Gabriel Ferry Der Waldläufer Für die reifere Jugend bearbeitet von Oskar Höcker. Motto: Wo jeder ist, wie er sich zeigt. Da lernt man sich bald recht versteh'n, Da wird das Finden lieb und leicht. Doch schwer das Auseinandergeh'n. Friedr. Bodenstedt. Fremde Völker und Länder! Der Zauber, den diese wenigen Worte bergen, wird seine mächtige Wirkung üben, so lange unserer Jugend noch Poesie und Fantasie innewohnen. Lassen wir daher den jugendlichen Gemüthern ihre Vorliebe für alles Fremde, – Zeit und Reife klären das Fantastische ihrer Anschauungsweise schon auf und jener Augenblick naht unfehlbar, wo Heimat und häuslicher Herd die Bilder der Fremde verdrängen und von dem glänzenden Farbenspiele nichts zurückbleibt, als die Kenntniß ferner Zonen und ihrer Völkerschaften. Damit dieses Wissen nun aber ein wahrhaft reales sei, empfiehlt es sich, die Jugend nur solche abenteuerliche Geschichten von Indianern, Negern etc. lesen zu lassen, denen wirkliche Erlebnisse zu Grunde liegen. Zu dieser kleinen Anzahl guter Romane gehört unstreitig Ferry's Waldläufer . Der Autor, ein Franzose, hat sich längere Zeit im fernen Westen aufgehalten und dort nicht nur die glänzenden Metropolen, sondern auch, und dies mit Vorliebe, die gigantischen Einöden aufgesucht. Die vorliegende Erzählung ist einestheils das Product seiner Reiseeindrücke, anderntheils die Wiedergabe mehrfacher Mittheilungen, welche Gabriel Ferry aus dem Munde eines alten canadischen Jägers geworden sind. Mit gewissenhafter Treue schildert er Gegend und Leute; dabei vertieft er sich aber oft derart, daß sein Buch an mannigfachen Längen leidet. Die Jugend, welche sich aber nicht gern allzulang bei einem Gegenstande aufhält, würde daher oft ermüden und gar manche Seite des trefflichen Werkes überschlagen, wollte man ihr dasselbe in seiner ursprünglichen Form bieten. Findet es thatsächlich ja selbst noch bei den im Laufe der Zeit erschienenen Bearbeitungen statt, deren jede einen sehr starken Band bildet. Und das ist der Hauptbeweggrund, warum ich mich zu einer neuen Bearbeitung des Ferry'schen Romans entschlossen habe und hiermit der Jugend das vielbändige Werk in einem erheblich geringeren Umfange, aber dennoch, wie ich glaube, in derselben Reichhaltigkeit, was fesselnden wie belehrenden Inhalt anlangt, darbiete. Da es sich außerdem die Verlagshandlung angelegen sein ließ, das Buch auch äußerlich in jeder Beziehung, namentlich durch künstlerisch feine Farbdruckbilder, geschmackvoll auszustatten, so gebe ich der Hoffnung Raum, daß der » Waldläufer « in diesem vielfach hübschen Gewande abermals recht zahlreiche neue junge Freunde finden werde, umsomehr, als der hochinteressante Roman neben seiner bunt bewegten Scenerie auch einen ausgesprochen ethischen Hintergrund hat, der uns von Neuem erkennen läßt, wie die gütige Vorsehung diejenigen Menschen, welche bestimmt sind, einander anzugehören, auf wunderbare Weise zusammenführt und das Verbrechen schon hier auf Erden straft, möge der Schuldige auch fliehen in die Einöden des fernsten Westens . Karlsruhe. Oskar Höcker. Ein verhängnißvolles Vorspiel Stürmisch war die Decembernacht. In wilder Eile jagten am dunkeln Firmament drohende Wetterwolken dahin, nur zuweilen der hinter ihm versteckten Mondscheibe gestattend, das felsige Gestade des biscayischen Meerbusens mit ihrem Lichte zu versilbern. In solchen Momenten kam eine Reihe ärmlicher Fischerhütten zum Vorschein, sowie ein imposantes Schloß, welches das Felsplateau krönte. Das stolze Gebäude gehörte dem spanischen Grafengeschlechte von Mediana zu und war seit einigen Jahren in dem Besitz des ältesten Sohnes, Don Juan . Von seinem jüngeren Bruder, Don Antonio , hatte man seit dem Tage, an welchem Juan sich verheirathet, nichts wieder gehört; man raunte sich in's Ohr, daß er dem Bruder wegen des reichen Erbes, sowie seines Familienglückes neidisch gewesen sei, und inmitten seiner abenteuerlichen Lebensweise einen jähen Tod gefunden habe. Allerdings führte Don Juan ein glückliches Familienleben und mit väterlichem Stolze blickte er auf seinen dreijährigen Sohn Fabian , dessen kindliche Seele die Sanftmuth der Mutter und den ritterlichen Sinn des Vaters harmonisch vereinigte. Das Glück des Menschen soll indessen nur von kurzer Dauer sein, so ist es beschlossen in dem allweisen Rathe des Höchsten. Das Jahr 1808 war gekommen und mit ihm der Zeitpunkt, wo die ruhmreiche Armee Napoleons die spanischen Provinzen bedrohte. Die feurigen Söhne des Landes strömten herbei, um den Boden ihrer Heimath gegen den fremden Eroberer zu schützen. Auch Don Juan riß sich aus den Armen von Weib und Kind, und sollte Beide nicht wieder sehen. Eine feindliche Kugel machte in der Schlacht bei Burgos seinem Leben ein Ende. Stürmisch war die Decembernacht und über den grollenden Meereswellen schwebte, gleich einem langen Gespensterzuge, ein düsterer Nebel. Kein Stern glitzerte am Himmel, nur aus einem Zimmer des Schlosses glimmte es trübe herab. »Es wird die arme Wittwe sein, die weinend am Bette ihres kleinen Sohnes wacht,« brummte ein Küstenwächter vor sich hin, der für diese Nacht beordert war, den gefährlichen Posten in der Bucht zu beziehen. Seine Kameraden wunderten sich, daß der Kapitän gerade ihn dazu ausersehen hatte, den in stürmischen Nächten von Schmugglern heimgesuchten Landungsplatz zu bewachen, da Pepe – wie der Name des Miquelet (spanischer Küstenwächter) lautete – wegen seiner Schlafsucht berüchtigt war und im Munde Aller nur der »Schläfer« hieß. Er mochte fünfundzwanzig Jahre zählen, war von hoher Figur, sehr mager, aber außerordentlich muskulös. Wenn er gefragt wurde, warum er so gern und so viel schlafe, gab er regelmäßig zur Antwort: »Die spanische Regierung sorgt dafür, uns beständig bei gutem Appetit zu erhalten, indem sie uns den Sold schuldig bleibt, somit kann ich nichts besseres thun, als meinen Hunger zu verschlafen, und zu träumen, daß mich die Regierung bezahlt.« In den schwarzen, von buschigen Brauen beschatteten Augen Pepe's konnte man indessen lesen, daß seine scheinbare Theilnahmlosigkeit eine erkünstelte und er von der Mutter Natur mit einer gehörigen Portion Schlauheit ausgerüstet war. Als er vom Kapitän den Befehl erhielt, die Wache an der Bucht zu beziehen, witterte er sofort eine unlautere Absicht seines Vorgesetzten; trotz alledem gab er sich den Anschein der Schläfrigkeit, indem er sich, in seinen Mantel gehüllt, auf den kalten Erdboden warf. Als aber eine halbe Stunde später der Kapitän gekommen war und mit einem zufriedenen Lächeln den Schläfer betrachtet hatte, um hierauf sich wieder zu entfernen, richtete sich Pepe in seiner ganzen Länge auf und murmelte vor sich hin: »Will schon hinter Eure Schliche kommen, Herr Kapitän, und wachsam sein, daß auch keine Maus meinen Blicken entgehen soll!« Indessen schien es, als wollte nichts die Ruhe der Nacht stören. Erst nach einer Stunde etwa glitt ein schwaches Geräusch über die Wellen und gelangte an Pepe's Ohr. Er hob den Kopf und spähte gleich einem Luchse. Inmitten der Nebelmasse bemerkte er bald einen schwarzen Punkt, der stetig zunahm und schließlich zu einem Boote anschwoll. Es landete an der Bucht und zwei Männer stiegen geräuschlos aus, während der am Steuer Sitzende zurückblieb. »Nach ihrem Anzug zu schließen, scheinen es Seeräuber zu sein,« sagte der scharf beobachtende Pepe vor sich hin, dem sich entfernenden Paare nachschauend, bis es hinter einem Felsvorsprung verschwunden war. Nunmehr wandte der Miquelet seine Aufmerksamkeit dem Zurückgebliebenen zu, dessen Blick auf das Meer gerichtet war. Gleich einem Tiger sprang Pepe auf ihn los, setzte die Mündung seines Karabiners auf die Brust des erschrockenen Fremden und rief mit unterdrückter Stimme: »Rührt Euch nicht, oder ich sende Eure Seele zur Hölle!« »Wer bist Du?« entgegnete der Fremde mit vor Wuth funkelnden Augen. »Pepe, der immer schläft,« spottete der Miquelet. »Wehe dem Kapitän, wenn er mich verrathen hat,« murmelte der Fremde. »Oh nein, er ist daran unschuldig, Herr Schmuggler!« »Schmuggler?« wiederholte verächtlich der Fremde. »Nun oder etwas Schlimmeres,« höhnte Pepe. »Ich sehe freilich keine Waarenballen im Boote und die Strickleiter dort kann auch nicht als eine Probe dienen.« Der Miquelet betrachtete jetzt den Unbekannten genauer, welcher mit ihm in gleichem Alter stehen mochte. Sein von der Sonne verbranntes Seemannsgesicht zeigte eine breite Stirn, große schwarze, unheimlich leuchtende Augen und einen verächtlich lächelnden Mund. Das schwarze, gelockte Haar vermochte kaum die Strenge seiner Züge zu mildern, denen der Stempel des Ehrgeizes und der Rachsucht aufgedrückt war. »Nein,« sagte jetzt Pepe, »Ihr seid kein Schmuggler, wohl aber, nach Eurer Uniform zu schließen, ein Marine-Officier. Allen Respekt vor Euch!« »Spare Deine witzigen Worte,« entgegnete der Fremde, »und sage mir kurz und bündig, was Du von mir willst.« »Gut, Herr Officier, kurz und bündig denn. Ihr habt meinen Kapitän bestochen, einen schläfrigen Wachtposten hier aufzustellen, damit Ihr Euer Heldenstückchen, denn ein solches habt Ihr jedenfalls vor, ungehindert ausführen könnt. Gebt mir 80 Unzen, an Gold und ich will taub, stumm und blind sein.« Diese unverschämte Forderung erregte für einige Augenblicke den Zorn des Fremden, dann aber zog er einen kostbaren Ring von seinem Finger und überreichte ihn dem Miquelet mit den Worten: »Da, nimm und packe Dich, und halte Dein Wort, möge sich auch ereignen, was da wolle!« Der Unbekannte sprang aus dem Boote und verschwand alsbald innerhalb des zum Strande herabführenden Hohlwegs, während der zurückgebliebene Pepe beim Mondscheine aufmerksam den Diamant betrachtete, der in den Ring gefaßt war. Neidische Wolkenschleier traten alsbald wieder vor die Mondscheibe, das einsame Licht aber, welches von der Höhe des Schlosses herabschimmerte, blieb. Noch immer saß dort in dem hohen Balkonzimmer die schöne, junge Grafenwittwe und blickte thränenden Auges auf die Wiege, in welcher ihr schlafendes Söhnchen ruhte. Plötzlich nahm die bleiche Frau die Lampe vom Tische und beleuchtete ein großes Gemälde, das über der Wiege hing und einen fünfzehnjährigen Knaben darstellte, welcher freundlich auf seinen noch im Kindesalter befindlichen Bruder herab schaute, der auf einem großen Sessel schlief. Unter dem Bilde standen die wenigen und doch so bedeutungsvollen Worte: Ich werde wachen . Das Kind in der Wiege glich dem Knaben auf dem Gemälde auf ein Haar, und man konnte es der zärtlichen Mutter nicht verdenken, wenn sie, die Stirn des kleinen Fabian's im Kusse berührend, mit einem tiefen Seufzer fügte: »Möge Dir ein längeres Leben und dauernderes Glück beschieden sein, als Deinem armen Vater!« Nach diesen Worten setzte sie sich wieder nieder und verfiel in ein tiefes Nachsinnen. Plötzlich traf ein dumpfes Geräusch ihr Ohr, – es näherte sich rasch, – und jetzt wurde das Fenster des Balkon's aufgerissen und mit dem eisigen Windstoße, der in's Zimmer drang, wurde ein Mann sichtbar, vor welchem die Gräfin mit einem gellenden Schreckensrufe zurücktaumelte. War es ja doch Don Antonio, der todtgeglaubte Bruder ihres Gatten, den sie in drohender Haltung jetzt vor sich sah. »Nur ein einziger Hilferuf und dieses Kind hat ausgeathmet,« ertönte es von Don Antonio's Lippen, während sein Finger auf die Wiege des kleinen Fabian deutete. »Um der heiligen Jungfrau Willen, was wollt Ihr hier, inmitten der Nacht?« preßte die Gräfin mühsam hervor. »Nur eine Kleinigkeit,« erwiederte der Eindringling, »ich will mir die Rechte und das Vermögen meines verstorbenen Bruder's sichern, welche mir der kleine Bursche da abwendig zu machen droht!« Damit schritt Don Antonio auf die Wiege zu, ohne daß die bestürzte Mutter es zu hindern vermochte. »Jesus Maria,« ächzte die Gräfin, »Ihr wollt das unschuldige Kind doch nicht morden?« »Ei, wer sagt das?« gab der gefühllose Schwager spöttisch zurück, »ich werde ihn nur Eurer mütterlichen Zärtlichkeit entziehen und auf diese Weise dürfte er für immer vergessen, jemals zu dem Geschlechte der Grafen von Mediana gehört zu haben.« »Ihr wollt mich von meinem Kinde trennen?« jammerte die unglückliche Mutter und fügte händeringend mit einem Blicke nach Oben hinzu: »O mein Gott, kannst Du ein solches Verbrechen zulassen, wirst Du mir keinen Retter in der Noth senden?« Don Antonio warf seiner Schwägerin einen verächtlichen Blick zu und sagte: »Gottes Gerechtigkeit schläft zuweilen, Madame, und macht somit keine Ausnahme von jener der Menschen.« »Oh!« rief die Gräfin mit edlem Unwillen, »ich prophezeihe Euch, daß die Gerechtigkeit Gottes, die Ihr jetzt zu verspotten wagt, am äußersten Ende der Welt, ja selbst in den entlegensten Einöden, die noch nie eines Menschen Fuß betreten hat, Euch erreichen und einen Ankläger, Richter und Henker erwecken wird!« Don Antonio zeigte nur ein spöttisches Lächeln und versetzte, auf die Wiege deutend: »Dieses Kind hat heute zum letztenmal unter dem Dache seiner Väter geschlafen. Wollt Ihr, daß es leben bleibt, so fügt Euch meinem Willen. Zudem sag' ich Euch, daß jeder Lärm Eurerseits nutzlos ist, und meine Leute die Weisung haben, Jedermann zu erdolchen, der sich ihnen in den Weg zu werfen wagt.« Ein Blick in die unheimlich leuchtenden Augen Don Antonio's belehrte die unglückliche Gräfin, daß weder Bitten noch Flehen das steinerne Herz des ehrgeizigen und harten Mannes rühren könne. Sie wankte der Wiege zu und unter einem Thränenstrome weckte sie den kleinen Fabian, welcher die Mutter mit seinen treuherzigen Augen anlächelte und es sich ruhig gefallen ließ, zu dieser ungewohnten Stunde von ihr angekleidet zu werden. Erst als das Kind den fremden Mann bemerkte, fing es an zu zittern und schmiegte sich ängstlich und weinend an seine Mutter. Diese stieß jetzt einen schwachen Schrei aus und sank in eine tiefe Ohnmacht. Ohne sich um den leiseschluchzenden Knaben zu bekümmern, riß Don Antonio Kasten und Schränke auf und schleuderte einige Kleider und andere Gegenstände im Zimmer umher, so daß es den Anschein gewann, als habe die Gräfin in aller Eile heimlich eine Reise angetreten, sodann öffnete er den Schreibtisch und nahm die für ihn werthvollen Papiere an sich. Wenige Sekunden später trat er an's Fenster und ließ einen kurzen Pfiff ertönen. Sofort erschien einer der Gefährten, welchen Pepe, der Schläfer, kurze Zeit vorher im Boote gesehen hatte. »Trage die Frau da hinab«, rief ihm Don Antonio befehlend zu, »ich werde mit dem Knaben folgen.« Und wiederum vergingen nur wenige Sekunden und man sah die beiden Männer mit ihrer Last die Strickleiter herabklimmen, welche an dem einen Pfosten des Balkons angebracht war. Nächtliche Stille herrschte wie zuvor; in dem Zimmer des Schlosses war es unheimlich leer. Nichts regte sich dort jetzt und nicht einmal der bange Seufzer eines ängstlich klopfenden Mutterherzens brach sich Bahn. Nur ein einziges Mal flammte das Licht der Lampe auf und kam über die im Zimmer umhergestreuten Gegenstände eine geisterhafte Bewegung, das war, als ein pfeifender Windstoß in das offenstehende Fenster einen Ton des Schreckens und der Verzweiflung trug, – den letzten der unglücklichen Mutter, welche, in dem Boote aus ihrer Ohnmacht erwachend, von einem der Untergebenen Don Antonio's erdolcht worden war. Der Sturm tobte und auf den erzürnten Wellen des Oceans trieb das gebrechliche Fahrzeug mit der todten Mutter, an deren Halse der kleine Fabian fest angeklammert lag, tausend süße Namen rufend, um seine Herzensmama wieder lebendig zu machen. Der schurkische Oheim hatte nicht gewagt, das Blut seines Bruders zu vergießen, aber er hoffte, daß das Boot zu Grunde gehen, oder die Kälte der Winternacht das Kind tödten werde. Der gütige Gott aber hatte es anders beschlossen. Es war um die Zeit, wo die Nacht mit dem Frühlicht um die Herrschaft ringt, als ein raschsegelndes Fahrzeug, dessen Takelwerk und Segelstellung ein französisches Kriegsschiff verkündeten, in die Bucht einbog und zwei Boote aussetzte, um frischen Mundvorrath einzunehmen. Eben tanzte der erste Lichtstreif über die Wellen hin, da begann längs der Küste ein lebhaftes Gewehrfeuer, welches der jetzt doppelt wachsame Pepe mit den übrigen Miquelets gegen die Insassen der beiden Boote eröffnete, in denen er sofort französische Matrosen erkannt hatte. Der Alarm kam indessen zu spät und die Boote kehrten reichbeladen zu ihrem Schiffe zurück. Der letzte Mann, welcher auf das Verdeck stieg, war ein Matrose von riesenhafter Gestalt; er hielt in seinen Armen ein kleines Kind, das man wol für todt halten konnte, hätte nicht ein leises Beben des Körpers noch einen Rest von Leben verrathen. »Was Teufel bringst Du da, Rosenholz ?« rief der wachthabende Officier dem Riesen zu. »Ein kleines Kind, das ich in einem den Wellen preisgegebenen Boote gefunden habe. Eine todte in ihrem Blute gebadete Frau hielt es noch in ihrem Arm, und nur mit großer Mühe vermochte ich das arme, kleine Geschöpf aus dem Fahrzeug zu langen, welches die verwünschten Küstenwächter besonders auf's Korn nahmen. Namentlich war es ein langer Schlingel, der mit ebenso großer Hartnäckigkeit als Ungeschicklichkeit auf mich schoß. Donner und Wetter, ich wünsche nicht, daß er jemals wieder mit mir zusammentrifft denn er könnte es sonst hart büßen müssen!« Freuen wir uns, daß diese Drohung nicht zu Pepe, des Schläfer's Ohren drang, welcher mit dem langen Schlingel gemeint war. »Was gedenkst Du mit dem Kinde anzufangen?« entgegnete der von Mitleid bewegte Officier, indem er das zitternde Bübchen sanft streichelte. »Ich will für das arme Geschöpf sorgen,« antwortete Rosenholz in seiner rauhen, treuherzigen Weise, »bis der Frieden mir erlaubt, hierher zurückzukehren und Erkundigungen über meinen Findling einzuziehen.« Leider konnte der Matrose von dem Kinde nichts weiter erfahren, als daß es Fabian heiße und die ermordete Frau seine Mutter gewesen sei; dazu gesellte sich noch der unglückselige Umstand, daß während der nächsten zwei Jahre das französische Schiff nicht in Spanien zu landen vermochte. Indeß nahm sich der Riese Rosenholz, ein Kanadier von Geburt, der kleinen Waise mit wahrhaft rührender Sorgfalt an und bald füllte die Liebe zu Fabian sein ganzes Herz aus. Da geschah es eines Morgens, daß der französische Kreuzer von einer ihm an Stärke weit überlegenen Brigg angegriffen wurde. Ein erbitterter Kampf entspann sich, über dessen Ausgang Rosenholz nicht lange im Zweifel war. Von Pulver geschwärzt, eilte der Matrose in den untersten Schiffsraum, um den kleinen Fabian auf das Verdeck zu tragen, damit sich, für den Fall einer Trennung, seinem jugendlichen Gedächtnisse die Erinnerung an diese stürmische Scene dauernd einpräge. Und während die Geschütze donnerten, die Masten krachten und das Angstgeschrei Verwundeter und Sterbender ringsum ertönte, befahl Rosenholz seinem kleinen Schützlinge niederzuknieen, während er selbst sich mit seinem Riesenleibe über das Kind beugte und es so vor den feindlichen Kugeln schützte. »Du siehst, was vorgeht,« fuhr er mit feierlicher Stimme fort. Fabian nickte und verbarg sich zitternd in dem Arm des Riesen. »Gut!« begann Rosenholz abermals, »vergiß nie, daß Dich in diesem Augenblicke ein Matrose, der Dich wie sein Leben liebte, niederknieen ließ, um Dir zu sagen: »Bete für Deine Mutter – – –« Der Satz blieb unvollendet, denn eine feindliche Kugel hatte den treuen Kanadier getroffen und sein Blut färbte die Kleider Fabians, welcher ein herzzerreißendes Geschrei ausstieß. Mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte preßte der Verwundete den Knaben an sein Herz, während seine Lippen flüsternd den begonnenen Satz vollendeten: »welche ich sterbend bei Dir gefunden habe!« Dann verlor er die Besinnung, und als er wieder zu sich kam, befand er sich in einem verpesteten Schiffsraume. Nur zu bald wurde es ihm klar, daß er ein armer Gefangener und Fabian von ihm getrennt worden sei. Und der Riese, dessen muthiges Herz vor keiner Gefahr erbebte, begann bitterlich zu weinen, denn er hatte Fabian geliebt, wie nur ein Vater sein Kind zu lieben vermag. – Wir wollen diese traurige Vorgeschichte nicht schließen, ohne noch einen Blick auf das felsige Gestade am biscayischen Meerbusen und das stolze Schloß zu werfen, das sich dort erhob. Einige Tage nach dem unerklärlichen Verschwinden von Mutter und Sohn fanden Fischer am Meeresstrande den Leichnam der unglücklichen Gräfin. Der Kastellan des Schlosses umwandt die auf der Zinne wehende Fahne mit einem Trauerflor und ließ an der Stelle, wo seine arme Gebieterin gefunden morden war, ein hölzernes Kreuz errichten. Allein wie Alles auf dieser Welt veraltet und nur das Neue Wurzeln schlägt, so hatte der Seewind noch nicht den schwarzen Flor geröthet und die leckende Fluth das hölzerne Kreuz noch nicht mit grünem Moose überzogen, als das tragische Ereigniß, welches die Herzen Aller so tief betrübt, der Vergessenheit anheimfiel und sich Alles der glänzenden Erscheinung Don Antonio's von Mediana zuwandte, welcher gekommen war, um in dem Schlosse seiner Väter als Herr und Erbe seinen Einzug zu halten. Wir aber sagen dem stolzen Bollwerke und dem einfachen Kreuze für lange Zeit Lebewohl und wenden uns jetzt dem fernen Westen zu, um dort in den Wäldern und Steppen Mexiko's den Faden uns'rer Erzählung weiter zu spinnen. Erstes Buch Erstes Kapitel. Waldläufer und Gambusino. Wer nur einigermaßen die Geschichte Mexiko's kennt, weiß, daß diese Bundesrepublik des südlichsten Theils von Nordamerika von jeher der Schauplatz bitterer Kämpfe gewesen ist, und zwar von dem Augenblicke an, wo Cortez die Eingeborenen zwang, dem spanischen Könige als ihrem Oberherrn zu huldigen, bis zu dem Tage, wo der unglückliche Erzherzog Maximilian von Oesterreich durch Verrath in die Hände der Juaristen fiel und bald darauf erschossen wurde. Zu diesen politischen Kämpfen gesellten sich noch andere, bei denen womöglich noch mehr Blut floß; wir meinen die fortgesetzten Räubereien der Indianerhorden, welche im Lande hausen, und zu deren religiösen Satzungen es gehört, ihrem Gotte so viel Bleichgesichter als möglich zum Opfer zu bringen. Unter den verschiedenen Indianerstämmen Mexiko's und seiner nördlichen Grenzländer nehmen jene der Apachen und Komanchen die hervorragendste Stelle ein, und namentlich sind es die ersteren, welche sich in wilder Grausamkeit gegen die Weißen gefallen und von keinerlei Civilisationsversuchen etwas wissen wollen. Glücklicherweise nimmt ihre Bevölkerung von Jahr zu Jahr ab und gegenwärtig zählt man im Gebiete der Union kaum noch elftausend Apachen. Anno 1830 dagegen jagte ihr Name jedem Weißen noch großen Schrecken ein, selbst die an Gefahren gewöhnten Waldläufer und Gambusino's nicht ausgenommen, deren Namen unser Kapitel zur Aufschrift trägt. Da Beide in nachstehender Erzählung hervorragende Rollen spielen, so halten wir es für geboten, ihre Charaktereigenthümlichkeiten dem Verständnisse des jugendlichen Lesers näher zu rücken. Das Gold, welches der Boden Mexiko's in verschwenderischer Weise birgt, sowie das kostbare Pelzwerk der in Unmenge vorhandenen Raubthiere zogen gar bald das Interesse des spekulationssüchtigen Europäers auf sich. Der Pelzhandel wurde in kurzer Zeit so beträchtlich, daß die Indianer, als Lieferanten, ihre Wanderungen weit über die üblichen Gränzen erstrecken mußten. Dies veranlasse einzelne muthige europäische Jäger, die Vermittler zu spielen, und so kam es, daß sie Monate und Jahre inmitten der wilden Stämme zubrachten und an dem unstäten Leben einen Reiz fanden, der sie die geregelten Gewohnheiten des civilisirten Lebens verachten ließ. Diese energischen Männer waren es, die später unter dem Namen » Waldläufer « eine gewisse Berühmtheit erlangten. Die Gambusino 's blickten dagegen verächtlich auf die genügsamen wilden Jäger und lichteten ihr Augenmerk einzig darauf, die Goldschätze sich anzueignen, welche der Boden Mexiko's barg. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußten diese Goldsucher tausendfältige Gefahren überstehen, hatten sie sich ja doch durch die kriegerischen Indianerstämme hindurchzuschlagen, die jeden Streifzug in ihre Jagdgründe mit bewaffneter Hand zurückwiesen. Allein das Gold reizt den Menschen und so fanden sich zum Oeftern goldhungrige Abenteurer zusammen, denen die Erzählungen der Gambusino's von Ungeheuern Goldlagern den Mund wässerig gemacht hatten, – und kühn drangen sie in die Einöden des Landes vor, beneidet von Jenen, welche zwar auch nach Reichthum trachteten, aber den Muth nicht besaßen, den Gefahren der Wildniß Trotz zu bieten. Im Sommer des Jahres 1830 setzte sich von dem mexikanischen Städtchen Arispe aus eine ähnliche Expedition in Bewegung und zwar unter der Anführung eines spanischen Edelmannes, der sich Don Estevan de Arechiza nannte und erst seit zwei Monaten daselbst verweilte. Er schien über bedeutende Geldmittel zu verfügen, denn er zeigte sich äußerst freigebig und hielt offene Tafel, an der Jeder willkommen war, sobald er nur rüstige Arme und ein verwegenes Herz mitbrachte. Somit konnte es nicht Wunder nehmen, daß von allen Seiten seiner Fahne Abenteurer zuströmten. Zudem galt es für ausgemacht, daß der Spanier um das Dasein eines unermeßlichen Goldlagers im Innern des Landes wisse. Das Gerücht log nicht; ein Gambusino, dessen Name Cuchillo lautete, hatte sich dem reichen Edelmanne zu nähern gewußt und sich erboten, ihm gegen eine sofort zu zahlende Summe von fünfhundert Piastern und der Zusicherung des zehnten Theils an der Beute, eine reiche Goldmine zu entdecken. Don Estevan zeigte anfangs Mißtrauen, da er nicht begreifen konnte, daß der Gambusino die Entdeckung des Goldlagers nicht für sich allein ausgebeutet habe; allein Cuchillo wußte jedes Bedenken zu zerstreuen, indem er entgegnete: »Mir ist es unmöglich, eine Expedition zu Stande zu bringen, um den Schatz den Händen der umwohnenden Apachen zu entreißen, während es für Sie, Senor, ein Leichtes ist.« »Und auf welche Weise habt Ihr jenes Goldlager entdeckt?« examinirte der Spanier weiter. »Es sind jetzt zwei Jahre her,« erzählte Cuchillo, »als einer meiner Freunde in Gesellschaft eines andern Gambusino auf die Suche auszog. Das Glück war Marcos Arellanos – so hieß mein Freund – günstig und er entdeckte ein Goldlager, wie es bisher noch keines Weißen Auge erblickt hatte. Aber gerade als er und sein Begleiter die Schätze an sich reißen wollten, fielen die verwünschten Rothhäute über sie her; der Gefährte von Marcos ward erschossen und er selbst entging nur mit Mühe der drohenden Gefahr. In Tubac , wohin er sich geflüchtet, traf ich mit ihm zusammen. Er weihte mich in das Geheimniß ein und bald nachher brach er mit mir von Neuem auf. Allein auch dieses Mal erging es nicht besser, – ja, mein armer Freund kehrte sogar nicht einmal wieder zu Weib und Kind zurück.« »Er starb?« fragte Don Estevan den Erzähler. Derselbe nickte und erheuchelte eine Thräne. Der Spanier besaß zu viel Scharfsinn, um das falsche heimtückische Wesen Cuchillo's nicht alsbald zu durchschauen, und da sein eigener Charakter gleichfalls nicht als fleckenrein gelten konnte, so fand zwischen dem würdigen Paare eine gewisse Sympathie statt, d. h., ein Jeder wußte vom Andern, daß er mindestens ein Egoist sei und bei Don Estevan der Ehrgeiz, bei Cuchillo dagegen die Habgier die Hauptrolle spielte. Mit einem bedeutsamen Lächeln fragte der Spanier: »Wo liegt das Goldthal?« »Es befindet sich jenseits Tubac.« Don Estevan öffnete nunmehr einen ledernen Geldbeutel und händigte Cuchillo die gewünschte Summe in blanken Goldstücken ein. Nachdem derselbe das Empfangene gewissenhaft nachgezählt, kreuzte er, nach spanischer Weise, den linken Zeigefinger mit dem Daumen der rechten Hand und sprach feierlich: »Ich schwöre beim Kreuze des Erlösers, daß ich jetzt die reine Wahrheit sagen werde. Zehn Tagreisen in nordwestlicher Richtung über Tubac hinaus erreicht man den Fuß einer Bergkette, welche Tag und Nacht von einem dichten Nebel umschleiert wird; am Fuße dieser Hügelreihe schlängelt sich ein kleiner Fluß dahin. Man muh ihm folgen bis zu dem Punkte, wo er ein anderes Gebirgswasser aufnimmt. Jenseits des Zusammenflusses der beiden Gewässer erhebt sich ein steiler Zügel, der das Grab eines Apachenhäuptlings birgt. Seitwärts breitet sich ein See aus und daneben eine Thalschlucht, in welche das Regenwasser unermeßliche Goldschätze gespült hat. Diese Tiefe birgt das Goldthal.« »Es wird nicht schwer sein, den Ort zu finden,« meinte Don Estevan. »ie aber, wenn das Weib und das Kind Eures todten Freundes um das Geheimniß wüßten und dasselbe bereits ausgebeutet hätten?« Der Gambusino schüttelte mit einem widerwärtigen Grinsen das Haupt und entgegnete: »Die alte Frau ist vor einigen Tagen gestorben, und was den jungen Burschen betrifft, so würde ihm das Geheimniß des Goldthals ebensowenig nützen, als mir, wenn ich Sie, Senor, nicht gefunden hätte. Im Uebrigen bin ich fest überzeugt, daß der junge Tiburcio auch nicht eine Ahnung davon hat; war er ja doch nur der Adoptivsohn des alten Arellanos, der sich nicht viel um ihn bekümmerte.« »Ah, also eine Waise dieser Provinz,« sagte Don Estevan im nachlässigen Tone. »Senor irren,« widersprach Cuchillo, »der junge Fant ist in Spanien geboren, also ein Landsmann von Ihnen.« »In Spanien?« wiederholte Don Estevan mit sichtlichem Interesse. »So hat wenigstens der Kommandant einer englischen Kriegsbrigg versichert, die im Jahre 1811 nach Guaymas kam. Nach einem blutigen Kampfe gegen einen französischen Kutter, war der Knabe von seinem Vater, der als Matrose auf dem Schiffe diente, getrennt worden. Der englische Kommandant war in Verlegenheit, was er mit dem Bürschchen anfangen sollte, und daher sehr froh, als Arellanos, von seiner mitleidigen Frau gedrängt, sich seiner annahm. Trotzdem er sich nicht allzuviel um seinen Adoptivsohn bekümmerte, wurde doch aus demselben ein ganz tüchtiger Patron, der schon jetzt einen gewissen Ruf als Rastreadors (Spurenauffinder) und kühner Pferdebändiger genießt.« Der Spanier schien in tiefe Gedanken versunken, dennoch hörte er ein jedes der von Cuchillo gesprochenen Worte. Der Gambusino hatte, wie er es geschworen, in Allem die volle Wahrheit gesagt; dagegen verschwieg er die Thatsache, daß der alte Arellanos von ihm den tödtlichen Dolchstoß empfangen hatte. Wäre dem trefflichen Cuchillo die zweite Thatsache ebenfalls bekannt gewesen, nämlich, daß der von ihm Gemordete, ehe er zum zweiten Male die gefährliche Wanderung nach dem Goldthale angetreten, seinem Weibe das Geheimniß anvertraut und den nach dem Goldthale führenden Weg genau beschrieben hatte, so würde Cuchillo jedenfalls nicht so ruhig an der Seite Don Estevans gen Tubac geritten sein, als er es wenige Stunden später that. Der stattliche Reiterzug trabte schnell durch die unwirthsame Einöde, welche das Städtchen Arispe in weitem Kreise umgiebt, trotz alledem sahen sie sich bei Sonnenuntergang noch immer zwei Stunden von der Tränke entfernt, welche ihren ermatteten Pferden neue Kraft verleihen, und deren von Bäumen begrenzter Raum das Nachtlager der Reisenden abgeben sollte. Als endlich einige Gummibäume die Fruchtbarkeit des Bodens bekundeten, sprengten Don Estevan und Cuchillo der Karavane voraus, zügelten alsbald aber ihre feurigen Renner, da sie hinter einer Anzahl von Aloestauden ein gefallenes Pferd erblickten, das noch vollständig gesattelt und gezäumt war. »Was gilt's«, meinte Don Estevan, »der arme Teufel, dem dies Thier gehörte, ist nicht weit von hier.« Während dieser Worte waren sie bei dem todten Pferde angelangt, sie bemerkten, daß das Thier beim Niederstürzen den Wasserschlauch zerrissen hatte, den jeder die mexikanische Wüste durchziehende Reisende als ein unentbehrliches Hilfsmittel mit sich zu führen pflegt. Fußspuren im Sande bestätigten die Vermuthung der beiden Männer, daß der Reiter den Weg weiter zu Fuß zurückgelegt haben müsse. Sie brauchten nicht lange nach ihm zu suchen, denn unter einem Baume fanden sie den Körper eines scheinbar leblosen Mannes. Sein Anzug war dürftig und zerrissen. Cuchillo entfernte den breiten Strohhut, der sein Gesicht bedeckte, und beugte sich über den Jüngling; kaum hatte er jedoch bei dem schon herrschenden Zwielichte die Gesichtszüge des Reisenden gesehen, als ein düsteres Lächeln über sein Antlitz flog und er Don Estevan zurief: »So wahr ich lebe, es ist Tiburcio, der Adoptivsohn Arellanos!« »Sollte er doch um das Geheimniß seines Vaters wissen und auf dem Wege nach dem Goldthale gewesen sein?« gab der Spanier zurück und tauschte mit seinem Gefährten einen vielsagenden Blick aus. »Ein ahnendes Gefühl sagt mir, daß es so sei,« erwiederte Cuchillo, »dann aber müssen wir uns des Gesellen rasch entledigen. Leihen Sie mir für einen Augenblick Ihren Dolch, Senor, denn eine gleich günstige Gelegenheit dürfte sich wohl nicht so leicht zum zweiten Male finden.« Don Estevan zögerte und lauschte nach der Richtung zurück, in welcher die übrigen Reiter sich näherten. »Schnell, schnell,« rief Cuchillo funkelnden Blicks, »sollen wir den Reichthum des Goldthales mit einem Dritten theilen?« Bei diesen Worten riß er behend das Messer aus dem Gürtel des Spaniers um den Dolchstoß nach dem Herzen des bewußtlosen Tiburcio zu führen; in demselben Augenblicke schlug dieser jedoch die Augen auf und stieß, angesichts des wilden, unheilverkündenden Blicks Cuchillo's, einen Angstschrei aus. Da zu gleicher Zeit in unmittelbarer Nähe das Pferdegetrappel des Reitertrupps sich hören ließ, so zog Don Estevan den Gambusino hastig zurück und flüsterte ihm zu: »Spart Eure That auf, bis Ihr keine Zeugen habt! ... Fürchtet Euch nicht, Fremder,« wandte er sich sodann mit heuchlerischer Freundlichkeit an Tiburcio, der sich aufrichtete.« Wir sind friedliche Reisende und, gleich Euch, auf der Wanderung durch diese Einöde begriffen. Ihr werdet jedenfalls gut thun, Euch unserm Zuge beizugesellen.« Der Jüngling schien unschlüssig; die schönen dunkeln Augen, sowie die markirten Züge seines edeln und kühnen Angesichts drückten offenbar ein gewisses Mißtrauen aus; hatte er ja doch Cuchillo erkannt, dessen unlauterer Charakter mehr als einmal den alten Arellanos bewogen hatte, seinen Adoptivsohn vor ihm zu warnen. »Wohin gedenkt Ihr Euch zu wenden, Senor?« fragte er endlich Don Estevan. »Wir wollen die Nacht an der nächsten Tränke zubringen und morgen früh unsere Reise über die Hacienda del Benado (Meierei zum Hirsch), deren Besitzer mir bekannt ist, nach Tubac fortsetzen.« Tiburcio nahm jetzt das Anerbieten Don Estevans an, da die Hacienda ebenfalls sein Reiseziel war. Die Mutter war ihm, wie wir wissen, wenige Tage zuvor gestorben, und so blieb dem mittellosen Jüngling keine andere Wahl, als den reichen Hacendero zu bitten, ihn unter die Zahl seiner Vaqueros (Hirten) aufzunehmen. Der Reitertrupp setzte sich nunmehr von Neuem in Bewegung, und alsbald bemerkte Tiburcio, daß das Pferd, auf welchem er mit Cuchillo saß, zum Oeftern mit dem linken Vorderfuße strauchelte. Ein schrecklicher Verdacht dämmerte in der Seele des Jünglings, da das Pferd seines Pflegevaters denselben Fehler gehabt hatte. »Seit wann besitzt Ihr dieses Thier?« raunte er mit vor innerer Aufregung zitternder Stimme Cuchillo zu. »Ei nun,« lachte der Gambusino gezwungen, »ich habe es vor sechs Wochen gekauft.« »Und wer war der frühere Herr des Pferdes?« fuhr Tiburcio fort. »Kann's nicht sagen, mein Schatz,« antwortete der schlaue Gambusino. »Zum Teufel! sollte man Euch das Pferd gestohlen haben, he?« Tiburcio gab eine verwirrte Antwort und bald nachher langte man bei der Poza an, wie die Tränken dort zu Lande genannt werden. Zwischen der Poza und einem kleinen Gehölz, durch das der Weg nach der Hacienda führte, zündete man ein mächtiges Feuer an, um welches die Mehrzahl der Reiter sich lagerte, und sodann traf man Anstalten zur Herrichtung der Abendmahlzeit. Es ward fleißig geraucht und getrunken und Niemand dachte an eine Gefahr, als plötzlich aus dem in der Ferne sich hinziehenden Walde ein lautes Gebrüll die Reisenden erzittern machte. »Was ist das?« rief Don Estevan bestürzt und riß sein Gewehr an sich. »Ein paar Tiger,« ergriff Tiburcio das Wort»»welche, um ihren Durst zu stillen, der Poza zuschreiten.« Eine solche fatale Nachbarschaft verscheuchte schnell die behagliche Stimmung. Alle Reisende machten sich schußfertig und ein Jeder sah mit angstvoller Spannung dem Augenblick entgegen, wo die Raubthiere erscheinen würden, deren andauerndes Gebrüll schauerlich durch die Nacht drang. Eine paar bange Minuten vergingen, da mischte sich in das entsetzliche Wuthgeschrei der Tiger das Geheul eines Schakals, welchem von der entgegengesetzten Seite her ein zweiter Schakal antwortete. Aller Augen strengten sich an, um zwischen den vom Mondlicht beschienenen Baumstämmen die Raubthiere zu entdecken; statt dessen erhob sich jedoch die Gestalt eines Mannes von riesiger Größe von dem moosigen Boden und eine mächtige Baßstimme rief herüber: »Halloh, Ihr Männer dort am Feuer, das der Teufel holen soll, wollt Ihr gleich Euern verwünschten Rauchfang auslöschen! Ihr erschreckt uns nun schon seit einer Stunde zwei prächtige Tiger, nach deren Fellen uns gelüstet.« Und gleich einem riesigen Schattenbilde näherte sich der Fremde, dessen herkulischer Körperbau und abenteuerliche Kleidung das Interesse der Reisenden erregte. »Wer seid Ihr, Freund?« fragte Don Estevan den seltsamen Ankömmling. »Ein Jäger, wie Sie sehen.« »Was für ein Jäger?« »Ich und mein Gefährte gehen der Fischotter, dem Biber, dem Wolf, dem Tiger und – wenn's d'rauf ankommt – auch dem Indianer zu Leibe.« »Wo ist Euer Gefährte?« examinirte Don Estevan weiter. »Ich will ihn gleich zur Stelle schaffen,« antwortete der Fremde, setzte seine Hand an den Mund und ließ in täuschendster Nachahmung das klagende Geheul eines Schakals hören. Es verstoß keine Minute, als ein zweiter Jäger erschien, dessen Aeußeres mit dem seines Gefährten auffallend übereinstimmte, nur erreichte er, trotz seiner imposanten Erscheinung, die Höhe des Andern nicht. »Wollt Ihr vor den die Poza witternden Tigern bewahrt bleiben,« rief er ziemlich bärbeißig, »so ist es durchaus nothwendig, daß Ihr das Feuer auslöscht. Die Bestien sind vor Durst wüthend und wir haben sie schußbereit, sobald Ihr Euer Feuer löscht.« Es lag so viel Ueberzeugung und Selbstvertrauen auf seine Geschicklichkeit in den Worten des Jägers, daß Don Estevan seinem Wunsche zu entsprechen befahl. Das ohnehin zusammengesunkene Feuer wurde gelöscht, finstere Nacht trat an die Stelle des hellen Lichtscheines und die geängsteten Abenteuerer warteten athemlos der Dinge, die da kommen sollten. Eine tiefe Stille hatte sich über die Einöde gelagert und die beiden Jäger sich geräuschlos der Cisterne genähert, wo sie, ein Knie auf den Boden gestemmt, den Karabiner schußfertig in der Hand und das Messer zwischen den Zähnen haltend, die beiden Bestien erwarteten. Eine kurze Zeit verging, dann glitten zwischen den Bäumen zwei dunkle Thierkörper dahin, deren Augen leuchtenden Punkten glichen, und ein grimmiges Schnauben machte die Herzen der Hörer von Neuem erbeben. Jetzt schienen die Tiger die versteckten Jäger gewittert zu haben, welche ihnen den Weg zur Cisterne versperrten; das Schnauben der wüthenden Thiere wuchs zu einem entsetzlichen Gebrüll an und sie dehnten und streckten die gewaltigen Muskeln zu einem Sprunge, wobei sie mit dem Schweife zornig ihre Weichen peitschten; ein Augenblick – und mit einem mächtigen Sprunge erhoben sie sich zwanzig Fuß hoch in die Luft, um in jähem Niedersturze ihre Feinde mit gewaltigem Tatzenschlage zu vernichten. Da aber krachten zwei Schüsse, – und wirbelnd drehte der eine der beiden Tiger sich in der Luft, um gleich darauf leblos auf den Boden herabzufallen. Die andere Bestie dagegen war nur verwundet und sprang mit voller Wuth und Kraft auf den zweiten Jäger los; wol rannte dieser dem schnaubenden Raubthiere das blitzende Messer in die Brust, trotz alledem gelang es dem Tiger, seine scharfe Tatze dem Angreifer zwischen Hals und Schulter zu schlagen. Ein Glück, daß der Gefährte des Letzteren noch einen Schuß in seinem Karabiner hatte, den er jetzt gegen das Unthier abdrückte, welches sofort verendete. Ohne sich weiter um die bewundernden Ausrufe der Reisenden zu bekümmern, schickten sich die beiden Waidmänner an, dem erlegten Wilde die prächtigen Felle abzuziehen. Mittlerweile hatte Don Estevan einem Diener den Befehl ertheilt, das erloschene Feuer wieder anzuzünden und es währte nicht lange, so verbreitete der schmorende Hammelsbraten einen kräftigen, würzigen Geruch. Don Estevan lud die beiden Jäger ein, gleichfalls an dem Mahle Theil zu nehmen, und der Riese ließ sich sofort an dem Feuer nieder, die Frage aufwerfend, ob keine Hacienda in der Nähe sei, deren Besitzer schöne Thierfelle kaufe. »Wir selbst gehen mit Tagesanbruch nach der Hacienda del Benado, die nur fünf Stunden von hier entfernt ist,« antwortete Cuchillo, »dort zahlt man Euch gewiß gern dreißig Piaster für Eure Felle.« »Was meinst Du, Josef,« rief der alte Jäger seinem jüngern Gefährten zu, »gehen wir so weit? Aber so tritt doch näher an's Feuer heran,« unterbrach er sich in seiner Rede, »Du thust ja so, als ob Du Dich schämtest, die freundliche Einladung des Herrn da anzunehmen.« »Nicht doch ... es kommt nur daher, weil ... der Teufel ... Gesichter ...« murmelte Josef und zog, in den Feuerkreis tretend, seine Pelzmütze tief über die Stirne, während er den untern Theil des Gesichts mit einem zerlumpten Taschentuchs verhüllte. »Giebt es in Eurer Heimat viele Männer, die an Kraft und Gestalt Euch ähneln?« fragte Don Estevan den Riesen, welcher sozusagen für zwei Männer aß und trank. »In Canada würde ich kaum besonders auffallen.« »So seid Ihr also nicht aus diesem Lande hier?« »Nein, mein Gefährte ist von Geburt ein Spa ...« »Spartanischer Amerikaner,« unterbrach Josef rasch, während der Canadier ihn mit erstaunter Miene anblickte, »einige Meilen bei New York zu Hause.« »Und welches ist Euer Gewerbe?« begann Don Estevan von Neuem. »Waldläufer,« antwortete der Canadier. »Wahrscheinlich wird aber mit uns dieses Geschäft erlöschen, da weder mein Kamerad noch ich Söhne hinterlassen.« Bei diesen letzten Worten seufzte er tief auf, gleich darauf aber ging ein heftiges Zittern über seinen Körper und er schloß die Augen, als ob ein Blitz ihn geblendet habe. Die Ursache dieser seltsamen Bewegung war von Tiburcio ausgegangen, welcher in träumerische Gedanken versunken am Wachtfeuer saß und dessen Antlitz von den Flammen hell beschienen wurde. Offenbar erweckte das ausdrucksvolle Gesicht des jungen Mannes im Herzen des Canadiers alte Erinnerungen, und ähnlich erging es Don Estevan, dessen Blicke, obwohl mit ganz andern Gefühlen, unausgesetzt auf Tiburcio gerichtet waren. Der alte Jäger beobachtete für den Rest des Abends ein tiefes Schweigen, und da auch Don Estevan seinen eigenen Gedanken nachzuhängen schien, so wurde es alsbald sehr ruhig am Wachtfeuer und Einer schlief nach dem Andern ein. Nur Tiburcio blieb noch eine geraume Weile wach, denn er gedachte seiner hilflosen Lage, sowie des Verdachtes, der sich gegen Cuchillo in ihm erhoben hatte. »Der spanische Edelmann scheint offenbar eine beschwerliche Reise vor zu haben,« murmelte der Jüngling vor sich hin, »und Cuchillo der Führer derselben zu sein. Sollte ihr Weg nach demselben Thale gehen, von welchem meine Pflegemutter mir auf ihrem Sterbebette gesprochen hat?« Und während er darüber nachsann, nahete auch für ihn endlich der Augenblick, wo das Haupt sich senkte und der wohlthuende Schlummer ihn der rauhen Wirklichkeit entrückte. Kaum grauete der Morgen im Osten, als der Zug sich zum Aufbruch anschickte. Vergebens sah man sich nach den beiden Waldläufern um; sie hatten sich schon früher entfernt. Nach einigen Stunden erreichte die Karawane die Hacienda, deren aus Stein erbauete Wirthschaftsgebäude einen festen Wall gegen etwaige Angriffe der benachbarten Indianer bildeten. Da der Hacendero, Don Augustin Pena , durch vorausgesandte Boten von der Ankunft des Spaniers und seiner Begleiter unterrichtet war, so standen die Thore des freundlichen Landhauses bereits offen, und er kam selbst dem Gaste entgegen, um ihn auf's Freundlichste zu empfangen. Sodann traten Alle in das Haus und Don Augustin führte sie in einen Saal, wo Rosarita , das siebenzehnjährige Töchterlein, die Gäste empfing und ein überaus reichliches Mahl für sie serviren ließ. Wahrend desselben wurde dem Spanier durch den Hacendero ein in den dreißiger Jahren stehender Mann zugeführt, welcher gewillt war, sich dem Zuge Don Estevans anzuschließen. Er nannte sich Pedro Diaz und galt als ein überaus kühner Abenteurer, dessen Name von den Indianern sehr gefürchtet war. »Sie werden auf Ihren beschwerlichen Wanderungen mit dem Volke der Apachen gar manchen gefährlichen Strauß zu bestehen haben,« äußerte Diaz zu dem Spanier, »ich aber kenne die Schliche und Ränke dieser Hunde und vermag Ihnen somit nützlich zu sein.« »Sie scheinen die Indianer gewaltig zu hassen,« gab Don Estevan zurück, und mit einem flammenden Blicke fuhr Diaz fort: »Wahrhaftig, wer hatte wohl mehr Grund dazu, als ich! Die Indianer haben meine Felder verwüstet, meine Heerden geplündert und meinen Vater und meine Brüder ermordet. Seit dieser Zeit verfluche ich die Ordnung der Dinge, welche unsere reichen Provinzen nicht zu beschützen weiß.« Diese Worte, welche die Unzufriedenheit des Mexikaners mit der bestehenden Regierung sattsam erkennen ließen, klangen Don Estevan wie Musik, da Diaz seinem geheimen politischen Plane sehr nützlich werden konnte; und als in dem fernern Verlauf des Gesprächs sich herausstellte, daß der Einfluß des Mexikaners auf seine Landsleute ganz außerordentlich war, so ergriff Don Estevan die erste beste Gelegenheit, sich mit Diaz in eines der Zimmer zurückzuziehen. »Sie gehören zu den Unzufriedenen des Landes,« begann er dort von Neuem, »und mit Recht; die Freiheit, welche diese Republik hier den Indianerhorden einräumt, muß schließlich den Ruin der gebildeteren Stände herbeiführen. Es ist daher die höchste Zeit, daß aus diesem republikanischen Staate wieder ein Königreich werde.« »Ein Königreich?« wiederholte Diaz verwundert. »Allerdings. Doch vernehmen Sie meinen Plan. Es sind jetzt zwei Jahre her, seit der König von Spanien seinen Bruder, den Fürsten Karl von Bourbon, meinen Herrn und Gebieter, durch einen Gesetzesbruch die ihm gebührende Krone entrissen und sie auf das Haupt seiner Tochter Isabella setzte. Ich versuchte vergebens, den tödtlichen Schmerz meines erhabenen Herrn durch Trostgründe zu lindern, bis endlich ein Plan in mir aufdämmerte, der mein ganzes Dichten und Trachten in Anspruch nahm. »Ich will,« fuhr der Spanier leise, aber mit Begeisterung fort, »ich will meinem Herrn ein Königreich erobern, so groß und schön, als dasjenige war, welches er verloren hat. Und dieser Thron, den ich ihm aufzurichten gedenke, soll inmitten der gesegneten Gefilde Mejikos stehen.« Diaz war überrascht und machte den kühnen Spanier auf die Hindernisse aufmerksam, welche sich zweifellos seinem Plane entgegenstellen würden, allein Don Estevan erwiderte: »Reichthum ist eine Macht, vor der sich hier zu Lande Alles beugt und welche ein jedes Hinderniß mit Leichtigkeit überwindet. Reichthum aber steht mir zu Gebote und meine Hilfsquellen in Spanien fließen beständig und sicher. Durch meine Geldmittel ist es mir leicht geworden, innerhalb der wenigen Wochen meines Aufenthaltes in Arispe eine stattliche Schaar verwegener Abenteurer anzuwerben, allerdings zunächst zu einer Expedition nach den Goldlagern des innern Landes. Der Zufall scheint meine Pläne zu begünstigen, denn er sandte mir einen Menschen, der mir gegen eine Summe Geldes den Ort eines ungeheuern Goldlagers verrieth. Dorthin will ich mich nun zunächst mit der Expedition begeben und die Beute wird zu den Mitteln hinzukommen, über welche ich bereits verfüge. Die Abenteurer, denen ich zu ihrem Glücke verhelfe, werden mir aber auch in Zukunft treu bleiben und sie sollen den Schneeball bilden, der zur Lawine anwächst. Ich bin gewiß, daß Abenteurer in Masse unserer Fahne zuströmen und uns das neue Königreich erobern helfen werden.« »Mir schwindelt vor der Kühnheit und der Größe Ihres Planes,« sagte Diaz nach kurzer Pause, »dennoch liegt in Ihrer Energie die Bürgschaft für das Gelingen. Ich mag nichts von uncivilisirten Völkerschaften und Staaten wissen, darum trete ich Ihrer Fahne bei. Hier ist meine Hand und mit ihr mein Wort, daß mein Leben Ihnen gehört!« Man kann sich denken, mit welcher Freude Don Estevan die Hand des Ehrenmannes ergriff, der es im Verlauf des Tages dahin zu bringen wußte, auch Don Augustin für das Unternehmen des Spaniers günstig zu stimmen ... Ein lauer, duftiger Abend war dem heißen Tage gefolgt und der Nachtwind strich säuselnd durch die blühenden Olivenhaine der Hacienda, als zwischen den einen Gang bildenden Granatbüschen ein junger Mann träumerisch dahinschritt. Es war Tiburcio, in dessen Herzen Vergangenheit und Zukunft, Erinnerungen und Pläne ihre wilden Wellen trieben. Plötzlich sah er sich indessen durch einen unverhofften Angriff all' seinen Träumereien entrückt, denn aus einem der Granatbüsche sprang ein Mann auf ihn zu und riß ihn mit einem heftigen Stoße zu Boden. Der Jüngling sah ein, daß dieser heimtückische Angriff seinem Leben galt, funkelte ja doch in der Hand seines Gegners ein Messer; rasch entschlossen führte Tiburcio daher einen Tritt auf das Schienbein des andern aus, so daß derselbe gleichfalls zu Boden fiel, bei welcher Gelegenheit das Messer seiner Hand entglitt. Einige Minuten lang wälzten sich die beiden Gegner auf dem Sande, ohne ein Wort zu verlieren; man hörte nur ein dumpfes gepreßtes Athmen. »Verdammter Schlingel,« keuchte endlich der Angreifer, »Du entgehst mir nicht!« »Cuchillo!« rief Tiburcio im höchsten Erstaunen, jetzt erst an der Stimme den Gambusino erkennend. »Ah, jetzt sind wir quitt.« Und mit einer ungeheuern Kraftanstrengung raffte sich der Jüngling empor und schleuderte den Meuchelmörder durch einen Fußtritt verächtlich von sich. »Halt Bube!« knirrschte der rasch aufspringende Cuchillo. »Ich habe Dir gestern Dein Leben nur geliehen, jetzt aber will ich es Dir nehmen!« Und von Neuem drang der Elende auf sein Opfer ein, da aber erklang noch rechtzeitig der Schrei einer weiblichen Stimme, welche rief: »Im Namen der heiligen Jungfrau, haltet inne! Tiburcio ist der Gast meines Vaters, – sein Leben ist heilig unter diesem Dache.« Es war Donna Rosarita, welche die milde Kühle der Nacht hinausgelockt hatte. »Oh, mein Gott!« fuhr sie jetzt fort, »sind Sie verwundet, Tiburcio? Señor Cuchillo gehen Sie doch zurück, – was hat Ihnen denn der Aermste gethan, daß Sie so nach seinem Leben trachten?« Stolz aufgerichtet stand Tiburcio da, sein heimtückischer Gegner aber zog sich langsam in das Granatgebüsch zurück und war im nächsten Augenblick verschwunden. »Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Beistand,« redete der Jüngling das junge Mädchen an, »jener Mensch scheint von einem bösen Geiste beseelt, der ihn an meine Ferse heftet; ich darf nicht wagen, länger unter einem Dach mit ihm zu weilen; ich scheide daher noch heute Abend von hier. Leben Sie also wohl!« Vergebens bat ihn Rosarita, nicht fortzugehen, vergebens eilte sie ihm nach und rief, daß ihn außerhalb des Hauses der Tod erwarte, – er schüttelte lächelnd das Haupt und entgegnete: »In der Einöde werde ich Gottes Gast sein und seine Vaterliebe wird mir schon Freunde erwecken.« Nach diesen Worten übersprang er die Ringmauer, welche den Park von dem nahegelegenen Walde trennte, und schritt eilig von dannen. Wohin? ... das wußte der verwaiste Jüngling nicht, auch weilten seine Gedanken mehr in der Vergangenheit der letzten Stunden, als bei der dunkel vor ihm liegenden Zukunft. Vergebens sann er über den Beweggrund Cuchillos, ihn zu ermorden, nach, dagegen schlug der Verdacht, den er gegen den Elenden von Anbeginn gehegt, immer stärkere Wurzel. Plötzlich zügelte er seine Schritte und blieb stehen, denn er gewahrte in einiger Entfernung ein Licht, welches dem Scheine eines Wachtfeuers ähnelte. Es schien ihm freundlich zuzuwinken und Tiburcio nahm es in seinem frommen kindlichen Sinne für ein Zeichen der göttliche Vorsehung. Und ruhig schritt er in der Richtung vorwärts, alsbald inmitten der Nacht verschwindend, denn das sanfte Licht des Mondes hatte sich längst zurückgezogen. Nicht lange nachher setzte ein Mann über die Mauer des Parkes. Es war Cuchillo. Er lauschte eine geraume Weile, dann beugte er sich zu Boden und entlockte seinem Feuerstahle einige Funken. Mit Hilfe des matten Scheines erkannte er im Grase die Fußspuren Tiburcios, welche ihn über die von dem Jünglinge eingeschlagene Richtung nicht länger im Zweifel ließen. Der Schurke schlich sich in das Hauptgebäude zurück, um es schon im Verlauf einer Stunde wieder zu verlassen, dieses Mal aber zu Pferde und wohl bewaffnet. Bald befand er sich auf dem Wege nach dem Walde, aus dessen tiefem Dunkel jenes räthselhafte Feuer noch immer herüberschimmerte. Zweites Kapitel. Gefunden und verloren. Es gibt keinen Zufall in der Welt, denn was wir mit diesen Worten bezeichnen, ist eine Schickung des großen Geistes, in dessen Händen unser Aller Schicksal ruht. Und so war jener Lichtschein, den Tiburcio gesehen, ebenfalls kein zufälliger, hatten sich ja doch an dem Wachtfeuer Männer niedergelassen, mit denen der Jüngling unbedingt zusammenkommen mußte, um Aufklärung über seine räthselhafte Vergangenheit zu erlangen und durch sie glücklich zu werden. Die beiden Männer, welche sich vor dem Feuer am Waldessaum gelagert, sind uns nicht fremd, erkennen wir in ihnen ja doch die beiden unerschrockenen Tigertödter von der Poza wieder. Ermüdet von einem langen Tagemarsche, hatten sie diesen Ruheplatz für sich ausgesucht, ungeachtet der Nähe der Hacienda und ihres gastfreundlichen Besitzers. Die beiden Jäger liebten Freiheit und Ungebundenheit mehr, als die Bequemlichkeit der Ansiedelung. Es ist jetzt wohl an der Zeit, auch das Aeußere der beiden Waldläufer dem jungen Leser etwas näher zu beschreiben. Der Canadier trug ein Wamms, das sich für alle Jahreszeiten eignete und an die Tracht der Indianer und Weißen zugleich erinnerte; seine Kopfbedeckung, bestand aus einer Mütze von Fuchspelz in Form eines abgestumpften Kegels. Unter dem Wammse schaute ein baumwollenes, blaugestreiftes Hemd hervor und neben ihm auf dem Erdboden lag eine wollene Decke, welche den Mantel ersetzte. Die Beine waren nach indianischer Art mit ledernen Gamaschen bekleidet, dagegen trug er statt der üblichen Mocassins (wildlederne Schuhe der Indianer) schwere, mit Nägeln beschlagene Schuhe, deren Sohlen mindestens zwei Jahre Dauer versprachen. Ein über seine Schulter hängendes, fein polirtes Büffelhorn enthielt sein Pulver, während ein lederner Beutel einen großen Vorrath von Bleikugeln barg. Das in einem bunten wollenen Gürtel steckende Jagdmesser, sowie die neben ihm liegende langläufige Büchse vollendeten das Rüstzeug des Jägers, dessen schon stark ins Graue spielendes Haupthaar kaum gegen die Farbe seiner Mütze abgestochen haben würde, wenn nicht eine breite, kreisförmige Narbe, die von einer Schläfe zur andern lief, die Grenze beider bezeichnet hätte. Diese Narbe bewies, daß er sich dereinst in den Händen der Indianer befunden hatte und nahe daran gewesen war, von ihnen scalpirt ,d. h. seiner Kopfhaut beraubt zu werden. Trotz der markirten Züge des sonneverbrannten Gesichts lag eine Gutmütigkeit darüber gebreitet, welche derartigen herkulischen Gestalten eigen zu sein pflegt. Obgleich sein Gefährte gleichfalls von hohem Wuchse war, so erschien er doch neben dem Riesen beinahe klein, er trug dieselbe Kleidung und mochte ungefähr fünfundvierzig Jahre zählen. Von Gutmüthigkeit war jedoch auf seinem Gesicht nichts zu sehen, auch gehörte er augenscheinlich einem südlicheren Himmelsstriche an, während sich in seinem Gefährten einer der kühnen Abkömmlinge der ersten Normannen in Canada erkennen ließ. Der Canadier hatte sich behaglich auf das Moos gestreckt und liebäugelte mit einer mächtigen Hammelskeule, welche auf ein Eisenholzstäbchen gespießt war und über glühenden Kohlen röstete, und hörte nur mit halber Aufmerksamkeit auf die Rede seines Kameraden, welcher aus seinem Leben Ereignisse erzählte, die wir bereits am Anfang unserer Erzählung gehört haben, – denn der Jägersmann war niemand anders, als Pepe, der Schläfer. Als er nach jener grauenvollen Nacht erfahren, was sich unter ihrem Deckmantel zugetragen hatte, begann sein Gewissen unruhig zu pochen und er ruhte nicht eher, als bis sein Kapitän, der ihn damals auf jenen Posten an der Bucht beordert hatte, vor Gericht gefordert und der Theilnahme des an der Gräfin verübten Mordes beschuldigt worden war. Durch Bestechung der Richter erlangte indessen der Kapitän ein freisprechendes Urtheil, während Pepe nach Ceuta , eine spanische Festung an der Ostküste von Afrika, transportirt wurde, um daselbst sich am Thunfischfang zu betheiligen. Nach vielfachen Abenteuern gelang es dem armen Burschen, nach Amerika zu entkommen, wo er mit dem Waldläufer zusammentraf, der ihn zu einem tüchtigen Schützen heranbildete und mit ihm ein inniges Freundschaftsbündnis schloß. »Du kannst Dir daher denken,« beendete Joseph seine Erzählung, »wie wild es gestern in meinem Herzen aussah, als ich in dem Don Estevan jenen elenden Officier wiedererkannte, der den Mord in Scene gesetzt, denn die Reihe der Jahre hat weder an seiner Gestalt noch an seiner Stimme etwas geändert, und meine Augen sind mir gleichfalls treu geblieben.« »Ach ja,« seufzte der Andere, »man trifft einen Feind viel eher wieder, als ein geliebtes Wesen, nach dem man sich vergebens sehnt.« »Wer weiß, Rosenholz,« tröstete der Gefährte, »ob Gott Dir nicht schließlich noch Deinen Fabian in die Arme führt, laß die Hoffnung nicht sinken.« Der Canadier schüttelte schwermüthig das graue Haupt und sagte leise: »Wenn man, wie ich, zwanzig lange Jahre gesucht und gehofft hat, ohne auch nur die kleinste Spur zu entdecken, wo soll da noch Hoffnung herkommen?« »Trotzdem bleibe ich dabei,« entgegnete Josef, »Berge und Thäler begegnen sich nicht, aber Menschen finden sich wieder.« »St!« unterbrach ihn der Canadier, indem er den Finger auf die Lippen legte. »Hörst Du nichts?« Josef lauschte und antwortete dann: »So wahr ich lebe, es nähert sich Jemand unserm Feuer.« Die Jäger griffen nach ihren Büchsen und ein deutlich wahrnehmbarer Schatten zeigte ihnen die Gestalt eines Mannes, der rasch auf das Feuer zuschritt. »Wer da?« rief Rosenholz mit einer Stentorstimme. »Ein armer Bursche, der an Eurem Feuer eine Zufluchtsstätte sucht,« antwortete eine jugendliche Stimme und in demselben Augenblicke trat Tiburcio in den Lichtkreis des Wachtfeuers. Die beiden Jäger erkannten ihn sofort wieder und Josef fuhr, nachdem er ihn willkommen geheißen, fort: »Habt Ihr Euch verirrt und die Spur Eurer Gefährten verloren? In diesem Fall thätet Ihr aber besser, den Hacendera da drüben um ein Nachtlager zu bitten. Ihr würdet jedenfalls bequemer in seinen weichen Betten ruhen, als bei uns auf dem feuchten Rasen.« »Glaubt das nicht,« widersprach Tiburcio kopfschüttelnd, »unter dem Dache Don Augustins verweilen Gäste, mit denen ich, meiner Sicherheit wegen, nicht länger zusammen bleiben darf.« »Ei, ei,« brummte Josef, »gibt es in Don Estevans Gefolge derartige schurkische Seelen?« Der Jüngling bejahte und erzählte, der Wahrheit gemäß, welchem Mordanfall er ausgesetzt gewesen war. »Möge den Elenden der Blitz treffen,« rief der alte Canadier, dessen freundlicher, warmer Blick den Antheil verkündete, den er an dem Geschick Tiburcios nahm. »Da kommt her, mein Junge, laßt Euch bei uns nieder, und habt Ihr Appetit, so steht Euch gebratenes Hammelfleisch und ein Schluck Branntwein zu Diensten.« »Ich danke Ihnen herzlich für Ihr freundliches Anerbieten,« versetzte der Jüngling, »doch fühle ich keinerlei Hunger, wohl aber sehne ich mich nach ein paar Stunden Schlaf, der mir sicherlich die Kräfte zurückbringen wird, deren ich jetzt so dringend bedarf.« »Gut, gut, mein Junge,« sagte der Canadier zustimmend, »legt Euer müdes Haupt hier auf meine Decke und gebt Euch süßen Träumen hin, während Josef und ich schmausen wollen.« Damit nickte er Tiburcio noch einmal freundlich zu, um sodann mit seinem Messer die saftige Hammelskeule zu zerlegen. Tiburcio versank in einen tiefen Schlaf. Als der Canadier seinen Hunger gestillt, wandte er seinen Blick von Neuem dem Jüngling zu und sagte zu Josef: »Ein hübscher Bursche. Wie alt mag er wol sein?« »Nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, dafür stehe ich,« antwortete der ehemalige Miquelet. »Magst recht haben,« meinte der Canadier, über dessen wettergebräuntes Gesicht eine stille Wehmuth huschte. »Das ist das Alter, in welchem auch er stehen muß, wenn er noch lebt.« Und ein tiefer Seufzer folgte diesen Worten. Nachdem die beiden Waldläufer einige Zeit schweigend dagesessen hatten, ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, machte sich Josef auf, um eines der wild in der Hacienda herumlaufenden Pferde zu fangen, was er und sein Gefährte bei der großen Anzahl derselben für kein Verbrechen hielt. Der Canadier blieb allein zurück. Immer und immer wieder betrachtete er den schlafenden Tiburcio, bis endlich auch seine Augen sich schlossen und er einschlief. Es zeigte sich, daß Josef vom Glück begünstigt worden war, denn er kehrte mit einem Pferde zurück, dessen zierlich kräftigen Körperbau jeder Kenner bewundern mußte. Er band das erbeutete Rößlein mit dem Lasso, wie die Schlinge genannt wird, mit welcher man Steppenpferde und Büffel in Südamerika fängt, an dem nächsten Baumstamme an und weckte den Canadier, an welchem jetzt die Reihe der Wache war. Kaum hatte Josef sich neben dem Feuer niedergelassen, als er auch schon kräftig zu schnarchen begann, während der Canadier sich über den schlafenden Tiburcio neigte, aufmerksam die Gesichtszüge desselben betrachtete und vor sich hinmurmelte: »Das ist wirklich das Alter, in welchem er sein muß, wenn er noch unter den Lebenden wandelt. Ach, mein Gott, werde ich mein süßes Herzenskind noch einmal wiedersehen, oder muß ich einsam sterben, wie ich in den Wäldern einsam gelebt habe?« Und auf's Neue näherte sich der Jäger dem schlafenden Jünglinge, um zu erforschen, ob er in den Zügen Tiburcios eine Aehnlichkeit mit dem kleinen Fabian herausfinden könne, den er einst gerettet und wie einen Sohn geliebt hatte. Da plötzlich schnaubte das Pferd, welches Josef an einen Baum gebunden hatte, und sprang zur Seite. Offenbar hatte ein noch unsichtbarer Gegenstand das Pferd erschreckt. Mit lauschendem Ohr und spähendem Auge ging Rosenholz langsam vorwärts, ohne indessen etwas Verdächtiges zu bemerken. Er kehrte daher zum Wachtfeuer wieder zurück und fand Tiburcio erwacht. »Nun, wie steht's, mein junger Freund, verspüren wir jetzt keinen Appetit?« redete ihn der Canadier freundlich an und reichte ihm zwei kalte Fleischschnitten hin. Diesmal ließ der Jüngling sich den Braten trefflich schmecken, und nachdem er auf den Rath des Jägers noch einen Schluck Branntwein zur Erwärmung des Magens genommen, kam er sich wie ein neuer Mensch vor. »Hört einmal, mein junger Freund,« begann der Canadier endlich, »die Indianer haben die Gewohnheit, ihre Gäste erst dann nach Stand und Namen zu fragen, wenn sie unter ihrem Dache gegessen haben. Ihr nehmt es mir daher sicher nicht übel, wenn ich jetzt bei Euch dasselbe thue.« Ueber des Jünglings Gesicht glitt es wie ein düsterer Schatten und er entgegnete: »Mein Schicksal ist kein beneidenswertes, und trotz meines jugendlichen Alters haben mich bereits rauhe Stürme des Mißgeschicks umtobt.« »Erzählt,« rief der Canadier warm. »Ihr findet in mir einen Freund, der Euch versteht. Ist doch auch mit mir das Schicksal nicht eben sanft umgesprungen.« »Mein Name ist Tiburcio Arellanos,« begann der Jüngling, während der Canadier, welcher einen andern Namen erwartet hatte, einen Seufzer nicht zu unterdrücken vermochte, »ich habe das Gewerbe meines Pflegevaters ergriffen und bin ein Gambusino. Wenn ich Ihnen nun wahrheitsgetreu sage, daß ich trotzdem ein sehr armer Bursche bin, der nichts besitzt, als was er auf dem Leibe trägt, so ist dies eine schlechte Empfehlung für meine Geschicklichkeit. Nun hat mir aber mein Vater den Ort eines mächtigen Goldlagers entdeckt, dessen Reichthümer für uns alle drei mehr als genügen würden, falls Sie und Ihr Gefährte sich mit mir verbinden wollen.« Tiburcio hegte die Ueberzeugung, daß der Canadier mit Freuden Ja sagen würde; daher war sein Erstaunen nicht gering, als der alte Jäger antwortete: »Nein, mein lieber Tiburcio, ich bin nicht von der Parthie. Wald und Wüste sind mir zur Heimat geworden; was sollte ich mit Gold anfangen? Ich habe Niemanden, dem es von Nutzen sein könnte, und somit danke ich Ihnen herzlich für Ihr freundliches Anerbieten.« »Ihre Weigerung vernichtet alle meine Hoffnungen,« entgegnete Tiburcio und eine Wolke von Traurigkeit lagerte aus seiner Stirne. »Ich muß jetzt das Goldthal mit seiner reichen Ausbeute jenem Don Estevan und seinen Genossen überlassen, die gleichfalls um das Geheimniß zu wissen scheinen.« »Je nun, mein lieber Junge,« erwiderte Rosenholz in tröstendem Tone, »ich weigere mich ja nicht, Ihnen das Geleite nach dem Goldthale zu geben und Ihnen behilflich zu sein, und Josef wird gewiß dasselbe thun, nur von einem Antheil will ich nichts wissen.« »Einverstanden,« rief Josef, welcher inzwischen erwacht war. »Also Don Estevan nennt sich der Anführer des Reitertrupps, zu dem Sie noch gestern gehörten, junger Herr? Dies ist also der Name, den er hier angenommen hat.« »Kennen Sie ihn?« fragte Tiburcio. »Und ob,« erwiederte Josef, »'s ist ein alter Bekannter von mir, mit dem ich noch Abrechnung halten muß.« »So wollen Sie mich also nicht verlassen?« rief Tiburcio feuchtglänzenden Auges. »Sicherlich nicht,« antworteten die beiden Jäger wie aus einem Munde. »Oh, mein Gott,« sagte der Jüngling in innigem Tone, »ich danke Dir aus vollem, ganzen Herzen, daß Du die arme Waise nicht verläßt.« »Waise?« wiederholte Rosenholz. »Sind Ihre Eltern denn todt?« »Mein Pflegevater, sowie meine Pflegemutter,« antwortete Tiburcio, »meine wirklichen Eltern dagegen habe ich gar nicht gekannt.« »Was ... was?« rief der Canadier erregt und beleuchtete mit einem brennenden Holzstück des Jünglings Gesicht, »aber Sie wissen doch, in welchem Lande Sie geboren sind?« »Ich weiß es nicht,« gab Tiburcio zurück, »wol aber umschweben mich Erinnerungen, die indessen einer längst entschwundenen Vergangenheit angehören müssen, denn sie sind verworren und dunkel.« Der riesige Körper des Canadiers erbebte, als er jetzt die Ansicht aussprach, daß Tiburcios Erinnerungen sich vielleicht auffrischen ließen, er solle nur beginnen. »Es kommt mir zuweilen vor,« ergriff der Jüngling träumerisch das Wort, »als befände ich mich in einem großen Zimmer, zu dessen offenem Fenster ein eisiger Windzug hereindringt; es scheint mir, als höre ich das Schluchzen einer Frau und eine rauhe, drohende Stimme, die antwortet, – dann wird es wieder Nacht um mich und ich vernehme ein wildes Rauschen – und ich liege neben dem Leichnam einer Frau, die ich für meine Mutter halte, gleich darauf aber verwandelt sie sich in ein gebräuntes, rauhes, aber gutmüthiges Seemannsgesicht.« »In ein ... rauhes ... gutmüthiges Seemanns–gesicht,« wiederholte der alte Canadier mit gebrochener, schluckender Stimme. »Ich erinnere mich jetzt dieses Mannes wieder,« begann Tiburcio von Neuem, »und weiß, daß er mich herzlich liebte und ich ihn wieder liebte.« »Und ... Sie... ihn wieder liebten,« ertönte es leise und überaus weich von des rauhen Jägers Lippen, dessen gefaltete Hände auf dem Herzen ruhten. »Und wie wurden Sie von diesem Manne getrennt? Erinnern Sie sich keines Umstandes?« Die Stimme versagte dem ehrlichen Canadier und er erwartete mit Zittern die Antwort Tiburcios. Nach einer kurzen Pause unterbrach der Jüngling endlich das Schweigen: »Warum thun sich mir alte Erinnerungen wieder auf, indem ich Sie anblicke? ... Es ist, als ob ein Nebelschleier vor meinem geistigen Blicke zerrisse ... ich sehe jetzt Blutströme um mich her und der Boden zittert unter meinen Füßen ... Kanonen krachen und Balken stürzen ... und da ist das alte treue Seemannsgesicht wieder und spricht zu mir: »Knie nieder, mein Kind, und bete ... für –« Ein Schluchzen unterbrach Tiburcio; es rührte von dem alten Jäger her, der jetzt auf seine Knie fallend vollendete: »Und bete für Deine Mutter, die ich sterbend bei Dir gefunden habe!« »Ja, ja,« schrie der Jüngling, »das sind die Worte! Aber woher sind Sie und woher wissen Sie dies Alles?« Der Canadier stand auf, preßte den Jüngling an sein Herz und sagte, wahrend Thränen über seine braunen Wangen herabrollten: »So ist mir der alte, treue Gott doch gnädig gewesen und hat mir mein Liebstes, meinen Fabian, zurückgegeben! Ja, Fabian, ich bin das wettergebräunte Seemannsgesicht ... ich bin jener Matrose, der ...« Hier unterbrach plötzlich ein Schuß die Rede des canadischen Jägers und eine Kugel schlug in Tiburcios Nähe pfeifend in den Boden. Gleichzeitig vernahm man im Gebüsch fliehende Tritte. »Kameraden,« rief Josef nach dem ersten Schrecken aus, »ich möchte wohl wissen, für wen diese Kugel bestimmt gewesen, ob für mich oder für Sie, junger Herr, denn auch ich stehe der Geschichte Ihrer Jugend nicht ganz fremd gegenüber; indessen ist jetzt nicht, der Augenblick, davon zu sprechen. Vorwärts, Rosenholz, laß uns das Terrain absuchen, vielleicht fällt der heimtückische Schurke noch in unsere Hände.« Cuchillo jedoch, welcher aus seinem Hinterhalte die Kugel auf Fabian entsendet hatte, war schneller, als die beiden Jäger und befand sich mit seinem Pferd gar bald innerhalb der schützenden Hacienda. Eben begann das erste Tageslicht durch die Zweige der Bäume zu dringen, als der heimtückische Geselle in das Gemach Don Estevans trat, welcher sich bereits von seinem Lager erhoben hatte. »Nun, was giebt's?« rief er dem Eintretenden entgegen. »Unsere Vermuthung hat sich bestätigt, Don Estevan,« gab Cuchillo zurück, »jener Tribucio weiß um das Geheimniß und befindet sich auf dem Wege nach dem Goldthale; er hat sich mit den beiden Tigerjägern verbunden, die ihm das Geleit geben werden.« »Verwünscht,« sagte der Spanier und stampfte auf den Boden, »was nun beginnen?« »Ich habe bereits einen Plan.« »Heraus damit.« »Wenn es uns gelingt, vor den Dreien jenen Wasserfall zu erreichen, der das Gebiet Arispes von jenem Tubac's trennt, und die Brücke zu zerstören, welche über die Brandung führt, so werden wir jedenfalls früher im Goldthale anlangen, denn ehe die Drei eine Furth finden, können Tage vergehen.« »Gut so, zerstören wir die Brücke und brechen wir sofort auf, denn Zeit gewonnen, Alles gewonnen.« Eine halbe Stunde später setzte sich die Reiterschaar von Neuem in Bewegung, nachdem sie ihrem freundlichen Wirthe gebührend gedankt. In des Spaniers wie in Cuchillos Brust gährte eine namenlose Unruhe, und sie gaben ihren Rossen die Sporen und sprengten der Karawane weit voran ... Unterdessen waren unsere drei Freunde von ihrer Suche unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt und, nachdem sich Rosenholz und Fabian am Lagerfeuer nach kurzer Zeit der oft ersehnten und doch kaum erhofften Freude des Wiederfindens hingegeben, und sich viel des während der langen Trennung Erlebten hin und her erzählt hatten, wurde gleichfalls beschlossen, nach dem Wasserfalle aufzubrechen, dessen hölzerne Brücke den einzigen Weg bildete, der nach Tubac führte. Unterwegs begann Josef: »Ich bin überzeugt, daß die Gäste der Hacienda gleichfalls ihre Wanderung nach der Brücke beginnen und somit birgt dieser Wald, so öde er auch ist, Ihre Feinde, Herr Fabian.« »Sprechen Sie von Cuchillo?« frug der Jüngling lebhaft. »Allerdings, – aber auch von dem Mörder Ihrer Mutter, d. h. von dem Manne, der Ihnen Ihre Titel, Ihre Reichthümer und Ihren Namen gestohlen hat.« Fabian – wie wir Tiburcio von nun an nennen wollen – blickte den Sprecher in großer Ueberraschung an und schüttelte verwundert den Kopf. »Ja, ja,« fuhr Josef fort, »Sie sind von einem edeln Stande, und der Mörder Ihrer Mutter, Don Antonio von Mediana, hat sich jetzt zum Anführer jener Reiterschaar aufgeworfen, deren Lager Sie am gestrigen Abend noch theilten.« »Wie,« rief Fabian, »jener Don Estevan –« »Ist der Mörder Ihrer Mutter und der Räuber Ihres Erbes,« vollendete Josef, jedes einzelne Wort betonend. Und er erzählte dem Jüngling die traurige Geschichte, welche wir aus dem Anfang unseres Buches bereits kennen. Der ausführlichen Rede Josefs folgte eine längere Pause, und die Blicke der beiden Jäger waren auf den Jüngling gerichtet, dem Alles, was er soeben vernommen, wie ein Traum vorzukommen schien. »So wäre ich –« begann er endlich, stockte aber sofort wieder und Josef vollendete: »Don Fabian de Mediana, aus dem alten Grafengeschlechte der Castellada's!« »Und wir,« mischte sich der ehrliche Canadier ein, »wir sind Ihre treuen Diener, mein liebes, süßes Kind. Ach, welches Glück ist doch dem alten Rosenholz geworden,« unterbrach sich der alte Jägersmann, mit stolzer Freude den Wiedergefundenen betrachtend, »und wie groß und schön er jetzt ist, der kleine Fabian.« »Jawol,« brummte Josef, »und über Deiner Freude werden wir unsere Pflicht versäumen und den Mörder von Don Fabians Mutter entkommen lassen.« »Das verhüte Gott,« rief der Jüngling, »weder Don Estevan noch Cuchillo dürfen entkommen.« »Meinen Sie, daß er jenen Schuß abgefeuert hat, der uns am Wachtfeuer so erschreckte?« »Ich bin davon überzeugt,« bestätigte Fabian, »aber nicht meinethalben verfolge ich den Menschen, sondern ich habe gegen ihn noch eine Pflicht zu erfüllen, die ich den Manen meiner Pflegeeltern schuldig bin.« Und in kurzer bündiger Rede theilte der Jüngling den beiden Jägern mit, daß seine Mutter ihm auf dem Sterbebett das Gelübde abgenommen habe, den alten Arellanos zu rächen, der nicht als Opfer der Indianer gefallen, sondern von einem heimtückischen Kameraden ermordet worden sei. »Ein Vaquero, welcher von Tubac zurückkehrte, war meinem Vater und dessen Gefährten, den er indessen nicht kannte, einige Tage vor dem Morde begegnet, später näherte er sich einem Orte, der, nach seiner Beschreibung zu schließen, dicht an das Goldthal grenzt. Niedergetretenes Gras, sowie eine Blutlache deuteten den Schauplatz eines schrecklichen Kampfes an. Die blutigen Spuren setzten sich bis an einen Fluß fort, in welchen der Mörder sein Opfer geworfen zu haben schien. Das Pferd meines Pflegevaters hatte der Meuchelmörder jedoch an sich gerissen; es strauchelt mit dem linken Vorderfuße und befindet sich gegenwärtig in dem Besitze jenes Cuchillo, und dieses sowie noch andere Umstände drängen mir die Ueberzeugung auf, daß er der Mörder meines Pflegevaters ist.« Der Canadier und Josef, welche mit großer Theilnahme den Worten Fabians gelauscht hatten, waren derselben Ansicht, und alle Dreie jagten dem erwähnten Wasserfalle zu. Fabian mußte das von Josef erbeutete Pferd besteigen, da er sonst unmöglich den beiden Gefährten folgen konnte, welche Zeit und Uebung zu wahren Schnellläufern gemacht hatte. Nachdem sie unausgesetzt dem schmalen Pfade, der sich durch den Wald schlängelte, gefolgt waren, drang das entfernte Getöse des Wasserfalls an ihr Ohr; mit jedem Schritte, den sie vorwärts thaten, verstärkte sich das Rauschen, bis sie endlich das steile Ufer des Waldstroms selbst erblickten, von welchem eine, aus grob zugehauenen Baumstämmen bestehende Brücke an das jenseitige Ufer führte. Die beiden Enden dieser Balken, welche breit genug waren, um einem Pferde den Uebergang zu gestatten, ruhten lose auf dem nackten Felsen; einige starke Männer konnten daher mit Leichtigkeit diese Brücke zerstören und den Uebergang zum jenseitigen Ufer unmöglich machen. In dem Augenblicke, wo unsere Freunde sich der Brücke näherten, zogen vier von ihren Reitern angetriebene Pferde aus Leibeskräften an den Balken, welche an Lasso's befestigt waren. Die Balken setzten sich jetzt in Bewegung und stürzten in den Strom hinab, während das Wasser hoch aufspritzte. Fabian stieß einen Zornesruf aus, bei dessen Klange sich einer der Reiter umwandte; es war Don Estevan. Mit einem höhnischen Lachen blickte er auf Fabian, der sein Pferd wie ein Rasender anspornte, um über den Wasserfall zu setzen; am Rande des Abgrundes angekommen, bäumte jedoch das Pferd und fuhr erschreckt zurück. »Gebt dem vorwitzigen Burschen eine Ladung Blei!« schrie Don Estevan, »sonst vereitelt er all' unsere Pläne, – feuert auf ihn!« »Wehe dem, der schießt,« donnerte es von den Lippen des Canadiers und er erhob seine ihr Ziel nie fehlende Kentucky-Büchse. »Du aber, Fabian, gehe diesen Banditen aus dem Wege.« »Fabian?« wiederholte Don Estevan und erbebte jetzt beim Anblicke des Jünglings, der sein Pferd von Neuem anspornte, um über den Waldstrom zu setzen. »Jawol, Fabian,« ließ sich Josef jetzt vernehmen. »Fabian ist es, mein sehr ehrenwerther Don Antonio de Mediana, der von Ihnen Rechenschaft verlangt über das Blut seiner Mutter.« Der Spanier blieb wie festgebannt mit seinem Thiere halten, seine düsteren Ahnungen, die über ihn gekommen waren, als er ein paar Abende zuvor am Wachtfeuer der Poza das Antlitz des Jünglings gesehen, hatten sich erfüllt und jenes schwache Kind, das er vor mehr als zwanzig Jahren den gepeitschten Meereswogen preisgegeben, war durch Gottes Fügung gerettet worden und er konnte nunmehr eine Vorsehung nicht hinwegläugnen, die zu finden und zu rächen wisse. Angst und Schrecken legten all' seine Willenskraft lahm. Der ungestüme Fabian aber zog sein Messer, ließ seinem Rosse die Spitze desselben fühlen und sprengte pfeilschnell über den Abgrund, auf das gegenüberliegende Ufer. Allein das Thier glitt mit einem Hinterfuße auf dem feuchten Abhange aus, und umsonst versuchte es, das Gleichgewicht wieder zu gewinnen. Ein angstvolles Gewieher entrang sich seiner Kehle und im nächsten Augenblicke stürzte es mit seinem Reiter hinab in die hochaufschäumende Fluth des Waldstroms, der sich sofort über seiner doppelten Beute schloß. Ein herzzerreißender Schrei drang durch die Luft; er rührte von dem armen Canadier her, der sein heißgeliebtes Kind zum zweiten Male verloren hatte. Aber er ward übertönt von dem Triumphgeschrei, das die am jenseitigen Ufer haltenden Gefährten Don Estevans ausstießen. Drittes Kapitel. Verrath im Lager. Ohngefähr vierzehn Tage später näherten sich die handelnden Personen dieser Erzählung dem Ziele ihrer Reise d. h., sie erreichten die weiten Ebenen, welche sich zwischen der Mexikanischen Grenzstadt Tubac und der südlichen Grenze der Nordamerikanischen Freistaaten ausdehnen. Zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, kannte man die endlosen Flächen dieser Savanen, welche von dem Rio Gila nothdürftig bewässert werden, fast nur aus den Berichten der Jäger und Goldsucher. Beschwerden und Hemmnisse der größten Art treten dort dem Reisenden entgegen; der steinige Boden zeigt ihm fast nur Abgründe von ausgetrockneten Strombetten, die ihn auf seinem Wege hindern, ohne ihm oder seinem Pferde irgend welche Nahrung zu bieten, denn der Dammhirsch und der Büffel fliehen diese Einöde und nur sehr spärlich tauchen kleine Oasen von dürrem Grase auf. Selbst die Indianer wagen diese Wüste nur dann zu betreten, wenn der brennende Wind erstorben ist, der während eines Theils des Jahres in dieser grausigen Einöde sein Scepter schwingt. Die Strahlen der Sonne fielen bereits schräg auf den gluthgetränkten Erdboden und die von einem rosigen Schimmer angehauchten Wölkchen am fernen Horizonte deuteten auf ihren baldigen Untergang, als eine aus etwa sechzig Reitern bestehende Karawane an einem von mächtigen Kaktuspflanzen umfriedeten Platz Halt machte. Dieser Hag, welcher auch einige, Eisenbaumgebüsche aufzuweisen hatte, lehnte sich an einen nur wenige Fuß hohen Hügel an, während nach Osten zu, in ziemlicher Entfernung, sich inmitten des Sandes ein dichtes, aus Gummi- und Eisenbäumen bestehendes Gehölz ausdehnte. Die Stille, welche sonst über diesem Theile der Savane lag, wurde heute durch das muntere und lebendige Treiben der angekommenen Reiterschaar unterbrochen, welche am Hügel ihr Lager aufschlug. Schwer beladene, von Saumthieren gezogene Wagen wurden ausgespannt und abgeladen. Man benutzte sie zu einem schützenden Festungswall, indem man durch eiserne Ketten ihre Deichseln mit einander verband und die leeren Räume durch übereinander geschichtete Bäume und Pferdesättel ausfüllte. Unterdessen hatte man im Innern des Lagers die Thiere an die Wagen gebunden, mit Wasser gefüllte Küchengeräthe herbeigeschafft und diese über Reisigbündel gehängt, welche man sodann anzündete. Ein junger Büffelstier, welchen man gefesselt von einem der Wagen herbeischaffte, wurde geschlachtet und sofort zerlegt. Endlich begann auch eine Feldschmiede ihre Thätigkeit, Feuerfunken sprühten und der Ambos dröhnte unter schweren Hammerschlägen, die Hufeisen und Radschienen formten. Der junge aufmerksame Leser hat sicherlich in dem Reitertrupp die Schaar der Abenteurer wiedererkannt, welche Don Estevan anführte. Von den achtzig Abenteurern, welche sich dem kühnen Spanier in Tubac angeschlossen hatten, waren, wie bereits gesagt, jetzt nur noch sechszig übrig; die andern hatte theils das furchtbare Klima, theils der Pfeil der Indianer getödtet, von welchen Söhnen der Steppe die Reisenden zu wiederholten Malen angefallen morden waren. Don Estevan ritt auf einem prächtigen Schweißfuchs langsam durch das Lager dem Hügel zu, auf welchem soeben sein Zelt errichtet wurde. Als kurze Zeit darauf an der Spitze des Zeltes eine Fahne emporflatterte, deren sechs goldene Sterne im himmelblauen Felde glückverheißend über das Lager strahlten, erschien auf der Stirne des Abenteurers eine Wolke des Mißmuths und stirnrunzelnd las er die Inschrift des kleinen Banners, den uralten Sinnspruch des Geschlechts der spanischen Grafen von Mediana: »Ich werde wachen!« Don Estevan schritt nachdenklich auf das Zelt zu; vor dem Eingange blieb er stehen und sein Blick streifte jetzt eine Hügelreihe, welche im Westen die Landschaft begrenzte. Hinter den Hügeln strömte ein Fluß und aus der Fluth tauchte eine, mit üppigem Grün bewachsene Insel auf, und eine Stunde westlich von der Insel theilte der Fluß sich in zwei Arme, ein mächtiges Delta bildend, in welchem das heißersehnte Eldorado – das Goldthal – lag. Dorthin hatte Don Estevan seinen Gefährten Cuchillo gesandt, um auszukundschaften, ob jene Jäger, die ihm die reiche Beute streitig zu machen drohten, dort bereits angekommen seien. Der dunkle Ehrenmann Cuchillo hatte allerdings die Richtung nach dem Delta eingeschlagen, war aber bald wieder umgekehrt, da es in seinem teuflischen Plane lag, die Unzahl der Goldsucher möglichst zu reduciren, um auf diese Weise einen desto größeren Antheil an der Beute zu bekommen. Und da konnte ihm nichts gelegener erscheinen, als ein Indianerlager, welches er alsbald in der Nähe witterte. Seine Absicht ging sogleich dahin, von den Indianern bemerkt und verfolgt zu werden. Auf diese Weise war es für ihn dann ein Leichtes, sie auf die Spur des Lagers zu bringen, welches Don Estevan und die übrigen Abenteurer beherbergte. Und zwar hatte dieser Indianertrupp sich im Schatten jenes Gehölzes gelagert, dessen wir bereits Eingangs des Kapitels Erwähnung thaten. In einer kleinen Lichtung des Wäldchens glimmte ein Feuer, an welchem zehn kupferbraune Gestalten hockten – die Häuptlinge der zahlreichen Schaar. Einige von ihnen waren fast nackt, andere trugen Kleidungsstücke aus Leder, Mocassins und Tigerfelle, während von den Köpfen der vornehmsten dichte Büsche aus Adlerfedern herabnickten. Neben jedem der Häuptlinge lag ein lederner, mit Federn eingefaßter Schild, eine scharfe Lanze, der Tomahawk (die Streitaxt) und ein scharfes, blitzendes Messer. Der Kalumet (die Friedens-Tabakspfeife) ging feierlich von Hand zu Hand, ein sicheres Zeichen, daß sie soeben eine ernste Berathung pflogen. Und in der That fesselte eine wichtige Entdeckung ihre ganze Aufmerksamkeit; Einer nach dem Andern deutete nämlich mit dem Finger nach einem Punkte auf dem Horizont hin, woselbst die Augen eines Europäers nur ein krauses Wölkchen entdeckt haben würden, allein der scharfe Blick der Indianer nahm eine kleine Rauchsäule wahr, die aus dem Lager Don Estevans aufwirbelte. Noch waren die Rothhäute mit der Entdeckung beschäftigt, als ein indianischer Kundschafter die Nachricht brachte, daß oberhalb des Flusses, wo das Wasser eine kleine Insel bespült, drei Bleichgesichter versteckt seien. »Gut,« sagte der Häuptling, worauf der Indianer, welcher seiner Schnelligkeit wegen der »Hirsch« genannt wurde, die Neuigkeit den im Walde lagernden Stammesgenossen verkündete. Der Hirsch war nämlich auf Kundschaft ausgesandt worden, um die Spur der Goldsucher wieder aufzufinden, welche die Indianer in Folge einer von Petro Diaz geschickt ausgeführten Bewegung seit einigen Tagen verloren hatten. Die Botschaft des Hirsches hatte auf alle Indianer einen mächtigen Eindruck gemacht, und die Häuptlinge beratschlagten über den zu fassenden Entschluß. Die Meinungen darüber waren getheilt. Der jüngste der Häuptlinge meinte, man müsse die Insel am Gilaflusse aufsuchen, und ein anderer widersprach. Endlich ergriff ein Mann von hohem Wuchse und dunkler Gesichtsfarbe, die ihm den Namen »Schwarzvogel« verschafft hatte, das Wort und sagte: »Die Weißgesichter am Gilaflusse gehören nicht zu denen, welche wir zu verfolgen bemüht sind, denn sie kommen von Mitternacht, und nicht vom Mittag. Stets habe ich aber den Norden und Süden einander bekämpfen sehen, gleich den Winden, die aus diesen zwei Himmelsgegenden blasen. Senden wir daher an die drei Krieger auf der Insel einen Boten ab, damit sie sich mit uns gegen jene Krieger, welche die Wagen mitführen, verbinden und der Indianer sich über den Tod der Weißen durch die Weißen freue.« Allein dieser Rath, der von der Klugheit und Menschenkenntniß des Schwarzvogels zeigte, fand keine beifällige Aufnahme, vielmehr wurde beschlossen, über die beiden Abtheilungen der Weißen zugleich herzufallen. Es sollten zwanzig Krieger sofort nach der kleinen Insel im Gilaflusse aufbrechen, und die übrigen hundert Krieger in der Richtung der aufsteigenden Rauchsäule abmarschiren. Ehe aber dieser Beschluß zur Ausführung gelangen konnte, gerieth das Lager der Indianer urplötzlich in eine wilde Aufregung. Die ausgestellten Wachposten hatten nämlich Cuchillo bemerkt, der sich von Westen her dem Gehölz näherte, und jetzt wie unschlüssig auf seinem Rosse stille hielt. Im Nu warfen sich zehn Indianer auf ihre ungesattelten Pferde und flogen pfeilgeschwind über die Ebene dahin. Cuchillo besaß aber gleichfalls einen schnellfüßigen Renner und so kam es, daß nach einer Stunde die Verfolger unverrichteter Sache wieder in das Gehölz zurückkehrten, höchst ärgerlich darüber, daß ihnen der Fremde entkommen war. »Das wäre gelungen!« rief der schurkische Cuchillo vergnügt, als die Indianer ihre Verfolgung aufgegeben hatten, »jetzt wissen die rothen Teufel doch wenigstens, wo wir uns befinden, und werden gewiß binnen Kurzem einen Massenbesuch abstatten; wollen dann sehen, wie viel von den sechszig Mann unserer Expedition noch übrig bleiben. Fünf Mann, ein paar Wagen und ebensoviel Pferde und Maulthiere genügen, um die Schätze des Goldthals zu heben, und ich erweise ihnen nur einen Dienst, denn jedenfalls ist es besser, daß Wenige Alles haben, anstatt Alle wenig. So, und jetzt wollen wir uns etwas ausruhen.« Damit legte er sich hinter einer kleinen Erhöhung des Bodens nieder, gewillt, den Weg zum Lager erst dann fortzusetzen, wenn sein geübtes Ohr ihm die Wiederkehr der Gefahr für ihn persönlich anzeigen würde. Mittlerweile war der Abend hereingebrochen, die lichte Mondsichel stieg empor und ein erquickender Abendwind säuselte durch die Eisenbaumgebüsche des mexikanischen Lagers, welches jetzt im Mondschein einen wahrhaft malerischen Anblick darbot. Einige angezündete Feuer verbreiteten über den Boden einen matten, röthlichen Schimmer, der indessen, im Falle eines Angriffs, durch angezündete Reisbündel zu einer grellen Helle anwachsen konnte. Gruppen von Abenteurern, theils auf dem Boden lagernd, theils mit den Pferden und Saumthieren beschäftigt, die aus Trögen von Leinwand ihre Ration Mais fraßen, überließen sich gänzlich der Sorglosigkeit, wußten sie ja doch, daß Don Estevan, von seinem erhöhten Zelte aus, die Wache hielt. Der Anführer der Karawane hielt eben mit Pedro Diaz ein sehr ernstes Zwiegespräch, das sich um das lange Ausbleiben Cuchillos drehte. »Sollte er von den Apachen überrascht worden sein?« warf Don Estevan auf. »Ich hörte vor ungefähr einer Stunde einige Schüsse, die mich über sein Schicksal beunruhigten.« »Ich habe sie auch vernommen,« entgegnete Diaz, »allein sie kamen von Norden her, während das Goldthal, wohin sich Cuchillo recognoscirend begeben, im Westen liegt. Bei dieser Gelegenheit ersuche ich Sie, Don Estevan, mir zu gestatten, einem Verdachte Ausdruck zu verleihen; ich schmeichle mir, infolge meiner vielen Erfahrungen und Beobachtungen die Menschen zu kennen, und somit konnte mir der feige Charakter jenes Cuchillo nicht lange verborgen bleiben, umsomehr wunderte ich mich über seinen ungewohnten Muth, die Gegend bis zum Goldlager zu durchstreifen. Sein unnatürlich langes Ausbleiben aber erweckt meinen Verdacht.« »Ich muß Ihnen gestehen,« erwiederte Don Estevan, »daß auch mir ähnliche Gedanken gekommen sind, und dies war der Grund, weshalb ich einen Boten nach ihm aussandte.« »Ah, unsern wackern Gayseros,« schalt der Mejikaner ein. »Ich möchte ihn nicht lange entbehren, denn er ist der Tüchtigste unserer Mannschaft.« Ohne auf diesen Lobesausspruch weiter zu achten, fuhr Don Estevan fort: »Verirrt kann sich Cuchillo unmöglich haben, da die Rauchsäule ihm die Stelle unseres Lagers verkündet.« »Sie haben ihm dieses Zeichen zugestanden,« sagte Diaz seufzend, »obgleich ich nicht damit einverstanden war, da es für uns, gegenüber dem scharfen Auge der Indianer, leicht zum Verräther werden kann; hoffen wir, daß –« »Was ist das?« unterbrach Don Estevan die Rede des Gefährten, »sehen Sie doch, die Thiere lassen ihren Mais stehen und spitzen die Ohren.« »Möglich, daß der Abendwind ihnen die Witterung eines Jaguars entgegenträgt,« gab Diaz nach kurzer Pause zur Antwort. »Könnte es nicht auch die Nähe von Indianern bedeuten?« »Kaum,« kopfschüttelte Diaz, »in diesem Falle würden sie stampfen und zusammenschauern, denn die Thiere haben einen ungemein feinen Geruch und erkennen ihre Herrn.« »Sie mögen recht haben, mein Freund. Die Pferde fressen jetzt auch wieder. Lassen Sie uns einen Gang durch's Lager thun.« Diaz erklärte sich bereit und Beide begaben sich bis zu den ausgestellten Schildwachen, welche mit der Büchse im Arme langsamen Schrittes auf- und niedergingen. Auf Befragen Don Estevans erklärten sie, kein verdächtiges Anzeichen bemerkt zu haben, und in der That lag die Savane ruhig da. Der Spanier kehrte mit seinem Begleiter auf die Anhöhe zurück; kaum waren sie aber vor dem Zelte wieder angelangt, als ein dumpfes Schnauben der Maulthiere von Neuem ihre Aufmerksamkeit erregte. »Caramba!« wetterte Don Diaz, »die rothen Teufel streifen wirklich in der Nähe umher!« Gleichzeitig ließ sich ein gellendes Wiehern aus der Tiefe der Ebene vernehmen, begleitet von einem weitschallenden Alarmruf, den ein mit verhängtem Zügel heransprengender Reiter ausstieß. »Es ist Cuchillo!« rief Don Estevan beim Anblick des Reiters, der scheinbar in höchster Erregung das Lager erreichte und mit dem Schreckensrufe: »Zu den Waffen! die Indianer kommen!« durch die Oeffnung der Verschanzung stürzte. Eine grenzenlose Verwirrung entstand. Die auf dem Boden ruhenden Abenteurer fuhren jäh empor und eilten dem Orte zu, wo die Gewehre zusammengesetzt waren. Der allgemeine Schrecken theilte sich auch den Pferden und Maulthieren mit, sie zerrten an ihren Halftern, daß sie Gefahr liefen, zu ersticken, – einen so entsetzlichen Eindruck machten die Söhne der Steppe auf sie. Bald jedoch legte sich die entstandene Unruhe und ein Jeder nahm den Posten ein, welchen ihm Don Estevan schon im Voraus angewiesen hatte. Unterdessen schritt Cuchillo auf das Zelt Don Estevans zu, um diesem Bericht zu erstatten. Derselbe war sehr kurz und schien sowohl dem Spanier als auch Pedro Diaz äußerst unwahrscheinlich; indessen äußerten sie sich jetzt nicht weiter darüber, sondern warfen nur einander einige bedeutsame Blicke zu. Ein Wachtposten meldete jetzt Don Estevan, daß die Streifreiter der Indianer sich bereits in nächster Nähe zeigten. Diese Nachricht gestattete keinen Verzug mehr. »Geschwind die Reisigbündel angezündet,« rief Don Estevan mit weithin schallender Stimme, »wir müssen unsere Feinde zählen können.« Sofort flammte ein heller Feuerschein auf, welcher das Lager und dessen nächsten Umkreis grell erleuchtete. In diesem Lichte tauchten in der Ferne, gleich unheimlichen Schatten, die Vorreiter der Indianer auf, in wilder Eile hin und her jagend. Gleichzeitig beleuchteten die prasselnden Flammen die eng aneinander geschlossenen Truppen der Abenteurer, welche mit der gespannten Büchse im Arm den Angriff der Indianer erwarteten, wahrend ihnen zur Seite die gesattelten Pferde standen, um sogleich bei der Hand zu sein, sei es nun behufs eines Ausfalls oder zur Flucht. Die Stille der gespanntesten Erwartung hatte ihre Schwingen über das Lager gebreitet, aber auch in der Ebene draußen war's unheimlich still geworden und die düstern, langgestreckten Schatten jagten nicht mehr über sie dahin. Schon begannen einige der Abenteurer sich der Hoffnung hinzugeben, daß die Wüstensöhne, von der Kampfbereitschaft der Mexikaner entmuthigt, sich zurückgezogen hätten; allein dieses Schweigen da draußen war nur jene Stille, welche dem Ausbruche eines verheerenden Orkans vorauszugehen pflegt. Noch war keine Viertelstunde verstrichen, als die Savane von einem Geheul erdröhnte, das den erschreckten Mejikanern wie die Posaunen des jüngsten Gerichts in die Ohren gellte, und gleichzeitig zeigten sich apachische Krieger in der vom Monde erleuchteten Ebene. Ein Pfeil fuhr zischend durch die Luft und durchbohrte die Brust eines der Goldsucher. Jetzt durchsprengte die Vorhut den Lichtkreis in der unmittelbaren Nähe des Lagers und die zuckenden Flammen des Feuers warfen grelle Streiflichter auf die wuthverzerrten, rothbemalten Gesichter der Indianer. Ihre wild im Winde flatternden Haare, sowie die Riemen, die massenhaft zum Schmuck an ihnen hingen und während des raschen Galopps gleich Schlangen um die Reiter sich schlängelten, und endlich ihr trotziges herausforderndes Geschrei versetzte gar manchen der Mexikaner in Schrecken und Angst. Alles dies war jedoch nur das Vorspiel zu dem blutigen Drama, das nun beginnen sollte. Das Kriegsgeheul der Apachen schwoll orkanartig an und die Erde bebte unter den Hufschlägen der regellos einherstürmenden Pferdeschaar, welche den Kugelregen nicht zu achten schien, der aus dem Lager kam. Von drei Seiten wurde das letztere durch die Apachen eingeschlossen. Währenddem vernahm man inmitten des Gebrülls den Knall wohlgezielter Schüsse von der Anhöhe herab; und jedes Mal sank ein Apache von seinem kleinen Rosse. Pedro Diaz war der kampfesdurstige Schütze, auf den der Anblick der verhaßten Rothhäute wirkte, wie die rothe Farbe, auf den Stier, und nur mit vieler Mühe widerstand er der Versuchung, sich durch eine jener Heldenthaten auszuzeichnen, welche seinen Namen den Indianern so furchtbar gemacht hatten. Uebrigens brauchte der muthige Mexikaner nicht lange nach einem offenen Kampfe zu dürsten, denn die Apachen stürmten die Wagen, hinter denen die Schaar Don Estevans sich postirt hatte, und ein mörderisches Handgemenge begann. Der kampfesmuthige Diaz schien sich zu vervielfältigen, denn er tauchte bald hier, bald dort auf und stets war er zur Stelle, wenn es galt, einen der Mexikaner dem über seinem Haupte schwingenden Tomahawk zu entreißen. Dieser Fall war auch jetzt wieder eingetreten und der todesmuthige Diaz zog einen der kräftigsten Indianer mit so unwiderstehlicher Gewalt vom Pferde herab, daß der Apache mitten in das Lager stürzte. Noch berührte er aber den Boden nicht, als schon das Schwert des kühnen Abenteurers das Haupt des Wilden vom Rumpf getrennt hatte – eine Heldenthat, die von den Mexikanern mit jauchzendem Hurrah aufgenommen wurde. Da die Schützen bei dem Handgemenge entbehrlich wurden, so eilten die bisher auf dem Hügel postirten Abenteurer jener Ecke der Verschanzung zu, wo Don Estevan und Cuchillo kämpften, denn Hilfe bringende Mannschaft that dort Noth; zwar handhabte der Spanier sein vortreffliches englisches Doppelgewehr mit großer Geschicklichkeit und erlegte wohl ein Dutzend der andringenden Feinde, trotz alledem würde er auf die Dauer dem überlegenen Gegner nicht zu widerstehen vermocht haben, zumal ihm Cuchillo nur eine schwache Hilfe leistete. Dieser Feigling, welcher der Anstifter all' dieses Unheils war, dachte mehr auf seine eigene Sicherheit. Während die Abenteurer mit den Apachen auf Tod und Leben rangen, kam er nicht von der Seite seines Pferdes, das den Bewegungen seines Herrn mit dem Verstände des klügsten Hundes folgte. Von Zeit zu Zeit warf ihm Don Estevan einen scharf beobachtenden Blick zu, dann gab sich der Schurke den Anschein, als folge er mit besorgter Miene den Wechselfällen des Kampfes. Plötzlich taumelte er jedoch und sank, wie tödtlich verwundet, in einiger Entfernung von den Wagen schwerfällig nieder. Don Estevan bemerkte es, er spürte jedoch keine Lust, ihm zu Hilfe zu eilen, sondern murmelte verächtlich: »Ein Feigling weniger!« Dagegen lief das Pferd des Gefallenen zu ihm hin und gab durch Schnauben seine Theilnahme zu erkennen. Der Kampf nahm jetzt Don Estevans Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch und er hatte Cuchillo alsbald vergessen. Dieser jedoch hob leise den Kopf empor und warf einen lauernden Blick umher, und nachdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß er unbeobachtet sei, kroch er leise unter der Wagenreihe durch, auf der dem Angriffe entgegengesetzten Seite. Sein treues Pferd folgte ihm abermals. Außerhalb des Lagers angekommen, richtete er sich schnell auf und schwang sich mit einem Lächeln düsterer Freude auf das Roß, dann drückte er dem Thiere den Sporn in die Seite und jagte, einen weiten Bogen um das Gehölz beschreibend, aus welchem die Indianer hervorgebrochen waren, in die Finsterniß hinaus. Hinter ihm tobte der Kampf und es war noch nicht abzusehen, auf welche Seite sich der Sieg neigen werde, zumal es an einem Punkte der Verschanzung den Apachen gelungen war, in's Lager einzubrechen. Unter den Mexikanern herrschte eine entsetzliche Verwirrung und man sah nichts, als ein Durcheinander von menschlichen Körpern, die sich umschlungen hielten, während darüber die Federbüsche der apachischen Krieger flatterten, die gewaltsam mit ihren Pferden sich einen Weg durch diesen Knäul zu bahnen suchten. Der Sieg der Indianer schien gewiß, da plötzlich aber schloß sich die auf einen Augenblick durchbrochene Linie der Mexikaner wieder, wodurch den in das Lager eingedrungenen Apachen der Rückzug abgeschnitten wurde. In diesem Augenblicke stürzte Diaz herbei, mit Blut und Staub bedecktem Gesicht und zerrissenen Kleidern, um hier den Entscheidungskampf auszufechten, und wahrlich er kam zur rechten Zeit, denn innerhalb des engen Raumes der Verschanzung rasete ein indianischer Häuptling, welchen die Seinigen die »Pantherkatze« nannten, wild und muthig wie ein Kriegsgott; keiner der Mexikaner vermochte ihm Stand zu halten und ängstlich wich man vor ihm zurück. »Hieher, Diaz!« schrie das bedrängte Häuflein, »schnell, schnell, oder wir sind verloren!« Als der Häuptling den Namen Diaz hörte, begann er zu stutzen; seine Augen schienen Flammen zu sprühen und er zog seine Lanze zurück, um seinen Todfeind zu durchbohren, der mit geschwungenem Degen herbei eilte. Plötzlich bäumte sich aber das Pferd des Indianers hoch auf und stürzte zu Boden. Diese augenblickliche Rettung hatte der kühne Pedro seinem Gefährten Estevan zu verdanken, der von der andern Seite sich genähert und mit seinem Messer dem Pferde die Sehnen des einen Hinterbeins durchschnitten hatte. Der apachische Häuptling stürzte gleichfalls zur Erde, wobei ihm seine zurückgezogene Lanze entglitt. Mit einer wahren Blitzesschnelle bemächtigte sich Diaz der Waffe und stieß die Spitze derselben in die nackte Brust seines Gegners. Obgleich tödtlich verwundet, ließ der Apache dennoch keinen Schrei hören, auch verloren seine Augen nichts von ihrem stolzen drohenden Ausdruck, bis endlich der Tod sie umflorte. Mit dem Falle der Pantherkatze war der Kampf entschieden, da sein Tod den Muth der Apachen gebrochen hatte. In ebenso wilder Eile, wie sie gekommen, zogen sich die wilden Söhne der Steppe zurück, und nur noch einmal sandten sie aus der Ferne einen Hagel von Pfeilen dem Lager der Mexikaner zu, ohne indessen besonderen Schaden anzurichten. Die Hufschläge ihrer Rosse verhallten und in die Savane war ihre ursprüngliche Stille wieder zurückgekehrt. Beim Scheine der wieder angezündeten Lagerfeuer bemühten sich die Mexikaner, ihre Verschanzungen an den Stellen, wo sie durchbrochen waren, sorgfältig auszubessern. Dann legten sich die erschöpften Abenteurer, ohne das Innere des Lagers von den Leichnamen zu befreien, auf den feuchten blutgetränkten Boden nieder, um von den Anstrengungen des Kampfes auszuruhen. Und inmitten der feierlichen Stille der Nacht beleuchtete der Mond diejenigen, die nur einen kurzen Schlaf hielten, sowie jene, welche nicht mehr erwachen sollten. Der heldenkühne Diaz schnarchte gleich einem Bären. Noch stand der Mond am westlichen Horizont, als eine Hand sich auf seine Schultern legte und ihn so lange rüttelte, bis er erwachte. Es war Don Estevan, der vor ihm stand. »Was giebts?« fuhr der Mexikaner auf. »Ich habe einige Worte mit Ihnen zu sprechen,« entgegnete der Spanier, »folgen Sie mir in mein Zelt.« Dort angelangt, streckte Don Estevan den Finger seiner rechten Hand aus und sagte: »Da drüben liegen die Nebelberge, Senor, und wir werden morgen an ihrem Fuße unser Lager aufschlagen – wenn nicht ein einziger Mensch unsere kühnen Hoffnungen vernichtet.« »Cuchillo!« entwandt sich unwillkürlich den Lippen des Mexikaners. »So ist mein Verdacht also doch nicht ungegründet gewesen!« »Der Angriff dieser Nacht hat ihn vollständig bestätigt,« entgegnete Don Estevan, »und ich kenne jetzt den Grund seines langen Ausbleibens; wir sind ihm der Theilnehmer an der Expedition zu viele, und so lockte er uns die Apachen auf die Fersen.« »Die Pest über den Schurken!« rief Diaz entrüstet, »laßt uns über ihn Standrecht halten und seine teuflische Seele der Hülle zusenden.« »Um dies zu ermöglichen, müssen wir vor Allem im Besitze seiner werthen Person sein,« entgegnete der Spanier im ironischen Tone. »So ist er entflohen?« polterte Diaz. »Ich habe den Burschen während des Kampfes nicht aus den Augen gelassen, bis ich ihn scheinbar tödtlich verwundet zu Boden fallen sah. Als ich aber im Laufe der Nacht jedem einzelnen Todten in's Angesicht leuchtete, bemerkte ich, daß Cuchillo nicht unter ihnen war.« »Ohne allen Zweifel, der Schuft ist entflohen,« rief Diaz in höchster Aufregung, »und wir müssen ihm rasch und unverzüglich nachsetzen.« »Es wird nicht schwer halten, seine Spur zu finden, denn der Spitzbube kann nirgends anders sein, als auf dem Wege nach dem Goldthale.« »Ihre Ansicht ist auch die meinige,« entgegnete Don Estevan, »wählen Sie zwei tapfere, erprobte Reiter aus, die uns auf unsern Streifzug, den wir in einer Stunde unternehmen werden, begleiten sollen und dann sagen Sie unsern Leuten, daß wir zu viert eine kleine Recognoscirung in der Nähe unseres Lagers zu machen gedenken. Für jetzt gute Nacht.« Während Diaz die Befehle seines Anführers vollzog, warf Don Estevan sich auf sein Feldbette, um dem Tagesanbruch und der Verwirklichung seiner Pläne entgegenzuwachen. Eine Stunde später erschien Diaz und meldete, daß die Pferde gesattelt seien. »Fragen Sie doch eine der Schildwachen,« flüsterte Don Estevan dem Mexikaner zu, »ob Gayferos zurückgekommen ist.« Diaz wiederholte die Frage des Anführers bei dem nächsten Wachtposten, allein dieser schüttelte den Kopf und entgegnete düster: »Ich glaube kaum, daß der arme Junge zurückkehren wird; die verwünschten Rothhäute werden ihn wohl ermordet haben.« »Ich fürchte, der Mann hat Recht,« flüsterte Diaz halblaut Don Estevan zu, der in diesem Augenblicke verdrießlich seinem Pferde die Sporen gab und an der Seite des muthigen Mexikaners, gefolgt von zwei der Tüchtigsten aus dem Reste der Mannschaft, den Nebelbergen zutrabte. Viertes Kapitel. Von den Herrlichkeiten der Savane. In dem vorigen Kapitel ist einige Male von drei Bleichgesichtern die Rede gewesen, welche sich auf einer kleinen Insel im Gilafluß verborgen hielten. Der junge Leser wird bereits errathen haben, daß unsere drei Freunde, Rosenholz, Josef und Fabian damit gemeint waren. Der Sturz Fabians hatte glücklicherweise nur für sein Pferd tödtliche Folgen gehabt, während der kühne Schwimmer wie durch ein Wunder gerettet worden und die Trennung von seinen väterlichen Freunden daher diesmal nur eine kurze war. Wohlbehalten hatte das Kleeblatt die kleine Insel erreicht und gedachte nunmehr von dort aus die Streifzüge nach dem Goldthale zu unternehmen. Jedenfalls konnte das kleine Eiland als ein sicheres Asyl betrachtet werden, denn von dem mit Weidenbäumen und Zitterespen bewachsenen Flußufer aus war dasselbe kaum wahrzunehmen. Die Wurzeln genannter Bäume hatten sich tief in das Wasser hineingestreckt und mit einer Unmenge von Schlingpflanzen zu einem undurchdringlichen Dickicht verbunden. Die Ufer der Insel waren gleichfalls von Wasserpflanzen eingefaßt und Schilfrohr und Pfeilkraut machten das Landen außerordentlich schwierig. Die Entstehung der Insel war zu interessant, um nicht einige Worte darüber zu sagen. Alle Ströme des großen amerikanischen Festlandes, welche durch die oft hunderte von Meilen großen Urwälder fließen, nehmen in ihren Fluthen die Stämme gestürzter Waldbäume auf, und einige solcher Stämme hatten die Grundlage der kleinen Insel geliefert, indem sie sich mit ihren langen Wurzeln im Bette des Flusses festhakten. Andere Bäume waren angetrieben und gleichfalls festgehalten worden, und da ihre Wurzeln sich miteinander verschlangen, so bildeten sie gleichsam eine Art Floß. Im Laufe der Zeit füllten sich die leeren Räume zwischen den Aesten durch trockenes Gras, Staub und allerlei Blätterwerk aus, bis sich schließlich eine Erdkruste bildete, die allen Bedingungen zum Gedeihen pflanzlichen und thierischen Lebens gerecht wurde. Die kleine Insel mochte sieben bis acht Fuß im Durchmesser haben und das Laubwerk der darauf wuchernden Stauden war so dicht, daß ein Mensch, der sich auf den Boden legte oder auch nur kniete, gänzlich hinter dem grünen Vorhänge verschwand. Es war zu derselben Nachmittagsstunde, wo die Indianer an ihrem Feuer Rath gehalten und über die Mittel nachgesonnen hatten, wie wohl das Lager der Goldsucher am wirksamsten anzugreifen sei, als unser Jägertrio behaglich im Grase lag und den kühleren Luftzug über sich hinstreichen ließ. Fabian, durch die Anstrengungen der letzten Tage sehr ermüdet, war sanft entschlummert, während Rosenholz gleich einer zärtlich besorgten Mutter seinen Schlaf bewachte, Josef dagegen tauchte seine Beine in das klare kühle Wasser, um sich zu erfrischen. »Ah, ein wahrer Göttergenuß,« begann er mit leiser Stimme, »so im Wasser zu plätschern. Trotz alledem wäre es jedenfalls besser gewesen, wir hätten den Tag nicht verloren, sondern wären dem Goldthale entgegenmarschirt, von dem wir gar nicht mehr weit sein können.« »Ich gebe es zu,« flüsterte Rosenholz, »indessen bedenke, daß wir innerhalb zwölf Tagen sechszig Wegstunden zurückgelegt haben, und daß Fabian müde ist. Wenn der gute Junge nur erst ein Jahr mit uns gewandert sein wird, dann –« »Na,« unterbrach Josef ihn lächelnd, »mich soll's wundern, wenn das Kind bei uns bleibt, nachdem es das Gold dadrüben eingeheimst hat.« »Pah!« polterte der alte Jäger, »ich will Fabian schon dahin bringen, daß er ein freies, lustiges Leben in den Wäldern dem Stubenhocker vorzieht, denn, die Hand auf's Herz, alter Junge, geht das Leben in den Wäldern nicht über alle Herrlichkeit der Städte?« »Sicherlich,« antwortete Josef trocken, »darum sind auch die Städte so menschenleer und die Prärien so bevölkert.« »Bleib' mir vom Leibe mit Deinen schlechten Witzen,« entgegnete Rosenholz ärgerlich, »denn ich rede von ernsten Dingen. Nimm' gleich einmal die Landschaft hier an, ist sie nicht herrlich, ist sie nicht wunderschön? Blicke auf den Nebel da unten, den eben die Sonne zu färben beginnt, und dann blicke auf die Staubwolke, die dort drüben am Fuße des Berges aufsteigt und eine Heerde wilder Pferde verbirgt, die zur Tränke gehen, ehe sie ihre fernen Weideplätze wieder aufsuchen, und sieh', jetzt treten sie hervor aus der Staubwolke mit all der stolzen Schönheit, die Gott den Thieren in der Freiheit verleiht. Schau' nur, wie ihr Auge flammt und ihre Mähne im Winde flattert, wahrhaftig ich verspüre Lust, unser liebes Kind aufzuwecken, damit es sie sehen und bewundern kann ...« »Laß Fabian doch schlafen,« meinte Josef. »Es ist aber ein prachtvolles Schauspiel, das ihm entgeht,« widersprach der Canadier, gab aber dem Gefährten nach, zumal die Pferde jetzt, dem Winde gleich, wieder davonjagten. »Ah,« fuhr Rosenholz leuchtenden Blickes fort, »jetzt ändert sich die Scene und ein Hirsch hat die Stelle eingenommen. Er scheint durstig zu sein und trotz alledem säuft er nicht. Er richtet den Kopf in die Höhe und lauscht. Ah, er wittert eine Gefahr! Nein, jetzt lasse ich das Kind aber länger nicht schlafen.« »Nun, so wecke es auf,« lachte Josef und zog seine büffelledernen Halbstiefel wieder an. Sanft rüttelte der alte Jäger den Jüngling, welcher, schon längst gewohnt, zu jeder Stunde aus dem Schlafe geweckt zu werden, mit einem Rucke auf den Beinen war. Rosenholz verständigte ihn rasch, hielt dann einen Augenblick lauschend inne und begann endlich von Neuem: »Hört Ihr das Bellen in der Ferne? Es sind Wölfe, die auf der Ebene jagen. Der arme Hirsch! Wie wird es ihm ergehen?« In demselben Augenblick warf der Hirsch sein stolzes Geweih zurück und floh in mächtigen Sätzen über die Savane. Fern am Horizont aber wirbelte eine Staubwolke empor, in deren Mitte sich eine schwarze Masse zeigte. Es war, als rollten eine Menge Kugeln pfeilschnell heran. Zwar hatte der Hirsch einen bedeutenden Vorsprung vor den ihn verfolgenden Wölfen voraus, dennoch verstrichen nur wenige Minuten und er war von den heulenden Bestien eingeschlossen, da auch auf der entgegengesetzten Seite eine Schaar von Wölfen erschien. Der verfolgte Hirsch merkte jetzt die Gefahr, die ihm da drüben drohte, und hielt einen Augenblick an, um Athem zu schöpfen, während der Kreis seiner Feinde sich immer enger um ihn schloß. Da nahm der Hirsch einen wüthenden Anlauf, um in gewaltigem Sprunge über die Masse heulender Wolfsköpfe hinwegzusetzen, allein der Versuch mißglückte und das edle Wild fiel mitten unter seine Verfolger. Ohne aber nur im geringsten den Kampf zu scheuen, spießte er nacheinander zwei der Bestien auf die Schaufeln seines Geweihs und schleuderte sie hoch in die Luft, so daß sie betäubt und zerschlagen wieder den Erdboden erreichten. Dagegen vermochte er einen Vierten, der sich in seine Flanken festgebissen hatte, nicht abzuschütteln, und blutend und mit weit hervorgestreckter Zunge floh das gehetzte Wild dem Ufer des Flusses zu, den drei Zuschauern dieses seltsamen Kampfes gerade gegenüber. »Wahrhaftig! er stürzt sich in den Fluß,« rief Fabian, welcher mit großem Interesse dem Schauspiele gefolgt war. Zischend spritzte das Wasser auf unter dem jähen Sturz des armen Hirsches und eine Wolke von glitzernden Staubperlen senkte sich auf sein Geweih, desgleichen aber auch auf die Köpfe der ihrem Opfer nachschwimmenden, vor Hunger und Gier heulenden Wölfe. Schon stand der Hirsch im Begriff, die Insel zu erklimmen, als die Scenerie urplötzlich wechselte. Jene Wölfe nämlich, welche das kalte Bad gefürchtet hatten und wie toll am Ufer auf- und abrannten, ließen ein klägliches Gekläff hören und ergriffen die Flucht, während die Heerde wilder Pferde von vorhin wieder erschien. »Was ist das?« rief Fabian überrascht. »Bückt Euch,« antwortete Rosenholz in ängstlicher Hast, »versteckt Euch um Gottes Willen hinter das Gras! Die Pferde werden von Indianern verfolgt.« Und kaum waren diese Worte gesprochen, als eine Schaar von zwanzig indianischen Reitern auf ungesattelten Pferden heranjagte. Auf den Rücken der Thiere zusammengekauert, so daß die Kniee bis an das Kinn heranragten, vermochte keinerlei Hemmniß die kühnen Reiter aufzuhalten; ihr weithin dringendes Geschrei ausstoßend, schwangen sie die Lassos von geflochtenem Leder, und der Erdboden erzitterte unter den Huftritten der wilden und gezähmten Pferde. Der fliehende Hirsch hatte unterdessen das jenseitige Ufer erreicht und war seinen Feinden glücklich entkommen; die drei Jäger auf der Insel aber bemerkten es nicht, denn ein neues Ereigniß nahm ihr ganzes Interesse in Anspruch. Ein Reiter tauchte nämlich auf und seine Kleidung deutete darauf hin, daß er zu der Abenteurerschaar Don Estevans gehörte. Die drei Freunde vermochten sich nicht zu erklären, wie der Reiter unter die indianische Schaar hatte gerathen können, ohne zuvor die Gefahr zu sehen, die ihm drohte. Höchst wahrscheinlich trugen die kleinen Hügel des Bodens Schuld daran, und zeigten ihm erst dann die umherschwärmenden Apachen, wo er sich von ihnen bereits eingeschlossen fand; denn ringsum tauchten jetzt die dunkeln Gestalten der Indianer auf und bildeten einen Halbkreis, dessen Mittelpunkt leider der weiße Reiter einnahm, dem nur nach der Seite des Flusses hin noch ein Ausweg blieb. »Der Unglückliche ist verloren, was er auch anfangen mag,« flüsterte Rosenholz, »es ist zu spät, um über den Fluß zu setzen, die Apachen sind ihm zu nah auf den Fersen.« »Herr des Himmels,« rief Fabian erschreckt, »sollen und dürfen wir ruhig zusehen, wie die Indianer einen Christen vor unsern Augen ermorden?« »Die Pflicht der Selbsterhaltung zwingt uns dazu,« antwortete Josef, »denn es giebt kein Mittel, ihm zu helfen, das nicht unsern Zufluchtsort preisgäbe.« »Josef hat recht,« bestätigte der Canadier auf einen fragenden Blick Fabians hin, »denn wir sind unserer nur Drei, während zwanzig Indianer uns entgegenstehen; somit ist es besser, es stirbt nur Einer, als alle Viere. Gott verzeihe mir meine scheinbare Hartherzigkeit, aber sie ist nothwendig.« Während dieses kurzen Gesprächs floh der weiße Reiter auf das Ufer des Flusses zu und schon konnten die Drei auf der Insel seine durch Angst entstellten Gesichtszüge erkennen, als der geworfene Lasso eines Apachen ihn erfaßte und der Unglückliche, aus dem Sattel gehoben, auf den sandigen Boden stürzte. Ein Triumph- und Freudengeschrei von Seiten der Indianer wirbelte in die Luft, dann trat eine tiefe Stille ein. »Was werden die Unmenschen jetzt beginnen?« fragte Fabian seinen väterlichen Freund. »Darüber kann kein Zweifel walten,« lautete die Antwort des alten Jägers, »die rothen Teufel denken jetzt über die Martern nach, mit denen sie den Unglücklichen zu Tode quälen wollen.« Rosenholz hatte wahr gesprochen; die Apachen sprangen von ihren Pferden herab, umringten ihren Gefangenen und warfen düstere Blicke auf ihn, welche durchaus nichts Gutes weissagten. Einer der Indianer jedoch, welcher der Anführer des Trupps zu sein schien, und dessen dunklere Hautfarbe und schwarzer Kopfputz ihn vor seinen Genossen auszeichnete, sonderte sich von der Gruppe ab und näherte sich jener Uferstelle, welcher gegenüber die kleine Insel lag. Aufmerksam heftete sich sein Blick auf den Boden, in dessen Sande er nach Fußspuren zu suchen schien. »Da haben wir die Bescheerung,« murmelte Rosenholz beklommenen Herzens, denn die Angst und Besorgniß um Fabians Leben dämpfte seinen Heldenmuth. »Der Bursche wittert uns, wie der Hund das Wild.« Da der Apachenhäuptling im Sande keine Spuren fand, so schickte er sich an, den Fluß weiter hinauf zu gehen, um seine Nachforschungen fortzusetzen. »Wie ich gesagt,« seufzte Rosenholz, »der Teufelskerl hegt Verdacht und wird unweit von hier die Spuren finden, die wir zurückgelassen haben, als wir in das Flußbett traten, um die Insel zu erreichen. Kenne ich ja doch die Schlauheit dieses Burschen, den seine Stammesgenossen den »Schwarzvogel« nennen.« Und der Häuptling fand, wie Rosenholz vorausgesagt, die betreffende Stelle und zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß die drei Jäger auf der Insel sich versteckt hielten. Innerlich triumphirend über seinen Scharfsinn, äußerlich aber kalt und ruhig, kehrte der Schwarzvogel zu seinen Stammesbrüdern zurück und hörte mit zustimmendem Kopfnicken an, was diese inzwischen hinsichtlich des Gefangenen beschlossen hatten. Nachdem er fünf von den Reitern mit leiser Stimme einen Befehl ertheilt, demzufolge diese Söhne der Steppe ihre Pferde ausgreifen ließen, um bald nachher gänzlich zu verschwinden, trat der Häuptling hart an das Ufer des Flusses, bildete mit seinen Händen eine Art Sprachrohr und schrie in einem seltsamen Gemisch von Spanisch und Indianisch: »Warum verbergen sich die weißen Krieger aus Mitternacht? Der Schwarzvogel und seine Gefährten sind ihnen freundlich gesinnt!« »Was wollen wir dem Hallunken antworten?« fragte Rosenholz den ehemaligen Miquelet, indem er seinen Arm heftig drückte. »Nichts,« antwortete Josef lakonisch. Der apachische Häuptling fuhr nach kurzer Pause fort: »Wenn die weißen Krieger aus Mitternacht, welche nur drei an der Zahl sind, die Absichten des Schwarzvogels erfahren, werden sie sicherlich aus ihrem Versteck hervorkommen.« »Meinst Du wirklich, Du Schafskopf?« brummte Josef für sich. »Der Schwarzvogel weiß,« begann der Apache von Neuem, »daß die weißen Männer von Mittag und Mitternacht gegen einander mehr Feindschaft hegen, als das Bleichgesicht und der rothe Mann. Nun aber haben die Apachen ein ganzes Lager von Kriegern aus Mittag in den Händen.« »Dann Gnade Gott den Goldsuchern,« flüsterte Rosenholz. Der Schwarzvogel lauschte auf eine Antwort, aber die Worte des alten Jägers waren so leise gesprochen, daß sein Ohr sie nicht vernahm. Er rief daher abermals durch sein künstliches Sprachrohr: »Die rothen Krieger verpfänden ihr Ehrenwort, daß sie den weißen Kriegern aus Mitternacht freundlich gesinnt sind. Warum wollen die Bleichgesichter aus Mitternacht nicht ihre Büchsen vereinigen mit den Schlachtkeulen der Apachen gegen die weißen Männer aus Mittag, – warum wollen sie nicht mit ihnen die Kopfhäute ihrer Feinde und die Pferde und all' das Hab und Gut theilen und mit ihren rothen Freunden um die Leichname der weißen Schurken tanzen?« Rosenholz und Josef begriffen jetzt den Zweck, warum der apachische Häuptling ihre Freundschaft suchte, und in tiefster Entrüstung flüsterte der Canadier: »Oh, wie schade, daß ich dem spitzbübischen Heiden mit meiner guten Büchse nicht antworten darf. Wäre Fabian nicht da, ich würde es schon längst gethan haben, allein die Sicherheit dieses Kindes legt meinem gerechten Zorne Fesseln auf.« »Ich erwarte endlich die Antwort der Bleichgesichter,« rief der Schwarzvogel in einem Tone, dem man anmerkte, daß ihm endlich die Geduld ausgehe. »Sie mögen bedenken, daß aus einem verschmähten Freunde gar oft ein Feind wird, den man fürchtet!« »Nicht übel gesagt,« murmelte Josef, »bin nur neugierig, auf welche Weise der Schlingel sich uns furchtbar zu machen gedenkt.« »Noch immer keine Antwort?« rief es drohend vom Ufer herüber. »Nun wohl, die weißen Krieger mögen überlegen, was sie thun wollen, der Indianer wird bis auf hundert zählen.« Nach diesen Worten winkte der Schwarzvogel den Gefangenen zu sich heran und entriß ihm seine Büchse, dieselbe schußfertig erhebend. Während er zu zählen begann, sahen die drei Freunde jene fünf Indianer zurückkehren, welche sich zuvor entfernt hatten. Sie waren jetzt sämmtlich mit kurzen Flinten bewaffnet, und eine gleiche Anzahl setzte hierauf ihre Pferde in Galopp, offenbar um dasselbe zu thun. »Verwünscht,« sagte Josef, »die Sache fängt an bedenklich zu werden, – zudem bin ich fest überzeugt, daß der rothe Teufelskerl da drüben auf uns abfeuert, sobald er hundert gezählt hat. Jetzt ist er schon bei 67.« »Suche Dir einen Platz hinter mir, Fabian,« rief der besorgte Rosenholz; allein der Jüngling wollte nichts davon wissen, sondern war vielmehr fest entschlossen, mit seinem Körper den väterlichen Freund zu schützen. »Aber Kind,« entgegnete der alte Jäger, »siehst Du denn nicht, daß mein Körper den Deinigen nach allen Seiten hin um sechs Zoll überragt? Es wäre ja Thorheit, der Kugel des Indianers ein doppeltes Ziel zu bieten.« Und ohne auch nur ein einziges Schilfrohr in dem grünen Laube der Insel zittern zu machen, veränderte der Canadier seinen Platz und kniete vor Fabian hin, welcher noch immer dagegen protestiren wollte, bis endlich Josef bewegt sprach: »Lassen Sie es geschehen, Don Fabian, nie hat ein Mensch einen edlern Schild gehabt, als das Herz dieses Riesen, das nur darum heute so ängstlich schlägt, weil es Sie in Gefahr weiß.« »Hun–dert!« klang es jetzt vernehmlich herüber und fast gleichzeitig krachte ein Schuß. Da aber die drei Jäger hintereinander knieten, so boten sie keinen großen Zielpunkt dar und die Kugel pfiff, einige Blätter und Krautstücke in die Luft aufwirbelnd, in einiger Entfernung an ihnen vorüber. Eine volle Minute verstrich, ehe der Schwarzvogel von Neuem rief: »Der Indianer hat sich getäuscht, die weißen Krieger sind nicht auf der Insel, er wird sie daher anderswo suchen.« »Jawohl, glaub das und sauf' Wasser,« brummte Josef ingrimmig, »der Hund ist seiner Sache gewisser, denn je.« Scheinbar gleichgültig hatte der apachische Häuptling sich umgedreht und seine Aufmerksamkeit dem Gefangenen zugewandt, welcher auf seinen Befehl hin eine Strecke weit vom Ufer fortgeführt wurde. Während die Rothhäute sich sodann in einer Reihe aufstellten, flüsterte Rosenholz: »Jetzt merke ich, was die Hunde vorhaben, sie wollen sich das Vergnügen einer Hetzjagd machen. Sie werden den armen Teufel einen kleinen Vorsprung gewinnen lassen und ihm dann mit ihren Spießen und Tomahawk's nachrennen, um ihn schonungslos niederzustoßen, sobald sie ihn erreichen.« »Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der arme Gefangene dem Flusse zufliehen,« sagte Fabian, »könnten wir dann nicht etwas zu seiner Rettung thun?« »Für den Fall, daß die Angst nicht seine Beine lähmt,« begann der Canadier nach kurzem Besinnen, »und er das Ufer erreicht, könnten wir ihm zurufen, zu uns herüber zu schwimmen. Einige Schüsse aus unsern Büchsen würden ihn schützen und er mit heiler Haut auf die Insel gelangen, dann hätten wir an ihm einen Verbündeten und könnten es von unserm sichern Hinterhalte aus wohl mit den rothen Teufeln aufnehmen. Doch seht,« unterbrach er seine Rede, »da drüben drängt Alles zur Entscheidung.« Bereits schwangen die grausamen Apachen mit wieherndem Jauchzen ihre Speere und Mordkeulen, ungeduldig das Zeichen ihres Häuptlings erwartend, die Jagd beginnen zu dürfen. Noch aber zögerte der Schwarzvogel, bis die fünf Indianer, welche sich, wie die frühern, entfernt hatten, bewaffnet zurückkehrten. Sodann deutete er auf die safianenen Halbstiefeln des weißen Gefangenen und auf die nackten Füße seiner Krieger und gab dadurch dem armen Teufel zu verstehen, daß er sich dieser schützenden Fußbekleidung entledigen solle. Zögernd setzte dieser sich auf den Erdboden nieder und that, wie ihm geheißen worden war. »O, diese Hunde, diese Teufel,« knirschte Fabian; der Canadier aber legte ihm rasch die Hand auf den Mund, indem er warnend sagte: »Ruhig, der leiseste Laut, den der Wind den Indianern zuträgt, raubt dem unglücklichen Gefangenen die letzte Hoffnung und er ist unrettbar verloren, ohne daß wir auch nur einen Versuch zu seiner Befreiung machen können.« Endlich stand der arme Teufel abermals aufrecht da, während seine Augen sehnsüchtig in die Ferne schweiften; wie zum Sprunge bereite Tiger standen aber auch die Indianer da und ihre wilden Blicke schienen das unglückliche Opfer zu verschlingen. Noch ein paar Augenblicke der höchsten Spannung – und der Apachenhäuptling klatschte in die Hände. Mit einem Geheul, wie es nur eine Bande entmenschter Teufel auszustoßen vermag, begann die schauerliche Hetze; wohl stürmte der von der Todesangst beflügelte Gefangene mit der Schnelligkeit eines Hirsches vorwärts, allein die spitzen Kiesel und stachlichten Cacteen, welche in der Ebene umherlagen und wucherten, zerrissen seine Füße und mehr und mehr verminderte sich der Zwischenraum, welcher ihn von seinen Verfolgern trennte, die, jagenden Tigern ähnlich, ihm nachsetzten. Die drei Jäger auf der Insel folgten ängstlich diesem gräßlichen Wettlaufe, – da glänzte plötzlich inmitten der Staubwolke, welche die Verfolger aufgewirbelt hatten, der scharfe Stahl eines Messers über dem Kopfe des unglücklichen Gayferos, – denn dieser und kein anderer war der Gefangene, – noch einmal raffte er all' seine Kraft zusammen und mit einem gewaltigen Satze erreichte er beinahe das Ufer, da aber glitt er aus und fiel zu Boden. Blitzschnell fuhr die Büchse des Canadiers in die Höhe, der Schuß krachte und der Indianer mit dem blitzenden Messer machte einen Sprung und sank dann gleichfalls zu Boden. Die nie ihr Ziel fehlende Kugel des Waldläufers hatte ihn tödtlich getroffen – aber zu spät, denn noch im Sterben stieß der Apache das Siegesgeschrei seines Stammes aus und schwang die blutige Kopfhaut seines Opfers durch die Luft. Ein furchtbares Wuthgeheul antwortete dem Schusse des Canadiers und die verwegensten der Apachen schickten sich an, in's Wasser zu springen und nach der Insel hinüber zu schwimmen. Da aber richtete Rosenholz sich in seiner ganzen riesigen Höhe empor und die Indianer stutzten bei dem Anblicke ihres gefürchtetsten Feindes, von dem die Sage ging, daß er seine Büchse nur zu erheben brauche, um eine Rothhaut zur Erde zu strecken, und blitzschnell verschwanden die nackten Gestalten hinter dem grünen Vorhang des Ufers, unbeachtet den armen Scalpirten liegen lassend, welcher sich jetzt aufrichtete, zwei Schritte vorwärts stürzte und dann, geblendet durch das strömende Blut, erschöpft wieder zusammensank. »Ha!« rief der Canadier zornbebend, »jetzt vorwärts mit Gott! Wenn der arme Teufel nur nach einen Funken Leben in sich hat, so werden wir ihn retten!« Und bei den letzten Worten sprang er in das ziemlich tiefe Wasser, welches jedem Andern über den Kopf gegangen wäre, dem Riesen aber nur bis an die Schultern reichte. Seine Büchse, die er schußfertig über das Wasser hielt, scheuchte die Indianer von Neuem in das Dickicht zurück, aus dem sie sich bei dem kühnen Beginnen des Jägers hervorgewagt hatten. Selbstverständlich verwandten Josef und Fabian keinen Blick von Rosenholz und den Indianern, um im Augenblicke der Gefahr auf ihre Feinde Feuer zu geben. Der Canadier schritt furchtlos vorwärts und schon hatte das Wasser um ihn her merklich abgenommen, als einer der Apachen sein Gewehr gegen ihn anschlug. Da aber brach ein Feuerstrom aus dem Schilfdickicht der Insel und die Rothhaut stürzte mit einem gellenden Schmerzensschrei, tödtlich getroffen, zu Boden. »So, jetzt ist die Reihe an Ihnen, Don Fabian,« sprach mit großer Gemüthsruhe Josef und warf sich auf den Rücken, um, gemäß seiner amerikanischen Gewohnheit, in dieser Lage seine Büchse wieder zu laden. Auch Fabian feuerte jetzt, allein die entsendete Kugel streifte nur die Schulter des Apachen, den er auf's Korn genommen hatte, und die Indianer benützten nunmehr den Augenblick, wo die beiden Büchsen noch nicht wieder schußfertig waren, und sandten einen Hagel von Pfeilen auf den unerschrocken vordringenden Canadier ab. Indessen richteten sie nichts aus, Rosenholz bückte sich entweder, oder wies die Pfeile mit der Hand ab und setzte sodann kühn den Fuß auf das Ufer, wo der unglückliche Gayferos lag, der jetzt seine zitternden Hände nach dem Riesen ausstreckte und mit schwacher Stimme um Hilfe rief. Die stolze, unerschütterliche Ruhe des löwenkühnen Mannes imponirte offenbar den Indianern, sie wußten im ersten Augenblick nicht, was sie thun sollten, und der Canadier benutzte ihre Unentschlossenheit, indem er den verwundeten Gayferos auf seinen Rücken lud und in's Wasser zurück watete. Dies Mal that er es jedoch rückwärts, seine Feinde fest im Auge behaltend. Langsam durchschritt er die Fluth und nur ein einziges Mal ließ sich der scharfe Knall seiner Büchse hören und der Todesschrei eines Indianers antwortete auf diesen Schuß. Keiner der Apachen wagte einen Angriff und wenige Minuten später legte der siegreiche Rosenholz den fast ohnmächtigen Gayferos auf das Gras der Insel nieder. »So, Kinder, da wären wir,« brummte er im fidelsten Baß, »und was die Hauptsache ist, wir haben drei von den Hunden kampfunfähig gemacht. Hast Dich brav gehalten, Fabian, wirst ein Staatsjäger werden, brauch Dich nur noch ein wenig in die Schule zu nehmen.« Dann wandte er sich zu Gayferos, der schmerzlich zu stöhnen begann, und tröstete ihn in seiner gutmüthig rauhen Weise, indem er sagte: »Wir sind freilich etwas zu spät gekommen, um Ihnen den Haarschmuck zu erhalten, mein armer Junge, indessen grämen Sie sich nicht allzu sehr darum, die Sache hat nicht viel zu bedeuten. Ich kenne gar manchen wackern Mann, dessen Schädel von diesen indianischen Hunden barbirt worden ist, und wenn da der Josef nicht zur rechten Zeit gekommen wäre, als ich mich in der Gewalt der Apachen befand, so würde es mir gerade so gegangen sein. Wie gesagt, es thut nichts – man erspart sich dadurch für immer den Haarkräusler. Die Hauptsache ist, daß man das Leben erhält und dafür wollen wir bei Ihnen schon Sorge tragen. So und jetzt, Josef, wollen wir unserem christlichen Mitbruder den Verband auflegen.« Josef brachte eine Hand voll Weidenblätter herbei, welche er zerdrückte und stark mit Wasser anfeuchtete, um sie sodann auf den entblößten Schädel Gayferos zu legen. Aus einigen Fetzen der zerrissenen Kleider des Verwundeten fertigte der Canadier einen rohen Verband an, um damit die Weidenblätter festzuhalten. Zuletzt wurde das Gesicht des Scalpirten durch Waschen von dem Blute befreit, und es war bald von der gräßlichen Wunde nichts zu sehen. Die beiden Jäger hatten ohne jegliche Störung ihr Werk der Barmherzigkeit verrichten können. Still und schweigsam lag die Savane da, nur das Wasser des Flusses plätscherte an den Ufern der Insel und der Wind sang in den Weidenbüschen und Zitterespen sein eintöniges Lied. Die Kühle der Weidenblätter that dem Verwundeten außerordentlich wohl und er blickte dankbar zu dem Canadier auf, der ihm freundlich zunickte und fragte, ob er zu der Schaar Don Estevans gehöre. Der Verwundete bejahte und erzählte, daß er sich auf den Befehl Don Estevans aufgemacht habe, um einen gewissen Cuchillo, der recognoscirend vorausgegangen sei, aufzusuchen. Er habe sich aber verirrt und sein böser Stern es gefügt, daß er den Apachen in die Hände gefallen sei, welche sich gerade auf der Jagd wilder Pferde befanden. »So, so,« erwiederte der Canadier, indem er zum zweiten Mal den brennenden Schädel Gayferos mit Wasser kühlte, »also Cuchillo heißt der Mann.« »Er ist der Führer der Expedition,« sagte der Verwundete, »welche nach dem Goldthale aufbrechen will.« Der Canadier warf Fabian einen bedeutungsvollen Blick zu, dann forderte er Gayferos auf, sich ruhig und unbesorgt dem Schlafe hinzugeben, der nach dem bedeutenden Blutverluste das beste Mittel zur Stärkung sei, und wandte sich hierauf mit den Worten an Josef und Fabian: »Jetzt, Kinder, wollen wir die Insel so gut als möglich verschanzen. Die rothen Spitzbuben können uns weder von Rechts noch von Links angreifen, und wir haben daher nur nöthig, die den beiden Ufern zugekehrten Seiten der Insel gegen die Pfeile und Kugeln des Gewürms zu befestigen. Mir scheint es sehr wahrscheinlich, daß ein Theil der Apachen über den Fluß gehen wird, um uns zwischen zwei Feuern zu fassen.« Mit Josefs Hilfe gelang es dem Canadier, einige erst vor kurzem angeschwemmte große Aeste und Baumstämme aus dem Wasser zu reißen und damit jene Seite der Insel, welche einem etwaigen Angriffe am wenigsten Stand zu halten vermochte, zu verschanzen. »So,« sagte Rosenholz, indem er das vollbrachte Werk mit Befriedigung betrachtete, »diese Baumstämme schützen uns vollständig und auf der andern Seite bilden die ungeheuren Wurzeln und Rohrstauden, die gleich Palisaden in die Höhe stehen, eine natürliche Brustwehr. Das Einzige, was uns gefährlich werden kann, sind die hohen Bäume des Ufers; allein ich werde schon dafür sorgen, daß keiner dieser rothen Hunde bis zur Spitze hinauf zu klettern wagt. Mögen sie jetzt immer kommen, sie sollen uns als Männer finden.« Damit drückte er den beiden Freunden die Hände und ein Jeder begab sich schweigend an seinen Posten. Das Licht des Tages machte der Dämmerung Platz und die am Ufer stehenden Bäume und Gebüsche nahmen allerlei phantastische Formen an, namentlich war es ein Weidenstrauch, der sich seltsam dehnte und streckte. Auch dem Canadier fiel es auf und er machte Josef darauf aufmerksam. »Habe gleichfalls meine Gedanken darüber,« flüsterte Josef zurück, »es ist nicht ganz richtig mit dem Busch.« »Fabian,« winkte jetzt der Waldläufer dem Jüngling zu, »komm einmal hierher und betrachte den Weidenbusch da drüben, der rechts neben der Espe steht; fällt Dir nichts an ihm auf?« »Doch,« versetzte der Jüngling, »zehn Schritt dahinter erhebt sich ein Busch, der vor einer Stunde noch nicht dort war.« »Brav, mein Junge,« flüsterte der Canadier leuchtenden Blicks, »ein solches wachsames Auge bekommt man nur, wenn man fern von den großen Städten lebt. Du bist ein Jäger von Gottes Gnaden. Jetzt nimm einmal den Strauch auf's Korn und ziele gerade nach der Mitte, und Du, Josef, halte den Lauf Deiner Büchse ein wenig höher, dann wird der hinter dem Gebüsche steckende Indianer einen hübschen Nasenstüber bekommen.« Die beiden Schüsse krachten zu gleicher Zeit; der künstliche Busch sank zusammen und ein rother Körper zappelte hinter dem Blätterwerk. »Jetzt sind ihrer nur noch fünfzehn,« sagte der Canadier, indem er einen dürren Zweig in fünf Stücke brach und diese in den weichen Boden steckte. »Es ist gut, wenn wir unsere todten Feinde zählen.« Diese Worte waren kaum verklungen, als in unmittelbarer Nähe der Freunde einige Kugeln vorüberflogen und das Geschrei der Apachen die abendliche Stille unterbrach. »Ah,« flüsterte Rosenholz, »unsere rothen Lieblinge scheinen sich im Gipfel der Zitterespe dort festsetzen zu wollen, – wollen sie doch nöthigen, uns den Anblick ihrer werthgeschätzten Personen zum Besten zu geben.« Er nahm seine Pelzmütze ab, zog sein ledernes Wamms aus und befestigte beide Kleidungsstücke zwischen den Aesten der Verschanzung, so daß es den Anschein gewann, als beabsichtige er Rundschau zu halten. Ehe noch eine Minute verstrichen war, schlugen feindliche Kugeln links und rechts neben dem Strohmanne ein. Bei dieser Gelegenheit hatte jedoch der Canadier, welcher mit seinen zwei Gefährten bei Seite gegangen war, dicht an einem Aste der Zitterespe das rothe Bein eines Apachen bemerkt. Die Büchse des Jägers krachte und der Indianer stürzte getroffen von Ast zu Ast in das Weidendickicht hinunter. Langgezogenes Wuthgeheul beantwortete diesen neuen Sieg der weißen Männer, und so markerschütternd klangen diese Töne, daß für einen Augenblick sogar der verwundete Gayferos aus seinem todtenähnlichen Schlafe auffuhr. »Die Schufte wollen uns mit ihrem Geheul glauben machen,« lachte der Canadier, »sie seien ihrer Hunderte, während sie in Wahrheit doch nur noch ein Dutzend ausmachen. Wenn wir sie nur in's Wasser zu locken vermöchten, dann sollte von ihnen auch nicht einer übrig bleiben, um ihre Niederlage in ihrem Dorfe zu verkünden.« Als sei ihm plötzlich ein Gedanke gekommen, wandte er sich zu seinen Gefährten und sagte: »Versuchen wir es noch einmal mit der List, stellen wir uns todt!« Und indem er sich der Länge nach auf den Rücken legte, folgten Josef und Fabian seinem Beispiel. »Jetzt mäuschenstill gelegen,« brummte Rosenholz von Neuem, »und auf die Gipfel der Bäume geachtet, denn nur von dort aus haben wir ihre Geschosse zu fürchten. Die Spitzbuben werden nicht ohne unsere Kopfhäute heimgehen wollen und sich daher entschließen müssen, uns auf der Insel einen Besuch abzustatten.« Während der nächsten zehn Minuten sah man mehrere Apachen, schwarzen Schatten ähnlich, längs des Ufers hingleiten und dann mit affenartiger Gelenkigkeit an den Baumstämmen emporklettern. Ein Kugel- und Pfeilhagel sauste auf das Inselchen herab und zerriß die Aeste und das Wurzelgeflecht der Verschanzung, ohne indessen einen der drei Freunde zu verletzen. Schnell ließ der schlaue Rosenholz sein aufgestelltes Wamms zusammen sinken, als hätte ihn eine der feindlichen Kugeln getödtet. Als die Apachen das sahen, stießen sie ein lautes Triumphgeschrei aus. Eine tiefe Stille folgte, worauf die Indianer eine zweite Salve zur Insel herüber schickten. Aber auch jetzt blieb es auf dem Eiland so düster und stumm, wie der Tod. »Josef,« flüsterte der Canadier, ohne dabei ein Glied zu rühren, »steigt nicht einer dieser rothen Teufel auf den Weidenbaum hinauf, der sich dort schräg über das Wasser neigt? Die Schurken haben ihn bisher aus Furcht vor unsern Büchsen unberührt gelassen.« »Dein Auge hat Dich nicht getäuscht,« lautete die Antwort des Gefährten. »Rühren wir uns trotz alledem nicht; dann wird er herabsteigen und zu seinen Gefährten sagen, er habe die Leichname der vier Bleichgesichter auf dem Boden liegen sehen.« Es ließ sich nicht läugnen, daß die mit dieser List verbundene Gefahr sehr groß war. Trotz alledem verharrten die drei Jäger in ihrer bisherigen Regungslosigkeit, alle Bewegungen des Indianers scharf beobachtend. Behutsam schwang sich der rothe Krieger von Ast zu Ast, bis er endlich die nöthige Höhe erreicht hatte, um die Insel übersehen zu können. Der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf sein klares Licht auf das Eiland und somit vermochte der scharfe Blick des Indianers jeden Gegenstand genau zu erkennen. »Rührt kein Glied! zuckt nicht mit der Wimper,« warnte der Canadier, »es ist der Schwarzvogel, der uns beobachtet. Ein schlauer Teufel, wie keiner.« Durch das Blätternetz des Weidenbaumes blinkte jetzt der Lauf einer Büchse, deren Mündung sich abwechselnd auf die drei Jäger richtete, aber diese rührten sich so wenig, als ob sie in Wahrheit Leichname gewesen wären. Der Schwarzvogel beugte sich noch weiter vor und der Lauf seines Gewehrs richtete sich jetzt auf Josef. »Verfluchte Situation!« murmelte der Letztere, »allein ich will's dem Schurken schon gedenken und mit ihm wett machen.« Endlich drückte der Schwarzvogel ab und die Kugel schlug einen Zoll von Josef entfernt in einen Baumstamm ein und riß einen Splitter los, welcher die Stirn des Spaniers leicht verletzte. »Oh, Du vermaledeite Rothhaut!« fluchte der ehemalige Miquelet leise, regte sich aber nicht. »Bist Du verwundet?« fragte Rosenholz mit bebender Stimme. »Nur ein leichter Ritz,« antwortete Josef. Jetzt schien der Schwarzvogel überzeugt zu sein, daß man die weißen Männer nicht mehr zu fürchten habe, und ein lauter Freudenschrei verkündete es den Apachen. Der Indianer verschwand vom Baume und gespenstisch huschten die Rothhäute am Ufer dahin. Ein Apache setzte bereits den Fuß vorsichtig in's Wasser. »Jetzt aufgepaßt,« begann Rosenholz, welcher mit den beiden Freunden sich wieder auf den Beinen befand. »Die Kerle werden hinter einander durch den Fluß waten. Du, Fabian, nimmst den Ersten auf's Korn, Josef zielt auf den Mittelsten und ich werde dem Letzten einen Gruß zusenden. Auf solche Weise werden wir dann leichter mit ihnen fertig, obschon es einen Kampf Mann gegen Mann geben dürfte. Du aber, mein Junge, mischest Dich nicht in's Handgemenge, sondern lädst nur unsere Büchsen. Josef und ich werden mit den Hunden schon fertig werden.« Inzwischen war ein Krieger von hohem Wuchse in den Fluß hineingegangen und der Mond beleuchtete noch neun Indianer, die ihm folgten. Wie sie vorsichtig durch die Fluth dahin schritten und kein Geräusch ihr Kommen verrieth, erinnerten sie an einen Geisterchor, der über dem Wasser schwebt. Der Erste in der Reihe, der Schwarzvogel, war nicht mehr fern von dem Punkte, an welchem das Wasser tiefer zu werden begann, und somit der Augenblick, Feuer zu geben, gekommen. Eben wollte Fabian auf den Apachenhäuptling seine Büchse anlegen, als dieser – sei es nun, daß er die Gefahr ahnte oder das Blitzen einer Waffe ihn warnte, – urplötzlich untertauchte. »Feuer!« kommandirte in diesem Augenblick Rosenholz mit Donnerstimme und sofort stürzte der die Reihe schließende Indianer im Wasser zusammen; zwei andere, die Fabian und Josef auf's Korn genommen hatten, zappelten noch einige Augenblicke im Wasser, um dann von der Fluth mit fortgerissen zu werden. Rosenholz und Josef hatten ihre Büchsen Fabian zugeworfen, damit dieser sie von Neuem lade, und erwarteten nun mit vorgestrecktem Leibe und gezücktem Messer die Indianer, um den Kampf Mann gegen Mann auszufechten. »Die Zahl der Apachen ist weit über die Hälfte geschmolzen,« rief donnernd der Canadier, der vor Begierde brannte, seinen Feinden den Garaus zu machen. »Wird es der Rest noch wagen, die Kopfhäute dreier tapfern Weißen zu holen?« Keine Antwort erfolgte; das Verschwinden ihres Häuptlings so wie der Tod dreier der Ihrigen schien die Apachen außer Fassung gebracht zu haben; sie standen unbeweglich wie Baumstämme, welche eine jähe Ueberschwemmung unter Wasser gesetzt hat. »Nun,« rief jetzt auch Josef, »warum antwortet das Lumpenpack nicht? Kommt doch heran, Ihr Hunde, Ihr Geier, Ihr feigen Weiber!« Die Indianer schienen jetzt für jede Beleidigung taub zu sein und kehrten rasch an's Ufer zurück. Schon stand Josef im Begriff, sie durch die Fluth zu verfolgen, als er in einiger Entfernung einen schwarzen, auf dem Rücken schwimmenden Körper bemerkte; die im Mondlicht funkelnden Augen bewiesen indessen, daß es kein Leichnam war, obgleich die ausgestreckten Arme und Beine es hätten glauben machen können. »Schnell, Don Fabian, meine Büchse her,« raunte Josef dem Jüngling zu, »es ist der Schwarzvogel, der sich todt stellt und von der Strömung forttragen läßt. Jetzt wollen wir ihm sein Zielen von vorhin auf dem Weidenbaume vergelten und ihm das Bad segnen.« Josef erhob bedächtig die Büchse und zielte auf den schwimmenden Körper; aber keine Muskel regte der Häuptling, nur seine Augen glühten in ihren Höhlen, wie feurige Kohlen. »Ich habe mich geirrt,« sagte der schlaue Josef jetzt überlaut und senkte die Büchse, »die Rothhaut ist doch todt. Sparen wir mithin unser Pulver für die lieben Brüder da drüben.« Der Körper des Schwarzvogels schwamm weiter und die Strömung trieb ihn langsam dem Ufer zu. »Hm,« rief Josef abermals, »wollen ihm doch einen kleinen Gruß zusenden.« Gleich darauf setzte er wieder den Kolben der Büchse auf den Boden, mit heimlichem Lachen den schwimmenden Indianer betrachtend. Als dieser jedoch jetzt dicht am Ufer war, donnerte Josef: »Wollen doch noch einmal zielen, denn aller guten Dinge sind drei, pflegte meine Mutter zu sagen.« Diesmal aber krachte der Schuß und der Schwarzvogel verschwand unter dem Wasser. »Hast Du ihn getödtet?« fragte der Canadier. »Nein, ich habe ihm nur eine Schulter zerschmettert, damit er der Angst, die er mir verursacht, stets eingedenk bleiben möge.« »Es wäre besser gewesen, Du hättest ihm den Garaus gemacht,« antwortete Rosenholz, »denn daß uns die sieben Apachen entkommen sind, macht uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.« »Es giebt jetzt für uns nur zwei Wege,« meinte Josef achselzuckend, »entweder sofort auf das andere Ufer zu fliehen, oder hier zu bleiben.« »Wären wir beide allein,« erwiederte Rosenholz mit leiser Stimme, »so würde ich unbedingt für die Flucht stimmen, möchten uns dann auch immer die sieben Apachen einholen, wir zwei würden sie doch zu zwiebeln wissen; aber da ist Fabian, dessen Wohlfahrt mir am Herzen liegt und den ich vor einem Handgemenge mit den Indianern bewahren möchte, und sodann denke auch an den armen Scalpirten, der unfehlbar in die Hände der Rothhäute fiele.« Josef brummte einige unverständliche Worte und holte aus einem Ledersacke gedörrtes Fleisch und ein wenig grobes Maismehl, die beiden Freunde einladend, an dem einfachen Mahle Theil zu nehmen. Rosenholz aß nur ein paar Bissen und sein graues Haupt senkte sich mit dem Ausdrucke der Entmuthigung tief auf die Brust hinab. Ruhe und Stille herrschten abermals; schon fielen die Mondstrahlen tiefer auf die kleinen Wirbel im Wasser und die wandelnden Sternbilder zogen in ihrer silbernen Pracht langsam gen Westen zu. Aus der Wasserfluth stiegen Nebelsäulen empor und bildeten alsbald einen weißen Baldachin, unter dem die ganze Natur zu schlummern schien, da er sich auch über die angrenzenden Gefilde ausbreitete. Diese heilige Stille sollte indessen nicht lange andauern. Fünftes Kapitel. Eine Inselblockade. Ein gewaltiges Geheul, das von beiden Ufern des Flusses herübertönte, machte die drei Freunde erbeben. »So,« rief Josef, wüthend die Fäuste ballend, »nun ist es vorbei mit der Flucht, die Hunde von Indianern haben Verstärkung bekommen und jetzt beide Flußufer besetzt!« Der Canadier nickte traurig mit dem Kopfe und versank abermals in düstere Träumerei. »Haha,« lachte Josef grimmig, »das wird ein Triumph für die rothen Teufel sein, wenn sie drei ehrliche Weißgesichter in die Hände bekommen.« »Mäßige Dein wildes Wesen, Josef,« begann jetzt der Canadier, »denken wir lieber daran, wie wir es anzufangen haben, um als Christen zu sterben.« Dann zog er Fabian an seine Brust und fuhr in innigem Tone weiter fort: »Sohn meines Herzens! Der Mensch soll keine Luftschlösser bauen, denn sie fallen stets in ein Nichts zusammen. Diesen Luftschlössern gleichen auch meine stolzen Träume, in denen ich Dich bald als einen vornehmen, hohen Herrn, bald als einen berühmten Jäger der Savane sah, denn ich schwankte und wußte nicht recht, ob ich Dir zur Wiedererlangung Deiner Ehren und Titel, denen ich noch alle Schätze des Goldthales beizufügen Willens war, hilfreiche Hand leisten oder Dein Herz für die Herrlichkeiten der Wüste, die weit über Reichthum und Ehren gehen, empfänglich machen soll. Und nun stehen wir plötzlich am Rande des Abgrundes und es bleibt uns nichts, als die Hoffnung, im Tode vereinigt zu sein. Ich vertausche gern dieses Leben mit jenem ewigen, in welchem es keine Trennung mehr giebt, dennoch stimmt mich der Gedanke traurig, daß Du, noch so jung, mein Schicksal theilen sollst.« »Oh, mein Vater,« rief Fabian und liebkoste den rauhen Jägersmann, »wer auf der Welt würde mich noch lieben, wenn Sie nicht da wären, – ist da der Tod für mich nicht auch ein süßer Friedensengel?« Rosenholz wollte antworten, allein der Schall entfernten Gewehrfeuers unterbrach ihn. Es war die Stunde, zu welcher die Indianer das Lager Don Estevans angriffen. Das andauernde Geknatter zeugte deutlich von dem erbitterten Kampfe, dessen Ausgang uns bekannt. Mitten in den fernen Donner hinein mischte sich jetzt vom nahen Ufer eine starke Stimme, in welcher Rosenholz und Josef sofort jene des Schwarzvogels erkannten. »Mögen die Weißgesichter ihre Ohren öffnen,« schrie der in der Dunkelheit unsichtbare Indianer. »Was willst Du, Pechvogel?« antwortete Josef erbost. »Sollen wir uns etwa selbst scalpiren und Dir unsere Kopfhäute persönlich ehrerbietigst zu Füssen legen?« »Das Lager der Männer aus Mittag ist angegriffen worden und nicht ein Einziger der weißen Krieger entkommt,« rief der Apache mit unterdrückter Wuth. »Die Schaar des Schwarzvogels hat sich daher verzehnfacht und hält den Fluß und die Insel umschlossen und keins der Weißgesichter wird entwischen, selbst nicht der Adler der Schneeberge und der Spottvogel, der alle Stimmen nachzuahmen versteht.« Der Leser wird errathen, daß diese beiden letzteren Namen Rosenholz und Josef bezeichnen sollten. »Die Krieger aus Mitternacht,« hohnlachte Josef, durch den Vergleich nicht milder gestimmt, »sind mit Pulver und Blei ausgerüstet und ihre Büchsen fehlen nie. Auf jede Kugel kommt genau ein Indianer. Greift uns also immerhin an!« »Die Apachen sind Füchse,« gab der Schwarzvogel zurück, »und werden warten, bis der Hunger ihnen die Feinde entgegentreibt.« »Dann wünsche ich Euch angenehmen Zeitvertreib,« antwortete der unermüdliche Josef, »denn die Krieger aus Mitternacht sind auf lange Zeit versehen, auch giebt es Fische im Fluß und Wasser in Fülle, den Durst zu löschen.« Der Schwarzvogel schwieg und war hinter den Stamm des Weidenbaumes zurückgetreten, welcher ihm als Zufluchtsort diente. Das ferne Krachen des Flintenfeuers hatte aufgehört, der Mond war untergegangen und der Alles umhüllende Nebel noch dichter geworden. »Wir müssen die wenigen Stunden, die uns noch bis zum Sonnenaufgang bleiben, zur Flucht benützen,« unterbrach der Canadier die nächtliche Stille. »Wenn es uns gelingt, in die Mitte der Insel ein Loch zu graben, so können wir in's Wasser tauchen, ohne von den verwünschten Rothhäuten bemerkt zu werden.« »Was würde dann aber aus dem armen Verwundeten?« fragte Fabian, auf Gayferos deutend. »Da liegt der Hase im Pfeffer,« entgegnete Rosenholz und seine Stirn umwölkte sich von Neuem, »es wäre schlecht von uns, den Unglücklichen zu verlassen, nachdem wir ihn den Krallen der Apachen entrissen.« »Was aber sollen wir dann thun?« polterte Josef. »Laßt uns nachdenken,« antwortete der Canadier und begann zu grübeln. Allein so sehr sich auch die drei Freunde den Kopf zerbrachen, fanden sie dennoch keinen Ausweg und gelangten zu dem Schlusse, daß nur durch ein Wunder ihre Rettung bewirkt werden könne. An beiden Ufern flammten jetzt Wachtfeuer auf, deren röthliches Licht, ungeachtet der Nebeldecke, die dunkle Fluth des Wassers beleuchtete, und neben jedem Feuer hob sich die düstere Figur einer apachischen Schildwache ab. Keine menschliche Stimme störte die tiefe Stille der Nacht und nur der sich immer mehr verdichtende Nebel trieb nach wie vor sein fantastisches Spiel. Bald waren die Insel sowie die Flußufer vollständig von ihm eingehüllt; die letztern schienen in unbestimmte Fernen zurückzuweichen und die Feuer schmolzen zu röthlichen Punkten zusammen. Von der Notwendigkeit überzeugt, die Wachsamkeit zu verdoppeln, beorderte der Apachenhäuptling zwei bewährte Krieger, um die Schildwachen zur äußersten Aufmerksamkeit zu ermahnen. Der Schwarzvogel befand sich auf dem linken Ufer und die Nachtluft, welche die Schmerzen seiner Wunde vermehrte, steigerte den Groll seines Herzens nur noch mehr. Da traf ein mit Blut bedeckter Bote ein und brachte die Meldung von der Niederlage der apachischen Schaar, welche das Lager Don Estevans gestürmt hatte, und dem Tode der Pantherkatze. Ungeachtet des brennenden Schmerzes seiner Wunde und der seinem Stamme eigenen Selbstbeherrschung, wäre der Schwarzvogel bei dieser Hiobsbotschaft beinahe aufgesprungen. »Wir haben einen Anführer nöthig,« fuhr der Bote alsbald weiter fort, »um die Niederlage wieder gut zu machen. Der Schwarzvogel war bisher nur das Haupt eines Stammes, jetzt aber soll er das Haupt eines ganzen Volkes sein.« In dem schwarzen Auge des Angeredeten glänzte ein befriedigter Stolz, bewies ja doch die Niederlage seiner Stammesbrüder, wie recht er damals gehabt, als die verschiedenen Häuptlinge in dem kleinen Gehölz Rath gepflogen hatten und er überstimmt worden war. »Wäre der Schwarzvogel früher gehört worden,« begann er endlich, »so würden sich die apachischen Brüder des Sieges haben freuen können; jetzt aber ist es zu spät, denn was vermag ein verwundeter Häuptling, der sich kaum im Sattel seines Pferdes wird halten können?« Nachdem er dem Boten die Vorfälle der letzten Stunden erzählt, schloß er in ziemlich heroischem Tone: »Und wenn man dem Schwarzvogel jetzt auch den Oberbefehl über zehn Völker antrüge, so würde er ihn doch ausschlagen, um hier die Stunde abzupassen, wo das Blut der verhaßten Jäger auf der Insel vor seinen Augen fließen wird.« Der Bote hatte in andächtigem Ernst auf die Worte des Häuptlings gelauscht, dann sagte er: »Nun wohl, wenn der Schwarzvogel mir verspricht, mich zu meinen Brüdern zu begleiten, sobald er an den Weißgesichtern auf der Insel Rache genommen hat, so will ich ihm die drei Jäger zur Stelle schaffen.« »Du hast mein Wort,« antwortete der Häuptling und der Bote verschwand alsbald im Nebel, der immer heftiger hin und her zu wogen begann. Währenddem hielten unsere drei Freunde auf der Insel traurig und mißmuthig ihre ängstliche Wacht, selbst Josef hatte seinen Humor Verloren und sich, die Büchse über die Kniee gelegt, abseits niedergelassen, um dort ungestört seinen düsteren Gedanken Audienz zu ertheilen. Der verwundete Gayferos warf sich in seinem Schlafe unruhig auf seinem Lager hin und her und ein leises Stöhnen verrieth den brennenden Schmerz, den der Schlummergott nicht vollständig zu bannen vermochte. Da drang plötzlich ein röthlicher Schein durch das Nebelmeer, rasch und mächtig nahm er an Umfang und Helle zu, so daß der grüne Saum der Insel alsbald in märchenhafter Pracht erglänzte, als ob er von bengalischen Flammen erleuchtet sei. »Himmel und Hölle!« schrie Josef, »es ist ein Brander! Die Schurken beabsichtigen, die Insel in Brand zu stecken. Wenn die Flamme das dürre Blätter- und Strauchwerk erfaßt, sind wir verloren!« Die erfinderische Schlauheit jenes apachischen Boten, dessen Bekanntschaft wir vorhin gemacht, war in der That bewunderungswürdig. Auf seinen Befehl hatten nämlich die Indianer die Aeste eines Harzstammes abhauen müssen, dieselben sodann auf einen noch mit seinem Laube versehenen Baumstamm gelegt und das harzige Holz angezündet, um schließlich diese Art von Brandmaschine stromabwärts treiben zu lassen. Schon berührte die Feuermasse den Saum der Insel und schon umhüllte ein glühend heißer Dunst die drei Jäger, als man in diesem gefährlichen Augenblicke den Canadier blitzschnell in das Wasser tauchen und in demselben verschwinden sah. Ein gellendes Geheul auf beiden Seiten des Flusses ertönte und zeigte an, daß die Apachen die Absicht des riesigen Canadiers ahnten, – Josef und Fabian dagegen starrten sprachlos auf den schwimmenden Feuerherd, der jetzt zu wanken begann. Mit einem Male sprühte ein Funkenregen auf, das Wasser zischte, und die Feuermasse versank in den brodelnden Fluthen. Tiefe Finsterniß folgte auf den grellen Schein und von Neuem spannte der Nebel seinen düsteren Baldachin auf, unbekümmert um das Wuthgeheul der Indianer, deren Kriegslist mißglückt war. Ein paar Secunden später langte Rosenholz, triefend von Nässe, bei den Freunden wieder an und die kleine Insel erzitterte und krachte in ihren Fugen, als der Riese sich wieder auf dieselbe schwang. Mit einem wahren Jubel im Herzen drückten Fabian und Josef dem treuen Rosenholz die Hand, dessen heldenmüthige Entschlossenheit sie vor dem sicheren Untergang bewahrt hatte. »Je nun,« meinte der alte Jäger, »dies Mal sind wir allerdings glücklich gewesen, wird's aber auch in Zukunft so sein?« Dieses Bedenken dämpfte die freudige Erregung und ein düsteres Schweigen folgte. Plötzlich sprang Josef in die Höhe und rief leise: »Rosenholz, Fabian, wir sind gerettet!« »Gerettet?« wiederholten der Canadier und Fabian zugleich. »Wie ich Euch sage,« fuhr Josef fort. »Hast Du nicht bemerkt, Rosenholz, wie vor einigen Stunden, als wir zu unserer Verschanzung einige Stämme ausrissen, das ganze Inselchen erzitterte? Und wie hast Du es abermals erzittern gemacht, da Du Dich aus dem Wasser wieder heraufschwangst! Diese Wahrnehmung läßt schließen, daß das gesammte Wurzelwerk nur lose in den Boden eingefügt ist; somit kann es, wenn wir alle Drei unsere Kräfte aufbieten, gar nicht schwer halten, die kleine Insel vom Grunde loszureißen und sie flott zu machen.« »Den Gedanken gab Dir ein Gott ein!« rief Rosenholz jauchzend, »der Nebel ist dick, die Nacht sehr dunkel und bei Tagesanbruch können wir schon weit weg von hier sein. Jedoch haben wir nicht viel Zeit vor uns und der kühle Wind verkündet bereits den nahenden Morgen, – darum schnell an's Werk! dieses aber muß ich allein vollführen! denn das Losreißen der Insel muß mit der größten Vorsicht geschehen, unsere ungleichen Kraftanstrengungen aber würden sie wahrscheinlich gänzlich zertrümmern und das wäre das höchste Unglück, was uns treffen könnte. Es ist sehr leicht möglich, daß sich meine Vermuthung bestätigt und das Eiland durch eine einzige große Wurzel oder einen dicken Ast festgehalten wird, der sich in den schlammigen Grund eingehakt hat. Das Wasser muß diese Wurzel oder diesen Ast aber mit der Zeit in Fäulniß gebracht haben, und dies will ich jetzt untersuchen.« Das Gekrächz einer Eule unterbrach das Gespräch. Der unheimliche Ruf schallte vom Ufer herüber und da er sich gerade in dem Augenblicke hören ließ, wo Hoffnung die Brust der drei Jäger schwellen machte, so erweckte er in der abergläubischen Seele Josefs ein schlimmes Echo. »Das bedeutet Unglück,« sagte er in niedergeschlagenem Tone. »Dummheit,« polterte Rosenholz, »von einem Manne, der, wie Du, schon zehn Jahre in diesen Einöden lebt, sollte man doch erwarten, daß er die Kunststücke der Indianer kennt. Es ist eine apachische Schildwache, welche die anderen Posten zur Wachsamkeit mahnt. Na, da hörst Du's!« In der That wiederholte sich jetzt derselbe Ruf auf dem entgegengesetzten Ufer und pflanzte sich längs desselben in langgezogenen Tönen fort. Josef ärgerte sich über sein abergläubisches Wesen und rief ingrimmig: »Wahrlich, ich verspüre große Lust, den rothen Spitzbuben zuzurufen, daß sie wie Tiger rufen sollen, die sie ja in der That sind!« »Beileibe nicht,« warnte der Canadier, »denn Du würdest dadurch ihnen genau die Stelle bezeichnen, wo wir uns befinden. Infolge der Finsterniß wissen es die Rothhäute nicht genau, was für uns ein großer Vortheil ist. Und nun wollen wir sehen, woran wir sind.« Geräuschlos und vorsichtig ließ sich der Riese in die Fluth hinab, welche brausend über ihn dahinschoß. In ängstlicher Spannung lauschten Josef und Fabian auf das Getöse, das aus dem Wasser heraufquoll, und bald zitterte die kleine Insel wie ein Fahrzeug inmitten der hohen See. Es war offenbar, daß der Canadier seine Vermuthung bestätigt gefunden hatte und jetzt die letzte, gewaltigste Anstrengung mache. Schon wurde es Fabian bange um's Herz, schon fürchtete er, daß der Mann, den er wie einen Vater liebte, unter dem Wasserstrudel mit dem Tode ringe, als ein dumpfes Krachen unter ihren Füßen den zurückgebliebenen Freunden verkündete, daß das Riesenwerk gelungen sei. In demselben Augenblicke tauchte Rosenholz wieder aus der Fluth auf. Triefend von Schlamm und Wasser schwang er sich mit einem gewaltigen Satze auf den Rand der Insel, die sich jetzt langsam um sich selbst zu drehen begann. »Sie schwimmt!« jauchzte Fabian, während er den alten treuen Jäger umhalste. »Sie geht stromabwärts!« »Gott sei gelobt,« keuchte Rosenholz mit wogender Brust, »wie ich vermuthet, hing das Eiland an einer Wurzel, die aber fast so dick wie ein Baumstamm war und gar tief in dem Schlamme des Flusses steckte. Es war freilich ein saueres Stück Arbeit, ehe es mir gelang, sie zu durchbrechen, allein wir sind jetzt flott und können, wenn sich unser Inselfloß hübsch in der Mitte der Strömung hält, bei Tagesanbruch in Sicherheit sein. Ja, ja, der alte, treue Gott da droben hilft seinen Menschenkindern immer, solange sie nicht aufhören, ihm zu vertrauen –« »Und wenn sie nicht die Hände müssig in den Schooß legen,« setzte Josef hinzu, »wie es fromme Faulpelze zu thun pflegen.« »Darum heißt es auch in der Bibel: bete und arbeite ,« ergänzte der Canadier. Und die drei Männer falteten die Hände zum innigen Dankgebet, und als sie es verrichtet, folgten sie mit großer Spannung den Bewegungen der langsam dahinschwimmenden Insel. Nur noch zwei Stunden währte die Nacht, dann begann der Sonnenball von Neuem seinen Kreislauf. Die Kälte nahm stetig zu und verdickte infolge dessen die Nebelwand nur noch mehr, so daß die Wachtfeuer an beiden Flußufern an Sterne erinnerten, die bei der Morgendämmerung am Firmamente erbleichen. Somit war kaum anzunehmen, daß die Indianer durch die Nebel hindurch die schwimmende Masse der Insel bemerken würden, vorausgesetzt, daß sie in der Mitte der Strömung blieb. Dieser letzte Punkt flößte indessen unseren Freunden schwere Besorgniß ein, denn da das kleine Eiland sich beständig um sich selbst drehte, so konnte es leicht von der geraden Linie abweichen und an irgend einer hervorspringenden Spitze des Ufers festfahren. »Möge der allgütige Gott jedwede Gefahr abwenden,« sagte Rosenholz mit einem tiefen Athemzuge, »denn die Ufer zu unserer Rechten und Linken strotzen von Indianern.« »Lassen wir den Muth nicht sinken,« erwiederte Josef. »Solange die Bäume an den Ufern für unsere Augen unsichtbar sind, dürfen wir annehmen, daß unser Floß inmitten der Strömung bleibt. Hahaha, welch' teuflisches Geheul werden die Rothhäute anstimmen, wenn sie bei Tagesanbruch bemerken, daß die Vögel sammt ihrem Neste ausgeflogen sind. – – – Aber, was ist das?« unterbrach sich der Sprecher. »Das Feuer dort an dem Ufer vergrößert sich.« »So wahr ich lebe,« flüsterte Rosenholz, »wir treiben ab, da tauchen schon die Reste der Weidenbäume auf. Ach Gott, so sollen wir also doch zu Grunde geh'n! Wäre nur Fabian nicht bei uns, sondern in Sicherheit – dann –«. Er vollendete nicht, denn die Thatsache, daß das Inselfloß immer näher dem Ufer zutrieb, schnürte ihm die Kehle zu. Schon vermochten sie die vom Lagerfeuer beleuchtete Gestalt eines Apachen zu erkennen, der in seinem vollen Kriegsschmucke, auf seine Lanze gestützt, dastand. »Der Hund hegt Verdacht,« flüsterte der Canadier, und die Jäger sahen ihn bis dicht an den Uferrand hervortreten und den Körper stark vorbeugen, wobei die lange, sein Gesicht fast verhüllende Bisammähne ihm ein schreckliches Aussehen verlieh. Plötzlich brachte er die rechte Hand an den Mund und stieß den bekannten Eulenschrei aus. Der schauerliche Ton fand am jenseitigen Ufer seinen Wiederhall und mit zurückgehaltenem Athem lauschten die Flüchtlinge dem gefährlichen Echo. Endlich verlor es sich in der Ferne und es wurde ringsum wieder still, auch die apachische Wache kehrte zu ihrem Feuer zurück und die drei Freunde athmeten erleichtert auf. »Könnten wir nur mit Hilfe eines Astes ein wenig rudern,« sagte Rosenholz, »dann wäre es ein Leichtes, unserm Flosse eine andere Richtung zu geben, allein es geht nicht, denn das Geräusch würde an uns zum Verräther werden.« »Und trotzdem wird uns kaum etwas Anderes übrig bleiben,« entgegnete Josef, »während er rasch einige starke Aeste losriß und, von den Freunden gefolgt, sich an den Rand der Insel verfügte, worauf Alle angestrengt zu rudern begannen. Und siehe da, nach wenigen Minuten entfernte sich das Floß vom Ufer, und der Nebelvorhang, der sich rechts und links gleichmäßig verdichtete, bewies den Flüchtlingen, daß ihr Fahrzeug eine günstigere Richtung einschlug. Furcht und Hoffnung wechselten in den Herzen der drei Männer, bis endlich nach Stunden rastlosen Ruderns die Feuer der indianischen Bivouacs sich in der Entfernung und in dem Nebel verloren. Die Freunde waren jetzt so ziemlich der Gefahr entronnen, trotz alledem durften sie noch immer nicht die Hände in den Schooß legen, vielmehr stellte Rosenholz sich jetzt hinten an das Floß und begann mit seinem unvollkommenen Ruderwerkzeuge das Wasser kräftig zu peitschen. Dadurch gelang es, die schwimmende Insel in tieferem Fahrwasser zu halten. Sie folgte der Strömung jetzt rascher und hatte alsbald eine ansehnliche Wegstrecke zurückgelegt. »Ich denke, daß wir uns jetzt als gerettet betrachten können,« meinte Josef, allein der Canadier schüttelte den Kopf und entgegnete: »Noch nicht völlig, mein alter Bursch. Der Tag wird jetzt bald anbrechen und wir müssen an einem der beiden Ufer landen, denn wir werden zu Fuß noch einmal so weit kommen, als auf dem Flosse. Dies ist aber durchaus nothwendig, wollen wir die Apachen nicht in einigen Stunden wieder auf dem Hals haben.« »Hast recht,« meinte Josef, »es fragt sich jetzt nur, ob unser Verwundeter sich so weit erholt hat, um an unserer Wanderung teilnehmen zu können – und dann,« wandte er sich an Fabian, »wie weit mögen wir noch vom Goldthale entfernt sein?« »Täuschte mich gestern Abend, als ich die Sonne hinter den Nebelbergen untergehen sah, mein Auge nicht,« antwortete Fabian, »so kann es sich nur noch um einige wenige Stunden handeln, um zu unserm Ziele zu gelangen.« »Um so besser,« sagte Rosenholz, »die Nebelberge werden jedenfalls mehr als einen Schlupfwinkel bieten, der es drei unerschrockenen Jägern möglich macht, einer ganzen Bande von Rothhäuten trotzen zu können.« Inzwischen hatte Josef den festschlafenden Gayferos aufgeweckt und lachte über seine erstaunte Miene, als er beim Frühlichte um sich blickte und keinen einzigen der von ihm gefürchteten Indianer sah. Er glaubte offenbar zu träumen, denn er rief verzagt: »Was ist das? Wo sind die Indianer?« »Fern von uns,« gab Josef zurück, »und mir so ziemlich in Sicherheit!« »Die heilige Jungfrau sei gelobt!« »Und der treue Herrgott dazu,« brummte der Canadier, der jetzt gleichfalls an das Lager des Scalpirten herangetreten war. »Wie steht's mit Euch, werdet Ihr im Stande sein, die Reise zu Fuß fortzusetzen?« Obgleich noch sehr angegriffen, erklärte sich Gayferos doch dazu bereit, um nur schnell aus dem Bereich der Indianer zu kommen. »Gut denn,« erwiederte Rosenholz und gab, von Josef unterstützt, dem Flosse eine schiefe Richtung nach dem linken Ufer zu, auf welches eine Viertelstunde später die Insel mit einer solchen Heftigkeit stieß, daß in dem Boden sofort ein großer Riß entstand. Josef und Fabian sprangen zuerst an's Land, dann folgte Rosenholz mit Gayferos nach, den er wie ein Kind auf seine breiten Arme genommen hatte. Indem er ihn auf das Gras am Ufer legte, sagte er: »Jetzt ruht Euch noch ein paar Augenblicke aus, bis wir das Inselfloß in Stücke gerissen und dem Strome übergeben haben, denn die Indianer dürfen durchaus keine Spur von uns finden.« Die drei Freunde gingen sofort an's Werk und da die Insel durch das Abreißen der Wurzel, sowie durch den eben erlittenen gewaltigen Stoß bereits gelockert war, so hielt ihre gänzliche Auflösung nicht besonders schwer, und bald war von dem Eiland, zu dessen Herstellung Mutter Natur so viele Jahre gebraucht, kein Atom mehr zu sehen. Nach einer kurzen Verständigung lud der Canadier den verwundeten Gayferos auf seine Schultern und watete in Begleitung seiner beiden Freunde in den Fluß, dort in unmittelbarer Nähe des Ufers stromabwärts gehend. Es war dies eine List, um die Indianer bei einer etwaigen Verfolgung irre zu leiten. Denn die Spuren an jener Stelle des Ufers, wo das Inselfloß gelandet hatte, führten scheinbar der Ebene zu und es stand zu erwarten, daß die Apachen dieser Fährte folgen würden. Die Wanderung im Flusse war außerordentlich mühevoll und schon begann der Canadier unter seiner Last zu seufzen und zu ächzen, als sie endlich jene Stelle erreichten, wo die Flußarme auseinander liefen und das Delta bildeten, in welchem nach Fabians Beschreibung das Goldthal liegen mußte. Eben umzog sich der Osten mit purpurfarbenen Tinten, – der Nebel floh, gleich einem von Furien gejagten Geisterchor, über die Ebene dahin, da stiegen endlich die drei Freunde wieder an's Land. Vorsichtig ließ der Canadier den scalpirten Gayferos in's Gras hinabgleiten, dann begann er seine mächtigen Glieder zu recken und zu dehnen. »Dort sind die Nebelberge,« sagte er endlich und deutete nach Norden zu. »Finster liegen sie vor uns, fest entschlossen, den dichten Dunstschleier nicht abzustreifen, welcher ihre goldenen Geheimnisse dem spähenden Blicke des Wanderers entzieht. Wen erinnerten diese drohenden, finsteren Bergesmassen nicht an die Nacht und ihre hundertfältigen Gefahren, denen wir nun entronnen sind? Gott hat uns geholfen und er wird uns auch aus jener Bergesnacht, die dort zu uns herübergähnt, dem erwärmenden Licht wieder zuführen, – darum Lob und Preis seiner Huld und Vatergüte.« Und andächtig nahm der fromme alte Jägersmann die Pelzkappe von seinem grauen Haupte und faltete die Hände zu einem stillen Dankgebet; die Gefährten folgten seinem Beispiel und eine heilige Stille herrschte ringsum in der Einöde. Zweites Buch. Sechstes Kapitel. Von der Nemesis ereilt. Gar rauh und beschwerlich war der Weg, welcher sich vor unsern Wanderern aufthat; der weiße Sandboden, welcher anfangs für ihre Füße eine weiche Unterlage abgegeben hatte, hörte nur zu bald auf und tiefe Krümmungen und ausgetrocknete Flußbetten traten an seine Stelle; mächtige Eichen strebten zum Himmel empor und der Nordwind führte ein dumpfes Rauschen mit sich, das von den Wasserfällen herrührte, die in unzähliger Menge von den Nebelbergen hinab in jähe Schluchten stürzten. Der arme Gayferos begann zu stöhnen, denn die mühevolle Wanderung vermehrte die Schmerzen seiner Wunde. Da außerdem die Lage und das Dasein des Goldthales für ihn ein Geheimniß bleiben sollte, so beschlossen Rosenholz und Josef, ihn in einem geschützten Verstecke zurückzulassen. Es läßt sich denken, daß der arme Teufel mit schwerem Herzen in diese Trennung willigte, und nur das feste Versprechen der drei Freunde, sobald als möglich zurückzukehren, vermochte ihn zu beruhigen. Nachdem Rosenholz ihn noch ermahnt hatte, Niemandem, auch Don Estevans Schaar nicht, seine, sowie der Gefährten Anwesenheit zu verrathen, setzte das Kleeblatt die Wanderung fort, und es währte nicht lange, so verschwanden die drei Jäger in den Krümmungen des Thales. Noch kämpfte der junge Tag wider die letzten Reste der Nacht, als von der entgegengesetzten Richtung her ein einsamer Reiter der Nebelkette zuritt. Er schien Eile zu haben und sah sich öfter scheu um, als fürchte er von irgend Jemandem verfolgt zu werden, und wenn er dann wieder den Blick den Nebelbergen zuwandte, gewann es den Anschein, als ob sein Herz unter dem beengenden Einflusse eines schlechten Gewissens ängstlich schlage. Wie konnte es bei dem schurkischen Cuchillo, den der Leser in dem einsamen Reitersmann wieder erkennt, auch anders sein? Mußte er nicht befürchten, daß trotz des Kampfgetümmels seine Flucht aus dem Lager von einem Derjenigen bemerkt worden war, die er verrathen und feig im Stiche gelassen? Und mußte er nicht klopfenden Herzens sich den Nebelbergen nahen, in deren düsterer Einsamkeit er einst einen rechtschaffenen Mann meuchlings ermordet hatte? Nur die unbegrenzte Habgier vermochte die Stimme seines bösen Gewissens zeitweilig zum Schweigen zu bringen und verlieh ihm den Sieg über die Feigheit, die sonst seinem Charakter eigen war, und unausgesetzt trieb er das Pferd an. Mitunter freilich vermochte er den düsteren Erinnerungen seiner schwarzen Seele nicht zu widerstehen und dies geschah, wenn er an Plätzen vorüberkam, die ihn an den ermordeten Marcos Arellanos mahnten. Dieser Fall trat ein angesichts eines Hügels, an dem er an der Seite seines Opfers geruht, – und dann bei einem höheren Punkte, wo er und der greise Gambusino erwartungsvoll die Kette der Nebelberge betrachtet hatten. Der Wind pfiff durch das wirre Haar Cuchillo's und das Gewieher seines Pferdes weckte in der Einöde tausende von Echo's, welche wie der letzte Seufzer des ermordeten Arellanos klangen. Ein kalter Schweiß bedeckte Cuchillo's Stirn und sein Herz drohte zu zerspringen, allein die nicht zu bezähmende Goldgier riß ihn vorwärts, vorwärts den Nebelbergen zu, deren Schätze ihn zu einem unermeßlich reichen Manne machen sollten. Endlich verschwand auch er in der wilden Thalschlucht und die jetzt am Himmel prangende Sonne beleuchtete auf der ganzen weiten Ebene kein lebendes Wesen. Da – es mochten zwei Stunden verflossen sein, tauchten endlich vier Reiter auf, in denen wir alsbald Don Estevan und Pedro Diaz mit ihren Begleitern erkennen, welche, wie wir wissen, bei Anbruch der Morgendämmerung das Lager der Goldsucher verlassen hatten, um nach Cuchillo auszuspähen. Don Estevan hatte, da von dem Schurken weit und breit nichts zu sehen war, die Verfolgung schon aufgeben wollen, als Pedro Diaz einen Gegenstand am Boden erblickte; er bückte sich und fand, daß es ein kleiner, lederner Mantelsack war, den er alsbald für jenen Cuchillo's erkannte. Jetzt konnten die Reiter nicht länger mehr zweifeln, daß der Feigling sich im Goldthale befinde, und damit er sicher in ihre Hände falle, beschlossen sie, sich der Felspyramide von zwei Seiten zu nähern. Zu diesem Zwecke trennten sich die Reiter, indem Don Estevan mit Diaz seinen Weg mit verdoppelter Eile fortsetzte, ihre Begleiter aber sich westwärts wandten, um von da aus in's Goldthal zu gelangen. – Die Nebelberge beherbergten jetzt verschiedene Personen, welche Gottes Gerechtigkeit in diese Wüste geführt, um dort über die Schuldigen Gericht zu halten. – Rosenholz, Josef und Fabian waren tüchtig ausgeschritten und dem geheimnißvollen Felsenlabyrinthe schon ziemlich nahe gekommen; der Morgennebel wogte an den Spitzen der Berge hin und her und die zackige Gestalt derselben verlieh ihren Silhouetten am sich erhellenden Himmel die Form seltsamer Thürme und Zinnen. Dichte Schatten, die gleich schwarzen Riesenbändern auf beiden Seiten der Nebelberge sichtbar waren, deuteten tiefe Schluchten an, welche der nagende Zahn der Zeit allmälig geschaffen hatte. Auf dem rechten Ufer des an dieser Stelle nicht sehr breiten Rio-Gila bemerkten die drei Wanderer eine einzeln stehende Felspyramide, deren Gipfel eine prächtige Rundsicht versprach und unseren Wanderern die Möglichkeit bot, sich um so leichter in dieser Wildniß zurecht zu finden. Noch waren die Freunde hundert Schritt von dem Fuße der Felspyramide entfernt, als ein starker Windstoß den Nebelvorhang zerriß und den Gipfel bloslegte, so daß nur einige Dunstflocken an dem Blätterwerk der Gesträuche hängen blieben oder wie kleine Kobolde auf- und abwärts hüpften, um sich vor den feurigen Pfeilen zu schützen, welche die Morgensonne eben herabsandte. Rosenholz und seine Gefährten erblickten jetzt auf dem seltsamen Felskegel zwei verkümmerte Tannen und zwischen ihnen das gebleichte Skelett eines Pferdes, welches noch mit seinen ehemaligen rothen Zierrathen behangen war. Damit Sturm und Unwetter dem Skelett nichts anzuthun vermöchten, hatte man zu beiden Seiten in den Fußboden Stäbe eingerammelt, auf denen Menschenhaare im Morgenwinde flatterten; diese milden Trophäen bekundeten, daß dieser Felsen das Grab eines berühmten indianischen Häuptlings berge. Ein Wasserfall, welcher vom Felsen mit donnerndem Gebrause in einen endlosen Abgrund herabstürzte, führte Milliarden blitzender Staubperlen in die Luft, die sich hinter dem Gebein des indianischen Schlachtenpferdes zu einem duftigen Regenbogen zusammensetzten. Wahrend die drei Jäger den Fuß der seltsamen Felsbildung umwanderten, deutete Fabian auf eine kleine Bucht, deren Wasserspiegel von Schilf und breitblättrigen Wasserpflanzen fast ganz bedeckt war. »Wir sind am Ziele,« sagte ernst der Jüngling, »denn das enge Thal, welches sich zwischen dem Felskegel und der stillen Bucht hinzieht, muß nach der Beschreibung des alten Arellanos das Goldthal sein.« »Bin fest überzeugt davon,« entgegnete Josef mit erzwungenem Spotte, »denn ich habe in meinem ganzen Leben nichts Unheimlicheres gesehen, als diese Schluchten hier, und wenn es wahr ist, daß das Gold zu den meisten Verbrechen auf dieser Welt Anlaß gegeben hat, so kann ich's dem Satan nicht verdenken, daß er hier in dieser Wildniß, die so viele Schätze bergen soll, sein Absteigequartier genommen hat. Wahrhaftig, man könnte sich hier fast fürchten.« »Sie haben recht,« sagte Fabian, dessen blühende Gesichtsfarbe einer gewissermaßen feierlichen Blässe Platz gemacht hatte. »Der Ort stimmt düster; vielleicht ist genau hier der unglückliche Marcos Arellanos ermordet worden, – allein Wind und Regen haben jedwede Spur verwischt und die Stimme der Wüste bleibt stumm und sagt mir nicht, ob mein Verdacht gegen jenen Cuchillo gerechtfertigt ist.« »Geduld, mein Kind,« ergriff jetzt Rosenholz das Wort, »Gott ist gerecht und läßt oft Spuren, die man schon längst verwischt glaubt, wieder erstehen, und die Stimme der Wüste sich wider den Schuldigen erheben. Vergiß über jenem Cuchillo auch nicht den Mörder Deiner Mutter, der mit seiner Reiterschaar gar bald in dem Goldthale anlangen wird, wohin ihn die Habsucht treibt. Thue, was Dein Herz Dir angiebt, mein Kind, nur entscheide Dich und sage uns, ob wir den Feind hier erwarten oder unsere Taschen mit Gold füllen wollen, um dann wieder die Wohnungen der Menschen aufzusuchen.« Diese letzten Worte begleitete der Canadier mit einem Seufzer. »Ich vermag mich nicht zu entschließen,« antwortete Fabian, »denn ich fühle, daß ich willenlos bin und eine unsichtbare Hand meine Schritte leitet, wie an jenem Abend, wo mich ein Zufall zu Euerm Feuer führte. Warum setzte ich mich und Euch so großen Gefahren aus, um in's Goldthal zu gelangen, trotzdem ich nicht einmal weiß, was ich mit dem todten Metalle anfangen soll?« Hier unterbrach ein heiserer Schrei die Rede Fabians und vermischte sich mit dem Rauschen des Wasserfalls. Dieser Schrei schien aus dem indianischen Grabmal zu kommen, weshalb denn auch die drei Freunde überrascht in dieser Richtung hinblickten. Allein auf der Spitze der Felspyramide zeigte sich kein lebendes Wesen. »Wer weiß, ob es wirklich die Stimme eines Menschen gewesen ist,« flüsterte der abergläubische Josef, indem er sich bekreuzte. »Halloho!« rief jetzt der Canadier und deutete auf den Boden, »hier sind die Fußspuren eines Weißen und ich möchte darauf schwören, daß er vor nicht mehr als zehn Minuten hier gewesen ist.« Man folgte jetzt aufmerksam den Spuren, die nach einer Hecke von Baumwollsträuchern und von dort dem Felsplateau zuführten. Da aber der Boden mit zahlreichen Steinen bedeckt war, so hörten die Fußspuren bald auf und Rosenholz schlug vor, daß er und Josef die Runde um den Felsen machen sollten, Fabian aber als Wachtposten an Ort und Stelle bleiben solle. Die beiden Jäger entfernten sich und ließen Fabian mit seinen sonderbaren Gefühlen, die ihm im Herzen flutheten, allein. Das Goldthal, von dessen Eroberung er wiederholt geträumt hatte, befand sich nun in seiner Nähe und dennoch fühlte er sich nicht glücklich. So singen gar oft im menschlichen Leben uns ferne Stimmen von Glück und Ruhm, und wir folgen den lockenden Tönen und versuchen, uns ihnen zu nähern, und wenn wir endlich am Ziel zu stehen scheinen, so zeigt es sich, daß Glück und Ruhm entflohen sind, – und so verfließt unser Leben unter tausenderlei Wünschen, indem wir ohne Unterlaß jene verführerischen und ewig fliehenden Melodien verfolgen. Das kostbare Metall hatte für Fabian seinen Werth verloren und sein Herz sagte ihm, daß es edlere Leidenschaften gäbe, als jene, dem Mammon nachzujagen. Er gedachte der treuen Liebe, mit welcher der alte Canadier an ihm hing, und der herrlichen Zufriedenheit, welche die Brust seiner beiden Gefährten erfüllte. Und dazwischen hinein ertönte wiederum eine mahnende Stimme, welche ihn an seine Pflicht erinnerte, den Mord seiner Mutter und seines Pflegevaters zu rächen, und eine andere Stimme rief ihm zu, daß alle Herrlichkeiten des irdischen Lebens nur Trugbilder seien, gegenüber jener Seligkeit, die uns dereinst erwartet, wenn die Fittige der Seele sich loslösen von dem zerbrechlichen Körper und sich emporschwingen zur himmlischen Heimat. Während diese Gedanken und Gefühle Fabians Herz durchzogen, schritt er, ohne es zu wissen, auf das dichte Gebüsch der Baumwollenstauden zu, deren Aeste er jetzt zurückschlug, – allein welches Schauspiel bot sich urplötzlich seinen Augen dar! Das bläuliche Halbdunkel, das bisher noch über dem Thale geschwebt, schwand vor der Sonne und unzählige Blitze begannen jetzt emporzusprühen, aber nicht aus drohenden Wetterwolken, sondern aus Tausenden und Abertausenden von Kieseln, durch deren Tonhüllen jenes gediegene Gold lugte, wie es die Bäche aus dem Schooß der Erde herauswaschen und in die Ebene herabspülen. Vor Fabians Augen lag der reichste Schatz ausgebreitet, den je eines Menschen Blick gesehen, ein Schatz, den Jahrtausende gezeitigt hatten. Und noch einmal fühlte der Jüngling den Zauber, den der Anblick des Goldes auf unser schwaches Herz ausübt, der bessere Mensch behielt aber in Fabian die Oberhand und der Schwindel, der ihn angesichts dieser Reichthümer befangen, wich. »Aus diesem Abgrund da unten kann sich nur der böse Geist erheben,« rief es in dem Herzen des Jünglings, »denn Gottes Engel weilen auf den Höhen, die zum Himmel führen!« Einige Minuten später rief er seinen beiden Gefährten, und Rosenholz und Josef waren bald an seiner Seite. »Haben Sie ihn gefunden?« rief der Letztere. »Den Schatz wol, aber nicht den Menschen, dessen Fußspuren wir verfolgen,« antwortete Fabian mit einem ernsten Lächeln, »da sehen Sie selbst.« Mit diesen Worten schob der Jüngling von Neuem das Geäst zurück, welches den Schatz verhüllte. »Was?« rief Josef erstaunt, »diese funkelnden Steine da unten?« »Sind reines Gold, sind jene Schätze, welche noch Niemand gesehen, ein verirrter Indianer vielleicht ausgenommen, für welchen diese Reichthümer keinen größeren Werth hatten, als gemeine Kiesel. Nicht wahr, mein Freund, das Gold übt trotz der Einsamkeit, in welcher Sie seit Jahren gelebt, einen mächtigen Reiz auf Sie aus? Was würden Sie wol mit all' dem Golde anfangen?« »Was ich damit anfangen würde?« wiederholte Josef verblüfft, da die unverhoffte Frage ihn nicht wenig in Verlegenheit setzte. »Ja, was meinst Du, Rosenholz, was könnten wir wol mit dem Golde anfangen?« »Je nun,« antwortete der Canadier trocken, »wir könnten unsere Büchsen mit einem goldenen Laufe zieren und es würde für einen Apachen außerordentlich schmeichelhaft sein, wenn wir zu ihm sagten: Rothhaut, die Kugel, die Dir soeben den Kopf zerschmettert hat, kam aus einem Laufe von massivem Golde.« Josef fühlte den Spott, drückte dem treuen Freunde herzinnig die Hand und sagte: »Hast recht, alter Bursche, 's ist Alles nur dummes Zeug und das verwünschte Gold nur der Speck, womit der Teufel uns arme Mäuse fängt.« Und nach diesen Worten begannen beide Jäger herzlich zu lachen und Fabian stimmte unwillkürlich mit ein. Das Krachen eines Schusses jedoch, welcher an den Felswänden mehrfaches Echo fand, gab ihren Gedanken schnell eine andere Richtung. Die drei Jäger sahen sich erstaunt an, dann sagte Josef endlich: »Der Schuß kann uns nicht gegolten haben, denn nirgends ist eine Spur von Rauch zu sehen.« »Nach meinem Dafürhalten,« meinte Rosenholz, »kam der Schuß von dem Gipfel der Felspyramide; leider ist die Plattform wieder in Nebel eingehüllt. Wollen das Ding aber einmal genauer untersuchen und direkt darauf losgehen.« Damit spannte er den Hahn seines Gewehrs und schritt tapfer voran, während Josef und Fabian ihm folgten. Die steilen Felswände waren zwar mit Gesträuch bewachsen, welches das Emporklimmen erleichterte, dennoch mußte das Unternehmen der Jäger ein gefährliches genannt werden, da der dichte Nebel nicht errathen ließ, wie viele Feinde ihnen etwa gegenüberstehen könnten. Oben angekommen, fanden sie aber die Plattform leer, denn eine gute Weile vorher war schon eine für sie unsichtbare Person in die Bucht gehuscht. Mit großer Vorsicht entfernte sie die schwimmenden Blätter der Wasserlilien, formte aus ihren glänzenden Scheiben eine Art Dach, und blieb unter demselben regungslos stehen. Diese Person war Cuchillo. Nachdem er das Goldthal erreicht und sich von dem Vorhandensein der Schätze überzeugt, hatte er sein Pferd in eine ziemlich tiefe Schlucht geführt und es an einem riesigen Busche angebunden, um es jedwedem Späherblicke zu verbergen. Dann begann er die Pyramide zu ersteigen, und als er fand, daß er in der Einöde allein sei, wandte er seine Blicke zufällig dem Wasserfalle zu. Ein wunderbares Funkeln, welches unmöglich den in der Sonne glitzernden Wasserstäubchen zugeschrieben werden konnte, erregte Cuchillo's Aufmerksamkeit, und ein Schrei entrang sich seiner Brust, als er jetzt einen durch die hundertjährige Wirkung des Wassers bloßgelegten Goldblock erblickte, der, von dem feuchten Staube der Cascade unablässig gewaschen, in seinem vollen Glanze erschien. Es zog ihn mit Gewalt zum Wasserfalle hin und vor Begierde, den glänzenden Reichthum ganz in der Nähe betrachten zu können, beugte er sich in liegender Stellung, so weit es nur irgend möglich, über den Felsvorsprung hinaus, nicht achtend der Traufe von dem über ihn hinwegschießenden Wasserfall, und nur unverwandten Blickes nach dem Golde, dem geliebten Gegenstände seiner heißen Sehnsucht stierend. Cuchillo's Freude grenzte an Wahnsinn, ebenso aber auch die Wuth, welche sich seiner bemächtigte, als er plötzlich durch ein starkes Geräusch aus seiner Verzückung aufgeschrekt wurde und zu gleicher Zeit zwei Reiter um den Felsvorsprung herumkommen sah, in denen er Kameraden aus dem Lager Don Estevan's erkannte. Er wollte mit Niemandem die unermeßlichen Schätze theilen, daher war sein Entschluß rasch gefaßt; er zielte bedächtig, schoß dann seine Feuerwaffe ab – und schwer getroffen sank ein Reiter auf den Hals seines Pferdes herab. Den Andern ergriff bei diesem ganz unerwarteten Ueberfall ein panischer Schrecken. Er faßte nur noch rasch das Pferd seines verwundeten Gefährten an den Zügeln und ehe noch Cuchillo zum zweiten Male geladen hatte, war er bereits nebst seinem todten Kameraden den Blicken des Mörders entschwunden. Die Wuth und Bestürzung des schurkischen Cuchillo nahm in heftigster Weise zu, als er bald darauf noch drei andere Männer bemerkte und nicht nur Fabian, sondern auch die beiden furchtbaren Tigerjäger, deren Bekanntschaft er an der Poza gemacht, erkannte. Er wankte betäubt zurück, denn der Gedanke, abermals das Goldthal unverrichteter Sache verlassen zu müssen, erschien ihm schrecklich. Indessen hatte sich zwischen ihn und die drei Jäger der Nebel geschoben; dennoch vernahm sein scharfes Ohr, daß seine Feinde sich anschickten, den Felsen zu ersteigen. Rasch ließ sich Cuchillo an dem entgegengesetzten Abhang hinab; es blieb ihm nichts übrig, als in der Bucht sich zu verstecken. Nachdem er es gethan, gelangte er zu dem Entschlusse, vorläufig im Wasser zu bleiben ... Da unsere drei Freunde die Plattform der Pyramide leer fanden, waren sie nach kurzer Rast schon wieder im Begriff, in die Ebene hinabzusteigen, als ein heranjagender Windstoß die Nebel zertheilte und einen freien Blick in's Thal gestattete. Das Bild der Wüste lag in seiner ganzen düstern Pracht vor ihnen, – dürre Ebenen, auf denen Sandwirbel kreisten, und Licht und Stille überall. Plötzlich kam aber doch ein wenig Leben in die regungslose Landschaft hinein. Auf der Ebene nämlich, welche unsere Freunde kurz vorher durchwandert hatten und deren Ende den Eingang zum Goldthal bildete, tauchten zwei bewaffnete Reiter auf. Mit gespannter Aufmerksamkeit blickten unsere drei Freunde in die Ebene, bis die beiden Reiter soweit herangekommen waren, daß Rosenholz ihre Kleidung und Hautfarbe zu erkennen vermochte. »Sie gehören dem mejikanischen Lager an,« brummte er vor sich hin, »und scheinen es eilig zu haben, denn sie lassen ihre Pferde tüchtig ausgreifen – Donner und Wetter!« unterbrach der Canadier den ruhigen Fluß seiner Rede, »der eine Reiter ist – so war ich lebe – jener Don Estevan, oder richtiger: Don Antonio de Mediana, der Mörder Deiner armen Mutter, mein Kind, – sein böser Stern führt ihn in unsere Hände!« »Don Antonio de Mediana?« wiederholte Fabian in hohem Grade aufgeregt. »Irren Sie sich auch nicht, mein Vater?« »So wahr als ich nicht blind bin!« erwiederte der alte Jäger etwas beleidigt. »Dann weiß ich, daß es Gottes Finger war, der mich – wider meinen Willen – in diese Einöde trieb,« sagte Fabian in gehobener Stimmung. »Wie sieht jener Reiter aus, der den Mörder meiner Mutter begleitet?« »Je nun,« meinte Rosenholz achselzuckend, »das Beschreiben ist eben meine Sache nicht. Der Fremde reitet einen prächtigen Rothbraunen – und hat Goldborten am Filzhute – und – und einen recht teufelsmäßig edlen Gesichtsschnitt.« »Das kann nur Pedro Diaz sein,« bemerkte Fabian, »der einzige Ehrenmann im Gefolge Don Estevan's.« »Laßt doch das viele Schwatzen sein,« brummte Josef, aus dessen Augen es unheimlich leuchtete, »handelt lieber und rückt mit mir dem schurkischen Don Estevan auf den Leib.« Unmittelbar nach diesen Worten richtete sich Rosenholz in seiner ganzen Höhe empor und stieß einen Schrei aus, welcher etwas Orkanähnliches hatte. »Wer seid Ihr und was wollt Ihr?« rief der überraschte Spanier zurück. »Wer wir sind?« polterte der Waldläufer, »die Herren dieses Ortes, da wir zuerst hier angelangt sind. Die zweite Frage, was wir wollen, ist eben so schnell beantwortet. Wir wollen nämlich, daß Don Estevan sich auf Gnade oder Ungnade ergebe, damit wir ihm ein Gesetz der Wüste in's Gedächtniß zurückrufen, nämlich: daß Blut wieder Blut fordert.« »Wahrscheinlich ein Wahnsinniger, dem der Anblick der hier verborgenen Schätze das Gehirn verrückt hat,« äußerte Diaz zu dem Spanier. »Ich denke, es wird das Beste sein, der Unterhaltung mit einem Schusse ein schnelles Ende zu machen.« »Nein,« rief Don Antonio, wie wir von jetzt ab den spanischen Edelmann nennen wollen, »laßt mich vorerst sehen, wer Lust verspürt, einen Mann, wie ich, das Gesetz der Wüste lehren zu wollen.« »Ich werde es thun!« erklang es jetzt von Fabians Lippen, indem er und Josef sich gleichfalls aus ihrem Versteck erhoben. »So wahr ich lebe,« rief Don Antonio mit vor Wuth und Überraschung bebender Stimme, »wiederum derselbe junge Mensch, der sich erfrecht, meine Pläne zu durchkreuzen.« »Und ich will es ebenfalls thun,« schrie Josef, »ich, der nun schon seit einer Reihe von Jahren Ihre Schritte verfolgt und dem Himmel dankt, endlich einmal eine alte Rechnung berichtigen zu können.« »Wer seid Ihr?« fragte der spanische Edelmann verächtlich, da er den ehemaligen Küstenwächter nicht wieder erkannte. »Ich bin Pepe, der Schläfer, der seinen Aufenthalt in Ceuta nicht vergessen hat, wie der gnädige Herr da unten!« Ein jäher Schreck durchzuckte Don Antonio und er warf unruhige Blicke umher. Wol vermochten die hohen Felsen, die auf einer Seite das Goldthal umschlossen, ihn vor dem Feuer der Jäger zu schützen, allein sein empörter Stolz ließ es nicht zu, eine schmähliche Flucht zu ergreifen, und so rief er denn zurück: »Wohlan, rächt Euch an einem Feinde, der es verschmäht, den natürlichen Schutz der Felsen aufzusuchen, – legt Euere Flinten an und schießt.« »Das würde schon längst geschehen sein,« erwiederte Josef kalt, »wenn wir nicht die Absicht hegten, Ew. Gnaden lebendig zu fangen. Wir rathen daher Ihrem Begleiter ernstlich, sich gutwillig zurückzuziehen und Sie Ihrem Schicksale zu überlassen.« »Ich werde mich nie einer solchen Feigheit schuldig machen,« schrie Diaz. »Den Platz mit seinen Schätzen wollen wir räumen, da Ihr zuerst hier waret, Don Estevan aber wird sich mit mir zugleich zurückziehen.« »Thut mir leid, es kann aber nicht sein,« antwortete der sarkastische Josef, »wir müssen den Mann, den Sie Don Estevan zu nennen belieben, in unserer Gewalt haben.« »Widersetzen Sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes,« fügte Fabian hinzu, »Sie sind ein Ehrenmann, Don Diaz, und können unmöglich mit einem Menschen gemeinschaftliche Sache machen, an dessen Händen das Blut der Unschuld klebt.« »Wir geben fünf Minuten Bedenkzeit,« brummte Rosenholz, »dann werden unsere Büchsen und das gute Recht zwischen uns entscheiden.« Statt einer Antwort erhob Don Antonio seine Büchse und zielte auf Fabian, sofort aber deckte Rosenholz mit seinem riesigen Körper den Bedrohten und legte sein Gewehr so entschlossen an, daß der Spanier einsehen mußte, er sei bei der geringsten feindseligen Bewegung verloren. In diesem gefährlichen Augenblick flüsterte Diaz seinem Gefährten zu: »Nur eine schleunige Flucht kann Sie retten, Don Estevan. Setzen Sie sich in Ihrem Sattel fest, – nehmen Sie Ihr Pferd zusammen und halten Sie sich dicht an meiner Seite, ich werde suchen, Sie mit meinem Körper zu decken.« Don Antonio sah ein, daß der Mejikaner recht habe und gab daher seinem Rosse die Sporen, während Diaz behend von seinem Pferde auf das des Gefährten hinübersprang und diesen mit seinem Rücken deckte. Fabian und Josef glitten jetzt rasch den steilen Felsen herab, während Rosenholz mit seiner Büchse den Sprüngen des davoneilenden Pferdes folgte. Er sah ein, daß er Diaz, welcher außer dem Pferde das einzige Ziel darbot, unmöglich opfern konnte, wollte er sich nicht eines unnützen Mordes schuldig machen, zumal der spanische Edelmann trotz alledem entkommen würde; daher galt es jetzt, den Kopf des Pferdes zu treffen. Nur einen Moment bog das edle Thier den Hals ein wenig seitwärts, da krachte schon ein Schuß und das Pferd stürzte tödtlich getroffen mit seinen beiden Reitern zu Boden. Noch halb betäubt von der Heftigkeit des Falles, hatten Don Antonio und Pedro Diaz sich kaum erhoben, als auch schon Fabian und Josef, mit der Büchse in der Hand und dem Dolche zwischen den Zähnen, auf sie zugesprungen kamen. In ziemlicher Entfernung folgte ihnen mit Riesenschritten der Canadier, von Neuem seine Feuerwaffe ladend. »Wir wollen uns bis auf den Tod vertheidigen«, rief Diaz, sein langes, scharfes Messer hervorziehend, während Don Antonio das Gewehr auf Fabian anlegte. Da aber sauste eine Kugel, von Rosenholz entsendet, heran und zerschmetterte den Büchsenlauf. Don Antonio verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Sand; mit Blitzesschnelle stürzte Josef auf ihn zu, riß ihm den langen wollenen Gürtel vom Leibe und band damit des Spaniers Hände und Füße. Schon stand der heldenkühne Diaz bereit, sich auf Josef zu werfen, aber jetzt eben langte der Canadier bei seinen beiden Gefährten an und vertrat jenem mit seiner gefürchteten Schußwaffe den Weg. »Stehen Sie zurück, Don Diaz,« rief Fabian mahnend, »der spanische Edelmann ist unserem Richterspruche verfallen und keine Macht der Erde vermag ihn zu retten.« »Oh, Ihr elenden Lügner,« donnerte der Mexikaner mit zornsprühenden Augen. »Ihr wollt nur die Schätze dieses Goldlagers allein besitzen und darum Don Estevan, als den Anführer einer stattlichen Truppe, aus dem Wege räumen.« »Nicht so, Señor,« erwiderte Fabian mit einem bitteren Lächeln, »mögen die Goldsucher kommen und dieses reiche Lager hier bis auf das letzte Atom ausbeuten, – mir soll es recht sein. Ich verlange nichts, als über Ihren Gefährten den Richterspruch zu fällen, wozu ich ein Recht habe. Nehmen Sie dort auf jenem umgestürzten Baumstamm Platz und leihen Sie mir für einige Augenblicke ein aufmerksames Ohr.« In den Worten, sowie in dem ganzen Benehmen des Jünglings lag eine so feierliche achtunggebietende Würde, daß Pedro Diaz unwillkürlich gehorchte »Herr Graf von Mediana,« begann Fabian, indem er sich seinem Oheim näherte, »ich darf wohl annehmen, daß auch Sie wissen, wer ich bin.« »Wahrscheinlich ein Abenteurer ohne Herkunft und Namen,« antwortete mit verächtlichem Lächeln der Spanier, »vielleicht sogar ein Mörder, denn Ihre Art und Weise, arglose Reisende zu überfallen, läßt keine andere Annahme zu.« Ein edler Unwille zuckte über Fabian's Gesicht, dennoch unterdrückte er jede bittere Gegenrede und wandte sich zu Josef mit den Worten: »Sagen Sie dem Menschen, welcher mir einen Namen gegeben, den er allein verdient, – sagen Sie ihm, wer ich bin.« Die düstere Miene des ehemaligen Miquelets, sowie seine augenscheinlichen Anstrengungen, die Wuth und den Haß beim Anblicke des spanischen Edelmanns zu dämpfen, erfüllten letzteren mit schlimmen Ahnungen und er schauerte zusammen. Josef begann jetzt: »Ich hatte in einer stürmischen Dezembernacht des Jahres 1808 die Wache am Gestade des biscayischen Meerbusens, wo das Stammschloß der spanischen Grafen von Mediana sich erhebt. Da langte in einem Kahne ein Marineoffizier an, mit dem ich in einige Streitigkeiten gerieth, da er mir unlautere Absichten zu haben schien; leider ließ ich mich von dem hohen Herrn zum Stillschweigen bereden und nahm einen werthvollen Ring als Sündenlohn an. In derselben Nacht wurde die junge Gräfin von Mediana ermordet und ihr kleines Söhnchen den Wellen preisgegeben. Jenes hilflose Kind war jener Jüngling hier, den die Vorsehung trotz aller Gefahren und Stürme zum Manne reifen ließ, damit jenem elenden Mörder ein Richter und Strafvollstrecker erwachse. Der Mann aber, welcher das entsetzliche Verbrechen begangen und den schluchzenden kleinen Knaben – seinen Neffen also, unbarmherzig den stürmischen Meereswogen preisgab, ist Niemand anders, als Don Estevan, der sich soeben auf einem abenteuerlichen Zuge nach den Goldfeldern Mejikos befindet und in diesem Augenblicke gebunden vor meinen Füßen liegt. Weiter hab' ich nichts zu sagen, der Mörder aber soll mich Lügen strafen, wenn er es vermag.« Während Josef's Anklage hatte Cuchillo leise und vorsichtig sein Versteck in der Bucht verlassen und ähnelte, von Wasser und Schlamm triefend, einem jener bösen Geister, denen der indianische Aberglaube diese Seen und Berge als Wohnung anweist. Keine der anwesenden Personen bemerkte indessen den Banditen, da die Feierlichkeit des Augenblicks ihre Aufmerksamkeit gänzlich in Anspruch nahm. »Was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung anzuführen?« fragte jetzt Fabian mit erhobener Stimme den spanischen Edelmann, in dessen Seele die Gefühle des bösen Gewissens mit jenen des Stolzes stritten, und so schwieg er denn unbeugsam und düster. Da erhob sich Diaz und trat zwischen die Richter und den Angeklagten. »Erlaubt,« begann er mit ruhiger, fester Stimme, »daß ich ein Wort zu Gunsten des Angeklagten mir erlaube. Don Estevan hat auf mich stets den Eindruck eines tapferen und unerschrockenen Cavaliers gemacht, und schon deshalb halte ich ihn des Verbrechens, dessen er beschuldigt wird, für unfähig. Allein zugegeben, er habe den Mord verübt, so entsteht die Frage, ob Ihr das Recht habt, ihn zu richten. Nach den Gesetzen dieses Landes dürfen allerdings die nächsten Anverwandten das Blut des Schuldigen fordern, – wer aber beweist, daß dieser Jüngling hier in der That der Sohn der ermordeten Gräfin von Mediana ist?« »Ich beweise es!« ergriff nunmehr der Canadier das Wort, »denn ich war es, der das arme, auf den Wellen treibende Kind dem sicheren Tode entriß und es auf das Schiff rettete, dem ich als Matrose angehörte. Zwei Jahre kam der kleine Fabian nicht von meiner Seite und die Züge eines Sohnes können in das Gedächtniß eines Vaters nicht tiefer gegraben sein, als die Fabians in das meinige. Wahr ist's, daß ein schlimmes Schicksal uns auf eine Reihe von Jahren wiederum trennte, dennoch erkannte ich in dem Jünglinge den kleinen hilflosen Knaben wieder, und zwar mit Hilfe eines Losungswortes, das ich in der Stunde der Trennung seinem jugendlichen Gedächtnisse eingeprägt hatte.« Nachdem der alte Jäger den weitern Vorgang wahrheitsgemäß mitgetheilt hatte, fuhr er tief bewegt fort: »Wohl gehört mein Zusammentreffen mit Don Fabian zu den seltsamen Fügungen, welche der Mensch gewöhnlich als Zufall zu bezeichnen pflegt, allein ich frage Sie, kann unser Herrgott, der dem verheerenden Winde, dem verwüstenden Strome und dem wandernden Vogel das Samenkorn anvertraut, sobald er eine entlegene Insel im Ocean damit befruchten will, kann dieser Herrgott nicht ebenso leicht zwei Menschen wieder zusammenführen, um seinem ewigen Gesetze der Vergeltung Nachdruck zu verschaffen?« Das biedere Gesicht des Canadiers, sowie seine mit vieler Wärme gesprochenen Worte wirkten mächtig auf den ehrlichen Pedro Diaz und es blieb ihm nur noch übrig, an Josef die Frage zu richten, ob er in dem Pflegesohn des Gambusino Arellanos den rechtmäßigen Erben der Gräfin von Mediana wiedererkannt habe. »Man müßte nie die Mutter Don Fabians gesehen haben, um auch nur einen Augenblick zweifeln zu können,« antwortete Josef bestimmt. »Uebrigens möge Don Antonio mich Lügen strafen.« Der spanische Edelmann legte die Hand auf's Herz und athmete schwer, dann erwiderte er stolz: »Es ist wahr, jener Jüngling gehört zu meinem Blute, und ich kann und will es nicht läugnen, denn die Lüge ist eine Tochter der Feigheit.« Schweigend kehrte Diaz auf seinen Platz zurück, ließ den Kopf sinken und sagte nichts mehr. »Don Antonio,« begann Fabian nunmehr, »Sie haben mich mit diesen Worten als einen Nachkommen des Geschlechts der Mediana anerkannt. Sie haben das Blut meiner armen Mutter vergossen um schnöden Gewinnes willen und mir dadurch die grausame und doch so heilige Pflicht auferlegt, das begangene Verbrechen an Ihnen zu rächen. Denn was verlangt das Gesetz der Wüste?« »Aug' um Auge – Zahn um Zahn – Blut um Blut!« erklang es dumpf aus dem Munde der beiden Jäger. »Der Herr läßt seiner nicht spotten,« murmelte Don Antonio vor sich hin, indem er der Worte gedachte, welche Fabian's unglückliche Mutter ihm zugerufen, als sie vergebens sein hartes Herz zu rühren versucht hatte: »Ich prophezeihe Euch, daß die Gerechtigkeit Gottes, die Ihr jetzt zu verspotten wagt, am äußersten Ende der Welt, ja selbst in den entlegensten Einöden, die noch nie eines Menschen Fuß betreten hat, Euch erreichen und einen Ankläger, Richter und Henker erwecken wird.« Pedro Diaz, welcher einsah, daß nunmehr jede Hoffnung entschwunden sei, näherte sich dem spanischen Edelmanne, ergriff seine Hand und sagte: »Ich will für das Heil Ihrer Seele beten, Don Antonio! – Lassen Sie mich jetzt von Ihnen scheiden.« »Gehen Sie mit Gott, der Ihre Treue lohnen möge,« antwortete der Spanier bewegt, »vergessen Sie meinen unglücklichen Fürsten nicht, und vollenden Sie, statt meiner, das Werk, welches Ihr Vaterland auf jene geistige Stufe erheben soll, die ein jeder civilisirter Staat einnehmen muß.« »Ach,« rief der Mejikaner schmerzlich, »die Ausführung eines solchen Werkes wäre nur einem Mann, wie Sie es sind, möglich gewesen! In Ihrer Hand hätte ich ein mächtiges Werkzeug abgeben können, während ich jetzt meiner Ohnmacht anheimfalle; mit Ihnen erlischt die Hoffnung meines Vaterlandes.« Und mit einer Thräne entfernte sich schweigend der edle Abenteurer, indem er auf sein Pferd zuging, das ihm gefolgt war und in der Nähe weidete. Er nahm den Zügel in die Hand und schritt langsam der Stelle zu, wo der Fluß sich gabelförmig theilte, indessen Don Antonio bleichen Antlitzes, aber ruhig und gefaßt sein Schicksal erwartete. Ueberrascht blickte er auf, als Fabian jetzt seine Fesseln durchschnitt und zu ihm sagte: »Sie haben schwer gesündigt, Herr Graf von Mediana, und nur Gott allein vermag Ihnen zu vergeben. Er hat Sie in meine Hände geliefert und es mir überlassen, das vergossene Blut meiner armen Mutter zu rächen. Allein es ist mir in diesem Augenblicke, als ob die Stimme der Verklärten an mein Ohr schlüge und mir sagte: du darfst das Henkeramt an deinem Oheim nicht ausüben; und wenn auch das Gesetz der Wüste dir dieses Recht ertheilt, so gedenke, daß Don Antonio das Verbrechen in deinem Heimatlande begangen hat, wo man jenes starre Gesetz nicht kennt, sondern einzig und allein nach den Worten des Herrn, unseres Gottes handelt, der da spricht: die Rache ist mein, ich will vergelten ... Also ziehet Eures Weges, Don Antonio, und möge Gott dereinst Euch gnädig sein.« »Was!« – schrie der rachsüchtige Josef, »der Elende soll frei ausgehen?« Mit diesen Worten wollte er auf den starr vor sich hinblickenden Spanier zustürzen, allein des Canadiers Hand hielt ihn heftig zurück, während er selbst ausrief: »Josef ... wir Beide haben während unseres Lebens in der Wüste vergessen, daß wir Christen, und keine Heiden sind. Laß dieses edle Beispiel, das mein Herzensfabian uns giebt, nicht wirkungslos an Dir vorübergehen. Sei ein Christ, mein alter Freund, und unterdrücke die zornige Leidenschaft in Deinem Herzen.« Die Augen Josefs blickten finster, die mahnenden Worte des Canadiers waren aber trotzdem nicht spurlos verhallt, denn er wandte sich von Don Antonio ab und murmelte: »Nun wohl, so mag der Teufel selbst seine Seele holen!« Und als ob dieser Ausspruch augenblicklich in Erfüllung gehen sollte, erdröhnte von der Seite der Bucht her ein Schuß, welcher den spanischen Edelmann sofort zu Boden streckte. Ein kurzer Schrei entrang sich seinen Lippen, dann zeigten seine gebrochenen Augen, daß das Leben aus seinem Körper entflohen sei. Die drei Freunde aber standen tief erschüttert da und dachten nicht daran, dem unsichtbaren Schützen nachzuspüren, der sich zu Don Antonio's Richter aufgeworfen hatte. Es war dies auch nicht nothwendig, da Diaz, welcher in einiger Entfernung sein Pferd hatte anhalten lassen und so der Zeuge aller Vorgänge geworden war, auf das Bestimmteste wußte, daß die heimtückische Kugel von dem nicht minder heimtückischen Cuchillo herrührte. Der Mejikaner hatte den Schurken am jenseitigen Ufer hinschlüpfen und dann feuern sehen. Langsamen Schrittes, den Zügel seines Pferdes um den Arm geschlungen, näherte sich der ehrliche Pedro den drei Jägern, indem er einen tiefernsten Blick auf den in seinem Blute schwimmenden Antonio warf. »Wir sind im Hafen gescheitert,« begann er im Tone bitteren Schmerzes, »und zwar einzig und allein durch die Schuld jenes Verräthers, der den Grafen von Mediana aus dem Hinterhalt erschossen hat.« »Was meinen Sie damit?« rief Fabian. »Sollte Cuchillo ...« »Dieser Verräther,« vollendete Diaz, indem er mit dem Kopfe nickte, »der auch Sie zweimal zu ermorden suchte, war unser Führer auf dem Weg nach dem Goldthal.« »So hat also Cuchillo Ihnen das Geheimniß verkauft?« »Der arme Don Antonio,« fuhr Diaz fort, »theilte mir erst vor Kurzem mit, auf welche Weise Cuchillo das Vorhandensein des Schatzes und den Ort, der ihn birgt, erfahren hatte. Der Bandit mordete seinen Gefährten, welcher den Schatz zuerst entdeckt gehabt.« »So waren meine Ahnungen also doch richtig,« seufzte Fabian, »jetzt nur noch eine Frage, Señor: besitzt Cuchillo den Schimmel, welcher mit dem linken Vorderfuße strauchelt, schon lange?« »Ueber zwei Jahre, wie er mir gesagt,« entgegnete Pedro Diaz und schnallte den Sattelgurt seines Pferdes fester, das er hierauf bestieg. Rosenholz ergriff jetzt die Hand des Abenteurers und sagte: »Ich sehe Sie ungern scheiden; erstens, weil ich Sie in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft liebgewonnen habe, und sodann, weil ich in Ihnen, dem erbitterten Feinde der Indianer, einen Kameraden gefunden, dessen Gesellschaft ich hoch geschätzt hätte.« »Meine Pflicht ruft mich in das Lager zurück, das wir leider verlassen haben,« entgegnete Diaz, »indessen nehmen Sie die Versicherung, daß ich Ihre und Don Fabians edelmüthige Handlungsweise nie vergessen und Niemandem jene Reichthümer entdecken werde, welche das Goldthal birgt.« »Thun Sie das Letztere immerhin,« sagte Fabian mit einem wehmüthigen Lächeln, »denn ich mag dieses Gold nicht, an welchem schon jetzt, wo noch keine sterbliche Hand es berührt hat, mehr Blut klebt, als jemals die das Thal überschwemmenden Flüsse abwaschen können. Ich bin fest entschlossen, bei meinen beiden Freunden zu bleiben und mein Leben in der Wüste zu beschließen; der falsche Glanz der Städte, der aus dem Menschen ein habgieriges Unthier macht, widert mich an und die freie, unendliche Wüste soll fortan meine Heimath sein.« »Fabian ... Herzenskind!« rief der alte Canadier mit gurgelnder Stimme und feuchtem Auge, »durch dieses Wort machst Du mich überglücklich und so lange das närrische Herz da drinnen in der Brust schlägt, will ich Dich schirmen, wie nur ein liebender Vater sein Kind zu schirmen vermag. Komm her, Du meine Welt, hier sind ein paar offene Arme, fülle sie aus!« Der Jüngling sank an die Brust des treuen alten Mannes und beide hielten sich innig umschlungen. Nicht ohne Rührung blickte der ehrliche Diaz auf diese Gruppe, und es war, als ob seine Lippen einen Segenswunsch flüsterten; er wandte schnell sein Pferd und sprengte davon. In nicht allzu weiter Entfernung folgte ihm jedoch ein Reitersmann; es war Cuchillo, der nach dem Schusse von Neuem sein Versteck in der Bucht aufgesucht und das Gespräch zwischen Diaz und Fabian vernommen hatte. Ein tödtlicher Haß gegen den Mexikaner erfüllte sein schurkisches Herz und er schmiedete einen seinem teuflischen Charakter würdigen Plan, der darin bestand, Diaz zu folgen und ihn unterwegs zu erschießen; er glaubte dadurch zwei Fliegen auf einen Schlag zu tödten, indem er einen Feind weniger hatte und sicher sein konnte, nicht von den Mannschaften Don Antonio's im Goldthale überrascht zu werden. Was die drei Jäger anlangte, so gedachte er sie gleichfalls mit Hilfe seiner Büchse gelegentlich aus dem Leben zu schaffen. Siebentes Kapitel. Aus dem Regen in die Traufe. Wir verlassen den Schurken einstweilen und kehren zu unseren Freunden zurück, die sich soeben anschickten, eine heilige Pflicht zu erfüllen, d. h. Don Antonio's irdische Ueberreste würdig zu bestatten. Nach einer kurzen Beratschlagung hoben Rosenholz und Josef den Leichnam empor und trugen ihn auf den Gipfel der Pyramide, um ihn dort im Grabe des indianischen Häuptlings zu bergen, denn der Aberglaube, der diesen Ort schützte, sicherte den todten Körper vor einer Entweihung durch Menschenhände, und die Steine, welche die enge Felsenspalte bedeckten, schützten ihn vor den den Berg umkreisenden Raubvögeln. Unterdessen rückte die Sonne mehr und mehr nach Westen und die schimmernden Lichter im Goldthal erloschen; noch wenige Stunden und der Abend brach herein. Dies veranlaßte den Canadier zu der Frage: »Sollen wir die Nacht in dieser unheimlichen Gegend zubringen, oder die freie Ebene wieder aufsuchen?« »Nach meiner Meinung«, entgegnete Josef, »begehen wir eine große Unvorsichtigkeit, wenn wir für diese Nacht unser Haupt hier betten.« »Und warum, alter Junge?« fragte der Canadier. »Wo können wir eine festere und vorteilhaftere Stellung finden, als auf dieser Höhe?« »Wir haben Cuchillo entwischen lassen und wer steht uns dafür, daß der Hallunke in das Lager zurückkehrt und die ganze Mannschaft uns noch heute Abend auf den Hals hetzt?« »Das glaube ich schon deshalb nicht, weil dem Spitzbuben Alles daran liegt, die Schätze des Goldthals für sich allein einzuheimsen,« widersprach der Canadier. »Möglich,« sagte Josef achselzuckend, »trotz alledem halte ich es für das Beste, die ganze Nacht tüchtig zu marschiren und die Richtung nach Tubac einzuschlagen. Außerdem haben wir dem armen Scalpirten unser Wort gegeben, ihn baldigst aus seinem Versteck zu erlösen.« »Ich wette, daß er vor Erschöpfung den ganzen Tag über geschlafen hat,« hielt Rosenholz dem Freunde entgegen, »zudem befindet er sich in voller Sicherheit und hat Wasser. Wie denkst Du über die Sache, Fabian? Sollen wir die Pyramide verlassen oder nicht?« »Wenn es Ihnen recht ist,« antwortete der Jüngling, »so bleiben wir, wo wir sind, denn mein Herz sehnt sich nach Ruhe und Sammlung.« »Meinetwegen denn,« brummte Josef, »gebe Gott, daß Dein Vorschlag, Rosenholz, uns nicht abermals in Noth und Gefahr bringe, wie es vor Kurzem auf der Insel geschehen ist. Jedenfalls halte ich es nicht für überflüssig, zwei von den großen flachen Steinen, die hier auf dem Felskegel umherliegen, aufzurichten und eine Verschanzung herzustellen, um im Nothfalle vor feindlichen Kugeln geschützt zu sein.« Der Canadier nickte beistimmend und warf, nachdem diese Vorsichtsmaßregel getroffen, einen Blick ruhiger Befriedigung umher. »Unser Mundvorrath geht auch auf die Neige,« brummte Josef abermals, »und wir reichen kaum noch zwei Tage damit.« »Um so größer ist unser Vorrath an Pulver und Blei,« lachte Rosenholz. »Das Beste, was wir jetzt thun können, ist, ein wenig zu essen, denn wir haben lange genug gehungert.« Und mit scheinbarer Sorglosigkeit machte er sich an das frugale Mahl, an welchem Josef und Fabian theilnahmen. Unterdessen war die Nacht schnell hereingebrochen, die Sterne begannen zu funkeln und Nebel wallten über den Fluß, immer höher und höher steigend, bis sie endlich die Gipfel der Felsen einhüllten. Trotz der Gegenvorstellung des Canadiers bestand Fabian darauf, die erste Nachtwache zu übernehmen, und so legte sich denn Rosenholz an Josefs Seite nieder, um für einige Zeit die trübe Gegenwart zu vergessen. Fabian hüllte sich fester in sein Wamms und richtete seine Blicke dem Westen zu, von wo die Gefahr vornehmlich kommen konnte. Langsam stieg der Mond am Himmel auf und sein Licht entlockte den in dem engen Thale herumliegenden Goldbergen bläuliche Blitze. Fabian hatte für dieses Schauspiel nur ein verächtliches Lächeln und immer mehr wurde sein Herz von der Ueberzeugung durchdrungen, daß innere Zufriedenheit der größte Schatz sei, den der Mensch auf dieser Erde erringen könne. Unterdessen hatte Rosenholz schon wieder ausgeschlafen und öffnete die Augen. »Nichts Neues?« fragte er Fabian, und dieser schüttelte den Kopf. »So komm her, Kind, und nimm meinen Platz ein, ich werde jetzt wachen.« Eben wollte Fabian verneinend antworten, als ein klagendes Geheul aus der Ebene zu ihnen emporstieg, und bei dem schwachen Scheine der Mondsichel erblickte der Jüngling mehrere schwarze Gestalten. »Es sind Wölfe,« belehrte der Canadier, »herbeigelockt von dem frischen Blute und dem Pferdecadaver, den wir da unten in der Ebene liegen gelassen haben.« »Warum aber heulen diese Bestien so kläglich?« fragte Fabian. »So viel ich weiß, thun sie es nur dann, wenn sie Menschen wittern.« Entfernte Büchsenschüsse schienen die Vermuthung des Jünglings zu bestätigen. »Aha,« meinte Rosenholz, »die Mexikaner und die Apachen statten sich wieder einmal einen Besuch ab. Nach dem Schall der Schüsse zu urtheilen, findet der Kampf jedoch in großer Entfernung von hier statt und wir haben nichts zu befürchten. Gieb Dich ohne Sorgen dem Schlafe hin; mein Kind, er wird Dich stärken und Du bedarfst neuer Kräfte.« »Nun wol,« erwiderte Fabian seufzend, »ich werde es versuchen.« Und mehr, um Rosenholz gefällig zu sein, als ein Bedürfniß zu befriedigen, das er nicht empfand, streckte Fabian sich neben Josef am Boden aus. Bald deuteten aber seine tiefen Athemzüge an, daß ein sanfter Schlaf ihn umfangen hatte, und mit einem wahrhaft mütterlichen Lächeln blickte der alte Jäger auf seinen Liebling, wie er es gethan, als Fabian noch ein Kind gewesen. Zwei Stunden hatte der treue Wächter so dagesessen, da stieg vom Fuß der Pyramide ein unbestimmtes Geräusch auf und Fabian erwachte. »Ist etwas vorgefallen?« fragte der Jüngling. »Nicht das Geringste, mein Kind, nur ein halb Dutzend Schakale spazieren da unten auf und ab und scharren in der mit Blut getränkten Erde herum.« »Ich vernehme noch ein anderes Geräusch,« mischte sich jetzt Josef, der gleichfalls erwacht war, in's Gespräch. »Es rührt von Flintenschüssen her und rückt bald näher, bald ferner.« Der Canadier und Fabian horchten, dann sagte ersterer: »Du hast recht, Josef; das Lager der Mexikaner ist von den Apachen wieder angegriffen und die Verschanzungen desselben sind aller Wahrscheinlichkeit nach erstürmt worden. Der Kampf scheint, nach dem bald nahen, bald fernen Schalle der Flintenschüsse zu urtheilen, in der Ebene stattzufinden.« »Dann bezeichnet jeder Schuß einen fallenden Menschen,« versetzte Josef düster, »und die Apachen werden eine reiche Ernte an Kopfhäuten halten. Wehe uns, wenn die Indianer die Abenteurer alle vertilgen, denn bis jetzt hat die Nachbarschaft der Expedition uns vor einem Besuch der Rothhäute geschützt.« Diese Behauptung erwies sich als vollkommen richtig. Der Schwarzvogel war, nachdem sich zu seinem großen Aerger am nächsten Morgen herausgestellt, daß die drei Jäger sich geflüchtet, und alle Nachforschungen nach ihnen und der Insel sich als vergeblich gezeigt hatten, der Schwarzvogel – sagen wir – war mit seiner Schaar bei dem Hauptcorps der Apachen eingetroffen und baute auf die Mittheilung, daß die beiden Anführer der Mejikaner das Lager verlassen hatten, seinen Kriegsplan. Er wußte, daß die Goldsucher leicht zu überlisten seien, so lange der Mann, der für sie Alle dachte, nicht in der Nähe war. Demzufolge näherte sich denn auch der Schwarzvogel mit einem kleinen Gefolge in scheinbar friedlicher Absicht dem Lager und begann zu unterhandeln. Bei dieser Gelegenheit folgte unbemerkt ein Indianer nach dem andern in das Lager der Mejikaner nach, die in ängstlicher Spannung die Rückkehr Don Estevans und seines Begleiters erwarteten und außerordentlich klug zu handeln glaubten, die Friedensverhandlungen mit dem Schwarzvogel in die Länge zu ziehen. Als aber der Abend nahte und der Apachenhäuptling die nöthige Anzahl von Stammesgenossen um sich versammelt sah, ließ er einen schrillen Pfiff ertönen, der das Zeichen zum Angriff gab. Es hielt nicht schwer, die vor Schrecken halb starren Mejikaner zu überwältigen, dennoch gestaltete sich der Kampf sehr blutig, namentlich als die armen Ueberfallenen Miene machten, sich ihren grausamen Feinden durch die Flucht zu entziehen. Dieser eilige Rückzug war denn auch die Ursache, daß unsere drei Freunde auf der Pyramide das Geknatter der Flintenschüsse vernahmen. Der Schall der Letzteren nahm an Stärke stätig zu, und somit lag die Gefahr nahe, daß irgend ein Flüchtling sich dem Felskegel nähern und dadurch eine Horde von Indianern herbeiziehen konnte. »Werde einmal ein wenig recognosciren,« brummte Josef und stieg langsam in die Ebene hinab. Der Mond warf eben seinen letzten Zauberschein auf das Goldthal, als Josef vorsichtig durch den grünen Vorhang der Baumwollenstauden und Weiden lugte. Einige Augenblicke labte er den Blick an den bläulichen Blitzen der Goldkiesel, dann sagte er vor sich hin: »Es wäre meiner Seel' das Beste, diesen verfluchten Mammon dem Auge jedes Wanderers zu entziehen; so manches Verbrechen würde dadurch unmöglich und so manche Seele vor ihrem ewigen Verderben bewahrt werden.« Und indem er diese Worte sprach, zog er sein Messer heraus, schnitt einige Arme voll Gras, Binsen und Lianen (Schlingpflanzen) ab und bedeckte damit sorgfältig den Schatz. Der letzte Schein des funkelnden Goldes war unter diesem grünen Schleier verschwunden. Nach einer kurzen Wanderung kehrte Josef auf den Gipfel der Felspyramide zurück, wo der alte Rosenholz soeben abermals seiner Freude darüber, daß Fabian mit ihm fortan in der Savane leben wollte, Ausdruck verlieh. »Glaube mir, mein Kind,« rief der alte Jäger überselig aus, »Du hast das rechte Theil erwählt. Der Reichthum härtet zumeist das Menschenherz zu Stein und verweichlicht und schwächt den Körper. Wir wollen uns wieder sprechen, ob das erste Fischotterfell, das Du verkaufst, Dir nicht mehr Freude macht, als die Scheffel Goldes, die Du hier zusammenraffen könntest. Unter meiner Leitung sollst Du ein trefflicher Schütze werden, wie es seiner Zeit Josef geworden ist, und dann sind wir drei der glücklichsten Menschen von der Welt. Es fehlt Dir jetzt nur noch eine gute Kentuckybüchse, mein Kind, und ich hoffe, daß sich irgendwo eine gute Seele finden wird, die uns eine solche auf Credit giebt.« »Ist nicht nöthig,« lachte Josef, »ich habe von dem Golde da unten so viel mitgenommen, daß wir die Büchse baar bezahlen können.« Und mit triumphirender Miene zeigte er den beiden Freunden ein nußgroßes Goldstück, das einzige, das er sich erlaubt hatte, dem Goldthale zu entführen. »Der Wind weht jetzt frischer,« hub der Canadier nach kurzer Pause an, »und die Schakale haben aufgehört, zu heulen, der beste Beweis, daß die Morgendämmerung nicht mehr fern ist. Machen wir uns daher auf den Weg, um zuvörderst unseren armen Scalpirten seiner Einsamkeit zu entreißen. Mittlerweile wird uns das Tageslicht anzeigen, welche Richtung wir einschlagen müssen, um nicht mitten unter die Indianer zu gerathen, an Spuren kann es in dem thaudurchnäßten Boden nicht fehlen.« Kaum hatten die Freunde sich von ihren Plätzen erhoben, als sie durch die Stille der Nacht die Aufschläge eines über die Ebene dahingaloppirenden Pferdes vernahmen. Nach einem ängstlichen Lauschen äußerte der Canadier: »Es ist wahrscheinlich einer der Goldsucher aus dem mejikanischen Lager, der hier eine Zufluchtsstätte sucht.« Der Reiter näherte sich rasch der Pyramide und in dem herrschenden Halbdunkel erkannten die drei Freunde, daß der Fremde zu den Weißgesichtern gehöre. »Halloh, Freund, wer seid Ihr?« rief ihn Rosenholz an. »Ein Freund , wie Ihr sagt,« antwortete der Reiter, an dessen Stimme die drei Jäger sofort Pedro Diaz wieder erkannten. Er fuhr jetzt fort: »Hört aufmerksam auf meine Worte und macht Euch zu Nutze, was ich Euch sagen werde.« »Sollen wir zu Ihnen herabkommen?« fragte Fabian. »Nein, denn es würde Euch schwerlich soviel Zeit bleiben, um ungefährdet Eure Verschanzung wieder zu erreichen. Die Indianer sind Herren der Ebene und meine Kameraden fast sämmtlich im Kampfe gefallen; ich selbst bin nur mit Mühe dem Blutbade entronnen.« »Wir haben das Gewehrfeuer gehört,« rief Josef. »Unterbrecht mich nicht,« rief Diaz, »denn die Zeit drängt. Der Zufall hat mich soeben einen Spitzbuben entdecken lassen, den Ihr nicht hättet entkommen lassen sollen. Ich meine Cuchillo. Der Schurke folgte mir gestern Abend heimlich nach, um mich hinterrücks zu erschießen. Glücklicherweise entdeckte ich ihn noch rechtzeitig und es gelang mir, ihn zu umgehen, so daß er zuletzt vor mir herjagen mußte. Er führt soeben zwei Wüstenräuber und außerdem eine Anzahl von Apachen hierher, und ich bin dem Trupp nur einige Minuten voraus. Darum lebt wohl. Was mich anlangt, so will ich in einiger Entfernung von hier Freunde benachrichtigen, die gleichfalls in Gefahr schweben, wie ich aus einem Gespräch, das die Räuber ziemlich laut mit einander geführt, vernommen habe. Wenn Ihr den Schurken zu entrinnen vermögt, so sucht den rothen Fluß auf. An der Stelle, wo er sich gabelförmig theilt, werdet Ihr Tapfere finden, die ...« Ein von unsichtbarer Hand abgeschossener Pfeil flog dicht an Diaz vorüber und unterbrach ihn in seiner Rede. Er gab seinem Pferde die Sporen und rief noch zur Pyramide hinauf: »Schildwache, aufgemerkt!« Und während Diaz in der Dunkelheit verschwand, wiederholte das Echo den Alarmruf. Gleichzeitig ließ sich auf verschiedenen Punkten der Ebene ein klägliches Wolfsgeheul vernehmen. »Es sind die Indianer,« murmelte Rosenholz, »sie ahmen die Stimmen der Bestien nach, welche noch vor wenig Minuten hier herumschnüffelten. Die dummen Teufel glauben, uns alte Jäger hinter's Licht zu führen.« »Oh, diese Schafsköpfe,« lachte Josef höhnisch, »wollen ihnen schon Kugeln die Menge auf ihre Pelze brennen.« »So hat also Cuchillo mit den Indianern ein Freundschaftsbündniß geschlossen?« wandte sich Fabian jetzt an Rosenholz. »Was in aller Welt kann er damit bezwecken, und wie mag es ihm gelungen sein, die Apachen für sich zu gewinnen?« Der Canadier und Josef gaben sich alle Mühe, diese Frage zu beantworten, vermochten aber trotz alledem die wahre Ursache, welche der neuen Schurkerei des Gambusino zu Grunde liegen mochte, nicht herauszufinden. Dem jungen Leser dagegen soll sie nicht verborgen bleiben. Wie wir wissen, war es Pedro Diaz gelungen, den heimtückischen Cuchillo, der es auf sein Leben abgesehen hatte, vor sich her zu treiben, und zwar in der Richtung auf das mexikanische Lager zu. Als entfernte Flintenschüsse Cuchillo ahnen ließen, daß die Mannschaften des Lagers in einen abermaligen Kampf mit den Indianern verwickelt seien, zügelte er für einen Augenblick sein Roß, und obwohl Vor- und Rückwärtsgehen gleich gefährlich war, entschloß er sich doch zu dem letzteren. Kaum merkte indessen Diaz seine Absicht, als er seine Büchse auf ihn anlegte und aus der Entfernung ihm zurief: »Feiger Mörder, Du sollst in meiner Gegenwart nicht zum zweitenmale fliehen, das schwöre ich bei Allem, was mir heilig ist!« Vielleicht würde Cuchillo dennoch den Versuch gewagt haben, wären er und Diaz nicht von einer Anzahl Apachen umringt und der Feigling auf diese Weise gezwungen worden, an dem tödtlichen Kampfe teilzunehmen, den er so gern vermieden hätte. Diaz gelang es, den Händen eines Indianers einen Tomahawk zu entreißen und er bediente sich desselben mit furchtbarem Erfolge; da die Apachen ihm jedoch an Zahl weit überlegen waren, suchte er schließlich sein Heil in der Flucht und gelangte auf Umwegen in das Goldthal, um die drei Freunde vor der ihnen drohenden Gefahr zu warnen. Cuchillo dagegen war von den Indianern gefangen und in das Lager geführt worden, welches sich, wie wir wissen, innerhalb des kleinen Gehölzes befand. Alles Bitten und Flehen des Ehrenmannes nützte nichts, er wurde mit Händen und Füßen an einen Eisenbaum festgebunden, den die Indianer alsbald in wilden und tollen Sprüngen umtanzten. Der Schwarzvogel, welcher inzwischen auf seinem Rosse herangekommen und noch im Innersten seiner Seele ergrimmt war über das Entkommen des Waldläufers und seiner Gefährten, ergötzte sich an dem zitternden Gefangenen, der Blicke tödtlichster Angst um sich warf. »Der weiße Mann erbebt schon jetzt, wie der Stamm einer jungen Espe,« rief der Häuptling mit einem verächtlichen Lächeln, »was wird er thun, wenn meine Leute ihm die Haut vom Kopfe schälen und siedendes Fett von den Körpern seiner todten Brüder in die Wunde gießen werden?« Es war jedenfalls gut für Cuchillo, daß er die indianische Sprache nicht verstand, denn sonst hätte er vor Angst geradezu wahnsinnig werden müssen. Als er aber bei dem Scheine der brennenden Wachtfeuer bemerkte, wie die Apachen aus den Beschlägen, welche sie von den Wagen im mejikanischen Lager erbeutet hatten, Folterwerkzeuge formten und diese im Feuer glühend machten, als er rings um sich Pfähle spitzen und Messer schärfen sah, begann er in entsetzlicher Weise zu stöhnen. Ein Apache mit überaus grimmigem Gesichte näherte sich ihm jetzt. Er hatte in dem Kampfe gegen die Goldsucher eine ziemlich erhebliche Wunde davongetragen, welche von einer Schulter zur anderen ging. Trotz des Rindenverbandes strömte das Blut noch immer hervor und er tauchte seine Finger hinein, malte auf das Antlitz Cuchillos eine Linie, welche von der Stirn bis zum Kinn lief und sprach die drohenden Worte: »Die Antilope ist schwer verwundet, darum will sie ihre Rache haben. Die rechte Seite des blassen Gesichts – Stirn, Auge und Wange – gehören ihr, und sie wird sie dem Weißen abreißen, so lange er noch am Leben ist.« Ein anderer Apache trat jetzt an seine Stelle und sagte in gebrochenem Spanisch: »Der Scalp des Bleichgesichts gehört dem fleißigen Biber, denn er war der Erste, der die Fremden erblickte. Er wird den Scalp in seinem Wigwam (Hütte des nordamerikanischen Indianers) dörren.« Cuchillo erstarrte das Blut in den Adern und seine Seelenqual stieg von Minute zu Minute, denn ein Indianer nach dem andern verkündete ihm neue Marterqualen, die er erleiden sollte. Nachdem dies geschehen, zogen sich die wilden Söhne der Wüste einige zwanzig Schritte wieder weiter zurück, um auf das Zeichen des Schwarzvogels zu warten, die Marter beginnen zu dürfen. Schon hob der Häuptling die rechte Hand in die Höhe und schon stießen die Rothhäute ein dämonisches Gebrüll aus, als ein fremder Krieger in den Lichtkreis trat und die allgemeine Mordgier vorläufig dämpfte. Obwohl seine Kleidung viel Verwandtes mit der indianischen hatte, konnte er dennoch kein Apache sein. Er trug ein mit allerlei Zierrathen besetztes rothes Wamms, lederne Gamaschen, an denen Fransen und kleine Schellen hingen, grüne Mocassins und über der Schulter eine gelbe Decke. Aus dem ledernen Leibgurt blitzte ein langes Messer, ein Tomahawk hing von einem Wehrgehänge herab und eine Büchse, deren Schaft mit kupfernen Nägeln übersäet war, ruhte auf des Fremden Schulter. Sein dickes schwarzes Haar war vermittelst scharlachrother Bänder zusammengebunden, und dieser indianische Kopfputz paßte vortrefflich zu seinem scharf markirten Gesicht mit der hervorspringenden Adlernase und den kleinen, stechenden Augen, die eine Vorliebe zur Grausamkeit bekundeten. Der Ankömmling grüßte die versammelten Indianer in ernster Weise mit der Hand, während sein Name » El Mestizo « (Mischblut, d. h. Sohn eines Weißen und einer Indianerin), von Mund zu Munde lief. In seinem ganzen Wesen lag etwas Stolzes und Herausforderndes, denn er war sich bewußt, nicht nur einer der besten Schützen und tapfersten Tigertödter zu sein, sondern auch bei Weißen und Indianern in gewaltigem Respekt zu stehen. Nachdem er den zitternden Cuchillo eine Weile betrachtet, wandte er sich an den Schwarzvogel und sagte: »Meine rothen Freunde feiern, wie ich sehe, ein Fest; ich hoffe, daß meine Gegenwart ihre Freude nicht stören wird.« »Der große Jäger El Mestizo ist ein Freund der Indianer und ihnen willkommen!« riefen die wilden Söhne der Wüste durcheinander. Unterdessen redete Mischblut den Gefangenen in englischer Sprache an, da er jedoch diese nicht verstand, wiederholte er die nämlichen Worte auf Spanisch. Cuchillo stieß, als er die Laute seiner Muttersprache vernahm, einen Freudenschrei aus und rief: »O, retten Sie mich von dem gräßlichen Tode, der meiner wartet, Señor, und ich verhelfe Ihnen zu soviel Gold, daß Sie ein Königreich dafür kaufen können.« In den unheimlich funkelnden Augen Mischbluts leuchtete eine habgierige Freude auf, und nachdem er Cuchillo einige Augenblicke angestarrt hatte, trat er dicht an ihn heran und flüsterte: »Sprecht Ihr die Wahrheit oder wollt Ihr nur Zeit zu Eurer Rettung gewinnen?« »Ich schwöre Ihnen, Señor,« fuhr Cuchillo, die Hände ringend fort, »daß Alles, was ich Ihnen gesagt, ebenso wahr ist, als daß ich hier einen gräßlichen Tod sterben muß, wenn Ihre Dazwischenkunft mich nicht zu retten vermag. Befreien Sie mich aus den Händen dieser rothen Teufel und folgen Sie mir; nehmen Sie zehn, zwanzig, dreißig Krieger mit, ganz wie es Ihnen beliebt, und wenn ich Sie nicht bis zum Tagesanbruch zu dem reichsten Goldlager dieser Einöden hinführe, so mögen Sie mir die entsetzlichsten Qualen aufbürden.« Mischblut sann einen Augenblick nach, dann flüsterte er Cuchillo zu: »Nun wohl, ich werde versuchen, Euch aus den Händen der Apachen zu befreien. Allein so lieb Euch Euer Leben ist, kein Wort mehr, denn die Indianer dürfen mein Vorhaben nicht ahnen. Still! Man hört uns zu.« Und in der That schloß sich der Kreis der Apachen, die vor Verlangen brannten, ihr Fest endlich zu beginnen, immer enger und ihr dumpfes Gemurmel weissagte nichts Gutes. Mischblut fuhr jetzt mit lauter Stimme, und zwar in indianischer Sprache fort: »Ich werde den Ohren des Häuptlings die Worte des Bleichgesichts überbringen.« Dann wandte er sich den Apachen zu und rief mit drohender Stimme und einem gebieterischen Blicke, der die Verwegensten zurückbeben machte: »Wage es Keiner, den Gefangenen anzurühren, bevor Mischblut mit dem Häuptling gesprochen hat.« Die Unterredung zwischen dem Mestizen und dem Häuptling zog sich jedoch in eine bedenkliche Länge. Der Schwarzvogel schien eine gänzlich andere Ansicht zu haben, Mischblut deutete auf die Kette der Nebelberge und begann heftig zu gesticuliren; trotz alledem blieb der Häuptling noch immer unentschlossen und von Neuem erbebte Cuchillo, als er jetzt den Mestizen eine träumerische, traurige Miene annehmen sah. Er flüsterte, wie zum Abschied, noch einige Worte in das Ohr des Schwarzvogels und wollte sich offenbar wieder von ihm entfernen, – der Häuptling aber fuhr zusammen, wie Einer, dem man unerwartet den Namen seines erbittertsten Feindes genannt hat. Ueber das Antlitz Mischbluts glitt flüchtig ein hämisches Lächeln und er fuhr nach einer Pause in einem so lauten Tone, daß ein Jeder seine Worte vernehmen konnte, fort: »Was ist dieser furchtsame Hase, den Ihr dort an den Baum gebunden, gegen Brennstrahl, den Indianer mit starkem Herzen und stählernen Muskeln, den ich in Eure Gewalt liefern will, sobald Ihr mir den Hasen da überlaßt? Wenn die Sonne dreimal geleuchtet haben wird, stoßen Mischblut und sein Vater Rothhand mit dem Schwarzvogel wieder zusammen, und zwar am Büffelsee, wo der Coloradostrom sich mit dem Gila vereinigt. Daselbst werden die Apachen auch Pferde erbeuten, welche die weißen Jäger für sie gefangen haben, und dort befindet sich auch der, welcher ...« Der Schwarzvogel ließ seine Hand in die Mischbluts fallen und somit war der Handel abgeschlossen. Einen schadenfrohen Blick auf die in ihren Erwartungen getäuschten Apachen sendend, schritt der Mestize auf Cuchillo zu und löste mit wenigen Messerstichen seine Fesseln. Ohne auf die halb wahnsinnigen Danksagungen des Abenteurers zu hören, führte er ihn bei Seite und flüsterte in drohendem, hochmüthigem Tone: »Ich will hoffen, daß Ihr mich nicht getäuscht habt. Unser Weg geht jetzt nach den Nebelbergen. Ein Kamerad erwartet mich da unten und ich werde noch elf apachische Krieger mitnehmen.« »Das ist eine sehr kleine Zahl,« sagte Cuchillo, zusammenschreckend, »denn der Schatz wird von zwei Männern bewacht, deren Büchsen nie ihr Ziel verfehlen.« Mit einem Lächeln unsäglichen Stolzes erwiderte der Mestize, indem er auf seine schwere Büchse deutete: »Rothhand und ich haben noch nie vergebens nach einem Feinde gezielt, denn ihr Auge ist schärfer, als das des Falken und ihre Hand so sicher, wie der Lauf der Sonne.« Während dieses kurzen Gesprächs hatten sich die Indianer marschbereit gemacht. Sie theilten sich in drei Parthien. Mit der Hauptmacht wandte sich der Schwarzvogel, trotz seines verwundeten Armes, dem Büffelsee zu; die Antilope brach mit zehn Kriegern nach der Stelle des Flusses auf, wo dieser sich gabelförmig theilt, um daselbst die Spur der drei Jäger zu suchen; während der Mestize mit Cuchillo und zwölf Apachen den nach dem Goldthale führenden Weg verfolgte. Cuchillo war an der Seite Mischbluts, der ihn keine Secunde aus dem Auge ließ, etwa eine Stunde gewandert, als ein ganz sonderbarer, wüst aussehender Gesell zu ihnen stieß. Es war ein großer, magerer, weißbärtiger Greis, in dessen eckigem, backsteinrothem Gesicht zwei starre Augen glänzten und eine Adlernase thronte. Das lange, weiße Haupthaar, welches dereinst roth gewesen, war nach rückwärts in einen Büschel zusammengekämmt und wurde durch einen Riemen von Fischotterfell festgehalten. Seine Kleidung ähnelte jener Mischbluts auf ein Haar, und der aufmerksame Leser wird bereits errathen haben, daß der Fremde der Vater des Mestizen war. Mit einem mitleidlosen Herzen, einer teuflischen Grausamkeit und einem tollkühnen Muthe verbanden diese beiden Wüstenräuber den Vortheil, daß sie nicht nur der englischen, französischen und spanischen Sprache mächtig waren, sondern auch die an den Grenzen üblichen Dialekte kannten. Nachdem wir nunmehr die Bekanntschaft dieser beiden Biedermänner gemacht, kehren wir zu unseren drei Freunden zurück, welche wir verlassen haben, als Diaz' Warnungsruf in der Ferne verhallte. Achtes Kapitel. Hüben und drüben. Rosenholz und Fabian waren eifrig beschäftigt, die am Abend angefangenen Verschanzungen zu vervollständigen. Josef dagegen steckte verdrossen die Hände in die Taschen, pfiff einen martialischen Marsch und machte seinem innern Groll endlich durch die Worte Luft: »Na, hab' ich nicht recht gehabt, als ich warnte, die Nacht hier zuzubringen? Nun sitzen wir schön in der Patsche.« »Ei, was!« entgegnete Fabian mit männlicher Entschlossenheit, »ist das Leben in der Savane nicht eine ununterbrochene Reihe von Kämpfen? Jedenfalls kann es uns gleichgültig sein, ob wir uns hier oder anderswo herumschlagen.« »So würde ich sprechen, wenn Josef und ich allein wären,« meinte Rosenholz traurig, »jetzt aber bangt mir Deinetwegen, mein Herzenskind. Ich hatte bereits einen ganz schönen Plan für die Zukunft entworfen, und nun müssen uns die verwünschten Apachen an der Ausführung hindern. Der Teufel soll sie stückweise holen!« »Und darf ich den Plan meines väterlichen Freundes nicht wissen?« fragte Fabian, indem er sich zärtlich an die Schultern des alten Jägers schmiegte. Der Canadier seufzte und begann von Neuem: »Ohne gerade auf das Leben in der Savane zu verzichten, wollte ich doch dieses einsame Umherschweifen aufgeben, das jede Gefahr verdoppelt und verdreifacht. Mit einem Wort, ich beabsichtigte, mit Euch bei den Trappern (amerikanischer Name für Biberfänger und Pelzjäger, abgeleitet von dem englischen Trap , Falle, also eigentlich Fallensteller) im Oregon-Gebiete Dienste zu nehmen. Man ist dort gleichfalls von den Städten weit entfernt, hat aber doch immer wenigstens hundert Kameraden bei sich und kaum ernstliche Gefahren zu befürchten, sobald man nur unter einem tüchtigen und wachsamen Führer dient, wie es deren in den westlichen Staaten so viele giebt.« Josef hatte seinen Marsch zu Ende gepfiffen und sagte: »Ich fürchte, daß dieser Ort hier zur Vertheidigung sich nicht recht eignen wird, zum wenigsten kann man uns von der Seite aus, wo der Wasserfall herabstürzt, leicht in Schach halten und auf uns schießen, wie nach einer Scheibe.« »Du hast leider recht,« entgegnete Rosenholz und krauste sich nachdenklich hinter dem Ohr. »Wie aber läßt sich dem Mißstande abhelfen?« »Vielleicht kann meine schwere wollene Decke uns nutzbringend sein,« erwiderte Josef, »und wenn Don Fabian die seinige herzugeben gleichfalls willens ist, so kann uns keine Kugel hinter dieser wollenen Verschanzung treffen.« »Das ist ein vortrefflicher Gedanke,« riefen Fabian und Rosenholz zugleich. Und augenblicklich wurden die beiden oberen Enden der beiden Decken in Manneshöhe an den Stamm der beiden Tannen festgeknüpft, welche die Plattform beherrschten. »So,« sagte Josef befriedigt und rieb sich schmunzelnd die Hände, »von dieser Seite haben wir jetzt gleichfalls nichts zu befürchten und wir können nun den Feind getrost erwarten.« »Wer weiß,« meinte der Canadier, »ob sie uns überhaupt anzugreifen willens sind. Vielleicht hat Cuchillo nur deshalb ein Bündniß geschlossen, um gefahrlos den Schatz heben zu können.« »Möglich,« erwiderte Josef lakonisch, »indessen dürsten die Indianer mehr nach Blut, als nach Gold.« Josef lugte vorsichtig durch die Oeffnungen der Steinspalten nach der Ebene hinab, auf welche soeben das erste fahle Licht der Morgendämmerung fiel. »Auf der Ebene rührt sich nichts,« berichtete er endlich. »Die Wölfe dagegen heulen noch immer, wie Ihr mit Euren Ohren vernehmen könnt, um die blutige Stelle da unten, ohne daß sie sich ihr zu nahm wagten.« »Dann wette ich,« versetzte Rosenholz, »daß zwei oder drei Indianer hinter den Steinen der Ebene, versteckt sind.« Josef lugte noch einmal vorsichtig hinaus und sagte: »Meiner Seel', Du hast recht, ich sehe die rothen Teufel auf dem Bauche liegen. Gnade Gott diesem Schlingel von Cuchillo, der uns die Apachen auf den Hals gehetzt hat, seine Stunde hat geschlagen, sobald es zwischen uns und den Rothhäuten zu Feindseligkeiten kommt.« »Es wird nicht dazu kommen,« murmelte Rosenholz, »sicherlich wollen sie nur den Schatz und nicht unser Leben.« »Ei sieh',« höhnte Josef, »Deine auf langjährige Erfahrung gestützte Ansicht über die Indianer hat sich ja urplötzlich geändert!« »Laß den Spott,« gab der Canadier zurück und flüsterte sodann dem Gefährten in's Ohr: »Du weißt recht gut, daß ich um meines lieben Kindes Sicherheit besorgt bin und nur deshalb so närrisches Zeug schwatze, an das ich selbst nicht glaube. Caramba!« fügte er mit wilder Entschlossenheit hinzu, »die rothen Teufel sollen sich vor mir in Acht nehmen, wie vor dem Löwen, wenn man ihm sein Junges rauben will.« Es trat jetzt eine lange Pause des Schweigens ein, welche wir benutzen wollen, um über die Pläne Cuchillos und der beiden Wüstenräuber in's Reine zu kommen. Cuchillos Versprechen, den Mestizen in das Goldthal zu führen und ihm die Reichthümer zu überliefern, war anfänglich ein durchaus ehrliches gewesen und die Freude des Gambusino über seine erfolgte Rettung von dem gräßlichen Martertode so unbegrenzt, daß er in diesem Augenblicke seine Seligkeit hingegeben hätte, nur um sich dankbar zu erweisen. Nach und nach verflog indessen der Freudenrausch und die seinem Herzen innewohnende Habsucht gab ihm einen anderen Entschluß ein; er gedachte den Mestizen zu täuschen, indem er ihm den wahren Ort, wo die Goldkiesel aufgespeichert lagen, verheimlichte und dafür den Gipfel der Felspyramide als Schatzkammer ausgab. Er versicherte dem Mestizen, daß die drei Jäger, welche dort oben hausten, Haufen von Gold in dem Grabe des indianischen Häuptlings verborgen hielten, und Mischblut, von dem unmäßigsten Golddurst erfüllt, schenkte den Worten Cuchillos vollkommen Glauben. Trotz alledem fühlte der schurkische Gambusino recht wohl, daß er sich durch diese Täuschung großen Gefahren aussetze, und sein ganzes Dichten und Trachten lief jetzt darauf hinaus, welche List er anzuwenden habe, um das Goldthal mit seinen Schätzen den habgierigen Blicken Mischbluts zu entziehen. Er sann noch darüber nach, als Rothhand, der Vater des Mestizen, zu der Abtheilung stieß. Die Bande hatte für eine kurze Zeit Halt gemacht, um sich in einem kleinen Gehölze von Steineichen auszuruhen, und der Zufall wollte, daß sich Diaz gleichfalls dort befand, glücklicherweise aber gedeckt von einem kleinen Gebüsch. Er war zu diesem Aufenthalte gezwungen morden, da sein Pferd in dem Gefecht mit den Apachen eine Fleischwunde erhalten hatte, und obgleich dieselbe nicht sehr bedeutend war, so hielt er es dennoch für seine Pflicht, dem Thiere einen Augenblick der Ruhe zu gönnen. Rothhand und Mischblut hatten sich bis an das Gebüsch zurückgezogen, und so kam es, daß Diaz jedes Wort ihres Gespräches vernahm. Aus dem Gehörten errieth er, daß der Mestize im Sinne habe, die Tochter des Hacendero Pena, welche zur Zeit mit ihrem Vater am Büffelsee verweilte, zu entführen, um ein beträchtliches Lösegeld einzuheimsen. Diese Heldenthat wollte Mischblut jedoch erst dann ausführen, nachdem er die drei Jäger im Goldthale bezwungen hatte. Die Folge war, daß Diaz hastig sein Pferd bestieg und vorsichtig die Richtung nach dem Goldthale einschlug, um den Canadier mit seinen beiden Freunden zu warnen; dann war er willens, zum Büffelsee hinabzureiten und Don Augustin die Gefahr, welche Rosarita drohete, zu verkünden. Nach kurzer Rast setzten die beiden Wüstenräuber mit Cuchillo und den Apachen ihren Weg nach den Nebelbergen weiter fort und langten nach einem fast dreistündigen Ritte an ihrem Ziele an. Cuchillo hütete sich wohl, seine kleine Schaar dem Goldthale zuzuführen, vielmehr hielt er sich auf der anderen Seite des Bergstroms, um hier einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er entwischen konnte. Während alle einen schmalen Felspfad emporklimmten, äußerte Cuchillo zu dem Mestizen: »Von der Höhe dieser Berge herab beherrschen wir den Felskegel, auf dem die Jäger das Gold vergraben haben, das ich Ihnen, Senor, als Lösegeld versprach.« »Nur hütet Euch,« rief der alte Rothhand mit drohender Miene, »uns hinter das Licht zu führen, denn, beim Teufel! Ihr würdet keinen Fetzen Haut auf dem Leibe behalten.« »Ihr Argwohn thut mir weh,« gab Cuchillo mit einem leichten Schauder zurück, »urtheilen Sie doch selbst, ob die Leute da drüben auf dem Felskegel von einer anderen Seite her, als dieser hier, anzugreifen sind.« »Ihr habt recht,« pflichtete Mischblut bei, »wenn der Tag anbricht und die Nebel verscheucht, so werden wir, gleich dem Adler, über unserer Beute schweben.« Einer der Apachen, welcher noch in der Ebene zurückgeblieben war und sorgfältig den Spuren nachforschte, welche sich hier und dort im Sande zeigten, stieß plötzlich einen Schrei aus und rief zwei seiner Gefährten heran. »Was ist das für eine Spur?« fragte er, mit blitzenden Augen auf den Boden deutend. »Die des Adlers der Schneeberge,« antworteten die beiden Apachen wie aus einem Munde. »Und diese hier?« »Die des Spottvogels und des jungen Kriegers aus Mittag.« Rosenholz und seine beiden Gefährten waren erkannt und mit großer Befriedigung eilte der Apache Mischblut nach und sagte zu ihm: »El Mestizo sehnt sich nach den glänzenden Steinen und der rothe Mann wird sie ihm erobern helfen, obgleich er den blitzenden Gott der Bleichgesichter verachtet. El Mestizo wird dagegen auch für seine rothen Brüder kämpfen, denn das Blut unserer Krieger, die am Gila fielen, schreit um Rache. Ihre Mörder aber Hausen da oben auf dem Felskegel und wir müssen ihre Scalpe haben. Nur unter dieser Bedingung werden sich die Apachen schlagen.« »Sonst nichts?« antwortete Mischblut mit einem verächtlichen Lächeln. »Nun, wohlan, dieser kindliche Wunsch soll den apachischen Kriegern gewährt sein.« Nach einer kurzen Berathschlagung trennten sich die Indianer; die eine Abtheilung setzte über den Fluß und zerstreute sich hinter der Ebene, um die Jäger zu überfallen, falls diese ihr Heil in der Flucht suchen sollten; die übrige Anzahl der Apachen klomm mit Rothhand und Mischblut unter Cuchillos Führung den steilen Fels empor und erreichte nach kurzer Zeit die vorspringenden Klippen. »Wir befinden uns jetzt der Pyramide gegenüber,« äußerte Cuchillo. Allein so sehr die beiden Wüstenräuber und die Apachen sich auch anstrengten, den Zufluchtsort der drei Jäger zu entdecken, so vermochten ihre Augen doch nicht den dichten Nebelvorhang zu durchdringen, welcher sich vor den Gipfel der Pyramide gelegt. »Der Nebel, der diese Berge einhüllt, zerstreut sich nie, selbst nicht am Tage,« sagte Rothhand in englischer Sprache zu seinem Sohne, »und da diese Hunde von Indianern nun einmal die Scalpe der drei weißen Männer haben wollen, so müssen wir zum Angriffspunkt uns einen andern Ort aussuchen.« Mischblut sann einige Augenblicke nach, dann sagte er: »Ich werde mich einmal auf die Suche begeben, habe unterdeß ein wachsames Auge auf diesen Schlingel.« Damit deutete er auf Cuchillo. Rothhand nickte stumm und der Sohn klomm weiter bergan, mitten in die Felsen hinein. Dieses kurze Gespräch war, wie wir bereits gesagt, in englischer Sprache geführt worden, welche die Muttersprache Rothhands war, der aus Illinois stammte, wegen schwerer Verbrechen aber hatte flüchtig werden müssen und der Savane die zweifelhafte Ehre erwies, zu seiner Zufluchtsstätte zu dienen. Cuchillo, welcher, gleich den Apachen, das Gespräch zwischen Vater und Sohn nicht verstanden hatte, blickte dem enteilenden Mestizen verwundert nach. Der alte Rothhand bemerkte dies, ließ seine schwere Hand auf des Gambusino Schulter fallen und sagte in schlechtem Spanisch: »Mischblut wird sicherlich einen günstigeren Ort als diesen hier finden, um uns das Gold zu verschaffen, das Ihr da entdeckt habt. Inzwischen wollen mir nicht müßig sein, und hier ein Feuer anzünden, dann werden die drei Füchse, denen mir nachstellen, glauben, hier oben lagere eine zweite Abtheilung, die sie bewacht.« Ohne den Mexikaner, dem er nicht traute, aus dem Gesicht zu verlieren, entfernte sich Rothhand und ertheilte Befehl, an einer günstig gelegenen Stelle ein Feuer anzuzünden. Bald loderten die Flammen auf und leuchteten, gleich einem rosenfarbenen Stern, durch den Nebel hindurch. »Ah,« rief in demselben Augenblicke drüben auf dem Felskegel eine Stimme, an deren Rauhheit wir den Canadier erkennen, »die Spitzbuben wollen ihre Anwesenheit nicht länger mehr verbergen; zum wenigsten deuten sie es uns durch das Feuer an.« »Ich habe schon lange nicht mehr an ihrer Anwesenheit gezweifelt,« meinte Josef in verächtlichem Tone, »indessen kümmern mich die Schlingel, die uns dort gegenüber hocken, nicht so viel, zumal unsere wollene Verschanzung gegen ihre Pfeile und Kugeln hinreichenden Schutz bietet. Dagegen sind die da unten in der Ebene beharrliche Spitzbuben, die sich nur ganz allmälig nähern.« Bei diesen Worten richtete Josef seinen Büchsenlauf auf einen der großen Steine, die in der Ebene zerstreut herumlagen, und zeigte Rosenholz zwei schwarze, regungslose Körper, die an indianische Götzenbilder erinnerten. »'s ist doch sonderbar,« meinte Rosenholz, »daß die Rothhäute so gern mit uns Versteckens spielen.« »Soll ich ihnen einmal ein freundliches Guckguck zurufen,« bemerkte Josef, »um ihnen zu zeigen, daß mir sie entdeckt haben?« »Schweige lieber still,« antwortete Rosenholz, »denn Du hast eine böse Zunge, ganz besonders einem Indianer gegenüber.« »Du thust mir Unrecht,« sagte Josef mit einem schalkhaften Blick, und mit einer außerordentlich sanften, aber sehr vernehmbaren Stimme rief er in die Ebene hinab: »Vor einer Stunde sah das Auge eines weißen Kriegers nur das Aas eines todten Pferdes in der Ebene, jetzt sieht er deren drei; das sind zwei zu viel.« Diese versöhnlichen Worte unseres humoristischen Freundes brachten auf die beiden apachischen Krieger die Wirkung hervor, als wäre soeben ein Pfeil in ihren Leib gedrungen; sie sprangen plötzlich auf die Beine, richteten sich kerzengerade empor, stießen ein wildes Geheul aus und verschwanden blitzschnell hinter der Felsenkette. »Hahaha, mit Weihwasser besprengte Teufel!« lachte Josef, wahrend er sich den Leib hielt. Und Rosenholz stimmte ein, denn der Anblick der von ihm verabscheuten Feinde brachte sein Blut in Wallung und verlieh ihm den Muth wieder, den nur seine liebevolle Sorge um Fabian zurückzudrängen vermochte. »Hurrah!« schrie der entzückte Josef, mit seinen beiden Armen den Canadier umfassend, »endlich finde ich meinen alten Waldläufer wieder; so ist's recht, zeigen wir den verwünschten Rothhäuten, wer wir sind. Wir haben freilich weder Pauken noch Trompeten, daher laßt uns, wie ehedem, unser Kriegsgeschrei ausstoßen, und ich hoffe, Don Fabian, daß Ihre Stimme den unsrigen secundiren wird.« Der Jüngling nickte zustimmend und dann stießen diese drei kühnen Männer, jeder die Hand in die seines Freundes gelegt, ihren Kriegsruf aus, der, von den Echo's der Berge kraftvoll weiter getragen, den Apachen verkündete, daß da oben auf dem Felskegel drei tapfere, ritterliche Herzen furchtlos und kühn dem nahen Kampfe entgegen schlügen. Ein wildes Geheul von Seiten der Apachen bildete die Antwort, und bald hüllte sich die Einöde wiederum in ihr düsteres Schweigen. Der Tag brach an und allmählig zerstreuten sich nun auch die Nebel, welche im Thale und um die Felsengipfel lagerten. Unsere drei Freunde mußten jetzt jeden Augenblick auf einen Angriff gefaßt sein und trafen daher ihre letzten Vorbereitungen. »Siegen oder Sterben, heißt es jetzt,« rief Josef, während er auf die Pfanne seiner Büchse trockenes Pulver schüttete, »Du weißt so gut, wie ich, Rosenholz, daß es gefährlicher ist, mit diesem Gesindel zu unterhandeln, als einen offenen Kampf auszufechten. Ich möchte darauf meine Hand in's Feuer legen, daß uns die Hunde, wennschon sie uns einen freien Abzug gestatteten, nachsetzen, in der Ebene umringen, ermorden und scalpiren würden.« »Ich bin ganz Deiner Meinung, Josef, und es macht mir auch Spaß, eine Rothhaut nach der andern mit meiner guten Kentucky-Büchse wegzuputzen, denn – Gott vergib mir die Sünde – das Gewürm ist in meinen Augen nichts anderes, als Ungeziefer, das man vertilgen muß.« »Wenn es nur um unseren Mundvorrath nicht gar so schlecht stünde,« seufzte Josef und schloß die Augen, um sich im Geiste eine vollbesetzte Tafel vorzustellen, auf welcher alle seine Lieblingsspeisen vertreten waren, »ich wollte dann herzlich gern volle vier Wochen hier campiren und den Apachen eine lange Nase drehen, allein Hunger thut weh und richtet jegliche Ausdauer zu Grunde.« »Ei nun, wenn die Lebensmittel uns ausgehen, so machen wir einen Ausfall,« meinte der Canadier, »ehe es aber dahin kommt, werden wir die Reihen der Indianer so gelichtet haben, daß es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn es uns nicht gelänge, durchzubrechen.« »Aber Gayferos,« rief Fabian, »was wird aus ihm werden?« »Wir stehen Alle in der Hand Gottes,« entgegnete Rosenholz, »und die Noth zwingt uns, zuvörderst nur an uns zu denken. Ich fürchte, daß es einen Kampf auf Leben und Tod geben wird, namentlich wenn sich unter den Indianern ein Freund des Schwarzvogels befindet. An dem Ufer des Rio Gila haben die Apachen viel Blut lassen müssen und werden nicht ruhen, als bis es von ihnen gerächt worden ist. Wir dürfen daher keine Vorsichtsmaßregel vernachlässigen.« »Wollen gleich Alles besorgen,« brummte Josef und legte sein gefülltes Pulverhorn hinter den aufgehängten Decken auf die Erde nieder, damit ja keine Kugel dieses kostbare Vertheidigungsmittel beschädigen könne. Rosenholz und Fabian thaten das nämliche und fügten noch die Ledertasche mit Kugeln und den geringen Vorrath von Nahrungsmitteln hinzu. Zu guter letzt bedeckten sie alle Gegenstände mit Steinen, um sie noch mehr vor den feindlichen Kugeln zu schützen. Nachdem dies geschehen, legten sich Rosenholz und Fabian hinter die aufgerichteten breiten Steine, mit der Büchse in der Hand unausgesetzt die gegenüberliegenden Felsen beobachtend; Josef dagegen hatte hinter den Stämmen der beiden Tannen Posto gefaßt. Die Gegner gingen indessen noch immer nicht zum Angriff über und unsere Freunde bemerkten nur eine beständige Bewegung der Gebüsche, welche die ihnen gegenüberliegende Felsgruppe umsäumten. Dies deutete darauf hin, daß die Angreifer gleichfalls bemüht waren, ihren Standpunkt zu befestigen, ehe sie die Feindseligkeiten eröffneten. Der Leser wird errathen haben, daß Mischblut es gewesen war, welcher den gegenüberliegenden Felsen als den vorteilhaftesten Posten erkannt hatte, obgleich er weniger hoch als die Pyramide war. Da aber das Goldthal am Fuße dieses Felsens lag, war Cuchillo mit Zittern und Jagen dem Mestizen dahin gefolgt. Wie groß war indessen sein Erstaunen, als er durch eine unbekannte Hand die blitzenden Goldkiesel den habgierigen Blicken Mischbluts entrückt sah! Ein neuer listiger Plan tauchte in ihm auf; er wollte nämlich, sobald die Nacht angebrochen, einen Theil der im Goldthale verborgenen Reichthümer heraufholen und es dem Mestizen als das versprochene Lösegeld einhändigen, ohne ihm das Vorhandensein der fast unerschöpflichen Quelle zu verrathen. Während dieser Gedanke in dem Gambusino aufstieg, sahen Rothhand und Mischblut mit verächtlicher Ungeduld den langsamen Vorbereitungen zu, welche die Apachen für den bevorstehenden Kampf trafen; und als sich die rothen Krieger endlich hinreichend hinter aufgeworfenen Reisbündeln und dichtem Gebüsch verschanzt hatten, stieß Mischblut mit einem Fluche den Büchsenkolben auf den Boden und fragte mürrisch: »Was soll nun geschehen?« »Der Schwarzvogel will die weißen Krieger vom Gilaflusse lebendig in seine Hände bekommen,« antwortete einer der Apachen, welcher unter dem Namen »die Gemse« eine gewisse Berühmtheit genoß. »Der Wunsch eines Häuptlings ist Gesetz für seine Krieger.« »Nun wohl,« entgegnete der Mestize zähneknirschend, »Rothhand und Mischblut werden den Apachen die drei Weißgesichter lebendig überliefern, dann aber wird der Mexikaner sein Versprechen halten und uns an die Stelle führen, wo das Gold verscharrt ist, sonst, –« fügte er mit einem bösen Seitenblicke auf Cuchillo hinzu, »soll seine Lederhaut in Tausende von Streifen geschnitten werden. Ihr wollt also,« wandte er sich wiederum an die Apachen, »dem Schwarzvogel die drei Weißen lebendig überliefern? Ist denn die Gemse entschlossen, ihr Leben und das der rothen Brüder zu opfern, um sich der drei Jäger zu bemächtigen?« »Die Gemse ist bereit, ihr Dorf nicht wieder zu sehen, sobald nur drei ihrer Brüder übrig bleiben, um die gefangenen Bleichgesichter nach der Hütte des Schwarzvogels zu führen.« »Gut,« sagte der Mestize, und indem er einen neuen Zornesblick auf Cuchillo warf, fragte er diesen: »Und welche Rolle willst Du, Schelm, spielen, um Dein Versprechen zu halten?« Cuchillo war um eine Antwort sehr verlegen, suchte sich aber so viel wie möglich zu fassen, zumal er wußte, daß sein Leben für die beiden Wüstenräuber wenigstens solange von Werth sei, bis er ihnen das Lösegeld bezahlt habe. Er entgegnete daher nach kurzer Pause: »Señor sollten berücksichtigen, daß ich, der ich nur allein weiß, wo der Schatz ruht, mein Leben nicht leichtsinnig auf's Spiel setzen darf.« »Dann bleibe hinter diesem Felsen,« versetzte Mischblut; drehte ihm verächtlich den Rücken und knüpfte mit seinem Vater ein neues Gespräch an, das sich darum drehte, wie es anzufangen sei, um die Jäger auf der Felspyramide möglichst bald zur Uebergabe zu zwingen. »Ich bin fest überzeugt, daß sie sich ergeben werden, wenn wir ihnen das Leben versprechen,« meinte der Mestize. Rothhand stieß ein höhnisches Lachen aus und sagte: »Wahrlich, wir werden den Gesellen unser Wort auch halten, da wir sie ja den Indianern lebendig ausliefern müssen.« Nach diesen Worten erstiegen Vater und Sohn die Hälfte der Anhöhe und streckten, ohne sich selbst zu zeigen, die Hand über die Gebüsche empor. »Hollah ... aufgepaßt!« rief Josef, der, wie wir wissen, hinter den beiden Tannen knieete, »ich sehe da zwei Hände über das Gebüsch hinausragen, wahrscheinlich sollen jetzt die Unterhandlungen beginnen. Aber – was ist denn das? Die Hände halten ja nicht die Friedenspfeife ... Und das Kleid, welches die Arme bedeckt, gleicht nicht dem der Apachen... mit wem haben wir es denn zu thun?« Eine rauhe Stimme unterbrach jetzt Josef und fragte herüber: »Welcher von Euch ist derjenige, den die Indianer den Adler der Schneeberge nennen?« »Alle Donner und Teufel,« rief Rosenholz überrascht, »die Spitzbuben sprechen ja englisch.« Da die Antwort ausblieb, so fuhr die Stimme in französischer Sprache fort: »Vielleicht versteht der Adler der Schneeberge nur die Laute, welche in Canada erklingen?« »Das ist schlimmer, als ich dachte,« flüsterte Rosenholz Josef zu, »mir haben es da mit einem Abtrünnigen zu thun, der seine christliche Abkunft verleugnet und mit den heidnischen Wilden gemeinsame Sache macht.« »Möge die Hölle diesen Spitzbuben verschlingen,« polterte Josef, »denn diese Art von Gesindel ist der Auswurf der Menschheit.« »Was will man von dem Adler?« gab jetzt Rosenholz in französischer Sprache zurück, indem er sich des Namens jetzt erinnerte, mit welchem ihn der Schwarzvogel beehrte. »Er zeige sich, oder höre, wenn er zu große Furcht hat.« »Und wer steht mir dafür, daß hinter dieser Aufforderung nicht eine Schurkerei steckt?« »Wir werden uns zuerst zeigen,« antwortete die Stimme und aus dem Gesträuch des gegenüberliegenden Felsens tauchten zwei Gestalten auf, bei deren Anblick der Canadier verstummte. Er hatte in ihnen zwei Männer erkannt, deren blutiger, furchtbarer Ruf nicht allein bis zu seinem Ohr gedrungen, sondern mit denen er bereits einmal zusammengetroffen war, und zwar in einer für den Canadier sehr verhängnißvollen Weise.« »Rothhand und Mischblut!« raunte der erbebende graue Jäger dem langjährigen Gefährten zu. »Zeig' Dich nicht,« rief Josef, »die Hunde haben ja doch nur irgend eine Schurkerei im Sinne.« »Ich werde mich aber zeigen,« entgegnete Rosenholz fest. »Sollen diese doppelzüngigen Teufel mir nachsagen können, daß ich vor ihnen Furcht gehabt? Richte Du nur Dein Augenmerk auf die Gebüsche da drüben und beobachte jede Bewegung der Schurken.« Und gerade und fest, wie der Stamm einer Eiche, erhob sich der Canadier in seiner ganzen riesigen Gestalt über das Stein-Bollwerk. »Was will man von dem Adler der Schneeberge?« begann Rosenholz und sein klarer, ruhiger Blick zeigte, daß die Furcht seinem Wesen fremd sei. »Haha,« entgegnete der Räuber aus Illinois mit einem häßlichen Lächeln, »trügt mich mein Gedächtniß nicht, so haben wir uns schon einmal gesehen.« »Ganz recht,« erwiderte Rosenholz, »und zwar im Osten, 'nicht weit von der texanischen Grenze, wo die Wüstenräuber Mischblut und Rothhand einen reisenden Handelsmann überfielen.« »Richtig,« höhnte Rothhand, »und erinnere ich mich recht, so hätte der canadische Waldläufer sein Haupthaar nicht behalten, wenn ...« »Wenn nicht ein tüchtiger Schlag mit dem Flintenkolben, dessen sich Euer Schädel und vortreffliches Gedächtniß sicherlich noch erinnern wird, den Canadier aus Euren Krallen befreit hätte,« vollendete Josef, sich jetzt ebenfalls über die Brustwehr erhebend. »Ah,« riefen die beiden Gesellen überrascht aus, »Ihr seid auch da?« »Wie Ihr seht,« antwortete Josef kaltblütig, obgleich seine Augen Funken sprühten. »Meine indianischen Brüder haben recht gethan, Euch mit dem Namen des Spottvogels zu beehren.« Josef, in dessen Brust es kochte, warf einen wüthenden Blick auf den Mestizen und hatte schon eine beißende Antwort bereit, als Rosenholz ihm zuvorkam und hinüber rief: »Ich glaubte, Worte des Friedens zu hören, nicht aber alberne Heucheleien. Was wollt Ihr? Sagt's kurz!« »Nun, kurz und gut,« erwiderte der Mestize, »Ihr tretet auf einem reichen Schatze herum, seid aber nur drei Mann, während wir dagegen zum mindesten sechsmal so stark sind. Den Schatz müssen mir haben, das ist's, was mir wollen.« In dem Antlitz des alten Jägers begann es zu wetterleuchten, und das glühende Verlangen, die Unverschämtheit der beiden Banditen zu züchtigen, trat in seinen Blicken klar zu Tage. »Und unter welcher Bedingung wollt Ihr den Schatz haben?« fragte er endlich, nur mit unsäglicher Mühe seinen Zorn niederdämpfend. »Unter der Bedingung, daß Ihr Drei Euch sofort aus dem Staube macht.« »Mit Waffen und Gepäck?« »Mit Gepäck, aber ohne Waffen,« antwortete der Mestize. »Soll ich dem miserablen Kerl nicht Eines auf den Pelz brennen?« murmelte Josef, welcher den schurkischen Hinterhalt Mischbluts errieth. »Wollen erst sehen, wie weit die Gemeinheit dieses Burschen geht,« gab Rosenholz zurück, dann wandte er sich wieder an den Mestizen und fragte: »Sind die Schätze, die wir Euch überlassen würden, nicht genug? Wozu sollen Euch unsere drei Büchsen nützen?« »Dazu, daß Ihr nicht mehr im Stande seid, uns zu schaden.« »Das nenne ich keine Antwort,« meinte Rosenholz achselzuckend. »Sprecht frei und offen, wie es einem furchtlosen Krieger geziemt.« Mischblut zögerte mit der Antwort, denn obgleich er gewiß war, seinen Zweck zu erreichen, wünschte er doch Zeit zu ersparen, um auch seinen zweiten Streich am Büffelsee ausführen zu können. Außerdem gab er sich thörichter Weise der Hoffnung hin, daß die drei Jäger das unsichere Loos der Gefangenschaft dem sicheren Tode vorziehen würden, und so gab er denn endlich zur Antwort: »Nun denn, es lebt ein gewisser Schwarzvogel, dessen Krieger mich begleiten. Er will Euch durchaus in seiner Gewalt haben und, meiner Treue, ich habe Euch ihm versprochen.« »Ah, ich dachte es mir,« sagte Rosenholz mit einem grimmigen Lächeln. »Und was wird der gute, liebe Schwarzvogel mit uns beginnen?« »Kann mir mein Bruder sagen,« wandte sich Mischblut an die Gemse, »was der Schwarzvogel mit dem Adler der Schneeberge, dem Spottvogel und dem jungen Krieger aus Mittag beginnen wird? ... Mein rother Bruder antworte aber leise,« setzte er flüsternd hinzu. »Dreierlei,« gab der Apache in gedämpftem Tone zurück, »zuerst werden sie die Hunde seiner Hütte sein, dann wird er ihre Scalpe am Feuer trocknen und endlich ihre Herzen seinen Kriegern zu essen geben, denn es sind drei tapfere Männer, deren Muth und Unerschrockenheit das Herz, desjenigen beseelen wird, welcher von dem ihrigen gekostet hat.« »Gut,« sagte der Mestize mit einer Neigung des Kopfes, ich werde die Worte meines rothen Bruders unseren drei Feinden getreulich wiederholen,« und während er sich wieder zu Rosenholz wandte, suchte er seinen wilden, schadenfrohen Zügen durch ein verunglücktes Lächeln einen sanfteren Ausdruck zu geben. »Der große indianische Häuptling,« begann er in englischer Sprache, »verspricht seinen Gefangenen die Freundschaft, die ihm drei tapfere Männer eingeflößt haben. Er verspricht ihnen das beste Wild seiner Jagden, die schönsten Maiskolben und Fluren ...« »Und das ewige Leben, Amen!« platzte Josef heraus, in dessen Kopfe der Dampf des Zornes einen Ausgang suchte. »Himmel und Hölle, Rosenholz, es ist eine Schande, diesen Schurken von Mischling länger anzuhören. Merkst Du denn gar nicht, daß er sich über Deine Rechtschaffenheit lustig macht?« »Was spricht der Spottvogel?« rief der alte Rothhand herüber. »Er sagt,« antwortete Josef in höchster Wuth, »daß er nicht hinter Eurer Güte zurückstehen will und Euch dreierlei verspricht, nämlich dem alten Spitzbuben einen zweiten Kolbenschlag auf seinen Schädel, der diesmal aber besser sitzen soll als der erste; dem jungen Spitzbuben einen Messerstich in die Brust und dessen Lügenzunge den Raben!« »Ha!« schrie der Mestize mit gefletschten Zähnen und schlug, trotz des Versprechens, die drei Jäger lebendig auszuliefern, das Gewehr an, so daß es wahrscheinlich um Rosenholz oder Josef geschehen gewesen wäre, hätte nicht Fabian noch rechtzeitig die Gefahr erkannt und sein Gewehr abgefeuert. Leider hatte die Kugel nur die Schulter des Mestizen gestreift, dennoch wankte er und würde unfehlbar in die Tiefe gestürzt sein, wenn nicht Rothhand ihn aufgefangen und hinter die schützenden Felsen getragen hätte. Auf das in höchster Erbitterung geführte Gespräch folgte jetzt die tiefste Stille, nur der Wasserfall brauste in die gähnende Tiefe hinab und der Wind sang in dem Laubdache der Bäume und Sträucher sein melancholisches Lied. Neuntes Kapitel. Eine Kriegslist Mischbluts. Abermals war ein neuer Tag angebrochen. Noch immer leuchteten angezündete Feuer matt herüber zu den drei Jägern auf der Pyramide, welche sich trotz ihres Heldenmuthes die Gefahren nicht verhehlen konnten, denen sie entgegen gingen. »Wir haben uns schon in so mancher harten Noth befunden,« äußerte der Canadier zu Josef, »und doch hat uns der Herrgott immer siegreich hervorgehen lassen; nächst ihm war unsere Freundschaft der beste Verbündete, den wir gehabt, und diese heilige Flamme wird in unsern Herzen fortlodern, bis der Tod unsere Augen bricht.« Es war ein herzlicher, inniger Händedruck, den die beiden Freunde mit einander austauschten; lag ja doch in den Worten, welche Rosenholz gesprochen, nur die schlichte, reine Wahrheit. Sie kannten die Gefahren des Lebens in der Wüste und mußten, welche verzweifelte Lage jetzt über sie hereingebrochen war; Fabian dagegen mußte noch als ein Neuling betrachtet werden und deshalb wandte der Canadier sich jetzt zu ihm und begann: »Wir stehen vor einem langen und erbitterten Kampfe, mein Kind, denn der Haß eines Feindes wächst, sobald er willens ist, seinen Gegner lebendig in seine Gewalt zu bekommen. Bei der großen Ueberzahl der Apachen dürfen wir nur auf unsere guten Waffen vertrauen und nur dann schießen, wenn wir des Zieles sicher sind. Du bist noch zu hitzig, mein Kind, und die Gefahr berauscht Dich leicht. Darum merke Dir, daß man durch allzu große Tapferkeit ebenso leicht unterliegen kann, als wenn man feige ist; auch vergiß nicht, daß ich alter Mann nur glücklich sein kann, wenn Du mir erhalten bleibst.« »Hier ist meine Hand, Vater,« rief Fabian bewegt, »und das Versprechen, daß ich mein Leben in keinerlei unnöthige Gefahr bringen will.« »So ist's recht, Herzenskind,« erwiderte der alte Jäger und über seine dunkelbraunen Wangen rieselten jene heiligen Perlen, deren sich kein Mensch zu schämen braucht, mag er nun ein Krieger oder ein friedlicher Landmann sein. Und mit diesen Thränen schüttelte der alte Jäger den letzten Rest von Bangen ab und begann muthig der Gefahr in's Antlitz zu sehen, die ihm und seinen beiden Gefährten drohte. »Der Schimmer da oben gefällt mir nicht,« sagte er nach einer kurzen Pause, indem er auf das feindliche Wachtfeuer deutete, »jedenfalls haben die Spitzbuben die Absicht, durch dieses Feuer unsere Aufmerksamkeit von ihrem Hauptangriffspunkt abzulenken. Es ist daher nothwendig, unsere Streitkräfte zu theilen. Ich halte dafür, daß Fabian seinen Posten hier nimmt und das Feuer beobachtet. Sobald Du durch den Nebel hindurch ein Gewehr abblitzen siehst, feuerst Du kühn und ohne zu zittern auf das Licht, was von der Zündpfanne aufsteigt.« Der Jüngling nickte zustimmend und stellte sich mit aufwärts gerichtetem Gewehr hinter der wollenen Verschanzung auf. Die beiden Jäger dagegen wandten sich der entgegengesetzten Seite zu und lagerten sich hinter den flachen Steinen ihrer Verschanzungen. Die unheimliche Stille wurde alsbald durch zwei rasch aufeinander folgende Schüsse unterbrochen; der eine kam von dem gegenüberliegenden Felsgipfel, der zweite rührte von Fabian her, welcher, der erhaltenen Weisung gemäß, auf das drüben aufblitzende Licht gefeuert hatte. Diese Doppelschüsse wiederholten sich mehrere Male, ohne indessen eine andere Wirkung zu haben, als einen Hagel von Rindenstücken und Tannennadeln auf die Köpfe der drei Freunde herabzuschleudern. Aber auch Fabians Kugeln mochten dem Feinde ebenso wenig Schaden zugefügt haben. »Laß mich Deinen Platz einnehmen, Fabian,« sagte Rosenholz, »und krieche jetzt zum Josef hinüber, der wird Dir zeigen, wie Du den Lauf der Flinte halten mußt, um feuern zu können, ohne das Rohr dem Feinde sehen zu lassen.« Sobald Rosenholz seinen neuen Posten eingenommen hatte, schweifte sein scharfes Auge von den gegenüberliegenden Bergabhängen in die Ebene hinab. Er bemerkte, daß auf dem flachen Sandboden einige große Steine aufgerichtet waren, ähnlich jenen, hinter welchen die drei Jäger selbst sich bargen. »Aha,« murmelte er, »hinter diesen vier Platten liegen vier Indianer, um über uns herzufallen, wenn wir an eine Flucht in die Ebene denken sollten.« Auch Josef hatte von seinem Posten aus etwas bemerkt, und zwar ein buntbemaltes Indianergesicht, das durch die Blätter eines der Sträucher lugte, mit denen der gegenüberliegende Fels besetzt war. Sofort krachte aus Josefs Büchse ein Schuß und ein wilder Schrei zeigte, daß die Kugel ihr Ziel nicht verfehlt hatte. »So,« sagte Josef mit großer Gemüthsruhe, »jetzt hätten wir einen Feind weniger.« »Hättest du nur einen der zwei Wüstenräuber getroffen,« seufzte der Canadier, »es wäre dann ein Scheusal weniger auf der Welt, denn so muß man dieses Paar bezeichnen. Habe ich ja doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie beide sich gegenseitig das Leben zu nehmen suchten, wie der Sohn auf der Brust seines Vaters knieete, der ihn um Gnade bat, als er sein Scalpirmesser aus der Scheide zog, um seinem eigenen Vater die Kopfhaut abzulösen, bis endlich noch rechtzeitig ein Indianer herbeieilte und dieses abscheuliche Verbrechen verhinderte.« »Pfui, pfui,« rief Fabian mit einem Schauder, »welche Ungeheuer bringt doch die Wüste hervor!« »Kannst solche Exemplare in den Städten auch finden,« gab der alte Jäger zurück, »berichten ja doch die Zeitungen fast alltäglich schauerliche Thaten, wo ein Sohn den Vater, der Bruder den Bruder oder die Mutter ihr eigenes Kind gemordet hat.« Dem Gespräche folgte eine abermalige Stille und die drei Freunde verharrten unbeweglich auf ihren Posten. Zwei lange Stunden verstrichen, ohne daß sich etwas Bemerkenswerthes ereignete. Die Sonne näherte sich bereits dem Zenith und warf ihre Feuerstrahlen auf die Spitze der Pyramide, während aus der Ebene herauf ein heißer, trockener Wind wehte. Hunger und Durst stellte sich jetzt bei den drei Freunden ein und Josef bemerkte: »Du, Rosenholz, mir wär's recht, wenn wir jetzt nur einen einzigen von den duftenden Braten hätten, die uns nie fehlten, so lange wir oben an den Seeen jagten.« »Ei was,« brummte der Canadier, »in der Savane muß man nun schon einmal vierundzwanzig Stunden lang ohne Speise und Trank aushalten können. Vermagst Du den Hunger nicht zu überwinden, so kaue die Tannennadeln, welche die Kugeln der Indianer heruntergeschlagen haben, und ich gebe Dir mein Wort, daß der bittere Harzgeschmack Dir auf mindestens vierzehn Tage den Appetit verdirbt.« »Schönsten Dank für Deinen guten Rath,« antwortete Josef, »allein ich ziehe ein Stück Rehbraten oder Büffelfleisch vor.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wenn nur die verwünschte Langeweile nicht wäre, und sich wenigstens einmal ein indianischer Braten zeigen wollte. Siehst Du denn gar nichts, Rosenholz?« »Doch,« antwortete der alte Canadier, »ich sehe nicht weniger als vier rothe Schlingel, allein sie ducken sich hinter ihre Steine. Ah,« unterbrach er sich in seiner Rede, »jetzt sehe Einer diese Hunde an!« »Was ist denn?« fragte Josef. »Sie haben Löcher in die Erde gegraben und die Steine auf ihre Schlupfwinkel fallen lassen. Wir wollen uns das merken, und wenn nach Einbruch der Nacht die Füchse ihre Löcher noch nicht verlassen haben, so können wir Beide hinabgehen und das Ungeziefer vertilgen.« »Ich möchte nur wissen,« hub Josef nach einer Pause abermals an, »warum diese rothen Teufel sich gar nicht rühren.« »Vielleicht haben sie vor, unsere Stellung mit Sturm zu nehmen,« meinte Fabian, »und warten, bis die Nacht hereinbricht.« »Halloho!« rief Rosenholz, und in demselben Augenblicke krachten drei Schüsse, zwei rührten vom Feinde her, den dritten dagegen hatte der Canadier abgefeuert. »Glückliche Reise!« rief Josef lachend, als ein von Rosenholz' Kugel getroffener Indianer den steilen Abhang heruntertaumelte und vergebliche Anstrengungen machte, sich an den scharfen Zacken der Felsen festzuhalten, an welche er in seinem Sturze anprallte. Ein deutlich vernehmbares Klatschen, welches von unten herauf tönte, zeigte an, daß der getroffene Indianer in den Fluß gestürzt war. Allein die beiden feindlichen Kugeln hatten gleichfalls Schaden angerichtet, indem sie die wollene Verschanzung herabrissen und in den Abgrund entführten. »Der Teufel hole die Hallunken!« rief Josef ingrimmig. »Jetzt sind wir ihren Kugeln von dieser Seite geradezu preisgegeben, denn die Stämme der Tannen gewähren keinen gar sichern Schutz.« »Halt's Maul, lieber Junge,« flüsterte Rosenholz, der unverwandt den Punkt im Auge behielt, von wo das Feuer noch immer herüberleuchtete. »Ich habe ein neues Wild zu erlegen.« Und in der That glitt einer der Apachen fast unsichtbar durch das Gebüsch, wahrscheinlich um zu sehen, was aus seinem von der Kugel des Canadiers getroffenen Gefährten geworden sei. Eben machte Rosenholz seine Büchse schußfertig, als der Indianer unbeweglich stehen blieb. Der alte Jäger wußte jetzt, daß der Feind ihn beobachte und drehte daher den Kopf abseits, als ob er nach einer andern Richtung des Thales spähe. Dadurch sicher gemacht, schlich der Apache nach einigen Minuten wieder weiter, wobei er es nicht vermeiden konnte, daß sein Körper mehr sichtbar wurde. Rosenholz feuerte sein Gewehr ab, der Apache schrie wild auf, machte zwei gewaltige Sätze vorwärts und rollte hinab, um sich nicht mehr zu rühren. »Das geht ja vortrefflich,« nickte Josef vergnügt. »Potztausend! wenn der Bursche da unten wüßte, daß er auf Goldhaufen liegt! Wie wunderbar führt doch oft der Zufall zwei Teufel zusammen! liegt jetzt nicht der Nothteufel auf dem Teufel des Mammons?« »Laß jetzt Deine Späße,« erwiderte Rosenholz ernst. »Denken wir lieber darüber nach, wie mir uns aus unserer gefährlichen Lage retten können. Ich bin überzeugt, daß die beiden Wüstenräuber jetzt ihren Kriegsplan ändern und das Leben der sie begleitenden Apachen ferner nicht mehr auf's Spiel setzen werden. Ich fürchte, daß sie uns aushungern wollen.« »Das wäre verwünscht,« meinte Josef, »zumal uns hier schwerlich eine so glückliche Entdeckung, wie im Rio Gila, aus der Patsche helfen wird, denn der Felsen, auf dem wir stehen, ist unerschütterlich in seinen Grundfesten und Flügel haben mir auch nicht, um davon zu fliegen.« Rosenholz hatte sich nicht getäuscht; Mischblut brütete über einem Plane, der ihm nicht nur die drei Jäger in die Hände liefern, sondern ihre Niederlage auch zu einem Schimpfe für sie machen sollte. »Es wird Zeit, der langweiligen Belagerung ein Ende zu machen,« redete er Rothhand an, der mit Cuchillo ihm gegenüber saß und aus einer indianischen, aus rother Erde verfertigten Pfeife rauchte. »Hab' nichts dagegen,« gab der Alte zurück, »möchte nur wissen, wie Du es anzufangen gedenkst. Das Beste wäre jedenfalls, wir schößen einem jeden der drei Jäger eine Kugel durch den Kopf, dann wäre die Sache gleich abgemacht.« »Mein Plan läuft anderswo hinaus,« entgegnete der Mestize mit einem überlegenen Lächeln. »Beharren die Apachen noch immer auf ihrem Vorsatze, dem Schwarzvogel die drei Weißgesichter lebendig auszuliefern, so sollen sie die gleiche Anzahl der ihrigen zum Opfer bringen. Das ist unumgänglich nöthig, wenn wir unser Ziel rasch erreichen wollen.« Nach diesen Worten berührte Mischblut einen der über ihnen liegenden wilden Krieger und sofort wandte der Apache sich um. Es zeigte sich jetzt, daß es die Gemse war, welche von ihrem höher gelegenen Posten zu den beiden Wüstenräubern herabkam und ihre in düsterer Gluth funkelnden Augen auf Mischblut heftete. »Was will El Mestizo von dem Indianer, der drei seiner Brüder betrauert?« fragte er in unzufriedenem Tone. »El Mestizo trauert gleich Dir,« antwortete Mischblut mit scheinbarer Theilnahme, »und weiß sich keines Raths, wie es gelingen soll, die Bleichgesichter lebendig zu fangen. Wir werden sie wohl tödten müssen.« »Nein,« grollte die Gemse, »es giebt ein Mittel. Die rothen Brüder werden in der Ebene jagen und wenn sie mit ihrer Beute zurückkehren und die Feuer anzünden, wird der Fleischduft des bratenden Hirsches und Büffels bis zur Pyramide emporsteigen und der nagende Hunger die Arme und Augen der drei weißen Männer schwach und trübe machen.« »Das dürfte etwas lange dauern,« versetzte Mischblut naserümpfend. »Ja, es könnten Tage und Nachte vergehen, ehe die Kriegslist meiner rothen Brüder gelänge.« »Die Apachen können warten,« erwiderte die Gemse trocken. »Rothhand und El Mestizo können es aber nicht,« versetzte Mischblut ebenso trocken. »Ihre Zeit ist kostbar und Geschäfte rufen sie beim nächsten Sonnenaufgang jenseit der Berge. Findet die Gemse kein besseres Mittel, als den Hunger?« »El Mestizo wird eines finden,« gab der Apache mit einer verbindlichen Handbewegung zurück. »El Mestizo's Verstand ist groß; er hat versprochen, das Blut der rothen Brüder an den Weißgesichtern zu rächen und er wird Wort halten.« »Sicherlich,« nickte der listige Mischblut, »die Gemse wird aber gleichfalls Wort halten; sie hat gesagt: die Gemse willigt ein, ihr Leben und das ihrer rothen Brüder zu opfern, um die drei Weißgesichter lebendig zu fangen.« »Der Indianer hat nur ein Wort,« erwiderte der Apache in einfach edler Weise. Nachdem Mischblut so gethan, als ob er über den fraglichen Gegenstand nachsinne, rief er plötzlich aus: »Ich hab's, ich hab's! Meine Augen sehen schon die drei Krieger da drüben in den Händen meiner rothen Brüder, aber drei von diesen letztem werden um das herrliche Schauspiel kommen, denn der Tod wird ihren Blick umschleiern.« »Was liegt daran?« entgegnete heldenmüthig der Apache. »Der Mensch ist geboren, um zu sterben. El Mestizo nenne die Namen der rothen Brüder, welche ihr Dorf nicht wiedersehen sollen.« »Lassen wir das Loos darüber entscheiden,« antwortete der Mestize, und augenblicklich begab sich die Gemse zu ihren Gefährten, ihnen den .schauerlichen Plan des Mestizen mitzutheilen. Wer da weiß, wie groß die Sucht nach Ruhm bei dem Indianervolk ist, das sein Leben ruhig in die Schanze schlägt, um nur mit zu den Tapfern zu gehören, deren Heldenthaten in Liedern besungen werden, und wer die eigenthümliche religiöse Anschauung dieses wilden Völkerstammes kennt, der zufolge jene Krieger, welche den Heldentod gestorben, im Himmel zu der größten Auszeichnung gelangen, – den wird es nicht Wunder nehmen, daß alle Apachen dem Vorschlage Mischbluts entgegenjubelten, und als er ihnen in wenigen Worten seinen Plan entwickelt hatte, stießen die Rothhäute ein Geheul der Freude aus, das die drei Jäger auf der Pyramide mit ihrem Schlachtenrufe beantworteten. Hierauf schritt man zur Wahl der drei Todesopfer, und indem Mischblut bestimmte, daß das Würfelspiel den Ausschlag geben solle, kam er einer Lieblingsneigung der Indianer zuvor, denn die Leidenschaft des Spiels ist unter den wilden Stämmen Amerikas weit mehr verbreitet, als man glauben sollte. Sofort zog einer der Apachen mit leuchtenden Augen ein Spiel aus seiner Jagdtasche hervor und es wurde nunmehr beschlossen, daß die drei Männer, welche am wenigsten werfen würden, ihr Leben opfern sollten. Lautlose Stille herrschte im Kreise, als die Gemse zuerst ihr Glück versuchte. Mit kräftiger Hand schüttelte der Apache die Würfel und ließ sie auf den Sand rollen; mit lebhaftem Blick sah er ihnen nach, dennoch verzog sich keine Muskel in seinem düstern Antlitz, als Mischblut »Vierundzwanzig!« rief und der im Schreiben etwas geübtere Rothhand die Zahl in den Sand kritzelte. Die Reihe kam jetzt an den fleißigen Biber. Er achtete es kaum der Mühe werth, die Würfel in seiner Hand zu schütteln, und leicht rollten sie auf dem Sande hin. »Sieben!« rief Mischblut. Da der arme Teufel mit jedem Würfel nur ein Auge geworfen hatte, so war sein Loos unbedingt entschieden und er sagte daher: »Die rothen Brüder werden den Tod des Bibers beweinen, aber auch am Lagerfeuer und daheim im Dorfe von ihm erzählen, daß er nicht nur ein fleißiger Biber, sondern auch ein Held gewesen ist.« An der Art und Weise jedoch, wie er nach diesen Worten die Hand auf's Herz drückte, konnte man erkennen, daß es ihm nicht so gleichgültig zu Muthe war, als er sich den Anschein gab. Unterdessen nahm das entscheidungsschwere Spiel seinen Fortgang und sieben und zwölf waren die kleinsten Zahlen, welche Mischblut gezählt hatte, als der letzte der Apachen herzutrat, um in gleicher Weise sein Schicksal durch die Würfel bestimmen zu lassen. Gleichgültigkeit zeigten auch seine Züge, dennoch zitterte seine Hand, als er die verhängnißvollen Würfel faßte. Die höchste Zahl nach zwölf war siebzehn; warf er nicht höher, so gehörte er zu den drei Opfern. Beim Anblick seiner zitternden Hand zeigte Mischblut ein verächtliches Lächeln und der alte Wüstenräuber runzelte die Stirne; die Apachen aber ließen ein dumpfes Gemurmel des Unwillens vernehmen. Der Krieger dagegen warf einen traurigen Blick umher und sagte, gleichsam um seine augenblickliche Schwäche zu entschuldigen: »In der Hütte des Windseufzers befindet sich ein junges Weib und ein kleiner Sohn, der heute erst zum drittenmal die Sonne sieht!« Nach diesen Worten ließ der Indianer langsam die Würfel fallen und gleich darauf schrie der alte Rothhand in triumphirendem Tone, da er es unbegreiflich fand, daß ein Krieger Weib und Kind lieben könne: »Elf. Es ist entschieden!« »Hunger und Kummer werden fortan die Gäste sein in der Hütte des Windseufzers,« flüsterte der Indianer mit seiner sanften, musikalischen Stimme, welcher er den Beinamen verdankte. Dann schlich er still zur Seite und wandte seine letzten Gedanken den beiden schwachen Wesen zu, an denen sein Herz mit inniger Liebe hing und die er nunmehr nicht wiedersehen sollte, weil es galt, den Rachedurst eines starrköpfigen Häuptlings zu befriedigen. Auf den Vorschlag des grausamen alten Rothhand, dem das Würfelspiel eine Freude gewesen, wurde nun noch die Reihenfolge der Opfer durch den Würfel bestimmt und Windseufzer hatte den zweifelhaften Vortheil, der letzte der Drei sein zu dürfen. In Cuchillo, welcher ein stummer Zuschauer dieser Scene gewesen, blitzte mit einem Mal der Gedanke auf, den Augenblick, wo die beiden Wüstenräuber mit den Apachen die Pyramide erstürmen würden, dazu zu benutzen, in das Goldthal einzudringen und dort soviel Gold für sich auf die Seite zu bringen, daß er dadurch für seine ausgestandenen Schrecken entschädigt würde. Freilich mußte er sich zu allererst versichern, ob die auf der Oberfläche des Thales ausgestreuten Zweige noch immer sein Geheimniß bargen, und obgleich das ein gefährliches Unternehmen war, so entschloß er sich dennoch, es auszuführen ... Die Sonne begann sich nach Westen zu neigen, aber nicht in jener Majestät, die einen friedlich schönen Abend hoffen läßt, vielmehr ließen der glühende, drückende Wind, welcher über die Ebene herangeheult kam, sowie große, weiße Dampfwolken, die sich am Horizont zusammenballten, auf ein herannahendes Gewitter schließen. Es währte nicht lange, so begann es in der dunstigen Hülle zu wetterleuchten und schwarze Geier zogen ihre unheimlichen Kreise, um in den Klüften der Nebelberge Schutz zu suchen. Das Drohen der Elemente flößte unsern drei Freunden auf der Felspyramide indessen kein Bangen ein, verkündete sich ja doch in diesem Kampfe die Größe des allgewaltigen Gottes; die Gedanken der drei Jäger weilten vielmehr bei der Gefahr, die ihnen von Seiten ihrer irdischen Feinde drohte; davon zeugte die Frage, welche der Canadier an Josef richtete: »Was mag das zweimalige Geheul der Indianer zu bedeuten haben?« »Sicherlich nichts Gutes,« lautete die Antwort des Gefährten. »Wahrscheinlich war es ein Beifallsgeschrei, das sie einem der beiden Wüstenräuber ausbrachten.« »Je nun, warten wir in Ruhe die Dinge ab, die da kommen sollen,« meinte Rosenholz lakonisch. »So würde auch ich sagen,« erwiderte Josef, »wenn nur der brennende Durst nicht wäre.« »Er macht mir gleichfalls zu schaffen,« fügte Fabian hinzu. »Sie sind dem Wasserfall am nächsten, Don Fabian,« begann Josef von Neuem. »Wir wollen eine Kürbisflasche an den Ladstock binden, und dann versuchen Sie, ob es Ihnen gelingt, einige Tropfen Wasser hineinfallen zu lassen.« Fabian nickte und näherte sich kriechend dem Wasserfall. Nach ein paar Minuten war die Kürbisflasche gefüllt und die drei Jäger erquickten sich an dem köstlichen Naß. »Der Durst wäre vorderhand gestillt, jetzt haben wir es noch mit dem Hunger zu thun,« meinte Josef. »Der Stand der Sonne deutet auf vier Uhr, folglich sind seit unserer letzten frugalen Mahlzeit volle zwölf Stunden verflossen.« »Du bist ein schrecklicher Bursche,« sagte Rosenholz mißbilligend, »siehst Du Nimmersatt denn nicht ein, daß wir mit dem Rest unserer Nahrungsmittel auf das Sparsamste umgehen und außerdem die Nacht für Zubereitung unsers Abendimbisses abwarten müssen?« Der hungrige Josef sah ein, daß der Canadier recht habe, und antwortete mit einem Seufzer. An dem von Sträuchern eingefaßten Abhange des gegenüberliegenden Felsens begann es jetzt lebendig zu werden; die Gebüsche bewegten sich und oberhalb der Zweige tauchte ein Mantel von Büffelhaut auf. »Aha, jetzt geht's los,« äußerte Josef. »Dieser Büffelhaut werden wahrscheinlich noch fünf bis sechs nachfolgen und dann ist eine Verschanzung fertig, die für unsere Kugeln undurchdringlich sein wird.« Unser humoristischer Freund hatte richtig vermuthet: ein Mantel nach dem andern kam zum Vorschein und die dicken Pelze bildeten einen Wall, der ebenso undurchdringlich war, wie eine sechs Fuß dicke Mauer. »Ich lasse mich hängen, wenn der Spitzbube von Mischblut dies nicht ausgeheckt hat,« brummte Josef, »jetzt können wir nur –« »St!« ertönte es von den Lippen des Canadiers; »mache lieber mit Deinen Augen eine Schwenkung nach links, – dort bewegen sich die Gebüsche, wenn schon so unmerklich, daß man meinen sollte, es rühre vom Winde her. Allein der rothhäutige Spitzbube, der sie bewegt, täuscht das Auge des Adlers der Schneeberge nicht.« Der Ort, welchen Rosenholz bezeichnete, lag dem aus Büffelhäuten gebildeten Walle gerade gegenüber und unmittelbar daneben befand sich eine Oeffnung, die durch einen Felsvorsprung gedeckt war. Durch diese Oeffnung trat jetzt eine dunkle Gestalt; sie blieb unbeweglich stehen und wagte es offenbar nicht, den Laubvorhang ganz auf die Seite zu schieben. »Bah,« erwiderte Josef auf die Bemerkung des Canadiers, »bekümmere Dich nicht um diesen Schlingel, richte lieber Dein Auge auf die Büffelhäute, hinter denen sicherlich Rothhand und Mischblut stecken.« »Nein ... nein . .. nein!« rief Rosenholz im hohen Grade aufgeregt, »ich weiß jetzt, wer der Schurke ist. Der Himmel giebt uns den Menschen in die Hände, der an diesem höllischen Hinterhalt die Schuld trägt. Siehst Du ihn nicht?« Josef lugte scharf aus, dann erwiderte er im Tone unterdrückter Wuth: »Gott's Blitz, Du Haft Recht!... Himmel und Hölle, die Canaille darf uns nicht entwischen!« »Nicht zu hitzig,« flüsterte der Canadier, »gieb dem Laufe Deiner Büchse eine schiefe Richtung! ... So ist's recht... und jetzt...« Der Knall von Josefs Gewehr unterbrach den alten Jäger in seiner Rede und Cuchillo, der eben auf seiner Excursion in's Goldthal begriffen war, streckte sich aus, gleich einer verwundeten Schlange, und glitt, ein Stück des den Felsen umwuchernden Laubvorhangs mit sich fortreißend, widerstandslos an dem Felsen hinab, mit seinem Körper schwer auf die Schätze des Goldthals fallend, deren Besitz der sehnlichste Wunsch seiner Habsucht gewesen war. »Der Spitzbube steckt nunmehr bis an den Hals im Gold«, philosophirte Josef. »Gott ist gerecht!« fügte der Canadier hinzu. »Das Ende des Schurken ist noch viel zu glimpflich gewesen,« begann Josef abermals, »mich freut nur, daß der liebliche Mischblut und Rothhand an der Nase herumgeführt sind und ich die goldenen Schätze des Thals ihren habgierigen Blicken entzogen habe.« »Die Gier nach dem Golde bringt keinen Segen,« entgegnete Rosenholz. »Das bekundet uns das Schicksal, welches Don Antonio und diesen schurkischen Cuchillo erreicht hat.« Mittlerweile hatte sich der Himmel vollständig mit den drohenden Wetterwolken bedeckt und das Echo wiederholte das erste dumpfe Rollen des fernen Donners. »So ist's recht,« murmelte der unverbesserliche Josef, »jetzt fängt auch noch der heilige Petrus an, Kegel zu schieben.« »Ja, ja,« seufzte Rosenholz, »wir gehen einer furchtbaren Nacht entgegen. Und ach! wie gern wollt' ich gegen die entfesselten Elemente ankämpfen, hätten mir es mit diesen allein zu thun. Fabian, sieh' einmal nach, ob unser Pulver gehörig geschützt ist, falls das Gewitter noch vor der Nacht losbrechen sollte; und dann wirf einen Blick auf die Ebene hinunter, damit wir wissen, ob die vier Spitzbuben ihre Schlupflöcher verlassen haben oder nicht.« Während der Jüngling sich entfernte, stieß Rosenholz einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Ach, Josef, meine Seele ist düster, wie diese Wolken, die Donner und Blitz in ihrem Schooße bergen. Unheimliche Ahnungen dämmern in meinem Herzen auf und beugen von Neuem den Muth, auf den ich bis heute so stolz war.« »Ich weiß, was Dein Gemüth so ernstlich bewegt,« entgegnete der Freund leise, »es ist die Furcht, auf's Neue wieder von Don Fabian getrennt zu werden.« »Ja, ja, das ist es, – Du hast die schmerzliche Saite berührt, welche in meiner Brust tönt, und so richte ich denn folgende innige Bitte an Dich: Sollte es Gottes Wille sein, daß ich von den Indianern gefangen werde, so verfolge nicht meine Spur, sondern überlasse einen unnützen Greis seinem Schicksal. Dagegen geleite Fabian nach Spanien zurück, hilf ihm zu seinem rechtmäßigen Erbe und laß ihn nicht vergessen, daß es auf der Welt einen Mann gegeben, für den sein Anblick war, wie der Schatten eines Baumes auf dem Sande der Savane, oder wie der Nordstern, der aus dem Nebel leuchtet und dem einsam Wandernden den Weg zeigt.« Josef vermochte nicht zu antworten, denn er fühlte bei dem Schmerz des treuen Freundes zum erstenmale in seinem Leben jene sonderbare Empfindung, welche vom Herzen bis zur Kehle heraufsteigt und jedes Wort zu ersticken droht; allein der herzliche, innige Händedruck, den die beiden Freunde austauschten, sagte dem Canadier deutlich, daß Josef ihn verstanden habe und nach seinem Wunsche handeln werde. Fabian kehrte auf seinen Platz zurück und berichtete, daß das Pulver geschützt sei, daß er aber in der Ebene nichts gesehen habe. »So hocken die Rothhäute noch in ihren Schlupfwinkeln, um, wie die Eulen, erst bei Nacht hervorzukommen,« versetzte Josef. »Dann aber werden sie sich, gleich Schlangen, auf diesen Felsen heraufwinden, um uns ganz unvermuthet zu überfallen.« »Laß nur ruhig die Nacht heraufkommen,« sagte der Canadier, in dessen Brust es wieder ruhig geworden war, »dann kenne ich Einen, der mit Hilfe des Gewittersturmes ihnen die Hälfte des Weges ersparen wird. Kurz und gut, Josef, wir zwei wollen einen Ausfall machen, wie in jener Nacht, wo wir an den Ufern des Arkansas die herumlungernden Indianer in den Biberzellen überraschten, die ihnen zum Versteck dienten.« »Einverstanden!« nickte Josef, begann aber gleichzeitig mit der Nase zu schnobern, denn der Wind führte ihm einen Wohlgeruch zu, dessen Ursache nicht lange verborgen blieb. Bereits hatte Rosenholz beobachtet, daß hinter den Büffelhäuten kleine Dampfwölkchen emporstiegen, die sich jetzt zu einer Rauchsäule vereinigten, wie sie von einem Lagerfeuer aufzusteigen pflegt. »Jetzt sehe Einer diese Hallunken,« rief Josef ärgerlich und fortwährend herumschnobernd, »da haben sie in der Ebene ein gutes Stück Wild erlegt, braten es und lassen uns daran riechen, weil sie wissen, daß wir Hunger haben. Diese niederträchtigen Heiden – der Teufel möge ihnen die Mahlzeit segnen!« »Ihre Absicht liegt jetzt klar zu Tage,« erwiderte Rosenholz, »sie wollen uns durch Hunger zur Uebergabe zwingen.« »Oh, die Feiglinge!« schimpfte Josef, »wahrhaftig, ich hatte eine bessere Meinung von dem Mestizen und dem alten Spitzbuben, der sich seinen Vater nennt.« Alsbald verschwand die Rauchsäule, dagegen erbebte die Luft von einem so entsetzlichen Geheul, daß wirklich starke Nerven dazu gehörten, um nicht zu schaudern. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Fabian erschrocken. »Es sind die Dankgebete eines Chors von Teufeln nach einem Festmahl. Sollen wir ihnen nicht mit einem Prostmahlzeit antworten?« »Nein,« entgegnete der Canadier, »wenn wir antworten, so soll es mit unsern Büchsen geschehen. Ich bin jetzt überzeugt, daß dieses Otterngezücht, noch ehe die Nacht kommt und das Gewitter losbricht, mit uns fertig werden will.« »Gebe Gott, daß Du Dich nicht täuschest,« versetzte Josef, »ist mir doch ein offener Angriff zehnmal lieber, als eine so niederträchtige Blockade.« »Der Wall von Büffelfellen hat sich bewegt,« flüsterte Fabian, »auch habe ich dahinter die rothen Bänder gesehen, welche den Kopfputz Mischbluts bilden.« »So,« gab Josef trocken zurück, »dann scheint er nach der Mahlzeit einen kleinen Spaziergang zu machen, wahrscheinlich um besser zu verdauen, der Millionsspitzbube der! ... Potz Blitz, Rosenholz,« unterbrach sich Josef in seinen Betrachtungen, »sieh' dort nach links – genau an derselben Stelle, von der ich Cuchillo vorhin weggeputzt, taucht jetzt eine Rothhaut auf! Entweder leidet sie an Lebensüberdruß, oder sie ist den Schätzen des Goldthals auf der Spur.« In der That bog an der von Josef bezeichneten Stelle ein Indianer die Büsche vorsichtig auf die Seite und trat dann mit ziemlicher Keckheit an den Rand des Felsenabhangs. »Weich' ein wenig nach rechts zurück,« sagte der Canadier hastig zu Fabian. »Josef befindet sich zu sehr ihm gegenüber, um ihn, ohne sich selbst auszusetzen, leicht zu erreichen.« Die Lage der drei Männer war in Wahrheit eine überaus schwierige, denn sie mußten, um in diesem Theile der Felsen einen Feind erreichen zu können, ihre Büchsen nicht nur schief richten, sondern den Lauf derselben auch noch über die äußere Oberfläche der Schießscharten erheben. »Der Bursche muß verrückt sein,« sagte Rosenholz kopfschüttelnd, »es kommt mir gerade so vor, als fordere er uns heraus, auf ihn zu schießen. Nun er soll seinen Willen haben.« »Vielleicht ist es nur eine Kriegslist, um unsere Aufmerksamkeit von einer andern Seite abzulenken,« meinte Josef, »allein ich habe meine Augen überall.« »Kriegslist oder nicht,« erwiderte Rosenholz, »eine so gute Gelegenheit zum Schusse dürfte sich nicht so leicht wiederfinden.« Der schrille Schrei eines Raubvogels durchdrang plötzlich die Luft und machte die Jäger stutzen. Auch der Indianer verschwand, wie auf ein verabredetes Zeichen. Hoch oben zogen einzelne Geier ihre magischen Kreise, bis ein markerschütternder Donnerschlag, dessen Knall die Nebelberge zurückwarfen, die Vögel in die Luft trieb. Alle Thiere der Einöde waren bedacht, vor dem furchtbaren Gewitter, das sich jetzt zu entladen drohte, Schutz zu suchen, ja, die Erde selbst schien vor der mächtigen, aus den Wolken dringenden Stimme ihr Gesicht zu verhüllen, – nur die Menschen allein ließen sich in ihrem Geschäft nicht stören, welches darin bestand, nach einer Gelegenheit zu spähen, um sich tödten zu können. »Ah, seht,« flüsterte Rosenholz, »da kommt die Rothhaut wieder! Meiner Seel, der Bursche ist schrecklich frech, und es kommt Einem vor, als ob er ein Gelübde abgelegt habe, sich bei der ersten besten Gelegenheit den Schädel zerschmettern zu lassen.« Rosenholz hatte mit diesen Worten den Nagel auf den Kopf getroffen, denn der Indianer, welcher so leichtsinnig sein Leben preis gab, war Niemand anders, als der fleißige Biber, das erste der drei ausgewürfelten Opfer. Ein paar gewaltige Sätze hatten ihn auf einen höher gelegenen Punkt gebracht, und seine Augen hefteten sich mit einem freudigen Glanze auf die Büchse des Canadiers, die sich langsam über die Steinplatte schob, denn Rosenholz war durch die veränderte Stellung des Apachen gezwungen, von unten nach oben zu schießen, infolge dessen sein Gewehr einen halben Fuß über die Brustwehr herausragte. In demselben Augenblick, wo der fleißige Biber im kühnen Trotze gegen seine Feinde sein Todesgeheul ausstieß, krachte der Schuß der Waldläufers und ziemlich gleichzeitig nach ein zweiter und dritter. Dem wilden Schrei des tödtlich getroffenen Indianers folgte ein womöglich noch wilderer; diesen letztern aber hatte der Canadier ausgestoßen. Er selbst war unverletzt, allein zwei feindliche Kugeln hatten den Lauf seiner Büchse getroffen und diese seinen Händen entrissen, so daß sie jetzt zu dem sterbenden Indianer hinabrollte. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben, ergriff der fleißige Biber die Waffe und schleuderte sie bis an den Fuß des Felsens. Dann rührte er sich nicht mehr. Ein wildes Siegesgeheul der versteckten Indianer machte die Luft erzittern, während der arme entwaffnete Rosenholz auf seine Gefährten einen Blick tödtlicher Angst warf. Er hatte die Waffe, die treue Gefährtin in Noth und Gefahr, verloren, und dem alten Waldläufer ward es weich um's Herz. Ein bitterer Schmerz zuckte um seine Lippen und er fühlte, wie seine Augen feucht wurden und eine heiße Thräne über seine Wange rann. Er glich dem Araber, der den Tod seines Pferdes beweint. Zehntes Kapitel. Der Seufzer des Windes. Wer die Einöden des fernen Westens durchstreifen will, hat drei Dinge nöthig: ein furchtloses Herz, ein kräftiges Roß und ein erprobtes Gewehr. Das Pferd ist vielleicht noch zu entbehren, wenn man einen so felsenfesten Muth besitzt, wie es bei unsern drei Freunden der Fall war; ohne die Feuerwaffe dagegen ist auch der Mann mit dem kühnsten Herzen nur noch ein ohnmächtiges Spielzeug, das dem Hunger, den wilden Thieren und den Horden der Indianer preisgegeben ist. Dies fühlte der arme Rosenholz recht wohl, und es machte einen wehmüthigen Eindruck, als er nach langer Pause endlich sagte: »Jetzt seid Ihr nur noch zu Zweien auf diesem Felsen, – ich zähle nicht mehr als ein Kind, mit dem die Feinde nach Willkür verfahren dürfen.« »Um Alles in der Welt, laß Dich vom Unglück nicht so beugen, daß Du den Kopf verlierst,« rief Josef. »War Deine Büchse denn die einzige Waffe, über die wir verfügen? – Ist mein Gewehr nicht noch da? Und ist es in Deinen Händen nicht mehr am Platze, als in den meinigen?« Und während der treue Freund seine Feuerwaffe zu Rosenholz hinschob, setzte Fabian hinzu: »Unser wackerer Josef hat mir aus der Seele gesprochen, und so lange wir Dreie eine Flinte haben, gehört sie unbedingt Ihnen, mein Vater.« »Nein, nein,« rief der alte Jäger kopfschüttelnd und die Büchse zurückstoßend, »ich kann, ja, ich darf Euer Anerbieten nicht annehmen, theuere Freunde, denn das Glück will mir nicht wohl. Aber«, fuhr er in nachdrucksvollem Tone fort, wobei es in seinen Augen sprühte und blitzte, »noch habe ich ein Messer und ein paar starke kräftige Arme, und wehe dem Feinde, der mir zu nahen wagt!« Die schmerzliche Niedergeschlagenheit hatte jetzt in der Brust des Riesen einem Löwenzorne Platz gemacht und er rief mit seiner Stentorstimme zu dem Felsen hinüber: »Kommt heraus aus Euerer Höhle, Wüstenräuber und Apachen, und steigt herauf zu uns, wenn Ihr den Muth habt! Wir sind ja jetzt nur noch zwei bewaffnete Männer auf der Pyramide, denn der dritte Jäger zählt nicht mehr! Kommt doch heran, Ihr feigen Hunde!« Höhnisches Gelächter, das von den Feinden herüberdrang, gab Kunde, daß die kühne Herausforderung des Canadiers gehört worden war, ja, es schien sogar, daß man gewillt sei, sie anzunehmen, denn hinter dem grünen Hag tauchte jetzt abermals ein Krieger auf, nur verbarg er sich so sorgfältig, daß man nichts weiter als seine Augen und die rothen Kopfbänder sah, welche sein Haar schmückten. »So wahr ich lebe!« rief Josef, »es ist der Hund von einem Mestizen in eigener Person! Warte, Canaille, Du sollst am längsten geathmet haben.« Damit wollte er die neben ihm liegende Büchse ergreifen, allein Rosenholz war ihm zuvorgekommen. Seine durch den Verlust der Feuerwaffe erbitterte Seele schnaubte nach Rache und der Anblick des Schmuckes, den der verhaßte Mestize an sich trug, steigerte mächtig seinen Zorn. Mit Blitzesschnelle drückte er die Büchse gegen die Wange und richtete den Lauf auf seinen Feind. Eben so schnell schwang sich dieser jedoch auf den höher gelegenen Felsvorsprung, wie es kurz zuvor der fleißige Biber gethan, und Rosenholz sah sich genöthigt, den Lauf des Gewehrs bloszustellen. In seiner Wuth aber kehrte er sich nicht daran, er drückte ab – und der Mann mit dem rothen Kopfputz stürzte, tödtlich verwundet, hinter dem Hag zusammen. Aber zwei Schüsse von dem Büffelfellwalle her hatten sich abermals mit dem des Canadiers vermischt und das Gewehr in seiner Hand zerschmettert. »Großer Gott im Himmel!« schrie er außer sich und Verwünschungen, wie er sie nie zuvor ausgestoßen, donnerten zum Felsen hinüber, während er drohend den Büchsenschaft schwang, der ihm in der Hand geblieben war. Hinter dem Walle von Büffelhäuten erklang ein wildes, höhnisches Gelächter und zwischen den Fellen zeigte sich für einen Augenblick das von einem teuflischen Grinsen verzerrte Gesicht des Mestizen, dessen höllische List nunmehr klar am Tage lag. Der zweite, als Opfer ausersehene Indianer hatte den Kopfputz Mischbluts so geschickt angelegt, daß Rosenholz dadurch getäuscht worden war. »Der Adler der Schneeberge ist nichts, als eine Eule beim hellen Tage,« rief frohlockend die Stimme des Mestizen herüber, »denn seine Augen vermögen einen Krieger nicht von einem Häuptlinge zu unterscheiden.« »Josef, Fabian,« rief der Canadier mit einem aus tiefster Brust heraufkommenden Seufzer, »ich frage Euch, ist es nicht unendlich demüthigend für uns, daß diese Scheusale über uns frohlocken dürfen?« Kaum hatte Rosenholz geendet, so hüllte eine plötzliche Finsterniß Ebene und Berge ein, Blitze zogen feurige Furchen und ein Donnerschlag löste sich los, gleich einer Batterie von hundert Kanonen. Und eine mahnende Stimme in der Brust des Canadiers rief dem durch das Mißgeschick Verzagenden zu, daß er in der Hand des allmächtigen Gottes stehe, der die Lilien auf dem Felde kleidet und die Vögel unter dem Himmelszelte nährt. »Josef,« rief der alte Jäger, »der Geist Gottes ist über mich gekommen und ich fühle die Kräfte eines Riesen in mir! Laß uns einen Ausfall wagen, um uns dadurch den Weg zur Flucht zu ebnen; Fabian wird uns mit seiner Flinte von hier aus den Rücken decken. Die Spitzbuben dort unten haben ihre Löcher noch nicht verlassen, ... es ist jetzt so dunkel, als wenn es Nacht wäre ... und wir werden zwei gegen vier sein, – das ist genug, denn ich getraue mir, mit meinen Händen mindestens ein halbes Dutzend dieser gemeinen Schurken zu erwürgen.« Ein mächtiger Donnerschlag erschütterte die Luft. Die rabenschwarzen Wolken senkten sich immer tiefer und der Sturm brauste in schauerlichen Tönen durch die Schluchten der Berge. »Hier ist meine Hand, Freund,« rief Josef, und ein greller Blitz zeigte sein heldenkühnes Antlitz. »Aus dieser mächtigen Sprache der Elemente entnehme ich, daß Gott mit uns ist!« »Also vorwärts, Josef, denn ich will und muß mich rächen!« »Zuvor nur noch ein Wort an Don Fabian,« entgegnete Josef, welcher aus den leuchtenden Augen des Jünglings ersah, daß dieser den gefaßten Plan billigte. »Sie haben weiter nichts zu thun, als die Spitzbuben in der Ebene unausgesetzt zu beobachten, denn von da drüben haben mir vorerst nichts zu fürchten. Rührt sich also einer der rothen Hallunken unter den Steinen, so feuern Sie auf ihn. Haben wir unsern Handstreich glücklich ausgeführt, so kehre ich zurück, um Sie abzuholen, und dann machen wir uns aus dem Staube.« Mit dem Messer zwischen den Zähnen, ließen sich die beiden Jäger rasch von der Spitze der Pyramide hinabgleiten, ohne daß jedoch das geringste Geräusch zu bemerken war. Fabian bemühte sich vergebens, mit seinen Augen den Gefährten zu folgen, er richtete daher seine volle Aufmerksamkeit der Ebene zu. Die vier Steinplatten, unter denen sich die Indianer bargen, blieben unbeweglich und die Sorge schwand aus Fabians Herzen, als er jetzt die beiden Jäger unten an der Bucht anlangen und in das Schilf gehen sah, womit die Ufer des Sees bedeckt waren. Geräuschlos glitten Rosenholz und Josef durch das mannshohe Wasserrohr, wobei der Canadier dem Gefährten zuflüsterte: »Wenn wir binnen jetzt und einer Minute die Flinte Fabians nicht knallen hören, so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Indianer uns nicht vom Felsen haben herabsteigen sehen. Dann schnell über die in den Löchern versteckten Apachen hergefallen, Josef, – jeder von uns springt nach einem Ende hin, Du nimmst den Letzten unter Dein Messer, während ich den Ersten unter seiner Steinplatte erdrücke. Mit den beiden Andern werden wir dann schnell fertig sein.« Josef nickte mit dem Kopfe, dann lauschte er angestrengt, um ja kein Geräusch auf dem Felskegel zu überhören. Das tobende Gewitter schien jetzt seinen Höhepunkt erreicht zu haben; gleich feurigen Schlangen schossen die Blitze über die Ebene dahin, die herrschende Finsterniß auf Augenblicke mit ihrem grellen Scheine zerreißend. Donnerschlag folgte auf Donnerschlag und mischte sich mit dem vielfältigen Echo der Berge. Aengstlich schlugen die Herzen der beiden Jäger; aber nicht die majestätische Gewalt des Gewitters war es, die sie erbeben machte, sondern einzig und allein die Sorge um Fabian, und Rosenholz schauderte bei dem Gedanken, plötzlich vom Gipfel der Pyramide den Angstschrei seines geliebten Kindes erschallen zu hören. Eine bange Minute verstrich, dann flüsterte der Waldläufer: »Es ist Zeit, wir dürfen das Kind nicht lange allein lassen, vorwärts, Josef ... und vergiß nicht, der Erste und der Letzte!« Wie unter einem gewaltigen Windstoße beugte sich das Schilf und wenige Sekunden später sprangen die beiden Männer mit der Gelenkigkeit von Tigern auf die Ebene hinaus und auf ihre Feinde zu. In demselben Moment knallte aber auch Fabians Büchse; erschrocken fuhren die Jäger zusammen, indessen war zum Ueberlegen keine Zeit, da es galt, mit den verborgenen Feinden rasch fertig zu werden. Als Rosenholz den ersten Stein erreichte, versuchte der darunter versteckte Indianer, durch das Geräusch der nahenden Fußtritte aufmerksam gemacht, aus seiner Höhle zu entwischen, allein mit unwiderstehlicher Kraft ließ der Canadier seinen Fuß auf den Körper des Apachen fallen. Eben so rasch hob er die Steinplatte vom Boden auf und schleuderte sie mit zermalmender Wucht auf den Wilden, dann stürzte er sich auf den zweiten der Indianer. Josef hatte inzwischen seinen Gegner auf eine andere Weise angegriffen und sich mit seinem ganzen Körper über das Erdloch geworfen, während er mit seinem Dolche unausgesetzt in die Oeffnung stieß. Eben traf er mit Rosenholz wieder zusammen, als die beiden andern Indianer aus ihrem Schlupfwinkel emporsprangen und unentschlossen stehen blieben, erwägend, ob sie fliehen oder kämpfen sollten. »Zertritt doch die Schlange, ehe sie zischt!« schrie Rosenholz, als einer der Apachen, sein Alarmgeheul ausstoßend, mehrere Schritte zurückwich, um von seinem Bogen Gebrauch zu machen, während der andere, gleichfalls vor Kampfbegier heulend, sich auf Josef stürzte. Dies bekam ihm indessen sehr schlecht, denn Josef warf ihn zu Boden und stieß ihm das Messer durch die Brust, so daß der vorwitzige Apache unbeweglich liegen blieb. Rosenholz hatte sich während dieser Zeit niedergebückt, um dem Pfeile zu entgehen, der denn auch in der That einige Linien über seinem Kopfe hinpfiff. Als der alte Jäger sich aber wieder aufrichtete, war der Indianer bereits entflohen. Die Schlange hatte, wie er befürchtet, gezischt, denn schon hallte das Alarmgeheul des Entflohenen über die Ebene hin und von allen Seiten sah man die Apachen heranstürzen. »Geschwind, geschwind, auf die Pyramide!« schrie Rosenholz, »ehe es den verwünschten Rothhäuten gelingt, uns zu umzüngeln.« Im raschen Laufe schlugen die beiden Freunde den Weg nach dem Felsen ein, und ehe die heulenden Indianer sich zu einem bestimmten Verfolgungsplane aufgerafft hatten, begannen sie bereits die steile Felswand zu erklimmen. – Es wird jetzt nöthig sein, daß wir dem jungen Leser mittheilen, warum der auf der Pyramide zurückgelassene Fabian sein Gewehr losgefeuert hatte. In dem Augenblicke nämlich, wo Rosenholz und Josef ihren Ausfall in die Ebene bewerkstelligt, ging die Geduld des Mestizen zur Neige und er faßte den Entschluß, der langweiligen Belagerung ein rasches Ende zu machen. Von den rothen Kriegern, die der Schwarzvogel seiner Führung anvertraut, waren bereits sechs gefallen und der Windseufzer sollte der siebente, aber auch der letzte sein. Mischblut ertheilte ihm den Befehl, denselben Weg einzuschlagen, wie seine beiden Gefährten vorher; nur sollte er, da das Mißtrauen der drei Jäger erweckt sein mußte, sich so stellen, als verdoppele er seine Vorsicht, um den Fuß der Pyramide zu erreichen. Auf dem abwärts führenden Pfade von Weiden- und Baumwollenstauden geschützt, sollte Windseufzer nicht eine gewisse Grenze überschreiten, vielmehr an einer Stelle Halt machen, wo die Büchse des dritten Jägers ihn nicht mehr erreichen konnte, ohne den Schützen zu nöthigen, den Kopf und die Arme über die Brustwehr hervorzustrecken. Windseufzer war allen diesen Weisungen mit der größten Gewissenhaftigkeit nachgekommen und befand sich nun an dem Orte, wo seine beiden Vorgänger von den Kugeln des Canadiers tödtlich getroffen worden waren. Jeden Augenblick erwartete auch er das tödtliche Blei und dachte zum letzten Male an Weib und Kind; wie erstaunte er jedoch, als eine Sekunde nach der andern verstrich, ohne daß sich etwas Gefahrdrohendes ereignete. Dies kam einfach daher, daß Fabian mit angestrengter Aufmerksamkeit den beiden Freunden nachblickte, welche auf der entgegengesetzten Seite den Gipfel der Pyramide verlassen hatten. Windseufzer aber schrieb diese Unthätigkeit des Feindes irgend einer List zu, und erwartete jeden Augenblick von einer unsichtbaren Waffe niedergestreckt zu werden. Vorsichtig und langsam langte er endlich am Fuße der Pyramide an und hatte damit die Grenze erreicht, welche er, laut des Befehles Mischbluts, nicht übersteigen durfte. Das Schweigen auf dem Gipfel der Pyramide dauerte fort und Windseufzer schöpfte neue Hoffnung; die Lebenslust loderte gewaltig in ihm auf, und er dachte abermals an die beiden geliebten Wesen, welche seine heimische Hütte barg. Er wußte, daß es sich nur noch darum handelte, den drei Jägern auf dem Felsgipfel die letzte ihnen noch gebliebene Waffe zu entreißen; wenn er dieses Wagstück allein unternahm und dasselbe ihm gelang, so brauchte er nicht mehr sein Leben zu opfern; der kriegerischen Ehre war vielmehr Genüge geschehen und er durfte darauf zählen, daß er fortan unter seinen Stammesbrüdern als ein großer Sieger galt. Er machte daher mit der rechten Hand ein Zeichen nach der Büffelhautverschanzung hin, hinter welcher Mischblut versteckt war und jeder seiner Bewegungen folgte, sodann begann er leise den steilen Abhang des Felsens emporzuklimmen. Er beobachtete dabei eine solche Vorsicht, daß auch nicht ein losgerissenes Steinchen durch sein Herabrollen seine Annäherung dem Feinde verrieth. Als er die Verschanzungen erreicht hatte, machte er Halt und begann zu lauschen; allein kein leise geflüstertes Wort, nicht einmal ein Athemzug drang bis zu seinem Ohr. Da wagte er einen Blick über die Steine zu werfen, welche die Belagerten zu ihrem Schutze aufgerichtet hatten. Es geschah dies in dem Augenblick, wo der auf dem Boden liegende Fabian die beiden Freunde in dem Schilfe des Sees verschwinden sah, und somit würde es dem Indianer ein Leichtes gewesen sein, mit seinem Tomahawk den Kopf des Jünglings zu spalten. Allein der Wille des Schwarzvogels, der seine Feinde lebendig haben wollte, war dem Windseufzer heilig und sein einziges Streben ging dahin, die Büchse dem weißen Manne zu entreißen. Leise, gleich einer Schlange, kroch er zu Fabian hin und schon streckte Windseufzer die Hand nach der Feuerwaffe aus, als der Jüngling sich umwandte. Nur mit Mühe vermochte Fabian einen Hilferuf zu unterdrücken, welcher, nach seiner Meinung, Rosenholz und Josef hätte verrathen und ihnen den Rückzug abschneiden können, den Schauder dagegen vermochte er nicht zu bannen, der ihn bei dem Anblicke dieses mit bunter Malerei bedeckten Gesichts und der funkelnden Katzenaugen überlief, die ihn jetzt anstarrten. Wußte er ja doch nicht einmal, ob dieser Indianer der einzige sei, der den Gipfel der Pyramide erklommen hatte. Allein nur eine Sekunde dauerte der Schrecken Fabians, dann umschlang er den Körper des rothen Kriegers und nunmehr begann ein erbitterter Kampf, bei welchem jeder der beiden Gegner darauf bedacht war, die Feuerwaffe in seine Hand zu bekommen. Im heftigen Ringen wälzten sich die ineinander verschlungenen Gegner zweimal über die Plattform, und in der Hitze des Kampfes entlud sich das heftig erschütterte Gewehr, ohne indessen einen der Beiden zu treffen. Dies war der Schuß, den Rosenholz und Josef vernommen hatten, während sie selbst einen nicht minder furchtbaren Strauß bestanden. Endlich gewann der kräftigere Fabian die Oberhand, während der Apache sich vergebens anstrengte, über seinen Feind Herr zu werden. Trotz alledem gelang es ihm für einen Augenblick, die rechte Hand frei zu bekommen und sein Messer aus dem Gürtel zu reißen; ehe er aber den tödtlichen Stoß zu führen vermochte, drang bereits Fabians Messer in seine Brust ein. Unglücklicherweise war das kämpfende Paar bis zu dem einen Ende des Felsgipfels fortgerollt und der feuchte Staub des Wasserfalls, der in die Tiefe des Abgrunds hinabdonnerte, besprühte das Gesicht des Jünglings. Er bebte schaudernd zurück und wandte all' seine Kräfte an, sich aus den ihn fest umschlingenden Armen des Indianers loszureißen, allein umsonst, und so rollten er und der Windseufzer, welcher die Flinte noch immer fest umschlungen hielt, den steilen Abhang der Pyramide hinab, und erst als sie den Boden der Schlucht berührten, ließen die Arme des Apachen, durch den Tod gelähmt, ihre Beute fahren, – Fabian aber bemerkte es nicht, denn sein Kopf war auf die scharfe Kante eines der den Boden bedeckenden Steine gefallen und eine tiefe Ohnmacht umhüllte seinen Geist. Es war wenige Minuten später, als die zurückkehrenden beiden Jäger den Fuß auf die jetzt einsame Felsplatte setzten. »Fabians ... Fabian!« schrie Rosenholz, außer sich vor Schrecken, während seine Knie zusammenzubrechen drohten. »Fabian ... Kind meines Herzens... meine Welt ... mein Alles... bist Du noch am Leben?« Niemand antwortete, nur der Sturmwind pfiff und ächzte in den Aesten der beiden Tannenbäume. Ein greller Blitz überfluthete jetzt den Gipfel des Felsens mit seinem electrischen Licht und die beiden Jäger gewahrten auf dem Boden die frischen Spuren eines erbitterten Kampfes; ein zweiter Blitz zeigte ihnen, daß die steinerne Verschanzung zerstört auf dem Boden herumlag. Da stieß der alte Jäger einen furchtbaren Schrei aus und sank gebrochen zusammen. Währenddem brüllte der Donner und die Erde erbebte unter dem Zusammenstoße der schwarzen Wetterwolken, die Blitze auf Blitze entsendeten, und endlich brauste ein Regenstrom herab, der klatschend gegen die Felsen schlug. Es war, als wenn alle Schleusen des Himmels sich auf einmal geöffnet hätten und alle wilden Töne der entfesselten Elemente die nach Fabian rufende Stimme des Canadiers ersticken wollten. Da stand plötzlich, wie ein böser Geist, der Mestize auf dem gegenüberliegenden Felsen, das Gewehr schußfertig in der Hand haltend, um die widerstandslosen Jäger zur Ergebung zu zwingen. »Bück' Dich, Rosenholz!« rief Josef und deutete auf Mischblut hinüber, allein der alte Canadier rührte sich nicht; in seiner Verzweiflung hatte er sich über den Abhang des Felskegels gebeugt, nach wie vor ausspähend, ob er nicht endlich doch noch sein geliebtes Kind entdecken werde. Aechzend richtete der greise Jäger das schwere Haupt wieder auf und nun erst bemerkte er den Mestizen. Rosenholz war gewiß, daß dieser an Fabians Verschwinden die Schuld trage und der Urheber all' des Unglücks sei, und so war es natürlich, daß Haß, Zorn und Wuth von Neuem in der Brust des Canadiers aufstiegen. Gleichzeitig fühlte er aber auch, daß Fabians Schicksal in den Händen des Mestizen liege, und da seine Liebe zu dem Jünglinge überaus mächtig war, so dämpfte er die wilden Leidenschaften seines Herzens gewaltig nieder; er rief sogar mit flehender Stimme zu dem Felsen hinüber: »Mischblut, wenn in Deinem Herzen noch ein Funke von Mitleid ist, so gieb mir mein Kind zurück, das Du mir geraubt.« Der Gefahr nicht achtend, welche ihm von dem Gewehre des Räubers drohte, blieb Rosenholz aufrecht stehen, und Josef, durch den Stamm des einen Tannenbaums geschützt, rief ihm vergebens zu, sich in Acht zu nehmen. »Nun, Mischblut,« fuhr der alte Jäger zitternd fort, »willst Du meine Bitte erhören?« Ein Hohngelächter war die einzige Antwort des Wüstenräubers. »Oh, Du Ungeheuer!« schrie nun Josef, indem er mit entblößter Stirne und voller Wuth über die Demüthigung und den Schmerz seines alten Gefährten gleichfalls seinen Hinterhalt verließ und dem Mestizen gegenübertrat. »Willst Du wohl gleich antworten, Auswurf der Menschheit, wenn ein Weißer Dir die Ehre anthut, mit Dir zu sprechen?!« »Nicht so, nicht so, Josef,« bat Rosenholz, »erzürne den Menschen nicht, in dessen Händen das Leben meines Kindes ruht. – Höre nicht auf ihn, Mischblut, denn der Schmerz hat das Gemüth meines Gefährten erbittert.« »Auf die Kniee nieder!« schrie jetzt der Bandit. »Vielleicht bin ich dann gnädig und höre Euch an!« Diese freche Rede Mischbluts färbte das Antlitz des Canadiers dunkelroth. Einen Augenblick kämpften die widerstreitendsten Gefühle in seiner Brust, allein die Liebe zu Fabian gab den Ausschlag und so beugte der Riese vor dem schurkischen Mischblut sein Knie. »Herr meines Lebens,« brüllte Josef mit flammendem Gesicht, »wie kannst und darfst Du Dich vor einem Räuber ohne Treu und Glauben so demüthigen! Komm, alter Freund, und laß uns diesen Schuft da drüben züchtigen, wie er es verdient!« Bei den letzten Worten sprang der ungestüme Jäger zurück zu dem Rande der Felsplatte und klomm, gleich einer Gemse, die steile Wand hinunter. »Ah, ist es so gemeint?« schrie Mischblut höhnisch und schlug blitzschnell die Büchse auf den alten Jäger an, welcher noch immer kniete und um das Leben seines einzigen Kindes flehte. Allein Gott verläßt keines seiner Kinder, die an ihn glauben, und zu des ehrlichen Canadiers Rettung sandte er die Regenströme hernieder, welche das Pulver in dem Gewehre des Mestizen verdarben. Vergeblich schlug der Hahn auf die Zündpfanne – einige Funken sprühten aus dem Steine, aber der Schuß versagte. Dagegen hatte dieser Mordversuch gegen einen bittenden, unbewaffneten Feind den gerechten Zorn des Canadiers entflammt und er richtete sich jetzt in seiner ganzen Größe auf, fest entschlossen, von seinem guten Messer Gebrauch zu machen. Rasch folgte er Josef nach, der bereits um den Hag des Goldthales bog. Eine wimmernde, flehende Stimme machte dort die beiden Jäger für ein paar Augenblicke stutzen, als sie aber an dem Tone erkannten, daß der Hilferufende nicht Fabian sei, kletterten sie schnell an dem gegenüberliegenden Felsen empor. »Hahaha!« lachte Josef wüthend, »die Spitzbuben haben sich aus dem Staube gemacht! Und der hochnäsige Mestize setzte sein langen Beine in Bewegung und zieht sich nach dem Gipfel der Nebelberge zurück.« »Wenn Du nicht ebenso feig, als grausam bist, so steh' uns!« schrie Rosenholz, mit vor Wuth bebender Stimme. »Mischblut ist kein Feigling!« schrie der Mestize zurück, »der Adler der Schneeberge und der Spottvogel werden ein drittes mal mit ihm zusammentreffen und dann soll es ihnen ergehen, wie dem jungen Krieger aus Mittag, den die Indianer umtanzen und dessen Fleisch sie den Hunden der Prairie vorwerfen werden.« »Oh, Du bestilenzialischer, halbrother Mordgeselle!« donnerte Josef und machte sich mit Rosenholz eilig auf den Weg, den Mestizen zu verfolgen. Nichts schien die beiden Jäger aufhalten zu können, weder die Hindernisse des Bodens, noch die schlüpfrigen Felsen; trotz alledem gelang es ihnen nicht, ihren Feind zu erreichen, der nur zu bald den Gipfel der Berge erreichte und gleich darauf in dem ewigen Nebel, der sie umgab, verschwand. »Oh, hielt ich doch nur ein Gewehr in meinen Händen,« rief Josef zornig, indem er auf den vom Regen durchweichten Boden stampfte. »Die Hoffnung meines Lebens ist erloschen«, sagte der alte Waldläufer mit gebrochener Stimme und, nach Athem ringend, setzte er sich für einige Augenblicke auf einen Felsblock und schien es nicht zu fühlen, wie der strömende Regen ihm die entblößte Stirn näßte. Allein so sehr auch die Fluthen des Himmels die gebräunte Stirn ihm kühlten, vermochten sie dennoch nicht den düstern, gewaltigen Kummer, der sich auf ihr malte, zu vertilgen. »Komm, alter Freund,« sprach ihm Josef zu, »ermanne Dich und laß uns die Spuren der Feinde verfolgen.« »Ja ... ja!« ächzte der arme alte Jäger und klomm mit dem Gefährten weiter die Berge empor, um die Spuren der Feinde zu finden. Ader überall war der Boden feucht und der Regen hatte jeden Fußtritt vermischt, dazu kam, daß die Nacht rasch heranrückte, und so verschwanden die beiden Freunde bald selbst in den Nebeldünsten der Berge. Von der Ebene herauf brüllte der Orkan – bald krachte der Donner, bald knisterte der Blitz und sein bläuliches Licht erhellte das Goldthal, die Savane und die Pyramide; das Pferdescelett leuchtete zwischen den beiden Tannenbäumen, die in der Gewalt des Sturmes wie bescheidene Veilchen in der Spalte eines Felsens zitterten, und das bläuliche Licht der zuckenden Blitze suchte das Goldthal auf und beleuchtete dort eine elende Jammergestalt, die auf den Schätzen ruhte, nach denen sie sich Zeit ihres Lebens gesehnt. Cuchillo war von Josefs Kugel zwar schwer verwundet, aber nicht getödtet worden und lag jetzt mit zerbrochenen Armen und Beinen auf den Goldkieseln, deren scharfe Kanten und Ecken seine Schmerzen noch erhöhten. Er war es gewesen, der den Hilferuf ausstieß, als Josef und Rosenholz das Goldthal umschritten hatten. Zum erstenmale in seinem Leben betete der Schurke zu Gott, ihn um ein rasches Ende bittend – und zu jedem Blitz, der in wildem Zickzack in das Goldthal herniederfuhr, sah er sehnsüchtig empor, hoffend, daß er ihn treffen und seinen Qualen ein Ende machen werde. Aber, siehe da! eine Menge von Blitzen fuhr in die goldenen Schätze und wirbelte die grüne Decke auf, welche Josef vor Kurzem darüber gebreitet, allein kein einziger Wetterstrahl erbarmte sich des schurkischen Cuchillo. Sein Schicksal war entschieden; alle die Reichthümer, die das Goldthal barg, gehörten ihm, und doch vermochten sie ihm zu keinem Bissen Brode zu verhelfen, und der reiche Mann mußte, angesichts des blitzenden Goldes, elend verhungern. .....Gott ist gerecht! ... In dem grellen Lichte der zuckenden Blitze tauchten aber auch die beiden Jäger auf, von denen der eine den andern zu trösten suchte. Beide warfen kummervolle Blicke in die gähnende Schlucht zu ihren Füßen und noch unzählige Male rief der Canadier mit gebrochener Stimme den Namen seines lieben Kindes; allein keine menschliche Stimme antwortete, nur der Wind heulte seine monotone Melodie, theils an den eisgrauen Bergesgipfeln sich brechend, die dann wie die Pfeifen einer gigantischen Orgel unter dem Athem des Ewigen zu brausen schienen, theils in die Schluchten hinabfahrend und wehmüthige Klagen anstimmend. Und als der Gewittersturm sich endlich ausgerast hatte, strich der seufzende Wind leise kosend über die Leiche eines Indianers, dessen Mund halb offen stand, gleichsam als habe er im Todeskampfe die Namen zweier geliebter Wesen vor sich hin gelallt, die nun eine Wittwe und eine vaterlose Waise waren. So küßte der Seufzer des Windes den todten Windseufzer, der nur eine armselige Rothhaut gewesen war und dennoch den Funken der Liebe, die ewig ist, in seinem Herzen herumgetragen hatte. Drittes Buch Elftes Kapitel. Ein Besuch am Büffelsee. Der Gang unserer Erzählung erheischt es, daß wir unsere beiden trauernden Freunde, Rosenholz und Josef, vor der Hand verlassen und unsere Aufmerksamkeit einem andern Schauplatze zuwenden. Wir wollen dem jungen Leser nur noch sagen, daß unsere Freunde, trotz des quälenden Hungers, der ihre Kräfte lahm legte, die Verfolgung fortsetzten und nicht eher ruhten, als bis sie eine Spur Fabians entdeckt hatten; das geschah aber erst viele Stunden später, in dem Augenblicke, wo die am Himmelsgewölbe prangenden Sterne, ähnlich den erlöschenden Kerzen eines Festes, im Morgennebel verschwanden. Acht Tage, nachdem Don Estevan mit seinem Gefolge die Hacienda del Benado verlassen hatte, standen in dem Hofe derselben gesattelte Pferde und beladene Maulthiere und ihre Ausstattung deutete darauf hin, daß Don Augustin im Begriffe war, eine Reise anzutreten. Allerdings beabsichtigte der Hacendero mit seiner Tochter Rosarita nach einer vier Tagemärsche entfernten Tränke zu reiten, um daselbst eine Jagd auf wilde Pferde zu eröffnen, welches Vergnügen Don Augustin, als ein echter Mejikaner, nicht nur jedem andern vorzog, sondern das gleichzeitig auch seine Heerden um ein Ansehnliches vermehrte. Anfänglich war Don Augustin unschlüssig gewesen, ob er sich soweit von seinem Grund und Eigenthum wagen sollte, da man indessen seit langer Zeit weit und breit keinen Indianer gesehen und der Hacendero somit keinerlei Gefahr für sich und Rosarita zu fürchten hatte, so machte er sich mit einem zahlreichen Gefolge von Vaqueros auf den Weg. »Wir werden zwar einige Strapazen zu überstehen haben«, äußerte er zu seiner Tochter, »allein was wollen diese Mühen sagen, gegenüber dem prächtigen Schauspiel, das uns als Lohn erwartet.« In Rosaritas Adern floß das Blut ihres Vaters und somit freute auch sie sich auf diese Jagd wilder Pferde, welche dem Mejikaner das ist, was dem Spanier das Stiergefecht. Wirklich begegnete den Reisenden während ihrer ersten Tagereise nichts, was eine Veranlassung zur Besorgniß hätte geben können, ausgenommen, daß ihnen gegen Abend, als sie den Rastort für die Nacht fast erreicht hatten, zwei Reiter entgegen kamen, deren Aussehen ziemlich seltsam und auffallend war. Der eine der beiden Fremden stand in der Blüthe des kräftigen Mannesalters, der andere dagegen hatte weißes Haar. Ein mit einem Federbusche geschmücktes Käppchen bedeckte ihr Vorderhaupt, dagegen war das Haar beider mit einem ungegerbten Lederriemen auf dem Wirbel zusammengebunden. Ihr ganzer oberer Körper war in eine wollene Decke eingehüllt und auf der linken Schulter trugen beide zwei lange schwere Büchsen, deren Kolben mit kupfernen Nägeln beschlagen waren. Wiewohl die beiden Reiter den Reisenden keinerlei Hindernisse in den Weg legten, so warf doch der jüngere im Vorüberreiten der Tochter des Hacendero einen so bösartigen Blick zu, daß das Mädchen noch lange hernach nur mit Entsetzen daran dachte. Don Augustin setzte mit seinem Gefolge den Weg fort und langte am Morgen des vierten Tages in der Nähe des Büffelsee's an, der sein Reiseziel war, und mit dessen Lage und Umgebung wir uns jetzt beschäftigen wollen. Unweit der Nebelberge vereinigt sich der Rio Gila mit dem Red River, der, nachdem er Texas und das indianische Jagdgebiet der Comanchen durchflossen, auf welch' letzteren wir bald näher zu sprechen kommen, sich in den Meerbusen von Mejiko ergießt. Eine kurze Strecke von dem Punkte, welcher die rothe Gabel genannt wird, da dort die beiden Flüsse ineinander münden, dehnt sich ein großer, aus Cedern, Korkeichen und Sumach (Gerberbaum) bestehender Wald aus, während zwischen ihm und der rothen Gabel eine weite Ebene sich hinzieht, deren Graswuchs so üppig ist, daß ein Reiter auf seinem Roß kaum diese wogenden Graswellen überragt. Unweit vom Rande des Waldes und beschattet von dem hohen dunkelgrünen Laubdom, liegt der Büffelsee , dessen stiller Wasserspiegel von einem dichten Schilfsaume eingefaßt wird. Das kleine Wasserbecken hatte seinen Namen von den Büffeln bekommen, deren Lieblingstränke es ehedem gewesen war. Die wilden Thiere kamen jetzt nicht mehr dahin, sondern hatten die einsame Prairie zu ihrem Aufenthalte erwählt, dagegen tummelten sich an den Ufern des Büffelsees zahlreiche Heerden wilder Pferde und löschten dort ihren Durst. An einem sonnigen Morgen hatte sich an dem Ufer des Büffelsees ein Dutzend Männer gelagert, von denen acht die Kleidung der Vaqueros trugen. Diese Letztern standen in dem Dienste Don Augustins und waren vorausgesandt worden, um die zur Jagd nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Sie hatten auf der einen Seite des Sees eine große Anzahl von Bäumen gefällt und deren Stämme benutzt, um eine starke Umzäunung herzustellen. Die Stämme waren tief in den Boden eingerammelt und durch Riemen von Büffelfellen derart mit einander verbunden, daß sie selbst dem stärksten Drucke zu widerstehen vermochten. Der innere Raum der Umzäunung bildete eine Ellipse und ließ nur eine einzige schmale Oeffnung am Ufer frei. Das Pfahlwerk selbst war mit den Zweigen der gefällten Bäume bedeckt, um die wilden Pferde vor dem ungewohnten Anblicke nicht scheuen zu machen. Unter den zwölf Männern, die an jenem Morgen am Büffelsee ihre Siesta hielten, befanden sich vier, welche nicht zu der Hacienda del Venado gehörten. Sie waren sozusagen ganz in Leder eingehüllt und ihre gebräunten Gesichter hoben sich nur wenig von ihrer Kleidung ab. Es waren Büffeljäger, welche sich von den Beschwerden ihres Gewerbes am Ufer des Sees ausruhten, und eine Anzahl frischer Büffelhäute, die in der Nähe auf Pfählen trockneten, zeigten an, daß die vier Männer sehr fleißig gewesen waren. Die tiefe Stille, welche ringsum herrschte, wurde von Zeit zu Zeit durch das klagende Geheul einer großen Dogge unterbrochen, die im Grase lag. Der Herr des Hundes, einer der vier Büffeljäger und ein Mann von hohem Wuchs und kräftigem Körperbau, knieete eben vor einem Heiligenbilde, das eine Madonna vorstellte und an dem Stamme einer knorrigen Eiche angebracht war. »Warum heult denn Dein Hund so jämmerlich, Encinas? Er wird doch nicht gar einen herumlungernden Indianer wittern«, rief ihm einer der Vaqueros zu, allein der Büffeljäger vollendete erst sein Morgengebet, ehe er zur Antwort gab: »Nein, mein Junge, Oso heult nur nach seinem Gefährten, der mir leider im Kampfe mit den verwünschten Rothhäuten getödtet worden ist. Wenn ein Indianer hier herumschweifte, so würde Oso sein Haar sträuben und seine Augen würden leuchten, wie glühende Kohlen. Ist er ja doch abgerichtet, mit den wilden Indianern zu kämpfen. Ihr dürft also unbesorgt sein.« »So habt Ihr also erst vor Kurzem einen Strauß mit den Rothhäuten zu bestehen gehabt?« fragte abermals der Vaquero, der sehr neugierig zu sein schien. »Allerdings«, nickte Encinas, »und zwar mit den Apachen.« »Oh, erzählt, erzählt«, riefen jetzt auch die übrigen Vaqueros und rückten zusammen, um dem Büffeljäger Platz zu machen. »Ich befand mich in dem Hause eines Freundes in Tubac und wir unterhielten uns gerade über das Schicksal einer Goldsucherexpedition, die von den Apachen angegriffen sein soll, als ein Abgesandter der Comanchen mich aufsuchte. Wie Ihr wißt, ist dieser Indianerstamm den Apachen feindlich gesinnt und zeichnet sich durch eine gewisse Ehrenhaftigkeit vor diesen aus. Der Indianer kam, um uns im Namen seines Häuptlings einen Tausch von Büffelhäuten gegen Glaswaaren, Messer und wollene Decken vorzuschlagen, und da sich zufällig ein herumziehender Krämer von Arispe bei meinem Freunde aufhielt und einen Vorrath von den Gegenständen mitgebracht hatte, nach denen die Comanchen so sehnsüchtig verlangten, so wurden wir alsbald handelseinig. Es machte mir Spaß, einmal das Lager der Comanchen zu sehen, und so trat denn ich, der Krämer und zehn andere kräftige Männer, unter der Führung des Abgesandten, den Weg an.« »Ihr wart demnach im Ganzen dreizehn«, schaltete der neugierige Vaquero ein, »das ist eine böse Zahl, denn von dreizehn muß immer einer sterben.« »Jawohl,« bestätigte Encinas, »zuweilen kann's auch mehreren passiren. Nachdem wir eine Zeit lang marschirt waren, äußerte der Comanche, der übrigens ein bildschöner, junger Krieger war und Brennstrahl hieß, zu dem Krämer, daß er in der Ebene die Spuren Rothhands und Mischbluts gesehen habe und man sich daher in Acht nehmen müsse. Ich hörte diese beiden Namen zum erstenmale und kümmerte mich daher nicht weiter darum, sondern ließ den auf seinem Pferde vorantrabenden Brennstrahl mit Augen und Nase die Einöde befragen. Auch war ich genöthigt, mit meinen beiden Hunden Oso und Tiger, die ich an der Leine führte und mit Maulkörben versehen hatte, mich von Brennstrahl etwas zurückzuhalten, denn die beiden Doggen waren, wie schon gesagt, auf Indianer dressirt und zeigten große Lust, über den Comanchen herzufallen. Wir ritten eben über eine weite Ebene, die mit mächtigen Baumwollstauden besetzt war, als Freund Brennstrahl plötzlich einen Schrei ausstieß und sich auf die andere Seite seines Thieres duckte. Im nächsten Moment kam ein Pfeilhagel daher geflogen und zehn von unsern Männern stürzten zu Boden. Rasch entschlossen, nahm ich meinen vor Wuth heulenden Hunden die Maulkörbe ab, und das war sehr gut, denn gleich darauf stürzten sieben oder acht Apachen aus dem Dickicht hervor und fielen über mich her. Ich aber, nicht faul, ließ sofort meinen Oso und Tiger los, die wie Löwen auf die Indianer einsprangen, und ich zog gleichfalls vom Leder. Na, der Kampf dauerte nicht lange, denn die beiden Doggen hatten reine Wirtschaft gemacht und ich weiß nur noch, daß wilde bemalte Gesichter mit funkelnden Augen an meinem Kopfe hin und her fuhren. Leider war mein armer Tiger von einem Lanzenstich der verwünschten Rothhäute getödtet worden.« »Und der Comanche, half er Euch nicht?« fragte der neugierige Vaquero. »Nur Geduld, mein Junge«, erwiederte Encinas lachend, »eines nach dem andern. Als ich wieder etwas zu Athem kam und mich umblickte, sah ich, daß zehn Schritte von mir ein verteufelt hitziger Kampf stattfand. Eine dicke Staubwolke hüllte jedoch die Streitenden ein und ich unterschied nur wallende Federbüsche, blitzende Lanzen, beschmierte Gesichter und funkelnde Augen. Endlich löste sich aber das Gewirr auf und Freund Brennstrahl sprengte heran, indem er sich wie ein Löwe schüttelte, der soeben einem Rudel Wölfen das Kreuz gebrochen hat.. Die Indianer aber stoben auseinander, wie die Fledermäuse vor dem Sonnenstrahle, und der Comanche sagte mir, daß Rothhand und Mischblut den Streich ausgeführt und sich mit den Apachen verbunden hätten, um die Waaren der weißen Männer zu rauben. Nunmehr erfuhr ich auch, wer die zwei Räuber der Einöde seien.« Und nachdem der Büffeljäger das Signalement des würdigen Paars mitgetheilt hatte, fuhr er fort: »Der Comanche suchte mir gegenüber vergebens den indianischen Stolz zu unterdrücken, welcher seine Nasenflügel schwellte und seine Augen funkeln ließ, als er gleich darauf zu mir sagte, die Weißen werden jetzt wohl einsehen, daß man sich dem Brennstrahl wohl anvertrauen darf und daß er es für seine größte Ehre hält, ehrliche Menschen zu beschützen. – Zuverlässig! rief ich aus, und ich werde Eurer Rechtschaffenheit und Tapferkeit alle Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wenn ich meinen Freunden heute Abend in Tubac unser Abenteuer mittheile. – Nachdem ich dem noch immer knurrenden Oso den Maulkorb angelegt hatte, kehrten meine verwundeten Freunde und der Krämer nach Tubac wieder zurück, da es nicht rathsam erschien, den Weg zu dem Lager der Comanchen weiter zu verfolgen. Brennstrahl rief mir noch nach, daß er die Wüstenräuber verfolgen werde, dann sprengte er davon und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehen.« Am Rande des Waldes wurde jetzt ein Reitertrupp sichtbar, der sich nach dem Lagerplatze zu bewegte. Es war der sehnlich erwartete Hacendero mit seiner Tochter und den ihn begleitenden Vaqueros. Don Augustin hob Rosarita selbst vom Pferde, musterte die von seinen Leuten getroffenen Anstalten und begab sich sodann in sein inzwischen aufgerichtetes Zelt, um ein wenig Siesta zu halten. Rosarita folgte ihm, nachdem sie sich zuvor überzeugt, daß die vier Büffeljäger, deren wildes Aussehen sie erschreckt hatte, keine Indianer waren. Encinas und seine Gefährten plauderten noch ein wenig mit den ihnen befreundeten Vaqueros, indem sie sich von dem Reichthume Don Augustins unterhielten, und standen eben im Begriffe aufzubrechen und ihre Pferde zu satteln, als der Hacendero mit seiner Tochter wieder aus dem Zelte trat. »Was hast du denn, Oso?« rief Encinas seiner Dogge zu, die abermals zu heulen begann, »ist ein Indianer in der Nähe?« »Indianer?« wiederholte Rosarita erschreckt, »sind denn schon welche hierher gekommen?« »Oh nein, Señorita«, beruhigte der Büffeljäger und machte einen linkischen Kratzfuß, »mein Hund da ist zur Bekämpfung der Indianer abgerichtet und wittert jede Rothhaut schon von weitem. Wie Sie sehen, ist er jetzt wieder ruhig, das beste Zeichen, daß sein Instinkt ihn getäuscht hat, mir wollen jetzt – uns wieder auf die Büffeljagd begeben und haben daher die Ehre, uns von Ew. Gnaden zu verabschieden.« Während Encinas seinem jungen Freunde, dem neugierigen Vaquero die Hand schüttelte, flüsterte Rosarita ihrem Vater angelegentlichst etwas ins Ohr. Er zuckte zuerst die Achsel, warf aber dann einen Blick väterlicher Zärtlichkeit auf das Gesicht seiner Tochter und wandte sich mit den Worten an den Büffeljäger: »Ihr habt wohl schon manchen Kampf mit den Indianern gehabt und kennt ihre Kriegslisten?« »Will's meinen, Señor«, antwortete Encinas, »hab' erst vor fünf Tagen einen Strauß mit diesen verwünschten Rothhäuten ausgefochten.« »Und wo war das?« fragte Don Augustin weiter. »Unweit von Tubac.« »Also kaum zwanzig Stunden von hier?« rief Rosarita erschrocken. »Mein Töchterchen hier«, lächelte der Hacendero, »fürchtet sich nämlich ganz erschrecklich vor den Indianern, besonders da wir auf unserer Reise einem seltsam aussehenden Paare begegnet sind.« Er hielt einen Augenblick in seiner Rede inne, küßte Rosarita auf die Stirne und fuhr fort: »Wie viel verdient Ihr wohl täglich bei Euerm gefährlichen Handwerk?« »Je nun«, antwortete Encinas, »wenn man so einen Tag in den andern rechnet, können wohl zwei Piaster herausspringen.« »Würdet Ihr Euch wohl unserer Jagd anschließen und bei uns bleiben, wenn ich Euch und Euren Genossen für den Tag drei Piaster zahle?« »Herzlich gern«, riefen die drei Büffeljäger wie aus einem Munde. »Außerdem«, fuhr Don Augustin fort, »darf sich jeder von Euch unter den gefangenen Pferden eins nach seinem Geschmack auswählen.« »Gott's Blitz!« rief Encinas hoch erfreut, »es ist ein wahres Vergnügen, einem so großmüthigen Herrn, wie Señor sind, zu dienen.« »Nun denn, mein Kind«, wandte sich der Hacendero an seine Tochter, »ich hoffe jetzt, daß bei achtundzwanzig Vaqueros und vier so wackern Jägern Deine Furcht verschwinden wird.« Statt aller Antwort umarmte Rosarita den gütigen Vater, worauf man begann, die letzten Vorbereitungen zur Pferdejagd zu treffen, da die Stunde herannahte, wo die seit langer Zeit von ihrer Tränke abgehaltenen wilden Pferde den Ufern des Sees sich nähern konnten. Die Pferde der Büffeljäger wurden wieder abgesattelt, die Relaispferde in den Corral (Umzäunung) getrieben und von den Ufern des Sees Alles entfernt, was die wilden Pferde erschrecken konnte. Nur zwei Pferde blieben gesattelt, die besten Renner, welche von jenen Vaqueros geritten wurden, deren Geschicklichkeit im Lassowerfen man kannte. Sie verbargen sich mit ihren Pferden innerhalb des Corrals, unweit der freigelassenen Oeffnung, die im Nothfalle durch lange bewegliche Stangen geschlossen werden konnte. Don Augustin nahm mit Rosarita am Eingange des Zeltes Platz, dessen Vorhang sie vor den Augen der wilden Pferde verbarg, ohne ihnen selbst jedoch die Aussicht auf den See zu versperren; die Vaqueros und Büffeljäger dagegen stellten sich dem Wege gegenüber auf, den die wilden Pferde stets einschlugen, um zur Tränke zu gelangen. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden und der Schein des Abendroths färbte die Gewässer des Sees. Die weißen Kelche der Wasserlilien glühten in dem purpurfarbigen Lichte und die Waldvögel begannen, da der See mit seinen Umgebungen von den Menschen verlassen schien, ihr Abendlied zu singen. Mehrere Minuten verstrichen in dieser friedlichen Ruhe, da ließ sich in der Tiefe des Waldes ein dumpfes Krachen vernehmen, welches dem geübten Ohre Don Augustins das Nahen der wilden Renner verkündete. Statt aber, gleich dem Getöse einer Lawine, anzuwachsen, wie es geschieht, wenn zwei- bis dreihundert Pferde zur Tränke sprengen und der Boden unter ihren Hufen erbebt, hörte das ferne Geräusch plötzlich auf. Ohne Zweifel war dem wilden Trupp das veränderte Aussehen des Waldes, dessen eine Strecke man, wie wir wissen, gelichtet hatte, schon von fern aufgefallen und schreckerfüllt machten die Thiere Halt, indem sie ein durchdringendes Gewieher ausstießen. Bald aber krachte das Niederholz von Neuem und am Saume der Lichtung tauchten ein halbes Dutzend Pferde auf, die kühner gewesen waren, als die andern; sie hoben ihre Köpfe mit den schnaubenden Nüstern und den glänzenden Augen in die Höhe, während ihre Mähnen im Abendwinde wallten – im nächsten Augenblick aber sprangen fünf von ihnen wieder zurück und verschwanden, wie ebenso viele Blitze, in dem grünen Waldesdom. Der sechste Renner dagegen blieb stehen und reckte seinen schönen Hals verlangend nach der erfrischenden Fluth des Sees. Don Augustin und Rosarita, sowie die in ihrem Hinterhalte lauernden Jäger, vermochten nur schwer einen Ausruf der Bewunderung zu unterdrücken, denn dieses Thier, das so verlangend nach der Tränke strebte, gehörte zu den schönsten, welche je die Prairie durchstreiften. Seine Farbe mahnte an frisch gefallenen Schnee und die stolze Haltung trug den Stempel einer wilden Majestät. Ein glänzender Schwanenhals saß auf einer breiten, überaus kräftigen Brust, zwischen den beiden wildfunkelnden Augen zitterte auf der Stirne ein weißer Haarbüschel und ein voller Schweif peitschte unausgesetzt die sehnigen Beine. »Bei der heiligen Jungfrau!« flüsterte Encinas dem neugierigen Vaquero zu, der an seiner Seite stand, »es ist der weiße Renner der Prairien.« »Der weiße Renner der Prairien?« wiederholte sein junger Freund, »was ist das?« »Ein Schimmel, dem man nur selten nahe kommen kann, und der sich nie fangen läßt.« »Ah bah!« rief der Vaquero mit etwas lauterer Stimme als nöthig war. »Ihr wollt mir da etwas weiß machen.« »Still ... erschreckt das Pferd nicht – es macht jetzt einige Sätze und nähert sich dem See!« Ein paar Augenblicke später stand das edle Thier dicht am Ufer. Bebend fuhr es zurück, als der crystallhelle Wasserspiegel sein Bild zurückwarf. Dann verlängerte es den zierlichen Hals und stellte so vorsichtig seine zwei Vorderbeine ins Wasser, daß auch nicht die geringste Schlammwolke die Klarheit desselben trübte. »Jetzt oder nie muß man ihm den Lasso überwerfen,« flüsterte der junge Vaquero. »Ich weiß nicht,« entgegnete kopfschüttelnd der Büffeljäger, »aber fast immer passirt Dem etwas, der den Renner der Prairien fangen will.« Das edle Thier kniete jetzt im Wasser nieder und zog in langen, gierigen Zügen das kühlende Naß ein, wobei es von Zeit zu Zeit den Kopf lauschend in die Höhe hob. »Und wenn der Teufel in dem Pferde stecken sollte, ich muß es haben,« rief der ebenso neugierige als vorwitzige Vaquero, beugte sich auf den Sattel seines Rosses nieder und galoppirte, den ledernen Lasso schwingend, auf den Renner der Prairien zu. Dieser machte einen Schreckenssprung und stürzte an's Ufer zurück; schon durchschnitt der geworfene Lasso pfeifend die Luft, da glitt das Pferd des Vaquero infolge des zu heftigen Anlaufs aus und rollte mit seinem Reiter in den See hinab. »Was hab' ich gesagt?« rief Encinas, durch diesen Unfall in seinem Aberglauben bestärkt. »Da seht nur, wie das ungreifbare Roß sich von der Schlinge losmacht.« Und in der That schüttelte das edle Thier, während es mit der Schnelligkeit des Windes davonflog, den Lasso von sich ab. Da eilte ein zweiter Vaquero dem flüchtigen Thiere nach, weder der Baumstämme, noch der niedern Aeste achtend, an denen sein Pferd vorübersprengte. Bald lag er auf dem Sattel, bald hing er an den Flanken seines Roßes und glitt auf diese Weise, gleich einer Schlange, unter den Aesten und zwischen den Baumstämmen dahin, bis er und der weiße Renner der Prairien den Augen der staunenden Zuschauer entschwunden waren. Unter Hurrah und Jubelgeschrei kamen sämmtliche Jäger jetzt aus ihrem Hinterhalt hervor, denn das Schauspiel, welchem sie beigewohnt, war allein fast so viel werth, als wenn zwanzig wilde Pferde gefangen worden wären. Auch der neugierige Vaquero rappelte sich mit triefenden Haaren und von Schlamm besudelten Kleidern aus dem See heraus und zog ein sehr verlegenes Gesicht, als sein Freund, der Büffeljäger, ihm die tröstenden Worte zurief: »Ihr könnt noch von Glück sagen, so leichten Kaufs davon gekommen zu sein. Ich wünsche aufrichtig, daß Euerm Kameraden nichts Schlimmeres passirt, denn man sieht diejenigen, welche den weißen Renner der Prairien so weit verfolgen, nie wieder zurückkehren.« Da es jetzt gewiß war, daß eine stattliche Anzahl von wilden Pferden sich in der Nähe befand, so schickte Don Augustin einen Trupp Vaqueros in die Ebene und den Wald ab, mit der Weisung, wahrend der Nacht in weitem Umkreise den Büffelsee zu umstellen und allmälig näher zu rücken, um die wilden Pferde zu nöthigen, die Lichtung des Waldes zu betreten. Sodann ertheilte der Hacendero Befehl, Wachtfeuer anzulegen und das Abendessen zu bereiten. Die Dämmerung senkte sich jetzt auf die Oberfläche des Sees herab und verwischte die rothen Tinten, welche das Abendroth zurückgestrahlt hatte; aus der crystallnen Fluth stiegen Nebel auf, die Sänger des Waldes gingen zur Ruhe, nur der Abendwind fächelte noch liebkosend das Laub der Bäume. Rosarita hatte eben mit Encinas ein sehr ernstes Gespräch geführt und sich, nachdem er ihr sein Scharmützel mit den Apachen erzählt, angelegentlich erkundigt, ob er über das Schicksal der Goldsucherexpedition, sowie über den Verbleib eines jungen Mannes, Namens Tiburcio Arellanos, nichts Näheres vernommen habe, als plötzlich eine seltsame Erscheinung das Auge des furchtsamen Mädchens fesselte und sich ihren rosigen Lippen ein Schrei des Schreckens entwandt, welcher Don Augustin und alle im Lager Anwesenden an ihre Seite rief. Das bleiche Mädchen deutete mit zitternder Hand nach dem Walde hin, an dessen Saume eine Gestalt mit wunderlichem Kopfputz und tätowirter Haut auftauchte. Don Augustin sah sofort, daß es ein Indianer war, und eilte dem Zelte zu, um sein Gewehr zu holen. »Nur ruhig,« rief jetzt der Büffeljäger, »Señorita braucht keine Angst zu haben, denn der Fremde ist ein Freund von mir, dem ich, wie Sie kurz zuvor aus meinem Munde vernommen, sehr zu Danke verbunden bin.« Damit ging er auf den Indianer zu. Es war ein junger Krieger von edler, kräftiger Gestalt, und einem leichten, stolzen Gange. Seine breiten Schultern, sowie seine Brust waren nackt, während sich um seine Hüften ein buntgefärbter Mantel schlang, wie ihn die Mejikaner zu tragen pflegen. Gamaschen von scharlachrothem Tuche bedeckten seine Beine und wurden durch Bänder von Thierhaaren über den Knieen festgehalten. Die Füße waren mit Halbstiefeln von ungegerbtem Leder bekleidet, an denen allerlei Zierrath hing. Auf seinem Kopfe, der mit Ausnahme eines kurzen Haarbüschels, welcher gleichsam einen Helmbusch bildete, glatt rasirt war, saß eine Art schmaler Turban, aus zwei um die Stirne gewundenen Halstüchern bestehend. Das Gesicht des jungen Kriegers hätte unbedingt als schön gelten können, wäre es nicht durch die gräuliche Malerei entstellt worden. Ueber dem feinen, kühn geschnittenen Munde und der römischen Nase thronte eine hohe Stirne, welche einen tapfern und rechtschaffenen Character bekundete. Unbesorgt und ruhig nahte sich der indianische Krieger, und als er die vor Schrecken bleiche Rosarita sah, begann er in einem geradezu ritterlichen Tone: »Hat es heute Morgen an den Ufern des Sees geschneit oder sprießen hier die Wasserlilien aus dem Boden des Waldes empor?« Diese blumenreiche Sprache, sowie der freundliche Ernst, mit welchem der junge Krieger Rosarita anblickte, verscheuchten deren Angst, und sie wollte schon etwas erwiedern, als Encinas mit der Frage hervortrat: »Was giebt es? ... Bringt mein Freund Brennstrahl irgend eine üble Nachricht? Ist er etwa einem Apachen auf der Spur?« »Oh nein,« lächelte der Comanche verächtlich, »in diesem Falle würde ein Krieger von meinem Stamme sicherlich die Peitsche in der Hand gehabt haben.« Da der Indianer dem Büffeljäger versprochen hatte, die Spur der beiden Wüstenräuber zu verfolgen, und Encinas wußte, daß Brennstrahl nicht der Mann war, einen solchen Plan aufzugeben, so fragte er ihn, ob er sonst nichts Bemerkenswerthes gesehen habe. »Unter den Spuren der Weißen, die hierher an den Büffelsee gekommen sind, habe ich auch jene Rothhands und Mischbluts gefunden, und ich nahete mich Euerm Lager, um Euch aufzufordern, auf der Hut zu sein.« »Wie?« rief Encinas unruhig, »diese Spitzbuben sind auch hier?« »Was sagt er?« fragte Don Augustin, sich der Gruppe nähernd. »Nichts von Belang,« antwortete Encinas und flüsterte dann dem Comanchen zu: »Welche Absicht können Rothhand und Mischblut wohl haben, hierher zu kommen?« Der junge Krieger warf einen flüchtigen Blick auf Rosarita und gab dann in ebenso leisem Tone zurück: »Sie kommen wegen der Seeblume, die so weiß ist, wie gefallener Schnee. Denn den beiden habgierigen Hunden verlangt nach einem reichen Lösegelde, das der reiche Vater für die geraubte Tochter zahlen soll. Allein Brennstrahl hat geschworen, den Tod Derjenigen zu rächen, die seinem Wort vertraut hatten, und er wird auch über die Seeblume wachen. Er folgt jetzt, nachdem er seinen Freund benachrichtigt, von Neuem den Spuren nach, die er einen Augenblick verlassen hat.« Während der junge Krieger mit schlichter Einfachheit diese Worte sprach, drückte er dem Büffeljäger die Hand und entfernte sich ebenso schweigend, wie er gekommen war. Als er hinter den Bäumen verschwand, fragte Don Augustin den Büffeljäger, was der junge Wilde mit seinen Redeblumen habe ausdrücken wollen, und Encinas hielt mit seinen Erklärungen nicht zurück. Allein Don Augustin war ein Mann, dessen Jugendzeit unter fortgesetzten Kämpfen gegen die Indianer verstrichen war, und sein kriegerischer Stolz hatte, ungeachtet des zunehmenden Alters, sich eher vermehrt, als vermindert. »Und wären es ihrer zehn,« sagte er, »so würde es eine Schande sein, sich wegen solcher Spitzbuben zu beunruhigen oder in seinem Vergnügen stören zu lassen. Im Uebrigen haben wir ein zahlreiches Gefolge und ich rathe keinem dieser beiden Schurken, sich uns zu nahen.« »Jetzt erkläre ich mir übrigens Oso's Gebell,« äußerte der Büffeljäger, »er hatte Feinde und Freunde zu gleicher Zeit gewittert. Als Brennstrahl vorhin herankam, hat er sich nicht gerührt, denn er kennt ihn jetzt und weiß, daß er uns freundlich gesinnt ist. Dagegen beweist sein Heulen, daß feindliche Indianer hier herum streichen. Oh, Señor, der Hund hat einen Instinct, wie man ihn nur selten wiedertrifft.« Er nahm seine Büchse zur Hand, pfiff dem treuen Hunde und durchstrich mit ihm die Umgegend des Büffelsees. Nach einer guten Stunde kehrte er an's Wachtfeuer wieder zurück und berichtete dem Hacendero, daß er weit und breit keinerlei verdächtige Anzeichen getroffen habe. Beruhigt zog sich nunmehr Don Augustin mit Rosarita in das Zelt zurück. Der Büffeljäger aber setzte sich zu seinen Gefährten, die sich um das Wachtfeuer gelagert hatten, und begann das versäumte Nachtessen nachzuholen. »Ihr habt also nichts Neues in der Umgegend gesehen,« fragte der neugierige Vaquero seinen ältern Freund, welcher stumm verneinte, da er jetzt den Mund nur öffnete, um zu essen. »Ich bin trotz alledem noch unruhig,« fuhr der junge Hirte nach kurzer Pause fort, »denn Francisko, der dem weißen Renner der Prairien nachsetzte, ist noch immer nicht zurück.« »Wie kann Euch das wundern!« entschloß sich endlich Encinas zu antworten, »habt Ihr doch beinahe selbst den Hals gebrochen, und so etwas geschieht stets, wenn Jemand die Kühnheit begeht, das Prairieroß zu verfolgen.« »Ei nun,« brummte der junge Vaquero ärgerlich, »wäre mein Pferd nicht so hitzig gewesen, so wäre es nicht ausgeglitten, und wäre es nicht ausgeglitten –« »So wäret Ihr nicht gefallen, ganz richtig. Aber Euer Thier ist nun einmal ausgeglitten und damit Punktum.« »Ah bah! das ist auch schon Andern vor mir passirt.« »Ganz richtig; mit dem weißen Renner ist es aber eine ganz eigenthümliche Geschichte, und wenn Ihr, wie ich, die Prairien des Westens besucht hättet, so würdet Ihr auch wissen, daß seit vielen Jahren alle Vaqueros von Texas vergebens versucht haben, den sonderbaren Renner zu erreichen, daß er Hufe hat, härter als Feuerstein, daß er, wenn man ihn aus der Ferne verfolgt, schnell verschwindet und daß, wenn man auf seiner Fährte bleibt, Niemand den Verfolger jemals wiedergesehen hat.« »Wenn aber, wie Ihr sagt, die Vaqueros von Texas sich schon seit vielen Jahren abmühen, des weißen Renners habhaft zu werden, so muß doch das Thier eine hübsche Zahl von Jahren auf dem Buckel haben,« äußerte wichtig der junge Hirt. »Allerdings,« gab Encinas zurück, »denn dieser Schimmel ist so an fünfhundert Jahre alt.« »Lüg' Du und der Teufel!« riefen die übrigen Vaqueros und der Aelteste fügte hinzu: »Da sieht man gleich, wie Ihr den Mund voll nehmt, Büffeljäger, hab' ich mir ja doch sagen lassen, daß es noch keine dreihundert Jahre seien, seit die Spanier überhaupt die ersten Pferde nach diesen Prairien gebracht.« »Ei, was!« schrie der junge Grünschnabel, dem das Märchen anfing zu gefallen, »was wollen bei einem solchen Alter lumpige zweihundert Jahre heißen! Dreihundert Jahre sind schon ein Wunder und ...« Hier unterbrach das Gebell Oso's das Gespräch und einige Minuten später ritten zwei Männer aus dem Walde in die Lichtung hinaus. Der Erste schien von dem sonderbaren Bilde, das der Büffelsee jetzt darbot, überrascht zu sein, denn er zügelte sein Pferd und betrachtete die am Wachtfeuer lagernden Gestalten. »Thun Sie Ihre Pflicht!« rief er in englischer Sprache seinem Begleiter zu, dessen Pferd mit Mantelsäcken, einem Zelte und einer übergroßen Schachtel beladen war. »Meine Pflicht ist schon gethan,« lautete die Antwort, »und Ew. Lordschaft sind hier vollkommen in Sicherheit.« Der zweite Reisende ritt, mit seiner langen Büchse auf der Schulter, direct auf das Wachtfeuer zu und bat in ziemlich schlechtem Spanisch um Erlaubniß, sich an der Seite der Mejikaner niederlassen zu dürfen. Natürlich wurde ihm dies gewährt und während er abstieg und sein Pferd von dem übermäßigen Gepäck befreite, langte auch Seine Lordschaft an, lüpfte gegen die Vaqueros und Büffeljäger ein wenig seinen hohen Hut und stieg schweigend vom Pferde. Sein Anzug, sowie sein Gesicht, das ein röthlichblonder, langer Backenbart zierte, ließen sofort den Engländer erkennen. Sein Reisegefährte war ein Amerikaner und stand, trotzdem Sir John sein Pferd selbst absattelte, offenbar im Dienste des vornehmen Engländers. Se. Lordschaft hob jetzt einen neben dem Mantelsacke auf dem Boden liegenden Gegenstand auf und fragte die Vaqueros in gebrochenem Spanisch: »Gehört wohl dieser Hut zu Ihnen?« »Caramba!« rief der alte Vaquero, »das ist ja der Hut, den Francisko noch vor einigen Stunden trug!« Er machte jetzt die Runde und Alle erkannten das Eigenthum des Vaquero, dessen Rückkehr man erwartete. »Was hab' ich Euch gesagt!« erklang es jetzt triumphirend von des Büffeljägers Lippen. »Wehe dem, der den weißen Renner der Prairien zu scharf verfolgt!« »Oh,« rief Sir John electrisirt aus, »ich verfolgen thun diesen Renner vom Lande Texas bis hierher; uo ist er?« »Heute Abend war er hier am See und löschte seinen Durst,« entgegnete Encinas. »Oh!« rief Sir John abermals entzückt, »uer mir bringt das ueiße Schimmel, den ich gebe tausend Piaster, denn ich habe geschworen, ohne dieses Uunder nicht zu kehren zurück in mein Vaterland. Uer will verdienen tausend Piaster?« Die Vaqueros schüttelten sammt und sonders die Köpfe und der Grünschnabel rief: »Ich thät's nicht für eine Million, denn ich weiß nur zu gut, daß sie Einen nichts nutzt, wenn man den weißen Renner zu fangen sucht, dessen unbeschlagene Hufe den Kieselsteinen Funken entlocken.« »Oh yes,« gab Sir John lakonisch zurück, »morgen werden Sie mir die Spur von das ueiße Roß zeigen und ich werde es verfolgen, ganz allein.« »Ich rathe Ihnen lieber, Herr Fremder, das zu unterlassen,« mischte sich jetzt Encinas in's Gespräch, »denn bei diesem Vergnügen giebt's Gefahren ohne Ende.« »Gefahren?« wiederholte Sir John lächelnd. »Oh, ich habe meinen Jägersmann hier dafür bezahlt, daß er alle Gefahren von mir fortthut; ich habe mich gar nicht um Gefahren zu kümmern.« »Ja,« nickte der Kentuckyer phlegmatisch, »ich habe die Gefahren Sr. Lordschaft übernommen.« Encinas blickte die beiden Käutze überrascht an, welche sich, ohne ein Wort weiter zu sprechen, der Länge nach auf das Gras hinstreckten. Nach einigem Geflüster und einigem Gekicher folgten die Vaqueros und Büffeljäger ihrem Beispiele, und alsbald herrschte ringsum die tiefste Stille. Bei dem ersten Grauen des Tages befand sich jedoch wieder Alles auf den Beinen, und um diese Zeit war es, wo ein Reiter mit entblößtem Haupte und von Dornen zerrissenem Gesicht daher gesprengt kam. Sein Anzug trug die Spuren einer wilden, ungestümen Verfolgung an sich, und in der That war es Niemand anders, als der Vaquero Francisko, den seine Kameraden bereits als einen Verlornen betrauerten. Selbstverständlich wurde sein Pferd sofort von den Freunden umzingelt und er mit einer Menge von neugierigen Fragen bestürmt. Ein Jeder freute sich schon insgeheim auf eine grauenhafte Geschichte, ja, der neugierige junge Hirte war fest überzeugt, daß der weiße Renner der Prairien sich plötzlich gegen Francisko gekehrt und ihn in reinem Spanisch angeredet, und war begierig, zu erfahren, ob der Schimmel eine tiefe oder hohe Stimme gehabt habe. Der Bericht jedoch, den Francisko gab, entsprach diesen Erwartungen durchaus nicht. Das seltsame Roß hatte ihn so weit von dem Büffelsee hinweggelockt, daß er, als der verfolgte Schimmel schließlich aus seinem Gesichtskreise entschwunden war, nolens volens die Nacht in der offenen Prairie zubringen mußte, um seinem erschöpften Thiere einige Ruhe zu gönnen. Dann war er zu seinen Gefährten gestoßen, die, wie wir wissen, die Weisung hatten, die Querencia (Lieblingsweideplatz) der wilden Pferde zu umkreisen, um die scheuen Thiere mehr und mehr gegen den Büffelsee zu drängen. Dieser wahrheitsgetreue Bericht entnüchterte allerdings die abergläubischen Vaqueros, trotz alledem blieben sie dabei, daß Francisko einer furchtbaren Gefahr entgangen sei und deßhalb als ein frommer Mejikaner seinem Schutzpatron eine Kerze weihen müsse, da er ihn vor den Fallstricken des Teufels bewahrt habe. Francisko begab sich jetzt in das Zelt des Hacendero, um dort seinen Bericht zu wiederholen und hinzuzufügen, daß sich während der Nacht der Kreis der Treiber bedeutend verengt habe und man am Abend auf einen reichen Fang hoffen könne. Sir John, welcher in Begleitung seines Gefährten Wilson dem Hacendero seinen Besuch abgestattet hatte, richtete eine Menge Fragen an den muthigen Vaquero, die natürlich alle den weißen Renner der Prairien betrafen, sowie die Richtung, welche das Wunderpferd eingeschlagen. »Ich geben tausend Piaster, uenn Sie mir das Schimmel fangen,« äußerte Sir John zu Francisko, da aber demselben jegliche Lust zu einer weitern Verfolgung vergangen war, so brach der Engländer mit seinem Leibgardisten allein auf, und ehe Beide unter den Bäumen verschwanden, kehrte sich Sir John auf seinem Rosse um, schwenkte seinen hohen Hut und rief zu den Mejikanern zurück: »Rule Britannia!« Während des Tags wurde in dem mejikanischen Lager wacker gearbeitet, die Umzäunung an den schwächeren Stellen doppelt verrammelt, das Zelt des Hacendero bei Seite gebracht und die zahmen Pferde vom See und dem Corral entfernt. Als die Sonne sank, zogen sich die anwesenden Vaqueros hinter Baumstämme und Büsche zurück, während die vier Büffeljäger hinter den Pallisaden des Corral Posto faßten, um die Oeffnung mit Hilfe der langen, schweren Stangen zu schließen, sobald der Trupp der wilden Pferde im Corral angelangt sein werde. Diese Aufgabe war jedenfalls die gefährlichste, da ein Augenblick hinreichen konnte, die kühnen Männer unter die Hufe der Pferde zu bringen. Ueber einen Canal, durch den das Wasser des Büffelsees abfloß, hatte man eine grob gezimmerte Brücke geschlagen und unter dem von den Baumästen gebildeten grünen Bogengange stellten sich Don Augustin und Rosarita auf; sie waren hier vor jeder Gefahr sicher und konnten den Schauplatz vollständig übersehen. Wiederum herrschte an den Ufern des Büffelsees die größte Stille und mit gespannter Erwartung sah ein Jedes dem Nahen der Cavallada (Trupp wilder Pferde) entgegen. Alsbald tönte aus der Ferne ein schrilles Pfeifen herüber und kündete den Jägern am See an, daß die Treiber sich bereits in Bewegung gesetzt hatten. Nach einer kleinen Weile vernahm man in den Tiefen des Waldes ein mächtiges Gewieher, dessen Stärke andeutete, daß es eine ansehnliche Zahl von wilden Pferden sei, die ihren Weg zum Büffelsee nahmen. Das ferne Getöse nahm rasch zu und wuchs endlich zu einem Brausen an, welches alle Bewohner des Waldes erschreckte. Schaarenweise erhoben sich die Vögel von den Gipfeln der Bäume, Eulen flatterten, geblendet von dem Tageslicht, taumelnd in der Luft herum und fliehende Hirsche brachen durch das Gebüsch. Im Walde begann es zur krachen und die jungen Bäume schienen unter den Tritten der wild daher galoppirenden Pferde zu stöhnen. Unsere Sprache hat keine Worte, um einen vollständigen Begriff von dem entsetzlichen Dröhnen zu geben, welches die dunkeln Gewölbe des Waldes erzittern machte, als ob eine Legion von Teufeln heulend darunter herangaloppire. Die Lawine, welche donnernd herabrollt, das Wasser, welches die Dämme durchbricht, der angeschwollene Gebirgsbach mit seinen hundert Brandungen bleiben hinter jenem Getöse weit zurück, das jetzt losbrach, als der grüne Waldvorhang sich an hundert Orten spaltete. Aus jeder dieser Oeffnungen blickten eine Anzahl scheuer Pferdeköpfe heraus, mit vor Schrecken flammenden Augen, rothen Nüstern und wallenden Mähnen. Dann drangen sie aus dem Walde hervor und indem sie sich vereinigten, wogten die edeln Thiere durcheinander wie ein wildbewegtes Meer, über welchem, gleich Wellen, die sich schäumend brechen, flatternde Mähnen und Schweife sich hin und her bewegten und schwenkten. Und dicht hinterher sprengten die Vaqueros, mit flammenden Augen und lautem Geschrei, während sie ihre Lassos in der Luft schwangen. In dem Augenblicke, wo das bewegliche Meer der wilden Pferde, ungewiß über die Richtung, die sie einschlagen sollten, sich trennte, sprangen zwölf Vaqueros, die Hüte schwenkend, pfeifend und ein wildes Geschrei ausstoßend, auf die sich auflösende Schaar zu, der Gefahr nicht achtend, von zweihundert Pferden zu Boden getreten zu werden. Vor- und rückwärts gedrängt, machten die Pferde einen Augenblick Halt. Der ganze Erfolg der Jagd war dahin, sobald die Pferde nach rechts oder nach links zu auswichen, denn dann wurden sowohl die berittenen als die Vaqueros zu Fuße zertreten und zermalmt, wie die Kornähren unter dem Dreschflegel. »Vorwärts, Kinder, nicht nachgelassen!« rief Don Augustin, und sprang, von seinem Eifer fortgerissen, bis zum Ufer des Sees. Ein rasendes Geschrei bildete die Antwort, dann stürzte das Pferd, welches, an der Spitze der Cavallada, seine feurigen Augen auf den mit grünen Zweigen bedeckten Zaun und die daselbst angebrachte Oeffnung geheftet hatte, mit gesenktem Kopfe in dieser Richtung vorwärts, und ihm nach wälzte sich der ganze Trupp der geängstigten Thiere. »Hurrah! Wir haben sie!« jauchzten die Vaqueros, und das Jubelgeschrei nahm noch zu, als die vier Büffeljäger durch die Zwischenräume der festverzapften Balken aus dem Corral hinausglitten. Einige Secunden verflossen, bevor die stolzen Thiere der Wälder ihre Gefangenschaft gewahr wurden und sich in einen Zaun von Baumstämmen eingeschlossen sahen. Dann aber brach, gleich einem Geschmetter von hundert Trompeten, ein Gewieher wüthenden Schmerzes los; erschreckte Köpfe fuhren hin und her, funkelnde Augen sprühten Feuer und überall erblickte man verschlungene Körper, die sich kreuzten oder in die Höhe sprangen. Das wüthende Schnauben der gefangenen Pferde wurde jetzt durch Encinas donnernde Stimme unterbrochen, welche rief: »Er ist darin! Er ist darin!« »Wer? ... Wer?« schallte es von allen Seiten fragend zurück. »Der weiße Renner der Prairie!« Und der Büffeljäger hatte sich nicht getäuscht, das edelste und schönste, das zornigste und schnellste, das Roß von untadelhaftester Weiße war mit den übrigen im Corral gefangen. Das prachtvolle Thier sprang von einem Ende seines Gefängnisses zum andern und warf in seinem Zorne alle Pferde zu Boden, die den Anprall seiner mächtigen Brust nicht vermeiden konnten. Auf diese Weise entstand bald ein weiter offener Raum, in welchem es herumstampfte und sein wildes Gewieher hören ließ, während seine weiße Mähne auf- und niederwallte. »Himmel und Hölle!« schrie Encinas plötzlich, »das Teufelspferd will über die Schranken springen!« Und er stürzte auf die betreffende Stelle zu; indessen war es schon zu spät. Der Kreis, der sich um den Renner der Prairie geöffnet hatte, gestattete ihm, einen Anlauf zu nehmen; einer weißen Lilie gleich, durchschnitt das edle Thier pfeilartig die Luft und wenige Augenblicke später war es in dem grünen Dom des Waldes verschwunden. Ein Wuthgeschrei der Vaqueros und Büffeljäger donnerte hinter ihm her und Encinas rief: »Zweifelt Ihr jetzt auch noch daran, daß in diesem Thiere der Teufel steckt?« Es erfolgte keine Antwort, denn ein Jeder war davon überzeugt; auch hatte Niemand Zeit, darüber nachzudenken, denn innerhalb des Corrals ging es sehr lebhaft zu. Der freie Raum füllte sich wieder und die gefangenen Pferde stürzten von einem Ende zum andern. Eine dicke Staubwolke wirbelte empor, denn die Mehrzahl der wüthenden Thiere wühlte mit ihren Hufen den Boden auf, und zuletzt stürzten einige der gefangenen Pferde, als Opfer ihrer ungestümen Leidenschaften, wie vom Blitze getroffen auf den Boden hin, von dem sie sich nicht mehr erhoben. Die Wuth machte nunmehr der Bestürzung Platz und dem tollen Springen folgte eine düstere Unbeweglichkeit, – das beste Zeichen, daß die wilden Prairiebewohner besiegt waren. Zu ihrer völligen Unterwerfung gehörte indessen noch mehr, d.h. der Hunger mußte sie zähmen, ehe man daran denken durfte, die gefangenen Thiere mittelst zahmer Stuten nach den Weideplätzen der Hacienda zu verbringen. Dazu waren aber mindestens fünf bis sechs Tage erforderlich und die ganze Aufmerksamkeit der Vaqueros mußte sich jetzt darauf richten, die Fortschritte der Zähmung zu verfolgen und nicht die Pferde dem Hungertode verfallen zu lassen. Mithin blieb Don Augustin nichts anderes übrig, als sich am Büffelsee so häuslich niederzulassen, wie es der abgelegene, wildromantische Ort eben gestattete. Die Nacht breitete abermals ihren schwarzen Mantel über die Erde aus, allein sie gestaltete sich zu einer festlichen für die siegreichen Vaqueros, welche eine jener Heldenthaten ausgeführt hatten, von denen man lange Zeit in den Savanen spricht. Don Augustin, hocherfreut über den reichen Fang, ließ unter seine Leute eine starke Ration catalonischen Branntweins austheilen, und mit großem Behagen schlürften die Vaqueros und Büffeljäger das berauschende Getränk, nachdem sie sich um ein mächtiges Wachtfeuer gelagert hatten, an dem ein ganzes Reh briet. Natürlich gab heute ein Jeder seine Heldenthaten zum Besten, Encinas aber, der Büffeljäger, bildete die Hauptperson und er mußte noch viel erzählen von dem weißen Renner der Prairie, bis endlich die Sterne am Firmamente die mitternächtliche Stunde anzeigten und ein Jeder sich in seine Wolldecke hüllte und in das dichte Gras hinstreckte, unbesorgt um die verdächtigen Spuren, welche von Brennstrahl in der Nähe des Büffelsees bemerkt worden waren. – – Wir könnten jetzt zu unsern beiden Freunden Rosenholz und Josef zurückkehren, wenn wir nicht noch ein Weniges von fünf Personen zu berichten hätten, welche an dem nächsten Abende, der auf die so eben beschriebenen Scenen der Pferdejagd folgte, in getrennten Gruppen den rothen Fluß aufwärts gingen. Von dem Orte an gerechnet, wo sich diese verschiedenen, über einen Raum von etwa einer halben Stunde zerstreuten Personen befanden, waren bis zum Büffelsee zwei gute Tagemärsche, bis zum Goldthale dagegen nur einer. Die am weitesten vom Büffelsee entfernten Personen waren zwei Männer, welche in einem leichten Boote aus Birkenrinde den Fluß hinauffuhren. Trotz seiner gebrechlichen Bauart war das Canoe mit mannigfachen Gegenständen, wie Pferdesätteln, Decken, Waarenballen und Waffen so schwer beladen, daß seine obern Ränder fast die Spiegelfläche des Wassers berührten. In den beiden Ruderern aber erkennen wir sofort den lieblichen Rothhand und den ebenso liebenswürdigen Mischblut wieder. Die Fracht ihres Bootes setzte sich aus den Waarenvorräthen zusammen, die sie unlängst dem Handelsmanne aus Arispe geraubt hatten. In Folge dieses heimtückischen Ueberfalls war die ganze Umgegend von Tubac in Allarm gerathen und die beiden Räuber mußten eiligst aus dieser Gegend entfliehen. Um indessen unerkannt zu bleiben, hatten sie sich der Tracht der Papagosindianer bedient, welche längs des Rio Colorado und am Golfe von Californien hausen, und in diesem Kostüm waren sie Don Augustin und seiner Tochter auf ihrem Wege nach dem Büffelsee begegnet. Bei dem Anblick Rosaritas war in dem Mestizen sofort der Gedanke aufgetaucht, sich ihrer zu bemächtigen und dem zärtlichen Vater ein erkleckliches Lösegeld abzupressen. Da der Augenblick jedoch für die Ausführung dieses teuflischen Planes dem Mestizen nicht günstig schien, so beschloß er, mit seinem Vater zunächst die geraubten Gegenstände in Sicherheit zu bringen, dann aber sich mit den Apachen zu vereinigen und mit ihrem Beistande den Plan auszuführen. Zum richtigen Verständniß für den Leser müssen wir bemerken, daß die Kahnfahrt, von welcher jetzt die Rede ist, ein paar Tage vor der Belagerung im Goldthale stattfand. Obschon die Gegenströmung des Flusses, welcher hier zwischen grünen Hügeln hindurch fließt, eine ziemlich starke war, so gelang es den gewandten Ruderern dennoch, das Canoe rasch vorwärts zu bringen. »Was mich beunruhigt,« brummte jetzt Rothhand, »das sind die Spuren des Comanchen, welche wir zu zweien Malen in der Nähe der unsern gefunden haben.« »Mag Brennstrahl zehntausendmal hier herumirren,« erwiderte lachend der Sohn, »was thut's? Der Schwarzvogel wird sich nur freuen, wenn er den ungeleckten Burschen in seine Gewalt bekommen kann; unser Freund vergißt die Niederlage nicht, die der Comanche ihm vor Jahresfrist bereitet. Ich freue mich, daß Brennstrahl so übermüthig hier herumstolzirt, der Schwarzvogel wird ihn schon noch tanzen machen.« Nach kurzer Zeit tauchte vor Vater und Sohn eine kleine grüne Insel aus dem Flusse auf, bei deren Anblick die Ruderer ihre Anstrengungen verdoppelten. Es war die sogenannte Büffelinsel, ein kleines Eiland, welches inmitten des Rio Gila gelegen ist. Während das Canoe darauf losfuhr, verfolgte ein, durch die grünen Hügel des rechten Ufers gedeckter Indianer dieselbe Richtung zu Fuß. Ehe das Boot noch die letzte Krümmung des Flusses erreichte, welche es noch vom Büffelsee trennte, hatte der Indianer bereits seine Kleidung und Waffen in seinen aus Büffelfell bestehenden Mantel gewickelt und war in den Fluß hineingegangen, dessen Strömung er mit seinen kräftigen Armen durchschnitt. Ein paar Minuten später hatte der Indianer, in welchem der junge Leser Brennstrahl bereits vermuthet haben wird, das Ufer der Büffelinsel erreicht und verschwand schnell hinter ein grünes Versteck, von wo aus er Alles ungesehen beobachten konnte. Bald nachher langten Rothhand und Mischblut gleichfalls an, sie banden das Boot an einem der Weidengebüsche fest, stiegen aber erst dann an's Land, nachdem sie eine große Wolldecke auf dem Erdboden ausgebreitet hatten, da ihnen Alles daran gelegen war, keinerlei Spuren im Grase zurückzulassen. Rothhand machte sich hierauf sofort an die Arbeit, indem er mit seinem Messer in den Rasen einen Kreis von etwa zwei Schritt Durchmesser beschrieb. Sodann stach er mit einer Schaufel den Rasen aus, und sammelte die Erde in einem Sacke. Mischblut kam mit einer Hacke herbei, um seinem Vater zu helfen, und so entstand alsbald eine Grube, deren Raum hinreichend groß war, um alle die im Kahne befindlichen Gegenstände und Waffen zu bergen. Die Fracht wurde nunmehr der Erde übergeben, die Grube wieder ausgefüllt und zu guter Letzt sorgfältig die ursprüngliche Rasendecke darüber gebreitet, so daß keine Spur das unterirdische Waarenmagazin verrieth. Hierauf setzten die beiden Wüstenräuber in ihrem entlasteten Birkenkahn die Fahrt in der Richtung der Nebelberge weiter fort. Als das scharfe Auge Brennstrahls die beiden Ruderer nicht mehr sah, trat er aus dem Versteck hervor und sagte mit großer Befriedigung: »Nun wohl, ihre schurkische Seele liegt hier begraben, deßhalb werden sie bald wieder zurückkehren.« Der Comanche setzte von Neuem durch den Fluß und schlug den Weg ein, den er gekommen war. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde betrat er eine Schlucht, in welcher er sein Pferd angebunden hatte, das ihm freudig entgegen wieherte. Brennstrahl streichelte es liebkosend, schwang sich auf seinen Rücken und sprengte davon. Da tauchten plötzlich in der Ebene zwei Männer auf, und da die Erfahrung dem indianischen Krieger sagte, daß er es jedenfalls nur mit zwei friedlichen Reisenden zu thun habe, so galoppirte er auf dieselben zu. Bei der Annäherung des Indianers rief der eine der beiden Fremden, indem er sich behaglich auf einem Feldstuhl niederließ und einer großen Schachtel alle Utensilien eines Malers entnahm: »Uilson – Gefahr!« »No, Sir,« gab der Beschützer Sir John's zurück, »der Fremde gehört zu den Comanchen, die gegenwärtig mit unserer Regierung im Frieden leben, wir haben somit nichts zu befürchten.« »Oh yes, – ist gut,« bemerkte Sir John und begann augenblicklich die sich vor seinen Blicken ausbreitende Landschaft zu zeichnen. Brennstrahl war jetzt herangekommen und vom Pferde gestiegen, mit seiner Hand andeutend, daß er nur friedliche Absichten hege. Sir John zeichnete ununterbrochen weiter. »Wohin geht mein junger Freund?« fragte Wilson, indem er Brennstrahl die Hand schüttelte. »Der Comanche geht zu seinen Brüdern, um sie auf die Spur eines Feindes zu leiten. Was machen meine weißen Brüder hier in der Prairie?« »Uir reiten spazieren,« gab Sir John trocken zur Antwort. »Die Jagdgründe Rothhands, Mischbluts und der Apachen sind voll Gefahren,« stellte Brennstrahl in eindringlichem Tone vor. »Oh, thut nichts,« versetzte Sir John, »geht Uilson an.« »Nun denn, ich habe meine weißen Brüder gewarnt,« sagte Brennstrahl kurz und schwang sich wieder auf sein Pferd, um davon zu galoppiren. »Oh ... brrr!« rief die auf ihrem Stuhle sitzende Lordschaft, indem sie ihr rechtes Bein in die Höhe zog. »Sie müssen bleiben, ... Sie sind ein schönes Gentleman, uas ich malen uill.« Es läßt sich denken, daß der Comanche den Sinn der Worte des Engländers nicht verstand und ihn verwundert anstarrte. »Sehrr gut so,« nickte Sir John beifällig, »viel Feuer im Blick ... Oh gut so!« Der Indianer aber, welcher bisher noch nie mit einem Maler zusammengetroffen war, wandte sich unwillig ab und sprengte davon und der Zornesruf Sir John's: »Oh, Sie dummes Rothhaut!« erstarb ungehört in der Einöde. Zwölftes Kapitel. Den Spuren nach. Ein recht sonniger Morgen folgte der entsetzlichen Gewitternacht, welche das Goldthal heimgesucht hatte. Auf einem Steine, in der Nähe der Felspyramide, saß regungslos der seines Fabians beraubte arme Waldgänger; er vernahm das Brausen des durch die nächtlichen Regenströme angewachsenen Flusses nicht, er war empfindungslos gegen die Sonnenstrahlen, die auf seinen greisen Scheitel brannten, er hörte und fühlte nichts, sondern sah nur das einzige Wort, das mit Riesenlettern vor seinen Augen flammte: Fabian . Endlich, nach langem, langem Hinbrüten hob sich sein gesenktes Haupt und die Hand tastete umher, den treuen Verbündeten in Noth und Gefahr, die Kentuckyer Büchse, zu suchen, allein seine Finger griffen nur in die leere Luft. Ein heftiges Zittern durchbebte seinen Körper und überlieferte ihn wieder der traurigen Wirklichkeit. In diesem Augenblicke kehrte der treue Josef zurück, welcher rastlos jede einzelne Felsenspalte durchspäht hatte. »Nichts?« fragte Rosenholz kurz. »Nichts,« lautete Josefs Antwort, »allein wir werden schon noch finden.« »Das sag' ich auch, – darum laß uns suchen.« Den Namen Fabian wagte keiner der beiden Jäger auszusprechen, denn die Wunde im Herzen blutete noch zu heftig. »Sieh', Josef,« fuhr der Canadier nach kurzer Pause fort, »ich habe da einen Stein gefunden, den Du sicherlich als einen von jenen wiedererkennen wirst, die uns dort oben auf der Pyramide zur Brustwehr dienten; es ist somit zweifellos, daß er in einem Kampfe, um Mann gegen Mann geführt, herabgestürzt sein muß, und es fragt sich noch, ob die beiden Kämpfenden mit ihm aufrecht oder liegend herabgerollt sind.« »Ich verstehe Dich, alter Freund,« entgegnete Josef, »in dem erstern Fall bricht all' unsere Hoffnung zusammen, in dem letztern Fall dagegen liegt die Möglichkeit nahe, daß man mit einigen Quetschungen davon gekommen ist.« »Steigen wir also Beide auf den Felsen hinauf und sehen wir nach, daß mir über die Stellung der beiden Kämpfer in's Klare kommen.« Dies geschah und das scharfe Auge der beiden Jäger betrachtete forschend jedes Gesträuch und jeden losen Stein. Sie hatten kaum einige Fuß erklommen, als der Canadier den Gefährten am Arme packte und auf zwei Gebüsche deutete, welche aus einer Felsspalte emporwucherten. »Diese geknickten Zweige,« begann Rosenholz in langsamem Tone, »beweisen zur Genüge, daß ein Körper hier herabgerollt ist. Und da ist auch eine kleine Höhlung, in welcher vor vierundzwanzig Stunden ein Stein gesessen hat. Die Wucht der beiden Körper wird ihn aus seiner Lage herausgerissen haben, ich bin gewiß, daß wir den Stein finden werden.« »Halten wir uns damit nicht auf,« meinte Josef, »alle diese Spuren deuten darauf hin, daß die beiden Kämpfer nicht kopfüber gestürzt, sondern hinabgerollt sind, und folglich lebt unser ... na, Du weißt schon, wen ich meine.« »Er lebt, befindet sich aber in den Händen grausamer Feinde. Ach,« seufzte der alte Jäger, »wo wird man ihm den Marterpfahl errichten?« »Je nun, alter Bursche, Du warst auch einmal nahe daran –« »Und Du hast mich befreit,« fiel Rosenholz ein. »Ich weiß, was Du sagen willst, – wir werden ihn auch befreien.« »Recht so, alter, lieber Freund,« rief Josef, dem es eine freudige Beruhigung war, daß sich Rosenholz nicht mehr in jener Lethargie befand, in welcher wir ihn zu Anfang des Kapitels gefunden. »Laß uns daher jetzt unverweilt aufbrechen.« »Halt!« entgegnete der Canadier düster. »Wo sind die Leichen der Indianer, die wir getödtet haben? Ohne Zweifel in diesem Abgrunde ... Wer sagt Dir nun, daß er ... daß er ... nicht ... auch dabei ist?« »Oh, Rosenholz, kennst Du den habgierigen Mischblut so wenig? Hast Du vergessen, daß er nur hierher kam, um die Schätze des Goldthals zu heben, und daß er weiß, daß ... daß ... na, den Namen müssen wir ja doch endlich einmal wieder aussprechen, daß unser Fabian die Stelle des verborgenen Schatzes kennt? Glaubst Du denn, daß das Leben des Jünglings dem Banditen nicht geradezu heilig ist, bis dieser ihm den Ort entdeckt hat?« Die Anschauung Josefs hatte viel für sich und schon wollte der Canadier ihm beistimmen, als plötzlich ein Gegenstand seinen Blick fesselte. Er bückte sich und hob ein Messer auf, an dessen Klinge die Spuren geronnenen Blutes sichtbar waren. »Wie kam das Messer meines Kindes so nahe an den Abgrund?« fragte er Josef mit einem forschenden Blick. Der gutherzige Freund, dem Alles daran gelegen war, Rosenholz über das Schicksal Fabians zu beruhigen, suchte ein paar Augenblicke vergebens nach einer Antwort, dann aber entgegnete er in festem Tone: »Je nun, das Kind wird eben bei seinem Sturze das Messer verloren haben, und dasselbe bis an die Stelle hingerollt sein, wo Du es eben gefunden hast.« Der Canadier seufzte tief auf, dann begann er von Neuem die Spitze der Felsenplatte zu erklimmen. Während sie rastlos emporstiegen, holte der Canadier tief Athem und sagte in einem Tone, dem man Wuth und Verzweiflung anmerkte: »Wenn ich nur wenigstens meine Büchse hätte und nicht die Schande mit mir herumtrüge, daß ein so alter, ausgelernter Fuchs, wie ich, von zwei erbärmlichen Schuften hat entwaffnet werden können.« »Ei, laß das jetzt, besitzen wir ja doch noch Waffen, die uns Niemand entreißen wird, nämlich ein gutes Messer, ein kühnes Herz und das Vertrauen auf Gott, der Dich Fabian sicherlich nicht auf so wunderbare Weise hat finden lassen, um Dir ihn jetzt auf immer zu nehmen. Nein, Rosenholz, ich sehe mit fröhlicher Hoffnung in die Zukunft, und würde ganz glücklich sein, wenn nur der verwünschte Hunger nicht wäre.« »Nehmen wir die Lebensweise jener armen Teufel, der Indianer, an, die uns im vergangenen Jahre in den Felsenbergen beherbergt hatten und sich nur von wilden Früchten und Wurzeln ernähren.« »Diese Art von Lebensweise behagt mir zwar nicht, trotz alledem bin ich aber erfreut, daß Du, alter Bursche, wieder aufzuthauen anfängst, denn das war ein Jammer, Dich in Deinem Seelenschmerze zu sehen.« Die beiden Jäger hatten jetzt das Felsplateau erreicht, welches Tags zuvor die Indianer innegehabt. Rosenholz warf einen düstern Blick auf die Pyramide hinüber, gleich nachher aber entrang sich seinen Lippen ein jäher Schrei. »Was giebt es?« rief Josef verwundert. Der Canadier deutete auf einen Fetzen, der zu Fabians Wamms gehört hatte und von dem Sturme ohne Zweifel in eines der Gebüsche entführt worden war. »Das Kind ist also bis hierher gekommen,« begann der Jäger mit einer Art von trauriger Freude, »und dieser Fetzen wird ihm, während er sich vertheidigte, vom Leibe gerissen worden sein.« »So hab' ich also doch recht gehabt,« antwortete Josef, »und Don Fabian ist ein Gefangener, den Mischblut durch Furcht und durch Versprechungen zu gewinnen suchen wird, ihm die Schätze des Goldthals zu entdecken. Mithin haben wir noch immerhin soviel Zeit, um ihn noch am Leben zu treffen und ihn seinen Feinden zu entreißen.« Die beiden Jäger gingen nun direct auf die Nebelberge zu und theilten unterwegs die wenigen Lebensmittel, welche ihnen übrig geblieben waren. Als das kärgliche Mahl verzehrt war, forschten sie mit erneuter Aufmerksamkeit den Spuren der Wüstenräuber nach, allein der immer dichter werdende Nebel legte alle ihre Bemühungen lahm. Da tauchte plötzlich aus dem grauen Schleier eine Gestalt auf und Josef rief mit donnernder Stimme: »Wer da!« »Señor Rosenholz, Señor Josef, seid Ihr es wirklich?« rief die Stimme zurück. »Gott sei gedankt, daß ich Euch endlich wieder finde und nicht in diesen verwünschten Bergen Hungers sterben muß.« Und aus dem Dunstschleier trat jetzt der scalpirte Gayferos zu den Jägern heran. »So ist's recht,« brummte Josef, »da haben wir nun einen weitern Kostgänger mit Wurzeln zu ernähren. Mit Euerm Glücksstern ist es dies Mal nicht weit her, denn was können Euch zwei arme Jäger ohne Flinten nützen?« »Und Don Fabian?« rief Gayferos lebhaft, da er nicht vergessen hatte, daß er sein Leben eigentlich der Fürsprache des Jünglings dankte. »Ist denn das Unglück, das ich ahnte, wirklich geschehen?« »Er ist von den Indianern gefangen,« versetzte Josef und theilte in kurzen Worten dem Gambusino das Unglück mit, von welchem sie betroffen worden waren. »Was sagtet Ihr denn aber soeben von einem Unglück, das Ihr befürchtet hättet?« fügte Josef seinem Berichte hinzu. »Ihr sollt Alles missen,« antwortete Gayferos und begann zu erzählen: »Als gestern Abend die wenigen Lebensmittel, welche Ihr mir gelassen, verzehrt waren, und Ihr, trotz Eures Versprechens, noch immer nicht zurück waret, so beschloß ich, mir selbst zu helfen. Ich will Euch mit einer Beschreibung der Qualen und Angst, die ich ausgestanden, nicht langweilen und beginne daher mit jenem Augenblick, wo ich bei einbrechender Nacht auf gut Glück umherirrte. Der Zufall führte mich an einen Ort, von wo ich den Fluß eine Strecke weit übersehen konnte. Denkt Euch aber mein Erstaunen, als ich unter mir einen Strohhut schwimmen sah, den ich sofort als das Eigenthum Fabians erkennte!« Rosenholz stieß einen Freudenschrei aus, umarmte den Gambusino und rief Josef zu: »Hurrah, alter Junge, wir sind den Räubern auf der Spur! Es ist jetzt klar, warum mir hier auf diesem Felsen keinerlei Fährte entdeckt haben, denn sie benutzten den Strom und hatten wahrscheinlich ein Canoe in Bereitschaft. Lieber, guter Gayferos, führt uns schnell zu der Stelle hin, wo Ihr den Hut erblicktet.« Unaussprechliche Freude erfüllte jetzt das Herz des alten Jägers und während sie hinter Gayferos hergingen, erforschte Rosenholz angelegentlich was dem Gambusino während ihrer Trennung passirt sei. »Es ist mir nichts passirt,« antwortete Gayferos lächelnd, »vielmehr fand ich unweit meines Verstecks jene Pflanze, welche man in meiner Heimath »Apachenkraut« nennt und deren Saft alsbald jede Wunde vernarben läßt. Wer sind denn aber die Männer, die tapferer, geschickter und muthiger waren, als Ihr?« »Spitzbuben,« rief Rosenholz, »die weder Gott noch den Teufel fürchten, die es aber mit ihrem Blute büßen sollen, was sie uns angethan.« Und nach diesen Worten nannte er die Namen der beiden Wüstenräuber. Nach einer beschwerlichen Wanderung langten die drei Fußgänger an der von Gayferos bezeichneten Stelle an und nur mit großer Mühe gelang es ihnen, die steilen Felsen herabzusteigen, welche diesen in den Bergen sich verlierenden Flußarm beherrschten. Allein für den Canadier, sowie für Josef gab es keinerlei Hindernisse, vor denen sie zurückbebten. Sie entdeckten bald, in ziemlich geringer Entfernung von dem Flußufer, einen weit bequemeren Weg, der sich vom Gipfel des Felsens bis zum Fluß herabschlängelte, und Josef sagte: »Ohne Zweifel ist dies der Pfad, den die Schurken mit ihrem Gefangenen eingeschlagen haben. Und dort werden wir auch ihre Spuren finden.« »Ich wundere mich nur darüber,« hub Rosenholz an, »daß unser Kind, trotz seiner ungestümen Natur, so ganz willig diesen Felsenweg hinabgegangen zu sein scheint, da keiner der Sträuche hier auch nur die mindeste Spur eines Widerstandes verräth.« »Es wäre Dir wohl lieber gewesen, wenn er Widerstand geleistet und sich mit zwei oder drei Feinden von diesem Felsen herabgestürzt hätte?« »Laß Deinen Spott, alter Sünder,« antwortete Rosenholz ärgerlich. »Sprich lieber, wie Du es Dir erklärst, daß unser Kind sich widerstandslos von den beiden Wüstenräubern hat wegführen lassen.« Josef merkte recht gut, daß sein alter Freund von Neuem des Trostes bedurfte, und er sagte daher: »Vielleicht war Fabian leicht verwundet, und wurde deshalb von den beiden Schurken bis zu dem Canoe getragen, das irgendwo hierherum versteckt gelegen haben muß. Und diese Sorgfalt der beiden Räuber beweist am Besten, daß sie sich von Fabian Nachrichten über den Schatz versprechen.« Rosenholz antwortete auf diese trostreiche Vermuthung mit einem stummen Dankesblick. Josef hatte wirklich den wahren Sachverhalt so ziemlich errathen, denn Fabian war in der That während einer langen Ohnmacht, die auf seinen Sturz folgte und durch das Anschlagen des Kopfes gegen die scharfe Kante des Steins bewirkt war, bis zum Kahne fortgetragen worden. Dabei hatte einer der Indianer, der sich seines Hutes bemächtigt, denselben wegen seines defecten Zustandes verächtlich in's Wasser geworfen. Ohne zu wissen, daß sie fast die ganze Wahrheit errathen, setzten die beiden Jäger ihre Nachforschungen fort und jeder von ihnen untersuchte eine Strecke des Ufers. Plötzlich wurden Josef und Gayferos durch ein donnerndes Hurrah des Canadiers an den Ort gerufen, wo er sich befand. Tiefe, wohl erhaltene Fußspuren auf einem schlammigen Boden ließen die drei Gefährten den Ort erkennen, wo Rothhand und Mischblut ihr Canoe angebunden haben mußten. »Hurrah!« rief Rosenholz abermals. »Jetzt brauchen wir nicht mehr blind umher zu irren. – Allein was steckt denn dort unter dem Schilfe, – ist es nicht ein Stück Leder? Sieh' doch einmal nach, Josef, denn die Freude umflort meinen Blick.« »Hol's der Henker!« rief der Freund, nachdem er einige Schritte in das Wasser gewatet war und den fraglichen Gegenstand aufhob, »es ist ein Stück von dem ledernen Riemen, der den Kahn an diesem Steine festhielt, welchen die Spitzbuben abgeschnitten haben, statt den Knoten zu lösen. Jetzt aber wollen mir keinen Augenblick mehr säumen, sondern flußabwärts eilen, um den beiden Hallunken auf die Spur zu kommen.« »Vorwärts also,« stimmte Rosenholz bei und begann mit Riesenschritten am Ufer des Flusses dahinzueilen. Es war ein äußerst mühsamer Weg, denn sie mußten nicht nur alle Unebenheiten des Bodens überwinden, sondern zu wiederholten Malen auch schroffe Felsen ersteigen, an die sich die Ufer anlehnten. Welche Gefühle durchströmten die Brust des alten Canadiers, als er zwei Stunden später den Strohhut seines Kindes fand, der vom Winde an's Ufer getrieben und in einem dornigen Gebüsch hängen geblieben war. Thränenfeuchten Auges musterte Rosenholz die ihm so theuere Reliquie und athmete erleichtert auf, als er keinerlei Blutspur daran fand. Obgleich die Sonne noch nicht zu tief im Westen stand, so herrschte dennoch schon Dämmerung, da neue Nebelmassen sich heranwälzten und das Licht des Tages beeinträchtigten, als Rosenholz und seine beiden Gefährten an einer Stelle anlangten, wo der Fluß sich in zwei Arme theilt. »Jetzt stehen die Ochsen am Berge,« meinte Josef lakonisch, »denn wer vermag uns zu sagen, ob die beiden Wüstenräuber dem östlichen oder dem westlichen Arme gefolgt sind?« Wohl suchten sie überall eifrig nach einer Spur, die sie leiten konnte, allein ohne den geringsten Erfolg, und auf die graue und finstere Oberfläche des Wassers senkte sich jetzt die Nacht, schwarz und traurig,– selbst der Nordstern glänzte nicht am Himmel, dessen Gewölbe von Blei zu sein schien. So sahen sich denn die drei Wanderer genöthigt, Halt zu machen und ihre Nachforschungen bis zur nächsten Morgenröthe zu verschieben, um keinen falschen Weg einzuschlagen. Auch stellten sich noch zwei weitere Hindernisse ihrem Weitergehen in den Weg, nämlich die Erschöpfung und der Hunger. Schweigend setzten sich alle Drei auf das Gras nieder und es währte lange, che sie den ihnen so nöthigen Schlaf fanden. Nach herrschte tiefe Finsterniß, als Rosenholz sich von seinem Lager wieder erhob; er fühlte, daß jede Stunde jetzt kostbar sei und zur Rettung Fabians benützt werden müsse, und deßhalb machte er sich auf den Weg, um zu untersuchen, wohin der eine Arm des Fußes führe. »Bis zur Morgenröthe kann ich wieder zurück sein,« murmelte er vor sich, »und habe ich keinerlei verdächtige Spuren entdeckt, so schlagen wir die andere Richtung ein.« Bald nachher war er in Nacht und Nebel verschwunden. Der junge Tag graute und der hungrige Josef träumte so eben einen süßen Traum: auf einer weiß gedeckten Tafel standen saftige Braten in malerischem Durcheinander, und zwischen den riesigen Schüsseln grünten und sproßten Gemüse der verschiedensten Art, während in schlanken Gläsern ein feuerrother Wein perlte. Der edle Gastgeber war Niemand anders, als Pedro Diaz, welcher soeben zum Könige von Mejiko erhoben worden war. Eine stattliche Zahl von Gästen umringte ihn, während Josef sich in der Nähe der gedeckten Tafel hielt und gierig die aufsteigenden Bratendünste einsog. Er ärgerte sich, daß man so lange säumte, sich am Tische niederzulassen und begann schon ungeduldig zu werden, als Pedro Diaz das lang erwartete Zeichen gab, freundlich auf Josef zutrat, ihm eigenhändig ein großes Stück Rehbraten vorlegte und sagte: »Ich bin auf der Spur, – Gott sei gelobt und gedankt! Jetzt nur schnell vorwärts!« »Ach, Du bist es, Rosenholz,« sagte Josef, unter einem kräftigen Rütteln erwachend, »kannst Du mir für den Traum, um den Du mich gebracht hast, etwas zu essen geben? Ich träumte nämlich –« »Für Menschen, die eine solche Aufgabe haben, wie wir, sind die Stunden zu kostbar, um sie zu verträumen,« antwortete Rosenholz. »Mach' Dich schnell auf die Beine, Gayferos ist schon wach ... So ... und nun folgt mir nach, denn ich bin auf der richtigen Spur.« »Gott sei gelobt!« riefen die beiden Andern und folgten dem voranschreitenden Canadier so rasch, als es ihnen bei der Schwäche, die sie zu spüren begannen, möglich war. In dem Augenblicke, wo die kleine Truppe den Fluß sich erweitern und in eine ungeheuere Ebene eintreten sah, ging die Sonne auf und ihre Strahlen glitzerten in den leicht bewegten Wellen. Rastlos schritt der Canadier vorwärts, unempfindlich gegen den nagenden Hunger, der ihn ebensowenig verschonte, als seine Gefährten. Josef hielt sich noch am nächsten bei ihm und versuchte durch das Pfeifen eines kriegerischen Marsches seinen knurrenden Magen zu übertönen; hinter ihm folgte, in einer Entfernung von zwanzig Schritten, Gayferos nach, nur mühsam ein schmerzliches Aechzen unterdrückend. Nachdem sie auf diese Weise eine Stunde zurückgelegt, machte der Canadier unter einigen großen Bäumen Halt und rief den nachfolgenden Josef zu sich heran. »Ei, so eile Dich doch ein wenig und nimm Deine Beine unter den Arm.« »Wird mir wohl nichts anders übrigbleiben,« entgegnete der Spaßvogel, »werde dann versuchen, auf dem Kopfe spazieren zu laufen.« Als dieser zur Stelle kam, fand er Rosenholz auf dem Boden knieend und mit der Untersuchung zahlreicher Fußspuren beschäftigt, welche um die zum Theil noch rauchenden Holzstücke eines Lagerfeuers zerstreut waren. »Der Gewitterregen,« sagte der Canadier, »der in den Bergen die Spuren verwischt, hat diese hier erhalten, da sie dem schon durchnäßten Boden aufgedrückt wurden. Aber sieh nur diese Tritte näher an, – erkennst Du sie nicht sofort als jene Rothhands, Mischbluts und der Apachen?« »So wahr ich lebe,« erwiderte Josef, »dieser Räuber aus Illinois verfügt über ein paar Büffelfüße, die man aus ein paar Hundert herauskennt. Die Fußspuren unseres ... unseres Kindes sind aber nicht darunter.« »Allerdings nicht,« nickte der Canadier, »da wir aber weder einen Marterpfahl, noch die blutigen Spuren eines Mordes gefunden haben, so können wir dem Himmel nur danken, daß er uns hierher geführt hat. Ich bin fest überzeugt, daß die Banditen während der Nacht, welche sie hier zugebracht, Fabian im Kahn gefesselt zurückließen, und dies ist der Grund, warum wir keine Spur von ihm erblicken.« »Wahr, wahr, Rosenholz, – 's ist nur der Hunger, der mir den Kopf verwirrt. Oh, diese Schurken, diese Räuber!« rief Josef jetzt ergrimmt, »da haben sie hier geschmaust nach Herzenslust und ihren Bauch mit saftigem Reh- oder Hirschfleisch gefüllt, während ehrliche Christenmenschen wie wir, hungern müssen, wie die Hunde. Der Teufel hole diese Teufel!« »Zähme Deine Wuth,« sagte der Canadier besänftigend, »ich sehe da einige Kräuter, deren Wurzeln unsern Hunger für eine kleine Weile beschwichtigen werden.« Josef biß mit einer Verzweiflung in die nicht sehr angenehm schmeckenden Wurzeln und der Canadier und Gayferos folgten seinem Beispiele. Hierauf begab sich die kleine Schaar, nunmehr über die einzuschlagende Richtung vollständig im Klaren, wieder längs des Flusses auf den Weg. In weiter Ferne trabten Büffel über die Ebene; Schwärme von wilden Gänsen, die nach den kälteren Seen des Nordens zogen, durchschnitten die Luft; Fische schnellten aus dem Wasser und ließen auf ein paar Augenblicke ihre silberfarbigen Schuppen in der Sonne glänzen; zuweilen sprang auch ein Elenthier oder ein Dammhirsch über die Savane hin, – kurzum, Himmel, Erde und Wasser entfalteten vor den Augen der hungrigen Wanderer ihren Reichthum und mahnten sie in grausamer Weise an den Verlust ihrer Feuerwaffen. »So mach' doch nicht so viehmäßige Schritte!« rief Josef dem vorwärtsstrebenden Canadier zu, »halte doch lieber ein paar Augenblicke an und laß mich überlegen, wie wir auf die prachtvollen Büffel, die wir dort sehen, Jagd machen können.« »Nichts da,« rief Rosenholz kopfschüttelnd, »erst wollen wir den Banditen, die Fabian gefangen mit sich führen, die Waffen entreißen. Der Hunger wird binnen jetzt und wenigen Stunden wüthende Tiger aus uns machen und uns zum Siege verhelfen. Darum laßt uns schnell vorwärts schreiten.« Die Unruhe, welche sein Herz zu brechen drohte, sowie das Schicksal Fabians, ließen den greisen Canadier alle Qualen des Hungers vergessen und trieben ihn rastlos vorwärts, und schon stand die Sonne hoch im Mittag, als Rosenholz endlich, mehr aus Mitleid für Josef und den Gambusino, als um seiner selbst willen, am Ufer des Flusses Halt machte. Ihnen gegenüber erhob sich inmitten des Flusses eine der Inseln, wie sie in den großen amerikanischen Strömen sich so häufig vorfinden. Mit großer Besorgniß blickte während der einstündigen Rast der Canadier auf Josef, welcher womöglich noch mehr erschöpft war, als Gayferos. Schon begann der Hunger seine Augen zu blenden, deren Schärfe noch Tags zuvor mit dem Blicke des Falken gewetteifert hatte. »Es geht nicht mehr, – meine Beine sind kraftlos,« antwortete Josef auf das ermunternde Zureden des Canadiers. »Alles beginnt sich vor meinen Augen zu drehen; überall glaube ich fette Büffel zu sehen, die mich verhöhnen; Fische, die aus dem Wasser herausspringen um mich auszulachen, und Dammhirsche, die sich dicht vor meine Nase hinsetzen und mich mitleidig anblicken. Ach ja! ein Jäger ohne Gewehr ist ein erbärmliches Geschöpf.« Damit streckte er sich auf den Sand aus und begann zu röcheln. »Oh, mein Gott,« sagte Rosenholz seufzend und im leisen Tone, »welchen Schwächling macht doch der elende Hunger aus dem energischsten Mann!« »Zugegeben,« lallte Josef, der des Freundes Worte vernommen hatte, »aber weißt Du, Unkraut verdirbt nicht und die Willenskraft kehrt wieder, wenn man einen so feisten Büffel sieht, wie ich. Siehst Du ihn nicht?« Rosenholz glaubte, daß sein armer Freund bereits fantasire, deßhalb wandte er sich gar nicht erst um. »Aber ich sehe ihn,« fuhr Josef fort, während sein Auge in unheimlichem Glänze leuchtete, »ich sehe diesen verwundeten Büffel im gestreckten Laufe auf uns zukommen, als ob der Himmel ihn sendete, um meinen Tod zu verhindern. Ha!« schrie er plötzlich auf, sprang mit dem letzten Reste seiner Kräfte empor und stürzte wie rasend fort. Rosenholz vermochte es nicht zu verhindern und in der schrecklichen Befürchtung, Josef sei vom Wahnsinn befallen, wandte er sich um. Allein der Anblick, der sich ihm jetzt darbot, entrang seiner Brust einen ähnlichen Schrei, wie ihn kurz zuvor der treue Gefährte ausgestoßen hatte, denn ein mächtiger Büffel, größer als der schönste zahme Stier, setzte über die Ebene. Wild flatterte die lange, schwarze Mähne und gleich zwei Feuerkugeln rollten die flammenden Augen. So hatte sich Josef also doch nicht getäuscht, und es war ein verwundeter Büffel, auf den er jetzt, wie ein hungriges reißendes Thier losstürzte. Rosenholz sprang hinter ihm her und Gayferos that ein Gleiches, da er recht wohl einsah, daß ihr Leben von dem Erfolge dieser verzweifelten Jagd abhing. Der Büffel hatte jetzt die herankommenden Feinde bemerkt; er blieb stehen, scharrte mit den Füßen den Boden auf, peitschte wüthend und unter dumpfem Gebrüll mit dem Schweife die Flanken und erwartete seine Angreifer. »Wir müssen ihn umzingeln,« rief der Canadier, »umgehe das Thier von rückwärts, während Gayferos auf die rechte Seite eilt.« Josef hatte von den drei Jägern den größten Vorsprung und führte den Befehl seines alten Freundes mit einer solchen Schnelligkeit aus, wie man sie seinen ermatteten Beinen kaum zugetraut hätte. Gayferos eilte schnell zur rechten Seite, während Rosenholz der linken zustürzte. »Vorwärts jetzt, und zwar Alle auf einmal, – Hurrah!« schrie Josef und warf sich, mit dem Messer in der Hand, auf den Büffel. »Himmeldonnerwetter!« fluchte Rosenholz, von dem wüthenden Eifer seines hungrigen Gefährten erschreckt. Allein Josef, dessen Augen flammten und dessen Zähne knirschten, hörte nicht auf ihn, schon zückte er sein Messer zu dem tödtlichen Stoße, als der Büffel, durch die Feinde eingeschüchtert, zurückwich und das Weite suchte. Josef traf jetzt nur die leere Luft, verlor das Gleichgewicht und stürzte der Länge nach auf den Boden. Wohl raffte er sich mit einem Wuthgeschrei gleich wieder empor, der Büffel war jedoch schon weit von ihm entfernt. Rosenholz und Gayferos jagten indessen dem verwundeten Thiere nach. »Schneid' ihm den Weg nach dem Flusse ab, Rosenholz,« schrie Josef in Verzweiflung, als er sah, daß der Büffel die größte Anstrengung machte, durch den Fluß zu entkommen. Es hätte dieses Zurufs wahrlich nicht erst bedurft, denn als der Canadier sah, daß die letzte Lebenshoffnung mit dem fliehenden Büffel schwand, sprang er mit der Schnelligkeit eines Jagdhundes nach dem Flußufer hin, und als er sich in gleicher Linie mit dem Büffel befand, warf er sich ihm mit lautem Geschrei entgegen. Das gehetzte Thier prallte entsetzt zurück, der Richtung zu, in welcher Gayferos Posto gefaßt hatte, und als es sah, daß ihm auch dort der Weg abgeschnitten war, rannte es wieder auf Josef zu. Regungslos und festen Fußes erwartete der geschickte Jäger das Thier, welches sich infolge des bedeutenden Blutverlustes nur noch mühsam auf den Beinen erhielt. Jetzt stieß der Büffel mit Josef zusammen, – blitzschnell erfaßte der Jäger mit der Linken eines der Hörner des Thieres, während er ihm mit der rechten Hand zweimal das Messer mit voller Kraft in die Brust stieß. Der Büffel stürzte mit den Vorderfüßen auf den Boden und in diesem Augenblicke schwang sich der jede Gefahr vergessende Josef auf den Rücken und ließ sich, fest geklammert an die wallende Mähne, von dem rasch sich wieder erhebenden Thiere forttragen. »Tod und Teufel!« schrie der Canadier keuchend, da der lange zurückgehaltene Hunger bei ihm gleichfalls in seiner ganzen Furchtbarkeit durchbrach. »Stoß ihm doch das Messer noch ein paarmal in die Brust und bringe ihn um, denn sonst springt er in den Fluß und entkommt uns!« Allein Josef sah und hörte nicht und stieß blind mit dem Messer auf den Büffel los. Noch einmal raffte das verwundete Thier all' seine Kräfte zusammen und stürzte mit einem verzweifelten Sprunge in's Wasser, um seinen an ihm hängenden Feind los zu werden. Mann und Büffel verschwanden in einer Ungeheuern Schaummasse, allein das Leben verließ den Riesen der Prairie, er sank zusammen und blieb, gleich einem schweren Felsblock, unbeweglich liegen. »Ungeschickter Metzger,« rief der inzwischen anlangende Canadier dem an's Ufer zürückwatenden Josef zu, »hat man wohl je ein so edles Thier so niedermetzeln sehen.« »Hu – hu – hu,« gab Josef zur Antwort, »ohne mich wäre das edle Thier für uns verloren gewesen und nun habt Ihr es; bedankt Euch also bei meiner Ungeschicklichkeit.« Während er diese Worte mit seiner ganzen guten Laune, die wieder über ihn gekommen war, sprach, bemühten sich die drei Gefährten, den Ungeheuern Körper des Büffels an das Ufer zu ziehen. Und als ihnen endlich dies schwere Werk gelungen war, begannen sie sofort das riesige Wildpret zu zerlegen. Die Trübsal war nunmehr verschwunden und eine wilde Freude brach aus. »Das Leben ist doch schön, wenn man nur immer hübsch zu essen hat,« meinte Josef. »Das wird ein prächtiger Schmaus werden, – und dann eine behagliche Mittagsruhe im Schatten dieser Bäume da drüben.« »Ein eiliges Mahl,« widersprach der Canadier, »und nur eine halbe Stunde Schlaf und dann den Wüstenräubern und Apachen nach.« »Hast recht, alter Bursche,« pflichtete Josef bei, »auch ich vergaß das nicht, nur haben wir soviel vom Hunger gelitten.« Die drei Jäger setzten ihre Arbeit fort, bis dieselbe durch ein klägliches Geheul unterbrochen wurde. »Ah, ganz gehorsamer Diener,« rief Josef zum entgegengesetzten Ufer hinüber, wo sich zwei hungrige Wölfe zeigten. »Haben gewiß auch Appetit auf Büffelbraten? Nun, meiner Treu, ich gebe gern armen Teufeln, und so sollt Ihr denn auch etwas haben.« Bei diesen Worten ergriff Josef einen der Vorderfüße des erlegten Thieres und schleuderte ihn mit kräftiger Hand über den Fluß. Das Bein erreichte das Ufer nicht ganz, allein die hungrigen Wölfe stürzten sich in's Wasser, um ihre Beute herauszuholen. »So,« sagte Rosenholz, nachdem er die edlern Theile des Büffels, d. h. den Buckel, der das, saftigste Stück des vortrefflich schmeckenden Fleisches ist, und das Lendenstück, bei Seite gelegt hatte, »jetzt wollen wir uns mit der Bereitung das Mahles beschäftigen.« »Von wem mag wohl ursprünglich der Büffel vermundet worden sein?« fragte Ganferos. »Sicherlich von einem der jagenden Indianer,« meinte Josef, »und ich befürchte, daß einzelne dieser Landstreicher uns binnen Kurzem einen Besuch abstatten werden. Ich wünsche dann nicht, daß sie uns wie diesen Büffel behandeln. Ah, seht,« unterbrach er sich, »wie seltsam diese beiden Wölfe sich gebahren; sie wühlen die Erde auf, als ob sie dort eine Beute witterten, und doch hab' ich ihnen vorhin ein saftiges Stück Fleisch zugeworfen.« »Begeben wir uns auf die Insel,« äußerte der Canadier, »und zünden wir dort in dem dichten Schatten der Bäume unser Feuer an; sechzig Schritte von hier bemerke ich eine Furth, durch welche wir ganz bequem waten können. Folgt mir daher nach.« Dies geschah, und während der kleine Trupp die Furth passirte, hörten die Wölfe auf, in der Erde zu wühlen, und machten sich mit dem Büffelfuße eilig aus dem Staube. Als die drei Jäger die Insel betraten, fanden sie eine von den Krallen der Wölfe ausgescharrte Höhlung von einigen Zoll Tiefe. »Ohne Zweifel liegt da irgend ein Leichnam,« meinte Josef, »obschon keinerlei Spur darauf hindeutet, daß der die Erde bedeckende Rasen in der letzten Zeit umgewühlt wurde.« Josef wurde in seinen Betrachtungen von der Stimme des Canadiers unterbrochen, welcher ihn aufforderte, bei der Zubereitung des Mahls thätige Hand anzulegen. Es hielt nicht schwer, um Feuer anzuzünden, denn erstens war der durch den Gewitterregen naß gewordene Pulvervorrath der beiden Freunde wieder getrocknet, sodann fehlte es ihnen nicht auf der Insel an dürrem Holze, und so sahen denn die halbverhungerten Jäger sehnsüchtig dem Augenblicke entgegen, wo sie über den lieblich duftenden Büffelbuckel, der über dem Feuer röstete, herfallen konnten. Mit großem Behagen verzehrten sie endlich das kostbare Mahl und ließen nur einen Theil davon übrig, den Rosenholz sorgfältig aufbewahrte. Der Canadier streckte sich in's Gras, um eine halbe Stunde zu schlafen und Gayferos ahmte ihm nach; Josef dagegen setzte seine Nachforschungen an der von den Wölfen ausgehöhlten Rasenstelle weiter fort. Er unterschied alsbald auf dem Boden Messerschnitte und eine geheime Ahnung ging ihm auf, daß er es mit einem jener unterirdischen Magazine zu thun habe, welche die Trapper und Reisenden in den Einöden des Westens anlegen, um vor einer nahenden Gefahr ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Mit krampfhaftem Eifer durchwühlte Josef jetzt den Boden, und bei dem Gedanken, daß außer Waaren vielleicht auch noch Waffen an diesem geheimen Orte vergraben sein könnten, fühlte er sein Herz höher schlagen. Bald kam ein Leder zum Vorschein, welches die versteckten Gegenstände verhüllte; er warf das Leder weit fort, mit gierigen Augen den ausgehölten Raum durchspähend. Wie besessen sprang Josef nach dieser Recognoscirung in die Höhe, um gleich darauf wieder sich auf beiden Knieen niederzulassen, die Hände zu falten und ein inbrünstiges Gebet zu sprechen. . Noch aber war er mit dem Amen nicht fertig, als er schon auf den Canadier zueilte und ausrief: »Komm, Rosenholz, – kommt, Gayferos, – Hurrah!« Und nach diesen Worten rannte er wieder nach dem aufgefundenen Versteck zurück, während die beiden aus dem Schlafe aufgerüttelten Gefährten ihn verwundert anblickten. Waffen – Waffen, in Hülle und Fülle!« krähte Josef. »Da ... seht's Euch nur an!« Und bei jedem Worte tauchte er seinen Arm in die Oeffnung und warf dem erstaunten Rosenholz eine Büchse nach der andern zu. »Oh, mein Gott!« rief der Canadier tief gerührt aus. »So ist es also doch wahr, und Du verläßt gute Menschen nicht! Du giebst uns die Kraft wieder, die Du unsern Armen entzogen hattest, mein Herrgott, Preis und Dank sei Dir in alle Ewigkeit!« Und dabei preßte der greise Jäger die Feuerwaffe, welche er für sich ausgesucht, an seine Brust. Nachdem auch Josef und Gayferos sich bewaffnet hatten, eignete sich Rosenholz noch eine vierte Flinte an und sagte mit einem zärtlichen Ausdrucke in und Blick Wort: »Für Fabian! ... Die übrigen Gegenstände legen wir wieder auf ihren ursprünglichen Platz,« fuhr er gegen Josef fort, »denn es hieße undankbar gegen den Himmel sein, wollten wir dem Eigenthümer dieser Waaren und Waffen mehr entziehen, als wir zur höchsten Noth gebrauchen.« Josef nickte stumm mit dem Kopfe und alsbald hatten die drei Jäger die Grube wieder ausgefüllt und mit Rasen bedeckt, ohne zu ahnen, daß es ihre Todfeinde waren, deren Raub sie in so edelmüthiger Weise schonten. »Jetzt aber auf den Weg,« rief der Canadier, »und nicht eher wieder geruht, als bis wir das verworfene Gesindel eingeholt und unser Kind er ...« Ein unerwarteter Anblick ließ seine Rede auf den Lippen ersterben. Auf dem linken Flußufer war nämlich ein indianischer Krieger erschienen und betrachtete aufmerksam das dort am Boden liegende Gerippe des getödteten Büffels. Er mußte zweifellos die drei Jäger bemerkt haben, dennoch gab er sich den Anschein des Gegentheils. »Hol's der Henker!« flüsterte Josef ärgerlich, »die Hunde kommen uns früher auf den Hals, als ich vermuthete. Soll ich meine Büchse an ihm probiren?« »Nein,« wehrte Rosenholz ab, »ich sehe an dem Kopfschmucke und den Verzierungen des Mantels, daß er zu den Comanchen gehört, welche, wie Du weißt, die unversöhnlichen Feinde der Apachen sind. Sein sorgfältig bemaltes Gesicht deutet an, daß er sich auf dem Kriegspfade befindet, ich werde ihn anrufen, denn die Augenblicke sind zu kostbar, um List zu gebrauchen und nicht gerade auf das Ziel loszusteuern.« Festen Schrittes näherte sich der Canadier und hob den Kolben seiner Büchse in die Höhe, während der Indianer noch nach wie vor das Büffelgerippe betrachtete, welches ihn außerordentlich zu interessiren schien. »Hier stehen drei Krieger,« rief der Waldläufer, »welche vor Hunger gestorben wären, wenn der große Geist ihnen nicht einen verwundeten Büffel geschickt hätte. Will mein junger Sohn da drüben untersuchen, ob es wirklich der ist, den seine Lanze verwundete? Will er den Theil nehmen, den wir für ihn zurückgelegt haben? Er wird auf diese Art uns beweisen, daß er freundliche Gesinnungen hegt.« Der Indianer erhob jetzt den Kopf und antwortete: »Ein Comanche ist der Freund eines jeden Weißen, dem er begegnet; ehe er daher an dem Feuer der drei Krieger Platz nimmt, muß er wissen, woher sie kommen, wohin sie gehen und wie sie sich nennen.« »Alle Donner!« rief Josef, »stolz ist der Bursche, das muß ich sagen; ich hätte Lust, ihn nach Gebühr abzutrumpfen.« »Schweig Du lieber still,« entgegnete Rosenholz und rief dann dem Indianer zu: »Mein Sohn spricht mit dem Stolze eines Häuptlings, obgleich er noch zu jung ist, um Krieger dem Kampfe entgegen zu führen. Gleichwohl will ich seine Fragen beantworten. Wir haben das Land der Apachen durchstreift und verfolgen bis zur Gabel des Red-River die Spur zweier Banditen. Ich bin der Waldläufer aus Unter-Canada, dieser Mann da nennt sich Josef der Schläfer, obschon er besser gethan hätte, sich den Beinamen des Nimmersatts zu geben, und jener da ist ein Gambusino, dem die Apachen die Haut über den Kopf gezogen haben.« Der Indianer, welcher die Worte des Canadiers mit großem Ernste anhörte, sagte jetzt: »Mein Vater besitzt die Klugheit eines Häuptlings, vermag aber nicht, die Augen eines Kriegers vom Stamme eines Comanchen blind und seine Ohren taub zu machen. Unter den drei weißen Kriegern auf der Insel befinden sich zwei, deren Namen ganz anders lauten.« »Das soll also heißen,« rief Rosenholz heftig, »ich sei ein Lügner? Meine Zunge hat niemals, weder aus Furcht noch aus Freundschaft, gegen die Wahrheit gesündigt. Wer daher mich der Lüge beschuldigt, wird mein Feind und somit geh' Deines Wegs, Comanche, und laß Dich nie wieder vor meinen Augen sehen.« Bei diesen Worten machte Rosenholz eine drohende Bewegung mit der Büchse. Der Comanche aber blieb ruhig stehen und entgegnete, mit seiner rechten Hand stolz auf die Brust schlagend: »Brennstrahl ging aus, um sich am rothen Flusse mit dem Adler der Schneeberge und dem Spottvogel zu vereinigen, um mit ihnen den Sohn zu suchen; welchen die apachischen Hunde ihnen geraubt haben.« »Den Adler, – den Spottvogel!« wiederholte Rosenholz, auf's höchste überrascht, »oh, wie könnt' ich auch vergessen ... ja, ja, das sind die Namen, welche uns die Apachen gegeben haben. Sagt, mein Junge, habt Ihr meinen Fabian, habt Ihr mein geliebtes Kind gesehen?« Und während der Canadier, seine Büchse weit von sich schleudernd, in den Fluß sprang und die Furth desselben mit Riesenschritten durchwatete, rief er aus: »Wartet, Brennstrahl, wartet, ich bin im Augenblick bei Euch ... ich bin euer Freund ... auf Leben und Tod!« Lächelnd blickte der Comanche auf den sich rasch nahenden Waldläufer, und als dieser ihm seine riesige Hand entgegenstreckte, legte Brennstrahl die seinige hinein, und sie glich jetzt einem Keil, den man in den Spalt eines Baumes hineintreibt. »So seid Ihr also den beiden Wüstenräubern gleichfalls feindlich gesinnt?« rief Rosenholz, der in seiner Herzensfreude den jungen Krieger gar zu gern an die Brust gedrückt hätte, seinem Wunsche aber Fesseln anlegte. »Woher weiß aber der Comanche Brennstrahl unsere Namen?« »Von Tubac bis zum Büffelsee, von dort bis zu den Nebelbergen und von diesen bis hierher hat Brennstrahl die Spuren Mischbluts und Rothhands verfolgt,« antwortete der junge Krieger, »und er fand auch die Spuren des Adlers und des Spottvogels, deren Namen er gehört und von deren Heldenkühnheit er vernommen aus dem Munde der Feinde, welche er zu wiederholten Malen in ihren Verstecken belauschte. Sind die zwei Weißen wirklich so tapfer, wie man sagt?« »Wozu diese Frage?« entgegnete Rosenholz mit einem ruhigen Lächeln, das deutlicher sprach, als alle Betheuerungen. »Weil das Auge Brennstrahls,« fuhr der Indianer fort, den Blick fortwährend auf den fernen Horizont heftend, »gegen Sonnenaufgang den Rauch der Feuer des Schwarzvogels und seiner dreißig Krieger, gegen Sonnenniedergang den Rauch der Feuer Rothhands und Mischbluts und gegen Mitternacht den Rauch des Lagerfeuers von zehn Apachen sieht, und somit der Comanche und die drei Weißgesichter zwischen drei feindlichen Partheien sich befinden.« »Beim Himmel, Ihr habt recht!« rief der Canadier erstaunt, als er in der Ferne eine leichte Rauchwolke bemerkte, die ein indianisches Lager ansagte. »Brennstrahl,« begann der junge Krieger von Neuem, »wird seinen Freunden auf die Büffelinsel folgen und sie werden dort das Rathsfeuer anzünden, um zu entscheiden, was zu thun ist.« Rosenholz watete mit dem Comanchen zurück durch die Furth des Flusses, und als sie das Inselufer betreten hatten, reichte Brennstrahl mit einer gewissen Förmlichkeit Josef und Gayferos die Hand. Sodann schritten Alle auf das noch lodernde Feuer zu und während Brennstrahl von dem Büffelfleische kostete, theilte der Canadier seinen Gefährten das Nöthigste mit. »Also den beiden Schurken von Wüstenräubern gehören die Vorräthe, welche wir auf dieser Insel hier aufgefunden haben?« lachte der rachsüchtige Josef wild auf. »Kommt, Gayferos! Während Rosenholz sich mit diesem jungen Krieger hier berathen wird, wollen wir die ganze Beute der beiden Hallunken in's Wasser werfen, die Feuerwaffen natürlich ausgenommen.« Und der erzürnte Josef entfernte sich mit dem Gambusino, um sein Rachewerk auszuführen. Als Brennstrahl mit seiner Mahlzeit zu Ende war, richtete der Canadier die Frage an ihn, wie es komme, daß er sich ohne irgend eine Begleitung seiner Stammesgenossen auf die Jagdgründe der Apachen gewagt habe. Der Comanche erzählte zunächst die Ereignisse, welche der Leser bereits kennt, und eben war er damit zu Ende, als Josef und Gayferos von ihrem Zerstörungswerke zurückkehrten. Sämmtliche Waaren hatten sie in den Fluß geworfen, nur eine Anzahl Büchsen nicht, die sie zu dem Wachtfeuer heranschleppten. »Diese Gewehre werden meinen Kriegern zu statten kommen,« sagte Brennstrahl und fuhr hierauf in seinen Mittheilungen weiter fort. Wie wir wissen, hatte der Comanche, als er die beiden Wüstenräuber auf der Insel beobachtete, den Entschluß gefaßt, sie bei ihrer Rückkehr nach Gebühr zu empfangen. Um dies jedoch erfolgreich ausführen zu können, mußte er aus dem fernen Lager seines Stammes Verstärkung holen. Mit zehn Kriegern, die der Häuptling der Führung Brennstrahls anvertraut, kehrte er zurück. Indessen hatten Rothhand und Mischblut die Büffelinsel bereits passirt und sich zu Lande bis zur Gabel des rothen Flusses begeben. Es war dies vielleicht ein Glück für den jungen Anführer, da zu den beiden Wüstenräubern unterwegs eine Schaar Apachen stieß, welche sich in der Nähe herumgetrieben hatte. Durch einen Spion erfuhr Brennstrahl noch mehr. Dieser ausgesandte Späher hatte sich nämlich zu nahe an das Lager Rothhands und Mischbluts gewagt und war entdeckt und gefangen genommen worden. Fest überzeugt, daß seine letzte Stunde gekommen sei, wunderte er sich nicht wenig, als ihm Mischblut nach wenigen Stunden schon seine Freiheit verkündigte und mit Worten des Friedens und der Freundschaft an Brennstrahl zurücksendete, welchem er sagen ließ, daß er im Lager Rothhands und Mischbluts stets willkommen sei. Selbstverständlich hütete sich der junge Krieger, dieser Versicherung zu trauen. Durch denselben Spion hatte Brennstrahl aber auch von der Gefangenschaft Fabians Kunde erhalten und außerdem die Namen erfahren, welche die Apachen den beiden Waldläufern beigelegt hatten. Es wurde nunmehr beschlossen, daß man sich sofort auf den Weg machen wolle, um das heißersehnte Ziel baldmöglichst zu erreichen. »Sind Euere Krieger weit von hier?« fragte Rosenholz den Indianer. »Einer der Unsern bewacht an der Spitze der Büffelinsel unser Canoe,« fuhr der Comanche weiter fort, »die Uebrigen sind auf dem linken Flußufer zerstreut. Rothhand und Mischblut hingegen befinden sich auf dem entgegengesetzten Ufer, und zwei Büchsenschüsse von dem Pfade weg, den sie verfolgten, würden der Adler und der Spottvogel ihre Spuren gefunden haben.« »Das ist freilich nicht geschehen,« meinte der Canadier, »dafür hat uns Gott mit Waffen und Lebensmitteln ausgerüstet und einen tapfern, rechtschaffenen Verbündeten zugeführt. Taufend Dank dem großen, barmherzigen Geiste! – – – Und nun – vorwärts!« Rosenholz warf seine und die für Fabian bestimmte Büchse auf die eine Schulter und die übrigen Gewehre auf die andere. Josef und Gayferos bepackten sich mit den Lebensmitteln und der Munition und alle drei folgten mit einem wahrhaft heiligen Feuer dem jungen Comanchen, der sie an die Spitze der Insel führte, wo der zur Bewachung des Bootes zurückgelassene Krieger versteckt war. Das Canoe gehörte zu jenen Fahrzeugen, wie sie bei den Indianern in diesem Theile Amerikas gebräuchlich sind. Es bestand aus einem Gerippe von Eschenholz, über welches zwei rohgegerbte und durch eine Naht mit einander verbundene Büffelhäute gespannt waren. Das gebrechliche Fahrzeug hatte zehn Fuß in der Länge und drei und einhalb Fuß in der Breite; Vorder- und Hintertheil liefen spitzig zu und der runde Bau, sowie die Farbe verliehen dem Canoe eine gewisse Aehnlichkeit mit einem jener ledernen Becher, deren man sich heut zu Tage auf Reisen bedient. So leicht nun auch die Barke gebaut war und so geringe Dauerhaftigkeit sie zu haben schien, diente sie doch zu langen Fahrten auf den mit Stromschnellen, Untiefen und Felsenriffen gesegneten Flüssen, denn gerade ihr leichter Bau bewahrte sie vor tausenderlei Unfällen, welche ein stärkeres Fahrzeug unbedingt zerschmettert haben würden, und außerdem machte es ihr unbedeutendes Gewicht den Schiffern möglich, ganze Tage hindurch das Canoe ohne viel Mühe auf den Achseln weiter zu tragen. In einer solchen Nußschale also schiffte sich unsere kleine Truppe ein und rasch folgte das leichte Fahrzeug der Strömung des Flusses. Dreizehntes Kapitel. Verschiedene Feinde und Kämpfe. Trotz der Schnelligkeit, mit welcher der Kahn dahin glitt, wollte dennoch der Canadier vor Ungeduld schier vergehen und er fragte, wie weit es noch bis zur Gabel des rothen Flusses sei. »Wenn wir die ganze Nacht fortrudern,« antwortete Brennstrahl, »so können mir morgen Abend um diese Stunde am Ziele sein.« Rosenholz seufzte und beschäftigte sich im Geiste nochmals mit dem Bericht, den er aus dem Munde des Comanchen vernommen. Da ihm Einiges nicht recht klar geworden war und Fabians Schicksal nach wie vor für ihn ein Gegenstand peinlicher Unruhe blieb, so redete er nach kurzer Pause den jungen Krieger abermals an: »Welcher von Euerer Mannschaft ist bis in das Lager Mischbluts gedrungen?« Brennstrahl bezeichnete den Krieger, der neben ihm ruderte. »Oh!« rief der alte Jäger bebend aus, »warum sagtet Ihr mir das nicht schon früher? ... Comanche,« fuhr er zum Ruderer gewandt fort, »Ihr habt den jungen Krieger aus Mittag gesehen, wie sie meinen armen Fabian nennen, Ihr habt vielleicht sogar mit ihm gesprochen? Was that er? War er gefaßt? Wandte er oft den Kopf den Nebelbergen zu, um in den Wolken den Flug des Adlers der Schneeberge und des Spottvogels zu entdecken? Oh, sprecht, Comanche, und spannt die Ohren eines Vaters, der um seinen geliebten Sohn trauert, nicht aus die Folter!« Der wilde Krieger blieb stumm, da er der spanischen Sprache nicht mächtig war und der Waldläufer wiederum die seinige nicht verstand. Brennstrahl übernahm daher das Amt eines Dolmetschers. »Der junge Krieger aus Mittag,« begann er nach einem Zwiegespräch mit dem rudernden Comanchen, »glich mit seiner Ruhe und Traurigkeit der Dämmerung in den Bergen, wenn der Nachtvogel zu singen beginnt.« »Hörst Du, Josef?« rief der Canadier mit feuchten Augen. »Sein Antlitz,« fuhr der Dolmetscher fort, »war bleich, wie der Mondstrahl auf einem See; aber seine Augensterne hatten den Glanz eines Leuchtkäfers in dem dunkeln Grase der Prairie.« Rosenholz fuhr sich mit der Hand über die Augen, dann fragte er im zitternden Tone: »Und ... weiß der Comanche ... auf welche Stunde man ... die ... Hinrichtung des jungen Kriegers festgesetzt?« »Auf die Stunde, wo der Schwarzvogel sich an der rothen Gabel mit Mischblut vereinigt haben wird.« »Ich wünschte,« rief jetzt Josef, »diese Gabel hatte scharfe Zinken und spießte den Schwarzvogel sammt den beiden Wüstenräubern auf!« »Komm Josef, laß uns jetzt rudern,« sprach der Canadier mit stammenden Augen, »haha, der Adler ist den Geiern auf der Spur.« Und unter dem kräftigen Ruderschlage der beiden Jäger glitt das Canoe noch rascher über die Oberfläche des Wassers dahin, gleichsam als stünde die ungestüme Sehnsucht des väterlich besorgten Waldläufers am Steuerruder. »Na, alter Bursche,« begann Josef nach einer Weile, indem er Rosenholz freundlich zunickte, »jetzt wird's wohl ein gut Theil ruhiger in Deinem Herzen aussehen. Du weißt, daß unser Kind lebt, daß seine Hinrichtung bis zur Vereinigung des Schwarzvogels mit dem Mestizen verschoben morden ist und daß wir vor dem Apachenhäuptling an der verwünschten rothen Gabel anlangen werden, da er mit seiner ganzen Schaar hinter uns ist.« Der Canadier wiegte nachdenklich den Kopf hin und her und sagte: »Wer steht uns dafür, daß Mischblut den Ort der Zusammenkunft nicht verändert hat? Dann aber kann es geschehen, daß uns nicht mehr genügend Zeit bleibt, die beiden Wüstenräuber anzugreifen, ehe sie ihre finstern Pläne ausführen, – ist die rothe Gabel von dem Orte, den Ihr den Büffelsee nennt, weit entfernt?« wandte sich der Canadier an Brennstrahl, um seine Zweifel zu zerstreuen. »Eine halbe Stunde weit.« »Und was sucht Mischblut am Büffelsee, wo Ihr seine Spur entdeckt habt?« »Er will die Seeblume pflücken, eine Tochter der Weißen,« antwortete Brennstrahl. »Ihr Vater ist ein mächtiger Häuptling der Bleichgesichter, und zweiunddreißig Jäger begleiten ihn, um die wilden Pferde der Prairie zu fangen.« »Zweiunddreißig Jäger?« wiederholte Rosenholz entzückt. »Ah, jetzt verstehe ich erst den Sinn der Worte, welche uns Pedro Diaz zurief, als er uns zu warnen kam. Jedenfalls werden wir den Tapfern am Büffelsee wieder finden. Hei, das kann einen tüchtigen Kampf geben, – sechzig Apachen und gegen fünfzig Weißgesichter und Comanchen wider sie! Ja, ja, an der rotem Gabel wird viel Blut fließen, – wir werden im Tumulte Fabian retten und mit unsern Flintenkolben den beiden Wüstenräubern die Schädel zerschmettern.« »Nein,« rief Josef in seinem Hasse aus, »wir werden sie kreuzigen! Das Teufelspaar verdient kein milderes Schicksal.« Nicht lange darauf glitt das leichte Fahrzeug in einen jener natürlichen Canäle, zu denen die Ufer der großen amerikanischen Ströme nicht selten zusammenrücken. Ein letzter Purpurstrahl der untergehenden Sonne durchdrang noch die grüne Kuppel der Bäume, welche den engen Canal begrenzten, und vermischte sich dann mit dem Schatten, der über der Oberfläche des Wassers schwebte. Ehe das Boot in diesen dunkeln Engpaß einbog, lösten Brennstrahl und sein Stammesbruder die beiden Jäger im Rudern wieder ab und stießen sodann ein Gezwitscher aus, wie es den Schwalben eigen ist, wenn sie dicht über dem Wasser hinfliegen. Das Canoe näherte sich dem einen Ufer und erreichte den überhängenden Stamm einer Esche, von welcher sich eben so gewandt als schnell eine dunkle Gestalt in den Nachen hinabschwang. Schon wollten Rosenholz und Josef, einen Angriff vermuthend, von ihren Gewehren Gebrauch machen, als Brennstrahl lächelnd äußerte: »Adler und Spottvogel sind hier in Freundesland und längs der Ufer halten Krieger der Comanchen Wacht, damit wir sicher vorwärtsfahren können.« Der neu Angekommene entpuppte sich jetzt als eine dieser Schildwachen und erstattete dem jungen Häuptling einen kurzen Bericht, während der Kahn seine Fahrt in der anbrechenden Finsterniß fortsetzte. Nach Verlauf einer Stunde glitt ein weiterer Comanche in das Boot. Er flüsterte einige Worte Brennstrahl zu, worauf dieser zu lauschen begann. Ein fernes Gemurmel ward alsbald vernehmbar, die Ruderer stellten, auf ein Zeichen ihres Anführers, ihre Arbeit ein und ließen das Canoe der Strömung des Flusses folgen. Das ferne Gemurmel nahm rasch zu und man hörte das Wasser wie über eine Untiefe hinrauschen. Die schwache Barke begann sich langsam um sich selbst zu drehen, ohne daß die Comanchen einen Versuch machten, sie zu lenken; dann schwamm sie quer fort, das Vorder- und Hintertheil den beiden Flußufern zugewandt, und endlich glitt sie wieder rascher in einer mit der Strömung parallel laufenden Richtung weiter. Die Geschwindigkeit wurde bald so groß, daß der Kahn pfeilschnell über das Wasser flog und die beiden Jäger nebst Gayferos wußten jetzt, daß man sich in einer der Stromschnellen des Flusses befand, welche die Comanchen am besten zu überwinden glaubten, indem sie das Fahrzeug sich selbst überließen. Einen Augenblick brodelte und kochte das Wasser unter der schwachen Barke, die auf seinen Schaummassen sich zu wiegen schien, – plötzlich aber wurde sie durch einen heftigen Stoß erschüttert, daß man glaubte, sie müsse in tausend Trümmer gehen. Die kleine Gesellschaft war indessen glücklich über die gefährliche Stelle hinweggekommen, und Brennstrahl griff wieder zu den Ruderstangen, um die Fahrt fortzusetzen. Der Canal hörte jetzt auf und das Bett des Flusses kehrte zu seiner ursprünglichen Breite zurück. Brennstrahl gab Befehl zu landen, um das Boot trocknen zu lassen und auszubessern, da es infolge der Stromschnelle einen, wenn auch unbedeutenden Leck erhalten hatte. Es zeigte sich, daß das Ufer, welches man betrat, auf eine fast kahle Ebene mündete, in welcher sich nur einige wenige Gebüsche von Baumwollenstauden erhoben. Die Comanchen zündeten ein Feuer an, an welchem sie mit den drei Jägern Platz nahmen. Die Ueberreste des Büffelbratens lieferten Allen ein Nachtessen, das vortrefflich mundete. Nachdem so den Forderungen des Magens Genüge geschehen war, machte man sich daran, den Kahn auszubessern. »Hört Ihr irgend ein verdächtiges Geräusch?« fragte Josef den Anführer, welcher abermals lauschte. »Brennstrahl hört auf das Geheul der weissagenden Wölfe.« »Ah, mein Junge,« lachte Josef, »Ihr habt ein feines Ohr. Was weissagt Such denn das Geheul des kleinen Prairie-Wolfs, das meines Erachtens nur seinen Hunger anzeigt?« »Wenn die rochen Männer auf der Jagd sind,« belehrte Brennstrahl den vorwitzigen Josef, »so folgen ihnen die großen Prairiewölfe schweigend, fest überzeugt, daß sie ihren Antheil erhalten werden; die kleineren aber heulen. Ich habe die Stimme des weissagenden Wolfes von dorther gehört,« fügte Brennstrahl hinzu, indem er nach Norden deutete.. »Der Schwarzvogel aber befindet sich in der entgegengesetzten Richtung, und somit muß gegen Mitternacht ein anderer feindlicher Trupp sein, den meine Spione nicht entdeckt haben. Mein Vater kann jetzt hören, wie die Büffel vor ihren Verfolgern fliehen.« Ein dumpfes Geräusch machte sich in der That in der Ferne vernehmbar. Brennstrahl ergriff einen Feuerbrand, mit welchem er eine Strecke weit landaufwärts ging und den Erdboden beleuchtete. »Meine Vermuthung war richtig,« rief er plötzlich aus, »wir sind hier auf einer Büffelspur. Es ist ein gefährlicher Ort, den wir schnell verlassen müssen, denn wenn wir unter die stampfenden Hufe der Büffel gerathen, so sind wir verloren.« Der Boden dröhnte und dumpfes Brüllen machte die Nachtluft erzittern. Rasch löschten die Comanchen das Wachtfeuer aus, nur Brennstrahl behielt sein brennendes Holzstück in der Hand. Er schritt voran und die Comanchen trugen, unterstützt von den Jägern, den Kahn ihm nach. Da die Ausbesserung des Bootes unbedingt nöthig war, so machte Brennstrahl auf einem kleinen Hügel, der sich in der Nähe befand, wieder Halt und ließ dort ein neues Feuer anzünden, worauf die Comanchen sofort das Geschäft des Kalfaterns (d.h. des Ausbesserns oder Verstopfens der Canoe-Beschädigungen) begannen. Kaum waren sie aber bei der Arbeit, als dem Orte gegenüber, den sie soeben verlassen, also auf dem entgegengesetzten Flußufer, eine lange und breite Reihe heranspringender Büffel auftauchte. Ein betäubendes Gebrüll vermischte sich mit dem geräuschvollen Schnauben der wilden Herde, welche an dem Wasser herumschnoberte, über das sie setzen wollte. Wenige Augenblicke später brauste die Fluth hoch auf und der Fluß überschwemmte die Ufer. Die Büffel hatten ihren Uebergang bewerkstelligt, die aufgeregten Wasser des Flusses aber schäumten noch, nachdem das Dröhnen der Hufe schon längst in der Ebene verhallt war. »Ihr habt doch recht gehabt, Freund,« äußerte Josef zu Brennstrahl, »und ich fürchte, die Büffel waren nur eine Vorhut der vermaledeieten Apachen.« Der Comanche lächelte bedeutungsvoll. »Dann werden wir gut thun, unsere Fahrt schleunigst fortzusetzen,« meinte Rosenholz. »Ist denn der Leck des Kahns ausgebessert?« Brennstrahl bejahte, fügte aber hinzu: »Wir müssen erst noch einige Vorsichtsmaßregeln treffen. Ich halte es für nöthig, hinter diesen Hügeln sechs von einander gleich entfernte Feuer anzuzünden; von dem Orte aus, wo der Schwarzvogel und die Apachen Halt gemacht haben, werden diese die Feuer bemerken, ohne zu unterscheiden, ob Krieger sich in der Nähe gelagert haben; und während sie ihre Zeit damit verlieren, ein Mittel ausfindig zu machen, um unbemerkt heranzukommen, wird es Brennstrahl und seinen Freunden ein Leichtes sein, dem Gegner einen Vorsprung abzugewinnen.« Der Klugheit dieses Rathes vermochten Rosenholz und Josef ihren Beifall nicht zu versagen. Den Anordnungen Brennstrahls wurde rasch Folge geleistet und sodann der ausgebesserte Kahn wieder in den Fluß gelassen, um die Fahrt nach beinahe zweistündiger Unterbrechung von Neuem aufzunehmen. Die an dem Ufer angezündeten Feuer waren längst in der Ferne verschwunden und die drei Jäger von einem erquickenden Schlafe, dem sie sich überlassen, eben wieder erwacht, als Brennstrahl seinen Stammesbrüdern ein Zeichen gab, daß sie aufhören sollten zu rudern. »Zum Wetter, was giebt's denn schon wieder?« fragte Josef mit einem verdrießlichen Räuspern. »Hört Ihr denn nichts?« gab Brennstrahl zurück. Rosenholz und seine beiden Gefährten lauschten, dann sagte der erstere: »Es ist, als wenn hier in der Nähe ein Riese sein Nachtquartier aufgeschlagen hätte und mächtig schnarchte. Dazwischen hinein höre ich noch ein ganz niederträchtiges, unheimliches Gebrumme.« Brennstrahl lächelte und versetzte: »Unterhalb der Krümmung, welche hier der Fluß macht, befindet sich eine Insel und in ihrem dichten Gehölz hält sich jedenfalls das Thier auf, dessen wildes Schnauben Euch so räthselhaft erscheint.« »Je nun, lassen wir der Bestie ihr Vergnügen,« sagte Josef, »und kümmern wir uns nicht weiter um sie. Wozu auch? Würde ja doch ein einziger Schuß aus unsern Büchsen die Apachen uns auf den Hals hetzen.« »Was braucht's der Feuerwaffen?« widersprach Brennstrahl verächtlich, »die rothen Krieger haben scharfe Tomahawks und die Bleichgesichter spitze Messer.« Josef wollte trotzig antworten, allein Rosenholz winkte ihm zu, stillzuschweigen, denn er kannte den Character der Indianer zu gut und wußte, daß Brennstrahl es für den größten Schimpf hielt, einem Thiere aus dem Wege zu gehen, namentlich aber einem Exemplar des grauen Bären, denn ein solcher hatte sich auf der kleinen Insel niedergelassen. »Der Teufel drehe dem Ungeziefer den Hals um!« brummte Josef. »Willst Du uns Alles verderben?« raunte ihm der Canadier zu. »Weißt Du nicht, daß es bei den Indianern als eine Heldenthat gilt, dieses furchtbarste aller Thiere der Prairie zu erlegen?« Das Boot landete jetzt an einem der Ufer, ehe jedoch Rosenholz zugab, daß sämmtliche Insassen das Canoe verließen, erstieg er vorsichtig das Ufer, um einen forschenden Blick in die Ebene zu werfen. Hohes Gras bedeckte die Prairie und der Canadier mußte sich, die Büchse in der Hand, einen Weg durch dasselbe bahnen. »Warum landen wir denn eigentlich hier?« fragte Josef den Anführer der Comanchen verdrießlich, nachdem Rosenholz inmitten des Grases verschwunden war. »Wir wollen uns überzeugen, ob der graue Bär der einzige Feind ist, dem wir gegenüberstehen,« antwortete Brennstrahl kurz und bestimmt. Offenbar witterte der Bär die Nähe der Menschen, denn mit dem schneller aus seinen Nasenlöchern hervorkommenden Schnarchen vermischte sich das Knirschen seiner furchtbaren Zähne und das Kratzen seiner Klauen. In diesem Augenblicke langte Rosenholz am Boote wieder an. »Schnell fort!« flüsterte er, »ein Dutzend Apachen durchstreift auf ihren Pferden die Ebene.« »Ich wußte es,« antwortete Brennstrahl ruhig, »die weissagenden Wölfe trügen nie. In welcher Richtung durchspringen die apachischen Hunde die Prairie?« »Sie scheinen von der Seite herzukommen, wo wir die Feuer angezündet haben,« antwortete der Canadier. »Jetzt müssen wir so schnell wie möglich dem grauen Bären auf den Leib rücken, um dann ungehindert unsere Wasserfahrt fortsetzen zu können. Nehmt Alle Eure Aexte und Messer zur Hand, und nun in des Himmels Namen vorwärts!« Der Kahn wurde von Neuem mitten in den Fluß nach der Insel hingetrieben, von wo das furchtbare Schnauben ertönte. Man durfte kaum hoffen, daß das wilde Thier das Fahrzeug ruhig werde passiren lassen, und das dicke Fell des grauen Bären machte den Ausgang des Kampfes sehr unsicher, zumal sein Geheul, wenn er verwundet ward, die jagdlustigen Apachen herbeilocken konnte; außerdem lief das schwache Boot Gefahr, durch die geringste Berührung des Bären von seinen scharfen Krallen zerrissen zu werden. Da Rosenholz von dem Ungestüme Brennstrahls eine Herbeiführung des Kampfes fürchtete, selbst wenn derselbe sich vermeiden ließe, so bat er den jungen Krieger, eines der Ruder in die Hand zu nehmen, während er selbst das Fahrzeug nach dem rechten Ufer hintrieb. Den Tomahawk in der Hand, hielten sich die drei andern Comanchen, im Vordertheil des Canoes stehend, bereit, den angreifenden Bären mit wohlgezielten Schlägen zu treffen. Auf der Rückseite des Bootes hatten sich Josef und Gayferos postirt und mit ihren Messern bewaffnet. Bald zeigte sich auf der dunkeln Wasserfläche den Augen der Schiffer das Inselchen mit einer ungeheuern schwarzen Masse, welche sich brummend hin- und herbewegte. »Jesus Maria!« flüsterte Gayferos, heftig erschreckend, da er von der gewaltigen Größe des Feindes keine Ahnung gehabt hatte, und unwillkürlich faltete er seine Hände. »Euer Messer hilft jetzt mehr als ein Gebet,« rief ihm Josef zu. Als der Bär das Fahrzeug mit seinen Insassen bemerkte, begann er zu stutzen und ließ ein noch weit gräßlicheres Brummen vernehmen. Seine ungeheuern Tatzen scharrten den Sand auf und eine Lawine von Sand rollte in den Fluß. Dann fing die Bestie an, sich langsam auf den Hinterbeinen zu erheben. Jetzt hatte das Boot den verhängnißvollen Engpaß erreicht und Rosenholz rief: »Ein paar tüchtige Ruderschläge, Brennstrahl! Das Leben von vielleicht sieben Menschen hängt davon ab!« Mit einem gewaltigen Rucke stießen beide Männer die Ruder in das Wasser und schnell und sicher glitt die leichte Barke den Canal hinab, nach wenigen Augenblicken in einer Entfernung von nur drei Schritten neben dem Meister Petz vorbeischießend. Der riesenhafte Wächter der kleinen Insel schien noch unentschlossen zu sein, ob er sich auf den Kahn stürzen sollte, und schon hoffte Rosenholz die Gefahr überwunden zu haben, als einer der Comanchen mit einer solchen Schnelligkeit, daß der alte Jäger es nicht zu verhindern vermochte, einen Pfeil auf das Thier abschoß, der sich tief in des Bären Bauch eingrub. Der Zornesruf, welchen der riesige Canadier ausstieß, war ein schwaches Kinderlallen gegenüber dem Wuthgebrüll des riesigen Bären, der wie ein vom Ufer stürzender Felsen in das Wasser sprang. Ein kühner, kräftiger Ruderschlag von Seiten des Canadiers machte das Canoe noch rascher über das Wasser hinfliegen und so traf der Bär mit seinen beiden Pfoten nur die leere Fluth. »Hurrah!« schrie Josef und achtete die Schaummassen nicht, welche der Bär emporgewirbelt hatte. »Nur jetzt noch fest vorwärts gesteuert, – und Ihr da, – haltet Eure Tomahawks bereit, wenn Ihr nicht wollt, daß das graue Vieh uns in den Grund bohrt.« Die drei Comanchen eilten jetzt schnell nach dem Hintertheile des Bootes, und in dem Augenblicke, wo das rasende und vor Wuth schäumende Thier mit seinen Flammenaugen nur noch einen Fuß von der Barke entfernt war, sausten drei Schlachtäxte auf den Schädel des Bären nieder, wie drei Hämmer auf den Ambos. – »Haut noch einmal!« schrie Josef, »das Thier hat ein zähes Leben.« »Halte lieber Dein Maul,« flüsterte Rosenholz, »willst Du, daß auch noch die paar Apachen uns ...« Ein Blitz warf plötzlich seinen breiten Flammenstreif über den mit Blut gefärbten Fluß und den verwundeten Bären und das Wuthgeheul des letztern vermischte sich mit einem Knalle, der in den Ohren der im rückwärtigen Theile des Kahnes postirten Comanchen und Jäger erklang, wie die Posaune des jüngsten Gerichts. »Demonio (zum Teufel)!« rief Josef, als er einen menschlichen Körper am Ufer hinabgleiten und neben dem Bären ins Wasser fallen sah. »Was ist das?« »Das ist ein Apache, der in's Wasser stürzt. Ein heimtückischer Hund, der ersäuft – nichts weiter,« antwortete Brennstrahl, welcher den Schuß auf den am Ufer verborgenen Feind abgefeuert hatte. Allein dieser Schuß weckte in der Ebene ein vielfältiges Echo und aus allen Richtungen ließ sich das Schlachtgebrüll der Apachen vernehmen. Gefahr drohte jetzt von allen Seiten; drüben jagten die Apachen heran und in der unmittelbaren Nähe des fortwährend dahin gleitenden Bootes befand sich der graue Bär, dessen Wuth mit seiner Verwundung nur noch mehr zugenommen hatte. Ohne zu ermatten, verfolgte er das Boot und jeden Augenblick hob er eine seiner Pfoten in die Höhe, um das schwache Fahrzeug in den Grund zu bohren. »Nur noch ein wenig scharf zugerudert,« rief Josef, der am Hintertheile des Kahnes niedergekniet war, um sich vor dem aufspritzenden Wassergischt zu sichern. »Nur brav zugerudert und wir sind außer Gefahr.« Abermals knallte ein Schuß. »Hast Du gefeuert, Rosenholz?« fragte Josef. »Ja,« entgegnete der Canadier, »ich wollte meine Waffe probiren, und habe gefunden, daß sie gar nicht schlecht ist. Jetzt schicke aber auch Du dem Bären einen Kugelgruß zu, – ziele nur auf's Maul.« »Vorwärts, Gayferos,« rief Josef diesem zu, »lassen Sie uns gemeinschaftlich dem Bären Eins aufbrennen.« Leider verfehlten die entsandten Kugeln ihr Ziel und das riesige Ungeheuer schüttelte nur verächtlich seinen Kopf, aus dem indessen ein blutiger Thau hervorspritzte. Der Raum zwischen dem Boote und dem verwundeten Bären ward indessen merklich größer und zeigte an, daß die graue Bestie matt und entmuthigt war. Die Ruderer verdoppelten ihre Anstrengung und der Zwischenraum nahm zu. »Haltet jetzt einen Augenblick an, wenn es möglich ist,« sagte Josef, der inzwischen seine Büchse wieder geladen hatte, »das Schaukeln des Bootes läßt nach und ich kann nun sicherer auf die Bestie zielen.« »Nicht doch,« rief Rosenholz lebhaft, »spare Deine Kugel lieber für den Apachen, der soeben dem Ufer zu galoppirt.« In dem hohen Grase der Ebene sprengten schwarze Gestalten heran. Obwohl Josef willens war, der Weisung des Canadiers zu folgen, hielt ihn doch eine neue Gefahr davon ab. Diese Letztere ging abermals von dem verwundeten Bären aus. Er hatte in seiner Verfolgung nur nachgelassen, um von einer andern Seite die Kahn-Insassen anzugreifen. Zu diesem Zwecke suchte er in schiefer Richtung das Ufer zu erreichen. »Land' in schräger Richtung,« ertönte es von Josefs Lippen, der allen Bewegungen des wüthenden Thieres gefolgt war, »sonst schneidet uns die Bestie den Weg ab und greift uns in der Fronte an!« Brennstrahl und Rosenholz steuerten sofort in schräger Richtung dem Ufer zu; in dem Augenblicke aber, wo auch der Bär dort ankam, sprang Brennstrahl an's Land, die gespannte Büchse in der Hand. »Weg vom Ufer!« schrie er befehlend dem Canadier zu. »Der Adler lasse einen furchtlosen Krieger den grauen Bären der Prairie bekämpfen.« Für jede Gegenrede taub, traf der kühne Comanche seine Vorbereitungen zum Kampfe, der, wenn er fehl schlug, ihn unzweifelhaft das Leben kosten mußte. Trotz alledem setzte sich Brennstrahl, während der noch zwanzig Schritte entfernte Bär in seinem kurzen Trabe herankam, mit einer Ruhe auf den Sand hin, welche selbst die Bewunderung des Canadiers erregte. Das Auge fest auf seinen furchtbaren Gegner gerichtet und mit seiner erhobenen Büchse allen Bewegungen desselben folgend, vermochte nichts den tollkühnen Brennstrahl zu schrecken, weder die blutigen in die Höhe geworfenen Lippen des Bären, zwischen denen eine Reihe furchtbar scharfer Zähne hervorstarrte, noch die unheimlich, wie Feuerkugeln, rollenden Augen. Und erst als die Bestie mit dem Kopfe den Flintenlauf Brennstrahls berührte, krachte der Schuß und der Koloß sank zusammen, während der muthige Jäger schnell zurückwich, um nicht von der niederfallenden Masse erdrückt zu werden. Es war ein stolzer Blick, den der Comanche auf seinen verendeten Feind warf. Rasch und mit großer Geschicklichkeit schnitt er eine der ungeheuern Tatzen des Bären am ersten Gelenk ab und nahm sodann seinen Platz in dem Canoe wieder ein. »Brennstrahl ist tapfer wie ein Häuptling,« sagte Rosenholz, ihn mit einem herzlichen Händedruck willkommen heißend, »und der Adler und der Spottvogel sind stolz auf ihren jungen Freund.« Die Augen des Comanchen erglänzten von einem freudigen Stolze, den das Lob des Canadiers in seinem Herzen weckte. Gleichzeitig entfuhr ihm aber auch ein Ausruf der Ueberraschung, denn sein scharfes Auge hatte bemerkt, daß die in der Ebene galoppirenden Apachen mit der Absicht umgingen, den Insassen des Bootes den Weg abzuschneiden, wie es kurz vorher von dem grauen Bären versucht worden war. Der Ort, welchem die Apachen zustrebten, um das Canoe zu erwarten, war von zahlreichen Weiden- und Eschengebüschen umsäumt und es ihnen daher ein Leichtes, die Schiffer anzugreifen, während sie selbst keinerlei Gefahr für ihre Sicherheit zu befürchten hatten. »Wir müssen Alles aufbieten, diese Stelle des Flußufers vor den apachischen Hunden zu erreichen,« äußerte Rosenholz. Bei diesen Worten gaben er und Brennstrahl die Ruder an die Comanchen ab und ergriffen dafür die Gewehre. Während die Apachen einen großen Halbkreis zu beschreiben hatten, brauchte das Canoe nur eine gerade Linie zu durchlaufen. »So wahr ich lebe,« flüsterte Rosenholz, »es ist dieselbe Schaar, die uns auf der Insel Rio Gila in Schach gehalten. Seht nur den herrenlosen Schecken dort unten an, dessen Farbe man trotz der Finsterniß unterscheiden kann. Kommt er Euch nicht bekannt vor?« »Ach,« ächzte Gayferos, »ich habe furchtbare Gründe, mich seiner zu erinnern, denn der Apache, der mir zuerst seinen Lasso über den Kopf warf und mich vom Pferde herunterriß, ritt einen Schecken, der jenem da drüben gleicht, wie ein Haar dem andern.« »Und seht dort jenen Reiter mit der Büffelmähne,« hub Josef an, »sollte man nicht darauf schwören, daß es jener Indianer sei, den wir am Flußufer als Schildwache aufgestellt sahen, als unsere Insel langsam den Strom hinabschwamm? Ja, ja, es sind die nämlichen Spitzbuben, die uns am Rio Gila belagerten. Na, wir wollen schon mit ihnen fertig werden.« »Die Comanchen sollen jetzt die Ruder ein wenig sanfter handhaben,« äußerte Rosenholz zu Brennstrahl, da der Kahn den Gebüschen sich schnell näherte und man hoffen durfte, einige der auf der Ebene heranjagenden Apachen von ihrem Pferde herunter zu schießen. Der Canadier und Josef gaben Feuer und als zwei der Gegner in den Sand stürzten, brummte Josef wohlgefällig: »Das Paar wird Niemandes Spur mehr verfolgen.« Brennstrahl schoß jetzt gleichfalls sein Gewehr ab und tödtete einen dritten Apachen. »Das ist alles recht schön und gut,« äußerte Rosenholz zu Brennstrahl, »trotzalledem können wir aber die Uebrigen nicht hindern, sich vor uns in den Gebüschen festzusetzen.« Er hatte recht, denn schon nach wenigen Augenblicken entwickelte sich von den Gebüschen des Ufers aus ein heftiges Flintenfeuer gegen die Insassen des Kahnes; glücklicherweise hatte nur einer der rudernden Comanchen eine leichte Fleischwunde am Arm erhalten, während eine andere Kugel durch die Seite des Fahrzeugs in's Wasser sank. Der Canadier ergriff jetzt abermals das Ruder und steuerte der Stelle zu, wo ein kleiner Bach in den Fluß mündete. Ein dichter Schilfgürtel bot dort einen willkommenen Schutz dar. »Was sollen wir jetzt thun?« äußerte Josef. »Sollen wir den Versuch wagen, die verwünschten Apachen aus den Gebüschen zu vertreiben und den Durchpaß zu erzwingen?« »Nein, nein,« antwortete der Canadier lebhaft, »damit würden wir nur Zeit verlieren, und diese ist mir jetzt über Alles kostbar.« »Dann bleibt uns nur übrig, das Canoe im Stiche zu lassen,« sagte Josef achselzuckend, »oder aber wir müssen uns entschließen, das Fahrzeug weit über den von den Apachen besetzten Ort hinaus zu tragen.« Die Barke erreichte, jetzt das Ufer der breiten Bucht, und die Insassen stiegen eben an's Land, als plötzlich die Gebüsche, hinter denen sich die Apachen verborgen hatten, durch die auflodernden Flammen eines Feuers grell erleuchtet wurden. »Das ist ein Feuersignal, welches die Apachen einem andern, noch entfernten Trupp geben,« äußerte Brennstrahl auf eine fragende Miene von Seiten der beiden Jäger. Der aufgegangene Feuerschein vergrößerte sich derart, daß er sogar bis über den Fluß drang und den riesenhaften Schattenriß der beiden Waldläufer deutlich sehen ließ. »Huhu!« brüllte es von drüben her. »Der Adler der Schneeberge! Und der Spottvogel!« »Warum nennt sich der große Jäger mit dem weißen Gesichte einen Adler?« fügte eine spöttische Stimme hinzu. »Hat er doch von den Nebelbergen und dem Ufer des Rio Gila bis zu jenem des rothen Flusses seine Spur nicht verbergen können?« »Antworte ihm nicht, Josef,« sagte der Canadier rasch, als er den redelustigen Gefährten den Mund öffnen sah, »ein Zungenkampf ist gut, wenn man Zeit zu verlieren hat, wie es der Fall war, als wir uns auf der kleinen Insel befanden; jetzt aber gilt's Handeln. Brennstrahl, wißt Ihr keine Kriegslist, um aus dieser Klemme zu kommen?« »Was bedarf's hier einer List?« erwiederte der Comanche. »Können wir etwas Besseres und Einfacheres thun, als das Canoe auf unsern Schultern zwei Büchsenschüsse weit von dieser kleinen Bucht fortzutragen, um es dann wieder flott zu machen?« Die drei Krieger Brennstrahls luden das leichte Fahrzeug auf ihre Schultern, als einer von ihnen einen Schreckensruf ausstieß. Er deutete seitwärts und Alle wandten den erstaunten Blick nach dieser Richtung. Obgleich der Mond, der erst in den letzten Stunden der Nacht aufging, noch nicht die Prairie erleuchtete, so verbreiteten doch die Sterne und der leichte Schein der Milchstraße so viel Helle, daß man einen andern, etwa zwanzig Mann starken Indianertrupp zu unterscheiden vermochte, der sich aus der Seite, wo die Jäger gelandet waren, gegen das Ufer bewegte. Da nur drei der Apachen zu Pferde waren, so kamen sie verhältnißmäßig nur langsam vorwärts. Von unsern Freunden war Rosenholz der erste, welcher nach dieser unheimlichen Entdeckung das Wort wieder ergriff, indem er sagte: »Nur keine Maulaffen feil gehalten, sondern rastlos vorwärts! Brennstrahl und Gayferos werden den Trägern des Canoes unterstützend zur Hand gehen und meine und Josefs Büchse sollen den Zug decken.« Die Worte des Canadiers fanden sofort Gehör und nachdem er sich auf die rechte und Josef auf die linke Flanke begeben, bewegte sich der Zug rasch vorwärts. Von der neu anlangenden Apachenschaar wurde die Flucht unserer Freunde nicht bemerkt, wohl aber von jenen Indianern, die am jenseitigen Ufer im Hinterhalt lagen; sie stießen ein Alarmgeheul aus, infolge dessen Kahn sammt Träger nun auch von der zweiten Abtheilung bemerkt wurden. »Ich will keinem der Hunde rathen, sich uns zu nähern,« sagte Rosenholz. »Ehe einer dieser Reiter sein Pferd so weit zur Ruh bringen kann, daß er ordentlich zu zielen im Stande ist, werde ich...« Er brach seine Rede ab und blieb wie angewurzelt stehen. »Ich weiß schon, was Du sagen willst,« brummte Josef, unablässig neben den mit dem Kahne beladenen Indianern dahinschreitend. »Ehe dies geschieht, wirst Du stehen geblieben sein ... wirst gezielt haben und ...« Diese Rede ward gleichfalls unterbrochen, und zwar durch einen Büchsenschuß des Canadiers. »Und,« begann Josef gleich darauf wieder, »ein Indianer wird vom Pferd purzeln, wie ein Sack ... Ganz richtig, und so ist's auch!« fügte er hinzu, indem er den Blick der Ebene zuwandte. Die Apachen jagten zwar dem Canadier zwei Kugeln nach, aber ohne Erfolg, und der alte Jäger langte wohlbehalten wieder bei seinen Gefährten an. Die Krümmungen des Ufers hatten bisher die kleine Schaar vor dem Feuer der hinter den Büschen liegenden Indianer so ziemlich geschützt, nun aber gelangten die Flüchtlinge an eine Stelle, wo das Flußufer flach und eben war. Sofort eröffnete der Feind ein heftiges Gewehrfeuer und einer der Comanchen stürzte schwer verwundet zu Boden. Während seine beiden Kameraden ihm zu Hilfe eilten, ritzte eine zweite Kugel Josefs Haut und riß ihm noch ein Stück seines Aermels weg. Wahrscheinlich würde das Feuer der Apachen noch größern Schaden angerichtet haben, wenn diese sich nicht begnügt halten, von ihrem sichern Versteck aus auf gut Glück zu schießen, so gewaltigen Respect hatten sie vor der Geschicklichkeit der beiden Waldläufer. Die Flüchtlinge kamen jetzt nur langsam vorwärts, da das Canoe von Brennstrahl und Gayferos allein getragen wurde und die beiden Comanchen mit ihrem sterbenden Kameraden nur mühsam folgen konnten. Die Folge war, daß jener Apachentrupp, welcher sich auf dem nämlichen Ufer befand, immer mehr Feld gewann und den Rückzug unserer Freunde zu hindern suchte. Rosenholz und Josef gingen, dicht an einander gedrückt, rücklings mit gemessenen Schritten weiter, und obwohl sie durch die von den Gegnern entsendeten Pfeile sehr aufgeregt waren, behielten sie dennoch die volle Sicherheit ihrer Hand und putzten mit ihren Büchsen zwei der Apachen weg. Glücklicherweise brauchten weder sie noch ihre Gefährten sich um das Feuer vom andern Ufer aus mehr zu bekümmern, da das Bett des Flusses sich wieder bedeutend erweitert hatte und infolge dessen keine der feindlichen Kugeln mehr treffen konnte. Schon hatte Brennstrahl mit seinem Gefolge die Stelle erreicht, wo man den Kahn wieder flott zu machen beabsichtigte, als Rosenholz bemerkte, daß die Apachen am jenseitigen Ufer durch die Gebüsche brachen und ihre Pferde mitten in den Fluß hineintrieben, um die beiden Jäger von ihren Gefährten und dem Kahne zu trennen. Brennstrahl war gleichfalls wachsam gewesen; er gab Feuer und tödtete eines der Pferde der Apachen, das sich mitten im Strome hoch aufbäumte und dann zusammenbrach. »Wartet, Ihr Hunde!« donnerte Josef, während er mit gebücktem Körper und angeschlagenem Gewehre wie eine Schlange an das Ufer glitt, »ich will Euch das Bad segnen.« Und das Krachen seiner Büchse bewies, daß er Wort gehalten hatte. Das Triumphgeschrei des kühnen Jägers verwandelte sich jedoch in einen Fluch und gleich darauf fiel er im Grase nieder. Ein Schmerzensschrei entrang sich der Brust des Canadiers , als er den treuen Gefährten verschwinden sah, und in seiner heftigen Gemüthserschütterung bemerkte er nicht, daß in nur geringer Entfernung von der Stelle, wo Josef zusammengebrochen war, ein apachischer Reiter das Ufer erklomm und bereits den Tomahawk schwang, um den Adler der Schneeberge zu vernichten. Da aber drang noch rechtzeitig aus dem hohen Grase ein Feuerstrahl empor, und, wie von unsichtbarer Macht getroffen, stürzte der Apache in's Wasser. »Glückliche Reise!« rief eine spöttische Stimme, und aus dem Grase tauchte Josefs Kopf empor. Der Canadier jubelte, der Spottvogel aber rief ihm eifrig zu: »Schnell hierher, Rosenholz, in dieses Loch, in das mich die Vorsehung hat fallen lassen. Es ist ein uneinnehmbarer Posten und keiner dieser Schurken wird demselben mit ganzen Gliedern nahe kommen.« Mit zwei gewaltigen Sprüngen eilte der Canadier zu Josef und verschwand in einem jener Gräben, die durch das Gras verdeckt sind und in den Prairien häufig angetroffen werden. Mit einander zugekehrten Rücken erwarteten Beide den Feind. Der erstere beobachtete die Ebene, der zweite das Flußufer. Josef hatte seine Büchse wieder geladen und die funkelnden Augen der zwei kühnen Jäger folgten gespannt den Bewegungen ihrer Feinde. Durch die erlittenen Verluste entmuthigt, suchten die Apachen ihr schützendes Versteck wieder zu erreichen, während die Abtheilung auf der Ebene sich zerstreute, um die beiden Weißgesichter zu suchen, welche so plötzlich verschwunden waren. »Unser Canoe ist wieder flott,« flüsterte Josef, »und wartet nur noch auf uns. Es ist jetzt die höchste Zeit, darum also vorwärts!« »Langsam, alter Junge,« erwiederte der besonnenere Rosenholz. »Jemehr wir heute von diesen Apachen tödten, desto weniger werden wir später zu bekämpfen haben. Sobald die Spitzbuben ihren Rückzug durch den Fluß bewerkstelligt haben, drehe Dich nach meiner Seite hin, wir werden bald Arbeit bekommen.« Die nach den beiden Jägern suchenden Apachen näherten sich jetzt dem Graben, und die beiden darin verborgenen Freunde sahen, wie einige der Indianer die Gebüsche durchsuchten und die Berittenen das Gras mit ihren Lanzen durchstöberten. »Putzen mir zuerst die Reiter herab, indem wir zugleich Feuer geben,« flüsterte der Canadier. »Bist Du schußfertig?« »Ja,« nickte Josef. »Nimm Du die rechte Seite, ich probir's mit der linken.« Paff! ... und zwei Reiter stürzten schwer verwundet zu Boden. Die beiden Jäger aber mußten sich schnell niederducken, denn ein Kugelregen bedeckte sie mit Erde und Pfeile schlugen pfeifend neben ihnen ein. »Jetzt aber wollen wir uns schnell aus dem Staube machen,« rief Josef einige Augenblicke später, und mit Blitzesschnelle schwangen er und Rosenholz sich aus der Grube und eilten auf das Canoe zu. Die Feinde waren ob dieser unerhörten Kühnheit zuerst ziemlich verblüfft, bald aber sprangen sie, ihre Messer und Tomahawk's schwingend, den Entfliehenden nach. Während dieses Rückzugs unterhielten Gayferos, Brennstrahl und seine beiden Krieger ein heftiges Gewehrfeuer, um die am jenseitigen Ufer versteckten Feinde zu beunruhigen. Außerdem stießen sie ein wildes Geheul aus, und dieses, in Verbindung mit dem knatternden Gewehrfeuer, beunruhigte die Apachen auf der Ebene nicht weniger, denn sie vermutheten einen ihnen überlegenen Feind. Sie hielten daher in ihrer Verfolgung inne und dieses Zaudern kam Rosenholz und Josef vortrefflich zu statten. Durch das Feuer Brennstrahls und seiner Genossen geschützt, gelang es ihnen, das Canoe mit heiler Haut zu erreichen. Allerdings nahmen die Apachen, als sie die geringe Anzahl der im Boot postirten Flüchtlinge sahen, ihre Verfolgung eiligst wieder auf, indessen war es schon zu spät, da die Barke bereits inmitten des Flusses fortschwamm. »Aber Josef,« rief Rosenholz, als er mit dem treuen Freunde abermals hinten in dem rasch vorwärts gleitenden Fahrzeuge saß, »welche Angst hast Du mir eingejagt, als Du fielst, ich hielt Dich ja schon für todt.« »Ach was!« rief Josef lachend, »Unkraut verdirbt nicht. Auch bin ich nur durch mein rasches Niederfallen dem Tode entgangen.« »Mag dem sein, wie ihm wolle,« gab der Canadier zurück, »ich danke dem lieben Gott dafür, daß er mich mit diesem neuen Unglück verschont hat.« Und dabei drückte er dem Gefährten herzinnig die Hand. Das Boot folgte geräuschlos der Strömung des Flusses und nach der überstandenen Gefahr gab sich ein Jeder gern der poetischen Stimmung hin, welche die nächtlichen Töne der Einöde hervorzurufen im Stande sind; bald drang das Gewieher des Elenthiers durch die herrschende Stille, bald wieder vermischte sich das starke Brüllen der Büffel mit dem melancholischen Gesang der Nachtvögel, und von Zeit zu Zeit stieß der Schwan sein lautes Geschrei aus, während die Wellen des Flusses unausgesetzt murmelten und einander zu erzählen schienen, was sie auf ihrer langen Reise gesehen und gehört. So lange das Canoe zwischen den jetzt durchaus kahlen und sandigen Ufern dahinschwamm und das Auge ungehindert über die Ebene zu beiden Seiten schweifen konnte, durften sich die Schiffer dem Gefühle völliger Sicherheit hingeben; als aber die Ufer bewaldet wurden und das Laubwerk der Bäume erbitterte Feinde verbergen konnte, bemächtigte sich der kleinen Schaar eine neue Unruhe und mit argwöhnischem Blicke durchspähte der Canadier die Waldgründe, welche der Fluß jetzt durchschnitt. Endlich ging der Mond auf, doch vermochte sein Licht, das die Gipfel der Berge versilberte, nicht das Waldesdunkel zu durchdringen und die Finsterniß zu verscheuchen, welche über der Wasserfläche des Flusses schwebte. Es war eine gefährliche Fahrt, welche unsere Freunde mit ihren Gefährten zu bestehen hatten, nicht nur wegen der Feinde, welche hinter den Waldbäumen der Ufer verborgen sein konnten, sondern auch wegen der mannigfachen Hemmnisse, die sich dem Boote in den Weg stellten. Gar oft verwickelten sich die Ruderstangen in die Aeste eines in's Wasser gefallenen Baumstammes, oder die Barke ward von einer der weithin verzweigten Wurzeln festgehalten. Kurzum, es galt nach allen Seiten ein wachsames Auge zu haben. Während die beiden Jäger den Schatten der Ufer rastlos durchspähten, schüttelte Josef den Kopf mit einer gewissen Unruhe und sagte: »Wenn die schurkischen Apachen ihr Räuberhandwerk verstehen, so könnten sie sich hier, wo der verwünschte Fluß durch schwimmende Baumstämme gehemmt ist, leicht Genugthuung verschaffen. Haben wir doch, seit wir in dieses Labyrinth gerathen, kaum eine Stunde zurückgelegt, so daß wir uns jetzt von dem Orte, wo das Scharmützel stattfand, nur eine Meile entfernt befinden. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich behaupte, daß jeder dieser spitzbübischen Apachenreiter einen Fußgänger hinten hat aufsitzen lassen, und dann können sie uns schon seit einer Stunde in einiger Entfernung von hier aufpassen.« »Jedenfalls sind diese finstern Ufer zu einem Hinterhalt sehr geeignet,« antwortete Rosenholz, »und es will mich bedünken, daß wir wenigstens unsere Fahrstraße auf dem Flusse beleuchten müssen, um rascher vorwärts zu kommen. Ich will den Comanchen um seine Meinung fragen.« Das Resultat der kurzen Berathung bestand darin, daß die Ruderer vorsichtig den Kahn an's Land führten. Dort gruben die Comanchen ein Stück Rasen aus, mit welchem das Vordertheil des Fahrzeugs ausgepolstert wurde. Zuletzt bedeckten sie diesen natürlichen Herd mit Zweigen von rothem Cedernholz und zündeten sie an. Ein heller Schein, ähnlich den einer brennenden Pechpfanne, verbreitete sich soweit um das Canoe her, daß es den Ruderern jetzt ein Leichtes war, das Fahrzeug zu lenken. Nichts störte das düstere Schweigen der Nacht, nur vom Boden der Barke drang jetzt das schmerzliche Stöhnen des verwundeten Comanchen, dessen Seele gegen die letzten irdischen Banden kämpfte, welche sie an die Erde fesselten. In leisem, verschleierten Tone stimmte er seinen Todesgesang an, wozu das Geräusch der Ruder den Tact schlug, und diese trauernde Weise erweckte in dem Herzen des Canadiers schwermüthige Anklänge, und thränenden Auges fragte er sich, ob wol sein geliebtes Kind in seinen letzten Augenblicken auch einen so treuen Freund zur Seite haben werde, wie es Brennstrahl dem sterbenden Comanchen war, welcher ohne eine Klage in den Armen des jungen Häuptlings verschied. Wenige Minuten später landete die Barke abermals an einem Ufer; die beiden Ruderer füllten die wollene Decke des Todten mit schweren Steinen und stießen sodann wieder ab. Der Leichnam wurde auf den beschwerten Mantel gelegt und dieser zugebunden, um gleich darauf in die Tiefe versenkt zu werden, wo die irdischen Ueberreste des verstorbenen Kriegers vor einer Entweihung durch Menschenhand sicher waren. Und während der Körper in die leuchtende Wasserfläche hinabsank, die sich sofort hinter ihm schloß, sagte Brennstrahl: »Der große Geist hat die Seele eines tapfern Kriegers zu sich genommen, möge er auch uns dereinst freundlich empfangen. – Jetzt aber wieder vorwärts!« Schnell griffen die beiden Comanchen zu ihren Rudern und die Furche, welche das rasch dahingleitende Canoe zurück ließ, verwischte den Kreis, welcher über dem nassen Grabe des versenkten Kriegers sich gebildet hatte; der Wasserspiegel kehrte zu seiner ursprünglichen Ruhe wieder zurück und es war, als ob nichts geschehen wäre. Vierzehntes Kapitel. Unverhoffte Begegnungen. Auch jene magischen Kreise verschwanden, welche in den Herzen der Ueberlebenden die Gemüthswellen gezogen hatten, und die Sorge um ihre eigene Sicherheit gewann wieder die Oberhand. Nach einigen Minuten hub der Canadier an: »Gebt mir einen der brennenden Zweige herüber, Brennstrahl; ich muß nachsehen, ob meine Augen mich nicht täuschen. Es kommt mir nämlich so vor, als schwämmen mehr Bäume hinter uns her, als wir passirt haben.« Rosenholz beleuchtete mit dem Feuerbrande die Oberfläche des Wassers hinter dem Canoe und seine sorgenvolle Miene bestätigte den Verdacht, der in ihm aufgestiegen war. »Ah, das ist doch sonderbar,« meinte Gayferos, als er jetzt bemerkte, daß in einiger Entfernung hinter dem Fahrzeuge die Wasserfläche buchstäblich von schwimmenden Bäumen und Aesten strotzte, deren schwärzliche Stämme die Flamme beleuchtete. »Das ist gar nicht sonderbar,« widersprach Rosenholz. »Ab er es ist ja doch unmöglich, daß wir durch diesen schwimmenden Wald von Stämmen, Aesten und Zweigen unser gebrechliches Fahrzeug bugsiren konnten, ohne daß es zerrissen worden wäre!« stellte Gayferos vor. »Ihr habt vollkommen recht, mein Bursche,« nickte Rosenholz, »dieser schwimmende Wald entstand auch erst in unserm Rücken, und zwar haben ihn die Hände der verfluchten Apachen in's Leben gerufen.« »Natürlich,« rief Josef ingrimmig, »die Schurken haben alle abgestorbenen Bäume, die sie längs des Ufers gefunden, in den Strom geworfen. Sie wollen uns in der Fronte angreifen und uns den Rückzug abschneiden, das ist ganz klar. Das Beste wird sein, daß wir unsere Schifffahrt einstellen, um den Angriff zu vermeiden, und lieber einen weiten Umweg durch die Wälder machen.« Die Miene des Canadiers zeigte, daß er mit diesem Vorschlage einverstanden sei, und auch Brennstrahl gab dem Spottvogel recht. Der lederne Nachen ward somit an das Land gezogen und in dem Dickicht der Bäume sorgfältig versteckt. Nachdem ein Jedes sich mit Munition und Lebensmitteln versorgt hatte, machten sich Alle geräuschlos auf den Weg. Brennstrahl, welcher diesen Theil der Wälder schon zum Oeftern durchstreift hatte, schritt als Führer mit seinen Kriegern voran, während die drei Jäger ihm auf dem Fuße folgten. Der matte Schein des Mondes beleuchtete hinlänglich den Wald, um den Wanderern, soweit es die Vorsicht gestattete, ein rasches Vorwärtskommen zu ermöglichen; indessen mußten sie doch zu verschiedenen Malen Halt machen und in die Tiefen des Waldes spähen und lauschen, da nur zu leicht in dem geheimnißvollen Schatten feindliche Apachen verborgen sein konnten. Außerdem mußte die kleine Schaar sich Umwege machen, da das Dickicht der lang herabwallenden Cedernflechten und die Ranken üppig wuchernder Lianen ein undurchdringliches Hinderniß bildeten. Nach Verlauf einer Stunde zeigten einige frischere Windstöße den Wanderern an, daß sie sich dem Flusse wieder näherten, und bald vernahmen sie auch das Rauschen der durch die verengten Ufer angeschwollenen Fluthen. Ohne Zweifel hatten die Apachen diesen Engpaß für ihren beabsichtigten Ueberfall auserkoren, und es war somit jetzt doppelte Vorsicht nöthig. Auf Brennstrahls Geheiß mußten die drei Jäger und die beiden Comanchen eine gerade Linie bilden, und in diesem Gänsemarsch ging's langsam vorwärts. Häufig ließ der junge Häuptling Halt machen, um auf dem Grase nach Spuren zu suchen. Bei einer dieser Gelegenheiten winkte er Rosenholz und Josef zu sich heran, zeigte auf einige dürre Blätter, die im Mondschein glänzten, und sagte: »Krieger meines Stammes sind hier gewesen und vielleicht nicht fern von hier. Dieser Fuß hat seine Spur dem Boden aufgedrückt, als der Nachtthau den letztern bereits erweicht hatte.« »Woher wollt Ihr aber wissen, daß es die Spur eines Eurer Krieger ist?« fragte Rosenholz. »Der Adler braucht sich nur zu bücken,« antwortete Brennstrahl lächelnd, »und er wird sehen, daß an dieser Fußspur die große Zehe fehlt, – das beste Erkennungszeichen unseres Stammes.« »So wahr ich lebe,« sagte Rosenholz, als er sich wieder in die Höhe richtete, »unser rother Freund hat recht.« Bald nachher bestätigten auch noch andere Fußspuren die Vermuthung des jungen Häuptlings. »Ich werde jetzt einen kleinen Lugaus halten,« begann Brennstrahl von Neuem, »und meine beiden Krieger sollen mich begleiten. Ihr dagegen mögt zurückbleiben und uns hier erwarten.« Während die drei Jäger dieser Aufforderung Folge leisteten, ward es allmälig heller um sie und sie hörten aus weiter Ferne das unheimliche Gekrächz eines Uhus, welcher der entschwindenden Nacht sein schauerliches Lebewohl nachrief. Da andere Eulen aus noch weiterer Ferne antworteten, so gerieth Rosenholz auf die Vermuthung, daß diese Vogelstimmen Signale sein könnten, welche sich die den Wald besetzt haltenden Indianer gäben. Der Knall eines Büchsenschusses, der, gleich dem Uhugeschrei, aus weiter Ferne kam, war nur zu geeignet, den Verdacht zu erhöhen. »So viel steht fest,« äußerte Rosenholz, »der Feind ist in der Nähe, mag nun die Büchse von einem Comanchen oder Apachen abgefeuert worden sein. Ich kann nicht länger hier müssig stehen und meine, daß dies auch bei Euch der Fall ist. Laßt uns daher vorwärts schreiten.« Das geschah, und kaum waren die drei Jäger einige Minuten marschirt, als sie nach und nach zwölf andere Schüsse zählten, welche bewiesen, daß an den Ufern des Flusses ein mörderischer Kampf entbrannt sein mußte. Nach der Anordnung des erfahreneren Canadiers gingen sie jetzt in seitlicher Richtung auseinander, so daß sie eine einhundertfünfzig Schritt lange Linie bildeten, deren zwei Endpunkte von Rosenholz und Josef, der mittlere dagegen von Gayferos gehalten wurde. Auf diese Weise konnten sie Brennstrahl mit seinen beiden Kriegern nicht verfehlen, falls diese auf den ursprünglichen Sammelplatz zurückkehrten. Gleichmäßigen Schrittes rückten sie in der Richtung vor, von woher das noch immer andauernde Gewehrfeuer kam, indem sie zeitweilig den Schrei des Schakals nachahmten, um sich nicht allzu weit von einander zu entfernen. Rosenholz gelangte bei diesem Marsche zuerst an das Flußufer. Vorsichtig näherte er sich dem Dickicht und warf einen Blick nach der nur wenige Schritte entfernten Wasserfläche, auf deren Wellen die in das Flußbett geworfenen Baumstämme noch immer trieben. Ein neuer Schuß, dessen Blitz das Wasser wiederspiegelte, brachte Rosenholz auf die Vermuthung, daß der Kampf auf dem Flusse selbst oder hart an seinen Ufern stattfinden müsse. Dicht vor ihm ließ sich jetzt ein Kriegsgeheul vernehmen, in welchem er die Stimme Brennstrahls zu erkennen glaubte. Sofort stieß der Canadier den Schakalsschrei aus, um Josef und Gayferos herbeizurufen und mit ihnen vereint dem jungen Häuptling zu Hilfe zu eilen. Kaum hatte jedoch Rosenholz das Signal zum dritten Male wiederholt, als hinterrücks zwei kräftige Fäuste den alten Jäger an der Gurgel packten und schwarze Gestalten neben ihm auftauchten, deren Messer vor seinen Augen hin- und herfunkelten. Der kühne Waldläufer schreckte zwar, ob dieses unverhofften Ueberfalles, einen Augenblick heftig zusammen, dann aber sprang er mit einem ungeheuern Satze rückwärts, so daß er den Indianer mit sich fortriß, dessen beide Hände ihn zu erdrosseln suchten. Im Nu packte er mit der rechten Hand gleichfalls die Gurgel seines Feindes, um ihn gleich darauf zu Boden zu werfen. Nachdem er sich überzeugt, daß der unwiderstehliche Druck seiner eisernen Finger dem heimtückischen Apachen den Garaus gemacht hatte, rief er donnernd, daß es wiederhallte: »Zu Hilfe! ... Josef!« Sodann schmetterte der schwere Kolben seines Gewehres einen zweiten Feind nieder. In dem nämlichen Augenblicke aber tauchte auch schon Josef aus dem Dickicht hervor, die Büchse vor sich hinhaltend. »Schnell, bring Dein Gewehr in Anschlag und gieb mit mir Feuer!« schrie der Canadier und zielte auf einen der Apachen, welche bestürzt flohen. Die beiden Schüsse krachten, allein ohne einen der Flüchtlinge zu treffen, welche im Dickicht verschwanden. Die beiden Jäger stürzten ihnen nach und bemerkten drei schwarze Körper, welche rasch in's Wasser tauchten und unter den schwimmenden Stämmen verschwanden. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn die sich da herausarbeiteten,« brummte Josef, um sich gewissermaßen zu trösten. »Vorwärts!« schrie Rosenholz, da jetzt endlich auch Gayferos zu ihnen stieß. »Dort unten braucht man uns! ... Hört Ihr den Schlachtruf Brennstrahls?« »Ja,« antwortete Josef und ließ im Verein mit Rosenholz das Kriegsgeschrei ertönen, worauf alle drei dem Flusse zueilten. Dort bot sich ihnen ein neues Schauspiel dar. Der Fluß bildete hier, wie bereits gesagt worden ist, einen Engpaß von kaum sechs Fuß Breite, während die beiden Ufer sich vierzig Fuß hoch über dem Wasserspiegel erhoben. Zwei Indianer standen sich, in der trotzigen Stellung erbitterter Kämpfer, auf den beiden steilen Ufern gegenüber und ihre Bewegungen ließen die Absicht erkennen, den schmalen Raum zu überspringen, der den einen von dem andern trennte. Schon setzte Brennstrahl an, als der Canadier ihm ein »Halt!« entgegenrief. »Laßt mich nur machen,« fügte er hinzu, seine Büchse ladend, welchem Beispiele Josef folgte. Brennstrahl zögerte und diese Unentschlossenheit benutzte der andere Indianer und mit dem Rufe: »Die Antilope kann weiter springen!« setzte er über den feuchten Abgrund und umklammerte Brennstrahls Leib, Rosenholz und Josef schlugen zu verschiedenen Malen ihre Büchsen an, da aber die beiden Kämpfer im wilden Handgemenge sich auf dem Boden wälzten, so war es eine Unmöglichkeit, auf den Apachen zu zielen, ohne vielleicht den Comanchen zu treffen. Mithin blieb kein anderer Ausweg, als selbst an dem Kampfe teilzunehmen und Brennstrahl von seinem erbitterten Feinde zu befreien. Da aber riß die Antilope mit einem gewaltigen Ruck den jungen Comanchen bis zum Uferrand und im nächsten Augenblick schon stürzten beide Kämpfer in den Fluß hinab. Noch grollte das Wasser an der Stelle, wo die beiden Feinde verschwunden waren, und noch malte sich ein stummes Entsetzen in den Mienen der drei Jäger, als plötzlich von mehreren Punkten des Ufers aus ein halbes Dutzend schwarzer Körper in das Wasser platschten. Rosenholz und Josef wußten sich keines Raths. Sie durften nicht wagen, von ihren Feuerwaffen irgend einen Gebrauch zu machen, da bei dem noch herrschenden Zwielichte nicht zu erkennen war, ob jene dunkeln Gestalten zu den Apachen oder Comanchen gehörten, und ob sie der Antilope oder Brennstrahl zu Hilfe eilten. Das Erstaunen der Jäger erreichte aber erst jetzt seinen Höhepunkt, als noch eine weitere Person auf den Schauplatz trat. Soweit es sich in der Morgendämmerung unterscheiden ließ, gehörte der Ankömmling zu den Weißgesichtern; er schien aus einem Versteck hervorzukommen, näherte sich dem Ufer schnell und rief, indem er mit einem Degen auf die beiden Ringer im Flusse hinwies, in gutem Spanisch aus: »Muth, Kinder! Seht, da taucht er wieder aus dem Wasser empor!« »Der Teufel soll mich holen,« rief Josef hastig, »wenn das nicht Pedro Diaz ist.« »Wer ruft mich?« antwortete der Mejikaner, ohne indessen einen Blick von den beiden, im Flusse ringenden Indianern zu verwenden. Rosenholz wollte seinen Namen nennen, ward aber, wie Josef, gänzlich von der Scene in Anspruch genommen, die sich jetzt vor ihren Blicken abspielte. Drei von den Schwimmern, welche sich kurz zuvor in den Fluß gestürzt hatten, näherten sich den beiden erbitterten Ringern und durchbohrten mit ihren Messern den Körper des einen. Der Ermordete gab jetzt seine Beute frei und sank unter, Brennstrahl dagegen wurde regungslos an das Ufer gezogen. Obgleich er keine bedeutende Wunde erhalten hatte, war er von dem gewaltigen Kampfe doch so bedeutend ermattet, daß er, ein schwaches Zittern abgerechnet, keinerlei Lebenszeichen von sich gab. Es währte eine geraume Zeit, ehe seine Brust wieder vernehmbar zu athmen begann, so fürchterlich war er von seinem Gegner gewürgt worden. Obgleich die drei Jäger schon längst an des ehrlichen Mejikaners Seite standen, rief Pedro Diaz ihnen dennoch erst dann ein herzliches Willkommen zu, nachdem er sich über den Zustand des jungen Comanchen beruhigt hatte. »So seid Ihr also doch noch den Banditen entkommen, Señor Rosenholz und Don Josef? ... Und Ihr auch, Gayferos? . . Nun, das ist ein glücklicher Tag. Allein ich sehe ja bei Euch nicht ...« Und Diaz schien mit dem Auge Jemanden zu suchen, den er bei diesem Zusammentreffen ungern vermißte. »Die Hand Gottes hat die Zuchtruthe über uns geschwungen,« sagte traurig der alte Waldläufer, »und den Vater von seinem Sohne getrennt.« »So ist Don Fabian todt?« rief Diaz mit schmerzlicher Bewegung. »Er ist gefangen,« seufzte Rosenholz kummervoll. »Nun ja,« ergriff Josef hastig das Wort, »allein wir sind, Gott sei Dank, Don Fabian de Mediana auf der Spur, und da wir gleichzeitig während unserer Verfolgung die Reihen der apachischen Spitzbuben gelichtet haben, so werden wir ihn sicherlich ihren Klauen entreißen.« Die tröstenden Worte Josefs waren auch jetzt wieder für das wunde Herz des alten Jägers ein heilender Balsam, und er hob das gebeugte Haupt von Neuem empor. »Wie steht es nun aber um unsern Freund hier?« fragte er, auf den am Boden liegenden Brennstrahl deutend. »Er hat eine lange, aber nicht besonders tiefe Fleischwunde auf der Brust,« entgegnete Diaz, »und obwohl wir wegen seiner unbesorgt sein können, ist er augenblicklich doch noch zu schwach, um wieder auf den Beinen stehen zu können. Wir müssen daher hier eine kurze Rast machen.« Brennstrahl hatte von seinen Kriegern dreie eingebüßt, indessen waren die Comanchen und Weißen noch immerhin zwölf Mann stark und bildeten eine kriegstüchtige, entschlossene Truppe, mit welcher Rosenholz sich das gefahrvollste Unternehmen auszuführen getraute. Nachdem Alle eine Stunde geruht hatten, begann der Morgen sich in seiner ganzen Schöne auszubreiten, indem die aufgehende Sonne tausende blitzender Pfeile in das Grau der Dämmerung entsandte, so daß bald Wald und Fluß im goldenen Lichte schwammen. Zur Freude Aller fühlte sich jetzt Brennstrahl wieder kräftig, und man beschloß daher, in corpore den Fluß wieder hinauf zu gehen, das Canoe aus seinem Versteck zu holen und mit diesem die Reise fortzusetzen. Die Barke war freilich für zwölf Personen etwas klein, dennoch bot sie in Ermangelung von Pferden die bequemste Art dar, rasch vorwärts zu kommen. Bald hatte man die Stelle erreicht, wo das Canoe noch unberührt lag. Sogleich wurde es wieder flott gemacht, um am Engpasse noch einmal aus dem Wasser gezogen zu werden, da der schwimmende Wald dort jeden Durchgang unmöglich machte. Jetzt erst konnte man die Größe der Gefahr beurtheilen, welcher die kleine Reisegesellschaft nur mit Hilfe des Scharfblicks von Seiten des alten Jägers entgangen war. Durch den im Rücken des Bootes schwimmenden Wald verhindert, die Flucht zu ergreifen, wären sämmtliche Insassen den Kugeln und den Pfeilen der an beiden Ufern versteckten Apachen ausgesetzt gewesen und würden zweifellos bis auf den letzten Mann getödtet worden sein. »Jetzt,« meinte Josef, »jetzt muß uns aber Freund Brennstrahl erzählen, wie es ihm gelang, sich mit seinen Kriegern zu vereinigen und die Apachen zu täuschen.« Der junge Häuptling willfahrte dem Wunsche Josefs, aber erst, nachdem man zu Lande den Engpaß umgangen und in dem Canoe wieder Platz genommen hatte, welches nunmehr unter kräftigen Ruderschlägen der Gabel des rothen Flußes zutrieb, wo Fabian den beiden Wüstenräubern entrissen werden sollte. Der Bericht Brennstrahls lautete in gedrängter Kürze folgendermaßen: Nachdem der Comanche außer den Spuren seiner Stammesgenossen auch noch jene der Apachen entdeckte hatte, ließ er das Uhugeschrei ertönen, um seine Krieger von seiner Nähe zu benachrichtigen. Nach wenigen Minuten schon stießen dieselben zu ihm und theilten ihm mit, daß sie auf der Verfolgung der Apachen begriffen seien. Brennstrahls kleiner Trupp bestand nunmehr aus acht Kriegern, welche er jetzt in drei Abtheilungen theilte und mit Verhaltungsmaßregeln versah. Zwei Comanchen schlichen sich an's Flußufer, wateten in das Wasser und ließen sich auf den schwimmenden Baumstämmen in den Engpaß treiben. Brennstrahl setzte mit zwei andern Kriegern über den Fluß und legte sich auf dem linken Ufer in den Hinterhalt. Die vier übrigen Comanchen dagegen stellten sich am gegenüberliegenden Ufer in ähnlicher Weise auf. Brennstrahl wartete, bis er glaubte, daß die erste Abtheilung den Engpaß erreicht haben könnte; dann erstieg er mit seinen beiden Gefährten das steile Ufer, während die Apachen ihm gegenüber ohne Argwohn auf die Ankunft des Canoe lauerten. Im rechten Augenblicke feuerte die dritte Abtheilung der Comanchen und gleichzeitig auch Brennstrahl mit seinen beiden Kriegern. Diese plötzlichen Schüsse, von denen jeder einen Feind niederstreckte, sowie das Geschrei der von zwei Seiten angreifenden Comanchen verbreiteten unter den Apachen Furcht und Schrecken und alle stürzten sich in den Fluß. Dort wurden sie aber von der ersten Abtheilung, welche auf den schwimmenden Baumstämmen festen Fuß gefaßt hatte, gleichfalls mit einem Feuer begrüßt und dadurch der Schrecken der Apachen noch gesteigert. Nur die stolze Antilope hatte das Feld nicht geräumt und mit ihren vor Wuth funkelnden Augen bemerkt, daß am jenseitigen Ufer nur ein einziger Indianer mit geschwungenem Tomahawk erschien, sonst aber sich nirgends ein Feind zeigte. Dieser Indianer war Brennstrahl gewesen, dessen beide Krieger sich auf die Verfolgung der fliehenden Apachen begeben hatten. Der weitere Verlauf ist uns bekannt, und nachdem Brennstrahl seinen Bericht beendet hatte, drückte ihm Rosenholz herzlich die Hand und wünschte ihm zu seinem Siege Glück. Nunmehr mußte Pedro Diaz seine Abenteuer erzählen, sowie die Art und Weise, wie er zu den Comanchen gestoßen war. »Nachdem ich Euch vor der nahenden Gefahr gewarnt hatte, der Ihr auf der Felspyramide ausgesetzt waret,« berichtete er, »bemühete ich mich, die Richtung der rothen Gabel aufzufinden. Nur zu bald aber empfand ich die Qualen eines erschrecklichen Hungers, den ich vergebens zu bemeistern bemüht war.« »Hol's der Henker,« unterbrach Josef, »da ist's Euch genau so ergangen, wie uns. Seid Ihr am Ende auch auf einen wilden Büffel gerathen?« »Allerdings,« fuhr Diaz fort, »ich erblickte in einiger Entfernung so ein Thier und war schon froh, daß mir ein so prächtiger Braten entgegengeführt wurde, als sich der Büffel in einen Bären verwandelte.« Meister Petz ging nun mit ungemeiner Behendigkeit auf mich los. Ich lief auf mein Pferd zu und sandte ihm eine Kugel entgegen; allein sie prallte an seinem dicken Felle ab und reizte das Thier zu noch größerer Wuth. Ich schwang mich auf mein Pferd und gab ihm die Sporen. Meister Petz aber kam in seinem schwerfälligen und doch schnellen Trabe hinter mir her. Stunden vergingen und am Abendhimmel leuchteten schon die Sterne, und noch immer ließ der Bär nicht ab, mich zu verfolgen. Mein armes Pferd, über und über mit Schaum und Schweiß bedeckt, erlahmte mehr und mehr und brach schließlich unter mir zusammen.« »Nun – und das Vieh von einem Bären?« unterbrach Josef abermals, da die ruhige Sprachweise Pedro Diaz' mit seiner gewohnten nicht gleichen Schritt hielt. »Ich raffte mich schnell vom Boden auf und erklomm einen Ahornbaum, der in der Nähe stand. Mit dem Degen in der Hand, erwartete ich, auf einem großen Aste sitzend, den Angriff des Ungeheuers. Glücklicherweise stellte es sich jedoch heraus, daß dieses Exemplar ein grauer Bär war, welcher die Geschicklichkeit seiner Stammverwandten im Klettern nicht besaß.« »Nun ...und was geschah weiter?« drängte Josef. »Nachdem er eine Zeit lang unter meinen Füßen herumgeschnuppert, zerrte er mein armes gefallenes Pferd an den Fuß des Ahornbaums, um es dort mit Gemüthsruhe zu verzehren. Dies verhinderte ihn aber nicht, mir von Zeit zu Zeit einen drohenden Blick heraufzusenden. Ich verbrachte auf dem Baume eine entsetzliche Nacht, bis ich endlich vor Hunger und Ermüdung einschlief. Als der Tag graute, wachte ich auf und ... Pferd sammt Bär waren verschwunden. Der Hunger folterte mich auf das Gräßlichste und meine aufgeregte Einbildungskraft ließ mich hinter jedem Gebüsche einen Bären sehen, als ich endlich den Baum verließ und von dannen eilte. Ich will alle meine Qualen, die ich während des Tages durchlebt, übergehen, bis zu dem Augenblicke, wo ich bei Sonnenuntergang endlich in der Ferne eine Rauchsäule entdeckte. Selbst auf die Gefahr hin, daß dieselbe ein indianisches Lagerfeuer verberge, schritt ich derselben zu. Es war, wie ich befürchtet hatte; sechs Indianer saßen um ein Feuer herum, ohne daß indessen die geringste Spur eines Mahles sichtbar war. Schon wollte ich mich wieder aus dem Staube machen, allein das Falkenauge der Wilden hatte mich bereits entdeckt und ich mußte in ihren Kreis treten. Ich sah jetzt, daß ich es mit Comanchen zu thun hatte, welche mich friedlich aufnahmen und sich im schlechten Spanisch erkundigten, wohin ich gehe. Als ich den Büffelsee nannte, gaben die Krieger mir zu verstehen, daß dies auch ihr Reiseziel sei, um sich dort mit ihrem jungen Anführer Brennstrahl zu vereinigen.« »Meine rothen Freunde reichten mir die Friedenspfeife dar, doch merkten sie gar bald, daß mir der Tabak nicht sonderlich mundete. Welch' glückseliges Gefühl überkam mich jedoch, als sie eine Grube aufdeckten und einen fetten Büffelrücken zum Vorschein brachten, den sie darin gebraten hatten. Es war ein Göttermahl, dem mir uns jetzt gemeinschaftlich hingaben, und Ihr habt keinen Begriff ...« »Doch, doch!« rief Josef, »war es ja doch auch ein Büffelrücken, der Rosenholz, Gayferos und mich vom Hungertode befreite!« »Mithin haben unsere Abenteuer eine gewisse Aehnlichkeit,« bemerkte Diaz und schloß seinen Bericht damit, daß er erzählte, wie er sich mit den Comanchen alsbald auf den Weg gemacht hatte und an dem Engpasse angelangt sei. Brennstrahl gab jetzt den beiden Jägern durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie im Rudern innehalten sollten, und deutete auf eine Rauchsäule hin, welche sich am Flußufer inmitten eines dichten Gehölzes erhob. »Es ist zwar nur ein Feuer,« sagte Rosenholz, indem er das Canoe in dem Strome des Flusses sich drehen ließ, »trotz alledem erheischt es die Vorsicht, daß wir einige Späher ausschicken, um zu erfahren, wer an diesem Feuer lagert.« Zwei Comanchen schwammen sofort an's Ufer hinüber, während sich in dem Canoe Alles schußfertig machte. Kurze Zeit, bevor die Mannschaft an das Ufer stieg, fühlte sich eine der beiden Personen, welche vor dem Feuer lagerten, durch das Geräusch der Ruderstangen etwas beunruhigt; wenigstens hörte man eine Stimme rufen: »Uilson!« »Sir!« antwortete eine zweite Stimme nicht weit von der ersten. »Ihr seid nachlässig in Eurer Pflicht. Was ist das, was so plätschert?« »Ein Boot, nichts weiter. Ich sehe es schon seit lange.« »Oh, dann ist gut. Gefahr geht Euch an, mich nicht. Very well. « Unsere Freunde waren inzwischen gelandet und blickten sich ziemlich erstaunt ob der eigenthümlichen Unterhaltung an, die zu ihren Ohren gedrungen war. Ihre Verwunderung nahm zu, als sie jetzt neben dem Lagerfeuer den Engländer erblickten, welcher einen alten knorrigen Baumstamm abzeichnete. Seitwärts vom Feuer befand sich Mr. Wilson. An einem Aste des Baums, welchen Sir John abkonterfeite, hing das Vordertheil eines Rehbocks, während die Keule des Thiers an einem rohgearbeiteten Bratspieße über dem Feuer schmorte. Im Hintergrunde weideten drei Pferde, und unweit von ihnen war ein prächtiger Schimmel, an dessen glänzenden Haaren Blut klebte, an einen Baum gebunden. »Sir,« rief jetzt Wilson erfreut aus, als er den heranschreitenden Brennstrahl erkannte, »hier ,ist ein tapferer Krieger, dessen Hand die Ihrige schon einmal gedrückt hat.« »So ... ist gut,« antwortete Sir John und fuhr, ohne auch nur ein wenig den Kopf aufzurichten, zu zeichnen fort. »Goddam, immer Freund und nicht Feind. Warum besorgt Ihr nicht auch einmal Feind? Ich langweile mich schon sehr. Ah,« fügte er hinzu, als er jetzt aufstand und den Comanchen erblickte. »Ist mein rothes, tapferes Gentleman; freut mich, schönes Rothhaut wieder zu sehen.« Brennstrahl schüttelte Sir John die Hand, während Rosenholz und Josef sowie die beiden Mejikaner die zwei sonderbaren Reisenden mit Staunen betrachteten. Endlich warf Rosenholz die Frage auf, ob Seine Lordschaft schon längere Zeit die Ufer des rothen Flusses durchwandere. »Oh, yes,« versetzte Sir John, »seit sechs bis sieben Tagen haben ich verfolgt das schöne Schimmel dort, das die Vaqueros nennen das weiße Renner der Prairien. Wir mußten ihm geben ein klein wenig Schrot aus unsern Büchsen an den Hals, sonst hätten wir es bekommen nicht. Die Wunde aber ist nicht gefährlich, und ich werden in London große Ehren einlegen mit diese Schimmel und mir freundlich erinnern an diese Ufern, wo man so sicher reist, wie an der Themse.« »Oho,« rief Josef ziemlich spöttisch und wollte schon weiter sprechen, jedoch unterbrach ihn Rosenholz und fragte: »Sind Ew. Lordschaft nicht zwei Banditen begegnet, die ein Gefolge von etwa zehn Indianern hatten und einen jungen weißen Gefangenen mit sich führten?« »Uo?« rief Sir John, »uas sagt das Mann da? Banditen? Uilson, haben uir gesehen Banditen?« »Ew. Herrlichkeit nicht,« antwortete Wilson, »denn Sie schliefen, als gestern um vier Uhr ein Fahrzeug den Fluß herabkam, dessen Mannschaft uns zwei, der von mir getroffenen Sicherheitsmaßregeln wegen, nicht bemerken konnte.« Der Canadier lauschte gespannt weiter den Worten Wilsons. »In dem Boote befand sich ein Mestize und noch ein anderer, weißhäuptiger, dabei aber nichts weniger als ehrwürdig aussehender Bandit.« »Rothhand und Mischblut!« rief der aufs Höchste erregte Rosenholz aus. »Und gestern haben Sie dieselben gesehen?« »Bei einbrechender Nacht.« »Befanden sie sich allein im Boote?« fragte Josef rasch, da er den tief bewegten Rosenholz erbleichen sah. »Oh nein,« entgegnete Wilson, »es waren etwa zehn Indianer bei ihm.« »Haben Sie nicht auch einen jungen, weißen Mann bemerkt?« rief der Canadier, indem er das stürmische Klopfen seines Herzens zu unterdrücken suchte. »Kann sein,« versetzte Wilson achselzuckend, »es kam mir allerdings so vor, als ob Jemand im Boote ausgestreckt läge, indessen konnte ich es bei der Dämmerung nicht mehr genau unterscheiden.« »Was bedarf's noch irgend einer Frage?« polterte Josef. »Brechen wir lieber auf, und ich sage Euch, in wenig Stunden werden wir die beiden Teufel eingeholt haben. Caramba! sie uns so nahe zu wissen! Herr Lord,« fuhr er zu Sir John fort, »wenn Sie Lust haben, die Gefahren der Wildniß ein wenig zu verkosten, so begleiten Sie uns.« »Ja, Herr, kommen Sie mit uns,« rief Rosenholz mit zitternder Stimme, »wenn Sie für eine heilige Sache kämpfen und einem Vater zu Hilfe kommen wollen, der Alles daran setzt, seinen einzigen, lieben Sohn einem furchtbaren Tode zu entreißen! Kommen Sie mit uns, Herr, und Gott wird Ihnen dereinst lohnen, was Sie für einen armen Vater und sein Kind gethan haben.« »Das geht nicht,« rief jetzt Wilson, »das läuft wider unsern Vertrag, laut welchem ich nur verpflichtet bin, Ew. Herrlichkeit vor den Gefahren der Reise zu bewahren, als da sind: feindliche Indianer, Panther, Jaguars, Bären, Schlangen, Durst, Hunger, Wald- und Savanenbrände u.s.w. u.s.w., aber nicht vor solchen Gefahren, in die Sie sich absichtlich begeben. Sie müssen mich daher in einem solchen Falle meiner Verbindlichkeiten entheben.« »Ich enthebe Sie,« erwiederte Sir John, den der Schmerz des alten Waldläufers gerührt hatte. »Man soll nicht sagen, daß ich ein armes Vater in seiner Noth verlasse.« »Na,« antwortete Wilson, »ich habe auch nichts dagegen, denn unser Faulenzerleben ist mir in der That langweilig.« Thränenden Auges stürzte Rosenholz auf den gutmüthigen Lord zu, riß seine beiden Hände an sich und drückte sie in seiner Dankbarkeit so heftig, daß Sir John von einem Bein auf das andere hüpfte und einmal über das andere ausrief: »Au!... Gutes, dankbares Vater!... Lassen Sie los!... Goddam!... Au!« Die Pferde wurden hurtig gesattelt und beladen und sodann ging es rasch den Fluß abwärts, Sir John mit Wilson und einigen Comanchen am Ufer entlang und der Rest der Truppe in dem Boote von Büffelfellen. Fünfzehntes Kapitel. Der letzte Kampf. Noch einmal hebt sich der Vorhang vor den Blicken des Lesers und zeigt ihm die letzten Scenen unserer Erzählung, und noch einmal sieht er als Decoration das Goldthal vor sich, wo er Zeuge von so vielen heftigen und blutigen Auftritten gewesen. Wir verließen Fabian in dem entsetzlichen Augenblicke, da er mit dem ihn fest umschlungen haltenden Apachen den steilen Abhang der Felspyramide hinunterrollte. Seine Büchse hatte der Jüngling nicht aus dem Arm gelassen, bis ihn endlich eine tiefe Ohnmacht umfing und das Gewehr neben ihm auf den Boden glitt. Nunmehr fielen Mischblut, Rothhand und die Gemse, welche, wie wir wissen, von ihrem Versteck aus den ganzen Vorgang beobachtet hatten, über Fabian her und schleppten ihn nebst dem todten Windseufzer fort. Die drei gefallenen Apachen warf man in den Abgrund des Wasserfalls, Fabian dagegen wurde gefesselt. Während dies geschah, lief eine von den vier Rothhäuten, welche Rosenholz und Josef aus ihren Schlupfwinkeln in der Ebene getrieben hatten, herbei und berichtete den Tod ihrer drei Kameraden. Mischblut stampfte wüthend mit dem Fuße; nach kurzem Besinnen gab er Rothhand die Weisung, den noch immer ohnmächtigen Gefangenen in's Canoe zu bringen, das in einiger Entfernung stromabwärts in dem Schilfe des Ufers verborgen lag. Der alte Renegat trug mit Hilfe der Gemse und des aus der Ebene angekommenen Indianers den gefesselten Jüngling auf den Schultern fort und legte den Ohnmächtigen auf den Boden des Canoes, Mischblut erwartend, der versprochen hatte, ihnen bald nachzufolgen. Der Mestize blieb jedoch länger aus, denn er bemerkte plötzlich den Canadier auf der Felspyramide, und der Schmerz des alten Waldläufers zeigte ihm, daß er seinen grimmigen Feind nicht tödtlicher verletzen könne, als wenn er ihm sein geliebtes Kind entreiße. Außerdem wollte er dem ihm verhaßten Rosenholz eine schmerzhafte Wunde beibringen, damit derselbe in der Prairie ein sicheres Opfer des Hungers und des Grames werde. Da jedoch seine Feuerwaffe infolge des Regens lahm gelegt worden war und das nasse Pulver sich nicht entzündete, so zog er sich fliehend zurück. Nach einem allerdings großen Umwege gelangte er zum Ufer, wo seine Spießgesellen mit großer Ungeduld ihn erwarteten. Der alte Rothhand befand sich in einer äußerst üblen Laune, welcher er denn auch bald, nachdem man das Canoe in Bewegung gesetzt, Ausdruck verlieh, indem er seinen Sohn anbrummte: »Du willst immer oben hinaus, hast stets große Rosinen im Kopfe, bist aber nicht im Stande, auch nur einen einzigen Deiner Pläne siegreich zu Ende zu führen. Was hast Du heute wieder erreicht? Nichts.« Mischblut legte gegen diese Beschuldigung einen stummen Protest ein, indem er auf den im Boote liegenden Fabian wies. »Die Gefangennahme des Burschen da will nicht viel heißen,« polterte Rothhand weiter. »Was geschieht denn mit den zwei Andern, die Du an den Schwarzvogel ausliefern solltest? Und was wird mit dem Schatze, den wir im Stiche lassen, obgleich es so leicht war, uns des Goldthales zu bemächtigen? Demonio! ich bebe vor Wuth und Zorn, wenn ich bedenke, wie dumm und albern Du die Sache angefangen hast.« »Jetzt hör' einmal mit Deinen Schmeicheleien auf, Vater,« entgegnete Mischblut und warf dem Alten einen Blick zu, der seine nicht eben freundschaftlichen Gesinnungen ausdrückte, »denn ich habe wahrlich nicht nöthig, mein Verfahren zu rechtfertigen, und wenn ich es jetzt doch thue, so geschieht es nur, damit Du mir nicht immer mit Deinem Lamento in den Ohren liegst. Die beiden verwünschten Waldläufer haben unsere Mannschaft derart gelichtet, daß mir ihnen nur noch zu Viert gegenüberstanden und es mithin ein Wahnsinn gewesen wäre, gegen sie vorzugehen. Außerdem ist bei einem solchen Regenwetter eine Büchse noch weniger werth, als ein Messer. Mit dem Angriff aber zu warten, bis das Gewitter vorüber, hieße bis zum nächsten Sonnenaufgang auf der faulen Bärenhaut liegen, dazu aber hab' ich weder Lust noch Zeit. Was die drei Jäger anbelangt, so haben wir hier einen von ihnen und binnen jetzt und zweiundsiebenzig Stunden werd' ich ihn dem Schwarzvogel ausliefern. Die beiden Andern aber zählen nicht mehr, da in den Prairien ein Jäger ohne Feuerwaffe ein verlorener Mann ist. Der Hunger und die Bären werden den Beiden den Garaus gemacht haben, bevor mir noch an der Gabel des rothen Flusses angelangt sind. Was nun den Schatz des Goldthales betrifft, so brauchst Du deßhalb nicht in Unruhe zu sein: noch vor Ende des Monats kommen wir zurück und heimsen dann ein; das Gold fliegt nicht davon, wohl aber könnte dies bei einem andern Schatze der Fall sein, wenn ich länger zögerte, ihn zu erobern. Ich meine die weiße Taube am Büffelsee, welche mir ein schönes Lösegeld eintragen soll. Nun, bist Du jetzt bekehrt, oder siehst Du noch immer nicht ein, daß ich bedächtig und klug gehandelt habe?« »Du weißt ja gar nicht, an welcher Stelle des Goldthals der Schatz verborgen ist«, brummte Rothhand noch immer verdrießlich, »wie willst Du also hoffen, ihn zu heben Die Wuth des Alten nahm so zu, daß er den noch immer regungslos daliegenden Fabian mit dem Fuße stieß und dabei ausrief: »Wo hast Du den Schatz vergraben, Hund?« Und als der Jüngling aus seiner Betäubung erwachte und entsetzt dem Renegaten in's Gesicht starrte, brüllte dieser von Neuem: »Nun, wirst Du antworten, Schurke?« »Wer seid Ihr?« fragte mit leiser Stimme Fabian, der sich zwar seines Sturzes von der Felspyramide erinnerte, aber das Schreckliche seiner jetzigen Lage noch nicht begriff. »Er fragt, wer ich bin!« lachte Rothhand grimmig. »Du hast mir zuerst zu antworten; also noch einmal: wo hast Du und Deine spitzbübischen Genossen den Schatz vergraben?« Bei dieser zweiten Frage hatte Fabian seine Besinnung wieder vollständig erlangt. Sein Blick suchte ängstlich nach Rosenholz und Josef, er begegnete nur den wilden Mienen der beiden Wüstenräuber und den bemalten Gesichtern der Apachen. Was war aus seinen beiden väterlichen Freunden geworden? An der Beantwortung dieser Frage war jetzt Fabian alles gelegen, und da er wußte, daß weder Rothhand noch Mischblut ihm die Wahrheit sagen würden, wenn er sie direct darum anging, so nahm er zur List seine Zuflucht und sagte: »Ihr sprecht da von einem Schatze, allein ich habe niemals etwas davon gehört, denn Josef und Rosenholz hielten es nicht für gut, mir ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Fragt sie doch selbst darum.« »Diese Landstreicher fragen!« rief Rothhand höhnisch. »Befragt die Wolke, die wir gestern gesehen haben, die heute aber verschwunden ist. Wird sie Euch antworten?« »Ihr habt recht,« nickte Fabian, »die Todten sprechen nicht mehr.« »Oh, die Landstreicher sind nicht todt; trotz alledem vermögen sie nicht mehr zu schaden. Was soll ihnen ihre Freiheit nützen, ohne Waffen? Sie werden doch eine Beute des Hungers. Was nützt Euch das Leben,« fuhr er grinsend fort, »da Euer Körper binnen Kurzem von den Klauen des Schwarzvogels in Fetzen gerissen werden wird?« Ein verächtliches Lächeln glitt über das Antlitz Fabians, während es in seinem hochklopfenden Herzen hell aufblitzte, da er jetzt wußte, daß seine Freunde lebten und frei waren. Der Jüngling schloß die Augen, um die von den noch immer zuckenden Blitzen grell beleuchteten Gesichter der ihm verhaßten Wüstenräuber nicht mehr sehen zu müssen. Nach wie vor wüthete der Sturm und unter Donner und Blitz rauschte der Regen in Strömen herab. Der Rindenkahn aber flog leicht über die Wasserfläche dahin und trug den Gefangenen, dessen Kleider vor Nässe trieften, immer weiter von seinen Beschützern hinweg. Als gegen Morgen der Himmel endlich sich wieder aufheiterte, machten die Banditen an einer Stelle des Ufers Halt, wo inmitten hohen Grases sich eine Gruppe von Bäumen erhob. Während Mischblut einem Damhirsche nachjagte, zündeten die beiden Apachen ein Feuer an und Rothhand trocknete die durchnäßten Kleidungsstücke. Fabian ward diese Wohlthat nicht zu Theil, er mußte vielmehr gebunden im Kahne zurückbleiben. Mischblut hatte alsbald den Damhirsch erlegt und ließ Ziemer und Schlegel am Feuer braten. Unterdessen gaben sich Alle einem kurzen Schlafe hin und nur der arme Fabian blieb wach, denn Gram, Kummer und Sorge zerwühlten sein Herz und ohne Unterlaß beschäftigte ihn die bange Frage, ob wohl die beiden Freunde seine Spur finden und ihn befreien würden. Mittlerweile war die Sonne glänzend am Himmelsgewölbe aufgegangen und ihre brennenden Strahlen hatten die Schläfer am Wachtfeuer ermuntert. Heißhungrig fielen sie über den saftigen Hirschbraten her, indessen vergaß der grausame Rothhand seinen Gefangenen nicht, und indem er ein paar Stücke des Bratens an sein Messer anspießte, äußerte er mit einem teuflischen Lächeln zu Mischblut: »Wir dürfen dem Schwarzvogel nun und nimmer einen halbverhungerten Gefangenen überliefern; der junge Schlingel würde sich am Marterpfahle schlecht ausnehmen, wenn ihm die Kraft mangelte, sich aufrecht zu halten.« »Mach' was Du willst,« erwiderte Mischblut verdrießlich. Rothhand schritt auf das Canoe zu, das am Ufer angebunden war. »Hat der Gefangene Hunger?« begann er mit seiner rohen Stimme: »Ja,« lautete Fabians Antwort, allein ich esse nicht wie ein angebundener Hund, lieber will ich verhungern, und dann kannst Du meinen Leichnam dem Schwarzvogel überbringen.« »Oh, seht doch,« rief Rothhand ärgerlich, »das Bürschchen will mir Bedingungen stellen.« »Allerdings,« erwiderte Fabian kaltblütig, »ich werde nicht eher Nahrung zu mir nehmen, als bis meine Arme frei sind.« Das Weiße in den Augen des Renegaten färbte sich blutroth, so groß war der Grimm und Zorn, der infolge dieser kühnen Antwort in ihm aufstieg. Da aber die Aussicht, den Jüngling am Marterpfahle zu sehen, zu verlockend für seine grausame Denkungsweise war, so machte er gute Miene zum bösen Spiel; er hob den geknebelten Fabian aus dem Kahne heraus, legte ihn in der Nähe des Feuers auf das Gras und löste die Bande seiner Arme. Zum ersten Male seit zwölf Stunden konnte der Jüngling wieder seine Arme frei ausstrecken und es war kein Wunder, daß eine gewisse Behaglichkeit über ihn kam, als er, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, das Stück Wildpret verzehrte, welches ihm sein grausamer Wärter darreichte. Da nach genossener Mahlzeit Fabian wieder in das Boot getragen wurde, so wird sich jetzt der junge Leser erklären können, warum Rosenholz und Josef keinerlei Spuren von ihm entdeckten, als sie Tags darauf an demselben Orte anlangten und die Ueberreste des Feuers vorfanden. Nachdem man den Jüngling wieder gefesselt hatte, wurde die Fahrt abermals aufgenommen und erst dann unterbrochen, als man die Büffelinsel erreicht hatte. Die beiden Wüstenräuber überzeugten sich, ob die Vorräthe, welche sie drei Tage zuvor dort eingegraben hatten, noch unberührt seien, und da dies der Fall war, so setzten Vater und Sohn ihre Reise fort. Sie nahmen jedoch nicht wieder in dem Canoe Platz, sondern verbargen dasselbe in dem Schilfe des gegenüberliegenden Ufers, da Mischblut Willens war, den Landweg einzuschlagen, um die vielen Krümmungen des rothen Flusses abzuschneiden, welche die Entfernung bis zur Gabel fast verdoppelten. Die beiden Wüstenräuber schienen um ihre Sicherheit in keinerlei Weise besorgt zu sein, was daher kam, daß sie sich jetzt auf den Jagdgründen der ihnen befreundeten Apachen befanden und hoffen durften, bald auf einzelne derselben zu stoßen. Und wirklich begegneten sie nach kaum zweistündiger Wanderung zehn Indianern vom Stamme der Apachen, die sich mit Freude ihnen anschlossen, als sie erfuhren, daß Mischblut gesonnen sei, weiße Jäger anzugreifen und denselben die Pferde zu rauben, welche in dem stark befestigten Corral verwahrt waren. Die sengenden Sonnenstrahlen nöthigten das nunmehr auf vierzehn Mann angewachsene Raubgesindel, sich unter einer Baumgruppe zu lagern und den Marsch erst bei einbrechender Nacht weiter fortzusetzen. Schweigend war Fabian, welchem Rothhand die Fesseln an den Beinen abgenommen und dafür die Hände auf den Rücken gebunden hatte, seinen Peinigern gefolgt. Müde und abgespannt ließ er seinen Körper in einiger Entfernung von dem angezündeten Lagerfeuer in das Gras gleiten, die beiden Apachen, welche ihn keinen Moment aus den Augen lassen durften, nicht beachtend. Rothhand und Mischblut hatten sich mit den übrigen Indianern um das Feuer gelagert, als ein ausgestellter Wachtposten plötzlich ein Alarmgeheul ausstieß. Sein scharfer Blick hatte nämlich jenen Spion Brennstrahls erkannt, der, wie wir wissen, allzuweit vorgedrungen war. Was jetzt geschah, kennen wir bereits aus dem vorhergegangenen Abschnitt, und wir wollen nur noch hinzufügen, daß Fabian leichter aufathmete, als der gefangene Comanche in Gnaden wieder entlassen worden war; er wußte, wie feindlich die Comanchen den Apachen gesinnt waren, und gab sich der Hoffnung hin, daß der Freigelassene oder dessen Häuptling möglicherweise auf Rosenholz und Josef stoßen konnten, und diese dadurch seine Spur entdeckten. Wir wissen, daß Fabian in seiner Hoffnung nicht getäuscht war. Als der Abend dämmerte, brachten die Apachen, mit welchen die beiden Wüstenräuber sich verbunden hatten, eine Pirogue (Boot von einem ausgehöhlten Baumstamm) herbei, welches sie unweit des Flußes zwischen hohem Grase und Gestrüpp versteckt hatten, und in dieses Kriegs-Canoe setzte sich die ganze Schaar, da es geräumig genug war, die doppelte Anzahl von Kriegern aufzunehmen. Obgleich immer noch gefesselt und streng bewacht, wurde es Fabian von nun ab leichter zu Muthe, da der Strahl der Hoffnung sein Herz neu belebte. Der schwerfällige Gang der Pirogue, sowie der Umstand, daß die Apachen während der Fahrt fleißig Feuerwasser (Branntwein) schlürften, brachte das Raubgesindel nur langsam vorwärts, so daß es erst am nächsten Morgen die rothe Gabel erreichte und mit dem Canoe in eine kleine schilfbewachsene Bucht einbog. Wie bereits erwähnt, war das Thal der rothen Gabel der Ort, an welchem die beiden Wüstenräuber mit dem Schwarzvogel zusammentreffen wollten. Eine hohe Gebirgskette, deren Häupter in Schnee gehüllt waren,, schloß auf zwei Seiten das Thal ein, und zwar waren es im Norden die großen Cordilleren mit ihren blauen Zacken und ihren hohen Spitzbergen, im Süden dagegen ein niedrigerer Gebirgszug, dessen Granitfelsen in gähnende Schluchten blickten. Der Zwischenraum, welcher diese beiden Bergketten von einander trennt, hat eine Ausdehnung von zehn Wegstunden, und dort ist es, wo von Westen nach Osten die beiden Arme des rothen Flußes fließen. Das Bett des einen ist fast immer ausgetrocknet, während das Wasser des andern sich ruhig an dem mit hohem Gras bedeckten Ufer vorüberwälzt und seine Grüße dem grünen Halmenmeere darbringt, dessen Wellen sich am Saume eines großen Waldes brechen. Inmitten dieses Waldes liegt der Büffelsee. Zwischen den beiden Flußarmen zieht sich ein feuchter sumpfiger Landstrich hin, der in der Regenzeit durch das Austreten des rothen Flußes überschwemmt wird und einer großen Anzahl von Bibern zu ihrem Aufenthaltsort dient; Algen und Wasserpflanzen wuchern hier und üppig grünende Weiden flechten sich mit rankenden Lianen zu einem Dickicht, das der Indianer oder Jäger nur vermittelst seiner Art zu durchbrechen vermag. Nur höchst selten wurde zu jener Zeit, wo unsere Erzählung spielt, dieses einsame stille Thal von Menschen betreten; hin und wieder zeigte sich auf den Gipfeln der südlichen Sierra (Bergkette) ein Trapper mit seinen Fallen und seiner langen Büchse auf der Schulter, um einen Blick auf die Baue der Biber zu werfen; bisweilen glitt auch ein Indianer in seinem Rindenkahne schnell dahin, die Spuren des ihm feindlichen Trappers oder eines Büffels suchend. Im Uebrigen störte aber nur selten ein Geräusch die Ruhe des Thales, den Wind einzig und allein ausgenommen, der beständig im hohen Grase säuselte. So also sah der Schauplatz aus, den die Wüstenräuber mit ihren wilden Genossen jetzt betraten. Auf Befehl des Mestizen mußte Rothhand und einer der Apachen mit dem Gefangenen auf das gegenüberliegende Ufer fahren. Der Renegat schleppte Fabian hinter ein dichtes Gebüsch, das sich in einiger Entfernung vom Ufer befand, und blieb daselbst mit dem Apachen als Wache zurück. Die, übrigen Krieger dagegen setzten wieder über den Fluß, versteckten die Pirogue sorgfältig im hohen Grase und erwarteten darauf die Befehle Mischbluts. »Zwei von Euch,« sagte dieser in seinem kurzen gebieterischen Tone, »stellen sich an dem Ufer auf, der Stelle gegenüber, wo mein Vater den weißen Gefangenen bewacht. Die Uebrigen zerstreuen sich in der Ebene und benachrichtigen mich sofort, sobald der Schwarzvogel sich zeigt. Und jetzt reicht mir meinen Mantelsack, den ich Eurer Obhut anvertraut habe.« Dies geschah, und nachdem sich die Apachen über die Ebene zerstreut, zog sich Mischblut hinter ein dichtes Gebüsch zurück. Er nahm daselbst mit seinem äußern Menschen eine eigenthümliche Umwandlung vor. Er entfernte zuerst die rothen Bänder, welche sein Haar schmückten, dann tauchte er das Gesicht in's Wasser und wusch die Malereien ab, womit er es nach indianischer Weise verunziert hatte. Zu guter Letzt öffnete er den kleinen Mantelsack und vertauschte seine Kleider mit einem Anzuge, wie ihn die Mejikaner zu tragen pflegen. Nachdem er noch seine Büchse über die Schulter gehangen, entfernte er sich in der Richtung des Büffelsees. Seit jener Stunde, wo er zum letzten Male das Lager des Hacendero spionirend umgangen hatte, waren sieben Tage verflossen; der Mestize wußte aber sehr wohl, daß die Pferdejagd mit der darauf folgenden Zähmung der gefangenen Thiere mindestens zehn Tage in Anspruch nahm, folglich war er gewiß, den Hacendero und seine Tochter noch am See zu finden. In einer Lichtung des Waldes, von wo aus er das Lager überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden, hielt er einen Augenblick an und seine finstren Mienen gaben deutlich zu erkennen, daß ein heimlicher Aerger in ihm aufstieg. Der junge Leser wird den Grund desselben sofort errathen, wenn wir ihm sagen, daß ein halbes Dutzend gesattelter Pferde vor dem Zelte Don Augustins stand und alles darauf hindeutete, daß der Hacendero gewillt sei, die Heimreise anzutreten. Indessen verschwand alsbald der zornige Aerger aus dem Antlitz des Mestizen; stellte es sich ja doch heraus, daß der Hacendero nur einen Ausflug in die Umgegend beabsichtigte. Don Augustin trat jetzt aus dem Zelte heraus und ihm auf dem Fuße folgte, im leichten, bequemen Reitkleide, Rosarita, strahlend vor Lust und Jugendübermuth. Das wilde Auge des Mestizen begann zu funkeln und eine teuflische Freude spiegelte sich in seinen Zügen. Er entfernte sich leise und streckte sich unbeweglich in das hohe Gras nieder, um den Vorgängen unbemerkt zu lauschen. Don Augustin und seine Tochter bestiegen ihre Pferde und während drei Vaqueros und unser alter Bekannter Encinas das Gleiche thaten, äußerte der letztere zu jenem tollkühnen Hirten, welcher den weißen Renner der Prairien verfolgt hatte: »Solltet Ihr an dem Ufer des Biberteiches einige frische Büffelspuren bemerken, so laßt mich dies bei Eurer Zurückkunft wissen; meine Kameraden und ich werden Euch dann für das Schauspiel einer Pferdejagd, welches Ihr uns geboten, mit einer Büffeljagd aufwarten. Jetzt aber will ich Euch den Weg zeigen, den Ihr einschlagen müßt, um aus dem Wald zu kommen.« Nachdem der Büffeljäger dem Hacendero und seinen Begleitern genau die Richtung angegeben hatte, der sie folgen mußten, um zu dem Biberteiche zu gelangen, wünschte er Allen einen vergnügten Tag und kehrte in's Lager wieder zurück. Diesen Ausflug unternahm Don Augustin auf das inständige Bitten Rosaritas, welche gern einmal die Baue und Arbeiten der in der Nachbarschaft hausenden Biber zu sehen wünschte. »Wie Encinas uns gesagt,« äußerte der Hacendero, nachdem sie ein paar Minuten weiter geritten waren, »müssen wir zunächst durch eine über den Fluß führende Furth und dann ...« »Halloho!« rief Francisko, »ich sehe da einen Menschen im Grase liegen, und zwar einen Weißen; vielleicht könnten wir von ihm erfahren, ob dies die Furth ist, welche Encinas gemeint hat.« Don Augustin nickte und gab seine Zustimmung, daß der Vaquero den Fremden herbeirufe. »Verzeihung, Senor,« begann der verkleidete Mischblut, als er dem Hacendero gegenüber stand, »Euer Diener fragte mich soeben, ob dieser Streifen in dem Flusse eine Furth andeute.« »So ist's,« entgegnete Don Augustin, den Fremden mißtrauisch betrachtend, der außerordentlich phlegmatisch und ungelenk zu sein schien. »Sollten die Herrschaften nach dem Biberteich wollen?« fragte Mischblut weiter. »Errathen,« gab der Hacendero zurück. »Diese junge Dame hier wünscht die Bauten dieser geschickten Thiere zu sehen.« »Hm,« räusperte sich der Unbekannte, »ich muß Euch nämlich sagen, Señor, daß ich ein Trapper bin und meine Fallen dort aufgestellt habe und Ihr werdet doch wissen, daß diese Fallen das einzige Vermögen eines armen Jägers sind. Wenn die Herrschaften indessen nur stumme Zuschauer sein und kein Gewehr abfeuern wollen, dann will ich sie nach dem Teiche führen. Die Furth ist auf dieser Seite links.« »Links?« wiederholte Don Augustin in ungläubigem Tone. »Man hat uns gerade die entgegengesetzte Seite angegeben.« »Dann seid Ihr eben falsch berichtet,« versetzte der Unbekannte mit einer Miene, als ob der Zweifel des Hacendero ihn sehr kränke. »Ihr könnt ja übrigens ganz nach Euerm Belieben handeln und versuchen, ob Ihr noch eine andere Furth findet, als die einzige, von der ich weiß.« Mit diesen Worten entfernte er sich, allein der Hacendero, welcher jetzt überzeugt war, daß Encinas sich getäuscht habe, rief ihm nach: »Hollah, Freund, wir wollen Euch folgen und mit Euch gehen.« »Das ist ein gescheiter Einfall von Señor,« versetzte der Unbekannte und ging nunmehr den Fluß aufwärts, während die Reisenden ihm folgten. »Wenn ich nur wüßte,« äußerte der Hacendero leise zu Francisko, »wo ich dieses Gesicht schon einmal gesehen habe; – ich versuche vergebens, mich zu erinnern.« »Fürchten sich Señor vor dem Biberjäger?« erwiderte Francisko. »Derartige Leute sehen in der Regel wild aus, sind aber die ehrlichsten Käuze von der Welt.« »Nein ... nein,« sagte Don Augustin kopfschüttelnd, »auf diesem Gesicht liegt etwas wie eine Maske, welche den wahren Ausdruck verbirgt. Indessen was liegt daran.« Die Reiter folgten dem Trapper, bis sie endlich über den langen Weg ungeduldig zu werden begannen. Als der Führer dies merkte, ward er plötzlich redselig und äußerte: »Ja, ja, ja, die Biber sind gar kluge, geschickte Thiere, die ich oft auf meinen einsamen gefahrvollen Streifereien beobachtet habe. Mehr als einmal erinnerte mich das Geräusch, welches sie mit ihren Schwänzen vollführen, wenn sie ihre Bauten von Pfählen und Lehm festschlagen, an den wohlbekannten Ton. des Schlagens der Wäscherin an den Ufern des Illinois, und dann erinnerte ich mich immer an meine ferne Heimath.« »Ist Euer Vaterland wirklich so fern?« fragte Rosarita mitleidig. »Jawohl, Señorita,« seufzte der vermeintliche Biberjäger, »denn ich stamme aus Illinois. Uebrigens,« unterbrach er sich, »jetzt könnt Ihr das Geräusch der Biber selbst hören.« Die Reisenden lauschten und vernahmen in der That einen entfernten Lärm, wie wenn Jemand auf ein nasses Linnen klatscht. »Wir Biberjäger freuen uns indessen gar nicht über das Geräusch, denn wenn sie so emsig arbeiten, gehen sie nicht in die gelegten Fallen; ich werde sie daher ein wenig erschrecken.« Nach diesen Worten stieß der Trapper kurz nach einander drei tiefe gellende Töne aus, welche an das rauhe Gebrüll des amerikanischen Löwen erinnerten und die Zuhörer erbeben machten. Sofort verstummte das ferne Geräusch und im nächsten Augenblicke rief der Jäger lächelnd: »Wir sind jetzt an der Furth angelangt.« Die Stelle, auf welche der Führer hinwies, war der spitze Winkel, den die beiden Flußarme bei ihrer Trennung bildeten. Zur Linken der Reiter verbarg ihnen das dichte, hohe Gras die Ebene, während sich rechts, am gegenüberliegenden Ufer, Weidengebüsche hinzogen. »Und hier soll eine Furth sein?« bemerkte Don Augustin. »Der Fluß kommt mir gerade an dieser Stelle tief vor.« »Das kommt daher, weil das Wasser trüb ist und man den Grund nicht sehen kann,« entgegnete der Trapper sehr ruhig. »Befehlt einem Eurer Diener voranzureiten, und ich will mich dann mit hinten auf's Pferd setzen.« Francisko erbot sich, den Führer auf's Pferd zu nehmen, worauf der Trapper sich ziemlich unbeholfen auf das Thier schwang. Da das Roß sich scheute, allein in's Wasser zu gehen, so wurde noch ein zweiter berittener Vaquero hercommandirt. Sodann trieb man die beiden Pferde in den Fluß hinein. Plötzlich ließ sich hinter dem Hacendero im Grase ein ähnliches Gebrüll vernehmen, wie es der Trapper kurz zuvor ausgestoßen, und das durch diesen unerwarteten Vorfall verursachte Staunen der Reiter verwandelte sich nur allzu rasch in einen furchtbaren Schrecken. Der Mestize stimmte dasselbe Gebrüll an und jagte gleichzeitig sein Messer dem unglücklichen Francisko tief in den Rücken, während seine eiserne Hand den meuchlings Ermordeten aus dem Sattel hob und in den Fluß stürzte. Im nächsten Augenblick warf Mischblut seine Büchse hinter sich an's Ufer und ergriff den Zügel des Pferdes, das sich neben dem seinigen befand, um mit einem kräftigen Ruck den darauf sitzenden Vaquero ebenfalls aus dem Sattel zu werfen. Ehe der Hacendero sich in Vertheidigungszustand setzen konnte, stürzten acht Apachen herbei, rissen den Rest der kleinen Schaar von den Pferden und trugen sie in das hohe Gras, welches das Ufer bedeckte. Rosarita aber sank, bleicher als die Blumen der Seerose des Büffelsees, ohnmächtig in die Arme des Mestizen, welcher rasch an's Ufer gesprengt war. Der gelle Angstschrei, den das arme Mädchen ausgestoßen, mischte sich mit einem andern, welcher von dem gegenüberliegenden Flußufer herüberdrang, wo Rothhand und ein Apache den unglücklichen Fabian bewachten. Mischblut achtete nicht weiter darauf, zumal ihm gleichzeitig von einer der ausgestellten Wachen die Meldung wurde, daß der Schwarzvogel mit seinen Kriegern in Sicht sei. Und in der That wirbelte in einiger Entfernung eine Staubwolke auf, in welcher Lanzenspitzen mit flatternden Scalps und Mäntel von Büffelhäuten hin- und herwogten, und wenige Minuten später sprengte die Reiterschaar heran, und überall ertönte der Ruf: »Schwarzvogel!... Mischblut! ... Rothhand!« ... Im wilden Galopp beschrieben die Neuangekommenen einen Kreis um den Mestizen und sein Gefolge, dann blieben alle Pferde wie angewurzelt stehen. Tiefes Schweigen folgte dem unheimlichen Getümmel. Trotz der Verkleidung erkannte der Schwarzvogel sofort den Mestizen, welchem er sich näherte und mit einer ruhigen, stolzen Miene die Hand entgegen streckte, indem er sagte: »Heut' ist die dritte Sonne, und ich sehe, daß mein Bruder Mischblut seine Zeit benutzt hat,« dabei deutete er auf die im Grase liegenden Gefangenen. »Oh,« entgegnete der Mestize, »es sind dies nicht die einzigen; dort drüben befindet sich noch ein Weißer und zwar der Sohn des Adlers der Schneeberge.« Diese Mittheilung ließ zuerst das Auge des Schwarzvogels freudig aufleuchten, dann aber verfinsterte sich sein Blick und er fragte im strengen Tone: »Warum ist es El Mestizo nicht gelungen, den Adler und den Spottvogel zu fangen?... Ich hatte ihm zehn Krieger anvertraut, was hat er mit ihnen gemacht?« »Warum runzelt der Häuptling die Stirn?« gab Mischblut trotzig zurück. »Er scheint bereits zu wissen, daß von meiner Mannschaft neun gefallen sind. Allein ich frage ihn, was er mit seiner Kriegerschaar ausgerichtet hat, als er die drei Weißen im Rio Gilo einen Tag und eine Nacht belagerte? Der Schwarzvogel errang nichts, als eine Wunde, die ihm jetzt noch hinderlich ist, während ich innerhalb von zwölf Stunden mich des jungen Kriegers aus Mittag bemächtigte und den Adler und den Spottvogel entwaffnete, so daß die Thiere der Prairie ihrer jetzt spotten.« »Hahaha!« lachte der Apachenhäuptling wild, »wie sehr sich doch mein weißer Bruder irrt! Der Adler und der Spottvogel besitzen nicht nur neue Waffen, sondern verfolgen auch unsere Spur und haben ihren Weg mit neuen Leichen unserer Krieger besäet!« »Was! ... Was!« rief Mischblut zähneknirschend, und der Schwarzvogel erzählte nunmehr dem Mestizen, was dieser noch nicht mußte. Der Bericht war eben zu Ende, als sechs andere Krieger anlangten, die Ueberreste jener Schaar, welche die Antilope commandirt hatte und die der Gefahr im Engpasse entronnen waren. Ihre Erzählung machte Mischblut und den Schwarzvogel geradezu schäumen vor Wuth und der wilde Häuptling suchte einen Gegenstand, an dem er seinen unbändigen Zorn auslassen konnte. Mit grollender Stimme rief er: »Wo ist der Sohn des Adlers der Schneeberge?« »Dort,« antwortete Mischblut, auf das Dickicht des andern Ufers zeigend, wo Rothhand seinen Gefangenen bewachte. »Er soll sterben – und zwar sollen seine Martern sofort beginnen.« Ein Freudengeheul der Apachen begleitete diesen entsetzlichen Ausspruch. Nachdem der wilde Jubel sich wieder gelegt, theilte der Schwarzvogel dem Mestizen weiter mit, daß auch der Comanche Brennstrahl auf ihrer Spur sei. Angesichts dieser neuen Hiobsbotschaft beschloß der schlaue Mestize in's geheim, sich noch vor dem Ausbruche des Kampfes mit der Lilie des Büffelsees davon zu machen und sie in Sicherheit zu bringen. Der Schwarzvogel schien indeß seine Gedanken zu errathen, doch verbarg er für jetzt seinen Zorn und begnügte sich, zu sagen: »Ich brauche wohl nicht erst meinen Bruder an sein Versprechen zu erinnern, den in meine Hände zu liefern, welchen die Comanchen Brennstrahl nennen?« Mischblut, welcher rasch sein gewöhnliches Costüm angelegt hatte, zog ein sehr saueres Gesicht, mußte sich jedoch, wohl oder übel, zum Dableiben entschließen. Die Kriegerschaar des Schwarzvogels bestand, trotz der erlittenen Verluste, immer noch aus vierzig Reitern. Rechnete man dazu die Krieger der Antilope, sowie die Apachen, welche sich den beiden Wüstenräubern angeschlossen hatten, so war die Bande groß genug, einen Angriff auf die Vaqueros zu wagen, um die Pferde des Corrals zu erbeuten. Zuerst wollte man sich jedoch an den Qualen des armen Fabian ergötzen und die Vorbereitungen dazu wurden sofort getroffen. Eben löste Rothhand die Arme des Gefangenen von den Fesseln, als Rosarita aus ihrer Betäubung erwachte; aber bei dem Anblicke ihres gefesselten Vaters und den funkelnden Augen des Mestizen, welche auf sie gerichtet waren, umfing eine zweite Ohnmacht das von Schrecken gelähmte Mädchen. Schauerlich ertönten die Schläge der Aexte, welche die Apachen auf das Geäst eines Weidenbaumes niedersausen ließen, um den Stamm in einen Marterpfahl zu verwandeln, während Fabian von seinem rohen Wächter an den Ort transportirt wurde, wo das entsetzliche Schauspiel vor sich gehen sollte. Allein die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Vom Ufer des Biberteiches her erklang plötzlich der Ruf einer Stimme, welche tausend Lichter in dem hoffnungslosen Herzen Fabians entzündete. Er hatte diese Stimme, die ihn dereinst in Schlaf gesungen, als er noch ein kleiner, hilfloser Knabe gewesen, sofort wieder erkannt; er erwiderte den Ruf, als ein zweiter Schrei aus der gewaltigen Kehle des Waldläufers erscholl und die Stimme Josefs den Wiederhall weckte. »Hund!« brüllte Rothhand und erhob sein Messer zum Stoße, aber der Jüngling wich geschickt aus und packte seinen Gegner beim Arme. Jedenfalls würde er von dem ihm an Körperkraft überlegenen Renegaten zu Boden geschleudert worden sein, hätte sich nicht auf allen Seiten ein Geheul erhoben, das an ein Heer von Rachegeistern erinnerte, und dieses Getöse lenkte die Wuth Rothhands von dem Jüngling ab. Mit dem Knistern und Krachen der Zweige und dem Stampfen von Hufen drang ein donnerndes Hurrahgeschrei wie die sausende Windsbraut heran. Gleichzeitig knallten zur Rechten und zur Linken fünf Schüsse, welche fünf Apachen aus dem Sattel warfen. Dieser Ueberfall geschah so plötzlich, daß den Apachen keinerlei Zeit zur Sammlung blieb und die ganze Schaar die Flucht ergriff. Vergebens rief die gewaltige Stimme Schwarzvogels den rothen Kriegern ein gebieterisches Halt zu, – Alle enteilten in der Richtung des Biberteiches. Mischblut aber beschloß, aus diesem Ueberfalle den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Blitzschnell riß er die arme Rosarita empor, setzte sie auf sein Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte mit ihr in den Fluß. »Zu Hilfe! Im Namen aller Heiligen!« jammerte der unglückliche Vater, als er sein Kind von dem Mestizen entführt sah. »Oh,« ließ sich jetzt Sir John's Stimme vernehmen, »seid Ihr es, armes Gentleman, das schreit?« »Meine Tochter!« ächzte Don Augustin, »meine Rosarita!« »Nur ruhig, gutes Vater,« tröstete der gutherzige Lord, »wir schließen diese rothen Häute ein von allen Seiten, nicht Eine soll entkommen und so uärdet Ihr Euere Tochter erhalten zurück. Ich bin geeilt auf mein gutes Pferd nach Buffelsee und haben geholt alle Hirten und Jäger, daß sie jagen diese Banditen. Oh, seht nur, da sind die treuen Diener Alle!« Bei diesen Worten deutete der Engländer auf die berittenen Vaqueros, welche jetzt dem Ufer zujagten, dann wies er auf Josef und Diaz, die bereits den Strom durchritten, sowie auf fünf Männer in einem Canoe, das stromabwärts schwamm. Der Hacendero, dessen Fesseln inzwischen Sir John gelöst hatte, erkannte sofort die Büffeljäger, dagegen war ihm der fünfte fremd, dem gegenüber der kräftige Encinas klein und schwach erschien. »Oh, das ist Holzrosen,« erläuterte der freundliche Lord, »das riesige Mann aus Canada, und ein armes Vater, wie Ihr, da ihm auch ist entführt ein Kind. Und dort unten am Teiche ist noch ein Gentleman, ein Comanche, der uns beistehen wird, und an seiner Seite noch ein gutes Kerl ohne Haare, da es ist worden von den Banditen scalpirt.« Ein heftiges Gewehrfeuer in der Richtung des Biberteichs bewies, daß Brennstrahl und Gayferos nicht unthätig waren. Es stellte sich jetzt heraus, daß die Apachen wieder Halt gemacht hatten und sich in den dichten Gebüschen verschanzten, welche den Biberdamm und den ausgetrockneten Arm des rothen Flusses begrenzten. Unter solchen Umständen blieb nichts anderes übrig, als in gedrängten Colonnen direct auf den Feind loszumarschiren. Alles nahm thätigen Antheil, selbst der sonst so phlegmatische Sir John und Wilson; ja, der letztere erhielt sogar von ihm den Auftrag, womöglich ein paar Apachen lebendig zu fangen, da Sir John die Absicht hegte, das British-Museum durch das Geschenk einiger Rothhäute zu bereichern. Don Augustin eilte an die Spitze seiner Vaqueros; wir aber begleiten den alten Waldläufer, dessen Besorgniß um Fabian jetzt keine Grenzen mehr kannte. Er drang, vereinigt mit Encinas und Josef, in das schwarze Dickicht hinein, so groß auch die Hindernisse waren, die sich ihnen in den Weg stellten, bis endlich der gelehrige Oso, die auf die Indianer abgerichtete Dogge des Büffeljägers, einen kleinen Fußpfad ausspähte, der die Spuren der fliehenden Apachen trug. Ehe sie aber ihr Ziel erreichten, mußten sie noch in ein unwirthsames Gehölz, an dessen Ende sich der Biberteich ausbreitete. Der Umfang desselben bot Raum genug dar zu einer energischen Vertheidigung. An den Ufern erhoben sich etwa fünfzehn Hütten von ovaler Form; die Mehrzahl dieser Biberbaue stand unter Wasser, drei dagegen befanden sich von dem Ufer des Teiches so weit entfernt, daß die Apachen sie leicht in einen kleinen Wall umwandelten, dessen Zwischenräume sie mit Pferdesätteln, Wolldecken und Büffelhäuten ausfüllten. In der Biberhütte, die dem Damm, wo Brennstrahl Posto gefaßt, sich gegenüber befand, war Rosarita von dem Mestizen eingesperrt worden und Rothhand hielt den Eingang mit gespannter Büchse, besetzt. In der letzten Hütte lag Fabian, von zwei Apachen bewacht, welche Befehl hatten, ihn sogleich zu erdolchen, wenn ein neu ersonnener Plan des Mestizen nicht den gewünschten Erfolg haben sollte. Mischblut ging nämlich mit dem Gedanken um, die Feinde durch Friedensunterhandlungen zu täuschen und während dieser Zeit sollten die Apachen einen Ausfall machen und die zerstreuten Gruppen des Gegners einzeln angreifen und vernichten. Die beiden Wüstenräuber näherten sich, nachdem sie in englischer Sprache eine kurze Berathung gepflogen, dem Ende der Lichtung, das dem Biberdamme am nächsten lag, also gegenüber der Stelle, welche Brennstrahl als Hinterhalt diente, zu dem sich jetzt noch Pedro Diaz gesellt hatte. Hinter den Gebüschen machten Rothhand und Mischblut Halt, so daß sie sowohl für die Ihrigen als für den Feind unsichtbar blieben, – dann rief der Mestize aus dem Dickicht laut und gellend hervor: »Die Ohren des tapfern Brennstrahl mögen sich öffnen.« »Was will man von Brennstrahl?« antwortete der junge Häuptling. »Und wer ruft ihn?« »Mischblut ist es,« antwortete der Mestize, »der sich darnach sehnt, die Hand eines Freundes zu drücken. Er hat den Sohn des Adlers und die weiße Taube in seiner Gewalt, und er bietet ihre Auslieferung an.« »Mischblut nenne die Bedingungen,« rief der Comanche zurück. »Er wird sie nennen, sobald seine Hände die des Adlers und jene Brennstrahls drücken werden, – denn Häuptlinge sind nicht gewohnt, zu unterhandeln, ohne einander in's Auge zu schauen.« »Der Adler ist nicht da,« antwortete der Comanche in außerordentlich kaltem Tone. »Und Brennstrahl wird nie die Hand des Mestizen drücken, es sei denn, um sie ihm zu zermalmen.« »Gut,« entgegnete Mischblut, dessen wüthende Blicke und ärgerliche Mienen der Comanche nicht sehen konnte, »mit Dir bin ich fertig. Giebt es nicht noch einen andern Häuptling hinter dem Damme?« »Doch,« ergriff jetzt Pedro Diaz das Wort, »wenigstens will ich hoffen, daß der Häuptling der mejikanischen Goldsucher Euch genehm sein wird.« »Ich werde mit ihm unterhandeln,« sagte Mischblut. »Kann ich auf sein Wort hin allein, ohne Waffen und mit einem einzigen bewaffneten Gefährten vorwärts gehen?« »Ich verpfände mein Ehrenwort, daß Ihr dies könnt,« entgegnete der biedere Diaz, »auch will ich Euch mit gutem Beispiele vorangehen.« Der Mestize wandte sich nach seinem Vater um und das würdige Paar wechselte ein abscheuliches Lächeln. In diesem Augenblicke, langten Sir John und Wilson an, und nachdem beide vernommen, um was es sich handle, sagte der Lord zu seinem Begleiter: »Wilson, Ihr schießen wie Wilhelm Tell, – Ihr folgen müßt diesem Gentleman und schützen ihn.« Sowie Diaz und Wilson sich auf dem Biberdamme zeigten, erschienen auch die beiden Wüstenräuber am Waldessaume und nachdem sie sich eine Weile schweigend betrachtet, ging Mischblut sechs Schritte vorwärts, der kühne, ehrenhafte Diaz noch einmal so weit. Wilson blieb, auf seine Büchse gestützt, am Damme stehen und Rothhand verharrte gleichermaßen am Waldessaume. Festen Schrittes näherte sich Diaz dem Mestizen und ergriff die Hand, welche dieser ihm entgegenstreckte. Da plötzlich commandirte der schurkische Mischblut mit starker Stimme: »Feuer!« wahrend er seine andere Hand auf die Schulter des ehrlichen Diaz preßte. Rothhands Gewehr krachte, die Kugel flog an den Ohren des Mestizen vorbei und traf Diaz mitten in die Brust. Der Unglückliche wollte fallen, aber der kräftige Arm Mischbluts hielt ihn aufrecht, um sich des halbtodten Körpers wie eines Schildes zu bedienen. So gedeckt, schritt der Räuber rückwärts, das Auge fest auf die Büchse Wilsons geheftet, der vergebens eine Stelle suchte, um ihn zu treffen. Schon hatte der Bandit den Saum des Gehölzes wieder erreicht, als Diaz mit einer letzten Kraftanstrengung seinen Dolch zog und ihn dem Schurken in das Schultergelenk stieß. Der verwundete Räuber sprang zurück, warf den seine Seele aushauchenden Diaz zu Boden und rief mit einem milden, höhnischen Lachen nach dem Damme herüber: »Da habt Ihr den Leichnam Eures Anführers, holt ihn Euch, wenn Ihr Lust habt.« »Wohl jagte ihm jetzt Wilson eine Kugel nach, allein der Meuchelmörder war bereits im Dickicht verschwunden, obgleich man ihn noch rufen hörte: »Wer wird es wagen, die Tochter des Weißen und den Sohn des Adlers den Händen El Mestizos zu entreißen?« »Beim Kreuze des Heilands, das werde ich thun!« schrie Wilson, und stürzte dem Banditen nach. Vor ihm aber drang schon Brennstrahl in das Dickicht ein und seine Krieger, die er mit einem einzigen Signal herbeigerufen, folgten ihm mit der Büchse und dem Dolch in der Hand. Mischblut, der hier alle Schliche und Wege kannte, erreichte lange vor seinen Verfolgern die Lichtung, und trotzdem das Blut von seiner Schulter rieselte, schien seine Kraft nicht geschwächt zu sein. Als er am Ufer des Teiches anlangte, schwangen sich die Apachen auf ihre Pferde, um den verabredeten Ausfall zu machen. Während Rothhand die noch immer halb ohnmächtige Rosarita mit seiner rohen Faust ergriff und das Pferd bereit stellte, auf dem er die Gefangene – laut des Befehls Mischbluts – inmitten des Ausfalls entführen sollte, näherte sich der Mestize dem Schwarzvogel, der wegen seiner Armwunde hinter den Verschanzungen geblieben war, und zeigte dem Häuptlinge seine blutige Schulter. »Jetzt muß der Sohn des Adlers sterben,« sagte Mischblut kurz und befehlend, »der Schwarzvogel darf seine Rache nicht länger aufschieben, außerdem verlangt mein Blut Rache.« »Der Schwarzvogel,« gab der Häuptling zurück, »wird zuerst den Sohn des Adlers scalpiren, um ihn dann vollends tödten zu lassen, wenn seine Krieger siegreich zurückkehren.« Zwei Apachen, welche Zeuge dieses kurzen Gesprächs gewesen waren, stürzten gleich wilden Thieren auf die Hütte zu, in welcher Fabian lag. Rosenholz, der mit Josef kurz zuvor am Waldessaume angelangt war, sah jetzt, wie die beiden Apachen sein geliebtes Kind bis zur Verschanzung hinschleiften und der Schwarzvogel dem Jüngling sich näherte. Zweimal legte der alte Jäger auf den Häuptling an, allein er wagte nicht Feuer zu geben, da das Gewehr in seiner Hand zitterte, wie das vom Winde bewegte Laub der Espe. Der Schwarzvogel zog sein Messer, ließ es drohend in der Sonne blitzen und neigte sich dann langsam auf den gefesselten Jüngling herab. Da krachte ein Schuß, der Rosenholz erbeben machte, und der Schwarzvogel stürzte mit zerschmettertem Schädel auf Fabian nieder. Der Schütze Josef aber rief: »Das ist mein letztes Wort, Du rothhäutiger Hund!« Eine neue Spannkraft kam über Rosenholz, seine Hand zitterte nicht mehr und mit einem andern Schusse streckte er einen der Apachen nieder. In demselben Augenblicke begannen die Apachen ihren Ausfall, so daß Rosenholz und Josef sich ruhig dem Ufer des Biberteiches nähern durften. Sie hatten jetzt nur für den heißgeliebten Fabian Augen und bemerkten daher nicht, daß auf der entgegengesetzten Seite Rothhand und Mischblut mit Rosarita im dichten Wald verschwanden. »Gelobt sei Jesus Christus!« schrie Rosenholz, als er sein geliebtes Kind umfing und mit zitternder, rascher Hand die Bande durchschnitt, um dann immer wieder von Neuem den Sohn, den der gnädige Gott ihm abermals geschenkt hatte, an seine Brust zu drücken. Auf seine Büchse gestützt, betrachtete Josef das glückselige Paar; er wagte nicht zu sprechen, aus Furcht, durch seine Stimme die Thränen zu verrathen, die über seine sonnverbrannten Wangen rollten. Ein wilder Lärm führte die drei Freunde jedoch rasch wieder zur Wirklichkeit zurück. Der Tumult kam von zwei Seiten her, und zwar aus der Richtung, welche die beiden Wüstenräuber eingeschlagen hatten; und von der entgegengesetzten Seite, wo die Apachen den Ausfall gewagt, fluthete jetzt, gleich einem Giesbach, der sich an einem unübersteiglichen Damme bricht, die ganze wilde Masse wieder zurück, von den durch Don Augustin gefühlten Vaqueros nach ihrer Verschanzung gedrängt. Bei dieser neuen drohenden Gefahr ergriff Rosenholz seinen Fabian und sprang mit Josef hinter die Verschanzung. Dort luden beide eilig ihre Büchsen wieder und erwarteten mit muthiger Entschlossenheit den Angriff des Feindes. Der Stand der Dinge gewann indessen eine andere Gestalt. Auf den lärmenden Rückzug der Apachen folgten Büchsenschüsse und sechs der in wilder Flucht heran eilenden Reiter stürzten theils todt, theils verwundet zu Boden. »Hollahho!« rief der Canadier, »unsere Verbündeten sind da und greifen die Indianer im Rücken an. Schleich' Dich hinter die Bäume, Fabian, denn wir werden einen Riesenkampf zu bestehen haben.« Die Apachen zerstreuten sich über die ganze Oberfläche der Lichtung, so daß die Vaqueros sich besser ausdehnen konnten. »Feuer, Rosenholz! und das Kriegsgeschrei ausgestoßen, als ob wir zu Hunderten wären!« rief Josef. Und während die Kugeln ihrer abgefeuerten Büchsen zwei apachische Reiter zu Boden rissen, stießen die drei Gefährten ein donnerndes Kriegsgeschrei aus. »Und jetzt die Verwirrung der rothen Spitzbuben benutzt und aus dem Schutze der Verschanzung hervorgebrochen!« commandirte der Canadier, die Streitaxt schwingend, welche er einem der gefallenen Apachen entrissen hatte. Fabian hatte sich mit dem Messer des alten Jägers bewaffnet, Josef schwang seine schwere Büchse, und so warfen sich alle Drei kühn und unerschrocken in den Schwarm der Feinde. Gleich dem Mäher, der mit unwiderstehlicher Gewalt die Halme niederwirft, traf der riesige Waldläufer seine Feinde und suchte sich – Fabian fortwährend deckend – bis zu Don Augustin durchzuschlagen, der von mehreren Apachen umzingelt war und mit seinem langen Degen jeden feindlichen Stoß und Hieb parirte. Rosenholz langte eben an seiner Seite an, als der schreckliche Schrei einer ihm bekannten Stimme hinter ihm erscholl. Es war Brennstrahl, der – blutend und waffenlos – aber mit der ohnmächtigen Rosarita in seinen Armen, auf den Hacendero zustürzte und die Tochter ihm wiedergab. Dann aber brach er bewußtlos zusammen. Rasch hob der glückselige Vater das zarte Mädchen vor sich auf's Pferd, gab diesem die Sporen und war bald aus dem Gesichtskreise der Zurückgebliebenen verschwunden. So recht wie ein Schlachtenengel stand der Canadier da, als er den verwundeten Brennstrahl vor den Waffen der andrängenden Feinde schützte, deren Zahl um zwei neue Kämpfer vermehrt wurde, welche vom Biberteiche her auf das mit Todten besäete Schlachtfeld gestürzt kamen. Es waren die beiden Wüstenräuber, deren Flucht Wilson, Gayferos, Sir John und die Comanchen verhindert hatten. Beide waren verwundet, sprangen trotzdem aber wüthend auf Rosenholz und Josef zu. Der Letztere bemerkte sie zuerst und schrie: »Rechtsumkehrt, Rosenholz – jetzt gilt's, unser Meisterstück zu vollbringen!« Die Mehrzahl der Apachen hatte sich, von den Vaqueros gedrängt, vom Kampfplatz zurückgezogen und dieser war daher in diesem Augenblicke ziemlich gelichtet. Nur etwa zwanzig Mann schlugen sich noch herum, als der Canadier und Josef zum drittes Male in ihrem Leben den beiden Wüstenräubern gegenüber standen. Mit hoch erhobenem Tomahawk stürzte sich Rosenholz auf den Mestizen, doch dieser wich geschickt dem Schlage aus und wollte nunmehr mit seinen riesig starken Armen den Canadier packen, als sein Blick auf Wilson fiel, der soeben seine Büchse wieder lud; infolge dessen gab der Bandit sein Vorhaben auf und zog sich an das äußerste Ende der Waldlichtung zurück. Dort lag ein abgestorbener Baum, dessen dürre Aeste eine dichte Verschanzung bildeten, hinter welche sich Mischblut flüchtete. Auch Rothhand langte alsbald dort an, nachdem er mit Josef einen erbitterten Kampf geführt und die Feuerwaffe seines Gegners mit der Axt zerschmettert hatte. Leider vermochten weder Rosenholz noch Josef die Flucht der Räuber zu hindern, da sich eine Gruppe von Kämpfern zwischen sie und die Beiden gedrängt hatte. Mischblut lud seine lange Büchse, ohne hinter seiner Verschanzung die Bewegungen der beiden Jäger aus den Augen zu verlieren. Sein wilder Blick bekundete die teuflische Freude, daß er nun in einigen Augenblicken sein Opfer wählen könne, als Josef einen zweiten Baumstamm entdeckte, der gleichfalls von den Bibern gefällt worden war, indem sie denselben durchgenagt hatten. Obgleich dem Stamm kaum ein einziger Zweig geblieben war, so bot er trotzdem eine ziemlich starke Verschanzung dar, zumal dichtes, hohes Gras ihn um einige Handbreiten überragte. »Komm hierher, Rosenholz,« schrie Josef, »schnell, schnell!« Der Canadier folgte dieser Aufforderung, während Fabian und Wilson hinter einer Biberhütte Posto faßten. Des Mestizen Jubel war somit zu Wasser geworden, denn er sah keinen der Feinde mehr, nach deren Blut er lechzte. Um ihrem Aerger und Zorne Luft zu machen, eröffneten die beiden Wüstenräuber gegen die noch kämpfenden Vaqueros ein mörderisches Feuer, welches leider großen Schaden anrichtete. »Bei allen Teufeln der Hölle!« schrie Josef, »die Spitzbuben dürfen weder in ihrem Versteck bleiben, noch uns entkommen.« »Sicherlich nicht,« murmelte der Waldläufer, der um Fabians Sicherheit wieder besorgt zu werden begann, »denn so lange diese zwei Schurken noch am Leben sind, kann und werde ich nie ruhig sein. Wir müssen kurzen Prozeß mit ihnen machen.« »Ist leichter gesagt, als gethan,« entgegnete Josef, »können wir sie ja doch nicht mit unsern Kugeln erreichen.« »Es giebt ein ganz einfaches Mittel, bis zu diesen zwei Elenden zu gelangen,« brummte Rosenholz, »laß mich nur machen.« Damit stemmte er sich kräftig gegen den Baumstamm und die walzenförmige Masse rollte, dem Lager entrissen, das ihr Gewicht in dem Grase gegraben, einen Schritt vorwärts. »Hurrah!« schrie Josef begeistert. »Wilson, Sir John, Fabian, Gayferos! Hollah, aufgepaßt! Wenn die beiden Spitzbuben, während wir ihnen zu Leibe rücken, auch nur einen Fuß zur Flucht erheben, so schießt sie ohne Erbarmen nieder.« Josef unterstützte jetzt den Canadier beim Vorwärtsrollen des Baumstammes und rief, durch den Anblick der beiden verabscheuten Feinde mächtig erregt: »Rothhand, Du alter Spitzbube, und Mischblut, Du junger, welches Thier der Prairie wird sich wol Eure Leichname holen, die wir ihnen zum Fraße hinwerfen werden?« Es war ein eigenthümliches Schauspiel, das sich jetzt den Zuschauern darbot. Hinter dem Baumstamme auf dem Bauche liegend, rollten die beiden Jäger die rundliche Masse vor sich hin; dann verharrten sie wieder in Ruhe hinter ihrer beweglichen Verschanzung, indem sie ihre Feinde beobachteten und mit den Augen die Entfernung maßen, welche sie noch von den beiden Wüstenräubern trennte. »Nur muthig vorwärts,« rief Wilson, um die beiden Jäger anzufeuern. »Ihr berührt schon beinahe den Baumstamm der beiden Räuber, zeigt sich ihr Schädel auch nur eine Linie über dem Holze, so sitzt ihm eine Kugel im Hirn, – ich schwöre es!« Mischblut und Rothhand befanden sich in einer sehr übeln Lage, denn nicht nur langten die beiden Jäger mit ihrem Baumstamme jetzt an, sondern sie wurden auch noch von zwei Comanchen bedroht, die einen benachbarten Baum erklettert hatten, um von dort auf die verschanzten Wüstenräuber zu feuern. »Schieß da hinauf!« raunte Mischblut seinem Vater zu, vorsichtig auf den Baum deutend. »Wie kann ich es?« keuchte der Alte in ohnmächtiger Wuth. Ein Schuß krachte vom Baume hernieder und ein von der Kugel losgerissener Splitter verwundete die Stirne Rothhands. Mischblut ließ eine Art Wuthgebrüll hören, legte sich auf den Rücken und schoß einen der Comanchen vom Baume herab. »Hölle und Teufel!« schrie Rothhand verzweiflungsvoll, »siehst Du denn nicht, daß der Baum, den jene zwei Hunde vor sich herrollen, den unsrigen berührt?« Im nächsten Augenblicke schon hatte Rosenholz den alten Wüstenräuber gepackt; er durfte das um so eher wagen, da Mischblut kurz zuvor seine Büchse abgefeuert hatte. Die erhaltene Wunde, sowie eine namenlose Angst, welche sich Rothhands bemächtigt hatte, kamen dem Canadier bei seinem Zweikampf zu statten. Mit einem dröhnenden Fall stürzte der alte Wüstenräuber zu Boden, um nicht wieder aufzustehen, denn durch die unwiderstehliche Anstrengung des canadischen Riesen war das Rückgrat des Alten zerbrochen worden. Anders hatte der schlaue Josef seinen Gegner angegriffen. Er ließ den Mestizen zuerst aufspringen, kaum zeigte sich jedoch dessen Stirn über dem Baumstamm, als er ihm mit Leibeskräften seinen Tomahawk an den Kopf schleuderte. Tödtlich getroffen stürzte auch Mischblut auf den Boden, und Vater und Sohn lagen leblos neben einander. Mit dem Tode der beiden Wüstenräuber war der Sieg vollständig errungen und nur wenige der Apachen kehrten in ihre heimatlichen Dörfer zurück. Aber auch die Weißen hatten schwere Verluste zu beklagen, wie die zur Hälfte reduzirte Schaar der Vaqueros bewies; außerdem aber waren noch zwei Büffeljäger und sechs Comanchen getödtet, und Brennstrahl, wie wir wissen, schwer verwundet worden. Das Begräbniß der Todten, sowie die Fortschaffung der Verwundeten nach dem Büffelsee nahm viele Stunden in Anspruch, und erst als der Abend mit seinem milden, ruhigen Frieden sich auf die Landschaft herabsenkte, konnte sich der Canadier der Freude hingeben, welche sein Herz über das Wiederfinden Fabians empfand. Während dessen ruhte Brennstrahl auf einem weichen Lager von dürrem Laub und Mänteln unweit des Zeltes, das seither den Hacendero und seine Tochter beherbergt hatte. Rosarita schlief jetzt dort einen erquickenden Schlaf, nachdem sie zuvor Fabian, dessen wunderbare Rettung sie erfahren, herzlich die Hand gedrückt hatte. Um das Lager des verwundeten Brennstrahl gruppirten sich Rosenholz, Josef und Fabian, sowie Gayferos, Sir John, Wilson, Encinas und die drei noch am Leben gebliebenen Comanchen. Der Canadier und Josef, welche in der Behandlung von Wunden eine große Erfahrung hatten, ließen Brennstrahl eine aufmerksame Pflege zu Theil werden; waren ihre Herzen dem edeln, jungen Krieger ja doch warm zugethan, auch vergaßen sie keinen Augenblick, daß sie seiner Führung einzig und allein die Wiedervereinigung mit Fabian verdankten. Doch nicht nur sie ergingen sich in großen Lobeserhebungen über Brennstrahl, sondern auch Sir John, welcher, als die kühle Nachtluft zu wehen begann, sogar sein Zelt über das Lager des Verwundeten ausspannen ließ. Endlich legten sich Alle zum Schlafe nieder, dessen sie nach den furchtbaren Anstrengungen so sehr bedurften. Nichts störte sie in ihrer süßen Ruhe, nur gegen Morgen drang ein Lärm an ihr Ohr und sie hörten die Stimme Sir John's, welcher wüthend rief: »Goddam! Wilson! Goddam! Oh, uo ist mein schönes Schimmel!« Die zornige Erregung des sonst so ruhigen Lords läßt sich leicht erklären, wenn wir berichten, daß sich der weiße Renner der Prairien, trotzdem er sehr fest angebunden war, über Nacht losgerissen und auf Nimmerwiedersehen empfohlen hatte. Vergebens suchte Encinas den wüthenden Sir John zu trösten, indem er ihm sagte, daß in diesem weißen Renner der Teufel stecke. »Das nutzt mir nichts,« polterte Sir John, »denn ich glauben nicht an einen Teufel. Oh, Uilson, Sie haben den Contract gebrochen.« »Wie so?« gab dieser ärgerlich zur Antwort. »Sie haben mich nicht geschützt vor der Gefahr, daß dieses Schimmel ausgerissen ist; Sie müssen dieses Versehen wieder gut machen und mir für dieses Schimmel ein paar Gentlemen von die Apachen liefern.« »Wie kann ich das?« rief Wilson verdrießlich, »sie haben ja alle die Flucht ergriffen und nur ihre Todten am Biberteich zurück gelassen.« »Ist gut,« nickte Sir John, »dann holen Sie mir ein paar von diese todten Gentlemen und stopfen sie mir aus, damit ich sie mitnehmen kann nach London, wohin ich nun zurückkehre.« »Je nun,« lachte Wilson, »das Vergnügen können Sie haben.« Und kaum war die Sonne aufgegangen, als das seltsame Paar sämmtlichen Anwesenden Lebewohl sagte und sich auf den Weg machte. Der Zustand Brennstrahls hatte sich gebessert, seine Kräfte kehrten zurück und er konnte ohne Bedenken nach seinem Dorfe gebracht werden, das an der Westgrenze des jetzigen Staates Texas lag. Man benutzte hierzu die Pirogue, welche die Apachen zurückgelassen hatten. Es war ein rührender Anblick, als der Canadier und Josef sich von ihrem treuen Verbündeten trennten. Auch von Encinas und Gayferos nahm man Abschied und es zeigte sich, daß die großen Gefahren, welchen diese beiden Männer ausgesetzt gewesen waren, sie dennoch nicht hinderten, auch in Zukunft ihrem Gewerbe treu zu bleiben. So folgte denn Encinas mit seinen zwei am Leben gebliebenen Gefährten nach wie vor den Spuren der Büffel, während Gayferos – weit entfernt, sich durch das Mißlingen der in alle vier Winde zerstobenen Goldsucher-Expedition abhalten zu lassen – auch ferner auf die Entdeckung neuer Goldlager ausging. Gegen Mittag brachen Rosenholz, Josef und Fabian mit Don Augustin und seinem Gefolge nach der Hacienda auf, um daselbst einige Wochen zu verweilen, und nunmehr waren der Büffelsee sowie der Biberteich ihrer stillen Einsamkeit zurückgegeben, – nur wilde Pferde nahten sich von Zeit zu Zeit der Tränke und die Biber nahmen von ihren Wohnungen wieder Besitz, aus denen die Menschen sie vertrieben hatten. Und das Ende von der Geschichte? Es ist bald erzählt ... Ein freundlicher, Sommerabend war angebrochen und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne rötheten die sanft sich kräuselnden Wellen am felsigen Gestade des biscayischen Meerbusens. Zuweilen fiel das verklärende Licht auch auf ein hölzernes Kreuz, das, von Moos und Epheu überzogen, in der Nähe der Bucht auftauchte. Und einzelne Strahlen verirrten sich sogar bis zu den Zinnen des stolzen, alterthümlichen Schlosses, welches das Felsplateau krönte. Auf dem Balkon stand eine kleine Menschengruppe; schweigend blickte sie auf das heitere Landschaftsbild, welches aber dennoch die Wehmuth ihrer Herzen nicht zu bannen vermochte. Der junge stattliche Mann, an dessen Schulter sich eine zarte Frauengestalt schmiegt, ist unser Fabian, der jetzt seine junge Gattin, Rosarita, sanft auf die Stirn küßt. Und die beiden kräftigen Männergestalten, die links und rechts von ihnen stehen und die Blicke unverwandt auf das Meer zu ihren Füßen gerichtet haben, wer würde nicht in ihnen den alten, treuen Canadier und den von ihm unzertrennlichen Josef erkennen? Als sie damals, der Einladung Don Augustins folgend, mit dem von den Strapazen ermatteten Fabian in die Hacienda eintraten, hatten sie nicht geahnt, daß sie viele Monate lang daselbst verweilen würden. Weder Rosenholz noch Josef merkten etwas von der zärtlichen Neigung, welche Fabian für Rosarita im Herzen trug, und waren daher sehr überrascht, als der Hacendero eines Tages die Verlobung des jungen Paares feierte. Rosenholz fiel einer melancholischen Stimmung anheim, denn er wußte jetzt, daß Fabian nicht mehr mit ihm die Prairien durchziehen würde, und so fühlte er sich abermals seines Kindes beraubt. Fabian aber errieth seine Gedanken und wußte bald, wie hier am Besten zu helfen sei. Um aber Rosenholz für seinen Plan besser zu gewinnen, hielt er es für gut, ihn zuvor seiner gewohnter Lebensweise auf kurze Zeit zu entreißen. Dieser Absicht kam eine gewisse Sehnsucht fördernd entgegen, welche in Fabians Herzen sich zu regen begann. Er wünschte nämlich, noch einmal die Heimstätte zu sehen, wo er als ein glückliches Kind seine ersten Jahre verlebt, – noch einmal das Meer zu schauen, ans dessen Wellen er in schwachem Boote an der Seite seiner armen, ermordeten Mutter dem Verderben ausgesetzt gewesen war. Nachdem der Priester seinen Bund mit Rosarita eingesegnet hatte, theilte er Rosenholz und Josef seine Absicht mit und beide willfahrten gern seinem Wunsche, ihn und Rosarita nach der spanischen Heimat zu begleiten. Es fiel Fabian nicht schwer, den Nachweis zu führen, daß er der rechtmäßige Erbe der Grafen von Mediana sei, und nachdem die ganze Angelegenheit auf dem Wege des Gesetzes geordnet, begab sich die kleine Gesellschaft nach dem Schlosse, wo wir sie wiedergefunden haben. Die Erinnerung lebte hier in den drei Männern mächtig wieder auf. Schaudernd gedachte Fabian, beim Blick in das Balkonzimmer, jenes entsetzlichen Abends, wo er mit seiner Mutter von unheimlichen Gestalten ergriffen und fortgebracht worden war. Und Josef erbebte, als sein Blick sich zur Bucht herabsenkte und er sich der grausigen Nacht erinnerte, die er dort dereinst verlebt. Auch Rosenholz fühlte sich sonderbar ergriffen, denn sein Auge glaubte jetzt die Stelle entdeckt zu haben, wo er im Nachen einst sein liebes Kind gefunden, und indem er in raschem Fluge die langen Jahre der Trennung an sich vorüber ziehen ließ und der Furcht und Hoffnung gedachte, die in seinem Herzen gekämpft, da fühlte er, daß er jetzt doch ein glücklicher alter Mann sei, und dankbaren Herzens blickte er zum rosigen Abendhimmel hinauf. »Es ist ein schönes Fleckchen Erde,« unterbrach er endlich das Schweigen, mit seiner Rechten auf die Landschaft deutend. »In den Wäldern Amerikas gefällt es mir doch besser,« antwortete Josef und blickte auf Fabian. »Das sag' ich auch,« rief dieser, »habe ich ja dort ein liebendes Weib und zwei väterliche Freunde gefunden. Und deshalb kehre ich mit Euch wieder nach meiner neuen Heimat zurück, vorausgesetzt, daß Ihr Besitz ergreift von dem Ruheplätzchen, das der Vater meiner Rosarita in unserer Abwesenheit für Euch errichten ließ.« »Oh, Fabian,« erwiderte Rosenholz mit gebrochener Stimme, »vermag ich ja doch nicht mehr ohne Dich zu leben, und mein innigster Wunsch ist, in Deiner Nähe zu bleiben, und ... und ...« »Und mit Josef und einer guten Büchse kleine Streifjagden unternehmen zu dürfen,« vollendete der alte Waffengefährte, »und da Don Fabian dagegen sicherlich nichts einzuwenden haben wird, so ist die Sache abgethan.« Und die drei Freunde drückten sich schweigend die Hand, während Rosarita sich inniger an ihren Gatten schmiegte. Wenige Wochen darauf verschwand das hölzerne Kreuz an der Meeresbucht für immer, um einem imposanten Marmorkreuze Platz zu machen. – – – Und nun noch einen letzten Blick nach dem fernen Westen! In der Hacienda del Benado leben glückliche Menschen, und in dem schönen Parke springen zwei Kinder, ein Mädchen und ein Knabe, jubelnd umher; häufig verlassen sie aber auch das schützende Heim, schlüpfen durch die hohe Gartenpforte und rufen zum Walde hinüber: »Sind die beiden Großonkels da? ... Dürfen wir kommen?« Dann ertönt es gewöhnlich von einer mächtigen' Baßstimme zurück: »Nur immer heran, Ihr kleines Volk!« Und lachend und in die Händchen klatschend, läuft das Pärchen dem Walde zu, an dessen Rande sich jetzt ein Farmerhaus erhebt, genau an der Stelle, wo Fabian dereinst zwei treue Freunde gefunden hat. Dort hausen zwei alte, glückselige Junggesellen, denen der junge Leser eine freundliche Erinnerung bewahren möge. Sind es ja doch unsere lieben Freunde, Josef und der Waldläufer.