Albert Emil Brachvogel Friedemann Bach I. Wer, von Halle kommend, den nördlichen Teil des lieben Thüringens betritt und das helle, regsame Weimar grüßt, hat kaum einen Begriff von der Stille und Abschlossenheit, in der das Bethlehem deutscher Poesie zu Anfang des 18. Jahrhunderts lag. Die wenigen Wege, die in die träumerische, von duftenden Matten durchzogene Talmulde führten, waren kläglich, und wenn unser aufkeimendes Geschlecht eine Fahrt nach Paris, London oder gar Amerika für eine halbe Bagatelle hält, so war doch damals eine Reise von wenigen Tagen ein gar bedenkliches Ding, das sehr lange erwogen und ohne die äußerste, peinliche Vorsicht und Vorbereitung kaum unternommen wurde, von den unverhältnismäßig hohen Kosten gar nicht zu reden. In jenen Zeiten der idyllischen Selbstgenügsamkeit waren auch die geistigen Verkehrsmittel, das Zusammenströmen, Verschmelzen und Ausdehnen der Ideen durch Wort und Schrift noch höchst lückenhaft; daher kam es, daß einer ein sehr großer Mann sein konnte und doch weniger gekannt war als heutzutage ein Schneider, der seine Ware in jeder Zeitungsnummer lobpreisen darf. Auch Weimar barg zu jener Zeit einen solchen Schatz, einen Künstler, dessen ewig junge Schöpfungen schon damals bewundert, aber von den wenigsten gewürdigt und begriffen, von der Masse indessen ignoriert wurden. Hier und da kannten ihn wohl einige der Besten seiner Zeit und flochten ihm den Lorbeer, doch kein Zeitungsartikel erhob sein Verdienst; auch die große Kunst der Reklame war noch nicht geboren, und – wäre sie schon erfunden gewesen, der schlichte Meister im engen Häuschen zu Weimar, dort bei der Kirche, der hätte sich ihrer geschämt. An einem reizenden Sommermorgen des Jahres 1717 kam auf schweißbedecktem Gaule ein Reiter die sogenannte große Straße, die von Sachsen herauf über Weimar nach Eisenach führte, einhergesprengt. Die Schöße seines zeisiggelben Rockes, der Busch seines ungeheuren, barettartigen Hutes fegten die Luft, und die unförmlichen Reiterstiefel kasteiten die Flanken seines Pferdes. Mit dem weißen Stabe, dem silbernen Wappen auf der Brust und dem Federmeer auf dem Haupte mußte man ihn für einen Herold halten, und wiewohl diese Gattung sehr werter deutscher Reichswürdenträger mit dem Dreißigjährigen Kriege schlafen gegangen war, schien er doch seinem Aus- sehen nach ein Glied dieser alten Gilde zu repräsentieren. Es war ein Kurier des Kurfürsten von Sachsen, August des Starken, an den Organisten Johann Sebastian Bach, der zum Staunen der guten Weimaraner vor jenem gebrech- lichen, von einem Gärtchen umschlossenen Hause abstieg, auf dessen Stelle später das Haus erbaut wurde, in dem Herder gelebt und gedichtet hat. Mit der behaglichen Würde eines Mannes, der sich einer wichtigen, aber gewohnten Pflicht entledigt, schwang sich der Bote von seinem erschöpften Tier, band es bedächtig an und trat, nachdem er einen Moment seine dampfenden Weichen betrachtet hatte, in das Gärtchen ein. Alles war still, nur eine Löhnerin begoß die Beete, und in einer Geißblattlaube, die dicht am Eingang des Hauses stand, saß ein dreizehnjähriger Knabe und schrieb emsig auf einer Schiefertafel. Seine Arbeit schien ihn so ganz in Anspruch zu nehmen, daß sein Auge sich nicht vor dem Nahenden erhob. Auf der hohen Stirn, die fast zu breit und ausgebildet erschien für die dreizehn Sommer des Kleinen, perlte der Schweiß, – der Schweiß der Arbeit, wie er nur dem rastlos Strebenden eigen zu sein pflegt. Es lag überhaupt etwas Eigenes in dem Buben. Er war geistig frühreif; an jeglicher Bewegung, der Klarheit seines Auges, der straffen Haltung seines Körpers sah man, daß er sich schon jetzt seines Zweckes bewußt war, daß ihm der Gedanke, was er wohl wolle und könne, keine Skrupel mehr machte. In diesem dreizehnjährigen Buben hatte sich die qualvolle Arbeit der Jünglingsjahre, das Feststellen seiner Lebensziele bereits abgetan. Dieser sinnige Ernst, diese gedankenvolle, gewissermaßen eigensinnige Überzeugung seines Selbst, die in der schon ausgeprägten Plastik eines Kopfes lag, der auf dem schwächlichen Körper eines Kindes ruhte, verlieh ihm etvas Groteskes, fast Komisches, eine Art dünkelhafter Pathetik, in der ein weltkluger Beobachter den Keim zum tragischen Weh eines großen, unbefriedigten Strebens und Lebens woraussehen mochte. Zweifelsohne lag diese Beobachtung dem kurfürstlichen Sendling fern; denn ungeduldig über die achtungslose Stille, fragte er: »Junge, gehörst du ins Haus?« Langsam erhob der Knabe das Haupt, legte den Stift auf die Tafel und fragte: »Was will Er?« »Das geht dich nichts an, dummer Junge! Ich will wissen, ob hier der Konzertmeister Sebastian Bach wohnt.« »Das ist mein Vater; also geht mich das wohl an, weiß Er? – Er kann jetzt ohnedem nicht mit ihm reden, er komponiert.« »Das geht mich nichts an!« Und ungesäumt schickte der Würdenträger sich an, die steinernen Stufen zu ersteigen und die Tür zu öffnen, als der Kleine mit beiden Händen die Klinke erfaßte, sie in die Höhe drückte und den Mann so drohend ansah, daß er, verblüfft über diese Keckheit, einen Schritt zurücktrat. »Weiß Er, was Komponieren ist? – Das ist eine heilige Arbeit! So erhaben, wie wenn der Pfarrer sein göttlich Amt verrichtet; und wie Er den Pfarrer nicht stören darf in der Predigt, so darf Er auch meinen Vater nicht stören! Er mag wollen, was Er will: Er muß warten, bis der Vater vom Schreibtisch aufsteht!« »Hm! – Was das für eine Wirtschaft ist! – Sendet mich der Herr Volumier her im Auftrag des allerdurchlauchtigsten Kurfürsten, soll den Brief abgeben und Antwort bringen, und muß wie ein Maulaffe hier an der Tür stehen, die mir so ein Bengel vor der Nase zuhält!« »Haltet einmal, Mann!« sagte der Knabe. »Wenn Ihr einen Brief von Meister Volumier an meinen Vater bringt, so gebt ihn her. Ich warte an der Tür, bis er fertig ist; dann soll er ihn gleich lesen. Geht indes nur ruhig Eures Weges, in einer Stunde habt Ihr Antwort. Ein Trinkgeld kriegt Ihr auch, gebt nur her!« Die letzte Bemerkung schien, trotz des Bewußtseins seiner Würde, Eindruck auf den Kurier zu machen; auch überlegte er, der Bach müsse doch wohl eine vornehme Person sein, da er, der sonst nur an Gesandte und Fürsten geschickt wurde, an ihn eine Sendung habe, und überdies flößte ihm das sichere Wesen des Kleinen, das Wort »komponieren« und der Vergleich mit dem Prediger solche Achtung ein, daß er langsam den Brief aus der breiten ledernen Tasche zog, die das kursächsische Wappen trug. Während er dem Knaben das Schreiben übergab, sagte er nicht ohne Ängstlichkeit: »Du scheinst mir ein vernünftiger Junge zu sein ... da ist's! Daß du's ja aber auch gleich abgibst! So du's verlierst, kriegst du so viel Hiebe, daß du dein lebelang genug hast. In einer Stunde komme ich nach der Antwort!« Damit entfernte er sich und bemerkte den verwunderten Blick des Knaben nicht, der das Wort »Prügel« ebensowenig zu begreifen schien wie den Verdacht, er könne den Brief seinem Vater nicht abgeben. Der Kleine betrat das Haus, eilte durch den engen Flur in die Küche und hielt den Brief einer stattlichen Frau in mittleren Jahren von vollen, mit Gesundheit gesättigten Formen entgegen, die augenscheinlich beschäftigt war, der Dienstmagd beim Kochen zur Hand zu gehen. »Liebe Mutter, da ist ein Brief von Herrn Volumier aus Dresden, ein Bote vom Hofe hat ihn gebracht. Ich hab' ihn auf eine Stunde wiederbestellt, da soll er sich Antwort holen und ein Trinkgeld.« Die Gattin Bachs wischte die Hände sorgfältig an der Schürze ab und besah den fünfmal gesiegelten Brief nicht ohne Neugier. »Das dürfte was Wichtiges sein, Friede! — Trag ihn 'nauf, und wenn der Vater aufhört, sieh, daß er ihn gleich liest. Und sag mir's!« Der Knabe nickte zustimmend, nahm das Schreiben wieder an sich, schlich auf den Zehen die ziemlich schmale Treppe, die nach dem Dachstübchen führte, hinauf und faßte an einer kleinen Tür Posto, hinter der für ihn der Inbegriff alles Schönen und Edlen, alles Glückes auf Erden verborgen lag: denn hinter dieser Tür saß lautlos am Pulte sein Vater, der große Bach, und schrieb an einer Motette. Er war eine markige Gestalt in den dreißiger Jahren, die da in einem alten baumwollenen, oft geflickten Schlafrock in engen Stübchen saß, durch dessen offenes Fenster der fröhliche Morgenstrahl fiel, und die, von Büchern und Noten umgeben, ernst und still arbeitete. Die Ruhe wurde durch nichts unterbrochen, — nur jetzt... durch einen plötzlich aufjauchzenden Finkenschlag, der aus dem Wipfel der Linde herübertönte. Und den mußte Sebastian gerade gut gebrauchen können; denn lächelnd hob er sein Haupt, über seine ernsten stillen Mienen flatterte es wie ein Jubel und eine Rührung, seine Lippen öffneten und schlossen sich, als ob er eben seinem Gotte inwendig eine Antwort gegeben habe. Und dann schrieb er. Er schrieb, und die Noten wallten und wogten und türmten sich auf, flatterten zusammen und umschlangen sich, und eine Stimme hob sich nach der andern und wiederholte den Sang und brauste und schwoll im Chor und dehnte sich aus zu den Wolken in einem riesigen, seligen Halleluja. Unvermittelt brach er ab; hielt ein, obwohl noch ein gutes Dutzend Takte an der Motette fehlten. Er wußte: sein Ältester steht wieder an der Tür, sein Friedemann, der ihm mehr wert ist als alle Motetten der Welt. Über alle Wonne des Vollendens geht die Vaterfreude, und so soll der Friedemann. der dreizehnjährige Junge, die Komposition vollenden! Sebastian Bach sah lächelnd nach der Türe und hustete, und herein schlüpfte ehrfurchtsvoll der Knabe, in der Hand den Brief. »Bist du wohl fertig, lieber Vater?« »Nein, Friedemann. Aber setze dich her, löse die Fuge auf und mach' den Schluß!« Glühende Röte schoß über Stirn und Wangen Friedemanns, in seine Augen stiegen Tränen, und indem er zitternd die Feder nahm, küßte er die gütige Hand des Vaters. Dabei fiel der Brief zur Erde. »Was hast du da, Friedemann?« »Herr Volumier hat den Brief mit einem kurfürstlichen Boten geschickt. In einer Weile will er Antwort,« sagte hastig der Knabe, reichte dem Vater den aufgehobenen Brief hin und eilte mit ungestümer Hast an seine Arbeit. »Ach, die Mutter wollte ja, ich sollt's ihr sagen, wenn du aufhörtest,« erinnerte sich der Knabe und erhob sich noch einmal. »Laß nur, ich werd' die Mutter selber rufen,« und die Tür öffnend, rief Sebastian: »Frau, komm doch herauf!« Während der Knabe wie vererzt an der Arbeit saß und Sebastian das Schreiben durchlas, war Dorothea Bach rasch eingetreten; auf des Gatten Schulter gelehnt, sah sie in den Brief. »Was will denn der Volumier, Bastian? Der schreibt solche Krillhaken, daß man kein Wort erkennen kann. – Was gibt's denn Neues in Dresden?« »Hör nur zu,« sagte Bach, »ich will's dir vorlesen: Herzlieber Meister Sebastian! – Vor allen Dingen schönsten Gruß von mir und meiner Frau. Gesund sind wir alle, und was die Neuigkeiten bei uns anbelangt, so gibt's Witze hier genug und Anekdoten, – man darf sie halt nur nicht so aufs Papier setzen. Aber in Dresden, bei einem Gläslein Punsch, wenn wir allein sind ...?! Kurz und gut, damit Ihr wisset, warum ich Euch einen Expressen schicke, höret folgende Geschichte: Der Franzose Marchand ist nach Dresden gekommen, hat sich hinter die Denhof gesteckt und ihr die Schürze gestrichen, und so ist er zu einem Konzert bei Hofe gekommen. Es ist richtig, der Kerl hat Schmalz in den Fingern, er appliziert die Sätze ganz meisterhaft und hat so einen weichen Druck der Klaves beim Adagio und macht das Crescendo verzweifelt gut, aber – hol mich der oder jener – Ihr macht's auch so! Von den Sachen aber, die er spielt, laßt mich nur ja still sein. Da ist kein Salz und kein Schmalz drin, seine Gedanken sind flach und leer und ohne Kraft. So ein altes süßes Genudel und Gedudel, wißt Ihr! Aber die Schürzen bei Hofe finden es schön, und – staunt nur! – der Allerdurchlauchtigste hat sich breit schlagen lassen und bietet dem Kerl eine Unsumme, er soll nur bleiben als Hofkomponist und weiß nicht was. Daß uns Dresdener Musiker das ärgert, könnt Ihr Euch denken! Die Allergnädigste Frau sieht auch scheel dazu, und wo sie den Schürzen eins aufflicken kann, freut sie sich herzlich. Da hab' ich denn ein paar Worte von Euch wiederum fallen lassen, und das kam ihr gerade gelegen. So hat sie nun neulich den Marchand bei Tafel vor dem Serenissimus schlecht gemacht und gesagt, Ihr könntet viel mehr als der Franzose. Darüber hat sich ein Streit erhoben. Der Allerdurchlauchtigste ließ mich rufen und fragte mich um meine Meinung. Ich sagte, ich wollte beweisen, daß, wenn Marchand mit Euch eine Art musikalischen Zweikampf machte, der Franzose den Spieß wegschmeißen müßte. – So soll ich Euch denn hierdurch im Namen des Allerdurchlauchtigsten einladen, auf eine Woche nach Dresden zu kommen und mit dem Marchand um die Wette zu spielen. Sperret Euch nur nicht und kommt; man kann nicht wissen, was es für Folgen hat. Grüßet Eure Frau Liebste schön; und sie soll keine Geschichten machen und Euch reisen lassen! Nun bin ich mit meinem Auftrag fertig und erspar' mir alles andere aufs mündliche. – Also, günstige Antwort! Gott segne Euch und die Euren, das wünscht Euer alter Volumier.« Es entstand eine Pause, während der nur die leise Bewegung der Feder Friedemanns hörbar war. »Das ist eine schöne Geschichte!« sagte die Bachin. »Sollst so mir nichts dir nichts reisen? Und bis nach Dresden? – Mein Gott, wer soll denn so rasch alles herrichten?« »Ja, aber hin werd' ich wohl müssen, Schatz, sonst denken sie, ich hab' Angst vor dem Parlewu. Und das geht doch nicht!« »Ja freilich, freilich! Das seh' ich ein. – Aber ich seh' auch ein, daß Volumier den Marchand los sein will, und da ist der ehrliche Bach gut genug dazu, wenn die Dummköpfe nicht können. Wenn aber einer für dich was tun soll, damit du nach Dresden kämest und eine Stelle beim Kurfürsten kriegtest, da ist kein Mensch zu Hause.« Bach lachte:»Natürlich! das wäre auch zu viel verlangt! Sieh, Frau, beim Handwerk hört die Freundschaft auf. Sie werden sich doch nicht den Marchand vom Halse schaffen, damit ihnen der Bach das Spiel verdirbt! Was schadet's denn auch? Ob ich in Dresden sitze oder hier: kann ich denn da mehr werden als der Sebastian Bach? Na, willst du mit?« »Wo denkst du hin! Ich bleib' bei den Kindern, und« – setzte sie leiser hinzu – »du weißt, ich muß mich jetzt mit dem Fahren in Obacht nehmen. Nimm dir nur den Friedemann mit! Du machst dem Jungen eine Freude und bist nicht allein. Heute abend sprechen wir weiter. Ich muß gleich dazu tun, daß du reisen kannst.« Damit eilte die Bachin hinab, und an den Geräuschen im Hause konnte man erkennen, daß die Reisevorbereitungen bereits im Gange waren. Vater und Sohn blieben allein. Sebastian Bach betrachtete mit innerer Genugtuung den Knaben, der mit fliegenden Pulsen die letzte Note hinschrieb, dann einen langen Blick auf die Arbeit warf, die Hand noch einmal zögernd nach der Feder streckte, dann aber, rasch den Vater anschauend, doch aufstand. Lächelnd trat der Vater ans Pult. »Du wolltest wohl was ändern? Man muß nie gleich nach der Arbeit verbessern. Was steht, das steht!« Damit setzte er sich und prüfte die Arbeit. – »Was hast du denn ändern wollen?« fragte Sebastian plötzlich. »Ich dachte, da wäre eine schlechte Ausweichung, es müßte halt einen besseren Übergang geben.« »Ich weiß keinen, der besser paßt. Du siehst also, daß man in der ersten Hitze nicht gleich drauflosstreichen soll. Als ich so alt war wie du, habe ich mir auch immer Fehler hineingebessert. Na, ich bin aber zufrieden. Der Schluß ist ganz im Sinne des Übrigen geschrieben. Du wirst ein braver Musiker werden, wenn du so fortmachst, Friedemann.« Und er zog den seligen Knaben auf seinen Schoß, und Friedemann, seine Arme um des Vaters Hals schlingend, preßte sein glühendes Gesicht an dessen Brust. »Na, laß es jetzt nur gut sein,« sagte Bach hastig nach einer Weile, »ich muß auf eine Woche nach Dresden an den Hof zu Meister Volumier; die Mutter kann nicht mit wegen der Geschwister, da sollst du mich begleiten.« Lauter Jubel war Friedemanns Antwort. Was Wunder, daß sich in seiner Seele von den Meistern in Dresden, von der Hofkapelle, der Kammermusik und der glänzenden Oper, die Kurfürst August damals hielt, Vorstellungen gebildet hatten, vor denen die Märchen aus Tausendundeiner Nacht verblassen mußten. Dies wußte der alte Bach sehr wohl, und den Knaben mit einigen leichten Aufträgen fortschickend, überließ er ihn sich selbst und seinen phantastischen Träumen ... Einige Tage später verließ Sebastian Bach mit Friedemann das stille Weimar. Einen letzten Gruß noch, ehe das heimische Dach ihren Blicken entschwand, sandten Gatte und Sohn der daheimbleibenden Bachin zu; sie hatte, das jüngste ihrer Kinder, Bernhard, auf dem Arm, genug zu tun, um den wilden Christoph zurückzuhalten, während der dreijährige Emanuel laut weinend dem Vater nachschrie, weil er meinte, der komme nicht wieder. Die Einfachheit und Ruhe, die fast nie gestörte Gleichförmigkeit einer kleinen Stadt wie Weimar, eines Hauses wie des Bachschen, bildete den schreiendsten Gegensatz zu dem wirren Treiben der Residenz Dresden, zu dem vielfarbigen Wechsel der Begebenheiten am Hofe Kurfürst Augusts des Starken. Weimar hatte sich während der letzten dreißig Jahre wenig verändert, und Hof und Stadt lebten in einem patriarchalischen Gleichmaß der Tage. Weder Staats- noch Skandalaffären, weder üppige Pracht noch drohende Wetter der Zukunft hatten die Bewohner dieses Ländchens beunruhigt. Weimarisch Thüringen war einfältig, genügsam und anspruchslos; Elend und Mangel waren aber auch noch fremde Gäste in diesen friedlichen Tälern. Man war zufrieden und glücklich in Genügsamkeit. In Dresden und Sachsen indessen hatten die letzten dreißig Jahre tiefe Spuren ihres Daseins hinterlassen, – und wenn Weimar einem einfachen, ehrlichen und genügsam tätigen Landmanne glich, so war Dresden der üppige, arbeitsscheue Abenteurer, der hirnlose Schuldenmacher, der, ohne eigene Kraft, ohne Mittel, lediglich durch Aufwand den Kredit erkaufte, um größeren Aufwand zu treiben. Ludwig XIV., von seiner Zeit der Große genannt, hatte das blendende Menuett des Jahrhunderts eröffnet. »L'etat c'est moi!« , das war die Formel, der Lehrsatz, die Devise, die Ludwig auf das Banner der Zeit, den Kampfschild der Ausschließlichkeit geschrieben hatte. »Der Staat bin ich!«, das war die eherne Waffe, mit der die absolutistisch gewordene Autorität alles bekämpfte, was ihr vom Mittelalter her noch im Wege lag. Und in diesem Fürsten sahen alle Höfe, selbst die feindlichen, ihr Ideal. Der nie geahnte Glanz, den er um sich zu verbreiten wußte, war zu verführerisch, um nicht in Wien, Dresden und Petersburg begierig nachgeahmt zu werden. Es lag im ganzen Prinzip dieser Art von Regierung, gegen das eigentliche moralische Wesen der Herrschaft sich ignorant zu erweisen, von königlichen Pflichten nichts zu wissen, in allen den Dingen fördernd und bildend zu wirken, die zum individuellen Bedürfnis und Gelüst des Herrschers dienen mochten, hingegen allem mit eisernem Drucke entgegenzutreten, was diesen persönlichen Bedürfnissen widerstrebte. In jene Zeit fällt die Ausbildung des Militärwesens als eines Mittels zur Befestigung der Allmacht, in jene Zeit fällt der ausgesuchte Glanz und die Ermunterung der Industrie, soweit sie eben Luxus schuf, fiel das Ausbeuten und Großsäugen der Künste zum Nutzen der Höfe. Unter allen gekrönten Nacheiferern des großen Ludwig war aber keiner bedeutender und konsequenter als Kurfürst August der Starke von Sachsen, König von Polen. Nächst Paris galt Dresden für den elegantesten Hof, und alles, was nach französischer Schablone zugestutzt war, wurde gangbare Münze im Herzen Deutschlands. August der Starke war ein von der Natur mit allen Geistes- und Körpergaben reich ausgestatteter Monarch, dessen ganze Charakteranlagen, Anschauungen und Neigungen mit dem Geist Ludwigs XIV. ungemeine Ähnlichkeit hatten; aber der große Unterschied zwischen beiden war, daß August doch ein derbsinnlicheres Naturell hatte, daß seiner ganzen Erziehung das schärfere geistige Element, die tiefere Bildung abging, die die Jesuiten Ludwig verliehen hatten. August war ihm mehr in allen äußeren, materiellen Be- ziehungen des Lebens und Herrschens ähnlich. Der andere gewichtige Grund der Unähnlichkeit beider lag darin, daß eben Sachsen nicht Frankreich war. Das Bedürfnis des verschwenderischen, heißhungrigen Paris stand zu der Produktions- und Zahlungfähigkeit Frankreichs in ganz anderem Verhältnis als das Bedürfnis des Dresdener Hofes zur Opferfähigkeit Sachsens. Ludwig konnte alles, was er wollte; er war um die Mittel kaum verlegen, mit denen er etwas erreichen mochte, und die Größe seines Landes, das ihm eine fast tausendjährige Geschichte als Sockel seiner Taten geben konnte, imponierte der Welt weit mehr als das winzige Sachsen, dessen Existenz im Vergleich zu jenem Lande von gestern war. August wollte viel und konnte im ganzen doch wenig; und da er, von Eitelkeit und Stolz geblendet, nur das äußere glänzende Gewand des französischen Regimes zu erreichen strebte, versagten ihm die Kräfte, fehlten die Mittel, den inneren realen Glanz und Halt nachzuahmen, den Ludwigs höherer Geist dem Lande schaffte und der tiefer eingriff als das äußere Lappenwerk, das über seinem Katafalk zusammenfiel. Die Weltlage im Jahre 1717 war für Sachsen unangenehm genug. Polen, dessen erledigte Krone August der Starke 1696 auf dem Reichstage zu Warschau durch das Wahlkomitee sächsischer Truppen gewonnen hatte, war ihm eine ewige Quelle des Ärgers, der Ausgaben und Unruhen gewesen, ohne daß er behaupten konnte, ein Volk, das seinem Arme so fern lag, wirklich zu regieren. Dieses Polen, das er besaß und nicht besaß, das ihn solche Summen kostete (man machte den Witz, er trage Sachsen nach Polen), das ihm den furchtbaren Jammer des Schwedenkrieges und ein ziemlich abhängiges Verhältnis zu Rußland eintrug: er mochte und konnte es nicht lassen! Und als das Slawentum unter Ledekusky sich abermals siegreich gegen ihn erhoben und alle Geldausgaben, alle blutigen Opfer des Schwedenkrieges dadurch vergeblich gemacht hatte, als das sächsische Heer auf allen Punkten geschlagen worden war, mußte er endlich froh sein, daß die Republik unter Vermittlung Peters von Rußland mit ihm Frieden schloß. Jener Mann, der es liebte, bei entsprechenden Gelegenheiten seine enorme Kraft zu zeigen und einen Pokal mit dem Druck seiner Faust wie Papier zusammenzubiegen, mußte sich nun zu den dunklen Schleichwegen der Intrige verstehen und das Maulwurfstalent verdächtiger Agenten in Bewegung setzen, um von jenem dünnen Königsreif noch zu halten, was möglich war. Versprechungen, Bestechung und der wollüstige Luxus, die üppige Weichlichkeit seines Hofes, in dessen Netze er die Elite des polnischen Adels zog, das waren die Mittel, die ihm den Königstitel und eine Schattengewalt erhielten, die freilich jeder neue Reichstag wieder fraglich machen konnte. Die Kriegskosten, die der Schweden- und Polenkrieg August verursacht hatten, waren schon mehr als zuviel für Sachsen, und doch beanspruchten Augusts Liebschaften vom Lande zwanzig Millonen, und zwar zu einer Zeit, in der das Geld so schwer wie heute flüssig war. Der schonungslos selbstsüchtige Wille, den die Autorität damals zur Befriedigung ihrer Lüste und Marotten als Recht beanspruchte, riß Tausende in schuldloses Verderben, er wirkte, von hoher Stelle als Dogma gelehrt, tief und ätzend auf die Familien und drückte sich mit dämonischem Siegel auf Unterricht und Erziehung, Sitte und Anschauung der Zeit ... Wer hätte aber wohl so bittere Gedanken haben sollen, wenn er, wie Bach, in das Tor Dresdens einfuhr? Durch Augusts Geschmack und Beispiel hatte die Residenz ein höchst majestätisches Ansehen erhalten. Eine gediegene, obwohl pomphaft steife Würde strahlte von den dunklen Mauern der Häuser und Paläste, zwischen denen sich geschäftige Handelsleute, Handwerker und Lakaien drängten, während das Elend in Winkelgassen und Gruben gedrängt wurde, die nur von Polizeidienern und Bettelvögten einen flüchtigen Besuch empfingen. Der Wagen hielt, und freudestrahlend empfing Volumier den alten, hochverehrten Freund, streichelte Friedemann die Wangen und führte beide hinauf in das trauliche Stübchen, wo der Imbiß harrte, während Diener und Magd das Gepäck in Empfang nahmen. Was hatten die Freunde nicht alles einander mitzuteilen! Ernstes und Drolliges, Kunstgespräche und Hofgeschichten, alles kam an die Reihe, aber keine Note wurde gespielt; Bach war von den Stößen der ehrwürdigen Landkutsche, die ihn hergebracht, doch sehr ermüdet. Volumier teilte ihm nur noch rasch mit, daß der Kurfürst – oder der König, wie er am Hofe genannt wurde – von Bachs Ankunft wisse, daß man Marchands Spiel am nächsten Tage an einem neutralen Ort unbemerkt hören könne und dann zum Kampf geschritten werden solle. Als Bach mit Friedemann endlich das Schlafzimmer betreten hatte und sich auszog, sagte er: »Hör' einmal, Friede, ich muß dir noch ein paar Lehren geben, ehe du ins Bett steigst. Merk gut auf, sonst kannst du mir leicht Feinde machen, wenn du unvorsichtig bist. Du hast, denk' ich, im Hause deines Vaters nur gute Musik gehört. Du bist, ich weiß es, mit sehr hohen Meinungen von den Dresdener Meistern hergefahren, und ich habe dich dabei belassen; denn nur, was man selbst erfährt, glaubt man. Morgen kommen wir in den Trubel und unter die Leute, ich sag' dir aber im voraus: du wirst mordsschlechte Musik in Dresden hören!« »Das hab' ich mir von dem Marchand gleich gedacht, lieber Vater.« »Nein, nein! Nicht allein der Marchand, – in ganz Dresden hörst du keine gescheite Musik.« »Von Volumier auch nicht?« fragte Friedemann erschrocken. »Nein, auch nicht! Du wirst's wohl selber hören, aber ich sag's dir nur, damit du dir nichts merken läßt, und wenn du gefragt wirst, fein artig alles gerade sein läßt, – oder lieber sagst, du verstehst es nicht.« »Aber dann bin ich dumm, Vater?« »Laß das die Leute lieber denken, als daß sie dich für einen naseweisen Jungen halten; denn daß du recht hast, glaubt dir doch keiner. Wenn sie dich spielen hören, werden sie schon sehen, ob du dumm bist oder nicht.« »Aber, lieber Vater, machen wir denn in Weimar allein nur gute Stücke?« »Das weiß ich nicht, mein Junge. Du wirst hier aber keine hören. Der Künstler, mein Sohn, er leiste, was er wolle, muß billig sein und die Schwächen seiner Genossen übersehen; denn das wahrhaft Gute ist selten, und ein Wort genügt, um dir Feinde zu machen. Nur was du selber schaffst, muß gut, und was du selber lehrst, muß richtig sein! Wer dich nicht mißachtet oder verfolgt, den mußt du gelten lassen, – und ist er jämmerlich, ist er's für sich!« »Aber, lieber Vater, Herr Volumier ist beim Kurfürsten? Und macht schlechte Musik? Und du bist bloß in Weimar...« »Still, still, Friedemann! Der Herr Kurfürst ist halt eben – ein Kurfürst und kein Musiker; er versteht's nicht besser. Beschlaf dir's und denke an das, was dir dein Vater gesagt hat, eh' du den Mund auftust! Die Reise soll eine Probe für dich sein; denn wem die Kunst das Leben ist, des Leben ist eine große Kunst. Die aber sollst du erst noch lernen. – Morgen ist deine erste Lektion im Leben. Gute Nacht!« II. Bach und sein Sohn hatten Volumier und was sonst noch von Musikern in Dresden war, gehört, sie hatten auch, wie versprochen, bei der Gräfin Königsmarck, Propstin von Quedlinburg, dem Spiel Marchands in einem Nebenzimmer gelauscht: es war, wie Friedemann mit des Vaters beliebtem Ausdruck meinte, ein verdammtes »Gemansche«. Weder Sebastian noch der Knabe waren jedoch vorderhand dahin zu bringen gewesen, eine Taste anzurühren; überhaupt hatte Friedemann, der Lehren des Vaters eingedenk, sich sehr zurückhaltend bewiesen. Monsieur Marchand, der an einem der folgenden Abende bei der Gräfin Denhof in Gegenwart des Kurfürsten gespielt hatte und gerade mit liebenswürdiger Glätte die Lobsprüche der Anwesenden einerntete, empfing plötzlich ein großes versiegeltes Schreiben in französischer Sprache: »Ew. Wohlgeboren! Der Unterzeichnete Sebastian Bach, Organist zu Weimar, welcher, Euer Wohlgeboren weltberühmtes Renommée als Klaviervirtuose kennend, begierig ist, Dero Fertigkeit im Vortrag als auch in der Stegreifkomposition zu bewundern, ist eigens deswegen aus Weimar hierhergekommen. Da er nun auch etwas Weniges die Musika praktizieret und wohl wissen möchte, inwieweit die französische der deutschen Kunst überlegen ist, bittet er Euch um die Ehre eines musikalischen Wettstreites, indem er sich erbietet, jedes Thema, so Ihr ihm aufgeben werdet, zu variieren oder zu fugieren, in zwei oder mehreren Stimmen, versieht sich von Euch auch einer gleichen Bereitwilligkeit und bittet, Zeit und Ort des Kampfes zu bestimmen. Achtungsvoll     Sebastian Bach.« Der Franzose erbleichte und mußte sich zusammennehmen, damit das Papier seiner Hand nicht entglitt. August der Starke, der wohl wußte, was der Brief enthielt, verlangte dennoch die Ursache zu wissen, durch die Marchand außer Fassung gebracht worden war. Diesem blieb nichts übrig, als den Brief zu zeigen, und August, sich ganz erstaunt stellend, fand den Antrag höchst naiv und pikant; er be- stimmte einen Tag und das Haus des Grafen von Fleming zum Kampfe. Wohl oder übel mußte der Franzose nun annehmen. Marchand hatte längst von Bach gehört; es waren ihm auch einige seiner Fugen zu Gesicht gekommen und, so eitel er auch war, ein Blick auf dieselben hatte ihm genügt, um zu wissen, was er von seinem Gegner zu erwarten hatte. Er war zudem Diplomat genug, um einzusehen, daß das alles ein angelegter Plan war, durch den die ihm mit hohem Gehalt vor kurzem angebotene Stelle eines sächsischen Hofkomponisten keineswegs mehr die ausgemachte Sache blieb, als die sie ihm vor dem letzten Besuch bei der Den- hof erscheinen mußte. Sein Entschluß war indessen gefaßt, und kaltblütig ging er der Entscheidung entgegen. Heute war der Tag ... Marschall Graf von Fleming hatte den Hof zu einer Soiree geladen, zu der auch die ganze königliche Familie erscheinen wollte. Die Galawagen rasselten die Pirnaische Gasse ent- lang und die Rampe des Palais empor; dort setzten sie ihren kostbaren, brillantenbesäten Inhalt ab, der sich wie ein Strom durch die orangeduftenden Vorhallen in die er- leuchteten Säle ergoß mit ihren steifen, überladenen Ver- goldungen, ihren Teppichen, Bronzen und Vasen im Wider- schein von Hunderten von Spiegeln. Was nur immer der Luxus und die Mode damaliger Zeit ersinnen konnte, war aufgeboten worden, um die Soiree aufs glänzendste, der Ehre würdig zu gestalten, die dem Hause Fleming durch den Besuch Augusts widerfahren sollte. Mit lauter Stimme kündigte der Zeremonienmeister die Namen der Gäste am Eingange des ersten Salons an, in den man trat, um von hier aus mehrere prächtige Galerien zu durchschreiten, in denen zahlreiche Gruppen von Kavalieren in weißer Perücke und mit schwarzem Schnurrbart flüsternd umherstanden. Der Musiksaal, das Ziel der Gäste, strahlte mit seinen Lüstern und Girandolen, seinem weißrötlichen Marmorstuck und seiner schweren Vergoldung im Glanze zahlreicher Wachskerzen. Er war von ansehnlicher Höhe und Weite und, zur Förderung der Akustik, in einem regelmäßigen Achteck erbaut. Links vom Eintretenden befanden sich drei hohe Fenster, in jedem Wandfelde eins, deren vergoldete Läden und rotdamastene Vorhänge dicht geschlossen waren. Dem Eingang gegenüber lag eine reich vergoldete. geöffnete Tür, die den Anblick des Speisesaals freiließ; dieser trug eine besonders aus Paris verschriebene himmelblau mit Silber garnierte Atlastapete. Dem Mittelfenster gegenüber befand sich der Eingang zu einer Gemäldegalerie; und hier stand, das Feld des Kampfes bezeichnend, ein Pianoforte von Schröters neuester Bauart. In den beiden Zwischenwänden, die von den Türen abgeteilt wurden, waren in roter Nische auf schwarzen Marmorsäulen die Büsten Augusts des Starken und Ludwigs XIV. aufgestellt. Schwer vergoldete Sessel, rings an den Wänden gruppiert, waren bereits von den Gästen eingenommen worden, während drei Diwans mit schwellenden Kissen, dem Instrument gegenüber, noch auf den König, die Königin und den Kurprinzen warteten. Welch eine stolze Versammlung alles dessen, was Sachsen an Reichem, Schönem, Vornehmem und Berühmtem bot! Welche Fülle strahlender und froher Gesichter! War es nicht gerade, als wüßten diese Leute nicht, was eine Träne ist? Als wäre unter ihnen der Schmerz ein Fremdling?... Wie das lacht und schwatzt und lustig ist, als sei die Ewigkeit ein Traum und das Glück eine gefesselte Magd! Und doch! Und doch tanzt dieses ganze Geschlecht auf seinem Grabe, und doch ist so manches Lächeln erlogen, und doch schlägt unter seidenen Gewändern oft ein gemartertes, wimmerndes Herz, windet sich unter Ordenssternen ein falsches, treuloses und gequältes Gewissen ... Der, dem das militärische Kleid so gut steht, ist der Oberstleutnant von Spiegel, eine ritterliche Gestalt mit flammendem Blick – und doch nur ein dienstwilliger Sklave, der mit dem Abhub vorlieb nimmt, den ihm sein Herr aus Übersättigung gelassen; er wurde mit Fatima, einer orientalischen Schönheit, die von den Preußen bei Ofens Erstürmung zum Beutestück gemacht und später Flemings Kusine, der Frau von Brebentau, geschenkt worden war, beglückt, nachdem sie das Herz Augusts gerührt hatte. Eifrig unterhält er sich mit der Gräfin Haugwitz, die, in meergrünem Moiré, mit schwarzen Spitzen und der dreifachen Perlenschnur, recht schwärmerisch dreinblickt, wie eine gekränkte Unschuld, eine verkannte Seele; sie ist melancholisch geworden, die Gute, seitdem sie Frau Hofmarschallin ist, und als man sie noch Fräulein von Kessel nannte und sie Augusts diamantene Rosen an der Brust trug, war sie selbstbewußter. Nicht weit von dieser untergegangenen Sonne ruht auf schwellendem Sessel eine Dame in gelbem Atlas mit eitlem Unterkleid aus Silberzindel, ein sieghaft aufgehendes Gestirn: das blendend schöne Fräulein von Dieskau, die größte Meisterin in der Unschuldskoketterie, so dumm sie sonst auch sein mag. Nachlässig mit der Hand auf dem Arm des ernsten, biederen Gouverneurs von Dresden, General von Klenzel, trommelnd, erzählt sie ihm eine jener geheimen Anekdoten, die bei Hofe nicht allzu selten sind. In der Mitte des Saales, seine Gäste empfangend, steht der Minister und Feldmarschall Graf von Fleming neben seiner Gemahlin. Er ist sich des Einflusses bewußt, den er auf den König durch seine Freundin und Schülerin, die Komtesse von Denhof, ausübt, jenes schöne Weib, das, strahlend in rotem Damast und besät mit Spitzen und Rubinen, am Arm der Mutter zu ihm tritt; er hat die Gräfin, nachdem er die allverhaßte Kosel gestürzt, zur Gebieterin über Augusts Herz gemacht und hofft, durch sie dauernder als alle anderen den König zu fesseln. Sein Herz hebt sich bei dem Stolz des heutigen Tages, an dem er den Hof zum erstenmal empfängt, an dem er als Mäzen des allseits bewunderten Marchand glaubt träumen zu dürfen, ein kleiner Ríchelieu zu werden. Links vom Eingang in den Saal stehen, in ein angeregtes Gespräch vertieft, der Oberkämmerer von Vitzthum, der sich noch nie in Regierungsgeschäfte gemischt und sich bislang in der Gunst Augusts gehalten halt, und der Baron Hektor von Klettenberg, Kammerherr und Schloßhauptmann von Senftenberg, ein schmächtiges, in schwarzen Atlas gekleidetes Männchen von teufelsmäßig verschmitztem Profil; er ist geheimer Adept des Königs, der für die von ihm geübte Kunst des Goldmachens so lange die ungeheuersten Summen verlaborieren wird, bis August, trotz allen Aberglaubens und aller Habsucht, die Augen aufgehen und er ihm den Kopf abschlagen läßt. Die Unterhaltung der beiden wird von einem kleinen, falstaffdicken Kerl, dem Hofnarren und königlichen Hoftaschenspieler Josef Fröhlich, und dem immer melancholischen Baron Schmiedel gespannt verfolgt. In silbergrauen Taft gekleidet, einen Flor am Arm, mit blassem, verhärmtem Gesicht ist er ein Mensch, der alle Dinge von der Grabesseite ansieht; aber in der ständigen Luft französischen Esprits brauchte man seinen ewigen Schmerz ebenso zur Belustigung wie die sächsische Pöbelkomik und den plumpen Humor seines heiteren Gegenteils. Nie wird es der Baron versäumen, am Morgen nach dem Tage, an dem ein Günst- ling oder eine Mätresse gefallen ist, seine Kondolenzkarte mit dickem Trauerrand an dieses neueste Opfer Augusts zu senden. Dicht bei dem Platze der königlichen Familie, alle Blicke auf sich lenkend, sitzt die interessanteste Frau der Zeit, die Gräfin Königsmarck, Propstin von Quedlinburg, angetan mit einem schwarzseidenen, mit Spitzen verbrämten Kleid, das fast wie ein Trauerkostüm wirkt; sie unterhält sich mit dem Kabinettsminister Graf Heinrich von Hoymb, dem geschiedenen Gemahl der Kosel, dem ewigen Ränkeschmied, und mit dem Hofmarschall von Haugwitz. Aurora von Königsmarck, die trotz ihrer vorgerückten Jahre noch nicht den Reiz der Jugend verloren hatte, war nicht nur die schönste, sondern auch die geistreichste und achtungswerteste von Augusts Liebschaften. Sie hatte eine tiefe und wahre Neigung für ihn, die seine Treue weit überdauerte; und sie war uneigennützig genug, ihm auch dann noch eine ergebene Freundin, eine opferfähige Dienerin zu sein, als sie ihre Zukunft in Quedlinburg gesichert wußte und sich von ihm auf immer gemieden sah. Ihre Neigung war um so reiner und besser geworden, als sie fern von Wünschen und Plänen war. Vor Antritt ihrer Propstei hatte sie sich mit der Königin versöhnt, die, durch Auroras rührende Liebe, Verehrung und Reue besiegt, sich in ihre wohlwollende Gönnerin verwandelt hatte. Und da auch August den hohen Wert dieser Frau, zu spät vielleicht, erkannte und es gern sah. wenn sie am Hof erschien, so rechnete man sie wieder zur königlichen Familie. In diesem einzigen Saale war außer dem still lächelnden Sebastian Bach, der, ans Klavier gelehnt, neben Volumier stand und die Gruppen beobachtete, nicht eine Person, deren Herz und Hirn unbeschwert und nicht beunruhigt gewesen wäre. Das war der Hof Augusts des Starken, der mit Ludwig von Frankreich um die Ehre buhlte, der glänzendste, geistreichste und gesittetste Repräsentant der Kronen Europas zu sein. Die Versammlung war nicht nur heute, sondern immer in zwei Heerlager, zwei Parteien geteilt, deren stiller, äußerlich wenig sichtbarer Kampf in der heutigen Soiree am deutlichsten durch den bevorstehenden Wettstreit Bachs und Marchands ausgesprochen war. Auf der einen Seite stand, freilich in der Minderzahl, die alte Autorität mit ihrem Glauben, ihrer Einfachheit und ihrem Ernst; sie war's, die auf die Kirche, den altehrwürdigen Ritus, den geistlichen Stil in der Musik, auf deutsches Wesen und die Ehrbarkeit der Väter hielt. Zu ihrer Fahne standen die Königin, ihre Favoritin, die alte Oberhofmeisterin, Gräfin von Kollowrat, General von Klenzel, Fürstenberg, die innerlicher gewordene Aurora von Königsmarck und noch ein Bruchteil älterer Hofdamen und Kavaliere, die die Gewohnheiten der Väter zumindest bequem fanden. Dieser spezifisch kirchlichen Partei gegenüber machte sich siegreich der Egoismus in französischen Kleidern breit, siegreich als Idee, siegreich als Praxis; doppelt siegreich, weil er neu und von der Mehrzahl unterstützt war. In diesem Lager, dem der Kurfürst selbst angehörte, gaben nächst ihm Fleming und die Denhof, Spiegel, Hofmarschall von Haugwitz, Hoymb und Klettenberg den Ton an. Frau von Haugwitz, die hoffte, noch einmal die verlorene Gewalt wiederzuerlangen, und die Gräfin Dieskau, die eben dabei war, sie zu erringen, schlossen sich an, weil sie wußten, daß dies ein bequemer Weg zum Herzen des Gebieters sei. Die eigentlich Indifferenten dabei waren Vitzthum, wie in allen Dingen bereitwillig zu jedem Geschäft und Freund mit jedermann, und der Kurprinz, dessen einzige Leidenschaft die Jagd war. Der junge polnische Adel war an sich schon für das Franzosentum eingenommen, weil es seinem leichten Blut zusagte. Der Page Sulkowsky, verarmter Nachkomme eines polnischen Fürstengeschlechts, und von Brühl, der Leibpage des Königs, hielten sich sehr zurück; beide, der eine ganz Ohr für den Prinzen, der andere ganz Auge für August II., waren noch Komparsen bei diesem Schauspiel. Der Kampf Bachs mit Marchand war nur ein Seitenstück zu dem Kampf der Hofparteien, und Volumiers Schicksal war abhängig von seinem Ausgange. Daher war bei der Gesellschft begreiflicherweise auch von nichts weiter als diesem bevorstehenden Ereignis die Rede. – Bereits hatte Marchand in violettem Hofkostüm die Nebengalerie betreten, mit Herrn von Fleming einige Worte gewechselt und sich ins Ankleidezimmer des Marschalls zurückgezogen, um sich – wie er sagte – nicht eher als nötig mit seinem Gegner zu amalgamieren, als der König, die Königin Eberhardine am Arm, mit seinem gnädigsten Lächeln in den Saal trat. Hinter ihm folgte, in einfachem Militärrock, der Kurprinz, der die alte Gräfin Kollowrat führte, eine majestätische, immer noch schöne Frau. Den Schluß bildeten Sulkowsky, Brühl und der Kammerdiener Hennicke. – Marschall Fleming und Vitzthum eilten, die Herrschaften zu empfangen. »Nun, lieber Fleming, Sie wollen uns also heute einen seltenen Genuß bereiten: wir sollen dem Turnier der beiden Meister französischer und deutscher Musik beiwohnen. Fürwahr, ich weiß noch nicht, wie ich mich gegen Sie revanchieren soll.« »Durch dero Allerhöchst fernere Gnade, Majestät,«antwortete der wonnestrahlende Fleming. »Auch unsere liebe Denhof hat sehr bedeutenden Anteil an der Schöpfung dieses Festes, wie ich mir sagen ließ?« Und einer jener elektrischen Blitze schoß aus den Augen des Königs auf die Gräfin nieder, die sich lächelnd verbeugte. August der Starke schritt langsam weiter, nickte listig der mit seltener Geschicklichkeit errötenden Dieskau zu und wandte sich, indem er einen kalten Blick über die lauernde, bleiche Haugwitz schlüpfen ließ, an Klettenberg: »Wie weit sind Sie mit der letzten Prozedur? Ist die Mischung geglückt?« »Fast, Majestät! Das Amalgam muß in Quantität oder Qualität zu stark gewesen sein, die Retorte sprang. Ich muß es noch einmal mit schwächerem Zusatz beginnen.« »Mein Gott, wie langweilig und kostspielig das ist! Gibt es kein einfacheres Verfahren?« rief der Herrscher. »Das Verfahren ist eben das Geheimnis, Majestät! Wer es erst hat, ist Herr der Welt! Daß sich kleinere Quanta des kostbaren Metalls liefern lassen, davon haben Majestät Allerhöchst selbst sich überzeugt; aber die Mischung in solcher Progression herzustellen, daß sie eine so grenzenlose Ausbeute gibt, wie wir wünschen, ist das Werk vieler Jahre.« »Leider!«seufzte der Fürst. »Vitzthum, weisen Sie Klettenberg neue dreihundert Dukaten an!« In demselben Augenblick hatte die Königin, die bis dahin, kalt nach allen Seiten grüßend, schwieg, Aurora von Königsmarck gesehen, die gesenkten Hauptes seitwärts in ihrer Nähe stand. »Was macht Moritz?« flüsterte sie leise und streckte ihr die Hand entgegen, »ich hörte, er sei ernstlich krank.« Die Propstin küßte die Hand der Königin, auf die verstohlen eine Träne fiel: »Ich danke Eurer Majestät für die huldvolle Gnade. Der Himmel hat ihn mir erhalten, damit ich nie vergesse, wie demütig ich für die Huld meiner Königin sein soll!« Ein krampfhafter Druck von der Hand der Königin, ein warmer, verzeihender Trostesblick aus ihren Augen war die Antwort. Gemeinsames Leid hatte die beiden Frauen zu Freundinnen gemacht. Der König, der inzwischen mit Haugwitz und Fürstenberg einige leichte Scherzworte gewechselt, trotzdem aber Auroras leise Antwort gehört und verstanden hatte, biß sich auf die Lippen, bot schnell der Königin den Arm und geleitete sie zu den Plätzen der königlichen Familie. »Sind die beiden Musikmeister bereit?« fragte er Fleming. »Ja, Euer Majestät, und warten auf Allerhöchsten Befehl.« »Stellen Sie mir den Bach aus Weimar vor!« Fleming verbeugte sich, eilte zum Klavier und kam in wenigen Augenblicken mit Sebastian Bach, der einen einfachen, schwarzen Rock und den Hut im Arm trug, zurück. Hinter beiden folgte Volumier mit ängstlich bekümmertem Gesicht. Aller Blicke wandten sich auf die Gruppe. »Das ist Bach, Euer Majestät,« sagte vorstellend Fleming mit etwas mitleidigem Lächeln. »Er hat sich also angemaßt, dem Marchand eine Herausforderung zu einem musikalischen Wettstreit zu schicken?« »Jawohl, Euer Majestät! Ich hab' aber nicht gemeint, daß ich mich vor Eurer Majestät damit großtun wolle.« »Ah, und jetzt wird Ihm bange? Er hat sich wahrscheinlich zu viel vorgesetzt?« »Nein, bange ist mir nicht, Majestät. Die deutsche Kunst braucht sich nicht zu fürchten vor der französischen.« »So, so! Wollen sehen! Es scheint aber nicht, daß die deutsche Kunst soviel einbringt wie die französische,« und der König warf einen Blick auf das schlichte, unmoderne Gewand Sebastians. »Da haben Eure Majestät recht. Daraus muß sich aber der Künstler nichts machen. Wer nach dem Guten strebt, soll sich vorher sagen, daß der Flitterkram und das Blendwerk, das die Sinne kitzelt und seicht ist, schneller Eingang findet und besser bezahlt wird als das ernste, ehrliche Streben. Wer das nicht vorher überlegt, muß nicht erst anfangen, Majestät!« Alles war erschrocken über die beispiellos kecke Antwort des Organisten, und Volumier zupfte erbleichend Sebastian am Schoß. August runzelte die Stirn, seine Wangen überflog ein leichtes Rot, und er sah mit einem jener Blicke, die schon manchen Höfling zagen gemacht, auf ihn nieder. Als aber Sebastians klares, ruhiges Auge die stille Drohung so ruhig aushielt, lächelte der König. »Nun spiele Er! – Fleming, lassen Sie Marchand rufen!« Der König ließ sich nieder, die Versammlung nahm Platz, und Bach stand neben Volumier am Instrument, indes Fleming selbst nach dem Ankleidezimmer eilte, um den französischen Meister einzuführen. Es herrschte eine lautlose Stille, in der jedermanns Beklemmung und Neugierde wuchs. Der König war augenscheinlich nicht in der besten Laune. Sei es, daß Klettenbergs wieder nutzlose Versuche oder Bachs Benehmen ihn verletzt, sei es, daß er unangenehme Herzensregungen bei Auroras Worten empfunden hatte: genug, jeder fühlte, daß der Unterliegende bei diesem Wettstreit keine beneidenswerte Rolle spielen würde. Schon sandte Gräfin Denhof ein mitleidiges Lächeln zu Bach hinüber, und Baron von Schmiedel sagte zu Fürstenberg: »Ich werde heute abend eine Kondolenzkarte schreiben.« – Da entstand bei der Galerie eine seltsame Bewegung, und Fleming, bleich und außer Fassung, schwankte auf den König zu. »Was haben Sie, Fleming?« »Majestät, ich bin sprachlos vor Entsetzen! Vor einer Viertelstunde war Marchand noch hier — in meinem Toilettenzimmer — und nun ... ist er fort!« »Fort?« Und der König erhob sich gereizt. Dunkle Röte überzog sein Gesicht. »Fort? Nein, Sie irren wohl! Es wird ihm unwohl geworden sein. Er hat vielleicht in der Eile seine Noten vergessen. Volumier und Vitzthum, eilen Sie in seine Wohnung und sehen Sie, was der Mann macht!« Damit wandte sich der Fürst zur Königin und Propstin Königsmarck und ging in leichte Konversation über. Man stand in Gruppen umher und besprach den ominösen Zwischenfall. Fleming stand allein und suchte sich durch ein Zeichen mit der Denhof zu verständigen, die, wie er, in Ängsten war, sich zu kompromittieren. Er sah sie starr an, zuckte unmerklich mit den Achseln, und die schöne Gräfin verbarg hinter dem Fächer zwei Tränen der Wut und Enttäuschung. Der alte General von Klenzel aber trat mit richtigem Taktgefühl zu Bach und fragte ihn in liebenswürdigster Weise nach seinen Verhältnissen ... Nach Verlauf einer Viertelstunde, in der es schien, als habe August bereits den ganzen Vorfall vergessen, kamen Vitzthum und Volumier zurück. Der Oberkämmerer, ein in grünen Samt gebundenes Notenbuch im Arm haltend, schritt auf den König zu, der ihn fragend anblickte. »Majestät halten zu Gnaden: wir fanden die Wohnung von Monsieur Marchand leer; vor einer Viertelstunde hat er mit Sack und Pack Dresden verlassen. Das einzige, was von ihm zurückgeblieben, ist das Chanson mit Variationen, das er Euer Majestät unlängst dedizierte.« Die Versammlung war starr vor Schreck. Aller Augen wandten sich nach der unglücklichen Denhof und nach Fleming, die den Franzosen so angelegentlich empfohlen hatten. Jeder wußte, daß August am wenigsten der Mann sei, eine Täuschung zu ertragen; er bezwang sich jedoch noch, nahm mit großer Ruhe das Chanson, das ihm Vitzthum reichte, entgegen und winkte Bach zu sich: »Sein Gegner hat, wie's scheint, aus irgendeinem Grunde für jetzt das Feld geräumt. Das beweist aber noch nicht, daß Er ihm überlegen ist. Wir haben hier eine seiner Kompositionen, die das Geistreichste und Schwierigste ist, was er vor uns spielte. Seh Er sie an! Traut Er sich, sie nachzuspielen?« Bach blätterte einen Augenblick in den Noten. »Majestät, solch Zeug spiele ich nicht. Die Musik ist eine schöne, edle Kunst, eine Gottesgabe, die nicht zu solchen Schnurren da ist. Wollen Euer Majestät das da aber hören, so hab' ich meinen Jungen, den Friedemann, bei der Hand; der kann sie spielen.« »Was? Was sagt Er da?! Er kann oder will das nicht spielen?« »Nein, das spiele ich nicht, Majestät! Ich bin mir bewußt, meinen Gott anzubeten durch meine Kunst, – und wie kein Diener des Herrn sich soll zum Narren machen, so wird's Sebastian Bach auch nicht tun!« »Hm! — Nun, laß Er seinen Jungen rufen!« Man ließ sich nieder. Bach trat in die Galerie und brachte Friedemann an der Hand herein. Der Knabe, rot vor innerer Bewegung, setzte sich an das Instrument, und Volumier wandte, in sich hineinlächelnd, die Blätter um. Bach, der Vater, trat zur Seite, als ginge ihn das alles nichts an. Friedemann begann ruhig und sicher das Thema und führte die Variationen durch alle Umkehrungen und Verschlingungen mit solcher Reinheit und so leichter Ungezwungenheit aus, daß der König, der Hof und die ganze Versammlung in rauschenden Beifall ausbrachen. »Er hat da einen exzellenten Jungen, Bach! Das ist ganz unerhört! Wie ist's möglich, daß man das in solchem Alter leisten kann?« »Er hat mit vier Jahren schon angefangen, Majestät. Die Hauptsache aber ist, daß er sein Leben lang die ernste Musik, den großen Kirchenstil, in dem polyphone Gedanken sind, praktiziert hat. Die deutsche Musik blendet vielleicht nicht so, aber sie ist schwerer, und es gehört Kopf und Herz dazu, wenn man ihr etwas abgewinnen will.« »Dann war' es schlimm für uns, daß man sie uns so lange vorenthalten hat. Kann Er uns nicht etwas davon zeigen?« »Gewiß, Majestät! – Ich hab' mich gegen Marchand unterfangen, jedes Thema, das er mir stellen würde, zu variieren und zu fugieren. Wenn mir Euer Majestät ein Thema, womöglich ein kirchliches, stellen wollen, so bin ich bereit.« »Das geht wohl mehr die Damen an,« sagte August, sich zur Königin wendend. »Wollen Euer Majestät das vielleicht übernehmen?« Die Königin errötete leicht. – »Als ich vor einem Jahre in Hamburg war, hörte ich in der Kirche einmal auf der Orgel den alten Organisten Reinken einen Choral spielen. Der ergriff mich damals so sehr, daß ich mich heute noch des Eindrucks wie von gestern her erinnere. Ich glaube, das Lied begann: An Wasserflüssen Babylons.« Da war's, als wenn Sebastian Bach erschauerte, und eine heilige Rührung kam über ihn. »Ja, Majestät, das kenn' ich! Und wenn ich auch nicht wert bin, dem alten Reinken die Schuhriemen zu lösen, so danke ich doch Euer Majestät herzlich, daß Sie mich würdig erachten, ihm das nachzuspielen. Mit Gott will ich's versuchen!« Er trat ans Klavier, nicht gebückt mehr wie der arme Organist aus Weimar, sondern wie Ariel, der zum Preise der Gottheit singt. Mit hastiger Gebärde warf er das Marchandsche Chanson vom Klavier aufs Parkett, legte das Pult um und setzte sich. Sein Blick richtete sich nach oben, und in tiefer, feierlicher Stille begann er leise und ernst den Choral: »An Wasserflüssen Babylons sitzen die verstoßenen Kinder des Herrn Und weinen ob ihres Elends. Der alte Serubabel singt schwer und klagend das Tränenlied, Daß der Herr die Seinen verstoßen, Und die Weiber und Männer und die lallenden Kinder fallen klagend und seufzend ein. Zu ihren Füßen murmelt der Strom und trägt Auf den Wellen ihre Sehnsucht weiter Zu fernen Gestaden. Der Wind hebt sie empor und führt sie über die ewigen Täler der Freude, Breitet sie über das verlassene Selige Vaterland. Und die Klage wächst und die Träne, Und eine Stimme hebt sich über die andere Und zeihet sich laut Der Hauptschuld am Elend der Brüder, Und Flut und Winde und der Himmel Klagen mit. – Es ächzt und bebt die Erde, Die ganze Welt ist ein Erlösungsschrei! Da spaltet ein Blitz die Wolken, und der Herr Entsendet seinen Liebesboten nieder, Kühlung zu fächeln mit ewiger Schwinge Und zu bringen den Trank der Verheißung: Einst sollt ihr wohnen im lieben Vaterlande, Sollt den Heiland grüßen, den ich senden werde Zu eurer Not, und der euch erlöset Von aller Qual und ewige Freiheit bringt. An Wasserflüssen Babylons sitzen sie und weinen nicht mehr; Im Halleluja begrüßen sie wieder Die Himmelsschwestern Hoffnung und Glaube, Und die Flut murmelt das Heil, Heil! Und der Sturm brauset Heil, Heil! Und trägt es hinüber ins Land der Verheißung, Hinauf in die Gefilde ewiger Freuden!« Kein Beifall erschallte, kein Lob... Ein Schauer fuhr über die Versammlung, und in den Herzen regte sich ein eigenes, unermeßliches Etwas. – Die Königin, die Kollowrat und die Königsmarck schluchzten hörbar, der König war wie vom Schlage getroffen. Volumier stand am Eingang der Galerie und hatte die Hände gefaltet; sein glühender, dankbar verklärter Blick hing an Bach, der leise aufgestanden war und still beiseite trat. »Der Mann hat eine teufelsmäßige Geschicklichkeit!« platzte der König heraus. »So etwas hab' ich nie gehört!« »Treten Sie zu Seiner Majestät!« flüsterte General Klenzel, und Bach trat einige Schritte auf den Monarchen zu. »Woher hat Er das, zum Kuckuck, Bach?« fragte August. »Von demselben Geber alles Guten, der Euer Majestät die Krone verliehen hat, von Gott! Deshalb will ich's auch allein zu Gottes Ehre ausüben!« sagte Bach, und ein seltsam bitterer Zug spielte um seinen Mund. In diesem Augenblick trat Kurprinz August zu ihm, ergriff überwältigenden Gefühl seine Hand und schüttelte sie. »Nehme Er das zum Andenken an mich!« – und er schob einen kostbaren Solitär auf Sebastians Finger. »Ich danke Königlicher Hoheit für diese hohe Gunst! Ich will ewig Ihrer gedenken. Gott erhalte Euer Hoheit lange und gebe Ihr gesegnete Tage!« »Wenn Ihr einmal etwas Großes zu bitten habt, erinnert mich an diese Stunde!« flüsterte der Kurprinz, nickte und trat zurück. König August erhob sich und nahm den Arm der Königin. Fleming, der gerechnet hatte, der Hof werde bei ihm zu Nacht speisen, tat halb schüchtern einen Schritt zum König. »Fleming, in Zukunft nehmen Sie sich mit den Franzosen besser in acht! Ich will außer der deutschen nur noch italienische Musik in Dresden! Guten Abend!– – Bach, ich danke Ihm für den Genuß, den Er mir verschafft hat! Lasse Er sich öfter bei uns in Dresden sehen! Ehe Er reiset, werde ich Vitzthum zu Ihm schicken.« Eben wollte der König weiterschreiten, als die Königin Bachs Hand ergriff und sagte: »Hier danke ich Ihnen nicht. Aber wenn Sie morgen zu mir kommen wollen, habe ein Andenken für Sie, das Sie Ihrer lieben Frau mitnehmen sollen. Und vergessen Sie nicht, mir den Kleinen da mitzubringen!« Bach verbeugte sich, das Herrscherpaar ging weiter und war schon im Begriff, den Saal zu verlassen, als August sich kurz umwandte und mit seinen Blicken die Gräfin Denhof suchte: »Eins hätte ich bald vergessen! – Liebe Denhof, Sie sehen seit einiger Zeit so angegriffen aus. Gehen Sie für ein Jahr aufs Land, das wird Ihnen dienlich sein! Ich werde Sie an einen recht gesunden Ort schicken!« Der Hof verließ das Flemingsche Palais. Gräfin Denhof sank ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter. Ein leises Kichern flog durch die Reihen der Zurückgebliebenen. Da wollte sie sich aufraffen und, wie um Schutz flehend, zu ihrem Freunde Fleming treten. Der aber verbeugte sich kalt, bot Fräulein von Dieskau den Arm und wandte ihr den Rücken. »Ich kondoliere von Herzen!« sagte laut und melancholisch Baron Schmiedel, und die ganze Versammlung brach in schallendes Gelächter aus. – Die Denhof verließ Dresden für immer. III. Am anderen Morgen ging Sebastian Bach in seinem Zimmer auf und ab. Friedemann saß am Klavier, wagte aber keinen Ton zu spielen. Volumier sah seinen Freund Sebastian mit ungewissen Blicken an. »So, so ... Dahin hab' ich's also gebracht, daß mir Euer König, nachdem er nahe daran war, den französischen Lumpenhund zu engagieren, doch zugab, ich habe eine teufelsmäßige Geschicklichkeit! O, das ist das verfluchte Virtuosentum, Volumier, – das behält den Sieg! Wenn einer nur rechte Kapriolen machen kann auf dem Kasten da und wie ein Seiltänzer von einer Saite zur andern springt, der ist euer Mann!« »Ihr habt recht!« antwortete Volumier betrübt. »Diese verdammte Manier bringt uns ganz herunter, und wenn wir hier unser Brot nicht verlieren wollen, müssen wir selber die Affenjacke anziehen. Legt dem König aber nicht alles zur Last. Seht, das Übel liegt auch in der Zeit! Die Leute hören auf, fromm zu sein; es ist Mode am Hofe, die Religion als eine bloße Staatseinrichtung zu betrachten, die bequem ist. Es wird aber in Zukunft besser werden! Die Königin denkt nicht so wie der König, und wenn erst der Kurprinz an die Regierung kommt...« »Ja, Ihr habt recht! Ich will auch nicht undankbar sein. Der Kurprinz ist ein edler, vernünftiger Mann, der noch Gefühl fürs Bessere hat; und die Tränen, die die Königin geweint hat bei dem Choral, waren so schön und schwer und glänzender als diese Brillanten.« In demselben Augenblick hatte Friedemann leise intoniert und begann: »An Wasserflüssen Babylons«. Er spielte das Thema und die ganze Variation dem Vater nach. Sebastian hatte krampfhaft Volumiers Arm gepackt, und die Männer lauschten atemlos. Als Friedemann geendet hatte, umarmte Bach jubelnd den Knaben und rief: »Volumier, das ist ein liebes Kind! Der wird einst größer als ich, so wahr mir Gott helf'!« Bei diesen Worten öffnete sich die Tür des Zimmers, und herein trat Brühl, des Königs Leibpage, fröhlich lächelnd, hinter sich einen königlichen Lakaien, der einen Beutel und einen Korb mit Wein trug. Brühl war etwa zwanzig Jahre alt, aber seine hohe, imposante Gestalt und die selbstbewußte Manier, mit der er sich bewegte, ließen ihn viel älter erscheinen. Dabei wußte jedermann, daß er beim Kurfürsten viel galt. Weil Brühl bei Hofe sonst eigentlich ein Nichts war, das halt eben mitlief, aber überall gern gesehen wurde, weil er niemand bei seinen Plänen im Wege stand,– kurz, eine Art neuer Auflage des alternden Vitzthum war, so konnte man eigentlich nicht wissen, was aus ihm alles werden konnte. Brühl war schlau und verschlossen, liebenswürdig, gefällig und hatte die eine Tugend, daß er alles wissen konnte und nie etwas verriet. Sein Kopf hatte etwas Intelligentes, man hätte sagen können Nobles, und wenn er auch nicht gerade das war, was man schön nennt, so eignete ihm doch eine Grazie der Bewegung, die allem, was er tat, einen bedeutungsvollen Anstrich verlieh. Ehe Volumier Zeit hatte, ihn zu begrüßen, eilte Brühl auf Bach zu, schloß ihn in seine Arme und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Bach, wenn ich zu ungelegener Zeit komme, aber ich konnte kaum erwarten, mich des Allerhöchsten Auftrages zu entledigen. Herr von Vitzthum war eigentlich bestimmt, Sie zu besuchen; doch hat er mir, auf meine Bitte, diese Ehre überlassen, um mir Gelegenheit zu geben, einem Manne meine Verehrung auszudrücken, den ich und alle Kunstkenner für den Fürsten aller Klavierspieler halten.« Bach, der durch Volumier mit der Stellung einer jeden Persönlichkeit bei Hofe vertraut war, nahm Brühls Huldigung mit größter Liebenswürdigkeit auf. »Hier,« und Brühl nahm dem Lakaien den Beutel ab und bedeutete ihm zu gehen, »hier soll ich Ihnen im Auftrag Seiner Majestät einen Rekompens übergeben, der allerdings ein winziger Sold für Sie sein mag, gleichwohl aber der reale Boden bleibt, der es der Kunst erst möglich macht, sich zu entfalten. Mögen diese dreihundert Dukaten Ihnen wohl schmecken!« »Aber ich bitte Sie, Herr von Brühl! Als Belohnung ist's ...« »Ist's nicht nobel genug!« fiel Brühl ein. »Ich weiß es, Seine Majestät belohnt die Kunst nicht, das kann er nicht, er bezahlt sie.« »Für eine Bezahlung ist's aber zu viel!« rief Bach. »O, schweigen Sie, nehmen Sie! König August kann Sebastian Bach nicht geringer bezahlen. – Da, Kleiner, trag den Mammon fort, dort in den Winkel, denn jetzt kommt die Ehre! Ich soll Sie nämlich sofort zu Ihrer Majestät der Königin bringen, die Sie noch einmal sehen und Ihnen für Ihre liebe Frau ein mit exzellenten Steinen besetztes Gesangbuch verehren will, das sie lange Jahre selbst gebraucht und in das ihr der alte Reinken zum Andenken eine Fuge geschrieben hat. Sie sagte gestern zur Frau Gräfin Kollowrat: ›Ich möchte dem lieben Bach was recht Schönes schenken, aber ich habe nichts Besseres, was ich so einem Manne geben könnte‹.« Bachs Herz schwoll vor seliger Befriedigung. »Ja, das ist das Schönste, was mir in Dresden hätte zuteil werden können,« sagte er zitternd. »Nun aber, ehe wir gehen, mon cher Bach, lassen Sie uns bei einem Glase Wein erst Freundschaft schließen! Es soll Brühls größter Stolz sein, den Musiker Bach gekannt zu haben. – Lieber Volumier, Gläser und was zum Beißen, bitte; ich revanchiere mich nächstens!« Während Volumier eilig das Zimmer verließ, faßte der Page, noch bevor er eine Antwort erhalten hatte, Sebastian fest bei der Hand: »Bach, ein Wort! Der König ist nicht der Mann, Ihre Verdienste zu belohnen, aber der Kurprinz wird's einst tun, wenn er die Krone trägt. Auch ich habe, gleich Ihnen, meinen Ehrgeiz; wir sind zwei Hochflieger, jeder in seiner Art, die zur Sonne wollen, darum müssen wir Freunde sein. Bach und Brühl, die Namen passen zusammen! Wenn Sie, wie ich, die Tugend des Wartens kennen, die schwerste Tugend des Künstlers und des Staatsmannes, dann ...« Volumier trat ein. Ein Druck von Brühls Hand vollendete den Gedanken. »Füllt die Gläser, meine Herren! Es lebe die – Hautevolée und ihre Freundschaft!« – – Nach ein paar Tagen fuhren Sebastian und Friedemann zurück nach dem stillen Weimar. »Was meinte der Junker damit, Vater, daß er sagte, Brühl und Bach, die Namen passen zusammen?« fragte Friedemann. »Das mag die Zeit lehren, mein Sohn! Ich verlaß mich bloß auf den Bach. Mach du's auch so!« IV. Das Jahr 1732 war herangebrochen, und die Zeit, die seit dem denkwürdigen Wettstreit an allen seinen Teilnehmern vorübergegangen war, hatte nicht nur sie, sondern auch die ganze sie umgebende Welt, ja ganz Europa verändert. In Sachsen allerdings regierte immer noch August der Starke, wechselte nach wie vor seine Gunst und Neigung und richtete feindselig seine Blicke nach Frankreich, dessen Herrscher, Ludwig XV., nicht übel Lust zeigte, seinem unglückseligen Schwiegervater, Stanislaus Leszczynski, noch einmal die wenig beneidenswerte Krone Polens aufs Haupt zu setzen. Fast alles sonst aber war in den vergangenen fünfzehn Jahren von seiner Stelle gerückt, und manche Lücke klaffte. Der Kurprinz August hatte sich 1719 mit Prinzessin Marie Josephine von Österreich vermählt, und die arme Königin Eberhardine (die »Betsäule von Sachsen«, wie das Volk sie nannte) hatte sich mit ihrem Unglück und ihren Tränen 1727 in die Erde geflüchtet. Vor ihr schon war ihre alte, würdige Oberhofmeisterin gestorben und an deren Stelle ihre schöne Tochter, die junge Antonie von Kollowrat, zur Favoritin der Königin geworden; und so sehr wußte sich diese bei Marie Josephine in Gunst zu setzen, daß sie auch die Vertraute der Kurprinzessin wurde. Hoymb war seines Amtes verlustig gegangen und saß auf dem Königstein, wo auch der Goldmacher Klettenberg sein Leben verloren hatte. Aurora von Königsmarck, der Fürst von Fürstenberg, Fleming waren gestorben, Vitzthum im Duell erschossen worden; die Kessel, die Denhof, die Dieskau, selbst die schöne Osterau, die letzte Liebe Augusts, waren in ihr ursprüngliches Nichts zurückgesunken. Auch der alte, gute Volumier war nicht mehr und an seine Stelle Hasse mit seiner berühmten Nachtigall, der großen Faustina, getreten. – Dem braven Sebastian Bach, dessen Familie sich seither vielfach, wie sein Ruhm, vermehrt, und der in Köthen, wohin er seinen Wohnsitz verlegt hatte, sein liebes, treues Weib durch den Tod verloren, war die Welt daselbst zu eng geworden. Er war daher nach Leipzig gezogen und hatte, nachdem er Anna Magdalena, die jüngste Tochter des Weißenfelsischen Hofmusikers Wülkens, geheiratet, das lohnende Kantorat an der Thomasschule angenommen. Ein- oder zweimal jährlich besuchte er Dresden, wo er die Königin und alle Welt mit seiner Kunst entzückte und Hasses Freundschaft erwarb; seitdem aber die Königin gestorben war, kam er nicht mehr an den Hof. Brühl, der inzwischen Kammerherr und Direktor des Departements der inneren Angelegenheiten im geheimen Kabinett des Königs geworden war, unterließ nie, sich möglichst liebenswürdig gegen Sebastian zu erweisen. Aus Friedemann war unterdessen ein erwachsener Mensch, ein bedeutender Musiker geworden. Sebastian, der voraussah, daß er seinen zahlreichen Kindern keine Berge Goldes hinterlassen könne, wollte daher in diesem seinem Erstgeborenen, seinem Lieblinge, alles Treffliche vereinen, ihm eine Weltbildung und, für den Notfall, einen anderweitigen Rückhalt geben. Er hatte ihn auf die Hochschule nach Merseburg geschickt, wo Friedemann ein eifriger Schüler Christian Wolffs, des nicht nur von der Universität Halle, sondern auch aus ganz Preußen bei Strafe des Stranges verbannten Philosophen der Aufklärung, und, namentlich im Violinspiel, des vortrefflichen Graun geworden war. Schon die Lehrer an der Thomasschule hatten von diesem geistreichen Knaben das Höchste gehofft. So war er endlich l730 ins Vaterhaus zurückgekehrt, um seine letzten Orgelstudien zu vollenden und die Rechtswissenschaft, sowie die Mathematik und Philosophie, die er in Merseburg begonnen, fortzusetzen. Beiden Disziplinen ist er neben der Musik späteren Verhältnissen unwandelbar treu geblieben. Zwischen dem Vater und Friedemann, der nun in den meisten Dingen auf seinen eigenen Füßen stand, hatte sich längst ein mehr freundschaftliches, gleichberechtigtes Verhältnis herausgebildet, das aber trotzdem den letzten Schimmer der alten Jugendzärtlichkeit in sich trug. In ihrem Kunststreben glichen sie zwei Konkurrenten, von denen der ältere nur eine Strecke voraus hat. So betrachtete es wenigstens Sebastian, und da er die Genialität seines Friedemann als Musiker ebenso wie seine Reife in wissenschaftlichen Dingen bald erkannte, so hatte er ihm frühzeitig Rechte eingeräumt, die man sonst nur dem Freunde, der einem an Jahren nähersteht, zu bewilligen pflegt. Aber so sehr Sebastian Bach auch Friedemann immer mehr zu sich heranzog und zum Vertrauten machte, so war doch der ganze Charakter, das künstlerische und menschliche Sein Friedemanns so eigentümlicher Art, daß dem Sohn, trotz abweichender Ansicht, trotz väterlicher Vertraulichkeit, die Repulsivkraft stets bewahrt blieb, die ihn immer in der alten Kindlichkeit zum Vater hielt. Sebastian Bach war streng religiös; seine Kunst selbst war auf den Glauben gepflanzt und nur durch diesen werktätig. Er war ein Mann ohne dialektische Spitzfindigkeit und Grübelei, ohne philosophischen Sinn, und wenn seine künstlerischen Gedanken so innig und tief, so erhaben und kraftvoll sind, so sind sie es nur, weil sie dem Glauben in seiner schlichtesten Einfachheit entsprießen, jenem unergründlichen Bronnen des Schönsten und Besten, jenem großen, nie gemessenen Ozean, in den sich alle Sehnsüchte und Hoffnungen, so entgegengesetzt sie äußerlich zu sein scheinen, endlich doch ergießen. Friedemann hingegen hatte in Merseburg analysieren, logisch schließen und denken gelernt. Durch Wolffs Mund waren ihm die Philosophie Leibniz’, die Hypothesen Newtons und der junge Geist der französischen Skepsis zugekommen, und hier war der Punkt, wo zwischen Vater und Sohn ein scharfes Auseinandergehen nahe genug lag. Daß aber Friedemann nach wie vor den Vater mit jenen anbetenden Kinderaugen betrachtete und in ihm die Krone alles Guten und Schönen fand, lag daran, daß die wissenschaftlichen Eindrücke Merseburgs noch nicht tief in ihm gewurzelt hatten, und alle jene gewaltigen Fragen, die sie etwa in ihm wachgerufen haben mochten, gewissermaßen beiseite gelegt worden waren durch den ersten aller seiner Gedanken: »Du bist ja Musiker, Friedemann!« Der andere Grund lag darin, daß die von ihm gesammelten Erkenntnisse sich vom Gottesbewußtsein nicht losgelöst hatten; man kam immer auf Gott als Urgrund zurück. Zudem lag in Leibniz’ Monadologie so viel Naturdeismus, daß Friedemann doch stets wieder in der Hauptanschauung mit dem Vater zusammentraf, und dieses Zusammentreffen wurde durch Jakob Böhmes Schriften, die beide gleich hoch verehrten, sogar erleichtert, weil in dieser mystisch-schwärmerischen Anschauung sich dem Vater und dem Sohne eine endlose Welt der kühnsten Imaginationen eröffnete, in der die Meinungen beider Raum genug hatten, ohne sich aneinander zu stoßen. Das Letzte, Größte aber, das Vater und Sohn zusammenhielt, war die Musik selbst und die Überzeugung Friedemanns, daß sein Vater unerreichbar hoch in seinem Wirken stehe. Oft kam es vor, daß da, wo der spitzfindige Verstand des Sohnes vor einer Frage ratlos stillstand, ein paar Worte des Vaters, das Beispiel einer einzigen Tonfigur auf dem Instrument genügten, um beide zu vereinigen. Wenn Vater Bach auch nicht viel auf Brühl, überhaupt auf die Hilfe anderer gab und mit seinem Lose in Leipzig ganz zufrieden war, so hatte doch Friedemann die Abschiedsworte des Pagen bei jenem Wettstreit nicht vergessen; voll edlen Ehrgeizes wünschte er wohl, den Vater, der ihm alles galt, in einer möglichst beneideten Stellung bei Hofe zu wissen. Brühl war nun dreiunddreißig Jahre alt und, da er sich Vitzthums kluge Zurückhaltung zur Regel machte, noch immer der Günstling Augusts des Starken, ohne daß man ihn sonderlich beneidet hätte. Er war ein Günstling ohne Einfluß. In dieser Beziehung war ihm, besonders bei dem Kurprinzen, sein ehemaliger Genosse, der junge Sulkowsky, zuvorgekommen, der auf kluge Weise sich öfter in die galanten Angelegenheiten des Königs zu mischen gewußt hatte. Das hätte August den Starken aber noch keineswegs bewogen, ihn an Hoymbs Stelle zu setzen, wenn nicht die Nationalitätenfrage hierbei eine große Rolle gespielt hätte. Dem König war alles daran gelegen, nicht nur den fast verlorenen Einfluß, sondern die absolute Gewalt über Polen zu erlangen, – und da Sulkowsky Pole und mit den gewichtigsten Teil des Reichsadels verschwägert oder alliiert war, so machte August ihn zu seinem Minister, um an ihm eine Brücke für seine Pläne zu haben. Sulkowsky wußte das alles sehr wohl, und weil der König durch diese Kombination in eine eigene Lage zu ihm gekommen war und manches übersehen mußte, was er sonst nicht geduldet hätte, unterließ jener nicht, die Zeit zu nützen und sich von der Gewalt soviel als möglich anzueignen. August aber hatte die Sulkowskys und die polnische Adelskoterie höchst nötig; denn schon munkelte man in Polen wiederum von Stanislaus Leszczynski, der in Ludwig XV. einen mächtigen Schwiegersohn besaß, auf dessen Hilfe er wohl bauen mochte. Die Feinde Augusts in Polen steckten bereits die Köpfe zusammen, und Sulkowsky säumte nicht, die Gefahr für August um so dringender darzustellen, als er sich ihm dadurch um so unentbehrlicher machte. Was Brühl dabei empfinden mochte, daß Sulkowsky so rasch emporkam und er sich von seinem ehemaligen Genossen nun von oben herab mußte ansehen lassen, war allen übrigen bei Hofe um so mehr ein Rätsel, als man wußte, daß Brühl die schöne, junge Kollowrat leidenschaftlich liebte und Sulkowsky auch in dieser Beziehung sein glücklicher Nebenbuhler werden zu wollen schien. Schien! Denn wenn ihn die reizende Antonie auch begünstigte, während sie Brühl fast mied, konnte man doch nicht behaupten, daß bis jetzt ein ernsteres Verhältnis zwischen beiden bestand. Je anmaßender Sulkowsky nun in seiner Machtfülle sich gegen Brühl und die meisten anderen benahm, je näher er selbst der Eigenliebe des Königs trat, je freundlicher Gräfin Kollowrat zu dem Polen, je kälter sie zu Brühl wurde, um so ruhiger, dienstwilliger und freundlicher wurde dieser zu der stolzen Dame seines Herzens und zu seinem Gegner, der ihn mit der ausgesuchtesten Impertinenz behandelte. – Sulkowsky war impertinent zu Brühl; nicht nur, weil er häßlich wie die Nacht, Brühl aber hübsch war, sondern auch aus jenem unbehaglichen Gefühl heraus, welches ihm zuflüsterte, daß der ärgste Feind gewöhnlich der freundlichste zu sein pflegt. So war das Jahr 1732 zu Ende gegangen und hatte zu seinem Schluß die Befürchtungen über Leszczynskis Usurpation, wie man's in Dresden nannte, vermehrt; August entschloß sich daher, trotz des Winters und obwohl eine alte Wunde an seinem Fuß wieder aufgebrochen war, nochmals in Person nach Warschau zu gehen, um die Keime einer etwaigen Insurrektion zu ersticken, die Schwankenden zu befestigen und die Gefährlichen zu neutralisieren. Die Reise war also eine beschlossene Sache; es handelte sich nur darum, wer den König begleiten und wer zurückbleiben sollte, ein Moment wichtiger Entscheidung für Brühl wie für Sulkowsky. Der Kurprinz hatte sich nur wenig blicken lassen; er kam mit seiner jungen Gemahlin sehr selten von seinem Jagdschlosse Hubertusburg herein, weil die Mißstimmung zwischen Vater und Sohn noch fortdauerte: genährt bei dem einen durch die Erinnerungen an das Mätressentum und an das tränenvolle Ende Eberhardines, erzeugt bei dem andern durch den überspitzten Katholizismus Josephas. – Wem also wird der König die Gewalt interimistisch anvertrauen? Wen wird er als Unterhändler und Vertrauten mit sich nehmen? Das war die Tagesfrage, nach deren heutiger Lösung in einer Woche zur Reise geschritten werden sollte. Der Hof war bei der Gräfin Morsinska, Augusts Tochter von der Cosel, die er namentlich in den letzten Jahren gern um sich sah, versammelt. Neben der strahlenden Gräfin saß auf einer Ottomane, den Teetisch vor sich, das Juwel des Hofes, die schöne Kollowrat. Sulkowsky stand vor ihnen; er hatte die Hand auf den ledernen Sessel des Königs gelegt und unterhielt die versammelten Damen, um seine innere Unruhe zu verbergen. Der kleine Salon, in dem sich die Gesellschaft befand, hatte statt der Fenster zwei breite Glastüren, die in ein großes Glashaus, eine Art Wintergarten führten, der, künstlich erwärmt, allerlei Spezies seltener Gewächse beherbergte; eine aus Zeder und Myrte gebildete Laube bot sich als ein Asyl dar, das ebenso zur Intrige wie zum Liebesflüstern tauglich schien. Von Sofa und Teetisch durch einen breiten Raum getrennt, aber noch im Bereich des wohltätigen Feuers zweier Kamine, standen zwei Spieltische. Den einen hatten General Klenzel, der bescheidener gewordene Spiegel und der Pole Lubomirsky eingenommen, dessen Schwester wegen ihres Einflusses in Warschau mit dem Titel einer Fürstin von Teschen abgefunden worden war, nachdem sie August geliebt; sie warteten auf den König, der den vierten Platz einzunehmen pflegte. An dem anderen Spieltisch hatten sich die Generalin Klenzel und die Gräfin Bielinsky, die Schach spielten, neben zwei anderen Hofdamen niedergelassen. Gruppen von Kavalieren standen, nach Laune verteilt, umher und flüsterten. – Der König trat ein, gefolgt von Brühl. Alles erhob sich. August trat grüßend an den Tisch und nahm neben der Gräfin Morsinska Platz. Sulkowsky begab sich an den Spieltisch der Generalin Klenzel und sah der Schachpartie zu, die sich ihrem Ende näherte. Brühl zog sich hinter Spiegel zurück, seine Aufmerksamkeit dem armen Ehegatten widmend, der beträchtlich verlor. Man spielte überhaupt höchst achtlos, und die Unterhaltung war lau, denn alles war gespannt auf das, was kommen werde. Man hatte unter wechselnden Gesprächen von Oper, neuen Toiletten, jüngsten Nachrichten aus Paris, Balletts, neuen Bauprojekten die träge Zeit zu beschleunigen gesucht, als das Rollen einer Equipage, der Trommelwirbel der salutierenden Hofwachen den Kurprinzen meldeten, der bald darauf eintrat. Sulkowsky, der etwas die Farbe wechselte, und Brühl sahen sich fragend an. Das Erstaunen der Anwesenden wuchs aber um so mehr, als der König aufstand, dem Kurprinzen entgegenging, ihm herzlich die Hand drückte und ihn neben sich auf den Sessel zog, indem er sagte: »Das ist mir lieb, daß du so bald kommst!« Ein Zug nachdenklicher Rührung überflog das sonst so strenge Gesicht Augusts. So hatte er sich noch nie gegen den Sohn benommen. – »Ich eilte um so sehnlicher her, Majestät, weil ich die Spanne Zeit noch ausnutzen wollte, die es mir erlaubt, meinen gnädigen Vater zu sehen.« »Das sollst du auch, und da ich in der nächsten Woche reise, sollst du bei mir bleiben. Wer weiß, ob's nicht lange dauert, bis wir uns wiedersehen! Damit aber daheim alles in Ordnung bleibe, mein Sohn, wirst du die Reichsgeschäfte inzwischen versehen. Sulkowsky, Sie werden die bevollmächtigende Order ausfertigen. Seine Hoheit der Kurprinz regiert mit meiner ganzen Gewalt, solange ich fort bin!« Brühl konnte ein leises Lächeln kaum zurückhalten; die schöne Kollowrat aber richtete einen erstaunten Blick auf Sulkowsky, der sich, seinen Schreck verbergend, tief vor dem König verbeugte. »Euer Majestät fühlen sich aber nicht wohl genug zur Reise!« sagte schüchtern die Gräfin Morsinska. – »Wohl wahr, meine Liebe, aber die Geschäfte sind zu dringend. Wenn ich auch in Warschau nicht selbst alles besorgen kann, so überwache ich doch alles. Freilich muß ich mich auf die Zuverlässigkeit meiner Begleiter verlassen, und ich denke, ich kann das. – Lieber Brühl,« und er reichte dem Kammerherrn die Hand, die dieser küßte, »Sie haben mir so lange anhängliche Treue bewiesen, Sie reisen mit mir! Die Grafen Sulkowsky und Lubomirsky sollen auch mit, und ich will wüschen, daß sie in Warschau recht ersprießliche Dienste leisten können. Sulkowsky, stellen Sie sogleich die Kabinettsorder für seine Hoheit aus! Lieber Sohn, es wird demnächst nötig werden, die Kurprinzessin Hoheit nach Dresden zu bitten, damit du die Deinen um dich hast. Du wirst den linken Flügel des Schlosses einnehmen.« Alles war erstaunt. Sulkowsky, starr und keines Wortes fähig, schwankte hinaus. Brühl, dessen Gesicht rot vor innerer Bewegung war, richtete einen langen Blick auf die Gräfin Kollowrat, die sich auf die Lippen biß und ihre Augen vor ihm niederschlug. Das Rätsel war gelöst: nicht Sulkowsky, sondern der Erbprinz selbst führte das Interimsregiment. Brühl begleitete speziell des Königs Person, und das war ihm in einer Form gesagt worden, aus der hervorging, daß er keinen bloßen Kammerherrndienst zu versehen habe. Auch Sulkowsky sollte mit; aber die Art des Befehls und die Tatsache, daß neben ihm Lubomirsky mit einer Art Gleichberechtigung genannt wurde, schienen höchst auffallend. Der Tee war inzwischen eingenommen worden. Auf einen Wink des Königs erschien Hasse mit seiner Gattin, der Sängerin Faustina, und wenig später hatte sich die ganze Gesellschaft in italienische Opern vertieft. Im Beratungszimmer des Königs saß unterdessen Sulkowsky und verfaßte in Zorn und Wut das Edikt für den Prinzen. – »Gut! Schon gut,« rief er aufspringend, »Brühl ist ihm lieber mit seiner Lakaienseele! Nicht allein, daß mir der Prinz, gegen den ich nichts machen kann, den Weg verrannt hat, – nein, Brühl wird als sein Alles mitgenommen, und ich bin neben dem Laffen Lubomirsky nur gut dazu, unter meiner Koterie in Warschau zu agitieren! O, ich seh's ein: solange ich sein Arm war, der von Dresden bis Polen reichen konnte, solange er in mir den polnischen Adel flattierte, gestand er mir alles zu. Jetzt, da er selbst nach Warschau kommt, denkt er, ich sei entbehrlich! Gut, gut! Aber laßt mich nur erst in Warschau sein! Er soll bald merken, wie dringend nötig er mich haben wird ... Doch ich muß rasch das Dokument beenden! Während ich hier sitze, hat Brühl Zeit, mit der Gräfin Kollowrat zu sprechen.« Er setzte sich an den Tisch und schrieb weiter. Brühl hatte inzwischen dem Gesang der Faustina zugehört, in den die Gesellschaft so vertieft schien, daß sie es nicht bemerkte, wie die schöne Kollowrat in das Gewächshaus trat. Leise näherte sich der Kammerherr dem jungen Lubomirsky, der in einem Meer von Wonne schwamm. »Von Herzen meine Gratulation, lieber Graf! Sie sehen: wenn die Umstände und Lebenslagen oft noch so ungünstig sind, das wahre Verdienst wird doch einmal belohnt. Ich kann es mit Stolz sagen, daß ich nicht der letzte war, der es bemerkt hat.« »Und Sie sind wohl gar die Ursache, daß ...« »Still! Nicht doch! Das Auge des Königs sieht scharf genug; nur muß man den gnädigen Blick bei den vielen Geschäften manchmal zu seinem rechten Ziel hinlenken!« Heftig drückte der junge Pole Brühls Hand: »Ich bin von Stund' an Ihr ergebenster Freund, und ...« »Ich will, daß Sie Ihr eigener bester Freund sein sollen, Graf! Sie sind lange zurückgedrängt worden. Was ich Ihnen nutzen kann in zweckmäßiger Behandlung der Geschäfte, geschieht gewiß. Alliieren Sie sich mit mir, und Sie sollen ein Staatsmann comme il faut werden! – Jetzt tun Sie mir aber den Gefallen und decken Sie die Glastür mit Ihrem Körper; ich will, ohne bemerkt zu werden, ins Glashaus treten.« Ein Helldunkel, gewoben aus den Reflexen des Schnees drunten und dem verlorenen Lichtschimmer, der durch die Glastür fiel, gab dem Gewächshaus eine bezaubernde Herrlichkeit. Leise drangen die weichen Klänge der Musik herein, um langsam verhauchend unter den Myrten einzuschlummern. Hier saß die schöne Antonie von Kollowrat, tief in Gedanken versunken; hier trat Brühl vor sie hin: »Darf ich's wagen, Komtesse, Sie um eine kurze Unterredung zu bitten?« Sie schrak zusammen. – »Warum nicht, Herr Kammerherr? Nur finde ich den Ort und die Form nicht besonders gut gewählt.« »Gewiß, Komtesse! Dafür wird unser Gespräch den Vorzug haben, kurz und entscheidend zu sein. Ein einfaches Ja oder Nein Ihrerseits genügt mir.« »Bitte, reden Sie!« »Komtesse, sehen Sie ein Unrecht darin, wenn ein Mann nach dem höchsten Preis des Lebens strebt? Zumal, wenn er dazu die Kraft in sich fühlt?« »Wie sollte ich das? Das ist ja sein Beruf, ist das, was ihn zum Manne macht! Wer sich aber etwas vorsetzt, das zu erringen er nicht imstande ist, der ist ein Knabe und kein Mann!« »Und Sie können nur einen Mann lieben, schöne Komtesse?« und Brühl ergriff ihre Hand. »Nur einen Mann, Brühl, darauf verlassen Sie sich!« »Haben Sie schon einen solchen Mann gefunden?« »Nein!« Sie lächelte und setzte hinzu: »Ein Männlein nur, – und dann noch so ein Garnichts von einem Menschen, von dem ich nicht weiß, ob er zum andern Geschlecht gehört.« »Ah! Nicht übel! O, ich verstehe, Gräfin! Nun, dieses Garnichts von einem Menschen, das zugleich arm ist und nur sein Wappen hat, dieses Nichts von einem Menschen wird das Männchen stürzen und einst erster Minister eines Reiches werden, – es nur darum werden, damit die schöne Kollowrat ihn als Mann erkenne ... und ihm erlaube, ihre Hand zu erbitten.« »Und ich werde sie ihm dann geben, Brühl, sicher! Im gewöhnlichen Leben entscheidet die Qualität des Herzens bei der Ehe; bei uns kann man die Liebe nur danach messen, wieviel ein Liebender für seine Erkorene zu erringen weiß.« »Und wollen Sie den Kampf zwischen dem Männchen und dem Nichts abwarten?« »Wie lange?« »Wir sind beide noch jung. – Drei Jahre!« »Ich warte, lieber Brühl, und ... schweige.« »Nehmen Sie meinen Dank für diese Gnade!« Und er drückte einen glühenden Kuß auf die Hand der Hinwegeilenden. – – Es war halb elf Uhr abends, als Brühl seine Wohnung betrat. In seinem Arbeitszimmer brannte Licht; sein Sekretär war emsig bei der Arbeit und empfing ihn mit einer kurzen Verbeugung. »Lassen Sie jetzt die Arbeit, Siepmann, ich habe mit Ihnen zu reden.« Der Sekretär legte die Feder hin, hob seine kleine, krumme Gestalt vom Stuhle und richtete sein schelmisches Auge auf seinen Herrn. »Siepmann, ich stelle Ihnen zwei Fragen! Was wollen Sie: wollen Sie ein Mann von Vermögen und Einfluß werden oder von hier nach dem Sonnenstein gehen? Zwei Unteroffiziere warten unten.« »Ich werde mir erlauben, das erste zu wählen.« »Unter jeder Bedingung?« »Unter jeder!« »Das freut mich, Siepmann! Ende dieser Woche gehe ich nach Warschau. Sie müssen vier Tage vor mir dort sein!« »Zu Befehl!« »Sind die geheimen Notizen für mich geschlossen, ist die Adresse in Petersburg erprobt?« »Erprobt! Diese Nacht schließe ich die Notizen, übermorgen reise ich.« »Brav! Setzen Sie sich, ich werde Ihnen Empfehlungen diktieren, die Graf Lubomirsky unterzeichnen wird. Sie sind nämlich von Lubomirsky gesandt, verstanden?!« »Ich bin von Lubomirsky gesandt! – Und wenn ich in eine schiefe Lage komme?« »Ich bin des Königs Kammerherr, Siepmann!« »Gewiß!« »Hier sind dreißig Dukaten auf Abschlag. Wenn ich Graf Brühl heißen werde, verdoppele ich Ihre Gage.« »Und wenn Sie Minister sind, Herr Graf?« »Werden Sie von Siepmann heißen und ein Staatsamt haben!« »Diktieren Sie, Exzellenz!« Und leuchtenden Auges, wie ein Geier, stürzte sich der Kleine auf die Arbeit. Nach zwei Tagen reiste Siepmann. Vier Tage später, an einem bitterkalten Morgen, standen die königlichen Reisewagen unter dem Portal. Mehrere Equipagen mit polnischen Edelleuten und einigen Offizieren waren schon voraus, drei Regimenter hatten sich Bewegung gesetzt, die Packwagen mit Köchen, Verwaltern, Lakaien folgten. Der König nahm von dem Erbprinzen und dem Hofstaat in seinem Zimmer Abschied. »Gott erhalte Euer Majestät!« sagte die Kurprinzessin, die ungewöhnlich bewegt war. Der König küßte ihr die Stirn und wollte gehen. Plötzlich wandte er sich noch einmal zurück, preßte seinen Sohn heftig an sich und flüsterte ihm ins Ohr: »August, denk immer in Liebe deines Vaters; vergiß auch nicht meine anderen Kinder!« Hastig schritt er hinaus. »Nach Warschau denn!« sagte Sulkowsky und blickte Gräfin Kollowrat glühend an. – »Nach Warschau!« flüsterte Brühl kaum hörbar. Einen Augenblick später, und die Wagen rollten von dannen. V. Der König war in Warschau, – aber krank. Die höchst anstrengende Reise im tiefsten Winter hatte seinen Fuß verschlimmert und ihm eine heftige Entzündung der Wunde zugezogen. Die sächsischen Regimenter garnisonierten in der Stadt, die polnische Leibwache, die sofort doppelte Löhnung erhielt und deren Offiziere fast alle dem König treu ergeben waren, versah den Schloßdienst. Die Edelleute, die zu Leszczynski hielten, verließen schon nach wenigen Tagen die Stadt oder verhielten sich wenigstens abwartend, während diejenigen, die vom Hofe zu Dresden gekommen waren, schon um ihres eignen Vorteils willen nicht verfehlten, für die Sache Augusts zu wirken. Der König war erstaunt, bei der Mehrzahl der angesehensten Notabeln eine Bereitwilligkeit zu finden, die er bisher von dieser Seite nicht gewohnt war. Allerdings galt Lubomirsky unter seinen Landsleuten viel mehr als Sulkowsky. Dieser war, da Brühl anscheinend doch nicht als besonderer Vertrauter Augusts für diplomatische Missionen ausersehen, sondern lediglich zu seiner Pflege erkoren war, wieder in den Vordergrund getreten und hielt die Geschäfte allein in seiner Hand. Wie mußte er daher nicht erstaunen, sich von dem größten Teil der Warschauer Edelleute kühl behandelt zu sehen, und gerade von denen, die des Königs wärmste Anhänger zu sein schienen. Lubomirsky indessen war trotz seiner Jugend allgemein beliebt und viel gesucht. »Sehen Sie wohl, Graf, wie unsere Maßnahmen wirken?« sagte einmal Brühl zu ihm. »Ihre Briefe halten Sulkowsky in Schach, weil jeder der Ansicht ist, Sulkowsky arbeite nur für sich und nicht für Polen, er wolle die freie Konstitution hintertreiben, zu der ich dem König geraten habe. Sie sind durch diese Nachrichten der Staatsmann Ihres Landes geworden, der Vermittler zwischen Adel und König, und wenn Sie so, von dem Vertrauen Ihrer Landsleute getragen, vor Seine Majestät treten, erlangen Sie die Wichtigkeit, die Sulkowsky verloren hat. Begreifen Sie nun? Und ich bin Ihr Kompagnon, der den König wieder mit dem Lande verbindet. Mort de ma vie , wir werden beide Minister! – Nun aber schweigsam, und nie mehr als mit einem von der Sache reden! Wo drei sind, ist immer ein Verräter, und die anderen sind Zeugen. Bei zweien hört jede Verantwortlichkeit auf.« Lubomirsky war sehr beschränkt, aber das verstand er doch ... Siepmann, der vor Augusts Ankunft die bewußten Briefe an die Vornehmsten der polnischen Aristokratie überbracht hatte, war überzeugt, daß Garnison und Stadtadel die Sache Leszczynskis vollständig aufgegeben hatten. Nun galt es noch, den Adel des flachen Landes gefügig zu machen, und zum Schluß einen Reichstag zu halten, auf dem dem König noch einmal der Treueid geleistet werden sollte. Siepmann war überall. König Augusts Krankheit hatte sich inzwischen mit jedem Tage verschlimmert, und die beiden Leibärzte erklärten eines Abends, daß plötzlich der Brand in die Wunde getreten und keine Hilfe mehr möglich sei. Brühl mochte so etwas schon während der Reise geahnt haben; denn die liebevolle Aufmerksamkeit, die er dem König gewidmet hatte, stach grell von der geschäftigen Nachlässigkeit Sulkowskys ab, der, überdies gereizt von dem Benehmen seiner Landsleute, stets in schlechter Stimmung war. Als nun die Ärzte Brühl die Trostlosigkeit von Augusts Zustand mitteilten, nahm er ihnen auf ihren Amtseid das Versprechen des Schweigens ab. Tags darauf bereitete er in ihrer Gegenwart den starken August auf den letzten, unvermeidlichen Schritt vor. Inzwischen hatte er nach Dresden geschrieben und die königliche Familie auf die Möglichkeit eines Ablebens des Monarchen schonend vorbereitet. Zu Siepmann aber sagte er: »Halten Sie sich bereit, sofort als Kurier nach der Residenz zu gehen!« Siepmann war immer bereit. In der Nacht des 31. Januar 1733 wurde auch dem herbeigerufenen Sulkowsky und den vornehmen Häusern des Landtages das Unvermeidliche mitgeteilt: August würde den nächsten Morgen sterben. Beklommene Stille herrschte in dem matterleuchteten Gemach; nur der König ächzte in Todesschmerz. »Geht alle hinaus! Alle! Ich will allein sein! ... Nein, nicht alle! Brühl soll bei mir bleiben!« Als sich die Anwesenden entfernt hatten, verlangte der König Tinte und Feder, und mit zitternder Hand warf er ein paar Zeilen aufs Papier. »Lesen Sie es, Brühl, und handeln Sie danach! – Die Ärzte!« – Brühl warf einen Blick auf das Papier, rief die Ärzte und entfernte sich. »Sie können nichts mehr für mich tun, meine Herren? Ja oder Nein!« – Die Ärzte schüttelten traurig das Haupt. »Können Sie mir nichts Stärkendes geben? Ich brauche noch Kräfte diese Nacht, und wenn ich doch sterben muß, ist es gleich, ob eine Stunde früher.« »Majestät!« riefen die Ärzte entsetzt. – »Ich sage euch, ich muß diese Nacht noch tätig sein, sonst sterbe ich in Verzweiflung. Gebt mir etwas!« Die Ärzte sahen sich fragend an. Dann reichten sie ihm ein Medikament, das den verendenden Löwen zu beleben schien. »Ah, das ist gut! ... Kommt Brühl noch nicht?« Brühl trat ein. Er trug einen großen, würfelförmigen Kasten von rotem Leder unter dem Arm und stellte ihn neben des Königs Bett. »Laßt mich mit Brühl allein!« – Die Tür fiel hinter den Ärzten zu. Brühl öffnete den Kasten, und hastig griff der König hinein. In seinen schwankenden Händen hielt er die Krone Polens, die Brühl auf sein Geheiß aus dem Staatstresor geholt hatte. »Brühl, die Krone vertraue ich Ihrer treuen Hand, wenn ich tot bin! ... Sie kennen Ihre Pflicht!« Ein paar Tränen fielen herab auf das schimmernde Kleinod und hingen zwischen den Perlen, – Tränen, von einem sterbenden König auf eine unheilvolle Krone geweint ... »Hier, nehmen Sie, Brühl! Ich will an meinen Sohn schreiben.« Brühl legte das Kleinod in den Kasten zurück und reichte dem König nochmals das Schreibgerät. Die Arznei mußte dem König frische Kräfte gegeben haben, denn er schrieb schnell, wie von etwas Unsichtbarem gepeitscht, und er schrieb lange. Endlich war er fertig, faltete das Papier zusammen und legte es zwischen die Spangen des Diadems. Brühl schloß den Kasten. »Versiegeln Sie den Kasten, hier mit meinem Siegel! ... Brühl, ich nehme heute schon von Ihnen Abschied. Morgen überlassen Sie mich Gott und den übrigen. Ihre Treue ist das einzige, was mir jetzt wohl tut; und wenn mir der Tod leichter wird, als ich es verdiene, so ist es nur, weil ich überzeugt bin, daß Sie meinen letzten Willen vollführen werden!« – »So wahr mir Gott helfe, Majestät!« – »Fort damit! Adieu, lieber Brühl! ... Die Ärzte!« Brühl, der sein bleiches Gesicht von der feuchtkalten Hand des Monarchen erhob, setzte den Kasten in eine dunkle Ecke des Zimmers unter einen Stuhl, auf den er ein Tafeltuch warf. Die Ärzte kamen. In der Frühe des 1. Februar lag der König in den letzten Zügen. Er hatte das Abendmahl genommen. Sulkowsky, Lubomirsky, die Ärzte, die polnischen Grafen und alle, die von Dresden mit ihm gekommen waren, umstanden sein Bett in düsterer Stille. Brühl hielt Wache am Stuhl, auf dem das Tafeltuch lag, und wich nicht. Er konnte hinab auf den beschneiten Hof des Schlosses sehen. Unter dem Fenster standen zwei vierspännige Wagen und warteten. In dem ersten saß Siepmann und sah starr empor. Ein krampfhaftes Wimmern ... ein kurzes Aufstöhnen ... »Der König ist tot!« sagten leise die Ärzte. Brühl erhob die Hand zum Fenster, Siepmann fuhr ab; und wenig später rollte auch der zweite Wagen zum Tor hinaus. In ihm saß Brühl, in der rechten Hand ein gespanntes Pistol, in der linken die polnische Krone. »Nach Dresden«– – – Dort war der Hof in Trauer. Den Tag vorher hatte Siepmann die Gewißheit gebracht, war aber am nächsten Tage geräuschlos nach Petersburg weitergegangen. Nun erwartete man den offiziellen Kurier von Sulkowsky mit umfassenden Berichten und einem Memorandum über die Lage der Dinge. Düster lagerte das Gerücht von Augusts des Starken Hinscheiden auf Dresden, flatterte durch ganz Sachsen. Jeder dachte an die Möglichkeit einer bevorstehenden gänzlichen Veränderung der Verhältnisse, jeder sprach seine Hoffnungen und Befürchtungen über den neuen Herrscher aus. Frankreich jubelte und rüstete seine Regimenter, um in Polen einzufallen und den Schwiegervater seines Regenten auf den erledigten Thron zu setzen. Der Prinzregent, nunmehr Kurfürst August III., wußte, was alles auf dem Spiele stand ... Endlich sprengte ein Reiter in den Schloßhof. Es war nicht der erwartete Bote Sulkowskys. Er meldete atemlos, daß Brühl dicht hinter ihm folge. Der Hof versammelte sich auf Wunsch Augusts III. im Salon der verstorbenen Königin Eberhardine. General Klenzel empfing Brühl an der Rampe. Blaß vor innerer Bewegung eilte der Ankömmling die Stufen hinan. Die Wände des Saales waren schwarz verhangen, der Hof in tiefer Trauer. Nur Brühl nicht; er trug noch das Reisekleid, unter dem Arm den Maroquinkasten. August III. stand in der Mitte des Saals, neben ihm seine Gemahlin, rings im Kreise der Hofstaat. »Majestät wollen mir das Unglück verzeihen, der Überbringer der furchtbaren Gewißheit zu sein! Seine Königliche Majestät August II. ist tot. – In der Nacht vor seinem Ende hat er Euer Majestät treuen Diener zum Überbringer des Letzten, Teuersten erkoren, was ihm auf Erden verblieb, seines letzten königlichen Willens!« Obwohl man darauf vorbereitet war, löste diese Nachricht doch die tiefste Bewegung aus. »Und unser hochseliger königlicher Vater hatte noch die Kraft und den klaren Willen dazu?« »Das kann ich beeiden, Majestät! Er ist wie ein Löwe und bei vollem Bewußtsein gestorben. Empfangen denn Euer Majestät dieses Vermächtnis und das königliche Siegel, mit dem es verschlossen ward.« Knieend überreichte Brühl dem Herrscher den Maroquinkasten. Ein Schauer lief durch den Saal. Der Kurfürst öffnete den Kasten, und ein krampfhaftes Zittern durchschüttelte ihn. Der Sohn hielt Polens Krone in den Händen; zwischen den Spangen hing das Testament. – Der Kurfürst brach fast zusammen und mußte sich auf Brühl stützen, der die tief ergriffene, heftig atmende Kollowrat ansah. »Sie haben mir die Krone so lange behütet, halten Sie das Kleinod noch einmal, Graf Brühl, damit ich den Willen meines erhabenen Vaters lesen kann.« »Er ist Graf!« flüsterten sich die Höflinge in der langen Pause zu, die der mit den Tränen Kämpfende zum Lesen des Testaments benötigte. Dann griff er wiederum zur Krone und sagte: »So wahr ich dieses mein Erbteil in den Händen halte, will ich’s bewahren und den Willen meines geschiedenen königlichen Vaters ehren und vollführen! ... Ich vollführe und ehre ihn sogleich! Graf Heinrich von Brühl, in Anerkennung Ihrer unwandelbaren Treue und der Kühnheit, mit der Sie über meines Vaters Willen und meinem Rechte gewacht haben, ernenne ich Sie zum Kabinettsminister. Sie sind ein guter Diener!« Und der neue König schloß Brühl in seine Arme. Vierzehn Tage später kam Sulkowsky. Als er ins Portal des Schlosses fahren wollte, sah er zufällig nach dem Balkon hinauf. Dort stand der Kabinettsminister Graf Heinrich von Brühl, die schöne Kollowrat in seinem Arm, und beide lachten. VI. August III. hatte nun Polens Krone, aber von Polens Besitz war er noch weit entfernt; denn kaum war der Leichnam seines verblichenen Vaters in den Gewölben des Schlosses zu Warschau beigesetzt, als auch schon eine Vielzahl des polnischen Adels wieder ungewiß wurde. In zwei Parteien gespalten, die sich über das ganze Land erstreckten, erklärte sich eine Minderheit für August III., die Mehrzahl der Edelleute aber für Stanislaus Leszczynski. Sollten nicht alle seitherigen Opfer an Menschenleben und Geld vergeblich gewesen sein, nicht jeder neue Tag auch neue Schwierigkeiten bringen, dann mußte Frankreichs Einfluß in Polen neutralisiert werden. Dazu bedurfte man der Hilfe Österreichs. Diese Hilfe war nur durch Vermittlung der Königin zu erreichen. Augusts III. Gemahlin Marie Josepha von Österreich war ebenso stolz wie schön, ebenso ehrgeizig wie entschieden, ebenso streng katholisch wie eigensinnig. Nach dem Tode Augusts des Starken, der der leidigen Polenkrone zuliebe zwar auch katholisch geworden war, den Glaubenswechsel aber stets nur als Nützlichkeitsmaßregel betrachtet und nie versucht hatte, Eberhardines entschiedenes Luthertum anzutasten, säumte Josepha nicht, gründlich Wandel zu schaffen. Durch eine Schar von Jesuiten, an deren Spitze der Beichtvater Quarini und die erste Hofdame, Gräfin Ogilva standen, wurden die französischen Doktrinen am Hofe mehr und mehr ausgerottet und er in ein frommehrwürdiges Gewand asketischen Ernstes gehüllt, der von der feinen, zierlichen Ungezwungenheit und der lachenden Skepsis unter August II. grell genug abstach. Josephas Bestreben war, sich in die staatlichen Angelegenheiten zu mischen, die Zügel der Regierung womöglich selbst in der Hand zu halten. Ihrem Streben kam die ganze Veranlagung ihres Gemahls erfolgversprechend entgegen. Der neue Herrscher Sachsens war ein Fanatiker der luxuriösen Ruhe. Er ließ sich nur dann aus seinem olympischen Behagen reißen, wenn er zu einem Hoffest oder zur Jagd ging. Er wollte herrschen, aber das Herrschen nicht als eine Arbeit, ein Handeln, sondern als einen angenehmen Zustand ansehen, der ihm nicht mehr Anstrengung machen dürfe, als ihm zur Unterhaltung nötig und seiner Eitelkeit angenehm schien. Darum ließ er die Geschäfte möglichst auf dem Fuße, auf dem sie sich zur Zeit seines Vaters befunden hatten, und das ewige Querulieren der Königin und der Geistlichkeit war ihm höchst verdrießlich. Je mehr nun Sulkowsky imstande war, August III. in dieser gewünschten Ruhe zu erhalten, um so mehr schien August geneigt, die Geschäfte in seiner Hand zu konzentrieren. Und das war der Punkt, von dem aus die Dinge sich langsam zu verschieben und in ein neues Stadium zu treten begannen; denn je mehr Sulkowsky an äußerer Machtfülle zunahm und zum König hielt, desto mehr trat Brühl auf die Seite der Königin. In eine peinliche Lage gerieten dabei die schöne Gräfin Kollowrat und Hennicke. Dieser, auf Betreiben der Königin unlängst zum Grafen von Hennicke gemachte Kammerdiener, dessen großen Einfluß sie sich durch Befriedigung seiner Geldgier und Eitelkeit Untertan zu machen gewußt hatte, wurde mit jedem Tag verlegener, welche Seite er ergreifen, – und Antonie von Kollowrat, welchem ihrer beiden getreuen Liebhaber, Brühl oder Sulkowsky, sie sich zuneigen sollte. Allerdings hatte sie Brühl große Aussichten auf ihren Besitz eröffnet und war äußerst liebenswürdig, ja liebevoll zu ihm; aber immer noch knüpfte sich ihr Besitz an die Bedingung, daß Brühl allein das Land regieren und seinen Kollegen gestürzt haben müsse. In der Seele dieser jungen Frau hatte sich der Ehrgeiz an die Stelle des Herzens gesetzt. Sie liebte eigentlich nichts, außer sich selbst, und sogar ihre kleine Tochter, die einzige Erinnerung an Augusts des Starken kurze Neigung, liebte sie weniger um des Kindes selbst willen als wegen seiner Schönheit, die ihr dereinst ein Mittel zur Fortsetzung ihrer ehrgeizigen Pläne zu werden versprach. Ihre Zuneigung zu Brühl hatte denselben Grund, und wenn sie in letzter Zeit Sulkowsky ebenso vernachlässigt hatte wie ehemals Brühl, so war nicht allein Sulkowskys Häßlichkeit daran schuld, sondern auch die Absicht, den verliebten Polen zu noch höheren Anstrengungen seiner Opferfähigkeit zu vermögen. Und nun, in der jetzigen Lage, in der der Hof sich befand, kalkulierte sie einfach: wer am höchsten steigt, wer der Letzte auf dem Platze ist, den nehme ich; denn der wird mich auch am meisten lieben. Hierin trafen sich ihre Wünsche und Berechnungen mit denen der Königin, die längst bei sich beschlossen hatte, die heißbegehrte Gräfin als Lockvogel für beide Rivalen herauszustellen und denjenigen mit ihrer Hand zu beglücken, der am geeignetsten sein würde, Josephas Sklave zu werden. In Fragen der äußeren Politik konnte Sulkowsky den Grafen Brühl nicht entbehren; denn ohne Hilfe Österreichs gab es keine Lösung der polnischen Angelegenheit, und ohne die Königin keinen Weg nach Österreich. Freilich, Frankreich war weit entfernt von Polen und hätte um Leszcznskis willen durch halb Europa ziehen müssen, und mit Petersburg konnte, – nein, mußte man eben zu einem Einverständnis gelangen! Da war dieses Privatschreiben Annas von Rußland an den König, in dem sie schmollend davon sprach, Minister Sulkowsky verzögere und erschwere durch seine persönlichen Antipathien die im Gange befindlichen Verhandlungen um die Anerkennung ihrer (allerdings etwas gewaltsamen) Wahl zur Kaiserin von Rußland. Der König war höchst ärgerlich gewesen, Sulkowsky schäumte vor Wut, und wäre in dem Brief der Name Brühls auch nicht so auffallend nebenher erwähnt worden, er hätte geheime Machinationen von dieser Seite aus erkannt. – Brühl triumphans? – Nein, das durfte nicht sein! Sulkowsky handelte. Er vollzog nicht nur die sofortige Anerkennung Anna Iwanownas, er erfüllte ihr auch einen weiteren Herzenswunsch, indem er in die Verleihung Kurlands an ihren Günstling Biron aufs freundlichste einwilligte. Sogar mit Wien erzielte er, und ohne die Königin, eine schnelle Einigung. Hatte er bislang die Gewährung der pragmatischen Sanktion, jenes feierlichen Staatsgesetzes Karls VI. über die weibliche Thronfolge in Österreich, zurückgehalten, so notifizierte er nunmehr ihre sofortige Annahme. Alsbald setzten sich die österreichischen Regimenter nach Polen in Bewegung. Es war die höchste Zeit; denn auch die Franzosen marschierten. Preußen blieb neutral, aber die Pforte, mit Frankreich vereint, und der größte Teil Polens erklärten sich offen für Stanislaus, der nach Warschau gekommen war, um an Ort und Stelle selbst seine Rechte zu verteidigen. – Der Krieg war entschieden! Der französische Gesandte, Graf Broglio, verließ sofort Dresden. Das sächsische Herr rückte durch Schlesien hindurch vor ... Sulkowsky frohlockte, Brühl war für den Augenblick geschlagen. Sie wußten nun beide, daß sie Feinde waren. Weil indessen der König, vielleicht aus richtigem Instinkt, beide hielt, so schlossen sie innige Freundschaft, – auf den Moment lauernd, wo sie sich gegenseitig würden vernichten können. »Intime Feinde« nannte man sie bei Hofe, und sie selbst lachten ganz offen darüber. Sie umgaben sich gegenseitig mit Spionen, rivalisierten beim König, bei der Königin, bei der Gräfin Kollowrat und dem süßfreundlichen Hennicke. Brühl hatte indessen zweierlei vor Sulkowsky voraus: er war hübscher, liebenswürdiger und daher im ganzen der Kollowrat doch angenehmer, und – er hatte den in Petersburg weilenden, von keiner Seele in Dresden gekannten Siepmann. Vorerst allerdings hatte der Brief Annas die diplomatischen Künste dieses Schildknappen zunichte gemacht. Brühl berief ihn nach Dresden zurück, wo er sich unter fremdem Namen ein Stübchen in der Vorstadt mietete. Aber unverzüglich reiste er wieder ab. Nach Warschau. Die schöne Kollowrat war sehr ungehalten über Brühl und sagte ihm rund heraus, daß ein Jahr des Wartens bald vorüber sei und sie nicht absähe, wie er seine stolzen Versprechungen verwirklichen wolle. Ja, er mußte zu seinem Leidwesen sehen, wie die treulose Schöne wieder Sulkowsky zuzulächeln begann, der durch die Anerkennung der pragmatischen Sanktion sich auch der Königin etwas genähert hatte. Brühl, dem jetzt nur noch Josepha zugetan war, weil sie ihn zu brauchen hoffte, und der nach einer solchen Niederlage fast keine Aussicht sah, seine Pläne zu verwirklichen, war in grenzenloser Verzweiflung. Von den Spionen des Gegners umlagert, hatte er nicht einen Vertrauten um sich, der ihm ohne Gefahr des Entdecktwerdens hätte Dienste leisten können. Er richtete daher seinen Blick wieder auf Siepmann, sein unsichtbares Faktotum, und schrieb ihm nach Warschau: »Nr.788. – P.P., ich ersuche Sie, sofort zurückzukommen. Im Augenblick ist das Terrain an ihrem Platze nicht zu halten. Man muß den Feind aus der Nähe treffen. Einzelne Anknüpfungspunkte dazu habe ich, doch fehlt mir die unsichtbare Hand, die ohne Geräusch fortspinnt. Nehmen Sie das alte Stübchen in der bekannten Straße. Zeichen wie sonst. – 118, 502, 712.« Etwa vierzehn Tage darauf, als Graf Brühl eben zum Diner des Königs fuhr, trat eine alte, dürftig gekleidete Frau eilig an seinen Wagen und reichte ihm zitternd eine Bittschrift an den König. In der Ecke des Kuverts stand »Nr. 788«. »Kommen Sie in ein paar Stunden wieder, liebe Frau! Ich will sehen, was sich tun läßt.« Er warf ihr einen Taler in die Schürze und fuhr weiter. In die Ecke des Wagens gedrückt las er: »Nr. 789. – P.P., angelangt und einlogiert. Heute nacht erwarte ich von zwei Uhr ab meinen Bruder Heinrich aus Plauen zum Besuch. – Ergebenst 313 121, 515 981.« Als Brühl vom Diner des Königs zurückkam, harrte die Frau an der Tür. Der Graf winkte ihr bejahend aus dem Schlage. Kaum war er in sein Kabinett getreten und hatte sich der Hoftoilette entledigt, als er sofort seinen Reisewagen befahl und den Ministerialrat Erdmann rufen ließ. »Lieber Erdmann«, rief er dem Eintretenden zu, von dem er ahnte, daß er im Solde Sulkowskys stand, »ich muß nach Plauen. Vertreten Sie mich, wenn etwas passiert. In drei Tagen bin ich zurück.« Eine Stunde darauf fuhr Brühl in seiner Reiseequipage nach Plauen, stieg dort im ersten Gasthof ab und entließ seinen Wagen mit dem Auftrag, am anderen Tage wiederzukommen. Noch hörte er das verhallende Geräusch der Räder, als er schon den Bürgermeister rufen ließ, der erschrocken und tief gebückt vor ihm erschien. »Lieber Bürgermeister, Sie werden erstaunt sein, mich hier zu sehen. Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.« »Welch hohe Gnade, Exzellenz! Was in meinen geringen Kräften steht, Exzellenz!« stotterte das kleine Männchen entzückt und devot. »Lieber Bürgermeister, es ist von ungeheuerster Wichtigkeit für den Staat, einem Geheimnis, einem furchtbaren Geheimnis, das in dieser Gegend obwaltet, auf die Spur zu kommen. Dazu sollen Sie mir helfen! Hören Sie genau zu: in einer halben Stunde wird eine gewöhnliche Kutsche vor Ihrer Tür stehen. Mit Anbruch der Dunkelheit werde ich in Ihr Haus kommen. Sie werden mich als Kaufmann Siepmann bewillkommnen und mir eine Reiselegitimation geben. Darauf werde ich abfahren. Weder Ihre Familie noch sonst jemand darf wissen, wer ich bin, sonst kostet es Ihren Kopf. Tun Sie aber, was ich befehle, und halten Sie reinen Mund, so sollen Sie ganz besonders belohnt werden. Gehen Sie!« – Der Abend war hereingebrochen, und Siepmann der Zweite traf in Dresden ein, passierte mit seiner Legitimation ungehindert und unerkannt das Tor und erklomm den dritten Stock einer Spelunke der Vorstadt, wo er den lieben Bruder aus Warschau fand. Der Empfang war keineswegs so herzlich, wie er unter Brüdern üblich zu sein pflegt, denn der Warschauer schien vor dem Plauener große Ehrfurcht zu haben. Nachdem der neugierigen Wirtin der Ankömmling vorgestellt war, brachte sie das Abendbrot und verschwand. »Wie steht das Geschäft in Warschau, Siepmann?« »Schlecht, sehr schlecht«, antwortete Siepmann, »kein Begehr nach sächsischer Ware. Wollen vaterländische Qualität, wenn sie auch schlechter ist.« »Das wird man ihnen schon verleiden. – Doch genug davon! Ich habe hier ein Geschäft für dich. Du kennst doch meinen Konkurrenten hier?« und Brühl malte einen Anfangsbuchstaben auf den Tisch. »Ja, geehrter Herr Bruder!« »Dieser Konkurrent umstellt mich mit seinen Leuten und hat mir eben im Geschäft einen bedeutenden Schlag gegeben; auch weißt du, daß er mir bei meiner Werbung hinderlich ist.« »Ja, Bruder Siepmann!« »Ich weiß nur eine Art, ihm in den Weg zu kommen. Mein Gegner ist verliebt und unterhält eine Liebschaft mit einer Tänzerin. So heimlich er's betreibt, so habe ich doch davon eine Ahnung.« Brühl schob Siepmann die Adresse zu. »Mach dich an sie, erforsche, ob sich die Sache so verhält, und frage sie, ob sie zweihundert Dukaten verdienen will, wenn sie ein paar Männern erlaubt, im Nebengemach zu verweilen, wenn der Liebhaber bei ihr ist.« »Gut, Bruder Siepmann!« »Gib mir in der gleichen Weise Nachricht, um dieselbe Zeit, und wechsele die Boten. Lebe wohl, laß bald von dir hören!« »Wird alles schönstens besorgt, Bruder Siepmann. Vergiß nur nicht, was du mir versprochen hast, wenn wir so weit sind!« »Wenn wir so weit sind! Adieu!« Bruder Siepmann aus Plauen reiste mit demselben Lohnkutscher in derselben Nacht nach Plauen zurück. – Brühl war am andern Tage wieder in Dresden. Es war richtig, Sulkowsky besaß eine Liaison beim Ballett. Er war damit so heimlich zu Werke gegangen, und die Dame hatte sich so diskret verhalten, daß das Geheimnis nicht ruchbar geworden wäre, hätte nicht der leise in seine Loge eintretende Brühl gesehen, wie Sulkowsky vom Hintergrund derselben aus seiner Donna einige verdächtige Zeichen gab. Sulkowsky hatte, wenn er je auf Antonie von Kollowrat hoffen wollte, alle Ursache, diese Liebschaft zu verbergen; denn die schöne Gräfin war in diesem Punkte sehr intolerant und konnte in keiner Beziehung des Lebens eine Nebenbuhlerin vertragen. Siepmann tat seine Schritte, und ein Schreiben, das Brühl auf dem gewöhnlichen Wege als Bittschrift überreicht wurde, meldete, daß die schöne Tänzerin auf den Vorschlag eingehe. Da sie aber möglicherweise dadurch Sulkowskys Kundschaft verlieren könne, schlug sie vor, diese zweihundert Dukaten in eine jährlich sich wiederholende Rente auf Lebenszeit umzuwandeln; und da sie ihren Kontrahenten noch nicht kenne, müsse ihr nach dem Rendezvous diese Summe für die ersten zehn Jahre vorausbezahlt werden. – Brühl seufzte über diese unverschämte Forderung, ging aber dennoch darauf ein. Er bevollmächtigte Siepmann, abzuschließen und den Tag für das Stelldichein festzulegen. Und als alles vorbereitet war, erbat er sich bei der schönen Kollowrat eine Unterredung. Antonie empfing ihn mit jener kühlen Freundlichkeit, die sie seit seiner diplomatischen Niederlage gegen ihn angenommen hatte. »Sind wir allein und unbelauscht, schöne Gräfin?« »Gewiß, Herr Graf! Erlauben Sie mir aber darüber zu erstaunen, daß Sie sich jetzt noch in der Lage fühlen, mir ein Tete-a-tete anzubieten! Nehmen Sie Platz!« »Ich erlaube Ihnen den Hohn«, sagte Brühl bitter, »und ersuche Sie um nichts weiter als geduldiges Gehör. Ich muß mich endlich einmal gegen Sie aussprechen, Antonie, und wenn Ihnen das auch unangenehm sein mag, so gestatten Sie mir es dennoch; denn es wird das letztemal sein, daß ich Sie beunruhige.« »Das letztemal, Graf? – Ah! Sie sind mit Ihrer Liebe zu Ende gekommen? Nun, nur heraus damit, aber aufrichtig!« »Meine Liebe zu Ihnen kann nur mit meinem Leben enden, Antonie; aber ich muß Ihnen erklären, daß ich mit den Mitteln, Ihre Gegenliebe zu erringen und meine Zusage zu erfüllen, zu Ende bin.« »Und nachdem Sie meine Ansichten über diesen Punkt kennen, glauben Sie noch, daß dieses Bekenntnis der Schwäche Ihnen vorteilhaft sein könnte?« »Nein, Gräfin! Aber nichtsdestoweniger glaube ich, nachdem ich mich überzeugt habe, daß nach meiner jetzigen Niederlage alle künftigen Anstrengungen fruchtlos sein müssen, Ihnen dieses freimütige Geständnis schuldig zu sein. Ich will Ihre Geduld und Ihren letzten Rest von Vertrauen nicht mehr für einen Unglücklichen beanspruchen, dessen Talent zur Intrige da scheitern muß, wo es nur auf Kosten der Ehre siegen könnte!« »Sie machen mich neugierig! Wollen Sie nicht auf die Sache selbst eingehen?« »Als ich noch Page, ein Nichts von einem Menschen war, liebte ich die schöne Kollowrat mit aller Innigkeit und Glut der Jünglingsliebe. Lachen Sie nur, Antonie, lachen Sie immerhin! So komisch und vielleicht unerhört Ihnen das scheinen mag, es ist dennoch wahr! Und daß diese seltsame Knabenliebe tief und gut war, beweist: daß sie noch heute mit derselben Stärke in mir lebt. Diese Liebe war's, die aus den Pagen den Minister gemacht hat und aus dem Nichts doch ein Etwas, – einen Mann, der sich Ihrer Freundschaft erfreuen durfte, dem Sie sogar süßere Hoffnung gaben. Ich habe gern und freudig die absolute, oft eiserne Herrschaft einer einzigen Frau über mich anerkannt und bin, von dieser Liebe geleitet, das geworden, was ich bin. Ich habe gegen Sulkowsky intrigiert, soweit ich es tun konnte, ohne den reinen Namen zu verletzen, den ich der Dame meines Herzens als bestes Gut zubringen muß. Ich habe verloren, weil ich liebte und diese Liebe selbst mir gewisse Schranken im Handeln setzte, die ich nicht überschreiten durfte, ohne gegen Sie zu fehlen. Sulkowsky kennt diese Schranken nicht, ihm ist der Ehrgeiz alles im Leben; mir ist der Ehrgeiz nur Mittel zur Erfüllung meines Liebesglückes. Kein Wunder, daß er weiter kam als ich!« »Und wie wollen Sie das beweisen, Herr Graf?« »Der Beweis ist einfach! Das, was ich geworden bin, wurde ich durch die Liebe. Daher habe ich mich in allen Dingen durch Sie, Antonie, leiten lassen. Sie beherrschten mich. Sie sind für jetzt der Königin alliiert, ich tat desgleichen und habe gerade dadurch vielleicht die größte Klugheitsmaßregel verabsäumt. Ich habe Ihnen aber dadurch den Beweis gegeben, daß, ich mag steigen wie ich will, Sie stets Herrscherin meiner Gefühle und Handlungen, Sie, wenn ich Alleinminister bin, die Beherrscherin Sachsens sein werden. – Sulkowsky aber wurde das, was er geworden, nicht durch die Liebe, sondern durch den Egoismus und den bequemen Vorteil seiner Nationalität. Obwohl Sie auf der Seite der Königin stehen, ist er auf die des Königs getreten, – um jeden Preis, nur um die Geschäfte allein zu leiten. Er benutzte alles, um zu herrschen, ich alles, um zu lieben. Oder glauben Sie, Antonie, daß Sulkowsky die ganze Summe der Gewalt zusammengerafft hat, um sie Ihnen schließlich in den Schoß zu legen? Sind Sie dessen ganz sicher? – Reden Sie, es ist ja nur mein Todesurteil!« Antonie war sichtlich betroffen. In ihrem Kopf wälzten plötzlich alle möglichen Zweifel, ihr ehrgeiziges Herz zitterte und stand dem Verdacht offen. »Aber gesetzt, Sie hätten mit Ihrer Anschauung nicht ganz unrecht, Graf: woher wissen Sie, daß Sulkowskys Liebe nicht alles um meinen Besitz hingeben würde? Seine Versicherungen sind so glühend wie die Ihrigen, und ... und ...« »Sie zögern Antonie! Seine Versicherungen: ja! Aber seine Handlungen?« »Was meinen Sie damit, Graf?« »Daß ... wer das Höchste im Leben erringt um seiner Liebe willen, diese Liebe als höchstes Gut allein in sich tragen muß, nicht daß er sein Herz teilt! Das ist der Moment, Antonie, wo die Liebe, die schon der Knabe fühlte, die komisch-treue, ehrwürdig wird.« »Graf!« rief die Gräfin in flammendem Zorn, »Sie behaupten, Sulkowsky liebe eine andere neben mir? Sie begreifen doch, daß Sie das beweisen müssen?« »Sulkowsky besucht dreimal in der Woche die Valeria Gliphi, die kleine Tänzerin unserer Oper. Übermorgen hat er mit ihr ein Rendezvous, und die Schöne liebt das Gold so sehr, daß sie sich herabgelassen hat, für ein honettes Geschenk zwei Männer in ihrem Kabinett zu verstecken, ehe der Liebhaber kommt. Der eine der beiden werde ich sein.« Die schöne Frau stand blaß und regungslos. Alle Dämonen wüteten in ihrer Brust, ihre Stirn umwölkte sich, krampfhaft zuckte es um ihren Mund. Brühl trat zu ihr und faßte ihre Hand. Laut weinend sank sie in seine Arme. »Heinrich, ich bin dein! Dein, ohne Rückhalt und Bedingung! Aber den Beweis schaffe mir! Übermorgen im Kabinett der Tänzerin! Du bist der eine Mann, ich der andere!« Sie trocknete ihre Tränen, nicht geweint aus gekränkter Liebe, sondern einem aufs tiefste verwundeten Ehrgeiz, einer geschwundenen stolzen Hoffnung, einem aus Scham und Zorn gemischten Empfinden tödlich beleidigter Frauenehre. »Und wenn Sie sich von der Tatsache überzeugt haben, Antonie, darf ich dann wagen, die Königin um die Genehmigung zu unserer Verbindung zu bitten?« »Ich selbst will es tun, Heinrich, und wenn ich dein bin, so sei versichert, daß du den Polen stürzen sollst!« Auf schwellendem Diwan, Leckereien und Wein vor sich, saßen in seliger Umarmung Sulkowsky und die lachende Valeria. »Und wollen Sie wirklich die langweilige Kollowrat heiraten?« fragte die kleine Tänzerin. »Ach, ich muß ... ich muß ja, Kind! Teils um meinen Gegner Brühl zu stürzen, teils um die Anhängerschaft der Königin nicht aufzuhetzen. Es wird eine diplomatische Ehe werden!« »Du Grausamer! Hast du mir nicht versprochen, du wolltest nie heiraten und mich später in dein Haus nehmen?« »Jawohl, Valeria, das hab’ ich. Aber soll ich denn damit meinen Sturz erkaufen? – Sieh, ich möbliere dich ganz neu und brillant aus, du bewohnst ein Haus in meiner Nähe, und ich werde so oft bei dir sein, daß du bald vergessen sollst, daß ich verheiratet bin!« – und der leidenschaftliche Pole preßte sie verlangend an sich und berauschte sich an ihren Küssen ... In diesem Augenblick verließen zwei Gestalten in Männerkleidung die Wohnung der Tänzerin. Einige Tage später hielten Brühl und Antonie in einer Privataudienz bei der Königin um die Einwilligung zu ihrer Vermählung an. Josepha war höchst betroffen, lächelte dann aber und machte ihr Jawort von einer geheimen Klausel abhängig, die sie dem Grafen in einem Nebenkabinett mitteilte. Brühl kam sehr ernst zu Antonie zurück, die Königin gab ihren Konsens und versprach in liebenswürdigster Bereitschaft ihre Verwendung beim König und ihre fernere dauernde Gnade. Kurze Zeit darauf erfuhr Sulkowsky, daß er Antonie verloren habe. Er wurde krank vor Wut und schwur bitterste Rache; er hatte Antonie ernstlich geliebt und in der kleinen Valerie nur eine flüchtige Liebelei gesehen. Brühl und Sulkowsky waren weiterhin Feinde, aber keine »intimen Feinde« mehr. VII. Brühl hatte Antonies Besitz errungen und im ersten Rausch der Flitterwochen vergessen, durch welche Mittel er dazu gelangt, wieviel ihm von seinem inneren Menschen verlorengegangen war. Sein Blick war vorwärts gerichtet, und wenn er hinter sich blickte, die Sprossen der Leiter hinab, tief hinunter in das Dunkel, dem er entklommen, fuhr ihm ein heimliches Frösteln über den Leib; denn er war trotz aller Religionslosigkeit und Zweifelsucht höchst abergläubig. Wir sind Christen; wir vertrauen unsere Schicksale getrost unserer eigenen Tüchtigkeit und der Liebe über den Sternen an. Aber neben diesem Vertrauen haben wir doch meist alle noch ein Ding, vor dem wir einen ganz anständigen Respekt, vor dem wir immer Furcht haben, es könne sich gegen uns wenden. Es ist das, was wir unser »gutes Glück« nennen, und der Glaube daran, den wir schlechthin »Aberglauben« nennen dürfen und der so überaus lächerlich werden kann, ist oft das Erbteil gerade der bedeutendsten Männer. Gibt es eine mystischere Formel als den allgemein gültigen Satz: »Es gibt einen Augenblick in jedes Menschen Leben, in dem ihm das Glück die Hand reicht. Ist er ungenützt vorbei, nie kommt er wieder!«? Ein solcher Moment war's, da Brühl sich erinnerte, wie er als Page mit Bach Freundschaft geschlossen hatte. »Hautevolée ... Brühl und Bach ... Namen passen zusammen!« ... Wer steht, sehe zu, daß er nicht falle! Wer steht, sehe zu, daß er das Glück nicht herausfordere! – Ja, er hätte wohl eher an die Bachs denken müssen ... »Die Namen gehören zusammen!« ... Bach, Bach! Man sollte doch schauen, durch Einlösung seines Versprechens des Geschickes parteiische Gunst an sich zu fesseln! ... Seit drei Jahren schon war die Organistenstelle an der Sophienkirche zu Dresden erledigt ... Und das war's: Er würde alles für Bach tun, er würde sich mit Bitten an Josepha, an den König, an Quarini, an Hennicke wenden; er würde nichts verabsäumen, um sein Wort einzulösen und einer Ehrenpflicht gerecht zu werden. Er wurde ihr gerecht ... Die Bachsche Familie hatte davon keine Ahnung. In der Woche wurde sie Tag um Tag von demselben Ebenmaß der Geschäfte in Anspruch genommen. Früh vereinigte der nun schon ältlich gewordene Sebastian die Seinen in der großen Wohnstube ums Klavier, und jung und alt sang dem Schöpfer ein fröhliches Morgenlied. Auch die alte Hanne, die Köchin, brummte leise mit; laut wagte sie's nicht, weil Sebastian meinte, sie sei das einzige Geschöpf im Hause, dem der liebe Gott jede Spur von Harmonie versagt hätte. War das Morgenlied zu Ende, so wünschten sich alle einen »Guten Tag«, und unter wechselndem Gespräch wurde der Kaffee eingenommen. Entweder ging Sebastian dann nach der Thomasschule und erteilte Unterricht, oder er gab, wenn seine Stunden auf den Nachmittag fielen, im Hause seinen eigentlichen Kunstjüngern in der Fuge und dem Generalbaß Lektion. Unter ihnen waren seine beiden Söhne Friedemann und Emanuel, Doles, Vogler als sein ältester, Homilius, Franschel, Krebs, Altnikol, Agricola, Kirnberger und Kittel die besten Schüler. Die jüngeren Kinder gingen zur Schule, die beiden älteren Schwestern, besonders die sanfte Friederike, halfen der Mutter in der Küche, bis das Mittagessen alle wieder vereinte. Nach Tisch ging Sebastian mit Friedemann gewöhnlich eine Stunde vors Tor; später schloß er sich ein und komponierte. Friedemann ging in seine Kammer und studierte für sich oder brachte mit Doles, Altnikol und Krebs ein Quartett zustande, wobei er die Violine spielte. Abends fand sich die Familie wieder zusammen, musizierte, plauderte, ging im Sommer spazieren; abends durfte nämlich nicht mehr gearbeitet werden. Friedemann, der in der Nacht am besten seiner Phantasie Audienz zu geben vermochte und mit der alten Hanne, die ihn närrisch liebte, einen geheimen Pakt wegen Lieferung von Lichten geschlossen hatte, setzte sich dann oft noch in seine Stube und schrieb bis spät in die Nacht hinein. Selten hörte er auf, ehe nicht die alte Hanne noch einmal aufstand, auf den Socken hereinkam, das Licht ausblies und mit sich nahm. So verstrich ein Werktag nach dem anderen. Sonntags aber feierte Sebastian, und in ihm die Kunst, den höchsten Triumph. Da erschien er, festlich geschmückt, mit all den Seinen in der Kirche. Magdalena und die Töchter setzten sich unten ins Schiff, der Kanzel gegenüber, Sebastian und Friedemann gingen auf den Chor, wo die Kunstjünger die Orgel bereits umstanden. Die Schüler der Thomasschule mit ihren Heften und die Stadtmusici warteten seiner. Alles war lautlos, wenn er kam. Sebastian trat vor die Orgel, faltete die Hände und betete still ein Vaterunser; dann schloß er das Instrument auf, der Balgtreter sprang auf seinen Tritt, und die Introduktion des Kirchenliedes rauschte wie ein süßer Schauer voll und warm herab auf die Gemeinde. Friedemann und Altnikol stimmten das Lied an, und der Gottesdienst hatte begonnen. – Wenn der Pastor geendet hatte, das Schlußlied gesungen war, und die Gemeinde unter dem Geläute der Glocken und dem Nachspiel, das gewöhnlich Friedemann bestritt, die Kirche verließ, begann das Fest erst recht; denn nun gab Sebastian seinen Schülern einen sogenannten »Orgelschmaus«, ein Konzert, in dem alle Geister seines Innern in den Tonwellen wogten. Nach ihm kamen Friedemann und dann die anderen an die Reihe. Jeder mußte eine Orgelkomposition, eine Variation über ein gegebenes Thema oder eine Art Extempore vortragen, über das die anderen richteten. Danach ging's ans Mittagsmahl, und der übrige Teil des Tages war dem geselligen Vergnügen gewidmet. An einem solchen Sonntag, gerade als Sebastian den Feiertagsrock anlegen wollte, kam ein kurfürstlicher Bote aus Dresden und brachte einen großen Brief vom Herrn Minister von Brühl: »Lieber Meister Sebastian! – Ihr werdet mich gewiß für einen lauen Freund gehalten und gemeint haben, daß ich Eurer in meinem Herzen vergessen. Dem ist aber nicht so, denn ich entsinne mich gar wohl noch alles dessen, was ich Euch damals, als Marchand das Hasenpanier ergriffen, sagte. Darüber ist eine geraume Zeit vergangen; aber es hat sich bis jetzt noch keine Gelegenheit geboten, Euch was Rechtes anzutragen. Jetzt ist sie aber da, und weil Ihr bei unserm Allerdurchlauchtigsten König und Herrn gut angeschrieben steht, hat er sich gemüßigt gesehen, Euch in dem beiliegenden Handbillett höchstselbst die Organistenstelle an unsrer Hofkirche zu St. Sophien allhier anzutragen. Hoffentlich nehmt Ihr sie an, damit mein Gewissen des Vorwurfs ledig werde, daß ich Euch Wind vorgemacht und mein Wort nicht gehalten hätte. Euer guter Freund   Heinrich von Brühl.« »Hol's der Teixel!« rief Sebastian überrascht, »das hätte ich nicht gedacht vom Brühl. Laßt sehen, was der König schreibt.« Und lautlos hörte die Familie zu, als Sebastian mit bewegter Stimme den Brief vorlas, in dem der König ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit die Oberorganistenstelle antrug. »Solltet Ihr aber«, so schloß das Schreiben, »plausible Gründe haben, meinen Antrag auszuschlagen und in Leipzig zu verbleiben, so ersuche ich, obwohl ich die Stelle mit Euch selbst am liebsten besetzt hätte, mir an Eurer Statt einen geschickten Musikus zu empfehlen, der meiner Kirche in Dresden sowie Eurer Rekommandation zur Ehre gereicht.« Eine minutenlange Pause folgte. Die Blicke der Seinen hingen an Sebastians Mund. »Nein, Kinder, nein! Ich tu's nicht! Von meinem lieben Leipzig geh' ich nicht wieder weg. Hier ist mir wohl und warm, ich hab' die besten Freunde, den schönsten Wirkungskreis hier, – was will ich mehr? Ich bin nicht mehr jung genug, um mich in die neuen Verhältnisse zu schicken. Die Thomasschule würde mir auch fehlen, und ich müßte mich aus allem herausreißen. Nein, nein! Sebastian Bach ist hier ein freier Mann, der tun und lassen kann, was er will, und nicht zu katzbuckeln braucht. Ich bleibe hier, nicht wahr, Magdalena?« Und er küßte sein Weib herzlich. »Mir ist's gewiß recht, Bastian! Unsere Familie und der Haushalt kosten in Dresden mehr als hier, und wenn du dein ganzes Einkommen berechnest, stehst du dich am Ende ebenso gut wie dort.« – »Ei, besser, Frau, besser! Es wäre bloß der leidigen Ehre wegen, – na, wer will wohl einem Künstler größere Ehre antun als er sich selber. Ich bleibe, basta!« Friedemann schüttelte den Kopf, und Sebastian setzte sich nieder, um dem König sogleich zu antworten. »Dir ist's nicht recht, Friedemann?« fragte er, sich an diesen wendend. »Nun, laß nur gut sein, du sollst drum nicht zu kurz kommen. Geh voraus in die Kirche und fange statt meiner einmal das Lied an! Unser Herrgott wird's wohl ausnahmsweise erlauben; will ihm ja auch zeigen, daß ich demütig sein kann, und in Leipzig bleiben.« Friedemann ging, Sebastian aber schrieb dem König einen ganz ergebenen Absagebrief, in dem er alle Gründe, die ihn zur Nichtannahme bewegen, vortrug. »Wenn nun Euer Majestät gnädigst meinen Rat befehlen, mit wem an meiner Statt die besagte Stelle am würdigsten zu besetzen sei, so sage ich ganz offen, daß ich unter allen mir bis dato bekannten Musikern meinen Sohn Friedemann, dessen sich Euer Majestät allergnädigst entsinnen werden, als den Geschicktesten dazu halten muß. Euer Majestät werden denken, daß mich hierzu meine väterliche Liebe und Eitelkeit verleiten, aber wenn ich mich anders auf Musik verstehe, kann ich meinem Sohn Friedemann das Zeugnis geben, daß er mein bester Schüler ist und er einstmals gar leichtlich seinen eigenen Vater übertreffen mag, so ihm Gott Leben und Kraft schenket. – Damit nun aber Euer Majestät nicht durch mich, wenn auch in der redlichsten Meinung, hintergangen werden, so mache ich in aller Devotion den Vorschlag, zwischen Friedemann und allen meinen übrigen Schülern, sowie zwischen allen denen, die sich in Dresden für die Stelle als Kandidaten qualifizieren, einen Wettstreit auf der Orgel anzustellen und den Würdigsten mit dieser Stelle zu belohnen.« Sebastians Antwort war dem König unangenehm. Brühl zuckte die Achseln; sein Gewissen war beruhigt, er war nun quitt mit Bach, und wenn es diesen später gereuen sollte, die Stelle ausgeschlagen zu haben, so war es des Meisters eigene Schuld. – Der König aber, dem Bach nun einmal aus dem Nebel der Erinnerung heraufbeschworen war und der sich des damaligen Kunstgenusses entsann, ging trotz seines Ärgers auf Sebastians Vorschlag ein. Brühl erhielt Befehl, Bach und seine Schüler zu besagtem Orgelwettstreit einzuladen. Am nächsten Sonntag, als der Gottesdienst beendet war, eröffnete Sebastian seinen Schülern die erhaltene Einladung. Alle waren Feuer und Flamme; denn jeder hoffte, er könne den Preis, den der König selber verteilen wollte, möglicherweise davontragen. Friedemanns Augen glühten vor Ehrgeiz und Dankbarkeit, und als er mit dem Vater allein nach Hause ging, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn durch sein Schmollen betrübt habe; er habe wirklich nicht an sich gedacht, sondern nur gemeint, es sei unrecht vom Vater. den besten Moment, um zu Ehre zu gelangen, unbenutzt zu lassen. »Die Ehre kommt etwas zu spät, mein Sohn. Ich bin in einem Alter, wo einem äußerer Glanz und Ruhm nicht mehr viel anhaben können, und wo alles Sinnen und Trachten darauf hinausgeht, sich in seinem Sohne fortgesetzt zu sehen und auf ihn alle Ehre zu häufen; noch jung an Jahren, frei und unabhängig, mag er sie für sich und die Welt ausnützen. Du wirst, hoffe ich, den Preis erlangen, Friedemann, und die Stelle kriegen. Ich hätte dich ganz allein vorschlagen können, aber ich will, daß du dir die Stellung allein schuldig sein sollst; auch hätte der König glauben können, daß es mir bloß um Versorgung meiner Familie zu tun sei, und nicht um einen guten Organisten für ihn.« Den Mittwoch darauf fuhren Meister und Schüler nach Dresden, und Brühl, den Sebastian sogleich aufsuchte, konnte beim Diner August III. melden, daß die Eingeladenen angelangt seien. Schon der nächste Tag wurde für das Konzert bestimmt. Der Hof sollte sich in der Sophienkirche auf dem der Orgel zunächst gelegenen Seitenchor einfinden. Der König und die Königin, die Gräfinnen Ogilva und Morsinska, Minister Sulkowsky, Hennicke und Brühl nebst Gemahlin, die Generale Klenzel, Rutowsky und eine Schar von Damen und Kavalieren fanden sich ein; es kam die Elite der Dresdener Musiker, an ihrer Spitze Hasse mit Faustina, und es fehlte überdies nicht an einem höchst gewählten Publikum. Der König und die Königin stellten die Themata, um die heiß und mit allem Aufwand von Kunst gestritten wurde. Unter allen denen, die bis jetzt gespielt hatten, waren Altnikol und Krebs die entschieden Befähigsten; als aber nun Friedemann auftrat und mit seiner Glut, Innigkeit und Melodienfülle eine wahre Begeisterung hervorrief, stand der König auf und sagte: »Ja, Bach hat recht, der Friedemann ist der echte Sohn seines Vaters, der muß die Stelle haben!« Das Konzert war beendet. Brühl führte Sebastian und Friedemann zum König, der dem Sieger im edlen Wettstreit, unter Anerkennung und Dank für den gebotenen Genuß, die Stelle verlieh und befahl, ihn in Besitz der Amtswohnung zu setzen. Johann Sebastian Bach mit seinen mächtigen und doch edlen Zügen, mit der stillen Majestät eines bedeutenden Kopfes, war ein Mann von jener erhabenen Schönheit, die sich um so seltener findet, als sie ebenso rein geistiger als vollendet körperlicher Natur war. Friedemann hatte denselben Kopf, aber von allen Grazien der Jugend umspielt, von schwarzen Haarlocken umwallt; in seinen schwarzen Augen schwelte eine dunkle, unersättliche Glut, die zündend und verzehrend, schmachtend und drohend, geistig und sinnlich zugleich in Bann zog. Was ihn aber noch vor dem Vater auszeichnen mochte, war die vollendete Noblesse seines biegsamen Wesens, die Keckheit der Bewegung, die weder aufdringlich noch nachlässig, die ganz ursprünglich war. Ein gewisses sorglos-feuriges Hervortreten nahm für ihn ein und bestach. Der neue Organist sollte nach einem Urlaub von sechs Wochen seine neue Stellung antreten, und er brannte darauf, mit den für seine Übersiedelung nach Dresden notwendigen Vorbereitungen gleich an Ort und Stelle zu beginnen. Nach einem festlichen Mahl, zu dem Hasse und Faustina den glücklichen Sieger und seine besiegten, aber keineswegs neidischen Freunde geladen hatten und bei dem auch das Patronat der Sophienkirche vertreten war, führte Sebastian seinen Erstgeborenen im Triumph in die neue Amtswohnung. Unermüdlich lief dort der alte Sebastian durch alle Räume, überschlug und berechnete die Summe, die er zur Einrichtung seines Lieblings brauchte, des treuen Genossen seines bisherigen Denkens und Fühlens, den er entbehren lernen mußte. »Ich werd' dir die Hanne als Wirtschafterin hergeben. Sie hat dich lieb, Friede, und wird dir das Deinige ehrlich zurate halten, bis du dir einmal eine brave Frau nimmst.« Friedemann sagte im Rausche seines Stolzes, seiner Freude zu allem ja. Ihm ging die Zukunft in lichtem Glanze auf, – eine lange Bahn der Ehre, der schöpferischen Freiheit und Größe ... Gerade waren sie zu den Freunden, die neugierig alles beschauten, in die Wohnstube zurückgekehrt, als der Läufer des Grafen Brühl ein Billett brachte, in dem Sebastian Bach mit seinem Sohne zur Soiree geladen wurde. Die Ministerin Brühl hatte die beiden Bachs, namentlich Friedemann, in ihr besonderes Wohlwollen genommen: »Dem jungen Bach fehlt, auf Ehre, nur ein Titel, um vollendeter Edelmann zu sein, so weltmännisch und fein, so geistreich ist sein ganzes Auftreten. Ich glaube, daß er es wert ist, ihn in unser Haus zu ziehen, unsere Soiree kann nur gewinnen.« – Brühl war ein zu gefälliger Gatte, um einen derartigen Wunsch zu versagen; auch schmeichelte es seiner Eitelkeit, den Mäzen zu spielen. Daher wurden die Bachs mit der größten Freundlichkeit aufgenommen, und da die Gräfin Friedemann viel Aufmerksamkeit erwies, folgte ihr die Gesellschaft um so williger, als sie den neuen Organisten in der Tat höchst liebenswürdig fand. Sein Spiel auf dem Klavier entzückte dermaßen, daß man voraussehen konnte, der junge Bach werde in den hohen Zirkeln Dresdens bald eine sehr gesuchte Person sein. Kein Herz konnte froher erzittern als das des Vaters, der alle die stolzen Wünsche, die für sich zu hegen er in seinem Leben nie gewagt hatte, auf seinen Herzenssohn übertrug: möchte dieser seinen Namen vergrößern, den Geist seiner Werke verewigen und seine alten Tage mit geistigen und leiblichen Enkeln verschönern helfen! Von der Augustusstraße, an der Brühls Palais lag, wanderten Vater und Sohn spät abends hinunter zu ihrer Wohnung in Hasses Haus. Jeder träumte, jeder hoffte, jeder war reich im Gedanken an die Zukunft ... Plötzlich umarmte Sebastian seinen Sohn, küßte ihn und legte seine Hand auf die glühende Stirne Friedemanns: »Gott, Herr der Welten, schütze mir diesen meinen Liebling! Laß ihm zuteil werden, was mir nicht beschieden war! Du weißt's, wie sehr ich ihn lieb hab'!« Friedemanns Augen quollen über, und ein leises Bangen in seinem Herzen mahnte ihn daran, daß er bald allein, ohne den Vater, seinen Weg durch die Welt gehen müsse. »Friedemann, das mußt du mir heilig und fest versprechen, daß du dich nie irre machen läßt von der Lobhudelei der Vornehmen und in den vermaledeiten Opernsingsang und die Pinseleien verfällst. Halt immerdar in deinem Herzen fest, daß du ein Diener Gottes sein sollst, weil du's sein kannst, daß die Orgel deine Stärke, die Fuge deine Hauptkraft und die Anbetung Gottes in Harmonien deine schönste und einzige Arbeit sein muß. Laß dich vom Flitter nie verführen, Friedemann, daß du nicht unglücklich wirst!« »Nie, Vater, nie! Ich bin dein Sohn und werde dir keine Schande machen!« Sie reichten sich die Hände und gingen still weiter. Wie ein wehmütiges Seufzen zog's durch die ruhevolle Sternennacht ... VIII. Solange Graf Sulkowsky noch hoffen durfte, Antonie von Kollowrat für sich zu erringen, war er zu mancherlei Rücksichtnahme in politischen Dingen genötigt; jetzt kannte er nach dieser Seite hin keine Grenze, keine Schonung mehr, und sein Haß fiel nicht allein auf Brühl und Antonie, sondern auch – und vornehmlich – auf die Königin. Sein Bestreben ging ganz offenkundig darauf hinaus, Josepha und ihrem Anhang auch den geringsten Einfluß abzuschneiden. Blind in seinen Haßgefühlen, bar der feineren, ewig lächelnden Kunst der Intrige, warf er in einem ungeschickten Augenblick mit plumpen Händen der Königin den Fehdehandschuh hin, indem er August veranlaßte, die katholische Geistlichkeit zu beschränken. Die Königin war darüber außer sich, Pater Quarini und die Jesuiten spien Feuer und Flammen, Brühl aber lachte; er sann bereits über einen Gegenschlag. Wie, wenn man nun also den sehnlichen Wunsch Wiens nach dem Besitz gewisser geheimer Dokumente erfüllte? August der Starke hatte anläßlich der Vermählung des Kurprinzen mit Josepha einen geheimen Verteilungsplan für die Hinterlassenschaft Kaiser Karls VI. gemacht; zwar war der Plan durch die Anerkennung der pragmatischen Sanktion hinfällig geworden, aber Karl wußte nur zu gut, daß die heiligsten Papierversicherungen in der Geschichte der Kabinette oft genug gar nicht, die geheimen Bündnisse aber gewöhnlich besser gehalten werden als die öffentlichen. Dieses Teilungsvorhaben nun abschriftlich zu erhalten, war des Kaisers steter Gedanke, und da das Kabinett zu Wien von Brühls Plänen und ehrgeizigem Machtstreben Wind bekommen hatte, übernahm es eine vertraute, sehr hohe Person, ihn zur Aushändigung dieses Dokumentes zu veranlassen. Und nun war Fürst Lichtenstein am Hofe zu Dresden erschienen, um mit Brühl zu verhandeln ... Brühl fühlte wohl, daß es eine Infamie sei, das Geheimnis seines Königs zu verraten; er wußte, daß er sich durch solchen Schritt eine lebenslängliche Fessel schmiedete, daß er dem Wiener Hofe eine furchtbare Waffe gegen sich selber in die Hand spielte. Aber er traute sich auch Klugheit genug zu, um jedem Schlag zu begegnen, wenn er erst allein die Macht in Händen hätte. Und die Königin, und schließlich auch seine Gemahlin ... Er nickte nachdenklich vor sich hin. Dann ließ er Wien seine Einwilligung wissen. Unter einer Bedingung: – daß Sulkowsky falle! Fürst Lichtenstein versicherte weitgehendste verbindliche Hilfeleistung seines Kabinetts zum Sturze Sulkowskys. Nun wurde sofort eine geheime Chiffreschrift ausgearbeitet und ein Beamter des Staatsarchivs, der nachmalige Kriegsrat Karbe, der einen luxuriösen Hausstand, viele Schulden und ein weites Gewissen hatte, bewogen, die Urkunde aus dem Archiv zu entwenden und an einem bestimmten Abend in die Mansarde Siepmanns zu bringen. Eine Summe Geldes und die schriftliche Zusicherung einer Standeserhöhung waren der Lohn. Siepmann übersetzte während der verabredeten Nacht das Schriftstück, das Karbe beim ersten Morgengrauen wieder abholte und unbemerkt an seinen früheren Platz legte, in Chiffresprache und brachte es in Form einer Denkschrift persönlich zu Brühl. Dieser fuhr damit sogleich zum Fürsten, las ihm die Abschrift des Dokumentes vor, verbrannte sie und legte die Chiffreübersetzung in seine Hände. Wenige Stunden später überschritt Lichtenstein damit die Grenze. Nach diesem Verrat glich Brühl einem Menschen, dem keine Wahl mehr blieb, als auf dem Wege, den er selbst erkoren, weiterzuschreiten. Er tat es mit vollem Bewußtsein. – Antonie fühlte sich wohl. Sie erkannte, daß die Liebe ihren Gatten zu dem allen getrieben hatte, und betrachtete ihn als eine Staffel für ihren Ehrgeiz. Er hatte schon zu viel gewagt, um nicht noch mehr zu wagen, und wenn Sulkowskys eiserne Konsequenz ihm abging, so konnte sie mit ihrem flammenden Geiste nachhelfen; denn daß er sonst in jeder Beziehung ungleich geschickter war als sein Gegner, davon hatte sie die mannigfachsten Beweise. Obgleich nun aber Wien, die Königin, die Geistlichkeit den Sockel geschäftig unterminierten, auf dem Sulkowsky stand, war ihm nicht leicht beizukommen; zumal nicht jetzt, wo er die Seele des Polenkrieges war. August III. hielt Sulkowsky fester denn je, hatte ihn sogar zum Fürsten gemacht und ließ sich manches von ihm gefallen; immer noch liebte er die Ruhe über alles und trennte sich von seinen Gewohnheiten nur mit äußerstem Widerstreben. Er hatte nur einen Dämon in der Brust, der, einmal geweckt, ihn wild emporstachelte: den Dämon verletzter Herrschereitelkeit. Welcher Unsinnige hätte den aber wecken wollen? Solchermaßen hatte inzwischen das neue Kriegsdrama eingesetzt: Stanislaus Leszczynski , heimlich nach Warschau gekommen, war am 21. September 1733 von der nationalen Partei Polens zum König ausgerufen worden. Aber seine Regentschaft blieb nur ein kurzer Traum. Vor einem russischen Interventionsheer nach Danzig flüchtend, traf fast zugleich mit ihm die Nachricht dort ein, daß bereits am 5. Oktober August III., sein von Österreich und Rußland begünstigter Nebenbuhler, zum König gewählt worden war. Am 17. Januar des folgenden Jahres wurde er zu Krakau feierlich gekrönt. Allerdings war der Thronfolgekrieg damit noch nicht zu Ende. Frankreich, Spanien und Sardinien traten mit den Waffen für Stanislaus ein, und der Hauptschauplatz des Krieges verlagerte sich nach Italien. Hier wurde den Österreichern von den Franzosen Mailand, von den Spaniern Neapel und Sizilien weggenommen, und nur Mantua verblieb ihnen. Auch der alt gewordene Prinz Eugen kämpfte am Oberrhein mit wenig Glück, und bescheidene Erfolge des Herzogs Franz Stephan von Lothringen konnten nicht hindern, daß sein Land von den Franzosen besetzt wurde. Schließlich und endlich mußte sich Karl glücklich schätzen, das siegreiche Frankreich zur Verständigung geneigt zu finden. August III. wurde als König von Polen anerkannt, Stanislaus erhielt Lothringen und Bar, auch die übrigen Beteiligten nahmen und gaben, wechselten Besitzungen aus, schoben Landeskinder hin und her. Das war der Frieden. Die polnische Nation fand sich mit den unabänderlichen Tatsachen ab und sah nunmehr mit Gespanntheit und Erregung den festlichen Tagen entgegen, die anläßlich des Pazifikationsreichstages der Dresdener Hof nach Warschau zu bringen versprach. Ein feierlicher Gottesdienst in der Schloßkirche, wo August als legitimer König nochmals proklamiert, eine darauffolgende Reichstagssitzung, in der der Treueid noch einmal geleistet werden würde, und ein Ball, dem Adel des Landes gegeben, waren als Höhepunkte der Feierlichkeiten vorgesehen. Endlich war es so weit! Warschau hatte sich geschmückt wie eine Braut. Volksmassen in Nationaltrachten drängten sich fröhlich auf den Straßen und um die Paläste, aus denen der konstitutionsstolze Adel brillantenfunkelnd nach dem Schlosse zog, um im Reichssaale sich zu sammeln. Brühl war eben mit seiner Toilette beschäftigt, als Siepmann sich dringend melden ließ. »Mein Gott, was haben Sie denn?« rief er dem hastig Eintretenden entgegen. »Ich komme mit der Nachricht, Exzellenz, daß heute in der Schloßkirche auf Seine Majestät geschossen werden wird.« »Siepmann!«, schrie Brühl und taumelte entsetzt zurück, »Siepmann, das ist nicht möglich!« »Verlassen sich Euer Exzellenz fest darauf! Ich kenne die Verschwörer, bin genau unterrichtet, und alle Beweise liegen in meiner Hand. – Geben Sie mir Vollmacht an den Kommandeur der Garde, daß mir zwei Kompanien zur Verfügung stehen, eine für die Sakristei, die andere zur Besetzung des Hauptportals. Zwei Zeilen von Euer Exzellenz an den Polizeimeister genügen, um mir außerdem die Polizeisergeanten in Zivil zur Hilfe zu geben. – Wir werden ein prächtiges Geschäft bei dieser Verschwörung machen, Exzellenz!« »Ein prächtiges Geschäft?« »Natürlich! Niemand außer uns weiß etwas von dem geplanten Attentat. Wird es sich nicht nützlich anlassen, daß wir wachsamer waren als Premier Sulkowsky?« »Ihr seid ein Edelstein, Siepmann!« – und mit fieberhafter Hast schrieb Brühl die Vollmachten. »Einen Edelstein, Exzellenz, faßt man in Gold. Ich hoffe, daß man mich befördern und mir die teilweise Leitung des Prozesses anvertrauen wird. Und dann den versprochenen Adelstitel!« »Alles, Siepmann, alles! Eilen Sie!« »Bereiten Sie Seine Majestät vor, Exzellenz!« Die Schloßkirche war gedrängt voll. In einer Nebenstraße standen zwei Kompanien sächsischer Garden, russisches Militär bildete am Portal Spalier. Durch die Seitentür drängte sich das Publikum. Kopf an Kopf harrte drinnen die lautlose Menge, und nur der mittlere Hauptgang war durch die polnische Krongarde freigemacht. Um eine Säule war eine Gruppe von etwa zwanzig polnischen Edelleuten geschart, mitten unter ihnen Siepmann. Keiner sprach ein Wort. Sie gaben sich den Anschein, mit einer aufmerksamen, aber stillen Freude des Beginns der Zeremonien zu harren, wenngleich die allzu angespannten und bleichen Gesichter schlecht mit dem allgemeinen Festjubel übereinstimmen wollten. Besonders einer, der junge Ledekusky, zuckte bald in einer nervösen Überreiztheit zusammen, bald verlor er sich mit seinen Blicken in irgendwelchen Fernen. Dachte er in diesen Sekunden des Entrücktseins an seinen Vater, der für Polens Sache in Ketten umgekommen und verdorben war, träumte er von einer neuen Freiheit seines Vaterlandes unter dem glückrauschenden Banner einer sieghaften Demokratie, – krümmte er im Geiste langsam, ganz langsam, ohne Zittern und Zagen, den schießgewohnten Zeigefinger? ... Die Glocken sangen ihr Festlied, die Kanonen dröhnten hinein, jubelnd brauste die Orgel auf: der König kam ... Das Volk reckte die Köpfe und wogte hin und her. Ledekusky schob sich durch die Schar seiner Genossen in die vorderste Reihe. Leise fuhr seine Hand nach der Brust und schob sich unter den alten, mit Schnüren besetzten Pelzrock. In dem gleichen Augenblick entstand von der Säule her ein Gedränge, das ihn aus seiner Stellung brachte, und als er sich nach der Ursache umwenden wollte, hatten ihn schon Siepmann und zwei Sergeanten fest umklammert, während der dritte ihm Brust und Arme mit vielfachen Stricken umwand. Umsonst suchte der Überraschte loszukommen, umsonst die Hand, die die Pistole hielt, freizumachen. Verzweifelt sah er sich um. Er sah in Gesichter, die die gleiche Verzweiflung ausdrückten: alle seine Genossen befanden sich unter den Händen der Soldaten. Unter Kolbenstößen nach dem Seitenschiff gedrängt, wurden sie aus der Kirche geführt; der letzte, von Siepmann selbst bewacht, war Ledekusky. Da lohte noch einmal ein helles Glührot des Jugendmutes über das zuckende Antlitz des Todgeweihten. Noch hielt er die Pistole in seinen gefesselten Händen. Er zerrte und schob, er ruckte und dehnte so lange, bis die Mündung der Waffe nach seiner Brust zeigte. »Leb wohl, mein Polen!« hauchte er, und mitten ins Herz traf sein Schuß. Der König, der mittlerweile zu dem ihm vorbehaltenen Sitz in der Kirche geleitet worden war, erbleichte und sah Brühl fragend an. Der neigte den Kopf und deutete nach dem Pfeiler. Dort stand Siepmann, verbeugte sich lächelnd und machte eine bezeichnende Geste nach der Tür, durch die die Gefangenen abgeführt worden waren. Ins Gesicht des Königs kehrte die Farbe wieder. Abends erschien Siepmann auf dem Kronballe und wurde von Brühl mit »Geheimer Hof- und Ministerialrat« angeredet. Das Benehmen des Königs machte es im übrigen offenbar, daß Brühl durch das verhinderte Attentat in seiner Gunst gestiegen war; nichtsdestoweniger schien es nach wie vor Augusts fester Entschluß zu sein, Sulkowsky unverändert in seinen Rechten zu belassen, beide Gegner zu halten, um ihre Anmaßung zu neutralisieren. Herzlich froh war er, das Ereignis zum Anlaß nehmen zu können, aus dem nie sehr geliebten Warschau bald wieder wegzukommen; er kürzte trotz aller Ergebenheitsversicherungen des Adels die Festlichkeiten möglichst ab, war aber erst ganz beruhigt und heiter, als er die Türme seines lieben Dresdens wieder am Horizont emporsteigen sah. Indessen nahm die Untersuchung des Komplotts ihren Anfang. Siepmann wurde Direktor einer geheimen Kommission zur Eröffnung der Briefe und bewährte wiederum sein Talent in Erfindung einer sicheren Methode, sich ohne Hinterlassung irgendwelcher Spuren in den Besitz des Inhalts aller Korrespondenzen zu setzen. Trotzdem beschränkte sich die wirklich erwiesene Teilnahme am Komplott auf etwa zwanzig junge Leute, die ihr patriotisches Unsterblichkeitsfieber mit lebenslänglicher Festung und Kettenstrafe, drei davon mit dem Tode, büßen mußten. August aber vergaß schon beim nächsten Karneval unter Oper und Schäferspielen die Sorge und Angst, die ihm die neue Königswürde bereitet hatte. Siepmann zeigte seinem Chef an, daß binnen dreier Wochen alles in Warschau beendet sei und er zurückkommen könne. Und somit bewegte sich nun das Leben wieder im gewöhnlichen Geleise. Sulkowsky und Brühl, die beiden Gegner und Rivalen, gingen eine stille Waffenruhe ein; aber sie umlauerten sich weiterhin, und jeder wartete nur auf die günstigste Gelegenheit, um dem anderen beizukommen. Geduld war indessen eine Tugend, mit der Antonie Gräfin von Brühl in nicht allzu reichem Maße ausgestattet war, und die Folter des ewigen Abwartens konnte sie nicht lange ertragen; Ehrgeiz und die Rache an Sulkowsky quälten sie bis zur Raserei. Sie konnte die Wunde nicht verschmerzen, die der Pole ihrer Eigenliebe, ihrem Stolze geschlagen, und kein Mittel schien ihr zu schlimm, kein Wagnis zu kühn, um über den Gegner zu triumphieren. Die Macht beider Parteien war jedoch gleich groß; auf dem gewöhnlichen Wege schien nichts mehr zu verfangen. Es mußte zu etwas Außerordentlichem geschritten werden, zu einem »Coup«, bei dem entweder alles zu gewinnen oder alles zu verlieren war. Bei einem solchen Wagestück den Gemahl zu treiben, war nun, wo das langweilige Einerlei des Hoflebens doppelt bleiern auf ihr lag, ihr einziger Gedanke. – Sie hatte ihren Angriffsplan durchdacht und ging zielbewußt zu Werke. Nicht damit begann sie, Brühl durch Kälte abzustoßen oder stutzig zu machen, das wäre ein viel zu direktes Mittel gewesen, – sie verfuhr heimlicher und sicherer. Antonie von Brühl war nicht über mittlere Frauengröße, aber üppig; sie hatte schwellende Formen, einen zarten, weißen Teint, dunkles Haar, schwarze, feurige Augen und ein Profil, das zwar nicht majestätisch, aber voll reizender Linien und Flächen war, die einen ebenso sinnlichen wie geistigen Eindruck hervorriefen. Sie konnte überaus temperamentvoll sein und wiederum höchst elegisch, sie besaß die Kunst, mit einem Blick Unnennbares zu sagen und mit zwei Worten eine artige Anzüglichkeit in eine Harmlosigkeit zu kleiden. Sie begann, wie sie sich vorgenommen hatte, ihrem Manne gegenüber eine stille Melancholie zu heucheln. Sie tat, als wenn sie ihn liebe, aber mit jener Passivität, die nimmt und nicht gibt. Es schien, als habe sie nach und nach alle Lebenslust und Entschlußkraft verloren, und kein Geschenk des Gatten konnte sie erfreuen, keine Bitte ihr das Geheimnis dessen entreißen, was sie so verwandelt hatte. »Mein Gott, ich liebe Sie ja, Heinrich«, sagte sie dann etwas matt, aber so süß und weich zu ihm, daß er verliebter wurde denn je. Oft aber, wenn er von dem stolzen Glücke sprach, als alleiniger Minister Land und Leute zu beherrschen, erglühte das schöne Weib in hellem Entzücken, alle Quellen des Liebreizes und einer verführerischen Zärtlichkeit brachen mit solcher Leidenschaftlichkeit in ihr auf, daß Brühl davor ins Knie sank und sich eingestehen mußte, daß Antonie doch noch heißer, noch ganz anders lieben könne, als sie ihn je geliebt. Hinwiederum wußte sie diese enthusiastischen Augenblicke immer seltener, das Sentiment immer alltäglicher zu machen, daß Brühl, trotz seiner blinden Liebe, bald den Abstand von einst und jetzt merken mußte. Anfangs glaubte er, Antonie sei ihm heimlich untreu oder habe zumindest ihre Neigung im stillen einem andern zugewandt; aber er sah schnell seinen Irrtum ein und kam sich ob der kleinlichen Regungen unbegründeter Eifersucht selber etwas lächerlich vor. Antonie hütete sich auch wohlweislich, ihren Gemahl eifersüchtig zu machen; denn sie wußte allzu gut, daß dies das ungeschickteste Mittel sein würde, ihre Pläne zu verwirklichen. Brühl hingegen machte sich tausend Gedanken über die Gründe solcher Veränderung im Wesen seines Weibes; er hatte manche schlaflose Nacht darüber verbracht und faßte sich endlich das Herz, mit Antonie ernstlich zu sprechen. Er trat in ihr Boudoir, das sie wegen einer Unpäßlichkeit schon einige Tage nicht mehr verlassen hatte, und küßte ihre Hand: »Wie befindet sich meine schöne Gemahlin, noch immer leidend?« »Ach, ich kann es selbst nicht sagen, Graf. Leidend, und auch nicht, wie Sie es nehmen. Ich wünschte, ich wäre ernstlich unwohl, dann könnte ich mich wenigstens mit gutem Gewissen ins Bett legen. Aber mir fehlt eigentlich nichts – oder vielleicht auch alles. Ich bin so leer, so öde, so langweilig! Ich sehe das selbst ein, ärgere mich über mich und bin doch unfähig, es zu ändern. – Es mag vielleicht eine Krankheit meiner Seele sein, die ich nicht verstehe ... Ach, nicht wahr, ich bin recht unausstehlich, Heinrich? Sie sehen zu spät ein, Lieber, daß Sie eine schlechte Errungenschaft machten, als Sie mich zur Frau nahmen. Mir tut es um so mehr weh, als ich weiß, welchen Anstrengungen Sie sich meinetwegen unterwarfen.« Brühl hatte sich auf das Sofa neben ihr niedergelassen; seine Hand, mit der er die ihre umfaßte, zitterte leise. »Antonie, wollen Sie mir versprechen, ehrlich und offen zu antworten? – Es ist etwas Fremdes zwischen mir und Ihnen, und ich fühle mit jedem Tage mehr, daß unser Glück sich untergräbt. Antonie, sagen Sie mir offen: lieben Sie mich nicht mehr?« »Mein Gott, ja, ich liebe Sie, Heinrich. Wem anders denn sollte ich meine Zuneigung zugewandt haben als Ihnen? Oder haben Sie irgend etwas bemerkt, was ...« »Nein, Antonie, nein! Nicht das geringste! Aber Sie sind seit einiger Zeit – nicht kälter, nein, stiller, trauriger, passiver gegen mich geworden, und ich zerplage meinen Kopf umsonst, die Ursache davon zu ergründen, an der doch zweifelsohne ich allein schuld sein muß.« Antonie schüttelte, trübe lächelnd, den Kopf und drückte des Gatten Hand. »Nein, lieber Heinrich, das glaube ich nicht. Sie überschütten mich mit allen Liebesgaben, erschöpfen sich in Zartheit und Güte, und jedes Wort, das Sie zu mir sprechen, jede Ihrer Handlungen beweist mir, wie sehr Sie's wert sind, Liebe zu verdienen und das reinste Glück zu genießen. Ich muß wohl selber schuld sein an meinem Zustand, – aber warum ich's bin, was ich zu tun habe, um anders, besser zu sein, kann ich nicht ergründen. Ich habe mich schon oft und ernstlich gefragt: ›Liebst du deinen Heinrich denn nicht mehr?‹ – und tausend Stimmen riefen mir zu: ›Ja, ich liebe ihn!‹ Ich weiß, daß ich Sie liebe, daß ich niemand anders lieben kann, aber ich fühle, daß ich Sie nicht genug liebe, daß jeder Beweis von Zuneigung, den ich ihnen spenden kann, mit jedem Tage matter ausfällt. Ich sehe mit Entsetzen, daß ich meine Liebe unter den Händen zu verlieren im Begriff bin, ich habe eine unnennbare Angst vor dem unvermeidlichen Tag, an dem Sie, an mir verzweifelnd, mir Ihr Herz entziehen werden. Aber an dem Tage, Brühl, ... an dem Tage sollen Sie mich ins Grab legen, denn keine Stunde mehr werd' ich nach diesem Unglück leben!« Unter Tränen fiel sie ihm um den Hals und schluchzte: »Mein Gott, mein Gott! wie beklagenswert bin ich doch!« Bleich, verlegen, verworren, erschreckt vermochte Brühl keinen Gedanken zu fassen, kein Wort zu sagen. Er umfing das schöne, unglückliche Weib, das zusammengebrochen war. Er spürte ihren kurzen, glühenden Atem seine Wangen streifen, er fühlte das weiche, schwellende Heben und Senken der Brust. »O, mein süßes Weib«, stammelte er endlich, »gibt es denn kein Mittel, dich dir selbst und deinem alten Liebesglück wiederzugeben? Bei Gott! – und wenn es die schwerste Arbeit meines Lebens sein sollte, wenn ich dafür ins Elend gehen muß, ich tu's!« »Ich weiß es nicht, Heinrich!« und sie glitt auf seinen Schoß. »Komm, hilf mir! Laß uns einmal alles erwägen und besprechen! Sieh: in mir ist eine eruptive Kraft, ein Dämon ist in mir, den ich die Sehnsucht des Strebens, des Tatendurstes, des Ehrgeizes nennen möchte, – du aber, Heinrich, bist mein Gegenteil, du fühlst dich im Genießen und Empfinden – vielleicht sogar ausschließlich – wohl! Was nützt es, daß wir einander innig lieben, wenn die Gesetze unserer Charaktere verschieden sind?« »Ach! Nun begreif' ich dich, mein Weib! – Nein, nein! du hast unrecht! Woher weißt du denn, daß unsere Charaktere verschieden sein müssen? Woher denn, daß ich deinen Ehrgeiz, den Tatendurst, die süße Gier zu herrschen, nicht ebenso stark in mir habe wie du? – O, sprich nicht, ma mignone , ich weiß, was du sagen willst! ›Warum‹, willst du sagen, ›warum, wenn wir die gleiche Charakterbasis haben, ist Sulkowsky nicht schon gefallen?‹ – Antonie, du kennst die Lage der Dinge genau! Sulkowsky und ich stehen zur Zeit so hart aneinander, daß wir keine Waffen gebrauchen können, ohne uns selbst zu verwunden. Kennst du ein Mittel, den Polen zu besiegen? Ein Mittel aber, das mich nicht zum Banditen erniedrigt? Ich werde den Tag nie vergessen, Antonie, an dem Lichtenstein abreiste, – vergiß auch du ihn nicht, süßes Weib, und vertraue mir!« »Ja, Heinrich, ich vertraue dir! Das alte, selige Gefühl der Liebesfülle lebt wieder in mir auf, die Tat ist's, die mich begeistert. Laß uns in ewigem Tatendurst vorwärts schreiten durchs Leben, wer will uns dann unser Liebesglück zertrümmern? Sulkowsky soll und muß fallen, wir haben es uns am Hochzeitstage zugeschworen!« »Doch wie, Antonie?!« »Wag' alles an seinen Sturz, Heinrich! Selbst deinen eigenen!« »Meinen eigenen? Und du begreifst nicht, Weib, daß du dich selber dadurch vernichtest?« »Gut denn! Wenn du in Sulkowskys Sturz verwickelt wirst, werd' ich mit dir ebenso stolz die Armut teilen wie Sachsens Herrschaft!« – Brühl blieb noch lange bei seiner Gemahlin, und als er sie endlich verließ, glühend, beseligt von ihrem Liebreiz, noch den letzten heißen Kuß auf seinen Lippen, stand ein kühner Entschluß auf seiner Stirne, das va banque seiner Zukunft. Und während Antonie noch vor dem Spiegel stand, sich selbst zunickte und sagte: »Wir sind alle Komödianten, es kommt nur darauf an, seine Rolle recht zu spielen!« – schrieb Brühl schon folgenden Brief: »Dem Geheimen Hof- und Ministerialrat Siepmann. Nr. 906. – P.P., lassen Sie alles in Warschau stehen und liegen und reisen Sie mit beiliegendem Paß sofort nach dem Haag. Dort nehmen Sie Quartier und notifizieren mir's. Es gilt die Erwerbung des Adelstitels. – Ihr 118, 502, 712.« Mit Kurierpferden reiste Siepmann Tag und Nacht, bis er an Ort und Stelle war, und bereits vierzehn Tage nach Brühls Schreiben lief Antwort ein: »Nr. 907. – P.P., angelangt und einlogiert, wohnhaft am Huiste Kleef. Harre auf Instruktion, die sofort realisiert wird. – Ergebenst 313121, 515981.« »Der Plan ist ganz untrüglich, lieber Heinrich«, sagte an demselben Tage seine Gemahlin mit herzgewinnendem Lächeln. »Rasch, noch heute, senden Sie die Instruktion nach Holland; ich selbst werde sogleich an den Antiquar in Florenz schreiben.« Sie küßte ihn, schlug ihn leicht auf die Wange und lachte: »Was geben Sie noch für Sulkowskys Portefeuille, Premierministerchen? Ich – nicht eine Stecknadel!« Ereignislos verstrichen zwei Monate; dann kam ein Brief aus dem Haag. Er trug die Nummer 908 und meldete in lakonischer Kürze: »Alles besorgt. Wann soll ich kommen?« »Sofort soll er kommen, Brühl, sofort! Nun geht’s an die Komödie!« rief Antonie mit leuchtenden Augen. Siepmann kam sogleich aus Holland zurück. Als er bei Brühl eintrat, fragte ihn der Graf hastig: »Haben Sie die Bestellung genau ausgeführt?« »Ja, Exzellenz!« Siepmann überreichte ein ganz kleines, schwarzes Kästchen, und Brühl betrachtete eingehend den Inhalt: »Ha, vortrefflich! Gut! Ganz vortrefflich!« »Ich begreife aber nicht, Exzellenz, daß Sie selbst ...« »Ich aber begreife, daß ein kühner Mann alles wagt, sogar sich selbst!« – und sich Siepmanns Ohr nähernd, setzte er hinzu: »Morgen abend bin ich entweder Alleinminister oder ein Nichts von einem Menschen. Doch ich hoffe, es gelingt; denn der König, mein Lieber, hat wenigstens eine Leidenschaft: die Eitelkeit des Herrschens! – Ich danke Ihnen, mein Freund!« Am Abend des folgenden Tages war der Hof zum Diner beim König versammelt. Die Königin unterhielt sich mit Pater Quarini, der Gräfin Ogilva und der Ministerin Brühl, der König stand plaudernd bei Sulkowsky und seinem natürlichen Bruder, dem Feldmarschall Graf Rutowsky. Graf Broglio, der französische Gesandte, und Kammerherr von Lenke machten der Gräfin Morsinska Komplimente. In einer Fensternische besprachen sich der preußische, österreichische und russische Gesandte, und der alte Klenzel erzählte einigen Generalen und einem Flor von schönen Damen ein pikantes Histörchen. Brühl und Hennicke befanden sich dem Eingang zum Speisesaal zunächst und ganz abgesondert. »Ich muß Ihnen gestehen, lieber Graf«, sagte Brühl, »daß mir die Lage der Dinge auf die Dauer unerträglich wird. Ich sehe mit jedem Tag mehr ein, wie wenig ich meinem Vaterland und dem Königshause nützen kann. Ich bin endlich mit meinen Bedenken fertig geworden und nach reiflicher Überlegung entschlossen, in den nächsten Tagen um meine Entlassung zu bitten. Ich glaube, Ihnen diese Notiz schuldig zu sein, damit Sie Maßregeln treffen können, bitte aber um Diskretion!« »Aber, um Gottes willen, lieber Brühl, was tun Sie?" flüsterte angstvoll Hennicke zurück. »Sie lassen mich mitten ... o Gott ... Sie verstehen mich doch? Denken Sie sich meine Stellung, wenn mir der Anschluß an Sie im Kabinett genommen wird!« »Ich muß, Graf Hennicke, ich kann nicht anders! Doch genug davon jetzt; nach dem Diner Weiteres! Treten Sie ein wenig zu den Gesandten, die einen sehr interessanten Gegenstand zu verhandeln scheinen. Ich fürchte, man hat etwas von unserem Gespräch gehört.« Hennicke hatte nichts Eiligeres zu tun, als Pater Quarini und Gräfin Ogilva mitzuteilen, daß Brühl, des nutzlosen Zuwartens müde, den Dienst quittieren wolle. Eine Minute später wußte es der ganze Hof. Brühl trat in den Speisesaal: »Rasch, ehe Seine Majestät kommt, holen Sie den silbernen Tafelaufsatz aus der Galerie!« Die Lakaien flogen von dannen, Brühl war allein. Er trat an das Gedeck des Königs, sah nach der Versammlung, steckte rasch die Hand unter die Serviette, zog sie wieder zurück und schritt dann langsam nach dem anderen Ende des Saales; schon kehrten auch die Diener zurück, um einen prachtvollen silbernen Aufsatz, den Brühl aus Italien hatte kommen lassen, auf der Tafel zu postieren. Befriedigt ging Brühl in den Salon zurück und trat zu den Gesandten Österreichs und Rußlands, die ihn in letzter Zeit wieder auffallend flattierten. Auf den Gesichtern lag Bestürzung über Hennickes unangenehme Nachricht. »Ich habe soeben gehört, daß ein Mitglied des Kabinetts auszutreten beabsichtigt«, sagte der Österreicher. »Leider, meine Herren, ist die Nachricht verbürgt, obwohl es nicht ganz diskret sein mag, das Faktum vor dem Faktum zu besprechen ... Im übrigen: die Majestäten betreten den Speisesaal.« Der König führte die Königin an den gewohnten Platz in der Mitte der Tafel, die Minister standen gegenüber, die Gräfinnen Ogilva und Brühl neben der Königin, der österreichische, russsische und französische Gesandte neben dem König. Die anderen Geladenen schlossen sich nach der Rangordnung an. Mit sichtlichem Erstaunen bemerkte der König den kostbaren Aufsatz. »Wie kommt das hierher? Welche Überraschung!« – und er betrachtete mit großem Vergnügen die wertvolle Arbeit, die selbst die stolze Königin reizend fand – »indessen dürfte die Überraschung erst dann ihren höchsten Wert erlangen, wenn wir ihren Urheber kennen würden!»August blickte fragend umher. »Das ist vielleicht das wertloseste an der Sache, Majestät. Die Arbeit trägt insofern den größten Wert in sich, als ich aus guter Quelle versichern kann, daß sie von Benvenuto Cellinis Hand ist; ich hatte Gelegenheit, die Arbeit in Florenz zu sehen.« Der König und die Königin sahen Brühl angenehm überrascht an. »Nun, da sich der Spender dieser Aufmerksamkeit nicht nennen will, lieber Brühl, müssen wir uns bescheiden; vergessen werden wir ihn darum nicht!« Brühl verbeugte sich errötend. Die Majestäten nahmen ihre Plätze ein, der Hofstaat folgte. Es wurde aufgetragen, der König griff nach der Serviette. Da gewahrte er auf seinem Teller ein Kästchen, das er neugierig öffnete: »Noch eine Überraschung?« – Alles war gespannt. Er nahm ein Medaillon heraus, stutzte und wurde rot, sah es noch einmal an und zitterte heftig. Plötzlich sprang er in einem unbeherrschbaren Ausbruch von Wut empor, schleuderte einen grimmigen Blick auf die ihm gegenübersitzenden Minister Brühl, Sulkowsky und Hennicke, und warf das Medaillon zornig zur Erde. Alles war entsetzt aufgestanden. Der König, heftig die Hand Josephas fassend, verließ lautlos mit ihr den Saal. Gräfin Ogilva, Quarini und Kammerherr von Lenke folgten. Jede Bewegung schien erlahmt. Langsam fand man sich in die katastrophale Lage, und die erbleichten Gesichter kehrten sich einander zu. Der österreichische Gesandte, zu dessen Füßen das Medaillon gerollt war, hob es auf und sah es an. Es trug ein Abbild der sächsischen Krone, die auf den Schultern dreier Männer ruhte, und darunter stand: Wir sind unserer drei, Zwei Pagen und ein Lakai. »Das ist eine Infamie!« rief jemand, »man hat es gewagt, Seine Majestät mit einer beispiellosen Frechheit zu beleidigen!« Das Medaillon wanderte von Hand zu Hand. Als es an Brühl kam, betrachtete der es mit großer Kälte, zuckte die Achseln und gab es an Hennicke: »Das ist die größte Schmeichelei, die man mir erweisen kann. Sie ist nur unwahr; denn ich wenigstens trage die Krone nicht.« Eine peinliche Viertelstunde verstrich. Endlich öffnete sich die Tür. Kammerherr von Lenke trat ein: »Herr Graf von Brühl, Seine Majestät befiehlt Ihre Anwesenheit!« Brühl verschwand. Eine feierliche Stille trat ein. Sulkowsky und Hennicke sahen sich gläsern an. Plötzlich flog die Tür auf, und Brühl kam zurück. Er war ruhig, als sei nichts geschehen; keine Muskel seines Gesichtes zuckte, als er durch den Saal schritt: »Graf Sulkowsky und Graf Hennicke, ich habe Ihnen im Namen Seiner Majestät anzuzeigen, daß Sie sofort entlassen sind!« IX. Friedemann Bach hatte seine Stellung als Oberorganist der Sophienkirche in Dresden angetreten. Zu der geistigen und künstlerischen hatte er nunmehr die materielle Freiheit des Lebens erlangt. Im Hause des Vaters hatte er sich den Regeln, der Sitte, der Denkungsart des Hauses streng unterwerfen müssen; denn der alte Bach hielt in diesen Dingen unabweisbar an der Sitte der Väter, am ehrwürdig Hergebrachten, und selbst die Freude trat in einer Form auf, die mehr einem Abglanz der Frömmigkeit als einem selb[[?]s]tvergessenen Übersprudeln im Glücksrausch der Minute glich. Die unabänderliche Ordnung des Tages, der Geschäfte und selbst der Erholung hatte in Leipzig für Friedemann oft etwas Drückendes gehabt; um so mehr, als er durch seine Studienzeit in Merseburg den freien Flügelschlag des akademischen Jugendlebens empfunden, als er durch seine kecken skeptischeren Ansichten von der Welt und vom Leben, schließlich aber durch seine feurigere Künstlernatur einer größeren Ungezwungenheit zuneigte. Hier in Dresden hatte sich das geändert. Herr seiner Zeit und Entschließungen, seines Hauses und Amtes, hatte er sich plötzlich in eine Freiheit versetzt gesehen, die ihm neu und ungewohnt war und anfangs ein gewisses Gefühl der Einsamkeit und Bangigkeit gab. Daher frischte er häufig Erinnerungen aus dem Vaterhause auf und pflegte einen eifrigen Briefwechsel mit den Seinen. Die Arbeitsstube richtete er wie die des Vaters ein, seine Hausordnung wurde der in Leipzig angepaßt, und durch öftere Besuche des Vaters, der Geschwister oder der jungen Künstler, die seine Unterrichtsgenossen gewesen waren, riß die Verbindung mit der alten heimatlichen Welt nicht ab. Sebastian war dessen froh; denn er wußte, daß Friedemann ihn als Künstler vielleicht, als Sohn und Mensch aber noch nicht entbehren könne. Der junge Bach besaß Seiten in seiner Veranlagung und seinem Wesen, die ihm das Vorwärtskommen auf eigene Hand schwer machen mußten. Sebastian hatte nichts als sein Talent besessen, und er mußte zusehen, wie er sich mit diesem durch die Dürre des Lebens schlagen, wie er die mannigfachen Widrigkeiten und Hindernisse auf seinem Weg bewältigen würde. Aber dieser ständige Kampf stählte seine Kräfte, machte ihn zu fernerem Ringen desto geschickter. Er lernte, sich zu schmiegen und zu biegen, »fünfe auch einmal gerade sein zu lassen«, sein zuweilen jähzornig aufwallendes Blut zur Ruhe zu zwingen. Friedemann war von Jugend auf behütet und umsorgt gewesen; des Vaters Hand hatte ihn vor jedem schmerzhaften Anprall an die rauhe Wirklichkeit zu bewahren gewußt. Seine Leidenschaften schliefen noch. Er erlebte das Dasein fast wie einen lichten Traum, und sein Geist lustwandelte ständig im Reich der Töne. Alles, was er tat, auch das scheinbar Abgeschlossene, hatte immer noch etwas Fragmentarisches an sich. In der Musik war dem jungen Bach die ganze Fülle der Kunst seines Vaters zu eigen; aber so sehr er auch deren innerstes Wesen in sich zu verlebendigen verstand, seine eigene strebte doch nach anderer Richtung. Der Geist von Sebastians Musik war die Religion, nicht Religion im allgemeinen, sondern der strenge, tiefinnerliche, mit aller Kraft des Gemüts und der schöpferischen Begeisterung erfaßte Evangelienglaube. In ihm lebte und schuf er dergestalt, daß er durch die Töne den heiligen Text Wort für Wort, Begriff um Begriff, wiedergab und interpretierte. All das Unendliche, das im Wort nicht zu erklären war, machte er mit der Gewalt und Hoheit, der Tiefe und Unerschöpflichkeit, der Empfindungskraft und dem Stimmungszauber seiner Melodien begrifflich. Friedemann beherrschte die Form ebenso großartig wie der Vater. Alles, was dieser an Begabung, Kenntnissen, Ausbildung, Fertigkeit und Schöpferkraft besaß, hatte auch er. Nur eins fehlte ihm, und mit dem einen auch alles: ihm fehlte der eigentliche Inhalt, der allein diese unendlichen und verwickelten Tonmassen zu der inneren, nur ihr eigenen natürlichen Harmonie des Geistes beleben, ihr die pulsierende Seele, den Gotteshauch des Lebens geben konnte. Sebastian konnte nie aus sich selber heraus erzeugen, er bedurfte eines äußeren Anstoßes, er bedurfte der Bibel. Friedemann hingegen ging diese demütige Strenge, diese Unbedingtheit des Glaubens ab, er konnte sich nicht damit begnügen, lediglich Erklärer der Bibel zu sein. Das Ziel seiner Kunst lag in weiten, einsamen Höhen, über denen zwar auch der Geist Gottes schwebte, um deren Schründe und Grate es jedoch von weltlichen Lichtern flackerte ... Wenn bei dem Vater alle Gefühle, namentlich Liebe und Freundschaft, still und sonnig wie ein Maienmorgen alles, Gott, Welt und die Seinen, umschlossen, so hatten sie bei Friedemann eine verzehrende, vulkanische Gewalt, waren tief, eigensinnig und beharrlich. Des Vaters äußeres Auftreten in der Welt war herzgewinnend, ruhig, behaglich und von einer etwas pedantischen Einfachheit. Er glich in etwa einem Prediger, der sich den Menschen nur nähert, um sie an sich heranzuziehen. Sebastian Bach lebte wesentlich nach außen, so still er sonst auch scheinen mochte, – Friedemann, trotz der weltmännischen Glätte, Galanterie und Grazie der Unterhaltung, fast nur nach innen. Alles, was ihm im Leben begegnete, wurde ihm Stoff der Imagination; es fiel ihm oft schwer, das Sein von der Einbildung, die Wirklichkeit von der Phantasie, die Dichtung von der Wahrheit zu unterscheiden. Noch war er nicht gefeit durch Erfahrung, noch nicht geläutert in der Schule des Elends und der Schmerzen. Friedemanns Leben und Stellung in Dresden waren überaus angenehm und glänzend. Getragen von dem Namen seines Vaters, seiner eigenen künstlerischen Genialität, galt er für den höchsten Träger der Kirchenmusik, des ernsten großen Stils, und alle anderen Organisten drängten sich um den aufgehenden Stern, von dem sie verstohlen Strahlen borgten. Der Ruhm seiner Orgelkonzerte, die der Hof, die Oper und alles, was Dresden Glänzendes barg, nie versäumten, drang über Leipzig, wo er wohlgefällig des Vaters Ohr umschmeichelte, weit hinaus nach Deutschland und verkündete, daß Friedemann – selbst den Vater nicht ausgeschlossen – der König aller Orgelvirtuosen sei. So, im Vollgenusse seines jungen Ruhms, stieß er einst, als er von Holzendorf kam, auf Doles. Er hatte ihn lange Zeit nicht gesehen, – seit jenem Vorfall nicht mehr, da Doles im Oberbewußtsein seiner Fähigkeiten die Fuge als etwas in der Kirchenmusik vollkommen Unstatthaftes bezeichnet und sich dadurch mit Sebastian entsetzlich entzweit hatte; dieser hatte ihn damals »Er dummer Junge!« genannt und mit einer Ohrfeige zum Teufel gejagt. Seitdem lebte er in Dresden und fristete sein Dasein recht kümmerlich durch Privatstunden. Er sah verhärmt und sehr herabgekommen aus. »Herrgott, Doles! Bruder! Um Himmels willen, wie geht es dir?« »Mir? – Du willst wissen, wie mir's geht und siehst doch, wie ich aussehe?« »Und warum, wenn du hier bist und Not leidest, bist du nicht zu mir gekommen?« »Himmelwetter! was bildest du dir ein, Herr Oberorganist? Meinst du, nachdem mich dein vornehmer Herr Vater wie einen Halunken behandelte, werde ich beim Sohne betteln?« »Doles, Kerl, sei vernünftig! Waren wir nicht immer Freunde? Müssen wir uns denn voneinander wenden, wenn du dich mit meinem Vater entzweit hast? Du kennst mich doch genug und solltest wissen, wie nahe mir's ging, als mein Vater so heftig gegen dich verfuhr.« »Du siehst also ein, daß ich mit der Fuge recht habe?« »Nein, unrecht hast du! Ich halte dich gewiß für einen achtbaren, tüchtigen Musiker, aber wegen der Fuge bist du ein Esel, und ... Nein, nein! renn' nicht weg, Doles, sei gescheit, ich kann doch für die Geschichte nichts! Laß sie uns endlich vergessen! – Du bist mein Jugendfreund, dir geht's schlecht – willst du, daß dir dein alter Friedemann helfen soll?« Zögernd stand Doles in seinem schäbigen Kittel vor ihm; er sah Friedemann starr an, eine stille, tiefe Wehmut überkam ihn, und mit dieser Wehmut zog die alte Freundschaft wieder in sein Herz. Er legte seine Hand in die Friedemanns: »Ja, hilf mir also! Aber ...« »Aber? Kein Aber, Doles! Ich helfe dir, und damit ist's gut. Nur eine Bitte hab' ich: versprich mir, daß du kein einzigsmal böse von meinem Vater sprechen oder über die Fuge schimpfen willst! Du schreibst keine, ich schreibe welche. – basta! Und jeder mag sehen, wie er besser fährt.« »Gut. Friedemann, wenn du's so willst! Aber das sage ich dir: schenken laß ich mir von dir nichts, Friede; ich zahle dir alles wieder, was du an mir tust, – das bin ich mir, das bin ich dem Schimpf schuldig, den mir dein Vater angetan, hörst du? Und wenn dir Gott ein Unglück oder einmal sonst ein Elend schickt, dann bist du ein schlechter Kerl, ein Lump bist du, wenn du nicht zu Doles kommst, verstanden?« »Ja, ja, dann komme ich auch zu dir, Doleschen!« lachte Friedemann, und Arm in Arm schritten beide zum Organistenhause ... Die allgemeine Gunst, deren Friedemann sich erfreute, brachte ihn in die ausgesuchtesten Zirkel der Residenz. Außer dem Oberprediger Merperger, dem Stadtsyndikus Weinlich, dem Bürgermeister Vogler und dem Konsistorialpräsidenten von Loß, die seine Patrone waren, beeiferten sich die Räte von Gersdorf und Zeh, der Hausmarschall von Erdmannsdorf und der Kammerherr von Holzendorf, ihn in ihren Häusern zu empfangen. Die Männer fanden ihn geistreich und angenehm, die Frauen schön, poetisch und galant; er war im besten Zuge, Modeartikel zu werden. Was aber einen besonderen Glanz auf ihn warf, war, daß er im Hause Brühl wohlgelitten war, und daß er bei außerordentlichen Gelegenheiten mit höchstem Beifall am Hofe gespielt hatte. Er stand auf einem Gipfelpunkt seines Glanzes, und nur die Schöpfung eines großen Werkes konnte ihn über sich selbst erheben. – Ein stolzer Augenblick war ihm eben wieder beschieden gewesen: sein Vater war zum Hofkomponisten des Königs ernannt worden, und zu seiner Freude und Genugtuung durfte er ihm die Nachricht selber bringen, einen neuen Zweig der Anerkennung um des Vaters ergrauten Scheitel winden. Mit tausend lerchenhellen Jubelstimmen, die alte Hanne mit sich nehmend, reiste er mit dem kostbaren Diplom nach Leipzig. Die Engel der Liebe und Sehnsucht flogen vor ihm her zum Vaterhause, das er mehr als vier Jahre nicht mehr gesehen hatte. Was mochte sich dort wohl verändert, wie stark der Fluß der Dinge das gewohnte Bild in dieser Zeit verrückt haben? War er auch durch häufige Besuche der Seinen und die allwöchentlichen Briefe mit den Vorgängen im Elternhause ziemlich vertraut, so konnte er sich doch denken, daß ihm mancherlei, besonders alles Schmerzhafte und Betrübliche, nur unvollkommen berichtet worden war. Von seinen Schwestern waren kurz nacheinander die zweit- und letztgeborene gestorben, ein paar liebe Mädchen. Die Familie hatte sich aber auch um drei Söhne vergrößert: Abraham, den Magdalena anno 33 geboren, war schon im folgenden Jahre gestorben; 1735 war Johann Christian, den man nachmals den »Englischen« nannte, zur Welt gekommen, und vor einem Jahre David. Dieses jüngste und letzte war ein Schmerzenskind; mit ihm war in das sonst so gesegnete Haus Sebastians das Unglück eingezogen, denn der Knabe war blödsinnig ... »Herr Jeses, da is Leipzig! Sehn Se, sehn Se doch, Friede! Ich weeß och gar nich, Se sind e' junger Mensch und sitzen so kienstöckig da!« – Solchermaßen aus seinen trüben Gedanken gerissen, ging Friedemann auf das gutmütige Geschwätz der Alten ein. An der Post stiegen beide aus. Es war an einem Wochentage und Friedemann wußte, daß Vater um diese Stunde zu Hause sein mußte. Anne Magdalene, die Mutter, saß in der Wohnstube, wo der einjährige Christian zu ihren Füßen spielte, und besserte Kinderkleider aus. In der Schlafstube daneben lag der unglückliche David in der Wiege. Sebastian, der Vater, war in seinem Unterrichtszimmer, das auf der anderen Seite des Flures lag, und als Friedemann leise vorbeischlich, hörte er den Vater laut und eindringlich sprechen, und ihm war's, als ob Altnikol oder Krebs bei ihm sei. Die alte Hanne hinter sich, huschte Friedemann in die Küche, wo er seine älteste Schwester Friederike zu finden hoffte, die nun, seit Hanne in Dresden war und die Stiefmutter mit den kleinen Kindern Sorgen genug hatte, fast ganz allein die Wirtschaft führte. Sie stand, mit dem Rücken gegen die Tür, am Herd und besorgte den Kaffee; Fiiedemann schlich leise hinter sie und hielt ihr die Augen zu. »Ach Gott! – I was ist denn das? Sie sind's gewiß! – Lassen Sie doch los, Altnikol! – Was das für Dummheiten sind! Mein Gott, wenn die Mutter das sieht!« »Und was dann, Riekelchen?« und der Bruder lachte ihr ins Gesicht. »Friedemann! – Ach Gott, du bist's? O, sei mir tausendmal gegrüßt, Herzfried!« und außer sich vor Freude fiel sie dem Langersehnten um den Hals und brach in solch jubelndes Entzücken aus, daß es in der Vorderstube gehört wurde und bald im ganzen Haus widerhallte: »Der Friedemann ist da!« »Mein Junge, wo, wo ist er? Friedemann, Herzenssohn!« – Vater und Sohn lagen einander in den Armen. Auch die Mutter war mit den anderen herbeigeeilt, stand bewegt dabei und küßte ihren Stiefsohn recht wacker, denn sie hatte ihn lieb wie ihren eigenen. Emanuel polterte unterdessen von seiner Kammer herunter, um einzustimmen in den Willkomm, und der treuherzige Altnikol, der beim Vater war, reichte ihm herzlich die Hand. »Nun, lasset mir den Friedemann nur ganz, Kinder, ihr zerreißt ihn ja vor lauter Liebe!« lachte Vater Sebastian und zog den Ankömmling in die Wohnstube. – Dort aber wurde Friedemann feierlich: »Zuerst, ihr Lieben, setzt Euch einmal rings um mich her, und ihr, Herzvater und Herzmutter, gerade vor mich hin! Ich habe euch allen was Hochwichtiges mitzuteilen.« »So? – Na, setz' dich neben mich, Alte!« sagte Sebastian und zog Magdalene zu sich aufs Sofa. »Nun, Friedemann?« »Lieber Vater, ich und alle, die dich lieb haben, und was noch mehr heißt, dich kennen als den größten Musikus, der je dem lieben Gott zu Preis und Ehre gesungen, wir alle haben immer sehnlichst gewünscht, du möchtest eine so hohe, vornehme Stelle in der Welt einnehmen, wie sie dir von Rechts wegen gebührt. Damals, als die Stelle an der Hofkirche zu St. Sophien leer war, wolltest du nicht, und hast sie lieber deinem Friedemann, der gegen dich nur ein Stümper ist, gegönnt, um sein Glück zu machen. Lieber Vater«, und Friedemanns Stimme kam ins Zittern, »so du’s nicht ungütig nimmst, ist dein dankbares Kind nun zu dir gekommen, um dir eine ebenso große Freude zu bereiten wie du ihm damals. Unsere Königliche Majestät von Sachsen hat dich mit sechshundert Talern Gehalt zu Höchstihrem geistlichen Hofkomponisten ernannt, und ich soll dir mit seiner gnädigen Erlaubnis das Diplom geben und ...« Der Sohn hielt das Dokument in der Hand, das Wort der Freude erstarb auf seinen Lippen. Sebastian erhob sich, sein gerührter und doch stolzer Blick überflog das Häuflein seiner jauchzenden Lieben, und Vater und Sohn drückten einander ans Herz. Magdalene aber schwenkte das ihrem Gatten entglittene Papier wie eine Siegesfahne, und alles drängte sich um den glücklichen Vater und Künstler, um ihm herzlich Glück zu wünschen. Und die Freude war um so größer, als das neue Amt ihn nicht von Leipzig riß, sondern ihm nur die Verpflichtung auferlegte, die für die kirchlichen Hoffeierlichkeiten notwendige Musik zu komponieren und sie bei außerordentlichen Gelegenheiten selbst zu dirigieren. Friedemann hatte vierzehn Tage Urlaub, und der Vater gab Anweisung, ihn in seiner eigenen Arbeitsstube unterzubringen, damit er abends vorm Zubettgehen mit seinem Liebling noch ein bißchen plaudern könne. Friederike geleitete ihren Bruder nach oben, um ihm beim Auspacken behilflich zu sein, und Sebastian, im tiefsten Herzen zufrieden und glücklich, setzte sich zu Magdalene, hielt still lächelnd ihre Hand in der seinen und hörte dem unentwegten Geplapper der alten Hanne zu; durch Kaffee und Kuchen angeregt, ward sie nicht müde, sämtliche Neuigkeiten aus der Residenz auszukramen und die tausend neugierigen Fragen der Kinder zu beantworten ... »Friederike«, forschte mittlerweile Friedemann seine Schwester aus, »sag einmal, du bist dem Altnikol wohl ungeheuer gut?« »Herr Jesus, Friede! Mein Gott! – Ach, was du auch denkst! – Pfui, du bist recht garstig!« »Aber recht herzlich gut bist du dem Altnikol doch, Friederike!« und er umfaßte sie und sah ihr lächelnd in das verschämte Gesicht. »Keine Winkelzüge, Hand aufs Herz: bist du dem Altnikol gut?« »Aber ...« – »Kein Aber! Ja oder nein?« »Na, dann also ja! Ich bin ihm gut, und er mir auch, – daß du's nur weißt. Er hat vor ein paar Tagen ein Angebot als Organist nach Naumburg gekriegt und weiß nicht, was er tun soll.« »Zugreifen natürlich! Naumburg ist eine gute Stelle.« »Aber dann muß er von Leipzig weg! ... Dem Vater wagen wir's nicht zu sagen, und ... Ach Gott, Friede, rat' uns, was wir tun sollen!« »Ja, 's ist schlimm, Friederike! – Nun, Altnikol ist ein ganzer Kerl, dem gönnte ich schon meine Lieblingsschwester! Weißt du was? Pack' hier oben allein weiter, ich will einmal zusehen, ob ich Altnikol sprechen kann.« »Ach Gott, daß der Vater nur nichts merkt!« »Nein doch, sei nur ruhig!« Friedemann ging zu den anderen hinunter und nahm seinen Freund beiseite: »Du, Nikol, weißt, wir wollen dem Vater heut abend ein Quartett machen; verschwinde, ehe er's merkt, und besorge das Nötige.« Altnikol winkte, nahm still den Hut und schlich sich fort ... »Lieber Vater, kann ich mit dir und der Mutter ein paar Worte allein reden?« »Zehn für eins, Friede; komm hier herein in die Hinterstube! So! Und nun, was ist's?« »Ich hab' eine recht große Bitte an dich, Vater. Du mußt mir aber versprechen, daß du nicht böse sein willst, wenn ich was sage, was du nicht gerne hörst.« »Na ja, ich versprech' dir's. Heute kann ich gar nicht böse sein.« »Also denn, lieber Vater, liebe Mutter: ich trete vor euch als Brautwerber für meinen Freund Altnikol, der die Friederike gar lieb hat. Er kann Organist in Naumburg werden, hat's nur noch nicht zugesagt, weil er ... na, er fürchtet sich, ihr möchtet ihn abweisen.« »I, ich hab' längst schon so was gemerkt«, sagte die Mutter, »ich wollte dir nur nichts sagen, Bastian, denn du hättest doch nicht eher ja gesagt, als der Nikol eine Stelle hat.« »So? Das ist ja recht hübsch! Und du Spitzbube, du Schlingel kommst nach Leipzig, lauschst mir meine Fidelität ab und überrumpelst mich? Na ja ... soll halt die Friederike den Nikol haben, und heute abend ist Verlobung. Aber ganz still sein davon, und platzt mir nicht dazwischen! Weiß Friederike, daß du mir ...?« »Nein, lieber Vater! Sie hat mir's gebeichtet, und da sie Angst hatte, du möchtest es ausschlagen, hab' ich ihr gesagt, ich wollte erst mit Nikol reden. Der ist aber gerade einmal nach Hause gegangen, und da habe ich mir ein Herz gefaßt und bin vor die rechte Schmiede gezogen.« »Das ist gescheit! Hast du was gegen Nikol, Mutter?« »I bewahre, mich freut's von Herzen!« »Also gut! – Die Mutter besorgt einen ordentlichen Braten, ich gebe ein paar Flaschen Wein, und das andere findet sich. Nur seid ernsthaft und verderbt mir einen Spaß nicht! – Du, Magdalene, wo hast du denn das Notenbuch, das ich dir damals schenkte? Da steht ein Lied drin, Friede, 's ist das einzige, das ich mein Lebtag komponiert hab'.« »Du hast also doch einmal ein Lied komponiert, Herzvater?« rief Friedemann überrascht. »Nicht bloß komponiert; sondern auch gedichtet, Friede, – als die Mutter und ich Brautleute waren. Ja, ja, was du dir denkst! Na, einem Liebhaber verzeiht man so etwas, selbst wenn er die Kunst ein wenig leicht nimmt. Aber sonst habe ich nur für den lieben Gott komponiert. – Also, such das Büchel, Magdalene! Das Lied soll heute abend die Friederike zur Strafe singen, und der Altnikol muß sie begleiten.« »Ach, prächtig! Bastian, du bist prächtig! – Glaub mir, Friedemann, so lustig hab' ich den Vater noch nie gesehen!« Je näher es dem Abend entgegenging, desto mehr nahmen die Heimlichkeiten zu. Jeder schlich herum und lächelte, als gälte es einen Spitzbubenstreich. Altnikol hatte alles zum Quartett besorgt, hatte Krebs gerufen und Emanuel eingeweiht. Der alte Bach war zum Weinhändler und Kuchenbäcker gegangen. Magdalene, Hanne und die Töchter werkten in der Küche, wo das Feuer prasselte und der leckere Braten seinen Duft entsandte. Nur die arme Friederike, der Friedemann gesagt hatte, Nikol sei einstweilen weggegangen, sie möge sich auf ein andermal gedulden, war traurig; die Tränen traten ihr in die Augen daß es die Mutter gewahr wurde. »Ach, der dumme Rauch beißt so in die Augen!« stotterte das Mädchen und eilte hinaus, um den Tisch zu decken ... »Wo bleibt denn der Altnikol?« fragte Sebastian, als er sich mit den Seinen an die einladend bestellte Tafel setzte. »Habt ihr ihm nicht gesagt, daß er heute unser Gast ist?« Er sah unruhig umher, seine Augen hafteten auf Friedemann. »Er wollte gleich wiederkommen«, antwortete dieser, »ich will doch einmal nachsehen!« – und Friedemann ging hinaus. »Und der Emanuel fehlt auch? Was das für eine Trödelei ist!« brummte der Vater. »Meiner Seele, das junge Volk wird heutzutage immer unakkurater! Da war ich ein andrer Kerl, als ich ...« Eine gedämpfte Musik, die draußen erklang, schnitt seine weiteren Worte ab. Auf dem Flur saßen die vier alten Quartettgenossen und spielten des Vaters Lieblingssonate wie ehemals, Friedemann erste, Emanuel zweite Violine, Krebs Bratsche und Altnikol das schwermütig-sonore Violoncell. Bach war tief ergriffen. Schweigend hörte er zu und folgte jeder Passage, jeder Modulation mit lächelndem Neigen des Kopfes, grüßte jeden Ton wie einen alten lieben Bekannten. Vor ihm saßen seine beiden Söhne, zwei Talente von seltener Größe. Der eine, dessen Ruf schon weit erklang im deutschen Land, der andere, Emanuel, reif, hinauszugehen, um seine erste Lanze zu brechen; dort seine beiden liebsten Schüler, der eine seinem Herzen seit wenigen Stunden doppelt lieb. An seiner Seite das treue, fröhlich schaltende Weib, um ihn die Schar lieblicher Töchter, spielender Knaben, er selbst geschmückt mit dem Lorbeer des Ruhmes. Er durfte zufrieden sein ... Aber da – nebenan in der Kammer – ein quirlend-greller Tierlaut, die Stimme seines blödsinnigen David. »Der Herr hat's gegeben, der Name des Herrn sei gelobt!« murmelte Sebastian und preßte Magdalenes Hand, die rasch aufstand und zu dem armen Kleinen ging. Das Quartett war beendet, alle saßen um den gastlichen Tisch und taten Hannes Kochkunst die gebührende Ehre an. Die Gläser kreisten, und bald ließ man die herrliche Frau Musika, bald den Altmeister Sebastian, die Hausmutter und Friedemann leben. Der Tisch wurde abgeräumt, die Gläser blieben. »Nun, Kinder, aufgepaßt! Jetzt wollen wir den alten Ohrenschmaus der lustigen Thüringer halten; wer lacht, muß aufhören, wer gewinnt, dem schenk' ich ein Andenken an diesen Tag!« Bei Sebastian war alles, selbst der ausgelassenste Zeitvertreib, Musik, und wenn er wirklich einmal übermäßig fidel war, wurde ein »Quodlibet« gesungen. Jeder Anwesende mußte etwas anderes singen, der eine etwa ein Volkslied, der zweite einen Choral, der dritte ein Menuett, der vierte ein Schelmenlied, – auf das Einsatzzeichen hin alle aber gleichzeitig. Lange dauerte es nicht, dann platzte einer in herzliches Lachen aus und mußte aufhören, bis endlich der letzte standhaft mit seiner Weise schloß. Heute war Altnikol Sieger geblieben, und wahrscheinlich wohl nur deshalb, weil sein Herz gerade heute der Lustigkeit nicht sehr zugänglich war. »Na, der Altnikol hat's also! Gut, – ehe Ihr geht, erinnert mich daran; ich hab's in meiner Stube oben, was Euch zugedacht ist. – Hier sind noch drei Flaschen Wein, die wollen wir 'nüber zum Klavier nehmen, damit wir ewas Tastenschmalz haben. Hast du das Buch, Mutter?« Magdalene langte ein altes, geschriebenes Notenheft hervor und reichte es dem Alten. »Jetzt paßt einmal auf, Kinder! In dem Buch da steht ein Lied, das hab' ich unserer Mutter gedichtet und komponiert, und seitdem keines wieder. Es ist eine artige Anweisung für Liebesleute. Da, Friederike, sing's einmal; Altnikol mag dich begleiten!« Die beiden Angeredeten waren wie vom Schlage getroffen. »Nun, was ist denn? Habt euch doch nicht so, ihr seid ja kein Liebespaar.« Friederike hätte zusammenbrechen mögen, aber sie durfte nicht zeigen, wie ihr ums Herz war, durfte nichts merken lassen, mußte singen. Altnikol setzte sich ans Klavier, das Buch wurde aufgeschlagen, und bebend begann Friederike: »Willst du dein Herz mir schenken, So fang es heimlich an, Daß unser beider Denken Niemand erraten kann. Die Liebe muß bei beiden Allzeit verschwiegen sein ...« und konnte ihren Tränen nicht mehr Einhalt gebieten; krampfhaft schluchzend fiel sie der Mutter um den Hals. Altnikol, im tiefsten Herzen verwundet, erhob sich, um nach Hut und Stock zu greifen. »Einen Augenblick noch, Nikol! Wenn Ihr gehen wollt, muß ich Euch ja das Quodlibetgeschenk geben. – Da, Herr Organiste, wenn's Euch nicht zu gering ist: da, nehmt meine älteste Tochter Friederike! Ihr müßt sie mir nur noch ein bissel auf Borg lassen, bis Ihr in Naumburg eingerichtet seid.« Der Freudentag war verrauscht. Die Verlobten hatten auf Friedemanns Bitte das reizende »Willst du dein Herz mir schenken« noch einmal und diesmal zu Ende gesungen, der letzte Ton war verhallt, das letzte Glas getrunken. Nach einem lustigen »Gute Nacht, Herr Schwiegersohn!« war Altnikol nach Hause gegangen, und die Familie Bach schickte sich an, zu Bett zu gehen. Sebastian, seinen Friedemann am Arm, ging hinauf in seine Stube. Es war eine herrliche Maiennacht. Voll und groß stand der Mond am sternenbesäten Himmel und goß sein mattes Silber über über die Straßen, zärtlich-lind fächelte der junge Blütenwind durchs offene Fenster. »Lieber Vater«, sagte Friedemann, »auch ich möchte dich um ein Andenken an diesen schönen Abend bitten, damit ich mich immer erinnern kann, wie glücklich ich heute war. So ein Tag hilft über manches Herzeleid hinweg. Ich möchte dich bitten, mir zu erlauben, daß ich das schöne Lied nach Dresden mitnehmen darf; ich will auch niemand sagen, von wem es ist.« »Gut, Friedemann, nimm es mit! Und wenn du einmal ein Mädchen gefunden hast, das für dich paßt, so ein braves, gutes, einfach-schlichtes Herz wie unsere Mutter, dann sing's ihm vor, aber« – und Sebastian wurde sehr ernst – »versprich mir, daß du selbst nie ein Liebeslied komponieren wirst, Friede! Nie!« »Nie, lieber Vater, ich komponiere niemals ein Lied!« Vater und Sohn saßen einander gegenüber, das Licht in der Stube war gelöscht. »Sag, Friedemann, hast du noch kein Mädchen gesehen, das dich gerne mag? Bist doch ein stattlicher Kerl; hast du kein Glück bei den Weibern?« »Na, soll ich denn das selber von mir sagen, lieber Vater? – Es gibt wohl genug, denk' ich, in Dresden, die mich gern sehen, aber ich wüßte keine, die ich möchte. Meine Zeit ist auch noch nicht da, Vater; ich muß erst etwas Rechtes geschaffen haben, eh' ich dran denke, eine Frau zu nehmen.« »Das läßt sich hören, Friedemann! Da denkst du ungefähr wie ich. Aber warte nicht zu lange, Sohn! Wenn man sonst sein Brot hat, kann man gar nicht zeitig genug heiraten. Weißt du, warum? – Erstens strebt man viel ernster, dann gelingt einem alles besser, und was man erringt, hat man zu zweien, das ist viel schöner. Wenn der Künstler auch noch so alt, noch so berühmt ist, er lernt doch nimmer aus; wer nichts mehr lernen kann, ist aber tot, Friedemann. Was man von seiner Frau lernt, ist gerade das beste in der Kunst und im Leben; denn die Kunst des Lebens, die Weltklugheit, und das Leben in der Kunst, die Empfindung, ist das, was die Weiber immer besser verstehen! Warte nicht zu lange mit deiner Häuslichkeit, Sohn; gerade du, du brauchst eine Frau, denn du bist einer von den Geistern, die nur im Himmel oder in der Hölle Raum haben. Solche aber müssen bald heiraten, damit sie fein auf der Erde gehen lernen. – Nein, nein, rede mir nichts drein, ich kenne dich gar zu gut! Du wirst ein großer Künstler werden, aber du kannst – nimm's mir nicht übel, Friedemann – du kannst auch ein großer Lump werden! Ich hab' manchmal schon recht mit Angst an dich gedacht, wie du bei dem noblen Volk unter den Weibsleuten in Dresden sitzest, und ›Frau Ministerin‹ hier und ›Frau Gräfin‹ da, und der Herr Kammerherr tätschelt dich, und der Herr Oberstallmeister zerrt an dir, – und alle verhunzen dich! Nicht als Künstler, das können sie gar nicht, als Künstler kannst du dich nur selber zuschanden machen, – aber als Mensch können sie dich verschimpfieren. Halte dich zu deinem Pfarrer, Sohn, und nimm dir ein Weib; denn so wahr mir Gott helfe, das Leben ist eine verteufelt schwere Kunst!« X. Brühl hatte die Zinne seines Strebens erreicht, er war alleiniger Minister. Im Moment der Entscheidung hatten sich die Königin und die katholische Partei auf den Monarchen geworfen und aus dem Sturze der drei unglücklichen Kronenträger Brühl nicht nur gerettet, sondern ihn an die Spitze des Staates gestellt. Marie Josepha jubelte, daß endlich die Stunde geschlagen habe, ihre Hand an Sachsens Steuer zu legen, und Quarini und die katholische Fraktion träumten von einer systematischen Katholisierung des Nordens; denn Brühl, der liebe Brühl, war höchst gefällig. Für jeden hatte er einen »ergebenen Diener«, ein bereites Versprechen, eine befriedigende Antwort, und wohl nie hat ein Hofmann eine geschmeidigere Sprache als er gehandhabt, um ... nichts von alledem zu tun. Der größte Schritt zur Befestigung seiner Alleinmacht war dadurch geschehen, daß er in einer geheimen Audienz bei August III. aus dem Lager der Königin sofort in das des Königs übertrat. Josepha und Quarini täuschte er damit, daß er katholisch wurde. Er operierte gegen die Königin beim König, operierte durch Einführung des strengen, altspanischen Zeremoniells gegen die Nebenbuhlerei des Hofes, – und wenn Sulkowsky den König allein isoliert hatte, so isolierte nun Brühl zuerst das Herrscherpaar vom Hofe, um es dann unter sich durch Weckung gegenseitigen Mißtrauens wieder zu trennen. Er wurde das einzige Band, das das königliche Paar mit dem Land und Hofe einte, das einzige Sprachrohr aller Interessen, der einzige Kanal, durch den alles zu- und abfloß. Antonie von Brühl teilte sich als Oberzeremonienmeisterin mit der ihr ergebenen Gräfin Ogilva in den inneren und äußeren Dienst bei der Königin; die einzelnen Minister hatte Brühl zu einem Gesamtministerium vereinigt, die einen Geheimen Ministerialdirektor, einen Sekretär Brühls, zum Vorstand hatten. So kamen die Geschäfte in die Hände eines Siepmann, Saul, von Stubenberg, Kriegsrat Karbe und ähnlicher Männer. Alle diese Kreaturen Brühls kannten nur die eine Aufgabe, den rücksichtslosen Willen ihres Chefs durchzusetzen; und wenn dieser einerseits stets ängstlich bedacht sein mußte, sich vor einem jähen Sturz zu sichern, andrerseits jedes, auch das verwerflichste Mittel anzuwenden, um des Königs wachsenden Geldbedarf zu befriedigen, – so kamen beide Teile auf ihre Kosten. Während Brühl von zehn Uhr vormittags bis acht Uhr abends fast ununterbrochen um den König war und sich dadurch die Möglichkeit schuf, alle Personen und Dinge von ihm fernzuhalten, die ihm Schwierigkeiten oder Schaden einbringen konnten, besorgten seine Vertrauten die übrigen Geschäfte in seinem Sinn. Besonders Siepmann, Saul und Karbe kannten keinerlei Hemmungen und ließen sich zu jedem Auftrag bereitfinden, wenn er nur Gewinn einbrachte. »Habe ich Geld?« fragte August III. fast täglich seinen Premier, wenn er seufzend, aber doch voller Herrscherstolz und Eitelkeit einer besonders luxuriösen Gepflogenheit des verschärften Hofzeremoniells nachkam, – und Brühl antwortete jedesmal: »Jawohl, Euer Majestät!« Und wie er für den König die Mittel zusammenzuscharren verstand, die zur Aufrechterhaltung des Glanzes der Krone notwendig waren, so verstand er es auch, seine ergebenen, stets Beihilfe leistenden Freunde reichlich aus dem goldenen Born schöpfen zu lassen. Selbst den Pater Quarini, der mehr eitel und geldgierig als herrschsüchtig war, nahm er durch das Versprechen des Kardinalshutes und durch hohe und gesicherte Einnahmen für sich gefangen; zudem holte er in allen wichtigen Fragen seinen Rat ein, wohl wissend, daß der Geistliche hinwiederum der Königin berichtete, die somit im Glauben blieb, daß alles Geschehen vorher durch ihre Hände ginge. Die Geschicklichkeit, Geld »zu machen«, ließ Brühl sich selbstverständlich auch selbst zugute kommen. Bei dem gefährlichen Spiel, das er mit verbrecherischen Mitteln begonnen hatte und mit bedenklichen weiterbetrieb, mußte er immer mit der Möglichkeit eines Entdecktwerdens und des dann unvermeidlichen Sturzes rechnen. Aus einem Dasein der Angst und des Mißtrauens, der Furcht und Schlaflosigkeit, der ewigen Aufregung und lauernden Spannung sollte zum wenigsten eine Zukunft der Sorglosigkeit, der Behaglichkeit und des uneingeschränkten Wohllebens ersprießen. Er legte bedeutende Gelder in Grundstücken an, deponierte große Kapitalien auf ausländischen Banken, stattete seinen Palast, das »Hotel Brühl«, mit aller erdenklichen Pracht und den auserlesensten Kostbarkeiten der Kunst aller Länder aus. »Habe ich Geld?« fragte an einem rauhen Oktobermorgen des Jahres 1740 der König wieder einmal mit besorgtem Klang in der Stimme, und als Brühl wie stets bejahte, fuhr er fort: »Ich fürchte, wir werden es in nächster Zeit besonders nötig haben. Ich habe mich nämlich entschlossen, lieber Graf, die Erbansprüche Ihrer Majestät gegen Österreich auf jeden Fall und unter allen Bedingungen anzumelden und zu verfechten.« »Und die pragmatische Sanktion, Majetät?« »Kehrt sich Preußen daran, kümmert sich mein Schwager Karl Albert auch nur einen Deut darum?« »Gewiß, Euer Majestät, – aber es sind da doch gewichtige Unterschiede nicht zu vergessen! Euer Majestät erlauchter Schwager, der Kurfürst von Bayern, hat die pragmatische Sanktion niemals anerkannt ...« »Ob oder ob nicht, bleibt sich gleich! Er hat ebenso eine Tochter Josephs I. – Gott hab' ihn selig! – zur Gemahlin wie ich, – und ich hab' die älteste.« »Nicht darauf gründet er seine Ansprüche, Majestät, sondern, als Nachkomme einer Tochter Kaiser Ferdinands I., auf ein Testament von 1547. Der König von Preußen vollends stellt keine Erbansprüche, er verlangt – ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben – Teile von Schlesien als alten Besitz seiner Ahnen zurück.« »Eine verwickelte Geschichte, Brühl! Aber der Unterstützung Frankreichs sind wir doch sicher?« »Das sind wir schon, Majestät! Indessen hat es nicht nur uns, es hat auch Spanien zur Anmeldung von Erbansprüchen ermuntert.« »Hm ... na schön, lieber Brühl; wir haben ja Geld, sehen Sie zu, wie wir's am besten halten. Jedenfalls verzichten wir nicht!« »Keineswegs, Euer Majestät!« bestätigte der Minister die Willenskundgebung seines Königs; und er machte sie um so mehr zur Richtschnur seines Handelns, als er sich der Hoffnung hingab, mit dem Tode Karls VI. und der Thronbesteigung durch dessen Tochter Maria Theresia aller Befürchtungen wegen seiner damaligen Tat entraten zu dürfen, und als es seinem Ehrgeiz schmeichelte, sich bei einer erfolgreichen Handhabung seiner diplomatischen Künste vom Minister des kleinen Sachsens zu dem des »Deutschen Reiches« emporschwingen zu können. Mehr noch als sonst war Brühl nun am Hofe und in vertrautem Umgang mit dem König, mehr noch als sonst war seine Zeit und Kraft in Anspruch genommen, die verworrenen Fäden des Geschehens straff und sicher in Händen zu behalten. Selbst Antonie vernachlässigte er darüber, und die zu voller Entfaltung erblühte, leidenschaftliche Frau hatte, obwohl der Dienst bei der Königin sie immer noch reichlich fesselte, mehr Mußestunden, als ihr lieb und gut war. Sie sann auf jede mögliche Weise, Abwechslung in die sie bedrückende Eintönigkeit, belebenden Schwung in die einschläfernde Ruhe zu bringen; sie ging daran ... Doch da zerriß ein jäher Blitz die lastende Schwüle und fuhr zischend ebenso störend in die persönlichen Interessen des Brühlschen Ehepaares wie einschneidend in die der gesamten, mit Zündstoff überladenen europäischen Welt. Friedrich II. von Preußen, gerade ein halbes Jahr an der Regierung, war überraschend in Schlesien einmarschiert. Im Januar 1741 zog er in Breslau ein, im April besiegte er bei Mollwitz das österreichische Heer unter Neipperg, am 5. Juni schloß er ein Bündnis mit Frankreich, und bald darauf rückten französische und bayrische Truppen in Österreich vor ... Das Kabinett zu Dresden betrieb eine hinhaltende Politik. Zwar hatte sich an dem Ziel einer irgendwie gearteten Verwirklichung der sächsischen Erbansprüche nichts geändert, doch war man sich über die Wege, wie es zu erreichen sei, nicht einig. Ohne Bundesgenossen konnte man gegen Österreich nichts ausrichten, und gerade unter ihnen fiel die Wahl schwer. Schloß man mit Frankreich, Rußland, Bayern ein Bündnis, so konnte man schlimmstenfalls mit Bayern halbpart machen und durch eine Verheiratung mit der Prinzessin Anna doch noch die Ernte in die Scheune bringen, – ging man an der Seite Preußens gegen Österreich – und seine Erfolge sprachen sehr dafür –, so winkte das Königreich Mähren als sichere Beute. Brühl hatte sich schon für die französisch-bayrische Allianz entschieden, als ihm zwei Besuche angekündigt wurden. Der eine betraf die Königin und konnte ihn nicht sonderlich aufregen. Deren alte Erzieherin, Fräulein von Kling, die seither auf dem Gut einer Freundin an der sächsisch-böhmischen Grenze gelebt hatte, war von solcher Sehnsucht nach ihrer ehemaligen Pflegebefohlenen ergriffen worden, daß sie kurzentschlossen nach Dresden eilte, um Josepha wieder einmal in ihre Arme zu schließen. Sie war eine überschlanke, tabakschnupfende Person, durch unfreiwilliges Zölibat vor der Zeit verwelkt, von Bigotterie, Intrigen und Neid verbittert und verkniffen. Um so größer war die Aufregung, die der andere Besuch verursachte, und er ging alle an. Friedrich II. von Preußen war in Begleitung des Prinzen Heinrich überraschend am sächsischen Königshofe aufgetaucht. Man empfing ihn mit jener übertriebenen Zuvorkommenheit, hinter der sich große Verlegenheit so geschickt verbergen läßt, und veranstaltete sogleich großen Abendempfang. »Ich glaube, die Herren Sachsen haben sich bereits versagt«, bemerkte der preußische Monarch zum Prinzen Heinrich, mit dem er gedankenverloren dem Durcheinanderquirlen der Paare beim Galaball zusah, »wir wollen gleich erkunden, an wen.« Er ging auf August III. zu und zog ihn, den Arm freundschaftlich unter seinen schiebend, in eine ungestörte Fensternische. Augusts Auge suchte verzweiflungsvoll nach seinem Brühl, der ihn dieser bösen Bedrängnis entreißen mochte, – und eben wollte der Minister, endlich den Blick auf sich fühlend und sogleich das Schlimmste befürchtend, zu den beiden Königen treten, als er von einer kleinen, vertrockneten und doch seltsam festen Hand zurückgehalten wurde. »Herr Minister, ich muß Sie sprechen!« sagte Fräulein von Kling leise, aber bestimmt. »Meine Gnädige, Seine Majestät ...« »Spricht mit seinem hohen Besuch. Sie werden mir ein paar Sekunden Zeit schenken; denn was ich Ihnen zu sagen habe, wird Ihnen wichtiger sein als alle Allianzen. Wenn Sie mit mir gesprochen haben, dürfte es Ihnen leichter werden, den König von Preußen abzuweisen.« Es lag etwas im Ton der Dame, das Brühl wie Eis berührte. Die Gewißheit, die aus diesen grauen, stechenden Augen sprach, zwang ihn zur Furcht. Widerstandslos folgte er ihr. Sie führte ihn weit weg, durch entfernte Säle, nach einem stillen, matt erhellten Foyer. Verloren drang der Schall der Musik zu ihnen. »Herr Minister von Brühl, ich komme direkt von Wien und grüße Sie vom Fürsten Lichtenstein. Wenn Sie nicht binnen vier Wochen den Allianztraktat lösen«, und sie zog ein Papier aus der Tasche, »so läßt die Kaiserin-Königin dieses Dokument drucken!« Er öffnete mechanisch das Papier: es war eine Abschrift des Teilungsplanes, den er seinerzeit dem Archiv entwendet hatte. Brühl brach innerlich zusammen. Fräulein von Kling nahm das Pergament wieder an sich und ging in den Ballsaal zurück. Erst geraume Zeit später erschien auch Brühl wieder unter den Tanzenden. August stand noch immer in der Fensternische, vor ihm Friedrich II., der ihm seine Absichten auseinandersetzte. Brühl schritt auf beide zu und blieb kurz vor ihnen stehen, den Wink seines Monarchen erwartend. »Ah, gut, daß Sie kommen, Graf«, rief August; »ich habe mich bisher dringend bemüht, unserem hohen Gast das Schwierige unserer Lage auseinanderzusetzen. Unmöglich, daß wir uns sofort entscheiden können!« »Ich meine, es ginge doch«, sagte Friedrich lächelnd zu Brühl, »denn über das, was man in der Politik will, kann man kaum uneins mit sich selber sein; es kommt nur auf das Wie an.« »Sicher, Majestät!« antwortete Brühl rasch. »Sachsen kann ein Bündnis mit Preußen nur erwünscht sein, doch wie sich das realisieren mag, ist eben das Schwierige. Preußen steht Österreich gegenüber auf anderem Boden als Sachsen. Preußen erkennt Maria Theresia als Kaiserin-Königin an und verlangt nur das von ihr, was es sein altes Anrecht nennt. Wir bestreiten der jetzigen Herrscherin von Österreich aber überhaupt das Recht, Seiner apostolischen Majestät, dem verstorbenen Kaiser, zu sukzedieren. Unsere Ansprüche sind älterer Natur, und es handelt sich für uns um den Besitz Österreichs. Euer Majestät müssen zugeben, daß wir in dieser Frage auseinandergehen; und wenn es Wien beliebt hätte, der Krone Preußen in ihren schlesischen Ansprüchen gerecht zu werden, hätten wir vielleicht schon einen vollständigen Bruch mit Preußen zu beklagen gehabt.« »Ah, nicht übel, Herr Graf, – dagegen ist eben ein Bündnis das beste Schutzmittel!« lachte Friedrich. Dann, seine Augen fest auf Brühl richtend, sagte er schneidend: »Ich bin kein Mann von Wenn und Aber, Herr Minister, und meine einfach, daß die pragmatische Sanktion, die Maria Theresia den Thron sichert, von allen Potentaten, außer Bayern, verbrieft und garantiert ist. Verstehen Sie, Herr Graf? Feierlich garantiert! Nur Bayern hat ein moralisches und juristisches Motiv zum Kriege; ich selbst habe nur gefordert, was mein ist. Es stimmt, Herr Minister, wir stehen nicht auf demselben Boden der Anschauung und der – Begriffe! Morgen werde ich mir erlauben, von meinem königlichen Bruder von Sachsen definitive Entschließung zu erbitten.« Friedrich überließ den König mit seinem Minister sich selbst. Und während er im Weggehen zu Prinz Heinrich äußerte: »Wo Brühl aufhört, ein Narr zu sein, ist er ein Spitzbube!« – wurde der Graf von seinem Souverän mit einer Flut von Vorwürfen bedacht. »Mein Gott, Brühl, wo waren Sie denn die ganze Zeit? Dieser preußische Furioso hat mir auf eine ganz unangenehme Weise zugesetzt.« »Ich habe eine wichtige Nachricht erhalten, Majestät. Während der Köng von Preußen hier scheinbar für eine Allianz mit uns wirkt, ist er mit Bayern, Frankreich und Rußland in geheime Übereinkunft getreten, und wenn Theresia überwunden ist, wird man sich auf uns werfen.« »Was? ... Mein Gott, wäre das denkbar?! ... Und woher haben Sie diese Nachricht?« »Von einem meiner geheimen und zuverlässigen Unterhändler.« »Aber, mein Gott, was ist zu tun?« »Rasch handeln, Majestät! Preußen muß man loswerden, die bayrische Allianz sehr lau betreiben und Österreich nie so feindlich behandeln, daß man nicht jederzeit sich mit ihm versöhnen kann. Vor allem müssen wir gerüstet sein! Ich werde mir erlauben, Euer Majestät morgen definitive Vorschläge zu machen.« »Gut, gut, Brühl! – Brühl, habe ich auch Geld?« »Ja, Majestät!« Der König trat zur Königin, der er zu einer Polonäse den Arm bot. Brühl engagierte das Fräulein von Kling. »Haben Sie sich von dem Schreck erholt, Herr Minister?« fragte sie spöttisch. »Wie Sie sehen, meine Gnädige!« »Und bei Ihrem Geiste und der Elastizität Ihrer Denkart, Herr Graf, haben Sie zweifelsohne auch schon einen Entschluß gefaßt?« »Wohl möglich, und ich hoffe, daß er gut ist. Gesetzt nun aber, ich ließe es auf das angedrohte Übel ankommen, was dann? Man hätte dann zwar in Wien die Freude, mich losgeworden zu sein, aber an meine Stelle würde die Königin selbst treten und in meinem Geiste weiterhandeln: und da ich, mein Fräulein, nie etwas Gewagtes unternehme, ohne daran das Schicksal anderer – höherer Personen zu knüpfen, so begreifen Sie leicht, daß ich so tief nie fallen kann, ganz einflußlos zu werden. Sehr leicht wär's also, daß die ganze Drohung auf den mit doppelter Wucht zurückfiele, der sie ausgestoßen.« Die Kling sah ihn mit großen Augen an: »Sie sind unendlich vorsichtig, Graf! Nun wohl, ich will Ihnen eine Alternative stellen: im Falle Sachsen gegen uns ist, Veröffentlichung des Bewußten, falls Sachsen mit uns, erhält Ihre Frau Gemahlin eine Grafschaft in Böhmen im Betrage von zwei Millionen.« »Nicht übel! – Nun, verehrtes Fräulein, ich bin ein Mann, der Vernunft annimmt. Sie können nach Wien melden, daß ich tun will, was in meiner Macht liegt. Freilich, von heute auf morgen können wir nicht herauskommen aus unseren Beziehungen ... Sobald die Schenkungsurkunde der Grafschaft in meinen Händen ist, soll der Kaiserhof einen Alliierten mehr haben!« Brühl verbeugte sich verbindlich, froh darüber, daß der Schlag, mit dem er nicht mehr gerechnet, den er aber in heimlichem Ahnungsvermögen doch immer befürchtet hatte, in solch konzilianter Form, gleichsam mit goldverbrämtem Samthandschuh, erfolgt war. Die unangenehmen Zwischenfälle rissen indessen nicht ab. Eines Tages trat Siepmann vor ihn hin und erinnerte ihn wieder an den Adelstitel: »Ich warte nun schon so lange auf diese Gunst, habe sie, wie mir dünkt, zehnfach erkauft, und möchte endlich darauf dringen, mir den versprochenen Rang gütigst auszuwirken.« »Siepmann! seien Sie vernünftig. Lassen Sie doch endlich die alte Marotte fahren. Nehmen Sie lieber Geld. Ich will Ihnen die Adelsforderung abkaufen. Was haben Sie denn an dem Titel?« Siepmann fuhr zurück. »Ah, das ist schön, Exzellenz! Diese ganze Reihe von Jahren haben Sie mich hingehalten, um mir jetzt zu verweigern, was durch meine aufopfernde Tätigkeit ein Recht geworden ist!« Das Gesicht des kleinen Mannes lief rot an. »Ihr Recht?« – und Brühl fuhr auf – »Ihr Recht, Herr? Sie haben Dienste geleistet und sind dafür mit Geld und Ämtern überreichlich bezahlt worden, – ja, haben sich meiner besonderen Gunst zu erfreuen gehabt! Ist das für einen Menschen Ihrer Gattung nicht genug? Beim Himmel, das fängt an, mir etwas arg zu werden! – Den Adelstitel verleiht man nur Männern von großen Tugenden und unbefleckter Ehre, nicht ...« »Leuten, die die Spitzbübereien eines Kammerherrn unterstützen, daß er Minister werden kann! – Darf ich Sie daran erinnern, was ich alles für Sie getan habe? Wer hat den Sulkowsky gestürzt? Ich! – Wer hat Ihnen zur Frau Ministerin verholfen? Wer ließ die Medaille in Holland machen? Wer schützte den König vor Ledekuskys Kugel? Wer schrieb das Dokument für Lichtenstein ab? Alles: ich! Ich, Herr von Brühl, habe Sie zu dem gemacht, der Sie sind! Ich kann Sie auch wieder stürzen, wenn ich will! Oder glauben Sie nicht, daß Sie um die Ecke sind, wenn ich Seiner Majestät die Rechnung des Medailleurs oder die Kopie der Lichtensteinschen Depesche zusende? Im übrigen geht Sie's gar nichts an, wie viel und wie wenig mir an dem Adel liegt! Ich will von Siepmann heißen, Herr Graf! Und wenn ich Minister machen kann, könnt' ich wohl selber einmal einer werden!« Bleich, zitternd vor Wut, standen sich beide Männer gegenüber in nun offenem Kampf. Brühl fühlte, daß sein Verderben vor ihm stand, und Siepmann, daß sein ganzes Sein an einem Faden hing. Sie starrten einander an, überlegten, suchten sich gegenseitig die Gedanken aus dem Hirn zu saugen. Endlich ging Brühl langsam an seinen Schreibtisch. Ein Druck auf einen verborgenen Knopf genügte, und die beiden Türen des Zimmers schnappten in den Riegel, ein Griff, und eine Pistole glänzte in seiner Hand. Siepmann erbleichte und taumelte zurück. Der Minister trat an eine verborgene Tapetentür: »Da wir uns so ehrlich ausgesprochen haben, Siepmann, können wir ebenso handeln. – Wenn Sie sich rühren, schieße ich Sie zusammen! – In einer Stunde werden Sie unterwegs nach dem Lilienstein sein, Bester!« »Und was werden Sie davon haben, Herr Minister? Alle Dokumente sind selbstverständlich in der Hand eines Dritten, der das Paket sofort an den König sendet, wenn ich verschwinden sollte.« »Es müßte erst in die Hände des Königs kommen, Herr Siepmann! Glauben Sie nur, meine Waffen sind den Ihrigen mindestens gleich!« Siepmann, der seine Übereilung bereute, aber an der ganzen Art und Weise Brühls merkte, daß es nicht zum Äußersten kommen würde, sagte kleinlaut: »Ja, ich seh's ein, ich bin Ihnen nicht gewachsen, Exzellenz!« »Das ist vernünftig, Siepmann! Ich könnte mich jetzt leicht von Ihnen befreien, aber ich wünsche es gar nicht, weil ich Ihr Talent ungern entbehre. Wir wollen offen miteinander reden. Nach dem, was vorgegangen ist, können Sie unmöglich glauben, daß ich zu Ihnen wieder Vertrauen fassen kann, – es sei denn, daß Sie ausliefern, was Sie als Waffe gegen mich gesammelt haben.« »Es käme ganz darauf an, was Sie mir dafür gewähren wollen.« »Nennen Sie den Preis!« »Den Adelstitel und das Schloß Ubigau, das dem Fürsten Sulkowsky gehörte.« Brühl fuhr zurück. Endlich sagte er: »Gut, Siepmann, Sie sollen den Adel und Ubigau haben.« »Wann, Exzellenz?« »Sie werden mit Karbe zu der Person gehen, die das Material hat, und es abholen, Karbe wieder hierher begleiten und mit ihm speisen. Inzwischen komme ich vom königlichen Diner zurück. Sie geben mir das Paket, ich Ihnen den Adelsbrief und die Schenkungsurkunde. Ja?« »Mit Vergnügen! Ich bin wie immer Ihr treuer Siepmann, Exzellenz, und wenn ich den Adelstitel und Ubigau habe, will ich Ihnen etwas erzählen, was für Ihr ganzes künftiges Leben wichtig werden kann.« Brühl sah den Sprecher forschend an, konnte aber in dem glatten, ruhigen Gesicht nichts lesen. Er klingelte, und als Siepmann mit Karbe das Hotel verlassen hatte, befahl er, Saul zu rufen. »Saul, Sie sind doch Siepmanns Feind? – Keine Geschichten, bitte! Sie sind's, Sie beneiden ihn! – Wollen Sie seine Stellung haben?« »Exzellenz!« »Ja oder nein?« »Nun, bei meiner armen Seele, – ja!« »Folgen Sie mir ins Nebenzimmer, dort will ich Ihnen zeigen, wie Sie die Stelle in ... sagen wir, in einem Vierteljahr haben können.« Als Brühl vom Diner des Königs zurückkam, warteten Siepmann und sein Begleiter bereits auf ihn; sie betraten zu dritt das Zimmer, das schon so viele Intrigen sah, und der Minister bat um Aushändigung des Paketes. Siepmann überreichte es ihm lächelnd. »Herr von Siepmann, hier ist das Adelsdiplom, hier die Ubigauer Schenkungsurkunde. Ich werde Sie am nächsten Courtage Seiner Majestät vorstellen. Ich hoffe, da nun Ihre Wünsche erfüllt sind, daß Sie bis dahin über ihren neuen Rang schweigen werden. Sie könnten durch Voreiligkeit den König sehr erzürnen, namentlich inbetreff Ubigaus, das er dem Grafen Rutowsky schenken wollte.« »Ganz gewiß werde ich die Audienz abwarten, Exzellenz!« Zitternd griffen seine Hände nach den ersehnten Urkunden und rollten sie auseinander. Vor seinen Augen schwamm's: da stand, daß er adelig war, da stand, daß das königliche Ubigau ihm gehörte. »Nun, Herr von Siepmann, sind wir wieder Freunde?« fragte Brühl, der inzwischen das Paket geöffnet und alle gefährlichen Dokumente in die flackernde Flamme des Kamins geworfen hatte. »Ja, Exzellenz! Und was immer zu tun sein mag: Sie sollen mich stets bereit finden! Und damit Sie sehen, wie ich Ihre Interessen behüte, will ich Ihnen sofort etwas mitteilen, was seltsam klingen mag, aber doch wahr ist.« Sich Brühl nähernd, flüsterte er ihm leise eine Nachricht zu. Dieser stand starr, atemlos; alles Blut strömte in siedenden Wellen zu seinem Herzen. »Das ist nicht wahr, Siepmann! Das darf nicht wahr sein!« schrie er, und seine Hand griff nach einem Stützpunkt. Siepmann führte ihn zu einem Sessel: »Es ist wahr, Exzellenz! Sie werden sich selbst überzeugen! – Gehorsamer Diener!« Brühl saß im Lehnstuhl. Unentwegt sah er nach der gegenüberliegenden Wand, an der das Bild Antonies hing; er ballte die Hand krampfhaft vor die Stirn, er schluchzte bitterlich. XI. Unter den mannigfachen Freunden und Bekannten Friedemanns, der nun schon an die acht Jahre an der Sophienkirche wirkte, immer noch keine Frau gefunden hatte und weiterhin von der reichlich gebrechlich gewordenen »alten Hanne« betreut wurde, war der Oberprediger Merperger einer der ausgezeichnetsten. Er war ein Mann, der wegen seiner hohen Tugenden und seines weiten und tiefen Wissens in allgemeinem Ansehen stand; er war ein entschiedener Anhänger der Wolffschen Doktrin. Durch seine Stellung war Friedemann in der Familie Merpergers heimisch geworden, und der dort herrschende philosophische Geist, der ihm die schöne Merseburger Studienzeit wieder naherückte, hatte ihn an dieses Haus gefesselt. Was aber den Abendgesellschaften des Predigers noch mehr Anziehungskraft verlieh, war seine Tochter Ulrike, die seit dem Tode der Mutter dem Hauswesen vorstand. Sie war ein liebliches Mädchen, schlank und klein, von nicht allzu üppigen Formen. Still, Fremden gegenüber fast schüchtern, gab sie sich, wenn sie erst ihre natürliche Befangenheit überwunden hatte, in so reizender Sinnigkeit, brachte sie solch seelenvolle, tief innerliche Wärme in das Gespräch, daß sie einen unauslöschlichen Eindruck bei jedem hinterließ, der sie länger kannte. Dabei hatte sie eine nicht zu verachtende musikalische Bildung. Ulrike trug, seit sie Friedemann zum erstenmal gesehen, eine tiefe, mädchenhaft scheue Liebe zu ihm in ihrem Herzen. Der Einunddreißigjährige aber, der wohl für Frauenschönheit nicht unempfänglich war, ihr seither jedoch nur tändelnd gehuldigt hatte und nie von dem Verlangen angerührt wurde, aus Huldigung ernsthafte Bewerbung werden zu lassen, sah auch sein Verhältnis zur Predigertochter mit keinen anderen Augen an. Um so mehr mußte jede vertraulichere Geste, jedes unbedachte Wort, daß er arglos an sie richtete, eine schmerzliche Wunde in dem kranken Herzen verursachen. Der alte Merperger sah es zu spät, und da er sein Kind innig liebte und zugleich bemerkte, wie wenig Neigung Friedemann hatte, beschloß er, ein schnelles Ende herbeizuführen. Er besuchte, ernst und bewegt, den jungen Bach: »Störe ich Sie, mein Freund?« »Nein, Hochwürden, ich stehe ganz zu Dero Diensten.« »Gut denn! Lassen Sie mich also offen mit Ihnen reden, wie ein älterer mit dem jüngeren, wie ein ehrlicher Mann mit dem anderen es muß. Hören Sie mich ruhig an und sehen Sie als Anlaß zu diesem Gespräch nur mein Pflichtgefühl! Sie sind ein Mensch, dem der liebe Gott alle Erdengaben in reichster Fülle verliehen hat. Sie stammen aus einer Familie, deren Ruhm durch die ganze Welt geht, und Sie sind selbst ein großer Künstler, der die Gnade und Gunst unseres Regenten und aller ausgezeichneten Menschen genießt und verdient. Zu dem allen hat Ihnen der Schöpfer ein liebenswürdiges Äußere und weltmännisch-gewandtes Auftreten geschenkt, Eigenschaften, die Ihnen überall Freunde machen müssen. Ich denke also, daß Sie Ursache haben, dem himmlischen Vater recht dankbar zu sein. Als Ihr Patron und derzeitiger Seelsorger habe ich das Recht, Ihnen zu sagen, daß Sie jedoch verpflichtet sind, diese großen Glücksgaben nicht zu mißbrauchen! Daß Sie sich immer fragen sollten, ob Sie Ihren Mitmenschen mit diesen Vorzügen nicht wehe tun, so wehe, daß dieselben wünschen müssen, Gott hätte Ihnen weniger Liebenswürdigkeit, aber mehr Lebensernst und Seelentiefe gegeben.« Merpergers Stimme zitterte, Friedemann war sprachlos und erstaunt. »Ihr Erstaunen, lieber Bach, zeigt mir klar, daß bei Ihnen nicht von einem absichtlichen und ehrlosen Spiel mit Gefühlen und Neigungen die Rede sein kann, – aber so innig lieb ich Sie habe, muß ich Sie doch bitten, künftig mein Haus zu meiden. Ich bitte darum als Vater! Als wohlmeinender Freund aber sage ich Ihnen: seien Sie haushälterisch mit Ihrer Galanterie, damit man Sie nicht für einen leichtfertigen Menschen hält und Ihnen vielleicht gerade dann mißtraut, wenn die echte Flamme der Liebe Ihrem Munde Worte eingibt, die Gewicht und Wahrheit haben sollen! Gott erhalte Sie, junger Freund!« Friedemann war wie vom Blitz getroffen. – Ulrike liebte ihn, und er hatte durch sein leichtsinniges, übertrieben liebenswürdiges Verhalten sie in den Glauben versetzt, er empfinde gleichfalls Neigung für sie. Inniges Mitleid und tiefe Reue bemächtigten sich seiner, denn sein Herz war zu groß und edel, um bei fremdem Leid ungerührt zu bleiben, erst recht, wenn er – obwohl ohne Absicht – die Ursache davon war. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, sah im Geist das leidende Mädchen und beschloß, nichts ungetan zu lassen, um wiedergutzumachen. Ulrike jedoch zu lieben, das lag nicht in seiner Kraft. Voll Beschämung entschloß er sich, an Merperger zu schreiben, ihn seiner heftigen Reue zu versichern und, sein Benehmen bitter anklagend, ihm als seinem Seelsorger Besserung zu geloben. Mehr konnte er nicht tun. Sein Erlebnis war indessen von so tiefgreifender seelischer Wirkung, daß von dieser Zeit an eine auffallende Änderung in ihm vorging. Seine weltmännische Glätte blieb zwar; aber wenn sie bisher von dem Schwung seines Geistes, von einem Abglanz seines phantasiereichen Innern schillernd belebt war, so bekam sie nun etwas Starres, Kaltes, Abweisendes. Er schien voller Mißtrauen erst die Seele des mit ihm Redenden geistig abzutasten, und wenn hinfort eine schöne Frau durch Entfaltung aller Liebenswürdigkeit ihn in seinen alten Ton zurückzubringen versuchte, sah er darin nur Schlingen, die die Heiratslust der Mädchen ihm stellte. Er wurde dann oft unartig und begann schließlich, das weibliche Geschlecht möglichst zu meiden. Friedemanns Freunde bemerkten seine eigentümliche Wandlung, doch kannte keiner, außer Merperger und Doles, den wahren Grund; beide empfanden vor seiner Willenskraft und seinem sittlichen Stolz gerechte Bewunderung, sahen aber auch zu ihrem Bedauern, wie er in ein Extrem verfiel, das seinem inneren und äußeren Leben nur gefährlich werden konnte. Der Prediger hätte ihn gern aufmerksam gemacht, fühlte jedoch nur zu lebhaft, wie wenig gerade er einschreiten konnte, und Doles, dessen rücksichtslose Freundschaft eines Tages einen Vorstoß wagte, lief schief an. »Ich will's so!« hatte Friedemann nur gesagt und jede weitere Erörterung abgelehnt. Merperger sah Bach nur noch in der Kirche oder bei einem kleinen Abendzirkel von Herren, der sich allwöchentlich einmal bei Friedemann einfand, und den der Prediger gern besuchte, weil er den geistreichen Künstler, der ihm in seinem Amte so nahestand, nicht missen wollte. Außer ihm und Doles bestand die Gesellschaft noch aus dem Stadtsyndikus Weinlich, einem alten musikalischen Hagestolz, Homilius und dem Musiklehrer Transchel, der ein alter Mitschüler Friedemanns bei Bach gewesen war. Diesen Kreis beschloß der Hofmathematikus Walz, ebenfalls ein alter Junggeselle, bei dem der Hausherr seine Studien, besonders in Algebra, Physik und Philosophie, fortsetzte. Wenn Hasse und seine schöne Faustina in der Oper nichts zu tun hatten, sprachen auch sie häufig vor und brachten mit ihrem leichten italienischen Melodiengetändel eine gefällige Abwechslung in die Diskussionen über Wolffscheu Rationalismus oder Voltaires »Lettres philosophiques«. Von Gesellschaften außer dem Hause hatte sich Friedemann tunlichst zurückgezogen, und unter den wenigen, die er noch besuchte, nahmen das Hotel Brühl und die Familie des Herrn von Schemberg die erste Stelle ein. Herr von Schemberg, der bei Hofe höchst beliebt war, hatte für Friedemann eine herzliche Freundschaft gefaßt; auch seine Frau hatte den jungen Künstler gern, und da sie älter war als er, nahm sie sich öfter die Freiheit, ihm rückhaltlos »den Marsch zu blasen«. Sie war eine höchst gebildete und geistreiche Frau, und Friedemann ließ sich von ihr gern alles gefallen. Nicht mit der gleichen freundschaftlichen Herzlichkeit, aber doch mit betonter Liebenswürdigkeit und besonderer Auszeichnung wurde der junge Bach auch im Hause Brühl als stets willkommener Gast empfangen. Er war fast die einzige Privatperson, die der Minister aus seinen früheren Jahren mit herübergenommen hatte; denn außer Antonie war er der einzige Mensch, mit dem Brühl ehrlich umgehen konnte und wollte, in dessen Gesellschaft er sich menschlich frei fühlte, sich besser vorkam als sonst im Leben. Bei traulichen Gesprächen im engeren Familienkreise konnte er wahrhaft liebenswerte Seiten enthüllen, eine tiefe, solide Neigung, ein Herz, das doch empfänglich für Einfachheit war und ihn edel und gut erscheinen ließ. Sogar Antonie von Brühl, die Frau, um deretwillen der Graf alles nur Erdenkliche auf sein Gewissen geladen hatte, die Frau, die sich in jahrelangem, rastlosem, unersättlichem Streben zum Ziel ihrer Wünsche durchzukämpfen gewußt hatte: sie begann einzusehen, daß der wahre Genuß des Lebens im Einfachen bestehe, wenn es nur von echter, tiefer, opferfähiger und heißerwiderter Liebe geboten wird. Hatte sie solche Liebe jemals gegeben, jemals empfangen? War sie nicht im Grunde immer nur an eine ahnungsvolle, schmerzlich-süße Sehnsucht geschmiedet gewesen? Von ihrer Mutter, der Fürstin Kollowrat, Oberhofmeisterin unter Königin Eberhardine, streng erzogen, war sie in eine ländliche Pension bei Dresden gebracht worden, um vor dem leichtsinnigen Leben des Hofes behütet zu bleiben. Aber gerade das, was ihr Schutz sein sollte, wurde ihr zur Falle. August der Starke, der es oft liebte, den romantischen Abenteurer zu spielen, traf die junge Antonie im Garten bei Tharandt und leitete sofort ein galantes Schäferspiel ein, dem die leicht Erregbare nicht widerstand, und dessen Folgen sie erst einsah, als sie nicht mehr zu ändern waren. – Antonie wurde aufs innigste bemitleidet; die eigentümliche Art ihres Unglücks, der Umstand, daß sie eine verführte Unschuld und keine Mätresse war, erwarben ihr die ritterliche Achtung und Zuneigung der Männerwelt. Zu sehr beeindruckt jedoch von dem schlimmen Verlauf ihres ersten Debüts in der Liebe, war sie von äußerster Zurückhaltung; sie legte ihrer Leidenschaftlichkeit Zügel an und gönnte ihrem Herzen nur dann ein Mitbestimmungsrecht, wenn zugleich ihr Ehrgeiz, ihr Hunger nach Macht, Reichtum, Luxus und Lebensgenuß befriedigt wurden. Bei Brühl war das, nachdem er das aufregende und unterhaltsame Spiel der Nebenbuhlerschaft zu seinen Gunsten entschieden hatte, der Fall. Aber nun, heute? Aus der Hetzjagd nach Erfolg und Macht war gesicherter, ruhiger Besitz geworden, aus dem Sturm der Gefühle und Neigungen Windstille, aus ihrer Ehe Alltag. Was blieb, war Langeweile ... Und aus dieser Langeweile, die der Dreiunddreißigjährigen zu mancherlei Gedanken über sich selbst reichlich Anlaß und Gelegenheit bot, erwuchs ihr geheimer Abwehrwunsch von dem Gewesenen, ihre Unzufriedenheit mit der Gegenwart, ihre Sehnsucht nach einer Zukunft voller Glück und Märchenwunder. Sie geriet ins Träumen ... Und plötzlich wußte sie, wen ihre Sehnsucht gesucht hatte, wem ihr Herz entgegenjubelte, die Ströme ihres Blutes in heißer Leidenschaft zurauschten: – es war Friedemann Bach. Die Ministerin liebte Friedemann namenlos, glühend, mit der ganzen Kraft ihres unbefriedigten Frauentums, – wenigstens glaubte sie das – und je mehr sie sich ihm zu nähern suchte, je vorsichtiger sie dabei zu Werke gehen mußte, desto mehr reizte sie diese Liebe. Es kam für sie vor allem darauf an, Friedemann an ihr Haus zu fesseln, ihn durch öftere, regelmäßigere Besuche stets in ihrer Nähe zu halten und doch jeglichen Schein zu vermeiden. – Da kam ihr ein glücklicher Gedanke: Friedemann sollte ihrer siebzehnjährigen Tochter täglich eine Musikstunde geben. Das Mädchen war noch kindlich, unbedacht, erfahrungslos. Welch bessere Gelegenheit konnte es geben als die, mit der Dummheit der Tochter die Pläne der Mutter zu verbergen?! Brühl war mit dem Vorschlag seiner Gemahlin ganz einverstanden, und die Musikstunden begannen. Aber nach der fünften Stunde, die Friedemann der jungen Antonie, Komtesse von Kollowrat, erteilte, wurde er still und stiller, verlegen, einsilbig; er begann, sich strenger an die Pflicht des Unterrichts zu binden. Nach dieser fünften Stunde mußte sich Friedemann eingestehen, daß er seine Schülerin liebe. Und auch Antonie liebte Friedemann, liebte ihn schon, seitdem er vor zwei Jahren ins Haus kam. Hocherrötend war sie, als die erste Musikstunde begann, vor ihn getreten, hatte scheu, ängstlich und schüchtern seine Finger berührt. Friedemann konnte sich dieses seltsame Verhalten anfangs nicht erklären, bis ihn in einem günstigen Augenblick ein Blick von solcher Innigkeit, von solch durchglutetem Glück traf, daß er, plötzlich über Antonie und sich selbst wissend geworden, gleichen Liebesgruß entbot. Danach wurden sie äußerlich zurückhaltender gegeneinander, errichteten aber ihrem verschwiegenen Glück einen goldenen Hoffnungsschrein in ihrem Innern. Der Mutter Antonies konnte die merkwürdige Stille in Friedemanns Wesen nicht entgehen; aber weit davon entfernt, irgendwelchen Verdacht zu schöpfen, sah sie darin das unzweideutigste Zeichen der Gegenliebe. Ein Vorausgefühl der Wollust überkam sie, und sie stellte mit Genugtuung fest, daß Friedemanns betonte Zurückhaltung auch ihre Tochter zur Beobachtung allerstrengsten Abstandes herausgefordert hatte, obgleich sie schon den bloßen Gedanken als absurd verwarf, er könne vielleicht dem Mädchen – oder Antonie ihm gefährlich werden. Aber gerade die Augen der Lebensunerfahrenen sahen am schärfsten. Sie hatte nicht nur in dem heißen Blicke Friedemanns die süße Gewißheit seiner Liebe erraten, sie hatte auch in der Seele ihrer Mutter gelesen. Sie erbebte. Es war ein herrlicher Wintertag. Ende März, und noch Schnee. Es würde weiße Ostern geben. Hell spiegelte sich die Morgensonne in den farbensprühenden Zapfen, die an Dächern und Simsen der Häuser hingen. Friedemann machte Toilette; er wollte ins Hotel Brühl, um seinen Unterricht zu geben. Friedemann war bleicher als gewöhnlich. Er hatte die letzten Nächte schlecht geschlafen: »Und wenn sie mich liebt, die Engelschöne, wenn sie mich wahrhaft liebt, warum soll ich schmachten und mich verzehren, warum soll ich nicht das süße ›Ja‹ von ihren Lippen hören? Bin ich denn so elend, so gering, daß der Wunsch nach ihrem Besitz vermessen wäre? Ist nicht die Ministerin mir Gönnerin und Freundin, wie's nie eine gab? Und wenn ich erst der Größte, der Allergrößte in meiner Kunst geworden bin, wenn mir in Bewunderung die Welt zu Füßen liegt, bin ich dann zu schlecht, der Schwiegersohn des Grafen Brühl zu heißen, der auch nur ein armer, unbeachteter Page war, als er zu streben anfing? Ich bin Friedemann Bach und des großen Sebastian Sohn! Ich wag's, und wenn zehnmal Mama dabeisitzt ... Doch nein, ich könnte sie verletzen, beleidigen! ... Es bleibt dabei: ich muß erst etwas geschaffen haben, was mir den Ruhm des schöpferischen Künstlers sichert, was mir ein Recht zu meiner Werbung gibt! Aber ein sicheres, unverfängliches Zeichen meiner Liebe muß ich ihr wenigstens geben! ... Wie gut nun, daß ich es immer umging, wenn die Ministerin mich ersuchte, ihr einmal ein Lied zu komponieren! Nun soll sie's hören! Das alte Lied, ›Willst du dein Herz mir schenken‹ will ich ihr singen, und wenn ich dann Antonie – meine Antonie – verstohlen ansehe, wird sie mich bestimmt verstehen!« – – Als Friedemann an der Sophienkirche vorbeiging, kam eine wohlbekannte, dunkelgekleidete Gestalt an ihm vorbei. Sie wandte sich um, es war Ulrike. Friedemann wurde rot und grüßte. Das arme Mädchen mit dem stillen, schmerzlich lächelnden Zug um die Lippen grüßte ihn wieder und schritt vorbei zum Hause des Vaters. Friedemann stand still. Ein Krampf packte ihn, er mußte tief Atem holen, daß er nicht schrie. Dann ging er vorüber ... Friedemann Bach und Komtesse Antonie saßen am reichvergoldeten Klavier und spielten eines jener vierhändigen Übungsstücke, die aufgegeben werden, um dem Schüler die Melodie leicht und angenehm zu machen und das Ohr an Harmonie zu gewöhnen. Die Ministerin saß auf einem Sessel, den sie so ans Instrument geschoben hatte, daß sie den beiden jungen Leuten ins Gesicht sehen konnte. Friedemann war heute aufgeregter und verlegener als sonst. Antonie merkte es sogleich; sie las in der Unbeherrschtheit seiner Züge, sie spürte am Zittern seiner Hände, die sie im Spiel berührte, daß der Geliebte heute ganz in der Verfassung war, eine Torheit zu begehen. Sie setzte sich daher in Bereitschaft, durch Geistesgegenwart die Gefahr abzuwenden, die der Unbedachte etwa heraufbeschwören würde. Die Übungsstunde war vorbei, der theoretische Unterricht begann. Friedemann nahm die erwünschte Gelegenheit, durch Lehre und Beispiel den ganzen Schatz seines künstlerischen Innern entfalten zu können, um so lieber wahr, als es ihm darum zu tun war, der Geliebten von der Würde und Weihe der Musik die allerhöchste Meinung beizubringen, ihr seine Kunst als die edelste Art der Dichtung darzustellen. Aus dem Lehrer wurde er darüber zum Dichter und riß, wie nie zuvor, seine Zuhörerinnen hin. »Ja, Komtesse, die Musik ist die Sprache, die Unnennbares sagt, die dort lebendig wird und unser Ohr mit süßem Schmeichelton umplaudert, wo der Verstand umsonst nach Worten hascht, wo das Herz, die innerste Seele selbst in einer Zunge redet, die wir nicht verstehen, sondern allein fühlen müssen, wenn wir des heiligen Geistes voll sein wollen. Die Musik ist die Sprache des Herzens, die Sprache der Liebe und die Sprache Gottes, weil alle drei im höchsten Entzücken eins sind. Drum ist auch jede Melodie ein Gedanke und jeder Ton ein Wort.« »Und die Harmonie, lieber Bach?« warf die Ministerin zärtlich-verstohlen hinüber. »Die Harmonie, Exzellenz, wollte ich nun hieraus erklären: denke man sich die schönste Melodie der Welt, die seelenvollste«, – und seine Hand glitt mit einem süß flüsternden Adagio über die Tasten – »sie wird, solange sie allein steht, stets eintönig und unvollkommen sein. Tritt aber zu der einen Stimme, die die Melodie gibt, eine zweite, die den Gedanken wiederholt, neu beleuchtet, gewissermaßen als ein anderes Ich mit anderen Augen anlächelt, dann erst beginnt das wahre Leben des Tones, dann wird er zur eigentlichen Musik, und die einfachste Form, die des Liedes, kann erstehen. Es ist bei zwei solcher Stimmen wie bei zwei Menschen, die ein Gefühl durchglüht, eine Stimmung beseelt, ein Gedanke entzündet. Zwei Menschen, die in ihrer individuellen Freiheit dieses vereinte Gefühl, den Gemeinsamkeitsgedanken, zur höchsten Vollendung bringen, sich umflattern, durchdringen, gegenseitig wiederholen und ergänzen, sich umschlingen und küssen und selig zusammenrinnen. Und je mehr Stimmen dazukommen, desto höher wird die Wonne, desto reicher der Gedanke, und die Sehnsucht dehnt sich aus zum Himmel und wird unendlich weit und allmächtig, wird Welt und Seligkeitsgedanke, der Gedanke Gottes!« In seiner Begeisterung war Friedemann aufgesprungen, hatte den schwellenden Arm seiner Schülerin gepreßt, die andere Hand, als wolle er unsichtbare Rosen pflücken, emporgehoben; mit verzehrenden Blicken sah er die Ministerin an, willens, ihr zu einem Geständnis zu Füßen zu sinken ... In diesem Augenblick stand die junge Kollowrat hastig auf. Er ließ ihren Arm los, errötete und bat stotternd um Entschuldigung. Die Gräfin Brühl, die dem schönen Mann mit fieberigem Pulsschlag zugehört hatte, war über die scheinbare Prüderie der Tochter sehr ungehalten, faßte sich aber schnell und sagte: »Wenn Sie von uns volle Verzeihung für Ihre dichterische Kühnheit finden wollen, müssen Sie uns den lange erbetenen Beweis geben, daß Sie auch mit solch großem Gefühl zu schaffen vermögen, und uns ein Lied komponieren. Ja, wollen Sie das? So ein Lied, in dem zwei Stimmen sich begegnen, ein Liebeslied vielleicht, Friedemann.« Und seine Hand in der ihrigen haltend, sah ihn die Ministerin mit einem seltsamen Blick an. Friedemann gab den Blick zurück und setzte sich ans Klavier. Die Ministerin stand vor ihm. Antonie von Kollowrat war leise hinter die Mutter getreten und hatte, im Instinkt der kommenden Katastrophe, seinen Blicken dadurch, daß sie die Mutter als Schutzschild benutzte, wenigstens das Verräterische genommen. Die Ministerin merkte nicht, was Antonie tat, sie war in Friedemanns Anschauen verloren und harrte des kommenden Gesanges, der, wie sie meinte, ihr ein Liebesbote werden sollte. Friedemann griff in die Tasten. Ein kurzes Vorspiel. Sein schwärmerisches Auge erhob sich, sah hinter dem Antlitz der Mutter das der Geliebten, und dankte ihr mit einem kleinen Lächeln für die Schalkheit. Plötzlich wurde er bleich; er fühlte, daß er an der Schwelle seines Schicksals stand. Er sang: »Willst du dein Herz mir schenken, So fang es heimlich an, Daß unser beider Denken Niemand erraten kann. Die Liebe muß bei beiden Allzeit verschwiegen sein, Drum schließ die größten Freuden In deinem Herzen ein. Behutsam sei und schweige, Und traue keiner Wand; Lieb innerlich und zeige Dich außen unbekannt. Kein Argwohn mußt du geben, Verstellung nötig ist; Genug, daß du, mein Leben, Der Treu' versichert bist. Begehre keine Blicke Von meiner Liebe nicht, Der Neid hat viele Tücke Auf unsren Bund gericht'. Du mußt die Brust verschließen, Halt deine Neigung ein, Die Lust, die wir genießen, Muß ein Geheimnis sein. Zu frei sein, sich ergehen, Hat oft Gefahr gebracht; Man muß sich wohl verstehen, Weil falsch ein Auge wacht. Du mußt den Spruch bedenken, Den ich vorher getan: Willst du dein Herz mir schenken, So fang es heimlich an.« Er sprang auf, nicht mehr Herr seiner Sinne ... »Pardonnez, maman, mon mouchoir!« – und Antonie eilte hinweg, um ihre Bewegung zu verbergen und den Unsinnigen vor dem Schlimmsten zu behüten. Ihr Weggehen hatte Friedemann die Besinnung wiedergegeben. Die Ministerin aber, das vergessene Tuch der Tochter segnend, trat hastig zu ihm, packte krampfhaft seine Hand und wollte den schönen Sänger eben zur Erleichterung seines Herzens ermuntern, als Antonie wieder eintrat und einen fragenden Blick auf beide warf. Die Ministerin fuhr zurück. Friedemann war ernüchtert. Er begann zu ahnen, an welcher Doppelklippe er stand. Er faßte sich, machte eine Verbeugung und ging. XII. Es war Nacht, als Friedemann Bach, in einen weiten Mantel gehüllt, aus seinem Hause schlich. Er eilte über den knisternden Schnee, auf den sacht und lautlos noch vereinzelte Flocken niedersanken. Er wollte zum Hotel Brühl, das er zwei Tage gemieden hatte, heute aber doch wohl aufsuchen mußte, weil von der Ministerin eine besondere Einladung zu einem »Schäferfest« an ihn ergangen war, das Brühl dem Hofe gab. Der Karneval war zwar eigentlich längst vorüber, die großen Redouten und Maskenbälle des Hofes beendet, aber die Sucht nach Vergnügen dehnte die Festlichkeiten doch immer wieder bis zum »Grünen Donnerstag« aus; und da man sich aus Pietät nicht öffentlich zum Tanze vereinigen durfte, so gab man Opern mit Karussells, Bauernwirtschaften, Schäferfeste, bei denen dann eben so nebenbei ein bißchen getanzt wurde. Heute war nun endgültig der Kehraus der Karnevalsfreuden, und nach dieser fröhlichen Nacht im Brühlschen Hause durfte man nicht mehr zögern, ein ernstes Gesicht zu machen; denn dahinter stand schon der stille Karfreitag mit seiner Dornenkrone. Friedemann übersann seine Lage. Es waren ihm im Hinschreiten doch Bedenken gekommen, ob es richtig sei, der gräflichen Einladung Folge zu leisten. Die Ministerin war in ihn verliebt, darin konnte kein Zweifel bestehen, und sie würde ihn bei dem Fest nicht aus den Augen verlieren und alles daransetzen, ein Alleinsein in irgendeinem verschwiegenen Winkel herbeizuführen. Wie ihr entgehen und seinerseits ein Alleinsein mit Antonie zuwege bringen? Zudem war Brühl im Hause ... Zögernd blieb er stehen. Um die Ecke des Prinzenpalais fuhr ein kalter Windstoß und blähte seinen Mantel auseinander; er griff fröstelnd zu und zog das Tuch wieder über sein amarantfarbenes Schäferkostüm. Da war's ihm, als ob er Stimmen vernähme, und eine, die die Klangfarbe seines Vaters hatte, sprach: »Was tust du hier? Du, der Sänger des Herrn, in den bunten Lappen der Narrheit, und übermorgen ist der Tag, da der Heiland gekreuzigt ward?!« – Er fuhr sich über die Stirn. Blödsinnige Halluzination! ... Aber die Stimmen blieben. Sie kamen näher, und bald sickerte auch der trübe Lichtschein eines kleinen Laternchens, mit dem eine ältere Frau von stattlichem Umfang einem Manne den Weg erhellte, durch die Dunkelheit. Friedemann drückte sich in eine Nische des Palastes; er hatte die Vorüberschreitenden erkannt. »Heute ist der zweite Tag, das Fieber ist weggeblieben«, hörte er die männliche Stimme sagen, »und wenn mich meine ärztliche Erfahrung nicht täuscht, ist die Patientin nun außer Gefahr.« »Gott sei Dank!« erwiderte erleichtert die Köchin des Oberpredigers Merperger, »die arme Ulrike! Stellen Sie sich die Angst vor, Herr Doktor, die wir um sie ausstanden! Und wer ist schuld daran? Kein anderer, als der Bach, der schlechte Kerl!« Die Schritte verhallten ... Auch Friedemann ging weiter. Den Weg zurück, den er gekommen war. Plötzlich stockte sein Fuß. Er drehte wieder um, er hastete am Taschenberg vorbei, eilte um die alte, baufällige Hofkirche und erblickte das prangende Portal des Brühlschen Hauses, vor dem eine lange Reihe glänzender Karossen stand. »Der Hof ist da, gottlob!« sprach er vor sich hin. »Brühl und die Ministerin können sich so weit vom Herrscherpaar nicht entfernen, daß ich nicht einen Moment unbeachtet mit Antonie reden könnte. Sowie ich das getan habe, gehe ich wieder!« Er betrat das Hotel, dessen Vorhalle mit Blumen geschmückt und mit Teppichen belegt war, und gab seinen Mantel ab. Von einem als Faun mit Bocksohren und Thyrsus geschmückten Zeremonienmeister wurde er in die zweite Halle gewiesen. Sie war in eine ungeheure Laube, einen künstlichen Blütenwald verwandelt, der durch bunte Lampen magisch erhellt war und sich nach hinten gegen den großen Hof des Hotels öffnete. Über dem Eingang hing eine Transparentschrift: »Wenn meine Wirtschaft ist auch klein, Kommt all ihr Schäfer nur herein, Die hergeströmt aus aller Welt! Labt froh und liebt euch, wie's ist Brauch Von Nymph' im Bach und Sylph' im Strauch!« Friedemann sah hinab in den ungeheuren Hofraum, der in der ganzen Höhe des Palastes künstlich durch eine Überdachung vor der Nachtluft geschützt war. Ein Teil des Hofes, der als Seitentrakt gelten konnte und in die Augustusstraße mündete, war durch eine Glaswand gegen diese gesperrt; vor ihr drängte sich das Volk, um auch etwas von der Herrlichkeit mitzugenießen. Die Seiten des Hofes waren mit künstlichem Laub- und Blumenwerk, aus dem weiße Büsten, Obelisken und Nymphengruppen hervorleuchteten, sorgfältig ausgekleidet. Den ganzen Raum, zu dem abwärts eine Blumentreppe führte, hatte man gedielt und mit Teppichen belegt. Hier und dort standen Buden, in denen Zigeuner, Ägypter und allerlei sonstiges Volk Nippes und Galanterien feilboten; auch ein Quacksalber, seinen unvermeidlichen Hanswurst an der Seite, pries seine Waren an und erregte unaufhörliches Gelächter. Dem Haupteingang gegenüber war ein Thron von Muscheln, buntem Gestein, Korallen, Laub und Blumen erbaut, auf dessen oberster Stufe zwei Sessel mit schwellenden Kissen den König und Josepha aufgenommen hatten, die, in phantasiereiche, halb mythologische Kostüme gehüllt, den Mittelpunkt des Festes bildeten. Rings um sie wogte in strahlendem Gedränge der Hof in bunten Schäfer-, Sylphen- und Amorettengewändern. Die ganze Szene wurde von Tausenden bunter Ballons und Ampeln erleuchtet, die an den Seiten hingen oder in großen Girlanden über den weiten Raum gespannt waren; zerstäubte Duftwolken ersetzten den fehlenden Blumenduft, während kleine Springbrunnen die Temperatur frisch erhielten. Aus diesem Hauptfestraum liefen zahlreiche, grottenartig verhüllte Türen nach den inneren Gemächern des Palastes, wo die Büfetts, der Tanzsaal, Bosketts und Laubengänge zum Genusse, zum ungestörten Beieinandersein oder zu frohem Lachen einluden. Eine unsichtbare Musik steigerte die ohnedies erregte Stimmung zu einem wahren Taumel des Vergnügens. Friedemann nahm alles nur flüchtig in sich auf; er zog sich in die unbeachtetste Ecke zurück und war bemüht, die Ministerin mit ihrem Gemahl und Antonie zu erspähen. Jene entdeckte er sofort; sie waren, zu seiner größten Freude, vom Königspaar lebhaft in Anspruch genommen. Sein geliebtes Mädchen konnte er nirgends sehen, so sehr auch seine Augen von einer Schönheit zur anderen glitten. Enttäuscht wandte er sich ab, sah nach den verschiedenen Fenstern des Palastes empor, die durch das Laub hindurch ihre hellen Gesichter dem Hofraum zukehrten. Und da ... an einem der wenigen unbeleuchteten Fenster ... stand sie nicht da, blickte zu ihm her, winkte? Er stahl sich fort, überquerte einsame Galerien, vermied alle vom Festtrubel berührten Räumlichkeiten, machte immer wieder Umwege und gelangte endlich in das Nebengebäude und an die Tür, die er suchte. Er fand sie nur angelehnt und öffnete leise. »Antonie ...« »Friedemann! – O Gott!« Er wollte ihr mit offenen Armen entgegeneilen; sie wehrte erschrocken ab: »Nein, nein! Friedemann, machen Sie sich, machen Sie mich nicht elend! Sie haben mich durch Ihre Unbesonnenheit schon entsetzlich in Gefahr gebracht! Lassen Sie sich erbitten! Seien Sie doch überlegter!« »Antonie, nur ein Wort!« »Kein Wort, Friedemann, kein Wort! Nehmen Sie diesen kleinen Schlüssel und verlassen Sie sofort das Hotel. Sie kennen den Gang, der von uns hinüber nach dem Wallgarten führt, dorthin gehen Sie. Im Schwibbogen ist eine kleine Tür, die sich in den Gang öffnet. Dort erwarte ich Sie.« »O, nur ein Wort, Antonie!« und er drückte einen Kuß auf die Hand des Mädchens. »Willst du dein Herz mir schenken?« Sie strich ihm sacht übers Haar: »Fang's heimlich an, Friedemann!« Karfreitag ... Der Abend hatte sich auf das stille Dresden mit seinen langen, finsteren Häuserzeilen herabgesenkt und hüllte die Straßen in dämmernde Schatten. Hie und da brannte eine trübe Laterne und warf ihren ungewissen Schein auf die Vorübergehenden. Fahl und gläsern rang sich der Mond durch die Wolken, ein gespenstisches Licht um den alten Turm der Sophienkirche webend. Ein rauher Wind fegte eisig um die dürren Laubkronen. Im Kantorhause, oben im einsam entlegenen Arbeitsstübchen, war es traulich warm. Die alte Hanne hatte noch einmal das Feuer geschürt und sich dann mit einem liebevollen »Gute Nacht, Friede!« in ihr Zimmer zurückgezogen. Bach war allein mit sich und seinen Gedanken. Unruhevoll schritt er auf und ab. Die selige Liebeslust jener schnell vorübergerauschten Stunde, in der er Antonie in seinen Armen gehalten hatte, klang noch in ihm nach. Aber schon griff marternde Qual ihn an. Wie, in aller Welt, sollte es möglich werden, aus dem gestohlenen, kurzen Glick ein dauerndes zu machen?! Er: Oberorganist an St. Sophien – sie: Tochter eines allmächtigen Ministers! Aber war er nicht Johann Sebastians Sohn? Würde man den Namen Bach nicht immer noch mit Ehrfurcht nennen, wenn der eines Brühl schon längst verweht war? Und hatte sein Vater, sein großer Vater, nicht selbst gesagt, er, Friedemann, werde noch größer werden? Überlegend blieb er am Tisch stehen. Schwankend flackerte, von einem Windzug bewegt, die Flamme der Kerze und streute einen spielenden Schatten über die aufgeschlagene Bibel. Friedemanns Augen wurden davon angezogen. »Ich hab's«, rief er aus, »ja, das ist's! Ein Werk muß ich schaffen, so gewaltig und bedeutend, daß es alle begeistert, daß es sie einfach erdrückt, daß es selbst den stolzen Brühl zur Achtung zwingt!« Sein Finger klopfte auf das heilige Buch: »Und hier, diese Stelle, die mir der liebe Gott vielleicht selber aufschlug, sie soll mir den Text liefern, und schreiben werde ich ihn selbst!« Er zündete ein zweites Licht an, setzte es neben das andere und legte die Bibel zwischen die beiden Kerzen. Es sah aus wie ein Altar. Und nicht wild, erregt, in fieberhafter Ekstase, sondern ganz ruhig, ernst und andachtsvoll setzte er sich zur Arbeit nieder. Seine Hand schrieb das Thema nieder: »Der Tod des Erlösers. Ein Oratorium.« – Und weit dehnte sich seine Phantasie, weithin über die Erde, zurück in die Tage der Vergangenheit, die mit Sonnenklarheit in ihm auferstanden. Er versank ins Schauen ... Er sieht den Heiland stehen vor der palmenumragten Hütte; im Scheidegruß preßt er die Hand Maria Magdalenas an sein Herz. Sein Auge schimmert feucht, seine zitternde Lippe sagt der Armen Lebewohl. Von allem Liebreiz umflossen, aber gebrochen, tränenleer, ein erschütterndes Bild der Erdenentsagung, steht das Mädchen, und schwere Seufzer ringen sich aus ihrer Brust, Zeugnisse der Liebe und der Schmerzen, die der Morgenwind aufhebt zum Throne des ewigen Vaters. Die Schwester Martha und Lazarus, der wiedererstandene Bruder, sind bei ihr, und Tränen des Mitleids fallen ihnen verstohlen aufs Gewand. Des Menschen Sohn soll alle Menschenschmerzen tragen, soll alle Bitternisse schmecken, so will's sein himmlischer Vater, und auch des Erdenleides Tiefstes, das Weh der Liebe, den Kelch der Entbehrung. Er soll verkünden das neue Reich der Liebe und Brüderschaft im Himmel und auf Erden; von seinem Worte sollen auferstehen der Sklave und der Bedrängte und sich schmücken mit dem Blütenzweige der Freiheit. Vor ihm sollen fallen die unsauberen Tempel mit ihren blutigen Opfern ... Und doch ist er auch Mensch, doch liebt er das blasse Weib, und wenn das Volk jauchzend schreit »Hosianna!«, so sieht er trotz Palmenwedel und Blumen und Freudengesängen das einsame Galgenholz da droben, – weiß, daß sie alle, die Hoffenden, sich gegen ihn wenden werden in der Stunde der Gefahr; denn er bringt ihnen nicht, was sie wollen, – er bringt ihnen die Wahrheit. Aber die Wahrheit muß erst untergehen, bevor sie sich neu erheben kann! Sein Prophetenauge sieht, wie die Völker der Zukunft in seinem Namen wallen, wie, in sein Blut gekleidet, die ewige Wahrheit, das Reich der Liebe, durch die Erde schreitet. Ein Blick der stummen Bitte zum Vater, und er eilt hinweg, besteigt die Eselin und zieht ein in Jerusalem. Des Volkes gärende Menge, der Leviten eifernder Chor wälzt sich vor ihm her; wächst zum riesigen Strome, der sich drohend aufstaut gegen die Römerburg der Antonia, an den Höhen von Zion brandet und wie ein Wetter sich endlich lagert um Salomonis stolzen Bau. Die römische Soldateska hält sich zagend still und erwartet das Feldgeschrei der Empörer. Die Leviten, die Sadduzäer stacheln die Menge, und die Sikkarier halten die Waffen unterm Gewande. Der Herr besteigt des Tempels Stufen und tritt mit den Jüngern hinein, wo aus goldenen Schalen Weihrauch strömt, wo das blutende Opfer verbrennt auf dem Altar. Der Wechsler zählt sein wucherisch Gold; Kauf und Verkauf, List und Trug, Tränen, Fluch, Gemeinheit und Gebet, – alles zieht empor in wilden Wirbeln des Opferrauches. Da ist die Stunde kommen! Mit den Sandalenriemen peitscht der Herr in die Massen, der Mammon rollt klirrend zur Erde; mit übermenschlicher Hand reißt der Messias den Opferaltar nieder und den Götzenprunk. Heulend fliehen die Priester, das Volk steht starr und bleich. »Mein Haus ist ein Bethaus, ihr aber habt es zur Mördergrube gemacht!« – Er sinkt betend auf die Knie, geht von dannen, und das Volk weicht scheu von ihm, denn es hat ihn nicht verstanden, – hat nicht begriffen, daß soeben die alte Welt zusammenbrach, um eine neue Zeit zu gebären: die Zeit der Befreiung, der Bruderliebe, der Hoffnung auf ein Jenseits im Schoße des ewigen Vaters. – Vor die Stadt hinaus schreitet der Herr, und sein Herz ist schwer, sein Auge weint, er verzagt an seinem eigenen Werke, denn er zagt als ein Mensch. Im Garten zu Gethsemane wirft er sich nieder und vertraut seinem Vater sein tiefstes Leid und die Jünger schlafen im Grunde. »Vater ist's möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe?« Aus den seligen Höhen der Freude taut's hernieder wie Engelsgesang, Gottes Seraph bringt ihm den Labetrunk, zeigt ihm in der Ferne das große Reich, das sich aus alter, wüster Zeit erbaut, die Himmel öffnen sich, und der Ewige streckt ihm seine Arme entgegen. Die Verheißung der Liebe, die in Milliarden Bronnen durch Welten und Himmel dringt, deckt ihn mit seligem Kusse zu, läßt ihn Erdentäuschung, Erdenlust und Erdentod vergessen. Und wie er beglückt und gestärkt daliegt in brünstiger Danksagung, allein im Dunkel der Nacht, da ... da schleicht's heran ... kommt näher ... Judas ... Schlich nicht eben wirklich etwas? Knarrte nicht die Treppe? ... Aber da ist's schon über ihm. Die Kerzen verlöschen, die Bibel fällt polternd zur Erde, die beschriebenen Blätter fegen davon ... Friedemanns Schrei erstirbt in einem Röcheln. Vier Männer schaffen einen schweren Gegenstand die Stiege hinab, heben ihn in einen bereitstehenden Wagen. Der Schlag klappt zu. Im knirschenden Schnee erstickt das Rasseln der Räder ... Als das grämliche Frühlicht des Karsamstags heraufdämmerte und die alte Hanne die Arbeitsstube Friedemanns betrat, traf sie auf Unordnung und Zerstörung, – ihren Herrn fand sie nicht. Sie eilte zu Doles und Merperger, die die übertriebene Ängstlichkeit der Alten zwar weidlich verspotteten, aber doch mit ihr kamen und bald auch die deutlichen Spuren einer gewaltsamen Entführung entdeckten. Man forschte nach, wo nur immer es möglich war, man benachrichtigte die Polizei, man wartete ... Friedemann Bach blieb verschwunden. XIII. Draußen läuteten die Osterglocken. Minister von Brühl stand von seinem Schreibtisch auf, schloß das Fenster und wandte sich wieder seinem Besucher zu, einem schlanken, etwas blassen Herrn in einem schwarzen, advokatenartigen Gewand: »Also, lieber Saul, dann erzählen Sie mir einmal die Affäre!« »Ihro Exzellenz Befehl zufolge hatte ich einen Mietwagen am Pirnaschen Platze postiert. Zur bestimmten Zeit begab ich mich nach der großen Brüderstraße und strich an bewußter Kutsche vorbei. Sie waren noch oben. Ich trat hinter die Kirche und wartete. Siepmann und drei andere brachten ihn und stiegen ein. Ich ging langsam zurück und fand den Kutscher meiner harrend. ›Die Kutsche ist schon weit voraus‹, sagte er, und wir fuhren, in einem Abstand von vielleicht einer Viertelstunde, hinterher. – Wir kamen an. Ich ward auf meine Order eingelassen und kam zum Kommandanten. Siepmann und die andern waren bei ihm; sie schienen ihr Geschäft abgetan zu haben. Siepmann schrie mich an: ›Teufel, was sollen Sie hier?‹ – ›Ich habe auch Geschäfte‹, antwortete ich und gab Euer Exzellenz Brief dem Kommandanten. Er erbrach ihn, sah mich an und kingelte: ›Führen Sie diese vier Delinquenten hier nach Nummer zwölf, morgen werden sie eingekleidet und in die Bausektion gesteckt.‹ Siepmann sprang wie ein Besessener empor, doch die Stockknechte warfen sich auf ihn, und eine Minute später war die Gesellschaft im Käfig!« »Danke, ich bin mit Ihnen zufrieden! Sie haben Siepmanns Stelle. Sehen Sie aber zu, daß nicht Ihr Hintermann dereinst auch in Ihre Lücke tritt. Meine Justiz ist rasch!« Damit entließ er Saul und suchte seine Gemahlin auf. Sie saß am Putztisch, als er eintrat, und er führte mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen. »Ah, lieber Heinrich, Sie bringen mir den Ostergruß?« »Gewiß, teure Antonie! Sie haben mich aus langem Schlaf befreit, und ich bin auferstanden. Und damit Sie wissen, daß ich's bin, grüße ich Sie heute!« »Das klingt entsetzlich sibyllinisch, Lieber; Sie müssen das meinem armen Verstande schon faßlicher machen.« »Wenn Sie mir versprechen wollen, Ihre Morgentoilette nicht zu unterbrechen, will ich Ihnen von meiner Auferstehung plaudern.« Sie nickte lächelnd, er klingelte; die Kammerfrau trat ein und begann die Ministerin zu frisieren. »Da die ganze Plauderei, liebe Antonie, unsere kleinen schalkhaften Privatangelegenheiten betrifft, wollen wir deutsch konversieren; unnötig, daß die französische Haarkünstlerin etwas davon versteht.« »Es wird also sehr interessant sein?« »Sehr, meine Gemahlin! Denn wenn ich Auferstehung feiere, muß ich ja zuvor geschlafen, geträumt haben, – und wenn ich träume, kann ich's nur von Ihnen. Und das ist doch gewiß sehr interessant!« »Damit aber das Interessante ewig bliebe, Heinrich, müßte ich doch wünschen, Sie wären gar nicht auferstanden, sondern schliefen und träumten noch. Befinden Sie sich denn in Ihrer Auferstehungssituation besser? Das wäre eben kein Kompliment für mich.« »O doch, Teuerste! Ich fühle mich jetzt unendlich freier und wohler als sonst, und das verdanke ich Ihnen. Ich lebe nun das Leben der Wirklichkeit, der Illusionslosigkeit. Alles, was ich besitze, habe ich dadurch fester, genieße es mehr; und daß ich das nun kann, weil ich erwachte, verdanke ich Ihnen, teuerste Antonie!« – und fast inbrünstig drückte er ihren schönen Arm. Die Ministerin überkam ein Frösteln und eine leichte Verlegenheit: »Und wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie wirklich nicht!« »Ich werde mich deutlicher machen! – Es ist schon lange her, liebe Antonie, daß ich ein Nichts von einem Menschen war. Ich erinnere mich dessen noch ganz gut; um so besser, meine Daphne, als ich damals einen ehrenvollen Namen, ein fröhliches Herz und ein leichtes Gewissen hatte. – O, lassen Sie nur das Mädchen weiterfrisieren, es stört mich gar nicht. – Wie gesagt, ich erinnere mich noch lebhaft jener Zeit. Da sah ich eine Wunderblume, die stolzeste, süßeste in des Königs Garten, obgleich sie schon etwas fleur defloree war. Ich warb um sie in verblendeter Liebe, preßte sie an mein Herz und – entschlief. Sie hatte mich in einen Traum gezaubert, in dem sie mir ihren Besitz verhieß, wenn ich ihr meine Seele gäbe. Ich gab sie ihr! Schlafwandelnd ging ich, von der Blume geführt, die Wege der Ehrlosigkeit, die aber zum Ruhme führten. Je höher ich stieg, je lieblicher mir die Blume erglühte, desto schwerer ward mein Weg durch die Last meines Gewissens. Da erwachte ich plötzlich zur guten Stunde. Ich fand, daß ein anderer eben dabei war, sich die Blume ans Herz zu legen, und – die Knospe dazu! Wissen Sie, was ich tat? Ich nahm meine verratene Seele zurück, nahm die Blume, die ich eben zu verlieren im Begriff war, und steckte sie fein zierlich wieder ins Knopfloch. Weil sie mich gar so gut kleidet! Und der arme, süße Zimbelspieler, der ›es gar so heimlich anfängt, wenn er sein Herz verschenken will‹, der sitzt seit Karfreitag nacht auf dem Königstein in der Züchtlingsjacke. Das ist die Geschichte von meinem Auferstehungsmorgen. – Im übrigen wird in drei Tagen meine liebe Pflegetochter, die sich auch ›sein Herz schenken ließ‹, zu einem Freunde aufs Land abreisen, wo sie so lange bleiben wird, bis sie die Schäferpoesie vergessen und einen Mann von trockener, solider Prosa geheiratet hat. Wir aber bleiben – wie immer – gute Freunde!« Er ergriff der Ministerin Hand, um sie mit zynisch lächelndem Gleichmut an sein Herz zu drücken. Mit einer verzweifelten Bewegung riß sie sich von ihm los, wollte ihm ins Gesicht schlagen: »Elender, gemeiner Bösewicht, sei verdammt dafür!« – aber er fing ihre Hand ab und preßte sie, bis sie schmerzte. »Wir sind alle Komödianten, es kommt nur darauf an, daß jeder seine Rolle gut spiele!« und er ging. Mit einem Schrei brach die Ministerin zusammen und wand sich in Krämpfen. Die Diener eilten herbei. Der Arzt kam. »Exzellenz haben ein schweres Nervenfieber!« In derselben Stunde, in der Saul vor Brühl stand, fuhr durch das Leipziger Tor eine Kutsche in Dresden ein. Ihr einziger Fahrgast war Johann Sebastian Bach. In einer Ausspannung in der Fleischergasse stieg er ab, brachte seine Kleider ein wenig in Ordnung und eilte, so rasch er konnte, zur Sophienkirche. Er betrat sie, als gerade der letzte Glockenton verhallt war, und stellte sich dem Orgelchor gegenüber auf. Tiefe Frömmigkeit lag auf der ganzen Gemeinde, nur Sebastian war nicht recht andächtig. Er hörte und hörte, trippelte hin und her, hörte wieder und schüttelte den Kopf: »Sollte das Friedemann sein, der da spielt?« Es klang ihm so fremd, so anders! Er sah zur Empore hinauf, konnte aber nichts erkennen, und so ging er leise durchs Seitenschiff, um die Treppe nach oben zu gewinnen. Da trat Merperger aus der Sakristei, in vollem Ornat, winkte ihm und zog ihn zu sich hinein: »Gott grüß Sie in Dresden, Meister Bach! Sie wollten zu Ihrem Sohn, nicht wahr?« »Ja, Hochwürden! Aber der da oben kann doch mein Friede nicht sein? Ich hatte in Leipzig, wie angefallen, eine richtige Sehnsucht nach ihm, und nun ... ich fürchte, er ist krank.« »Meinen Brief, lieber Herr Bach, haben Sie also nicht erhalten?« »Nein! Haben Sie denn an mich geschrieben, Hochwürden?« »Ja, liebster Herr Bach! Ich wollte Sie auf etwas vorbereiten. Sie sind stets ein wackerer Christ gewesen, der mit Gottvertrauen im Dienste des Herrn steht. Nehmen Sie all Ihren Glauben, Ihre Hoffnung, Ihren Mut zusammen: Gott hat Ihnen eine große Trübsal bereitet.« »Herr Jesus! Hab ich's doch geahnt, daß dem Friedemann was begegnet ist! Ist er krank, oder ... oder hat ihn mir der liebe Gott genommen?« und dem alten Mann liefen die Tränen über die Wangen. »Ihr Sohn, Vater Bach, ist nicht krank oder tot. – Hören Sie mich ruhig an! Ihr Sohn ist bei Brühl ein und aus gegangen, und in letzter Zeit mehr denn je, mehr als für einen Organisten paßte und dem Friedemann gut sein mochte. Er hat sich einmal gegen Doles geäußert, daß er mit der ältesten Tochter des Ministers ein Verhältnis habe, und ich fürchte, da ist etwas Schlimmes vorgegangen; denn Karfreitag nacht ist er in der Stille arretiert worden und, wie man sagt, auf den Königstein gekommen.« Der alte Sebastian fiel dem Prediger schluchzend um den Hals; Merperger preßte ihn krampfhaft an sich. »Der Herr hilft dem Schwachen, er wird ansehen dein Leid und dich trösten wie Hiob. Er wird sich freuen deiner Geduld und dich erheben aus deiner Trübsal!« sprach er ihm Mut zu. Sebastian wurde stiller. Der Geistliche, der auf die Kanzel mußte, ließ Doles rufen, und Lehrer und Schüler standen sich zum erstenmal seit ihrer Entzweiung gegenüber. »Doles, Ihr seid meines unglücklichen Jungen Freund gewesen, und wenn Ihr mir auch gram seid, so hoffe ich doch und bitt' Euch, Ihr wollt so viel christliche Liebe haben, einem armen Vater zu erzählen, was Ihr von meinem Sohne wißt, und ob der Friedemann wissentlich einen Halunkenstreich begangen hat, daß er eine solch entsetzliche Strafe verdient.« »Vater Bach« – und Doles nahm seinen alten Lehrer bei der Hand und sah ihm treuherzig in die Augen – »Vater Bach, Gott mög's an mir heimsuchen, wenn ich Euch etwas nachtrage in dieser Stunde! Friedemann ist mein Freund und bleibt's in alle Ewigkeit, und, so gewiß ein Gott über uns ist, Euer Sohn hat keinen schlechten Streich begangen, das ist nun und nimmer wahr! Er hat sein Herz freilich an des Ministers Tochter gehängt, aber in aller Ehre und Sitte, und das ist keine Schande, wenn's auch unüberlegt war. Die Liebe überlegt halt nicht! Der Brühl hat eine vermaledeite Schlechtigkeit an Friede getan, nur weil er die Gewalt dazu hat; denn wenn er in seinem Recht war, könnte er die Gerichte anrufen. Nein, Friedemann ist unschuldig!« »Ja, das ist er! Herr Gott, wie dank' ich dir, daß du mir diesen Trost geschenkt hast! – Doles, Gott mag Euch das segnen! Lebt wohl, ich komme bald wieder!« »Wohin wollt Ihr denn gehen, Vater Bach? Tut nichts Unüberlegtes, nehmt mich mit!« »Wollt Ihr mir als ein rechter Freund in der Not meinen Sohn wiederfinden helfen? Kommt her, laßt Euch die Wange küssen, die ich geschlagen habe!« Doles beugte sich nieder und küßte dem zitternden Sebastian die Hand: »Laßt immer meine Wangen brennen, Vater Bach; jetzt ist nicht von Musik die Rede, sondern nur von Eurem Sohn. Kommt!« Stehenden Schrittes begab sich Bach mit Doles ins Ministerhotel. Doles mußte warten, der Alte trat ein und ließ sich melden. Nach einigen Minuten kam der Lakai zurück: »Seine Exzellenz sind so ohne weiteres nicht für irgendwelche Leute zu sprechen. Wenn Sie ein Gesuch haben, kommen Sie schriftlich ein!« Johann Sebastian Bach wankte hinaus. »Umsonst?« fragte Doles. »Das hab' ich mir gedacht! Und ehe Ihr die Bittschrift beantwortet kriegt, härmt sich Friedemann zu Tode!« Beide Männer standen ratlos auf dem weiten Platz. Sebastians Hände waren zusammengepreßt und bewegten sich krampfhaft. Dabei fiel sein Blick auf etwas Blitzendes; es war der Brillantring, den ihm August damals als Kronprinz geschenkt und den Magdalena ihm an den Finger gesteckt hatte, als er abfuhr. »Doles, Gott gibt mir einen letzten Weg ein! Ich gehe zum König, der muß ihn mir freigeben!« Sebastian Bach betrat das Portal und meldete sich beim Offizier der Schloßwache, der, als er den Namen des Bittstellers hörte, sofort einen Garde-Sergeanten beauftragte, ihn nach dem Flügel zu geleiten, in dem sich die Zimmer des Königs befanden. – Im Vorsaal traf Bach den alten Kammerdiener, den er seit Jahren kannte, und trug ihm seine Bitte um dringende Audienz vor. »Ja, Meister Bach, 's geht nicht! Ich darf keinen Fremden bei Seiner Majestät vorlassen, der sich nicht vorher beim Herrn Minister Brühl, Exzellenz, gemeldet hat.« »Ich muß aber Seine Majestät sprechen, lieber Freund, ich muß! Wenn ich diesen Ring hier vorzeige, hat mir der König als Kurprinz gesagt, kann ich mir zu jeder Zeit eine Gnade ausbitten. Also melden Sie mich, Herr Oberkammerdiener!« »Hm! Ja! 's ist schlimm! – Na, ich will sehen, was zu machen ist.« Einige Minuten später schon trat Sebastian Bach ins Zimmer des Königs. August ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken: »Ei, Gott grüße Sie in Dresden, Bach! – Nun, was bringen Sie mir Gutes?« »Majestät, ich bringe Ihnen was recht Schlechtes, Elendes und Unglückliches. Ich bringe Ihnen ein zerschlagenes Vaterherz, das um Gerechtigkeit fleht.« »Herr Gott, was ist denn? – Wahrhaftig, Sie sehen ganz desolat aus!« »Majestät, der Herr Minister Brühl hat meinen Sohn Friedemann heimlich aufheben und nach dem Königstein bringen lassen. Ich habe ihn eben fragen wollen, warum? – er hat mich ich aber nicht angehört.« August stand betroffen still: »Das tut mir weh, lieber Bach. Wissen Sie bestimmt, daß dem so ist?« »Dem ist so, Majestät!« »Lieber Bach, da muß sich Ihr Sohn wohl etwas sehr Schweres haben zuschulden kommen lassen; denn Brühl ist ein rechtlicher Mann und hat überdies den Friedemann liebgehabt.« »Majestät, wenn mein Sohn Friedemann einen Halunkenstreich begangen hat, so sind die Gerichte da, die ihn verurteilen können. Wenn aber der Herr von Brühl meinen Sohn, weil er so unbesonnen war, sich in Seiner Exzellenz älteste Komtesse zu verlieben, in der Nacht heimlich überfallen und fortschleppen läßt, dann, Majestät, ist der Minister Brühl kein rechtlicher Mann, sondern ein Spitzbube!« »Bach!« fuhr der König auf, trat erzürnt an den Tisch und griff nach der Schelle, »was untersteht Er sich? Auf der Stelle aus meinen Augen, Mensch, oder ich werde Ihn Räson lehren!« »Lassen Sie den alten Bach getrost zu seinem Sohne sperren, Majestät! Mich wird es nicht schänden, ebensowenig wie meinen Sohn! Aber Gott im Himmei wird jede Missetat vergelten, er wird von Ihnen das Pfund fordern, das er Ihnen mit der Krone anvertraut hat, und das Leben und die Ehre und das Recht jedes Untertanen, das Sie in den Staub getreten! – Lassen Sie mich nur nach der Festung bringen, Majestät, ich werde immer noch der Musiker Sebastian Bach bleiben, dessen Freundschaft dem Kurprinz August einst am Herzen lag. – Hier ist Ihr Ring wieder, Majestät, damit Sie nicht Ihr Wort zu brechen brauchen, wenn Sie mir die einzige Bitte, die ich je an Sie gestellt habe, die Bitte um Gerechtigkeit, verweigern!« Und Sebastian warf den Ring auf den Tisch, wandte sich um und trat ans Fenster. August III. erwiderte nichts. Zorn, beleidigte Majestät und Verlegenheit kämpften in ihm. Die Hände geballt, ging er wieder im Zimmer auf und nieder. Endlich trat er zu dem Bittsteller: »Bach, Er hat schwere Worte gegen mich gesprochen, und wenn ich sie als gekränkter Monarch nicht ahnde, mag Er daraus erkennen, daß ich Sein Benehmen auf Rechnung des verwundeten Vaterherzens setze. Brühl hat Ihm und Seinem Sohn unrecht getan, und ich mag geneigt sein, so viel sich eben gutmachen läßt, gutzumachen; denn ich habe Ihn lieb, und Er tut mir von Herzen leid. Daß Sein Sohn aber ein ganz unbesonnener Mensch ist, steht fest, und Er kann weder verlangen noch glauben, daß ich meinen Minister um Seines leichtsinnigen Schlingels willen kompromittieren, Seinen Sohn öffentlich von der Festung zurückrufen und wieder in seine Stellung setzen soll. – Damit Er aber sieht, daß ich als König nicht den Kurprinzen vergessen hab', wie Er meint, so will ich Ihm seinen Sohn wiedergeben. Er muß mir aber versprechen, daß der Friedemann sich nie wieder in Dresden sehen läßt, daß Er ihn ohne Ostentation nach Leipzig nimmt und dort in Räson setzt, damit er sich die verliebten Grillen aus dem Kopf schlägt und seinen Geist auf die Kunst allein richtet. Will Er mir das versprechen, Bach?« Sebastian beugte sich über die Hand des Königs und küßte sie: »Ich verspreche es Ihnen, Majestät!« »Und Er will über den ganzen Vorfall schweigen?« »Ich will schweigen, Majestät!« »Nehme Er seinen Ring wieder, Sebastian! Und wenn irgendwo ... hm ... eine gute Stelle frei wird, soll sie der Friedemann haben!« Sebastian steckte den Brillantring wieder an und bat den König aufrichtig um Verzeihung. August reichte ihm die Hand: »Schon gut, Bach!« Er trat an seinen Schreibtisch, schrieb eine Order und klingelte nach seinem Kammerdiener, dem er befahl, den wachhabenden Offizier herbeizurufen. »Wie heißen Sie?« fragte er den Eintretenden. – »Leutnant von Tacker, Euer Majestät.« »Schön! – Wenn Sie heute abend abgelöst sind, Tacker, so fahren Sie mit diesem Manne hier nach dem Königstein. Unten im Walde lassen Sie die Kutsche mit dem Herrn zurück und begeben sich allein zum Kommandanten. Auf diese Order erhalten Sie einen jungen Menschen, den Sohn dieses Mannes. Den bringen Sie seinem Vater zurück und sehen darauf, daß er sofort die Straße nach Leipzig weiterfährt. Der ganze Vorgang bleibt Geheimnis, auf Ihr Ehrenwort! Ich erwarte Rapport. Verabreden Sie untereinander das Nähere, meine Herren. Guten Morgen!« XIV. Johann Sebastian Bach verbrachte den Rest des Tages im Hause Merpergers. Er ließ sich von Doles alle Vorgänge der letzten Zeit – Friedemanns Benehmen gegen Ulrike, seine eigenartige Wandlung, seinen engen Anschluß an das Haus Brühl – nochmals genau berichten. Gemeinsam leiteten sie die sofortige Abreise der alten Hanne und die Rückführung sämtlicher Sachen Friedemanns nach Leipzig in die Wege. Die Stunden flogen dahin. Es schlug neun Uhr. Der Tambour auf der Schloßwache trommelte zum Abendgebet, die Ablösung erfolgte, und eine Viertelstunde später erschien Herr von Tacker im Feldmantel. Eine Kutsche fuhr vor, und Sebastian stieg mit Doles und dem Offizier ein. Schnee glänzte und verbreitete eine dämmernde Helle über die Landschaft. Die Reisegesellschaft war sehr still: Doles wollte den alten Sebastian nicht in seinen Betrachtungen stören, und der zartfühlende Offizier mochte das Gespräch auch nicht eröffnen; er beschäftigte sich mit seiner Pfeife. In den Wagen zurückgelehnt, saß Sebastian und starrte vor sich hin; Tränen des Harms, der Entsagung, der gebrochenen Hoffnung rollten langsam und schwer über sein vergrämtes Gesicht. Wo waren alle die Träume des Vaterstolzes? Was sollte nun mit Friedemann werden? Er war, in Gottes Namen, kein Kind mehr, das sich für dieses oder jenes noch entscheiden konnte! Wie sollte er von neuem den mühseligen Pfad der Kunst beginnen, er, der das Leben so wenig gemeistert hatte? ... Während solchermaßen Qual und Bitternis das Vaterherz zerrissen, wuchs finster und drohend ein Koloß auf ihn zu, wie ein schwarzer Sarg auf einem weißen Bahrtuch, der Königstein. Ungewiß glänzten oben ein paar schwache Lichter. Mitternacht war längst vorüber, als sie durch das Städtchen gleichen Namens fuhren und in den Wald abbogen, der den Berg ringsum mit Ahorn, alten Birken und mächtigen Eichen bedeckte. »Wir sind zur Stelle!« Es war das erste Wort, das der Offizier sprach. »Meine Herren, Sie erwarten mich also hier! Seien Sie von meiner Sorgfalt und Rücksicht auf Ihren Sohn fest überzeugt, lieber Herr Bach!« »Ich danke Ihnen von Herzen, mein Herr; Gott geleite Sie!« Die Gestalt des Offiziers verschwand unter den Bäumen. Es war bitterkalt. Doles und Bach mußten auf und ab gehen, um sich warm zu halten. – Inzwischen hatte Tacker dem Festungskommandanten die Freilassungsorder des Königs überreicht, fand aber nur bedenkliche Bereitwilligkeit: »Ja, sehen Sie, Herr Leutnant, der Gefangene befindet sich nicht in bester Verfassung. Als er eingeliefert wurde, war er sehr erschöpft; er hatte, wie ich mir erzählen ließ, durch wildes Wüten, Schreien, Rasen seinen ... hm ... Begleitern allerlei Mühe bereitet, und wie er nun hier in seine Zelle gebracht und die Tür hinter ihm versperrt ward, erwachte er wie aus einer krampfartigen Erstarrung. Er bekam einen so furchtbaren Tobsuchtsanfall, daß wir nicht wagen konnten, uns ihm zu nähern.« »Das ist ja entsetzlich, Herr Kommandant! Und wie ist nun sein Befinden?« »Man kann da schwer etwas sagen. So viel ist jedenfalls sicher, daß eine Geistesgestörtheit vorliegt, die, wie ich hoffen möchte, nur vorübergehender Natur ist. Auf einen Paroxysmus folgt ein Zustand verhältnismäßiger Beruhigung; dann spricht er mit einer unsichtbaren Antonie, flüstert Liebesworte, singt dazwischen ein verworrenes Lied, in dem es heißt: ›Willst du dein Herz mir schenken?‹, wird dann allmählich wieder von Angst und Furcht vor einer Ministerin befallen, und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Raserei wieder losgeht. Er muß ein niederschmetterndes Erlebnis gehabt haben.« »Das mag wohl sein, Herr Kommandant! Wie immer aber auch die Dinge liegen, ich muß den Befehl des Königs ausführen und den jungen Bach den Händen seines Vaters überantworten.« Der Offizier ließ sich in die Zelle Friedemanns führen, weckte ihn, der gerade eingeschlummert war, sacht aus dem Schlaf und erzählte, aus dem Instinkt des Mitleids das Rechte treffend, vom Vater, von Doles, von Merperger, die gekommen seien, um ihn abzuholen. Wie helle Kinderfreude zuckte es über des Irren Gesicht, er klatschte jubelnd in die Hände, tanzte in Seligkeit um Tacker herum und tanzte, diesem willenlos folgend, inmitten einiger Begleitsoldaten den Weg vom Königstein hinab. Laut sang er: »Willst du dein Herz mir schenken, fang's heimlich an!« ... »Friedemann!« rief Bach laut in die Dunkelheit hinaus, als er die verwehten Liedfetzen und das ferne Klirren von Waffen hörte. Und wie ein Tier, hervorstürzend aus brechendem Gestrüpp, brüllend, mit grinsend verzerrten Zügen, warf sich eine Jammergestalt in des Vaters Arme. »Mein Sohn! O mein Sohn!« Ohnmächtig brach Friedemann zusammen. »Stark sein, Herr Bach!« sagte der Leutnant in schwer erkämpfter Selbstbeherrschung, und Doles, selbst einer Ohnmacht nahe, wiederholte: »Stark sein, Vater Bach!« Sie hoben Friedemann in den fahrbereiten Wagen, kamen aber überein, in einem geeigneten Wirtshaus vor den Toren Dresdens einzukehren, um dem Kranken ein paar Stunden Ruhe zu gönnen und über die nächsten Schritte zu beratschlagen; denn das war ihnen von vornherein klar, daß es ganz unmöglich sei, den Unglücklichen in seinem jetzigen Zustand sogleich bis Leipzig zu bringen. Tacker nahm es auf sich, den König bei dem zu erstattenden Rapport zur vorläufigen Zurücknahme seines Aufenthaltsverbotes zu bewegen und, falls der Bescheid günstig lautete, Merperger zu bitten, dem armen Friedemann Asyl in seinem Hause zu gewähren. August III. war gerade beim Diner, und der Kammerdiener fand sich erst bereit, den Offizier zu melden, als dieser ihm mit militärischer Schärfe erklärte, er stehe in Geheimdiensten des Königs; dabei drückte er ihm einen aus seinem Notizbuch gerissenen Zettel in die Hand, auf den er schrieb: »Ich muß meine Instruktion überschreiten, der Arrestant ist wahnsinnig, v. Tacker.« Der Monarch, dem der Diener auf silbernem Tablett zögernd dieses unzeremonielle Blatt Papier darbot, sah argwöhnisch auf, nahm es aber doch und las. Die Hand sank ihm herab; er warf einen durchdringenden, verächtlichen Blick auf den gegenübersitzenden Brühl, entschuldigte sich bei Josepha: »Dringende Geschäfte rufen mich ab, Majestät!« und schritt hinaus. Bewegt hörte er den Bericht Tackers und gab ohne Zögern seine Einwilligung zu den Vorschlägen, die ihm unterbreiten zu dürfen der Offizier gebeten hatte. »Versteht sich, versteht sich! Sagen Sie dem Pastor, daß ich ihm meinen Leibarzt schicken werde und eine Anweisung auf zweihundert Reichstaler, damit er nichts spart. Wenn das Geld zu Ende ist, soll er's mich durch den Medikus wissen lassen. Aber ohne Ostentation!« »Ich verbürge mich dafür, Majestät, und auch dafür, daß der junge Bach gleich abreist, wenn er gesund ist.« »Das ganz besonders! Gehen Sie, ich danke Ihnen!« Als Tacker abgetreten war, ließ der König den Minister Brühl rufen: »Am Ostertage habe ich Friedemann Bach nicht gesehen. Wo ist er bloß?« Eine kurze Pause erfolgte, dann antwortete Brühl mit kecker Selbts[[?]st]verständlichkeit: »Auf dem Königstein, Majestät!« »Und das wagen Sie mir zu sagen, Herr? Ohne Fug und Recht, ohne Richterspruch machen Sie einen Menschen ehrlos, der höchstens nur leichtsinnig gewesen ist und dessen Eitelkeit Sie selber und Ihre Frau flattiert haben? Das ist ein ehrloser Streich der Selbsthilfe, Herr von Brühl, und ich sage es Ihnen ins Gesicht: von diesem Augenblick an haben Sie meine Achtung verloren!« »Majestät, darauf ausführlich zu antworten, ziemt mir nicht. Ich habe den Friedemann Bach heimlich aufheben lassen und wußte, daß ich damit einen Akt der Gewalt beging. Nicht, weil er sich meiner Tochter in unerlaubter Weise genähert, habe ich's getan – mir hätte es genügt, ihm mein Haus zu verschließen – aber er hat sich an königlichem Blute, in seinem verblendeten Ehrgeiz an der Majestät selbst versündigt!« »Was? Was sagen Sie da?« »Ich sage, Majestät, daß er nicht meiner Tochter den Hof gemacht, sondern sich in entweihender Weise dem Sprößling meines in Gott ruhenden Fürsten genähert hat, und ich in diesem Augenblick noch nicht weiß, ob die Tochter König Augusts II. nicht in neun Monaten einen Musikantensprößling haben wird!« »Brühl! ist das wahr?« »Majestät, ich weiß es nicht, ich ahne es nur! Wenn dem aber so ist, mögen sich Euer Majestät selbst fragen, ob die Strafe zu groß für das Vergehen war. Ich habe die junge Dame aufs Land geschickt, um das Faktum abzuwarten. Daß ich den Menschen sans facon aufheben ließ, liegt in der Sache selbst und in Rücksicht auf den notwendigen Schleier, den ich auf die verunglimpfte Majestät werfen mußte. Wenn Euer Majestät mir es als Entehrung anrechnen, daß ich in übergroßer Sorgfalt die Heiligkeit der Majestät – selbst in ihren verlorensten Zweigen – verehre und schütze, nun – ich bitte um meine Entlassung!« Brühl schwieg; sein Auge ruhte mit kühner Sicherheit auf dem König, der sinnend vor ihm stand. »Sie haben recht, Brühl! Ja, die Heiligkeit unseres Blutes muß selbst in seinen traurigen Abirrungen geehrt werden. Sie sind ein rechtschaffener Mann! Ich bin zufrieden! Sehen wir die Sache als nicht geschehen an. Ich nehme mein Urteil über Sie zurück!« August reichte Brühl die Hand, die dieser an seine Lippen drückte. »Und Sie glauben, daß das Mädchen ...?« Der König stockte. »Ich hoffe, daß meine Befürchtungen trügen. Antonie ist wenigstens den Blicken der Welt entzogen, und wenn es irgend gelingt, Majestät, eine anständige Partie von Distinktion für sie zu finden ...« »Versteht sich, sofort soll sie heiraten, sofort! Sie wird königlich dotiert werden. Lieber Brühl, ich bin zufrieden mit Ihnen!« Während der Minister, überlegen lächelnd, den König verließ und im stillen beschloß, den jungen Offizier im Auge zu behalten, um seinen Übereifer bei passender Gelegenheit mit Kassation zu belohnen, war dieser bereits auf dem Wege zu Merperger. Er verlangte den Oberprediger allein zu sprechen, und der greise Diener Gottes wollte schier verzweifeln, als er das Entsetzliche vernahm. Er konnte nicht anders: er nahm sein Käppchen vom kahlen Scheitel, kniete nieder und betete. Dann stand er hastig auf und sagte: »Ich will meine Tochter rufen, Herr Leutnant.« Ulrike trat ein. Ihr Herz schlug in banger Ahnung, sie zitterte heftig. – »Mein liebes Kind, ich habe dir etwas mitzuteilen, das dich sehr erschüttern wird. Gott hat dir aber eine edle Seele, ein großes Herz und einen Lebensmut gegeben, der dir über alle Trübsal hinweghilft. Wer aber ein großes Gemüt empfangen hat, dem gibt der Herr auch viel zu tragen und bürdet ihm Lasten auf, die andere zerschmettern würden. Der arme Friedemann ist an dem schlimmen Ort – gemütskrank geworden!« »Er ist wahnsinnig! Gott, mein Gott, er ist wahnsinnig!« »Ja, mein Kind! Aber vielleicht wird's besser mit ihm, wenn eine liebevolle Hand ihn pflegt.« »Ja, Vater!« sagte das Mädchen einfach, aber in diesem Ja lag so viel Adel der Gesinnung, so starker Tatwille zur werktätigen Liebe, daß es Tacker ganz andächtig zumute wurde. »Nimm ihn zu dir, Vater; drüben im Gartenhaus ist Raum genug, dort kann er ganz ungestört leben. Und wenn ich ihn pflege, wird er auch gesunden. Der Herr möge mir diese Gnade gewähren!« »Bringen Sie ihn also her, Herr Leutnant! Hier ist er sicher und ungefährdet; ich werde ihn schon schützen vor dem Brühl. Gottesdienst geht vor Menschendienst!« »Ich danke Ihnen in des Vaters Namen, lieber Herr Pastor! Bereiten Sie, bitte, alles vor; in der Nacht kommen wir.« Froh, seine selbst übernommenen Verpflichtungen mit solch gutem Erfolg erledigt zu haben, eilte der Offizier zu den Wartenden zurück und traf Friedemann in wesentlich ruhigerem Zustand an. Zwar war er noch einmal in tobsüchtige Erregung gefallen und hatte nach deren Abklingen mit tierhaft-schrillen Lauten wiederum das Lied »Willst du! dein Herz mir schenken?« angestimmt, hatte es mit der Methodik des Wahnsinns gar als Fuge zu variieren versucht, war dann aber von Doles zum Verstummen gebracht worden. Mitten im Gesange war der Freund plötzlich aufgesprungen, hatte wie unsinnig aufgeschrien und dem Irren ins Ohr geflüstert: »Antonie stirbt, Antonie stirbt! Friedemann, singe nicht mehr! Der Tod hat mir diese Nacht gesagt: ›Will sie ihr Herz dem Friedemann schenken, so soll er's gerade nicht haben, dann mach' ich, daß Antonie stirbt!‹ Laß also ja das Singen!« Seit dieser Minute war der junge Bach ruhig, gleichsam nachdenklich geworden, und folgsam wie ein Kind bestieg er, als die Nacht hereinbrach, den Wagen, der ihn zu Merperger brachte. In dem massiven Gartenhäuschen, das Zimmer, Kabinett und eine kleine Sommerküche enthielt, heizbar war und mitten in dem baumbestandenen großen Pfarrgarten lag, wurde der Kranke gut und zweckmäßig untergebracht. Von Ulrike und ihrem Vater, Doles und dem alten Bach stets umgeben und gepflegt, hatte er nie Zeit, sich Reflexionen zu überlassen, und wenn er wirklich einmal in unheilvolle Betrachtungen zu verfallen drohte, wurden seine Gedanken sofort von ihnen erfaßt und in eine Richtung geleitet, die gefahrlos war. Trotzdem kam es mitunter vor, daß er unversehens zur Monomanie zurückkehrte und das verhängnisvolle Lied anstimmte; aber es bedurfte dann nur eines Winkes von Doles, und er beruhigte sich sofort wieder. Langsam wurde der Wahnsinn gebrochen, aber behoben war die Krankheit darum nicht. Und je vernünftiger er nach und nach wurde, um so mehr empfand er das Entsetzliche seiner gesellschaftlichen Lage, den Ikarussturz seiner Hoffnung, den Tod seiner Liebe, den Zusammenbruch seines künstlerischen Wollens. Merperger konnte nur noch in einzelnen Stunden um ihn sein, da die Berufsgeschäfte ihn unausgesetzt in Anspruch nahmen, und auch Sebastian Bach, der sein Amt an der Thomasschule nicht länger vernachlässigen durfte, reiste nach einer Woche schweren Herzens nach Leipzig zurück. Doles schlief zwar bei dem Kranken, hatte aber auf Bitten des Predigers dessen Organistentätigkeit übernommen und war daher viel in der Kirche. So ruhte die schwere Pflicht der Samariterliebe fast ganz auf Ulrike und forderte von ihr eine unsägliche Kraft der Aufopferung und Entsagung, der Zähigkeit im Tragen bitterer Schmerzen; denn eine Belohnung winkte ihr nicht, es sei denn – jenseits des Grabes. Friedemann erfaßte in seinen hellen Stunden die liebevolle Besorgtheit Ulrikes in ihrer ganzen Tiefe und Bedeutung, er empfand es mit einem Gefühl der Rührung, wie ungemein er dieses Mädchen verkannt hatte, – und wie wenig er trotzdem in der Lage sei, dieser nimmermüden selbstlosen Opferbereitschaft seinerseits ein Opfer zu bringen. Unauslöschlich brannte in ihm das Bild der fernen Antonie. Und um diesen Punkt drehte sich die Krankheit, die immer mehr die Form einer gleichsam erstarrten Melancholie annahm, im Kreise. Von den alten Freunden Friedemanns wußten nur wenige von seinem Unglück und Verbleib, und wenn sie Kenntnis davon hatten, wagten sie aus Furcht vor Brühls Rache nicht, nach ihm zu fragen. Nur der biedere Stadtsyndikus Weinlich und Frau von Schemberg ließen sich nicht beirren und besuchten ihn regelmäßig. »Die größte Canaille, die je einen Thron umwedelt hat«, nannte Frau von Schemberg den Minister nur, und wie sie in weiblich-warmem, tiefem Mitempfinden sich in Liebesbeweisen für ihren leidenden Schützling erschöpfte, so machte sie aus ihrer Verachtung, ihrem Haß und ihren Rachegedanken gegen den Urheber des ganzen Unglücks auch in der Öffentlichkeit kein Hehl. Sie erreichte damit jedoch nur, daß Brühl von dem Aufenthaltsort Friedemanns Wind bekam und sofort seinen Saul zu Merperger hetzte, um diesem ausrichten zu lassen, es werde höheren Orts übel vermerkt, daß ausgerechnet ein Religionslehrer einen bestraften Taugenichts in sein Haus aufgenommen habe; man lege ihm, wolle er höchst unangenehme Folgen vermeiden, dringend nahe, sich besagten Subjektes schleunigst zu entledigen. »Mein Herr Saul«, antwortete der Prediger und pflanzte sich drohend vor dem Abgesandten des Ministers auf, »ich begreife die Ursache nicht, die mich Ihrer nie erbetenen Sorgfalt und Warnung teilhaftig macht. Ich begreife aber, daß die Anwesenheit des armen Menschen in meinem Hause gewisse vornehme Personen beunruhigt, die sich vor ihrem Gewissen ihrer unmenschlichen Tat sehr wohl bewußt sind. Das Ansinnen, das Sie an mich stellen, lehne ich als Diener der göttlichen Barmherzigkeit und Liebe ab! Sagen Sie Ihren Auftraggebern, daß ich der weltlichen Gewalt nur als Beamter des Staates untergeordnet bin. In der Ausübung meiner geistlichen Pflicht aber, als Diener Gottes, hat mir niemand etwas zu sagen. Ich werde den Kranken so lange in meinem Hause behalten, wie ich und der Arzt es für Menschenpflicht halten. Wenn er gesund ist, soll er zu den Seinen zurückkehren. Bis dahin aber warne ich jeden – bei der Heiligkeit meines Amtes als Priester! –, dieses Haus mit Absichten zu betreten, die dem Friedemann Bach feindlich sind, sonst werde ich an ihm, er sei, wer er wolle, ein Beispiel statuieren und ihn öffentlich zur Rechenschaft ziehen über die Schandtaten, die er sich gegen Gott und Vaterland, gegen Fürst und Volk zuschulden kommen ließ, – unbeirrt, ob man mich entsetzt und vertreibt. Sagen Sie das denen, die Sie geschickt haben!« Verdutzt und äußerst beeindruckt entfernte sich Saul, erschien aber am gleichen Tage noch einmal und versicherte mit größter Freundlichkeit: so ernst seien seine Worte nun nicht aufzufassen gewesen; es solle lediglich verhindert werden, daß gewisse bedauerliche Vorfälle in die Öffentlichkeit dringen könnten, weil sie dort leider vollkommen falsch und schief beurteilt würden. »Durch meinen Mund dringt nichts in die Öffentlichkeit, Herr Saul! Nicht aus Menschenfurcht, aber um des armen Opfers willen werde ich schweigen. Darüber kann man sich beruhigen! Vergessen Sie aber nicht: nur unter der Bedingung, daß man mich nicht in Ausübung meiner Liebespflicht hindert! Ergebener Diener, Herr Saul!« Brühl war eingeschüchtert, und Friedemann blieb fortan im Predigerhause unbehelligt. In stetem Gleichmaß kamen und gingen die Tage, brachten den Frühling, brachten den Sommer: das Befinden des Gemütskranken schien einer weiteren Besserung nicht mehr fähig. An einem strahlend schönen Sonntag stand Friedemann am offenen Fenster seines Gartenhauses und sah gedankenverloren in die blühende Pracht hinaus. Von der Kirche her, in der Merperger und Doles ihres Amtes walteten, trug der Sommerwind leise Orgeltöne herüber. Düstere Schwermut lastete heute besonders stark auf ihm; er hatte noch nicht ein einziges Wort gesprochen. Ulrike saß am anderen Fenster und nähte; die Stille bedrückte sie, sie blickte den Sinnenden des öfteren schmerzlich an, sie bemerkte, daß ihm Tränen über die Wangen liefen. Besorgt legte sie die Arbeit weg, trat zu ihm und faßte seine Hand: »Kommen Sie vom Fenster, lieber Friedemann, die Orgel greift Sie an! Plaudern Sie lieber ein wenig, das lenkt Sie ab.« Friedemann wandte sich zu ihr, über sein Gesicht zuckte es. »Ulrike, ich habe mir's eben überlegt, ob es wohl recht ist, daß ich bisher gegen Sie schwieg. Ach, wenn ich« – und er faßte an seinen Kopf – »hier nur erst richtig klar würde!« »O, das sollen Sie schon werden, Friedemann! Wir pflegen Sie so lange, bis Sie ganz wohl sind. Und welche Freude für Ihren Vater, wenn sie erst wieder musizieren werden! Gewiß, in einem Vierteljahr haben Sie wieder erreicht, was Sie versäumten!« »Nie, Ulrike! Das erreiche ich nie wieder!« »Nicht doch! Wie kann ein Künstler, wie Sie, so sprechen? Was Sie sind und leisten, kann doch niemand von Ihnen nehmen!« »Aber die Ehre, den Jugendmut! ... Ulrike, Sie vor allen anderen sind meiner Bewunderung wert! Kommen Sie, hören Sie mich an! Ich will ganz ruhig sein und mich nicht erregen, aber ich muß endlich einmal mit Ihnen sprechen, damit Sie sehen, daß der arme Friedemann nicht undankbar ist.« »Aber Friedemann!« »O, bitte, lassen Sie mich!« Und er zog die leise Widerstrebende zu sich aufs Sofa. »Ulrike, ich bereue mein ganzes Leben. Es nagt an mir, daß ich so leichtsinnig gewesen bin und mich in die große Welt stürzte. Der Künstler, wenn er auch noch so bedeutend ist, muß nur für seine Kunst und den engsten Kreis seiner Freunde leben! Ich hätte mit mir mehr haushalten sollen. Wäre ich nicht wie ein Irrlicht umhergeflackert, hätte ich weniger Eitelkeit gehabt und mehr Sinn fürs Schlichte, ich hätte Sie lieben müssen, Ulrike! Aber ich versäumte meine gesegnete Stunde, kostete von dem verbotenen Trank des Schimmers, ich sah Antonie, wir liebten uns, und – es ist entsetzlich! – ich kann von dieser Liebe nicht lassen, so sehr ich sie bereue. Ich kann nicht aufhören, mich nach diesem Mädchen zu sehnen, – und weiß doch, daß ich sie nie besitzen kann! Ulrike, können Sie mir verzeihen, so von Herzen verzeihen?« Er umarmte das in Tränen zerfließende Mädchen, preßte sein Gesicht an ihre Schulter und schien seinem Schmerz erliegen zu wollen. »Lieber Friedemann«, – und mit aller Kraft der Seele bezwang sie sich – »Sie sind so edel und gut! Ja, Sie müssen Antonie ungeschwächt lieben, ich weiß es, – aber nun, da Sie langsam genesen, müssen Sie auch von dem ewigen Nachhängen Ihres Fühlens, Träumens und Sehnens sich frei machen und männlich handeln! Zerbrochene Liebe ist ein großes Unglück im Leben, aber Sie, der Mann, sind nicht allein zur Liebe gemacht. Die Menschheit, Gott und Welt sind die größeren, edleren und schöneren Ziele, die Sie zum Dienst anrufen. Vielleicht hat es der liebe Gott haben wollen, daß Sie erst recht groß und schön sein sollen in Ihrer Kunst, wenn Sie die Trümmer Ihres Herzens zum Sockel Ihrer Taten nehmen. Glauben Sie mir«, – wie eine Seherin stand das Mädchen vor ihm – »mit Freuden will ich mein armes Herz drum geben, und Ulrike wie Antonie mit ihrem Einzelschmerz sind nichts, wenn Sie fähig werden, wie David ein Königssänger für Gott und Menschheit zu sein!« »Ja, Ulrike, du Einzige! Von dir geleitet, will ich's tun!« »Wollen Sie das, Friedemann?« »Ja, ja, ich will's! Sag mir, wie ich's kann?!« Wie um Kraft und Segen bittend, faltete Ulrike ihre bebenden Hände: »Gott, mein Vater, laß es geschehen!« Sie führte Friedemann ans Klavier: »Ich unterwerfe Sie als Künstler, als Mann, als Diener Gottes einer schweren, – der schwersten Prüfung! Haben Sie meinen starken Willen und kaltes Blut?« Friedemann sah sie an: »Ja, Ulrike!« »So spielen Sie mir das schicksalsschwere Lied ›Willst du dein Herz mir schenken‹ und fugieren Sie es!« Friedemann war starr und bleich; in ihm kämpfte es. Leise öffnete sich die Tür, und in der schmalen Spalte zeigten sich die verstörten Gesichter Doles' und des Predigers ... Friedemanns befestigter Wille siegte. Er begann das Thema leise und ernst, modulierte es in Moll, aus dem Diskant in den Baß, durch alle Umkehrungen und Verschlingungen. Es war, als ob die Liebesklage mit der freien Kraft des Mannesstolzes kämpfte, bis aus Liebeslust und Liebesleid siegreich und triumphierend ein Choral emporstieg, ein hohes, freies Gotteslied, ein Dankopfer der Selbstbefreiung. Friedemann stand auf: »Ulrike, das war die Krönung Ihrer Edeltat!« Er weinte Dankestränen. »Er ist genesen!« hauchte das Mädchen und sank ermattet an des herzueilenden Vaters Brust; Doles schloß den Freund jubelnd in seine Arme. Auch der Arzt, sichtlich verwundert über die plötzliche Wendung des Krankheitsverlaufes, erklärte ihn nach vierwöchiger unausgesetzter Beobachtung für geheilt. »Allerdings«, fügte er hinzu, »ist mit einem Wiederausbruch des Wahnsinns zu rechnen, sobald sein Gemüt einen neuen Stoß erleidet. Dann aber ist kaum mehr zu helfen!« Merperger setzte Vater Bach von dem Geschehenen in Kenntnis, und Friedemann selbst schrieb an ihn, daß er sich stark genug fühle, wieder seinem Berufe zu dienen. Sebastian hatte längst beschlossen, den Sohn zunächst einmal bei sich in Leipzig zu beschäftigen und ihn nach Kräften für die Stürme des Lebens geschickter zu machen; er holte ihn ungesäumt von Dresden ab. Friedemann nahm Abschied, und mit besonders tiefer Bewegung des Dankes und der Freundeszärtlichkeit von Ulrike: »Ob wir uns noch einmal wiedersehen im Leben? ... Verzeihen Sie mir! Behalten Sie mich lieb!« – Doles begleitete Vater und Sohn eine Strecke Wegs; dann ging er zu Fuß zurück, bei sich überlegend, daß er nun, nachdem Friedemann zum zweitenmal verzichtend an Ulrike vorbeigeschritten sei, das ehrliche, unantastbare Recht habe, um die auch von ihm heiß geliebte zu werben und sie für sich zu gewinnen. Aber erst, als ihm der Ruf seines Orgelspiels eine Organistenstelle in Freiberg eingetragen hatte, trat er aus seiner stummen Anbetung und scheuen Zurückhaltung heraus. »Liebe Ulrike«, sagte er, als er von ihr schied, »ich möchte mit Ihnen, wenn Sie's nicht übelnehmen wollen, einmal so recht aus tiefster Seele sprechen. Ich weiß, ich bin ein etwas hölzerner Patron, aber, bei Gott, ich meine es ehrenwert!« Ulrike lächelte matt: »Reden Sie immer, lieber Herr Doles!« »Gut denn! Ulrike, ich kann nicht viele Worte machen, und heute erst recht nicht. Ich hab's mit ansehen müssen, wie schlecht sich Friedemann damals gegen Sie benommen hat, wie er selbst jetzt – ich muß es sagen, obwohl der Friede mein Freund ist und immer bleiben wird –, wie er selbst jetzt nicht die Tiefe Ihres Gemüts und die ganze Größe Ihrer Aufopferung begriffen hat. Sie sind mit Ihrem Herzen voller Lieb und Wehe nicht verstanden, sind nicht wiedergeliebt worden, und das schmerzt mich unsäglich! Aber Sie sollen wissen, daß es wenigstens einen im Leben gibt, der Sie versteht und –; der Sie liebt, maßlos liebt, auch wenn er nie auf Gewährung hoffen darf. Ewig werden Sie in seinem Herzen sein, ... in dem des mürrischen, trockenen Doles nämlich, Ulrike! Und wenn Ihnen das eine schwache Genugtuung geben kann, so ist's alles, was ich vom Schicksal verlange!« Ulrike, über das unerwartete Geständnis erschrocken und doch auch wieder freudig bewegt, reichte dem Manne zitternd die Hand: »Ich danke Ihnen, lieber, mürrischer Doles! Sie haben mir unendlich wohlgetan!« Doles reiste ab. Zwei Jahre später durfte er Ulrike als seine Frau in die neue Heimat führen. XV. Während Heinrich von Brühl seinen immer umfangreicheren und dornenvolleren Amtsgeschäften nachging, weiterhin seine Intrigen spann, weiterhin Geld für den König und sich selbst scheffelte, weiterhin von seinen Freunden nicht geliebt und von seinen Feinden und Widersachern gehaßt wurde, lag die Ministerin schwerkrank darnieder. Sie mochte nicht leben und konnte nicht sterben. Aber in ihren fieberfreien Stunden, wenn die wirren Träume, die wieder und wieder um Friedemann Bach kreisten, sie verlassen hatten, rollte sie ihr ganzes Leben schonungslos vor sich auf. Das wehleidige Selbstbedauern, das sie anfangs empfand, hielt nicht lange vor; Ekel und Reue stellten sich ein, und in einer tiefen Erschütterung ihres Inneren wurden alle guten Kräfte geweckt, die in ihr schliefen. Ihr vertrautester Freund wurde Doktor Skrop, Arzt für ihren Körper und ihre Seele zugleich. Er reichte ihr ein Heilmittel, das sie nie besessen, ja nie gekannt hatte: die Religion. Langsam genas sie. Von nun an trug sie sich in dunklen Farben. Blaß und ernst trat sie wieder in die Welt, die ihr fremd geworden war, in der man sie fortan nur die »verheiratete Nonne« nannte. Unberührt ertrug sie das Gespött der Leute; in ihr lebte eine wahre, inbrünstige Frömmigkeit, ein liebendes Erbarmen für die Leiden ihrer Mitmenschen, eine gefestigte Entsagung. Sogar ihrem Gatten hatte sie verziehen und duldete es, daß er als Beweis seines glücklichen Ehelebens sie öffentlich mit seiner Galanterie umheuchelte. Ihre schon ziemlich zahlreiche Familie vermehrte sich fast jedes Jahr; Brühl hatte ihr mit dem Skandal einer Scheidung und einer Konkubine gedroht. Namenlos litt die Frau und wurde in ihrem Schmerz edler und schöner. Was aber am meisten an ihrem Herzen nagte, war Friedemanns Schicksal, den sie immer noch auf der Festung wähnte. Da sie jedoch bei Hof nicht wagen durfte, um seine Freilassung zu bitten, wandte sie sich mit dem Ersuchen an die Königin, ihr jeden Karfreitag einen Sträfling des Königsteins freizugeben. Der Monarch lächelte still und gewährte es. – Ihr anderer großer Schmerz war die Sehnsucht nach der ihr entrissenen Tochter. Auf den Knien hatte sie Brühl angefleht: »Sagen Sie mir, wo mein Kind ist!«, aber nur die abweisende Antwort erhalten: »Sie werden es wiedersehen, wenn ich es verheiratet habe.« Auch eine Bitte an den König wurde mit dem Hinweis auf die Billigung der Maßnahmen Brühls abgelehnt, – und hinzugefügt, man möge ihn damit nicht weiter belästigen. Fortan suchte und fand sie ihr Glück in einsamen Studien, im Umgang mit ihren anderen Kindern, in ihrem Wirken im Dienste der Wohlfahrt. Der Politik hatte sie endgültig entsagt. Um so stärker war der Minister dem Zeitgeschehen verhaftet. Er hatte seit jenem denkwürdigen Tag, an dem Friedrich II. in Dresden erschienen war und Fräulein von Klings energische kleine Hand ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, sich mit äußerster Vorsicht an allen Verwicklungen, die gefährlich werden konnten, vorbeilaboriert. Allerdings hatte er, da die Kling trotz aller ihr erwiesenen Artigkeiten nicht mit sich spaßen ließ, mit Österreich einen Bündnisvertrag geschlossen, in dem in einem geheimen Artikel gegen bares Geld und Aussicht auf Schlesien Sachsens Ansprüche an das österreichische Erbe verkauft wurden. Inzwischen hatte sich die Weltlage geändert. Der größte Nebenbuhler Maria Theresias, der Prätendent der Kaiserkrone, Karl VII., war gestorben, nachdem er noch die Verwüstung seiner bayrischen Erblande durch die wütenden Ungarn- und Kroatenhaufen Trenks und Bärenklaus gesehen hatte. Durch Fleurys Tod stockte die französische Einmischung in deutsche Interessen, und ein Atemholen im Kampfe trat ein, das von England benutzt wurde, um Österreich und Preußen – der Breslauer Friede war von beiden Teilen gehalten worden – dauernd zu versöhnen. Friedrich II. schien auch bereit dazu, nachdem er durch die Siege von Prag, Hohenfriedberg und Soor über Sachsen und Österreich seine schlesischen Besitzungen von neuem gesichert hatte. Da war es Brühl, der als leibhaftige Zwietracht jede Vereinbarung unmöglich machte und den (allerdings kaum matter gewordenen) Haß Österreichs und Sachsens aufstachelte. War es sein häusliches Unglück, die spürbare Feindschaft des Volkes, dem er durch seine Finanzmanipulationen den letzten Groschen aus der Tasche zog, war es die allgemeine Verachtung des Adels, die betonte Kälte der königlichen Prinzen Xaver und Christian, die ihn zu dem Wagnis eines verzweifelten Spieles hinrissen? Wollte er durch einen glänzenden Erfolg befestigen, was zu zerbröckeln begann? Forderten die persönlichen Angriffe Friedrichs II., der ihn durch seine Witzworte zum Gespött des In- und Auslandes gemacht, der ihn erst jüngst wieder den »größten Hanswurst seiner Zeit« genannt hatte, – diese Angriffe auf den eifersüchtig bewachten Rest seiner Ehre die Initiative zur Verewigung des Völkerhasses heraus? Wie dem auch sei, Brühl war die Triebfeder zu einem Beschluß, nach dem die Österreicher und Sachsen von der Lausitz her einen gemeinsamen Vorstoß gegen Berlin unternehmen sollten. Da packte Friedrich zu. Und das bittere Ende war, daß der »alte Dessauer« die sächsischen Truppen bei Kesselsdorf vernichtend schlug. Zehntausend seiner Soldaten büßte August III. an diesem Tage, dem 15. Dezember 1745, ein. Mit Windeseile drang die Schreckensnachricht nach Dresden und zugleich mit ihr die Gewißheit, daß der Feind gegen die Residenz heranzog. Die Stadt, der Hof waren in grenzenloser Verwirrung, die Gesetze der bürgerlichen Ordnung begannen zu wanken. Den einzigen Schutz Dresdens bildeten sechstausend Mann Landmiliz unter Kommandant Bose und die österreichischen Hilfsvölker, die einen Teil der Vorstädte, namentlich die Pirnaer Seite und die Gegend von Plauen, besetzt hielten, um sich den Rücken nach Böhmen freizuhalten. Flüchtiges Militär, Wagen mit Verwundeten bedeckten die Straßen, und vergebens wandte sich die entsetzte Bürgerschaft an die Regierung um Abwendung der Not. Aber Brühl und der Hof waren nicht mehr in der Lage, die Rache des Gegners, die man selbst heraufbeschworen hatte, abzuwenden; und als der König seinem Minister die übliche Frage nach Geld vorlegte, mußte dieser achselzuckend gestehen: »Im Augenblick ist keins vorhanden, Majestät, doch werde ich's schaffen.« Das stolze Dresden war kleinmütig geworden und verzagt. »Der König samt dem Kurprinzen und Brühl sind in der Nacht nach dem Königstein!« hieß es, und die Menge stand murrend auf Plätzen und Gassen; »der König ist fort, nun kommen die Preußen, und mit ihnen die Plünderungen, die Massaker!« – Eine schwache Hoffnung auf Verhinderung des Schlimmsten erwuchs den Bürgern dann aber aus dem Verbleiben der Königin in der Stadt. An der Seite der Prinzen Xaver und Karl, die ebenfalls die Flucht verschmäht hatten, zeigte sie sich im offenen Wagen der verzagten Menge und mutlosen Miliz. Und die stolze, wenig geliebte Josepha errang sich mit ihrem Entschluß, in gleicher Not und gleichem Dulden bei ihrem Volke auszuharren, die dankbare Achtung und späte Zuneigung dieses Volkes. Am 18. Dezember zog Friedrich II. als Sieger in Dresden ein und residierte im Palais Lubomirsky. Die Österreicher, Sachsens Bundesgenossen, traten eilends den Rückzug an, nicht ohne vorher die Vorstädte Dresdens, das Feldschlößchen und Plauen selbst angezündet zu haben. Friedrich, der Feind, löschte die brennenden Straßen und verteilte zur Linderung der ersten Not achtzehntausend Laib Brote unter die Armen. Gegen die zurückgebliebene Königin bezeigte er sich äußerst rücksichtsvoll. Wo er konnte, trocknete er die Tränen der Bedrängten, hörte er die Klagen der Menge, half er ... Auf der höchsten Zinne des Königsteins aber stand in sich versunken der Minister Brühl, schaute hinüber nach dem verlorenen Dresden und murmelte Verwünschungen. Unweit von ihm fuhr ein Sträfling seinen Karren vorüber: »Auch einmal bei uns zu Besuch, Herr? – Ja, ja, wir sind alle Komödianten des Lebens, manche spielen nur verteufelt schlecht!« »Siepmann?!« Der Stoß Friedrichs II. gegen Dresden hatte in der Hauptsache den östlichen, an Preußen angrenzenden Teil Sachsens getroffen und somit Leipzig vor dem Ärgsten bewahrt. Zwar war der Handel, die Existenzgrundlage der Stadt, gelähmt, zwar flüchteten sich die Kapitalien vor der drohenden Kontribution in das unauffindbarste Kellerversteck, zwar hielt die Angst vor den möglichen Geschehnissen der nächsten Stunden und Tage die Gemüter ständig in Aufregung, aber man hungerte nicht, man hatte ein Obdach, man lebte ungestört, – das Leben ging weiter. Weniger noch als die Allgemeinheit wurde Sebastian Bach von dem schnell verebbenden Wellenschlag der Zeit getroffen. Eng auf sich und den kleinen Kreis der Seinen beschränkt, blieb er um so mehr teilnahmslos, als er das hereingebrochene Unheil als eine Art göttlicher Vergeltung ansah. Er war überhaupt mürrisch und, im geflissentlichen Bemühen, sein Familienunglück vor Leipzigs Augen zu verbergen, fast ein wenig wunderlich geworden. Immer weniger fühlten sich seine Freunde und Kollegen, fühlte sich die Außenwelt zu ihm hingezogen. Sebastian Bach trug schwer an dem völligen Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, die er für den Lieblingssohn gehegt; schmerzvoll sah er seine stillen Träume, in denen das Talent Friedemanns, das seine überstrahlend, wie ein leuchtendes Gestirn über dem Abend seines Lebens aufgegangen war, zerrinnen ... wie Träume eben zerrinnen. Er wäre schon glücklich gewesen, seinen Ältesten, etwa wie Altnikol ehrenvoll plaziert zu wissen. Friedemann hatte sich, als er damals nach Leipzig zurückgekehrt war, mit allem Eifer auf die Musik geworfen, den Vater unterstützt und auch einiges komponiert. Doch die Freiheit des musikalischen Gedankens, die Begeisterungsglut fehlten. Er arbeitete korrekt, geistvoll und mit Geschmack, aber aus einem Herzen heraus, das ohne Poesie der Liebe, ohne Größe der Entsagung, ohne jenen lächelnden Schmerz war, der den Künstler über sich selbst erhöht, und so mangelte seinen Tongemälden der Duft, die Weihe, die innerste Seele, die dem Kunstwerk erst wirkliches Leben einhaucht. Ätzend und bitter waren seine Gefühle, glühend und verzehrend seine Wünsche geworden, und nicht der hohe Enthusiasmus, sondern der wunde Stolz war's, der ihn zum Schaffen trieb. Friedemann wollte mit stürmender Gewalt sein verlorenes Leben wiedererobern, – darum brachte er es zu nichts. Nur manchmal, wenn er auf der Orgel improvisierte, wuchs er zu unerreichbarer Größe auf. Dann stiegen aus der Tiefe seiner verschleierten Seele entbannte Geister empor und schritten wie Boten einer namenlosen Welt durch die Lüfte, Geister des Lichtes, Dämonen der Nacht, lächelnde Freudenlaute, dumpf grollender Schmerz. Aber diese Improvisationen blieben Goldkörner, in den Wind gestreut, blitzend im Sonnenstrahl, ins Leere verweht von der entflatternden Minute. Die kurzen Augenblicke der Weihe wurden immer seltener, und sie hörten ganz auf, als der Oberorganist – das »musikalische Hornvieh« nannte ihn Sebastian – es durch allerlei kleinliche Quälereien fertigbrachte, den unbequemen Konkurrenten vom Chor zu vertreiben. Friedemann, der wohl fühlte, daß das alte Verhältnis zwischen dem Vater und ihm einen unheilbaren Riß erhalten hatte, war leicht verletzbar geworden; und Sebastian selbst, so sehr er seinen Ältesten liebte, war doch viel zu sehr Künstler, als daß sich sein Herz nicht unbewußt nun Emanuel, seinem zweiten Sohne, zuwandte, der hochgeehrt und geachtet den Hof Friedrichs II. schmückte und sich neben einem Quanz, Graun und Salimbeni zu behaupten verstand. Friedemann fühlte, daß er den Vater täglich mehr verlor, und das machte ihn noch elender und zerrissener. Nur Anna Magdalena, seiner Stiefmutter, die seine wunde Seele liebend an sich zog und alle Unebenheiten zwischen Vater und Sohn immer wieder auszugleichen wußte, war es zu verdanken, daß ein häufig drohender offener Zwiespalt verhindert wurde. Die peinliche Schweigsamkeit im Hause, die gedrückte Stimmung konnte sie indessen nicht bannen. Die fröhliche Friederike, die emsig waltende Christiane waren verheiratet, von den Knaben die meisten gestorben, und außer dem dreizehnjährigen Friedrich und dem elfjährigen Christian nur noch der blödsinnige David am Leben; auch die alte Hanne war tot. So war das Häuschen, sonst zu eng für das bunte Durcheinander lieber Wesen, jetzt erstaunlich weit und beängstigend still geworden. Sebastian, von stetem Kummer, von Sorge und Gram umschattet, fühlte die wie etwas Fremdes und Unheimliches auf dem Hause lastende Bedrücktheit besonders stark, und er suchte sich vor ihr zu schützen, indem er rastlos, fast übermenschlich arbeitete. Er schuf nicht nur eine Fülle neuer Kompositionen, er begann auch das große Werk, in dem er alle Erfahrungen seines Tonlebens niederzulegen gedachte, die »Kunst der Fuge«. Und noch ein anderes in dem stillen Hause hatte für Sebastian etwas Grauenhaftes, und doch konnte und wollte er nicht eingreifen: es war das Verhältnis Friedemanns zu dem blödsinnigen David. Verwaist, wie er sich fühlte, widmete der ältere Bruder seinen ganzen Rest von Liebe dem Zehnjährigen, und das unglückliche Kind, sonst stumpf und trübe, zu jeglicher Fähigkeit des Lernens und jeder Regung menschlicher Selbsttätigkeit ungeschickt, hing ihm mit leidenschaftlicher Liebe an. Wenn Friedemann mit dem Knaben getändelt und ihn geherzt hatte, so daß gewissermaßen eine seelische Verbindung zwischen ihnen hergestellt war, führte er ihn, der ohne jede Kenntnis musikalischer Technik war, ans Klavier und schlug ein paar Akkorde oder Tonfiguren an. Es war, als wenn er eine Frage an das Kind richtete. Dann, ihn starr ansehend, lächelnd, nickend, brachte David die kleinen Hände auf die Tastatur und suchte das Gegebene zu haschen. Verworren, unklar zitterten dissonierend die Töne durcheinander, aus deren Chaos sich aber eine Melodie als Antwort schwang, die die Herzen der Hörer erbeben machte. Und wieder fragte der Bruder durch den Ton, und wieder antwortete der Kleine, modulierte das Thema, kehrte es um, sprang in Moll und Dur über und plauderte in nie gehörten Zungen mit dem Freunde seiner Seele. Eine geisterhafte Sprache war's zwischen den beiden, ein Verstehen, das über die Logik irdischen Verstandes ging. Erschrockenen Herzens lauschten die Eltern und flüchteten zum Gebet, weil ihnen solches Rätsel unerklärlich blieb. – Stille lag auch heute über dem stillen Haus, aber sie war weniger beklemmend, atmete sogar eine heimliche Fröhlichkeit, eine glückhafte Erwartung. Heute war Heiliger Abend. In der Wohnstube saßen Friedemann und der Vater an einem Tisch, der ans Fenster gerückt war. Jeder hatte eine glänzende Kupferplatte vor sich, der ein altes Fensterkissen als Unterlage diente, und der stählerne Stichel grub, rastlos hin- und herfahrend, nach dem vorliegenden Manuskripte Noten auf Noten, Takte, Intervalle und Kadenzen auf die vorgerissenen Notensysteme. Sebastian Bach, zu arm, um die Arbeit von einem Graveur anfertigen zu lassen, zu wenig der modernen Musik huldigend, um einen Verleger zu finden, mußte mit seinem Sohne die »Kunst der Fuge« mühevoll selbst in Kupfer stechen. Eine grüne Brille schützte des Alten empfindlich und schwach gewordene Augen, um seinen Mund schwebte ein bitterer Zug: »Ha ja, ich bin kein Hasse, kein Rameau, kein Couperin oder Chiabran, der Opern schreibt oder süße Kanzonetten, da ist's kein Wunder! Wer, zum Teufel, soll Kirchenmusik kaufen oder anhören? Das Jahrhundert schickt sich langsam an, den Herrgott aus dem Weltall zu streichen, wo soll da Geschmack an seinen Hymnen herkommen?!« Nebenan in der Unterrichtsstube putzte Anna Magdalena den Christbaum auf; Friedrich und Christian waren noch in der Schule, David saß auf der Erde und spielte mit Papierschnitzeln. »Wie mag's dem Altnikol und der Friederike in Naumburg gehen?« fragte der Vater, der seine Arbeit unterbrach, um das stumpf gewordene Instrument zu schleifen. »Sie haben lange nicht geschrieben, ich hab' schon gedacht, daß sie Weihnachten vielleicht kommen.« »Na, wie soll's denen anders als gut gehen«, sagte Friedemann, ohne aufzusehen, »sie haben ihren eignen Herd, ihre gute Stellung, sie mögen sich's wohl sein lassen!« Der Vater sah ihn eine Weile nachdenklich an; dann legte er mit einer entschlossenen Gebärde den Stichel weg. »Friedemann, das geht so nicht länger! Dein Unglück macht dich neidisch und schlecht. Du hängst deiner trüben Stimmung zu störrisch an und wirst dich immer mehr deinen Mitmenschen entfremden. Wenn du die rechte Religion hättest, würdest du wissen, daß Gott am Ende alles wohl macht und man sein Kreuz ruhig tragen muß. Wenn du wirklich fromm wärest, würdest du im Gottvertrauen Kraft finden, aus deiner Betrübnis zur Hoffnung hinfinden, und die würde dir Kraft geben, fröhlich zu arbeiten!« »Aber, lieber Vater, gebe ich mir nicht die größte Mühe? Was soll ich denn noch machen, in aller Welt?!« »Das bloße Mühegeben hilft dir nichts, Friedemann. Du quälst dich ab und willst die Arbeit erzwingen, darum glückt dir's nicht. Ohne innere Freudigkeit, ohne Hoffnung ist jedes Kunstwerk schon in der Geburt tot. Ach, ich seh's immer klarer ein, daß dir der eigentliche Grund und Boden der Gottesgläubigkeit fehlt, der freudige Knechtesgeist, der aus der eigenen Demut Kraft zum Schaffen gewinnt. Heute ist unser Heiland geboren, der das arme Menschengeschlecht erlöst hat. Ach, wenn mir Gott die Freude schenkte, daß in dir auch so ein Heiland auferstände, der dich von dir selber frei machte, der dir ein neues Herz gäbe und einen neuen Mut, dann, lieber Sohn, würd' es auch gehen, glaube mir's!« Bpwegt preßte er Friedemann an sich, und diesem, der den Notschrei des Vaterherzens wohl verstand, wollte es fast die Brust sprengen. Sanft schob er den Alten beiseite: »Warte einen Augenblick, lieber Vater, ich komme gleich wieder.« – Er war sehr blaß als er zurückkehrte, und hielt ein Notenblatt in der Hand. »Lieber Vater, ich hab' einen letzten Versuch gemacht. Ich wollte dir's eigentlich heute abend schenken, aber da dir und mir so weh ist, denk' ich, 's ist jetzt vielleicht besser.« Sebastian drückte ihm die Hand. Er nahm die Komposition und entrollte argwöhnisch das Papier. Furcht vor falscher Hoffnung lag in seinen Zügen. Das Auge des Sohnes hing an seinem Gesicht, wie wenn ein Todesurteil von den Lippen des Vaters fallen solle. Sebastian wurde feuerrot. Bald blickte er auf Friedemann, bald auf das Papier, ganz als träumte er. »Ach, es ist wohl schlecht, Vater?« »Schlecht?! Bist du toll? Nein, Herzensjunge, gut ist's! So gut und schön ist's, daß ich – nimm mir's nicht übel – noch gar nicht begreife, daß du das gemacht hast!« Und eine selige Freude, der alte Stolz auf seinen Friedemann zogen wieder in Sebastians Herz. Wie ein Kind lachend und schluchzend, stürmte er, das Notenblatt hoch emporhaltend, hinüber zur Mutter. Friedemann war wie neugeboren. Die Sonne des alten Selbstvertrauens schien wieder auf sein wundes Gemüt, und leise öffnete die Hoffnung ihre Tempelpforten. Er folgte dem Vater. Da, in der Unterrichtsstube, saß schon der Alte am Klavier und spielte die Introduktion, und Mutter Magdalena sang mit ihrer lieben Stimme die Hymne, die wie ein Gebet emporstieg zum Allvater: »Kein Hälmlein wächst auf Erden, Der Himmel hat's betaut, Und kann kein Blümlein werden, Die Sonne hat's erschaut. Wenn du auch tief beklommen In Waldesnacht allein: Einst wird von Gott dir kommen Dein Tau und Sonnenschein; Dann sproßt, was dir indessen Als Keim im Herzen lag. So ist kein Ding vergessen, Ihm kommt ein Blütentag.« Die Mutter war außer sich vor Freude, lachte und weinte in einem, und der Vater spielte und summte die Hymne immer wieder und konnte sich nicht zufrieden geben. Endlich sprang er auf: »Sag, Herzenssohn, wo hast du in aller Welt das schöne Gedicht her?« »Auch das Gedicht hab' ich selber gemacht, lieber Vater!« »O, siehst du wohl, Mutter, es ist doch noch die alte Kraft in ihm. Das ist ihm so recht aus der Seele gekommen, ist ein Stück von ihm selber, drum ist's so prächtig und mächtig geworden! – Nun sei auch wieder unverzagt, Herzensfriede, und nicht mehr mürrisch! Der alte Herrgott lebt immer noch und hat dir heute das schönste Christkind geschickt: den inneren Erlöser, ohne den wir im Leben nun einmal nicht bestehen können.« Friedemann lächelte wieder, und »Christfest ist heute!« jubelte es wieder im Hause wie ehemals ... »Christfest!« tönte es mit befreundeten Stimmen zurück, und die gute Friederike, zwei blonde Rangen an der Hand und den fröhlichen Altnikol hinter sich, stand auf der Schwelle. »Herein, herein!« rief der selige Sebastian, »daß mein Haus voll werde!« Und Gruß und Kuß, Jubel und Tränen mischten sich in eins. Es war wieder einmal wie sonst! Die Tage des Leids sanken ins Vergessen vor den Stunden der Freude, vor dem Hoffen auf glücklichere Tage. Und noch einmal tat sich die Tür auf, und herein trat eine Deputation der Sozietät der musikalischen Wissenschaften und überreichte ihm im Namen der gesamten Musiker das Ehrenmitgliedsdiplom. »Weiß Gott, Mutter, wenn einem der Himmel einmal Freude schickt, tut er's auch gleich recht!« XVI. Seit diesem glücklichen Weihnachtsabend war ein segensvoller Umschwung im Hause Bachs, besonders aber bei Friedemann, eingetreten. Er begann auf seine künstlerische Schöpfungskraft zu vertrauen und mit Freudigkeit zu arbeiten, hielt jedoch stets dabei den kritischen Argwohn gegen sein Können in sich rege. Von günstigem Einfluß auf seine geistige und seelische Verfassung war auch das allmähliche Vergessen seines Liebeskummers. Antonies Spur blieb ihm vollständig verborgen; er warf ihr grollend, in verwundetem Stolze vor, daß sie nicht den leisesten Versuch gemacht habe, sich ihm, der ihretwegen so schimpflich gelitten, zu nähern und in seine Jammernacht das Licht des liebenden Mitgefühls zu tragen. »Sie ist eine herzlose Komödiantin«, rief er aus, »wie alle Glieder ihrer Familie. Es lohnt sich nicht, ihr eine Sekunde des Lebens zu weihen. Wieviel Gastfreunde mag ihr Herz, während ich um sie ein Narr gewesen bin, wohl beherbergt haben? Zum Kuckuck mit allen Weibern! Die Kunst sei meine Geliebte!« Auch der übrigen Welt schien der vergangene Christabend Segen spenden zu wollen. August III. und seine Alliierten, denen die Affäre von Kesselsdorf mächtig in die Glieder gefahren war, hatten sich beeilt, mit Friedrich Frieden zu schließen. Der König und Brühl kehrten nach Dresden zurück, und die preußischen Truppen sollten, sobald die Kriegsentschädigung von einer Million Taler beigetrieben war, Sachsen verlassen. Brühls Stellung blieb unerschüttert, obwohl die begangenen Fehler offenkundig vor aller Augen lagen. Aber der König, der auf seinen Minister angewiesen war, stellte sich blind, und der Königin lag leidenschaftlicher Haß gegen Friedrich, diesen Ketzerfürsten, der nicht nur ihr Land erobert, sondern auch die Herzen ihrer Untertanen gewonnen hatte, näher als der Zorn über Brühls Treulosigkeit. Sie versöhnte sich mit ihm, und zum Dank für ihre Gnade räumte er ihr das ganze Gebiet der äußeren Politik ein, wohl wissend, daß damit der Kampf gegen Preußen nie in Vergessenheit geriet ... Der neue Bund zwischen Josepha und Brühl hob auch zwei Personen, die solches zu hoffen niemals mehr gewagt hätten, aus der Verschollenheit empor: Hennicke und Siepmann. Jenen wünschte die Königin als Dritten im Bunde und war gern bereit, dem Minister als Gegengabe zur Würde eines »Ministerregenten« zu verhelfen und eine geheime Kabinettsorder zu erwirken, nach der Brühls Testament unantastbar, sein Vermögen steuerfrei und keinerlei Kontrolle unterworfen war, – Siepmann aber brauchte Brühl, um ihn als geheimen Unterhändler nach Wien zu schicken, wo sich neue Konspirationen gegen Friedrich II. vorbereiteten. Rasch war nach dem Dresdener Frieden die erlittene Not vergessen, und das alte Leben kehrte zusamt dem alten Leichtsinn und der alten Frivolität in die Residenzstadt zurück. Mit dem Wiedererscheinen des Hofes und des Adels waren auch die kostspieligen und prunktvollen Feste, die Brühl so geschickt zu veranstalten wußte, von neuem aufgelebt. Besonders bei der dreifachen Vermählung der Prinzessin Maria Josepha, Maria Anna und des Kurprinzen, durch die sich Sachsen mit Österreich, Frankreich und Bayern für immer zu verketten hoffte, entfaltete man die verschwenderischste Pracht, wartete man mit jeder nur denkbaren Schwelgerei raffiniertester Überfeinerung auf. Drei Monate lang wechselten Illuminationen mit Sarabanden, Tanzlustbarkeiten mit Maskenspielen und Karussells ab, und selbst das Volk wurde in den Taumel von Frohsinn und Vergnügen hineingerissen und entschädigte sich gründlich für die Trübsal vergangener Tage. Ob aber Feste rauschten oder der graue Alltag herrschte: niemals wurden die zarten Hände der Königin, niemals die gewissenlosen des Ministerregenten müde, an dem Netz zu knüpfen, das sich zwischen Österreich, Rußland und Sachsen spann und dazu bestimmt war, den preußischen Monarchen in den feingewebten Maschen zu verstricken. Friedrich II. wußte mehr, als seine Feinde dachten; er beobachtete und war bereit ... und ließ sich im übrigen in seinen Friedensaufgaben vorläufig nicht stören. Sein Werk der Trockenlegung des Oderbruches, um Bauerndörfer zu gewinnen, machte gute Fortschritte; der beengende Gürtel aller Festungswerke um Berlin sank und machte neuem Wohnraum Platz, Kanäle zur Verbesserung des Verkehrs waren im Entstehen, Fabriken wurden begründet, Verwaltung und Rechtsprechung sahen einschneidenden Reformen entgegen. Kunst und Wissenschaft blühten. Und nach des Tages wohlabgewogener Müh und Last suchte der König Erholung im Kreise auserlesener Männer, er las, studierte seine geliebten Philosophen, schrieb und dichtete selbst. Und wenn er die zierlichen Rokokolinien seines »Sanssouci« betrachtete, das sich in tändelnder Anmut dem Sandboden Potsdams entrankte, so dachte er vielleicht an das ebenso graziöse Gliederspiel der Barbarina und des bißchen Sonnenscheins, das sie seinem einsamen Herzen gab, und er lächelte weise und wissend. Und dann griff er wohl zur Flöte ... Es war Emanuel Bach nicht leicht geworden, sich in die freien und toleranten, so ungewohnt andersgearteten Verhältnisse seines hiesigen Wirkungskreises hineinzufinden. Aber er besaß geistige Frische und Anpassungsfähigkeit, und er war entschieden ein Talent. Friedrich selbst mochte ihn gut leiden, Graun umschloß ihn mit väterlicher Freundschaft, und mit keinem anderen konzertierten Quanz und Salimbeni so gern als mit dem kleinen sächsischen Kammerzimbalisten. So wurde es ihm nicht einmal sonderlich schwer, die Aufführung der »Hohen Messe« seines Vaters zu erreichen. Der König hatte die Musik gehört, war ganz begeistert und ließ Emanuel zu sich bescheiden. »Hör Er, Bach, Sein Vater hat da eine kostbare Musik gemacht« – er griff zur Flöte und wiederholte einige Motive aus der Komposition – »ist's so richtig, Bach?« »Gewiß, Majestät haben sehr genau gehört.« »Er kann Seinem Vater schreiben, daß ich ein Verehrer von ihm bin, hört Er. Wenn er aber nach Potsdam kommen wollte, würd' ich ihn viel lieber haben. Sag Er mir, zum Teufel, warum kommt denn Sein Vater nicht? Ich hab' Ihm das nun schon zweimal gesagt, hat Er nicht geschrieben?« »Wohl habe ich das, Majestät, aber der Vater hat mancherlei Unglück in der Familie gehabt, so daß er nicht weg konnte, und außerdem bekommt er keinen Urlaub, Majestät.« »Ja, von der bösen Geschichte mit Seinem Bruder Friedemann hat Er mir erzählt. Das ist schlimm. Er soll ein guter Orgelspieler sein. Sein Vater sollte ihn mitbringen!« »Majestät, es ist nur wegen des Urlaubs.« »Ach was! Ich will haben, daß er kommt! Wenn Sein Vater mich böse macht, laß ich ihn von einem Pikett Husaren holen, schreib Er ihm das; und wenn ihm der Rat zu Leipzig auf den Brief nicht Urlaub gibt, werde ich's den Herren Senatores gedenken, wenn ich wieder einmal nach Sachsen komme!« Lächelnd klopfte Friedrich ihm auf die Schulter und entließ ihn. Emanuel schrieb sofort, unterstrich die Unabwendbarkeit eines baldigen Besuchs und verfehlte auch nicht, auf die angedrohten Husaren entsprechend hinzuweisen. Und diesmal tat der Brief seine Wirkung. Von der eingeschüchterten Magdalena angespornt, legte er ihn dem Rat vor, und dieser säumte nicht, dem Kantor Bach »auf dringende Einladung hin« den erbetenen Urlaub zu erteilen und in die Begleitung seines Sohnes Friedemann einzuwilligen. Eine Woche später reisten beide ab. XVII. Friedrich II. klappte das Buch zu, in dem er gelesen hatte. Er war heute nicht in besonderer Stimmung, und weder Voltaires zynische Gedankenblitze noch La Mettries scharf deduktives Wesen, weder Diderots liebenswürdige Klarheit noch d'Alemberts rhetorische Grazie oder Rousseaus schwermütiger Idealismus wollten ihn befriedigen. Er war froh, daß die Stunde des allabendlichen Kammerkonzertes gekommen war. Quanz oder der König spielten dabei gewöhnlich die Flöte, Emanuel Bach das Klavier oder Cello, Graun hatte die Violine prime , Kirnberger und Benda führten die zweite Violine und Agricola die Bratsche. Salimbeni und die Astrua bestritten, im Bedarfsfall von anderen Mitgliedern der Oper unterstützt, die Gesangspartien. Jede Etikette war verbannt. Als Friedrich den Konzertsaal betrat, in dem außer den mitwirkenden Künstlern die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses seiner bereits harrten, schlug es von der Schloßkirche eben neun Uhr. Die Tambours der Wache wirbelten den Zapfenstreich, und mit dem letzten Hall trat der diensttuende Offizier herein und überreichte dem König den Tagesrapport. Der überflog ihn mit schnellen, etwas gleichgültigen Blicken, stutzte aber freudig überrascht, als er in der Liste der angekommenen Fremden, die er persönlich zu überprüfen pflegte, um Spione, Unterhändler, Aufpasser fremder Mächte rechtzeitig zu erkennen, einen langersehnten Namen fand. »Meine Herren«, sagte er zu den Musikern, »ich hätte heute wirklich gerne etwas aus Grauns neuer Oper gehört, aber wir werden uns den Genuß für ein andermal aufsparen: der alte Bach ist gekommen.« »Mein Vater?!« rief Emanuel und sprang vom Stuhl auf. »Ja, es ist Sein Vater, und der Bruder auch. Sie sind in Seiner Wohnung abgestiegen. Geh Er zu ihm, er soll gleich aufs Schloß kommen, hört Er? Gleich! Ich muß ihn sehen!« Unruhig schritt der König auf und nieder, die Künstler flüsterten miteinander, Kirnberger und Agricola stießen sich in der frohen Erwartung, ihren verehrten Meister gleich wiederzusehen, heimlich in die Seiten. »Nun, Ihr beide freut Euch auch wohl recht, daß der Alte kommt?« »Ach gewiß, gar sehr, Majestät!« riefen beide zugleich. »Ich bin neugierig, was aus Friedemann geworden ist«, bemerkte Graun; »in Merseburg versprach er viel.« »Verspitz Er sich nicht auf zu Großes! Der Friedemann ist irritiert, er tut mir leid; er soll ein guter Organist sein.« Wieder ging der König sinnend auf und nieder. Alles war still. Endlich flogen die Flügeltüren auf, und Emanuel Bach führte freudestrahlend seinen Vater herein. Friedemann folgte blaß und etwas angegriffen. Das Auge des greisen Musikers begegnete dem Blick des Königs; er verneigte sich. Friedrich reichte Bach die Hand: »Pfui, ist Er schlecht, daß Er so lange auf sich warten läßt! Weiß Er denn gar nicht, wieviel Freunde und Anbeter Er hier hat?« »Majestät, daß ich nicht eher kam, war gewiß nicht meine Schuld.« »Ja, ja, meine war's! Ich hätte Ihm eher die Husaren auf den Pelz schicken sollen.« Sebastian lächelte: »Nicht doch, Majestät! Der liebe Gott war auch ein wenig schuld; der hat mir so mancherlei geschickt, daß ich nicht abkommen konnte.« »Ja, ich weiß! – Das ist also der Friedemann?« Der junge Bach trat schüchtern vor und verbeugte sich. »Er hat Unglück gehabt? Nun, Dresden ist nicht die Welt. Bedenk Er auch, daß der Schmerz den Künstler wie den Menschen erst reif macht. Er wird uns doch auch was von Seiner Geschicklichkeit sehen lassen?« »Soviel ich vermag, Majestät!« »Nun, Meister Sebastian, wenn Er von der Reise nicht allzusehr ermüdet ist, möchte ich Ihm gleich die neuen Silbermannschen Pianofortes zeigen, und wohl wissen, wie Er sie findet.« »Zu Befehl, Majestät! In seiner Kunst darf man nimmer müde sein.« Friedrich nahm Sebastian am Arm, und sie schritten, von der Hofgesellschaft begleitet, von Zimmer zu Zimmer. Wo eins der berühmten Pianos stand, bildete sich ein Kreis, und Sebastian prüfte durch seine schönen Variationen, die alle Zuhörer entzückten, die Güte des Instrumentes. Der König lachte vor Behagen. Als sämtliche Silbermanns durchgespielt waren, sagte Sebastian: »Der im grünen Pavillon, Majestät, ist der beste!« »Wahrhaftig! Graun und Quanz meinen's auch.« »Ein Beweis, daß die Herren gewiß keine schlechteren Ohren haben als ich. Die Instrumente sind alle vorzüglich, und es gehört schon ein eigenes Gefühl dazu, das beste herauszuhören. – Wenn Majestät befehlen, wollen wir in den Pavillon zurückkehren, damit ich nach dem Probieren nun was Besseres spielen kann.« »Wenn Er das bloß probieren nennt, dann gnade uns Gott, wenn Er ordentlich spielt; da werden wir bald einpacken müssen.« »O, nicht doch! Die Berliner Musika verfolgt nur ein anderes Ziel als die meine. Beide Künste sind groß für sich. Ich werde nie eine Oper schreiben, wie Meister Graun, Majestät. Dazu gehören Dinge, die ich nicht habe und nimmermehr erlangen kann!« »Das ist gewiß ein Künstler, der alte Bach, meine Herren, denn er ist bescheiden!« Friedrichs Auge ruhte mit Wohlgefallen auf Sebastian. »Laß Er also nun hören, was Ihn von Graun unterscheidet.« Man begab sich in den Pavillon zurück. Der Hof ließ sich auf den bereitstehenden Sesseln nieder, Quanz, Graun und Salimbeni traten hinter Bachs Stuhl, der König beobachtete den alten Meister. »Majestät sind selbst ein großer Musiker. Darf ich ergebenst bitten, mir ein Fugenthema zu geben?« »Ei, ei, Er ist ein Schalk! Will Er mich aufs Glatteis führen? – Na, warte Er einen Augenblick! – Quanz, die Flöte!« Der König besann sich einige Sekunden. Dann lächelte er in sich hinein, brachte das Instrument an die Lippen und gab das Thema: »b – a – c – h«. Erschrocken starrte der alte Sebastian den Monarchen an, und ein Flüstern, leise wie ein Windhauch, ging durch die Reihen der Musiker. Nach und nach belebte sich das Gesicht des Alten; es erglühte, wurde durchzuckt von den Blitzen innerer Bewegung. »Und das soll ich spielen, Majestät?« fragte er stammelnd. »Spiele Er mir das, Er ist's wert!« B – a – c – h ! Es war sein eigenes Leben, das er in Tönen malte, sein Streben, sein Traum vom Höchsten und das tragische Erkennen, daß doch alles hienieden, selbst das Schönste, nie ganz erreichbar ist. Die alte Memnonsklage zur Mutter Sonne war sein Gesang. – Da hebt das sehnsuchtsvolle, bescheidene Herz sich auf und fliegt über des Daseins enge Schranke hin zu der Uridee des Idealen und ruht im Allschoße des Wissens, Tuns und Könnens ... doch hier ... ein bach? ... ach! – Wie zündende Lohe fuhr's durch die Versammlung. Tiefe Rührung zuckte über des Königs Antlitz, und, Sebastians Hände heftig schüttelnd, sagte er: »Ich danke Ihm! Er ist doch der König unter uns allen! Bei Gott, das Instrument soll kein Mensch mehr spielen als nur der alte Bach. Ich schenke es Ihm; Er soll es von Friedrich als Andenken an diese Stunde behalten.« »Tausend Dank, Majestät! Sie ehren mich gar hoch!« In den nächsten Tagen, in denen der König selbst Meister Bach in die verschiedenen Kirchen Potsdams führen wollte, um ihn spielen zu hören, hatte das Städtchen den Anstrich des Festlichen, Sonntäglichen. Die Leute strömten schon am frühen Morgen ins Gotteshaus, um sich einen guten Platz zu sichern, und sogar die Königin-Mutter und die Königin mit ihrem Hofstaat waren von Berlin und Schönhausen gekommen. Vor dem ersten Konzert, das um zwei Uhr beginnen sollte, versammelte sich die Elite der Tonkünstler bei Graun, der dem alten Bach und seinen Söhnen ein Frühstück gab. Und nie in seinem Leben war Sebastian so selig und frisch wie heute; es war, als ob des Greises jugendliche Urkraft sich noch einmal in ihrer vollen Größe entfalten wollte. »Meister Graun, ich habe mir sagen lassen, daß ich Euch in der Aufführung verschiedener Stücke aus Eurer Oper ›Cinna‹ gestört habe, als ich kam. Wann denkt Ihr sie herauszubringen?« »Nächsten Sonntag, Meister Sebastian.« »Das sind freilich noch sechs Tage, und die Leipziger werden schimpfen. Schadet aber nichts! Ich bleibe, ich muß sie doch auch hören und helfen, Euern Triumph zu feiern. Meine Herren, der gute, vortreffliche Graun: hoch! Vivat hoch!« Die Gläser klangen; in wechselndem Gedankenaustausch, bei frohen Scherzen, Erinnerungen aus alter Zeit und mancher musikalischen Köstlichkeit, die der eine oder andere aus freiem Antrieb auf dem Klavier zum besten gab, verging die Zeit. »Kinder«, sagte Sebastian, »ihr macht doch verteufelt schöne Musik hier! Mir scheint, als ob in Berlin ein tüchtiger Kern säße, der nicht bloß dem Rameau oder den Italienern nachbetet, sondern ein Stück eigene, deutsche Musik machen kann. Ich bin auf den ›Cinna‹ neugierig! Aber, wie wär's, Mamsell Astrua, wenn ich Ihre Goldstimme schon vorher einmal hören dürfte? Haben Sie nichts Leichtes, das meinem alten Ohr glatt eingeht? – Oder halt, mir fällt was ein! Wollten Sie wohl einmal ein kleines Stück probieren, das ich bei mir habe?« »Mit Vergnügen, lieber Herr Bach!« sagte die Astrua lebhaft, nahm das Notenblatt und ging zum Instrument. Alle wandten sich der Sängerin zu, und Sebastians Auge suchte das seines Ältesten. Der saß beiseite, in einen Sessel gelehnt, und starrte unbeteiligt ins Leere. Der finstere Geist von ehemals war wieder über ihn gekommen; denn so sehr er sich auch über die Aufmerksamkeiten und Ehrungen, die seinem Vater in so überreichem Maß zuteil wurden, freute, so sehr kam ihm zum Bewußtsein, wie weit er selbst noch von solchem Ruhm entfernt, wie bedeutungslos er war. Plötzlich merkte er auf, kehrte sich hastig, fast erschrocken der Sängerin zu, aus deren Mund es zart und weich, überirdisch schön erklang: »Kein Hälmlein wächst auf Erden ...« So hatte er es nie gehört, sein Lied, das Lied seiner Sehnsucht, seiner Schmerzen. Und wie ein flackernder Stern der Nacht, feucht schimmernd, umflort, senkten sich Astruas Blicke in die seinen. Sie trat zu ihm, nahm seine Hand und drückte sie, die Zusammenhänge ahnend, an ihr Herz: »O, lassen Sie mich das Lied abschreiben, als Angedenken an Sie, und – daß wir von heute an Freunde sind, ja?!« »Wenn Sie es wünschen, Signorina, wer könnte es Ihnen weigern!« stammelte er. Erst jetzt ging ihm die seltene Schönheit, der fesselnde Liebreiz der großen Künstlerin auf, und es zog wie ein fernes Wehen von Glück und Freude über sein leeres Herz. Emanuel warf einen finsteren Blick auf das Paar und eilte hinaus, um nach den königlichen Wagen Ausschau zu halten. Als Sebastian mit seinen Söhnen und den anderen Musikern die Kirche betrat, war der Hof bereits versammelt; kurze Zeit darauf erschien der König, mit einem leichten Neigen des Kopfes nach allen Seiten grüßend. »Lieber Bach, kann Er nun beginnen?« »Jawohl, Majestät! Es fragt sich nur, was in Dero Allerhöchstem Belieben steht. Ich bitte um eine Aufgabe, aber – eine bessere als gestern.« »Das wird schwer sein! Sag Er mir, kann Er wohl so ex tempore eine Fuge mit sechs obligaten Stimmen machen?« »Wollen mir Eure Majestät verstatten, daß ich mir selber ein Thema wählen darf, so will ich's versuchen; denn nicht jedes ist zu solcher Vollstimmigkeit geschickt.« »Tu Er das! Ich hab' mir da eine einsame Ecke ausgesucht, wo ich Ihn sans gene hören kann. Wenn ich was von ihm will, werde ich Ihm meinen Adjutanten schicken.« Der König ging, und Bach begann jenes Wunderwerk der Polyphonie, bei dem den Hörern war, als lägen sie in einem holden, unvergänglich süßen Traume; als hörten sie die Stimmen der Seligen und Engel, die die Himmelsleiter auf- und abwärts steigen, sich neigen und grüßen, sich umarmen und hinaufziehen in das grenzenlose All, um in einem Brudertum, in einem Liebesreigen, in einer großen, alles durchdringenden Harmonie anbetend vor dem Unendlichen niederzusinken ... Was in des Königs Seele vorging, verschleierte der dunkle Chor. Als er nach einer langen Pause den Sitz verließ, sagte er zu dem Adjutanten: »Die Stunde ist mir heilig, hört Er, und ich will nicht, daß ein andrer Mensch weiß oder gesehen hat, wie mir zumute war.« »Majestät kehrten mir den Rücken zu!« »Schön! – Geh Er hinüber und sage dem Friedemann, daß er nun auch versuchen soll.« Der König setzte sich wieder, und gewaltigen Schwunges rauschte eine jener Rhapsodien, in denen der junge Bach groß war, durch den weiten Bau; und wenn des Vaters Spiel die Hörer in eine süße Verzückung, in die selige Stimmung eines holden Maimorgens gesenkt hatte, so versetzte sie der Sohn in einen Wechsel von Erstaunen, Lächeln, Schauder und Enthusiasmus. Sein Spiel, die Art seiner Themen, die Behandlung des Instrumentes waren effektvoll, geistreich, zuweilen fast paradox; er gab sich glänzender als jemals, denn das Ohr Friedrichs lauschte seinen Tönen, das strahlende Auge Astruas ruhte auf ihm. Als er geendet hatte, brach das Auditorium in jenes verhaltene Beifallssummen aus, das unter allen Arten des Triumphes dem Künstler am meisten schmeichelt. Der König schickte sich zum Aufbruch an. Er murmelte: »Cet homme est un génie, mais de l'enfer!« und beauftragte seinen Begleitoffizier: »Sage Er dem alten Bach, daß ich ihn gleich sprechen will!« Eine Stunde später betrat Sebastian das Kabinett des Königs, der ihm mit ausgebreiteten Armen entgegenging und ihn küßte: »Bach, wenn Er immer bei mir wäre, ich glaube, ich könnte richtig fromm werden!« »Majestät!« »Nun, kurz und gut, ich hab' Ihm nichts zu sagen, sonst wüßte ich nicht, wo ich anfangen soll; aber ich will Ihn bitten, daß Er in Preußen bleibt und in meine Bedienstung tritt. Fordre Er, was Er mag, mir ist alles recht, – nur bleib Er! Und Sein Sohn, das ist ein Teufelskerl, aber er weiß noch nicht, was er will; brillant, doch ohne eigentlichen Stil. Na, den werden wir auch placieren. Entscheide Er sich!« »Wenn es möglich wäre, Majestät, einen Blick in mein Herz zu tun, würden Sie mir alles verzeihen, was ich jetzt antworten will.« »Ah, Er schlägt mir's ab, Er will nicht!« »O nein, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach! Ich bin alt, Majestät, und die kurze Spanne Zeit, die mir der liebe Gott noch lassen will, möchte ich in Leipzig hinbringen, wo ich mich nun einmal eingebürgert und meine alte Thomasschule hab'. Zudem würde ich, wenn ich hier bedienstet wäre, am Ende meinen eigenen Sohn, den Emanuel, in den Schatten stellen. Das kann ich nicht, Majestät! Und auch die anderen Musici, so lieb sie mich haben, möchten scheel sehen. Besonders aber für meinen Friedemann – um Verzeihung, daß ich's sage! – habe ich von damals her eine unverwindbare Angst vor dem Hofleben und somit ... Ich will's schon zufrieden sein, wenn mich Euer Majestät in gutem Andenken behalten.« Friedrich ergriff bewegt die Hände des alten Mannes: »Er mag recht haben! Die Höfe sind nicht der beste Boden für arglose Menschen. Ganz abschaffen läßt sich aber die Sache nicht. Er tut mir weh, daß Er nicht bleibt. Kann ich Ihm sonst etwas gewähren?« Sebastian schüttelte den Kopf. Aber plötzlich legte es sich wie ein dunkler Nebel über ihn, eine zukunftsbange Angst krallte sich ihm ans Herz, und er flüsterte, ohne daß sein Wille dabei beteiligt war: »Wenn ich tot bin, mein König, dann nehmen Sie sich meines Friedemann an! Beschützen Sie ihn! Denn mir ist's, als ob ... als ob er untergehen würde.« »Nein, er soll nicht untergehen, Bach, darauf mein königliches Wort! Ich werde für ihn sorgen!« Er drückte fest des Aten Hand, und während er ihn huldvoll zur Tür geleitete, dachte er über die seltsamen Rätsel des Menschenlebens nach. Eine Woche danach stand der Reisewagen zur Abfahrt im großen Hofe des Stadtschlosses zu Potsdam bereit, und man war beim König versammelt, um Abschied zu nehmen. Sebastian stand bei Graun und hatte die Hand vertraulich auf dessen Arm gelegt: »Ob der ›Cinna‹ eine gute Arbeit ist? Das ist er, bei Gott! Eins nur wünscht' ich, Graun. Daß Ihr mir nämlich den Gefallen tätet, einmal ein Stück guter Kirchenmusik zu schreiben. Etwas Großes! Ihr, mit Eurer Lerchenart in der Melodie, müßtet ganz gut die Englein im Himmel nachahmen können, wenn sie lobsingen. Nur anfangen müßt Ihr einmal!« »Das ist schwer, Bach, sehr schwer! Aber gut, meine Hand drauf, ich tu's!« Währenddessen sagte Astrua zu Friedemann und drückte ihm bedeutungsvoll die Hand: »Streben Sie recht, seien Sie rastlos und unermüdet in Ihrer Kunst, und – kommen Sie wieder, Friedemann, ich erwarte Sie!« »O, ich werde, Astrua, ich werde!« Er küßte ihre Hand, fest entschlossen, durch die Kunst siegreich zur Liebe emporzusteigen. Der König trat ein. Er ging auf Bach zu und sagte, indem er ihm eine goldene Tabatiere in die Hand schob: »Er schnupft ja wohl, nehme Er das! Gott erhalte Ihn der deutschen Musik noch lange! Sei Er überzeugt, ich vergesse mein Versprechen nicht!« Sebastian neigte sich über die Hand des Königs, Friedrich aber zog ihn an sich, umarmte ihn und ging. Als er unter der Tür stand, winkte er Friedemann zu sich: »Wenn Er irgendeinmal einen Wunsch hat, wende Er sich an mich, ich helf' Ihm! Er ist von heute an Oberorganist und Musikdirektor an der Marienkirche in Halle; sein Diplom werde ich Ihm nachschicken!« Als der Wagen mit den Heimkehrenden, denen die Freunde noch lange nachwinkten, außer Sicht kam, sagte Emanuel zu Astrua: »Signora, Sie lieben mich nicht mehr, Sie lieben meinen Bruder!« – und erhielt die Antwort: »Ich liebe ihn, Emanuel, weil ich Sie liebe. Ringe jeder von euch um mich, ich gehöre dem Besten!« Gleichzeitig bemerkte Sebastian zu seinem Sohn: »Siehst du Friedemann, so ist kein Ding vergessen, ihm kommt ein Blütentag!« XVIII. Minister Brühl und Abraham von Eichstädt waren am Weißenfelsschen Hof zusammen Pagen gewesen. Sie hatten damals Freundschaft geschlossen und diesen Jugendbund über alle Wechselfälle des Lebens hinweg bis in ihre Mannesjahre treu bewahrt. Eichstädt hatte sich später vom Hofleben zurückgezogen und lange Jahre als Offizier in Meißen gelebt. Durch Brühls schnellen Aufstieg und das unerhörte Anwachsen seines Reichtums war auch in den Verhältnissen des Freundes die große Wendung erfolgt; er konnte mit des allmächtigen Staatsmannes Hilfe das Gut Trotha erwerben und dieser, in einer der landschaftlich besonders bevorzugten Gegenden der Saaleschleifen nordwestlich Halle gelegenen Besitzung noch ein zweites Gut bei Potsdam hinzufügen. Auf solcher Grundlage weiterbauend, vermochte er durch Glück, Klugheit und kaufmännisches Geschick sein Vermögen ständig zu mehren und zu einem bedeutenden Wohlstand zu gelangen. Nie aber vergaß sein schlichtes Herz, wessen Förderung und Unterstützung, in freier Zuneigung gewährt, er seinen Reichtum und die Gesichertheit seiner Existenz verdankte. Gar oft hatte er es daher mit Bedauern empfunden, daß die starke Inanspruchnahme durch Geschäfte jeglicher Art es sowohl ihm wie dem Freunde versagte, sich öfter zu sehen, ja, daß sogar ihr Briefwechsel langsam versickerte. Bis dann eines Tages – es lag schon etliche Jahre zurück – ein Reitknecht auf dem Herrenhofe erschien und dieses Schreiben überbrachte: »Ich schreibe per Expressen. Du wirst also begreifen, daß die Angelegenheit, die diesen Brief veranlaßt, höchst wichtig ist. Wenn ich Dich bitte, den Inhalt nicht einmal Deiner Ehefrau mitzuteilen und die Epistel, wenn Du sie gelesen hast, zu verbrennen, so denke, daß die ganze Angelegenheit geheim ist. Ich weiß, daß mich die Welt haßt, weiß, daß mein Leben in Wahrheit mühevoll und elend ist, und überlasse Dir, meinem einzigen Freunde, das Urteil: ob ich alle die Schmach verdiene, die man mir antut. Zu den vielfachen Kränkungen, die ich erdulde, den Intrigen, die ich bestehen muß, um über Wasser zu bleiben, kommt mein häusliches Elend. Es ist so groß, daß ich Dir's nicht einmal sagen darf. – Kurz und gut, ich bin gezwungen, tyrannisch zu sein. Meine Pflegetochter Antonie, deren Vater Du kennst, hat sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht. Deswegen soll sie sogleich aus Dresden und nicht eher wieder in meine Nähe kommen, bis sie mit einem honetten Mann verheiratet ist. Ich kann und will sie aber niemand anders anvertrauen als Dir, einmal, um mein Geheimnis nicht bloßzugeben, zum anderen, weil ich weiß, daß Du sie am richtigsten behandeln wirst. Ich fordere diesen Dienst von Dir als einzigen Beweis Deiner Liebe. Vor allem muß ich Dich bitten, ihr jede Gelegenheit zu nehmen, Briefe abzusenden. Auch an mich oder ihre Mutter hat sie nicht zu schreiben! Sie mag in euch so lange ihre Eltern erkennen, bis ich sie rufen werde. Dies ist mein strenger Wille. Gib ihr keine Bedienung, der sie sich etwa mitteilen kann. Will sie ihr Herz erleichtern, so mag sie es Dir oder Deiner lieben Ehefrau ausschütten. Ihr werdet dann erkennen, daß nicht wirkliche Schlechtigkeit, sondern ihr überspannter Sinn, ihre einseitige Erziehung an allem schuld ist.« Das delikate Ansinnen erfüllte Eichstädt mit Unruhe und begreiflicher Besorgnis. Er hatte zwei Söhne; Friedrich, der jüngere, war Jurist und sah einer vielversprechenden Laufbahn beim zweiten Senat des Kammergerichts zu Berlin entgegen, Georg, der ältere, war Landwirt und teilte sich mit dem Vater in die Verwaltung der Güter. Eine Aufnahme des »gefallenen Mädchens« in seinem Hause bedingte also als erste Vorsichtsmaßnahme einen deutlichen Wink an den Sohn in Berlin, die Urlaubszeit bis auf weiteres auf Reisen zu verbringen, und sie bedingte die sofortige Übersiedlung Georgs nach dem Gut bei Potsdam. So unwillkommen diese und alle noch nicht absehbaren Störungen im Familienleben und einer liebgewordenen Hausordnung aber auch waren, die Betroffenen mußten sich damit abfinden; denn ablehnen konnte man Brühls Ersuchen auf keinen Fall. So rumpelte denn eines Nachts ein schwerer Reisewagen auf den Gutshof, und ihm entstieg der unerwünschte Gast. Er wurde mit gebotener Zurückhaltung, der jedoch jede Schroffheit fehlte, empfangen, aber auch mit dem Vorsatz und Willen, der Gestrauchelten die Tage der Buße so erträglich als möglich zu machen. Freilich, an Brühls deutlichen Weisungen war nicht zu rütteln, und trotz aller Schonung würde sich ein Leben »in Klausur« nicht umgehen lassen. Antonie, deren Herz von dem erlebten Unglück erschüttert war und das unter der ewigen Erinnerung an den Geliebten, der um sie auf dem Königstein schmachtete, ächzte, ließ die Strenge, die ihr der alte Herr von Eichstädt als eine schuldige Pflicht angekündigt hatte, still über sich ergehen. Sie blieb verschlossen und wie erstarrt. Der Herr und die Frau des Hauses verspürten keine Lust, sich wider ihren Willen in ihr Vertrauen zu drängen, und so überließ man sie sich selbst. Vereinsamt in der Einsamkeit des Landlebens, verbrachte Antonie das erste Jahr ihrer Verbannung, immer im gleichen Sinnen, im gleichen schmerzlichen Gefühl, im selbstquälerischen Wiederholen aller furchtbaren Einzelheiten des Erlebten. Aber allmählich wurde dann der Schmerz dumpfer, verwehender, die Seele erlahmte mit jeder erneuten Heraufbeschwörung der Unglücksbilder mehr und mehr und ließ schließlich nur noch schattenhafte Eindrücke zurück. Grübelnd mußte Antonie sich gestehen, daß ihre Schuld am Elend des Geliebten nur leicht wog. Des Geliebten? Liebte sie denn Friedemann noch? War nicht überhaupt das, was sie für Liebe gehalten hatte, nur sehnsüchtiger Überschwang einer liebeleeren Jugend? Und zudem – eine große Torheit? Denn so viel war ihr doch klar geworden, daß sie bei ihrer gesellschaftlichen Stellung, als Sprößling eines Königs, als Pflegetochter eines Ministers nie und nimmer das Weib des Musikers Friedemann Bach hätte werden können. Nur ... ja, wenn nur eben nicht der unheimliche Klotz der Festung Königstein über alle Gedanken, Erkenntnisse und Empfindungen seinen düsteren Schatten lagerte! Langsam begann Antonie, sich dem alten Ehepaar von Eichstädt zu nähern; sie nahm an Geschäften des Hauses teil, entfaltete ihren natürlichen Liebreiz, und man vergalt ihr mit Teilnahme, Liebe und Milde, so daß mit der Zeit die Fesseln lockerer wurden. Gleichwohl hörten sie nie ganz auf. Antonie hatte mit der Außenwelt nur geringe Beziehungen, und die ihr zugewiesene Dienerschaft vermied jede nahe Berührung. »Wer sich um das Fräulein, meine Nichte, mehr bekümmert, als sein Dienst nötig macht, den schicke ich gleich fort!« hatte der Herr von Trotha gesagt; das schreckte ab, denn der Dienst dort war der beste weit und breit. Trotz wachsendem Anschluß an die Familie wahrte Antonie ihr Geheimnis, ging sie nie über die selbstgesteckte Grenze innerer Zurückhaltung hinaus. Nur bei dem Müller des Dorfes, einem lustigen alten Burschen, dem sie wegen seines biederen Wesens und seiner gleichbleibend guten Laune zutraulich verbunden war, machte sie eine Ausnahme; ihm gegenüber verhehlte sie ihre Stimmung nicht und lieh ihren Klagen oft verstohlene Worte. Zwischen diesem Müller und Abraham von Eichstädt bestand ein inniges Freundschaftsverhältnis. Sie waren Milchbrüder und wie Zwillinge zusammen aufgewachsen. Als Eichstädt seinen Dienst als Page antrat, wurde der Müller sein Bursche und blieb es auch in Meißen; er war der Vertraute seines Herrn gewesen, als dieser lange und anfangs hoffnungslos um seine Ehefrau werben mußte, und seit er ihn bei einem Hochwasser mit eigener Lebensgefahr vor dem Tode des Ertrinkens gerettet hatte, war aus dem Freundschafts- ein Bruderbund auf Du und Du geworden. Als Eichstädt Trotha kaufte, schenkte er dem Milchbruder die Mühle, und die Dörfler wählten ihn zu ihrem Schultheißen; denn was kein anderer Mann durchsetzte, kostete den lustigen Müller nur einen Gang zum »Herrn Bruder« und es geschah. Trotz allem besaß er aber feinen Takt genug, in dem seltsamen Verhältnis immer die rechte Mitte zwischen Freund und Gebieter einzuhalten. Was es mit der »Mamsell Antonie« für eine Bewandtnis hatte, wußte der Meister Müller; er war der einzige, dem es nicht verschwiegen worden war. Da aber Antonie nicht ahnte, daß ein Mann in solch untergeordneter Stellung mit ihren Verhältnissen vertraut sein könnte, war sie gegen ihn unbefangener als gegen ihren Gastgeber. Seinem begütigenden Einfluß verdankte sie manche Erleichterung, und als gar das erste Jahr vorübergegangen war, ohne daß der gemutmaßte Fehltritt Folgen gezeigt hätte, schrieb der Gutsherr an Brühl: »Ich glaube, Du hast dem armen Kinde großes Unrecht getan; denn was mich Dein erster Brief argwöhnen ließ, ist nicht eingetroffen. Sie ist zwar noch immer kalt und wenig zugänglich, aber ein sittiges, gutes Mädchen, das man hegen und pflegen muß. damit ihr Gemüt nicht ganz abwelkt.« Demgemäß war auch Eichstädt von nun an viel herzlicher zur Antonie, und nach und nach lebten sich die Menschen immer mehr ineinander ein. Eines Tages sprach er sich mit ihr aus: »Sie ersehen, mein liebes Kind, aus allem, daß ich dem Willen Ihres Stiefvaters genau nachkommen mußte; denn ich verdanke ihm das Glück und den Wohlstand meiner Familie. Daß ich Ihnen das nun offen sage, als alter Mann sage, mag Ihnen Beweis sein, wie lieb ich Sie habe. Ich sehe jetzt ein, daß Ihre Eltern Sie viel zu streng beurteilen, daß der Fehler, den Sie begingen und den ich nicht zu wissen brauche, nicht von der Art war, daß Sie so hart bestraft werden mußten. Gleichwohl bin ich's meinem Freunde Brühl schuldig, noch immer nach seinem Willen zu handeln, auch in Zukunft. Eins sollen Sie aber wissen: daß ich es mit schwerem Herzen tue!« Antonie richtete einen dankbaren Blick auf den alten Mann. »O, ich habe es längst gewußt, daß Sie alles nur gezwungen taten, und glücklich macht es mich, daß Sie mir's nun sagen. Ach, Sie wissen nicht, wie leer mein Herz ist, wie wohl mir wäre, einmal ganz zu fühlen, wie einem Kinde ist, das Eltern hat. Ich hatte keine! – Wenn ich meinen Fehler gestehe ...« »Lassen Sie es, mein Kind! Behalten Sie für sich, was Ihnen zu entdecken schwer wird. Meine Frau und ich, wir lieben Sie wie unser Kind! Sehen Sie uns also als Ihre Eltern an, Antonie! Vielleicht kommt bald die Zeit, wo sich Ihre Lage ändert, ohne daß ich meine Pflicht zu verletzen brauche. Und nun noch eins, meine Liebe: Ich habe um Ihretwillen damals meinen Sohn Georg fortgeschickt und auch meinen Sohn Friedrich in der ganzen langen Zeit nicht gesehen; sie kommen zu Besuch, und ich denke, sie werden heute eintreffen. Ich sage Ihnen das, damit Sie die Anwesenheit der jungen Leute nicht mißverstehen. Die Söhne besuchen die Eltern! Ich bin von meinen Kindern überzeugt, daß sie nichts tun werden, was meine kleine Gastfreundin verletzt.« Gerührt wollte Antonie die feinen Hände des alten Herrn an ihre Lippen ziehen. »Nein, nein, meine kleine Gefangene«, wehrte er ab, »ich küsse Sie lieber auf die Stirn. Mut, Kind! Auch die bösen Tage im Leben gehen vorüber!« Zur gleichen Stunde rief der Müller seiner Frau zu: »Sabine, mach mir meinen Schulzenrock gut sauber und kram deinen Kirchenstaat 'raus. Wir müssen heute nobel aussehen, wenn wir auf den Herrenhof gehen!« »Ja, ja, tu nur deine Arbeit, ich tue schon die meine!« scholl's aus der Wohnstube herüber. Der Herr war lustig samt der Frau, und die Gesellen waren's, weil es der Meister war. Das war nun zwar alle Tage, aber so kreuzfidel wie heute, das kam doch selten vor. »Sechs Uhr! Feierabend! Hebt aus! Schützt das Rad! Wir tun keinen Streich mehr!« Die Gesellen wischten sich den Staub aus den Augen und sahen den Meister verwundert an. – »Ja, ja, wir hören eine Stunde eher auf! Warum? Nun, meines Bruders Herren Söhne kommen heute zu Besuch. Sind jahrelang nicht in Trotha gewesen! Da muß ich doch auch sehen, wie sie sich ausgewachsen haben seit der Zeit.« »Herr Jesus! – Ach du meine Güte!« schrie und zeterte es drüben in der Stube. Und als der Müller und die Gesellen zur Meisterin stürzten, ließen zwei junge Männer in Reisekleidern schnell von ihr ab und wandten sich dem Alten zu: »Hurra! Da ist er ja!« – und beide lagen dem Müller am Hals, und herüber und hinüber ging's, bis er ebenso atemlos war wie seine Ehehälfte. »Ja«, sagte der Ältere, »wir ließen in Zöbritz Papas Wagen mit unserem Gepäck zurück und gingen zu Fuß.« »Das war gescheit, Kinder! Hab's doch gleich gesagt, der Müller ist der erste, den sie sehen müssen!« »Und ob!« bestätigte Friedrich. »Und unsere kleinen Mitbringsel wollten wir auch bald loswerden.« Schmunzelnd betrachtete der Alte die mit Silber beschlagene Tabakspfeife, die der eine der Brüder, und die sechs Pfund Tabak, die der andere hervorholte; und Sabine wog gerührt eine kleine Schachtel in der Hand, in der sich eine goldene Halskette mit einem Henkeldukaten und ein fein besticktes seidenes Tuch befanden. »Aber nun los, Kinder!« mahnte endlich der Müller, nachdem er rasch in seinen Besuchsanzug geschlüpft war und die Mühlknechte mit einem Zechgroschen ins Wirtshaus entlassen hatte. »Eins jedoch noch, bevor ihr ins Vaterhaus tretet« – und er nahm die beiden jungen Leute beiseite – »ihr werdet ein junges Mädchen dort finden oder vielmehr eine Dame. Ich mein's gut mit euch, wenn ich euch warne, daß sich keiner von euch in sie vergafft! Es würde doch zu nichts helfen und nur Elend und Gram über die Familie bringen. Forschet nicht nach, ich sag' euch nicht mehr! Je weniger ihr euch um die Mamsell bekümmert, desto besser wird's für uns alle sein. Nun kommt, Kinder!« Ohne auf das Erstaunen der beiden jungen Leute zu achten, ging der Müller voran, machte den Kahn los, und bald befand sich die kleine Gesellschaft am jenseitigen Ufer. In den sonst so stillen Herrenhof zu Trotha brachte die Anwesenheit der beiden Brüder ein neues Leben, und es war niemand, von den Eltern bis zum geringsten Dörfler, der sich nicht über die Liebenswürdigkeit der Zwei gefreut hätte. Georg, eine kräftige, lebensfrische Natur, deren Derbheit durch eine fast kindliche Herzensgüte gemildert wurde, galt für einen der tüchtigsten, betriebsamsten Landwirte. Er besaß Mutterwitz, Weltklugheit und Unternehmungsgeist. Friedrich, der jüngere, war entschieden der Hübschere; er hatte viel Grazie der Bewegung, große Leichtflüssigkeit der Unterhaltung, Zierlichkeit und gedrungene Schärfe der Sprache. Seine Bildung war vorzüglich. Ein besonderer Freund der Künste, musizierte er ausgezeichnet und kannte die Literatur, namentlich die französische. Er war ein besonders befähigter Jurist und mit seinen knapp dreißig Jahren bereits Kammergerichtsrat in Berlin. Papa Eichstädt machte, obwohl er wußte, daß der Müller schon vorgebaut hatte, seinen Söhnen das gemessenste Benehmen gegen Antonie zur Pflicht; er deutete an, daß das Mädchen ein seiner Ehre anvertrautes Pfand sei, und er es für ein schweres Unglück ansehen würde, wenn es einem einfiele, in ihr mehr als den Gast des Hauses zu sehen. Indessen ... Georg, der den Liebreiz Antonies wohl erkannte, dem aber die Art des Mädchens nicht anstand, kostete es wenig Überwindung, den elterlichen Wünschen nachzukommen. Friedrich aber, der in der Residenz Gelegenheit genug gehabt hätte, sein Herz an die Frau zu bringen, verlor es gerade hier in der Einsamkeit und an ein Mädchen, das ihm unerreichbar scheinen mußte. Je mehr er aber seine Zuneigung zu ihm unterdrückte, desto heftiger wurde sie, und er beschloß daher, abzureisen. Er eröffnete dem Vater, daß er, Briefen zufolge, Trotha sofort verlassen müsse. »Ich fasse das nicht!« meinte der Alte bestürzt. »Ich glaube es nicht, Friedrich! Du kannst mir nicht offen ins Auge sehen!« Durch Rede und Gegenrede in die Enge getrieben, gestand Friedrich schließlich seine Liebe zu Antonie ein: »Ich kann nichts dafür, Vater, daß mein Herz gegen dein Gebot rebellisch wird; aber wenn ich länger hierbleibe und Antonie merkt, daß ich sie liebe, dann ist's zu spät. Darum reise ich!« Lange stand Eichstädt sinnend da, dann reichte er dem Sohne fest die Hand: »Ich danke dir, Friedrich! – Aber sollen dich deine Eltern, nachdem sie so endlose Zeit auf dich verzichten mußten, nun schon wieder wegschicken? Noch ehe die vier Urlaubswochen zu Ende sind? Nein, nein!« – und er sah wehmütig drein – »doch halt ... ja, machen wir's so: du ziehst zunächst einmal für eine Woche hinüber zum Müller, und was dann weiter wird ... na, wollen's abwarten!« »Du willst doch wegen Antonie nichts unternehmen, lieber Vater?« »Nein, gewiß nicht!« »Dann ist's gut! Ich ziehe in die Mühle und bleibe noch.« Abraham von Eichstädt aber schrieb sofort an Brühl und teilte ihm offen und ehrlich die Sachlage mit. Schon wenige Tage später hielt er die Antwort in Händen »Du treue Seele«, las er, »hast mir mit Deinem Brief einen wahrhaften Beweis Deiner aufopfernden Freundschaft gegeben. Herzlichen Dank dafür! Ich antworte Dir darauf kurz bestimmt folgendes: Wenn Dein Sohn Antonie heiraten will, so soll er's tun. Dann ist die Prüfungszeit aus, und ich werde ihr zeigen, daß ich auch ein gütiger Vater sein kann.« Eichstädt vernahm's mit gemischten Gefühlen; denn einerseits war ihm Antonie lieb wie ein eigenes Kind geworden, und er wußte kein Mädchen, das ihm als Schwiegertochter willkommener gewesen wäre, andrerseits kannte er die Art ihres Vergehens immer noch nicht, und das schnelle Einverständnis Brühls zu einer ehelichen Verbindung machte ihn von neuem stutzig. Friedrich kümmerte der Zwiespalt der väterlichen Empfindungen nicht; ungezwungen überließ er sich nun seiner Neigung, doch mit der schlauen Zartheit und List der Liebe, die erobern will, und Antonie schien nicht unempfänglich für die Galanterie zu sein, die ihr auf die ausgesuchteste Weise erwiesen wurde. Sie mochte sich nach Freiheit sehnen, und diese fand sie im Umgang mit Friedrich. Alle drückenden Fesseln fielen unter seinen Händen von ihr ab, und das Zutrauen, das beide einander einflößten, wuchs um so mehr, je rücksichtsvoller Friedrich es vermied, nach Dingen zu forschen, die sich auf ihre Vergangenheit bezogen. Gleichwohl war die Erinnerung an Friedemann noch nicht ganz verblaßt und blieb als eine spürbare Zurückhaltung und eine leise Traurigkeit in Antonies Wesen haften. Friedrich fand nicht den Mut zu einem Geständnis, das so wenig erwartet zu werden schien. Eines Abends, als Antonie und Friedrich mehrere Stücke auf dem Klavier gespielt hatten, wandte sich das Gespräch dem Musikleben Berlins zu, und der dort Heimische wußte gar vieles zu erzählen: von den tausend Gelegenheiten, die größten Meister bewundern zu können, von der Oper Grauns, der überall vergötterten Astrua. »Schade«, fügte er hinzu, »daß ich nicht gewußt habe, welche Musikenthusiastin auf Trotha weilt; ich hätte sonst Emanuel Bach um einige gute Stücke gebeten, die wir zusammen hätten spielen können.« »Sagen Sie, Herr Kammergerichtsrat« – Antonies Stimme zitterte leise – »sind Sie mit Herrn Bach bekannt?« »Mehr als das, meine Gnädige, Ich bin sogar mit ihm befreundet!« »Ist er auch ein Genie? Ebenso groß wie sein Vater?« »Nein, das nicht! Er ist ein bedeutender Künstler, aber seinem Vater kommt er nie gleich. Das könnte man eher von seinem ältesten Bruder, Friedemann, sagen, wenn dieser nicht von zu unstetem Charakter und zu exzentrischer Natur wäre!« »Mein Gott!« stammelte Antonie und unterdrückte mit gespanntester Kraft die gewaltsame Bewegung ihres Innern. »Ach, das habe ich gar nicht gewußt, daß er einen älteren Bruder hat. – Kennen Sie ihn?« »Was man so kennen heißt, mein Fräulein: nein! Aber ich habe ihn gesehen, als er auf Befehl des Königs mit seinem Vater in Potsdam war, und ich werde mich ewig eines Orgelkonzertes erinnern, bei dem man wirklich nicht wußte, wem von beiden der Lorbeer gebührte!« Ohnmächtig glitt Antonie vom Sessel. Sie mußte mehrere Tage das Bett hüten, und nun öffnete sich endlich ihr gequältes Herz vor ihrer mütterlichen Freundin, der Frau von Eichstädt. Von ihr über das Vorgefallene in Kenntnis gesetzt, machte Friedrich der Kranken den gewünschten Besuch, lehnte aber ihre Bitte, Näheres über Friedemann Bach zu berichten, entschieden ab. »Zürnen Sie mir nicht, mein liebes Fräulein«, bat er, »aber wenn ich alles von ihm sagte, würde ich Ihrem Gesundheitszustand wie Ihrem Herzen zuviel zumuten. Außerdem kann ich deshalb nicht offen sein, weil ich selbst Partei in der Sache bin.« Das Mädchen sah ihn fragend an: »Sie selbst Partei in der Sache?« »Ja, Antonie! Und ich will Ihnen sagen, warum mein Herz Partei ist: – Ich liebe Sie! Ich hätte vielleicht nie den Mut gehabt, es Ihnen zu offenbaren, doch ich tu's, damit Sie mich nicht zwingen sollen, Dinge zu erzählen, die Ihnen Friedemann entfremden müssen. Eins kann ich Ihnen aber sagen: er lebt ganz in Ihrer Nähe, als Oberorganist und Musikdirektor in Halle; es geht ihm also gut.« In Antonies Innern flutete es auf und ab, aber sie beruhigte sich schnell und reichte ihrem bedrückten Gegenüber die Hand: »Ich achte Sie hoch, Friedrich, und meine innige Verehrung haben Sie. Ob ich Sie allerdings lieben kann, das weiß ich nicht! Ich muß erst wieder leben, atmen lernen. – Ja, Friedemann Bach war mir einst sehr teuer. Aber längst hat die inzwischen Erwachsene einsehen gelernt, daß eine Kinderliebe, so tief und wahr sie auch sein möge, sich wesentlich von jener Liebe unterscheidet, die eine Frau nur einmal im Leben zu vergeben hat. Ich kann es ehrlich aussprechen: so liebe ich Friedemann Bach nicht! Und jetzt, da ich weiß, daß er frei ist, fühle ich erst, wie weit wir voneinander entfernt sind. Je mehr er steigt und glänzt, je beruhigter werde ich sein; denn das Glück hat ihn dann schadlos gehalten. Mein Wunsch ist nur der, daß er ein Mädchen finden möchte, das für ihn paßt und das gegen die Schranken dieser Welt nicht zu freveln braucht, wenn es sein Weib wird.« »Können Sie mir das aufrichtig versichern, Antonie?« »Das kann ich, Friedrich!« »Nun denn: Friedemanns Bruder Emanuel liebt die Primadonna der Berliner Oper, die berühmte Astrua, die ebenso groß in der Kunst wie schön als Weib ist. Aber auch Friedemann verliebte sich beim ersten Sehen in sie, und er wird wegen seines größeren Talentes offen von ihr begünstigt. Ich hab's aus Emanuels eigenem Munde, der sich oft bitter über beide beklagte. Sie steht in intimem Briefwechsel mit Friedemann, auch haben sie sich, wie es scheint, schon einige Male wiedergesehen.« Antonie stand langsam auf. Mit einem stolzen Lächeln legte sie den Arm auf die Schulter Friedrichs und sah ihm in die Augen: »Ich glaube, Friedrich, ich – achte ihn sogar nicht mehr! Ich werde meinem lieben Freunde nicht mehr ohnmächtig werden!« Friedrich verabschiedete sich, und die Zurückbleibende fuhr mit einer wegwischenden Bewegung der Hand über die Stirne: »Nach zwei Tagen schon wieder in Freiheit! Und nie einen Versuch gemacht, mich zu finden ... und ich habe so lange um ihn geweint! – Antonie ... und nun: Astrua!« Sie schmeckte bitter. »Er wird in einem Lied um sie geworben haben, er ... hat ja die Schablone!« Ein Woche später hörte Friedrich von Eichstädt das »Ja!« von den Lippen Antonies. Und Brühl schrieb: »Mein Kind! – Mein alter Freund fragte bei mir an, ob ich in die Werbung seines Sohnes Friedrich um Deine Hand einwillige. Darauf antworte ich: daß ich meinerseits von Herzen damit einverstanden bin, die Entscheidung jedoch vollständig Dir überlasse. Ich bin überzeugt, daß Dein gesundes Urteil über gewisse Dinge und Personen, die ich nun gern vergesse, gerichtet hat und Du einsiehst, daß meine scheinbare Härte meinem Pflichtgefühl entsprang. Entscheide darum in eigener Wahl über Deine Zukunft. Zu Deiner Verlobung werde ich nicht kommen, Geschäfte verhindern mich; am Hochzeitstage jedoch will ich nicht fehlen. Durch Allerhöchste Munifizenz und das, was Dir aus dem Privatvermögen Deiner Mutter gewährt ist, wirst Du ein Deinem Stande gemäßes Haus in Berlin käuflich erwerben können, und ich werde dafür sorgen, daß Du es Deinem Zukünftigen als Mitgift zubringst. Was die sonstige Aussteuer betrifft, so magst Du hierzu jede erforderliche Summe bei mir in Anspruch nehmen. – Dein aufrichtiger Vater.« XIX. Hell strahlte wieder Friedemanns guter Stern, der Doppelstern der Kunst und Liebe, als er an der Marienkirche zu Halle sein Amt als Musikdirektor und Oberorganist antrat. Von Wolff, der ihm als einem Lieblingsschüler der Merseburger Exilzeit ein gutes Andenken bewahrt hatte, mit offenen Armen empfangen, durch sein Wissen, sein einnehmendes, wieder elastisch gewordenes Wesen, besonders aber durch seine Kunst alle bezaubernd, wurde er bald ein Abgott der Musensöhne. Sein Bestreben war, den musikalischen Teil der Studentenschaft in Instrumental- und Vokalmusik weiter auszubilden, einen großen Sängerchor mit Solis und endlich ein bedeutendes Orchester aus ihm zu schaffen. Für diesen wollte er komponieren und so alle Träume, die er von der Macht und Vielseitigkeit der Musik hatte, verwirklichen, durch ihn den Gipfel des Ruhms erklimmen. Störend wirkte lediglich, daß ihm seine geistlichen Vorgesetzten, vor allem der Superintendent Spex, mit einer gewissen Reserviertheit begegneten. Mit Recht führte er ihr höflich-kühles Benehmen darauf zurück, daß sie sich noch beleidigt fühlten, weil ihre Wünsche und Meinungen bei Besetzung der Organistenstelle einfach übergangen worden waren und der König dekretiert hatte: »Der Bach bekommt das Amt!« – Friedemann, der gelernt zu haben glaubte, welch schwere Kunst das Leben ist, zog die Folgerungen und ging, soweit es seine Dienstgeschäfte zuließen, peinlich allem aus dem Wege, was ein geistliches Gewand trug. Desto mehr hielt er sich zu seinem früheren Lehrer der Philosophie, zu dessen geistiger Richtung er sich zudem besonders hingezogen fühlte. Nach einem Diskussionsabend bei Wolff wollte Friedemann eben nach Hut und Stock greifen, um sich den aufbrechenden Professoren und Studenten anzuschließen, als der Hausherr ihn zurückhielt: »Auf ein Wort noch, lieber Bach! – Sie sind erst kurze Zeit hier; Sie kennen Halle und seine Verhältnisse noch wenig. Hören Sie auf den Rat eines alten Freundes! Sie wissen, wie lieb ich Sie habe und wie gern ich's sehe, wenn Sie mich recht oft besuchen und der Weltweisheit Ihre Vorliebe schenken. Aber eben weil ich Sie so lieb habe, bitte ich Sie: besuchen Sie mich nicht mehr so oft, es möchte Ihnen schaden! Halten Sie sich lieber, aus Klugheit wenigstens, etwas mehr zur Theologie, zu Ihren Vorgesetzten an der Marienkirche. Gottesgelahrtheit und Weltweisheit liegen einander in Halle ewig in den Haaren, und Sie werden – zumal jetzt, da die Theologie im Schatten steht – sich alle die auf den Hals hetzen, die sich ohnehin schon gekränkt fühlen, aber nun einmal Ihre Behörden sind, die Ihnen das Leben verbittern können.« »Illustrissimus, Sie haben wohl recht, aber was soll ich denn machen? Ich kann doch den Leuten nicht das Haus einlaufen, wenn sie mich kalt und scheel ansehen und bei sich aufnehmen, als käme irgendein Hans Narr.« »Ei, ja, das ist ganz gut! Sie sollen ja auch nicht den Speichellecker machen, das verlange ich am wenigsten von Ihnen, aber Sie sollen klug sein und sich die Leute nicht verfeinden. Man muß es dummen und brutalen Menschen, wenn man nun einmal mit ihnen leben muß, gar nicht zeigen, daß man ihre Narrheiten und Bosheiten merkt. Ist Spex grob, so seien Sie freundlich, ist er hochfahrend, seien Sie gelassen! Tun Sie im übrigen Ihre Schuldigkeit, seien Sie ein Philosoph für sich und besuchen Sie, wie gesagt, den alten Wolff nicht zu oft, es könnte Ihnen wirklich schaden, Bach. Jeder muß sich nach der Decke strecken!« Friedemanns geradem Sinn kam es wie Heuchelei vor, daß er Wolff meiden und sich Leuten nähern sollte, die ihn abgestoßen hatten. Dennoch suchte er, seiner Stellung zuliebe, diese Annäherung zu bewirken und war in jeder Beziehung freundlich und gefällig. Er zwang sich dazu, die herausfordernden Blicke der Pastoren von St. Marien zu übersehen, wußte aber, daß ein Zusammenstoß mit seinem Unterorganisten Schnabel, er mochte sich biegen und schmiegen wie er wolle, unvermeidlich war. Schnabel, der zwar kein überragender, aber auch kein schlechter Organist war, hatte aus Berechnung die bucklige Schwägerin des Superintendenten geheiratet und dadurch, mit begründeter Aussicht auf baldiges Aufrücken in die Oberorganistenstelle, sein jetziges Amt erlangt. Bachs Auftauchen steckte seine Hoffnungen zurück, Bachs erstes Orgelkonzert zerstörte sie. Für immer? War nicht Schwager Spex Superintendent, und konnte man ihn nicht veranlassen, wenigstens diese fatalen Orgelkonzerte des Konkurrenten, die solch rasenden Zulauf hatten, abzustellen? Waren diese rauschenden Tonphantasien noch Musik, wie sie der Heiligkeit des Ortes geziemte? – Schnabels Aufstachelung fiel auf fruchtbaren Boden, und nach einem Samstags-Konzert wurde Friedemann im Beisein des Unterorganisten von Spex gestellt: »Herr Organist Bach! Ich habe schon zu mehreren Malen bemerkt, daß Ihr das Haus des Herrn dazu benutzt, sogenannte Orgelkonzerte zu exekutieren vor einer Masse Menschen, die nur dann in die Kirche gehen, wenn Ihr Eure Tonspektakel loslaßt. Das ist bisher nie in unserem ehrsamen Halle Sitte gewesen, und ich erkläre Euch kurz und ein für allemal, daß ich nicht dulden werde, daß unsere liebe Kirche solchem heidnischen Divertissement und Zeitvertreib diene. Ich untersage Euch hiermit den Gebrauch der Orgel, außer zum Gottesdienst. Ihr seid ein Diener und Knecht der Kirche, auf deren Geheiß Ihr zur Verherrlichung des Höchsten beitragen dürft, die Euch aber verbietet, Allotria zu treiben!« Alles Blut wich Friedemann aus dem Gesicht. Er wollte aufbrausen, besonders, als er den neben sich stehenden, höhnisch lächelnden Schnabel sah, faßte sich aber und antwortete ruhig: »Mein Herr Superintendent! Ich weiß wohl, daß Sie mein Vorgesetzter sind und daß ich Ihnen in allen meinen Amtsverrichtungen Folge zu leisten habe. Soviel ich weiß, ist das bis dato auch pünktlich geschehen. Ich bin aber nicht nur Organist, ich bin auch – Künstler, Herr Superintendent, und als solcher verwende ich während der Zeit, in der kein Gottesdienst stattfindet, die Orgel wie mir beliebt! Mein Vater gibt Orgelkonzerte, soviel ihm gutdünkt, und ein Orgelkonzert vor Seiner Majestät war's, das mir diese Stellung eintrug. Solange ich lebe, werde ich Orgel spielen, wann und vor wem ich will, – oder ich rühre keine Taste mehr an! Dabei bleibt es!« »Nein, dabei bleibt es nicht!« polterte der Theologe. »So weit sind wir noch nicht, daß die Kirche zum Baalsdienst, zum Sinnenkitzel gebraucht wird! Fehlt nur noch, daß man die Bänke hinausschmeißt und drinnen tanzt und säuft! Und 's wäre nicht einmal eine größere Schändung als Seine Satansmusik! Ob er vor Potentaten spielt, ob Er's Seinem Vater nachmacht, geht mich nichts an! Und fängt Er so was wieder an, laß ich Ihm die Kirchentüre durch die Polizei zusperren, das sage ich Ihm!« »Und ich sage Ihm, daß Er ein Narr ist!« »Sie wagen, Mensch?! ...Ich bin Superintendent und Ihr Vorgesetzter, Herr!« »Ich bin Oberorganist und Musikdirektor zu Halle! Durch den König! Und ich bin Künstler!« »Ich werde mich in Berlin über Sie beklagen! Sie spielen keinen Ton mehr in meiner Kirche!« Aufs höchste empört und erregt, erzählte Friedemann noch am gleichen Abend Wolff den ganzen Verlauf der Sache; dieser riet zur Mäßigung, sagte aber bereitwillig seine Hilfe zu, falls sie sich als notwendig erweisen sollte. Immer noch ärgerlich, aber doch beruhigt und ermutigt, schlenderte er der Marienkirche zu, in deren Nähe er im Talhaus seine Amtswohnung hatte; er überdachte sein künftiges Verhalten in dem ausgebrochenen Streit. Auf seinem Wege kam er am Marktplatz vorüber, an dem, an der Ecke der Brüdergasse, das Gasthaus »Zum goldenen Ring« lag, von den Studenten nur das »Saufloch« genannt. In den engen, immer tabakverqualmten Wirtsstuben wurde viel und gut gespeist, und auch Friedemann pflegte hier seine Mittagsmahlzeit einzunehmen. Abends und bis spät in die Nacht hinein gaben sich im »Saufloch« die buntbemützten Burschen der Landsmannschaften und die keine Farben tragenden Theologen, die »Schwarzen«, ein lärmendes Stelldichein. Übermütige Lieder klangen, die letzten Batzen lösten sich in »Tabak und Cerevis« auf, und manche mehr oder minder blutige Kontrahage nahm hier ihren Anfang. Einer augenblicklichen Laune folgend, trat Friedemann ins »Saufloch« ein, das er seines Standes wegen um diese Stunde sonst zu meiden pflegte. In der »Bürgerstube« fand er den Postmeister, den Syndikus und andere gute Bekannte und Verehrer seiner Kunst. Jubelnd begrüßten sie ihn, und bald gewahrten auch die nebenan weilenden Studenten seine Anwesenheit. Ehe er sich's versah, war er der Mittelpunkt seiner Anhänger, die ihn mit Wort und Lied, vor allem aber mit Zutrinken, weidlich feierten. Je mehr es sich jedoch die Gesellschaft angelegen sein ließ, seine mürrische Stimmung zu bannen, um so verstimmter wurde er, bis plötzlich sein verhaltener Ärger sich in der Erzählung dessen Luft machte, was ihm widerfahren war. »Der verdammte Duckmäuser! Der Lump!« schrien die Studenten durcheinander und ließen einen Hagel weiterer Schimpfworte fallen. In der ersten Hitze wollten die Empörten dem Spex vors Haus ziehen und die Freigabe der Orgel verlangen; nur die Bitten und Vorstellungen des Syndikus, daß man dadurch Bachs Stellung noch mehr gefährde, brachten die jungen Leute zur Vernunft. »Ich gebe Ihnen mein Wort«, rief Friedemann ihnen zu, als er nach Hause ging, »daß der Pastor Spex schon morgen froh sein soll, wenn ich seine Orgel wieder spiele!« Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von dem Vorfall durch die Stadt, und am Sonntagmorgen war die Marienkirche schon vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt. Friedemann Bach erschien, als die letzten Glockentöne verhallt waren, aber nicht auf dem Chor, sondern unten im Schiff, wo er sich mitten unter die Gemeinde setzte. Man sah ihn erstaunt an, man flüsterte, drehte den Kopf nach der Orgel um. »Ja, ich bin selbst neugierig«, beantwortete er halblaut die stummen Fragen seiner Nachbarn, »wer heute die Orgel spielen wird.« Aber da kam auch schon der Küster, der den überall Gesuchten schließlich hier entdeckt hatte, auf ihn zu und ersuchte im Auftrag des Superintendenten, doch endlich mit dem Präludium zu beginnen. »Ich? – Nein! Ich will einmal zuhören. Spiele, wer Lust hat!« »Aber, mit Verlaub, Herr Oberorganist, der Herr Schnabel hat ja die Orgelschlüssel nicht!« »Das weiß ich wohl! Ich hab' sie in der Tasche, und da sollen sie auch bleiben!« Der Küster ging, kehrte aber gleich darauf zurück und bat Friedemann zu einer Unterredung mit Spex in die Sakristei. Zitternd vor Wut und Ärger, doch alle Kraft aufbietend, um sich nicht noch mehr bloßzustellen, empfing ihn der Prediger. »Herr Oberorganist Bach, ich bitte mir die Orgelschlüssel aus!« »Herr Superintendent Spex, die gebe ich nicht. Die Orgel ist unter meinem Verschluß!« »Und Sie weigern sich, im Hause des Herrn an Ihre Amtsverrichtungen zu gehen?« »Ich weigere mich, weil Sie mich derselben enthoben haben und ich damit einverstanden bin. Mein Amt, das mir Seine Majestät gegeben hat, können Sie mir nicht nehmen, wohl aber mir den Gebrauch Ihrer Orgel entziehen. Hinwiederum habe ich als Oberorganist dafür zu sorgen, daß kein Pfuscher über sie gerät!« »Aber ich bitte Sie, um Gottes willen, was soll denn geschehen?« »Das weiß ich nicht!« »Wollen Sie denn die Orgel überhaupt nicht mehr spielen?« fragte Spex ängstlich und doch voll verhaltener Wut. »Nein! Entweder habe ich über die Orgel zu befehlen und spiele sie, wann und wie mir gefällt, oder gar nicht!« »Nun, so spielen Sie in ... Himmels Namen, wann und wie Sie wollen; ich gebe mich drein!« Wenige Minuten später umrauschten in ungewöhnlicher Pracht die Orgeltöne die Gemeinde. Spex, besiegt und dem Gespött der akademischen Jugend preisgegeben, fühlte, wie tief seine Autorität bei den Gläubigen sinken mußte, und er beschloß, auf der Stelle etwas dagegen zu tun. Er bestieg also die Kanzel und überschüttete, indem er das Evangelium von den »anvertrauten Pfunden« und dem »unnützen Knecht« zum Grundtext der Predigt nahm, den armen Friedemann Bach mit seinem ganzen Haß. Er verlieh mit seiner wütenden Kapuzinade dadurch aber dem Streit, der bis jetzt noch den Charakter eines Geheimnisses getragen hatte, eine schrankenlose Öffentlichkeit. Das Opfer seines Grimms saß währenddessen regungslos im Orgelstuhl und hörte, bitter lächelnd, der eigenartigen Predigt dieses eigenartigen Gottesdieners zu. Wieder stürzten einige Pfeiler seines Kinderglaubens ein, und sein schmerzlich bewegter Geist wandte sich der Weltweisheit zu, in der er wenigstens Redlichkeit fand ... »Und wollet ihr wissen«, donnerte Spex gerade von der Kanzel herab, »wer schuld ist an dem Elend und der Herzenshärtigkeit dieser Zeit? Ich will's euch sagen! Das ist jener Newton, jener Leibniz, in denen Satan und Luzifer dem zehnfachen Höllenpfuhl entstiegen, um die Welt zu füllen mit allen Greueln des Unglaubens und der Verderbnis! Das ist jene ›Ratio‹, die alte Buhlerin von Babel, deren Mund voll ist von Atheismus und Lästerung! Aus ihrem Becher haben getrunken die Könige dieser Zeit, die den Unglauben und Afterwitz in Schutz nehmen und der reinen Lehre und Gottseligkeit ein Bein stellen! Sie sind's, die, weil sie selbst unnütz sind, unnützen Knechten das Pfund anvertrauen, das ihnen Gott gegeben, und ...« Alle Register hatte Friedemann gezogen, und ein Fortissimo, dessen Gewalt die Gewölbe der Kirche schier zu sprengen drohte, erstickte in einer Kaskade von Orgeltönen die Strafrede des Predigers. Noch einmal versuchte er, mit seiner eifernden Stimme durchzudringen, dann gab er das aussichtslose Bemühen auf und verließ die Kanzel. Vor der Kirchentüre sammelten sich dichte Gruppen gestikulierender Musensöhne, ehrsame Bürger und Bürgerinnen strebten kopfschüttelnd nach Hause; Wolff verließ die Kirche durch eine Seitentüre und gelangte unbemerkt an den Studenten vorüber, und auch Friedemann konnte sich einer Schar Anhänger schnell entziehen. Nur Spex wagte nicht, die Kirche zu verlassen, weil er gewisse »Liebesbeweise« der Wartenden befürchtete. Nach einer bangen Stunde erschienen endlich, vom Kanzler Wolff geschickt, die Pedelle in ihrer Amtstracht und ersuchten die Studierenden im Namen des Senats, sich durch keinen Zornesausbruch zu entehren und den rein geistigen Streit nicht in die Wirklichkeit hinüberzuziehen. Das wirkte. Die Studenten verließen den Platz und legten sich im »Saufloch« vor Anker, um zu beraten, was zu tun sei. Währenddessen ging Friedemann in seinem Zimmer unruhig auf und nieder. Etwas wie Reue, wie das Bewußtsein, nicht ganz vernünftig gehandelt, die Kunst des Lebens wieder einmal nicht recht begriffen zu haben, versetzte ihn in einen Zustand von Ärger, Schmerz, Verlegenheit und Besorgnis für seine Lage. Er hatte sich in einen Skandal verwickelt, der ihm schmachvoll für beide Teile erscheinen mußte, dessen Öffentlichkeit er fürchtete, zumal wenn er an seinen Vater dachte. Er würde ihm die unerquickliche Geschichte gern verheimlichen. Das aber war ihm selbst ein schlechtes Zeichen für sein Recht in dieser Sache, und doch konnte er nicht finden, daß er irgendwie unrecht gehandelt habe. Wenn ihm auch die klare Erkenntnis fehlte, so fühlte er doch instinktiv, daß die Ursachen der Auseinandersetzung tiefer lagen: daß sie in dem alten Streit zwischen Philosophie und Theologie zu suchen seien, in den sich beide Parteien erbittert und starrköpfig immer mehr verbissen hatten, und der zu einem offenen Ausbruch einmal kommen mußte. Schlimm war es eben nur, daß Friedemann zwischen die Gegner geraten war und selbst die Gefahr heraufbeschworen hatte, zwischen ihnen zerrieben zu werden. – Uneins mit sich selbst, nahm er Hut und Stock und ging zu Wolff. »Das ist ein schlimmer Handel, lieber Bach!« meinte der mit keineswegs rosiger Laune. »Ist mir sehr unangenehm und kann für Sie Folgen haben, die wir uns nicht träumen lassen.« »Aber, mein Gott, was habe ich denn Übles getan? Habe ich nicht das Recht, die Orgel wie mein Vater zu gebrauchen? War es denn länger zu ertragen, die Wissenschaft, Sie selbst, sogar einen Fürsten beschimpft, zu sehen, dem wir alles verdanken?!« »Mein Gott, wer bestreitet denn das, Freund, daß uns unrecht geschehen ist? Aber ist das ein Grund, selbst ein solches zu begehen? Sie in Ihrer Stellung als Diener der Kirche durften sich unter keiner Bedingung, wenn Sie die Wissenschaft auch noch so sehr lieben, in deren Streitigkeiten mischen! Geben Sie acht, was nun geschieht! Die Studenten werden nicht ruhig sitzen; ich kenne das, und ich werde alle Hände voll zu tun haben, um Exzesse zu unterdrücken.« Nun erst eröffnete sich Friedemann die ganze Tragweite seines unklugen Benehmens. »Aber, mein Gott, Illustrissimus, was kann ich denn tun, was hätte ich denn vermeiden sollen?« »Sie wissen, bester Bach, wie lieb ich Sie habe. Ich achte Sie als Künstler wie als Mensch und schätze Ihre wissenschaftliche Reife. Was Ihnen aber fehlt, ist Lebensklugheit. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe! So sehr Sie Philosoph sind, müssen Sie sich doch sagen, daß Ihre Kunst allein in der Theologie, im kirchlichen Ritus ihre Wurzeln hat. Als Musiker können Sie gar nicht fromm genug sein, aber sehr leicht zu spekulativ, das müssen Sie sich klarmachen. Nun, ändern läßt sich das Geschehene nicht, aber es muß wenigstens alles vermieden werden, was den Skandal noch weiter ausdehnen kann. Da Sie nun leicht in den Fall kommen können, für die Wissenschaft bluten zu müssen – Spex wird nicht versäumen, Sie in Berlin anzuschwärzen – werde ich meinerseits, sobald man etwas gegen Sie im Schilde führt, einen ausführlichen Bericht an die Behörde senden, um Sie vor den Folgen zu schützen. Sie sind in der öffentlichen Meinung nun einmal auf unsere Seite getreten, so sehr Sie auf die andere gehören! Versäumen Sie daher von nun an keine Gelegenheit, um zu beweisen, daß Sie kein Gegner jener Leute sind! Im übrigen wird die Wahrheit der Wissenschaft auch ohne Sie siegen! Wenn Sie in Ihrer Stellung für sie kämpfen wollen, wird Ihnen wie der Sache nur geschadet. Nehmen Sie das als aufrichtige Meinung eines alten Mannes, der Ihnen wohl will!« Als Friedemann Wolffs Haus verließ, war es bereits dunkel geworden, aber in den Straßen herrschte noch ungewöhnlich reges Leben. »Die Studenten bringen Wolff und Bach einen Fackelzug, der Spex kriegt ein Pereat«, flüsterten die Leute und standen erwartungsvoll vor den Türen. Auf dem Markt, um des Pastors Amtswohnung, am Talhaus und beim »Saufloch« lagerten dichte Massen und harrten der kommenden Dinge. Spex, der von dem, was ihm bevorstand, Wind bekommen hatte, war von den »Schwarzen« umgeben, die nicht versäumt hatten, zum Schutze der Theologie die Schläger mitzubringen. Das Hauptquartier der Gegner befand sich im »Saufloch«, und als Wolff von dem Beginn ihrer Vorbereitungen erfuhr, schickte er zwei Pedelle und ließ die Herren Seniores zu einer Unterredung zu sich bitten. Diese leisteten, von den Korpsbrüdern begleitet, der Einladung sofort Folge. Wolff empfing sie mit der liebenswürdigen Versicherung, daß er die Ehre, die man ihm zugedacht, wohl zu schätzen wisse und aufrichtig dafür danke. Gleichwohl müsse er bitten, sie als empfangen ansehen zu dürfen. »Immer schon habe ich in den verehrlichen Landsmannschaften« – so endete er – »den Hort der Wissenschaft gesehen, und gerade deshalb darf ich nahelegen, gleich dem Löwen in der Fabel, des Hasen zu schonen und mir zuliebe von jeder Demonstration abzusehen. Bedenken Sie, meine Herren Kommilitonen, daß die Philosophie sich selbst entehrt, wenn sie am Feind nicht stolze Großmut übt!« Restlos konnte der Kanzler mit seinem Appell die aufgeregten Gemüter allerdings nicht beruhigen. Wenigstens dem Mann, der sich so mutig und entschieden zur Sache der Wissenschaft bekannt hatte, wollten die Landsmannschafter eine sichtbare Anerkennung zuteil werden lassen. Sie zogen vor das Talhaus und brachten dem Herrn Musikdirektor ein Ständchen mit tosendem Vivat. – Friedemann ließ sich gefallen, was zu verhindern er nicht in der Lage war; verlegen stammelte er ein paar Dankesworte. Unglücklicherweise wohnte nebenan der Unterorganist Schnabel. Verärgert über die neue Ehrung seines Widersachers, erbittert über die nebensächliche Rolle, die er im Parteienstreit bislang gespielt hatte, vertrauend auf die Hilfe der »Schwarzen«, die irgendwo auf der Lauer liegen mußten, riß er das Fenster auf: »Ich verbitte mir hier jede Ruhestörung und ermahne Sie, wie sich's für anständige junge Leute geziemt, nach Hause zu gehen!« »I, das ist ja der krummbeinige Schnabel!« tönte es im Chor dem verwegenen Rufer entgegen. »Haut doch dem Kerl das Leder voll!« Und unter schallendem Gelächter schickte man sich an, die Haustüre zu erbrechen. Jetzt aber zeterte die entsetzte Ehegenossin auf den aschfarbenen Gatten los, der da gewagt hatte, den halleschen Löwentrotz zu wecken. Die Senioren beschwichtigten ihre Korpsbrüder, und auch Friedemann eilte herbei, um Schlimmes abzuwenden. Aber wenigstens einen Ulk wollten sich die Studenten nicht entgehen lassen, und unter furchtbarem Geschrei und Gepolter wurde der »Kopf des Elenden« gefordert. »Schnabel raus! Raus mit 'm Schnabel! Will Er wohl raus, alter Storchschnabel« – und, von seiner jammernden Ehefrau beschworen, erschien zähneklappernd der arme Schnabel am Fenster. »Meine Herren, ich ...« »Maul halten, altes Kamel!« brüllte der Präses der Versammlung. Die entstehende Stille wurde von Frau Schnabel schnell dazu benutzt, um ängstlich zu flehen: »Ach, verzeihen Sie doch meinem Manne, er versteht nicht, mit Dero Hochgeboren umzugehen!« »Bravo!« ertönte es von unten. »Die Mutter Schnabel ist eine kluge Frau, sie hat die Hosen an!« – Alles lachte. – »Will Sie die Wache über Ihren krummbeinigen Gatten übernehmen, Frau Schnabel, daß der Schnabel künftig den Schnabel hält?« »Ach ja, gewiß, er soll's nicht wieder tun!« »Gut! Lassen Sie ihn ans Fenster treten und bringen Sie eine Schlafmütze und einen Kochlöffel!« Schnabel zeigte sich wieder, und seine Frau holte die verlangten Gegenstände herbei. »Setzen Sie ihm die Mütze auf! – Halten Sie nun als seine Herrscherin den Löffel wie ein Schwert über sein Haupt! ... Er aber, unwürdiger Schnabel, scheußlichster aller Schnäbel, die je in Neid und Dummheit geöffnet wurden, spreche Er nach, was ich Ihm sage!« Und unter wieherndem Gejohle wiederholte der Gemarterte laut und deutlich die ihm vorgesprochenen Worte: »Ich bekenne hiermit, daß ich ein grenzenloser Esel bin, der größte mente captus meiner Zeit! In Anbetracht dessen und meiner Unzurechnungsfähigkeit gelobe ich, nie etwas anderes zu sagen, als das, was mir meine Ehefrau, die die Hosen anhat, erlaubt!« »Amen!« »Amen!« »So sei denn frei, wackrer Schnabel, sehr werter Hauptesel der Theologie! – Es lebe die Landsmannschaft!« Und mit großem Lärm und Hallo verzog sich die jugendliche Volksjustiz. Der Fluch der Lächerlichkeit, der seit jenem Tage dem Superintendenten anhaftete, ließ ihn nicht ruhen, bevor er seinen Rachegefühlen Genüge getan hatte. Er konnte sich zwar denken, daß er in Berlin kein leichtes Spiel haben würde, sandte nach geraumer Zeit aber trotzdem eine mit Schnabels Hilfe verfaßte geharnischte Klageschrift ab. Friedemanns Freund, der Postmeister, war jedoch wachsam gewesen und gab einen deutlichen Wink. Spex's Schreiben auf dem Fuße folgte daher eine »Wahrhafte Darstellung der Sachlage«, die durch unterschriebene Zeugenaussagen belegt war und Wolff zum Verfasser hatte. Das Landeskonsistorium getraute sich indessen nicht, von sich aus ein Urteil zu fällen und referierte dem König. »Dem Bach«, lautete dessen Entscheid, »stehe allein die Verfügung ober die Orgel zu, doch rate er ihm, sich nur um seine Kunst und sein Amt zu kümmern, sonst werde er ihn zum Teufel schicken. Dem Spex aber sei zu bedeuten, daß er ihn, wenn er die Kanzel noch einmal zu Allotria gebrauche, zum Zuchthausprediger in einer Festung machen werde.« Als Spex diese Resolution empfing, wollte er schier in die Erde sinken. »Und doch!« trotzte er dann zu Schnabel, »und es wird doch die Zeit kommen, wo dem Herrn Bach ein Bein zu stellen ist!« Aber er behandelte von nun an Friedemann auf das zuvorkommendste, und dieser, so wenig Gutes er auch hinter diesem neuen Benehmen witterte, vergalt es mit freundlicher Artigkeit. Friedemann war durch die Gefahren, die die unseligen Ereignisse unheildrohend wie Gewitterwolken um ihn geballt hatten, gewitzigt und vorsichtig geworden. Er lebte nun fast ausschließlich seiner Kunst. Regelmäßig veranstaltete er seine immer berühmter werdenden Orgelkonzerte; er verbesserte den von ihm geleiteten Chor, er schuf aus dem akademischen Orchester einen Klangkörper von hohem künstlerischen Niveau, er komponierte auch einige Stücke. Seine ganze Leidenschaft aber, sein unbändiger Schaffensdrang, sein neubelebter Schöpferwille gehörten dem großen Werk, das er begonnen hatte: dem »Luzifer«. Noch tiefer, noch ergreifender, noch gewaltiger sollte es werden als das im Wahnsinn versunkene Fragment jener unheimlichen Karfreitagsnacht, sollte Krönung seines Künstlertums, Glanzpunkt seines Lebens sein! Der »Luzifer« war nicht eigentlich ein Oratorium, nicht eigentlich eine Oper; er sollte beides werden: eine religiöse Oper, die aber über den Raum der Bühne hinausging und nur in der Kirche aufzuführen war. Er wollte in dieser riesigen Tontragödie die Entstehung der Verneinung, das Werden des Schattens aus dem Licht, den furchtbaren Kampf beider Gegensätze, die tragische Vernichtung Luzifers durch den Herrn, der Finsternis durch das Licht, und die endliche Harmonie und Versöhnung beider Prinzipien darstellen ... Je mehr das Werk fortschritt, je zwingender und unbedingter zog es ihn zur Weiterführung in die Stille seines Arbeitszimmers. Dann flog die Feder übers Papier, bald am Text, den er selber dichtete, feilend und verbessernd, bald komponierend; dann sangen und klangen, wimmerten und weinten, jauchzten und jubelten die Saiten. Und über allem Tun strahlten, oben aus dem kleinen Bild über dem Klavier, die schönen Augen der Astrua wie leuchtende Sterne. Ihr gehörte dieses Werk! Und wenn er es nächstens in ihre Hände legen und sagen würde: »Ich habe deine Worte nicht vergessen! Immer lag mir im Ohr: daß du zu sehr Künstlerin seiest, um nicht im größten Musiker den liebenswertesten Mann zu sehen!« – dann würden diese Hände, diese lieben Hände, sich warm und weich um seinen Nacken legen, und er würde wissen, daß er dieser liebenswerteste Mann ist, weil er der größte Musiker war. Zu Ende des Jahres 1749 war die erste Abteilung des »Luzifer« beendet, und Friedemann beeilte sich, die Geliebte mit der Zusendung der Partitur zu überraschen. In siegesfroher, glücklicher Erwartung fieberte er der Antwort entgegen, und sie ließ nicht lange auf sich warten. »Mein Bester! – Anbei erfolgt der erste Teil Ihres »Luzifer« dankbarst zurück. Ich würde es für ein Verbrechen an der Kunst wie an Ihnen halten, unehrlich zu sein und Sie mit Schmeicheleien zu betrügen. Das Werk enthält viele Schönheiten, – Schönheiten, deren Größe mich erschreckt, wie ich sie aber (nach meinen Begriffen) in der Kunst nicht wünschen kann. Ich bekenne, daß ich die ganze Tondichtung nicht verstehe! Obwohl Sie mir in Ihrem Begleitschreiben sogar den Plan des Ganzen auseinandersetzen, verstehe ich sie nicht! Das ist überhaupt kein musikalischer Stoff; denn selbst wenn man ihn verstehen könnte, müßte man wünschen, ihn nie gehört zu haben! Ich beklage aufrichtig, daß Sie sich künstlerisch so verirrt haben. Und nachdem ich die Überzeugung gewonnen habe, daß Sie von dem, was ich von Ihnen erhoffte, weiter entfernt sind als je, scheide ich von Ihnen mit dem Wunsche, daß Gott Sie in seinen Schutz nehmen möge! Leben Sie wohl! – Ergebenst Astrua.« Aus dem in Liebe, Freude, Glück und Stolz traumhaft emporgeglühten Morgenrot eines neuen Daseins jählings in finsterste Nacht gerissen, brach er mit einem Schrei der Verzweiflung zusammen. Es war Nacht, als er sich vom Boden erhob. Mühsam zündete er ein Licht an und sah sich wirr in der öden Stube um. Auf der Erde lag das Manuskript des »Luzifer«. Er hob es auf, schritt zum Ofen und warf es auf die halberloschene Kohle. Hell loderte die Flamme auf. Er hockte da, sah zu, wie seine Schöpfung sich bäumte und wand, in Asche zerfiel; er kicherte. Und dann sang er in näselndem Tone: »Willst du dein Herz mir schenken?« Seitdem sagten die Leute: »Dem Friedemann Bach ist's nicht richtig im Kopf!« Er war nicht eigentlich wahnsinnig, aber wenn »es« über ihn kam, vollführte er die tollsten Streiche. Eine Weile sah man zu, dann wurde er für amtsuntauglich erklärt. Und noch einmal leuchtete sein guter Stern. Er erhielt, ohne daß er etwas dazu getan hätte, das Patent eines Hessen-Darmstädtischen Kapellmeisters. Er zerriß es! Und wie er ging und stand, schritt er zum Leipziger Tor hinaus. Irgendwohin ... XX. Unschlüssig stand der Wanderer am Kreuzweg. Die Julisonne brannte in voller Mittagsglut auf ihn nieder, und als er den verwitterten Hut abnahm, um sich den rinnenden Schweiß wegzuwischen, fiel ein Gewirr von schwarzen Haaren in sein zerfurchtes Gesicht. Wetter und Wind, denen es viel und lange ausgesetzt gewesen sein mochte, hatten es braun gegerbt; tiefe Falten um die Mundwinkel erzählten von Leid und Qual und vieler Not. In der Ferne neckte sich ein leiser Wind mit einem Staubbällchen, drehte es um sich selbst und tanzte es küselnd über die Landstraße. Die Blicke des Mannes, leer und doch von einem seltsam tiefen Glanz durchleuchtet, folgten dem wirbelnden Wölkchen, bis es an dem Balken des Wegweisers verhauchte. Unwillkürlich sah er suchend nach oben, und dort las er: »Nach Leipzig«. Er stutzte. Etwas wie ein schwerer, dunkler Vorhang wurde vor seinem Geiste weggezogen. Ein heißes Heimverlangen kehrte in seine Seele ein, er weinte. Er klemmte die Violine, die er mit sich trug, fest unter den Arm und stürzte davon, in der Richtung, die der Wegweiser ihm gezeigt hatte. In abgeschabter Kleidung, die Schuhe zerrissen, bestaubt, gebückt und schwankend vor Schwäche schlich sich einige Tage später der Wandermusikant durch das Gerbertor in die Stadt. Ängstlich hielt er sich im Schatten der Häuser, obwohl es noch früh am Morgen und die Straßen menschenleer waren; er schritt um den Wall und an der Geisterpforte vorüber und strebte der Thomaskirche zu. Am Kantorhause machte er halt. Er sah an seinem Anzug herunter und zögerte eine Weile. Er hob die Hand, ließ sie wieder sinken, und klopfte dann, in sich selbst überrumpelndem Entschluß, hart und laut an der Türe. – Niemand öffnete, alles blieb still. Er klopfte stärker, und wieder regte sich nichts. Da bearbeitete er, von einem ungewissen Grausen vor dieser unbarmherzigen Todesruhe des Hauses geschüttelt, das Holz mit den Fäusten und dröhnenden Fußtritten. Von der Kirche her kam mit eiligen Schritten der halbangekleidete, noch schlaftrunkene Küster. »Ja, was vollführt Er denn bloß für einen Lärm?! Sieht Er nicht, daß das Haus leer steht?« »Leer?« »Heiliger Himmel!« – und der Küster rieb sich verwundert die Augen – »Sie, Friedemann? – Weiß Gott, er ist's wirklich! ... Ja, ja, Herr Friedemann, es ist ein rechtes Unglück, nicht wahr?« »Was, – was ist ein Unglück?« »Ja, haben Sie denn den Brief vom Herrn Altnikol nicht bekommen?« »Brief? ... Altnikol?« »Mein Gott, da wissen Sie gar nichts? ... Ja, zuerst wollte es der Herr Vater ja auch nicht haben, damit Sie sich nicht sorgen sollten.« Und der Küster erzählte in Hast, daß die letzten Jahre viel Ungemach und Leid über die Familie Bach gebracht hatten. Das Augenlicht des Vaters war, wohl infolge der Überanstrengung beim Stechen der Kupferplatten zur »Kunst der Fuge«, immer schwächer geworden, und schließlich war er ganz erblindet. Seine Amtsverrichtungen hatte er nach und nach einstellen müssen, erhielt aber einen Teil seiner Bezüge weiter ausbezahlt. Es kostete aber auch viel; denn die Ärzte hatten zu einer Operation geraten, und auch ein berühmter Professor aus England war der gleichen Meinung. Aber der Eingriff war zweimal erfolglos geblieben. Dann war der blöde David gestorben; Sebastian hatte nur gesagt: »Der arme Junge mache mir Quartier bei unserem Herrgott.« »Weiter, weiter!« drängte Friedemann. »Ja, Ihre Mutter weinte viel in dieser Zeit, besonders wenn Briefe aus Halle gekommen waren. Aber der Herr Vater konnte das ja nicht sehen, und ihm gegenüber war sie immer guter Dinge. Ich glaube, Friedemann, sie sagte ihm nur, was er gerne hören mochte. Und so wird's wohl so sein, daß der Vater nichts Rechtes von Ihnen – und Sie nichts von ihm wußten.« »Ja, so wird das sein! – Und?« »Und, es ist gerade ein Jahr her, es war am 28. Juli 1750, da ... da starb er. – Einen Augenblick, Herr Friedemann, ich komme gleich zurück, ich habe noch ein Päckchen für Sie.« Friedemann stand stumpf und regungslos und starrte das verödete Haus an. Er merkte nicht, daß der Küster forteilte, zurückkam und ihm einen dicken Briefumschlag in die Hand drückte, er hörte nur wie im Traum die weitere Mitteilung, daß die Mutter zum Herrn Altnikol nach Naumburg gezogen sei. Plötzlich kehrte der frühe Besucher sich um, ließ den Küster ohne ein Wort des Dankes oder Abschieds stehen, klemmte seine Violine fester unter den Arm und stolperte davon. Er schlug den Weg zum Friedhof ein .... Zwei Wochen später schritt der fahrende Musikant, dem ein langes Wanderleben nun schon den Stempel des Vagabundenhaften aufgeprägt hatte, auf der Straße, die von Ichtershausen her dem Thüringer Wald zustrebte, gemächlich nach Arnstadt. Bei den ersten Häusern angekommen, fragte er, wo der Organist Vogler wohne, und als er dessen Haus gefunden hatte, trat er ohne Umstände ein. »Kennt Ihr mich noch, Vogler?« »Herr, erhalte mir meine fünf Sinne! Seid Ihr's oder seid Ihr's nicht? ... Friedemann Bach!« »Richtig! Und komme von Leipzig. Mein Vater ist tot. In Halle haben sie mich fortgejagt, und meinem Schwager mag ich nicht zur Last fallen, er hat meine Mutter schon auf dem Halse. Nun hab' ich gehört, daß Ihr an zwei Kirchen Organist seid. Könnt Ihr mir vielleicht Beschäftigung geben?« »So weit seid Ihr also herunter ... hm ... gekommen? Habt doch in Dresden und Halle ein so schönes Amt gehabt, und nun wollt Ihr in Arnstadt handlangern?« »Das geht Euch alles nichts an! Ich frage Euch, ob Ihr mir Arbeit geben könnt. Ja oder Nein? Almosen brauche ich nicht!« »Nein!« »So hol Euch der Teufel, Halunke! – Alles, was Ihr jämmerlicher Kerl geworden seid, verdankt Ihr den Bachs! Wenn Ihr Ehre im Leib hättet, müßtet Ihr mir helfen und nicht fragen! Haltet's Maul, ein Halunke seid Ihr!« Hastig trat er aus dem Hause, und zwischen Häusern und Gehöften hindurch klomm er den Berg empor. Der Wahnsinn sprach heimlich wieder aus seinen Zügen, und wie er so dahinschritt auf dem schmalen Weg, nicht achtend, wo er ging, klang seine Violine in solch furchtbaren Melodien, daß die Leute erschreckt aus den Häusern fuhren und dem Unhold nachstierten. Immer weiter ging er, immer mehr sank die Sonne, immer einsamer wurde es um ihn. Plötzlich, etwa vierzig Schritt vor ihm, trat ein Mann unter den Bäumen hervor und winkte ihm. Er folgte ihm mit dem Instinkt eines Tieres und trat am Ende der Wanderung in ein kleines Zimmer ein, das von Kerzen erhellt und mit seltenem Luxus ausgestattet war. Matt sank er auf den Diwan. Vor ihm standen Früchte und andere Speisen; mit der Hast eines begehrlichen Kindes und dem Heißhunger eines Verschmachtenden griff er zu. »Mich dürstet!« – Der Fremde reichte ihm ein Glas mit einer herb duftenden, dunkelroten Flüssigkeit. Friedemann leerte es in einem Zuge. Wenige Minuten später sank er in sich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Der Hausherr schellte und befahl den Eintretenden: »Bringt ihn zu Bett in meinem Zimmer. Heute nacht wacht einer von euch! Vorwärts!« Einige Wochen vergingen. Viele der Arnstädter Kleinbürger, die beobachtet hatten, wie Friedemann von Doktor Cardin, einem Manne, der ihnen schon längst unheimlich und verdächtig vorkam, in sein Haus geführt wurde, warteten täglich, aber täglich vergebens, auf eine Rückkehr. »Der verrückte Kerl mit seiner Violine«, flüsterten sie sich zu, »ist von dem Alchimisten sicher gemordet worden; er braucht Menschenfleisch und Blut, um Gold zu machen.« – »Oder er hat ihn dem Teufel verschrieben, damit er selber noch Frist bekommt.« – »Ganz gewiß! Er ist ein Seelenverkäufer, ein Hexenpater, ein Satanspriester ist er!« Doktor Cardin war Franzose. Er war vor einigen Jahren in Arnstadt aufgetaucht, hatte, ohne sich um die Neugierde der Leute zu kümmern, ohne jemals das Wort an sie zu richten, die ganze Stadt durchstöbert und die Umgebung kreuz und quer abgestreift. Nach Verlauf einer Woche teilte er dann dem Bürgermeister mit, daß er das Anwesen eines Gärtners, das mit Obstbäumen, Weinstöcken und Hopfengelände einen kleinen Hügel vollständig bedeckte, käuflich erworben habe; gleichzeitig beauftragte er ihn, der der einzige Architekt des Städtchens war, mit umfangreichen Neu- und Umbauten. Er zahlte prompt und großzügig. Bald stand eine kleine Villa, fast schon ein Schlößchen, inmitten eines großen, wohlangelegten Gartens, und aus der Fremde trafen kostbare Möbel ein und Kisten mit Büchern, Einrichtungsgegenständen und Gerätschaften nie gesehener Art. Zu seiner Bedienung behielt er die beiden Knechte des vorigen Besitzers bei und ließ ihnen zur Wohnung zwei kleine Häuser am Eingang zum Garten bauen. Cardin verließ seine Besitzung, auf der er einsam und unzugänglich hauste, nur selten. Nie ging er in die Kirche, bezeigte vielmehr eine solche Verachtung gegen die Religion, daß ihm die gottesfürchtigen Arnstädter schnell aufsässig wurden. Er vergalt ihr Benehmen mit rücksichtsloser Grobheit; und als er erfuhr, daß seine Mitbürger aus seiner Lebensart, zu der es auch gehörte, in seinem Studierzimmer nächtelang Licht zu brennen, abergläubische Schlüsse zogen, spielte er ihnen Possen auf Possen, jagte er ihnen Schreck auf Schreck ein. So kam er in den Ruf eines Alchimisten und Hexenmeisters, der es mit der öffentlichen Meinung vollends verdarb, als bekannt wurde, daß er mit der Tochter des einen Knechtes, der ebenso schönen wie leichtfertigen Trude, in wilder Ehe lebte. Nur der Bürgermeister-Architekt hielt dem Fremden immer die Stange, und so beruhigte er auch jetzt, als ihm die Bürgerschaft mit ihren Mutmaßungen über das Verschwinden des tollen Musikers in den Ohren lag, die Empörten: »Aber, Leute, das ist doch alles Unsinn! Gewiß, der Doktor Cardin ist ein Grobian und ein komischer Kauz, sonst aber ein guter Kerl und harmloser Mensch!« Aber er fand kein williges Gehör, und er konnte es nicht verhindern, daß eine Klage an das Hochpeinliche Halsgericht eingereicht wurde. Einige Wochen vergingen, dann traf die Untersuchungskommission ein. Die drei Richter wählten den Bürgermeister zum Beisitzer, vernahmen die Zeugen, ließen sich genau den Weg zeigen, den Friedemann gegangen war, und begaben sich darauf zum Hause Cardins. Die prächtigen Anlagen erweckten die Bewunderung der Beamten, und sie konnten sich nicht enthalten, diesen reizenden Landsitz laut zu preisen. Die Villa hatte nur einen Eingang, der verschlossen war. Sie zogen die Schelle, und nach einigen Minuten zeigte sich das hübsche Gesicht Trudes: »Was wellen Sie?« »Die Kommissare des Kriminalgerichts wollen Doktor Cardin sprechen!« – »Treten Sie ein und warten Sie!« Sie kamen in eine Vorhalle, die leer, ohne Fenster und von oben erleuchtet war. Drei Türen von schwarzglänzendem Holz lagen nebeneinander und starrten schreckhaft aus der weißen, kahlen Wand. Über der Mitteltür stand mit griechischen Lettern »Daimon«. Mitten in der Halle lag eine steinerne Sphinx, die einen Spiegel in der rechten Klaue hielt. Entsetzt ließen die Arnstädter Zeugen einen weiten Kreis um das Ungeheuer frei. Cardin kam, in einen seidenen Schlafrock gehüllt, mit wohlgepuderter Perücke, lächelnd, mit graziöser Handbewegung grüßend, herein und fragte die Kommissare nach ihren Wünschen. – Feierlich wurde das Protokoll verlesen, schien aber auf den Verdächtigten keinerlei Eindruck zu machen. Er verbeugte sich ruhig und sagte: »Es wird also behauptet, meine Herren, daß der Fremde wahnsinnig war und daß er hier bei mir verschwand! Lassen Sie uns nachsehen!« Cardin öffnete die Mitteltüre. In einem vornehm-behaglich eingerichteten Zimmer lag, hinter einem Tisch voller Bücher gemütlich in einen Sessel gestreckt, der verschwundene Friedemann Bach. »Komm' doch, bitte, einen Augenblick herein!« »Was soll das bedeuten, Doktor?« fragte er zurück und trat erstaunt näher. »Die guten Arnstädter glauben, daß ich dich an mich gelockt und ermordet, zumindest aber dem Teufel verkauft habe. Und das sind die Herren Kriminalkommissare von Sondershausen, die sich überzeugen wollen.« »Danke für die gütige Nachfrage! Und hier meine Erklärung: die Bürger von Arnstadt sind Hornochsen, und Doktor Cardin hat mich nicht nur dem Elend und der Armut entrissen, sondern mir auch meinen Verstand wiedergegeben! Ich befinde mich hier sehr wohl und werde mit meinem Willen bestimmt nicht weggehen. Guten Morgen!« Die Arnstädter entfernten sich mit langen Gesichtern, und die Herren Kriminalisten, die auf Cardins Kosten im Gasthof ein reiches Diner vorfanden, reisten ab, indem sie den Zeugen den guten Rat gaben, in Zukunft lieber »das Maul zu halten«. Cardin kehrte zu Friedemann zurück. »Willst du noch einen besseren Beleg für die Erbärmlichkeit der Menschen? Sieh, ich wußte, daß mir unter Umständen die Tortur bevorstand, aber ich sagte dir nichts, um dich den vollen Eindruck dieser Erbärmlichkeit empfinden zu lassen. Nicht der Wahrheitsbeweis hat mich nämlich geschützt, sondern lediglich der Umstand, daß ich Geld habe und daß es mir möglich war, der Regierung in Sondershausen den einen und anderen an mich gerichteten Brief Diderors und Voltaires vorzulegen, freundschaftliche Zeugnisse berühmter Männer, die mich ins rechte Licht setzten.« »Der Haß dieser Menschen ist unerklärlich!« »Mir, mein Sohn, ist er's nicht! Daran ist die Erbsünde schuld, die Dummheit, die sie mit sich herumschleppen. Dummheit und Langeweile brachten den Menschen von jeher dazu, die Freiheit anderer zu gefährden. Weil es ihm an Kraft fehlt, sie für sich selber zu beanspruchen, will er sie auch anderen nicht gönnen. Er bekümmert sich um unsere Moralität, unser Seelenheil, um das, was wir tun und unterlassen sollen, aber um sich selber kümmert er sich nicht. Ich sage dir: je weniger du dich um andere Menschen bekümmerst, desto freier bist du! Ob du sie beherrschst oder von ihnen beherrscht wirst, ist dabei gleichgültig; immer hast du mit ihnen zu tun, und das ist genug, dir das Leben zu verleiden!« »Es ist wahr, je mehr man mit sich allein ist, je enger man sich vor der Welt ins Gehäuse seiner Selbstgenügsamkeit zurückzieht, desto glücklicher ist man. Ich wünschte, ich hätte das früher getan.« »Ein Glück für dich, daß du's nun kannst! Dieser empfindsame Muskel hier drinnen, den die Menschen Herz nennen, auf dessen edle Qualität sie sich so große Stücke einbilden, hat in Wahrheit den ganzen Jammer der Erde zu verantworten. Dieses dumme Herz ist's, das unsere grübelnden Gedanken mit besseren Welten, besseren Zeiten, schönen Hoffnungen, die sich nie erfüllen, abspeist, uns in Träumen unsere Zeit verschwenden läßt, während wir genießen sollten; das Herz ist's, das unseren Verstand, der uns allein vom Tier unterscheidet, stets hindert, sein alleiniges Herrscherrecht auszuüben. Du hast bisher nur gefühlt, das war dein Unglück; das hat dich unfähig gemacht, dem Leben draußen und diesem gemütvollen Gesindel deiner Mitmenschen zu widerstehen. Sie haben dich elend und wahnsinnig gemacht, und als du's warst, haben sie dich liegen gelassen! Du wurdest geisteskrank, weil du Herz hattest. Jetzt bist du gesund geworden, weil ich den eigentlichen Menschen in dir, deinen Verstand, geweckt habe. Gegen dich habe Herz, mit dir tue schön, meinetwegen, aber sonst laß nur den kalten, klaren Kalkül walten!« »Wenn Sie nun aber kein Herz haben und allein den Verstand sprechen lassen, wie kamen Sie darauf, mich, den Bettler, den Wahnsinnigen aufzunehmen?« »Weil ich in dir ein Objekt fand, mir selbst die Wahrheit meiner Doktrin zu beweisen. Weil es für den freien Menschen ein Selbststolz ist, wieder freie Menschen zu machen. Ich freute mich über mich, wenn ich dich belehrte, wenn ich dem Verstand wieder einen Repräsentanten mehr gewann.« »Egoismus also?« »Und wenn du tausendmal ein schiefes Gesicht ziehst, Friedemann, weil ich dich nicht aus Edelmut und Großherzigkeit aufnahm: jawohl, es war Egoismus! Ich bin ein Ichmensch, ich bin selbstsüchtig und sehe nicht ein, was ich Besseres tun könnte; aber ich habe die Anständigkeit, das, was ich bin, frei zu sagen, weil ich mir dessen klar bewusst bin.« »Ich weiß denn doch nicht ...« »Glaube mir, Friedemann, es lebt kein Mensch, der nicht Egoist wäre! Manchmal weiß er's nur nicht, oder er weiß es, schiebt aber sein Herz vor, um seinen Profit nicht sehen zu lassen. Ich bekenne mich nackt und ohne Beschönigung zur Selbstsucht! Wie ich aber für mich die Freiheit in Anspruch nehme, zu sein, wie ich bin, so gestehe ich sie auch jedem anderen zu. Was mir nicht gefällt, das lasse ich; wen ich nicht mag, den stoße ich ab. Wenn du mich nicht magst, so gehe!« »Schön! Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen nun erklärte: Sie haben mich gepflegt und geheilt, aber – Ihre Philosophie gefällt mir nicht! Obgleich mein Verstand sie billigt, engt sie mir das Herz ein. Ich möchte von Ihnen gehen, denn die Überschrift an Ihrer Türe ist wahr, Sie sind ein Daimon, – aber ich kann nicht gehen! Ich kann nicht, wie früher, darben und dulden, den Bänkelsänger spielen, damit mein Magen voll werde! – Was, frage ich, würden Sie zu einer solchen, ganz auf der Linie Ihrer Eigennützigkeitslehre liegenden Erklärung sagen?« Cardin betrachtete nachdenklich und bewegt eine Weile seinen Schützling, dann sagte er: »Ich will dir, mein Sohn, damit du nicht an den Magen zu denken brauchst, eine gute Summe geben. Dann versuch' es wieder draußen in der schönen Menschenwelt, wo die warmen Herzen schlagen! Gehe aber nicht zu weit von hier; denn ich sage dir: du lebst mit deinem Gelde nicht ein Jahr unter dem Gesindel – und du stehst wieder mit deiner Geige vor meiner Tür und spielst deinen wahnsinnigen Reigen! Dann aber – könnte ich tot sein. Nun, willst du's wagen?« Mit großen Schritten ging Friedemann auf und ab. Dann legte er seine Hand auf die des Doktors: »Nie wieder, Cardin! – Sie haben recht: der Egoist allein ist glücklich, ich will es sein!« »Bravo, mein Junge! Es lebe der Daimon über unserer Türe! – Wein her und einen Kranz von Rosen für unsere Schläfe!« Monate ungestörten Wohlseins begannen nun für Friedemann, und die Monate rundeten sich zu Jahren. Und wenn er Rückschau hielt, so mußte er erkennen: Das Drängen und Treiben seines Ehrgeizes und seiner Liebe hatten ihn in einer ewigen Erregung gehalten, hatten ihm nie Zeit gelassen, über sich selbst nachzudenken. Plötzlich, im allerwildesten Wirbel, als der Nachen seines Daseins schon am Zerschellen war, warf ihn das Schicksal auf einen ruhigen Strand, eine einsame Insel, die ihm ein nie geahntes Paradies des Behagens und Friedens bescherte. Seine Seele wurde zum erstenmal auf sich selbst angewiesen, in sich versenkt zur Selbstliebe, Selbstanbetung. Durch die beständige Sorgfalt Cardins und die eigene Art seiner Behandlung der zweiten Seelenzerrüttung entrissen, genas er um so rascher, als dessen doktrinärer Spott ihn gewöhnt hatte, sich aller Herzensregungen, Erinnerungen und Hoffnungen zu schämen. Dadurch erreichten sein Körper und Geist eine solche Ruhe und Stetigkeit, ein zufriedenes Beharrungsvermögen im Genuß der Gegenwart, daß eine Wiederkehr des Wahnsinns nicht zu befürchten war. Das herrliche Landhaus, in dem er wohnte, aus dessen Fenstern er verächtlich herabblicken konnte auf die verlassene Welt, die Feinheit der Speisen und Weine, die geistreich schimmernden, verstandeskalten Gespräche mit dem Doktor, die Erkenntnisse, die er aus den philosophischen Werken schöpfte: das alles wurde für ihn ein Zauber, der unermeßlich, unzerstörbar schien. Seine Wangen wurden voll und rosig wie einst, und süße Faulheit zog wollüstig durch seine Glieder. Ohne Wunsch, ohne Begierde, dem Genusse des tatenlosen Daseins, der Freude seiner Selbstbeschauung, dem Überdenken seiner philosophischen Lektüre lebend, glitten ihm die Tage dahin. Immer mehr entfremdete er sich dem bürgerlichen Leben, und sogar die Sehnsucht nach Frauenliebe ging in seinem starren Verstandeskult unter. Cardin hatte ihm klargemacht, daß die Liebe eine eingebildete Herzensaffektion sei, die aus dem Geschlechtstriebe entspringe, Tierisches aus Tierischem. Sie sei eine erbärmliche Schwäche, habe keinen Bestand und bedinge den Wechsel, mithin den Konflikt, den Kampf und das Weh der Gesellschaft. Weiber seien treulos, noch treuloser als die Männer. Darin liege der Beweis, daß die Liebe an sich ein Unglück ist, denn das Glück muß dauernd sein, sonst ist es keins. Dem Menschen zieme es nur zu denken, nicht zu lieben, es sei denn: sich selbst! Cardin war ein tiefer Denker; er stand mit dem Bureau d'Esprit in Paris, den Salons der Frau von Tencin, Madame Geoffrin, Deffant, Julie l'Espinasse in beständigem Verkehr, und Voltaires, Diderots, Rousseaus, d'Alemberts Briefe waren unablässige Besucher seines Hauses, so daß er scherzhaft sagen konnte, er sei stets in »ausgezeichneter Gesellschaft«. Cardin war außerdem ein bedeutender Naturhistoriker, von tiefem Wissen in der Mathematik, Physik und Antike, und indem er aus allen diesen Disziplinen den Extrakt seiner Philosophie zog, wurde diese für Friedemann zur unbedingten Unumstößlichkeit. Nur vor einem Begriff stand seine zagende Seele noch still und zögerte, ihn zu zersetzen, vor »Gott«. Alles andere zu bezweifeln, war ihm erlaubt, denn er hatte alles verloren; aber der Glaube an seinen Gott und ebenso die kindliche Verehrung seines Vaters waren ihm geblieben, und wenn ihn Zweifel überkamen, flüchtete er sich in sein »Extrazimmer«. Die beiden Freunde hatten ausgemacht, daß es jedem unbenommen sein sollte, sich zu jeder Zeit von dem anderen abzusondern, um vollständig mit sich allein zu sein. Daher hatte sich, in entgegengesetzten Teilen des Hauses, jeder sein »Extrazimmer« eingerichtet, das von dem anderen streng gemieden wurde und zu dem auch sonst niemand Zutritt hatte. Friedemanns »Extrazimmer« war ein kleiner Raum, dessen Fenster nach Westen gingen, dorthin, wo die Abendsonne die fernen Zinnen der Drei Gleichen vergoldete, um dann in brennendem Farbenglühen zu versinken. An der Wand stand ein alter Tisch, auf dem aufgeschlagen das letzte Vermächtnis seines Vaters lag, die »Kunst der Fuge«, von der allzeit gütig gewesenen Hand mit Bemerkungen und mit Liebeslehren an den Sohn vollgekritzelt. Auch zwei vergilbte Notenblätter ruhten dort: »Willst du dein Herz mir schenken?« das eine, »Kein Blümlein wächst auf Erden« das andere. Hier sank Friedemann in die Knie, hier wehte Erinnerung, hier stand die Vergangenheit auf mit all ihren Schmerzen und all ihrer Lust. Hier nahm er seine alte Violine in die Hand und sandte der scheidenden Sonne die Seufzer seines Herzens zu ... Diese Stunden waren, wie der Doktor sagte, die »kranke Stelle«, aber Friedemann konnte und mochte sie nicht missen. Ja, er gönnte sie sich im Laufe der Zeit sogar immer öfter. Und seltsam, auch Doktor Cardin verschwand immer häufiger in seinem »Extrazimmer«. Wie dort die Feier seiner einsamen Stunden gestaltet war, das freilich blieb sein Geheimnis. Wie er nicht fragte, so teilte er sich auch nicht mit. Er war nur immer sehr ernst gestimmt, wenn er wieder zum Vorschein kam. Am meisten verändert, fast schon verstört war Cardins Wesen jedoch am Tage des 25. August. Schon eine Woche vorher wurde er einsilbig, hielt sich ständig in seiner Klausur auf oder machte einsame Spaziergänge. War der Tag gekommen, ließ er sich überhaupt nicht blicken und erschien erst wieder am anderen Morgen, bleich und übermattet, mit verfallenen Zügen. Es dauerte dann eine ganze Zeitlang, bis er sich wieder im alten Geleise zurechtfand. Friedemann hatte diese Beobachtung in den vier Jahren, die er mit dem Doktor zusammen lebte, jedesmal gemacht, und er sah mit einer gewissen Besorgnis und Unruhe der diesjährigen Wiederkehr des ominösen Tages entgegen. Aber die ihm vorangehende Woche verlief in der schon gewohnten Weise, und nur am Morgen des Vortages trat insofern eine Abweichung ein, als Cardin sein Zimmer veließ und Friedemann zur Teilnahme an seinem Spaziergang einlud. »Ich habe dich nie gefragt, Freund«, begann er unterwegs, »was du in deinem Zimmer treibst, dazu habe ich kein Recht und keine Lust. Ich wünsche dir nur, daß es deiner jetzigen Erkenntnis und Glückseligkeit nicht schade. Du hast gleichfalls mein Recht geehrt, ich danke dir! Nach den Gesetzen der Natur aber wirst du mich überleben und so hinter das Geheimnis meines Sonderlebens kommen, ohne meinen Wunsch und mein Zutun. Was du dann sehen wirst, wird dir, wenn du es nach unserer Denkweise betrachtest, die Wahrheit unserer Philosophie und zugleich die Ursache angeben, die mich zur Erkenntnis der Wahrheit geführt hat. Damit genug für jetzt! – Sage mal, Friedeman, glaubst du an einen Gott? – Nun, du schämst dich? Du glaubst also an ihn! Bist du so feige, das, was du denkst, zu verhehlen?« »Nein! Ich glaube an ihn!« »Siehst du! Nun, ich glaube nicht an ihn! – Warum? »Weil ich ihn nicht weiß! Ich kann nur glauben, was ich weiß.« »Ebensowenig können Sie aber auch sagen, daß er nicht ist; denn das wissen Sie ebensowenig.« »Doch, das weiß ich! Ich kann sagen, daß er nicht ist. Seine Gegenwart kann ich nicht beweisen, aber seine Abwesenheit, folglich kann ich nicht glauben.« In kalter Logik setzte er seine Gründe auseinander, zog er seine Schlüsse. Sie diskutierten lange, Friedemann mit wachsender Leidenschaftlichkeit, und fast schien es, als ob auch der Atheist innerlich bewegt wäre. Doch dann schloß er seine Meditationen: »Daß Gott in der Welt, im All nicht ist, haben wir gesehen. Außer dem All aber ist nichts, denn das All ist zugleich alles. Folglich, da nichts außer dem All ist, kann auch Gott nicht außer dem All sein. Mithin ist Gott, da er weder in noch außer dem All ist, gar nicht!« Mit Verzweiflung raffte Friedemann sich auf: »Gut, er soll nicht sein! Und wie soll das Glück der Menschen sich gestalten? Wenn auch der einzelne, der Weise, in sich und der Natur Befriedigung finden kann, sind einer denn alle? Sieh die Not, die Armut, den Geiz, alle Laster und Schmerzen der Menschen: sollen sie denn ewig währen? Im Himmel kein Gott, das Jenseits ein Traum, auf Erden nur Jammer! Ich kann das nicht fassen und verstehen!« Fast gleichzeitig unterbrachen sie ihren Spaziergang, wandten sich um und schritten wortlos dem Hause zu. Am Abend saß Friedemann noch lange am offenen Fenster, starrte in die Landschaft und dachte an das, was er vernommen hatte. Er versuchte, die tausenderlei Eindrücke zu ordnen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Schließlich begab er sich zur Ruhe, doch der ersehnte Schlaf stellte sich nicht ein. Plötzlich hörte er ein verhaltenes Wimmern und Schluchzen, dann leise Tritte. Die Geräusche kamen aus dem über ihm gelegenen Raum, seinem »Extrazimmer«. Schon wollte er aus dem Bett springen und nach seinem Degen greifen, um nach oben zu eilen, als er einen Lichtschein gewahrte, der von der Treppe her durch eine Ritze der Tür schimmerte. Die Schritte schlichen näher. Friedemann stellte sich schlafend, hielt aber alle Muskeln zu sofortigem Handeln gespannt. Die Türe klinkte geräuschlos auf, und auf der Schwelle stand Doktor Cardin, mit der Hand die flackernde Kerze abschirmend. Er war in ein langes schwarzes Gewand gekleidet, sein Gesicht wirkte gespenstisch bleich, mühsam unterdrückte er ein tränenloses Weinen. Lange und innig sah er auf den Schlummernden; er flüsterte: »Verzeihe mir, Friedemann! Ach, ich liebe dich so sehr und wollte dich machen, wie ich bin, um dich gegen das Leben zu stählen! Nur deinetwegen habe ich ja noch Liebe zum Leben! Verzeih mir und ...« Dumpf hallten von der fernen Kirche zwölf Glockenschläge durch die Nacht. »Ach, der Fünfundzwanzigste! O, sie ruft mich ... sie ruft mich!« Wie ein Schatten flog er davon. Die Treppe knarrte, die Tür von Friedemanns »Extrazimmer« schlug zu. Ein Augenblick lastender Stille trat ein, – dann barst sie durch einen röchelnden Schrei, dem ein dumpfer Fall folgte, jäh auseinander. Friedemann riß es von seinem Lager hoch. Eilig zündete er ein Licht an, hüllte sich in seinen Rock und lief die Treppe hinauf. Sein Zimmer war leer, aber in der Wand klaffte eine Spalte, durch die Licht fiel. Er trat näher und bemerkte eine Tapetentür, die nicht fest zugezogen war. Nie war sie ihm bisher aufgefallen, so genau war sie in die Wand eingepaßt. Im Nebenzimmer regte sich nichts. Er faßte sich ein Herz und stieß die Tapetentür auf. »Entsetzlich!« stöhnte er, und sein Fuß blieb auf der Schwelle haften. Das Zimmer war schwarz tapeziert. Ein Kronleuchter mit sieben Lichtern brannte an der Decke. Auf einem Tisch, der altarähnlich schwarz verhangen war, flammten zwei Wachskerzen. Zwischen ihnen stand in einem schwarzen Kasten, wie ein Bild aufgestellt, der bleiche Kopf eines schönen Weibes. Der Schädel schien über der rechten Schläfe eingeschlagen und blutig. Ein Wachsmodell nur, aber in grausenerregender Naturtreue nachgeahmt. Cardin lag, als sei er zum Gebet niedergesunken, mit dem Oberkörper über dem Tisch. Sein Kopf ruhte auf einem Buch. Mit einem geheimen Schauer trat der Eindringling näher und legte dem Regungslosen die Hand auf die Schulter, um ihn wegzuziehen. Die Gestalt rührte sich nicht. Friedemanns väterlicher Freund war tot, ein Hirnschlag hatte dem Leben des Daimons ein Ende gesetzt. Entsetzen wollte Friedemann zur Flucht peitschen, aber Dankbarkeit und Mitleid, das Gefühl der Bruderliebe siegten. Er ermannte sich und blieb, ließ aber den Toten unangetastet; nur den wächsernen Frauenkopf drehte er nach der Wand um. Dabei fiel sein Blick auf das Buch. Es war eine Bibel. Sie war aufgeschlagen, und dicke Unterstreichungen wiesen auf die Textstelle hin: »Alle Sünden sind den Menschen vergeben, aber die Sünden wider den heiligen Geist sind den Menschen nicht vergeben!« Neben der Bibel entdeckte er einen versiegelten Brief. Er trug die Aufschrift: »An Friedemann Bach, meinen lieben Sohn. – Mein Testament. – Sofort lesen! Bei meinem Fluch: alles tun, was ich darin verlange!« Friedemann sank, den Brief in seinen zitternden Händen hin- und herwendend, auf einen Stuhl. »Seltsam«, sprach er vor sich hin, »seltsam und unbegreiflich: Cardin, der Egoist, hatte mich von Herzen gern; Cardin, der Atheist, ist über der Bibel gestorben; Cardin, der Egoist, hat ein Weib geliebt, bis zum letzten Atemzuge, selbst dann noch, als es tot war.« Er öffnete das Testament und las: »Mein lieber Sohn! – Letzter, einziger Mensch, den ich liebend besessen, in dessen Umgang ich glücklich war! Höre mich an und tue, um was ich Dich bitte! Von meiner Vergangenheit nur das: Ich war lange Arzt in Paris, daher meine philosophischen Bekanntschaften. Ich hatte eine Frau. Sie betrog mich. Ich behandelte sie infolgedessen hart; denn ich war früher ungemein jähzornig. Ich reiste mit ihr in die Provinz, wo ich ein Gut hatte. Ihr Liebhaber kam ihr nach, und als ich mich eines Tages verfrühte, fand ich – beide. Er entfloh! Sie erschlug ich am 25. August um Mitternacht. Ich machte mein ansehnliches Vermögen flüssig und ging nach Deutschland. Ich schweige von dem, was in mir vorging! Nach einer Totenmaske, die ich von ihr genommen hatte, fertigte ich das Wachsbild und stellte es mir ewig gegenüber. Das hatte ich mir fürs Leben auferlegt! Ich habe sie geliebt! Außer ihr nur Dich! Denke von mir, meinem Leben, meinen Doktrinen, was Du willst! Ja, ich war ein Daimon! Du rührst im Hause nichts an, läßt alles, wie Du es findest! Haus und Garten gehören der Trude. Der Bürgermeister hat eine Abschrift des Testamentes. Mit dem angehefteten Schlüssel öffnest Du den Schreibtisch in meinem Schlafzimmer! Dort liegt an barem Vermögen: tausend Dukaten und zehntausend Taler in Papieren. Nimm sie, sei Egoist und verwende sie nur für Dich! Verlasse sofort Arnstadt und, wenn Du's kannst, vergiß mich! Wäre ich fromm, würde ich Dich segnen. Cardin.« Die Nacht rückte vor. Stumm brütend saß Friedemann. Als es zwei Uhr schlug, raffte er sich auf, sprach ein stilles Gebet und warf einen letzten Blick auf den Freund und das entschleierte Geheimnis seines »Extrazimmers«. Er kehrte den Frauenkopf wieder um ... und da packte ihn doch das Entsetzen ... Das Geld aus Cardins Schreibtisch barg er in einer Ledertasche unter den breiten Patten seiner Weste, steckte seine Brieftasche, die »Kunst der Fuge« und die beiden teuren Notenblätter in die Rocktasche, nahm die alte Violine unter den Arm und verließ das Haus. Geisterhaft schimmerte aus dem einzigen erleuchteten Fenster das Licht auf seinen Weg, flackerte noch einmal auf und erlosch. XXI. Brühls geheimer Unterhändler in Wien, Herr von Siepmann, hatte in jener geräuschlosen und unterirdischen Art, in der er Meister war, gut gearbeitet. Durch Bestechung war es ihm gelungen, sich in den Besitz des Schlüssels zur Chiffre der preußischen Gesandtschaftsdepeschen zu bringen, und somit waren die Gestalter der sächsischen Außenpolitik, Josepha und ihr Ministerregent, über alle Absichten und Schritte Friedrichs II. genau unterrichtet. Infolge einer Unvorsichtigkeit Brühls erhielt der preußische König jedoch Kenntnis von dem Geschehenen; die Chiffre wurde geändert und – wieder gestohlen. Aber die Entschlüsselung der ferneren diplomatischen Berichte nützte nicht mehr viel. Friedrich war nicht nur vorsichtig geworden, er setzte auch List gegen List. Der sächsische geheime Kanzlist Menzel wurde »gekauft« und gab nun von allen Verhandlungen, die Dresden mit den übrigen Höfen führte, Abschrift der entscheidenden Abmachungen. Friedrich erkannte, daß schwache Frauenhände es fertiggebracht hatten, eine mit Erdrückung drohende Klammer immer enger um ihn zu schließen: Elisabeth von Rußland, Maria Theresia von Österreich, Josepha von Sachsen und endlich die Marquise von Pompadour, die im Mai 1756 König Ludwig XV. von Frankreich zu einem geheimen Bündnis vermocht hatte. Noch aber war man mit den Rüstungen nicht zu Ende. Erst im folgenden Jahre sollte der Angriff erfolgen. Friedrich hatte seinen Gegenschlag, der nur darin bestehen konnte, den Gegnern zuvorzukommen, bereits geplant. Er richtete eine Anfrage an Maria Theresia, ob die beobachteten Rüstungen gegen ihn gerichtet seien, und als er zweimal eine ausweichende Antwort erhielt, marschierte er. Mit einem Heer von fünfundsechzigtausend Mann rückte Friedrich II. Ende August in Sachsen ein. Die Truppen Augusts III., die nach Brühls Rechenkunststücken eine Stärke von dreißigtausend Gewehren haben sollten, in Wirklichkeit aber nur siebzehntausend betrugen, bezogen bei Pirna ein festes Lager. Der Hof flüchtete wiederum auf den Königstein, wiederum waren es Josepha und der Erbprinz Christian, die allein es wagten, dem heranziehenden Feind in der Residenzstadt zu begegnen. Friedemann Bach hatte bei seinem zurückgezogenen und selbstbeschaulichen Leben in Arnstadt von den Vorkehrungen zu dem Drama, das sich zu entwickeln begann und für sieben lange Jahre die europäischen Länder mit allen Schrecken, Leiden und Nöten des Krieges heimsuchen sollte, nicht das mindeste gemerkt. Er war in der schlimmen Nacht, die seinen Schicksalsweg plötzlich und unerwartet in eine neue Richtung drängte, bis Ichtershausen durchgewandert, hatte im Gasthaus gefrühstückt und sich vom Wirt einen Wagen nach Erfurt besorgen lassen. Von dort war er nach Weimar weitergefahren, nicht von einem vorbedachten Plan bestimmt, sondern nur von der Überlegung, irgend etwas unternehmen zu müssen. Warum also, als Herr seiner Zeit und im Besitz recht beträchtlicher Geldmittel, nicht die Stätte seliger Jugenderinnerungen einmal wieder besuchen? Aber die Bilder, die Friedemann aus der Vergessenheit langst verklungener Tage heraufzubeschwören vermochte, blieben matt, und schon am folgenden Morgen sah er sich in die Notwendigkeit versetzt, nunmehr endgültige Beschlüsse zu fassen. Wohin jedoch? – Nach Naumburg, – dort in engen Verhältnissen leben, seine Unabhängigkeit verlieren, sich schief ansehen lassen? Nein! – Kein beschränktes Dasein mehr, kein Zwang zur Arbeit! Frei schaffen, die alte Kraft und Virtuosität zeigen, beweisen, daß Friedemann Bachs Künstlertum würdig ist, mit dem des Vaters in einem Atemzug genannt zu werden! Und wo sollte man solches Ziel schneller und sicherer erreichen können als in Berlin, der kunstfreudigen Hauptstadt eines musikbegeisterten Königs?! Auf also nach Berlin! ... Astrua? – Nun, man hatte über die Liebe in des Daimons Schule anders denken gelernt! Man würde der Stolzen höchstens zu zeigen haben, wie gleichgültig einem die Weiber waren! Nicht ausgeschlossen jene andere Zerstörerin seines Lebensglückes, Antonie! ... Wie es ihr wohl ergehen mochte, der Treulosen? ... Na ja, vollkommen gleichgültig war auch das, – aber schließlich kam es nicht darauf an, einen Umweg zu machen und über Dresden zu fahren! So rollte denn bei herrlichstem Reisewetter, das die Übergangstage vom August in den September bescherten, das Fuhrwerk gemächlich auf der Landstraße dahin. Naumburg wohlweislich vermeidend, nahm es seinen Weg über Jena und Gera nach Chemnitz, dann weiter über Freiberg und Tharandt. In den Orten, die man unterwegs berührte, vernahm man mancherlei Bedenkliches von einem Vormarsch der Preußen. Friedemann war das Gemunkel gleichgültig, den Kutscher aber erfüllte es doch mit Besorgnis; in Chemnitz konnte er nur noch durch das Versprechen einer besonderen Vergütung zur Weiterfahrt bewogen werden, in Freiberg streikte er endgültig. Die wildesten Gerüchte schwirrten durch die Luft, und jeder, der sie hörte, trug sie, von der eigenen Angst noch um eine Schattierung schwärzer gefärbt, dem Nachbarn zu. Nur soviel schien gewiß, daß Dresden noch frei, der Hof aber schon geflüchtet war und jede Stunde die feindliche Besetzung bringen konnte. »Bravo!« – Friedemann vermochte die Äußerung nicht zu unterdrücken – »dann ist die Alte mit ihrer Tochter gewiß noch dort, und wenn der preußische Fritz in der Residenz aufräumt, wird der frühere Musiklehrer den Kehraus dazu spielen!« Die fürstliche Entlohnung, die Friedemann für eine sofortige Fahrt nach Dresden ausgesetzt hatte, bewog einen armen Teufel von Fuhrmann, seinen elenden Karren anzuspannen und aus dem Pferd herauszuholen, was an Kräften in ihm war. Am frühen Nachmittag hatten sie bereits Tharandt hinter sich gelassen, und es stand nun fest, daß man Dresden noch vor Anbruch der Dunkelheit erreichen würde. Je mehr sie sich aber der Stadt näherten, desto stiller, merkwürdig still, wurde es um sie her; kein Militär begegnete ihnen, keine Flüchtlinge kreuzten mehr ihren Weg. Sollte der Feind schon ...? Friedemann trieb den Kutscher zu noch größerer Eile an. Die Straße durchschnitt ein Gehölz. Und wie aus dem Boden gewachsen, stand plötzlich die Gestalt eines zerlumpten Buben da, trabte neben dem Wagen her und streckte bettelnd die Hand aus. Friedemann warf ihm ein Geldstück zu. Sofort bekamen die Bäume Leben. Hier tauchten zwei Männer, dort eine Frau, ein paar Kinder hinter ihnen hervor und jammerten laut um ein Almosen. »Geben Sie nichts, Herr!« warnte der Kutscher, »Sie werden sonst das Teufelsvolk nicht mehr los. Es sind Zigeuner, und wo die sind, ist der Feind nicht mehr weit.« Aber schon war eine Handvoll kleiner Münzen unter die Bettlerschar geworfen. »Mehr, mehr! Gib uns mehr!« tönte es ihm als Dank entgegen, und ein Haufe weiteren Gesindels gesellte sich dem ersten zu. »Du bist reich! Her mit deinem Gelde!« Der Wagen wurde angehalten. Friedemann zog mit erheuchelter Ruhe seinen Degen: »Diese Silberstücke noch, dann ist's genug! Wer mir zu nahe kommt, mag sich vorsehen!« Ein kurzes Signal, aus einem Kuhhorn ausgestoßen, erschallte, und unversehens wie sie erschienen waren, verschwanden die halbnackten Gesellen wieder. Nur ein junges Frauenzimmer stand noch beim Wagen und sah den Reisenden mit einem brennenden Blick aus den dunklen Augen an: »Mir auch, schöner Herr!« Friedemann griff in die Tasche, gab ihr, was seine Hand gerade faßte; es waren drei Goldstücke. Erstaunt wechselten die Blicke der Zigeunerin von dem Geld zu dem großzügigen Spender: »Schmeißt du so damit um dich? Wirst's noch einmal bitter brauchen können!« Und auch sie war im Gebüsch untergetaucht. Als der Abend dämmerte, fuhr Friedemann Bach durch das Leipziger Tor unbehelligt in dem außer Rand und Band geratenen Dresden ein; in einer Ausspannung in der Kleinen Meißnergasse nahm er Quartier. Er hielt sich jedoch nur solange darin auf, als es brauchte, seine geleerte Geldbörse aus der Brusttasche wieder aufzufüllen; es drängte ihn ins Stadtinnere. Dort war alles mutlos, alles atmete Verteidigung. Die Elbebrücke hatte einen Verhau erhalten, zwischen dem sich die Fußgänger mühsam hindurchschleichen konnten; vom jenseitigen Ufer starrten Kanonen. Das Brühlsche Palais war von Milizen besetzt, das königliche Schloß von der Schweizer Kronengarde. Alle öffentlichen Gebäude waren verrammelt und bewacht. Friedemann sah die Aussichtslosigkeit ein, in dieser Verwirrung und bei Dunkelheit noch einen Bekannten zu finden, er kehrte zum Gasthof zurück. Als er in sein Zimmer trat, das einzige, das für anständige Gäste bewohnbar war, fand er es zu seinem Erstaunen von zwei Fremden eingenommen. Seine Vorstellungen beim Wirt, das Angebot einer hohen Zuzahlung zum Quartiergeld hatten keinen Erfolg. Die Zimmergenossen boten das Gleiche, indem sie erklärten, große Summen mit sich zu führen und damit nicht unter dem gemeinen Volk in der Wirtsstube übernachten zu können. Friedemann schickte sich ins Unvermeidliche, ja, er ließ sich sogar beim Abendbrot die Gesellschaft des einen der Fremden, eines Mannes von wohlgebildeter Gestalt und guter Lebensart, der sich ihm mit »Hans von Schackwitz, Fechtmeister aus Prag« vorgestellt hatte, nicht ungern gefallen. Nach Tisch unterhielten sie sich noch eine ganze Zeitlang und tranken eine Flasche Wein zusammen. Wie die beiden anderen knöpfte Friedemann, als sie gemeinsam zur Ruhe gingen, den Rock behutsam über die Ledertasche mit seinen Papieren und Schätzen und legte sich angekleidet aufs Bett. Er erwachte ziemlich spät am anderen Morgen, fühlte sogleich nach der Tasche auf seiner Brust und fand sie – mit einem Seufzer der Erleichterung stellte er es fest – prall und in guter Ordnung an der gewohnten Stelle. Seine zufriedene Laune wurde noch zufriedener, als er vernahm, daß der eine Schlafgenosse, ein etwas schmieriger Geselle, bereits abgereist war und er in der kommenden Nacht Alleinbesitzer des Zimmers sein würde: denn auch Herr von Schackwitz mußte nach dem Frühstück, das sie gemeinsam einnahmen, seinen Weg fortsetzen. Friedemanns erster Besuch galt seinem Freund und Mitschüler Homilius. Durch aufgeregte Volksmassen hindurch erreichte er das Hotel Brühl, wurde willenlos zur Sophienkirche gedrängt, an ihr vorüber zum Hause Merpergers. Aus seinen Fenstern sahen fremde Gesichter auf ihn herunter. Sinnend zögerte er eine Weile ... bis das Aufbrüllen der Kanonen, das Geknatter von Gewehrschüssen ihn im Strom einer kopflos flüchtenden Menge hinwegriß. Mit Mühe rettete er sich durch die Willsdruffer Gasse nach dem Altmarkt und schließlich ins Kantorhaus der Kreuzkirche. Als er den Fuß über die Schwelle setzte, ging es ihm erst auf, wie ungeeignet zu einem Besuch diese Stunde höchster Kriegsnot war. Trotz aller herzlichen Begrüßung durch den Freund fühlte er seine Überflüssigkeit und wollte gleich wieder aufbrechen; Homilius ließ ihn aber erst wieder von sich, als auf den Straßen einigermaßen die Ruhe zurückgekehrt war. Wenige Stunden hatten genügt, um Dresden zu besetzen, die Garden zu entwaffnen, die öffentlichen Gebäude unter Bewachung zu stellen. Der Belagerungszustand wurde verhängt, und es erging der Befehl, daß alle Ortsfremden ohne preußischen Logierschein binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen hatten. Als Friedemann, nicht ohne große Schwierigkeiten, in seinen Gasthof zurückgelangte, wurde er gleich von zwei uckermärkischen Grenadieren in Empfang genommen und, kaum daß sie ihm Zeit zur Begleichung seiner Zeche ließen, von Posten zu Posten weitergeschoben, bis er sich, weit außerhalb der Stadt, auf freiem Feld befand. »Ist mir recht geschehen!« schalt er in ärgerlichem Spott sich selber. »Wer wie ein Verrückter handelt, darf sich nicht wundern, wenn's ihm entsprechend ergeht! Wandern wir also wieder einmal, im nächsten Dorf wird schon Rat werden!« Mit langen Schritten stelzte er über die Ackerfurchen davon, blieb aber nach einer Weile noch einmal stehen: »Teufel, da hätte ich ja beinahe vergessen, die Handbörse aufzufüllen!« Er vergewisserte sich, daß er allein war und trat ins nächste Gebüsch. »Es wird in allen Wirtshäusern dieses gelobten Landes wohl nicht anders aussehen als in Dresden. Nie ungestört und ohne Zuschauer, und Vorsicht bei den tollen Zeiten ...« Er stockte. Auf der Erde lagen seine Brieftasche, die »Kunst der Fuge« und zwei vergilbte Notenblätter, und daneben ... Nägel, Blei, Scherben. Sonst nichts. »Barmherziger Himmel!« – und er sank gebrochen neben die Trümmer seiner Habe. »Also wieder ein Bettler, – arm, ärmer und elender denn je!« Er weinte, krallte sich mit den Fingern in den Boden, tobte ... Er betete: »Gott, o mein Gott, lieber himmlischer Vater, erhalte mir wenigstens meinen Verstand!« Mit übermenschlicher Kraft erhob sich der Bestohlene, packte seine letzten und einzigen Besitztümer in die geleerte Tasche, klemmte, wie in früheren Tagen, seine Violine unter den Arm und schritt davon. Wieder einmal: irgendwohin ... Auf einem einsam gelegenen Gehöft in der Nähe von Heidenau fand er bei gutherzigen Bauern gegen bittende Worte und den kleinen Rest seiner Handbörse ein billiges Unterkommen. Als jedoch das scheußliche Herbstwetter, das mit Kälte, Sturm und Regen aufgewartet hatte, wieder der Sonne wich, und als gleichzeitig durch die Waffenstreckung des sächsischen Heeres, dessen Mannschaften kurzerhand in preußische Uniformen gesteckt wurden, durch Verwundetentransporte, Rückkehr Geflüchteter und neue Flucht anderer von der Kriegswalze Erfaßter lebhafte Bewegung auf allen Straßen war, wanderte auch Friedemann weiter. Bleiben konnte er nicht länger, und eine trostlose Lage ertrug sich vielleicht am leichtesten unter Trostlosen. Er wandte sich der Elbe zu und ging dann an ihrem Ufer entlang, um nach dem Städtchen Königstein zu gelangen. Dicht davor sah er an einer Weggabelung, halb von einem Gesträuch verdeckt, gekrümmt und vornübergeneigt, einen Leidensgefährten sitzen, der anscheinend nicht mehr weiterkonnte. Er näherte sich dem Ermatteten. Die Gestalt erhob sich, ein Tuch sank von ihren Schultern, – es war ein Weib. Es war dasselbe Weib, das ihn schon einmal aus ihren großen, leuchtenden, rätselhaft tiefen Augen angeblickt hatte, es war die Zigeunerin, der er drei Goldstücke zugeworfen hatte. Sie stand auf dem Weg und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen. »Du?« – und er legte zögernd seine Rechte in die ihre – »was machst denn du hier?« »Ja, Towadei ist's! Ich wartete auf dich.« »Du wartetest auf mich?« »Du mußtest kommen, und du kamst! Frage nicht weiter! Du bist einer von den Klugen, die nach dem Warum haschen. Und wenn sie's wissen, wissen sie doch nichts. Du hattest Verstand, solange du Geld hattest. Was bist du nun? Nichts!« »Das festzustellen, ist nicht schwer, Towadei; jedes Kind sieht mir's an! Was soll das heißen, daß du mich erwartet hast? Willst du mich verspotten, so geh und laß mich!« »Es ist ein Geist zwischen Himmel und Erde, ein Hauch, der den Menschen begleitet und vorwärts zieht, daß er geht nach seiner Bestimmung. Ich wußte, wir werden uns wiedersehen! Willst du von mir gehen? Allein in dieser Welt voll Elend und selber elend? Haben dir die Mächtigen und Reichen so Gutes erwiesen, daß du die helfende Hand der Bettlerin von dir stößt?« Vom schmerzlichen Gefühl seiner Verlassenheit überwältigt, verzagt und zugleich beschämt, warf er sich ins Gras und drückte sein Antlitz gegen die Erde. Da fühlte er die Arme des fremden Mädchens sich um seinen Nacken schlingen. Es legte des Mannes Kopf in seinen Schoß und preßte ihn mit krampfhafter Gewalt an die pochende Brust. »Sei gegrüßt von der Tochter der Armut, Nacht und Schande, gegrüßt von dem Volk, das, verdammt von den Menschen, über die Erde zieht ohne Ruh' und ohne Heimat! Eine neue Welt und eine neue Sonne sollst du schauen, alle Qualen vergessen und glücklich sein!« Ihr Lippen senkten sich und küßten seinen Mund. Und sein Verstand zerbrach lachend in sich selbst, um ganz im Gefühl aufzugehen; der erste Schatten vom Glück breitete ein Helldunkel über die Sorgen seiner Seele. »Willst du nun mit mir gehen?« »Ja, ich will! Wäre es auch nur um des Mitleids willen, das du mir in diesem Augenblick geschenkt hast.« Er reichte ihr die Hand, die sie hastig ergriff und an ihr Herz preßte. Sie schritten wortlos der Stadt zu, und Friedemann konnte sich nicht enthalten, seine Begleiterin, der zu folgen ein rätselhafter Zwang ihn trieb, verstohlen anzublicken. Sie war nicht über mittlere Frauengröße, von schlanken Formen, die die Frische und saftige Fülle der Jugend an sich trugen. Die Haut war bräunlich getönt, ihr Haar tiefschwarz und fiel, unter ein Kopftuch gebunden, links und rechts in einem Zopf auf Wangen und Nacken. Sie trug einen vielfach geflickten Rock, ein Mieder umschloß ihre üppige Brust, und ein langes wollenes Tuch ersetzte den Mantel. Die feurigen, großen Augen, in denen zuweilen etwas Drohendes aufblitzte, verrieten kräftige Leidenschaften und einen eigentümlichen Geist. Ringsum war's still. Der Abend streute seinen violetten Schatten, und die Sterne tauchten verstohlen aus der tiefblauen Flut des Himmels. »Solche Augen hatte auch Antonie! So brannte einst ihr Kuß auf meinen Lippen!« murmelte Friedemann im gemächlichen Dahinschreiten. Plötzlich faßte die Zigeunerin nach seinem Arm und zog den Überraschten in den Graben am Weg: »Schnell, schnell! Mir nach! Eine preußische Patrouille ist hinter uns her!« Gebückt, mit der Behendigkeit einer Katze, schnellte sie vorwärts, Friedemann hinter sich herziehend. Atemlos verhielten sie am Ufer der Elbe. Towadei nahm ihr Tuch ab und wickelte es sich um die Hüften: »Faß den Zipfel! Schnell! Komm!« Mit den Füßen nach dem Grund fühlend, schritt sie voran ins Wasser. Es reichte ihnen bis unter die Arme, Friedemann mußte seine Tasche und Violine hochhalten. Im Uferschatten gingen sie stromaufwärts bis in die Nähe eines Gehöfts, schlüpften durch die Lücke eines Zaunes, durchquerten einen Gemüsegarten und standen vor einem morschen Brettertürchen. Das Mädchen öffnete es vorsichtig und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, daß das davorliegende Gäßchen menschenleer, der Marktplatz von Königstein, auf den es mündete, hingegen durch biwakierende Soldaten, Marketender, neugieriges Volk desto belebter war. Weder hier noch dort konnte das wassertriefende Paar auffallen, als es mit aller Vorsicht vorbeischlich und in dem Dunkel einer gegenüberliegenden Straße verschwand. Vor einem halbverfallenen Häuschen, in einem verwilderten Garten am Stadtrand versteckt, machte es halt, und die Zigeunerin gab ein Erkennungszeichen. Sofort wurde die Tür geöffnet, und die Ankömmlinge gelangten durch einen finsteren Flur in ein kahles Zimmer. Die Lehmwände waren zerbröckelt, die Dielen waren herausgerissen und dienten zum Unterhalt eines Feuers, das im Herd brannte. Drei Zigeuner saßen davor und blickten träumerisch in die Flammen; sie wandten kaum den Kopf, um den späten Besuch zu begrüßen. Towadei richtete das Wort sogleich an einen Mann in grauem, wallendem Bart, den ältesten der drei, von dem eine ehrwürdige, patriarchalische Würde ausgegangen wäre, wenn nicht in dem olivenfarbenen Antlitz ein Zug des Hasses und der Bitterkeit ausgeprägt gewesen wäre; sie erzählte ihm in einer unbekannten Mundart eine lange Geschichte. »Ich heiße dich willkommen«, sagte nach einer Pause des Nachdenkens der Alte zu Friedemann, »wie der Hirt den Wolf, wie die Eule den Tag! Es ist deine Bestimmung, unser zu sein! Wir sind an einem schlimmen Ort, wo der Tod lauert, verhalte dich ruhig. Wenn ich dir sage, daß wir österreichische Spione sind und uns unter den Preußen als Musikanten umhertreiben, wirst du wissen, was dich erwarten kann. Du spielst Violine, also können wir dich im Handwerk brauchen. Wenn du aber fliehen oder uns verraten willst, stirbst du wie ein Hund! Wenn sie uns hängen, hängst du auch! Wärme und trockne dich, und wenn du müde bist, leg' dich hin; wenn du Hunger hast, iß – es gibt Brot und Speck.« Das Mädchen fuhr gereizt auf den zynischen Sprecher, ihren Vater los, und er begütigte die heftigen Vorstellungen seiner Tochter mit sanften Worten und Liebkosungen. Friedemann hatte sich auf ein Bund Stroh geworfen; er war grenzenlos elend und verzweifelt. Von der philosophischen Höhe seiner Selbstbestimmung herabgerissen, zum Werkzeug des Abschaums der Menschheit, zum Genossen von Verbrechern erniedrigt, in ein Vorhaben gezogen, an dessen Ende nur der Galgen stehen konnte, fühlte er tiefe Reue über den Leichtsinn, mit dem er einer Unbekannten, einer Zigeunerin, gefolgt war und sich ins Chaos der Ereignisse gestürzt hatte. Sein Stolz und sittliches Entsetzen verboten ihm, diesen Elenden nur ein Wort zu gönnen, sie mit Vorwürfen oder Bitten zu ehren, deren Nutzlosigkeit er zudem einsah. Seine einzige Hoffnung war, daß sich ihm irgendeine Gelegenheit zur Flucht bieten würde. – Er schloß die Augen; von den dargebotenen Speisen rührte er nichts an. Es war eine seltsame Gesellschaft, die da um den niedrigen Herd kauerte und von der unsteten Flamme beleuchtet wurde. Neben dem Alten, dem Dadi, und seiner Tochter Towadei hockte ein etwa zehnjähriger Junge. Bald stand er auf, eilte in die Nacht hinaus, kehrte nach kürzerer oder längerer Zeit zurück, flüsterte mit dem Dadi. »Gut, Papinori!« lobte der ihn dann, und der Knabe wärmte sich am Feuer, um wieder zu verschwinden und wieder zu kommen. Der dritte im Bunde war Tzoukel; die Merkmale des Zigeuners waren nur schwach in seinen Zügen ausgeprägt, dafür aber um so mehr die eines skrupellosen Verbrechers. Er sprach nur Rotwelsch, das Gauneridiom. Friedemann war in einen unruhigen Dämmerschlaf gesunken. Er kam erst zu sich, als ihn jemand bei den Händen nahm und in schmerzlichem Tone sagte: »Du verachtest mich?« – Unwillig aufspringend wollte er die Zigeunerin von sich stoßen, aber sie drängte sich an ihn, umklammerte seine Schulter: »Bleib! Ich weiß, du willst fliehen. Ich habe dich errettet vor dem Schlimmsten, habe dich hierher in das Versteck derer gebracht, die ich liebe, und sie der Gefahr ausgesetzt, verraten zu werden. Mich magst du verachten, aber nimmer werd' ich zugeben, daß die Meinen dafür leiden, daß ich mit einem Elenden Erbarmen hatte. Die Nacht ist bald um, wir gehen aus der Stadt. Wenn wir außer Gefahr sind, sollst du deines Weges ziehen – wenn du kannst! Das aber sage ich dir: gehst du tatsächlich, so wirst du enden wie ein Tier!« Sie ging hinaus, und der Mann, gedemütigt und doch mit unerklärlicher Gewalt von diesem zerlumpten Weibe voll aufreizender Schönheit angezogen, folgte ihr nach. Durch Gärten und Felder über heimliche Pfade schleichend, erreichten sie das freie Feld vor der Stadt. An den Gräsern schimmerte der Reif, und eine eisige Kälte schüttelte Friedemanns Glieder. »Nimm meine Decke«, sagte Towadei, als sie es bemerkte, »ich friere nicht. Die Kinder unseres Volkes wissen nicht, was Hitze und Kälte ist, aber du bist's nicht gewöhnt.« »Nein!« wehrte er ab, »ich werde Armut und Kälte ertragen lernen.« Sie schlug das Tuch wieder um sich und zeigte auf den Berg, der, matt vom Mondlicht beschienen, vor ihnen auftauchte: »Kennst du ihn?« Ein tiefer Seufzer entrang sich Friedemanns Brust: »Den Königstein? – O ja, Ich kenne ihn recht gut ... Aber dort, Towadei« – und er verhielt den Schritt – »dort am Waldrand auf der Straße ... siehst du? ... Lichter, die hin und her wandern. Was bedeutet das?« »Ha, das ist die Vergeltung! Jetzt flieht er außer Landes, der Verfluchte, der Leuteschinder! Bhowané, die alte Mutter der Liebe und des Hasses, hat über ihn gerichtet. Sie geißelt ihn, Brühl muß fliehen!« »Was, was sagst du da, Weib? Brühl, der Minister Brühl, muß fliehen?« »Ja! Nach Polen zu seinem Herrn.« »Ich danke dir für diese Nachricht, Mädchen! Komm, laß uns eilen, damit wir ihn sehen!« Sie liefen die Straße entlang und trafen mit Dadi, dem Jungen und Tzoukel zusammen, die Klarinette, Tamburin und Stockfiedel trugen und einem Trupp Wandermusikanten glichen. »Los, aufgespielt!« schrie ihnen Friedemann zu, nahm seine Violine unters Kinn und tanzte geigend einer Lichtung zu, in der bei Fackelschein letzte Vorbereitungen zu einer eiligen Abreise getroffen wurden. »Aufgespielt, Gesindel!« brüllte er noch einmal seine neuen Lebensgefährten an, »aufgespielt zum Kehraus für den großen Brühl!« Der fliehende Minister zog sich fröstelnd den Mantel enger um die Schultern. Die Pferde zogen an. Da tat Friedemann einen plötzlichen Sprung, stand auf dem Trittbrett des Wagens, rief gellend: »Glückliche Reise, Herr Schwiegervater!« »Mein Gott«, ächzte der Minister, »Friedemann Bach!« Der Kutscher gab seinen Tieren die Peitsche. Vielstimmiges Gelächter flog der Equipage nach. »Nun aber weiter!« mahnte der Dadi, als das Räderrollen verhallt war. »Der Morgen ist nicht mehr fern, und wir haben keine Lust, den Preußen in die Hände zu fallen.« »Geht schon voraus!« entgegnete Towadei. »Ich habe noch allein mit ihm zu reden.« Und wieder brannten die großen Rätselaugen der Zigeunerin in verzehrendem Feuer, als sie dem vor sich hinbrütenden Manne das einzige Wort hinwarf: »Nun?« »Nein«, sagte Friedemann, »verraten werde ich euch nicht, denn du hast mir Gutes erwiesen, Towadei. Aber ich gehe nicht mit euch! Ich will nicht unter Dieben und Räubern leben, ich will mich ehrlich durch die Welt bringen, mir mein Brot mit meiner Geige von Dorf zu Dorf erspielen. Es ist nicht zum erstenmal!« »Höre mich denn, ehe du ins Verderben gehst«, erwiderte Towadei mit einer Mischung tiefsten Mitleids und feierlichen Ernstes, »und verflucht sei die Seele meiner Mutter, wenn ich lüge: Ich verspreche dir, daß du nie stehlen, nie etwas gegen dein Gewissen tun sollst! Komm mit mir! Komm, ehe es zu spät ist!« »Mädchen, ich kann nicht! Wo du die Macht über mich her hast, ich weiß es nicht, aber du übst einen furchtbaren Zwang auf mich aus. Ich fürchte mich vor dir! O, mich haben Frauen schon elend gemacht, Towadei! – Geh zu deinem Vater!« Towadei trat zu ihm hin, faßte seine Hand und sah ihn schmerzbewegt an: »Gut, du willst es so! Dein Auge soll mich nicht mehr sehn, es sei denn, du rufst mich im Herzen. Eins nur sage ich dir: so gewiß du verderben mußt ohne mich, so gewiß mein Volk elend ist, so gewiß hättest du bei uns eine heilige Freistatt gefunden! – Du fürchtest dich vor mir? Weißt du, weshalb? Weil dein Verstand sich vor dem sträubt, was er nicht weiß! Ich stehe in der Hand Abaridschedis, des Anfanglosen, des dreieinigen Gottes. Von ihm und seiner Liebe habe ich das Erkennen, mit dem unser Volk gesegnet ist, – dem einzigen, das wir haben. – O komm, Lieber!« »Laß mich! Laß mich, wenn du ein fühlendes Herz hast! Elend, wie ich bin, ohne Hoffnungen diesseits und jenseits, beschwöre ich dich, laß mir einen Augenblick Ruhe, sonst werde ich wieder wahnsinnig!« »Ich werde auf dich warten!« sagte Towadei, und nach einer Weile, als sie den Kampf in seinem Innern sah: »Du hast keinen mehr, niemand als mich!« Ihr großes Auge ruhte wissend auf seinen bleichen Zügen. Langsam hob er den finsteren Blick. Er sah das Mädchen, verlumpt, aber verführerisch schön, mit bittender, zärtlicher Miene vor sich stehen. »Ich will gehen – wohin du Lust hast!« stöhnte Friedemann. Ein heißer Kuß brannte auf seinen Lippen. Dann zog sie ihn eilends weg, den anderen nach. Dicht bei Cunnersdorf holten sie die Gefährten ein. Vereint wanderten sie durch das Örtchen, um jenseits, in einem Gebüsch gelagert, einen kurzen Imbiß und einen Schluck Branntwein zu sich zu nehmen. Friedemann hatte seit dem Mittag des vorigen Tages nichts über die Lippen gebracht. Wohlig stieg ihm der Fusel in den Kopf und lullte sein wundes Herz, seine trüben Gedanken, das nagende Weh um verlorene Erdenfreuden in Vergessenheit. Sie zogen weiter und erreichten, sich zwischen Klein-Gießhübel und Schöna haltend, am Zirkelstein vorbei die Elbe. Die Fähre, die nach dem jenseitigen Herrnskretschen hinüberfuhr, war verschwunden, und Tzoukel nahm kurzerhand von einem Fischerhause einen Kahn weg und ruderte die Gesellschaft ans andere Ufer. Als alle ausgestiegen waren, stieß Friedemann den Nachen in den Strom zurück. Er blickte ihm nach und lachte. Nach einer Strecke Wegs fing Towadei an, eins jener einfachen, schwermütigen Lieder, die die Zigeuner so lieben, halblaut vor sich hinzusingen. »Die Gefahr ist überstanden«, sagte sie zu dem Mann an ihrer Seite, »bis hierher sind die Preußen noch nicht gekommen, und wenn die Sonne untergeht, werden wir in den ›Steinen‹ sein. Zu Hause!« Auch der Dadi, der Friedemann bisher nur finstere Blicke gegönnt hatte, wurde freundlicher und richtete einige Fragen an ihn. Er erhielt jedoch zuerst keine, dann die mürrische Antwort: »Ihr habt mich nichts zu fragen! Ich bin ein Vagabund, der nichts ist und nichts hat. Nennt mich Friedemann, dann ist's recht, alles andere schert Euch den Teufel!« Sie waren mittlerweile ein gutes Stück in dem Gewirr der wildzerklüfteten Sandsteinfelsen, die in gewaltiger, bizarrer Mächtigkeit die Gegend beherrschen, vorgedrungen und bogen in eine schmale Schlucht ein, deren vielfach verzweigte Gänge sich zwischen dem Prebischtor und den Karlsteinen wie in einem Irrgarten verloren. Der Dadi hielt Friedemann am Arm zurück: »Höre! Du weißt selbst am besten, daß du in der Welt nichts mehr hast. Du gehörst unter die große Zahl derer, die das Unglück ausgestoßen hat aus der bürgerlichen Gesellschaft. Wo du jetzt hinkommst, findest du Leute, denen es geht wie dir. Wenn du vernünftig bist, wird dir's bei uns gefallen. Es soll dir an nichts fehlen, du darfst tun, was dir behagt, und hast du keine Lust zum Arbeiten, so faulenze! Eins nur hast du zu beobachten: Du mußt dich unseren Gesetzen fügen!« »Wenn ich will!« »Wenn du nicht willst, wird man's dich lehren! Mit der Nacht und dem Tode! – Hast du einen Begriff von der Nacht und dem Tode?« Friedemann war still. Ihn fröstelte. »Mach Licht, Tzoukel!« befahl der Alte. Der Gerufene schlug Feuer, hielt einen Schwefelfaden an den Schwamm und entzündete an diesem eine kurze Harzfackel, die er aus einer Steinspalte hervorholte. Der Dadi nahm sie und hielt sie hoch über seinen Kopf. Ein wirrer Schein tanzte phantastisch an den Felsen. »Noch hast du die Wahl! Ohne deinen Willen – so verlangt es das Gesetz – sollst du nicht in unseren Kreis treten. Bist du aber aufgenommen, so darfst du nicht mehr von uns weichen. Denk an die Nacht und den Tod!« »Ihr Narren«, lachte Friedemann, »die ihr mir jetzt vom freien Willen redet! Beraubt, in der Nacht, in einer Einöde wollt ihr mich noch fragen, ob ich mit euch gehen will? – Vorwärts! Ich werfe mein Dasein hinter mich! Nur weiter, immer weiter, desto eher ist's aus!« Da trat Towadei an seine Seite: »Ich bin bei dir! Solange meine Hand in deiner liegt, bist du nicht verlassen!« Vor ihnen hergehend, stieß Tzoukel plötzlich einen mehrteiligen Schrei aus, ähnlich dem Beutegeheul des Wolfes, und weit aus der Ferne antwortete ein gleicher Ruf. Aus der Schlucht führte ein Hohlweg jäh in die Tiefe hinab. Unten auf dem Grunde zitterte ein Licht wie ein Leuchtkäfer hin und her. Bald hatten sie es erreicht. Es war ein kleines Feuer in einer Felskluft, um das etwa zehn bis zwölf Männer lagerten; beim Nahen der Kommenden erhoben sie sich. Alle waren bewaffnet, und die nahen Schlachtfelder schienen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Garderobe geliefert zu haben. Ein riesiger Kerl, dessen schmutzverkleistertes Haar wie ein Rindendach auf seinem Kopfe saß, schritt gravitätisch auf sie zu und verbeugte sich tief vor dem Alten, indem er in orientalischer Weise die Hände über der Brust kreuzte. »Kommt ans Feuer!« sagte der Dadi. – Der mit dem Haardach, Guru gerufen, nötigte Friedemann zum Sitzen und reichte ihm Brot und Speck, während ihm von der anderen Seite Branntwein angeboten wurde, um seine starren Glieder zu erwärmen. Der Hunger half ihm bald über Reinlichkeitsbedenken hinweg, und er aß tapfer. »Willst du nun bei uns bleiben, mein Sohn?« fragte ihn Guru. »Ich habe keine andere Wahl mehr!« »Das ist gut! Und nun höre: du mußt uns jetzt alles geben, was du hast!« Friedemann sprang auf. Towadei und seine anderen Reisegefährten hatten sich entfernt; er war allein. Die Rotte umringte ihn. »Alles, was ich habe? Ich habe ja nichts mehr!« »Deine Kleider! Alles, bis aufs Fleisch! Los, 'runter damit, oder, beim Teufel, wir schlagen dich tot!« Friedemann wollte sich zur Wehr setzen, aber die Vernunft siegte; er begann sich zu entkleiden. »Hört, ich will euch alles geben, aber die Violine und diese Tasche nicht! Es sind ein paar Andenken drin, die lasse ich nur mit meinem Leben!« »Zeig her, was es ist! Ist's Gold? Wir müssen alles wissen!« »Nein! Es ist vollkommen wertlos für euch. Nur der Towadei zeige ich's oder dem Dadi!« »Gut, die Violine ist dein«, antwortete Guru nach einem Blick des Einverständnisses mit den anderen, »die Tasche aber wirst du dem Dadi zeigen! Solange behalte sie.« Friedemann, der sich des Restes seiner Kleider entledigt hatte, hüllte sich in ein paar Lumpen, die man ihm hinwarf, und kroch in den dunkelsten Winkel. Seine Habseligkeiten wurden sofort unter die Gesellschaft verteilt. Es war bitterkalt, und Friedemann fror jämmerlich; trotzdem fiel er in einen kurzen Schlummer. Laute Stimmen weckten ihn. Mehrere Leute, die er vorher noch nicht bemerkt hatte, waren hinzugekommen; Hanick, ein älterer Mann, brachte ihm einen Schafspelz, der zwar schmutzig war, aber warm hielt, ein Fuhrmannshemd, eine Tuchhose und eine Pferdedecke. Als er in diese zunftgemäßen Gewänder geschlüpft war, bedeutete ihm Hanick, ihm zu folgen. Nach einer guten Strecke, die sie durch die Steine forttappen mußten, wandten sie sich in eine Seitenspalte und traten in eine Höhle, in deren Hintergrund ein großes Feuer knisterte. Nahebei lag ein Weib mit zwei Kindern unter einer Decke, unweit ein junger Mann, der schlaftrunken sein Haupt hob; ein großer Hund fletschte die Zähne, kuschte aber sofort, als der Alte mit ihm sprach. Dieser warf sich, nachdem er auch seinem Begleiter ein Bund Stroh angewiesen hatte, ohne weitere Umstände im nächsten Winkel nieder. Durch eine breite Bergspalte sah Friedemann in den besternten Nachtimmel, und sein Herz wurde schwer. Wie dünner Nebel zog es durch die Luft, Stimmen der Kindheit hallten ihm sehnsüchtige Weisen ins Ohr, und dumpf wie Orgelton umwogte ihn das alte Lied: »Willst du dein Herz mir schenken?« ... Da huschte eine Gestalt herein in weiter, mantelartiger Verhüllung. Sie kauerte nieder zu seinem Haupt und zog es leise an sich: »Nun hab' ich dich!« »Ja, Towadei!« hauchte er, und unter dem linden Streicheln ihrer warmen, weichen Hand überkam ihn eine gelöste, selige Müdigkeit. Er schloß die Lider und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf. War es schon Tag, war es noch Nacht? Er erwachte. Undurchdringliche Finsternis umgab ihn, und ein feuchter, betäubender Duft zog in lauen Wellen über ihn hin. Ein banges Gefühl des Alleinseins und der Hilflosigkeit packte ihn. Irgendwoher kommend, nah und doch fern, hallte ein langgedehnter, dumpfer metallener Ton an sein Ohr, dem ein vielstimmiger, langsamer, fast klagender Gesang folgte: »Mutter der Armen, o Nacht! o Nacht! Hast den Verlornen zurückgebracht, O Nacht! Herrin von Liebes- und Todesweh, Gepriesen seist du, Bhowané! Schwarze Bhowané!« Friedemann horchte auf. Der tiefe Schmerz, die geheimnisvolle, finstere Gläubigkeit und ein fremder, südlicher Zauber, der diese getragene Melodie durchströmte, machten auf ihn einen unbeschreiblichen Eindruck. Ihm war, als wenn seine Genossen, selbst unaussprechlich elend, ihn, den Unglücklichen, grüßten, und eine tiefe, kindliche Rührung, die er lange Jahre nicht empfunden hatte, kam über ihn. Eine Sehnsucht nach Liebe, nach einem heiligen Etwas, an das er sich klammern könne, das ihn mit trauten Armen an sich zöge, an dessen Brust er sich ausweinen dürfe, packte ihn mit steigender Gewalt, und das Grab des Vaters, alles, was er versäumt und worin er geirrt hatte, rüttelte mit Reue an seiner Seele. Er schrie auf in Schmerz und Verzweiflung. In dem Dunkel um ihn glomm plötzlich ein Lichtfunke auf, ein zweiter und dritter; sie wurden zu Flammen, vereinigten sich zum breiten Schein, und in der wachsenden Helle zeigte sich die Weite einer großen Felsenhöhle, an deren Wänden dicht gedrängt die bettelhaften Zigeuner, Männer, Weiber und Kinder, hockten und ihm ihre Arme entgegenstreckten. Vor ihm saßen drei Gestalten im Dreieck, Rücken an Rücken auf einem schwarzen Tuch am Boden; sie waren in leinene Tücher gekleidet, deren Weiß die Bronze ihrer Gesichter grell unterstrich. Links saß der Dadi, das Oberhaupt der Genossenschaft; er trug als einziges Abzeichen seiner Würde eine kurze Riemenpeitsche. In der Mitte befand sich Towadei; sie hielt eine Alraunwurzel im Schoß, deren seltsam gestaltete Haarwurzeln wie ein Büschel über ihre Hände herabhingen. Rechts hockte Papinori; sein Kopf war kahl geschoren bis auf eine einzige schwarze, sehr lange Locke, die auf seine rechte Schulter fiel. In seiner Hand hielt er das Eisen einer Sense, deren Schneide sägeartig gezahnt war. In dem Zustand der Nervenüberreizung, in dem Friedemann sich befand, kam ihm die seltsame Schaustellung in keiner Weise gaukelhaft oder auch nur verwunderlich vor, und es erschien ihm fast wie eine Selbstverständlichkeit, als nun vier Männer, darunter Guru und Hanick, händeschüttelnd zu ihm traten und ihn zwischen Feuer und Triasgruppe führten, während die Zuschauer in den Begrüßungsruf »Becrate, becrate!« ausbrachen. Er weigerte sich nicht im mindesten, sich niederzulegen und eine merkwürdige Prozedur an sich vornehmen zu lassen: Eine Schüssel mit Milch wurde Towadei zugereicht, und darin badete sie, den Kopf leise hin und her wiegend, die Alraunwurzel; dazu sang sie mit bewegter Stimme eine kurze Strophe, die von den anderen murmelnd wiederholt wurde. Einen Teil der solchermaßen geweihten Milch goß sie Friedemann auf den Leib, einen zweiten auf die Brust, mit dem Rest befeuchtete sie seine Stirne. Dann rief sie laut: »Du bist ein Geiger, ein ›Schetrar‹, und Schetrar sollst du heißen!« »Becrate Schetrar!« jubelte die Versammlung ihm zu, und er wußte, daß die Zeremonie seine Zigeunertaufe gewesen war. Towadei richtete ihn auf, der Dadi küßte ihn und sagte: »So sei denn mein Sohn und unser Bruder! Gedenke der Nacht und des Todes! Liebe uns, wie wir dich lieben werden, und sei treu! Töricht sind noch deines Hirnes Gedanken, zähme sie im Gemüt und lerne in aller Not zufrieden sein!« Auch die übrigen Zigeuner umdrängten ihn nun, streckten ihm die Hände entgegen und schüttelten sie mit lebhaften Versicherungen der Liebe. »Solange du bei uns bist, sollst du nicht Mangel leiden«, betonte Guru, »die große Mutter, die uns beschützt, wird sich auch deiner annehmen, und wir werden dich nicht verlassen!« Noch einmal erscholl das Loblied der Nacht. Dann wurde die Höhle leer. Nur das Feuer brannte hell, und Towadei stand neben ihm. An ihrer Hand begann er sein neues Leben. So himmelweit dieses neue Leben Friedemanns von dem in Arnstadt entfernt war, so grell die jetzige Dürftigkeit von dem Luxus bei Cardin abwich, so verändert war er auch selbst und, sonderbar genug, er mußte sich gestehen, daß er sich den Umständen nach ganz wohl dabei befand. Er hatte sich daran gewöhnt, sich äußerlich der Welt gegenüber aufzugeben, einer Welt, deren Zustände er nachgerade zu verachten anfing. Er wandte sich mit einer Art Dankbarkeit diesem elenden Volke zu, dessen Mitglied er war, und das ihm mit Samariterliebe beigesprungen war, als ihm nichts mehr übriggeblieben war als der Tod. Er fand sich in seine neue Lage um so mehr, als sie das beschauliche Faulenzen, das ihm schon zur anderen Natur geworden war, fortzusetzen gestattete. Er lebte sorgenlos und in den Tag hinein. Und wenn er am hellen Feuer saß und seine Violine spielte, hatte er an dem braunen Auditorium ein zumindest ebenso begeistertes Publikum wie in seinen besten Zeiten. Die Höhle, in der man ihn in die Gemeinschaft aufgenommen hatte, und die der abendliche Sammelplatz der Zigeunergemeinde war, diente ihm zur Wohnung, die er nur des Nachts mit Guru und Papinori teilte. So lebhaft sich nun aber auch der Verkehr zwischen ihm und den anderen Mitgliedern der Genossenschaft entwickelt hatte, so sehr schien ihn gerade die Person, die seine Gedanken am meisten in Anspruch nahm, die schwarzäugige Towadei, zu meiden; und je weniger er sie sah, desto mehr beschäftigte er sich mit ihr, je achtloser sie ihn in den kurzen Augenblicken eines Zusammentreffens behandelte, desto größeren Anteil nahm er an ihr, desto mehr erfüllte Sehnsucht sein Herz. Als er eines Tages, versunken in mancherlei Erinnerungen, allein in der Höhle saß, drängte sich ihm mit unabweisbarer Macht eine Fülle ungelöster Fragen und unbegreifbarer Beobachtungen auf. »Warum« – so sagte er sich – »hat Towadei mich hierher gelockt und geht mir nun aus dem Wege? Woher ihre Macht über mich? Warum drängt mein Herz ihr zu, obwohl mein Verstand widerrät? Was bedeutet die geheimnisvolle Drohung für den Fall meiner Flucht, was ...?« Er fühlte sich an der Schulter gefaßt, und als er sich umdrehte, stand die junge Zigeunerin vor ihm. Freudig überrascht ergriff er ihre Hand: »Warum hast du mich so lange warten lassen?« fragte er vorwurfsvoll, aber mit zitterndem Unterton in der Stimme. »Ich habe mich sehr nach dir gesehnt.« »Ich wußte es, Schetrar, und deshalb bin ich gekommen. Und auch viele Fragen, die du in deiner Seele trägst, erheischen eine Antwort. Siehst du: seit undenklichen Zeiten lebt das Volk der Zigeuner verstreut, gejagt, unstet, gequält und verachtet in aller Herren Länder, aber Bhowané, die ewige Mutter der Liebe und des Hasses, hat uns zum Ausgleich die Herzen der Menschen und ihre Furcht gegeben, hat uns mit dem Wissen um die Zukunft beschenkt und – mit der Falschheit der Schlangen.« »Hm ... und wozu benutzt ihr diese Schlangenfalschheit?« »Du willst wissen, was wir treiben, Schetrar? – Nun, wir tun zweierlei. Wir lieben einander in unserem Elend und tragen es. Wir hassen, betrügen, bestehlen, verraten die Menschen, verachten sie, wie sie uns von je getan! Hast du draußen den Krieg gesehen und das Blut? So treiben sie's untereinander, und wir gehen und holen die Beute von den Feldern des Todes. Wir sind ihre Späher, die sie gegeneinander brauchen, von denen sie aber alle verraten werden. Zu uns, den Unglücklichen, schleichen die gepreßten Herzen und erfragen die Zukunft, und wenn sie sie wissen, fluchen sie uns. Das ist unser Gewerbe! Was die Menschen wegwerfen und verschmähen, sammeln wir, was ihnen schimpflich erscheint, uns ist's Gewinn ... Verachtest du uns auch, Schetrar?« »O nein, Towadei, ich verachte euch nicht. Ich müßte mich sonst selbst verachten!« Da beugte sie sich nieder zu ihm und küßte ihn. Friedemann umarmte sie und hielt sie an sich gepreßt: »Towadei, sage mir, warum hast du mich hierher gebracht – und mich dann gemieden?« Sie erbebte: »Frage mich nicht, Schetrar! Und wenn du es weißt, o dann ...« »Ich weiß es, Towadei! – Du hast mich hierher geführt, weil ... du mich liebst! Und Liebe ist's auch, – ja, ich fühl's, es ist Liebe, die mich dir folgen ließ. Gesegnet sei diese Stunde!« Sie hielten sich eng umschlungen, und aus den Wollustschauern des braunen Weibes überströmte ihn zum erstenmal im Leben die süße Gewißheit köstlicher Erfüllung alles jemals erträumten Glückes. Towadei suchte von nun an öfter die Gesellschaft des Geigers. Sie achtete indessen streng darauf, daß bei ihrem Umgang die Grenze eines zärtlichen Austausches ihrer Gefühle nicht überschritten wurde. Das Mädchen besaß die natürliche Kunst, den Geliebten zu reizen, ohne ihn ungeduldig zu machen; es entzog sich ihm stets mit liebevoller Schelmerei, wenn es fürchten mußte, daß er kühner werde. »Du mußt mich erst ganz kennenlernen, erst wie ich werden, ehe du mein Mann sein kannst«, vertröstete ihn Towadei. »Du hast noch Gedanken, die nicht taugen. Warte auf den Frühling!« Und auch der Frühling kam. Statt der Höhlen und Erdlöcher wurden lustige Zelte auf den Feldern, in den Gründen und auf einsamen Waldwiesen aufgeschlagen. Ein fröhliches Naturleben voll Finkenschlag and Sonnenschein, voll Blumenduft und Sterngefunkel begann, und weit, unendlich weit und still war die Seele Friedemanns, des aus der Welt Verschollenen. Das von den Zigeunern in Besitz genommene Gebiet lag auf der sächsisch-böhmischen Grenze und umfaßte jene zahlreichen, dichtbewachsenen Felsgruppen, die sich vom Prebischkegel bis in die Gegend von Dittersbach erstrecken. Durch die Invasion der Preußen war die Grenzkontrolle unterbrochen, und so konnte die Horde ohne Störung oder Beunruhigung ihr Wesen treiben und, drohte doch einmal Gefahr, sich in das eine oder andere Gebiet zurückziehen. Towadei begann jetzt Kräuter zu sammeln, die an die Apotheken der Marktflecken und Städtchen verkauft wurden. Friedemann pflegte sie zu begleiten. Die Wanderungen mit der Geliebten hatten einen namenlosen Reiz für ihn, und je mehr sich alle seine Empfindungen ihr gegenüber erschlossen, desto erstaunter wurde er über die vielfachen Kenntnisse und eigentümlichen Anschauungen des Mädchens. »Gibt es ein Gesetz in der Natur«, fragte er einmal während einer Sammelpause, »das den Menschen sicher leitet?« »Das gibt es, Lieber! Schau mir ins Auge! Sieh die schwellende Blume, höre den lockenden Vogelgesang! Alles das spricht ...« Und in des Weibes glühenden Kuß verstrickt, rief Friedemann: »Liebe!« »Ja, Schetrar, die Liebe! O, ergib dich mir ganz, ich werde dich leiten! Sieh, solange des Vaters Auge dich bewachte, bist du sicher gegangen. Als du von ihm wichest, dich selber als etwas Unerhörtes zu geben meintest, begann dein Abfall. Zertrümmert und elend bist du zurückgekehrt, bist – mein! Begreifst du das Lied, das dich in der Höhle begrüßte? Die Mutter der Armen, die Nacht, Bhowané, hat dich, den Verlorenen, wiedergegeben dem großen All und Gott. Ich, die Liebe!« Sie blickte Friedemann mit einem trostreichen Lächeln an und widmete sich mit Sammeleifer wieder ihren Kräutern. Je mehr der Frühling in den Sommer glitt, desto ungestümer bedrängte der Geiger die Geliebte, nach der Sitte ihres Volkes sein Weib zu werden. Und immer lehnte sie es ab: »Noch nicht, Schetrar! Warum willst du die Sehnsucht so schnell im Genuß ersticken? Weißt du, was folgt?« Ihre Weigerung hatte ihn zuerst traurig gemacht, dann verstimmt und gereizt. Towadei merkte es wohl; sie beobachtete ihn eine Zeitlang, und als sie sah, daß sich sein Wesen nicht änderte, bat sie eines Tages: »Höre, Schetrar! In den Lazaretten verlangt man nach blutstillenden Kräutern. Sie sind nicht leicht zu finden, und es würde dir nur unnötige Mühe verursachen, an meiner Seite zu bleiben. Aber am Abend könntest du wohl auf den oberen Karlstein kommen.« Die Sonne war schon tief gesunken, ein letzter goldener Schein lag auf den Spitzen der Berge, und leichter Dunst, der aus den schattenblauen Gründen aufstieg, webte zarte Feenschleier über die Waldwiesen. Wie ein Träumender stieg Friedemann langsam, öfter zu einem trunkenen Atemzug verweilend den Berg hinan. Schon von weitem sah er Towadei. Sie saß auf einer Abplattung des Felsens, versunken im Anblick der scheidenden Sonne. Friedemann verhielt den Schritt, setzte seine Violine an und spielte die Melodie des Kamadewaliedes, eines oft gehörten Liedes ihres Volkes: »Darum, mein Süßer, merke fein Auf Bhowanés Gebot: Was lebt, soll auch geliebet sein, Denn einstmals kommt der Tod Der Liebe, der Liebe, der Liebe!« Towadei wandte dem Spielenden den Kopf zu und winkte. Sie löste, vom Sonnenpurpur umglüht, die dunkle Haarflut, die wie ein weicher Mantel niederrollte, öffnete die Spangen ihres Mieders. Tändelnd wehte der Abendwind das Tuch hinweg, das ihre Brust verhüllte. Friedemann eilte auf die Geliebte zu und schloß sie, überwältigt von ihrer hinreißenden Schönheit, in die Arme. Sie drückte ihn leise von sich: »Liebst du mich wahrhaft, Schetrar? So, daß du dich an mich ketten willst durch Zeit und Raum, bis wir zusammen versinken im Quell des ewigen Urwesens? Dann schwör's bei der Nacht und dem Tode!« »Bei der Nacht und dem Tode, ich bin dir zu eigen für alle Zeit!« Die Erde versank. Im Tale unten schluchzte eine Nachtigall, sie sang von Liebe ... Als das Paar am anderen Morgen, Seligkeit im Herzen, Glückstrunkenheit im Auge, vor den Dadi trat, umwölkte sich zwar seine Stirne, aber er breitete dann doch seine Hände über ihm aus und segnete es. Schetrar und Towadei waren nun Mann und Frau. Friedemann, dem der Panzer seiner Selbstsucht, die Doktrin Cardins, geborsten war, hatte sich aus der einseitigen Spekulationssphäre des Verstandes an der Hand der Liebe, umgeben von der hohen, geheimnisvollen Einfalt der Natur, umdrängt von einer fast patriarchalischen Gesellschaft, dem Gemütsleben, dem alten, poesievollen Eden seiner Jugend wieder zugewandt. Je mehr er einsehen lernte, daß mit der reinen Verstandesherrschaft nichts getan sei, um so tiefer versank er nicht nur in die wonnevollen Schauer der Liebe und Religiosität, sondern auch in die tiefe, nebelhafte Mystik der Naturanschauung, wie sie dem Zigeunervolke eignet. Er war, wie bei allem im Leben, auch hier ein Mensch der Extreme und ohne die nötige Kraft und den Willen, an den Grenzen stillzustehen, wo Verstand und Herz sich scheiden. Alles das hatte Towadei mit der zwiefachen Weltklugheit des Weibes und der Zigeunerin bald erkannt und zugleich, daß das einzige Mittel, ihr Glück für immer zu sichern, darin bestehe, ihn immer tiefer in diese Mystik der Liebe zu verstricken, ihn von ihr vollständig abhängig zu machen. Ihr feines Ahnungsvermögen flüsterte ihr die Besorgnis zu, daß mit der Erreichung ihres Glückes auch schon seine Wandelbarkeit drohe. Aber es waren nicht nur diese in der inneren Wesenseigenart ihres Gatten liegenden Gründe, die ihr das Herz oft schwer machten, mehr noch ängstigten die gegenwärtigen Daseinsbedingungen der Horde, die Unsicherheit des Aufenthaltsortes, die greifbare Gefährlichkeit der Lage ihre Seele mit trüben Bildern. Mit vorsichtigen Andeutungen zuerst, dann mit immer bestimmteren Vorstellungen und Bitten suchte sie daher ihren Vater zu bewegen, die Zelte hier abbrechen zu lassen, um sie an einem weniger gefährdeten Platze wieder zu errichten. Der Dadi schüttelte den Kopf. Kein Ort sonstwo in der Welt bot zur Zeit so günstige Gelegenheit zur Befriedigung aller Lebensgenüsse und zur mühelosen Bereicherung als ihr jetziges Standquartier. Das wechselnde Kriegsglück, die zahlreichen Schlachtfelder in Böhmen, Schlesien und Sachsen mit ihrer fetten Beute, der Schleichhandel, der mit Aufhebung der Grenzkontrollen ungeahnte Ausmaße angenommen hatte, die vollkommene Gesetzlosigkeit, die überall eingerissen war, – das alles gab die rechte Lebensluft für den Zigeuner, und der Alte dachte nicht daran, sie einer verliebten Ängstlichkeit der Tochter wegen aufzugeben. Hinzu kam noch die Spionagetätigkeit im kaiserlichen Solde, der sich die Hälfte der etwa zwanzig Familien starken Gesellschaft mit Eifer hingab. Solche Tätigkeit brachte etwas ein, und überdies hatte man dadurch von den Österreichern nichts zu befürchten. Und schließlich auch von den Preußen nicht; denn diesen verriet man wiederum, was man auf österreichischer Seite erspäht hatte. Von wo sollte also eine Gefahr drohen? Vermittler für die Spionageberichte an die Österreicher war der Pfarrer von Dittersbach, ein grimmer Feind Friedrichs und der Preußen; er übersetzte die von den Zigeunern erhaltenen Nachrichten ins Griechische und ließ sie durch einen berittenen Ackerknecht dem kaiserlichen General zustellen, dessen Feldgeistlicher sie dann wieder rückübersetzte. Auf die Dauer der Zeit konnte es indessen nicht ausbleiben, daß von der einen oder anderen Seite der Doppelverrat Dadis und der Seinen bemerkt wurde. Der österreichische Kommandant faßte zuerst Verdacht; er ließ ihnen eine geschickte Falle stellen, und als sie prompt hineingingen und damit den Verdacht bestätigten, erteilte er einem Detachement berittener Wallonen, der zügellosesten Truppe, die er besaß, den Befehl zu einer pardonlosen Strafexpedition. Towadei, die sich nach des Vaters Ablehnung eines Ortswechsels kaum mehr um die Vorgänge in ihrer Umwelt bekümmert hatte und mit Friedemann ein selbstgenügsames Leben der Abgeschlossenheit führte, wurde gleichwohl gewahr, wie das dumpfe, bange Gefühl vor einem entsetzlichen Etwas, das schleichend näher und näher rückte, ihr von Tag zu Tag die Brust mehr beengte. Wenn sie in ihres Mannes Armen lag, in heißen Küssen das ahnungsvolle Stöhnen ihres Herzens erstickte, wenn er ihr zärtlich und tröstend zuredete, fühlte sie, wie die Bedrängnis wich und lichte Zuversicht von ihr Besitz ergriff; dann flüsterte sie ihm wohl zu: »Eine innere Stimme sagt mir, daß wir im Tode beieinander sein werden. Unzertrennlich sollen wir aufsteigen in der Wandlung. Nein, wir werden uns nicht trennen!« – Aber wenn dann der Tag mit dem bleiernen Schein des ersten Frühlichts nach ihrem Höhlenlager tastete, kehrten Beklemmung und Zukunftsangst wieder bei ihr ein. Endlich konnte sie es nicht mehr aushalten; sie offenbarte sich ihrem Vater, flehte ihn an, ihr zum Besten aller Gehör zu schenken und sofort weiterzuziehen. »Glaube mir, Dadi«, rang sie die Hände, »es ist Schlimmes im Anzug. Ich sehe Nebel auf dem Weg!« Den Alten hatte die düstere Unruhe Towadeis, die er seit einigen Tagen an ihr bemerkt hatte und deren hellseherische Ursache er von früheren Geschehnissen her kannte, bereits aufgerüttelt; auch er witterte nunmehr Gefahr. »Gut!« sagte er, »der Tzoukel und ein paar andere sind noch draußen, aber sie müssen diese Nacht zurückkommen. Morgen früh brechen wir auf!« Die Vorbereitungen und Verrichtungen, die der unerwartete Abmarsch von allen verlangte, füllten den Tag aus; die Nacht brach an. Die vier Feuer, die sonst im Norden und Süden, Osten und Westen des Lagers brannten, ließ der Dadi löschen und die Männer im Finstern, aber ihre Hunde neben sich, die Wachen versehen. Der Morgen graute schon, und immer noch nicht waren die Zurückerwarteten gekommen. Man beschloß, mit dem Abmarsch nicht mehr länger zu zögern ... Plötzlich schlugen die Hunde an. Das Gebell kam vom Prebischtor her, es kam aus der Richtung Dittersbach, es kam vom Niederkarlstein; nur zwischen Rudolph- und Falkenstein blieb es ruhig. Der Dadi stieß einen gellenden Schrei aus, und Towadei kam, Friedemann nach sich ziehend, aus der Höhle gestürzt: »Sie kommen! Sind ringsum, machen ein Kesseltreiben auf uns! Bhowané, hilf!« »Nein, eine Seite ist noch frei!« schrie der Alte, setzte sein Widderhorn an den Mund und gab das Signal zum Sammeln. Eine grenzenlose Verwirrung entstand. Hier wurden Tragetiere beladen, dort die Karren bespannt, hier schleppte einer einen Packen mit seinem Beuteanteil herbei, dort versammelten sich die unverheirateten Männer, mit den seltsamsten Waffen ausgerüstet, drängten sich die Frauen zusammen, ihre Kinder auf dem Rücken oder an der Hand. »Vorwärts!« kommandierte der Dadi, der in der rechten Hand eine Pistole, unter dem linken Arm einen Sack mit seinen Diebesschätzen trug; er setzte sich an die Spitze der Gesellschaft, die den Weg nach den Falkensteinen einschlug. Friedemann hatte seine Ledertasche um den Leib gelegt und die Violine an einen Knopf seines Kittels gehängt; er hielt sich mit Towadei an der Seite des Alten. »Bleibe immer dicht hinter mir, mein Kind! Und du, Schetrar, sieh zu, ob du für dein Weib was dransetzen kannst!« rief er ihnen zu. Friedemann zeigte auf das Zimmermannsbeil, das er in der Hand trug. Der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt, als auch von den Falkensteinen her das Gekläff der Meute erklang. »Wir sind im Kessel!« stöhnte der Anführer ... Und schon stürzten die Wachen, verwundet, wankend, schreiend, herbei, von den aufheulenden Hunden gefolgt ... Und schon tauchten hinter ihnen die wippenden Köpfe der Soldatengäule auf, blanke Säbel blitzten in den ersten Strahlen der Sonne, aus knallenden Karabinern flog heißes Blei. Der Dadi stieß ins Horn, und wie Regentropfen im Sande versickerte die ganze Horde in Felslöchern, Schründen, Höhlen und Gesteinsspalten, kletterte auf Bäume, suchte unter den Pferden der Wallonen hinweg zu entkommen. Nicht allen gelang es. Viele brachen unter den Hiebwaffen blutüberströmt zusammen, manchen holte ein gutgezielter Schuß kurz vor dem rettenden Versteck noch ein, und sein Leichnam rollte in die Bergschlucht, viele Frauen und Kinder wurden gefangen genommen. Die Wallonen warfen sich von ihren Tieren, um die Flüchtigen zu Fuß zu verfolgen. Auf Dadi, den Hauptschuldigen und Anführer, machten der Offizier und drei seiner Leute Jagd. Der Alte versuchte, gefolgt von seiner Tochter und Friedemann, eine von Gestrüpp überwucherte Felsenge zu erreichen, die in eine versteckte Schlucht einmündete. Da scheute ein Karrengaul, raste mit seinem Wagen den Drei entgegen, zertrümmerte ihn an den Steinen vor der Öffnung. Der Dadi schrie auf. Eine Kugel hatte ihn in den Leib getroffen. Aber er verbiß den Schmerz, schleppte sich mit letzter Kraft zu dem Wagen, schob einen Warenballen vor sich. »Los, Towadei, krieche durch! Hinein in die Schlucht!« Da war der Offizier heran, drückte seine Pistole auf den Alten los, zog seinen Degen, um dem flüchtenden Weib den Kopf zu spalten. Friedemann, von einem Wallonen angegriffen, warf ihm sein scharfes Beil an den Schädel, faßte gleichzeitig nach der Violine und schlug sie dem Bedränger Towadeis mit voller Wucht ins Gesicht. Der Hauptmann taumelte. Der Fluchtweg war frei. »Schnell, Liebster!« feuerte die Zigeunerin ihren Mann an; sie drehte sich nach ihm um, bemerkte, daß sie verfolgt wurden. Sie erkletterten eine steile Höhe zu ihrer Linken, hasteten auf dem schmalen Grat des Berges dahin. Kugeln pfiffen. Sie eilten weiter. »Barmherziger Gott, wir sind verloren!« Vor ihnen klaffte eine enge, tief abfallende Schlucht. »Nein, Bhowané wird helfen! Gleite hinunter, Schetrar, schnell! Die Bäume werden dich auffangen. Vergiß den Sammelort nicht!« Bedenkenlos gehorchend hockte Friedemann nieder, gab sich einen Ruck, rollte mit wachsender Geschwindigkeit in die Tiefe. Die Sinne schwanden ihm. Towadei maß mit einem schnellen Blick die Entfernung zur jenseitigen Plattform, nahm einen kurzen Anlauf und sprang. Wie eine Katze schnellte sie durch die Luft und landete unversehrt. Der verfolgende Offizier war ihr dicht auf den Fersen. »Du bist zu hübsch, Canaille, als daß ich dich mir entgehen ließe!« fluchte er und sprang nach. Ein kurzes Straucheln, ein kräftiger Stoß Towadeis, der dumpfe Aufprall eines schweren Körpers auf dem Grunde der Schlucht ... Als von einem fernen Dörfchen das friedliche Geläute der Mittagsglocke klang, lag über dem Schauplatz des grausamen Strafgerichtes die müde Stille des heißen Sommertages. Im Gebüsch regte es sich, ein Weib kroch heraus. Es suchte den toten Vater. Es fand ihn nicht. Es tauchte in die Tiefe der Schlucht. Es suchte den Geliebten. Es fand ihn nicht. Der Abend kam. Um das Gehöft des Pfarrers von Dittersbach schlich lautlos eine verhüllte Gestalt. Eine halbe Stunde später standen Haus und Scheune in lodernden Flammen. Die Nacht kam. Auf dem verabredeten Sammelplatz der Zigeuner fragte Towadei jeden der Anwesenden, jeden der Kommenden nach Schetrar. Keiner hatte ihn gesehen. Sie wartete Stunde um Stunde, der geliebte Mann erschien nicht. Da wußte sie, daß sie ihn verloren hatte. »Nebel auf dem Wege!« stöhnte sie und weinte. Zu gleicher Zeit wanderte ein Mann die Landstraße entlang. Er richtete sich nach dem Sternbild des Großen Bären, dessen Deichselstern er drei Stunden nachgehen mußte, um das erste Wegezeichen der Zigeuner zu finden. Er war müde, übermüde, und im nächsten Dorfe brach er auf den Stufen des hölzernen Kirchleins zusammen. Im verdämmernden Bewußtsein klang's ihm in den Ohren: »Denn einstmals kommt der Tod der Liebe ... der Liebe!« XXII. Dem schicksalhaften Königstein liegt der Lilienstein gegenüber. Als im Oktober 1756 sich Friedrich II. hier zwischen das sächsische Heer, das von Pirna her heranzog, und das österreichische, das diesem von Lobositz aus entgegenstrebte, dazwischenschob und die Sachsen zur bedingungslosen Kapitulation zwang, als am Tage nach diesem vernichtenden Schlag der König und bald darauf auch der Ministerregent nach Polen flohen, als später selbst der Kurprinz mit Gemahlin am schwiegerelterlichen Hofe zu München ein Asyl suchte, blieben in Dresden nur zwei Frauen zurück, um die Last der Verantwortung zu tragen: die Königin und die Ministerin Brühl. Josepha war im Innersten vernichtet und ihr ganzes Trachten nur noch darauf gerichtet, selbst im Lager des Feindes Pläne gegen ihn zu schmieden. Friedrich sah das Treiben seiner »chère pauvre cousine de Saxe« längere Zeit mit an, beobachtete aber, so streng seine sonstigen Maßregeln auch waren, jede erdenkbare Rücksicht gegen sie. Als ihm aber ihr Aufenthalt in Dresden gefährlich zu werden begann, entzog er ihr kurzerhand die monatlichen Gelder, die sie für sich und ihren Hofstaat benötigte. Josepha legte Verwährung dagegen ein, aber Friedrich ließ ihr sagen, sie möchte sich an ihren Herrn Gemahl wenden. Der Königin blieb nichts anderes übrig, als ihre Residenz zu verlassen. Sie verweilte einige Zeit in München und trat dann, an Leib und Seele gebrochen, die Reise nach Polen an. Aber unweit ihres Zieles starb sie, ohne den Gatten wiedergesehen zu haben. Zur gleichen Zeit wurden von Friedrich sämtliche Güter des Ministerregenten (im Wert von acht Millionen) zugunsten das Staates beschlagnahmt, und die Gräfin Brühl, die das Unglück ihrer Familie aufzuhalten vermeinte, wenn sie auf eigene Hand intrigierte, wurde durch eine Kabinettsorder zu ihrem Manne nach Polen ausgewiesen. Ehe sie aber zu ihm reisen konnte, erlag auch sie ihren vielfachen Leiden. Im Jahre 1762 begann endlich die Friedenssonne ihre ersten matten Strahlen über das verödete Sachsen zu ergießen. Kurprinz Christian und seine Gemahlin Antonie kehrten zurück und trugen sofort Sorge, durch Ankauf von Lebensmitteln aus Böhmen der furchtbaren Hungersnot abzuhelfen. Die Bewohner Dresdens strömten vor die Tore, ihrem geliebten Prinzen entgegen, von dem sie eine bessere Gestaltung der Zukunft erhofften. Zum erstenmal seit langer Zeit hielten wieder Freude und Zuversicht ihren Einzug in die Herzen der Menschen. Sobald als angängig richtete denn auch im Namen des Kurprinzen der Etatsminister von Fritsch an den in Meißen weilenden preußischen König die Anfrage, ob er zum Frieden geneigt sei, und Friedrich, der Christian persönlich sehr hoch schätzte, ging willig darauf ein. Die Verhandlungen begannen und führten am 15. Februar 1763 zum Frieden von Hubertusburg, einem Jagdschloß in der Nähe Grimmas. Der Friedensschluß brachte auch König August III. und Brühl, den Unzerstörbaren, nach Dresden zurück. Der Regent war alt und wunderlich geworden, und seine Josepha, die er sonst stets vernachlässigt hatte, fehlte ihm überall. Gebückt und finster schritt der Minister, einst so strahlend und siegesstolz, einher; seine Gemahlin war tot, sein Palast zerstört, sein Vermögen mußte er erst wieder von der Konfiskation befreien. Vollkommen passiv der eine, unlustig der andere: so begannen August und Brühl die Zügel des Regiments wieder zu ergreifen. Am 5. Oktober, gerade als man die Vorbereitungen zur Namenstagsfeier des Königs traf, wurde August III., während er sich beim Diner mit Brühl unterhielt, vom Schlag gerührt. Man brachte ihn sofort in seine Gemächer – er war tot. Des Ministers Antlitz wurde aschfarben, seine Augen umflorten sich; er taumelte, seinen Wagen verschmähend, zu Fuß nach Hause. Tränenlos saß er die Nacht über in einem Sessel und stierte vor sich hin. So fand ihn der Oberhofmeister des Kurprinzen, Baron von Wackerbarth, am anderen Morgen. »Ich weiß, was Sie mir bringen, Herr Baron«, begrüßte ihn Brühl mit einem matten Lächeln, »bitte, reden Sie!« »Herr Graf von Brühl! Im Namen unseres Durchlauchtigsten jetzt regierenden Kurfürsten habe ich Ihnen zu eröffnen, daß Sie mit dem heutigen Tage Ihrer sämtlichen Bedienstungen enthoben sind. Ich bitte, mich der unangenehmen Pflicht zu entbinden, Ihnen die Gründe anzugeben. Da der hochselige Monarch Sie aber solange seines Vertrauens würdigte, wünscht der Durchlauchtigste Kurfürst, Ihnen das Peinliche einer offiziellen Entlassung zu ersparen und gibt Ihnen anheim, Ihre Demission aus Gesundheitsrücksichten zu erbitten. Ihr Gehalt bleibt Ihnen auf Lebenszeit, doch kann ich Ihnen die Mitteilung nicht ersparen, daß Sie noch im Laufe des Tages Ihr Privatvermögen dem bestellten Kommissarius zu übergeben haben!« »Also Sequestration!« erwiderte Brühl höhnisch und präsentierte die Kabinettsorder Augusts, die jede Verfügung des Staates über sein Vermögen ausschloß. Der Baron zuckte nur die Achseln. »Ich danke Ihnen, Herr Baron, und bin überzeugt, daß der heutige Tag Ihnen große Freude macht. Grüßen Sie alle meine Feinde und sagen Sie ihnen, daß ich ihnen nicht mehr lange Gelegenheit geben werde, mich zu bespötteln!« »Von jetzt an haben Sie keinen Feind mehr, Herr Graf!« Am 28. Oktober 1763, dreiundzwanzig Tage nach dem Tode seines Herrn, starb Heinrich Graf von Brühl. Unter dem Volk, das neugierig die Stätte umlagerte, an der der Weniggeliebte, aber Vielgehaßte zur letzten Ruhe gebettet wurde, trieb sich auch ein älterer Mann von vagabundenmäßigem Aussehen umher, der eine Violine unter dem Arm trug. Aus seinem finsteren, von grauen Bartstoppeln umrahmten Gesicht sahen traurige, verschleierte Augen suchend über das Menschengewoge hin. Wenn sein Blick an der einen oder anderen Frau haften blieb, ging es zuweilen wie ein Ruck freudigen Erkennens durch die hagere Gestalt, freilich nur, um unmittelbar darauf wieder in sich zusammenzusacken. Schließlich entfernte sich der alte Musikant mit den schleppenden Schritten des Enttäuschten. Fünf Jahre später. Der Kantor der Thomaskirche von Leipzig war gerade von der Gedächtnisfeier, die am Grabe Johann Sebastian Bachs alljährlich am Johannistage mit Gebet und Gesang der Thomasschüler veranstaltet wurde, nach Hause zurückgekehrt, hatte sein Weib mit einem Kuß begrüßt und den Kindern über die blonden Haarschöpfe gestrichen, als es an der Haustür klopfte. Die Kantorin ging, um zu öffnen. »Was will Er?« »Nichts, verehrte Frau! Nur bescheiden erkundigen will ich mich, wer jetzt hier wohnt.« Beim Klang der Stimme wich alle Farbe aus dem Gesicht der Frau. »Alle guten Geister! – Friedemann Bach!« »Ulrike!« Er schrie es hinaus, vor Überraschung so laut und gellend, daß der Kantor besorgt herbeigestürzt kam. »Doles!« Die Freunde lagen sich in den Armen. Aber Friedemann riß sich nach der ersten freudigen Betäubung los: »Laßt mich! Lebt wohl, ich muß fort!« Doles und Ulrike hielten ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Nein, du gehst nicht, Bruder! Hast du mir nicht versprochen, daß du zu mir kommen willst, wenn du in Not bist? In dem Zustand lasse ich dich nicht weg! Es muß erst wieder anders mit dir werden, und Ulrike und ich wollen so lange an dir arbeiten, bis du an Leib und Seele gesund bist und deinem Namen keine Schande mehr machst!« »Meinetwegen«, ließ er sich schließlich bewegen, »ich bleibe! Aber meine Schuld ist's nicht, wenn es euch später leid wird, euch einen Kerl wie mich auf den Hals geladen zu haben!« Friedemann Bach lebte von dieser Stunde an im Hause seines Freundes, und das Kantorpaar unterließ nichts an zarter Aufmerksamkeit, um der Lage des Gastes alles Peinliche zu nehmen, ihm sein Unglück weniger fühlbar zu machen. Er bewohnte die kleine Stube, die Sebastian einst innehatte, und Ulrike ließ es sich als erstes angelegen sein, seine Kleidung so herzurichten, daß er überall erscheinen konnte. Als er alles Landstreichermäßige glücklich abgestreift hatte, wurde er den maßgeblichen Kreisen Leipzigs wieder vorgestellt. Man redete ihnen ein, daß der seit langem Totgesagte bisher im Österreichischen gelebt habe. Friedemann selbst schwieg hartnäckig über seine wahren Erlebnisse, sogar seinen Freunden gegenüber. »Wie hätte er ihnen auch seinen Aufenthalt bei den Zigeunern, wie das unermeßliche Glück seiner Ehe mit Towadei begreiflich machen sollen? Wie hätte er ihnen erzählen können, daß er Monat um Monat das ganze Gebiet der Elbe abgestreift hatte, um die Verlorene wiederzufinden. Wie, daß er dann als bettelnder Organist von Kirchspiel zu Kirchspiel gezogen war und die Pfarrer um Almosen angegangen oder ihre Orgeln gespielt hatte, daß er, wieder in den Besitz einer Geige gelangt, von der Kneipe zum Kirmesplatz und wieder zur Kneipe gepilgert war, jahraus, jahrein, ein Ewiger Jude der Musik?! Besonders schwer fiel es Doles, den Freund, der jeden Schaffenstrieb verloren hatte, zu einem Mindestmaß geregelter Tätigkeit anzuhalten, und er sah mit Beunruhigung dem ersten Orgelkonzert entgegen, das die alten Verehrer seiner Kunst mit Recht alsbald von ihm verlangen durften. Friedemann blieb sorglos und gelassen. Und dann saß er vor den Pfeifen und spielte wieder, und Doles hörte, daß Sebastians Sohn nichts von seiner Kunst eingebüßt hatte, daß er dem Gewaltigen und Erhabenen seiner Spielweise vielmehr eine solch unnennbare Innigkeit, einen wehmütigen Schmelz, eine so religiöse Begeisterung vermählte, daß es war, als wenn der Geist des alten Bach über den Räumen der Kirche schwebe. Friedemann sah Doles und Ulrike an und nickte ihnen zu, seine Mundwinkel verkniffen sich zu einem wehmütig-bitteren Lächeln, er fugierte als Schluß des Konzertes das alte Lied: »Willst du dein Herz mir schenken?« Nur die Freunde erkannten, wie tief das Elend des Mannes war. Mit feinem Verständnis und Einfühlungsvermögen wirkte das Kantorpaar auf eine Erneuerung, zumindest eine gesunde Umänderung des Wesens Friedemanns hin. Kein Mittel blieb unversucht, seine Überempfindlichkeit, seine Verachtung des »Menschengesindels«, seine Eigenliebe und grenzenlose Selbstüberschätzung, seinen Hang zum Nichtstun zu bekämpfen. Ihn sich selbst zu entreißen, ihn seinem Talent, dem Leben wiederzugeben, war Doles' und Ulrikes edles Ziel. Friedemann machte ihnen ihr Liebeswerk nicht leicht, und oft mußte der Freund gehässige Worte über sich ergehen lassen: »Halt's Maul, Herr Thomasorganist! Du kannst leicht schöne Redensarten machen! Schimpftest auf meinen Vater und bist selber nur ein Esel, konntest aber sein warmes Nest recht hübsch einnehmen! Ein feiner Nachfolger! Beim Satan! – willst du die paar Bissen, die ich hier esse, an mir abbläuen?!« Freilich reute ihn dann sein Benehmen im gleichen Augenblick und er fiel dem Freund um den Hals. »Ich bin ein gemeiner Lump, Bruder! Warum nur hast du mich aufgenommen?! Ach, verzeihe, ich bin zu unglücklich!« Am besten wurde noch Ulrike mit ihm fertig, und sie brachte es auch dahin, daß er nach langen Jahren wieder Geschmack am Schaffen, am Komponieren fand. Die ersten Versuche fielen glücklich aus und spornten ihn zu neuer Tätigkeit an; eine Reihe von Kompositionen entstand, die allgemein bewundert wurden, weil sie dem Geist des toten Meisters nahekamen. Auch die Unterrichtsstunden, die Doles ihm verschafft hatte und die er regelmäßig wahrnahm, übten einen wohltätigen Einfluß auf ihn aus. Ulrike, von den sichtbaren Erfolgen zu neuen Anstrengungen ermuntert, ließ Friedemann noch größere Fürsorge angedeihen und kam ihm dadurch auch innerlich näher. Je enger sich nun aber auch der Mann derjenigen anschloß, deren Liebe er einst verschmäht hatte, je mehr er ihren Frauenwert erkannte, desto tiefer entwickelte sich in ihm eine seltsame Art der Zuneigung, die in ihrer Mischung von Erinnerungsträumen an Towadei und nebelhaften Wirklichkeitsvorstellungen um Ulrike allmählich die Form eines sinnlichen Zwittergefühls annahm. Ulrike war weit davon entfernt, auch nur in Gedanken eine Untreue an ihrem Gatten zu begehen, aber die tragische Wirkung, die der in sich gebrochene erste Geliebte ihres Herzens auf sie ausübte, und der Wunsch, ihn ganz zu retten, versetzten auch sie in einen Zustand, der der Liebe nahekam. Doles konnte das eigentümliche Verhältnis nicht verborgen bleiben; er war verzweifelt, brachte es aber nicht über sich, den Störer seines Glückes, den »Hausfreund«, wie ihn der Klatsch der Nachbarinnen bereits nannte, aus dem Hause zu jagen. Er wußte, dann verkam der Freund und ging im Elend unter. – Trotz festem Vorsatz und gutem Willen verließ ihn aber gleichwohl öfter die Selbstbeherrschung. Er wurde mürrisch und wortkarg, ohne es zu wissen; er war unfreundlich oder gar hart zu Ulrike, abweisend und bissig gegen Friedemann, ohne es zu wollen. Langsam dämmerte in dem Ahnungslosen die Erkenntnis. Und als er eines Nachts später als gewöhnlich nach Hause kam und lautlos die Treppe zu seinem Stübchen hinaufstieg, hörte er aus dem ehelichen Schlafgemach verhaltenes Weinen und die Stimme Doles'. Er konnte sich nicht enthalten, das Ohr an die Zimmertür zu legen. »So wahr ich meinem seligen Vater Frieden wünsche«, schluchzte gerade Ulrike, »ich habe nur Mitleid mit dem Unglücklichen! Gewiß liebe ich ihn noch, aber nicht, wie du meinst! Ich habe ihn gern wie eine Schwester den verlorenen Bruder!« »O, wenn ich gewußt hätte«, antwortete der Gatte, »wie teuer ich seine Hilfe in Dresden dereinst würde bezahlen müssen, ich wäre lieber auf Stroh verendet! Friedemann, Friedemann, du bist mein Unglück!« Der heimliche Horcher nickte vor sich hin. Er schlich weiter, in seine Stube, schnallte die alte Tasche um, klemmte seine Violine unter den Arm und tastete sich leise wieder treppab. Er schloß die Haustür auf, schloß sie zu, schob, wie vormals in seinen Jugendtagen, den Schlüssel durch die Lücke der ausgetretenen Schwelle. Er drückte den Hut tief ins Gesicht und schritt davon. Zehn Jahre später. Auf dem Landgut des Tribunal- und Hofrates Friedrich von Eichstädt wurde die Feier des Erntedankfestes begangen. Nie ließ es sich die Gutsherrschaft nehmen, während der Wochen, in denen der Segen des Ackers in die Scheunen strömte, der stickigen Hitze Berlins und dem Treiben der Residenz zu entfliehen, um in Begleitung einer Schar auserwählter Gäste sich in gesunder Landluft zu erholen. Während die Bauern, angetan mit langem Rock und Lederhosen, sich im Dorfwirtshaus mit den Schönen im Tanze drehten, daß die schwarzen Bänder ihrer Hauben flatterten und die Henkeltaler am gebräunten Halse klingelten, saß die Gutsgesellschaft im Gartensalon des Sommerhauses in angeregter Unterhaltung. Die Fenster und Glastüren waren weit geöffnet, die würzige Sommerluft durchstrich den behaglichen Raum, und wenn der Blick der Versammelten sich von der Blumenpracht des parkartigen Gartens löste, so schweifte er über die Weite der Felder, Wiesen und Wälder bis hin zu den Potsdamer Bergen, die in der Ferne verdämmerten. Die stattliche Dame des Hauses, Antonie von Eichstädt, reich, geistreich, liebenswürdig, trotz ihrem Alter noch jugendschlank und schön, sagte mit gerunzelten Brauen zu einem Gast: »Sie sind in ihren Urteilen zu bitter, lieber Bach, so gerecht ich sie auch in mancher Beziehung finde. Es ist wahr, unsere Berliner Musik ist im Sinken. Seit Graun tot ist und Seine Majestät, von Alter und Sorgen geplagt, nicht mehr so eifrig wie sonst der Kunst pflegt, entweicht die Muse langsam aus den Mauern. Reichardt und Benda können den großen Meister nun einmal nicht ersetzen. Gewiß, ihre Arbeiten sind durchaus kunstgerecht, aber zu verstandeskalt.« »Verstandeskalt, meine Gnädige, das ist das rechte Wort! Und nicht etwa nur in Berlin, nein, überall in Deutschland ist die Musik jetzt so! Verzeihe mir's unser Freund« – er machte eine Verbeugung gegen den neben ihm sitzenden und aufmerksam zuhörenden Moses Mendelssohn – »aber unsere ganze jetzige Zeit ist verstandeskalt! Und die Musik ist nun einmal eine Herzenswissenschaft, die vor dem anatomischen Messer der Philosophie absterben muß. Mag es wie Arroganz im Munde des Sohnes klingen, aber ich behaupte, gnädige Frau, daß die ernste, die höchste Bedeutung der Musik, die der Kirche, seit meines Vaters Tode schlafen ging. Solange er lebte, war die Musik noch eine Macht der Glaubenslehre und in ihrer schönsten Mannbarkeit, jetzt, in der neuen Atmosphäre der Toleranz, ist sie erblichen!« »Und wenn Sie das so lebendig fühlen«, warf Mendelssohn ein, »wenn Sie selbst wissen, was zur Wiederbelebung des Kirchenstils not tut, warum schaffen Sie nicht selbst Werke in diesem Sinne, da Sie doch schon so viel Schönes komponiert haben? Warum wollen Sie sogar von Berlin weggehen, diesem Zentralpunkt des Nordens, in dem allein alle Bestrebungen weitgreifende Wirkung haben?« »Das allerdings, Verehrtester, schlägt mich! Es soll mich aber nicht abhalten, freimütig zu antworten. Wie sehr ich recht damit habe, daß jene Kunst wirklich verloren ist, erhellt daraus, daß auch ich viel zu sehr Mensch dieser Zeit bin, als daß ich meinem Vater nachstreben könnte. Einer allein, wenn er noch lebte, wäre fähig, meinen Vater wirklich zu ersetzen: mein Bruder Friedemann!« Die Unterhaltung stockte. Frau von Eichstädt hatte sich betreten abgewandt; sie gab, da eben die Musik aus dem Dorf sich näherte, einem Diener Befehle. Es war Brauch, daß die Bauern beim Herannahen des Abends ihrem Gutsherrn den Erntekranz brachten, der mit mancherlei Zeremonien und unter Musik im Flur des Edelhauses aufgehängt wurde. Man brachte das Wohl der Herrschaft aus und zog dann in die Schenke zurück, wo mit einem guten Trunk auf Kosten der Herrschaft und unter Sang und Tanz der Tag beschlossen wurde. Einen Marsch aufspielend, erschienen die Musikanten im Gefolge des Kranzes, vor dem gewichtig der Bürgermeister einherschritt, und paarweise folgten fröhlich die Landleute. Der Schulze hielt seine Rede, der Erntekranz wurde mit Juchzen und Hallo aufgehängt, der Herr von Eichstädt bot der Schulzin, der Schulze der Gutsherrin zum herkömmlichen Ehrentanz, einem Zweitritt, den Arm. »Wahrhaftig, die Leute spielen gar nicht übel! Ich habe noch keinen falschen Ton gehört!« bemerkte Emanuel Bach zu seinem Nachbarn, dem Historienmaler Bernhard Rode. »Es sind böhmische Musikanten dem Aussehen nach«, stellte Mendelssohn fest, »sie sind ihres Talentes wegen bekannt und ziehen durch die ganze Welt.« »Unseren jungen Freundinnen zuckt's in allen Gliedern. Sehen Sie nur, die kleine Geuder ist schon ganz Tanz!« lachte Rode. »Nun, wenn ich wüßte, daß ein Impromptu der Gesellschaft wünschenswert wäre und die Musici etwas Vernünftiges aufspielen könnten, würde ich, während die Bauern hier ihren Umtrunk tun, ein Entrement dansant vorschlagen!« meinte Frau von Eichstädt schelmisch. »Ach ja! Bitte, bitte!« riefen die jungen Damen wie aus einem Mund. Herr von Eichstädt trat zu den Musikanten und erkundigte sich, ob sie sich wohl getrauten, der Gutsherrschaft zum Tanze aufzuspielen. »Wir können alles, Euer Gnaden«, näselte der kleine Klarinettist, »Sarabanden, Menuett, Polonäse, Gigue und Galliarde, was befohlen wird.« Ein Tanz folgte dem anderen, die Fächer der Damen kamen nicht mehr zur Ruhe, die Zöpflein der jungen Herren wippten verwegen auf den reichbestickten Röcken von Atlas. Sogar die älteren Vertreter der Männerwelt schlossen sich von dem Vergnügen nicht aus, atmeten aber doch erleichtert auf, als die Zeit des Abendessens herangekommen war, das ihnen mit seinen auserlesenen Speisen und vorzüglichem Weinen geschätztere Genüsse bot. Geistreiche Witzworte flogen hin und her, und leises Geflüster ins Ohr einer schönen Tischnachbarin zauberte manch schämige Röte auf liebliche Mädchenwangen. »Fehlt nur noch die Tafelmusik!« äußerte Emanuel Bach, »Ich möchte wohl wissen, ob die Leute auch mit Besserem als mit Tänzen aufwarten können.« »Fragen wir sie halt, mein Lieber!« erwiderte Eichstädt, und beide begaben sich in die Ecke des Salons, in der es sich die Musikanten wohl sein ließen. »Ein Konzertstück, Euer Gnaden?« – der Klarinettist zuckte mit den Achseln – »nein, so weit haben wir's nicht gebracht. Aber der Lange da mit der Violine, wenn der aufgelegt ist, der kann's. Der ist ein Teufelskerl!« Eichstädt ersuchte den Geiger, der gerade ein großes Glas Wein durch die Gurgel rinnen ließ, ein Solo zu spielen. Der Angeredete schob die schmutzige Halsbinde zurecht, zupfte an den Fetzen seiner welken Busenkrause; ein stolzes Lächeln überflog sein durchfurchtes, verkommenes Antlitz: »Sehr wohl, Euer Gnaden! Befehlen Sie Violine oder Klavier?« »Klavier spielt Ihr auch?« rief Emanuel verwundert aus, indes der alte Musiker schon dem Instrument zuschritt. »Nun denn, Klavier!« »Was wünschen Sie? Eine Sonate, eine Phantasie, eine Fuge?« »Eine Phantasie!« bestimmte Frau von Eichstädt, ehe noch Emanuel Bach antworten konnte. Der Alte begann. Es war ein einfaches Thema, abgerissen, verflatternd, so hingeworfen, wie wenn ein armer, wandernder Kerl auf der Landstraße ein schmuckloses Volkslied vor sich hinträllert. Die Melodie hatte etwas so kindlich Frisches, eine so ursprüngliche Heiterkeit an sich, daß die Zuhörer unwillkürlich lächeln mußten. Dazwischen fuhr's hin und wieder wie ein unendlicher Schmerz, und dann wandelte sich das Thema in schwermütige Klageseufzer einer einsamen, verlorenen Seele, die vor des Lebens Unwettern zagt, die sich aufbäumt zum Kampfe, zum letzten, äußersten Ringen, und unter des Schicksals Schlägen ächzend zusammenbricht und verklingt. Aber dem letzten Scheideton, der das ermattete Herz verläßt, vermählt sich ein fernes Klingen aus der Höhe, ein süßes Palmenrauschen aus besseren Sphären, das sich herniedersenkt und das wimmernde Elend mit unvergänglichen Blumen der Freude zudeckt. Die Scharen des Himmels steigen nieder, es kommt der heimgegangene Vater zu seinem Sohne, die Himmel träufeln den Nektartau der Genesung auf ihn, und aus den ewigen Urtiefen des Weltraums tönt es: »Kein Hälmlein wächst auf Erden ...« Atemlos saß die Versammlung. Bis plötzlich Emanuel Bach aufsprang, bleich und entsetzt: »Das ist ... das kann nur mein Bruder Friedemann sein!« Die beiden Männer blickten sich ins Auge, sie lagen weinend einander in den Armen. Frau von Eichstädt überkam es wie ein ferner, unmöglicher Traum; sie trat zu den Brüdern: »Um Gottes willen, Emanuel, sagen Sie, ist das wirklich – Friedemann Bach?!« Jäh fuhr der Musikant empor, wurde leichenblaß, er griff sich nach dem Herzen, starrte die Sprecherin an: »Die Stimme? ... Ah, Antonie! Antonie Brühl! ... Ja, Friedemann Bach ist's! In Lumpen! – Weg, ich mag dich nicht sehen! Mich hat der Teufel hierher geführt!« Er stürzte nach der Türe, schleuderte einen Diener, der ihm den Weg versperren wollte, beiseite und verschwand im Dunkel des Gartens. Alle Nachsuche nach ihm blieb vergebens. Und Moses Mendelssohn, der kleinwüchsige Mann und große Philosoph, sagte nachdenklich: »Ist der Geist über uns ein Gott der Rache oder ein Gott der Liebe?« XXIII. Man konnte es den Berlinern nicht verargen, wenn sie zwei seltsamen Figuren, die in den Mauern ihrer Stadt lebten, zwei Sonderlingen wunderlichster Art, neugierige Aufmerksamkeit zuwandten und sie, je nach Einstellung und Temperament, mit Anteilnahme, gutmütiger Neckerei oder mit Spott, Hohn und Grobheiten bedachten. Bei allen Gegensätzlichkeiten in ihren Verhältnissen – denn der eine der Sonderlinge war weiblichen, der andere männlichen Geschlechtes, der eine war reich, der andere arm, der eine besaß ein stattliches Haus, der andere nur eine notdürftige Schlafstelle – besaßen sie doch auch Gemeinsames: beide waren alt, schon in den siebziger Jahren, und beide waren Musikenthusiasten, nur daß den einen musikausübende Frauen nicht interessierten, den anderen aber Frauen überhaupt nicht. Wohlmeinende Kreise nannten die eine Person die »seltsame Witwe«, das Volk nannte sie die Musikantenschachtel; den Mann bezeichneten beide als den »alten Musiker« oder auch den »tollen Musiker«. Die »seltsame Witwe« bewohnte, solange man zurückdenken konnte, das große Eckhaus an der Jerusalemer- und Krausenstraße. Früher war es ein tonangebender Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Residenz gewesen, und in den dort verkehrenden Zirkeln heimisch zu sein, galt für eine besondere Ehre und Auszeichnung. Schon einige Jahre vor dem Tod des Gatten, des Tribunal- und Hofrates Friedrich von Eichstädt, hatte sich das geändert. Eine plötzliche Melancholie war über die Frau des Hauses gekommen, sie wurde in sich gekehrt, von frostiger Höflichkeit; mehr und mehr mied die vornehme Gesellschaft ihren Salon, zogen sich die Freunde von ihr zurück. Als Eichstädt gestorben war, vereinsamte Antonie, deren Ehe auch ein Kindersegen versagt geblieben war, in noch stärkerem Maße. Sie vermietete den größten Teil des Hauses und behielt als Wohnung für sich nur das erste Stockwerk; dort führte sie mit ihrem steinalten Kammerdiener, dem längst verwitweten ehemaligen Müller von Trotha, und einer Köchin ein Leben eigener Art. Fast jeden Abend fand in den Räumen der »seltsamen Witwe« eine intime musikalische Veranstaltung statt. Dann wurde an nichts, was von dem alten Glanz des Hauses erwartet werden durfte, gespart, und neben unbekannten und aufstrebenden Talenten, die auf Unterstützung oder Förderung bedacht waren, gehörten Reichardt, Agricola, Fasch, Zelter, André und andere Größen der Tonkunst zu ihren Gästen. Aber sie blieben immer nur Gäste, ihr Vertrauter wurde keiner. Die einzigen Menschen, vor denen sie die Pforten ihrer innerlichen Vereinsamung zuweilen öffnete, waren die alten, bewährten Freunde Moses Mendelssohn und der Maler Rode. Den Beinamen »Musikantenschachtel« erwarb sich Antonie von Eichstädt jedoch weniger durch diese Musikabende als durch eine Gepflogenheit ihres Tagewerks. Es war nämlich zur feststehenden Regel geworden, daß sie, ihren Kammerdiener hinter sich, täglich einen Gang durch die Stadt machte und jedesmal einen anderen Weg wählte. Kam sie irgendwo vorbei, wo eine Violine, eine Zimbel, ein anderes Instrument ertönte, blieb sie stehen, hörte ein Weilchen zu, trat dann ins Haus und suchte den Musikbeflissenen auf, riß ihn durch vielerlei Fragen über seine Verhältnisse, seine Lehrer, seine musikalischen Bekanntschaften aus seinen Träumen und ging dann wieder ihres Weges. Ob sie dadurch verrufen und zum Gespött wurde, ob man von ihr die gemeinsten Dinge sagte, sie verhöhnte, oft mit Grobheiten und Schimpfworten davonjagte, konnte sie nicht beirren. Und da sie reich war und von keinem Bedürftigen schied, ohne freigebig gewesen zu sein, wurde sie schließlich sogar willkommen; manch einer wartete schon darauf, durch erlogene Geschichten und erheuchelte Armut ihren Geldbeutel möglichst großzügig in Anspruch zu nehmen. Die alte Dame schien auf ihren Wanderungen irgend etwas mit drängender Hast zu suchen; aber sooft sie auch mit ihrem Diener heimkehrte, sooft mußte sie müde und enttäuscht feststellen: »Es war wieder nichts!« Und wieder schloß sie ihr Nachtgebet mit dem Anliegen: »So laß mich ihn denn morgen finden, o Herr!« Als Antonie von einem Suchgang eines Abends verspätet zurückkehrte, obwohl die heutige musikalische Feierstunde durch das Erscheinen des berühmten Dresdener Opernkomponisten Naumann, der wegen der Aufführung seiner »Cora« für einige Monate in Spreeathen weilte, eine besondere Weihe erhalten sollte, traf sie ihren Freund Moses bereits an. Er küßte ihr teilnahmsvoll die Hand: »Sie sind heute länger geblieben als sonst?« »Und bin doch, wie immer, vergebens gegangen, mein Freund! Ach, diese stets neue Enttäuschung, das nagende Weh in mir: es ist schon eine harte Buße, die ich mir auferlegte! Und keine Aussicht auf Erlösung!« Die Tränen kamen ihr. »Da ich ein alter Freund und Mitwisser Ihres Geheimnisses bin, fühle ich mich, meine liebe gnädige Frau, schon lange versucht, Ihnen das Nutzlose Ihres Beginnens vorzustellen, das Ihnen nichts als ewig neue Schmerzen und lieblosen Spott einbringt.« »Das weiß ich, mein Bester! Glauben Sie ja, daß ich mir schon tausendmal alles das selbst sagte, was Sie mir sagen könnten!« »Wenn er nun aber tot ist?« »Es ist meine Bußpflicht, ihn solange für lebend zu halten, bis der Beweis seines Todes in meinen Händen ist. Selbst wenn er im äußersten Elend gelebt hätte, er kann nicht so vergessen wie ein anderer gestorben sein! Eine Seele wird doch von ihm wissen, ihm die müden Augen zugedrückt haben!« »Muß er denn aber gerade hier, in Berlin, leben?« »Er war hier! Ich habe ihn kurz nach meines Mannes Tod gesehen, verlor aber seine Spur. Er muß auch noch hier sein; denn in seinem Zustand konnte er nicht weiter. Ich muß ihn finden, lebend oder tot!« Mendelssohn ergriff ihre Hand: »Es schmerzt mich, daß Ihnen nicht zu helfen ist.« »Den Verdammten ist nicht zu helfen, Moses! Außer durch Gott! Die Vernunft, die Philosophie ist eine schöne Sache, aber für die Unglücklichen, die Herzkranken ist sie nichts! – Und wenn mein Tun töricht ist, lassen Sie mich! Wenn ich gestorben bin, werde ich vernünftig sein!« Sie nickte Mendelssohn zu und wandte sich nach der Türe, durch die der Kammerdiener zwei Besucher einließ, einen stattlichen Herrn von etwas hochmütiger Noblesse, der es jedoch an Gutmütigkeit nicht gebrach, den Komponisten Naumann, und ein hageres, bewegliches, kokett-zierliches Männchen, den königlichen Kapellmeister Reichardt. Kurz darauf erschienen noch Rode und Plümicke, der Dramaturg des Döbbelinschen Theaters, der sich durch seine »Miß Jenny Warton« und andere Bühnenstücke einen geachteten Namen erworben hatte. Frau von Eichstädts sorgenbeschwerte Mienen glätteten sich zu konventioneller Höflichkeit; unter der erheuchelten Anteilnahme an der allgemeinen Unterhaltung verbarg sie die Zerrissenheit ihres Herzens. Erfrischungen wurden herumgereicht, und unversehens wollte das Gespräch vom Tagesallerlei ins Politische hinübergleiten. Mendelssohn winkte ab: »Bleiben wir bei dem, was uns hier zusammengeführt hat, meine Herren, bei der Kunst.« Er legte Reichardt, der sich in der Rolle eines Freigeistes und Republikaners besonders gefiel, die Hand auf die Schulter: »Im Reich der Musik sind Sie Herr und Meister, lieber Freund, aber von der Politik – glauben Sie es mir! – verstehen Sie nichts, – und ich auch nicht. Die schönen Gefilde der Empfindungen, des rein menschlichen Fühlens und Denkens sind unser Besitz! Würde ich politisch, hörte ich auf, Philosoph zu sein. Und Sie?« Nicht ohne Beschämung verfügte sich Reichardt zum Klavier und begann mit dem Vortrag seiner berühmten Arie: »Weh, unter allen Qualen«, in die Naumann dann mit seinem hübschen Bariton einfiel. Später setzte er sich selbst ans Instrument. Er intonierte eine Badische Sonate. Voll und rein strömten die Klänge unter den Fingern des Dresdener Meisters hervor, trug die Abendluft die zauberhaften Melodien durch die geöffneten Fenster weithin über den Dönhoffplatz. Auf der Straße stand, unter einem Baum verborgen, ein stiller Zuhörer. Er schüttelte häufiger den Kopf, und als Naumann die Sonate beendete, rief er mit einer Stimme, die vor Mißbilligung bebte, laut zum ersten Stockwerk hinauf: »Falsch! Niederträchtig falsch! Den Schluß hat Bach niemals komponiert! Ein Pfuscher ist drüber gekommen!« »Die Stimme kenne ich!« schrie Frau von Eichstädt auf und stürzte ans Fenster. »Er ist's! Moses, er ist's!« Der Philosoph zog den Dramaturgen mit sich fort: »Rasch, Plümicke, kommen Sie! Den Menschen müssen wir haben!« Und auf der Treppe raunte er ihm zu: »Er ist, müssen Sie wissen, nämlich des großen Bachs Sohn Friedemann. Es bleibt aber bei Ihnen!« »Auf Ehrenwort!« Sie suchten den Dönhoffplatz ab, sie streiften durch die Leipziger Straße, die Kronenstraße, sie umschritten die Hausvogtei, bogen in die Oberwallstraße ein ... Sie fanden ihn nicht, den »alten Musikanten«. Und sie konnten ihn auch nicht finden! Denn seine Behausung, in die er sich längst verkrochen hatte, lag in jenem Stadtviertel der Armut und des Lasters um den Alexanderplatz herum, das von einem ehrbaren Bürger nie betreten wurde. In einem engen, schmutzigen Quergäßchen der Linienstraße, das von Trödlern, Kesselflickern, Buhldirnen und allerlei lichtscheuem Gesindel bewohnt wurde, besaß auch ein armer Sargmacher ein schon recht baufälliges Häuschen, und in die vier undichten Wände der kleinen, schrägen Dachkammer dieser Baracke teilten sich ein ewig betrunkener Flötist und Friedemann Bach. Wenn der lange, magere, verwitterte Kerl, in schäbige Lumpengarderobe gehüllt, sein Versteck verließ, um sich in irgendwelchen Budiken, in den Zelten oder in Moabit, des Leibes Notdurft zu erspielen, geschah es oft, daß mitleidige Seelen ihm ein Gläschen Schnaps nach dem anderen zuschoben; er verschmähte keines, wurde in der Trunkenheit aber etwas wunderlich, sprach viel und überheblich oder war schweigsam und finster. Leicht wurde er dann gemein, während er sonst nur grob war. Von dieser Grobheit konnten besonders die Musikmeister ein Lied singen; denn wenn »es über ihn kam«, tauchte er plötzlich bei einer musikalischen Veranstaltung, einer Opernaufführung, einem Kirchenkonzert auf, schnauzte den Violinisten, den Zimbalspieler oder Organisten an: »Steh auf, los!« und nahm seinen Platz ein. Niemand widersetzte sich ihm, und man durfte sicher sein, daß dem Auditorium ein vollendeter, nicht zu überbietender Kunstgenuß bevorstand. Im Anfang seines Auftretens hatten manche Kapellmeister versucht, dieses seltene Genie für sich zu gewinnen; aber er schlug einen ihm angetragenen festen Posten entweder rundweg ab, oder er versah sein Amt so liederlich, gab sich so hochmütig und selbstbewußt, daß sie froh waren, wenn sie ihn wieder abgestoßen hatten. In diesen Zeiten komponierte er auch noch zuweilen, konnte aber seine Partituren nie an den Mann bringen. Wer wollte schon was mit dem »tollen Musiker«, diesem verkommenen, groben, unheimlichen Kerl, zu schaffen haben?! Über den »tollen Musiker« unterhielten sich auch Naumann und Plümicke, der der Einladung des Komponisten zu einem kleinen Frühstück mit Rheinwein und Lachs um so lieber nachgekommen war, als ihm der Auftrag zum Libretto einer neuen Oper des Dresdeners winkte. »Erklären Sie mir, um Himmels willen, lieber Plümicke«, sagte Naumann, »wieso Frau von Eichstädt beim Vernehmen seiner Stimme in solche Bewegung geriet, warum Sie und Mendelssohn bis in die Nacht hinein Jagd auf den Alten machten?!« Plümicke zuckte, eingedenk seines gegebenen Wortes, die Schultern, und der andere fuhr fort: »Der Mensch muß jedenfalls gewußt haben, daß ich konzertiere; denn nach Ihrem Weggang erzählte der Diener der Gnädigen, daß der Mann schon lange zugehört habe und, als ich Reichardts Lied sang, sich erkundigte, wer da oben Musik mache. Hat er mich oder Frau von Eichstädt insultieren wollen?« »Sie müssen die Geschichte nicht wichtiger nehmen als sie ist! Ich glaube nicht, daß der Mann Ihnen eine Beleidigung zufügen wollte; es liegt so in seiner tollen Manier, seine Nase überall hineinzustecken, wo sich's um Töne handelt. Was nun unsere gute Freundin anbelangt, so werden Sie längst von ihren Marotten unterrichtet sein, allem, was zur Tonkunst gehört, nachzuspüren. Irgendein Vorgang in der Familie, der Verlust eines musikalischen Freundes ... was weiß ich!« Das Gespräch wurde durch Naumanns Bedienten unterbrochen: »Herr Kapellmeister, mit Respekt zu vermelden, draußen steht ein Mensch, der sehr schofel aussieht, aber den Herrn unbedingt sprechen will. Er sagt, wegen der Bachschen Sonate von gestern abend.« Naumann fuhr auf, aber Plümicke sagte rasch: »Lassen Sie ihn auf jeden Fall herein!« Die Tür öffnete sich, der alte Musiker trat ein, und der Opernkomponist ging mit vornehmer Miene auf ihn zu: »Was will Er? Will Er vielleicht seine ungewaschene Kritik fortsetzen? Er sieht gerade aus, als ob Er mich verbessern könnte!« »I, das will ich gar nicht! Sie will ich nicht verbessern, Herr Kapellmeister – wer möchte so etwas tun, wenn er Ihren dicken Bauch und das Fettgesicht sieht? – aber die Sonate will ich verbessern! Die ist falsch! Den Schluß hat Bach nicht gemacht! Von Ihrem Spiel red' ich nichts, das ist leidlich, aber die Komposition ist verhunzt. Wer Bachsche Sachen spielt, der soll sie richtig spielen – oder es ganz bleiben lassen!« Naumann war außer sich vor Zorn: »Ist mir sowas vorgekommen! Tut der Kerl nicht gerade, als wenn er der Herr Apollo selber wäre? Ich werde noch toll! Setz Er sich doch selber hin, zum Kuckuck, und spiel Er's besser! Aber arretieren laß ich Ihn, wenn Er nicht zeigt, wie man's machen muß, Er Skandalmacher!« »Na, was haben Sie denn? Dazu bin ich hergekommen. Sperrt die Ohren auf, Herr Kapellmeister aus Dresden, damit Ihr den Schluß richtig hört!« Naumann stand vor dieser gewichtigen Grobheit still, und der Musiker setzte sich ans Klavier. Der Kapellmeister reichte ihm die Noten hin, aber der Alte schob sie verächtlich beiseite: »Ach was, Unsinn, ich kenne den Bach auswendig!« Er begann mit dem Spiel. Und nicht allein, daß er das Tonstück, in meisterhafter Beherrschung der Technik, mit dem Glanz einer unendlichen Reinheit und Innigkeit umzauberte, er fügte ihm auch einen Schluß bei, der, als Krone des Ganzen, nun erst die völlige Tiefe des Gedankens erschloß. Den Zuhörer erfaßte eine scheue Ehrfurcht vor der musikalischen Bedeutsamkeit des alten Mannes. »Verzeihen Sie mir! – Sagen Sie, wer sind Sie bloß, daß Sie solche Sachen spielen können und doch im Elend sitzen? Wie kommen Sie zu dem Schluß?« Der Musiker erhob sich, er sagte, einfach und etwas schamhaft: »Ich muß meines Vaters Stücke wohl am besten kennen!« »Friedemann Bach!« schrie Naumann auf, und Plümicke murmelte: »Das ist also der Verlorene!« »Ja, ich bin's! Das ist mein Stolz, aber – auch mein Elend!« Die behäbige Gestalt des stolzen und berühmten Komponisten und Kapellmeisters krümmte sich zusammen; er bückte sich tief, nahm die Hand des bettelhaften Greises und drückte sie an seine Lippen. »Erlauben Sie mir, Herr Bach, daß ich Ihnen danken darf! Was ich geworden bin, wurde ich durch Sie, durch das hohe Beispiel, das Sie mir gaben! Erinnern Sie sich noch des Bauernjungen, der in Dresden immer auf den Chor kam, um Sie zu hören, des armen Tölpels, dem Sie so wohlwollten, der Sie besuchen durfte, den Sie immer wieder ermunterten? O, ewiger Gott, du führst uns wunderbare Wege! – Das hier, Plümicke, ist der erste Musiker der Erde; keiner war größer, nur sein Vater!« »Ich erinnere mich deiner noch sehr wohl, Naumann. Du bist ein tüchtiger Kerl geworden, und es freut mich, daß dir der Hochmut noch nicht ins Gehirn stieg und daß du mich nicht vergessen hast! Du wirst mir die Bitte erfüllen – und der Herr Theaterdichter wird es wohl auch tun – daß ihr aus Ehrfurcht vor meinem seligen Vater es jeder lebendigen Seele verschweigt, daß ein elender Kerl, wie ich, der Sohn des großen Sebastian ist. Seit ich Lumpen trage, habe ich meinen Namen abgelegt! Sollte mir aber Gott in meinen letzten Tagen noch vergönnen, ein Werk zu schaffen, von dem alle Welt fragt: ›Wer ist der Komponist?‹ – dann will ich sagen: ›Ich bin's, Bachs Sohn!‹ – So lange aber will ich ein Bettler bleiben, und Fluch dem ehrlosen Hund, der mich verrät!« »Bei meiner Seligkeit, nie, mein Meister!« rief Naumann, und auch Plümicke beteuerte es. Als sich aber der Komponist, nicht ohne Zagen und Stocken, erkundigte, ob er, seinen ehrlichen Dank für erwiesene Wohltaten abzustatten, wohl imstande sei, mit irgend etwas zu dienen, bellte Friedemann ihn an: »Almosen?«, – beherrschte sich jedoch sogleich und fuhr in gnädigem Ton fort: »Ich dank' Euch schön, Naumann! Jetzt nicht! Der Meister darf sich vom Schüler nicht protegieren lassen. Um Euch aber nicht wehe zu tun, will ich Euch sagen lassen, wenn ich einmal krank bin und mir gar nicht mehr helfen kann.« Er nickte herablassend und verschwand. Plümicke stand sinnend. Er ahnte nun den Zusammenhang des Geheimnisses um Friedemann und Antonie, und ein plötzlicher Gedanke, wie dem Sohn Sebastian Bachs zu helfen sei, durchzuckte ihn. »Naumann, ich habe eine Idee! In einer Stunde bin ich zurück!« Der Dichter eilte Friedemann nach und traf ihn gerade noch, als er über die Jägerbrücke schritt. »Ein paar Worte noch, geehrter Herr! Ich habe die Absicht, eine Oper – oder besser: ein musikalisches Drama – zu schreiben. Darf ich mir anmaßen, Sie um Ihre Beurteilung des Planes zu bitten? Vielleicht wären Sie sogar geneigt, die Komposition zu übernehmen, und ich hätte die Ehre, meine schlichten Verse durch Sie gekrönt zu sehen!« Friedemann blieb stehen und lächelte in freudigem Stolz: »O, das ist gut! Das ließe sich hören!« Dann aber sah er den Poeten ernst und mißtrauisch an: »Und was wollen Sie bei der ersten Aufführung auf den Zettel setzen?« »Nun, ganz einfach: ›Lasus und Lydie‹, dramatische Oper vom ›alten Musiker‹, Text von Karl Martin Plümicke.« »Das ist was anderes! – ›Lasus und Lydie‹ ... hm ... nun schön, wo wohnen Sie?« »Behrenstraße 57.« »Morgen nachmittag komme ich. Aber, ich finde Sie allein, und Sie schweigen über die Geschichte! Bis nach der Aufführung will ich ein namenloser Bettler bleiben. Guten Morgen!« Antonie wußte nunmehr, daß Friedemann noch lebte, und zwar in Berlin – mehr nicht; Naumann wußte, daß der »alte Musikant« Friedemann Bach war – mehr nicht. Nur Plümicke besaß ein größeres Wissen um die Dinge, aber er schwieg und ließ die »seltsame Witwe« weitersuchen und den Kapellmeister weiterraten. Er durfte sich vorerst nicht die Berechtigung zuerkennen, das Geheimnis zu entschleiern, aber er versäumte nichts, um das künstlerische Vorhaben, durch das Friedemanns Not fürs erste ja zu lindern war, störungslos durchzuführen. Nach erfolgreicher Erstaufführung ergab es sich dann von selbst, den Musiker der Verborgenheit zu entreißen und dem Kreis der Freunde zuzuführen. Friedemann Bach kam jeden Mittag um zwölf Uhr zu dem Dramaturgen; sie aßen zusammen und arbeiteten dann bis in die sinkende Nacht. Zum Abschied tranken sie ein Glas Wein, und der Alte verschwand in der Dunkelheit. Hatte Plümicke im Theater zu tun, so blieb Friedemann allein in der Wohnung. Der Dichter hatte ihm sein geräumiges Schlafzimmer eingerichtet und das Klavier hineingestellt, so daß er selbst dann ungestört schaffen konnte, wenn Besuch anwesend war. Der Autor der »Miß Jenny Warton« war Junggeselle; er konnte von seinen literarischen Arbeiten zwar höchst anständig, aber nicht im Überfluß leben, und Vermögen besaß er nicht. Wenn er nun auch alles tat, was in seinen Kräften stand, um den Musiker zu unterstützen, so blieb es doch wenig genug. Er teilte sein Essen und Trinken, seinen Tabak, auch einmal seine Wäsche mit ihm, mußte aber immer vorsichtig dabei verfahren, da Friedemann im Annehmen sehr empfindlich war. »Es ist ja alles nur geliehen, Herr Bach«, mußte er regelmäßig betonen, »wenn erst unsere Oper heraus ist, sind Sie ein gemachter Mann!« »Wenn sie noch herauskommt!« antwortete der Alte dann ernst und nachdenklich. Er konnte sich nicht verhehlen, daß seine Kräfte Woche um Woche mehr nachließen. Hatte schon sein ewiges Wanderleben, das Dasein zwischen dem Staub der Landstraße und der Fuselluft einer Fuhrmannskneipe, zwischen Hunger und Überfluß, Elend und dem Schnapsglas der Vergessenheit seine Gesundheit untergraben, so machte sich bei der nunmehrigen verzweifelten Überanspannung seines Geistes und Körpers eine ernste Erkrankung stets fühlbarer bemerkbar. Er hatte das Gallenfieber. Immer häufiger sackte er, wenn Plümicke nicht zugegen war, zusammen und verfiel dann oft in jenen zwiespältig-fatalistischen Seelenzustand, der seinem weggeworfenen und verlorenen Leben entwachsen war, ein Zustand, in dem er das ganze Sein als ein nur planloses Walten von Zufälligkeiten betrachtete, in dem alles ebensogut sein wie nicht sein konnte. Man hatte dieses eigentümliche Sein ganz einfach hinzunehmen, mit Gelassenheit, Humor und Ironie! Man war gläubig und verneinte, man negierte und glaubte doch, man gab sich auf und strebte dennoch, man vegetierte, arbeitete und tat doch nichts, man zerfetzte sich selbst und machte sich gleichwohl geltend. Was hatte alles noch für einen Sinn?! ... Aus jedem solchen Zusammenbruch richtete Friedemann sich aber gewaltsam immer wieder auf. Scham, der alte Stolz, Sebastians Sohn zu sein, erwachten in ihm, bannten die Gleichgültigkeit, spornten Geist und Phantasie, trieben ihn an, die versiegenden Kräfte seinem letzten Werk zu weihen, um wenigstens im Sterben sagen zu können: »Ich habe mich wieder zu Ehren gebracht, mein Vater!« Das Bühnenstück »Lasus und Lydie«, dessen Stoff Marmontel geliefert hatte, war eine eigenartige Arbeit, nicht Oper, nicht Drama, eigentlich aber doch beides. Plümicke hatte seine Dichtung zu einer Tragödie mit Chören gestaltet, die wieder auf die Bretter zu bringen Friedemanns Lieblingswunsch war, und dieser versah sie mit musikalischen Entreakten, den Dialog teilweise mit Musik, so daß das Ganze ein melodramatisches Gepräge erhielt. Zwei Szenen wurden so eingerichtet, daß ihm Gelegenheit zu zwei Liedern, eins für den Helden, eins für die Heldin, gegeben war; sie sollten die künstlerische Spitze bilden und im Verlauf der Handlung überall anklingen. Friedemann gab überhaupt vielfache Anregungen für die Textgestaltung. Er war es, der, indem er rückhaltlos aus dem wildsprudelnden Born seiner eigenen Erlebnisse und Erfahrungen schöpfte, den handelnden Personen erst zur Geschlossenheit und tragischen Größe des Charakters verhalf, der durch spannungs- und leidenschaftsstarke Akzente den entscheidenden Auftritten die erschütternde Wirkung verlieh. Lasus, der liebende Held, bekam die Wesenszüge einer rauhen, selbstsüchtigen Friedemann-Natur, Lydie, die treulose und doch liebende, ewig den verlorenen Gegenstand ihrer Zärtlichkeit suchende Heldin glich Antonie, und in der Arie des Lasus, einer schwermütig-verzweifelten Klage um Lydies Untreue, weinte, auch musikalisch durch Anklänge an die Melodie des unvergeßlichen Zigeunerliedes ausgedrückt, der Sehnsuchtsschmerz um Towadei. In rastlosem Fleiße war das Werk bis zum Ende des dritten Aktes gediehen, und nun wurde der vierte, letzte in Angriff genommen, der das tragische Wiederfinden von Lasus und Lydie im Tode darstellen sollte, das, wie Friedemann sagte, »mit dem Auflösen in die Harmonie des Jenseits« seinen Ausklang finden würde. Aber das langsame Auflösen, das Näherrücken des Jenseits war es auch, was Friedemann täglich mehr spürte, und zu Ende des Winters stand er nicht länger ab, seine Krankheitsanfälle und schlimmen Befürchtungen Plümicke zu offenbaren. Dieser konnte sich der so augenscheinlichen Wahrheit des Vernommenen nicht verschließen, und er beschloß, ohne Zögern alles zu tun, um dem bemitleidenswerten Greise wenigstens einen letzten Lorbeerzweig um die todgezeichnete Stirne zu winden. Der Dramaturg war nicht nur die rechte Hand, er war auch der künftige Schwiegersohn Döbbelins, und so weihte er seine Braut in das Geheimnis des »alten Musikers« und sein eigenes Verhältnis zu diesem ein; er bat sie, den Vater zu vermögen, in einer Teilaufführung des Werkes, mit Bühnenbildern und in antiken Kostümen, die beiden Szenen mit den Liedern des Lasus und der Lydie herauszubringen. Mademoiselle Döbbelin war Feuer und Flamme, und da ihr die Rolle der Heldin selbst lag, da sie als ausgesprochener Liebling der Berliner das Publikum sozusagen in der Tasche hatte, fiel es ihr nicht schwer, den Vater für den Gedanken zu erwärmen. Herr Carl Theophilius Döbbelin entschloß sich, »das Ding zu probieren«. Während der Nacht schrieb Plümicke die Partitur der beiden Szenen ab, der Kapellmeister André, dem man sagte, daß das Werk von einem hochgestellten Dilettanten sei, studierte die Musik und die Chöre ein, die Proben begannen. Da die beiden Auftritte einen Abend aber nicht ausfüllten und man nicht wissen konnte, ob die unbekannte Oper Zugkraft genug besitzen würde, gesellte man ihnen als gegensätzliche Ergänzung das Lustspiel »Der Egoismus«, nach dem Französischen des Cailhava, zu. Friedemann hatte von dem in der Ausführung begriffenen Vorhaben keine Ahnung; der Dichter wollte ihm erst nach der Generalprobe, die am Vortag der Aufführung stattfinden sollte, Mitteilung machen. Der Alte arbeitete weiter, aber der vierte Akt ging ihm viel langsamer von der Hand als die anderen. Sein Übel steigerte sich von Tag zu Tag, und er mußte immer längere Pausen einlegen, um sich wieder zu erholen. Durch die Tätigkeit an der Oper verhindert, sonstigem Verdienst nachzugehen, und zu stolz und zartfühlend, um den hilfreichen Freund, der selbst nicht aus dem Vollen schöpfte, noch stärker in Anspruch zu nehmen, sah er keine Möglichkeit, der Dürftigkeit seiner Existenz auch nur in etwa zu steuern; es gab fast nichts mehr, was er nicht entbehrt hätte. Der Frühling mit seinem Ungestüm und brausenden Werden machte ihm besonders schwer zu schaffen, und in der letzten Maiwoche stand er einmal vor dem Spiegel, der in seinem Arbeitsraum, noch an dessen eigentliche Bestimmung erinnernd, hing und grüßte sein trauriges Ebenbild: »Ah, guten Tag, Herr Todeskandidat! ... Ja, ja! wenn alles so käme, wie wir's gewollt haben, wie schön wäre das Leben! Aber es kommt nicht so! Ewig streckt das Schicksal seine Teufelskralle dazwischen, schiebt uns mit Gewalt aufs schwankende Brett der Minute, bläst uns hirnverwirrende Leidenschaften ein, quält uns mit Erinnerungen, reibt uns jede Versäumnis unter die Nase, – und sind wir endlich vernünftig geworden, treten wir auf den wahren Weg zu unserer Bestimmung, dann läßt uns der Hundekadaver im Stich und wir klappen zusammen! Die welkende Materie ist die einzige Logik im Sein! Faulen ist die Losung aller Dinge! O, Friedemann, hättest du deinem Vater gefolgt, als er in Leipzig sagte: ›Heirate! Wem die Kunst das Leben ist, dem ist das Leben eine große Kunst!‹ – Ich stehe hier an der Schwelle des Grabes und muß mir sagen, daß ich das Leben nicht verstand! Und, zum Teufel, auch die Kunst hab' ich nicht verstanden! Da hat's mein verstorbener Bruder Christian besser gemacht, der Herr Italiener! Hat für die Frauenzimmer geduldet und ist ein großes Tier geworden! Ja, ja! wer die Schürzen für sich hat, der sitzt warm! Und doch, so arm und alt ich bin, Ehre meinen Lumpen! In meinen Händen ist, wie in denen meines Vaters, die Göttlichkeit der Musik nie besudelt worden! ... ›Lasus und Lydie‹ ... Ja, gewiß! Es liegt etwas von der alten Hoheit meines Namens in dieser Arbeit, ein Menschheits-, ein Gottesgedanke liegt in ihr! ... O, nur zu spät! jetzt ist's zu spät!« Gebrochen war er auf dem Sofa zusammengesunken, und so fand ihn Plümicke noch, als er vom Theater zurückkam. »Bach!« rief er ihm zu, ohne dessen schlimmes Befinden nur im geringsten zu beachten, »sehen Sie mir an, was heute mit mir los ist?« »Was soll schon los sein? Ein Glas Wein haben Sie getrunken, das ist alles!« »Ja, Wein habe ich getrunken, Friedemann! Nicht nur eine Flasche, nein, ein ganzes Faß, ein Meer habe ich ausgezecht! Aber geistigen Wein, lieber Freund, und von jener taumelerregenden Sorte, die den Künstler beseligt fürs ganze Leben!« »Das verstehe der Satan!« »Friedemann! Herzensfreund, Kunstgenosse! Wollen Sie mir versprechen, nicht böse zu werden über das, was ich aus Liebe zu Ihnen tat?« »Na, ja doch! Sagen Sie nur endlich, was los ist!« »Ich komme eben von der Generalprobe eines Meisterwerks, das alle, die es hörten, zu maßlosem Jubel begeisterte. Morgen abend wird es gegeben. Hier haben Sie das Programm – es kam eben aus der Druckerei – sehen Sie selbst!« Friedemann öffnete, verwundert über das seltsame Gebaren des Dramaturgen, den zusammengefalteten Zettel und las mit halblauter Stimme: »Sonnabend, den 26. Mai 1784. – Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung. – Döbblinsches Theater. – ›Der Egoismus‹, Lustspiel ... Ja, in drei Teufels Namen, was soll ich damit?« »Nur weiter, Bach!« »Nach dem dritten Akt: Aus der neuen Oper ›Lasus und Lydie‹ von einem alten Musiker – Szene aus dem zweiten Akt mit Arie des Lasus und Szene aus dem dritten Akt mit Arie der Lydie. Chor des Volkes, Chor der Furien. Schauplatz der Handlung: Megara in Griechenland.« Das Blatt entfiel seiner zitternden Hand, er taumelte, mußte sich an den Verkünder der Glücksbotschaft anklammern. Der Dichter sprach ihm gut und zuversichtlich zu: »Sie kommt heraus! Sehen Sie, sie soll heraus! Und wenn Sie noch so schwach sind, die Freude und Sehnsucht Ihres Alters soll Ihnen der Tod nicht stehlen dürfen!« Als der erste Rausch der glückhaften Freude und Überraschung abgeklungen war, hatte Friedemann tausend Fragen an Plümicke: wie diese oder jene Stelle ginge, ob da das Horn, hier die Violine die Oberstimme richtig nähme, wie die Szenen sich im ganzen machten. Und der verfluchte Chor! Ob denn die Furien a tempo einfielen, ob denn ... »Nein«, sagte er, als er den Dramaturgen endlich verließ, »zur Aufführung komme ich nicht! Das kann ich nicht! Aber morgen mittag bin ich hier, wie immer.« Während der Nacht trat in der Krankheit Friedemanns eine rapide Verschlimmerung ein; er bekam hohes Fieber. Und während er sich schmerzzerquält auf seinem elenden Lager wälzte, entdeckte Plümicke seinen Freunden Mendelssohn und Naumann endlich die Vorgänge, die sich in den verschwiegenen Wänden seines Heims seit jenem Rheinweinfrühstück mit dem Kapellmeister zugetragen hatten. Der Philosoph eilte sofort zu Antonie, Naumann rührte in seinem großen Verehrer- und Bekanntenkreise die Werbetrommel und machte sogar dem Grafen Gotter einen Besuch, womit auch die Prinzessin Amalie von dem künstlerischen Ereignis des Abends genauere Kunde erhielt. Eine größere und glänzendere Versammlung war denn auch, seit Brockmann den Hamlet gespielt hatte und seit Goethes »Götz von Berlichingen« gegeben wurde, in dem Theater Döbbelins nicht mehr gesehen worden. Mendelssohn, Rode und Naumann saßen zusammen in einer Loge; im Hintergrunde hielt sich eine alte, schwarzverschleierte Dame verborgen, die äußerst aufgeregt war. Plümicke hatte hinter der Szene zu tun. Unruhe und Beklommenheit trieben ihn fahrig hin und her. Was mochte nur mit Friedemann Bach los sein? Am Mittag war er nicht gekommen, die Vermutung, er könne sich heimlich vielleicht doch im Zuschauerraum aufhalten, stellte sich als falsch heraus, und auch vor dem Gebäude war er nicht zu finden gewesen. Die Vorstellung begann. Der Kapellmeister hob den Taktstock, es wurde still im weiten Raum ... Es blieb still, feierlich still im weiten Raum, bis Lasus, im halben Wahnsinn zur Laute greifend, sein Lied beendete, in das als fernes, grausiges Echo der Ruf der Furien: »Verderben ... Verderben!« unheilverkündend hineinschrillte: »Entzwei des Lebens Blütenkranz, Verraucht des Ruhmes Träumen. Verflucht seist du, verhaßter Tanz, Des Lebens Wogenschäumen! Gleich Luft und Schall verflattert sei Mein Wähnen, Wähnen, Wähnen – Das Ende meines Seins ist Reu' Und Tränen, Tränen, Tränen.« Der Vorhang fiel. Ein Sturm des Beifalls erschütterte das Haus. Man rief nach den Darstellern. Wieder und wieder mußte sich der Vorhang heben und senken. Man verlangte nach dem unbekannten Komponisten. Man wollte ihn sehen, diesen »alten Musiker«. Umsonst! Döbbelin gab dem Publikum eine entschuldigende Erklärung ab. Dann wenigstens den Namen! Auch den nicht! Da erhob sich Naumann in seiner Loge, beugte sich weit über die Brüstung und rief: »Der Komponist ist Friedemann Bach, der Sohn des großen Musikers!« Neuer Jubel brauste auf ... Und aus dem Schatten des Theatereingangs löste sich eine verlumpte Gestalt, die trotz der schönen Maiennacht von Frostschauern durchschüttelt wurde; sie wankte taumelnd davon, dem Stadtviertel des Elends zu, sie murmelte: »Ich hab's erreicht, Vater!« Am folgenden Mittag wartete Plümicke wiederum vergeblich auf seinen greisen Freund. Er befürchtete nun das Schlimmste, vermochte aber in keinerlei Weise helfend einzugreifen, weil er den Aufenthaltsort des »alten Musikers« nicht kannte. Er beriet sich mit Frau von Eichstädt und Naumann, und sie kamen überein, den Grafen Gotter zu benachrichtigen. »Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre Mitteilungen«, sagte der Graf, nachdem er sich auch über die kleinsten Nebenumstände unterrichtet hatte, »und darf Sie versichern, daß nichts unversucht bleiben wird, um Friedemann Bach zu finden. Ich fahre sofort zu Seiner Majestät.« Fredersdorff, der alte Kammerdiener des Königs, wollte Gotter anfangs nicht melden, da sich die Minister zu einer wichtigen Konferenz im Arbeitszimmer des Monarchen bereits versammelt hatten, wagte auf die bittenden Vorstellungen des Audienzheischenden hin aber schließlich doch die Störung. »Hat der Gotter keine bessere Zeit gewußt als jetzt?« fragte der König etwas ungehalten. »Na, er mag kommen!« »Majestät wollen gnädigst verzeihen ...« begann der Eintretende, wurde aber von Friedrich unterbrochen: »Schon gut, Gotter! Das muß schon was sehr Dringendes sein, wenn Er gerade jetzt kommt. Was will Er?« »Majestät haben mir gegenüber einmal von der letzten Unterredung mit dem verstorbenen Johann Sebastian Bach gesprochen und dabei auch des Versprechens Erwähnung getan, das Sie ihm wegen seines Sohnes Friedemann gaben.« »Na, und?« »Dieser Friedemann Bach lebt unbekannt und verborgen, vollkommen verelendet und krank in Berlin. Er hat trotz seinem Zustand eine Oper komponiert, von der, bei maßlosem Applaus, gestern einige Teile aufgeführt wurden. Da der Mann nirgends zu finden und so herunter ist, daß man seine Auflösung befürchten muß, hielt ich's für meine Pflicht, sofort Meldung zu erstatten.« Der König fuhr betroffen auf: »Was sagt Er da? In Berlin, krank, in Armut? Und hat ein Meisterwerk geschrieben? Bei Gott, der Fall ist mir wichtig! Philippi soll den Bach sofort suchen lassen, jede Minute ist kostbar! Ich bestelle Ihn zur Überwachung, Gotter, und mache Ihm die äußerste Fürsorge zur Pflicht, wenn man den Alten gefunden hat! Ich muß dem toten Vater mein Wort halten, und Er steht mir dafür, Graf Gotter, daß ich's kann! – Eile Er nun! Ich erwarte Ihn bald mit günstiger Antwort!« Als Friedrich die Ministersitzung beendet hatte, ging er, jede Begleitung ablehnend, langsam ins Zedernzimmer. Er entnahm einem besonderen Fache seiner Bibliothek ein Notenmanuskript, das ihm Meister Sebastian einst dediziert hatte, griff nach der geliebten Flöte und hielt eine Andachtsstunde nach seiner Art. Währenddessen flog der Wagen Graf Gotters nach Berlin. Er suchte sofort den Oberbürgermeister, Kriegsrat Philippi, der die Verwaltung der Polizei unter sich hatte, auf und machte ihn mit dem Befehl des Königs bekannt. Noch am gleichen Tage berief Philippi die Kommissare des abzusuchenden Stadtviertels; er trug ihnen auf, alle Armenvögte, Exekutoren, sämtliche mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Polizeibeamten aufzubieten und sie – bei Androhung strenger Bestrafung für jede Nachlässigkeit – zu verpflichten, des Meisters Friedemann Bach, genannt der »alte Musiker«, unter allen Umständen habhaft zu werden, auch alle Personen, die über ihn oder sein Verbleiben irgendwelche Auskunft geben könnten, festzuhalten und dem Kriegsrat persönlich vorzuführen. Eine fieberhafte Suche nach dem Verschollenen setzte ein. Spuren wurden aufgenommen, verfolgt, wieder fallen gelassen. Der Musiker war wie vom Erdboden verschwunden. Endlich – der Juni war fast verstrichen – brachte der Polizeimeister der Königsvorstadt in Erfahrung, daß der »einäugige Anton«, ein alter Flötist, wohl der einzige zu einer Auskunft fähige Gewährsmann sei, weil Bach mit ihm zusammen am häufigsten in den Kneipen aufgespielt hatte. Anton wurde schnell gefunden. Er gab zu Protokoll: »Ich habe schon seit dem Spätherbst vorigen Jahres nicht mehr mit dem ›alten Musiker‹ zusammen gespielt. Früher wohnte er mit mir in dem Hause des Sargmachers, verschwand aber eines Tages. Wohin, wußte ich nicht. Später einmal, vor ein paar Wochen, war ich im Stelzenkrug; ich hatte da gespielt und trank gerade einen, als er in den Keller kam. Er sah sich nach niemand um, setzte sich in eine Ecke, ließ sich ein Glas Branntwein kommen und nahm ein altes Buch aus der Tasche, in dem er las. Ich ging zu ihm hin und sagte: ›Guten Abend, was tust du denn?‹ – ›Ich lese, laß mich zufrieden, Anton!‹ sagte er, und ich darauf: ›Was liest du denn da für eine alte Schwarte, daß du deinen Freund nicht einmal ansiehst?‹ – ›Schwarte?‹ fauchte er mich an, ›dieses Buch ist das größte Wunderwerk der Tonkunst, das es gibt, und es ist von meinem Vater!‹ Er steckte das Buch in die Brusttasche, knöpfte den Rock zu und ging. Ich schlich ihm dann nach, um zu wissen, wo er wohnte. Er ging nach der Neuen Königstraße, die Nummer weiß ich nicht mehr, aber es war das vorletzte Haus links. Vor der Türe stand eine Lumpensammlerin, die oben wohnt; sie empfing ihn, und ich dachte mir, daß er bei ihr wohl wohnen muß. Später wollte ich einmal ein Tanzstück von ihm; ich ging also hin, aber die Alte fuhr mich an und sagte: ›Hier wohnt kein Musiker!‹ – Das ist alles, was ich weiß.« Philippi setzte sofort den Grafen Gotter von der Aussage Antons in Kenntnis, und die beiden Männer beschlossen, sich von dem Tatbestand selbst zu überzeugen, indem sie bei der Lumpensammlerin Haussuchung hielten. Naumann, der bei der Beratung zugegen war, weil er sich gerade über den seitherigen Verlauf der Ermittlungen hatte erkundigen wollen, nahm die Gelegenheit wahr, für sich, Frau von Eichstädt, Mendelssohn und Plümicke um die Erlaubnis zur Teilnahme nachzusuchen; sie wurde ihm ohne weiteres gewährt. Es war so! Im dritten Stockwerk des von dem Flötenspieler bezeichneten Hauses wohnte Friedemann Bach, der über Nacht berühmt gewordene Meister der Töne, der sich vor seinem Triumph und Sieg versteckte. Der »alte Musiker« ruhte auf einem Strohlager, hager und langgestreckt, abgezehrt, matt, mit schwachem Atem und stockendem Pulsschlag. Von den verkniffenen Mundwinkeln hatte ein feines, erdenfernes Lächeln alle Bitterkeit weggewischt. Zu Häupten des Schwerkranken saß die Lumpensammlerin und umtreute ihn mit jener zärtlichen und behutsamen Sorgfalt, die nur eine tiefe, ein ganzes langes Leben ausfüllende und umfassende Liebe gewähren kann. In den auffallend großen, immer noch schönen, aber müde gewordenen Augen der alten Frau leuchtete es zuweilen wie ein heller Widerschein glückseliger Erinnerungen auf, und wenn sie nun mit linder Hand den Schweiß der Schwäche von der bleichen Stirn des Röchelnden nimmt, so taucht eine Felsenkuppe vor ihr auf, über der die Abendsonne strahlt und um deren Gipfel sehnsüchtige Melodien einer Geige schweben, und ein Ruhelager im schwellenden Moos und das Liebesschluchzen einer Nachtigall im Tal ... Und sie sieht sich wandern, rast- und ruhelos, jahrelang, durch Dörfer und Städte und Länder, von einem dunklen Drang getrieben, einem Schatten nach, der zerfloß, sooft man ihn zu greifen wähnte. Bis sie ihn dann doch fand, Towadei ihren Schetrar, und ihn zu sich nahm und seiner Armut von ihrer Dürftigkeit noch mitteilte, um ihn seinem Werk, dem letzten, wie banges Wissen ihr zuflüsterte, mit ganzer Hingegebenheit leben zu lassen. Und nun ... nun würde ihr Schetrar, der einzige und ewig Geliebte ihrer Seele, der kaum Gefundene scheiden müssen... zur alten Mutter, zur Nacht, – Bhowané. Die barmherzigen Hände strichen mit einem feuchten Läppchen über die vertrocknet-spröden Lippen des sterbenden Mannes. Er stöhnte auf, sprach verhauchend: »Ich danke dir, mein Herr und mein Gott, daß du mir die Kraft verliehen hast, meinen Namen wieder aufzurichten unter den Menschen! Ich danke dir, daß du mir mein Weib wieder zuführtest und meine letzten Tage seiner Liebe anvertrautest! ... Bald werde ich alle wiedersehen, alle die lieben! Nur durch das dunkle Tor muß ich noch, dann bin ich in der anderen, schöneren Welt ... Segen allen Menschen! Und auch dir, Antonie! Auch dir! ... Alle Rätsel und Mißverständnisse des Lebens, sie lösen sich auf in der Ewigkeit, und keine Klage fällt ungehört auf die Erde! ... Gib mir die Hand, Towadei! Sehnend werde ich da droben deiner warten!« »Ich komme, Geliebter! ... O, du mein Geliebter!« Ein verklärender Schein überflog sein Antlitz, voll und strahlend umfaßte sein Blick die alte Zigeunerin und richtete sich dann weit, weit in überirdische Fernen: »Mein Vater, sei gegrüßt!« Friedemanns Auge brach. Towadei sank schluchzend zusammen. Leise öffnete sich die Türe. Die fünf Herren, die im Begriff waren, ins Zimmer zu treten, zögerten auf der Schwelle und nahmen still die Hüte ab. Eine tiefverschleierte vornehme Dame trat auf das zusammengesunkene Bettlerweib zu, kniete neben ihm nieder und lehnte den Kopf an seine Schulter. Das geschah am 1. Juli 1784. wei Tage später wurde Friedemann Bach begraben. In einer der folgenden Nächte brach bei der Lumpensammlerin Feuer aus. Sie selbst wurde nie mehr gesehen.