Maria am Meer Roman von Friede H. Kraze Verlag Josef Kösel \& Friedrich Pustet, Komm.-Ges., München Verlagsabteilung Kempten 1923 Als Elsalill Jeß ein ganz kleines Mädchen war, hatte sie ein sonderbares Erlebnis. Jemand kam mitten in der Nacht und nahm ihr das Herz heraus. Er machte es auf wie die kleine goldene Kapsel, die sie um den Hals trug, und setzte ihr einen Cherub hinein. Wer das tat, konnte sie nicht sehen. Sie fühlte nur eine große, gute Hand. Am nächsten Tage saß Näh-Tine bei Deichgraf Jeß in der Kinderstube und flickte. »Ist in deinem Herzen ein Cherub?« fragte Elsalill. »Chotte dochen, das Kind!« Näh-Tine, die sehr klein war, hüpfte hoch auf ihrem Kinderstühlchen. Sie faßte an die oberste ihrer drei Mützen, die sie immer aufhatte seit der Sache mit der Fledermaus. Nein, von einem Cherub im Herzen hatte sie niemals gehört. Da wußte Elsalill, daß sie etwas ganz Besonderes hatte. Sie sagte zu niemanden ein Wort darüber. Der Cherub in ihrem Herzen war in seine Flügel eingeschlagen wie ein Schmetterling, den sie im Frühling aus der kleinen, glänzenden Puppe herauskriechen sah. Wenn er die unteren Flügel entfaltete, schien es Elsalill, als ob sie zu ihren Schultern herauswüchsen. Dann lief sie so schnell, als flöge sie in ihre Heimat. Die oberen hatte er noch nie entfaltet. Manchmal zitterten sie, dann wuchs Elsalills Herz, daß es ihr fast weh tat. Sie mußte die Hand darauf drücken. Wenn Frau Jeß ihre kleine Tochter dann gerade ansah, gab sie ihr jedesmal einen Kuß. »Was hat dieses Kind für Augen!« sagten fremde Leute. Elsalill dachte, wenn die obern Flügel sich ganz auseinanderfalteten, würde sie das große Geheimnis wissen. Viele Jahre später, in der Konfirmandenstunde, erwähnte Herr Propst der Cherubim und ihrer sechs Flügel. Die obersten zwei verdeckten ihr Gesicht, weil sie die Herrlichkeit Gottes nicht ertrugen. Elsalill wußte schon lange, daß sie das damals geträumt hatte. Die Fibelklasse Tante Ragnars durfte beim Examen der Religionsstunde der Großen beiwohnen. Wahrscheinlich war bei dieser Gelegenheit über Cherubim gesprochen worden. Aber wenn es auch ein Traum war, Elsalill hatte doch den Cherub ihres Herzens sehr lieb. Noch immer bewegte er seine unteren Flügel, dann dachte sie, sie flöge in ferne Heimat. Und wenn die oberen erbebten, lauschte sie auf das ganz große Geheimnis. »Wo sind deine Gedanken, Elsalill?« fragte damals Herr Propst mit seiner guten Stimme. Er mußte Elsalill immerwährend ansehn. Wenn sie so lauschte, war ihr Gesicht wie von einer andern Erde. »Ich dachte,« sagte Elsalill und heftete ihre Augen so fest auf Herrn Propst, daß ihm ganz seltsam zu Mute wurde. »Ich dachte, wenn Gott einen nach der Wahrheit fragt, müßte man dann es nicht wagen und ihm ins Auge sehn?« – Seit jenem waren drei Jahre vergangen. Elsalill war längst eingesegnet. Sie war jetzt die Braut von Klaus Andersen aus dem weißen Kavalierhause. Als kleine Kinder hatten sie schon immer Mann und Frau gespielt. Elsalill geht den Deich entlang. Sie kann sich nicht vorstellen, daß sie einen Tag leben kann ohne das Meer. Sie ist nicht so schnell, als sie wollte, von Hause fortgekommen. Mutter hat ihr noch einmal den so sehr höflichen Brief gezeigt mit dem unleserlichen Namen darunter. Ein Kunsthistoriker hat gebeten, ob er heute die berühmte alte Schauküche im Jeßschen Hause besichtigen dürfe, nachmittags zwischen drei und vier, wo er gewiß am wenigsten störe. Man würde ihm geantwortet haben, hätte man gewußt, wie er heißt. Man erwartete ihn, aber er kam nicht. Morgen beginnt die große Weihnachtsbäckerei. Elsalill bewegt den Kopf auf dem hohen schlanken Halse in leichter Abwehr. Im nächsten Augenblick hat Elsalill den Briefschreiber vergessen. »Sieh! Sieh!« Während sie die Arme im Rücken verschränkt, atmet sie tief herauf und wirft den Kopf in den Nacken. Eine Kette Möwen streicht landeinwärts von den westlichen Inseln her. Es ist hohe Flut, Punkt vier nachmittags. So verlangt es die Fluttabelle. Vom Deich gesehen schwimmen die Inseln wie Perlenkränze in geschmolzenem Kupfer. Auch der Himmel scheint zu zerschmelzen. Elsalill macht eine Bewegung, als müsse sie den Möwen entgegenstürmen. Alle die weißen Flügel scheinen ein wenig abgefärbt am himmlischen Weihnachtsgold. Der Wind, schlanker Nachkömmling wuchtender Sturmtage, hält spielerisch Elsalills Rock fest. Er faltet den weichen, dunkelgrünen eng um ihre Glieder. Wenn jemand hinter ihr dreinginge, müßte ihm Elsalill gegen den Abendbrand wie ein schöner, bronzener Knabe erscheinen. Aber sie hat heut den Deich ganz allein für sich. Onkel Hardesvogt Jaspersen, der um diese Stunde täglich hinauszugehen pflegt, ist von einem Gichtanfall an den Lehnstuhl gebannt. Wer soll sonst kommen in diesen Tagen vor dem Fest? Für Adjunkt Stahl ist selbst der heutige Wind zu scharf. Wenn Elsalill Adjunkt Stahl begegnet, mit diesem eigentümlichen Blick der tiefliegenden Augen über den roten Backenflammen, empfindet sie jedesmal ein Unbehagen. Sie weiß nicht, ist es Mitleid oder Abwehr. Sie weiß ebensowenig, daß Adjunkt Stahl jede Nacht das aufgeschlagene Gesangbuch zum Kopfkissen nimmt, Seite 74, die Lieder zum Hochzeitsgottesdienst. Sein pomadisiertes Haar hat nach und nach einen gelblichen, durchsichtigen Kranz darübergelegt. Er denkt an Elsalill, wenn er in dieser Weise einschläft. Nein, davon hat Elsalill keine Ahnung. Wenn Adjunkt Stahl, wie heut, ihr nicht begegnet, so hat sie seine Existenz vollkommen vergessen. Elsalill hält plötzlich inne in ihrem stürmenden Voran. Wie von einer Hand aufs Herz geschlagen. Ihr Blick haftet an der Sonne, die sich in die tiefste Nacht des Jahres gibt. Was erschüttert sie so bei diesem Gedanken? Sie steht noch immer unbeweglich. Sie weiß nicht, daß die ganze Zeit jemand sie ansieht wie gebannt. Elsalill geht weiter. Ihre Bewegungen haben jetzt etwas Verhaltnes. Ihre klaren, grauen Augen sind jetzt grün wie das Meer, durchsichtig und dennoch unergründlich. Ein Flimmern ist um sie her. Es mag mit ihrer Hautfarbe, dem Haar und der Feuchtigkeit der Küstenluft zusammenhängen. Sie hat das erste Heck hinter der Schleuse noch nicht erreicht, als der fremde Herr bei Schleusenwärter Martens, der sie vorhin aus dem Fenster ansah, aus der Haustür tritt. Er muß sich dabei bücken. Frau Martens vers–teht ihren Zimmerherrn man s–lecht. Sie ist in Nord-Sleswig zu Hause, während Herr Doktor sagt, daß er aus Bayern käme, wo, wie man weiß, die kleinen Kinder schon anfangen mit Bier. Aber wenn er es so sehr gern wollte, konnte man ihm wohl auf ein paar Wochen ein Bett in die beste S–tube s–tellen. Sie sieht zum roten Heuberg hinüber. Dort schlägt der Teufel seit vielen hundert Jahren immer wieder ein Fenster entzwei. Damit er einfahren kann und die Haustochter zu Tode tanzen. Allen ihren Bekannten hat Frau Martens schon erzählt, daß die Aussicht dem Herrn Doktor gar so schön gefallen hat. Und die Stubenwände, mit Holz verkleidet und heller Ölfarbe gestrichen, wie in einer Schiffskabine, Christian IV. in seiner Allongeperücke daraufhängend, und Herzog Adolf. »Das ist Deichgraf Jeß' Elsalill!« Wie aus der Erde gewachsen steht die kleine, blitzblanke Deichwärtersfrau neben ihrem Zimmerherrn. »So 'ne Lüttje war's« – die kleine, rundliche Hand bezeichnet die unwahrscheinliche Höhe einer Miniatur –, »immer schon hat sie nach Deich gewollt. Wie oft die heimlich ausgewutscht ist! Söte!« »So?« sagte Vinzenz von Lassing. Seine höfliche Stimme klingt leicht bedeckt. Die dunkle Haut bekommt einen noch tieferen Ton. »Auf Wiedersehn, Frau Martens!« Er schließt schnell und bestimmt die grüne Stakettür des Vorgärtchens. Einem heimlichen Drängen entgegen nimmt er den Weg zur Stadt. Mit seinen langen Beinen ist er schon die halbe Wasserreihe hinauf, ehe Frau Martens ausgewundert hat, wie doch ein s–tudierter Herr so braun gebrannt aussehn mag, als hätt' er sein Lebtag auf dem Wasser gelegen. Vinzenz von Lassing-Dombühl – die Freiherrnkrone über den Initialen auf seinem Koffer ist abgenutzt wie das ganze Möbel – kommt an den kleinen Hafenkneipen vorüber. Er sieht, wie sie, hinter ihre niedrig gekappten Linden geduckt, bereits gastliche Lampen entzünden. Der überlebensgroße Schleusenwärter Martens kommt an ihm vorüber und grüßt freundlich. Vinzenz erwidert den Gruß in derselben Weise. Er denkt: Dieser Riese! Daß der Türbalken an seinem Hause noch nicht befleckt ist von seinem Blut! – Aber während ihm nichts entgeht, sieht er immerfort eine Gestalt vor sich, schmal, kühn wie ein Knabe. Unbewußt, verhalten, geheimnisvoll. »Wie die Engelknaben um die Marien auf Bildern Botticellis,« denkt er. Nein, etwas dabei trifft nicht zu. Nur das in der Knospe Verschlossene bringt ihn auf diesen Vergleich. Dieser herbe, spröde Morgen des Geschlechts. »St. Georg?« denkt er. »Irgendein glühender St. Michael?« – Aber dann, auch hierin bleibt noch ein Rest. Da plötzlich durchzuckt es ihn: Ist er nicht in dem Lande, wo die weißen Waljungfrauen Wotans geboren wurden? Schwanenfittiche an den Schultern? Wo die Weltesche Yggdrasil wurzelt? Und die Nornen am Webstuhl sitzen? Er wendet sich wieder kurz um. Tiefer, düsterer brennt der Himmel, ganz Blut, ganz Flammen. »Die Waberlohe!« denkt Vinzenz von Lassing. »Muspili!« Etwas reißt ihn. Uraltes bäumt herauf in seinem Blut. Was geschieht? Was geschieht? In diesem Augenblick tritt ein Mann aus der Wirtschaft von Ole Olsen. Dort pflegen die Kapitäne gern zu sitzen, wenn sie mit ihren Hamburger, Schleswiger und Lübecker Schiffsherren abgerechnet haben und für den Winter heimkehrten von Kalkutta oder Honkong oder Santa Catharina. Der Mann kam nicht durch die niedrige Fronttür, hinter der bereits die gelbe Petroleumlampe rußt. Auf der Seite, zum Hof hin, hat das Haus einen zweiten Eingang. Alles, was mit dem Geflügel, den Schweinen und Pferden in Verbindung steht, benützt ihn. Diesen Hof übersieht durch zwei kleine Giebelfenster die steinalte Mutter des Schankwirtes. Olsen Großmutter hat das zweite Gesicht. Sie bespricht Krankheiten. Man holt sie von weither. Der Mann, der aus der Seitentür tritt, trägt einen breitrandigen Künstlerhut. Er geht wie ein Matrose, breitgestellt. Aber weder diese Seltsamkeit noch das schlecht rasierte, gedunsene Gesicht erregt die Aufmerksamkeit Vinzenz von Lassings. Er begreift nicht, warum er plötzlich das Wild der Wälder vor sich sieht. Tiere auf der Hut. Übrigens deutet trotz der Reduziertheit des Individuums irgendein Unnennbares auf gute Abkunft. Ein Hund läuft hinterdrein, ein stichelhaariger Rattenfänger mit einem sonderbaren Kautzkopf, armselig, übler Verfassung, wie sein Herr. Trotzdem ängstlich beflissen wie eine saubere Katze vermeidet er die Feuchtigkeiten des Weges. Die ganze Begegnung hat für Vinzenz von Lassing im beginnenden Zwielicht etwas seltsam Unwirkliches. Erst später entsinnt er sich jeder Einzelheit, wie mühevoll eingeprägt. Der Mann schlägt den Weg zum Deich ein, den Vinzenz soeben gekommen ist. Als etwa fünfzig Schritt zwischen ihnen liegen, macht Vinzenz plötzlich kehrt. Er gibt sich nicht Rechenschaft, warum. Elsalill muß sich irgendwie verweilt haben. Sie ist kaum über das zweite Hecktor hinaus. Sie steht jetzt wie Ebenholz gegen die Abendlohe. Nun fliegt sie wieder. Wie am Anfang ihres Weges. Als müßte sie die Sonne ereilen, ehe das Meer sie auftrinkt. »Hier ist das Land,« denkt Vinzenz von Lassing, »wo die schmerzhafte Liebe zum Licht geboren wurde. Hier wurde Baldur geboren!« Seine Augen können Elsalill nicht mehr verlassen. Plötzlich erinnert er sich wieder des Mannes mit dem Hund. Er weiß jetzt, daß er um Elsalills willen den Deich entlang zurückgeht. Aber der Mann und der Hund scheinen von der Erde eingeschluckt. »Auch die Gespenster mit dem Pull Seegras als Kopf sind hier zu Hause,« denkt Vinzenz von Lassing. Zu Osten im Porrenkoog ballt es sich bereits weiß wie Wolle. Zu Westen hin zieht der Nebel in breiten Schwaden vom Meer her über das grauschlickige Vorland. Erst ein schmaler Streifen unterhalb der Deichkrone ist bloßgelegt. Auf diesem entdeckt Vinzenz plötzlich den Mann und den Hund. Der Nebel macht sie größer und seltsam glasig. Die Sonne liegt auf dem Meer wie ein kupferner Schild. Im nächsten Augenblick glaubt Vinzenz seinen Augen nicht trauen zu dürfen: Der Mann steht plötzlich dicht neben Elsalill. Während Vinzenz seinen Schritt beschleunigt, vermengen sich zwei Hundestimmen. Grell, rasend. Ein dunkler Ball rollt deichwärts in das rote Sieden. Hält sich wieder fest, rollt weiter, hält sich abermals. Fortwährend gellen zwei rasende Hundestimmen gegeneinander an. »Thor, Thor!« schreit Elsalill. Vinzenz hat die Gruppe erreicht. Elsalill hat ihren Hund errufen. Sie greift ihm ins Halsband. »Thor,« sagt sie staunend und klagend. »Darf ich meine Dienste anbieten?« Vinzenz verneigt sich hastig und ehrerbietig. Er nennt seinen Namen. Er fügt irgend etwas hinzu über »morgen und vielleicht der Ehre teilhaftig«. Elsalill hat nicht verstanden. Vielleicht hörte sie kaum. Sie sieht Vinzenz an . . . tief, unschuldig, träumend. Ihre Augen sind grün wie das Meer. »Vielen Dank,« sagt sie langsam und staunender Stimme. »Mein Hund vergaß sich. Es ist noch nie vorgekommen!« Thor drückt sich gegen ihre Knie mit einem eigentümlichen Klageton. »Es ist gut, Thor.« Elsalill spricht wie zu einem reuigen Kinde. Sie neigt sich noch einmal leicht gegen Vinzenz von Lassing. Dann wendet sie sich zur Stadt zurück. Der stichelhaarige Hund benimmt sich wie irrsinnig. Er rollt im Schlick, reißt an dem verdorrten, kurzen Grase, schnappt und beißt in die Erde. Niemand hat seiner besonders acht. Als Elsalill sich zum Gehen wendet, starrt der fremde Mann unter seinem tief ins Gesicht gesetzten Künstlerhut einen Augenblick hinter ihr drein. »Elsalill,« sagt er heiser, »hier, vor diesem fremden Herrn – ich bitte um ein Wort. Du brauchst nicht Furcht zu haben, Elsalill!« »Furcht, Ewert Jaspersen?« Elsalills Wangen brennen. Ewert Jaspersen streckt die Hände aus und ballt sie. »Elsalill Jeß geht zur Nacht allein ans Meer. Ich weiß wohl. Sie fürchtet nicht Menschen oder den hütenden Stier!« »Ewert!« ruft Elsalill leidenschaftlich. Ihre schmale Gestalt zittert und wächst zugleich. »Vergib, Elsalill!« sagt Ewert Jaspersen. Sein Gesicht verändert sich. Es tut weh, ihn anzusehen. Thor stößt wieder dieses wimmernde Heulen aus. Er zerrt plötzlich an seinem Halsband. Er will den fremden Mann begrüßen. Seine Rute schlägt wild und freudig. Elsalill reißt ihn zurück. Ewert Jaspersens Lächeln ist verhalten. »Er kennt mich noch. Thor lehnt mich nicht ab. Elsalill, ich meinte, du solltest nicht mit mir gesehen werden in der Stadt. Ich dachte, . . . die Leute . . .« »Die Leute?« sagt Elsalill hochmütig. »Aber daß du gar keine Ehre hast!« Da knickt der andere zusammen. »Nun gut, Ewert.« Elsalill scheint unter irgendetwas einen Strich zu setzen. »Was hast du mir zu sagen?« Aber als sei sie ihm Rechenschaft schuldig: »Es ist mein einstiger Spielgefährte,« sagt Elsalill zu Vinzenz. Vinzenz verneigt sich. Er geht den Deich zurück. Elsalill und ihr Begleiter folgen langsam. Vinzenz hört aufgeregt sprechen. Er versteht nur hier und dann ein Wort: »Mutter«, »krank«, »Olsen Großmutter«. Aber Vinzenz ist glücklich, daß sie ihm folgen. Ihm scheint, daß Elsalill damit sich seinem Schutz anvertraut. Der Hund des Fremden trottet jetzt vorauf mit hängender Zunge. »Maat!« ruft ihn sein Herr. Als Vinzenz über das letzte Heck hinaus ist, kommt eine Kinderschar deichwärts: »Elsalill! Elsalill!« Vinzenz sieht sich um. Der Mann ist verschwunden. Der Nebel steht jetzt wie Milch und Rauch. Elsalill tritt soeben aus diesem Nebel. Ihr Gesicht erscheint noch weißer als vorhin. »Ich danke Ihnen,« sagt sie im Vorübergehen. Ihre Stimme ist dunkel. Ehe Vinzenz noch antworten kann, ist sie von den Kindern umringt. »O Elsalill! Wir kamen schon mit dem 4-Uhr-Zug. Die Weihnachtsbäume stehen schon im Garten!« »Elsalill, der Sternensaal ist verschlossen! Es kommt Schnee, und Thor bekommt ein blaues Halsband von mir!« »Lütte sagt, sie ist König aus Morgenland!« »O Elsalill, Weihnachten!« Die Kinder sind Elsalills Geschwister Arne, Gerda, Lütte genannt, und Detlev. Dazu die Enkel von Senator Andersen aus dem weißen Kavalierhaus. Es gibt zwei Kavalierhäuser. Das schneeweiße hat köstliche Renaissancegiebel, Portalfiguren in Nischen und steht den kurzen Sommer hindurch in einem Rausch von Rosa und Lila und Weiß. Das andre, schon seit anderthalb Jahrhunderten im Besitz der Jeß, liegt schwer, gedehnt und verschwiegen hinten den uralten Baumkronen mit den Mistelnestern. Sein dunkler Backstein verschmäht jede Verkleidung. Ebenso wie seine Ostfassade einem Rosengestämm nur kurz und unwillig Halt gewährt. Ein einziger uralter und ungeheurer Efeu schlingt seine armdicken Seile nach rechts und links und den Mittelbau hoch hinauf bis in den First. Im Frühjahr beziehen unzählige Stare erregt und leidenschaftlich die alten Quartiere. Dieses Elternhaus von Elsalill Jeß sieht immer aus wie von verwunschenen Prinzessinnen bewohnt. Auch ein wenig Blut auf den schwarzen Eichentreppen und langen Korridoren wäre wohl zu denken. Im Schloß gegenüber wohnt jetzt Hardesvogt Jaspersen. Von den sieben Türmen der dänischen Könige, die dort zeitweilig Hof hielten, steht nur noch der mittlere. Schloß und Kavalierhäuser haben immer Freundschaft gehalten. Alle drei, umgeben von ihren uralten Gärten, bilden eine abgeschiedene Insel im Ring der kleinen, grauen, verträumten Stadt. Ob in den Buchenkronen die Sonne steht wie in goldgrünen Römern der Wein, ob sie rostig brennen oder Rauhreif sie schmerzhaft schmückt, immer scheinen die Schicksale dieser drei Häuser ineinander verfesselt wie zu jener Zeit, als der unterirdische Gang vom Schloß zu den Kavalierhäusern hin noch nicht verschüttet stand. »Onkel Jaspersen, hat er's schlimm mit seinem Bein? Lütte sagt, Ewert wär in der Stadt, Elsalill?« Helli Andersen, die Nichte von Claus, mit dem Elsalill verlobt ist, drückt sich fester in den Arm der großen, vergötterten Freundin. »Lütte muß nicht den Leuten nachreden.« Elsalill weiß nicht, daß schnell wie Feuerschein Rot ihr Gesicht überfliegt. »O Elsalill, und morgen sollst du Maria sein!« Dieses ist das letzte Wort, das zu Vinzenz herüberweht wie geheimnisvollen Glückes Verheißung. Die kleine Schar taucht unter im schmalen Düster der Wasserreihe. Es duftet süß und fett um diese Tage in den Gäßchen, die der weiche Nebel mit einem Tuch zudeckt wie Weihnachtsgeheimnisse. Korinthenbrot, weiße und braune Kuchen haben ihr Recht. Der geräucherte Fisch der vielen kleinen Läden, Butt, Aal, breite wichtige Flundern und kleine, zierliche Schollen, die sonst allein hier die Herrschaft haben, mögen zusehen, wie sie sich damit abfinden! »Pink, pank, pink, pank!« Klempner Iben wohnt in der Wasserreihe. Bei Tischler Pahl unterhält sich der Hobel mit einem großen, eigentümlichen Rahmen, und nebenan wird Holz klein gemacht. Ladenglocken bimmeln, Wassereimer quietschen, Nägel werden eingeschlagen, Kinder lachen und schreien. Wagen holpern über die runden Kopfsteine. Frauen klöhnen unter den Türen, frierende Katzen mauzen; alle diese unzählbaren Geräusche der Kleinstadt verklingen ineinander, werden weich unter dem Nebel wie eine heimselige Melodie. »Wenn der verlorne Sohn sie hört!« denkt Vinzenz von Lassing. Der Mann auf dem Deich steht vor seinen Gedanken. »Man braucht nicht verloren zu sein und ist dennoch expatriiert.« Er reckt sich plötzlich hoch. Er sieht ein altes schmales, getürmtes Schloß auf kahler Bergklinge. Andern vielleicht ein baufälliger Kasten – ihm . . . Der Nebel scheint sich sekundenlang schwerer zu ballen. Aber dann reckt Vinzenz sich höher. Er schreitet kräftiger aus. Wenn man jung ist! Wenn man seine Kräfte beisammen hat! Wenn nicht die Bleikugel einer Schuld einem nachzerrt! »Wie verrückt der Hund war!« denkt Vinzenz plötzlich. Dann sieht er Elsalill. – Morgen, morgen! Maria soll sie darstellen? »Siehe, ich bin des Herren Magd!« Sein schmaler, gewölbter Mund lächelt ungläubig. St. Michael mit dem flammenden Schwert! St. Georg auf dem Drachen! Nicht Maria! Oder doch Maria? Er fühlt ihren Blick, fragend, träumend, tief. Er hört den dunkeln Klang ihrer Stimme. Etwas durchzuckt ihn. Wie vorhin am Deich. Glück? Er geht und weiß nicht wo, durch enge Gassen und Gäßchen. Er ist noch ein Fremder hier. Wieder denkt er: »Maria? Dies ist das Land der Schwanenjungfrauen, der Gottesbotinnen. Und einmal fand eine ihr Herz!« Unrast fällt über ihn her. Als stehe nicht Weihnachten vor der Tür. Als sei Frühling im Anzug. Tausturm. Er kennt sein tausendstimmiges Konzert. Er kennt es. Das starre Winterherz reißt es vonsammen zu einer unerhörten und süchtigen Wunde. Erste zu Tal stürzende Laanen orgeln die zweiunddreißigfüßigen Bässe. Das Gesicht wird ins Lodern gepeitscht von der dunst- und keimträchtigen Luft! Ihm ist, er hört sie harfen. Sie geigt, sie flötet, sie stößt aus Posaunen. Sie zerschmilzt, sie rast, sie ist todes- und lebenstrunken. Nur eine Hilfe gibt es dann gegen die Marter des zuckenden Herzmuskels: im Schneematsch versinkend bis an die Brust, den Auerhahn anspringen mit den inbrünstig flammenden Augenrosen. Wenn er um Liebe wirbt vor Tau und Tag. Aber nun ist Weihnachten! Christfest! Bekommt man nicht beschert zum heiligen Christ? Sein dunkles Gesicht, das sich gelöst hatte, verschließt sich wieder. Es ist lange her, daß ihm beschert wurde. Aber dann gleich wieder die frohe Unrast. Als ob etwas warte. Hier ist das Land der Julklapps. O Gullinburstis! Wotans goldborstiger Eber wird hier noch gekannt, das Geheimnis der wachsweißen Mistel, der rotbeerigen Stechpalme! Die Heiligkeit der zwölf Rauchnächte lebt hier noch. Wenn Wode durch die Baumkronen rast, Frau Holde den Herd segnet und kein Einspanniger einsam, kein Wegfahrender herdlos ist. Aber sie soll Maria darstellen! Die selige Mutter des weißen Christ! Muttergottesbilder seiner Heimat ziehn an ihm vorüber: Dinkelsbühl, St. Georg! Wie das Mittelalter wuchtend. Geheimnisvoll. Mysterienhaft. Dort hat einer, lächelnder Inbrunst, die Liebe seines Blutes und seiner Seele immer neu glorifiziert. Maria auf der Bamberger Mainbrücke tritt plötzlich aus dem Nebel. Ganz große Dame, in der schweren und doch erregten Pracht des Barock, Krönlein im lustvoll frisierten Haar, Lilienstengel in der schönen verwöhnten Hand. Maria im Baum! Dorthin gehen die Frauen seiner Heimat, wenn sie Leid tragen um ein Kind. Es gibt Marien der Kreuzigung, erblichen unterm Schwert, Marien im Grab und verklärte Marien. Riemenschneider grüßt er in Gedanken. Hans Memling, Grünwald! Um der Marien willen, vielmehr um der niederdeutschen Schneidekunst der vorreformatorischen Jahrhunderte ist er hierhergekommen. Brüggemann rief ihn. Von seinem Altarblatt im Schleswiger Dom trieb es ihn in die kleine Stadt an der Küste. Als ein Blinder, im Armenstock, beschloß hier ein Gewaltiger sein Leben. Ja, nun ist er hier. Und sie soll Maria darstellen. Wird er sie erblicken? Aber er muß! – Gestern kannte er sie noch nicht. Die Gassen und Gäßchen verstummen. Abendbrotzeit. Ah so, der Mensch muß auch essen! Vinzenz geht in den »Herzog von Augustenburg«. Dort haben die Herren vom Amtsgericht, die Gymnasiallehrer und etliche mehr der Honoratioren ihre Stammkneipe. Sie scheinen nette Leute, ein bißchen vorsichtig zuerst. Nicht gerade entgegenkommend wie alle Nordländer. Aber hat man sie erst irgendwie gefaßt, können sie langsam allerlei interessierende Sachen zutage fördern. Über die Ostenfelder Bauart zum Beispiel, den Swinschen Pesel in Meldorf und das wunderschöne Sakramentshäuschen aus der Hand Brüggemanns, das gleich dem Ritter St. Jürgen, lange Zeit nicht im Wert erkannt, schließlich nach Kopenhagen gewandert ist. Diese Gespräche haben durchaus nichts Aufregendes. Dennoch kann Vinzenz von Lassing diese Nacht keinen Schlaf finden. Die Betten in diesem Lande der Riesen scheinen der Fronttür von Schleusenwärter Martens angeglichen. Als der Zimmerherr sich wie ein Taschenmesser einklappt, fällt ihm das Bett Schillers ein. Dieses ergreifend kurze Bett in der Mansarde in Weimar. Er ist nicht Schiller. Aber er hat Schillersches Maß. Nun wohl, wenn jener es vermochte! Gegen Morgen begeben sich zwei Füße einsam, melancholisch und nackt hinaus über einen Bettfirst. Ihr Besitzer träumt von Hunden und Ebern, St. Georg und dem Tausturm, von Schwanenjungfrauen und Marien im Baum. Eines der wichtigsten Dinge im Leben sind kleine Kalender. Solche, die man im Portemonnaie immer bei sich trägt. Damit jemand nicht in Versuchung kommt, Freitag für den 18. Dezember zu halten, wenn Donnerstag schon dieses Datum beansprucht. Und dann – ein deutlicher Namenszug ist eine Gabe Gottes. Das ist nun wirklich, um in Verlegenheit zu geraten. Für den Donnerstag holt man die Erlaubnis ein, und am Freitag tritt man an. Alles wegen des mangelnden Kalenders. »Verzeihung, Verzeihung!« »Und heut, gnädigste Frau?« Die imposante Gestalt von Frau Deichgraf Jeß macht eine leichte Bewegung der Abwehr, wobei es sie stört, daß sie unter dem linken Arm einen zugebundenen Topf und in der Rechten eine Flasche hält. Sie ist noch im einfachen Hauskleid. Das ist ihr vor diesem Herrn, der Bücher schreibt, nicht angenehm. Die verblichne Freiherrnkrone auf dem Koffer hätte Frau Kora Jeß weniger gestört. Sie entstammt einem der ältesten und reichsten Marschhöfe. Ihre Verwandtschaft greift nach Schweden hinüber, wo die Bauern zum Könige »du« sagen. Aber man weiß nie, was so gefährliche Leute, die Bücher schreiben, da hineinbringen. Frau Deichgraf Jeß – Freunde nennen sie im Scherz die »Gräfin« – richtet sich trotz Topf und Flasche stolzer in die Höhe. Wahrhaftig, sie pflegt sonst nicht Besucher in diesem bescheidenen Kleide zu empfangen. Es kommt auch nur einmal im Jahr vor, daß sie um diese Stunde des Tages darin erblickt wird. Eben am Tage der Weihnachtsbäckerei. Sie hat aus den unteren Küchenräumen hinaufsteigen müssen, der kandierten Nüsse wegen und des Orangenwassers. Den Dienstboten vertraut sie nicht gern die Schlüssel an. Lotte, die Getreue, die seit fünfundzwanzig Jahren im Hause ist, sitzt vor dem Backofen. Elsalill steckt in Puderzucker bis über die Ellenbogen. Gerade als Frau Deichgraf heruntersteigen will, steht der fremde Herr in der Diele. Denn dieses ist eine Gegend und eine Zeit, da die Fronttüren vieler dieser alten Häuser mit den glänzenden Messinggriffen den ganzen Tag unverschlossen bleiben. Genügt es nicht, wenn eine Glocke mit heller Freude den Kommenden meldet? Es mag geschehn, daß jemand bei seiner Heimkehr im Wohnzimmer einen Strauß Astern vorfindet, ein Buch oder einen Korb Äpfel, wie ein getreuer Freund sie hinterläßt. Niemals ist es bisher vorgekommen, daß auch nur das kleinste Stück vermißt worden wäre. Also niemand hat die Glocke gehört. Die »Gräfin« steckte mit dem Kopf zwischen Honigtöpfen und Eingemachtem. Der Deichgraf ist auf einer Inspektionsreise die Küste hinauf. Die übrige Familie samt Dienstboten, Nachbarskindern und Näh-Tine sind in der Küche. Nun steht da der fremde Doktor, der sich alle alten Dielen und Apotheken und Höfe ansieht, um sie zu beschreiben. Man hatte ihm herzlich gern den 18. Dezember für die Schauküche bewilligt. Gerade noch, ehe die Weihnachtsbäckereien begannen. Aber nun kommt er heut. Frau Kora Jeß kann wirklich auch im Hauskleid ruhig den Freundestitel »Gräfin« vertragen. Man heiratet auch nicht umsonst in ein Haus, das in jeder Kunstgeschichte abgebildet steht. Die Küche dieses Hauses – schließlich denkt der Fremde, sie befinde sich in einem Zustande, in dem sie nicht preisgegeben werden kann. Wohlan! Frau Deichgraf bohnert nicht gerade wie Näh-Tine jedes Frühjahr und jeden Herbst die Blätter ihrer Efeuwände. Aber trotzdem! Nicht allein die Holländer, die das Privileg besitzen, haben die Sauberkeit gepachtet. Darin sind alle Küstenvölker verwandt. Gerade wie alle Seeleute einander verstehen und von einem steifen Trunk etwas halten. Kurzum, wenn Herrn Doktor die Küche auch in diesem Zustand interessiert . . . Vinzenz von Lassing denkt: Weihnachten, bescheren! Die lange verbotene Tür wird für ihn aufgeschlossen. Die Küche darf er sehn in ihrem intimsten Reiz. Vielleicht in der Küche . . . Schweig stille, mein Herze! Ja, und dann geschieht das ganz und gar Märchenhafte. Wie denn? Blauweiße Kacheln sind ja vielleicht denkbar. Aber der Prophet Jonas! Sieh, hier verschluckt ihn der Walfisch. Auf der nächsten Kachel schon speit er den bösen Bissen wieder heraus. Vinzenz von Lassing sieht plötzlich einen Münchener Bilderbogen vor sich, der ihn als Kind begeisterte. Dort fand der Prophet im Bauche des schalkhaften Fisches ein nettes kleines Wohnzimmer hergerichtet, mit Ripsmöbeln. Er saß vor der Zeitung im Schlafrock und mit der Pfeife. Aber diese reizvolle Erinnerung ist schon wieder versunken. Mein Gott – die drei Männer im feurigen Ofen! Und Abraham, gesegnet von Melchisedek. Beide in holländischer Kaufherrntracht des siebzehnten Jahrhunderts. Ja, aber der Herd! Ich frage, wer bekommt seine Schnitzel gebraten auf einem Herd, riesenhaft getürmt zwischen gotischen Säulen und Spitzbögen? Wer hat steinerne Butterfässer herumstehn wie anderswo Emaillekasserollen? Und ebensolche Gewürzmühlen als Streitobjekte für Museumsdirektoren? Vielleicht ist es gestattet . . . Allerdings . . . Schweig stille, mein Herze! Dort am Fenster! Die schlanken Arme, weiß wie Lilienstengel, bis an die Ellenbogen in Puderzucker, das Gesicht hingegeben irgendeinem schweren, süßen und kostbaren Geheimnis, von Rosenwasser umflossen und dem bläulich ermattenden Geruch bitterer Mandeln – St. Georg?, St. Michael? Vielleicht auch Nanna verstand das Geheimnis des süßen Methes. Sie wußte, wie man Mondhörner bäckt und wie man ihn röstet am Spieß, den heiligen Goldborstigen! Elsalill, Elsalill! Es war einmal ein kleiner Bub. Der stand an seiner jungen, schönen Mutter Knie. Er schaute durch ein bogig gesteiltes Fenster in einen rosenfarbnen Himmel. »Christkindlein bäckt,« sagte die junge Mutter glückselig und herzte den Buben. Und dann einmal – es war um die Zeit, wenn die Nebel aus den Wäldern treten und am Morgen als glitzernden Schmuck an den Wiesengräsern hängen, an so einem Tage ging derselbe Bub in einem herrlichen Mantel aus schwarzem Sammet mit seiner Mutter durch einen Wald, ganz aus Gold gemacht. Vorsichtig führte er die Mutter – sie mochte wohl müde sein – zu einer Bank aus Stämmen. Dort fing sie an: Stiel in Blatt, Stiel in Blatt. Einen Kranz. Er sammelte die Blätter. Den goldnen Kranz hängten müde, schöne Mutterhände über sein Mäntelchen aus schwarzem Sammet. Elsalill, sonst weiß der Bub weiter nichts von seiner Mutter! – Vinzenz von Lassing tut einen schnellen, behutsamen Schritt zu dem weißgescheuerten Tisch. Riesenhaft wie der Herd. Wie ein Plan. Sein Herz schwillt ihm irgendwie in Bedrängnis. Zweimal sieben Kinderhände wirken rundum. Zweimal sieben Wangen glühen rundum. So tief versenkt in schaffendes Glück stehen die Kinder aus dem roten und die Enkel aus dem weißen Kavalierhause drüben überm Weg, keiner merkt den Zuschauer. Soll nicht Gullinburstis geboren werden? Aus süßem braunen Teig? Siebenmal soll er versinnbildlicht werden, der heilige Goldborstige. Es mag nichts ausmachen, wenn Hellis Wotanseber unendlich lieblich und mehrfach sein Schwänzlein ringelt. Oder daß Arne einen Drachen bildhauert. Detlev, der Sextaner, trifft ihn beängstigend ähnlich. Aber Annemie formt eine siebenbeinige Kuh. Was macht das aus! Wenn doch der kostbare Zuckerguß bereitsteht, Pinsel und Krähenfeder. Wenn erst die Borsten gemalt sind, die greulichen Hauer – wem wird es dann noch einfallen, ihn zu mißdeuten? Plötzlich schreit Näh-Tine: »Chott!« Sie sitzt wie immer auf einem Kinderstühlchen. Sie schreit: »Chott!«, hüpft rätselhaft und wie von einer Feder geschnellt zwei Spannen hoch, sinkt zurück und greift mit den Teigfingern nach der obersten ihrer drei Mützen. Niemals wird Näh-Tine überwinden, daß die Fledermaus sich in ihrem gelben, falschen Zopf verfangen hat. »Mensch,« sagt Detlev, der Künstler, mitleidig groß, »Mensch, Tine, wat hättst all wedder!« Er vollendet soeben ein Dromedar. Aber Näh-Tine antwortet nicht. Sie hüpft abermals zwei Spannen hoch über ihr Stühlchen. Erhebt sich völlig und knixt errötend zu Vinzenz von Lassing gewendet. Da sehen ihn auch die sieben Raben. »Schockschernot!« Die süße, hohe Stimme der ganz kleinen Inga zittert ein wenig. Wenn sie verlegen staunt, gebraucht sie Worte, irgendwo draußen erhascht, und von fremdem und geheimnisvollem Klang. »Klein Inga, das darf man nicht!« Alle lachen. Tiefrot und wortlos flüchtet das Kind zu Elsalill. Sechs Raben betrachten noch immer den Eindringling. Elsalill entsteigt zuletzt der Unzahl ihrer süßen Herzen. Bald sollen sie im Backofen ein köstlich gebräuntes Käntchen erhalten. »Wo sind die gezuckerten Früchte, Mutter?« »Klaus, Klaus, Klaus!« Die sieben Raben flattern auf. Vinzenz von Lassing spürt einen sonderbaren inwendigen Ruck. »Tag, ihr Bütten! Tag, Mutter! Tine! – Tag, Lilla, min söte Deern!« Eine riesige und zugleich merkwürdig jungenhafte Gestalt tritt durch die Tür, wirft eine ungeheure Last rotbeeriger Zweige auf den Estrich, grüßt herzlich im Kreise und nimmt ohne besondere Umstände Elsalill in die Arme. »Klaus!« Elsalill steht überflammt. »Nanu!« Die hellen Blicke des riesigen jungenshaften Mannes schweifen staunend. »Dübel ook!« Er läßt Elsalill aus den Armen. Er reibt sich die Augen unter dem hellen strebenden Schopf. »Klaus! Elsalill!« Frau Deichgraf Jeß fängt an mit dem Datum und dem Irrtum und der Küche – aber ehe sie zu Ende kommt: »Mutter« schreit Klaus Andersen – »Elsalill.« Er faßt Vinzenz von Lassing an den Schultern. Man denkt, man hört die Armkugeln knirschen: »Bist du's jetzt – oder bist du's nicht?« »Ich werd' es am Ende sein!« Vinzenz von Lassing begreift nicht, warum die Walfische, Melchisedek und die Männer im feurigen Ofen diesen ganz wilden Indianertanz beginnen, in den sich die gelben Messingkieken und Leuchter, die kupfernen Pfannen und Kessel ungebührlich und blank vermengen. – »Lilla!« hört er. »Lilla!« War auch einmal eine Zeit, da er den Neckar kannte, grün geschlungen wie ein Band um den holdseligen Strauß einer Landschaft? – Tübingen! Scharfer Mostgeruch! Ein blonder, bärenhafter und jungenshafter Ankömmling unter den Studenten – ganz ungehörig für einen Fuchs einem älteren Semester gegenüber – machte ihm Bekenntnisse – über dem Neckar, als das Weinlaub brannte. – Sie hieß: »Lilla!« – – »Junge, Junge!« Klaus Andersen ist hochrot vor Glück. »Elsalill,« ruft er. »Tübingen! – Von wem hab' ich dir am meisten erzählt? Bloß ein Semester waren wir zusammen! – Mensch!« schreit er. – Er schmettert dem Wiedergefunden die Rechte auf die Schulter, wie sein Ahn dem Wisent die Keule aufschmetterte. – »Mensch!« Aber mehr ist nun wirklich nicht notwendig. Alles ist nun vollkommen klar. – Klar und hell und warm. – »Oder auch klar und kühl?« denkt Vinzenz. Wie ein Wintermorgen auf seiner Bergklinge so klar und so kühl. Wenn die bange Sehnsucht und die lodernden Träume der einsamen Nacht im Morgen zerknirschen. Wenn die Leonhardspitze mit dem kühnen Profil schmerzhaft silbern in den Himmel stößt. Wenn die Luft blänkert wie ein Schild, und ihre Schärfe ist wie eines Schwertes? – Lilla und Elsalill bedeutet dasselbe! »Freilich, so werd' ich's wohl sein. Klaus, dein alter Freund!« Eine gefaßte Stimme spricht irgendwoher und irgendwie wehrlos diesen strahlenden Jungensaugen gegenüber. »Vinz!« schreit der Riese. Behutsam wie eine Kostbarkeit dreht er die wirklich nicht kleine, nur in den Schultern wie Stahl zusammengeschweiste Person des Freundes, den Frauen zu Anblick und Schätzung. »Also, das wäre der Vinz! – Hast dich selber als Weihnachtsgeschenk für mich ausgesucht! Hallo, Julklapp! – Überraschungen sind immer doll gut. Aber das ist die beste! Was, Elsalill? Ist noch etwas zu erklären?« Er nimmt Elsalill in den Arm, zart. Sieht ihr in die Augen. Sieht Vinzenz in die Augen. Nein. Nein. Zu erklären ist nun wirklich nichts mehr. – Also drei Briefe sind abgeschickt worden in den letzten drei Jahren aus der kleinen Stadt an der Westküste. Im ersten, zu melden, daß der Referendar gestiegen. Im zweiten, daß das Jus trotz aller begründeten Aussichten auf den Ministersessel soll doch an den Nagel gehenket werden. Onkel Gerrits Hof in Eiderstedt braucht einen Herrn. Und zum dritten: Dr.  Vinzenz von Lassing-Dombühl wird zur Hochzeit geladen von Klaus Andersen-Avetoft und Fräulein Elsalill Jeß, Tochter des Oberdeichgrafen und Landtagsabgeordneten Rasmus Jeß und seiner Frau Gemahlin Kora, geborene Lindholm. Aber alle drei Briefe sind als unbestellbar zurückgekommen. »Weiß Gott, irgend etwas aber hat dich doch gezogen!« Klaus nimmt den wiedergefundenen Freund bei den Händen. »Und jetzt bleibst du gleich bis zum 2. Februar. Denn daß sie an Maria Lichtmeß Hochzeit feiern will, hat Elsalill sich nun einmal in den Kopf gesetzt!« Also wenn das Herr Dr. von Lassing ist . . . – Frau Deichgraf Jeß schließt auf das Tor der Mauer, die sie wie jeder Nordländer stark und fest um ihr Inneres gebaut hat. Neue Leute – aus Gegenden zumal, wo sie die spitzen, sauberen s–t– so weich ausbuttern . . . Vorsicht! – Aber Freunde der Kinder, oder Schwiegerkinder – das ist beinah wie eigen Fleisch und Blut. – Die Bäckerei ist ja nun auch getan. – Wenigstens das, was die Hausfrau selber dabei angeht. Das übrige – nun wenn man einen Schatz besitzt wie Lotte . . . die jedes Geschmack und jedes Gewohnheit besser auswendig weiß als der Betreffende selbst . . . »Dann, bitte Herr Doktor, es wird gleich Kaffee getrunken.« Frau Jeß eilt, sich vorher noch umzukleiden. Desgleichen Elsalill. »Um fünf geht's an bei Tante Ragnar! Elsalill! Elsalill! . . .« Die sieben Raben stürmen davon. Weihnachtsselig. – – – Dr. von Lassing würde vielleicht gern die Schulfeier mit erleben? – Frau Jeß im schwarzen, schleppenden Tuchkleid, alte, schöne, geldliche Spitzen um den vollen Hals, ist jetzt ganz Gräfin am Kaffeetisch. Sie lädt Dr.  von Lassing zu dieser Feier, wie man jemanden zu dem einmaligen Auftreten eines Stars einlädt, oder zu der Premiere vom Dichter des Tages. »Wie liebenswürdig!« Vinzenz dankt tausendmal. Obwohl diese helle Kühle, die vorhin plötzlich um ihn aufstand wie ein schmales, blankes Messer, irgendwo in ihn hineinschneidet. Sekundenlang ist sein Blick unbeherrscht und verloren durch dieses Wohnzimmer. Es gibt der Küche nichts nach, wahrhaftig! Die Wände sind von tiefem, weichem Grün, schlank heruntergezogen von den weißen Deckenbogen. Sie sind ruhvoller Hintergrund für die Madonna del cardelino, eine gute Kopie in altem, goldnem, florentinischem Rahmen, und zwei oder drei Originalbilder aus der Schule Lionardos. Der älteste Bruder Elsalills – er starb in der Blüte seiner Jahre, ein feiner, künstlerisch gerichteter Mensch – brachte die Bilder von ein paar Italienreisen. Auch zu den Mahagonimöbeln edler Form, mit eingelegten Bronzestrichen, passen sie gut, und zu den Reliefs nach Thorwaldsen, ohne die ein nordisches Patrizierhaus schwer zu denken ist. Wiewohl Weihnachten vor der Tür steht, sitzt man wie im Frühling. – Es herrscht ein Rangstreit in der kleinen, winterdunklen Stadt, wer seine Hyazinthen zuerst zum Blühen bringt. Sie verschmelzen ihren zarten Wohlgeruch dem von Kaffee und Weihnachtsgebäck. Und Öfen wie in diesen alten Häusern, diese gewaltigen weißen oder braunen Burgen, so genügsam und so treu, ja solche gibt es nur noch sehr wenige in der heutigen Welt! – »Heimat,« sagt etwas zu Vinzenz von Lassing, während er doch zugleich in der Brust diese feine, kühle und bohrende Spitze empfindet. – Dann wendet er seine Augen entschlossen auf den Freund. Man muß sich umstellen, das ist alles. – Man hat ja kaum angefangen zu träumen. Gottlob! Dieses wird wieder überwunden werden. Klaus, dessen Appetit dem Körpermaß nicht widerspricht, kann sich nicht genugtun in Erinnerungen. Wirklich, dieser warmen Herzensgüte ist nicht zu widerstehen! »Ich bin am Gymnasium vorübergegangen,« sagt Vinzenz. »An der alten Lateinschule, wie Storm immer sagt. Hier hast du dein Abitür gemacht!« Klaus Andersen lacht. So lachte er immer, wenn Vinzenz nach der Weise der Süd- und Westdeutschen Abitür sagt. »Ja, damals!« Er unterbricht sich jäh. Feuer überfließt seine helle Haut. Die blonden Wimpern heben sich ab wie weißer Flaum. Frau Deichgraf Jeß sieht ihn an. Wie besondere Wege gewiesen von seinem Erröten: »Onkel Jaspersen hatte einen ganz schlimmen Anfall gestern! Elsalill war spät nach dem Tee noch drüben. Hast du etwas gehört, Klaus, Ewert soll hier herumspöken!« »Kann nicht angehn!« Klaus ist aufgesprungen. »Das wäre ja eine dolle Sache! – – Wie steht's mit Tante Bina?« »Das Herz! Das Herz!« Auch Frau Jeß ist aufgestanden. Es wird hohe Zeit, daß man sich aufmacht. »Wenn da noch Verkalkung dazu kommt!« Sie hat schon die Hand auf dem Türdrücker. Ihr Gesicht verrät ernste Besorgnis. – – – »Komm, wir warten im Garten auf Mutter. Elsalill ist schon hin mit den sieben Raben!« Die Freunde treten aus der Veranda, in die hineingezogen, jeden Herbst ein blauer Weinstock köstliche, großbeerige Trauben reift. Der Garten liegt wie im Traum. Weder Mond noch Sterne durchdringen den Nebel. Die Bäume und Büsche verdämmern ineinander. Aus dem Schloß, über den alten Wallgraben hinweg, fließt der Schein einer Lampe. »Dort liegt nun Tante Bina und grämt sich.« Mit einem plötzlichen Entschluß wirft Klaus die eben angerauchte Zigarette in das feuchte Gras. »Vinz, warum muß ich dir gleich wieder Bekenntnisse machen?« Vinzenz staunt weniger darüber als Klaus. Er ist Beichtiger vieler junger Menschen gewesen. Wie die Starken, die mit sich allein ihr Schicksal abmachen, immer von den anderen noch dazugelegt bekommen. »Es gibt Dinge, über die man nicht weg kann.« Klaus spricht hastig. Man schämt sich so. »Ewert Jaspersen, erinnerst du noch den Namen? Wir sind ja alle verwandt hier herum. – Er ist unser Vetter. Der einzige Sohn von Onkel Hardesvogt und Tante Bina. – Es war eine greuliche Sache. Ewert – sie hießen ihn Ewert Dusendschön. Er war so eitel auf sein Mädchengesicht. Auf seine Weise – vielleicht – hat er Elsalill geliebt. Jedenfalls – was er konnte, hat er versucht, uns auseinander zu bringen!« – – Die gute, helle Stimme ist einen Moment hart. »Wir wußten ja nie anders, als daß wir zusammengehörten, Elsalill und ich,« fährt Klaus dann leise fort. »Den Sommer, als wir uns wirklich verlobten, am Johannistag war's – Gott« – Das übrige mußte Vinzenz in der Hauptsache erraten. Ewert Jaspersen machte dann allerlei Andeutungen, seufzte, tat skeptisch, war schwermütig, verlor sich in Erinnerungen an den schönsten Sommer seines Lebens. Ja, die hellen Nächte, draußen am Wasser, wo die Heide anfängt . . . Wenn da so ein blanker Mädchenkörper gegen den roten Himmel steht und gegen das rote Wasser . . . »Und plötzlich ein Blick, sag' ich dir« – Klaus stößt die Worte heraus »zu Elsalill 'rüber. Die steht draußen im Garten. Ganz still, ganz hoch. Wie eine Bildsäule gegen den Himmel.« »Schuft!« bäumt etwas auf in Vinzenz. »Also so einer bist du!« Er weiß, wie das ist: Gegen den Himmel! Wie eine Bildsäule! Er hat ihn wieder im Ohr, den Ton leidenschaftlicher Empörung, den gestern abend Elsalill Ewert Jaspersen hinwarf. Aber er hält sich ganz fest. »Und du, Klausle?« sagt er ruhig. »Bub, und du? – Denn darauf allein kommt's an!« »Ich?« Klaus bricht los: »Halb totgeschlagen hab' ich ihn. Aber hernach . . .« Er stottert in Scham. »Sieh, wenn man so rasend verliebt ist! – Jetzt, das ist ganz anders. Jetzt hab' ich sie täglich. Aber ich hatte Elsalill so lange entbehrt damals. Ich war halb verhungert. Andere Deerns – nee, danke! Gegen Elsalill! – Aber Elsalill war . . . Sie ist . . . In dem Punkt . . . Sie ist noch – nicht – erwacht!« – Er bricht kurz ab. Er atmet tief. Vinzenz hat ein Gefühl von Schlafgebundensein. Alles dies geschieht ganz fern. Und ist doch irgendwie nah wie sein eigen Blut. – Er legt die schmale, langgliedrige Hand auf die mächtige Schulter, wie er früher oft getan. – Klaus nimmt sie zwischen seine Bärentatzen. Er lacht verlegen. »Kurz, halb war ich Ungeheuer, halb war ich ein Esel. Es fraß eben weiter das Gift. Elsalill fragen, ging nicht. Mutter Jeß – so heikle Dinge versteh' ich nicht zu deichseln. Sie begriff gar nicht. Ich dachte. ob der Kerl vielleicht mal beim Baden . . . – Schluß, Schluß!« befiehlt sich Klaus heftig. »Nur weil Mutter vorhin Ewert erwähnte! Gut. daß ich's los bin, Vinz. Bei dir ist's gut aufgehoben.« »Ja, Klaus, ja.« »Was ist aus diesem Menschen geworden?« fragt Vinzenz dann. Immer noch ist alles so seltsam fern und nah zugleich. »Er hat nicht gut getan. Bei der Westholsteinschen Bank. Böse Sache! – Sieh, da kommt Mutter,« unterbricht sich Klaus. »Das seh' ich immer so gern, wenn das Licht die Treppe herunterwandert. Nach der Feier mußt du gleich mit zu meinen Leuten. – Ja, Mutter, hier sind wir! – Vinzenz« – er faßt den Freund plötzlich am Arm, seine Stimme ist heiser – »Elsalills Herz, das ist noch wie eine Knospe. – Wenn einmal . . . Dann kannst du ein Mörder sein, und sie reißt sich's für dich aus der Brust.« – »Ich weiß nicht, was mit Thor eigentlich ist,« sagt in diesem Augenblick Frau Jeß. »Er kommt mir so sonderbar vor.« – Vinzenz horcht auf: Thor? – Er weiß nicht, warum das Schicksal des Hundes ihn irgendwie betrifft. »Du kannst ein Mörder sein!« denkt er im nächsten Augenblick. »Wie sonderbar, daß Klaus sagte: Du! « Die höhere Mädchenschule »Auf der Neustadt« wird von einem Fremden sicherlich immer vergeblich gesucht werden. Auch Dr.  von Lassing ist, ahnungslos seiner Bedeutung, schon etliche Male an dem kleinen Häuschen vorübergegangen. Drei Fenster neben einem Tor und unter einem schiefen, zweifenstrigen Giebel bestreiten die ganze imposante Schulfront. Das müde Tor über dem holprigen Gang ist allerdings breit genug, daß ein tüchtiger Ochse sich dadurch nicht beengt zu fühlen braucht. Was zuweilen auch nottut. Die schmale, stark belebte Straße, die an ihrem Norderende hauptsächlich aus Wirtschaften besteht, führt zum Viehhof. Es geht hoch her an Marktagen! Hü und Ho und Peitschenknall! Ja, es soll vorkommen, daß Sommers plötzlich ein prachtvoll gehörntes Haupt durch die geöffneten Fenster der kleinsten Klasse hereingrüßt, zur hohen Freude der Fibelhelden. Erschreckt hat es noch niemanden. Den Kindern dieser Stadt sind die Ochsen vertraut wie Laterne-gehn im Herbst, wie die Porren aus dem Watt, die Lämmer in den Fennen und die steinernen Rebellenköpfe an der Brauerei überm Schloßgang. Wenn man nun weiß, daß die zwei Fenster links des Tores die beste S–tube von Tante Ragnar bedeuten, so ist man imstande anzunehmen, das winzige Häuslein beschäftige sich nur mit den drei oder fünf Fibelhelden. Aber es gilt, wie bei vielen guten Dingen, erst den Anfang zu überwinden. Der Anfang aber hier ist der holprige und wenig verlockende Torgang. Hinter der besten S–tube Tante Ragnars, wie die Schulvorsteherin, Fräulein Mommens, von ihren Schülerinnen genannt wird, befindet sich das rote »Bordeaux«. So hat Scheuerfieken das handtellergroße, auch bei Tage von einer rosenfarbenen Ampel erleuchtete Gemach getauft. Sein Fenster blickt auf einen rabendunklen, zwei Schuh breiten Hausgang. Tante Ragnar nennt es ihr Boudoir, oder auch die Bibliothek. Dieser Name scheint vollkommen gerechtfertigt in Anbetracht seiner zwei einzigen Möbelstücke, einer Couchette und eines in Schnüren hängenden Bücherbords. Auf dem Bord stehen: Schiller, Goethe, Storm, Walter Scott, Oehlenschläger und die Frithjof-sage. Letztere beide in Goldschnitt. Hinter der Bibliothek befindet sich das Schlafzimmer Tante Ragnars. Es ist von gleichem Format und gleicher Belichtung von außen her. Aber ohne die Verklärung der rosenfarbenen Ampel. Hinter dem Schlafzimmer – ja dahinter liegt nun die Schule. Die drei Klassen sind weder übermäßig groß noch übermäßig hygienisch. Aber sie sind hell und vergnügt. Sie sehen teils auf kleine Hofplätze der Nachbarschaft, wo sich weiße und rote Wäsche im Winde bläht, teils auf das kleinwinzige Schulgärtchen. Vielleicht darf der Rasenplatz, drei Meter im Geviert, auf dem sich tagaus, tagein zwanzig bis vierzig Paar Kinderfüße tummeln, nicht gerade wohlgepflegt genannt werden. Aber – o –der Zauber dieser alten Schule, mit ihrem Garten! Und mit dem Birnbaum! – Es sind Beurre gris. Und dieser gesegnete Baum geizt nicht. Eine Holzplanke trennt den kleinen Garten von einem Seitensträßchen. Wie reizend ist es, über die Planke hinweg seine Freunde, die Schüler, zu begrüßen! Ein Butterbrot zu empfangen oder einen Spickaal am Markttag! Wie reizend ist es, gleichen Wegs entwischen zu können, nach einem vergessenen Buch oder zu Kaufmann Jansen mit den fabelhaft schillernden Bonbongläsern an der Ecke! – Und es scheint, als ob zu allen Zeiten der Flieder dufte, die Nelken und die uralten Linden des uralten Friedhofes jenseits des Sträßchens. Ja, und dann Tante Ragnar! Die so sehr feiner Manieren ist. So schlank, um nicht zu sagen – dürr! So herzensgut und so sehr, sehr sonderbar! Sie spricht viel und gern von ihrer Heimat, dem hohen Norden. Allerdings liegt er vier S–tunden Bahnfahrt von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit entfernt. Früher hatte sie zuweilen Besuch von einem Neffen Alph, der rothaarig war und gesprenkelt von Sommersprossen, groß wie halbe Groschenstücke. Er trug so sehr aparte Schlipse, und ein Stück Fensterglas in sein eines Auge geklemmt. Er sprach durch die Nase von den Kopenhagener Kasinobällen. Die Mütter sahen es nicht gern, wenn der dumme Bengel auf Besuch war. Denn keine Schürze hatte Ruhe vor ihm. Aber einmal betrank er sich wie ein Stint, und dann durfte er nicht wiederkommen. Außer dem Neffen Alph hat Tante Ragnar noch vielerlei Merkwürdiges und Anziehendes. Zu allen Stunden des Tages und des Jahres kann man bei ihr rote Grütze bekommen. Sie versteht eine besondere Art Likör aus Ebereschen zu bereiten. Sie hat Rezepte für die köstlichsten kleinen Kuchen, kroß, süß und bekömmlich. Und sie ist mitteilsam gegen jedermann mit Likör und Kuchen. Wiewohl der hektische Adjunkt Stahl entschieden den Vorzug besitzt. Überdies kann sie Blumen aus Vogelfedern herstellen. Aber wenn man zum Lohn des Fleißes ein solches Federbukett verehrt bekommt, ist man tief unglücklich. Denn erwartet nicht Tante Ragnar, daß man es zum Abtanzball vorsteckt? Dann sieht man aus wie aus Minnesota oder wie die Gegenden heißen, jenseits des Mississipi. Die Schüler lachen und bieten rote Tinte an zur Vervollständigung der Toilette. Einmal adoptierte Tante Ragnar ein Negerkind. Ehe Adjunkt Stahl in die Stadt kam. Daß er sein aufgeschlagenes Gesangbuch als Kopfkissen nehmen, Seite 74 Lieder für den Hochzeitsgottesdienst und dabei an Elsalill Jeß denken könnte, ahnte Tante Ragnar nicht. Das Negerkind hatte irgend jemand in einer Zeitung ausgeboten. Es war vom Schicksal nach Hamburg verschlagen, Gott weiß, warum. Es hatte ein Pappschild auf seine Brust gebunden, worauf sein ganzer Lebenslauf geschrieben war. Nur die Hauptsache war nicht zu entziffern: nämlich, wo es hin sollte. Ja, und so mußte doch Tante Ragnar das Kind haben. Sie strickte ihm lange wollne, knallrote Strümpfe, daß es aussah wie der Teufel oder wie ein schwarzer afrikanischer Storch. Es hieß Drullah nach seinem Pappschild. Wenn es den Katechismus betete, so sagte es: »Du sollst deinem Nächsten an seinem Bauch keinen Schaden noch Leid tun.« Aber Tante Ragnar liebte es zärtlich, und später heiratete es einen lichtblonden Bahnwärter, und steht noch irgendwo auf der Strecke Hamburg–Hvidding und salutiert, wenn die Züge passieren, und sein Mann sitzt gerade bei Frühstück. Ja, das ist nun Tante Ragnar! – Irgendwelche Examina hat sie nicht absolviert. Aber wie sie ist, und mit Propst Diekmann, diesem lieben, herrlichen alten Herrn, und Kantor Heß, dem es auf seiner Orgel und in Imkereiwissenschaft einmal jemand nachtun soll, und mit Fräulein Bydekarken für Sprachen und Musik lernt man doch eine Menge. Wunderschöner aber als in der kleinen Schule auf der Neustadt ist es schwerlich anderswo in der Welt, wo die Examina und die gestempelten Zeugnisse ganz allein den Ausschlag geben. Heute feiert Tante Ragnar Weihnachten mit ihren Kindern. Elsalill Jeß ist schon vor drei Jahren konfirmiert worden, schulentlassen und war in Weimar in Pension. Aber heut scheint sie keinesfalls entbehrt werden zu können. Die zweite Klasse – die erste befindet sich in dem kleineren Raum, weil ein so bedeutender Bildungsgrad nur von einer beschränkten Elternzahl als notwendig für ihre Kinder erachtet wird – die zweite Klasse dient als Aula und Festsaal zugleich. Es ist ein mäßig großes, dreifenstriges Zimmer und bereits stickend voll, als Frau Deichgraf mit ihren beiden Begleitern sich in der Türe zeigt. Es erscheint heute noch kleiner, als es tatsächlich der Fall ist. Das mag den zwei mehrteiligen Bettschirmen zuzuschreiben sein, die ein Drittel des Zimmers geheimnisvoll absondern. Die beiden Freunde, der allgemeinen Bedrängnis ansichtig, äußern die Absicht, sich im Türrahmen zu halten. Oha, denn doch! Tür offen zum Gang hin!? – Frau Klempner Matthies fängt an: von Mandelentzündung, Zahngeschwüren, Gelenkrheumatismus, wo jemand, und hatte nur Zoch an sein' Füße bekommen! Es ist wirklich nicht ganz angenehm. Frau Jeß, aus der grünen Würde ihres Plüschsessels direkt vor den Bettschirmen, winkt zur Türe hin. Soll man sich nicht lieber zurückziehen? »Du mußt bleiben, Klaus!« Es ist überhaupt unbescheiden. Diese Feier, die doch besonders den Eltern gehört . . . Vinzenz von Lassing tritt in den Gang zurück. Aber jetzt gerät Tante Ragnar ganz außer sich. Sie verneigt sich fortwährend in das Zimmer hinein und aus dem Zimmer heraus. Das kann doch wohl nicht angehen? Sie wäre gegen zwei Herren, und der eine davon fremd, jemals im Leben unhöflich gewesen? – Wer mochte doch ihr etwas dergleichen nachsagen?! Nein – etwas dergleichen kann gewiß von niemand Tante Ragnar nachgesagt werden. Und so finden Klaus Andersen, dem die fadendünne ältliche Dame errötend, wissend und schalkisch zublinzelt, und sein Freund, den sie Herr Graf tituliert, wie im Traum, nach unübersteiglichen Hindernissen, sich jählings fest und sicher in eine Ecke gekeilt. Vorausgesetzt, daß der gefährlich benachbarte und glutschnaubende eiserne Ofen ihrer Laufbahn kein vorzeitiges Ende setzt, dürfen sie erwarten, von diesem Standpunkt aus die Feier besonders wirkungsvoll sich entfalten zu sehen. Vinzenz, im Gedanken an das Beispiel der drei Männer im feurigen Ofen, ist kühn entschlossen, alles zu erdulden. In Wahrheit nimmt die ergreifende Lieblichkeit des Raumes ihn so völlig hin, daß er den Feuertod kaum bemerkt haben würde. O Tante Ragnar! Wie du dergleichen verstehst! – Die Wände, ganz und gar mit Tannengrün überkleidet, sind mit Sternen, Lilien, Rosen und bebenden Goldfäden geschmückt. Von der Mitte der Decke, im flimmernden Dunst der Kerzen, schwebt ein Engel. Er ist alt, holzgeschnitzt, bunt gemalt und schön. Er bläst die Posaune aus vollen Backen und hätte dem Meister des Schleswiger Altarblattes nicht zur Unehre gereicht. Nimmt man hierzu das geheimnisvolle Rascheln hinter den Bettschirmen, die schweigend hochrote Spannung der erhitzten Gesichter, ein klein wenig Blattgold an Tante Ragnars vorgestrecktem vierten Finger, den Geruch von Wachs, Äpfeln, Leim und Gewürzkuchen, und das Stimmen der Geige von Herrn Kantor, – ja, es ist wirklich ein rührendes kleines Himmelreich. Wie im Fluge gleiten an den Augen des hierher an die Wasserkante verschlagenen Fremden Bilder früher gelebter Weihnachtsfeiern vorüber. Glocken brausen tieftönig, silbern oder sammtner Zärtlichkeit. Abgründe alter Kathedralen brechen auf, in ihren Fernen bebende Lichtfunken wie goldne Bienen. Im altersdunklen Gestühl hingekniet die ergreifenden Gestalten verrunzelter Betweiblein, nimmer müde, dem Himmel anzuliegen mit Bitte und Dank und Lob und Preis. Neben ihren großen Andachtsbüchern glimmt die stille Innigkeit eines winzigen gelben Wachsstocks! Wie kleine Inseln schwimmen sie tröstlich durchhellten Lebensodems im Dämmern versteinter Jahrhunderte, versteinter Menschensehnsucht. Hoch in den erstarrten Baumkronen wühlt Orgelsturm. Aus dem tiefen, erdhaften Dunkel des Schiffes langt es hinauf, inbrünstig, menschenklein: »Gaudete in Domino semper: iterum dico gaudete!« Und dem Begreifen lächelnd entrückt, trägt der Hochaltar in bläulichen Schleiern verborgen das Strahlenherz. Schimmerndes Behältnis jenes abgrundtiefen Geheimnis: Der Menschwerdung Gottes aus Liebe. »Dies ist der Tag, den Gott gemacht!« bricht es plötzlich aus. Mehrstimmig, hell. Unendlichen Jubels. Greift nach Vinzenz von Lassings Mysterium wie eine warme, lebendige Klein-Kinderhand. Vinzenz lächelt. Er streicht über die Stirn, in den Schläfen schmal und in der oberen Hälfte stark und schön gewölbt. Wer hat das einmal gesagt? – Vetter Heinrich? »Die Friesen, das sind die protestantischen Bayern!« Er scheint jemandem zuzuwinken. Tief inwendige Weisheit enthält dieses seltsame Wort. »Die großen Kontraste!« sagt etwas in ihm. »Das Ungeheure! Das ergibt die Verwandtschaft! Es ist gleich, ob Gebirgsstöcke die Unendlichkeit bestürmen, ob die Ebene zu ihr wandert und wandert, oder ob das Meer sie donnernd umdrängt. Der letzte Rand, die letzte Schwelle, das Grenzenlose – darauf kommt es an.« Ach, wie fremd sind sie ihm geblieben die kleinen Lieblichkeiten und Geschäftigkeiten, die Zäune und Geschütztheiten der Mittellage jeder Art. Auch die Landschaften der Seele sind eingeborene Gesetze! Hier droben am Meer ist er zu Hause wie auf den heimischen Bergschroffen. Lächelnd wie ein Märtyrer auf dem Rost, schweißbeperlt und sich allgemach auflösend, versinkt er in das Mysterium hinter den Bettschirmen, daran er gläubig ist ohne Schauen. Die Lütte im weißen Kleid, geflügelter Schultern, fromm und unschuldig, hat inzwischen das Podium bestiegen, woselbst sie den Engelsgruß betet. Ihr folgen die Fibelhelden im Festgewand, lieblich verschämt und zugleich stolz und verlegen, gehorsam höherem Gesetz und tröstlicher Elternnähe gewiß, nur so weit zitternden Stimmleins, daß es ans Herz greift. Es folgen Lied auf Lied, Gedichte und Chöre. Zu dem holden Geheimnis des Advents, der bald zur heiligsten der Nächte herabdunkeln wird, tritt das ebenfalls holde Geheimnis der kleinen Stadt. Vielleicht sind nicht mehr alle kleinen Städte gleichen Zaubers voll. Sie müssen weit ab liegen von Maschinen und Handelszentren. Auch die Nähe von Brennpunkten des Geistes sind der Erhaltung ihrer Art nicht förderlich, und nicht verschwenden darf die Natur in ihrer Umgebung. Dann aber webt über diesen kleinen Städten – sie sterben heute aus wie der Elch in Masovien – die Innigkeit eines verschollenen Liedes. Sie erinnern an den Geruch von Veilchen im Herbst, an ein Bild von Schwind oder Richter im Zimmer eines sanften und liebevollen Menschen. In diesen kleinen Städten kann der Bürger nicht sagen, wo der Bauer in ihm aufhört oder der Gärtner anfängt. Auch bedeutet Besitz noch nicht alles. Die Unterschiede sind nicht so ungeheuer. Und einmal doch hat Deichgraf Jeß mit Guschen Bahnsen, der jetzt Koffer zur Bahn schafft, auf der Schloßfreiheit Pickpahl gespielt. Wie viele haben auf derselben Schulbank gesessen! Wie viele sind an Himmelfahrt zusammen ausgezogen, Maililien zu pflücken und im Herbst nach Glockenheide. Und dann Vogelschießen! Oder die weißen, heißen Sommernächte! Und das Meer im Oktober wie zerschmelzendes Gold und jedes Ruder Gold und jede Hand, die man ins Wasser taucht. Ja, sieh, die Gärten stoßen doch aneinander irgendwo. Oder mindestens die Höfe! Chotte dochen, als klein Nuti ertrank von Böttcher Jebsen! Bei Porrengehn! Trauerte nicht die ganze Stadt? Und wie man feierte, als Ingwer Ingwersen heimkehrte! Mit einem Walfischfänger war er ausgezogen vor fünfzehn Jahren, und alle dachten: tot und gestorben. Nur seine alte Mutter nicht und machte saure Rollen auf jeden 10. Oktober für Ingwer sein Geburtstag. Und an einem 10. Oktober war er denn auch richtig da; nahm seine Mutter um den Hals, setzte sich an den Tisch, aß die sauren Rollen und sagte: »Da hört Appelmoos too. Der Mensch lebt nicht von Brot allein!« Mit welcher Lästerung er schon vor fünfzehn Jahren seine gute Mutter erschreckt hatte. Ja, man muß einander doch wohl beistehen! Ob nun geschlachtet wird oder Kinder kommen oder ein schweres Sterben. Einer hilft und gibt auf diese Weise und der andere auf die andere. Aber jeder gibt und tut oder freut sich mit oder trauert mit nach seinem Vermögen und Kräften. Wie es schon Väter und Mütter und Urväter und Urmütter gehalten haben, immer weiter zurück. Nie ist es anders gewesen. Immer griff ein Glied ins andere. Und das Wissen um das feste Verfügtsein der einzelnen Glieder der Kette in Schlecht und Recht, in Freud und Leid gibt so viel warme Sicherheit. Man ruht in der Zeit, die sich zur Ewigkeit auswächst, ohne daß man groß darum gewahr wird. Freilich nicht alle bleiben daheim. Das Meer lockt und ruft. Aber so tief verwurzelt ist man im Heimatgrund, wohin man auch sich wendet, ein Bröcklein Erde trägt man inwendig mit sich und zwingt die Fremde, dies Bröcklein anzuerkennen. Ein Friese bleibt, wer er ist. Zeitweilig mag er untertauchen in Farbe und Glut, die die Kargheit der Heimat nicht kennt. Sie, die Heimat, bleibt dennoch die Stärkere! Von den Inseln her die Nestflüchter aus den kleinen Städten der Westküste – wenn die Schwalben heimkehren, ziehen sie aus als Schiffsjungen, Matrosen, Kapitäne, im Sold der großen Handelsherrn der Hansestädte. Kommt aber der Winter, dieses sanfte, nebelnde norddeutsche Grau, kommt Weihnachten in Sicht, dann drehen sie alle bei, backbord, Seele und Leib. Vinzenz von Lassing röstet an seinem Ofen, ganz umsponnen von Weihnachtszauber, Heimatzauber. Plötzlich schlägt es ihn: Hat er etwas versäumt in seinem Leben? Gerade da aber tut sich der Himmel voneinander: »Es ist ein Ros' entsprungen . . .« Die Bettschirme sind verschwunden. Die Urnacht der liebesehnsüchtigen Menschheit ist angebrochen. Maria hält ihr Kindlein im Schoß. Sie ist die Gebenedeite unter den Frauen. Nein, dies hat Tante Ragnar nun wirklich bezaubernd gemacht! Geradezu selbst übertroffen hat sie sich. Also das war der Sinn des Hämmerns gestern abend noch in der Hohlen Gasse! Dieser Holzrahmen in Form eines Tryptichons! Mit Tannen und rotbeerigen Stechpalmen umwunden sieht er aus wie der Eingang zum Paradies. Das mittlere, breite feierliche Hochtor trägt einen Spitzbogen zur Bekrönung. Die schmaleren Seitentüren schließen flach und bescheiden. Vermöge einer verborgenen Maschinerie von Fensterleitern und Blumentreppen auf lebensgefährlicher Höhe der Querbalken baumeln lauter süße kleine Unschuldsengel mit den Beinchen. Durch das rechte Tor erblickt man die demütige Inbrunst der Hirten. Links bringen die Weisen aus Morgenland Opfer und Schatz. Der Stern schwebt hoch und selig. Irgendwo knattert es, riecht brenzlich nach Pulver, und ein sanfter rosenroter Schein fließt wie Morgen. Maria? Heilige sieben Christrosen haben sie ihr ins Haar geflochten. Ihr Gesicht steht wie Perlmut unter der Aureole ihres Haares. Dennoch – Maria? »Sie sieht aus wie eine junge Heidin aus Königsblut,« denkt Vinzenz. Der herbe, spröde Morgen ihres Geschlechts umweht sie wie Schwanengefieder. Nur der Arm, der das Kindlein hält, ist zärtlich gerundet. Sie sitzt nicht geneigt über ihren gesegneten Schoß. Auch blickt sie nicht auf das Kindlein wie andere Marien. Sie sieht gradaus, klar, unbewußt, großäugig, in Richtung auf Klaus und Vinzenz, wie sie beide am feurigen Ofen stehn. Aber ihr Blick geht durch sie hindurch, über sie hinweg, weit hinaus. Sie sieht sie nicht. Da beugt sich Vinzenz ein wenig vorüber. Nicht er – etwas beugt ihm den Kopf zu Elsalill hin. Er weiß es nicht, ist es seine Seele oder sein Blut. In dem Augenblick geht es durch die atemlose Versammlung wie ein Seufzer des Glücks. Niemand kann mehr etwas anderes an dem Bilde betrachten als die Maria. Elsalill sitzt noch immer ohne Regung. Aber sie hat die Empfindung: ihr Herz zerbricht. So leidenschaftlich beben die obersten Flügel des Cherub. Werden sie sich völlig entfalten? Wird sie das letzte Geheimnis erkennen? Ihre Augen haben sich verändert in diesem dunkeln Lauschen. Sie sind selbst dunkel geworden und durchsichtig, tief und grün wie das Meer. Sie haften auf Vinzenz. Nicht auf Klaus. Und sie haben Vinzenz erkannt. Das letzte Geheimnis steht noch immer verhüllt. Aber das ist nicht mehr die Schwanenjungfrau, nicht St. Georg oder St. Michael. Dies ist Maria. Nicht die Maria der heiligen Nacht, sondern die Maria der Verkündigung: »Mir geschehe, wie du gesagt hast!« – überschauert vom Unerhörten und – bereit. »Daß du sie so gesehen hast!« Die Freunde schlendern Arm in Arm unter der milden Bergung von Nebel und tropfenden Ästen auf dem Weg vor der Schloßkoppel. Sie warten auf Elsalill. Sie wird nicht so schnell umgekleidet sein und freigegeben. Denn zu welchem Zweck hat Tante Ragnar dieses Jahr als höchste Überraschung das süße Geheimnis eines Kronsbeerlikörs ausgeprobt? Uralt und bewährt »im hohen Norden«. Die Götter Asgards mögen sich daran schon hoch gestimmt haben. Und das eigen gebackene Marzipan? Nicht nach Königsberger Art – wer mag denn hier zu Lande den roten und grünen Leichtsinn –, sondern nach der treu bewährten, sanftbraun zurückhaltenden, nur durch sich selbst wirkenden Weise der Lübecker! Mußte nicht dem Leib sein Recht widerfahren, nachdem die Seele entrückt war zu himmlischen Feiern? Daß Vinzenz gerade so sie erblickt hat, Elsalill! Gerade so! Und plötzlich schlägt es Klaus Andersen: mit diesem Ausdruck Elsalill zu sehen, war dieses nicht immer schon sein Verlangen? Geschah heute das, was er vorhin . . . Er schweigt benommen. Nicht lange. Er lacht. Ein leicht verlegenes und darum besonders lautes Jungenslachen. Er ist glücklich über alles Sagen. »Vinzenz,« die hallende Stimme macht sich behutsam, »du hast keine näheren Verwandten mehr?« »Nein, Bub. Du weißt ja, in Tübingen trug ich zuletzt einen Flor!« Klaus wagt keine weitere Frage. Ja, gewiß. Damals starb der alte Herr. Aber es gibt doch noch einen Bruder! Stiefbruder? Vinzenz ist der einzige Sohn einer schönen, geliebten, früh gestorbenen zweiten Frau. Die Lassings haben ein Bergschloß. Irgendwo in der Nähe der Leonhardspitze. Wo Bayern und Tirol sich die Hand reichen. Das ist so ziemlich alles, was Klaus Andersen bekannt ist über die Leute seines Freundes. Der hingegen – Vinzenz – alles weiß er von den Andersens. Klaus wagt keine weitere Frage. Irgend etwas warnt ihn. »Ist man schön, daß wir dich endlich hier haben!« befreit sich die warme Flut seines Herzens. »Das ist wirklich schön, Bub!« Und wieder Schweigen: Denn Vinzenz, wie er durch den sanften Nebel geht, die verdunkelten Augen Elsalills immer ganz nahe vor den seinen, ist plötzlich weit fort. In einem kleinen Forsthaus mit altersblinden Scheiben und schiefem Gebälk, im Schutz einer Bergkuppe und im Schutz von Rottannen sieht er einen einsamen Mann vor dem Schreibtisch sitzen. Den Mann kennt er. Ja, hat er denn wirklich sieben Weihnachten da oben gehaust wie Kautz und Falke in einem? Den zahmen Fuchs, den er aus dem Eisen befreit zum Gesellen. Und die Dohle Medardus? Lichtlein rinnen die Berge herunter in der heiligen Nacht wie goldene Tropfen, von Dorf und Weiler und Hütte. Drunten – er sieht es nicht – er weiß nur, drunten ragt ein Wunder aus Licht und Klang und Frohlocken. Das Dorfkirchlein. Es blüht wie eine Rose im Schnee. Dorthin rinnen alle die goldenen Tropfen. Sie wollen einmünden in den großen Strom. Einschiffen in das Wunder. Nicht er. Das hat er nicht über sich gebracht, zur Christmette zu gehen. Nein, nicht Mensch zu Mensch in dieser Nacht. Höchstens die Jagdflinte über dem Rücken, ein Gang durch die weißverhängte Christnacht der Wälder. Nicht um zu töten. Nur weil sich's so gehört: der Stutzen in den Wald. Vorsichtig! Daß kein dürrer Ast knackt unterm Fuß. Tief fällt er ein in den lichtblauen Neuschnee. Tief und sacht. Es knirscht kaum darunter. Der beruhigte Atem eines Tieres täte gut. Ein Sich-hinein-Spüren in den schweigenden Traum dieser geliebten Wälder. Sie haben – noch nicht lange ist's her – zu der Herrschaft der Freiherren von Lassing-Dombühl gehört. Aber der Erbe – zehn Jahre älter als Vinzenz, der kleine Nachkömmling, – hat die Wälder auf der Bergkuppe und weit übers Joch hinweg verspielt, verzecht, um Frauen vertan bis auf den letzten Stumpf und das letzte Reis. Wie das Schloß auf der Bergklinge, den baufälligen Kasten, mit dem rundäugigen Turm, der in sich zermorscht und doch – Heimat ist! Heimat! – Jetzt hat der Feudalbaron in eine Kattunsache eingeheiratet. Der Kattunbaron Löffle kann sich einen liederlichen Schwiegersohn leisten, wenn seine einzige Tochter ein Auge auf den geworfen hat. Eine Zeitlang hat er daran gedacht, den alten Kasten da oben zu erwerben, ganz niederzulegen, wieder aufrichten mit Zinnen und Wehrgang und Wartturm. Wie von dazumal, ehe die Bauern den übermütigen Helfenstein von der Weibertreu durch die Spieße jagten und viertelten mit seinen adligen Genossen. Schwerterbraus und Harfenzupfen damals, heute Brausen der Maschinen und Zupfen von indischer Baumwolle. Die Zeiten ändern sich. Aber elektrisch Licht da heroben hat seine Schwierigkeiten. Und die junge Baronin, mit der Krone nachträglich in alle Wäschestücke genäht, hat die Nase gerümpft. So hinauf in die Einöd? Um keinen Preis. Eine Villa am Starenberger See mit Balkons und Türmchen. Das wär's. Der Herr Papa hat ihr zu dem Baron die Villa geschenkt. Und dem Herrn Schwiegersohn ist's schon recht. München, das Hofbräu und die kleinen süßen Mädels sind bequemer von dorten. »Ich weiß eine,« denkt Vinzenz von Lassing, »eine wüßte ich, die hätt' mögen hausen auf der Bergklingen. Den wilden Jäger grüßen um die Rauchnächte.« Sein Auge bekommt kühnen Schein hinter dem nebelnden Tropfenfall. Er dehnt den Brustkasten. Jeder Muskel strängt sich. Eine süße, warme, geliebte Last, ihm lachend und knietief im Schnee versunken, trägt er an gegen krachenden Sturm, vorüber der süßen Schwester, der Maria im Baum, dem warmen Kerzenschein der Heimat entgegen. Aber jäh durchruckt es ihn: Die er weiß . . . Die er weiß . . . »Magst noch 'n bischen erzählen? Wie du lebst all die Zeit?« Behutsam drängt die warme Freundesstimme. »Schlecht und recht,« sagt Vinzenz. Er wirft sich rückwärts. »Du weißt ja, immer hatt' ich die närrische Liebe zu den alten Zeiten und Dingen. Ich habe ein bissel darin studiert in Archiven und Klosterchroniken und Schlössern. Jetzt arbeit ich halt an einem kunstgeschichtlichen Lexikon. Ich mein eine Art Nachschlagewerk. Das P habe ich bereits fest. Und Aufsätze außerdem. »An einem Lexikon?« zweifelt Klaus Andersen. »Ist das nicht höll'sch langweilig?« »Ist schon,« möchte der junge Gelehrte antworten. »Anders als du denkst freilich!« Denn was weiß der liebe Bub von den geschichteten Heften Büttenpapier! Anders macht er das nicht, bedeckt mit schlanker Schrift aus goldener Feder: Verse, Verse, Verse! Zu unterst sind sie im Schreibtisch des einsamen Forsthauses. Aber das alles liegt noch in weitem Felde und im Dämmern. Erst wenn einer ganz gewiß ist seiner selbst, soll er Sprecher sein. Und ferner – seine Verse zahlen noch nicht. Jeder Druckbogen vom Lexikon aber bedeutet einen Aar Wald – ein Stück Heimat! Er möchte das irgendwie andeuten. Sein verschlossenes Herz einen kleinen Spalt der Freundschaft auftun. Auf die Dauer – es ist schon arg, ganz allein mit solchem Herzen hausen. Aber jetzt schlägt es ihn: Wozu? Für wen ist dies alles getan? Wozu ein Leben, das in die Wälder verlangt, oder verlangt sich auszugeben im dichterischen Gestalten und verfrohnt sich am Schreibtisch im Kleinwerk? Dazu soll's dienen, daß ein einspanniger Mann da oben mag hausen zuletzt? Auf eigenem Grund? In dem alten Kasten von Sturm und Regen durchwandert, Bussarden, Eulen und anderem Raubzeug ein Genist und den Spinnen und den Ratten, dem Molch und Sämlingen aus Ebereschen und aus Hollunder? Bloß darum, weil die Herren von Lassing-Dombühl von Kaiser Konrad mit diesem Schloß und diesem Geländ belohnt sind worden? »umb ihres allzeit getreuen Festhaltens an Kaiserlicher Majestät und getreuen Beystandes willen!« – – – Da erschrickt der letzte der Lassings. So hart reißt's ihn, daß er jäh stillsteht. Dieser Gedanke kommt ihm zum erstenmal. Niemals vordem hat er den einspannigen Mann erblickt, wie er haust auf dem Schloß. Immer nur das Schloß selber hat er vor sich gesehen. Er lacht leicht, wie er eine vorbeischießende Kälte zwischen den Schulterblättern spürt. »Es ist interessanter als du denkst. Man lernt soviel bei solcher Art Arbeit!« »Und die Jagd?« fragt Klaus. »Ich kenne dich doch, du warst ein Nimrod vor dem Herrn!« »Die Jagd? Freilich wohl. Auf Jagd geht er schon.« Er weiß aber nicht, warum er die alte Balbina vor Augen bekommt. Nicht den Hochwald. Der ihm Treugesell war. Sieben lange Jahre. Ob er ragt, wie jetzt eben ein kristallener Dom, zur Urstille versteint, in blau verschatteten Ewigkeiten von Schnee, oder ob das Harz zu kochen beginnt unterm dunklen und wilden Lied des Tausturms. Auch nicht jener Tage gedenkt er, zu schwer fast vom Geruch des Honigs, des Terpentins der tausend zarten und starken ätherischen Öle in bunten Kelchen und Schalen kostbar gefiltert, zu schwer und zu geheimnisvoll fast vom Wachsen und Reifen und Sich-Erfüllen. Wenn ein schwarz lackiertes Rehschnäuzchen ängstlich neugierig sich heran äst, ein Fuchs, ermatteten Rots, aber klug, spöttisch, bewußt vorbeischnürt. Oder aber, wenn nichts sich regt, kein Tier, kein Vogel, kein Blatt, kein feinstes Pollenstäublein, wenn er durch den Wald geht: der Bocksfüßige, der große Wissende und der große Schweigende. Er sitzt dir gegenüber und sieht dich an. Schon lange. Aber plötzlich spürst du seinen Blick. Da hat dich das Jenseitige angesehen, und du spürst die Fischhaut zwischen den Schulterblättern. Aber schon erinnert er sich an die Grenzen deiner kleinen Menschlichkeit. Er läßt, milde lächelnd, die Augen von dir und greift zu der Syrinx aus Schilfrohr. Und dann eines Tages – hat Vinzenz auch dieses völlig vergessen? Die Bergklinge schwebt wie der Sarg Mahomeds, schmal und schwarz zwischen den milchigen Rauchschwaden der Täler und der Lohe der Frühhimmel. Warum denkt er nicht seiner herben, dunklen Geliebten mit der verhaltenen glühenden Seele? Seiner Jagdflinte? Warum nicht der Jagd, dieser Königin unter den Leidenschaften der Menschen? Nein – er erblickt die taube Balbina im grellbunten Kopftuch. Sie schlürft auf Filzsohlen. Ihre kleinen rotrandigen Vogelaugen tränen vom Herdrauch. Der Ruß zieht wie schwarze Würmlein zwischen dem Runzelnetz des spitzen Vogelgesichtes. Sie trägt mit zittrigen Händen den Ziemer auf. Wieder eine neue Lücke ist aus der Schüssel herausgebissen. Der Zinnbecher mit scharfem Most hat eine Beule mehr. Das Tuch auf dem Eichentisch ist noch immer das Tuch mit dem Patzen von der Hirschsuppe. Vinzenz macht eine Handbewegung, wie wenn er Fliegen scheuchte. Er scheucht die alte Balbina. Das runzlige Weiblein. Das schlecht gehaltene, das leere, ungute Zimmer scheucht er. Das auf ihn wartet, kommt er heim von der Jagd. »Unserm bischen Wald wirst du kaum die Ehre dieses Namens antun,« sagt der Freund. Die Marsch hat nur Korn und Weideland. Wenn sie so das Treiben anschreien, und der Teufel ist los mit Hunden und Klappern und alten Pötten und Deckeln, und so 'n paar Hasen, die loshoppeln, nee, denn schon lieber aufs Wasser. Da gibt's noch zu was zu wagen und zu listen. »Vinzenz, Junge!« Klaus bleibt stehn: »Wir wollen mal auf Wasserwild! Tümmler, Lummen, Liapen – gleich nach Neujahr ist Vollmond!« Und wie das Jägerblut sich regt, und wie sie Pläne machen, fallen ihre Blicke auf die einsame Lampe drüben hinter dem Gebüsch und dem Wallgraben. »Hart wie Flint ist Onkel Jaspersen.« Klaus deutet herüber. »Ich nehme wahrhaftig nicht Ewerts Partei, kannst du denken. Aber er hängt so an seiner Mutter. Vor zwei Jahren war er hier. Hintenum durch ein kaputes Fenster eingeschlichen in den Margarethensaal. Er heißt noch so von der Hofhaltung her. Kein Mensch kommt jetzt dahin. Aber den Abend muß Onkel Jaspersen revidieren! Na, das gab 'ne Situation! Er soll«, die Stimme von Klaus verrät leichte Verlegenheit, desgleichen war hier noch niemals erhört von Mann zu Mann, »gekniet hat Ewert vor seinem Vater! Aber Onkel Jaspersen soll gesagt haben, er wüßte nicht, daß sie einen Sohn hätten im Schloß! Seitdem ist drüben immer alles verbarrikadiert. Man wollte nicht von fremden Leuten belästigt werden!« »Und gestern Abend!« Vinzenz fühlt das Blut hinter seinen Schläfen zucken, wenn er denkt, was Klaus ihm vorhin von diesem Menschen erzählte. Und dennoch – der verlorene Sohn. Kinderlachen und Jubel schwimmt her wie auf Sammet. »Ich hab' zu kurz gelacht als Kind,« denkt Vinzenz. »Mir ist, als sei ich mein Leben lang gewandert, dies Lachen einzuholen. Kinderlachen ist Heimat!« Und wieder sieht er das verfallene Schloß, umbraust, auf dem Berggrat! Und sieht die Wälder! Wie stark ist Heimat! Selbst da, wo das Lachen fehlt, ist sie stark wie der Tod!« »Weihnachten tut mir Ewert doch immer leid,« sagt Klaus. »Nach und nach wirst du verstehen. Wir hängen hier alle so zusammen. Ewert, das war immer wie unser Bruder! Gott, wenn man auf Ferien kam! Wenn man nur erst die Schmiede fest hatte!« Klaus deutet über den Weg. »Hörst du!« Ja, es ist wirklich nicht gut zu überhören: Hammer auf Ambos, Eisen auf Eisen, und doch wie ein altes Lied. Ein Schwarzschimmel, der noch nach Schwesing soll und dem ein Eisen sich gelockert hat, steht riesenhaft wie ein wolkiges Ungeheuer vor der Schmiede. Rotes Licht fließt in den Nebel, wie Wein in Milch. Der Gesell hinter dem Schleier, ebenfalls zum Riesen anwachsend, holt mit der Zange einen roten Wurm aus dem Feuergebleck, hämmert ihn, daß er schreit, und wie goldene Bienen stieben die Funken um die rußigen Gesichter. Jawohl: der Nebel – die Schmiede – die alten Häuser . . . Gestern Abend mag der verlorene Sohn auch hier geirrt sein. Den Künstlerhut in die Stirn gedrückt. Wie gezogen mit Händen zu dieser Stadt, wo er Kind war, zu der einsamen Lampe drüben hinterm Wallgraben! Kein Wort hat es ihm verwehrt, und doch scheint es Vinzenz, daß er ohne Elsalills Erlaubnis das Geheimnis von gestern nicht preisgeben dürfe. Etwas drängt ihn dazu, und ein anderes hält ihn zurück. Er streitet mit sich. »Lütte ist das einzig anständige Mädchen in ganz Schleswig-Holstein!« schwimmt plötzlich die Stimme von Arne Jeß durch den Nebel. Lächerlich hoch in der Entrüstung. Er mutiert bereits. »Helli klickert, Annemie klickert, jede klickert. Jetzt haben sie schon wieder meinen Julklapp für Elsalill ausgeklickert!« Unter schallendem Gelächter der anderen ist er ohne jeden Übergang in den dunkelsten Baß umgekippt. »Gebt ihr uns wohl gleich Elsalill, ihr Nimmersätter!« ruft Klaus. In demselben Augenblick hört man wieder dies jammervolle Heulen von Thor. Obwohl er weiß, daß er erst an der Gartenpforte die Herrschaft empfangen darf, tost er heraus, schnappt in Mäntel, knirscht an Steinen und streckt sich wie von jäher Trauer befallen, Elsalill zu Füßen. »Gott, ist Thor verrückt!« sagt Arne Jeß. Er gibt ihm einen sanften Puff mit der Stiefelspitze. Da steht Thor auf, und niemand hat acht, daß er mit seltsam eingesunkenem Rückgrat und wiegend wie ein Betrunkener durch den Nebel trottet. Nun ist der Abend dieses Tages gekommen. Elsalill liegt in ihrem schmalen, weißen Bett. Sie liegt langgestreckt auf dem Rücken, die Hände gefaltet unter der jungen Brust, von der weißen, leichten Decke die spröden Glieder eng umschmiegt. Sie liegt wie auf ihrem eigenen Grabdenkmal aus Stein. Ihre Augen sind weit geöffnet unter dem Silber der schmalen Mondsichel. Sie sind wie bei Tante Ragnar, als sie die Christrosen trug: dunkel, durchsichtig, tief und grün wie das Meer an Sommerabenden. Die leidenschaftliche Erschütterung, die sie plötzlich überfiel, sie weiß nicht warum, steigt als lichte Welle der Erinnerung unter ihre Haut. Sie staunt. Plötzlich ist sie nicht mehr Maria. Sie ist nicht im Schulzimmer und auch nicht in ihrem schmalen Mädchenbett. Die Wände weiten sich. Sie steht am Meer, weit draußen, wo die Heide herantritt. Dort ist das alte Königsgrab. Die Glockenheide blüht schon. Die Nacht steht in Flammen. Wasser, Himmel verlodern ineinander. Elsalill ist wieder dreizehn Jahre alt. Ja, dies ist seltsam. Jedes Jahr ist es das gleiche gewesen. Um diese Zeit der hellen Nächte sind immer Stimmen über dem Meer. Rufen die Wellen? Ferne Schiffer? Entthronte Götter? Diesen Stimmen muß man folgen. Es ist nicht leicht, dorthin zu gelangen. Es ist ein weiter Weg. Sprechen kann man zu niemanden darüber, nicht zu Mutter, nicht zu irgendeiner Freundin, nicht zu Klaus. Dies mit den Stimmen ist ein Geheimnis wie mit dem Cherub. Auch muß man ganz allein sein, sonst lassen sie sich nicht hören. So muß man sich heimlich fortstehlen, als wolle man Böses tun. Elsalill hat damals einen Weg ausgespürt. Niemand sonst nimmt ihn gern. Er führt durch die Koppel, wo der Stier geht. Elsalill weiß nicht, was Furcht bedeutet. Immer streicht sie vorüber an dem Gewaltigen, leicht, wie eine Schwalbe. Einmal senkt er den Kopf, schlägt den Schweif, sein breites rosa Maul dampft, er macht sich auf, Elsalill hinterdrein. Da fängt Elsalill an laut zu lachen. Er erscheint ihr so komisch. »Du bist nicht Zeus!« ruft sie ihm zu über die Achsel. Der Stier bleibt stehen vor Staunen. Er sieht ein, er hat sich geirrt. In der Tat, Zeus ist er nicht. Elsalill lächelt, wie sie noch immer langgestreckt auf dem Rücken liegt, mit gefalteten Händen, wie auf ihrem eigenen Grabmal. Aber nun ist sie schon längst vorbei am Stier. Sie hat die Heide erreicht. Die weißen Blüten des berauschenden Porst und dunkelblauer, zartstieliger Enzian stehen zwischen den kleinen, harten Büschen, die so wunderbar rot leuchten. Ein schmales Natternköpfchen, nur das Krönlein fehlt, hebt sich auf zierlich gebogenem Halse über Polstern von Moltebeeren. Elsalill wirft sich in die Heide. Sie ist wie berauscht. Durch die unendliche Stille kommen die Stimmen. Glocken? Gesang? – Die Bienen sind es nicht. Sie flogen schon heim, honigbeladen. Auch nicht die Zikaden, die vor ihren kleinen Erdhöhlen sitzen und geigen. Was ist es? Woher kommt es? Hinter Elsalill träumt der uralte König in seinem Grabe. Vor ihr ist alles Flammen, Rosen und Purpur und Blut. Elsalill kann nicht widerstehen. Jedesmal überkommt es sie so, wenn sie ganz allein hier draußen ist: Sie streift ihr Kittelchen ab, und was sie darunter hat. Es ist nicht viel. Früher legte sich Thor darauf und wachte über dem Kleiderbündel. Auch der alte König hätte es ihm nicht zu entreißen vermocht. Jetzt wagt Elsalill ihn nicht mitzunehmen wegen des Stiers. Jetzt muß der alte König selber wachen. Sie sieht sich um, ehe sie das Hemd herunterstreift. Niemand, keine Menschenseele ist sichtbar. Hierher kommt nur sie um diese Zeit. Da gleitet auch das Hemd von den Schultern. Sie steht unter diesem Himmel wie aus durchsichtigem Bernstein. Dann geht sie langsam und feierlich in die dunkel glühenden Wasser. Sie geht wie im Traum. Sie geht den Stimmen nach. Sie geht wie in ihre Heimat. Als ihr das Wasser bis zur Brust reicht, legt sie sich mit ausgebreiteten Armen rückwärts, wie in ihre Kinderwiege. Sie treibt auf dem dunklen Purpur wie ein schmaler, heller Fisch, weiter, immer weiter. Die Flammen, das tropfende Blut über sich und die Rosen. – Zurück schwimmt sie. Als sie wieder Boden unter den Füßen hat, macht sie eine große, gehaltene Gebärde, rings im Kreise. Abschied. Dann schreitet sie langsam und feierlich an Land. Sie kleidet sich an. Sie sieht sich um. Sind Augen auf sie gerichtet? – Nach einer Weile, ihr Kleid ist zugehakt, vom Königsgrab her kommt Ewert Jaspersen. Elsalill erschrickt: ein Mensch! Hier! Wo alles ihr allein gehört? »Er sieht sonderbar aus,« denkt Elsalill. Sie hat ihn nie besonders leiden mögen. Aber irgendwie tut er ihr leid. Onkel Jaspersen ist sehr streng. Ewert ist nicht nur anders als Klaus. Er ist anders als alle Jungen, die sie kennt. Er hat ein Gedicht auf sie gemacht. Es ist schön. Aber irgendwie ist es ihr nicht lieb. »Was tust du hier?« fragt Elsalill. Ihre Stimme droht. Sie mag seinen Blick nicht. Sie weiß nicht warum. »Was tust du hier?« gibt er ihr zurück mit einer fremden, dicken Stimme. Da durchfährt es sie: Der Blick von vorhin! – Sie schlägt ihn mit der geballten Faust mitten auf die Stirn. Ewert schreit auf. Sieht rote Nebel und Kreise, so hat sie ihn getroffen. Er will sich auf sie stürzen. Aber Elsalill ist schnell wie eine Schwalbe an ihm vorbeigestrichen. Er sieht ihr nach. Ihm wird eiskalt: »Der Stier!« schreit er. »Elsalill, der Stier!« Sie lacht verächtlich und zornig. Mit zitternden Beinen und hängendem Unterkiefer nimmt er den anderen Weg. – Alles dieses erlebt Elsalill wieder. – Wie sie lief damals! In ihr die zornige Lohe des Himmels! Aber nicht in so rohen Worten dachte sie: ein siebzehnjähriger Junge hat ein kleines Mädchen nackt erblickt, sondern ein Mysterium war verletzt worden. Warum stürzte er nicht hin, tot von ihrem Schlag? Wenn Frau Perchta, die Göttin, nach dem Umzug in ihrem See badete, wurde doch auch alles versenkt und getötet: goldene Wagen, Rosse, Sklaven! Sie hatte nie wieder allein gebadet, wiewohl es sie förmlich riß. Sie dachte kaum, daß Ewert schuld war, wenn sie am purpurnen Strand lag und sich dieses letzte Ausmaß von Glück versagte. Sie dachte nur an das Mysterium, zu dem ihr jetzt der Schlüssel genommen war. Daß Ewert damit zusammenhing, fiel ihr erst ein, als Klaus einen Sommer so sonderbar wurde, traurig, gereizt, hilflos wie ein Kind. Nie hatte sie ihn so gekannt, den immer gleichmäßig Frohen, harmlos Guten. Sie begriff gar nicht. Nachher fing Mutter an. Sie machte lange Reden über Ewert. Onkel Jaspersen wäre wohl zu hart. Vielleicht wäre Ewert mehr eine Künstlernatur. Und davon würde er so anders als andere. Zuletzt erwähnte sie das Hünengrab und sagt etwas vom Baden. Und Elsalills stolze, stattliche Mutter, die man die Gräfin nannte, auch sie war wie leicht verlegen. Da begriff Elsalill. Sie wußte jetzt, warum Ewerts Nähe ihr nicht angenehm war, und wie er ihr Mysterium verletzen konnte: er war unreinen Herzens. Sie hatte damals ihrer Mutter die Sache erzählt, um sie zu beruhigen. Es war doch alles zerstört. – Aber nun ist Ewert ihren Gedanken schon lange wieder entglitten. Elsalill schläft. Im Traum steht sie am Meer. Es ist eine einzige Flamme. Jemand sieht sie an. – Ewert – gewiß nicht. Aber Klaus? – Nein, auch Klaus ist es nicht. Und nun – – o – ihr Herz zittert vor Glück: Das Mysterium ist wieder da! Sie steht und lauscht. Nun wird sogleich der Cherub die obersten Flügel voneinander tun. Dann wird sie das letzte Geheimnis wissen! »Daß ich es Klaus nicht sagen kann!« denkt Elsalill schmerzlich. »Daß ich etwas vor ihm verbergen muß!« Nun ist der letzte Tag vor Heiligabend gekommen. Es scheint kaum möglich, daß Elsalill sich allein vom Haus entfernen könnte, und doch muß sie es irgendwie einrichten. Der ganze Vormittag ist hingegangen mit tausenderlei Wünschen, die jedermann, vor allem Klaus und die sieben Raben an sie hatten, und es half wenig, daß der sechsjährige Ferne ausschied. Der hatte sich mit Näh-Tine oben in einem der vielen Fremdenzimmer einschließen lassen. Denn allein fürchtete sich Näh-Tine. Und Puppenlisbeth und das Wickelkind hatten die Umwandlung in ihr diesjähriges Daseinsstadium noch nicht völlig überstanden. Aber als Frau Deichgraf die Stube aufschloß, sprang Näh-Tine gerade von ihrem Kinderstühlchen, legte das Wickelkind mit dem Gesicht auf ihr Schmalzbrot und griff sich verzweifelt an die oberste Mütze: »Chotte dochen, min Kopp! Min Kopp!« Sie sah halb sanfter Klage, halb verworren staunend von Ferne, der tief versunken vor einer riesenhaften, alten, in Schweinsleder gebundenen Bibel kniete, zu seiner Mutter: »He lecht mi die Bibel ut!« stammelte sie geheimnisvoll schauernd. Ja, – nun ist all das überwunden. Näh-Tine klönt über Kaffee und Weihnachtskuchen noch ein bißchen vor dem warmen Ofen der Küchenstube mit Lotte. Ferne hat im Schweiße seines Angesichtes die Bibel verstaut in Vaters Bord, Vater wird heute abend aus Schleswig zurückkehren – und indessen – was liegt indessen noch alles vor Elsalill! . . . Ihre Hand greift in die Tasche, sie berührt ein schmales Päckchen. Sie zieht die Hand schnell zurück, wie verbrannt. Über ihr Gesicht geht wieder dieser Ausdruck einer leisen, schmerzlichen Sorge. Ja – nun müssen erst, wie jedes Jahr, die alten Frauen im Siechenhaus ihre Flanelljacken und Strümpfe und braunen Kuchen haben. Dann geht's zu Gretchen Iben. Elsalill auf diesen Bescherungswegen zu begleiten, ist das Privileg der Kinder, von dem auch nur haarbreit um keinen Preis abgewichen werden darf. Als man von Gretchen, der früheren Köchin von Deichgraf Jeß, heraustritt, ist es wie jedes Jahr: Das heißt: feierlich schön. Gretchen wohnt ganz draußen im Osterteil der Stadt, wo die Häuschen noch winziger als drinnen, zum Teil von Efeu umwuchert, unter ihren riesenhaften Reedhauben stehen. Überm Weg liegen die Mauseberge, leicht gewelltes Land, heidebestanden, braunviolett hinfließend zur Unermeßlichkeit des rosenfarbenen Himmels. Unter der winzigen Häuschentür steht das schöne, blonde Gretchen, den Jüngsten auf dem Arm. Nebukadnezar, der schneeweiße Kater, reibt sich an ihren Knien. Durch die offene Tür sieht man das Feuer hinten in der dämmrigen Diele. Der Kessel hängt am Grapen. Rechts vor den Wandbetten ist die einzige und beste Stube, links mahlt friedsam Thekla, die Kuh. – »Wie herrlich für Gretchen! So zu wohnen!« Helli ist wie jedes Jahr sehnsuchtsvoll benommen. Langsam löst man sich von dem lächelnden Frieden dieser Landschaft und dieses Schicksals. »Kiel ist greulich!« entscheidet Arne, der Tertianer, mit dem kühn verdammenden Urteil der Jugend über seine Geburtsstadt. Elsalill fängt an, geheimnisvoll zu reden. Als ob sie niemanden brauchen könne auf dem Wege zurück durch die Stadt. Aber das ist doch wirklich unmöglich, daß sie noch Geschenke kaufen will. Das sieht Elsalill nicht ähnlich, daß sie nicht alles zu Hause bereit hat in dem Adam- und Evaschrank. Nein, etliche der sieben Raben können ganz gewiß mitgehen. Gibt es etwas Reizenderes, als während der Hochspannung letzter Adventsabende noch einmal durch die engen, feuchten Straßen zu ziehen? Wie viel lockender, wie vielmehr persönlich auffordernd sind hier die Auslagen als die kostbaren Schaufenster der Großstadt! Jensens Buchhandlung zum Beispiel mit den denkbar begehrtesten Weihnachtsbüchern, dem bezaubernden Briefpapier, den Kalendern und Christkarten mit gelben Postkutschen im Schnee und einsamen Häuschen mit roten Fenstern in blauer Bergdämmerung: Wie konnte man träumen über solch kleiner Karte! Jensens Buchhandlung bildet jedes Jahr den gleichen Anziehungspunkt, zum Staunen der Rebellenköpfe gegenüber an der bezinnten, uralten Brauerei. Mit ihren einst haßfunkelnden und jetzt durch Jahrhunderte ermüdeten und erblindeten Steinaugen können die alten Herren sich überhaupt nur schlecht in die neue Zeit finden. Sacht bei sacht fängt sie an näher zu rücken, selbst in dieser Stadt, vom Staatsbahnhof aus, wo die neuen Häuser so flink sich aufstellen, daß sie schon fast bis an die alte Poggenburg hinreichen. Früher wachte sie stolz und allein vor den weiten, grünen Lämmerfennen, die Stadt und Dorf trennen. Nun – »abwarten, abwarten«, sagt die schöne, altersplatte Pogge aus Stein auf dem rechten Torpfeiler zu der auf dem linken. »Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.« Aber die auf dem linken Pfeiler hat keinen Kopf mehr und kann sich dazu nicht äußern. Da quakst die rechte Pogge Klaus Andersen hinterdrein, der auf Poggenburg zu tun gehabt hat und jetzt stadtwärts stürmt, um Elsalill nicht zu verfehlen. Gerade wie er zu Peter Nagels Geschäft kommt, mit den Spielsachen im Schaufenster, von denen die sieben Raben sich sicher nicht trennen können. – »Elsalill,« sagt gerade da verklärten Auges klein Inga am entgegengesetzten Ende des Marktes: »Wenn ich tot bleibe, Elsalill, könnt' mich der Engel nicht erst bischen bei Herr Schierholz bringen?« – Der kleine, süße Kirschmund schließt sich jäh, im Entsetzen verscherzter ewiger Gnade. Elsalill tröstet zärtlich und entwirrt Diesseits und Jenseits mit schonsamer Hand. Wirklich, Herr Schierholz läuft Peter Nagel den Rang ab. Ja, wenn man nun an all den Früchten, Würsten, gespickten Hasen und Schiefertafeln aus Schokolade vorüberkommt! Den Weihnachtsmännern mit vollen Säcken aus braunem, süßem Teig mit weißem Zuckerguß und rosenrot aufgeklebten Papiergesichtern! Feigen und Datteln sind bereit in schlanken und runden Schachteln. Man sieht glutende Sonne, Palmen, Kamele. – Orangen, große purpurne, dickschalige, und kleine, feinhäutige Mandarinen in zartem Papier, riesige gezuckerte Pomeranzen, Krachmandeln und Paranüsse bauen den Thron für die fremde Majestät einer Ananas. Über ihr, an tödlichem Seil, zwischen den Flammen blauer, grüner und rosaroter Kerzchen in Tillen baumeln Bananen, Traubenrosinen und Knallbonbons, kurzer, gleißender Gewandung wie Ballettdamen. Der liebe Gott wird angesichts dieser Herrlichkeiten – Kalekuten und Gänse abgerechnet, die den Ladeneingang umbaumeln wie mattschimmernde Festlampen – er wird der kleinen Inga gewiß nicht um ihrer Sündhaftigkeit willen die Himmelstür verschließen – wenn sie tot bleiben sollte in dieser Nacht! Jetzt muß es sein! – Elsalill fühlt das Päckchen in ihrer Tasche knistern und fühlt einen leichten, unbegreiflichen Schauder über ihrer Haut. Sie fängt wieder an, geheimnisvoll zu reden, und endlich sind die sieben Raben mit Kursrichtung Schloßgang abgeschoben. Elsalill fliegt um die Ecke. Aber in demselben Augenblick schon wird sie von der schmalen Twiete verschluckt. Denn jemand anders nähert sich gleichfalls der Ecke von der entgegengesetzten Richtung und sucht und späht: Klaus. – Elsalill steht in dem ellenschmalen, dunkeln Gang mit den Speicherausgängen von rechts und links, und wartet, daß Klaus vorübergehen soll. Sein gutes, frisches Gesicht taucht auf unter einer Laterne. Wie der Schein einer Enttäuschung liegt es darüber. »Könnte ich nur zu ihm!« denkt Elsalill. »Gleich wäre sein Gesicht wie immer!« Aber es geht nicht. Sie hat das nun einmal übernommen. Sie drückt sich an die widerlich feuchte Wand. Irgend etwas quält sie über Maßen und Sagen. Sie lacht sich aus. – In einer Stunde ist alles gut. Dann ist sie daheim. Aber wie sie so das trauliche Wohnzimmer vor sich sieht im Honigschein der Lampe, von Wärme und Gutsein und Glück erfüllt und von Hyazinthenduft, muß sie plötzlich denken: »Thor!« wie sonderbar träg und mürrisch er heute vor dem Ofen lag! Man konnte ihn nicht bewegen, herauszugehen. Ist er krank? Elsalill späht behutsam um die Ecke der Twiete. Von Klaus ist nichts mehr zu erblicken. Da läuft Elsalill wie auf der Flucht zum Hafen herüber. – – – Im Hafen tief unten liegen ein Ewer und ein paar Schuten wie schwarze, große, geduldige Tiere auf dem Grund. Das Wasser ist weit draußen. Auch die beiden Segler und das Schmackschiff werden erst morgen frühzeitig nach Amrum auslaufen. Das kleine Motorboot von der Regierung macht Ferien über das Fest. Es liegt, als ob es die ganze Sache nichts anginge, in einer Ecke für sich. Aber über all dem anderen schwarzen Gespier und Takelwerk zittert ein letzter blasser, himmlischer Rosenschein. Gilt es nicht, ein paar Nachzügler, die erst vor ein paar Tagen in Lübeck ihre Ladung aus Schantung gelöscht haben, weil ihr Schiff im Mittelmeer Havarie erlitten und sich verspätet hat, zum Weihnachtsfeste auf die heimatlichen Inseln zu bringen! Wie, wenn das Wasser nicht mehr offen gewesen wäre? Die Geschichte vom Husumer braven Mütterchen, die in allen Schullesebüchern steht, kann sich allerdings selten genug abspielen. Aber voriges Jahr zu Epiphanias starrten nicht Föhr und Amrum wie Festungen? Schollenumtürmt und doch vom festen Lande geschieden. Mit Schlitten und Pferd nicht zu erreichen, denn Abgründe klafften zwischen den Mauern in schwarzem, tödlichem Grün. Elsalill zieht die Mütze ein wenig tiefer in die Stirn. So viele kommen vom Staatsbahnhof her. Lauter Weihnachtskinder! Gott, wie entzückend! Aber sie will von niemandem erkannt sein oder aufgehalten. Nun biegt sie in die dunkle, schmale Wasserreihe. Halb im Lauf erreicht sie die kleine Wirtschaft von Ole Olsen. Sie steht vor der Seitentür, durch die neulich Ewert Jaspersen herausgekommen ist. Sie greift in die Tasche. Wieder macht ein unerklärliches Gefühl ihre Füße schwer und gibt ihr die Fischhaut zwischen die Schultern. In diesem Augenblick geht in einiger Entfernung im Nebel ein Licht auf, wie ein Stern. Was kann es sein? Dann begreift Elsalill: Im Deichwärterhäuschen, eine Lampe. Dort wohnt Vinzenz von Lassing. Dieses Licht tut ihr wohl. Sie geht jetzt ganz ruhig durch den kleinen Hof ins Haus. Eine Frau kommt die Treppe herunter, die schmal ist wie eine Schiffsstiege. Sie hat ein Mittel gegen Kopfrose geholt. Olsen-Großmutter bespricht nicht alle Krankheiten. Oft gibt sie Mittel, die wunderbar helfen. Besonders was Augenkrankheiten anlangt, ist sie unerreicht. Die alte Frau, auffallend groß in dem niedrigen Stübchen – irgend jemand hat es eine tapezierte Kiste genannt – seufzt, als Elsalill eintritt. Sie ist knapp und dunkel gekleidet. Sie hält in langer, schlanker, wohlgebildeter Hand den Wasserkessel. »Es ist schwer,« sagt sie, »die Gabe zu haben!« Sie sagt es, als ob sie ein Gespräch fortsetzt. »Sie meinen die Heilkraft?« fragt Elsalill. »Dag auch, Olsen-Großmutter!« »Ja. Nein. – Das geht man auf die Kräfte. Manchen Tag wie geprügelt bin ich abends, wenn so viel bei mir waren. Aber das andere ist schwerer!« »Sie denkt an die Toten!« Elsalill greift in ihre Tasche. Sie schauert wieder leicht zusammen. Zugleich überfällt sie Mitleid mit der alten Frau. Es heißt, wer die »Gabe« hat, kann nicht sterben, eh' nicht ein anderer sie ihm abgenommen. Olsen-Großmutter hat sie von ihrer Mutter. Sie selbst ist ohne Tochter. Elsalill schweigt. Von unten herauf kommt Gesang. Männerstimmen. Ein Seemannslied. Ein bißchen daneben, aber sonst im Takt und gefühlvoll. Wenn die Tür aufgeht, steigt ein Geruch von Grog die Treppe herauf. Bester Jamaica. Aber die in der Gaststube können schon eine steife Mischung vertragen. Es sind die jungen Seeleute, die morgen früh Klock drei mit der Schmack auf die Inseln wollen. Ein paar Stammgäste außerdem. Ole Olsen hat die Gewohnheit, für die alten Kapitäne, die keine Frau haben, einen Baum anzuputzen. Das heißt, er gibt den Baum und die Lichter. Was sie sonst dran wollen, müssen sie selber mitbringen. Sie kargen nicht. Wiewohl sie sich aus dem süßen Kram nichts machen. Aber die Enkelchen von Gesine Olsen warten freudig. Das macht den alten Teerjacken einen zu großen Spaß. Olsen-Großmutter scheint Elsalill zu vergessen. Sie legt ein paar Torfstücke auf den eisernen Ofen und schenkt sich Tee in einen steifen, doppelt gehenkelten Becher. Elsalill sieht sich um. Die Lampe brennt noch nicht. Aber das Licht aus dem Ofen liegt breit wie ein dunkelrotes Band. Die Porzellanpudel auf gehäkelter Kommodendecke, Muschelkästen, Vasen mit einem unangenehmen körnigen Belag und vergoldeten Henkeln trifft man überall in dieser Art Stuben. Aber hier steht noch verschiedenes altes, schönes Gerät, Uhren, Truhen, Tassen. – Dinge, die kein Händler aus Hamburg oder Berlin wagen darf, zu begehren. Das Seltsamste an dieser Stube aber sind die Vögel. Es gibt keinen Fleck an der Wand, wo nicht ein ausgestopfter Vogel auf einem Holzständer sich hält: Strandläufer, Eisvögel, Eichelhäher. – Auch schöne Fremdlinge darunter, herrlicher Farbe und seltener Art. »Sind alle von Piet,« sagt Olsen-Großmutter, während sie mit einer Schere und dem Zeigefinger ein Stück Zucker auseinanderklopft. »Entschuldige!« Olsen-Großmutter nennt jeden »du«, den sie als Kind gekannt hat. Sie schiebt Elsalill einen kleinen, bunten Blechkasten hin mit Spekulatius: »Nimm an! – Heut ist Piet sein Todestag!« Sie hat ein gelbes, metallisches Auge und ein hellblaues. Das hellblaue ist wie von einem betrübten Kinde. Vor dem gelben erschrickt man, wenn sie es mit diesem starren Ausdruck und breit aufgeschlagenem Lide auf einen richtet. »Piet blieb auf See?« fragt Elsalill. »Im Kanal! – Piet im Kanal und Momme bei Teneriffa. – In der Nacht vor Piet wach ich auf. Uhr 3. Da geht die Haustür. Dann schlurft das so über die Klinkern. – Gleich denk ich: ›Piet!‹ Die Tränen stechen mich im Halse. – Schon kommt's die Treppe nach oben, schwer, immer so schwer!« – Olsen-Großmutter seufzt. Sie legt die Hand mit dem gebutterten Rundstück in die Schürze. »Ein Mann im Südwester,« fährt sie dann fort. »Hier, ganz sacht die Tür aufgeklinkt, quer durch die Stube, bis vor mein Bett. Über sein' linke Schulter lag Piet.« – Sie macht eine Gebärde, als ob von einem toten Gewicht ihre eigene linke Schulter taub geworden wäre. »Piet ist ertrunken,« sag' ich nächsten Morgen zu Ole. Uhr 3 heut nacht, der Zeiger ist nicht weitergerückt. Mein Piet ist tot. Paß acht in die Zeitungen! Das Meer gibt ihn wieder. Zu Begräbnis!« – Elsalill schweigt. »Wo liegt er begraben?« fragt sie nach einer Weile. »Auf Sylt. Angetrieben. Wir haben Nachricht bekommen. Seit Momme nicht wieder kam, hab' ich Piet sein' ganzen Namen immer in sein Zeug genäht.« Olsen-Großmutter buttert ein neues Rundstück, beißt hinein wie heißhungrig. Sie hat noch fast alle ihre Zähne. »Heut' hab' ich's schwer gehabt. Heiraten ist nicht allemal Glück!« Ihre Gedanken scheinen zu wandern, während sie hastig ißt. »Klaus Andersen?« fragt sie plötzlich. Ihr gelbes Auge sinkt ein und erstarrt wie Metall. »Der Mensch denkt. Gott lenkt!« murmelt sie. Elsalill steht auf. Irgend etwas nimmt ihr den Atem. Fetter Fischgeruch dringt durch den Türspalt. Unten werden Schollen gebacken. Sie hätte gern ein Fenster geöffnet, aber sie fürchtet Olsen-Großmutter zu kränken. »Daß ich dies muß!« denkt Elsalill. »Wenn sie nur erst fertig wäre mit Tee, daß ich sie fragen könnte, und fort!« Etwas in ihr friert. »Brauchst keine Bange haben!« Olsen-Großmutter steht plötzlich auf. Sie zündet die Petroleumlampe an. »Manche gibt's und springen hurtig in die Welt. Und manche liegen verquer und machen ihr' Mutter viel Plage. Auch später. Du bist ein fixes Sonntagskind! Just war deine Mutter noch zu Abendmahl, dann Tine Iben, wo die Wehen anfingen, frische Suppe gebracht, und eine Stunde später hatte Frau Deichgraf selber so'n Lüttje in Arm! – Oster-Sonntag! Klock zwölfen! Und helle Sonne!« Sie sieht Elsalill an, bewundernd, beide Augen weit offen und blank. »Wer so auf die Welt kommt! . . . – Brauchst dir um nichts Gedanken machen. Da laß die andern über sein. Wie du machst, – alles geht gut aus!« – Sie sieht noch immer Elsalill an, stolz, als wäre dies stahlhelle Sonntagskind ganz ihr eigenstes Verdienst. »Ja,« denkt Elsalill. »Ostersonntag! Mittag! Und die Bienen wie eine Orgel über den Krokuswiesen im Schloßgarten!« Wie oft hat Mutter das nicht erzählt! Vater hat seiner Lütten so ein blaues Himmelswunder von Sträußlein auf die Wiegendecke gelegt! Eine unaussprechliche Dankbarkeit überflutet Elsalill wie Sonnenwärme für diesen Geburtstag! Für ihre lieben, herrlichen Eltern! Für den Garten mit den Krokus! Für ihre Heimat. Für alles. – Sie denkt: Klaus! Die Tränen treten ihr in die Augen vor Zärtlichkeit. Wie sie so an ihren Verlobten denkt, weiß sie gar nicht, daß sie hinaus sieht auf den Deich, bis sie die Lampe gefunden hat wie einen Stern. Elsalill hat nicht acht gehabt, daß der klare, bewundernde Blick von Olsen-Großmutter sich verändert und das gelbe Auge etwas Listiges bekommt. Es sieht grausam und kalt in eine Ferne. »Soll's schon merken!« sagt Olsen-Großmutter mit einem kindischen, kichernden und zugleich harten Lachen. »Soll's schon merken! Jeden Tag nach Sonnenuntergang. Solange die heiligen Nächte währen!« Sie murmelt einen Namen, den Elsalill nicht versteht. »Ist eine ganz Dolle!« sagt sie. »Wenn der Mann da ist, ein Dusendschön, und ist er fort, hält sie's mit einem andern. Jetzt –« sie schlägt plötzlich mit einer Haselgerte quer über die schwarzbezogene Sofalehne, daß es zischt. Und noch einmal. Und noch einmal. »Hörst!« Sie horcht in die Weite. »Ist gut,« sagt sie plötzlich fest. »Dir gönn' ich's. Hast mein Piet auch schon gepeinigt arg genug!« Elsalill sieht staunend. Sie fühlt wieder die Fischhaut. Aber irgend etwas hält sie innerlich fest wie bei gerechtem Gericht. Sie weiß nicht deutlich, worum es geht. Man munkelt allerlei von Olsen-Großmutters Haselstecken, mit dem Kreuzmesser geschnitten und ohne zu sprechen vor Sonnenaufgang. Es gibt Frauen, die weitab wohnen. Sie haben diesen Haselstecken niemals mit Augen erblickt, aber sie entsetzen sich, wenn seiner erwähnt wird. Man will auf weißer Haut blutrünstige Striemen gesehen haben. Jeden Tag neue. Bis verlaufene Gedanken wieder eingefangen waren und sündhaftes Verlangen gekühlt. Elsalill schweigt. Etwas vom Grauen und dennoch göttlich gerechten Walten heiliger Fehme scheint zu geistern im Bannkreis dieses Stübchens, irgendein undeutbares Geschehen, verborgene Zusammenhänge jenseit allen Begreifens. »Wie es auch ist,« denkt Elsalill. »die letzten Geheimnisse versteht keiner. Aber wenn es das gäbe, wenn manche Menschen geheime Kräfte hätten. anders als andere – ist es nicht besser, eine ungetreue Frau wird durch Ruten zur Vernunft gebracht? Weil sie nichts zu tun haben, aus lauter Nichtstun kommen sie auf schlechte Gedanken. Und zuletzt geht alles drunter und drüber, und alles ist recht, wie es ist! Das heißen sie: Ausleben! So sind jetzt die Bücher!« denkt sie. »Die Zeitungen mag man schon gar nicht mehr ansehn!« Eine rote Welle überfließt sie von Zart zu Dunkel. »Zucht ist gut,« denkt sie. »Es gibt Gut und Böse in der Welt!« Sie sieht weit, gespannter Frage. Eine feine senkrechte Falte über der Nasenwurzel. »Sie sind so für einen allgemeinen Gütebrei heutzutage. Immer reden sie vom Verstehen und Verzeihen. Und mir scheint, nie waren sie grausamer als heute. So feinspitzig in Bosheit! Draußen!« Sie atmet tief. »Nicht bei uns!« »Hier?« Sie sieht Olsen-Großmutter an, wie sie der Sofalehne einen letzten scharfen Hieb versetzt. Sie lächelt. »Hier schlägt man jemanden halb tot, und dann ist's gut. Dann kann ordentlich von frisch angefangen werden. Aber so bei kleinem Feuer jemanden brennen ein Leben lang . . .« Plötzlich steht Elsalill hoch und gerade wie eine weiße Flamme: Mit einem Mörder, ja – wenn Gott das verhängte – mit einem Mörder könnte sie gehen bis ans Ende der Welt. Nicht aber mit einem schlechten Menschen! Ihr Lächeln wird tiefer und wie von einer wissenden Barmherzigkeit. Nein, ihre scheinbar ungereimten Gedanken sind dennoch im Recht: ein Mörder ist nicht notwendig ein schlechter Mensch! »Olsen-Großmutter!« sagt Elsalill plötzlich, als müsse sie nun eilig fertig hier werden und fort: »Bitte, – Wollen Sie mir nur sagen, wird Tante Bina Jaspersen wieder gesund, oder ist ihre Krankheit zum Tode?« Sie nimmt hastig das Päckchen aus der Tasche. Es enthält eine ganz dünne dunkelblonde Haarsträhne. Sie hat auf inständige Bitten von Ewert gestern seiner Mutter im Schlaf das Haar zu diesem Zweck abgeschnitten. Olsen-Großmutter betrachtet die Haarsträhne und wiegt sie in ihrer Hand. Während Elsalill scheu auf Antwort wartet, sieht sie plötzlich das Gesicht von Klaus, wie es ihr scheint, mit vorwurfsvollem Ausdruck auf sich gerichtet. Sie gehört doch zu Klaus! Wie kommt sie auf einen Mörder? Sind auch ihre Gedanken wie herrenlose Hunde? »Nein.« Sie ballt die schlanken, festen, weißen Hände. Elsalill Jeß hat doch wohl über ihre Gedanken Gewalt! »Kann man es nicht erkennen?« fragt sie. sich ganz auf das Haar richtend und auf alles, was damit zusammenhängt. »Doch!« sagt Olsen-Großmutter. »Bei manchen erkennt man es gleich. Bei manchen ist es schwer. Jetzt weiß ich es: Der das Haar hört, alle ihre Kinder wird sie überleben!« »Wie sonderbar!« denkt Elsalill. »Tante Bina hat doch gar keine anderen Kinder. Diesmal ist Olsen-Großmutter verkehrt!« Etwas macht sie froh. »Auch Ewert,« murmelt die alte Frau. Sie hält das Haar dicht unter die Lampe. Plötzlich erinnert sich Elsalill, daß ganz früher einmal bei Jaspersens Zwillinge waren. Zwei winzige Gräbchen sind auf dem Friedhof. »Gott, Ewert!« denkt Elsalill. »Wird Ewert seine Mutter noch einmal sehen?« fragt sie hastig. Olsen-Großmutter schüttelt den Kopf. »Ewert stirbt.« »Ewert?« Elsalill ruft den Namen heraus. Sie erschrickt so heftig. »Er war doch eben hier, Ewert!« Olsen-Großmutter geht hin und her, als ob sie das alles nicht mehr beschäftige. Sie fängt an zu räumen. Elsalill erträgt es nicht länger. »Bitte, Olsen-Großmutter.« Sie berührt die Hand der Alten. Die Tränen treten ihr in die Augen. »Tante Bina und Ewert, sie haben sich doch nicht gesehen! Auch diesmal nicht!« »Im Himmelreich!« sagt die Alte ruhig. Sie steht plötzlich wie fortgenommen. »Muttertränen sind Bußgeld!« Ihre Stimme ist sanft. »Ewert sein Mutter hat viel Tränen geweint.« »Wenn jemand kommt«, flüstert sie, »und hat Barmherzigkeit und nimmt die ›Gabe‹ von mir, daß ich und kann sterben, so werd ich Momme wiedersehen und Piet! Sie hab ich mir auch erweint vom lieben Gott!« Unsägliches Erbarmen überflutet Elsalill. Sie streicht leise über die alte, gut gebildete und ausdrucksvolle Hand. »Du?« Olsen-Großmutters Atem stockt jäh. Sie nimmt Elsalill am Arm. Ihr gelbes Auge erstarrt und wird wie dunkles Gold. »Ich?« stammelt Elsalill. Sie zieht behutsam den Arm zurück. »Nein!« Sie weiß nicht, was verlangt wird. Nur daß sie etwas nicht kann, weiß sie. Das dunkle Gold des Auges wird tot und trüb. »Du bist Ostersonntag geboren,« sagt Olsen-Großmutter. Und wieder fühlt Elsalill das Erbarmen sie überfluten. Aber sie hält ihre Hände ineinander verschränkt. »Am Auferstehungssonntag!« murmelt die Alte. »Zu dir kommen die leben sollen. Zu mir kommen die Toten.« Sie schweigt. Sie sinkt in sich. »Piet, Momme, oder wenn einer ging zu glipen und hat sich aufs Watt verlaufen in Nebel. Wenn Schiffe in Not sind!« Sie flüstert heiser: »Och, ganz schwarz geht's manchmal vorüber!« Sie weist durch das Fenster, wo blasses Silber wie Fischschuppen breit sich lagert: Unterm jungen Mond die leise anquellende Flut. Ihr Gesicht ist verfallen. Gezeichnet. Beide Augen scheinen zu bluten in Leid. »Erst vorige Woche sind sie vorübergekommen, am Abend – der Wagen mit dem Sarg, der Pastohr, der Kantor, die jungen Deerns und ein hoher Hut bei dem andern. Das war klein Mali, den Tag vor ihr Hochzeit. Heut Nacht ist Ewert dagewesen.« Unten springt eine Tür auf. Rauhes, gutmütiges Männerlachen. Seliges Kindergejauchz. Punschgeruch, Tabaksrauch. »Sie feiern all heute!« sagt die alte Frau. »Geh man jetzt, Elsalill! Geh du man. Sei du man zufrieden!« Sie hat etwas Ergreifendes im Ausdruck. Wie eine alte, todsüchtige Frau. »Olsen-Großmutter,« sagt Elsalill, »ich komme wieder. Darf ich? Vielen Dank!« »Darfst woll! Du darfst immer. Und sei du man froh, Elsalill!« Elsalill tastet sich die kleine, schmale Schiffstreppe herunter. Sie weiß nicht, wie ihr ist. Sie läuft zum Heck, als ob sie sich an etwas festhalten muß. Klaus kann sie von alledem nichts sagen! Nicht von Ewert. Und nicht von ihren Gedanken. Warum nicht? Sie weiß nicht, warum. Sie weiß auch nicht, daß sie weint. Weit geöffneter Augen, ohne Zucken und ohne Laut. Ja, so pflegt Elsalill zu weinen, wenn es ihr einmal geschieht. Sie hat auch nicht acht, daß sie die ganze Zeit zu der Lampe hinüber sieht im Deichwärterhäuschen. Sie leuchtet still und stark. Wie ein Stern. Aber wie Elsalill noch so steht, an das Hecktor geklammert und ohne Laut weinend, verlöscht plötzlich die Lampe. Gleich darnach steht Vinzenz von Lassing neben Elsalill. Er nimmt ihre kalten Hände vom Hecktor und wärmt sie in den seinen. Wie sie dann zur Stadt gehen, zu den alten Häusern unter den riesenhaften dunklen Bäumen, erzählt Elsalill fliegender Stimme dem Freunde von Klaus diese letzte Stunde. Alles erzählt sie ihm. Jedes Wort und jeden Gedanken. Nun braucht keines der Kinder aus den Kavalierhäusern noch einmal zitternd vor Ungeduld in sein kleines Bett steigen. Nun ist Weihnachten. »Jetzt richten sie die Garbe auf!« denkt Vinzenz von Lassing. »So lange haben sie auf mich gewartet!« Auf 10 Uhr lautet die Verabredung. Jetzt ist's halb elf vorbei. Arg Staunen soll's schon geben! Ob eine ihn verstehen wird? Er rückt zum Fenster des Abteils. Sein Nebenmann ist eben ausgestiegen. »Wo hielt der Zug?« »Friedrichstadt!« Die Antwort ist karg. Wozu ein Gespräch mit dem Fremden? Dem hohen, sehnigen, dunklen Mann mit dem schmalen Schädel und der anderen Sprechweise. Der die Namen der Ortschaften nicht mit geschlossenen Augen auswendig weiß. Wie jeder hier. Aber sie nehmen sich nicht lange mit ihm Zeit. Fortwährend hält der Zug. Fortwährend gibt es Aus- und Einsteigende mit Paketen, Schachteln, Koffern und Körben beladen, letzte Weihnachten. Vinzenz sieht hinaus. Kein Baum. Kein Strauch. Winterfalbes Weideland. Unten matt und sterbend steht das Meer. Nordsee – Mordsee! Hier und dann ein Gehöft. Wie eine Insel schwimmend im Grenzenlosen. Zwischen den vom Westwind zerzausten Linden das niedrige, rotbraune Backsteinhaus, Scheunen und Ställe. Alle Firstbalken auslaufend in die uralten, geheiligten Wotanzeichen: die Pferdeköpfe! Und wieder das Grenzenlose. Wie die Ewigkeit. Wie seltsam ist dies alles! Wie uralte Heimat empfindet er dieses Land! War im Dämmer der Zeiten vielleicht sein Ahn hier zu Haus? Folgte er dem großen Zuge, der dem herandrohenden Gletscher enteilte, dorthin, wo die Sonne nicht so schmerzhaft stirbt. Nicht so todesbang begraben liegt! Hatte ihn, den urfernen Enkel, die Heimat gezogen? Nah sind ihm hier die Menschen, in ihrer kargen, verschlossenen Art. In ihrem stolzen sicheren Herrentum. Wie eigen Fleisch und Blut. Der Deichgraf zum Beispiel. Elsalills Vater. Er sieht die lange, hagere, feste Friesengestalt mit den eng aneinandergerückten, klugen und zugleich idealistischen Augen unter der ausgebuckelten Stirn. Die Jeßens stammen mütterlicherseits von jenem Pfarrherrn, der mit seinen Kirchenbüchern im Braubottich auf dem hohen Moore angeschwemmt wurde zur Zeit der letzten großen Manndränke, von der greulichen Sternrute geweissagt auf das Jahr Eintausendsechshundertundvierunddreißig! Damals – damals! – In die dunklen Augen Vinzenz' von Lassing tritt Feuer und Eisen. Er sieht das Wasser hereinwuchten wie ein stählerner Riese durch die Balumer Wehle, die nichts dichten kann. Die fetten Triften, grün wie peruanische Emeranthen, von Hunderten von Rindern besternt, sieht er, verdammt zur Trauer des Watt. Sieben Kirchspiele wie ebensoviel Spiele Nüsse dem blanken Hans in die gierigen Hände getan, daß er seine grause Lust damit habe. Denn sie spotteten Gottes um jene Zeit in ihrem Reichtum und großen Gut. Die Stimme des einzelnen, der zur Buße rief, verhallte. Da rettete Gott den einzelnen und einige mit ihm und gab die anderen dahin als Raub, wie zur Zeit, da die Arche sich niederließ auf dem Ararat. Ja, solcher Not mag Elsalills Vater entstammen! Solchem Mann! Der im Braubottich nichts als Gott mit sich nahm. Die alten geheiligten Bücher seit der Rungholter Flut! Schon wieder hält der Zug. Jemand steigt ein mit einem großen rotbeerigen Strauß. »Jetzt steht der Pfahl!« denkt Vinzenz. Die Garbe wird erhöht! Brotkorn, schwer, zehnfältiger Frucht, wie nur die Marsch es trägt, wo das Meer mit der einen Hand nimmt und mit der andern gibt. Die Vögel sollen ihre Lust haben auf das heilige Fest. Wie es Brauch war, da noch Frau Holda in den Rauchnächten ausging und die Spinnstuben segnete und das heilige Herdfeuer. Er hört das Aufrauschen der Frucht. Die sieben Raben umtanzen das goldene Heidenopfer. »Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all . . .« Sie singen das Lied des weißen Christ. »Was für ein Abenteurerfahrt!« denkt Vinzenz Wird er ihn noch ereilen, den verlornen Sohn? Die Heimat stieß ihn aus, und er geht zu sterben, hat Olsen-Großmutter gesagt. Als Leichtmatrose hat er Heuer genommen auf der Swantje. Über Rio nach Valparaiso. Weiter weiß Elsalill nichts. Weiter weiß vielleicht er selber nichts. Vielleicht, daß es ihn umtreibt. Immer so zwischen Ziehen und Jagen – hin – her, her – hin. Aber plötzlich: Vinzenz sieht Elsalills Gesicht, wie er es gestern gesehen, am Hecktor. Dieses weiße Gesicht ohne Zucken ohne Laut, nur von Tränen überströmt wie von Bächen und zu ihm erhoben in einem Vertrauen ohne Grenzen. Er kann das Sitzen in dem beruhigt hinschweifenden Zug, dem engen Abteil, mit dem nahen Gegenüber kaum länger ertragen. Elsalill! Elsalill! Was ist das Ende hiervon? Sie hatte es ermöglicht, die Mädchen beiseite geschafft und den Deichgrafen mit seinem Gichtanfall so ruhig und fest in seinem Zimmer gehalten, daß der Sohn wenigstens vor seiner Mutter knien könnte, ihre Hände erfühlen auf seinem verfehmten Haupt. Aber Maat, der Hund Ewerts, hatte alles zuschanden gemacht. Er war seinem Herren nachgerast. Laut und grauenhaft heulte er um das Schloß. Der Hardesvogt wurde stutzig. Mit seinem verwickelten Fuß begann er den Rundgang. Da sprang Ewert zum Fenster hinaus, in der Angst, seine Mutter könnte den Tod haben von dem Schrecken. Er hatte sie noch nicht erblickt. Hardesvogt Jaspersen aber ließ den Gemeindediener kommen und im Haus wohnen, weil auf die elenden Frauensleute kein Verlaß wäre. Dies alles hat Elsalill Vinzenz von Lassing erzählt. Klaus, ja Klaus, er war so sehr jung! Vinzenz sieht wieder ihr kleines, blasses, mütterliches Lächeln, wie sie das Gesicht zu ihm aufhob. Und das Staunen, das es plötzlich zu verwirren schien. »Aber Sie?« sagte Elsalill plötzlich. Sie schüttelte den Kopf. Man hatte kurz vorher festgestellt, daß die beiden Freunde in demselben Monat und Jahr ihren Geburtstag feierten. »Ja, Sie!« wiederholte Elsalill langsam und mit tiefer Bedeutung. Und jetzt reist Vinzenz jenem anderen hinterdrein. Warum? Seine Klugheit spottet. Soll er nicht aussteigen auf der nächsten Station und die Rückfahrt antreten mit dem Zug von Hamburg nach Norden? Er würde noch zurechtkommen zur Weihnachtsfeier. Bei ihr! Er fährt zusammen über diesem stummen Wort. Es verriet ihn ganz vor sich selber. Die Landschaft ist nicht länger die der großen Einsamkeit: Glückstadt – Itzehoe – Elmshorn – mehr Bäume, mehr Häuser, mehr Menschen. Man nähert sich der großen Stadt! Plötzlich: Dammtor! Sternschanze! Diese alten Hamburger Bahnhöfe haben etwas Ergreifendes in ihrer spießigen Behaglichkeit. Als Vinzenz aussteigt, knirschen die großen blechernen Milchkannen aus Kremperheide und Wilster auf dem schwarzen Bahnkies. Der Schmutz spritzt hoch an ihren dicken, blank gescheuerten Bäuchen. Es ist Hamburger Schmutz, Hamburger Wetter! Zwischen Plymouth und Dover mögen die Nebelhörner gut Arbeit haben. Vinzenz fühlt sich versinken in Schwarzgelb und Graugelb. Da kommt seine Tram. Er fährt auf das Geratewohl zum Hafen. Beim Elbpavillon steigt er aus. Am Stintfang hat die Atmosphäre noch immer etwas Beklemmendes. Dort liegen die Walfischfänger, die Anfang November aus den Grönländischen Gewässern kamen, strotzender Fracht. Die Hamburger Transiedereien mögen längst aufgeräumt haben mit diesen Tausenden von Zentnern gelblichen Specks. Aber wenn man die Augen schließt, kann man sich immer noch einbilden, irgendwo am Horizont taucht eine niedere dunkle Hügelkette auf mit hundert schlanken springenden Brunnen: eine Walfischherde. Man kann sich einbilden, unter einem brennenden. ganz und gar unmöglichen Himmel schwimmt eine riesenhafte Burg aus blauen und grünen Gletscherblöcken: ein Eisbär ist Herr der Burg. Ja, so läßt sich's träumen von Stintfang bis Nedderboom. Trieft nicht noch immer gelbes Fett von Männerarmen, mit Muskeln dick wie Schiffstaue? Die nackte Innenseite mit Buchstaben und seltsamen Bildzeichen kunstvoll punktiert. Vinzenz schreitet scharf zu. Er hat nicht Zeit zu träumen. Kurz ist der Tag, groß ist der Hamburger Hafen. Um ihn her drängt es und stößt, schiebt, spuckt. flötet und flucht. Eisen knirscht an Kaimauern. Sirenen übergellen einander, Landungsbrücken rasseln, Hausierer schreien, Lasten klatschen auf oder dröhnen dumpf, Karren quietschen. »Hoi – upp! Man tau! Wihnachtsabend!« Wie soll man sich zurechtfinden, wenn man hier nicht Bescheid weiß! Schon eine Stunde streift Vinzenz am Bollwerk entlang, zwischen ungeheuren Speichern, den Lagern der Überseefirmen, Fleetbrücken, Kranen. Im plötzlich durchbrechenden Dunstrot der versinkenden Sonne steht das Gezwirn von Raaen, Takelwerk, Masten und Schornsteinen wie ein entlaubter Wald! Vinzenz weiß nicht, daß er mit geblähten Nüstern schreitet. Wie immer, seit er der Küste nahe ist und salzener Atem ihn trifft. Ohne daß er weiß, antwortet etwas in ihm der ewigen Lockung, dem Abenteuer, dem Geheimnis, dem Meer. »Die Swantje? Woll, woll!« Jemand weiß Bescheid. Vor acht Tagen hat sie ihre Ladung Kaffee gelöscht. Sie mußte eine kleine Havarie in Pflege geben. »Beidrehen, Herr. Immer auf Kehrwieder zu halten!« Als Vinzenz kehrt macht, fängt sein Ohr plötzlich ein Lied. Eine süße, wehmütige Melodie. Die Mädchen seiner Heimat singen sie, wenn sie am Brunnen auf den Liebsten warten. Vinzenz tut etwas Seltsames. Er weiß nicht, daß er es tut: Er nimmt den Hut ab. Wie daheim vor der Prozession. Auch hier kommt eine Prozession. Er ist in die Nähe der Auswandererhallen geraten. Wo die großen dumpfen Bäuche des Zwischendeck widerwärtig bereit stehen, das »deutsche Leid« zu empfangen. »Auch das Abenteuer!« denkt Vinzenz, wie er sekundenlang den Hut lüftet vor dem Zug. Mit Bündeln, Kisten und Werkzeug, mit Manuskripttaschen, Drehorgeln, Petroleumkochern, Vogelkäfigen und Schreibmaschinen beladen, ziehen sie vorüber. »Wohl auch das Abenteuer, die Arbeitsscheu, die Geldgier und die Unruhe des Blutes. Aber zuletzt immer doch irgendwie: das deutsche Leid.« Nun wird wieder fremde Erde davon durchblutet, fremder Acker damit gedüngt werden! Vinzenz reißt sich herum. Etwas in ihm knirscht. Wieder hastet er vorbei an kleinen Kuttern und Schuten, breiten Schmackschiffen, Schlupen und Postewern für die Elbstationen. Hier war er doch schon! Er sah sie doch bereits, die schwarzen, türmenden und dennoch rassigen Leiber der Vollbluttraber; Lloyddampfer, Schiffe der Hapag- und Woermann-Linie. Mein Gott, hier, hier! Also dreimal ist er nun daran vorüber gepirscht wie ein Blinder. Ein altmodisches Schiff, einen gemalten Frauenleib, mit verwirrenden Brüsten als Gallion. »Swantje« darunter auf ein verwaschenes Band gemalt. Es hängt einem Seehund zum lachenden Maule heraus. Wohlan . . . Vinzenz läßt sich zu dem Schiff hinüberrudern. Es scheint ausgestorben. Keine Seele antwortet dem Ahoien des kleinen Bootsführers. Nur um das Achterdeck kreischt es gellend, weiß, schön, wild. Sieh, so! Nun haben sie ihn. Eine alte Teerjacke, Schürze vorgebunden, steht über die Reeling gelehnt, füttert Möwen. »Ewert Jaspersen!« Dreimal schreit Vinzenz den Namen. Das dritte Mal bringt soweit Erfolg, daß der Alte aufblickt. Er formt ein Hörrohr aus schwieligen Händen. »Jasper Ewertsen?« Siebenmal sind sie zusammen die Linie passiert. »Töw, Biest!« Er straft mit einem ausgiebigen Schollengegrät eine ungebärdig fordernde Möwe. »War seit vorgestern nicht mehr an Bord. Jasper. Seinen Hund suchen. Maat!« Vinzenz sieht das Hundegeknäuel vor sich, wie es den Deich herunterrollt. Jenen Abend! Jenen Abend! »Jasper . . .« Der Alte macht eine bezeichnende Handbewegung nach der Stirn. Wenn man so alle die hellen Nächte zusammen auf See liegt . . . Besorgnis tritt in die ganz wasserhellen kleinen Augen. An irgend etwas muß sich wohl der Mensch hängen! »Jasper – und einmal, wir kamen und kamen nicht weiter. Immer im Dreh. Wie im Leberthran! Damn'it. Und 35 Grad. Und das Wasser wurde knapp. Da hat der dumme Bengel Meer gesoffen. Na . . .« Er macht einen Strich mit der Hand, als streiche er den Namen Ewert Jaspersen oder umgekehrt, wie er ihn nennt, von der Schiffsliste. »Allright – wir kriegten das Schiff wieder flott, der Doktor und ich. Doktor Paulsen war ein netten Mann. Aber« – und wieder die bezeichnende Bewegung zur Stirn. Wann Jasper wohl an Bord kommen würde? »Wieder an Bord? O so!« Ja, das kann nun niemand sagen. Übermorgen abend soll Swantje in See stechen! Vinzenz erkennt die Unmöglichkeit weiterer Unterhaltung. Er grüßt, entschlossen, übermorgen abend abermals hier zu sein: »Such man Jasper bei Schädel-Tommy in Mattentwiete. Wo immer Cholera ist!« Schreit der Alte, winkt, dreht heftig ab. Als nur noch die Heckflagge in Sicht: »Düwelstüg,« hört man unwirsch fluchen. »Schietkram!« Ein brenzlicher Geruch schwimmt auf bläulichem Qualm durch eine Lukenöffnung. Der kleine Bootsführer lacht. »Junge, Junge, den Koch sein Mittag brennt an!« Sie fahren an Land. »Schädel-Tommy?« fragt Vinzenz, als das Boot anlegt. »Schädel-Tommy ist 'n bischen dwatsch.« Der frische, fixe Kerl zeigt alle seine gesunden Zähne. »Ist mit Orion gefahren, als erster Maat. Bei Cap Horn – der Herr hat vielleicht von gelesen damals – elf Tage trieben sie doch auf eine Planke in Wasser. Und mit Messern zu Gange, wenn einer noch und wollte anfassen. Und ümmer so die Haifische! Tommy hat ein gutes Herz. Ja, dann ist das dem aufs Gehirn geschlagen. Konnt nicht mehr auf See. Tod im Wasser – das war ihm zu greulich!« So denn mußte ja Tommy Sören Totengräber werden in sein Heimat, Toftlund. Aber kaum zwei Jahr – schon war er wieder hier. Mit ein ganze Kiste voll Schädel. Daß die auch in der Erde kein Ruh haben, wenn ein Neuer kommt, das hat ihn zu sehr unglücklich gemacht. Und außerdem – er brauchte doch Seewasser. Na, und so hat er denn eine Schifferkneipe aufgemacht. Jedes Kind in der Mattentwiete konnte sie zeigen. Vinzenz biegt in eine der engen Straßen. An einem Toreingang lehnen ein paar Weihnachtsbäume, struppig, wie gerupft. Seine Gedanken machen wieder den jähen Sprung. »Heimat« sagen sie und meinen nicht das Schloß auf der Bergklinge. Oder meinen sie es doch? Nur anders als früher? Er hat des Wegs nicht acht, wie er grübelt. Er schreckt plötzlich auf. Wohin ist er geraten? Ein Bild steht ihm vor Augen. Einmal hat es alles in ihm zerwühlt: ein enger Häuserschacht, wie ein aufgebrochener Leib, Ekel ausspeiend, Fäulnis. Im Grunde dieses schmalen Schachtes Menschen. In Raserei versteint, stauen sie nach oben, stauen nach dem winzigen, dunstig verwolkten Lichtfleck. Eine Frau reißt sich die Kleider vom Leib im Fanatismus. Vinzenz fühlt eine leichte fliegende Fremdheit seiner Glieder zwischen diesen engen, feuchten, lastenden Mauern. Aus tausend feindlichen Augen stieren sie ihn an. Dennoch ist er wie losgelöst im Raum, allein in der Ewigkeit und doch mit all diesem verhaftet in einem fremden Müssen und einem Soll. Eine scharfe Neugier, ein dunstiges Spüren, das er in dieser Weise nie gekannt, zieht ihm den Kopf zwischen die Schultern. Zugleich fühlt er eine feine rieselnde Kälte zwischen den Schulterblättern. Geht jemand hinter ihm? Er denkt an seine Wälder, deren Herz das Knirschen der Axt noch niemals vernahm. War es nicht oft gewesen im Lautlosen, als hielte jemand mit ihm Schritt? Als seien Augen tiefsten Wissens schweigend auf ihn gerichtet? Aber das ist es nicht hier. Das ist es nichts Auch nicht wie neulich am Deich, als der Nebel alles um ihn her fortnahm. Als er ganz allein zurückgekehrt schien auf eine ausgeglutete und ausgestorbene Erde. Ein Revenant, der sich selber nicht errufen konnte. In diesem Augenblick trifft ein widerwärtiges Lachen sein Ohr. Gleich darnach ein Fluch. Eine Flasche klirrt. Mit einem gellenden Schrei stürzt ein Kind aus einem Haustor, wie ein Stein gegen seine Knie geschleudert. Er bückt sich, hebt das Kind auf. Es sieht ihn an, verstummt, staunt verworren aus lauernd schielenden Augen. Aber wie er sein Portemonnaie nimmt, hat er immerfort die gleiche unpersönliche Empfindung, und als sähe er sich selber zu. »Vielleicht muß man um Entschuldigung bitten, wenn man Geld gibt,« denkt er flüchtig. »Ja, es ist wie mit diesen,« denkt er, als ein freches, geschminktes Gesicht im Dunkel der Twiete auftaucht. Ehe die großaufgerissenen Atropinaugen über den gedoppelten Lidern ihn erspähen, verschwimmt es schon wieder im Dunst. »Es ist alles das gleiche.« Er hat das Geld gefunden. Es ist ein 5-Mark-Stück. Das Kind sieht zweifelnd und ungläubig auf die große Münze. »Für dich!« sagt Vinzenz. Er macht eine Handbewegung zu dem grob zersträhnten Haar. Er hat immer den Weg zu Kindern gewußt. In die lauernd schielenden Augen tritt langsam ein andrer Ausdruck: banges Sich-Erschließen einem Unerhörten . . . Aber das Geld, dieses große, blanke, silberne Geld! Da greift die Kinderhand zu. Und dieser Griff behutsam und raffig zugleich scheint Vinzenz aufzuschreien, stärker als Lachen, Klirren und der Fluch. Es ist der uralte, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte und gezüchtete Diebesgriff, der Instinkt geworden ist zuletzt. Ja, hier in solchen Twieten werden sie gezüchtet die uralten Schmerzen und Laster und Gierden der Menschheit. Wie die Cholera hier ihre Stätte findet. Oder früher die Pest. Ist dieser ganze schwebende Dunst nicht voll Sünde und Blutschuld und voll Sehnsucht nach Licht und Erlösung? Er zuckt zusammen. »Elsalill!« denkt er. Er sucht die kleine spitze Schulter, die kleine Hand gebogener Finger wie eine Klaue, die das Geld zu sich gerissen hat. Aber das Kind ist fort. Er weiß, sein eignes Gesicht hat das Kind verscheucht. Sein hartes Herz und sein Ekel schrieb zu deutliche Schrift. Da versucht er, gesenkten Kopfes, diesem wirren Netz bleicher Gassen zu entkommen. Was hat ihn hierher geführt an diesem Tage? Was hält ihn fest? Denn ihm scheint, er geht im Kreis. Immer der gleiche aufgeborstene Leib voll Fäulnis und Grauen um ihn her, dieselben Laute, das Laster, dieselbe unpersönliche Schattenhaftigkeit des Geschehens, als vollzögen sich ferne, fremde Schicksale, unerlöster geheimer Gewalten Muß und Soll. Und immer wieder dieses Wissen um Verkettung, dieses geheime Verwobensein. Dieser Alptraum von: das bist du! – Plötzlich – er ist in St. Pauli. Es ist Abend geworden. Die roten Laternen brennen schon hier und da. Vinzenz achtet nicht darauf. Jetzt nur in Wärme und Helle! Eine kleine räucherige Kneipe mit erleuchteten Fenstern liegt der Gasse überquer. Er geht hinein. Er geht wie jemand, der sein eigenes Gespenst erblickte. Sie bringen ihm zu essen. Gebackene Scholle. Ein Beefsteak. Kartoffelsalat mit roten Beeten garniert. Scharfe Gurken und süßes Apfelkompott. Er ißt alles auf. Als hätte er seit Wochen gehungert. Er weiß nicht, was er ißt. Er trinkt in einer stumpfen, fremden Gier. Nachdem er gesättigt ist »wie ein Tier, wie ein Tier!« läßt er sich genau Bescheid sagen über die Mattentwiete. Es ist völlig Abend geworden inzwischen. Weihnachtsabend! Ein Mädchen in schwarzem Sammetmantel spricht ihn an. Er drückt ihr ein 5-Mark-Stück in die Hand wie dem Kinde. »Geh,« sagt er, »geh!« Seine Stimme ist traurig und gut. Sie sieht ihn an. Sie lacht klirrend. Dann verschleiern sich ihre Augen. Vinzenz kommt an einer Kirche vorüber. Sie ist erleuchtet. Er geht hinein und setzt sich auf eine der letzten Bänke. Er hört nicht, was der Prediger sagt. Er hört die Orgel, er sieht die hohen Christbäume brennen, ihm wird sanft. Er denkt Elsalill. Er denkt ihren Namen heilig wie den der Gottesmutter. Diesmal verirrt er sich nicht wieder. »Schädel-Tommy? Da drüben, gleich um die Ecke.« Ein kleines schmalgiebliges Häuschen steht neben dem Speicher, dessen oberstes Stockwerk wie eine Bergspitze in Dunst zerschmilzt. Neben der Haustüre ist die Wirtsstube, klein wie eine Kabine. Er tritt ein. Zuerst unterscheidet er nichts vor blauem Qualm. Dann sieht er etliche Tonpfeifen. Wie bleiche Sterne über den Gläsern. Unter dem Deckbalken schwebt die übliche Brigg. Eine zweite, in Kork geschnitzt und unter Glas, hängt über dem hohen, mit schwarzem Haartuch bezogenen Sofa. Ein Haifischskelett präsentiert Fidibusse. Auf einem ringsum laufenden Wandbord sind Menschenschädel und -knochen kreuzweis geordnet. »Ssüh, düsse nu! Spitzboven! Fief und twintig Johr hebb se Proceß föhrt,« sagt gerade eine tiefe Baßstimme, die immer irgendwo unerwartet, und als ob sie nun doch zu tief geraten wäre, ganz hoch und neu wieder einsetzt. Bei Schädel-Tommy müssen die beiden alten Prozeßfeinde nicht nur friedlich nebeneinander aushalten, sondern jeder hat auf die ihm kreuzweis vorgelegten Schienbeine seines alten Widersachers zu passen. So mögen sie sich am ehesten keinen Knüppel dazwischen werfen. Als Vinzenz eintritt, sitzen an vier kleinen Tischen etwa ein Stieg Männer. Man lacht über Schädel-Tommy. Der neue Gast fängt an, im Tabaksqualm die Gesichter zu unterscheiden. Das, was er sucht, ist nicht darunter. »Guten Abend!« Er tritt an einen der Tische. Man mustert ihn zurückhaltend, nicht sichtlich erfreut, den Gruß kaum erwidernd. Niemand macht ihm Platz. Er langt sich, ruhiger Gebärde, einen Stuhl von der Wand und schiebt ihn zwischen zwei andre. »Was steht zu Diensten?« Schädel-Tommy schlürft heran. Er kann auch Hochdeutsch, wenn das not tut. Vinzenz verlangt Grog. »Rum oder Madeira?« Er ist für Rum. Hat er vorhin mit dem Stuhl Achtung erzwungen, so erweckt er jetzt Wohlwollen. Das lange, weiße Gesicht Schädel-Tommys mit den hoch hinaufreichenden, hier und da ausgebissenen Backenbärten erheitert sich beim Brauen: »Meine Lebenszeit verstreicht, Stündlich eil ich zu dem Grabe . . .« »Schweig man still, Tommy,« ermahnt eine feste, knorrige Stimme, »wenn man 'ssund ssünd!« Aber obwohl sie alle gesund sind bis auf die Gicht, die wahrhaftig zu einem richtigen alten Seefahrer gehört, schenkt ihnen Schädel-Tommy keinen Vers. Vinzenz, den die Stimmung des Fernen, nebelhaft Unwirklichen wieder umschleicht, legt seine Arme auf den Tisch und um sein festes Glas herum. So machen es die andern. Das gemeinsame Trinken scheint ihre Reserviertheit abzuschmelzen. Er fragt seinen Nachbarn. »Jaspersen? So 'n Schleef! War neulich ein paar Tage verreist. Kommt jeden Abend, wenn er hier vor Anker liegt.« Sie sehen einander vielsagend an. Irgendwie nehmen sie den Betreffenden nicht ernst. Aber ohne Bosheit. »Alle Menschen müssen sterben!« Tommy schraub am Docht einer qualmigen Petroleumlampe, die irgendein schauderhaftes Seeungetüm in seinem gegitterten Bauche hält. »Haben all genoch ges-torben für heute, mein Tommy.« Ein gutmütiges Gesicht unter einer Balggeschwulst, groß wie ein Taubenei, wiegt hin und her. »Wokeem schall dat utholln?« »Alles Fleisch vergeht wie Heu . . .« Tommy kommt mit der qualmigen Lampe nicht zu Rand. »Damn'it,« schreit der Gutmütige, »wo mir das doch all über ist!« Er wendet sich gemäßigter zu Vinzenz. »Wenn jemand und trägt eine Glückshaube auf sein bloße Brust, wie die lüttjen Kinnerkens manchmal mit zu Welt bringen, denn so kann der nicht ertrinken. Mein Mutter – gute alte Frau, –« er tippt sich bedeutungsvoll auf die Bluse, »bei ein Hebamme in Söder Brarup. Um drei Thaler!« Wieder hat Vinzenz die Empfindung, daß alles ihm ferner rückt, im Nebel flutet. Er sieht ein Schiff in Seenot. Der Sturm rast. Kommandorufe gellen. Die Rettungsboote werden flott gemacht. Matrosen und Passagiere zertreten sich wie die Tiere um ihr Leben. Einer ist ruhig und sicher und tut seine Pflicht. Ihn geht das nichts an. Er ist damit nicht gemeint. Er trägt sein Glückshäubchen auf der bloßen Brust. Vinzenz gibt sich einen Ruck. Er will lieber nicht mehr trinken. Er kann eine kleine Wassermelone mit Tokayer gefüllt auslöffeln. Wer aus Weinländern stammt! Aber dieses heiße, wilde Zeug . . .! »Chott, so die kleinen Kinnings!« Tommy hat einen kleinen blanken Schädel vom Bord gegriffen. »Aus das Dunkle und in das Dunkle. Dazwischen? Da liegt viel Wehdag zwischen! Und wenn dann die Haifische . . .« »Hast nich besser und lassen die Luders allein, heut Abend? Vor twe Joahr . . .« Ein kieselblanker Rotbäckiger bekommt runde betrübte Kinderaugen. »Ssüh, da hat ich noch mein lüttje Fanny auf mich zu warten. ›Vater,‹ sagt sie, ›was ich all auswendig kann für dich!‹ Und weiß Gott, die ganze Geschichte von Heilands Geburt und Engel und Könige aus Morgenland kann sie herbeten wie der Pastohr!« Er sieht mit den runden, betrübten Kinderaugen Vinzenz an. »Düssen ist mein besten!« Tommy hält den kleinen blanken Schädel zwischen Daumen und Mittelfinger. Man sieht noch zwei kleine reizende Vorderzähnchen im Unterkiefer. »War ein alte s-teinerne Tafel an der Kirchmauer zu Süden,« sagt Schädel-Tommy. »Mit ein klein snurrig Mäken in s-teifen Rock und Mieder wie eine feine Dame zu Tanze, frühermals, und lacht und hat ein klein Lämpchen in ihr Hand. Wenn ich und kann nicht schlafen, von wegen die Haifische – allemal kommt Wisinicken mit ihr lüttje Lampe zu leuchten!« »Kinnings, Kinnings!« Die Stimme des Knorrigen wirkt so lächerlich über der runden gelbgrauen Schifferbartsfraise. »Nu man aber noch 'n s-teifen. Wisinicken hieß sie?« Schädel-Tommy schweigt. Wenn er sich's überlegt, war der Name ausgewaschen vom Regen. »Die war mal wie 'ne funkelneue Brigg, mein Antje.« Der mit dem Taubenei vertraut Vinzenz aufs neue. »Alles saß richtig. Augen so blank. Und war mir treu bis ins Grab!« »Sie ist gestorben?« fragt Vinzenz. Das Taubenei wiegt ängstlich auf und nieder. »Da ist nämlich der andre gekommen dazumal. So'n Feiner! Hat ihr woll'n trösten. Wie das so geht. Und ich auf See.« »Olle Schlampe in ihre Kneipe in Wilhelmshaven. Lauter s-lechte Kerls gehen da.« Der Knorrige hat sein viertes Glas. Dann wird er jedesmal schlimm. »Und du, Carnaille, weißt denn du für sicher, ob das kein Kuckucksei is wesen – dein lüttje Fanny?« »Halt's Maul!« Der Knorrige steht wie ein Stier mit eingezogenem Kopf. Die Adern kriechen aus seinen Schläfen. »Sie war mir treu bis ins Grab!« Dem Taubenei laufen die Tränen über beide Backen. »So will ich euch sagen,« Tommy hat in jede Hand einen Schädel gelangt, »Töw, so sieht jeder aus nachher.« Die Tür ist aufgegangen. Niemand merkt in Aufregung und Qualm, daß jemand eintritt. »Nur kein Streit,« murmelt Tommy, »hinterher ist das viel zu spät!« Er streicht dem kleinen blanken Schädel mit den zwei Vorderzähnen über die Stelle, wo früher die feinen Stirnhaare sich gebläht haben im Winde. »Hier ist Maat!« sagt eine rauhe und zugleich singende Stimme. Zwei neue Gestalten lassen sich unterscheiden. Vinzenz steht auf. Irgend etwas tritt neben ihn. Etwas Geheimnisvolles tritt ganz dicht heran. »Er hat doch immer so'n Schauder vor das Wasser gehabt,« sagt die singende Stimme. »So hab ich ihn ausgefischt.« Ein junger Matrose legt einen steifen, triefenden Hundekörper auf einen Stuhl. Es ist ein ganz elender kleiner Hund. Ein stichelhaariger Rattenfänger mit einem Kauzkopf. »Und Jasper?« fragt jemand. Vinzenz hat inzwischen den zweiten erkannt. Es ist der Schiffskoch, der die Möwen fütterte. Er tippt gerade an die Stirn. »Schnaksch. Arme Jung!« Er steht geduckt und verloren. »Nur kein Streit! Nur recht lieblich!« sagt Schädel-Tommy. »Die, wo sich nicht vergeben haben, kommen nie über weg! Wo ist arm Jasper abblieben?« »Wird wohl nächster Tage sich zeigen!« sagt der junge Matrose. »Heut ist nix zu machen. Kommen über die Flethbrücke, Hesselbarth und ich;« er weist mit dem Daumen auf den Koch, »da geht's hoch her. Wie im Zirkus. Ein Kerl und ein Hund. Immer im Dreh und heulen und fletschen. Und der Kerl, das ist Jasper. ›Jetzt ist alles aus!‹ schreit der ümmerlos. ›Alles aus! Aus, aus! . . .‹ Und dreht wieder wie'n Brummküsel und fängt an und beißt auf Geländer und schreit: ›Mutter, mein arm Mutter,‹ und schreit: ›Maat! Du! Maat!‹ Weiß Gott – na . . . Und indem hat er den Hund fest in die Arme und springt mit ihm runter. – Och, das war greulich! Immer gellt der Hund, und Jasper schreit: ›Mutter!‹« »Wie das so geht!« sagt das Taubenei. Der junge Matrose hatte das nächste Boot abgekoppelt. Schwimmen konnte er nicht. Von Jasper war nichts zu sehen weit und breit . . . Hier war Maat. Plötzlich im Kielwasser getrieben. Er hatte ihn mitgebracht zu begraben an Land. Der hatte so ein Abscheu vor Wasser! »Mit Ernst, o Menschenkinder . . .« Schädel-Tommy beginnt im Cembalo. Wie Wind, der aus trostlosen Gegenden kommt. »Ich möchte zahlen!« sagt Vinzenz. »Es sind 4,75 M.« Er grüßt und geht fort. Immer das Gefühl, jemand geht hinter ihm. Er sucht ein Hotel und wirft sich auf ein fremdes Bett. Die Bettlaken riechen dumpf. »Ob sie noch um den Baum sitzen bei Jeß?« denkt er flüchtig. Dabei scheint es ihm, er habe sich den Schlund verbrannt. In der Nacht tippt ihn jemand auf die Stirn. »Schnacksch!« Jemand lacht frech mit tottraurigen Augen und geht durch die Twieten. Nachher ist das wieder vorüber. Etwas steht fortwährend seinem Bett gegenüber und sieht auf ihn hin. Als Vinzenz am Morgen erwacht, ist er in Schweiß gebadet. Vielleicht sind es die feuchten Laken. Er weiß es nicht. Er fühlt sich nicht krank. Nur müde. Wie zerschlagen. Er weiß nicht, was er geträumt hat. Er weiß nur, irgend etwas Gräßliches ist geschehen in diesem Traum. Elsalill war frei geworden. Und er hatte Elsalill verloren. Der Spuk und das Grauen der Weihnacht liegen hinter Vinzenz wie in einer anderen Welt geschehen. Er hat am folgenden Tage in Hamburg noch alles ordnen können, da die Leiche Ewert Jaspersens bei Blankenese antrieb. Die Augenlider des Toten waren fest eingedrückt, wie wenn er sich vor einem Anblick entsetze. Aber um seinen Mund war ein gelöster und kindlicher Ausdruck, als sei, die er so flehend gerufen, bei ihm gewesen in seinem letzten Streit. Auf der Wange unter dem linken Auge hatte er einen kleinen roten, hochgeschwollenen Halbmond wie von einem Biß. Vinzenz hat sich noch nicht entschließen können, Elsalill die Wahrheit zu sagen. Sie glaubt, Ewert sei wieder fort. Alle schelten Vinzenz über sein Fortgehen zum heiligen Abend. Vor allem Klaus kann sich nicht beruhigen. Nur Elsalill sieht Vinzenz an, nachdenklich, staunend und stillen Dankes. Nun ist man beisammen im Sternensaal, wo der Alltag sich nicht hineinwagt. Alle Feste des Hauses werden in diesem Saal gefeiert. Aber nicht nur, was mit der Familie zusammenhängt an Glück und Trauer, gibt ihm seine besondere Note. Die fernere Vergangenheit, da dieses Haus noch die Kavaliere beherbergte. Diese Vergangenheit mit ihrer Pracht und mit ihren großen Leidenschaften nach Gut hin und Böse ist ebenfalls noch immer zu Gast in diesem Saal. Er verdankt seinen Namen der Wandverkleidung, einem Brokatstoff von schwerem Blau mit erhaben aufgelegten goldenen Sternen. Aus der Holztäfelung unterhalb des Stoffes wachsen hohe, schlanke, kanellierte Säulen und teilen die Weite der Wände in Ausblicke. Aus der Mitte der tief einbezogenen kreuzgewölbten Decke hängt ein herrlicher Kristalleuchter. Vinzenz schließt sekundenlang die Augen. Dies ist alles wie Märchen: Die heitern Menschen in Festkleidern auf riesenhaften, breiten Sofas, von vergoldeten Löwenklauen getragen, aufgenommen und vielfältig zurückgegeben von hohen Venetianerspiegeln, gradlinig, schlank gerahmt. Grotten, Liebende, Freundschaftsaltäre auf das Glas der oberen Aufsätze gemalt. Oder ist es auch Traum? Elsalill, schneeweiß, Licht überrieselt, zum Tannenbaum aufgereckt! Die krachenden Holzscheite des Kamins, dem ein weißer, burgartiger Kachelofen Beistand gewählt. Der Geruch von Wein, fremden edlen Früchten, Süßigkeiten, und der Jubel der Kinder? Ist es Traum? Ist es Märchen? Ist es auch Heimat? Welcher Ton! Welcher Ton! Als ob ein riesenhaftes Insekt sonnen- und honigselig über dem Schoß riesenhafter und glühender Blüten surrt. Vinzenz öffnet die Augen. Er sieht Elsalill an, verstört. Sie lacht. Ihr Lachen ist wie eine tiefe Glocke, in deren Mischung dennoch viel Silber verschmolz. »Rummelpott!« ruft Elsalill in sein verdutztes Gesicht. »Rummelpott!« Die sieben Raben nehmen den Ruf wie einen Kriegsruf. Sie schießen heraus. »Und wenn dat Schip von Holland kommt. Schipper, du mußt wieken . . .« Klaus faßt Elsalill unter den Arm. Als bringe er ihm ein Geschenk, führt er Elsalill zu Vinzenz. »Sieh, so,« sagt Klaus. »Alter Jung!« Er legt Vinzenz die Hand auf die Schulter. Sein flaumhelles Jungensgesicht ist ergreifend im Glück, das sich weiterschenken muß. »Schipper, du mußt strieken . . .« geht draußen die alte Melodie zum Brummen des Topfes, eintönig wie die Totenklage um einen Negerhäuptling. »Rummelpott! Rummelpott!« Die Tür birst auf. Die sieben Raben stürzen sich ins Zimmer. Süßer, heißer Fettgeruch folgt ihnen. Hernach bringt man so ein geheimnisvolles Wesen, von Arne zu Scherz und Hausgebrauch gefertigt, angeschleppt. »Sieh, so!« Also, man braucht nichts andres als eine Schweinsblase über einen Topf gebunden! Durch die eng gestochene Öffnung der Mitte bewegt man feuchten Fingers ein dünnes Stäbchen auf und nieder. Nun haben sie dieses erdhaft tiefe, geheimnisvolle Gebrumm im Sternensaal. Wie einen Gruß von Pan. Schon wieder ruft draußen das alte Lied. »Gott!« Helli Andersen bekommt klare Augen. »Wenn ich einmal im Leben zu Altjahrsabend nicht hier wär!« »Mein kleiner Klaus!« sagt plötzlich Frau Andersen. Alle sehen sie an. Die sieben Raben müssen lachen. Dieser ergriffene Ton ist so fremd an Großmama. Er paßt so wenig zu der rundlichen Gestalt in rauschend grauer Seite und dem kleinen Doppelkinn unter dem braunen, weichen Mal wie eine mouche. »Aber klein Hella!« sagt Klaus. Er hat die Gewohnheit, wenn er zärtlich empfindet, seine Mutter »klein Hella« zu nennen. Die sieben Raben schreien vor Glück. Auch die andern lachen. Frau Justizrat Andersen sieht hilflos im Kreise. Dann lacht sie selbst, das Doppelkinn bebt. Aber plötzlich nimmt sie die Hand ihres jüngsten Sohnes zwischen ihre beiden festen, gepflegten Hände, in deren Ringfinger das Zeichen der Treue unlöslich eingewachsen ist. »Mein Klaus,« sagt sie staunend, »ich weiß nicht, warum ich eben daran denken muß, wie du geboren wurdest. Sieben Jahr kamst du nach deinen Geschwistern. Unsre Thora,« – Thora war die Ahne von Elsalills Thor – »sie heulte so unklug!« »Ja, mein Mutter!« Der Justizrat legt seine Hand auf die runde Schulter seiner Frau. »Du warst ganz aufgeregt! Bei allen deinen sechs Kindern kaum ein Seufzer. Aber als Klaus zur Welt kam, hast du bitterlich geweint!« »Thora war schuld. Dumme Deern!« Frau Andersen hält noch immer ihres Sohnes Hand. In diesem Augenblick steht Thor auf, der unter dem Flügel gelegen hat, geht steifbeinig, mit eingeklemmter Rute bis mitten ins Zimmer, wirft den Kopf zurück und heult, als ob er einen schauderhaften Anblick habe. Alle verstummen. »Aber klein Hella!« sagt Klaus zärtlich. Er gibt seiner Mutter einen Kuß, was außer an Geburtstagen oder zur Abreise nicht Brauch bei ihnen ist. »Thor!« ruft er gleich darnach lachend. »Kusch, altes Fell! Wirst deine Manieren aufgeben wollen mit Jahresschluß?« »Thor!« ruft Elsalill. Während der Hund mit eingedrücktem Rückgrat und allen Zeichen tiefen Kummers unter den Flügel zurückkriecht: »Gott, ist Thor verrückt!« sagt Arne. »Ob er krank ist?« Elsalill sieht groß und fragend von Klaus zu Vinzenz. »Er muß sich erschreckt haben!« Klaus bückt sich unter den Flügel und hält dem Hund einen braunen Kuchen hin. Aber mit einer Gebärde, die etwas Trauriges hat, verweigert Thor sein Lieblingsgebäck. »Er ist krank, armer Kerl!« Klaus deckt einen kleinen Fellteppich über den zitternden Körper. »Morgen geh ich zu Tierarzt Hansen, Elsalill!« »Ja,« sagt Elsalill, »ja!« Ihre Stimme klingt wie weit drüben. Nachher kommen mehr Rummelpottsänger. Man vergißt auf Thor. Elsalill geht einen Augenblick zu Tante Jaspersen hinüber. Sie besucht sie jeden Tag um diese Stunde. Sie sprechen von Ewert, was Vinzenz über seine Abreise erzählt hat, und wie sehr er an seiner Mutter hänge. »Ich weiß,« sagt Frau Vogt Jaspersen. »Ich weiß wohl. Aber nie seh ich ihn wieder!« Die Tränen topfen still und schwer auf ihre abgezehrten Hände. Klaus und Vinzenz, die Elsalill hinüber begleitet haben, warten im Schloßhof. O dies ist Altjahrsabend, wie er sich gehört: Schwanenweiß, mit hohem Himmel, voll klirrender Sterne. Klaus ist weicher Stimmung. Er hat seinen Arm unter den von Vinzenz geschoben. Er redet von Elsalill und von seinem Glück. Aber während sie so im lichten Schneedunst unter den hohen, klirrenden Sternen auf und nieder schreiten, fährt Vinzenz plötzlich zusammen. Er sieht sich um, nach rechts, nach links, und woher sie gekommen sind. Das, was verblaßt ist, in der Wärme und dem Licht dieser Heimat, steht mit einem Ruck klar und erbarmungslos wieder um ihn her. Er geht durch die Twiete – immer mit einem stummen Gesellen hinter sich. Er sieht »das« in dem fremden Hotelzimmer an der Wand stehn und auf ihn hinstarren. Seine Haare richten sich auf an ihren Wurzeln, während er in irgendeiner Gegenwehr den Oberkörper kurz zurückwirft. Was geschieht? Was geschieht? »Hast du was verloren?« Klaus sieht sich gleichfalls um. Nach rechts, nach links und zurückgewendet. »Nein!« sagt Vinzenz. »Habe ich auch etwas verloren?« denkt er gleichzeitig. »Etwas, was ich nie besaß?« Er verwirrt sich in Gedanken. Klaus erzählt weiter von Elsalill, von seinem Glück. Wie ist er jung! Wie er jung ist! Daran muß Vinzenz immerfort denken. Dann sieht er Thor vor sich, diesen herrlichen Hund, wie er auf steifen, hohen Beinen steht und mit einem Blick des Grauens den Kopf zurückwirft und heult. Aber dann denkt er, es ist ja gar nicht Thor. Nein. Und es ist ein stichelhaariger Rattenfänger, ganz klein und armselig mit einem Gesicht wie ein Kauz, der steif und triefend auf einem Stuhle liegt. »Hast du einmal von Schädel-Tommy gehört?« fragt Vinzenz plötzlich. »Schädel-Tommy?« Klaus lacht ausgelassen. »Was ist das bloß wieder für ein Schnack?« »Ach, das ist so einer.« Vinzenz versucht ebenfalls zu lachen. »Schau, da kommt Elsalill. – Er präpariert so Sachen,« sagt er schnell. »Laß jetzt lieber!« Sie haben Elsalill erreicht und gehen durch die Gärten und durch die Veranda in den Sternensaal. Man empfängt sie mit Zurufen. Man will zu Tisch gehen. Deichgraf Jeß sitzt bereits am Flügel und spielt Webers Jubel-Ouvertüre. Das ist Brauch am Altjahrsabend, ehe man sich dem Karpfen hingibt. Mit Schlagsahne und Meerrettig ist er über alles Sagen. Wie jedes Jahr. Und in der festlichen Helle der hohen Wachskerzen auf silbernen Armleuchtern, mit all den strahlenden Kindergesichtern im Kreise, und dem Genuß dieses Festmahles wird das, was vorhin aufgestanden war, wieder blaß und sinkt. Sinkt und schaukelt dennoch heimlich unter einer lichten, bestrahlten Oberfläche. Wartet wie ein abgewiesener Fremdling vor der Tür. – Ja, nun endlich ist der mystische Augenblick gekommen: Die Füertangbowle! Wer darf sagen, er erschöpfte das letzte Geheimnis des sinkenden Jahres, wenn ihm das Geheimnis der Füertangbowle verborgen blieb? »Vinzenz, komm her!« Er muß das vor allem erleben. Man ist wieder im Sternensaal. Die Kerzen des Lüsters sind ausgetan. Eine einzige Flamme darf blühen auf hohem, silbernem Schaft – das sterbende Jahr. Eine riesige alte, kupferne Kumme, düsterer Glut, wartet vor dem Kaminfeuer. Wie ein Opferbecken. Der Gletscherbock des zerspaltenen Zuckerhutes steht bereit. Die sieben Raben hocken im Kreis, wie Erdgeister. – Wohlauf, Priesterin! – Elsalill nimmt die Flaschen, wie man sie ihr zureicht. Leidenschaft, Leben entrinnt dunkel, wie sie den weißen Arm leicht gebogen über das wartende Becken hält. Nun ist es gefüllt zu zwei Dritteln. Die Kerze des sterbenden Jahres spiegelt sich darin. Abschied! Abschied! – Mit feierlicher Gebärde legt Klaus Andersen die Feuerzange – die Füertang, – die diesem Getränk den Namen erwarb, über das Becken. Wie ein richtendes Schwert. Der Deichgraf – denn all dieses folgt einem besonderen Ritus und priesterlicher Ordnung, – hat inzwischen den gespaltenen Zuckerblock mit Arrak getränkt. Er hebt den Gewaltigen gestreckten Armes auf die Feuerzange. Wie ein Opfer. Elsalill weiß nicht, wie schön sie ist, wie weiß und wie geheimnisvoll, als sie an der Kerze des sterbenden Jahres den Tannenzweig anzündet und mit diesem den arrakgetränkten Block. O Zauber! O Traum! Stählerne Flammen stürzen sich in purpurne Tiefen. Das Jahr, das zum Sterben geht, wie es noch einmal duftet und glüht! Wie alle sommerlichen Gärten der Erde! Wie alle heißen Traubenhänge der Welt. Elsalill schöpft mit silberner Kelle Taumel und Rosen und Glut und blaue Verzückungen. Geheimnis des sterbenden Jahres! Eines geht, wendet nie mehr zurück das Gesicht. Alles, was hold war, wie es schmerzt, es zu lassen! Was bitter war, – o, spät erkannte, verborgene Süßigkeit! Was Last gewesen, – siehst du ihn jetzt, den Keimling kommender Kraft? Und das Unerträgliche – erkennst du's als harten Vollender? Ja, wir haben dich gekannt, sterbendes Jahr! Gelebt, geliebt, getragen oder überwunden. Was aber kommt, – ist verhüllt. – – – So schöpft Elsalill mit silberner Kelle. Ihr Kranz aus rotbeerigem Stechpalmlaub sieht aus wie besprengt mit Opferblut. Und dann werden die blauen Flammen kürzer, spitzer, der taumelnd süße Dunst webt an der Wölbung des Saals, wo die Rosette den Lüster hält. – Jetzt ist es Zeit. Jetzt schöpft Elsalill in die Gläser. Diesen Trank voll heimlichen Feuers, der freudig macht und stark, ohne den Verstand zu umfloren. Die bösen Geister entwichen in den Flammen der Läuterung. Nur die Kraft blieb. Die Schönheit und die Glut. Jetzt wird der Christbaum angezündet. Eins der Kinder hat die Kerze des sterbenden Jahres auf die Spiegelkonsole gestellt. Sie erblickt ihr blasses Gesicht wie den fremden andern, der der nächste ist und war. Allein man erschrickt, da man ihn endlich erkennt von Angesicht. Aber niemand als Elsalill achtet zur Zeit der Kerze. »Weißt du noch, Arne?« – Lütte und Helli biegen hin und her vor Entzücken, wie sie Arm in Arm auf dem Teppich sitzen. Nun beginnt das ganz Herrliche dieses Abends: »Weißt du noch, Arne?« – Gemeint ist damit Onkel Jeß. Die ihn so freundlich befragt, heißt Tante Male. – Aber jetzt sind beide jemand ganz anderes: Sie haben die Macht und halten den Zauberschlüssel zum Jugendland. – Alles kann Arne im Grunde nun wirklich nicht wissen. Er war seiner Zeit ebenfalls ein kleiner Nachkömmling wie Klaus. Male, die 83jährige Älteste der Familie – alle vierzehn andern sind blühend am Leben – war Braut, als der Jüngste zur Welt kam. »Klein Arne« ist er ihr geblieben. Nun wohl, man braucht nicht alles bewußt erlebt zu haben. In diesen alten Familien verklammert sich ein Glied ins andere, zäh und gut. Ja, nun werden sie gleich in die Kähne steigen, alle die schönen Töchter von Hardesvogt Jeß, und ihre Brüder, die Studenten, die Offiziere, die Hofbesitzer und die Freunde der Brüder. – Seht ihr nicht die ganz zarten, lawendelfarbenen und himbeerfarbenen Reifröcke, mit goldenen Ähren gestickt? Stöckelschuh, tief ausgeschnittene Schnebbentaillen, Lockengebausch vor zierlichen Ohren und hohe Kämme am Hinterkopf? Wohlan, wohlan. Schon liegen die Kähne bereit. »Kähne, wieso?« Vinzenz wundert sich, ob dies eine Sommergeschichte werden soll. Nein, nein. Am Altjahrsabend beginnt man wohl nicht mit Nachtigallen und Rosen. – Und dennoch Kähne und Sommer! Vielmehr Frühling. – Denn Jugend ist Frühling, und Hoffnung ist Sonne und Blühen! Ja, dies war nun Eiderstedt, Vinzenz. Wo die Straßen um Jahreswende unermeßliche Seen sind. – Tante Margarethe – ach nein – heut nichts von Tante Margarethe. Sie saß am Fenster ihrer schönen, stillen Wohnstube in Oldesbüll von Oktober bis März und weinte, weinte, weinte. Solang der Regen herniederging und der Nebel um das Haus stand auf seiner grünen Warft, mußte sie weinen. Tagaus, tagein. Und als ihr Mann, der sie abgöttisch liebte, um ihretwillen den Hof verkaufte und nach Thüringen zog, – ja – da starb sie vor Sehnsucht nach der Heimat. – Laßt – davon heut nichts! – – – Aber Flüsse sind sie wirklich, die Straßen. Warum dann nicht gleich ein Boot? Ist es nicht auf den Fenngräben soviel näher bis Avetoft? Hört man sie nicht bereits? Die blauen Waldhörner, die silbernen Flöten und das sündhaft süße Girren der Violinen? Ist nicht Silvesterball bei Herrn Etatsrat Krogh? Wo es den glättesten Fußboden gibt, die feurigsten Weine, und die vornehmsten Kavaliere aus Schleswig und Kiel und bis aus Kopenhagen? War es nicht auf Avetoft, wo vor soviel Jahren die Haustochter im Tanz für tot auf die Erde fiel und hernach eines Herzogs Gemahlin wurde? Ja, und die Schattenspiele! Die Scharaden, die Duette zur Harfe, und wie Kaptän Söderholm und Ebba von Destinon die Balkonszene darstellten . . . . Romeo und Julia . . . »Es war die Nachtigall und nicht die Lerche . . .« Weißt du noch, Arne? Dies aber weiß er nun wirklich. Hatte nicht sein großer Bruder Boje ihn hoch auf den Arm gehoben? Damals vor dem Gefängnis in Rendsburg: »Sieh ihn dir an,« sagte Boje, »schrei Heil!« Alle Menschen schrien, schwenkten mit Tüchern und warfen Blumen. Und dieser blasse, hohe, harte Mann, der aus dem Gefängnis trat, und so empfangen wurde, war Uve Lornsen. »Schleswig-Holstein stammverwandt«, fängt Klaus an zu summen bei dieser Geschichte. Wie jedesmal. »Wanke nicht, mein Vaterland!« bricht stürmisch ein der Chorus der sieben Raben. Alle stehn auf, die Großen und die Kleinen. Sie erheben die Gläser. Sie grüßen die Heimat. Einen Augenblick ist Schweigen. Nun sieht man, wie klein schon die Lichter des Baumes geworden sind. Man muß aufpassen. Es riecht schon köstlich nach »Baum«. Blaue Qualmsäulchen züngeln über dem schuppigen Gold kleiner, eilender Drachen. – Bald gibt er alles her, der Baum: Glanz und Pracht und süßen Segen. Bald soll er geplündert werden. Wie spät? Wie spät? – Zehn Uhr? – Jetzt ist Lüttes Hahn an der Reihe. Bei wem er zuerst pickt, der sieht seinen Zukünftigen in diesem Jahr! »Mein' Süße!« Klaus klingt mit seinem Glas an Elsalills, Elsalill sieht ihn an voll Liebe. Von dem feurigen Glase ist ein zarter Schein auf ihren Wangen. »Vinz!« ruft Klaus. »Mein alter Jung! – Heut siehst du es nun!« Ja, wirklich. Er sieht es. Er kommt mit seinem Glase dem von Klaus entgegen, dann grüßt er ebenso Elsalills. Wie Vinzenz und Elsalill sich gegenüberstehen, Auge in Auge, erschrickt Vinzenz plötzlich. Was geht in ihm vor? Elsalill sieht ihn an. Staunend. Was geschieht? Ohne daß jemand es bemerkt, erhebt sich plötzlich Thor unter seinem Fell. Steif, langsam, gesenkten Kopfes steigt er quer durch den Saal. Als ob er blind wäre, tastet er sich durch zwischen Klaus und Elsalill. Klaus muß zur Seite treten. Vinzenz und Elsalill stehn einen Augenblick allein unter dem sternenden Lüster. – Es ist soviel Erregung im Saal; Lütte bringt ihren Hahn. Niemand hat acht auf Thor. Selbst Klaus ist es nicht ins Bewußtsein getreten, daß er nicht mehr neben Elsalill steht. Die Kinder haben sich bereits mit gekreuzten Beinen à la turque im Kreise niedergelassen. Lütte geht aufgeregt mit einer Hafertüte von einem zum andern und teilt aus. Auf welches Häuschen wird er sich zuerst stürzen, der Hahn? Er ist sehr groß, schneeweiß, mit einem herrlichen Kamm. Er heißt Sleipnir, und schüttelt die Flügel. Die Menschen erregen ihn. Die Lichter, die ungewohnte Stunde der Vorstellung. Er kräht laut. Man jubelt. Er sieht sich im Kreise um. Wohin ist er geraten? Kein Harem demütig ergebner Frauen. Keine Leiter, die zu seinem chez-soi benutzt werden könnte. Und wenn er scharrt, kein kleinster Wurm. – Da tut der Hahn, was jeder andere Hahn an seiner Stelle ebenfalls getan hätte. Der Jubel schwillt. »Chotte Dochen!« Näh-Tine hupft ellenhoch. Mit beiden Händen an der obersten Mütze, eilt sie nach Schaufel und Bürste. Näh-Tine ist zu allen Festen bei Lotte. Alle, auch Jaspersens Mädchen, feiern bei Punsch und Füertangbowle in der warmen, behaglichen Leutestube. Jetzt stehn sie, samt ihren Soldaten, hochrot und feierlich vergnügt an der Saaltür, den Hahn zu erleben. Also, klein Inga! Von ihrem Körnerhäuschen pickte der Hahn zuerst! Denkt doch nur! Nein, dieses Gelächter! Aber nun ist es auch höchste Zeit. Man reicht sie herum wie einen Ball, schlaftrunken, mit offnem Mäulchen. Auch Sleipnir wird abgeführt. Die Mädchen sind wieder in der Leutestube. Plötzlich taucht der Kopf von Thor unter dem Sopha auf. Er zieht den Körper schwerfällig. Steht wieder mit diesem elenden Gesichtsausdruck, heult lang und dumpf. »Bist krank, mein Thor?« Elsalill nimmt den Hund in die Arme. Mit einem seltsam menschlichen, gequälten Ausdruck sieht er sie an. »Schickt ja morgen nach Tierarzt Jansen.« Justizrat Andersen lockt den Hund. »Komm her, mein Jung!« Aber Thor schnappt plötzlich mit bösem, funkelndem Blick. Er macht seinen großen, prachtvollen Körper ganz klein und kriecht wieder unter den Flügel. »Gott, ist Thor verrückt!« sagt Arne. »Ich glaube, er wollte schnappen, nach Großvater!« Großmutter Andersen hat inzwischen klein Inga zu Bett gebracht. Als sie wieder eintritt, ist das Bleigießen in vollem Gange: Blumen, Herzen, Kirchen, Schlüssel, Schiffe. Tante Gemiele weiß alles zu deuten. Mit ihrer so eigentümlich knochenlosen Hand, mit den zurückgebogenen oberen Fingergliedern hebt sie die verworrenen Knäulchen dicht unter ihr linkes Brillenglas. Sofort ist die Sache vollkommen klar. Vinzenz hat eine Flinte gegossen! – Aber natürlich. Ebenso wie Arne, der auf See will, einen Anker, und die kluge Lütte die Eule. Elsalills Schicksal sieht aus wie eine Burg mit einem dicken Turm. »Also ihr werdet mich besuchen kommen dieses Jahr!« sagt Vinzenz. Der einsame Turm auf der Bergklinge steht vor ihm. Ihn friert plötzlich. »Und Klaus?« »Klaus geht zu Maskenball!« sagt langsam Gemahle. »Zu Maskenball? Laß sehn!« Aber wie sie von Tante Male lachend Beweis verlangen, ist nichts zu finden. Gar nichts! Wiewohl mit Obstmessern in Sopharitzen gespürt wird und in den Potpourrivasen auf den kleinen chinesischen Tischen, in deren Nähe die alte Dame wirklich nicht gekommen ist. Aber Tante Male, die sechsundachtzigjährige, kerzengerade Greisin, denkt: Sucht, sucht! Und irgend etwas bedrängt ihr das Herz bei diesen Gedanken. Sie hat das Klümpchen, das Klaus gegossen, und das sie eine Maske genannt, ganz schnell in ihrer Tasche verborgen. Es sieht vollkommen aus wie ein Totenkopf. – – – Nun – da man Klaus nichts beweisen konnte – die sieben Raben pellen Nußschalen aus für die gelben wächsernen Kerzchen mit süßem Sommergeruch. Aber – wie sonderbar! Kaum hat man die kleine Flotte in die zinnerne Schüssel gesetzt und einzeln benannt, als schon das Schiffchen von Klaus ruhig und ohne Aufenthalt aus dem Kreise ausscheidet. Die sieben Raben lachen. »Klaus hat den Bock, Elsalill!« Elsalill, Vinzenz, alle die andern Schiffchen scheinen sich auf den Weg begeben zu wollen, dem Spielverderber hinterdrein. Aber ehe sie ihn erreichen – . . . Nein! – Die kleine, gelbe Kerze in der Nußschale von Klaus bückt sich, fährt auf, bückt sich wieder – ganz klein – ganz hilflos. – »Unsinn!« sagt Tante Gemahle mit ihrer tiefen, guten Stimme. »Wenn ihr nun Wasser auf die Kerzchen tropft!« Und – eh man begreift – huii – it! Ihr lieber, feiner, faltiger Mund hat alle Kerzlein ausgeblasen. »Jung! Klaus!« sagt Lütte, als ob ihm etwas vorzuwerfen wäre. Aber irgendein Betretenes ist in der Kinderstimme. »Mein Klaus!« Elsalills Augenbrauen ziehn sich merkwürdig hoch. Sie sieht sich fragend im Kreise um, bis ihr Blick Frau Andersens begegnet. Sie läuft hin und küßt sie. Frau Andersen scheint nicht betroffen. »Mein Elsalill!« sagt sie liebevoll neckend. »Ja, paß du nur auf! Klaus ist so einer!« Alle müssen lachen. Daß Klaus so einer ist! Klaus und Elsalill sehn sich einen Augenblick an. Lachend, zärtlicher Frage. »Man muß die Gläser füllen!« ruft Klaus im nächsten Augenblick. »Sind neue Kerzen am Baum?« »Ja, nun wird es gleich zwölf schlagen. Der Baum wird angesteckt. Das Licht des sterbenden Jahres, ganz klein und winzig geworden auf seinem silbernen Schaft, gehört vor die Verandatür. Sogleich! – Die Herren haben ihre Uhren herausgenommen. Man wartet. – Lautlos. – Jetzt! Die Lütte tut die Verandatür voneinander. Im scharfen Luftzug von draußen erlischt das ganz klein gewordene Licht, wie es soll. Das Jahr erlischt. Vom Turm herüber klingt es – anders als sonst – tief, dunkel, geheimnisvoll: Mitternacht! – »Leb nun wohl, altes Jahr . . .« Tante Male, die Älteste der Familie, sitzt am Flügel. So ist es Brauch von immer her. »Heimat,« denkt Vinzenz, wie sie alle stehend dem alten Jahr den Abschied singen. Elsalill steht wieder unter dem Lüster. Hoch, weiß, den lichten Kopf unter dem rot übertropften Kranz ein wenig zurückgeworfen. Den hellen Blick in Fernen. Vinzenz will es nicht. Er wehrt sich. Wie vorhin. Aber diesmal ist es stärker als er. Etwas überfällt ihn wie bei Tante Ragnar, beugt ihm den Kopf zu Elsalill hin. Er weiß nicht, ist es seine Seele? Oder ist es sein Blut? Und wie neulich kommt über Elsalill diese Veränderung. Sie regt sich nicht. Aber ihre Augen werden dunkel, durchsichtig, tief und grün wie das Meer. Sie kommen zurück aus Fernen. Sie erkennen . . . In diesem Augenblick geschieht es. Thor – ob Tante Male ihn bei den Pedalen gestoßen hat, – fährt wie ein Rasender unter dem Flügel hervor, fletscht die Zähne, heult, dreht sich um sich selbst, peitscht mit der Rute den Boden, geifert, schnappt nach jeder Hand, die sich ihm entgegenstreckt, bis es Klaus und Vinzenz gelingt. Sie greifen ihn fest am Halsband und Nackenfell. So schleppen sie den sich wütend Wehrenden aus dem Sternensaal. »Gott, ist Thor verrückt!« sagt Arne in das plötzliche Schweigen. . . . »Wir haben nicht einmal Prosit Neujahr gerufen.« »Kommt noch alles, mein Jung!« Deichgraf Jeß wendet sich zu seiner Frau: »Mit Tierarzt Janssen wird das hohe Zeit, scheint mir!« Tante Male tröstet Elsalill. Thor steht Elsalill nah wie ein Freund. Klaus und Vinzenz kommen zurück. Sie wirken seltsam betreten. Aber sie wollen es nicht Wort haben. Thor liegt im alten Pferdestall. Er habe alles und sei ganz still. »Er wird frieren! Die kalte Nacht!« Elsalill drängt hinaus. »Nein, nein!« Sie haben ihn zugedeckt. Sie beruhigen Elsalill. Man muß doch anstoßen! – Ehe sie sich verabschieden, flüstert Klaus Deichgraf Jeß etwas zu. Der Deichgraf sieht betroffen aus. Aber er bezwingt sogleich sein Gesicht. »Süße!« sagt Klaus zu Elsalill. »Mein' Herzenssüße!« Er küßt Elsalill in der dunklen Veranda, wie er sie noch nie geküßt hat. – Draußen steht Vinzenz und wartet auf den Freund. Er hat Elsalills Augen vor sich, wie sie dunkel, durchsichtig, grün und tief werden wie das Meer. Er zittert vom Scheitel bis zur Sohle. O ihr Tage des wachsenden Lichts! Der kochenden, drängenden Säfte, die ihr das Blut so unruhvoll macht! Noch liegt der Schnee; weiß, glitzernd, unermeßlich dehnt sich die leere Marsch; wie stumpfes Glas knirschen die eisbedeckten Flächen der Watten in die Unendlichkeit. Aber der Sturm peitscht die Wolken am Himmel hin und wieder. Grelle Lichter und Dunkelheiten wechseln miteinander. Wo die heimlichen Wattströme ihren Weg erzwingen, dröhnt es wohl plötzlich wie ein Böllerschuß. Dann klafft eine Spalte und raucht. Langbeinige Reiher stellen sich daneben, schauderhaft anzusehen im Nebel. Wie Männer in schwarzen Mänteln. Mit ihren Schnäbeln wie Spieße warten sie auf ihre Beute, die Fische. Nur noch drei Tage sind hin, bis die Sonne ihren Hirschensprung am Himmel herauf tut. Drei Tage sind hin, bis Mariä Lichtmeß. Andersens, Elsalills Eltern, Elsalill und Vinzenz, der dazugehört wie ein ältester Sohn, haben im Jeßschen Wohnzimmer alles beraten. Klaus liegt nebenan im Arbeitszimmer des Deichgrafen auf dem breiten Ruhebette. Er ist wieder nach einer dieser sonderbaren Erregungen um nichts in düstre Teilnahmslosigkeit verfallen; meist geht sie über in einen todtiefen Schlaf. Seit einer Woche hat Klaus diesen beängstigenden Zustand. Dr. Boye, der alte Hausarzt, schiebt es immer auf die starke Erkältung, und alles, was damit zusammenhing. Vor drei Wochen war die ganze Jugend der kleinen Stadt zum Boseln bis nach Südfall, der Hallig mit dem einzigen Haus. Die glatte Bahn lockte zu sehr. Nicht oft stand das Eis in dieser Weise an der Westküste. Sie hatten einen märchenhaften Nachmittag verlebt. Schon fast wieder an Land, war Klaus über das Bett eines Wattstroms geraten, eingebrochen und bis an die Schultern versunken. Es hatte eine Weile gebraucht, bis er sich mit Hilfe von Vinzenz, der als Erster herbeischoß, wieder herausarbeitete. Damit fing es an. – Nun sind die Erkältungserscheinungen längst beseitigt. So ein Hüne wie Klaus nimmt wohl auch eine Lungenentzündung auf die leichte Achsel. Und daß seine Nerven durch diese Sache so angegriffen sein sollten? Niemand, der Klaus kennt, kann es sich vorstellen. Seiner Hochzeit erwähnt Klaus niemals. Dieses so nah herangerückte und ihn am nächsten angehende Ereignis scheint seinen Gedanken entglitten zu sein. »Die Maske!« denkt Tante Male, wie sie bei ihm sitzt. »Der Totenkopf!« Sie ist mit Miele bereits seit ein paar Tagen anwesend zur Hochzeit. Sie hat wieder dieses seltsame Ding aus Blei vor Augen, das Klaus goß am Altjahrsabend, und das sie in ihre Tasche versteckte. – Ihr lieber, alter Faltenmund lächelt Klaus zu, während ihr Herz schwer ist wie ein Klumpen. Dies wäre Klaus? Dieses düstre Gesicht wie in Gram versteint? Klaus liebt es nicht, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Selbst Elsalill weist er fort. Dann wieder überfällt er sie mit durstiger Zärtlichkeit. Nie hat sie dergleichen an ihm gekannt. Es entsetzt sie. Der Einzige, der Klaus wohlzutun scheint, ist Vinzenz. Er kann ihn beruhigen, wenn er um ein Nichts in heftigsten Zorn gerät. Er fügt sich seinen Anordnungen, und ihm gegenüber erweicht sich die Starre seines Gesichts. Nur einmal wütete Klaus selbst gegen seinen Freund. Gestern, als der fremde Nervenarzt im Hause war. Vinzenz hat den eben nach Kiel berufenen, in der Gegend noch unbekannten Professor als einen Literaten und Freund von ihm eingeführt, um eine möglichst harmlose Beobachtung zu ermöglichen. Aber selbst die Rücksicht auf Vinzenz hat Klaus nicht vermocht, dem Fremden die geringste Höflichkeit zu erweisen. »Er begriffe nicht, wie Vinzenz so widerwärtige Freunde haben könne. Ein Hornochse sei er außerdem.« Die Situation war kaum haltbar. Der Psychiater stand drei Schritt entfernt. Dem berühmten Mann stieg ein feines Rot unter die Stirnhaut. Seine schmalen, schwingungslosen Lippen schlossen sich zur Linie: Ein Nervenkranker allerdings . . . Über mangelnde Sympathie hätte er sich mit einem nachsichtigen Lächeln hinweggesetzt. Aber ein derartiges Rütteln am Genius . . . Nun – eine Nervenheilanstalt würde wohl das beste sein. Wenn man sich noch nicht dazu entschließen könnte . . . Er verschrieb einige Mittel zur Beruhigung sowohl wie zur Anregung. Von der Hochzeit müsse natürlich zunächst – abgesehen werden. »Jetzt werdet ihr mich Wohl bald in eine Irrenanstalt sperren,« schnaubte Klaus, als der Professor das Haus verlassen hatte. »Wenn mich der famose Mann nicht fordern läßt, hat er wohl seine Gründe!« Er hieb die Faust auf den Tisch. – Dies war gestern. Frau Deichgraf Jeß hat heut den ganzen Morgen am Schreibtisch gesessen und alle Geladenen benachrichtigt: Elsalills Hochzeit mit Klaus muß hinausgeschoben werden. Klaus ist erkrankt. – Näh-Tine springt in die Höh auf ihrem Kinderstühlchen und faßt an die oberste Mütze. Sie hilft Lotte Korinthen auslesen: Eine Hochzeit aufschieben! . . . Wenn das gut tut! . . . Ach, dies ist es nicht! Daran hängt wohl nicht eines Menschen Glück, daß man ein paar Wochen darauf wartet! Was tut es, daß der Pfarrer, die Gäste, die Musik, die Kochfrau, die Gärtner sich anders einrichten müssen! Die Freunde und Freundinnen, die seit Wochen für den Polterabend üben, werden wohl warten können. Die Schlachter, Fischhändler und Gemüsefrauen, der Rahm für das Eis, die Austern aus den neu angelegten Bassins der kleinen Seestadt können abbestellt werden, und für Hamburg und Kottbus, die Kalkuten betreffend und die Baumkuchen, gibt es die Telegraphie. Alles, was Lotte vorbereitet hat, seit Wochen – nun, was sich nicht aufbewahren läßt, kann man im Hause verbrauchen. Hotels sind nicht zu benachrichtigen. Gott sei Dank. Klaus und Elsalill wollten ihre Hochzeitsreise später einmal machen. Jetzt wollten sie zunächst hinaus auf Onkel Gerritts Hof. In dieses liebe, alte, heimliche Haus, hinter die gekappten Linden gestreckt, im Schutz seiner Pferdeköpfe. Ja, viel Liebe, Sorgfalt und Geschmack hat bequemen, lichten und neuen Hausrat altem, ehrwürdig schweren eingegliedert! Nirgend erscheint ein Bruch in der Tradition! Seht nur diese gesättigten, reichen Töne der Diele mit den geschnitzten Schränken und Anrichten aus alter Eiche, Sylter Arbeit, Wandbehänge und Stuhlkissen an heimischen Webstühlen nach alten Mustern hergestellt! Kupfer und Zinn auf den Wandborten! Oder wenn man einen Blick in Elsalills Morgenzimmer tut! Zu Süden hin! Soviel Licht über den alten Kirschbaummöbeln, den kolorierten englischen Kupferstichen, den Porzellanen in der Glasservante und über all den hellen Zimmerlinden, Azaleen, Maiglöckchen und Primeln! O, Trina, die Onkel Gerritt während der letzten Jahre den Haushalt führte. wird schon gießen und zudecken und bohnern und abstäuben und alles wie ein Schmuckkästchen halten! Einmal wird ja unter dem »Willkommen« im Tannenkranz die junge Herrschaft stehn. Nein, dies alles ist es doch wohl nicht. Elsalill setzt die Tassen vom Nachmittagskaffee auf die Anrichte. Frau Jeß mußte ins Schloß hinüber, obgleich sie ihr Haus nur in Ängsten verläßt, wenn Klaus da ist. Aber man sorgt ernstlich um die alten Herrschaften drüben. Der Deichgraf hat sich sogleich wieder an den Schreibtisch begeben. Er sitzt mit aufgestützter Hand, sekundenlang. In den hellen, klugen, idealistischen Augen eine schmerzliche Frage. Elsalill, sein Liebling! Und Klaus, ihm wert wie ein Sohn! Aber als neu erwählter Oberdeichgraf kommt er kaum zur Besinnung. Sein Vorgänger hat unverantwortlich regiert. In mehr als einem Revier sind die Bestickungsarbeiten vernachlässigt worden. Hunderte von Karren Klei sind notwendig, um die ausgewühlte Dossierung wieder glatt zu bekommen. Hier sind die Sielen reparaturbedürftig. Dort wird eine Schleusentür morsch. Tagelang ist der Deichgraf unterwegs. Daheim braucht er dann die Nächte zur Nachprüfung der Deich- und Sielrechnungen. »Chotte Dochen!« Näh-Tine, beide Hände an der obersten Mütze, steckt ihren Kopf durch den Türspalt ins Wohnzimmer: »Olsen-Großmutter geht zu sterben! Sie schickt nach Fräulein Elsalill!« Elsalills Tassen klirren leicht gegeneinander. »Bringst du mich bis zu Olsens?« Sie spricht zu Klaus gewendet. Ihre Stimme ist tiefer geworden in den letzten Tagen. In der Mitte ihrer Sätze ist immer ein leichtes Beben. »Wohin gehst du?« Klaus hat gar nichts gehört von Näh-Tine. Aber auch seine Frage klingt teilnahmslos. Elsalill fühlt, wie jetzt immer, wenn sie mit Klaus spricht, eine fremde Kühle zwischen den Schultern. Sie erklärt ihm. »Vinzenz geht mit dir!« – Klaus starrt vor sich hin. »Und du?« »Ich?« Klaus scheint zu erwachen. Er sieht sich verstört im Zimmer um. »O Klaus, Klaus!« Elsalill läuft zu ihm hin. Sie faßt seinen Kopf in die Arme. Ihre Augen, jäh dunkel geworden, fliehen zu Vinzenz. »Was fehlt dir doch nur, mein Klaus?« Sie herzt ihn wie ein Kind. Klaus macht sich los von ihren Armen. »Dumm Tüch!« Er versucht zu scherzen. »Ich weiß nicht, was los ist!! Gewöhne mir wohl an und steige mit dem verkehrten Fuß aus dem Bett!« Er sieht verwirrter Frage und mit dem Schemen eines Lächelns von Elsalill zu Vinzenz. »Verzeiht nur!« – Aber schon ist das geisterhafte Lächeln wieder völlig verblaßt. Die Düsterheit, die ihn so fremd und unbegreiflich für die Seinen macht, hat sein helles Gesicht schon wieder wie mit einer Maske bedeckt. »Hast dir einen Rechten ausgesucht!« Er lacht plötzlich. Dies ist das erstemal, daß Klaus wieder Bezug nimmt auf ihre Zusammengehörigkeit. Elsalill schreckt auf. »Fürchtest dich wohl vor mir!« Klaus schreit. Er zittert an allen Gliedern. Seine eingesunkenen Augen brennen. Er zieht sich langsam vom Stuhl in die Höh'. »O Klaus!« Sie stehn einander gegenüber. Auge in Auge. Plötzlich reißt Klaus Elsalill zu sich hin. Sie errötet, dunkel wie der Himmel dieses Landes. Klaus küßt Elsalills Gesicht und Hals in dieser durstigen Art. Sie wagt nicht, sich zu rühren. Ihr Kopf liegt in ihrem Nacken, wie eine vom Sturm abgebrochene Blume. »Deine Kehle!« murmelt Klaus! »Deine weiße Kehle!« Elsalill versteht ihn nicht. Sie fühlt nur die Verwundungen seiner trocknen, fiebernden Lippen. Vinzenz steht abgewendet. Beschäftigt er sich mit den Hyazinthen? »Klaus,« ruft er plötzlich, »Elsalill! Seht doch! Schnell!« Klaus läßt Elsalill los, hastig. Sie stürzt fast. Aber schon steht Vinzenz neben ihr. Sein Arm stetigt ihr Taumeln, ohne daß sie darum gewahr wird. »Bub,« sagt Vinzenz, »wilder Bub!« Er legt Klaus die Hand auf die Schulter und sieht ihn fest und freundlich an. Das Gesicht von Klaus färbt sich. »Ja!« sagt er. »Ach ja!« Er vermeidet Elsalills Augen. Der Gram verschattet ihn wieder. »Was war es doch?« fragt er mühsam. »Was sollte da sein?« »Ach« – Vinzenz führt ihn an der Hand zum Fenster, – »es war – . . . es ist vorbei,« sagt er. »O so.« Klaus wundert sich gar nicht, noch fragt er, was in dieser Sekunde vorbeigegangen sein könne. Er sieht aus, als ob er wirklich kein weiteres Interesse aufzubringen vermöchte. Er kehrt sich ab und geht zur Verandatür. »Wirst du mich nicht begleiten?« Elsalill steht noch auf demselben Fleck, wo Vinzenz sie stützte. Ihre schmerzhafte, inbrünstige Stimme will noch einmal hoffen. »Nein,« sagt Klaus. »Ich bin sehr müde, ich bin nicht in Schick. Vinz, du geh' mit.« – Er öffnet die Tür, greift mit langem Arm heraus, kommt zurück mit dem Hut in einer sonderbar schlürfenden Art, als ob es ihm schwer würde, und geht ohne Abschiedswort durch die Veranda. Elsalill starrt ihm nach. Sie hebt leicht die Hände hinter ihm her. »Klaus!« Ihre Stimme ist wie die eines geängstigten Kindes. »Laßt mich doch nur in Frieden!« ruft Klaus plötzlich außer sich. Er schlägt die Verandatür zu und rennt immer in derselben mühseligen Art, als ob sein Rückgrat taub wäre, herunter zu der alten Linde, in der sie als Kinder ihre Nester gebaut hatten, wie Vögel. – Er umfaßt mit den Armen einen der mächtigen, tiefen, hängenden Zweige. Man sieht nicht, will er sich hinaufschwingen? Man sieht nur seine langen Beine durch die Luft schlagen. – Plötzlich scheint er abzufallen. Wie eine Frucht. Elsalill gleitet wie ein weißes Gespenst durch die Stube. Sie reißt die Verandatür auf, und mit Vinzenz fliegt sie zur Linde. Klaus ist schon aufgestanden. In der mühseligen Art von vorhin. Das Gesicht verschrammt, mit verworrenen Haaren und beschmutzt kommt er zurück. »Mußt nicht traurig sein.« Seine Stimme bittet Elsalill. »Ich mein kein Böses.« »Klaus, ich bleibe bei dir!« Sie wirft die Arme um seinen Hals. Einen Augenblick sieht Klaus sie an wie früher. Zärtlich. Wiewohl kummervoll. Aber schon wieder erscheint dieses Flackrige in seinen Augen. »Geh' doch nur!« knirscht er. »Vinz, so halt sie doch!« Er wirft Elsalill Vinzenz hin wie ein Ding. – Er stürmt durch den Garten ins weiße Kavalierhaus. Frau Andersen kommt von der Hofseite her. »Ist Klaus nicht hier?« Sie bricht in Tränen aus. Sie hat die Jacke ihrer Kieler Tochter, Weihnachten von ihr vergessen, versehentlich angezogen. Sie kann sie nicht zuknöpfen über ihrer stattlichen Gestalt. Sie sieht verwachsen und elend aus. – »Klaus – . . .« Elsalill macht ihre Stimme ganz fest und ruhig. Sie streichelt das weinende Gesicht, das dem von Klaus jeden Zug geliehen hat. »Klaus kommt! Es wird alles wieder gut werden! – Wieder gut! – Wieder gut!« Sie wiederholt eintönig, abwesend und wie man ein Kind tröstet. – Dabei hört sie fortwährend jemand sagen: »Aber kleine Hella!« – – »Wir sollten Klaus vielleicht doch nicht allein drüben lassen.« Vinzenz tritt herzu. Die alte Dame schreckt auf. »Nein, nein! Er schläft so unruhig, und sein Atem keucht so sonderbar.« Sie sieht geängstigt von einem zum andern. – »Er hatte sich ja auch zu doll erkältet, neulich, als ihr zum Boseln gingt,« sagt sie schnell, wie man sich beruhigende Geschichten erzählt. »Mein fröhlicher Klaus!« ruft sie plötzlich laut und schmerzlich. – »Chotte Dochen!« Näh-Tine, mit beiden Händen an der dritten Mütze, steckt wieder den Kopf durch den Türspalt. »Fräulein Elsalill – Olsen-Großmutter geht doch zu sterben. Hat schon wieder geschickt nach Fräulein Elsalill!« Elsalill sieht verzweifelt auf Vinzenz. »Was soll ich tun?« murmelt sie. »Was soll ich tun?« »Ich bringe Sie hin,« sagt Vinzenz ruhig. »Mama Andersen geht inzwischen zu Klaus herüber. Ich warte unten vor Olsens Wirtschaft auf Elsalill. Sobald etwas mit Klaus Sie ängstigt, lassen Sie mich rufen!« Er redet mit Frau Andersen wie ein Sohn. Frau Andersen schluchzt trocken. Er bringt sie durch den Garten, während Elsalill sich anzieht. Der Sturm rast in den Bäumen. Plötzlich gibt es einen ungeheuren Krach. Als ob der Himmel einstürzt. Vinzenz sieht auf und reißt Frau Andersen vorwärts, daß sie meint, sie flöge. Hinter ihnen prasselt und rauscht es. Als sie zu fliegen aufhört, sieht sie sich entsetzt um. Der Ast der Linde, auf dem Klaus und Elsalill ihr Kindernest gebaut haben, ist heruntergebrochen. – »Nicht, Mamachen! Nicht!« Vinzenz legt Frau Andersens zuckenden Arm auf den seinen. Er bringt sie bis zur Haustür und wartet, bis er weiß, sie ist in der Nähe von Klaus. Während er dann mit langen Schritten zurückgeht zu Elsalill, stürzen seine Gedanken wie Wasser über ein Wehr. »Nervendepression?« So nennt es der hiesige gute alte Doktor Boye. Woher aber so urplötzlich? Keinerlei Gemütsbewegung ging voran. Aber auch die Kieler Kapazität hat sich nicht ausgekannt. Und außerdem: Ist Sympathie eines Nervenkranken für seinen Arzt nicht soviel wie alles? Ein anderer Spezialist muß konsultiert werden. In München – Vaihinger – jeder redet jetzt von Vaihinger. Ja, mein Gott – das ist es vielleicht überhaupt? – Ortswechsel, andres Klima, andre Menschen, Eindrücke! Hat Klaus nicht gestern noch in den heftigsten Reden über das hiesige Wetter sich ausgelassen? Über die Gegend, das Land überhaupt. Vielleicht, wenn man . . . Vinzenz stößt fast auf Elsalill. Sie kommt ihm entgegen durch die Veranda. Fliegend. Noch im Gehn ihren Sturmkragen zusammenknöpfend. »Wenn ich nur schnell wieder zurück könnte, Vinzenz!« Er ergreift ihre Hand. Wie man ein Kind bei der Hand nimmt. Sie gehn durch den Garten, schnell, schwingend, im Takt. Elsalill wendet sich um. Sie pfeift kurz. Dreimal. »Mein Gott,« sie schreckt zusammen. »Immer vergeß ich wieder. Der arme Thor!« Sie schweigt. »Ich versteh' es doch niemals,« staunt sie nach einer Weile. »So klug war er. So erzogen. Er neckte kaum je ein Pferd!« Und wieder beschreibt ihr Vinzenz, wie Thor am Altjahrsabend, als sie ihn so mühsam herausschafften, im letzten Moment sich losgerissen hat. Er jagte zum Tor heraus. Als Klaus und Vinzenz kamen, klingelte der Schlitten mit dem hochbeinigen Schwarzschimmel aus Schwesing schon weit unten in der Neustadt. Im Schnee lag Thor, alle Vier starr von sich gereckt. Sein Kopf hatte eine klaffende Wunde, wie von einem Pferdeeisen. »Nein,« sagt Elsalill plötzlich – »es fing schon vorher an. Wenigstens immer scheint es mir so. Den Abend am Deich damals. Als wir uns zuerst begegneten . . .« Vinzenz empfindet eine Schwere seiner Zunge. Er will etwas sagen. »Nein, nein, nein!« Elsalill gerät außer sich. Sie weiß gar nicht, was sie so heftig abwehrt. »Ich müßte ja sterben jetzt, wären Sie nicht hier!« Ihre Stimme bricht. Sie weint lautlos, wie damals am Hecktor. Vinzenz hat Elsalills Hand gefaßt. Sie biegen von der Wasserreihe den Deich herauf. Ihre Finger verschränken sich in die seinen. So gehen sie wie nächste Menschen oder Kinder, die sich die Hände geben. Sie wissen es nicht. Elsalill hat das Gefühl, als hielte sie sich an einem Geländer. Drüben sieht es aus, als stünde eine riesenhafte Esse in Feuer. Der Himmel ist schwarz und brennt zugleich. Das Watt raucht. Krähen, vom Nebel vergrößert und ungestaltet, taumeln wie verdammte Seelen durch den Brand und stürzen sich in den Rauch und das Brodeln. »Hier war es!« sagt Elsalill. Sie bleibt sekundenlang stehn und sieht in die Ferne., »Der verlorne Sohn!« denkt Vinzenz. »Ja,« sagt sie gleich, als habe er es ausgesprochen. »Aber hier begegneten wir uns!« Ein Lächeln umgoldet schmerzlich ihren Mund. Vinzenz fühlt die feinen, kalten Finger, den seinen sich fester anschmiegend. »Und hier kam die Lütte und die sieben Raben,« sagte er hastig. »Ja, ja!« Sie erinnern einander an jede kleinste Kleinigkeit. Sie sprechen davon, wie von Dingen vor hundert Jahren geschehen. »In drei Tagen ist Mariä Lichtmeß.« Elsalill steht still. »Sie können noch glauben, ich würde die Frau von Klaus?« »Nicht – auf – Mariä Lichtmeß!« »Niemals!« sagt Elsalill. »Nie–mals!« – Ihr Gesicht versteint. Sie scheint die Worte nur mit dem Rand ihrer Lippen bilden zu können. »Ich habe einen Plan.« Vinzenz redet schnell, wie um sein Leben. »Denken Sie doch – Klaus leidet so unter der Witterung hier. Die Menschen stören ihn in seiner Angegriffenheit. – Wenn ich ihn mit zu mir nähme! Wir haben eine so klare Luft bei uns. Er braucht keine Seele zu sehn. Er würde die Influenza ganz loswerden und die Nerven beruhigen. Und er hat mich gern. Wir könnten auf Jagd gehn. Ich will ihn hüten, Elsalill – wie meinen Augapfel!« »Vinzenz – o Vinzenz!« Elsalill zittert am ganzen Körper. Sie gibt beide Hände in die seinen. – – – Nun sind sie bei Olsen-Großmutter. Elsalill zögert sekundenlang vor der Tür. »Ich warte,« sagt Vinzenz. »Aber, es könnte lange dauern!« – »Und wenn es dauert bis morgen früh! Nur wenn Klaus uns braucht! Dann . . .« Elsalill sieht ihn an. Sie fliegt die enge Stiege herauf. Durch den Spalt der Tür dringt bläulicher Rauch und der reine Geruch von verbranntem Wacholder. Sie hatten ihn weit von der Geest geholt, um ihr das Atmen zu erleichtern. Olsen-Großmutter liegt langgestreckt und feierlich in ihrem Bett. Sie hat sich waschen lassen am ganzen Körper und ihr Sterbehemd antun. Zwei Kerzen brennen ihr zu Häupten. Ihr Atem stößt kurz und hörbar. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter sind in der Stube. »Sie möcht' all sterben, und sie hat's so schwer.« Ole Olsens grobe Stimme geht wunderlich in die Höh' und daneben, im Bemühn, sie zu dämpfen. »Sie hat schon Piet gesehn und Momme!« Die Tränen laufen ihm aus den wasserhellen Augen über die breit ausgeflossenen Backen. »Elsalill!« sagt Olsen-Großmutter mit starker Stimme. »Da bist du, Elsalill!« Ihr gelbes Auge brennt dunkel, das blaue Auge bittet angstvoll und demütig. Sie winkt mit der langen, dürren, edelgebildeten Hand. Die andern gehen hinaus. Die Stimme versagt ihr wieder. Elsalill sieht, wie ihre Lippen sich quälen. Sie bückt sich ganz nah zu ihr. Die alte Frau faßt ihre beiden Hände fest und röchelt ihr ein paar Worte ins Ohr. Elsalill wirft ihren Oberkörper zurück. »Ich kann nicht!« ruft sie laut. »Ich – kann nicht!« Sie befreit ihre Hände von denen von Olsen-Großmutter und sieht mit Augen, schwarz vor Grauen, auf die alte Frau, die ganz klein in ihrem Bett wird und wie ein Häufchen Asche zusammensinkt. Aber dieses winzige Häufchen scheint plötzlich hoch aufgebläht und hingeschleudert, und wieder und noch einmal. Die Hände krampfen sich ineinander wie Krallen. Das gelbe Auge glüht wie dunkler Zunder, und das blaue weint bitterlich. – Elsalill stürzt in die Knie, neben dem Bett: »Gott,« ruft sie, »lieber Gott!« Die vor der Tür fangen an zu schluchzen. »Sie kann nicht sterben, wenn nicht jemand die Gabe von ihr nimmt!« Ole Olsen jammert wie ein Kind. Aber plötzlich hören sie Elsalill beten. Laut, inbrünstig. »Vater unser, der du bist im Himmel . . .« Ihre Stimme schwillt. Es ist, als müsse sie die ganze Menschheit losbeten. »Aus tiefer Not schrei ich zu dir.« fährt Elsalill fort, als das Amen noch zögert auf ihrem Munde. »Jesus, meine Zuversicht,« schlingt sich hinein, ein starkes, inbrünstiges Lied in das andere, ohne Zögern, ohne Besinnen. Eine volle Stunde stehen Ole Olsen und seine Frau draußen vor der Tür mit gefalteten Händen. Sie hören Elsalill beten. Nun spricht sie das Glaubensbekenntnis. Beschwörend. Jeden Satz schleudert sie hin, wie einem grimmigen Wolf einen Stein, an dem er machtlos seine Zähne verbleckt. – »Amen! –« sagt Elsalill. Stark, triumphierend. Und noch einmal »Amen!« Ganz zärtlich und sanft. Dann ist alles still. Als die draußen nach einer Weile hereintreten, kniet Elsalill noch immer neben dem Bett. Sie hält den grausträhnigen Kopf der alten Frau barmherzig in ihren Armen. Das blaue Auge ist geschlossen, und das gelbe. Ein Ausdruck erhabenen Friedens liegt auf dem Gesicht. – – – Als Elsalill herunterkommt, steht Vinzenz vor der Tür. Nein, man hat sie nicht rufen lassen. Es ist dunkel geworden. Vinzenz nimmt Elsalills Arm. Er legt ihn sanft auf den seinen. Sie gehn hinten herum, wie vorhin, am Kirchhof entlang. Sie sprechen kaum. Als sie zum weißen Kavalierhaus kommen, sagen die Mädchen, Frau Justizrat und Herr Klaus wären drüben. Sie gehen durch die Gärten zu Jeß'. Aber auch das Jeßsche Haus zeigt keinen Lampenschimmer. »Wie ungeheuer es ist,« sagt Elsalill leise. »So dunkel und so schwer!« Hat sie es jemals so erblickt? – Sie seufzt. Aber als sie durch die Veranda ins Wohnzimmer kommen, sind alle dort beisammen. Elsalills Eltern, Frau Andersen und Klaus. Im Dämmer kann man sie eben noch erkennen. Klaus habe Kopfschmerzen, das Licht täte ihm weh. Elsalill geht wie in zwei Welten. Klaus sitzt am Fenster, wo er sonst nicht zu sitzen pflegt. »Kommst du?« fragt Elsalill banger Zärtlichkeit. Sie hat ein kleines grünes Ecksofa im Sinn unter der Büste der kapitolinischen Venus. Klaus scheint beruhigt und sanft. Er legt Elsalill den Arm um die Schultern. Sie gehn zu ihrem gewohnten Platz. Sie setzen sich, aneinandergelegt. Es sieht aus wie in alter Zeit. Aber es ist doch: wie über dem Eise. Drunten ist schwerer, grüner, eiskalter Tod. Sie bleiben im Dämmer. Von dem einen , was ihnen allen – außer Klaus – keinen Augenblick aus dem Sinn kommt, kann man nicht sprechen. Aber sprechen muß man. Sie erzählen. Als könne – das Entsetzliche – Gestalt nehmen und unter sie treten, wenn man nur einen Augenblick schweigt. Es ist wie geheime Verabredung. Als reichten sie einander die Hände zur Kette. Sie erzählen wie die Königstochter in Tausend und eine Nacht um ihr Leben. So hört man nicht den ängstlichen, kurzen Atem von Frau Justizrat Andersen. Man hört nicht das Knistern der Kleidfalten, wenn Frau Jeß ihre immer fleißigen oder ruhigen Hände nicht eine Minute in derselben Lage halten kann. Man sieht nicht die schwere Sorge in den klugen, hellen Augen des Deichgrafen, die in dieser Woche tiefer hinter die ausgebuckelte Stirn zurückgezogen scheinen. – Die Hyazinthen duften, die in die Wand eingelassene holländische Schlaguhr tickt. Hei–mat – Hei–mat. – Die Vergangenheit geht durch die Stube und staunt bang und süß hinüber zur Gegenwart. – Nun ist es ganz finster geworden. Man weiß nur noch an der Stimme, wo jemand sitzt. Lotte, die im Korridor die Lampen stehen sieht. kann nicht begreifen, warum die Herrschaft so lange im Dunkeln bleibt. Sie zündet an. Sie tritt in die Tür. O so. Die weiße Lichtserviette liegt noch nicht über der Ripsdecke des Sofatisches. Lotte stellt die Lampe indessen auf die Spiegelkonsole. Gegenüber dem Ecksofa, wo Klaus und Elsalill sitzen. Elsalill will aufstehen und die Lampe fortnehmen, damit Klaus nicht geblendet wird. »Elsalill!« ruft in diesem Augenblick Frau Andersen. Es geht allen durch Mark und Bein. »Elsalill! Bitte! – geh' – bitte, hol' mir doch . . .« Es klingt hilflos verzweifelt. Sie ist aufgestanden. Sie weiß augenscheinlich nicht, was sie will. Alle sehen zu ihr hin, wie sie mit aufgehobenen Händen ein paar schnelle, kurze Schritte zu Klaus und Elsalill tut, dann zum Spiegel, wo noch die Lampe steht. Dann wieder zu Elsalill. »Geh' hinaus! – So geh' doch nur!« Sie stampft mit dem Fuß. Sie schreit fast. Aber wie sie noch alle ratlos zu ihr hinsehen, kommt Vinzenz aus der entgegengesetzten Zimmerecke mit langen Schritten zu Klaus hinüber. »Klaus,« ruft Frau Andersen, »o, mein Klaus!« Da sehn die andern plötzlich, wie Klaus seinem Spiegelbild die unsinnigsten und scheußlichsten Grimassen schneidet. »Klaus!« ruft Frau Andersen noch einmal, während sie Elsalills Gesicht zu sich reißt und an ihrer Brust versteckt. Aber schon hat Vinzenz mit festen Händen Klaus an den Schultern gefaßt. Er kehrt ihn ab von dem Spiegel. »Bub, Bub!« Er lacht. In seinen Augen ist Güte und Strenge. »Willst wohl zur Bühne gehn und übst!« Jemand trägt die Lampe mit bebenden Händen hinter einen Wandschirm. Vinzenz nimmt Klaus fest in den Arm. Er streicht mit der Hand fortwährend über dieses entsetzlich zuckende Gesicht, bis es sich beruhigt und versteint in Gram. »Hör',« sagt er, »Mamachen Andersen, alle, hören Sie doch!« Man geht unauffällig in das danebenliegende Zimmer des Deichgrafen, wo es keine Spiegel und eine grün verhüllte kleine Schreibtischlampe gibt. Dort, immer Klaus dicht neben sich, entwickelt Vinzenz seinen Reiseplan. – Klaus nickt ein paarmal. Er sieht vor sich hin. Er bemerkt Elsalill nicht. Sie steht hinter Vinzenz. Ihr ist, ihr altes Leben fließt von ihr fort wie ein Strom. – Ein paar Wochen sind vergangen. Die Reise nach Bayern war beschwerlich. Aber nun sind sie längst bei Vinzenz in dem einsamen Forsthause. »Was mir doch eigentlich fehlt?« Klaus schickt einen schnellen und scheuen Blick zu dem Freunde hinüber. »Glaubst du, ich bin verrückt?« – »Bub! Bub! Wie darfst du so daherreden! Arg kaputte Nerven hast's halt! Wir kriegen dich schon zurecht. Nur den Kopf oben behalten. Weißt, der Münchner Doktor hat auch gesagt, es kann schon dauern!« Vinzenz bleibt stehn und sieht Klaus in das verfallene, abgemagerte Gesicht. Die Totenstille des Hochwaldes steht um die beiden her. Der Hundertjährige Kalender, der dieses Jahr den Frühling Ende Februar prophezeite, scheint Recht zu behalten. Die Spitzen und Kuppen drücken ihre blanken Eishelme zwar noch tief in Nacken und Stirn. In den Mulden, unter den Felsbrocken und drüben, wo die Matten schattenhalb ziehen, liegt der Schnee noch mannstief. Aber: »Horch!« Vinzenz hebt den Finger. Ein fernes Gemurr wandert talwärts und weckt das Echo. Es ist, als orgelte der Himmel: – die erste Laane geht ab! Vinzenz nimmt dem Freunde den Stutzen von der Schulter. »Komm, siehst schon ganz fertig aus. Das macht der Tausturm. Mußt ruhn!« Er schleppt Fichtenbruch zusammen. Ein überhängendes Felsstück bildet eine runde, mannshohe Höhle, nach Süden breit offen. Gar kein Schnee ist hineingekommen, der Boden braun von trockenen Farrenstengeln und Nadeln. Ein richtiges Bett kann man machen. Klaus gehorcht wie ein Knabe dem Lehrer. Er läßt sich den Stutzen abnehmen. Zum Lager führen. Betten. Über sein düsteres Gesicht geht sekundenlang ein trauriges Lächeln. »Bist so gut zu mir, Vinz!« Er streckt dem Freunde die Hand hin. »I, gar!« Vinzenz lacht. Er nimmt die Hand und streichelt sie wie eine Frauenhand. »Jetzt mußt du etwas genießen. Nachher bekommst du dein Pulverchen!« Klaus wirft sich hastig herum, wie er Vinzenz die belegten Brote und die Feldflasche herausnehmen sieht. Sein Ausdruck verändert sich. »Quäl mich doch nicht!« Er stößt die Worte heraus. – »Klausle!« Vinzenz spürt einen leichten Schwindel, wie wenn er auf Sand ginge. der unter seinen Füßen fortwäscht. Seit zwei Tagen weigert sich Klaus, etwas zu sich zu nehmen. Vinzenz legt die Frühstückspakete auf die Steine. Er tritt einen Augenblick vor die Höhle. Sein Blick wird starr und sieht weithin. Er sieht sich wieder mit Klaus bei dem Münchener Nervenarzt. Er allein weiß. was es gekostet hat, ihn dorthin zu bringen und während der Beobachtungstage dort zu halten. Man hatte auf das Rückenmark untersucht. Das Resultat war nicht ganz klar. – Aber wie wäre dieses möglich bei dem Blut der Andersenschen Familie und bei der Lebensführung von Klaus! Alles war durchgesprochen worden, was irgendwie in Betracht kam. Es war und blieb ein nicht zu erklärender schwerer und hochinteressanter Nervenfall. »Du läßt mich nicht in ein Irrenhaus bringen. Vinz – Vinz! – . . . Versprich mir das, Vinz!« – Wieder keuchen die Worte im Ohr von Vinzenz. Er sieht in dem zerstörten Gesicht des Freundes die Raserei flackern, und wie die Todesangst vor dem Weggeschafftwerden sich martert, sie niederzuzwingen, bis Klaus darüber die eigene Zunge zerbissen hat. – Da gelobte Vinzenz, was er verlangte. Nun, wenn Doktor von Lassing den Freund mitnehmen wollte und für ihn sorgen! Warum nicht? – Man erkannte in dem enttäuschten Gesicht den Psychiater, den »der Fall« brennend interessierte, viel deutlicher als das Menschenherz. – Die Einsamkeit, die Berge würden sicher beruhigend wirken. Und sollte es doch einmal nötig werden – nun, es gab ja die Telegraphie. Ein geschulter und handfester Wärter konnte noch am selben Tage von München her eintreffen. Vinzenz drückt sekundenlang die Hand an die Schläfe, wie er dies alles wieder erlebt. Vor ihnen lichtet sich der Wald. Man kann hinübersehn zur Bergklinge mit dem alten Schlosse der Lassings. Man sieht die zerspellte Eiche. »Maria im Baum,« denkt Vinzenz. »Maria am Meer!« Wohin reißt der abschwemmende Sand? Er trägt ein Telegramm in der Tasche: Elsalill ist unterwegs. In diesem Augenblick streicht es heran von dort, wo der veilchenblaue Berg steht wie der Hüter vom Tal: weich streicht es herüber, braun wie der Abend, möwengroß. Vinzenz hat die Flinte an die Wange gerissen. Ein Gedanke durchzuckt ihn: »Nicht erschrecken, Klausle!« Schon zerschleißt in feurigem Riß der Sammet der Luft. Okuli! Da kommen sie! Dort zwischen dem Sturzacker und dem ersten Flaum des Winterwetzens, gereckt zum Strich zischt gierig der Hundeleib, sucht kurz, kehrt triumphierend zurück. Die erste Schnepfe des Jahres im Maul. Er trägt sie weich, wie gebettet. »Klausle!« Vinzenz hockt bei dem Freunde nieder. »Schau, gleich braten wir sie!« Ein Schimmer von Anteilnahme geht über das Gesicht von Klaus. »Wie willst du das? Ohne Speck?« »Hab ich doch immer mit.« Vinzenz wühlt in der Jagdtasche. »Wie oft hab' ich hier draußen gleich gespeist!« Als er sieht, daß Klaus nicht abwehrt. bettet er ihn höher. Er rupft die Schnepfe kunstgerecht und nimmt sie aus. Recke, der Hund, wartet. Vinzenz hat wirklich alles bei sich, was man braucht: Speck, Faden, Messer und Gabel, selbst einen Zinnteller. Er steckt zwei Gabelstäbe in die Erde. hängt die Schnepfe an den zusammengeschnürten Ständern, zwischen Speckscheiben eingebunden, an einem Querholz darüber. Tannenzapfen und Dürrholz zum Feuer ist schnell genug zusammengetragen. Die Flamme springt hurtig herauf, seine duftende blaue Rauchsäulen spielen durch den Wald, Boten von Menschenart. Vinzenz ist wie im Fieber: »Aufschub?« denkt er. Klaus legt sich umständlicherweise den linken Arm zurecht. »Ich bin so klar im Kopf,« sagt Klaus. »Mir ist, als säh' ich mein Leben vorüberfliegen, und doch entgeht mir kein kleinstes Schüppchen! Hör'!« – Er weist nach oben, wo in den Baumkronen dieser bange, sehnsüchtige Tausturm harft. – »Heut' tut er sanft. Gestern hat er gerast wie ein Toller.« – Vinzenz erschrickt tödlich über seinen Worten. »Man kann nicht über den Fernweg,« redet er hastig weiter. »Es wird Tage brauchen, sagt der Förster, bis sie dort aufgeräumt haben!« Das Wort vom rasenden Tollen, worüber Vinzenz so erschrocken ist, hat Klaus überhört. »Die alten, morschen Bäume nimmt er mit, – und von den jungen die, die eine schlimme Stelle haben!« Er seufzt. Er legt seinen linken Arm wieder anders, als sei er ein fremdes Ding und Vorsicht damit ratsam. »Tut er heut mehr weh?« fragt Vinzenz. »Bischen!« Klaus sagt nicht, daß er ihn schmerze, als ob er verbrüht sei. Aber schon, daß er dies Geringe zugibt, erschreckt Vinzenz. Er kennt die spartanische Art von Klaus. »Was kann es nur sein? Von so einer verrückten Krankheit hab' ich mein' Tag nicht gehört!« »Mußt nicht soviel grübeln, Klausle. Es geht schon vorüber.« Vinzenz wendet die Schnepfe am Spieß. Dabei muß er immerfort denken: »Was kann das mit dem Arm bedeuten? Gestern fing er an, ihm taub zu werden!« »Wo tut dir der – Arm – weh?« »Einerlei,« sagt Klaus. »Gott! Das ist nicht der Rede wert! – Hier!« Er hat die Manschette abgenommen und streift den Ärmel in die Höh. Zwischen Ellenbogen und Handgelenk sind zwei kleine, blaue, aufgetriebene Stellen, wie ein Halbmond, in der Mitte unterbrochen. Der bläuliche Halbmond auf der Wange von Ewert Jaspersen, wie er ihn in der Leichenhalle gesehn hat, steht plötzlich vor Vinzenz. »Wo hast du das her?« Er fühlt wieder den Schwindel und den gleitenden Sand. »Weiß nicht!« sagt Klaus gleichgültig. »Hab' kein Acht auf gehabt. Es ist kaum zu sehn gewesen bis jetzt. Ich glaube, es ist noch von Altjahrsabend, als wir den Trödel hatten mit Thor.« Und plötzlich – er hat noch nicht ausgesprochen – Klaus wirft sich vornüber. Er steht auf Händen und Füßen. Er zeigt die Zähne, als Vinzenz ihn berühren will. Auf Händen und Füßen, als sei er nie anders gelaufen, rennt er blitzschnell ein Stück in den Wald hinein. Vinzenz steht wie aus Stein. Wenn er Klaus berühren will, beschimpft er ihn mit Worten, wie sie in verrufenen Hafengegenden Brauch sind. Seine Stimme ist rauh und wüst. Plötzlich bleibt Klaus liegen, flach auf dem Gesicht, die Arme von sich gebreitet. Vinzenz tritt heran. »Klausle!« Er legt ihm die Hand auf die Schulter. Klaus schiebt mühselig aus dem Waldboden ein zerschrammtes, beschmutztes und dunkel gerötetes Gesicht. Er sieht Vinzenz an. Er weint. – Vinzenz faßt ihn unter die Arme und hilft ihm, sich aufrichten. Klaus taumelt. Er läßt sich zur Höhle bringen und aufs neue betten. Er schläft ein, kaum daß er liegt. Wie im Traum starrt Vinzenz auf die Zeitung, in die er den Zinnteller gewickelt hatte. Er liest die Notizen im lokalen Teil, als sei ihm das aufgetragen. Ein Wort in einem Knick kann er nicht entziffern. Die Schnepfe ist gebraten und duftet kostbar. Vinzenz sieht hinüber zu Klaus. Klaus atmet schwer und laut. Vinzenz faßt nach seinem Puls. 220 Schläge die Minute. Elsalills Telegramm knistert in seiner Tasche. – Er fühlt nicht mehr den Sand weichen unter seinen Füßen. – Er stürzt bereits. – Stürzt . . . – Und wieder trifft sein stumpfes Auge die Zeitung und das Wort quer über dem Knick, das er nicht lesen kann. Er nimmt abwesend das Blatt. – Es ist die vorgestrige Nummer des Hamburger Korrespondenten. Man schickt ihn täglich samt dem kleinen Stadtblättchen für Klaus. Vinzenz glättet sorgfältig die Zeitung, ohne daß er weiß, warum er das tut. Er drückt das zerrissene Wort heraus, als sei ihm das so aufgetragen. Jetzt ist es deutlich. Er liest: Tollwut. – Vinzenz steht auf. Er hält sich sekundenlang fest an dem Ebereschensämling. Er ist weit von irgendwoher gereist und sprießt schlank und fest und kahl aus dem Felsblock. Nachher geht Vinzenz hastig fort von dem Ort, wo Klaus schläft. Er stellt sich so, daß Klaus ihn nicht sehn kann. Dann liest er in der ausgeglätteten Zeitung folgende Nachricht: Zu dem einen Opfer der Tollwut, das vorige Woche die Hafengegend erregte, gesellte sich heut ein weiteres. Der Schiffskoch der Swantje, der vor sechs Wochen mit einem Beinbruch im Eppendorfer Krankenhaus eingeliefert wurde, ist unter großen Qualen gestern gestorben. Er wurde von dem bereits verstorbenen Matrosen Hinrichsen anfänglich öfter besucht. Beide scheinen den Biß von demselben Rattenfänger davongetragen zu haben, der mit seinem Herrn am Weihnachtsabend ein so tragisches Ende nahm. In beiden Fällen hat man den Hund wahrscheinlich nicht als toll angesehn. Die Wunde ist nicht beachtet worden und man hat sie vernarben lassen. Als man auf den Grund der Krankheit kam, war Behandlung durch Pasteursche Impfung bereits erfolglos. Vinzenz deckt sekundenlang die Hand über die Augen. Er fühlt seinen Puls fliegen. Steht nicht dieses wieder hinter ihm? Damals in Hamburg hat es in der Ecke gestanden, hinter dem Schrank. Und ihn angesehn die ganze Nacht. Er ballt seine Hände. – »Morgen kommt Elsalill!« Wie er in jede Hand fünf rote, kleine Male eingräbt – was hat er doch geträumt in jener Nacht? Als er aufwachte, in Schweiß gebadet? – – Er steht wieder wie aus Stein. – – – Ja, – er hat früher einmal darüber gelesen, dies mit dem Nicht-schlucken-Können. – »Wasserscheu«, sagt jemand zu ihm. Ganz deutlich hat er das Wort gehört. Er denkt daran, daß Klaus schon seit einigen Tagen gegen Getränke Widerwillen äußert. »Herr, mein Gott!« Vinzenz klettert die Mulde hinunter, wo der Schnee noch fest und körnig liegt. Er bricht einen Armvoll hinaus. Dann schleicht er sich behutsam zur Höhle. Klaus schläft noch. Er röchelt im Schlaf. Vinzenz nimmt den silbernen Becher aus seiner Jagdtasche. Er bringt über der heißen Asche den Schnee zum Schmelzen. Als der Becher halb gefüllt ist, tut er einen Schuß Rotwein aus der Feldflasche dazu. Nach einer Weile schlägt Klaus die Augen auf. Er sieht Vinzenz traurig und düster an. Wie meist klagt er über Trockenheit im Halse. »Du solltest einen Schluck trinken!« Vinzenz greift nach dem Becher. Dabei denkt er: »Wer spricht?« – Er hört seine eignen Worte wie aus der Ferne. Seine Hände sind kalt und schweißbenetzt. Klaus sieht in den Becher. Aber in demselben Augenblick schon stößt er ihn mit soviel Abscheu von sich, daß die Hälfte herausfließt. Vinzenz tritt zur Seite. Er wartet. Er zählt vor sich hin – eins – zwei – drei – vier – bis fünfzig. Dann fängt er wieder an, überredend, und immer denkt er: »Wer spricht doch nur?« Seine Hände scheinen alle Kraft zu verlieren. Gleich läßt er den Becher fallen. Aber wie er sich einen Rück gibt, ihn fest faßt und Klaus hinhält, hebt Klaus eine Faust gegen das Gesicht von Vinzenz. »Bub!« sagt Vinzenz. – »Ach, Bub!« Seine Stimme ist leicht belegt. Er stellt den Becher beiseite. Er umgreift mit beiden Händen die Faust. »Vinz!« schreit Klaus. »O, welcher Schuft bin ich geworden! Dich, Vinz, dich! – – – Gib her!« – Er stottert hastig, im Drängen Vinzenz zu Gefallen zu sein. Seine Haare sträuben sich, seine Augen quellen vor, – aber er greift mit der gesunden Hand nach dem Becher. Als er trinken will, speit er weit heraus und röchelt, und versucht wieder. Als er den Becher bis zum Mund bringt, – – »Mörder!« schreit er. »Mörder!« Er sieht wild auf Vinzenz. Mit seinen festen, großen Zähnen beißt er in das Silber, daß es einbeult. »Quäl dich nicht, Bub! Verzeih, wenn ich dich gequält hab'!« Vinzenz hat den Becher fortgeworfen. Er streichelt das schweißbeperlte Haar. Seine Stimme ist warm, aber ohne jedes Metall. Er legt Klaus den schmerzenden Arm zurecht. Er wirft ein paar Tannenzapfen und Zweige auf das Feuer. Die Schnepfe ist verkohlt, sie riecht brenzlich und quälend. Vinzenz trägt sie beiseite und gräbt sie hastig in den Schnee. »Jetzt mach ich dir deine Spritze, daß du schläfst. Hernach schaff ich dich heim.« Klaus hält Vinzenz den Arm hin. Das Morphium, vom Münchner Arzt verordnet, gibt ihm immer eine Weile Beruhigung. Er schläft nach kurzer Zeit, aber der Atem bleibt röchelnd. Der Puls stößt. Vinzenz zählt 240. Es ist spät geworden. Verirrtes Klingen geht durch die Stämme wie bange Frage und ewigstille Antwort: Die Glocken der Kapellen. »Elsalill,« sagt Vinzenz plötzlich leise. Er sieht, daß Klaus die Augen öffnet. Er hebt Klaus mit dem Oberkörper in die Höhe. Die ersten Sterne schaukeln im Netz der Zweige. – »Elsalill,« wiederholt Klaus matt. Er versucht, die Linke mit der Rechten in die Höhe zu seinem Gesicht zu heben. Aber er hat keine Gewalt mehr über seine Glieder. »Was meinst du?« – Klaus antwortet nicht. Das Lächeln um seinen Mund wird herzzerreißend. Er versucht noch einmal, die Hand zu heben. Er sieht auf seinen Ring. – Da plötzlich weiß Vinzenz. Er nimmt behutsam die linke Hand von Klaus und legt sie ihm an den Mund. Klaus küßt seinen Ring von Elsalill. »Vinz!« sagt er. »Mein Vinz!« – Er sieht ihn an. Lange, eindringlich, wiewohl ihm die Augen fast zusinken! – »Du Guter!« sagt er. Er wendet den Kopf langsam zur Seite. Als er gleich danach wieder einschläft, nimmt Vinzenz die Flinte, die hinter ihm lehnt. Wieder knistert das Telegramm von Elsalill in seiner Tasche. Aber das hört er jetzt nicht. Er dürfte auch jetzt nichts hören und nichts denken. Gar nichts. Nur daß seine Hand fest bleibt. Allein darauf kommt es an. Daß – dieses – aufhört. – Er tritt dicht vor die Höhle. Er legt die Flinte an die Wange. Wie vorhin bei der Schnepfe. Ihm ist, er sieht sich selber dabei zu. Seine Augen tun ihm sonderbar weh. Als seien Glassplitter darin. Er muß sie weit aufgerissen halten. Er zielt lange und sicher. Er trifft Klaus durch die Brust. Es ist ein Halbmantelgeschoß. Die innere Zerstörung ist ungeheuer. Klaus zuckt kaum. Noch an demselben Abend hat sich Vinzenz zum Bezirksgericht begeben. Er bittet um Beschleunigung des Verfahrens, da die Eltern und die Verlobte des Toten erwartet werden. Nicht einmal die Büchse von Vinzenz – es ist ein Doppelbüchsdrilling mit einem unteren Schrotlauf und zwei oberen Kugelläufen – hat man beschlagnahmt. Jesus, bei dem Herrn Baron ist doch so etwas nicht notwendig. Freilich, von Form und Rechts wegen muß man schon den Befund aufnehmen an Ort und Stelle. Der Ortsgensdarm mit dem Arzt und den Trägern sind mit Vinzenz zu der Unglücksstätte hinaufgestiegen. Also dem Herrn Baron seine Büchse hat nicht funktioniert heute früh. So hat er die andere genommen. Der Schrotlauf hat die Schnepfe bedient. Hernach ist der kranke Herr beim Aufstehn gestolpert und hat die Büchse vom Herrn Baron, die noch an der Felswand gelehnt hat, umgerissen, dabei ist die Sicherung des linken oberen Kugellaufes losgegangen. Der Einschuß ist unbedeutend, die innere Zerstörung sehr stark. Die Wundränder sind verbrannt durch die Nähe der Waffe beim Abfeuern. Der Tod ist sofort eingetreten. Nun, nun – es ist schon ein rechter Unglücksfall! So ein junges Blut! Und hat wollen heiraten! Und wo er dem Herrn Baron sein Freund ist gewesen! Wie der ihn gepflegt hat! – Die alte Balbina kann wohl erzählen! Recht wie eine barmherzige Klosterfrau. Zwischen allem, was sonst noch nottut, hat Vinzenz den ganzen folgenden Tag immer nach dem Hüblerbuben ausgeschaut. Er bringt aus dem Städtchen im Tal die Telegramme herauf. Elsalill hat keinen Zug angegeben. Als gegen Abend die Botschaft kommt, heißt sie: Reise verschoben! – – Elsalill hat über nichts geklagt, als über den Kopf. Sie war matt und hatte erhöhte Temperatur. Aber das schob man auf die ungeheure Spannung der letzten Wochen. Nach einem Ruhetag im Bett schien sie frischer. Sie bat inständig, Herr und Frau Andersen waren ebenso ruhlos wie Elsalill. So sollte man es wagen. Als man Itzehoe erreichte, hatte Elsalill flackrige Augen und rote Flecke auf den Wangen. Der Temperaturmesser zeigte 39. Dies konnte man unmöglich verantworten. Justizrat Andersen fuhr weiter bis Hamburg. Dort wollte er seine Frau morgen mittag erwarten. Sie brachte Elsalill zurück. Als Frau Jeß ihr Kind im Bett hatte, phantasierte Elsalill bereits. Es war ein Nervenfieber und die erste schwere Krankheit in Elsalills Leben. – – – Als Andersens nach dieser Verzögerung bei Vinzenz anlangen, ist dort schon alles vorüber. Die Nachricht hat sie nicht mehr erreicht. Klaus liegt schon tief gebettet. »Mein kleiner Klaus!« stammelt Frau Andersen. Sie kann es nicht wahr haben. »Gott weiß!« Die massige Gestalt des Justizrats scheint ein wenig lockerer, die Haut des vollen Gesichts nicht mehr ganz prall. Er preßt beide Hände von Vinzenz zwischen den seinen. Er sieht ihn an. »Gott weiß, ob es auch das beste war?« sagt sein Blick. »In all diesem Entsetzlichen das beste!?« – – Welches Glück, daß Klaus nicht in einer Anstalt sein mußte, sondern bei Vinzenz, diesem Getreuesten. Täglich hatte Vinzenz ihnen berichtet. Jetzt dürfen sie von ihm das – Letzte erfahren. Klaus selber hat einen einzigen Brief in seine Heimat geschickt: »Elsalill, du sollst Vinzenz danken für alles, was er an mir tut!« Hier – also hier ist es geschehen. – – Vinzenz hatte die Eltern des Toten zu der Höhle im Walde geführt, wo sie gerastet hatten. »Also hier!« Ein stoßendes Schluchzen erschüttert die Gestalt der Mutter. Als Vinzenz zur Seite treten will, greift sie heftig nach seiner Hand. Vinzenz führt Frau Andersen zu einem Baumstumpf und macht sie niedersitzen. Dem Justizrat erscheint es das Natürliche, als die beiden Hand in Hand bleiben. Vinzenz hat sich gestellt, daß er einen Halt für Frau Andersens Schulter bildet. »Aber klein Hella!« hört er Klaus sagen. Zugleich denkt er: »Wie ist es möglich, daß der Mutterinstinkt schläft? Die Mutter von Klaus klammert sich an meine Hand? . . .« Er steht reglos, wie ein Baum unter den Bäumen. Er sieht in die untergehende Sonne. Er sieht so klar und deutlich wie Klaus an jenem letzten Tage. Keine Nähe und keine Ferne entgeht ihm. Nicht die große Ameise, die über seinen Bergschuh klettert, oder die helle Schildpattnadel, wie sie aus dem noch immer vollen Haar Frau Andersens weit heraussteckt. »Der Justizrat hat noch seinen blauen Schlips um«, denkt er. Zugleich aber bemerkt er jedes Pünktchen auf den fahlen Matten und Geröllhalden, wie sie ins enge Tal herunterziehn. Dort hat der gefangene Fluß seinen ellendicken, gläsernen Harnisch in der Mitte gesprengt. Er tobt schmal, eisgrün, gischtgeflockt und schreit, wo die dunkel geschindelten Häuser sich um die kleine, schneeweiße Kirche drängen, wie Kinder auf den Knien um ihren Schutzengel. Er sieht die vom Hochwald schwarzsamten umhängten Kogel, die purpurblaue Hut der fernen und höheren Kuppen und das oberste kristallne Reich, wo das kühne herrschende Profil der Spitze wie in Urtrauer erstarrt steht. Er hört die zärtlichen Stimmen der Aveglocken. Sie gehen über die Berge von einer kleinen Kapelle zur andern, reichen sich die Hand und tragen die Botschaft vom ewigen Leide der Menschheit hinauf zur Barmherzigkeit Gottes. Aber hinter all diesem zieht eine einzige Bildreihe ihm ebenso klar und gegenwärtig: Das ist sein Leben. Von dem Augenblick an, da er an seiner Mutter Knie lehnte und durch das bogige Fenster in den holden Brand des Weihnachtshimmels schaute, bis zu dem letzten Kuß zum Abschied auf Elsalills Hand. Aber nichts, was irgendwo sonst geschieht in der Welt oder um ihn her, oder geschehen ist, scheint irgendwie mehr ihn zu betreffen. Er ist zusammengeschnürt mit diesem – was sein mußte: Er hat Elsalill geliebt von dem Augenblick an, da er sie zuerst erblickte. Er hat Klaus erschossen. – – Mit diesen zwei Gedanken ist er fortab allein in der Welt. »Ja, Mamachen!« Seine Stimme ist sanft und zärtlich wie besten Sohnes Stimme. Er hilft Frau Andersen in die Höhe von dem Baumstumpf. Sie will noch einmal die Höhle sehen. Nun stehen sie wieder zu Dreien vor dem Lager von Fichtenbruch. Es haftet noch irgendwo ein Hauch vom Geruch der verkohlten Schnepfe. Frau Andersen bückt sich. Sie streichelt den Fichtenbruch. Sie streichelt die Hand von Vinzenz. Sie hält sie noch fest, als er ihren Arm auf dem seinen trägt. Sie gehen zurück. Plötzlich steht Vinzenz still. Sein Atem keucht. – Hat es niemand gesehen? Diese todtraurigen Augen in dem fahlen, zerstörten Gesicht? Dieses kleine, rote Rinnsal im Schnee? »Vinzenz!« Frau Andersen wendet scharf den Kopf zu ihm herum. »Wie sehen Sie aus!« Sie bleibt stehn. »Darf ich du zu dir sagen?« flüstert sie. Vinzenz starrt sie an. Er fühlt, wie er die Mutter von Klaus anstarrt, mit weit aufgerissenen Augen. Plötzlich wirft er mit der ihm eigenen Bewegung den Oberkörper jäh zurück. »Danke. Mein liebes Mamachen, danke!« sagt er sanft. Frau Andersen fängt wieder an zu weinen. Aber leise. Erlösend. – – Sie gehen jetzt zu dritt. Frau Andersen in der Mitte. Vinzenz hält seine kantigen Schultern noch immer zurückgeworfen. Wie eine Lanze trägt er sich. Sein jäh ergrautes Gesicht hat wieder Lebensfarbe. Seine Augen sind wie die Augen von Menschen. die in den Abgrund stiegen, damit sie andern den Schwindel ersparten und den Sturz. Am folgenden Tag gehen sie zum Grabe von Klaus, auf dem Totenacker im Tal. Er birgt sich in die Hut der kleinen weißen Kirche. Vinzenz hat das Grab ganz grün überdecken lassen. Ein Kranz von Schneerosen liegt darauf. Elsalill! Als sie das Christkind wiegte! Sie sehen einander an. Die Schneerosen scheinen das einzig Lebendige an diesem Grabe. Für Frau Andersen ist Klaus viel näher und deutlicher dort oben, wo sein letzter Atem wehte. In der Nähe von Vinzenz fühlt sie Klaus. – O, warum Vinzenz doch nicht mit ihnen kommt! Wie Elsalill warten wird! Aber die Mutter von Klaus weiß wohl, daß jetzt eben sie selbst es ist, die Vinzenz verlangt. Elsalill treibt weit und fern auf den feurigen Wassern des Fiebers. Wie es jetzt steht. würde sie die Botschaft von Vinzenz weder verstehen noch ertragen können. »Später? – – Gewiß. – – Ja, bald. – – Sobald Elsalill . . .« Vinzenz verstummt. Seine Stimme versagt ihm den Dienst. – – Dann reisen Andersens wieder zurück nach Norden. Der Winter klirrt noch einmal über die Berge, wie der hundertjährige Kalender für die letzte Woche des Februar und den März ebenfalls vorausgesagt hat. Er kommt wie mit tausend scharfen Dolchen. Als alles vollbracht ist, hält er schweigende Totenwacht. – – Das Haus auf der Berghalde steht im Schnee verschüttet bis an die Fensterkreuze. Hätten sie drinnen nicht Vorräte und die Ziege im Stall, sähe es übel aus. Bei Tag schaufelt Vinzenz der alten Balbina einen Gang zum Brunnen. Windet wohl auch selber das Wasser aus der Tiefe herauf, trägt es dem froststarren Weiblein ins Haus und zerkleinert ihr Holz. Wenn dann abends zeitig ihr Schlurfen aufhört und das gewaltige Federbett ihr Greinen zudeckt – »hab ich jemals solche Grabesstille erlebt?« denkt Vinzenz. Dann ist er froh, wenn Recke heftig atmet im Schlaf, auch wohl das Fell sträubt und laut aufheult und anhebt zu träumen. Aber selbst der Hund, sein Freund, erscheint ihm fremd und fern. Er hat seine Arbeit hervorgeholt, die lange ruhte. Es gilt, seinen letzten Buchstaben, das R, ins Saubre zu bringen. Alle Vorarbeiten dazu liegen fertig in der Mappe. Aber wenn er so schreibt, Seite um Seite – – »wozu?« denkt er. »Für wen?« – – Er hat aber niemals die Fronarbeit am Lexikon im Sinne, wenn er sich vorkommt wie ein alter Mann, der so schwer geschafft hat, daß er am Ende seiner Tage wohl Ruhe verlangen dürfte. Manchmal auch gerät er an die Hefte auf dem Grunde des Schreibtisches. Pergament. Mit goldener Feder beschrieben. Dann lächelt er. Wie man dem müßigen Spiel eines Kindes zulächelt. Dies alles zählt nicht mehr. Es ist, wie wenn einer vom Leben sang und stand hinter der Mauer. Dann bleibt er wohl müßig auf seinem harten, dunkeln, hochlehnigen Stuhl. Vor zweihundert Jahren und mehr hat Künstlerhand das Wappen der Lassings in die Lehne geschnitten: Ein Schwert in Flammen und Rosen. Er hat das Schwert und die Flammen. Anders denn der Ahnherr. Nur die Rosen sind ihm verwehrt. In seine Kammer geht er erst um Morgengrauen. Noch immer steht der Geruch von Wacholder darin. Die alte Balbina hatte ihn entzündet, als auf dem einen Bettschragen eine stille Gestalt sich streckte . . . . Nachher tut der Föhn seine Arbeit. Er schaufelt schneller und gründlicher als Vinzenz. Er stürzt sich von Graten und Schroffen und schmettert Felsbrocken den Schrunden in die schwarzen, gierigen Mäuler. Oder er orgelt im Hochwald und schreit wie ein Riese, der siech ist von Liebe. – – – Um diese Zeit ist es, daß Vinzenz jedesmal, wenn er in die Schlafkammer tritt, von einem Gesicht empfangen wird. Ein fahles, zerstörtes Gesicht hält den Blick auf ihn gerichtet, düster, forschend. – – »Ja,« sagt dann Vinzenz. »Klausle, ja! Ich liebe sie. Vom ersten Tag hab ich sie geliebt. Und dein Blut ist an meinen Händen!« Dann scheint das Gesicht auf dem Schragen traurig zu nicken. Wenn es zergeht wie Rauch, reißt Vinzenz den Stutzen vom Haken. Er stürmt hinaus in den Sternenschein der schwarzen, eisigen Frühe. Der Hochwald steht wie Wehr. Das neuerliche Leichentuch auf seinem Grunde weist bereits Risse und dunkle Flecke. Dazwischen sickert und fließt es. Aber plötzlich: Horch! – Die Augenbrauen von Vinzenz ziehn sich herauf in schmerzhaften Winkeln: Dieses brünstige Lied . . . Wie Vinzenz steht, ohne Regung, wie ein Baum unter Bäumen, erblickt er ihn im zottigen Gipfel einer märchenalten Föhre: den Auerhahn, das Spiel gebreitet, den Kopf in den Nacken gedrückt. Wie matte Rubinen stehn die Augenrosen im fahlen Dämmer. Der herrische Leib unter dem geblähten Gefieder scheint zu taumeln in der Erwartung des Unerhörten. – Etwas in Vinzenz wird grausam. Es ist kalt wie das Eisen der Flinte. Oder ist es wie Feuer heiß? Er springt ihn an, den fürstlichen Vogel. Aber als er losdrücken will, – jedesmal ist es das gleiche. Es reißt ihm die Hand vom Drücker: Er kann ihn nicht töten. Nicht diesen da aus seiner Verzückung herunterkrachen. – Nicht in diesem Frühling. Kommt er dann heim, wenn die Sterne im grünlichen Himmel ertrinken und der Wald in den Tag tritt und der Tauwind einen Atemzug schweigt – ihm ist, er hört Stimmen. Die Stimmen der Mütter reden, im Urgrund. Die großen Barmherzigen, die Wissenden, deren Schoß das Leben schafft und empfängt den Tod. Und beides ist ihnen das gleiche: Leben und Tod. Dann dünkt ihn wohl immer noch, er ist allein auf der Welt, zusammengeschnürt mit dem, was durch ihn hier hat sein müssen – aber ihm ist, die »Mütter« lächeln. Weil sie wissen, lächeln sie so liebreich und unter Tränen. – – – Als Vinzenz zuerst von der Erkrankung Elsalills hörte, stürzte nicht der Himmel zusammen? Thor, Thor, Thor! – Aber alles, was dann Andersens erzählten, was die täglichen Briefe meldeten, – es verglich sich nicht mit dem Zustand von Klaus. Ihr Fieber wuchs zum Abend hin und wurde kleiner zum Morgen. Sie phantasierte, aber sie hatte weder Ausbrüche noch Anfälle, noch andere erschreckende Symptome. Sie aß kaum, aber sie trank durstig und viel. Die Ärzte – Deichgraf Jeß hatte in großer Sorge einen Hamburger Arzt kommen lassen – waren durchaus entschieden, es handle sich um ein Nervenfieber. Die Marter darüber, daß Zusammenhänge bestehen könnten, daß die Linie Ewert Jaspersens Hund – Thor – Klaus – bei Elsalill enden könnte, durfte er wohl entlassen aus seinen Gedanken. Auch am Meer waren die Tage und Nächte wild um diese Zeit. Wie die Äquinoktien sie zu bringen pflegen. Das waren die Nächte, in denen Olsen-Großmutter Piet hatte kommen sehen, und die vielen, vielen andern. Nur selten stand der Nordwest am Abend mit der Flut. Dann horchten die Wetterkundigen und warteten, ob das Weltmeer den engen Paß zwischen Norwegen und Schottland erstürmen würde, und dem Aufrührer, dem blanken Hans, Soldtruppen schicken. Wenn dann Südwest aufsprang und gegen seinen nordischen Bruder sich anwarf, dröhnte und klaffte die Küste unter ihren Beinschienen und Schildschlägen. In diesem Jahr trieben die Eisschollen wie schwimmende Festungen von Norden herunter. Mit ihren groben Geschützen berannten sie die Deichkronen. »Klaus!« rief in einer dieser Nächte Elsalill laut und klagend. Sie setzte sich auf in ihrem Bett und streckte die Arme aus, als solle man ihr ein Kindlein zu halten geben. Draußen im Garten sägte der Sturm die Äste von den Riesenbäumen, daß sie schrien. In allen Häusern, dem Hafen zu, war Licht. Die Kellerluken wurden mit Schotten und Pferdemist dicht gemacht. Wagen, mit Sandsäcken beladen, knirschten über das holprige Kopfpflaster der kleinen Straßen zum Deich heraus. Elsalill flüsterte zärtlich. Sie streichelte ihre eigene Hand und den Ring an ihrer Hand. Sie tröstete. Sie beschwor. Sie klagte. Zuletzt seufzte sie tief und schmerzlich. – – – Der Deichgraf war die ganze Nacht nicht vom Pferd gekommen. Da, wo die beiden Hunde ineinander verknäult den Deich herunterrollten, Weihnachtsabend, hatten die Schollen ein klaftertiefes Loch in die Dossierung gerissen. Dorthin gehörten die Sandsäcke, die Kleikarren und das Stroh. Es war wilde Arbeit. Den Männern strömte der Schweiß. Die Kommandos des Deichgrafen übergellten den Sturm. Gegen Morgen war es geschafft. Als der Deichgraf, bis an den Gurt mit Klei bespritzt, die Tür behutsam aufklinkte, setzte sich Elsalill in ihrem Bett in die Höhe. als hätte sie nur auf ihren Vater gewartet. »Klaus ist tot!« sagte sie. Ihr klarer, trauervoller Blick ging zwischen ihren Eltern. Frau Jeß, die die ganze Nacht im Lehnstuhl neben Elsalills Bett gesessen hatte, brach in Tränen aus. Elsalill weinte nicht. Das Fieber kam noch einmal zurück nach diesem. Aber als sich die Stürme legten, schien auch seine Kraft gebrochen. Bald blühten die Märzglocken in den Gärten der Kavalierhäuser. Von da ab ging es stetig voran mit Elsalill. Den Namen von Klaus hatte sie nicht mehr ausgesprochen. – – – An Palmarum bekommt Vinzenz einen Brief. »Warum lassen Sie mich so lange harren?« – Diese wenigen Worte sind mit der alten, schönen und klaren Schrift Elsalills geschrieben. »Ich komme!« telegraphiert Vinzenz. Er packt für eine Woche oder zwei. Instruiert die alte Balbina. Macht sein Manuskript fertig für die Post. Mit dem Frühzug will er fort. Diese Nacht legt er sich nicht zur Ruhe. Er bleibt vor seinem Schreibtisch auf dem dunkeln, hochlehnigen Stuhl mit dem flammenden Wappen der Lassings. Fortwährend grollt es in der Ferne. Wie fernes, grobes Geschütz. Jenem Herold, der unbegreiflich frühen Laane damals im Februar, folgt jetzt das ganze Aufgebot! Strahlend wie Silber und unerbittlich reitet der Tod zu Tal. An den Südhängen hatte bereits die Sonne angefangen. Der Schnee kochte auf, blasig und zerging. Immer weiter hob die Sonne die weißen Totentücher an den Zipfeln in die Höh'. Das Land ergrünte unter Freudentränen. Die Luft fing an, nach Erde zu riechen und jungem Grase. Nach Keuschheit und Wachstum und Leben roch die Luft. Aber es war noch immer etwas zu überwinden. Die Sonne allein vermochte es nicht. Sie holte die Frühlingsregen. Diese Regen, über die sich die Vögel nicht zu gut geben können vor Freude. Sie erweichten den letzten Frost tief in der Erde. Die härteste Knospenhülle machten sie nachgiebig. Fast die ganze letzte Woche hatte es geregnet, zuerst strömend, atemlos. Dann mild. Plötzlich hörte es auf. Morgen würden unter allen Hecken die Schneeglöckchen blühen, die blauen Leberblümchen und die Anemonen, und die runden, braunen Kirschenknospen im Tal und die der Pfirsiche würden mit weißen und rosa Schlitzchen prunken. – Vinzenz, der alle die Nächte dem Regen zugehört hat, empfindet die plötzliche Stille, wie wenn jemand, der ihn behütete, fortgegangen sei. Es ist die allerstillste Stunde der Nacht. Ehe der Morgen kommt. Vinzenz zuckt plötzlich zusammen, seine Augen starren weit geöffnet hinaus in das erste milchige Braun: Dies – dies? – Es ist nicht mehr die ruhevolle Melodie der Tropfen, die sein Herz gewiegt hat. Ist es der erste Star? Er lauscht. – Und dann kommt es zu ihm, über das Sieden des Bluts in seinen Ohren: taumelnd wie Traum, brunnentief. Süß und trunken und gewaltig wie das Leben. – Die erste Drossel singt. In dem Fliederbusch nistet sie. Vor der Tür. Elsalill! El–sa–lill! – Vinzenz hört das Knirschen seiner eigenen Zähne. Seine Nägel, wie ihm die Hand auf dem Manuskript liegt, graben sich in seine Handfläche. Alles, was in diesen todeinsamen Nächten flüsterte, was der Tausturm heraufwühlte, was in den Bäumen kochte und gährte und was der Auerhahn sang, – trunken in Verzückung, – alles, weiß Gott all dieses – alle uralten Erdgeheimnisse quellen aus dieser kleinwinzigen Vogelkehle. Vinzenz preßt die Hand auf die Stelle, wo sein Herz diese harten, dumpfen Stöße tut. »Blut und Wesen! Blut und Wesen!« sagt dieses Stoßen, regelmäßig, wie der Pendel einer Uhr. – Was hilft es dem Menschen, der den Weg zum Letzten anders sucht als durch sein eigenes schlagendes Herz? Und plötzlich steht ein bleiches, zerstörtes Gesicht dort an der Kammertür. – – – In diesem Augenblick verstummt jäh draußen das Drossellied. Hinter dem Fenster des kleinen Hauses hat es geschrien. Wie wenn einer stirbt. – – – Die alte Balbina bekreuzt sich im halben Schlaf. »Mariand Joseph!« Die Rauchnächte sind doch vorbei! Recke ist aufgesprungen. Er drängt winselnd den Kopf seinem Herrn zwischen die Knie. Der hört ihn nicht. Er hat die Arme über den Tisch geworfen; sein Kopf liegt dazwischen, wie fremd dem Körper, auf dem Holz des Tisches. – – – – – Zuletzt kommt der Morgen. – Einmal wird es ja sein müssen! Einmal wird Vinzenz Elsalill gegenüberstehn. Aber jetzt noch nicht. Er will ein Telegramm seinem Brief hinterdreinjagen. »Reise unmöglich. Verschoben!« Der Hübler Bub von der Post und er prallen aneinander bei der Wegbiege. Fast kommt der Bub ins Straucheln. Er lacht. Er trägt gern Botschaften herauf zum Herrn Baron. Vinzenz kehrt sich ab, wie der Junge erwartungsvoll steht. Er reißt den verklebten Zettel vonsammen: Frau Jeß und Elsalill sind vor einer Stunde in München eingetroffen. Heute abend werden sie hier sein. – »Elsalill! El–sa–lill!« Wandern die Berge um ihn her? Singen die Bäume? Ergrünt der Stein? Elsalill! Das Schicksal befiehlt. Nicht er. Wohlan. – Es ist plötzlich ausgemacht bei Vinzenz, daß Elsalill und ihre Mutter bei ihm oben wohnen müssen. Herr und Frau Andersen waren im »Eisenhut« abgestiegen, unten in der kleinen Stadt. Jeden Morgen hatte sie der Schecke im Wäglein heraufgeschafft. Aber Elsalill, die eben vom Krankenbett Erstandene! Heroben muß sie doch wohnen. Wo die Luft wie lauter Kraft und Leben weht. Der Hübler Bub steht noch. Alsdann – hier wär' eine halbe Krone. Und ob die Mutter wohl daheim ist und ein wenig Zeit hat heut? Daheim war sie schon. Und Zeit – für den Herrn Baron . . . Es scheint weiter keiner Auskunft zu bedürfen. Der Bub springt talwärts mit der Botschaft. Als Vinzenz noch mit dem Fleischer um den Lendenbraten unterhandelt und die Kalbshaxen, begegnet ihm die Hübler Gundel bereits bergauf. Hat gleich etliche Pfund Schmierseife, neue Hadern und Putzpulver erhandelt. Möcht' fein nötig sein für die Wirtschaft von der Balbina. Der Herr Baron ist wohl zufrieden. Und wenn der Bub – er hat ja Vakanz auf die Ostertage . . . Ja, da steht er schon, der Bub, lacht über das ganze winterhelle Gesicht. Ei, freilich, alle Hand' kann man brauchen, da heroben, heut. Die Fleischersfrau packt gleich der Gundel den Braten auf den Tragkorb und ein halb Dutzend Würste. Sie hat die strammsten ausgesucht. Mariand Joseph, dem Herrn Baron tut man wohl recht gern einen Gefallen. Er weiß das gar nicht. Aber sie sind ihm alle zugetan, dem ernsten, dunkeln Mann. Er macht keine überflüssigen Worte, wenn er einmal zu Tal steigt. Aber – ob's um eine Hochzeit geht oder um eine Leiche oder einen Prozeß – er weiß immer das richtige Wort. Und die gnädige Frau Mutter! So goldhell, so traurig – und so gut! Und der Herr Baron in München, der den jüngeren Bruder um alles gebracht hat, wo g'rad' derselbige so hängt an der Heimat! – So wenig Vinzenz mit denen im Tal in Berührung kommt, so viel wissen sie von ihm. Die Burg der Lassings da oben auf der Bergklinge und die kleine Stadt, die haben zusammengehört, so lange man denken kann. Vielleicht sind es nicht immer die herzlichsten Gefühle gewesen, die oben und unten miteinander verbanden. Aber es sind dafür die starken und eisernen Reifen der Treue, die das Gefäß zusammenhalten, bis ein neuer Wein eine neue Kraft und Seele hineingibt. – Nun, der junge Herr Baron da oben, der Einspannige – das war der neue Wein. Niemand hat es gesagt. Aber alle wissen's, wenn seine Lampe da heroben oft brennt früh bis zum ersten Hahnenkraht: Um die alte Heimat geht's. In Salzburg, in Wien, in München – leicht hätt' er's schöner gehabt. Irgendwo sonst. Aber nein – da oben – beinah' in der Einöd, nur daheim! Und dann, wie er mit dem Freund ist umgegangen! Das weiß man doch wohl auch! So etwas spricht sich doch herum! Wie eine barmherzige Klosterfrau, sagt die Balbina. – Der Herr Baron tritt aufs Gäßchen, vom Fleischer heraus. Die Bratenschüssel fällt ihm ein mit der ausgebissenen Ecke. Für die drei Mittage mit Andersens hatte den Schaden notdürftig ein Fichtenbruch verheimlicht. Aber ob er am rechten Fleck wird liegen, der Bruch, wenn Elsalill von der Schüssel nimmt? – Er steht und nagt an der Unterlippe. Sie kommt in das Haus eines Jägers, eines Einspannigen. Wie soll er's seiner Frauenart richten an einem Tag!? Jesus! – Wirklich, er weiß nicht, wieviel Freunde er hat, der Herr Baron! Wie ein Lauffeuer hat sich's verbreitet: Besuch kommt herauf! Zwei Damen von weither! Eine alte und eine junge! Jesus! – – Die Frau Apothekerin, die Tochter vom reichen Ochsenwirt, die in Pension war, sucht heraus: feine Bezüge für die Betten, Damast auf den Tisch. Sie packt Körbe hoch – feines Geschirr und Glas, Eingemachtes, Oblaten, Makronen, Zimmetplätzchen. – – Freilich, der Herr Baron könnt' schon selber anschaffen, wenn er erst nach Innsbruck fährt – viel Schöneres noch. – Bloß unterdeß. Die Pfarrwirtin hat einen kaffeebraunen Schinken. Sie hat ein halb Schock Eier, einen Teppich und ein gepolstertes Ruhebett. Aber wozu denn erst zum Tischler? Wenn doch im »Eisenhut« ein Bett zu entbehren ist? Eine Waschkommode mit Marmor und die Lampe auf Hirschzacken gesetzt? Die vom »Goldenen Ochsen« brauchen sich auch nicht aufspielen extra. Wenn's dem Herrn Baron gefällig wär'. Und wenn er's schon nit anders tät mögen . . . Das läßt sich ja gut machen mit einem Fuchsbalg. Der gibt einen nötigen Fußsack für den Schlitten im Winter. Ein richtiger kleiner Kastenwagen zieht herauf auf den Berg. Noch nicht zehn hat die Turmuhr geschlagen. Der Lehrer, bei dem Vinzenz manchmal einen Abend verplaudert oder ihm zuhört, wenn er seiner Geige die Seele ausfragt, der hat durchaus seinen Stuhl, weich wie ein Daunenbett, auf den Kastenwagen herauf haben müssen. »Pfüat Gott, Herr Baron!« Ja, die junge Dame – es war immer nur die Rede von der jungen – sie sollt's schon recht gut haben, da oben. Ist's nicht, wie wenn die Königin Braut sollt' einziehen? – – Als Vinzenz am letzten Hause vorüberkommt, schon auf halber Höhe, laufen zwei Kinder hinter ihm drein, blankes Gold in den Händen: Himmelsschlüssel! Vinzenz fühlt sein Herz wunderlich. Es tut nicht mehr diese schweren, dumpfen Schläge der Nacht: »Blut und Wesen – Blut und Wesen« – wie harte, regelmäßige Perpendikelschläge der Uhr. »Sie kommt! – Sie kommt! Sie kommt!« schlägt sein Herz. – – Nun – er hat sie nicht gerufen. »Es würde alles kommen, wie es kommen mußte.« Aber nun will das Schicksal ihm dieses Hiersein schenken, diese kommenden Tage. – Für ein ganzes, langes Leben werden sie ausreichen müssen. Er setzt die Zähne aufeinander. Er wirft die kantigen Schultern zurück. Das, was so zu ihm kommt, das ist sein. – Als er auf der Höhe anlangt, schwimmt ihm sein Häuschen bereits entgegen. Die Hübler Wirtin weiß, was sich gehört. Es nutzt der alten Balbina wenig, wie sie zetert und mit geschürzten Röcken durch die Seen steigt, g'radstelzig wie ein Storch. Aber dann wird auch die alte Balbina noch einmal von dem Teufel längst überwundener Lebensjahre, vom Ehrgeiz, gepackt. Sie knotet über das rotkarierte Kopftuch noch ein blau- und weißgepunktes. Nun ist sie zugfest. Jetzt brauchen die Weberknechte in den Stubenwinkeln sich nicht weiter auf ihre langen Beine zu verlassen. Es hilft ihnen doch nichts. Sie werden aus ihren geheiligten Asylen vertrieben zusammen mit Tünchabfall, Tannensamen, Motten und Fliegenleichen, rostigen Stahlfedern, Fichtenschuppen und Staub! Diesem samtnen, grauen, ewigen Staub. Ja, nun noch Sand auf die nassen Scheuerdielen. Die Zinnleuchter geputzt. Die Fenster blank und Föhrenkloben in die Ofen, daß sie krachen und ballern! Vinzenz ist noch einmal davongejagt, zu dem Hang nach Norden hin, mit seinen langen, federnden Beinen. Indessen sieht die Sonne zum Rechten. Sie freut sich der schönen, fremden Dinge aus dem Tal, die Treue und Zartheit des Herzens gespendet. Aber recht gern verweilt sie doch auch bei ihren alten Bekannten, den klafternden Hirschgeweihen an den Wänden, den Büchern in den hohen Regalen; und vor allem bei dem holden, traurigen Frauenbild in dem florentinischen Goldrahmen über dem Schreibtisch. Als die Sonne weich und zögernd über ein blühweißes Kopfkissen gleitet, geht draußen die Haustür: Vinzenz. Er hat noch Schneerosen gefunden, beide Hände voll. – Elsalill und ihre Mutter werden in seiner Schlafkammer wohnen. Sie ist nicht sehr groß, aber traulich mit der ragenden grünen Ofenburg und dem Wohnzimmer daneben. In das andere, die größere Schlafkammer, wo noch die zwei Bettschragen stehen, von – damals her – nein, da hinein kann er Elsalill nicht bringen. Und dann ist es so weit. – – – O – dies ist Elsalill?! – Man fährt hinauf im Wägelchen vom »Eisenhut«. Hinter allen Gardinen sind Gesichter. Niemand hat es denen im Städtlein verraten. Aber alle wissen es. Das ist die Braut von dem fremden Herrn, der so krank war und so schrecklich um sein Leben kam. – Das ist die Braut des Freundes vom Herrn Baron. Wie die hochheilige Jungfrau auf den Verkündigungsbildern! So zart, inbrünstig zusammengerafft. So schmerzhaft weiß wie die Gottesmutter mit den sieben Schwertern. Bloß – sie lächelt! Der Schatten eines Lächelns flattert um ihre Lippen. Sie hält sich hochauf, wiewohl die Fieber sie so durchsichtig machten. Nein – sie deutet wohl nicht auf das durchbohrte Herz in ihrer Brust. Zuerst sieht sie nichts um sich her, nicht die Berge, nicht die Menschen. Sie sieht auf Vinzenz, der ihr gegenübersitzt. Ihm gilt der flatternde Schatten ihres Lächelns. Dann, als sie merkt, wie er hierher grüßt und dorthin – sie ist es nicht anders gewöhnt von daheim – auch sie nickt und nickt – als seien dies die Leute ihrer Heimatstadt, die sie von Kind auf gekannt und geliebt haben. Sie ist lange Zeit fort gewesen. Nicht wahr? Sie hat Leid erlitten. Jetzt kommt sie zurück. Sie stehen bereit. – Diese Fahrt quält sie ebensowenig wie der erste Ausgang nach ihrer Krankheit in der kleinen, grauen Stadt an der Westküste. Frau Jeß hat sich sehr vor diesem allen gefürchtet. Jetzt schöpft sie Mut. Sie ist königlich wie immer. Nur ein paar seine Linien machen sich bemerkbar unter den Augen und um die Mundwinkel. Und wenn sie sich unbeobachtet glaubt, läßt der stattliche Körper sekundenlang wohl ein wenig nach. In dem kleinen Städtchen zwischen den Bergen herrscht arge Geschäftigkeit. Ist nicht morgen Aschermittwoch? Die länglichen Körbe stehen schon bereit, samt den weißen Tüchern, zum Auslegen. Bald werden die goldbraunen Osterbrote mit aufgelegtem Kreuz, der Honig, die Eier, das Grünzeug, wohl gar der Schinken in die Kirche getragen, daß Weihwedel und Segen sie aussondern vor ihresgleichen zur Erlesenheit der Festspeise. Die Kirchtür steht offen, als das Wäglein vorüberfährt. Wie eine rote Rose blüht die ewige Lampe im bläulichen Duft. Hier im Tal ist der Frühling schon weiter vorgeschritten als daheim. Dort sind Elsalills Blumen, die Krokus im Schloßgarten, eben verblüht. Irgendwoher kommt Hyazinthengeruch, und die Pfirsichspaliere an den Südmauern sind umflort wie von Morgenrot. Die schwarzen Ahornzweige sind goldgetupft. Dort stehen Kastanien. O diese Knospen! Geschwellt und braun, wie lackiert. Wenn sie erst fächern werden und die Kerzen aufstecken! Die im Wagen sehen an ihnen in die Höhe. Sie sprechen von den Bäumen, von den Blumen, den freundlichen Menschen. Von dem einen haben sie noch nicht gesprochen. Hernach geht es bergauf. Ergrünende Hänge entlang. Irgendwo murmelt es. Eine Quelle, verdeckt vom Gefels. Überall sind Vögel: gefleckte Stare, winzige Goldhähnchen mit schimmerndem Kamm, Finken. Eine Hummel brummt glockentief. Die Luft ist leicht wie Schaum, und die Wolken festlich gewandet. Zuletzt sind sie auf der Höhe. – – – Elsalill sieht sich um in der niedrigen Stube. In weniger als zwölf Stunden ist sie heimwarm geworden, als hätte man hundert Heinzelmännchen Grütze dafür versprochen. Elsalill weiß es nicht, aber sie fühlt: Hier ist etwas geschehen um ihretwillen. Für sie ist diese Stube so traut. Sie grüßt die Dinge wie alte Verwandte, die man niemals gesehen hat. Aber man kennt sie aus der Liebe der andern. Lange steht sie vor dem schönen, traurigen Frauenbildnis. »Sie haben ihren Mund, Vinzenz. Alle ihre Gedanken gingen durch ihr Herz. War sie eine Dichterin, Vinzenz?« Vinzenz erschrickt. Wie weiß sie alles Letzte? Auch von den Heften, zu unterst in seinem Schreibtisch verstaut? Eines ist darunter, die Seiten bedeckt mit zarter, zum Ende der Zeilen hinaufeilender Schrift; auch Verse, Verse von seiner Mutter, blutheiß und bebend wie Saiten im Wind. Er sagt es zu Elsalill. Frau Jeß ist in ihrer Kammer nebenan. – »Wird sie jetzt nach Klaus fragen?« denkt Frau Jeß. Elsalill soll weinen. Endlich einmal weinen. Aber Elsalill fragt nicht. – Hernach geht man zu Tisch. Die Petroleumlampe, auf Hirschzacken gesetzt aus dem »Eisenhut«, malt einen honiggelben Kreis auf das Damasttuch der Frau Apothekerin. Man ißt die Hähndeln von der Hübler Gundel, beim Herrn Dechant im Dienst, kunstmäßig bereitet, den Schmarren, die eingemachten Aprikosen und das flaumweiche Osterbrot. Liebe hat gespendet, gesotten, gebacken, gebraten. Heimat ist um den Tisch. Zum erstenmal seit ihrer Krankheit ißt Elsalill. Alles, was Vinzenz ihr vorlegt und wozu er sie nötigt, ißt sie. Die Fahrt strich mit weichem Pinsel einen Hauch von Rot über ihre Wangen. Er wird wie Flaum auf der Frucht, da der dunkle Tiroler Wein durch ihre Kehle fließt. Sie ist durchscheinend wie die Kehle der Welserin. Jetzt fangen sie wieder an von den freundlichen Menschen. Von denen hier und von denen daheim. Auch von der Reise, den Stürmen, der Flut und dem Krokusblühen. Von dem einen reden sie nicht. Die alte Balbina trägt ab. Nur das Obst steht noch auf dem Tisch und die rubinrote Karaffe. Da nennt Vinzenz zuerst den Namen. Er fängt an von Klaus, wie er ihn in Tübingen gekannt hat, beim Wein. So heiter, so stark, niemals unmäßig, nie laut, nur ganz Sonne und aufgeschlossen. Elsalill hebt leicht die Augenbrauen. Dann begreift sie. »Er mußte dich rufen!« denkt Elsalill. »Mein Klaus, nun bist du hier. Du hättest zur Tür hereintreten mögen hinter meinem Rücken. Dann hätte ich sterben müssen!« »Sterben?« denkt Elsalill. »Sterben?« Sie sieht grübelnd auf den purpurnen Grund ihres Glases. Dann hört sie die andern weitersprechen. Von früher. Kinderspiele leben auf. Unschuld, Jugendübermut. Die rote Inbrunst der Heide steht um sie her. Die Weite und das Geheimnis des Meeres. »Wie ist mir?« staunt Elsalill. »Klaus wächst, wie Vinzenz von ihm redet!« Sie sieht zu Vinzenz hinüber, zu ihrer Mutter. »Jetzt?« fragen ihre Augen. Frau Jeß steht auf. Sie gäbe alles, könnte sie zuvor Elsalill in die Arme nehmen. Aber – sie gibt ihr nur den Blick zurück. Sie geht zu dem alten Roßhaarsofa. Ihr Strickzeug liegt schon bereit. Elsalill kommt noch einmal zurück. Sie ergreift die Hand ihrer Mutter. Sie tut, was nicht Brauch ist an der Westküste: sie küßt ihrer Mutter Hand. – Dann geht sie mit Vinzenz. – – – Frau Jeß sieht den beiden hinterdrein. Die hohe, dunkle, kantige, biegsame Männergestalt, Elsalill weiß wie Licht und wie von innerlichem Schein. Diese zwei . . . Die gleichfalls helle nordische Haut von Frau Jeß überfließt plötzlich blutrot, wie bei einem jungen Menschen. Die Deichgräfin rückt die große Gemmenbrosche zurecht. Eine seltene Verlegenheitsbewegung bei ihr. Sie greift hastig zum Strickstrumpf. – – – Wer hob zuerst die Hand? Wer will es sagen? Es ist wie damals, als sie zum Sterben von Olsen-Großmutter gingen. Die Finger von Vinzenz und Elsalill haben sich ineinander verschränkt, als sie die Schwelle überschritten. »Hier, Elsalill, hier!« Elsalill steht vor dem Schragen, Vinzenz hat Fichtenbruch über das weiße Linnen verstreut. Zu Häupten liegt ein Strauß Schneerosen. Elsalills Hand gleitet leicht über das Grün. »Soll ich gehn, Elsalill?« Vinzenz sagt es wie vom jenseitigen Ufer. Elsalill schüttelt den Kopf. Als wäre sie mit Gott allein, kniet sie nieder. Sie legt die Arme um die Schneerosen. Sie schmiegt ihr Gesicht zu ihnen wie zu einem andern geliebten Gesicht. Dann ist es, als ob der Tausturm noch einmal zurückkommt. Er schüttelt ihre Glieder und ihren jungen Leib. Elsalill weint. Zum erstenmal nach dem Tode von Klaus. Nicht lautlos wie damals am Heck. In tiefen, klagenden Tönen weint sie, wie ein verlassenes Kind. Vinzenz steht neben Elsalill. Er rührt sich nicht. Jetzt ist er nicht mehr am fremden Ufer. O nein. Er ist ganz nah. Nah. – Er sieht draußen die Sterne aufziehen, groß, wissend. Er hört den Ruf des Kuckucks, des Totenvogels. Aber er hört auch den zitternd durstigen Liebesschrei des Kauzes. Die Drossel hört er aus dem Fliederbusch neben der Haustür. Taumelnd wie Traum und brunnentief. Wie in jener Nacht. In jener Nacht . . . Alle uralten Erdgeheimnisse quellen wie Purpur aus dieser kleinwinzigen Kehle! Elsalill weint noch immer. Vinzenz steht regungslos. Nein, er ist nicht mehr jenseits des Stromes. All dies rundum ist in ihm. – Wie damals. – Aber das ist das Wunder: auch Elsalill ist in ihm! Jeder harte, dumpfe Stoß seines Herzens muß ihr weh tun. Da denkt er plötzlich der Lassings, die in Harnisch und Stahl gingen. Kann man nicht sein Herz herausreißen und allzu wildes Schlagen zerdrücken mit dem eisernen Handschuh? Ein Lächeln voll Güte geht um seinen Mund. Dann steht er wieder, wie ein erzner Ritter. Er bewacht Elsalill vor sich selber. – Eine Stunde mag dies gewährt haben. Frau Jeß erträgt es kaum länger. Als sie aufsteht, hört sie Elsalill sprechen. Sie setzt sich noch einmal. »Vinzenz,« – Elsalill hebt ihr Gesicht auf von dem Laken mit den Schneerosen – »Du sollst mich nicht mißverstehen.« Elsalill weiß gar nicht, daß sie das »Du« zwischen ihnen eingeführt hat. Ihre Stimme, die sich hart machte, fängt an zu zittern. »Ich weinte, daß ich um Klaus nicht so trauern kann . . . ich meine . . . nicht wie . . .« Sie sieht sich gepeinigt um. Ihr Gesicht spannt sich, ihr Körper zuckt. »Vinzenz!« schreit sie plötzlich. Sie stürzt sich zu ihm hin wie zu ihrem Retter. »Was ist das, Vinzenz? Ich liebte ihn doch?« Die Worte zerbrechen ihr. Er nimmt ihre Hände in die seinen. »Du liebtest ihn, Elsalill!« sagt er fest. »Quäl dich nicht um das Wie. Gott weiß, du liebtest ihn.« Elsalill lauscht, wie wenn gute Botschaft von ferne kommt. Die Spannung ihrer Glieder löst sich, und das Zucken läßt nach. Ihr Gesicht wird kindlich. – Plötzlich zieht sich die Stirnhaut über ihrer Nasenwurzel wieder zusammen. Ihre Augen fangen aufs neue an, schmerzhaft zu grübeln. – »Wirst du mir das Letzte erzählen?« »Habe ich laut geschrien?« denkt Vinzenz. Nein. Er vergißt, daß er sein Herz im eisernen Handschuh hält. Kaum wie der Schatten eines wehenden Rauchs ging es über sein Gesicht. Er bückt sich hastig über Elsalills Hände: Nur einen Atemzug lang nicht ihm in die Augen sehen. »Um meinetwillen!« Er stammelt. »Wartest du noch um meinetwillen?« – »Du Guter,« sagt Elsalill. Sie gebraucht die Worte von Klaus, unendlich süßer Barmherzigkeit. Als Vinzenz sich aufrichtet von ihren Händen, beugt etwas Elsalills Gesicht nach vorn. Sie tut und weiß kaum. Sie küßt Vinzenz auf die Stirn. Als sie es tut, erscheint alles gelöst und beruhigt. – – – – Ostern! Ostern! Noch nicht der Auferstehungsmorgen. Erst noch Karfreitag, wenn die Kirche im Tal schwarz verhangen steht. Die Lichter brennen um den hingegebenen Heilandsleib. Die Nägelmale in Händen und Füßen tropfen rot unter den Lichtern. Die Speerwunde in der Seite, wo Blut und Wasser ausging, fließt neu, und unter den Dornen über der Stirn rinnt es dunkel zusammen. Die ganze Kirche ist in schmerzhafte Nacht gesunken. Nur die Wunden strömen und brennen. Die alte Balbina ist auch gegangen und hat die armen Füße geküßt und die Hände. Nach ihrem runzligen, zahnlosen Munde beugt sich die seine Apothekersfrau und ihr unschuldweißes Kindlein darüber. So fort, so fort. Küsse und Tränen, gemurmelte Gebete, Grabesdunkel. Aber einmal ist die Nacht überwunden. Tod, wo ist nun dein Stachel? Hölle, wo ist nun dein Sieg? Da möchte Glocken- und Orgelstrom in der Inbrunst des Jubels den kleinen, weißen Kirchenleib gleich zerreißen. Da will er zerschmelzen in der Flut des Lichts: Kein Altar und kein Bild, das nicht in jungem Laube schwimmt. Da blühen alle Wunden wie Rosen. Da duften sie süßer denn Würznägelein. Wo ist noch der Tod? Wenn einer ihn überwand? Leben bricht auf wie Frühlingskeimen. Ewigkeit dehnt sich wie die helle Weite des Frühlingshimmels. Überwundene Winternacht. Überwundene Schmerzensnacht. Ewige Wiederkehr. Auferstehung. – Frau Jeß hungert nach Gottesdienst in diesen Tagen. Sie weiß keinen Gründonnerstag ihres Lebens, da sie nicht zum Tisch des Herrn gegangen wäre. Im schwarzseidenen Kleide mit ihrer Familie. Aber die nächste protestantische Kirche ist mehr als fünf Stunden entfernt. Sie könnte nicht hinüber über den Mauerring ihres Bekenntnisses. Vinzenz ist nach seinem Vater lutherisch getauft. Aber seine Mutter hat zu oft in der Talkirche gekniet. Auch Vinzenz tritt dort ein, wenn er ein Rufen spürt, im Vorbeigehn, beugt ein Knie, erfühlt den Gott, der Geist ist und überall sich schenkt, wo man inbrünstig sein begehrt. Das hätte Frau Jeß nicht über sich vermocht. Sie hat die alte Bibel von Vinzenz vorgenommen am Ostermorgen. Mit den Messingschlössern, den Bildern und herrlich verzierten Majuskeln. Die Predigten des Meisters Eckehart, seines heimlichsten Freundes, hat Vinzenz ihr auch gebracht. Aber Frau Jeß klappt sie wieder zu. Sie sind ihr zu kühn, zu hemmungslos verwegen. Sie kann nicht auf brausendem Grat sich halten in der Todeinsamkeit, nur die feurigen Bernsteinaugen der Bergadler über sich, ihre klafternden Schwingen, ihre Sonnenschreie. Sie braucht die gesetzte Ordnung, die Straße mit den Meilsteinen, die große, feste, führende Hand. Elsalill hätte mit Vinzenz wohl in die Talkirche gehen können. Aber nicht heut. Nicht heut. – – Die alte Balbina trägt ein geweihtes Stück Zunder aus der Kirche herauf. Neue reine Glut soll das gelöschte Herdfeuer entzünden. Das Alte ist vergangen. Siehe, es ist alles neu geworden. »Wie wir uns begegnen im alten lieben Heidentum,« sagt Elsalill. »Wir haben die Vogelgarbe zu Weihnachten, das kluge Herrgottsvöglein, die Schwalbe. Unsere Störche wissen, wenn ein Haus verbrennt! Ihr habt das Osterfeuer!« »Und um Mittsommer das Julrad die Berge herunter.« Vinzenz sieht sie glücklich an, als ob man vergessen könnte. »Wir streuen Mehl in den Wind, wenn er gar zu arg tut, wir füttern das Feuer, daß es uns treu bleibt, wir haben die Rauchnächte wie ihr!« Elsalill hat heut früh gesehn, wie die alte Balbina dem neuen Herdfeuer eine schöne, saftige Schinkenscheibe zu essen gab. »Ja,« sagt Elsalill. »Und dann hat der weiße Christ Mitleid gehabt mit den armen entthronten Göttern und hat ihre Feste und Zeichen und Bräuche übernommen. Nun sind sie tiefer und heiliger dem, der darauf achtet!« »Dem, der darauf achtet! Ist das nicht das Geheimnis aller Dinge?« denkt Vinzenz. Sie wandern zu zweit den Grat entlang, dem Hochwald zu. Sie wandern die uralte Heerstraße, die Straße, die alle nordische Sehnsucht kennt! Vinzenz hat sie Elsalill gezeigt: die drei Gnomenschüsselchen. Es sind dünne Goldmünzen mit römischer Prägung. Vom Wurzberger Sepp hat er sie gekauft. Der hat sie zuvor den zähen Wurzelfingern einer steinalten, zottigen Rottanne entwühlt, als die Straße ausgebessert wurde. Anderthalb Jahrtausend haben die blanken Dinger hier oben gelegen. Nachdem die römischen Legionen aufhörten, kamen die römischen Mönche, die brachten den weißen Christ. Hinwiederum drängten die reisigen Scharen von Norden ins Welschland. Die Maultiere der Fugger und Welser trotteten schwer beladen. Schilde krachten an Harnische auf der Fahrt zum Heiligen Grabe. Südlicher Wohllaut, Farbenglut, Form, Gebundenheit, erdhaft sicheres Beruhen zog zur steilen Inbrunst gotischer Dome diese Straße entlang, Kaiser und Heilige, Krieger und Büßer, Helden und Märtyrer, Liebe und Schuld, Gnade und Verdammnis – alle, alle sind diese Straße gewandert. Stimmen raunen im Hochwald. Schemen umflattern die Gipfel, kühl wie Firnenschnee. Sie reden über alles dieses, Vinzenz und Elsalill. Dabei denkt Vinzenz die ganze Zeit: Der Wald! Wenn Elsalill in den Wald verlangt! Zur Rechten steht er dunkelblau. Tief. Nicht mehr der alte geliebte Freund, immer der stumme Mahner: Das bist du. – – Zur Linken, neben dem metallischen Geblock der Sturzäcker, bauscht der Flaum des Winterkorns, grün wie die Marschfennen. Heut spendet nirgend ruhevoll weiter Schwingung die arbeitsschwielige Hand goldenes Hoffnungskorn. Heut ruhen Pflug und Gespann. »Horch!« – Sie sind dorthin gelangt, wo eine Geröllhalde sich quer durch den Wald bis an die Straße herunterzieht. Hier springt im März der weiße, tödliche Reiter talwärts. Sie stehen still. Es ist als dröhne im Erdinnern Orkan. »Der Fluß!« sagt Vinzenz. Derselbe Fluß, der im Tal seinen ellendicken, grünen Glaspanzer zertrümmert hat. Unter ihren Füßen, vom Gefels verdeckt, tost er, ein rauher Alpenbub, den Gletschermilch nährte. Aber dann ist dennoch die Zeit gekommen. – – Elsalill trägt beide Hände voll Weiß und Gold. Sie hebt sie leicht. All dies Weiß und Gold will sich erbringen. Da führt Vinzenz Elsalill zu der Stelle. – Elsalill hat ihre Blumen ausgestreut. Sie steht stumm, die verschränkten Hände still vor dem Schoß. Vinzenz nimmt aus seiner Brusttasche den Trauring. Er gibt ihn Elsalill: »Klaus küßte ihn zuletzt!« Er sieht zu, wie sie den Ring an die Lippen hebt. Nachher steckt sie ihn an ihre Hand unter den andern. Elsalill sieht Vinzenz an. Ihre Augen erdunkeln jäh in neuer Angst. Vinzenz nimmt Elsalill bei der Hand, wie man ein Kind bei der Hand nimmt. Elsalills Blick beruhigt sich wieder. »Du Guter!« sagt Elsalill. Sie gehen aus dem Walde.» – – – Sie wollten Tage bleiben, Frau Jeß und Elsalill. Es wurden Wochen. »Bleib nur, Mutterchen, bleibt!« schreibt der Deichgraf. »Einmal darfst du den Frühling schon anders feiern als durch Gardinenwaschen und Bohnermasse!« Er schreibt vom Fortgang der Arbeit an der neuen Schleuse, und daß er überdem täglich fast unterwegs sei, die Küste herunter und auf die Inseln, und gar keine Zeit habe für seine Frau. Trotzdem denkt Frau Kora Jeß, er wäre nicht unfroh, wenn sie eines Tages unter der Haustür stünde, nachdem sie seinen Schritt erkannte auf den runden Steinklinkern des Hofes. Auch wenn sie an die Lütte denkt, an Ferne und Detlev, spürt sie ein leises Ziehen in der Herzgrube. Wenn Vater soviel unterwegs ist, so haben sie nur Lotte und Näh-Tine. Bei Andersens drüben im weißen Kavalierhause ist jetzt nicht der Ort für junge Kinder. Und im Schloß braucht man wahrhaftig auch Hand und Zuspruch. Außerdem aber – der Deichgraf hat ganz recht: Frühling ist nun einmal die Zeit für Seife, Fußbodenöl und Bohnermasse. Wenn es einen auch noch so sehr hinauszieht. Wohin soll eine ordentliche Hausfrau wohl sonst geraten! Aber, wenn Frau Jeß dann sieht, wie Elsalills Wangen sich leise röten, und wie ihren Augen der Glanz wiederkehrt, ja – dann kommt alles andere doch gar nicht in Betracht. So hat Frau Jeß kurzerhand auf dem bayrischen Berg, der mit seinem rechten Fuß im Österreichischen steht, das Hausregiment übernommen. Mit reichlichem Greinen und spärlicher Hilfe der alten Balbina – die Hübler Gundel braucht man nur noch einmal die Woche – pflegt die Deichgräfin die kleine Wirtschaft zu spiegelblanker Pracht der Küstenleute. Dabei bleibt noch Zeit genug für den Frühling. Sie erlebt ihn wie seit ihrer Brautzeit nicht mehr, wenngleich das Wichtigste dabei fehlt. Der April ist darüber zu Ende gegangen und der Mai. Nun endlich läßt es sich nicht weiter hinausschieben. Der letzte Tag ist gekommen. Frau Jeß hat gepackt und geschnürt und hinterher aufgeräumt. Jetzt sitzt sie zum letztenmal unterm Fliederbusch, wo die Amseljungen längst ihre breiten, gelben Schnäbel aufsperren. Sie sieht Elsalill hinterdrein und Vinzenz. Ein leichtes Grübeln tritt in ihre Augen. Erinnerung und Zukunft. Sie errötet. – Sie strafft sich, daß so bald schon ihre Gedanken solche Wege gehen. Aber dann legt sie entschlossen ihre Hände ineinander. Sollte es einmal geschehen – nun – Vinzenz ist ihr lieb wie ein Sohn. – – Elsalill und Vinzenz schreiten dem Walde zu. Unterwegs pflückt Elsalill langspornige Akelei, Goldklee, Trollblumen, purpurblauen Enzian. Jeden Tag hat Elsalill einen frischen Strauß gebunden. Jeden Tag haben die Matten eine andere Pracht gespendet. Dies ist ihr Abschied von Klaus. – – Nie wieder hat Elsalill gefragt, wie das – Letzte war. Sie haben so viel von Klaus gesprochen, aber immer wie am ersten Abend. Von seiner Kindheit, seiner Tübinger Zeit. Und immer war es, Elsalill weiß es gar nicht – als redeten sie von einem jungen und geliebten Bruder, der nur unterwegs ist. Sie treten wieder aus dem Walde. »Meine Tage!« denkt Vinzenz. »Dies sind meine Tage! Alles, was mir gegeben wurde vom Leben!« Ihm ist, er hat kein Gestern und kein Morgen. Nur das süße Heute gilt für ihn. »Wenn du erst zu uns kommst!« sagt Elsalill träumerisch. »O, das Meer an Juli-Abenden! Und die Halligen darin wie grüne Heimat! Und die blühende Heide mit dem Grab vom alten König!« Ihre Augen werden groß und geheimnisvoll: »Wenn die roten Nächte sind, rufen Stimmen über'm Meer!« Elsalill erschrickt. »Nie ging ich mit Klaus zu dem Hünengrab«, denkt sie. »Wo ich badete als Kind und so selig daheim war! Nie konnte ich Klaus von den Stimmen sagen!« »Wie ich mich darauf freue!« sagt Vinzenz. Zugleich denkt er: »Nie, niemals werde ich dieses sehen oder erleben! Heute ist mein! Heut!« Sie setzen sich am Rande des Waldes auf das Gras. Es ist feinspitzig, kurz. Wie geschorener Sammet. Das Kind der Küste bedarf der Weite des Blicks. Aber der Wald hinter einem – das spürt man im Blut. Er ist wie die Mauer vor dem großen Geheimnis. »Alle sind liebe Brüder und Schwestern!« Elsalill deutet auf die ungeheuren Föhrenstämme, die ihre Wurzeln wie Arme verschlingen und ihre Kronen erhaben wiegen. Sie meint die Berge, die Hüter des Tales, die kühne, herrschende Spitze und den leidenschaftlich tosenden Fluß. »Sie kommen aus derselben Heimat wie wir«, sagt Vinzenz. »Nur so viel älter ist er als ich, mein großer Bruder! So viel klüger!« Elsalill lehnt sich zurück an den moosflockigen, rissigen Föhrenstamm. Dann geht ihr Blick hinüber, wo die Burg mit dem rundaugigen Turm auf der Bergklinge bröckelt. »Deine Heimat!« Elsalill spricht die zwei Worte langsam. Ihre Stimme ist zärtlich. Sie legt die Hände um die Knie. »Wie kommt es?« Sie fragt plötzlich und anscheinend ohne Zusammenhang mit dem Vorher. »Immer fühle ich Klaus, wenn ich mit dir bin. Nur als ob viele, viele Jahre Wachstum dazwischen lägen. – Er war noch wie eine Knospe. Du bist schon Frucht. Wie wurdest du so, Vinzenz?« »Elsalill, – du sagtest es ja eben!« Vinzenz deutet mit ruhiger Gebärde auf die väterliche Burg – »wer das verloren hat und wieder gewinnen will . . . Der muß wohl zusehen bei Zeiten! – Sonst schafft er's nicht!« Er erzählt ihr von den rostigen Turmfalken, wenn sie wie schmale Dolche die Schatten ihrer Flüge durch die Bogenfenster schleudern. Von Kaiser Konrads Brief erzählt er ihr und von der traurigen, holdseligen Frau, an deren Knie er stand, wie er in den Himmel schaute. »Heimat!« sagt Elsalill. »Wie stark ist Heimat!« Ihre Augen sehen weit. »Niemals hat Klaus um seine Heimat kämpfen müssen,« fährt sie fort. »Vielleicht ist es das. Sein Weg war so eben. Gar keine Not. Gar kein Überwinden. Davon blieb er so jung!« Ihr Blick fragt tiefer. »Vielleicht müssen wir aber durch das ganz dunkle Tor treten!« – – – Vinzenz lagert ihr zu Füßen, den Kopf auf den aufgestützten Händen. Sie legt ihm die Hand auf das dunkle Haar. »Wenn man das Wissen um sich selber hat« – sie flüstert – »weiß man dann auch alles andere? – Macht das so reich und so mild?« Vinzenz nimmt ihre Hand und küßt sie. Seine Kehle scheint ihm zuzuwachsen. »Ich wußte das nie.« Elsalill spricht leise. »Ich dachte – am ersten Abend hier – du weißt – ich dachte, da . . . Aber ich steh doch immer noch draußen.« Über ihnen, so hoch, daß sie sie nicht sehen können, wirbeln unzählige graue Lerchen. Der Drang nach dem Unfaßbaren, nach dem ganz Erdelosen scheint ihre kleinen Kehlen zu zerbrechen. »An Altjahrsabend muß ich immer denken,« sagt Elsalill. »Wie die Kerze des sterbenden Jahres vor den Spiegel gestellt wurde und plötzlich sich selber erblickte! Das erschütterte mich damals so. Ich habe mich selber noch nicht gesehn!« Vinzenz ist aufgestanden. Ein Brausen ist in seinen Ohren. Er spürt einen leichten Schwindel. Was spielt mit uns? Was spielt mit uns? Was hat uns in Händen? – Was wäre geworden, wenn Klaus lebte? – Und nun? . . . Was wird nun? . . . Er verschränkt die Hände hinter seinem Rücken ineinander, daß es schmerzt. Elsalill ist zu ihm gekommen. Nicht er zu ihr. Aber daß er ihr nicht sagen darf: »Heimat ist einzig, wo du bist! Alles andre ist Fremde, ist Ausgestoßensein. Ist Verdammnis!« – Er gibt keinen Laut von sich. Er steht, wie die Stämme stehen. »Vinzenz,« – Elsalills Stimme bebt – »ich liebte Klaus!« »Du liebtest Klaus!« Seine Worte kommen mühsam. Als er ihre Not sieht, überfällt ihn das Erbarmen. Er legt ihren Arm auf den seinen. »Wie liebtest du ihn!« wiederholt er. »Wie liebten wir ihn beide!« »Gibt es seltsamere Fügung?« muß er dabei denken. »Der den Bräutigam tötete, führt die Braut. Er muß sie behüten vor der großen süßen Unschuld ihres Herzens!« Sie haben sich abgekehrt von dem Schloß auf der Bergklinge. Bald neu zu Erb und Eigen den Freiherrn von Lassing-Dombühl. Die Stimmen der Aveglocken gehen über die Berge. Von einer kleinen Kapelle zur andern. Sie reichen einander die Hände. Sie tragen die Botschaft von ewigem Leide der Menschheit hinauf zur Barmherzigkeit Gottes. »Die alte Balbina . . .« lacht Elsalill, oder schluchzt sie? – »Weißt du die Geschichte mit den Nesseln?« Vinzenz hebt wundernd den Kopf. Die alte Balbina pflegt an jedem Sonnabend dem heiligen Florian ein Sträußlein zu widmen. Sie lebt in heidnischer Angst vor dem Feuer. Gestern aber hat der Heilige ein paar Nesseln in seinem Opfer entdecken müssen. Ließ er nicht die Kohle aus dem Küchenherd fallen? Sie versengte der Balbina die Schürze! »Du denkst: Was hat sie im Sinn!« ruft Elsalill voll Angst. »Ach, sieh', es ist schwer zu sagen. Sie sind wie die Kinder hier. Die Menschen. ›Unsers Herrgotts Närrlein‹ nennt sie einmal jemand, glaub ich. – Aber das Wunder!« Ihre Stimme bricht. Vinzenz streicht leise über ihre Hand auf seinem Arm. Seine eigene ist kalt und zuckt. Sie nähern sich der zerspellten Eiche. Elsalill bleibt stehn. Ihre Worte mühen sich. »Ich meine doch nicht die wächsernen Hände und Füße in der Gnadenkapelle, aber wenn . . .« ihre Blicke wandern gemartert, »wenn man plötzlich nicht weiter weiß . . .« Mit einem Laut der Klage bricht sie nieder auf dem Betbänklein, vor der Maria im Baum. »Um das Wunder betet sie!« denkt Vinzenz, wie er sie knien sieht. »Sie verlangt das Wunder von Gott!« Seine Lippen ziehen sich zusammen. Seine Augen erhärten im Trotz des immer Versagten. Was ist sein Leben gewesen all die Wochen von früh bis zum Abend, vom Abend zur Früh'? Ein einziges, lautloses Warten auf das Wunder. Er tritt hinter Elsalill. Das Brausen fängt wieder an. Das ist sein Blut hinter seinen Schläfen und das Knirschen seiner Zähne. Jawohl, jawohl, die Lassings im Harnisch. Und der furchtlose eiserne Handschuh. Aber gibt es auch Herzen, wilder als eiserne Hand? Sein Herz bäumt auf. Es will leben! Da weiß er nicht andre Hilfe mehr. So muß man solch ungebärdiges Herz von sich schleudern. Über sich. – Zu jener verborgenen Urkraft reißt er sich hinauf, jenem fernen, gewaltigen Willen und Herzschlag, bis sein eigener darin ertrinkt. – – Als Vinzenz fühlt, daß das Ungeheure in ihm nachläßt, steht Elsalill auf von dem Betbänklein. »Später muß ich es dir sagen. Wenn es einmal geschieht. Das Geheimnis von Cherub!« Ihre Stimme ist fest geworden. – – Ihr Blick hat den Ausdruck wie damals, als sie bei Tante Ragnar die Maria darstellte: gewärtig des Unerhörten und – – bereit. Frau Jeß und Elsalill sind abgereist. »War mein Haus immer vordem so tödlich still?« denkt Vinzenz. Er fängt an zu räumen. Alle die lieben Dinge aus dem Tal, die es heimatwarm machten für eine Zeit, die sollen nun wieder hinaus. Ja, was könnten sie jetzt auch helfen? Wenn eine mit ihnen schaltet und sie ihr dienen dürfen, sind sie lebendig und reden. Aber ohne sie? . . . Die Leute in der kleinen Stadt – sie sehen Vinzenz sonderbar an: herzlich, verstohlen, forschend. Freilich wohl – es ist noch gar zu bald. Kaum ein Vierteljahr trennt das Heut von dem Grausamen dort oben im Walde. Noch geht die Braut vom Schwarz verschattet. Aber der Herr Baron – nun – sollte man nicht irgend etwas an ihm spüren – wenn . . . Vinzenz steigt nicht zu Tal, tage- und wochenlang. Er kann diesen vorsichtig zutunlichen Blicken, den Fragen nach Elsalill nicht standhalten. Er ist viel im Walde. Wiewohl – schießen kann er nicht. Wird das so bleiben, daß ihm die Hand versengt, wenn er die Büchse anfaßt? – Aber dann – überhaupt der Wald. Wo wäre die Stelle, wo ihm nicht Erinnerungen kämen? Man kann wohl weit genug gehn, in Reviere, wo Elsalill niemals hinkam. – Aber plötzlich: »Meine lieben großen Brüder,« denkt Vinzenz, wenn die uralten Föhrenwipfel über ihm ineinander verrauschen. Jeder Stamm grüßt ihn mit dem einen Namen. – Man kann auch dorthin gehen, wo der Wald aufhört, wo die Geröllhalden anheben. Plötzlich zieht es herüber: schmerzhafter Frage und ewig stiller Antwort: die Aveglocken. – Kniet nicht Elsalill auf dem Betbänklein? Um das Wunder flehte sie! – Etwas knirscht in ihm. Er wartet – bald – bald – sie werden schweigen. Diese Botschaft vom ungestillten Leide und der Sehnsucht der Menschheit wird zuletzt verstummen. Er setzt die Zähne hart: Gott hört nicht. Wird man nicht endlich ermüden, ihn erschreien zu wollen? Ja, – nun schweigen sie schon. Sie schweigen ja. Wie erschreckte Kinder. – Aber gerade, daß sie schweigen! . . . Vinzenz ballt die Faust. Was geschieht mit ihm? Was macht ihn so schlecht? Seine Augen sind finster aneinandergerückt. Er hat die Waldbiegung umschritten. Drüben, – etwas entspannt sich in ihm: der alte, zermorschende Kasten! Die Burg der Lassings! Die Heimat! Die Heimat! – Der letzte Manuskriptbogen ist vollendet. Er ist abgeschickt. In ein paar Tagen wird das Geld da sein. Vinzenz hat längst alles besprochen mit dem jetzigen Eigentümer der Burg und dem Notar in der Kreisstadt: in ein paar Tagen ist sie wieder sein, die Heimat. Sieben Jahre diente er um sie wie Jakob um Rahel. – Aber nun ist's, als ersticke er an einem Namen, wie einer an seinem Blut erstickt: Elsalill! – Was soll er in dem Haus seiner Ahnen allein? Er keucht. – Vor Tag und Morgen hat's ihn herausgetrieben. Jetzt ist Mittag. Es ist die Stunde des verborgenen Grauens, wenn die Zeit den Atem anhält. Alle Felder sind leer. Nicht Mensch, nicht Vieh wacht in der brütenden Schwüle. Der Wald steht lautlos. Der Himmel ist grau von Dunst. Alle Schatten sind scharf und kurz und spitz und das Licht grell und gnadenlos. Dann geht die Roggenmuhme durch das Korn, das gräßliche Gespenst mit den eisernen Brüsten. Es hockt dem Arglosen auf, bis er niederbricht. – »Elsalill, hilf!« Vinzenz wirft sich ins Gras. Es hat seine beruhigende Kühle hergegeben. Es ist wie ein Pfühl von Fiebern zerwühlt, und das Moos sticht hart und verwundend. Der Geruch des Harzes, des Thymian, Quendel und anderer Bergkräuter sickert durch die Poren wie Schwindel. Alles umher fängt an zu taumeln. Das Blut siedet wie das Harz in den Stämmen. Vinzenz gräbt die Hände durch das Moos in die Erdnarbe. Kühle – Kühle! Er verbrennt ja. Soll das so bleiben ein Leben lang? Er weiß ja doch: Nicht am Sommer verbrennt er. Wie hat er's denn glauben können? – Ja, wie sie bei ihm war – immer in der Gnadenhut ihrer süßen Nähe – immer als eiserner Wächter vor der weißen Unschuld ihres Herzens . . . Ja, da war wohl Stille im Blut. Aber nun – ohne sie – ganz allein im Jahr, das die Höhe erklomm! Noch sieben Tage – dann glühn die Johannisfeuer! Dann werden die ledigen Dirnen Kränze winden, neunerlei Grün: Allermannsharnisch, Hellebore, Johanniskraut. Am Abend werden die Burschen ihre Liebsten durch die Julfeuer schwingen. Die ganze süße und flammende Sommerseele im Blut werden sie die Feier dieser Nacht begehn. Und er? . . . Er denkt an seine Reise vor Jahren zu den baltischen Verwandten, an den Sommer unweit Kap Domesnäs am rigischen Strande. Er sieht am Sonnwendfest die bekränzten Schiffe mit den rosenroten Segeln über die rosenfarbenen Wasser ziehen. Wie aus himmlischen Gärten, und unerschöpflich träuft Kranz um Kranz und Glut um Glut. Er hört die alten Opfergesänge an Jan Ligho, den entthronten Gott eines unterjochten Volkes. Er hört die alten holdseligen Liebesweisen einer verstummten Sprache. Ein Jahr lang gehen sie im grauen Wadmal der Knechte in Verachtung, Armut und Schmach. Heut sind sie Könige. Heut tragen sie Rosenkränze über ihren Kronen. – Heut ist die Nacht, die entrückt, die das ganze, lange, dumpfe Jahresrund durchglüht mit verborgnen Feuern. Aber er? – Hat sein ganzes Leben keine einzige Nacht der Entrücktheiten? Hat der hohe Sommer seines Lebens keine einzige Königsnacht? – Etwas in ihm bäumt auf. Was steht dawider? Was steht dazwischen? Elsalill liebt ihn. Er liebt Elsalill. Klaus? – Gott allein weiß, was ihn dieses gekostet hat. – Nun – jetzt – Klaus ist tot. – – – Vinzenz ist aufgesprungen. Warum soll zweier Menschen Glück geopfert werden um einen Schatten? Er reißt seine Uhr heraus. Eben nach zwölf. – Gut. Wenn er keine Minute verliert, erreicht er den Vier-Uhr-Zug. Was braucht er groß Gepäck? Sein Koffer ist schnell genug fertig. Heut' abend ist er in München. Morgen – um diese Stunde – um diese entsetzliche Stunde – ist er – bei – Elsalill. Er taumelt. – Er stürzt fast, wie er die Blöcke überspringt. Nur quer durch die Halde, quer durch den Wald. So ist es der nächste Weg. Seine Glieder zittern und sind dennoch hart wie Eisen. Hin – Hin – Diese weißglutende Steinwüste ist überstanden. Die Felsbrocken, von den Nagelschuhen abgesprengt, stürzen sich noch talab. Aber die aufgeschreckten grünen Lazerten sonnen sich schon wieder. Die Gasse, gerissen ins Meer dieser betäubenden Gerüche, schloß sich schon wieder. Vinzenz ist in den Wald eingebogen. Der Wald schlägt die Tür' hinter ihm zu. Vinzenz reißt das Taschentuch heraus. Sein Schweiß strömt. Er kann jetzt ruhiger gehn. Dieser Weg kürzt beträchtlich. Man nimmt ihn selten. Wohlan. Welche Stille! – Gibt es etwas so still wie Grab? – Vielleicht weil das Licht so unendlich gebrochen ist, daß es nirgend den Waldgrund erreicht. Ganz ganz fern und draußen ist das Leben. Diese Strecke des Waldes – es ist nicht die, die Vinzenz jetzt immer vermeidet – ist so eigentümlich: Wie in Entsetzen erstarrt. Die eisengrauen Stämme, die Zweige, spärlicher Nadeln von Flechten verhängt wie mit Blei übergossen. Nur stumpfer noch, hechtgrau, wie Totengesichter. Auch der Böden völlig mit dieser toten, grauen Flechte überwuchert. Nirgend eine Farbe, ein verwesender Hauch des Lebens. Nirgend ein zitterndes Tasten des Lichts. Vinzenz geht weiter durch knisterndes Moos und dürres Geäst. Er hört sein Blut toben wie Wassersturz. Sein tobendes Blut, sein Fuß, der Totes zu Staub zertritt, ist das einzig Lebendige hier. Plötzlich – was ist? War das nicht ein Ton außerhalb seiner Körperlichkeit? Ein Knarren wie das einer Klapper? – Es wird ein Specht sein. Gewiß. – Nun wieder? Einer Klapper harter Ruf. – Oder Abwehr? Vinzenz steht wie zurückgeworfen. Er blickt scharf, mit Weidmannsaugen. – Nichts. »Der Bannwald!« denkt er plötzlich. »Dies ist der Wald, in den die Aussätzigen vertrieben wurden vor grauen Zeiten!« Er fühlt den Schweiß zusammenperlen auf seiner kühl gewordenen Stirnhaut. Dann lächelt er, ein sonderbar hartes Lächeln, das die Mundwinkel herunterzieht: Der Letzte dieser Unseligen war eine Sage bereits. Und da er lebte – in seinem Walde bedurfte er der warnenden Klapper nicht. »Unkomplizierte Zeiten!« denkt Vinzenz mit demselben Lächeln von vorhin. »Wie einfach das alles war. Man verjagte sie von den Stätten der Gesunden. Wie die Hunde. Wie die bissigen Hunde!« Etwas in ihm zerrt. Seine Nackenmuskeln schmerzen sonderbar? Was ist das? Seine Augen weiten sich und erstarren. Was strich soeben durch die totgrauen Stämme? Kennt er nicht dieses erloschene Gesicht? – Seine Lippen pressen sich zusammen. Keine Tortur der Erde entriß ihnen ein Ja! – Und dann – sein Atem stößt, er hört sich selber rasselnd atmen: Er erkannte sie doch, die weißen tödlichen Male! – Dieses Gesicht war ihm fremd wie der Bewohner eines andern Planeten. Er atmet kurz. Er schließt die Augen sekundenlang. Er schüttelt den Kopf. »Grausame, gewesene Zeiten!« sagt er hart und fest und laut. »Und der arme Heinrich?« Mein Gott, jemand sagte plötzlich deutlich diesen Namen. Vinzenz steht still. Etwas in ihm lauscht, wird sanft und entspannt sich. »Mit Siechheit geschlagen, daß das letzte Ausmaß der Liebe offenbar würde,« redet es weiter, irgendwo; »Leid, entsendet übermäßig, daß einer genese vom Hochmut seiner selbst und seines Herzens Härtigkeit!« Vinzenz geht weiter. Langsam. Jener Aussätzige kommt ihm plötzlich in den Sinn, der so demütig sich hingab an sein Schicksal, der so heilig lebte, daß Gott die Verdammnis von ihm nahm, und im Leibesleben ihm den Zugang zu den geheimnisvollen Urgründen erschloß, wo Wille und Geschehn das gleiche sind und die Gesetze der kreatürlichen Schöpfung nichts anderes bedeuten als die zarten Linien unter dem Wort, das das Leben birgt . . . Wie ein Quell das Tal, speisten seine Wunderkräfte das Land rundum, so erzählt die Legende. Wie der Schatten eines fernen, wissenden und barmherzigen Lächelns irrt ein Lichtstrahl durch den grauen Tod des Bannwaldes. »Welche Zeiten! Welche Zeiten!« muß Vinzenz plötzlich sagen, außerhalb seines Willens. »Gewaltig und süß und wunderbar! – Jahrhunderte bang und dunkel insammengefaltet und verzückt, hochauf blühend. Jahrhunderte voll schwelender Scheiterhaufen und überschwänglich durchglüht von Gott. O knirschende Zeiten der Folter, des Schwerts, der Schilde und Morgensterne, – und dennoch wie überrinnend voll von stolzen und demütigen Liebestaten und Gehorsam zum Tode. O Zeiten der gotischen Dome, der ragenden Burgen, der Heiterkeit und der Pracht der Städte! Ihr wußtet Lieder erdensüß und nah und himmelsgewiß und himmelssüchtig. Ihr wart die Zeiten des großen Ja und des großen Nein, die die Ehrfurcht kannten vor dem letzten Geheimnis. O Zeiten des brausenden Blutes, der glühenden Herzen und der Seelen wie Adler und Tauben! – »Wie wir dies alles überholten!« denkt Vinzenz, und wieder ziehn sich seine Mundwinkel herunter, herb und hart. »Wie wir's so herrlich weit gebracht! – – Uns schlägt nicht mehr Gott mit Feuer und blutigem Weizen und Pestilenz! Wir sehn keine Sternruten und weiße und nackte Schwerter am Himmel, ehe der Krieg über uns herfällt. – Bei uns ist alles ganz hell und klar und geordnet und erklärt. Wir wissen alles über die Urzelle, wir haben die Bakterien entdeckt und die Maschinengewehre erfunden. Wir impfen gegen die Pocken und reinigen unsere Anzüge chemisch. Wir brauchen keinen Bannwald, Gott sei Dank, denn wir haben die Quarantäne. Den Aussatz lassen wir ruhig in Asien, ebenso wie die Pest. Wir haben nicht einmal mehr die Cholera.« Cholera? »Die Twietenen!« denkt Vinzenz plötzlich. Dieses Verhängnis wäre also nicht völlig überwunden. Allerdings. – Ihm fällt ein, was man ihm von Hamburg erzählt hat, von diesen verrufenen Gegenden, wo Familien nicht nur wie in Kisten verpackt, zahl- und namenlos in den himmelhohen Häusern über der Erde wohnen – nein – auch unter der Erde. Wie in ihren eigenen Gräbern, zwischen Schimmel und Fäulnis und Moder und Nacht. Und plötzlich, wer schreit ihm ins Ohr: »Das bist du?« – – – Er späht im Kreise, wie hin- und hergerissen. Wer kommt dort? – Wer? – Dieses Gesicht – nicht ein Aussätziger, Ausgestoßener – dieses zerstörte Gesicht – er kennt es wohl! – Er stöhnt. Nachher – er stetigt seine Gedanken wieder. Er reißt sich zurück wie vom Abgrund. Er stellt fest: man konnte sie nicht heilen. So trieb man sie aus von den Lebenden. Man überließ sie Gott. – Ah so. – Man schlug sie nicht nieder. – Leben blieb heilig. Auch damals. Wenn Gott wollte, würde er ein Wunder tun. Wenn er es nicht wollte, man mußte sich beugen unter seinem Ratschluß. Was weiß der Mensch? Gott will und weiß zu einem Ziel hin. – – Ja – also so: Entweder weiß Gott, warum dies alles geschieht – es gibt einen großen Ring mit dem Stein »Gott« als Urmitte und Ausgang und Eingang; dann ist jedes eigenmächtige Durchbrechen dieses Ringes Frevel. Oder aber wir – wir halten unser Schicksal in Händen. – – – Vinzenz zuckt zusammen. In dieser Weise hätte er? . . . Sein Gesicht ist unsägliche Verachtung. Sein Leben zieht an ihm vorbei, wie damals in rasendem Sturz – vom Geborgensein an seiner Mutter Knie, bis heut. – So, in dieser Weise hätte er sein Schicksal gestaltet? – Er lacht laut. Er weißt nicht, daß er wie ein Rasender voranstürmt. Plötzlich denkt er: »Wozu? Warum rase ich eigentlich? Wohin rase ich denn? – Ach, so . . .« Er schreit auf. – Also hat er tun müssen, was er nicht wollte? Er geht nun trägen Schrittes. Warum? – Mitleid! Mitleid! Mitleid! – Er schleudert die Worte wie Faustschläge jemand ins Gesicht. Ja, – warum kommt ihm dann nur das leiseste Bedenken? Warum ist Elsalill dann nicht sein, so sicher wie seine und ihre Liebe? – Warum muß er etwas verheimlichen? Sie ist doch wohl groß genug, um das Letzte zu ertragen! Muß er etwas verheimlichen? »Blut!« sagt etwas unnachsichtlich in ihm. »Blut« ist Scheidung. Die große Sicherheit ist angetastet. Das große Beruhen, Leben ist heilig. Wer dürfte einer Frau zumuten, ihr Leben an den zu binden, der den großen Ring durchbrach? – – – Die Tage – o die Tage mögen wohl angehn. Aber die Nächte? Wenn er nun herausschreit sein Geheimnis aus dem Dunkel der Angst und der Träume! Er muß sich niedersetzen. Er krampft den Kopf in die Hände. Er lebt das – was er seinen Gedanken immer noch verwehrt hat, zu leben: seine Liebesnacht. Die ewigen Schauer schütteln ihn. Schwer zuckt sein Blut. Das letzte Geheimnis rauscht die Flügel vonsammen. Aber wie Leben zu Leben drängt, Blut zu Blut – neuen Lebens dunkler und heiliger Anbeginn: – »Mörder« schreit jemand. »Mörder« schreit Klaus Andersen. – Vinzenz taumelt auf. Gewiß, gewiß, viel öfter hat Klaus gesagt »Du Guter!«. – Klaus hat Unmenschliches gelitten. Vinzenz hat ihm seine Qualen verkürzt. – Dennoch – der große Einbruch in das ewige große Rund ist vollzogen worden durch Vinzenz. Er hat das ganze Leiden dieses Müssen auf seine Schultern geladen. Aber nun – nicht nur dieses verlangte das Schicksal von ihm – sondern auch daß er die Folgen auf sich nehme. Blut verlangt Blut, wenn es zur Ruhe kommen soll. Das eine Leben verlangt das andre hingegeben. Dann sind beide erlöst. Dann ist der Ring wieder geschlossen. Dann weiß Gott, ob es Schuld war oder Verhängnis. – Vinzenz steht auf. Es ist dunkel im Bannwald. Eine große Gelassenheit überkommt ihn; die letzte Hingabe. Erschießen sich selbst? – Hier? – O nein. Das wäre allzu einfach. Was im Dunkel steht, wird damit nicht hell und klar. Es bedarf des Bekenntnis, der Gerechtigkeit Erfüllung – frei und öffentlich. »Elsalill!« Er sagt ihren Namen schmerzhaft, zärtlich. Wie den Namen einer süßen jungen Schwester im Leid. Die Nächte sind gekommen, die in Flammen stehn. Das Laub der uralten Bäume um das Schloß her und in den Kavaliersgärten hat sich zu schwerem dumpfem Grün zusammengeballt. Nichts mehr erinnert an die süße Unrast der Maitage, die durch die jungen, weichen, durchsichtigen Blätter spielte. Und des Herbstes goldne Gelöstheit ist ihnen noch verborgenes Geheimnis. Die Bäume stehn dumpf und ermattet. Aber sie haben keine Schuld. Diese Nächte haben alles Leben, alles verborgene Feuer und alle Seele aus ihnen ausgesogen. Sieben Wochen sind hin, seit Elsalill auf dem Betbänklein kniete vor der Maria im Baum und von Klaus und Vinzenz Abschied nahm. Elsalill wandert allein durch die Koppel, wo früher der Stier ging. Ein blaßgoldner Streifen trennt in der Ferne Erde und Himmel: das Meer. Andersens, Jessens, Eltern und Kinder sind auf Beederhof. Jedes Jahr fährt man dorthin, wenn das Strauchobst reif ist. Nirgends gibt es Johannisbeeren, große wie kleine Weintrauben, Stachelbeeren so riesenhaft, zitronengelb und zuckersüß, wie auf Beederhof in Eiderstedt. Der Besitz gehört den Lindholms, seit sie aus Schweden kamen. Man lebt dieser Fahrt jedes Jahr entgegen wie einem Fest. Sie fällt immer in die erste Ferienwoche. Trina Floor, die Frau des Pächters, bäckt tagelang vorher. Auch rote Grütze und Dickmilch auf durchlöcherten Porzellanplatten angerichtet und gegessen mit Rahm, in dem der Löffel steht, kann niemand bereiten wie sie. Elsalill hat gebeten, zu Hause bleiben zu dürfen. Man dachte: Klaus! Ohne Klaus will sie nicht hinfahren! Ihre Mutter und Frau Andersen schlugen vor, bei ihr zu bleiben. Aber – nein – nein! Elsalill wurde ganz erregt. Da ließ man ihr den Willen. Elsalill hat seit langer Zeit mit diesem Tag gerechnet. Immer hat sie gedacht: »Wenn es erst soweit ist, kommt Vinzenz. Vinzenz kann mich nicht allein lassen dann, wenn die Tage nicht aufhören können, und wenn alles in Flammen steht!« Vinzenz ist nicht gekommen. Aber heut hat Elsalill einen Brief von ihm. Nicht den üblichen Kartengruß, lieb, warm, brüderlich, wie sie ihn jede Woche zweimal empfängt, nein, einen Brief, einen großen, schweren Brief, den ersten, den Vinzenz ihr schickt. Ihr ist – daheim in ihrem Stübchen kann sie ihn nicht öffnen. Draußen beim alten König, wenn niemand, niemand in der Nähe ist! – Es war wie ein feiner, scharfer Stich, dieser große Brief. Sie ist dem Briefboten an diesem Morgen begegnet. Schreibt jemand, der kommen will, so ausführlich? Aber dann – es ist doch ein Stück von Vinzenz. Ganz allein kommt er zu ihr, endlich. Nicht in der Öffentlichkeit der Karte. Sie hat den Brief in den Falten ihrer weißen Bluse getragen, über der Brust, den ganzen Morgen. Bald – bald. Nun ist es soweit. Die Hände im Rücken verschränkt, eilt Elsalill über den grünen Sammet der Koppel. »Wie seltsam ist dies!« denkt Elsalill. »Ich liebe sie doch so sehr, die Eltern, die sieben Raben, meine Heimat, die kleine Stadt! So treu hat sie mit mir getragen. Früher meine Freude und nachher mein Leid! Aber –« sie erschrickt, warum ist es manchmal, als sei sie ganz zu Hause dennoch anderswo? Der Wind nimmt ihren dünnen weißen Schal. Wie ein Segel bläht er ihn um sie her. Elsalills Füße fangen an zu eilen. Sie drückt beide Hände auf ihr Herz. Wie es wächst! Bewegt auch der Cherub seine Flügel? Sie lauscht in sich und in die Ferne zugleich. Ja, da sind die Stimmen überm Meer, die rufen! Wie jedes Jahr. Um diese Zeit der roten, roten Nächte. Rufen die Wellen? Ferne Schiffer? Entthronte Götter? Vielleicht war einmal das Meer Elsalills Heimat. Irgendeine geheimnisvolle Ferne? Vielleicht trug sie einmal Schwanenflügel an den Schultern? Elsalill sieht das Meer schon ganz nah. Das Wasser spiegelt den glutigen Himmel. Die Kraniche ziehn in schräger Eins. Nur selten lassen sie sich am Strande blicken. Im Innern des Landes auf den Kiefern des Söder Forstes horsten sie zu Hunderten um die verrufene Geestmühle. Aber heut' kommen sie. Und ehe Elsalill noch denken kann, dies sind die Kraniche: – schon haben sie sich niedergelassen und vollführen wie die Kibitze im Frühling ihre seltsam gespreizten und zugleich inbrünstigen Liebestänze. Elsalill staunt zu ihnen hinüber. Alles ist heut so seltsam fern und nah zugleich. So schwerer Ahnung. Elsalills Augen werden dunkel. Sie macht eine Bewegung zu den Kranichen hin wie scheuen Gruß. Dann gleitet sie weiter, noch immer getragen von dem geblähten Segel ihres Schals. Es empfängt die Farbe des Himmels. Es wird blasser Purpur. Nun ist Elsalill ganz nahe am Strand. Sie stemmt ihre schmale, feste Hand auf den Stein, unter dem der alte König von seiner Liebe träumt. Die Heide errötet. Tausende von Bienen und Hummeln werben um ihre erste Süßigkeit. Rottgänse knarren. Ein Strandläufer fliegt auf, einen Fisch im Schnabel wie ein flatterndes silbernes Band. Fern ziehn drei Segel inselwärts. Hintereinander. Lautlos. Tiefpurpurbraun. Goldgesäumt. Elsalill geht bis dahin, wo das Wasser glatt wie zerschmolzenes Gold den hellen Sand einfaßt. Ihre Bewegungen sind träumerisch. O, kennt sie das nicht schon? All dies? Grade so ist es gewesen einmal: Glut, Blut, fernes Rufen, lautloses Warten und ihr Herz zum Zerspringen groß. Wann war das? Wann? – »Ja, könnte man sein Kleid abstreifen!« denkt Elsalill. »So wie damals, als ich ein kleines Kind war. Könnte ich nur wie ein flinker Fisch in diesem roten Golde schwimmen! Dann . . .« Aber wie sie noch so denkt, seufzt sie: Nein. – Ein Rest würde dennoch bleiben, ein letztes Unerfülltes. Die Tränen springen ihr in die Augen: Wird er nie die obersten Flügel entfalten? Wird sie niemals das große Geheimnis erfahren? – Und plötzlich schlägt sie die Hände auf die Brust, als schlüge sie heftig an eine verwehrte Kammer. Es knistert unter ihren Händen. Elsalills Gesicht wird holder Erwartung. Sie nimmt den Brief heraus. Sie schaukelt ihn auf der Hand, zärtlich. Warum öffnet sie ihn nicht? Warum wird etwas in ihr sehr bang? Hat sie nicht schon einmal hier so gestanden und gewartet: vor diesem Himmel, vor diesem Meer? Nun geht sie zu dem alten Königsgrab. Sie setzt sich in die blühende Heide, langsam, feierlich. Sie öffnet den Brief. Nun liest sie. Der Brief ist viele Seiten lang und eng beschrieben. Der Himmel ist dunkler geworden, während Elsalill liest. Als verbrenne die alte Erde. Kein Laut ist mehr in der Welt. Elsalill hält den Kopf auf dem schlanken Halse nach vorn gedrückt. Man sieht den roten Puls in ihrer Kehle zucken. Was reißt an ihren Wurzeln? Wird sie herausgehoben aus ihr selber? – Vinzenz hat Klaus getötet.  – – – Sie lehnt sich zurück an den Stein. Sie schließt die Augen. Ihr Atem stößt. Ihr Mund bekommt einen geheimnisvollen Zug. Sie versinkt ganz in sich. So sitzt sie eine lange Zeit. Die Sonne brennt wie eine Wunde. Der Himmel verblutet. Die Kraniche kommen von Süden zurück. Ihre Flügel stürmen wie Schilde. Elsalill rührt sich nicht. Ihr Gesicht ist weiß und wie ohne Leben. Nur der Zug um ihren Mund gräbt sich geheimnisvoller. »Elsalill!« Ruft sie jemand? Ruft sie nicht Vinzenz? Er deutet auf den Brief. Elsalills Augen weiten sich jäh. Sie hat den Klang seiner Stimme im Ohr. Sie kam schwer und metallos. – »Ja,« sagt Elsalill eilig. »Ja, ja. –« Sie hebt den Brief in die Höh'. Sie muß ihn zu Ende lesen. Unbeteiligt, ganz einfach, fast sachlich schreibt Vinzenz. »Wenn er eines Fremden Schicksal berichtete, schriebe er wärmer,« denkt Elsalill. – Der alte Kasten auf der Bergklinge, die Burg der Freiherrn von Lassing-Dombühl gehört ihm wieder, vielmehr gehörte. Beim Notar der Kreisstadt liegt sein Dokument. Der letzte Lassing überträgt sein Erbe an Fräulein Elsalill Jeß. Sie soll damit schalten, wie ihr gefällt. Er selbst hat alles abgetan. Er selbst ist . . . nun – da sie dieses liest – ist er bereits in der Kreisstadt. Er hat sich der Staatsanwaltschaft übergeben. – Mit diesem hört Elsalill auf. Die Hände mit dem knisternden Bogen sinken ihr in den Schoß. Aber der Brief ist noch nicht zu Ende. Wieder scheint jemand sie aufzurufen aus ihrer Erstarrung. Wie vorhin. Wieder ruft Vinzenz und deutet auf den Brief. »Ja,« sagt Elsalill eilig wie vorhin. Sie drückt die Augenlider zusammen, als sei es ihr schwer, die Worte zu entziffern. Sie hebt das Blatt ganz nah an ihre Augen. Nun liest sie: »Elsalill – Du weißt noch nicht alles: Ich liebte Dich vom ersten Tage, da ich Dich sah. – O – Elsalill! Leb wohl!« Elsalill steht auf. Sie geht wie im Nebel. Sie schwankt. Nein, der Boden schwankt. Es sind doch feurige Wogen, über die sie schreiten muß. Oder sind es rote Eisberge knirschend und scharf? Ach, es wird glühendes Eisen sein. Sie schreitet über glühend gemachte Pflugscharen, wie beim Gottesurteil. Ihre Hände möchten nach ihrem Herzen greifen. Aber nun hebt sie beide Arme. Sie geht bis ans Wasser, feierlich. Wie unter Befehl. Sie steht wie ein bronzener anbetender Knabe. Jetzt? – – – Ja, jetzt. – Elsalill fängt an zu zittern. Ihr Körper fliegt vom Scheitel bis zur Sohle. Sie drückt den Kopf in den Nacken. Ihr Atem setzt aus. Sie greift nach ihrer Brust. Etwas zersprengt sie: Der Cherub? – Ja. – Nun tut er langsam und groß seine obersten Flügel voneinander. Das Unerhörte ist über ihr. Gott fragt sie nach ihrer letzten Wahrhaftigkeit. »Liebe!« stammelt Elsalill. »Liebe!« Sie sieht in Fernen und Höhen. Sie sieht tief hinein in das verzehrende Feuer der Herrlichkeit Gottes. Ihre weitgeöffneten Augen zucken nicht. Sie hat Weibes Schicksal auf sich genommen. Aber ihr Gesicht ist wie das Gesicht eines kleinen Kindes, dem man lächelt. Gottes Herrlichkeit verzehrt sie nicht. Ja, lächelt nicht Gott über ihr? – Elsalill steht lange bewegungslos. Zuletzt macht sie eine weite Gebärde rundum. Als nähme sie dieses ganze Land an ihr Herz zum Abschied. Als sie dann still und hoch durch die Koppel schreitet: »Wie weit und traumhaft blaß das alles liegt,« denkt Elsalill. »Alles, was hier einmal so jung und süß und lebendig war! – Wie fern sind die hellen Ufer meiner Mädchenzeit!« Sie lächelt sanft, barmherzig und wissend. Aber plötzlich fängt sie an zu weinen: tief, hingegeben, erlöst. »Mein kleiner Klaus,« stammelt sie. »Mein armer kleiner, geliebter Bruder!« – O, wie tut es wohl, so um ihn weinen zu können zuletzt! Aber während noch um Klaus ihre Tränen fließen: »Vinzenz! Vinzenz!« Elsalill trocknet hastig die Augen. Ihre Füße fliegen. Es ist gegen Abend. Vinzenz tritt aus seiner niedrigen Haustür. Die alte Balbina sieht ihm nach verstört. Sie schlägt drei Kreuze: Mariand Joseph! Fortgehn vom Herrn Baron – das tut sie nicht, solang er hier oben darf bleiben. Nein, das tut die Balbina nicht, und die Heiligen werdens ihr nicht anrechnen, wenn sie weiter hier ihren Dienst versieht, als wäre nichts geschehn, rein nichts. Gott weiß, begreifen kann das ja doch kein Mensch. – Vinzenz steht einen Augenblick vor dem Fliederbusch. Behutsam biegt er die Zweige vonsammen. So ein leeres, verlassenes Nest! – Nun – Frühling und hohe Zeit sind gewesen! Er geht weiter. Er lächelt sanft. Dies alles um ihn her ist seltsam ferngerückt. Er ist wie jenseits des Grabes. Die große Absage an das Leben ist vollzogen. Heut früh ist Vinzenz aus der Kreisstadt zurückgekommen. Zwei Tage war er dort. Man hat seine Aussage zu Protokoll genommen. Zeugen zu vernehmen gab es nicht, außer dem Doktor, der den Befund aufgenommen hat damals. Ja, so blieb es: Der Nervenarzt, den der Rechtsanwalt von Vinzenz beantragte, weil . . . Nun, er mußte unverrichteter Sache wieder heimgehn. Der Herr Baron hatte so traurig gelacht, als er seine Anwesenheit begriff. Alles, was er sagte, war so klar und einfach. So ernst und freundlich und fern zugleich war sein Wesen und Gehaben. – Erkrankt im Geiste war der Herr Baron nicht. Nun, nun – wie Lauffeuer gings durch die Gegend – dies war anders als Totschlag, – dies war ein noch niemals Erhörtes. Die Kugel des rechten unteren Laufes war in die Brusthöhle gegangen, der Einschuß war kaum sichtbar, die innere Zerstörung ungeheuer und sofort tödlich. Warum sollte es nicht geschehen sein beim Straucheln des Aufstehenden? Dieses Blut konnte nicht gewertet werden wie ein anderes Blut, und die Hand, die es vergoß, nicht wie eines Mörders Hand. Herrgott nein! Wo man den Herrn Baron hat gekannt von Kind auf. Der? . . . Vinzenz fühlte ein wunderliches Zerren in der Herzgrube, als er die vielen Blumen sah, die ihn erwartet haben, als er heimkam heut früh. Aber das Gefühl, wie jenseits des Grabes, ist nicht vergangen davon. O nein. – – Das Gericht hat ihn auf freiem Fuß belassen gegen Ehrenwort, bis das Urteil gefällt ist. – – – Vinzenz geht dem Walde zu. Er geht leicht und schnell. Diesmal denkt er nicht, daß er eine bestimmte Stelle lieber vermeiden möchte. Dies ist alles vorüber jetzt. Er sieht fast heiter aus. Etwas ist ihm abgenommen. Aber dann spürt er in der Brust wie einen jähen scharfen Dolchstoß: – Elsalill! – Ja, nun hat sie längst seinen Brief. – – – Dies war vielleicht das Härteste: daß er es sich versagte. Daß er sie nicht noch einmal sah. – Aber er weiß wohl, warum er schreiben mußte: – Die körperliche Gegenwart – die süße Nähe des Lebendigen – das durfte er ihr nicht zumuten. Er steht an der Stelle des Abhangs, wo man die kleine Stadt überblickt, wie sie sich im Tal um die Kirche drängt wie Kinder um ihren Schutzengel. Der Zug läuft ein von München her. Die schmale, dunkle, geringelte Schlange mit dem speienden Kopf und der gellen Stimme. Er liebte sie sehr, diese Stimme, seit damals, als sie Elsalill in das Tal brachte um diese Stunde. Er wartete gern auf sie und sehnsuchtsvoll. Einmal . . . wer weiß? . . . Aber nun ist dies alles vorüber. – – – Vinzenz geht weiter. Man wird ihn vielleicht nur zu einem Jahr verurteilen, vielleicht sogar freisprechen. Sein Rechtsanwalt war vollkommen sicher. Nun – so – oder anders. Ob man ihm die Freiheit nimmt, oder ob man sie ihm läßt – hier ist alles abgeschlossen. Was ist die Heimat hinfort ohne Elsalill? Dort ragt sie auf der Bergklinge, die alte Burg. Sie ist sein Eigentum wieder. Ein Bild kommt ihm plötzlich in den Sinn. Als Knabe ergriff es ihn zu Tränen: Ein Trüpplein Menschen sieht er, hingekauert an fremdem, gelbem Strande, Hände um die Knie. Dem einen war die Ziehharmonika entglitten. Die Gesichter waren abgekehrt. Aber die Haltung der Schultern, ja, darin lag alles. Sie starrten der sinkenden Sonne hinterdrein. In ein paar Stunden würde sie für Europa aufgehen. In ein paar Stunden würde sie die Bergkogel und Domkreuze der Heimat rot malen. – »Auswanderer« stand unter diesem Bild. Es war der Schlußakt eines Münchener Bilderbogens. Aus dem Buch, das er so sehr liebte. Auch Jonas im Bauche des Walfisch war in diesem Buch. Er fährt zusammen. Die Kacheln der Schauküche, jawohl. Er spürt ein leises Frösteln. Nun – manche Dinge und Tage nimmt man besser noch nicht in seine Erinnerung. – – – Gut, gut, gut, daß es geschah. Daß er den Brief zwischen sein Heut und sein Gestern legte. Um der Schwachheit willen der Kreatur. Aber nun ist es vollbracht. Er kann wieder denken: Gott! Es ist keine Schranke mehr aufgerichtet. Nicht Trotz, nicht Lästerung. Es ist ihm verhängt worden, sein Schicksal, herüber von der hohen Schau und herauf aus dem abgründigen Wissen. Er hat es auf sich genommen. Nun wohl, wachse daran, Seele! Dennoch wachse! Gott – Klaus – Elsalill – er – der tödliche Abgrund zwischen ihnen steht nicht mehr aufgerissen. Der große Ring schloß sich wieder. Vinzenz kommt zurück. In weitem Bogen führte ihn der Weg. Da er aus dem Walde tritt, ist alles Purpur und Gold und veilchenblau und amethystfarben. Es ist alles unsäglich sanft. O – Heimat! . . . Die Aveglocken heben an. Sie wandern von Berg zu Berg, von Kapelle zu Kapelle, reichen einander die Hände, schließen die große Gebetskette. Der Baum, der die Maria trägt, ist wie aus mattem Opal. Schimmernde Flügel breitet er um das unkündliche Geheimnis der Liebe und der Schmerzen. Wie mit Händen zieht es Vinzenz zu dem Baum. Auf dem Betbänklein kniete Elsalill und flehte um das Wunder. Vinzenz tritt in den Schatten wie Opal – Er tritt zu dem Betbänklein. O, – träumt er auch? Es gibt holde Legenden, da steigt die Schmerzensreiche vom Tabernakel. Sie legt dem Sünder und Pilgersmann die Hand auf die heiße Stirn. – Löst sich nicht eine Gestalt aus dem flimmernden Schatten? Vinzenz steht wie versteint. »Maria am Meer!« sagt er wie im Traum. »Du, Elsalill? Du?« – »Ja,« sagt Elsalill. »Hier bin ich.« Auch sie steht ohne Bewegung. »Elsalill,« – er stammelt – »sag mir – erkläre mir doch! Ich halluziniere – oder – starb ich auch?« »Du lebst,« lächelt Elsalill. »Wir leben. Ich bin bei dir.« Aber wie sie die Arme zu ihm hinhebt, – schreit er auf, als ob er stirbt. So war alles umsonst? Er gehorchte ja doch, bis zum Letzten, zum Unerbittlichen. Ist dies noch nicht genug? Nichts wird ihm erspart? Aber er hat gesehn, wie sie erblaßte über seinen entsetzlichen Schrei. »Elsalill!« Er reißt sich zusammen. Er quält jedes Wort herauf wie brennendes Blut, und dennoch stetigt er seine Stimme. »Elsalill – ich schrieb dir,« sagt er leise. »Verzeih doch nur! Du hast meinen Brief nicht bekommen?« Da wird das weiße Gesicht Elsalills plötzlich wie eine Flamme. Etwas reckt sie auf. Sie deutet mit der Hand auf ihre Brust. »Hier trage ich deinen Brief, Vinzenz!« Er tut einen Laut, wie wenn ein Harnisch vonsammen bricht. »O Vinzenz,« sagt Elsalill fliegender Stimme. »Weißt du nicht, wie es war, als ich ihn las? – Weißt du es nicht? – Bist du nicht schon einmal gekommen und hast mich errufen? Ich stand vermauert in mir.« Das Aufgereckte ihrer Glieder entspannt sich. Sie seufzt tief und erlöst. »So alt wie die Welt ist unsere Liebe,« murmelt sie. Vinzenz steht noch immer unbewegt. Er ballt seine Rechte. »Mit dieser Hand, Elsalill.« »Arme Hand!« Elsalill stürzen die Tränen. Leidenschaftlich hebt sie die Hand an den Mund. »Wer anders als ich nimmt das Blut von dir fort?« »Vielleicht – du weißt noch nicht – vielleicht muß ich in das – Gefängnis, Elsalill.« Vinzenz spricht hastig, als müsse er sie zurückrufen vom Absturz. Elsalill lächelt entrückt. »Wo du hingehst . . . Du weißt wohl. Dein Land und dein Gott – –« ihre Stimme jauchzt, – »und dein Schicksal, alles ist meins!« »Wenn sie einmal erwacht ist –« wer – wer sagte das doch? Vinzenz streicht mit der Hand über die Stirn: »Du könntest ein Mörder sein. Sie risse sich für dich das Herz aus der Brust!« Derselbe Laut wie vorhin kommt aus seiner Kehle. Wie wenn Stahl zerbricht. Sie sehn einander an. Ihre zuckenden Lippen verschmelzen, wie der Brand von zwei Fackeln. »Und hättest du Blut an jedem deiner Finger!« Elsalill herzt seine Hände. Vinzenz hat den Arm um ihre Schulter gelegt. Sie stehn unter der Maria im Baum. Die Abendsonne bricht rot und tausendfältig zersträhnt durch die opalenen Flügel. Wie Lohe fließt sie um Vinzenz und Elsalill. Sie stehn wie verwachsen in Eins. Wie zwei bronzene Gestalten, im Feuer verschmiedet. »Elsalill! Elsalill! – So kommt das Wunder zu uns?« Seine Stimme bricht. Er kniet vor Elsalill. Sie steht ein wenig gebückt. Ihre Hände umschließen den Kopf von Vinzenz. Sie drückt seinen Kopf an ihren Schoß. »Ja, Liebe!« denkt Vinzenz. »Maria,« denkt er, »Gefäß, drein sich die Gottheit schüttet! Gott ist Liebe. Und Liebe ist stärker als Tod.« Er richtet sein Gesicht auf in Elsalills Händen. Seine Augen gehn von Elsalill zu der Maria im Baum. Beide stehn in Flammen und Gold.