Karl Adolph Von früher und heute Wiener Skizzen     Anzengruber-Verlag Leipzig / Brüder Suschitzky / Wien (1924)     Inhalt         Das Märchen Ein Totschlag Der Riskonto Karlis Freude Klein-Bertas Pfingsten Drei Geschichten vom Amt:     I. Der verschwundene Akt     II. Klein-Moritz' Geschäfte     III. Die Scheidewand Der alte Uhrmacher Die Großmutter Opfer Verwehen Ihre erste Rede Heimkehr Dioskuren     Das Märchen Niemals kam der Vater abends um sieben Uhr heim, ohne sich erst in der Küche gründlich das von Maschinenfett und Ruß geschwärzte Gesicht sowie die noch viel schwärzeren Hände zu reinigen. Nach diesem Verfahren, eines zivilisierten Europäers würdig, erschien er in dem gemieteten kleinen Kabinett, wo sich aus einem der darin befindlichen zwei Betten zwei magere Kinderarme dem Eintretenden entgegenstreckten. Denn nichts als diese Ärmchen vermochte der Kleine zu bewegen. Die Beine waren und blieben steif für alle Ewigkeit. So hatte es eine unerbittliche Notwendigkeit der Natur angeordnet, und in dem Sinne nahmen es die Ärzte, nahm es schließlich der Vater und ganz unbewußt der kleine Dulder selbst, der niemals im Leben (es war ja noch so kurz, kaum vierjährig) das gelernt, was man strampeln heißt. Er konnte nur in Sehnsucht seine kleinen Arme gebrauchen. Den ganzen lieben langen Tag lag er in seinem Bette, wenn ihn nicht die um geringes Geld dazu gemietete Quartierfrau heraushob, in das Zimmer trug und auf das alte Sofa 10 setzte, um mittlerweile im Kabinett die Betten von Vater und Kind zu »machen«. Mein kleiner, aber trotz alledem lustiger Dulder vergnügte sein kaum vierjähriges Dasein, so gut es ging, mit seinen Spielsachen. Ach, wie sahen die aus! Da waren darunter einige Ausschneide- und Ankleidebildchen, eine Eisenbahn, die zur Weihnachtszeit (wenn ich einem gewissen Herrn Kohn glauben darf) zum Selbstkostenpreis siebzig Heller gekostet, eine zerbrochene Rechenmaschine, ein unvollständiges Zusammenlegebild, einige alte, zusammengetragene, geschenkte, zerfetzte Bilderbücher und dann Überbleibsel eines von wem immer geschenkten Ankersteinbaukastens. Zu erwähnen wäre noch ein Tennisball, ein geflickter Gummiball und eine fast unmögliche Puppe. Derart war sie nämlich an Armen und Beinen mitgenommen worden. Auch hatte sie die Perücke verloren und erwies sich als ein mit einem Kahlkopf versehenes kleines Ungetüm. Wenn der Vater erschien, kreischte das Würmchen laut auf vor Freude über das Erscheinen seines einzigen und liebsten Freundes und breitete ihm sehnend die mageren Ärmchen entgegen. Und dann lächelte der ernste, sonst fast niemals lächelnde Mann und beugte sich über das Bett, um sein Kind zu betasten und seinen rauhen, struppigen, von Maschinenöl duftenden Bart über dessen Gesicht zu breiten, was er küssen nannte. Und in diesem Augenblick war lallende und unbewußte, verschwiegene Religion in beider Herzen. 11 Das waren die Feier- und Weihestunden des Vaters. Ich vermag nicht anzugeben, wie klein das Kabinett war, wie dürftig, wie dumpfig – aber ich kann mit aller Beruhigung und Herzensfreude sagen: es waren zwei glückliche Menschen darinnen. Es war nicht allzu lange, daß deren drei waren . . . Der Vater brachte gewöhnlich das Abendessen mit oder ließ es von der Quartierfrau aus dem nächsten Gasthause holen. Dazu trank er ein Glas Bier, dann machte er es sich bequem, zündete seine Pfeife an, und nun wurde es erst recht vergnügt, indem Vater und Sohn sich ansahen, der erste schweigsam, der andere in der Sprache redend, die wohl Engel sprechen müssen, einfach lallend, oft kreischend, kurz, mit der Sprache des Kindes, das weiter nichts ausdrücken kann als die ernstesten, erhabensten und reinsten Dinge, die wir später alle nicht mehr verstehen: Freude, Dankbarkeit und Liebe. Und das war so bis zum heutigen Tage geblieben. Aber heute hatte der Kleine, nachdem ihn sein Vater, wie gewöhnlich, lange Zeit paffend angestarrt, dessen rauhe, schwarze Hand mit seinen kleinen Händchen umfaßt und die Aufforderung getan: »Vatta, tsäl ma a Tsicht.« Es hieß wirklich nichts anderes, als der Vater solle eine Geschichte erzählen. Der aber war über die neue Zumutung ganz starr und sah seinen Sprößling mit einer Miene an, die nur höchstes Erstaunen ausdrückte. Woher war 12 dem Kleinen eine solche Idee angeflogen gekommen? Darüber zerbrach sich der Ältere (bildlich genommen, denn solche Ausdrücke darf man beileibe nicht ernst nehmen) den Kopf. Aber der Junge beharrte auf seinem Verlangen. Die Ursache dieses war, daß sich die Quartierfrau bei der Umlagerung des kleinen, plauderlustigen und neugierigen Menschenkindes zu einer Art von Erzählung eines Märchens verstiegen hatte. Und wie alles Wurzel schlägt, ob Unkraut oder gedeihliches Korn, also hatte das Märchen Wurzel geschlagen und drängte nach Ausbreitung auf dem einzigen Nährboden, den es besitzt, dem einer kleinen Kinderseele. »Vatta, tsäl ma a Tsicht . . .« Die Mahnung war eine so dringende, daß der Vater von dem Wolkenheim des Erstaunens glatt auf dem Boden der Wirklichkeit ankam und endlich begriff, daß die Zeit des gegenseitigen väterlichen Anstarrens und kindlichen Kreischens einer anderen gewichen war: der eines geistigen Austausches. Und plötzlich stand das Märchen hinter dem schweigsamen Manne, und seine Berührung verlieh ihm Worte. Nicht glänzende, von oratorischem Geiste getragene. Nein, so zusammengestoppelte Worte, wie sie ein einfacher Geist für einen noch einfacheren zu finden vermag. Dabei half eine schon lang vergessene Erinnerung an eine Frau, die ihm vor vielen Jahren derlei erzählt, und diese Frau war eine Nachbarsfrau gewesen, da er selbst noch so klein, 13 mutterlos und verlassen in seinem Bette lag wie heute sein Kind. Also begann er: »Es war amal a großer Ries' . . .« »Du, Vatta, was is a Ties'?« »A Ries' is so groß . . .« »Wie toß denn?« »No, a Ries' is halt recht groß . . . So wia der Stephansturm.« Es war eine jedenfalls äußerst glücklich gewählte Vergleichsform, da der Kleine den Stephansturm nie gesehen noch beschreiben gehört hatte. Aber sei es, weil er ein Wiener war – er gab sich mit der Auskunft zufrieden. »Und was hat der Ties' 'tan?« »No . . . der Ries' is amal in' Wald gangen . . .« »Vatta, was is a Ald?« »A Wald . . . Ja, a Wald, das san lauter Bam'.« »Bamm?« »Ja, waßt, solche Bam' wia in' Park, wo m'r manchmal hingengan.« »Und wia viel Bamm?« »O je! So viel . . . No ja, halt lauter Bam'. Und der Ries' is in dem Wald an' Zwergl begegn't . . .« »Vatta, was is a Wergl?« »A Zwergl? Der is so viel klan.« »Techt tlan?« »Recht klan. So klan . . . no, so klan wia du.« »To tlan? . . . Und was hat der Wergl 'tan?« »Ja . . . der Zwergl hat den Riesen begegn't.« »Und was hat der Wergl und der Ties' 'tan?« 14 »Dö san halt in' Wald spaziert und san so 'gangen, immer weiter 'gangen. Do hat der Ries' g'mant, i hab' an' Hunger. Schau'n m'r, daß m'r wo a Hütten finden.« »Was is a Itten?« »Das is a klan's Haus. Und da san s' zu an' Haus 'kumma, da ha'm s' an'klopft. Auf das schaut beim Fensta a alte Hex' aussi und fragt: Wer is dada?« »Vatta, was is a Ex?« Der Erzähler blieb diesmal dem Unterbrecher eine Antwort schuldig und fuhr in seiner Erzählung voll Eifer fort: »Der Ries' hat g'sagt, mir san dada. Und der Zwergl hat aa g'mant: Mir san dada und ha'm an' Hunger. Und die Hex' hat g'sagt: Nur der Zwergl kann in mein Haus eini, denn für'n Ries'n hab' i kan' Platz. Und da hat der Ries' zum murr'n ang'fanga und die Hex' a alte Hex' g'schimpft. Und der Zwergl is in die Hütt'n ganga, zu der Hex', und hat den Ries'n ausg'lacht. Die Hex' hat eahm viel zum ess'n geb'n . . .« »Techt viel?« »Natürlich, recht viel. Und viele guate Sach'n.« Die Augen des Horchenden erglänzten. »Was denn alles Tut's?« »No, an' Schinken, an' Kas und Wuchteln und Kaffee und Dschokolad . . .« »Und Bacherei?« »Viel Bacherei und Zuckerln . . .« »Und an' Mog'ntudl aa? Und Twetgen und Äpfl'n und an' Milireis? . . .« »All's hat er kriagt, aa a guat's Banfleisch 15 mit Essigkren und a Schweinernes und Hendeln und . . .« ». . . an Dudlhupf! . . .« »Den hat er aa kriagt.« »Und der arme Ties',« forschte der mitleidige Zuhörer, »hat der nits tiagt?« Der Erzähler erlahmte in seiner Einbildungskraft. Aber da berührte ihn wieder das Märchen, daß er den Faden fand aus dem Irrgang, in den er nach Art von Stegreiferzählern geraten. Und nun stellte sich neben das Märchen die Phantasie und berührte den Mann. Und dann kam der Schlaf und berührte den Kleinen und später den Vater, und dann kam der Traum und ließ beide ein seliges Märchen weiter erleben. Und alle kamen allabendlich getreulich wieder, bis einst einer kam und das Recht an dem Kleinen forderte. Alle traten schweigend zurück – das Märchen hatte ein Ende. 16     Ein Totschlag Also erzählen Sie!« sagte der Vorsitzende zu dem wegen meuchlerischen Totschlages Angeklagten. Dieser begann: »Ich habe meinen Verteidiger gebeten, mir selbst die Vertretung meiner Angelegenheit zu überlassen. Er möge es nicht als Mißtrauen in seine Fähigkeiten auffassen. Aber wie der natürliche Aufschrei der Not fester ins Ohr dringt als der gekünstelte der Darstellung, so glaube ich, meine Herren Geschwornen, wird meine einfache Erzählung Sie mehr dem Motiv meiner Tat nähern, als es die mittelbare Darstellung des Herrn Verteidigers vermöchte. »Der Tatverhalt ist folgender: Mich hat ein Mensch tötlich beleidigt, und ich schlug ihn hinterrücks nieder. Ich leugne nichts und werde mich bemühen, auch nichts zu beschönigen, soweit es die in mir empörte menschliche Natur zuläßt. Verzeihen Sie, wenn ich mich meines Opfers nur insoweit erinnere, daß ich eine unnütze, gefährliche Bestie aus dem Wege geräumt habe. »Ich bin das, was man einen ›gebildeten Proleten‹ nennt. Ein Mann mit aufgestapeltem Wissen, fähig zu hohen Berufen, aber unfähig, sein Brot durch Lastentragen zu verdienen. 17 Meine Hände vertragen keine Schwielen, und mein Hirn – leider Gott! – es war weniger zu gebrauchen als meine Hände. Allen fehlte die rauhe Rinde der Erwerbsfähigkeit. »Ich mute den Herren des hohen Gerichtshofes nicht einmal die Vorstellung zu, daß sie es probieren möchten, tagelang mit ungesättigtem Magen herumzulaufen, nächtelang im Freien zu schlafen, solange es die milde Natur gestattet; denn das, was Obdachlosen oft als Obdach zugemutet wird, konnte ich nicht ertragen. Ein Deklassierter ist eben anspruchsvoll, zu seinem Unheil. »Bisher jedoch war auch mein Magen ebenso anspruchsvoll wie der Ihre – das heißt, ich konnte gewisse Fleischgattungen nicht ohne Widerwillen, ja Abscheu auch nur nennen hören. Aber jetzt waren mir Stücke aus einer Pferdefleischauskocherei ein Leckerbissen geworden. Begreifen Sie doch! . . . Ein Feiertagsbissen. Nun etwas weiter . . . Wie ich zu Hundefleisch kam . . . Eines Tages irrte ich außerhalb der Stadt durch die Felder. Wie gern durchwanderte ich einst diese. Wo ich als Kind Gott den allmächtigen Herrn gelobt, der Blumen und Falter gerade zu meinem Vergnügen geschaffen hatte, sank ich hin, verlassener als die hungrigste Bestie. »Der Hunger des ›verschämten Armen‹ hatte mich ohnmächtig, willenlos, feig, verzweifelt gemacht. »Da, am Rande des Feldes, sitzt auf einem Stein ein Mensch und kaut an einem Stück Fleisch. Ja: Fleisch, sage ich Ihnen, den Begriff 18 werden Sie nie ermessen. Ich könnte vielleicht sagen, das Wasser rann mir im Munde zusammen – doch hat die Sprache keinen Ausdruck für die Empfindung meines damaligen tierischen Hungers. »Mein Anblick muß erbarmungswürdig gewesen sein. Doch – nicht das! Meine Augen müssen gesprochen haben, mit der schreienden Sprache, die die Natur den leidenden Kreaturen als leider nur immer zu stumpfe Waffe mitgegeben hat. »Ob Tier – ob Mensch! Mich haben solche Blicke stets gerührt . . . Doch ich verirre mich nun. Ich sage, mein Anblick oder die Sprache meiner Augen müssen es gewesen sein, die den armen, am Wege lungernden Slowaken veranlaßten, mir den widerlichen Brocken anzubieten. »Ich wußte noch nicht, was ich aß. »Als ich gesättigt war und mir dessen bewußt wurde, den treuesten, dankbarsten Freund unseres Geschlechtes gefressen zu haben . . . Worte sagen nichts – Tränen alles. Der arme, landstreicherische Slowak . . . wie gütig war er und doch wie grausam, als er grinsend sagte: ›Hund is gut zum Fressen, sehr gut.‹ Ich war zu gesättigt und zu müde von der Sättigung, um Abscheu empfinden zu können. Und so dankbar war ich. Ich stand neben dem Menschen, der mehr Tier war als der Hund, der uns zum Fraße gedient. Aber war ich jetzt erhaben über diesen armen, unwissenden Mitbruder? Wodurch denn? Daß ich mehr gelernt hatte, mehr verstand von Dingen, die mir nichts nützen konnten, um den Hunger zu stillen? 19 »Gütig, wie die meisten selbst Darbenden sind, reichte mir der brave Slowak noch seine Schnapsflasche (wohl sein kostbarster Besitz), und ich trank – während mir unaufhaltsam Tränen über die Wangen rollten, sich an der Flasche brachen und sie mit dem köstlichsten Naß in Berührung brachten, das je die Fläche dieses Glases benetzte. Dann griff der arme Kerl in seine Tasche, wühlte in ihr herum und brachte endlich – einen Kreuzer zum Vorschein, den er mir treuherzig reichte. Lachen Sie, meine Herren Geschwornen! Es gibt noch Leute, die ihr Letztes teilen oder verschenken. »Wahrhaftig, dem Andenken dieses Parias war ich es schuldig, die menschliche Gesellschaft von einer Unzier zu reinigen; jener Edle wäre noch heute beschmutzt, lebte die dahingestreckte Bestie noch. »Einen Kreuzer! . . . Merken Sie den Betrag! Denn nun komme ich zur Sache, zur Tat, die mich vor diese Schranken gebracht hat. Zur Tat, die ich nicht bereue und niemals bereuen werde im Erinnern an den mildtätigen slowakischen Landstreicher, der Hunde fing, um sie zu fressen. »Vielleicht haben die sogenannten Wilden recht, die meinen, alle Eigenschaften des getöteten Geschöpfes gingen auf seinen Verzehrer über . . . ich hatte zum mindesten die Dankbarkeit des Hundes in meine Seele – gefressen. »Wie ich die nächste Nacht und den folgenden Tag verlebte? Meiner Treu . . . ich weiß es heute selbst nimmer. Ich schlief im Gehen, im Stehen, beim Sprechen, ich war ein 20 Automat . . . Ich habe selbst nicht mehr so viel Bewußtsein, daß ich mich elend, verzweifelt gefühlt hätte. Nur einer Empfindung bin ich mir bewußt: wenn ich Hunden begegnete, war ich tief . . . tief traurig. Wie wenn ich im Jenseits mit unauslöschlicher Trauer ein nie zu Verzeihendes, einen Vatermord oder was Ähnliches beklagt hätte. Ich weiß auch nimmer, wer der unselige Wohltäter war, dem ich zehn weitere Kreuzer verdankte. Jedenfalls auch einer der Kategorie, die die Hälfte von dem verschenkt, was sie besitzt. »Es war nach einer bösen, kalten Nacht. Ich verschmähte bis dahin, mich einem Asyl anzuvertrauen; ich Narr vermeinte noch immer, meinem ›Menschen‹ damit etwas zu vergeben. Statt mich in die Reihen meiner Brüder zu flüchten, zog ich es vor, wie ein aus der Herde gestoßenes Tier in der Einsamkeit zu irren. »Ich jagte durch die Straßen wie gehetzt oder wankte wie ein Betrunkener. Ich rannte, statt zu schreiten, nur um mich warm und wach zu halten und böse Gedanken von mir zu bannen. »Elf Kreuzer! Ach, was wissen Sie von solchem Reichtum! Er machte mir die Nacht erträglich, verstehen Sie? Der Gedanke daran, er rettete mir damals das Leben und brachte mich am Ende hieher, um Rechenschaft abzulegen wegen der ausgelöschten Existenz einer unnützen Kreatur. »Auch – Mensch! »Wäre der arme slowakische Vagabund nicht 21 gewesen, vielleicht – ich sage nur vielleicht – hätte ich den anderen geschont. »Und nun kam es so. Mit meinen elf Kreuzern in meiner Tasche erwartete ich den anbrechenden Morgen. »Ach, das ist ein Gefühl, der Sonne entgegenzuträumen! »Man öffnet zuerst die Bäcker- und Branntweinläden. Es herrscht keine angenehme Luft in letzteren, aber man kann ruhen. Bald erscheint der Bäcker, und mit angenehm bezwingendem Geruch duftet das frische Gebäck. Seligkeit, hineinzubeißen und dann ein kleines Gläschen Branntwein, Tropfen um Tropfen, zu schlürfen! Das träge gewordene Blut wird reger, die Apathie wird zu momentaner Energie, und man versöhnt sich für Augenblicke mit der besten dieser Welten. Möge einer nur die rasende, hungrige, gierige Sehnsucht kennen, daß ein verschlafener Aufwärter die Rollbalken öffne! Wie scheu, gehetzt und doch wie getröstet tritt man ein in solche von ›anständigen‹ Leuten verfemte Orte. Noch der Geruch des Menschenschweißes, eingesperrt seit dem letzten Abend – o, was tut der Herdentrieb! Man ist glücklich, wieder einen Menschen zu sehen, zu sprechen, ein Dach über sich zu fühlen statt des stummen, erbarmungslosen, sterneglitzernden Nachthimmels. »Eine Wollust der Sättigung, des Wärmegefühls, des Geborgenseins hatte mich überkommen. Es war eine Orgie der erwachten Lebenslust. Die Nacht, die böse Nacht der Heimlosen war wieder einmal vorbei, und es schien 22 die Sonne . . . Ach, zweien wäre wohler gewesen, hätten sie diese Sonne damals nicht aufgehen sehen. Plötzlich das Rollen von Wagenrädern, das vor dem Lokal innehielt. Lachende Männer- und Weiberstimmen . . . Herein traten in Begleitung zweier elegant geputzter Dirnen zwei Männer jener Sorte, denen man das Beiwort ›Kavalier‹ beilegt. Zur Abwechslung wollten sie wohl einmal einen gemeinen Branntweinladen aufsuchen. »Es dünkt mich zur Zeit unerhört, was die Gesellschaft alles befahl, trank und mit klingender Münze dem Aufwärter überzahlte. Auch ich hatte das einmal getan. Aber jetzt . . . Ach, nur einige dieser rollenden, glitzernden Münzen zu besitzen! Wie viele Tage und Nächte wären mir rosig und heimisch gemacht worden! »Mochte mein Gesicht so gesprochen haben, war die Verwahrlosung, in der ich mich damals befand, der Dolmetsch meiner Gedanken – kurz, meine hilflose Bescheidenheit erweckte eine Abart des Humors in den Gefühlen des einen der lustigen Gesellschaft. ›Schau nur,‹ meinte der eine Kavalier, ›wie gut es dem Plebs eigentlich geht. Kaum aus den Federn und schon in der Butike.‹ »Dabei lachte er gewaltig und steckte damit die anderen an. Auch der Aufwärter grinste pflichtschuldig zu dem Witz – und ich lächelte ebenfalls. Gewiß, ich lächelte, wie alle Unterdrückten, Verfluchten lächeln, wenn ihr einigermaßen gesättigter Magen es gestattet. »Ich war einst ein stolzer Mensch. Ha! Hätt' 23 einer früher gewagt, mir das zu sagen, was ich jetzt geduldig anhörte! So jedoch lächelte ich, in der kriecherischen, hündischen Erwartung, die gute Laune der Herren Kavaliere würde sich für mich durch eine einzige dieser vielen Münzen lohnend machen. Und dann war ich im Augenblick gegen die Menschheit so großmütig. Die fortgesetzte Entbehrung, manchmal gelindert, macht stets verzeihend und aller Erbitterung entsagend. »Nun weiß ich, warum das Volk so geduldig ist. »Mein Aussehen mag ein höchst heruntergekommenes gewesen sein, ein traurig-drolliges, das den Menschenfreund zu erschüttern imstande ist, auf rohe Naturen aber zur Bestialität aufreizend wirkt. »Wie schon erwähnt, hafteten meine Blicke mit einer Art hypnotisierender Begehrlichkeit auf den verschiedenen Münzen, die ab und zu auf das Schenkbrett geworfen wurden. ›He, Landstreicher oder was du da bist,‹ redete mich der Kavalier an, und ich merkte an seinem breiten Jargon, der gedehnten Aussprache des Deutschen, den Trans-Ausländer, ›wenn du Geld verdienen willst, laß mich einen Jux machen, wie ich ihn gern zu Hause mache!‹ »Geld verdienen! O wie gern! Welchen Jux meint der hochgeborne Herr, den ich am liebsten geohrfeigt hätte? Aber Geld verdienen, der bösen, schaurigen, eisigen Sturmnacht für einige Zeit entgehen – das gab den Ausschlag. ›Du bist, scheint mir, so eine Art 24 Intelligenzprolet, desto besser. Stelle dich her und glotze nicht so aufrührerisch. Halte dich gerade! Ich gebe dir eine Ohrfeige, und du erhältst dafür hundert Kronen. Bin heute in einer lustigen Stimmung. Hältst du gut, ohne zu mucken, darfst du noch Schnaps trinken, was dir gefällt. Einverstanden?‹ »Ich schloß nach diesem Vorschlag die Augen, vielleicht sekundenlang. Aber was während dieses Zeitraumes alles an mir vorbeizog, welche Erwägungen ich anstellte, welche Vergleiche ich zog – all das zu schildern, ist mir jetzt unmöglich. O meine Herren, bedenken Sie, ich wählte zwischen Schmach und erhabenem Menschentum. Ich sank, ich ward ein Verbrecher an diesem. Statt den frechen, abscheulichen Verächter der Menschenwürde niederzuschlagen, gleich im richtigen Augenblick, ging ich ein feiges Kompromiß ein: erdulden die Schande – aber dann war die Rache . . . »Hundert Kronen konnten mich aus dem ärgsten Jammerleben herausretten. Ich konnte wieder Mensch werden, wie ich es gewohnt war, meine gesellschaftliche Position wieder erringen, konnte den frechen Trunkenbold vor meine Pistole zwingen – Larifari! Der Hunger ist stärker als die Ehre, meine Herren. Man kann das Leben mißachten, es der fürchterlichen Entscheidung der Schlacht anheimstellen, es für das Leben eines gehaßten Feindes aufopfern, es selbst vernichten, qualvoll, aber rasch. Niemals jedoch dem Verhungern weihen, wo rings der Überfluß lockt und aufreizt. »Zuvor noch hatte mich die karge Sättigung, 25 die Wärme der wenigen Tropfen Branntwein erquickt; die Zukunft hatte freundlich gelockt. Jetzt frage ich mich: was denn weiter? Ein Tag, viele andere standen mir bevor, die ich nutzlos in den Straßen, auf den Bänken der winterlichen Anlagen, vor den Läden der Juweliere, Delikatessenhändler, Schneider – verlungerte. Hätte ich doch die Museen betreten dürfen! Aber in meiner Kleidung . . . Dann kam sie wieder, die böse Nacht, diese grauenvollste Feindin des Herdentieres – Mensch ohne Stall. »Und was mich weiter bewog, den infamen Vorschlag in Erwägung zu ziehen: es waren indessen schon mehrere jener traurigen Gäste erschienen, die, wie ich, frierend und gedankenlos durch das Chaos von Straßen, glänzenden Straßenlaternen, geschlossenen Toren, drohenden Pickelhauben, durch all den Jammer gewandert waren. Aber weniger elend, weniger unglücklich, denn sie trugen die Uniform des Elends, der Verkommenheit. Kein Strahl erhabenen Stolzes leuchtete ihnen, sie wußten es selbst nicht, die Ärmsten, daß sie Menschen seien. Der in ihrem Sinne so verschieden von dem meinen unerhörte Vorschlag machte ihre Augen blitzen. Ich war ein Glücklicher, ein Bevorzugter. Welche Schmach hätten diese Unseligen um solcher Summen willen ertragen? Durfte ich diese günstige Gelegenheit versäumen? Einen Schlag! Nur einen einzigen, meinetwegen dann noch einen zweiten . . . dritten . . . die Entehrung kennt keine Potenz. Aber das Geld kennt sie. »Mein demütiges Senken, meine Haltung 26 mochten das Einverständnis gewesen sein. Ha! noch jetzt brennt mich die Wange – es war geschehen. Ja, es war geschehen. Ein Gelächter der Anwesenden brachte mich zu mir zurück. Zu meinen Füßen flatterte etwas, es war eine Banknote. ›Einen Schnaps noch,‹ sagte mein Entehrer, ›daß ich in Schwung komme.‹ Er stürzte ein Gläschen, das ihm bereitwilligst und schnellstens eingeschenkt wurde, hinunter. ›So, Prolet . . . Jetzt gib acht!‹ »Eine zweite Ohrfeige klatschte auf meiner Wange. »Ich bog mich. Die betrunkenen Dirnen kreischten laut, die Gäste, meine armseligen Genossen, wieherten, und der Schenker hielt sich den Leib vor Lachen. »Aber ich hielt stand. »Die Nacht, die böse – böse Winternacht! Und der funkelnde, kalte, unbarmherzige, höhnische Sternenhimmel! Meine Herren! Sie können sich bei bestem Willen eine solche Nacht der Obdachlosigkeit nicht vorstellen. Die ärmste Maus hat ihren Schlupfwinkel, nur die gottähnliche Kreatur Mensch darf so umherwandern. Ich sage es nochmals, um in Ihren Augen für die mir angetane Schmach einigermaßen gerechtfertigt dazustehen. »Also ich hielt stand. Aber im Aufblitz meines Blickes mochte etwas gelegen sein, das Drohung war, das Vorsicht gebot. Und in diesem Sinne mochte es der Begleiter des schon bald rasend betrunkenen Kavaliers genommen haben, denn 27 er hemmte die zum dritten Schlage erhobene Hand. »Aber der Betrunkene machte sich los. ›Was weißt du von einem solchen Schwein! Da schau her . . . nochmals um hundert Kronen . . .‹ »Und – er spuckte mir ins Gesicht. »Das tat er. Und ich tat das andere. »Wie er sich taumelnd umgedreht, ergriff ich eine auf dem Schankpult stehende Sodawasserflasche und zerschmetterte ihm den Schädel. Mag sein, daß es nicht ritterlich ist, einen Gegner von hinten zu töten. Aber war das ein Gegner? Einen wütenden Hund habe ich getötet . . . weiter nichts. »Ihr Urteil, meine Herren Geschwornen, mag es wie immer lauten, wird an meiner Befriedigung nichts ändern. Ich war diese Tat dem armen slowakischen Hundefänger schuldig.« Nach kurzer Beratung sprachen die Geschwornen den Angeklagten von der Anklage des meuchlerischen Totschlages frei. 28     Der Riskonto Eine alte Pfründnerin, die kleine, bucklige, zittrige Hafnerin, hatte ihren Riskonto verloren, auf dem ein Gewinst von vier Gulden, das heißt acht Kronen stand. Die alte Hafnerin rechnete konsequent nur nach Gulden und Kreuzern. Vom Eck der Gasse her, beim Kaufmann, mußte der Verlust erfolgt sein. Dort hatte sie ihr Sacktuch aufgeknotet und zehn Heller aus ihrem Schatze entnommen. Außer einigem Bargeld enthielt er auch den gewinstreichen Riskonto. »Was suachen S' denn, Muatterl?« fragte ein Straßenkehrer die immer erregter auf- und abtrippelnde und suchend gebeugte Alte. »Marrand Anna – vielleicht hab'n S' 'hn g'seg'n. A Rischkonta war's, a gelber.« »Kunnt' mi' net erinnern, Muatterl. So a Papierl waht der Wind davon, und ma' hat gar ka' Idee, wohin? War was drauf?« »A Amba war's.« »Ui jegerl! No, war'n a paar schöne Vierterln Wein g'wes'n.« »Ja freili', für Euchere Männergosch'n war' alles nur auf an' Wein. Helfen S' mir liaba suach'n!« 29 »Was suacht denn die Frau?« fragte der daherschlendernde Wachmann angesichts der aufs neue aufgeregt suchenden Pfründnerin den Straßenkehrer. Der erklärte den Sachverhalt. »War was drauf?« forschte der Wachmann. »No . . . a Amba, sagt s'.« »A Amba? Gabert grad a paar Vierterln Wein.« Die alte Pfründnerin hatte das Wort erlauscht. »An' Wein? Sunst weiter nix? Ob ma' von an' Mannsbild was anders hörert als vom Saufen. Schauts liaber, vielleicht find ts 'n aner.« Und sie ging daran, ein altes, im Rinnstein liegendes Zeitungspapier, das der Straßenkehrer schon tagelang vergessen hatte, umzukehren. »Was suacht denn dö Frau?« fragte ein Kohlenträger, der mit seiner leeren Butte daherkam und sehr neugierig war. »An' Rischkonta.« »War was drauf?« »Mir scheint, a Amba oder Ambasolo,« sagte der Straßenkehrer. »War' grad recht auf a Sprüngerl ins Wirtshaus. Gabert a paar schöne Vierterln Wein . . .« »Was suacht denn dö Frau?« Die Frage war allgemein geworden. Denn der Kohlenträger hatte seine Butte niedergestellt und las schmutzige Papiere auf, unter die sich vielleicht der Gewinstzettel verirrt haben konnte. Auch der Straßenkehrer hatte sich der Aktion angeschlossen, indem er mit der Eisenspitze seines 30 Besens desgleichen tat. Der Wachmann wollte nicht zurückbleiben und nahm das Schleppeisen seines Säbels zu Hilfe. »Was wird denn g'suacht?« »A Rischkonta soll valur'n ganga sein. Mit an' Terna!« »Fix Laudon no'mal, da kunnt' ma' amal scho' urndli' drahn. Da gangt scho' was oba!« »Was wird denn g'suacht? Was wird denn g'suacht?« Binnen kurzem beteiligte sich mit Inbegriff einer zahlreichen Straßenjungenschaft jeder Vorbeigehende an der Entdeckung des kostbaren Stückchens Papier. Als dürfte dieses nicht ein solches, sondern eine schwere Münze gewesen sein. Allgemein wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß man sich viel Wein und viele »Drahrer«um das verlorene Geld kaufen könnte. Die alte Hafnerin als Verlustträgerin war ganz vergessen. Man suchte. Mit Leidenschaft. Aus Sport. Endlich ein Aufschrei. »Da is das Malefizviech. In Sack hab' i's g'habt, und i hab' g'mant, i hätt's eing'wickelt g'habt. Na, an den Schrocken wir' i denken, und wann i hundert Jahr' alt wir'!« »Was war's denn eigentli'?« »Ah nix. Dö narrische Alte macht a Angeh n weg'n an' Rischkonta, auf dem a Dreckerl von an' Amba war.« Die Aufklärung des wahren Sachverhalts machte der Ansammlung ein Ende. 31 Man ging erregt auseinander. Nur der Wachmann, der Straßenkehrer und der Kohlenträger fanden Worte des Unmuts wegen der verschwendeten Zeit, die das Suchen erfordert hatte. »Weg'n der verruckten Schacht'l ihr'n blöden Rischkonta versam' i mein G'schäft,« sagte der Kohlenträger. »Gengan S' ham!« herrschte der Wachmann die alte Pfründnerin an. »An' Auflauf ha'm S' g'macht, daß dö ganze Gassen rebellisch is.« Der Straßenkehrer begann unmutig brummend wieder sein nervenzerrüttendes Tagewerk. Man konnte nur vernehmen: »Jetzt . . . auf a paar Vierterln Wein hätt's grad g'längt.« 32     Karlis Freude Klein Karli der Hausmeisterin und die kleine Erna der Partei vom zweiten Stock im Hintertrakt hatten Streit bekommen. Karli, den seine vier Lebensjahre entschuldigen müssen, hatte in aller Fremdheit des Begriffs männlicher Ritterlichkeit der Erna eine »geschmiert«. Erna war um ein Jahr älter, aber sie schrie trotzdem gottsjämmerlich. In den Streit der Kinder mischten sich die Mütter (es klingt nicht so wunderlich), und es entspann sich, wie stets, ein lebhaftes Für und Wider. »Daß du dich stets mit den Kindern abgeben mußt, ich hatte es dir schon so oft verboten,« tadelte Ernas Mutter ihr weinendes Töchterchen. Das Wort war aufgegriffen worden. »Kindern? – Wer san denn dö Kinder? Sö bringen dös so aussa, wia: a verwahrloste Bagaschi. Natürli', Beamtenkinder kennan net alle sein. Was si' halt heit all's Beamter schimpft. Hint' nix, vurn nix, aber d' Nasen hoch, und in der Aktentaschen schleppen s' d' Erdäpfeln und d' Ruab'n ham. Aber natürli' a Aktentaschen. Da hab' i scho' g'fressen, wan i an' so an' plederten Kerl, den 's G'wand z' weit und der Mag'n z' eng is, mit aner Aktentaschen siech.« 33 »Auf Ihre Gemeinhetten gehe ich nicht ein. So ordinär kann sich nur der Pöbel benehmen,« konnte Ernas Mutter nur mühsam erwidern. »Na – nobel werd'n m'r aa no' sein. Weil Sö glaub'n, als Beamtenfrau . . . Bitt' Ihna, dö zwa Zimmer und Vurzimmer, wo S' eh dös ane Zimmer vermiet' hab'n, damit Ihna der Zins nix kost't, wer' m'r no' jeden Tag anbringa. Und dann nehman m'r uns anständige Arbeiter von der Staatsdruckerei oder von aner Zeitung. Dö Leut' müass'n für eahnere paar Gulden aa a Arbat niederleg'n, net wia die Herrn ›Beamten‹ in eahnere Kanzlei'n, dö scho' frei hab'n, wo a Arbeiter erst wieder anständig zum arbeiten anfangen muaß.« Ernas Mutter hatte nicht die Kraft, sich zu einer geschickten Erwiderung emporzuraffen. »So eine Ordinärheit!« vermochte sie nur zu stammeln. »Jawohl. Mir Weana san scho' amal net anderscht. Und du Hundsbua, miserabler, wannst di' no' amal abgibst mit die Kinder von solche Leut', derlebst was.« Damit erhielt Karli ein tüchtiges Kopf-, einige Rücken- und Steißstücke, daß er heulend in die elterliche Wohnung entfloh. Karli hatte sich in seinen ersten kurzen Lebensjahren schon die Redeweise eines Erwachsenen angeeignet, und zwar in breitester Weise. Zum Gaudium aller Parteien, als deren Liebling er galt, trotzdem er der Hausmeisterische war. Nachmittags erzählte er: »Da Voda hat 'sagt: a Ruah will er ha'm 34 daham, hat er 'sagt. D' Muatta hat 'sagt, der Voda is a Tepp. Ja – das hat s' 'sagt.« Karli grinste spitzbübisch. »Und was hat der Vatta g'sagt?« forschte man. »Der Voda hat 'sagt, die Muatta is a tumme Tans, sie is im Hirn an'brennt, hat er 'sagt. Ja, das hat er 'sagt.« Niemand zweifelte an der Ehrlichkeit Karlis. Man überschüttete ihn mit Liebkosungen. Die kleine Erna durfte den ganzen Tag über nicht hinuntergehen. Sie saß am Fenster und sah traurig und neidvoll in den Hof – – – Das war eine Zeit! Erschütternd, lähmend hatten sich unvermeidliche Ereignisse vollzogen. Schwer, unheilvoll, dräuend. Kriegserklärung um Kriegserklärung. Die Erde dröhnte buchstäblich vom Tritt der aufmarschierenden Bataillone. Der Weltkrieg war ausgebrochen. Mit der Wucht eines Sturmes, der Wälder hinwegfegt wie Kehricht, war das Große auf den Plan getreten. Das Überwältigende, wie ein Naturereignis sich Vollziehende. Was hatten dagegen alle sich abspielenden kleinlichen Ereignisse der Alltäglichkeit zu bedeuten? Was alle Zänkerei, die gerade nur einen tiefen Friedenstag belebend zu unterbrechen vermag, vorausgesetzt, daß man an Zänkereien Gefallen findet. Wie Blitzschläge fuhr es auch in die beiden Familien von Karlis und Ernas Eltern. Der eine hatte Hammer und Kelle, der andere die Feder mit der Flinte vertauscht. Merkwürdig, wie 35 unähnlich sich sonst die Männer im Berufe sahen, die Feldgraue verwischte jeden Unterschied. Sie waren beide Krieger, sonst nichts, die für geraume Zeit aufgehört hatten, an ihre bürgerlichen Berufe zu denken. An die Grenzen! An die Grenzen! Das Vaterland ruft! – – – Als sich die zwei begegneten, tauschten sie einen herzlichen Händedruck. Ihre Weiber mochten bisher geschmollt haben miteinander und – nun, es ist Weibesart, einen Schatten der Verstimmung auch anderen mitzuteilen – den Männern etwas von ihrem Groll beigebracht haben. Zum Teufel mit so Dummheiten! Ernas Vater war sehr ernst. Er verließ einen nur mühsam durch Vermieten aufrechterhaltenen Hausstand. Denn auch die beiden Mieter des einen Zimmers, ein kleiner Beamter wie er und ein Student, waren unter die Waffen gerufen worden. »Werd'n m'r scho' mach'n,« tröstete der Hausbesorger;»d'Frau und d' Klane nehman si' halt derweil a Kabinett, d' Möbeln stell'n m'r am Bod'n, und wann's unser Herrgott will, daß m'r wieder hamkumma, bleibt all's beim alten. A Kündigung und gar a Pfändung gibt's jetzt net, aber i man', m'r mach'n in Hausherrn 's Herz net schwerer, als nur sein kann. Bitt' Ihna, bei seine fünf Häuser geht Rebbach gnua drauf. Jetzt bin i ka' Hausmasta mehr, meine Alte muaß er a g'halten, – no, mit 'n Zins san m'r ja aa aus 'n Wasser.« – – – Die Männer waren eingerückt. Ernas Mutter 36 wehrte sich gegen die Verminderung ihres Hausstandes. Wer konnte dafür, daß der Ernährer weggeholt worden war und die beiden netten Mieter auch, die bisher so pünktlich ihren Zins bezahlt hatten? Und das war doch nur eine Bosheit der Hausmeisterischen, als sie anfragen ließ, wann sie die Wohnung zu kündigen gedenke? Gerade nicht! Ihr Mann war was Besseres, nicht ein gewöhnlicher Maurer, an dem man oft nicht anstreifen durfte, um sich nicht zu beschmutzen. »Dö blöde Gans wird m'r's bald z' bunt mach'n,« erklärte Karlis Mutter im Hof einer Versammlung von Weiblichkeit. »Was glaubt s' denn eigentli'? Von was will s' denn in Zins zahl'n? Dö paar Netsch, dö er ham'bracht hat, hab'n grad auf a Batzl Zuaspeis und Brot g'längt. In Zins hab'n dö zwa Melakn am Zimmer 'zahlt. No jetzt . . . Mein Mann hat ihr's so guat g'mant. D'r Hausherr liaßt ja aa für a Vierteljahr reden, aber i bitt' Ihna, zu was braucht so was a so a Trumm Wohnung? Weg'n dö paar Scherb'n? D'r Tandler gibt kane hundert Kronen für dös G'lump, dös, mir scheint, eh beim Ratenjuden no' net aus'zahlt is. I fürchtert mi' der Sünden mit dera Strachmacherei.« . . . »Mutta, i möcht' gern in 'n Hof obigeh'n, mit 'n Karli spiel'n,« sagte die kleine Erna. »Net daß d' di' unterstehst, Mistmensch ölendigs. Derer Hausmasterbruat kräul i allweil no' net hint'n eini. Und wannst den Bankerten, den Karli, no'mal anschaust, hast es mit mir z' tuan. 37 Was glaubt dös Luader eigentli' von unseran'? Wer is denn schon a Hausmasta? D'r gar Neam'd, der letzte Dreck.« Das war Klein-Ernas Mutter, die nicht lange zuvor nur zu stammeln vermocht hatte: »So eine Ordinärheit . . .^ »Und justament. Wann's aa net christlich ausschaut. Dö Funsen muaß die Kündigung hab'n. Unserans is aa von kan' Bam obibeut'lt wur'n. Was bild't si' dö Guldenzwanz'gkreuzer-Beamtin denn ein, wer s' is? Weil s' so g'schrauft hochdeutsch red't?« Aber eines Tages hörte man ein schrilles Schreien. Nicht »g'schrauft hochdeutsch«. »Mein Mann, mein armer Mann! Wer gibt mir mein' Mann wieder? Heinrich! Heinrich! Es is do' net mögli'? Du wirst uns ja do' net allan lass'n?« Unten im Hofe weinte Karlis Mutter um die Wette mit den anderen Frauen. »Das arme, arme Weib! Um Gottes will'n! Karli, i bitt' di', schau, daß d' recht zu unsern Herrgott bet'st, daß uns net aa so was passiert. Er soll uns unsern Vattern erhalten!« Und der kleine Karli vergnügte sich etwas später mit der kleinen Erna. »D' Muatta hat 'sagt, mir därf'n jetzt wieder spül'n mitanand'.« – – – 38     Klein-Bertas Pfingstfest Die Klassen der Bürgerschulen hatten schon die letzten Wochen ein stetig wachsendes Maß von Erregung gezeigt. Buben wie Mädels waren zumeist nur von einem Gedanken eingenommen: der Firmung. Der Religionsunterricht vermittelte den jugendlichen Hörern zwar die Bedeutung des hohen Festes. Aber daß die Erklärung doch, wie alles Abstrakte, Symbolische, nur wenig Eindruck hinterließ, gehört in das Gebiet der Menschen- und Religionsgeschichte. Alle Völker haben ja immer nur den Schall für das Wort genommen. Und die Aussendung des Heiligen Geistes in Verbindung mit goldenen Uhren, Lebzelten, Praterfahrt und allem Drum und Dran bei Buben und Mädels gehört zu den liebenswürdigsten Verquickungen von Poesie und Prosa. Die meisten hatten zu erzählen von ihren Paten und Patinnen, von ihren realen Zukunftshoffnungen in Form von Geschenken, mit ganz alleinigem Ausschluß des heiligen Geistes. »Wann m'r mein Göd ka' Präzisionswerk kauft, soll er's zum Tandler trag'n. Mein' 39 Bruadern hat vur zwa Jahr' der seine net nobel ang'schmiert. D'r Mantel nix wert, 's Werk a Holler. D'r Schätzmaster hat ganz anfach g'lacht.« Der Schätzmeister war ein öffentlicher Beamter in einem nur allzu bekannten Amte gewesen. »A echte Omega hat heut allani no' an' Wert,« fügte mit der Bedeutsamkeit des Kenners einer hinzu. Das war ein Patriziersohn der Bürgergilde. Sein Vater war vielfach angenehm versippt und durch Geschäftsverbindungen mit einflußreichen, wohlhabenden Bekannten in der Lage, dem Sprößling den ihm gebührenden Paten zu wählen. Und abseits von dieser jugendlichen Aristokratie stand die nicht geringe Zahl derer, denen das Pfingstfest keinerlei Beschwerungen irgendwelcher Art verursachte. Auch die feurigen Zungen senken sich nicht auf Krethi und Plethi herab. Nämlich nicht in Form von silbernen oder goldenen Uhren. Und mit dem Geist allein durfte man dem einfältigsten Schätzmeister nicht kommen. In den Mädchenklassen nahm die Toilettefrage gebührendermaßen einen Hauptteil des Interesses in Anspruch. Und da diese mit Automobilen, Fiakern und verschiedenen Unterhaltungen in Einklang stand, war der Gesprächsstoff ein noch weit ergiebigerer. Und auch hier stand die Schar derer abseits, deren Los es scheint, bei allen Gelegenheiten abseits zu stehen. Als ob alle Engel ein unergründliches Interesse daran hätten, nur einem besonderen Kern der Menschheit dienlich zu sein. 40 Auf dem Gange hatte sich in der Zehnerpause ein Mädchen in eine Fensternische zurückgezogen, und über sein Gesicht rollten Tränen, die sie verstohlen abzuwischen bemüht war. Wie unter Erwachsenen, gibt es unter Kindern Teilnahmslose, Neugierige, Mitleidige und Spötter. Einige Kameradinnen hatten die Zeichen eines bedrückten Gemütes wohl bemerkt und drangen nun mit Fragen um die Ursache in die Kleine. »Mein Gott, weil s' ka' Firmgodl kriagt,« warf plötzlich eine mit der unbarmherzigen Aufrichtigkeit ein, die oft brennenderen Schmerz verursacht als eine tötliche Wunde. Die Spuren der Tränen auf dem Gesicht des Mädchens versiegten fast augenblicklich unter einer aufschießenden Röte. Ja, das war's; das Geheimnis, das ängstlich gehütete Geheimnis eines Schmerzes, der fast übermächtig schien, war durch eine taktlose, ja lieblose Bemerkung vor den Augen der Freundinnen enthüllt worden. Du lieber Himmel! Wenn man von den körperlichen Schmerzen absieht, wer ermißt den jeweiligen Umfang eines Leides auf seine sogenannte Berechtigung hin? Klein-Berta wird sich vielleicht einst über den Treubruch eines Geliebten genau so härmen, vielleicht über die Liederlichkeit des Gatten, den Undank der Kinder, die Bosheit der Nachbarinnen – und stets wird sie bei einem Vergleich an die jetzige Stunde denken: könnte ich noch um derartige Tränen weinen! Aber nun glaubte sie, ihr Herz müsse brechen vor Schmerz und Scham. 41 Bald vierzehnjährig, vor dem Schulaustritt stehend, wird sie ungefirmt bleiben für alle Lebenszeit. Wenn nicht zu dieser Zeit, wann denn wird sie eine Patin finden? Vielleicht bis sie alt geworden? Wem konnte sie dann berichten von den Herrlichkeiten des Tages, wem konnte sie die erhaltenen Geschenke zeigen? All die Ungerechtigkeit des Glückes anderer kam ihr zum trostlosesten Bewußtsein. Und dazu die kindliche Scham, ihr unschuldiges Geheimnis so öffentlich, so roh, mit voller Wahrheit und Deutlichkeit vor die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen. Die Freundin hatte sicher ohne Böswilligkeit, ohne Neigung, das Gefühl einer anderen zu verletzen, die Äußerung getan. Aber die Armut ist entsetzlich verwundbar. Und gar bei einem Kindergemüt. Diesem gilt sie noch als eine große Schande. Wahrlich, ein paar sonnige Erinnerungen aus der Zeit der großen Geheimnisse, voll Märchensehnsucht, aus der Zeit der Kindheit, würden manchen Erwachsenen vor einem strauchelnden Schritt bewahren. »Is's wahr, desweg'n wanst?« drängten die Fragen teils neugierig, teils mitleidig auf die wie mit Blut Übergossene. »Net wahr is . . . net wahr is,« stammelte diese endlich. Und dann, weil der Schmerz jedenfalls zu übermächtig zurückgedrängt worden war, entstürzten endlich ihren Augen die befreienden Bäche von Tränen, und der ganze Körper bebte vor Weinen. Mochte was immer die abgeleugnete Ursache dieses Leidausbruches sein – die 42 Teilnahme, das Mitteid siegten, und man tröstete sie mit viel natürlicher Schonung der wirklichen Ursache. Auf die Frage eines herbeitretenden Lehrers erklärten alle einstimmig, die Malinger Berta habe so viel Kopfweh, daß sie deshalb weinen mußte. Der Lehrer vermittelte bei seinem Kollegen, und das Mädchen durfte nach Haufe gehen. Bertas Mutter war eine mit vier Kindern gesegnete Witfrau. Das sagt alles, da sie überdies noch durch »Bedienengehen« und Reibarbeiten ihre Jungen zu erhalten hatte. Und arme Bedienerinnen verfügen über keine intimen Bekanntschaften mit Hausfrauen und Selchermeistersgattinnen, um sie zu bitten, ihr Kind zur Firmung zu führen. Man verliert durch ein solches Ansuchen höchstens seinen Verdienst im Hause. Die Mutter wäre wohl geneigt gewesen, irgendeine Patin aus ihren Kreisen für ihr Kind zu wählen, mit dem besonderen Bedeuten, daß ein Geschenk irgendwelcher Art gänzlich außer dem Bereich jeder Berechnung liege. Es würde wohl eine traurige Firmung sein, aber dem heiligen Christenbrauch war doch genügt. Aber welche Nachbarin, Freundin oder Bekannte war in der Lage, selbst nur das einfache christliche Opfer zu bringen? Geringe Auslagen stellten sich von selbst ein, abgesehen von dem Zeitverlust und der – Kleiderfrage. Entweder man war »Godl« oder war es nicht. Und wenn diese Klippe der Godlschaft siegreich umschifft worden wäre – woher das weiße Kleid, die weißen Schuhe, den Kranz nehmen? Sicher, 43 auch ein anderes Kleid und schwarze Schuhe hätten es getan. Aber . . . Eine so ganz verpatzte, unwürdige Firmung hätte das Mutterherz für sein Kind nicht ertragen. Vielleicht war es im nächsten Jahr möglich, nur in diesem nicht. Und zur Stunde, da ein kleines Mädchen die ersten Tränen eines großen Schmerzes weinte, zerbrach sich eine Frau beim Abreiben eines kalkbespritzten Türstockes den Kopf, wie es vielleicht doch möglich wäre . . . Die Wohnung der Witwe Malinger bestand aus einem Zimmer, einer winzigen Küche und einem ebenso winzigen Kabinett, eine Anordnung der Räume nach Zahl und Größe, die in wohltätigster Weise für den Leibesumfang des Spekulanten, die Zunahme der Sittlichkeit und des Kindertodes sowie der Tuberkulose zu zeugen geeignet ist. Doch das sind keine Pfingstgedanken. Zu Pfingsten muß alles licht und fröhlich und lieblich sein. Glocken müssen klingen, Sänge schallen, und wir lieben die Gedanken an so banale Dinge, wie Kinderelend und Tuberkulose, nicht im mindesten. Es war davon auch nur so eine nebensächliche Erwähnung und soll es bleiben. Das Zimmer bewohnte die Mutter mit ihren vier Kindern und einem weiblichen Wohngenossen, einer sogenannten Bettfrau. Das winzige Kabinett, dessen Fenster, wie das der Küche, auf einen dunklen, schmutzigen Gang zeigte, beherbergte eine alte Frau, die in den 44 Vormittagsstunden ebenfalls einige Bedienungen hatte und abends – nun, in einem großen Etablissement das war, was man Toilettefrau benennt, obwohl bei diesem Worte alle Begriffe von wirklichen Toiletten schwinden müssen. Nicht etwa, daß die alte Frau etwas mit seidenen und atlassenen Roben und Pelzen zu tun hatte. Aber man weiß ohnehin. Bis zur Frühstunde hielt sie ihr Beruf vom Hause. Man ahnte gar nicht, mit wie wenig Schlaf sie sich begnügen konnte. Da der Volksmund drastische, bezeichnende Ausdrücke liebt, hatte die alte Frau im Hause einen für ihren Beruf weniger gewählten. Sie war eine mürrische, verschlossene Person, die ihr kleines Heim in peinlichster Ordnung hielt und dem Verkehr mit Hausnachbarn brummig aus dem Wege ging. An dem heutigen Nachmittag hatte sie einiges in ihrem Kasten geordnet. Und bei dem Öffnen einer Schachtel, die viel verlebte Andenken an einstigen Putz enthielt, kam ein weißes, eigentlich schon ganz gelbes, verknittertes Kränzlein zutage. Was war es nur? Die alte Frau mußte einige Zeit nachsinnen, welch festlicher Gelegenheit dieses Kränzlein gedient. Dann fiel es ihr ein. Das war der Firmungskranz gewesen. Wie weit war dieser einstige Zauber! Und wie es so geht, daß leblose, lange nicht gesehene Dinge urplötzlich so laut zu reden anfangen, daß man meint, eine menschliche Stimme hätte einem eben etwas von vergessenen Tagen ins Ohr gegellt, so überschlug sich dieses vergilbte Kränzlein fast 45 in Erzählungen von erhofften Wundern, vielen Aufregungen und Leiden und den Erfüllungen eines weißen Kleides, eines Gebetbuches in Samteinband, mit einer Madonna della Sedia darauf, unter Glas in einem ovalen Metallrahmen. Und von Lebzelten und Ringelspiel und all dem, was alte Pfingsterinnerungen wachruft. Der ersten bitteren Tränen dachte sie, da ihr das Kleid nicht gefallen hatte und die Schuhe nicht passen wollten. Und daß sie von der Mutter geohrfeigt, abends vom Vater mit einem Rohrstaberl getröstet wurde, und wie dann alles über die Maßen schön und feierlich und jubelvoll verlaufen. Und das Kränzlein, das immer aufdringlicher wurde, erzählte von noch vielen anderen Kränzen, seinen Geschwistern. Vom Myrtenkranz und Schleier und Myrtenkränzlein über wachsbleichen Kindergesichtern, schweren Blumenkränzen auf düsteren Särgen und auf Gräbern. Aber von seiner eigenen Geschichte erzählte es immer und immer wieder am liebsten. Wie es über Tränen törichten und einfältigen Kindertrotzes und über Tränen hoher Seligkeit sich gewiegt, wie es bewahrt wurde bis auf den heutigen Tag, schier seiner einstigen Trägerin gleich an jetzigem Aussehen. Noch lange danach, als es schon in seiner Pappschachtel neben anderen Zeugen einstiger schöner und schwerer Tage geborgen lag, rumorte das Kränzlein noch immer mit seinen Erzählungen. Daraufhin nahm seine Herrin aus einer im Schranke hängenden Umhüllung etwas 46 hervor, das sich als ein schweres, graues Seidenkleid erwies. Das einzige kostbare Andenken an Zeiten, da sie sich noch nichts von ihrem späteren Beruf träumen ließ. Wie das Kränzlein einmal, hatte es zu schöne Stunden gesehen, als daß sie sich hätte von ihm trennen mögen. Wen wird es einst kleiden, wenn sie nicht vorzieht, es einmal ins Grab mitzunehmen? Und daraus zog sie unter schön geschichteter Wäsche eine kleine Kassette hervor, darin lag viel, viel mehr, als einst der Weg zur Grube kostete. In vielen arbeits- und entbehrungsreichen Zeiten hatte sich der Notschatz vermehrt. Für eine »schöne Leich'« hauptsächlich und viele Messen. Aber das einmal rebellisch gewordene Kränzchen tobte noch lauter als zuvor, wie wenn ihm eine Beeinträchtigung widerfahren wäre: »Nichts da! Wer wird einst hinter deinem Leichenbegängnis einhergehen? Und alle geleierten Messen, werden sie je an dein Ohr dringen? Lege dein Geld auf Zins an, auf wucherischen Zins, gib mir eine Schwester, die auf einem anderen, jüngeren Haupte strahlt! Und wenn dieses Haupt einmal so weiß ist wie das deine, wird das dann auch vergilbte Kränzchen Geschichten erzählen aus einer lustigen, wunderschönen Zeit . . .« Und am Abend hatte die alte Frau die Mutter in ihr Kabinett gerufen, sie über die Aussichten befragt, die irgendeine Patenschaft hätte, und auf die dahinlautende trostlose Auskunft sich ganz einfach selbst als »Godl« angetragen Dann war sie ausgegangen. 47 Als Klein-Berta von dieser Anordnung erfuhr, war sie außer sich. Eine solche Firmgodl! Die Kinder würden sie auslachen, ja geradezu verhöhnen. Eine solche Wartefrau! Bis sie von der Mutter zwei gründliche Ohrfeigen erhielt und ins Bett gejagt wurde. So viele Tränen, wie an dem heutigen Tag und Abend, waren schon lange nicht geflossen. Am nächsten Schultag hatte sich Berta schon hinlänglich getröstet und mit dem Gedanken abgefunden, eine »Godl« zu besitzen, die – nun . . . Aber eine Godl war es doch, und wer sie war, wer braucht es zu wissen? Kinder sind den Großen gar zu gleich. Es ist eine gar zu banale Geschichte bisher und gewinnt jetzt erst einiges Leben. Am Pfingsttag war das Tor des Hauses, in dem Frau Malinger wohnte, stark von Frauen umlagert. »D' Malinger Berta wird zur Firmung g'führt.« »Wer redert davon, wenn ma' net wußt', daß 's a urndliche Firmung werd'n soll. Jessas! Sollt' das eppa der Fiaker sein? Wissens S', die Täg' hat ma' scho' so was munkeln g'hört. Bitt' Ihner, bei die Zeiten an' Luxusfiaker. Just zu Pfingsten . . .« »Und die Firmgodl soll am Kaminet wohnen und wo angaschiert sein, aber net als Primadonna. Hör'n S' m'r auf. Wann a G'lumpert amal anfangt Strach z' machen . . .« »An' Bettler hat no' nia a Roß derreiten kinna. Aber jetzt . . . Sie kumman.« Es war wie ein Pfingstmärchen. 48 Der vor dem Tore stehengebliebene Fiaker war einer, der sich sehen lassen konnte. Eine Blume von fast Sonnenblumengröße hatte er im Jackett. Die Pferde hatten einige Blümlein, und die Peitsche war verziert. Und ihm näherte sich Klein-Berta in einem so wundervollen weißen Kleide, mit so wundervoll gewelltem, offenem Haar, in dem ein herrlicher, künstlicher Myrtenkranz thronte. Die Schuhe entsprachen der anderen Pracht. Aber wer war die alte Dame im grauen, obwohl sehr unmodernen Seidenkleid? Doch nicht . . .? Und von einem Fenster herab sah eine vor Glück weinende Frau, neben ihr drei von der Sonne ausgebleichte Köpfe . . . »Ah, so was! Das G'schäft lern' i aa auf meine alten Täg'. Hab'n S' Ihner's ang'schaut? Und so was reibt . . . Na ja, mi' geht's nix an.« Es ist meist der Ausdruck gebräuchlich, von Personen, die zu gelegener Zeit als Helfer in irgendeiner Not auftreten, als von Rettungsengeln zu sprechen. Was unsere Phantasie oft gegen einen solchen Vergleich auch einzuwenden hätte. In den meisten Schilderungen, die sich mit solchen Persönlichkeiten als Deus ex machina beschäftigen, steigen diese aber von einer sozialen Stufenhöhe herab. Meist sind es adelige Damen, Gutsbesitzersfrauen oder Bankiersfrauen, zum mindesten Gattinnen renommierter Geschäftsmänner. Aber es ist nicht einzusehen, daß eine Dame, die – nun, daß eine solche alte Dame nicht zu 49 einer Art von Pfingstengel werden könnte. Auch die alten Apostel von einst waren noch nicht, wie ihre heutigen Puppen, in Gewänder von Seide und Gold gekleidet gewesen. Also Segen auf die alte Frau, die – nun, man weiß ja – die aber für die dumme, kindisch-eingebildete Malinger Berta so recht zu einem Pfingstengel geworden war. Denn der Firmling sollte alle Freuden auskosten, die es für einen Firmling gibt. Das wackere Kränzchen hatte zu energisch Fürsprache eingelegt. Mein Gott! Ein paar anscheinend unnütz ausgegebene Gulden mehr – sie vermögen es, was für Millionäre ihre Millionen nicht vermögen: den Himmel herunterzuholen, ein liebliches Fest lieblich und für alle Erinnerung bewundernswert schön zu gestalten. Am nächsten Tag erschien Klein-Berta mit einem stolz-seligen Gesicht in der Schule und zeigte ein mit beinernem Deckel verziertes Gebetbuch und eine sehr hübsche goldene Uhr vor, erzählte von einer ersten seligen Fahrt im Fiaker und von hunderterlei anderen Dingen, von denen wir Großen nur sehr stumpf Kenntnis nehmen können. Wir alle können nur das Schicksal der goldenen Uhr voraussagen. Viele Schätzmeister werden sie prüfen und taxieren. Und um eins werden sich alle Schätzmeister der Welt nicht kümmern: um ein kleines Kränzchen, das, wenn Klein-Berta es bewahrt wie seine Patin, vielleicht auch einst Wunder wirken wird. Unsere Welt ist ja von Wundern so voll, nur muß man sie in Liebe deuten können. 50     Drei Geschichten vom Amt I. Der verschwundene Akt Gewisse Dinge muten fast wie Übertreibungen an, wie Erzählungen aus dem modernen Pitaval, wenn auch unblutige. Rohe Naturen mögen sich an solchen Schilderungen ergötzen. Der Edle lächelt voll verzeihender Güte und erklärt, man sage ihm durchaus nichts so Neues. Die menschliche Natur sei im Grunde eitel Schwäche. Ein haltloses Gerüst, dem man keine allzugroßen Lasten aufbürden dürfe. Vom Zimmer zwölf war der Alarmruf ausgegangen: Der Akt Exh. 315 B,2,/IV ex 1902 sei in Verlust geraten. Von Zimmer zwölf sprang der Funke auf Zimmer sechs, wo er acht Insassen aus dem seligen Bewußtsein erfüllter Beamtenpflicht peitschte, sprang in die Zimmer sieben, acht, neun, elf, raste hinab in die Evidenzhaltung, in beide Liquidaturen und schien nicht übel Lust zu haben, zur Direktion selbst überzuspringen, und von da . . . o Götter! Der Akt Exh. 315 B,2,/IV war eine Art 51 Scheintoter, der alle Vierteljahre einmal zu einer Art Scheinleben gelangte. Man merkte ihm seine Vergangenheit an. Er hatte sich allmählich herausgemästet, strotzte von Dicke und war wie ein alter Herr anzuschauen, der nicht allzuviel auf sein Äußeres hält. Jedes Vierteljahr nahm ein Referent den Akt vor. Mit einer Art von humoristisch-grimmig-resignierter Miene wurde der Akt in der letzten Zeit (die eine Spanne von drei Jahren umfassen mochte) von dem jeweiligen Referenten in »Frist« getan. Das bedeutet, er malte mit Rot- oder Blaustift etwas hin, das man als Kreis ansprechen konnte, schmierte das nächste Quartalsdatum darauf, und der Akt war glücklich wieder erledigt bis zum nächsten Vierteljahr. Aber auch ihm schien eine Stunde der Erlösung zu schlagen. Und wie erhabene Dinge stets oder meist von kleinen Zufälligkeiten bestimmt werden, so war es auch diesmal der Fall. Ein sehr strebsamer Beamter der hohen k. k. Statthalterei hatte in löblichem Diensteifer die Entdeckung gemacht: in einem soundso befindlichen Amte sei ein soundso bezeichneter Akt in Verwahrung usw. Wer nun weiß, was es bedeutet, das amtliche Interesse einer hohen k. k. Statthalterei zu erregen, wird die Bestürzung begreifen, die sich aller bemächtigte, als der von besagtem hohen Amte urgierte Akt (dessen Inhalt die Eintreibung von zwei Kronen vierzig Hellern betraf) ganz einfach unauffindbar blieb. 52 Der erste Herr Vorstand heischte dringendst nach Aufklärung einer ganz unfaßbaren Tatsache des Verlustes eines amtlichen Schriftstückes. Das Haustelephon war ununterbrochen im Gange. Es war wie in Zeiten eines Belagerungszustandes. Jeden Augenblick konnte der noch irrlichternde Funke einen ganz Schuldlosen (in diesem Falle der Herr Vorstand) mit Blitzesgewalt niederschmettern. Sein Stellvertreter, der zweite Herr Vorstand, schien gebrochen. Seine hohe Gestalt, die sonst was Aufrechtes, Unbeugbares hatte, schien um einige Faustlängen verkürzt. Sonst von äußerster Liebenswürdigkeit und Bonhomie, hüllte er sich in eine bedrohliche Passivität, hörte auf keine amtliche wie private Anfrage, sondern ging mit visionärem Gesichtsausdruck umher wie ein erhabener Märtyrer. Der Adjunkt Kerner, der von einer ruhigen, sachlichen Gründlichkeit war und auf der Suche nach irgendeinem Schriftstück es mit einem ehemaligen indianischen Fährtensucher aufnehmen konnte, erreichte es endlich, den Anfangsfaden des im ersten Augenblick verwirrt erscheinenden Knäuels zu finden. Und die Aufdeckung der einfachen Tatsache, daß – nun, daß einem gewissen Schupf das Verschwinden des Aktes mit vernichtendster Beweiskraft nachgewiesen werden konnte, erweckte nachhaltiges, mit sittlichem Abscheu gemischtes Aufsehen. Wenn je einem, so war es diesem räudigen Schaf der Amtsherde zuzutrauen. Die höhere Beamtenschaft bildete auf dem 53 Korridore erregte Gruppen. Sie besprach den Vorfall mit Gründlichkeit und einem Zusatz von moralischem Abscheu. »So was kann doch auf keinen Fall geduldet werden, meine Herren,« sagte in nervöser Erregtheit der Herr Offizial Haller. »Bedenken Sie nur, daß durch solches Vorgehen einer ganz unverantwortlichen Persönlichkeit, wie eines Kanzleigehilfen, für das Amt die ärgsten Konsequenzen erwachsen können.« Ein äußerst Gutmütiger hielt dafür, daß man mildernde Umstände, wie geistige Umnachtung, ins Auge fassen könne. Dieser Deutung der Angelegenheit trat der bedächtige, mit menschlicher Verworfenheit vertraute Adjunkt Kerner (dem die Auffindung der Spur zu danken war) mit allem Nachdrucke entgegen. Wenn er auch menschlich fühlte, aber Dienst blieb unter allen Umständen Dienst. Wo käme man nachher mit solchen unangebrachten Gefühlen der Duldung hin? Zumal da es sich gar nicht einmal um einen wirklichen Beamten handle. Da kämen doch wenigstens Erwägungen kollegialer Natur in Betracht. »Saubere fünfundzwanzig aus n Salz, ka' Diurnum auszahl'n und außischmeiß'n.« Das war der Tenor seiner Überzeugung. Natürlich, unser von falscher Humanität beeinflußtes Zeitalter würde sich niemals zur Anwendung jener einfachen und gesunden Doktrinen einer guten alten Zeit bequemen. Also der Täter, wenigstens der mutmaßliche, war gefunden (denn noch fehlte das 54 Eingeständnis), und er hieß, wie erwähnt, Schupf, war Schreibhilfskraft oder, wie es schöner hieß, Kanzleihilfsbeamter mit einem Diurnum von drei Kronen fünfzig Hellern pro Tag, monatlich auszahlbar, und diente schon an die zehn Jahre. Während andere, weit später eingetretene Kollegen schon die schwindelnde Stufenhöhe der beamtenhierarchischen Leiter als Kanzleioffizianten erklommen hatten, trieb sich Schupf, halb geduldet, halb mit Bedauern betrachtet, als eine Art von Amtstrottel umher. Er bildete den Zielpunkt des düstersten Mißtrauens seiner Vorgesetzten. Sein entsetzliches Tagewerk war, mit einwandfreier Sicherheit zu beweisen, daß er irgendeinem, irgendwie und irgendwo geschossenen Amtsbock vollkommen fernestand. Schon die Berührung eines Schriftstückes machte dieses unrein für eine geraume Zeit. In Wirklichkeit machte er des Tages viele Hunderte von Akten auf diese Weise unrein. Nicht vielleicht, daß er sich in ihren Inhalt zu versenken hatte, sondern er mußte sie ganz einfach arithmetisch ordnen. Auf dieses Mindestmaß hatte man seine Beamtentätigkeit beschnitten. Mit angegebenem Akte hatte er in Wirklichkeit sich nicht in anbefohlener Tätigkeit beschäftigt. Aber da er sonst äußerst kollegial und dienstwillig war, bürdete man ihm mancherlei im Vorbeigehen auf, wo man selbst zu kommod war, und so kam es, daß er oft die »Hände voller Pratzen« hatte und seine eigenen Kinder nicht von denen fremder Leute unterscheiden konnte. 55 Nun hatte sich eine fürchterliche Schicksalstragödie entwickelt. Der erste Chef behandelte Schupf gleich Luft. Er dankte gar nicht einmal für einen alleruntertänigst dargebrachten Gruß. Der zweite Herr Vorstand, der sonst oft so leutselig im Diminutiv zu fragen pflegte: »Na, wia hab'n m'rs denn, Herr Schupferl?« erschien mit durchfurchter, düsterer Miene im Zimmer des Inkulpaten und forderte sämtliche Akten ab. Dann wurde der unglückselige Schupf mit Wartezeit zur Disposition gestellt. Das heißt, daß der zweite Herr Vorstand mit eisiger Kälte zu bemerken geruhte, für Herrn Schupf fände sich absolut keine Arbeit mehr, und es stehe ihm frei, aus dieser Tatsache die Konsequenzen zu ziehen. Dann begann die ratenweise Folterung. Schupf saß ganz gebrochen vor einem absoluten Nichts an Akten. Nicht, daß ihn deren auf den Nullpunkt herabgedrückte Mindestzahl geniert hätte. Unter anderen Umständen hätte er diese Tatsache lächelnd ertragen. Aber nun . . . Jede halbe Stunde wurde er zum zweiten Herrn Vorstand befohlen, der dann, mitleidslos in einen Akt vertieft, den Vorgeladenen gar nicht beachtete, bis dieser nach fünfminutigem, geduldigem Ausharren hoffnungslos zur Tür hinauswankte. Nach dem fünften Besuch hatte der Herr Vorstand mit einer Art ruhiger Ergebung in eine vom Schicksal aufgedrungene Notwendigkeit sich zu folgender Äußerung herbeigelassen: »Wissen S', mein liaber Herr von Schupf, i 56 hab' immer was auf Ihna g'halten. Mir tuat's lad um Ihna . . . Bei dö viel'n Dienstjahr' . . . Vielleicht aber, wann S' Ihna um was anders umschauerten; vielleicht bei der Tramway als Kondukteur oder bei an' Theater als Statist . . . Wissen S', Herr von Schupf, Sie san halt amal für den Dienst net tauglich . . .« »I halt's nimmer aus,« sagte der unglückliche Schupf, nachdem er, in seinem Zimmer und an seinem Platze angelangt, aus blöden Augen nach dem von allen Akten reingefegten Tische stierte, »i halt's nimmer aus. Meiner Seel', i pack' mi' z'samm' und geh' ham oder glei' in dö Donau. An' Menschen so z' martern . . . Unser Heiland hat aa sein Kreuz trag'n müass'n, aber wia i . . . Mehr als a Mensch vertrag'n kann, soll ma' net von eahm verlanga. I pack' z'samm' . . . hin is hin . . .« Die Kollegen gaben ihm jedoch zu bedenken, daß ein Sprung in die Donau mancherlei beinhalte: erstens zur jetzigen Zeit wäre es ein widerrechtliches Verlassen des Dienstes; zweitens könnte der Donausturz höheren Ortes als unliebsame Demonstration aufgefaßt werden; drittens würden sich bei einer doch immer noch zu gewärtigenden Vorrückung die Chanzen zugunsten eines Hintermannes geltend machen. Es wurden noch so viele schwerwiegende fachliche Gründe angeführt, bis Schupf, zwar schweren Herzens, aber infolge neu angestachelten Lebensmutes sich bereit erklärte, seine Dienste, wenn auch einstweilen negativ, dem Amte erhalten zu wollen. Dann begab er sich auf Zimmer zehn, wo 57 in rührender Ahnungslosigkeit all der aufregenden Ereignisse ein Beamter über einen Akt gebeugt saß und den Schupf vertraulicher- und undankbarerweise seinen Hof- und Leibwucherer benannte, da nicht nur er allein, sondern auch ein Großteil der Kollegen den ganzen Monat über den Beamten anzupumpen pflegten. Von ihm entlieh er auch jetzt mit »diensthöflichem« Ersuchen gegen Versprechen »ehebaldigen Rückschlusses« zwei Kronen und begab sich damit auf die Suche nach einem bestimmten Diener. Mit dem hatte er eine vertrauliche Besprechung, bei der die zwei Kronen neuerlich ihren Herrn wechselten, welches Schicksal ihnen übrigens in Bälde abermals bevorstand, denn der Diener sagte: »Wird g'macht, Herr Schupf. Alsdann zwa Liter. Sag'n S' mir nur, was war's denn eigentli' mit dem Akt? Ich hab' a biss'l was g'hört, i bin grad von der Statthalterei kumma.« Schupf erzählte hocherregt von dem außerordentlichen Fall. »Wia a Waserl sitz' i jetzt drin, ohne an' Strach Arbat. Tummeln S' Ihna, daß m'r a bißl die Surg'n vergengan.« Der Diener hatte mit dem tiefsten amtlichen Interesse der Mär von dem verschwundenen Akt gelauscht. »Irgendwohin müassen S' den Hundling (so benannte er respektloserweise das Schriftstück) do verschuastert hab'n. In der ›Frist‹ liegt er net ein?« Das war ein Fachausdruck. Schupf verneinte traurig. »Alsdann, Herr Schupf, z'erst tan m'r uns a biss'l stärk'n, und dann – wia mir gebaut san, 58 mir finden den Akt so sicher wia nur was. Mir zwa Dschungelbrüada! . . .« Das Wort war ein scherzhafter Hinweis auf eine nahe Bezirksverwandtschaft in schon sehr »entern« Gründen . . . Mittlerweile nahmen die Dinge den ernsten, drohenden Schritt des Verhängnisses. Man konferierte hinter der geschlossenen Tür des ersten Herrn Vorstandes. Alles, was sich anmaßen durfte, Rat und Stimme zu haben, war vereinigt. Alle Diener standen auf Posten, mit Ausnahme des »Dschungelbruaders«, der augenblicklich als im Solde Schupfs anerkannt und als von der Statthalterei noch nicht zurückgekehrt erklärt wurde. Der Herr Vorstand erläuterte den Fall folgendermaßen: Entweder sei der bewußte Akt verlorengegangen, was einer Art von Katastrophe gliche, oder er sei noch unter den Lebenden, was für den Schuldtragenden den moralischen und bürgerlichen Tod bedeute. Es bleibe, wenn bis morgen die Unauffindbarkeit des Aktes zu konstatieren wäre, nichts anderes übrig, als alle Herren und Hilfskräfte zu verpflichten, sich in den Nachmittagsstunden dem Studium sämtlicher Faszikel, die in Summa nur die Kleinigkeit von vierzig- bis fünfzigtausend Akten enthalten dürften, hinzugeben. Ein durch vielerlei Räuspern unterbrochenes Beifallsgemurmel sprach dem Plane des Herrn Vorstandes zu. Trotzdem man den Schuldigen erkannt zu haben glaubte, überführt war er noch nicht. Sein hilfloses Leugnen allen Verschuldens deutete ja wohl in letzter Linie auf den bekannten 59 Verbrechertrotz, und wenn auch wirklich sich in diesem auszustoßenden Mitglied der Gesellschaft die Kette der Verruchtheit schloß – was fragte die Oberbehörde um das Opfer? Vom Amte als solchem verlangte sie nur den Akt: den sagenumsponnenen, kreisverzierten, ziffernverschmierten und auch tintenbeklecksten Akt, der von so vielen Wurst- und Butterbrotexzessen gar schöne Dinge zu erzählen gewußt hätte. »Prost, Herr Schupf! Warten S', i schenk Ihna no a Glasl ein. Was? Der Wein vom Braun is net ohne. No . . . und denken S' no auf den Akt? Stund' dafur! Wer waß, wer 'n verhaut hat. I wir Ihna was sag'n: bleib'n S' dabei, Sö hab'n den Akt in Schneider geb'n (gemeint war der zweite Vorstand) und damit basta! Sagen S' ganz anfach, Herr Vurstand, den Akt hab' i Ihna geb'n, so wahr i dasteh, jetzt derinner i mi. Was kann er Ihna tuan, Herr? Sag'n S', was kann er Ihna tuan? Prost, Herr Schupf! Aber ehrlich und offen g'sagt, wia mir zwa Dschungelbrüada san . . . Hab' i Ihna je an' schlechten Rat geb'n? Fix Laudon . . . dö Akten, dö i heunt zum Einteilen hab'.« Es war zur selben Zeit, da alle zwei Herren Vorstände ihren berufenen Stab um sich gesammelt und alle Möglichkeiten erwogen hatten, wie dem launischen Flüchtling auf die Spur zu kommen sei, der aus dem wohlbehüteten Neste der »Frist« oder eventuell »Registratur« seinen Weg in ganz unbekannte Weiten genommen. Man war versucht, an einen entkommenen Nesthäkling zu denken. 60 Ja, zur selben Zeit vertat Herr Schupf seine zwei entliehenen Kronen in Gemeinschaft mit dem von ihm gedungenen Diener. Beider Gesichter waren nicht allein von der Leidenschaft amtlicher Tätigkeit gerötet. Schupf, der sich wie ein von seiner Herde ausgestoßener Elefant vorkam, hatte sich dem die zwei Liter aufbewahrenden Diener angeschlossen und holte sich bei diesem Trost auf zweierlei Art. »Seg'n S', Herr Schupf, so Dschungelbrüada wia uns därf gar nix genier'n,« erläuterte der Trostspender, indem er Akten für die Registratur, die haufenweise vor ihm lagen, für das Einordnen in die Fächer sortierte und den letzten Rest des Weines austrank. Plötzlich wurden seine Augen unnatürlich groß vor geheimer Aufregung. »Was für a Zahl hat der Hundling g'habt?« vergewisserte er sich erst, indem er ein Konvolut anstarrte, das alle von Schupf schon hundertmal vorgebrachten Kennzeichnungen aufwies. »Dreihundertfufzehn B, zwa, Strich, römisch vier,« würgte mit der Aufregung eines Mannes, der auf eine langgesuchte Goldader stößt, Schupf hervor. »No . . . seg'n S', dann hab'n m'r 'hn. Da is er. Herr – a Glück hab'n m'r g'habt, a Glück, daß 's höher net geht. Schau'n S' Ihnern nur an, ob er's wirkli' is?« Mit zitternden Händen griff Schupf nach dem ihm bekannten Ungetüm, das sich, einmal gesehen, der Erinnerung unauslöschlich einprägte. Ja, es war der kreisverzierte, ziffernbeschmierte, 61 hin und wieder etwas fettige Akt (nun, auch Akte haben ihre Schicksale), der in Schupfs verwirrten Vorstellungen geeignet schien, ein Staatsgefüge ins Wanken zu bringen. Dann aber legte sich ihm eine neue Zentnerlast der Sorge aufs Herz. »Was mach'n m'r jetzt mit eahm?« frug er beklommen. Denn neue gewaltige Möglichkeiten tauchten empor. Er hatte erwiesenermaßen den Akt zuletzt in der Hand gehabt, hatte gegen das Hohnlächeln des zweiten Herrn Vorstands die Behauptung gewagt, diesem das Schriftstück übergeben zu haben (erst ziemlich in letzter Stunde war diese Behauptung auf den Rat des getreuen Dieners produziert worden), kurz – es türmten sich neue Berge von Schwierigkeiten auf. »Was m'r jetzt mach'n?« antwortete der in allen Schulen der Lebenskunst erzogene Aushilfsdiener (nun, ist er schon definitiv, während Herrn Schupfs Schicksal noch heute in Schwebe steht). »Aber Herr! Den Akt hau'n m'r 'n Schneider zuwi. G'schwor'n hab'n S' heut eh schon a paarmal, daß er's bald selber glaub'n muaß. Mir von dö Dschungeln san ja 'brennt. Aber Herr . . .« Und es geschah also zur selben Stunde, da der Herr Vorstand den verzwickten Fall neuerdings einem vor Schauern des moralischen Abscheus zitternden zweiten Beamtenschub auf das eingehendste erklärte. »Es wird nichts anderes übrig bleiben, meine Herren, als daß ich an Ihren Privatfleiß appelliere. Die Tage sind jetzt licht und lang (o Himmel, vor Ostern!), und unserem vereinten 62 Bemühen muß die Auffindung des dringenden Stückes gelingen. Der Schuldige wird zu strenger Verantwortung gezogen werden, meine Herren, denn gewisse Dinge darf man doch nicht durch die Finger laufen lassen.« Am nächsten Tage erschien Schupf mit dem unbekümmertsten Gesicht im Amte, als wäre seine amtliche Lammswolle nie beschmutzt worden. Alles harrte der Entwicklung der Dinge. Wenn die hohe k. k. Statthalterei noch einen Tag warten müßte! . . . Die Folgen waren wirklich nicht auszudenken. Und dann der schuldtragende Schupf, der sich so selbstzufrieden vor seinem leeren Tische rekelte . . . Und dann auf einmal, es war so zur Frühstückspause, erschien der zweite Herr Vorstand und fragte mit der alten Leutseligkeit von stets: »No, mein liaber Schupferl, wia hab'n m'rs denn?« O ihr wandelbaren Götter! Am Abend tranken Kanzleihilfsarbeiter und Aushilfsdiener Bruderschaft. Selbstverständlich für den außeramtlichen Gebrauch. Was den Akt anlangt – nun, es zieren ihn immer noch neue Kreise. Die Wißbegierde der hohen k. k. Statthalterei hat bis heute noch nicht die laufenden zwei Kronen vierzig einzubringen vermocht. 63 II. Klein Moritz' Geschäfte Es war eine unendlich selige Zeit im Amte gewesen. Nur dauerte sie, wie alles »unendlich« Schöne, ach! gar so kurze Zeit. Alles war so gekommen: Der Herr Vorstand der Abteilung IV war eines Tages von fürchterlichen Leibschmerzen befallen worden. Es war kein Wunder. Denn er aß gern reichlich und fett und verhinderte die gewisse Schwimmbedürftigkeit des Genossenen durch schnöde Abstinenz. Da aber Abstinenz als Tugend gilt und die Tugend gleich einem schönen, spröden Weibe allerlei Anfechtungen ausgesetzt ist, so kam auch in diesem Falle die lächelnde Schwester Versuchung – doch das alles folgt jetzt. »Hu!« jammerte der Herr Vorstand. »Das wird ein böses Ende nehmen.« Ein Lieblingsausdruck von ihm, der sich sogar auf einen momentan verlegten Akt oder eine geringfügige Verschreibung bezog. Er sah alles durch die Brille des »bösen Endes« an. Also stöhnte er und wand sich und prophezeite nicht nur sich, sondern allen Untergebenen schlimme, ja fürchterliche Ereignisse. Nur weil er Leibgrimmen hatte. Da in einem Amte viel kleinere Dinge zum Lichte der Beachtung drängen als die immerhin ansehnlichen Leibschmerzen des Herrn 64 Vorstandes – so bekamen diese Schmerzen, bildlich gesagt, Füße, durcheilten alle Hallen und Gänge, kratzten an jeder Türe, winselten allerorten, so daß bald der Alarmruf das ganze große Haus durchgellte: der Herr Vorstand der Abteilung IV sehe mit jeder Minute seiner Auflösung entgegen. Die Vorstände aller anderen Abteilungen eilten tieferschüttert herbei. Eine solche Aufregung hatte das Amt seit langem nicht durchtobt. Der Patient stöhnte und beschwor die Vorsehung, ihn noch dies eine Mal, nicht zu eigenem schnöden Nutzen, nein, sondern zu dem des Amtes und seines weiteren Gedeihens zu retten. Nur einer hatte inmitten des allgemeinen Aufruhrs seine vollkommene Ruhe und Fassung bewahrt. Ja, einem scharfen Beobachter hätte es scheinen müssen, als ob hinter dieser Fassung eine geheime Befriedigung lauere. Es war ein Volontär, der in Erwartung späterer Ruhegenüsse einstweilen allein der Ehre halber diente und langweilige Kopien als »Mundant« anfertigte. Man hieß ihn scherzhalber und etwas boshafterweise im Amte den kleinen Moritz und verbreitete, sehr zu seinem Ergrimmen, die Legende, es habe zwecks seines Eintrittes in den Staatsdienst eine allgemeine Familienwässerung stattgefunden. Allen war bei Moritz (wie er ja gar nicht hieß, sondern Rudolf) eine geheimnisvolle Kassette aufgefallen, die er jedesmal mit ins Amt nahm, ohne daß jemals irgendwer deren Inhalt ergründen konnte. Allen diesbezüglichen Anfragen und Erkundigungen wich er geschickt aus. Aber 65 an dem heutigen Tage ward das Siegel des Geheimnisses gelöst. Denn Moritz öffnete mit einem Miniaturschlüssel das Miniaturschloß der Kassette, die sich teilte wie ein Buch, nur daß dieses statt der Lettern eine Reihe von Retorten enthüllte, die mit vielfarbigen, von reinster Wasserhelle über Goldgelb bis zu dunklem Rot variierenden Flüssigkeiten gefüllt waren. In der Mitte dieser bunten Pracht lag, in wohlige Futteralweichheit gebettet, ein Gläschen, von der sonst im Amte verpönten Form eines Schnapsstamperls. Moritz, der Volontär, hatte nämlich für dienstfreie Stunden die Vertretung der Firma seines Bruders, der Spirituosen en gros et en detail verkaufte, übernommen. Die Ereignisse hatten entweder Moritz überrascht und ihm ein sonst strenge gehütetes Geheimnis entrissen, oder er fand den Zeitpunkt für gekommen, wo er durch seine Amtszugehörigkeit gewissermaßen eine Verbindungsbrücke zu einer neuen Geschäftsklientel schlagen konnte. Jetzt goß er aus einer goldig schimmernden Retorte das Gläschen voll und bot dieses mit viel graziöser, halb geschäftlicher, halb amtlicher Untertänigkeit dem Herrn Vorstand an, der, wie alle Großen dieser Erde, den Anfechtungen der Natur allein sich tributär fühlte. »Hu! das war gut,« sagte der Herr Vorstand, nachdem er den Inhalt einiger Phiolen in sich aufgenommen hatte. »Das ist ja die reinste Wundermedizin. Ich fühle mich wie 66 neugeboren. Für künftige Fälle müssen Sie mir einen kleinen Vorrat dieses Elixiers besorgen.« Das ganze halbe Amt, die übrigen Vorstände, waren Zeugen dieser wunderbaren Errettung. Man bestürmte den neu auferstandenen Wohltäter der Menschheit, ebenfalls für eventuell eintretende künftige Fälle um Mitteilung der Quelle eines so köstlichen Lebensbalsams. Und Moritz notierte und notierte . . . Von dem Tage ab roch es gar lieblich in allen Zimmern. Nach Zimt, Veilchen, Rosen und auch etwas Derberem. Denn Moritz' Bruder verstand seinen idealen Beruf. Nun hätte die Schönheit der von da ab einsetzenden Amtsidylle, die zart gerötete Gesichter und gütiges, allgemeines Einanderverstehen und rosige Heiterkeit als hervorragendste Merkmale aufwies, wohl noch viel länger ohne einen läppischen, plumpen und dummen Zufall bestanden. Der ereignete sich folgendermaßen: Der dicke Adjunkt Haberda war mit dem Welthause von Moritz' Bruder in ein enges, auf einstweiligen Pump gegründetes Geschäftsverhältnis getreten. Er war niemals das, was man bei Kasse sein heißt, und er verschmähte auch die feinen Sorten, die nach Parfüm rochen. Seine Devise war: viel und stark und dabei billig. Er hatte sich also einen erklecklichen Vorrat bestellt und stärkte sich häufig bei seiner ermattenden Amtstätigkeit. Eines Tages schrillte die Telephonklingel. Der Herr Adjunkt begab sich an den Apparat, da gerade niemand sonst anwesend war. 67 »Hier Ministerium,« hieß es. »Ministerialrat Penzinger. Wer dortamts?« Der Herr Adjunkt lachte. Er fühlte sich heute so wohlig gestärkt und für einen Jux teilnehmend gestimmt. Das kannte er ja. Es war ein Witz eines Kollegen von einer entfernten Abteilung, der es in müßigen und heiteren Stunden liebte, seine Stimmverwandlungsfähigkeit in den Dienst einer großen »Hetz« zu stellen und sich telephonisch bald als den, bald als jenen Obergewaltigen aufzuspielen. Besonders den Herrn Ministerialrat Penzinger imitierte er täuschend. Also der Herr Adjunkt lachte. »Ich werde dich penzingern, du altes Schwein, In welcher Bude treibst du dich denn herum?« »Hier Ministerialrat Penzinger. Wer dort?« »Frag nicht so dumm, du besoffener Kerl. Von welchem Graben bist du wieder nach Haus gekommen? Wirst doch noch den Haberda kennen? Der Witz ist gut. Du, wenn du hier wärst . . . Eine Primamarke hab ich. Echten Stanislauer. Ich sag dir, das halbe Amt war gestern im Dusel.« »Sooo?« »Ja – und wenn du kannst, alter Filou, mach dich auf einen Sprung herüber frei. Ich sag dir, das ist was für deine Glühbirn, versoffenes Kamel.« »Rrrr!« Es war abgeläutet worden. Nach einer Viertelstunde hielt ein Fiaker vor dem Tore des Amtes, und mit allen Anzeichen äußerster Erregung stürzte der Herr Ministerialrat Penzinger in das Zimmer, in dem der Herr Adjunkt saß. 68 »Haben Sie eben telephoniert?« herrschte, ja brüllte er den schreckensbleich Gewordenen an, der gerade im Begriffe gestanden war, sich ein halbes Wasserglas, aber nicht mit Wasser zu füllen. »Herr Ministerialrat . . .« stammelte mit bebenden Lippen der Befragte. »Schon gut. Bis auf weiteres.« Und dann raste der Herr Rat zum ersten Chef, mit diesem durch alle Zimmer des ihm untergebenen Amtes. Es wurde viel gebrüllt und viel geschwiegen. Natürlich tat das erstere der Herr Ministerialrat, das andere notgedrungen die gesamte Beamtenschaft. Es gab viel bleiche Gesichter und heiße Köpfe. Wenn der See rast, will er sein Opfer haben. Und wenn der Vertreter eines hohen Ministeriums rast, will er ebenfalls seine Opfer haben. Als erstes fiel Klein Moritz, dem nach Erpressung des Sachverhaltes bedeutet wurde, daß man seiner Dienste für alle Zukunft nimmer bedürfe. Und wären diese in alle Ewigkeit hinein so kostenlos wie bisher, denn ein k. k. Amt sei kein Tummelplatz für schamlose Schnapsgeschäfte. So äußerte sich der Herr Rat wörtlich. Im übrigen lief die Sache noch so ziemlich glimpflich ab. Der Adjunkt Haberda und sein witziger Kollege mußten in einem Zimmer des Ministeriums eine Standrede anhören, die gut einundeinehalbe Stunde währte. Erst wurde wegen schandbaren Benehmens mit Disziplinierung, später mit Pensionierung gedroht, zum 69 Schlusse eine weitestgehende Präterierung in Aussicht gestellt, und ganz zum Schlusse wurde beiden Inkulpaten noch einmal das Schmähliche und Schamlose ihres Treibens vor Augen geführt, und dann wurden sie entlassen. Es hatten sich nämlich in letzter Stunde noch höhere Einflüsse geltend gemacht, die die Sache für einen unbezahlbaren Jux ansahen und nur im Interesse der Reputation und zur Hintanhaltung fernerer Entgleisungen das abschreckende Donnerwetter inszenierten. So zwei Monate später stellte sich Klein Moritz als Bittsteller und um neue Aufnahme flehend bei dem Herrn Ministerialrat vor. Welche Gründe er ins Treffen führte, daß seine gnadenweise Wiedereinreihung erfolgte, ist unbekannt. Er scheint abermals als Vertreter des Welthauses seines Bruders Glück gehabt zu haben. Denn binnen kurzem roch es in den geheiligten Räumen nach Zimt, Veilchen und Kölnerwasser. Die Scheidewand Wunderbarlich sind oft die Wege des Amtsganges. In der Evidenzhaltung, kurzweg die »Evidenz« genannt, stand nebst den Amtstischen, an eine Wand gelehnt, etwas, das man im gewöhnlichen Leben als eine Art von Schusterstellage angesprochen hätte. Eine mehr genial als genau 70 arbeitende Tischlerhand hatte vor Zeiten eine schiefe Ebene draufgesetzt, die wiederum als Pult angesprochen wurde. Besagte Stellage enthielt nur ein Längsfach. Auf diesem und unter ihm standen Bücher. Gewaltige, gewichtige, sich mit den Jahren immer mehr blähende Bücher von der Höhe eines Wickelkindes und der Rückenbreite einer Möbelpackerfaust. Der Oberoffiziant Holz, der immer vom Herbst bis zum Frühjahr mit aufgestelltem Rockkragen saß und sich die Finger vor Kälte rieb, der beim Aufgehen einer der drei Türen, die zur Evidenz führten, unwillig murrte, kurz, Herr Holz betrachtete das voluminöse, auf ästhetische Wirkung keinerlei Anspruch erhebende Amtsmöbelstück mit grollenden Blicken. Der Grund war der, daß das zu solchem Mißmut herausfordernde Möbel (in der offiziellen Amtssprache »Evidenzhaltungs- und Liquidaturergänzungskasten« genannt) den Herren aus den verschiedensten Zimmern dienstliche Nötigung gab, sich der dickbauchigen Ungetüme zu bedienen. Bei dieser Gelegenheit ward gewöhnlich das Schließen irgendeiner der drei Türen vergessen, was auch den Herrn Oberrevidenten Bukovic, der nahe dem Fenster saß, zu unwilligen Protestrufen veranlaßte. Aber für die ansonsten erwünschte Amtsstille des Zimmers war es so unvorteilhaft als möglich, die Flüche und Verwünschungen zu hören, mit denen die amtierenden Herren die »verdächtige, miserable« Stellage bedachten. 71 Denn sämtliche der dickbauchigen, ratsherrnmäßigen Folianten hatten die Neigung, bei Entnahme eines ihrer Kollegen ganz einfach wie in maßloser Trunkenheit umzufallen, um sich an den jeweiligen Nächsten zu lehnen. Und bei der Gelegenheit wurde stets ein oder auch mehrere Finger schmerzhaft geklemmt. Alle in solcher Weise lädierten Herren behaupteten dann, daß ein solcher Zustand ganz einfach unhaltbar und unerhört sei. Es wurde ganz offen verlangt, daß in die Mitte ein vertikales »Brettl« eingefügt werde, und zwar auf Kosten der Staatskasse. Man trat mit dem Ansinnen, ein solches Brettl kurzerhand unter eigener Verantwortlichkeit anbringen zu lassen, an den Diener Weinmann heran. Als er erfuhr, worum es sich handle, wurde er um einen Schatten ernster, als es sonst schon der Fall war. »Wissen S',« sagte er mit leicht bebender Stimme, »i dien' jetzt schon dreißig Jahre. Aber –« hier festigte sich die Stimme, »während der ganzen Zeit hab' i kan' Anstand g'habt, net so viel, als schwarz unter'n Nagel geht. Jetzt, das können die Herren net verlangen, daß i so mir nix, dir nix hergeh und ohne höhere Erlaubnis, ganz auf meine eigene Verantwortung, das Brettl da einimach'n laß. Daß i vielleicht auf meine alten Täg' no in d' Disziplin kummert. Schreiben S' ganz anfach an' Bedarfschein mit 'n Herrn Vorstand seiner Unterschrift und leiten S' ihn in 'n Dienstweg. Das is mein Rat, wann die Herr'n erlaub'n.« 72 Dann setzte er sich wieder an seinen Platz und fixierte einen wohl nur ihm sichtbaren, sonst ganz imaginären Punkt in der Ecke des Zimmers, gerade über dem Kopfe des Oberrevidenten Bukovic. Da man bei näherer Beratung fand, daß der Rat des erprobten Dieners der Befolgung würdig war, so wurde diese beschlossen. Als der Beamte den Schein an der zuständigen Stelle zur Unterschrift vorlegte und einen diesbezüglichen aufklärenden Vortrag hielt, schüttelte der Herr Chef, nachdem er seinen Zwicker abgenommen, milde das Haupt und bemerkte in seiner korrekten, liebenswürdigen Weise, daß er geneigt sei, an der vollen Wahrscheinlichkeit des Gefahrenreichtums des bewußten Amtskastens gelinde Zweifel zu hegen. »Übertreibung, lieber Bukovic, ganz gewiß Übertreibung. Vielleicht a Angstneurose? Übrigens will i Ihner persönlich davon überzeugen, daß 's nur auf die Geschicklichkeit beim Anfassen ankommt.« Gefolgt vom Oberrevidenten, dann dem zweiten Vorstand, den das brennendste Interesse an der Erledigung der wichtigen Angelegenheit ins Zimmer geführt, und einigen Beamten, die sich am Wege angeschlossen, nachdem ihnen eine rasche Belehrung Sinn und Zweck der vorständlichen Schaukommission vermittelt hatte, begab sich der Herr Chef nach der Evidenzhaltung. Von den Nebenzimmern waren mittlerweile auch einige Beamte erschienen, die alle die 73 Rätlichkeit der Anbringung eines Brettls besprachen und zu verschiedenen Schlußfolgerungen gelangten. »Na, schau'n S', meine Herren,« sagte lächelnd der Herr Vorstand, indem er einen der Dickleibigen mit beiden Händen anfaßte und hervorzog, »ein Griff, ein Bett . . . au!« Nun war die Angelegenheit in ein Stadium getreten, das man spruchreif nennt. Der Bedarfschein erhielt die amtlich vorgeschriebene Genehmigung und wurde mit stiller Freude in die Wege geleitet. Acht Tage vergingen, die lächelnd ertragen wurden, dann kamen weitere vierzehn Tage. Und dann meldete sich ein Beamter dienstuntauglich, die Untauglichkeit bestätigt durch ein ärztliches Parere, das eine hochgradige Schwellung des Mittelfingers der linken Hand feststellte. Weitere Duldung wäre sträflich gewesen. Jedes Zögern konnte die Dienstuntauglichkeit mehrerer anderer Beamten nach sich ziehen. Der Herr Vorstand war ernstlich empört. Eine Seltenheit bei ihm. Aber der Dienstweg gestattete vorderhand nur eine Urgenz an die für solche Dinge bestimmte Verwaltung, die man dem für »scharfe« Erledigungen bestimmten dicken Referenten Stuhleck zuwies. Der knurrte erst, da er behauptete, ein solcher »Quargel« falle gar nicht in sein Ressort, schärfte aber dennoch seine Feder, tauchte sie ein wenig in die bei ihm stets angesammelte 74 Galle und verfaßte eine saftige Urgenz, dahingehend, daß die ehebaldigste Aufstellung der Scheidewand dringendst usw. . . Es vergingen jedoch weitere Wochen und dann noch weitere. Der Herr Vorstand wollte mit der Angelegenheit nicht weiter behelligt werden. Und dann kam über die Nacht der Krieg, der unheimlich rasch die verschiedenen Zimmer zur Hälfte ihrer Insassen beraubte. Sollte sich da noch einer wegen einer etwas geschundenen oder gequetschten Hand wehleidig zeigen? Und so ging man acht- und teilnahmslos an der Tatsache vorüber, daß eine mehr diensteifrige als kundige Hand sich kurzerweise eines alten, herumliegenden Kistendeckels bemächtigt, auf dem eine Flasche und die Worte: »zerbrechlich – Glas!« schabloniert waren, und ganz unbeholfen in die Mitte der oberen Abteilung eingenagelt hatte. So war die vielberufene, umstrittene, urgierte »Scheidewand« geboren . . . Hiemit könnte die ganze Geschichte ein geruhsames, friedliches, gar nicht aufreizendes, nüchternes Ende haben. Aber in amtlichen Dingen gibt es nichts Kleinliches und Einfaches. Denn eines Tages feierte das Brettl eine Art düsterer Auferstehung eines peinlichen Interesses. An den Herrn Vorstand, den Chef der Verwaltung, gelangte seitens der Direktion eine Zuschrift höhernorts, der eine offenbar irrtümlich beigegebene, schon sehr langfristige Urgenz in Sache einer gewissen Scheidewand angeschlossen war. Der Herr Vorstand war wie vor den Kopf 75 geschlagen. Wo in aller Welt sollte eine Scheidewand errichtet oder aufgebaut werden? Aber wie der Herr die Künder seiner Offenbarungen gewöhnlich unter Leuten sucht, die nicht den Gelehrten und Großen angehören, erleuchtete er das schlichte Gemüt des Dieners Weinmann, als er von der dunklen Angelegenheit erfuhr. »I waß scho,« sagte er in seiner ruhigen, gesetzten Art, »das is weg'n dem Brettl in der Stellage.« Der Kistendeckel mußte durch eine fachmännisch eingesetzte »Scheidewand« ersetzt werden; das stand fest. Der mit Dringlichkeit herbeigerufene Tischler erklärte, über den Grund seiner Konsultation aufgeklärt, mit kühler Sachlichkeit, daß er seine Anwesenheit als eine ganz unnötige betrachte, da er doch nicht dazu berufen sei, frevelhaftem Pfuscherwesen mit seiner Meisterhand Helfersdienste zu leisten. »Im übrigen,« das war der Inhalt der Erläuterungen des Meisters, »g'hört das Glumpert am Mist!« Im letzten Augenblick fiel jedoch sein Blick auf eine Nische der Rückwand, die sich von halber Breite bis zur Plafondhöhe erstreckte, zog seinen Zollstab, Notizbuch und Bleistift hervor, maß, prüfte, berechnete, murmelte, machte Eintragungen, Rechenexempel, und ein ganzer Beamtenstab folgte ehrfurchtsvoll diesem Beginnen. Dann empfahl er sich endgültig. Er hatte das Seine einstweilen getan. Drei Tage später erschien der Herr Direktor 76 in Begleitung des Herrn Vizedirektors mit dem Tischlermeister, der seinerseits von einem Stabe von drei Mann gefolgt war. Dieses Ereignis verfehlte nicht, das ganze Amt aufzuscheuchen. Die beiden Herren Vorstände, dann einige ihnen an Rang Zunächststehende schlossen sich der direktorialen Heerschau an. An den drei Türen drängten sich Krethi und Plethi, reckten die Hälse, stellten sich auf die Zehen und begleiteten im Flüsterton die sich entwickelnden hochwichtigen Ereignisse. Und diese bestanden in nichts Geringerem als der kommissionellen Besichtigung der Nische zwecks Einbauung eines neuen Kastens amerikanischen Systems mit Rollschubtüren usw. Der instruktive, eingehende, von gediegenem Fachwissen zeugende Vortrag des Meisters wurde vom Herrn Direktor und den übrigen Mitgliedern der Kommission mit ungeteiltem Interesse angehört und seine Vorschläge einstimmig zum Beschluß erhoben. Nach vierzehn Tagen stand in stattlicher, imponierender Schönheit der neue, in das Inventar unter dem Titel »Vereinigter beider Liquidaturen- und Evidenzhaltung- sowie Protokoll-Hauptkasten« eingetragene Kasten da. Nach abermals drei Wochen erschien, von der Oberbehörde gesendet, der Referent für Personal- und Sachangelegenheiten, um die vor drei Jahren urgierte »Scheidewand« in Besichtigung zu nehmen. Er trug einen Akt bei sich, der die ganze schwerwiegende Angelegenheit als Materie barg. Denn inzwischen hatten die Federn beider Ämter keinen Anlaß zum Rosten gehabt. 77 In den Anblick des Kastens mit der herrlichen Rollschubtür versunken, fragte das inspizierende Organ: »Hä, sagen Sie einmal, Herr Direktor« (denn der ganze übliche Apparat war nun einmal in Bewegung gesetzt worden), »ein komischer Name. In meinem Akt war von einer Scheidewand die Rede? Das ist doch – hä! – ein Kasten? Das muß nun jedenfalls in allen Teilen der amtlichen – hä! der dienstlichen, dahinzielenden Erledigungen eine angemessene Korrektur finden. Ich werde meinem, betreffende Angelegenheit behandelnden Referat als »Betreff« Kasten setzen. Bitte, Ihren Organen eine dahingehende – hä! – Weisung zu erteilen. Also Kasten, bitte, nicht Scheidewand! Sonst aber, sehr schön, Herr Direktor. Gratuliere Ihnen. Adjö, meine Herren!« 78     Der alte Uhrmacher Das Rum-, Likör- und Spirituosengeschäft (wie die Schilder stolz besagten) der Frau Gansbein hatte nur wenige Gäste, die mit verdrossenen Mienen durch die Glastür in den verregneten, kalten Frühlingstag hinausstarrten. Der Dienstmann Ulrich, der mit einem Kollegen sonst den lieben langen Tag auf einer Bank einem Auftrag entgegenträumte und den das naßkalte Wetter auf eine Weile hereingetrieben hatte, schlürfte aus einem Glase etwas, das als Tee mit Ersatzrum angesprochen wurde. Dabei äußerte er sich höchst mißliebig über die hundsmiserablen Zeiten, die durch die Launen der Natur noch unausstehlicher gemacht wurden. Am grimmigsten tadelte er seinen Beruf und die zweifelhafte Güte des Getränkes. »Wann ma das G'wascht an' klan' Kind in's Tuttenflascherl füllert, kunnt ma die G'schicht aa no verantworten. A Kamill'ntee is nix dageg'n.« Ein anderer Gast mit einer Dienerkappe, die seine Zugehörigkeit zu irgendeinem Amt verriet und der mit den gleichen Gefühlen des Behagens einen »Schwarzen gespritzt« sich einverleibte, gab dem Nörgler recht. 79 »Meiner Seel', wann mir das aner anmal g'sagt hätt', daß i an' Teeraufguß mit Brennspiritus saufen muaß, den hätt' i an' Bruch g'stöß'n. So a sündteuers Geld für das G'säuft. Reißen S' ma glei 's Beuschl außa,« wendete er sich an Frau Gansbein. Diese nahm mit Bereitwilligkeit die Fehde auf. »Wer schimpft, der kauft, mein lieber Herr. Haßt Sünden bei die Preis'! Geh'n Se wo anders hin, ob Se so an' Kaffee und so an' Rum finden. Is a Vergnig'n, heut a Geschäftsfrau z' sein.« »Jetzt – san ma ehrli, gnä Frau. Verhungert is auf so an' G'schäft no kaner. Kunnt mi wirkli net erinnern. Sie schaun aa in armen Lazarus net gleich.« Frau Gansbein lachte schrill. »Gute Witze macht er, der Herr, bei die schlechten Zeiten. Bin ich a Mann, daß ich sollt dem armen Lazarus gleichschaun? Ich möcht net wünschen, daß Sie so wenig essen möchten den ganzen Tag wie ich. Unberufen.« »Da ham ma an G'spaß g'habt, Frau Gansbein,« nahm Ulrich das Wort. »So a Haxen von dem Viech, von dem Sie in Namen hab'n, hat no kan zum Verhungern bracht.« Er spielte auf den Namen Gansbein an. »Schön wär's. Kaufen Sie mer a so a Viech, werd ich Ihnen sehr dankbar sein. Wirklich, de Herren san famos aufg'legt zu Witz' bei die Zeiten. Sieht man, daß Ihnen geht nicht so schlecht.« »Das is Galg'nhamur. Wann mir Weaner den aa no verliereten, war's eh g'fehlt.« Die anderen vier oder fünf Gäste äußerten ihre Zustimmung. 80 Die Tür öffnete sich und ließ einen naßkalten Luftzug mit dem Eintretenden herein, so daß die anderen unwillig ihm entgegenblickten. Aber er mußte ein guter Bekannter sein, denn ein »Grüaß Gott, Voda Leitmeier!« klang dem neuen Gast entgegen. Auch Frau Gansbein begrüßte ihn nach ihrer Art sehr herzlich. »Der Herr Leitmeier. Grüß Sie Gott! Wie geht's? Noch gestern hab' ich an Sie gedacht. Sie schauen, unberufen, so gut aus, wie ich mer möcht wünschen. Wo haben Sie so lang gesteckt? A halbe Ewigkeit laßt er sich net ansehn.« Vater Leitmeier war ein altes zusammengesunkenes Männlein mit eingeschlurftem, faltigem Gesicht, auf dessen gutes Aussehen, im Gegensatz zu dem der Frau Gansbein (unberufen!), der Besitzer nicht stolz sein brauchte. Unter dem linken Arm trug er einen in ein Tuch eingeschlagenen Gegenstand, der in der Form einen großen Brotlaib hätte vermuten lassen. In der Hand trug er ein Bündel, aus einem blauen Sacktuch gebildet. Er begrüßte alle Anwesenden und ließ sich auf einer Bank vor dem Tisch nieder, nachdem er beide Tuchinhalte sorgfältig neben sich versorgt hatte. Dann bestellte er einen »recht heißen« Tee. Das ganze vertrocknete Gebein schien einer Durchglühung zu bedürfen. Als ihm das Verlangte vorgesetzt war, öffnete er das aus einem Taschentuch gebildete Bündel, entnahm ihm einige vertrocknete Stücke Brot verschiedener Sorte, die er in das heiße Getränk einbrockte. 81 »No, Voda Leitmeier, wo ha'm m'r denn so lang g'steckt?« nahm der Dienstmann das Wort. »He? Ja so . . . Krank war i halt, recht krank. Die Jahrl'n – die Jahrl'n! . . . Is ka' Wunder net.« »Jetzt san S' aber wieder bei'nand', wie ma' siecht. Und d' Frau Gemahlin? G'sund? Wohlauf?« Der Alte, der mit dem Löffel die Brotstücke herumgerührt hatte, stellte seine Tätigkeit plötzlich ein, und sein faltiges, vergrämtes Gesicht ward um einige Falten des Grames reicher. »Mei' Alte . . .,« murmelte er und blickte starr im Kreise herum, »unser Herrgott hat s' g'holt von mir. Is schon fünf Monat her. Fünf Monat, daß s' mi' allan hat 'lassen.« »Is mögli'? War do' no' immer so a rüstig's Weiberl. No – unser Herrgott g'segn' ihr die Ruah'. Is a biss'l hart für Ihna, Voda.« Aus dessen Augen war etwas in das Teeglas getropft, mit dem er sich wieder zu beschäftigen angefangen. »A bissl' . . . a bissl' . . . Leut', wann ma' si' fufzig Jahr' g'wöhnt war! Vurig's Monat hätt' m'r die Goldene g'habt.« »Was? Schon die Goldene? Wie alt san S' jetzt, Voda?« »Fünfundsiebzig war i. Netta.« »Wie is?« ließ sich die Stimme der Frau Gansbein vernehmen, die bis jetzt mit der Füllung neuer Gläser beschäftigt gewesen. »Ihner Frau ist gestorb'n? Was hat ihr gefehlt?« »Was ihr g'fehlt hat?« der Alte schob jetzt das Glas von sich, als graute ihm plötzlich vor 82 seinem Inhalt. »Was ihr g'fehlt hat? . . .« Er ließ seine Stimme zu einem Flüstern herabsinken, gleichsam als wolle er einem Fürchterlichen nicht zu lauten Ausdruck geben, damit es kein Echo erwecke. »I werd' euch all'n was sag'n: verhungert is s'.« Rufe des Entsetzens und Mitleidens ertönen von allen Lippen. »Ja, so geht's heut vielen,« meinte Ulrich. »Ja, so wahr i da sitz'. Sie war a alt's Leut, das hätt' so g'füttert werd'n müassen wia a klan's Kind. Mit Milchreis, Bischkoten, Kaffee, Mehlspeis' und was halt so a alter, schwacher Mag'n braucht. Aber die Lanzer Kost hat er net vertrag'n. Ka' Wunder net, wo umadum nix da is. Wenigstens net für die armen Leut'. Wann uns amal das wer g'sagt hätt' – wann uns das wer g'sagt hätt' . . .« Und er stützte den Kopf in beide Hände. Ein Zittern der morschen Gestalt kündete allein von der tiefen Erschütterung, die sie durchbebte. Eine Weile war es still. Nur Blicke des Bedauerns und Mitleidens irrten zu dem einsamen Greis. »Fünfundsiebz'g,« äußerte endlich der Mann mit der Dienerkappe, »und der Schluß is Lanz. Und langsam verhungern. Warum hab'n S' denn das G'schäft auf'geb'n, Voda?« »Warum? Ja – warum? Was braucht a Uhrmacher? Guate Aug'n. Die ha'm mi' scho' lang verlassen. I bin ja vor fufzehn Jahr' mit'n Star operiert word'n. Dann war i no' aner aus der 83 alt'n Schul', da is no' jed's Rad'l ausg'feilt word'n. Net das 'preßte G'lump, wia ma's heute hat. Jetzt reparier' i grad no' Uhren, die a halbwegs guate Hand, aber kane richtigen Augen mehr brauchen.« Er hob mit zärtlicher Sorgfalt den umhüllten, brotlaibartigen Gegenstand empor. »Da hab' i von aner Wirtin a Uhr zum Reparier'n kriagt. Ob S' es glaub'n oder net, es is no' a Werk von mein' Lehrmaster. I hab's glei' 'kennt. Is a armer Batsch, die Wirtin. Bis heut waß s' no' nix von ihr'n Mann. Glaub' kaum, daß er no'mol z'ruckkummt. Wer waß, wo dem sein' Gruab'n 'grab'n is word'n. Und dabei drei Kinder. – O Gott, o Gott! – War das ganze notwendi'?« »Dö Schuft'n, die uns da einig'ritten hab'n!« sagte einer ingrimmig. »Und mir Eseln, die mir uns hab'n einireiten lassen!« sagte ein anderer. »Und was is?« frug plötzlich Frau Gansbein. »Was macht der Enkel? I hab' g'hört, er is zurück. Hat er nix können verdienen und den Großeltern a biss'l helfen? Er war doch so a netter Bursch. Hab' ich ihn 'kennt, wie er noch war ganz klan. Seit Sie hab'n noch für mein' gottseligen Mann die Uhren repariert.« Der Alte war plötzlich aus seiner augenblicklichen Erregung, in die ihn das Gedenken an seinen Lehrmeister und die Erwähnung der armen Wirtin versetzte, in sich zusammengesunken. Dabei blickte er mit solch einem Blick des Jammers die Fragerin an, daß dieser jedes weitere Wort auf den Lippen erstarb. 84 »Hätt'n S' mi' net g'fragt, Frau Gansbein! Hätt'n S' mi' um das ane net g'fragt! – Aber Sie hab'n 's ja net wissen können. War' mir lieber, er war' wo in Rußland oder Italien oder irgend wo tot 'blieb'n. I hätt' mi' g'freut, daß i bald mit eahm und meiner Alten hätt' können beisammen sein. Aber so . . . Mir is aber scho' gar nix derspart blieb'n.« »Ja was is denn mit eahm?« frug man. »Verschweig'n nutzert eh nix. Amal kummt's do' auf.« Und der Alte langte mit zitternden Händen abermals nach dem nun schon kalt gewordenen Glas, in dem er mechanisch weiterzurühren begann. »War ja a netter Bursch, da hab'n S' recht. Wia er fort'gangen is. Und z'ruck'kumma is er . . . Jetzt sitzt er im Landesg'richt wegen Einbruch. Der Sohn von mein' Fleisch und Bluat! – Der Enkerl vom alten Leitmeier! – Er hat mir 's Herz 'broch'n. Was soll i meiner Alten amal sag'n? Was soll i ihr amal sag'n, wann s' mi' fragt: Du, was macht der Loisl? Geht's eahm guat da unten? Is er brav? – Leuteln!« und er sah mit Tränen in seinen müden, roten Augen umher, »das is das Furchtbarste, was uns der Kriag, von dem's amal g'haßen hat, er is a heiliger, und wia mir's 'glaubt hab'n, 'bracht hat. Die viel'n Seel'n von Kindern und jungen Leuten und aa von alten, die in Zeit und Ewigkeit ruiniert san. – In alten Leitmeier sein anzig's Enkelkind . . .« Er hielt beide Hände vor sein Gesicht und schluchzte. 85     Die Großmutter Großmutter war gestorben. Nicht so eine, wie sie das Märchen schildert, noch eine, die selbst Märchen erzählt, wie erbauliche Bücher zu berichten wissen. Schon einige Tage war sie vom Schauplatz ihrer Tätigkeit des Anstellens vor allen Läden, die etwas Eßbares feilbieten, verschwunden. Oft gedrängt und gestoßen, oft hart angefahren und gescholten als eine lästige, weil hilflose Mitbewerberin um die armseligen Bedürfnisse des Tages. Und da erinnerte sich plötzlich eine Frau: »Je – was is denn mit dera Alten, die sunst allerweil da ang'stellt war? Am Ende is s' gar krank? War ja wirklich a alt's Leut.« Jetzt erinnerten sich auch alle anderen. So geht es gewöhnlich. Man starrt stumpf und unbewußt nach einer Lücke, ohne sich sagen zu können, was sie einst ausgefüllt. Sie kannten sich alle, die der Tag zusammentrieb auf der Hetzjagd nach den einfachsten Anforderungen des Magens. Überall traf man sich, kannte man sich, ohne einer des anderen Namen zu kennen, und wußte von den einfachen Verhältnissen der anderen. 86 Sorge um das Zusammenraffen der täglichen Nahrung, Entbehrungen, Hunger, Wucherzinsen an die Lebensmittelhyänen; Väter und Söhne im Felde oder doch beim Heer; hungernde und verwahrloste Jugend, und vor allem: Mangel – nichts als Mangel. Eine vorübergehende Frau, die zu kurzem Gespräch mit einer anderen stehengeblieben war, vernahm, um was es sich handelte. »Jessas – dö alte Geßlerin? Der Herr gib ihr dö ewige Ruah', dera tuat ka' Ban mehr weh. Vorgestern hat s' dö Leich' g'habt.« »Mein Gott – is 's wahr? Aber vur a paar Täg' hab'n m'r s' no' da stehn g'seg'n. So schnell is dös 'gangan? Was hat ihr denn g'fehlt?« »Da frag'n S' no'? Den ganzen Tag dö Plag', dö Hetzerei und dabei dö Nahrung von heutzutag' . . . G'rackert hat si' dös alte Weib mehr als a Junge. Und nix hat sa si' vergunnt, nur daß die Kinder g'nua g'habt hab'n. Unser Herrgott hat s' endli' derlöst.« Eine Weile noch teilnehmende Bemerkungen, dann lösten für alle wichtigere Gegenstände das kurze Erinnern und Gedenken an eine ab, die mit ihrer Person eine Zeitlang die Reihen der Unzähligen verstärken half, die ein gleiches Schicksal und Erdenlos miteinander verband. – Ich aber will die Geschichte der alten Großmutter erzählen, die ihren wohlverdienten Ruheschlaf schläft, eingebettet wieder unter eine Reihe von Gefährten, die den Reisestaub der öden Landstraße des Lebens von sich geschüttelt. Es ist keine Geschichte, die auch nur den 87 Schein eines Lächelns auf das Antlitz des Hörers zaubern könnte. Auch keine Spannung der Erwartung. Sie ist so abwechslungslos wie das Leben all der Millionen Menschenameisen, deren eintöniger Pfad den ausgefahrenen Geleisen einer Fahrstraße gleicht. Aber sie ist so goldig und in ihrer Schlichtheit wiederum so herrlich, daß sie nur den Engeln im Himmel Freude machen kann, die die Großmutter mit größerer Ehrerbietung und Zärtlichkeit empfangen haben werden als irgendeinen Großen der Erde, der sein Himmelreich schon in den Gärten dieser Welt gefunden hatte. Seit Großmutter vor vielen Jahren geheiratet hatte und die Flitterwochen ein paar dürftige Flittertage darstellten, hatte sie die grauen Weggenossen Sorge und Not nie von ihrer Seite weichen sehen. Mit dem Fatalismus der Frauen ihres Standes, die nie das »Wunderbare« erwarten, sondern mit dem Tatsächlichen, mit dem harten Irdischen rechnen, hatte sie alle Pflichten der Gattin und Mutter in ihrer vollsten Schwere und Eintönigkeit auf sich genommen. Und Ehemänner aus den Kreisen, die Frauen aus ihrem Kreise wählen, sind keine zärtlichen Verbündeten fürs Leben. Der dürre Boden des Wegrandes an der harten Landstraße läßt keine prächtigen und seltenen Blumen erblühen. Was auf ihm gedeiht, ist robust und muß der Sonne, den Winden und dem grauen Staub standhalten können. Ihre Fruchtbarkeit glich der Verschwendung der Natur, die wahllos zeugt, um eine kleine 88 Auslese lebenskräftiger Stämmlinge zu erhalten. Von vielen Kindern schienen nur drei bestimmt zu sein, den harten Schritt auf dem noch härteren Pfade des Lebens zu gehen, indes die anderen nach flüchtigem Gleiten in das unbekannte All entschwebten, aus dem sie herbeigezwungen waren. Und von diesen dreien trennte sich in dem Alter, das mit dem gaukelnden Schmetterling verglichen wird, ihr Liebling, die zärtlichst Betraute, die Bewundertste, sogar von dem rauhen, sonst unzärtlichen Vater Geliebteste. Mit fünfzehn Jahren starb die sanfte schöne Luzie, schwand dahin wie eine wunderbare Erscheinung und hinterließ dem Herzen der Mutter eine Wunde, die nie mehr verheilte, dafür aber andere, später zugefügte Wunden mit mehr Fassung und Leichtigkeit ertragen ließ. Es gibt so seltene Wesen oft in den Wohnungen der größten Armut, des abscheulichsten Elends, die, wie die Künder der Göttlichkeit, durch ein nur kurzes Weilen beglücken und tief betrüben. Noch waren zwei geblieben. Ein Sohn und eine andere Tochter. Auch diese entschwand bald dem Mutterauge. Aber nicht verflüchtigt zu reineren Höhen, wie wir bei der Schönheit und Unschuld so gerne annehmen, sondern in den Abgrund, den die Gesellschaft den Verlorenen des Lebens anweist. Diese zweite Tochter fand, daß es eigentlich nur des Mutes der Lustigkeit bedürfe, um ein durch Bestimmung zur Entsagung verurteiltes Leben zu einem glänzenden zu gestalten. 89 Wäre ihre Lebensklugheit auf gleicher Stufe mit ihrer Schönheit gestanden, hätte sich dieser Glanz zu einer dauernden Verwirklichung bestimmen lassen. So jedoch ward ihr der sanfte Pfühl einiger Beglückter und Auserwählter des Standes zum Pfuhl, der so viele Tausende ihrer Mitschwestern und Genossinnen verschlingt. In einem Spital fand das letzte Wiedersehen zwischen Mutter und Kind statt. In einer jener Abteilungen, die der Krankheit auch die Verklärung des Mitleidens nimmt. Ein entsetzlich entstelltes Antlitz zeigte sich dem Mutterauge. Das Grauen ging von diesem siechen, lebend verwesenden Körper aus. Und damals, zum ersten Male, dankte die Mutter der schönen Stunde, da ihr anderes Kind, gleich einem lichten Engel, aus ihren Armen in die Ewigkeit geschieden war. Der Sohn der Witwe (das war sie schon seit Jahren geworden) gründete nach abgedienter Militärzeit nun auch seinen Hausstand. In solchem Falle muß bei den Ziehern der Lebensniete die kindliche Dankesschuld und Anhänglichkeit, wenn diese gerade vorhanden, zugunsten der neuen Nestbewohnerin zurückweichen. Wohin mit einer Mutter in den beschränkten Räumen von einem kleinen Zimmer und einer winzigen Küche, die zur Volkswohlfahrt von uneigennützigen Bauherren zu lächerlich geringen Preisen für die Gründer einer neuen Familie beigestellt werden? Also trennten sich Mutter und Sohn ohne Sentiments und unangebrachte Rührung ganz 90 einfach, wie sich das Blatt vom Stamme, der Nesthäkling vom Neste und der Lehrling vom Meister trennt. Erstere schon durch Erfahrungen im Leben anderer Mütter gewitzigt, die sich lieber den Unbilden der Fremde aussetzen als dem Beisammensein mit einer Schwiegertochter, mietete sich innerhalb eines vergitterten Geviertes von etwa sechs Quadratmetern ein und ging ins »Bedienen und Ausreib'n«. Aus diese Art ward allen drei Beteiligten gedient. An Sonntagen und manchen Abenden besuchte sie Sohn und Schwiegertochter, half mit Belehrungen und kleinen Handreichungen, ja gegen Wochenende selbst mit einem geringen Betrag ihres hart erarbeiteten Besitzes aus. Dann kamen der Reihe nach Enkelkinder. Jetzt erst ward Großmutter ein unentbehrlicher Gast im Hause. Welche trefflichen Ratschläge wußte sie zu erteilen in all den Fährnissen, die mit der Aufzucht der jungen Brut verbunden sind. Und merkwürdig, wie sie bei ihrem erbärmlichen Verdienst nicht nur jeder Unterstützung seitens des Sohnes entraten, sondern stets noch für kleine Überflüssigkeiten zum Wohle der Kinder sorgen konnte. Mit der Schwiegertochter stand sie bei allem Fehlen irgendwelcher weiblichen Zärtlichkeitsbezeugungen in gutem Einvernehmen, da sie sich hütete, jemals eine Parteinahme zu zeigen, sondern nur ihre schwachen Kräfte in den Dienst der Familienallgemeinheit stellte. Sie glich einem alten Möbel, das unbeachtet seinen Nützlichkeitszweck erfüllt und das erst bei seinem Fehlen 91 so recht gewürdigt wird. Die Sorge für Ausbessern der Kleider und Strümpfe ging ganz auf sie über. Immer gab es zu flicken und zu stopfen, zu waschen und zu bügeln, alles mit der Geräuschlosigkeit und Selbstverständlichkeit eines guten Hausgeistes. So gingen die Jahre dahin, und Großmutter, des Arbeitens und des Lebens Notdurft müde geworden, bezog die letzte Ruhestätte, die der Staat seinen abgetakelten, unbrauchbaren Menschenwracks gibt – die Versorgung. Jetzt war sie in »Lanz« und hatte so viel, unendlich viel freie Zeit, mit der sie eigentlich nichts anzufangen gewußt hätte, wären nicht die zerrissenen Strümpfe und Kleider ihrer Langeweile zu Hilfe gekommen. – Da kam etwas ganz Unfaßbares, Gewaltiges, Furchtbares. Binnen wenigen Wochen verschwanden alle Männer bis zu einem gewissen Alter aus ihren Arbeitsorten, vertauschten den rußgeschwärzten oder kalkbespritzten oder tintenbeklecksten Arbeitskittel gegen eine eintönige Uniform, sangen begeisterte Lieder, nahmen raschen Abschied von ihren Familien und zogen in den Krieg. Das alles hört sich so einfach an, wie die Schilderung in einem Lesebuch oder eine naive Erzählung aus den Zeiten der Kreuzzüge oder des Dreißigjährigen Krieges. Für alle, die es nichts anging, waren es Tage und Wochen einer erhöhten Festesstimmung. Die davon Betroffenen machten gute Miene zum bösen Spiel oder aber jammervolle Gesichter. Es ist gar keine Kleinigkeit, so ohne weiteres 92 Gatten, Väter, Söhne, Brüder oder Herzliebste in die Unbestimmtheit und die Fährnisse eines Krieges ziehen zu sehen. Auch den Sohn hatte es getroffen. Vierundzwanzig Stunden Frist waren ihm gegönnt, seine einfachen Verhältnisse zu ordnen, von Weib und Kindern und von der zitternden alten Mutter Abschied zu nehmen, dann ging es fort. Wohin? In das Dunkel eines Verhängnisses. Das einzelne Gehirn ward für lange vom Denken ausgeschaltet. Jedes erhoffte in kurzer Zeit ein Wiedersehen, wem nicht gerade bestimmt war, das schwarze Los zu ziehen. Aber die Wochen dehnten sich zu Monaten, die Monate zu Jahren, und kein rettendes Ufer zu erspähen in dem Meer von Blut, Haß, Verelendung und Verwahrlosung, das das treibende Wrack der Menschheit umtoste. Großmutter war seit langem schon aus der Versorgung in das Heim der Schwiegertochter gezogen. Diese hatte gleich Tausenden anderer Frauen sich an eine Munitionsfabrik verdingt und nun die Sorge um den Haushalt der alten Frau allein überlassen. Und diese hütete das Nest. Wer den Kampf dieser Zeiten um das tägliche Brot in des Wortes eigenster Bedeutung mitgemacht, kann ermessen, welche Riesenlast dieser alten, abgemagerten, der Ruhe bedürftigen Frau aufgebürdet war. Mit der zähen Geduld der Greisin stand sie halbe Nächte und halbe Tage auf ihrem Posten vor den Geschäftsläden. Das älteste Mädchen half mit ebenso schwachen Kräften vor und nach der Schulzeit mit; und beide brachten 93 es fertig, daß der Abendtisch gedeckt war, soweit einige Ansprüche erhoben werden konnten und der Tag für die Kinder kein allzu großes Hungern brachte. Einmal war der Sohn für kurze Zeit auf Urlaub heimgekommen und war beruhigteren Herzens wieder seinem blutigen Handwerk nachgegangen. Beim Abschied, als er der alten Mutter die Hand drückte, sagte er nur einigemal: »Tausend Vergeltsgott, Muatta! Dös wir' i Ihna nia vergess'n!« Und da es ihn einigermaßen in der Kehle zu würgen anfing, war er, ohne ein weiteres Wort zu reden, fortgegangen, vielleicht auf ein Niewiedersehen. Und das Leben ging weiter seinen eintönig-hastigen, aufregenden Gang. Zehn Jahre des Friedenslebens verschlang ein einziges Jahr dieser grauenvollsten Menschenabschlachtung. Daneben gedieh die groteske Bestie Abart Mensch mit dem Herzen voll Unflat und dem Gehirn einer scheusäligen Abnormität: die alles Ungeziefer und alle Raubbestien des Tierreiches weit an Gefährlichkeit und Ekelhaftigkeit überragende Gilde der Nutznießer dieses Krieges. Großmutter aber stand wacker auf ihrem Posten. In Sturm und Regen, in Sonne und Wind, in Schnee und Kälte, mühselig Kohlen nach Hause schleppend, um ein Stück Fleisch angestellt, vor den Trafiken harrend, um dem Sohn Zigaretten fürs Feld zu »hamstern«, oder um Licht und Seife für den Haushalt zu beschaffen und all die anderen Notwendigkeiten mehr des Lebens, deren man in Zeiten des Friedens nie geachtet. 94 Wovon Großmutter lebte? Ich denke, sie selbst wußte es nicht einmal. Von dem, was von dem Kargen noch übrig blieb. Die Schwiegertochter mußte essen, da sie hart arbeitete. Sie verdiente wohl viel, gegen die alten Verhältnisse gemessen, aber alles verschwand wie in einem Kessel mit einem Loch. Und die Kinder – ach, die armen! Sie hätten eigentlich Tag und Nacht nichts lieber getan als gegessen. Es gibt ausrangierte Maschinen, die, wenn sie zum Notgebrauch eingestellt werden, noch ganz überraschende Leistungen vollbringen. Aber keine so sehr wie die Maschine Mensch. Doch auch sie ist in ihrer Dauer nur begrenzt. Das mußte jedenfalls Großmutter erfahren, die ganz plötzlich versagte, wie ein überangestrengter Droschkengaul, der in den Sielen stirbt. Mit fieberndem Gesicht und röchelndem Atem lag sie da, noch in ihren letzten Zügen verfolgt von einem unabweisbaren Gedanken. Morgen wären die Kinder ohne Essen, wenn sie sich nicht aufraffe. Und die Kohlenkarte würde verfallen, wenn sie nicht am bestimmten Tag eingelöst würde. Der hartherzige Kohlenhändler bliebe einen Tag später unerbittlich und folgte die bestimmte Ration nimmer aus. Und . . . ach! So viele »Und« durchschwirrten den armen, fieberheißen Kopf. Aber allen machte der Engel der Erlösung ein Ende. Wenn Glaube und Religion Sinn und Berechtigung haben, dann, wie gesagt, müssen Engel Großmutter mit den größten Ehren und der jubelndsten Freude aufgenommen haben. 95     Opfer Nun, Himmel, sei mein Zeuge, der über mir blaut; Amsel, die du auf dem armseligen Zweig eines armseligen Baumes in dem dürftigen »Park« dein uraltes Lied flötest; ihr Spatzen, die ihr euch um eine weggeworfene Brotkrume rauft – kurz, alle seid Zeugen meines Erschreckens, als sich eine kleine Kinderhand auf mein Knie legte und ich, aus der Spannung einer Lektüre aufgestört, in ein Antlitz blickte, das ein solches sein sollte. Welche Entsetzlichkeit der Natur, ein Kinderantlitz so zu zeichnen. Aus einem rohen Klumpen von Narben, feucht und widrig, sahen zwei klare, unschuldige Augen zu mir empor, und das Stimmchen eines winzigen Geschöpfes heischte von mir offenbar Beistand in irgendeiner dringlichen Sache. »Ball'n – da – da – hol'n – Ball'n fall'n – da – da« Ein kleiner Finger, dünn und zart wie der Rest eines Bleistiftes, deutete nach dem dürftigen Rasen, der durch eine einen Viertelmeter hohe Eisenbarriere von dem sogenannten Spielplatz abgeschlossen war. Dieser bestand aus Kies, Sand, in Wirklichkeit viel Staub, der, mit dem von 96 der Straße vermischt, die Lungen der hier spielenden Kinder kräftigen half. Ich starrte, die Situation nicht gleich begreifend, das kleine Bündel Scheusäligkeit an. Aber dieses beharrte unentwegt auf seiner mir unverständlichen Forderung. »Ball'n – hol'n – fall'n – da – da.« Endlich verstand ich doch. Da hatte die ungeschickte, kleine Hand einen Ball über die fast unüberwindliche Barriere geworfen. Und mich hatte die unselige Eigentümerin des Balles zu dessen Errettung ausersehen. Aufstehend und der Weisung des Zeigefingers folgend, erspähte mein Blick etwas, das einem weggeworfenen oder vom Winde vertragenen Lumpen glich. Es war schwer, unter den Papierfetzen, die den »Rasen« zierten, den geforderten »Ball« zu entdecken. Ich holte diesen unter dem jubelnden Beifall der Kleinen herbei und überreichte ihn seiner Eignerin. Das, was die Phantasie eines Kindes in Dingen seltsamster Form eine Puppe, ein Pferd, einen Ball usw. entdecken läßt, war in diesem Falle nichts anderes als ein notdürftig mit einem Lumpen umnähtes Häuschen zusammengeballten Papieres. Vielleicht nur aus diesem Grunde der Name »Ball«. Die Kleine warf das seinem eigenen Aussehen entsprechende monströse Spielzeug jauchzend in die Luft. Etwa in dieselbe Höhe, als sich ein aus dem Neste gefallener Sperling erheben mag. Ich starrte das sonderbare, häßliche, nein – abscheuliche Geschöpf an, wie man eine Kröte 97 betrachtet, die einem unversehens über den Weg hüpft und die zu berühren schon in der Vorstellung unangenehme Schauer erzeugt. Ich hatte die einladenden Reize dieses Park benannten Erdenflecks, nur meiner Müdigkeit nach langem Spaziergang nachgebend, auf mich wirken lassen. Mich meiner unterbrochenen Lektüre aufs neue widmend, hatte ich den kleinen Ritterdienst von vorher vergessen. Auf einmal schrak ich wieder auf. Denn wieder hatte sich ein Händchen von der Größe eines Hühnereis auf mein Knie gelegt und ein Stimmchen flehte: »Anni müd – Anni sitzen – Anni heidi.« Alle Barmherzigkeit der Welt und des Himmels! Das kleine Scheusälchen strebte an mir herauf, mit der Zumutung, sich auf mein Knie, in meine Arme nehmen zu lassen und an meiner Brust zu schlummern. In diesem Augenblick stürzte ein etwa vierzehnjähriges Mädchen herbei. Dürr, aufgeschossen, weißblond, die Coiffüre als etwas Belangloses betrachtend, Waschgelegenheiten verschmähend, wie eben der Typus einer jungen, parkbesuchenden, der Schule noch nicht ganz entronnenen Dame. »Du Bankert, du elendiger,« fuhr sie meinen unwillkommenen Schützling an, »tua den Herrn net belästigen. Du ang'steckt's Luader, du grausliches! Wia kannst du so keck sei' und verlangen, daß di' der Herr vielleicht am Schoß nimmt? Wart' nur, bis dein' Muatta hamkummt.« Mein Blick, der bisher auf die unerwartete neue Erscheinung geheftet war, wandte sich 98 unwillkürlich der an meine Knie festgeklebten, kleinen, abscheulichen Kreatur zu. Aber – alle anfangs angeführten Zeugen mögen es bestätigen: als ich das anfänglich mir so schreckliche Antlitz besah, erblickte ich zwei Augen, die voll kindlichem, unschuldigem und mitleiderregendem Entsetzen die grausame Störerin anstarrten. »Anni baff, Anni net bim.« Aus der selbstherrlichen, kindlichen Sprachschöpfung in korrektes Deutsch übersetzt, lautete es, daß Anni brav und nicht schlimm sei. Und dabei drängte Anni noch fester an mich, als ihren erkorenen, instinktiv erfühlten Schutzherrn und Schirmer gegen eine böse Macht. »Wissen S', Herr,« erläuterte diese böse, schreckliche Macht sehr geläufig, mit ihren grellen, unbarmherzigen Augen das winzige Nichts anstarrend, das sich mit beiden Ärmchen meinem Bein vermählt hatte, »daß die ang'steckt is von ihr'n Vodan. Geb'n S' acht, daß s' Ihner net aa ansteckt. Mein' Muatta sagt, daß a Weib, was in der Hoffnung is und den schiachen Bankerten anschaut, si' verschaut und aa so a Mißgeburt kriagt. Ihr' Muatta selber will s' net anschau'n, weil 's ihr graust. Pfui Teufel no'mal, so a G'sicht! Und all'weil will dös Luader, man soll 's am Schoß nehmen. Als wann an' vor gar nix mehr grausert!« Dieses kleine Ereignis hatte Kreise gezogen. Eine ganze Kinderschar hatte sich bewogen gefühlt, mich, meinen Schützling und seine Anklägerin zu umkreisen. 99 Teils entsetzte, teils neugierige, teils mitleidlose Gesichter. Aber in keinem der göttliche Unschuldsblick der kleinen, abscheulich anzusehenden Anni mit ihrem, wie von einem Fleischschlegel zermarterten Antlitz. Und alle Umstehenden und auch Erwachsenen hatten sich mit Mienen gleich denen der Unmündigen dazugesellt; sie mit Blick und Handbewegung von mir wegscheuchend, hob ich die kleine schutzlose, häßliche Kreatur an mein Herz, und mit einem tiefen Ausatmen der Erleichterung, sich fest an mich nestelnd, entschlief die Kleine. Teils um sie nicht zu wecken, teils um durch ihr Antlitz nicht zwischen meinem ästethischen Empfinden und meiner Barmherzigkeit einen Zwiespalt aufkommen zu lassen, auch – o Schwäche! – um mich den Blicken der in weitem Bogen um mich versammelten Zuschauerschaft der Kinder zu entziehen, griff ich nach meiner unterbrochenen Lektüre. Aus dieser heraus störte mich ein weißblondes Verhängnis mit seiner schrillen Stimme. »Jetzt kummt bald die Muatta von dem grauslichen Bankerten. Sie is in aner Fabrik und kummt das schiache Luder abhol'n.« »Was sind denn die Eltern der Kleinen?« fragte ich. »Der Voda is scho' g'storb'n. Alle sag'n, daß er so ang'steckt g'wesen is, daß er hat sterb'n müassen.« »Was verstehst du davon . . .« »Ui je! Wann unserans nix davon wußt' . . .« 100 Ein trillerndes Lachen ergänzte den wissenden Blick des Kindes, das nicht mehr ein solches war. »Mir werd'n uns aber net durch so a Mistkreatur aa anstecken lassen. Da schau'n S', da kummt ihr' Muatta.« Ein an Jahren vielleicht junges, aber an Aussehen fast greisenhaftes Weib kam herbei, und sein Staunen kam dem der früheren Zuschauerschaft in nichts nach. »Anni!« Der schreckliche Klang der mütterlichen Stimme erweckte die Kleine. Und wieder diese vor Furcht weit geöffneten klaren, schönen Kinderaugen. »Herr tut – Herr baff – mit Herr mittehn . . .« Zwei unbarmherzige Arme wollten die Kleine von meinem Schoße reißen. Aber Anni wehrte sich, und indessen Tränen über die abscheulichen Wangen strömten, klammerte sie sich nur fester an mich. »Lassen Sie die Kleine noch ein wenig,« sagte ich der Mutter, die nachgebend sich neben mich auf die von anderen Parkgästen verfemte Bank setzte. Offenbar fühlte sie sich bedrückt und beschämt, da alle Kinder sich wieder in einiger Entfernung im Halbkreise aufgestellt hatten und gleich den meist weiblichen älteren Besuchern dieses gottvollen Erdenfleckes zu uns herüberstarrten. »Das Kind scheint Sie zu fürchten,« bemerkte ich nach einer Weile, »und das ist nicht gut. Wer sollte sich dieses armen, unglücklichen 101 Geschöpfes annehmen, wenn nicht die Mutter. Glauben Sie nicht, daß in ihm ebenso große Sehnsucht nach Liebe herrscht wie bei jedem anderen Kinde?« Die Frau brach mit ihrem Grolle hervor. »Wann S' glaub'n, daß i die Mißgeburt gern hab'n kann, täuschen S' Ihner. Das kann i dem Schuften net verzeih'n, was er mir an'tan hat. Hätten S' mi' no' vor fünf Jahren g'seg'n! G'sund, sauber . . . Und heut' – schau'n S' mi' guat an! Wia ane mit sechzig. Das hat die Krankheit und die Kränkung g'macht. Guat, daß er g'storb'n is. Denn jeden Tag möcht' i ihm den Fratzen zeig'n, als sein Werk, sein gottverfluchtes. Ka' ruhige Stund' sollt' er hab'n . . . O Gott! o Gott! o Gott! Warum bin i so g'straft? Warum bin i so g'straft?« Eine Weile konnte ich auf diese Ausbrüche der Verzweiflung dieses bedauernswerten Weibes nichts erwidern. Sie waren ja berechtigt. Unschuldig war sie mit der furchtbaren Seuche behaftet worden. War der Mann wirklich so schuldig gewesen oder die mangelnde Aufklärung? Vor allem jedoch dieser viehisch törichte, unselige Krieg! Doch, war dem wie es wolle. Das unschuldigste Opfer war dieses grauenhaft entstellte Würmchen auf meinem Schoße, das die große, unversöhnliche Frage an das Schicksal hätte stellen dürfen: »Warum mir das? Habe ich jemals gesündigt? Oder ist mein einfaches, selbstverständliches Dasein allein schon Sünde? Statt in meinem 102 namenlosen Unglück durch den Engel der Liebe getröstet zu sein, weicht man vor mir zurück wie vor dem giftigsten Reptil. »Warum mir das?« »Schöne, gesunde Kinder zu lieben,« nahm ich endlich das Wort, »dazu gehört nicht große Kunst und keinerlei Überwindung. Aber ein solches armes, kleines Geschöpf, wenn nicht zu lieben, so doch liebevoll zu behandeln, ist vor allem Sache der Mutter. Ihr Schutz sollte ihm Ersatz sein in seinem kleinen Leben für alles unverdiente Leid, das ihm aus Unverstand und Böswilligkeit zugefügt wird. Ich brauche nicht viel Prophetengabe, um Ihnen die bestimmte Versicherung zu geben, daß sich die Natur bald selbst dieses unglücklichen Erzeugnisses entledigen wird. Um es deutlicher zu sagen: die Ärmste wird bald das sein, was man einen kleinen Engel nennt. Und dann werden vielleicht Stunden kommen, da Sie reuevoll sich anklagen, lieblos an ihrem Fleisch und Blut gehandelt zu haben. Und solche Stunden unfruchtbarer Reue, liebe Frau, möchte ich Ihnen nicht gönnen. Jede körperliche Krankheit ist erträglicher. Seien Sie, wenn Sie keine liebevolle Mutter sein können, wenigstens eine pflichttreue.« Ich reichte ihr das abermals entschlafene Kind, und da ich mich besann, im Besitze einiger Rippen Schokolade zu sein, die für die gesunden, glücklichen Kinder eines Freundes bestimmt waren, übergab ich sie der Mutter, um die Kleine beim Erwachen über den Verlust ihres Beschützers zu trösten. 103 Die Frau schien nachdenklich geworden zu sein, und in der Behutsamkeit, mit der sie die kleine Bürde entgegennahm, wollte sich jedenfalls ein Hervorwagen besserer Gefühle offenbaren. Die Kleine in ihrem süßen Kinderschlaf nestelte sich nun an die Brust der Mutter. Ein Schauspiel, das für seine Seltsamkeit durch den Umstand zeugte, daß die schon dem Einschlummern zuneigende Aufmerksamkeit der beneidenswert unbeschäftigten Zuschauerschaft einen neuen Anstoß erhielt. Besonders die Schokoladenspende schien den nachhaltigsten Eindruck auszuüben, den meine kleine, zungenfertige, flachsblonde Freundin ganz ungeschminkt äußerte. »A schiacher, ang'steckter, frecher Bankert muaß ma' sein, dann hat ma' Glück. Die kriagt an' Schokolad' dafür, daß s' si' keck an den Herrn an'drängt hat. Haßt aa a Vergnüg'n, so an' Wechselbalg am Schoß hab'n.« Ich bemerkte im Antlitz der Mutter die aufsteigende Röte der Entrüstung. »Lassen Sie das kleine Lästermaul,« sagte ich. »Kinder sind aus Unwissenheit grausam. Aber lassen Sie sich das als neue Belehrung dienen, daß Sie als Mutter die zehnfache Pflicht haben, für Ihr unglückliches Kind einzutreten. »Leben Sie wohl, und wenn mich mein Weg wieder einmal vorbeiführen sollte, werde ich mich um die arme Kleine erkundigen.« »Leb'n S' aa wohl, Herr. Es war schön von Ihna. Bis heut hat no' niemand das Kind am 104 Schoß g'halt'n. I werd' halt schau'n, daß i Ihnern Rat folgen kann. Sie hab'n ja so recht. Aber i bin so unglücklich, und da is das Guatsein und die Liab' soviel schwer. A Geltsgott für Ihner Freundlichkeit.« – Nach ungefähr einem Jahr hatte ich wieder Gelegenheit, den »Park« zu passieren. Lauter fremde Gesichter. Und weder meine kleine Freundin, noch ihre Widersacherin waren zu erblicken. Nur der alte Parkwächter hielt belanglose Aufsicht. Ihn befragte ich wegen der Kleinen. »O, die is scho' bald a halb's Jahr g'storb'n. A Lungenentzündung. Is eh besser, denn ka' Mensch hat s' leiden können, so schiach war s'.« »Und die Mutter?« »Ja – die is aa bald drauf im Spital g'storb'n. I bitt Ihner, war ja aa ang'steckt durch und durch. Da waß ma' wirkli' net, wer mehr Opfer war– sie oder das Kind . . .« 105     Verwehen O Schlamm, den eine vieljährige Kriegszeit aufgewirbelt! Von ihm war er an den Strand geraten, der gerade noch Halt bot, um einigermaßen Tritt zu bekommen. Verlustig und auch unlustig seiner früheren bürgerlichen Beschäftigung, unfähig auch dazu durch körperliche Beschädigung, verwüstet an Sinn und Leib, betrat er, der ans Land Gespülte, den einzig ihm richtig dünkenden Weg. So viele andere wanderten ihn ja auch. Anfänglich, da er schon notdürftig ausgeheilt war, hatte er sich an der erträgnisreichen Verwüstung des Wienerwaldes beteiligt. Und nur einmal hatte sein Herz gezuckt, seine Hand gebebt und sein Auge sich gefeuchtet: bei der Lichtung einer Stelle, die einst Zeuge war, als diese nun rauhe, Bäume mordende Hand sich der eines jungen, schönen, einfachen Mädchens bemächtigt, ihm eine schicksalsschwere Frage gestellt hatte, die mit einem leisen, vielsagenden Druck beantwortet worden war. O versunkener Zauber eines einstigen herrlichen Wienerwaldes! Und die Axt, die den Baum gefällt, hatte auch tief in das Innerste seines Menschentums gehauen. 106 Herzlieb von einst, was ist aus dir geworden? – – – Heute war alles aus seinem Herzen getilgt, was noch liebe Erinnerung hätte genannt werden können. Heute war er der erfolgreiche Einbrecherkönig geworden, dessen erster Strafe keine zweite nachgefolgt war, da die Behörden ihn niemals mehr ertappen konnten, dessen Hand aber sich überall verriet und ihm Ruhm und Ansehen bei der »Gilde« eintrug. Heute war er »Kavalier«, wenn ihm die tadellose »Schalung« und der Besitz einer stets gefüllten Brieftasche den Anspruch auf diesen abgetanen Titel verleihen konnten. Und es kam einmal so, daß er und sein Jugendlieb sich fanden nach Jahren, da keines mehr nach dem anderen geforscht. Verbrecher und Dirne. – Fast hätten sie sich nach dem ersten Wiedersehen nicht erkannt. Er war an der Seite einer Begleiterin, der der Stolz aus den Augen leuchtete, die Geliebte dieses stolzen, eleganten Mannes zu sein, dessen »Berühmtheit« ein Teil ihres Werkes als Verbrechergenossin war, in eine Bar getreten. Herzlieb von einst hatte statt der früheren schlichten, kastanienbraunen, eine goldrote, aufgedonnerte Frisur. Der einmal schlanke, jungfräulich zarte Körper hatte Fülle und Stärke gewonnen, die einmal verschämten und schüchternen Blicke richteten sich mit zudringlichem Forschen auf die Gäste. Und da hatten sie sich wieder erkannt. Ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen aufeinander. 107 War dieser elegante Mann mit den nachlässigen Manieren der einstige schüchterne Bewerber um ihre Hand gelegentlich eines Gesellschaftsausfluges nach Hütteldorf? Wo er von seinem kargen, ehrlichen Verdienst als Schlosser gesprochen und sich dennoch erbötig machte, ihr mittels dieses Verdienstes den Himmel auf Erden zu schaffen? Dem Mann selbst ging es bei seiner Prüfung nicht anders. Sein Geschmack hatte sich mit seinem ganzen Ich gewandelt. »Laß uns a biss'l allan,« sagte er zu seiner Begleiterin, die vor Eifersucht ganz fahl wurde. »A alte Bekannte von mir und mit der i gern a biss'l von frühere Zeiten reden möcht'. Kannst dir derweil anschaffen, was du willst,« setzte er gnädig hinzu, »dann kumm i eh wieder zu dir.« Einen Widerspruch gab es nicht, das wußte das Mädchen. Als die beiden Junggeliebten einander gegenübersaßen, bei Getränken, die er bestellt hatte, entstand eine lange Pause. Jedes stellte unbewußt eine Forschung auf dem Gesichte des anderen an. »No . . . wia geht's, was machst denn immer?« begann der Mann. »Sixt es ja, Vikerl. Was? Wer hätt' das amal 'denkt?« »Damals hätt' ma' gar viel's net 'denkt, Mali. Mir san grad in a narrische Zeit kumma. Hm!« »I . . . i . . . hab' damals von dir g'lesen. Waßt eh.« Es betraf den ersten Prozeß wegen Einbruchs. 108 »Ja . . . Ja,« sagte er mit der blasierten Entgegennahme des Zolles einer verdienten Bewunderung, wie etwa ein Künstler, dessen Gaumennerven der Eitelkeit schon abgestumpft sind, »das war ja nur a klaner Anfang. Mir hab'n scho' was hinter uns. G'scheit sei' muaß ma' und a Kuraschi hab'n. Aber sag' m'r nur, seit wann hast du dir neuche Haar' ang'schafft? Wia i mi' erinnern kann, war'n s' amal braun.« »Geh! Wohin war' i denn damit hin'kumma? Die Männer von heut fliag'n auf so was nimmer. Aber gelt, amal san s' m'r guat g'standen. Gott! I erinner' mi' no' heut, wias d' g'sagt hast: Na, Fräul'n, was Sie für a prachtvolles Haar hab'n! Erinnerst du di' no'?« »Jetzt, ob i das grad so g'sagt hab', waß i nimmer. Aber daß i amal ganz verruckt war, net nur in die Haar' allan, das steht. Ja . . . wo san die Zeiten?« und er blickte sinnend dem Rauch seiner Zigarette nach. »Und . . . und . . .« zögerte sie, »is die dort'n jetzt die Deine?« Mit einer kaum merklichen Bewegung des Hauptes wies sie nach der Stelle, wo die andere saß, Bitterkeit im Herzen über die brutale Zurücksetzung gegen eine, die, wie sie meinte, Nebenbuhlerin war. »Ah, die manst,« meinte er gleichgültig. »I geh' halt mit ihr, so lang 's mi' freut. Übrigens is s' ja net nur mei' Geliebte. Du wirst do' net glaub'n,« setzte er nach kurzem Auflachen hinzu, »daß i vielleicht a Braut hab'. So was war amal, a anzig'smal, das waßt du guat g'nua. Dö is vernarrt in mi', aber schließlich is das 109 ihr' Sach'n, net meine. A Kopfweh hat s' mir no' net g'macht.« »Schau, Vikerl,« sagte Mali nach kurzem Nachsinnen, und ihr Auge bekam fast den verlorenen Glanz ihrer Jugendtage, »es hätt' für uns zwa amal anders kommen können, wann . . .« »Du manst, wann net der Kriag dazwischen 'kumma wär'. Freilich! Für mi' und für di'. Hörst, i hab' g'staunt, wia i di' g'segn hab'. Das hätt' mir amal wer sag'n soll'n. So was G'schamiges und Liab's wia du war no' net da. Wia bist denn du zu dem G'schäft 'kumma?« »Ja, wia? Es war eigentli' so anfach. Sixt, drei Jahr' hab' i auf di' g'wart't. Immer bin i zu deine Leut' g'rennt, ob sie aa no' ka' Nachricht von dir hab'n. Nix is 'kumma, weder für sie oder für mi'. Dann is amal aner vom Feld da g'wesen, der hat di' fall'n 'seg'n.« »Deine Leut' und mei' Muatta san so nachanand 'ganga. Waßt, es war damals a großes Alteleutsterb'n. Und so is mir damals scho' allesans g'west. I hab' mir 'denkt, wann i di' do' nimmer derwarten kann, is mir ganz gleich. Für wem sollt' i mei' Unschuld aufheb'n, wann net für di'? Für di' hat halt aner amal a Glück g'habt, der mi' a biss'l an'zecht hat. Sauber war i ja, und dann hab i mir 'denkt: ah was, machst halt a G'schäft draus, wia alle heut. Die Ausländer hab'n guat 'zahlt. Dann erst, wia i von dir g'lesen hab', hab' i g'wußt, daß du net tot bist und z'ruck'kumma bist. Damals hab' i Tag und Nacht g'want, weil's z' spät war. Hätt'st do' g'wart't! hab i mir immer sag'n 110 müassen. Und oft hab' i an das Platzerl im Hütteldorferwald denken müass'n. Du waßt do' no'.« »Is mir aa eing'fall'n, wia i just den Bam umg'haut hab', damals, als i no' Holzschlager war. Hat mir's an' Bremsler geb'n, grad als wär mir die Hack'n in'n Fuaß 'gangen. Warst jung und dumm, hab' i mir 'denkt.« »War die G'schicht' gar so dumm, Viki?« Eine gewisse Angst durchzitterte die Stimme Malis. »Sag', war's denn wirklich dumm?« »I waß net, was i da sag'n soll. Aber schön war's damals. So was Schönes kummt gar nia net mehr.« Er stützte den Kopf in beide Hände und starrte lange vor sich auf die Marmorplatte. »Gelt ja, und all's hätt' können so schön bleib'n, wann halt . . . Aber da nutzt ka' Nachdenken mehr. Was hin is, is hin. Aber Viki,« sie dämpfte unwillkürlich die Stimme und neigte sich, wie zärtlich, gegen ihn, »därf i dir mei' Adress' geb'n? Kunnt'st mi' amal besuchen . . .« Er erhob jäh den Kopf. Eine ganz kurze, selige Vision war urplötzlich verschwunden, weggelöscht durch diese wenigen Worte. »Na. Hätt' kan' Zweck,« sagte er rauh. »War' mir beinah' liaber g'west, mir hätten uns gar net mehr g'seg'n. Jetzt schau i überi zu der Meinigen. Wann i a grad net verliabt in sie bin, so will i s' do' net martern, weil s' soviel eifersüchti' is. Und du schau di' um an' Herrn um. 's G'schäft geht bevur. Scheangelt eh all'weil schon aner übri.« Er stand auf und reichte ihr die 111 Hand. »Das biss'l, was m'r uns zum sag'n g'habt hab'n, hab'n m'r uns g'sagt. Mehr braucht's net. Alsdann Serwas! Laß dir's guatgehn und denk manchmal an mi'. Dann halt' die Dam' ein, daß s' mi' net verschütten.« »Pfiat di' Gott, Viki. Der dort muß mir heut an' Schampus zahl'n, weil . . . weil . . . daß i . . .« Jäh hervorbrechende Tränen lähmten ihre Stimme. Und ihre zitternde Hand drückte die seinige zum letzten Abschied. 112     Ihre erste Rede Zum erstenmal seit schier unvordenklichen Zeiten wieder Wählerversammlung! Der Raum war dicht gefüllt. Und was vor Zeiten nie denkbar und möglich erschienen wäre – eine Wählerinnenversammlung. Sie waren in Scharen erschienen. Teils im Bewußtsein ihrer neuen staatsbürgerlichen Würde, teils aus Neugier auf die Dinge, die da zu hören sein würden, teils infolge Überredung anderer, die, schon Organisationstalent bekundend, die Zaghaften, Unschlüssigen und Teilnahmslosen zur Versammlung gedrängt hatten. In Wirklichkeit hatte sich nur der Ort verändert. Denn die Versammlung hatte sich schon die Jahre hindurch eingebürgert: vor den Laden der Greisler, Fleischhauer, Kohlenhändler, Tabaktrafiken und vor den Markthallen. Zeit und Muße hatten sie alle genug, einander ihre Not, die Zeiten des Jammers, Hungers und Verfalls zu beklagen. In Politik hatte es an männlichen Beratern nicht gefehlt. Besonders die Krüppel und andere Invaliden, dann die Heimkehrer vor den Tabaktrafiken waren sehr eindringliche Prediger für den 113 Umsturz der alten Ordnung schon zu Zeiten, wo es eigentlich noch gefährlich war, laut und eindeutig zu reden. Einstweilen drehte sich das Gespräch noch um Einkaufsquellen, Marktpreise, Wucher, Schleichhändler und die Schlappheit der Regierung. Ein Klingelzeichen gebot Stille, die alsbald eintrat. Das Präsidium war erschienen. Eine Präsidentin eröffnete die Versammlung mit der Bekanntgabe der Tagesordnung und einigen einleitenden Worten der Begrüßung der zahlreich erschienenen Wählerinnen und Wähler und erteilte dann das Wort einer Referentin. Und dann traten die Redner und Rednerinnen der verschiedenen Parteien in Aktion. Alle sprachen den Frauen eigentlich so recht aus dem Herzen. Die Frau war der wirkliche Held des Tages, hinter den der so kläglich zusammengebrochene Militarismus demütig zurücktrat. Die Frauen, die Mütter, die Gattinnen. Eine Stimme schrillte: »Draußt san m'r die Weiber. Da herin die Mütter und Gattinnen. Ob uns amal a Wachmann so ang'red't hätt'?! Ja – Zettelweiber san m'r g'schimpft wur'n, wann m'r mit der Schwangernkarten in a G'schäft ha'm einiwöll'n.« Gelächter ertönte: Rufe: »Ja, wahr is'!« – »Recht hat s'!« – »Ruhe!« – »Sßßßt!« »Schlampen ha'm s' uns verheirat'te Weiber g'haßen, und unsere Kinder war'n Bankerten hin und her!« fuhr die Stimme fort. »Reservistenweiber! Das war das Ärgste, was s' uns hab'n schimpfen können.« 114 »Aber ja . . .« ließ sich die Stimme eines männlichen Versammlungsteilnehmers hören, »'is schon recht. Dös wissen m'r eh. Is gar mancher ka' Unrecht g'scheg'n. War'n schon a paar saubere Wuzerln darunter. Aber jetzt san S' amal stad!« »So? Epper weg'n Ihna? Weil Sie's anschaffen? Das is a Frauenversammlung. Da ha'm mir 's Wurt. Verstanden? Gengan S' ham und reden S', das haßt, wann S' Ihner trau'n.« Abermaliges Gelächter. Die Stimmung drohte sehr lustig zu werden. Die Vorsitzende läutete. »Bitte, keine Störung der Versammlung durch Zwischenreden und Dialoge. Wer etwas zu sagen hat, möge sich als Redner für das Podium melden. Es ist vollkommene Redefreiheit.« »Als Rednerin, wann i bitten därf! I man', mir san heut die Hauptsach',« sagte die unerbittliche schrille Stimme. »Also gut! Die verehrte Zwischenruferin möge sich zur Vorbringung ihrer Ausführungen heraufbemühen. Aber nur keine störenden Zwischengespräche.« »Fallt m'r net ein, daß i auf die Pablatschen kräul. I bin zu kaner Rednerin gebur'n und hab' ka' Mandat dazua. I red' nur, wia's m'r grad einfallt. Aber wann ane was zum red'n hätt', war's dö da.« Die Zwischenruferin wies auf eine Frau in ihrer Nachbarschaft, die mit ersichtlich reger Spannung allen Rednern gelauscht hatte. Es war eine verhärmte, offenbar vor der Zeit gealterte Frau, die Schultern in ein Umhängtuch 115 gehüllt, das graue, nett frisierte Haar ohne Hut. »Net schenier'n! . . . Heut hat jed's a Recht zum Reden. Kummen S' nur durch! . . . Nur Kuraschi!« ertönte es allseits. Die so zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Gewordene, offenbar erschreckt durch das so plötzlich über sie hereingebrochene Interesse, schien eine Weile zu schwanken und den eigenen Mut zu überprüfen. Dann aber, wie einer Stimme ihres Innern folgend, schritt sie zögernd durch die sich öffnende Reihe nach dem Podium. Als sei sie sich ihres Unterfangens erst so recht bewußt geworden, blickte sie verschüchtert auf die erwartungsvolle Menge, die sich von dem erhöhten Standpunkt aus noch viel mächtiger ausnahm. Ruherufe forderten zur allgemeinen Aufmerksamkeit auf. Bis jetzt hatten Redner und Rednerinnen gesprochen, denen das Wort fließend von den Lippen strömte, erfahrene Beherrscher der Rede, in vielen Versammlungen geschult. Auch die Urwüchsigkeit war routiniert. Aber diese Frau mit dem Umhängtuch, die offenbar nicht einmal im Nachbarinnenkreise eine Rednerrolle gespielt – was würde die wohl vorzubringen haben? Einige Augenblicke herrschte lautlose Stille, um der mit der Befangenheit der Anfängerin Ringenden Zeit zur Sammlung zu geben. Endlich begann sie leise und zögernd. »Sie verzeih'n alle, wann i mir erlaub', aa a paar Worte zum reden. Es fallt mir jetzt schwer, und Sie entschuldigen schon – aber wia oft hab' i mir allani das alles vorg'sagt, was 116 i mal gern in alle Welt hätt' schrei'n woll'n! I brauch' ka' Wort weiter über das verlier'n, was mir Frau'n durchg'macht hab'n. Sie wissen das am meisten.« Stürmische Zurufe: »Wahr is! Wahr is!« »Und heute is uns Frauen so viel g'sagt word'n, daß wir die wahren Heldinnen der Kriegszeit g'wesen wär'n. I glaub', das is zu viel g'sagt, denn unsere armen Männer und Buam täten dabei einbüaßen, sie, die si' nimmer wehr'n können um das, was eahna gebührt. I will von mir nur kurz red'n, denn i hab' net allan all's ausg'faßt. Aber mein Mann mit fünfzig, meine zwa Buam – aner mit neunzehn, aner mit anundzwanzig – schlafen waß Gott wo. Weit, weit weg von z' Haus. Meiner jüngeren Schwester ihr Mann is aa nimmer ham'kumma. Und gestern hat sie 's dritte Kind begrab'n. Erschöpfung, sag'n die Dokter – mir wissen's besser: verhungert, sagt ma'.« Stürmische Zurufe des Mitleids, der Empörung. »I will das net aufg'rührt hab'n, daß S' mi' bedauern soll'n,« fuhr die Rednerin nach einer Weile fort, »i bin, wia g'sagt, net die anzige, der so was passiert ist, und mei' Schwester aa net. Mir hab'n net mehr Recht zum Klag'n wia viele andere. Aber ans muaß i sag'n: es wär' vieles net notwendig g'wesen, wenn a Fünkerl Barmherzigkeit, a Fünkerl von Christentum g'wesen wär' bei viele Leut', die's all'weil ausg'schrien hab'n, als wenn s' es 'pacht' hätten. Heute hab' i guat zuag'horcht. Da hab'n a paar 117 Damen über unsere Frauenbewegung g'red't. Daß mir alle Schwestern san, daß mir Mütter, die jungen natürlich, die Zukunft des neuen Staates san, weil s' die Gebärerinnen des künftigen Geschlechts san. I will den Damen, die so zu uns g'red't ha'm, net nahetreten, als ob s' es net ehrli' g'mant hätten. I aber sag',« und nun sprach sie mit erhobener Stimme und blitzenden Augen, »Damen und Weiber san wia Wasser und Feuer. Zum letzten Christkindl hat ma's g'seg'n, was in die Auslag'n no' alles zum hab'n war für Leut', die 's Geld dazua ha'm. Die Damen hab'n für ihre Kinder 's Christkindl fast wie alle Jahr' ruafen können. Ausg'suacht für die war's no' auf der Welt. Während für unsere Würmerln . . .« Ein Schluchzen brach ihr die Rede. »Im finstern, kalten Zimmer san s' g'sessen, und die klansten, die no nix g'wußt hab'n von der verfluchten, unbarmherzigen Welt, hab'n g'wart't und g'hofft, daß aa zu eahna das Christkindl kummt, wenigstens mit an' Labl Brot. »Und so lang für die Welt net Weihnachten kumman, wo wirkli' alle Schwestern san in der Liab' für die Kinder, wo net alle Schwestern san, die a Kind unterm Herzen 'trag'n hab'n – so lang soll zwischen Damen und Weibern ka' Gemeinschaft sein. So lang wird uns alles politische Recht net helfen, außer daß mir Stimmviecher werd'n für eahna Kultur, für eahna Christentum. Verflucht die Körper, die unsere Männer und Kinder gebor'n hab'n für die Massenmörderei und für den Massenhungertod! Und hunderttausendmal verflucht die, die daran schuld san 118 in aller Welt! Hunderttausendmal verflucht, die aa das in alle Ewigkeit verfluchte Geld, den Judaslohn, unsere armen Waserln am G'wissen hab'n! Verflucht sei amal eahna Bruat! Die Sünden der Väter soll'n si' an ihr räch'n. Lumpen und Seid'n passen net z'samm'. Zwischen eahna steht der Fluch, den unser Herrgott im Himmel hör'n soll, wenn's wirklich an' gibt, der gerecht is. Hunderttausendmal verflucht in Ewigkeit alle Ausbeuter, denen das Geld liaber is als das Bluat von eahnere Mitmenschen! Mir Elendsschwestern allan g'hör'n z'samm', die mir allan alles leiden hab'n müassen. Das is, was i sag'n hab' woll'n, was i amal in alle Welt hätt' schrei'n woll'n . . .« 119     Heimkehr Viele Millionen Gedanken, die von sechs Jahren, verdichtet in einem: Daheimsein! hatten sich nun erfüllt, und er stand tränenden Blickes in demselben Raum, dem ihn vor schier unfaßlich langer Zeit der befehlende Waffenruf entrissen. So herrlich hatte er sich unablässig die Erfüllung dieses tiefsten Herzenswunsches ausgemalt, daß er nun halb befremdet den ärmlichen Raum und die seine Hände in den ihren haltende Frau in geflicktem Kleide und niedergetretenen Schuhen betrachten mußte. War das die Frau, die er einst verlassen hatte? Damals hatte sie volle, gesunde Wangen, fröhliche, lachende Augen, reiches braunes Haar. Und jetzt . . . dieses alte, vergrämte, grauhaarige, unordentlich gekleidete Weib war seine Gattin? Dieses mit nur notdürftigem Hausrat versehene, verlumpte, geschwärzte Zimmer war seine einst so lichte, heitere, mit Vorhängen, Teppichen, Bildern und guten Möbeln ausgestattete Wohnung? Und die Küche – dieses verräucherte Loch mit abgefallenem Mörtel, zerbrochenem wenigen Geschirr und wackeligem Mobilar, war das der einstige Stolz der peinlich sauberen Hausfrau? 120 Aber war es wie immer. Er streckte seinen müden, kranken, schmerzenden Körper in seinem Heim aus, in seinem eigenen Bette. Sein Tisch bot ihm eine wenn noch so magere Speise. Und statt Feindschaft und Teilnahmslosigkeit neigt sich Liebe über ihn und segnet seine Heimkehr. »Wo san die Kinder?« war seine erste Frage gewesen. Seine Kinder, deren er im Gemetzel der blutigsten Schlachten unablässig mit sehnendem Herzen gedacht. Zehn Jahre war die Loiserl alt gewesen und zwölf Jahre der Otto. Wie groß mußten die schon sein. Er merkte ein jähes Zusammenfahren der Frau. War vielleicht eines gestorben? Oder gar beide? In die jahrelange Einsamkeit seiner russischen Gefangenschaft hatte sich keine Nachricht verirrt. Was konnte sich da alles ereignet haben. »Die Kinder? . . . Sie werd'n bald hamkumma. Wann? . . . kann i net bestimmt sag'n. Aber sie wohnen no' alle zwa z' Haus.« »Was haßt das: sie wohnen no' z' Haus?« war die von Staunen und Bangen erfüllte Frage. »Das versteh' i net. Die Kinder? Ja wia red'st denn du daher? Du g'fallst mir, das haßt, du g'fallst mir gar net. Was is denn das mit die Kinder?« Befehl und Angst klang aus diesen Worten. Dann saßen Mann und Frau sich am Tische gegenüber, und wie ein schreckhafter Traum zog ihre Erzählung an ihm vorbei. Den Kopf in beide Hände gestützt, lauschte er, lauschte, ohne eine Bewegung zu machen. Nur immer tiefer 121 nach vorne sank sein Gesicht, so daß die ihn bange mit den Blicken verfolgende Frau keine Bewegung seiner Züge bemerken konnte. Die Erzählung war eintönig wie das Grau der unendlichen Tage, die sie schilderte. Eintönig wie das allmählich einbrechende und vordringende Elend. Von den Tagen und Nächten der Gattin in der Munitionsfabrik unseligen Andenkens. Von dem tage- und nächtelangen Anstellen der Kinder vor Lebensmittelgeschäften und Holz- und Kohlenladen. Von geschlossenen Schulen, aufsichtslosem Herumvagieren auf der Gasse. Von Verwahrlosung und Entsittlichung sprach der graue Fluß der Erzählung, von Entbehrung, Teuerung, Wucher, Verpfänden, Verkaufen und trotzdem Hungern. Die Loiserl? Nun, die hatte sich einem wüsten Burschen an den Hals geworfen, der sie nicht nur zu ernähren, sondern auch zu putzen vermöge. Das Kriminal sei ihm nicht fremd, aber seine zweifelhaften Verdienste lohnen sich wenigstens. Und der Otto? . . . Ja, du lieber Himmel, auch der verstehe das Verdienen mit Kartenspiel, Schleichhandel und allen möglichen Manövern . . . Lachende Stimmen ertönten vom Gange. Die Tür ward aufgerissen, und ins Zimmer traten zwei elegant gekleidete Burschen und ein geputztes hübsches Mädchen. Alle drei sahen einen Augenblick betroffen den Fremden an, der ihnen ein blutleeres Gesicht und zwei vom Gram verstörte Augen entgegenwies. 122     Dioskuren Diese Geschichte ist weder für Ästheten noch Moralisten. Sie ist von rauhem, ja rohem Klang und verletzt gar oft ein feines Empfinden. Ich singe das hohe Lied der Freundschaft und Liebe von dreien, die bar aller seelischen Kompliziertheit sind und in oft rüder Sprache die uralten, edelsten Empfindungen der Menschheit zum Ausdrucke bringen. Der Herndlinger Ederl, genannt »der Streitige«, was vielleicht dem Epitheton eines »Friedrich der Streitbare« entsprechen mag, und der Kretzer Pepperl, genannt »der G'stellte«, was auf hervorragende körperliche, athletische Beschaffenheit schließen läßt, wie etwa seinerzeit bei August dem Starken, waren die dicksten Freunde, die es gibt, die Alten nannten solches Paar Dioskuren, der Wiener jedoch nennt es »Spezi«. Beide waren in einem Hause geboren, in einer Schule mit Weisheit dermaßen durchtränkt worden, daß sie zu deren Aufnahme nur fünf Klassen bedurften, während andere deren achte in Anspruch nehmen mußten. Beide gingen jeder drei Lehrherren durch und landeten als Selfmademans bei dem Stande eines Hilfsarbeiters. 123 Ederl als Helfer am Naschmarkte, Pepperl als Lenker einer Reihe von Eingespannen, so man Cabs heißt. Beide wurden von einer Assentkommission der hohen Ehre gewürdigt, Exerzierplatz zu schinden und des Kaisers Rock zu tragen. Rauferei und viel, sehr viel Arrest kennzeichneten den militärischen Werdegang. Der Bürgerschaft wiedergegeben, die ihrer Genugtuung mit der beiläufigen Meinung Ausdruck verlieh, daß es für zweibeide ein Gesetz geben sollte, das die zwanzigjährige Dienstzeit ins Auge fasse, ergriffen sie wieder einen ihren Studienerfolgen angemessenen Beruf und verdangen sich einem Baumeister für den Sommer als Ziegelschupfer im Dienste der Bautätigkeit, im Winter als Schneekehrer. Da es nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, erwählten sie sich statt des bisherigen »Bettes« jeder ein möbliertes Kabinett und erfüllten es mit der lebendigen Wärme einer Frau. Der Polizeiausdruck einer damaligen finsteren Zeit für solche temporäre Verbindungen lautete Konkubinat. Einer helleren, lichteren, aufgeklärten Zeit blieb es vorbehalten, den poetischen Namen »Lebensgefährten« zu ersinnen. In unserem Falle war diese Bezeichnung nur ein holder Euphemismus. Denn in ihrem heftigen, ihnen angeborenen Drange nach Veränderlichkeit und Vielseitigkeit wechselten auch die »Lebens«gefährtinnen sehr häufig. Gelegentliche Auseinandersetzungen beschränkten sich nicht gerade auf mündliche Erklärungen, auf sanfter 124 oder stärker pointierte Rede und Gegenrede, sondern die gerade bestehende männliche Oberherrlichkeit bediente sich des gesetzlich gewährleisteten Rechtes der »häuslichen Züchtigung« in oft allzu ausgedehntem Maße. Die rohe Hausnachbarschaft bezeichnete dann das »Lebensgefährten«-Paar als »G'lumpert«, »Bagaschi« und »z'samm'g'standenes G'sind'l«. Daß mit dem often Wechsel der Gefährtinnen auch einer mit der trauten Häuslichkeit verbunden war, bedarf keiner Hervorhebung. – Der große Krieg fand beide in den Reihen der Verteidiger des Vaterlandes. Und die zwei ehemaligen Enfants terribles der Kaserne wurden nun ausgezeichnet, befördert und dekoriert. Wofür sie einst Arrest und Krummschließen einheimsten, nämlich für ihre fröhliche Rauflust, wurden sie nun belobt. Ernsthaft verwundet, traten sie aus dem »Verein« aus, der ihnen schon längst keine Befriedigung mehr bot. Als sie ausgeheilt waren, kam der Umsturz und auch ein Umsturz in ihren bürgerlichen Verhältnissen. Wer mag den verschlungenen Pfaden einer im Verborgenen arbeitenden Protektion nachspüren – kurz, Ederl und Pepperl waren die wenn auch bescheidenen Vertreter öffentlicher Funktionen geworden. Ederl als Waggonverschieber auf einer Bahn, Pepperl als Glockenschwinger vor einem Mistbauerwagen. Sie aßen nun wieder das ehrenvolle Brot bürgerlicher Stetigkeit, mit der Aussicht auf irgendwelche Vorrückung und endliche Pensionierung. 125 Sie erwähnten dieser Vorteile gerne im Lokale des Herrn Safran, wenn sie in dienstfreier Zeit an ein oder auch zwei Gläschen »Stanislauer« sich stärkten. Bei dieser Gelegenheit fiel mancher Hieb für die zünftige Pädagogik ab. »Dö ganze Schul' is a Holler,« war der Auszug ihrer Betrachtungen, »a paar Pratzen zum arbeiten und alles anpacken kinna, haßt 's. Net in die Büach'ln hock'n. Schaut's es an, die ganzen Held'n, dö Professers und dö Hofrät'. Der Buri hängt eahna hint' aussi. Obwohl m'r net studiert hab'n, san m'r do wer wur'n.« Solche Rede verfehlte niemals, großen Eindruck zu machen und laute Beistimmung seitens der anderen Gäste zu ernten. Das ist in Kürze das Curriculum vitae unserer beiden Helden, und nun hebt die Geschichte ihrer Liebe und des Sieges ihrer geläuterten Freundschaft an. Zur Zeit bewohnten sie gemeinschaftlich ein »möbliertes Kaminett« irgendwo am äußersten Ende Margaretens. Das Weib als Lebensgefährtin war ihnen schon »öd« geworden, sie zogen ein Leben abgeklärter Ruhe vor und gedachten in einem seligen Junggesellenstande zu versterben. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt und sendete ihnen zum ersten Male das Weib entgegen als die Bringerin erster, reinster und ach! oft tödlicher Liebe. Das kam so: Ederl und Pepperl waren bei einem Vereinsfeste geladen. Über Vermittlung des Umlauft Maxl, der, ein alter Bekannter Pepperls, gleichfalls öffentlicher Funktionär in kommunalen Diensten 126 war. Im Sommer (meist bei regnerischem Wetter) führte er den selbsttätigen Aufspritzwagen. »Wannst mein' Schwester singen hörst . . .« war eines seiner hauptsächlichsten Lockmittel. »Sie haßt aa 's Lercherl von Meidling.« Festlich »g'schalnt«, denn sie waren aus Friedenszeiten mit Kleidung noch wohl versehen, erschienen die beiden Freunde am bewußten Abend. Es sei zum ersten Male ihres körperlichen, nicht nur ihres moralischen Habitus gedacht. Beide waren fesche, männliche Gestalten. Insbesondere Pepperl, der auf einem tadellosen Athletenkörper einen wahrhaften Römerschädel trug. Auf dem Theater, in die Toga gehüllt, hätte er gar wohl irgendeinen römischen Helden darstellen können. Nur »'s Mäul hätt' er net aufmach'n dürf'n«. Von dem ganzen Programm blieb den Freunden später nichts in Erinnerung als die Erscheinung und die Produktion der Umlauft Kathl, der Lerche von Meidling. Feurig, resch, hochbusig und breithüftig, sang und jodelte sie sich in die Herzen und Sinne der Zuhörerschaft, aber nicht so fressend tief wie in die Herzen und Sinne der Dioskuren. Der glückliche Umstand, daß Pepperl und der Bruder der Kathl soi-disant Freunde waren, verhalf den beiden zu der Ehre, sich an den sogenannten Komiteetisch setzen zu dürfen, an dem der engere Freundeskreis versammelt war. Hier wurden sie der Göttin ihres Herzens vorgestellt und fanden offenbar Gnade vor ihren Augen. Eine in militärischen Diensten erworbene schneidige Galanterie unterstützte ihr Werben 127 um die Gunst der Holden. Sie taten noch ein übriges, um auch die Herzen der Tischgesellschaft, insbesondere das Maxls, zu erwärmen. Zu diesem Behufe spendeten sie einige Liter »Spezi«, und die Stimmung ward so gehoben, daß man in einem Kaffeehause bei etlichen »Frackerln« Bruderschaft auf Leben und Tod schloß, mit Einschluß der Holden und Minnigen. Noch eine Tugend dieser tat sich kund: lachen konnte sie, lachen – daß das Lokal davon hallte. Es war nicht das silber- oder glockenhelle Lachen der Romanheldinnen aus ästhetischen Gesellschaftsschilderungen. Nein – zuerst ein lauter, langer »Kirrer«, dann eine Pause. Wie bei Kindern zuerst ein Schrei erfolgt, dann nach sekundenlangem Innehalten das Geplärr einsetzt, so erfolgte nach der kurzen Pause das herz- und schallhafteste Gelächter, das man sich vorstellen kann. Wozu übrigens wäre für beide, die an den Schall der Dampfpfeife, Rädergeknirsche und Mistbauerglocke unter hallendem Hausflur gewöhnt waren, ein silberhelles Lachen gewesen? Ist etwa eine Lokomotivpfeife oder eine Mistbauerglocke von Silber? Nun also! Ich sagte doch, meine Geschichte ist nicht für Ästheten. Als die Freunde den Heimweg nach dem gemeinsamen Quartier antraten, zog eine lange Weile mit ihrem Schweigen die Träumerei mit. Zu lebhaft stand das Bild der Herzenserkorenen vor ihrer Phantasie. Dann unterbrach Pepperl das Schweigen mit den Worten: »Singa kann dös Mensch . . . Höcha geht's nimma.« 128 »Und lach'n kann dö Karnalli,« ergänzte Ederl. »Den Hamur, dö Schneid, dö Resch'n . . .« »'s Lercherl von Meidling,« sagte Pepperl schwärmerisch. Und beide trugen so weiter ihre Liebe wortlos nach Hause, in ihre Träume hinüber. – – – Die so glücklich angeknüpfte Bekanntschaft fand ihre Fortsetzung. Nicht in der beliebten Form, daß einer der Freunde oder alle beide am nächsten Tage, mit einem Blumenstrauß bewaffnet, zur Besuchsstunde im Hause der Geliebten sich einstellten und die teilnahmsvolle Frage an sie richteten, wie sie die Fatigen der vorhergehenden Unterhaltung überstanden – dazu hatten weder sie Zeit noch die Kathl, die zur »Besuchszeit« in einer Waschanstalt schwitzte –, sondern am Sonntage im Stammlokale Maxls, weit draußen in Meidling beim »Goldenen Stier«. Der Kreis, in den sie da eintraten, war exklusiv. Kutscher, Straßenbesorger (früher Kehrer), Lenker von Handwagen, Maurer, Kanalreiniger, Schienenritzenkratzer und andere mehr. Mit der Zeit wurden sie Mitglieder der internen Tafelrunde des Extrazimmers, der als leuchtendes Gestirn die Kathl präsidierte. In tiefster Ergriffenheit, wunschlos, wie das der wahren Liebe eigen, lauschten die Freunde dem Singen, Jodeln, Paschen und Lachen der Angebeteten. Obwohl sie dumpf fühlten, daß sie in ihrem Wünschen und Streben nach einem Punkt, nämlich der Gunst der Geliebten, Nebenbuhler seien, kam ihnen in ihrem traumhaften Zustand der Liebesseligkeit dieser Zwiespalt nicht zu vollem Bewußtsein. An 129 das Nächstliegende, nämlich eine Werbung behufs einer christlichen, bürgerlichen Ehe, dachte zur Zeit noch keiner. Desto mehr Maxl, der Bruder, und Kathl selbst. Ersterer aus mehr egoistischen Gründen. Er hatte nämlich eine Witwe in den besten Jahren – so um fünfzig herum – »aufgerissen«, mit einer wohleingerichteten Wohnung und einem nicht übel gehenden Geschäfte. Sie hatte nämlich das, was eine frühere, robustere Zeit ein Fetzen-, Baner-, Glasscherben- und Haderlump-Geschäft nannte. Heute bezeichnete es sich als – »Stoffabfalls- und Knochenverwertungsabgabestelle en gros .« Zuerst jedoch wollte Maxl der Schwester den Gatten freien. Der konnte gleich in die Wohnung, bestehend aus Zimmer, Kabinett und Küche, einheiraten. Kathl dachte an eine Heirat aus dem allernächstliegenden Grunde, ihr Magdtum gegen Frauenwürde zu vertauschen. Mancher Freier wäre unter den angenehmen Aussichten der wohleingerichteten Wohnung bereit gewesen, die Jungfrau zu küren. Bis jetzt hatte aber Maxl von solcher Möglichkeit nichts verlauten lassen, und dann waren die Freunde auf den Plan getreten, die vor den Augen Kathls Wohlgefallen gefunden hatten. Ihre Herzensneigung wäre zwar mehr auf seiten Pepperls gewesen. Doch goutierte sie dessen Beruf nicht. Dafür war Ederl, der, mit dem Titel eines Eisenbahners geschmückt, sozusagen die ästhetische Seite der Wahl verkörperte, der von 130 der Jungfrau Bevorzugtere. Einer jedoch mußte sich entscheiden. Das romantische Anschmachten zweier solcher Lackeln hatte keinen Zweck und verscheuchte zum Schlusse andere Freier. Daher wandte sie sich in ihrer Herzensnot an ihren bisherigen natürlichen Beschützer, ihren Bruder, mit der Bitte, diese Angelegenheit zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Zum Schlusse meinte sie: »Und wann dö zwa Melak vielleicht z'ruckschiab'n woll'n und manen, i war' nur da zum Anschau'n, so huast' i auf an' wia am andern, und i rat' eahna, si' nimmer in den Lokal blick'n z' lassen, sunst gib i eahna den Wurf, daß s' bei der Tür ehnder mit die Fersch'n aussischau'n wia mit'n Schäd'l. Das garantier' i eahna. Den Sunntag bleib' i amal daham. Du sagst, i war krank vur lauter Aufregung, weil mi' dö zwa ins G'red' vur der Nachbarschaft 'bracht hätten. Aner muaß aushenk'n. Wer – bleibt m'r gleich. I will do' net am End' weg'n dö zwa Letfeig'n sitz'nbleib'n. Hat aner an'bissen, sagst: du wirst schau'n, ob i scho' besser bin. Dann holst mi', und mir feiern glei' die Verlobung.« Maxl, der schon aus besagten Gründen die Angelegenheit der Schwester zu der seinen gemacht hatte, beschloß, den Freunden die Lage in der zartestfühlenden Weise zu erklären. Sonntag abends, an dem die beiden Freunde (wenn Ederl nicht gerade der Dienst traf) als die ersten zu erscheinen pflegten, war Maxl schon im Extrazimmer anwesend. Die Unterredung duldete keine fremden Ohren. 131 »Was is mit der Kathl?« war die Frage nach der ersten Begrüßung. »D' Kathl wird heut net kumma,« lautete die in trübem Tone erteilte Antwort. »Sie is krank.« »Ja – was fehlt ihr denn?« wollten die aufgeregten Dioskuren wissen. »Was soll ihr fehl'n? Aufg'regt is s' vur Schand', weg'n aner Tratscherei im ganzen Haus. Sie traut si' förmli' nimmer aus der Wohnung.« Ederl und Pepperl schienen erstarrt vor Ingrimm. »Wer hat das Mad'l verläumd't? Sag's!« würgte Pepperl hervor. »Sag's! Dö braucht ka' Friseurin mehr und kan' Zahnarzt. Höchstens, daß er ihr a neuch's Gebiß einsetzen kann.« »Ah was!« fiel Ederl ein. »Da därf ja ka' Fetzerl Fleisch übri'bleib'n. Die leg' i unter d' Rangiermaschin'.« Ederl wählte gerne seine öffentliche Funktion betreffende Vergleiche und Strafsanktionen. »Blödsinn!« sagte Maxl. »A Mäul stopft ma' zua und hundert andere macht ma' auf. Der Ruaf von an' brav'n Mad'l is bald hin.« »Ja – was is denn dann z' tuan?« frugen verzweifelt die Freunde in ihrer Ahnungslosigkeit und liebenswürdigen Begriffsstützigkeit. »Fragt's do' net so g'schwoll'n,« erboste sich Maxl. »Secht's denn net ein, daß ös zwa das Mad'l ins G'red' 'bracht habts? Dös muaß do' a Blinder mit 'n Steck'n greif'n, wias ös alle zwa in das Mensch vernarrt seids, und kaner macht mäh oder muh, daß 's aner von enk 132 heirat'. Glaubt's denn, a Frau'nzimmer will in a Glaskast'l g'stellt werd'n, daß ma' s' nur anschaut? Da davon allani kann s' net dick werd'n.« Hier fiel ihm die Zweideutigkeit des Begriffes ein, und er lächelte zynisch. Nicht so die Freunde. Maxls exemplarische Worte hatten ihnen blitzartig ihre Seelennot geoffenbart. Wie Erleuchtung war es über sie gekommen: ihre Liebe zu der Einzigen und beider unbewußte Nebenbuhlerschaft. Also standen sie, die sich in ihrem ganzen Dasein ergänzt wie die zwei Flächen eines entzweigeschnittenen Apfels, wie der Stuhl unter ihnen mit ihrem Allerwertesten, und wie noch vielerlei Beispiele zu zitieren wären – kurz, sie waren Antagonisten geworden, wie die beiden Brüder in der »Braut von Messinna«, von deren literarischem Dasein sie selbstverständlich keine Ahnung hatten. Jedoch – arbeitete auch das Gemüt, so nicht minder der Verstand. Wer konnte in diesen häßlichen Zeiten an einen Hausstand denken? An Brot mit der nötigen Lage Butter hätte es ja nicht gefehlt. Aber an dem nötigen Etui für die Perle, für das Schmuckstück. Wenn einer der Freunde auch dem andern das Kabinett bei einer zänkischen, alten, habsüchtigen Quartierfrau überlassen und sich bereit erklärt hätte, das kosige Nest dem glücklichen Paare abzutreten – Kathl war ja doch nicht eine gewöhnliche »Lebensgefährtin«, deren Bund von keinem Priester geweiht, von keiner moralischen Bürgerlichkeit anerkannt war. Beide fühlten, daß jeder mit seinem heißesten 133 Begehren der Einzigen zustrebte. Welcher von ihnen würde den Mut haben, blutenden Herzens zu verzichten? Zum Lobe ihrer Freundschaft sei es gesagt, daß einer von dem anderen annahm, er würde diese antike Größe aufbringen. Jedoch war für irgendwelche Spekulation keine Zeit zu verschwenden. Denn sie merkten aus Maxls sich verdüsternder Miene deutlich das erwachende Mißtrauen in den Ernst ihrer ehrbaren Absichten. Ederl begann zuerst. »Wann mi' die Kathl will, so – da is mein' Hand – heirat' i s'.« Pepperl fiel ein. »Halt a wengerl! I möcht' aa das Mad'l. Daß i 's gern hab', kannst m'r glaub'n. Kane hat m'r bis heute so g'fall'n wia die Kathl. Es is nur dran g'leg'n g'wesen, daß ma' heut ka' Wohnung finden kann.« »Genau so wia bei mir,« ergänzte Ederl. »Es kann do' kaner von uns dran denken, das Mad'l in unser Kaminet einheiraten z' lassen. Da schmeißert uns erst der alte Straßenkehrerbesen, der niederträchtige, unser' Quartierfrau, aussa. Abg'seg'n davon – no ja. So was gangt do' net.« Maxl bemerkte mit einigem Unbehagen den Wettstreit der beiden. Es lag ihm daran, einen zum Schwager, den anderen zum Freund zu bekommen und beide als die alten »Spezi« zu erhalten. Doch kannte er ihr hitziges Rauferblut (hatten sie doch erst jüngstens zwei Gäste aus dem Lokal hinaus»ballotiert«, aber nicht mit Kugeln, sondern mit ihren Fäusten), so daß ihm 134 unheilvolle Gedanken von einem harmlosen Totschlag oder mindestens schwerer Körperverletzung durchs Hirn flogen. Deshalb nahm er eine Miene der Weisheit und Väterlichkeit an und begann folgendermaßen: »Ös seids alle zwa take Kerln und Ehrenmänner durch und durch. Aber 's Mad'l kann do' nur an' von euch heirat'n. Das steht do'. Net? Jetzt aber, welchen? Das müaßts ös in aller Ruah' und Freundschaft ausmach'n. Net? Wanns ös euch ausred'ts, wia zwa Spezi, müaßt's euch do' einig'n. Net? Hab' i da Recht?« Die Freunde überlegten abermals. »I man',« sagte nach einer Weile Pepperl, »das müaßt' do' der Kathl ihr' Sach'n sein. Sie soll do' an' von uns zwa heirat'n. Da kinna mir lang debattier'n. Wem s' von uns will, is die Hauptsach'. Alle zwa gleich gern kann s' do' net hab'n. Drum man' i, der Maxl fragt s' erst, wer ihr besser zu G'sicht steht. I oder der Ederl. Das, glaub' i, is das allerg'scheiteste.« Ederl mußte nach einigem Zögern die Richtigkeit dieser Anschauung bestätigen, die von geläutertem Sinn für die Würde weiblicher Freiheit und vollem Rechtsbewußtsein sprach. Jedoch Maxl mochte die feinfühlige Kathl nicht vor einen Gewissenskonflikt stellen. Welche Pein für ein edles weibliches Gemüt, eine Wahl treffen zu sollen, die unbedingt einen der Bewerber mit Beschämung und Betrübnis erfüllen mußte. Sollte die Jungfrau einem furchtbaren Seelenkampf ausgesetzt werden, der auf ihre 135 ferneren Lebenspfade einen düsteren Schatten zu werfen geeignet war? Wenn auch nicht in dieser wohlgerundeten Periode, so doch dem Sinne nach erklärte Maxl die Unmöglichkeit, seiner Schwester die Wahl anheimzustellen. Das begriffen auch die beiden etwas dickköpfigen Werber. Maxl nahm dies mit Vergnügen wahr und hub aufs neue an: »Wia i die Kathl kenn', dö sterbert vur Schand', wann s' wußt', daß da förmli' um sie g'handelt wird. Und dann,« er dämpfte seine Stimme zum Geheimnisvollen, »hat s' mir amal ganz g'schami' g'standen, sie wußt' meinerseel net, wem s' von euch liaber hätt'. Wann s' zwischen euch an' aussuachen müaßt', tatert ihr die Wahl weh. Sollt' ma' dem Mad'l das Herzlad antuan, daß s' an' von euch sag'n müaßt': den andern hab' i liaber. Ehnder sterbert s'. Na – liaber glei' gar kan'. Net? Hab' i da net recht?« Das gab der Angelegenheit eine ganz andere Deutung. Wieder versanken die Nebenbuhler in tiefes Sinnen. Beide fühlten sich geschmeichelt, und hätte in einem oder dem anderen etwas, was man dichterische Ader nennt, getobt, so hätte er es sicher als finsteres Fatum aufgefaßt, vielleicht gar zu Papier gebracht. Pepperl, als der etwas schwerfälligere Geist, kratzte sich nur verzweifelt hinter dem Ohr. Das war ein ganz sonderbares Dilemma. Er und sein Spezi Gegner im Kampf um ein Weib! Gegner zum erstenmal im Leben. Ganz blödsinnig. 136 Ederl, der weniger Besinnliche, stellte neuerdings die Frage: »Was war' denn da nur z' tuan? Alle zwa kinna m'r s' net heirat'n, das is sicher.« Dann wendete er sich an Pepperl. »Tat'st m'r den Freundschaftsdienst und lasserst das Mad'l mir?« »I kann net. Freiwilli' kann i net, Ederl. Verlang' von mir was d' willst auf der Welt, das kann i net. I hab' nia g'wußt, wia gern i die Kathl hab'. Erst jetzt merk' i 's.« Nun sprang Maxl ein mit einer Idee, die seiner allzeit praktischen Weisheit würdig war. »I schlag' euch was vur,« begann er unvermittelt. »Laßt's mi' ausred'n und halt's enk net epper auf über dös, was i m'r aus'denkt hab'. Du,« und er wandte sich an Ederl, »und du,« er wandte sich an Pepperl, »also ös alle zwa habt's auf die Kathl a Rutsch'n. Um'kehrt – hat die Kathl auf alle zwa von euch a Rutsch'n. Aner von enk kann s' nur hab'n, und d' Kathl kann aa nur von enk an' hab'n. Alsdann, jetzt lost's zua! Müaßt' höchstens aner von euch den andern umbringa. Dös werd'ts als alte Spezi do' net wöll'n. Net?« Die Freunde deuteten durch ein Nicken an, daß an eine solche Lösung des Konfliktes gar nicht zu denken sei. »So bleibt euch gar nix anders übri', als daß euch einigts. Z'rucktret'n, freiwilli', will kaner. No, so bleibt gar nix ander's über, als ös ziagts Strafhölzl'n, oder . . .« »Oder . . .?« »No – ös schnapsts es aus. Von mir aus von 137 zehne obi, auf vier G'spiel'. Wer die meisten Bummerln hat, schiabt z'ruck, sagt, es war nix, und bleibt destweg'n guat Freund und suacht si' a andere. 's braucht neam'd was wissen davon, a Liter rennt mit, den zahlt der, der g'winnt. Hört's, das is do' a Spurt, wia a höcher no' net da war. Aner, der g'winnt, zahlt in Wein. Net?« Lange überlegten die so gewissermaßen zu einem Gottes- oder Schicksalsurteil Aufgeforderten den seltsamen Vorschlag. D' Kathl ausschnapsen! In früheren Zeiten wurde ein Turnier um die Dame angesetzt. Aber beide lebten in der jetzigen und dazu in Meidling. »No – was sagst?« frug Ederl. »In Gott'snam'. Von mir aus. Aber ans: neam'd därf jemals davon was wissen. Am wenigsten die Kathl.« »Dö sterbert vur Schand',« sagte Maxl. Dann rief er dem Wirt vom »Goldenen Stier« zu: »He, Rötzer, Schnapskarten, a Taferl und Kreiden und an' Liter Spezi.« Als alles gebracht worden, begannen die Verhandlungen über die Turnierregeln. Maxl als »Unparteiischer« schlug schärfste Waffen vor. Erdbergerisch, ohne Nachzählen, nach dem »Zuadrahn« gilt bei dem Gegner kein Stich. Vergeb'n schreibt drei beim anderen. Dieser Schärfe opponierten die Spieler. Maxl war auf diesem Gebiete Matador, die beiden nicht. Also einigte man sich auf die gewöhnliche lässige Art. Das Schicksal war auch bei ihr bestimmend genug, und Menschenwitz und 138 -klugheit sollten nicht noch die Absichten der Göttin verschärfen wollen. Zur Stärkung wurden vorerst die drei Stutzen vollgefüllt. Dann wurde bedeutungsvoll angestoßen, getrunken, und nun begann das Spiel, das eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit dem grausamen Würfelspiele zweier Brüder unter dem Galgen hatte, wo sie, die sich innig liebten, durch den hartherzigen Sieger gezwungen wurden, um den Tod des einen von ihnen die Würfel entscheiden zu lassen. Wie stets bei einem Schnapser, stellten sich Kibitze ein, die jedoch von Maxl strenge in die Schranken gewiesen wurden. »Es geht zu hoch, als daß es mit eucherer G'scheidheit irr' machen dürfts,« versicherte er. Die Blöden! Sie meinten, es ginge nur um Wein . . . »I hab' die Bummerln,« sagte Pepperl mit verröchelnder Stimme. »Nutzt nix mehr.« Nun ward der Chor der Kibitze laut. »Dö Bummerln hätt'st net z' kriag'n brauch'n . . .« »Warum hast denn net zua'draht zuvor mit dö zwa Zwanz'ger und den As? Dreißig hast ja schon g'habt. As und Zehner von der an' Farb' war'n a scho' heraußt . . .« »Nix da, dö Herz hätt' er net angreif'n soll'n, dö hätt' eahm der Mann 'bracht . . .« und so ging es weiter. Leider waren alle Ratschläge zu spät. Es war ja das Schicksal, das bedeutungsschwer die Hand auf Pepperls Karten gelegt hatte. Dafür feuchtete dieser jetzt die Gurgel mit einem mächtigen Schluck des auf dem Tische schon in dritter Auflage stehenden Weines an. 139 »Jetzt hol' i die Kathl,« sagte Maxl, der seiner Diplomatenrolle getreu blieb, »vielleicht hat s' das Kopfweh schon verlur'n. Heut woll'n m'r no' a biss'l fidel sein.« Er verschwand rasch, um die harrende Schwester von dem Resultat seiner Tätigkeit zu unterrichten. Das tat er in der Form, daß er, daheim angekommen, unter mächtigem Gelächter Kathl von seinem Arrangement der famosen Schnapspartie um den Besitz der Braut unterrichtete. Kathl jedoch starb nicht vor »Schand'«, sondern warf sich mit einem »Kirrer« aufs Sofa, breitete beide Arme auseinander und leitete ein Lachen ein, das fast kein Ende nehmen wollte. Ihr Gesicht färbte sich besorgniserregend rot. »A so a Hetz,« keuchte sie endlich, »schnaps'n si' dö zwa Dod'ln mi' aus. Da muaß m'r ja krank werd'n.« »Aber daß d' net verratst, daß d' die G'schicht' kennst. Das hab'n dö zwa extra ausg'macht, du därfst nia net davon was wissen. I hab' aa g'sagt, du sterberst vur Schand' . . .« »Geh', hör' auf!« wimmerte Kathl. »Jetzt richt' di' z'samm', sag' all'n, dein Kopfweh is besser 'wur'n, 's is nur weg'n dö andern, denen i den Marker derzählt hab'. Tummel di', es is schon neune.« – – – Kathl erschien mit dem Bruder, eine Miene stillen Leides zur Schau tragend, wie sie Migränebesitzerinnen so wohl ansteht. Sie wurde von den Gästen stürmisch begrüßt. Ein Abend ohne das Lercherl von Meidling war ins Wasser gefallen. Um zehn Uhr brach sich Maxls Stimme in 140 dem Lärm und Wirrwarr der Gästeschar des Extrazimmers Bahn. »Halt's alle amal mitanand' dö Gosch'n, i muaß enk was sag'n.« Auf diese zarte Aufforderung kam allmählich die wünschenswerte Ruhe in die Gesellschaft, und Maxl bemühte sich, in möglichst gewählter Ausdrucksweise seine Ankündigung vorzubringen. »Verehrte Anwesende, meine Herren und Damen, Freunde und Genossen! Ich mach' Eich die freidige Mittäulung, daß 's mein Freind, der Herr Ederl Herndlinger, mit meiner Schwester Kathl alt g'macht hat, indem daß s' jetztn ein Brautpaar säund. I brauche net hinzuzufigen, daß alle zwa fesche Kamp'ln seind, die was Ihnere Sympathien wohl verdient haaben, und ich schlüße mit einem dreimaligen Hoch auf das Brautpaar. Hoch! hoch! hoch!« Unermeßlicher Jubel folgte diesen schönen, schlichten Worten. Alle Gläser wurden gegen das Brautpaar erhoben, und dann stimmten alle in den herrlichen Chor ein: »Hoch soll'n sie leben, dreimal hoch!« Ein Gast begleitete auf dem Pianino den Chor. Kathl übertraf sich in diesem Augenblicke selbst in der scheuen Demut ihrer Magdlichkeit. Pepperl knirschte fast hörbar mit den Zähnen. Die Stimmung wurde immer fideler. Wein und Bier flossen nur so durch die Kehlen, trotz des »ölendigen Zeitpunktes.« Kathl, die ihre Urwüchsigkeit wieder gefunden, sang und jodelte in einer Weise wie noch nie. Zu Pepperl, der sehr viel Wein trank und der trotzdem sehr 141 schweigsam war und mit dem Kathl seit langem wie auch mit ihrem jetzigen Bräutigam auf dem Neckfuß stand, sagte sie: »Hörst d'r, G'stellter, mit dein' Hamur, dens d' heut hast, kunnt' ma' Ratzen vergiften.« Pepperl, der sein keusches Liebesgeheimnis nicht vor der profanen Menge offenbart wissen wollte, raffte sich zusammen und meinte mit einer Lustigkeit, bei der er fast sein Herz brechen fühlte: »Geh, Tepperte, da sollt' aner lusti' sein, wann er siecht, wia sein Freund zum Galing 'zarrt wird?« »Blöder Hundling, wer schimpft, der kauft. Warst froh, wanst selber zu dem Galing 'zarrt wurd'st.« Dabei blitzten ihn ihre Augen an, so – so – ja hatte sich Pepperl getäuscht? Das war ja förmlich ein zündender Liebesblick gewesen. Ederl, der nicht mehr sehr nüchtern war und den das Gelächter der Umstehenden zu der Gruppe geführt hatte, die sich um die Braut und ihren Neckgegner gebildet hatte, wollte sich fast ausschütten vor Lachen, als er von dem anmutigen Wortgeplänkel vernahm. Auch Maxl mischte sich ein, stolz auf seine Schwester: »D' Kathl is dar a Karnalli,« meinte er zu Pepperl. »Bruada, mit dera häng' net an. Da bist scho' der Kren. Dö hat 's Mäul net nur zum Essen. Dös is dar ane.« Und er lachte sehr vergnügt, hatte auch Ursache zum Vergnügtsein. Winkten doch in lieblicher Nähe Hymen und Merkur vereint als die Götter seines weiteren Lebens. Plötzlich tat sich eine Sensation kund. Der 142 Bräutigam, sich im Lichtglanze aller Ehren des Abends sehend, im Besitze der Erstrebenswertesten sich befindend, gedachte plötzlich des Leidvollen, der Seelenzerrissenheit des Freundes, seines einzigen und getreuesten Spezis, wie er in forcierter Lustigkeit seinen Schmerz in die tiefsten Tiefen der Brust hinabwürgte. Und das Erbarmen mit ihm ward so übermächtig, daß er plötzlich in Tränen ausbrach und Pepperl wiederholt um Verzeihung anflehte. Er hatte beim Spiel etwas gemogelt. Das Publikum war erstaunt, die Braut chokiert. Sie meinte zu Maxl: »Hörst, a zaunerter Mann, der kunnt' m'r passen. Wann's der am End' öfter so macht, wann er an' Wein kost't . . .« Kathl betrachtete so zirka 12 bis 15 Viertel nur als ein »Kosten«. Maxl rettete die Situation, indem er auf die seelische Erregung des jungen Bräutigams hinwies, der in der Unklarheit über das Resultat seiner Huldigung und Werbung, in Verbindung mit etwas Alkohol, die Herrschaft über seine Nerven verloren hatte. Was er wohl mit den Bummerln meine, die er seinem Freunde angehängt, und die, wie es schien, nicht ganz einwandfrei gewonnen seien? »Ah, nix is,« erklärte Maxl. »Das bild't er si' jetztn ein. I hab' ja selber g'schrieb'n. Das macht nur dö Aufregung. Aber jetztn, meine Herrschaft'n, Zeit is. Der Wirt muaß scho' zuaspirn. Alle gengan m'r dann ins Kaffeehaus. 143 Durt spielt a Quartett. A Gaudi muaß heut sein . . .« Man brach auch dorthin auf. Und beim Likör gestand Ederl seinem nunmehr baldigen Schwager vor Begleichung der Zeche, daß er »stierg'rissen« sei, nämlich außer nunmehrigem Besitz von Barmitteln, auf die eigensinnige Lokalbesitzer bestehen, unbekümmert um Fest oder Leidstimmungen ihrer Gäste. Maxl nahm die Sache nicht tragisch. »Brauchst di' net drum z' surg'n. Für das Heutige kumm' i auf, und dann: die Kathl hat Maßen, ob s' es jetztn herreibt oder später. Ihr Mann wirst ja do', und was ihr g'hört, g'hört dir. I wier' scho' mit ihr red'n. Na, schaff' dir nur an, was d' willst. Derentweg'n wird's kan' Wirb'l geb'n mit 'n Makör.« Der Heimweg der Freunde löste keinerlei Betrachtungen mehr aus, weder der gestirnte Himmel, noch die Erinnerung an das heutige festliche Erlebnis regte zu irgendwelchen Betrachtungen an. Denn beide wußten nicht, wie sie nach Hause gekommen waren. Ederl, der Montag einen dienstfreien Tag hatte, konnte in Ruhe einem seligen Erwachen entgegenschlummern, indessen Pepperl zur frühen Stunde seinem melodischen, glockentonbeschwingten Berufe nachzukommen hatte. Die Quartierfrau, die für das pünktliche Erwachen ihrer Mieter verantwortlich gemacht worden war, ließ bei Pepperl nicht locker. Vierundzwanzig Stunden sahen sich nun die Freunde nicht, und als sie sich wiedersahen, mit 144 nunmehr vom Alkohol geklärten Schädeln, kam man nicht mehr auf die ganze Verlobungssache zurück. An vollzogenen Tatsachen gab es nichts mehr zu ändern, und »gegen den Wind kann man nicht klavierspielowat«, sagte sich Pepperl. Der Hochzeitstermin wurde auf kurze Frist angesetzt, denn lange Verlobungen führen zu nichts Gutem. Während der seligen Verlobungszeit war Ederl der kavaliermäßigste und aufmerksamste Bräutigam. Er brachte zwar nicht Blumen, Bücher und Noten, Dinge, die für Kathl keinerlei Anziehungskraft besaßen, dagegen zu den heimlichen abendlichen Kosestunden ein Stück Salami, Käse, Sardinen oder sonst irgendwie gründlich sättigende Dinge mit. Unter Vorsitz Maxls fand einige Zeit vor dem Hochzeitstage eine Beratung zu vieren statt. Kathl war einzige, glückliche Besitzerin einer vollkommen und schön eingerichteten Wohnung von »Zimmer, Kuchl und Kaminet«. Das Kabinett mußte, da für zwei junge Eheleute einstweilen überflüssig, vermietet werden. Und an wen besseren, als an Pepperl? Hier hatte er seine Ordnung, Freundesliebe hütete sein kleines Heim, es gab keine zänkische Zimmerfrau, die aus den kleinsten und nichtigsten Dienstleistungen fabelhafte Erträgnisse zu zaubern wußte. Der Mietpreis war eine willkommene Beigabe zu dem Einkommen des jungen Hausstandes, und alle drei lebten in Friede und Eintracht wie eine Familie, in der Pepperl die Rolle des getreuen Bruders spielte. Das war verlockend, aber auch gefährlich 145 für den Herzensfrieden aller drei. Pepperl wollte anfangs nicht. Er schob allerlei Vorwände für seine Weigerung vor. Allerlei Andeutungen, geradeso, als ob ihm das Herz brechen müßte beim Abschied von seiner alten, zänkischen, ausbeuterischen Quartierfrau. Kathl saß teilnahmslos, aber mit glühenden Wangen und züchtig gesenkten Blicken da. Ach! Nur zu gut konnte sie den Seelenkampf verstehen, der den unterlegenen Kämpfer um ihre Hand durchtobte. Das Schicksal, unterstützt und korrigiert durch einige Mogelei, hatte seine ewige Stimme zugunsten des anderen erschallen lassen. Aber plötzlich traf Pepperl ein Blick aus ihren feurigen Augen, der das Gebäude seiner Standhaftigkeit glatt niederlegte und den vereinten Bitten seiner Freunde helfend beisprang. Er willigte ein. Mochte auch sein Herz darüber in Stücke springen. Den Freund verraten würde er niemals. Die Hochzeit fand in Bälde statt. Für Ederl stand der Schwager, für Kathl Pepperl als Beistand bei der hochheiligen Zeremonie, da das Brautpaar den Schwur vor dem Priester ablegte, einander getreu zu sein, bis der Tod sie trenne. Die nachherige Feierlichkeit fand im Stammgasthause statt, wo die junge Frau in wallendem Weiß und Myrtenkranz Bewunderung und Enthusiasmus erregte. Der Bräutigam und die beiden Brautführer in tadellosem schwarzen Anzug, mit Myrtensträußeln im Knopfloch, erregten gleichfalls Sensation. Pepperl hatte sich 146 ihn für den Abend bei einem Bekannten entliehen, während Maxl mit Rücksicht auf die später folgende, ihn betreffende ernste Zeremonie sich ihn von seiner liebenden Braut hatte kaufen lassen. Diese war an dem Hochzeitsabend gleichfalls anwesend, und das Vergnügen und die Freudenausbrüche seitens der Festgäste waren laut und lärmend, als gelegentlich eines Toastes Maxl den Anwesenden seine Braut vorstellte und den Hochzeitstag verkündete. Die Erwählte seines Herzens ersetzte durch Leiblichkeit den Liebreiz der ersten Jugend, der beispielsweise Kathl zierte. Der künftige Beruf als Geschäftsmann fand bei den Freunden Maxls ungeteilte Billigung. »A so a ölendiger Hundling,« meinte einer voll Anerkennung, »setzt si der in a so a schönes G'schäft eini. Dös G'schäft is dö reine Goldgruab'n, i kenn' 's ja. Hab' ihr'n selig'n Mann do' aa no' kennt.« »Der is an der Lungen g'sturb'n,« sagte ein anderer. »I waß net,« fügte er besorgt hinzu, »ob der Maxl dös aushalt. Das G'schäft is staubi', und die Frau verlangt, scheint mir, aa hübsch was. Schaut's es nur an! Da därf aner net schwach auf der Brust sein. A guate Unterlag' muaß si' aner vergunna können, sunst is in zwa Jahr'n habedieehre mit eahm.« Der Abend verlief sehr animiert. Kathl in ihrem Jungfrauenglück (die Betonung auf der zweiten und dritten Silbe) übertraf sich dieses Mal wirklich, nachdem die erste Suche der 147 Jungvermählten vor einigen Vierteln Gerebeltem gewichen war. Noch nie hatte sie so gesungen und gejodelt wie heute. Niemals noch war der Beifall ein so intensiver und lärmender gewesen als heute. Und nie so oft hatte Kathl lauter aufgekirrt und nachhaltiger gelacht wie an diesem unvergeßlichen Abend. Inzwischen flogen Scherze und Andeutungen zartester Form hin und her. »Hörst, Ederl,« rief einer der Intimen, »daß d' di' heute guat anhalt'st. Mach' uns eppa a Schand'! Wannst an' Helfer braucherst . . .« Der Spaßvogel deutete auf sich. »Geh', du Taub'nschuaster, du hatscherter, denk liaber auf dein Elend und deine krumpen Füaß'!« rief die gutgelaunte Braut dazwischen, die nun als Vermählte etwas aus ihre Reserve heraustreten durfte. »A so a G'stell möcht' an' helfen, das selber a Prothesen brauchert.« Schallendes Gelächter lohnte die schlaghafte und feinsinnige Abfuhr, insbesondere was die »Prothese« betraf. Mittlerweile hatten die Freunde und Bekannten Maxls einige Beobachtungen zu machen geglaubt, die geeignet schienen, dem künftigen Ehehimmel schwere Wolken prognostizieren zu dürfen. So hatte die Witwe, da Maxl zu Ehren des heutigen Abends einige Liter auf den Tisch zu stellen für gut befunden, mit ihrem künftigen Eheherrn in einer Ecke des Gastzimmers eine scheinbar für Maxl nicht besonders günstige Aussprache gepflogen, aus der einer der Freunde so etwas wie: »nackerter Kerl« und »glaubst, 148 du kannst amal mein Gerstl verdrahn?« heraushörte. In ehrlicher Besorgnis um das künftige Lebensglück des Freundes hatte er Gelegenheit gefunden, Maxl auf einem Orte, der nur den Herren reserviert war, an einem Rockknopf zu erfassen und etwas schwankend, mit glucksender Stimme zu beschwören, sein Herz nochmals und eingehend zu prüfen, ehe die priesterlichen Bande ihn auf ewig seiner Freiheit beraubten. Er schloß: »Den Karo därfst d'r urndli' in d' Zügeln nehma, sunst bist derschossen, mein Liaber. Tat' m'r lad um di, Maxl. Bruada,« schloß er mit einem Aufschluchzen, von dem ungewiß war, ob es der besorgten Freundschaft oder dem säuerlichen Aufstoßen des genossenen Weines zuzuschreiben war, »i an deiner Stell' henkert mi' liaber am nächsten Bam, als derer in die Krall'n zu kumma.« Aber Maxl, der merkwürdig lustig aussah und dem das Trinken in keiner Weise die Verstandeskräfte beraubt zu haben schienen, beschwichtigte die Befürchtungen des Freundes. »Schau, Thomerl« (der Angeredete hieß Thomas mit Taufnamen), »laß nur amal die Hochzeit vorbei sein, kannst versichert sein, daß i derer a Läufel o'hau, wenn s' mant, sie kunnt's mit mir machen wia mit dem Täddl, ihr'n ersten Mann. 's erste, was i in d' Händ' kriag', kriagt sie a'm Schäd'l, und wann s' a Krax'n dabei macht. Manst eppa, an dem Brock'n, an dem Hundsfuatta liegt mir was dran? Als ob m'r vur gar nix graußert . . . Aber das G'schaftl is 149 guat. Und nocha kummt a Pupperl. Dö Alte schick' i ins Krematorium, das jetzt'n bau'n woll'n. No – was sagst?« Der Freund konnte nichts sagen. Nur seine leuchtenden Augen drückten Verständnis und Billigung der weisen Absichten Maxls aus. Gut, daß dessen Braut aus Schicklichkeitsrücksichten das Gespräch nicht belauschen konnte . . . Die leidigen Folgen der Kriegszeit bedingten einen nur allzu frühen Schluß des Festes. Um jedoch nicht genötigt zu sein, durch kurzsichtige Polizeimaßnahmen in ihrem weiteren Vergnügen gestört zu sein, lud das junge Ehepaar einige der vertrautesten Freunde ein, in die Wohnung zu kommen. Daselbst werde die junge Frau Tee und schwarzen Kaffee kochen. Auch seien zwei Guglhupfs bereit zum »Zubeißen«. Sechs der Auserwähltesten folgten der Einladung. Die Abschiedshochrufe der Gesellschaft weckten die Gasse, und ein schleunigst herbeigeeiltes Organ der Sicherheit mußte im energischesten Amtstone Ruhe und Schluß fordern. Endlich gelang es dem Wirte, sein Lokal zu säubern und hinter dem letzten, fast hinausgeworfenen Gaste die Türe zu schließen. In der neuen Wohnung des neuen Ehepaares wurde es sehr gemütlich. Frau Kathl spielte in aller Anmut die junge Hausfrau, bereitete Tee und schwarzen oder weißen Kaffee, je nach Belieben. Auf dem Tische standen ein mächtiger, aufgeschnittener Guglhupf und eine ebenso mächtige Rumflasche. 150 Die Damenwelt hatte sich zusammengesetzt und erörterte verschiedene Themen, die eben nur Damen interessieren, wobei Maxls Braut in zärtlicher, schwesterlicher Anteilnahme der jungen Schwägerin verschiedene Typs gab, wie man »Männer fesselt«. Eigentlich verstand sie darunter ein wirkliches Knebeln und Unterdrücken jeden Selbständigkeitsgefühles. Arme Kurzsichtige! Deine bewährte Tyrannis wird an der ehernen Mauer zerschellen, die Maxl aufzurichten sich vorgenommen. O siehe, wie er mit dem Freunde um die Wette blinzelt, wenn ihre Blicke sich auf dich konzentrieren! Schlau, verständnisinnig, ein in die tiefsten Tiefen versenktes hämisches Kichern andeutend. Ederl und Pepperl saßen einander gegenüber, aller Schwere des sorgenden und kämpfenden Lebens entrückt, mischten sich ein Glas des feurigen Getränkes um das andere und blickten sich wortlos an, aber in ihren Blicken spiegelte sich der Ausdruck unbedingten gegenseitigen Wohlwollens, der reinsten Freundschaft. Pepperl hatte im jetzigen beduselten, wunschlosen Zustande ganz vergessen, aus welchem Anlasse eigentlich die fidele Korona beisammensaß. Kathl war da, gewiß. Aber wie schon so oftmals, wenn sie in wortloser Anbetung ihr gegenübersaßen, der scheuen Regung sich nicht bewußt, die sie im Lichtbanne der Jungfrau empfanden. Mittlerweile hatte die Witwe auf dringliches Zureden der jungen Gattin nach etwelchen Gläsern des mit Milch versetzten duftigen 151 Getränkes der Levante (zu zwei Dritteln Gerste, nach Anleitung des Pfarrers Kneipp) auch zwei Gläser des heißen Getränkes (nach Anleitung Ederls) getrunken, und sie war darauf äußerst sentimental geworden und betrachtete ihren künftigen Gemahl mit den Blicken einer Braut, der das Unerwartete, Erschütternde im Leben des Weibes erst bevorsteht. Sie zerfloß plötzlich in Tränen und beschwor Maxl, ihr einmal ein guter, liebevoller Gatte sein zu wollen. Sie wünsche eine Atmosphäre der Liebe und Güte, wie sie diese selbst immer um sich zu verbreiten sich bemüht habe. Maxl schwur mit vor Ergriffenheit schwerer Zunge seinem bräutlichen Lieb, daß er es hegen und schätzen wolle für und für und auf Händen tragen durchs Leben wie etwas einzig Kostbares. Maxls Freund knirschte etwas hinter den Zähnen hervor, das wie »alt's Hundsfuatta, ölendig's« sich anhörte, aber von niemandem verstanden und beachtet wurde. Dann aber versuchte er ein pfiffiges Blinzeln zu Maxl hinüber, der einen dieser Blinzler auffing und darauf mit dem ernstesten Gesichte der Welt den Freund fragte, ob diesem sein (Maxls) Gelöbnis vielleicht ein Gegenstand der Erheiterung sei? Man starrte entrüstet auf den Frevler, der, für einen Augenblick irre geworden, diese ernste Frage wirklich ernst nahm und stammelnd versicherte, solches könne ihm auch nicht im Traume einfallen. Aber bald darauf, als die Aufmerksamkeit der Anwesenden sich nicht mehr auf ihn 152 konzentrierte, fing er einen so schelmischen Blick Maxls auf, daß er, um ein losbrechendes Gelächter zu verbergen, einen Schluck heißen Tees mit Rum zu sich nahm, sich daran verschluckte und das angefangene Gelächter zu einem Husten sich steigerte, zu dessen Bekämpfung einige Fäuste seinen Rücken bearbeiteten. Endlich mußte an den Aufbruch gedacht werden. Die schon lange schwälende Petroleumlampe drohte ehestens zu erlöschen, und alle Gäste versicherten mit schlauem Blinzeln, daß es doch gar nicht mehr dafür stehe, sie nachzufüllen, denn das Brautpaar werde heute hoffentlich nicht mehr in einem Gebetbuche zu lesen wünschen, und daß im Dunkeln gut »munkeln« sei. Man hatte in der lebhaften Unterhaltung, in der man sich befand, ganz und gar nicht des jungen Gatten und seines Spezi gedacht, die, die geleerte Rumflasche zwischen sich, allmählich die Empfindung für den Klang der Stimmen verloren hatten und zuletzt, von einem leisen, einschläfernden Summen übermannt, im gegenseitigen Sich-Anstarren und Zutrinken gemächlich in Schlaf verfallen waren. Der Lärm des Aufbruches und einige Rippenstöße brachten sie allmählich der Wirklichkeit näher. Ederl blickte erst leer um sich, dann jedoch erfaßte er die Situation und, seinerseits bemüht, Pepperl durch einige Rippenstöße ebenfalls den Geist der Situation zu vermitteln, sagte mit vor Schlafbedürfnis schwerer Stimme: »Hörst, Pepperl! Geh'n haßt's. Spot is 'wurd'n. 153 Tummel di', daß m'r die Kathl und 'n Maxl net von Schlafengeh'n aufhalt'n. Unser alter Hausdrach' wird aa net klan murr'n, wann m'r so spot hamkumma. No wart', bis i amal heirat', dann soll das Feg'feuer was derleb'n. Das ganze Wanz'nloch demolier' i ihr.« Der arme Ederl! Bis an den leuchtenden Altar Hymens verfolgte ihn die Spukgestalt der bissigen, zänkischen alten Quartiervermieterin und das Gedenken an das insektenbevölkerte Bett seines Logis. Diese Geistesentrücktheit Ederls erweckte bei allen schallende Heiterkeit trotz der vorgerückten Stunde, da andere Wohnparteien schlafen wollten. Kathl schrie: »No – so a b'soffenes Mannerzeug g'hört wirkli' derschlag'n. Waß kaner von den Täddeln, wo er sein Quartier hat. Und der Meine waß net amal, daß heut sein Hochzeitstag war. Aber i' wir' ihm jetztn den Brotkorb höcher hängen. Der wird schön parier'n lerna. Mit dö Räusch' hat sa si' ausg'hakelt. Wann aner nix vertragt, soll er Gasmülli saufen.« (Was Kathl unter Nichtvertragen verstand, ist angesichts der Quantitäten, die Ederl und Pepperl vertilgten, ganz unerfindlich.) »Jetzt – was soll i denn mit dem Lack'l« (sie meinte Pepperl, der mit hängenden Armen und hängendem Kopfe dastand und zu schnarchen anfing) »machen? Er g'hört in sein Kaminetl eini. Aber i kann do' a fremd's Mannsbild net ausziag'n. Tuat's eahm vielleicht a zwa, drei in sein Nürschl einihau'n. Den Meinigen wir' scho' i ins Bett bringen.« 154 »No – guate Unterhaltung!« sagte der witzige Freund Maxls. Übrigens geschah alles nach Anordnung Kathls. Pepperl wurde nach seinem nunmehrigen Wohnraum als künftiger Hausgenosse des Ehepaars gebracht, bis auf die Unterwäsche entkleidet und in sein Bett gelegt, wie ein vom Spiel übermüdetes Kind. Dann entfernten sich die späten Gäste, auf der Stiege ein Getrampel vollführend wie eine Herde Mastochsen. – An Stelle Hymens war der Mohnkörner streuende Morpheus getreten, was sich durch ein Schnarchen ankündigte, wie die Tätigkeit einer Sägemühle. Die Disziplin des Berufes ist eine ganz eigene Sache. Sie richtet den ihr Ergebenen zur Pünktlichkeit einer Weckeruhr ab. Sie klopft mit dröhnendem Finger an die Türe des Genusses und der Schwelgerei. Sie reißt den Mann aus den Armen der Liebe, den »Drahrer« aus dem Kreise der Mitzecher. »Dienst geht bevur!« ist ihre Losung. So auch bei Pepperl, in dessen Unterbewußtsein eine hallende Mistbauerglocke alarmierend schwang. Er fühlte sich zugleich am Arme gerüttelt, und eine süße, ach! nur allzu bekannte Stimme ertönte. »Auf, auf, alter Schwammertandler! Zeit is, daß d' in dein' Dienst gehst.« Und die verquollenen Augen öffnend, sah er vor sich in reinstem Nachtgewande Kathl, die den Freund nicht den Gefahren einer 155 Dienstverletzung aussetzen wollte. Pepperl, der sonst nur die keifende, zankende Stimme des ehemaligen Quartierdrachens gewohnt war, schloß wie in einem seligen Traume wieder die Augen. Aber das Rütteln am Arme zwang ihn, sie wieder zu öffnen, und nun erst war er sich dessen bewußt, daß es keine täuschende Vision war, sondern leibhaftiges Fleisch und Blut der Angebeteten. »Steh auf und wasch di' und ziag di' an!« sprach die Holde weiter. »I hab' scho' an' Kaffee g'macht.« Und wirklich drang aus der Küche der würzige, gesunde Duft des ermunternden Getränkes. Erst während seiner Toilette konnte Pepperl den Unterschied bemerken, der zwischen seinem jetzigen und dem früheren Heim bestand. Das Bett rein überzogen, Gardinen vor dem Fenster, ein geräumiger Kasten, ein Tisch und zwei Stühle, ein kleines Sopha und ein Waschtisch, versehen mit einem blendend weißen Handtuch. In Kürze war er gewaschen und in seine Dienstgewänder gekleidet, die in bezug auf Schönheit naturgemäß keine Ansprüche erhoben, ebensowenig an Reinlichkeit. Als er beim Frühstück saß, deutete er nach dem Zimmer des jungen Paares und fragte anzüglich: »No . . .???« »Der liegt am Eis!« erwiderte die Kathl. »G'schnarcht hat er wia a Ratz, daß i eahm an' Rippenstößer um an' andern hab' geb'n müaßen, ohne daß 's was g'nutzt hat. Das soll aber sein letzter Deabi sein, weil's sein 156 Hochzeitsrausch war. Manst aber, i möcht' all'weil bei so an' b'soffenen Lack'l schlafen?« »Jetzt – nüacht' war'n m'r grad kans,« verteidigte Pepperl den Freund, dessen jedesmaliges Umkehren im Bette deutlich in die Küche heraus vernehmbar war, »und an sein' Ehr'ntag is das zum entschuldigen.« »Geh – geh!« sagte die junge Frau mit schelmischem Augenaufschlag. »Ös Mannsbilder habts immer a Ausred' für an' Rausch. I waß net,« fügte sie schamhaft hinzu, »ob du . . . an seiner Stell' . . . ich glaub' net . . .« und sie senkte den Blick. Pepperl atmete tief auf. Was war denn das wieder? – Aber den Freund verraten, der ahnungslos im nächsten Raume schnarchte? Er seinen einzigen Spezi? Nein! Die Pflicht gebot auf zweierlei Art. Die Pflicht der Entsagung und die Pflicht des Dienstes. Nach hastigem Abschied enteilte er. Monde waren dahingegangen. Maxl hatte mittlerweile seine Witwe geheiratet und sein eheliches Programm verwirklicht. Seine Frau war schon einige Male bei der Schwägerin gewesen und hatte in bitteren Worten geklagt, daß sie einen Unhold geheiratet, gegen den der verstorbene Selige, trotzdem er seine Fehler hatte, ein lichter Engel war. Ederl und Pepperl hatten sich über den Schwager und Freund die Hände gerieben. Kathl schwankte zwischen brüderlicher Liebe und schwesterlicher Teilnahme. Als Weib hatte die 157 Schwägerin ihre Sympathien . . . Kurz, die Tonleiter der Verwandtschaft in allen Stufengraden fühlte sich geschüttelt und wackelnd. Ederl, dessen erster Rausch der Liebe anfing, sich zu verflüchtigen, fühlte eine Art geistiger Verwandtschaft mit Maxl. Denn Kathl hatte auch einige unangenehme Eigenschaften entwickelt, wie die meisten Weiber, wenn sie den Ring am Finger fühlen. Die Zeit der wunschlosen Anbetung war vorüber, und das Szepter des Pantoffels machte seine Herrschaft unangenehm fühlbar. Dann empfand er dumpf, daß so etwas Ähnliches wie eine Harmonie der Seelen fehlte. Sein Weib entschwand ihm unter den Händen. Er kämpfte gegen einen Schatten. Etwas Unausgesprochenes lag zwischen den Gatten, das bereinigt werden mußte . . . Aber – wie? Dem armen Ederl ward wirr im Kopfe. Und dann Pepperl! Er war unstet geworden. Einsilbig gegen den Freund und Bruder. Ja – in letzter Zeit hatte er ihn fast auffällig gemieden und verbrachte viele Nächte beim »Goldenen Stier«. Wie ihm der Wirt Rötzer versichert hatte, saß er im Extrazimmer auf demselben Platze, wo er an einem bewußten Abend, da beide (Ederl und Pepperl) die große Schnapserpartie auskämpften (wenn Ederl sich erinnere, war es an dem Abend, da er seine Verlobung feierte), und starre seltsam vor sich hin. Und bei dieser Eröffnung war dem braven Ederl fast das Herz gebrochen. Er wußte, er hatte sich einen Schatz angeeignet, der nicht ihm gehörte. Er hatte (im Verein mit dem tückischen 158 Maxl) die Vorsehung betrogen, eigentlich zu betrügen geglaubt, und die Vorsehung rächte sich nun an ihm. Des Weibes überdrüssig nach erfülltem Genuß, den Freund verloren . . . Und in einer Nacht, da er schlaflos gegen die Decke starrte und Kathl neben ihm laut vernehmlich schnarchte (Nein! Sie war nimmer begehrenswert!), rang er mit sich selbst und kam zu einem Entschlusse. Und der Friede senkte sich auf ihn hernieder, daß er lächelnd entschlief – – – Am nächsten Tage, da er turnusmäßig frei war, begab er sich nach dem Etablissement Safran, zu einer Stunde, da, wie er wußte, sein Spezi sich mit einem oder zwei »Stanis« den tagsüber verschluckten Miststaub von der Kehle reinigte. Pepperl saß allein am Tische vor dem noch gefüllten Gläschen und starrte gedankenleer vor sich hin. Anscheinend. Aber hinter seinem Römerschädel spielten die Gedanken ein sehr lebhaftes und loses Spiel. O diese Gedanken! – Sie sprachen von der Liebe zweier, die, unter ein Dach gebannt, von einem aus Pflicht und Freundestreue von sich gewiesen wurde, indes der andere Teil, von Pflichtgefühlen gegen den Gatten weniger gezwickt und gezwackt, alle Künste Evas und Helenens spielen ließ. Ja – Pepperl war sich dessen bewußt geworden, daß Kathl ihn umgarnte und verlockte, auf daß er, schnöde seiner Freundespflicht vergessend, die buhlerische Hand ausstrecke wider das neunte Gebot. 159 In solche Meditationen versunken, traf ihn Ederl. »Serwaß!« sagte er. »Serwaß!« sagte Pepperl und reichte ihm die Hand. Ederl bestellte zwei »Stanis« und setzte sich neben den Freund, dessen Glas jetzt leer war. »No – wia ha'm m'r's?« leitete er die Konversation ein. »No ja – halt wia immer!« lautete die Entgegnung. »Jetzt seg'n m'r uns daham so selten, daß i, wenn i mit dir reden will, da her kumma muaß.« »Was war' denn viel z' reden?« fragte Pepperl trübe. »I man' grad, daß viel zum reden war'. Geh, trink erst aus! I laß no' zwa kumma.« Nachdem dieses alles geschehen war, entstand eine längere, drückende Pause. »Hörst, du g'fallst m'r nimmer,« nahm endlich Ederl das Wort, »bei dir stimmt's net, und warum 's net stimmt, glaub' i z' wissen.« »Ah! Dummheit . . .« warf Pepperl verlegen ein, indem er feuerrot wurde. »Gar ka' Dummheit. Jetztn muaß amal alles g'sagt werd'n. Es is ja do' nur weg'n der Kathl. Red' net!« wehrte er eine Unterbrechung ab. »I waß die ganze G'schicht'. Und dö is, daß i net dös Mensch heirat'n hätt' soll'n, sondern du. Der Maxl war am End' an all'n schuld mit seiner patscherten Idee, daß m'r's ausschnaps'n. So was hat dö Welt no' net g'seg'n g'habt. 160 Und wann wer draufkummert, Bruader – da brauchertn mir uns nimmer umz'schau'n, wie m'r da g'frozz'lt wurdertn. Mit an' Wurt: der Maxl und i ha'm die ganze Schuld. Heut waß i 's sicher, dös Mensch hot auf di' die Rutschen g'habt. Aber heirat'n hat s' wöll'n, no – so hat s' halt in erst'n best'n z'samm'klaubt, und der war i.« Pepperl winkte resigniert und müde abwehrend mit der Hand. »Laß' mi' nur ausred'n. Manst, i waß net, daß dir d' Kathl Aug'n macht und mir Hörndl'n wia von an' Hirsch'n anhängen möcht'? Aber du bist a nobler Kerl und möchtest dein' alten Spezi net beleims'n.« Pepperl, der geglaubt hatte, das Geheimnis ruhe tiefst auf dem Grunde seines athletischen Busens, fuhr auf: »Muaßt dran denken, daß d' von dein' Weib red'st.« »Von mein' Weib . . .« Ederl schüttelte melancholisch das Haupt. »Schau, du manst, weil der Pfarrer sein' Seg'n geb'n hat und g'mant: bis daß der Tod euch scheidet.« (Diese Phrase sprach er in Nachahmung der priesterlichen Worte hochdeutsch). »Sixt, i bin draufkumma, daß's eigentli' dein Weib is, weil s', wia g'sagt, von jeher auf di' g'flog'n is.« »Das nutzt alles nix mehr!« sagte Pepperl mit einer Resignation und Trauer in der Stimme, die Ederl rührte. »Warum soll's nix nutz'n? Schau – i wir' da'r was sag'n.« Ederl dämpfte die Stimme, 161 gleich, als ob Kathl in der Nähe stünde und jeden Hauch belauschen könne. Als gewiegter Frauenkenner und feinsinniger Erforscher der weiblichen Psyche fuhr er fort: »Unter uns g'sagt: a jed's Weibsbild is a Karnalli. Ane mehr – die andre weniger. Das steht do'! Net? Waßt, i hab' 'glaubt, die Kathl wird a Ausnahm' mach'n. Da hab' i mi' aber 'täuscht. Z'erscht hab' i m'r 'denkt, die wird in ganz'n Tag dud'ln und lach'n, wia amal. Was manst, was s' heut tuat, wann m'r allani san? Kepp'ln tuat s', dös Luader, dös verdächtige. Geh – i hab' d'r an' Rach'n auf dös G'fraßt. Brauchst es net in Schutz nehma, dö – dö . . .« Ederl versagte die Stimme vor heißer Erregung über sein junges Eheglück. Dann fuhr er geruhiger fort: »Wart', i laß no' zwa Stanis bringa, daß m'r dann a Wart'l vernünfti' red'n kinna.« Nachdem das belebende Element herbeigeschafft worden (nebstbei gesagt, eine keineswegs hervorragende und nervenaufpeitschende Spezialität der Likörerzeugung), hub die vernunftgemäße Fortsetzung an wie folgt: »Waßt, Pepperl, seit aner Zeit is m'r a Liacht auf'ganga. Schuft meines Namens, wann i net die Wahrheit red'. Alsdann hab' i m'r g'sagt: wem hast ehnder 'kennt? Dein' Spezi, in Pepperl, oder die Kar . . . die Kathl? Do' ehnder di'. Dös stimmt. Net? No alsdann. I hab' m'r so 'denkt. Jetztn hast an' alt'n Freund, dein' ältesten Spezi verlur'n, weg'n was? No – weg'n an' ölendig'n Weibsbild, das net wert 162 is, daß an' weg'n ihra a Huaster auskummt. Jetztn hab' i recht, daß i mein' besten Freund verlur'n hab'?« Pepperl wehrte mit energischer Handbewegung diese wahnwitzige Voraussetzung ab. »Dann g'freut's mi', Pepperl,« sagte Ederl, gerührt die Hand seines Freundes in seine beiden Fäuste bergend, »dann g'freut's mi' wirkli'. Alter Freund, Bruada . . . Du hast m'r wirkli' a Freud' g'macht. Sag' amal ehrli': hat's unter Brüader je amals so was 'geb'n, wia unter uns zwa'? Kannst di' no' erinnern, wia der Lehrer voller Zurn mir amal ane schmier'n hat wöll'n, weil i 'hn 'pflanzt hab', und du – no' du hast eahm desweg'n a Watsch'n reib'n wöll'n. Damals hab'n m'r alle zwa über Mittag dunst'n müaß'n. No, und daham . . . Der Lehrer hat an jeden von uns're Leut' an' Briaf g'schrieb'n, da hab'n m'r alle zwa nocha auf'n Sitz kriagt . . .« Pepperl taute in der Erinnerung auf. »Mein Alter hat 'n Stiefelknecht an mein' Kreuz o'broch'n. I waß no' recht guat.« »No sixt. – Mein Voda, der a Reamer war, der hat was g'numma, was net zum derbrech'n war. Mit an' Latseil hat er mi' drischakt, daß i acht Täg' net sitz'n und lieg'n hab' kinna.« »War'n do' take Kerln, unsre Alt'n!« sagte Pepperl voll ehrlicher Anerkennung der Erziehungskunst ihrer beiden Erzeuger. »I man', schad' um an' jed'n Strach, der daneb'n ganga is.« Ederl nahm nach einer Pause, die dem Angedenken der Väter gewidmet war, das Gespräch wieder auf. 163 »Und wia m'r's dann bei die Kaiserlich'n g'formt hab'n . . . Hörst d'r – höcher is do' net ganga. Z'erscht bei der Stellung beim Dreher . . .« »Dös war a Deabl!« fiel Pepperl ein. »Am Kommissariat san' m'r aufg'wacht. Fix no'mal, da hab'n m'r uns net rühr'n kinna.« »Weil uns dö Poli mit die Überschwung' und Sab'lscheid'n g'haut hab'n . . .« »Weil's du an' ane g'schmiert hast . . .« »Und du hast an' in Ringkrag'n abig'riss'n . . .« »Dann hab'n m'r mir scheint vur an' Offizier an' Serwaß g'riss'n und g'sagt: ›Melde g'hursamst, mir hab'n an' Schwamma.‹ Und wia er uns so von ob'n ang'schaut hat, hab'n m'r eahm an' dreckig'n Flohbeut'l g'haß'n.« Pepperl und Ederl gönnten sich nun abermals eine lächelnde Pause des Rückversenkens in schöne, unwiederbringliche Tage der Vergangenheit. Dann nahm Ederl wieder das Wort. »Und am Bau . . . Hörst d'r – mit dö Maurermenscher – dö san aus uns g'flog'n . . .« Pepperl nickte. Aber seine Erinnerung schien keine so freudige, wie vorauszusetzen gewesen wäre. Es war zuviel Lebensgefährtinnenschicksal mit ihr verknüpft. Ederls Züge wurden plötzlich ernst, als er unvermittelt fortfuhr: »Und dann in' Kriag. Bruada, das vergiß i d'r net, wias d' dein' letzte Ration mir 'geb'n hast, und du selber bist vur Hunger umg'fall'n. Damals, wia m'r fünf Tag' nix z' fress'n g'habt hab'n, und dann . . .« 164 Es versagte ihm für eine Weile die Stimme unter der Wucht ungeheurer Eindrücke. Dann nahm er abermals die Hand seines Kumpans auf Leben und Tod in seine beiden Fäuste. »Pepperl, alter Spezi. Bisher hab'n m'r all's 'teilt, als Buama die Schläg', als Kaiserliche in Arrest, als Krieger die letzte Ration, Guat und Bluat; und jetztn soll'n m'r net teil'n mit an' Frau'nzimmer . . .?« Pepperl horchte hoch auf. »Was manst denn da?« würgte seine Stimme. »Blöder Hund! Die Kathl man' i. Glaubst, i bin so blind, daß i net siech, wia's um euch steht? I war's früaher, als i g'mant hab', i müaßt' dös Mensch hab'n, dö G'stätt'n, dö miserable. Pepperl, i war a biss'l a Schuft damals. Verzeih' m'r's. Gib m'r die Hand! – Na – gib m'r die Hand. So da. – Alsdann, du bist m'r net harb. Waßt, jetztn g'steh' i d'rs: i hab' damals 'packelt, als 's um die Kathl gangen is. Mit'n Maxl in Einverständnis. Du – wannst damals z'erst das As vorgelegt hätt'st und dann in Zwanz'ger nachg'spielt und dann dein Adout-Dam' drauf . . . Aber der Maxl war schuld dran, weil er an den Tag die G'schicht' hat woll'n in Ordnung bringen. Er hat ja nur die Kathl so unter der Hand wegbringa woll'n, daß er die alte Kleschn, das haßt, sein Haderlump-, Baner-, Fetzen- und Glasscherb'ng'schäft hat heirat'n könna. Jetzn – weil i aner von der Eisenbahn war . . .« »Und i nur a Mistbauer,« ergänzte Pepperl voll tiefer Bitterkeit. 165 »Aber!« sagte Ederl mit tröstendem Mitleid. »Dö Weiber san amal so. Früaherer Zeit, wann eahna a anfacher Arbeiter hätt' Herz und Hand woll'n an'trag'n und wo s' nia net an' Hunger hätt'n leid'n brauch'n, ha'm s' an' notigen Diurnisten vor'zog'n, dem in ganz'n Tag d'r Mag'n 'kracht hat. Am Ersten hat er net g'wußt, wo aus und ein vor Schuld'nzahl'n, und am Dritten is scho' wieder aufg'schrieb'n wurd'n. Aber eahnere Weiber hab'n an' Fum g'habt wia a Gnädige. Und gnädi' hab'n s' es aa immer g'habt vur lauter Aufschreib'nlassen bei alle möglichen G'schäftsleut'. Dafür hab'n sa si' Beamtensfrau'n g'haß'n.« »Dö Weiber san amal so,« meinte Pepperl mit aller Duldsamkeit für weibliche Schwäche, »sie fliag'n alle auf was Besseres. Recht hab'n s'. Unseraner is net all'weil so. Den Ruaß, den m'r amal g'habt hab'n . . .« »Is guat,« sagte der stets wenig elegisch veranlagte, doch immer auf das Ziel losgehende Ederl. »Mirk' d'r jetzt nur ans: kan' Schenierer weg'n mir bei der Kathl! Wann s' d'r wieder solche Aug'n macht – pack zua. Tuast m'r grad nur an' G'fall'n. Ausg'red't is! Schluß is, und m'r bleib'n dö alten Spezi. Stund' dafür, weg'n so aner Karnalli von an' Weibsbild, daß m'r ausanander kommeten.« Ederl, dessen Begriffe vom Hoheitsideal des Weibes niemals besonders dauerbeständige waren, äußerte ohne alles Brimborium nur die Quintessenz der Philosophie eines berühmten Philosophen. 166 Nun werden Moralisten über eine solche Abmachung die Nase krausen. Aber ich habe doch gleich im Anfange erwähnt: diese Geschichte sei nicht für Moralisten bestimmt. »Hör'n S', das is do' der höchste Skandal mit dö drei Leut',« äußerte eine Gangnachbarin des Triumvirats Ederl–Pepperl–Kathl zu einer anderen Nachbarin des Hauses. »Siecht denn das blöde Muli, der Herndlinger, net ein, daß eahm Hörnd'l wachsen wia an' Mastochsen? I man', er braucht si' nur auf dö zwei Dübeln auf der Stirn' greifen, so mirkt er, wia viel als 's g'schlag'n hat. In Anfang hat's es 'tan, aber jetztn . . . Wann s' net grad alle drei mitanander ausgengan, das haßt, wann der Blinde grad kan' Dienst hat, geht der Kabinetsherr mit der Quartierfrau aus. Is das a G'hörtsi'? Net amal a Jahr is s' verheirat', der Schlampen. Jetzt, i will nix g'sagt hab'n, ma' red't nur a so.« Das war das Echo, welches ein edelmütiger Freundschaftsvorschlag bei der stumpfen Menge erregte. Ja, es war heiter und traulich geworden unter den drei so Engverbundenen. Kathl sang und lachte wieder. Sie »keppelte« nimmer mit dem Gatten, man ging zu dritt wieder in das Gasthaus »Zum goldenen Stier« beim Rötzer, manchmal auch zu zweit, aber dann war der zweite immer Pepperl. Eine Aureole des Glücks und der Zufriedenheit hatte sich auf das »Dreieck« herabgesenkt. 167 Eines Tages jedoch fühlte sich die liebe, lichte Frau gedrängt, dem Gatten von einer bevorstehenden Umwandlung ihres derzeitigen Verhältnisses zu zweien Mitteilung zu machen. Ein beseligendes Keimen und Werden kündete sich an. Sie lehnte sich jedoch keineswegs errötend an seine breite Brust und flüsterte verschämt. Sondern sie sagte einfach: »Hörst, Tepperter, jetztn hab'n m'r in Scher'm auf. Bei dö Zeiten! Hab'n m'r dös notwendi' g'habt? Alle schau'n, daß s' derer G'schicht' ausweich'n, und mir derlaub'n uns so an' Spurt.« Ederl begriff und knurrte: »Fix Laudon no'mal, dös is a fade G'schicht'.« Dann eilte er, in seinen Dienst zu kommen, der ihn für vierundzwanzig Stunden einstweilen jeder weiteren Erörterung entzog. Am Abend, als sie mit Pepperl traulich beim Nachtmahl saß, lehnte sie sich an ihn und tat verschämt. »Waßt a Neuigkeit?« Pepperl verneinte. »No – in den Fall hast mi' 'bracht. I hab's in Ederl heute scho' g'sagt. Natürli' mant er, es is seins. Jessas! Wann der wüßt . . . I sterbert vur Schand'.« Der Liebhaber, weniger mit Menschenwitz begabt als sein Freund, fand sich so jäh durch die Mitteilung überrumpelt, daß er in seiner Überraschung das Geheimnis verriet. »Hardexfix! Dös is a blöde G'schicht'. Jetzt wird der Ederl nöt wissen, is er der Voda oder i.« 168 »So? Dös sollt' er wiss'n?« lautete die scharfe Frage. »Warst du am End' so g'scheert oder so a Schuft und hast eahm was g'sagt?« »Ach, woher! Dös hat er ja von Anfang an g'wußt.« »Er hat's g'wußt – er – hat's – g'wußt?« Kathl stieß ihren Galan unsanft von sich und stand auf. »Jetztn red!« kreischte sie. »I möcht' amal wissen, wia i mit euch zwa steh'.« Pepperl, der sich schaudernd seiner Übereilung bewußt ward, beichtete nun stockend. Sprach von seiner tiefen Leidenschaft, von Ederls Barmherzigkeit und Großmut. Kathl stieß ihren berühmten »Kirrer« aus, dem aber nicht das herzerfreuende Gelächter folgte, sondern ein Hohnlachen der Verzweiflung und des Zornes eines betrogenen, vernichteten Weibes. Nun schrillte sie: »Alsdann – er hat's g'wußt. Es habt's euch vielleicht aa mei' Ehr' ausg'schnapst, wia amal mei' Jungfernschaft? Und i tepperte Gans hab' 'glaubt . . .« Was Kathl geglaubt hatte, unterdrückte sie in einem gellenden Weinen. Jedenfalls, daß ein harmloser Ehebruch ohne Wissen des Mannes bedeutend ehrenhafter gewesen wäre, als das wohlwollende Einverständnis dieses. »Dö Schand' überleb' i net,« heulte sie nach einer Weile. »A ausg'schnapstes Weib verdient net mehr Achtung. Ös zwa Schuft'n, ös! Wo habt's euch das abg'macht? Jedenfalls beim Branntweiner oder im Wirtshaus. Schamts 169 enk! An' Weib so die Ehr' abschneid'n! Aber,« kreischte sie schrill die Frage heraus, »wem g'hört jetztn der Bankert, wann i 'hn net früher derwürg'? Wem denn?« Pepperl blieb verlegen die Antwort schuldig. Wie sollte er das entscheiden? Volle acht Tage waren die Rosenfluren Amors und Hymens unter einer Flut von Tränen und Vorwürfen ertränkt. Dann lachte die Sonne der Aussöhnung dem Kleeblatt, dem sich bald ein viertes Blättchen anschließen sollte. Pepperl erklärte sich bereit, im Vereine mit dem Freunde für das vierte – Herzblättchen sorgen zu wollen, und alle drei einstweiligen Ursprungsblätter beschlossen, den dreieckigen Zustand, der die gepriesene Pariser Komödienschreiberei mit Stoff versorgt, weiterleben zu lassen. Es gibt Dinge, die, von einem säuerlichen Moralisten beschrieben, Abscheu erregen, von einem sittenlosen Franzosen geschildert, Heiterkeit auslösen, von einem einfachen, aller Ästhetik und Moral baren, aber frohmütigen Schilderer, Befriedigung gewähren. Würden viele so denken, gäbe es weniger Krieg auf Erden. »Denn leben und leben lassen« ist meine Losung. Der Wiener singt: »I kenn' kan' Neid, i kenn' kan' Neid, ja meiner Seel' . . .«