Meinrad Lienert Das Glöcklein auf Rain     Verlag Huber \& Co. Aktiengesellschaft Frauenfeld und Leipzig [1933]     I. Ja, das war noch ein Heimwesen, das sich sehen lassen durfte, der Hof auf Rain. Die Leute sagten von ihm, wenn man auf der Anhöhe ob dem Haus, auf dem Raingütsch stehe, der das Gut mit einem mächtigen Nußbaum krönte, sei es einem, dieser Hof gehe über die ganze Welt. Das tat er nun keineswegs, immerhin hatte das außergewöhnlich stattliche Bauernhaus, das sich aus einer prächtigen Wirrnis von Obstbäumen starkschultrig heraushob, Weite genug um sich. Ungehindert konnten seine Fenster über die dienstbare Umgebung der Scheune, Schöpfe und Hütten hinweg nach dem nicht allzufernen Hochgebirge sehen und hinab auf einen kleinen See, der gen Abend, unterhalb des umwaldeten Raingütsches, in einer grünen Mulde des verebbenden Hügellandes lag. Manch ansehnliches, ja fast ebenso umfängliches Bauernhaus gab's in der gottgesegneten, fruchtbaren Landschaft. Das Haus auf Rain war dennoch in seiner Art einzig. Nicht nur reckte es sich außergewöhnlich hoch auf, als wollte es sagen: Oh, endlich 6 überhöhe ich doch alle! Es hatte auf dem hochgiebeligen Dache ein fast offenes Türmchen, in dem eine kleine Glocke hing. Dieses hölzerne Türmchen, auf dem über und über verschindelten, so umfänglichen Gebäude, gab dem Hof auf Rain sein besonderes, sein eigenes Gesicht. Nirgends sonst, landauf, landab ließ sich ein Bauernhaus mit einem Glockentürmchen finden. Man hatte sich einst ringsum im Lande gewundert, was denn da werden möchte, als man beim Bau des Hauses auf Rain ein Türmchen aus dem Dachgebälk herauswachsen sah. Ja, man ärgerte sich damals weidlich über den Rainler, der seine Wohnung zu einer Burg machen und sich selber in den Adelsstand erheben zu wollen schien. Bald aber war man's gewohnt. Man sah das Türmchen kaum mehr, außer wenn sein Glöcklein unversehens zu läuten anhob. Alsdann gingen ringsum in all den großen Bauernheimwesen und auch unten im nahen Dorf Bohlishusen und soweit des Glöckleins Stimme reichte, die Fensterscheiben. Man lachte und rief einander heitern Angesichts zu: »Hört ihr's, es läutet auf Rain! Da ist doch wohl ein neues Leben eingerückt. Gott mit ihm! Möge es einen guten Weg haben!« Oder aber man machte nachdenkliche Augen, schlug ein Kreuz und sprach: »Es läutet auf Rain. So ist also jemand mit Tod abgegangen. Gott tröste ihn und sein ewiges Licht leuchte ihm in alle Ewigkeit!« 7 Und das ist aber die Geschichte des Glockentürmchens auf dem hochgestellten Bauernhaus auf Rain, ob dem ländlichen Dorf Bohlishusen: Es war in alten Zeiten. Da lag denn eines Tags der Urahne der Hofleute auf Rain im Sterben. Er hatte noch im hohen Alter seines Vaters baufälliges, auch zu wenig räumliches Haus abtragen und ein stolzes, grundfestes Holzhaus aus seinen eigenen Tannen erbauen lassen. Und als es dann beinahe fertig erbaut war und man schon das Aufrichttännchen mit den bunten Schnupftüchern aus dem Welschland draufsetzen wollte, mußte der Baumeister, gern oder ungern, dem zähwilligen Bauern folgend, ein Türmchen aufs Dach setzen. Der Rainler aber ließ eine kleine Glocke gießen und für die Glockenspeise mußte ihm der Meister den silbernen Weihbrunn aus seiner seligen Mutter Kammer und die zehn Krontaler aufnehmen, die er von seinem Vater bei der ersten hl. Kommunion erhalten hatte. Da gab's große Augen im Land, als nun das Türmchen mit der kleinen Glocke auf dem Rainhaus stand. Man sprach weitherum über diesen unerhörten Aufhock. Man wunderte und werweiste, was wohl mit dem Glockentürmchen beabsichtigt sei, ob der Rainler es als Sühne für einen besonderen Frevel seines Hauses, für eine wandelnde arme Seele seiner Familie oder nur so aus lauterem Hochmut, der sich ja nie genug tun könne und auf alles mögliche verfalle, gestiftet habe. Jedenfalls, und darin war man einer Meinung, mußte das Glöcklein doch einen Zweck haben und also auch läuten. Wie man aber, und vorab unten im Dorf Bohlishusen, die Ohren sträußte: das Glöcklein auf Rain verhielt sich immer mäuschenstill; nie gab es einen Laut von sich, weder bei Tag noch bei Nacht, sogar im unbändigsten Föhnsturm verhielt es sich ruhig. So fingen die Leute zu glauben an, der Alte habe es nur so zur Zierde und des Scheins wegen ins Türmchen setzen lassen; das Glöcklein habe am End gar keinen Schwengel und sei stumm. Man ärgerte sich hierüber erst recht, denn man hatte vom Türmchen auf Rain doch ein wenig Theater erwartet. Nein, die Glocke schwieg, obwohl es doch im Frühling, zur Zeit der Lenzatzung, in der die Kühe und Rinder mit ihren Schellen und Klopfen wonnebesessen in der Hausmatte herumtollten, ja bocksprangen, seine Stimme auch getrost hätte hören lassen dürfen. Schließlich nahm man auch dieses stimmlose Glöcklein hin und die Burschen landum riefen sich etwa über Tisch und auf der Gasse zu, wenn ihnen ein Mädchen auf Anruf die Antwort schuldig blieb: »Die hat wahrscheinlich auch keinen Schwengel im Mund wie das Glöcklein auf Rain!« Eines Tags aber begann das verschwiegen Glöcklein mit einer silberhellen, fast frohen und weitumgehenden Stimme zu läuten. 9 Siehe, da wunderte man sich im Volk gar nicht besonders darüber, denn nun wollte es jedermann immer gewußt haben, daß die kleine Glocke auf Rain keineswegs stumm sei und daß sie schon zu läuten und zu rufen anheben werde, wenn ihre Zeit gekommen sei. Und jetzt schien ja ihre Zeit da zu sein, denn der alte Lunz Hochrütiner auf Rain war gestorben. Und als man ihn zu Grabe getragen hatte und der Tag der Testamentseröffnung gekommen war, da fand sich kein weiteres Schriftstück vor, weil ja alles seinem einzig noch vorhandenen Sohn und einer ledigen ältern Tochter zukam, als ein ziemlich mitgenommenes Papier, das der verstorbene Bauer im Kalender unter seinem Kopfkissen gehabt hatte. Drauf aber stand mit noch wehrhafter Hand geschrieben: »In Gottes und Mariä und aller lieben Heiligen Namen in Ewigkeit, Amen. Ich, Lunz Hochrütiner auf Rain verordne allen meinen Nachfahren für jetzt und immer und ewige Zeiten, so uns der Herrgott diesen von alters her auf uns gekommenen Hof auf Rain weiter zu Lehen läßt, daß man das Glöcklein auf dem Dach unseres Hauses nur darf ziehen, wenn jemand rechtmäßiger Herkunft aus unserer Familie, der diesem Hof auf Rain vor Gott und Welt zugehört, wird oder stirbt. Und das habe ich verordnet zum ersten zum Preise Gottes und der seligsten Jungfrauen Mariä und zum andern aber zu einer Buße und zum 10 Nutzen und Frommen der Nachkommenschaft aus unserem Stamm der Hochrütiner. Auf daß sie Kommen und Gehen besser bedenken als ich es habe getan, der ich, als meine Mutter selig auf dem Sterbebett ist gelegen, zum Tanz gegangen bin und von ihr so nicht habe Abschied nehmen können. Und dann auch, weil ich getan habe wie von Verstand vor Verdruß, als mir meine Frau selig darnach ein Mädchen als erstes Kind hat geboren, anstatt des erwarteten Buben, und weil ich darnach an besagter Tochter mehr Freude habe erleben können als an meinen Söhnen, die mir gestorben oder in Untreue davongegangen sind, außer dem jüngsten und heutigen Erben, den ich seiner Schwester, meiner lieben, bis in den Tod getreuen Tochter Maria Josepha in ihre Obhut und Wartung anvertraue. Und das ist mein Wille, daß man demnach das Glöcklein auf dem Hof, das dem hl. Leodegar geweiht ist, in obgemeldetem Geiste läute, solange wir Hochrütiner auf Rain zu eigen sitzen. Das walte Gott!« Da erkannten endlich die Leute, warum das Türmchen und seine kleine Glocke auf das Rainhaus gekommen waren. Sie ehrten und lobten die Verfügung des alten Lunz, und nun wußte man in künftigen Tagen und Nächten, wenn das wunderlich klarstimmige Glöcklein auf Rain über das Dorf Bohlishusen hinwandelte, daß auf dem Hof Freude oder Trauer Einkehr gehalten hatten. 11 Schon lange her war's nun seit den Tagen, in denen der Ahne Lunz Hochrütiner das Haus auf Rain gebaut und das Glöcklein gestiftet hatte. Manchem aus dem Geschlecht hatte es ins Leben und aber auch ins Grab geläutet. Immer noch saßen die Hochrütiner auf dem großen, schönen und so ertragreichen Heimwesen, das in seinen Fenstern und in seinen Brunnen die Hochalpen und ihren ewigen Schnee spiegelte. Es schien, als wolle das Glöcklein mit diesem starken Stamm und auf dessen Grund und Boden den jüngsten Tag erleben und einläuten helfen, denn auch jetzt wirtschaftete ein Bauer alter kernhafter Art auf dem Hof auf Rain, der Hansbaschi Hochrütiner, nachdem seine zwei Brüder und eine Schwester vom Hof gekommen waren und sich in seiner Umwelt niedergelassen hatten. Es waren die ersten schönen Tage nach einer langwierigen Regenzeit. Heute nun ließ die Sonne, die gestern und vorgestern noch bleich und herabgekommen aussah wie eine Wöchnerin, ihre volle Herrlichkeit ewigjung und morgenschön über den Hof auf Rain, seinen Obstwald, seine Tannen und Buchenwaldungen, über seine Wiesen und weitumgehenden Ackerbreiten hinleuchten. Der kleine teichartige See seitwärts am Hügel, zu dem ein par alte Tannen aus dem Wald hinabwanderten, blitzte und funkelte zum Hof hinauf wie ein Brennspiegelein. Aber auch die Fenster auf Rain funkelten in der 12 Morgensonne und ließen die zwei Wappenscheiblein, die drin hingen, farbenfroh aufscheinen. Kurzum, der Tag war zum Weltvergolder geworden, sogar die kunstreichen Ranken des Eisengeländers, das die steinerne Vortreppe einfaßte, vergoldete er über und über. Und der Morgen übersonnte auch den weitausladenden Schirm, das Dach der wahrhaft gewaltigen Scheune, mit ihren Türen in die Stallungen und Schöpfe und dem mächtigen doppelten Tenntor und dem schöngehäuselten Holzwerk der Heudieleschwemmungen, auf die nordseitig die hochgebaute Brücke der Einfahr führte. Diese Einfahr, die unter der Brücke zu einem gerätebergenden Schopf ausgebaut war, sah aus wie eine Festungsmauer. Die Mauerschwalben, die sich der langentbehrten Sonne freuten, umpfeilten sie jauchzend, aber die uralte, hochkönigliche Linde, die Haus und Hof überhöhte, erschien heute tausendarmig. Es war als wolle sie all den strahlenden Glast und Überfluß der Sonne auffangen. Alles, alles lebte in der Sonne auf, die jünger als jemals aus den langwöchigen Regenwolken hervorgegangen war. Die Amseln in der Linde waren ein unaufhörlicher Brunnen von Wohlklang. Es mochte ihnen sein, das tausendjährige Reich sei endlich aufgetan und es werde nun ineinemfort Sommer bleiben. Und auf einem Bänklein vor der Scheune spielte die rotweiße Bringlerin, die Katze, mit ihren 13 Jungen das anmutigste Spiel, das man sich denken kann. Jetzt sprang der weißgelbe Bernhardiner neben der Roßstalltür auf, also daß seine lange Kette rasselte. Gespannt, den mächtigen Kopf stellend, schaute er aus klugen Augen, ohne jedoch anzuschlagen oder sich besonders aufzuregen, auf das Ungewöhnliche, das heute vor dem Rainhause war, auf die vielen Leute, die sich dort angesammelt hatten. Hart vor der Treppe mit dem kunstvollen Geländer lag auf einer schwarzen Bahre ein brauner Sarg und daneben gab's auf einer schöngeschnitzten Stabelle, vor einem Kruzifix und zwei brennenden Kerzen, einen kleinen Weihbrunnen, mit einem Buchszweiglein drin. Immer wieder kam noch jemand aus der ländlichen Nachbarschaft oder aus dem unten liegenden Dorf Bohlishusen herauf. Wer immer aber kam, ergriff das Buchszweiglein und bespritzte mit dem Weihwasser den Totenbaum. In ehrfürchtigem Schweigen umstanden die Bauern und Dorfleute diesen Sarg, in dem die Bäuerin auf Rain, des Hansbaschi Hochrütiners Frau, lag. War aber gleichwohl keiner unter den Bauern der Trauerversammlung, der nicht seine Augen verstohlen, doch angelegentlich rundumgehen ließ; besonders wurde der gewaltigen Scheune in allem, bis auf den Dengelstein, die Haberkiste und die Viehprämienschildlein ob dem 14 Kuhstall und dem starkströmenden Brunnen, vollste Aufmerksamkeit gewidmet. Es blieb aber trotz der vielen Leute vor dem Hause eine große Stille, die der Morgenjubel der Vögel noch zu vertiefen schien. Immer wieder gingen die ernsten und frommen Augen der leidtragenden Nachbarn und Befreundeten vom Sarg weg irgendwie auf Schau und Suche und auch unter demütig geneigten Stirnen hinauf zu den Fenstern des Rainhauses, hinter denen sie den bestandenen Witwer und dessen Verwandtschaft wußten. Die Schwester des Waisenhauses, die durch ihre Schützlinge, die Kinder, die vielen Kränze für die verstorbene Wohltäterin zum Friedhof im Dorf hinabtragen lassen wollte, hatte die liebe Not, den zur Schau getragenen Ernst der Erwachsenen auch unter dieser munterblickenden Jugend einigermaßen aufscheinen zu lassen. All die raschen Äuglein der Kinder verweilten kaum einen Augenblick auf der Totenbahre. Das alles war ja zu traurig und so langweilig. Sie wanderten soweit es nur ging über den Hof, und vor allem aber zog sie das Spiel der Katzen unter dem Scheunenvordach an. Immer wieder wollte auch ein Kichern unter den kleinen Mädchen aufkommen und dieses oder jenes Mäulchen plaudrig werden. Die Gesichter der Jugend ließen sich einfach nicht so recht verschatten, die gute Schwester mochte noch so streng auf sie blicken. Zuletzt ging unter den Kindern ein beständiges Flüstern 15 um. Ein jedes behauptete, es habe den schönsten Kranz zu tragen. Und völlig frohgestimmt schauten die Waisen jetzt auf den alten Knecht Hansuoli, der gebückt, im fadenscheinigen Sonntagskittel, begleitet vom jungen Melker Wysel und einem Handknaben, von der Scheune her aufs Haus zu hinkte. Es vergnügte die Kinder sehr, zu sehen, wie die drei Knechte, der alte Hansuoli voraus, vor der steinernen Treppe schüchtern, linkisch das Buchszweiglein handhabten, es immer wieder in den Weihbrunn tunkten und sich mit Spritzen über den Sarg nicht genugtun konnten. Daß der rasche Melker Wysel dabei noch gar stolperte und der Handknabe vergaß, seinen verwitterten Filzdeckel abzunehmen, war ihnen noch eine besondere Lustbarkeit. Sie hatten das Lachen zuäußerst, und nur mit einem vielfältigen Gebärdenspiel gelang es der Schwester, die Augen auf ihre Zöglinge machte wie der jüngste Tag, deren Lachsalve zu stauen. Die Kinder wurden aber auf einmal völlig ruhig. Es schauten aller Augen auf den verspäteten Leidtragenden, der nun eilig über das saubergehaltene Rainsträßchen heraufhastete. Aha, da kam ja der Chemifeger, der Bruder des Bauern auf Rain, der zweitälteste Sohn des Franz Hochrütiner sel. noch dahergestiegen. Er hieß zwar Leodegar; aber die Leute allerwärts nannten ihn nur Ludi und fast noch häufiger Chemifeger. Er hatte eine Zeitlang Chemie studiert. 16 Als jedoch sein Vermögensbetreffnis gründlich und mit Heijuhu verputzt war und ihn der Bruder auf Rain nicht mehr dulden wollte, da er einer Magd ein Kind angehängt hatte, saß er ins Dorf Bohlishusen hinunter und wurde Weinreisender auf Provision. Weil er dabei allen Kunden, die er besuchte, immer vorflunkerte, die Weine, die er vermittle, vermögen alle chemischen Analysen zu bestehen, und weil er überhaupt immer mit seiner Chemie großtat, nannten ihn die Leute Chemifeger, was ja in der Mundart des Schweizerlandes gar noch Kaminfeger heißt. Diesen zweiten Sohn vom Hof auf Rain nun kannten alle Kinder weitherum, da sie ihn zuweilen betrunken durch die Dorfgassen von einer Wirtschaft zur andern, auf der Geschäftstour, wie er zu sagen pflegte, treiben sahen. Deswegen schaute die Jugend des Waisenhauses nun so gespannt dem Heraufsteigenden entgegen, um rasch genug herauszubringen, ob er wohl noch betrunken oder schon wieder betrunken sei. Nein, es ging noch an. Da stieg er den Rain hinauf, sein schmutzigbraunes Gesicht, das wie schlecht ausradiert aussah, unter einem entlehnten Zylinder zur Ernsthaftigkeit zusammenstellend. Wie abgetragen, unordentlich er doch aussah! Und dieser liederliche, verrupfte und verzupfte Mensch sollte ein Sohn dieses großen Hofes auf Rain sein? Nein, wie war denn so etwas möglich! 17 Aber da war er nun, der Ludi Hochrütiner. Er wischte flüchtig mit dem Rockärmel den Schweiß vom schon so ältlich aussehenden Gesicht, und nachdem er einen raschen Blick über den Sarg hin getan hatte, machte er sich unsicheren Schrittes, der ihm nun auch im nüchternen Zustand gewohnt war, wie dem Matrosen, der an Land kommt, über die steinerne Stiege hinauf und ins Haus hinein. Kaum war er verschwunden, so tauchte aus dem Obstwald vom Dorf her eine schwarze Fahne auf. Der Ernst auf den Gesichtern der trauernden Nachbarschaft wurde um einen Schatten dunkler, und die Waisenkinder schauten still und benommen hinab. Da kam ja nun die große, schwarze Fahne mit dem weißen Kreuz unter den Bäumen hervor aufs Haus zu und mit ihr der Vorbeter im Trauermantel, begleitet von einigen Knaben in roten Pfaffenkäpplein, roten Kutten und weißen Chorhemden drüber. Diese trugen die bunten Fähnchen der verschiedenen kirchlichen Bruderschaften. Dem Umgang voran aber fuhr der Leichenwagen. Immer näher rückte diese kleine Trauerprozession dem Rainhause. Wie sie jetzt vor dem Sarg anhielt, hob mit einemmal, also daß die Leute fast erschraken und erstaunt aufschauten, das Glöcklein im Türmchen auf dem hochragenden Hause zu läuten an. Alles lauschte andächtig und mehr noch verwundert 18 der klaren, fast fröhlichen Stimme des Glöckleins, das man ja nur zu hören bekam, wenn das Leben oder der Tod auf Rain in dessen alteingesessener Familie Einzug hielt. Dasmal galt das Läuten dem Tod, wie ja auch längere Zeit vorher, als der alte Franz Hochrütiner und seine Frau gestorben waren. Und nun lag die noch junge Frau Hansbaschis, des Kronprinzen, wie ihn sein liederlicher Bruder betitelte, im Sarg auf dem Hof, und trotz dem feierlichen Hochsommermorgen mußte das Glöcklein auf Rain doch wieder dem Tod läuten. Es war wie verhext, daß seine Stimme in den letzten Zeiten nie ein neues Leben ankündigen konnte. Jetzt machten sich aller Augen über die Vortreppe des Hauses hinauf; denn eben öffnete sich die schwere grüne Bogentüre, und im schlichten Sonntagsrust, den Hut in der Hand, erschien der Rainler, der Hansbaschi Hochrütiner, auf dem Sandsteinbödelein der Stiege. Er tat einen ernsten, aber ruhigen Blick über die versammelte Trauergemeinde hin; dann schritt er als ein breiter, stattlicher Mann, den leichtangegrauten Kopf etwas vorwegend, die steinerne Treppe hinunter. Ihm folgte seine hochgewachsene, gewichtige Schwester Brigitt Anderbalm. Aus großen kühlen Augen umfaßte sie flüchtig das Volk, dabei ihren nachrückenden zwei Söhnen, ziemlich vernehmlich, etwas zuraunend. Für ihren nachkommenden Bruder Ludi Hochrütiner war 19 jedoch die Türschwelle ein Stein des Anstoßes; denn er stolperte darüber und der Zylinder entfiel ihm, zum besondern Vergnügen der untenstehenden, mit großen Augen hinaufwundernden Jugend. Fast wäre sein um kaum mehr als ein Jahr jüngerer Bruder, der dritte Sohn des Hofes, Hans Hochrütiner, den man seiner langen hageren Körperlichkeit wegen nur den Langhänsel nannte, auf den vor der Tür liegenden Zylinder getreten. Mit einem leisen, aber aufrichtig gemeinten Fluch stieß ihn sein Schuh beiseite, und wenn er doch wieder in die Hände seines Bruders Ludi geriet, so hatte es dieser einem ärmlichen Vetter der verstorbenen Hofbäuerin zu verdanken, der ihm nachkam und den verbeulten Hut noch knapp vor dessen Absturz über die Treppe rettete. Diesem Vetter folgten die drei Töchterchen Langhänsels mit ihrer unscheinigen, mausgrau aussehenden Mutter und alsdann die übrigen Verwandten. Wie nun all die Trauernden unten standen und der Sarg auf dem Leichenwagen lag, über und über mit Kränzen bedeckt, fing der Vorbeter gar laut zu beten an, und nun setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Dem Wagen folgten zuerst die Waisenkinder mit den übrigen Kränzen und alsdann der Bauer auf Rain mit Brüdern, Schwester, Neffen und Nichten und den weitern anwesenden Verwandten, denen sich Großbauern, Handwerks- und Gewerbeleute aus dem Dorf 20 und Knechte und Mägde, das Männervolk voraus, anschlossen. Es war ein ansehnlicher Trauerzug, der sich beim Abstieg ins Tal immer noch vergrößerte, da aus den Heimwesen der Nachbarschaft und unten gegen das Dorf zu sich alleweil wieder jemand dem Kirchengang anschloß. Und als nun die helle, fast sündhaft fröhliche Stimme des Glöckleins auf Rain verstummte, hörte man der hochgehenden, schrillen Stimme des Vorbeters den tiefen Brummbaß des alten Meisterknechtes, des Hansuoli, immer etwas nachhinken, was die vorangehende Jugend sehr vergnügte. Es kam den Kindern so komisch vor, daß bei dem hinkenden Hansuoli sogar die Stimme hinken mußte. Kaum war aber das Glöcklein auf Rain still, so hoben die Glocken unten im Dorf Bohlishusen zu läuten an. Und das Geläute der zwei alten, dumpfschlägigen Glocken hielt an, bis der Leichenzug im Friedhof bei der Kirche angelangt war. Da nahm die fast weißhaarige Stubenmagd Zille, die Haushälterin, in der großen Wohnstube auf Rain das Fenster zu. Sie hatte mit der Viehmagd Karline und einem gelegentlichen Küchendienstmädchen dem Trauerzug hinter einem Fensterladen nachgeschaut. »Macht, lauft, macht, herrschaftabeinander!« rief sie jetzt hastend, fast aufgeregt, aus. »Es dauert nicht lange, keine hundert ›Gegrüßt seist Du!‹ geht's, so sind 21 sie alle schon wieder da, die ganze Verwandtschaft, und dann muß, ja es muß alles für das Leichenmahl hergerichtet sein. Unser Bauer, so schön er sonst zur Sache schaut, wenn gefestet wird, heißt das, korrigierte sie sich, wenn's gilt, die Leute zu bewirten, will er, daß man nicht knausert. Es muß von allem, was Küche und Keller vermögen, haufensgenug auf den Tisch. Und wie ich die Verwandtschaft kenne, werden sich so ziemlich alle, und seine Allernächsten voran, auf seine Rechnung gehörig vollstopfen, von des Meisters sauberem Bruder, dem Chemifeger, zu schweigen. Dieser Süffel, der dem Hof auf Rain sowieso Schande genug macht, brächte unsern Bauer noch zu armen Tagen, ja, heißt das, wenn er ihm seinen Geldsäckel auslieferte, so wie's der Hudel gern haben wollte. Hingegen, da hat's keine Not. So gut der Meister ist, den Ludi, sagen wir ruhig den Sauludi, läßt er sich nicht mehr zu nahe kommen. Er hat genug blechen müssen, um des lustigen Herrn Chemifegers Nachkommenschaft von der malefizblonden Marie, die doch ein so tüchtiges Mädchen war, anständig abzufinden, während seine Schwester, die Holzhändlerin in der Wydlen, und der andere Bruder, der geschliffene und geizige Langhänsel, nicht einen roten Rappen für das angeschmierte Marieli gegeben haben. Aber«, sie lauschte, »aber macht, macht, wehrt euch! Es hat schon verläutet zu Bohlishusen unten. 22 Sie können eineswegs, im Hui können sie wieder da sein.« Sie tat das Fenster mit den zwei Wappenscheiben auf und rief zur Scheune hinüber nach dem Küher, der eben einen mächtigen, strubelköpfigen Stier am Brunnen tränkte. »Oswald, hörst du Oswald, komm« gebot sie; »zieh dein dreckiges Hirthemd aus und steck den krausen Bart ein paarmal in den Brunnentrog! Mußt mir im Keller und allweg helfen; wir mögen's sonst nicht schaffen, bis sie kommen. Auch will ich jemand haben, der zuverlässig ist, irgendeinen Hupfauf kann ich nicht brauchen . . . Komm, befleiß dich!« Und alsdann begann die weiße, aber noch umtunliche Haushälterin und Stubenmagd mit den zwei andern Mägden den Tisch zu decken und die räumliche Stube in einen heimeligen Festsaal zu verwandeln. Nicht lange darnach gingen Schritte auf der Vortreppe des Rainhauses. Die alte Zille schaute noch einmal prüfend über den Tisch hin. Nein, es fehlte nichts mehr; der Meister und seine mittrauernden Verwandten mochten kommen. Schon standen ja die großen Flaschen voll roten und weißen Weines auf dem tadellosen, etwas groblachten Tischtuch. Diesen Wein aber hatte die Haushälterin Zille zwei Fässern abzapfen lassen, die der Bauer auf Rain einer Weinhandlung in der nicht gar weit entfernten Stadt abgekauft hatte, weil sein verluderter Bruder ihr zeitweiliger Vertreter 23 war. Der Küher Oswald mußte auch ein paar bauchige Flaschen schönfärbigen süßen Apfelmostes vom Rain auf den Tisch stellen. Umfängliche Bauernbrote vertaten sich zwischen den in der Morgensonne blinkenden und blitzenden Tellern und ihrem Zubehör. Es schien, als schaue die Urgroßmutter Franziska Hochrütinerin, die sich einst als Witwe für ihre Nachkommenschaft von einem wandernden Künstler um eine Reihe Rasttage und ein rechtes Trinkgeld hatte malen lassen, mit großen Augen auf den vielversprechenden Tisch, werweisend, was da wohl alles drauf aufgetragen werden möchte. Auch die Spatzen zwischen den feuerroten Geranien vor den Fenstern hofften wohl allerlei Brosämliches von dieser Tafel für sich; sie hielten ein großes Gezwitscher ab und pickten sogar ab und zu ungeduldig an die Scheiben. »Wenn sie doch nur einmal anrücken möchten!« redete jetzt die alte Zille an ihre Gehilfinnen hin, »wenigstens die Knechte, die Theres und das Saubethli. Es ist ja für unser Arbeitsvolk in der Dienstenstube ein kräftiger Imbiß fix und fertig aufgetischt. Nur zuzulangen brauchen sie. Und sie müssen auch zulangen und sich befleißen. Es gibt da heute nichts auf den Bänken herumzulagern und zu tabaken. Wohl, das fehlte uns noch, jetzt, wo wir unsere vornehmste Frucht, den Weizen, einzubringen haben. Die Garben sehen ja prächtig aus«; sie tat einen Blick 24 durchs Fenster. »Wie ein Bataillon Soldaten stehen sie in Reih und Glied und werten nur drauf, unter Dach gebracht und einquartiert zu werden. Das Wetter ist heute wohl schön; aber wer weiß, bis morgen könnte es wieder ändern. Lange genug haben wir mit dieser Ernte zuwarten müssen; so wär's unverantwortlich, wenn wir sie heute nicht einbrächten. Es ist ja freilich ein Trauertag, die Frau ist uns aus dem Hause weggestorben, tröste sie Gott!, aber deswegen dürfen wir doch den gottverliehenen Segen nicht zu lange auf dem Feld stehen und am End verfaulen lassen.« »He, die Knechte, der Karrer Karlima, der Oswald und die Tagnerburschen, die Mistfinken und erst der Melker Wysel werden sich schon gehörig tummeln und umtun wie das Wetterleuchten«, meinte die Viehmagd Karline, »haben ja alle noch Schmalz in den Ellbogen und klopfende Knie. Wenn die mal zugreifen, da läuft es.« »Ja, aber wenn sie am Tisch hocken und Tranksame vor sich haben und volle Platten und wenn sie am Festen sind«, warf die Haushälterin ein, »dann läuft's ihnen noch ganz anders als im Feld. Dann schütten sie nur so hinein und fressen und saufen, bis sie überlaufen, weil sie denken: Pack's, morgen ist's weg! Und darnach, wenn sie einmal voll sind, bringt sie niemand mehr zum Aufstehen. Fester lagern sie dann als wiederkäuende Kühe. Und 25 unser Meister, so wohl er in allem sonst berichtet ist, da ist er zu gut und will nicht alles sehen und sieht aber auch nicht alles. Es ist nur ein Glück, daß wir den alten Hansuoli noch haben. Obwohl er hinkt, kommt er doch so ziemlich allem nach und ist überall wo's nottut. Der hält den Hof auf Rain mit unserm starken, gutwilligen, aber trotz seiner vierziger Jahre immer noch nicht in allem beschlagenen Meister noch wohl beisammen. der . . .« »Da kommt ja der Hansuoli schon wieder mit den Knechten den Stutz hinaufgegangen. Das Saubethli und die Putzerin Theres sind auch bei ihnen!« rief das Seppeli, das mithelfende Nichtlein der alten Zille, aus. »He, doch wohl!« lachte es hellauf, »denen pressiert's aber. Schaut, wie der hinkende Hansuoli mit beiden Armen dahergerudert kommt und wie der Karrer Karlima so schwerfällig, so tappig, noch tappiger als seine Rosse, hintennach knebelt!« »Heja«, meinte Karline, die Viehmagd, »wenn man den Karrer auch noch nicht hört, so sieht man's ihm doch von weitem an, daß er des raschen Aufstieges wegen schon wieder alle Zeichen flucht und drauflossakramentiert.« Die Alte schüttelte den Kopf und das Seppeli lachte. Als aber jetzt die Knechte und Mägde mit ihrem hinkenden Meisterknecht sich dem Hause näherten, sagte die Viehmagd: »So komm Seppeli! Nun wollen 26 wir zuerst in die hintere Stube und den unsrigen aufwarten, auf daß sie gleich wieder ins Feld ausrücken können, bevor sie der Meister aufbieten und von den Bänken lüpfen muß. Du weißt ja, das tut er ungern. Er meint immer, das sollte den Leuten selber zu Sinn kommen oder wie allemal der Hansuoli sagt, sie sollten selber wissen, daß man zum Löschen immer bereit sein müsse, wenn's brennt. He, schau, schau, dort unten kommt ja unser Bauer mit seinen Gefreundeten und den Gästen allen auch schon den Rainweg hinauf!« »Ja«, lachte das Seppeli auf, »und aus allen hervor schauen wie zwei Kamine die Zylinder des Chemifegers, des Ludi . . .« »Fratz du!« fuhr die alte Wirtschafterin ihr Nichtlein an, »so redet man, wenigstens hier, unter dem Bildnis der Ahnenmutter Franziska selig, die ich noch wohl gekannt habe, nicht von einem Sohn aus dem Rainhaus. Leodegar heißt dieser Bruder des Meisters, daß du's weißt!« »Ja, Base«, machte, den Schalk in den Augen, das Seppeli, »das hab' ich nicht gewußt, denn ich habe ihn nie so nennen hören.« »Auf wessen Kopf steht denn der andere Zylinder?« wunderte die Viehmagd Karline. »He, wer wollte denn unter diesem Kaminhut sein als der andere Bruder des Meisters«, sagte die Alte, »der . . . . .« 27 »Der Langhänsel!« rief die Karline aus, »ja richtig, diese Leichenfahnenstange, der steinstaudendürre Krämer aus dem billigen Laden, der einen so seltsam anschauen kann, als hätte er Zangen in den Augen und von dem's heißt, er habe in seinem Geschäft zweierlei Gewicht für die Waage«. Die Haushälterin Zille schien das zu überhören, aber jetzt begann sie wieder zu eifern: »Fort, rasch hinaus in die Küche zur Kresenz! Sie wartet gewiß. Tragt sogleich die Suppe auf in die Dienstenstube. Die Kresenz soll noch ein paar Hände voll Wirsing hineinwerfen, so gibt's in diesen Freßsäcken Boden. Er wird schon noch lind. Und wenn die Köchin ein rechtes Markbein hat, so sollt ihr das dem Hansuoli in den Teller legen. Das braucht er nicht zu beißen und es tut ihm doch wohl. Machte fort, macht! Gleich sind auch die Gäste den Rain hinauf.« Man hörte ein polterndes Schreiten irgendwo im Hause und Türen auf- und zuschlagen und ein ziemlich lärmendes Getue, das eine Weile anhielt, aber mit einemal abbrach, als jetzt des Hofbauern Hansbaschis breithinschreitende Stimme vor dem Hause laut wurde. Zille, die alte Stubenmagd, tat die Stubentüre weit auf und rief, noch bevor sie jemand von den Leidtragenden sah, die nun die steinerne Vortreppe herauf und über den weiten Flurboden kamen, gar 28 vernehmlich, wohlwollend aus: »Willkommen bei uns, alle Gäste miteinander!« Kaum hatte sie sich bescheidentlich neben das große Gehäuse der Wanduhr gestellt, die eben ihre Ketten herabrasseln ließ und zehn Uhr schlug. und bedauernd geäußert, wie leid es ihr sei, daß die Verwandtschaft heute keine Hausfrau empfangen könne, trat die Schwester des Rainlers, die Brigitt Anderbalm, schwergewichtig und wohlbewehrt wie ein altzeitiger Kriegswagen mit Sicheln, in die ziemlich niedrige, aber sehr räumliche und getäfelte, weißgestrichene Wohnstube, die einen eigentümlichen grünlichen Schimmer hatte. Ihr folgten, wie zwei Knappen, ihre beiden Söhne, von denen einer so ziemlich erwachsen war, der andere aber noch in den Knabenhosen steckte. »So«, rief sie starkstimmig aus, »da wären wir also. Es ist ein heißer Aufstieg gewesen.« »Heja«, bestätigte einer ihrer Söhne, »ich hab heillos Durst bekommen.« »Natürlich Durst«, machte mit vertrunkener Stimme der nachhinkende Bruder des Hofbauern, der Ludi Hochrütiner, »naturgemäß Durst, meine lieben jungen Vettern, aber«, er lachte widerlich auf, »aber der Moses braucht uns kein Wasser aus dem Rain zu klopfen; wir können uns ja hier zu weißen oder roten Brunnen niederlassen oder wie der Dichter so schön sagt: An der Quelle saß der Knabe.« 29 Er zog einen Sessel vom Tisch weg und ließ sich draufplatschen. Seine hoch- und breitschultrige Schwester Brigitt hielt es offenbar nicht der Mühe wert, auf die Auslassung des schon verdächtig nach dem Morgenschnaps riechenden Bruders zu antworten. Sie sah ihn kalt, verächtlich einen Augenblick an, alsdann sagte sie zu ihrem Bruder Hänsel, der eben mit seiner süßlichblickenden, aber fast schattenhaften Frau Seraphine und ihren drei Töchterchen über die Schwelle gekommen war: »He, Hänsel, sieht man sich auch wieder einmal auf Rain in unseres Vaters und unserer Ahnenleute Stube.« Sie schaute ans verblichene Gemälde der Franziska Hochrütiner hinauf. »Es ist mir, wie ich jetzt so dastehe, ich sei noch keinen Augenblick weg gewesen und ich sei wieder hier zu Hause und der Vater selig werde gleich aus dem heimeligen Hinterstüblein kommen und . . . .« »Ja«, redete mit verschleierten Augen ihr Bruder Ludi von seinem Stuhl her dazwischen, »der Vater werde gleich aus dem Hinterstüblein kommen, in dem unsere teuren Eltern allemal so schön abseits ihren Schwarzen mit einem höllbrennheißen Güx, auch Kirsch genannt, genehmigt haben.« Nein, diese Stimme schien niemand zu hören. »Der Vater selig werde aus seiner heitern guten Stube kommen«, fuhr Frau Brigitt zu reden fort, 30 »und sich da am Tisch niederlassen und zu beten anfangen. Es war mir dann immer, wenn er so von obenher mit strengen Augen nach uns sah, es hocke ein König oder so einer auf seinem Thronstuhl.« »Mir ist's im Gegenteil«, sagte der andere Bruder, der Langhänsel, »es sei schon eine Ewigkeit her, seit ich mich auf Rain herumgetrieben habe. Es kommt mir mehr oder weniger alles ein wenig fremd vor, außer etwa das Gemälde der Alten da oben und das Holzkreuzlein dort hinten über der Kommode. Das macht«, er ließ seine Stimme leiser werden, »weil unser Große, der Hansbaschi, einen so wohl von sich und seiner Sache, die wir ihm«, er sah sich scharfäugig um, »viel zu billig nach des Alten Willen zuschreiben lassen mußten, abzuhalten versteht. Immerhin«, er wurde nun ganz leise, »nun ist ihm ja die Frau weggestorben, mit der es übrigens nie viel war; Kinder sind keine da, ein heuriges Kaninchen ist der Hansbaschi auch nicht mehr, wenn man's allenfalls so einrichten könnte, daß er nicht mehr weiben würde oder doch nur eine, die . . . .« »Hänsel, Hergott abeinander, so bezapf dich doch!« raunte ihm seine Schwester zu, »was fällt dir denn ein? Wir haben ja seine Frau, – nein, eine Bäuerin ist sie nicht gewesen, – eben erst begraben und zudem ist der Große noch jung genug, wenn er auch ein wenig Schnee auf dem Gesims hat, eine zweite Frau 31 und ein ganzes Kegelries Kinder zu bekommen. Es wäre ja freilich . . . . aber nein, jetzt kann man nicht schon von so was . . . . .« »Ich hab nur so gemeint«, flüsterte der andere. »Man kann ja über alles reden. Du hast zwei Buben, Brigitt, und . . . . .« »Ja, ja, aber jetzt sei still, man könnte uns hören. Wo ist denn aber der Hansbaschi, der Große, auf einmal hingekommen?« »Er wird nach seinem Arbeitsvolk schauen. Wirst es ja wohl gesehen haben, er hat da hinten fast bis auf den Rainboden hinunter Garben aufmarschieren lassen und es mag wohl an der Zeit sein, gar bei diesem unsichern Wetter, daß er sie eintut. Freilich, heute hat er ja Trauer; so wird die Frucht wohl noch einen Tag warten müssen. He, unser Bruder wird schon bald anrücken«, redete er jetzt völlig laut, da sich die Stube nach und nach mit Verwandten des Rainlers, auch solchen von der Frauenseite, angefüllt hatte. So machten sich der Langhänsel und seine Schwester Brigitt denn aus der Fensternische hervor, in die sie sich gestellt hatten und begrüßten, indem sie sich in Abwesenheit des Bauern als Hauswirte erachteten, die Verwandtschaft. Es war darunter auch der arme Vetter der verstorbenen Frau. Schüchtern, sich ehrfürchtig in der großen Stube umsehend, hatte er sich 32 neben das harthölzerne Büfett gestellt. Immer mußte er wieder auf den langen Tisch hinsehen, auf den jetzt die alte Zille mit den Mägden zwei mächtige Schüsseln, wahre Brunnenstuben, voll starkrüchiger, dampfender Suppe hinsetzte. »He also denn, ihr liebwerten Leute«, gebot mit fast männlicher Stimme die Brigitt Anderbalm«, »laßt euch zu, der Bruder wird gleich kommen und ungern sähe er's, wenn wir die Suppe kalt und den Wein warm werden ließen. So fangen wir halt in Gottes Namen an.« »Ja«, meinte die Haushälterin, die Zille, »der Meister ist nur noch schnell in die Dienstenstube; er kommt im Augenblick. Fangt nur herzhaft an!« So ließen sich denn die beidseitigen Verwandten des Hauses einträglich und bescheiden am Tisch nieder und die alte Zille und Brigitt, des Rainler's Schwester begannen ihnen die einfachen, aber vielfassenden Teller mit der kräftigen Gerstensuppe, in der das Gemüse in hundert Inselchen herumschwamm, vollzuschöpfen. Und als dann der Langhänsel Hochrütiner an seines abwesenden Bruders Statt das Tischgebet hinter sich gebracht hatte, wobei man kaum verstand, was er vor sich hin in seinen vollen Teller brummte, hoben die Löffel zu werken und zu klappern an und der Ludi Hochrütiner rief, nicht eben klarstimmig, über den Tisch hin: »Das ist wieder einmal eine Suppe, 33 wie wir sie in unseres Vaters Haus gewohnt waren, der Löffel könnte drin stecken bleiben, eine vollfütternde Suppe, die man mit einem Güßlein Wein in ein Göttergericht vulgo Ambrosia veredeln könnte, aber«, setzte er, über den Tisch hin nach der Tranksame greifend, bei, »was nicht in der Schüssel ist, kann in der Flasche sein. Gott gesegne es euch allerseits!« Er bekam keinerlei Echo; man war vollauf mit Essen beschäftigt. Auch erschien es den Leidtragenden denn doch noch zu vorzeitig, schon jetzt auf Späße einzugehen, die Trauerfalten zu glätten und die den ganzen Vormittag umdüsterten Stirnen zu entwölken. Ab und zu fiel irgendein Wort und der arme Vetter am Tisch begann, erst fast scheu, aber angelegentlich und von Herzen seine verstorbene Base auf Rain zu rühmen und wie sie und ihr Mann an ihm und seinen Kindern so gut gewesen seien. Man hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, jedoch begann man von Nachbar zu Nachbarin halblaut dies und das aus dem Alltag, ja auch etwa vom Trauerfall auf Rain, zu sprechen und nur der Langhänsel Hochrütiner hörte dem dürftig angezogenen Vetter der Verstorbenen mißmutig und mit scheelen Augen zu und raunte alsdann seiner baumstarken Schwester, die bolzgrad neben ihm saß, zu: »Jetzt hör einer, wie dieses Hühnerbäuerlein da unten am Tisch ein Gerühmse hat! Der nötige Schelm hat gewiß Sachs 34 genug aus unserm Hof verschleppt; die selige Frau Schwägerin wird ihm wohl Kisten und Kasten offen gehalten haben. Der Sonntagsstaat, den er heute trägt, wird also auch vom Hansbaschi herkommen, ist ihm ja alles viel zu weit.« Die Brigitt wollte antworten; da ging die Türe und Hansbaschi Hochrütiner, der Bauer auf Rain, trat bedächtigen Schrittes, mit der Hand über den leicht angegrauten, etwas verschwitzten Kopf streichend, in die Stube. Was für ein breitschultriger, stattlicher Mann ist doch dieser Rainler, dachten alle. Aus gutmütigen, gescheiten Augen überschaute er seine Gäste, die nun wieder völlig verschattet waren, wie die Hügel, wenn sich die Sonne hinter einen Berg macht. Er setzte sich oben an den Tisch zu seiner Schwester und den beiden Brüdern und sagte mit volltönender, wohllautender Stimme: »So, nehmt nichts für ungut, ihr lieben Eigenen und Vettern und Basen, daß ich ein wenig wohl spät anrücke, aber ich habe noch rasch, der Ernte wegen, mein Arbeitsvolk berichten und wegleiten müssen. Ich nehme an, ihr werdet wacker zugegriffen haben. He, Zille«, rief er der eben eintretenden Haushälterin zu, »da ist eine Flasche leer! Was meinst, Ludi, der Wein wird dir und deinem Weingeschäft in der Stadt hoffentlich keine Unehre machen?« Der Ludi Hochrütiner hob die feuchten, versumpften 35 Augen und antwortete: »Ein Weinlein, Bruderherz, ein Weinlein, sag ich dir, wie's kein Mundschenk in alten Zeiten seinem Pharao hat einschenken können. Ein honettes Weinlein, ein Gesundbrunnen, ein Wunderborn, der einen hundertjährigen Greis innerhalb fünf bis zehn Minuten in einen starkströmigen Nachtbuben umhext. Weiter rede ich kein Wort, das ist genug gesagt. Sufficit. Ein Weinlein, das die goldene Medaille der Eidgenössischen Landesausstellung und vier bis fünf silberne Ehrenzeichen aufweisen kann. Hingegen empfehlen sich ja die Weine, die ich, der Ludi Hochrütiner, vertrete, von selber.« Er hob sein Glas unter die Nase, die rot wie ein Fliegenschwamm aus seinem verschwemmten Gesicht heraussah, wichtig, mit zusammengezogenen Augenbrauen dran schnüffelnd, »eine Blume, ein Aroma . . .« Ein Ruck und ein Schluck und da hatte er sein volles Glas schon in sich hineingeschüttet. Es abstellend, sah er aber, ärgerlich werdend, daß ihm kein Mensch, nicht einmal der arme Vetter unten am Tisch, zuhörte. Nein, wenn er noch eine ganze Predigt aus seiner Weinfeuchte heraus gehalten hätte, es würde ihm ja doch niemand zugehört haben. Der Rindsbraten war aufgetragen worden und zugleich ein tüchtiges Holzbrett voll gedörrten Schweinefleisches, das die Tafelrunde anmächelig angleißte. Und nun kam all das 36 Eßwerkzeug, das um Teller und Platten lag, gar lebhaft in Betrieb und die umfänglichen Flaschen Weines gingen fleißig um, verneigten sich vor jedem Glase und spielten zwischen Keller und Stube stiegleinauf, stiegleinab. Hingegen hatten die Flaschen voll goldenen Süßmostes gut ruhen; selten kamen sie dazu, ein Spaziergänglein über den Tisch zu machen und etwa das Glas einer vorsichtigen Frau anzufüllen. Es wurde nach und nach recht laut in der Stube. Die nachbarlichen Gespräche und die über den Tisch wurden lebhafter und vielseitiger. Aber so ziemlich alle betrafen den brotsuchenden Tag. Ja, nicht lange dauerte es, so kam unter der Einwirkung der reichlich fließenden Tranksame eine gar muntere Stimmung unter die Tischgenossen. Die Sonnenfinsternis vom Morgen schien völlig vorübergegangen zu sein. Die Trauergäste hatten allmählich ganz vergessen, daß sie bei einem Leichenmahl zusammensaßen. Je mehr sie sich der üppigen Fleischplatten und ihres Zubehörs an Grünzeug, wie auch des Wunderborns Ludi Hochrütiners annahmen, desto gewisser wurde es ihnen, daß sie heute Kirchweihleben hätten. Und als nun ein gar lautes Getue und ein lachendes Geschwätz um den langen Tisch war und als der Langhänsel Hochrütiner und seine Schwester Brigitt sich in ein flüsterndes Zwiegespräch eingelassen hatten und der Chemifeger, der Ludi, bereits auf beiden Armen 37 schlief, erhob sich der Hofbauer Hansbaschi so geräuschlos als es dem schweren Mann möglich war und machte sich, wohl unbemerkt, aus der Stube und aus der wahrhaft festlich aufgelegten Trauerversammlung davon. Wie sollte man ihn auch vermissen? Es war sozusagen jedermann vollauf mit sich beschäftigt. Alles sprach ja und hörte doch jeder und eine jede nur sich, während der Bauer auf Rain mit leicht vorgeneigtem Kopf und ruhigen, aber tiefblickenden Augen auf seinem altererbten, schön geschnitzten Stuhl obenan gesessen war und mit allerlei Gedanken in die betriebsame Gesellschaft der Leidtragenden hineingeschaut hatte. Man hatte ihm freilich eine ordentliche Frist hindurch seine verstorbene Frau, von der ja die meisten Gäste eigentlich so gut wie nichts wußten, in alle Himmel hinauf gerühmt und kein Flecklein noch Stäubchen auf ihrem Wesen und Gewand dulden wollen. Als der Rainler dem allem aber stillschweigend, ernst, etwa mit dem gewichtigen Haupt ein wenig nickend, zugehört hatte und die Leute meinten, ihren Kondolationspflichten genugsam nachgekommen zu sein, vergaßen sie rasch den Tod und den Witwer und so hatten sie sich dem Leben und dem heutigen Tag wieder zugewandt und seiner zunehmenden Kurzweil, und nun gingen ihnen die Schnäbel wie hundert Brunnen. Jedoch der Langhänsel und seine große, wehrhafte 38 Schwester hatten ihren Bruder Hansbaschi keinen Augenblick unbeobachtet gelassen. Wenn auch ihre Augen anderswo umgingen, ihre Gedanken waren beständig um des Bauers Haupt, wie ein Schmeißfliegenschwarm. Und als sich der Bruder nun fortmachte, raunte der Langhänsel seiner Schwester, die mit ihrem kalten, immer noch glatten, wie eingefettet aussehenden Gesicht aus kugelrunden Augen in die Gespräche der Tafelrunde hineinzulauschen schien, zu: »Hast du gesehen, Brigitt, wie giltmirgleich unser Große all die Trauerreden, mit denen es ja doch keinem einzigen ernst war, aufgenommen hat? Kaum eine Wimper hat sich an ihm gerührt. Auch unten auf dem Kirchhof zu Bohlishusen, als die Erdschollen auf den Totenbaum seiner Frau selig hinunterpolterten, sind ihm beide Augen völlig trocken geblieben. Nur so dagestanden ist er und hat ins Grab hineingeschaut, wie wenn der Weggang einer Frau etwas Alltägliches, Selbstverständliches wäre. Es mochte mich recht, ja, ich sag's, gedrückt hat's mich, das Herz hat's mir . . .« »Hänsel«, machte die Schwester halblaut, ohne ihren Bruder ansehen, obwohl er seinen mumientrockenen, länglichen Kopf mit den dünnen Haarsträhnen und dem Bocksbart völlig zu ihr hinhielt, »red doch nicht so dummes Zeug und red mir nicht von deinem Herzen. Laß das lieber in der Truhe, wenn du eines drin hast. 39 Es kann sein, aber ich könnte es nicht beschwören. Also, wir kennen uns ja von der Wiege an. Heja, und den Hansbaschi kennen wir auch gar wohl. Er ist eben immer der Erstgeborne, der Große, unser Kronprinz gewesen und jetzt ist er der König und so tut er auch wie ein König hier auf seinem Hof und allweg. Aber wenn er auch äußerlich nichts merken läßt, denn er ist nicht wie andere Leute, er ist auch sein eigener Meister, so wissen wir doch wohl genug, daß er der Mutter selig nachschlägt und ein rechter Gemütsnarr ist. Er hat's halt innerhalb. Auch ist er an seiner Frau gehangen, obwohl's mit dieser Dörflerin aus dem Hergisauer Bäckerladen nicht viel war. So für Stube und Kammer mag sie's noch getan haben, aber was konnte denn so eine Krapfenfresserin von einem Bauernbetrieb wissen. Hingegen das geht uns nichts an. Und jetzt aber«, sie ließ nun ihr von ausgiebigem Weingenuß gerötetes, unbewegliches, wie ein umfängliches Stück roter Seife blinkendes Gesicht doch etwas zu ihrem aufmerkenden Bruder herab, »jetzt ist der Große Witwer und, heja, schon ein älterer Hirsch, wenn auch freilich nicht alt, gar nicht. Er steht ja in den Vierzigern, oder, wie die Mannsleute sagen, in seinen besten Jahren, was aber«, es heiterte einen Blitzstrahl lang über ihr hartgemeißeltes Antlitz, »noch von keinem Weibervolk geglaubt worden ist, seit Adam und Eva.« 40 Der Langhänsel nahm sie einen Augenblick mit seinen scharfen, zängelnden Augen aus, alsdann ging so etwas wie das Aufscheinen einer fettäugigen Suppe, von der man den Deckel abhebt, über sein zerfurchtes, ledriges Gesicht. »Schwester«, sagte er leise, »und nun denkst du wohl, der Hansbaschi werde wirklich ein so einfältiger Hansbaschi sein und im Witwerstande so allmählich, uns zu Gefallen, zum kühlen Grab wallfahren und sich das Bett allundein Abend von irgend einem willigen Flünklein, von etwa einem Hausdienstlein, machen lassen, auf daß er sich doch nicht, wie jener heilige Waldbruder, in die Dornen legen müsse und daß also der schöne Hof auf Rain doch allenfalls noch für dich oder wenigstens einen deiner Söhne reif werde.« »Ja«, gab die andere seelenruhig herum, »das denke ich und wenn ich dazu etwas tun könnte, würde ich's nicht versäumen.« Der Langhänsel kicherte in sich hinein. »Gradliniger hättest du das auch einem Beichtvater nicht durchs Gitterchen hineingehen lassen können, was du da meinst, Brigitt. Und schau«, machte er völlig lispelnd, mit einem raschen suchenden Blick in die wohllebende, aufgeräumte Tischgesellschaft, »ich, ja, ich kann's wohl verstehen. Und sollte es soweit kommen, daß wir den Großen überleben, so wollte ich bei einer allenfallsigen Teilung kein Unmensch sein. Ich ließe 41 mit mir reden, denn ich habe nur drei Töchter, von denen erst die älteste weiß, woher die kleinen Kinder kommen, und so habe ich also am Hof kein großes Interesse. Dabei weiß ich ja wohl, daß du ihn nicht geschenkt haben wolltest.« »Freilich«, redete sie fast laut, »und daß du ihn auch nicht verschenken würdest, du Geschäftleinmacher, Sparer und Zusammenscharrer!« »Heja«, meinte er, die tiefliegenden, lauernden Augen, die aber unversehens wie Wiesel aus ihren Löchern hervorschießen konnten, in sein halbleeres Glas Rotwein versenkend, »du sagst es ja, wir kennen uns und brauchen also weder durchs Sieb noch durch Seide miteinander zu verkehren. Ich will dir's frei gestehen, den Hof selber wollte ich nicht, aber es müßte mir mein Teiltreffnis gut verbrieft und versichert werden und den obern Gupf, wenigstens den Raingütsch ob dem Wald müßtest du mir überlassen. Vielleicht würde ich doch gern auf die alten Tage ein Häuschen, natürlich nur so ein bescheidenes, dort oben erbauen, damit ich mein Leben auf unserer Ahnen Hof, der mir doch ans Herz gewachsen ist, beschließen könnte.« Brigitt Anderbalm, seine Schwester, schaute ihn flüchtig an und lachte kurz, laut auf. Was mochte er denn wohl mit diesem Hügel ob dem Holz, mit dem Raingütsch im Sinne haben, der Heimtücker? Wohl, das Herz und die Ahnen. Sie lachte nochmals 42 auf, dann sagte sie leise: »Hänsel, es ist mir doch, wir verteilen das Bärenfell, wie man so sagt, lange bevor wir's haben. So wollen wir denn von alledem nicht weiter reden. Am End schickt es sich auch nicht. Zudem wirst du doch nicht im Ernst glauben, der Große bleibe Witwer. Ein Jahr, höchstens zwei, vergehen, so wirtschaftet da auf Rain wieder eine andere Frau und es könnte sein, eine die mehr Meister ist als die erste. Man sagt's und es mag wahr sein, die zweite Frau habe es immer besser. Die erste müsse der zweiten eben immer durch die verflüchtesten Wächten den Schneepflug machen. Es ist auch begreiflich, ja selbstverständlich, daß der Hansbaschi wieder heiratet. So hoch und breit er ist, es könnte ihm doch fehlen und gerade ein Ausbund von Gesundheit ist er auch nie gewesen. So wird er eine haben wollen, die zu ihm schaut und die ihm allenfalls das Klagmartern und Herrjeseln, das in allen Witwern steckt, hintanhält. Heja und dann gehört eben in ein solches Bauerngewerbe hinein gewiß eine Frau, und eine tüchtige dazu, eine weit andere als die erste war, wenn's auf die Dauer nicht doch den gefehlten Weg gehen soll. Ist die zweite da, werden wohl auch noch Kinder kommen und also . . .« »Ja, ja, ja«, machte der andere mißmutig, die gefährlichen Äuglein im tannrindig aussehenden Gesicht fast verbergend und erregt seinen Bocksbart 43 melkend, »es könnte so kommen wie du sagst, aber es muß nicht so kommen, wer weiß. Der Hansbaschi ist ein eigenköpfiger Bursche, das weißt du auch, und es paßt ihm noch lange nicht eine jede. So könnte es sein . . .« »Also sei mir von dem allem lieber still«, warf seine Schwester kurzweg ein, »das alles ist noch im weiten. Man kann aber gleichwohl darüber reden, jedoch nicht heute. Und zudem tun wir, als wären wir die einzigen Erben für diesen Hof, ja, wenn's überhaupt dazu kommen sollte, aber da ist ja auch noch der Ludi.« »Oho«, antwortete der Langhänsel kichernd, »jetzt mußt du gar wenig mehr erwarten, daß du mit unserm vertrunkenen Studenten, mit dem Chemifeger, noch anrückst, als ob der all sein fragliches künftiges Erbgut nicht auch schon lange, wie alles andere, zum voraus aufgeholzt und vertan hätte. Er ist ja dem Großen schwer schuldig.« »Ja, viel täte es dem Ludi nicht mehr treffen, soviel wie nichts; aber wir müssen doch mit ihm rechnen«, meinte sie, »und vielleicht können wir ihn doch so oder anders brauchen und . . .« Nein, sie konnte nicht fertig sprechen, eben war ihr Bruder, der Ludi, vom Stuhl aufgefahren und hatte in seiner Weinwonne seinen schwarzen, braunfleckigen Köter von einem Hund in die Arme geschlossen. Dieser stinkende Kläffer war soeben durch die offenstehende 44 Türe gerast und auf seinen schlafenden Herrn losgesprungen. Und nun gab's ein lärmendes Wiedersehen. Doch da hatte sich der Ludi wieder am Tisch niedergelassen. Seinen Hund aber behielt er im Schoß. Er war ihm zärtlich zugetan und teilte mit ihm jeden Bissen. Zum ersten schnappte nun das schmutzige, rassenlose Hundegeschöpf, von dem aber sein Herr behauptete, er stamme in direkter Linie vom Sennenhund der Pfahlbauer ab, die Reste eines Bratenstückes vom zunächst stehenden Teller; alsdann legte er sich unter den Tisch, vor die unruhigen Füße seines Patrons. Der betrunkene alte Knabe, bei dem man das Menü des Leichenmahles sehr wohl von der offenen Weste und Hemdbrust ablesen konnte, hatte eine kindliche Freude an seinem Köter. Er begann jetzt dessen Lob in allen Tönen zu singen. Der Hund hingegen war ihm keineswegs unbedingt ergeben. Sobald er anderwärts auskömmliche Freßaussichten hatte, wurde er untreu und machte sich davon. Und fast immer, wenn der Ludi Hochrütiner von seiner Weinreise in sein Zimmer, das er zu Bohlishusen unten in einer abseitigen Wirtschaft hatte, heimkehrte und seinen Rausch verschlief, pflegte sein Pfahlbauhund noch in irgendeiner Kneipe vor dem Büfett zu hocken und um Abfälle zu betteln. Man beachtete aber den Fliegenschnapper, wie ihn sein Meister nannte, schon lange nicht mehr. Die Frauen 45 ringsum hatten über den Tisch von ihren Krankheiten, Übeln und großen und kleinen Bresten aller Art zu sprechen begonnen, und hierin ließen sie sich nicht gern stören. Es wußte eine jede unglaublichste Unzulänglichkeiten ihrer Gesundheit aufzudecken und sie auch aufs einläßlichste darzustellen. Ja, es suchte eine die andere zu übertrumpfen. Und als die Bäumlihöferin von Balenwil meinte, sie hätte mit der jahrzehntealten offenen Wade ihres bettlägerigen Mannes über all die Krankheiten und Gebrechen der andern Weiber um den Tisch triumphiert, überhöhte sie doch noch die alte Jungfer Gut aus Willisbrunn mit den bis ins letzte hinein haarscharf aufgezeichneten schweren, geheimen Schäden, die ihre Urgroßmutter von einer Kindbettung davongetragen hatte. Und als die andern Frauen ihr entgegenhielten, soviel man wisse, sei doch ihre Urahne volle fünfundachtzig Jahre alt geworden, antwortete sie ihnen, daß diese Greisin gleichwohl an den Folgen einer Geburt gestorben sei; daß man also von ihr nicht, wie sonst landesüblich, sagen könne: da ist die Hebamme nicht mehr schuld daran, daß die mit Tod abgehen mußte. Kurz, diese Berichterstatterin von der urgroßmütterlichen, viele Jahrzehnte langen Geburtsfolgekrankheit behauptete das Feld. Man schien's aber dabei dennoch nicht bewendenlassen zu wollen. Die Frauen redeten über ihre und ihrer Angehörigen Krankheiten mit großem Vergnügen 46 und äußerst lebhaft weiter. Ein älteres Weiblein, das es neumodischerweise in den Nerven haben wollte, erzählte, es habe letzthin sich in den Besitz eines Buches setzen können, in dem alle erdenklichen Krankheiten und Übel aufgezeichnet und aufs genaueste ausgeführt seien. Ihre Söhne hätten ihr das Buch zwar wegnehmen wollen; aber ihr Mann hätte gelacht und zu ihnen gesagt: »Buben, laßt doch der Mutter das Buch, das ihr soviel Freude macht. Nun kann sie doch einmal Krankheiten für sich daraus herauslesen, soviel sie will.« Jetzt fing auch die unscheinige Frau des Hänsel Hochrütiner, die Seraphine, die bisan nur ihr süßliches, ziemlich abgetragenes Lächeln hatte rundumgehen lassen, von den kleinen Übeln und Muttermalen ihrer unten am Tisch mit den zwei Buben der Brigitt und dem armen Vetter sich vergnügenden Töchterchen zu berichten an. Sie tat es aber in jener vorsichtigen, fast demütigen und immer verbindlichen Weise, mit der sie in ihrem Erdgeschoß zum billigen Laden die Kunden zu bedienen pflegte. Aber ihr Mann, der Langhänsel, der mit ihr nicht viel Federlesens zu machen pflegte, obwohl er sich nach der Hochzeit in ihr Geschäft warm und weich hatte hineinbetten können, wurde auf ihre Krankheitsschilderungen aufmerksam. Er begann sich zu ärgern. Und als die andern Weiber erst recht Türen und Tore wieder an ihren Privatspitälern aufzusperren anfingen, wurde er 47 fuchsteufelswild. Der Gedanke an Krankheit und gar an den Tod war ihm im höchsten Grad zuwider. Er mied alles was krank hieß wie Gift, und gar vor dem Tod machte er innerlich und etwa auch außerhalb das Kreuz; denn er hielt das Sterben, vor allem für seine Person, für eine ganz unmögliche, höchst unerwünschte Einrichtung. Ja, allenfalls für die armen Teufel, die weder einen Schuh weit Boden, überhaupt auch sonst keinen eigenen ganzen Schuh hatten, mochte der Tod ja hingehen. Sie waren dann, wie man so sagt, die Marter ab. Wie konnte man aber ihm zumuten, von Krankheit und Tod berichten zu hören, ihm, der so gern lebt, der noch soviel zusammenbringen wird und schon gebracht hat in allerlei Emsigkeit und mit rastlosem, umtunlichem Anstellen und Zugreifen. Lauerte er denn nicht immer wie die Katze vor dem Loch, bereit, einen guten Schick im Sprung zu packen oder aber auch in der schlau gerichteten Falle zu fangen. Wie gut war's ihm doch bis jetzt geraten! Wie hatte er seinen billigen Laden mit seines Vaters und seiner Frauen Geld, die ja freilich unscheinig aber warm in der Wolle war, erweitern und seinen Geschäftskreis in die Nachbardörfer ausdehnen können. Es ging ihm gut; seine heranwachsenden Töchter sollten erstrangige Erbinnen werden und die Jungmannschaft von Bohlishusen, Hergisau, Ruslangen und der Enden anziehen wie drei Honigbutterbrote die Wespen. Wenn es ihm 48 gar gelingen könnte, noch den Raingütsch auf seines Vaters Hof ob dem Wald zu bekommen, den obersten Gupf, der so schön aufs Rainseelein hinab und über die Dörfer hinweg nach den Alpen schaute, würde ihm zum Bankobersten im Land nicht mehr viel fehlen. Wie schön ließe sich auf diesem Raingütsch ein Kurhaus bauen und hochbringen! Wie sollte man's unter solchen Umständen ertragen, von Krankheiten und vom Tod reden zu hören. Ach was, Tod, das gab's für ihn gar nicht. Ja, für die Armen, für die Abgewirtschafteten und ganz Alten, an denen man nichts mehr hatte, die einem nur lästig waren und eine Art Blutegel am Geldsäckel, für solche Leute mochte das Sterben eine ganz zweckmäßige Einrichtung sein; aber für ihn, der so viel hatte und noch so viel vorhatte! Nicht dran tippen, nicht dran denken! Tod, das gab's für ihn einfach nicht. Es war ja so schön zu leben, auch wenn's noch soviel zu geschäften und zu werweisen gab. Das Leben hatte für einen ja immer wieder ein Zückerchen bereit, ein schönes, wohlschmeckendes Essen, ein gutes Glas Wein, etwa in der nahen Stadt oder im stillen Kämmerlein, und dann ließ sich auch etwa zuzeiten ein nicht zu sprödes Weibervolk irgendwie finden, ohne daß man für sein Türlein grad einen goldenen Schlüssel brauchte. Als er aber diesen anmächeligen Gedanken behaglich auszuspinnen begann, gespensterte ihm aufs neue das Wort Tod um die 49 Ohren, und als er sah, daß es jetzt wieder seine nichtsige, immer schattenhalb stehende Ehegattin sei, die dieses schreckhafte Wort herzhaft, ja freudig wie eine Fahne hochgehen ließ, schnauzte er sie an: »Seraphine, jetzt gib einmal Ruh! Wir haben ja heute den Tod begraben mit unserer lieben Schwägerin selig, so wollen wir wieder einmal die Leute leben . . .« »Ja«, unterbrach ihn mit flotschnassem Lachen sein Bruder, der Chemifeger, »wenn's sein muß, sogar hochleben lassen!« Aber als nun die Frauen verstummten und verwundert, auch verstimmt und unfreundlich auf den hageren Hänsel blickten, der so ungern vom Sterben reden hörte, rief auf einmal der Ludi, der vorher seiner gelangweilten Nachbarin von seinen Erfahrungen als Chemiestudent und von den glänzenden Analysen, die sein Weinhaus mit sämtlichen Marken mache, eins vorgeschwindelt hatte: »Oha, deswegen haben wir unsern Herrn Bruder, den Fürsten auf Rain, nicht mehr unter uns, weil er meint ernten zu müssen, was er gesäet hat. Ernten, ihr Trauergäste, heute, am Tag der Beerdigung seiner lieben Frau selig. Da schaut«, er zeigte durch ein Fenster, »da draußen steht er und geht er und kommandiert er!« Alle hatten sich halbwegs oder gar ganz vom Tisch erhoben und schauten nun aufs Feld hinaus. Der Ausblick wurde ihnen zwar nicht so leicht. Die alles 50 verschattende uralte Linde zwischen Haus und Scheune ließ ihnen nur da und dort ein grünumfaßtes Guckloch offen. Immerhin konnte man rasch gewahr werden, wie in den Fruchtäckern, die sich fast bis ans Rainseelein hinabzogen, drauflosgehastet und gewerkt wurde. Ein mächtiger Brückenwagen war zu sehen und drauf der Bauer Hansbaschi in Hemd und Hose, wie er die goldscheinigen Garben aufbaute, die ihm der Melker Wysel, eine nach der andern, gar behend hinaufreichte. Es war eine Augenweide zuzuschauen, wie der flinke Bursche, dessen junger, nackter Oberleib durch die Linde lachte, die schweren Garben mit seiner neumodischen Schaufel aufnahm und in flottem Schwung unermüdlich hinaufreichte und wie sie dann der bäumige Bauer auf dem Wagen auffing und so bedachtsam und ruhig verteilte. Aber neben den zwei breitrückigen, hochbeinigen Rossen, Vögi und Griß, die sich in ewiger Unruhe, trotz Schutzgarnen und Rauch, der Schmeißfliegen wegen verschüttelten, legte Oswald, der bärtige Küher, die Garben bereit und das Saubethli band sie unablässig für den Wysel zurecht. Die Fuhre erwellte sich vom Erntesegen immer mehr, und es schien, als wolle sie überschäumen. Der alte Meisterknecht, der Hansuoli, war auch noch zu sehen. Er schien nachzurechen! Und nun konnten die Gäste durch die Stubenfenster auch noch die Küchenmagd, die Kresenz, erblicken, die watschelnd wie eine martinigerechte Gans, mit einer gewaltigen Korbflasche in den Armen, auf den hochbeladenen Wagen zustrebte, gefolgt vom Seppeli, dem Nichtlein der alten Zille, das ihr, mit bloßen Füßen zimpferlich über das Stoppelfeld gehend, ein großes Glas nachtrug. Nein, sonst vermochte man aus der Stube, außer dem riesigen Miststock vor der Scheune, um den sich die weißen Hühner herumtrieben, nicht viel mehr zu sehen. Es schien in den Äckern draußen bei der Ernte gar ruhig herzugehen. Man hörte nichts als das immerwährende Klirren des Roßgeschirrs und zuweilen einen landüblichen Fluch des vieleckigen, jetzt unsichtbaren Karrers Johannes, den man aber, kein Mensch wußte, woher und warum, kurzweg Karlima nannte. Jetzt bekam man doch noch etwas anderes zu hören. \>Es donnert!« rief der Ferdi, der Brigitt Anderbalm Erstgeborner aus. »Ja, beim Strahl!« machte seine Mutter. »Ist denn so etwas bei heiterhellem Wetter christenmenschenmöglich?« »Warum nicht?«, meinte der hochstimmige Sigrist von Bohlishusen, der für acht Tage vom heutigen, ungewohnt guten Futter in sich aufgenommen hatte, »so was kann doch passieren. Ich habe übrigens dem Wetter keinen Augenblick getraut. Es hat mir vorgestern zu schnell in der grauen Nebelwolle 52 aufaufgetan, nach einer so langen Regenzeit. Die Alpen sind mir zu nahscheinig geworden. Auch hat's mich die große Zehe des linken Fußes heute morgen wohl merken lassen, daß es ändern will. Es kann landauf, landab kein zuverlässigeres Barometer geben.« Ja, nun wollte die Wetteränderung auch von der weitumgehenden Base ab dem Gerisbüel schon gestern abend gespürt worden sein, und zwar hatten es ihr alteingesessene Krämpfe in beiden Waden wie immer angezeigt, während der alte Pate der verstorbenen Bäuerin ein todsicheres Barometer im Kopf haben wollte. Er behauptete, jedesmal schon acht Tage vorher den Alpenwind, den Föhn, zu spüren, indem er mehr als gewöhnlich nießen müsse und allenfalls schon im kühlsten Nachwintertag schwärmende Bienen zu sehen bekomme. Nein, das gefiel dem Langhänsel nicht, daß man wieder auf dem Umweg über die Witterung auf die Krankheiten zurückkommen wollte. »Roseli, Agnesli und Mikeli«, rief er mit einer Stimme, die noch trockener sich anhörte, als er aussah, »kommt, wir wollen heimzu. Es schickt sich denn doch nicht völlig, daß wir hier auf der faulen Haut liegen und fressen und saufen und über alles Übelzeitige kalendermachen und herrjeseln bis auf die sieben oder acht Landplagen in Ägypten und der Enden zurück; heute wo doch der Vetter, dem wir eben seine Frau zum Grab haben 53 geleiten helfen, da draußen im Feld so draufloswerkt. Und das begreift man auch, daß er sich wehrt, denn man muß mahlen, wenn man Wasser hat. Morgen brächte er wohl die Frucht nicht mehr trocken unter Dach und sündhaft wär's, sie dem bösen Wetter, den Vögeln und Mäusen und der Fäulnis zu überlassen. Kommt, ich muß dann noch mit meiner Base da geschäftshalber auf Gerisbüel hinauf. Sie will mir die neue, im Bau begriffene Sennhütte zeigen, für die ich ihr die Fensterbeschläge, Türfallen und anderes liefern kann. Vielleicht, daß ich dir dann«, wandte er sich an die alte, rauhwollige Bäuerin, die sich mit den andern wieder am Tisch niedergelassen hatte, »im Herbst dagegen einen rechten Posten Obst für meine Süßmosterei im Keller zum billigen Laden abnehme.« »Wohl«, antwortete die Alte, »du kannst gleich mit mir hinauffahren, habe ja Wagen und Knecht da im Dorf unten. Es hätte mir zwar mit Fortgehen nicht grad so malefizisch pressiert, hingegen dagegen sein möchte ich auch nicht, denn es ist wahr, wir können nicht wohl ewig hier drin ohne den Hansbaschi hocken bleiben und festen, wo er doch draußen so ernten und schwitzen muß.« Sie erhob sich und mit ihr der Gemeindepräsident, der als ein entfernter Verwandter des Bauers auf Rain auch unter den Gästen saß. »Ja«, sagte er, »es ist wohl an der Zeit, daß wir uns ab Rain und 54 heimzu machen. Wir haben ja wacker eingepackt; in den nächsten acht Tagen sollte keines von uns verhungern und verdursten. Ich meinerseits habe heute auch noch einen Strich Öhmd einzubringen, das mir lang genug gelegen ist und ausschaut wie nasser Tabak. Und da es mit dem Wetter«, er tat einen Blick nach der Gartenseite durch die Nußbäume, »immer drohender aussieht, die Sonne hat sich ja richtig in die Wolkenwolle einwickeln lassen, so will ich schauen, noch zeitig genug ins Dorf hinunter zu kommen. Vielleicht solange hält's doch noch an, bis ich meine paar Bürden Öhmd unter Dach habe. Also tröste Gott die liebe, allzufrüh verstorbene Base, und«, rief er der alten Stubenmagd, der Zille zu, die eben gewunderig in die Küchentüre getreten war, »wir lassen dem Vetter Hansbaschi Vergeltsgott sagen. Er soll sich nicht übertun.« »Ja, wollt ihr denn wirklich schon gehen?« »Natürlich, Zille«, antwortete die Holzhändlerin Brigitt, sich mit ihren beiden jungen Söhnen erhebend, »wir wollen nun heimzu. Das wird etwa unser Bruder, der Große, schon verstehen, daß wir hier nicht wie die Jünger am Ölberg herumlagern können, wenn er so ins Zeug geht und, es ist wahr, ins Zeug gehen muß. Also sag ihm, es sei alles recht, gut und genug gewesen und ich werde dann bald wieder einmal zu euch hinauf auf Rain kommen. Ich denke halt, der Hansbaschi wird dies und das mit mir zu bereden 55 haben, da es jetzt auf dem Hof doch eine Änderung gegeben hat und weiter geben kann. Er soll also die Sache nicht zu schwer nehmen. Ich hab's ihm ja schon am Todbett seiner Frau selig gesagt, es werde allweg wieder gehen und das sicher. Jetzt behüt dich Gott, Zille, alte Habermuskiste!« sie lachte kurz auf. »Du hast uns ja schon die Mutterbrust mit Habermus entwöhnt. Und weißt du noch, ein junger Doktor hat uns Kindern sogar die Milch aberkennen wollen, schon für die Wiege und behauptet, Apfelmus wäre das einzig Richtige für kleine Kinder. Da hast du zu ihm gesagt – bist damals noch ein baumstarkes, resolutes Weibervolk gewesen – ob denn seine Kinder an der Mutterbrust auch Apfelmus bekommen hätten?« Ein Gelächter ringsum. »Aber es ist wahr«, redete die breitschultrige Frau, »wir sind bei der Habermusplatte und darnach bei Erdäpfeln und Äpfeln in der Uniform gut geraten und der Vater selig ist dabei nicht ärmer geworden. Also grüß mir den Großen! Und jetzt«, wandte sie sich an ihre Söhne, »macht euch zum Vetter hinaus aufs Feld und schaut, ob er euch irgendwie brauchen kann. Vielleicht nicht grad wichtig, denn er hat Leute genug für heute, aber nachfragen könnt ihr. Adieu, ihr Gefreundeten allerseits, laßt euch Zeit und kommt gut heimzu!« Mit festem Händedruck nahm sie von den 56 Anwesenden Abschied und schritt dann aufrecht, mit völligem Männerschritt aus der Wohnstube auf Rain. Es folgte ihr alles nach. Ganz zuletzt der ärmliche Vetter der verstorbenen Frau. Er war bescheiden wie ein Nelkenstock auf einem Fenstergesims, unten am Tisch gesessen, hatte sich immer mit dem gleichen zutraulichen Lächeln von des Langhänsels Töchterchen und der Holzhändlerin jungen Söhnen hänseln lassen und dabei aber sich der guten Sachen auf dem Tisch und des weißen und roten Weins von ganzem Herzen und aus all seinen Kräften angenommen. Und als nun die andern schon über die steinerne Vortreppe des Hauses hinunterschritten und sich von der Haushälterin Zille verabschiedeten, schenkte er sich nochmals sein Glas topfebenvoll und nachdem er's blitzgeschwind in sich hineingeleert hatte, griff er mutig und mit großer Behendigkeit nach den süßen Krapfen, die auf einer umfänglichen Platte, noch gar nicht stark abgebaut, vor ihm standen und stopfte sich dann mit beiden Händen auf Leben und Tod die vielfassenden Säcke seines verschossenen Trauerrockes voll. Alsdann hastete er, mit nicht ganz sicheren Beinen, den andern Leidtragenden nach. 57 II. Die Trauergäste auf Rain hatten sich alle verlaufen, nur der Chemifeger, der Ludi Hochrütiner, stand noch zwischen der Haberkiste und der Häckselmaschine unter dem mächtigen Schirm des Scheunenvordaches und hetzte seinen Köter, den Fliegenschnapper, der aus einer Kreuzung zwischen einem Appenzeller Sennenhund und einer Hyäne hervorgegangen zu sein schien, auf den großen weißroten Bernhardiner. Er war wütend, daß es dieser ablehnte, mit seinem Hund, dessen Stammbaum doch bis in die Pfahlbauzeiten zurückreichen sollte, schön zu tun und gar sich von ihm beschnuppern zu lassen. So unablässig aber der Urhund auf den Bernhardiner, der natürlich Barri hieß, losbellte, half ihm das doch gar nichts. Der edle Hofwächter schaute immerzu über ihn hinweg ins Feld hinaus. Nein, das war doch zum wild werden. Der Ludi fühlte sich einfach irgendwie von dem Rassentier von St. Bernhard mitverachtet, was ihn so aufbrachte, daß er ihm Steine anzuwerfen begann, wobei er sich, wie sein kläffender Fliegenschnapper, in respektvollem Abstand vom Hofhund hielt. 58 Steinigen mochte sich der Barri auch nicht lassen. Also erhob er sich knurrend, die Kette begann zu rasseln. Als nun auch noch eine hochgebaute Fuhre Garben, auf der jauchzend das Saubethli, und des Rainlers Neffe, der Ferdi, hockten, aus den Äckern auf die Scheune zugeführt wurde, machte sich der Ludi samt seinem Hund so schnell als tunlich vom Hof weg und rainab, den andern Leidtragenden nach. Wie wunderte er sich, daß seine Schwester Brigitt, die Holzhändlerin, die bei den welkenden Kartoffeläckern am Weg stand wie ein hochgebautes Haus mit Seitenlauben und sein Bruder Langhänsel, der ihm sonst immer auszuweichen trachtete, weil er in fortwährender Angst lebte, von ihm angepumpt zu werden, auf ihn zu warten schienen. Und gar allein waren sie. Das Roseli, das Agnesli, und das Mikeli, die Töchterchen des Langhänsels und seiner Schwester jüngerer Sohn, der Alex, der noch ein Knabe war, rannten vor des Langhänsels Frau dort unten schon aufs Dorf Bohlishusen zu. Ja, was mochte denn da los sein, wie kam er zu der außergewöhnlichen Ehre, daß seine eiskalte Schwester und sein knauseriger Bruder Hänsel ihm warteten? Gewiß hatten die beiden im Sinn, ihn auf irgendeine Weise auszunutzen, ihn für irgendein fragwürdiges Geschäft zu gebrauchen. Nun, warum denn nicht, wenn dabei auch für ihn etwas herausschauen wird. 59 Er gedachte sogar, sich zu beeilen, um sich den allfälligen Glücksfall ja nicht entgehen zu lassen. In der Hast stolperte er aber über seinen Pfahlbauerhund und kugelte ein Stück Wegs rainab, sodaß er seinen lieben Geschwistern richtig gerade vor die Füße zu liegen kam. Nicht allzurasch war er wieder auf den Beinen, doch so, daß er sich wie ein Boot auf verebbender See noch ein wenig auswackeln mußte. »Was ist's, was gibt's, warum wartet ihr auf mich?« fragte er. »Wollt ihr mir endlich, wie sich's gehört einem unglücklichen Bruder gegenüber, unter die Arme greifen? Habt ihr euch besonnen, daß es euch vögeleinwohl ergeht, daß ihr beide nur so durch die Butter flotschen könnt, während ich ein armer, ausgehauster Mensch bin, ein Provisionsreisender in Wein, ein armer Lazarus am Tisch des reichen Prassers. Alles, was ich noch habe, ist dieser Sennenhund, dieser Fliegenschnapper da, der noch lange nicht so voll Flöhe ist, wie ich voll Schulden. Aber«, setzte er bei, den andern, die schweigend rainab gingen, folgend, immer den Kopf etwas links häldend und den aufgegangen Schuhnestel nachziehend, »ihr seid es vor Gott und Welt schuldig, mir zu helfen und mich ab und zu mit einer Handvoll, es können auch zwei sein, Silberlingen zu unterstützen oder mir ein Banknötlein, samt dem Weltdreck dran, in den Sack zu schmuggeln, statt wie 60 bisher mich so alle heiligen Tage, wenn's wohl will, mit einem Almosen abzuschaufeln. Ihr habt ja nach des Vaters Tod mit dem Großen auf Rain die Erbtorte so geteilt, daß ich davon kaum ein süßes Maul hab bekommen können. Der Hansbaschi ist noch der einsichtigste von euch, er hat mir schon mehr als einmal die Gläubiger abgenommen. Ihr aber wollt auch gar nie etwas für euern leibeigenen Bruder tun. Es ist ja Tatsache, ich will's nicht leugnen, ich habe an den Schulen eine ansehnliche Sache verputzt, aber zum ersten habe ich gemeint, der Alte habe noch mehr und zum zweiten, ich klage euch alle drei an!, zum zweiten, wenn ihr mich hättet fertig und mein Examen machen lassen, wenn ihr mir geholfen hättet, so stände jetzt ein Doktor der Chemie vor euch, der selber die Weine, die nun andere taufen und saufen, analysieren und die exquisitesten draus einkellern könnte. Ihr habt mich im Stiche gelassen und nun muß ich mich, der verunfallte Doktor summa cum laude , als Reisender in Weinen im Land herumtreiben, von Weinen, von denen die schlechten Hunde sagen, ich vergifte die Leute damit. Also gut, ihr könntet für mich schon etwas mehr tun, ihr lieben geschwisterlichen Feißesser!« »Ludi«, machte die Holzhändlerin, »jetzt halt einmal das Maul! Das alles haben wir von dir fast jeden Sonntag, aber sicher und heilig an allen Kirchweihen und sonstigen Saufgelegenheiten von Vereins 61 wegen, die's so viel landauf, landab gibt, gehört. Und du hast, wenigstens von mir weg, noch selten mit einer leeren Hand abziehen müßen, wahr oder nicht?« »Heja, ich sag's ja, halt so ein Almosen«, gab der Chemifeger zurück. »Und gar der Langhänsel da, mein teurer und insonderheit immer reicher werdender Bruder, dessen Geldsäckel beständig um das dicker wird was er schmäler, ist nie zu Hause, wenn ich in Nöten einmal zu ihm in den sogenannten billigen Laden komme. Nein, heißt es dann immer zuckersüß, süßer als ein Sackvoll Kandiszucker und ein Faßvoll Himbeersirup« – die beiden andern lachten kurz auf –, »nein, mein lieber Johannes ist nicht zu Hause, er ist verreist. Wenn aber der Vetter gern einen guten Stumpen rauchen möchte, so . . . Hänsel,« sagte er jetzt überlaut, aus der Stimme fallend, mit der er seine süßliche Schwägerin im billigen Laden ziemlich gut nachgemacht hatte, »du bist ein geiziger Mensch, ein Rappenspalter und Brosamenklauber, du verdienst niemals einen so gebildeten Bruder zu haben. Ich . . .« »Schweig doch«, unterbrach ihn jetzt der Langhänsel, »das hat ja alles keinen Wert, das Geplärr können wir schon lang auswendig und auf jedes Verlangen in der Schule oder in der Christenlehre aufsagen. Wenn du aber so gescheit bist, was ich aber nicht 62 glaube, sonst tätest du nicht so dumm, – und so ein verkanntes Genie, wie du immer sagst, so hilf uns jetzt eine Angelegenheit oder eine Art harter Nuß auskerben, die für uns alle, auch mehr oder weniger für dich, wichtig genug ist und es erst recht noch werden kann.« »Das meine ich auch«, stimmte die Holzhändlerin zu. Jetzt wurde ihr liederlicher Bruder rasch still. Er duckte sich, lauernd was da wohl kommen möchte. »Das drohende Gewitter, das uns von Rain weggetrieben hat, scheint sich völlig verziehen zu wollen«, redete der Langhänsel, »wir müssen also nicht so hündisch pressieren. So hör denn Ludi: Wir haben heute unserm Bruder Hansbaschi seine Erste beerdigen helfen. Ich will's kurz machen. Kinder sind ja keine da. Nun wird er, das ist ja so sicher und gewiß, wie uns der Steuerzettel allundein Jahr, bald genug an die Zweite zu denken anfangen. Damit ist aber vielleicht ihm, aber keinenfalls uns dreien gedient. Bisher haben wir immer noch hoffen können, da es ja keine Nachkommenschaft auf Rain gegeben hätte, es sei uns am End nochmals vom Schicksal bestimmt, auf unseres Vaters Hof hinaufzukommen. He, ich wünsche ja unserm Großen natürlich auch ein langes Leben, aber das kann uns niemand zürnen, daß wir alle Fälle bedenken. Kein Mensch ist sicher, und wenn er alle Markbeine allein aussaugen dürfte, daß er auch 63 nur sechzig, geschweige achtzig Jahre alt wird. Ja, man hat Beispiele genug, daß niemand bestimmt weiß, ob ihm das Glöcklein am Abend, das ihm das Zeichen zum Tanz zu geben schien, nicht am Morgen zum Sterben läutet. Und wenn einer von pickelhartem Marmelstein gemacht wäre, so kann ihn der Blitz doch spalten. Und jetzt, was sagst, Ludi, ich und die Brigitt meinen, man könne einen solchen Fall, der einen so großen Hof angeht, nicht zu früh bedenken. Da ist's uns, es wäre vielleicht gut, ja nichts als recht und billig, wenn wir drei dem Hansbaschi für eine zweite Frau sorgen täten. Du kannst es ja auch wissen, er selber ist in der Richtung etwas scheu und auch willwänkisch, ja seltenpickerisch. Man hat ihm ja seine Erste schon fast anreizen und ins Haus tragen müssen. Freilich hat damals niemand auch nur geahnt, daß diese seine erste Frau mit dem Taufstein nichts zu tun haben könnte. Und diesesmal aber, meinen wir, wär's für den Großen und, heja, dann allweg auch für uns, nicht ungeschickt getan, wenn wir ihm, aber natürlich ohne daß er's merkt – gottlob ist er ja nicht der merkigste und denkt an so etwas überhaupt nicht –, eine zweite Frau zuhalten könnten, und zwar, ich will's grad frei heraussagen, wir sind ja unter uns und für uns alle geht's da um allerhand, – und zwar eine, von der man wüßte, daß sie keine Kinder bekäme. So meinen wir's.« 64 »Aha«, machte, laut denkend, der Ludi Hochrütiner, »da liegt das Zicklein in der Pfanne.« »Heja«, sagte jetzt die Holzhändlerin, »was ist denn dabei? Ja, da liegt's. Ich nehme an, du seiest der letzte, der allenfalls nicht mitkäme, wenn man nochmals auf unsers Vaters Hof hinauf erben gehen könnte, obwohl ich ja dem Großen auch alles Gute wünsche und ein Alter über die biblischen Patriarchen hinaus. Wenn's aber eben anders beschlossen sein sollte im Geschick und weil man weiß, wie unser Bruder, trotzdem er so schwer und bäumig aussieht, doch immer der ungesundeste unter uns Rainleuten war, so ist's doch gewiß nichts als klug und vorbaulich, ja eigentlich unsere Pflicht, das alles zu bedenken bevor's zu spät sein könnte.« »Sowieso«, lachte kurz der Ludi auf, »und dann sehen zu müssen, wie die allfälligen Kinder des Hansbaschi so elternlos in der Welt stehen und eine muntere Witwe vielleicht einen andern Vater für sie auf den Rain hinauf anschafft.« Die beiden, der Langhänsel und die Brigitt schauten einen Augenblick etwas benommen drein, aber sie erholten sich gar schnell. »Ludi«, sprach die Holzhändlerin, mit eiskalten Augen, »wenn du lieber nicht in dem Ding sein willst und uns mit etwa einem wegweisenden Wink, den wir heute vielleicht nicht übersehen würden, dabei 65 sein magst, so kannst's ja bleiben lassen. Wir wissen dann, woran wir mit dir sind und können uns künftig darnach einrichten. Ich glaube aber, du werdest nicht der Esel sein, du, ein so geschulter Fastundgarprofessor, daß du dich nicht von deiner leeren Haberkiste weg allenfalls eines Tags an den vollen Baren machen möchtest. Sonst . . .« »He natürlich, Brigitt, bin ich dabei«, warf der Chemifeger schnell ein, »selbstverständlich. Ich habe nur so gemeint, es hätte vielleicht nicht so pressiert, so grad heute schon, aber«, setzte er ebenso eilig bei, als er des Langhänsels Lippen wie ein eisernes Schloß am Geldbeutel zusammengehen sah, »aber am End ist's ja allweg besser, beizeiten eine Sache von solcher Wichtigkeit zu bedenken, denn wenn der Vogel aus dem Nest ist, lauern die Katzen umsonst, und ist kein Fisch so dumm, auf eine Angel ohne Köder anzubeißen. Wohl, freilich bin ich dabei und wenn ich also eine Meinung haben und etwas raten und dazu tun kann, so . . .« »Gut«, schnitt ihm Brigitt das Wort ab, »wenn wir aufrichtig sein wollen, so müssen wir sagen, daß wir uns, und du Ludi erst recht, denn du wärest es am bedürftigsten, während der langen Ehezeit unseres Großen, da sich keine Kinder zeigten, immer ein wenig am Gedanken erwärmt haben, es könnte uns doch vielleicht noch einmal beschieden sein, auf Rain hinauf zu einer Erbteilung zusammenzukommen. Nun 66 aber würde uns das alles durch eine ungeschickte zweite Heirat Hansbaschis für immer vernichtet. Also ich sag's nochmals, ich wünsche unserm Großen alles Gute und Schöne, aber deswegen meine ich gleichwohl, wir sollten ihm eine Frau wissen und auch klugerweise zuhalten, die ihn nur so auf Abbruch nähme, aber jedenfalls eine, von der wir voraussetzen könnten, daß sie keine Kinder bekäme.« »Ja, ja«, meinte der Langhänsel, »das ist aber eben eine ganz schwierige . . .« »Und eine schmierige Frage«, dachte der Ludi; er behielt es jedoch wohlweislich für sich. »Eine schwierige Frage«, redete der andere zu, »wie sollten wir für den Hansbaschi so ein Weibsbild auftreiben können, gar ohne daß er's merkt. Ich weiß keins, wie sollte ich auch.« »Nun«, sprach die Holzhändlerin, »man wird ja sehen. Unsereins weiß da viele Wege. Es müßte kurios zugehen, wenn ich nicht eine fände, die uns, aber auch dem Großen, passen könnte. Freilich, zu lang kann man das, wie ich das Mannsvolk kenne, nicht anstehen lassen und verdummen. Der Hansbaschi ist noch ein Mann in guten Jahren und sowieso heißt's gewiß auch bei ihm eines Tages: Lieber ein junger Hochzeiter als ein alter Landammann.« »Jedenfalls«, meinte der Langhänsel, und sein eingetrocknetes Bocksgesicht sah dabei aus wie ein altes 67 Sittenmandat auf Pergament, »müßte man suchen, den Großen von seinen Mägden abzuhalten. Und das halte ich für das heikelste und schwierigste Kapitel, denn ich glaube, so etwas sei schier unmöglich, das weiß ich.« »Ja, und erst ich!« rief der Ludi aus. Die andern lachten kurz auf. »Ja, ja, du Halunk, hast uns seinerzeit eine schöne Suppe eingebrockt«, wandte sich der Langhänsel an seinen Bruder. Der schien ihn aber nicht zu hören. Er stoffelte nur so mit grinsender Fratze, seine Schuhnestel immer ein wenig hintennach faulenzen lassend, dahin. Er mochte wohl das Bilderbuch seiner vergangenen stürmischen Jugend auf Rain betrachten. »Nein«, sagte aber jetzt die Brigitt, »so was tut der Hansbaschi nicht, da kennt ihr ihn schlecht und meßt ihn irrigerweise mit eurem Maß. Der Große ist ein ganz anderer Faden als ihr beide, obwohl er von der gleichen Mutter herkommt. Das ist einer, der da noch allerlei Sperren und Wuhren findet, wo ihr Nachläufer nur offenes Wasser seht. Und hat es keine Sperren, so macht er sich solche. Er ist eben vornehmer als ihr und zu heikelnäschig, als daß er sich an jeden rauhbaumwollenen Unterrock hängt, wenn sich's wohl schickt. Der trinkt auch nicht aus jedweder mehr oder weniger saubern Gumpe am Weg, auch wenn's ihn noch so dürstet, und ihn das stille Gümplein 68 anlächeln würde wie die liebe Sonne. Also, ein gelächeriges, anmächeliges Zifferblatt allein tut's dem nicht. Es muß ihm so eine Art von etwas Geistigem dabei sein, eine Jungfer, bei der man das Öl im Lämpchen schön, vielleicht gar so ein bißchen weihnachtlich, aufscheinen sieht, wenn auch nicht grad eine Heiligenampel. Es genügt dem Hansbaschi nicht wie euch und andern, beide Arme recht voll Weib zu haben. Er will mit seiner Frau auch noch allerlei entkernen können, was mir und euch so gleich wie lang ist. So war er immer, ein Sinnierer, bei all seinem tüchtigen Zugreifen in Haus und Hof. Und da er sich hierin bei seiner Ersten gehörig verrechnet hatte, so wird er sich eine Zweite schon noch gründlicher ansehen, bevor er sie nimmt.« »Ja, das kann sein, wohl sein, daß der Große so ist. He gut, wenn er also in seiner Zweiten mit einem wohlgewachsenen Weibervolk, denn das will jeder haben, zugleich eine heimtun möchte, die auch noch geistige Interessen hat, und die neben dem Katechismus auch noch allerlei anderes auswendig oder vielmehr inwendig weiß, so wüßte ich ihm eine solche«, machte jetzt wichtig und eifrig der Chemifeger. Die andern horchten auf. »Ja«, redete der Ludi weiter, »da weiß ich Rat. Ich habe meine Augen überall und Röntgenstrahlen sind nur Nachtlichtlein mit Ölfunzen dagegen, die man 69 alle Augenblicke schneuzen muß, wenn man drei Schritte um sich sehen will. Und beim Weibervolk habe ich die Augen natürlich nicht zuletzt, denn ich bin ja kein Brunnenstock. So weiß ich immer, was in Sachen Liebe und ihrem Drum und Dran etwa läuft und wo eine lieber alle Nacht einen frischen Buben, statt nur alle Monate den Mond in der Kammer hätte. Ich kenne bereits eine jede im ganzen Kanton, und wenn ich sie kenne, so weiß ich auch, was für eine sie ist bis auf ihre Elsteraugen hinunter. Warum?, weil ich halt auf der Geschäftsreise allgegenwärtig bin und auch das hinterste, oberste und unterste Pintlein zu Berg und Tal . . .« »Ludi, das kannst du uns ein andermal verlegen«, unterbrach ihn ziemlich entschieden seine Schwester. »Also, wenn du meinst, du wissest eine, die für den Großen und unsere Absichten in Frage käme, so rück einmal aus!« »He, meinetwegen, ich will euch nicht länger warten lassen. Ich weiß wohl, ihr haltet nichts von mir und nehmt alles für Schwindel was ich sage, aber hier nun, denkt ihr, könnte der Chemifeger am End doch etwas wissen, denn er kommt weit herum und hat die Augen nicht im Sack, auch wenn er besoffen ist. Also, um bei der Landwirtschaft zu bleiben, in unseren Falle geht's ja um kein Prämienrind, sondern nur um eine Art Nutzkühlein. Gut, ich will ausrücken. 70 Ich kenne eine junge Witfrau, ja blutjung ist sie und obwohl sie erst anderthalb Jahre verwitwet ist, heißt's ja gewiß auch bei ihr wie bei allen Weibern in Trauer: Bin Witfrau, bin Witfrau schon mehr als acht Tag; welcher will mich, welcher will mich? Bin schon wiederum parat! Und die ich meine, ist des Franztonis Apelluneli aus dem obern Schloo. Ich weiß aber nicht, ob ihr sie allenfalls auch kennt. Du, Hänsel, könntest sie kennen.« »Hewohl, freilich kenne ich dieses Witfrauchen«, rief der Langhänsel aus. »Sie läßt immer etwa dies und das in meinem Laden holen. Auch nehme ich die Milch aus der Genossenschaftsmolkerei, der sie seit einiger Zeit vorsteht. Jaso, die! Auf die wäre ich freilich nicht zuerst gekommen. Sie ist noch gar jung und dabei sieht sie so zimpferlich aus wie eine Spielpuppe, die nur mit Sägemehl ausgefüllt ist. Hingegen das muß man ihr gelten lassen, sie nimmt die Sache in der Molkerei gut zuhanden. Man rühmt sie und sagt, das Weiblein sei sapperlotts umtunlich und sehe mit vielen Augen, wie eine Spinne hinter dem Netz. So, so, die. Ja, potz Donner, die hab ich zufälligerweise schon gekannt als sie noch ein kleiner märzentupfiger Knopf war und etwa mit ihrem Vater selig, mit dem Franztoni und einem mageren Kühlein zu Markt nach Ruslangen gekommen ist. Immerhin aber für einen so großen Hof, wie der auf Rain . . . 71 Und zudem«, machte er verdrossen werdend, »nein, von der kann doch keine Rede sein. Sie ist viel zu jung und würde also das Rainhaus in eine Kleinkinderbewahranstalt verwandeln. He, du Langohr, wie kommst du denn grad auf eine so blutjunge, du weißt doch, was wir wollen?« »Eben bin ich auf das Schlooapelluneli gekommen, weil das die Wiege auf der Winde unseres Vaterhauses auch dort stehen lassen müßte, wo sie steht«, sagte allwissend dreinsehend der Ludi. »Seht, ihr kennt sie eben doch nicht. Vielleicht aber habt ihr etwas von ihr tönen hören. Nämlich, das Apelluneli aus dem Schloo sollte doch zuerst Lehrerin werden, weil sie eine schauerlich gute Schülerin gewesen war. Sie wollte zwar gar nicht, aber der Alte bestand drauf. Sie war seine einzige Tochter und sein Gütlein wollte er dransetzen, sie gehörig schulen und etwas Gelehrtes aus ihr werden zu lassen. Als sie aber am Seminar in der Stadt war, verbrachte sich einer ihrer Lehrer in sie und nach einem Jahr war sie seine Frau. Bald darnach starb ihr Vater und das Heimwesen kam an einen Oheim. Das Apelluneli also war drei Jahre lang mit dem höheren Schulmeister verheiratet, volle drei Jahre, und zwar lebten sie in der Stadt, aber Kinder hat sie keine bekommen, trotz dem vielen Wissen des städtischen Storches. Und als auch ihr Mann unerwartet schnell starb, machte sie sich so rasch 72 als tunlich wieder heimzu, denn sie hatte immer eine heimliche Sehnsucht nach dem Bauerngewerbe, nach Luft und Licht. Und so ist's gekommen, daß man sie, auf ihres wohlhabenden Vetters Verwendung hin, in der Molkerei da unten in Bohlishusen anstellte und nun scheint's ihr nicht unwohl dabei. He, aber natürlich, wenn sie in einen rechten Bauernbetrieb, gar auf Rain einheiraten könnte . . .« »Hat sie etwas?« fragte jetzt fast barsch die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm dazwischen. Sie hatte bisan nur allem so anscheinend gleichgültig zugehört, wie etwa eine Tochter ihrer Mutter, die sie vor dem Männervolk warnt. »Ja, vielmehr als fünf Finger an einer Hand wird sie auch nicht haben«, antwortete der Ludi, »ich weiß das nicht so genau. Jedenfalls ist sie jung, und junges Weibervolk ist immer wohlhabend. Es hat warm und gibt warm.« »Hewohl, freilich hat sie etwas«, sagte der Langhänsel. »Als ihr Alter, der Franztoni, gestorben ist und ihr Heimwesen an den Oheim im Berglihof übertragen wurde, hat sie einen Ausrichtungsbrief von fünftausend Franken erhalten. Auch aus der Stadt soll sie einen schönen Hausrat heimzu gebracht haben. Es ist das alles ja nicht viel, aber viel mehr als nichts. Also was das anbelangt, auf das muß ja der Große zuletzt schauen.« 73 »Nein, allweg nicht, sondern der Hansbaschi wird, wie wir ihn kennen, etwas Geistiges als Zugabe wollen und ich habe euch ja schon gesagt, ich wisse so eine und da wäre nun also das Apelluneli aus dem Schloo«, sagte der Ludi, »die hätte das Zeug dazu, dem Großen den Kopf voll zu machen mit ihrem geistigen Tudichum. Sie ist zwar eine Bauerntochter aus unserer Welt, aber lange genug in die Schule gegangen, um einen Hansbaschi dazuzubringen, daß er wieder an irgendeinen St. Niklaus für erwachsene Kindsköpfe glaubt. Kurz, sie ist ein gescheites Krötlein, und was man im Kopf hat, ist bald auf der Zunge. Es heißt, sie könne sogar Klavier spielen. Ihr wißt ja, was für ein Musiknarr der Große ist, wie er immer als junger Feger Sonntags und auch am Abend etwa in das Guckauskämmerlein hinaufgestiegen ist, um eine Weile die Klarinette zu blasen. Jetzt soll er, scheint's, in seiner hintern Stube ab und zu musizieren. Sowieso, dieses Apelluneli, habe ich gedacht, wäre wie von Gott extra für den Hansbaschi gemacht, in jeder Richtung.« »Ja, ja«, meinte die Schwester, »aber wenn sie drei Jahre lang auch keine Kinder bekommen hat, so wären vielleicht doch noch welche angerückt, hätte ihre Ehe nicht ein so rasches Ende genommen. Da hat man doch Beispiele genug, daß . . .« »Brigitt«, redete der Chemifeger geheimnisträchtig, 74 »das alles möchte ja sein, aber zum ersten ist's doch ein Gegenbeweis. daß sie solange kinderlos geblieben ist und dann hat mir die Wirtin im »Blauen Falken« im Vertrauen gesagt, das Apelluneli könne überhaupt keine Kinder bekommen. Sie habe es aus sicherer Quelle, nämlich von der alten Umsagerin, die es von der Tochter der Hebamme gehört habe.« Nun gab's ein längeres Schweigen. Endlich aber sprach die Holzhändlerin aus der Wydlen: »Man kann ja sehen, es ist da noch allerlei möglich, aber lang zuwarten können wir nicht. Es würde immerhin nichts schaden, wenn man diese kleine Witfrau, das Schlooapelluneli, ich kenne sie nicht, denn ich komme wunderselten ins Dorf, – mit unserm Großen einmal zusammenbringen könnte. Man sieht ja dann bald, ob der Fisch anbeißt und ob die Angelschnur zieht. Ja, wenn ich alles überdenke, was ich nun über dieses Witfrauchen gehört habe, so ist's mir, man sollte da etwas zu machen suchen.« »Freilich«, stimmte der Langhänsel zu. »Diesmal, meine ich, könnte der Ludi doch einmal den erwünschten Weg gewiesen haben. Ich sag's auch, dieses Apelluneli ist ein malefiz appetitliches und leichtgängiges Weiblein. Bei dem federt noch alles.« Er kicherte ein wenig und schloß dann: »Also ein Witfrauchen nach dem Herzen des Großen. Schaut dann, ob's nicht so ist.« 75 »Hänsel«, sagte die Holzhändlerin, »dir gefällt sie, das findet man ohne Bergspiegel heraus.« »Das will ich meinen, ich nähme sie noch zu meiner«, gab er lachend zurück, »aber sie muß einem jeden gefallen, dem das Knie noch knallt, heja, und den andern auch. Einen abgemalten Urgroßvater an der Wand könnte die noch zum Lautlachen bringen.« »Ja, das kann schon sein«, antwortete die Schwester; »aber bei dem Hansbaschi, obwohl ihm das Knie sicher und heilig noch knallt, gilt das nicht alles. Der Hansbaschi, ich hab's schon gesagt, ist nicht wie jeder andere, wie zum Beispiel du, der zuerst aufs glatte Zifferblatt und auf seine Vergoldung schaut und sich erst nachher frägt, ob die Uhr recht geht. Immerhin, ich sag's nochmals, man sollte da gleichwohl mit dieser Witfrau etwas unternehmen können.« »Alles schön und gut; aber wie will man dieses Weibervölklein an den Hansbaschi bringen?« fragte schier ungehalten der Langhänsel. »Wenn er etwas merkt, springt er uns augenblicklich ab der Schaukel. Und so dumm ist er auch nicht, daß er, wie ein einfältiges Schaf, der Lecktasche ohne weiteres nachläuft.« »Da, meine ich«, entgegnete die Brigitt, »sollte sich dennoch etwas machen lassen. Es hat schon Schwierigeres aneinanderzuknüpfen gegeben. Der Große hat mir ja vor kurzem am Tisch gesagt, als ich auf die Wirtschaft in Haus und Hof zu sprechen gekommen bin, er 76 gedenke eine junge Haushälterin zu dingen. Auf die alte Zille sei, bei ihrem besten Willen, nicht mehr grad viel zu rechnen. Auch wolle er, daß sie sich zur Ruhe setzen könne. Sie habe lange genug für den Rain gewacht und gewerkt. Einen jungen, gesunden Menschen wolle er auf seinen Hof. Freilich nicht bloß so einen Dengelhammer, sondern eine Haushälterin mit gutem Tudichum und einiger Schule, die nicht gleich erbleiche, wenn sie Gedrucktes zu lesen oder gar ein Brieflein zu schreiben habe. Natürlich müsse er eine anstellige und angriffige Schafferin haben; aber ihre Augen brauchen deswegen nicht bloß, wie die Bremen, den Kehrichtkübel des Hauses und den Miststock vor der Scheune zu hüten. Die Bienen seien ja auch fleißig und gehen doch den Blumen nach.« Sie lachte ein wenig. »Solche Ansichten«, meinte sie weiter, »kann doch wohl nur unser Hansbaschi haben. Das viele Lesen hat ihm darin noch geschadet. Also, da laßt mich nur machen. Ich gehe ja nächstens wieder zu ihm auf Rain. So kann ich ihm dann allenfalls von diesem Witfrauchen und der Molkerei berichten und es ihm schön, wie er's gern hat, anmalen. Gibt's darnach Gelegenheit, daß er mit ihr zusammenzubringen ist, um so besser. Und ist auch das Schlooapelluneli willig, haben wir ihr den dicken Vogel einmal aufs Gesims gebracht, so wird sie gewiß nicht aufhören zu locken und zu zängeln, bis er ihr aus der Hand frißt.« 77 »Ja, ja, geliebte Schwester vom Rotenbach, du weißt, wie's die Vögel haben und wie man sie auf die Leimrute und in den Käfig bringt«, machte, dreckig lachend, unsicheren Schrittes mit seinem immer, samt dem Zylinder, linkshäldenden Kopf dahinschuhnend, der Ludi Hochrütiner; »aber es gibt unter den Vögeln doch auch welche . . .« »Halt 's Maul!« schnauzte ihn halblaut der Langhänsel an. »Es gibt da Ohren.« Sie waren eben ins Dorf Bohlishusen hineingekommen. Als sie jetzt um eine Hausecke bogen, an der ein Briefkasten mit seinem Schweizerschildlein hing, prallte der Chemifeger, den nun ein arg zunehmender Durst voraustrieb, auf ein Doppelgespann, das aus einem alten, zerlumpten und barhäuptigen Männchen und einer jungen, hübschen Frau bestand. Sie zogen miteinander einen Handkarren. »Herrgottabeinander, überrennt uns nur nicht«, rief der Ludi aus, »mit eurem Bennlein! Ja, wenn ihr wenigstens ein Sechsplätzerauto wäret, so könnte man sich schon eher verkarren lassen; aber nur so von einem Handwägelein, dem ein eiszeitgrauer Esel und ein bodenständiges Rassentierlein vorausgehen . . . Oho, nehmt mir's nicht für ungut«, machte er aber jetzt, »Ihr seid's, Frau Winterlin! Ja, sapperlot doch auch, wie kommt Ihr dazu, Euch mit einem meiner besten Kunden in Erdäpfelfuselgeist zusammenzuspannen?« 78 »Heja«, sagte die junge kleine Frau, die mit ihrem alten Genossen eben um die Ecke gekommen war, »der graue Bursche da, der Märtel, hätte es doch mit diesem Fuhrwerklein zu streng gehabt, da die Gasse hinauf«; sie ließ die Handhabe des ziemlich plumpen Handwagens fahren. »So habe ich ihm eben ein wenig über das Ärgste hinweghelfen wollen. Ich muß ihm doch unten in der Molkerei zu schwer aufgeladen haben, und das Büblein da, sein Großkind«, sie blickte sich nach einem triefnäsigen kleinen Knaben um, »vermochte ihm nicht genügend zu stoßen. Jetzt aber«, sie wandte sich an den alten Tagner, » solltet Ihr's auch allein weiterbringen. Es geht ja da gegen Hergisau hinüber gradaus.« »Ja, ja, ja«, machte nun übereifrig, überfreundlich der Langhänsel, »also so ein hilfsbereites Geschöpf bist du, Apelluneli! Nichts für ungut, daß ich dich duze. Ich bin ja ein bestandener Mann, und du kommst mir, trotzdem du schon eine Witfrau bist, immer vor wie ein Erstkommunikantenkind. Also die barmherzige Samariterin spielst du an dem alten Süffel!« Verwundert schaute das Frauchen aus moorwasserbraunen, goldhaltigen Augen einen Augenblick auf den Langhänsel, seinen langen, hagern Nachbarn zum billigen Laden. Obwohl es wohl wußte, daß er, bei all seiner sonstigen Trockenheit, dem Weibervolk recht schön tun konnte, war ihm das heutige aufgeräumte 79 Gehaben des bekannten genauen Rechners doch eine Überraschung. »Heja«, antwortete sie, »ich habe dem alten Burschen halt ein paar Käse zuviel aufgeladen. Er muß mir die Ware nach Hergisau hinüberbringen. Es ist nur, daß er auch etwas verdienen kann. Er steht mir eben immer vor der Tür. Und da just in der Molkerei niemand herum war, der abkommen konnte, so habe ich ihm die Gasse hinauf den Karren ziehen helfen; was ist denn dabei?« »Ihr habt doch ein gutes Herz, Frau Winterlin«, redete spöttisch der Ludi. »Wenn's aber wieder einen Karren von der Molkerei wegzuziehen gibt, so will ich mich«, er zwinkerte mit muntern Schweinsäuglein, »mit Euch schon zusammen anspannen lassen. Der Weg nach Hergisau braucht dann nicht grad der Bahnlinie nach zu gehen; denn es heißt ein Spruch: Ein guter Krumm ist nichts um.« Die junge Witfrau errötete flüchtig, antwortete aber nichts. Sinnend, ein wenig verlegen schaute sie dem weiterrumpelnden Handwägelchen nach, das nun der Tagner, neben dem sein barfüßiger kleiner Enkel einherhündelte, allein zog. »Aha, soso«, begann die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm zu reden, »Ihr seid also des Franztoni Grütters Tochter aus dem obern Schloo, die vor ein paar Jahren in die Stadt geheiratet hat und nun der hiesigen Molkerei vorsteht. Es freut mich, daß ich Euch 80 grad so unvermutet am Weg hab begegnen können. Ich komme eben nicht viel ins Dorf. Habe genug zu tun und zu schauen in der Wydlen am Rotenbach. Ich nehme an, Ihr werdet in Euren Kinderzeiten etwa auch schon auf unsern Holzträmeln bis hart vors Sägeblatt geritten sein. Es kommt ja immer etwa ein Schärlein Kinder aus dem Dorf, etwa vom Rainseelein weg dem Rotenbach nach zu unserer Säge gelaufen. Ich habe freilich auch schon dies und das und manches, was mich freuen täte, wenn ich Euch wäre, über Euch berichten hören. Aber, heja«, setzte sie mit bestimmter werdender Stimme bei, »Ihr seid scheint's längere Zeit in der Stadt gewesen und sollt gar so eine Art Doktor, einen bessern Schulmeister, zum Mann gehabt haben. Soll man nun zu Euch Sie sagen?« »Behüt uns, gar nicht, was denkt Ihr«, antwortete die junge Frau, »ich habe das Siesagen selber wieder gern verlernt. Bin ja das Ihrzen und Duzen von Kindsbeinen an gewohnt, wie sich's für eine Bauerntochter wohl schickt. Auch mein Mann selig, der doch ein Stadtkind war, hat mir einmal gesagt: Zwischen Du und Du sei nichts, zwischen Ihr und Ihr sei schon ein Hag, zwischen Sie und Sie aber ein doppelter Hag.« »Ja«, meinte der Ludi, seinen entlehnten Zylinder etwas aus den Augen rückend und einen zerlutschten Zigarrenstummel wieder anzündend, »manchmal wär's 81 aber auch gut, es hätte zwischen Du und Du auch einen doppelten Hag, nein, eine Mauer, so könnte einen dann nicht so mancher hinterhältige Hund und diese und jene falsche Katze unversehens beißen und kratzen.« »Ja, da mögt Ihr recht haben«, stimmte die kleine Witfrau bei. Die Brigitt aber und der Langhänsel schauten verwundert auf ihren kürzer geratenen Bruder herab. »Wie kommt denn dem Lump auf einmal so ein moralisches Aufstoßen?« dachten sie. Jedoch sie vergaßen das sofort, denn jetzt sagte das Frauchen aus der Molkerei: »Ihr seid also wohl die Frau Meisterin aus der Wydlen, die Frau Anderbalm?« Die Holzhändlerin lachte, wenn man das Scheinchen Aufheitern über ihr hartes, aber spiegelglattes Gesicht so nennen konnte. »Ja, die bin ich«, antwortete sie. »Ich habe ja mit Eurem Vater selig, mit dem Franztoni Grütter, noch bei Lebzeiten meines Mannes auch etwas geschäftet. Er verstand es, uns da und dort einen schlagreifen Wald zuzuhalten, und nach meines Kaspars Ableben hat er mir an den Holzganten manchen Dienst geleistet, wofür ich ihm freilich immer wieder angestanden bin, wenn er geldnötig war. Mit leeren Händen ist er nie von mir gegangen. Das hätte ich auch sagen können, als Ihr auf der höheren Schule in der Stadt waret und Euch daran gemacht habt, 82 Lehrerin zu werden. Gut«, setzte sie bei, mit den beiden Brüdern der jungen Frau folgend, die jetzt, ihre Hände an der weißen Schürze abputzend, wieder die Gasse hinunter auf die genossenschaftliche Molkerei zu ging, »ich hoffen wir bekommen uns wieder zu sehen. Es wird etwa schon Gelegenheit geben. Unsere Milch fahren wir zwar nach Ennetbrugg, das uns noch näher liegt als Bohlishusen. Man kommt ja aber alleweil etwa ins Dorf geschäftehalber. Und dann habe ich sowieso im Sinn, ab und zu zu meinem Bruder Hansbaschi auf Rain hinaufzugehen, um nachzuschauen, was und wie's da läuft. Wenn einer auf einem derartig großen Hof seine Frau verloren hat, so mangelt es bald da und dort und unversehens überall. Eine Frau ist eben doch der Ofen, der die Stube warmhalten muß. Und die alte Haushälterin, die Zille, – ist ja eine grundbrave Person, ja, potztausend, da will ich nichts gesagt haben, – fängt an allmählich auch nachzulassen, wenn sie's selber schon nicht meinen sollte. Man sieht's halt doch. Ich sag's, die Hausfrau wird unserm Großen bald überall fehlen, und sein Meisterknecht, der Hansuoli, altert auch. Seit ich ihn das letztemal gesehen habe, und es ist keine zwei Monate her vor dem heutigen Begräbnis, ist ein Reif über seinen Kopf gegangen, der sagt, daß die Blätter bald fallen werden. Jetzt freilich stellt er ja seinen Mann immer noch, und obwohl er hinkt, kommt er noch so ziemlich allem nach.« 83 »Freilich«, meinte der Langhänsel, »der Hansuoli gibt auch ab. Er fängt an, den Sinn zu verlieren und dies und das zu vergessen, hat mir der Melker Wysel gesagt. Ja, ja, da wird die Meisterin bald genug in Haus und Hof fehlen«, schloß er mit nachdenklichen Augen. »Ja, es soll eine gute Frau gewesen sein, die verstorbene Rainbäuerin«, sprach freundlich, mit herzlichem Bedauern Apelluneli, die junge Witfrau. »Man hörte sie rühmen und es ist daher auch kein Wunder, daß sie heute morgen einen so großen Kirchgang gehabt hat. Es waren viele Leute aus dem Dorf . . .« »He, natürlich«, warf der Langhänsel ein, »der Hof auf Rain gibt den Krämern und Handwerksleuten eben viel zu verdienen.« »Ja, aber auch die großen Bauern, unter denen ja mehr als einer ist wie ein Fürst von Gottes Gnaden, waren von weitherum da.« »He 's Kuckucks«, rief die Holzhändlerin aus, »wo ist denn jetzt der Ludi hingekommen, er ist doch eben noch neben mir hergeschlampt?« Der Langhänsel grinste. »Ja, beim Strahl, er ist wie in den Boden hineinversunken, wie seinerzeit im Alten Testament der Kora, der Datan und der Abiron. Kein Chemifeger weit und breit. Hingegen, wenn man in der Pinte dort oben anklopfen würde, könnte 84 man ihn allenfalls schon wieder auf die Gasse heraushexen, wir sind ja eben dran vorbeigegangen. Schaut nur, dort liegt ja auch sein Hund vor der Türe; der weiß wohl, wohin es seinen Herrn zieht.« »Er ist ein Schwamm und bleibt ein Schwamm«, machte kurz die Holzhändlerin. »Und kein trockener«, setzte ihr Bruder bei, ohne daß es in seinem verdorrten Gesicht die leiseste Bewegung gab. »Also laß ihn! Nichts für ungut nehmt, Frau Apelluneli, aber du, Brigitte und die ganze Gegend auf mehr als Rufweite, kennt unsern Bruder Liederlich. Ich meinerseits habe es mir schon seit mehreren Jahren abgewöhnt, mich für ihn zu schämen oder gar für ihn zu kümmern. Er hat's so haben wollen. Und wenn einer eben in den Brennesseln gut liegt, so laßt ihn liegen.« »So, da wäre ich«, sagte die junge Frau, vor der Molkereiablage stehen bleibend, »also ich kondoliere euch nochmals von Herzen.« Sie reichte ihrer Begleitung die kleine saubere Hand und zur Hofbäuerin aus der Wydlen sprach sie: »Kommt gut heimzu, an den Rotenbach. Der hübsche kleine Wagen, der dort vor dem billigen Laden des Herrn Hochrütiner steht, wartet ja gewiß auf Euch. Wollt Ihr nicht lieber ein Auto zutun? Ihr könnet es doch allweg in Euerem Geschäft brauchen.« »Ich habe auch schon dran gedacht«, antwortete 85 die Holzhändlerin, »aber heute und morgen pressiert's noch nicht. Die Buben müssen sich noch etwas strecken. Aber sobald der Ferdi aus der Rekrutenschule, in die er bald einzurücken hat, zurück ist, kann man's bedenken. Man sieht, daß Ihr eine Sache recht ins Auge nehmt. Adieu wohl!« »Also Apelluneli, hab dich nicht zu streng«, redete der Langhänsel, der kleinen Witwe Hand ergreifend, sie aufs angelegentlichste drückend und recht ungern losgebend, »ich hab's ja gut, ich kann dir in die Fenster deines Molkereiladens sehen. Es freut mich allemal, wenn ich gewahr werde«, er kicherte und die Zangen in seinen tiefliegenden Augen verwandelten sich in zuckersüße Rosinen, »wie du ein so behendes und allweg auch ein schönes, wohlbekömmliches Tudichum hast. Und heja, wie dir nicht nur die Mägde, sondern erst recht die Knechte und all die rauhen Lümmel, die bei dir die Milch abladen und dir in den Laden hineinknebeln, Männchen machen und folgen. Also adieu!« Und jetzt fiel ihm plötzlich ein, daß er heute morgen an seiner Schwägerin Begräbnis gewesen war, so machte er mit todernstem Gesicht: »Ja, ja, sterben müssen wir ja alle. Ich sag's, die Schwägerin selig reut mich, es war eine Frau wie Gold. Ja, wenn eine die beim Hansbaschi zu ersetzen vermöchte. Lebwohl, Nachbarin!« »Macht's auch so, miteinander«, kam's zurück. 86 Da war die kleine Frau schon im Milchgeschäft verschwunden. Gleichgültig, ja fast mit verdrossenen Gesichtern, schritt jetzt das Geschwisterpaar weiter, über den aufgehenden Dorfplatz. Sie hatten beide die gleichen Gedanken. Dieses Schlooapelluneli wäre vielleicht wirklich eine Frau nach ihrem Wunsche für den Bruder auf Rain. Die würde zur Sache schauen und da sie vom ersten Mann keine Kinder bekommen hatte, noch welche überhaupt jemals bekommen könnte, wie man ja von der verstorbenen Hebamme her wissen wollte, so könnte sie nach menschlicher Berechnung für die Erben des Rainhofes die reine, die erwünschte Schatzhüterin werden. Man müßte ja nur etwas Glück haben, und da das Glück allem Anschein nach blind ist, so wird man's schon den vorgesehenen Weg leitseilen können. »Brigitt«, sagte nach einigem Schweigen der Langhänsel, »was meinst jetzt zu diesem Apelluneli?« Die Holzhändlerin schaute ihren Bruder kühl wie ein Novembertag an. »He«, antwortete sie, »davon wollen wir heute nicht weiter reden. Es ist doch unserer Schwägerin selig Begräbnistag. Soviel kann ich aber schon sagen: Ich meine dieses Weiblein könnte die Richtige für unsern Hansbaschi sein. Sie ist nicht nur so ein Tolpatsch oder ein gewöhnlicher Aufwaschlappen. Sie hat etwas Besonderes. Allerlei ist an ihr, was ich nicht recht verstehen und heimtun kann. 87 Ihre Augen sind wie die zwei Wappenscheiben auf Rain, durch die man zwar gut hinaus, aber nicht hineinsieht. Wohl, das wäre nun eine, die unser heikelnäschiger Bruder mit Wonne zu entkernen versuchen würde. Bei allem bessern Gebaren ist sie aber kein Zimpferding, sondern eine die zugreift, wo sie zugreifen will. Das hab ich auf den ersten Blick gewußt, als ich sie die Handhabe am Karren halten sah. Wir müssen es, du oder ich, oder wir beide, vielleicht können wir auch unsern Bruder Liederlich dafür auf eine Art brauchen, einzurichten suchen, daß wir mit ihr irgendwie zusammenkommen, mit ihr reden können. Alsdann heißt's freilich mit Katzenpfoten aufs Loch zuhalten, denn diese Kleine ist allweg einer Maus an Wachsamkeit noch weit über, bei all ihrem Schöntun und ihrem Kindergesicht. Und da sind wir ja«, setzte sie bei, mit ihrem Begleiter auf das Haus zum billigen Laden zuschreitend. Nahe vor ihnen stand unter den nachbarlichen Gebäuden ein ansehnliches Haus mit gähem Dach, das zu beiden Seiten zwei Dachkämmerchen trug. Diese standen zuweit vor und ließen dadurch das Haus als ein vieläugiges, klotziges Ungetüm mit abstehenden Ohren erscheinen. Man sah auch gleich, daß ein zweites Stockwerk dem alten Bau gar unschön aufgehöckt worden war. Der Hänsel Hochrütiner, der dieses Haus, das vormals zur Goldgrube hieß, also hatte 88 höher bauen und verschandeln lassen, fand aber großen Gefallen dran. Ihm gefiel das Haus um so mehr, als aus der frühern sogenannten Goldgrube durch den billigen Laden im Erdgeschoß eine wirkliche Goldgrube geworden war. Es gab nun in seiner Auslage alles, was der Alltag, und vorab der bäuerliche, und etwa auch die Nacht zu bedürfen schien. Geschirr aller Art, sogar Roßgeschirr, auch Sensen, Mistgabeln, Kuhschellen, Ziegenklopfen, eiserne und hölzerne Tansen und Eimer, Näpfe und anderes Landwirtschaftliches, dazu Handwerkszeug aller Art und Fensterbeschläge, Spiegel und sogar Grammophone. Kurzum ein neues, recht geräumiges Schaufenster voll Gerümpel für Arbeit und Vergnügen. Auf diese ganz ungewöhnlich große Auslage war der Hänsel nicht wenig stolz. Es gab ja keinen Laden in dem Ausmaß mehr zu Bohlishusen. Der Besitzer dieses Geschäftes schien in allem zu machen und das tat er auch. »Kaufhaus zum billigen Laden« stand über der Auslage und darunter in kleiner Schrift »Kohlenhandlung und Süßmostvertrieb.« Vor diesem Haus nun hielt ein ländlicher Knecht mit einem starken, gutgehaberten Roß und einem ziemlich gebraucht aussehenden Kütschlein. Und jetzt ging die Ladentüre und da kamen hochvergnügt, lachend und glühend, die zwei Söhne der Holzhändlerin, der Ferdi und der Alex, aufs Pflaster heraus, 89 gefolgt von ihren drei ebenso blutjungen Basen Roseli, Agnesli und Mikeli. Der Ferdi war wohl seiner Mutter und seinen beiden Onkeln unbemerkt vom Rain hinab vorgelaufen. Es sah ganz so aus, als wäre er schon lange im Haus zum billigen Laden gelandet. Er tat völlig wie zu Hause, mochte wohl auch schon ein recht angriffiges Bürschchen sein, denn in der Tür umhalste er, wie wenn sich das von selbst verstände, das Roseli und küßte es also weithinschallend, daß es davon fast Echo gab. Höchst neugierig schaute das kleine Mikeli, aber mit wunderlichen Augen und nicht neidlos, das etwas flüggere Agnesli diesem anmächligen Schäferstücklein zu, während sich der Sekundarschüler Alex, blutrot über und über, zu fragen schien, ob er das bei ihm stehende Agnesli, das es ihm gar wohl konnte, nicht auch einwenig liebkosen sollte. Das Agnesli aber hatte jetzt nur Augen für ihren so ziemlich erwachsenen Vetter Ferdi und ungehalten rief es aus: »Ferdi, laß doch das Roseli gehen! Wenn deine Mutter sehen würde, was du für einer bist, so . . . .« Es verstummte jählings und seine abendrötlichen Wangen flammten mit einemmale auf. Des Ferdis Mutter und auch gar noch ihr eigener Vater kamen ja eben aufs Haus zu. »Die Base Brigitt, deine Mutter!« sagte flüsternd, sich von Ferdi losmachend, das glühende Roseli. »Der 90 Vater kommt, der Vaters warnte das Agnesli. Das Mikeli stand aber nur so da und schaute alleweil mit großen Augen auf seinen Vetter Ferdi. Nein, was doch der für einer war! »Ja, ja«, sagte, ein ernsthaftes Gesicht aufsetzend, der Alex, immer aber das Agnesli ansehend, »gewiß haben es der Vetter und die Mutter gesehen, Ferdi, was du mit dem Roseli gemacht hast.« »He, meinetwegen«, beschied keck, aber nicht zu laut der Ferdi. »Was habe ich denn gemacht? Ich habe meinem Bäschen einen Kuß gegeben, sonst nichts. Ich bin ja schon erwachsen und muß nächstens in die Rekrutenschule und du bist ja immer noch fast ein Häfeleinschüler, wenigstens nicht viel mehr. Übrigens habe ich wohl gesehen, wie du immer Augen aufs Agnesli gemacht hast, als ob sie ein Weihnachtsbaum wäre und über und über voll Schleckware hinge. Schau du nur für dich, du verstellter Spritzling! Warum sollte ich denn dem Roseli kein Küßchen geben dürfen und es mir? Wir sind nur Geschwisterkinder . . .« »Ja«, warf mit behendem Zünglein das Roseli ein, das nur so ein Freudenfeuerchen war, »das ist doch nichts anderes. Es ist einmal eine Base von Remund im Welschland bei uns zu Besuch gewesen und die hat gesagt, im Welschland küsse man sich unter Verwandten immer, wenn man komme und 91 gehe. Das gehöre zum, zum, nein, wie hat sie doch gesagt?, zum . . .« »Zum guten Ton, hat sie gesagt«, fiel das Agnesli ein. »He, ich täte mir auch nichts draus machen, wenn mich ein Vetter zum Abschied verküßte, auch wenn's die Base und der Vater sehen würden.« Da hatte es sich schon an Ferdi heranzumachen gewußt und stand nun da wie ein knospendes Rosensträuchlein, das auf einen warmen Regen wartet. »Heja, dann machen wir's wie im Welschland«, rief der Ferdi aus und küßte auch das Agnesli von ganzem Herzen auf seine Wange, dieses noch recht engbegrenzte Weideplätzchen für vetterliche Zärtlichkeiten. Dem Roseli schien das zwar nur mäßig zu gefallen, ja, es bereute fast, von diesem welschen Brauch der verwandtschaftlichen Küsserei seinen Vettern Kenntnis gegeben zu haben. Das Mikeli hingegen, das der Ferdi trotz seiner eben bewiesenen Begeisterung für die verwandtschaftlichen Umgangsformen im Welschland einfach übersah und nicht für vorhanden anzunehmen schien, umhalste mit seinen beinmageren Armen den Vetter Alex und küßte ihn mir nichts dir nichts auf den Mund. Fast zornig stieß er's aber zurück; denn er schämte sich vor dem Agnesli, daß er sich von einer so Kleinen, die ja erst das zweite Jahr zur Schule ging, hatte küssen lassen. Gleichwohl mochte ihn dieses nichtsigen Mikelis Anlauf ermutigt haben, auch 92 seinerseits der welschen Umgangsart unter Neffen und Nichten nachzuleben. Er näherte sich Agnesli auffallend; aber als er sich dran machte, es zu küssen, rückte es von ihm ab und rief aus: »Vater, Base, wir haben es schon lustig gehabt im Laden drin, und der Alex hat zwei Stangen Kandiszucker ganz allein verschleckt!« »Ja«, machte die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm, mit ihrem langen, trockener als Johannisbrot aussehenden Bruder Hänsel an ihrer kleinen Kutsche vorbei auf den Laden zukommend, »wir haben es schon von weitem gesehen, wie ihr euch aufführt. Ihr habt ja nicht nur im Laden, auch davor habt ihr eure Verschleckerei von Backe zu Backe fortgesetzt. Schämt euch! So etwas im Angesicht des ganzen Dorfes und gar noch am Begräbnistag unserer lieben Schwägerin auf Rain. Habt ihr denn das ganz vergessen?« Ja, du mein Gott, freilich hatten sie's vergessen. Der Langhänsel und seine Schwester schauten in ganz verwunderte Gesichter, aus denen man föhnklar herauslesen konnte, daß diese Beerdigung für sie schon vergangenen Zeiten, ja fast dem Altertum angehörte. »He aber auch«, fuhr die Holzhändlerin zu reden fort, »wie kommt ihr Fratzen denn dazu, und gar du«, wandte sie sich ihrem ältern Sohne zu, »du, der doch aus der ersten Bubenhose heraus sein sollte, euch zu verküssen, und gar am hellen Tag vor der Ladentür?« 93 »Heja, halt weil wir's einfach den Welschen nachgemacht haben. Zu Remund und der Enden machen sie's ja auch so unter Verwandten«, antwortete der Ferdi, seine Augen auf Roselis Wangen umgehen lassend. »Ja, wißt«, rief jetzt das kleine Mikeli aus, »der Ferdi, der ist einer! Er hat das Rosi schon im Laden alleweil geküßt, und sie hat sich nicht einmal geschämt. Alleweil stillgehalten hat sie ihm und dazu noch gelacht.« Jetzt gab es aber rundum ein Gelächter, und der Langhänsel Hochrütiner sagte halblaut, so für sich: »He, in Gottesnamen, wenn sich das Küssen noch auf die Verwandtschaft beschränkt, mag's passieren. Übrigens 's ist halt so: wenn nicht vor der Tür, so todsicher hinter der Tür. So kommt's eben«, machte er laut zu seinen Töchtern, »weil ihr eine so nachsichtige Mutter habt, die euch alles durchläßt und euch in allem zu Willen ist, und einen Vater, der an euch törichterweise auch noch den Narren gefressen hat. So, und nun, ihr Flatterröcke, gebt eurer Base Brigitt die Hand, und nun allez marche! , ins Haus hinein mit euch! Ihr habt ja dort anderes zu tun genug, wenn ihr wollt. Und du, Mikeli, mach deine Hausaufgaben. Und du, Schwester, willst du nicht noch ein Zeitchen in die Stube hinaufkommen und ein Beckelein voll Kaffee mit uns trinken? Ich will's der Seraphine gleich sagen gehen; es wird sie auch freuen.« Nein, das wollte nun die Holzhändlerin nicht. Er solle seine Frau ja nicht rufen. Sie müsse endlich einmal heimzu. Sie sei lange genug überwegs gewesen. Wenn man nur einen halben Tag nicht daheim sei, so lasse schon diese und jene Schraube auf der Säge und allweg in Haus und Hof nach. So eine Witfrau müsse eben in einem großen Betrieb für ihrer zwei, etwa auch für ein ganzes Dutzend denken, auch schaffen. Heutzutage könne man sich ja doch auf niemand mehr verlassen. Kaum sei man fort, so gehe alles aus dem gewohnten Geleise und den falschen Weg. Mit den heutigen Dienstboten sei's sowieso ein Jammer. Sie wollen viel Lohn haben und wenig leisten, außer bei Tisch und beim Tanz. Es koste schon Geld, nur das Essen für alle aufzubringen, obwohl man da natürlich das meiste aus eigenem Stall und Acker habe. Nur sei ihnen bald einmal nichts mehr gut genug. Es gebe solche unter den Knechten, die gar dreimal Fleisch in der Woche haben wollen, als ob man die Schweine, wie die Haselnüsse, nur so von den Stauden schütteln könnte. Der alte Säger Karlifranz sei noch der einzige, der sich mit einem Langstück Schweinernes alle Sonntage und ab und zu einer Wurst begnügen würde. Früher habe man doch, wie sie von der Großmutter selig her noch wisse, höchstens alle heiligen Tage haufensgenug Fleisch auf dem Tisch gesehen, oder wenn etwa ein Haupt Vieh rasch habe abgetan werden müssen; 95 sonst habe so ein Stück durchzogenen Specks nur im Kraut oder in den gedämpften Erdäpfeln Versteckens spielen dürfen. Die Leute werden aber immer heikelnäschiger, und sei ihnen bald nichts mehr gut genug. An heiligen Tagen seien sie nicht zufrieden, wenn nicht wenigstens einmal Gebratenes auf den Tisch komme. Most hätten die Knechte ja soviel sie wollten. Sie söffen ihn am liebsten gleich aus Melchtern oder aus Brunnentrögen. Und es freue sie aber nichts, wenn sie nicht immer wieder auch zu einem Schluck Tresterschnaps oder einem höllischscharfen, brandschwarzen Schrötersüpplein kommen, wovon der eine oder andere dann zeitweilig halbwegs verrückt, aber sicher und heilig unschaffig und schwer zugänglich werde. Sie könnte da natürlich noch allerlei klagmartern. Man müßte nur über die Steuern und also über diese Schelme, die Silberstrecker, zu berichten anfangen wollen, die einem alles bis auf die Läuse und den Dreck am Schuh als versteuerbares Vermögen ankreiden. Hingegen sei das Jammern keineswegs Brauch bei ihr. Wenn sie auch eine Witfrau sei, so sei sie doch alleweil wachbar und fest auf dem Damm und lasse sich und das ihrige nicht so leicht in einen Graben hinunterdrücken oder gar sich von jedem obrigkeitlichen Herumschmecker ausnüsseln. Es sei aber einfältig von ihr, hier davon zu reden. »Das weißt du ja alles auch, Hänsel«, schloß sie; »aber es ist mir jetzt 96 halt wieder einmal überlaufen, wie die Gelte unter der Brunnenröhre. Also kurz, wenn der Ferdi da einmal nach ist und so eine Art Mann vorstellt, so ist ihm angebettet wie selten einem. Er kann nur so in meinem Geleise drin weiterkutschieren. Und was den Alex anbelangt, so werde ich nicht ruhen, bis ich ihm auch einen rechten Hof . . .« Nein, sie sprach nicht weiter; es schien ihr etwas in den Hals gekommen zu sein. Sie hüstelte ein wenig und sagte dann: »Also, Hänsel, bleibt gesund beieinander. Schick deine Maitli einmal zu uns in die Wydlen hinaus, etwa eines Sonntags. Wir stellen dann das Wasser ab; so können die gelüstigen Schnäbel dann die schönsten Forellen aus dem Bach haben. Es reut mich nicht. Adieu, ihr Ledigen!« rief sie lachend ihren Nichten zu. Und da hockte sie schon auf dem Bock ihres ziemlich gebraucht aussehenden Kütschleins neben dem jungen Knecht, in weitumgehender Behäbigkeit, wie ein ganzer Kornspeicher. Hinter ihr lagen die beiden Söhne Ferdi und Alex in den dunkelblauen, abgetragenen Polstern und schauten unverwandt auf die Töchterdreiheit, die zu ihnen hinauflachte. »Hänsel!« »Ja?« »Ich denke, wir werden dann das gutgemalte Täfelchen, das im Laden der Molkerei hängt, nicht ganz vergessen. Ich meine, es ist wohl wert, dran zu sinnen.« 97 »Hab keinen Kummer, Schwester«, gab der Langhänsel zurück, den Zylinder abnehmend und sich über seinen spitzen Schädel und dessen spärliches Braunhaar fahrend, »es wird sich etwa schon machen lassen, jenem Täfelchen aus dem Rahmen zu helfen und es allenfalls in eine andere Stube zu verbringen und also dafür zu tun, daß das Glöcklein auf Rain uns oder unsern Nachwuchs nicht enterbt. Kommt gut heim!« Das ländliche, veraltete Herrenfuhrwerklein rasselte über das holperige Pflaster Bohlishusens davon. Sinnend schaute ihm der Hänsel Hochrütiner aus halboffenen Augen nach, während seine Töchterchen, soviel sie vermochten, Abschied winkten, wofür sie von den zwei Jungen auf dem Gefährt, die gar auf die Polster hinknieten, eine Masse Kußhände ernteten. »He«, fragte laut das Mikeli, das sich drüber wunderte, »ist das also auch Brauch im Welschland?« »Natürlich«, antwortete das Roseli, »dort müssen sie das in der Schule lernen.« Ein gar fröhliches Auflachen ging über den sonnenvollen Dorfplatz, und flinkfüßig folgten das Roseli und das Agnesli ihrem Vater in den billigen Laden, während das Mikeli immer noch erstaunt nach der Ecke und dem daran lehnenden Brunnenbecken schaute, hinter dem das Wägelchen der Base aus der Wydlen am Rotenbach verschwunden war. III. Das hatte die Landwirtschaft auf Rain noch wohl ertragen, daß das Glöcklein der Hofbäuerin ins Grab läutete. Die schwächliche Frau konnte doch den Dingen und dem Gewerbe schon lange nicht mehr recht nachgehen und hatte sich dem allem auch nie so ganz annehmen können, wie man's hätte wünschen müssen. Immer mehr wurde sie abgehend und schließlich war sie hinschwindend, wie der Mond im letzten Viertel, in der Elternkammer gelegen und hatte das Heimchen in der Wand und das Heimchen im Herz alleweil klopfen hören. Zuerst hatte sie lange gemeint, es stehe der Tod vor der Tür und klopfe an und da wollte sie ganz und garnicht rufen: Nur herein! Am Ende aber war es ihr, es sei der Finger des Weihnachtskindes, der anklopfe und es wolle ihr die ewige Seligkeit bringen. Da hatte sie sich drein geschickt und war friedlich im Herrn gestorben. Außer der alten Zille und ihrem Nichtlein, die sie bedienten, ihrem Mann, dem Hansbaschi und Pfarrer und Arzt war sie kaum noch jemandem zu Gesicht gekommen. 99 Es war dann auf dem Rainhof nach ihrem Abscheiden doch gegangen wie immer, denn die weißhaarige, aber gar kernhaft aussehende Stubenmagd Zille, die schon unter dem Vater des jetzigen Bauers gedient hatte, wurde nun völlig Meisterin auf dem Hof. Sie war überall, verstand den Rainler auf den ersten Blick und die Dienstleute nahmen sie willig an. Man war sie, ihre laute Stimme und ihr ganzes rauhborstiges Tudichum altgewohnt. Man achtete ihre Weisungen, als aus guter Einsicht und lebenslanger Erfahrung kommend. Zudem stand ja der Bauer hinter ihr. Auch der alternde Meisterknecht, der Hansuoli, war immer wieder froh um die Alte, denn man hatte sie überall, sie sah zum Rechten, sodaß er oft einer Sache nur nachzuhinken brauchte, weil sie, von der Zille angetrieben, schon ihren guten Gang ging. Sie nahm ihm so manches außerhalb des Hauses ab, was keineswegs ihres Amtes gewesen wäre. So kam's, daß sich in der Bewirtschaftung des großen Guts nach dem Tod der Bäuerin nicht das mindeste änderte. Nun aber erkrankte die Zille auf einmal, nicht lang nach der Beerdigung der Frau Hochrütiner. Und obwohl sie's nicht dulden wollte, wurde sie auf ärztliches Gebot ins Krankenhaus der nahen Stadt am See der Alpen gebracht. Dort operierte man sie und nach gelungener Operation wurde es mit ihr eben 100 nicht besser. Sie begann dahinzusiechen und blieb also im Spital liegen. Das kam dem Hansbaschi Hochrütiner in jeder Hinsicht höchst ungelegen. Ja, es war für ihn und seinen landwirtschaftlichen Großbetrieb, besonders für alles was das Haus und sein Drum und Dran betraf, ein harter Schlag. Es ging schon tief in den Herbst hinein und dahinter stand der lange Winter, mit all der vielseitigen Arbeit für die Mägde auch im Haushalt, der sich weder er, noch der alte Hansuoli annehmen konnte. Man war da eben völlig aufs Weibervolk angewiesen. Und dann ärgerte, ja plagte es den Rainler auch, daß ihm die gute, treue Helferin so unerwartet ab dem Hof mußte. Er hatte ja fest im Sinne gehabt, ihr nach ein oder zwei Jahren alle Arbeit abnehmen zu lassen und ihr auf Rain für immer ein Ruhebänklein zu schaffen. Schon oft hatte er drüber nachgesonnen, wie er das einrichten wolle, ohne daß die unermüdliche, die Alltagslast so gewohnte Magd das Ruhebänklein mißachten und sich eben doch wieder im Betrieb betätigen würde. Er sah ja voraus, daß sie nicht im oder ums Haus sein könnte, ohne überall die Augen zu haben, zuzugreifen und das Ganze zu betreuen. Deswegen, auch sonst noch, hatte er etwas Besonderes in Gedanken, auch für andere ausgewerkte Dienstboten, auf daß sie wenigstens zeitweilig ausruhen, sich erholen könnten, ohne 101 deswegen auf die Gasse zu müssen. Wie er das aber machen wolle, darüber war er mit sich noch nicht ins Klare gekommen. Nun lag also seine Haushälterin, die alte Zille, im Krankenhaus in der Stadt am See und es kam ihm merkwürdig, fast unmöglich vor, es schien dennoch auf dem Hof auf Rain alles seinen gewohnten alltäglichen Tramp zu gehen. Der Hansuoli hinkte in der grünen Welt und um die Scheune und in Stall und Hütte herum wie immer, der Melker Wysel stellte seine blechernen Milchtansen wie Bleisoldaten an der Kuhstallwand auf und der braunbärtige, einsilbige Oswald tränkte sein Vieh am Brunnen, graste ein und fütterte und hütete seine Loben und ihre Jungwar tagaus und -ein wie immer. Der Roßknecht Karlima führte schon wieder Mist aus und fluchte dabei seinen zwei riesenmäßigen Gäulen Griß und Vögi die Beine fast von den Bäuchen weg, während Karline, die Viehmagd mit einem Tagner ein Restlein arg verwitterten Öhmdes, wahrhaftigen Rost, das hinter dem blauen Wäldchen auf Heinzen gehangen hatte, über die hohe Einfahr auf die Scheune schaffte. Dabei machte sie sich nichts daraus, das Öhmd in alter Art rücklings in Bürden mit dem hierüber verdrossenen Tagner auf die Heudiele zu tragen, denn sie wollte für diesen Fetzen ausgelaugter Ware keinen Karrer beanspruchen. 102 Kurzum, es schien dem Bauer, alles gehe seinen gewohnten Gang. Auch der freundliche Briefbote, der mit seinen Postsachen alle Tage zweimal auf den Hof kam und vom Barri jedesmal eine donnernde Bewillkommnung erfuhr, wunderte sich, wie wenig dem Umtrieb auf dem so umfänglichen, aufgabenreichen Gut der Tod der Bäuerin und die Erkrankung der wehrhaften alteingesessenen Haushälterin anzumerken war. Es war freilich Herbst. Die Kornfrucht lag geborgen. Auch die Erdäpfel waren geerntet. Nicht aber der Haber, der bös mitgenommen aussah, etwa wie ein zwetschgenstehlender Bub, über den der Bauer gekommen ist. Nur ein großer Strich Erdäpfel einer alten, sonst überall so ziemlich abgegangenen, entarteten Sorte, die man aus Tradition immer wieder anpflanzte, war noch draußen. Und alsdann hingen ja die Bäume noch voll Obst, obwohl man im vordern Schopf eine Masse Birnen, fast lauter vollsaftige Teilersbirnen, gemostet hatte. Auch hatte man schon einen kristallklaren Tresterschnaps aus der Maschine vor dem Schopf, aus der eisernen Kuh, zu melken angefangen, wie der Karrer Karlima diesen Vorgang schnalzend benannte. Nein, ob es auch Herbst war, an Arbeit fehlte es nicht und nirgends auf dem Hof. Auch wird es daran nie fehlen. Nächstens mußte ja auch die Streue gesammelt werden, unten im großen 103 Ried ums Rainseelein und hinter dem Wald ob dem Gütsch, von dem aus man eine so schöne Aussicht in die Hochalpen hatte. Es wollte dem Hansbaschi Hochrütiner vorkommen, das Streuesammeln hätte eigentlich schon angefangen werden sollen und wäre wohl auch angefangen worden, wenn die Zille . . . ach so, da war also etwas, das ihn ernstlich an die alte Wirtschafterin erinnerte. Es dauerte alsdann nicht lange bis der Bauer die Abwesenheit seiner alten umtunlichen Stubenmagd auch andernorts und anderswie zu spüren bekam. Zuerst sah er auf einmal das Seppeli, das Nichtlein der alten Haushälterin, überall seinen Leuten und, wie's schien, auch sich selber im Weg zu stehen. Es war grad, als wäre das sonst so emsige Laufentlein nun ein verschupftes Hühnchen, das alles beiseite zu scheuchen suchte. Als er das Kind eines Tags gar in den Pflanzplätzen des Gartens beim Bienenhaus sitzen und in sich hinein weinen sah, fragte er's, was ihm denn fehle und warum es alleweil so verloren und unnütz herumstehe. Da brach es in ein wahres Indianergeheul aus. Ja, klagte es, weil halt niemand mit ihm mehr etwas haben wolle, seitdem die Base Zille im Spital liege. Zudem seien die Knechte, aber vorab die Mägde, die Köchin, die Kresenz, sei die wüsteste, so grob mit ihm. Jede gebe ihm einen Schnabelhieb, wenn es in ihre Nähe komme. Sie 104 täten immer zu ihm sagen, es solle jetzt nur sein Bündelchen packen und dahin gehen, wo's hergekommen sei; man habe an ihm ja doch nichts als einen unnützen Freßsack. Auf die Wiederkunft der Alten, so rede man von seiner Base immer, rechne kein Mensch mehr, denn wenn so eine seit Urzeiten aufgeschichtete Beige steindürren Holzes oder vererbter und selber angeschaffter Übelzeitigkeiten einmal liege, so bleibe sie liegen, bis sie eines schönen Tags der Tod ins Fegfeuer oder sonst in eine heitere Gegend verschleppe. Es könne die Kaninchen, die ihm der Meister erlaubt habe, nur auch gleich mitnehmen, man habe auch nichts von ihnen. Sie ziehen nur die Mäuse und allerlei Ungeziefer an. Es reden nicht alle so, aber lieblos seien sie alle. Das böseste Maul habe aber eben die Kresenz. Sie sage immer, was es für eine Topfguckerin sei, wie ihm vordem seine Base die Butter armsdick und den Honig in Strömen aufs Brot gestrichen habe. An ihr und ihrer Arbeit aber habe die Alte nichts als alleweil herumzuschönen und zu nörgeln gewußt. Es sei ihr gleich, wenn diese Wacht am »Rain«, wie's im Lied heiße, nicht mehr zurückkomme; deswegen legen die Hühner gleichwohl keine Taubeneier. Man könne dann doch endlich einmal kochen und werken wie man's für gut finde, ohne daß alleweil eine hinter einem stehe, die einen anschnörze: Mach, mach du faule 105 Truhe! Und die einen beim Meister anschwärze, daß man in seinen Augen häßlicher auszusehen käme als des Chemifegers Hund. Der Bauer wäre sonst nicht so, er lasse einen machen, er nehme es nicht so genau; sei ihm lang alles recht, auch wenn ein Löffel nicht glänze wie ein Blitz, oder wenn einmal zu wenig Salz, aber dafür etwa eine Fliege in die Suppe oder ein Schneck ins Kraut komme. Nur der Hansuoli sei recht mit ihm, berichtete das Seppeli dem ruhig zuhörenden Bauer, und etwa auch der Küher Oswald, der eben sowieso mit niemandem, außer mit der Köchin, ein Wort rede. Der alte Hansuoli meine übrigens, die Base sei gewiß und heilig verhext worden, denn das könne er nicht verstehen, daß ein sonst so kerngesundes Weibervolk mit einem Tag auf den andern so hinfällig werde, ohne alle vorgängigen Anzeichen. Es sei der Base heilig und gewiß etwas angetan worden; er habe das ja beim Vieh schon mehr als einmal erfahren. Das rede ihm keiner aus. Er wüßte schon einen, der könnte ihr mit Sympathie noch helfen, der hätte bald heraus, wo die Tanse rinnt, aber er wolle nichts gesagt haben. Der Meister lache ja über so was, obwohl es heiße: Erfahren macht gescheite Narren. Ihm mangle übrigens die Base an allen Ecken und Enden, denn sie sei auf dem Hof, wie die Luft, überallherum gewesen und habe durch die Wände und durch die Leute hindurch sehen können. 106 Um so eine sei's schad. »Und«, schloß das Seppeli, seine Augen immerzu mit dem Schürzchen wischend, »die Knechte schimpfen auch über die Kresenz, nicht ich allein. Seit die Alte weg sei, sagen sie, werde jetzt in der Küche nur noch schnell etwas für die Dienstleute zusammengeknetet und gefludert, so daß das Saubethli oft nicht wisse, was es für die Säue und die Putzerin Theres, die Ihr ja jetzt für immer eingestellt habt, auf den Tisch in die Stube zu tragen habe. Am verdammtesten sei's mit den gebratenen Erdäpfeln am Morgen. Es sei ihnen dann immer, wenn sie diese essen, sagen die Knechte, sie müssen ausgetrocknete Tannzapfen, die ihre Schuppen stellen wie Sauigel, hinunterwürgen. Der Meister sage zwar nichts, aber die Nase habe er auch schon mehr als einmal gerümpft, wenn er dieses Erdäpfelgeköch habe hinunterdrücken müssen.« Der Rainler mußte bei der letzten Bemerkung des hochgradig erregten Seppelis ein wenig lachen. Ja, es mochte mit dem Nasenrümpfen stimmen. Es hatte ihm, ohne daß er aber weiter daraus gefolgert hätte, schon dies und das bei Tisch nicht mehr völlig wie früher geschmeckt. Nun aber tröstete er das Seppeli. Er übergebe ihm, sagte er zu ihm, bis auf weiteres die Aufsicht über die Hühner. Es fange doch schon an, größer zu werden und man könne es gewiß immer mehr für 107 allerlei brauchen. Es solle nur schauen, daß diese Gackler recht fleißig legen, daß sie sich nicht in den Garten und zu weit in die Hausmatte hinaus verlaufen und das Gras voll Federn machen. Auch solle es ja die Eier schön sammeln. Je mehr Eier es der Therese einhändigen könne, desto größer werde für es der Sonntagsrappen. Im übrigen solle es sich am Gehaben der Leute nicht weiter kränken, sondern sich lieber nicht mehr müßig machen und köpfisch zeigen und einfach seine Pflicht tun, mit allen recht sein und denken, der Meister stehe immer zu ihm, wenn es sich gut einstelle. Bald darnach erschien aber auch die Köchin Kresenz bei dem Bauern, als er eines Tages nach dem Schlußtischgebet noch allein in der großen Wohnstube zurückgeblieben war und die provisorische Stubenmagd, die Putzerin Theres, mit ein paar Knechten, Mägden und Tagnern in die Erdäpfeläcker abgezogen war. Mit weinerlicher Stimme, die dennoch kratzbürstig blieb und aber mit völlig trockenen Augen, beklagte sich die Köchin bitterlich über mancherlei, wobei ihr hie und da ein arges Schimpfwort über die Knechte heraussprang. Sie werden immer seltenpickerischer, behauptete sie von diesen, seit die Zille nicht mehr den Tisch mache. Über alles brennen sie eine Tunke von Bosheit, Hohn und Spott. Dabei fressen sie aber doch alles bis auf die letzte Fleischfaser auf, was im 108 Kamin hänge. Es sei ein Wunder, daß es dem Barri noch ein einziges Knochenspließlein treffe. Allemal wenn diese Mannskerle vom Tische aufstehen, können sie kaum mehr Mumpf sagen und verrülpsen die ganze Welt. Nichts sei ihnen mehr gut genug. Dem einen sei's zu viel, dem andern im Gegenteil zu wenig gesalzen. Der Karrer, der Karlima, würde das Salz am liebsten gleich aus dem Salzfaß lecken. Deswegen schieße ihm aber auch der Most immer durch die Gurgel wie der Platzregen durch den Dachkennel. Es sei aber alles Wüsttun nur böswillige Abmachung gegen sie, nur daß man sie immer, wie das Zeug nach der Schafschur, zwischen die Wollkarten nehmen und gotterbärmlich zerzausen könne. Sogar das Seppeli, der unnütze Nachzug der Alten, das über das Küchengänterlein und die Milchmutten gehe, wenn's wolle, hänge ihr schon ein Maul an. Es sei nur allerseits gut, daß man auch nicht stumm auf die Welt gekommen sei. Unverschämt und gottlos mache man's ihr. Sie sollte den ungeschlachten Lümmeln natürlich alle Tage kräpfeln und kücheln und Kirchweih machen. Dabei bringe ihr der Wysel die Küchenmilch immer zu spät, um sie zu fuchsen und dazu sei die immer voll Dreck, seit die Zille dem Melker nicht mehr die Nase in den Eimer stecke. Es sei grad, als ob er seine haarigen Tatzen und den Kühen die Schwänze drin wüsche. Es grause ihr jedesmal, solch 109 eine Schmutzware in die Pfanne überzutun. Sie mache seither den Kaffee für sich lieber extra, ohne Milch, denn sie sei's von Haus aus sauber gewohnt und es sei auf Ehr und Eid eine gottverdammte Lüge, daß sie den Kaffee nur schwarz nehme, weil sie ganze Bäche Schnaps drein tue, wie der Roßknecht, dieser grobe Schuh, alleweil sage. Überhaupt diesen Fuhrmann, den Karlima, kenne man noch lange nicht genug. Der sei ein Kalb, auch wenn er einen Esel zum Vater gehabt habe. Immer trampe er ihr wie ein Ochs in die Küche. Sie habe sich schon manchmal unwillkürlich umgesehen, wo er denn seine zwei andern Marschknebel habe, da er immer so vierbeinig hereintrampe. Es sei nicht schön, wie der ihr dann allezeit hinter den Kirsch gerate, den sie an die Speisen brauche und wie er dabei den ehrlichen, geräßten Birnenmost noch verschimpfe, obwohl er ihn kübelweise saufe. Und wenn sie ihm einmal etwas dagegen sage, fange er zu fluchen und zu schwören an, daß die Kupfergelten verbleichen und die Hölle sich sperangelweit auflasse. Auch stinke es nachher in der Küche von Rossen, wenn der Karrer drin gewesen sei, daß man nachher stundenlang im Durchzug leben müsse bis man sich wieder herzhaft zu atmen getraue. Seit der Zille Weggang komme er immer mehr. Sie könne das aber nicht länger aushalten. Sie habe einst als ein gehungeriges Schulkind mehr als genug mit Rossen 110 zu tun gehabt, denn sie habe die halbe Zeit hinter den verschwitzten Ziehmähren her barfüßeln müssen, um die abgefallenen Roßäpfel aufzuschaufeln, damit die immer notleidende Mutter etwas Mist für ihre schmalen Pflanzplätze bekommen habe. Es dünke sie, die Hände stinken ihr heute noch von dieser Nachlese und es werde ihr wirbelig, sie meine, sie müsse sich übergeben, wenn sie nur an Roßbollen denke. Sie sei halt eine reinliche, wie's im Kanton und noch weit drüber hinaus keine zweite gebe. Deshalb habe sie's auch nie begreifen können, daß die Alte noch fast gelacht habe, wenn das naschhafte Seppeli den Rahm nur so mit dem Finger von den vollen Becken in sein verschlecktes Maul hineinfeimte. Nur der Oswald, der Küher, mit seiner blaugrauen Soldatenmütze auf dem bärtigen Kopf, sei recht mit ihr. Er habe eben immer mit dem Magen zu tun und da koche sie ihm denn einen Tee, der ihm ausnehmend wohl tue. Sie habe das Rezept von ihrer Base im Trittliwald, die sich auf Heilkräuter, aufs Besprechen und Hervortuen verlorenen Gutes und noch auf manches verstehe, was man nicht an die große Glocke zu hängen brauche. Sie könne sogar in den Sternen lesen wie aus dem ABC-Büchlein. »Aber«, machte sie aufschreiend, da sie sah, daß der Bauer nicht so ganz bei der Sache war, »mit dem andern Mannsvolk ist's zum verrückt werden. Niemand frägt mir 111 noch etwas darnach, seit die Zille im Krankenhaus ist und wenn's nicht ändert, so packe ich zusammen und gehe ein Haus weiter. Ich weiß Türen genug, wo ich nicht lange anzuklopfen brauche. Aber das ist auch wahr«, und nun setzte sie ein zu Tode betrübtes Gesicht auf, »gern gehe ich nicht ab Rain, Ihr seid ja mehr als recht mit mir. Ich kann nicht sagen, wie ich an Euch hange, Meister. Gleichwohl, nehmt's nicht für ungut, aber Ihr solltet den Knechten mehr nachgehen.« Als ihr aber der Bauer dawiderhielt, der Meisterknecht, der alte Hansuoli, schaue doch seines Wissens schon nach, was die Knechte tun und treiben, er selber könne nicht überall sein und sich jeder Kleinigkeit annehmen und den Wauwau machen, und als er ihr dies und jenes nicht gelten lassen wollte und sie dazu auch noch etwas christenlehrte, verschwand die Totalsonnenfinsternis von ihrem breitbackigen Antlitz sogleich. Auf all seine Vorhalte und den angehängten Zustupf vom Guten-Willenssein und sein Pax vobiscum antwortete sie keineswegs mit: Et cum spiritu tuo , sondern sie sagte einfach, alles andere beiseite lassend, der alte Hansuoli sei wohl recht für den Betrieb in Stall und Feld, aber daneben nehme er sich der Knechte nichts an und die Mägde scheren sich ja sowieso um einen so ausgehonigten alten Korb nicht das mindeste. Kurz, so recht der alte Kuhdreckstampfer in 112 manchem noch sei, der unverschämten Bande gegenüber sei er blinder als ein Nest voll frisch geworfener Katzen. Damit machte sie sich davon, überselig im Bewußtsein, ihren gehäuftvollen Kratten dem Meister über den Kopf geleert zu haben, diesem gutmütigen Langweiler, der sie immer so giltmirgleich behandelte und sie nie, auch im heißesten Sommerbetrieb, und bei den schönsten Gelegenheiten auch nur mit dem kleinen Finger betupfte. Jedoch am Abend darnach, als der Bauer sich im Schweinestall umsah und zu seiner Überraschung eine ganz ungewohnte Sauerei darin vorfand und deswegen das Bethli, die junge Magd, in seiner ruhigen Art, aber recht bestimmt zur Rede stellte, brach diese in ein Geschrei aus, daß die Säue meinten, ihre Hirtin sei noch vor ihnen ans Messer gekommen. Ja, da sehe man's nun, wie's einem ergehe, heulte sie, alles falle über sie her, verflüchter als eine Erdbreche über ein armes Schaf. Schon die Köchin habe mit ihr vor einer Stunde, als sie die Sautränke in der Küche geholt habe, getan wie ein Charwochenschnattern. Sie wäre ihr gewiß und heilig mit allen Krallen ins Haar geraten, wenn der Oswald, der grad vorhanden gewesen sei, die Wütende, die ja eine sei wie eine Nachteule, denn sie sei oben und unten auch gleich dick und mache Augen wie feurige Herdlöcher, nicht 113 zurückgehalten hätte. Und nun mache ihr's der Meister auch noch den Weg. Sie könne doch nicht alles immer allein zurechtreisen, aber seit die Alte fort sei, wolle ihr niemand mehr helfen, den Säuen Ordnung zu halten und zu schauen. Jeder und jede zeige ihr die Wetterseite, wenn sie etwas von ihnen wolle und die Handknaben sogar die Zunge. Sie habe aber gestern so einem Hagaffen einen handbreiten Lappen auf's Sauohr geflickt, daß er dran denke. Nur der Melker Wysel wäre ihr zu Diensten, so oft sie wollte, aber sie müßte ihn dafür zu teuer und gleich mit dem einzigen Hab und Gut, das sie von Vater und Mutter her habe, bezahlen und auf seine Gegengabe wolle sie erst recht verzichten. Sie habe ja schon gehört, wie's seinerzeit einem armen Dienstmädchen auf Rain gegangen sei, das sich mit einem gewissen Jemand auf so einen Tauschhandel eingelassen habe. Aber nein, der Wysel, dieser Hupfhahn, der allweg auch noch andern nachstreiche, erwische sie keineswegs, obwohl sie sich den ganzen Tag und im Zunachten erst recht gegen ihn wehren müsse, wie eine Katze im Hornung gegen eine Nachtvoll Kater. Und seit die Zille weg sei, werde er immer angriffiger und freue sich ihrer Abwesenheit wie ein schlimmer Schulbub über die langwierige Krankheit seines Schulmeisters. Sie könne sich nicht genug gegen ihn stellen und sei nur froh, daß sie nicht von Glas oder gebranntem Lehm 114 sei, sonst könnte sie ihre Unschuld bald zusammenlesen wie letzthin das Seppeli, dieser Schnabel, der einen immer verklatsche, die Scherben des großen Kaffeekruges. Wenn sie den Wysel vornächtig nicht in die Hand gebissen hätte wie eine Wildkatze . . .« »Jaso«, redete der Bauer dazwischen, »deswegen hat der Melker bei seiner Arbeit unter den Kühen so ungeschickt getan, die Hand verbunden gehabt und von keinem Doktor was wissen wollen.« »Jawohl, das ist's«, rief triumphierend das Bethli aus. »Übrigens«, setzte sie bei, von dem Aufsehen, das sie beim Bauern mit des Wysels angriffiger Hand bewirkt hatte, angespornt, »die Karline, unsere Viehmagd, dieser Roßhaarstrubel, hat auch schon über Euch selber geredet, Meister. Ich kann mich ganz gut besinnen, daß sie im vergangenen April gesagt hat, am Nachheiligtag Ostern war's, der Meister sei auch nicht immer der sauberste, man könne ihn auch in die Nase bekommen, wie die andern Mistmacher, denn, wenn er den ganzen Tag das Jauchefaß in der Hausmatte herumgeläutet habe, komme er auch mit keinem Rosenöl an der Hose ins Haus.« Der Bauer lachte. Und nachdem die junge, laubfrische Magd noch eine Weile die Siebensachen ihres Verdrusses vor ihm verlegt und aber auch willig seine Ermahnung zu besserer Ordnung angenommen hatte, machte er sich kopfschüttelnd ins Haus hinüber zum 115 Nachtessen, wo er zur Beunruhigung der Dienste außer dem Tischgebet keinen Laut von sich gab. Wie er andern Tags nun auch in den Stallungen gar einläßlich Nachschau hielt und der Viehmagd Karline, die mit ungesträhltem Kopf, als ein rechter Zaus und Graus, eben den Kühen das Bett machte, vorhielt, der Stall, aber auch sie selber sehe unsauber und wie von den Hühnern gemacht aus, begann sie mit ihrer tiefen, trockenen Stimme über den Meisterknecht, den Hansuoli, zu schimpfen, dabei mit der Mistgabel ruhig fortwerkend. Dieser alte Tabakstänker, sagte sie, könne nichts als immer an ihr herumdoktern. Bei den Knechten getraue er sich nichts mehr, denn die nickten einfach zu allem, was er sage. Sie täten hinterrücks noch lachen und es dann machen wie er's angebe oder es auch nicht machen. Dafür lasse er dann seinen Ärger an ihr aus, denn sie sei eben nur ein Weibervolk, obwohl sie's mit diesem brummligen, baufälligen Herumhoppeler und noch einem Dutzend seinesgleichen schon noch, und zwar von Hand aufnehmen wollte. Sie könne ihm nichts recht machen. Sie schaffe, was sie vermöge und hätte ja nur hie und da einen halbwüchsigen Buben zur Mithilfe. Aber man wolle eben, daß sie sich übertue. Sie habe ja auch der Zille nie genug werben können. Und seit die weg sei, behaupte der Hansuoli, dieses Hinkebein, dieser Quergeiger, sie lasse unverschämt 116 nach. Wenn man aber meine, man habe endlich Ruhe vor ihm, gehe auf einmal seine lange Nase wieder aus irgendeinem Winkel auf und schnüfle Kuh, Kalb und Katz ab. Sie sage es aber noch einmal, sie könne nicht mehr als schaffen. Jedenfalls arbeite sie weit über den Lohn, den man ihr gebe. Auch sei sie schon über ihre meisterlosesten Jahre hinaus, wenn auch noch lange kein Grabstein, ganz und gar nicht. Wie früher aber möge sie doch nicht mehr, obwohl sie noch mehr als genug dran tue. Sie hätte vorher sich nur zu sehr abgeschafft und verzappelt. Sie sei deswegen aber auch all und ein Abend ins Bett hineingefallen wie ein Steinblock. Von dem allem wolle sie ja nichts sagen oder gar sich rühmen, aber es ärgere einen nur, wenn man sehe, daß man so gar kein Brosämlein Anerkennung bei diesem alten Bodenverspucker und Gehörübel finde. Die Alte, die Zille, so streng und genau sie gewesen sei, habe doch auch fünfe grad sein lassen können. Sie schaffe schon lange neben dem Küher und dem Melker im Stall und doch schimpfe Hansuoli immer mit ihr und sage, sie sei schuld, daß das Vieh immer weniger ergibig in der Milch werde. Man solle es nur anschauen, schimpfe er alleweil, die Kühe sehen vernachlässigter aus, haben einen Panzer um den Leib wie die alten Eidgenossen, aber von Kuhdreck. Auch habe ihr der alte Unflat ins Gesicht gesagt, die Kühe stellen die Haare immer so strub 117 wie sie, wenn man mal mit ein paar Häuptern zu Markt fahren müsse. Kurzum, machte die Karline tieftönig, eine gehäufte Gabel voll Mist zum Loch hinausstoßend, sie wolle fort, wenn's keine andere Ordnung gebe. So habe man doch, als die Zille noch dagewesen sei, mit ihr nicht umgehen dürfen, und sie habe sich sonst immer gefreut, auf Rain werken zu können. Er, der Meister, sei ja allezeit recht mit ihr gewesen. Ihn wolle weder sie, noch sonst jemand auf dem Hof anders wünschen, Gott bewahre! Wenn nicht der Wysel wäre, der ihr immer wieder anstehe und dienstig sei, wo er hiefür abkomme, könnte sie's nicht mehr aushalten. Es sei traurig genug, daß man ihr diesen jungen Ledigen auch noch immer vorhalte und so gespäßig hintendurch rede, als ob sie's mit ihm hätte und es nicht ohne ihn machen könnte. Aber das komme alles vom Saubethli, die noch nicht völlig erwacht sei, nicht wisse was Lands, denn immer, wenn einer eine ein bißchen ansehe oder gar anlange, sei das bei dem dummen Geschöpf schon Mord und Tod zu Greifensee. Es werde etwa nicht zu lange mehr dauern, so höre das Saubethli die Hähne auch zu nachtschlafender Zeit krähen. Sie habe noch keine gekannt, der hiefür das Musikgehör, wie allemal der Schulmeister gesagt habe, nicht gekommen sei, und etwa früher als die Mutter meine. Was das andere anbelange, solle der Meister nur die derzeitige 118 Stubenmagd, die Theres, fragen. Die erfahre es ja jetzt auch alle Tage und Stunden, wie einem niemand mehr etwas darnach frägt, sich keines um das andere kümmert, wie man sich zu drücken sucht, wenn man jemand zur Handreichung braucht. Der Wysel, ja, den nehme sie aus. Alle andern hängen einem nur ein böses Maul an. Sie wolle aber künftighin außer vom Melker Wysel von niemand mehr etwas wissen, gehe es dann wie's wolle. Am End packe sie ihr Bündel doch noch und fahre zu ihrem Bruder auf Kleinhallwyl. Der nehme sie jeden Augenblick auf. O, das mache ihr keinen Kummer, so gern sie sonst auf Rain geblieben wäre. So kam der Bauer Hansbaschi Hochrütiner auf Rain so allmählich dazu, einzusehen, daß in seinem Hofbetrieb allerlei nachließ und gar den gefehlten Weg zu gehen anfing und daß trotz allem guten Willen des alten Meisterknechts eine Art Schlamperei aufkommen wollte. Jetzt, wo er die Augen in dieser Richtung offen hatte, sah er immer mehr, was ihm nicht gefallen konnte. Er begriff wohl, denn er war ein ganzer Bauer, daß man auch nicht ein einziges Scheitlein aus einer Hauswand voll aufgeschichteten Holzes ziehen darf, wenn man nicht gewärtigen will, daß die ganze Beige unversehens zusammenfällt. Der alte Hansuoli, jawohl, mit dem ging's eben noch so; aber jedenfalls fehlte jetzt überall und immer ein rechtes 119 Weibervolk, eine zuverlässige Person auf dem Hof, die eine Meisterin von Geburt und nicht nur durch Erfahrung war. Nein, er durfte das nicht ruhen lassen. Die Zille, auch wenn sie nochmals aufkommen sollte, was der Arzt ja sehr bezweifelte, war nicht mehr viel zu rechnen. Sie würde eben durch ihre Krankheit eine gebrochene Frau sein. Sie hatte wahrhaftig genug gewerkt und sich für seines Vaters und seine Sache gewehrt und sie aus vollen Kräften mehren helfen. Er wird ihr, wenn sie's nochmals auf die Beine bringt, einen behaglichen Feierabend vorbereiten und dabei, das lag ihm nun stets in Gedanken, für abgearbeitete Dienstboten überhaupt etwas tun, irgendeine Einrichtung treffen. Nun, man wird ja sehen. Einstweilen war's ihm klar, daß er eine Haushälterin, eine tüchtige Wirtschafterin haben müsse, die vor allem dorthin sehe, wo seine Augen nicht genug Tiefgang haben noch haben konnten, in die Dinge und Anliegen, die einer Frau anstehen und zu überwachen und zu ordnen gegeben sind. Heiraten? Nein, das kam vorläufig nicht in Frage. Man war ja noch im Trauerjahr. Zudem wollte er sich mit einer Heirat keineswegs übereilen. Es wurde ihm trübe, fast schwer zu Mut, wenn er daran dachte, daß er schon eine Frau habe begraben müssen und daß er von ihr, trotzdem er mit ihr einen langen Weg durchs Leben gegangen war, keine Kinder, keine Nachfahren, nicht einmal ein 120 Mädchen, geschweige einen Knaben bekommen hatte. Wenn's doch wenigstens ein Mädchen gewesen wäre. Nun stand er allein, völlig allein; denn an seinen Geschwistern hatte er nichts. Der Hänsel und die Brigitt schauten nur für sich und das ihrige, und wohl allzusehr, gar zu ausschließlich. Ihre Jungen und Töchterchen mochten ihn ja wohl leiden; auch waren ihre Eltern recht mit ihm, wenn er etwa mit ihnen zusammentraf. Es gab aber da keinerlei geschwisterliche Liebe oder auch nur Zutunlichkeit. Der Langhänsel schien nur noch Geld und Gut liebzuhaben. Diesen widmete er sich aber unermüdlich als ein scharfhinsehender Geschäftleinmacher. Er gedachte wohl, seinen Töchterchen, denen er, wie am End auch die Katzen ihren eigenen Jungen, närrisch zugetan war, nach und nach aus seinem billigen Laden herauszuhelfen und ihnen eine Art babylonischen Turm zu erbauen, auf dem sie dann protzend sitzen und sich von der Umwelt anstaunen lassen mochten. Die Schwester Brigitt hatte es ähnlich; ihr Hof und ihr Holzhandel waren ihr alles. Es schien sie aber immer die Sorge zu plagen, sie könnte ihren Söhnen nicht genug hinterlassen, und da sie zwei Buben habe, müsse sie auch zu zwei Höfen kommen können. Was aber den Bruder Ludi, den Weinreisenden, anbelangte, so hatte er's schon lange aufgegeben, sich über ihn Gedanken zu machen oder gar von ihm Geschwisterliebe zu 121 begehren. Der kam ihm ja mehr als ihm lieb war auf Rain; aber immer nur, um seinen Sack zu füllen. Was hatte er dem schon für eine unverzeihliche Summe, sicher und gewiß auf Nimmerwiedersehen, an Geld geliehen! Nun, das alles war nun einmal so und wohl nicht zu ändern; man mußte sich drein finden. Was sollte er dem nachsinnen? Es mochte wohl kommen, daß er sich nochmals verheiraten würde, ja verheiraten mußte. Er sah es immer mehr, dem großen Hof mangelte die Meisterin, die auch der hochgewachsene, scharfäugige Meister nicht völlig zu ersetzen vermochte. Er wollte sich aber noch recht einläßlich und langwierig besinnen, bevor er eine zweite Frau nehmen würde. Es war ihm geradezu bange daraufhin. Er hatte von der ersten Frau keine Kinder bekommen. Wie sollte er, der im Land so hochgestellte, deutlich gesehene Bauer auf Rain das ein zweites Mal zu ertragen vermögen. Es konnte ja dann freilich anders sein; jedoch das ließ sich nicht ausdenken. Gleichwohl, das war einmal sicher, eine tüchtige Haushälterin, auf die man sich verlassen konnte, mußte er, und zwar bald haben. Es waren da auf Rain allerlei Schrauben los; da sollte wieder überall fest zugedreht werden. Deswegen hatte er sich auch schon offen und ebenso heimlich nach einer rechten Person umgesehen. Es war ihm aber nicht nur um so eine Schafferin, sondern 122 um ein Frauenzimmer zu tun, mit dem man auch ein Wort in mehr als nur in einer Richtung reden konnte. Ja, ein wohlgeratenes, gescheites Weibervolk, das nicht nur auf ein blitzsauberes Haus, auf volle Kisten und Kasten, auf einen gutgesonntagten Scheunenvorplatz, auf eine musterhafte Schweinemast, die größten Kohlköpfe und alles, was den Hof und sein Fortkommen anging, halten würde, sondern eine, um die es einem wohl wird und die da für Sinne und Gedanken wie ein freundliches, verstehendes Echo wäre. Über das alles aufs einläßlichste nachsinnend, saß der Bauer eines Tages eben an seinem umfänglichen Stubentisch vor dem Ofen. Da hörte er eine Stimme vor dem Haus gehen, und da der Barri nicht anschlug, so war's ihm sogleich gewiß, daß jemand Verwandter oder Wohlbekannter draußen angekommen sei. Wie er nun zur Haustüre hinaustrat, kam seine Schwester Brigitt gemessenen, aber mannhaften Schrittes und hochgetragen wie eine Kirchenfahne, nur nicht so feierlich, schon auf die steinerne Vortreppe zu, und neben ihr ging flinkfüßig und weidenleicht ihr älterer Sohn Ferdi, der von der löblichen schweizerischen Eidgenossenschaft für den Vorwinter aufgebotene Rekrut. Der Rainler schritt ihnen die Vortreppe hinab entgegen. 123 Nachdem sie sich kurz und ohne besonderes Getue begrüßt hatten, sagte die Holzhändlerin, sich den Schweiß mit Ferdis Nastuch abwischend, das sie ihm einfach aus dem lose abgehängten Kittel herauszog, sie hätten wieder einmal nachsehen wollen, wie's jetzt auf Rain gehe nach dem Absterben der Schwägerin selig und wo nun gar auch noch die Zille im Spital liege. »Du hast es mir ja das letztemal, als ich da war, selber so halbwegs gebeichtet, Hansbaschi, daß seither auf dem Hof nicht mehr alles so schön selbstverständlich laufe und daß verschiedenes, besonders bei den Dienstleuten und vorab bei den Mägden, nicht mehr völlig im Geleise sei. Und he, natürlich unsereiner kann das schon begreifen.« Nein, bestätigte Hansbaschi Hochrütiner drauf, es gehe nicht mehr alles wie am Schnürchen, gar nicht. Er habe zwar ja immer noch den Hansuoli, der auch jetzt noch ein brauchbarer Meisterknecht sei. Älter geworden sei er aber eben doch. Er fange an, dies und das zu übersehen und zu überhören erst recht, da es mit seinem Gehör immer böser werde. Auch sperre er sich in letzter Zeit gegen alles Neue wie ein Bock gegen eine Schlachthaustüre. Es sei ja unglaublich, aber er habe es dem Alten gegenüber rein erzwängen müssen, wenn er etwa eine Maschine habe zutun wollen, wie sich's doch heutzutage bei einer solchen Weite Boden am Rand verstehen sollte. Nicht einmal 124 eine Jauchepumpe hätte er zweckmäßig gefunden, und doch habe sich niemand mehr gefreut als der Hansuoli, als vor langen Jahren sein Vater selig Mäh- und Worbmaschine angeschafft habe; sie könnte das ja auch noch wissen. So gebe es bei diesem alten Knaben immer etwa kleine Widerstände; aber im ganzen sei er, wie gesagt, schon noch zu brauchen. Alterswegen werde er ihm noch lange an die Hand gehen können, wenn er auch nicht mehr alles merke, was er merken sollte. Es liege auch nicht am Meisterknecht, daß es im Betrieb nicht mehr wie geschmiert gehe; es habe eben überall nachgelassen, und so könnte nach und nach das Geschäft lotterig werden wie eine alte Herrenkutsche, die nicht mehr gehörig federe. Das leideste sei vor allem, daß die Zille auf dem Hof fehle. Sie mangle ihm überall. Wenn sie auch nicht mehr wie früher gewesen sei, so hätte sie doch alles noch in Ordnung gehalten. Sie habe nichts im Haus, aber auch im ganzen Bauerngewerbe unkontrolliert gelassen. Es sei vor ihr ein jeder, eine jede und ein jedes gewesen wie die Leute im Bahnwagen, wo der Kondukteur auch niemand unbesehen durchlasse. Es sei halt immer ein Auge und ein guter und fester Wille dagewesen, der ihm geholfen habe, ein Ding wahrzunehmen und dem den Weg zu weisen. Das Werkvolk habe sie ästimiert und sie habe Gewalt bei ihm gehabt. Mit den Knechten ginge es auch jetzt noch, denn da sei der 125 Hansuoli noch am Platz; aber mit den Mägden sei's eine Kirchweih geworden, jedoch keine besonders lustige. Es mache bald eine jede was sie wolle und soviel ihr behage. Auch wollen sie immer mehr im Dorf unten, und gar etwa in der Stadt auch noch, zu tun haben und dort mit Verwandten zusammentreffen, während es früher kaum einer eingefallen sei, sich Sonntags nach der Kirche auf dem Heimweg ein Halbstündlein zu verplaudern. Letzthin sei die Kresenz, die Köchin, Sonntag abends zum Kochen gar nicht heimgekommen. Als sie nach Betzeitläuten endlich angerückt sei, habe sie einen Rausch und ein freches Maul heimgebracht. Andern Tags habe sie ihm dann freilich was vorgeflennt und sich verschworen, sie trinke sonst nichts als hie und da eine Kelle voll Wasser oder, wenn sie einen leeren Kopf habe, einen Schluck Trester oder einen Fingerhut voll Kirschgeist. Seither verstehe er aber, wofür es in der Küche so viel Kirsch brauche. Sicher sei, daß es nicht nur in der Küche, daß es eben allerorts zu lockern anfange, und wenn auch die Zille nochmals in den Betrieb hinein könnte, eine richtige Regentin würde sie kaum mehr werden. Man würde sie ohnedas für krank ansehen, und der Gesunde mache sich aus den Kranken nicht viel, etwa verachte er sie gar, wenn auch unbewußt. Die abgearbeitete Zille dürfte ihm aber keinenfalls mehr etwas im Gewerbe anrühren. Er wolle schon drauf denken, wie man sie 126 und wohl auch andere Dienstboten im Land herum auf ein längeres oder kürzeres Ruhebänklein hinsetzen könnte. »Heja eben«, antwortete seine Schwester, »deswegen bin ich ja heute hier oben auf Rain, um mit dir über diese Dinge, die deine Wirtschaft angehen, zu reden. Am End bin ich doch deine Schwester und die einzige dazu. Ich habe das alles natürlich kommen sehen, mochte aber einstweilen nichts sagen und dreinschwatzen; denn da hättest du's mir für vorwitzig und aufdringlich genommen. Ihr sagt ja sonst immer, ich sei ein rechter Befehlshaber. Außerdem, ich kenne das Männervolk. So habe ich diese Angelegenheit, wie den Umlauf am Daumen, reif werden lassen und bin aber jetzt dran, deinen Schaden wenden zu helfen. Und nun, nimm mir's nicht übel, daß ich's gleich heraussage, es muß eine Haushälterin her, und zwar eine junge. Wo in einem derartigen Bauerngewerbe die Frau fehlt, ist's wie mit einem Haus ohne Dach; auch mangelt man sie wie die Kücklein die Gluckhenne, die der Fuchs geholt hat.« Sie hatten sich unterdessen über die Treppe hinauf ins Haus und in die hintere Stube gemacht, während der Ferdi draußenbleiben wollte, da er sich wieder einmal, wie früher in seiner Kindheit, in den Stallungen etwas umsehen möchte. Die Rosse, die Kühe, die Jungware, alles interessiere ihn. Es nehme ihn nur wunder, 127 ob ihn der Vögi wieder, wie seinerzeit bei der Ernte, beißen wolle. Und nun hockte der Bauer auf Rain in seiner ganzen Stattlichkeit mit seiner noch gewichtigeren Schwester in der kleinen heimeligem Hinterstube, die, solange man wußte, immer eine Art Familienheiligtum gewesen war. Eine Weile blieben sie schweigend auf ihren schön geschnitzten Stabellen sitzen. Sinnend, mit gar verschiedenem Gedankenwerk beschäftigt, schauten sie an die Wände hin, ohne sie zu sehen. Es war aber eine recht sehenswerte, vertäfelte Stube mit einer schweren, verzierten Holzdecke, die sich da und dort nach und nach etwas gesenkt hatte. Der Stube schönstes Stück unter der guten, altertümlichen Ausstattung war eine gewaltige Kommode, die zu dem hoch- und breitgewachsenen Herrenbauernpaar am kuhbeinigen Tisch gar wohl paßte. Auch sie war ja aus landskräftigem Holz und zeigte über drei, an glänzendem Beschläg reichen, schöngeschweiften Truhen einen Aufsatz, den eine holzgeschnitzte »Unbefleckte Empfängnis« krönte. Auch das Kruzifix mit den Stechpalmen dahinter war von Holz, und auf der geblümten Truhe, die sich darunter breitmachte, lag ein altes, doppelschneidiges Schwert. Sonst war die wahrhaft üppige Täfelung durch nichts verhangen oder sonstwie gestört und so von prächtiger Wirkung. Nur neben der Türe gab's 128 noch einen allerliebsten Weihbrunn aus bemaltem Ton, aus dem eine sonnengoldumstrahlte Taube trank. »Großer,« begann aber unversehens die Holzhändlerin, zu reden, »also für das bin ich zu dir hinaufgestiegen, weil ich dir eine Haushälterin weiß und zwar, wie ich meine, eine Person, wie du sie mit allem Ausschreiben, Herumreisen und Nachschauhalten kaum so schnell zu finden vermöchtest.« So solle sie mit ihrer Wissenschaft nur herzhaft ausrücken. Er habe es nicht gern, wenn man so hündisch um die Ecken herumschnüffeln und blindskätzeln müsse bis man an einer Sache sei. »He gut, also die kleine Wirtschafterin meine ich, die seit einiger Zeit in der Genossenschaftsmolkerei ist und die vor allem deren Laden leitet«, sagte die Brigitt. »Ich nehme aber an, du habest die auch schon gesehen oder vielleicht doch von ihr gehört. Sie ist ja auch eine Bauerntochter, dem Franztoni selig im Schloo seine einzige, das Apelluneli. Sie war mit einem Lehrer, so einer Art Herrenlehrer, aus der Stadt am See hinten, drei Jahre lang verheiratet. Und nun ist sie eine noch ganz junge Witfrau, ein Bild sag ich dir. Wie man allgemein hört, läßt sie sich in der Molkerei so gut an, als ob sie nie einen Schritt aus dem Bauernbetrieb hinausgetan hätte. Ach was, du mußt doch von ihr gehört haben, etwa durch den Melker Wysel, der ihr die Milch zuführt.« 129 »Eben nicht«, antwortete er, »ich habe von diesem Apelluneli Tags meines Lebens noch keinen Ton verlauten hören. Zum ersten bin ich nicht der Mann, der auf jeden Ober- oder Unterrock acht gibt und zum andern bringt eben der Melker Wysel die Milch ins Dorf hinunter. Der muß dieses Witfrauchen freilich kennen, aber wenn er Weibervolk weiß, weiß er's für sich und nicht für andere und macht nicht einen Lärm wie unser Seppli, wenn's ein verlegtes Ei findet. Auch der Karlima, der Karrer, kann sie kennen, wenn er etwa zeitweilig für den Wysel mit der Milch ins Dorf fahren muß. Wenn nun aber dieses Apelluneli eine rechte Haushälterin auf Rain werden könnte, wie du meinst, und will mir kommen – Ich möchte sie der Genossenschaft nicht so ohne weiteres wegnehmen –, so würde mir das vielleicht auch passen. Jedenfalls kann man dran denken.« Das Seppeli erschien in der Türe und fragte, schüchtern auf die schwere, aber gradauf dasitzende Holzhändlerin sehend, ob es für die Frau Anderbalm und ihren Sohn etwas aufstellen solle. Die Theres habe es geschickt. Bevor aber der Bauer ja sagen konnte, wehrte seine Schwester kurz, fast barsch ab. Sie habe keine Zeit, länger dazubleiben. Sie müsse noch nach Sinswangen hinüber, eines Fetzens Wald wegen. Deswegen habe sie ja ihr Wägelchen im Dorf unten 130 gelassen, weil sie schon gewußt habe, daß man sonst nicht so schnell wegkäme. So fand sich der Hansbaschi Hochrütiner, der seine Schwester ja zu kennen meinte, rasch damit ab und das Seppeli nahm gar sänftiglich, mit einem scheuen, fast furchtsamen Blick auf des Bauers Schwester, die ihm wie eine Festung mit Vorwerken auf ihre Stabelle hingebaut erschien, die Türe zu. »Gut, das wäre also abgemacht. Ich werde dir die junge Witfrau, bei der natürlich wie beim Barometer, wenn man heuen möchte, angeklöpfelt worden ist, auf Rain zum Anschauen und ins Examen schicken. Du hast dann immer noch die Wahl. Dieses Apelluneli hat sich brav eingestellt, denn ich habe ihr das Gewerbe auf Rain nach allen Enden dargetan und wie das eine anspruchsvolle, ja fast verleiderische Aufgabe sei, einem Heimwesen von diesem Umfange und dieser Arbeit mehr oder weniger vorzustehen. Ich hab ihr's gehörig übertrieben und schier einen Kreuzweg draus gemacht.« »Du bist wohl nicht gescheit«, machte der Hansbaschi verwundert. »Meinst du? Ich kenne eben die Sorte Weibervolks und weiß, was der Ehrgeiz allenfalls bei ihr zuweg bringen kann und wie es sie treibt, sich nun erst recht ans Unmögliche hinzumachen und zu zeigen, was so ein Weiblein vermag, von dem man meinen 131 könnte, die drei Jahre Stadt und die Gescheitheiten, die sie da einzupacken bekam und der vollere Schulsack hätten ihr für das Umtun auf der Bauersame und mit der Bauersame den Sinn und die Beine genommen. Und siehst du, Großer, sie ist mir auch an den Speck gegangen. Sie hat gar nicht nein gesagt, im Gegenteil, sie hat gesagt, man könne ja drüber denken und allenfalls werde das Nachsehen nicht alles kosten. Ich möge ihr nur wieder berichten. Und nun, Hansbaschi, solltest du's mit ihr probieren. Auf wen wartest du noch? Red, brauchst du eine auf und für den Hof oder brauchst du keine?« »Ja, ja am End, 's ist wahr. Hab's ja selber gesagt, ich muß ein Weibervolk haben, das meiner Sache vorstehen kann, im Haus, in der Küchenwirtschaft, das mir aber auch allenorts etwa zuhanden geht und eine härtere Nuß ein wenig entkernen hilft. Eine, die zum rechten schaut rundum im Hof. Und bald muß ich eine solche haben. Schick also dein Wundertierlein nur hinauf, so kann man sich's ansehen und herauszubekommen suchen, ob man zueinander paßt und so sich einigen könnte.« »Ich habe dir nur noch sagen wollen, Bruder, daß auch der Lange, unser Hänsel, der ja auch weiß, was es auf unserm Hof braucht und der Augen fürs Weibervolk hat, wie selten einer, wenn er schon so an ihm vorbeischielt und etwa tut, als ob er da das 132 Einernten andern überlasse, dir zu wissen tun läßt, daß ihm diese kleine, umtunliche Witfrau einen schauerlich guten Eindruck mache. Er wohne ihr ja ganz nahe und könne ihr in den Laden und sie selber all und einen Tag an der Arbeit sehen. Die wäre für dich eine wie vom Himmel gefallen, Hansbaschi, meint er.« Sie lachte kurz auf. »Er hat gesagt, wenn man das Weibervolk an den Hag bringen und an Ausstellungen in jeder Richtung prämiieren würde, wie es sich eigentlich gehörte, so wüßte er wohl, wer ein erstklassiges Schildlein, nein das erstklassigste, vor den Kopf bekäme, falls er Preisrichter sein könnte. Aber den Torenbuben da zu Bern oben auf ihren grünen Sesseln komme ja etwas derartig Vernünftiges gar nicht in den Sinn. Also wie gesagt, der Hänsel rühmt dieses Frauchen noch ärger als er die Silberstrecker von der Steuerkommission in den Grunderdsboden hinein verflucht. Ich will sie dir demnach gelegentlich hinaufschicken auf Rain. Was sagst, Großer?« »Heja, das kannst du ja machen.« »Und jetzt«, sagte sie, sich erhebend, »muß ich mich befleißen, wieder wegzukommen. Zürn's nicht, Bruder, aber ich hab's ja schon gesagt, ich hab noch anderwärts zu tun. Es war mir nur, ich dürfe dir nicht vor etwas sein oder etwas hintanhalten, was für dich und deinen Hof eine gute Schickung bedeuten könnte.« 133 Wie sie nun mitsammen in die große Wohnstube kamen, sahen sie durch die besonnten Fenster eben, wie das Saubethli aus dem Schweinestall heraus und geradeswegs ihrem Bruder Ludi in die weitausgebreiteten Arme hinein schoß. Und sie konnten auch sehen, wie sich die glühende junge Magd wütend wieder losriß und, etwas von zweibeinigen Säuen lärmend, im nahen Kuhgaden, verfolgt vom kläffenden Köter des Chemifegers, verschwand. Überrascht schritten nun der Bauer auf Rain und seine Schwester Brigitt aus dem Haus, über die steinerne Vortreppe hinunter und aber bedächtigen Ganges auf die Scheune zu. Immer noch stand der Ludi davor, seinem Hund pfeifend, der geduckt, fast kriechend, auf ihn zuhielt. »Wie kann sich ein Hund von so hochnobler Abkunft so schlecht benehmen und stallrüchigem Weibervolk nachlaufen,« herrschte er seinen Fliegenschnapper mit versumpfter Stimme, aber gut gespielter Entrüstung an, »ein Eiszeithund wie du, ein Genosse der Pfahlbauer, schäme dich!« Und der Fliegenschnapper schien sich auch bis ins innerste hinein zu schämen, denn er machte sich nun völlig bäuchlings zu seinem auf nicht ganz sichern Beinen stehenden Herrn heran und es sah ganz aus, als wolle er sich vor ihm wie ein Maulwurf in den Erdboden hinein verkriechen. Wie ihm der Chemifeger 134 aber herablassend mit der Hand über den Pelz von nicht wiederzugebenden Farben strich, sprang er ihm über den Kopf, ihn fast umwerfend, und brach in ein Berg und Tal erfüllendes Freudengeheul aus. »Ja, was ist's denn mit dir, Ludi«, sagte der Rainler jetzt, mit seiner Schwester auf den vor der Saugadentüre stehenden Bruder zuschreitend, »was hast du denn heute schon wieder auf Rain zu suchen? Bist ja vor vierzehn Tagen dagewesen. Nicht, daß ich dich etwa von deinem Vaterhause abhalten möchte, Gott bewahre, aber du kommst ja doch nie der Familie wegen, sondern nur wenn's bei dir irgendwie und irgendwo ein Loch zu stopfen gibt, aber nicht in den Strümpfen. Nun, gleichwohl sei mir willkommen, was hast du heute?« »Nein, Bruderherz«, antwortete der andere, gar nicht beleidigt, hochwichtig, »heute komme ich einmal in einer Sache, die dich und dein Gewerbe angeht. Ja, beigott, es liegt mir mehr an dir und deinem Rainhof als du meinst. Du siehst mich immer für einen Hiobsboten an oder gar für einen, der dich in brüderlicher Liebe plündern möchte, aber heute bringe ich dir gute Kunde. Nämlich, ich habe da von der Brigitt vernommen, daß du eine Haushälterin brauchen könntest, weil die Zille im Spital es, scheint's, nicht mehr lange macht. Deswegen bin ich nun heute expreß dahinaufgestiegen, obwohl die Wirte in 135 Ruslangen und die Kunden in der Stadt am See schon lange auf mich und meine Weine warten. Meinetwegen mögen sie verdursten; zuerst kommt der Bruder, der wartet auch, wenn auch nicht auf meine Weinkarte. Also Großer, paß auf, ich weiß dir eine!« »So, so«, machte der Rainler, »du weißt mir eine. Schau, Ludi, die Schwester steht ja da bei mir und die weiß mir auch eine und ist wie du extra deswegen zu mir auf Rain gekommen. Da hab ich ja vielleicht die Person, die du mir antragen willst, gar nicht mehr notwendig und mehr als eine wäre mir zuviel. Es wundert mich aber doch, was du auf deinen Umzügen um die Kundschaft des ganzen Vierländergebietes für eine auf meinen Hof ausgelesen haben könntest. Muß ja eine wahre Hexenmeisterin herausschauen, wenn man so weit herum die Wahl hat. Außerdem, auch ein Einäugiger kann ein Goldstück finden.« »Du magst jetzt über das ganze Gesicht oder nur so plätzeweise über mich lachen,« sagte, seine schmutzige Sportmütze abnehmend und also seine verlebten Züge ans volle Licht rückend, der Chemifeger, »es ist eben doch wahr, daß ich dir eine Haushälterin, eine Stubenmagd, auf den Rainhof wüßte, wie es sie weder hierlands, noch bei den Zwergen hinter den sieben Bergen ein zweitesmal gibt. Und daß du's gleich weißt, sie hat's im Kopf noch mehr als in den Armen, sogar klavierspielen kann sie.« 136 »Ja, Ludi, was das Klavierspiel anbelangt,« meinte der Bauer, »so kann mir das nicht die Hauptsache sein, das wird dir bekannt sein. Wir haben hier mit andern Instrumenten zu werken, nicht bloß zu spielen. Immerhin hab ich's nicht ungern und das wißt ihr eben auch, wenn jemand Freude an der Musik hat und noch an diesem oder jenem, was ins Geistige geht, wenn ich mich deswegen dran auch nicht zum Hansnarren mache. Also du kannst am End auch das Schlooapelluneli in der Molkerei da unten meinen, das Witfrauchen, das drei Jahre in die Stadt verheiratet war.« »Ja, beim Eid«, rief mit gutgespieltem Erstaunen der Chemifeger aus, »grad die meine ich. He, 's Kuckucks doch auch, wie kommst du denn auf sie? Da wäre mir doch eher der Tod in den Sinn gekommen, als daß du auf deinem Rain, der so weit über alles hinwegsieht, auf das kleine Ding da in der Molkerei kämest. Hast ja die kleine Witfrau allweg noch gar nie erblickt.« »Du Löffel«, warf seine Schwester Brigitt mit steinpickelharter Stimme ein, »das ist ja eben die, das Apelluneli aus dem Schloo, die ich ihm angeraten habe.« Einen Augenblick glotzte der Ludi die Holzhändlerin nur so an, wie ein gestochener Bock, alsdann setzte er seine Mütze, die so recht den Lumpen 137 vollendete und war wie das Tüpflein aufs i, wieder auf und machte in heuchlerischer Benommenheit, fast niedergeschlagen: »Ja so, den Weg, Brigitt, du hast also dem Großen diese Perle schon vorgezeigt und mir sozusagen den Finderlohn vorweggenommen. Ah, ah, ah! Nun«, rief er, rasch sich gebend, aus: »Ich mag dir die kleine Witfrau gönnen, Hansbaschi!« Er nahm flink des Bruders Hand, und sie innigst drückend und zu ihm aus verschwommenen Augen so treuherzig als ihm noch möglich aufschauend, sagte er: »Du verdienst ja eine zuverlässige Hand und dazu eine, die allenfalls auch noch warm gibt und einem nicht die Haare stellt vor Schaudern wie eine alte Kröte, die man beim Fröschnen unter einem Torfgrabenbord hervorzieht. Man kennt übrigens diese Bauerntochter aus dem Schloo noch weit über den Rotenbach hinaus als eine erstklassige Zahl. So bist du mir jetzt zuvorgekommen, Schwester,« wandte er sich an die Holzhändlerin, da ihm sein Bruder die Hand fast unwillig entzog. »Ja, in Gottesnamen. Die Hauptsache ist, daß wir dem Hansbaschi eine wissen, für die er uns noch dankschuldig wird. Dixi .« Die Brigitt Anderbalm aus der Wydlen blieb still und sah ihren herabgekommenen Bruder, der immer noch in dem geschenkten, freilich arg fadenscheinigen Gewand ihres Mannes, aber in einem Paar hellbrauner Halbschuhe herumreiste, aus kugelrunden, 138 großen und übermäßig glänzenden Augen an, etwa wie eine Nachteule einen jämmerlichen Hasen. Nein, der Bauer auf Rain beachtete das kurze Spiel der schwesterlichen und brüderlichen Augen nicht im mindesten. Er nahm all ihr Gerede, seinem geraden, lautern Wesen gemäß, für, wenn auch nicht herzlich, so doch gut gemeint. Immerhin sagte er jetzt, er gedenke es allenfalls mit dieser in mehr als einer Richtung bäuerisch und städtisch geschulten Witfrau zu versuchen. Mit dem Lob, das man ihr zum voraus erteilt habe, wolle er's vorläufig halten wie mit allen Übertreibungen, die ihm zu Gehör kommen, er wolle 50 Prozent davon abziehen. Es könne ja dann immer noch Annehmbares und Gutes genug verbleiben. Eine Katze im Sack kaufe er halt auch niemandem, auch seinen Geschwistern nicht ab. Wenn er schon erst ausgangs der vierziger Jahre sei, habe er doch oft genug schon die Erfahrung machen müssen, daß nicht allein die Äpfel, sondern auch die guten Räte wurmstichig sein und unverschämt und gottlos abfärben können. »Gut denn«, sagte er, »ich danke allerseits. Ob ich diese Person anstelle oder nicht«, wandte er sich zu seinem Bruder, »du sollst heute doch ein kleines Draufgeld auf den Handel haben, denn umsonst mußt du mir nicht daheraufgestiegen sein und den Dolmetscher gemacht haben. Ich weiß ja wie streng dir das Obsichgehen wird, wie sehr du die 139 bequemen Straßen liebst und daß du am liebsten im Auto um deine Kunden und dann aber gleich bis nach Paris hinein reisen würdest.« » Bene, optime, Bruderherz!« rief der Ludi aus, »jetzt hast du den Nagel zu deines Vaters Sarg auf den Kopf getroffen. Des Morgens bei dem Branntwein, des Mittags bei dem Bier, des Abends bei . . .« er lachte auf. »Also verschaff mir nur die Moneten, Hansbaschi, das Auto werde ich dann noch rascher haben als du den maschinellen Zugochsen für deinen Pflug, von dem du immer redest und welcher moderne Apparatus dich in Hinsicht auf den Vögi und den Griß immer wieder reut. Ich, wenn ich an deiner Stelle hieroben bauern könnte . . .« »Ja, weiß schon«, machte kurz der Bauer, »das gäbe eine schöne moderne Landwirtschaft, aber«; redete er weiter in das Auflachen des andern, »es fällt mir eben ein, Ludi, wenn du doch zu mir hast wollen, was ist dir denn in den Sinn gekommen, daß du da vor die Stalltüre zu den Säuen auf Dorf gegangen bist? Hast etwa«, er sah recht verstimmt dem Chemifeger auf die schiefsitzende Dächleinmütze, »das Saubethli zuerst anfragen wollen, ob ihm allenfalls die neue Wirtschafterin, die du meinst, auch passe. Und sag, warum ist denn das junge, aber doch recht handfeste Geschöpf so im Galopp ausgerückt und von dir auf und davon?« 140 »Ja«, sagte die Holzhändlerin, »bist doch immer noch der gleiche Maitlischmecker. Ist kein Rock vor dir sicher, auch wenn er nicht nur mit Männertreu, sondern sogar mit Saustallbeize gegen Motten geschützt wäre. Es ist einmal wahr, du hast immer gewußt, wo in Haus und Stall etwas Junges zu finden sei. He«, lachte sie kurz auf, »aber damals bist du eben selber noch jung und wie die Weidenrute, aus der man Maienpfeifen dreht, auch noch vollsaftig gewesen. Jetzt sieht's anders aus mit dir, Ludi, obwohl du jetzt in den sogenannten besten Jahren stehst. Das Traurige für dich ist nur, daß du deinen Jahrgängen noch weit vorausgelaufen bist, um ja vor andern Leuten alle kurzweiligen Gelegenheiten, die am Weg warten, profitieren zu können. Du hast dir aber bei dieser Hatz nach den Freuden zu zweit den Fuß wüst verstaucht und mußt nun heute erleben, daß jedes Saubethli vor dir das Kreuz macht und einen Galopp, aber nicht zum Tanz, anschlägt. Warum? Es schaut dir aufs Maul und findet die Zähne abgeschoben und faul.« »Liebe, teure Schwester,« antwortete der Chemifeger, mit einem widerlichen Lächeln, das ihm nur so aus den Augen zu hängen schien, wie der Schleim von einer flackernden Unschlittkerze, »ich habe zwar nicht gewußt, daß du so gut predigen kannst. Hingegen, wenn ich dich jetzt so betrachte, so kann ich nur 141 sagen, daß du eine Kanzel prächtig ausfüllen tätest. Trotz deinem moralischen Zustupf kann ich aber, wenigstens heute – den morgigen und die folgenden Tage behalte ich mich vor – nicht sagen: Pater peccavi! Ich kann dir aber immerhin diesen Text für deine nächste Predigt empfehlen, nur mit der kleinen Änderung, daß es da heißen dürfte: Mater peccavi! Nämlich, Frau Schwester, ich bin deswegen zum Schweinestall hingewalzt, weil darin ein großes Geschrei gewesen ist; 's war grad so, als wollte jemand das Saubethli umbringen. Und so habe ich, als ein Christenmensch, nachsehen wollen, was in Bethli's Parfümbüchse los sei, schon aus purer Ritterlichkeit; man ist doch ab Rain. Und nun«, er stieß die Gadentüre auf, »komm heraus, mein lieber, junger Vettermann, Sohn meiner gestrengen Schwester vom Rotenbach und zeige dich! Man ist ja auch einmal jung gewesen und wie! immerhin, mein guter Junge und angehender Vaterlandsverteidiger, den Torenbuben an deiner Stelle mag ich heute nicht machen.« Und als sich im Stall nichts regte, rief er lauter: »Komm nur herzhaft heraus, man wird dich nicht fressen!« So zeigte sich denn in der Dämmerung des Schweinestalls ein Schatten und miteinemmale wurde draus der Ferdi, der Holzhändlerin junger Sohn. Er war rot über und über. Eine seiner Backen schrie geradezu fürjo. »So«, machte er aber ziemlich keck, »da bin ich. 142 Was gibt's denn? Ich habe nur des Vetters Säue ein wenig angeschaut.« Der Chemifeger lachte dreckig. Der Bauer auf Rain sagte nichts, schaute aber ziemlich ernst auf seinen Neffen, dem er sonst wohl gewogen war. Auch die Holzhändlerin redete kein Sterbenswörtlein. Sie faßte kurzerhand ihren Sohn am Kittel, zog ihn völlig ans Licht des Tages und dann erst sprach sie kalt und ohne das mindeste Anzeichen von Aufregung: »Komm, du Lappi! Hast's jedenfalls gescheit angestellt, daß das dumme Babi so ein Geschrei gemacht hat.« Und als der Ferdi, der eben auch etwas von der mütterlichen Art an sich haben mochte, ihr widerstrebte, setzte sie höhnisch bei: »Willst etwa dein Ehrenzeichen auf der linksseitigen Backe noch lange ausstellen?« Jetzt ließ er sich von der hochgebauten, noch vollkräftigen Mutter zuhanden nehmen und nach kurzem Abschied machten sie sich miteinander bedächtig und schweigend rainab, gen Bohlishusen zu. Als sie aber unten beim steinernen Wegkreuz, das der Hansbaschi Hochrütiner zum Andenken an seinen Vater vor Jahren hatte aufrichten lassen, einen Augenblick nachher vorbeigingen, rief ihnen der Bauer auf Rain nach, man solle also nicht vergessen, ihm die Witfrau aus der Molkerei gelegentlich, und zwar bald einmal zuzuschicken. 143 Darnach machte sich der Rainler mit seinem Bruder Ludi ins Haus hinüber. Er wollte diesen doch nicht weggehen lassen, ohne ihm ein Gläschen Schnaps vom alten eigenen Kirsch und ein paar Silberlinge zugehalten zu haben. Wie die Brüder drin im Hause waren, streckte sich des Chemifegers Hund, der Fliegenschnapper, so lang er war und mit aller Selbstverständlichkeit auf der steinernen Vortreppe vor der Haustüre aus, als ob er hier seit Pfahlbauzeiten gelegen hätte. Das brachte aber den Barri vor der Scheune so auf, daß er aufsprang. Seine Kette rasselte und, drohend zur Stiege hinüberschauend, ließ er den Donner seiner Stimme umgehen. Jetzt spielte aber der Fliegenschnapper, wie vordem der Bernhardiner ihm gegenüber, den Gleichgültigen, ja Verachtungsträchtigen. Sehr zufrieden mit dem Posten, den er nun einnahm, bettete er gar seine häßliche, schwarzgelbe, triefende Schnauze auf die ausgestreckten Vorderpfoten und schien sich also ganz für ein Mittagsschläfchen einrichten zu wollen. Er schloß, behaglich schnaufend, die Augen, aber immer etwa wieder öffnete er sie ein wenig, hinüberschielend zur Scheune, wo sich der Barri immer noch nicht zufrieden geben wollte. Man kann ja nicht wissen, ging's dem Fliegenschnapper durch seinen vielrassigen Schädel, ob mit dieser Kette neben der Roßstalltüre alles stimmt. 144 Es schien immerhin ratsam, sich nicht zu sorglos des Schlafes zu befleißen, man tat wohl am besten, sich für alle Fälle fluchtfertig zu halten, denn wenn dieser Hofhund loskommen sollte . . . Nein, das wagte der Fliegenschnapper nicht auszudenken. Es wäre zu gräßlich. Auf seine Beine meinte er sich zwar so ziemlich verlassen zu können. Wie oft schon war er verfolgt worden, aber immer noch war er mit Glimpf davongekommen. Nein, so recht geruhsam ließ es sich auf dieser Vortreppe nicht liegen. Immer wieder versuchten es die Schmeißfliegen, die wohl vom Miststock herkamen, ihm in die Wolfsohren zu schlüpfen, obwohl er wie ein Drache nach ihnen schnappte. Sie schienen es wie auf ihn abgesehen zu haben. Das mochte wohl daher kommen, daß sie ihn auch für etwas Mistartiges hielten. Nein, man konnte nicht einen Augenblick sich so recht hundefaul verstrecken. Da waren ja auch die Flöhe, die einen quälten und die gar nicht gewillt schienen, das Mittagsschläfchen mit einem zu teilen. Und dann eben dieser großartige, eingebildete Bernhardiner, der nicht zu donnern aufhören wollte. Nun, mochte er sich heiser bellen, am End wird ihn seine schwere Kette doch niemals freigeben. So machte sich's denn der pfahlbauzeitliche Sennenhund immer bequemer. Er streckte sich und bohrte die Schnauze zwischen die Pfoten. Es schien doch für ein Schläfchen zu langen. 145 Als aber auf einmal irgendwo ein anhaltendes Gegrunze war und als nun aus dem offenstehenden Saugaden ein elf Vierling dickes, martinifertiges Mutterschwein in den Tag hinaus wackelte und sich sogleich zum gewaltigen, hochgeschichteten Misthaufen machte, sprang der Fliegenschnapper blitzgeschwind auf und schoß flugs die Treppe hinab und auf die gewichtige Sau los, die einen ganzen Winter voll saftigen Schweinefleisches auf sich trug. Bevor aber das gute, doch ziemlich unbeholfene Geschöpf, das so ungeahnt die Freiheit gewonnen hatte, in den so anzüglichen Jauchelachen um den gezupften Miststock zum Baden kam oder gar sich drin seinen Gelüsten gemäß herumwälzen konnte, sprang es dieser Fliegenschnapper aufs rücksichtsloseste an, wodurch des Schweines Hoffnungen auf ein nachmittägliches Sichauslebenkönnen im moorbraunen Geschwemme um den riesigen Düngerhaufen schnöde vernichtet wurden. Immer wieder, wenn die Sau, genußsüchtig grunzend, die verschiedenen Jauchepfützen, die in der Sonne ganz nett Spiegelein spielten, auszuwittern, ja zu durchflotschen begann, kniff sie dieser hinterhältige Hund ins Bein, ja sogar in die, von jedermann so hochgeschätzte, wohlgepolsterte Sitzgelegenheit. Was die Sau aber am meisten ärgerte, war des Fliegenschnappers unaufhörliches Schnappen nach ihrem Ringelschwänzchen, denn er begnügte sich nicht damit, 146 sie immer daran zu zupfen und zu zerren, er fing sogar an, sich daran zu hängen und also herumschleifen zu lassen. Diese Unverschämtheit brachte sie also in die Sätze, daß sie aufschrie. Es war zu empörend von diesem zusammengesetzten Scheusal von einem bellenden Wesen, von dem man nicht wußte, wohin man es in der Naturgeschichte einzureihen hätte, während doch die Schweine noch genau so rassenecht waren, wie sie einst aus der Arche kamen. Das mochte der Sau durch den Kopf gehen. Auch in die Hühner war der Schreck gefahren und alsdann eine heilige Entrüstung, die sie jetzt an allen Ecken und Enden hinausgackerten. Der Gockel, der nun, auf dem Brunnenstock stehend, aus allen Kräften in die Welt hinauskrähte, war völlig wütend auf diesen elenden Hund, denn fast wäre er wegen ihm auf der Flucht im Brunnentrog ertrunken. Wohl hörte die geplagte Sau jetzt den Barri, der sich sonst aus den Schweinen nicht das mindeste machte, wie rasend an der Kette reißen; aber das konnte ihr ja doch nichts helfen. Obwohl sie sich vor Pein und Wut, trotz ihrer, alle Seiltänzerstücklein verbietenden Fülle, allmählich wie ein Kreisel umzudrehen anfing und dazu mordio schrie, wollte der Fliegenschnapper, den dieses Spiel mit der lebendigen Riesenkugel außerordentlich entzückte, nicht von ihr ablassen. Jetzt aber kam sein Verhängnis. Die Kuhstalltüre sprang auf, und heraus flog das flachsschopfige 147 Saubethli. Mit gefälltem Birkenbesen und blauen Blitzen in den Augen schoß es auf den Pfahlbauhund los und begann ihm sein langhaariges und verpapptes Fell aufs angelegentlichste zu strählen und abzuklopfen, also daß er schmerzgeprüft aufheulte und hart an Barri vorbei, der ihn noch in den buschigen Schwanz zu kneifen vermochte, in tollen Ängsten in ein offenes Tenntor hineinraste, um sich so schnell als möglich und wo immer es sei, vor der blonden Furie zu verbergen. Das Bethli folgte ihm aber keineswegs. Es machte sich hinter das befreite Schwein. »Hätte mich nicht der Holzhändlerin ihr Ferdi um den Hals genommen und mit mir im Stall ein Schwingfest abhalten wollen, wärst du mir nicht ausgekommen, Dicke«, sagte sie gar laut zu dem höchstverdrossenen Mutterschwein, es mit ihrem Besen zur Scheune treibend. »Es ist dir recht geschehen, daß dieser Sauhund hinter dich geraten ist. Hoß, hoß, hoß!« Damit stüpfte die junge, von allerlei Aufregung rauchende Magd ihr durchgegangenes Schwein wieder in den Saustall zurück, während des Ludis Hund in tausend Ängsten, gräßlich heulend, dem flinken, dielenfesten Melker Wysel und der ebenso baumstarken Karline, der Viehmagd, die zusammen in der Tenne eben ein Schaf schoren, in die rauhen Hände hineinrannte. Nach einer geraumen Weile – es war allmählich zwischen Haus und Stall wieder still geworden, und 148 nur der Bernhardiner schaute von Zeit zu Zeit dräuend auf das Tenntor, – trat der Bauer Hansbaschi Hochrütiner mit seinem liederlichen Bruder, mit dem Chemifeger, auf die Vortreppe heraus. Der Ludi schien guter Dinge zu sein und die Welt für eine in jeder Hinsicht wohlgeratene Einrichtung zu nehmen. Seine Augen waren gelächerig wie schleimiger Froschlaich, und immer wieder drückte er seinem, ihn ziemlich überhöhenden Bruder die Hand zum Abschied. Es schien ihm in der Wohnstube auf Rain nicht übel, sogar recht gut ergangen zu sein. Wie er aber jetzt Miene machte, die steinerne Stiege hinabzusteigen, ging eine Tür am Tenntor, die halb offen stand, ganz auf, und nun lief mit eingekniffener, langhaariger Rute der Fliegenschnapper in den sonnigen Tag hinaus. Sich ängstlich und scheu, besonders nach Barri umsehend, wand er sich, keineswegs weidlich, zu seinem Herrn auf die Vortreppe des Rainhauses hin. Aber wie sah er nun aus! Als ein über und über langbehaarter Pfahlbauhund war er in die Tenne hineingerast, und nun schlich er als ein verkehrter Löwe, die vordere Hälfte seines länglichen Leibes glatt abgeschoren bis auf die Iltisschnauze und die Wolfsohren, hochträchtig an Scham und Schande, zu seinem verwunderten Herrn hin. Wahrhaftig, man mußte ihn in der Scheune so zugerichtet haben. Etwas überrascht, ja ungehalten, schaute der Bauer 149 auf das so arg verwandelte Tier, das sich jetzt, wenigstens hinterhalb, löwenmäßig gab und vorne aber so ganz unbestimmbar aussah. Es sah teilweise aus, als sei der Fliegenschnapper von seinen Flohherden rattenkahl abgeweidet worden. Jetzt fiel's dem Rainler ein, daß der Melker und die Viehmagd eine kleine Schafschur in der Tenne hatten. Während er nun, gern oder ungern, beim Anblick des näher rückenden Hundes über das ganze Gesicht aufhellen lassen mußte, brach der Ludi, der erst völlig paff auf seinen vierfüßigen Kameraden geglotzt hatte, in ein brüllendes Gelächter aus. Wie ein Kind schien er sich der Verwandlung seines Lieblings zu freuen. Er konnte nicht aufhören, ihn zu bewundern und über ihn immer wieder eine Lachsalve nach der andern loszulassen. Das aber kränkte den Fliegenschnapper ersichtlich, und als er sich an seinem Herrn vorbeigedrückt und unter die steinerne Stiege in einen Winkel hineingehöckt hatte, schielte er mit bösen Augen zum Bernhardiner hin, der ihn aber jetzt keines Blickes würdigte. Nur widerwillig ließ er sich von seinem Meister hervorziehen. Es brauchte gar viel Liebkosungen und Streicheln, sowohl über den behaarten als auch den aalglatten Hund, um ihn wieder einigermaßen lebendig zu machen. Jetzt aber war er doch wieder so weit, daß er zwischen seines Herrn Knien voll heißen Hasses zu Barri hinüberknurrte. Als nun auch das Saubethli und der Kuhhirt 150 Oswald mit einem Handknaben dazukamen, den Fliegenschnapper in seiner neuen Uniform einläßlich zu betrachten, zu begutachten und von Herzen zu verlachen, wurde er ganz wild und begann zu bellen und ins Blaue hinein zu schnappen. »So«, sagte der Bauer auf Rain, »jetzt fahr ab, Ludi, mit deinem verkehrten Löwen; wir haben ihn uns ja jetzt ausgiebig ansehen können. Kannst nun an der Kirchweih zu Bohlishusen unten und der Enden eine Bude aufschlagen und deinen Hund, oder was es ist, für Geld sehen lassen. Es möchte ein Geschäft werden weit über die Provisionen deiner Weinreisen. Leb wohl und komm gut heim, und wenn's sein kann, heute noch. Es will mir nun doch scheinen«, setzte er halblaut hinzu, »ich hätte dir die zwei Gläschen Kirsch nicht einschenken sollen. Dieser Kirschgeist hat schon zu viel andersfarbige und gewiß weit unter ihm stehende geistige Kameradschaft in deinem Gießfaß drin angetroffen, vielteurer Bruder. Ich hätte nicht noch Öl ins Feuer schütten sollen. Schau, es reut mich. Da rede ich dir immer wieder zu, ein Mensch zu werden, der ans Zeitliche und ans Ewige erst recht denken sollte, und handkehrum bin ich Narrs genug, dir ein Gläschen nicht absein zu können. Künftig . . .« »Also auf Wiedersehen, Großer, und vergelt's Gott für die Silberlinge! Ich bin ja, das muß ich doch immer wieder sagen, bei der Teilung von Vaters Sache 151 auch nicht ungrad gewesen. Aber davon will ich weiter nicht reden. Es hat keinen Wert, und es kauft mir doch die Jahre nicht zurück, die ich hab zuschauen müssen, wie andere feiß essen. Also das Apelluneli aus der Molkerei wollen wir dir schon hinaufschicken, das soll nicht fehlen, und wenn ich allenfalls wieder etwas brauche, denn das Geld fühlt sich bei mir nicht heimisch, mihi est propositum in mundo... « »Fahr ab, Ludi!« machte der Bauer. Da wurde der Chemifeger seines halbgeschorenen Hundes wieder gewahr. Aufs neue lachte er auf wie ein verrücktes Roß. Nein, das war doch gewiß zum Auseinanderfallen lustig. Ei, oho, das mußte das ganze Dorf da unten, ja sämtliche Weinkunden landauf, landab sollten seinen nun so hochinteressanten Hund zu sehen bekommen. »Weißt du was, Hansbaschi«, rief er aus. »Der Fliegenschnapper muß mir bei meiner Kundschaft Reklame für meine Weine machen. Er sieht jetzt aus wie Fausts verwunschener Pudel, wenn du schon von jenem Wundertier gehört haben solltest, nur daß er nicht anschwellen und mich zu Geld und zu jungem Weibervolk bringen kann. Übrigens könntest du mir auch wieder einmal ein Faß Tiroler abnehmen. Ein exquisites Weinlein, sag ich dir, ein Tropfen, wie von der Riesentraube des Josua und Kaleb abgefallen. Die Chemiedoktoren der ganzen Schweiz haben ihm 152 die Analyse gemacht, und das Weinlein ist reiner befunden worden als das Blut eines angehenden Jüngferchens, das noch nicht weiß, woher die Kindlein kommen. Schau, Hansbaschi, weil du mein Bruder bist, lasse ich dir dieses honette Weinlein . . .« Nein, der Bruder war nicht mehr vorhanden. Er mußte sich während des Lobgesanges Ludis auf seinen Wein ins Haus hineingemacht haben. Das stieß aber dem Chemifeger weder sauer noch süß auf; er lachte nochmals eine Scholle über seinen verflossenen urzeitlichen Sennenhund hinweg, der ja jetzt ein umgekehrter Löwe war. Und ihn in der verbliebenen rückenbezüglichen Mähne kraulend, torkelte er, ein Liedchen summend, das noch zottiger war als sein Hund, hinterwärts, rainab, Bohlishusen zu. Lachend und allerlei anzügliche Reden tauschend, schauten ihnen Magd und Knecht nach. Der Melker Wysel und die Viehmagd Karline hatten sich jetzt auch aus der Tenne gewagt, und auch die Putzerin Theres guckte mit der Köchin Kresenz durch ein Küchenfenster, während das Seppeli, ein Körbchen am Arm, eben aus dem Hause trat und verwundert auf der Vortreppe stehend, zu den rainabschauenden Dienstleuten hinübersah. »Nein, wie doch dieser Chemifeger mit seiner linkshäldigen, schiefsitzenden Mütze und sein Hund zusammenpassen!« rief mit heller, fast schriller Stimme das 153 Saubethli aus. »Der Ludi müßte jetzt mit seinem schlappen Schädel nur noch wedeln können, so wie der Fliegenschnapper. Und dabei ist dieser Weinschluck des Meisters Bruder. Kein Mensch würde es glauben, stände es nicht im Taufbuch. Man muß sich, beigott, für unsern Bauern schämen.« »Und doch bist du dem Ludi in die offenen Arme hineingefahren«, machte neckisch die Viehmagd. »Ich und der Wysel haben es ja auf dem ersten Platz in der offenen Tenne wohl sehen können.« Das Bethli wußte erst nicht was sagen, so war's über diesen unerwarteten Anwurf verblüfft. Dann aber lärmte es aus blutroter Aufregung heraus: »Du weißt wohl, wie's war. Schau du übrigens nur für dich und für den Wysel, der sich so gut aufs Schafscheren versteht, besonders wenn du dabei bist!« Alle lachten auf, auch das Seppeli vor der Haustüre, ohne zu wissen warum. Als aber die Karline mit einer gesalzenen und gepfefferten Antwort ausrücken wollte, sagte der Küher Oswald, mit dem Eimer am Arm in die Kuhstalltüre tretend: »Komm, Wysel! Man kann, denk ich, bald einmal melken«, und halblaut setzte er hinzu: »Der Hansuoli!« Richtig, man sah den alten Hansuoli, der vom Raingütsch herabgekommen sein mochte, auf den Hof zu hinken. »Heja«, machte brummig der Wysel, den roten Kopf 154 nur ungern dem herantrampenden Meisterknecht zuwendend, »wir können den alten Herumkeucher ja schon selber sehen, wenn wir wollen. Es braucht für das keiner die Elster im Wald zu spielen und zu warnen. Wir merken den Alten lang bevor er uns.« Er lachte in sich hinein. »Der Karlima hat es gestern gesagt, als ich mit ihm hinter dem Gütsch Mist ausführte, der Hansuoli werde immer übelhöriger. Er müsse sich immer mehr anstrengen mit Fluchen, bis es auch der Alte zu hören vermöge.« Ein Gelächter ging um, aus dem heraus des Saubethlis Stimme geradezu jodelte. »Es mag etwas dran sein«, meinte Oswald, der Kuhhirt, den braunkrausen Vollbart dem Melker zuwendend; aber einstweilen muß ihm halt der Karrer und du und ich, und andre auch, doch noch parieren.« Niemand hatte drauf eine Antwort. Schweigend, aber sehr gemächlich, verzogen sich alle irgendwie abseits an ihre Arbeit. IV. Ein schöner, herbstlicher Sonntagnachmittag. Irgendwo ist ein Läuten, wohl in der Ferne. Vielleicht kommt's gar von der nicht zu entlegenen Stadt am See her. Es ist ja so föhnheiter und die Alpen sind gar nahsichtig und spätherbstgoldig. Bedächtig, in tiefes Sinnen versunken, schlenderte der Hansbaschi Hochrütiner, der Bauer auf Rain, von seinem hochgestellten Haus weg, an der gewaltigen, langen Scheune vorbei und allmählich hinab gegen das Rainseelein, das an einer sanft abfallenden Halde in das große Riedland hineingebettet ist. Er wollte, wie er sich vorgenommen hatte, nachsehen, wie's mit der Streue, die gestern gemäht wurde, stehe, denn morgen sollte sie, wenn immer möglich, zu Tristen aufgebaut werden. Es war gleichwohl nicht die Streue, die ihn aus seiner heimeligen Hinterstube gezogen hatte, in der er zuerst eine Weile die Klarinette spielte und alsdann sich mit der Lesung eines Buches durch die sonntägliche Langweile zu helfen trachtete. Nein, es war nicht gegangen, er hatte das Buch weglegen müssen 156 und die hintere Stube, sonst seine Zuflucht und Freistatt, war ihm heute so unsäglich leer, so von allen guten Geistern verlassen vorgekommen. Und nun schritt er gar bedächtig, als ob ihn eigentlich jeder Schritt reute, gegen den kleinen See oder großen Weiher im Moorland hinunter, der ihm mit freundlichem Blauauge durch den Obstwald herauf entgegenzukommen schien. Ein Weilchen war ihm das wunderfitzige Seppeli, die kleine Nichte der alten Zille, hinterrücks nachgeschlichen, denn es wunderte sie, was der Meister habe, daß er ein so trauriges, verdrossenes Gesicht mache und wo er wohl hingehe. Als er sich aber einmal umschaute, freilich ohne sie gewahr zu werden, blieb sie zurück und gesellte sich wieder der zwischenzeitlichen Stubenmagd Theres zu. Und als das immer größer werdende, schmale Kind nun bei dieser im Garten saß und erzählte, wie der Meister so betrübt dreinschaue, den Kopf hängen lasse und wie ein Nachtwandler gegen den großen Weiher am Rain fürbaswandere, lachte die Teeres zu Seppelis Überraschung nur auf und sagte so vor sich hin: »Kind, das hat weiter nichts zu sagen, der Meister hat halt lange Zeit und dazu Heimweh nach irgendetwas, ich weiß schon nach was.« Da wurde das Seppeli ganz still und begann angelegentlich darüber nachzudenken, nach was der Meister wohl Heimweh haben könnte. 157 Hie und da fiel dem nidsichgehenden Bauern schon ein frühwelkes Blatt auf den unbedeckten, ein wenig angegrauten Kopf, auch zertrat er ein paarmal abgefallene Walnüsse. Er beachtete das nicht im mindesten. Er hatte jetzt allerlei anderes zu denken. Der alten Zille, die er vor einigen Tagen, anläßlich eines Geschäftes, in der Stadt besuchte, ging's gar nicht besser. Es sei eben so ein Hinsiechen, sagte ihm der Arzt, was sie selber aber nicht zu merken scheine. Sie werde ihm jedenfalls nicht mehr auf den Hof zurückkehren. Das hatte ihm zu denken gegeben. Er war sie so gewohnt auf Rain und konnte sich sein Haus ohne sie immer weniger vorstellen. Die Putzerin Theres war ja in keiner Weise ein Ersatz für eine Haushälterin von den Eigenschaften und der Tüchtigkeit der Zille. Wohl eine getreue Person, eine rechte Putzerin und Wäscherin und nicht mehr. Er fühlte sich heute so verlassen, vereinsamter als jemals. Knechte und Mägde, alle auf seinem Hof hatten irgendwen, mit dem sie sich in ihrer Art einen guten Sonntag machen konnten. Irgendein Freudlein mit andern, an andern wußte ein jeder, eine jede sich zu schaffen. Er aber hatte, trotzdem Leute genug um ihn waren und mit ihm verkehren mußten, niemand. Seine Verwandten oder, wie etwa die Leute so gedankenlos sagten, die Nächsten, lebten alle nur für sich. Keinerlei 158 Anhänglichkeit, nichts dergleichen zeigte ihre Blutverwandtschaft. Das kam ihm jetzt, wenn er's so bedachte, geradezu unfaßbar, sündhaft vor. Würden nur alle Sippen im Lande zusammenhalten, sagte er sich, so hätten es die Menschen hundertmal leichter im Leben. Was der eine nicht besäße, hätte der andere. Und in so gar vielem könnten sie sich bei gutem Willen ergänzen, beistehen und mit vereinten Kräften zu guten Zielen helfen. Was hatte er denn an seinen Nächsten? Es bedünkte ihn ganz ungeheuerlich, was da für eine unabsehbare Wüste, eine eiskalte Nordpollandschaft zwischen ihm und seinen Verwandten lag. Nein, da kam niemand drüber hinweg, das ließ sich weder erkaufen, noch erfliegen. Mein Bruder Ludi ist ein Erzlump, sagte er sich, und ein Hanswurst dazu, ein Ärgernis für mich und das ganze Land. Da gibt's nichts mehr zu schönen. Und mein anderer Bruder, der Hänsel, ist ein Geschäftleinmacher, ein Zusammenscharrer, der's nicht so genau nimmt und sich eines verdächtigen Handels wegen weiter keine Mucken macht. Wo der nur den Hang zum Geiz herhaben mochte? Die Eltern waren ja wohl auch haushälterisch. Sie sagten nie Fränklein, wie dieser leichte, verrupfte Vogel, der Ludi, sie sagten Franken, und wie sie's sagten, war's ein gewichtiges Wort. Dabei waren sie aber keineswegs sparsam bis zum Geiz. Sie konnten sogar eine offene Hand 159 haben, wenn's ihnen notwendig erschien, bei aller bäuerlichen Vorsicht und Zurückhaltung im Ausgeben. Der Hänsel aber war ein Knauser, sogar ein Schmutzian. Er drückte sich von allem, was nach Wohltätigkeit aussah und ihn irgendwie verpflichten wollte, fast ängstlich. Auch an seiner schattenhaften Frau hatte man nichts. Sie lebte völlig nach ihres Mannes Willen, raschelte durch ihren billigen Laden und das Magazin wie eine Maus in der Falle, aber völlig zufrieden, ihrer Gefangenschaft unbewußt. Bei ihrer Kundschaft war sie die ewig süßliche Krämerin und mit ihren Töchtern eine närrische Mutter. Sie verzog sie ja in jeder Weise, indem sie ihnen alle Unarten nachsah und sie zu verschleckten Geschöpfen, zu Kleiderpuppen werden ließ. Ihr Mann, der Hänsel, schien das merkwürdigerweise gar nicht zu sehen, nicht sehen zu wollen. Seinen aufwachsenden Mädchen gegenüber war er wie ein umgekehrter Handschuh. Da war der Knauser immer wie weggeblasen und der Narr an seinem Blut Trumpf. Deswegen konnte es auch seine Frau, die ihren ewigen Nörgler von einem Mann fürchtete wie das Schwert, den Töchtern gehen lassen wie sie wollte. Sie durfte die drei Mädchen unter seinen Augen verpäppeln und veräffeln nach Mutterherzenslust. Hier war dieser Hänsel mit den Sperberaugen und den Fuchsenohren blind und taub. Hier ließ er auch sein Silberbrünnlein für alle 160 möglichen dörflichen Kleiderprächte ruhig fließen, er, der seiner Frau so genau auf die Finger sah im Laden und der ihr immer wieder vorhielt, sie sei eine dumme Gans, denn sie gebe den Leuten viel zu gutes Gewicht. Und der ihr selber keinen abständigen Fetzen Gewand gönnen mochte, er, der sonst alle Kniffe anwandte, an seinen Waren zweiseitig soviel als menschenmöglich zu verdienen. Er, dem kein Geschäft zu gering oder zu fraglich war, wenn dabei ein Profitlein herauszuschauen schien, konnte bei seinen Töchtern geuden. Nein, an des Langhänsels hatte man nichts und aber an der Schwester, an der Brigitt in der Wydlen, ebensowenig. Immer wieder sagte sich der Bauer, wenn er sie zu sehen bekam, sie stelle doch ein annehmbares, stattliches Weibsbild dar und jammerschade sei's um sie, daß sie innerhalb dem Hänsel so sehr gleiche und nur so ein Sparhafen geworden sei. Es war freilich richtig, als ihr Mann so früh starb, tat sie gar wohl daran, zu allem zu schauen, die Sache zusammenzuhalten und achtzugeben, daß ihr nicht alles auseinanderging, wie die Milch aus der Pfanne. Es war da ja ein großes Holzgeschäft und ein ansehnlicher Bauernhof dazu. Auf allem aber lasteten gewichtige Hypotheken. Da hieß es freilich sperren und sich wehren. Und das tat die Brigitt auch. Sie legte sich mit mehr als Mannskraft ins Zeug und es gab für sie keine Dornhecken. Sie betrieb den 161 einträglichen Holzhandel weiter, machte es mit Sägern und auf dem Bauernwesen mit Knechten. Sie ging selber auf Holz aus, tat gar manchen wohlerwogenen, guten Zug mit Waldankäufen, stellte sich mit dem Kreisförster vertraulich, der ihr da und dort immer etwa wieder einen lohnenden Schick in Holz wußte, wobei er auch nicht mit leeren Händen heimzu mußte. Sie nahm auch selber an den Holzganten der ländlichen Genoßsamen teil. Sie war aber, und ist's ja alleweil noch, eine wohlabgerundete, anmächelige Frau, die es dem Männervolk zu Berg und Tal wohl zu vertreffen weiß, denn sie versteht's sogar, aus ihrem von Kindsbeinen an so fix und fertig gemeißelten, glatten Gesicht allenfalls recht einladende, kugelrunde Augen zu machen. So hatte sie ihren reichen Besitz nicht nur gehalten, sie hatte ihn auch entlastet und vermehrt und war nun die landauf, landab wohlbekannte, in der Wolle warme Frau Brigitt Anderbalm in der Wydlen am Rotenbach, die Kredit hatte. Früher war sie ja hie und da, selten genug, mußte sich der Bauer auf Rain sagen, zu ihm auf Besuch gekommen, denn er hatte ihr nach ihres Mannes Tod eine Zeitlang als Bürge anstehen müssen. Darnach aber bekam er sie fast nie mehr zu selben. Nun, sie hatte gar viel zu tun und zu denken. Als dann ihre Buben größer zu werden anfingen, zeigte sie sich überhaupt nicht mehr. Sie lebte nun immer mehr 162 nur noch ihren Jungen, die sie, im Gegensatz zum Langhänsel, streng zu erziehen suchte, wobei sie sich aber freilich nicht viel draus machte, wenn ihr die Buben etwa, wie die Forellen im Sägegekett, entschlüpften. An seiner Schwester hatte er auch nichts. Zwar hatte sie während der Krankheit seiner Frau einmal auf seinem Hof Nachschau gehalten, aber als dieser das Glöcklein auf Rain zu Grab läutete, konnte er ganz gut sehen, wie sie das alles, ganz wie den Hänsel, völlig kalt ließ. »Nein, kein Bein, keine Seele habe ich«, redete er vor sich hin, rainabgehend, »jedes Huhn hat's besser.« Und nun war ja auch noch die Zille, die er so gewohnt war, weg. Sie wird ihm kaum jemals mehr auf den Hof kommen. Nein, so durfte und konnte es nicht weitergehen. Er mußte wieder jemand haben, und zwar jemand, der mit ihm Schritt halten, mit ihm in herzlicher Treue den Weg durchs Leben weiter machen würde. Er hatte sich einst vom Zusammensein mit seiner Frau selig so vieles versprochen. Sie hatte sich in der Verlobungszeit so zutunlich, so warm gegeben. Es war aber dann anders gekommen, also, daß sie neben ihm hinging wie etwa ein Wagenrad neben dem andern. So konnten sie nie recht zusammenkommen. Nun, das war wohl Schicksal, da war für diese Wegstrecke mit seiner Frau, wie bei der Eisenbahn, die Weiche eben so für sie gestellt worden. 163 Wie anders hatte er sich so ein Beisammenleben in jungen Jahren ausgemalt, wenn er etwa auf dem Raingütsch lag und in die Welt hinausträumte. Seine Frau war ja recht gewesen, wenn auch keine Bäuerin, wie man sie auf dem Rainhof hätte wünschen müssen. Sie machte ihm den Alltag so erträglich als sie's konnte, ging schweigsam, ja gleichgültig neben ihm her, wie es in ihrem Wesen lag. Er hatte nie vermocht, sie seinem Herzen näher zu bringen. Sie nahm und gab wie ein Briefträger. Das war nun wohl so ihre Art, und töricht wäre es, von einer Föhre Feigen zu verlangen. Daher kam es auch, daß niemand auf dem Hof diese Frau, die wie eine Nebelfrau war, viel beachtet hatte. Nun, Gott habe sie selig! Es würde sich ja vielleicht anders angelassen haben, wenn Kinder gekommen wären. Das hätte ganz gewiß manches ändern können. Besonders für ihn würde die Ankunft eines Kindes, gar eines gesunden Jungen, ein Osterfest, ja wahrhaftig, eine Auferstehung ins Leben geworden sein. Noch ganz anders hätte er sich seinem prächtigen Hof widmen wollen. Er würde alsdann gewußt haben, für wen er sich einsetzte. So wohl er seine Neffen und Nichten zu Bohlishusen unten und am Rotenbach leiden mochte, für sie konnte weder sein schwerer Tag, noch sein Hof gemeint sein, obwohl er zu sehen glaubte, was für nachdenkliche, ja begehrliche Augen seine Geschwister 164 Hänsel und Brigitt, die Brigitt voraus, immer wieder, wenn sie etwa auf Rain kamen, an Haus und Hof hin, über Feld und Wald machten. Es mußte eine Aenderung auf dem Hofe geben. Nein, Schwester hin, Brüder her, für Leute, die ihm ferner stehen wollten als Knecht und Magd, ja als wildfremde Menschen, wollte er sich nicht mit dem anspruchsvollen Alltag geplagt, sich gewehrt, kurz, sich mit seiner ganzen Kraft umgetan haben und noch weiter umtun. Er möchte auch für sich noch etwas vom Leben haben. Der Gedanke, daß es am Ende doch noch zum Guten ändern könnte, ließ den Bauer ruhiger, getroster werden. Jetzt glitt aus dem Flötlein eines Rotkehlchens, wie ein Sonnenstrahl, ein Liedchen in sein Sinnen hinein. Die nebelige Düsternis, die um seine Augen war, verschwand und nun sah er auf einmal, daß er einen sonnenvollen Sonntagnachmittag um sich hatte. Sein Schritt wurde zuversichtlicher und bekam etwas Bauernherzogliches. Er blieb stehen und schaute in den Obstwald hinein, der ihn umgab. Er mußte die schwerbeladenen Bäume nur so anstaunen. Äpfel, lauter herrliche Äpfel, goldig, rot, vielfarbig. Wie im Paradiese, und kein verbotener Baum darunter. Alles war sein. Wie er nun die Äpfel so betrachtete, fiel ihm jenes 165 Märchen von Alaeddins Wunderlampe ein, die einen Garten aufgetan hatte, in dem alle Bäume voll strumpfkugelgroßer Edelsteine hingen. Ja, mit Wonne hatte er einst jene Geschichte gelesen, aber da befand er sich ja auch in einem solchen Garten. Ohne Zauberlampe und Wünschelrute war er hineingekommen. Und es war alles sein und in der goldenen Sonne. Welcher Segen! Da hingen ob ihm Reinetten von einer unaussprechlichen Süße. Dort im grünkrausen Gezweige Goldparmänen, vornehmfarbig und hochwohlmundig. Und drüben lockte der Schöne von Boskop. Und waren das nicht Lederreinetten im dichten, hochgestellten Buschwerk vor ihm? Dieser Apfel, der sich braun, unscheinbar gab wie die Nachtigall unter den Vögeln. Und da, er las einen Apfel, auf den er fast getreten wäre, aus dem Fußweg auf; ein Apfel blutrot um und um. Und oben im Baum hängt's ebenso leuchtend rot, zu Hunderten, wie kostbare weihnachtliche Ampeln im Tempel Gottes. Er mußte in den Apfel beißen. Warum auch nicht, es gab ja in diesem abseitigen Paradies keine Schlangen oder dann doch nur ganz ungefährliche, harmlose. Er lachte auf. Sein dienendes Weibervolk war ihm eingefallen. Nein, er konnte den Apfel, den er in der Hand hielt, nicht genug bewundern. Was für eine köstliche Frucht! Ja, auch diesen Apfel hatte gewiß der Schöpfer angehaucht. 166 Unwillkürlich neigte er das schwere Haupt und dankte Gott in seinem Herzen für all die Wunder und Wohltaten, die er auf dem Gut, das er von ihm zu Lehen hatte, werden ließ und so herrlich vollendete. Ja, bis hinunter zum großen Ried, fast bis ans Rainseelein, zog sich dieser schwer gesegnete Obstwald. Der Bauer Hansbaschi Hochrütiner schritt weiter. Als er nun unter einem Teilersbirnenbaum, dessen abgefallene Früchte die Wespen eifrig und singend genossen, hervortrat, schien ihm sein blaues Wäldchen, das er vor einem Jahrzehnt an der Halde seitwärts des Obstwaldes angepflanzt hatte, entgegenzuwandern. Er betrachtete es mit Wohlgefallen. Die nachbarlichen Großbauern hatten die Köpfe geschüttelt beim Anblick dieser Aufforstung. Sie wußten eben, daß sich diese fremdländischen Tannchen nie zu saitengeraden, trämelgebenden Stämmen auswachsen würden, daß man nichts davon hatte als ein Gescheuch von blauen Besenreisern. Gleichwohl hatte er auf ein Stück abgeholzten Waldboden diese hochnordisch aussehenden Bäumchen einsetzen lassen. Es mochte ein kostspieliger, ein wenig einträglicher Baum sein, aber das blaue Wäldchen brachte nun seinen besondern Ton in das zu Zeiten etwas allzuaufdringliche Grün seiner Matten. Auch heute empfand er das mit vielem Vergnügen, obwohl der Spätherbst all seine Farben vom buchenumstandenen Raingütsch in den Tag hineinleuchten ließ. 167 Der Bauer heiterte völlig auf. Wie schön war's doch auf Gottes Erdboden! Aber da fiel ihm etwas ein. Er merkte, daß ihm die bösen Nebel wieder kommen und all die Herrlichkeit verdüstern wollten, denn, ach, in diesem Paradiese, das ja sein war, fehlte eben doch die Eva. Er versuchte tapfer, sich dieses Gedankens zu erwehren, er klagte sich des schwarzen Undanks gegen Gott an, er rief im Herzen alle Heiligen und guten Geister zu Hilfe, aber, nein, die Nebel überkamen ihn wieder, wie die Schleier der Dämmerung, wenn sie die Nacht vorbereiten. Fast schrak er zusammen. Was war das, wie sollte an diesem Sonntagnachmittag jemand da herumsein? Und doch meinte er, nahebei eine Stimme, eine halblaute, heimlichtuende Stimme, vernommen zu haben. Er trat unwillkürlich hinter einen mächtigen Birnbaum. »Oho«, redete er für sich, »Obstfrevler!« Eben waren da drüben zwei Knaben, die kleine Tragkörbe auf den Rücken hatten, aus dem blauen Wäldchen auf den sanften Wiesenhang herausgetreten. Sie sahen sich allseitig um und dann pfiff der eine so gedämpft als möglich. Jetzt taten sich die Blautannchen wieder auf und es kamen drei Mägdlein, Schulkinder, die Armkörbe trugen und ein Kindchen an den Händen hatten, auf die göttlich besonnten Matten herausgeschlüpft. 168 Ängstlich sahen sie sich um, aber dann folgten sie, so rasch es anging, den zwei Knaben nach, die sich schon unter die Obstbäume gemacht hatten, wo sie gleich die abgefallenen Früchte aufzulesen begannen. Und nun beteiligten sich die zwei Kinder in ihren hellscheinigen, kurzen Röckchen an der Lese, während sich das ganz kleine Maiteli, das sie an einen Baumstamm zu den angelehnten Körben gesetzt hatten, mühsam erhob und mit unsichern Beinchen ebenfalls auf Obst ausging wobei es immer wieder umpurzelte. Ei, wie diese Jungen und Mägdlein eilfertig waren! Aber all der Übersegen, der da unter den Bäumen lag, war ihnen wohl fast zu viel des Guten, unglaubliche Überfülle, denn sie versäumten nicht, immer wieder mit ängstlichen Augen allseitig, vorab gegen den Hof hin, zu sichern. Jetzt trat der Hansbaschi Hochrütiner in seiner ganzen Größe und Gewichtigkeit hinter dem Baumstamm hervor. Ein Aufschrei. »Ein Mann!« rief eines der Mädchen zum Tod erschrocken aus. »Der Bauer!« bestätigte weniger laut ein Knabe. Während sich nun die Buben in großen Ängsten daran machten, ihre Tragkörbe aufzunehmen, wobei ihnen die Hälfte der eingebrachten Äpfel wieder ins Gras rollten, sagte halblaut, weinerlich ein Mägdlein: »Ja, ja, es ist der Rainler selber. Ach Gott, wie sollen wir das Schwesterchen wegbringen?« 169 Jetzt machte sich das Schärlein der kleinen Obstfrevler wieder aufs blaue Wäldchen zu, das Kindchen, das tönte wie ein Ferkel, das der Landmann vom Markt heimträgt, verzweifelt mit sich schleppend. »Kinder, was lauft ihr denn so? Bleibt nur ruhig hier!« Nein, das war doch wohl unmöglich, sollte es wirklich dieser großmächtige Mann sein, der Bauer auf Rain, der das gerufen hatte? Dort stand er bei einem der Armkörblein, das sie in der Hast zurückgelassen hatten und winkte: »Kinder, kommt nur wieder hieher!« Die beiden Knaben staken schon im Holz drin; die Mägdlein jedoch waren stehengeblieben und schauten jetzt forschend, ängstlich auf den Bauer. Eine Flucht gab's für sie mit ihrem Kleinchen ja doch nicht mehr. Und als nun die freundliche, einladende Stimme nochmals durch die Obstbäume zu ihnen kam, machten sie sich, erst zögernd, dann herzhafter vom Wäldchen weg und zum Bauer hinüber. Jetzt ließen sich auch die zwei Knaben, die wohl auf der Lauer gelegen hatten, aus den Blautannchen heraus. Und da standen sie schon alle, mit ihrem jüngsten Schwesterlein, dem das gelbe Zöpfchen aufgegangen war, vor dem schweren Mann und sahen mit großen Augen zu ihm auf. Nicht für lang, denn als er sie einlud, sie möchten nur getrost ihre Körbe mit dem abgefallenen Obst 170 anfüllen, fiel blitzschnell alle Beängstigung von ihnen ab. Sie warfen sich ohne weiteres wieder auf die Obstlese. Sie hätten noch mehr Hände brauchen können, so viel schöne Äpfel und saftstrotzende Birnen gab's da unter den Bäumen. Das kam wohl daher, daß das Saubethli und das Seppeli, des Gottesdienstes wegen, am heutigen Vormittag nicht dazu gekommen waren, das Obst zu sammeln. Flugs hatte man Trag- und Armkörbe gehäuftvoll von landskräftigen Baumfrüchten. Und als sich die Kinder mit glänzenden Blicken, die dem Rainler als eine reiche Gegengabe erschienen, bedankten, sagte das kleine Schwesterlein: »Es kommt eine Frau!« Überrascht, fast etwas ungehalten, schaute der Bauer den Fußweg hinab. Wahrhaftig, da kam vom Rainseelein her irgendetwas Jüngferliches, Frauliches den Fußweg heraufgegangen. Wer mochte das sein? Nein, er konnte sich nicht erinnern, dieses nahende Gesicht jemals gesehen zu haben. Aber die stille Wanderin schien sich um keinen Schritt zu beeilen als sie sah, daß ihr unversehens so große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Sie ging ihres Wegs wie eine die weiß, wohin sie will. Sie schien aber mit vielem Vergnügen bemerkt zu haben, wie der Bauer mit den jugendlichen Obstbesuchern freundlich umgegangen war. 171 Der Bauer ließ sich noch etwas mehr aus den Bäumen hervor und die beschattende Hand an die Stirn legend, schaute er der Heraufkommenden immer neugieriger, interessierter entgegen. Was mag die wohl auf Rain suchen? fragte er sich. Pressiert scheint sie nicht zu sein, daß sie den Weg so spazierweise vom Dorf her um das halbe Raingut macht. Ein einfach gekleidetes Frauenzimmer. Sollte sie eine Dienststelle bei mir suchen? Wie eine Magd sah sie aber auch wieder nicht aus bei all ihrem schlichten Aufrust. Auch war etwas in ihrem Gang, in ihrem Wesen, das sah man von weitem, das einen niemals nur so eine alltägliche Bauernfünfe erwarten ließ. Herrgott, wer kam denn da? Auf jeden Fall gab's jetzt auf Rain keine Stelle zu besetzen. Vielleicht war's aber eine Verwandte von einem oder einer seiner Dienstleute. Jetzt fiel ihm etwas ein und es wurde ihm warm, ja heiß, was ihn recht verlegen machte. Die da herankam konnte ja, beigott, die kleine Witfrau aus der Molkerei sein, die ihm seine Geschwister zuschicken, auf die Schau schicken wollten. Es war ja Sonntag, da mußte es ihr eben am besten passen, sich für eine Weile aus ihrem alltäglichen, auch zeitweise sonntäglichen Geschäftsbetrieb davonzumachen. Also das war sie am End. Immer wacher schaute er dem Besuch entgegen, mit Sperberblicken. Schließlich, wenn's auch nur um die 172 Haushälterin ging, man muß doch zusammen sein, sich ertragen können. So nahe, wie diese Angestellte, kam einem von den Dienstleuten ja niemand. Ein schmuckes Weiblein, sagte er sich, wie sie nun immer gleichen, aber, wie ihn bedünkte, leichten Schrittes auf ihn zuhielt. Bei all ihrer offenbaren Behendigkeit zeigte sie doch auch ein selbstsicheres Auftreten und Tudichum. Man mußte nur zusehen, mit was für verwunderten Augen sie im Vorbeigehen über die paar Pflanzplätze hinschaute, die er dem zu wenig entwässerten Riedboden hatte abzwängen wollen und auf dem schon im Frühling alles erfroren war. Etwas klein war diese Witfrau ja, aber allem Anschein nach um so umtunlicher. Jetzt aber kam's ihm, daß er seine Gedanken auf einmal zu merken, zu erkennen begann. Sie machten ihn unruhig. Ja, was ist's denn mit mir?, ging's ihm durch den Sinn. Man sollte meinen, es wäre ein Wundertier im Anzug. Hansbaschi, nimm dich in acht vor dir! Diesem Fähnchen, das da so sieghaft aufzieht, brauchst du noch lange nicht ja zu sagen. Wohl, warum auch? Erst wiegen, dann wagen. Etwas zu nichtsig, zu zimpferlich schaut das anrückende Persönchen doch aus. Zwar, wenn sie in der Molkerei so gut wirtschaftet, – Immerhin abwarten. Sie wird gewiß Ansprüche machen und sich am End einbilden, sie brauche nur auf Rain zu kommen, so springen ihr alle Türen und Tore auf und sie könne von dort herab 173 das Wetter für die ganze Welt machen. He aber, kam's ihm plötzlich, vielleicht ist sie ja gar nicht die aus der Molkerei, sondern irgendeine andere. Das schien ihm aber auch wieder nicht zu passen; denn um ein weniges wurde bei diesem Gedanken sein volles, gesundes Gesicht länger. Nein, er durfte nicht weiter werweisen; die Jugend um ihn wollte sich jetzt verabschieden. Die Kinder gaben ihm die Hand und schrien alle miteinander: »Vergelt's Gott!« Und das kaum recht gangbare Kindchen, dem er einen besonders schönen und großen Rosenapfel ins Schößlein gelegt hatte, wollte ihm durchaus einen Kuß geben. So hob er's auf und küßte es auf beide Wangen. Aber jetzt schritt durch die abziehenden Kinder der frauliche Besuch geradewegs auf den Bauer zu. Und da hatte er ein hübsches, helläugiges Gesicht vor sich, das ihn freundlich, offen ansah und mit wohleingehender Stimme begrüßte. Es war, als ob sie zusammen schon jahrelang Guttaggruß und Willkommen ausgetauscht hätten. Das berührte den Rainler nicht unangenehm; denn es gab sich das alles so natürlich, selbstverständlich, achtungsvoll, aber ohne jede Ziererei. »Ihr seid wohl die Tochter des Franztoni Grütter aus dem obern Schloo?« »Ja, die bin ich«, antwortete sie lächelnd, doch ein 174 wenig verblüfft darüber, daß er sie ohne weiteres erkannte; denn sie hielt es für ganz unwahrscheinlich, daß er sie vorher jemals zu sehen bekommen hatte. »Herr Hochrütiner, Ihr werdet es, denke ich, wohl wissen, weswegen ich heute auf Rain erscheine. Eure Schwester, die Frau Anderbalm in der Wydlen, mein Nachbar zum billigen Laden, Euer Bruder, und vielleicht gar auch noch der Herr Leodegar . . .« »Wer?« Der Bauer mußte auflachen und das Frauchen auch. »Also auch Euer anderer Bruder schicken mich ja, wie sie mir sagten, auf Euern Wunsch auf Rain. Euer Bruder, der Weinreisende, ist gestern nach Betzeitglocke noch zu uns gekommen und hat mich dringend aufgefordert, doch endlich einmal zu Euch hinaufzugehen und mich vorzustellen, da Ihr mich erwartet.« »Ja, der Ludi hat immer alles pressant, ohne das Zubettgehen und das Aufstehen.« Er schüttelte mißmutig ein wenig den Kopf; aber gleich wurden seine Augen wieder gut und klar. Freilich, es freue ihn, sagte er, sie sei wirklich erwartet. Es sei ja auch wahr, er brauche eine Haushälterin; denn, er wolle es ihr aufrichtig bekennen, länger könnte er's in seinem Großbetrieb ohne eine zuverlässige und willige Hilfe nicht mehr machen. Es sei ja auch dann noch kein leichtes, wie dieser oder jener Einfältige wohl glaube, der nur so an seinem Gut vorbeischlendere, einen Apfel oder 175 eine teige Birne auflese und dabei denke: Das alles fällt nun diesem glücklichen Hansbaschi vom Himmel, er braucht nur die Säcke zu rüsten. Ja, meinte sie, das könne sie sich schon denken, daß er nach seiner Frauen Tod und der Erkrankung seiner alten, bewährten Stubenmagd, der Zille, wieder jemanden haben müsse. Deswegen sei sie nun da. Und wenn er willens sei, es mit ihr zu versuchen und sie sich zu verstehen vermögen – so was zeige sich ja bald –, so täte es sie recht freuen, bei ihm einzustehen und auf seinem schönen Hof ihm und seiner Sache, so gut sie's imstande sei, zu dienen. Der Bauer schaute schweigend den am großen Weiher, am Rainseelein, vorbeijauchzenden, obstseligen Kindern nach. Alsdann aber bückte er sich und las einen goldenen, rotstrahligen Apfel aus dem Gras neben dem Fußweg auf, und ihn der ohne weiteres zugreifenden kleinen Frau übergebend, sprach er: »So seid mir, Frau Winterlin, glaube ich, heißt Ihr ja jetzt, auf Rain willkommen. Es ist mir, wir haben uns hier gleich am richtigen Platz angetroffen. Ich kann Euch von da aus den Hof so ziemlich zeigen. Wenn auch Haus und Hof, so im engern genommen, mit allem was dran und drum hängt, Euch mehr angehen als Wiese, Acker, Stall und der Enden, so bekommt Ihr doch einen Begriff von dem Boden und seiner Weite, auf den Ihr Euch zu stellen gedenkt, und von allem, was es da zu wirken, zu sorgen gibt, aber etwa auch, wie man sich an dem Vielerlei, das uns der Herrgott geraten läßt, freuen kann.« Ja, das sei ihr gerade recht, sie möchte das Heimwesen von Grund auf und allseitig kennen lernen. »Es ist ein großes Gut«, meinte er, »und wenn ich wollte, könnte ich's noch größer machen. Ich brauchte nur das Rainseelein da unten tieferzulegen.« »Aber das tut Ihr kaum«, warf sie ein. »Es wäre ja jammerschade um das stille, lautere Wasser, und Eure Schwester am Rotenbach würde, denke ich, gewiß nicht zufrieden sein, wenn man ihr so die Wasserkraft für ihre Säge verminderte.« »Ja, zwar Rechtsame hat sie nicht; auch hat der Rotenbach noch andere Zuflüsse.« »Habt Ihr Fische im Seelein?« »Fische?« fragte er fast verwundert. »Nein, an Fische habe ich nie gedacht; habe anderes zu tun, und zudem ist das Wasser da unten nur ein großer Weiher, auf dem freilich Seerosen wachsen.« »Gleichwohl könnte man da Forellen einsetzen. Es ist ja, wie mir scheint, Quellwasser. So bekäme man eine Masse Forellen, die ja so schön gelten. Auch diese Fischzucht will freilich verstanden sein; jedoch eine Kunst ist's gewiß nicht.« Der Rainler sagte nichts; aber diese Anregung zur Fischzucht überraschte und freute ihn. Dem Witfrauchen 177 da an meiner Seite scheint allerlei einzufallen, woran vielleicht ein Hansbaschi nicht oder zu spät denkt, dachte er. Schweigend schlenderten sie nebeneinander dahin, sanft ansteigend und sich allmählich völlig auf die Sonnenseite des Hofes ziehend. »Nein, aber so was!« rief die junge Frau aus und blieb stehen. Vor ihr lagen unversehens die weitumgehenden Ackerbreiten, die Kornfelder, die jetzt abgeerntet waren bis auf einen langen Strich Haber, der auf einem sauern, aber richtig dränierten Boden erstmals war angesät worden. »Was müssen diese Äcker erst für ein Anschauen im blühenden, im reifenden Zustande sein! Ja, da verstehe ich jetzt meinen Vater selig, der immer so eine Geschichte von diesem Rainhof machte und vom Segen seines Bodens. Es wundert mich nun auch nicht mehr, daß er dann immer so demütig, fast zaghaft durchs Scheiblein nach unserm bescheidenen Roggenstrich, den Kohlkopfplätzen und Erdäpfelgärten hinausschaute. Ich habe ja auch schon manches ansehnliche Gut unter Augen bekommen, es fehlt in diesem Hügelland vor den Alpen nicht an solchen, aber eine derartige Weite an Ackerland ist mir selten begegnet. Da kann's an Arbeit nicht mangeln.« »Nein, Frau Winterlin«, antwortete der Bauer, »da täuscht Ihr Euch gewaltig. Es gibt in unsern Gegenden und auch in meiner Nachbarschaft und noch tiefer unten 178 Bauern, die noch ganz anders in Brotfrucht und anderem machen als unsereiner. Ihr seid eben früher nur unachtsamer, wie's ganz junges Volk hat, dran vorbeigegangen oder habt es in der Stadt doch ein wenig verschwitzt. Das kann ja wohl sein. Immerhin, zu tun haben wir mit diesen Äckern mehr als genug. Sie geben uns eigentlich das ganze Jahr durch Arbeit. Es geht nicht lange, so heißt's wieder pflügen.« Ob er das alles auf alte Manier umackern lasse, ob er nicht drauf denken wolle, einen Traktor vor den Pflug, wie man dergleichen ja jetzt da und dort sehe, anzuschaffen? Ja, antwortete er, er habe schon oft dran gedacht, sei auch schon drauf und dran gewesen, so ein neumodisches Zugtier zuzutun. Man könnte es ja auch ganz gut noch für dies und das und auch vors Jauchefaß brauchen. Bisher habe er's aber mit seinen starken, noch keineswegs abgewerkten Rossen gemacht und zu Zeiten den Stier beigezogen und es sei auch gegangen, wenn es auch freilich auf die Art mehr Zeit brauche als mit der Maschine. Die Rosse müsse er auf jeden Fall haben. Sein Karrer habe Arbeit genug und immer etwas zu fuhrwerken. So wolle er ja nächstens einen Bestand alter Tannen hinter dem Raingütsch schlagen lassen, den er seiner Schwester Brigitt versprochen habe. Er hätte es lieber nicht getan; denn sie zahle ihm ja doch nicht, was andere. Eigentlich 179 hätte er's drauf ankommen lassen sollen. Es schenke ihm ja auch niemand etwas, und die Verwandten erst recht nicht. Er sei aber in seiner ersten Jugendzeit so oft mit seiner Schwester unter jenen Tannen herumgelaufen und habe dabei mit ihr und den Brüdern Jagd und Versteckens gespielt, daß er ihr den Waldhang nicht habe absein können. Sie müsse ihm aber doch noch etwas höher mit ihrem Angebot, sonst werde er sich am End noch anders besinnen. Das Holz sei jetzt begehrt. Was das für Bäume seien, könne sie ja vielleicht gelegentlich noch sehen. Derartiges gebe es landauf, landab selten mehr; denn wenn heutzutage die Tannen sich anfangen rechtschaffen in die Höhe zu lassen und eine gehörige Ellenbogenweite bekommen, springt sie die Axt an wie der Luchs und fährt mit ihnen ab. Das sei aber jetzt schon zu verstehen. Zwar, wenn man das Balkenwerk auf Rain in Haus, Scheune, Schopf und Hütte betrachte, so könne man das nicht begreifen; denn das scheine alles für die Ewigkeit gebaut. Komme man aber in ein neuzeitliches Gebäude hinein, auch wenn es Villa heiße, so werde es einem fast unheimlich, wenn man auf die Winde komme und die Stangen sehe, die das Dach tragen und das Haus schirmen sollen, und dann wisse man auch, warum die Tannen jetzt so früh fallen müssen. Seine Begleiterin schaute unter diesen Darlegungen des Bauers immer wieder über die Felder hin, die 180 sich bis vor die ersten Häuser von Bohlishusen hinabzogen. Der Schatten des hohen Kamins der freilich nicht großen Baumwollenfabrik, die dort vor dem Dorf stand, schien noch in des Rainlers Heimwesen hineinzulangen. Und jetzt sagte sie munter: »Es ist doch gutgründiges Land, wenigstens da oben, ein Boden wie gemacht für den Kornbau. Wenig abhäldig und nicht zu steinig. Übrigens bin ich auch schon hinter dem Pflug hergegangen, und zwar etwa bis an die Knie wenn's darnach war, und habe also erleben können, was das für eine Arbeit ist.« »Du?« fuhr's dem Bauer heraus. »Nichts für ungut nehmt, das du ist mir grad so herausgewischt, Frau Winterlin«, sagte er etwas verlegen; »aber«, redete er bedachtsam weiter, mit einem messenden Blick auf ihr fast zierliches, wie ihm vorkommen wollte doch ziemlich leichtes Persönchen, »ich hätte Euch mir noch fast eher auf einem Reitschulrößlein an der Kirchweih als hinter einem Pflug vorstellen können.« Sie lachte. »Ja, ich habe eben bei meiner Mutter Bruder, der's besser hat als wir, einmal eine Zeitlang, kurz nach meines Mannes Tod, einer Magd an die Hand gehen müssen, als die Base ein Kind bekam. Und da hat mich dieses rauhbaumwollige Weibervolk keineswegs geschont. Ich mußte mit dabeisein, auch mittun, hau's oder stech's, und auch Pflügen lernen, sonst hätte sie mich wahrhaftig beim Schopf 181 genommen. Das hat mir freilich nicht zugesagt, ich will's offen bekennen. Nicht der Mutter Erde wegen, die ich an meines Vetters schwerem Schuhwerk in die Küche hineintrug, sondern es war mir doch zu streng oder vielleicht noch mehr zu ungewohnt. Arbeiten habe ich ja auf unserem Heimwesen auch so ziemlich alles müssen; aber das Rauheste hat man mir erspart, und Heubürden brauchte ich auch keine auf die Scheune zu tragen.« Sie waren allmählich rainauf gekommen. Und als sie beim steinernen Kreuz, das am Rainweg im Kleeacker stand, anlangten, fragte der Bauer seine Weggenossin, ob sie nicht ein wenig aufs Bänklein vor dem Kreuz absitzen wolle. Es sei das ein rechtes Luginsland. Ja, meinte sie, nachdem sie sich bekreuzt hatte, da habe man über das Dorf weg eine ewige Weite Land vor sich, und was für gutes, gottgesegnetes Land! Und dann gar dahinter noch die Alpen, in denen der See, den man von da leider nicht zu erblicken vermöge, liege. Es sei ein herrlicher Anblick, und nur schade sei's, daß das Kamin der Fabrik im Dorf unten sie etwas zerschneide und wohl auch Werktags etwas verneble. Dieses Kamin sei ja wahrhaftig ein Strich durch die Rechnung. Immerhin, wundervoll sei die Aussicht trotzdem. Nein, das Kamin mache sich freilich nicht gut und beeinträchtige die Schau ins Land stark, stimmte er 182 bei. Es komme ihm auch vor wie ein Drohfinger, der zu ihm auf Rain hinaufwarne: Sei nicht zu übermütig und danke Gott all und ein Tag, daß du's dort oben so gut hast und mehr oder weniger auf die Welt pfeifen kannst. Wir da unten sind aber auch Leute, die nicht wie du ein so riesenmäßiges Tischleindeckdich vor uns haben. Und schau, wir da unten in der Fabrik, die wir wie aus dem Käfig zu deiner Herrschaft und Herrlichkeit aufschauen müssen, hätten es auch gern besser; wir hätten auch lieber mehr Ellbogenweite und Freiheit über unsern Alltag. Wir wissen eigentlich nicht, weshalb grad du es anders haben und im Paradies und wir vor seiner Pforte leben und also eingeschachtelt in stinkender Luft uns plagen müssen. Die junge Frau schaute den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann neben sich verwundert an, als ob sie ihn soeben zum erstenmal zu sehen bekommen hätte; aber dann sagte sie: »Meister Hochrütiner, da mögt Ihr manches schwer recht haben. Es kommt mir – nehmt's mir nicht ungut auf – geradezu unglaublich vor, daß ich so etwas aus dem Mund eines Großbauern höre. Ich weiß es ja nicht, aber es ist ganz unwahrscheinlich, daß Eure Nachbarn auf ihren Höfen auch solche Ansichten haben, daß ihnen etwas Derartiges überhaupt in den Sinn kommt. Sie nehmen diese verschiedene Lage der Leute für völlig selbstverständlich, so vom Schicksal angeordnet. Und wenn 183 sie noch solche Anschauungen hätten, wie Ihr, so behalten sie selbe doch sicher und heilig für sich. Und dann aber weiß ich wohl, und Ihr wißt's ja auch, daß es da, wo Sonne ist, an Schatten nicht fehlte. Ich will aber über das nicht zuviel reden. Das möchte ich jedoch noch sagen: wenn dieses Kamin da unten, das so frech und häßlich zu Euch hinauf und in alle Welt hineinraucht, gute Augen hätte, so würde es auch sehen, wie man da oben arbeiten muß, jahraus, jahrein; was Ihr mit Euern Leuten Sommer und Winter durch zu gehen, zu säen, zu ackern, zu rackern, zu schwitzen und zu dämpfen und Euch tagtäglich in aller Herrgottsfrühe für ein rauhes Tagwerk aufzubuckeln habt, und wie Ihr nie so recht zu einem Feierabend und zu einem ruhevollen Sonntag kommt. Wie Ihr im Sommer in einem fort das Barometer abklopfen und vor allerlei Unwetter und Schäden und Schädlein zittern müßt, und wie dabei, wenn's zum argen will, ein einziger Frostmorgen, ja ein Hagelschauer von fünf Minuten all Euere winter- und sommerlange Arbeit vernichten, in den Grunderdsboden hineinschlagen kann. Wie Ihr alsdann Euere leeren Hände anschauen und sie verwundert und bedrückt fragen könnt: Ja, für was haben wir eigentlich drauflosgewerkt? Und mag's sein wie's will, der Martinstag mit seinem Umgang nach Zins kommt auf jeden Fall zu Euch. Kurzum, die Fenster anschauen heißt noch nicht in die Stube sehen. 184 Ich will aber aufhören. Ihr, Meister, wißt es ja selber; ich wollte Euch nur daran erinnern und ein wenig zeigen, daß ich auch weiß, wie, wann und wo. Gleichwohl sage ich nochmals, es gefällt mir, daß Ihr für andere Leute ein Herz habt, die es, und es ist trotz allem doch wahr, nicht so gut haben wie Ihr; aber«, meinte sie ablenkend, weitergehend und über die Wiesen hinschauend, die in ihrem letzten Gras gar viele Maulwurfshügelchen zeigten, »seht, Meister Hochrütiner, ich muß mich wundern, wie viel Mäuse es hier auf Euren Hausmatten gibt. Überall haben sie gestoßen. So was könnte ich nicht ansehen, und mein Vater selig hätte das im Schloo nie geduldet.« »Ja«, antwortete der Bauer lachend, »Euer Vater selig hat auf seinem Heimwesen den Mäusen eben nicht so weit herum Fallen richten müssen. Das Mausen hat er so nebenher zum Zeitvertreib während des langen Vorfrühlings ausüben können. Immerhin«, fügte er bei, »recht habt Ihr. Ich habe da die letzte Zeit hier und dorthin nicht mehr so geschaut, wie's sonst bei mir Brauch ist von Vater und Mutter her. Der Hansuoli scheint diese Maushaufen auch nicht gewahrgeworden zu sein. Nun, dem werden wir bald abgeholfen haben. Wir haben keine Zeit für so was, und der Schermauser von Altishausen verdient auch gern ein paar Franken. Ich sehe aber schon«, er schaute wohlgelaunt, schalkig auf das Frauchen an seiner Seite 185 hinab, »die Mäuse und die auf sie aufpassen sollten können sich vor Euch in acht nehmen.« Sie kamen an einem dreilattigen Gehege vorbei, in dem einige Schafe mit ihren Jungen, schwarze geschorne und weiße, noch in der Wolle, eifrig das Spätgras abrupften. »Ihr habt Schafe; das wundert mich.« »Ja«, antwortete er, »nicht des Geschäftes wegen. Man hat nicht viel von ihnen, denn da müßten es schon andere Herden sein; aber es ist noch so eine altehrwürdige Gewohnheit, auf dem Rainhof ein bescheidenes Gehüt Schafe zu wissen. Man hat sie einst bei einer einfachern Bewirtschaftung des Landes zahlreicher gehalten. Die Wollkarden liegen immer noch in der Dienstenstube, und im Winter wird von den Mägden alleweil noch etwas Wolle gezaust.« »Ja, ja«, sagte sie, »so Schafe sind sonst mehr ein Geläuf für eine Welt mit viel Weidland. Bei uns oben im Schloo wär's schon ein wenig günstiger, aber wir hatten Ziegen. Ich hab mich auch genug mit ihnen plagen müssen als ich noch ein Schulkind war.« Vor der großen Scheune mit ihrem mächtigen Vordach und den beidseitigen Anhängseln des Einfahrschopfes und des Scheithauses hockten auf einer kurzen Bank vor dem Roßstall, ob sich an der Wand Kummet und anderes Roßgeschirr, der Karrer Karlima und in seiner blaugrauen Soldatenmütze Oswald, der Küher. 186 Im übrigen waren beide im Sonntagsrust, aber hemdärmlig. Sie rauchten ihre kurzen Pfeifen, und die Schwalben schossen ihnen durch den aufsteigenden Rauch fast an der Nase vorbei. Wie sie nun den Meister mit seinem Frauenzimmer den Rainweg heraufkommen und auf den Hof zuhalten sahen, erhoben sie sich ungeahnt hurtig und machten sich in den Stall hinein. Auch der Melker Wysel, dem die Gesundheit fast aus den Backen blutete und der eben eine blecherne Milchtanse auf das Bänklein an der Kuhgadenwand hingestellt hatte, nahm die Stalltür wieder flink zuhanden. »Oho«, redete er halblaut, mit einem raschen, neugierigen Blick auf den anrückenden Meister und seine Begleiterin, »da kommt er ja jetzt mit ihr! Beim Eidhagel, das ist sie ja; das Schlooapelluneli ist's, wohl noch warm aus der Molkerei herauf. Also unsere allfällige Aufpasserin, anstatt der alten Zupfgeige, der Zille. Es heißt ja, sie komme auf Rain. Ein malefizrechtes Weibervölklein, das Apelluneli. Wie ich sie aber kenne, und außer mir kennt sie ja hier nur noch der Karlima, ist das kleine, nichtsig erscheinende Ding eine Weltskröte und allenfalls für einen bestandenen Meister ein Kastanienigel, bei dem's einem nicht so leicht wird, zum glatten, braunen Kugelchen zu kommen.« Rasch, aber behutsam nahm er die Stalltüre zu, durch die das Muhen des Viehs gekommen war. 187 Im Rainhause aber gingen sachte, sachte Fenster und Fensterchen. Lag alles Weibliche auf der Lauer. Keine war heute ausgegangen und etwa ins Dorf hinunter, um sich einen rascher vergehenden Sonntagnachmittag zu machen. Alle wußten schon vom Besuch der jungen Witfrau aus der Molkerei. Die wollten sie aber einziehen sehen, sei's dann, daß sie zum Bleiben oder nur so zum Umschauen komme oder daß sie der Meister nicht wolle. Es dauerte jedoch eine geraume Weile bis der Bauer mit seiner Begleiterin ins Haus kam. Er führte sie mit immer gewichtigerm Schritt vorerst zur Scheune, und es überraschte ihn, daß sein großer Bernhardiner, der Barri, sich nicht erhob und zu bellen anfing. Kaum rasselte die Kette ein wenig. Und als das junge Frauchen gar auf ihn zuging und ihn im weißroten Pelz kraulte, nahm er das ruhig an und schaute dabei gleichgültig und selbstbewußt ins Weite. »Das läßt sich sonst der Barri kaum von jemandem gefallen, mit dem er nicht länger zusammengewesen ist, daß man ihm schöntut,« sagte der Rainler. Bei sich aber dachte er, das sei kein schlechtes Zeichen. Alsdann machten sie sich miteinander in die Scheune hinein, wo das Apelluneli im Roßstall die starken Gäule, den Griß und den Vögi, aller Aufmerksamkeit wert fand. Sie klopfte den Rossen herzhaft auf die breiten Backen und lobte dem Karrer seinen Stall 188 bis aufs goldig glänzende Schlittengröll, das gar sichtig neben einem reingehaltenen Fensterscheiblein hing. Der Urmensch mit dem verwilderten grauen Krauskopf, der Karlima, der, das Pfeifchen im Mundwinkel, eben daran war, etwas Haber zu sieben, äugte fast etwas mißtrauisch die weibliche Stallvisite unter seinen überhängenden Brauen herauf an. Und als darnach der Bauer mit ihr auch den Kuhstall betrat, waren drin der Hirte Oswald samt dem Melker Wysel vorhanden. Der Wysel tat gleich recht vertraut mit der jungen Witfrau aus der Molkerei, der er meistens die Milch zuführte. Er ließ jedoch das angriffige Kinn ziemlich bald herab, als das Schlooapelluneli sich ihm gegenüber zwar durchaus freundlich, aber doch so verhielt, daß er den Gatter wohl merkte, der allenfalls zwischen ihm und ihr jeden Augenblick, wenn's ihr an der Zeit erscheinen sollte, zuklappen konnte. Sie kamen nicht so schnell vom Kuhstall los, denn die kleine Frau beschaute die Kühe gar einläßlich und allseitig, als ob sie hier an einer Viehausstellung wäre und preisrichten müßte. Auch der ältere Herr, ein Stier von gewaltigem Umfange, mußte sich ihrer Schau anbequemen, was er auch mit einem kurzen heisern Brummen tat. Ebenso genau nahm sie's mit der Jungwar, den drei Rindern und dem Jährling. Und als sich der Bauer über dieses Examen wunderte 189 und es fast zu langwierig, ja eigentlich überflüssig fand, begann sie ihm seine neun Kühe also zu begutachten, daß er nur so aufmerken und zuhorchen mußte. Nein, sie könne da beim besten Willen nicht gerade rühmen, meinte die junge Wirtschafterin aus der Molkerei. Es fehle ja nichts im Stall, sie habe noch selten einen Stall und eine so alte Scheune, in der offensichtlich immer wieder aus- und umgebaut worden sei, in annehmbarerm Zustand angetroffen. Man sehe, daß der Meister auf Ordnung halte und daß der Kuhhirte das begreife. Das Vieh wohne da nicht im Mist wie so vielenorts. Es sehe auch wie gestriegelt und gestrählt aus über und über. So könne es sich natürlich wohler fühlen als in Staub und Kuhkot und gerate auch darnach. Man solle es ihr aber nicht zürnen, es komme ihr fast merkwürdig vor, daß man ob der Stalltüre draußen so manches erst- und zweitklassige Prämienschildlein hängen habe, denn was sie da im Stall an Vieh sehe, würde noch nicht einmal die dritte Klasse verdienen. Da seien die paar Kühe in ihres Vaters Stall, aber erst das Senten ihres Oheims in den Bergen drüben, doch ein ganz anderes Anschauen gewesen; halt eine Kuh gutfärbiger und wohlgewachsener als die andere. Alles richtige, gutgeratsamte Prämienloben von bester Abstammung. Was man aber da im Kuhstall auf Rain zu sehen bekomme, sei ja nur so ein Mischmasch von Braun- 190 und Fleckvieh. Wie bei den Heidelschnecken gebe es da alle Farben. Es tue einem weh in den Augen. Etwas Unrassigeres könne sie sich nicht denken. Es sei schier ärger damit, als bei den Leuten in der Stadt und der Enden. Und was diese Kühe für Gestelle haben und was da für Laubsäcke drauf liegen! Nicht einmal ein ansehnliches Horn sei an allen zusammen zu finden. Es sei . . . Auf einmal aber verstummte das eifernde Frauchen und wurde zündrot. Da hatte sie sich doch wohl arg fortreißen lassen. Nun wird's mit der Haushälterinstelle wohl hapern. Sie brauchte gewiß nicht mehr ins Haus hinüberzugehen, der Bauer auf Rain dürfte haufensgenug an ihr haben. Ja, grad so zum Lachen schien's dem Hansbaschi Hochrütiner wirklich nicht zu sein. Sein Küher Oswald aber mußte nur so Mund und Augen aufreißen; das Pfeifchen ging ihm völlig aus. Jedoch die feierliche Stille im Stall dauerte nicht lange, denn der Bauer, der sich fast ein wenig auf der Anklagebank dünkte, begann nun, sich dem angriffigen Weiblein gegenüber zu verteidigen. Er sagte ihr daß sie, wenn man's recht und mehr von ihrem berglerischen Standpunkt aus betrachte, zwar ein scharfes, aber ein zutreffendes Urteil über seine Kühe ausgesprochen habe. Es sei in Wahrheit ein Rassenmischmasch, eine Verbasterung, aus der so nach und 191 nach eine unansehnliche Viehgattung in den Stall gekommen sei. Man treibe aber eben auf Rain und noch weitherum in den Kornkammern dieser Gegend keine Viehzucht, wie in den höher gelegenen, innern Landschaften und gar wie auf ihres Oheims Alp. Die Prämienschildlein ob der Stalltüre kämen noch alle von seinem Großvater her, der zu seiner Zeit auch auf einen rassigen Viehstand gehalten habe, wohl weil man damals damit etwas machen und verdienen konnte und weil in seinen Tagen der Kornbau sich nicht mehr so recht habe lohnen wollen. Es soll damals viel Ackerland in Wiesland verändert worden sein. Sie werde im übrigen aber wohl wissen, daß man im Tiefland anders bauere als weiter oben. Sie habe es ja selber durchgemacht. Auch dürfe man nicht außer acht lassen, daß hier ein Grenzland sei, in dem zwei Viehrassen aufeinanderstoßen. Sowieso geben seine Kühe auch Milch und schön Milch, obwohl sie keine von einer Viehschaukommission genehmigte Landestracht anhaben. Und das scheine ihm aber die Hauptsache zu sein. »Ja, das will ich meinen«, redete jetzt der Melker Wysel, an seiner schweren silbernen sonntäglichen Uhrenkette zupfend, an der eine Handvoll großer und kleiner Silbermünzen und ein silbergefaßtes Hörnchen hing. »Und was die Farbe anbelangt, über die jetzt so losgezogen worden ist, so muß ich sagen, daß mir noch 192 keine davon in die Milch geronnen ist.« Er lachte polternd auf. »Ich bin aber jedenfalls froh, wenn mir wenigstens nie rote Milch in den Eimer kommt.« »Gleichwohl«, fuhr der Bauer zu reden fort, »ist's doch wahr, daß man mehr auf Rasse beim Vieh, auch in unsern Fruchtgegenden, halten sollte. Es mag eben wahr sein, daß die rassigen Kühe noch besser tun, auch in der Milch und daß sie gesünder und in allem gleichmäßiger sind. Ich verstehe das zu wenig. Jedenfalls, das muß ich sagen, sehe ich dieses Durcheinander verschiedener Rassen, diese Mischfarben am Vieh auch nicht gern. Es macht keine Gattung und man traut den Kühen nicht so recht. Es tut mir auch immer wohl, wenn ich in Alpengegenden da hintenoben ein Senten gerechter Rassenkühe an mir vorbeiziehen sehe. Es muß also doch was dran sein an dem, was uns das Schlooapelluneli sagt. Dieser Zustupf an uns kommt ja von einer Bauerntochter, deren Vetter ein großer Sentenbauer ist. Und wir alle wollen«, er lachte seine Besucherin fast herzlich an, »drauf trachten, hörst du's, Oswald«, er wandte sich seinem schweigsamen, ruhig aufschauenden Küher zu, »wenn nicht Prämienkühe – soweit können wir uns bei unserm andersartigen Betrieb kaum einlassen –, so doch wenigstens Vieh von einheitlicher Rasse und von guter Abstammung, Kühe, die man sehen lassen darf, im Stall zu haben. Was meinst, Oswald?« 193 Der krausbärtige, bestandene, etwas hagere Knecht antwortete nicht sogleich. Er lüftete erst seine Soldatenmütze ein wenig, schaute den bäumigen Stier an und alsdann aber nahm er das Tabakpfeifchen aus den Zähnen und sagte: »Ja, am End aller Enden, wenn man's recht betrachtet, so hat das Weibervölklein da nicht alles so unrecht. Es kommt drauf an, wie man eine Sache ansieht. Mir kann's gleich sein. Heißt das, wenn ich's reden will, wie ich's denke, so muß ich sagen, daß ich's auch lieber mit den Gutrassigen habe, nicht nur im Stall . . .« »Sondern auch beim Weibervolk«, fiel der Melker Wysel lachend ein. »Nein«, machte der Küher trocken, den krausen Bart vorwegend, »das ist's nicht einmal, was ich hab sagen wollen, sondern daß ich's auch bei den Äpfeln und Erdäpfeln lieber rassig habe. Also etwas Rechtes von einem Schlag Vieh im Stall, gut. Erstklassiges freilich würde ich kaum herausbringen, denn ich verstehe das zuwenig und das will aber, und gläublich schon von Kindsbeinen an, gekannt sein.« Der Bauer und die junge Witfrau machten sich endlich aus dem Viehstall. Und das Schlooapelluneli ruhte nicht bis es alles und eins in der Scheune und um sie, bis auf den mächtigen Heustock, auch das mit buchenen Scheitern und Reisigwellen angefüllte Scheithaus, den Hühnerhof, an dem es ebenfalls allerlei 194 auszusetzen hatte und bis auf die verbrauchten Türen, Wagenräder und andern beseitigten Gerümpel und die frisch zugerüsteten Zaunpfähle und Haglatten im Schopf unter der Einfahr gesehen hatte. Zuletzt gingen sie noch in den Schweinestall, wobei sie innerhalb der Türe fast über einen großen Molkenkübel gefallen wären. Doch, das Saubethli war vorhanden. Auch da wollte der kleinen Frau nicht alles zusagen. Sie fragte die junge Magd dies und das und aus alledem konnte der Bauer, aber auch das Bethli gar wohl erkennen, daß auch in diesem Stall nicht alles war wie es sein sollte. Vor allem wurden die Sautröge zwar saumäßig, aber auch für Säue zu saumäßig befunden. Die Magd, die mit Augen und Ohren zuhörte, schien aber nicht so recht nachzukommen. Sie gab wohl Bescheid auf jede Frage, dachte sich aber nicht grad viel dabei und hatte zu allem was sie sprach, einen nervösen Lachanhängsel. Das sprudelte immer wieder so stoßweise heraus, wie das Wasser aus einem halbverstopften Brunnen. Und als nun die Besucher seine Welt, in der dieses gute Saubethli lebte, verließen, schaute es ihnen, immer wieder lachend, und seinerseits völlig zufrieden mit sich und seiner stark, aber keineswegs wohlrüchigen Behausung, durch die halboffene Türe nach bis sie drüben um die steinerne Vortreppe des Hauses und die Hausecke im Garten verschwanden. 195 »Ei, potztausend«, rief das junge Weiblein aus, sich erfreut umsehend, als sie im Garten neben dem Rainhaus standen, »das ist schon mehr ein Herren- als ein Bauerngarten, obwohl es dort hinten beim Bienenstand auch nicht an Gemüseplätzen zu fehlen scheint. Und was für schöne krause Föhren und Lärchen da an der Mauer bis fast an die obersten Fenster hinaufgehen!« – Es sah alles ein wenig verwildert aus. Es mochte der prächtigen Gartenanlage diesen Sommer über wohl nicht die nötige Ehre und Aufmerksamkeit angetan worden sein. Aber nein, es war zu schön. »Ihr habt jedenfalls die Blumen gern, Herr Hochrütiner, das kann man wohl sehen. Sind ja gar viele Beete für sie da, wenn auch jetzt die meisten verödet ausschauen. Wir haben eben schon Spätherbst. Was das aber noch für prächtige Dahlien und Gladiolen sind und diese vielen Astern, die ich so gern leiden mag. Ihre vielfarbigen Strahlen lassen sich ja so anmutig nach und nach zu einem Nestlein heraus. Und da, nein, wie artig! gibt's runde Steintischchen, auf welche die absterbenden Sonnenblumen ihre Kerne hingestreut haben. Aber was sind denn das für wunderliche Tischchen, Meister Hochrütiner? Sie sehen grad aus wie alte Mühlsteine.« Sie ließ sich auf die Bank nieder, die um ein steinernes Tischchen ging, das nahebei in den Blumen 196 noch einen Zwillingsbruder hatte. Eine weitumgehende Linde bedeckte das alles. »Es sind ja auch Mühlsteine, diese Tischchen«, antwortete der Bauer. »Ich habe sie einem kleinen, verarmenden Müller abgenommen und hier in den Garten versetzt.« »So viele Blumenbeete in einem Bauerngarten!« »Ja, die Blumen können's mir auch. Ich habe nach und nach alle möglichen, auch seltene Wald- und Feldblumen im Garten zusammengetragen und eingesetzt als ich noch ein junger Bursche war. Man sieht jetzt kaum mehr etwas davon, aber jeder Frühling und Sommer bringt es mir aus. Und nicht nur ich, auch meine Leute, wenn sie sonst noch so hölzig sind und tuen, haben ihre Freude dran. Das Nichtlein der alten Zille, das Seppeli, ist geradezu vernarrt in den Garten und trägt mir etwa auch alles mögliche Unkraut aus Wald und Feld Sommersonntags hier zusammen.« »Natürlich, das läßt sich denken, daß jedermann Freude an diesem Paradieslein hat und die Bienen, die dahinten an der Mauer daheim sind, werden erst recht glücklich drüber sein und Euch mit Honig danken.« »Nur ist's dabei so, daß sich eigentlich so recht gern niemand mit dem Garten abgeben will,« sagte er, als sie nun zusammen in den Gemüsebeeten standen, die eine Brombeerhecke vom Blumengarten absonderte. 197 »Das mag wohl sein«, meinte sie, »so etwas muß einem eben auch auf eine Art im Blut liegen, man kann's nicht erzwingen, aber wenn's da ist, kann's in einem dann so allmählich geweckt werden. Übrigens«, setzte sie hinzu, »ich will da zwar nicht über alles meine Zwiebeln brennen, habe so schon mehr als genug geredet heute, wo's mich nichts angeht, – meine ich doch sagen zu sollen, daß auch die Gemüseplätze da herum Euern Leuten kaum stark am Herzen liegen. Man könnte daraus weit mehr machen, man sollte sich nicht nur so mit etwas Bohnen, gelben Rüben und Kohlköpfen begnügen. Kohlköpfe und Rüben von der und jener Sorte habe ich ja in den großen Pflanzplätzen unten genug zu sehen bekommen. So ließe sich hier noch allerlei Besonderes ziehen, was der Küche näher steht und fleißig auf den Tisch kommen sollte. Es müßten auch Tomaten, die doch so gesund sein sollen, da hinter dem Waschhaus gut aufkommen. Aber nehmt's mir nicht für ungut, Herr Hochrütiner, ich bin heute so vorlaut und führe mich auf, als ob ich da einer Sache schon nachzuschauen hätte.« »Macht nur zu!« antwortete der Bauer. »Das gefällt mir nicht schlecht. Ich habe ja jetzt schon allerlei zu hören bekommen und hoffe, im Laufe der Zeit noch mehr zu vernehmen. Es ist eben wahr, daß zwei Augen zuweilen mehr sehen als ein Dutzend, 198 oft mehr und weiter als ein Ratssaal voll, ja als eine ganze Landsgemeinde. Nicht daß ich blind wäre, gar nicht, aber man hat ja ohnedies so ungleiche Augen und was die einen sehen, kann den andern entgehen, heißt's. Gewiß ist, daß ein kleiner Sperber, es kann ebensogut eine Sperberin sein, mehr sieht als ein Hahn, auch wenn er auf einem Miststock steht oder auf einem Kirchturm.« »Grad ein Sperber oder eine Sperberin bin ich auch nicht«, lachte sie auf. »Nicht, gar nicht, aber ein geschwindes Äuglein habt Ihr jedenfalls«, sprach er, ihr schelmisch zuzwinkernd. So gelangten sie wieder zur steinernen Vortreppe am Haus und da standen sie auch schon auf seinem Flurboden. Der Bauer führte den Besuch aber nicht zuerst in die Wohnung, sondern ins Hinterhaus, in die Diensten- oder eigentlich Mägdestube, einfach die hintere Kammer geheißen. Wie er's sich dachte, hatten sich jetzt die Mägde richtig alle in der niedrigen, schlecht gelüfteten Hinterstube, die ein stark abgebräuntes, spaltenreiches Getäfer zeigte, zusammengelassen. Die eine strickte einen Strumpf, die andere nähte an einer Jacke, die dritte tat als läse sie in einem Kalender, alle schienen von irgendeinem sonntagnachmittäglichen Zeitvertreib 199 eingenommen. Soeben noch hatten sie sich aber zusammen über den Besuch auf Rain, über das Appelluneli aus dem Schloo, das ja ihre Aufsicht, oder gar, wer weiß, eines Tages ihre Meisterin werden könnte, unterhalten, und zwar aufs eifrigste. Sie hatten ja jetzt Köpfe wie Heiliggrabampeln. Sie waren auch schon ein wenig über die junge Witwe zu Gericht gesessen, obwohl nur die Putzerin Theres und das Seppeli, das etwa als Laufkind zu ihr in die Molkerei kam, etwas von ihr wußten. Auch das Saubethli war da, es hatte noch keineswegs genug von dem draufgängerischen Frauchen gesehen, das ihm so miteinemmal in sein eigenstes Gebiet, in den Schweinestall hineingekommen war. Dieses Appelluneli, das nun allen so merkwürdig vorkommen wollte, gab sich auch unter den Mägden völlig ungezwungen. Es besah sich ein wenig die schon etwas dämmerige Stube und unterhielt sich eine Weile mit den Dienstleuten, besonders mit der Putzerin und Wäscherin Theres und auch mit Kresenz, der Köchin, die sich sichtlich mühte, einen guten Eindruck zu machen. So recht freundlich wollte ihr runzeliges Gesicht aber nicht werden; es sah aus, als ob das Lichte drauf durch ein Gitter käme. Das Saubethli hingegen mußte die so ungewohnte Visite in der Dienstenkammer aus verwunderten, muntern Augen nur alleweil so angleißen, während jetzt die Viehmagd 200 Karline anscheinend gleichgültig von Seppelis Armen Wollgarn zu einem Knäuel aufrollte. Das paßte dem ganz und gar nicht, denn all seine Aufmerksamkeit war beim Meister und dessen Begleiterin. Jetzt aber machte sich der Bauer, der dem umtunlichen Weiblein schweigend, ein beständiges Lächeln auf dem breitbackigen Gesicht, zugesehen und zugehört hatte, mit ihr aus der großen, nüchternen Kammer. Und nun führte er seinen Besuch im ganzen Hause herum und das Schlooapelluneli hatte seine helle Freude, die es ab und zu einfach mit kurzen Ausrufen bekannt geben mußte, an den vielen Räumen, an Küche, Keller und Vorratsspeichern, am ganzen stolzen Gebäude und seinem Balkenwerk, das aus dem Haus eine Festung machte. Zuletzt gelangten sie sogar bis unters Hausdach hinauf. Nein, was das für eine Allmend von einer Winde war! Ei, da wußte man doch, wo man im Regenwetter bei der großen Wäsche die Sachen trocknen konnte. Ach, dort standen ja aus Urgroßmutters Zeiten in einem Winkel noch zwei Spinnräder und eine Haspel und dabei, es wurde der kleinen Frau so wunderlich ums Herz, gab's gar auch noch eine schöne Wiege mit allerlei Zierwerk in verstaubten, aber immer noch lebhaften Farben. Ja, und was war das für ein leuchtendes Reiflein, das da mitten auf der weiten Diele lag und Gold auszuatmen 201 schien? Ging denn davon nicht ein goldiges Licht dachwärts? Neugierig näherte sie sich dem besonnten Plätzchen. Da streifte ihr irgendetwas den Scheitel und als sie blitzgeschwind aufschaute, erblickte sie über sich in einem ziemlich engen, erhellten Hohlraum ein Glöcklein, von dem ein Strang herabhing. »Ei, sieh doch«, sagte sie und griff unwillkürlich darnach. »Halt, halt!« rief der Bauer. Es wäre nicht notwendig gewesen, denn noch viel geschwinder als sie nach dem Strang gelangt hatte, fuhr die Hand wieder zurück und mit wahrhaft erschrockenen Augen staunte die kleine Frau ins Türmchen hinauf, in dem das Glöcklein in der Abendsonne glänzte. »Nehmt mir's doch nicht für ungut«, rief sie aus, »um Gottes Willen, fast hätte ich etwas Dummes, nein, etwas ganz Schlimmes gemacht, bei einem Haar hätte ich geläutet. Das ist ja wohl das Glöcklein auf Rain, von dem man sich so Merkwürdiges erzählt.« »Ja«, sagte jetzt der Rainler, dem man ansah, daß auch er erschrocken war, denn es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, daß jemand im Hause, in dem man es fast ängstlich vermied, dem Glöcklein nahezukommen, so ohne weiteres nach dessen Strang greifen könnte, »es hätte mir leid getan, wenn Ihr hieroben geläutet hättet, schon um Euretwillen. Es müßte Euch wohl geplagt haben, weil Euch am End 202 dieses Rainglöcklein, das nur für neues Leben und den Tod in unserm Hause geläutet wird, noch lange nachgegangen wäre. Wenigstens ist's mir, sowas könnte man nicht so bald loswerden.« »Heiliges Verdienen, nehmt mir's nicht übel, Meister!« »Wo denkt Ihr hin? Es war ja nur natürlich, daß Ihr nach dem Glockenstrang langtet, der so harmlos aus dem Türmchen da herabkommt und Euch gar über den Scheitel geglitten ist. Ich hätte Euch eben vorher drauf aufmerksam machen sollen, aber ich habe es ganz vergessen. Es war wie verhext. Es ist das erstemal, daß mir das passiert. Wenn ich sonst hausfremde Leute, etwa Kaminfeger und Dachdecker da auf die Winde steigen lasse, warne ich sie vorher immer und drohe ihnen fast mit dem Tod für den Fall, daß sie den Glockenstrang auch nur berühren, geschweige ziehen sollten. Nun,« er heiterte auf, »wollen wir hinunter gehen. Es ist ja, gottlob, gut abgelaufen. Kommt!« Im Hinabsteigen aber sagte die junge Witfrau halblaut, um nur etwas Freundliches zu sagen: »Es ist ein wunderliches Glöcklein, dieses Glöcklein auf Rain, ich habe es bisher nur zum Grabe läuten hören. Nun wollen wir aber hoffen, es läute das nächstemal Leben ein.« Der Bauer blieb still. Mit großem Unbehagen meinte das Apelluneli zu sehen, daß er tief 203 zudunkelte. Als sie aber unten auf dem weiten Flurboden ankamen, war sein Gesicht so heiter, ja noch freundlicher als vorher. Er führte sie zuerst ins Heiligtum des Hauses, ins Hinterstübchen, das sie entzückte. Alsdann in die große Wohnstube, auf deren Langbank die Abendsonne die zwei farbigen Wappenscheiblein hingemalt hatte. Nein, was das doch für eine weite, helle und altehrwürdige Herrenbauernstube war! Wie konnte nur die Ahne da oben auf dem Gemälde so strenge Augen in dieses schöne Heim hinein machen. Er hieß sie Platz nehmen, und als sie auf der Bank saß, ließ er sich gewichtig auf seinen Stuhl zu ihr oben am Tisch nieder und sprach: »So, so, Frau Winterlin, nun habe ich Euch den Hof auf Rain zu einem großen, allweg zum schönsten Teil gezeigt. Ihr wißt jetzt also wo, wie und wann, wenigstens so ungefähr, denn auch das, was man zu kennen meint, und oft das Allernächste, kann einem am nächsten Morgen wieder ein ganz anderes Gesicht weisen als heute, oder wir sehen es dann mit andern Augen an. Immerhin, so das gröbste habt Ihr gesehen. Das konnte ich ja schon gewahr werden, daß Ihr die Augen schön rundum gehen laßt, wie's im Lied vom Brünnelein heißt. Und das ist ja auch das, was man für den Posten, auf den Ihr Euch zu stellen im Sinn habt, notwendig braucht, sonst ist man 204 verkauft. Wie ich glaube gesehen zu haben, gefällt's Euch da oben auf Rain nicht so übel, gut gefällt's Euch. So will ich denn nicht noch lange Kalender und Rätsel mit Euch machen. Ich nehme also an, Ihr werdet demnächst bei mir eintreten, ja, heißt das, wenn's Euch nicht zuviel ist, das Haus und was damit zusammenhängt, in Ordnung zu halten. Es ist ja alles damit mehr oder weniger verbunden, bis auf das kuhkotige Schuhwerk und Gehöse der Knechte, bis auf die stinkige Tabakpfeife des Karrers, die üblen Zeiten des Weibervolks und die wetterprophezeiende große Zehe des alten Hansuoli. Und gerade diese Zehe mag auch nicht mehr so auf meinem ganzen Heimwesen herum wie früher und es kann auch da nichts schaden, wenn etwa dem braven Hinkebein ein gleitiges Füßlein zu Zeiten hinten nach oder noch eher vorausläuft. Und jetzt, was meint Ihr? Rückt nur herzhaft aus! Nicht, daß man's hierlands etwa gewohnt wäre, was die Gedanken angeht, wie man so sagt, gleich frisch vom Faß zu wirten. Man läßt seine Gedanken in der Regel durch lange Leitungen gehen, bis sie herauskommen, aber Euch, Apelluneli, sehe ich's an, daß Ihr's anders habt und das ist's, was mir an Euch gefällt, denn schaut, ich hab's auch so. Entweder halte ich meine Meinung bei mir oder dann sage ich sie grad heraus. Dabei brauchen einem die Gedanken keineswegs abzufallen wie 205 unreife Äpfel vom Baum. Und wenn sie auch hie und da nicht wohlmundig sein sollten und auch etwa nicht reif genug, so ist das alles doch besser, als wenn man die Gedanken wie die Äpfel faul werden läßt und sie den Leuten dann doch als Tafelobst serviert. Also, was ist's?« »Ja, Meister Hochrütiner«, antwortete die junge Frau, »ich will gern bei Euch einstehen und das Amt, das mir da zukommen soll, freudig wagen. Es ist kein leichtes, aber wenn's mir zu leicht erschiene, wollte ich mich auch gar nicht dranhinmachen. Ein Bauernhof, gehäuft voll Arbeit für alle, die drauf werken wollen, das ist's, was ich mir fast vom ersten Fleißzettel in der Schule an gewünscht habe. Ihr müßt aber nun nicht meinen, jetzt komme ein neuer Besen auf Rain, vor dem sich in Haus, Stall, Tenne und Schopf kein Spinngeweblein mehr verbergen könne. Ich bin guten Willens und tue, was ich kann. Heja, und ich glaube auch etwas zu können,« machte sie, ihn mit sichern Augen ansehend, »denn ich bin früh in allerlei Betriebe hineingekommen und habe die Hände, aber auch die Augen nicht faulenzen lassen. Geduld müßt Ihr freilich dennoch mit mir haben, wie ich sie andern Leuten auch nie ab bin. Es kann ja sein und ich meine es, daß hie und da ein Schräublein auch bei mir etwas lose sitzt.« »Ja«, antwortete er lachend, »man kann es dann ja allenfalls schon wieder andrehen.« »Heja, Meister, und Euch muß ich doch auch noch kennen lernen, denn auf den ersten Blick können auch die besten Augen, nur so durchs Fenster, eine Stube nicht voll erfassen. Es kann drin dämmerige, ja dunkle Winkel geben, auch könnten die Fenster noch Vorfenster haben.« Er lachte lautlos. »Wie ich es erachte«, sagte er, »würde Euch auch die graue Katze, und wenn sie unterm Ofen läge, kaum entgehen, wenn Ihr in eine Stube hineinwundert.« »O«, gab sie zurück, »das meint man so. Übrigens will ich's Euch jetzt offen bekennen, damit Ihr seht, daß ich nötigenfalls auch hintenherum, so um die Ecke, zu meinen Zielen schleichen kann, daß ich schon am letzten Sonntag in der Stadt am See draußen bei der Zille, Eurer übelzeitigen Haushälterin, im Spital gewesen bin. Da habe ich mich um Euch, Meister Hochrütiner, gehörig umgetan und mich erkundigt, wie man's auf dem Hof halte und haben wolle, und heja, was Ihr selber für einer seid. Ihr werdet mir's doch nicht zürnen. Wißt, man hat schon manchen für den besten Säer ausgegeben und dann wenn's drauf angekommen ist, so ist doch kein Segen aus seiner Hand, wohl aber Unkraut haufenweise herausgekommen. Es mag aber sein, ja gewiß, wenn 207 ich Euch vorher so gesehen hätte, wäre ich, wenigstens Euretwegen, nicht zur Zille in die Stadt gegangen.« »Gut, es ist mir alles recht, Ihr habt's recht gemacht. Und nun seid Ihr ja auch hier auf der Umschau gewesen und ich habe weder mich, noch meine Leute, noch sonst ein Ding hinter ein Gesims voll Blumenstöcke gestellt, wie ich auch nie ermangeln werde, wissen zu wollen, was mit mir und um mich herum geht. Es ist nicht die Kresenz in der Küche allein, der ich etwa in den Topf gucke, um zu sehen, wie's mit dem Butterverbrauch steht und was sie über dem Feuer hat.« »Und dann«, redete sie ablenkend, »hat mir Eure alte Haushälterin im Krankenhaus gesagt, der Garbenspeicher, der Heustock und der Miststock seien Euch nicht alles, Ihr habt auch noch an diesem und jenem Freude, was sonst der Bauer nicht beachte, was dem Bauer für gewöhnlich nicht einmal das Letzte, sondern gar nichts sei. Ihr könnet Euch an allerlei Schönem freuen, hat sie gesagt, denn Ihr habet die Augen dafür, was ich ja heute auch schon innegeworden bin. Ihr sollt sogar musikalisch sein.« »Ja, aber nicht gefährlich«, antwortete er, noch helläugiger werdend. »Ich blase ein wenig die Klarinette, halt so Sonntags gegen Abend, hinten in unserer Ahnen stillem Kämmerlein. Da bekommt mein Spiel niemand viel zu hören, und ich habe 208 mein Freudlein dran. Ihr aber sollt klavierspielen können, sagt man. Ist auch etwas Schönes, ich höre es gern, wenn man's gut kann und nicht nur so drauflos hackt. Leider komme ich fast nie zu schöner Musik. Letzthin aber war ich doch in der Stadt in einem Nachmittagskonzert. Als ich dann wieder aus dem Licht, das meine Augen blendete, und aus dem Wohlklang auf die Straße hinausgekommen bin, war ich ganz benommen. Ich hab' eine Zeitlang gar nicht recht gewußt, was mit mir los sei, so bin ich mit ganzer Seele dabeigewesen. Man sollte eben mehr gute Musik hören können. Ich bin freilich schon froh, wenn der Wysel abends hie und da seine Handorgel eine Weile Tanz aufspielen läßt. Wie müßte unsereinem, der zu so was ja einfach nicht kommt, erst ein schönes Klavierspiel wohltun.« Sie wich aber wieder aus. »Auch hat mir die alte Zille gesagt«, sprach sie, »das könne sie wohl begreifen, daß der Meister nach einer neuen Haushälterin trachte, denn er müsse ja durchaus eine guttuende Gehilfin haben, die ihm in allem Ordnung halte. Auch wolle ihr ja der Meister ihre Last, die Arbeit, mit der sie's doch alleweil schwer gehabt habe, für immer abnehmen. Er habe schon oft davon getönt und dabei auch etwa von einem Feierabendbänklein geredet, das ihr auf die alten Tage werden solle. Wenn sie aber nochmals aufkomme, so wolle sie mir dann 209 jedenfalls gern auf dem Hof an die Hand gehen, so gut das etwa ein abgewerkter Mensch noch könne. Ich solle nur frohgemut auf Rain eine Sache und die Leute erst recht anschauen gehen. Sie wäre froh, wenn ich dort oben ankäme, denn ich könnte am End für den Hansbaschi Hochrütiner die Richtige sein. Ich solle mich nur auch an den Zustupf halten, den ihr einst ihre Großmutter auf den Weg gegeben habe. Jener Spruch habe geheißen: Ich wünsche dir, daß du mit den andern Leuten nicht zuwenig und mit dir nicht zuviel Geduld haben mögest. Außerdem habe der Meister ja jetzt niemand, mit dem er eine Sache besprechen könne.« Der Rainler hatte sich erhoben und nach Seppeli und der Kresenz zur Tür hinausgerufen. Und als nun aber die einstweilige Aushilfe für die Stubenmagd, die Putzerin Theres, in die Stube trat, gebot er ihr, dem Gast etwas Vesperbrot aufzutischen. Jedoch die Frau Apollonia Winterlin wollte durchaus nicht länger bleiben. Sie erhob sich, und sich bedankend, sagte sie zum Bauer, er solle ihr's nicht zürnen, daß sie nun gehe. Sie müsse in die Molkerei, nach der Wanduhr sei's sogar höchste Zeit, die Bauern werden bald mit der Abendmilch anrücken, und da es Sonntag sei, so habe sie nur einen Burschen zum Helfen.« »Ja, dann will ich Euch natürlich nicht zurückhalten«, sagte der Bauer, sich ebenfalls in seiner 210 ganzen Höhe und Breite vom Tisch erhebend. »Ihr könntet aber jetzt dann grad, wenn Ihr noch ein wenig wartet, mit dem Melker ins Dorf hinabfahren. Er muß gleich mit der Milch weg. Es fängt ja schon zu dämmern an.« »O nein, Meister Hochrütiner, das will ich jetzt nicht. Habe nun doch keine Ruhe, kein Bleiben mehr. Also vergelt's Gott und gute Nacht!« »Bis wann kann ich auf Euch rechnen?« »He«, antwortete sie, schon einen Steinwurf weit vom Hause weg, »das hätte ich jetzt bald vergessen. Nach etwa drei Wochen, Meister, werde ich auf Rain eintreten, wenn's Euch so recht ist.« »Gut, so schlaft wohl und kommt gut hinunter!« Hansbaschi Hochrütiner machte sich zu seinem Bernhardiner vor den Roßstall. Dort ließ er sich auf die Bank an der Wand nieder und schaute, den Barri, der sich mit rasselnder Kette zu ihm gemacht hatte, über den Kopf streichelnd, der abwärtsgehenden kleinen Witfrau nach. »Ja, ja, die Zille«, machte er so vor sich hin, »aber die Kleine da aus dem Schloo könnte auch recht werden oder dann sind meine Augen Narren. Und«, er wurde völlig hellscheinig, »jung ist ja das Frauchen zwar noch, und wie jung, aber für einen Fehler, einen Währschaftsmangel«, er ließ aus einem stillen Lächeln seine immer noch guten Zähne sehen, »kann ich das grad auch nicht nehmen.« 211 V. Auf den Dächern des ansehnlichen Dorfes Bohlishusen lag etwas Schnee. Sie sahen aus wie überzuckert. Bisan war der Winter ein harmloser Geselle gewesen und er schien es bleiben zu wollen. So recht hatte er sich nie ins Land hineingewagt. Er schien sich in den Alpen, die nun über und über seine weißen Farben trugen, verschanzt zu haben. Immer wieder, wenn er ins Hügelland vorstoßen wollte, ließ der Föhn sein Horn ertönen und jagte den kalten Nord auf den Berg zurück. Nicht einmal an den fast überschlanken Turm der Dorfkirche hatte er seine weißen Wimpel zu hängen vermocht. Der Schwalben schon gewiß, die ihn bald wieder umkreisen würden, ließ der Kirchturm seinen roten Helm in der Abendsonne, die jetzt aus ihrem Wolkenlager nach ihm sah, über das Dorf hinweg in die Welt hinausleuchten. Aber die Kinder zu Bohlishusen hatten gar keine Freude an diesem Schwächling von einem Winter, der sie um Schlittenfahrt, Schlittschuhlauf, Schneeballschlachten, Höhlen-, Burgen-, Hoch- und Tiefbau aller Art im Schnee, ja sogar um die seltene Wonne des 212 Skigleitens auf den nicht zu nahen Höhen, so elend betrog. Kaum diese dünnschaligen Eisgumpen, die man mit dem Fuß eintreten konnte, hatte er ihnen vergönnt. So blieb einem ja vom Winter, auf den man sich doch so gefreut hatte, nichts, als die langweiligen Schulaufgaben. Doch, ein Vergnügen war der Jugend aus der letzten Schneestäuberei doch geworden; man hatte sich eine lange Eisschleife austreten können, die sich nun von der Bäckerei zum Halbmond am Dorfbrunnen vorbei bis vors Haus zum billigen Laden sänftiglich und gleißend hinabzog. Diese Schleife war den Dorfkindern jetzt gar kostbar. Sie erschien ihnen als etwas fast Unersetzliches, denn einem dürftigen Genossenbäuerlein ist eine guttuende Ziege was dem Sentenbauer drei Dutzend Kühe, die alltag einen Milchsee machen. Die Schüler und Schülerinnen, die über die wunderfeine Eisschleife mit Heijupedihee in allen Tonarten hinabglitten, nannten diese Fahrgelegenheit einfach sauglatt, das höchste Lob, das sie zu Bohlishusen und der Enden für ein Ding hatten. Am Fenster in der Stube ob dem billigen Laden saß mit träumerischen Augen das Agnesli Hochrütiner. Es strickte an einem dreifarbigen Strumpf und verlutschte dazu mit sichtlichem Behagen ein Bonbon, deren es vor ihm auf dem Gesims hinter dem Doppelfenster ein zierliches Schälchen voll gab, lauter 213 süßsäuerliche Fruchtsteinchen, die ein buntes Geblüme und sogar das weiße Kreuz im roten Feld zeigten. Nein, dachte das Agnesli, wie's diese Kinder da unten vor dem Haus doch mit ihrer Eisschleife so lustig haben! Nun bin ich schon ein ganzes Jahr aus der Schule und darf natürlich nicht mehr mittun, und es wäre so fein, wenn man mitschleifen könnte und dabei gar zu zweit, Hand in Hand mit einem Schulschatz. Aber natürlich läßt sich der Alex ja nie mehr sehen. Die Base weiß ihm anderes zu tun und außerdem weiß man ja, ich habe da schon hingehört, wie's das Männervolk hat, heute . . . Sie schaute mit einem müden Blick zu Mikeli hin, das am Tafeltisch, auf dem immer noch das Vesperbrot mit allem zugehörigen Geschirr stand, seine Hausaufgabe für die Schule machte. Nein, wie die alleweil mit ihrem Griffel auf der Schiefertafel herumkratzt! Es geht einem durch Mark und Bein bis in die Fingerspitzen hinaus, wollte es das Agnesli bedünken. Und dazu, es kam ins Kichern, – kaut dieses dumme Schwesterlein jeden Buchstaben, den es mit heiligem Ernst in seine Tafel hineinkratzt, zugleich ganz laut: L – M – N . . . Wahrhaftig, es ist zu spaßhaft. Laut auf lachte das Agnesli und alsdann in einen Dämmerwinkel hineinschauend, in dem das Roseli, seine ältere Schwester einfach so dalag, die Arme unterm Kopf hatte und mit glänzenden Augen zur getäfelten, weißgestrichenen Decke 214 hinaufstaunte, rief es: »Rosi, Jetzt räume einmal ab, du hast doch wohl Zeit dazu! Unsereins muß immer Strümpfe stricken und du faulst nur so auf allen Stühlen und auf dem Kanapee herum und denkst natürlich . . .« Ein kurzes Auflachen, »he, man weiß ja schon an was oder an wen du denkst.« »Und du«, kam's vom Lotterbett im Winkel, »versaugst eine Zuckerbäckerei voll Bonbons und bist dabei noch nicht einmal zufrieden, weil du lieber gehabt hättest, die Basepatin hätte dir, als sie heute morgen hier war, von jenen Feuersteinchen gebracht, wo's so verliebte Verschen drin gibt.« »Ja, du mußt etwas sagen, Rosi. Meinst du, ich hätte vorgestern abend, es ist ja schon ganz dunkel gewesen, nicht gesehen, wie der Ferdi mit dir immer um unser Haus Jagd gemacht hat und wie er dich gar noch in unsern Kohlenschopf hineinziehen und züngeln wollte. O!« »Ja, o!« kam's kichernd vom Kanapee her, »er hat mich aber nicht hineingebracht. Er wollte mir übrigens nur etwas sagen, das nicht alle Leute zu hören brauchen.« »Natürlich, daß du sein herztausiger Schatz bist, hat er dir sagen wollen, o, das kennt man!« rief das Agnesli aus. »Als ob er dir das nicht schon hundertmal gesagt hätte.« »Aha, nicht wahr, du kleine Kröte, die sonst vor 215 den Leuten alleweil tut, als ob sie eben auf die Kommunionbank zuginge«, kam's herum, »wenn dich aber der Alex wieder wie letzthin verküßt . . .« Es wurde plötzlich still, denn das Mikeli ließ den Griffel sinken und horchte mit Aug und Ohr in den Dämmerwinkel zu Roseli hin. Da sprang das Agnesli auf, das mit zündroten Wangen eben einen Blick durchs Fenster auf den Dorfplatz hinab getan hatte: »Seht, seht« rief es aus, »die Base Brigitt aus der Wydlen und der Vetter Ludi, der Sauludi«, setzte sie gedämpft bei, »kommen geradeswegs am Brunnen vorüber auf unser Haus zu!« Auch das Mikeli war aufgesprungen. Das Roseli hingegen, das so wohlig und behaglich, wie für winterlang, auf dem alten, immer wieder ächzenden Beleger hingegossen war, tat keinen Wank. »Meinetwegen«, sagte es, wie ein grünes Wieslein, auf dem die Maulwürfe zu stoßen beginnen, maienfrisch daliegend, »es ist mir gleich. Deswegen stehe ich noch lang nicht auf. Die Base Brigitt und der Chemifeger gehen ja doch nur in den Laden zum Vater.« »Heja, aber man sollte doch gewiß einmal den Tisch abräumen«, meinte mit vorwurfsvollen Augen das Mikeli, »die Mutter hat doch gesagt, wir müssen des Vaters schwarzes Gewand, besonders seinen Zylinder und den Heiligtagrock abstauben und gehörig ausputzen.« 216 Über einen Sessel am Tisch hing ein langer, ziemlich gebrauchter Bratenrock, und auf der einfachen Kommode, unter einem Farbendruck, der den Rheinfall zeigte – es hätte auch der Niagara sein können –, stand ein ungewöhnlich hoher, altmodischer Zylinder, der wie der unferne See der Alpen, schattenhalb dunkel und im Tagheitern grünlich aussah. »Ach was«, kam's vom Kanapee her, »bis jetzt hat das Glöcklein auf Rain noch nicht geläutet.« »He, seht«, rief jetzt aufgeregt kichernd das Agnesli, »die Base aus der Wydlen und der Vetter Ludi mit seinem Hund, dem Fliegenschnapper, kommen nicht allein, die Buben sind bei ihnen, der Ferdi, heja, und der Alex!« Heijo, wie wurde da das Roseli, das so traumschwer dalag und wie ans Kanapee angeklebt schien, auf einmal so federleicht. Ein Hui war's am Tisch: »Macht, macht«, rief's hastig, fast lärmend, »wir müssen abdecken und das Geschirr hinaustragen! Es ist wegen der Base.« »Ja, ja, und wegen noch andern Leuten«, sagte das Agnesli, ebenfalls wacker beim Abräumen des Tisches zulangend. »Geh schnell und ruf der Mutter, Mikeli!« heischte das Roseli; »sie hängt mit der Magd Wäsche auf der Winde auf.« »Ja, du hättest dabei der Mutter wohl auch helfen können, Rosi, bist alt genug dazu«, meinte das Agnesli. 217 Jedoch ihre ältere und auch größere Schwester schien das nicht zu hören. Sie riß nun selber die Tür auf und lärmte durchs Stiegenhaus hinauf: »Mutter, Mutter, die Holzhändlerin kommt!« Und durchs Stiegenhaus hinunter: »Vater, die Base aus der Wydlen und der Chemifeger kommen zu uns!« »Ja, ja«, tönte es dumpf aus dem Keller herauf, in dem der Langhänsel eben eine Sendung Erdäpfelschnaps eingekellert hatte, »ich höre noch gut genug, brauchst nicht so zu lärmen.« Und als nun die Frau Brigitt Anderbalm aus der Wydlen vom Rotenbach mit ihrem, wie immer auf etwas unsichern Beinen gehenden Bruder Ludi, der seinen Köter vor der Türe lassen mußte, in den billigen Laden trat, war der andere Bruder, der Hänsel, schon vorhanden. Man begrüßte sich so kurz als möglich. Man brauchte ja da in der Hinsicht nicht so viel dran zu tun. Was hatte das für einen Wert? Man war sich ja gewohnt. Alsdann aber rief der Langhänsel nach seiner Frau. Sie kam sogleich und begrüßte in ihrer übersüßen Weise die Verwandtschaft, die sich aber aus ihr nicht viel machte. Dem Ludi kam die unscheinige Frau immer vor wie ein ausgetrocknetes Zehnrappenwegglein, das vom Sonntag her liegengeblieben ist. Jedoch der Hänsel, ihr Mann, gebot ihr ziemlich barsch, sie solle den Laden hüten, er wolle mit Schwester und Bruder ins Büro. 218 Wie sie sich nun im Büro, das eine mittelgroße, nüchterne und feuchte Hinterstube voll Krimskrams war, auf den paar häßlichen Rohrsesseln, die um einen neuen tannenen Tisch standen, niedergelassen hatten, drehte der Langhänsel das Licht einer trostlosen elektrischen Birne an; denn das Lokal hatte kein Fenster, außer einem Scheiblein in der Tür. Und nun wurde er auf einmal ernst, fast feierlich. Auch die hochgewachsene, allseitig wohlumschanzte Witfrau Holzhändlerin hatte jetzt auf ihrem vollmondigen, ganz und gar unbeweglichen Gesicht so eine Art Schatten, etwas Schattenhaftes. Man konnte es für eine Mondfinsternis nehmen. »Wie's mir scheint«, hob sie aber starkstimmig wie immer zu reden an, gradaus auf ihren langen, hagern Bruder schauend, der ihr gar ernst auf den Mund sah, »hat man da im billigen Laden auch schon einen Ton von dem Unglück vernommen. Ich komme schnurstracks vom Rotenbach her. Mein Wagen steht ja jetzt bei der Bäckerei zum ›Guten Willen‹ oben, habe dort Scheiter abgeliefert. Und darnach ist nun natürlich mein erster Gang zu dir gewesen. Der Ludi hat mich jedenfalls am Pintlein zum ›Weißen Raben‹ vorbeigehen sehen; denn er ist gleich heraus und auf mich losgefahren und hat mir die böse Neuigkeit brühwarm mitgeteilt! Was, oder nicht?« Barsch sagte sie's zu ihrem altern Bruder, redete aber, ohne auf seine 219 Antwort zu warten, weiter: »Hingegen, er ist gleichwohl nicht der erste gewesen, der mir das Unglück zu wissen tat. Man hat's mir aus der Bohlishuser Sparniskasse telephoniert. Und da die Jungen grad mit Scheitholz ins Dorf fahren wollten, bin ich mitaufgesessen, und nun wäre ich hier. Ja, und jetzt wie ist's, wie steht's auf Rain? Der fallende Baum muß ihn arg gestreift haben, als sie hinten am Raingütsch Holz umtaten. Hast du schon hinauftelephoniert, Hänsel?« »Freilich«, machte jetzt der Langhänsel, seine tiefliegenden Augen völlig verschwinden lassend, »es soll den Großen wüst getroffen haben, so heillos, daß ich mich nicht recht getraute, oben anzufragen. Nicht wahr, ist's zum Sterben, so tut's uns das Glöcklein auf Rain früh genug zu wissen, und ist's nicht gar so schlimm, so wollen wir mit unserm Telephonieren die Leute auf dem Hof oben, die jetzt sowieso in Aufregung sein werden, nicht auch noch aus Rand und Band bringen helfen. Was hat man diesfalls von einem Telephon, was nützt das dem Hansbaschi, wenn wir anfragen? Er bekommt ja jetzt doch nichts davon zu wissen. Hinauf müssen wir, Brigitt, das ist nun die Hauptsache, so schnell als christenmenschenmöglich hinauf und schauen, was man für ihn allenfalls noch tun kann. Daß es bedenklich um den Bruder steht, ist sicher und gewiß; der Rasierer Gust hat es mir vor einer kleinen Stunde im Laufschritt ins Haus gebracht. Ich wäre 220 schon hinauf auf Rain; aber die großen Korbflaschen voll Schnaps kann man nicht über eine Winternacht draußenstehen lassen. So habe ich sie eben versorgen müssen. So bös soll es mit unserm Großen stehen, daß ich schon das Leid habe aus dem Kasten nehmen, es bereitmachen und abbürsten lassen; denn wenn wir heute abend zum Beten hinaufmüssen, so wird eben der dunkle Feiertagsaufrust auch mitmüssen . . .« »Ja, 's Kuckucks, was, so bös steht's gar mit dem Hansbaschi?« machte eifrig, aber immerhin mit etwas verschattetem Gesicht die Holzhändlerin. »Ja, ja, das Holzen ist noch immer eine Sache gewesen, bei der man sich in acht nehmen muß. Der Meinige selig hat's auch immer gesagt. Also, eine Tanne hat ihn noch erwischen mögen im Umfallen und ihn derart zugerichtet?« »Jawohl«, rief jetzt der Ludi wichtig, eilfertig aus; »man redet von einer Hirnerschütterung.« »So, eine Hirnerschütterung«, machte der Langhänsel; »da könnte es am Ende doch noch länger gehen mit ihm.« Es wollte seiner Schwester Brigitt vorkommen, sein trauerndes Gesicht habe schon wieder einen Schatten weniger, wie die Dämmerung beim Tagen, aber es sei dafür, samt dem Bockbart, länger geworden. »Ich sag nur, schlimm und vielleicht ganz schlimm muß es mit dem Hansbaschi stehen«, fuhr der Ludi 221 zu reden fort. »Ich hab's von einem Autofahrer, der im ›Weißen Raben‹ eingekehrt ist und einen Kognak auf die Zähne genommen hat. Der ist eben, als der Baum gefallen ist, am Gütsch vorbeigesaust. Auch hat nachher die Wirtin berichtet, die grad aus der Metzg kam, es gehe schon ein Gerede im Dorf, man sei dem schwergetroffenen Rainler auf Herr und Doktor los. Ich wäre natürlich schon heim, hinauf auf Rain; aber«, machte er, seinen Schnauz nachdenklich herablassend, »man hätte am End dort oben meinen können, ich komme schon zum Erben. Zudem weiß ich ja, daß ich auf Rain nie wert ankomme oder gar willkommen bin. Ihr wißt ja, wie mich der Große seinerzeit zu Haus und Hof hinausgeworfen hat, bloß wegen so einem tränenseligen Weiberflünklein. So gehe ich nicht grad gern hinauf, wenn ich nicht muß und . . .« »Und wir oder andere Leute so dumm sind, dir zu pumpen«, warf die Holzhändlerin ein, was der Ludi so selbstverständlich schluckte, als wäre es ein etwas gepfeffertes Gläschen Erdäpfelschnaps. Ja, ein wenig lächerte es ihn sogar. Aber seine Schwester sprach weiter: »Gleichwohl, eins ist gewiß, gut kann's mit dem Hansbaschi nicht stehen. So eine Tanne fällt nicht um wie eine Fahnenstange. Es wird ihm den Kopf erreicht und zerschlagen haben, und es kann sein, daß noch eine Blutung innerhalb dazugekommen ist.« »Es wäre doch traurig, schade wär's, beigott, um 222 den Großen«, sagte der Langhänsel mit beelenderischem Gesicht, »jammerschade, wenn er mit Tod abgehen müßte. Am End ist er uns doch ein guter Bruder gewesen und, heja, potz Donner, ein Bauer, der weitum den schönsten Hof gehabt hat und der deshalb doch nicht den Stolzgockel machte und sich hochtrug; denn er hat jedermann das Seinige gönnen mögen und für jeden Stromer, ja für jedes Kind ein freundliches Wort gehabt.« »Ja«, meinte jetzt der Ludi, den unappetitlichen Schnurrbart hebend und mit einem ausgehöhlten Gesicht von einem zum andern sehend, »am End, ein aufrechter Mann ist der Hansbaschi ja gewesen; das, nein, das will ich ihm nicht durchtun und wegreden. Nur gähschüssig war er und nicht der verträglichste, wenn's ihm einer oder eine nicht hat vertreffen können. Auch hat er bei all seinem freundlichen Gehaben doch immer durchstieren wollen, was er sich vorgenommen hat. He natürlich, er hat eben früh schon gewußt, daß er der Kronprinz ist. Ich wünsche ihm aber allweg nichts Böses, im Gegenteil. Meinetwegen soll ihm auch noch vom Himmel herab, soweit unseres Vaters Heimwesen geht, Gras und Korn wachsen, auch wenn ich die Ohrfeige nicht vergessen kann, die er mir der verfuhrwerkten Liebesgeschichte wegen gegeben hat, die ich mit seiner Magd, der märzentupfigen Hermine hatte. Es ist ihn ja weiter 223 nichts angegangen, auch wenn ich eine Kammer auf seinem Hof hatte. Ich kann doch gern haben, wen ich will. Es hat dem Großen ja auch niemand verboten, auf seinem Hof allenfalls das Weibervolk ein wenig zu verkurzweilen. Ich habe mit der Hermine recht abgemacht. Ja, heißt das, das arge Geschirrlein hat mich fürchterlich ausgenüsselt und mir den letzten Sack voll Silberlinge, mit denen ich vielleicht doch noch den Doktor hätte machen können, abgelesen. Aber Schwamm drüber. Die besagten Silberlinge sind samt und sonders bachab für immer; denn sie haben es nicht wie die Forellen, daß sie zur Laichzeit wieder über alle Bachwuhren hinauf zurückspringen. Hingegen, nein, an das will ich jetzt nicht mehr denken, und wenn's mit dem Hansbaschi aus und Amen sein sollte, bin ich, beim Eid, der erste, der mit ihm noch tränenden Auges auf den Friedhof geht.« »He, jetzt an dem ist's ja vielleicht doch noch nicht«, machte der Langhänsel, »aber natürlich, man muß auf alles gefaßt sein und wenn's eben den Zug zum Schlimmen hat und einem so bestimmt ist, so sperrt man vergeblich dagegen. Jetzt, was aber jene Affäre anbelangt, Ludi, die der Große wegen deiner und seiner Magd Hermine hatte, so muß man bloß sagen: Sei du nur froh, daß dir der Hansbaschi in allen Teilen so angestanden ist und das Mensch entlöhnt hat, das ihn doch eigentlich nichts 224 angegangen ist, dich aber hingegen zu einer Art Vater gemacht hat.« Alle drei lachten, aber der betroffene Chemifeger am lautesten. »Bruderherz«, sagte er dann, »wirst ja keinen moralischen Zustupf an mich richten und die Gesetzestafeln vom Sinai für meine Augen frisch abstauben wollen, nehme ich an. Meines Wissens bist du hiefür nicht besonders berufen, denn du bist ja auch kein Vegetarianer und Fleischverächter. Du machst dich nur so mehr hintendurch an die Fleischtöpfe Aegyptens und dergleichen kleine Freuden. Auch darf es nichts kosten, wobei du den Spruch, daß, was nichts kostet, nichts wert sei, wenig respektierst. Jedenfalls, Hänsel, bist du immer der durchtriebenste und vorsichtigste von uns allen gewesen und hat sich keiner so schön rundum warm zu halten gewußt, ohne sich zu brennen, wie du, und niemand es so verstanden weitherum, wie du, aus der hl. Ehe ein gutes Geschäft zu machen. Hast ja immer gesagt: Ja, ja, das Lieben sei etwas Schönes, es verkurzweile einem den Lebensweg noch weit über eine Handorgel, aber das hänge am End alles in der Luft und eine gute Heirat sei das zuverlässigste Fundament, um sich ein stattliches Haus drauf zu bauen. Jetzt, was du unter guter Heirat verstehst, wird heute deine Frau wissen, aber auch jeder Bettler kann's erfahren, der dir vor die Türe kommt. Also, vielgeliebter Bruder, 225 in Richtung Liebe schau für dich und ärgere dich ja nicht, wenn ich bis auf den heutigen Tag und Stunde das frische Fleisch dem Gefrierfleisch vorziehe. Dixi. « »Heja«, gab lachend und gar nicht beleidigt der Lange herum, »man ist natürlich auch nicht von Holz und ist es nie gewesen, für das haben wir auf Rain zu fett zu essen bekommen. Und am End, was ist dabei, das Männer- und Weibervolk ist für einander geschaffen, oder? Es ist also von Natur wegen dafür gesorgt, daß man das nicht so geschwind vergißt und daß es einem weniger schnell verleidet als das Habersieben oder gar das Heubürdentragen. Gleichwohl, von dem ist jetzt heute nicht die Rede und es hat ja auch keinen Wert, was du christenlehrst, Ludi. In den Katechismus kommt's sowieso nicht. Heute, meine liebe Seele, geht's jetzt einmal um den Bruder«, sein langes, ausgetrocknetes Gesicht wurde hochernst und es sah fast aus, als wolle sich sein zäher Bocksbart in einen Weihwasserwedel verwandeln, »es handelt sich denn doch um den Bruder, um den Stammhalter der Hochrütiner. Er könnte uns wegsterben und also auch der Hof sein angestammtes Bauerngeschlecht verlieren.« »Aber nicht für lange«, meinte, ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, der ältere Bruder, den Kopf mit den schlappen Haarsträhnen, der immer aussah, wie aus dem Sumpf gezogen, hin- und herwiegend, wie nach einer geheimen Musik. »Was meinst du, herzliebste Frau Schwester? Es ist mir so im Unterbewußtsein, du habest schon lange den Hof für einen deiner Söhne mehr oder weniger, aber eher mehr, im Auge. Und wenn ich nicht irrig bin, wie's im Lied von der Tirolerin im schwarzen Kamisol so schön heißt, so weiß das außer mir auch ein jedes Kind zu Bohlishusen und der Enden.« Er lachte heraus, daß ein großes kupferiges Tortenmodell an der Wand Echo gab. Seine Schwester Brigitt gab keinerlei Bescheid. Sie sah über ihren Bruder Ludi hinweg, wie über einen Kuhfladen auf offener Allmend. Ein Weilchen schauten alle sinnend, gedankenträchtig vor sich hin, aber endlich sagte die Holzhändlerin in ihrer farblosen, raschen Weise: »Also, ich sag's auch, du hast recht, Hänsel, wir wollen jetzt dann gleich nachsehen gehen auf Rain. Man muß doch, beigott, wissen, wie's mit dem Hansbaschi steht. Es wundert mich schon, daß man uns, seinen Brüdern und seiner Schwester, noch nichts angezeigt, ja nicht einmal telephoniert hat. Er hat doch jetzt dieses Schlooapelluneli, das wir aus der Molkerei weggelockt und aus gewissen Gründen ihm zugehalten haben, bei sich oben. Und da ist's mir, dieses Witfrauchen, das ja in der Stadt war und auch sonst geistigerweise Sachs genug im Kopf hat, sollte soviel Anstand wissen, uns zu berichten. 227 Hingegen wird man im Schrecken das alles eben vergessen haben. So wollen wir also aus freien Stücken hinauf. Es kann ja wohl sein, daß ich seine Haushälterin, dieses Apelluneli, beim Wachen ablösen muß und daß mich der Große überhaupt an seinem Bett haben will.« Der Chemifeger verschüttelte lautlos lachend den Kopf und murmelte in seinen nassen Schnauz hinein: »Ja, mich auch.« Seine Schwester blitzte ihn aus beiden Augen geradeswegs flüchtig an, aber ihr Gesicht blieb marmorglatt und kühl. »Ja, ich komme auch mit euch hinauf«, redete der Ludi weiter, »natürlich, jetzt gleich vom Fleck weg, obwohl es für mich auf Rain ja doch nur Brosamen vom Tisch zu holen gibt. Immerhin«, setzte er nach einigem Wiegen seines Kopfes bei, »da kann man dann noch schauen. Man hat mich genug auf allen Seiten hintangehalten und übervorteilt.« Er bekam keinen Bescheid. Der Lange auf seinem Bürosessel, der aber nur eine schmucklose Stabelle war, und die Dicke, seine Schwester, die sich auf einer Kiste voll Fensterbeschläg vertat, waren völlig in Gedanken versunken. Das beunruhigte aber den Chemifeger nicht weiter. Er begann umständlich seine Zigarre, eine lange Brissago, die er hinterm Ohr getragen hatte, anzuzünden, 228 ab und zu auf seine sinnenden Stubengenossen schauend und mit stillem Lachen, den Kopf wie ein Gaul in den Schmeißfliegen, verschüttend. Ja, ja, dachte der Langhänsel, seiner Schwester Worte bedenkend, unsereiner kann sich schon vorstellen, wie du auf Rain beim Bruder wachen würdest. Da dürfte man schon mehr von bewachen reden. Aber man hätte ja annehmen können, daß die Frau Brigitt sich gleich hinaufmachen würde, um ja alle Gelegenheiten in Kammer, Kasten und Truhen auszukundschaften. Was bei der allenfalls in der Schürze Platz fände, weiß man ja von der Teilung der väterlichen Nachlassenschaft her. Sicher ist, daß sie ihr schwarzes Kleid schon lange aus dem Kasten genommen hat und umsonst ist sie auch nicht so rasch hieher gefahren. Die will eben rechtzeitig genug zum Erben kommen, obwohl sie bei ihrem gangbaren Holzhandel und dem gutgründigen Hof so schon ein Schönes beisammen hat. Aber natürlich möchte sie den Rain auch noch für einen ihrer jungen Spritzlinge haben, damit ihr ja die ganze Welt gehört und sie ausrufen kann: Alles mein! Und doch hat sie heilig und gewiß schon genug beim Erben beiseite geschafft als sie seinerzeit beim Vater selig am Sterbebett wachte. Hingegen, nein, Frau Schwester, dasmal will ich meine Augen schon früh genug umgehen und, heja, auch wachen lassen. Warum sollte ich zu kurz kommen? Ich habe 229 auch drei Töchter, die mich schwer Geld kosten und die mit den Jahren erst recht ein teurer Artikel werden könnten. Unsereiner sollte nur immer geben, denn was mich diese Mädchen einmal an Aussteuer kosten werden, das läßt sich nicht ausdenken. Und ja, beim Strahl, ich will sie auch ausrüsten wie Fürstinnen, daß die Dörfler von Bohlishusen und die großgrindigen Bauern im ganzen Kanton herum veitstänzig und gallensüchtig werden vor Neid. Ich muß meinen Mädchen aber eine gehörige Morgensuppe in Silber und Gold mitgeben können, denn man nimmt sie mir eines Tags auch nicht um ein paar Glaskugeln ab, wie's bei den Wilden in Afrika Brauch sein soll, wenn die Bücher nicht lügen. So oder anders, ich habe jedenfalls, wenn's dazu kommen sollte, ein Anrecht darauf, den Hof auf Rain zu übernehmen, wie die Brigitt. Es ließe sich ja dort oben auf dem Raingütsch ganz gut ein Kurhaus bauen, das meine drei Töchter führen könnten. Da hätten sie dann unter den Kurgästen nur so auszulesen, denn je näher die Leimrute, desto eher geht der Vogel drauf. Der Gütsch ist ja ein Aussichtspunkt ersten Ranges. Jawohl, den wenigstens darf ich nicht außer Aug lassen. »Also«, hob er jetzt zu sprechen an, »wir müssen schauen, bald auf Rain zu kommen. Keinen Augenblick weiß man, ob nicht das Glöcklein dort oben auf unseres Vaters Hof zu läuten anfängt. Geschämig wär's, wenn wir 230 erst zu des Großen Todbett kämen. Wir sollten wenigstens dort sein, bevor er ins End fällt.« »Ja, lang ist's nicht grad her, seit das Glöcklein auf Rain angeschlagen hat«, sagte der Chemifeger, »halt als dem Hansbaschi seine Erste mit Tod abgegangen ist. Wenn's aber ihm nicht läutet, wem sollte es sonst läuten? Er ist ja jetzt mutterseelenallein auf dem Hof, ein Regent ohne Parlament, denn die alte Zille ist ja letzthin im Spital gestorben und von der verstorbenen Schwägerin sind keine Kinder da. So hat's das Glöcklein auf Rain nicht streng und kann ein Faulenzerleben führen und mit Wind, Schwalben und Spatzen schäkern, wenn's der Große doch noch einmal davonbringen sollte, was wir ja gleichwohl hoffen wollen. Es könnte ja sein, daß ihm seine neue Stubenmagd und Haushälterin so gut abwartet, daß er doch noch einmal auf die dicken Beine zu stehen kommt. Sie vertrifft's ihm allweg gut, und wie's heißt, hält ihm dieses Apelluneli aus dem Schloo, von dem man das bei seinem nichtsigen Postürlein gar nicht denken sollte, die Sache in Haus und Hof, soweit es sie angeht, gut in Ordnung. Und, hat mir der alte Hansuoli gesagt, es scheine sie alles anzugehen. Sie übersehe nicht leicht etwas und sei schier, wie der liebe Gott, allgegenwärtig. Der Meister, der ja freilich doch immer der Meister sei, nehme aber von dieser Kleinen an, was 231 er weder von der alten Zille, noch gar von seiner ersten Frau, mit der's ja freilich wenig genug gewesen sei, angenommen hätte. »Seht ihr jetzt, wir haben ja diesem Weiblein auch von Anfang an gut gelost und es dem Bruder selig, he«, machte er doch etwas erschrocken, »nichts für ungut nehmt, – dem Hansbaschi als Haushälterin zugehalten, natürlich nicht bloß ihrer Tüchtigkeit wegen, auch mit Hintergedanken«, er grinste die beiden andern an, »ihr werdet ja wohl wissen mit was für welchen. Die Wiege auf der Dachwinde auf Rain müßte es merken, wenn sie uns in diese Gedanken hineinsehen und sie analysieren könnte. Brigitt, teure Schwester, du hast das Witfrauchen dem Hansbaschi ja geradezu verdolmetscht. Und es ist heilig wahr, wir alle haben gedacht, das Apelluneli, wenn wir's einmal auf Rain in der großen Stube und Umgebung haben, werde schon dafür sorgen, daß es sich drin recht und für lebenslang verankern könne. Unser lieber Bruder aber werde, wie's in der hl. Schrift heißt, so ein guter, bedächtiger Säer er sonst ist, auf diesem Feld wiederum auf die Steine säen.« Er lachte toll auf. »Ja«, meinte der Langhänsel, »an dieses Apelluneli mit den gleitigen Füßlein und den noch gleitigern Augen habe ich nun gar nicht mehr so recht gedacht. Da der Große sie nun schon fast anderthalb 232 Jahre auf Rain hat und dabei doch ledig geblieben ist, war's mir, es sei mit dieser Heiratsgeschichte sowieso nichts, es sei dem Hansbaschi das Weibsvolk verleidet, wenigstens so was das Heiraten angeht, er habe an der Ersten genug bekommen. Nun aber ist's mir gleichwohl, wie's jetzt steht, wir sollten und eben grad dieser kleinen Witfrau wegen, sobald als möglich, also jetzt gleich, auf Rain hinauf. Das ist ein gewixtes Ding, dieses Apelluneli. Allweg hält sie dem Großen gute Ordnung und nicht nur das, sie schaut, daß zu dem Vielen noch vieles hinzukommt. Da hat der Hansuoli recht. Man hört das von allen Seiten und kann's auch selber gewahr werden. Allerlei Neues wird auf dem Hof oben eingerichtet und geschäftet, seit das Schlooapelluneli oben wirtschaften hilft. Sie hat sogar ein großes Lager Süßmost mit der neuesten Fassung oben und macht mir auch im Schnapsbetrieb Konkurrenz. Ein Weltskrötlein! Die könnte uns nun allerlei spielen, wo's mit dem Großen so bös steht, aber alles andere eher als Tanzmusik. Sie ist doch seine Haushälterin und alleweil und jetzt erst recht, um ihn. Wie sollte man sich da wundern, wenn diese geschwinde Hummel alle Löcher, Truhen und Gelegenheiten in unserm Vaterhause, wo etwas wohlbekömmliches drin ist, absuchen und ausschmecken würde. Auch könnte sie den Bruder am End dazu bringen, ihr, wenn er noch bei Sinnen ist, 233 etwas zu vermachen. Es heißt ja, er sehe sie mehr als gern. Er ist ja freilich ein ganzer Mann und läßt sich nicht von jeder Schnur nachziehen. Hingegen so schwergründig, ja steinpickelhart sich mancher Boden gibt oder auch ist, wenn die richtige Wünschelrute kommt, kann sie doch, so gut wie der Moses, Wasser aus dem Felsen klopfen. Und kurzum, wir müssen jetzt trachten, so hurtig als tunlich auf Rain zu kommen.« Aber die Holzhändlerin aus der Wydlen nahm's ruhiger. »Nein«, sagte sie, »so gar sprengt's nicht, wenigstens der jungen Haushälterin wegen pressiert's nicht. Das Apelluneli ist, bei all seiner Argheit und seiner Betriebsfreude, viel zu brav als daß sie hintendurch in der Weise für sich sorgen täte. In dieser Richtung findet dieses Weiblein nicht um die Ecke. Dennoch wollen wir jetzt hinauf. Es ist ja schon der Leute wegen. Nicht, daß es nachher heißt, die Verwandten, ja die eigenen Geschwister, haben sich um den Rainler wenig genug bekümmert und als er mit Tod abgegangen sei, habe er alle Trauer mitgenommen.« »Ja, ja, brechen wir auf!« eiferte der Ludi, »lange kann ich sowieso nicht auf Rain bleiben; ich muß darnach noch zwei Kunden im Dorf besuchen.« »O du Schluck, du heilloser Wein-, Bier- und Schnapskennel!« fuhr's der Holzhändlerin heraus. Das war ihr denn doch zu dick. »Du wirst schon einmal genug bekommen. Schäme dich!« 234 »Liebe Schwester«, antwortete der Chemifeger, »vielmehr du solltest dich schämen, daß du dem leibeigenen Bruder, der mit dir unter einem Dach geworden ist, gegessen und geschlafen hat und der wegen deiner vom Alten seinerzeit so viel Prügel bekommen hat, noch keinen Tropfen Wein, nicht einmal einen Fingerhut voll, abgekauft hast. Nimm mir ein Faß naturreinen, firnigen Kniebrecher, vinum primae qualitatis , sag ich dir, ab und meine Nase soll vor Scham noch röter werden als sie so schon ist, wenn du darnach beim ersten Schluck nicht ausrufst: Herrgott, welch ein Weinlein! Ich muß mir schnell noch ein Faß voll davon kommen lassen, ich . . .« »Halt 's Maul. Ludi!« schnörzte unwirsch, sich erhebend, der Langhänsel. »Hast du denn kein Herz, daß du von so etwas tönen kannst, jetzt wo unser Bruder am Sterben ist, jetzt . . .« Die Türe vom Laden her ging und ins Bureau trat, schweren Schrittes, begleitet von seiner süßlichen Schwägerin Seraphine, Hansbaschi Hochrütiner, der Bauer auf Rain. Fast hätte der Langhänsel ein Kreuz geschlagen, auch der Ludi machte für einen Augenblick ein verdutztes Gesicht, aber dann ließ er ein Gelächter los, daß sein Hund, der Fliegenschnapper, der dem Rainler erst in den Laden und alsdann ins Bureau nachgeschlichen war, ebenfalls ein Bewillkommungsgeheul 235 erhob. Brigitt, die Holzhändlerin, jedoch zuckte mit keiner Wimper. Sie blieb völlig ruhig und kühl, wie eine Glanznacht im November. Neugierig, mit forschenden Augen schaute sie von ihrer Warenkiste aus, auf die sie sich wieder gesetzt hatte, auf den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann, der da so ganz unerwartet vor ihnen aufgetaucht war. Aber der Bauer auf Rain beachtete das alles gar nicht. Er begrüßte seine Geschwister wie immer, ohne Aufmachung, aber freundlich. Aha, ging's der Holzhändlerin durch den Kopf, da sind wir jetzt einmal übel berichtet worden und bei einem Haar wären wir zu früh auf Rain hinauf. Es war also ein bloßes Gerücht, ein Geschrei im Dorf. Es kam sie innerhalb ein Lachen an. So, dachte sie, nun können die lieben trauernden Brüder ihre Zylinder und Schnitzfräcke wieder in die Kasten hineinhängen, aber auch mit meinem schwarzen Kleid pressiert's nicht. Und nun lachte sie aber laut, doch etwas nervös auf und sich erhebend und ihrem breitdastehenden Bruder Hansbaschi auf die Schulter klopfend, rief sie aus: »Ja, Großer, potz Wetter doch auch, bist du denn schon wieder völlig auf den Beinen? Ja, natürlich bist du auf den Beinen. Stehst ja mitten unter uns so fest auf dem Boden wie ein Scheitstrunk, nur gutfarbiger. Und wir haben doch gemeint, heja, so hat's im ganzen Dorf herum getönt, du liegest 236 knietief im Bett, seiest am aufgeisten und wir müssen im Galopp auf Rain, wenn wir dich noch lebendig zu sehen bekommen wollen. Es wurde uns von allen Seiten berichtet, ein Baum habe dich beim Holzschlagen erwischt und es sei mit dir Matthäi am letzten. Und nun stehst du, he, Gott Lob und Dank! nun stehst du aufeinmal unter uns, selber wie ein Baum, ah, ah, ah!« Wunderlich lächelnd, erfreut ob der so ungewohnten Anteilnahme der Verwandtschaft, schaute der Rainler seiner Schwester wie suchend in die großen, kugelrunden Augen, die jedoch braun und kühl blieben, wie Tümpel im herbstlichen Hochmoor. Aber da hielt er sich an ihren Mund, aus dem es doch ganz warm an ihn gekommen war. Jetzt hatte sich auch der Langhänsel ermannt. Er fiel seinem Bruder fast um den Hals, was diesen aufs höchste überraschte. So viel allerlei, was einen freuen konnte, wie jetzt in fünf Minuten, hatte ihm sein so unvertraulicher, trockener Bruder, der sonst nur an sich und das Seinige zu denken schien, während ihres ganzen Lebens nicht gesagt. Ja, was war denn da los, was hatten sie denn für ein Getue mit ihm, und, fuhr's ihm durch den Kopf, was wollen sie wohl von mir? Sie, die sich um ihn sonst wenig genug bekümmerten, machten nun seines kleinen Unfalls wegen so ein Aufhebens. Sogar der Ludi, von dem 237 er doch wohl wußte, wie er über ihn im Land herum schimpfte und in jedem Wirtshaus immer wieder erzählte, wie er ihn wegen ein bißchen Liebe aus dem Vaterhause geworfen und es ihm verunmöglicht habe, den Doktor zu machen, tat ihm jetzt übertrieben schön ins Gesicht, noch schöner als wenn er allemal auf Rain kam, um ihn anzupumpen. »Ja, ja,« schloß der Chemifeger seine Rede, »so haben uns also diese verbrannten Siechen angelogen. Keinem Menschen kann man mehr etwas glauben. Jetzt ist an all dem Gerede, mit dem man uns Hochrütiner so heillos erschreckt hat, Großer, nämlich, es habe dich eine Tanne klaftertief in den Grunderdsboden hineingeschlagen, kein wahres Wort. So wird jetzt heutzutage gelogen. Die verfluchten Schwindler!« »Doch, doch«, sagte der Rainler bedächtig »etwas an dem Dorfgerücht, das euch scheint's so dumm aufgeregt hat, ist gleichwohl wahr, was mich aber freut, weil ich sehe, daß ihr's mit mir doch gut meint.« Er schaute gradaus in die undurchsichtigen Augen seiner Schwester, in die halbwegs versteckten, unruhigen gleißenden Kugelchen seines Bruders Hänsel und in die gleichgültigen, liederlichen Ludis. »Ja«, fuhr er fort, »das Gerede hat einen Kern. Die fallende Tanne hat mich gestreift und zu Boden gerissen. Ich muß sogar ohnmächtig geworden sein, denn man hat mich heimtragen müssen. Und da zeigte es sich, daß mir 238 nichts, aber auch gar nichts geschehen ist. Etwas Sturm im Kopf habe ich wohl gemerkt, jedoch ein Stündlein, zwei, darnach bin ich wieder mit dem Oswald und dem Wysel unter die Kühe gehockt und bin jetzt mit dem Melker gar da ins Dorf hinunter gefahren. Und daß ich nun, wie ihr ja alle drei sehen könnt, wieder gesund und wohl unter euch stehe, hat seinen besondern Grund. Nämlich, ich will da nicht lange mit euch werweisen, will's euch grad sagen: Ich habe mich mit dem Apelluneli aus dem Schloo, mit der Frau Winterlin, die bei mir Haushälterin ist, verlobt. Und ich danke euch und komme deshalb mit meiner Botschaft noch lieber zu euch, ja, ich erachte mich fast pflichtig hiezu. denn ihr seid's ja, die mir diese durch und durch rechte Frau zugehalten habt. Ich weiß nicht warum ihr's getan habt, ihr seid ja sonst nie grad besorgt um mich gewesen, eher, müßt's mir nicht übel aufnehmen, das Gegenteil. Ihr wolltet ja immer an der Teilung nach Vaters Ableben den Kürzern gezogen haben. Nun, sei das wie's wolle, ihr habt's doch getan und mir zu einer Haushälterin verholfen, die es wohl wert ist, auf Rain Meisterin zu werden und für die ich euch immer dankschuldig bleibe. Ich habe euch das grad selber anzeigen wollen, bevor ihr's durch andere Mäuler vernehmt, denn heute, erst heute, gleich nachdem das Apelluneli auf den Unfall hin sich so sehr um mich 239 geängstigt hat und nachdem ich dabei so recht gesehen habe, wie wohl mich diese kleine Frau mag, die doch ziemlich jünger ist als ich, habe ich mir ein Herz gefaßt und sie gefragt, ob sie die Bäuerin auf Rain werden wolle, und sie hat mich angenommen.« »Ja, das glaube ich wohl«, machte der Langhänsel, »so ein Hof.« Sein Bruder schien ihn zu überhören, denn er schloß: »Und ich nehme an, es werde euch auch freuen, daß unser Hof auf Rain wieder eine Bäuerin und, so Gott will, unser altes Bauerngeschlecht wieder Samen bekommt.« Der Chemifeger vermochte ein ziemlich schmutziges Gekicher nicht ganz zu unterdrücken. Das schien jedoch den Rainler nicht im mindesten zu stören. Er nahm mit heitern, ja freudvollen Augen die Glückwünsche entgegen, mit denen ihm der Langhänsel und seine Schwester jetzt noch viel schöner taten als vorher. Ebenso tischte ihm seine Schwägerin Seraphine eine ganze Zukunft voll Butterbrote auf. Es hörte sich ganz an, als ob sie dieselben auch noch mit Honig, allerdings so einer Art Kunsthonig, bestriche. Nein, auch diese schattenhafte Krämerin, die den Hansbaschi Hochrütiner ins Büro geführt hatte, darnach in den Laden zurückgehuscht war und sich auf das erneute Hallo auch wieder eingestellt hatte, konnte sich mit Gratulieren kaum genug tun. 240 Ja, es ging nun eine Weile um den Bauer auf Rain recht lebhaft zu mit Glückwünschen, Schönfärben und Gutwetterweissagungen. Er mußte sich setzen, und der Hänsel wollte eine Flasche Wein, vom Mehrbessern, wie er sagte, aus dem Keller heraufholen, was der Hansbaschi aber durchaus nicht zugab. Diesen so ungewöhnlichen Betrieb im Büro benutzte nun des Langhänsels Frau Seraphine. Sie gedachte ihre Töchter zu ermahnen, sie möchten doch ja schnell des Vaters Leid, Zylinder und Heiligtagrock, in den Kasten versorgen, da man ja nicht wisse, ob man mit dem Vetter Rainler nicht etwa doch in die Stube hinaufsteige. Also glitt sie unbemerkt, wie der Schatten an der Wand, aus dem lautgewordenen Büro und hinauf durchs Stiegenhaus. Wie sie nun die Stubentür aufmachte, mußte sie sehen, wie ihr Roseli über und über zufrieden, ja glückselig auf Ferdis, ihres Neffen Knien hockte und sich von ihm reiterösseln ließ. Das Agnesli aber und das Mikeli tanzten mit dem Alex singend, jauchzend Ringelreihen. Das Agnesli hatte des Vaters hohen, altmodischen Zylinder, der sich braun und grün zu ärgern schien ob seiner Entwürdigung, auf dem lachenden Blondkopf, und das Mikeli trug des Vaters Heiligtagrock, dessen Rockschöße nachschleppend, während der hemdärmlige Alex mit allerhöchstem Behagen eine Zigarette dampfte. 241 Das alles schien für die Frau Seraphine Hochrütiner eine durchaus freudige Überraschung zu sein. Sie vergaß über den so unterhaltenden Anblick ganz ihren gestrengen, ewig mit ihr brummenden und an ihr herumnörgelnden Eheherrn, dem sie ja in allem noch williger zu folgen und anzuhangen pflegte als der Bart einem alten Kapuziner. Ihre angeborene Leichtlebigkeit und ihre mütterlichen, etwa allzumütterlichen Augen, die alles, was ihre Töchter taten oder ließen, völlig in Ordnung fanden, sahen nun über Zylinder und Heiligtagrock ihres altgewohnten Brummlers und Plaggeistes hinweg. Sie war eben eine jener törichten Mütter, die den Kindern, aber freilich nur den eigenen, am liebsten auch noch den Honig zuckerten. Also lachte sie fröhlich in die ausgezeichnet aufgelegte Jugend hinein, und ihr sonst so wurmzeltensüßes Gesicht, das die Ladenkundschaft in einem fort zu sehen bekam, wurde jetzt wahrhaft lieblich, fast schön. Sie mußte nur immer in das frohe Treiben hineinschauen und dazu auflachen wie ein einfältiges Kind, dem der St. Niklaus goldene Nüsse ins Schürzlein wirft. Töchter und Neffen schien ihr Verhalten völlig gewohnt; denn sie beachteten Mutter und Base nicht mehr als die munter tickende Wanduhr. Aber da kam der Frau Seraphine etwas in den Sinn. Ihr Gesicht, das eben noch recht anziehend, wie ein frisch in die Auslage gestelltes Lebkuchenherz 242 ausgesehen hatte, wurde unversehens wieder altbacken. Mit erschrockenen Augen rief sie aus: »Kinder, der Vetter Rainler ist unten!« Das ging aber an der Jugend, die sich in der immer dämmeriger, heimeliger werdenden Stube so überaus köstlich unterhielt, vorüber wie der eben fällige Stundenschlag der obenbemeldeten Wanduhr. »Tut doch ja schnell den Zylinder und den Heiligtagrock des Vaters in den Kasten!« gebot nun Frau Seraphine jetzt aber doch entschiedener; »der Vetter Hansbaschi könnte heraufkommen, und darnach täte der Vater mit mir wie ein Leu und ihr lacht mich dann hinterher, wie immer, nur noch aus. Nämlich, müßt ihr wissen, der Vetter auf Rain ist ja gar nicht erschlagen worden, nicht einmal krank ist er. Kerngesund hockt er unten im Büro bei Vater und Base und dem Ludi. Heja, und denkt euch«, schrie sie jetzt geradezu, als auch diese Berichtigung des Unfalls ihres Vetters keinerlei besondere Wirkung erzielte, »denkt, hört, unser Vetter Hansbaschi, der doch schon ein bestandener Mann ist, hat sich wieder verliebt und verlobt gar auch noch, und zwar mit seiner Haushälterin, mit dem Schlooapelluneli!« Fast entsetzt fuhr sie von der Tür weg in den Schirm des Weihbrunns an der Wand; denn wie Gummibälle sprang vor ihr alles hoch, ein Freudengebrüll brach los, und wie ein Wasserfall schossen 243 Neffen und Töchter zur Stube hinaus und durchs Haus hinunter und ins Büro hinein. Und da hingen sie auch schon ihrem gewaltigen Vetter auf Rain um den Hals und wünschten ihm von ganzem Herzen, unter schluchzendem Gelächter Glück zu seiner Allerliebsten, zum Apelluneli. Der Bauer Hansbaschi Hochrütiner, der sich seiner jungen, zutunlichen Freundschaft kaum zu erwehren wußte, bedankte sich, wahrhaft erfreut; aber dann schüttelte er Neffen und Nichten, wie ein Bär eine allzuanhängliche Jagdmeute, ab. Es sei jetzt eben recht, daß sie über ihn gekommen seien, sagte er; denn sie erinnern ihn daran, daß der Melker Wysel auf ihn warte und daß er vorher noch ein kurzes Geschäft beim Küfer abzutun habe. Also mußte ihn die Jugend losgeben, und da man an den andern Verwandten nichts zu finden schien, was einen hätte zurückhalten können, so fuhren die Jungen und die Mädchen wieder ebenso rasch aus dem dumpflüftigen und unmöglich riechenden Büro hinaus und über die enge Treppe hinauf in die Stube zurück, die nun völlig dämmerhaft, ja dunkel geworden war. Fast hätte die wilde Jagd Frau Seraphine überschossen, die sich aber in den Hausgang retten konnte, aus dem sie, unter Vermeidung des Büros, in ihren billigen Laden hineinraschelte. Dieser ziemlich geräumige, aber mit allerlei Waren völlig verstellte und 244 verengte Laden war ja ihr eigentliches Heim, das sie freilich zuweilen mit ihrem Mann teilen mußte, der ihr darin scharf auf die Finger sah und über einen jeden Rappen, der einging, genau berichtet sein wollte. Im Büro aber waren nun der Langhänsel und seine Schwester Brigitt wieder allein beisammen. Ihr Bruder Ludi hatte sich mit dem Hansbaschi davongemacht, da er hoffte, er könnte bei dem guten Wetter, das nun sein verlobter Bruder offensichtlich hatte, doch noch irgendwo im Dorf zu einer kurzen, aber nachhaltigen Weinfeuchte kommen. Da saß nun die Holzhändlerin breit und ruhig, wie eine Streuetriste in Wind und Wetter, auf ihrer Kiste und sagte: »So ist uns also der Große wieder auferstanden von den Toten. Nein, wie doch so ein Gerücht, verfluchter als das Feuer aus einem Heustock, irgendwie herauslohen und über das ganze Land gehen kann! Was es doch für Aufschneider gibt! Ich wette einen Kloben buchener Scheiter dran, daß der Chemifeger die Hälfte dazugelogen hat, der Lump. Ja nun, es ist jetzt wie's ist, so nimmt man's auch so, wie die fleckigen Erdäpfel im Herbst. Ich mag aber natürlich dem Hansbaschi das Leben wohl gönnen, behüt uns Gott, ja!« »He, warum denn nicht, ich und andere auch«, sagte der Langhänsel, seine glimmenden, tiefliegenden Äuglein wie unter der Asche verbergend. »Wir sind ja da gar 245 noch von einem Trauerfall in eine rechte Freude hineingekommen, alles unter einer Viertelstunde sozusagen. Wir können also eigentlich unser Feiertagsgewand getrost abbürsten und bereithängen lassen, natürlich jetzt zum Festfeiern; denn der Große wird ja bald dieses kleine, abgefeimte Weltshexlein aus dem Schloo heiraten wollen. Und, heja, und wenn er auch keine geladene Hochzeit halten sollte und mit seinem Weiblein allein in der großen Stube auf Rain und der Enden zu festen gedenkt, so haben wir doch auch allen Anlaß, meine ich, an seinem Hochzeitstag dennoch mitzufesten, so nebenher im stillen Kämmerlein.« Er kicherte in sich hinein. »Er nimmt ja jetzt doch das Witfrauchen, das wir ihm so schön zuspielen konnten, ohne daß er eine blasse Ahnung hat warum. Er nimmt dieses Apelluneli, das drei volle Jahre verheiratet war, ohne Kinder zu bekommen. Da kann man von unserm Standpunkt aus, meine ich, herzhaft zum Hansbaschi sagen: Mit Glück, Bruderherz, in den heiligen Ehestand hinein! He, beim Eid, ich sag's, es hätte uns fehlen können mit dem Großem, wenn er irgendeine Bauerntochter genommen haben würde, etwa gar aus einem Haus, in dem die Kaninchenkiste und die Wiege immer voll Jungwar sind. Ich mag ihm ja gewiß alles Gute gönnen, versteht sich; er ist unser Bruder. Hingegen, es fehlt ihm ja nichts, ist so schon der Hans im Glück auf unseres Vaters Hof, nur weil er zuerst 246 zur Welt gekommen ist. Er hat alles, was er will, und nun dann gar noch ein junges, bildsauberes Weiblein. Was braucht er da noch mehr? Wir beide aber haben Kinder, die ja auch vom Hof auf Rain herstammen. He, was wäre denn dabei, wenn sie eines Tags auch wieder etwas von diesem Hof hätten, statt daß sie nur so an sein Glockentürmchen hinaufschauen und vergeblich drumherum lauschen müssen, wie jenes närrische Kind im Märlein, das in seiner ausgebreiteten Schürze die abfallenden Sterne hat sammeln wollen. He, aber freilich, ich wünsche ja dem Hansbaschi alles Gute soweit. Lange möge er's auf Rain machen!« Die Holzhändlerin Brigitt hatte ihrem Bruder mit unbeweglichen Augen zugehört, nur ihr Mund, der scharf wie ein Metzgermesser aussah, hatte sich bei seiner Auslassung ab und zu ein wenig verzogen. Aber jetzt sagte sie, sich erhebend: »Einen Augenblick, wie ich den Großen so durch die Tür in deinen dunklen Stinkwinkel da hineinkommen sah, war's mir, jetzt stehe das Rad an der Säge, auf der wir unser Holz so schön zum Schneiden zurechtgelegt haben, auf einmal und für immer still. He, aber nun nimmt er ja dieses Witfrauchen, das Schlooapelluneli, das so anmächelig und tüchtig ist, sogar klavierspielt und ihm allweg viel Freude macht. Ist ja eins wie ein Garten, wenn auch mehr nur für Blumen«, es zuckte schelmisch um ihre gerade Nase, »und wir mögen ihm dieses Schätzlein 247 wohl gönnen.« Ihre Augen und Langhänsels begegneten sich für einen Augenblick verständnisinnig. »Und nun«, setzte sie hinzu, laut und sicher, »nun höre ich das Wasser wieder rauschen. He, der Baum muß halt doch den Weg laufen, den wir ihm gewiesen haben.« 248 /d dc VI. Es gab wieder eine Meisterin auf Rain. Der Bauer Hansbaschi Hochrütiner hatte seine Haushälterin, das Apelluneli Grüter aus dem Schloo, auf seinen Hof endgültig heimgeführt. Aus der kleinen umtunlichen Witwe, die ihr städtischer Name Frau Winterlin nur halbwegs kleidete, war wieder eine richtiggehende Bäuerin geworden; immerhin eine Bäuerin ungewohnter Art, die, bei aller ländlichen Einfachheit, etwas nicht alltäglich Feines in ihrem Gehaben zeigte. Hatten sich die nachbarlichen Großbauern, die sich erst über die neue Haushälterin, dieses Porzellangeschirrlein, lustig gemacht hatten, schon früher gewundert, daß sie sich so unerwartet gut anließ, so sahen sie nun, nicht ohne Neid, auf Rain eine junge, überraschend starkwillige, angriffige Frau wirtschaften, die den Namen Meisterin mindestens so gut verdiente, wie ihre Weiber alle. Es ging ja auf diesem schönen Hof immer besser, seit sich der Rainler wieder verheiratet hatte. Es war fast, als wäre mit dem Frauchen in alles ein neues Leben gekommen. Es wollte die Bauern bedünken, das Gras, das dem 249 Rainsträßchen entlang wuchs, sei grüner und butterblumiger als vorher. Der Weg auf Rain erschien den Leuten wie eine Tanzdiele. Man hatte ihn eben bald nach der Hochzeit, auf Wunsch der jungen Bäuerin, nicht nur frisch beschottert, sondern sogar gewalzt. Auch die Dörfler sperberten hinter allen Umhängen hervor, wenn die jetzige Rainlerin gelegentlich neben dem Melker Wysel oder dem Karlima auf dem Milchwagen in ihre Gassen einfuhr und da und dort Einkäufe machte. Ja, das hatte übrigens ein jeder und eine jede schon lange vorher gedacht, daß aus dem Schlooapelluneli eine mustergültige Bäuerin werden könnte. Man vermochte es jetzt gar wohl zu begreifen, was der Chemifeger im Rausche in allen Wirtschaften herum erzählte, daß nämlich die Geschwister dem Hansbaschi Hochrütiner dieses Fündlein, einen Schatz in jeder Beziehung, sagte ja der Ludi, zugehalten hatten. Da war's nun dem Bauer mit diesem feinen, aber keineswegs zimpferlichen, sondern festauftretenden Witfrauchen wohlgeraten. Das Apelluneli aber hatte es erst recht gut gemacht, denn es war doch kein Alltägliches, daß sich ein Hühnerbauernkind in solch eine Sache einfach hineinsetzen konnte. Ja, es ging gut auf Rain. Die junge Meisterin war überall, wo sie glaubte dabei sein zu sollen, und obwohl sie ihr Mann, der Hansbaschi, im Landwirtschaftlichen fast nie Hand mit anlegen ließ, ohne 250 etwa im Heuet, wenn's mit dem Wetter bedrohlich aussah, so sah er sie doch in allem gern um sich. Ihre Meinung aber, die er gar oft auch da einholte, wo's ihm bei seiner ersten Frau nicht im Traum eingefallen wäre, war ihm immer wichtig oder doch bedenkenswert, auch für den Stall. Sie kannte eben das Vieh weit besser als er, da Viehzucht auf ihres Oheims bergländischem Heimwesen, auf dem sie ja lange mitgetan hatte, die Hauptsache war. Auch für diese und jene andersartige Bewirtschaftung ihres jetzigen ausgedehnten Hofes im Hügelland hatte die Bäuerin immer offene und schnellerfassende Augen, was sie aber schon als Haushälterin merken ließ. Seit sie auf Rain mitbestimmen konnte, hatte sich der Viehstand daselbst schon bald etwas zum Bessern geändert. Mit dem alten Stier, der Braun- und Fleckviehrasse in einer abscheulichen Mischung darstellte, war sie rasch abgefahren. Und nun kam nach und nach eine ansehnlichere Gattung Vieh in den Stall. Das war dem einsilbigen Küher Oswald, der immer etwas an sich zu doktern und zu heilsalben hatte, eine Freude, denn das spornte auch ihn an, auf Rasse zu halten. So lernte er ein rechtes Gestell und eine gute Farbe an einem Haupt Vieh schätzen und eine bloße Milchkiste tat es ihm nicht mehr, auch wenn sie auf vier Beinen stand und allerlei Farben hatte. Es dauerte auch nicht lange, so ließ 251 die junge Meisterin den Hühnerhof erweitern und ganz modern einrichten, mit den neuesten Vorteilen. Er sah schon fast aus wie eine völlige Hühnerfarm. Das Seppeli, das rasch aufwachsende Nichtlein der verstorbenen Zille, hatte nichts anderes mehr zu tun, als den Hühnern zu sorgen, unter besonderer Aufsicht der Putzerin Theres. Das Mägdlein, von dessen schmalen Schultern die Kleider noch herabhingen, wie die Blätter von einem aufbrechenden Kastanienzweig, tat das gern, und weil es seine Sache gut machte und sozusagen einem jeden Huhn alltäglich sein Eierhäfelein handfertig begutachtete, kam es bei der Meisterin zu manchem schönen Sonderbatzen über sein Anfangslöhnlein hinaus. Es wurde auch der Gemüsebau gefördert, soweit man dafür abkömmlich war. So kam's, daß man in der Küche mit einemmal Grünes in Hülle und Fülle hatte, auf was man vorher gar zu wenig gegeben hatte. Jedoch hierin schien dem Bauer seine Frau zu weit zu gehen. Sie nahm ihm seine Dienstleute für ihren Gemüsegarten und ihren Blumenkohl zu oft in Anspruch. Sie mußte sich daher in dieser Richtung mäßigen, denn, sagte er ihr, was für einen Kleinbauer, gar ein Geißenbäuerlein, gewiß ein ordentlich lohnendes Geschäft sein könne, sei für ihn auf Rain, in Hinsicht auf das weit wichtigere Ganze, etwas ziemlich Nebensächliches. Freilich, das wolle er ja auch bekennen, daß ihm der Tisch jetzt besser 252 gefalle, seitdem zu den zwar ewig wohlschmeckenden Erdäpfeln auch noch mehr und mancherlei Gemüse drauf komme. Die kleine Frau sah das ein und achtete seinen Willen. Dagegen vermochte sie den Bauer unschwer dazu zu bringen, daß er ihr ein rechtes Waschhaus erbauen ließ. Er hatte sogar einen Wasserschmecker kommen lassen, der mit seiner Wünschelrute eine neue, auch ziemlich ergiebige Quelle am Raingütsch in einer von Farrenkraut bestandenen Waldlichtung ausfindig machte. Sie brachte dem Waschhaus einen eigenen Brunnen und, was aber der Bäuerin das willkommenste war, auch eine Wasserleitung ins Haus. Die Köchin Kresenz war eine Zeitlang über die große Bequemlichkeit, das Wasser nur so aus der Wand drehen zu können, rein närrisch vor Freude. Bisher hatten ihr der Oswald, etwa auch der Karlima, dieser immer im Hinblick auf ein Extragläschen Trester, dabei fluchend und schimpfend, das Wasser in Mosttansen in die Küche getragen und in die paar großen Kupfergelten hineingeschüttet. Das alles war nun für alle Zukunft auf die angenehmste Weise geändert worden. Und niemand konnte jetzt verstehen, daß man das nicht schon lange getan hatte. Zum Dank an Gott und wohl auch um den Oswald in seiner blaugrauen Soldatenmütze doch immer etwa wieder in der Küche zu haben, holte die Kresenz bei ihrer 253 Base auf Römerhöhe eine grosse Flasche, eine Krausle voll Heiltrank für des Kühers Magenverstimmungen. Es schien sich also, seit das Apelluneli erst als Haushälterin und alsdann als Meisterin auf Rain wirtschaftete, alles mehr oder weniger zum Glückhaften anzulassen. Das war auch an den Dienstleuten, voraus bei den Mägden, gar wohl zu merken. Waren diese der Haushälterin immer etwa wieder aus dem Geleise geraten, so hatte sie die Bäuerin nun schon seit langem wieder hineingestellt. Sie ließen sich ganz nach ihrem Willen schieben. Karline, die Viehmagd, war geradezu glücklich, erlöst, als der Bauer die Haushälterin heiratete. Sie war doch recht eifersüchtig auf das geschmeidige und doch so zähwillige Frauchen gewesen, auf das Kätzchen aus dem Schloo, wie sie's nannte, obwohl sie bei allem Aufpassen nie etwas Ungerades, Seitengäßliches zu sehen bekam. Dennoch, man wußte eben bei diesem meisterlosigen Wysel, der's immer mit dem Jauchzen hatte und der an keinem Weibervölklein, an der jungen Haushälterin schon gar nicht, gleichgültig vorbeisehen konnte, nicht wohin ihn sein Blut noch treiben würde. Nun aber war das Apelluneli schon lange Bäuerin, und mit großer Befriedigung bemerkte die Karline, wie sehr sich der Wysel hütete, an seinem gewaltigen Meister vorbei nach dem Apelluneli aus dem Schloo zu schielen. Nein, wie hatten 254 nur die Leute diese kleine Bäuerin, deren Wille zäher war als Juchtenleder, Porzellangeschirrlein nennen können! Auch die Kresenz, die den Küher Oswald so gern in der Küche sah, um ihm irgendeinen Magentrost zu geben oder ihm eine Salbe einzureiben, war über die Einheiratung der Haushälterin auf den Hof erfreut. Nun hatte man doch vor der in einer gewissen Richtung seine Ruhe. Obwohl der Oswald nicht jedem herumschwänzelnden Weiberflünklein nachhielt wie der Wysel und andere Mannskerle, so hatte er doch die Augen auch nie niedergeschlagen, wenn ihm das wirtschaftende Apelluneli in Hof und Haus begegnete. Er heiterte im Gegenteil, was ja wohl zu sehen war, immer auf, wenn das hurtige Weiblein in die Küche kam. Es schien ihm dann sein Magenleiden mehr gegen das Herz hin zu ändern. Vögeleinwohl schaute er immer drein, wenn der kleine Fuß der Stubenmagd irgendwie um ihn war. Nun aber hatte sich die Haushälterin längst in die Bäuerin verwandelt und damit schien auch alles um sie her, der Meister voran, ein anderes Gesicht bekommen zu haben. Die haushaltende Stubenmagd hatte ja den Knechten nie schöne Augen gemacht, von der Meisterin erwarteten sie erst recht keine mehr. Sie sahen nur verstohlen nach ihr, denn ganz kann man das, sagte sich die Kresenz, dem Mannsvolk, scheint's, nicht abgewöhnen. 255 »Heja«, meinte die Viehmagd Karline zur Köchin und zur Putzerin Theres eines Tags, »unsere Meisterin, dieses Apelluneli, ist ein geschwindes Spinnlein. Ich muß mich etwa geradezu umsehen nach ihr, denn es ist mir oft, sie wimmle auch wie so eine Spinne auf einem halben Dutzend Beinen herum. Sie hat ja auch ihren Hansbaschi, diese umfängliche Hummel, gehörig eingesponnen«, sie lachte auf, »und er zappelt schon lang nicht mehr.« – »Freilich«, antwortete drauf die Theres, die nun auch neben der Putzerei und Wäsche die Leute, die immer wieder in die Dienstenstube für allerlei Flicke und andere Arbeit auf die Stör kamen, zu betreuen und zu überwachen hatte, »der Meister hat sich auch willig einspinnen lassen, weil er sieht, wie warm und weich er dabei gebettet liegt. Wär's anders oder käme es anders, unser Bauer hätte sich aus allen Gespinsten bald wieder losgemacht, denn wenn's drauf ankommt, ist er doch immer wieder der Herr und Meister, der weiß, was er will. Er läßt eben sein Spinnlein, wie du das heißest, nur so machen und walten, weil er sieht, daß es Seide spinnt und immer wieder gutes Wetter auf Rain anzeigt, wahr oder nicht?« Jawohl, das war die Meinung aller Dienstboten. Am besten konnte es die junge Bäuerin aber dem alten Meisterknecht, dem Hansuoli. Sie half ihm wo immer, da sie seine Treue und Zuverlässigkeit erfahren hatte. Er war, trotz seinem Hinkebein, überall und 256 tat seine Pflicht, so gut er's noch vermochte, unermüdlich. Auch hörte er ihre Räte und Meinungen willig an und wenn sie ihm irgendwie gut erschienen, richtete er sich auch darnach. Er hatte wohl seine langverharzten Eigenheiten. Die kleine Frau mußte ihm ein Neues, ein Ungewohntes oft ziemlich lange und allseitig dartun, bis er verstand oder verstehen wollte. Alsdann aber war er mit ganzer Seele dabei und nahm auch die Knechte mit, die ihm jetzt, seit eine so willenskräftige Bäuerin hinter ihm stand, wieder williger folgten und fast nicht mehr maulten. Nur der Karrer, der Karlima, brummte wie immer bei jeder Weisung, die er ihm gab und etwa, wenn's ihm besonders wider den Strich ging, fluchte er an den Alten hin, daß man den Teufel auf dem Scheunendach vor Entzücken Purzelbäume schlagen sah. Nun, das konnte man nicht mehr ändern, und da er den Weisungen dabei doch immer getreulich nachlebte und sich jedesmal, wie ein Schneck im Donnerwetter, irgendwie in sich hineinzog, wenn die Meisterin unversehens zu seiner gottvergessenen Litanei kam, so ließ man's ihm eben so hingehen. Der Bauer Hansbaschi Hochrütiner hatte die für Haus, Hof und Herz so wohlbekömmliche Änderung zum Guten bald herausgefunden und er freute sich darüber ganz gewaltig. Je fester seine junge Frau, die er immer heißer liebte, da sie ihm zärtlich 257 zugetan war und so wacker und erfolgreich wirtschaften half, auf dem Rainboden abstand, je mehr sie der goldene Kern, die Sonne seiner Umwelt wurde, desto vertrauter tat er mit ihr vor Knecht und Magd. Vor den Dienstleuten fragte er seine Bäuerin um Rat und er ehrte sie wie er konnte, auf daß alle seine Leute und durch sie das ganze Land gewahr werden sollten, wie viel sie ihm gelte, wie sehr er ihr zugetan sei. Nach einiger Zeit, schon nach anderthalb Jahren, ging er hierin soweit, daß er zu seiner Freude und zur Verwunderung seines Werkvolkes, das so etwas noch von keinem Bauern gehört haben mochte, seine Frau von einem armen, aber tüchtigen Künstler malen ließ. Ja, das Dorf Bohlishusen unten und die Bauernsame rundum wunderten sich alle hochgradig mit, als das landbekannt wurde. So was war sonst auf der Bauernsame nicht Brauch. Man konnte doch nur in der Stadt auf solche Einfälle, derartige Wunderlichkeiten kommen. Die Geschwister des Rainlers aber entrüsteten sich über diese Komödie und Weiberanbetung, wie sie's nannten, gar sehr. »Narrensachen und sündhafte Verschwendung dazu«, schimpfte der Langhänsel, als er von der Malerei hörte, »für was braucht denn der Große ein Gemaltes. Er hat ja dieses Schlooapelluneli leibhaftig wie und wo er's haben will, für was braucht er denn ihren Abklatsch an die Wand zu hängen. Sie ist 258 ja kein Muttergottesbild und es tut's an der Urahne, die in der großen Stube hängt und von der man auch nicht verstehen kann, wie man sie einst hat malen lassen können, nur daß alle Nachkommen auf Rain an ihre Raubvogelnase hinaufsehen müssen. Ein Porträt, es ist zum Lachen. Da wollte ich doch lieber ein einziges lebendiges Apelluneli im stillen Kämmerlein als sein abgemaltes Frätzchen in der großen Stube auf hundert Tafeln. Was hat man davon? Zudem heißt's, dieses Gemälde habe den Hansbaschi volle fünfhundert Franken gekostet. Ein Haufen Geld, um das man ein Haus über und über und noch zwei Gartenhäge dazu hätte himmelblau anstreichen lassen können.« Auch die Holzhändlerin, die Schwester Brigitt in der Wydlen, gab kein erfreuliches Gutachten über diese einfältige, blutteure Götzendienerei, wie sie's nannte, ab. Sie kenne aber die Männer und könne so was allenfalls schon verstehen. Etwa werde auch der größte Eisenfresser und Rauzedibauz dem Weibervolk gegenüber so weißmüsleinlind, daß man ihn wie eine nasse Windel über den Hag hängen könnte. Und nun gar ein so alternder, gewesener Witwer. So einer probiere eben allerlei, auf daß ihm das neue Weiblein ja schön in der kalten Stube bleibe und wenn's am End nur in einem Rahmen an der Wand wäre. 259 Alles das wußte der Ludi bei seinem nächsten Pump auf Rain seinem Bruder ins Ohr zu raunen. Eines Tages aber erschien das Seppeli, der verstorbenen Zille Nichtlein, im billigen Laden zu Bohlishusen, in dem es einiges einzukaufen hatte. Da erzählte es nun des Langhänsels Frau Seraphine, die ja immer nur so in ihrem Laden lebte, daß der Vetter, wie es den Bauer auf Rain immer nannte, der Meisterin nun auch noch ein nagelneues Klavier gekauft habe. Das sei so glatt und fein wie ein Spiegel, es könnte ganz gut die Haare davor machen und es gebe sogar goldige Beschläge dran, wo man Kerzen hineinstelle. Und dann, wenn die Frau Base darauf spiele, sei es einem immer, als ob es gegen Weihnachten zugehe. Sie könne heillos gut auf dem Klavier spielen, sogar mit einer Hand über die andere hinüber. Aber da hatte Frau Seraphine schon nach ihrem Mann gerufen. Und als er mit dem gewohnten mißvergnügten Gesicht, das jetzt mit seinem Bocksbart fast einem zusammengegangenen, ledernen Geldsäckel glich, im Laden erschien, mußte das hellhaarige Seppeli nochmals alles wiederholen. Es tat's auch mit heiligem Eifer. Das Klavier der jungen Frau auf Rain wuchs sich in seiner Schilderung fast zur Kirchenorgel aus. »Also sag Kleine, was machen denn jetzt der Meister und seine Frau auf Rain mit dieser Maschine?«, fragte der Krämer mit lauerndem Augen. 260 »Heja«, antwortete das Seppeli, »alle Sonntage gegen Abend gehen sie zusammen in die hintere Stube, wo nun das Bildnis der Meisterin hängt, das fünfhundert Franken gekostet hat. Dort hocken sie halt zusammen und die Frau des Vetters spielt das Klavier.« Der Langhänsel lachte, was er sonst selten fertigbrachte, denn für gewöhnlich ging's nur über sein furchenreiches Gesicht, wie eine Windheitere im Regentag über einen ausgeernteten Erdäpfelacker. Dasmal aber kam ein wimmerndes Kichern aus ihm heraus, wie von einem Kind, das trockengelegt sein möchte. »Heiliges Verdienen«, rief er aus, »da möchte ich einmal sehen, wie der Große mit seinen zehn Knobelfingern auf diesem Gixkasten herumtrommelt!« »He nein«, warf ungehalten das Seppeli ein, »der Vetter spielt nicht das Klavier, sondern bloß die Meisterin. Sie spielt immer allein und einmal hat sie gar gesungen. Und er hört ihr zu. Nur selten einmal nimmt er die Klarinette und dann spielen sie wohl auch zusammen einen Tanz auf. Alsdann hüpfen wir, ich und die Köchin, die Kresenz, und etwa gar die Putzerin Theres auch noch, in der Küche herum, wo wir's ganz gut hören. Und einmal ist der Wysel dazu gekommen. Und da hat er die Karline und das Saubethli in die Küche hinaufgeholt und hat mit ihnen getanzt, aber das Bethli hat ihm einen Klaps aufs Ohr gegeben, weil er's auflupfen 261 wollte. Und da sind die Viehmagd und das Saubethli hintereinandergeraten und haben sich zerzaust. Und der Wysel und der Oswald, der so gern neben dem Herd hockt und tabaket, haben gelacht dazu. Zuletzt hat der Wysel gar mit mir tanzen wollen, aber da habe ich mich geschämt, bin ihm davongelaufen und habe mich hinter die kupfernen Wassergelten, die wir ja schon lange nicht mehr brauchen, versteckt. Ja, das war aber gleichwohl ein lustiger Sonntagabend, als der Vetter mit der Meisterin tanzaufgespielt hat.« Diese kleine Geschichte vom Klavier auf Rain gab aber dem Langhänsel auch wieder Anlaß, bei seiner Schwester Brigitt, als sie wieder einmal in den billigen Laden kam, über diesen Verschwender auf Rain loszuziehen, der ein so großes Geld für die kleine Kröte aus dem Schloo vertue, die doch hinten und vorn nichts zugebracht habe als ein paar hoffärtige Fähnchen, eine Bettstatt und ein paar schlechtgeleimte Stühle. Die Holzhändlerin tröstete diesmal ihren eifernden Bruder, indem sie sagte, er solle doch des Hansbaschis jungem Weiblein solche Zückerchen unbeschrien gönnen. Es sei doch gewiß besser und den allfälligen Erben zuträglicher, sie bekomme vom Großen ein Klavier, ja ihretwegen eine ganze Kirchweih voll Drehorgeln und Handorgeln, als daß er ihr die Wiege von der Dachwinde herabhole und ein Kindlein drein bestelle, 262 das ihnen dann eine weit mißtönigere Musik machen würde. Ja, mit dieser Gegenrede vermochte seine Schwester auch den Langhänsel einigermaßen zu geschweigen. Der Ludi aber, als er von dem Klavier hörte, zog mit seinem Fliegenschnapper im Dorf herum, von einer Wirtschaft zur andern und verhöhnte seinen Bruder und seine Schwägerin auf Rain aufs unverschämteste, indem er sich ans Klavier höckte, wo's eines gab, denn er konnte auch etwas klimpern, und Spiel und Gesang des jungen Frauchens wiederzugeben suchte. Sein Pfahlbauhund lieferte dazu mit einem erbärmlichen Geheul die Untermalung. Dieses wenig geschwisterliche Verhalten und auch wohl das Werweisen landauf, landab über sein und seiner Frauen Gehaben plagte den Hansbaschi Hochrütiner aber recht wenig. Es war etwas ganz anderes, was ihm so nach und nach das Herz schwer zu machen begann. Nun war er schon fast seit zwei Jahren verheiratet, aber es wollte kein Kind kommen, die Wiege unterm Hausdach hatte gute Ruhe. Ja, das schmerzte ihn immer mehr und ließ ihn zu Zeiten in ein Sinnen versinken, das ihm nicht gut bekam. Ja, es fing an, ihn kopfhängerisch zu machen. Jedoch, er nahm sich zusammen, um sich äußerlich so wenig als menschenmöglich anmerken zu lassen. Seine Frau durfte ja nichts von seiner Unruhe, von seiner sich vertiefenden 263 Enttäuschung innewerden. Er tat, was er konnte, um ihr immer das gleiche, freundliche Gesicht zeigen zu können. Immer war er lieb und gütig zu ihr und auch stets hochbeglückt von der Liebe und Treue, die sie ihm, dem älter werdenden Mann, mit großer Zärtlichkeit bewies. Auch konnte er wohl gewahr werden, wie sehr auch sie sich nach einem Kind sehnte. Wie es sie plagte, daß keines kommen wollte. Eines Tages hatte er gesehen, wie sie eine Puppe, die sie wohl noch seit Kindeszeiten unter ihren Sachen zurückbehalten hatte, im Arm wiegte und wie sie dazu herzerschütternd weinte. Leise hatte er damals die Türe zugenommen, denn nun meinte er genug zu wissen. Der heimliche, verhaltene Gram seines geliebten Apellunelis machte ihm den Kopf fast wirr. Eines Tages kamen die Geschwister aus dem Hause auf Rain zu einem ewigen Jahrzeitgedächtnis im benachbarten Dörfchen Hergisau, aus dem ihre Mutter stammte, zusammen. Auch des Langhänsels mausgraue Frau, die Seraphine, hatte mitgehen dürfen. Das Haupt der Hochrütiner auf Rain, der Hansbaschi, hatte es so gewünscht. Es war ihm, es könnte der vernachlässigen Ladnerin auch nichts schaden, wenn sie einmal zu ihrem ehelichen Gefängnis hinaus, etwas an die frische Luft und zu einer kleinen Abwechslung komme. So hatten sich denn alle Rainler im Kirchlein zu Hergisau versammelt, wo man für ihren Großvater, 264 wie alljährlich, eine Messe zum Trost seiner armen Seele las, während der die Hergisauer Jungfrauen das Gesangliche, etwas durch die Nase, besorgten. Nach dem Totenamt machten sich alle, die zur Familie gehörten, auf Einladung Hansbaschis, als des derzeitigen Bauers auf Rain, zu einem Neunuhrimbiß in die Wirtschaft zur »roten Traube«. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, ganz Gottes, Sonne, Sonne, Sonne. Kein Schatten, nicht einmal der Schatten eines Grashalms schien der Teufel in die Helle, in die Schönheit dieses Tages hineinschwärzen zu können. Um das ländliche Wirtshaus, fast in die niedrige Stube hinein, blühten die Kirschbäume. Finken, Meisen und Spatzen, ein jeglicher Vogel in seiner Art, lobten inbrünstig den Herrn. Da saß nun die Rainfamilie, mit Ausnahme der jungen Frau Hansbaschis, die nicht hatte abkommen können, um den Tisch mit der schweren, zerschrammten Schiefertafel. Sie tranken alle mehr oder weniger, aßen auch etwas und hielten dazu ein Plauderstündchen ab. Und was sie zusammen redeten, ging vorerst nicht über den Alltag hinaus und hatte, wie immer seit Adams, des ersten Landwirts Zeiten, mit einer umständlichen Schilderung des jüngst verflossenen Winters und Wetters und mit allerlei daraus hervorgehenden Schlüssen und Prophezeihungen für den Sommer angefangen. 265 Der Hänsel Hochrütiner war heute recht gesprächig. Zum ersten kostete ihn der vormittägliche Trauerschoppen mit Zubehör nichts und zum andern bestrebte er sich, beim Bauer auf Rain ebenfalls gut Wetter zu machen. Es lag ihm nun gar viel daran, sich den kinderlosen Bruder warm zu halten, denn er hatte das früher, wie er sich sagte, viel zu sehr versäumt. Er hatte den Gütsch auf dem Rainhof für seine Kurhauspläne auch keinen Augenblick vergessen oder gar diese Pläne abgedankt. Es sollte sich ja mit dem erstrangigen Aussichtspunkt unter allen Umständen etwas machen lassen, so oder anders. Man mußte nur warten können und die Augen offen behalten. Ebenso ließ sich heute, zur Verwunderung aller, die Schwester Brigitt, die Holzhändlerin, ungewöhnlich gesprächig an, sie, die so verschwiegene, die sonst wohl zwei Ohren aber keinen Mund zu haben schien. Bedachtsam und hartgängig im Ton berichtete sie von ihren zwei Söhnen. Sie erzählte, wie ihr Ferdi schon auf der Säge zu brauchen sei, wie er sich auch schon des Holzhandels, der eine gar heikle, schwierige Aufgabe bedeute, anzunehmen anfange. Dieser ältere Sohn sei für ihr Sägewerk wie gemacht, wogegen er im Landwirtschaftlichen auf ihrem Hof noch nicht recht drin sei und dort noch manches lernen müsse, auch das Selberzugreifen. Ein wahres Muster von einem Bauern hingegen werde ihr Alex. Der sei mit 266 dem Boden wie verwachsen. Wenn er nur im Betrieb und Dreck stecken könne, sei ihm schon geholfen. Der werde eines Tages aus Steinen wahrhaftig Brot herausbringen. Obwohl er noch fast in der Bubenhose stecke, wachse bei ihm der Bauer aus jeder Faser heraus. Das gebe nun wieder einmal ein Landwirt von altem Schrot und Korn. Er sei aber zugleich doch ihre Hauptsorge. Sie möchte ihm halt eines Tags einen rechten Hof zuhalten, denn für ihrer zwei tue es die Wydlen nicht. Und da sei es nun mehr als schwierig, ein rechtes Gut oder auch nur ein mittelgroßes Heimwesen zu bekommen, wenn man nicht einen Schelmenpreis dafür zahlen wolle. Während aber der Langhänsel und die Schwester Brigitt, entgegen ihrem sonstigen unwirschen oder doch verschlossenen Wesen, sich wie ein fleißiges, durch Tiefen und Tobel aller Art und um alle Ecken schwänzelndes Wässerlein gehen ließen, um eine gewisse Mühle für ihr Korn in Gang zu bringen, blieb der Hansbaschi Hochrütiner ungewöhnlich ruhig, ja einsilbig. Ab und zu nickte er, etwa sprach er ein Wort, aber er schien, im Gegensatz zu seinem sonstigen, so offenen und geselligen Tudichum, heute nicht bei der Sache, ja völlig abwesend, auf irgendwie andern Gedankengängen zu sein. Der Ludi redete zwar auch noch nicht, denn er hatte immer noch den gestrigen Rausch in seinen Nachwehen zu verwerken, aber seine wie 267 zusammengepappt aussehenden Augen begannen doch allmählich sich zu öffnen, und der Mund war auch schon aufgetan. Lange wird es nicht mehr dauern, bis er wieder sein Maul in alles hineinhängt, dachte sich die fast unsichtbar dasitzende Frau Seraphine, die sich damit vergnügte, seine Wiederbelebung zu beobachten. Was ist wohl mit dem Hansbaschi gegangen, was hat er, fragten sich der Langhänsel und die Holzhändlerin. Sollte zu Hause auf Rain etwas nicht stimmen? Seine neue Frau war ja auch nicht zur Jahrzeitmesse erschienen. War der Krieg, der ja in den meisten Stuben zwischen Mann und Frau zeitweilig fast selbstverständlich sein soll, zwischen dem Großen und seinem eigenwilligen und eben noch jungen Weiblein nun auch ausgebrochen? Nein, das konnte kaum sein; man hörte das Zusammenleben der beiden nur rühmen. Ja, was war dann aber mit dem Großen los, daß er so dahockte wie angewachsen und kaum lieber Gott sagen mochte? Bruder und Schwester ließen sich aber in ihrer Gesprächigkeit nicht beirren. Sie fuhren fort zu reden und ihre Absichten, so verblümt als es ihnen möglich war, dem Mann auf Rain eingänglich zu machen. Nun war aber auch der Chemifeger von seinem gestrigen Grabe oder vielmehr Graben auferstanden. Er hatte sich nämlich um vier Uhr bei der Tagwacht 268 des nächsten Haushahnes aus einem Straßengraben herausgeholfen. Und da er nun über den Tisch nicht zu Wort kommen konnte, denn man hörte auf ihn so wenig als auf das Gezwitscher der Spatzen vor dem Fenster, tuschelte er vorerst eine Weile seiner Schwägerin vom billigen Laden die Ohren voll. Als er aber von dieser Seite auch zu wenig Aufmerksamkeit und jedenfalls keinen Widerspruch erlebte, gelang es ihm, seiner Schwester Brigitt, die sich eben ziemlich geräuschvoll, verdrossen über die Unmerkigkeit ihres Bruders auf Rain, geschneuzt hatte, zuzuraunen: »Du Brigitt, schau einmal den Großen recht an, was der heute für eine Vorstellung macht. Entweder ist er übelzeitig, etwas ist, beim Eid sterb ich, krank an ihm oder dann hat er einen geistigen Bandwurm, für den ich aber keinen lateinischen Namen weiß, und trotzdem kann er existieren. Glaub's mir, Schwester, es drückt unsern hochgebauten Bruder irgendwie, obwohl er nur mäßig Schnee auf dem Dach hat. Es bedünkt mich auch, er sei die letzte Zeit – ich habe ihn zwar schon seit langem nicht mehr gesehen, er gibt mir ja fast nichts mehr – merkwürdig gealtert, oder nicht?« Die Holzhändlerin gab keine Antwort, aber mit großen Augen, die immer kugelrunder wurden und hellscheiniger, wie die Lichter einer aus dem Tunnel kommenden Lokomotive, schaute sie auf ihren Bruder 269 Hansbaschi, in den der Hänsel hineinredete. Ja, beim Strahl, daß ihr das nicht aufgefallen war, dem Großen fehlte es irgendwo, das mußte man sagen. Er sah älter aus, und es war ihr, auch etwas grauer um die Schläfen. Also deswegen hockte er da wie ein Grabstein. Was mochte mit ihm los sein? Ja, einen Wurm hatte er in sich, das war einmal sicher, wenn auch keinen Bandwurm. Nein, sie konnte nicht aufhören, den Bruder, der gewaltigen Leibes am Tisch saß und ihr aber mit einem Male vorkommen wollte wie ein voller Sack Mehl, der keinen sichern Stand hat, anzusehen und, soweit hinein als frauenaugenmöglich, auszunehmen. Ach, daß man doch die Leute nicht durch und durchschauen konnte! Was ging nun wohl in diesem schweren Haupt, hinter diesen zwei herrischen Augen vor, die dabei auch wieder so kindlich einfältig in den Tag hineinzuträumen pflegten. An etwas kränkelte der Hansbaschi, das war einmal gewiß, irgendetwas mußte ihn plagen, denn sonst wäre er heute gewiß ein anderer. Ah, ah, ah, wenn man's nur herausbringen könnte! Nein, der Bauer auf Rain schien sich nicht länger studieren und anreden lassen zu wollen. Wenigstens sagte er jetzt mit langsamer, fast unsicher schreitender Stimme, er wolle nun heimzu; wenn der Ludi es wünsche, könne er auf seinem Wagen mitfahren. Er müsse heim. Man sei daran, die Wasserleitung für 270 den großen Brunnen aufzutun. Es fehle dort irgendwo. Auch habe er, da der Hansuoli unpäßlich sei und es auch gar nicht recht verstehen wolle mit dem neuen Traktor, ausgiebig das Jauchefaß in der Hausmatte herumspazieren zu führen. Den Karrer könne er hiefür nicht brauchen. Der würde ihm die Maschine kaputmachen, und die andern haben anderes zu tun. Es sei ihm außerdem, es werde morgen Regen geben, was dann auf dessen Schwemme hin grad recht wäre. »He, Hansbaschi«, meinte die Brigitt ungewöhnlichen Tones, denn sie suchte ihrer Stimme, freilich mit unzulänglichen Mitteln, Wärme zu verleihen, »so brauchst du wohl nicht zu pressieren. Das Jauchefaß und der Miststock laufen dir nicht davon. Es ist mir, wenn ich dich jetzt so ansehe, du habest wie etwas von deiner guten, rotlachten Farbe verloren. Am End übertust du dich und das wär doch einfältig und nicht zu verstehen von einem Bauer, der keine Kinder hat.« Der Rainler schaute seine Schwester einen Augenblick fast finster, seltsam an, was sie nun aber gar wohl verstand. »Bruder«, fuhr sie zu reden fort, »es ist halt doch so, du kannst die Stirne runzeln wie du willst. Ich hab' doch recht, du übertust dich mit deinem großen Hofwerk. He natürlich, es ist ja immer eine mühevolle Arbeit gewesen, diesem Gut vorzustehen; ich weiß das noch wohl genug von Vaters Zeiten her, der 271 sich auch zu früh abgeschafft hat. Und seitdem du nun dein Apelluneli hast, hat sich die Arbeit auf dem Hof allweg noch vermehrt. Sie hat noch dies und das Neues auf Rain eingeführt, von dem man früher nichts wußte und was mehr Verdienst, ich geb's gern zu, aber auch mehr zu tun und zu denken gibt. Deine Frau ist gar eine schaffige und eine besonders anstellige. Nun, das haben wir eben wohl gewußt und sie dir deswegen auch angeraten und ins Haus gebracht, oder nicht? Gut, also Großer, übertreib's mit der Arbeit nicht! Für wen denn? Für dich hast du haufensgenug und Nachkommenschaft, heja, 's ist einmal wahr, in Gottes Namen, und es tut uns leid genug, – ist ja noch keine herum und allem Anschein nach auch kaum zu erwarten, obwohl man da natürlich nichts sagen oder gar einen Eid drauf tun kann. He, aber Hansbaschi, das mußt du doch selber sagen, wenn doch noch Kinder anrücken sollten, was ja nicht grad wahrscheinlich ist, so wirst du gleichwohl gar zu alt bis sie dir anstehen, helfen und die Bürde gar abnehmen könnten. Du weißt wohl, wie lang es dauert, bis man an so Jungwar etwas hat, bis ihre Gigelgagelzeit einigermaßen vorüber ist. Ich meine deshalb, auf daß du dich schonen könntest und daß das Stammgut nicht in fremde Hände käme, es würde nichts schaden, wenn du etwas Junges, Verwandtes, das doch schon aus den Erdäpfelstauden 272 hinausgewachsen ist, zu dir auf den Hof nähmest. So ein junger Feger könnte sich dann nach und nach unter deiner Anleitung in den großen Betrieb hineinarbeiten. Was sagst du?« »Brigitt«, antwortete der Bauer auf Rain, gradaus auf seine Schwester sehend, und zwar mit Augen, die sie nun für fast dunkel nahm, obwohl sie sonst hellblau wie ein auffrischender Morgen waren, »ich vermag's auf dem Hof alleweil noch zu machen und ich will's weiterhin machen. Es ist ja schön, daß du so an mich denkst und an meine Zukunft, und es ist das auch für mich etwas Ungewohntes. Also gleichwohl, ich habe noch den alten Kopf; der, wenn er will, allenfalls immer wieder etwas durchstieren kann, und ich habe Ellenbogen und noch Schmalz drin und Arme dran, die sich allseitig auf- und umtun können. He, und an Hilfe mangelt's mir auch nicht, habe Volks genug auf Rain. Ja wahr, mehr oder weniger fremdes Volk. Hingegen gedenke ich, Leute, die mir von Bluts wegen zugehören würden und näher ständen oder stehen könnten, kaum, nicht so schnell wenigstens, einzustellen und nachzunehmen. Man weiß ja«, und nun schaute er durch's Fenster, selber recht undurchsichtig werdend, ins Kirschenblust hinaus, »daß einem die Nächsten etwa die Fernsten und die Fernsten die Nächsten sein können. Ich meine, das auch schon erlebt zu haben. Auch meine Frau, das 273 Apelluneli, hat es mir bewiesen, von dem ich doch noch vor ein paar Jahren so wenig gewußt habe wie von einem Negerkind.« »Ja, ja«, sagte die Holzhändlerin nach kurzem Schweigen, seelenruhig, als ob sie das von den nah- und fernstehenden Leuten nicht das geringste angegangen wäre, »das ist ja alles schon recht, aber, Hansbaschi, bedenk's, daß du kein heuriges Kaninchen mehr bist, bei all deiner bodenguten Postur, und daß du vielleicht eines Tags froh wärest, du hättest jemand aus der Familie zur Hand und der Rain käme nicht unter Fremde, die du ja jetzt so rühmst.« Der Rainler blieb still, aber ein wenig nickte er doch mit dem ganzen schweren Haupt. Nun aber kam der Ludi hoch, der schon eine Weile auf der Lauer gelegen hatte und in dem sich der Fluß seiner immerwährenden Beredsamkeit arg gestaut hatte: »Hansbaschi«, rief er gar wichtigtuerisch und vielwissend aus, »ich will ja nichts gegen unsere Brigitt geredet haben. Es ist manches wahr, was sie angezogen hat, obschon ich meinerseits einen Dreck drum gäbe, ob der Hof den Blutsverwandten oder einem Wilden aus Afrikeit zukommt, denn am End sind wir alle Menschen blutsverwandt und wild erst recht, und gar viele, die ein Mäntelchen von Samt und Seide darüber hängen, oft die wildesten. Weißt du was, Großer, ich an deiner Stelle, wenn mir die 274 Haare und die Welt immer grauer werden wollten, würde mich auf dem Hof nicht zu lange abhunden, denn auf einmal fängt man zu mürben an, die Knochen streiken allmählich und verwandeln sich in Marterwerkzeuge. Alsdann muß man andere Leute regieren lassen, muß in irgend ein Stöcklein hinaufhocken, wo man sich zu Tode langweilt und niemand zum Gespanen hat als etwa die Erinnerung an junge Jahre und altbackene Sünden. Statt dessen aber könntest du's auf deine alten Tage fein einrichten, wenn du, ja, ich sag's, den Rainhof verkauftest. Denk, was da für ein Haufe Bargeld, das ja sowieso im Bauernhaus immer rar ist, herauszuholen wäre. Du könntest darnach mit den Schulkindern mit Goldmünzen das Knöpfleinspiel machen. Ich wüßte dir auch schon einen reichen Mann in der Stadt, der schon lang gern einen großen Bauernbetrieb hätte. Der würde dich fürstlich bezahlen. Es handelt sich um einen Herrn, wie ich's von meinem Gewährsmann habe, der mit seinem landwirtschaftlichen Gut einfach etwas großhausen möchte, ohne daß er sich selber drum annehmen oder auch nur einen Rechenstiel jemals in die Hand nehmen würde. Ja, Bruderherz, mit diesem Geldsack wäre nun ein guter Schick zu machen. Was meinst, Hansbaschi?« Der Bauer auf Rain sagte nicht ja, nicht nein. Er schaute auch weder den zu ihm heraufglotzenden Ludi, 275 noch die andern an; er lächelte nur immer wunderlich vor sich hin in den Tisch und schwieg, und mit ihm, unter dutzenderlei Gedanken, die andern. Der Langhänsel suchte während des Chemifegers Rede blitzschnell alles wie mit einem Scheinwerfer ab. Einen Augenblick war's ihm, es wäre allenfalls auch ganz kurzweilig, für ihn oder für seine Nachkommen eines Tages bei einem absterbenden Bruder ein goldenes Nest auszunehmen, statt daß man sich um den Hof auf Rain mit seiner festzugreifenden Schwester oder mit dem liederlichen Studenten, mit dem Ludi, der doch alles gleich wieder verklopfen würde, herumstreiten müßte. Dann aber fiel es ihm ebenso blitzschnell ein, daß der Hansbaschi als privatisierender Herr das erlöste Geld verunschicken könnte, oder daß es gar, wenn er vorher stürbe, sein gewixtes Frauchen weit über den Pflichtteil an sich zu bringen verstände. Nein, für einen Verkauf des Rainhofes konnte und durfte er nicht sein, gar nicht. Jedoch, er brauchte sich ja darüber gar nicht aufzuregen, noch überhaupt mit einem Wort zu äußern. Der Hansbaschi wird seinen schönen Hof gewiß nicht, und vielleicht jetzt erst recht nicht, verkaufen. Wie hatte es der Ludi nur wagen können, dem Großen davon zu reden. Er hatte wohl noch seinen versoffenen, dünnhaarigen Schädel mit allen Gedanken in der gestrigen Weinschwemme. Aber man sah es ja, der Hansbaschi schien sich nichts aus des 276 Chemifegers Vorschlag zu machen; er mochte kaum recht hingehorcht haben. Wie sollte er auch. Nein, er selber brauchte darüber auch kein Wort zu sagen; denn nun redete die Holzhändlerin, der es plötzlich angst und bang wurde, der große Hof auf Rain könnte ihren Söhnen entgehen, ins tiefe Schweigen hinein: »Was fällt dir denn ein, Ludi. Du bist doch wohl ein Schwätzer. Unser Hansbaschi wird just der Narr sein, seinen schönen Hof zu verkaufen. Wo denkst du hin, du Kalb! So ohne weiteres läßt man sein angestammtes Gut nicht fahren. Wenn das der Vater selig hören könnte, würde er sich nicht bloß im Grab ringsumdrehen, auf stände er und täte dir eine Saftige herunterhauen. Wie kommt dir denn so was zu Sinn, du Schluck!« Der Ludi Hochrütiner glotzte seine Schwester fast erstaunt an. Alsdann lachte er boshaft auf und sagte: »He, geliebte Frau Schwester von der immer für mich geschlossenen Hand und dem festen Schritt und Tritt, nimm's mir nicht für ungut. Ich habe nur so gemeint. Man kann doch auch seine Meinung haben, oder nicht? Ich, wenn ich den Hof auf Rain hätte, und was ja am End auch kein Wunder wäre, denn ich bin ja auch ein Rainler . . .« »Ja, und was für einer«, warf die Holzhändlerin dazwischen. »So würde ich diesen Hof mit Wonne verkaufen«, 277 fuhr er weiter, »und einen Engros-Weinhandel anfangen, daß die andern Weinhändler alle verlumpen müßten und bei mir um das Gläschen des armen Mannes umschauen kämen, statt daß ich so als wenig gern gesehener Provisionsreisender um die verfluchten Wirte herum, die alle Tranksame umsonst und dazu gleich noch von mir gesoffen haben wollen, der Tausendgottswillen um ein Bestellunglein anhalten muß. He, was hauchst du mich denn so biswindig, hagelschaurig an, Brigitt? Du bist doch kein Entstaubungsapparat, oder? Man kann doch eine Ansicht haben. Geschäft ist Geschäft, sagt der Amerikaner. Übrigens meine ich's mit dem Bruder Hansbaschi so gut als gewisse andere Leute, die zum Beispiel Söhne oder doch Buben haben.« Er ließ den Kopf sinken, und zwar bis auf sein volles Glas hinunter, das er aber sogleich mit einem Schluck und Druck leerte, um es darnach selbstzufrieden, kräftig abzustellen, wobei er, von einem zum andern sehend, eine Scholle herauslachte. Der Bauer auf Rain, der sich schon so halbwegs erhoben hatte, setzte sich wieder. Irgend etwas schien ihn auf den Stuhl zurückzuziehen. Und jetzt brach er sein bisheriges hartnäckiges Schweigen und erklärte den andern, die ihn gespannt belauerten, daß er nicht von weitem dran denke, seinen Hof zu verkaufen, grad so wenig oder noch weniger als ihn zu verschenken. 278 Er fühle sich in allen Teilen Manns genug, und er habe es auch im Kopf noch hell, ja, es werde immer hellscheiniger um ihn, was ja freilich nicht anders sein könne, wenn einem rundum so viel Lichter aufgesetzt werden. Er wisse also schon selber so ziemlich, was er zu tun habe. Er bleibe auf seinem alten Grund und Boden, solange er ihn trage. Gern gebe er zu, daß es gut sei, wenn man sich beizeiten vorsehe und auch ins Weite denke; aber des Menschen Augen hätten ihre Grenzen, und so habe er im Sinn, herzhaft zuzuwandern, soweit er den Weg zu erkennen vermöge. Heja, und alsdann in der Zukunft könne man die Augen ja wieder offenhalten, oder sie werden einem aufgetan wie in der Gegenwart. Ins Unbekannte hinein zu werweisen begehre er nicht. Da verlasse er sich auf den Herrgott, der für wachbare Leute immer wieder einen Wegweiser an die Straße stelle. Übrigens, so nebenbei wolle er's grad auch sagen, daß er's nicht gern sehe, wenn reiche Herren, die sonst ein gutgehendes Gewerbe haben, sich auch noch auf anderer Leute Sache werfen. Allenfalls könne er's noch verstehen, wenn's einer eben aus Freude, aus einem Trieb zur Landwirtschaft tue. Gar nicht könne er's aber von den alteingesessenen Bauern begreifen, daß sie sich vom Geldsäckel, wie die dummen Schafe von der Salzlecktasche, von ihrem ererbten Boden verlocken und also enteignen lassen. Sie werden dadurch einfach, da dürfe man's 279 nun sagen, bodenlos. Wohl bekämen sie Geld dafür, vielleicht haufenweise; aber die wenigsten wissen dann dazu zu schauen und es klug zu ratsamen. Manche verwirtschaften und vertun es leichtsinnig oder dumm, weil sie meinen, mit so viel Geld habe man für ewig genug und könne den Großen und Verschwender machen bis an sein Ende. Auch die Nachkommen, die Erben solcher freiwillig enteigneter, reichgewordener Bauern machen es noch lange nicht immer gut. Manche müssen darnach vielleicht froh sein, in ein Büro hineinhocken und die Fliegen zählen zu können, statt daß sie mit der Sense auf der Schulter in den heitern Morgen ausrücken und mannhaft mit Sonne und Regen wirtschaften, kämpfen und siegen können. Und oft genug komme es vor, daß eines Tags so ein Bauerngeschlecht weder das zu leicht erworbene Geld, noch das Heimwesen der Väter mehr habe. Es sei dann gegangen wie im Märchen, wo einer an einem Topf voll Gold meinte einen Schatz zu haben, der darnach in Staub und Asche zerfiel, anstatt wie im andern Märlein, wo sich ein Korb voll Gras und Laub und Tannzapfen auf dem häuslichen Herd in lauter lötiges Gold verwandelte. »Also, Bruderherz, streng dich nicht an«, sagte er nun zum Ludi, ohne ihn jedoch anzusehen, »und du, Schwester Brigitt, und ebenso du, Hänsel«, diese beiden streifte er mit einem fast scheuen Blick, »sorgt euch alle nicht zu sehr um mich und meine 280 Zukunft. Ich sage euch Vergelt's Gott für alle eure Räte. Hingegen jetzt muß ich heimzu. Der Rainhof wartet auf mich, er kann mich brauchen, und heja, solange er mich brauchen kann, lupft mich weder eine Steinwinde noch der Alpenwind, geschweige sonst irgendwer von seinem Boden.« Jetzt aber gab's erst recht ein tiefes und ziemlich verlegenes Schweigen, das der Chemifeger, indem er den Langhänsel und seine Schwester lachend, verwundert anglotzte, noch vertiefte. Da half dem innerhalb ergrimmten Langhänsel und der verstimmten Holzhändlerin die Ladenhüterin, die Frau Seraphine, die bisan so herzlich unbeachtet dagesessen und zugehört hatte, aus der unangenehmen Lage, indem sie ihren Schwager Hansbaschi Hochrütiner ganz unbefangen und zuckerkandissüß fragte: »He, Schwager Hansbaschi, sagt doch einmal, wie steht's denn, ist wirklich die schöne Wiege mit den drei bekränzten Herzen, die ich einmal auf der weiten Winde auf Rain in einem Winkel zu sehen bekam, immer noch so über und über voll Spinngewebe? Wollt Ihr sie nicht endlich einmal Eurem Apelluneli in die Schlafkammer hineinstellen lassen?« Ein Weilchen schaute der Rainler seine ihm gegenüber sonst immer so scheue Schwägerin aus dem billigem Laden fast erschrocken an, als ob er sie zum erstenmal sähe und sich nun von ihr ein Bild machen wolle; aber 281 dann lächelte er sie an, matt, übernächtig, wie die Sonne, wenn sie Wasser zieht, und antwortete, als hätte er ihre Frage gar nicht gehört: »Heja, Schwägerin Seraphine, es geht gut auf Rain, und meine Frau ist gottlob gesund und wohl. Und das ist, meine ich, die Hauptsache, oder etwa nicht?« Damit erhob sich Hansbaschi Hochrütiner ziemlich rasch. Auffallend heftig, völlig entgegen seiner sonstigen gutmütig-ruhigen Art, stellte er seinen Stuhl wieder an den Tisch. Seine Verwandtschaft merkte gar wohl, wie ihn die Frage nach der Wiege getroffen hatte. Nun wußten sie alle auch, was ihm fehlte, was ihn heute so auffällig niedergeschlagen, kränklich, ja alt erscheinen ließ. Der Langhänsel und die Brigitt sahen sich blitzgeschwind an, und es war ihnen, sie hören eines in des andern Busen die Seele vor Wohlbehagen schnurren, wie eine Katze, die sicher ist, daß ihr die Maus, die in der Wand kratzt, nicht entgehen wird. »Komm Ludi!« machte dumpf der Bauer. »Kannst mit mir heimfahren. Ich hab's dir versprochen, so muß ich's auch halten. Daß du's aber weißt, es wird auf dem Weg nirgends eingekehrt. Ich muß heim und es fehlt mir die Zeit, mit dir bei allen deinen vorgeblichen Weinkunden anzuhalten. Also mach und ab der Wacht!« Und da war der Rainler, nachdem er seiner Schwester, der Schwägerin und dem Hänsel flüchtig die Hand 282 gegeben hatte, ohne sie dabei anzusehen, schon aus der Stube. Und nun folgte ihm auch der Ludi, nachdem er vorher, als sein Bruder schon vor der Türe war, sich noch rasch seiner Verwandtschaft am Tisch zugekehrt und ihr, lautlos an sie hinlachend, mit erhobenem Finger zugeraunt hatte: »Stille, stille, kein Geräusch gemacht!« Alsdann war auch er verschwunden. Der Langhänsel und die Holzhändlerin saßen nun ziemlich verdrossen am Tisch, sahen auf die Grübchen und Schrammen seiner gewaltigen Schiefertafel hin und hörten, mit ihren Gedanken in ganz andern Bezirken weilend, der mausgrauen Seraphine zu, die ihnen irgendetwas Alltägliches vorschwatzte, und zwar ganz so wie sie's mit ihrer Kundsame im billigen Laden zu tun gewohnt war. Der Bauer auf Rain dagegen fuhr nun, seinen ziemlich angetrunkenen Bruder Ludi neben sich auf dem Bock des Gatterwägelchens, heimwärts. Es ging schon gegen Mittag und immer herrlicher wurde der blühende Frühlingstag und immer weniger schien die Sonne ihren goldenen Segen in der Welt unterbringen zu können, obwohl sie Feld und Wald, Haus und Herz, ja ein jegliches Heidelschneckenhäuschen mit ihrem Glanz erfüllte. Und daher mochte es auch kommen, daß jedwedes Mücklein, das des Rainlers Wagen umtanzte und sich die Flügelchen siebenfarbig 283 durchleuchten ließ, sich für eine Durchlaucht hielt und meinte, der liebe Gott habe die ganze, landauf, landab gehende Blustfeier nur wegen seiner in Szene gesetzt. So rumpelte denn der kleine, ländliche Wagen, vom gutgehaberten, sauber gehaltenen Griß gezogen, auf der frisch für die Autos beschotterten Straße, die für die Wanderer millionenfältig Steine des Anstoßes hatte, noch ziemlich rasch durch die sonnenfrohe, maienselige Landschaft. Weder der Chemifeger noch sein Bruder, der sich neben ihm ausnahm wie ein wehrhafter Turm neben einer Ruine, sahen das große Fest der Umwelt. Wohl tat der Bauer ab und zu einen Blick über die reichbeblümte, von der kleinen Blume Sonnenwirbelchen über und über vergoldeten Matte und die aufgehenden, grünenden Kornfelder, aber er sah nichts von allem. Meistens staunte er auf sein weißes, dunkelüberrieseltes Roß, hörte jedoch heute aufmerksam auf seines betrunkenen Bruders Reden. Der Ludi Hochrütiner hatte seit ihrer Abfahrt von der »Roten Traube« zu Hergisau auch nicht einen Augenblick lang das Maul halten können, obwohl er zu sehen meinte, der Große höre ihm nur mit halbem Ohr zu, da er einsilbig blieb und nur ab und zu etwas brummte, das man für ein Ja, aber ebenso gut für ein Nein nehmen konnte. Und doch hatte er ihm sehr einläßlich und wie's schien, weit über Bedarf 284 von einem Universalmittel vorgeschwatzt, das von ihm als einem Chemiker, der ja einst bis fast zum Examen studiert habe, nach Paracelsi Anweisungen zusammengegossen worden sei. Es handle sich um ein unfehlbares, durchschlagendes Tränklein bei Viehblähungen. Man solle es auf Rain nötigenfalls nur probieren. Man brauche dann den teuren Viehdoktor nicht zu rufen oder irgendeinen Pfuscher mit dem Messer wirken zu lassen. Auch die aufgetriebenste Kuh gehe nach Einnahme seines Zaubertranks wie ein Kinderballönchen an der Stubenwärme zusammen. Als der Ludi aber sah, daß seine Wissenschaft vom Bruder nur mit verächtlichem Kopfschütteln und mit dem vernichtenden Wort »Narrensache« abgetan wurde, ärgerte ihn das gar sehr, denn in dieser Richtung war er unglaublich eitel und empfindlich. Als Chemiker wollte er ernst genommen sein. Wenn er besoffen war, traute er sich alle möglichen Erfindungen, sogar das Goldmachen zu. Und als ihm nun gar, auf sein eindringliches Ansuchen, ein Darlehen von fünfzig Franken, das er bei Hansbaschi gleich nach seinen so geringgeschätzten wissenschaftlichen Darlegungen aufnehmen wollte, rundweg abgeschlagen wurde, mit dem Bedeuten, er habe ja für heute schon eine Ladung Tranksame auf seine Rechnung in Hergisau in sich lagern können, wurde er völlig mißstimmt, ja von einem brennenden Ingrimm gegen seinen Bruder erfüllt. Es stieg wieder in ihm 285 auf, daß ihn dieser wegen seiner Liebeständelei mit der roten Heroine kurzweg aus dem Rainhaus hinausgeworfen hatte. Nein, das konnte er ihm weder jemals verzeihen, noch vergessen. Daß er ihm dabei die Schulden bezahlt hatte, war doch nur ein ungenügendes Pflaster für die Wunde gewesen, die er ihm mit dem Entzug seiner Kammer und dem freien Tisch im Vaterhause geschlagen hatte. Und so sann er denn, für ein Zeitchen sich duckend und still werdend, dran herum, wie er Hansbaschi etwas zuleid werken könnte. Aber nein, da war nichts zu machen. Wie sollte er dem Großen, der da neben ihm hockte wie ein Turm, etwas anhaben können. Mit einemmal jedoch kam ihm ein Gedanke, ein Gedanke noch feuerheiß, bedünkte es ihn, wie frisch aus der Hölle bezogen. Das hätte mir eigentlich gleich einfallen können, sagte er sich. Und nun begann er, die verwüsteten Augen zum andern erhebend, und so nahe als möglich zu ihm rückend, mit seiner vertrunkenen Stimme zu reden. »Bruder Hansbaschi«, sagte er, sein Gesicht geheimnisträchtig vorwegend, »wenn du mich kennen würdest, so durch und durch . . .« »Ja«, machte der Bauer kurz, »ich kenne dich ja auch so durch und durch.« »Nichts ist's«, sagte der Ludi, »so wenig kennst du mich als deine zwei hintern Backen. Und doch meint's 286 niemand besser mit dir als dein verachteter Bruder, der um jeden Silberling vor dir und seinen andern leiblichen Geschwistern knien muß, wenn er ihn bekommen will. So geht man mit mir um. Immerhin, du bist weitaus der freigebigste, wenn auch nicht immer, ich hab's ja heute wieder erleben müssen. Schwamm drüber! Ich sage dir nur, du kennst mich nicht von der Sonnenseite, nur so schattenhalb, wie du umgekehrt deinen lieben, zärtlichen Bruder Hänsel, den ausgetreten Langen, bei dem's mir immer ist, es müsse sich ihm noch, wie einem Hühnerhabicht, die Nase in einen hörnenen Schnabel verwandeln, und deine ebenso zutunliche Schwester, die Riesendame vom Rotenbach, nur von der Gutwetterseite kennst. Hast du denn nicht bemerkt, als wir heute nach der Jahrzeitmesse in der »Roten Traube« zusammengesessen sind und allerlei geredet haben, wie sich die beiden freuten, daß deine kleine Frau, das Apelluneli keine Kinder bekommt und daß du für sie oder doch für ihre aufschießende Jungwar der gute Erbvetter auf Rain bleibst. Wie die Satane haben sich der Hänsel und die Dicke gefreut, ein Schulkind hätte es gewahr werden müssen.« Dunkelrot werdend, mit fast bösen Augen, schaute der Rainler auf seinen Bruder. »Was redest du da, du Lumpazi?!« schnörzte er ihn an, »willst du mich aufziehen?« 287 »Ja, nimm mir's nicht für übel, Hansbaschi«, fuhr der andere mit nicht immer sichergehender Zunge zu sprechen fort, »aber ich will's dir nun beweisen, wie aufrichtig ich's mit dir meine und was du, wenn's drauf und dran kommt, an mir hast. Vielleicht langt's dann doch wieder für ein paar Fränklein. Also ich stehe zu dem, was ich gesagt habe, durch alle Böden, vor Gott und Welt. Und ich sage dir im weitern aus alter Treue und weil du mir mehr gibst als die verstaubte Triste in der Wydlen und der lange Dörrling aus dem billigen Laden, samt seiner süßhölzigen Seraphine – deine lieben Geschwister haben schon lange gewußt, daß deine neue Frau, daß dieses Apelluneli aus dem Schloo ein unfruchtbares Äckerlein ist. Du hättest aber auch selber auf diesen Gedanken kommen können, wenn dich der Appetit nach ihrer schönen Seele und Umgebung nicht übernommen und blind gemacht hätte wie einen Spielhahn in der Balzzeit. He, das Witfrauchen hat ja von seinem ersten Mann auch keine Kinder bekommen.« Er schaute aus vernebelten Augen zu seinem Bruder auf. Nein, seine Mitteilung schien diesen nicht besonders bewegt zu haben, denn, wie's ihn bedünkte, schaute der Große wie immer, gleichgültig und gedrückt freilich, seinem Roß auf den Rücken. Aha, man mußte ihm wohl noch deutlicher kommen. »Du wirst's etwa wohl heraus haben, Großer«, redete er, »wie heillos 288 gern die Brigitt den Rainhof für ihren zweiten Buben Alex hätte. Ich sage dir, sie denkt Tag und Nacht dran und vor dem Morgengebet sagt sie Rainhof und am Abend vor dem Betenläuten und dem Englischen Gruß sagt sie wieder Rainhof. Auch ist's dir doch gewiß nicht entgangen, es müßte einer ja von Stein sein, daß der Hänsel, unser geiziger Mägerling aus dem billigen Laden, drauf sinnt, mit allen Mitteln und auf allen Wegen, hau's oder stech's, zum Raingütsch, zu der schönen Aussichtshöhe auf deinem Hof zu kommen. Er möchte eben dort, aber das kannst du ja selber denken, ein Kurhaus bauen lassen, das dann seine drei Töchter, die ja auch schon den Männerhosen nachsperbern, übernehmen könnten. Sie würden dadurch, wie er meint, unter die Ganzbessern eingereiht und zu viel begehrtern Artikeln werden als im billigen Laden. Natürlich möchte er dazu auch deinen großen Teich, das Rainseelein, haben, das deine Frau in einen Fischweiher verwandelt hat, aus dem ihr nun nicht nur das Wintereis, sondern sogar haufenweise Forellen ins Hotel Alpenblick da drüben auf Gerisbüel und in das zu Hochwil stehende Restaurant Alpenblicker verkaufen könnt. So möchte der Hänsel wohl auf seinem noch höher zu stehen kommenden Kurhaus – er kann es ja Alpenblickester heißen« –, er lachte auf, »natürlich auch die Forellen haben.« 289 Nein, der Chemifeger schien nicht zu beachten, wie der Bauer auf Rain allmählich ganz düster, ja bleich zu werden begann. Er redete weiter und verschimpfte nach Herzenslust seine beiden andern Geschwister, die so erzknauserig seien und ihn so ewig unverantwortlich um seinen Erbteil verkürzt hätten. Und nun erhob er die Stimme, daß es gar vernehmlich in den herrlichen Nachmittag hineintönte: »Und nun siehst du, Bruderherz, jetzt will ich's dir sagen, damit du siehst, wie ich trotz allem an dir hange, und da haben also der Hänsel, unser Lange, und die Brigitt, ich habe es mit eigenen Ohren gehört, abgemacht, sie wollen dir das Schlooapelluneli aus der Molkerei zuhalten, bevor du eine andere nähmest. Und alsdann haben sie's ja auch mit Glimpf, he, man muß sie die Schliche nicht lernen«, er kicherte heiser in sich hinein, »auch einzurichten gewußt, daß du mit der umtunlichen, aber unfruchtbaren Witfrau eines schönen Sonntags zusammengekommen bist. Und heja, mein lieber Bruder, du bist ihnen ja auf den Leim gegangen.« »Hat es denn das Apelluneli gewußt«, fragte jetzt dumpf, aber anscheinend ruhig, der Bauer, »daß ihr sie mit mir verheiraten wollt?« »Heja, freilich«, gab der Chemifeger fast fröhlich zurück, »wie sollte solch eine Feine das nicht gemerkt haben! He, 's ist auch gewiß kein Verbrechen oder 290 auch nur eine läßliche Sünde für ein immerhin unvermögliches Witfrauchen, wenn es sich dazu verstehen läßt, einen Hofbauern deiner Art, einen Gaukönig, zu heiraten, oder?« »Das nicht, das nicht«, machte jetzt der andere schwer schnaufend, fast stöhnend. Aber unversehens hielt er sein Gefährt an, und den Ludi an der Gurgel packend, brüllte er ihn an: »Sag aber, red, du dreckiger Hund, du Mistloch, habt ihr's dem Apelluneli auch gesagt, daß es mich darum heiraten müsse, damit ich eine Frau habe, die keine Kinder bekommt, auf daß ich ohne Nachkommen bleibe. Red, red, du gekotzte Pastete, oder ich bringe dich um!« »Nein, nein, sakrament doch auch, so dumm sind wir nicht gewesen«, stieß der andere, mehr wütend als erschrocken heraus, aus einer Enttäuschung erwachend, als nun des Bruders harte Griffe sich von seinem Hals lösten, »aber, du Narr, dieses Schlooapelluneli wird es etwa wohl gemerkt haben. Wie sollte eine solch gewixte, rasche Eidechse . . .« Er konnte nicht weiterreden. Der Bauer packte ihn aufs neue an und dasmal rundum. Ein gewaltiger Lupf und da lag der Chemifeger schon im Straßengraben und streckte alle Viere von sich, während das Gatterwägelein davonrumpelte. Jedoch noch unerwartet bald richtete sich der Ludi im Graben halbwegs auf und, dem rasch 291 davonrollenden Wagen aus roten Augen nachglotzend, redete er vor sich hin: »Schau, schau, wie er drauflossprengt, der Große! Da hat wohl ihn oder sein Roß oder alle beide eine Hornisse gestochen, und es möchte wohl sein, daß ihr Stich in ihm zu schwären beginnt und aufschwillt, und daß es ihn noch rechtschaffen plagt. Heja wohl, das mag alles sein. Ich hätte mich aber doch zweimal besinnen sollen, bevor ich ihm das von der leerbleibenden Wiege zu wissen getan habe, denn er hat's gleich heraus gehabt, daß ich auch im Handel war. Da hat mir der Teufel einen rechten Possen gespielt, o, ich dummer Süffel! Und nun kann ich künftig den Brunnenstock auf Rain anpumpen. Immerhin, der Große ist ja ein gutmütiger Tschampp, aber wie heißt's: Ein Frost geht weiter herum als ein Hagelschauer. Und das könnte am End doch zu einem Frost für mich ausarten. He, und wenn's der Hänsel und die Dicke in der Wydlen merken, daß ich geplaudert habe, drehen sie mir meinen roten Apfel bis in die Wurzel im großen Zehen drunten zum Kragen heraus. Herr Chemifeger, wahrer Famulus des seligen Paracelsi Theophrasti Bombasti«, rief er laut aus, »da habt Ihr jetzt ein böses Tränklein zusammengebraut, für andere, jawohl, aber heja, für Euch nicht minder. O, ich dummes Luder!« 292 VII. Die Fahrt nach Hergisau zum ewigen Jahrzeitgedächtnis war dasmal dem Bauer Hansbaschi Hochrütiner auf Rain nicht gut bekommen. Sonst hatte er sich immer auf diesen Tag gefreut, an dem man in frommem Gedenken an die jahrzeitstiftende Ahne und an die Ahnen überhaupt in dem traulichen Kirchlein des ländlichen Dorfes verwandtschaftlich sich zusammenfand und nach dem Seelenamt im alten Gasthaus zur »Roten Traube« für eine Stunde herzliche Gemeinschaft, Rückschau und Umschau hielt. Das war freilich mehr in seinen Knabenjahren gewesen, denn damals nahm man auch die Jugend zu diesem Trauergedächtnis mit, das nach der Kirche zu einem bescheidenen Freudenfestchen im Alltag wurde. Man mußte dann nicht zur Schule und konnte sich mit landesbräuchlichen Kräpflein und Eieröhrchen nach bestem Vermögen vollstopfen. Später, als der Hänsel und die Brigitt groß geworden und zu einem eigenen Hausstand gekommen waren, ließ man die Jungen zu Hause, um, wie der Langhänsel sagte, die Trauerjahrzeit nicht in eine übermütige Kirchweih ausarten zu lassen. 293 In Wirklichkeit war es ihm darum zu tun, die Kosten der Ürte, die er auch mittragen mußte, möglichst einzuschränken. Es war also nach und nach auf dieser Jahrzeit immer ruhiger, aber auch frostiger geworden. Die Geschwister rückten innerlich völlig von einander ab und nur Hansbaschi, der Bauer auf Rain, war dann redlich bemüht, die Verwandten einigermaßen auch freundschaftlich zusammenzuhalten, denn von geschwisterlicher Herzlichkeit war längst keine Spur mehr zu finden. Es ging aber immer noch, man setzte sich nach der Gedächtnismesse in die »Rote Traube« und tat so, als ob man doch wüßte und bedächte, wie nahe man sich verwandt sei. Da aber die Jugend fehlte, war das Liebesmahl dann nur immer eine kurze Komödie, bei der man an allen Ecken und Enden hinter die trostlosen Kulissen sehen konnte. Aber trotzdem war's noch angegangen, denn wenigstens der Ludi hatte mit seinem bodenlosen Leichtsinnn immer wieder ein wenig Unterhaltung in die kurze Zeit des Beisammenseins gebracht, indem er den Bajazzo machte oder eine Reihe seiner beim Gang um die Kundschaft gesammelten mehr oder weniger reinlichen Witze auftischte. Hingegen der letzte Hock in der »Roten Traube« war nun nicht bloß kühl und im übrigen aber wie sonst harmlos verlaufen, wenigstens nicht für den Bauer auf Rain. Tiefbedrückt war er heimgekommen und den ganzen Tag hatte er nur das 294 Notwendigste gesprochen, dafür aber sich mit Arbeiten fast übertan. Seine junge Frau, das Apelluneli, war ganz erschrocken ob seines wunderlichen, so ganz ungewohnten Wesens. Wohl hatte sie ihn in der letzten Zeit immer stiller, ja ernster werden sehen, was sie aber nicht sehr beunruhigte. Sie dachte, das sei etwas Natürliches bei einem alternden und mit soviel Arbeit für Kopf und Arm belasteten Mann. Es sei gewiß so, daß man mit den Jahren immer bedächtiger werde, in sich gehe und mehr und mehr innerhalb lebe, gleich dem Schneck, der sich ja auch, wenn er den Winter merkt, völlig in seine Behausung zurückziehe. Immerhin, nach dieser Jahrzeit zu Hergisau, zu der sie nicht hatte mitgehen können und bei der Kälte, die sie aus dem verwandtschaftlichen äußern Gehaben ganz wohl durchscheinen sah, auch nicht gern gegangen wäre, war ihr Mann merkwürdig still heimgekommen. Er hatte sie so seltsam angesehen, als käme sie ihm zum erstenmal unter die Augen, und alsdann war er den ganzen Tag karglautig und versonnen, fast düster geblieben. Seither wurde es, ja fast von Tag zu Tag, schlimmer. Was mochte wohl auf jener Gedächtnisfeier zu Hergisau an ihn gekommen sein? Aber nein, daran konnte es doch wohl nicht liegen, denn als sie ihn einige Tage nachher fragte, was man denn mit ihm bei jenem Beisammensein in Hergisau gehabt 295 habe, hatte er gezwungen aufgelacht und gesagt, Rotwein, Käse und Brot und noch etwas Knusperiges, Süßes dazu habe man zusammen mit ihm gehabt. Damit mußte sie sich abfinden lassen. Es konnte ja auch wirklich nicht sein, daß der Rainler, ihr sonst so starker Mann, nur so von einem Stündlein Zusammenhocken mit seinen nächsten Verwandten her ein ganz anderer, ein schwermütiger, ja ein kranker Mensch geworden sein sollte. Und doch war's grad als hätte ihn damals eine böse Hornisse gestochen, ihm das Blut verdorben und ins Schwären gebracht. Und als es gar nicht bessern wollte, obwohl sie ihn mit ihrer ganzen Zärtlichkeit und Sorge betreute, und ihn, wie eine Nußschale den werdenden Kern, immer fester umschloß, beunruhigte sie sich nach und nach gewaltig. Sie gab sich mit seinem abweisenden Gebaren nicht mehr zufrieden, sie drängte sich ihm mit ihrer ganzen Liebe auf und beschwor ihn, ihr doch zu sagen, was und wo es ihm fehle. Er magere ja immer mehr ab und fange an, bei all seiner hünenhaften Gestalt, so durchsichtig, schwammig zu werden. Sie wolle ihm ihren grauen, vertrauten Doktor von Hochwil kommen lassen. Der werde ihr schon sagen, wo es ihm fehle. Und dann, wenn man einmal wisse, wo das Übel sitze, werde man ihm schon beikommen und es vertreiben, heilen können. Für das wolle sie dann schon besorgt sein mit Leib und Seele und aus 296 allen ihren Kräften. Aber da hatte sie der Bauer so finster, fast unheimlich angeschaut, daß es sie durchschauerte bis in die Zehen hinunter. »Wenn du mir den Doktor kommen lassest«, hatte er sie angeschnörzt, »so sind wir geschiedene Leute.« Das hatte die junge Frau nochmals still gemacht, ja für kurze Zeit beruhigt. Als es jedoch mit ihrem Mann erst recht nicht bessern wollte, als er nach und nach geradezu dahinzusiechen begann und auch im Betrieb seines großen Hofes immer lässiger, gleichgültiger wurde, bekam sie's mit der Angst. Sie vermutete nun ein schleichendes, ganz böses Leiden in ihm. Und so stand denn eines Tags der graue Hochwiler Doktor doch vor dem Bauer auf Rain mitten in der großen Stube. Da mußte er gute Miene machen, denn er konnte und mochte dem weitbekannten und geschätzten Arzt nicht grob kommen, im eigenen Haus schon gar nicht. Er ließ sich also allseitig untersuchen und ging darnach, ohne aber mit seiner Frau ein Wort zu reden, zu den Stallungen hinüber, aus denen das Bäggen einer hochträchtigen Kuh kam. Und als nun die junge Bäuerin auf Rain, das Apelluneli, sich vom Arzt auf der steinernen Vortreppe verabschiedete und dabei wissen wollte, was es mit ihrem Manne sei und wo sein Übel stecke, sagte er zu ihrem Erstaunen, dem Hansbaschi Hochrütiner fehle körperlich nichts, es scheine bei ihm alles in Ordnung 297 zu sein, dagegen im Gemüt müsse es irgendwie nicht stimmen, denn wenn er sich nicht ganz irre, so sei das an der Verelendung des Gesamtwesens ihres Gatten schuld. Es dürfe auch nicht so weitergehen, sonst könnte der Wurm, der irgendwo an ihm unsichtbar nage, das starke Gebälk, in dem seine Seele hause, doch noch zum Einsturz bringen. Diese Auskunft des alten Arztes, die sie so ganz und gar nicht erwartet hatte, erschreckte und verwunderte die junge Frau aufs höchste. Sie nahm sich heilig vor, an ihren Mann zu kommen und in sein innerstes, so rundum als es der Liebe möglich, hineinzuzünden. Wie konnte es sein, was mochte ihn denn in seinem freilich tiefen, aber sonst so geruhsamen Gemüt plagen, was hatte ihn so selbstquälerisch werden lassen? Sie zersann sich den Kopf, aber nein, sie konnte zu keiner Erkenntnis gelangen. Und als sie ihm nun doch Tag und Nacht anzuliegen, inständig anzuhalten begann, er möchte ihr doch sagen, was ihn plage, denn der Doktor habe ihr zu wissen getan, es müsse ihm irgendwie im Gemüt fehlen, wies er sie meistens barsch, aber etwa auch mit großer Güte, ja Zärtlichkeit ab, über die sie dann erst recht staunen und nachsinnen mußte. Nein, es wollte all ihr Mühen um ihn, ihre Tränen, ihre Liebkosungen nichts bei ihm fruchten. Immer mehr schien er sich zu verschließen, je enger, 298 eindringlicher sie sich an ihn machte. Auch nicht mit einem einzigen Blick ließ er sich ins Herz hineinwundern. Das machte sie völlig mutlos, denn sie sah ihren Mann zerfallen, an den sie sonst hatte emporschauen können, wie zu einem Berg, wie zu jenem Berg, von dem uns Hilfe kommt, wie sie den Pfarrer einst so schön hatte predigen hören und womit er freilich den lieben Gott gemeint hatte. Und nun, als ihr menschliches Mühen um ihn nichts helfen wollte, blickte sie auch zu diesem Berg Gottes auf und bestürmte ihn mit heißen Bitten um Beistand. Sie versprach eine Wallfahrt nach Maria Einsiedlen, wenn es ihrem Manne bessere oder auch nur, wenn es ihr gelinge, ihm ins Herz, in seine Gedanken ganz hineinzusehen. »Ach«, klagte sie dabei, »wie haben doch diese Bauern Panzer um ihr Inneres und sieht doch alles so hirthemdlich aus. Heilige Maria Muttergottes, hilf mir!« Nein, der Bauer auf Rain, der Hansbaschi Hochrütiner, konnte sich seiner Frau, die er ja wohl liebte, mehr als Himmel, Erde, Luft und Meer, nicht offenbaren. Um keinen Preis. Eher hätte er sich zerreißen lassen als daß er ihr aufgezeigt haben würde, was in ihm seit jener Jahrzeitfeier zu Hergisau so gefährlich, so schmerzhaft über alle Begriffe schwärte, was seine Ruhe fraß, wie der Graswurm den blühenden Garten und was ihn noch aushöhlen müsse, wie der Holzwurm den starken Balten. Er hatte ja zu 299 Hergisau in der »Roten Traube« vernommen, worauf er sonst ewig nie gekommen wäre, daß seine lieben, so zartfühlenden Verwandten ihm die kleine Witfrau in der Molkerei nur deshalb so überaus eifrig als Haushälterin zugehalten hatten, damit er sie allenfalls statt einer andern heirate, weil sie wußten, daß er von ihr keine Kinder bekomme, weil sie wußten, daß alsdann ihnen oder ihren Nachkommen der Hof auf Rain zufallen würde. Das aber hätte ihn noch keineswegs untergekriegt oder gar zermürbt. Seine Geschwister hatten ihn ja nach und nach dazu gebracht, daß er von ihnen nichts Gutes, eher Übelwollen erwartete, wenn auch nicht gar so weitgehendes, in sein Eigenleben eindringendes. Das alles hätte er nach zäher Bauernart, die für dergleichen grobkörnige Anwürfe des Lebens ein gutes Mühlwerk ist, das ja auch mit Hagelsteinen fertig werden muß, noch ertragen können. Es war dann aber auf einmal aus dieser Saat der Verwandtschaft der Gedanke herausgewachsen, wie ein nicht auszurottendes Unkraut, seine Frau, das Apelluneli, könnte vielleicht die Absicht seiner Geschwister erkannt, ja gewußt und ihn trotzdem geheiratet haben. Es mochte ja wohl auch sein, daß sie ihn dennoch aus Liebe hatte nehmen wollen, denn bis zu jenem Tag in Hergisau hatte er an ihrer Liebe zu ihm keinen Augenblick gezweifelt, alle Eide hätte er auf die Echtheit und Tiefgründigkeit 300 dieser Liebe abgelegt. Nach und nach aber hatten sich die aufgewühlten Gedanken wie Graswürmer auch an diese Blume gemacht, an die Blume ihrer Liebe, und hatten sie zu zerfressen angefangen. Am End war ja doch alles nur Spiel, das Spiel eines argen, abgefeimten Bauernmädchens aus dem Hochland, auch dessen Liebe. Es hieß ja immer, jene Bauern mit den taubensanften Augen bergaufwärts seien hinterhältig wie Luchse, man solle sich vor ihnen nur in acht nehmen, sonst sei man erwischt. Er hatte das nie glauben können, denn in Handel und Wandel hatten sie sich wohl überaus schlau, doch auch durchs Band weg einem einmal gegebenen Wort treu erwiesen. Aber nun seine Frau, das Apelluneli? Nein, er traute ihr nicht mehr, denn gewiß hatte sie wohl gemerkt, wohin seine Verwandten mit ihr bei der Heirat mit ihm zielten. Und ja, wer weiß, sie hatte ihn genommen, auf daß er in die Dornen säe, auf daß die liebe Verwandtschaft zu Bohlishusen und am Rotenbach ihn verspotten und sich eines Tages warm und weich und für allezeit auf seinem schönen Hof einhäuseln und heimisch machen könne. Nein, er brachte diese Gedanken nicht mehr aus sich heraus, so sehr er sich gegen sie immer wieder gewehrt, so sehr er gestrebt und an sich gearbeitet hatte, sich ihrer zu entledigen, sie zu verdrängen und für immer und ewig unschädlich zu machen. Sie waren und blieben in ihm. Und wenn er in einer Stunde 301 fürchterlichen Wühlens meinte, diese peinigenden Gedanken aus zergrübeltem Herzen, wie aufwachsende Sperber, aus dem Nest genommen, erwürgt und in alle Winde für immer zerstreut zu haben, fühlte er gleich darnach wieder all ihre Krallen im innersten und eine dutzendfältige Brut dazu. Er war alledem gegenüber immer widerstandsloser, ohnmächtiger geworden. So hatte er zu kränkeln begonnen und also kam er allmählich herab und wurde müde, giltmirgleich allem gegenüber; das Leben freute ihn nicht mehr. Wohl lag ihm sein Weib in einem fort am Herzen und immer trostloser, unglücklicher. Er sah es nur zu gut, wie sie sich quälte und wie ihre schönen Augen ihren Goldglanz zu verlieren anfingen, immer dunkler wurden. Das tat ihm trotz all seinem Argwohn gegen sie weh und vermehrte seine Unruhe, sein Leid. Aber nein, er konnte sich ihr nicht offenbaren, denn alsdann müßten sie auseinander. Sie müßte fort vom Hof und er hätte also ihr Leben, ihre Hoffnungen, die sie ja wohl auf den reichen Besitz geführt haben mochten, zerstört. Er würde dadurch noch unglücklicher, falls man noch unglücklicher werden konnte. Sollte sie aber von der Absicht seiner Verwandten nichts gewußt haben, noch wissen, so würde sie von seinen Mitteilungen unausdenkbar schwer getroffen werden und sich grämen, daß er ihr so etwas zutraute, ja nachtrug und ins 302 Blut kommen ließ. Und zu Tod müßte sie sich alsdann kränken, daß sie keine Kinder gebären konnte, da sie, wie er ja immer wieder zu sehen meinte, sich so schon deswegen genug plagte. Eines Tages aber sah der Bauer auf Rain, daß es mit ihm so nicht mehr weitergehen konnte. Er begann, sich immer zerschlagener, apathischer zu fühlen, war zu Zeiten gar bettlägerig, stand zu früh wieder auf und wurde alsdann noch rascher matt und gleichgültig gegen alles was seinen landwirtschaftlichen Großbetrieb anging. Er, der sonst außergewöhnlich kraftvoll dem anspruchsvollen Alltag seines Bauernhofes vorgestanden und nichts außer Augs gelassen hatte. Niemand konnte begreifen, wie das mit ihm unter kurzer Zeit also hatte ändern können. Dabei war der Hansuoli immer grauer, aber auch schwergängiger und übelhöriger geworden, und der Oswald, den der Rainler als Meisterknecht hatte nachrücken lassen wollen, denn der Küher war ein ernsthafter und weitum brauchbarer Mann, hatte doch keinen rechten Mut dazu. Er ließ seine Soldatenmütze immer tiefer herabrutschen, wenn man ihm davon redete und schützte seinen Magen vor, von dem er behauptete, er wäre ihm schon längst zusammengeschmort wie eine Dürrbirne, wenn ihn die Köchin Kresenz mit ihren Geheimmitteln nicht so angelegentlich betreuen würde. So beschloß denn der Bauer, einen neuen 303 Meisterknecht anzustellen. Als er das aber seiner Frau sagte, stand das Apelluneli entschieden dagegen auf. Sie behauptete, man dürfe den alten Hansuoli ganz gut noch ein Jahr, auch zwei, schalten und walten lassen und alsdann sagte sie, sie selber gedenke sich inskünftig im ganzen Betrieb, auch im landwirtschaftlichen, mehr als bisher anzunehmen. Sie habe ja sowieso nirgends Ruhe. Und als ihr Mann einwandte, daß sie das zu sehr anstrengen werde, sie habe schon jetzt genug zu schaffen, entgegnete sie, das sei eben grad, was sie sich gewünscht habe, daß sie mehr draußen ins Grüne und an die Luft komme. Es werde ihr gut tun und sie hoffe, dabei auch ihm etwas, ja allerlei abnehmen zu können. Das rührte den Bauer, und er konnte nicht an sich halten, als er seine kleine Frau so aufrecht, so tapfer vor sich stehen sah, bereit, sich seinem Heimwesen ganz zu opfern und ihm womöglich alles Schwere abzunehmen, er mußte sie umarmen. Und er umarmte sie mit aller Inbrunst einer heißen Liebe. Da hing sie sich aufschluchzend an seinen Hals und beschwor ihn, ihr doch um Gott und aller Heiligen willen endlich einmal zu sagen, was ihn so schrecklich plage und ihn so ganz herunterbringe und sie am End mit ihm. Aber er drängte sie wieder, erst sänftiglich, und als es nicht helfen wollte rasch und unwiderstehlich von sich ab und sagte: »Ich will also den Hansuoli 304 noch ein Jahr behalten, jedoch keinen Augenblick länger. Auch er muß seine Rast auf die alten Tage haben. Du aber darfst mir keinen Spließen und kein Kernlein auf dem Hof mehr anlangen als bisher, Frau. Du übertust dich so schon und«, er sagte es mit mutloser Stimme, »siehst auch immer weniger gut, herbstnebliger aus. Es ist wohl wahr, du solltest künftig mehr an die Luft, aber spaziersweise, und in den Garten, dem du ja so viel angetan hast, und zu den Bienen, die es mit dir so gut können und die uns, wie nie zuvor, die Honighafen anfüllen.« Da hatte sie sich nochmals innig an ihn geschmiegt: »Hansbaschi, liebster, bester Hansbaschi, sag mir's, bei deiner seligen Mutter Augen sag's mir, was ist's, daß du so drunten bist, was ist's, daß du dich«, sie umhalste ihn weinend, »von mir immer weiter wegschleichst und dich so einsam machst? Red, sag's! Ist's«, und nun wurde sie leise wie ein Läublein im abendlichen Tauwind, »ist's etwa, weil wir keine Kinder bekommen?« Jetzt wurde es in ihm wie eine mächtige Feuersbrunst. Es wollte hinausschießen, zu Augen und Mund wollte es hinausflammen wie zu den Fenstern eines vom Blitz getroffenen Hauses. Er meinte aufschreien und ihr seinen Jammer wie eine Feuergarbe ins Gesicht schleudern zu müssen. Fast wütend krampfte er sie an sich und stöhnte: »Apelluneli, o Frau . . .« Aber jählings brach er ab, und sein Antlitz wurde 305 dunkel, tief dunkel wie die Nacht nach einem Wetterleuchten. O nein, in Ewigkeit nicht, er konnte, er durfte es ihr nicht sagen, lieber sterben. Er drängte die in höchster Aufregung und Spannung zu ihm aufblickende Frau von sich ab, und nun sprach er mit seiner nun immer so müden Stimme, die aber jetzt etwas so Geheimnisträchtiges hatte: »Frau, tu doch nicht so einfältig, töricht! Laß mich nur meiner Wege gehen. Sei getrost, es wird mit mir schon wieder besser, es kann wohl sein. Ich hab's dir schon oft gesagt«, und nun wurde er fast heftig, »und ich sag's dir, Frau, komm mir nicht noch einmal so, laß mich in Ruhe, es fehlt mir weiter nichts, und wenn wir keine Kinder bekommen«, jetzt aber wurde er leiser und schaute von ihr weg, »so wird das eben in den Sternen geschrieben stehen, wie man so sagt, oder sonstwo.« Mit einem merkwürdigen, fast häßlichen Zug um den Mund sagte er das. »Also sei mir nur ruhig! Und damit du siehst, daß ich es auch für diesen Fall, wenn keine bluteigenen Nachfahren auf den Hof kommen, doch auch mit anderer Leute Kindern recht meine und nicht dünkelhaft denke, wir seien allein auf der Welt und hätten als wohlhabende Großbauern nur unserm Brauch und Bauch zu leben, will ich nun auf dem Raingütsch da oben ein Ferienheim für ältere Dienstboten bauen lassen. Sie sind ja auch einmal Kinder gewesen, und viele davon bleiben es zeitlebens, und 306 alle werden es eben wieder, wenn's ins ewige Vaterhaus heimgeht. He, nicht wahr, ich habe dir ja von dieser meiner Absicht auch schon gesprochen, und du weißt, daß ich damit dem Hof nicht viel wegnehme. Ich hätte es auch getan, wenn eigene Kinder dagewesen wären. Nun habe ich ja dieses Ferienheim für alternde Dienstleute bei den Gemeinderäten von Bohlishusen, Hergisau, Ruslangen und Hochwil und der Enden angeregt, und man ist, wenn auch nicht mit tausend Freuden, drauf eingetreten, als ich ihnen versprach, den Bauplatz samt einem schönen Rundum Mattland und einem Bestand alter Bäume unentgeltlich für den Fall der Erbauung eines solchen Ferienheimes abzutreten. Vielleicht haben sie dabei auch erwogen, daß ihnen ihre bewährten Dienstboten nach wohlbekömmlichen Ferien auch haltbarer werden. Kurz, man ist mit meinem Plan einverstanden. Es handelt sich ja um keinen Palast, aber um ein ansehnliches Gebäude und um eine wohltätige Einrichtung für tüchtige Menschen, die uns Bauern und Dörflern ein Leben lang Knecht und Magd in Treue machen müssen. Was sagst du, Frau, reut dich etwa der Raingütsch und der Fetzen Wald dahinter nicht doch?« Er schaute ihr bis in ihr Innerstes hinein. Aber nein; sie sah ihn lieb und warm an, ach so warm. Es wurde ihm wohl wie in einer Föhnwelle im Winter. Sie freue sich dieses Ferienheimes für 307 die Dienstboten, sagte sie, und sie gedenke dem Heim Vorschub zu leisten, soviel ihr etwa zustehe. Man könne ja dann, wenn's ihm recht sei, an dieses Ferienheim auch die Milch billiger abgeben. Am meisten aber freue sie sich bei alledem seines guten Herzens. Sie sei überglücklich im Gedanken, daß sie auf seinen großen Hof habe kommen können, wo sie ihm nun gar helfen dürfe, so etwas Gutes zu tun. Der Hof auf Rain werde dadurch, auch dafür gedenke sie vorzusorgen und sich einzusetzen, keineswegs zu Schaden kommen. Nach einem ziemlich mißtrauischen, im Tiefen suchenden Blick war der Bauer davongegangen und hatte im Abgang mit spöttischen, fast lachenden Augen gemurmelt: »Das kann jetzt auf unserm Raingütsch oben über dem Hotel ›Alpenblick‹ zu Gerisbüel und dem Restaurant ›Alpenblicker‹ zu Hochwil doch noch der ›Alpenblickester‹ werden, wie der Ludi gemeint hat, dieses Ferienheim.« Seine Frau aber hatte ihm trostlos nachgeschaut und fast mutlos die Hände gerungen, als er in der Scheune verschwunden war. Ach, wenn's doch Gottes Wille wäre, dachte sie, daß ich ihm helfen könnte! Was mag ihm denn nur fehlen? Es ist fürchterlich, und wer kann's fassen, was diese Bauern für Köpfe haben können. Lieber, lieber Hansbaschi, wenn ich doch das Scheiblein zu finden vermöchte, das in dein Herz geht; denn in den Augen kann's unmöglich sein. Ich bin 308 ja tagaus, tagein davorgestanden und habe hineingesperbert. Wenn uns der liebe Gott doch nur ein Kind schenken täte; das, meine ich, müßte ihn doch ein wenig aufrichten. Ach, wenn ich nur wüßte, wo's dem lieben, guten Mann fehlt! Er wird mir fast von Woche zu Woche älter aussehend, und ich habe so Angst um ihn, so Angst. Heilige Mutter Gottes, heilige Mutter St. Anna und all ihr lieben Heiligen und Märtyrer und all ihr armen Seelen, bittet für uns!«   »Also das ist nun dieser Große, dieser Hansbaschi«, sagte der Langhänsel in seinem billigen Laden zur Holzhändlerin, seiner Schwester, die eben zwei Sensen samt Wetzsteinen und Steinfäßchen bei ihm eingekauft hatte, »geht er nicht und tritt den Narren, diesen Torenbuben, die auf dem Raingütsch ein Ferienhaus für alternde Knechte und Mägde errichten wollen, den Boden umsonst ab, ohne einen roten Rappen, Brigitt, und einen Fetzen schlagreifes Holz dazu auch noch. Alles um ein leeres Vergelt's Gott, Brigitt. Ich habe ja schon länger etwas munkeln hören von diesem Ferienheim und von der Absicht unseres Großen; aber ich hab's natürlich nicht geglaubt. So etwas kann doch unsereiner, selbst wenn er noch an den St. Klaus und das Weihnachtskindlein glauben sollte, nie und nimmer für wahr halten, oder nicht? Auch habe ich den Hansbaschi denn doch nicht für so dumm gehalten, 309 daß er das Geld, ja das Geld, unser Geld und Gut sozusagen, einfach für so eine unnütze Anstalt, für eine Faulenzerbude, Brigitt, wegwirft! Die werden sich zu Bohlishusen, Hergisau, Ruslangen und der Enden ins Fäustchen lachen. Ich weiß nicht, was dem Großen in den Sinn gekommen ist, daß er sich von unseres Vaters Heimwesen ein ansehnliches Stück Boden, wenn auch den rainigsten, unergiebigsten allerdings, und aber gar noch Holz, Schwester Holzhändlerin, eine ganze Reihe Trämelholz, hat abschwatzen lassen. Nein, da komme ich nicht nach; so was ist doch, beim Eid, nicht unsere Art.« »He«, machte trocken die Holzhändlerin, »ein wenig kann ich's schon verstehen, wenn auch freilich nicht so ganz. Ich nehme aber an, der Große werde nun auf einmal so freigebig, weil er keine Kinder bekommt und sehen muß, daß er nur für seine Verwandtschaft auf Rain haust und schafft. Das, meine ich, macht ihn jetzt so gemeinnützig.« »Ja, sackerlot, daß mir das nicht eingefallen ist«, eiferte der andere; »ja, beim Strahl, das mag sein. So hat er also deswegen angefangen, die Sache, unsere Sache, Brigitt, wenn man's recht betrachtet, zu vertun. Ah, ah, ah! Dem Ludi möchte ich's schon noch gönnen, dem kaiben Lump. Wir würden ihn ja sowieso bei der Erbteilung mit einem Trinkgeld abfertigen; denn ein Trinkgeld würde es bei dem auch dann noch, wenn er 310 eine Torfzaine Gold ebenvoll bekäme. Aber daß der Große unser Gut so schmälert, das kann ich nicht verputzen. Ist doch wohl ein dummer Zottel. Ja, was kann man da machen? Man wird der Sache den Gang lassen müssen. Es ist ja, scheint es, schon die Landabtretung gekanzleiet, und das Ferienhaus wird demnächst gebaut. Nun aber heißt's aufgepaßt, daß uns der Herr Bruder auf Rain keine weitern Streiche und Striche durch die Rechnung macht, sonst, heja, weiß ich schon, was wir zu tun haben. Weißt du was, Brigitt, bevogten lassen wir den Großen.« Die Holzhändlerin war ja auch nicht zufrieden mit ihres Bruders, des Rainlers, Vorgehen, ja, sie war erzürnt darüber. Was brauchte der Großhans von ihrer Väter Land zu verschenken und gar sich ein Ferienhaus voll mehr oder weniger abgewerkten Dienstenvolks auf den Raingütsch stellen zu lassen. Hingegen so in die Sätze, wie ihren Bruder, den Langhänsel, brachte sie das doch nicht. Sie begriff dessen heilige Entrüstung zwar sehr wohl; denn der Große hatte ihm den Gütsch, den er selber zu gern für die Erbauung eines Kurhauses gehabt hätte, ja, auf den er für seine Töchter sicher und heilig rechnete, so unersinnet vor der Nase weg verschenkt. Das war's eben, was den mehr als genauen, immer, wie die Krähen im Winter, nach einem guten Bissen rundumspähenden Hänsel so scharf gemacht hatte. Darin aber waren sie 311 beide einig, daß es ein unbeschlafener Streich, eine Dummheit, ja eine Ungerechtigkeit ihnen gegenüber von Hansbaschi gewesen sei, von ihres Vaters Gut den so froh und schön in die Welt hinausschauenden Raingütsch mit all seinen Möglichkeiten wegzugeben. »Am End«, meinte der Langhänsel, »hat uns der Große das zuleid tun wollen, weil er als ein Grübler erster Qualität vielleicht doch herausgemerkt hat, daß wir uns freuen, daß der Storch nicht auf seinem Dache nisten will.« »Nein, das glaube ich nicht«, antwortete die Schwester, »daran denkt der Hansbaschi nicht, dazu ist er viel zu vertrauensselig. Freilich wird's ihn genug plagen, daß er auf seinen großen Hof keine Nachkommenschaft in Aussicht hat, und heja«, sie ließ über ihr glattes, hartes Gesicht einen Augenblick aufheitern, »was wir ja am besten wissen können, auch sicher keine bekommt; aber das nun uns anzukreiden, fällt dem Großen nicht im Traume ein. Wohl, warum nicht gar. Er kann ja nicht wissen, daß wir's wissen und was wir hiefür zusammengewerkt haben. Übrigens gefällt mir der Bruder auf Rain schon lange nicht mehr. Er ist nicht mehr der bäumige, kernhafte Mann wie vordem. Irgend etwas ist in ihm los. Er kränkelt. Und letzthin, als ich ihn bei einer Holzgant angetroffen habe, bin ich doch schier erschrocken, so übel hat er ausgesehen; um zehn Jahre ist er mir älter 312 vorgekommen seit dem letzten Frühling auf der Jahrzeit zu Hergisau.« »Ja, das ist mir mit ihm auch so ergangen«, stimmte der Langhänsel bei. »Er hat sich so verstellt und ist plumper, so auf eine Art schwammig geworden. Wie ein windschiefer Torfschopf ist er am vergangenen Viehmarkt vor der Stadt draußen auf der Allmend gestanden, und dazu hat er die ganze Zeit nur so vor sich hingestaunt, als ob er einen Meineid verwerken müsse. Etwas ist nicht in Ordnung mit ihm. Immerhin, zu meinen gibt's da einstweilen noch nicht viel. Wir Hochrütiner sind zähes Holz, und der Hansbaschi ist der Erstgeborene.« »Heja, und wir wünschen ihm ja auch alles Gute«, sagte kurz die Holzhändlerin; »er hat's notwendig, daß er gesund und werktätig bleibt. Sein Hof ist groß, und wenn er auch ein tüchtiges Weiblein an der Hand hat, und das hat er, so kann es ein solches Bauerngut ohne einen rechten Meister doch nicht machen. Zudem hat mir die Putzerin Theres gesagt, die ja jetzt für immer auf Rain ist, es wolle sie bedünken, seit der Bauer kränkle und zusammengehe, sei's auch mit dem Apelluneli nicht so ganz mehr im Blei. Es fange so merkwürdig die Farbe zu verlieren an, auch sei sie nicht mehr so völlig umtunlich wie einst, obwohl sie das nicht merken lassen möchte und drauflosgewerbe wie immer. Jedenfalls mache man im schönen 313 Hinterstübchen schon lange keine Musik mehr. Sogar der Melker Wysel getraue sich nicht mehr recht wie sonst, Sonntags und etwa abends seine Handorgel tanzaufspielen zu lassen. Man könne es ja freilich schon begreifen, daß es dem Frauchen zusetze, den Mann so abgehend werden zu sehen, ohne dabei zu wissen, und das sei das Verwunderliche, wo's ihm eigentlich fehle. »Also, Bruder«, machte die Holzhändlerin, »adieu! Der Hansbaschi ist da bei dieser Schenkung des obern Raingütsches ein dummer Hagel gewesen; aber das täte mich nicht zu sehr plagen. Der Gütsch, von dem zudem nur so die Kappe weg ist, ist nicht alles. Es hat auf Rain noch Welt und Weite genug. Wir brauchen deswegen mit unserer Nachkommenschaft auch nicht auf die Bäume zu klettern wie zu Noahs Zeiten; wir können, wenn's uns wohl will – und es will uns wohl, da hab ich keinen Kummer –, alleweil wieder festen Stand gewinnen.« »Ja, ja«, gab der andere mißmutig, die Schwester zur Ladentüre begleitend, zurück, »aber es wurmt mich doch, ja es ist zum Verwilden, diesen Raingütsch so verschenken zu sehen, den Gütsch, den ich doch sicher und heilig für . . .« Er brach ab, es schien ihm etwas einzufallen. »Also, lebwohl und komm gut heimzu. O, dieser dumme Hansbaschi, so unsere Sache zu verwirtschaften!« Nein, die Leute im Dorf Bohlishusen unten und 314 allüberall im Land waren völlig anderer Ansicht über die Schenkung des Bodens für ein Ferienhaus als die Geschwister des Rainlers, von denen es der Chemifeger am leichtesten nahm. Sie freuten sich und lobten den Hansbaschi Hochrütiner so viel sie konnten. Es wunderte sie und tat ihnen wohl, daß ein Nachkomme der gar haushälterischen Herrenbauern auf Rain, ein Bruder des geizigen Langhänsels und der fast ebenso rappenspalterischen Holzhändlerin Brigitt Anderbalm, sich so gemeinnützig zeigte. Man konnte das fast nicht fassen. Und als nun das Ferienheim für Dienstboten eines Tages wirklich auf dem Raingütsch stand und weit in die Lande bis auf den See und die nahen Alpen hinschaute, konnte es sich die Bohlishuser Feldmusik nicht versagen, dem Hansbaschi Hochrütiner auf seinem Hof, unter Anteilnahme der Bevölkerung des Dorfes und besonders aller Dienenden, ein Abendständchen zu bringen und ihm so zu bezeugen, wie sehr man seine Wohltätigkeit zu schätzen wisse. Als der Bauer auf Rain aber einige Zeit darnach einer Abordnung Arbeiter der Baumwollenfabrik vor dem Dorf Bohlishusen versprach, er wolle ihr Ansuchen um ein Stück Land für billige Kleinbauten bedenken und er sei nicht abgeneigt, ihrem Wunsche nachzukommen, stand den Leuten der Verstand schier still. Sie konnten es einfach nicht glauben, daß ein Bauer, wenn's nicht grad ein Bußgelübde zugunsten 315 einer Kirche anging, so freigebig zu werden vermöchte, sich von seinem Heimwesen einen doch ziemlich umfänglichen Strich Landes gutwillig und gar spottbillig dazu abtrennen zu lassen. Was fiel denn diesem Hansbaschi Hochrütiner ein? Wie kam er dazu, etwas so Ganzungewohntes zu tun? Er, sonst in allem ein Bauer von altem Schlag, sollte nun hierin ein völlig anderer sein als seine bäuerlichen Landsgenossen, die jeden Schuh Boden, den sie etwa für eine Straße an die Gemeinde abgeben mußten, mit Gold überlegt haben wollten, denen in solchen Fällen jede Erdscholle ihres Grund und Bodens so kostbar wird, daß es scheint, sie ständen am liebsten, wie ein Reiher auf einem Bein, zeitlebens drauf. Nein, man verstand diesen Rainler nicht. Er hatte wohl ganz besondere Gründe, mit seinem Land, wovon er ja allerdings ein kleines Fürstentum zu eigen hatte, so freigebig, oder wie die nachbarlichen Bauern dachten, so leichtsinnig großtuerisch umzugehen. Man machte sich aber auch unter den andern Leuten, besonders unten im Bohlishuser Dorf, Gedanken über die Beweggründe der Spenderfreude des Bauers auf Rain. Also kamen viele dazu, daß sie sagten, der Hansbaschi habe eben keine Kinder und allem Anschein nach bekomme er auch keine, wie ja seine Verwandten immer sagen. So werde er's mit seinem Hab und Gut eben nicht mehr so genau nehmen, und man könne das ja auch 316 verstehen. Er müßte ja närrisch sein, wenn er für die lachenden Erben, den wohlhabenden Krämer und Geschäftleinmacher Langhänsel zum billigen Laden und die hoffärtige Schwester Holzhändlerin in der Wydlen, einfach den Meisterknecht auf Rain machen würde. Jedoch es mochte am Ende nur so eine Ausrede vom Bauer sein, als er zu den Arbeitern sagte, er wolle sich ihr Ansuchen überlegen. Wenn's drauf und dran kommt, dachten die Leute, besinnt er sich doch anders, denn Erben hin, Erben her, das weiß man ja im ganzen Land: ein Bauer hat nie zuviel Boden, sobald er davon etwas abgeben soll. Wie war man aber weitherum, besonders die Dörfler, freudig überrascht, als es hieß, der Rainler habe nicht nur einen ansehnlichen Umschwung Boden von seinem Gut an die Arbeitergenossenschaft von Bohlishusen für die vorgesehenen Kleinbauten abgetreten, er habe ihn auch ganz und gar geschenkt. Das war weit mehr als man erwartet hatte. Es handelte sich ja freilich um sauren Boden, den die Arbeiter bekommen hatten, um fast den dritten Teil des großen Riedes, das sich um den ansehnlichen Weiher, das Rainseelein, und gegen das Dorf hinzog. Aber der Bauer hatte der Genossenschaft die Entwässerung des überladenen Grundstückes auf seine Kosten zugesagt, so daß die Fabrikarbeiter bis in ein paar Jahren auf einem annehmbaren Grund sitzen 317 und in ihren kleinen Gärten alle möglichen Gemüse und Zwergobstbäume ziehen könnten. Wie freute die Werkleute der Baumwollenfabrik diese vornehme, große Schenkung! O, da hatte man nun endlich das heimlich von Kindsbeinen an ersehnte Eigenheim in Aussicht. Man kommt sogar zu einem Garten. Und wenn das alles auch klein sein wird, so kann man sich dann immerhin in seinem Eigenen so recht zu Hause, auf seinem Stuhl oben am Tisch König, Zaunkönig ja, aber doch König fühlen. Man wird endlich am Feierabend einen Schritt vors Haus tun können, ohne gleich auf anderer Leute Boden und ihnen sozusagen überall auf die Hühneraugen zu treten. Die Arbeitergenossenschaft schickte nun ihre Abordnung wieder auf Rain, aber dasmal mit einer Dankesurkunde, die eines ihrer Mitglieder, das gut zeichnen konnte, gemacht hatte. Sie zeigte ob den gedruckten Dankesworten den hl. Martin, wie er seinen Rock mit dem Schwert teilt und die eine Hälfte einem halbnackten Armen am Weg schenkt. Auch die Dorfleute zu Bohlishusen, vorab die Handwerksleute, hatten ihre Freude an der schönen Vergabung, denn nun gab's wieder zu bauen und alles konnte dabei etwas verdienen, sogar der Langhänsel, der ja in seinem Laden auch Eisenbeschläge für Fenster und Türen feil hielt. Selbst die Holzhändlerin vom Rotenbach, als die Schwester des Bauers auf Rain, 318 wird gewiß der Genossenschaft Bauholz liefern können. Hingegen der Langhänsel Hochrütiner und seine Schwester Brigitt in der Wydlen waren über diese Belieferungs- und Verdienstmöglichkeiten anläßlich des Baues der Genossenschaftshäuschen keineswegs entzückt. Ganz im Gegenteil regte diese zweite Schenkung Bruder und Schwester, ja selbst den Ludi Hochrütiner, also auf, daß sie sich in ihrem ersten Zorn nicht zu lassen und zu fassen wußten. Sie schimpften und wetterten über den himmeltraurigen Verschwender auf Rain drauflos, daß es von allen Ecken und Enden der Dorfschaften Bohlishusen, Hergisau, Ruslangen, Hochwil und noch weitherum, bis in die Stadt am Bergsee hinein Echo gab. Der Langhänsel wieherte und tat geradezu vor Empörung wie ein Roß, dem man den Haber vor dem Maul wegnimmt, und die Holzhändlerin Brigitt, die sich sonst wohl besann, bis sie ein Wort zu reden gedachte, und die es dann meistens erst recht für sich behielt, gab dem Bruder Hansbaschi Titel, die in einem Narrenhaus, selbst in einem Zuchthaus Aufsehen erregt hätten. Am schlechtesten kam die junge Frau auf Rain, dieses Schloomaitli, dieses armselige Täschlein, wie sie so sagte, weg, denn sie war es ja sicher und heilig, die den Großen, diesen gutmütigen Laffen, zu dergleichen Narreteien verleitete. »Dieses 319 Flünklein will eben die Großartige, die gute Frau spielen«, schimpfte sie, »indem sie das Hab und Gut vertut und vergeudet, das ihr ja gar nicht gehört, in das sie nur durch die Gnade der Verwandten ihres Hansbaschis hat hineinsitzen können.« Dabei ärgerten sich Bruder und Schwester blutig, daß ihre Töchter und Söhne an ihrer haushohen Entrüstung so gar keinen Anteil nehmen wollten, daß sie sogar fanden, ihr Oheim und die kleine, nette, immer so freundliche Base auf Rain haben recht gehandelt. Der Vetter habe ein gutes Werk getan, sowohl am Ferienheim auf dem Raingütsch als auch mit der Landvergabung an die Fabrikler, und es wäre gut, wenn sich andere Leute ein Beispiel an ihm nehmen würden, hatten sie ihnen ins Gesicht zu sagen gewagt. Der Langhänsel hatte seinem Roseli eine Ohrfeige gegeben, als es ihm das sagte, und die Holzhändlerin nannte ihren altern Sohn Ferdi, den Rekruten, der ihr anempfahl, auf einen solchen Bruder stolz zu sein, einen Torenbuben, der nicht zu wissen scheine, daß man Boden notwendig habe und viel Boden, wenn man drauf Brot und aber auch die Butter dazu machen wolle. Auch sagte sie zu ihm, daß nichts in der Welt einem so ein Hochgefühl und so rundum Ellbogenweite gebe, wie ein großer Bauernhof. Ihr wäre kein Hof zu groß, selbst wenn er über alle Berge hinaus und bis ans Meer ginge. Nur der Alex hörte 320 einigermaßen auf seiner Mutter Klagelieder, wenn er an deren Ton auch keinen Gefallen fand. Sie ereiferte sich eben doch um das Land, das, und zwar zum zweitenmal, vom Hof wegkam, den sie für ihn vorgesehen hatte und der ihm auch wohl nach des Vetters Tod zukommen wird. Während man aber zu Bohlishusen aus dem Staunen über diesen weißen Raben auf Rain fast nicht herauskam und den Hansbaschi Hochrütiner in den Gemeinderat und Kantonsrat wählen wollte, was er aber rundweg ablehnte, weil ihm hiefür die Zeit mangle, ließen seine Geschwister im ganzen Land das Gerücht umgehen, sie wollen beim Gemeinderat beantragen, daß man ihren Bruder auf Rain wegen Verschwendung bevormunde. Er müsse einen Vogt haben, sagten sie, sonst verwirtschafte und verschenke er noch seine ganze Welt, ihr Vaterheimwesen, zu dem sie doch, da er ja keine direkten Erben zu erwarten habe, auch noch etwas zu sagen hätten. Das sollte nun eine Kanone sein, deren Knall und Widerhall im Land herum den Großen auf Rain erschrecken und von allen künftigen Stiftungen in diesem Ausmaß und wohl auch von andern Torheiten nach der Richtung für immer abhalten würde. Ihr liederlicher Bruder, der Ludi, der mehr um sich wichtig zu machen und sich als Abkömmling des Hofes auf Rain so recht ins Licht zu setzen, über den Bruder 321 schimpfte, war dazu bestimmt, diese Absicht Langhänsels und der Brigitt in der ganzen Gegend bekannt zu machen, also die große Kanone abzubrennen. Sie gaben ihm zu diesem Zwecke, wie er das ausdrückte, die nötige Munition. Eine Handvoll Saufgeld, wie es hingegen seine Geschwister nannten. Damit machte er nun in allen Wirtschaften die Runde, wobei er ja zugleich seine Kundschaft besuchen und also, wie er allerwärts lachend verkündigte, das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden konnte. Da ihm aber des Hansbaschis Schenkerfreude, soweit sie andern zugut kam, im Grunde genommen gleichgültig war und weil er auch in sich eine großartige Spenderlust, aber freilich nur für sich, hatte, wurde er den Absichten seines Bruders und seiner Schwester keineswegs gerecht. In den ersten paar Wirtschaften tat er noch mit einer gewissen Wärme die Botschaft von der allfälligen Bevormundung des Fürsten auf Rain, wie er so sagte, kund, aber allmählich vergaß er ganz, für was er die Runde in den Wirtschaften und Kneipen zu Bohlishusen, zu Hergisau und andernorts machte. Indem er nun seine Handvoll Silber versoff, pries er den Wein seiner Großhandlung an und suchte den gelangweilten, etwa auch angeekelten Wirten allüberall zu erklären, wie sehr ein jedes Weinlein, das er vermittle, ein auserlesener, gottgewollter Tropfen sei und wie diese Weine 322 mit glänzendem Erfolg nicht nur alle nationalen und internationalen Ausstellungen, sondern auch die Analyse der hervorragendsten Chemiker passiert hätten. Im Volk wurde aber die Nachricht, daß seine Geschwister den Hansbaschi Hochrütiner auf Rain zu bevogten gedenken, sehr ungut, ja mit Entrüstung aufgenommen. Man schalt den Langhänsel und die Holzhändlerin in der Wydlen eine habsüchtige Bande, die nie genug bekomme. Es fiel keinem Menschen ein, zu glauben, daß es auch nur von ferne zu einer Bevormundung des Rainlers kommen könnte. Ja, der Präsident des Waisenamtes zu Bohlishusen sagte es offen am Wirtstische, zwischen Kartenmischen und Austrumpfen, der Lange im billigen Laden und die Dicke am Rotenbach sollten ihm nur kommen und von so etwas reden wollen, er werde ihnen dann schon sagen, was des Landes Brauch sei und ihnen den Marsch gehörig machen. Alle Leute aber meinten, es sei doch ewig schade, daß dieser Hansbaschi Hochrütiner keine Nachkommen von seinem eigenen Leben und Blut in Aussicht habe. Es würde sie schon deshalb freuen, wenn er Kinder hätte, weil dann der ewig auf einen guten Schick lauernde Langhänsel und die harthölzige Brigitt Anderbalm in der Wydlen der schönen Erbschaft auf Rain nachsehen müßten. Ein Schalk meinte gar, der Langhänsel, der so schon sein Gesicht, samt borstigem Pinsel, 323 herabhängen lasse wie ein alter Ziegenbock, würde dann vor Ärger auch noch die menschliche Stimme verlieren und nur noch meckern können, und die Dicke in der Wydlen täte einfach versteinern, sodaß man sie an den Weg auf die Allmend als Brunnenstock setzen könnte. Der graue Heizer aber in der Baumwollenspinnerei warf es dem Ludi ins Gesicht, als er ihm begegnete, er solle sich schämen, von einer Bevogtigung seines Bruders auf Rain auch nur ein Wort zu reden. Da sei nun endlich ein Bauer, der andern Leuten auch einen Schuh Boden mehr als nur fürs Grab gönnen möge. Das sei doch, beim Eid, ein Wunder, wenn man bedenke, daß diese Zipfelkappen die Erde sonst ganz allein für sich haben wollten, und zwar bis in den Himmel hinauf und in die Hölle hinunter. Es tue ihnen allweg leid genug, daß sie nicht auch noch in der Luft, ein jeder um die Grenzen seines Gutes, einen Hag machen und so den Luftschiffern den Paß verlegen und einen Durchgangszoll abknöpfen können. So fand denn die Auskündigung einer Bevormundung des Bauers auf Rain nirgends im Land eine willige Aufnahme, auch bei den Bauern nicht. Übrigens glaubte niemand, daß diese Bevogtigung im Ernst gemeint sei. Es kam den Leuten schon in den Sinn, daß man mit diesem Gerücht nur die Geberfreude des Hansbaschi Hochrütiner von Seite 324 der so wenig zutunlichen Geschwister ein wenig einhagen möchte. Der Rainler aber lachte nur müde, mäßig verdrossen auf, als man ihm das angebliche Vorhaben seiner nächsten Verwandten kundgab. Er verstand sie jetzt ganz gut. So sagte er denn zu seinem Altersgenossen, zum Seckelmeister von Bohlishusen, der dem steuerentrichtenden Bauer von dem Gerücht gesprochen hatte, einfach: »Schau, Franz, es freut mich natürlich nicht, daß meine Geschwister im Land herum haben gehen lassen, sie werden mich allenfalls bevogten. Was sie aber damit wollen, weiß ich, und es ist nicht schön, nicht recht von ihnen. Es soll mich jedoch weiter nicht plagen. Auch will ich's den Herren Brüdern und der zärtlichen Schwester am Rotenbach nicht zu sehr verübeln, obwohl ich mir's freilich hinter die Ohren geschrieben habe. Es ist eben, scheint's, ein jeder wie er ist, und mein Bruder Hänsel und meine Schwester am Rotenbach sind gewiß tüchtige Geschäftsleute. Sie halten die Faust fest auf dem Sack und wenn sie selbe doch aufmachen, so ist's zum Hineingreifen in anderer Leute Säcke. Es ist ein scharfes Wort, was ich da rede, und früher wäre ich jedem wüst gekommen, der mir von meinen Allernächsten sowas behauptet hätte. Ich habe ihnen, bei all ihrer Eigensucht, doch noch mehr Herz zugetraut. Heute fallen mir ein wenig, wenn ich an sie denke, Josef und seine Brüder ein und es 325 ist mir dann, man versenkte mich auch am liebsten in einer Grube, aus der ich aber nicht mehr herauskönnte. Sage ich zuviel? Es täte mir leid. Ich kann eben in Hänsel und in der Schwester nur noch kalte Händler sehen. Alles, was nicht Geschäft heißt, zählt bei ihnen nicht. Vom Ludi rede ich überhaupt nicht. Ein Bruder ist ihnen allen dreien wie ein fremder Hund vor der Tür im Winter, aber ja, für die eigenen Katzen in der Stube haben sie noch Ofenwärme in Hülle und Fülle. Also wollen wir sie machen lassen. Gerade gescheit haben sie übrigens nicht daran getan, daß sie ausgaben, sie wollen mir einen Vogt setzen. Obwohl sie sicher drauf rechnen, nach meinem Ableben nochmals auf Rain zum Erbteilen zu kommen, so ist doch auch eine Frau da, und sowieso weiß man nie genau, wo der Vogel am End noch hinfliegt, auch wenn er die Richtung gegen Abend nimmt.« Der Seckelmeister von Bohlishusen, der ja keineswegs das Gelübde ewigen Schweigens abgelegt hatte, erzählte also des Rainlers Antwort beim nächsten Kreuzjaß im Wirtshaus zum »Blauen Falken«. So dauerte es nicht lange, bis auch der Langhänsel und die Witfrau in der Wydlen von diesem kurzen Bescheid Wind bekamen. Der Krämer und Kleinspekulant zum billigen Laden, der sich immerhin warm in der Wolle sitzen fühlte, nahm diese Antwort seines Bruders auf Rain, die etwas rätselhaft tönte, zwar 326 mit vielem Unbehagen auf, aber er sann ihr weiter nicht nach. Bei einigem Nachdenken glaubte er daraus schließen zu dürfen, daß dem Großen ihre Drohung mit einer Bevormundung doch Eindruck gemacht habe und daß er jetzt nur so tue, als ob er nicht viel drauf gebe. »Auf jeden Fall«, sagte er zu Seraphine, seiner Frau, die an seinen Augen hing wie an der Angel, »der Hansbaschi kann jetzt da so tun und den Sorglosen uns gegenüber spielen wie er will, es hat ihn doch getroffen. Er wird sich nun schön hüten, ein drittes Mal von unseres Vaters Heimwesen, das uns ja doch zukommen muß, auch nur nagelsgroß Grund und Boden zu verschenken. Mit seinem Weiblein aus dem Schloo, so gewixt es ist, werden wir schon einig. Wenn wir sie alsdann auch nicht davonschicken können wie die Dirne vom Tanz, wie's einst zu Vaters Zeiten noch Gesetz gewesen wäre und es jetzt leider nicht mehr ist, so muß sie doch ab dem Hof und das Silber, das sie dann davonträgt, soll ihr nicht zu schwer werden. Kurz, ich wünsche dem Großen nichts Böses, aber ich und er müssen es nehmen wie's kommt. Also warten bringt mancherlei im Garten.« Brigitt Anderbalm, die Schwester in der Wydlen aber, der ihr Bruder Ludi, in der Hoffnung auf ein paar Gläschen echten Kirsches vom Rotenbach und auf einen Fünffränkler Weggeld, des Rainlers Antwort auch mitgeteilt hatte, regte sich darüber erst recht 327 nicht auf. Sie war ganz der Ansicht Langhänsels. Auch sie glaubte bestimmt, die Botschaft von der Bevormundung habe den Hansbaschi doch gewarnt, sie werde ihn vorsichtig werden lassen. Der jungen Frau ihres Bruders auf Rain wegen, des Apellunelis, dieses unfruchtbaren Äckerleins wegen, machte sie sich schon gar keine Gedanken. Wohl, die wird froh sein, falls der Große mit Tod abgehen sollte, wenn sie eine schöne Aussteuer und einen Sack voll Bargeld davontragen kann. Sie freute sich sogar des umtunlichen, ankehrigen Weibleins, von dem ein wahrer Segen auf dem Hof auszugehen schien, obwohl nun der ja sonst auch umsichtige und starke Bruder sich der Sache nicht mehr wie früher annahm, wie man hörte. Es wurde wohl nie besser gewirtschaftet auf Rain. War man früher zu knapp, zu eng, ja zu ängstlich gewesen, besonders allem Neuem gegenüber, so hatte sich das auf dem großen Hof schon lange geändert. Es war unglaublich, was nun, wie ihr die Putzerin Theres sagte, allein aus der Hühnerfarm und aus den Gemüseplätzen gezogen wurde. Und dabei handelte es sich ja um Nebensächliches. Auch hatte sie selber gesehen, wie nun das Vieh eine ganz andere Vorstellung machte. Man hatte es einst doch zu sehr vernachlässigt. Jetzt weidete im Herbst immer noch ein Gehüt wohlgeratener, durchgängig braunrassiger Kühe mit Glinglanggleiren auf den Hausmatten des 328 Hofes, und das Rainhaus mit seinem Türmchen schien viel zuversichtlicher und unternehmender über die Landschaft hinwegzusehen als zu Vaters und Großvaters Zeiten. Nein, und jetzt mußte man auch nicht mehr, wie in ihren Kindertagen, befürchten, auf dem Hof in irgendeinem Jaucheloch umzukommen. Also, was auch diese weidliche Frau mit fortnehmen würde, der Hof wird es gar wohl aushalten, denn sie hatte ihn, zusammen mit der Tatkraft ihres Mannes, der ihr so ziemlich in allem zu Willen war, erst recht ertragreich, ja ungeahnt ergiebig zu machen verstanden. Übrigens, sagte sich die Holzhändlerin, will ich dann bei einer allfälligen Teilung auf Rain die Augen schon offen behalten, vor allem dem Hänsel gegenüber, der mir den Hof für meinen Alex wohl so weit als möglich im Preis heraufzuschrauben versuchen wird. Nun, sie fühlte sich auch diesem Bruder, wie jedermann, gewachsen. Wenn's dann halt zur Teilung kommt . . . Nein, an dem war's ja einstweilen doch noch nicht, obwohl es, allem Berichten nach, mit dem Großen immer mehr gesundheitlich abwärts ging. Er kam ja nicht einmal mehr nach Bohlishusen herunter zur Kirche. So scheu sei er geworden, seit er so zusammenzufallen anfange, daß er nach Hergisau zum Gottesdienst gehe. Auch mit seiner Frau, mit dem Apelluneli, soll's nicht in Ordnung sein. Das hatte sie vom Melker Wysel erfahren. Man habe den Doktor kommen 329 lassen, hatte er zu berichten gewußt, denn die Meisterin auf Rain sei bettlägerig und man sehe sie die letzte Zeit nicht mehr viel. Nun, das ließ sich schon verstehen, bei einem so närrisch weichmütigen Feinerlein, wie's dieses Apelluneli, bei all seinem sonstigen energischen Tudichum, innerhalb doch sein mochte. Die kinderlose Frau wird sich eben um ihren Mann, der immer mehr mit Abgang handelt, ängstigen, dachte die Holzhändlerin, wie's ja unsereiner in gleichen Schuhen auch täte. Sie wird halt mit Sorge dran denken, daß sie eines Tages allenfalls vom Hof müsse und wie's ihr darnach wohl ergehen möchte. Ja, ja, das Glöcklein auf Rain kann halt eines Tags, ehe man's denkt, wieder einmal Stimme bekommen. Nein, auf Rain war gewiß nicht mehr alles in Ordnung. Der Bauer Hansbaschi Hochrütiner machte sich immer mehr aus den Leuten heraus; sogar seine Knechte mußten ihn oft mangeln. Er war nun so viel bei seiner Frau, der's offenbar gar nicht gut ging. Man bekam sie weder im Stall, noch im Feld, selten einmal im Garten zu sehen. Und das wollte etwas heißen. Der Hansuoli hatte die liebe Not, seinen Pflichten nachzukommen oder nachzuhinken, denn die Knechte, die ihm, solange er die kleine, festauftretende Meisterin hinter sich hatte, bisher immer wieder zu Willen gewesen waren, fingen nun an, bockig zu werden. Sogar der Küher Oswald tat nicht mehr 330 ganz so zuverlässig wie sonst. Er hockte mehr bei der Kresenz in der Küche als notwendig und erträglich erschien. Dabei redete er sich immer auf seinen Magen heraus, der eben schwächer werde und dem nichts mehr anschlagen wolle, sodaß der Wysel eines Tages unten im Dorf in der Molkerei lachend ausrief: »Es ist auf Rain bald alles übelzeitig und klagmarterisch, Mannsleute und Weiber. Nur ich bin noch fest am Stecken und gut bei Appetit. Ein Roß mit samt seinen Hufeisen möchte ich auffressen!« Immerhin, es ging noch an. Aus dem Geleise, wie nach dem Tod der ersten Frau des Rainlers kam eigentlich nichts. Das Schlooapelluneli hatte Knechte und Mägde eben ganz anders in Gang gebracht. Und das Auffallende war, daß sich die Mägde bald wieder ganz gaben und einstellten, als wäre die Meisterin keinen Augenblick von ihnen weggegangen. Ja, es sah ganz aus, als ob sie noch mehr dran täten als sonst, auch waren sie mit einemmal so still, ja versonnen, was die Knechte hochgradig wunderte. Nur das Saubethli lachte und jauchzte alle Ecken und Enden des Hofes auf Rain aus, wie immer. Auch die Leute zu Bohlishusen, unten im Dorf, beunruhigten sich allmählich bei den bedenklichen Nachrichten, die man vom Rainhof herab bekam. Vom alten Arzt, der jetzt von Hochwil her in seinem Auto zuweilen auf Rain hinauffuhr, vernahm man 331 nichts. Es war gerade, als hätte man ihm droben im Rainhaus ein Schlößlein an den Mund gehängt. Nur einmal, als ihn der Ludi am Weg frug, was denn eigentlich auf Rain los sei, antwortete er, mit dem Bruder sei's gar nicht in Ordnung, er falle immer mehr aus der Hose, und seine kleine Frau aber könnte am End eine Infektion gehabt haben. Diese Auskunft vertrug alsdann der Chemifeger in allen Wirtschaften herum. Dabei sagte er, daß es seinem Bruder, dem Großen, zwar ganz schlecht ergehe, daß jedoch möglicherweise seine Schwägerin, dessen junge Frau, ihm bald nachfolgen müsse, denn wenn eine so eine Infektion, vielleicht von einem giftigen Insekt oder so habe, so sei das grad als hätte sie den Tod als Zimmerherrn ins Haus genommen. Es gehe dann vielleicht schleichend, wie bei einer Schnecke, aber sicher und gewiß dem Grabe zu. Es sei daher mehr als verrückt, was letzthin das Saubethli in der Bärenmetzg erzählt habe, als sie mit dem Karrer Karlima eine Sau ins Dorf hinunter gefuhrwerkt habe. Nämlich, es sei zum Lachen, sagte der Ludi, diese Einfalt von einer Sauhirtin habe erzählt, sie habe vor einiger Zeit mit eigenen Ohren eines Abends, als sie einem verlaufenen Schwein hinterm Rainhaus nachgegangen sei, die Klarinette blasen hören, und zwar in der schönen kleinen Hinterstube. Das sei ihr ganz kurios vorgekommen, da kein Mensch von dort 332 seit langem einen Ton hätte vernehmen können. Wie sie nun überrascht zum erleuchteten Fenster hinaufgeschaut habe, sei sie vor Verwunderung fast über ihre Sau gefallen, denn der Meister sei im Licht gestanden und habe die Klarinette gespielt. Und es sei zum Auseinanderfallen gewesen, denn auf einmal habe er gar zu seinem eigenen Spiel zu tanzen angefangen. Es sei ihr ganz ungeheuerlich vorgekommen, den Bauer so zu sehen, der einem wohl ein Jahr lang keinen Blick mehr habe gönnen mögen. Ja, sie habe sich fast gar geschämt, daß ein sonst so ernsthafter und dazu noch kranker Mann so den Hollediho habe machen können. Sie stehe aber dazu, daß er's gewesen sei und lasse sich das von keinem und keiner ausreden. Niemand wollte dem Saubethli diese Tanzgeschichte glauben, nicht einmal der Melker Wysel. Der Oswald gar, der Kuhhirte kratzte sich während der Erzählung Bethlis unter der blaugrauen Soldatenmütze und sagte, er halte dafür, daß die Saumagd von irgendeinem oder einer besprochen und verhext worden sei. Es habe ihr's einfach jemand angetan, so daß sie jetzt Gespenster sehen könne. Die Leute aber schüttelten die Köpfe und lachten das Bethli weidlich aus. Sie sagten, das könne schon deswegen keine wahre Geschichte sein, weil den Bauer Hansbaschi Hochrütiner noch kein Mensch habe tanzen sehen, nicht einmal 333 auf seinen beiden Hochzeiten, da er eben gar nicht tanzen könne. Es wäre höchstens möglich, daß der Bauer wie toll herumgesprungen sei und sich also aufgeführt habe, weil er von seiner Krankheit her und erst recht über seiner Frauen zunehmende Unpäßlichkeit nach und nach auch noch sich hintersinne und um den Verstand bringe. Es wäre ja gerade kein Wunder. Dieser Ansicht waren nun auch seine Verwandten zu Bohlishusen und am Rotenbach. Der Langhänsel und die Brigitt, die innerhalb keineswegs trostlos, sondern fast wohlauf wurden bei diesem Geschichtlein, taten nun vor den Leuten höchst bekümmert, denn sie hielten dafür, es gebe auf Rain, noch bevor man's eigentlich erwartet hätte, eine große Änderung. Der Langhänsel ging nun immer hängenden Kopfes, wie ein schwermütiger Geißbock, im Dorf herum, und seine Frau Seraphine tat es, auf Wunsch ihres Mannes, allen Kunden, die in den Laden kamen, zu wissen, wie sehr man die traurige Lage der Verwandten auf Rain, ihre so bedenklichen Krankheiten beklage und wie hart es wäre, wenn der liebe, gute Schwager Hansbaschi so früh sterben sollte oder gar noch in ein Irrenhaus versorgt werden müssen, und wie man auch seine Frau, die ja auch immer übelzeitiger werde, bedaure, daß es nicht zum Sagen sei. Niemand aber wollte zu Bohlishusen und der Enden so recht an die heiligscheinige Kümmernis dieser 334 nächsten Verwandten des Bauers auf Rain glauben, nicht einmal deren Kinder. Da nahm man schon eher des Ludis versoffenes Antlitz für echt, das, obwohl es aussah wie ein verwaschenes Bachbett, bei des Saubethlis Geschichte über und über aufheiterte. »Heja«, hatte er dazu gesagt, »es mag wohl sein, daß das Saubethli unsern Großen hat musizieren und tanzen sehen, denn es täte mich nicht einmal wundern, wenn so ein blutjunges Bethli die Grabsteine im Friedhof tanzen sähe. Es mag aber auch wohl sein, daß der Bruder Hansbaschi streckenweise verrückt geworden ist, denn wir sind es ja alle, nur mehr oder weniger.« 335 VIII. Es war einer jener vorsommerlichen Tage der Fronleichnamswoche, von denen man nicht weiß, wie sie endigen, Tage, die voll Verheißung und Drohung sind und denen es aus den tiefen, blauen Augen irgendwie, so hinter den tränenhaltigen Wimpern hervor, wetterleuchtet. Ein Sommertag, an dem die Sonne strahlend, wie nie sonst, ihren Weg macht und keinerlei Schatten mehr gelten lassen will. Aber die Schatten haben sich irgendwie, gleich einem Schlangenkönig, in Wald, Feld und Haus zusammengeknäuelt und es ist etwas in der Luft, irgendein verborgener Blitz, der sie alle wieder mit feuriger Geißel in die Welt, in Haus und Hof und in die sonnigsten Herzen hineinknallen könnte. Allüberall im Land hielt die Sense großen Umgang und die Lerchen und Grasmücken lobpriesen Gott, der ihre Jungen hatte ausschlüpfen lassen, bevor der schreckliche Vernichter Mensch mit dem Blitz in seinen Fäusten, die paradiesische Pracht der Blumen und Halme niederwarf. Auch in der Wydlen am Rotenbach ging die Sense 336 um. Alles war für die Heuernte aufgeboten worden, der schielende Säger und seine Handlanger mußten mit den Knechten ins Heu. Ebenso der ältere Sohn der Holzhändlerin Anderbalm, der Ferdi. So ließ denn all das Volk in der Wydlen die Sense durchs Gras sausen. Es schien den Mähdern eine rechte Freude, an diesem brunnenwasserklaren Morgen das noch frische, farbenschöne Leben, das hochgekommene Gras niederzulegen. Brigitt, die Herrin des Hofes und seiner Holzsäge, stand eben bei ihrem ältesten Sohn, der, den Sempachermarsch summend, mannskräftig mit der Sense ausholend, dahinschritt. Sie hatte den Heuern selber einen Trunk zur Auffrischung bringen wollen und ihr junger Sohn, der Alex, war eben daran, neben ihr das Tragfäßchen zu hälden und für seinen Bruder eine umfängliche Kaffeekachel voll Most einzuschenken, während die Mutter von einem Langbrot ansehnliche Scheiben wegsäbelte, sie darnach mit Käseschnitten belegend. »Kommt jetzt, ihr Mannen«, rief sie mit ihrer hartschneidenden, weitumgehenden Stimme ins Feld hinaus, »kommt und nehmt einen Schluck Most und einen Bissen Festes! Habt darnach noch Zeit genug, zu wetteifern und einander den Weg vorauszunehmen.« Aber die Mähder ließen die Sensen nicht einfach fallen wie die Maurer die Kellen, wenn's zwölfe schlägt. Sie werkten weiter, als ob sie keinen Ton 337 vom Zuruf ihrer Meisterin gehört hätten. Sie wußten ja wohl, der Ruf kommt wieder und alsdann, wenn er sich zweit, konnte man sich allenfalls zumachen. Um keinen Preis wird man, wie die Hühner, wenn die Magd bi bi bi und brü brü brü ruft, zurennen. »Nimm anfangs einen Schluck!« ermunterte der Alex seinen drauflosmähenden Bruder. Und als der Ferdi nun seine Sense hinlegte, nicht ohne sie zuvor noch ausgiebig gewetzt zu haben, und zur duftenden Kachel voll klaren Apfelmostes griff, kam irgendwoher aus dem Weiten ein Glöcklein und ging mit heller, außergewöhnlich hoher Stimme durchs Land, und so deutlich war es zu hören, als ob es aus den vier alten Pappeln schalle, die das Langdach der Säge am Rotenbach überragten. Und es war, als horche das ganze Land auf. Die Mähder standen da, starr und steif wie gefroren, gebannt wie im Märchen vom Dornröschen. »Jesus, Jesus, das Glöcklein auf Rain!« rief wahrhaft erschrocken die Holzhändlerin aus und war ebenfalls wie angeschraubt. Mit ihren großen, runden Augen sah sie ins Weite, dahin, wo man ob dem ziemlich nahen Bohlishusen das Haus auf Rain mit seinem Türmchen stolz und einsam stehen sah. Aber die Brigitt Anderbalm, die für einen Augenblick dagestanden hatte wie Lots Weib, erholte sich rasch und wurde nun so lebendig wie vielleicht noch 338 nie in ihrem Leben. »Hört ihr's«, sprach sie gar laut zu ihren Söhnen und zu den Heuern, die nun gemessenen Schrittes auf sie zukamen, »das Glöcklein auf Rain, das Glöcklein auf unseres Vaters Hof läutet. Heiland doch auch! Es muß droben etwas gegeben haben. Am End ist der Große, mein lieber, guter Bruder Hansbaschi, mit Tod abgegangen. Ah, ah, ah, das wär doch auch! Gekränkelt hat er freilich schon lange, und die letzte Zeit hat man ihn wenig mehr zu sehen bekommen. Es könnte allerdings auch mit dem Schlooapelluneli, seiner neuen Frau, etwas Ungerades passiert sein, es könnte auch ihr läuten; denn mit ihr ist's auch nicht in Ordnung. Sie hat sich wohl mit Arbeiten übertan, und dann hat es ihr gewiß auch wegen der Krankheit ihres Mannes schwer werden müssen. Der Doktor redet ja scheint's von einer Infektion, wie der Ludi erzählt. Ich habe übrigens schon zweimal jüngsthin hinauftelephoniert, ob ich auf Rain kommen könne, um zu sehen, wie's mit den beiden stehe, aber die Theres war beidemal am Telephon und sagte, der Doktor habe strengstens verboten, jemand zur Frau zu lassen. Auch weiß man ja«, sie sagte es leiser zu ihren Söhnen, da ihr Arbeitsvolk zurückte, »wie unwert wir uns dort oben gemacht haben. Seht, horcht! Jetzt hat's zu läuten aufgehört«, fuhr sie vernehmlicher zu reden fort. »Es ist mir, beim Eid sterb ich, grad als ob der Blitz 339 eingeschlagen hätte. Das Glöcklein auf Rain ist gegangen. Jemand muß dort oben gestorben sein, sei's nun der Hansbaschi selig . . .« »Aber Mutter!« machte entrüstet der Ferdi. »He«, sagte sie kalt, mit einem seelenruhigen Blick auf die herantrampenden Heuer, ihre Knechte und Säger, »es ist mir nur so hinausgewischt, so etwas kann einem doch passieren.« »Ja, allweg«, meinte der Alex, dem grauen Säger eine Kachel voll Most und ein Ringelum Brot überreichend, »man hat ja den Vetter auf Rain schon lange kränkeln sehen, und letzthin hat man ihn im Dorf herum schon tot gesagt. So ist's wohl möglich oder fast sicher, daß es dem Vetter Hansbaschi geläutet hat.« »Sei's nun der Vetter oder seine Frau«, sagte die Holzhändlerin, »Gott tröste die arme Seele, er gebe ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht soll ihr leuchten! Buben«, setzte sie bei, sich bekreuzend, »es ist ja eine leide Sache, daß wir vom Heuen weg laufen müssen bei diesem hinterhältigen, gewitterträchtigen, jetzt noch völlig blauen Himmel, aber wir kommen nicht drum herum. Es ist unsere heiligste Pflicht, uns jetzt sofort zu sonntagen und ein anderes Gewand anzuziehen. Wir müssen nun hinauf auf Rain. Vielleicht können wir, jedenfalls ich, helfen und auch, heja, zum Rechten sehen, denn es sind ja, außer des 340 Großen Frau, lauter fremde Leute auf dem Hof. Es ist nur gut, daß man dort oben immer eine Woche später heuet als bei uns, sonst könnte es auf Rain erst recht einen Wirrwarr absetzen und ein Drunterunddrüber. Kommt Buben! Säger Stäffe, ich will dich mit den Leuten machen lassen. Wir kommen heute kaum so schnell zurück. Schau, daß es läuft und daß ihr die Wiese bis zum andern Grünhag noch zu mähen vermögt. Es ist wahr, ihr habt seit aller Herrgottsfrühe einen gehörigen Platz Heu umgelegt. Adieu!« Und da schritt die Holzhändlerin mit ihren Söhnen schon, und ganz entgegen ihrer sonstigen wahrhaft großartigen Gelassenheit, ziemlich raschen Schrittes auf ihr Haus zu, das neben der Säge und dem angebauten Sägehäuschen so stattlich am Rotenbach in den Birken stand. »Buben«, sprach sie, den Mägden, die mit geschulterten Gabeln von der Scheune her auf sie zurückten, entgegensehend und ihre Stimme dämpfend, »nun ist, meine ich, der Vetter doch gestorben, denn ich glaube nicht, daß das Glöcklein auf Rain seiner Frau geläutet hat. Die ist eben doch jung und wird nur so eines jener Weiberübel haben, die man nie völlig abbringt, aber die einen auch nie umbringen. Wenn's aber der Vetter ist, so geht der Meister ab dem Hof mit ihm ins Grab, dann muß es eben Platz für einen 341 andern geben, und«, sie schaute ihren Sohn Alex, der trotz seiner jungen Jahre schon ein etwas altscheiniges Gesicht hatte, mit einem geschwinden, vielsagenden Blick an, »und wir sind ja auch Rainleute und neben dem Großen die einzigen, die noch bauern.« »Mutter«, sagte mit fast erschrockenen Augen ihr Sohn, der Ferdi, »laßt es jetzt, vom Rain zu reden und von dem, was mit dem Hof werden könnte. Heute wollen wir an den lieben guten Oheim Hansbaschi denken, der's immer mit uns Jungen so recht gemeint hat, obwohl Ihr, Mutter, und die beiden Vettern zu Bohlishusen ihm etwa nichts weniger als geschwisterlich begegnet seid.« »Jetzt höre einer, was der Ferdi für ein Maul hat«, antwortete ruhig, als ob sie nur das Flügelchen einer Fliege gestreift hätte, seine Mutter. »Aber schau, Bürschlein, das verstehst du nicht ganz. Du mußt noch rechnen und die Welt kennen lernen, dann kommst du schon aus mir und lobst eines Tages die Alte, die ein Leben lang Zeit gehabt hat, sich weiter umzusehen, als es bei so jungen Augen, die doch immer am Allernächsten haften bleiben, möglich ist. Das Leben ist eine Lehrmeisterin über alle Schulen und ein Fernrohr, das weiter sieht, als die höchststehende Kirchenuhr. Also laßt ihr mich nur machen. Es heißt, man kann, oder man will oder man muß. Ich habe aber immer gefunden, daß dieses Dreierlei auf eins 342 herauskommt und habe mich darnach gerichtet. Also ich tu schon das Rechte, wenn ich nun auch auf Rain zum Rechten sehe. Und was den Bruder, euern Vetter angeht, so ist er mir lieb und wert. Es tut mir ja gewiß auch leid um ihn, daß er so früh hat abgehen müssen, aber man mag sagen was man will, das Hemd liegt einem doch näher als der Rock. Das, denke ich, solltet auch ihr Jungen verstehen, wie's gemeint ist, und mir nicht noch fast zürnen, wenn ich für euch ein Stück weiter hinaus ins Künftige angewegt habe, als es euch vielleicht jetzt notwendig erscheint.« »Ja, Mutter«, sagte der Alex, »wir wissen es wohl, daß Ihr's gut mit uns meint, wie's niemand besser meinen könnte, und wir haben Euch zu danken. Hingegen, nicht wahr, das müßt Ihr doch auch sagen, daß der Vetter auf Rain es mit uns allen immer gut gemeint hat und daß er im besondern uns Buben, wie des Langhänsels Töchter, unsere Bäschen auch, so verwandtschaftlich als man nur kann behandelt hat.« »Und er ist auch gegen den Vetter im billigen Laden da vorne im Dorf«, warf der Ferdi ein, »und gar gegen den versoffenen alten Studenten, den Ludi, der doch auch unser Vetter ist, und was für einer, immer recht gewesen. Er hat dem Lumpen . . . . . .« »Ja, ein Lump ist er«, stimmte Alex bei. »Er hat dem Lumpen immer wieder die Schulden 343 bezahlt, sogar ohne daß er's zu wissen bekam, sonst hätten wir uns wegen dieses faulen Kerls noch mehr zu schämen als wir's so schon müssen.« »Ich schäme mich nicht«, machte die Holzhändlerin, »er soll sich für sich selber schämen, wenn er's kann. Hiefür bringt er aber die Farbe schon lange nicht mehr auf. Es hätte auch keinen Wert. Jedem Hund würde man's eher glauben als ihm. Es reut mich nur, daß wir seinerzeit bei der Teilung dem Süffel die schöne doppelschalige Sackuhr des Vaters selig samt der Kette haben zuscheiden lassen. Merkwürdig genug ist's übrigens, daß er die doch behalten und selbst in seinem größten Rausch nicht hat hergeben wollen, bis vor etwa einem Jahr, da haben sie ihm das kostbare Familienstück, scheint's, in der Stadt in einer abseitigen Pinte doch abgelesen.« »Ja, Mutter«, meinte der Ferdi, »aber seht Ihr, wie der Vetter auf Rain ist. Er hat keine Ruhe gegeben, bis er damals des Großvaters Uhr wieder um schweres Geld hat auslösen können. Und nun trage er sie selber, hat mir das Seppeli, die kleine Nichte der Zille selig, gesagt.« Die Brigitt Anderbalm maß ihren erwachsenen Sohn mit großen, immer kugelrunden Augen. »Was hast du mit dem Seppeli?« »He, was wollt' ich mit ihr haben?« lachte der Ferdi auf. »Ich habe schon mehr als die Rekrutenschule 344 durchgemacht und werde also wohl so ein Kücken, das ja allmählich auch Augen zu bekommen anfängt, ansehen dürfen. Halt ein Zeitchen gesprächelt habe ich mit ihm, und ich gedenke es wieder etwa zu tun, ohne daß wir darnach miteinander zum Pfarrer zum Sponsalienhalten laufen müssen.« Der Alex lachte. Die Holzhändlerin aber machte kurz, über das Seppeli zur Tagesordnung übergehend: »Also, diese schöne goldene Uhr samt Kette wäre allenfalls etwas für dich, Ferdi; denn wenn der Alexi den Hof . . .« Nein, sie redete nicht weiter. Die Mägde schritten, ohne ein Wort zu reden, an ihnen vorbei ins Heu, um es zu worben, zu verzetteln. Und stumm machte sich nun auch die Holzhändlerin mit ihren Söhnen, alle eigener Gedanken voll, aufs große, über und über verschindelte Haus am Rotenbach zu. Auch zu Bohlishusen war das Glöcklein auf Rain, und noch weit besser als in der Wydlen am Rotenbach, vernommen worden. Das ganze Dorf hatte aufgehorcht. Man hatte dieses außergewöhnliche Glöcklein fast völlig vergessen; um so größer war das Aufsehen, ja die Aufregung, die es nun mit einemmal überall, so weit es ging, verursachte. Die Leute machten sich im Dorf sogar vor die Türen, standen zusammen und werweisten und suchten aus der Stimme des Glöckleins herauszufinden, was es denn wohl zu läuten, zu verkünden habe. Jedoch immer wieder kamen sie zu dem 345 Schluß, es werde eben der Hansbaschi Hochrütiner auf Rain gestorben sein, dem es ja schon lange überall gefehlt habe, höchstens noch könnte es seiner Frau, die auch nicht recht zuweg sein solle, gelten. Man wisse ja, daß das Glöcklein nur Leben und Tod einläute, also habe es jetzt jemand ins Grab geläutet. Und war keiner und keine im Dorf, die dem Verstorbenen auf Rain, mochte es sein wer immer, nicht die ewige Seligkeit von Herzen wünschte; denn zum ersten kostete dieser Wunsch nichts, und zum andern hatte man's immer so gehalten, und zum dritten dachten die Leute, nun hat wieder einer oder eine das Leben und Sterben hinter sich, und Gott tröste die arme Seele, wie schnell ist man doch ab der Welt! Im billigen Laden hatte der Langhänsel, als unversehens das Glöcklein auf Rain ertönte, fast einen Luftsprung getan. Die zwei Heugabeln, die er im Schaufenster eben kreuzweise hinstellen wollte, entfielen ihm. »Herrgott, Heiland, das Glöcklein auf Rain!« rief er aus, und sein Bocksbart begann zu wedeln wie ein Hundeschwänzchen, »jetzt ist unser Großer, mein guter Bruder Hansbaschi, gestorben, ah, ah, ah! So hat er nun doch dranglauben müssen. Da ist's nun noch rascher gegangen als ich gemeint habe. Es wird halt noch ein Schläglein dazugekommen sein. So, so, aha. Ja, das kommt jetzt gleichwohl unerwartet. Frau, hörst du's, das Glöcklein auf Rain läutet!« 346 »Ja, freilich«, antwortete die mausgraue, immer fadenscheiniger aussehende Frau Seraphine, die hinter dem Ladentisch, auf dem sie Nägel verpackte, fast verschwand, »ich höre es wohl. Vielleicht ist's aber die Frau Base, das Apelluneli, die mit Tod abgegangen ist. Sie soll ja auch schon länger herumserbeln.« »Behüte uns, nein, nein«, machte er rasch, »das wird schon dem lieben, guten Hansbaschi gelten. Er hat ja schon lange so bleich ausgesehen wie frisch gekäset und ist einer gewesen wie ein überhängendes Bord, das am Abrutschen ist. Nun wird die Erdbreche eben gegangen sein. Tröste ihn Gott, den lieben Hansbaschi! Er hat's mit allen Leuten gut gemeint. Heja«, redete er für sich, »fast zu gut. Hat ja nach allen Seiten gegeben, und wie!« Und völlig laut sprach er weiter: »Wenn's auf mich ankommt, muß der Bruder selig ein Begräbnis haben wie noch niemand zu Bohlishusen und weit darüber hinaus. Da reut es mich einmal nicht. Und was die Gemeinde anbelangt, so ist's doch nur selbstverständlich, daß der Gemeinderat bis auf den hintersten Schuh zum Kirchgang aufrückt, er hat allen Grund dazu. So, so, ist's nun doch so weit, ah, ah, ah!« Er verschüttelte bedauernd seinen Bocksbart. »Vater«, sagte das Mikeli, das im Laden war und seine Puppe auf einer doppelschüsseligen Waage schaukeln ließ, »wie tönt doch das Glöcklein auf Rain 347 so schön! Es ist, wie wenn's riefe: »Das Christkind kommt, das Christkind kommt!« »Ja«, machte, in allerlei Gedanken tief versunken, der Langhänsel, »das Glöcklein tönt schön, allweg schön.« »Johannes«, redete seine Frau, die immer erschrocken aussah, wenn sie mit dem Krämer sprach, »Johannes, nichts für ungut nimm, aber wir werden jetzt wohl schwarzes Gewand für unsere Töchter haben müssen. Etwas Rechtes in der Hinsicht ist nicht mehr da. Es ist ihnen ohnedas seit dem Tod der ersten Frau des Vetters auf Rain alles zu kurz und zu eng geworden.« »Ja, ja, dunkle Kleider«, stimmte der Langhänsel zu, ohne eigentlich zu wissen, was seine Frau wollte. »Jetzt tönt das Glöcklein auf Rain nicht mehr«, sagte das Mikeli. »Nun wird die Dicke in der Wydlen wohl nach dem Hof trachten«, murmelte der Langhänsel in sich hinein. »Gut, um den Raingütsch bin ich gekommen, den Hof will eine andere, und viel kann ich nicht dawider tun. Die Brigitt hat Buben, und mir ist's ums Bauern gewiß Wurst, das letzte wär's mir. Hingegen will ich dann bei der Teilung schon sagen, wie teuer die Elle, die Dicke kann dann die Augen rollen wie sie will, und den Ludi wollen wir um das Sächlein, das es ihm nach Abzug der Schulden noch treffen wird, irgendwohin in ein besseres Armenhaus verpfründen, reif 348 dafür ist er schon lange und etwas anderes gibt's für ihn doch nicht mehr. Ja«, rief er jetzt, völlig wachbar werdend, »Seraphine, rüst mir das Leid, den Heiligtagrock, auch soll man den Zylinder gehörig abbürsten! Man hängt ja die Sachen doch immer verstaubt und unbesehen in die Kästen. Heja, und macht, macht, wir müssen schauen, auf Rain zu kommen! Der Bruder selig liegt ja schon tot im Hause, und es wird da etwa allerlei inachtzunehmen und zu gewahrsamen geben.« Das Telephon schrillte. Der Langhänsel nahm das Hörrohr zu Handen: »Ja?« »Bist du's, Langer? Die Brigitt ist da. Du wirst es ja auch gehört haben, das Glöcklein auf Rain?« »Heja, natürlich, wie sollte ich nicht.« »So wird am End unser Bruder, der Hansbaschi, gestorben sein.« »Ja, glaublich. Tröste ihn Gott!« antwortete der Hänsel ins Rohr. »Ihr werdet, denk ich, wohl gleich hinauffahren. Man könnte aber vorher allenfalls noch telephonieren, was meinst?« »He, der Ferdi hat schon eingespannt. Telephonieren mag ich nicht wieder, man hat mich früher schon zweimal nur so abgefertigt und mir keinen rechten Bescheid gegeben. Es ist gewiß das allerbeste, wenn wir gleich hinaufgehen. Sind wir dann dort, so befinden wir uns im Vaterhause, du verstehst. Was brauchen wir 349 also noch lang anzuklopfen. Für uns heißt's jetzt, so zeitig wie möglich hinauf. Wir sind zwar mitten drin im Heuet; aber wenn eben das Glöcklein auf Rain ruft, und gar zu einem so traurigen Wiedersehen mit unserm Bruder selig, der uns eigentlich immer wohlwollte, gibt's da nichts anderes.« Ei, du hinterhältige Schnitztruhe mit deinen kugelrunden Eulenaugen, dachte der Langhänsel; aber laut sprach er: »Heja, hast recht, Brigitt, es hat keinen großen Sinn, auf Rain durchs Telephon noch lange zu stören. So werden wir uns denn jetzt noch ein wenig, wie sich's gehört, sonntagen, alsdann gehen wir auch hinauf. Wir könnten ja beim Steinkreuz auf Rain auf euch warten. Ich nehme an, ihr werdet etwa auch bald einmal kommen, oder?« »Freilich, ein Stündlein, so sind wir dort. Es ist denn doch traurig, daß unser Bruder Hansbaschi so rasch aus einer so großen und schönen Sache heraus hat müssen. Altershalber hätte er noch lang leben können.« »Ja«, gab der Langhänsel zurück, »es ist, beim Hagel, beelenderisch, und es kann einem nahegehen; aber was ist da zu wollen? Halt Gottes Schickung. Also beim Steinkreuz ob dem Dorf. Adieu!« »Adieu!« Kaum war aber das Telephongespräch beendet, sprang die Türe auf, und das älteste Töchterlein, das Roseli, und ihm nach das Agnesli, beide blutrot und 350 verschwitzt, stürmten in den Laden hinein: »Das Glöcklein auf Rain, das Glöcklein auf Rain! Habt ihr's gehört?! Die Leute sagen, der Vetter Hansbaschi sei gestorben. Es wird doch nicht sein; der gute Vetter auf Rain sollte gestorben sein?« »He, macht doch nicht so einen Mordsspektakel!« schnörzte der Langhänsel seine zwei Töchter an. »Es ist doch wohl möglich, daß der Hansbaschi gestorben ist. Am Ende könnte es ja auch seine Frau sein. Jedenfalls müssen wir jetzt so schleunig als möglich auf Rain. Rührt euch, macht, macht und legt eure schwarzen Fähnchen an!« Erschrocken schauten das Roseli und das Agnesli auf ihren Vater, der vom Glockenläuten auf Rain so gar nicht schwer getroffen aussah; dann aber sagte das Roseli aus einer tiefen Betrübnis: »Der gute, liebe Vetter auf Rain! Ja, wir wollen gleich hinauf, gleich, gleich!« »Wir haben aber kein rechtes Gewand fürs Leid«, meinte das Agnesli, dem dabei ein paar Tränen über die Wangen liefen. »Für heute tut's das, was ihr in Kasten und Truhen habt«, beschied ihr Vater kurz. »Es braucht da für diesen Gang keine Kleiderpracht. Und alsdann für das Begräbnis werdet ihr schon noch zu einem schwarzen Aufrust kommen, da hab ich keinen Kummer. Macht, hinauf mit euch!« 351 Er tat die Tür ins Haus auf. Also huschten die Töchter flinkfüßig an ihm vorbei und die Stiege hinauf, und er folgte ihnen hängenden Kopfes und in sich hineinmurmelnd: »Heja, potz Donner, es sollte jetzt dann für diese Jungwar schon ein paar neue Fähnchen ertragen mögen. So, so, der Hansbaschi, ah, ah, ah!« Auf der kleinen Bank vor dem steinernen Kreuz am Rainweg ob Bohlishusen saß mit ihren beiden Söhnen Ferdi und Alex breit, aber gradauf, die Frau Brigitt Anderbalm aus der Wydlen. Die umfängliche Witwe hatte ihr ländlich einfaches dunkles Sonntagskleid an, wogegen ihre Söhne etwas heller angezogen waren, denn Trauergewand hatte man ihnen ja noch nie anmessen müssen. Sie alle schauten aufs Dorf hinab, den Vetter Langhänsel und die Seinigen erwartend. Es ärgerte die Holzhändlerin, daß sie zuerst ans Steinkreuz gekommen waren; aber ihr Sohn Ferdi hatte eben in seinem jugendlichen Ungestüm den gutgehabten, erst vierjährigen Fuchs, die Stella, die er als Rekrut im nächsten Militärdienst benützen wollte, wie einen Pfeil dahinschießen lassen. Die Wirtin und die Leute, die sie vor der Krone da unten zu Bohlishusen vom Wagen steigen sahen, mochten gewiß gedacht haben, sie hätten es gar eilig, auf den Rainhof und zum Erben zu kommen. Nun, sagte sich die Brigitt Anderbalm, mögen sie denken, was sie wollen, das gibt uns nichts und nimmt uns nichts. 352 Meinetwegen mögen sie in Gedanken kopfstehen wie die Enten. Auch ist auf dem Bänklein unterm Steinkreuz gut ruhen. Man ist ja am End nicht mehr das Springding, das einst wie ein Gummiball über die Felder hinflog. Man ist doch älter geworden, und wenn man auch noch kernig genug und wohldurchblutet ist und ohne jeden Schaden einen Sack voll Blutegel oder Schröpfköpfe ansetzen lassen könnte, so hat man doch im Lauf der Jahre auch allerlei angehängt und wiegt auf einer gerechten Waage mehr, als man an Heu einen Knecht auf die Bühne tragen lassen dürfte. »Wo bleibt denn, ins Himmelherrgotten Namen, der Lange?!« rief sie aber endlich, ungeduldig werdend aus. »Ich habe gedacht, bis wir kommen hocke er schon längst unterm Kreuz und verzapple vor Ungeduld, bis wir uns sehen lassen; denn der Vetter vom billigen Laden läßt sonst eine Suppe, die er meint mitauslöffeln zu können, nicht gern kalt werden. Und heja, er rechnet ganz gewiß auf eine Suppe, die er sich ergiebig und voll Silberbrocken vorstellt, wie die Morgensuppe für ein besseres Hochzeitspaar. Er hat den Löffel für so etwas immer im Sack, um ja neben keine gute Gelegenheit zu kommen. Was säumt er also jetzt noch? Man muß sich ja schämen, so dazuhocken. Wenn er nicht bald dahertrampt, gehen wir eben allein hinauf. Man ist uns ja oben im Rainhaus gewiß schon lange gewahr geworden.« 353 »Mutter«, meinte der Alex, »die Base Seraphine und die Bäschen werden sich eben für diesen Gang zum Vetter auf Rain noch haben umziehen müssen.« »Jawohl«, antwortete die Holzhändlerin, »da hast du recht. Die Seraphine wird für ihre Maitli noch kein passendes Gewand haben und für sich glaublich erst recht nicht. So sehr sie den Töchtern alles durchläßt und anhängt, für sich selber wagt die Einfalt, die es doch wohl vermöchte, keinen Rappen besonders auszugeben. Sie fürchtet törichterweise immer noch ihren Mann, unsern lieben Vetter Hänsel, wie ihr Mikeli den Baubau. Und Johannes hin, Johannes her, geht's da immer gar ehrfürchtig. Wohl, mir sollte einer kommen. Es nimmt mich nur Wunder, wie des Hänsels Leute aufziehen. Auf keinen Fall aber warte ich mehr lang. Ich bin das Warten nicht gewohnt und werde es mir in Ewigkeit nicht angewöhnen; denn ein gutläufiger Schuhabsatz bringt's weiter als tausend hinkende Vorsätze.« »Es ist aber da doch ganz schön, etwas zu warten und über das Dorf da unten und über noch ein paar weiter wegliegende Orte nach den weißen Bergen auszuschauen, zwischen denen der grüne See liegt«, sagte der Ferdi. »He«, machte seine Mutter, »was hat man von dem?« Es wurde wieder still, aber die beiden Jungen 354 schauten mit glänzenden Augen über die buntbeblümte Wiese hinab, die noch keine Ahnung zu haben schien, wie nahe ihr der Schnitter sei. Und sie freuten sich der großen und kleinen Schmetterlinge, die ums Wegbord gaukelten, und des einfärbigen Summens der Bienen, aus dem sie aber die Weltorgel Gottes heraushörten. Und sie betrachteten und bedachten mit anerkennenden Augen den Fleiß der Hofleute auf Rain, der sich in den ausgedehnten Ackerbreiten gegen das funkelnde, ja glitzernde Rainseelein hinunter so herrlich sichtbar machte. Und immer weiter auf tat sich der schöne Sommertag und zerfloß über den Himmel hin gen Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht in eitel Gold. »Aha«, sagte die Holzhändlerin, »da kommen sie ja«. Sie lachte kurz auf. »Jetzt scheint's aber dem Hänsel zu pressieren, denn er hat uns erblickt und denkt sicher, wir könnten vielleicht doch noch vor ihm auf Rain gelangen und allenfalls vorzeitig da und dort in Kisten, Kasten und Truhen hineinschmecken.« »Mutter, redet doch nicht so«, verwies ihr entschiedenen Tones der Ferdi, »wie kann man jetzt an so was denken?« Aber die Brigitt Anderbalm sah ihren ältern Sohn einen Augenblick fast geringschätzig aus ihren kugelrunden, glänzenden Augen an und machte kurz: »Wenn du einmal nur zehn Jahre lang eigenes Brot 355 gegessen hast, fragst du nicht mehr so einfältig.« Und wieder abwärtsschauend sagte sie heitern Angesichts: »Jetzt schaut einmal, was der liebe Vetter für Sprünge macht! Oha, jetzt legt er los. Jetzt gilt's ernst, wird er denken. Er sieht mit seinem langen Kopf und dem schwarzen Filz darauf ganz aus wie ein Ziegenbock, der am liebsten mit einem einzigen Sprung auf Rain hinaufsetzen möchte.« Sie schmunzelte. »Es ist ein Wunder, daß er nicht schon seinen Zylinder auf hat. Er hat ihn ja immer zuvorderst im Kasten und für alle Fälle bereit. Der Seraphine und ihren drei Hühnchen sieht man's auch an, daß sie den schwarzen Aufrust fürs Leid erst noch machen lassen müssen. Sie sehen völlig zusammengetragen aus.« »Ach, Mutter, wie könnt Ihr denn alleweil . . .« »Was hast du denn immer zu brummen, Ferdi?« herrschte die Holzhändlerin ihren Sohn an. Aber der Alex lenkte ab. »Seht«, sagte er, »der Vetter Chemifeger ist auch bei ihnen!« »Heja, er gehört ja auch ein wenig zu uns«, gab die Mutter zurück, »wenn auch eben nur ein wenig, der Lump. Ich dürfte einen Eid drauf tun, daß er schon wieder genug, ja mehr als genug hat, diese Abzugdole für geschwefelte Weine, nüchtelnden Most und gebrannte Wasser. Nun, mit dem Ludi werden wir dann schon fertig, darin sind der Hänsel und ich noch einiger als Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli. 356 Schon hundertmal hat der Lumpazi in seinen Räuschen durch alle Wirtschaften herumgeprahlt, wenn er wollte, könnte er Gold machen, wie ein Roß Mist, er müßte nur die vier Elemente nach dem Buche des hl. Paracelsius, wird ein sauberer Heiliger sein, zusammenwirken lassen. Bis jetzt hat er aber nur Stank machen und das Gold, das er ja schon hatte, verschwinden lassen können.« »Mutter!« »Ja, ja, ich sehe sie schon«, sagte die Holzhändlerin, nidsichschauend. Der Hänsel Hochrütiner, seine Frau, die nur so wie ein Schatten neben ihm herging und ihre drei Töchter, das Roseli, das Agnesli und das kleine Mikeli kamen, ziemlich eilig und verschwitzt, aufs Steinkreuz zu und mit ihnen, zur Rechten des Krämers zum billigen Laden, sein Bruder Ludi, der in einem fort drauflos schwatzte und immer wieder blöckend auflachte. Es lächerte seine Schwester auf den Stockzähnen, als sie den Langen mit einem beelenderischen Gesicht und dem tiefer hängenden Pinsel dran auf sich zukommen sah. Es war, als hätte er sich dieses Gesicht noch extra für das Leid herrichten und wie einen graubraunen Papiersack zerknittern lassen. Seine unscheinige schmale Frau brauchte so etwas freilich nicht. Sie huschte ja auch so den ganzen Tag in ihrem Laden herum als ob sie nur so ein äußerstes Endchen an 357 der großen Schleppe des weltumgehenden Leids wäre, wobei sie aber in Wahrheit mit ihrem Schicksal ganz zufrieden war. Dagegen zeigten die drei Töchterchen, unter denen das Roseli schon ein blühendes Jungferlein war, auf ihren gesundfarbigen Gesichtern einen natürlichen Ernst. Ja, ihre Augen schienen sich jetzt zu bemühen, all das Leuchten und Heijupedihee, das zu ihnen hinauswollte, hintanzuhalten. Es war eben doch der liebe Vetter Hansbaschi, dem das Glöcklein auf Rain geläutet hatte, der stolzaufgebaute Oheim, der aber immer so nett und schalkhaft zutunlich zu ihnen gewesen war. Man begrüßte sich kurz. Mit dem Vetter Ludi war die Jugend am raschesten fertig, denn sie konnte seinen Atem, in dem der Branntweingeist schon übelrüchig spukte, nicht recht aushalten. Immerhin gab man ihm das nicht zu sehr zu merken. Er hätte sich zwar kaum viel draus gemacht. Keinen Augenblick konnte er Ruhe geben. Sein Schnabel ging wie ein Brunnen, nur eben nicht so lauter. Und obwohl ihm kein Mensch zuhörte, redete er doch drauflos, immer wieder auflachend, als ob ihm das so gußweise käme. Ein paarmal pfiff er auch durch die Finger seinem Pfahlbauhund, dem Fliegenschnapper, aber der hatte unten auf der Landstraße einen Metzgerwagen ausgewittert, war ihm nachgelaufen und sah sich mit keinem Auge mehr nach seinem Herrn um. 358 Und nun machten sie sich alle zusammen rainauf. Die Frau Brigitte Anderbalm schritt bedächtig, ab und zu anhaltend, neben ihrem Bruder Langhänsel Hochrütiner, der also ein trauerndes Gehaben zeigte, als trüge man den Bruder Hansbaschi schon im Sarg vor ihm her. Alles hing an ihm herab, wie das verregnete Heu am Heinzen. Sie redeten kein Wörtlein miteinander. Hatten ja beide genug zu denken und sie dachten dasselbe und es war doch nicht dasselbe. Ihnen folgte der Ludi, der schon seine verschiedene Tranksame in sich hatte, denn er pflegte beizeiten die Runde um die Wirtschaften und Kneipen Bohlishusens zu machen. Überall nahm er zwar nur ein Gläschen Güx, wie er's nannte, zu sich, brachte es aber dennoch auf diesem Umgang zu einer ansehnlichen Sammlung bissiger Morgenschnäpse. Er benutzte nun die schöne Gelegenheit, die aschenfarbige Frau neben sich, die Frau Seraphine, mit seinen Auslassungen, die etwa wie Sprühregen über sie hinweggingen, zu unterhalten. Sie vermochte sich seiner nicht zu erwehren und ergab sich also geduldig drein, seine Berichte über die großartige Analyse anzuhören, die der Stadtchemiker über den Tirolerwein abgegeben habe, den er dem Kleinhandel vermittle und den sein Haus, auf seine Anregung hin, nächstens an die Weltausstellung nach Buenos Aires schicken werde. »Ein exquisites Weinlein, ein Weinlein, das einem ins Blut geht, 359 ein Garantietränklein für alte Leute auf eine diamantene Hochzeit, ein blaublütiges, ein honettes Weinlein!« Das Frauchen schrak aber jedesmal zusammen, wenn er immer wieder zwischen den Lobgesängen auf seinen Tiroler auflachte oder vielmehr blöckte, wie ein altes Mutterschaf. Nein, es war fast nicht auszuhalten. Sein Mund kam immer wieder über sie wie ein Regenschauer. Wie so viel lieber hätte sie dem muntern Redegeplätscher der Tugend zugehört, die ihnen in ziemlichem Abstand nachkam. Es schien, daß diese Jungen und ihre Bäschen schon vergessen hatten, daß sie sich auf dem Gang zum Totenbette ihres lieben Vetters auf Rain befinden. Der Tag war eben zu heiter und sie so jung, so bluterdenjung! Es konnte doch wohl nicht anders sein, als daß das Glöcklein auf Rain zur Freude rief. Wie sollte denn eingangs eines so verheißungsvollen Sommers überhaupt jemand sterben können. Nun war doch die hohe Zeit zum Leben und zum Lebenlassen. Man sah es allum, in Wiese und Wald, auf und über der Erde und heja, man hatte es im Blut, also, daß man's fast nicht verwinden konnte, aufzuschreien vor Wonne, daß man war und wollte. Nein, der Tod, das war alles weit, weit weg, irgendwo hinter den hohen Bergen gegen Mitternacht, zuoberst vielleicht auch noch in der verlorenen Hexenkammer vom Dornröschen. Das mochte ja alles einmal in alten grauen 360 Zeiten gewesen sein. So was erzählten noch die Urgroßmütter und vielleicht war's nicht einmal mehr wahr, halt so ein Kinderschreck. Leben, leben! Ei, so war denn der Jugend hinter den alten Leidgängern alles Dunkle weggenommen. Man wußte nur von Sonne, die einem auf den vollen, krausen Scheitel und in die krausen Gedanken schien. Und als sich Frau Seraphine, durch ein immerwährendes Kichern veranlaßt, einmal ein wenig umsah, wurde sie zu ihrer Überraschung gewahr, daß das Roseli mit dem Ferdi und der Alex mit dem Agnesli Arm in Arm hinten nachkamen und daß ihnen aber das Mikeli mit einem Strauß morgenroter Lichtnelken leise singend voranging. Die schattenhafte Frau tat aber als wüßte sie von nichts und raschelte neben ihrem schwatzenden Schwager weiter, ihm anscheinend aufmerksam zuhörend. In Wirklichkeit verlor sie jedoch kein Wort von dem kurzen Gespräch, das jetzt vor ihr her die Witfrau aus der Wydlen mit ihrem Mann angehoben hatte. Dieses Gespräch war so kurz, daß sie sich nicht sehr anstrengen mußte, es im Kopf zu behalten. »Hänsel«, hatte die Holzhändlerin gesagt, »wir müssen die neue Schwägerin, das Schlooapelluneli, da oben einstweilen noch schonlich behandeln, aus allerlei Gründen. Du verstehst mich. Sie soll ja auch gar nicht wohl zuweg und die letzte Zeit viel bettlägerig sein und dann heißt's 361 vorderhand, hier auch gelenkig sein, schon wegen dem Gerede der Leute.« »Ja«, hatte der Langhänsel halblaut zurückgegeben, »wir müssen mit dem Frauchen recht sein; es kann allweg nichts schaden. Und das ist wahr, sie hat sich auf Rain gut angelassen, zur Sache geschaut und sie noch gemehrt.« – »Im übrigen, was das andere anbelangt«, machte die Schwester, »will ich die Augen schon offen haben.« Das alles hatte die Frau Seraphine gar wohl erlauscht, und obwohl ihr Mann zur letzten Bemerkung der Schwägerin Brigitt nichts mehr gesagt hatte, so wußte sie wohl, daß er bei sich im stillen Kämmerlein geantwortet hatte: »Ja, und ich will die Augen gewiß auch offen behalten, und zwar weniger dem Schlooapelluneli gegenüber als wegen deiner, liebe Schwester vom Rotenbach.« So rückten sie denn, wieder völlig still, geradenwegs aufs Rainhaus zu. Während die Holzhändlerin ihr immer noch glattes, aber auch marmorkaltes Gesicht unverändert aufzeigte, ließ der Langhänsel den Kopf hängen und sein Bocksbart schien sich nun doch zu einem Weihwasserwedel auswachsen zu wollen, der nur auf eine Gelegenheit wartet, um sich in einen Weihbrunn zu versenken und zum Trost der ganzen Armenseelenheit der Erde spritzen zu können. Barri, der Bernhardiner, hatte sich vor der Scheune 362 mit rasselnder Kette erhoben und ließ nun den Donner seiner Stimme rundumgehen. Die Frau Brigitt Anderbalm sah gar wohl, wie die Köchin Kresenz im Fenster lag und bei ihr der Zille rasch aufwachsendes Nichtlein, das flachshaarige Seppeli. Auch ärgerte es sie, daß die Viehmagd Karline, die mit dem Karrer Karlima in einem großen Steckenkorb Kleinholz ins Waschhaus trug, so verwundert, ja mit weitaufgerissenen Augen und offenem Maul auf sie hinglotzte, die freche Schlampe. Aha, da war man ja am Haus. Nein, was das doch für ein stattliches, hochgestelltes Herrenhaus war, dieses Haus auf Rain! Die Holzhändlerin schaute unwillkürlich zum Türmchen hinauf, welches ein Glöcklein hatte, das so schön läuten konnte. Ja, das mußte man sagen, das Glöcklein hatte einen schönen Ton. Wie Silber klang's einem ins Ohr, wenn's läutete. Nun, dasmal hatte es also dem Bruder gegolten. Bei diesem Gedanken ließ die Brigitt doch ihr schweres, von kastanienbraunen Zöpfen umwundenes Haupt etwas herab, und jetzt aber machte sie sich mit dem hagern Langhänsel festen Schrittes, gefolgt von den andern, die steinerne Vortreppe hinauf. Als sie jedoch auf das Steinbödelein gelangten, ging oben die schwere Haustüre, und auf das besagte blankgescheuerte Bödelein hinaus trat, zu ihrer maßlosen Verwunderung, der Bauer Hansbaschi 363 Hochrütiner. Also hatte das Läuten nicht ihm gegolten, ah, ah, ah! Ja, und was war denn das? Was trug er denn da, ums Himmelsherrgottenwillen, auf den Armen? Es wird doch nicht, es . . . Ja, beim Strahl, auf den Armen hatte der Große ein schneetaubenweißes Kissen und daraus schauten zwei kugelrunde und fast randenrote Köpflein und machten vier muntere, erstaunte Augen in den herrlichen Sommertag hinein. »Gott grüß euch miteinander, meine liebe Schwester und meine Brüder und euch ihr lieben Neffen und Nichten! Seid uns von ganzem Herzen willkommen! Wir haben euch erwartet, denn ihr werdet ja das Glöcklein auf Rain wohl gehört haben. Und wenn ihr auch«, er blickte mit einem wunderlichen Lächeln auf seine Schwester Brigitt und den Langhänsel, »etwas dunkel ausschaut, so nehme ich doch an, ihr werdet gekommen sein, um mir und meiner lieben, guten Frau zu der Geburt unserer beiden Kinder, es ist ein Büblein und ein Mädchen, also, wie man bei uns ja sagt, eine Tanzeten, Glück zu wünschen. So seid mir denn gottwillkommen! Ja, es sind gesunde Kinder. Sie wägen schön und haben gottlob alle gerade Glieder. Was will man mehr? Jetzt hat der Hof auf Rain ja wieder Stammholz.« Nein, der Langhänsel und die Holzhändlerin konnten sich mit keinem Glied rühren, mit keinem Fingernagel. Es hatte es ihnen völlig und ganz 364 verschlagen, und wenn's noch so Brauch gewesen wäre, wie zu Niobes und Lots Zeiten, so wären sie nun doch versteinert und versalzt. Sie mußten nur immer so das rotköpfige Zwillingspaar auf des hochgewachsenen Bruders Armen, der übrigens gar nicht schlecht aussah, anstaunen. Also hatte das Saubethli mit der Geschichte vom klarinettspielenden und tanzenden Bauer im Hinterstübchen doch recht gehabt und das Glöcklein auf Rain, diese hinterhältige, erzfalsche Schelle, hatte zur Freude statt zur Trauer, aber keinesfalls zum Erben gerufen. Ah, ah, ah! Während nun aber der Ludi Hochrütiner verwundert, mit offenem Maul, über seiner Schwester breite Schultern hinweg auf die pausbäckigen Zwillinge glotzte, hatten sich das Roseli, das Agnesli und das Mikeli, aufschreiend vor Glückseligkeit, an den Oheim und seinen Arm voll neues Leben herangemacht. Nein, sie konnten unmöglich aufhören, die zwei roten Köpfchen anzustaunen, ihre Wänglein, ihre Augen, das Mündchen, und ja, jetzt auch die Fingerchen zu bewundern, die aus dem Weißzeug heraus in die Welt hineinzutasten begannen. Der Oheim hatte zu tun, sich ihrer zu erwehren, seine Kindlein und sich vor ihrem Ansturm zu schirmen, denn nun war das Roseli auch an ihm hochgekommen und hatte ihn auf beide Backen geküßt, daß es schallte »Vetter, Vetter, Vetter, wir wünschen dir Glück!« 365 Nun aber lud der Rainler, dem irgendwie eine Träne über die breite Wange hinabzukugeln anfing, seine Geschwister und Gäste allesamt zu einem kurzen Imbiß in die Stube ein. »Seht, liebe Brüder, Schwester, Vettern und Bäschen allerseits, es ist halt eine große Freude in mir. Ihr dürft es mir nicht übelnehmen, daß ich so dumm dastehe. Unser Glöcklein auf Rain ist schuld daran. Es ist eben, scheint es, so in der Welt mit den Glocken. Sie haben allweg ihre eigenen Aufgaben. Es soll ja«, er sagte es mit merkbar ansteigender Stimme, gradaus auf seinen Bruder Langhänsel und seine Schwester blickend, »schon vorgekommen sein, daß so ein Glöcklein den einen gleichzeitig zur Freude und den andern zur Trauer geläutet habe. Es soll eine alte Geschichte sein, und ich weiß nicht, ob sie völlig wahr ist, aber heute könnte ich sie fast glauben. Jedenfalls hat mir das Glöcklein auf Rain an diesem schönen Sommertag einmal zur hellen Freude geläutet.« Und nun wandte sich der Bauer Hansbaschi Hochrütiner mit seinem weißen Kissen um, denn die zwei roten Köpfchen begannen zu schreien und also auch ihre Glöcklein läuten zu lassen, und schritt als ein gewaltiger, aufrechter Mann ins Haus hinein. Jubelnd drängten ihm seine Nichten, das Roseli, das Agnesli und das Mikeli nach, ihre jungen Vettern, die bisher in blutroter Verlegenheit, mit großen 366 staunenden Augen auf das belebte Kissen schauend, dagestanden hatten, mit sich ziehend. Die Türe aber blieb offen. Und als nun das Seppeli, der seligen Zille hellhaariges Nichtlein, gleich darnach auf das steinerne Bödelein der Vortreppe hinaustrat, sah es dunkelgekleidete Leute das Gütersträßlein gegen das Steinkreuz und Bohlishusen hinabgehen. Das war doch wohl des Meisters dürrer, langer Bruder mit seiner Frau vom billigen Laden und die gewichtige, hoffärtige Holzhändlerin aus der Wydlen am Rotenbach und, heja, der liederliche Chemifeger. Es wollte dem Seppli vorkommen, der Langhänsel sei um einen Kopf kürzer geworden, so trottete er vornehinein nidsich, die Frau aus der Wydlen aber sei um eine erleuchtete St. Klausen Infula höher, so bolzgrad und rotscheinig schritt sie rainab. Am lustigsten aber bedünkte das Seppeli der Ludi, der Chemifeger, denn er stoffelte den zwei andern mit linkshäldendem Kopfe und auf unsichern Beinen nach. Aber von Zeit zu Zeit sah er sich nach dem Rainhaus um und alsdann lachte er immer eins heraus. »He«, redete das Seppeli vergnügt vor sich hin, »der Ludi macht wie ein Schaf, wenn er lacht!« Jetzt schaute es zur Scheune hinüber und sein Flachshaar und seine Blauaugen schienen noch um einen Morgen heller zu werden. 367 Vor der Scheune hockte der Melker Wysel, denn nun durfte man ja wohl ein Stündlein feiern. Eben ließ er seine Handorgel gehen, also daß selbst der ernste, einsilbige Küher Oswald neben ihm seinen braunkrausigen Bart und seine blaugraue Soldatenmütze zu wiegen anfing. Und nun tat sich die Türe des Kuhstalles auf. Die Viehmagd Karline und Saubethli traten Hand in Hand strahlenden Angesichts, miteinander unter das mächtige Vordach der Scheune. Da fing es im Türmchen auf dem hochragenden Haus wieder zu läuten an. Und nun gingen die Jauchzer der beiden Mägde über Berg und Tal hinaus und in ihnen und mit ihnen, wie ein silbernes Kichern, die Stimme des Glöckleins auf Rain.