Ludwig Tieck Das Ungeheuer und der verzauberte Wald Ein musikalisches Märchen in vier Aufzügen. 1798.     Berlin, bei G. Reimer, 1829.     Personen. Der König . Aldrovan , der Prinz. Climene , die Königin. Minister:     Samieli ,     Sebastiano . Bediente:     Rondino ,     Trappola . Camilla , Kammermädchen. Oriana , eine Alte. Angelica . Ein kleiner Greis . Olallin , eine kolossale Figur. Das Ungeheuer . Allina , Fee. Doris . Propheten und Prophetenschüler. Gespenster und Larven. Geister.     Erster Akt. Erste Scene. (Garten mit Springbrunnen, Statuen und andern Verzierungen.) Um einen runden Tisch sitzen Camilla , Rondino , Trappola und andere Diener und Mädchen; mit Endigung der Symphonie fällt der Chor ein:         Giebt die Welt noch andre Freuden         Neben Wein und Rundgesang?         Mag der Held am Ruhm sich weiden,         Keiner wird ihn je beneiden         Bei dem süßen Becherklang. Trappola .         Nur eins will ich erbitten,         Die schönste Zier nicht zu vergessen! – –         Wohl dem Mann, dem in der Irre         Seines trüben Wandels hier         Glänzt der Stern, der im Gewirre         Leitet sicher für und für.         Nun merkt ihr Herren was ich meine! – –         Schöne Gabe du von oben,         Die mit Engeln uns verband,         Immer will ich dich nur loben         Gut der Güter – dich Verstand! Chor .         Giebt die Welt noch andre Freuden         Beim Verstand und Rundgesang?         Mag der Held am Ruhm sich weiden,         Weisheit wird ihn nie beneiden,         Hört sie dich nur Becherklang. Rondino .         Außer Wein nicht andre Wonne         Als der dunkelgrüne Wald,         Den beim Schein der Morgensonne         Muntres Jagdgeschrei durchschallt.         Hunde bellen durch die Schatten,         Und es folgt der Jäger Troß,         Durch die Büsche, über Matten,         Munter wiehert, springt das Roß. Chor .         Giebt die Welt noch andre Freuden         Neben Wein und Waldhornklang?         Mag der Held am Ruhm sich weiden,         Nie wird ihn ein Waidmann neiden,         Dem das Tagewerk gelang. Camilla .         Der Verstand hoch soll er leben!         Freudenreich ist Jäger-Lust,         Nach dem Heldenruhme streben         Sei Begeistrung kühner Brust.         Aber alles muß verschwinden,         Wenn die Lieb' uns hold begrüßt,         Wenn die Herzen sich entzünden,         Und die rothe Lippe küßt. Chor .         Giebt die Welt noch andre Freuden,         Außer Kuß und Rundgesang?         Mag der Held am Ruhm sich weiden,         Liebe wird ihn nie beneiden,         Tönt ihr Lied und Becherklang. Trappola . Das sind nämlich, die meinigen ausgenommen, nur sogenannte poetische Ideen, die ein vernünftiger Mensch wohl singen, aber niemals sprechen darf. Rondino . Ihr haltet euch immer für den Klügsten, Freund Trappola, und doch findet sich's oft, daß es in Eurem Kopf – Trappola . Was findet sich in meinem Kopf? Nichts! das behaupt' ich, und darauf will ich sterben! – Mäßigkeit! Weisheit! – seht, das ist meine Loosung, und auch mitten im Trunk will ich – wenn Ihr mich recht versteht – Camilla . Er lallt, er weiß nicht, was er sagt. Trappola . Danks Gott, Camilla, daß wir verliebt in einander sind, sonst sollte Dir dieser Spott theuer zu stehn kommen; aber freilich, ein Liebhaber drückt schon die Augen zu. Rondino . Vollends wenn sie ihm zufallen. Trappola . Nicht weiter gespottet und geschäkert – es wäre lieber Zeit zu einem andern Liede. – Aber lieben Freunde, wenn Ihr mich liebt und meine Freunde seid, so singt ein philosophisches Lied, ein Lied, das etwas mehr sagen will, – so eins von denen, die – nun, begreift Ihr's? Camilla . So was von Cypressenhain, Vollmondsschein – Trappola . Einerlei was, nur daß man dabei zu grübeln findet. Versteht Ihr mich? Rondino . Ei was! Nichts über ein Lied mit Trarah, oder Hop hop tik tak.         Trarah durch den Wald         Das Horn erschallt!         Hop hop! alsbald         Der Reiter zu Pferd         Durch den Wind so kalt.         Ach leider so kalt!         Doch eigner Heerd         Ist Goldes werth. Chor .         Doch eigner Heerd         Ist Goldes werth! Der Minister Sebastiano tritt ein. Sebastiano . Was muß ich erleben? – das ganze Reich ist in Noth, der König in Thränen, Staatsrath und Ministerium auf den Knieen, ich selbst außer dem allgemeinen Elende ein kranker, schwacher Mann, und hier wird gesungen und jubilirt. Gleich seid still und schafft mir die bachantischen Trinkgeschirre aus den Augen. Trappola . Herr Minister Excellenz – es war nur, daß eine erlaubte Gemüths-Ergötzung – Sebastiano . Kein Wort weiter! Trappola . In den allgemeinen Drangsalen – Sebastiano . Schweig! Trappola . Und doch mit Verstand getrieben – da fragen Sie nur die Umstehenden. Sebastiano . Ich will nichts wissen! – Ist es nicht entsetzlich? das Reich leidet von einem Ungeheuer, das unsere Felder verdirbt und verzehrt, Menschen und Vieh erwürgt, die Reisenden, selbst die fremden Gesandten nicht ausgenommen, plündert und beschädigt, – in dem verzauberten Haine verlieren täglich die besten Köpfe des Königreichs ihren Verstand – der Kronprinz ist in ein Milchmädchen verliebt – ich, der ich bisher das Staatsruder noch gegen Wind und Wellen regiert habe, bin schwach und werde mich bald von allen Geschäften zurückziehen müssen – und Ihr sitzt hier, lärmt und schreit und entblödet Euch nicht, Euch der unsinnigen Trunkenheit zu eigen zu geben. Trappola . Ich für meine Person habe immer gesucht, meinen vollständigen Verstand zu conserviren. Sebastiano . Und ihr wißt doch, wie sehr ich ein Feind alles Singens und aller musikalischen Exercitien bin. Das Singen, versteht mich, ist eine unerlaubte Schwelgerei mit Zunge und Sprache; der Vogel singt, weil ihm die vernünftige Rede mangelt, weil er sich der ordentlichen Worte nicht bedienen kann; – wo wird gesungen? in keinem Trauer-, in keinem Lustspiele, weil diese Dinge auf Vernunft Prätension machen – aber in den sogenannten Opern, weil dort der Menschenverstand augenscheinlich mangelt. Darum schämt euch nicht allein, sondern ich verbiete es euch auch gradezu. – Und daß ich nichts von Glockenspielen, oder Zauberzittern und Flöten an diesem Hofe vernehme, bei Strafe aus dem Lande verwiesen zu werden.         Bei hoher Strafe wird geboten,         So hier als auch im ganzen Land,         Wen man ertappet über Noten,         Der wird im Augenblick verbannt:         So hat das Reich durch mich erkannt. Trappola . Und singt da die herrlichste Arie. Sebastiano . Was sollen diese Trillerkünste, Durch die man sonst den Mond beschwur? Sie sind ein Nichts und leere Dünste Und immer gegen die Natur. – Spricht Leidenschaft in Paukenschlägen? Der Schmerz in Flötenmelodie? Empfindung geht auf andern Wegen; Was sagt dazu Philosophie? – Bei hoher Strafe wird geboten, So hier als auch im ganzen Land, Wen man erwischet über Noten, Der wird im Augenblick verbannt, So hat das Reich durch mich erkannt! Die übrigen bis auf Trappola sind abgegangen. Sebastiano . Es ist nur darum, daß die Sitten verbessert werden müssen, denn wenn man nicht in Zeiten dazu thut, so fällt am Ende die ganze Menschheit übern Haufen. Trappola . Die Unterthanen haben alle eine rechte Furcht vor Euer Excellenz. Sebastiano . Das muß seyn, dazu sind sie Unterthanen, und wenn ich nicht noch im Reiche nach den Rechten sähe, so ginge alles bunt über Eck. Mich soll doch wundern, wenn ich todt seyn werde, wie sich dann alles regieren wird. Trappola . Sie sterben noch nicht so bald, gnädiger Herr! Sebastiano . Man kann nicht wissen, die Anstrengung des Kopfs, die Sorge für den Staat, reizbare Nerven, natürliche Schwachheit – o mein Freund, das sind Dinge, die mir bald den Garaus machen können. Und dann, o du armes Vaterland! dann bist du verloren. Trappola . Der gnädige Herr blühen aber wie eine Rose. Sebastiano . Nur Schein, Trappola, nichts als Schein, ich muß das besser wissen. Der Doktor hat noch gestern den Kopf über mich geschüttelt! Er hat den Kopf geschüttelt, sag' ich dir, was kann man von einem Doktor mehr verlangen? – Es steht gewiß gefährlicher mit mir, als wir uns beide einbilden können. Trappola . Das Ungeheuer ist für diesen Staat doch eine große Landplage. Sebastiano . Ja, das liegt mir nun auch auf dem Herzen. Dieser Staat war ein so niedlicher Staat, als nur einer sein kann, so sauber eingerichtet, daß einem das Herz im Leibe lachte, die Geschäfte gingen ihren Gang, kein Mensch wußte, wie, die gehörige Anzahl armer Sünder immer in den Gefängnissen – alles in der vortrefflichsten Ordnung – und nun, wie? woher? steht in den benachbarten Gebirgen ein fürchterliches Ungeheuer auf, das das Land verwüstet, Menschen erwürgt, die Poststraße unsicher macht, Briefe erbricht und unterschlägt, in Summa, alles hier in Verwirrung, Unordnung und Wildheit verkehrt. Und welche Mittel soll man dagegen brauchen? Ja wenn ich nicht so krank und schwach wäre, so ließe sich vielleicht noch auf Rettung denken; aber so, fürcht' ich, ist das ganze Land ohne Barmherzigkeit verloren. Das grausame Ding da draußen wird sich der Hauptstadt immer näher fressen, und dann à dieu Herrlichkeit, Gelehrsamkeit, Magistrat und Ministerium. Trappola . Man erfährt nicht genau, wie viele gute Bürger und Unterthanen es in diesem Monat schon verzehrt hat. Sebastiano . Man wird am Ende noch das ganze Gebirge, in dem es sich aufhält, in die Luft sprengen müssen. Trappola . Freilich; aber was machen wir mit dem verzauberten Hain, in dem die wunderbaren Stimmen wohnen, in welchem Sang und Klang zu Hause ist? – Ich fürchte, dort wird ihr strenges Gebot, das Singen betreffend, nichts helfen. Sebastiano . Da seht ihr Gesindel, wie sehr ich Recht habe, daß kein vernünftiges Wesen singt und klingt. Da ist nun wieder eine andere Hauptsorge. Sollte sich ein vernünftiger Mensch dergleichen tolles Zeug auch nur einbilden können? Fast um die nämliche Zeit, in der das Ungeheuer entstand, zeigte sich eine andere seltsame Erscheinung. Ein benachbarter Wald, der allerhand Göttern durcheinander gewidmet ist, wird mit einem male verzaubert. Kein Mensch darf ihm zu nahe kommen, alle Phantasterei und Tollheit ist dort einheimisch, wer sich ihm nähert, wird von süßen Gesängen wie mit Gewalt hineingezogen, er weiß nicht, wie ihm geschieht, der Verstand entweicht und der komplette Wahnsinn befällt einen solchen Unglücklichen. Trappola . Und noch kein einziger ist wieder zurückgekommen. Die naturforschende Gesellschaft vermuthet, daß sie dort alle in Affen oder dergleichen Kreaturen verwandelt werden. Sebastiano . Es mag wohl sein, und so sind nun schon viele junge Leute verloren gegangen, die dem Staate wohl bessere Dienste hätten leisten können. Der Satan muß es auf unser Land recht eigentlich abgesehn haben, daß diese zwei Dinge von beiden Seiten alles mögliche dazu beitragen, Handel und Wandel, Flor und Bildung der Unterthanen zu unterbrechen. Und dabei meine Schwächlichkeit! – und Ihr Bösewichter setzt Euch dahin, laßt Euch beim Weine wohl sein, singt und brüllt, und kümmert Euch den Henker darum, ob die Väter des Landes graue Haare kriegen oder nicht. Der Minister Samieli mit Gefolge. Samieli . Mein Herr, der Staatsrath will sich versammlen, man hat Sie schon in allen Winkeln und Ecken in der ganzen Stadt gesucht, aber Sie sind immer nirgend zu finden: da stehn Sie nun und plaudern mit dem ersten Besten, der Ihnen in den Wurf kömmt, aber es ist jetzt nicht Zeit zu dergleichen. Kommen Sie. geht mit den übrigen. Sebastiano . Komm Trappola, man muß ihn schon reden lassen; siehst, das ist Politik. sie gehn. Der Prinz Aldrovan kömmt. Aldrovan . Sei mir gegrüßt du holde Einsamkeit! Hier kann ich ungestört mit meinem Gram in Gesellschaft sein. Aus allen Blumen duften mir die süßen Schmerzen entgegen, die meinen Geist gefangen halten. Sie kömmt vielleicht, sie sucht mich wohl, wie ich sie anzutreffen wünsche. – O Hoheit! wie schwer liegst du auf meinen Schultern und meinem Herzen, daß ich dich nicht, als eine lästige Bürde, abschütteln darf! Wie gern wollt' ich alle meine Hoffnungen gegen eine ruhige Schäferhütte austauschen, mein Reich gegen einen Rasenplatz und einen schattigen Wald! – O! holdselige Angelica! – wie es mich in ihrer Nähe mit aller Sehnsucht der Liebe umfängt, alle Töne in den Blättern der Bäume, das Rieseln dieser Springbrunnen, alles ist mir Botschaft von ihr, alles bringt mir Kunde von ihrer süßen Liebe. Töne einer Zitter aus dem Gartenhause. O lieber Klang! – Wie alle Sinne nach ihr hingezogen werden. Ja dieser Garten ist für mich der Hain, In dem der allgewaltge Zauber wohnt. Auch diese Töne reißen meine Sinne Unwiderstehlich nach; Der Wahnsinn rauscht um mich mit Flügeln Und deckt mir Aug' und Ohr, Daß ich nur sie in weiter Welt vernehme. Ein Lied, von innen gesungen, mit der Zitter begleitet.         O! süß' Verlangen,         Nun bin ich dein;         Ich soll gefangen,         Verschlossen sein.         Das holde Sehnen,         Hält bei mir Wacht,         Und weckt die Thränen..         So Tag als Nacht.         Giebst Du mich nimmer,         Der Banden frei,         Daß ich im Schimmer         Zufrieden sei?         Doch laß mich wohnen         In Ketten hier,         Ich finde Kronen,         Ach, nur bei Dir. Aldrovan einfallend .         Laß mich den Armen         Gefangnen ein,         Bei Dir erwarmen,         In Freiheit sein! Angelica tritt heraus. Angelica . Mich ruft der süße Ton der Liebe; Wie lang' hab' ich Dich nicht gesehn. Aldrovan . Der Himmel war mir immer trübe, Ich komme gleich zurück zu gehn. Angelica . Du kömmst und willst so eilig scheiden, Was hab' ich, Trauter, Dir gethan? Aldrovan . Du weißt, ich soll Dich strenge meiden! Ach einsam, rauh ist meine Bahn! Beide . O Götter! die ihr Liebe schirmet, O, sendet eure Hülfe nieder! Angelica . Ja, Freund, wenn Wolken ausgestürmet, So scheint die lichte Sonne wieder. Aldrovan . Ach nirgends kann ich Sonnen finden, Mein Auge sucht, doch nur vergebens. Angelica . O holde Freude meines Lebens, Dir darf nicht jede Hoffnung schwinden! Lieb ich Dich nicht wie sonst? Bist Du mir nicht in Liebe zugethan? Was kümmern uns die andern Menschen? Beide .         O holder Liebe Schein!         Gänzlich dein eigen sein!         Mit Herz und Leben dein! Aldrovan .         Ich muß zurück, denn kaum         Entschlich ich meinen Wächtern. Angelica .         Lebe wohl, gedenke mein. Beide .         O holder Liebe Schein!         Mit Herz und Leben dein! beide von verschiedenen Seiten ab. Zweite Scene. Pallast, der versammelte Rath. Der König , Climene die Königin, Sebastiano , Samieli , Rathsherrn, Gefolge. König . Unser Sohn ist noch nicht zugegen – ich vermisse ihn ungern – Wo bleibt er? Climene . Er wird gewiß sogleich erscheinen. König . Der ganz Rath muß auf ihn warten – ich sehe dergleichen Unordnungen sehr ungern. – Nun sind wir hier versammlet und müssen noch immer seinetwegen mit Rathschlagen inne halten. Climene . Er ist vielleicht auf der Jagd. Sebastiano . Nein, Ihro Königliche Majestät, – mich dünkt, er ist nur noch einmal durch den Garten spazieret. König . Dergleichen soll nicht sein, ich habe es schon wiederholentlich verboten! Climene . Mein theurer Gemal, Du erzürnst Dich. König . Ich will mich erzürnen und damit ists aus! – Du bist meine gute geliebte Königin, er ist nicht Dein Sohn, er liegt Dir nicht so am Herzen, – aber mir – Climene . Glaubst Du, daß ich ihn darum weniger liebe? König . Sieh, aufrichtig zu reden, ich glaube nichts. – Aber er mißbraucht meine Güte und Deine Fürbitten, er ist ein Mensch, der sich unter seinem Stande verliebt hat, und das ist unschicklich. Ist es nicht sonderbar? Seit ich mit Dir vermählt bin, ist meinem Reiche nichts als Unglück zugestoßen. Die Götter sind neidisch über mein großes Glück. Mein erstgeborner Sohn hat sich seitdem verloren, Niemand weiß, wohin; mein zweiter Sohn verliebt sich in die Tochter einer alten Gärtnerwittwe; ein Ungeheuer verwüstet die Gränze, und ein verzauberter Wald macht die Leute unsinnig. Du, meine schöne Gemalin, bist mein einziger Trost bei diesen Stürmen des Schicksals. Der Prinz Aldrovan tritt ein. König . Da ist er – Nun kann das Gericht seinen Anfang nehmen. – Wo bist Du gewesen mein Sohn? – Fangt nur immer an Euch zu bedenken, laßt Euch nicht stören, ich will Euch schon zu rechter Zeit in die Rede fallen. – Nun so sprich, Aldrovan, wo läufst Du denn immer herum? Schickt sich dergleichen für einen Kronprinzen? Was werden die Leute dazu sagen? Aldrovan . Ich dachte nicht, mein gnädigster Vater, daß Ihr unter Euern weisen Räthen mich vermissen würdet. König . Ach was weise Räthe! – Du bist mein Sohn, Du sollst mir immer zur Seite bleiben! Es ist genug, daß ich den einen Sohn verloren habe, Dich will ich bewahren, wie die Augen im Kopfe. – Sieh – à propos Augen – da gehn sie mir grade über, indem ich nur an Deinen Bruder denke. Aldrovan . Mein Vater – Climene . Mein königlicher Gemal – König . Nun seid nur ruhig, es hat nichts weiter auf sich, man muß auch zur Abwechselung einmal weinen, denn dazu sind ja die Thränen. – Nun wieder auf die Deliberation zu kommen – wie weit seid Ihr denn damit ihr Herrn? Samieli . Wir warten nur auf Eure Gegenwart, auf Eure Aufmerksamkeit, mein König. – Es sind Gesandten draußen, die eingelassen sein wollen. König . So laßt sie schnell hereintreten. Milon und Curio treten ein. Milon und Curio knieen . Wir sind Eure getreusten Unterthanen. König . Steht auf Leute, ich weiß, daß ich dazu da bin Euch anzuhören. – Es ist, wie ich schon oft gesagt habe, grade wie mit dem Essen beschaffen. – Stille, geduldet Euch nur einen Augenblick, es wird mir sogleich wieder beifallen, es ist ein alter Spruch, den ich schon manch liebes Mal wiederholt habe. – Ja – wie man nicht lebt um zu essen, sondern ißt um zu leben – bedenkt meine Kinder, das ist ein sehr schöner Gedanke – grade so fügt sichs auch, daß ich, der König, nicht regiere, – ich wollte sagen, daß Ihr meine Unterthanen – recht! so ists recht; – Ihr meine Unterthanen, nicht darum als Unterthanen da seid, weil ich Euer König bin, – sondern vielmehr umgekehrt, – nun paßt auf die überraschende Wendung! – ich bin nur König, weil Ihr da seid, Euretwegen, weil Ihr meine Unterthanen seid – Ha ha ha! nun, hab' ichs nicht sauber getroffen? Was sagt Ihr dazu? Nicht wahr, diese übermenschliche Humanität in mir hättet Ihr nicht vermuthet. Nun sprecht, denn ich denke, Ihr sollt dadurch, als meine lieben Freunde, ein gutes Zutrauen zu mir bekommen haben. – He, mein Sohn? Sieh, so muß man regieren! o lern es früh, dergleichen kannst Du in meinem Alter gebrauchen. – Nun, meine lieben Leute? Milon . Mein König, wir kommen von der Grenze Eures Landes, von dem Gebirge. König . Aha! nordöstlich – ja ja, ich kenne das Ding schon. Es liegt so etwas hoch, nicht wahr? Nicht grade so ganz – nun ich bin vor langen Zeiten einmal da gewesen. Milon . Das Ungeheuer, der Drache – König . Recht, ganz Recht, der wohnt itzt da – Milon . Ja, Ihro Majestät, und es ist jetzt mit der Bestie durchaus nicht mehr auszuhalten. König . Wie so? Milon . Er frißt alles weg, was ihm nur vor den Schnabel kömmt, wir können in diesem Jahre unsre Zinsen oder Attribute, wie man's nennt, durchaus nicht bezahlen, und darum sind wir im Namen der ganzen Gemeinde abgeschickt. König . Nun seht da die Ruthe des Himmels! wo Rath? wo Hülfe hernehmen? er weint. Samieli . Mein König, das scheint mir alles nur eine Windbeutelei zu sein. – Wer von Euch hat denn den Drachen, wie Ihr ihn nennt, gesehn? Milon . Ach keiner von uns, gestrenger Herr Minister, wir nehmen uns gar sehr in Acht. Samieli . Woher wollt Ihr denn aber wissen, daß das Ding dort lebt? Milon . Einer sagts immer dem andern, und die Heerden fehlen doch, die Reisenden werden angefallen, kurz, es kann doch Niemand läugnen. Samieli . Aber was soll denn nun die Regierung zu Eurem Besten thun? Milon . Sie soll, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, den Drachen ordentlich wegfangen, ihm eine Falle stellen, wie dem Maulwurf oder den Ratzen. Climene . O mein theurer Gemal, tröstet Euch, erhaltet Euch mir zur Liebe, wenn Ihr es nicht zum Besten des Landes und Eurer Unterthanen thun wollt. König . Ihr Abgeordneten, tretet ab! – Milon und Curio gehn ab. Ja, was ist nun zu thun? Alle Tage neues Unglück, neue Klagen! Sebastiano . Das Rindfleisch wird am Ende nicht mehr mit Gelde zu bezahlen sein, wenn dem Ungethüm in seinem Wüthen nicht Einhalt geschieht! Ein Bedienter kömmt. Bedienter . Ein junges schönes Mädchen ist draußen, sie weint und schluchzt, sie wünscht die Ehre zu haben, Ihro Majestät nur auf einen Augenblick zu sprechen. König . Was wird denn das wieder sein? – Laßt sie herein kommen. Bedienter ab, Doris kömmt und kniet nieder. Doris . O! hört mich, mein allerhuldreichster Monarch, um Eurer wohlbekannten Milde willen, hört mich an! König . Rede. Doris . Und Ihr, meine Königin, Ihr Muster aller Frauen, Ihr Preis unsers Zeitalters, o! vereinigt Eure Bitten mit den meinigen. – So erfahrt denn, daß mich schon seit einem Jahre Alcest unaussprechlich liebte, ich erwiederte seine Zärtlichkeit – und ach! – übermorgen sollten wir unsre Hochzeit feiern. Aldrovan . Uebermorgen? Doris . Welch Glück war dem meinigen zu vergleichen! Gestern sprachen wir zufälliger Weise über den verzauberten Hain, der auch Eurer Majestät bekannt sein wird, wir geriethen in einen kleinen Streit, und er kam auf die unglückselige Neugier, den verwünschten Wald zu besuchen, er behauptete, daß ihn keine Gewalt bezaubern und von mir abwendig machen solle, er ging hinein, und ach! – heftig weinend. er ist nicht zurückgekommen! Aldrovan . O mein Vater, ihr Räthe des Reichs, sollen wir es dulden, daß die armen Einwohner dieses unglücklichen Landes noch länger durch Feen und Ungeheuer beunruhigt werden? Nein, zu unsrer eignen Ehre müssen wir ihnen Hülfe leisten, die benachbarten Nationen werden sonst unserer spotten, wenn hier Unterthanen beraubt, dort verzaubert, hier erwürgt und verzehrt, dort verwandelt werden. König in Eifer . Ungerathner Sohn! was verlangst du denn, daß ich thun soll? – Geh, Mädchen, tritt ab, – ihr alle macht mir den Kopf beinah allzuwarm, – entferne Dich, Mädchen, wir haben jetzt etwas zu sprechen, das Du nicht hören sollst. – Ich sage noch einmal, was soll ich denn dabei thun, daß Du Dich unterstehst, so in Eifer zu gerathen? – Ins Henkers Namen geh! Du siehst ja wohl, daß ich allein sein will! Doris ab. –Nun so rede einmal! Soll ich nach dem Walde hinaus? und ihr etwa ihren Liebhaber herausfangen? Und wenn ich ihn erwische, so ist noch immer die Frage, ob ich ihn wieder aus einem Affen zurück in einen Liebhaber verwandeln kann. Am Ende könnte ich über die saubre Geschichte selber verwandelt werden, und so käme zum Argen noch das Aergste. – Nein, jeder ist sich selbst der Nächste. Samieli . Mein König, Ihr erhitzt Euch vergeblich, und werdet über diesen Wirrwarr noch kindisch werden. König . Ja! ich möchte lieber gleich in den Wald hinausrennen, um nur in größter Behendigkeit wahnsinnig zu werden. Samieli . Der Liebhaber dieses Mädchens war ohne Zweifel schon vorher unklug, denn sonst wäre er gar nicht darauf gefallen, in den berüchtigten Wald zu gehn. König . Ist auch wahr, das hätte ich nur gleich bedenken sollen. Sebastiano . Es sind bedenkliche Zeiten! – Ein Wunderzeichen nach dem andern – was es für ein Ende nehmen wird! Samieli . Lauter dummes Zeug, lauter Unvernunft! Ungeheuer, verzauberte Haine! hab' ich in meinem Leben so was gehört? Sollte man sich's vorstellen, daß gesetzte, erwachsene Leute auf solche Kinderpossen etwas geben würden? Man sollte denken, man wäre mit dem Zeitalter fortgeschritten, – aber nein, alles kehrt sich wieder um, wir fallen in den alten Aberglauben zurück, und die Früchte der Aufklärung fangen schon an schimmlicht zu werden. Selbst Minister lassen sich den Kopf davon einnehmen, und hundert Gulden will ich gegen zwei wetten, daß das Ungeheuer, über das wir heulen und schreien, der verzauberte Wald und all die Ungereimtheiten, nirgend anders, als in unserer Imagination existiren, und es heißt daher wohl mit Recht, wenn man kein Unglück hat, so macht man sich welches. König . Ihr habt nicht so ganz Unrecht, Minister. Sebastiano . Aber die Leute sagen doch – Samieli . Ja die Leute sind grade die rechten dazu, um etwas zu sagen. Ein Bedienter kömmt. Bedienter . Ihro Majestät, es ist ein wunderbarer seltsamer Mann an den Hof gekommen, der sich durch mich anmelden läßt, er sagt, er sei ein Prophet und bittet dringend vorgelassen zu werden. Samieli . Wieder was neues! Ich trage darauf an, daß man ihn gar nicht hereintreten läßt. Bedienter . Er behauptet, er wisse ein Mittel, dieses Reich von allen Unglücksfällen zu säubern. König . Da ist es denn doch wohl meine Schuldigkeit, ihn anzuhören. Bedienter ab, kommt mit dem Propheten zurück. Samieli . Wer seid Ihr? Prophet . Durch die Gnade der Götter und mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ein Prophet! Samieli . Nein, es ist nicht mehr auszuhalten! Mein gnädigster König, Ihr werdet erlauben, mich wegzubegeben, denn diese Tollheiten wollen sich in meinem Kopfe nicht zusammen reimen. Man kann es ja mit Händen greifen, daß es nur Possenspiele sind. Ich sehe, daß meine Reden unnütz sind, aber niemals sollen die Geschichtschreiber der künftigen Jahrhunderte erzählen können, daß ich bei dieser Sitzung zugegen gewesen. Adieu! geht ab. Sebastiano . Desto besser – nun können wir ja diesen Propheten recht gemächlich anhören. König . Er ist ungestüm, der redliche Mann. Sebastiano . Etwas grob mit Ihrer Erlaubniß. König . Also rede mein Prophet. Prophet .         Ja Prophet von Gottes Gnaden         Bin gesegelt übers Meer.         Großer König, nicht zu schaden,         Dir zu nutzen kam ich her.         Ich weiß von Zauberein,         Kann in den Händen sehn,         Was soll und muß geschehn,         Von allem groß und klein.         In Sternen kann ich lesen,         Ich höre Sphären singen,         Was künftig, was gewesen,         Und jedes muß gelingen.         Wenn Zeitungsschreiber lügen,         Sei's auch in Mohrenland,         Wohin die Flotten fliegen         Und ob die Feinde siegen,         Ist mir sogleich bekannt. König . So wißt Ihr also auch ein Mittel für unsere Umstände? der verzauberte Hain, das Ungeheuer – Ihr habt wohl davon gehört? Prophet . Jedes Kind in Ihrem Reich spricht davon. Es wird daher kein beßres Mittel sein, als irgend einen gescheidten Mann nach den Weissagungsfelsen zu schicken. König . Was sind die? Prophet . Eine wüste furchtbare Gegend, hinter dem langen Wald, die von großen Felsen eingeschlossen ist und die nur selten ein menschlicher Fuß betritt. Dort, in den Felsen eingeschlossen, wohnen viele weise Männer, denen Zukunft wie Vergangenheit und alle Mittel gegen Unglücksfälle bekannt sind. König . Ihr sagtet ja, daß Ihr Euch selber mit Prophezeien beschäftigt. Prophet . Doch dringt mein Blick nicht so tief, um hier zu rathen. König . Und wie findet man diese weisen Männer? Prophet . Der Gesandte, wenn er in jene Gegend gelangt, darf nur diesen Zettel laut ablesen, so öffnen sich nach und nach die Felsen, die weisen Männer sitzen drinne, man trägt ihnen das Gesuch vor und sie beantworten die Fragen. König . Ihr, mein Minister Sebastiano, sollt den Auftrag haben, diese Männer aufzusuchen, und Euch von ihnen rathen zu lassen. Sebastiano . Mein König, die Schwäche meines Alters, meine Krankheit wird mich zu einer solchen Reise untüchtig machen. Man sollte unmaßgeblich lieber den muntern, starken, gesunden Herrn Samieli dort hinschicken. Climene . Sie wissen ja, daß er sich niemals dazu bereden ließe, weil er alle diese Dinge nicht glaubt. Sie gehn dorthin, meine und des Königs Bitte werden Sie bewegen. König . Ja mein Getreuer – Also ist hiemit nun die Sitzung unserer Rathsversammlung aufgehoben. Wir danken Euch, Herr Prophet, für Eure Mühwaltung, die Ihr zu unserm Besten übernommen habt. – Komm meine theuerste Gemalin. sie gehn ab. Sebastiano . Wieder eine neue Last! Aber der Königin darf man nicht viel widersprechen. – Ein elendes miserables Leben, in den Geschäften grau zu werden. geht ab. Dritte Scene. (Gartenplatz, Nacht.) Oriana , eine Alte mit einer Krücke. Oriana . Angelika schläft, die Mitternacht ist da: mich wundert, daß sich die Königin noch nicht auf dem abgeredeten Platz einfindet. Die Sterne verbergen sich, Feenschwärme ziehen auf schwarzen Wolken durch die Luft; jetzt ist die Zeit bequem zur Zauberei. O Elfino! wie demüthigst du mich, daß ich diese schmälige Gestalt tragen muß, daß ich unter allen Beschwerden des Alters und der Sterblichkeit leide? Aber meine Rache soll dich dennoch verfolgen, niemals sollst du deine Tochter wiedersehn, der mächtige Olallin wird mich auch ferner beschirmen. – Sie kömmt nicht, – ich gehe, um alle Thüren des Gartens zu verschließen, damit uns kein Ueberlästiger in unserm Werke störe. sie geht. Die Königin Climene kömmt. Climene . Ich schaudre durch die einsame Nacht zu gehn, das Geräusch der Blätter erschreckt mich, die wohlbekannten Gänge erscheinen mir fremd und furchtbar. – Sie ist nicht hier. – Hat sie den Platz, hat sie die Zeit vergessen? Was will ich hier? Oriana zurück. Oriana . Nun sind wir sicher. sie geht und holt einige bunte Lampen, die sie in die bäume hängt. Climene . Soll das Werk beginnen? Oriana . Sogleich. Climene . Ist die Zeit günstig? Oriana . In dieser Stunde. Dann rückt die Morgenröthe herauf, und mit den ersten Strahlen, die über dem Horizont sichtbar werden, entfliehn alle Nachtgeister; wer sie dann auf ihrem Fluge beschwört und sie durch Zauber-Gesänge herunterzwingt, steht in Gefahr von ihnen verletzt oder getödtet zu werden. Climene . Woher hast Du diese Kenntnisse? Oriana . Ich bin nicht, was ich Dir scheine, die arme Witwe eines Gärtners, auch ist meine Tochter nicht meine Tochter, – die Zeit wird auf ihrer Wanderschaft alles ans Licht bringen. Climene . Warum vertraust Du mir nicht? Oriana Stille Deine Begier mehr zu erfahren, vielleicht entwickelt sich in wenigen Tagen alles. Climene . Wir waren schon oft an diesem Orte, schon manches Werk ward hier ausgeführt, aber noch nie war mir so bange. Oriana Störe die Handlung durch keine unglückliche Ahndungen, sie muß gelingen. Climene . Der Sohn des Königs, er muß vertilgt werden! Oriana . Es ist mein Wunsch wie der Deinige. Climene . Aber wo ist er, der Erstgeborne geblieben? darfst Du mir's nicht entdecken? Oriana . Die Zeit wird alles verkündigen. Climene . Aldrovan muß fallen, auch wenn unser Werk mißlingt, ich habe schon mit Sebastiano Abrede genommen. Oriana . Erhalte Dir nur die Liebe des Königs. Climene . Er ist ganz in meiner Gewalt, mit jedem Tag wird sein Gemüth schwächer, er hat mir seit den zwei Jahren, daß wir mit einander vermält sind, noch kein unfreundliches Wort gesagt. Oriana .         Jetzt ist die Stunde da –         Die Geister sind uns nah –         Um Mitternacht         Da halten unsre Bundsgenossen Wacht. Climene . Stille! – mich dünkt, ich höre jemand. – Oriana . Stör' mich nicht, Niemand kann zu uns kommen. –         Seid ihr aus den Wolkenzügen?         Schwebt ihr dort in Dunstgestalt?         Ja ich seh die Geister fliegen,         Nieder zieht sie unsre Spruchgewalt! Climene . Soll ich auf dem verborgnen Altar das Rauchwerk anzünden? Oriana . Thu es und sprich kein Wort dabei. –         Bist du, Olallin, in der Nähe?         Hörst du wohl mein innig Flehn?         So komm, daß uns dein Fittig wehe,         Laß mich dein furchtbar Antlitz sehn! Der Altar brennt, Rauchwolken entzünden sich. Oriana fortfahrend .         Der Dampf mischt sich mit Himmelsdunst,         Und dringt mit magischer Gewalt         In ihre magische Wesenheit,         Das macht die hohe geheime Kunst,         Die Kunst, so wie die Sündfluth alt.         Die Stunde rückt, nun ist die Zeit.                 heftig hin und her gehend.         Singe das bekannte Lied! Climene auf den Knieen .                 Höre! höre!                 Ich beschwöre                 Bei den Sternen,                 Himmelsfernen,                 Erdenklüften,                 Meeresschlüften,                 Hört die Lieder,                 Senkt euch nieder                 Aus den Bäumen,                 Sternen-Räumen,                 Aus den Gründen                 Mich zu finden!                 Neige dich, neige                 Meiner Gewalt!                 Zeige dich! zeige                 Dich, Geistes-Gestalt! Pause. Oriana . Still! – Ruft es nicht aus den Bergen her? Säuselts nicht wogend übers Meer? Stille! Climene .                 Neige dich, neige                 Meiner Gewalt,                 Zeig' dich, o zeige                 Dich Geistes-Gestalt! – Pause. Oriana . Stille! – Rauscht es nicht von weiten? Hörst du sie schreiten? – Singt dir kein Kobold nach? Wird denn kein Echo wach? – –         heftig. Lauter, laut, mit heftigerm Schrei, Ziehe sie, zwinge sie, stürm sie herbei! Climene . O ihr schnellen Furcht-Gesellen, Geist-Gestalten, Die da walten, Wo kein Blick sie erreicht, Wo alles Leben weicht: – Hört mich in unterirdischen Wegen, Drängt euch ihr höllischen Scharen entgegen! Hört mich! hört mein Geschrei! Macht mich des Grimmes frei! – Pause. Oriana . Stille! – Zittert die Erde nicht? Wankt nicht der Lampen Licht? – Hörst du die bleichen Gesellen nicht schleichen?         mit dem heftigsten Ausdruck. Laut und lauter schrei die Lieder! Zwing' sie mit Entsetzen nieder, Laß in grausen Ungewittern Im tiefsten Grund das Geisterreich erzittern. Climene . Reißt Euch durch Felsenspalten Nächtliche Grimmgestalten! Wandelt, erstarrt mein Blut, Erschüttert den frevelnden Muth! Nimm schwarzes Höllen-Chor Die gräßlichste Larve vor! Aber zeigt! zeigt! zeigt euch! O neigt! neigt! neigt euch! Oriana .                 – Still                 Die Felsen klingen,                 Die Geister bringen                 Uns stillen Gruß. Echo leise Stimmen weit ab .                 Wir neigen, wir neigen                 Doch zeigen, uns zeigen                 Ist uns nicht vergönnt. Oriana und Climene auf den Knieen . Olallin, großer König, zwinge, Daß uns dein Werk, dein Werk gelinge; Zwinge, Und bringe Sie alle herbei!! Eine tiefe Stimme .                 Ich zwinge sie –                         Ja!                 Aber bringe sie                 Heute nicht nah. Oriana und Climene .                 Wehe! Wehe!                     Verloren!                 Wehe! Wehe!                     Verloren!             Echo und Stimme zugleich. Ich zwinge sie Ja! Aber bringe sie Heute nicht nah.             Wir neigen, wir neigen Doch zeigen, uns zeigen Ist uns nicht vergönnt. Die Töne verhallen, wie in der Ferne Altar und Lampen verlöschen. Morgenroth. Oriana . Auf! unsere Arbeit war vergebens. Der furchtbare Elfenfürst hat sich uns abgewandt. – Hinweg! der Morgen bricht an! Climene . Hinweg! hinweg! Beide schnell von verschiedenen Seiten ab. Man hört ganz in der Ferne einen Marsch von Waldhörnern. Angelica tritt auf. Angelica . Es ist noch früh, die ersten Strahlen spielen herauf und küssen das fliehende Gewölk. – Ich höre seine Jagdhörner. – Ein tiefer Schlaf hielt in dieser Nacht meine Sinne gefesselt und nun bin ich ermatteter als zuvor. – Ich muß zurück; ich darf ihn nicht begrüßen. – O Schmerz der hoffnungslosen Liebe! – Er jagt – o du gute Göttin Diana schütze ihn, den Liebling meines Herzens; sieht er doch deinem Endymion so ähnlich, um den du noch immer klagst, denn jede Morgenröthe findet deine Thränen noch am grünen Grase. sie geht. (Der Marsch näher, ein Chor von Jägern tritt auf, Rondino unter ihnen, Aldrovan an ihrer Spitze.) Chor .         Es dampfen die Büsche         Mit lieblicher Frische,         Der Morgen so schön!         Auf, Jagdkameraden!         Ihr werdet geladen         Durch Hörnergetön! Aldrovan .         Die Rosse sie stampfen,         Sie schnauben und dampfen         Vor feurigem Muth.         Besteigt sie in Eile         Und röthet die Pfeile         Mit spritzendem Blut. Chor .         Es dampfen die Büsche         Mit lieblicher Frische,         Der Morgen so schön!         Auf Jagdkameraden!         Ihr werdet geladen         Durch Hörnergetön! Mit einem Marsche ab. Der Vorhang fällt.     Zweiter Akt. Erste Scene. (Waldplatz – ein Marsch aus der Ferne.) Die Jäger zurück, Aldrovan unter ihnen und Rondino . Chor .         Wir kehren nach Haus,         Mit Beute beladen,         Wir flogen Wald aus,         Im Thau zu baden;         Wir kehren nach Haus,         Mit Beute beladen: –         Es sprach im Zorn,         Das Jägerhorn             Tarrah! Tarrah!         Es bellten die Hunde, –         Nachhallt' es im Grunde,             Bau! bau!         Es tönt in die Runde             Tarrah! bau! bau!             Bau bau! Tarrah!         Gewieher der Rosse,         Getön der Geschosse,         Der Vogelsang             Ding dang!         Tarrah! Bau bau! ding dang!         Wir kehren mit Klang         Mit Beute beladen,             Frohlockend nach Haus alle ab, bis auf Rondino . Rondino . Ich will Camillen hier erwarten. Camilla kömmt mit einem Sonnenschirm. Camilla . Sieh mein Bester, wie viel ich Deinetwegen thue. Rondino , ihr die Hand küssend . Ich erkenne es, wie ich soll. – Aber wie bist Du dem eifersüchtigen Trappola entgangen? Camilla . O der hat jetzt lauter Staatsgeschäfte im Kopfe, er ist seit gestern der erklärte Liebling des Ministers Sebastiano und soll mit ihm die Reise nach den Weissagungsfelsen unternehmen. Rondino . O Camilla! welche Zeit der Unruhen ist dies! Camilla . Ja wohl, kein Mensch ist seines Lebens sicher. Trappola kömmt geschlichen und versteckt sich hinter die Gebüsche. Rondino . Liebst Du mich denn, mein holdes, süßes Mädchen? – Nein, mein Kind, bedecke Dein erröthendes Gesicht nicht mit diesem neidischen Sonnenschirme, laß mich diese hellen Augen betrachten, diese Hände, diese Lippen küssen. Nimm den Schwur der treusten Seele, Quäle Länger nicht des Freundes Herz. Wähle, Daß sich lindre dieser Schmerz. Camilla . O mein Freund, ich muß durch Schweigen Zeigen, Daß mich Leichtsinn nicht bethört, Eigen Hat Erfahrung mich belehrt. Trappola bei Seite . Ei du tugendhaft Gemüthe! Wüthe, Schmerz mit tobend wilder Gluth! Hüte Dich, sonst fließt des Feindes Blut. Rondino .         Traute Liebe         Uns erhält.         Ach was bliebe         In der Welt,         Wenn sie wiche?         Freud' erbliche,         Alles todt. Camilla .         Traute Liebe         Uns vereint;         Ach was bliebe         Ohne Liebe?         Sie nur scheint         In dem Glanze,         Lebt im Tanze,         Alles eint         Ihr Gebot. Trappola .         Traute Liebe!         Nein ein Geck,         Wer da bliebe,         Großer Schreck,         Wenn ich erscheine,         Thränen weine!         hervorkommend. Hinweg! hinweg! Camilla . O mein Freund, wo kamst Du her? Trappola . Wüthend, wie das wilde Meer. Rondino . Zorn thut allen Wesen Schaden. Trappola . Ja in Blut will ich mich baden, In dem Blut der Ungetreuen, Und sie soll, mit Fluch beladen, Mich als ihren Henker scheuen; Klopft nicht an die Thür der Gnaden, Denn ich werde nie verzeihen. Beide . Mein Bester, so im Grimme? O! höre unsre Stimme. Trappola . Ich bin taub und stumm, ich höre Nur den Ruf der Ritterehre. Beide . O laß Dich erweichen, Wir nehmen die Hand, Als freundliches Zeichen, Du läßt Dich erweichen, Das ist ja bekannt. Trappola . Nein, nichts da von Hand! Ihr werdet erbleichen, Mich niemals erweichen, Es zürnt mein Verstand.         wirft den Handschuh hin. Da liegt er als Zeichen, Bald liegt ihr als Leichen Auf blutigem Sand. er geht wüthend ab. Beide ihm folgend . Er giebt uns vermessen Das grausame Pfand, Es läßt sich ermessen, Ihm fehlt der Verstand. folgen ihm lachend. König , von einem Mohren begleitet, der ihn mit einem kostbaren Sonnenschirm bedeckt. Der Minister Samieli . König . Und Ihr meint also – ach! ach! Es ist eine große Hitze, – Ihr meint also – wie sind wir denn dazu gekommen, bei dieser heißen Witterung spazieren zu gehn? – Ihr meint also – Samieli . Ja, mein gnädigster Herr, ich bin sogar fest überzeugt, daß es keine Gespenster, Zauberer und dergleichen giftiges Unkraut gebe – alles sind nur Phantome einer kindischen und in Furcht gesetzten Imagination. König . Aber, mein Bester, sie müssen doch auch sein. Samieli . Nein, mit Verlaub, Ihro Majestät, man muß sie durchaus nicht dulden, auch wenn sie es sich in der That herausnehmen sollten zu existiren. König . Nun wie Ihr wollt, – verdammt heiß! Sagt, Minister, wovon sind jetzt die Tage so heiß? Samieli . Das bringt der Kalender einmal so mit sich. Die Astronomie. König . Da müssen aber alle darunter leiden, – ach! ach! – Also, wieder auf den Aberglauben zu kommen, Ihr rathet zu strengen Maßregeln? Samieli . Nicht anders. Seht die ganze Welt umher an, wie lieblich und reizend aufgeklärt, allenthalben sind Geister und Zauberer abgeschafft, allenthalben spricht und schreibt man noch immer dagegen und der Unglaube an diese Märchen ist so stark geworden, daß man sogar auf diese Aufklärer nicht mehr Achtung giebt; – und Euer blühendes, mit geistreichen Köpfen und einsichtsvollen Leuten angefülltes Land soll immer noch ein Ball in den Händen der Dummheit bleiben? Nein, mein König, das müsse niemalen von Eurem vortrefflichen Königreiche gesagt werden, daß es hinter seinen Nachbaren zurück bleibe. So wie es ein nothwendiges politisches Gleichgewicht giebt, so müßte auch billig ein Gleichgewicht in den Einsichten und Kenntnissen eingeführt werden. König . So aber fällt unsre Schale gewaltig nieder? Nicht wahr? Samieli . Allerdings! König . Nun das soll nicht sein, nein, Ihr habt Recht, das Gleichgewicht soll hergestellt werden! Nun sollt Ihr einmal Wunder erleben, was das Land für Fortschritte machen wird. Binnen kurzen sollen mir alle diese Ungeheuer, verzauberte Haine, Propheten und Weissagungsfelsen über die Gränze tanzen. Samieli . Mein König, alle diese Dinge existiren ja gar nicht. König . Noch besser! Nu seht einmal, wie kommode wir es dann haben. Samieli . Wenn ich seither von diesen Albernheiten so viel habe schwatzen hören, so kam es mir immer vor, als wenn sich ein Dichter aus Muthwillen dergleichen Erfindungen erlaubt hätte, um ein Theater-Stück mit Zauberei, wilden Bestien und dergleichen zu componiren. König . Recht, macht ein Stück daraus, mein Lieber, um sie alle zu beschämen. Samieli . Bewahre mich der Himmel, daß ich muthwillig oder gar witzig sein sollte. König . Warum nicht? Samieli . Geziemt sich nur für Narren, mein König, und zeigt auch gewöhnlich ein schlechtes Herz an. König . Ja, wenn das ist, so laßt es. Die Königin mit Gefolge, Sebastiano . Chor von Mädchen .         Zieht ihr warmen Sommerlüfte         Durch die Blumenfelder hin,         Stehlt dem Frühling seine Düfte,         Bringt sie unsrer Königin.         Wo sie wandelt, spielen Weste,         Folgen ihrem hohen Gang,         Vöglein freuen sich im Neste,         Grüßen sie mit Lobgesang. Sebastiano . Alles ist wahr, meine verehrungswürdige Königin, was die Leute da gesangsweise vorgetragen haben. König . Meine theure Gemahlin, wir haben hier eben Rath gehalten – aber Du setzest Dich der Hitze zu sehr aus – rath einmal, worüber wir Rath gehalten haben. Königin . Doch wohl über irgend einen wichtigen Gegenstand. König . Richtig. Wir haben nämlich beschlossen und uns vorgenommen, daß es keine Hexerei geben soll. Königin . Wie? König . Alles ist nämlich nur Fabel. Unser Land soll auch vorwärts kommen. Königin . Aber es leidet ja grade jetzt am meisten. König . Nun Samieli! das ist auch wahr, das Land leidet jetzt am meisten von dem Ungeheuer und dem verzauberten Walde, und ihr wollt mir einreden, daß beide gar nicht lebten. Was sagt Ihr denn dazu? Samieli . Mein König – Climene .     Willst Du guten Rath verachten?     Rührt Dich nicht die große Noth?     Soll Dein armes Land verschmachten,     Jedem drohn der wilde Tod? –     Nein es wohnt in Dir Erbarmen,     Dich bewegt der Klageschrei,     Gütigst denkst Du aller Armen,     Rufst die Hülfe schnell herbei. Der König hat sich indessen niedergesetzt und ist eingeschlafen. König aufwachend . Hört Leute, meine Gemalin hat immer Recht, wenn man die Sache genau untersucht. – Also es bleibt dabei, Sebastiano, Ihr müßt heute noch reisen. König mit Gefolge ab. Climene . Ihr, Sebastiano, wißt meine Aufträge; vergeßt sie nicht, so lieb Euch meine Gunst und Euer Leben ist. Sebastiano . Eure Befehle leben immer in meinem Gedächtnisse. Königin mit Gefolge ab, indem das Chor singt:         Zieht ihr warmen Sommerlüfte         Durch die Blumenfelder hin,         Stehlt dem Frühling seine Düfte,         Bringt sie unsrer Königin.         Wo sie wandelt spielen Weste,         Folgen ihrem hohen Gang,         Vöglein freuen sich im Neste,         Grüßen sie mit Lobgesang. Sebastiano , Samieli bleiben. Samieli . Sebastiano, ich kenne Euch, alle diese Anstalten rühren von Euch her, Ihr seid selbst ohne Vernunft und wollt darum auch alle übrigen Menschen in ihrer Vernunft stören. – Aber ich gedenke es Euch! – Sebastiano . Was habe ich denn nun wieder gethan? Samieli . Den Aberglauben habt Ihr befördert, die Fortschritte des Jahrhunderts haltet Ihr auf, – Ihr seid ein Bösewicht! Sebastiano . Ein Bösewicht? Samieli . Ja, das will ich Euch ins Angesicht hinein beweisen. – Da liegt mein Handschuh, hebt ihn auf, wenn Ihr Muth dazu in Euch fühlt. Sebastiano ihn aufhebend . Mein Freund, die Duelle sind verboten. Samieli . Ihr habt das Zeichen angenommen, und nichts kann Euch nun mehr entschuldigen. Wir werden uns zu treffen wissen. ab. Sebastiano . Es wird immer besser. Nun werde ich mich noch gar dafür todt schlagen lassen, daß es Ungeheuer und Feen giebt. – Meine Sorgen vermehren sich mit jedem Tage. – geht ab. Zweite Scene. (Gebirgsgegend.) Ein Fremder mit einer Tasche, der auf den Bergen umherkriecht . Wie wunderbar und unerschöpflich ist die Fülle der Natur! – Hier ergötzt sich mein wißbegieriges Gemüth an der Mannichfaltigkeit der Kräuter und Gewächse, die alle aus dem mütterlichen Schooße der Erde entspringen. Milon und Curio kommen. Milon . Da sind wir nun ganz nahe an unserer Heimath, wenn wir nur erst vor diesem verfluchten Berge vorbei wären. Curio . Flucht nicht Gevatter, haltet den Berg und das allerliebste Ungeheuer in Ehren; wer wird so gottlos sein! Leben und leben lassen, die Welt ist groß genug, es muß auch Ungeheuer geben. Milon . Wie kömmst Du denn mit einem Male zu dieser Frömmigkeit? Du hast ja den ganzen Weg über das Ding da oben verwünscht. Curio . Ich? o Gevatter, Lügen! Ich und verwünschen! Den Herr Nachbar da oben? daß mir dergleichen nur einmal in den Sinn gekommen wäre! Sieh, da kriecht er herum und frißt. Milon . Narr! das ist ja nur ein Mensch wie wir. – Was treibt Ihr denn da Landsmann? Fremder . Ich botanisire. Milon . Was ist das? Fremder . Ich suche allerhand Kräuter und Gewächse zusammen und bringe sie nachher in ihre gehörige Ordnung. Milon . Wißt Ihr wohl, daß dergleichen hier herum ein bischen gefährlich ist? Da oben wohnt ein fürchterliches Ungeheuer; habt Ihr nichts davon gehört? Fremder . Ich bekümmere mich nicht um Politica, sondern lebe nur allein meiner Wissenschaft. Milon . Da habt Ihr recht, politisch ist es genug, denn es frißt alles auf, was ihm in die Klauen kömmt. Fremder . So ist er kein Freund der Wissenschaften? Milon . O ja, Freunds genug, indem er Euch mit sammt Eurer Wissenschaft auffrißt. Fremder . Ich will nur noch einige von diesen Blumen mitnehmen, und mich dann auf den Rückweg machen. Das Ungeheuer zeigt sich in einer furchtbaren Gestalt oben, die aber doch an die menschliche gränzen muß; es ist mit einer Keule bewaffnet. Ungeheuer . Der verhaßte Tag ist mir wieder erschienen! O Schicksal! wann, wann endet deine Quaal? Muß ich ohne Wechsel Diese Pein, diese grimme Pein im Busen dulden? Der Morgen kommt, ich hoffe jedesmal, Und ohne Hoffnung sinkt der Abend nieder, Weckt mich das Morgenroth zu neuem Schmerz. – Und wilder geängsteter noch Soll der Lauf meines Schicksals werden, So hat es die dunkle Sage verkündigt! In der Befreiung die schrecklichste Quaal, In der Erlösung die furchtbarste Hölle. Curio zitternd . Nun da haben wirs! – da steht Ihro Excellenz. Fremder . Ist er das? Milon . Allerdings, nun gute Nacht Leben! er verzehrt uns alle drei. Curio . Ich habe ihm nichts zu Leide gethan, ich liebe und schätze ihn hoch, wie meinen leiblichen Bruder. Ungeheuer .         Wieder ergreift mich         Der rasende Sinn         Wüthig, er schleift mich,         Durch Berge dahin.         Ohne Besinnen,         Bin ich gehetzt,         Und muß beginnen,         Was mich entsetzt.         Ich kann mich nicht halten,         Ich stürze Berg nieder,         Die wilden Gewalten         Beherrschen mich wieder. Er rennt wüthend den Berg hinunter. Alle knieend . Gnade! Ungeheuer . Wie kommt Ihr hieher? Fremder . Die Wissenschaft der Botanik, wenn Ihnen dergleichen bekannt ist, hat mich hieher gelockt. Milon . Wir sind Abgesandte – respectiren Sie doch um Gotteswillen das Völkerrecht. Curio . Sind Denenselben auch ferner in treuster Liebe zugethan. Fremder . Will Ihnen meinen ersten schwachen Versuch dediciren, wenn sie mich nur für Heute mit Dero gütigen Appetit verschonen wollen. Ungeheuer .         Geht! Entflieht!         Doch keiner wage wieder,         Den Berg hier zu betreten. – Alle . Ganz gewiß nicht Ihro Durchlaucht. – Wir empfehlen uns zu künftigen Gnaden. – alle eilig ab. Ungeheuer . Ich will in meine Höhle zurückkehren, mich vor dem Tage verbergen und allen Schmerzen mein Herz eröffnen. geht ab. Dritte Scene. (Garten.) Angelica allein. Angelica . Ich begreife mich und meine Mutter nicht, noch nie war sie so hart und grausam gegen mich, und mein Kopf ist mit so wunderbaren Gedanken angefüllt, daß mir jeder Baum, jede Blume dieses Gartens fremd und unbegreiflich erscheinen, daß ich mich selbst nicht kenne, daß ich oft frage, wer sind sie die Bilder, die vor meinen Augen so ungewiß und ohne Bestand schweben? Ach, oft erfaßt es mich wie ein Grausen, daß ich ihn, meinen Aldrovan, nicht kenne, und er und seine Liebe nur wie ein Märchen in meiner Seele aufsteigt.         Ach! wer seid ihr fremden Wesen,         Die mit Grimm mein Herz zerschneiden?         Laßt mich wieder neu genesen,         Nehmt, o nehmt zurück die Leiden!         Wenn ich meine Zitter spiele,         Kenn' ich ihre Töne nicht,         Innre Angst und Schreckgefühle         Dunkeln mir der Sonne Licht.         Und die Liebe scheint dazwischen,         Wie wenn sie mich nicht mehr kennt,         Wie bei Nacht in grünen Büschen         Räthselhaftes Mondlicht brennt. Oriana tritt auf. Oriana .         Geh zurück in Deine Hütte,         Wandle nicht so frech herum. Angelica .         Mutter, sprecht, warum, ich bitte,         Zürnt Ihr so, sagt mir, warum? Oriana .         Bald, zu bald wirst Du erfahren,         Was nicht zu verschweigen ist. beide ab. Der König , die Königin , Sebastiano , Samieli , Camilla , Trappola (mit einem großen Mantelsacke auf dem Rücken) Aldrovan , Rondino , Gefolge. König . Alles ist zur Reise zubereitet, viel Glück auf den Weg, Sebastiano. Sebastiano . Wenn ich Euer Wohlwollen mit mir nehme, so ist meine Reise glücklich und ich lasse Krankheit und Schwachheit hier zurück.         Ich empfehl' mich Eurer Gnade,         Betet für mein gutes Glück. Trappola .         Ach, es wäre wahrlich schade,         Käm ich ohne Kopf zurück. Königin .         Reiset fort bei guter Stunde,         Bringt uns Freude mit zurück. Trappola zu Camilla .         Wie? Du stehst mit stummen Munde,         Gönnst mir Armen keinen Blick. Camilla .         Reise nur zur guten Stunde,         Komm als treuer Knecht zurück. Trappola .         Ja ich komme glücklich wieder,         Dir, Rondino, nur zum Schreck. Rondino .         In der Wüste sinkst Du nieder,         Findest todt niemals den Weg. Aldrovan .         Reiset, Freunde, ohne Weile,         Daß wir wieder athmen frei. Sebastiano .         Prinz, wir sind in großer Eile,         Doch, daß sie verständig sei. Trappola .         Denn man sagt, daß große Eile         Ohne Weile schädlich sei. Camilla .         Daß das Unglück bald sich wende,         Müßt ihr ohne Zagen sein. Sebastiano .         Ist man todt, so hats ein Ende,         Man muß sich dem Staate weihn. Rondino zu Trappola .         Bist Du todt, so hats ein Ende,         Dann will ich Camillen frein. Trappola .         Noch gesund sind diese Hände,         Die Dich bald dem Tode weihn. Alle .         Lebet wohl auf Wiedersehn,         Man muß an die Arbeit gehn. alle ab. Vierte Scene. (Wüste Felsengegend, Bäume und Felsen erfüllen in Gruppen das ganze Theater, doch muß alles so eingerichtet sein, daß sich dem Auge nachher ein verworrnes, aber doch angenehmes Schauspiel darbietet.) Ein alter Prophet mit einigen Propheten-Schülern . Alter Prophet . Ihr habt alles mitgebracht, was ich Euch aufgetragen habe? Schüler . Alles. Alter Prophet . So wie ein Orakel von uns gegeben ist, müssen wir aus dem Umkreise der Welt die Buchstaben und Wörter wieder suchen, die wir ausgesprochen haben, sonst verlieren wir unsre Kunst. Schüler . Darum sind wir auch so fleißig im Wiedersuchen. Ein Schüler . Aber sie fangen an Buchstaben abzuschaffen, da habe ich mit Auswechseln meine Noth gehabt. Alter Prophet . Ihr müßt Euch nur durch dergleichen Mühseligkeiten nicht abschrecken lassen. Ein kleiner Greis erscheint mit einer Krücke, langem Bart und sehr alt und gebrechlich aussehend. Greis . Seid mir gegrüßt, Ihr würdigen Propheten. Alter Prophet . Wir danken Dir, Du wunderbarer Greis. Greis . Heut werden Leute in diese Wüste kommen, die ein Orakel von Euch begehren. Alter Prophet . Nun, so ist es gut, daß wir die Buchstaben und Wörter wieder beisammen haben. Greis . Das Reich der Feen ist in Unordnung und Zwiespalt, die Menschen leiden unter ihrem Gezänk, aber bald wird sich alles verändern. Alter Prophet . Du scheinst interessante Kenntnisse zu haben. Greis . Mich betrifft es am nächsten, ich habe am meisten dabei verloren und habe nun auch am meisten zu gewinnen. – Lebt wohl. Alter Prophet . Lebt wohl, weiser Greis. Die Propheten ab. Der Greis verbirgt sich hinter einem Baum, das Theater verfinstert sich, Oriana tritt auf, von einer Larve mit einer Fackel begleitet, Donner und Blitz, Regen und Sturm. Oriana ist mit wunderbarem Zaubergeräth behängt. Oriana .         Nieder will ich ihn beschwören,         Daß mein Zauber nicht zerbricht,         Ja er soll, er muß mich hören,         Meine Wuth erträgt er nicht.         Himmelwärts, höllenwärts,         Schick' ich die Stimme,         – O weh es reißt, es springt mein Herz         Dem wilden Grimme.         Aber nein, ich muß mich rächen,         Mag mein Leben dann zerbrechen! Greis hervortretend .         Kennst Du mich, Scheusal?         Zitterst Du nicht in allen Gebeinen,         Wenn Dich mein Anblick trifft?         Soll Dich die Erde hier verschlingen?         Soll dieser Fels hier niederstürzen?         Und Dich auf ewig in Schutt begraben,         Erkennst Du meine Macht? – Oriana entflieht entsetzt . Elfino! Wohin verberg ich mich? Greis . Sie erträgt, die Schuldige, meinen Anblick nicht. verliert sich in den Bergen. Das Wetter erhellt sich, Donner und Blitz hören auf. Sebastiano , Trappola treten durchnäßt auf. Trappola . Nun das wird eine saubere Geschichte. – Wären wir in dem Ungewitter nicht beinahe ersoffen? Sebastiano . Erst die Hitze – nun dies Wetter – meine Kränklichkeit. – O Trappola, eröffne den Mantelsack. Trappola . Ja eröffnen, der Regen hat ihn ganz durchnäßt und der Blitz ist dreimal hineingeschlagen, er hat, glaub' ich, den Wein gewittert. schnallt den Mantelsack ab. Sebastiano . Es war unvorsichtig, daß wir nicht einen Ableiter mitnahmen. Trappola . Triumph! noch sind die Flaschen ganz. Diesmal sind wir mit der Furcht durchgekommen! Sebastiano . Gieb her zur Stärkung, meine innern Eingeweide erhalten mich sonst nicht mehr auf den Beinen. – er trinkt aus der Flasche. Trappola . Zur aufmunternden Nachahmung! trinkt aus einer andern Flasche. Sebastiano . Das Herz, mein Sohn, geht gleich einen ganz andern Schritt, wenn man dergleichen zu sich genommen hat. Trappola . Das meinige war ganz und gar still gestanden, und rührte sich nicht aus der Stelle, ich mochte ihm die Sporen geben so viel ich wollte. Sebastiano . Meins ist seiner Natur nach ein Paßgänger, jetzt fängt es aber an, sich in einen kleinen Galopp zu setzen. Trappola . Mein Herz glaub' ich, hat was von einer Eselsnatur an sich, da ist an keinen Galopp zu denken; drum, gnädiger Herr, reiten Sie nicht zu weit voraus, ich möchte Sie sonst nicht wieder einholen können. Sebastiano . Wir sind hier, glaub' ich, zur Stelle. Trappola . Nach der Beschreibung kann es fast nicht anders sein. Sebastiano . Nun noch ein Schluck, dann wollen wir an die Arbeit gehen – trinkt. Trappola . Meinthalben! trinkt. Sebastiano , liest ein Pergament ab . Uns sendet, wie Euch wohl bekannt, Das arme nothgedrängte Land, Weil Glück sich von uns abgewandt. Donner. Trappola . Da fängt die alte Geschichte wieder an! Sebastiano . Wir müssen von neuem herhalten, zum Besten unsers Vaterlandes werden wir naß wie die Katzen. liest weiter. Wir bitten also vor der Hand Um guten Rath und Beistand! es donnert stärker. Trappola . Ich laufe fort. Sebastiano . Wohin? – Es ist eine verdammte Eigenschaft, die der Zettel an sich hat, so wie ich zu lesen anfange, geht auch das Donnern wieder los. Trappola . Rühren Sie lieber das Orakel nicht weiter auf, denn ich fürchte, wenn es einmal in den Gang gebracht ist, so zermahlt es uns wie eine Mühle. Sebastiano . Wir sind einmal mitten drein, da hilft kein Sauersehen. fortfahrend. In Demuth wir Euch flehn, Uns durch Orakelmund zu sagen, Was uns zum Besten soll geschehn; Wir wollen uns und unser Leben wagen. Trappola . Da nehm ich mich aber aus, mein hochgebornes Orakel. Ich habe mit dem Staate nichts zu thun. Sebastiano . Siehst Du, das Gewitter hat aufgehört, das Orakel besinnt sich und wird freundlich. Unsichtbar Chor .         Die Eulen schrein         Zum Wald hinein,         Was mag das sein?         Bei unserm Dräun,         Erbebt der Hain;         Beim Weisheit Schein         Sich Menschen freun;         Geht zu uns ein! Trappola . Ganz wohl, wenn wir nur die Thür finden könnten. Sebastiano . Laß uns auf diese höfliche Antwort einmal trinken! – Trappola . Zur Gesundheit meine Herrn! – Der mittelste Felsen eröffnet sich, ein alter Prophet mit langem Barte sitzt darin. Sebastiano . O weh! o weh! Trappola . Sehn Sie, wie der alte Mann in seinem Kabinet ungnädig aussieht. Zwei andere Felsen zu beiden Seiten thun sich auf, in denen zwei andere Greise in tiefen Gedanken sitzen. Trappola . Ich merke, der Kern ist bei diesen Felsen das beste. Sebastiano . Einen Trunk, Trappola, das Entsetzen reißt mich sonst um. Trappola , indem sich mehrere Felsen aufthun . Ich finde, heute ist hier Jahrmarkt mit Weisheit, dann werden wir sie gewiß wohlfeil einkaufen können. Sebastiano . Mach' keine Scherze hier, Du armer Sünder, die Leute dort können dergleichen nicht vertragen. Viele Felsen im Hintergrunde springen auf, in welchen die Schüler sitzen. Schüler . A, B, C, D, – Sebastiano . O weh! o weh! o weh! Schüler . E, F, G, H. Trappola . Ha ha! ha ha! Schüler . I, K, L –         Das ist der Weisheit Quell – Andere . E, F, G. – Andere . A, B, C, D – Andere . X, Y, Z – Trappola . Sie singen das Alphabet – Andere . X, Y, Z – Andere . R, S, T. Die vordern drei Greise .         Nun rüttelt         Und schüttelt         Sie tüchtig,         Daß es g'nug sei         Und richtig         Der Spruch sei. In Urnen werden die Buchstaben geschüttelt und herum gegeben, worauf man die Silben ordnet. Sebastiano .         Nun rüttle         Sie tüchtig!         Und schüttle,         Daß flüchtig         Das Herz sei         Von Schmerz frei. Sie trinken, indessen werden die Buchstaben in Urnen geschüttelt. Schüler . Schik, Zau, Ge, Kö. Trappola . O weh! o weh! o weh! Sebastiano .         Mein Verstand, er wankt!         Mein Gehirn erkrankt! Schüler . Der, wird, ber, im, er, Trappola . Dies Leid ist mir zu schwer! Noch andere Zauberer zeigen sich in aufspringenden Felsen, sie zeigen sich oben in den Felsen, in den Bäumen, alle schreien durcheinander. Andere . Geh, Zau ver, er, ginn, – Andere . A, B, C, D, E – Sebastiano . O mein guter Verstand! wo bist du hin? Trappola . O mein Kopf, mein Kopf thut weh! – Sie trinken und fallen während der Chöre nieder. Dem mittlern Greise werden alle Buchstaben und Silben gebracht, er schüttet sie in eine Urne, ordnet die Silben, und singt dann unter Donner und Blitz.         Das Schicksal wird besiegt,         Das Ungeheuer bekriegt,         Der Zauber im Walde versiegt,         Wenn die Königin erliegt. Trappola und Sebastiano .         Ja wohl ist der besiegt,         Der auf der Erde liegt. Chor .         Dies große Orakel gnügt. Sebastiano und Trappola halb im Schlaf .         Das Orakel hat uns bekriegt. Chor wird immer schwächer, denn die Felsen schließen sich nach und nach .         Das hohe Orakel gnügt! Sebastiano und Trappola .         Der Wein in der Flasche versiegt. Chor der drei Greise, indem sich ihre Felsen auch schließen .         Wenn die Königin erliegt. Sebastiano und Trappola .         Genug ist der besiegt,         Der auf der Erde liegt. – Leises unsichtbares Chor .         Beim Weisheit Schein         Sich Menschen freun. Sebastiano und Trappola im Schlaf kaum hörbar .         Doch mehr beim Wein. Chor .         Beim Weisheit Schein. Trappola und Sebastiano .         Ja wohl beim Wein. Chor , Sebastiano und Trappola .         Sich Menschen freun. Alle Töne verlieren sich nach und nach. Der Vorhang fällt.     Dritter Akt. (Der bezauberte Wald.) Eine angenehme süße Musik ertönt, in der Ferne ein Fluß, auf dem Schwäne einen bekränzten Nachen herbeiziehen, in welchem die Fee Allina sitzt, eine Zither in der Hand. Unsichtbar Chor . Die Morgenröthe durch den Wald Mit süßen funkelnden Strahlen glüht: In unserm düstern Aufenthalt Ach! keine Freude, kein Trost erblüht. Allina . Auf Wogen, Gezogen Von Klängen, Gesängen, Durch Strahlen gelenkt, – Die Wellen, Die hellen Gewölke, von Morgenröthe getränkt: Die Töne, Die Schwäne, Die säuselnden Lüfte, Die blumigen Düfte, Sich alles zum Gruße entgegen mir drängt. Ohn Sorgen Nur weiter, Wie heiter Der Morgen! Fließ Bächlein, Fahr Schifflein Ohn Sorgen Nur weiter, Begegnet doch alles wie's Schicksal verhängt. Der Nachen fährt fort. Unsichtbar Chor .         Die Morgenröthe durch den Wald         Mit süßen funkelnden Strahlen glüht;         In unserm düstern Aufenthalt         Ach! keine Freude, kein Trost erblüht (Der Garten.) Oriana , Climene . Climene . Sprich Unglückselige, oder ich werde wahnsinnig vor Verdruß und Aerger. Oriana . Laß der Zeit ihren Gang, heut ist ein wichtiger Tag, heut und morgen, an welchen Tagen sich vieles entscheiden muß. Climene . So sprichst Du jeden Tag, und immer wieder geschieht es nicht, und immer wieder machst Du mir Hoffnung, die dann von neuem betrogen wird. Oriana . Es geht nicht so wie Du es meinst, Du mußt der Zeit Zeit lassen, dem Zauber und Beschwörungen Raum, reif zu werden. Climene . Was steht uns denn noch im Wege? Oriana . Die Sterne, die bösen Stunden sind uns hinderlich. Climene . Der erstgeborne Sohn des Königs ist aus dem Wege geräumt, nun muß auch der zweite fallen! Oriana . Er soll. Climene . Ich traue deinen Versicherungen nicht mehr. Oriana . Elfino, mein mächtiger Feind, ist mir entgegen, seine Sterne regieren jetzt und halten die Kräfte des gewaltigen Olallin eingekerkert. Climene . Deine Kunst erscheint mir jetzt aberwitzig, ich will mir selber Hülfe schaffen; was sollen mir alle Deine Geister? –         Ich will mir selbst vertraun,         Um keine fremde Hülfe flehn,         Durch eigne Kraft, was soll geschehn,         In meinem Sinn erbaun.         Mich sollen im Grimme         Gesetze nicht schrecken,         Es soll meine Stimme         Die Gräuel erwecken:         Man kann mich nicht lieben,         So zittre man mir,         Als Schutz ist geblieben         Zu rächen, zu strafen, die wilde Begier. ab. Oriana .         Sie rast, sie weiß nicht was sie thut,         Doch alles auf der Götter Willen ruht. ab. Sebastiano , Trappola treten auf. Sebastiano . Da sind wir wieder sicher am Hofe. Trappola . Sicher? Das ich nicht sagen könnte! Wir wissen kein Wort vom Orakel, wir können das Land nicht retten, wir haben alles überhört, den Götter-Spruch in Wein versoffen – o es ist ein schändliches Ding um den Trunk, dem sich ein Diener des Staats, vollends wenn er nach einem Orakel geschickt wird, niemals nicht ergeben sollte; – wenn sie uns also nun festnehmen, und ins Gefängniß werfen und hinrichten? – Sebastiano . Sei unbesorgt, mein getreuer Trappola, die Leute da draußen wußten selber nicht was sie sagen sollten; so gescheidt wie sie werden wir auch immer sein können. Sieh, mich dünkt, sie haben uns eine gute Lehre gegeben! Du wirst bemerkt haben, daß sie das Orakel zusammenwürfelten – Trappola . Ich habe nichts bemerkt, weil ich, wie gesagt, so niederträchtig gewesen war, mich damals dem Trunke zu ergeben: o der Trunk ist ein abscheuliches Laster! Sebastiano . Ja doch mein Sohn! doch das bei Seit' gesetzt wollte ich Dir nur sagen, welche Bemerkung mir in Rücksicht der weissagenden Felsen eingefallen ist – Trappola . Und daß der Trunk dem Verstande so nachtheilig ist – Sebastiano . Gieb Dich nur zur Ruhe. Sie würfelten und legten das Orakel zusammen und so geschieht es eigentlich mit aller Weisheit und Klugheit in der Welt. Will was gescheidtes draus werden, so geschieht es, wenn nicht, so läßt es sich durch Verstand nicht zwingen. – Trappola . Das ist gewissermaßen wahr. Sebastiano . Nicht gewissermaßen, sondern völlig, und darum laß mich nur für eine Antwort sorgen. Prinz Aldrovan kömmt. Aldrovan . Seid Ihr schon wieder zurückgekommen, mein lieber Sebastiano? Sebastiano . Ja, mein Prinz. Trappola . Wir haben viel zum Besten des Vaterlandes gelitten. Aldrovan . Aber warum geht ihr nicht schnell an den versammelten Hof? Alle warten auf Euch, alle sind auf die Antwort des Orakels begierig. Sebastiano . So wollen wir denn nur schnell uns hin begeben. Sie gehn ab. (Großer Saal im Pallast.) Der versammelte Hof, der König , Climene , Samieli , Gefolge. König . Sie kommen nicht, und kommen nicht, wir warten und warten und sie kommen nicht und kommen nicht. Samieli . Und mein König, wir werden noch lange warten müssen, denn wenn es gar keine Weissagungsfelsen giebt – König . O schweige endlich mit Deiner verfluchten Aufklärung still! Du machst mich am meisten verdrießlich. Samieli . Mein König, wenn die Aufklärung erst unterdrückt wird – König . O du Himmel! – so halt doch nur das Maul. Samieli . Ich schweige. Aldrovan , Sebastiano und Trappola treten auf. Aldrovan . Mein Vater, die Abgesandten sind zurückgekommen! König . Ja? – Wahrhaftig da sind sie – umarmt Sebastiano. o mein Freund, wird denn das Land nun glücklich werden? – umarmt Trappola. – Ach der Teufel! da hab' ich in der Hitze vor Entzücken den Bedienten embrassiret. Doch immerhin will ich das dran setzen und mich darüber wegsetzen, wenn ich nur meine Unterthanen glücklich machen kann. – Je nun, ein Bedienter ist auch ein Mensch, wir können nicht alle Könige sein. Nicht wahr, meine Freunde? Nun, und was machen denn die Weissagungsfelsen guts? Sebastiano . Mein gnädigster König, wir haben unbeschreibliche Lebensgefahren zu überstehen gehabt, Gewitter haben uns fast todt geschlagen, dann die einsamen schwarzen Felsen, ein Wirrwarr von Kobolden und Geistern, nichts zu essen und zu trinken bei uns, kein Obdach, als unter freiem Himmel, nun noch das Weissagen, Donner und Blitz, die Propheten – nein es läßt sich das Entsetzliche gar nicht mit Worten aussprechen. Nachher noch verirrt und so dann endlich, nach vielen Leiden, in das werthgeschätzte Vaterland zurückgekommen. König . Es ist erschrecklich! Mir schaudert, wenn ich es nur anhören muß; nein, ich bitte Dich Minister, verschone mich mit einer umständlichen Erzählung. Sagt lieber gleich das ganze Orakel heraus. Sebastiano . Ach mein König! König . Nun? Sebastiano . Der Schmerz, das tiefe Leiden! ich kann unmöglich! König . Warum denn nicht? Sebastiano . Die Verzweiflung verschließt meine Lippen. König . Wie so denn? Sebastiano . Es ist zu schrecklich. König . Nun Trappola, so sprich Du! Trappola weint . Ach! ach! ach! König . Was ist denn Leute? ich will doch nimmermehr hoffen? Sebastiano und Trappola . Ach! ach! ach! laut schluchzend. König . Ich werde doch nimmermehr für mein Vaterland wie ein gewisser Codrus sterben sollen? So redet ins Henkers Namen, mir wird grün und gelb vor den Augen! Trappola . Ach ich weiß vom Orakel nichts, denn ich war um die Zeit, da es gegeben wurde, nicht mehr bei mir selber. König . So geht mirs jetzt; wenns auf mich gemünzt ist, so straf ich das Orakel und alle Felsen in der Welt Lügen. Sebastiano . Ich will sprechen. – Nein, mein König, nein, so ein großes Opfer, als Eure unschätzbare Person, fordert das Wohl des Staates nicht. König . Was heult Ihr denn also? redet frei heraus, und fern sei es von uns, daß wir dem Vaterlande irgend ein Opfer abschlagen, wenn es auch noch so groß sein sollte. Sebastiano . Ihr seid also auf alles gefaßt mein König? König . Auf alles, machts nur kurz. Sebastiano . So muß ich denn also sagen – aber vergebt mir dabei die Thränen, die ich als ein getreuer Unterthan vergieße, daß, – o wo soll ich Kraft hernehmen – König . Wenn ich ungeduldig werde, wird es Euch noch schlimm ergehn. Sebastiano . Daß, um mich kürzlich auszudrücken, der Prinz Aldrovan das Ungeheuer bekämpfen soll, dann wird das Land glücklich. Alle . O wir Unglückliche! O grausames Schicksal, furchtbares Orakel! König . Nun wenn ich gar daran glauben müßte! Seid also still, und ergebt Euch in den Willen des Himmels, wenn es doch nicht zu ändern ist. Aber was sagst Du dazu, mein Sohn? Aldrovan . Ich sinne eben darüber, wie ich diesen Ausspruch gewünscht habe, und wie wunderbar es sich fügt, daß ihn das Orakel nun wirklich ertheilt! Ha! ruft mich nicht das Vaterland, Wie sollen Zweifel mich erschüttern! Ich werde niemals vor Gefahren zittern, Werd' ich in diesem Namen abgesandt. Aus den Wolken winkt ein Glanz Lorbeer streckt sich mir entgegen, Ja ich geh' ihm kühn entgegen, Denn mich lockt des Ruhmes Kranz. Climene . Ach mein Sohn! – Willst Du entfliehn? Soll der Thron hier ganz verwaisen? Aldrovan . Nur dem Glück entgegen ziehn. Climene . Und Du willst mein Herz zerreißen? Aldrovan . Lebet wohl! mein Schwert, mein Schild, Sollen meine Schirmer sein. Der Geliebten Angedenken, Ach! ihr süßes, himmlisch süßes Bild Dies wird meine Schritte lenken. ab. Chor . Ha! er trotzet den Gefahren! Schicksal führ' ihn uns zurück! alle ab. (Zimmer.) Camilla , Rondino . Camilla .         O glückliche Stunde!         Bald fliehen die Leiden,         Dann kehren die Freuden         Mit Liebe verbunden         Hier zu uns zurück! Rondino .         Dann tanzen und singen         Wir alle mit Freuden,         Camilla uns beiden         Gesänge erklingen         Zur Hochzeit, zum Glück! Trappola tritt bewaffnet auf. Trappola . Was giebts hier? Ihr singt, Ihr heidnischen Freigeister und so eben soll nun das große Werk entschieden werden? Rondino . Wie so? Trappola . Wie so? Welche dumme Frage! O daß man nicht auf mehr Verstand in dieser Alltagswelt trifft. Wie so? der Prinz und das Ungeheuer werden nun gleich über das Wohl des Vaterlandes eine kleine Rücksprache nehmen. Rondino . Der Prinz? Trappola . Wer anders als der Prinz? Haben wir beide denn nicht, ich und der Minister Sebastiano, das furchtbare Orakel aus der Mitte von tausend Felsen herausbeißen müssen? Für wen seht Ihr uns denn an? Können wir das uns aus den Fingern saugen? Camilla . Sei nur nicht böse, lieber Trappola. Trappola . Ich bin nicht böse, ich kann nicht böse sein, dazu habe ich die Welt zu viel gesehn, dazu habe ich zu viel Geschäfte, denn jetzt gleich werde ich den Prinz nach dem gräßlichen Gebirge begleiten müssen. Camilla . Was willst Du denn dort machen? Trappola . Muß ich nicht allenthalben dabei sein? Wo kann es jetzt ein wichtiges Staatsgeschäft geben, in dem Trappola nicht ebenfalls verwickelt wäre? Was meint Ihr? Die guten Köpfe kommen jetzt im Königreiche empor; ich bin im Stande unter den Augen der Regierung über dies verfluchte Ungeheuer und den verzauberten bestialischen Wald ein eignes Journal zu schreiben. Camilla . Was ist das ein Journal? Trappola . Was ist das? welcher vernünftige Mensch frägt doch so, wenn von einem politischen Journal die Rede ist? Wenn das einer wüßte, würd' es kein Mensch schreiben. Camilla . Du bist heut übel aufgeräumt. Trappola . Das thut nichts, wenn nur das Reich gut aufgeräumt wird. Dich Rondino erinnere ich an meine Ausforderung, komm mit mir ins Gebirge, da will ich Dich vor dem Angesicht des Ungeheuers umbringen. Rondino Du hast ja nichts als das Ungeheuer im Kopfe. Trappola . Ich will noch weiter gehn, ich will selbst zum Ungeheuer werden.         Taub und hart für alle Bitten, Unerweichlich jedem Flehn, Wirst Du heut den Kampf gestritten Mit gebrochnem Auge sehn: Ja ich will Dich also hassen, Daß kein Grab Dir wird im Staub, In der Wüste dort verlassen Wirst dem Ungeheu'r zum Raub. geht ab. Rondino und Camilla .         O glückliche Stunden!         Bald fliehen die Leiden,         Dann kehren die Freuden         Mit Liebe verbunden         Hier zu uns zurück. gehn ab. (Wald.) Prinz Aldrovan , Samieli , Sebastiano . Aldrovan . Wie reizend ist dieser Tag meine Freunde! O möchte er eben so schön beschließen! Seht, wie freundlich die Sonne durch diese Zweige scheint, wie alle Vögel jauchzen, und mir mit ihren süßen Stimmen Siegeslieder singen; ja eine glückliche Ahndung sagt mir, daß ich das Vaterland retten werde. Samieli . Auf Ahndungen darf man niemals trauen, denn es ist Thorheit und Aberglauben sich auf dergleichen zu verlassen – heimlich. Sebastiano, Ihr erinnert Euch noch meiner Ausforderung! Sebastiano . Ja, was wollt Ihr damit? Samieli . Unter den Augen Eures Ungeheuers sollt Ihr umkommen oder die Wahrheit bekennen, daß dergleichen Phantome nicht existiren. Sebastiano . Gut, wir werden sehn. Trappola kömmt. Aldrovan . Ich dachte, Freund, Du würdest uns gar nicht nachkommen? Trappola . Mein Prinz, ich werde niemals einen so glorreichen Tag versäumen, wenn es Mord und Todschlag, Orakel und Ungeheuer giebt, da bin ich immer schnell bei der Hand! Aldrovan . Geht meine Freunde, ich werde Euch sogleich folgen, aber erst muß ich noch meinen entzückten Gedanken nachhängen und die Reize der Natur ein wenig genießen. Sebastiano leise . Er hat nämlich kein Herz! Trappola rleise . Desto besser für das Ungeheuer! Sie gehn ab. Aldrovan .         O ihr süßen Liebesschmerzen         Eilt ihr meinen Schritten nach?         Ach! in meinem trunknen Herzen         Werden alle Bilder wach.         In den Zweigen singt die Wonne,         Sie erklingt im Liedesschall,         Ihre Bildung strahlt die Sonne         Durch die Schatten überall.         Wohin soll ich mich erretten,         Vor der süßesten Gewalt?         Ja ich ziehe meine Ketten         Mit mir durch den grünen Wald. (Der kleine Greis erscheint.) Greis .         Du ziehest zum Streite,         Zum Kampfe dahin,         Es glänzet noch heute         Dir Sieg und Gewinn;         Doch daß Du besiegest,         Und niemals erliegest,         Dem Unholde feig,         Damit vor den Feen         Im Kampf magst bestehen,         So nimm diesen Zweig. Aldrovan . Wie, du wunderbare Erscheinung? was soll ich mit diesem Geschenke beginnen? Greis . Wenn Du Dich ermattet und Deine letzten Kräfte schwinden fühlst, so wirf diesen Zweig auf das Angesicht des Ungeheuers, und Du wirst gerettet sein. Aldrovan . Ich danke Dir. Greis . Spare Deinen Dank, bis wir uns wieder sehn. geht ab. Aldrovan . Ein Zauber drängt den andern; ein Wunderwerk folgt auf das andre. ab. Rondino tritt bewaffnet auf .         Den zärtlichen Küssen         Zum Kampfe entrissen         Das Glück mir erscheint!         Ich darf nicht mehr weilen,         Ich muß ihn ereilen;         Wo find' ich den Feind? geht ab. (Das Gebirge.) Das Ungeheuer kömmt aus dem Walde. Ungeheuer . Wohin treibt mich meine Angst? was soll mit mir beginnen? wie schreckliche Stimmen tönt es um mein Ohr und ich erzittre. – Wohin soll ich entfliehen? denn wie in die Welt hinein zu flüchten, geißelt mich mein böser Genius.         Ist die Zeit der Strafe da,         Soll ich durch die Felder streifen,         Durch die Felsenklüfte schweifen?         Die Erlösung ist sie nah?         Neu und fremd ist mir der Schein,         Den die Sonne nieder spiegelt;         Meine Wünsche wie beflügelt         Brechen in die Traumwelt ein.         Ach da flimmt die alte Zeit         Von dem längst entschwundnen Glücke         In die Einsamkeit zurücke;         Alles sich vor mir erneut,         Greif ich aber mit der Hand,         Kann ich nimmer etwas halten,         Es zerflattern die Gestalten         In der Träume dunkles Land. geht in die Höhle. Trappola tritt auf. Trappola . Ich weiß nun nicht, ob ich mich mehr vor dem Ungeheuer oder dem mordsüchtigen Rondino fürchte. – Ist die Liebe oder Camilla wohl werth, sein Leben dafür zu wagen? – Es wird heut ein heißer, grausam blutiger Tag werden. Rondino kömmt. Rondino zieht den Degen . Nun mein Freund – Trappola . Halt! nicht so eilig! immer und bei jeglicher Gelegenheit muß die Vernunft zu Rathe gezogen werden. Rondino . Was giebts noch zu bedenken? Trappola . O gar mancherlei: erstens, ist hier kein Ort, Händel anzufangen, Du mußt wissen, daß hier das furchtbare Ungeheuer wohnt; wenn wir hier unsere Schlägerei unternehmen, könnt' es sich gar darein mengen, auf eine Art, daß es uns beide auffräße Rondino . Nun und was wäre da weiter? Trappola . O Du gottlose freigeisterische Seele! Nein, komm, wir wollen einen hübschen friedlichen Platz suchen und uns dann nach Herzenslust ums Leben bringen. beide ab. Samieli und Sebastiano treten auf. Sebastiano . Aber wo bleibt in aller Welt der Prinz? – Ich glaube, es fehlt ihm an Herz, darum bleibt er lieber in den Annehmlichkeiten der Natur vertieft, als daß er sich nach dem Ungeheuer herbemühen sollte. Samieli . Davon ist jetzt gar die Rede nicht, ob der Prinz Muth hat oder nicht; ob Ihr ein Feigherziger seid, das ist es, worauf es ankömmt! er zieht den Degen. Sogleich zieh.! Sebastiano . Aber mein Bester, ein kranker Mann, dem der Tod den Garaus machen wird, warum wollen Sie den vor der Zeit ins Grab legen? Samieli . Zieht gleich Bösewicht! Wo ist nun Euer Ungeheuer! all' Eure Romanenstreiche? Seht das Gebirge an, das Ihr so verläumdet habt, ist eine Spur von Ungeheuer da? zieht oder ich strecke Euch so auf den Boden! Sebastiano . Nun, wenn es denn nicht anders ist. sie gehn fechtend ab. Aldrovan kommt mit entblößtem Schwert . Jetzt zeige Dich! O Ungethüm, jetzt zeige Dich! Dich fordert laut ein Jüngling, der geschworen, Im Kampf Dich zu erlegen, Oder besiegt zu Deinen Füßen zu sterben! Er steigt das Gebirg hinauf.             Wo weilst Du Scheusal?             Ich rufe Dich, Gräßlicher!             Der Kampf ist bereit. Das Ungeheuer kömmt aus seiner Höhle.         Wessen Stimme ertönt so kühn         Durch die Bergesklüfte hin,         Daß meine Wohnung wiederhallt? Aldrovan . Ich bin es, der Dich ruft zum Streit! Ungeheuer . Du, Schwacher, wagst mich zu bekriegen? Aldrovan . Zu sterben oder über Dich zu siegen. Ungeheuer . Wohlan, Du sollst die Kraft der Riesen Auf Deinem Schädel fühlen, Deinen Frevel büßen. Sie kämpfen. Aldrovan .         Wohlan, es sei versucht! Ungeheuer .         Mich beherrscht die wilde Gluth! Aldrovan .         Sei Du Ungethüm verflucht!         Du erliegest meinem Muth. Ungeheuer .         Dich zerschmettert meine Wuth! sie gehn kämpfend ab. Trappola fliehend, Rondino folgend. Rondino .         Willst Du Camillen übergeben? Trappola .         Niemals, niemals, eh' mein Leben! Rondino .         Nun so sei zum Kampf bereit! Trappola .         Komm! Dein wartet heft'ger Streit! entläuft. Rondino .         O er kämpfet sehr gescheidt. ihm nach. Sebastiano fliehend vor Samieli . Sebastiano .         Ach es wird mir immer wüster –         Gnade, Gnade! Herr Minister! Samieli .         Willst Du Dich ergeben? Sebastiano .         Ich will mich gern ergeben,         Nur schonen Sie mein Leben – Samieli . Leg das Schwert nieder – so – Nun kniee daneben auf den Boden nieder, – so – Nun bekenne mir und beschwöre es, daß es kein Ungeheuer, Propheten und verzauberte Wälder giebt und Dein Leben ist Dir geschenkt! Sebastiano .         Ja ich mache hier bekannt,         Und beschwör's mit einem Eid,         Ungeheuer sind nur Tand,         Denn vorüber ist die Zeit – – Aldrovan zurückweichend, ihm folgt das Ungeheuer. Samieli lautschreiend . Ach! ach! ach! entflieht. Sebastiano . Was giebts denn? – er sieht das Ungeheuer. o weh! o weh! von einer andern Seite schnell ab. Aldrovan .         Meine Kräfte, sie erlahmen,         Ich bin schwächer als ein Kind. Ungeheuer .         Ja sie alle, die noch kamen,         Sie erlagen mir geschwind. gehn fechtend ab. Trappola und Rondino treten fechtend auf. Trappola .         Nun Gnade Gevatter,         Ich ergebe mich Dir. Rondino .         Ich sollte Dich, Natter,         Erwürgen nur hier. Trappola .         Es wäre ja Schade,         Nein Gnade, ach! Gnade! Rondino .         Ich schenk' Dir das Leben,         Camilla ist mein! Trappola .         Ich will sie Dir geben,         Mich tröstet der Wein. Rondino .         Sieh, kömmt da nicht eben         Der Kobold herein! Trappola .         So laß uns nur streben,         Entfernet zu sein! laufen ab. Das Ungeheuer zurückfliehend heftig von Aldrovan verfolgt. Aldrovan .             Wo ist dein Muth?             Ha! neue Gluth             Erwacht in mir! Ungeheuer .             O Quaal und Pein!             Er muß es sein!             Erkenn' ihn hier! Aldrovan .         Jetzt stelle Dich zur Wehr! Ungeheuer .         Er kennet mich nicht mehr! Aldrovan .         Ich ziele nach dem Herzen,         Vertheidig' Frevler Dich! Ungeheuer .         O! Schmerzen, wilde Schmerzen         Zerreißen mich!             heftiger Kampf.         Mein Bruder Aldrovan! Aldrovan .         Was nennst Du meinen Namen? Ungeheuer .         Die Kräfte in mir erlahmen,         Ich kaum mich regen kann. Aldrovan .         O wildes Verderben!         Jetzt mußt Du ersterben! Ungeheuer . Mein Bruder Aldrovan – das Gefecht wird heftiger. Aldrovan .         Deinen Bitten bin ich taub! Ungeheuer .         O Schicksal! Verhängniß! o schrecklicher Fluch! Aldrovan .         Bald bist Du des Todes Raub! Ungeheuer .         Ja die Zaubrer es mir heißen,         Mich zum Kampf entgegen zu reißen! Aldrovan .             Du wüthest vergebens,             Das Ende des Lebens             Ist, Gräßlicher, nah. Ungeheuer .         So fallen wir beide         Der Hölle zur Freude,         Die fröhlicher Schauspiel niemals noch sah. Beide .         Die gräßliche Wuth         Opfert dem Tode Dein Blut. Aldrovan .         Er widersteht der menschlichen Gewalt – Ungeheuer .         Jetzt will ich ihn verderben,         Auf seinem Leichnam sterben. Aldrovan .         Drum fühle nun der Zauberei Gewalt! Er wirft ihm den Zweig entgegen, das Ungeheuer fällt. Eine liebliche Musik. Das Ungeheuer verwandelt sich in einen Menschen. Aldrovan .             Welche Schöne             Der flüsternden Töne? Volanti .         Von welchem neuen Leben         Fühl ich mich sanft umgeben? Aldrovan .         Täuscht mich der Sonne Licht?         Seh ich den Bruder nicht? Volanti .         O süße, süße Augenfreude!         Nach dem schmerzlichsten Leide!         Dich wieder zu sehn,         Dich wieder zu fassen!         O kannst Du mich hassen?         Willst Du mein Bruder sein? Aldrovan .         Nicht Worte kann ich finden, –         Soll ich dem Licht vertraun?         Als Bruder Dich zu schaun,         Um den wir so lange geklagt – Volanti .         Die Sonne erscheint! es tagt,         Die Bande zerspringen,         Die Felsen erklingen         Von Jubelgesang:         O fröhliche Lieder!         Ich habe Dich wieder,         Dir Schicksal sei Dank! Beide .             O! glückliche Stund'!             O selig Begrüßen!             O brüderlich Küssen!             O herrlichster Bund! Der Vorhang fällt.     Vierter Akt. (Der Pallast.) Der König , Climene , Gefolge vom Hofe, alle in der größten Betrübniß. König herumirrend . Es wird Abend, die Sonne geht richtig schon unter, und unser Sohn kömmt noch nicht zurück. Hofleute , Hände ringend . Ach das Unglück! das unaussprechliche Unglück! König . Warum er wohl nicht zurückkömmt? Was soll dergleichen doch bedeuten? Glaubst Du, geliebte Gemalin, daß das Ungeheuer von einer so unsittlichen Natur sein sollte, unsern einzig geliebten Sohn mir nichts dir nichts aufzufressen? Climene . Man kann nicht wissen, mein Gemal, aber dennoch mußt Du Dich zufrieden stellen. König . Ich muß! Und wer will mich denn dazu zwingen? O ich unglücklicher Vater, wenn die Bestie auf meine Vaterthränen nicht einige Rücksicht nehmen sollte! Wozu habe ich die Schulen und den Unterricht in meinem ganzen Lande verbessern lassen? Sind das die Früchte unserer neuen Erziehung? O! über den verfluchten modernen Egoismus. Climene . Mein Gemal, Ihr vergeßt Euch in Euren Schmerzen gänzlich. König . Ach freilich, freilich! ich werde mich noch und alles vergessen. Trappola hereinlaufend. Trappola . O Unglück über Unglück! König . Was giebts, Bedienter? Sprich! Rede! Trappola . Das Ungeheuer – König . Nun? Trappola . Schon zum Thor herein ist es! Wo werden wir uns alle retten können? Es frißt Stadt-Mauer und alles nieder, daß keine Spur übrig bleibt, nun muß es bald beim Schlosse anbeißen. König . Hast Du es gesehn? Trappola . Gesehn? Nein, was man sehn nennt, so recht eigentlich gesehn wohl nicht, nein, ich habe mich sehr gehütet hinzusehn. Samieli hereinstürzend. Samieli . – Mein König – König . Was ist Euch, Minister? Redet! denn ich bin lauter Furcht und Entsetzen. Was soll daraus werden? Samieli . Ich weiß es durchaus nicht, hochgebietende Majestät – all mein Verstand, meine Urtheilsgabe, meine so liebliche Aufklärung und Toleranz ist in den Brunnen gefallen. König . Wieder was Neues! – Samieli . Wie es gekommen ist, weiß ich selber nicht; allein, mitten im Gebirge kam es mir plötzlich vor – doch ich schäme mich, weiter zu reden. König . Zu reden sollt Ihr Euch nie schämen. Samieli . Ich muß mir die Augen zuhalten, so sehr erröthe ich vor dem Gedanken – König . Nun was habt Ihr denn? – sprecht dreist heraus. Samieli . Die Schaam lähmt meine Zunge. König . Was der Teufel habt Ihr denn angefangen? Ich hoffe doch nimmermehr – Samieli . Ach mein König, Ihre Gnaden muß verzeihen – es kam mir mit einem Male vor, als wenn es wirklich ein Ungeheuer gebe. König . Weiter nichts? Sebastiano stürzt herein. Samieli . Da kömmt auch der Verfinsterer, der berüchtigte Obscurant. Sebastiano . Ach! bin ich wirklich wieder an dem holdseligen Hofe? Ich weiß mich nicht zu lassen – König . Was giebts denn, Minister? Sebastiano . In einem Galopp hieher gerennt, kaum kann ich mich auf den Beinen halten – das wüthige Ungeheuer hinter mir drein. König . Also langt es wirklich an? Sebastiano . Immer hinter mir drein; – es ist groß, größer als ein Thurm – wenn die Schildwacht es am Thor examiniren will, wird es Schildwacht und Thor mit einander auffressen. König . Das muß ja ein saubrer Geselle sein, – was sollen wir aber anfangen? Samieli . Herr Sebastiano übertreibt wieder nach seiner alten Art. Sebastiano . Uebertrieb ich damals auch, als Sie so gar behende fortliefen? Jubelgeschrei hinter der Scene, Aldrovan und Volanti treten herein. Alle . Prinz Volanti! Climene . Soll ich meinen Augen traun? König . Was? mein Sohn? Volanti . O mein Vater! – Seh ich Eure Augen wieder? Fühl ich wieder Eure Umarmungen? Climene . Mein geliebter Sohn! Volanti . O meine Mutter! Aldrovan . Bewundert Eltern, Freunde, Genossen, die wunderbaren unerforschlichen Verhängnisse der Götter, der Zauber ist gelöst, das Ungeheuer ist verschwunden und mein Bruder, mein geliebter Volanti, stand an seiner Stelle. König . Was? Nein, sagt, ist es wahr? Du bist das Ungeheuer gewesen? Volanti . Ein furchtbares Verhängniß hatte mich ergriffen. König . Was man doch an seinen Kindern erlebt. Aber wie bist Du denn dazu gekommen? Pfui, mein geliebter Sohn! hast Dich so in der Leute Mäuler gebracht: alle Zeitungen stehn von Dir voll. Volanti . O mein gütiger Vater, diese Freude! Euch wieder zu sehn – König . Nein, wenn man sich nun auch in einem andern Stande versuchen will, warum denn grade ein Ungeheuer werden? Du hättest ja incognito manche andre angenehme Rolle spielen können, die eines reisenden Künstlers, oder Gelehrten, Schriftstellers; aber warum warst Du denn grade auf das Ungeheuer versessen? Volanti . Mein Vater, das Schicksal zwang mich. König . Ja das ist freilich etwas andres. Mag's sein, Du bist also nunmehr Kronprinz. Aldrovan . Wie glücklich bin ich, Bruder, Dich wieder zu sehn, daß ich Dich als den Erben dieses Reiches begrüßen darf.         Wieder fand ich den Geliebten,         Und versuche jedes Glück;         Alle Leiden, die uns trübten,         Treten bald von uns zurück.         Ja ich wage mich zum Hain,         Er soll auch entzaubert sein. Climene .         Du wagst, kaum zurück gegeben,         Wiederum Dein theures Leben? Chor .         Nein, der Held er wird besiegen,         Er entzaubert kühn den Hain,         Und wir werden glücklich sein! alle ab. (Garten.) Rondino , Camilla . Camilla . Weißt Du schon, daß aus dem Ungeheuer der Prinz Volanti geworden ist? Rondino . Man erfährt alle Tage mehr Neues; wer weiß, was mit der Zeit noch aus dem verzauberten Walde wird. Er bekehrt sich vielleicht zu einer trefflichen Schulanstalt. Trappola kömmt. Trappola . Freunde, wir haben das Ungeheuer erlöst, und nun wird es nach dem bezauberten Walde gehn. Da wollen wir auch aufräumen. Camilla . Gehst Du auch dorthin? Trappola . Allerdings, wir wollen sehn was es giebt. Bisher sind keine guten Köpfe hingerathen, der meinige ist dauerhaft; o mein lieber Rondino, wir werden gewiß nicht überschnappen. Rondino . Bist Du Deiner Sache so gewiß? Trappola . Hier komm und fühle wie hart, wie fest und felsenfest mein Kopf ist: o wie lachen wir über die Fee, sie muß sicherlich das Spiel verlieren. – Aber kommt, es ist schon alles reisefertig. Camilla . Wenn Ihr den Hain entzaubert habt, such' ich Euch dort auf. alle ab. Aldrovan , Angelica . Angelica .         O kannst Du mich hassen?         Du trotzest dem Hain,         Hier willst Du mich lassen         Mit Schmerzen allein? Aldrovan .         Es rufen die Winde,         Die Wolken mich fort,         Ich eile geschwinde         Zum furchtbaren Ort. Angelica .         Und wie, meine Bitten         Sie halten Dich nicht? Aldrovan .         Der Kampf sei gestritten,         Der Muth nicht gebricht. Angelica .         O! Freude des Lebens         Dich rühret kein Blick? Aldrovan .         Du bittest vergebens,         Mich ruft mein Geschick. Angelica .         Ach hielten Dich Thränen,         Geliebter, zurück! Aldrovan .         Dies Sehnen,         Die Thränen,         Die schlagende Brust, –         Die Götter         Sind Retter,         Sie wandeln die Leiden in jauchzende Lust.         Ich scheide,         Zur Freude.         Bald kehr' ich zurück!         Nicht weinen!         Bald einen         Die Götter uns gütigst zum herrlichsten Glück. ab. Angelica .         Er geht! er kehret nicht zurück!         Ich soll ihn niemals wiederfinden,         Er schied, dies war sein letzter Blick,         Die Sonne lischt, ich muß erblinden;         Ich wandle still in Finsterniß,         Im Scheiden er mein Herz zerriß:         Dort lauret heimlich Grauen         In stiller Nacht:         Entsetzen wacht,         Er wird um sich den Greuel schauen         Und seiner Kraft nicht mehr vertrauen.         Ich bebe,         Ich wanke,         Ich strebe,         Ich schwanke         In dämmernder Nacht,         Die Sinnen         Zerrinnen,         Der Wahnsinn erwacht:         Ich muß ihn auf steilen         Gebirgen ereilen:         Ihr Winde         Gelinde         Bringt Kunde von dort:         Ich darf nicht verweilen,         O leitet, ihr Götter, damit ich ihn finde         Den furchtbaren Ort. ab. (Felsen. – Nacht.) Sebastiano , Climene , Oriana . Climene . Aber warum gehst Du mir nach? Was willst Du? laß mich allein, Bösewicht! Sebastiano . Ihr sollt, ihr müßt mir verzeihen, meine allerhuldreichste Königin, ich kann mich nicht eher zufrieden geben. Climene . Du bist mir verhaßt. Sebastiano . Ich kann nicht dafür, ich bin ganz unschuldig daran. Ich habe Ihnen zum Besten den Ausspruch eines hochlöblichen Orakels verfälscht! Was können Ihro Majestät mehr verlangen, als daß man selbst privilegirten Offenbarungen zu nahe tritt? Climene . Ich biete das Reich der Unterwelt und Feen und Zauberer auf, um den Prinzen aus dem Wege zu schaffen, und siehe da, er kehrt unversehrt zurück, noch mehr, er bringt seinen Bruder wieder frisch und gesund mit, von dem wir alle glaubten, daß ihn die Hölle schon längst aufgenommen hätte. Sebastiano . Aber kann ich dafür? bin ich Schuld daran? ich habe mir alle Mühe gegeben; wer konnte denken, daß der Prinz hinter dem Ungeheuer stecke. Es geht mancher nach Wolle und kömmt geschoren nach Hause. Climene . Kein Wort mehr! Entferne Dich, Bösewicht! Sebastiano . Ist das die Belohnung meiner Treue? Climene . Bei meinem Zorn! geh! Sebastiano ab. Climene . Was ist nun zu thun! ich möchte das Schicksal und mich verwünschen! Dich und die Welt! Oriana . Halt ein! ich habe alle meine Kräfte aufgeboten, jetzt ist die Stunde, in der sich alles entscheiden muß; glaubst Du, daß es dem gewaltigen Olallin nicht möglich sei, unser aller Glück noch zu begründen? Climene . Ruf ihn an. Oriana . Olallin! Olallin! hör unser Rufen! Tiefe Stimme .         Ich höre         Und kehre         Von fernen Gestaden. Geister-Chor .         Von fernen Gestaden,         Wo Elfen sich baden,         Durch Stürme zurück.         Auf luftigen Rossen         Stürzt, muntre Genossen,         Entgegen dem Glück. Donner, Blitz und Sturm. Olallin unsichtbar .         Ihr fröhlichen Geister,         Erkennt ihr den Meister? Geister .         Wir beugen,         Wir neigen:         Dem Meister ergeben:         Wir wandeln und schweben         In Wasser und Fluthen,         Durch Wolken, durch Gluthen         Der Blitze dahin         Zum Zaubergewinn. Olallin .         So stürmt und raset, brecht ein!         Elfino muß unser Gefangner sein! heftiger Donner, Stürme toben. – Die Töne verfliegen. Oriana . Hast Du sie gehört? Elfino wird besiegt und mit ihm stürzen alle unsre Feinde; ich bin die mächtige Fee Oriana, Angelica ist die Tochter meines Gegners, die ich ihm heimlich raubte. – Erscheint ihr Geister! – Geister erscheinen; unter Musik verwandelt Oriana sich in eine Fee; ein Wagen, mit Drachen bespannt, senkt sich nieder, sie steigt hinein, und zieht durch die Wolken fort. Climene . Ich bin vergnügt. Alle meine Wünsche erfüllen sich. Jetzt muß ich den Rückweg suchen. geht ab. Sebastiano tritt auf. Sebastiano . Ein schönes Wetter! und obenein noch die Ungnade der Königin? – Ist das mein Dank? Nein, ich muß mich rächen. – Wenn ich nur irgend eine Höhle oder Hütte fände, um unterzukriechen: ich bin naß, erstarrt und erfroren: ist das mein Dank? Ein Mann von der schwächlichsten Constitution, der sich Catarrhe, vielleicht gar den Schlag zuziehen kann: ist das mein Dank? Ein Mann, der weder Orakel noch Propheten, weder göttliche noch menschliche Gesetze geachtet hat, um sich ihr gefällig zu machen, wird nun verstoßen und läuft hier herum in der Wildniß, naß wie ein Hund: ist das mein Dank? geht ab. Der König begleitet von vielen Leuten, die Laternen tragen. König . Sucht, Kinder, allerliebste Bedienten, sucht, was ihr suchen könnt. In jeder Felsenritze, hinter jedem Busche. – O meine unglückliche Gemalin! Wo sie nur hingerathen sein mag? – Was das für eine Nacht ist! – Sucht Kinder, sucht! – Kaum den ältesten Sohn wiedergefunden, nun schon die Gemalin wieder verlohren. – Greift auf, was Euch nur verdächtig vorkömmt, denn sie ist auch vielleicht verwandelt. – O meine Gemalin! o Climene! Einige Bedienten bringen Sebastiano . Sebastiano . Mein König – König . Bist Du verwandelt, meine geliebte Climene? Sebastiano . Nein, Ihro Majestät, ich bin Dero wirklicher Minister Sebastiano. König . Hast Du meine Königin nicht gesehn? Sebastiano . O ja, aber hört mich nur an, mein König. König . Nur nicht zuviel gesprochen, es ist kein Wetter darnach. Sebastiano . Aber doch muß ich einiges sagen. Die Königin ist eine Verbrecherin. König . Was? das sind wenige, aber derbe Worte. Sebastiano . Ich kann es beweisen. Sie steht dem Prinzen nach dem Leben; darum habe ich das Orakel verfälschen müssen, darum ist der Prinz jetzt in Lebensgefahr, sie will den Thron allein besitzen und Euch bei Gelegenheit auch aus dem Wege schaffen. Das hat sie mir wohl tausendmal gesagt. König . Ist das alles wahr? Sebastiano . Die lautere Wahrheit. Sie hat sich darum mit Zauberern in ein Bündniß gegeben. Darum ist der Prinz in ein Ungeheuer verwandelt gewesen. Darum soll Prinz Aldrovan umkommen. König . Gut, daß Du mir das alles sagst. Leute! hört auf zu suchen, laßt es bleiben! Kommt, wir wollen gleich nach dem verzauberten Walde aufbrechen, um meinen Sohn zu retten oder alle zusammen unsinnig zu werden. gehn ab. Sebastiano . Nun bin ich gerächt, und will trotz dem schlimmen Wetter ihnen fröhlich nachgehn. geht ab. Aldrovan kömmt. Aldrovan . Durch den Sturm, durch dunkle Nacht Irrt' ich einsam hin und her. Nicht ein Stern im Raum erwacht, Blickt mit seinen Strahlen her. Willst du Mondschein mich nicht leiten, Auf der wundervollen Bahn: Auch den Sturm muß ich bestreiten, Dennoch geh' ich dreist hinan. Der Sturm lauter, der sich nach und nach in fröhliche Musik auflößt. Der Greis erscheint. Aldrovan . Welche Töne! – Die Wolken entfliehn. – Der Mond bricht mit süßer Gewalt durch die schauerliche Finsterniß. Greis . Ich bin ermüdet, doch war ich Sieger im Kampfe, der gräuliche Olallin ist entflohn. – Nun hat er nur noch eine Stunde, in der er mächtig ist; wird er dann überwältigt, so ist er auf immer bezwungen. Aldrovan . Sei mir, freundliche Erscheinung, in der Einsamkeit der Nacht gegrüßt. Greis . Ich danke Dir, aber Du sollst mich näher kennen lernen. – er verwandelt sich in einen schönen Knaben. Ich bin Elfino, der Beherrscher der Elfenwelt, Du liebst meine Tochter Angelica, die eine verwegne Fee mir einst entführte. Du gehst jetzt nach dem bezauberten Walde, und Du wirst glücklich sein, wenn Du meine Tochter liebst und meiner Vorschrift folgst. Darum nimm dieses Blatt; wenn Dich die Töne gefangen nehmen wollen, so lies es laut ab und Du bist gerettet, der Zauber ist gelöst und alle sind glücklich. geht ab. Aldrovan . Ich bin erstaunt, verwirrt. – Ich vergaß ihm zu danken – alle meine Sinne, alle meine Erinnerungen sind wie zerrüttet. geht ab. Trappola kömmt betrunken. Trappola .         So muß doch der Wein,         Von alle den Schätzen         Die wir nur besitzen,         Der Köstlichste sein.         Die himmlische Gluth         Sie giebt in den Schaaren         Der größten Gefahren         Uns Kräfte und Muth.         Wie denn auch bekannt,         Daß unter dem Trinken         Die Grillen versinken,         Und wächst der Verstand.         So geh ich nun frech,         Als wär' es zum Wein,         Zum furchtbaren Hain,         Mond zeige den Weg. ab. (Der bezauberte Wald. – Heller Mondschein.) Eine sanfte liebliche Musik, zwei wunderbare Vogelgestalten treten auf. Erster Vogel .         Wie? sollen wir vergehn,         Die Welt nicht wiedersehn? Zweiter Vogel .         Der Wahn hält uns in Ketten,         Und keiner darf uns retten. Beide .         Wir sind, wir sind verloren,         Ach wär' ich nie geboren. Trappola kömmt betrunken. Trappola . Ach! Leute, sagt mir doch, wo ich mich nunmehr befinde? Erster Vogel . Mein Bester, in dem verzauberten Walde. Trappola . Das ist ja schön. Zweiter Vogel . Sein Sie uns willkommen. Bemerken Sie noch keine Veränderung an Ihrem Verstande? Trappola . Danke der gütigen Nachfrage wegen, aber nein, mir ist, wie immer. Erster Vogel . Es wird Ihnen bald einiger Wahnsinn zu Theil werden. Trappola . Ich denke nicht; wir haben uns vorgesehn. Mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen? Erster Vogel . So wie Sie mich hier sehen, war ich sonst ein überaus glücklicher Mensch: ich und mein Bruder, jener unglückliche Verwandelte dort, lebten sonst auf dem Lande, mitten in den rührenden Schönheiten der Natur; ach wie viele herzliche Freuden haben wir beim Auf- und Untergehn der Sonne ausgestanden. – Meine Doris liebte mich so überschwänglich, ich sollte in wenigen Tagen mit ihr auf ewig verbunden werden, als mich der Satan aus Vorwitz hier in den Wald führte, wo ich denn so bezaubert wurde, wie Sie mich jetzt gewahr werden. Trappola . Ei Du armer Kerl. zieht eine Flasche heraus. Da trink einmal, das bekömmt Dir wohl gut. Erster Vogel . Schönen Dank. Zweiter Vogel . Laß mich ebenfalls kosten. Sie trinken und fangen an zu tanzen: einige andere seltsame Masken erscheinen, die auch nach einer fröhlichen Musik hüpfen und sich bald wieder in den Wald zurückziehn. Trappola . Hier ist ein lustiges Leben. – Aber nun muß ich auch einmal untersuchen, ob auch an meinem Verstande noch kein Abbruch geschehn ist. Ich bin Trappola? – – richtig! – ich habe Camilla meinem Freunde abgetreten? – – richtig! – ich bin der klügste Mann im Lande? – – richtig!         Nun ich bin nicht in der Irre,         Denn ich weiß noch wer ich bin,         Es erlieget dem Gewirre         Niemals mein verständ'ger Sinn.         Alle sonst'ge weise Leute         Gegen mich nur Kinder sind,         Und es zeigt sich wahrlich heute,         Wer verliert und wer gewinnt. Mein Verstand ist noch so beisammen, als man es sich nur wünschen kann; zum malen! Da bestätigt sich doch der alte Satz, daß gewisse Leute nicht unsinnig werden können, wenn man auch alle Anstalten dazu trifft. Aldrovan kömmt. Aldrovan . Hier ist der Ort, ich höre die wunderbaren Töne. Trappola . Ja ich höre sie auch; aber nehmen Sie Ihren Verstand in Acht. Aldrovan . Was machst Du hier? Trappola . Was ich hier mache? da steh' ich zum Wohl des Vaterlandes. Der Nachen von Schwänen gezogen erscheint. Die Fee Allina im Nachen. Allina . Woher in dieser Einsamkeit? Bist du entflohn der Menschen Neid, Zu schmecken hier die Seligkeit? Die Blumen, Bäume bieten Gruß, Die schöne Welle dir Genuß, Allinens Mund den Freundschafts-Kuß. Aldrovan . Was seh' ich? Welche Himmelstöne berühren mein Ohr? Wie ruht sie auf der silbernen Fluth, Die des Mondscheins goldne Strahlen küssen, Wie gießt sich um die Göttliche Und spielt um sie ein Funkenregen: Wie jauchzt der Hain, Wie freun sich die Gebüsche? Sie ruht so hingegossen lieblich, Daß selbst die Sterne funkelnder Zur lieben Nähe süß hernieder glänzen. Mein Herz! was fühlst du? welchen Zauber? Trappola . O bleiben Sie ein Mann! Hier nehmen Sie den Trank Als ein Geschenk nur an, Und trinken Sie zum Dank. Allina . Willst Du im Walde heimisch sein? Im süßen lieben Dämmerschein, So geh zu meinen Freunden ein. Trappola . Die Freunde werden Affen sein. Aldrovan . Angelica! O laß Dein Angedenken mich beschirmen! Entzieh, entzieh mich diesen Melodieen, Die sich mit leiser lieblicher Gewalt Wie Fesseln um mein Herz, um meine Sinne weben. Allina . O schenke Dein Leben, Dein Herz der Gewalt Dem einsamen freud'vollen Aufenthalt. Trappola . Mir wird's in allen Gliedern kalt, Mein Verstand erhält sich nur noch eben. Aldrovan . Ich nehme das schützende Blatt. er liest. Zauber schwinde, Weht ihr Winde, Ueber Berge, über Thal, Ins tiefste Meer des Volkes grause Quaal. Die frohe Musik wird klagend, das Theater finster, der Nachen entfernt sich nach dem Hintergrunde, der Sturm beginnt. Allina .         So belohnst Du mir das Lieben,         Das ich Dir im Herzen trage? Trappola .         Der Zauber fühlt sich schon vertrieben,         Das ist jetzt seine letzte Klage. Aldrovan .         Mich lockt, erschüttert die Sirenen-Stimme. Allina .         O helft! o helft! ich erliege dem Grimme. Chor unsichtbar .         Wir fühlen neues Leben         In allen Adern weben. Allina .         O schenke mir mein Leben! Trappola .         Ich fühle nur noch eben         Einen Rest von Besinnung in mir;         Was gilt' es, ich werde zum Thier? Aldrovan .         Ich muß vollenden,         Mein Herz zerbricht,         Die Götter senden         Mir Kraft und Licht,         Dem Feigen wenden         Sich Geister nicht: –         Zauber schwinde!         Weht ihr Winde,         Ueber Berge, über Thal,         Ins tiefe Meer des Volkes grause Quaal. Mit den Worten wird die Finsterniß, der Sturm stärker, der Nachen verschwindet ganz im Hintergrunde, wo ihn die schäumenden Wogen zu versenken drohen. Chor unsichtbar .         Wie wallen die Wogen,         Wie rauscht es im Wald,         Wir werden gezogen         Von magisch kräftiger Gewalt,         Es endet bald! Allina , mit klagendem Ruf .         Es wüthen verderbend         Die Fluthen, sie schlagen         Hoch oben zusammen,         Verschlingen und tragen         Die höllischen Flammen.         O Jammer! wer rettet,         O Hülfe! wer kettet         Die Geistermacht fest,         Die mich treulos verläßt. Trappola .         Hier hilft, ich will wetten,         Keine Ketten, kein Retten!         Der Wald kriegt den Rest. Aldrovan , das Blatt wegwerfend .         Ich trage das Sehnen         Im Busen nicht länger,         Nur wilder und bänger         Erregen Gedanken         Das Herz mir und brennende Thränen!         Komm zurück, du holdes Bild!         Komm zurück! Das Theater erheitert sich nach und nach, die Fee kömmt im Nachen zurück. Allina .         O Glück!         Du giebst dem Verlangen         Dich gerne gefangen? Chor unsichtbar .         Von neuem wir bangen         Im Kerker gefangen;         Gegeben der Pein! Trappola .         Wie tanzet der Hain,         Wie schwärmen Najaden         Mit wilden Dryaden         Im Strome zu baden         Ins Wasser hinein,         Ich werde geladen         Und will mit fröhlichem Herzen Euer sein. geht ab. Aldrovan .         Ich bleibe Dir treu;         Woher diese Scheine?         Ein Glücke so neu         Begegnet im Haine:         Stets bin ich der Deine. Allina .         Ha ha! gewonnen;         Die Beschwörung zerronnen;         Ha, ha, er ist mein; Chor .         Ha, ha, er ist Dein. Sie fährt triumphirend fort. Angelica tritt wahnsinnig auf. Angelica . Töne? wohin führt ihr meinen Schritt, Bin ich hier im Pallast aller Götter? Welch ein goldnes Frühlingswetter Geht in lauen Lüften mit? Aldrovan . Wer bist Du holder Schein? Angelica . Vernimmst Du diese Töne? Ach fern aus trüber Ferne, In dunkler kalter Welt, Da schienen goldne Sterne, Die lockten mich aus der Ferne Und nun mich das Glück in Liebe gefangen hält. Aldrovan . O gieb mit süßem Munde Von jener Welt mir Kunde! Mir träumte, einst mein Glück Sei nur Angelicas Blick. Angelica . Sie ist gestorben, begraben, Die finstern Götter haben Geendet ihr Geschick. Beide . Auf wundervollen Pfaden Wohin, wohin ach! sollen wir gehn? Wie Liebe, Sehnsucht uns umwehn! Wir werden von Stimmen geladen; O Glücke! laß Dich sehn! Camilla , Rondino kommen. Alle , umherirrend .         Wie fröhlich,         Wie selig         Das trunkene Leben!         Geschicke,         Welch Glücke         Hast du uns gegeben. Chor , unsichtbar .         Sie rasen, es kennt         Nun keiner den Andern,         Es sei Euch zu wandern         Im Wahnsinn gegönnt! König , Climene , Sebastiano , Samieli , Trappola , und alle übrigen erscheinen, von Wahnsinn umher getrieben. Die Musik des bezauberten Waldes geht fort; Oriana erscheint oben auf dem Felsen, Allina auf dem Bache. Oriana .         Meine Rache ist vollbracht! Allina .         Deine Macht,         Meine Macht         Hat unsern Sieg vollbracht! Olallins Stimme .         In allen Sinnen Nacht!         Triumph! wir siegen,         Sie erliegen         Der Geister Macht. Oriana , Allina , Olallin . Noch wilderes Grauen Erfasse ihr Herz. Wir jauchzen und schauen Sie alle zerrissen vom wüthenden Schmerz! Eine wunderbare gräßliche Musik, eine Tanzlust befällt alle, seltsame Masken und Gestalten treten herein, ein großes, ausdrucksvolles, magisches Ballet, das Wahnsinnige in wunderlichen, aber nicht widrigen Gestalten darstellt. Chor .         Sie wüthen und lärmen,         Sie rasen und schwärmen,         Sich unbewußt;         Noch wilder und freier         Ergreife das Feuer         Schnell jegliche Brust. Ein heftiger Donnerschlag. Olallin , eine colossale Figur, erscheint in Wolken zwischen den Bäumen, in demselben Augenblick Elfino gegenüber auf einer Wolke, der einen gespannten Bogen hält und nach Olallin zielt, der Pfeil fliegt ab und trifft ihn; der Riese stürzt zerschmettert herunter. Die wilde Musik schweigt, alle stehen und kommen zur Besinnung; gegenseitige Erkennungen. Allina . Verloren! Sie sinkt mit dem Nachen unter. Oriana . Der Schreckliche! Entflieht von den Bergen. Elfino steigt von seiner Wolke nieder, legt Angelicas und Aldrovans Hände in einander, die sich erkennen; er winkt, Geister erscheinen, mit denen Climene versinkt, indem verwandelt sich das Theater in einen prächtigen, unabsehlichen Feenpallast mit wunderbarer Architektur; ein schöner Thron, den Elfino besteigt . Chor von Geistern .         Es ist uns gelungen,         Der Feind ist bezwungen,         Die Götter geben den König zurück. Alle .         O herrliches Glück!         O herrliches, wunderherrliches Glück! Der Vorhang fällt.