange unberührt in der kleinen Flasche gestanden, sei verdorben. Er schob das Glas halbgeleert auf die Seite und fühlte sich dann fast plötzlich von einer solchen Müdigkeit übermannt, daß er nicht mehr aufstehn konnte, sondern den Kopf auf den Tisch sinken ließ und einschlief. »Als er aus einem schweren, betäubenden Schlafe auffuhr und seiner Sinne wieder mächtig ward, war es stockfinster um ihn und todtenstill. »Um Gott!« dachte er, »wie kam mir das?« griff gleich nach den Schlüsseln, und da er sie richtig in der Tasche seines Rocks fand, zündete er beruhigt wieder Licht an. Die Lampe war aus Mangel an Oel erloschen. Um ganz ruhig zu sein, ging er nochmals hinab, traf den Jäger wachsam und fragte ihn, ob auch irgend etwas Ungewöhnliches zu vernehmen gewesen. »Nichts,« erwiderte der Mann, ein alter treuer Diener des Hauses. »Vor einer halben Stunde schlug der Caro an und ich sah aus dem Fenster; aber es bissen sich nur zwei Katzen.« Dann ging Hubert nach der Thür, die in den Lindenhof führte, öffnete die verschlossene und blieb einen Augenblick draußen stehn, um sich in der Nachtluft vollends zu erfrischen. Dabei sah er, daß der Graf noch Licht hatte; es war freilich auch eben erst dreiviertel auf Zwölf, wie der Jäger sagte. »Der arme Herr!« dachte er wieder, schloß ab und schob auch den Riegel vor, stieg hinauf und legte sich ins Bett. Aber schlafen konnte er nur kurz und unruhig, obgleich er sich todmüde und wie zerschlagen fühlte, und stand schon um sechs Uhr wieder auf. Alle Thüren und Schlösser waren in vollkommener Ordnung, wie er sie nachher für den Tag öffnete und die Beamten einließ, welche im Saal arbeiteten. »Die Uhr ward neun, ward zehn, vom Grafen sah und hörte man nichts. Da er dies jedoch vorhergesagt und jede Störung verboten hatte, so achtete man nicht weiter darauf, als daß man sich im Saal möglichst still verhielt. Als die Uhr indessen zwölf wurde und die Schreiber zum Essen gingen, als der Sekretair, der bis dahin keinen Laut, kein Stuhlrücken, keinen Tritt aus dem Kabinet vernommen, dies gegen Hubert kopfschüttelnd erwähnte, überkam es auch den mit Besorgniß, und er klopfte in des Andern Gegenwart erst leise, dann stärker an und rief auch seinen Herrn. Aber es blieb still – todesstill, und als sie dann an der Thür rüttelten, zeigte sie sich verschlossen und der Schlüssel steckte drinnen umgedreht im Schloß. Den Männern stiegen die Haare zu Berge. Sie riefen den alten Jäger herbei, der grade drunten über den Hof ging, und schickten ihn zum Rentmeister und Leibarzt – damals hatten wir den noch. – Dann, als die Beiden mit dem Alten zurückkamen, erbrachen sie die Thür. »Nach dem ersten Blick taumelten die Männer bleich vor Entsetzen zurück, Hubert schlug sinnlos zu Boden. Mein Gemahl war todt – ermordet. Der Mörder mußte zwischen Repositorium und Schreibtisch gestanden und von dort, über den Aufsatz des letztern auf den zum Papier geneigten Kopf des Schreibenden seinen Schlag – vielleicht mit einem Hirschfänger – geführt haben, der das Hinterhaupt buchstäblich spaltete und wenigstens augenblicklichen Tod zur Folge gehabt haben mußte. Dann war der Körper vom Stuhl gesunken und lag zwischen diesem und dem Schreibtisch auf dem Teppich, dessen Bordüre das Blut ganz durchdrungen hatte.« Die Erzählerin hielt inne; sie war sehr blaß, aber sie hatte diesen furchtbaren Bericht mit eiserner Entschlossenheit und Stimme gegeben, der man auch nicht das geringste Zittern anhörte. »Ja, ja, meine Kinder,« sprach sie nach einer Pause, indem ein finsteres Lächeln durch ihre Züge glitt, »ich sehe wohl, euch bebt das Herz. Und es ist auch furchtbar genug. Aber ich bin, seit ich damals, eine Stunde nach der Entdeckung, zurückkam und das erste Entsetzen überwunden hatte, damit vertraut geworden. Es ist kein Tag vergangen, wo ich nicht daran gedacht – kein Tag, an dem ich nicht um Strafe und Rache für diesen Mord gefleht. Mag das christlich sein oder nicht,« setzte sie leidenschaftlich hinzu, »ich kann nicht anders, und lebt' ich noch hundert Jahre!« Sie schwieg, die Zuhörer sagten auch kein Wort, und im Zimmer war es still. – Endlich fuhr sie wieder fort. »Von dem Mörder zeigte sich keine Spur, es müßten denn zwei blutige Abdrücke eines zierlichen und eleganten Stiefels, gewesen sein, die sich im Zimmer fanden; nachher war der Stiefel sichtbar auf dem Bärenfell in der Mitte des Teppichs sorgfältig abgewischt worden. Die Thür zum Kassenzimmer stand offen und vom Gelde in der kleinen sogenannten Tagescasse, die nicht verschlossen war, fehlte allerdings eine bedeutende Summe; alles Silber jedoch und alle Papiere, die sich nicht leicht und ohne ein Aufsehen realisiren ließen, hatte der Mörder ebensogut liegen lassen, wie die sehr kostbare Uhr und ein paar Brillantringe aus dem Schreibtisch. Die große Kasse war unberührt. Das war alles. Wer es gewesen, wie er herein, wie er, bei der von innen verschlossenen Thür, bei den ebenso verschlossenen, gänzlich unverletzten Fenstern, wieder heraus gelangen, wie er weiter entkommen konnte, – das war unerklärlich und blieb es bis heute. »Am Abend quartierte sich ein französischer General bei uns ein, in seinem Gefolge ein Commissair Ordonnateur, der früher in Paris bei der Polizei angestellt gewesen war. Das Unglück konnte ihnen nicht verborgen, werden, sie nahmen lebhaft theil an dem Schmerze aller; der General quartierte sich voll Zartgefühl nach Königshofen hinüber, der Commissair betheiligte sich an der Untersuchung, mit der das Justizamt am folgenden Morgen fortfuhr. Durch seinen wirklich wunderbaren Scharfsinn wurde man noch auf einige Punkte aufmerksam gemacht, die man bisher übersehn, darunter auch auf Huberts Schläfrigkeit. Und siehe da, – im Rum fand sich ein starkes Schlafmittel. Aber die Sache ward dadurch nur noch verwickelter, da der Leibjäger den Schlüssel zu jenem Schrank nie aus der Tasche ließ. – Zweitens machte der Mensch auch auf den Brief aufmerksam, den der Graf am Donnerstag erhielt und von dem er sicher auch zu Rolof hatte reden wollen. Aber der Brief war fort, und Lienhardt erklärte: er habe schon den Herrn Grafen selbst überzeugt, daß er den Brief und Boten nicht abgesendet haben könne. Vom Inhalt habe der Herr gegen ihn nichts verlauten lassen. »So schwand auch diese Hoffnung, und es schien nur festzustehn, daß der Mörder am Sonntagnachmittag sich mit unerhörter Frechheit durch die ziemlich belebten Höfe und Gänge geschlichen, mit Nachschlüsseln die Wohnung eröffnet, den Schlaftrunk bereitet und dann in der Stunde, die Huberts Schlaf gewährt, die That begangen und das Schloß wieder verlassen habe. Wie das alles möglich gewesen, ist, ich habe es schon gesagt, nie erklärt worden. Ebensowenig vermochte man sich einen Thäter zu denken. Daß es kein gemeiner Mörder und Dieb gewesen, erhellte nicht nur aus dem Abdruck des Stiefels und der Sonderung des Geldes, dem Zurückbleiben der Uhr, sondern auch aus allen nothwendigen Vorbereitungen, die mit einem Aufwand von Geist und Zeit, möchte man sagen, getroffen waren, wie man es sonst schwerlich finden dürfte. Auch der Commissair erklärte, etwas Aehnliches sei ihm bisher niemals vorgekommen. Bei mir stand es überdies fest, daß der Mord nicht durch den Diebstahl, sondern mehr durch Privatfeindschaft oder Rache veranlaßt worden. Das sagten mir unabweislich die seltsamen Worte meines Gemahls nach seiner Rückkehr von Waldseck: »müssen's denn eben erwarten! – Sollte mir fehlen!« – die nach seinem ganzen Charakter sich nur auf irgend eine gegen ihn persönlich gerichtete Drohung beziehn konnten. Eine Drohung gegen seinen Besitz, sein Vermögen hätte er den Gerichten übergeben. »Allein auch diese Ahnung oder Voraussetzung führte zu nichts; weder ich, noch irgend ein anderer Mensch wußte von jemand, der dem Grafen übelwollte, geschweige denn ihn haßte. Er hatte mit aller Welt in Frieden gelebt, war in der ganzen Grafschaft sehr beliebt und wurde von seiner nähern Umgebung gradezu angebetet. Das stellte sich selbst aus der Untersuchung heraus, die sich natürlicherweise auch auf die Hausgenossen und die nächste Umgebung meines Gemahls erstreckte. Von denen war niemand der Mörder gewesen, niemand von ihnen schien mit dem Thäter auch nur in Verbindung, im Einvernehmen gewesen zu sein. Und so war denn alles aus und zu Ende; die Acten wurden geschlossen, die Untersuchung stockte, und wer von der ganzen Angelegenheit wußte – denn das Publikum und sogar der größte Theil der Dienerschaft erfuhr nur, daß der Graf plötzlich gestorben sei, – der schwieg und fügte sich in die Beschlüsse der Vorsehung, ohne jedoch den Gedanken und die Hoffnung aufzugeben, daß sich die Sache noch einmal aufklären werde. Zu den Gläubigsten in dieser Beziehung und zu denen, die auch das Beobachten und Nachspüren niemals aufgaben, gehörte dein Vater, Gerhard. »So verging Jahr und Tag, ohne daß wir noch etwas erfuhren, da erschien eines Tags im März 1808 Rolof bei mir und theilte mir Folgendes mit. Er war auf einer seiner unaufhörlichen Streifereien, die er auch in diesen Tagen fortsetzte, obgleich du, Gerhard, mein Kind, eben geboren warst und deine Mutter ganz einsam mit dir und einer alten Frau im Heidehaus war, – nach Lautenthal gekommen, einem Städtchen, das etwa zehn Stunden von hier im Gebirge liegt, nach C. gehört und auch jetzt noch wenig bekannt ist. Ich hörte den Namen damals zum erstenmal. – Der Wirth in der Linde war Rolof von frühern Jahren her bekannt, und nachdem sie, die sich seit Jahren nicht gesehen, eine Zeitlang geplaudert hatten, sagte er plötzlich: »Du bist ja jetzt wohl obenauf bei der Herrschaft in Königshofen? Wie ist's denn eigentlich – ist dort vor ein paar Jahren nicht einmal ein großer Diebstahl geschehn, worüber sich der alte Herr Graf so alterirt hat, daß ihn gleich darauf der Schlag rührte?« – »Davon weiß ich nichts,« versetzte Rolof vorsichtig; »aber weßhalb fragst du, Lindenhans?« Und so erfuhr er, es sei damals ein anscheinend vornehmer Herr mit einem Diener dort eingekehrt, des Tags über meistens aber abwesend gewesen und wohl acht bis zehn Tage geblieben. Am Tage vor Allerheiligen – der Wirth wußte das genau – also am Mittwoch, habe er den Diener, der diesmal keine Livree getragen, sondern wie ein Ackerknecht gekleidet gewesen, mit einem Briefe fortgeschickt und dabei, wie er, der Wirth vernommen, zum Abschied gesagt: »also so zeitig, wie möglich, und von Waldseck! Vergiß nicht!« »Beides, die Verkleidung und die Erwähnung von Waldseck, fiel dem Lindenhans auf – letzteres war ja ein nach Königshofen gehöriges Gut, ihm zufällig bekannt, und ebenso, daß dort niemand wohnte, mit dem ein solcher Herr verkehren konnte. Doch geschah nichts Besonderes; der Diener kam am nächsten Abend spät zurück; dann blieben beide noch zwei Tage und reisten am Sonntag ganz früh ab. Gleich nachher erfuhr der Wirth von einem großen Diebstahl in Königshofen und daß der Graf in Folge des Schrecks bei der Entdeckung gestorben sei. Da dachte er an seine Gäste. Allein bis nach Lautenthal erstreckten sich die Nachforschungen nicht, er selbst mochte, wie es bei solchen Leuten geht, mit den Gerichten nichts zu thun haben und schwieg daher. Dem Rolof aber erzählte er's und beschrieb beide, Herrn und Diener, so genau wie möglich. In dem Letztern mußten wir alle den Boten vom Donnerstagmorgen erkennen, den Herrn kannten wir nicht. Und wieder nutzlos war auch der Wappenknopf von der Livree des Dieners, den der Wirth nach der Abreise der Fremden im Zimmer gefunden, aufbewahrt und jetzt bereitwillig Rolof überlassen hatte. Ich habe ihn noch. Es ist ein gekrümmter Arm darauf mit einem Streitkolben in der Faust, und als Devise stehn die Worte darüber: » garde à vous !« Alle Nachforschungen haben zu nichts geführt: ähnliche Wappen gab und gibt es viele, die Devise fand sich bei keinem. »Rolof wollte nach diesen Mittheilungen am nächstfolgenden Tage noch einmal nach Lautenthal hinüber, um womöglich weiteres zu erfahren. Allein es sollte nicht so sein. Auf dem Wege dahin wurde er im alten Steinwalde erschossen, und erst nach zwei Tagen gefunden. Ob das durch einen unglücklichen Zufall, ob mit Absicht geschehen – ob durch einen Feind, deren er mehr als einen hatte, ob durch den noch anwesenden Mörder meines Gemahls, der von seinen Nachforschungen erfahren und ihn fürchtete – das alles weiß weder ich, noch das Gericht. Die Untersuchung, die in der wilden Zeit überhaupt nur wenig nachhaltig geführt werden konnte, brachte nichts an's Licht; und nachdem man im Stillen auch die Nachforschungen in Betreff des an meinem Gemahl geschehenen Mordes wieder aufgenommen und den Lindenwirth vergeblich inquirirt hatte, mußte man endlich von beiden Fällen abstehn. Nun liegt der Staub dicht darüber, und wenige sind, die noch davon wissen, noch daran denken. – »Das wollte ich euch erzählen, meine guten Kinder.« Viertes Kapitel. Der Brief Die alte Erlaucht hatte nach jenem ernsten Tage alsbald das gewohnte Gleichgewicht wiedergefunden und bewegte sich drinnen im Schloß und draußen bei mancherlei Anordnungen und Geschäften, die sie ihrer Aufsicht und Bestimmung nicht entziehn ließ, in herkömmlich freundlicher und zutrauenerweckender Weise. Sie war, wie sie selbst gesagt hatte, mit diesen furchtbaren Ereignissen ihrer Jugend zu vertraut geworden, um nicht mit einer gewissen ernsten Ruhe und Fassung daran denken, ja im Nothfall selbst davon reden zu können; und andrerseits hatte sie ein so langes, bewegtes und oft schweres Leben durchlebt und die Forderungen, die es nicht nur an den Menschen überhaupt, sondern auch an sie persönlich und ins Besondere stellte, so gut begriffen, daß sie wohl einsah, wie weise der Schöpfer auch dies eingerichtet, wie gleichmäßig und gerecht sowohl das Hinleben, als auch das ganze innere und eigene Wesen des Menschen an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vertheilt, man möchte sagen, darauf gegründet sei. Für den, der es richtig erfaßt, kompensirt sich das alles aufs vollständigste, läßt ihn die rechte Lebensruhe und Klarheit erlangen und jeder Zeit ihr volles Recht gewähren. Die alte Dame gestand weder der Erinnerung, noch dem Hoffen und Erwarten mehr Raum zu, als das geschäftige Leben des Tags hier übrig ließ, dort bedurfte, um nicht rein materiell und kalt zu werden. Sie ließ das alles wohl einander tragen, aber nicht Eins durch das Andere beherrschen. Bei den jungen Leuten, welche diese Erinnerungen der Gräfin gehört und, als ein neues, beinah gegenwärtiges Leid in sich aufgenommen hatten, war es damit freilich etwas Anderes, und es verging mehr als ein Tag, bevor sie auch nur den ersten Eindruck, geschweige denn die volle Erschütterung überwunden hatten und sich wieder unbefangen und heiter dem Leben des Tags hingeben mochten. Nachhaltiger als Gerhard schien jedoch keiner von allen durch die Mittheilungen der Gräfin berührt worden zu sein, wie sie denn freilich auch keinen von allen näher angingen als ihn. Seine Kenntnis früherer Zustände war bisher fast nur aus den sehr dürftigen Nachrichten geschöpft, die bald Hubert, bald der frühere Forstmeister, in dessen Familie er erzogen war, auf des Knaben und Jünglings Fragen zu geben für gut und genügend gehalten. Theils mochten beide Männer von diesen Dingen nicht viel reden, theils durften sie es nicht. Und überdies gehörte der alte Forstmeister zu denen, die mit Rolof niemals auf einem guten Fuß gestanden. Daher wußte Gerhard von seinen Eltern kaum etwas mehr, als daß sein Vater nach seiner Niederlassung zum Grafen in irgend ein Dienstverhältnis getreten und mit ihm so vertraut geworden sei, wie es zwischen Herrn und Diener im langjährigen Verkehr zuweilen möglich ist; endlich, daß Rolof bald nach Gerhards Geburt im Walde durch Marodeurs oder Wilddiebe zu Tode gekommen, und daß seine Mutter in Folge des Schrecks über diesen Fall gleichfalls gestorben sei. Denn ein versiegeltes Papier, welches Rolof, in der unruhigen Zeit an seinen Tod denkend, seiner Frau, und diese auf ihrem Sterbebett dem alten Hubert zum Aufheben für ihr Kind gegeben, enthielt, da Gerhard es vor seinem Abgang zur Akademie empfing, nur einen Nachweis über Rolofs kleines Vermögen und einige Notizen aus seiner Jugendzeit, kein Wort aber über sein späteres Leben und seine damaligen Verhältnisse. So wußte Gerhard von der Jugend seines Vaters freilich mehr als die Uebrigen. Dem ausdrücklichen schriftlich hinzugefügten Verbot gemäß, hatte er diese Kunde aber gegen jedermann verschwiegen. Nun hatte er denn freilich Anderes und Richtigeres erfahren, das Verhältnis zwischen den beiden Männern nicht nur, sondern auch das zwischen dem originellen Fremdling und der ganzen Familie erschien in einem bei weitem andern Licht, und außer dem Bilde des Vaters, welches die alte Erlaucht an jenem Morgen aus dem Lindenhof fortgenommen und in der Gallerie unter dem Bilde des Grafen Wolf Christoph hatte aufhängen lassen, erwuchs im Innern des Sohns aus den einzelnen mitgetheilten Zügen Gestalt und Wesen des wilden und doch so tüchtigen Mannes zum erstenmal zu voller Deutlichkeit und Wahrheit. Das alles war denn wohl geeignet, den Sohn bis ins Innerste zu bewegen, ihn ernst darnach streben zu lassen, daß die einzelnen Züge sich zu einem Ganzen zusammenzögen, Halt und Leben gewännen. Allein er zeigte sich niedergedrückter, trauriger und schweigsamer, als es eigentlich hiedurch zu erklären war, und als die alte Erlaucht bei einem ihrer Revidirritte ihn in der Ferne finster und sinnend durch eine Allee schreiten sah und theilnehmend bemerkte: »ein braver Junge! Den hat's aber mehr gepackt, als ich geglaubt. Er sollte sich ja eigentlich seines Vaters freuen!« – da antwortete ihr steter Begleiter, Hubert, kopfschüttelnd: »es ist auch noch was Anderes, Erlaucht, und von länger her.« – »Was denn, Hubert?« fragte die alte Dame verwundert. – »Weiß nicht, Erlaucht. Aber es ist was,« erwiderte der Leibjäger lakonisch. Und ähnlich schienen auch noch Andere zu denken, denn Hugo wenigstens betrachtete den sonst so muntern Genossen oft mit heimlichem Kopfschütteln und flüchtigen, verstohlenen, halb zweifelhaften, halb nachdenklichen Blicken. Am stillen, grauen Morgen ging Gerhard einsam durch den Park, um sich auf den kleinen runden Platz am äußersten Ende desselben zu begeben, wo er der Verabredung gemäß mit Hugo zusammentreffen wollte. Zu der kleinen Jagdstreiferei, die sie vorhatten, war das Wetter so günstig wie möglich, eine kühle, ruhige, nebelfreie Luft, ein leichter Frost, der Feld und Wald wieder gangbar gemacht, und eine dichte, am vorigen Abend erneuerte Schneedecke, welche Paß und Wechsel des Wildes auf's deutlichste sichtbar machte. Der junge Beamte ging stumm und ziemlich langsam die Allee entlang, welche den Park von Süden nach Norden durchschnitt, und sah nur zuweilen auf, um den Hühnerhund heranzurufen, der noch jung und flüchtig, sich wenig um den Herrn kümmerte und lustig durch die zu beiden Seiten sich hinziehenden Busch- und Waldpartieen revierte. Allein plötzlich blieb er stehn und sah aufmerksam vor sich hin, wo ein früherer Wanderer die Allee gekreuzt hatte; es war eine vollkommen ausgetretene Spur und zwar von dem Fuß einer Dame. Gerhard sah mit einem plötzlich hell gewordenen Blick auf und aufmerksam nach vorn und zurück und durch den ziemlich laublosen, lichten Wald. Bald aber schaute er wieder auf die Spur hinab und murmelte, indem ein trübes Lächeln über sein Gesicht glitt, leise vor sich hin: »nichts! – Zu fest! – Wohl die Kaufberg.« Dann ging er gesenkten Hauptes weiter, blieb jedoch nach einigen Schritten stehn, sah sich wieder um, murmelte: »was thut's am Ende?« – und schritt entschlossen zurück und dann der Spur nach auf einem schmalen Seitenwege in das Gebüsch. Nach einer kleinen Weile wandte er sich wieder in einen breitern Pfad und im nächsten Augenblick trat er wie überrascht einen Schritt zurück, blieb stehn und sagte mit dem Ausdruck der Verwunderung: »Ah, – Comteß Margot?« – Sie stand allerdings nahe vor ihm, noch näher als damals, wo er sie mit Diana in der großen Allee getroffen, und sie mochte sehr überrascht oder erschrocken sein, denn ihr Gesicht war von glühender Röthe übergossen, und nicht nur ihre Gestalt, sondern auch ihre Stimme zitterte, als sie leise sagte: »Gerhard!« – Sein Blick lag ernst auf ihr, fast düster, und der Ton war bitter, mit dem er erst nach einer Pause gedämpft erwiderte: »das ist ein großes Wunder, Comteß Margot – Zufall oder Gnade?« – Sie sah langsam zu ihm auf mit einem sanften, trüben Blick, und in ihrem Auge glänzte eine Thräne. »Habe ich das verdient, Gerhard?« fragte sie mit leisem Vorwurf. – »Sind Sie allein?« lautete seine Gegenfrage; zugleich wandte er den Kopf und schaute finster nach allen Seiten umher. – »Ganz allein,« entgegnete sie. – »Und ist das kein Wunder?« sprach er hart und bitter. – »Beinah vierzehn Tage bin ich wieder hier, und noch nicht einmal habe ich Sie allein gesehn – nicht ein einzigmal war das möglich! Nicht ein Händedruck – nicht ein Wort – weiß ich denn, ob nur einmal ein Blick, der wirklich mir galt?« – »Sie sind furchtbar – furchtbar hart!« sagte sie leise nach einer Weile, ohne aufzusehn; aber mit tiefer Bitterkeit versetzte er: »wissen Sie, was mich hätte weich machen können? Ich – nichts!« Und da sie schwieg, setzte er nach einer Pause hinzu: »nun Margot – und heut? Wie kommt uns dies Begegnen?« – Sie schlug die Augen zu ihm auf und antwortete wieder mit leiser, weicher Stimme: »Ich sah Sie vorhin durch den Lehnhof gehn und wußte von Hugo, daß ihr auf die Jagd wolltet. Ich dachte – ich könnte Ihnen begegnen. Ich habe mich so sehr nach Ihnen gesehnt, Gerhard! – So sehr nach einem Wort von Ihnen!« Und bei ihren Worten glitt Thräne auf Thräne langsam über ihre blassen Wangen. Da war's, als ob alle Härte und Bitterkeit plötzlich von ihm wiche, er legte beide Arme um das Mädchen und zog ihren Kopf an seine Brust, und während die Thränen in seine Augen drangen, sprach er dumpf: »verzeihen Sie mir, Margot! Verzeihen Sie mir! Aber sehn Sie – ich habe nicht mehr so leben können, und mir war zu Muth, als ginge die Welt umher unter. Ich fühl's immer mehr – ich bin nichts ohne Sie! Und wie es werden soll, vermag ich nicht zu fassen.« Sie hob den Kopf auf und sah ihm innig in die Augen. »Glauben Sie nicht mehr an Ihre Margot?« fragte sie mit sanfter Stimme. – Er preßte heftig den kleinen Kopf an sein Herz. »Was bliebe mir dann?« rief er; »aber was hilft mir alles Glauben und Vertrauen, wenn es so fortgehn soll – so unerträglich!« setzte er heftig hinzu und ließ sie aus seinen Armen. – Sie sah wieder zu ihm auf und schüttelte mit einem leichten Lächeln ein wenig das Haupt, dann legte sie beide Hände auf seine Schultern, und erwiderte: »Gerhard, Gerhard! Wilder Mann! Haben Sie doch Geduld! Haben Sie doch Nachsicht! Es geht doch nicht anders,« fuhr sie fort und lehnte sich wieder an ihn, indem sie ihren rechten Arm aber auf seiner Schulter ruhen ließ. »Ich bin weniger allein als je, wir müssen uns begnügen, Gerhard! Und ist denn das so schwer, Sie theurer Mann?« fügte sie innig hinzu. »Sehn wir uns nicht? Hören wir uns nicht? Ist nicht unsere Liebe immer in Ihnen und mir, und unser volles Vertrauen? – Aber wenn ich Sie so finster, so traurig, so gedrückt sehe, wie in den letzten Tagen, da –« Sie schwieg, plötzlich zusammen- und aufschreckend, denn eine Stimme nahe bei ihnen sagte leise: »Vorsicht! – Rasch! – Man kommt!« und bevor sie sich noch umsehn konnten, ging Hugo im schnellen, leichten Schritt, ohne aufzuschauen, an ihnen vorüber und quer über den Pfad in den nächsten Seitenweg.– Sie wechselten noch einen Blick, einen Händedruck; dann folgte Gerhard eilig dem Vorausgehenden und hatte ihn, da er im Gebüsch stehn geblieben, nach wenigen Schritten erreicht. Im selben Augenblick lachte hinter ihnen im nahen, aber nicht mehr sichtbaren Pfade Diana's spöttische Stimme: »ei, ei, Margaritta! Einsam – bin ich nicht alleine?« – Und Margarethe versetzte gleichfalls lachend: »also darum flog Hugo wie ein gescheuchtes Wild vorüber! – Armer Knabe! – Er flieht den Zauber der Nixe – aber was hilft es ihm!« »Weiber! Weiber!« murmelte der junge Graf, mit Mühe das Lachen verbeißend, packte krampfhaft Gerhard's Arm und zog den bestürzten Genossen rasch und leise mit sich fort. Erst auf dem runden Platz, den sie bald erreichten, pfiffen sie über ihre Hunde, und als sich dieselben eingefunden, gingen sie stumm in's Feld hinaus, dem nächsten Waldsaum zu. Sie waren schon im Walde ein gut Stück noch immer stumm oder nur ein paar gleichgültige Worte tauschend, fortgeschritten und hatten mit verstohlenen Blicken mehr als einmal einander gestreift, als wollten sie errathen, was Einer vom Andern zu denken und zu erwarten habe. Da trafen diese Blicke zufällig aufeinander und zugleich blieb Hugo stehn, ließ die Flinte von der Schulter und mit dem Kolben auf das schneebestreute Laub sinken und sagte mit festem Blick und ruhiger Stimme: »nun, Gerhard, was denken Sie eigentlich bei dem allen?« – Der Forstmeister sah den jungen Mann einen Augenblick ernst prüfend an. »Ja, Graf Hugo,« versetzte er dann, »darnach möchte ich lieber Sie fragen.« Hugo brach in ein helles Gelächter aus. »Ich?« rief er lustig den Kopf schüttelnd, »ich? Nun, ich denke, daß ihr beide vor allen Dingen wenigstens vorsichtiger sein könntet und eure Liebesnoth nicht aller Welt vor's Gesicht zu halten und jedermann zu erzählen brauchtet.« – Und als Gerhard heftig ausbrach: »bei Gott, Graf Hugo –!« – da legte er die Hand auf des Aufgeregten Schulter und fuhr ernster fort: »ja, so mein' ich's allerdings, Gerhard, mögen Sie darüber zürnen wollen oder nicht. Glauben Sie, daß ich eben erst die Entdeckung machte und mit unmenschlicher Bonhomie und Geistesgegenwart gleich auch in die warnenden Worte ausbrach? Ganz so ist es nicht, und hätte ich die Sache nicht schon seit manchen Tagen begriffen, so möchte ich kaum in solcher Weise an euch vorbeigegangen sein.« – »Aber wie war es möglich, daß Sie es merkten?« fragte Gerhard nach einer Pause tief aufathmend und erhob den gesenkten Kopf. »Hab' ich es doch selbst kaum noch gemerkt!« setzte er bitter hinzu. Hugo lächelte. »Hören Sie, alter Freund,« sprach er und faßte und drückte des Andern Hand, »vor allen Dingen muß aus unserm Gespräch jede Gereiztheit heraus. Seien Sie vernünftig, Gerhard, und begreifen Sie, daß ich euch beiden in keiner Weise übelwill. Ich habe Gretchen von Herzen lieb und will, daß es ihr wohl geht; wie ich Sie von früher Jugend her ansehe, das wissen Sie, das beweis' ich Ihnen noch alle Tage. – Sie fragen mich, wie eine Entdeckung möglich gewesen?« sprach er weiter; »ich möchte entgegenfragen: wie ist es möglich, daß euer Geheimniß noch Geheimniß bleibt, daß nicht zumal die Erlaucht es entdeckt? Euer Wesen predigt es in alle Welt hinaus, können Sie mir glauben. Und daß wenigstens die Seejungfer und Hubert davon wissen, das möchte ich beschwören.« Gerhard versetzte kein Wort; finster und gesenkten Hauptes ging er an der Seite des Freundes durch den Wald, und selbst als dieser jetzt nochmals fragte: »wie denken Sie sich nun die Sache, Gerhard?« – hatte er keine Antwort. »Ich verstehe Sie,« fing Hugo nach einigen Schritten wieder an. »Es mag ein verdammt unbehaglicher Zustand sein, in dem ihr seid, und was heut Morgen passirte, wird euch wie ein Donnerschlag getroffen haben. Aber – ich bin ein lustiger Gesell und halte es nicht mit dem vielen Nachdenken – aber das sehe ich ohne Nachdenken ein, daß ihr über kurz oder lang auf solchen Donnerschlag gefaßt sein mußtet. Und nun, alter Freund, lassen Sie uns das Ding offen besprechen, wir brechen der Quälerei dadurch die Spitze ab. Also – mitzureden haben bei der Sache nur zwei, die alte Großmama und mein Vater; die andere Verwandtschaft geht euch nichts an. Was die Erlaucht sagen wird, weiß ich nicht; sie ist ja in solchen Dingen unberechenbar. Meinen Vater habt ihr sicher gegen euch; und das ist schlimm, denn er hat ebensoviel und mehr zu sagen als die Großmutter. Dann ist da auch noch die Seejungfer – Gretchen steht leider sehr unter ihrer Herrschaft!« Und als er Gerhard die Stirn zusammenziehn, aber ein wenig verächtlich das Haupt aufwerfen sah, setzte er lachend hinzu: »ei Gerhard, mich würde das am meisten inkommodiren. Mit der Freundin reden Mädchen vertraulicher und eingehender als mit Großmutter und Onkel. Die beiden Mädchen hängen an einander wie Kletten, und Diana – das beschwör' ich! – hat alle Teufelei und Zauberei der Welt im Leibe! – Doch genug, wir wollen nicht scherzen,« fuhr er fort. »Also, es soll alles gut gehn. Aber was dann, Freund? In Ihrer Stellung können Sie dann nicht bleiben, und Gretchen hat, wie Sie wohl wissen, ziemlich so viel Vermögen, wie Sie – gar nichts. Die lumpigen hunderttausend Gulden, die sie etwa als Erbtheilsrest ihrer Mutter und aus den Ersparnissen der Großmutter erhält, mögen eine arme Familie reich machen; aber für euch und für die Ansprüche, die meine Cousine machen kann und muß, sind sie gar nichts. Dabei kann man nicht leben, nicht sterben.« – Gerhard neigte finster und zustimmend das Haupt und schritt noch eine ganze Weile stumm neben dem Freunde her. Endlich blieb er stehn und faßte Hugo's Hand. »Ich danke Ihnen, daß Sie so mit mir sprechen, Hugo,« sagte er. »Sie haben recht, es macht leichter; und das that Noth, es war nicht mehr zu ertragen. Sehn Sie,« sprach er weiter und schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf, »es ist kein Wort in Ihrer Rede, das ich mir nicht schon hundertmal selbst gesagt habe. Ich weiß und fühle das alles und noch unendlich viel mehr bis in's Herz. Ich weiß, was diese Liebe für uns beide Ungehöriges hat, was für Widerstand ihrer wartet, wie sie gescholten werden wird, wie gänzlich – gänzlich aussichtslos sie ist. Und wir ringen ja darum auch dagegen an, wie wir können. Geben Sie mir, wohin ich ausweichen, wohin ich, ohne Margot zu kompromittiren, ohne meine Ehre zu verletzen, entkommen kann – und ich scheide augenblicklich. – Es ist ein feiger Wunsch,« setzte er hinzu, indem er langsam weiter schritt, »aber man kommt darauf. – Oft möchte ich todt sein, um sie von dieser Qual frei zu machen, und selbst davon frei zu werden.« Hugo blieb stehn und warf den Kopf auf; die Brauen hatten sich zusammengezogen und die Augen blitzten eigenthümlich. »Allerdings,« sagte er, »das ist ein seltsamer Wunsch für – Sie. Mir däucht, so was sollte man nicht aussprechen, sondern thun . Die That mag sein, wie sie will, – die Worte sind –.« – »Was?« fragte Gerhard ernst und ruhig dazwischen. – Hugo lenkte ein: »Ihrer nicht würdig, Gerhard, – sie sind miserabel. Das ist das Wort. Lassen Sie mich ausreden,« setzte er entschlossen hinzu, als Gerhard zornig aufblickte, »ich habe ein Recht dazu. Sie wissen, für Sie thu' ich nichts in dieser Sache, so lange ich Sie auch kenne, so lieb ich stets Sie hatte. Für Sie ebensowenig, wie für einen Andern, Gerhard; alles nur für meine Cousine. Wen Margarethe erwählt, gegen den sage ich kein Wort, so lange ich ihn für ihrer werth halte; Margarethe ist ein hoher Preis und will verdient sein, – ernst verdient! Zum Spiel ist sie zu gut, zum Zeitvertreib ist sie nicht da. Und wer sie aufgeben kann, wenn er doch ihre Liebe einmal errungen – wie nennen Sie den, Gerhard?« – »Sind Sie fertig, Graf Hugo?« fragte Gerhard nach einer Pause. – »Ja, Gerhard! Das wollte ich sagen,« gab der Graf ruhig zur Antwort. »Sie haben harte Worte geredet,« sprach der Forstmeister, »und wenn ich nicht Ihr Recht als Verwandter anerkennen und nicht einsehn müßte, daß ich selbst daran schuld bin – so würde ich anders darauf antworten. Warum sage ich auch etwas, was Sie nicht verstehn können, ohne daß ich's zugleich erkläre! – Sie kennen mich schon lange Zeit, Herr Graf, und wissen, wie ich im, wie ich zum Hause Ihrer Verwandten von jeher stand und stehe: Sie können glauben, ich kenne meine Stellung, meine Pflichten, meine Verbindlichkeiten selbst auf das genaueste, und sie werden erfüllt werden. – Ich liebe Margot von Kindheit an,« fuhr er aufathmend fort, »das weiß alle Welt; die kleine Comteß ist von jeher mein Augapfel gewesen. Als sie vor anderthalb Jahren aus dem Kloster zurückkam, da fühlte ich diese Liebe in noch erhöhtem Maße, sie ward eine andere, sie füllte mein ganzes Wesen. Aber ich kannte meine Stellung, Herr Graf: ich beherrschte mich, wie ich konnte, ich floh jede Aeußerung meines Gefühls, jede Andeutung. Ich konnte nicht wissen, nicht wähnen, daß in Margot etwas Aehnliches herrsche. – Aber da kam ein Augenblick, – das Weitere ist überflüssig – wo wir uns beide verriethen, beide, Herr Graf! Es geschah, absichtslos – und als das Wort heraus war, brachte es uns kein volles, reiches, unsägliches Glück – o nein! Es war nur ein ernstes, banges – ein trauriges. Denn es blieb mir, als wir nach dem ersten Rausche schieden und ich allein war, keinen Augenblick verborgen, daß in den wenigen Minuten für uns die Liebe zugleich mit der Entsagung aufgegangen sei, daß unsere Liebe aussichtslos. – Margot sieht das nicht,« sprach er weiter und schüttelte mit finsterm Lächeln den Kopf. »Sie liebt nur – sie denkt und rechnet nicht; und das soll auch wohl so sein. Das macht mich glücklich und das macht mich elend. Sie ist nicht zu der Einwilligung zu bewegen, daß ich fortgehe. Sie will das alles nicht als Traum gelten lassen; sie sagt, es sei das Leben. Und sie hat recht, das ist's!« Er schwieg, pfiff dem Hunde und streichelte ihn, als er heransprang, zerstreut über den glatten Kopf. Dann ging er stumm auf dem schmalen Steige weiter, und Hugo folgte ebenso, schweigend und gedankenvoll. Erst nach einer ganzen Weile fing Gerhard wieder an. »Nun rechnen Sie, wie ich stehe,« sagte er. »Daß ich den Dienst des Hauses nicht verlassen kann, ohne grenzenlos undankbar zu sein, das ist klar. Daß mich die Erlaucht nicht nach Willsburg hinüberläßt, ohne Erklärungen zu fordern – das wissen Sie, und daß sie zu klug ist, um sich mit einer andern als der richtigen zu begnügen, das wissen Sie auch. Und wenn ich dennoch durchdringen wollte – so oder so – Margot will nicht. Sie will nicht entsagen, sie will mich nicht entbehren, sie will sich zu keiner Entdeckung verstehn. Sie hofft – ich weiß nicht was. Sehn Sie, Graf Hugo,« fuhr er aufgeregt fort und blieb stehn, »ich liebe sie wie mein Herzblut! Ich fühle es, daß ich nicht leben kann ohne sie, und weiß doch, daß es so kommen wird und muß. – Ich habe nie – schütteln Sie nicht den Kopf! – nie nach ihrer Liebe gestrebt, weil ich von je wußte und fühlte, daß es nicht recht sei, daß es zu keinem guten Ende führen könne. Und nun, da ich sie doch habe, da ich alles noch klarer, noch besser einsehe als sonst – nun kann ich sie nicht aufgeben! – Ich weiß wohl, wohin das alles führen wird,« schloß er finster und nahm die herabgesunkene Flinte wieder auf. »Ich muß davon – mit oder ohne Aufklärung, gleichviel. So geht's nicht.« Hugo hatte ihm schweigend zugehört und nur zuweilen, als verstehe er den Redner nicht, oder stimme nicht mit ihm überein, leise den Kopf geschüttelt. Er war indessen nicht sentimental genug, um zu dem Forstmeister zu sagen: »wenn Sie so schwanken, so denken, lieben Sie meine Cousine nicht!« – und er fühlte auch, daß die Zeit des Erörterns für jetzt vorüber und Gerhard's Stimmung ihn zu allem andern eher aufgelegt machte. Er sagte daher, indem er des Freundes Hand faßte, nur ernst und freundlich: »ich sehe ein, Sie sind da in einer, für einen Mann von Ehre qualvollen Lage, zumal weil das Warten, das Nichtsthun darin eine Hauptrolle spielt. Aber weil sie ein Mann von Ehre und Verstand sind, so müssen Sie auch einsehn, daß mit dem einfachen Davongehn nichts gethan, wenigstens nichts gebessert ist. Wie ich Gretchen kenne und wie Sie das Kind mir auch hier schildern, bräche ihr darüber das Herz. Das soll und darf nicht sein! – Es muß sich ein Ausweg finden lassen. Ich bin noch im Leben nicht verzagt und thue es auch hier nicht.« Gerhard lächelte trübe. »Wollte Gott,« meinte er, »ich könnte auch noch so sagen, wie ich es ja so lange gethan.« – »Nun, Sie wissen jetzt, ich stehe treu zu euch beiden,« versetzte Hugo. »Es müßte doch mit dem Kukuk zugehn, wenn zwei verständige und dreiste Menschenkinder nicht zum Ziel kämen, das sie sich vorgesetzt, mag es auch noch so fern, und der Weg für jetzt noch so unklar sein.« – »Sie vergessen Margot dabei,« bemerkte Gerhard mit leisem Kopfschütteln. – »O nein, mein Freund!« rief er munter aus. »Aber wißt ihr, was euch beiden fehlt? – Das ist ein wenig Kampf und Drang. Ihr seid zu schnell und leicht euer eigen geworden, euer eigen geblieben! Margarethe mühte nur einmal aus der Noth ihrer Träumerei in die des wirklichen Lebens, wo sie einmal wollen, einmal streiten müßte für ihr Gefühl. Und Ihnen, Schatz, Ihnen fehlt ein Nebenbuhler, aber ein rechter ! Da würden Ihre Fluchtpläne und alle Ihre hochlöblichen Gedanken von Entsagung bald auf eine ganz andere, thatenvolle Bahn kommen.« »Sie mögen recht haben,« entgegnete der Andere nachdenklich. »Aber nun genug von diesen traurigen Dingen,« setzte er hinzu. »Sie haben schon zu lange gewährt, und ein Gespräch darüber kann doch nicht zur rechten Beruhigung und Aufklärung führen. Denn es gibt hierbei keine. – Wir sind an Ort und Stelle für unser bischen Jagd. Attention, Nimrod! Aufgepaßt, Luna! Hierher! – Und nun kein Wort mehr! Nur um Eins bitt' ich – sagen Sie Margot ein tröstlich Wort, und stehn Sie ihr treulich zur Seite.« – Hugo lachte und schüttelte die dargebotene Hand des Freundes. »Das ist nichts für mich,« sagte er, »darauf versteh' ich mich nicht. Aber ich will was Besseres thun und die Seejungfer vornehmen, sie ein wenig ausholen, was sie etwa ahnt, und sie von eurer Fährte bringen. Das paßt mir! – Also, Freund Gerhard, Vorsicht, Geduld und Vertrauen zu mir! – Und nun voran! – Beim lebendigen Gott, da gehn sie wieder hin! Daß wir auch die verdammten Hunde bei uns haben müssen!« Und beide brachen so schnell wie möglich durch die Büsche, um vor dem flüchtig gewordenen Wilde den Wechsel desselben zu erreichen. Beide waren eifrige Jäger genug, um vor der erwachten Jagdlust einstweilen alles übrige zu vergessen, und die Jagd ist eine Beschäftigung, die wie keine andere geeignet ist, den Geist zu erfrischen und zu kräftigen, von trüben Gedanken und Vorstellungen abzuziehen. Luft und Aufregung, Bewegung, und körperliche Ermüdung, alles wirkt zu diesem Erfolge zusammen und führt ihn fast sicher herbei, und als sie gegen die Dämmerung wieder nach Schloß Königshofen zurückkehrten, waren sie nicht nur mit der Jagd zufrieden, sondern auch müde und hungerig, so daß sie sich in bequemer Kleidung und vor dem wohlbesetzten Tisch in der Wohnung des Forstmeisters überaus behaglich fühlten. Bei ihrem Plaudern konnte es nicht ausbleiben, daß sie auch auf das am Morgen Verhandelte zurückkamen. Aber Gerhard sah die Sachlage jetzt viel ruhiger an und schaute, durch die Heiterkeit und Sorglosigkeit seines Genossen angeregt, gleichfalls mit Vertrauen und einer gewissen Sicherheit in die Zukunft. Inzwischen war es spät geworden, Gerhard setzte sich zu einer drängenden Arbeit, und Hugo eilte sich umzukleiden, um noch zur rechten Zeit bei der Großtante erscheinen zu können, wo sich um diese Stunde die Gesellschaft regelmäßig zum Thee versammelte. Denn so viel Freiheit Gräfin Charlotte ihrer Familie und ihren Gästen auch gestattete, und es den Männern zum Beispiel gern nachsah, wenn sie zur Jagdzeit das Diner versäumten, so streng hielt sie, zumal in der schlechtern Jahrszeit, auf diese Theestunde und konnte lange mit dem zürnen, der sich davon ausschloß. Und es war in der That auch niemand, dem diese Ruhe- und Plauderzeit nicht lieb gewesen. Indessen schien Hugo heut sich in der Zeit getäuscht zu haben, denn der kleine Salon war, als er eintrat, zwar warm und hell wie immer, allein noch leer, und der Kammerdiener ordnete eben das Service auf dem Nebentische und zündete die dort befindliche Lampe an. Der Graf nahm daher in einem der Lehnsessel Platz, die sich in alterthümlicher, aber höchst bequemer Façon um den runden Theetisch reihten, und nachdem er die große Lampe, welche darüber hing, höher gegen die Zimmerdecke geschoben, sah er sich mit all dem Behagen um, welches der schöne Saal in jedem seiner Besucher hervorrief und nährte. Es war in der That ein reizendes Gemach, und wenn seine Einrichtung auch aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammen mochte, so zeigte sie sich doch in einer gediegenen und geschmackvollen Pracht und zugleich in einer Bequemlichkeit und Behaglichkeit, wie man es zu unserer Zeit kaum noch erreichen kann. Die Wände waren bis zu einem Drittheil ihrer Höhe mit verschiedenen Holzarten in zierlichen Mustern getäfelt, der Plafond reich und heiter gemalt, und der Wandraum zwischen diesem und dem Täfelwerk mit prachtvollen Tapeten bedeckt, die sich bei genauer Betrachtung als eine wundervoll feine und gleichmäßige Stickerei erwiesen, bei welcher die kränkelnde Reichsgräfin Josephine, die Großmutter des letzten regierenden Grafen, fast ihr ganzes Leben zugebracht hatte. Sie zeigte sich so wohl erhalten, als sei sie eben erst aus der Hand der geduldigen Arbeiterin hervorgegangen. Der Kammerdiener hatte auch das Gemach verlassen und Hugo mochte etwa fünf Minuten allein gewesen sein, als sich hinter ihm die Thür zum Kabinet der Gräfin öffnete und sie selbst hereintrat. »Ei mein Gott, noch so zeitig?« sagte sie, »und du allein hier, Wildfang? Das gesteh' ich! Du besserst dich, Hugo, und nimmst Gesellschaftssitten an.« – Er lachte. »Diesmal, Großtantchen, verdiene ich Ihr Lob nicht. Ich habe mich wie Sie in der Zeit geirrt.« – »Nun, die Zeit wäre schon da,« versetzte sie; »aber ich muß heut wohl ein Auge zudrücken, denn es ist eine große Menge Briefe eingetroffen, und das hebt alle Hausordnung auf. Du hast auch ein paar dabei, Neffe.« – »Ich sah sie, Großtantchen! Aber es ist nichts Wichtiges dazwischen, was nicht bis heut Abend Zeit hätte. Nur so viel sah ich – meinem Vater geht es erträglich. Er hat selbst ein paar Zeilen beigelegt und läßt sich Ihnen empfehlen.« – »Das freut mich, das freut mich sehr!« erwiderte die alte Dame, welche, die Hände auf dem Rücken in einander gefegt, im Zimmer auf und ab spazierte; »grüße herzlich von mir, wenn du wieder schreibst. Dein Vater sollte zu uns herüber kommen mit deinen Geschwistern. Was hockt er drüben allein?« – Hugo zuckte die Achseln. »Das thut er nicht, Großtantchen,« bemerkte er. »Und das ist ja eben das Unglück, daß wir ihn nicht fortbringen können.« – »Wo hast du denn Gerhard gelassen?« fragte sie nach einer Weile. – »Er sitzt bei einer Arbeit und wird heut Abend kaum hieher kommen.« – »Ja, ja, er hat jetzt viel zu thun,« sprach sie halb vor sich hin. »Ein gewissenhafter, braver, treuer Mann! Ein wahrer Schatz für die Familie!« – »So sagt mein Vater gleichfalls, Großtantchen, und auch ich,« entgegnete Hugo. Sie gab keine Antwort und setzte ruhig ihre Promenade fort, bis sie nach einer Weile vor Hugo stehn blieb und sagte: »auch ich habe vorhin einen Brief von meinem Bruder erhalten, der mich halb lachen, halb aber auch recht nachdenklich macht. Er wird auch dich interessiren, Herr Neffe, und ich möchte einmal deine Ansicht hören. Wir sollten doch jetzt auch nachgerade gesetzt werden und anfangen, Ansichten zu haben,« setzte sie lächelnd hinzu und legte ihre Hand auf sein dunkles lockiges Haar. Er nahm die Hand und zog sie an seine Lippen zum warmen Kuß, und als sie dann herzlich sprach: »komm, mein lieber Knabe, du sollst ihn bei mir drinnen lesen!« erhob er sich und folgte ihr bereitwillig ins Kabinet, wo sie ihm den Brief gab, und während er las, die Brille aufsetzte und selbst ein anderes Schriftstück vornahm. Der Brief war, wie gesagt, von dem Bruder der alten Erlaucht, dem Freiherrn von Berndingen, welcher, früher Diplomat, sich seit einigen Jahren aus dem Staatsdienst zurückgezogen hatte und nach alter Gewohnheit bald hier, bald dort lebte. Er war aus Wien datirt und lautete nach dem gewöhnlichen Eingange folgendermaßen. »Bei meinem Spaziergang, der mich täglich zum Stephansplatz und zur Betrachtung und Bewunderung des alten Domes führt, traf ich dort mehrmals mit einem Mann zusammen, der gleichfalls das Bauwerk betrachtete, und als ich ihn bei Gelegenheit einmal anredete, sich so angenehm auszudrücken und so seine Bemerkungen zu machen wußte, daß er mich wahrhaft anzog und eine längere Unterhaltung nicht bereuen ließ. Er war von unscheinbarem, aber nicht unangenehmem Aeußern, verrieth jedoch in allem den Cavalier und nannte sich mir, auf meine höfliche Frage, als ein Graf von Ruysbroek aus Belgien. Die Familie ist mir wohlbekannt, da ein Mitglied derselben im Anfang unseres Jahrhunderts mit mir zugleich in Madrid und damals Attache bei der französischen Gesandtschaft war. Sie ist eine der besten ihrer Heimat, aber ich hielt sie für ausgestorben. Doch höre ich von meinem neuen Bekannten, daß sein Vater – der oben erwähnte Attaché, sich im Jahre 14 oder 15 aus dem Dienste zurückzog und seiner Vermögensverhältnisse wegen bis an. seinen Tod sehr eingezogen auf dem letzten kleinen Besitzthum in Flandern lebte. »Mein junger Bekannter – er mag etwa sechsunddreißig Jahre zählen – zog mich, wie gesagt, an, und zwar nicht nur durch seine Unterhaltung und seinen Geist, sondern auch durch sein ganzes, höchst angenehmes Wesen, wie man es bei den jüngern Generationen leider immer seltner trifft. Wir wohnten, bis ich vor acht Tagen meine jetzige Wohnung bezog, auch im selben Gasthof und verkehrten daher häufig mit einander. Dabei konnte mir nicht verborgen bleiben, daß der Graf oft niedergedrückt, ja finster erschien, und nachdem ich diesen Punkt mehrmals vergebens berührt – der Mann flößte mir eine wahrhafte Theilnahme ein – hat er mir vor einigen Abenden folgendes mitgetheilt. »Das Vermögen seiner Eltern, das nie bedeutend gewesen, sei durch den Krieg noch mehr ruinirt worden, nach dem Tode seiner Mutter sei ihnen durch Gott weiß welche Kabalen, eine bedeutende Erbschaft derselben entzogen, und sein Vater und nach dem Tode desselben auch er selbst hätten in großer Dürftigkeit, ja Armuth gelebt. In den Staatsdienst der Heimat zu treten, sei beiden durch ihre politische Ueberzeugung unmöglich geworden. Auch hatte der Sohn nur den Unterricht seines Vaters und eines alten Priesters erhalten und sich dann durch eigene Studien weitergebildet. Als der Vater starb, lebte Graf Raimund – so heißt er – eingezogen wie bisher und wußte von keinen Ansprüchen an Welt und Leben, oder hatte sie nothgedrungen aufgegeben: denn trotz aller Sparsamkeit schwand das Vermögen immer mehr zusammen. »Da erhielt er durch die Behörde die Nachricht, daß seinem Hause in Galizien, wohin sich vor 150 Jahren eine Comteß Ruysbroek an einen polnischen Magnaten verheirathet hatte, eine sehr bedeutende Erbschaft zugefallen sei und der Erbe zur Eröffnung eines dem Testament angehängten Codicills erwartet werde. Ungläubig reiste er nach wiederholter Aufforderung ab, fand jedoch die Nachricht bestätigt und die Erbschaft überaus bedeutend. Die Papiere, die er mir mitgetheilt, und auch andere Erkundigungen, die ich angestellt, lassen das Vermögen wirklich als ein fürstliches erscheinen. – Das Codicill verlangt aber von dem Erben, daß er entweder schon mit einer Dame von makellosem, stiftsfähigem Adel verheirathet sei oder eine solche im Laufe des ersten Jahrs nach dem Antritt der Erbschaft heimführe, widrigenfalls er nicht nur die Erbschaft verliert, sondern auch alles zu ersetzen hat, was er in dem Jahre von den Einkünften verwendete. »Diese Clausel ist es, die den jungen Mann unglücklich macht. Er kennt nicht allein keine einzige Dame, sondern verkehrte seit dem Tode seiner Mutter auch mit keinem weiblichen Wesen und hat – es ist zum Lachen! – vor ihnen eine wahrhafte Angst, so daß er sich nicht entschließen kann, in eine Gesellschaft zu gehn, wo er Damen begegnen möchte, und selbst das Theater nur ungern besucht. Er ist in der That von einer Schüchternheit, die eine Klosterfrau zieren würde, und als ich ihn neulich im Theater in der Nahe einer Dame sah, stand ihm der Angstschweiß auf der Stirne. Dazu kommt seine Bescheidenheit, und der Glaube, daß er innerlich nicht genug gebildet und äußerlich zu wenig anziehend sei, um jemals Anspruch auf Herz und Hand einer Dame machen zu können. Und so ist ein halbes Jahr der gesetzten Frist herum, und er kennt weder eine Frau, noch hat er Bekanntschaften, die ihm bei seinem Zweck förderlich sein können. Denn er ist überhaupt menschenscheu. Und andrerseits ist er verständiger Mann genug, um die Erbschaft nur ungern zu verlieren, zumal er dann noch einen Ersatz leisten müßte, der, wie solid er lebt, dennoch beinah sein ganzes kleines Vermögen verschlingen würde. »Du wirst hieraus ersehn, um was es sich handelt, meine gute Charlotte. Schloß Künigshofen wäre, glaube ich, der passende Ort für ihn, seine Menschen- und Weiberscheu zu verlieren; er findet bei euch Ruhe, Ordnung, Anstand und vor allem nicht den Firlefanz modischer Sitten und modischer Bildung, die er mit Recht hauptsächlich an der Damenwelt fürchtet und verabscheut. Daher werde ich ihn bei einer Reise, die er demnächst nach Flandern zu machen hat, über Königshofen dirigiren und empfehle ihn dir zur freundlichen An- und Aufnahme. Gegen ihn, dem ich schon hiervon geredet, habe ich nur Dich erwähnt, meine gute Charlotte. Unter uns aber darf ich auch wohl auf Deine Enkelin, Margarethe Hirschegg, hindeuten, die so viel ich weiß, noch frei ist und deren Verheirathung und Zukunft Dir, wie Du schreibst, des geringen Vermögens wegen Sorge macht. Von Vermögen wäre bei dem Grafen Raimund keine Rede; er hat leicht so viel, daß er die Reichs- und die andere Grafschaft Hirschegg dazu kaufen könnte. Dagegen erfüllt Deine Enkelin die Bedingung des Codicills im vollsten Maße; ich entsinne mich keiner Mesalliance im Geschlecht derer von Hirschegg und noch weniger im Geschlechte Berndingen. Und wie ich das Glück habe Dich zu kennen, wirst Du Deine Enkelin auch so haben erziehen lassen, daß sie nicht auf das Flittergold glatter Züge und Formen, sondern auf das sieht, was den wahren Cavalier macht und was Graf Raimund besitzt, wie kaum ein anderer Mann meiner Bekanntschaft. Doch das wirst du bald selbst am besten beurtheilen können. »Es sollte mich wahrhaft erfreuen, wenn dieser Brief dazu dienen könnte, Deine Sorgen zu erleichtern und hinwegzuräumen. Wenn ich aber recht verstanden, daß dein Vetter, Graf Wolfgang, für seinen Sohn an die Hand seiner Enkelin denkt, und daß dieser Sohn selbst – er heißt Hugo, glaube ich? – leider, zu deiner höchsten Verstimmung, selbst diesen Gedanken hegt, so hättest Du hier eine vielleicht sich nie wieder so günstig darbietende Gelegenheit, diese Dir mit Recht unwillkommenen Pläne ein für allemal umzustoßen, ohne –« Hugo hatte während seiner Lecture, wie die ihn heimlich beobachtende alte Erlaucht wohl bemerkte, mehrmals nur mit Mühe seine Heiterkeit unterdrückt; bei dem ganzen letzten Satze aber verzog sich sein Gesicht immer mehr und mehr, und nun ließ er das Blatt fallen, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und brach in ein Gelächter aus, wie es diese Räume vermutlich lange nicht so laut und ungenirt gehört hatten. Es steckte auch die Gräfin an, und indem sie ihm das Blatt fortnahm und ins Couvert schob, sagte sie: »das Uebrige ist Nebensache. Nicht wahr, Tollkopf, du warst bei dir selbst?« – »Freilich, freilich!« rief er noch immer lachend, »und daß wir, der Vater und ich, es auf solche Weise nicht übel nehmen könnten – ! – O, Ihr Bruder, Großtantchen, ist ein prachtvoller alter Herr!« Sie nickte lachend. »Du hast recht, er ist gar vorsichtig und rücksichtsvoll, mein alter Karl Anton. Aber nun, du wilder Knabe, laß einmal dein Lachen und sage, was du selbst dabei denkst?« – »Ich? Lieber Gott, was soll ich denken? Ich bin überzeugt, daß Gretchen nicht auf das Flittergold, sondern auf den ächten Cavalier sieht, und daher – lassen Sie ihn kommen, so bald wie möglich! Wir wollen ihm eine Ehrenpforte bauen bis in den Mond, und von allen Thürmen sollen die Banner der Hirschegg-Königshofen wehen!« »Unsinn!« sagte sie halb lachend, halb ärgerlich. »Ich will wissen, was du selbst dabei fühlst und denkst?« – »Ich? Unsterbliche Neugier und unendliche Freude, die Bekanntschaft dieses romanhaften Ritters zu machen.« – »Ist das dein Ernst, Hugo?« fragte sie mit festem Blick. »Seine Ankunft und Bewerbung ist dir nicht zuwider?« – »Bei meiner Ehre, Großtantchen, nein! Ich freue mich im Gegentheil darauf und gönne diese Bewerbungen meiner lieben Cousine von ganzem Herzen.« – »Das verstehe ich nicht!« bemerkte die Erlaucht, den Kopf schüttelnd. – »Ei, Sie werden's schon noch einmal verstehn,« versetzte der lustige Neffe. »Ich liebe Räthsel aufzugeben.« Im Salon ward es laut, in der geöffneten Thür des Kabinets erschien der Kammerdiener, um zu melden, daß der Thee bereit und die Gesellschaft versammelt sei. »Ich komme, Karl. Sie können gehn,« sprach die Gräfin, und als die Thür sich geschlossen, nahm sie die Brille ab, stand auf, und Hugo mit fast mütterlicher Zärtlichkeit in die blitzenden blauen Augen sehend, sagte sie: »bist du denn Diana's sicher, mein lieber Knabe?« – Hugo zuckte, schelmisch lachend, die Achseln. »Großtantchen, Großtantchen!« entgegnete er, »wo denken Sie hin? Sie wissen doch, alle Seegeschöpfe, Fische, Aale und Seejungfern, sind glatt. Wer kann deren sicher sein, und hielt er sie in der Hand!« Die alte Erlaucht schüttelte lächelnd den Kopf und erhob drohend den Finger. »Unverbesserlicher!« murmelte sie, und beide traten zu den Damen in den Salon. Fünftes Kapitel. Le comte Raimond de Ruysbroek »Das ist eine kuriose Frage, mein liebes Kind,« sprach die Gräfin, »und am kürzesten und wahrhaftigsten könnte ich sie Ihnen beantworten, wenn ich eine Redensart wählte, die der Hugo mit von seiner Universität gebracht und mich trotz ihrer Albernheit doch damit immer zum Lachen bringt: ›das will ich Ihnen ganz genau sagen – das weiß ich nicht! ‹Aber die Sache ist zu ernst für solchen Scherz, obgleich er hier wahr genug wäre. – Sehn Sie,« fuhr sie fort, und schüttelte dabei leise den Kopf, »das ist es, was ich immer sage: in eine Familie, wie die unsere, wo alles an den ältesten Sohn fällt, darf keine arme Frau heirathen. Für ihre andern Kinder, und besonders für die Mädchen, bleibt dann nichts als der alte Name, und wie viele fragen jetzt noch in der Welt nach dem? Die Einkünfte – oder sagen Sie, Vermögen – der Gräfinnen Töchter von Hirschegg-Königshofen sind sehr unbedeutend, und wenn mein seliger Herr mich aus großer Liebe nicht besonders günstig gestellt und Gott mich nicht so lange am Leben gelassen, so hätte Gretchen so gut wie nichts.« – »Aber Margaritta's Mutter, Ihre Frau Tochter, Mama, und auch ihr Vater besaßen doch Vermögen,« warf Diana ein. Die alte Erlaucht neigte das Haupt. »Das meinte ich vorhin,« erwiderte sie; »das weiß ich wohl! Aber das gehört zu den Mysterien unseres Hauses. Mein Schwiegersohn, Graf Eugen, war sehr wohlhabend. Ein Jahr vor seinem Tode verkaufte er noch überdies vortheilhaft genug seine Besitzung, um sich, nach meinem Wunsche, hier in der Nähe anzukaufen. Denn ich liebte meine Tochter sehr, mein liebes Kind; sie war so ganz nach meinem Herzen. Den Winter lebten sie in Frankfurt und da brach die Krankheit meines Schwiegersohns aus – anscheinend gar nicht gefährlich. Die Aerzte schickten ihn im Sommer mit der bestimmten Versicherung nach Ems, daß er gesund zurückkehren werde. Aber er starb dort plötzlich, mein Kind, so plötzlich, daß er seiner Frau, die ihn keinen Augenblick verlassen hatte, nicht ein Wort mehr sagen konnte. Und als man dann an die Regulirung des Nachlasses kam, fanden sich keine Schulden, aber auch kein Vermögen – kein einziger Nachweis, nicht ein einziges Dokument – gar nichts, mein Kind, – und so viel man forschte, niemand konnte oder wollte Auskunft darüber geben. Sein früherer Banquier in Mannheim wies auf das klarste nach, daß Graf Eugen auch die letzten Kapitalien im Frühling eingezogen habe; sein Geschäftsführer erwartete nach dem letzten Brief, den er vom Grafen erhalten, erst neue Instructionen. Und die Verwaltung des Vermögens war das einzige, was mein Schwiegersohn selbständig und ohne Zuziehung seiner Gemahlin besorgte. Hiervon hatte Lucie nie etwas erfahren, nie eine Einsicht in den Stand dieser Angelegenheiten erlangt. Und dabei blieb's.« »Aber hat man denn gar keine Spuren, Mama?« fragte Diana lebhaft. »Hat ihr Herr Schwiegersohn vielleicht spekulirt? – Ich habe in der Gesellschaft meiner Tante oft genug von solchen Dingen hören müssen. Da soll man furchtbar rasch und sehr viel verlieren können. – Oder war ein großartiger Diebstahl möglich?« – Die Gräfin schüttelte wieder, diesmal ein wenig verächtlich, den Kopf, »Unmöglich!« versetzte sie dann. »Von letzterem konnte keine Rede sein. Und von Spekuliren nun gar nicht. Graf Eugen hätte das so wenig gethan, wie Sie oder ich. Er war vornehmer Mann, und ein solcher, that das damals noch weniger als jetzt: das überläßt er Juden und Parvenüs! für dergleichen ist das was. – Er hat auch nicht gespielt, noch sonstige Extravaganzen begangen; meine Tochter würde das niemals zugegeben haben, denn sie war sehr selbständig und entschieden. Wollte Gott, Gretchen hatte davon ein wenig mehr geerbt; sie ist mir bald gar zu träumerisch und sanft. Ich muß wirklich daran denken, ihr einen Mann zu geben, der sie stützt und trägt, noch über die alltägliche Liebe hinaus, und der neben alledem auch noch die Milde und Geduld hat, mit der man ihr Wesen aufnehmen muß, wenn sie nicht gleich verschüchtert werden und verzagen soll. – Aber wo den finden?« – »Darf ich Ihnen wohl einmal etwas sagen?« bemerkte Diana nach einer Pause, legte den Arm leise um die alte Frau und sah schmeichelnd zu ihr empor. »Aber wollen Sie mir auch gewiß nicht zürnen, Mama?« – Und als die Gräfin freundlich lächelnd nickte, fuhr sie fort: »halten Sie es für gut, daß Margaritta hier so abgeschlossen lebt, wo sie niemand sieht, niemand kennen lernt als die Untergebenen? Und doch, liebe Mama, sagen Sie selbst, daß Margaritta gar zu sanft und schwach ist; und ich setze hinzu: sie ist es so sehr und dazu von solcher Innigkeit und Zärtlichkeit, daß sie sich nicht nur nach einer Stütze sehnt, nach einem Halt – sondern daß sie auch einen Menschen haben muß, dem sie ihr ganzes Herz, ihr ganzes Sein und Wesen hingeben kann. – Ich habe das ja selbst damals im Kloster am besten erfahren,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wie strebte sie mir entgegen, wie hat sie mich erobert! muß ich sagen. Wie schloß sie sich mir an und fand alles in mir, gab sich mir hin mit der vollen Innigkeit ihres Herzens! – Sollte ein solcher Charakter in solcher Einsamkeit nicht gefährlich werden können, für Margaritta selbst und – für andere, liebe Mama?« Die Gräfin antwortete nicht sogleich, gedankenvoll schaute sie in den Park hinaus, auf die wirr gekreuzten Zweige und Zweiglein von Strauch und Baum, die mit Schnee und Eis sich wie kandirt zeigten, und auf die Oeffnungen der Pfade und Alleen, welche jetzt mit einem leichten bläulichen Duft erfüllt waren. »Das hat mir früher schon oft genug Sorge gemacht,« sagte sie endlich ernst. »Die Einsamkeit und Einförmigkeit unseres Lebens sind nicht gut für Gretchen. Aber was thun, mein liebes Kind? Da zeigen sich recht die betrübten Zustände unserer Familie! Ich selbst habe den Aufenthalt in Städten nie geliebt und bin jetzt auch zu alt dazu, noch mit Gretchen nach Wien oder München zu gehn; halb und halb könnte ich, wie die Sachen nun einmal liegen, auch gar nicht von hier fort. Mein Stiefsohn, wissen Sie, kann nirgends ein Haus machen, und bei Hugo's Vater ist es damit, für jetzt wenigstens, auch vorbei. Gretchen aber mit einer bekannten Familie dort leben zu lassen, kann ich mich nicht entschließen. Wir haben nicht viel Bekannte, und niemand, dem ich von Herzen diesen Schatz anvertrauen möchte. Und was ich von der Lockerheit der Ansichten und Sitten höre und sehe – und noch mehr, was ich von der Frivolität des Lebens in der jetzigen Gesellschaft erfahre, erschreckt mich, liebes Kind. Sie kennen das ja nicht, und ich kann es Ihnen daher auch nicht so genau auseinandersetzen; aber es ist eine böse Zeit! »Nun,« fuhr sie nach einem kurzen Schweigen fort, »das war früher, und für den nächsten Sommer wird der Herrgott ja auch sorgen. Jetzt bin ich ruhiger als je. Sie sind ja hier, Diana, und eine Stütze und ein Segen für mein Kind, wie Sie es selbst nur begehren können. Gretchen hängt mit unglaublicher Liebe an Ihnen.« – Diana schüttelte mit einem eigenthümlichen Lächeln den schönen Kopf. »Sie verstehn mich wohl nicht ganz, liebe Mama,« versetzte sie. »Auch dies alles ist übel genug für Margaritta: allein ich meinte nicht sowohl die Stille ihres hiesigen Lebens, sondern mehr eine, Folge derselben. Margaritta's Herz muß für jemand schlagen, ihr Kopf muß von etwas träumen – und da meine ich: sollte sie dies Herz, dieser Kopf hier nicht irre führen können und –« »Fräulein von Kaufberg meint nämlich, Großtantchen, daß sich Gretchen in Ihren alten Hubert oder mich verlieben könnte,« sagte hier plötzlich Hugo, der von den Damen nicht bemerkt, aus der Thür des Frühstückssaals gleichfalls auf die Terrasse getreten war und Diana's letzte Worte gehört hatte. »Und da wir beide nun ein paar kalte Menschen und anerkannte Weiberfeinde sind,« fuhr er lustig und mit einer neckischen Verbeugung gegen Diana fort, »so wäre das allerdings eine bitterböse Geschichte, das Fräulein wär' übel daran, und heirathet am Ende auch aus Aerger den ersten besten Mann, der ihr in den Weg gelaufen'!« Die Damen hatten sich von ihrer ersten Ueberraschung wieder erholt und konnten bei seinen Worten nicht das Lachen unterdrücken, obgleich Diana zuerst ein wenig ärgerlich darein gesehen und auch während des Lachens die leichten Falten von ihrer Stirn nicht ganz verbannen konnte. Die alte Dame erhob aber jetzt nur strafend den Finger und bemerkte: »daß du das abscheuliche Erschrecken nicht lassen kannst, du Ausbund! – Uebrigens,« wandte sie sich dann an ihre Begleiterin, »möchte auch ich, wie der da, nur im Ernst, Ihre Befürchtungen nicht theilen.« – »Und auch ich möchte das um so weniger, gnädiges Fräulein,« sprach Hugo mit gutgespieltem Ernst, »da die Einsamkeit hier auch wieder ein Ende nimmt. Es ist eben ein Fremder gekommen, Großtantchen, und ich habe Karl die Karte abgenommen, die er Ihnen bringen wollte. Hier ist sie.« Die Erlaucht nahm das dargebotene Blättchen, hielt es weit von ihren Augen und las: »Le comte Raimond de Ruysbroek.« – Ihr Arm sank herunter und sie sah ihren Neffen einen Augenblick Verwundert an. »Wie denn? Der Graf von Ruysbroek?« murmelte sie dann nachdenklich vor sich hin. – »Ein schöner Name!« rief Diana. – »Freilich, ich bin gleichfalls neugierig auf ihn!« meinte Hugo. Gräfin Charlotte hatte ihre erneuerte Ueberraschung inzwischen überwunden. »Mein Kind,« wandte sie sich ruhig an ihren Neffen, »du mußt schon die Güte haben, den Herrn einstweilen zu empfangen und ihm mitzutheilen, daß er mir willkommen und daß ich ihn in einer halben Stunde oder wann es ihm bequem, im Salon erwarte.« Und zu dem Kammerdiener, der eben in der Thür des Frühstückssaals erschien, fuhr sie fort: »lassen Sie dem Herrn Grafen Zimmer im Josefsbau anweisen, Karl, und seine Effekten dahinschaffen. Er möchte einige Tage verweilen.« Dann, nachdem beide Männer sich entfernt, nahm sie ihren Spaziergang auf der Terrasse wieder auf, verharrte jedoch in nachdenklichem Schweigen, und selbst als Diana neugierig fragte: »wer ist der Herr? Sie kennen ihn schon, Mama?« – gab sie nur die kurze Antwort: »mein Bruder hat mir seinen Besuch gemeldet. Ich kenne ihn noch nicht.« – Gleich darauf ging sie nach einer freundlichen Verbeugung in die Thür, und Diana blieb allein. Lange war das freilich nicht der Fall, und sie hatte es auch wohl vorher gewußt, denn als wenige Minuten später Margarethe heiter und mit den Worten aus der Thür sprang: »da bin ich, Diana!« – blieb sie stehn und sagte ruhig: »endlich, Margaritta! Sind deine Briefe beendigt?« – »Ja, Gott sei Dank!« versetzte die junge Gräfin. »Nun schreibe ich aber auch in vierzehn Tagen kein Wort mehr. Ich hab' es satt!« Und dann ihren Arm um die Freundin schlingend, zog sie dieselbe mit sich die Terrasse entlang. »Wie ich solch einen Tag liebe!« plauderte sie dabei: »so still, so milde, so friedlich! – Das ist nicht wie ein Regen- oder Schneetag, wo's uns bis ins Herz hinein schauert. Und auch nicht wie jener, wo die Sonne so hell strahlt, als nähme sie all ihre Macht zusammen und als sagte sie zum Menschen: da bin ich! Nun sei auch hübsch zufrieden und fröhlich! – Das ist nichts für mich. Ich liebe es so wie heut, da kann ich heiter sein, während mich das scharfe Licht aufregt, die rauhe oder wilde Luft niederdrückt. Was sind die Menschen dumm, daß sie es verbieten wollen, vom Wetter zu reden, obgleich dasselbe doch von so großem Einfluß auf uns ist.« – »Ist das nur vom Wetter, daß du heut so munter bist, Margaritta?« fragte Diana nach einer Weile und schaute die Freundin mit ihren blitzenden Augen durchdringend an. – »Freilich, und auch von der wohl vollendeten Arbeit,« gab Margarethe zur Antwort. »Aber ich habe dich schon längst fragen wollen – entweder nennst du mich seit einiger Zeit gar nicht mehr, Diana, oder nur noch "Margaritta." Weßhalb eigentlich?« Sie waren stehn geblieben. Diana hatte die Arme unter dem Shawl über die Brust gekreuzt, ihre ganze Haltung und Stellung drückte einen gewissen Trotz aus, auch ihre Augen blickten trotzig und in ihrer Stimme klang dieselbe Regung, als sie endlich nach einer Pause erwiderte: »nun, das bedarf doch wohl keiner Erklärung? Mir däucht, du mußt es nur für natürlich halten, daß ich in der Aeußerung meiner Liebe zu dir ebensowenig mit jemand theilen mag, wie in der Liebe selbst. Ich mag nicht reden zu dir wie jedermann, denn ich bin nicht jedermann, sondern ich selbst, Diana Kaufberg. Und am wenigsten theile ich mit dem da!« Sie warf die Hand mit einer verächtlichen Bewegung gegen den Josefsbau hinüber, wo die Fenster der Wohnung des Forstmeisters sich eben von der drinnen angezündeten Lampe erhellten. Margarethe war tief erröthet, aber in den seinen und weichen Zügen ihres Gesichts zeigte sich nichts von Zürnen oder Erstaunen, sondern nur eine tiefe Wehmuth. Nach einem langen, fast vorwurfsvollen Blick auf die Freundin senkte sie die Augen und sagte mit leise bebender Stimme: »das verstehe ich nicht, Diana. Du bist sehr ungerecht.« – »Ungerecht?« rief sie bitter. »Ungerecht? Das ist in der That zum Lachen! Also weil ich dich nicht nennen mag, wie ein andrer, – weil für mich der Name, den ich dir gebe, kein leerer Klang ist, sondern seine Bedeutung hat als Ausdruck meiner Liebe, weil ich solche Vertraulichkeit zwischen dir und dem Menschen unpassend finde – deßhalb ungerecht? Ist's so weit, Margaritta? – Aber was frage ich? – Ich weiß es ja! Ich habe es ja selbst gehört – gesehn!« setzte sie hinzu, und in der leisen tiefen Stimme, mit der sie jetzt sprach, hörte man dennoch die ganze Leidenschaftlichkeit ihres ungestümen Herzens. »O Margaritta, Margaritta, wie konntest – wie kannst du dich so vergessen!« – Die Andere sagte kein Wort und gab keinen Laut von sich. Mit leicht gesenktem Haupte stand sie vor der heftigen Freundin ohne Bewegung; selbst ihr Athem schien stille zu stehn. »Ich weiß es – ich fühle es und leugne es nicht,« fuhr Diana noch einmal fort, »ich bin Egoistin in diesem Punkt; ich kann nichts Halbes brauchen, ich will für mich ein ganzes Herz und eine ganze Liebe. Siehst du, Margaritta, das habe ich dir schon gesagt und muß es nun wiederholen. Aber hierbei ist das nicht die Hauptsache. Hier gilt es dir selbst und dieser – dieser Neigung zu dem Mann, der deiner so gar nicht würdig ist. Ich muß dich erwecken aus diesem Traum! Ich muß dich losreißen von dieser – Phantasie! Bedenk' es wohl, Margaritta – mich stößest du damit auf ewig von dir; du zwingst mich, diese Liebe zu dir, diese abgöttische Liebe, aus meinem Herzen zu reißen und unglücklich und elend zu werden für all meine Lebenszeit. Denn du bist die Einzige, der ich mein ganzes Herz hingegeben, die ich angebetet habe bis in den kleinsten Zug ihres Wesens. Wie soll mir da sein ohne dich? Und doch müßte es so kommen! Ich würde dich nicht mehr lieb haben – ich müßte dich verleugnen wie alle Welt. – Wähle, Margaritta, wähle!« setzte sie leidenschaftlich hinzu und ergriff der Freundin Hände. »Aber ich weiß es, ich gelte dir nichts mehr! Du hast nur Untreue für mich und meine Liebe.« Die Exaltation, mit der sie nicht nur gesprochen, sondern auch gefühlt, hatte sie wenig auf die Freundin achten lassen, an welche doch ihre Worte gerichtet waren. Jetzt jedoch, da sie ihr Gesicht dem der Andern genähert hatte, bemerkte sie, daß Margarethens Augen voll Thränen standen, und als diese nun langsam ihre Hände losmachte und sich mit leisem Schluchzen umwandte, warf Diana beide Arme ungestüm um die schlanke, bebende Gestalt und sprach mit unterdrückter Stimme: »zürnst du mir, Margaritta? Habe ich thörichtes Kind dir weh gethan? Verzeih' mir, Margaritta! Mein theures – theures Kleinod, sei wieder gut! Ich will ja alles, was du willst! Nur weine nicht, nur zürne mir nicht mehr! Sieh, ich habe dich so abgöttisch lieb, daß ich sterben müßte, wenn ich deine Liebe nicht mehr hätte! – O Margaritta!« Und ihre Stimme sank zum Flüstern herab, und ihre Augen blitzten von Thränen, – »o Margaritta, bitte, bitte, bitte! Vergib mir! Mein einziges – einziges Herzenslieb!« Margarethe hatte sich langsam wieder umgewandt, ihre Arme um den Hals der aufgeregten Freundin geschlungen und ihren Kopf auf deren Schulter gesenkt. Nun erhob sie ihn wieder, und durch Thränen lächelnd versetzte sie flüsternd: »du liebe – böse – liebe Quälerin! Was machst du uns beiden nur das Herz so schwer! Wie könnte ich dir wohl zürnen, da ich doch weiß, wie lieb du mich hast, und daß nur dein wildes, heißes Herz dich zuweilen fortreißt!« Und indem sie dann den Kopf Diana's zwischen ihre Hände nahm, und die Stirn gegen die der Andern lehnend, innig und tief in ihre Augen schaute, setzte sie hinzu: »du sagst von meiner Untreue. Aber glaube mir nur, ich liebe dich viel – viel mehr als du mich! – Sieh, ein Kuß auf die Augen, heißt's, geht grade ins Herz hinab. Fühlst du, wie treu und warm das meine für dich ist, Diana?« So standen sie fest verschlungen, im langen, heißen Kuß, und als sich die Lippen lösten, blieben sie dennoch so eng umfaßt stehn, Wange an Wange gelehnt und flüsterten einander heiße und innige Liebesworte zu. Es gibt nichts auf der Welt, was einer solchen Uebertreibung und Ueberspanntheit fähig wäre und doch daneben von einer so tiefen und reinen Innigkeit sein könnte, wie Herz und Gefühl eines jungen Mädchens; und es gibt auch nichts rührenderes und zugleich wieder komischeres als die Weise, in der zwei solche junge Wesen diese Herzen einander hingeben, diese Gefühle für einander ausdrücken und austauschen. Hausbackene Naturen freilich verstehn davon nie etwas als die Übertreibung und schütteln zu solchen »Albernheiten« mißmuthig den Kopf. Selbst Hugo, der in diesem Augenblick wieder auf die Terrasse trat und die beiden eng verschlungenen Gestalten sah, überkam es schon bei diesem Anblick mit einer Art von Rührung und Scheu, und offen herantretend sprach er zu den Freundinnen, welche ihn Arm in Arm stehend erwarteten, ganz abweichend von seiner gewöhnlichen neckenden Weise die Botschaft der Großmutter aus, welche Margarethe bei sich zu sehn wünschte. Diana lachte heiter. »Soll sie schon dem neuen Ankömmling vorgestellt werden?« fragte sie, und als Margarethe auf Hugo's beistimmendes Lachen nach der Bedeutung dieser Worte forschte, setzte sie hinzu: »ei es ist da ein Graf Raimund de – de – der Himmel mag wissen, von was! – angekommen, dem Benehmen deiner Großmutter bei seiner Ankunft nach, eine etwas mysteriöse Person und von deinem Cousin hier zu einem Freier für dich gestempelt. Was ist es für ein Mann?« wandte sie sich an Hugo. – Er zuckte die Achseln. »Wie Sie sagen – mysteriös, mir wenigstens unverständlich und auffällig. Bald von einer Schüchternheit des Benehmens wie eine junge Pensionärin, dann wieder von einer Nonchalance, die wenig dazu paßt, ja scharf damit kontrastirt, und zuweilen sogar mit Blicken um sich schauend, die eigenthümlich schnell und forschend – ich möchte am liebsten sagen: unverschämt sind. Endlich hat der Herr einen alten Diener bei sich, dessen Augen ich noch nicht gesehn, so selten schlägt er sie auf. Aber er schleicht wie eine Katze, die Milch gestohlen und ein böses Gewissen hat.« – »Schauerlich!« lachte Diana. »Was Sie nicht alles sehen, Herr Poet!« – Und mit einem neuen Achselzucken entgegnete er: »das war der erste Eindruck und ich will wünschen, daß er sich verliert. Denn sonst wär's keine angenehme Zugabe zu unserm fröhlichen Leben.« Inzwischen ging Margarethe nach einigen weitern scherzenden Worten, und da Diana erklärte, daß sie ihren Spaziergang noch fortsetzen wollte, allein ins Haus hinein, und Hugo schritt mit der Zurückbleibenden plaudernd die Terrasse auf und nieder. Die Dämmerung hatte unterdessen schnell zugenommen und im Schlosse zeigten sich bereits überall erhellte Fenster, während die Gruppen des Parks zu immer undeutlicheren Massen verschwammen. Die beiden jungen Leute wurden dadurch noch mehr, so zu sagen, auf sich angewiesen, und nach der Scene zwischen den Freundinnen, welche Diana's ganzes Wesen durchschüttert und zuletzt in der Versöhnung sie ungewöhnlich weich gemacht hatte, war es kein Wunder, daß die Nachklänge dieser Weichheit und Innigkeit noch jetzt durch ihr Wesen bebten und von Hugo alsobald bemerkt wurden. Es erfaßte den jungen Mann wunderbar und zwar um so mehr, je weniger er auf solche Stimmung des schönen Mädchens vorbereitet sein konnte; und plötzlich und ohne über seine Worte nachzudenken, sagte er stehen bleibend: »hören Sie, Diana, Sie sind ein wahrer weiblicher Proteus! Wie kommen Sie jetzt nur zu Gretchens Sanftmuth und Milde, grade Sie? – Aber kleiden thut es Sie zauberhaft.« Sie blieb gleichfalls stehn und versetzte halb neckend, halb nachdenklich: »nun natürlich! – Ihre Cousine ist ja eine leibhaftige Fee – und wenn die ihre Macht und ihren Zauber über ein andres Wesen breitet, muß das wohl davon erfaßt werden – selbst eine Nixe, wie ich,« setzte sie lachend hinzu. »Aber ohne Scherz,« fuhr sie dann fort, ohne Hugo's leises Kopfschütteln zu beachten, »Ihre Cousine ist ein wunderbares Wesen, dem man sich nicht entziehn, gegen das man nicht kämpfen kann. Ich hatte wohl Grund, mit ihr zu zanken, zu zürnen – auch Sie betrifft das, Graf Hugo! – und das Resultat war dasselbe wie immer bei unsern Streitigkeiten – ich gab nicht nur nach, sondern ich bekannte demüthig, daß mein Recht Unrecht sei, und ward ihr inniger zu eigen als je. Ja noch jetzt bin ich betrübt, daß ich ihr weh gethan, und habe sie so abgöttisch lieb, wie nie zuvor.« Er schüttelte mit einem schelmischen Lächeln den Kopf, »Weiß Gott, Fräulein Diana,« sagte er, »dazu gehört ein starker Glaube, daß Sie der nachgebende, demüthige Theil seien, und nun gar Gretchen gegenüber!« – »Weßhalb?« rief sie lebhaft. »Glauben Sie vielleicht auch, daß ich besonders kraftvoll und herrschsüchtig sei, gern und leicht dominire?« Und als Hugo lächelnd nickte, fuhr sie eifrig fort: »o wie unrecht habt ihr alle! Nein, im Gegentheil! Margaritta beherrscht mich grenzenlos und – macht sie nur ein betrübtes Gesicht, so laß ich mich von ihr um den Finger wickeln.« – »Lieber Gott!« sagte Hugo mit einem komischen Seufzer, »wem das auch einmal so gut würde!« – »O das ist gar nicht so schwer, Graf Hugo,« gab sie lachend zur Antwort. »Es kommt nur auf den Menschen an und auf die Weise!« – »Gut!« versetzte er, »geben Sie mir einmal ihre Hand!« – »Wollen Sie mich etwa um Ihren Finger wickeln?« fragte sie neckend. Aber als er seine Rechte hinhielt und leise: »bitte, bitte!« dazu sagte, erhob sie die Augen für einen Moment mit einem eigenthümlich dunklen Blick zu den seinen und legte dann wie mit plötzlichem Entschluß ihre feste schmale Hand in die seine und fühlte die Finger mit einem leichten Drucke umfaßt. »Wollen Sie nun ganz gut und demüthig sein, Diana, wie gegen Gretchen – so lassen Sie mir die Hand,« sprach er leise und innig. – Sie sah nicht auf, sie antwortete auch nicht sogleich, und erst nach einer Pause fragte sie eben so leise und mit einem leichten Beben der Stimme: »wozu?« – »Zum Leben, Diana!« flüsterte er erregt und preßte ihre Finger in die seinen. »Sie wissen's doch, daß ich Sie – unmenschlich lieb habe!« – Wieder nach einer Weile erst sah sie – man möchte sagen: lauschend – zu ihm empor und versetzte: »und haben Sie keine Angst vor der Seejungfer? – Nixen sind falsch, sie verlocken und – verlassen.« – Er nahm auch ihre andere Hand und zog beide ungestüm an die Lippen. »O,« sagte er, und man hört' es seiner Stimme an, daß er nur mit Mühe ein helles Aufjubeln unterdrückte, »o, dafür habe ich keine Sorge! Wo will die Nixe hin, wenn der, den sie liebt, ihres Gleichen und im selben Element ist?« – »Uebermüthiger!« flüsterte sie lächelnd. »Diana,« sprach er nach einem Augenblick des innigsten Anschauens, »Sie haben es mir noch nicht gesagt – lassen Sie mir die Hand?« – Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Haben Sie sie nicht?« – »Aber Diana, ich muß auch das Herz dazu haben – das ganze Herz!« – »Ungenügsamer Mensch! Und wenn ich nun sagte: das habe ich nicht mehr! Wie dann?« – »Da frage ich heftig und zornig – denn Sie beugen sich ja vor dem Zorn! – wo ist es?« – »Und ich beuge mich demüthig,« versetzte sie, immer noch mit niedergeschlagenen Augen und beide Hände in den seinen, – »und sage: ich habe es einem wilden – thörichten – lieben Menschen gegeben – leider schon längst!« – »Und wer ist – wo ist dieser wilde, thörichte Mensch, Diana?« fragte er ganz leise. Da zog sie ihre Rechte aus seinen Fingern, und indem sie die Augen mit ihrem vollen Glanz und ihrer vollen Größe zu ihm aufschlug, legte sie die Hand auf seine Schulter und sagte aus dem tiefen Herzen herauf: »da!« Er breitete die Arme aus und legte sie langsam um ihre schlanke Gestalt, zog sie eben so langsam immer fester und fester an sich, drückte leicht die Lippen auf ihren Scheitel Und preßte dann ihren Kopf mit beiden Händen einen Augenblick an sein Herz. »Wollen Sie mich sehr lieb haben, Diana?« fragte er dann. – »Ich muß wohl!« flüsterte sie. »Und Sie, Hugo – wie sagten Sie vorhin? Sagen sie das noch einmal.« – Er schob sie von sich, er faßte ihre beiden Hände und beugte sein Gesicht nahe zu dem ihren und sagte: »ich habe dich un – unmenschlich lieb! – Diana, sind wir wirklich ein Herz und eine Seele? – »Ja, dein Herz, deine Seele!« war ihre leise Antwort. »Aber Diana – Hugo – wo bleibt ihr denn?« rief jetzt Margarethens Stimme. »Es ist ja eisig kalt geworden!« – »Sagen Sie ihr nichts, Hugo,« sprach Diana schnell, während sie vom Ende der Terrasse, wo sie bisher gestanden, sich der Rufenden näherten. »Das muß ich selbst ihr mittheilen.« – »Nur kein Geheimniß!« bat er, zum letztenmal ihre Hand drückend. Sie erwiderte den Druck. »Nein,« versetzte sie munter, »wir steigen jetzt lustig auf die Erde und werden Menschen. Das wird einen schönen Rumor geben!« – Er lachte, flüsterte noch einmal: »Nixe – holdselige Nixe!« und dann traten sie zu der Andern und mit ihr ins Haus. An der großen Treppe, die hinter dem Bibliotheksaal zu den Familienzimmern hinausführte, trennten sie sich, und während Diana, den Arm um Margarethe schlingend die Stufen hinaufging, schritt Hugo über den Lehnhof dem Josefsbau und seinen Zimmern zu, um in der Stille wieder Herr seiner selbst zu werden. Als er sich nach anderthalb Stunden über den Corridor, der an den Stuben der beiden Mädchen vorüberführte, nach dem Salon zur Theestunde begeben wollte, öffnete sich Margarethens Thür und sie selbst zog den Ueberraschten in's Gemach. »Schnell!« sagte sie mit glühenden Wangen und feuchten Augen; »schnell, Hugo! Ich will dich nur segnen und dir einen Kuß geben, daß du mich so glücklich machst!« Und als sie seine Lippen flüchtig mit den ihren berührt und seinen Kopf einen Augenblick zärtlich in ihre Hände gedrückt, tanzte sie fröhlich durch's Zimmer zu Diana, die lächelnd und stumm in der Sophaecke gelehnt, zog sie auf und zu Hugo und sprach: »nun gebt euch rasch noch die Hand, daß ich euch Menschenkinder einmal innig bei einander sehe. Schnell! Meine Donna kann jeden Augenblick kommen!« Diana lächelte. »Eigentlich ist's für heut übergenug,« versetzte sie: »das ist ein stürmischer milder Mensch, den ich kurz halten muß.« Aber sie sah ihn, dessen Gesicht von Glückseligkeit strahlte, mit einem tief leuchtenden Blick an und reichte ihm dann plötzlich mit ihrer ganzen ungestümen Herzlichkeit die beiden Hände hin. Sie litt es auch, daß er ihren Kopf an die Brust zog und wieder das dunkelblonde Haar küßte, ja als er sie losließ, legte sie für einen Moment ihre Hände an seine Wangen. Dann jedoch wandte sie sich rasch auf dem Absatz um, machte gegen ihn eine neckische Verbeugung und sagte lustig: »nun genug, mein schöner Ritter! Für heut heißt's: Wir kennen uns jetzt schon gut genug – Suchen uns jetzt zu vermeiden! – Fort, zur Großmama!« Und aus dem Zimmer eilend, stieß sie mit Margarethens Gesellschafterin zusammen, welche die Damen eben zur Theestunde abholen wollte. Sie faßte das Mädchen unter den Arm und zog es singend' mit sich fort, die andern Beiden folgten lachend. Im Salon war noch niemand, doch trat unmittelbar nach ihnen schon Gräfin Charlotte aus ihrem Kabinet, und bevor sie noch etwas weiteres sagen konnte als: »guten Abend, meine Kinder! Ihr werdet einen originellen, aber höchst liebenswürdigen Mann kennen lernen!« – meldete der Kammerdiener den Grafen von Ruysbroek. Der Mann, den er in's Gemach ließ und der nach einer höchst förmlichen Verbeugung, die Lorgnette vor den Augen auf die alte Erlaucht zugehn wollte, schien bei dem Anblick der übrigen Damen nicht wenig überrascht, ja so verwirrt zu sein, daß er mitten im Zimmer stehn blieb und nach allen Seiten hin eine neue Verbeugung machte. Als er sich aufrichtete, sah man, daß er roth geworden, und als er sich dann gefaßt und der Gräfin Charlotte genähert hatte, sagte er mit ziemlich befangen klingender, ein wenig heiserer Stimme auf französisch: »Ihr Herr Bruder, Frau Gräfin, hat mir nichts von einem so großen Familienkreis gesagt.« – Die alte Dame lächelte. »Mein Bruder ist ein drolliger Mensch,« versetzte sie; »er ignorirt alle Welt in meiner Umgebung außer seiner alten Schwester, und will von niemand wissen und reden als von mir. Aber ich hoffe,« fuhr sie fort, »die hier Anwesenden werden Ihnen den Aufenthalt in Königshofen nicht verleiden. Und nun kommen Sie, daß Sie sie kennen lernen.« Nach der Vorstellung nahm man Platz um den Tisch und die Gräfin that, was sie konnte, eine belebte, heitere Unterhaltung in Gang zu bringen. Allein dem befangenen Grafen gegenüber, der meistens mit niedergeschlagenen Augen in seinem Lehnstuhl gleichsam zusammengeschmiegt saß und nur wenig auf die Gesprächsgegenstände einging, schien ihr seit vielen Jahren geübtes und stets glänzend bewährtes Talent als Wirthin zum erstenmal nicht ausreichen zu wollen, und was sie auch versuchen mochte es gelang ihr nicht, den Gast aus seiner Zurückgezogenheit hervorzulocken. Selbst als er von seiner Heimat, seinem kleinen alten Schloß in Wandern und seinem einsamen Leben dort erzählte, geschah das so kurz, so einförmig und eintönig wie möglich. Auch richtete er seine Worte nur an die alte Dame und sah, wenn er einmal aufblickte, mit seinen kurzsichtigen Augen anscheinend nur zu ihr hinüber. Ungefragt versuchte er nur zwei- oder dreimal zu sprechen und brach auch sogleich, fast wie erschrocken über solche Kühnheit, wieder ab. Dessen ungeachtet verrieth er selbst in dieser Unterhaltung durch einzelne Worte und Bilder, durch einen oder den andern geistvollen oder witzigen Einfall, den er freilich auf die trockenste Weise und mit dem ernstesten Gesicht vorbrachte, daß er sein gebildet und ein Mann von großem Verstand und Geist sein mochte. Nach etwa zwei Stunden bat er um die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen, da er von der langen und schnellen Reise sehr ermüdet sei. Und darauf verließ er das Gemach so schüchtern und zugleich so förmlich, wie er es betreten. Hugo machte eine tiefe Verbeugung hinter ihm drein. »In der That,« bemerkte er dann lachend, »ich bewundere Sie, Großtantchen! Wie ein Bergmann haben Sie wahrhafte Schachte in dies Felsgestein abgeteuft, um seine Schätze zu Tage treten zu lassen. Aber –!« – Die Gräfin verzog gleichfalls wie die Andern ihr Gesicht zum Lachen; dann aber versetzte sie wieder ernsthaft: »mit dir ist nichts anzufangen, mein Kind! Ich wünsche aber, daß die Uebrigen vernünftiger sein werden. Wie soll man mit euch Geduld haben, wenn ihr selbst sie mit andern so wenig habt? Es ist ein Mann, der wie ein Einsiedler erzogen wurde und bis auf die neueste Zeit niemals seine abgelegene Heimat verließ. Mit Männern ist er wenig zusammengekommen und mit Damen verkehrte er nie. Woher soll er denn da Sitten und Gebräuche der Gesellschaft kennen? Ich möchte aber darauf wetten, daß er in sich selbst vollkommen zu Hause ist und seinen Geist nicht brach liegen ließ. Dann findet sich alles andere bald. Und mit mir allein war er vorhin auch ganz anders, gesprächiger und heiterer.« – »Seine Aeußerungen über sein altes Eulenschloß haben mir vorhin gefallen,« bemerkte Margarethe freundlich. »Nicht wahr, Diana, es war geistvoll und – innig?« »Nein,« rief Hugo lustig, »Fräulein von Kaufberg sollt ihr mir nicht verführen! Die braucht nichts vom fremden Geist, von fremder Innigkeit und ›dem innern Gold eines ächten Cavaliers.‹ Das haben wir alles hier. Denn, Großtantchen und meine Damen,« setzte er hinzu und zog die erröthende Diana zu dem Stuhl der alten Gräfin, »sie hat sich entschlossen, das alles in mir zu finden.« – Die Erlaucht stand rasch auf und legte ihre Arme um das Paar. »Das lohn' Ihnen Gott, mein theures Kind! Das dank' ich dir bis ans Ende, mein lieber Knabe!« sprach sie freudig bewegt. »Das ist eine Freude für mich alte Frau, wie ich mir kaum eine bessere weiß! – Gottes Segen über euch!« Sie ließ das Paar aus ihren Armen und ging ein paarmal durch den kleinen Saal auf und ab, als wollte sie ihrer Bewegung Herr werden. Aber als in diesem Augenblick Gerhard eintrat und sie ihn zu den Uebrigen an den Tisch zog, da sahen sie wohl, daß sie helle Thränen in den Augen hatte. »Der gehört dazu,« sprach sie aber freundlich, dem späten Ankömmling auf die Schulter klopfend, »der, wie sein Vater vor ihm. – Und nun laßt das Schloß illuminiren und den Wein fließen! Sie sollen's alle wissen, daß der alte Stamm nicht verdorrt ist. Hirschegg-Königshofen blüht wieder! Gottes Segen über euch und unser Haus!« Sechstes Kapitel. Meiden und Scheiden An Diana's Verwandte und Hugo's Vater waren sowohl von den Verlobten, als auch von der alten Erlaucht Briefe mit der Ankündigung des Geschehenen abgegangen, und nicht lange darauf die einwilligenden Antworten eingelaufen. Den Besuch des Brautpaars lehnte Graf Wolfgang einstweilen noch seiner Gesundheit wegen ab, hoffte jedoch zu dem in etwa drei Wochen bevorstehenden Weihnachtsfeste mit seinen übrigen Kindern nach Königshofen hinüberkommen und die zukünftige Schwiegertochter kennen lernen zu können. Für jetzt bestand er aber darauf, daß Hugo für diese Zwischenzeit das Schloß verlassen und zu dem ihm bestimmten Wirkungskreise auf der nicht fernen, Driberg genannten Besitzung zurückkehre; und Gräfin Charlotte stimmte diesem Wunsche bei, wie ungern sie auch den Neffen in ihrer Umgebung entbehrte. Nach manchem lustigen Zank fügte Hugo sich zwar in diese Trennung von seiner Braut, wußte sich jedoch bald einen Ersatz dafür zu schaffen, indem er fast jeden Nachmittag herübergeritten kam und sich erst am Abend wieder verabschiedete. Ja nach einigen Tagen fand er dies Kommen und Gehen, dies Begrüßen und Abschiednehmen fast angenehmer und lustiger als den steten Aufenthalt im Schloß. Für einen Theil des Tages ward Königshofen dadurch aber wieder stiller und das Leben daselbst einförmiger als seither, denn der Graf Ruysbroek, welcher nun seit vollen vierzehn Tagen dort verweilte, schien wie im Anfang auch jetzt noch wenig geeignet, eine größere und heitere Bewegung in den Kreis der Gesellschaft zu bringen. Dennoch war er in diesen vierzehn Tagen ein Anderer geworden und schien sich in dem Umgange mit dem kleinen Kreise nach und nach zurecht zu finden. Zwar war er den jungen Damen gegenüber noch oft von großer Befangenheit, und zu Zeiten konnte er halbe Stunden lang schweigend dasitzen; für gewöhnlich aber betheiligte er sich artig und ziemlich gewandt an der Unterhaltung und zeigte, daß in seinem Kopfe eine bedeutende, wenn auch ziemlich ungeordnete Masse von Wissen und den verschiedenartigsten Kenntnissen angehäuft sei. Und selten zwar, aber doch zuweilen, wenn er sich einmal von dem Thema besonders angeregt fühlte und sich gehn ließ, erschien plötzlich eine Fülle von seinen Beobachtungen; von treffenden Bemerkungen, geistvollen Einfällen und besonders eine Lebhaftigkeit und – Leichtigkeit, hatte man sagen mögen, die mit seiner sonstigen ernsten Haltung aufs seltsamste kontrastirte, und die man nach, dem Briefe des Freiherrn und nach dem ersten Auftreten des Grafen selbst am allerwenigsten in dem einsiedlerisch erzogenen und gebildeten Manne gesucht hätte. Aber wenn solche Momente fast blitzgleich kamen, so verschwanden sie auch gleich darauf wieder eben so schnell, und der Graf hüllte sich, gleichsam als erschrecke er über die Aufregung und wollte sich selbst dafür bestrafen, dann für den Rest des Abends gewöhnlich in eine desto steifere Abgemessenheit und Schweigsamkeit. Die Gesellschafterin der Gräfin Charlotte hatte nicht unrecht, als sie einmal meinte: der Herr Graf habe einen gewissen mystischen Reiz. Und doch war kein Mensch offener über sich selbst, seine Erziehung, sein Leben, seine Bildung, über alle seine Verhältnisse, als grade Graf Raimund, wenn er im Laufe der Unterhaltung darauf kam. Sein Leben und sein Wesen schien wie ein offenes Buch vor seiner Umgebung zu liegen. Es war kein Blatt darin verklebt, kein Satz verloren gegangen oder unleserlich geworden, keine Zeile schien doppelsinnig zu sein; und doch hatte die Gesellschafterin recht, wenn auch sie so wenig, wie einer der andern zu sagen vermochte, wo das trotzdem vorhandene Geheimnißvolle liege und woher es stamme. Die Wirkung, die der Graf mit seinem Wesen und Benehmen auf die Bewohner des Schlosses hervorbrachte, war eine sehr verschiedene. Die beiden Gesellschafterinnen schwärmten für ihn und fanden die höfliche, milde Artigkeit, die er gegen sie zeigte, allerliebst. Hugo ließ ihn als einen langweiligen, übrigens erträglichen Menschen gelten, Diana fand, daß er »unerlaubt« häßlich sei und diesen »Fehler« durch Geist und Talente nicht verbessere. »Woher er seine gelegentlichen Einfälle und Witze, seine feinen Beobachtungen und Bemerkungen hat, weiß ich nicht,« pflegte sie wohl zu sagen, »aber ich möchte schwören, daß sie nicht von ihm, sondern irgendwo aufgefaßt sind und nun bei Gelegenheit angewendet, uns aufgetischt werden. So kommen sie nur vor. Und wie er sie vorbringt, ist studirt. Er hat sie berechnet, wie er es bei sich selbst, seiner Befangenheit, seiner Aufregung, seinem Erschrecken auch sonst thut. Er ist nicht natürlich, sondern affectirt.« Und Gerhard sprach einmal zu Margarethen: »nehmen Sie sich in acht, Margot, und warnen Sie, wenn Sie es können, auch die Erlaucht vor diesem Grafen Ruysbroek. Glauben Sie mir, er ist falsch – vielleicht ein Betrüger. Aber ich achte auf ihn!« – Und als das Mädchen kopfschüttelnd nach dem Grunde dieses Glaubens fragte, antwortete er: »ich muß ihn schon einmal irgendwo gesehen haben – damals als ich meine Reise machte, und er muß in einer andern Stellung gewesen sein, denn einem Grafen Ruysbroek bin ich allerdings nicht begegnet. Und doch ist das ein Gesicht, das sich in den Jahren wenig verändert und das man auch nicht vergißt, wenn man es einmal sah, ebensowenig wie den Namen.« Das war noch in den ersten Tagen gewesen, die der Fremde in Königshofen verlebte, und von einer eifersüchtigen Regung des Forstmanns, wie unsere Leserinnen vielleicht lachend denken mögen, konnte auch um dessentwillen nicht wohl die Rede sein, weil der Fremdling mit Margarethen bis dahin vielleicht nicht ein einzig Wort gewechselt und diese Letztere durch Diana's Verlobung noch zu sehr in Anspruch genommen und bewegt war, als daß sie sich um den schweigsamen, wenig angenehmen Mann bekümmert, ihn überhaupt nur beachtet oder gar beurtheilt hätte. Seitdem waren sich beide indessen nach und nach näher gekommen und Margarethe war von allen Jüngern die einzige, welche den Grafen und seine Weise herzlich und nachsichtig gelten ließ und mit ihrer eigenthümlichen Güte aufnahm; der Warnung Gerhards hatte sie nicht vergessen, allein sie fand sie je länger je weniger begründet, sprach das gegen den Freund selbst aus und suchte auch ihn umzustimmen. Bei dieser Freundlichkeit des liebenswürdigen Mädchens, und im Verein mit ihrem ganzen, anziehenden und lieblichen Wesen war es daher nicht zu verwundern, daß der Graf zuerst und am meisten ihr gegenüber seine Schüchternheit ablegte, häufig in ihrer Nähe weilte, sich gern mit ihr unterhielt und sie überhaupt mit einer Art von Hingebung und mancherlei kleinen Aufmerksamkeiten umgab, welche Margarethe um so freundlicher berührten, je weniger sie von einer so verschlossenen und scheuen Natur, wie der Graf sie zeigte, zu erwarten gewesen waren. Am meisten aber und vor allen hatte der Fremdling die Gunst der alten Erlaucht selbst gewonnen und schien ebenso ihr seine ganze Neigung, sein ganzes Vertrauen zugewendet zu haben. Er gab sich ihr allein gegenüber mit einer Offenheit und Ungezwungenheit hin, wie er sie sonst nie und nirgends zeigte. Ihr allein gegenüber – aber auch nur dann – fiel alle Befangenheit und Unbehülflichkeit von ihm ab, und er war der Mann von Geist, der Sproß einer guten, ehrenwerthen Familie, der sich mit einer Art von Instinkt an alles ihm bis dahin Ungewohnte gewöhnte, sich in alles Unbekannte leicht hineinfand und unter den Augen der alten Dame, durch ihre Unterhaltungen, Rathschläge und Lehren plötzlich Welt und Leben zu verstehen und richtig aufzufassen schien. Gräfin Charlotte war darüber ganz entzückt und fast stolz auf diese durch sie beförderte Entwicklung des Gastes. Sie zankte mit den Ihren über deren Abneigung, sie wies Gerhard, der auf ihre gelegentliche Frage, seine Meinung nicht verbarg, mit sichtbarem Verdruß und ungewöhnlicher Schärfe zurück, sie lobte Margarethe um ihre Freundlichkeit und munterte sie dazu auf, sie behandelte endlich den Grafen Raimund selbst mit solcher Güte, mit solcher Herzlichkeit, als sei er nicht ein Fremder, sondern ein wirkliches Glied ihrer Familie. Ueberall mußte er an ihrer Seite sein, sie selbst führte ihn durch die interessanten Räume des Schlosses, ließ sich von ihm auf ihren Revidirgängen durch die Stallungen und in die Meierei begleiten, und da er sich für Landwirthschaft und Forstkultur lebhaft interessirte und, wie sie fand, darin sehr gut Bescheid wußte, so nahm sie ihn auch mit, wenn sie nach Waldseck hinüber oder in die Waldungen ritt, wo jetzt die Holzschläger bei ihrer Arbeit waren und von der Dame oft besucht und überrascht wurden. Ja, sie gab dem Grafen auch Morgens und Abends die Hand, was sie sonst nie bei einem Fremden gethan, und als sie ihm abmerkte, wie sehr er Blumen liebe, mußte der Gärtner ihm bei jedem Mittagsessen eine Schale voll Laub und Blüthen aus den Treibhäusern vor's Couvert stellen lassen. Beim Nachtisch band der Graf sie spielend zu reizenden Bouquets, die er dann mit freilich ein wenig steifer Galanterie den Damen überreichte oder selbst mit auf sein Zimmer nahm. Margarethe, welche gewöhnlich das schönste erhielt, ward mehr als einmal von der Großmutter dazu überredet, es an die Brust zu stecken, und that es arglos und heiter, theils weil sie selbst die Blumen liebte, theils weil sie freundlich dem Grafen das Vergnügen gönnte, das ihm diese kleine Aufmerksamkeit sichtbar machte. Er schien ein wenig eitel zu sein auf seine kleine Kunstfertigkeit und ein Lob darüber gern zu hören. Hugo sah auf dies alles, wie auch auf seine Großtante oft mit heimlichem Kopfschütteln. Er verstand die alte, gerade in solchen Dingen sonst ziemlich gehaltene Dame immer weniger, zumal da er gleich, allen übrigen den Grafen nicht genug kannte, um es für möglich zu halten, daß der verschlossene Mann in seinem Verkehr mit der Erlaucht ein ganz anderer sei und sie vollständig für sich eingenommen habe. Mit Diana hatte er bisher jedes Gespräch über seine Cousine und ihre Gefühle klüglich zu vermeiden gewußt, da er bald erfahren, daß sie die Liebe der Freundin wirklich ahne und mißbillige; Gerhard und Margarethe betrachtete er zuweilen mit einem leisen pfiffigen Lächeln, aber gesprochen hatte, er weder zu der einen, noch dem andern, und nur ein einzigmal hatte er, als er in den letzten Tagen schon Mittags anlangte und nach dem Diner mit Margarethen einen Gang auf der Terrasse machte, auf das Bouquet gedeutet, das durch die Oeffnung des Mantelchens an ihrer Brust zu sehn war, und dann gemeint: »nun, der macht dir einmal stürmisch den Hof, Gretchen!« – »Wer denn? Was meinst du?« fragte sie überrascht stehen bleibend. – »Nun mein Gott,« antwortete er lachend, »wer denn sonst als – le comte Raimond de Ruysbroek ?« Und ohne auf ihren Ruf: »ach Unsinn!« zu achten, setzte er hinzu: »nun, der Großtante scheint nichts Besseres begegnen zu können, als daß du seine Bewerbungen so freundlich aufnimmst.« Er sah ihr dunkles Erröthen und den Schreck, der durch ihr Gesicht zuckte, nicht mehr, da Diana eben aus der Thür trat und er ihr entgegeneilte. Als er aber am Abend, vor dem Wegreiten, noch in Gerhards Zimmer kam und den jungen Mann einsam bei der Arbeit traf, stand auf dem Tisch neben der Lampe Margarethens Bouquet in einem Wasserglase. »Schöne Blumen das!« sagte Hugo und beugte sich darüber, um sein Lachen zu verbergen. – »O ja,« war Gerhards von einem Lächeln begleitete Antwort. Der Forstmeister war nach und nach immer seltener in der Gesellschaft erschienen und ging meistens nur still und eifrig seinen jetzt grade sehr gehäuften Geschäften nach. Theils ward ihm die Persönlichkeit des Fremden je länger je mehr zuwider und unheimlich, ohne daß er sich freilich einen Grund dafür anzugeben wußte; theils hatte er seine schiefe Stellung, seine ganze drückende und – in dieser Weise aussichtslose Lage nie so klar und scharf empfunden, wie gerade jetzt. Er schüttelte nun oft den Kopf über sich selbst und begriff nicht, wie er so lange hatte unthätig bleiben, sich mit nutzlosen Quälereien und Grübeleien plagen können. Er machte sich nun wirklich fast dieselben Vorwürfe, die Hugo auf jener Jagd gegen ihn ausgesprochen, und wie der junge Graf vorhergesagt, ward er sich nun erst der Stärke seiner Liebe recht bewußt, nun, da er spürte, daß sich nach und nach ein immer ernsterer Widerstand gegen dieselbe erhob. Mochte dieser Widerstand auch nicht deutlich und wirklich ausgesprochen sein – Gerhard fühlte nur gar zu wohl, daß er sich rings um ihn regte und bald auch noch schärfer und ernster hervortreten mußte. Er fand ihn nicht nur darin, daß er die Geliebte seltener auf seinen Wegen traf und weniger mit ihr reden konnte als je; sondern er fühlte ihn auch aus dem Wesen des Grafen Raimund heraus, der sich dem Mädchen immer angelegentlicher widmete, und er empfand ihn in der Freundlichkeit, mit der Margarethe diese Annäherung duldete, in der Heiterkeit und Luft, die sie mehr als je zu beherrschen und von den Gedanken an Gerhard und ihre Liebe abzuziehen schien. Er träumte sich die Geliebte nicht mehr fern, wie bisher, – sie war es jetzt wirklich. Aber nachdem ihn einige Tage eine finstere Trauer, eine Art von Eifersucht beherrscht hatte, diente dies nur dazu, ihn noch kräftiger auf- und anzuregen und einer endlichen Entscheidung zustreben zu lassen. Wenn er seiner Vernunft Gehör gab, konnte er an Margarethens Liebe und Treue nicht zweifeln; und wollte dennoch in finsteren Augenblicken einmal ein solcher Zweifel in ihm aufsteigen, so verschwand er wieder bei dem nächsten innigen Wort, das ihm die Geliebte zuweilen doch hie und da zuwenden konnte. Und noch inniger und noch wärmer klangen ihm diese Worte zu Herzen, seitdem an jenem Abend das Mädchen ihm das kleine Bouquet geschenkt, das Hugo bei ihm gefunden. Ein weiteres und noch ernsteres Motiv zum endlichen energischen Handeln lag für ihn aber in der Härte und Kälte, mit der die alte Erlaucht ihm plötzlich begegnete und den bisher so bevorzugten Freund in die engsten Grenzen seiner Stellung zurückstieß. Vergeblich rieth Gerhard nach einem Grunde umher; er war sich keiner Schuld, keines Fehlers bewußt, zumal nicht einer Schuld, die eine solche Strafe hätte hervorrufen müssen. Vergeblich hoffte er zuerst von Tag zu Tag auf eine bessere Stimmung seiner Gebieterin; im Gegentheil zeigte ihre Abneigung sich stets schärfer und deutlicher, und machte Gerhard seine Stellung um so unerträglicher, je mehr er bisher sein Verhältniß zum gräflichen Hause nur mit der treuen Dankbarkeit und Liebe seines Herzens, niemals aber mit dem bloßen Gefühl seiner Pflicht aufgefaßt hatte. – Es war ein paar Tage nach Hugos Verlobung mit Diana gewesen und die jungen Leute hatten eben den Frühstückssaal verlassen, um einen Spaziergang durch den Park zu machen. Die Erlaucht blieb mit dem Grafen Raimund am Fenster stehn und sah ihnen heiter nach. Das Ereigniß hatte das Herz der alten Dame mit großer Freude erfüllt und sie sprach dieselbe auch jetzt, wie früher schon mehrmals gegen ihren Gast aus. Da hatte denn der Graf lächelnd bemerkt, daß ihm ein zweites, ähnlich freudiges Ereigniß nicht fern zu sein scheine. Die alte Dame sah überrascht auf und ihn an. »Was meinen Sie, mein Herr Graf?« fragte sie. – »Ei,« entgegnete er mit einer leichten Verbeugung, und wäre er nicht der einfache, schüchterne Mann gewesen, wie ihn der Bruder der Erlaucht geschildert und wie er sich seither im Schlosse auch selber gezeigt, so hätte man drauf schwören mögen, daß sein Lächeln wie die Betonung seiner Worte spöttisch sei, – »ei, Madame, ich meine Mademoiselle, Ihre Enkelin, und den großen, schönen Mann, der gestern Abend bei uns war und jetzt dort in der Begleitung der Andern ist. Sie haben mich leider nicht mit ihm bekannt gemacht, nannten ihn aber Gerhard. Es ist auch ein Graf Hirschegg, ein Verwandter?« Die Gräfin hatte ihn ausreden lassen und ihr Auge den beiden Paaren zugewendet, die eben aus dem Freien in die Gebüsche traten und verschwanden; eine feine Röthe hatte sich dabei über ihre Stirne gebreitet, ihre Brauen hatten sich momentan leise zusammengezogen. Dann aber wandte sie den Kopf zu ihrem Begleiter zurück und fragte mit einer gewissen Schärfe in der Stimme: »wie kommen Sie darauf, mein Herr Graf?« – Er sah ihr unbefangen in die Augen. »Es schien mir so, Madame,« erwiderte er. »Ich sah sie gestern im Tage zusammen im herzlichen Gespräch, wie eben, und gestern Abend blickten sie sich so innig an. – Habe ich aber mit dieser Andeutung eine Dummheit begangen, Madame,« setzte er hinzu, »soll dies Verhältniß noch verborgen sein oder doch Ihnen unbekannt – so verzeihen Sie mir und lassen Sie's das junge Paar nicht entgelten. Die Gebräuche der Gesellschaft sind so seltsam – mir so unbekannt.« Sie hatte ihn wieder ausreden lassen, diesmal jedoch ohne den Blick von ihm zu verwenden, und jetzt da er schwieg, schüttelte sie mit einem einigermaßen verächtlichen Lächeln den Kopf und meinte: »bah, mein Herr Graf, das ist nichts, nicht möglich.« – »Madame, ich bitte –,« sprach er befangen und mit niedergeschlagenen Augen, »ich sehe – ich habe da thörichte Worte –« – »Bah,« unterbrach sie ihn, »lassen Sie das. Die Worte sind nicht thöricht, nur die Sache wäre es – ja, sie wäre zu thöricht. Denn der Gerhard,« fuhr sie mit kalter scharfer Stimme fort, »ist aus Barmherzigkeit nach dem Tode seiner Eltern in unserm Hause erzogen und von mir, da er die Fähigkeiten hatte und weil wir seinem Vater wohlwollten, zum Forstmeister der Grafschaft ernannt. Also ein Beamter, mein Herr Graf, ein Untergebener unseres Hauses, der Sohn eines zwar wackern Mannes, der jedoch in frühern Jahren Wilddieb gewesen, und von mir nur deswegen in meine Gesellschaft aufgenommen, weil er es sonst durch Bescheidenheit und seine Art von Bildung verdiente. Also, mein Herr Graf – der und meine Enkelin, die Comteß Margarethe von Hirschegg – bah doch! – Sie kennen sich von Jugend an, und er hat ihr einmal das Leben gerettet. Das ist alles.« – Der Graf lächelte. »Freilich ja, so habe ich mich geirrt. Verzeihen Sie mir, Madame,« entgegnete er sanft. – »Bah doch!«, versetzte sie noch einmal und zuckte dabei die Achseln. »Das ist ja nichts!« Es schien aber doch etwas gewesen zu sein, denn von dem Augenblick an, da sie den bis dahin so lieben, so geachteten Hausgenossen vor den Augen eines Fremden und auch vor ihrem eigenen Heizen verleugnet und herabgesetzt, hatte sich ihre ganze Stimmung aufs schärfste wider ihn gewandt. Plötzlich fiel ihr jetzt wieder Diana's Andeutung ein, die Hugo damals mit der Karte des angelangten Grafen unterbrochen; es kam ihr manches in den Sinn, was sie, wenn es geschehn, überaus gleichgültig und sogar natürlich gefunden, und das nun in dem Lichte, welches die Worte des Grafen darauf warfen, einen ganz andern Anblick gewährte, einen andern Eindruck auf sie machte. Sie schüttelte immer verdrießlicher und ärgerlicher den Kopf, je mehr sie nachdachte, je mehr sie beobachtete. »Wie kann der Mensch nur so unsinnig – so schwach sein!« dachte sie, wenn ihr Gerhards Zusammensein mit Margarethen einmal einen neuen Einblick in sein Herz gewährte. »Was reißt er sich nicht empor, heraus – was macht er sich nicht davon? Das muß ja dahin führen, daß auch Gretchen endlich die Sache merkt – vielleicht reißt ihn sein Wahnsinn sogar einmal zu einer Entdeckung hin – und dann? – Gott im Himmel, ist das ein schwaches Geschlecht! Was hilft mir alle Ehrlichkeit, wenn der Muth nicht dabei ist, bis ans Ende ehrlich zu bleiben! – Oder wüßte er – ? – Dächte er – ? Bah, es ist ja unmöglich!« So dachte sie, und bei Margarethens Selbstbeherrschung und Vorsicht, und bei ihrer eigenen, in ihrer Erziehung nicht nur, sondern in ihrem ganzen Charakter, ihrer ganzen Denkungsweise begründeten Ansicht von der Sache, war es gar nicht zu verwundern, daß sie ihre Enkelin für durchaus unbefangen und noch gänzlich unbekannt mit Gerhards Neigung hielt. So willkommen ihr diese Unbefangenheit einerseits aber auch war, auf der andern Seite legte sie ihr ein Benehmen in dieser Angelegenheit auf, das ihr niemals und jetzt am wenigsten angenehm war. Sie wagte mit Margarethen nicht über die Sache zu sprechen, weil sie sehr wohl erwog, daß bei dem langjährigen und genauen Umgang der beiden Leute dennoch im Herzen des Mädchens Keime einer tiefen Neigung schlummern könnten, die so oder so geweckt und ihr zum Bewußtsein gebracht, in ihren Folgen gar nicht mehr zu berechnen, zu hemmen sein möchten. – Und ebensowenig mochte sie mit Gerhard reden, da sie ihrem Sinn nach nur hart mit ihm hätte sprechen können, was sie doch nicht wollte. Denn in ihren Augen war diese nur halbverborgene Neigung ein Unsinn, den der junge Mann hätte von vornherein erkennen und unterdrücken sollen, mit dem er, wenn er das nicht konnte, sich so oder so von Königshofen, aus der Nähe ihrer Enkelin entfernen mußte. Das Wie? bedachte sie dabei nicht, und ebensowenig dankte sie ihm eigentlich, daß er seine Neigung, ihrer Ansicht nach, bisher noch vor Margarethen verborgen. Das Gegentheil wäre in ihrem Sinne gar nicht möglich gewesen. Denn daß ihre Enkelin sich dies »Anschmachten« auf die Länge gefallen ließ, war ihr undenkbar, und daß sie jemals solche Neigung offen oder gar heimlich hätte erwidern können, kam ihr gar nicht in den Sinn. Höchstens davon träumen und phantasiren mochte sie, dachte die alte Erlaucht; und weil sie das fürchtete, sagte sie ihr nichts von der Sache. Alle diese Erwägungen nahmen die Dame jedoch keineswegs lange in Anspruch. Wie sie immer schnell und fest entschlossen war und alsbald zur Ausführung ihres Entschlusses schritt, so warf sie auch jetzt schon am nächsten Tage alle Grübeleien hinter sich und schritt zur Ausführung dessen, was sie für richtig befunden. Gerhard sollte fort, und da der Rentmeister in Willsburg stets über den Aufschub lamentirte, den alle Geschäfte durch die Entfernung der Forstverwaltung erlitten, so ließ sich Gerhards Uebersiedlung leicht und ohne Aufsehn bewirken. Ja die Erlaucht meinte, daß der Forstmeister bald sich selbst im Kreise der übrigen, ihm gleichstehenden Beamten behaglicher fühlen und dadurch auch Kraft gewinnen werde, gegen seine thörichte Neigung anzukämpfen. Und überdies stellte sie sich vor, daß sie einen so tüchtigen und der Gräfin Leopoldine bekannten Mann gern in der Nähe ihres unglücklichen Stiefsohns sehn werde. Sie schrieb ihrer Schwiegertochter von der Angelegenheit und gab ihr allein wenigstens eine Andeutung von dem Grunde dieser Versetzung. So war die Sache eingeleitet und auch in kurzer Zeit in Ordnung, und die Erlaucht suchte jetzt nur noch nach einer Veranlassung, welche Gerhards baldiges Scheiden nothwendig machen könnte. Damit wäre bei der ehrwürdigen Dame zu andern Zeiten die Sache abgemacht und ihre Verdrießlichkeit beendigt gewesen. Allein diesmal war es damit etwas Anderes. Daß Gerhard dieser und zwar ein solcher Sünder sein mußte, der Mann, den sie erzogen, dem sie vertraut, dem sie so viel Liebe erwiesen, fast wie einem eigenen Kinde, – und daß ihr, der klugen, verständigen, erfahrenen Frau ein Anderer, ein Fremder, der erst ein paar Tage im Hause gewesen, die Augen hierüber öffnen mußte, – das war mehr als ihr Stolz ertragen konnte, und einmal aus ihrer Haltung gebracht, wußte sie diesmal den Ton in ihrem Verkehr mit dem Forstmann nicht wieder zu treffen. Die tüchtige und sonst so gerechte Frau fühlte sehr wohl das Unrecht, das sie dem jungen Mann mit ihrer Schärfe und Kälte that, aber wie es oft zu gehn pflegt, vermehrte selbst dies Gefühl ihren Verdruß – war Gerhard doch daran schuld, daß sie ganz aus ihrer Weise herauskam! – Und wiederum wuchs derselbe auch dadurch, daß sie nach so manchen Jahren und der langen Gewohnheit den Umgang und Verkehr mit Gerhard schon jetzt oft ernstlich entbehrte, und sein Zurückweichen nicht ihrer Härte, sondern seiner, durch des Grafen Ruysbroel Anwesenheit etwa hervorgerufenen Eifersucht und Verstimmung zuschrieb. Von all diesen Vorgängen erfuhr Gerhard nichts als das bittere Resultat – er sah sich von seiner geliebten Gebieterin zurückgestoßen und ahnte nicht, weßhalb. Daß sein Verhältniß zu Margarethen daran schuld sein könne, daran dachte er in der ihm, wie allen Liebenden in solcher Lage eigenthümlichen Selbstverblendung, am allerwenigsten, und selbst, daß Hugo es entdeckt, ließ ihm diese Möglichkeit nicht möglicher erscheinen. Er war sich überdies bewußt, grade in der letzten Zeit vorsichtiger gewesen zu sein als je, und wie schon bemerkt, traf er jetzt auch mit der Geliebten viel seltener zusammen. – Daher schob er so zu sagen, auch alle Grübeleien auf die Seite und richtete alle Gedanken und alle Geisteskraft auf die Gründung einer andern, bessern Zukunft. Grade die Härte und Kälte seiner Gebieterin brachte ihn zum Bewußtsein seiner eigenen Rechte, seines eigenen Glücks und ließ sich in ihm den ganzen Stolz, das ganze Selbstgefühl aufbäumen, die seinen Vater von jeder Dienstbarkeit frei gehalten hatten. Er schrieb an Bekannte, er besprach sich mit Hugo, der jetzt, da er den Freund entschlossen und muthig fand, bereitwillig auf das Thema einging und seinen, thätigsten Beistand versprach. Der junge Graf mahnte aber den Forstmeister, daß er vor allem eigenen Handeln den ersten offenen Angriff abwarten möge, der, wie beide die alte Erlaucht kannten, bei ihrer jetzigen unverkennbaren Verstimmung gegen Gerhard, nicht lange ausbleiben konnte. Denn geschmollt hatte sie nie und niemals irgend ein Gefühl in sich ohne Worte lange zurückgehalten. Gerhard gab ungern und nur für so lange nach, bis er Margarethe noch einmal gesehn und ihr seine Plane und Absichten mitgetheilt haben würde. Denn wenn er vielleicht auch gegen ihren Willen handeln mußte, ohne ihr Wissen wollte er es nicht. Jedes längere Zögern und Verbergen erschien ihm jetzt als ein Unrecht nicht nur gegen sich und die Geliebte, sondern auch gegen die ganze Familie. In solchen Gedanken schritt er eines Morgens in seinem Zimmer auf und ab, als ihm Hubert ein Paket von der Gräfin brachte, welches ihm seine Versetzung nach Willsburg mittheilte. Die Verwaltungsbehörde der Grafschaft erklärte die Verlegung des Forstamts für nothwendig; Gräfin Leopoldine und Hugo's Vater stimmten damit überein. Daran schloß sich die Anzeige des Rentmeisters von allerlei neu zu unternehmenden und nothwendig gewordenen Forstgeschäften, wozu Gerhard so bald wie möglich hinüberkommen müsse. Und diesem allen hatte Gräfin Charlotte einen Brief hinzugefügt, worin sie die unter solchen Umständen nicht mehr aufzuschiebende Verlegung des Forstamts anerkannte, Gerhards Gehalt verbesserte und zuletzt den Wunsch aussprach, daß diese Uebersiedlung schon jetzt stattfände. Nach Willsburg hinüber reisen müsse er bereits am heutigen Tage. – Der Brief war kalt und geschäftsmäßig und der Schluß machte den Eindruck des Ganzen nicht freundlicher. »Da Dir Leben und Aufenthalt bei uns in der letzten Zeit wenig zugesagt zu haben scheinen,« lautete er, »so hoffe ich, daß diese Ortsveränderung Dir willkommen und für Deine Zukunft nicht nur, sondern auch schon für Deinen gegenwärtigen Zustand zuträglich sein werde. Und da ich durch Geschäfte verhindert bin, Dich vor Deiner Abreise noch zu sehn, so nimm hier schriftlich mein Abschiedswort und den Wunsch, daß Du in Willsburg zufrieden leben und Dich des Wohlwollens Deiner Herrschaft würdig erhalten mögest.« Der junge Mann hatte nach der ersten Ueberraschung die Berichte und Briefe mit völliger Ruhe zu Ende gelesen; nun nach den Schlußzeilen der Erlaucht faltete er alle Papiere wieder zusammen, legte sie in seinen Schreibtisch, stand auf und durchmaß ein paarmal mit stetigem, festem Schritt das Zimmer. Endlich blieb er mit gekreuzten Armen am Fenster stehn und murmelte mit leisem Hauptneigen vor sich hin: »nun ist's gut. Das ist der Weg!« Und nachdem er noch einige Augenblicke mit einem gedankenvollen, ernsten, aber nicht trüben Blick auf den Platz vor seinem Fenster und den Schloßflügel drüben geschaut, richtete er sich hoch und kräftig auf, sagte aus tiefer Brust hervor: »nun mit Gott und gutem Muth!« rief den Diener zum Packen seiner Sachen und verließ das Zimmer. Er ging durch den Lehnhof, stieg die Treppe zu den Gemächern der Erlaucht hinauf und trat ins Vorzimmer. Auf seine Bitte um Meldung erfuhr er jedoch von dem Kammerdiener, daß die Gräfin vor einer Viertelstunde mit dem Grafen und Hubert zu Pferde gestiegen und nach Waldseck hinübergeritten sei. »Es geht etwas vor,« sagte Karl dabei mit schlauem Lächeln. »Wir Möchten demnächst noch eine zweite Braut hier haben, Herr Forstmeister. Denn der Herr Graf ist schon seit neun Uhr mit vielen Papieren bei unserer Erlaucht da drinnen gewesen, und als er um zehn Uhr ging, um sich zu dem Ritt anzukleiden, begleitete ihn unsere Dame und sagte: ›meines Fürworts sind Sie sicher, mein lieber Graf: aber ich denke, es wird gar nicht nöthig sein. Ich wüßte nicht, was meine Enkelin einzuwenden haben sollte.‹ Der Graf schüttelte mit sanftem Lächeln den Kopf, aber unsere Erlaucht klopfte ihm e« klein wenig auf die Schulter und meinte ganz heiter: ›bah, bah! Muth, mein Freund, Muth! Ein Cavalier wie Sie braucht nicht zu zagen!‹ Das ist doch deutlich genug?« setzte der Diener schmunzelnd hinzu. – »Freilich,« erwiderte Gerhard so ruhig, wie er auch dem ganzen Bericht zugehört. Und dann fuhr er fort: »ich muß noch heut Abend für einige Zeit nach Willsburg verreisen, Karl, und hätte Ihre Erlaucht vorher noch sprechen sollen. Nun muß ich schreiben und werde Ihnen den Brief zustellen lassen. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Erlaucht ihn sogleich erhält.« – Dann ging er wieder und durchstreifte die ganze Burg, die Bibliothek und die angrenzenden Räume, ohne jedoch wie er wünschte, Margarethe zu finden. Erst als er aus dem Frühstückszimmer auf die Terrasse trat, sah er sie wirklich von einem Spaziergange durch den Park zurückkehren. Zugleich aber erklang auch aus einem der nächsten Fenster Diana's Stimme: »aber Margaritta, wo bleibst du denn? Die Uhr ist schon Elf vorüber!« – Einen Augenblick zauderte Gerhard, dann aber faßte er sich und ging der Nahenden so unbefangen wie möglich entgegen. Ohne auf ihr Erröthen und ihr leises: »um Gott, Gerhard!« zu achten, blieb er an ihrer Seite und sprach rasch: »sehen Sie heiter aus, Margot! – Erschrecken Sie nicht! – Ich bin nach Willsburg verbannt und muß noch heute reisen. Wann und wo sehe ich Sie vorher?« – Sie bebte doch zusammen, so daß er noch einmal leise mahnen mußte: »Margot, Ruhe und Fassung!« – Dann jedoch blieb sie plötzlich entschlossen stehn, sah ihm frei und offen in die Augen und fragte: »noch heut sollen Sie fort?« – »Ja, noch heut.« – »Und nach Willsburg wirklich versetzt? Die Großmutter deutete gestern so etwas an – ich hielt es nicht für möglich.« – »Seien Sie' vorsichtig, Margot,« sprach er gepreßt, »Ihre Freundin sieht uns.« – Sie schüttelte leicht den Kopf. »Was kümmert mich das?« erwiderte sie. »Also heut noch? – Gut, Gerhard, ich werde genau um vier – oder genau um fünf Uhr in der großen Allee sein. Sie brauchen, wenn ich um vier nicht könnte, nur fünf Minuten zu warten.« – »Aber es ist dann dunkel, Margot,« mahnte er beklommen. –» »Was kümmert mich das?« entgegnete sie wieder mit einer seltsam starren Ruhe. »Und nun bis dahin adieu, Gerhard. Vertrauen Sie mir, sorgen Sie nicht!« Und damit nickte sie ihm flüchtig zu, wandte sich ab und ließ, indem sie ihren Weg zum Schlosse fortsetzte, den jungen Mann in einem tiefen Erstaunen über diese plötzliche Veränderung ihres Wesens zurück. Aber zum Nachdenken und Grübeln blieb ihm wenig Zeit, wenn er auch dazu aufgelegt gewesen; er hatte die laufenden Geschäfte zu ordnen und sie dem zu ihm bestellten Förster zu übergeben, darauf half er dem Diener beim Packen der nothwendigsten Sachen, und dann endlich setzte er sich hin, um an die Erlaucht zu schreiben, was er ihr am Morgen hatte mittheilen wollen – ein offenes Bekenntniß von seiner und Margarethens Liebe nicht nur, sondern auch von seinen Plänen und Aussichten für die Zukunft. Als er zum Schluß kam, legte er mehr als einmal die Feder hin und die Hand an die glühende Stirn, vor die feuchten Augen – sein ganzes Leben war in Königshofen, unter den Augen der alten Erlaucht verflossen, alle Erinnerungen, alle Sorgen und alle Freuden knüpften sich an das Schloß und fast ebensosehr an dessen Herrin. Und nun sollte er scheiden, vielleicht auf Nimmerwiederkehr! – Denn wie er es immer gewußt, war es ihm auch in dieser Stunde nicht verborgen – war die jetzige Verstimmung, der Gräfin gegen ihn nicht, wie man es auch kaum von ihr erwarten konnte, eine bloße Laune, sondern eine wirkliche, sei es wodurch es wolle, hervorgerufene Abneigung, – war sie überhaupt seinen Wünschen und Plänen entschieden entgegen – so blieb für Gerhard wenig oder gar keine Aussicht vorhanden, Margarethens Hand zu erhalten. So milde und freundlich, so nachsichtig und vorurtheilsfrei die alte Dame sein möchte – in manchen Punkten blieb sie, wie Hugo es genannt: unberechenbar. Und von einer Ansicht, die sie für richtig erkannt, von einem Vorsatz, den sie einmal fest gefaßt, hatte noch niemand sie abweichen sehn, geschweige denn sie davon abgebracht. Und nun war der Brief beendigt. Er siegelte und schickte ihn durch den Diener zu Karl hinüber, und als er von dem Zurückkehrenden die Nachricht erhalten, daß die Erlaucht von ihrem Ausfluge noch nicht zurückgekehrt sei, ließ er den Wagen mit den Koffern abfahren und schickte den Diener mit seinem Pferde voraus. Er selbst kleidete sich an und ging Margarethens Bestimmung gemäß in den Park. Der klare und schöne Wintertag, der am Morgen die ganze Gegend mit seinem hellen Sonnenlichte übergossen, war gegen Mittag zu Ende gegangen, und der blaue Himmel hatte sich mit einer grauen, melancholischen Decke verhüllt, so daß es jetzt, da Gerhard die Steige und Alleen entlang schritt, bereits dämmerte. Es war todtenstill im Park und nichts Lebendiges zu sehn, es müßte denn hie und da noch eine Krähe im raschen Fluge über die Wipfel hingestrichen sein, um sich ihren Kameraden anzuschließen, welche sich in großen Schaaren um die Schornsteine des Schlosses drängten. – Der junge Mann war bewegt und traurig, und als er in die große Allee trat und Margarethe schon seiner warten fand, blieb er stehn, breitete die Arme aus und zog das Mädchen ans Herz, ohne ein Wort dabei sagen zu können. Auch Margarethe war stumm, und so standen sie eine ganze Weile schweigend und ohne sich zu regen, bis sie endlich den Kopf von seiner Brust erhob und ihm mit einem langen, ernsten, fast düstern Blick in die Augen sah. Erst nach einer Pause sprach sie dann langsam und leise: »nun wohlan, Gerhard, wie ist das alles gekommen und wie soll es nun werden?« – Er nahm ihren kleinen dunklen Kopf zwischen seine beiden Hände und küßte sie heiß und innig auf Stirn und Augen, und versetzte ebenso leise: »ja Margot, wie es gekommen, das weiß ich nicht. Aber es ist recht so. Es mußte einmal ein Ende da sein, ein ehrliches, offenes Ende. Nur daß ich von dir fort muß und jetzt – das schnürt mir noch das Herz zusammen. Doch ich werde auch das überwinden.« Da senkte sie das Gesicht wieder gegen seine Brust, und die Starrheit und Düsterheit, die sie seit dem Morgen beherrschte, löste sich zum erstenmal in heiße Thränen auf. Er ließ sie eine Zeitlang ruhig gewähren; dann aber lichtete er sie auf und bat innig: »nun lasse uns reden, mein Herzens – Herzenslieb! Komm, wir wollen die Allee entlang gehn.« Und indem sie durch ihre Thränen lächelnd zu ihm aufsah, hing sie sich an seinen Arm und folgte ihm. »Liebst du mich von ganzem Herzen, Margot?« fragte er nach einigen Schritten ganz leise, und es war nicht allein die tiefe Bewegung, die seine Stimme dämpfte, sondern auch das rings umher ausgebreitete majestätische Schweigen der Natur, welches ihn, ohne daß er sich dessen bewußt geworden, von jedem lauten, die Stille störenden Ton zurückhielt. – »Ja,« versetzte sie ebenso gedämpft. – »Und du fühlst dich fest in dieser Liebe und bist bereit, sie in Kummer und Noth, in aller Zeit als dein bestes und heiligstes Kleinod zu wahren und festzuhalten, Margot?« – »Ja, Gerhard, in Kummer und Noth, in aller Zeit.« – »Und fest gegen jeden Angriff, Margot?« – Sie schaute mit einem innigen Blick zu ihm empor. »Ja, Gerhard,« erwiderte sie. »Ich habe bisher nicht recht gethan, daß ich die Sache verheimlichen wollte; ich setze das jetzt ein. Aber ich habe schon angefangen, gut zu machen. Ich habe Diana heut Morgen offen gesagt, wie es mit uns ist – und die fürchtete ich mehr als die Großmutter. Verzeih mir,« setzte sie innig hinzu und nannte ihn zum erstenmal du; »seit ich Diana kenne, bin ich gewohnt gewesen, alles auf ihr Urtheil zu geben, sie bei allem um Rath zu fragen, mich stets von ihr leiten zu lassen. Und es ist mir furchtbar schwer geworden, ihr dies grade, meine Liebe, zu verheimlichen.« – »Und?« fragte Gerhard nach einer Weile. – Sie schüttelte den Kopf. »Laß es gut sein, mein Herz. Sie zürnt sehr über mein Schweigen. Das verdenke ich ihr nicht; es war unrecht. – Sie ist aber auch gegen uns, doch das muß ich eben ertragen. Aber nun laß uns von dir reden.« »Auch ich fühle das Unrecht der Verheimlichung,« versetzte er nach einigen Schritten, indem er ihren Arm fest an sich drückte, »und daher habe auch ich den ersten und allein richtigen Schritt zur Offenheit gethan und alles in dem Briefe frei heraus gesagt, den ich der Erlaucht hinterlassen.« – Ihr Arm zuckte leise, dann aber lehnte sie den Kopf an seine Schulter und sagte: »es ist recht so. Fahre fort, Gerhard.« – »Es hätte mich diese plötzliche Versetzung und die Weise, wie deine Großmutter sie mir mittheilte, aufs tiefste betrüben und erschrecken müssen,« sprach er weiter, »wenn ich nicht durch ihr Zürnen in den letzten Wochen schon gewissermaßen vorbereitet gewesen wäre und wenn nicht diese Versetzung mit meinen eigenen Wünschen und Planen übereingestimmt hätte.« Und damit begann er Margarethen von dem Kunde zu geben, was er für seine Zukunft beschlossen. Von Willsburg aus wollte er den Dienst der gräflichen Familie verlassen und sich dem des Staats widmen, wo sich ihm die besten Aussichten zu öffnen schienen. Von dort aus hoffte er dann eher Ansprüche auf Margarethens Besitz machen zu können. – Sie hörte dem allen schweigend zu und erklärte sich endlich damit einverstanden. Sie waren in diesen Gesprächen langsam die Allee auf und ab gegangen und hatten sich beide in völliger Fassung erhalten. Nun blieb Margarethe stehen und indem sie dem Geliebten beide Hände hinreichte, sagte sie bebend: »da ist meine Hand, Gerhard, nimm sie hin für Zeit und Ewigkeit. Gehe mit Gott und mit Vertrauen zu deiner Margot, deinen Weg. Beide lassen dich nicht im Stich.« – »Müssen wir scheiden?« fragte er gedrückt. – »Ja,« versetzte sie, »es ist Zeit. Und wir wollen uns nicht weich machen, wir bedürfen demnächst beide der vollen Stärke.« – »Das weiß ich freilich,« bemerkte er gepreßt. »Weißt du, Margot, daß der Graf um dich anhalten wird?« – Sie sah überrascht auf. »Der Graf Ruysbroek? Unmöglich, Gerhard!« rief sie. – »Und dennoch wird es geschehen – oder ist vielmehr schon geschehn, mein Herzenslieb,« war seine Antwort. »Er hat zu deiner Großmutter bereits davon geredet, und sie ist ihm nicht entgegen.« Ihr Gesicht überflog wieder das seltsame, halb starre, halb verächtliche Lächeln, das den jungen Mann am Morgen so sehr überrascht hatte, und auch mit demselben Tone sagte sie leise: »in Gottesnamen, was kümmert mich das?« Und ihm die Hand zum festen Druck reichend, setzte sie hinzu: »Du zweifelst doch nicht an mir, Gerhard? Glaube mir, derartige Versuchungen und die Noch fürchte ich nicht. Ich fühle mich ruhig und sicher – mir ist, als wache jetzt meine selige Mutter über mich und gebe mir all die Festigkeit und Kraft, welche sie so oft beweisen mußte. – Genug davon. Wann kommst du wieder nach Königshofen, und wann schreibst du zuerst?« Er sah sie nachdenklich an – das sanfte Gesicht, das innige, milde Auge, die weiche schlanke Gestalt, – war das ein guter, kraftvoller Geist, der sie jetzt plötzlich erfüllte und beherrschte? Und ernst versetzte er: »schreiben werde ich bald und viel und auch ebenso von dir hören – nicht wahr, Margot? Aber nach Königshofen komme ich mit meinem Willen nicht früher zurück, als bis ich dich mein nenne und mit mir fortnehme.« – Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und athmete tief und schwer, als fühle sie sich übermannt und wolle doch nicht unterliegen. Auch er war still. Erst nach einer Pause beugte er seinen Kopf zu ihr nieder und sagte gepreßt: »vergiß nicht, Margot – wende dich in aller Noth ruhig und vertrauensvoll an Hugo. Du kannst dich auf ihn verlassen.« – Sie richtete sich auf und lauschte. »Horch, Gerhard, ich höre Pferde,« sprach sie. »Die Großmutter kehrt zurück.« Und indem sie ihn in einen der schmalen Nebenwege zog, setzte sie flüsternd hinzu: »auch du – wende dich an meine Tante Leopoldine. Ich will ihr selbst davon schreiben. Glaube mir, sie ist vielleicht unser bester Schutz, und wenn sie uns wohl will, wird auch Gottes Segen mit uns sein!« – »So leb' wohl, Margot!« sagte er nach einer Pause und nahm sie fest und innig in seine Arme. »Gott behüte dich! – Gott segne dich! – Gott erhalte dich mir!« – »Leb' wohl!« murmelte sie nach und schlang die Arme um seinen Nacken. – Sie achteten nicht darauf, daß die Reiter eben nicht fern von ihnen die Allee durchschnitten. Als sie ihre Umarmung lösten und sich nach dem letzten Blick von einander wandten, stand vor ihnen in der großen Allee die dunkle Gestalt der alten Erlaucht; die eine Hand hatte das braune Reitkleid leicht aufgenommen, die andere bewegte spielend die Reitpeitsche. So stand sie da, und trotz der rings herrschenden nur von der Schneedecke des Bodens noch einigermaßen erhellten Dämmerung, sah man ihre Stirn drohend gefaltet und die Augen mit finsterem, starrem Blick auf das junge Paar gerichtet. Wie groß auch der Schreck Beider sein mochte, sichtbar ward davon nichts, und als die alte Dame jetzt mit eiskalter Stimme sagte: »Ihre Pferde warten draußen schon lange, glaube ich, Herr Forstmeister Wolthusen!« – da war Margarethe an des jungen Mannes Seite, legte mit einem befehlenden: »Still, Gerhard!« die Hand auf seine Schulter und versetzte gegen die Großmutter gewendet, mit Festigkeit: »er bricht auch schon auf, Großmama, wie du es befohlen. Aber ich wollte ihn vorher sehn und habe ihn aufgehalten.« Die Gräfin wandte langsam Kopf und Augen zu Margarethen. »Das ist ein seltsamer Wunsch für eine Comteß Hirschegg,« sprach sie starr und kalt, »und ein ebenso seltsamer Platz.« Und heftiger fuhr sie fort: »danke es der thörichten Liebe deiner Großmutter, entartetes Kind, daß sie dir den Eclat sparte, von einem Diener in dieser wahnsinnigen Situation überrascht zu werden.« Margarethe zuckte nicht. Fest drückte sie Gerhards Hand in die ihre, als wolle sie jedes Wort von ihm zurückhalten, und erwiderte dann ebenso kalt, wie die Erlaucht: »du irrst dich, Großmama; ich fürchte keinen Eclat für Gerhard und mich. Wir schämen uns unserer Liebe nicht und bekennen sie vor dir und der ganzen Welt. – Du wirst daheim in deinem Kabinet Gerhards Brief finden, der dir alles offen vorlegt. Und hättest du uns hier nicht gefunden, so hätte auch ich dir heute Abend noch mein Herz ausgeschüttet.« Es war ein böses Lächeln, das durch das Gesicht der Erlaucht glitt; allein sie drängte jeden Ausbruch zurück und sagte nur: »da der Abschied, wie ich denke, zu Ende ist, so hält Sie hier nichts mehr zurück, Herr Forstmeister. – Comteß Margarethe wird sich einstweilen auf ihr Zimmer zurückziehn und meiner weitern Bestimmung gewärtig sein.« Damit wandte sie sich ab und schritt in starrer Haltung die Allee entlang. – Die beiden jungen Leute standen noch einen Augenblick Hand in Hand und Auge in Auge. »Verzage nicht – sei ruhig! Und Gott behüte dich!« sprach Margarethe mit fester, klarer Stimme. – »Gott behüte dich!« murmelte er nach, und sie gingen auseinander. Margarethe hatte die Großmutter bald eingeholt, aber sie versuchte kein Wort, und stumm kehrten beide ins Schloß zurück. Erst an der Thüre ihres Vorzimmers wandte die Erlaucht sich zur Enkelin und sagte kalt: »um sechs Uhr erwarte ich, daß du im Salon erscheinst und dich eingedenk deiner selbst und deiner Familie benehmen wirst.« Sie wartete keine Antwort ab und trat ins Zimmer. Siebtes Kapitel. Garde à vous! Die alte Erlaucht ging in ihrem Kabinet, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, bequem auf und ab. In der Ecke des tiefen Sopha's lehnte Hugo's Vater, Graf Wolfgang, und sah mit auf die Hand gestütztem Haupt gedankenvoll zu dem tiefbogigen Fenster hinüber, durch welches das Gemach sein Licht empfing. Beide schwiegen, und erst nach einer geraumen Weile warf Gräfin Charlotte die Bemerkung hin: »ein wirklich wunderbar liebenswürdiger Mann! Ich freue mich wahrhaft auf seine Rückkehr.« Graf Wolfgang schüttelte leise den eisgrauen Kopf, aber sein Gesicht mit den – man möchte sagen: stillen Zügen blieb ohne jegliche Bewegung! und als die Gräfin das bemerkte, sagte sie, vor ihm stehen bleibend: »Sie stimmen nicht mit mir überein, Cousin Wolfgang?« – Er schüttelte wieder den Kopf. »Nicht ganz, Cousine,« versetzte er ruhig. – »Und weßhalb nicht, Cousin?« – Der Graf schlug langsam die großen Augen zu ihr auf und schaute sie einen Augenblick schweigend an. »Ihren persönlichen Empfindungen widerspreche ich nicht,« sprach er dann; »die sind Ihr Eigenthum, meine Theure. Ich will Sie auch nur darauf aufmerksam machen, daß diese Empfindungen nicht überall dieselben sein möchten.« – »Und was haben Sie am Grafen Raimund auszusetzen?« fragte die Gräfin ein wenig verdrießlich und wandte sich wieder ihrem Spaziergange zu. – »Es ist freilich auch wenig mehr als ein persönliches Gefühl,« erwiderte er, ohne seine Stellung zu ändern. »Ich kenne ihn noch zu wenig, er scheint auch mich nicht zu goutiren. Allein was ich so bei seinem Auftreten, seinem Benehmen empfunden habe, spricht nicht für ihn: natürlich ist er nicht, meine Cousine. Es kommt mir vor, als kenne er mehr von Welt und Gesellschaft, als er uns glauben machen will. Seine Unerfahrenheit ist mir ein wenig zu naiv, seine Schüchternheit ein wenig zu groß oder zu gering. Und –«, er ließ die Hand auf die Sophalehne sinken und wandte seine Augen mit ernstem Blick der alten Dame zu – »und zum Gemahl für unsere Margarethe möchte ich ihn nicht erwählen und kann es der Kleinen nicht verdenken, wenn sie ihn entschieden ablehnt. Ein Paar, das weniger harmonirte, habe ich noch nie gesehn.« Die Gräfin zuckte die Achseln, wandte sich am Ende des Gemachs um und setzte ihren Gang ungestört fort. »Hm!« machte sie ein wenig verächtlich. »Die Harmonie wird sich hier so gut finden, wie anderwärts. Sie könnte schon jetzt da sein, wenn das dumme Mädchen sich nicht die unsinnigen Gedanken an den Menschen drüben in Willsburg in den Kopf gesetzt. Doch das wird sich geben, und um so schneller, je mehr sie aus unserm festen Willen merkt, daß es sich geben, daß sie sich fügen muß. Ich garantire Ihnen die Harmonie, Cousin. Ich kenne den Grafen Raimund, es ist ein Mann von Ehre, von solidem Charakter, von gutem Herzen, von vielem Gefühl,– ein Cavalier von altem, ächtem Schlage. Und wenn das dumme Mädchen vernünftig gewesen wäre, hätte sie das alles schon längst auch selbst wissen und fühlen müssen. Er hat sich ihr ritterlich, offen und hingebend gewidmet.« Der Graf spielte mit der schweren Quaste, die vorn am Seitenpolster hing. »Was ich dagegen einwende, wissen Sie,« versetzte er nach einigen Augenblicken ruhig. »Außerdem sehe ich aber wirklich nicht ein, meine theure Cousine, weßhalb wir Margarethe so eilig und zwar ganz gegen ihre Neigung verheirathen müssen? Was drängt uns? Sie ist jung und liebenswürdig genug, um noch die besten Partieen haben zu können. Und eine Comteß Hirschegg, däucht mir, kann überhaupt ohne Sorge ihrer Zukunft entgegensehn.« – Die Gräfin runzelte die Stirn und warf ihm einen finstern Blick zu. »Sie vergessen diese Dummheit mit dem Menschen – dem Gerhard,« sprach sie verstimmt. – Graf Wolfgang zuckte die Achseln. »Ich vergesse sie nicht,« erwiderte er gleichmüthig, »ich denke nur gar nicht daran. Es ist, wie Sie selbst sagen, eine Dummheit, wie mancher sie in der Jugend einmal beging und nachher belachte. Was ist daran gelegen? Sie ist jetzt abgemacht bis auf die Erinnerung, und wenn man den beiden Menschenkindern Ruhe läßt, so wird sich auch die verlieren oder in's richtige Maß ziehn. Darüber, dächte ich,« setzte er hinzu und ein leises Lächeln glitt zum erstenmal durch sein, leidendes Gesicht, – »darüber brauchten mir beide uns keinerlei Sorge zu machen, Cousine. Gerhard so gut wie unser Kind find am Ende verständige Menschen.« Gräfin Charlotte schien durch diese Gleichgültigkeit des Verwandten überrascht zu sein und sah ihn mit einem einigermaßen zweifelhaften Blick eine Sekunde lang schweigend an. Dann schüttelte sie den Kopf, und ihren Spaziergang wieder aufnehmend, bemerkte sie: »nun Cousin, wir reden noch mehr darüber. – Im Uebrigen – eine bessere Partie gibt es für Gretchen nicht. Graf Raimund ist vom besten Stande und sein Vermögen so groß, daß ein Vermögen seiner Frau diesmal ganz gleichgültig, ja überflüssig ist. Gretchens Stellung wird eine gesicherte, eine beneidenswerthe sein. Darauf haben wir denn bei dem Kinde, der Tochter unserer beiden Häuser doch auch zu sehn. Wir sind beide alt, Cousin.« – Der Graf lächelte wieder. »Verzeihen Sie mir, Cousine,« versetzte er, »aber ich muß es sagen: diese Angst vor Margarethens Zukunft und Vermögenslosigkeit scheint Sie wie eine fixe Idee zu beherrschen. Und wenn Sie sich nicht selbst täuschen wollen, müssen Sie sich doch gestehn, daß nicht der geringste Grund zu solcher Angst vorhanden ist.« Die Erlaucht fuhr mit der Hand langsam über die Stirn. »Sie wissen es nicht, Cousin, wie das thut, wenn man als armes Fräulein in ein vornehmes und doch nur mäßig begütertes Haus heirathet und seinen Kindern dann nichts zu hinterlassen hat. Mein seliger Herr hat mich das nie empfinden lassen, wie mancher Andere bei Gelegenheit sicher gethan. Aber ich habe es selbst nur zu bitter gefühlt und fühle es noch alle Tage. Und Gretchen würde es anderwärts ebenso gehn. – Und dann,« fuhr sie fort, »denken Sie daran, daß die Partie vollkommen standesgemäß wäre. Wo finden sich deren noch viele für eine Familie, wie die unsere, und unter diesen Verhältnissen? Ich bestehe nicht grade auf solche Partie, aber wenn sie sich einmal findet –.« – »Ich denke vor allen Dingen, daß eine Comteß Hirschegg nicht gekauft werden kann,« sagte der Graf, als er die alte Erlaucht nach dem letzten Wort ihren Weg schweigend fortsetzen sah, und der Inhalt seiner Rede kontrastirte auf das seltsamste mit der Ruhe des Sprechers und seinem vollkommen unbewegten Gesicht. »Dazu reicht kein Vermögen aus und wär' es das eines Königs.« Die Erlaucht blieb überrascht auf der Stelle stehn, die sie grade erreicht, und wandte sich jäh zu ihrem Verwandten um. Ihre großen Augen schauten ihn starr an, die Hände hatte sie vom Rücken genommen und zog nun ihr Taschentuch langsam durch die Finger. Im nächsten Augenblick aber hob sie den Kopf ein wenig auf, und die Stirn gefaltet und die Brauen zusammengezogen, sprach sie mit tiefer, fester Stimme: »das ist ein Ausspruch, der zugleich hart und seltsam ist. Aber er rührt mich nicht, wie er mich nicht trifft, Cousin Hirschegg. Ich weiß, was ich will und thue – ich habe dem Herrn Grafen Raimund von Ruysbroek die Hand meiner Enkelin versprochen und – ich habe noch stets Wort gehalten.« Durch das Gesicht des Grafen glitt ein feines Lächeln und er wiegte leise den Kopf. »Aber meine liebe Cousine,« entgegnete er und wandte die tiefliegenden Augen mit einem unendlich ruhigen Blick zu der alten Dame, »wie werden Sie sich bei solcher Entschiedenheit dann nur mit Margarethen selbst und denen vereinigen, die neben Ihnen noch über das Geschick meiner Nichte zu entscheiden haben und, so viel ich schließen kann, mit derselben Bestimmtheit diese Sache von der Hand weisen dürften?« Die hohe Stirn der Dame überzog sich mit einer dunklen Röthe, aus ihren Augen brach der Zorn wie ein heller Blitz auf den kaltblütigen Gegner, und ihre Lippen öffneten sich zu einer sicher herben und harten Antwort. Allein es kam nicht dazu, da in eben diesem Augenblick die Thür geöffnet ward und hinter Hugo auch den Kammerdiener hereinließ, welcher meldete, daß der Forstmeister Wolthusen so eben angekommen sei und die Erlaucht sogleich sprechen müsse. – Die Dame zuckte bei Gerhard's Namen zusammen; dann erhob sie ihren Kopf noch höher und sagte nach einem zornigen Blick auf Hugo: »wir können jetzt keinerlei Störung brauchen. – Und Gerhard – was will denn der? – Sagen Sie, ich sei nicht zu sprechen, Karl; der Herr Forstmeister kennt seine Herrschaft in Willsburg.« Hugo hatte auf seinen Vater und die Gräfin einen schnellen Blick geworfen und ließ die letztere, trotz seiner sichtbaren Aufregung, ungestört ihre Rede beendigen. Dann aber winkte er dem Kammerdiener Schweigen zu und bemerkte hastig und mit blitzenden Augen: »und doch werden Sie Gerhard anhören müssen, meine erlauchte Tante; er besteht darauf augenblicklich vorgelassen zu werden, und das Wort, das er mir bei seiner Ankunft sagte, gibt ihm ein Recht dazu, wie es auch mich hieher treibt.« – Die Erlaucht warf ihm einen finstern Blick zu und versetzte stolz: »in diesem Gemach gibt es kein ander Recht als meinen Willen, mein Herr! Und es existirt in keiner Sprache ein Wort, das hier den Eintritt erzwingen könnte. Gehn Sie, Karl, es bleibt dabei.« – Da, bevor der bestürzte Kammerdiener noch diesem Befehl folgen konnte, trat Hugo nahe an die Dame heran und sagte mit gedämpfter Stimme: »Großtante, es gilt die Ehre des Hauses, und das Wort Gerhard's lautet – garde à vous!« Die Gräfin taumelte wie vom Blitz getroffen, zurück und hielt sich nur mit Mühe an der erfaßten Lehne eines Stuhls aufrecht: ihre Augen blickten starr, ihr Gesicht war leichenbleich, ihre Lippen bebten. Erst als Hugo und sein Vater, der bei den Worten gleichfalls jäh aufgesprungen war, herzueilten und ihre zitternde Gestalt unterstützten, vermochte sie sich wieder zu fassen, und im nächsten Augenblick stand sie stolz aufgerichtet und sprach, wenn auch noch mit bebender Stimme: »du hast sehr recht, mein Kind! Das Wort öffnet auch diese Thür bei Tag und Nacht. – Lassen Sie Gerhard augenblicklich herein, Karl. Ihr Beide bleibt gleichfalls hier.« Als Gerhard gleich darauf eintrat und sich gegen die Anwesenden verbeugte, musterte die Erlaucht seine äußere Erscheinung mit einem finstern Blick, und als sie seine hohen bespritzten Stiefel und den ganzen, vom Wetter und Weg hart mitgenommenen Anzug bemerkte, sagte sie: »du hast Eile gehabt?« – Der junge Mann verbeugte sich. »Euer Erlaucht wollen meine Kleidung entschuldigen,« versetzte er; »ich bin gestern Abend zu Pferde gestiegen, wie ich eben war, und ritt die Nacht durch, denn ich glaubte mich nicht aufhalten zu dürfen mit den Nachrichten, die ich gestern empfing.« – »Nachrichten?« fragte sie. »Wohlan, was bringst du?« – Er zog zwei Briefe aus der Brusttasche und reichte den einen davon der Dame hin, indem er dabei sagte: »wollen Euer Erlaucht das Siegel betrachten.« Die Gräfin nahm den Brief mit fester Hand, sah nach der Aufschrift, die in französischer Sprache an Gerhard lautete, wandte ihn darauf um und hielt ihn weit von sich, um das Wappen erkennen zu können. Ihre Lippen bebten, aber sie sagte kein Wort, ließ keinen Laut hören, sondern reichte das Papier nur langsam dem Grafen Wolfgang hin. In dem Siegel zeigte sich in der That das ebenso alterthümlich geformte Wappen wie auf dem Knopf – die erhobene Faust mit dem Streitkolben, und darüber die Worte: garde à vous! Als auch Hugo den Brief angesehn und auf den Tisch gelegt, wandte die Erlaucht ihre Augen, mit denen sie bisher das Papier bewacht hatte, starr und fest auf Gerhard und fragte mit heiserer Stimme: »von wem ist der Brief?« – »Vom Grafen Ruysbroek,« lautete Gerhards langsam und deutlich betonte Antwort. Diesmal ließ die Erlaucht sogar einen dumpfen Ton des Schreckens hören und griff, erbleichend, von neuem nach der Stuhllehne. Erst nach einer Pause, die keiner der übrigen Anwesenden zu stören wagte, redete sie mit gepreßter Stimme und ohne den starren Blick von Gerhard zu verwenden: »was hat der Herr Graf von Ruysbroek mit dir zu correspondiren?« – Ueber das Gesicht des jungen Mannes glitt ein trübes Lächeln, und ohne auf des Grafen Wolfgang mißbilligendes Kopfschütteln und Hugo's Achselzucken zu achten, erhob er seine Augen ruhig und ernst zu dem Gesicht der alten Dame und versetzte: »der Brief liegt offen vor Euer Erlaucht. Der Herr Graf bietet mir für den Fall, daß ich gewisse Ansprüche aufgebe und seine Wünsche durch meine Zustimmung befördere, eine Abfindungssumme.« Nach diesen Worten wandte sich Graf Wolfgang schweigend um und setzte sich langsam in seine Sophaecke zurück, während Hugo dem Freunde herzlich seine Hand über den Tisch hinüberreichte. Gräfin Charlotte blickte finster zu Boden. Endlich schaute sie wieder auf. »Daß der Graf Ruysbroek nicht selbst jener Fremde in Lautenthal gewesen sein kann, ist sicher,« sprach sie düster: »er zählt wenig Jahre mehr als seit der Ermordung meines Gemahls verflossen sind. Aber wir müssen uns mit jeder weitern Auskunft gedulden. Der Herr Graf ist vor einer Stunde abgereist und kommt erst in acht Tagen wieder.« – Gerhard trat bestürzt einen Schritt zurück. »Also zu spät!« rief er heftig. »So schnell hätt' ich mir das Ende nicht gedacht!« Und indem er den zweiten Brief öffnete und, mit dem Finger auf eine Stelle deutend, zu Hugo hinüberreichte, setzte er hinzu: »wollen Sie die Güte haben, Herr Graf, diesen Absatz aus dem Briefe eines Wiener Freundes vorzulesen?« – Hugo folgte der Bitte und las folgendes. »Eine gute Geschichte zum Schluß. – Erinnerst du dich noch des Barons Menars, der vor sieben Jahren in Baden der Fürstin F. den Hof machte, und von dem man so viele seltsame Dinge erzählte? Er sollte auch in Paris beim falschen Spiel ertappt sein. Derselbe ist vor kurzem hier unter dem Namen eines Vicomte Ruysdael aufgetreten und hat unter dem Vorwände einer großen Erbschaft, die er in Ungarn gemacht haben wollte, mehrere Personen um unglaubliche Summen betrogen. Er soll den unerfahrenen, schüchternen Landjunker aus Belgien, der von seinem Glück ganz niedergedrückt war, und noch mit Gott weiß was für Klauseln zu kämpfen hatte, die ihn bisher am vollen Genuß desselben verhinderten, – ganz süperbe gespielt und Papiere vorgewiesen haben, welche seine Angaben durchaus zu bestätigen schienen. Denn manche der Betrogenen glauben noch felsenfest an seine Ehrlichkeit. Seit ihn jemand als Baron Ménars erkannte und in Gegenwart eines Andern also anredete, mit dem er als Vicomte Ruysdael verkehrte, ist er verschwunden und wird vergebens verfolgt. Er versteht es, neue Namen für sich zu finden. Seine Thätigkeit muß eine ausgebreitete gewesen sein, alle Tage hört man von neuen Opfern. Die Welt will betrogen werden.« Der Vorleser legte das Blatt zusammen; es war im Gemach eine tiefe Stille. Die Erlaucht setzte sich wie zerbrochen in einen Lehnstuhl und legte den Kopf auf die zitternde Hand. Hugo ging ein paarmal gedankenvoll auf und nieder. Endlich blieb er wieder am Tisch stehn und sagte: »Sie haben also recht gehabt mit ihrem Verdacht, Gerhard; aber zu spät kommen Sie für die Hauptsache nicht, das größte Unglück ist noch verhütet worden. Auch, meine ich, ist noch Aufklärung möglich, denn des ehrenwerthen Herrn Grafen ehrenwerther Herr Diener ist zurückgeblieben. Der arme Mann soll krank sein, oder den Spion spielen. Vom Morde möchte er eher etwas wissen als sein Herr. – Wo ist der Knopf von Lautenthal? Ich will Hubert instruiren und ihn damit auf die Fährte schicken. Der läßt ihn nicht los.« Die alte Erlaucht hatte bisher schweigend und ohne irgend eine Bewegung in ihrem Stuhl gelehnt. Bei Hugo's Frage nach dem Knopf erhob sie das bleiche, abgespannte Gesicht und holte tief Luft. Dann stand sie auf, nahm den Knopf aus einem geheimen Fache ihres Schreibtisches und gab ihn schweigend an Hugo. Während die beiden jungen Männer das Gemach verließen, blieb sie bei dem Möbel stehn und stützte sich schwer auf die ausgezogene Platte. Dann murmelte sie kaum hörbar vor sich hin: »mein armer alter Bruder!« und ließ den Kopf tief auf die Brust sinken. – Graf Wolfgang erhob sich: die Gleichgültigkeit und Ruhe seiner Züge war dem Ausdruck einer fast finsteren Strenge gewichen. »Nun Cousine,« sprach er, »danken Sie Gott, daß Sie noch nicht zu sagen brauchen: arme Margarethe! Das wäre ein nie gut zu machendes Elend gewesen: alles übrige, denke ich, ist dagegen – eine Bettelei.«– Die Erlaucht sah ihn einen Augenblick mit einem zerstreuten Blicke an, dann als erwache sie nun erst zum vollen Bewußtsein des Geschehenen, schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn und rief heftig: »Sie haben recht, Cousin! Schelten Sie mich! Verdammen Sie mich! Sie können's nicht bitterer thun als ich selbst. O über mich alte Närrin!« – Er lächelte begütigend. »Ei, ei, Cousine,« meinte er, »können auch Sie die Contenance verlieren? Das habe ich noch nie erlebt. Lassen Sie doch die Thorheit vergessen sein, wie Sie so manches im Leben vergessen mußten; die Sache ist ja zu Ende.« Die Gräfin schüttelte beinah wild ihr graues Haupt. »Das vergesse ich nie!« sagte sie dumpf. »Was kümmern mich die paar tausend Gulden, um die er mich beschwatzt! Aber daß mich ein feiler, elender Betrüger so zur Närrin machen konnte vor den Meinen und mir selbst –.« – »Garde à vous!« unterbrach sie der Graf, ihre Hand ergreifend. »Wir haben anderes zu thun, Charlotte!« – Da zuckte sie zusammen, strich sich mit der Hand über die Stirn und sprach, sich aufrichtend, plötzlich gefaßt: »Sie haben recht, Cousin. Wir wollen nach dem Diener sehn.« Inzwischen hatten die beiden jungen Männer Hubert alsbald aufgetrieben und schnell von der Lage der Dinge unterrichtet. Die Augen des Jägers brannten in wilder Freude. »Den werde ich Hetzen, so daß es ihm grün und gelb vor den Augen wird!« sprach er. »Ich habe dem schleichenden heimtückischen Gesellen nie getraut und stets gewußt, daß es ein Schuft wäre. Und will's Gott, packen wir den sauberen schielenden Herrn Grafen auch noch, der so fremd thut und doch deutsch redet wie Unsereiner, und hier so zahm und jüngferlich ist und drunten in Königshofen jeder Schürze nachläuft.« – »Woher weißt du das?« rief Hugo betroffen. – »Hab' ihn gestern Abend mit seinem Diener deutsch reden hören, und das Andere habe ich auch gestern vom Löwenwirth drunten erfahren. Er ist mehrmals Abends heimlich dort gewesen, wenn wir ihn in den Federn glaubten, aber man hat ihn doch erkannt, und einmal hat's sogar argen Skandal gesetzt.« Die beiden Andern sahen sich verwundert an. »Und du hättest es zugeben können, daß er die Erlaucht noch weiter betrog, Hubert?« rief Gerhard vorwurfsvoll. – Der Alte lachte finster. »Bah, ich würde ihr schon zur rechten Zeit das Licht angesteckt haben. – Aber nun vorwärts!« Sie gingen zum Zimmer des Dieners in den Josefsbau hinüber; die beiden jungen Männer traten in das angrenzende Gemach und legten, beide wohl zum erstenmal in ihrem Leben, das Ohr an die Verbindungsthür, um zu horchen. Als Hubert eintrat – der Schritt der Nahenden war auf dem mit Matten belegten Corridor nicht hörbar geworden – sprang der Diener erschrocken von seinem Stuhl am Fenster auf, wo er anscheinend mit der Durchsicht von Papieren beschäftigt gewesen. »Was beliebt?« fragte er sich vergessend auf deutsch und setzte dann schnell, und als ob er den Eintretenden erst jetzt erkenne, Hinzu: »Ah, monsisur Hubert!« Der Alte hatte mit einem raschen Blick das Zimmer gemustert – den Tisch mit den Papieren am Fenster, zwei aufgeschlagene Koffer, deren Inhalt theilweise herausgenommen und auf ein paar Stühle gelegt war, darunter eine Livree – dunkelgrün und amarantfarben und mit Knöpfen, die das bekannte Wappen zu zeigen schienen, – endlich ein großes Bund der verschiedenartigsten Schlüssel zu oberst in dem einen Koffer. Während der Diener, dies gleichfalls bemerkend, flüchtig erröthete und die Koffer zuschlagend, die Unordnung im Zimmer entschuldigte – der Herr Graf habe ihm Rechnungen zu ordnen befohlen, die er lange habe suchen müssen – und den Alten zum Sitzen nöthigte, sagte dieser phlegmatisch: »danke, Herr Kammerdiener. Lassen wir aber das ausländische Gewälsch, ich versteh's nicht mehr recht, und der Herr Kammerdiener kann ja mit mir so gut deutsch reden, wie gestern Abend mit seinem Herrn. Bei unsern Herrschaften ist das was Andres.« – Der Diener lächelte befangen. »Daß Sie das auch hören mußten!« bemerkte er die Hände reibend. »Der Herr Graf übt sich heimlich, er will die Erlaucht und die Damen überraschen. Verrathen Sie uns nicht, Herr Hubert.« – »Schon gut,« versetzte der Jäger kalt. »Nun aber, Herr Kammerdiener – ich wollte nur fragen, ob Er das Dings da Verloren? So viel ich weiß, ist das seines Herrn Wappen, und ich hab's im Park gefunden.« Und damit reichte er dem Andern den Knopf hin. Der Diener nahm ihn an und betrachtete ihn genau. »Das ist allerdings mein Knopf,« erwiderte er. »Aber wie zum Henker kann ich den verloren haben, da ich die Livree hier noch gar nicht getragen? Mein Herr liebt die bunten Farben nicht, und ich trage sie nur bei besondern Gelegenheiten. Früher war das was Andres,« setzte er hinzu und nahm die Livree vom Stuhl, um nachzusehen, wo ein Knopf fehlen möchte; »da mußte ich sie stets tragen.« »Wie dazumal in Lautenthal,« bemerkte Hubert mit tiefer Stimme. Dem Andern fiel das Kleidungsstück aus der Hand und er schaute den Jäger mit großen Augen entsetzt an, während sich sein gelbes faltiges Gesicht mit einer aschfarbenen Blässe überzog. »Lautenthal? Was ist das? Bin da nie gewesen,« stammelte er verwirrt. – Der Jäger trat auf ihn zu und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter. »Ei, besinn' dich nur,« sagte er langsam und deutlich, ihn dabei starr ansehend, »in Lautenthal, beim Lindenwirth, mit deinem Herrn, der dich am Tage vor Allerheiligen mit einem Briefe nach Königshofen schickte, du mußtest aber sagen, du kämst von Waldseck, und gabst ihn Seiner Erlaucht selbst.« – Der Mensch taumelte zurück und hart gegen die Thür. »Bist du Satan selbst?« stammelte er, in die Knie stürzend. Hubert riß ihn herzuspringend wieder empor, und indem er ihn mit der Faust im Genick vorwärts gegen die hereineilenden Freunde stieß, rief er diesen mit grimmigem Jubel zu: »da ist der Hund, Euer Gnaden! Da ist der feige Hund! Wage noch zu leugnen, Canaille, und ich erwürge dich!« – Der zitternde Mensch ward nur durch des Jägers Faust gehalten. Er streckte den Eintretenden die krampfhaft gefalteten Hände entgegen und ächzte: »retten Sie mich vor dem Teufel da! – Ich will alles bekennen!« – Da trat auch Graf Wolfgang mit der Erlaucht am Arm an die geöffnete Thür: dem Jäger ward befohlen, seinen Gefangenen los zu lassen und ohne Aufsehn ins Kabinet der Gräfin zu schaffen. Doch ließ es der Alte sich nicht nehmen, dort mit den Uebrigen einzutreten; hinausweisen mochte ihn niemand, und so lehnte er mit untergeschlagenen Armen an der Thür und horchte wie die Andern auf die Beichte des Dieners. »Der Mörder des Herrn Grafen,« fing er an, »war mein jetzt Verstorbener alter Herr – der Marquis von Montarliers.« – Hugo und Gerhard fuhren zusammen – war es möglich, daß der Schwiegersohn am Vater seiner Gattin solche That begangen? – Hubert ballte grimmig die Faust; die Erlaucht aber warf dem Grafen Wolfgang einen finstern Blick zu, worauf dieser mit leisem Kopfnicken antwortete, und dann richtete sie die Augen zu dem Diener und sagte: »unser Verdacht wandte sich damals schon auf den Marquis, obgleich wir anscheinend gar keinen Grund dazu hatten. Allein es ist nicht sein Wappen. Wie erklärt sich das?« – »Es ist das alte Wappen einer Nebenbesitzung des Herrn Marquis, der Herrschaft Rochebrun, nach welcher sich früher die nachgebornen Söhne genannt hatten,« versetzte der Mann demüthig. »Ich werde davon erzählen,« Und dann begann er aufs neue seinen Bericht. Daraus ging denn Folgendes hervor. Die Verhältnisse des Marquis waren schon in Deutschland in großer Verwirrung gewesen, wozu sein im Geheimen höchst ausschweifendes Leben nicht wenig beigetragen hatte. Er gedachte sich durch eine reiche Heirath zu retten und warf seine Augen auf Blanka, da er wußte, daß ihre Mutter ein großes Vermögen besessen hatte. Er war daher wie vom Donner gerührt, als er erst am Tage der Hochzeit bei Unterzeichnung der Ehepakten genau erfuhr, daß die Gräfin Leonore, wie auch, die letzten Gräfinnen vor ihr, den größten Theil ihres Vermögens und ihrer Besitzungen der Grafschaft zugewendet hatten, weil nur auf solche Weise der Ruin des Hauses vermieden werden konnte. Der Tochter fiel nur eine geringe Summe über das im gräflichen Hause herkömmliche Heirathsgut zu. Der Marquis war von dieser Kunde so übernommen, daß er für den Augenblick kein Wort der Widerrede fand. Bisher hatte er es in seinem Leichtsinn nicht der Mühe werth gefunden, besondere Erkundigungen über diese keineswegs verborgenen Verhältnisse anzustellen, und als er nun am folgenden Morgen vor der Abreise das Vermögen seiner Frau übernahm und dabei in grimmige Vorwürfe und sogar Schmähungen und Drohungen ausbrach, mußte Graf Wolf Christoph um so mehr überrascht und verletzt sein, da er nie an eine Verheimlichung gedacht und voraussetzen mußte, daß sein Schwiegersohn sich vor seiner Verheirathung von dem Vermögensstande seiner Braut unterrichtet haben werde. Er antwortete daher um so entrüsteter, da er auch seine Tochter sich in diesen Streit mischen sah. Wie die Leser aus der Erzählung der alten Erlaucht wissen, trennten sie sich in dieser Verstimmung, welche, als der Marquis bald darauf in Paris einen großen Theil des Vermögens im Spiel verlor, und die Aussicht auf Wiedererlangung seiner französischen Besitzungen immer mehr schwand, seinerseits zu neuen schriftlichen Forderungen und Drohungen und, was Graf Wolf Christoph unter dem Siegel der Verschwiegenheit nur dem Grafen Wolfgang mitgetheilt hatte, zur Einleitung eines Prozesses führte. Bald nach dem Beginn desselben ging der Marquis mit seiner Gattin nach Westindien hinüber, kehrte jedoch, nach Blanka's bald erfolgtem Tode, schon 1803 nach Frankreich zurück und kompromittirte sich bei der Verschwörung von George Cadoudal und Pichegru so sehr, daß er mit Noth der Verhaftung entging und kaum noch auf einem amerikanischen Schiff entweichen konnte. Als Herr von Rochebrun kehrte er dann nach England zurück, ergab sich immer mehr dem Spiel und setzte den Prozeß fort, indem er die Handschrift seiner Gattin nachahmte und sogar den gefälschten Taufschein eines von ihr geborenen Sohnes beibrachte. Da Graf Wolf Christoph von all diesen Dingen niemals geredet und nie einer weitern Nachricht von dem Ergehn seiner Tochter gedacht hatte, so war nur anzunehmen, daß er diese ganze Angelegenheit für zu schmachvoll gehalten, um sie nicht in sein tiefstes Innere zu verschließen. Der Prozeß ging im Jahre 1806 zu Ende und für den Marquis verloren, und hierüber von Wuth erfüllt und einsehend, daß durch vielerlei Gaunerstreiche, Betrügereien und Fälschungen auch der längere Aufenthalt in England für ihn unmöglich geworden, ging er nach Deutschland hinüber mit dem festen Entschlusse, an seinem Schwiegervater sich so oder so zu rächen und sich auf irgend eine Weise in den Besitz des Vermögenstheils zu setzen, um den er seiner Ansicht nach betrogen worden war. Auf all seinen Reisen und Unternehmungen wurde er von dem Erzähler, den er schon auf der Hochzeitsreise in Mainz als Diener angenommen, begleitet. Der Marquis war von allen Seiten verfolgt und trat daher auch in Deutschland wieder unter anderem Namen auf. Seinem Schwiegervater wagte er sich um so weniger zu entdecken, da er wußte, daß derselbe ihn sicher von sich stoßen werde, und annahm, daß der Graf sich eher durch plötzliche Ueberraschung oder geheimnißvolle Drohungen einschüchtern und zum Nachgeben zwingen lassen werde. Ueberdies sann er auch, wie schon bemerkt auf Rache, oder wie er es nannte, auf die gebührende persönliche Bestrafung seines Schwiegervaters. – Seiner alten Leidenschaft für das Spiel folgend, trieb er sich aber noch ein paar Wochen in den Bädern umher und knüpfte in dieser Zeit ein Verhältniß mit einer Schauspielerin an, dem einige Zeit darauf der sogenannte Graf Ruysbroek sein Dasein verdankte. Dann näherte er sich allmälig Königshofen und ließ sich in Lautenthal nieder, wo er sicher war, nicht erkannt zu werden. Von dort streifte er mehrmals gegen Königshofen hinüber, ohne jedoch, wie er hoffte, jemals dem Grafen allein zu begegnen. Da erfuhr er die Abwesenheit der Gräfin und schrieb an den Grafen jenen früher erwähnten Brief, den Josef, der Diener, abschreiben und überbringen mußte. Er sagte darin, ohne seinen Namen zu nennen, daß er davon unterrichtet sei, wie der Graf seine Tochter um ihr Vermögen betrogen und den Prozeß nur durch Bestechung gewonnen, und drohte mit Veröffentlichung dieser Sache und mit der Rache der Betrogenen, wenn der Graf nicht innerhalb weniger Tage eine sehr bedeutende Summe an eine beigefügte Adresse übermache, oder sich zu einer Unterredung und Verständigung mit dem Schreiber dieser Zeilen am Samstagmorgen an einem bestimmten Orte allein einfinde. Die Antwort sollte nach einer nahen Poststation so bald wie möglich gerichtet werden. Jede angestellte Untersuchung oder Nachforschung ward mit furchtbarer Rache bedroht. – Da die Antwort ausblieb – denn der Graf hielt das Ganze, wie wir wissen, für eine großartige Bettelei und verachtete die gedrohte Rache, – der Graf auch nicht beim Rendezvous erschien, und noch weniger das Geld schickte, so brach der Marquis am Sonntagmorgen wüthend und mit dem Entschlüsse von Lautenthal auf, sich im Nothfall mit Gewalt in den Besitz des Geldes zu setzen. Er hatte nicht nur erkundet, daß große Geldsummen in Königshofen liegen müßten, sondern kannte auch das Schloß und die gewöhnliche Lebensweise in demselben von früher ganz genau, und hatte überdies durch Zufall einmal einen geheimen Weg entdeckt, der von draußen in die Privatkanzlei führte und dem Grafen sowohl wie allen Bewohnern unbekannt schien. Zugleich, da er wußte, daß der Leibjäger im Vorzimmer schlief und früher Abends vor dem Schlafengehen zum Mißfallen seines Herrn gewöhnlich ein Glas Grog getrunken hatte, versah er sich mit einem Schlaftrunk für denselben. Er fürchtete, daß er des riesenstarken Mannes bei entstehendem Lärm im Wachen nicht Herr werden dürfte, ohne alle andern in der Nähe Schlafenden auf die Beine zu bringen. Unterwegs sahen sie, im Walde versteckt, den Grafen und Rolof an sich vorbeireiten und den Herrn bald darauf allein zurückkehren. Der Marquis erhob schon im rachsüchtigen Grimm die Flinte, um ihn niederzuschießen, und ward vom Morde nur durch Josefs Eingriff und dessen Vorstellung abgehalten, daß das Ausbleiben des Grafen augenblicklich auffallen und einen Einbruch fürs erste unmöglich machen müsse. – Dann näherten sie sich dem Schloß, konnten es jedoch, durch allerlei Zufälle und die rings herrschende lebhafte Bewegung der Diener und Beamten aufgehalten, erst gegen acht Uhr betreten, in die Privatkanzlei gelangen, die Pistolen auf des Grafen Schreibtisch entladen und den Schlaftrunk bereiten, der diesmal so gute Wirkung thun sollte, obschon Hubert, seinem Herrn zu Liebe, der Gewohnheit längst entsagt. Sie waren mit diesen Vorbereitungen eben fertig, als der Leibjäger erschien, so daß sie sich kaum noch in das Kassenzimmer flüchten konnten. Hubert blieb da, nicht lange nachher kam der Graf, und erst als dieser schon eine geraume Zeit allein und in die Arbeit vertieft war, wagten sie Licht anzuzünden und sich weiter umzusehen. Da der Graf den Nachmittag abwesend gewesen, fanden sie die Kassen verschlossen und mit ihren Nachschlüsseln nicht zu eröffnen. Sie warteten daher noch eine Weile, um sicher zu sein, daß Hubert schlafe: dann trat der Marquis leise ins Kabinet, und als der Graf das Geräusch vernehmend, aufsprang, schlug er ihn mit einem Hiebe des Hirschfängers zu Boden, bevor der Ueberraschte nur das ganz nahe liegende Pistol ergreifen konnte. Dann, da sie seines Todes sicher waren, eilten sie die kleine Kasse zu öffnen, zu der sie den Schlüssel fanden, suchten das Gold aus und beluden sich mit dem, was sie fortbringen konnten, und schlichen, nachdem der Marquis auch noch seinen Brief vom Donnerstag gefunden und an sich genommen, schnell und unbemerkt aus dem Schloß. – Gleich darauf verließen sie Europa und gingen nach Amerika hinüber, wo sie zuerst von dem geraubten Gelde, nachher von allerlei Schwindeleien und wenig ehrenvollen Unternehmungen lebten. Obgleich von dem Morde und den folgenden Untersuchungen und Nachforschungen nichts verlautete, wagte sich der Marquis erst viele Jahre später nach Europa zurück. Sein Ruf war überall gleich schlecht, es lebten auch zu viele, die von ihm so oder so einmal betrogen worden, und als er endlich im Anfang der dreißiger Jahre selbst den Boden Nordamerikas für sich zu heiß fand und wieder in Frankreich auftrat, geschah es nicht nur wieder unter anderm Namen, und als Bürger der nordamerikanischen Freistaaten, sondern auch mit einem Aeußern, das durch alle Künste der Toilette umgestaltet war. Durch Zufall entdeckte und erkannte er in einer Pariser Spielhölle seinen Sohn, der von seiner Mutter bis zu ihrem Tode besser erzogen und gebildet worden, als man es von einem so leichtsinnigen Wesen hatte erwarten sollen. Doch war diese Erziehung nicht nachhaltig gewesen. Politische Verbindungen und Schwärmereien trieben ihn nach Frankreich. Er fand bald Geschmack an Schwindeleien und hatte sich jetzt, durch Gott weiß was für Mittel, als Vicomte von Rochebrun eine Stellung in der Gesellschaft zu schaffen gewußt. Als Spieler und Gauner von Profession trat er nun dem ebenso gearteten Vater entgegen und vereinigte sich von da ab mit ihm zu gemeinsamen Spieler- und Beutezügen, welche sie, bald unter diesem, bald unter jenem Namen, besonders in die deutschen Bäder führten. Nach einigen Jahren fiel der Marquis in einem Duell, das er sich durch falsches Spiel zugezogen, und der Vicomte ging aus demselben Grunde mit dem alten Diener seines Vaters außer Landes. Dort kombinirte er den Plan, den er in Wien zur Ausführung brachte. Papiere hatte er sich verfertigt oder sonst zu verschaffen gewußt, und spielte seine Rolle so trefflich, daß ihn kein Verdacht traf und er eine reiche Ernte hielt. Der Baron Berndingen war eins seiner letzten Opfer; durch ihn ward er auf die Familie Königshofen aufmerksam gemacht und ergriff diese Gelegenheit fortzukommen und wo möglich einen größern Fang als je zu machen, mit beiden Händen, da es ihm in Wien nicht mehr geheuer schien. Josef folgte nur ungern nach dem Schauplatz jener blutigen That des Vaters, wagte aber dem Sohne nichts davon zu entdecken, da selbst der Marquis stets darüber geschwiegen, und er auch fürchtete, daß ein neuer Mitwisser das Geheimniß aufs neue gefährden könne. Ueberdies wußte er, daß Raimund ihn nur noch bei sich duldete, weil er in alle Streiche und Betrügereien des Herrn eingeweiht war. Er wollte daher nicht durch die Entdeckung dieses Verbrechens sich seinerseits ihm ganz in die Hand geben. Von dem Weitern ist wenig zu sagen. Der Leser weiß, wie Raimund auftrat und sich der Gunst der alten Erlaucht versicherte. Den Nebenbuhler wußte er fortzuschaffen und sich immer fester zu setzen, und so schien alles auf dem besten Wege zu sein, bis Graf Wolfgang Hirschegg anlangte und sich von vornherein dem Fremden so abgeneigt zeigte, daß Raimund es für das beste hielt, während der Anwesenheit desselben seinerseits Königshofen zu verlassen. Dazu kam, daß er am Tage vor seiner Abreise erfuhr, man sei in Wien den großartigsten Betrügereien auf die Spur gekommen, und habe die eifrigsten und ganz geheim betriebenen Nachforschungen begonnen. In der, selbst den feinsten Gaunern eigenthümlichen Verblendung hatte er sich bisher für völlig sicher gehalten. Den alten Baron Berndingen, gegen den er am weitesten herausgegangen, hielt er durch die Erlaucht in seiner Hand. So reiste er mit einigen Summen, die er der Dame schon jetzt abzuschwindeln gewußt, ab, nicht um eine Stunde zu früh. Er wollte draußen umherhorchen und nach Umständen davongehen oder zurückkehren. Josef blieb zur Beobachtung einstweilen zurück. Der Diener blieb ungern. Er war von Angst und böser Ahnung gequält und wäre schon heut auf und davon gegangen, wenn er nicht seinen Herrn gefürchtet, dessen Plane er überdies so kurz vor dem Gelingen auch nicht stören wollte. An den Mord dachte er gar nicht mehr, und um so furchtbarer war sein Schreck, als er grade den entdeckt sah. Da brach er zusammen und leistete in nichts mehr Widerstand. Zum Schluß des langen Berichts mußte er seinen Zuhörern den geheimen Weg zeigen, der damals den Mörder zu seinem Opfer führte. Im Kapellenthurm war zwischen der großen Terrasse und der Bibliothek neben einem breiten Strebepfeiler eine kleine, fast vergessene und niemals mehr benützte Pforte, deren Schloß sich auch jetzt noch mit einem krummen Nagel aufsperren ließ. Die Pforte, welche aus dem Thurm in den Corridor neben der Privatkanzlei führte, untersuchte Hubert damals zwar jeden Morgen und Abend; außer derselben aber führte auch noch vom kleinen Orgelchore aus eine versteckte Oeffnung ebendahin, die nur dann sichtbar ward, wenn man durch den Druck auf eine Feder eine dort befindliche, anscheinend massive, inwendig aber hohle Säule bewegte, und also hinübergelangte. Der Marquis, als leidenschaftlicher Orgelspieler dort öfter verweilend, hatte durch Zufall diesen Mechanismus entdeckt, der unzweifelhaft zu einer Zeit mit den ähnlichen Spielereien des Josefsbau's entstanden war. Diese erste Entdeckung führte den neugierigen jungen Mann zu einer zweiten, ähnlichen. Es hatte ihn schon immer gewundert, daß das naheliegende Kabinet des Grafen ohne jede andere Verbindung mit dem Corridor sein sollte, als durch den Archivsaal und das kleine Vorzimmer. Und doch war dieser Schloßtheil die Privatwohnung des Grafen Wolf Josef gewesen, unter dem alle die Künsteleien entstanden. Er suchte nach und fand einen neuen kleinen Knopf ganz unten am Fußboden, der ein Stück Wand mit dem anstoßenden Theile des drinnen stehenden Repositoriums in Bewegung setzte und so eine schmale Thür öffnete. Die Federn waren so trefflich und die Fugen schlossen so genau zusammen, daß die Thür sich ohne Geräusch und leicht bewegte, und selbst bei der genauen Untersuchung nach dem Morde nicht entdeckt wurde. – Gegen Abend, als Josef in Gewahrsam gebracht und, auf des Grafen Wolfgang Betreiben, die Botschaft an das Gericht abgegangen war, saßen die beiden alten Verwandten wieder einsam im Kabinet der Erlaucht und besprachen, was zunächst geschehen müsse. Zum Schluß der Unterredung rief die Dame den Kammerdiener und befahl ihm, Gerhard herbeizurufen. »Ich muß ihm danken – von ganzem Herzen!« sprach sie zum Grafen Wolfgang. »Was er auch sonst verschuldet haben mag – hier hat er wie sein Vater gehandelt; er hat unser Haus – nein, er hat unsere Ehre gerettet.« Aber der Kammerdiener kam ohne Gerhard zurück. »Der Herr Forstmeister,« meldete er, »sei gleich nachdem die Herrschaften aus der Kapelle zurückgekehrt, aufs Pferd gestiegen und nach Willsburg zurückgeritten.« Die Erlaucht sah ihren Vetter bestürzt an. – »Haben Sie etwas Anderes von ihm erwartet, Cousine?« fragte dieser mit leisem Lächeln. »Er that hier, was seine Pflicht war, dann ging er wieder. Er ist eben ein wackerer Mann.« Die Gräfin sagte kein Wort und betrachtete stumm den alten Wappenknopf. Achtes Kapitel. Die alte Erlaucht Willsburg, d. 6. Jan. 1841 »Meine verehrte, theure Mutter! »Wollen Sie es mir zu gut halten, wenn ich erst heut auf Ihren freundlichen und liebevollen Brief vom 29. December antworte. Die vergangenen Tage waren geschäftsvoll, und auch des armen Leo Zustand nahm mich sehr in Anspruch; er ist melancholischer und dabei unruhiger als seit mancher Zeit und will mich stets in seiner Nähe haben. Und auch ich selbst fühle mich in diesen Tagen immer traurig. Es sind so schöne Feste, die wir in dieser Zeit begehn; sie sollen uns an all den Segen erinnern, der durch Gottes Gnade, über die Erde und ihre Menschen gekommen, und sollen auch uns selbst an den Segen mahnen, an den Frieden, den uns das Bewußtsein eines ehrlichen, tapfern Ringens, eines treuen Handelns und Schaffens in unserm Berufe verleiht. Wir sollen uns der Früchte unserer Treue freuen, und den Segen und Frieden in uns und um uns finden als herrlichsten, unvergänglichsten Lohn. »Sehn Sie, meine Mutter, ich finde diesen Segen und Frieden nicht in mir, nicht um mich; und jetzt, wo Sie mich mit Ihren herzlichen und liebevollen Worten daran erinnern, daß meines armen Leo Hand seit vollen fünfundzwanzig Jahren in der meinen liegt – jetzt stehe ich oft mit tiefer Trauer und heißen Thränen: Herr, zeige mir, wo ich fehle! – Denn ich sehe wohl, meine Mutter – meine Treue war noch nicht treu, mein Ringen nicht ernst genug, mein Handeln und Schaffen nicht das richtige. Mein Wollen ist das beste gewesen alle Zeit – aber was half es dem armen Mann, was half es mir? Der Segen blieb aus; ich stehe noch, wo ich vor fünfundzwanzig Jahren stand und mein Lebenlang stehn werde. Und das macht mich – nicht müde, meine Mutter – o nein! Es soll an mir nicht fehlen und ich ringe immerfort mit aller Treue und Ehrlichkeit, die ich in mir zu finden weiß. Aber es macht mich traurig, und nicht allein für mich, sondern auch für alle diejenigen, denen ich ein ähnliches Loos drohen sehe, ohne ihnen helfen zu können. »Aber für die, denen ich helfen kann, – für die regt sich auch mein ganzes Herz und meine ganze Kraft, und ich spanne alles an, was ich habe und vermag. Ein solcher Fall scheint mir jetzt vorzuliegen und ich will offen darüber zu Ihnen reden. Es bedarf wohl kaum noch der Namen – Sie wissen, daß ich unsere Margarethe und Wolthusen meine. »Als Sie mir vor sechs oder sieben Wochen die erste Andeutung gaben und auf des Grafen Hirschegg und meine Zustimmung den Forstmeister zu uns übersiedeln ließen, mußte ich, wie Sie, annehmen, daß der wackere Mann, der uns allen so lieb ist, diese Neigung allein hege und, wie sogar aus Ihrem ungewöhnlich verstimmten Briefe hervorging, ehrlich mit der Besiegung derselben ringe, weil er sie als aussichtslos erkannt. Daher stimmte ich gern zu, ihn aus Margarethens Nähe zu bringen, und nahm mir gleich vor, demnächst mit ihm über die Sache offen zu reden; denn ich weiß, daß er Vertrauen zu mir hat. »Statt des Erwarteten erfuhr ich aber, daß die Liebe gegenseitig und längst ausgesprochen war, daß die beiden armen Menschen seit Jahr und Tag dagegen ankämpften, weil beide die Vorurtheile kannten, die ihnen ihr Glück, wenn nicht unmöglich machen, doch verkümmern würden; und Gerhard ließ mich tief in sein Herz schauen und in die Kämpfe, die es zerrissen, in diesen grausamen Conflikt, zwischen der vollen innigen Liebe und der Dankbarkeit gegen unser Haus. Er bekannte mir, wie er gerungen, gezagt und geschwankt in seiner beengenden, qualvollen Lage; und er gestand mir, daß ihn eigentlich erst eine Unterredung mit Hugo, der das Verhältniß entdeckt hatte, aus seinem Schwanken emporgerissen. Hugo sagte ihm sehr vernünftig, daß ein Mädchen wie Margarethe verdient sein wolle und daß es eine Feigheit sei, einer solchen Liebe wegen äußerer Hindernisse zu entlaufen. Daran schloß sich eine ernste Prüfung und die Erkenntniß, daß weder Margarethe noch er selbst jemals ihre Liebe aufzugeben im Stande seien. Und dazu kam dann das Auftreten jenes – Grafen Ruysbroek oder Ruysdael oder wie er sonst heißt, und dessen Aufnahme, woraus Gerhard deutlich erkennen mußte, daß es im Hause Hirschegg-Königshofen nicht auf das Glück seiner Mitglieder ankomme, sondern nur auf die äußere, gesicherte Stellung, und daß der Einzelne nicht nach seinem eigenen eingebornen Recht Ansprüche ans Leben zu machen, sondern nur ihm durch Vorurtheil und veraltetes Herkommen auferlegte Pflichten zu erfüllen habe. »Das schloß ihm die Augen vollends auf – es galt die Geliebte nicht mehr allein zu lieben, sondern auch zu retten. Er erhob sich zum Handeln für sein Glück, er suchte nach einer Stellung, die ihn unabhängig uns gegenüberstelle und zugleich der Geliebten ein ehrenvolles, gesichertes Leben an seiner Seite verheißen könne. Seine einzige Qual war noch die Verletzung der Dankbarkeit gegen die Familie, die ihn bisher zu ihren treusten Dienern gezählt, die ihn zu dem gemacht, was er sei. – Von der Dankbarkeit, meine Mutter, habe ich ihn frei gesprochen. Ich habe ihn auf die Stellung seines Vaters hingewiesen, der nicht unser Diener war, aber uns Dienste leistete, die mit nichts ganz zu vergelten waren; und als derselbe in der Förderung unserer Interessen den Tod fand und seine Frau nach sich zog – da sei es unsere heiligste Pflicht gewesen, an seinem Kinde gut zu machen, was in unsern Kräften stand. Ich habe ihm gesagt, wir hätten dankbar gesehn, daß er sich bisher unserm Dienste geweiht und uns seit seiner Jugend vielfältig und reichlich unsere Freundlichkeit vergolten; aber ein Opfer seines Glücks und seiner Zukunft könnten wir niemals annehmen. Er solle seinem Glück nachgehn und sicher sein, daß er im Hause des Reichsgrafen von Hirschegg-Königshofen stets willkommen und auf seinem Wege von uns stets mit Rath und That gefördert sein würde. So sehe ich, so sehen hoffentlich wir alle die Sache an. »Einstweilen bedarf er weder Rath noch That. Seit vorgestern hat er seine Ernennung zum Forstrath in der für Forstwesen gebildeten Abtheilung des Ministeriums. Daß Gerhard seine Carriere, und zwar eine glänzende macht, bin ich sicher. Seine Fähigkeiten sind, wie wir alle wissen, die besten, seine Kenntnisse umfangreich; im Sommer sprach man mir in B. mit der höchsten Anerkennung über seine Verwaltung unserer Forsten und wünschte über alles einen ähnlichen Mann für den Staat haben zu können. Jetzt hat man ihn. »Nun, meine Mutter, als ich so Unerwartetes von ihm erfuhr, wandte ich mich an Margarethe und verlangte Auskunft von ihr über ihre eigenen Gefühle und Ansichten. Sie gab sie mir mit Wehmuth, aber trotzdem mit einer ruhigen Klarheit und Entschiedenheit, die mich von ihr überrascht, aber auch sehr erfreut hat. Es ist nicht ein schwärmerisches Wort, nicht ein Zug von Trotz in ihrem Briefe. Sie ist bereit, dem Willen der Ihren sogar ihre Liebe zu Gerhard zum Opfer zu bringen, aber sie erklärt auch fest und ruhig, daß sie dagegen niemals ihrer Familie zu Liebe einem Mann die Hand geben werde, dem sie nicht auch ihr Herz zuwenden könne. – Das war in jenen unglücklichen Tagen vor der Weihnacht, liebe Mutter, deren wir wohl am besten nie wieder gedenken. Ich gab ihr aber nicht nur für damals recht – ich thu es für immer und überall. »Meine Mutter! In den Ehen, welche bisher im Hause Hirschegg geschlossen werden mußten , ist wenig – o wie wenig Segen gewesen! Aus Liebe ward nicht eine einzige geschlossen. Und wie viel Ehre, wie viel Ansehn und Reichthum das Haus hat – der Segen fehlt ihm allüberall. – Meine Mutter, lassen Sie uns dahin streben, denselben durch Demuth, durch Achtung vor den Rechten des Herzens nicht nur, sondern des Menschen, uns wiederzugewinnen! Lassen Sie uns die furchtbare Sünde wieder gut zu machen suchen, die man mehr als einmal in diesem Hause nicht zufällig oder gleichgültig, sondern mit vollem kaltem Bewußtsein begangen. Lassen Sie uns versuchen, ob wir nicht Gottes gerechtes Zürnen versöhnen und seine Gnade uns wieder zuwenden können. »Lassen Sie es mich Ihnen offen gestehn – als Sie für Ihren Stiefsohn bei meinen Eltern um meine Hand warben, und diese die Verbindung schlossen, gab ich nach, wie ich es stets gemußt; nach meinem Willen war auch sonst nie gefragt worden, und ich hatte bisher auch nie einen gehabt. Mein Loos schien mir schwer, aber ich nahm es gehorsam an, wie jeden Befehl meiner Eltern, ohne Zögern, ohne Widerstand, ohne mir, wie ich glaube, recht klar zu machen, was man mir auferlegte. Als mir dann aber durch meine Stellung bald ein Wille aufgezwungen ward – ein Wille nicht allein für mich, sondern auch für Leo, für die Verwaltungsgeschäfte einer solchen Herrschaft – als ich klar werden, als ich selbständig zu fühlen, zu denken beginnen mußte – auch über mich selbst, meine Mutter! – da regte sich in mir ein tiefer, finsterer Groll über die unmenschliche Sünde, die man gewissenlos an mir, und in mir an der Menschheit begangen. Ich fühlte nur zu gut, daß dadurch nichts geändert ward, mein Loos war abgeschlossen; ich rang daher auch ernst und traurig gegen mein Herz. Aber ich habe Jahre – langer Jahre bedurft, bis ich mich fassen, beruhigen, zurechtfinden konnte. Und ich weiß es nicht, Mutter, ob ein anderes Herz den Kampf endlich so gut bestanden und zu Ende geführt haben würde. Wenn ich den Segen in unserm Hause irgendwo finden soll, so suche ich ihn darin, daß mir Gott die Kraft verlieh, in diesem Kampfe, wenn auch schwer, doch endlich zu siegen. »Kann uns die Sühne so schwer werden? Liegt nicht der Weg offen und klar vor uns, und winkt am Ende nicht ein so schönes Ziel – der Dank und das Glück von zwei treuen und wackern jungen Herzen? Können wir das Geschick unseres Kindes in bessere Hände, können wir das Kind an eine treuere Brust legen als an die Gerhards? – Sie sind nie hochmüthig gewesen, meine theure Mutter, und so vorurtheilsfrei, wie ich kaum jemand kenne. Sehn Sie sich um, Mutter, mit ruhigem, festem, klarem Auge – überall gehn die alten Geschlechter zu Grunde, oder sie verjüngen sich durch frisches, neues Blut. Von dem Grundsatz, nur unsres Gleichen gelten zu lassen, sind wir längst abgewichen, – denn wie viele gibt es noch? – Und wenn wir nur auf die Tugenden und Vorzüge sehn wollen, die vordem die ächten Ritter zierten – mir däucht, Gerhard hat sie uns gezeigt und am meisten damals, als er nicht nur das Geheimniß unseres Hauses aufklärte, sondern auch ein Elend und eine Schmach von uns wandte, wie sie niemals furchtbarer den Glanz unseres Wappens zu besudeln gedroht. – Und lassen Sie uns nicht vergessen: Margarethe ist ein liebenswürdiges Mädchen, Gerhard ein wackerer, liebenswerther Mann und bisher hoch in unser aller Gunst. Und die Beiden sind so lange einsam neben einander gewesen. Wäre es nicht unnatürlich, meine Mutter, wenn sie sich nicht gefunden hätten? »Zum Schluß noch eine Mittheilung, die vermuthlich nicht Sie, aber unsern Vetter Wolfgang interessiren dürfte. Sie haben vielleicht erfahren, daß mein alter Vetter, Graf Eyberg, vor kurzem gestorben und mit ihm unser Geschlecht im Mannsstamm erloschen ist. Gerhard las uns die Feierlichkeiten bei der Beerdigung aus der Zeitung vor, ohne zu wissen, wie nahe mich die Sache anging, und lächelte dabei. Auf meine verwunderte Frage, sagte er: ›es ist eigentlich Geheimniß, aber Ihnen gegenüber nicht, auch ist es jetzt gleichgültig. Bei dem Begräbniß hätte ich ein ganz romantisches Aufsehen machen können, wenn ich Fahne und Wappen, Helm und Siegel wieder aus der Gruft heraufgeholt. Mein Vater war nicht Deserteur oder dergleichen, sondern ein geborner Graf Eyberg.‹ Und als ich mehr wissen wollte, brachte er mir die Papiere, die Rolof versiegelt hinterlassen und die Gerhard uneröffnet empfangen. Darin war ein Papier mit der Aufschrift: ›dreißig Jahre nach meinem Tode zu eröffnen.‹ Es enthält die Angabe, daß Rolof der Graf Richard von Eyberg sei, der im Jahre 1787 seine Familie, wegen der Härte seines Vaters verlassen, seinen Namen abgelegt, seinen Stand und Namen verflucht hatte und nun in romantischer Ueberspannung als ein anderer Karl Moor in die Wälder ging und, um sich jede Rückkehr unmöglich zu machen, Wilddieb ward. Von Richards Existenz und Verschwinden weiß ich selbst aus den Erzählungen meiner Mutter, seiner leiblichen Schwester. Uebrigens beweisen auch die beigefügten Papiere die Wahrheit seiner Angabe. Weßhalb er diese Papiere nicht vernichtet, weiß weder ich noch Gerhard. Vielleicht, weil er sich später seiner anfänglichen Verirrungen schämte und seinen Nachkommen in besserem, richtigem Licht erscheinen wollte? Er macht es aber Frau und Kindern zur Pflicht, nie von diesem Geheimniß, nie von dem Namen Gebrauch zu machen. Sie sollten Wolthusen bleiben und heißen. »Uebrigens entbehrt Gerhard damit nichts; mein Vetter starb verarmt, wie unsere ganze Familie war. Das habe ich ihm gesagt; er schüttelte dazu den Kopf und meinte: er dächte überhaupt nicht daran, seinen Namen zu ändern, und habe niemals Werth auf dies ihm schon vor zwei Jahren bekannt gewordene Geheimniß gelegt. Er hoffe auch seinen Namen zu Ehren zu bringen, wie das ja schon seinem Vater gelungen. »Und nun, meine Mutter, lassen Sie mich schließen. Wenn Sie wollen, machen Sie von dieser letzten Mittheilung gegen Graf Wolfgang Gebrauch; Ihnen, weiß ich, wird sie bei Ihrem Handeln in dieser Angelegenheit gleichgültig sein. – Gott lenke Ihr Herz und Ihre Entschlüsse! – Ihre treue Tochter Leopoldine.« Das war der Brief, den die alte Erlaucht eben erhalten und gelesen hatte und der nun, ihrer Hand entsunken, auf ihrem Schooße lag. Sie hatte ihren kleinen Kopf in beide Hände gelegt und sich seitwärts gegen die hohen Polster ihres alterthümlichen Stuhls gelehnt, und ohne daß sie darauf achtete, ja vielleicht ohne daß sie's wußte, drängte sich Thräne auf Thräne aus ihren Augen und rollte langsam über die gefurchten Wangen hinab auf das kleine Spitzentuch, welches sie jetzt wie immer über ihrem hoch hinaufgehenden dunklen Kleide trug. Der Brief hatte die alte Frau furchtbar erschüttert und bis in die Tiefe ihres Wesens getroffen. Es waren nicht allein die Vorwürfe von derjenigen, die sie höher achtete und wahrhafter liebte als jeden andern Menschen, zu der sie, das Haupt der Familie und die um vieles ältere Frau, mit einer Art von Ehrfurcht emporsah, – es war die Gerechtigkeit dieser Vorwürfe, die sie sich weder verbergen wollte noch konnte, und das Gefühl, wie schwer sie, wenn auch in der besten Absicht, gesündigt, wie wenig sie davon wieder gut machen könne. Sie wußte wohl, wie sie im Lande, unter ihren Bekannten umhergesucht, um für den Stiefsohn, dessen Zustand sie besser kannte als alle übrigen, die rechte Frau zu finden. Sie wußte wohl, wie ihre Augen auf Leopoldine gefallen und wie sie und die Eltern das Opfer von der Tochter verlangt, ohne sich drum zu kümmern, ohne dran zu denken, welch ein Opfer das sei – ein frisches, junges, hoffnungsvolles Leben an eine Existenz zu knüpfen, die kaum eine war; ein Dasein zu führen, das nichts bot als Entsagung, keine Freude, keine Besserung, keine Hoffnung! – Das hatte sie, leise wenigstens, schon damals gefühlt, als sie die Braut mit dem unglücklichen Verlobten zusammen sah; aber damals überwog bei ihr die von den Aerzten offen gelassene Aussicht, daß Leo's Zustand sich durch eine Heirath bessern könne , und die also noch mögliche Erhaltung des alten Stammes jede andere Rücksicht, jedes Bedauern. Und später, wie sie die junge Frau sich so gut in ihr Loos finden, so würdig ihrer Stellung genügen sah, mit milder Festigkeit, mit klarer Ruhe, mit steter Geduld, und niemals auch nur mit der leisesten Klage – da achtete und ehrte sie ihre Schwiegertochter wie keinen andern Menschen; wenn sie über das Verhältniß nachdachte, war es allein mit dem Dank zu Gott, der alles so gnädig, so gut, so – erfreulich gefügt und ihr Auge bei der Wahl von Leo's Pflegerin und Hüterin so gesegnet hatte. – Aber nun! – Aber nun! – Leopoldinens Brief öffnete ihr die Augen und zugleich das Herz. Und es war nicht allein die Trauer darin, sondern auch eine tiefe Scham über ihre Selbstsucht, über ihre Verblendung. Die alte Dame fühlte sich ganz zerbrochen, sie weinte bitterlich, wie sie in ihrem Leben nicht geweint. Der Brief Leopoldinens hatte nur den Ausbruch dieses Schmerzes veranlaßt, weil er ihr, wie bemerkt, Augen und Herz öffnete, die in der letzten Zeit verschlossen oder verblendet gewesen. Nun fühlte und sah sie die vergangenen Wochen mit all den seltsamen, trüben und thörichten Ereignissen in einem ganz andern Licht. Es kam ihr alles wieder in den Sinn – alles! Der Betrug, dem sie zum Opfer gefallen, sie die kluge, die erfahrene, die stolze Frau, und doch die einzige Blinde in ihrem ganzen Familienkreise! – Sie erinnerte sich jener Morgenstunde, in der sie Gerhard mit Härte vor dem Fremden verleugnete, und mit Scham dachte sie an die Worte, mit denen sie den treuen, wackern Mann auch vor sich selbst damals heruntergesetzt, mit Trauer an alle Härte, die sie nachher gegen ihn ausgelassen. Und sie gedachte dann des Leids, das sie Margarethen in den letzten Wochen bereitet – und für wen? Für den Elenden, der sie und ihr Haus dem Abgrund nahe geführt! Und sie wußte doch noch sehr wohl, was sie ihr einmal gesagt: »ich dränge mich nicht in dein Vertrauen. Ein Graf braucht's nicht zu sein, den du erwählst; aber es muß ein ehrenwerther Mann sein und in selbständiger Stellung. Sonst gebe ich dich ihm nicht.« – Das wußte sie, denn so dachte und fühlte sie sonst auch immer. – Seit sie nach Gerhards Enthüllungen sich damals vor dem Grafen Wolfgang selbst anklagte und ihre Verblendung schalt, war die alte Dame so düster und verschlossen hingegangen, wie sie niemand bisher gesehn. Sie rang und kämpfte furchtbar mit sich und gegen sich selbst; sie fand keine Ruhe, keine Klarheit; ihre Schuld lag auf ihr wie ein Alp, ohne daß sie noch begriff, wie sie dieselbe los werden, wie sie bessern sollte. Dumpf und stumpf, mochte man sagen, dachte sie all der Schrecken, all des Peinlichen. Es war zu viel für sie geworden. Nun brachte der Brief sie zum Bewußtsein – er löste die Starrheit, er nahm den Druck von ihrem Herzen. Sie ging im Zimmer auf und ab, mit gerungenen Händen, mit wildem Kopfschütteln, und mehr als einmal rang es sich aus ihrer Brust: »Charlott', Charlott', wohin ist es mit dir gekommen! – Hast du darum zweiundsechzig Jahre in Ehren gelebt, mit Wärme und mit Treue Welt und Menschen aufgenommen, und Nachsicht gehabt mit jedermanns Schwächen, auf daß man Nachsicht habe mit deinen eigenen Fehlern – um jetzt noch Haß zu säen und für einen Schwindler zur Närrin zu werden? – Charlott', Charlott'! – Du hast recht, Christoph, mein Herr und Gemahl! Sieh mich an mit deinem ernsten, strafenden Auge! – Du hast recht, Leopoldine – ich bin nicht ich gewesen! – Zweifle an mir! Schilt mich! Ich hab's verdient, ich alte kindische Frau!« – Dann las sie wieder den Brief und die Thränen kamen ihr wieder in die Augen. »Armes Kind! Armes Kind!« murmelte sie; »wie konnte ich so verblendet sein – fünfundzwanzig Jahre lang! – Wie soll – wie kann ich bessern?« – Und endlich kniete sie in ihrem Betstuhl nieder und legte den Kopf auf das Pult und ruhte so, lange – lange Zeit, ohne Laut und ohne Regung. Als sie sich endlich wieder erhob, war es im Gemach ganz finster geworden; sie zündete Licht an und ging von neuem auf und ab; allein ihr Gang war jetzt wieder ruhiger und gleichmäßiger, und auch in den Zügen des Gesichts, in ihren braunen Augen zeigte sich ein Abglanz der alten Ruhe und Heiterkeit, die seit manchen Wochen dort niemand mehr erblickt. Da der Kammerdiener jetzt mit der Meldung eintrat, daß der Thee bereit sei, versetzte sie milde: »bitten Sie die Herrschaften, mich heut Abend freundlich zu entschuldigen. Es ist mir heut unmöglich. – Lassen Sie sogleich einen Reitknecht satteln und melden Sie mir, wenn er parat ist; wählen Sie den zuverläßigsten Menschen, Karl. Er muß die Nacht durchreiten und morgen Mittag in Willsburg sein.« Dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb ihrer Schwiegertochter. »Mein theures, geliebtes Kind! »Dein Brief hat mich sehr ergriffen und mich einmal recht aus dem Grunde aufgerüttelt. Ich danke dir vielmal dafür. – Wenn der Gerhard in die Residenz geht, soll er über Königshofen kommen; ich bin ihm noch eine Antwort auf seinen Abschiedsbrief schuldig und will sie ihm mündlich geben. Auch ist der hochmüthige Mensch neulich sans adieu und ohne unsern Dank anzunehmen, davongelaufen, wofür ich ihm den Kopf waschen muß; denn er ist noch unser Diener und muß Ordre pariren. Sage ihm das. Und er soll mir auch seine Papiere mitbringen. »Und nun, mein geliebtes Kind, lebe wohl. In vierzehn Tagen denke ich Dich mit den Uebrigen in Willsburg zu sehn. Habe Geduld mit mir, wie Du sie Dein Lebenlang gegen jedermann geübt. Du wirst zufrieden sein mit Deiner treuen alten Mutter Charlotte.« Als der Brief abgesendet war, nahm sie auch die andern Schreiben vor, die sie vorhin mit der Post erhalten und bisher über das von Leopoldinen zu lesen versäumte. Eines davon war mit dem garde á vous Siegel geschlossen, und der sogenannte Graf von Ruysbroek meldete darin, daß sich ein plötzlicher Prozeß über seine Erbschaft entsponnen, daß er daher aufs schleunigste nach Wien zurückkehren müsse, wo er, wie sein Geschäftsführer meine, wenig Aussicht auf den Sieg habe. Einstweilen müsse er daher als ehrlicher Mann auf Margarethens Hand resigniren, da er vielleicht nicht so viel übrig behalte, um selbst davon leben zu können. Die vorgestreckte Summe vermöge er für den Augenblick nicht zurückzugeben. Er hoffe aber bald bessere Nachrichten geben zu können, denn bei seinem Recht halte er das Verlieren des Prozesses für unmöglich. – Die Erlaucht warf den Brief verächtlich auf die Seite. »Frech, heuchlerisch und Lügner bis zum Schluß!« murmelte sie und ging zu andern Papieren über. – »Komm her, Gretchen, mein Kind,« sagte sie am folgenden Tage zu ihrer Enkelin, als sie wie üblich erschien, um der Großmutter guten Morgen zu sagen. »Setze dich einmal wieder auf meine Knie und lasse mich deinen trotzigen, harten Kopf küssen, ob er nicht wieder weich und sanft werden will.« – Das überraschte Mädchen schlang beide Arme um der Großmutter Hals und brach in Thränen aus. »O Großmama, Großmama,« stammelte sie, »Gott segne dich für deine Freundlichkeit! Habe dein Kind wieder lieb. Ich kann so nicht mehr leben.« Die Erlaucht sah lächelnd, aber mit feuchten Augen zu ihr nieder. »Ist das wirklich so, du Trotzkopf?« fragte sie. »Ist dir's wirklich noch um deine alte Großmama zu thun? Ich meinte schon, ich hab' es ganz mit dir verdorben, du seiest mir bitterbös und all deine Liebe sei – für andere Leute da.« – »O Großmama!« – »Sieh mich einmal an, Gretchen – aber nicht mit diesen heiligen Augen, die machen mich bange! – nein, mit deinem alten treuen, innigen Blick! – So! – Nun sage mir – hast du den – Menschen so ganz von tiefstem Herzen lieb?« – »Ja, Großmama.« – »Hast du volles Vertrauen zu ihm? Stehst du für ihn ein, für seine Redlichkeit, seine Kraft, seine Treue?« – »Ja, Großmama.« – »Und doch hat er so lange gezagt – gerungen! Doch hat er Hugo gesagt: er wäre am liebsten todt, denn er könne dich doch nie erhalten. – Ist das kräftig, redlich, treu gegen dich?« – »Großmama – das war vordem. Es muß für ihn ein furchtbar Leben gewesen sein. Glaube mir, seine Schwäche war ich! – Ich zögerte – ich zagte – ich bangte, ich hielt ihn von allem zurück.« – »Nun aber zagst und bangst du nicht mehr, Gretchen?« – »Nein, Großmama, für Gerhard und meine Liebe nicht; nur noch darum, daß du uns zürnst.« Die Erlaucht schob die Enkelin leise von ihren Knieen, stand auf und ging ein paarmal stumm auf und nieder. Dann blieb sie vor Margarethen stehn, und die Arme langsam über die Brust zusammenlegend, sprach sie mit einem leisen Lächeln: »nun, Gretchen, was bekomme ich, wenn ich dir nicht mehr zürne und – auch ihm nicht? – Wenn ich – einmal mit euch thöricht sein will, ihr kleinen Thoren, und – eure Liebe segne – ?« – »O Großmama, Großmama!« rief Margarethe und warf mit hervorstürzenden Thränen ungestüm wieder beide Arme um der alten Dame Hals. – »Still, du Trotzkopf,« versetzte sie zitternd; »Geduld, wir sind noch nicht fertig. – Willst du auch nie wieder trotzen, nie wieder traurig sein? Soll ich auch wieder das goldene Lachen meines einzigen Kindes hören und ihre heitern glänzenden Augen sehn?« – »O Großmama!« stammelte sie schluchzend. Da umschlang die Erlaucht das bebende Kind und drückte es fest an sich. So standen sie einige Augenblicke, bis die alte Frau ihre Enkelin leise auf die Stirn küßte und freundlich sagte: »nun geh und fasse dich, mein Kind. Ich erwarte deinen Onkel Wolfgang. Aber sei ruhig und überlasse alles mir. Einstweilen schweige noch gegen jedermann.« Und nach erneuter Umarmung und heißem Kuß sprang Margarethe aus dem Zimmer. Lächelnd sah ihr die Gräfin nach. Dann setzte sie sich still und nachdenklich in den Lehnstuhl und blieb so, bis Graf Wolfgang eintrat. Da stand sie auf, gab ihm freundlich die Hand und befahl dann dem Diener im Vorzimmer, jede Störung fern zu halten. Ihr Gespräch währte lange und mochte sehr ernst sein, denn der im Salon beschäftigte Kammerdiener horte zwar keine lauten Worte, aber langes und anhaltendes Reden bald von der Stimme des Grafen, bald von der kaum weniger tiefen der Erlaucht, und er kannte seine Herrin zu genau, um nicht zu wissen, daß sie in solchen Tönen nur aus dem tiefsten Herzen, mit dem größten, heiligsten oder zornigsten Ernst sprach. Dann klang ihre Stimme eine ganze Zeitlang so eintönig hin, als ob sie etwas vorlese, und dann standen die Herrschaften auf und gingen auf und ab, was man daran hörte, daß die Stimmen bald ferner, bald näher und verständlicher klangen. Einmal sprach der Graf: »in dem Falle – das wäre was Andres. Denn –« damit aber verloren sich seine Worte wieder, und das nächste Verständliche war der Ausruf der Erlaucht: »Unsinn, Cousin! Unsinn! – Lassen Sie uns –« Karl fühlte sich höchst unglücklich; sein Geschäft im Salon ging zu Ende, gradezu zu horchen wagte er auch nicht, und doch hätte er für sein Leben gern mehr von dem gewußt, was bei den Herrschaften seit manchen Tagen vorging. Hätte er vorhin erst Margarethe so jubelleicht und doch die Augen voll Thränen das Kabinet verlassen gesehen! – Dafür ward ihm aber auch das Glück, nach einigen Stunden den Abschied der Beiden zu beobachten. Gräfin Charlotte begleitete ihren Vetter bis an die Thüre des Vorzimmers. Da gab sie ihm die Hand, und die seine festhaltend und ihm mit einem seltsamen, halb wehmüthigen, halb launigen Blick in die Augen sehend, sagte sie: »also Cousin – ein Mann ein Wort?« – Er zuckte lächelnd die Achseln und neigte sein graues Haupt. »Hugo hat recht, Cousine,« erwiderte er, »gegen Ihre Caressen und Bitten gibt's keinen Widerstand. Sie haben mein Wort – und – sei es denn! – von Herzen.« – »Gottes Lohn!« rief sie freudig. Nach dem Diner nahm Graf Wolfgang wie meistens Margarethens Arm und ging mit ihr plaudernd zu seinem gewöhnlichen Spaziergang auf die Terrasse hinaus. Diesmal jedoch verließ das Paar diese bald und schritt langsam gegen den Park zu. Hugo, der ihnen nachgesehn, wandte sich mit einem leuchtenden Blick zur alten Erlaucht und ergriff und küßte ihre Hand. »Großtantchen,« flüsterte er dabei, »wenn ich Ihnen nur recht – recht was zu Liebe thun könnte!« – »Wie kommt dir das?« fragte sie lächelnd. – »Weil ich Gretchen ihr Haupt aufheben sehe, wie eine Blume, die aus – der Traufe wieder in den Sonnenschein kommt. Und weil ich meines Herrn Papa Gesicht kenne; er sieht milde aus, da ist alles gut.« – Die Erlaucht lachte. »Schlaukopf!« sagte sie; »und wenn du mir was zu gut thun willst, so mische dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Wir Alten werden auch noch fertig. Du kannst nur bei dir und deinen Affairen bleiben.« – »Das will ich von jetzt auch immerdar,« rief er lustig und schlang seinen Arm um die herzutretende Diana. »Aber hierbei, Großtantchen – mußte ich dabei sein, ich Hugo, Graf von Hirschegg, Erb- und Gerichtsherr von – Diana Kaufberg!« Und munter zog er die Braut mit sich fort. Nach einigen Tagen reiste Graf Wolfgang mit den Seinen ab und Königshofen ward wieder einsam. Die einsamste von allen war Margarethe. Sie ging meistens allein und wie eine Träumende; aber es waren gute Träume, denn ihre Wange glühte und ihr Auge glänzte, und wenn sie vom Wall aus in die weite Winterlandschaft hinaussah, gegen Nordwest, an den blauen Wäldern entlang, immer weiter, immer ferner, – da drückte sie zuweilen die Hände fest auf ihr Herz und ihre Augen füllten sich mit Thränen, und sie flüsterte leise einen Namen vor sich hin, als wolle sie ihn aufrufen aus seinem langen Säumen. Und eines Morgens war er da und im Salon der alten Erlaucht, die selber stolz aufgerichtet vor ihm am Tisch stand, den Kopf erhoben, das Auge voll Ernst, die Rechte fest auf den Tisch gelegt, als sei es eine Gestalt aus einem jener prachtvollen alten Bilder, auf denen wir noch stolze Männer und Frauen finden, in aller Herrlichkeit und Kraft, wie wir ihnen unter den Lebenden nur selten noch begegnen. Und sie sprach zu ihm. »Nun du unhöflicher Mensch, bist du denn endlich doch noch zu der alten Frau gekommen, die dich von Jugend auf gepflegt und geliebt hat und die dir nun zu soviel Dank verpflichtet ist? Meinst du, daß dir mein Dank und Segen Schaden thun könnte, du stolzer Gesell?« – »Erlaucht!« bat er innig und griff nach ihrer herunterhängenden Hand. – Sie zog sie rasch zurück. »Sachte! So weit sind wir noch nicht,« sagte sie – sie konnte nicht ganz ein leises Lächeln unterdrücken –, »ich weiß gar gut, wie das alles war. Da hatte man sich was in den Kopf gesetzt: da hatte man kein Vertrauen und betrieb Geheimnisse, und als dies und jenes davon dennoch verlautete und nicht alle Welt gleich nach eurem Kopfe dachte, nach eurem Herzen fühlte, da wurdet ihr trotzig, – da gingst du mit Freuden aus deiner Heimat –.« – »Erlaucht!« – »Ja, Gerhard, so thatest du. Wärst du der alte Gerhard gewesen, du wärst trotz all meiner Härte, wie bitterböse ich dir war, nicht von meiner Schwelle gewichen, bis du mich gesprochen. Du mußtest mich kennen; verblendet mag ich werden – aber blind nicht, und ich habe noch stets mein Unrecht einsehn können. Es muß mir nur mit Manier gezeigt werden. Aber so seid ihr jungen Menschen. Mit euch soll man Geduld haben, aber ihr habt sie mit uns Alten wahrhaftig nicht.« Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. »Aber wir wollen das vergessen; du bist keine Ausnahme, ihr macht's alle nicht besser. Nun aber – du willst auch fort von uns. Du bist Forstrath geworden – auch nicht mehr Gerhard Wolthusen, sondern Graf Eyberg –« Gerhard zuckte zusammen. Dann jedoch versetzte er mit trübem Lächeln: »Euer Erlaucht irren, ich bin und bleibe Gerhard Wolthusen, nichts mehr. Das Andere geht mich nichts an; mein Vater hat den Stand und Namen abgelegt und den Seinen jede Wiederaufnahme untersagt.« – Sie sah ihn kopfschüttelnd an. »Ich denke nicht – wenigstens nicht im Ernst. Weßhalb hätte er dann ein Fräulein geheirathet? Du bist in standesmäßiger Ehe geboren.« – Gerhard trat betroffen einen Schritt zurück. »Euer Erlaucht scherzen,« versetzte er. »Meine Mutter, das arme Waisenkind aus Rodingen – « – »War allerdings arm wie eine Kirchenmaus und eine Waise, ohne Vater und Mutter, barmherzigerweise vom Prediger dort aufgenommen, weil ihr das alte Schloß über dem Kopf zusammenfiel,« unterbrach sie ihn. »Aber sie war ein Fräulein von Rodingen, das einzige Kind des letzten alten wilden Junkers. Wußtest du das nicht?« – »Nein,« entgegnete er nach einer Pause, »davon habe ich nie erfahren.« – »Ist mir lieb! Ich fürchtete es fast,« sagte sie. »Und nun, Gerhard?« – Erst nach einer Weile des tiefsten Schweigens schlug er die Augen ruhig zu ihr auf und erwiderte: »es bleibt bei Gerhard Wolthusen, Erlaucht. Ich mag die Eyberg nicht wieder aus ihrer Gruft holen. Was mein Vater und ich genützt, geschaffen, geleistet, haben wir unter unserm neuen Namen gethan.« Da nahm sie die Hand vom Tisch und reichte sie ihm mit einer schnellen und doch festen Bewegung hin. »Schlag ein, Gerhard,« sprach sie herzlich, »so ist's recht! du bist mein Mann. Das wär' wie ein Roman, und die lieb' ich nicht. Und nun,« redete sie weiter, seine Hand festhaltend, »du gehst aus unserm Dienst, deine Entlassung ist unterzeichnet. Aber die Hirschegg-Königshofen können dich nicht scheiden lassen ohne Dank. Dein Vater hat uns viel Gutes gethan, unser Haus gerettet aus Kriegsnoth, treu zu uns gehalten, bis er für uns starb. Du hast uns viel gute Dienste geleistet; du hast meine Enkelin vom Tode errettet, du hast jenes Geheimniß aufgeklärt, das die Trauer meiner Tage und die Qual meiner Nächte war: du hast endlich die Schmach von uns abgewendet, die uns drohte. Wir sind dir viel Dank schuldig und wollen ihn redlich abtragen. Meine Schwiegertochter meint – weil du denn doch einmal ein Graf seiest, müsse der Lohn auch ein gräflicher sein,« fuhr sie lächelnd fort. Dann ging sie zur Thüre ihres Kabinets, ließ Margarethe eintreten und sagte: »komm her, Gretchen, und frage ihn, ob er dich dafür gelten läßt. – Ja, es ist ein hoher Preis,« setzte sie ernst hinzu. »Aber die Königshofen haben nie geknausert.« Die beiden jungen Leute beugten sich über ihre Hand. Sie zog Margarethe an sich und küßte sie mit feuchten Augen; Gerhard reichte sie die Hand hin und drückte die seine. Dann sprach sie: »Gott segne euch, meine Kinder, Gott wolle alles zum Besten wenden!« Und darauf wandte sie sich ab, und dem Paar noch einmal freundlich zunickend, ging sie schweigend in ihr Kabinet. Als bei dem Diner die alte Erlaucht das Paar den Uebrigen vorgestellt hatte, gab es bei allen eine herzliche und freudige Aufregung. Alle sprangen auf und drängten sich herzu und reichten und schüttelten beiden die Hände. Nur Diana blieb neben der alten Gräfin sitzen und schnitzelte finster an ihrer Brodrinde. Endlich, da die Andern schon wieder zu ihren Plätzen zurückkehrten, stand sie plötzlich auf und ging mit festem, elastischem Schritt auf Gerhard zu. »Da,« sagte sie noch immer mit einem leisen Trotz in der Stimme und in den blitzenden Augen und bot ihm die Hand hin, »da nehmen Sie denn auch meine Hand. Sie ist fest. – Halten Sie mir die Margot gut, sonst – !« – Margarethe zog sie ungestüm in ihre Arme. Vom Waffenthurm wehte das Banner der Hirschegg-Königshofen frisch auf in der leuchtenden Luft des hellen Wintertags, und verkündete es weit umher, daß im alten Hause neue Freude und neuer Segen aufgegangen sei.