Edmund Hoefer Das verlassene Haus 1845 An meine Leser. Von vielen Seiten wurde der sehr freundliche Wunsch ausgesprochen, daß ich in einer demnächst zu erwartenden Sammlung meiner Schriften, wie mein Freund und Verleger Krabbe sie jetzt dem Publikum in bequemer und sauberer Ausgabe bringt, die Erzählungen und Geschichten in der Folge zusammenstellen möchte, wie sie von mir geschrieben wurden. Das war der gleichmäßigen Bandeintheilung wegen leider nicht thunlich, und ich mußte mich begnügen, unter dem Titel der Stücke das Jahr anzugeben, in welchem sie entstanden sind. Aber auch so erhalten meine Leser ein Bild meines Schaffens und Strebens. Möge es für sie ein erfreuliches sein! Stuttgart, Dezember 1864. Edmund Hoefer. 1. Es ist nur ein einsamer Fußsteig, ganz schmal durch ein wellenförmig Land. Eine lange Stunde geht er durch Wiesen, dann durch ein prächtiges Holz und windet sich wieder durch üppige Kornfelder. Um sich sehen kann man nirgends weit; die Wiesen liegen zwischen Hügeln, der Wald ist dicht und grün, die Halme stehen höher als die Fußgänger. Die den Weg betreten, sehen sich auch nicht um; das geht emsig fürder zur Stadt und kehrt eilig heimwärts zum Dorf. Von den Städtern mag da lange keiner gegangen sein. Im Holz ist ein grüner Platz, wo Bäume und Gesträuche etwas zurücktreten, aber von oben überwölben ihn fast die breiten Kronen. Den Boden decken Gras und allerlei Blumen und Kräuter ungestört und üppig, und der Pfad geht scharf begrenzt hindurch, daß man bald erkennt, wie hier keiner von ihm abgewichen. Links im Grunde steht kaum sichtbar ein vermorschter hölzerner Wegweiser. Der Epheu hat sich herumgeschlungen bis hoch oben und mit seinen Ranken zwei Arme umsponnen; daß es aussieht fast wie ein großes grünes Kreuz. Und die da vorbei gehen, sind lange schon abgewichen vom alten Glauben, aber das Kreuz grüßen sie alle und gehen hastig vorüber, ohne sich umzusehen, und die munterste Rede erstirbt. Da soll vordem ein Weg gewesen sein bis tief in's Holz, aber er ist verwachsen und kein Mensch weiß mehr von ihm. Der prächtige Forst ist so dicht und alt wie kaum einer in deutschen Landen, aber benützt wird er nicht, denn er gehörte einem, der vor langen Jahren in's Land ging und verschollen ist, und seine Mutter hat einen schweren Fluch gesprochen über das Holz, und die alte Familie, die dasselbe noch immer besitzt, läßt es unberührt. Es geht auch niemand hinein, denn sie sind dort zu Lande noch abergläubisch und meinen, es spuke in den grünen Räumen. Aber komm nur immer mit mir hinein in die dämmernden Tiefen! Ich sage dir, es spaziert sich so hübsch unter dem laubigen Dach, in der schimmernden lauschigen Einsamkeit. Die Sonne wirft grüne, zitternde Lichter, der Morgenwind flüstert hoch oben in den alten Wipfeln, die Stauden schwanken, Epheu und Geißblatt klettern lustig empor zum Licht, der Pirol und die Amsel rufen melancholisch herab aus den blühenden Kirschbäumen, das Klopfen des Spechts schallt laut durch die Einsamkeit. Die Waldveilchen nicken träumerisch im Moos neben den Maiblumen, und hurtige Eidechsen schlüpfen durch die Erdbeerblüthen. Hier ging seit lange kein Mensch: kein Weg ist zu sehen. Und doch! Seht ihr dort, wo die schlanken Haselstauden aufgeschossen sind, da ist ein kleiner leerer Fleck, und da zeigen sich noch Geleise. Das Moos ist dicht darüber gewachsen, aber die Spur hat es doch nicht ganz geebnet. Hier also sind Wagen gegangen vor langer Zeit! Ihre Räder schnitten so tief in den Boden, daß die Wunden noch immer nicht verharscht sind. Hier sind Menschen gewesen, aber wo sind sie hin? Von jetzt an ist das Fortschreiten nicht mehr so leicht. Trockenes Laub und dürre Zweige hemmen den Fuß; wirr und wild heben und verschränken sich die Stauden, und gleich festen Gittern spannen sich die Ranken hinüber und herüber, schier unentwirrbar. Eine gewaltige Eiche liegt mitten unter den grünen Sprossen, und eine andere neigt sich tief darüber und der Tod sitzt in ihren Zweigen. Ob ein Sturm sie so gebeugt, ob die gefallene sie mit sich gezogen im wilden Sturz? Ich weiß nicht; aber man erzählt wohl, daß die Bäume auch ein gewisses Leben und Gefühl haben, und nicht allein für sich, sondern daß sie mit einem andern Baum in Liebe von Jugend auf vereinigt seien. Wenn dann der eine von ihnen stürzt, macht's der andere auch nicht mehr lange. Da beugt er sich über den Verlorenen tiefer und tiefer, denn er kann ihn nicht vergessen, ihm nicht entsagen. Die Wurzeln lassen los, und er folgt ihm nach zur neuen Vereinigung. Aber der Wald streckt sich noch immer dicht und grün und unwegsam. Ein Reh blickt schüchtern durch die Büsche, die großen sammetweichen Augen schauen dich verwundert an, dann springt es scheu zurück, und rings ist es still. Kein Specht klopft, keine Amsel flötet, kein Käfer summt; selbst der Wind schweigt und die Bäume stehen regungslos. Hier scheint in der That der Fluch zu herrschen. Doch das Holz lichtet sich. Hell schimmert's durch die Stämme und den Himmel siehst du darüber glänzend blau. Durch eine dichte Dornenmasse mußt du noch dringen und stehst dann auf einem kleinen offenen Raum, mit kurzem grünen Rasen bedeckt, aus dem nur hin und wider einige Brombeerbüsche emporgeschlagen sind. Vor dir liegt ein altersgraues Gebäude, das sich, an einen uralten zierlichen Thurm lehnt. Ueber der hohen Thür, unter der Wölbung eines Balkons sind drei stattliche Hirschgeweihe befestigt, die jetzt aber bereits eine Theil der Zacken verloren haben und kaum noch an den Haften halten. Einige Schritte vorwärts, etwa in der Mitte des Platzes, ist ein alter Brunnen von grauem Sandstein: die zierlichen Ecken sind abgebrochen oder von Wind und Wetter so zerfressen, daß sie gleichfalls bald ihre Stelle verlassen werden. Der sich bäumende plumpe Hirsch sprudelt schon lange nicht mehr den Wasserstrahl aus dem aufgerissenen Maule. In seinem zackigen Geweih hat sich dichtes Moos angesetzt und im trockenen Becken stehen einige Binsen. Rechts und links sind ein paar niedrige Stallgebäude, deren Dächer eingestürzt sind zwischen die klaffenden und wankenden Mauern. Links neben dem Stall liegt ein Haufen halbverfaulten Holzes, daneben die Stücke einer verrosteten Kette und das gebleichte, zerfallene Gerippe eines Hundes. Ist es doch, als hätten Füchse und Raben niemals diesen Platz besucht, denn die Knochen liegen in Ordnung neben einander und der Rückgrath ist zusammengekrümmt. Hat der Hunger geschmerzt, mein armer Bursch? Wie straff ist diese Kette gewesen! Ja, der Rehbock tanzte so nah und so einladend herum vor deinen fieberglühenden Augen! Deine magern Weichen flogen, wie du strebtest und zerrtest! Aber die Kette war stark, mein wackerer Hund, der feste Ring liegt noch jetzt um deinen Hals. Ja, ja, wie hast du einst gejagt und gespürt! Wie standest du lechzend über der gefallenen Beute, wie schallte dein rufendes Bellen durch den weiten Forst! Wie befriedigt blitzten die klugen treuen Augen deinem Herrn entgegen! Und wie haben sie gerollt, diese Augen, und gefunkelt in deiner Hungersangst, wie hat deine heisere Stimme vergeblich gerufen! Ja, mein treuer Hund, dein Herr hörte dich nicht, und ihr solltet keine Jagd mehr mit einander machen. Und da liegt nun das alte Haus, grau und still; breite Spalten klaffen in den Mauern und Gras ist daraus hervorgewachsen. Ueber das hohe spitze Dach hin hat sich Moos gelagert, Ziegel sind herabgestürzt und durch die Oeffnungen sieht man das morsche schwarze Sparrwerk. Die Thür ist verschlossen, aber sie hängt kaum noch auf ihren Angeln. Ueppiges Gras drängt sich durch die Fugen der mächtigen Stufen. Das eiserne Gitter des Balkons ist verrostet, die Farben und Schilder des Wappens in der Rosette verblichen und verwittert; das Gold der Grafenkrone drüber hat Regen und Schnee zerfressen. Die unregelmäßigen Fenster haben zwar hie und da noch Glas in ihren schiefen und losen Rahmen, aber es ist verbrannt und blind und spiegelt nicht mehr. Es gleicht einem alten zerfallenen Menschen! die Augen sind noch da, aber das Licht darin ist erstorben und das ganze Gesicht nun still und öde. Man kann rings herumgehen um das Haus. An den Seiten rückt der Wald wohl näher heran, aber hinten ist wieder ein kleiner offener Raum, wo früher der Garten war. Einzelne Zierblumen drängen sich noch zwischen den wilden Pflanzen hervor, einige Stachel- und Johannisbeerbüsche haben übermäßig gewuchert, ein weißer Flieder und ein paar Apfelbäume bestreuen den Boden mit ihren Blüthen. Den Thurm, der noch fest und schmuck da steht, hält der Epheu bis oben umklammert und seine Ranken haben sich in die wunderschönen steinernen Rosetten, Zacken und Netze geflochten, die einen kleinen Erker schmücken. An der Wand des Hauses klettert noch Wein in die Höhe, überwölbt und umbüscht die todten Fenster. Auch hier' ist alles verschlossen und unberührt, der Fluch hat es beschützt. Alles ist still, kein Wild zeigt sich, kein Vogel huscht durch die Zweige, die alte Wetterfahne auf dem First steht regungslos. Das liegt da wie Dornröschens Schloß: selbst die Mauern scheinen zu schlafen. Rechts gegen den Thurm zu hebt sich der Boden zu einer kleinen Terrasse. Die Fenster gehen hier bis auf die Erde und wurden als Thüren benützt. Das eine klafft bereits und öffnet sich einem leichten Druck. Der Fluch schreckt uns nicht. Laß uns eintreten. Ein modriger Dunst schlägt uns entgegen. Wir stehen in einem kleinen, einst freundlichen Saal, Wände und Decke mit Jagd- und Schäferstücken in Watteaus und Bouchers Manier bemalt, Jäger in weißer Frisur und bordirten Hüten, Damen und Schäferinnen in Reifröcken und wundervollen Toupés, Schäfer in Schuhen und Strümpfen mit bebänderten Schalmeien, Schafe und Widder mit rosenrothen Schleifen aufgeputzt. Es ist eine so naive Malerei! Im Saal ist es ziemlich dunkel, denn die Fenster sind erblindet und überdies haben sich dichte Spinngewebe vor die tiefen Nischen gespannt. Aber es ist doch hell genug, um unter dem feinen Staube, den lange Jahre der Ruhe auf dem parkettirten Fußboden gesammelt, eine Reihe dunkler Stellen bemerken zu können, die sich von einer kleinen Thür rechts durch den ganzen Saal bis zu einer großen Flügelthüre links ziehen. Jene kleine Thüre führt auf eine Treppe in der dicken Mauer des Thurms. Die Stufen, durch einige alten Schießscharten erhellt, zeigen hin und wider dieselben dunkeln Flecke und enden vor einer zweiten Thür, durch die wir unmittelbar in ein kleines rundes Zimmer treten. Sein Licht erhält es durch den Erker, von dem ich oben gesagt. Die eine Scheibe ist zerbrochen und die Stücke des Glases liegen im Zimmer zerstreut. Die Wände sind ganz getäfelt mit braunem Holz, an der Decke ist ein allerliebstes Gemälde: Amor mit Venus im heftigen Streit. Amoretten blicken lachend und pausbackig aus den Wolken auf die liebliche Mutter und den allgewaltigen Sohn. Schöne aber erblindete Spiegel in kunstreich geschnitzten ovalen Einfassungen sind mehrfach angebracht. Im Hintergrund neben dem marmornen Kamin, in welchem noch Kohlen und Asche liegen, steht ein altmodischer Sopha, niedrig, mit vergoldeten Schnörkeln an den geschweiften Beinen und Lehnen, mit blauem Damast überzogen. Aber die Farbe ist verblichen und ein großer dunkler Fleck verunstaltet den zierlichen Sitz! auf dem Fußboden davor wieder ein Fleck, ein Tisch liegt umgestürzt, eine Lampe zerschmettert. Weiterhin ist über einen Lehnstuhl eine gewiß einst prächtige Jagduniform gebreitet: daneben auf der Marmorplatte einer kleinen hübschen Console ein reichverziertes Fangmesser und eine mit Perlmutter und Silber ausgelegte Büchse. Mitten im Zimmer, ohne Zweifel vom umgestürzten Tisch dahingeschleudert, liegt ein kleines Buch in rothem Marrokin mit Goldschnitt; der tief eingedrückte Deckel zeigt die Spuren eines schweren Stiefels. Wir schlagen es auf– großer Gott, es sind Werthers Leiden in der ersten Leipziger Ausgabe! Auf der andern Seite des Kamins steht in einer alkovenartigen Nische ein noch unberührtes Bett mit einem nachlässig hingeworfenen Schlafrock darauf. Vor dem Bett ist ein Tischchen und darauf liegen neben dem Leuchter einige dem obigen ähnliche kleine Bücher. Geöffnet zeigen sie uns die Titel von berüchtigten französischen Romanen. Ja, es war eine wunderbare Zeit, eine kostbare Gesellschaft, die der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, bevor der Sturm der französischen Revolution auch in Deutschland die Köpfe erst aufrüttelte und dann nach und nach zurecht rückte! Drei Viertheile französische Liederlichkeit und ein Viertheil deutsche Sentimentalität, oder vielmehr nicht einmal das, da dies noch eine viel zu artige Bezeichnung des elendesten Zustandes ist. Es war eine Auflösung, eine Entnervung alles Gefühls, ein elendes Verschwimmen und Verflachen ohne Maß und Ziel. Und doch ist es so leicht erklärlich. Die Gesellschaft war durch die skeptische und cynische Literatur der Franzosen so in Grund und Boden verdorben, daß kaum noch ein Charakter existirte. Zumal fand dies in jenen Gegenden statt, wo die heilbringenden, erfrischenden und erstarkenden Wirkungen des siebenjährigen Kriegs weniger gefühlt worden waren, wo die lasterhaften Höfe der fränkischen Markgrafen, der üppigen Kirchenfürsten und unzähliger anderer großer Herren die sittliche Haltung nach und nach immer tiefer untergruben, wo eine gütige Natur eine leichte, sinnliche Lebensweise beförderte und gleichsam an die Hand gab. Was blieb ihnen anders übrig als Gefühlsverflachung und Mystik, die engverbundenen Sprößlinge erbärmlicher Abgestumpftheit? Oder man warf sich dem krassesten Nichtsglauben in die Arme, einer Aushülfe, die nicht weniger jammervoll war; oder man fröhnte einer Sinnlichkeit, deren lüsterne Raffinerie und Nacktheit man jetzt kaum zu glauben, nicht zu begreifen vermag. Oder endlich, man fühlte diesen elenden Zustand, suchte ihm zu entgehen und verfiel dann auf die wunderlichsten, lächerlichsten Mittel und Wege, verständig zu werden und rein zu bleiben, sich zu kräftigen und zu stärken; denn selbst die Verständigen hatten den Verstand verloren. Daher finden wir denn auch zu jener Zeit all die Auswüchse solcher Erbärmlichkeiten in voller Blüthe. Da sind Weißhaupt und Knigge, die Stifter der Illuminaten und die Repräsentanten jenes ganzen geheimnißvollen, kindischen Bündlerwesens. Da spaziert ein deutscher Fürst umher, weibisch und sinnlich, im Weiberrock und mit dem Homer in der Hand. Dort ist Lavater, der süßliche Schwärmer und träumerische Phantast; Mesmer, Betrogener oder Betrüger – wer mag es sagen? – mit dem furchtbaren Wust und der unglaublichen Faselei seiner Anhänger und Anbeter; Jung-Stilling, der weinerliche fromme Jammermann; Cagliostro, die letzte, aber auch glänzendste Blüthe jener unbegreiflichen Spuk- und Gespensterjägerei, die großartigste und zugleich lächerlichste, personificirte Düpirung des philosophischen Jahrhunderts. Dann die Schwärmer für die sentimentalen englischen Romane und für Ossians Nebelgestalten, oder der Hainbund mit der Tusneldo- und Hermannomanie, oder Heinse's, Thümmels und anderer ähnlicher Leute seltsame ausschweifende Schriften, oder – oder – es gibt da kein Ende! Wahrhaftig, das après nous le déluge war nicht für Frankreich allein gerufen! Ja, es war ein merkwürdiger Zustand, eine Katzenmusik, von den Mitspielern ihrer eigenen Vernunft dargebracht, ein Chaos, maßlos, betrübend, entsetzlich für die wenigen ihres Verstandes noch mächtigen Zuschauer, gerade wie für uns das kleine Thurmzimmer, in dem auch einmal ein ächter Repräsentant jener Zeit gelebt haben mag. Hier mag jubelnde Lust geherrscht haben und süßlicher Jammer, bacchantischer Taumel und gespensterbanges Entsetzen, gefühlvolle Zartheit und eiserne Härte, verschwimmende Weichlichkeit und lüsterne Raffinerie – das alles, das alles! Aber wer findet es jetzt heraus! Nun liegt's in wirrer, wüster Masse und der Staub der Vergangenheit hat sich dicht und still darüber gelegt, wie die grüne Decke liegt über dem unergründlichen Sumpf, und es weiß keiner was darunter ist. Dicht neben dem Bett ist eine Thüre, so geschickt im Täfelwerk angebracht, daß man sie nicht bemerken würde, wenn sie nicht bloß angelehnt wäre. Eine enge Treppe führt hinab und durch eine zweite Thür auf einen ganz dunkeln Raum des kreuzförmigen Flurs. Garten- und größere Jagdgeräthschaften sind hier noch bunt durcheinander aufgehäuft. Vom Mittelpunkt des Flurs führen zwei breite steinerne Treppen in's obere Geschoß, allein wir bleiben hier unten und treten in eine Thüre rechts, durchgehen die Küche mit ihrem blanken kupfernen Geschirr und bunten Tellern und Schüsseln, folgen den, auch hier auf dem mit rothen Backsteinen ausgelegten Fußhoden sichtbaren dunkeln Flecken bis in ein kleines Gemach, wo ein zerdrücktes Bett steht. Im offenen Schrank zeigen sich Reste von Frauenkleidern. Ein zweites Zimmerchen führt uns endlich in eine größere Stube nach vorn hinaus. Hier zeigt sich einfaches, gar nicht aristokratisches Mobiliar. An der Wand hängen einige schlechte Bilder in braunen Rahmen, die unausbleiblichen Helden Laudon, Seydlitz, der alte Fritz; eine verrostete Büchse, Hirschfänger, Pulverhörner, Jagdtaschen, Hetzpeitschen, ein Waldhorn. Auf dem Tisch neben dem braunen Kaffeegeschirr liegt ein angefangener, jetzt in Staub zerfallender Strumpf, die stählernen Stäbchen dabei im irregulären Viereck. Endlich in einem nahe dem Fenster stehenden Schrank erblickt man einige Gläser und Tassen und ein silbernes Becherchen, den Preis vielleicht eines Meisterschusses. Oben hinter dem ausgeschnitzten Rande stehen die Ueberbleibsel von ausgestopften Vögeln, und auf dem Brett über der Thür sind neben der Pudelmütze Bibel und Gesangbuch in schwarzen abgescheuerten Lederbänden. Nur die Menschen fehlen. Wir nehmen die Bibel herab und schlagen sie auf, denn auf den vorgebundenen weißen Blättern pflegte man sonst die Familienchronik zu schreiben. Da steht sie denn auch. Das ist ein altes ehrenfestes Jägergeschlecht, das hier gehaust schon vor dem dreißigjährigen Kriege. Allein wir überschlagen die ersten Blätter und bleiben bei den letzten Seiten stehen, wo es denn nun folgendermaßen lautet: »1744. Auf St. Bartholomäi starb mein Vater, Hans Christoph. Und hat mich der Herr Graf, so gerade dahier präsent war, alsogleich als Nachfolger desselben und als Oberförster in seinem Dienst bestätigt. Hans Conrad Ducker.« »1752. Auf St. Fabian hab' ich mein Weib heimgeführt, die Gertrude Marie Steinfurtin, des Bauern Steinfurt Tochter. War ich also auf besagten Tag 31 Jahre alt, und mein Weib, die Gertrude Marie, wird auf St. Brigitten neunzehn. Nun bin ich sehr froh. Gott woll' es alles zum Besten fügen. Amen.« »1753. Auf Petri Kettenfeier ward mir mein erster Junge geboren, soll Hans Christoph heißen. Gott lass ihn werden recht und schlicht.« – Dabei ein Kreuz und: »Ist gestorben auf sieben Brüder anno 1755.« »1755. Auf Mariä Verkündigung ist mein zweiter Sohn geboren. Dessen bin ich sehr froh. Gott gebe Gutes. Soll heißen Peter Michael nach meinem Bruder sel.« – Dabei ein Kreuz und: »Ist gestorben auf St. Walpurgis 1757. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Er sei gelobt.« »1755. Auf St. Huberti hab' ich einen rechten Meisterschuß gethan und den silbernen Becher gewonnen. Der Herr Graf hat mich belobt vor all den Herren.« »1756. Auf St. Annen ist mir ein Töchterlein geboren, Gottes Segen über sie! Soll heißen Gertrude Johanne.« »1756. Auf St. Egidien, starb mein Weib, die Gertrude Marie, an einem Schuß, so sie im Wald empfangen. Ich will ihr nicht fluchen. Gott wolle ihr und mir ein gnädiger Richter sein.« – »1771. Starb mein Herr, der alte Graf, auf St. Valentin. Folgt ihm der junge Herr Leonhard Joseph Franz.« Und das ist das Ganze! Das sind alle Spuren eines reichen, vielleicht wildbewegten Lebens. Lust und Qual, Freude und Kummer, christliche Fassung und dumpfer Zorn – alles das leuchtet hervor aus den vergelbten rauhen Zeilen, und nun ist's hin. Welche Freude des jungen Ehemanns, welch Glück des jungen Vaters! Wie zitterte diese Hand, wie bebte das Gemüth, als das Kreuz bei den Namen der theuren Kleinen gezeichnet wurde! Und dann jene dürftige, trockene Notiz über den Tod der Frau. Was heißt das? Ist da Mord gewesen? Was hat ihn herbeigeführt? Die wenigen Worte greifen tiefer an's Herz, zeigen ein entsetzliches Unheil drohender, schrecklicher als ganze Seiten eines leeren Geschwätzes, einer albernen Beschreibung. Wenn du sprechen könntest, altes Haus, wenn ihr reden könntet, ihr alten erblindeten Spiegel! Was habt ihr für Blicke gesehen, was für Reden vernommen! Und das letzte Unheil, welches ihr belauscht, das letzte, von dem keine Kunde zu uns gelangt ist? Was war es denn, was diese furchtbare Zerstörung bewirkte? Was hat diesen Boden beschmutzt, was hat die Bewohner hinweggenommen mitten aus ihrer Häuslichkeit, ohne andere Spuren, als die der Flucht und des Entsetzens? Wo bist du geblieben, alter, strenger, ehrenfester Vater? Wohin bist du Verschwunden, du hübsche Gertrude Johanne? Die kleinen Pantöffelchen harren vergeblich auf dein zierliches Füßchen, das nette grüne Mieder und die grüne, silbergestickte Kappe fressen die Würmer im Schrank. Die Spindel dort, regungslos in der Ecke, denkt an deine schlanken weichen Finger, und die Spiegel fragen traurig: wo bist du denn geblieben, du schmucke, kleine Hexe, daß wir nie mehr dein lustiges Auge funkeln sehen? Die Mauern aber lauschen düster und traurig der einsamen Stille. Da schallt kein Hundegebell, kein Hörnerklang, kein Büchsenknall, da klingt kein heiteres Gelächter einer goldenen Stimme, da flüstert kein trauliches Gespräch: alles ist still ringsum. Nur der Regen schlägt einmal an die Fenster, der Wind rauscht in den Zweigen und Kronen der alten Buchen und zieht suchend hin über die verödeten Räume; die Wetterfahne knarrt auf dem hohen Dach, und aus der Ferne schallt dumpf und eintönig des Kukuks melancholischer Todesruf. 2. »Gieße mir noch eine Tasse Kaffee ein, Gertrud. Nicht gar zu voll! – Woran denkst du wieder, Mädchen? Du solltest doch nachgerade meine Art kennen.« – »Ja ja, Vater! so wird's eben recht sein. Hier ist die Milch, hier der Zucker. Seht, Ihr scheltet einmal wieder um nichts.« – »Um nichts? Du machst es mir seit einiger Zeit zu bunt, Kind! Und das erinnert mich,« setzte er mit schier unheimlichem Lächeln hinzu, »daß es Zeit wird dich aus dem Hause zu schaffen.« »Mich aus dem Hause, Vater?« fragte sie, und erhob ihr großes braunes Auge verwundert von der Spindel, welche ihre fleißige Hand drehte; »bin ich Euch denn zur Last?« – »Mir, und ich meine noch mehr dir selbst, Gertrud. Es wird sich schon machen. Diesen Morgen hat Jemand bei mir um dich angehalten. Ah, werden wir roth, Jungfer? Nun, es ist auch ein schmucker, ehrenwerther Mann, sein eigener Herr, hat Haus und Hof und die Wirtschaft wohl im Stande, und die drei frischen Kinder –«. – »Ich kenn' ihn gut, Vater, und will ihn nicht,« unterbrach sie seine Worte, ihm offen und treu in die Augen sehend. – »Warum nichts Kind? Ein jedes Ding muß seinen Grund haben.« – »Eine zweite Frau wird nie was nütz, Vater. Sie hat ihres Mannes Herz nicht, denn der denkt an eine andere, die erste, und die Kinder sehen scheel auf sie.« – »Nicht so, Kind! Es ist der zweiten Frau Pflicht, die erste vergessen zu machen. Kann sie das nicht, ist's ihre Schuld, nur ihre! Also warum willst du ihn nicht?« – »Ich mag ihn nicht, Vater.« – »Unsinn! Das Mögen kommt von selbst. Ich glaube, du hast in die verfluchten Bücher hineingesehen. Ich rathe dir Gutes, Mädchen! Da ist Bibel und Gesangbuch, die gehören für dich.« »Vater, ich lasse nicht vom Wald, ich gehe nicht hinaus.« – »Nun, das lass' ich mir eher gefallen, das ist doch ein raisonnabler Grund. Ja, ja, der Wald ist viel gut; der Wald hält uns frisch und warm und ist ein guter Tröster. Du kannst es ja aber haben nach deinem Willen, bist umworben wie eine Prinzessin. Der Peter da hinter dem Berg möchte dich auch wohl; das ist ein treues Blut, versteht unsere edle Kunst, hat eine schmucke Försterei, der Graf ist ihm gut gesinnt, und somit kannst du einmal mit ihm hier im Hause wirthschaften. Er hat schon angeklopft. – Nun, Gertrud?« Das Mädchen fuhr wie aus Gedanken auf. »Ich will ihn nicht, Vater!« sagte sie hastig. – »Warum nicht, Kind? Und wenn ich dich ihm bereits zugesagt hätte?« – »Ich thät's doch nicht, Vater! Und wollt Ihr meinen Grund hören: – ich mag ihn nicht. Und damit genug! Ich habe Euern Kopf und thue was ich will. Bei Euch will ich bleiben und gehe nicht von Euch.« – »Dummes Zeug, Kind, dummes Zeug!« Der Alte stand auf, und die Hände auf den Rücken gelegt ging er durch's Zimmer: sie drehte ihre Spindel, draußen rauschte der Wind in den Bäumen und heulte im Ofen. Der Alte blieb plötzlich vor ihr stehen, und sie scharf in die Augen fassend, sagte er: »Der Graf kommt heut oder morgen, Gertrud.« Das Blut schoß ihr in die Wangen. »Ich weiß es,« versetzte sie. – »Woher?« fragte er, und seine Brauen zogen sich fester zusammen. – Sie schwieg. – »Woher?« fragte er nochmals lauter. – »Nun, mein Gott, Vater,« erwiderte sie, anscheinend unbefangen die Augen zu ihm aufschlagend, »er kommt ja immer zum Egidientag, und dann ist ja auch der Franz gekommen, der hat mir's gesagt.« – »Zum Egidientag kommt er, das ist wahr,« murmelte er vor sich hin und sing seinen Gang durch's Zimmer wieder an, – »zum Egidientag!« Er ging in tiefen Gedanken auf und ab. Die grauen, struppigen Haare seiner Brauen schatteten tief über die finstern Augen. »Ich habe das Bett bezogen und Feuer im Kamin gemacht,« fuhr das Mädchen fort, denn sie mochte ahnen, daß es nicht gut sei, jetzt gerade zu schweigen. »Der Arnold hat mir dabei geholfen, bevor er in die Buschhütte hinüber ging. Aber es geht so nicht länger und Ihr müßt ein Mädchen halten, Vater, denn für den Burschen paßt es nicht mehr; er kommt auch selten in's Haus, und ich allein kann das alles nicht in Ordnung halten. Ueberdies – wenn Ihr mich doch aus dem Hause haben wollt –« setzte sie mit einem leichten Anflug von Koketterie hinzu. Er blieb wieder vor ihr stehen. »Und woran dachtest du, Gertrud?« fragte er. – »Wann denn, Vater?« – »Nun, Thörin, als du vorhin den Kaffee eingossest!« – »O Vater,« und sie senkte das Gesicht tiefer, »ich will mir ein paar neue Strümpfe stricken und dachte an den bunten Rand und die Zwickel, denn es ist nicht leicht, die Farben gut zu wählen, und Roth und Grün mag ich nicht mehr.« Der Alte faßte sie unter dem Kinn und hob sacht ihren niedlichen Kopf empor. »Aber lügen magst du, aber lügen!« sagte er finster. »Schau mich an und sprich die Wahrheit. Woran dachtest du?« Des Mädchens Augen füllten sich mit Thränen, als sie sprach: »Aber Ihr seid hart, Vater. Was habt Ihr nur?« – »Woran du dachtest, will ich wissen.« – »Vater!« schluchzte sie und schlug die Hände vor's Gesicht., »Ihr quält mich! Es ist Egidientag heut, und vor neunzehn Jahren ist die Mutter gestorben, wie Ihr's in der Bibel aufgeschrieben habt. Und nun dacht' ich dran, was denn das gewesen, daß sie gestorben an einem Schuß, und daß Ihr kein Wort davon sprecht, und daß Ihr mir doch versprochen habt, davon zu erzählen.« – Ihre Rede erstarb, denn des Alten Auge lag so fest, so schwer, so glühend auf ihr wie ein Stück geschmolzen Blei. Schweigend trat er von ihr zur Wand, holte eine Mütze, Büchse und Tasche herab und kehrte dann zu ihr zurück. »Höre, Kind,« sagte er mit heiserer Stimme und nicht laut, faßte sie bei der Hand und zog sie empor zu sich, »höre, Kind, ich will dir glauben, was du da sagst, und es mag so gut sein. Lass' dich übrigens nicht gelüsten nach der Geschichte, denn sie ist weder für deine noch andere Ohren. Und es taugt nichts, etwas aufzurühren, das alt ist und vergangen; es liegt tief und das Gras wächst darüber; es könnte dies und das mit herauf kommen, was stachlicht wäre und dir Sehen und Hören vergehen ließe. Allein das will ich dir sagen: ich glaube du denkst seit einiger Zeit zu viel an – Jemand, der dir so fern stehen sollte wie die Sonne dem Mond, vor dem du laufen solltest wie der Hase vor der wilden Katze. Ich sage dir, Mädchen – er ist falsch, er ist schlau, der Fuchs! Und er würde dich so gewiß betrügen, wie morgen auf heut folgt. Hast du aber schon mehr als an ihn gedacht, dann erbarme Gott sich deiner! Dann –« fuhr er fort, noch immer gedampft, seine Hand preßte krampfhaft ihren Arm und seine Augen blitzten dämonisch,' »denn alsdann, Mädchen, wäre dir besser, du hattest einen Mühlstein um deinen Hals und lägest im Wasser, wo es am tiefsten ist! Dann Fluch über dich und mich! Ich –« Er wandte sich ab, ging, verließ das Haus, und seinem Hunde pfeifend, schritt er in den Wald. Gertrud stand fast bewußtlos, das Entsetzen hatte ihre Seele gelähmt. Das war so betäubend über sie hereingebrochen, daß sie keines Gedankens fähig war. Als sie endlich wieder zu sich selbst kam, brach sie in bittere Thränen aus. So hatte sie den düstern Vater nie gesehen, und – und – ihre Thränen flossen nur immer heißer. Der alte Förster schritt unterdessen weiter im Walde; von der Aufregung war ihm nichts mehr anzusehen, aber er gab keinen Laut von sich, sah und hörte nichts. Ein Rehbock setzte vorüber, er langte nicht nach der Büchse. Er ging immer weiter, bis er an einen kleinen offenen Raum kam. Die Stauden standen rings dicht und üppig, und durch die Zweige sah man die klaren Fluten eines Sees schimmern. Da hob er die Augen und sah sich still um, nickte mit dem Kopf vor sich hin, setzte sich langsam auf den moosigen Stumpf einer Eiche, stützte die Arme auf die Knie und legte das Kinn in die schwieligen Hände. So saß er regungslos; die Büchse lehnte an seiner Schulter, der Hund schob den Kopf zwischen die Ellenbogen des Herrn und starrte ihm mit den klugen Augen verwundert in's Gesicht. Ihn störte das nicht; er saß still und die Schatten des Abends und der Vorzeit zogen über sein eisernes, gebräuntes Gesicht. Die Vorzeit! Sie gleicht einem alten verzauberten Schloß, das steht regungslos und verschlossen, die gewaltigen dunkeln Thore sind längst zugeschlagen und man denkt und hofft, nie wieder sollen sie sich öffnen. Aber es schallt ein Wort, es klingt ein Ton, da schlagt die Zauberruthe gegen die mächtigen Pforten, da springen sie auf, da zeigt sich all der alte Spuk! Wie die Geister aus den salomonischen Flaschen, bricht er daraus hervor, nebelhaft, riesengroß, unheildrohend, und umtanzt den gequälten Geist mit dämonischem Reigen. Da siehst du all die alten Bilder und Phantasien, da hörst du all die alten Reden, da fühlst du all das vergangene und versenkte Elend, kämpfst nochmals den Kampf, fühlst wieder die Wunden. Aber wirst du auch von neuem siegen? Ist dein Muth noch derselbe, deine Kraft noch die gleiche? Hüte dich, hüte dich! Mit aller Geisteskraft fliehe den tollen Reigen! Denn wenn zu der Noth der Gegenwart auch noch die alten Leiden vergangener Tage kommen, da muß der Geist desto schwerer tragen und unterliegen. Da kann dir's ergehen wie den Schildbürgern, die zwei Rößlein hatten vor einem Wagen und luden Reisigbündel auf, und sie sagten: ei, ziehen sie das, so ziehen sie auch noch das, und legten eins über das andere hinauf, aber am Ende zogen's die Rößlein nimmermehr. Der Förster rang auch mit den Gespenstern der entschwundenen Zeiten. Der Abend war schon lange gekommen, das Dunkel lag überall und färbte mit gleicher Eintönigkeit Busch, Wald und See. Der Wind hatte sich, stärker erhoben und seine Fittige rauschten durch die alten Stämme, die Wolken drängten sich langsam und gewaltig über den ganzen Himmel. Da stand der Alte auf und machte sich eben so schweigsam, wie er gekommen, auf den Heimweg. Der Hund umtanzte ihn in lustigen Sprüngen. Der alte Förster war wohl in tiefem Sinnen und merkte nicht viel von der Außenwelt, und dennoch übte diese Außenwelt ihren tiefen, besänftigenden Einfluß auf ihn. Gehe Abends einmal durch den grünen Wald allein und einsam; traurig magst du werden und bleiben, aber zornig niemals. So gelangte er zu der Rückseite seines Hauses. Wie mechanisch erhob er die Augen und ließ sie, plötzlich zum Bewußtsein erwachend, mit einem finster drohenden Ausdruck auf dem erhellten Erker des Thurmes haften. – – Ja, da im kleinen Thurmzimmer – da leuchtete die Lampe und knisterte das Feuer; da stand ein junger feiner Mann und hielt ein weinendes Mädchen in seinen Armen, an seiner Brust, da klang seine zarte Summe so süß. »Bist du da, bist du wirklich da, meine herzige Kleine? Halt' ich dich endlich wieder in meinen Armen? Wie hab' ich mich nach dir gesehnt, meine zitternde Waldblume! Ach, wie öde ist die Welt, wie belebt der Wald! Bei dir, nur bei dir find' ich noch Treu' und Liebe! Die sind Pilgerinnen worden auf Erden und haben uns verlassen, um zurückzukehren zu ihren himmlischen Wohnungen. Und ich Suchender, Armer, ziehe ihnen nach, und da komm' ich zu dir in dein Himmelreich, du Gottesengel! Aber was hast du, meine muntere, schüchterne Hinde?« fuhr er fort und hob sanft ihren Kopf und sah in die thränenvollen Augen. »Was quält dich nur? Oder ist es die Freude, mich wieder zu sehen?« »Herr Graf, Herr Graf! es ist alles aus und zu End',« stammelte das weinende schöne Kind. – »Herr Graf, Herr Graf! Was kommt dich an, mein Mädchen?« ruft der Graf und bedeckt ihren widerstrebenden Mund mit Küssen. »Was soll denn der Stand zwischen uns, bei unsern schönen jungen heißen Herzen? Was kümmert es uns,« fährt er fort, und streckt pathetisch den Arm aus, indeß der andere Gertrud umschlungen hält, »was kümmert es uns, ob dein Vater ein Förster und deine Mutter eine Bäuerin, und mein Vater ein Graf und meine Mutter eine Comtesse ist und war? Du bist meine Gertrud und ich bin dein guter Leonhard. Ich liebe dich und du liebst mich, und keine Gewalt soll uns scheiden! Selbst der Tod hat keine Macht über uns. Denn in stillen Mitternächten treten wir dann vor einander hin und umschweben uns.« »O Leonhard, liebster, liebster Mann!« rief Gertrud und schlang ihre Arme wie verzweifelnd um seinen Hals, »ja, ich liebe dich! Ja, ich traue dir! Ja, ich lasse nie von dir, und du kannst mich nicht verrathen, was auch der Vater sagt!« – »Dein Vater, dein Vater?« fragte er nachlässig lächelnd: »was ist denn vorgefallen?« Und sie erzählte ihm, wie der Vater seit einiger Zeit so still und finster gewesen, wie sonst niemals, und was heut Nachmittag vorgefallen, wie es sie erschreckt habe und betrübt, daß kaum des Geliebten plötzliche Ankunft sie aufzurichten vermocht. »O Gott!« sprach sie und sah sich scheu um, »o Gott, Leonhard! Er ahnt unsere Liebe, nein, er weiß sie! Und nun laß mich eilig fort, denn wenn er plötzlich heimkehrte, mich unten nicht fände, hier uns überraschte – ach!« rief sie und schauerte entsetzt zusammen, »davor möge uns Gott behüten! Du kennst ihn gar nicht mehr. Gute Nacht, mein Liebster, Bester!« Aber er ließ sie nicht aus seinen Armen. »Bleibe nur, bleibe, meine süße, bange Taube! Was fürchtest du bei mir? Was kümmert uns dein grämlicher Vater? Laß ihn nur kommen! Dafür hab' ich gesorgt. Hast du nicht den schwarzen Hund gesehen, den ich mitgebracht? Der kennt den Alten nicht und wird ihn uns melden, und auch meine Knechte und Jäger werden ihn nicht still an den Ställen vorüber lassen. Geht die Thür dann auf, so springst du die Treppe hinab und gehst in die Küche. – Was, du wolltest fort? Jetzt? Was ist denn süßer, als so ein heimliches, eiliges Plaudern und Kosen? Denn wer kann es wissen, ob's nicht im nächsten Augenblick schon endet?« »O Gott, Leonhard! horch! Oeffnet die Thüre sich nicht?« – »Sei doch ruhig, kleine Thörin!« sagte er und schüttelte lachend das gepuderte Haupt. »Komm nur, komm! Laß uns niedersitzen, Gertrud! Du zitterst ja. Ruh' dich aus, erhole dich. – Aber du bist wahrhaftig kalt!« – »Kalt, kalt! – rief sie und umschlang seinen Nacken. »O Leonhard, hättest du den Vater gesehen! Ich ertrag's nimmermehr!« – »Aber es ist ja vorbei, Liebchen. Weiß Gott, was dem Alten durch den Kopf gefahren! Aber laß den nur gehen! Ich nehme dich mit mir hinaus in die Welt, da brauchst du dich nicht zu fürchten, da bin ich stets bei dir, ich, dein zärtlicher Freund. Da sollst du dich schmücken und dich freuen und dich bewundert sehen.« »Ach, Leonhard, das hast du nicht bedacht, was du sagst. Wie würden deine Leute mich behandeln, wenn ich deine Frau wäre! Und deine Mutter, die Frau Comtesse – «. – »Hm, ja! So weit dachte ich einstweilen noch nicht. Die Hochzeit ist zwar ein Ziel, aber ein fernes. Das geht nicht so schnell! Ich dachte nur, wenn wir so stets beisammen wären. O du glaubst es nicht, wie ich mich nach dir gesehnt habe, meine wilde Rose! Wenn ich so' allein saß Abends und der Mond kam herauf, über den Fluß, und goß sein zartes Dämmerlicht über die Fluren, da dachte ich: nun sitzt auch sie und denkt an mich! Und ich sah den Stern, den wir uns zum Sinnbild gewählt und auf dem dann auch dein Auge ruhte. O wenn ich sie sähe, dachte ich, wenn ihr Geist mir erschiene! Und siehe, aus den Fluten tauchtest du empor, eine dämmernde Gestalt, das liebe Gesicht, deine süßen schönen Augen; duftig umhüllte dich der Mondschein. Da breitete ich sehnend meine Arme aus, da schloß ich das Phantom an die Brust – es war nichts! Meine Küsse trafen das Nichts, und dennoch, glaube ich, hast du sie gefühlt, denn wo die Seelen –« Blitz und Knall – das Fenster klirrt. »Jesus!« stöhnt Gertrud. Mit einem Schrei fährt der Graf empor. Der Tisch stürzt um, die Lampe liegt zerschmettert, das Geschwätz ist aus, alles ist totenstill. – Geraume Zeit vergeht, bis sich die Thür öffnet und der alte Förster hereintritt, in der einen Hand eine Lampe, in der andern die Büchse. Da wacht der Graf auf aus seiner Erstarrung, da stürzt er zum Sopha und umschlingt den leblosen Körper, der zusammengeknickt in der Ecke liegt. »Ducker! Ducker!« schreit er, hier ist Mord! Eure Gertrud ist erschossen! Ist sie todt? O es ist nicht möglich, nicht möglich!« »Ja, ja, gräfliche Gnaden, die ist todt und rührt kein Glied mehr!« sagt der Jäger kalt. »Der Schuß war gut gezielt und sitzt mitten im Herzen.« – Der Graf fährt empor und starrt ihn an. »Es ist Eure Gertrud, Vater – meine Gertrud!« – »Eure? Gräfliche Gnaden, ich dächte nur meine.« – »Gott, Gott, er ist wahnsinnig geworden!« ruft der Graf und stürzt wieder zu dem Körper des armen Kindes. »O Gertrud, Gertrud! Woher kann der Schuß gekommen sein? O, Rache, tausendmal Rache über den Mörder!« »Wie der Schuß gekommen? Das kann ich zeigen, Herr Graf,« sagte der Alte und zog den fast Sinnlosen zum Fenster. »Seht Ihr dort die Tanne? Dort in den Zweigen saß ein Mann, denn er fürchtete Unheil, und er sah's, und er hatte die Büchse –.« – »Wahnsinniger!« schrie Leonhard und faßte mit krampfhafter Gewalt des Alten Arm, »bist du denn selbst der Mörder deiner eigenen Tochter!« »Gräfliche Gnaden, laßt mich los!« sprach der Jäger und schüttelte ihn von sich, als wär's ein Kind. »Ich habe hier noch Pulver auf meiner zweiten Pfanne und eine gute Kugel im Lauf. Bleibt von mir, Herr, und ich will Euch eine alte Geschichte erzählen. – Es war einmal ein Jäger, der liebte eine Gräfin, aber ganz heimlich und ohne daß sie's wußte, und er hielt sich alles vor, was dawider sei im, Himmel und auf Erden, und das Herz that ihm weh. Doch endete alles gut, und kein Mensch hat's erfahren. Aber es war auch einmal ein Graf, der liebte eine Försterin, und das ward nicht gut; und als der Förster es erfuhr, da nahm er, was sein war. Und der Graf hatte einen Sohn, und der Förster eine Tochter. Der Alte hat ihr genug vorgepredigt von Rang und Stand und Ordnung und Leichtgläubigkeit und Betrug. Allein sie liebte ihn doch, und er that auch so, als ob er sie gleichfalls liebe. Und da nahm ich das Meine! Denn, mein Herr Graf, ich will keine lebendige Schande haben in meiner Familie: für die todte hat der Herrgott zu sorgen. Und ich denke, was des Kaisers ist, soll dem Kaiser werden, und was mein ist, soll mein bleiben. Und,« fügte er hinzu und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, daß die Fenster klirrten, und seine Stirn war voll finstern Drohens, »Ihr seid groß, Herr Graf, und ich bin klein, Ihr habt viel, aber nicht alles. Und was mein ist, das wird nicht Euer, es stirbt lieber!« Der Graf stand erstarrt. Endlich raffte er sich auf. »Elender Meuchelmörder!« rief er, »sie war mein, mein, mein! Zu meinem Weibe wollte ich sie machen!« – »Die?« sagte der Alte, deutete auf die Todte und lachte grell auf. »Die? Wißt Ihr was, Herr Graf?« Und er packte den Herrn an der Schulter und flüsterte ihm etwas in's Ohr. Was es gewesen, weiß niemand; aber der Graf fuhr leichenblaß zurück und starrte wie wahnsinnig in das furchtbare Auge des Alten. Dann warf er noch einen Blick um sich, stürzte fort, rief seinen Dienern, zäumte mit ihnen die Pferde und sprengte davon. Er ist nie wieder zurückgekehrt auf das einsame Jägerhaus. Nachher ist er ins Land gezogen und verschollen. Seine Mutter aber, die alte Gräfin, als sie aus des bleichen Sohnes Mund das Entsetzlichste vernommen, sprach mit todtengleicher Starrheit: »Verflucht wer das Haus betritt, verflucht wer in den Wald geht und ihn anrührt! Laßt ihn vergehen und verfaulen!« – Und darauf ist sie gestorben. – Als es im Hause still geworden, nahm der Alte den leblosen Körper seines Kindes, trug ihn hinab und legte ihn auf das Bett. Dann ging er in den Garten und bereitete ein Grab, senkte die Leiche hinein und schaufelte die Erde darüber, alles schweigend. Darauf kehrte er in's Haus zurück und verschloß Fenster und Thüren. Er nahm Büchse und Tasche und verließ das Haus, schloß die Hausthür und warf den Schlüssel in's Holz. Dann ging er in den Busch. Mit dem Peter hinter dem Berg hat er noch gesprochen; weiter hat niemand ihn gesehen oder von ihm gehört. Einige Tage lang vernahm man noch das immer schwacher werdende Geheul eines Hundes, dann ward alles still. Der Wald wuchs empor und zum Jägerhaus kam keiner. Jetzt ist's vergessen.