Gustaf af Geijerstam Frauenmacht Einleitung Erstes Kapitel In den großen Städten gehen die Menschen fremd aneinander vorüber, und nur der Neuangekommene hat ein gewisses Interesse für alles und für alle, denen er begegnet. Wir interessieren uns nur für die Menschen, die wir kennen, und wenn wir draußen auf dem Lande sind, kommt es uns lächerlich vor, daß jeder, dem wir begegnen, uns mit einem guten Tag oder guten Abend begrüßt. Der Brauch und vielleicht die Notwendigkeit haben es dahin gebracht, daß wir davor zurückscheuen, uns einem anderen Menschen zu nähern, und deshalb hat man gewisse Formen erfunden, ohne deren Beobachtung jede Annäherung unerlaubt ist. Zwischen denen, die nicht der Zufall zusammenführt, haben wir so hohe Schranken errichtet, daß sie fast unübersteiglich erscheinen. Und deshalb kann die Vereinsamung gewisser einzelner in der Großstadt stärker und empfindlicher werden als in der tiefsten Einöde. Unter solchen Verhältnissen geschieht es zuweilen, daß wir auf unserm Wege einen Fremden entdecken, dessen Wesen uns ahnen läßt, daß wir in ihm einem der wenigen begegnet sind, an denen man nicht vorbeigehen möchte, einem von denen, die man zu Freunden haben möchte, weil ihre Freundschaft dem Dasein größeren Wert verleihen würde – wenn es einem nur gelänge, über die unsichtbare Mauer hinwegzukommen, die niemand errichtet hat, die aber alle respektieren. Diese unsichtbare Mauer aber ist da, und trotzdem sie doch allein aus äußeren Rücksichten aufgeführt wurde, kann man über sie nicht wegkommen, weil man fürchtet, bei einem Versuche dem kalten und fremden Blick zu begegnen, mit dem die Menschen sich einander fernzuhalten wissen in dem allgemeinen, stummen Kampfe, den die Großstadt mit ihren künstlichen Verhältnissen geschaffen hat. Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ein Mensch flüchtig wie ein Schatten im Zwielicht an mir vorbeigeglitten, daß mich eine plötzliche Sehnsucht überkam, ihn festhalten zu können, und mich die blitzschnelle Empfindung durchzuckte, die mir ankündigte: hier in deiner Nähe, ohne daß du ihn erreichen kannst, befindet sich ein Mensch, der einsam ist, nicht wie du, aber in ähnlicher Weise. Wie oft hat nicht eine solche Begegnung, die man zufällig nennt, in mir eine kindliche Hoffnung erweckt, daß der Eindruck, den ich empfangen, uns beiden gemeinsam gewesen, daß der Unbekannte, der an mir vorüberging, sich mir nähern würde, weil ich nicht gewagt hatte, mich ihm zu nähern! Stets trug ich mich, wenigstens für den Augenblick, mit der Illusion, daß sich daraus etwas bisher Unbekanntes entwickeln würde, und war der Augenblick vorüber, so folgte dieser Illusion eine neue, die mit Schmerzen vermischt war, weil sie von einem unbekannten Verlust redete. Oft habe ich meine eigene Überspanntheit verlacht und sie töricht genannt! Und doch – ich habe mich nie ganz von dem Gedanken freimachen können, daß in dieser Empfindsamkeit oder in diesem übertrieben wachen Instinkt vielleicht eine Wirklichkeit verborgen liegt, die ein besseres Schicksal verdiente, als der Lächerlichkeit zum Opfer zu fallen. Dann und wann ist es mir auch passiert, daß solch ein plötzliches Gefühl offenbar mehr gewesen ist als ein flüchtiger Einfall, der nur von zufälliger Nervosität oder vielleicht von unbefriedigter Sehnsucht nach Sympathie hervorgerufen war. Und jedesmal, wenn etwas Ähnliches eintraf, hat die Erinnerung an dieses Erlebnis den Glauben in mir bestärkt, daß wir Menschen noch auf andere Weise die Fähigkeit besitzen müssen, uns miteinander zu verständigen, als mit den äußeren Sinnen wahrnehmbar ist. Es ist sogar nicht unmöglich, daß diese Art von Mitteilung häufig die stärkste und entscheidende ist. Diese Gedanken drängen sich mir auf, wenn ich mich des Abends entsinne, an dem ich zum ersten Male auf einen Mann aufmerksam wurde, von dem diese Erzählung berichten wird. Viele Jahre sind seitdem verflossen. Ich war vor kurzem in Stockholm angekommen, und die Hauptstadt mit ihren Verhältnissen war mir neu. Ich war allein in ein Café eingetreten, wo ich nun saß und das Leben um mich her betrachtete. Die Zeitungen hatte ich gelesen oder durchgeblättert, ohne sie zu lesen, und wie ich da so einsam saß, wurde ich des Herumschauens müde und versank in Träumereien. Zuletzt kam mir der Lärm in dem großen Raum, der sich langsam mit Leuten anfüllte, wodurch das Gesumme ohrenbetäubend wurde, fast nicht mehr zum Bewußtsein, ich wurde aber aus meinen Träumen geweckt durch das Gefühl, daß jemand im Café mich längere Zeit betrachtet haben müsse. Ich blickte auf, konnte aber zuerst nichts entdecken. Überzeugt, daß ich das Opfer einer Einbildung gewesen, zündete ich eine Zigarette an und ergriff eine neue Zeitung mit der Absicht etwas zu lesen, wobei sich meine Gedanken ausruhen könnten. Da bemächtigte sich meiner zum zweiten Male dasselbe Gefühl, und indem ich wiederum emporblickte, fielen meine Augen auf einen älteren Mann, der allein saß, wie ich. Ich weiß nicht, woher mir die Gewißheit kam, daß es gerade dieser Mann gewesen war, der mich betrachtet hatte. Als ich ihn gewahrte, saß er nämlich über den Tisch gebeugt, und sein Gesicht hatte einen Ausdruck, als habe er über etwas nachgegrübelt, ohne meine Nähe zu ahnen. Nichtsdestoweniger war meine Aufmerksamkeit geweckt, denn allerdings lag in der Erscheinung des Fremden ein gewisses Etwas, das es schwer machte, seine Gegenwart zu übersehen, hatte man einmal seine Person ins Auge gefaßt. Er schien zwischen fünfzig und sechzig zu sein, und wenn er auch eher nachlässig als elegant gekleidet war, so verriet doch schon sein Äußeres den feinen Herrn, bei dem ein gewisses Selbstbewußtsein mitunter die Ursache ist, daß er das Allzukorrekte scheut. Er hatte ein scharf markiertes Profil und eine fein gebildete Stirn, die Hände waren schmal und wohlgepflegt, und die Sorglosigkeit, mit der er mitten in dieser Umgebung sich seinen Gedanken zu überlassen schien, deutete auf eine ruhige Gleichgültigkeit dem Urteile unbekannter Personen gegenüber. Ich saß gerade und überlegte, welchen Platz im Leben ich diesem Manne wohl zuerteilen sollte, als ich ganz unvorbereitet seinen Blicken begegnete. Sie trafen mich mit einem Ausdruck, der auf mich wirkte wie eine Bekräftigung meiner früheren Ahnung, im nächsten Augenblick glitten sie von mir ab, als schämten sie sich, zuviel gesagt zu haben. Der Wunsch, den ich gehegt hatte, aller Konvenienz zum Trotz direkt auf ihn loszugehen, um ihn unter Gott weiß welchem Vorwande anzureden, war wie mit einem Schlage abgeschnitten. Aber seinen Blick sah ich noch. Er war schillernd und tief, als ob ihn gerade in diesem Augenblick etwas beschäftigt hätte, was dem Innersten und Unerreichbarsten seiner mir fremden Persönlichkeit, seines mir fremden Schicksals angehörte, die Augen selbst waren schön, melancholisch und träumerisch, ein wenig müde, wie von zuviel Resignation. Es lag etwas unaussprechlich Stolzes in der Art und Weise, wie dieser Blick sich hastig verschleierte und in sich selbst zurückzog. Der Mund, der etwas von der Weichheit und dem Humor des Künstlers hatte, bekam, wenn er sich schloß, einen Zug von Energie, der in seltsamem Gegensatz stand zu dem Müden und Zusammengesunkenen, das vor kurzem noch über der ganzen Gestalt des Fremden gelegen hatte. Nach einer kleinen Weile erhob er sich und schritt hinaus. Er ging elastisch und kräftig wie ein junger Mann, obgleich seine Schritte langsam waren, als gäben sie einer gewissen Würde Ausdruck; den Kopf trug er gerade, ein wenig zurückgebogen. Darauf verschwand er draußen in der Eingangstür, und ich blieb allein mit dem Wunsch, ihn wieder zurückrufen zu können. Als ich nach Hause ging, begegnete ich ihm nochmals; die Hände in den Rocktaschen, ging er langsam das Trottoir entlang, das nach Humlegarden hinausführt. Es war sternenklar und kalt draußen, und als ich um meine Ecke bog, um heim zu gehen, sah ich ihn auf dem Trottoir stillstehen und nach dem Sternenhimmel hinaufschauen, der weißblau in der Winternacht funkelte. Zweites Kapitel Einige Wochen später war ich zu einem kleinen Souper beim Bankdirektor Bohrn geladen, zu dem die Gastgeber einige von den bekannten Schriftstellern und Künstlern der Hauptstadt um sich versammelt hatten, und in diesem Kreis sah ich zum ersten Male meinen Unbekannten vom Café wieder. Er wurde mir als Doktor Hugo Brenner vorgestellt, und im selben Augenblick, als ich seinen Namen hörte, wunderte ich mich darüber, daß ich ihn nicht gleich wiedererkannt hatte. Ohne ihn persönlich zu kennen, hatte ich ihn nämlich früher mehr als einmal gesehen, und ich erinnerte mich, daß ich seinen Namen in Verbindung mit irgendeiner eigentümlichen Geschichte gehört hatte, deren nähere Umstände mir aus dem Gedächtnis entschwunden waren. Hatte er sich verjüngt? War er älter geworden? Oder hatte, was er durchlebt, sein Äußeres verändert? Ich konnte dies nicht entscheiden, aber ich wußte nun, daß mir seine Tätigkeit, die in der literarischen Welt große Achtung genoß, wohl vertraut war. Er mochte anfangs für seine Zukunft größere Pläne gehegt haben, das konnte man merken, wenn er dann und wann etwas schrieb. In längeren Zwischenräumen las man seine Signatur in irgendeiner Zeitschrift oder einer der größeren Zeitungen, und dann gehörten seine Artikel stets zu denen, an die man sich erinnerte, auf deren Worte man Gewicht legte. Gleichzeitig aber besaßen sie jene eigentümliche Art von Zurückgezogenheit, welche bewirkt, daß man gleichsam vergißt, sich später mit dem Verfasser zu beschäftigen. Was den Namen Hugo Brenner bekannt gemacht und ihm seine Stellung verschafft hatte, war seine Tätigkeit bei der Redaktion eines jener größeren Sammelwerke, die schon damals modern geworden waren und die dem Verleger gute Einkünfte, dem Herausgeber aber meistens nur einen kargen Lebensunterhalt verschaffen. Auf diesem Gebiete hatte sein Name, sowohl für die Allgemeinheit wie für die Presse, die Solidität des Unternehmens verbürgt. Durch diese Art von Tätigkeit war es ihm möglich gewesen, so zu leben, wie er es tat, das heißt, sich so weit einzuschränken, daß er an der starken Entwicklung, welche die letzten Jahrzehnte unseres Geisteslebens auszeichnete, teilnehmen und zugleich seiner Vorliebe für ein ungestörtes Einsiedlerleben folgen konnte. Denn dieses tat Hugo Brenner in seiner konsequenten Weise wie wenig andere; und das war in der Hauptsache alles, was die meisten von ihm zu berichten wußten. Es war daher eine Überraschung für alle, die an jenem Abend seine Anwesenheit bemerkten, Hugo Brenner bei einem Souper zu begegnen. Die Gesellschaft, in der ich ihn jetzt traf, bestand nämlich zum größten Teil aus intimen Freunden oder näheren Bekannten. Sie waren es gewohnt, sich in diesem gastfreien Hause zu treffen, wo der Ton ebenso frei wie gut war und wo alle das warme Heimatgefühl hatten, daß ihre Gedanken und ihr Streben dort in ebenso hohem Maße eine Zufluchtsstätte fanden wie ihre Person. Das Zusammensein bekam auch allmählich die eigentümlich starke Stimmung, die wie Ruhe auf Unruhe, Schweigen auf Lärm wirkt, und wie volles Vertrauen auf die beständige Wachsamkeit, an die sich alle gewöhnen, die oft mit Fremden in Berührung kommen. Und doch konnte man in dieser Gesellschaft, die aus Freunden, und wie es schien, obendrein zumeist aus Gesinnungsgenossen bestand, gleichzeitig eine Disharmonie, einen inneren Zwiespalt beobachten oder besser fühlen, der nur verdeckt oder niedergehalten wurde durch den zufälligen Umstand, daß niemand die allgemeine Stimmung stören wollte. Die Anwesenden waren zu sehr Schönheitsmenschen, als daß sie ein Zusammensein hätten stören können, aber es gab mehr als ein ironisches Lächeln, das sich hinter einem plötzlich veränderten Tonfall versteckte, manchen hastigen Blick, der anderen galt, aber nur von dem aufgefangen wurde, für den er bestimmt war, manchen verborgenen Sarkasmus, der den Schein des aufrichtigen Enthusiasmus annahm. Es lag etwas in der Luft wie eine Konkurrenz von gegeneinander kämpfenden Willen, wo jeder das Seine sucht und wenige an die Sache denken, ein mißtrauisches Aufpassen, das der Geübte herausfühlen konnte und das hinter der augenblicklichen, friedlichen Stimmung lauerte, deren alle bedurften und die festzuhalten sich daher alle bestrebten. Es waren aber wenige in der Gesellschaft, die dieses merkten. Denn die Gewohnheit des Kampfes aller gegen alle hat bis zu dem Grade das Verlangen der meisten nach voller Harmonie abgestumpft, daß sie die Dissonanzen erst fühlen, wenn sie zufälligerweise zu lautem Ausdruck kommen. Ich konnte die ganze Zeit hindurch merken, daß Hugo Brenner zu den wenigen gehörte, welche verstehen, und daß er nicht in der Illusion lebte, daß Menschen, welche ihr Leben idealen Interessen gewidmet haben, ausschließlich davon erfüllt sind. Er schien in seinen eigenen Gedanken versunken und würdigte das, was um ihn her vorging, keiner größeren Aufmerksamkeit. Aber unaufhörlich ging es wie Wolken über sein Gesicht. Es war, als spiegele sich seine Seele nicht allein im Mienenspiel, sondern rede aus den Muskeln, ja selbst aus der Haut des Gesichtes. Kein Wort ging ihm verloren, und hinter den Worten las er die wirklichen Gedanken. Ich beobachtete, daß seine Aufmerksamkeit dabei doch geteilt war. Wenn er zuweilen aufsah, suchte sein Blick stets unseren Wirt oder unsere Wirtin, und ich bekam den Eindruck, daß zwischen diesen dreien eine Intimität herrsche, die viel tiefer sein mußte, als es gewöhnlich bei einem Freundschaftsverhältnis der Fall ist. Als wir vom Souper aufstanden, fragte ich einen meiner Freunde darüber aus. »Weißt du denn nicht?« antwortete der Gefragte mit einem Lächeln. »Brenner geht täglich hier aus und ein. Nur wenn Besuch hier ist, pflegt er sich fernzuhalten.« Ich kam nicht weiter mit meiner Frage, denn die Frau des Hauses näherte sich uns. Und ich folgte den anderen in die Gesellschaftsräume. Als wir dort Platz nahmen, gewahrte ich indessen einen Blick, der zwischen Brenner und Frau Bohrn gewechselt wurde, und ich dachte plötzlich, welch innerliches Verständnis doch zwischen diesen beiden existieren mußte, ohne daß es mir jedoch nur einen Augenblick einfiel, dies mit der alltäglichen Geschichte von der Liebe eines Mannes zu einer verheirateten Frau in Verbindung zu bringen. Zufälligerweise sah ich gleichzeitig den Wirt des Hauses an. Er lächelte, und sein Blick ruhte auf der Gattin und dem Freunde, welche ruhig widerlächelten, während sie sich dicht nebeneinander hinsetzten. Dieses ganze stumme Spiel läßt sich schwer beschreiben, und keiner aus der übrigen Gesellschaft beachtete es. Mir aber machte es den Eindruck, als stände ich an einer heiligen Stätte, ich ahnte, daß zwischen diesen dreien ein großes gemeinsames Geheimnis bestand, das sie in Leid und Freude miteinander verband und das niemand in der Welt außer den dreien, die es anging, je kennen lernen würde. Dieses Gefühl war mir um so seltsamer, als nach allem, was ich von der Ehe der beiden Gatten gehört hatte, eine Liebesverbindung von seiten der Frau zum mindesten höchst erklärlich gewesen wäre. Die eheliche Untreue des Bankdirektors stand nämlich außer allem Zweifel, und seine Verbindungen außerhalb der Ehe waren häufig genug das Lieblingsthema bei den Klatschzusammenkünften, die in den Cafés unter den Männern ebenso gut gedeihen wie unter den wegen dieser Unsitte so berüchtigten Frauen. Diese Schwäche des Bankdirektors war so bekannt, daß sie, wie man erzählte, mehr als einmal störend in seine Geschäftsverbindungen eingegriffen hatte; aber eins wußte man sich nicht zu erklären: kannte Frau Bohrn diese schwache Seite im Charakter ihres Mannes, oder kannte sie sie nicht? Im ersteren Fall, so behaupteten ihre besten Freundinnen, verstand sie ihre Karten gut zu spielen. Denn der Welt gegenüber zeigte sie ihrem Manne eine Hingebung, die rührend gewesen wäre, wenn man sie für echt hätte halten können. Dies war die Ansicht der Freundinnen, soweit sie nicht der modernen Schule angehörten, welche die Indignation zu einer Pflicht macht. Was mich selbst betraf, so hatte ich zu jener Zeit eben einen Anfall der Indignationskrankheit, und ich zog deshalb die Erklärung vor, daß Frau Bohrn, so wunderlich es auch schien, doch wahrscheinlich über alle die Seitensprünge ihres Mannes im unklaren war. Ich tat dieses um so lieber, als ich die offene, gewinnende Persönlichkeit der begabten Frau aufrichtig bewunderte, und ich hätte es als einen Flecken an ihr betrachtet, hätte ich glauben können, daß sie alles wußte und doch schwieg. Ich war damals zu jung, um zu verstehen, daß dies eine Art von Seelengröße bedeuten könnte, wie ich denn auch dem Bankdirektor gegenüber stets ein wunderlich gemischtes Gefühl von Sympathie und Verachtung empfand. Daher war es auch um so eigentümlicher, daß die Entdeckung dieser ganz besonderen Intimität zwischen dem Freunde des Hauses und den beiden Ehegatten bei mir keinerlei Verdacht erweckte, der etwa in Verbindung stand mit dem, was die ganze Welt von dem Eheleben der beiden wußte. Es war, als sei die Luft um sie herum zu rein, als daß die Samenkörner der Ansteckung darin hätten gedeihen können. Dieses Gefühl blieb während des Gesprächs, das nach dem Souper begann, und ich war so beschäftigt mit Hugo Brenner, mit dem ich übrigens an dem ganzen Abend kein Wort wechselte, daß ich von dieser Unterredung nur noch weiß, daß sie sich um den Dilettantismus in der Kunst drehte. Sonst erinnere ich mich nur, daß lebhaft und mit einem gewissen Fanatismus gesprochen wurde, da ja natürlich der Dilettantismus der ärgste Feind der Anwesenden war. Weiß ich aber auch nicht mehr, was gesagt wurde, so habe ich statt dessen um so lebhafter die ganze Szene vor Augen. Zwei Lampen standen auf bronzenem Gestell, jede in einer Ecke des großen Zimmers mit seinen roten Smyrnateppichen, niedrigen Möbeln und gedämpften Farben, und warfen einen grellen Schein über die lebhaften, eifrigen Gesichter, die aus dem Halbdunkel der tiefen Fauteuils und Sofas hervorleuchteten, sich gegeneinander vorbeugend, als suchten sie in den Gesichtszügen verborgene Gegner. Der Zigarettenrauch zog in leichten Wolken zum Kronleuchter empor, und neben mir sah ich deutlich Frau Bohrns immer noch jugendliches Gesicht, das den wechselnden Äußerungen mit einem Interesse folgte, das alles ernst nimmt. Niemand konnte ihr ansehen, daß sie bereits ihr fünfzigstes Jahr zurückgelegt hatte. Schlank und hoch saß sie dort neben mir, und die feinen Runzeln im Gesicht waren wie ausgelöscht im Halbdunkel des Lampenscheins, während die Augen jugendlich leuchteten unter dem welligen Haar, das stark mit grauen Fäden untermischt war. In dieser Beleuchtung aber konnte ich das Grau nicht sehen. Und zum ersten Male fiel es mir auf, wie jung das ganze Wesen dieser Frau eigentlich war. Ich war damals erst sechsundzwanzig, und in dem Alter wird es einem bekanntlich schwer, eine Fünfzigerin jung zu finden. Ohne selber einzugreifen, ohne etwas für sich zu fordern, lebte sie mit allen, welche im Dienst des Wortes oder der Kunst tätig waren, als ob ihr Mißgeschick und ihre Siege auch die ihrigen wären. Was in ihrer Nähe keimte, liebte sie mit ganzer Seele, und gewann sie Zuneigung, so beanspruchte sie darum doch niemals das Recht, herrschen zu wollen. Und trotzdem gehörte sie nicht zu den Frauen, von denen man mit einem bezeichnenden Wort zu sagen pflegt, daß sie sich geltend machen. Sie war in sich gekehrt und impulsiv, offen und doch reserviert, weich und doch stark. Vielleicht kam die Zauberkraft in ihrem Wesen daher, daß sie alle verstand, sich aber wenigen hingab. Alles das wurde mir klar, während ich in ihrer Nähe saß und die Wellen des Gesprächs um uns steigen und fallen hörte. Da sah ich, wie sie plötzlich unruhig wurde. Oder besser – ich sah es nicht, ich empfand es um mich her wie Elektrizität, und instinktiv richtete ich meinen Blick auf den Platz, wo Hugo Brenner sich befand. Er saß auf der anderen Seite des Zimmers, und trotzdem hatte ich das Gefühl, als hätte ich ihn die ganze Zeit in nächster Nähe gehabt. Den ganzen Abend hatte er schweigsam dagesessen, aber dieses Schweigen wirkte durchaus nicht störend oder drückend. Im Gegenteil schien er es zu genießen, dem Gespräch zu folgen, jedes Wort aufzufangen, und sein ausdrucksvolles Gesicht spiegelte augenscheinlich jeden Eindruck wider, den er empfing. Es war keine ruhige oder gedämpfte Natur, die aus diesen Zügen sprach. Es war auch nicht Sympathie allein, was sie in diesem Augenblick widerspiegelten. Eher schienen sie ein gewisses zitterndes Unbehagen auszudrücken, als vermisse er etwas von dem Innigen, Zarten, Echten, das er gerade in diesem Kreis zu finden wünschte, und als kämpfe er mit sich, ob er sprechen oder schweigen solle. Dies alles sah Frau Bohrn, und mit jeder Minute wurde sie unruhiger. Es war, als hätte sie seine Gedanken im Innern gehört, als würde sie davon angefeuert. Selten habe ich in Frauenaugen einen so leuchtenden, lebhaften und wechselnden Ausdruck gesehen, und niemals habe ich gefunden, daß ein Mann es so vollkommen verdiente, ihren Glanz entzündet zu haben. Brenner war sich der Tatsache bewußt. Denn er lächelte still und in sich gekehrt, wie über eine große heimliche Freude, und als er schließlich emporsah und zu sprechen anfing, zitterte seine Stimme, sicherlich nicht nur aus Nervosität, sondern in dem Bewußtsein, daß unter den Anwesenden sich eine befand, die seine Gedanken kannte, ehe sie ausgesprochen waren. Aber vom Ernst seiner Gefühle wurde sein Antlitz weich, und als er zu sprechen anfing, klang seine Stimme rauh, als treibe ihn der Zorn vorwärts. Auch drangen seine Worte abgerissen und trocken hervor, kurze Sätze bildend, in denen die Gedanken sich zu drängen schienen, um Platz zu finden. Nicht ein einziges Mal sah er die Gesellschaft an, während er sprach. Sein Blick starrte in die Weite, als hätte er aus seinem eigenen Innersten geredet und nicht gewußt, daß jemand seinen Worten lauschte. Sein ganzes Äußeres bekam etwas von jener verschlossenen Grübelei, die mich schon das erstemal, als ich ihn im Café sah, gefesselt hatte. Seine Stimme aber vibrierte leise, wie wenn eine zurückgehaltene Bewegung alle zum Zuhören zwingt; als er sich warm gesprochen hatte, wurde er fast beredt, und ich sah, wie Frau Bohrn einen Augenblick vor Stolz errötete. Er entwickelte eine Art von sachlicher Beredsamkeit, über welcher man die Form fast vergaß. Auch war es gerade die Vergötterung der Form, gegen welche er sprach. »Es sind heute abend Dinge gesagt worden,« so begann er, »die ich nicht im einzelnen widerlegen kann. Aber ist die Aufgabe der Kunst, ihrem innersten Wesen nach, wirklich nur die, Bücher und Gemälde hervorzubringen? Dann ist es heutzutage gut um die Kunst bestellt. Aber ist es nicht vielmehr das Wesen der Kunst, Leben zu schaffen? Die Kunst, meine ich, müßten wir mit der Laterne suchen. Der Zweck des Lebens – ich meine, was wir sehen und was uns am nächsten angeht – ist doch wohl der, wirkliche Menschen zu bilden. Hilft uns die Kunst nicht dazu, dann ist sie wenig mehr als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Losgelöst vom Menschen ist das Gedicht nur ein gut beschriebenes Papier, das Gemälde ein schönes Stück Leinwand und das Werk des Bildhauers ein veredelter Stein. Alle sind gleich tot, alle gleich vollendet. Einer nur gibt ihnen Leben. Der Meister selber, der lebt, der aber von allen am wenigsten einem vollendeten Kunstwerk ähnlich sieht.« Er lachte, dann wurde er plötzlich wieder ernst, über dem Ernst aber lag gleichsam noch ein Schimmer des hastigen Lachens. »Kurz und gut, ich meine, es gibt noch einen anderen Gegenstand für die Kritik, der ebenso wichtig ist wie der Kunst-Dilettantismus. Ich meine die Dilettanten des Lebens.« Die letzten Worte sprach er wie im Zorn. Dies war aber augenscheinlich nur eine Maske, um zu verbergen, in wie hohem Grade seine Worte mit seinem eigenen lebendigen Glauben zusammenhingen. »Wäre es möglich, wenn die Kunst nicht dilettantisch wäre, daß so viel Dilettantismus um uns herum gedeihen könnte? Lieben wir nicht wie Dilettanten? Hassen wir nicht ebenso oberflächlich? Leben wir nicht getreu nach der Regel, daß wir uns trösten, wenn nur alles im gewohnten Gleise geht und wir nicht von allzu vielem Unbehagen gestört werden? Und ist die Kunst ohne alle Schuld daran? Es wird jetzt in zehn Jahren mehr gelesen, ja verschlungen, als früher in fünfzig. Aber was nützt es uns? Merkt man es den Menschen an, die alles wissen und alles durchstöbert haben, daß die Verfeinerung in Wort und Bild wirklich zu ihrem Herzen gedrungen ist? Ist die Kunst nicht viel eher ein Luxusgegenstand, als eine Wärmequelle und ein Gesundbrunnen des Lebens? Ich bin ein Mann aus dem Publikum, und ich wende mich an die Dichter wie an meine Lehrer. Mitunter habe ich solche gefunden. Aber ich frage mich oft: wie viele sind überhaupt ernst zu nehmen in ihren eigenen Werken?« »Ich will damit sagen,« hub er wieder an, lauter als zuvor, »daß jeder Künstler vor allem die Forderung an sich stellen müßte, ein ganzer Vollblutmensch zu sein, aus einem Guß. Wer das nicht tut, spielt mit der Welt, und das ist eine Todsünde. Oder habe ich nicht recht? Geht unser ganzes Streben nicht darauf hinaus, das Kunstwerk vom Menschen zu trennen, statt daß wir alles tun müßten, um beide einander zu nähern? Sagen wir nicht obendrein: ich beurteile das Werk, wie es ist, der Mensch geht mich nichts an? Das ist für mich eine Lästerung. Oder weshalb sollten wir den Gedanken an die Vollendung des Menschen, unserer eigenen Persönlichkeit allein den Moralisten überlassen, welche meistens Pfuscher sind, die nichts verstehen? Mir ist, als fühlte ich hinter dem Werke stets den Menschen. Wird dann der Eindruck vom Menschen unzusammenhängend und kleinlich, dann kann selbst ein Meisterwerk mich mit Verachtung erfüllen. Ich schrecke nicht vor dem Wort zurück. Und deshalb fasse ich, und sollte es auch paradox klingen, meine Verachtung all der halbfertigen, tastenden, unwahren und prahlerischen Kunstwerke, welche die Welt in Erstaunen setzen, in das Urteil zusammen, daß sie von Dilettanten des Lebens herstammen. Dilettanten des Lebens sind es, die mit ihrem eigenen Leben und dem der anderen wie mit einem Ball spielen, sie sind es, die die schlechte Kunst schaffen, möge sie nun weltlich oder akademisch heißen, diese seelenlose, nichtssagende, barocke Abart der Kunst, die sich hinter das leere Schlagwort »l'art pour l'art« verkrochen hat, die Kunst nur der Kunst wegen. Sie sind es, welche das Ehrfurchtsgefühl vor dem Leben getötet haben, die stets an dem vorübergehen, was am tiefsten liegt. Diese Halbmenschen sind es, welche die Worte Form, Technik und Stil so leichtsinnig auf der Zunge tragen, als wüßten sie nicht, daß das schönste Kleid auf einem verunstalteten Körper häßlich wird. Ich begnüge mich nicht damit, ein einzelnes Werk genießen zu können. Meine Genußsucht ist bei weitem anspruchsvoller. Ich will auch die Ganzheit des Menschen genießen können, welcher das Werk hervorgebracht hat. Dieses kann ich tun, ob ich ihn verehre, liebe und anbete, oder ihn hasse, verabscheue und bekämpfe. Das beruht ja nur auf individueller Neigung. Aber vom Helden der Dichtung verlange ich, daß er ein Mann sei und kein Stümper, der mit seinem eigenen Leben herumgepfuscht hat, deshalb weil er blutleer genug geworden ist, leben zu können, nur um Papier mit Worten oder Leinwand mit Farben anzufüllen.« Ein wunderliches, fast befangenes Schweigen folgte diesen Worten, und anfangs schien es, als habe niemand Lust das Gesprächsthema wieder aufzunehmen. Nur Frau Elise Bohrn antwortete, und ich hatte den Eindruck, daß sie es konnte, hauptsächlich weil sie in ihres Herzens Güte nicht ahnte, wie die Worte getroffen hatten. »Ich gebe Doktor Brenner recht«, sagte sie. »Ich habe auch immer gedacht, daß die größten Künstler möglicherweise unter denen zu suchen seien, die nie eine Zeile geschrieben, nie einen Pinsel oder Meißel in die Hand genommen haben. Alles, was wir von edlem, schönem Leben erschaffen, ist ein Kunstwerk. Warum sollte nicht die Vollendung unseres eigenen Innern das größte Kunstwerk sein?« Sie sprach diese Worte mit einer milden und doch vollen Stimme, die dem, welcher soeben geredet, direkt ans Herz zu gehen schien. Denn er erhob seinen Blick einen Moment und begegnete dem ihrigen. Wiederum gewahrte ich diesen hellen, glücklichen Blick, der mehr zu enthalten schien, als ein ganzes Leben aussprechen kann. Darauf glitt die Unterhaltung allmählich in ein leichteres Fahrwasser. Als wir aber auseinandergingen und die letzten Gäste im Vorzimmer verschwunden waren, bemerkte ich, daß der Bankdirektor Bohrn seine Hand auf Hugo Brenners Schulter legte, wie es schien, um ihn zurückzuhalten. Ich war der letzte, welcher sich verabschiedete. Denn ich war in der Hoffnung geblieben, Brenner noch sprechen zu können. Als die Tür sich hinter mir schloß, sah ich noch eben, wie die beiden Gatten und der alternde Herr mit dem jugendlichen Gang und den paradoxen Ansichten über die Kunst zusammen in den leeren Salon zurückkehrten. Drittes Kapitel Während der nächsten Zeit traf ich Hugo Brenner oft, und trotz des großen Altersunterschiedes entstand zwischen uns recht bald eine Art von Freundschaft. Diese Freundschaft wurde dadurch eingeleitet, daß ich ihm, als wir uns einmal zufällig trafen, von dem Eindruck berichtete, den er auf mich gemacht hatte, als ich ihn im Café beobachtete. Er lächelte bei meinen Worten und räumte sofort ein, daß er mich seinerseits ebenfalls beobachtet habe, während ich die Zeitung las. Dies sagte er aber in einem etwas spöttischen Ton, in dem doch wieder genug Sympathie lag, um ihn nicht abweisend erscheinen zu lassen. Seit dem Tage begegneten wir uns nie, ohne wenigstens ein paar Worte miteinander zu wechseln. Allmählich wurden die Gespräche so lang, daß sie innerhalb des Hauses ihren Abschluß finden mußten. Und schließlich verkehrten wir wie alte Bekannte miteinander. Schon im Anfang unserer Bekanntschaft versetzte Hugo Brenner mich in Erstaunen dadurch, daß er in seinem ganzen Auftreten, ja fast in jedem Urteil ein Selbstgefühl an den Tag legte, so stark, wie nur wenig Menschen es gewagt hätten, ihre Gedanken bloßzulegen. Sprach er von den großen Geistern, von ihrem Wert, ihren Gedanken, so geschah es stets mit einer freimütigen Natürlichkeit, als spräche er von seinen nächsten Bekannten, von seinem Umgangskreise. »Ich liebe vornehmen Umgang,« sagte er einmal, »und ich verkehre nicht einmal auf meinem Zimmer, ja dort am allerwenigsten, mit schlechter Gesellschaft.« Besonders hatte er, vollkommen in Übereinstimmung mit seinen Äußerungen beim Direktor Bohrn, nur Interesse an solchen Schriftstellern und Dichtern, deren Leben mit ihren Werken übereinzustimmen schien oder die eine große, ehrfurchtgebietende Entwicklung durchgemacht hatten. Gegen alle anderen war er bitter im Urteil, selbst wenn es sich um anerkannte Größen handelte, oder er zeigte eine überlegene Gleichgültigkeit. Als es aber einst geschah, daß das Gespräch Dichter der Vorzeit berührte, von deren Leben man wenig oder gar nichts weiß, wagte ich den Einwurf – mehr um ihn zu reizen, als aus eigener Überzeugung – daß er sich ihnen gegenüber erst recht abweisend verhalten müsse, wenn er konsequent sein wolle. »Können Sie nicht sehen, welches Leben hinter solchen Werken liegt?« war die Antwort. Und er lachte, als ob er sich seiner eigenen, hartnäckig behaupteten Theorie freue. In diesem Punkte war er wirklich unbeugsam, und rührte man daran, so häufte er eine paradoxe Behauptung auf die andere, mit einer Kraft, die verblüffend war. Auf mich wirkte übrigens diese Vertraulichkeit Hugo Brenners mit den großen Weltgeistern niemals so, daß es meine Ironie wachgerufen hätte. Obgleich er selber nichts von Bedeutung hervorgebracht hatte, weder in der Literatur noch in der Wissenschaft, so lag doch in seiner ganzen Persönlichkeit etwas, das wenigstens für mich diesen Zug in seinem Wesen vollkommen natürlich machte. Denn das Eigentümliche war, daß er trotz seines gesteigerten Selbstgefühls sich stets darüber klar blieb, daß er selbst keine Rolle gespielt hatte oder jemals spielen würde innerhalb der Entwicklung seines eigenen Vaterlandes, geschweige denn der Welt überhaupt. Ich bekam daher den eigentümlichen Eindruck, daß sein Selbstgefühl weniger dem galt, was er war, als dem, was er hätte werden können; mich verletzte es, wie gesagt, niemals, dazu war es außerdem auch noch verbunden mit einer ungewöhnlich freimütigen und kleidsamen Offenheit. Diese Offenheit in allen seinen Äußerungen, die Hand in Hand ging mit großer geistiger Kühnheit, wirkte zu der Zeit um so fesselnder, ja geradezu befreiend auf mich, als ich während meiner Jugend sehr unter der eigentümlichen, künstlichen Abgesondertheit gelitten hatte, welche in Schweden das Gedanken- und Gefühlsleben einer jüngeren Generation von dem der älteren trennte. Jetzt ist sie schon im Begriff zu verschwinden. Aber damals, als dies passierte, war ein Freundschaftsverhältnis bei so großem Altersunterschied etwas höchst Seltenes. Es war also nicht nur Hugo Brenners Persönlichkeit an und für sich, die mich fesselte. Schon der Umstand, daß dieser neue Freund doppelt so alt war wie ich selber, verlieh seinem Umgang einen Zauber, der mich lange Zeit seine Gesellschaft jeder anderen vorziehen ließ. Wie gut entsinne ich mich dieser Winterabende, wenn wir eine entlegene Ecke in einem Café wählten und von dort aus gleichsam das ganze Leben überblickten. Denn mit etwas Geringerem begnügte sich unser Gespräch im allgemeinen nicht. Und in jener Zeit der Gärung und Unruhe, da es schien, als ob in der ganzen Welt die Jugend, ohne voneinander zu wissen, ohne sich in ihren verschiedenen Sprachen immer zu verstehen, auf einmal mit demselben Unmut über die Gegenwart und vom selben Kraftgefühl für die Zukunft erfüllt sei, nach denselben Fernen spähte, dieselben Ziele aufsuchte, gleichen Idealen nachstrebte, da war mir der Umgang mit diesem seltsamen Manne mehr als eine Zerstreuung, mehr als eine Freude. Er gab mir Trost und Kraft. Denn ihm beichtete ich all das, was die ganze Jugend der Welt gemeinsam mit mir niederdrückte. Ihm bekannte ich meinen Mangel an Selbstvertrauen und meinen Traum von einer erfolgreichen Zukunft. Ihm plauderte ich meine Pläne aus von all den ungeschriebenen Büchern, die ich nicht einmal meinen Freunden oder Kameraden anvertraut hatte. Ich beichtete ihm die Niederlage meines Geistes im Kampfe wider das Fleisch. Ja, ihm konnte ich sagen, wie jugendlich einsam ich mich in dieser wunderlichen Welt fühlte, die ich damals weit besser zu durchschauen glaubte als jetzt, und es kränkte mich nicht, ich mißdeutete keinen Augenblick das wehmütige, verstehende Lächeln, das sein ausdrucksvolles Gesicht bei meinen heftigen Worten überflog. Mit Wehmut sagte ich ihm einst, daß ich mich ihm gegenüber aussprechen könne, wie ich einst geträumt hatte es meinem Vater gegenüber zu können, was mir aber nie zuteil geworden war. Mein Vater hatte sicher ebenso unter dem Verhältnis gelitten wie ich, aber er empfand Scheu vor der Schranke, welche die Generationen trennt, er gab mir nie den Mut, dessen es bedurft hätte, damit ich zu ihm ginge. Deshalb, wendete ich mich an die Kameraden, und erst jetzt, mit sechsundzwanzig Jahren, hatte ich offen mit einem älteren Manne gesprochen. Hugo Brenner schwieg, als ich ihm dies sagte, und sein Blick wandte sich nach innen, wie immer, wenn er zu fürchten schien, daß man Vertrauen oder auch nur eine Mitteilung begehrte, die ihn selbst betraf. Er begnügte sich mit der Antwort: »Ich habe selbst einmal dieselbe Erfahrung gemacht.« Er sprach diese Worte mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, die andeutete, daß er keine Fragen wünsche, begleitete aber die Worte mit einem Blick, der dem Ton seiner Stimme jede Schärfe nahm. Und ich stieß mit ihm an, denn mein Herz war voller Dank: er hatte mir das Gefühl erspart, unaufgefordert zuviel über mich selbst gesagt zu haben. Eine Weile verging unter Schweigen, und da wir so lange und so intensiv gesprochen hatten, daß wir nichts mehr zu sagen fanden, ganz einfach weil wir es nicht vermochten, unsere Gedanken länger anzustrengen, kamen allerlei Jugend-Erinnerungen zutage, und wir erzählten einander vertrauliche, lustige kleine Geschichten, deren Pointe nur in dem Zusammenhang, in dem sie vorkamen, lag und die mit der spielenden Leichtigkeit aufeinander folgten, die das Gespräch nur dann erhält, wenn man sich ernsthaft ausgesprochen hat. Dies geschah nicht bloß einmal; es wurde uns fast zur Gewohnheit, unser Zusammensein mit munteren Geschichten abzuschließen. Diese Gewohnheit hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bedürfnis, eine starke Mahlzeit mit saftigen Früchten und einem guten Glase Wein zu beenden. Und hatten wir einmal mit den Geschichten angefangen, so schwanden die Stunden so schnell, daß keiner ihr Davoneilen bemerkte. Um uns herum, an allen Tischen, bezahlte man und ging. In unserer Nähe wurden, eine nach der anderen, die kleinen Flammen ausgelöscht und die Tabakswolken immer weniger beleuchtet, so daß sie zuletzt im Dunkel verschwanden. Wir aber merkten es nicht. Wir plauderten wie Kinder und wurden erst aus unseren heiteren Träumereien vom Oberkellner geweckt, der uns lächelnd darauf aufmerksam machte, daß wir die einzigen im ganzen Lokal waren und den letzten Kellner daran hinderten, die nötige Ruhe zu finden. Dann standen wir auf und gingen miteinander in die Nacht hinaus. Mehr als einmal aber wanderten wir noch lange die Straße auf und nieder, die Stille der schlafenden Stadt genießend, den weißen Schneeglanz über Straßen und Dächern im Winter, das frische Grün im Frühling, und wenn der Himmel von tausend funkelnden Sternen glänzte, alles noch stärker genießend. Vieler solcher Abende entsinne ich mich. Was insbesondere diesen Zusammenkünften einen Glanz verlieh und sie zu Ruhestunden mitten im unruhigen Hauptstadtleben machte, das war der unbeschreiblich feine und stille Humor, womit Hugo Brenner Menschen und menschliche Verhältnisse anschaute und beurteilte. Ohne Humor wird ja eigentlich der begabteste Mensch auf die Dauer einförmig. Bei diesem Manne aber war es, als sei der Humor keine Eigenschaft, sondern sein eigenstes, inneres Wesen selber. Ob dieses immer der Fall gewesen, darüber gab mir Brenner ebensowenig Aufklärung, wie er es über andere Angelegenheiten tat, die ihn selbst betrafen. Aber nicht selten hatte ich den Eindruck, daß gerade dieser Humor das letzte Stadium einer Entwicklung bezeichnete, deren vorhergehende ich nur ahnen konnte. Ja, ich hatte zuweilen die Empfindung, gerade wenn sein Geist sich am freiesten erging, daß ich eben das in seiner Persönlichkeit genoß, was einst des Gebers größter Schmerz gewesen. Er machte mir den Eindruck eines Dichters, der sein eigenes Leben zu einem Gedicht gemacht hatte und in seiner Person eben das gab, was man von den anderen in ihren Büchern, in ihrer Kunst erhält. Er war sein eigener Dichter, wie er selbst einmal äußerte, und er zwang mich, ohne es zu fordern, vielleicht ohne es zu wissen, zu ihm emporzusehen, wie zu einem Manne, von dem ich ahnte, daß er ein reiches Leben besaß, deshalb, weil er es wirklich gelebt hatte. Viertes Kapitel Eines Tages wurden Brenner und ich Duzbrüder, und dies kam ebenso wunderlich, wie unser Umgang überhaupt. Ganz einfach so, daß der Mann anfing, mich Du zu nennen. Es geschah während eines ernsten Gesprächs, und ich dachte, es läge ein Irrtum vor. Da er es aber nicht nur an demselben Abend, sondern auch bei späterem Zusammentreffen fortsetzte, blieb mir kein anderer Ausweg, als diese vertrauliche Anrede ebenfalls zu benutzen. Monate später erzählte ich ihm einmal um zwei Uhr in der Nacht, wie diese eigentümliche Art von Vertraulichkeit zwischen uns eigentlich entstanden sei. Da lachte er und sagte: »Aber erlaube mal, ist es denn nicht so am zartesten?« So frei hatte ich mich damals noch keinem Menschen gegenüber gefühlt, und trotzdem beobachtete Hugo Brenner nach mehrjähriger Bekanntschaft noch immer die größte Verschwiegenheit in allem, was sein eigenes persönliches Leben anging. Ich wußte nicht einmal, ob er verheiratet war oder es möglicherweise gewesen war; Brenner und ich hatten nur wenige gemeinsame Bekannte, und die Fragen, die ich manchmal nicht unterlassen konnte, führten niemals zu einem Resultat. Es schien, als sei sein Privatleben anderen ebenso unbekannt wie mir. Vielleicht kam es daher, weil seine Persönlichkeit die wenigen, die ihn kannten, ganz genügend beschäftigte und die Kenntnis der Einzelheiten in seinem Leben zu etwas Überflüssigem und Untergeordnetem machte. Die einzige, welche einmal meine Wißbegierde einigermaßen befriedigte, war Frau Elise Bohrn. Daß sie Hugo Brenner besser kannte als sonst jemand, hatte ich schon lange geahnt. Und bei einer der üblichen monatlichen Einladungen der Familie, als Hugo Brenner zufälligerweise abwesend war, brachte ich, während ich mich mit ihr unterhielt, das Gespräch auf meinen neuen Freund. Ich hatte nicht viele Worte gesprochen, bevor ich aus der Antwort der in meinen Augen alten Frau ersah, daß ich ihr nichts über unsern Verkehr zu berichten brauchte. Sie wußte augenscheinlich alles, was zwischen Hugo Brenner und mir vorgegangen war. Sie war in unsere philosophischen Gespräche über das Leben und die Menschen eingeweiht und kannte außerdem noch unsere Lieblingsgeschichten auswendig. Die Orte, wo wir uns am häufigsten trafen, waren ihr ebensowenig ein Geheimnis, wie die darauffolgenden nächtlichen Spaziergänge und unsere Neigung, niemals ein Ende zu machen, ehe die späte Nacht uns dazu zwang. Sie und ich kamen bei dieser Veranlassung in ein langes Gespräch miteinander, bei dem ich gewahr wurde, daß sie mein ganzes Leben ebensogut kannte, als hätte ich mich ihr anvertraut. »Sie brauchen Brenner nicht böse zu sein, daß ich dies alles weiß«, sagte sie lächelnd. »Ich bin seine Freundin, und was er weiß, weiß auch ich. Aber weiter geht es nicht. Er ist der beste Freund, den ich je gehabt, und der beste Mensch, den ich in meinem Leben getroffen habe. Von ihm selber kann ich Ihnen nichts erzählen. Denn das liebt er nicht. Aber Sie wissen doch wohl, daß er verheiratet gewesen ist?« Ich schüttelte den Kopf. Sie lächelte überrascht. »Wie sonderbar. Ich dachte eigentlich, alle Menschen wüßten davon. Dann müssen Sie mir das Versprechen geben, ihm gegenüber nichts davon zu erwähnen. Es war eine sehr unglückliche Ehe. Und nichts würde ihn so erfreuen, als wenn ich ihn glauben machen könnte, daß all dies Unglück seit langem vergessen ist. Denn Mitleid mag er nicht.« Ich konnte es nicht unterlassen, Frau Bohrn anzusehen, während sie sprach. Diese fünfzigjährige Frau, in deren Heim ich so oft gekommen, die ich so oft gesehen, war in diesem Augenblick plötzlich wie ein ganz neuer Mensch geworden. Sie sah verjüngt aus, und in ihren Augen schimmerte es wie von Glück. Es machte mich ganz verwirrt, denn es war mir, als hätte ich plötzlich in das Geheimnis zweier Menschen einen Einblick bekommen, den ich nie gewünscht und nie begehrt hatte. Vielleicht war es, weil sie meine Verwirrung merkte und sie mich vergessen machen wollte, daß sie, ohne ein erklärendes Wort, sich plötzlich zu mir wendete, mir die Hand reichte und mir mit einem seltsamen Blick gerade in die Augen sah. Niemals wieder bin ich einem solchen Blick begegnet. Er war freimütig und klar wie der eines Kindes, dabei voller Schelmerei wie bei einem jungen Mädchen. Aber gleichzeitig lag in ihm die durch das Alter gemilderte Wehmut der resignierten Frau, und als ich meinen Blick von dem ihrigen abwendete, war er trübe. Vielleicht eben deshalb schien es mir, als verliehen die grauen Haare den braunen Augen einen Glanz wie von einer Glorie. Als ich Hugo Brenner einige Tage später traf, hütete ich mich wohl, ihn meine Unterredung mit Frau Bohrn ahnen zu lassen. Ich konnte mich aber nicht enthalten, leise das Gespräch auf sie hinüber zu leiten. Aus dem Blick, den mir Brenner zuwarf, begriff ich, ohne recht zu wissen weshalb, daß er Frau Bohrn nach mir noch gesehen hatte, und daß meine Vorsicht überflüssig gewesen war. Er wußte augenscheinlich von der Unterredung; ob er sie ganz kannte oder nicht, das erfuhr ich nie. Ruhig und nachdenklich, wie er es im allgemeinen zu tun pflegte, fing Brenner an, sich über die Person und den Charakter seiner Freundin auszulassen. Er sprach, als gewähre es ihm eine große Freude, mir ihr Bild zu zeichnen. Indessen berichtete er gegen seine Gewohnheit, wenn er sich über Menschen äußerte, keinen einzigen Zug aus ihrem Leben, auch nicht eine einzige kleine Anekdote. Statt dessen sprach er mit starken, sicheren Worten seine grenzenlose Bewunderung aus, ja eine Sympathie, so intensiv, daß ihm die Stimme fast versagte. Was ihn so an diese Frau gefesselt oder wie er eigentlich ihre Bekanntschaft gemacht hatte, – davon erzählte er dagegen nichts. Auf diese Weise wurde seine Mitteilung zu einem Gefühlsausbruch, in eine Art von nüchterner Schilderung eingekleidet, die ergreifend wirkte dadurch, daß er die alltäglichsten Worte wählte, die, in einem anderen Zusammenhang und anderem Tonfall ausgesprochen, vollkommen bedeutungslos gewesen wären. An diesem Abend besuchte ich Brenner zum erstenmal in seinem Heim. Wie es gerade kam, kann ich mich nicht entsinnen. Ich weiß nur, daß wir spät abends zusammen nach seiner Wohnung gingen, die, aus zwei Zimmern bestehend, eine halbe Treppe hoch, vollkommen isoliert in der Nähe von Humlegarden lag. Es fiel mir nicht ein, daß mir hier die Aufklärung werden sollte über das Eigene in der Persönlichkeit Brenners, das mich beschäftigt hatte vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an. Ich war nur froh über diesen Beweis von Freundschaft seinerseits. Denn ich kannte ihn jetzt hinreichend, um zu verstehen, daß es ein solcher war. Dennoch trat ich nicht ohne eine gewisse Neugierde ein in dieses für die ganze übrige Welt abgesperrte Heiligtum, und das erste, was ich bemerkte, war ein Porträt auf dem Schreibtisch. Es stand so, daß ich nicht sehen konnte, wen es darstellte, ohne direkt an den Schreibtisch heranzutreten, um es zu betrachten. Nur so viel konnte ich unterscheiden, daß es ein Frauenkopf war, eine jener jungen Knospen, die fast mehr Kind als Weib sind. Und im nächsten Augenblick änderte sich wieder der Eindruck, so daß es mir war, als erkennte ich die Züge von Frau Bohrn. Ich konnte es aber nicht entscheiden, und als Brenner eine Flasche Wein und ein paar Gläser herbeigeholt hatte, war das Gespräch bald wieder im Gang, den Spuren folgend, die aufzusuchen unsere Gewohnheit war. Dieses Mal aber konnte ich meinem Freunde nicht mit demselben Interesse wie gewöhnlich folgen bei seinen Auseinandersetzungen über das Verhältnis zwischen Dichtung und Leben, Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit. Unbewußt hielt mich die neue Umgebung, in die ich so unvorbereitet hineingestellt worden, gefangen. Ich betrachtete die Möbel, von denen nur wenige vorhanden waren, sehr einfache, altmodische, schwere, bequeme Mahagonisachen, die mit vielem Geschmack und einer gewissen liebevollen Sorgfalt zusammengestellt waren, die bewies, daß der Besitzer Wert darauf legte, sich zwischen ihnen heimisch zu fühlen. Die Wände waren größtenteils mit gut eingebundenen Büchern angefüllt, die in einfachen, zierlichen Reihen geordnet waren. Aber überall, wo noch ein Platz leer war, hingen Kupferstiche oder Radierungen. In allen möglichen Größen waren sie vertreten, von einer kolossalen Radierung an, welche die ganze Wand über dem Sofa einnahm, bis zu den allerkleinsten Formaten, in anspruchslosen Rahmen überall dort eingefügt, wo die Phantasie ein Bild anbringen konnte. Als ich sie näher betrachtete, fand ich, daß sie alle, ohne Ausnahme, von Rembrandt waren. Ich glaube nicht, daß ich je so viele Abbildungen von Rembrandts Werken auf einmal gesehen habe. In ganz eigentümlicher Weise harmonierten sie sowohl mit dem Zimmer als mit dem Manne, der mir gegenübersaß, und der in seinem ganzen Leben, in Gesprächen, in Träumen, in allen seinen Interessen jene wundersam magische Mischung unseres Lebens aus Geist und Körper zu suchen schien, welche der große Meister aus Amsterdam in Farben dargestellt und in ewig bleibenden Umrissen gezeichnet hat. Aber es war doch nicht dieses Gefühl, das mich am stärksten oder ausschließlich beherrschte. Es war das Gefühl, daß es wohl nicht allein eine männliche Hand gewesen, die dieses kleine Heim mit seinem unbeschreiblich harmonischen und schönen Gepräge zu ordnen vermocht hatte. Instinktiv wendete ich meine Augen nach dem Schreibtisch hin, wo das Porträt stand, im Schatten eines großen Lampenschirms, der es zur Hälfte verbarg. Es kam mir vor, als ginge alle Wärme im Zimmer aus von diesem kleinen Porträt in seinem einfachen Rahmen von geschliffenem Glas. Dieses Porträt war der Mittelpunkt, um den sich alles andere gruppierte. Um dieses Bild, das ich nicht sehen konnte, drehten sich die Gedanken des einsamen Mannes, welcher hier wohnte, und der, von einem zufälligen Einfall geleitet, mich diese Stimmung des heimatlichen Friedens, den eine abwesende Hand seiner ganzen Wohnung geschenkt hatte, teilen ließ. Oder war er vielleicht nicht einsam? War er möglicherweise glücklicher, als ich glaubte? Ich konnte nicht nein und wollte nicht ja antworten. Erst als Hugo Brenner hinausging, um Selterswasser hereinzuholen, glaubte ich mich berechtigt, die Lösung des Rätsels zu erhalten. Obgleich ich fast ein Gefühl hatte, als beginge ich einen Verrat, stand ich von meinem Platz auf und sah das Porträt an. Zu meiner Bestürzung fand ich, daß ich vollkommen fehlgesehen hatte. Das Porträt stellte kein Weib dar, sondern ein Mädchen von vierzehn Jahren etwa, ein wirkliches Kind. Sie war ungewöhnlich schön, mit großen, traurigen Augen, die an Brenners eigene erinnerten. Ihr Gesicht war feingeschnitten, von ovaler Form, und es lag in diesem ganzen wunderlichen Kindergesicht ein Ausdruck, der mich an die Worte denken ließ von denen, die da jung sterben. Niemals hatte die Mischung von Weib und Kind, so schien es mir, einen solchen Ausdruck auf einer Photographie gefunden wie hier, und während ich mich wie ein Dieb fühlte, der sich einschlich, um einen Blick in die Geheimnisse eines anderen zu erhaschen, bekam ich, ohne zu wissen weshalb, Tränen in die Augen. Ich wußte nicht, ob Brenner ein Kind in seiner Ehe gehabt hatte. Aber ich ahnte, daß in der Geschichte dieses kleinen Mädchens wahrscheinlich die Erklärung seines Schicksals lag, von dem ich nicht einmal die Umrisse kannte und von dem ich zuweilen meinte, daß es sich nur in meiner Einbildung so vergrößere. Als Brenner wieder hereintrat, ging ich im Zimmer hin und her, in Gedanken versunken, und mußte mir Gewalt antun, um zur Wirklichkeit zurückzukehren. »Nicht wahr?« antwortete er und ließ seinen Blick umhergleiten. »Es ist schön hier.« Und als ob er geglaubt hatte, mit seinem Ton etwas verraten zu haben, was verschwiegen sein müßte, fügte er hinzu: »Ich habe Zeit genug gehabt, alles zu ordnen. Denn ich wohne hier seit zwölf Jahren. Und ich gehe auch nicht weg von hier, bis man mich, die Füße voran, hinausträgt.« Das letzte sagte er in einem leichten und heiteren Ton und spülte gleichsam die Worte hinunter mit einem Riesenschluck aus dem geschliffenen Glase. Da mußte ich wieder an Frau Bohrn denken. Es kam mir vor, als steige sie empor, irgendwoher im Zimmer selbst, als schwebe ihre Seele über dem Ganzen. Nicht so, daß ich glaubte, ein Gast in einer Wohnung zu sein, die ein Mann sich eingerichtet hat, um dort in Ruhe die Gattin eines anderen Mannes empfangen zu können. Sondern so, als gehöre sie in irgendeiner unerklärlichen Weise zu dem allem, was ich um mich sah, selbst zu dem verblaßten Porträt auf dem Schreibtisch. Und als ich allein heim ging nach einem langen Gespräch, das diesmal, just aus Interesse für meinen Freund selber, mich nicht interessierte, klangen in meinen Ohren die Worte nach, die Frau Bohrn gesagt hatte: »Er ist der beste Mann, den ich kenne, und der beste Freund, den ich habe...« Fünftes Kapitel Im Leben der meisten Menschen kommt eine Zeit, da man, wenn auch nicht alles, so doch viel vergißt, da neue Verbindungen eingegangen werden und alte in den Schatten treten, da alles neu wird und das Vergessen des Vergangenen mit dem Glück in der Gegenwart zusammenhängt. Das ist, wenn man sich verliebt, wenn man daran arbeitet, sich ein Nest zu bauen, und nur von einem einzigen Glückstraum beherrscht wird, der alles andere in völlige Kleinigkeiten verwandelt. Während dieser Zeit, die auch für mich einmal kam, vergaß ich Hugo Brenner ganz und gar, und als ich ihn zufälligerweise eines Tages wiedertraf, fühlte ich mich verlegen, weil ich eine Treulosigkeit begangen hatte, hoffte aber gleichzeitig, daß sie mir verziehen würde. Er kam auch sofort auf mich zu – es war an einem schönen Frühlingstage – rief mir schon von weitem Guten Tag entgegen und schüttelte mir in bester Laune die Hand. »Was denkst du diesen Sommer zu tun?« war seine erste Frage. War es vielleicht die Frühlingssonne, die diese Frage hervorrief, welche sonst aus Brenners Munde ungewöhnlich geklungen hatte? Ich antwortete, froh, daß er weder verstimmt noch beleidigt aussah, im selben Ton: »Am nächsten Sonntag werden meine Braut und ich zum zweiten Male aufgeboten. In zwei Wochen heiraten wir. Darauf zieh' ich mit meiner Frau nach Skärgarden hinaus.« Hugo Brenner wußte natürlich sehr gut, daß ich verlobt war. Aber während der letzten Zeit hatten wir uns allzu selten getroffen, als daß er hätte wissen können, wie nahe meine Hochzeit bevorstand. Er war deshalb froh überrascht, und es rührte mich sehr, daß er auch nicht im mindesten sich dessen zu entsinnen schien, wie ganz ich ihn selber vergessen hatte. Er legte beide Hände auf meine Schultern, und es kam ein zugleich weicher und jugendlicher Ausdruck in sein Gesicht. »Tust du das?« sagte er. »Das ist recht. Das hätte ich in deinen Jahren auch tun sollen. Dann wäre manches anders gewesen.« In diesem Augenblick kam er mir so jugendlich vor und so voller fast zärtlicher Teilnahme, daß es mir beinahe schien, als stünde ich vor einem neuen Menschen. Ja, die ganze Art und Weise seines Benehmens gab mir plötzlich den Mut, mich mit einer Bitte hervorzuwagen, die ich bisher, da ich seine Zurückgezogenheit kannte, stets auf eine passendere Gelegenheit verspart hatte. Diese schien mir jetzt gekommen, und indem die Reihe nun an mir war, stillzustehen, sagte ich: »Und nun mußt du mir das Versprechen geben, mich zu besuchen, wenn ich ein eigenes Heim habe.« Brenner antwortete zuerst nicht. Aber er nahm seine Hände von meinen Schultern, und seine Augen blickten weg. Darauf zog er meinen Arm unter den seinen, und indem wir das Straßentrottoir entlang schritten, sagte er: »Ich nehme großes Interesse an dir. Und ich werde dich niemals mehr aus den Augen verlieren. Ich bin dir auch dankbar, daß du Geduld gehabt hast mit einem so kuriosen alten Einsiedler, wie ich bin. Aber ich verspreche dir nicht, daß ich dich besuchen werde. Ich verspreche es nicht. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß es nicht trotzdem sehr wohl mal geschehen könnte. Wenn man so alt geworden ist wie ich, hat man allerdings seine Gewohnheiten. Und die gibt man nicht auf, weil ein junger Freund hingeht und heiratet.« Damit trennten wir uns. Aber an meinem Hochzeitsmorgen bekam ich von Hugo Brenner eine Karte, in der er mir Glück wünschte. Sechstes Kapitel Indessen, Hugo Brenner kam niemals zu mir in mein Heim, und während der Jahre, die nun folgten, trafen wir uns selten. Undankbar, wie der Mensch ist, stets geneigt, aus dem Augenblick, in dem er lebt, das herauszugreifen und festzuhalten, dessen er gerade bedarf, ging es mir auch so, daß ich, vielleicht ohne es zu merken, immer mehr unsere alten Abendstunden versäumte. Brenner hielt sich seinerseits ebenfalls fern, wie es mir schien, mit Absicht. Er hatte nun ein für allemal die Auffassung, daß ein Mann, wenn er sich verheiratet, zur selben Stunde mit seinem ganzen früheren Verkehr bricht. Welche Erfahrungen eine solche Auffassung veranlaßt hatten, war ich damals weit entfernt zu ahnen. Das Leben riß mich mit sich fort, mein eigenes Leben mit seinen Freuden und Sorgen. Und ich vergaß Hugo Brenner, seine Sorgen und sein Schicksal über all dem Neuen, was mit Frau und Kind und eigenem Heim zu mir gekommen war. Ganz habe ich ihn doch nicht vergessen. Ich entsinne mich noch, daß oft, wenn meine Gedanken in der Vergangenheit herumsuchten, Hugo Brenners Gestalt in meiner Erinnerung emporstieg, und dann konnte ich wieder ganz dieselbe Begierde empfinden, ihn zu verstehen, wenigstens so viel von ihm zu wissen, daß sein Bild klar würde und der Schatten schwände; ja zuweilen fühlte ich deutlich, daß gerade diese Begierde es gewesen war, die von Anfang an mich stärker vielleicht als alles andere getrieben hatte, seine Gesellschaft aufzusuchen. Später, als das Leben mich selbst auf die Schattenseite hinüberführte, sehnte ich mich oft nach seiner harmonischen, ruhevollen Persönlichkeit, die über alles erhaben schien, was Glück und Unglück heißt. Da plötzlich eines Tages wurde ich stärker als je an Hugo Brenner erinnert. Ich las in einer Zeitung unter den Todesanzeigen den Namen Elise Bohrn, und das Herz wurde mir ganz weich dabei. Wie viele Jahre waren nicht verstrichen, seit ich mich in jenem Kreis befunden, den diese seelenvolle Frau mit ihrem jugendlichen Gesicht und dem ergrauten Haar um sich versammelt hatte. Wieviel Kummer, wie viele wechselnde Menschenlose, Todesfälle und Ehen, neue kleine Menschen, neue Interessen, neues Streben, Hoffnungen, Enttäuschungen, Ideen und Arbeiten waren seitdem nicht im großen Strom von Schicksal und Ereignissen herumgewirbelt! Ich las die Anzeige wieder durch, einmal ums andere, als könnte sie mir etwas berichten von all dem, was ich, so schien es mir jetzt, versäumt und für immer verloren hatte. Es stand da: »Im sechzigsten Lebensjahre.« Ja, ja, mehr als zehn Jahre waren seitdem vergangen. Es stand auch das Wort »verwitwet« daneben. Das war ja auch der Fall. Auch das hatte ich vergessen. Oder die Zeit, die im Wirbel des Lebens so kurz wird, hatte nicht hingereicht, um es meinem Gedächtnis einzuprägen. Ihr Mann war auch gestorben, vor einigen Jahren schon; damals hatte ich große Lust gespürt, Frau Bohrn einen Besuch zu machen, aber das Gefühl, vielleicht ungelegen zu kommen, hatte mich davon abgehalten. Da hatte ich einen Kranz und einige Zeilen geschickt und zur Antwort die zeremonielle, gedruckte Karte mit der Danksagung der Witwe erhalten. So war sie denn wiederum, wie so vieles andere, was mir einst lebendig und nahe gewesen, aus meiner Erinnerung entschwunden, und ich wußte nur das von ihr, daß sie nach dem Tode ihres Mannes seinem Andenken gelebt, stets schwarzgekleidet gegangen war und sich vom Gesellschaftsleben zurückgezogen hatte. Aber diese Todesanzeige in der Zeitung führte meine Gedanken wieder zurück in den Kreis, in dem ich mich damals so heimisch gefühlt hatte. Gesichter, die lange vergessen gewesen, die mir einst entgegengelächelt hatten, wurden wieder lebendig, und unter diesen mußte ich vor allem wieder an Hugo Brenner denken. Wie lebte er wohl jetzt? Was trieb er? Wohnte er überhaupt noch in den schönen Zimmern auf Östermalm, von denen er einst erklärt hatte, nicht lassen zu wollen, ehe sie ihn hinaustrügen »die Füße voran?« Ich wußte nichts darüber. Aber meine Erinnerungen wollten mir keine Ruhe lassen. Ich schickte Blumen nach dem Trauerhause mit einem Gefühl, als lösche ich dadurch eine Schuld aus. Aber selbst diese alltägliche Handlung veranlaßte nur, daß meine Gedanken sich um so lebhafter mit der Vergangenheit beschäftigten. Sie kam mir entgegen mit warmen Blicken, und gute Worte, die einst in meinen Ohren klangen, wurden wieder laut. Aber ich befand mich mitten in einer Arbeitsperiode, und ich entsinne mich noch, daß ich mich anstrengen mußte, um mit Gewalt mich dieser Gedanken zu erwehren, die mich störten und mir lästig und sinnlos erschienen. Siebentes Kapitel Da führte mich eines Abends der Zufall durch die Straße, von der ich wußte, daß Hugo Brenner dort gewohnt hatte. Ich war gerade im Begriff, an seinen Fenstern vorüber zu gehen, als ich hinter den hellen Gardinen, die heruntergelassen waren, den Schatten eines Mannes sah, der sich hin und her bewegte. Unwillkürlich blieb ich stehen, und zuletzt schien es mir, als wartete ich dort nur, um zu sehen, ob dieser Schatten denn nie rasten würde. Ich weiß nicht, welches Gefühl während dieser kurzen Minuten Gewalt über mich bekam. Es war ganz, als müßte ich, es koste was es wolle, dieser mechanischen Wanderung Einhalt tun. Und ohne zu überlegen, ohne mir auch nur erklären zu können weshalb, stieg ich die Treppe hinan und klingelte im nächsten Augenblick an der Tür. Sofort als ich das schrille Läuten der Glocke hörte, bereute ich es. Was sollte ich sagen? Ich konnte ja Brenner nicht darüber aufklären, was ich ihm zu sagen hatte oder weshalb ich eigentlich gekommen war. Ich wußte es ja kaum selber. Trotzdem hatte ich, eine Minute später, das alles getan. Das Unmögliche war geschehen, und nicht einmal Brenners erstaunter Blick hatte mich abgeschreckt. Ehe ich wußte, wie es zugegangen, waren die Worte über meine Lippen geglitten: »Ich sah dich dadrinnen, und ich konnte nicht anders, ich mußte kommen.« Brenner hieß mich nicht willkommen, und ich hatte die Empfindung, als sei ihm meine Nähe weder angenehm noch unangenehm. In seinem ganzen Benehmen lag etwas, das ich eine erhabene Gleichgültigkeit nennen möchte. Wenn es wahr ist, daß ein Mensch etwas wie eine Geister-Atmosphäre an sich haben kann, so war dies gerade jetzt mit Hugo Brenner der Fall. Alles schien ihm fremd zu sein, gleichsam in weiter Ferne zu liegen, und er selbst war so von seinem Eigenen erfüllt, daß es ihm genug war. Ich konnte es dem Tonfall seiner Stimme anhören, die noch gedämpfter geworden war. Als er mir voran durch die Tür ging, sah ich auch, daß sein Rücken krumm geworden war. Als wir aber einander gegenübersaßen, was wir so lange nicht getan, da ergriff mich mit einem Male ein beklommenes Mitgefühl. Hugo Brenner war alt geworden. Seine Haltung war elastisch wie ehedem. Aber Haar und Bart waren fast weiß, das Gesicht hatte Furchen, und die Augen, die ihren milden, hellen Blick beibehalten hatten, lagen tiefer als früher, umgeben von Schatten, die neu waren. Das Gespräch verlief anfangs etwas mühsam, wie zwischen Menschen, welche den Faden aus einem früheren vertraulichen Verhältnis verloren haben. Nach und nach aber glückte es uns, ein Gesprächsthema zu finden, das uns interessierte, und einen Augenblick schien es, als ob wir unsere alten Debatten fortsetzen sollten wie in früheren Zeiten. Plötzlich merkte ich, daß Brenner nicht mehr auf meine Worte hörte. Sein Kopf war auf die Brust niedergesunken, und sein Blick starrte ins Dunkel hinaus. Wahrscheinlich hatte er ganz vergessen, daß ich mich im Zimmer befand. Ein langes, dumpfes Schweigen folgte, und während der Beklemmung, die sich meiner bemächtigte, konnte ich meine Augen nicht von diesem Manne wenden, der da zusammengesunken vor mir saß, von einem Schicksal niedergebeugt, das ich nicht kannte. Er war schön, trotzdem er gealtert war, und sein Ausdruck, der jetzt streng war, wirkte so auf mich, daß ich, von Ehrfurcht erfüllt, mich am liebsten schweigend fortgeschlichen hätte. Bei einer Bewegung, die ich machte, sah er plötzlich auf. »Ich habe gewiß lange geschwiegen«, sagte er. Ich nickte bloß als Antwort – wußte nicht, ob ich bleiben oder gehen sollte. Da sah er mich wieder an, als ob er sprechen wollte. Aber die Stimme versagte ihm, und mich ergriff ein Schrecken. Denn seine Brust arbeitete so furchtbar, daß mir die Phantasie vorschwebte, ich wäre nur gekommen, um ihn sterben zu sehen. Im nächsten Augenblick lag er mit Kopf und Armen auf dem Tisch und weinte wie ein Kind. Es war schrecklich, einen alten Mann in solcher Aufregung zu sehen. Es kam so plötzlich, so unvorbereitet und so gewaltsam, daß es mir blitzschnell alles sagte. Aber kam diese Aufregung bei einem Manne, der sich so beherrschte wie Brenner, überraschend, so war es das, was jetzt folgte, noch mehr. Außerstande, mich zurückzuhalten, schritt ich auf ihn zu und legte meine Hand auf seine Schulter. Kaum hatte er aber die leichte körperliche Berührung durch einen andern gespürt, als auch das heftige Schluchzen aufhörte und er mit einer Stimme, worin die widerstreitendsten Leidenschaften sich mischten, ausrief: »Einmal muß man doch sprechen. Einmal! Zuletzt kommt doch die Stunde, da man nicht alles allein tragen kann, da man sich einem andern mitteilen muß. Wie ging es zu, daß du gerade jetzt durch die Tür hereintratest? Ich weiß es nicht. Ich weiß, daß ich hier tagelang umhergegangen bin und die Rechnung meines eigenen Lebens aufgestellt habe, alles, was gewesen, gegen das nichts, was noch ist, um ein Fazit zu finden. Aber ich kann es nicht finden. Und ich kann es nicht, weil ich nicht dichten kann, weil ich mein Eigenes nicht umzusetzen vermag in etwas anderes, wie ihr Dichter es könnt, ihr tausendmal glücklicheren Menschenkinder, die ihr euer Leiden los werden könnt, weil ihr es aussprechen könnt.« Er schwieg eine Weile und bedeckte seine Stirn mit der Hand. »Du glaubst vielleicht, daß ich immer derjenige gewesen, der ich jetzt bin«, sagte er etwas ruhiger. »Und ich begreife, wenn du dich darüber gewundert hast, daß ich in früheren Tagen niemals über mich selber sprach. Ich habe es einige Male gemerkt, als wir uns damals trafen.« Er lächelte, und ein matter Schimmer der früheren Schalkhaftigkeit kam in seine Augen. »Aber so verhält es sich nicht«, fuhr er fort. »Eher so, daß wir großen Schweiger früher ... in der Jugend ... als es leichter ging ... uns zu stark ausgesprochen haben. Kannst du mich verstehen, wenn ich dir sage, daß ich früher, als ich jung war, über mich selber sprach, über alles, was meine Seele anging, was sie beschäftigte oder erfüllte, und das jedem Menschen gegenüber, zu dem ich mich hingezogen fühlte, und war es auch nur durch eine plötzliche und zufällige Sympathie? Ja, das ist die Wahrheit, mein Freund. Tausendmal die Wahrheit! Ich hatte einen Hunger nach Menschen, einen Hunger danach, mich ihnen mitzuteilen. Ich war dankbar, wie für die größte Gabe, wenn jemand mir auf halbem Wege entgegenkam und mir von dem Seinen gab. So war ich, als ich jung war und ganz ich selber. Später wurde ich zu etwas anderem. Vielleicht trug ich eine Maske, weil ich den Schmerz fürchtete, mich zu entblößen und der Gleichgültigkeit zu begegnen. Ich hatte Angst, mit mir selber allein zu sein, wenn ich einmal die Leidenschaft hätte zu Worte kommen lassen. Aber jetzt will ich über mich selber berichten, so wie ich es nie zum zweiten Male können werde, jetzt, da sie tot ist, zu der ich immer sprechen konnte. »Sie war die Gattin eines anderen Mannes, und sie wurde nie die meine. Und wenn du mich jetzt anhörst, darfst du mich nicht unterbrechen. Wunderst du dich darüber, weshalb ich rede, so will ich dir antworten. Ich berichte dir alles, weil ich wie die großen Dichter das Bedürfnis habe, mich selber zu sehen, so wie ich gewesen bin, so wie ich bin und so wie ich hätte sein können. Ich spreche mich aus, weil ich nicht anders kann. Wenn der Bericht zu Ende ist, kannst du gehen. Aber dann sollst du auch wissen, daß du mir die größte Hilfe geleistet hast, die ein Mensch in diesem Leben mir noch leisten kann.« Er schwieg einen Augenblick, und gleichzeitig schlug die große Uhr an der Wand hinter uns acht melodische Schläge. Hugo Brenner horchte, bis der letzte Schlag verhallt war. Dann begann er seinen Bericht. Hugo Brenner Erstes Kapitel Es scheint mir wunderlich, daß ich mich alles dessen so gut erinnern kann. Es ist so lange her jetzt. Aber in meinem Leben gab es doch einen Tag, da ich noch nichts erprobt hatte, als das, was gut war – damals, als ich von der Universität nach der Hauptstadt kam und mich nicht nur jung und sorglos fühlte, sondern es auch wirklich war – als das Leben mir spielend das Glück versprach. Ich hatte vor kurzem meinen Doktor der Philosophie mit Auszeichnung gemacht, wenn ich es selbst sagen darf, war kaum dreißig Jahre alt, und man prophezeite mir allgemein eine gute Zukunft. Wenn indessen diese Zukunft sich nicht derartig gestaltete, wie meine damaligen Freunde und Gönner hofften, so beruhte dies wohl zum Teil darauf, daß ich in aller Heimlichkeit eine andere Auffassung davon hatte, was man eigentlich unter einer schönen Zukunft zu verstehen habe, als meine Freunde und Gönner samt und sonders. So viel ist sicher, ich trieb mich ein ganzes Jahr in Stockholm umher, ohne, wie man zu sagen pflegt, irgendwo festen Fuß zu fassen. Was ich während dieses Jahres vorhatte, ist schwer zu sagen. Es war eine Art von Sturm- und Drangperiode, wenn auch eine, die sich etwas spät einfand. Und dann, meiner Tatenlosigkeit müde und getrieben von der Begierde, auf eigene Hand zu lernen, verwendete ich den Rest eines kleinen väterlichen Erbes auf eine Reise ins Ausland, die volle zwei Jahre dauerte. Während dieser Zeit irrte ich aufs Geratewohl in Europa umher, und das Beste, was ich heimbrachte, war die Rembrandtsammlung, die du dort noch an meinen Wänden siehst. Als ich wieder heimkam, weiß ich nur, daß ich wettergebräunt und mager war und daß mein dunkler Vollbart zu einem Spitzbart geschnitten war. Man behauptete, ich sei ein schmucker Bursche und sähe jünger aus als vor meiner Abreise. Aber wo ich eigentlich gewesen war, was ich gesehen und erlebt hatte – danach entsinne ich mich nicht, daß mich jemand gefragt hätte. War es meine Hoffnung gewesen, durch diese Reise mehr Unternehmungslust oder Energie zu gewinnen, so hatte ich mich allerdings gründlich getäuscht. Es blieb dabei, ich war ebensowenig unternehmend wie vordem, und meine Kameraden sagten von mir, es schiene, ich ließe alle Chancen, die sich mir nacheinander böten, in der Welt vorwärts zu kommen, absichtlich unberücksichtigt. Ich war aufrichtig bis zur Ungeschicklichkeit und ebenso nachlässig. Dadurch erhielt ich in vortrefflicher Weise meine Unabhängigkeit, aber es glückte mir auch, ohne daß ich damals völlig verstanden hätte, was das bedeutete, mich ganz gehörig zu isolieren. In meinem zweiunddreißigsten Jahre war ich also ebenso unversorgt wie jeder Student, nur deshalb, weil ich mich nie in Harmonie fühlte mit der Welt, von der ich doch ein Glied war. Die Zeit war damals noch nicht gekommen, wo man aus einer eingedämmten Opposition, die plötzlich über alle Ufer ging, eine neue Literatur schaffen konnte, und wäre es auch der Fall gewesen, so hatte ich doch wahrscheinlich in meinem Winkel stumm und grübelnd dagesessen. Was meinen Unterhalt betrifft, so war ich infolge meiner ganzen Natur auf die kleinen Arbeiten angewiesen, die du ja kennst und die einen großen Teil meines Lebens ausgefüllt haben. Darüber habe ich mich übrigens niemals beklagt, denn was ich im Leben suchte, war von ganz anderer Art. Wenn mein Bericht zu Ende ist, kannst du selber darüber urteilen, was ich gewonnen habe. Aber trotz meiner zweiunddreißig Jahre war ich sorglos wie die Jugend von zwanzig, ich nahm den Tag, wie er kam, und ich war zufrieden, wenn ich nach einem arbeitsreichen Tage meinen Abend in anspruchsloser Geselligkeit mit den Kameraden verbringen konnte, die alle jünger waren als ich und die mich ein wenig lieb hatten gerade wegen meiner unverdorbenen, jugendlichen Art und Weise, alles das geringzuschätzen, wonach andere Menschen streben. Trotz meiner Jahre war ich gewissermaßen wirklich noch ein junger Mann, als das Leben mich zum ersten Male hart anpackte und mich dorthin zwang, wo ich nicht hinwollte. Dieses geschah in Verbindung mit einer Liebesgeschichte, die auf folgende, nicht gerade romantische Weise eingeleitet wurde. Als ich eines Abends auf dem Heimweg war, mußte ich eine der Querstraßen zwischen Drottninggatan und Östermalm passieren, und wie ich auf dem Trottoir dahinschritt, wurde ich durch das Schluchzen einer weiblichen Stimme aus meinen Grübeleien geweckt. Ich horchte hin, es waren zwei männliche Stimmen, offenbar von Betrunkenen, und dazwischen klang eine schrille weibliche Stimme, welche immer stärker und zugleich immer flehender wurde. Dieses veranlaßte mich, erst stehenzubleiben und dann meinen Weg zu ändern, und so hat dieses kleine Ereignis, vielleicht mehr als alles andere, auf mein ganzes späteres Leben eingewirkt. Als ich näher kam, sah ich im Dunkel die undeutlichen Umrisse eines jungen Mädchens, das in ein großes, verschlossenes Tor hineingedrängt wurde, und zwei betrunkene Herren, die sie nicht an sich vorbeilassen wollten. Zu der Zeit war ich ziemlich schnell bei der Hand, und mein erster Impuls war ganz einfach: den mir zunächststehenden Herrn am Kragen zu fassen und mich in einen ritterlichen Kampf einzulassen, um das arme Mädchen zu befreien. Im nächsten Augenblick aber flog mir eine andere Idee durch den Kopf. Wie du weißt, habe ich stets einen gewissen Sinn für praktischen Humor besessen, und die Situation eignete sich unleugbar besser für ein Abenteuer in diesem Stil, als für ein Ritterdrama im Degen- und Mantelgenre. Statt mich auf eine Schlägerei einzulassen, kam ich deshalb auf den Gedanken, zu tun, als ob das Mädchen und ich alte Bekannte wären. Ich behandelte die beiden Schwiemelbrüder, als seien sie Luft, faßte an den Hut und sagte ganz gelassen: »Ei, guten Abend, mein Fräulein, sind Sie so spät noch draußen?« Die Wirkung dieses Auftretens war eine augenblickliche. Mit unfehlbarem weiblichen Instinkt begriff das junge Mädchen, daß sich hier eine Art von Rettung bot, und während die beiden Herren, die die Angst, möglicherweise erkannt zu werden, plötzlich nüchtern machte, im Dunkel verschwanden, spielte sie ihre Rolle in der Komödie, als sei sie auf die ganze Geschichte vorbereitet gewesen, nahm ohne weiteres den Arm, den ich ihr anbot, und als wir beiden vom Zufall zusammengeführten Menschenkinder einen Augenblick später unter den Schein einer Gaslaterne kamen, begegneten sich unsere Blicke. Da wir beide jung und wohlgestaltet waren und keine Veranlassung hatten, die Sache allzu zeremoniell aufzufassen, sahen wir uns offen in die Augen und lachten. Ich vermute nämlich, daß ich es auch tat. Daß sie lachte, daran erinnere ich mich ganz deutlich. Mit einem einzigen Blick streifte ich nämlich ein paar blaue, schalkhafte Augen, eine schmächtige, seine Gestalt und einen kindlich gerundeten, halbgeöffneten Mund. Darauf merkte ich, daß sie errötete, und in dieser Stunde ward mein Schicksal besiegelt. Als ich am folgenden Morgen zum Bewußtsein erwachte, war ich nicht mehr frei. Ich hatte eine Geliebte gewonnen, und naiv wie ich war, unerfahrener in derlei Sachen als die meisten, grübelte ich bereits darüber nach, wie es mir möglich sein würde, ihr mit meinen spärlichen Hilfsquellen ein Heim zu schaffen. Zweites Kapitel Bei näherer Überlegung schlug ich mir indessen diesen Plan bis auf weiteres aus dem Sinn. Und sorglos wie ich überhaupt lebte, ließ ich auch diese Liebesgeschichte weitergehen, bis zu einem gewissen Grade neugierig, welches Ende diese Episode meines Lebens nehmen würde. Ich war verliebt, aber nicht mehr, als daß ich recht gut den Abstand gesehen hätte zwischen mir und meinen Interessen, und diesem niedlichen Mädchen, das tagsüber hinter dem Laden in einer Konditorei stand, während sie mich des Abends an irgendeiner verabredeten Stelle aufsuchte oder an der Tür meines Zimmers anklopfte. Jetzt, hinterher wird es mir schwer zu begreifen – aber ich weiß, daß dieses Verhältnis mich damals fast glücklich machte, nur deshalb, weil ich jemand hatte, den ich beschützen, für den ich sorgen konnte und der mich, auf seine Weise, ebenfalls liebhatte. Ich mußte nun auch an einen anderen denken, nicht nur an mich selber, und schon das gibt dem Leben Wert. Deshalb empfand ich nicht nur Zärtlichkeit, sondern auch Dankbarkeit gegen dieses Mädchen, das mir ihre Jugend schenkte und meinem Dasein Licht spendete. Natürlicherweise gab es schon in diesem Stadium unseres Verhältnisses Augenblicke, in denen ich deutlich erkannte, wie sehr es zu wünschen gewesen wäre, daß diese Verbindung nie zustande gekommen wäre oder daß ich sie wenigstens abbrechen und mich freimachen könnte. Dieses Gefühl überkam mich besonders, wenn ich den Unterschied zwischen ihr und mir allzu deutlich merkte, zum Beispiel wenn sie mich zwang, ihr unzusammenhängendes Geklatsch über Freundinnen und deren Liebhaber anzuhören, ihr Gerede über Herren, die ihr auf der Straße Aufmerksamkeiten erwiesen, und ihren Zorn gegen einen Bekannten, der sie geärgert hatte. Kurzum, dieser ganze unerzogene Wirrwarr von Gut und Böse, der ihr unentwickeltes Hirn erfüllte und an dem sie mich teilnehmen ließ, ohne auch nur zu ahnen, wie unfein sie darin handelte oder daß ich Ekel verspürte, während ich sie anhörte. Bei solchen Gelegenheiten konnte mich ein heftiger Unwillen ergreifen gegen diese hübsche Außenseite, die so große Leere verdeckte, und ich ließ sie dann unter irgendeinem Vorwande mehrere Tage allein. Ich fühlte, wie dieses Leben mich niederdrückte, schrieb Briefe, in denen ich dem Mädchen zu erklären suchte, daß zwischen uns alles vorbei sein müsse. Als ich aber die Briefe abschicken wollte, versagte mir der Mut, ich verbrannte sie im Ofen und saß dabei und sah zu, wie die Asche des Papieres sich im Feuer zusammenballte, während ich die Empfindung hatte, als gingen alle meine Vorsätze in Rauch auf. Ich war an sie gebunden, weil sie mein Mitleid erweckt hatte und weil ich mir einbildete, daß sie ohne mich zugrunde gehen würde. Wenn ich sie aber nach solchen Tagen der peinlichen Trennung wiedersah und sie an meine Schulter gelehnt weinte, weil ihr Instinkt ihr sagte, daß ich sie hatte verlassen wollen, »wie es alle Männer zu tun pflegen«, da rührte sie mein Herz wieder. Ich fühlte und verstand, daß dieser Instinkt immer schlummern würde, wenn ich ihn wach wünschte, um das Gemeine in ihrem Wesen zu dämpfen, das mich in die Flucht trieb. Statt dessen würde er nicht schlafen, wenn es galt, mit beiden Händen festzuhalten, was einmal ihr Eigen geworden. Mit unbarmherziger Klarheit sah ich das, aber ich versuchte es von mir zu schieben, und es gelang mir. Mit der Leidenschaft, die sie erweckte, mischte sich auf eine wohl nicht ganz unergründliche Weise in meiner Seele der weiche, schmeichelnde Gedanke, daß ich nicht das Recht hätte, diese Hilflose ihrem Schicksal zu überlassen. Ich wurde besiegt von der Versuchung – in der so viel Ironie liegt für den Menschen – mich edel zu fühlen. Ich kann es jetzt kaum begreifen, daß ich es wirklich bin, der dieses alles durchgemacht hat. Und wenn ich mich jetzt anstrenge, diese Periode aus meinem Leben zu berichten, ohne sie gar zu tragisch zu nehmen, so weiß ich doch, daß sie sowohl damals wie jetzt den furchtbarsten Ernst für mich bedeutete. Und dieser Ernst wurde mir völlig klar an dem Tage, da Signe ihrem Geliebten mitteilte, daß sie Mutter werden sollte. Da ergriff mich eine unbeschreibliche Beklemmung. Da verstand ich mich mit einem Male, wie tief mir die Hoffnung im Herzen gelegen, daß ich doch noch einst die Frau treffen würde, die ich in Wahrheit lieben würde und mit der ich deshalb ein Heim gründen konnte. Wie in einem hoffnungslosen Dunkel verschwand nun dieser Traum und wurde zu einer Unmöglichkeit, an die ich nicht länger denken durfte. Und Hugo Brenner wurde von diesem Tage an ein anderer Mensch. Er wurde sanfter und stiller. Seine Sorglosigkeit verschwand, wurde aber von einem lichten Optimismus ersetzt, der mich zwang, alles in einem so glücklichen Lichte zu sehen, so hoffnungsvoll und so wohlgeordnet wie nur möglich. Ich begreife es ja jetzt, daß, wenn jemand Signe gesagt hätte, als sie nun einsam in einem kleinen, für sie gemieteten Zimmer saß und an Kinderzeug nähte, daß ihr Liebhaber verpflichtet wäre, noch mehr für sie zu tun, als gut gegen sie zu sein und aufs beste für sie und ihr Kind zu sorgen, sie wohl anfangs ein Stündchen geweint hätte, nervös und sentimental, wie die arme Kleine dank ihrem Zustande war. Später aber hätte sie sicher solche überspannte Phantasien belacht und den Betreffenden gebeten, nicht solchen Unsinn zu treiben und solch dummes Zeug zu reden. Aber der Hugo Brenner, der ich damals war, sah nun einmal die Welt aus seinem eigenen Gesichtswinkel an. Und als er erst angefangen hatte, darüber nachzudenken, was er in dieser Angelegenheit zu tun habe und was nicht, dauerte es nicht lange, bevor er, seiner Gewohnheit gemäß, nur einen Weg sah, den er mit Ehren betreten konnte. Dieser Weg führte geradeaus, ohne Abschweife und Krümmungen, und ich wußte es auch sehr gut, schon bevor ich es mir eingestehen wollte, daß ich früher oder später diesen Weg gehen würde und keinen anderen. In der Zeit hatte ich nämlich ein Moralprinzip, das ich einst, halb im Scherz, in einer Gesellschaft ausgesprochen hatte, das aber jetzt zu mir zurückkehrte und bitterer Ernst wurde: »Sollte das Schicksal mir eine Last auf die Schultern legen, so will ich hoffen, daß ich sie zu tragen vermag.« In diesem Falle nun legte ich das Wort auf meine besondere Weise aus; es wäre aber zuviel gesagt, wenn ich behaupten wollte, daß der Weg, den ich damals vor mir sah und den ich für den einzig möglichen, den einzig richtigen hielt, mir gerade ein rosenbestreuter zu sein schien. Im Gegenteil, ich scheute davor zurück, ihn zu betreten, und ich führte lange, nüchterne Unterredungen mit mir selber, in denen ich mit der ganzen Dialektik des Weltmannes dem Doktor der Philosophie Hugo Brenner bewies, daß er ein Narr sei und daß kein Mensch, der seinen gesunden Verstand beisammen habe, unter ähnlichen Verhältnissen darauf verfallen könne, so zu handeln. Ja, ich ging so weit, daß ich, trotz der empfindlichen Scheu meiner Natur, diese Angelegenheit einem Freunde vorlegte und ihn um Rat bat. Indessen machte ich damals – nicht zum ersten Male in meinem Leben und auch nicht zum letzten – die Erfahrung, daß man, wenn man in intimen Verhältnissen einen anderen um Rat fragt, sich genau vorsehen muß, ehe man sich zu stark entblößt. Die Art und Weise, wie mein Freund diese Sache auffaßte, war nämlich so verschieden von dem, was ich erwartet hatte, daß mir am Schlusse der Unterredung nur ein Gefühl der Scham blieb, mich einem Fremden anvertraut zu haben. Obendrein flößte mir dieses Gespräch eine Abneigung gegen diesen alten Freund ein, die im Laufe einiger Tage so stark wurde, daß wir beide nach jenem Meinungsaustausch nie so recht das Interesse wiederfinden konnten, das wir einst aneinander gehegt hatten. In meiner unbeschreiblichen Seelennot ging ich statt dessen direkt zu Signe hin, klopfte an ihre Tür, ganz vergessend, daß es Nacht und für sie besser war, nicht so spät gestört zu werden. Dies war die unmittelbare Frucht des guten Rats meines Freundes und meiner eigenen aufgeregten Gemütsstimmung. Das Mädchen kam schlaftrunken und erschrocken aus dem Bette und fragte, ob etwas passiert sei. Ohne sie anzuhören, ging ich ruhig ins Zimmer hinein und schloß die Tür hinter mir zu. Doch war ich so aufgeregt, daß ich von Kopf bis zu Fuß zitterte. Und während Signe ihren kleinen Lockenkopf auf dem Kissen zurechtlegte und mit halboffenem Munde und großen Augen, die noch vom Schlafe glänzten, auf eine Schreckensnachricht wartete, die kommen müßte, saß ich altes, großes Menschenkind da auf einem Stuhl und kämpfte mit meiner Bewegung, die mich daran hinderte, auch nur ein Wort hervorzubringen. Als ich sie betrachtete, wie sie so dalag, schien sie mir so zart, so schutzlos und einsam in der Welt, daß mein Herz, welches wahrlich schon voll genug war, vor Unwillen schwoll bei dem Gedanken, daß alle ohne Ausnahme, alle außer mir, in diesem Falle bereit sein würden, sie zu dem einsamen und verlassenen Wege der Verlorenen zu verurteilen. »Ich bin hergekommen, um dich zu fragen, ob du willst, daß ich dich heirate«, brachte ich schließlich hervor. »Herr Gott, Hugo, wie du mich erschreckt hast!« kam es aus den Kissen hervor. Natürlich konnte Signe sich nicht so hastig in meinen Gedankengang hineinversetzen. Und diese Antwort, die just nicht mit meinen Gefühlen bei dieser Gelegenheit harmonierte, brachte mich für einen Augenblick aus der Fassung. In der nächsten Minute aber war ich am Bette aufs Knie gesunken, hatte das blonde Köpfchen zwischen meine Hände genommen und zu sprechen angefangen. Ich redete davon, wie ich mir die Zukunft dachte, wie unmöglich es mir sein würde, mich jemals mit einer anderen zu verheiraten als mit ihr, der Mutter meines Kindes – als ich das Wort aussprach, schlug meine Stimme über, ich höre es noch – ferner sprach ich davon, wie ich glaube, daß sie mich liebhabe, daß ich selber immer gut gegen sie sein würde und daß meine Verhältnisse klein seien. Mit dem Kopf an ihrer Brust, mit ihren Armen um meinen Hals redete ich mich warm, und ich endete damit, sie so innig zu bitten, meine Frau zu werden, als ob ich gefürchtet hätte, sie würde aus irgendeiner Veranlassung nein sagen. Signe begriff sicher nicht viel von dem, was ich ihr damals sagte, was übrigens späterhin öfters der Fall war. Vor allem begriff sie nicht, daß alles, was ich sagte, Wirklichkeit war. Als sie mich aber zu wiederholten Malen danach gefragt hatte und ich ihr ebensooft und unter vielen Küssen versichert hatte, daß alles, was ich gesagt, mein voller Ernst wäre, da schlug sie beide Arme um meinen Hals und murmelte schluchzend: »Niemand ist wie du. Nein, niemand auf der ganzen Welt.« Und sie weinte, wenn nicht vor Glück, so vor überströmender Freude, mit einem Schlage aus Schande und Not in ein Dasein gehoben zu sein, das für sie gleichbedeutend war mit der größten Ehre, der größten Seligkeit. Ihre Rührung war so aufrichtig, daß sie in meinen Augen hübscher als je wurde, und sie war schüchtern in ihrer Zärtlichkeit, weil sie erkannte, daß sie das Glück, welches ihr zufiel, nicht verdiene. Wundere dich nicht darüber, daß ich dies jetzt so kaltblütig ansehen, daß ich obendrein darüber sprechen kann. Ich sehe sie ja jetzt, wie ich sie schließlich kennen lernte. Ach! Damals war ich heißblütiger, als ich es dir jetzt beschreiben könnte. Als ich damals Signe sah, wie sie vor lauter Dankbarkeit und Freude ganz Feuer und Flamme wurde, da steckte ihre Freude auch mich an. Und als ich an diesem Abend einsam auf meinem Zimmer saß, da hatte ich das Gefühl, als umgäbe mich etwas Großes, Warmes und Friedvolles, das die Außenwelt mit ihren kalten Bedenklichkeiten vor mir versinken ließ; ich beugte mein Haupt in dem Empfinden, nichts mehr zu wünschen, was über diesen Zustand hinausginge. In dieser Gemütsverfassung war ich vollkommen glücklich, und ich sah die Zukunft lichtgebadet vor mir liegen wie ein Jüngling. Drittes Kapitel Ich weiß es jetzt sehr wohl – und ich habe Zeit genug gehabt, über die Sache nachzudenken – daß ich zu den im Norden nicht seltenen Naturen gehöre, die während des größten Teils ihres Lebens umherzuwandern scheinen ohne Ziel, unfähig zu irgendeiner ernsteren Kraftanstrengung, die aber zeitweilig aus ihrem Schlaf erwachen und dann eine Energie entwickeln, welche Berge zu versetzen imstande scheint. Sie gleichen unserer eigenen Natur, die den langen Winterschlaf schläft, bis der Frühling kommt mit seinen hellen Nächten und langen Tagen, wo dann in einigen Wochen der Bärenschlaf der langen Wintermonate wieder eingeholt wird. Als ich meinen Entschluß einmal gefaßt hatte, warf ich mich deshalb auch mit einer gewissen frohen Gewaltsamkeit auf die Anstrengungen, die ihn verwirklichen sollten. Ich suchte überall Arbeit, und ich fand sie. Es war, als bahnten mir lichte Elfen den Weg, und ich arbeitete für mein neues Ziel mit der ruhigen Freude, die ein Mann empfindet, wenn keine Zweifel ihn länger beunruhigen können. Ehe zwei Monate verflossen waren, hatte ich, derselbe Mann, den du hier vor dir siehst, eine Wohnung gemietet, aus drei kleinen Zimmern und einer Küche bestehend, auf Söder und mit schöner Aussicht. Ich hatte Möbel gekauft und alles wie für ein neuverheiratetes Paar eingerichtet, und dann hielt ich Hochzeit mit einigen Kameraden als Zeugen und einem einfachen Abendessen hinterher im Restaurant Reisen. Alles ging so märchenhaft schnell und leicht, daß ich nachher kaum fassen konnte, wie diese plötzliche Veränderung meines Daseins zur Wirklichkeit geworden war. Und dorthin, in die kleinen Zimmer, unter denen die Wellen des Stromes glänzten und abends Funken stoben, als ob sie mit Licht überspritzt wären, dorthin führte ich an diesem wunderlichen Hochzeitsabend meine junge Gattin heim. Und als wir eintraten, stand in der Winternacht der Mond klar über der schlafenden Stadt, die so weit unter uns dalag, als sollten ihr Lärm und ihre Unruhe nie bis zu uns heraufreichen können. Der Schein des Mondes strömte über die schneebedeckten Dächer, und um den bleichen Mond stand ein Ring von Licht, ein Nordscheinkranz, der einer Brautkrone glich. Wie deutlich steht mir dieser Abend vor Augen! Ach, wie gut erinnere ich mich seiner noch! Signe ging entzückt in den Zimmern umher und betrachtete alles, was so plötzlich ihr Eigentum geworden. Sie besah sich das einfache Porzellan, horchte auf den Schlag der Uhr, nahm die kleinen Dekorationsgegenstände herunter, ging aus und ein und konnte sich vor lauter Gemütsbewegung nicht beruhigen. Ich selber saß am Fenster und betrachtete mit einem sonderbaren, fremden Gefühl dieses überströmende Glück, das ich selbst geschaffen hatte. Ich beantwortete ihre Freudenausbrüche und suchte ihrer Stimmung zu folgen, die ich so gut verstand und so natürlich fand. Aber während ich sprach und antwortete, alles anhörte und mich glücklich und ruhig zeigte, glitten meine Augen über die schlafende Stadt hinaus. Ich suchte etwas anderes als das, was ich jetzt gefunden. Und zum ersten Male verstand ich, klar und deutlich, daß, was ich jetzt gewonnen hatte, die große, grenzenlose Leere war. Dies verstand ich, wie gesagt, schon damals. Wie war es möglich, daß ich es nicht eher verstanden? Wie war es möglich, daß ich hatte vergessen können? ... Aber genug davon! Ich will dir alles erzählen, so wie ich es jetzt weiß. Ich entsinne mich, daß ich dasaß wie in einem Traum, und ich erinnere mich des Traums. Ich wußte nicht, ob das, was ich um mich sah, Wirklichkeit war oder nicht. Aber in der Erinnerung wurde es mir plötzlich so warm, daß mir das Blut im Herzen stockte, und um mich herum war strahlender Sommer. Es war mitten in einem großen dichten Walde, wo der reißende Bach mit starkem Strom an den Ufern flutete und mit kleinen weißen Schaumwirbeln über die rundgeschliffenen Flächen der Steine dahinrauschte. In der Luft lag ein Duft von Harz und Sonnenwärme, und vor meinen Augen war ein Flimmern wie von Sonnenstrahlen, welche zwischen zitternd heißem Nadelholz spielen. Da sah ich mich selber, ganz unähnlich dem, was ich jetzt war. Ach, wie verschieden! Ich hatte die Universität noch nicht verlassen und erlitt meinen ersten Schmerz. Meine Mutter war gestorben, und unter Studien und Träumereien trug ich stets jenes ernste, feierliche Gefühl mit mir herum, welches den erfüllt, der zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht mit dem Tode steht. Aber mitten im Kummer blieb ich doch der Student; mein Horizont war vielleicht nur eng begrenzt, aber hinter ihm lag die ganze Welt in schwebendem Nebel. Ich war indessen nicht einsam. Denn neben mir, auf dem Pfade, der dem Lauf des Baches folgte, ging ein junges Mädchen, das, während ich redete, zu mir aufschaute. Ich liebte sie, weil sie sich meines jugendlichen Kummers annahm und ihn mit mir teilte. Wie hatte ich dies vergessen können? Wie war es möglich? Ich fand in der Natur dieses jungen Mädchens, das so nach Leben dürstete und mich furchtlos nach allem fragte, eine Verkörperung alles dessen, was der eine Mensch bei dem anderen am höchsten zu lieben vermag. Als ich in der Hochzeitsnacht in meinem neuen Heim saß, kam mir diese Szene immer deutlicher vor Augen, und zuletzt war es mir, als hörte ich ihre Stimme und meine, die ihr Antwort gab. Den Kummer hatte sie mir abgenommen, und wir sprachen nun von meinen Zukunftsträumen. »Und wenn Sie Ihr Examen gemacht haben,« fragte sie, »was dann?« »Dann gehe ich in die Welt hinaus wie die andern.« »Nicht wie die andern«, klang es von ihr zurück. »Weshalb nicht wie die anderen?« Sie antwortete nicht, lachte nur, und ihre hohe, schlanke Gestalt beugte sich zu mir. Da hätte ich sie fast in meine Arme genommen, sie an mich gedrückt und fürs ganze Leben festgehalten. Aber die Schüchternheit der Jugend und das Gefühl der Verantwortlichkeit, welches die Liebe hemmt, zwangen mich zum Schweigen, die Worte erstarben mir auf den Lippen, ich zwang sie gewaltsam zurück und sah hinweg. Denn ich wußte, wenn es zu Worten käme, würde ich mehr sagen, als ich wollte. Was war ich? Was konnte ich von der Zukunft erwarten? Welches Recht hatte ich, störend in ihr Leben einzugreifen? Sie war reich, jung, schön. Sie war auf einem Gute geboren und bestimmt, es zu besitzen, als einzige Erbin. Ich war in ihre Nähe gekommen, weil ich im Heim ihrer Mutter zu Gaste gewesen war. Die Umgegend entbehrte nämlich des geselligen Verkehrs, und ich war ein gebildeter junger Mann, der zufällig im Inspektorshof wohnte, um während der Sommerzeit das wieder einzuholen, was ich während eines lebhaften Winters in Upsala versäumt hatte. Ach, wie gering fühlte ich mich ihr gegenüber. Wie gering und machtlos! Nie zuvor hatte ich so deutlich erkannt, daß die Welt voller Schranken ist und daß ich nicht der Mann war, sie niederzureißen. Aber meine Natur konnte ich doch nicht zwingen, und als wir uns nun wieder und wieder begegneten, als wir miteinander vertraut wurden und anfingen, einander alles zu sagen, da ließ ich alle meine Bedenken fahren und nahm mein kurzes Liebesmärchen hin wie einen Mittsommernachtstraum, von dem ich leben mußte, wenn dunklere Zeiten kämen. Und es wurde mir dieser Sommer zu einer Jubel- und Wonnezeit, so wie ich armer Mann es nie erlebt hatte. Auf die hellen Sommernächte folgte die große Hitze, die heiße Luft und satte Üppigkeit des Juli, bis auch der ein Ende nahm und die ersten gelben Flecken das Grün der Birken färbte. Die ganze Zeit hindurch traf ich sie öfters, zuletzt jeden Tag. Und so wie sie es mich lehrte, hatte ich bisher niemals sprechen können; diesem offenen und frischen jungen Mädchen, vor dem die Welt so heiter, so selbstverständlich dalag, wie sie es nur tut vor den vom Glück Auserwählten, vertraute ich an, was ich niemals, selbst einem Freunde nicht, hatte anvertrauen können, meine tiefe Unlust, ins Leben einzugreifen, und meine Sehnsucht nach dem, was ich schon damals das große, stille Glück nannte. Dieser ganze Sommer wurde für mich, der bis dahin nur Verkehr mit Kameraden gehabt und wenig Freunde besessen hatte, zu einem einzigen Sonnenbad, das meine Natur umschmolz und sie licht und gut machte. Es war nicht bloß Liebe, die ich in vollen Zügen trank, es war die Gesundheit, Fülle des Lebens, die mir zuteil wurde. Und es gab nichts, das uns gehindert hätte. Denn die alte Freiherrin war Witwe und bewirtschaftete den Hof mit größerer Überlegenheit, größerem Eifer als mancher Mann, und ihre Tochter ging ihre eigenen Wege, wie die Mutter es getan, nur mit der sonnigen Unschuld, bei der alles angeht. Wie ich nun an meinem armen Hochzeitsabend träumend dasaß, sah ich sie, sah sie mit dem Bache und dem Walde als Hintergrund, im hellen, fußfreien Kleide und ohne Hut, sah sie, wie sie am letzten Mondscheinabend an meiner Seite schritt, als die Schatten im Waldesdunkel von Lichtpfaden unterbrochen wurden und der Glanz des Mondes auf dem Bache flutete, der schwarz zwischen tiefen Ufern dalag. Wir machten unsern Abschieds-Spaziergang, und ohne daran zu denken oder es zu beachten, duzten wir uns. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, und das Glück erfüllte uns beide so ganz, daß keiner von uns sprechen konnte. Und zuletzt, als wir uns trennten, in der großen, geraden Allee, wo die geschnittenen Linden so wunderliche Schatten warfen, sagten wir einander Lebewohl. Ich küßte ihre Stirn, und sie ließ ihre linke Hand über meine Wange gleiten, während ihre rechte in der meinen ruhte. »Vergiß mich niemals«, sagte ich. »Versprich es mir.« Ich wußte nicht mehr, was ich sagte. Sie sah mir freimütig in die Augen, während ihr ganzes Wesen zu lachen schien. »Vergessen?« sagte sie still, als ob sie in etwas Fernes, Unmögliches hineingeschaut. Und sie sprach das Wort, als wäre es etwas Komisches, etwas Undenkbares. Da wandte ich mich um und ging. Ich sah nicht zurück, weil mein Herz zu voll war. Alles dieses sah ich, als ich am Hochzeitsabend in meinem eigenen Heim saß und über die Hauptstadt hinblickte, die tief unter mir in der Winternacht schlief. Ich mußte mir Gewalt antun, um zur Wirklichkeit zurückzukehren. War ich es selber, der hier saß, war ich es, der jetzt Ehemann war? Und sie, die mich jetzt erwartete? Wer war sie? Was wollte sie von mir und ich von ihr? Und es überfiel mich ein Gefühl der Verzweiflung darüber, daß ich, ohne es zu wollen, ohne es auch nur deutlich zu wissen, jemanden betrogen hatte. Oder hatte ich es vielleicht nicht getan? War nur etwas in meinem eigenen Leben zerstört, oder nahe daran zerstört zu werden? Ich hatte wie ein Mann zu handeln geglaubt, hatte meine eigenen Handlungen in einem Lichte gesehen, als stände ich hoch über dem, was andere Menschen denken, wollen oder tun. Aber ich konnte die Ruhe nicht wiederfinden, welche dieser Gedanke mir zuerst verliehen hatte. In mir wand und krümmte es sich, als hätten tausend Messer mir ins Fleisch geschnitten. Und in meiner Grübelei vergaß ich wiederum, wer ich war und was mir geschehen war. Ich sah nur das Dunkel eines Abgrundes, vor dem ich erschauderte. Da hörte ich plötzlich eine Stimme, welche mich rief, und ich fuhr auf wie ein Mann, der zu früh aus tiefem Schlaf geweckt wird. »Kommst du nicht bald? ich bin so müde.« Es war Signes Stimme, die mich schlaftrunken aus der Kammer drinnen rief. Da sah ich plötzlich alles im rechten Licht, mich selbst und die kleinen Zimmer mit ihren dürftigen Möbeln, in der Hast zusammengekauft, wo sie am billigsten waren, sah, wie schief, unwahr, verschroben und verfehlt alles war, verstand es, als hätte ich auf meinem Totenbette gelegen und mein eigenes Leben in einem Schreckensbilde an mir vorübergleiten sehen. Aber diese Hellsichtigkeit dauerte nur einen Augenblick. Im nächsten hatte die Illusion sich wieder meiner bemächtigt, und meine Stimme wurde ganz weich und flehend, als ich antwortete: »Verzeih, Signe, mir ist heute abend so wunderlich zumute.« Und mit einem Lächeln auf den Lippen ging ich hinein, kniete nieder neben dem Bette, legte das blonde Köpfchen an meine Schulter und küßte den rosigen Mund so zärtlich, als wolle ich für einen geheimen Fehltritt um Verzeihung bitten. Viertes Kapitel In einem Augenblick, da ich es am wenigsten erwartete, war in mir diese Erinnerung, die mehrere Jahre zurücklag, wieder emporgetaucht. Sie kam, als ich mein neues Heim zum ersten Male betrat, kam mit der Gewißheit, daß ich einmal in meinem Leben geliebt hatte und vielleicht wiedergeliebt, aber an meinem Glück vorübergegangen war. Ich brauche dir wohl jetzt nicht zu sagen, wer dieses junge Mädchen war, sie, deren Bild mir in mein Brautgemach folgte. Du wirst es wohl, nur zu gut, verstanden haben. Aber was du nicht wirst verstehen können, das ist, daß es mir während langer Jahre glückte, dieses Bild zu verjagen, ja mich obendrein von der Erinnerung selbst bis zu dem Grade freizumachen, daß ich nicht darüber trauerte, was mir verloren gegangen war. Und ich hatte es nicht nötig, mich anzustrengen, um dieses Resultat zu erreichen. Nein wahrlich, das brauchte ich nicht. So tief liegt in der menschlichen Natur das Bedürfnis, uns wenigstens glücklich zu glauben , daß wir die Macht haben, die Welt, in der wir leben, umzubilden, so daß wir sie in einem verklärenden Lichte sehen. Hast du das nicht bemerkt? Oder bist du nie so unglücklich gewesen, daß du so zu denken brauchtest? Sieh dich um in der Welt und sage mir, wie viele Menschen verstehen denn ihr eigenes Leben? Und wie viele gibt es, die es aushalten würden, hätten sie wirklich die Kraft, es zu verstehen? Möglicherweise lebt eigentlich kein Mensch das Leben, das er selbst zu leben glaubt. So viel ist sicher, daß niemand das Leben eines anderen in dem Lichte sehen kann, in dem er selbst es sieht. Ist dies ein Glück, oder ist es ein Unglück? Ist es die Eitelkeit, die auf der Lauer liegt und selbst in den Verhältnissen, die wir nicht immer selber geschaffen, uns glauben machen möchte, daß wir vor allen anderen bevorzugt wären? Oder ist es bloß das Beste in uns, das zu Worte kommen und uns zwingen möchte, wenigstens unsere Nächsten milder zu beurteilen? Dies Rätsel löst niemand. Und glücklich ist der, welcher niemals darüber zu grübeln braucht. Ich weiß jetzt, daß ich, seitdem es mir glückte, mir Gewalt anzutun und meine Jugendträume zu verjagen, in meiner Ehe alles, was mir geschah, mein Heim, meine Frau, ja, mein ganzes Leben, in einem Licht sah, das kein anderer als ich ihm hätte verleihen können. Aber es dauerte lange, ehe ich dies entdeckte, und wahrend der Zeit kann ich sagen, daß ich gewissermaßen glücklich war. Hätte ich nur verstanden, worin dieses Glück lag, wie anspruchslos es war und wie wenig es vertrug, näher angeschaut oder vergoldet zu werden, wäre mir vielleicht aus dieser Zeit etwas zu erinnern übriggeblieben. Aber ich sah damals meine Verhältnisse anders an; in einem gewissen Bedürfnis, mich nicht geringer als andere zu fühlen, dichtete ich alle meine Jugendträume von einer Frau, die ich lieben konnte, um, blies sie hinweg wie leere Illusionen und schuf mir ein Ideal von der Ehe, das nichts anderes war als zwei einfache, gesunde Menschen, welche die Forderung der Natur erfüllen und frische Kinder erzeugen, die nach ihnen die Erde bevölkern sollen. Was bedeutete mir in meinen damaligen Verhältnissen die Verfeinerung, der Adel des Herzens oder alle jene tausendfältigen geistigen Interessen, welche mit unsichtbaren Fäden die Menschen aneinanderknüpfen und dem Leben Reichtum und Wachstum verleihen? Ich war mit einer einfachen Frau verheiratet, die gut gegen mich war, die immer zu mir emporschaute, meinem leisesten Winke gehorchte, sich meinem Willen in allem unterwarf und die alles dies tat, nur weil sie mein Kind unter ihrem Herzen trug. Was konnte ich denn mehr wünschen? Gab es denn überhaupt anderes in der Welt, nach dem ein Mann streben konnte? Aber trotzdem ich so dachte, lebte ich doch nie danach. Unbewußt vielleicht strebte ich nach einem geistigen Zusammenleben mit meiner Frau. Ich ließ sie Musik hören, ich führte sie ins Theater, zeigte ihr die besten Kunstwerke und las ihr laut vor aus den Meisterwerken der Literatur. Und als ich dies tat, dachte ich, daß ich ihr eine neue Welt erschlossen habe. Ich bildete mir ein, daß sie dankbar dafür sei. Und ich sehe noch ihre Augen, wenn sie versuchte, mir in all dem zu folgen, das ihr so neu war, das sie sicher nur wie eine Aufmerksamkeit von meiner Seite auffaßte, die sie in ihren eigenen Augen erhöhte, die sie aber zugleich ebenso langweilig wie überflüssig fand. Und wenn Signe abends an meiner Seite saß und die Kleidungsstückchen nähte, welche die Vorbereitung sind zu dem, was in unserem Leben das größte Ereignis ist und bleibt, war ich völlig von dem Glück erfüllt, bald Vater zu werden, und vielleicht war es dieses Gefühl, das über alles andere Glanz verbreitete. Was weiß ich jetzt davon. Und was nützt es, darüber zu grübeln? Ich kann dir dies alles nicht erklären. Denn ehe du alles weißt, wirst du mich hart, bitter und grausam finden. Einsam aber war ich durch meine Ehe geworden. Und ich war einsam gerade deshalb, weil niemand den Schritt, den ich getan, mit denselben Augen betrachten konnte wie ich. Selbst meine jungen Freunde waren in diesem Punkte älter und kaltblütiger als ich. Und ich begriff nur allzu schnell, daß diese Freunde aus dem früheren Verkehrskreise mich ungern in meinem Heim aufsuchten. Ich wurde noch einsamer, als ich fühlte, daß die Kameraden mich schweigend bedauerten. Kam ich mitunter abends in unser Café, so fragte mich niemand nach meiner Frau. Wurde ich zuweilen eingeladen, so war überhaupt nicht die Rede davon, daß sie mitkommen sollte. Besuchte mich jemand, so verschwand Signe in die Küche und ließ uns allein. Ich versuchte vergebens, sie von dieser Gewohnheit abzubringen, die mir wie eine Beleidigung gegen sie selbst vorkam. Und ich war weit entfernt davon zu ahnen, daß sie das alles eigentlich sehr natürlich fand, wenn auch in ganz anderer Weise als ich. Mit ihrer unentwickelten Natur hegte sie nämlich für mich just dasselbe Gefühl, das sie für jeden anderen beliebigen Mann gehegt hätte, der Vater des Kindes gewesen wäre, das sie unterm Herzen trug. Wie einfach ist das, und wie leicht zu verstehen! Dieser Gedanke kam mir schon damals, und wie oft, wie oft während des ersten Halbjahres unserer langen Ehe. Ich weiß, daß es so war. Ich erinnere mich dessen mit qualvoller Deutlichkeit, und ich schäme mich nicht einmal, daß ich naiv genug war, ihn beiseitezuschieben. Denn ich wollte nicht, daß es so sein sollte. Ich wollte nicht, daß sie in ihrem Verhältnis zu mir dastehen sollte wie eine Dienerin ihrem Hausherrn gegenüber. Ich reizte bei jeder Gelegenheit ihr Selbstgefühl, und ich tat es meinetwegen, nur aus dem Bedürfnis, in ihr eine Gleichgestellte zu sehen. Ich sagte es ihr mehr als einmal. Und weißt du, was sie mir antwortete? »Wie kannst du glauben,« sagte sie, »daß ich je vergessen könnte, wer ich bin und wer du bist? Da müßte ich wohl verrückt sein.« Das waren ihre eigenen Worte, und du kannst daraus, wenn du willst, meinetwegen gern den Schluß ziehen, daß sie die Klügere von uns beiden war. Als ich sie zu meiner Frau machte, war dies etwas, wofür sie, ihrer Meinung nach, sich dankbar erweisen mußte, indem sie sich während der ersten Zeit unserer Ehe nach ihrer Auffassung auf ihrem Platz hielt. Dieser Platz war für sie der eines Dienstboten des Hauses, und da sie von der frühesten Jugend an gegen Armut und Not gekämpft hatte, schwindelte es ihr vor dem ihr so unbekannten Glücksgefühl, sich versorgt zu wissen. Sie konnte sich nichts Schöneres denken, als mit einem Manne leben zu dürfen, der so hoch über ihr stand, und sie hätte von meiner Seite sowohl Härte als Gleichgültigkeit leicht ertragen, wenn ich nur in diesem Punkte ihre Auffassung unseres Verhältnisses hätte teilen können. Aber dies konnte ich nicht. Ich wollte sie auf meinen Armen tragen, hoch über den Urteilen und Vorurteilen der Menschen, wollte sie zwingen, zu sein, was sie nicht war. Und ich verstehe jetzt, daß ich dies wollte, um mich selbst aufzurichten, um zu vergessen, daß ich im Innersten meiner Seele mich ihrer und meiner selbst schämte. Fünftes Kapitel Es ist ein großer Irrtum, daß man ohne Schaden für seine Seele in einer Verbindung leben könne mit einer Frau, die niedrig steht. Nichts rächt sich folgenschwerer. Nichts befleckt einen Mann in schlimmerer Weise. Aber nichts vergißt man auch leichter, wenn das Blut spricht, und niemals spricht die Stimme des Bluts lauter, als wenn man zum erstenmal ein Kind in seinen Armen hält, dessen Dasein man selbst hervorgerufen. Ich weiß wohl, daß die Psychologen im allgemeinen diese Eigenschaft als etwas speziell Weibliches bezeichnen. Aber es muß doch auch Männer geben, bei denen diese Stimme des Blutes ebenso laut redet wie bei irgendeiner Frau. Wenigstens wird es mir schwer, zu glauben, daß je eine Frau ihr Kind mit größerer Leidenschaft angebetet hat, als ich, vom ersten Augenblick seiner Geburt an, jenes kleine Mädchen, dessen Bild du einst auf meinem Schreibtisch gesehen und das in der Taufe den Namen Gretchen erhielt. Ich weiß sehr wohl, daß du, bei der Gelegenheit, die ich erwähne, dieses Bild betrachtet hast. Ich konnte es aus deinen Mienen sehen, und damals war es mir fast lieb, daß dir von selber der Gedanke kam, wie mein Schicksal eigentlich nicht durch ein Weib, sondern durch ein Kind besiegelt wurde. Als dies Kind aber geboren war, da wurde auch das Verhältnis in unserem Heim ein anderes. Ach, ich erinnere mich noch so gut, wie glücklich diese ersten Jahre waren. Alles wurde mit einem Male so natürlich, als könne es gar nicht anders sein. Signe wurde die sorgsame Mutter, die mein Haus bestellte, mein Lager teilte und meinem kleinen Mädchen die Muttermilch gab. Was all das andere betraf, so hatte ich wie durch einen Zauberschlag fast vergessen, wer sie war und wie ich sie einst gewonnen. Ich sah nur die Kleine, nichts anderes außer ihr. Wenn wir miteinander sprachen, sprachen wir von ihr. Die Bücher ruhten in den Schränken. Kam Besuch, so war es ganz natürlich, daß Signe sich nicht zeigte. Sie mußte ja bei dem Kinde bleiben. Ging ich abends zuweilen aus, so verstand es sich von selbst, daß sie zu Hause blieb. Denn das Kind durfte nicht allein sein. Ich war mit einem Male ein freier Mann geworden. Und das genoß ich sehr. Aber noch mehr genoß ich die Kleine, sie aufwachsen zu sehen, ihre Fortschritte zu verfolgen, ja, am allermeisten das beglückende Bewußtsein, daß sie überhaupt da war. Von ihrem ersten Lebenstage an richtete ich für sie ein Tagebuch ein, in dem ich alles aufschrieb, was ich an ihr entdecken konnte. Zuerst gab's nicht viel anzumerken, und hätte jemand diese Zeilen gelesen, wäre es ihm sicher komisch vorgekommen, daß ein erwachsener Mann Vergnügen daran finden könne, solche unbedeutende Kleinigkeiten aufzuzeichnen, die jeder Vater bei seinem Kinde einfach beobachten mußte. Auch habe ich sie niemals anderen gezeigt, außer der Einen, die jetzt tot und dahin ist. Aber mit der Zeit wurde es mehr und mehr, was in diesem Buche stand, ja zuletzt wurden es ganze Erzählungen. Das Buch umfaßt einen Zeitraum von zwölf Jahren, es wurde für mich eine stille Zufluchtsstätte, wohin ich mich zurückziehen und von wo aus ich alles andere ruhig ansehen konnte. Aber während ich an diesem Buche, an diesen Aufzeichnungen und Erinnerungen schrieb, wuchs das Mädchen heran, und ich wurde vor allen anderen ihr Freund. Mit mir spielte sie, mit mir plauderte sie. Mir erzählte sie alles das, was Kinder sonst bis zu dem Tage aufzusparen pflegen, an dem sie einen gleichaltrigen Freund gefunden. Ach, die ersten Jahre meiner Ehe glitten dahin, als wäre ich niemals verheiratet gewesen, sondern hätte nur einen kleinen Freund in mein Heim bekommen, einen Freund, der sich an mich schmiegte, mir alles vorplapperte, mich liebkoste, wenn ich traurig war, mit mir lachte, wenn ich glücklich war, der auf seine kindliche Weise ernst redete, so gut wie nur ein Erwachsener, und der, wenn ich so recht müde oder niedergeschlagen war, keine Ruhe gab, ehe er mich wieder heiter sah. Während dieser Zeit lebte ich wirklich, wie ich glaube, daß glückliche Menschen leben müssen. Ich grübelte weder über mich selber, über meine Ehe, noch über mein Schicksal im allgemeinen. Ich ging gleichsam meinen einsamen Weg hoch über der ganzen Welt, geführt von der Hand eines unschuldigen kleinen Kindes. Sechstes Kapitel Aber es kam der Tag, an dem ich ernstlich einsehen sollte, daß ich nicht so hoch über der Welt stand, daß ihr Schmutz mich dort nicht erreichen und niederziehen könnte. Es kam der Tag, an dem ich lernte, mich selbst, mein eigenes Heim, überhaupt mein ganzes Leben mit denselben Augen anzusehen, wie andere es schon lange getan hatten. Dieses kam indessen nicht über Nacht, sondern allmählich, und die Zeit des Zweifels war die schlimmste. Signe lebte ihr eigenes Leben während der Zeit, da mein kleines Mädchen und ich uns fester aneinanderschlossen, und ich merkte es nicht. Ich merkte wohl, wie sie sich von uns zurückzog, und ich fühlte auch zuweilen, daß sie uns beide betrachtete, als hätte sie verstanden, daß die Zärtlichkeit, die uns aneinanderband, sie von uns trennte. Signe wurde es müde, immer im Schatten zu leben; sie verlangte danach, sich als meine Frau zu zeigen; und ebenso stark wie sie sich früher zurückgezogen hatte, ebenso übertrieben wurden jetzt ihre Ansprüche. Nichts war ihr gut genug, nichts war ihr recht. Es begann sich eine Unruhe über ihr ganzes Wesen zu verbreiten, die in jede Ecke des Hauses drang, die auf der Lauer lag und die unschuldigste Freude störte und das bedrohte, was ich aufgebaut zu haben meinte. Ich merkte es wohl, ich wollte es aber nicht sehen, machte mich absichtlich blind, zufrieden, wenn ich in meinem Zimmer sitzen durfte und mit meinem Kinde, das zu einem guten und verständigen Mädchen heranwuchs, spielen oder mich mit ihm unterhalten konnte. Daß der Boden unter mir auf irgend eine Weise untergraben war, ahnte ich freilich. Aber es dauerte lange, ehe ich zum erstenmal diesen scharfen Stich im Herzen spürte, der mir unwiderruflich sagte, daß mein Heim, das ja immer gering und geistig arm gewesen, nicht einmal ein Heim mehr genannt werden konnte. Ich weiß die Veranlassung nicht mehr, weshalb Signe und ich gerade an dem Tage in einen Wortwechsel miteinander gerieten. Solche Veranlassungen kamen während der Zeit so oft, daß ich mich keiner einzelnen mehr erinnere. Aber ich weiß noch, daß sie in meinem Arbeitszimmer vor mir stand, mit einem vor Zorn geröteten Gesicht, mit halberstickter, schluchzender Stimme und laut schrie: »Weshalb hast du mich denn geheiratet?« Ich konnte nichts antworten, ich starrte nur dieses Weib an, das ich buchstäblich zum ersten Male zu sehen glaubte, aber ich konnte nichts von alledem verstehen. »Du antwortest nicht«, fuhr sie fort. »Du bist natürlich zu vornehm, um zu antworten, da du ja ein seiner Herr bist und ich nur ein armes Mädchen, das so verrückt war, sich von dir anführen zu lassen. Hätt' ich mein Glück verstanden, hätt' ich gewußt, was für ein Mensch du bist, so hätte ich mich vor dir hüten müssen. Und ich hätte zehn haben können, die besser gewesen wären als du. So, jetzt weißt du es.« Das Ganze war mir noch so neu, daß ich noch nichts von dem allem begriff. »Was meinst du eigentlich?« sagte ich mit einem Blick auf das, was uns umgab. »Haben wir es nicht ganz gut hier?« »Nein«, sagte sie und lachte mir ins Gesicht. »Nein, das haben wir nicht. Haben wir jemals was anders gesehen, als diese ärmlichen Zimmer hier? Hast du auch nur ein einziges Stück Möbel gekauft, seitdem wir in diese Bude eingezogen sind? Glaubst du, daß ich darauf eingegangen wäre, mich mit dir zu verheiraten, wenn ich gewußt hatte, daß ich mein ganzes Leben hindurch dein Dienstmädchen sein sollte? Wenn du das geglaubt hast, so hast du dich schön getäuscht.« Ich schob sie durch die Tür hinaus, die ich verschloß, und ich konnte noch immer nichts begreifen, als daß ein Unglück über mich hereingebrochen war und daß ich mein Kind retten mußte. Siebentes Kapitel Ein ganzes Jahr lebten wir noch miteinander, und ich entsinne mich, daß es eine Zeit voll beständiger Angst war, wo jeder Schritt, den ich tat, nur den Zweck hatte, um jeden Preis Gewißheit darüber zu erlangen, wie groß mein Unglück war und worin es eigentlich bestand. Ich erinnere mich dieses Jahres mit einer sonderbaren Klarheit, fast als ob es etwas gewesen wäre, das ich nicht erlebt, sondern so oft gelesen hätte, daß ich es auswendig wußte. Gretchen war damals zwischen zehn und elf Jahre alt, und eines Abends, dicht vor Weihnachten, saß sie in meinem Zimmer und las, während ich meine Gedanken für die Arbeit zu sammeln versuchte, die uns Brot geben sollte. Da blickte das Mädchen von ihrem Buche auf und sagte: »Wo ist die Mama?« »Sie ist zu Bekannten gegangen«, antwortete ich. »Weshalb bleibt sie so lange weg?« fuhr sie fort. »Sie wird wohl bald zurück sein«, antwortete ich, um sie zu beruhigen. Darauf versuchte ich, sie wieder zu ihrem Buche zurückzubringen, und dachte, daß es mir geglückt sei. Mechanisch setzte ich meine eigene Arbeit fort, konnte aber meine Gedanken nicht zusammenhalten. Nervös horchte ich auf jeden Laut auf der Treppe, draußen auf der Straße. Zuletzt muß ich ganz vergessen haben, wo ich war und daß Gretchen drinnen bei mir war, denn ich kam erst wieder zu mir, als eine kleine, schmächtige Kinderhand mein Haar streichelte und eine Stimme sagte: »Weshalb weinst du, Papa?« Ich zuckte zusammen und antwortete: »Ich weine nicht, mein Kind. Das siehst du ja.« »Ja, aber du bist traurig.« Ihr Gesicht erhielt einen unbeschreiblich gedankenvollen und grübelnden Ausdruck, und als sie merkte, daß meine Mienen sich doch noch immer nicht erhellten, sagte sie langsam, als ob sie die Sache im voraus genau überlegt und gewußt hätte, daß sie es einmal sagen würde: »Ich habe die Mama nicht mehr lieb. Sie ist nicht gut gegen dich.« »So darfst du nicht sprechen«, antwortete ich. Aber im selben Augenblick hörte ich, daß der Schlüssel in der Korridortür umgedreht wurde, und von Gott weiß welchem Instinkt getrieben, vielleicht nur um den Blicken meiner Tochter auszuweichen, ging ich schnell in den Korridor hinaus. Dann hörte ich, oder es schien mir, als hörte ich jemanden mit hastigen Schritten die Treppen hinunterspringen. Zugleich wurde die Tür zugeworfen, und Signe stand gerade vor mir. Ich zündete, ohne ein Wort, die Gasflamme an, unsere Augen begegneten sich, und ich sah, daß in den ihren etwas wie Hohn lag. »Wer war das, der die Treppe hinunterging?« fragte ich atemlos. Sie nannte ganz ruhig einen Namen, und ich fühlte, wie sie es genoß, mich in Aufruhr zu sehen. »Was wollte er hier?« »Ich begegnete ihm auf der Straße, und er begleitete mich nach Hause.« »Weshalb kam er nicht herein?« »Er wollte mir nur auf der Treppe leuchten. Ich glaube, er hatte es eilig. Wir wohnen ja in einem solchen Hause, daß nicht einmal im Flur eine Gasflamme ist.« Ich fühlte, daß sie log, aber ich konnte nicht glauben, was ich ahnte. Eine Art von Lähmung überfiel meinen Körper, und meine Adern brannten wie Feuer. Da lachte Signe. Es steht mir noch vor Augen, wie sie sich von mir abwandte und den Mantel an den Kleiderhaken hängte, indem sie sagte: »Bist du eifersüchtig?« »Schweig«, sagte ich still, damit Gretchen uns nicht hören sollte. »Schweig, und geh in dein Zimmer.« Darauf ging ich wieder in mein Zimmer zurück; mein Kopf war so kühl und klar, daß es mir schien, als könnte ich in mich selber hineinschauen wie in einen Raum. Am Tisch saß meine Tochter noch, mit großen, weitoffenen Augen starrte sie nach der Tür, die ich hinter mir schloß. Aber sie stellte keine Fragen, sie saß unberührt und still auf ihrem Platz, als ob sie mich nicht hätte zurückkommen sehn. »Mama ist zu Hause«, sagte ich. Das Kind nickte bloß als Antwort, aber ihr Blick schien der eines erwachsenen Weibes zu sein. Ich stand vor der Kleinen, ich konnte mich weniger beherrschen als sie, war unentschlossen, ob ich etwas sagen sollte und was ich sagen sollte, als sie sich plötzlich erhob, die Arme um meinen Hals schlang und in ein krampfhaftes Weinen ausbrach. Eine unsagbare Angst überfiel mich. Weshalb weinte das Kind? Was konnte wohl geschehen sein? Ich ließ sie sich in meinen Armen ausweinen, und dann, als letzten Versuch, sie zu trösten und zu beruhigen, sagte ich: »Soll Papa dich heute abend ausziehen, wie ich es tat, als du klein warst?« »Ja«, schluchzte sie und drückte sich noch näher an mich. Und indem sie ihre Lippen meinem Ohr näherte, flüsterte sie: »Erzähle es der Mama nicht wieder, was ich vorhin sagte.« Ich verstand sie zuerst nicht. Als ich aber späterhin mich ihrer Worte über die Mutter erinnerte, ergriff mich ein neuer Verdacht, der noch schlimmer war als der erste. Ich fühlte mich wie in einen Wirbel hingerissen, aus dem ich nicht loskommen konnte, und die Nacht schlief ich in meinen Kleidern allein auf meinem Sofa. Achtes Kapitel Am folgenden Tag ging ich frühmorgens nach einem Mietsbureau, um eine Dienerin zu mieten, die wir bisher nie gehabt hatten. Ich tat es, weil ich vor allem an das Kind denken mußte und noch keine Zeit gehabt hatte, mich mit etwas anderem zu beschäftigen. Den Schmerz, der laut werden wollte, zwang ich nieder. Wenn das Schlimmste wahr sein sollte, mußte doch mein kleines Mädchen gerettet werden. Es glückte mir auch schnell, diese Sache in Ordnung zu bringen. Es war auch leichter für mich als für andere, da ich keine hohen Anforderungen stellte und nicht aufgelegt war, übertrieben kritisch in meiner Wahl zu sein. Für mich galt es, überhaupt nur einen Menschen zu bekommen, gleichgültig wen. Es handelte sich bloß darum, daß Gretchen niemals allein zu sein brauchte. Nachdem diese Sache erledigt war, gedachte ich wieder an meine Arbeit zu gehen. Aber meine Müdigkeit nach der Nacht war so groß, daß ich mich statt dessen telephonisch krank meldete und in ein Restaurant ging, um mich mit einem starken Frühstück zu erquicken. In dieser Zeit hatte ich außer der Arbeit an den literarischen Sachen, die du kennst, auch noch eine Stellung in einem Versicherungsbureau angenommen, wo ich einige Stunden des Vormittags arbeitete und dafür einen kleinen, aber festen Monatsgehalt bekam. Nun war es diese regelmäßige Abwesenheit vormittags, die mich beunruhigte. Sie hatte schon über ein Jahr gedauert, und meine Phantasie gaukelte mir die unheimlichsten Vorstellungen vor, was da alles ohne mein Wissen geschehen sein könnte. Und trotzdem trug ich mich heimlich mit der Hoffnung, daß alles, was ich fürchtete, sich doch zuletzt als eitel Einbildung erweisen würde. Es war acht Tage vor Weihnachten. Gretchen hatte morgens zu mir gesagt: »Heute über acht Tage ist Weihnachtsabend!« Sie hatte mich angelacht und ganz vergnügt ausgesehen, und ich war meiner Wege gegangen, mit dem Gefühl, daß sie den plötzlichen Kummer des vorhergehenden Abends vergessen hätte. Ohne weiter über etwas nachzugrübeln, aus reiner Müdigkeit außerstande zu denken, saß ich an meinem Tisch und aß und trank. Essen und Trinken wirkten anregend auf mich, und allmählich begannen meine Gedanken sich zu ordnen. Aber ich hatte bis zu dem Grade Angst vor meinen eigenen Gedanken, daß ich versuchte, sie beiseitezuschieben. Der Auftritt von gestern – oder richtiger die beiden Szenen von gestern – erst Gretchens krampfhaftes Weinen, dann der fremde Gast auf meiner Treppe – – ich wußte ja gewissermaßen, daß es geschehen war; aber eine schlaflose Nacht macht das Gehirn trübe, und das Ganze stand vor mir wie etwas Nebelhaftes und Wirres, bis auf einmal im Dunkel ein Licht aufblitzte und eine so furchtbare Klarheit verbreitete, daß, wie ich vorher vor lauter Dunkel nichts sehen zu können meinte, ich jetzt die Empfindung hatte, als ob meine Augen zu schwach wären, um dieses qualvoll scharfe Licht zu ertragen. Ich erinnerte mich nämlich des häßlichen Tons, mit dem Signe die Worte sprach: »Ich glaube gar, du bist eifersüchtig?« Wie ein Blitz flammten diese Worte in mir auf, und in ihrem Lichte schien es mir jetzt leichter, meinen eigenen Seelenzustand zu verstehen, die wunderliche Mischung von Zorn, Verzweiflung und Kummer, die mich beherrschte. Es war mir, als hätte ich jetzt plötzlich Gewißheit bekommen, mir wurde eiskalt dabei, und unwillkürlich sah ich mich um, als fürchtete ich, daß die übrigen Gäste im Restaurant sich über meine Anwesenheit wunderten, mich persönlich kannten und über meine Schande besser unterrichtet wären als ich selber. Daß ich hintergangen war, darüber war ich in diesem Augenblick nicht mehr im Zweifel. Aber es war nicht das, was meine Gedanken beschäftigte. Das schien mir jetzt als etwas vollkommen Untergeordnetes, eine Sache ohne alle Bedeutung, eine Sache, die etwa nur meinen Stolz anging, aber nicht mein Glück. Nein, was in meinem Hirn wühlte und mein Herz stocken machte, das war der Gedanke an Gretchens Tränen und heftigen Kummer. Mein Herz schnürte sich krampfhaft zusammen, es schien mir, als könnte ich es fühlen, wie es in mir stockte. Und ich weiß noch, wie ich mich unruhig im halbleeren Restaurant umsah, diesmal in der vergeblichen Hoffnung, zwischen den frühstückenden Herren, die einen Teil der Tische besetzt hatten, einen Menschen zu finden, dem ich mich anvertrauen könnte. Einen Menschen, dachte ich, einen Menschen, der mir helfen könnte. Ich suchte in meiner Erinnerung nach Freunden, die ich früher gekannt hatte. Aber ich wußte keinen einzigen, zu dem ich gehen konnte. Mein Herz schrie nach Hilfe, aber ich fand keine. So einsam war ich geworden, einen so leeren Raum hatte ich um mich geschaffen, daß ich keinen einzigen kannte, zu dem ich auch nur hätte reden können. Die früheren Freunde tauchten, einer nach dem anderen, in meiner Erinnerung auf. Halblaut nannte ich ihre Namen, aber es waren leere Worte, die ich hersagte, nichts, wonach ich greifen konnte, um es festzuhalten. Ich fühlte mich so kraftlos, so leer, als wäre es mir unmöglich, irgend etwas auszurichten; schon der Gedanke, vom Tisch aufstehen und nach Hause gehen zu müssen, quälte und beunruhigte mich, weil ich fühlte, daß mir die Kraft selbst zu diesem unbedeutenden Entschluß fehlte. Es war, als wollte mich jemand zwingen, etwas vorzunehmen, das über meine Kräfte ging. Erst der Kellner, der kam, um zu fragen, ob ich noch etwas wünsche, weckte mich aus meinen Grübeleien. Als ob man mich auf dem Versuch ertappt hätte, mich hinwegzustehlen, fuhr ich unter seinem Blick zusammen und gab ein zu großes Trinkgeld, weil ich fühlte, daß ich mir seine Achtung erkaufen müßte. Als ich mich aber wieder draußen auf der Straße befand, sah ich, daß die Sonne schien, und empfand, daß es warm sei. Und dennoch fror mich dermaßen, daß ich es im ganzen Körper fühlte. Betäubt, ohne einen Gedanken daran, weshalb ich ging oder wohin ich ging, schlug ich den Heimweg ein. Ich weiß noch, wie ich die wunderlichsten, die entlegensten Straßen wählte, die ich finden konnte, um sicher zu sein, niemandem zu begegnen, der mich kannte. Schon der Gedanke, einen Menschen grüßen zu müssen, meinen Hut lüften oder einige Worte sagen zu müssen, jagte mir einen übertriebenen Schrecken ein. Es dauerte eine geraume Zeit, bevor ich heimkam, und als ich die Treppe hinaufstieg, mußte ich stillstehen, um mich zu erholen, ehe ich den Mut hatte hineinzugehen. So sicher war ich, daß ich vor einer Katastrophe stand, die ich nicht würde beherrschen können, aus der ich nicht als Sieger hervorgehen würde. Indessen, so schnell trifft das, was man fürchtet, selten ein. Ich fand auch nichts, absolut nichts, nur das neue Mädchen war inzwischen angekommen. Es war ein kleines, wohlbeleibtes, blondes Geschöpf mit blauen, ausdruckslosen Augen und einem phlegmatischen Gesichtsausdruck. Sie sah aus, als sei sie auf alles vorbereitet und als fürchte sie nichts, weil nichts sie aufregen konnte. Ich fand die Familie in der Küche versammelt. Signe und sie tranken Kaffee und schienen bereits gute Freunde zu sein. Gretchen saß neben ihnen mit einem Glase Milch in der Hand. Sie sah ganz vergnügt und befriedigt aus, und nur aus einem hastigen Blick heimlichen Einverständnisses, den sie auf mich richtete, konnte ich ahnen, daß sie den gestrigen Tag nicht vergessen hatte. So ging ich denn in mein Zimmer und versank in vergebliche Grübelei über mich selber und mein Schicksal, und weshalb es keinen Menschen gab, zu dem ich in meiner Not gehen konnte. Neuntes Kapitel Ich war dem geistigen Tode nahe, und auf Weihnachten folgte Neujahr, ohne daß ich die dahinschwindenden Tage bemerkte, oder was sie bedeuteten. Das Leben ist auf Gut und Böse eingestellt. Absolut schön und absolut häßlich ist es niemals. Und sogar der, der im Schmutz gelebt hat, kann wiederaufgerichtet werden. Das glaubte ich aber damals nicht, und ich weiß wohl, daß dieses Bekenntnis unmännlich klingen mag. Aber diese Unmännlichkeit liegt uns allen nahe, wenn die Not groß ist und die eigene Kraft fehlt. Es ist nur der Unterschied, daß nicht alle ihre Schwäche sich selber eingestehen wollen. Wie mir aber diese beiden Wochen vergingen, das wird mir wohl schwer werden je zu erklären. So rätselhaft scheint mir das alles hinterher, und so außerstande war ich zu der einfachsten Initiative. Ich ging umher in einem beständigen Fieber von Verdacht, und die gräßlichsten Gesichte verfolgten mich sowohl daheim als draußen. Nicht einmal wenn ich mit Gretchen allein war, fand ich Ruhe, und ich konnte merken, wie meine Gemütsverfassung sie ansteckte. Stundenlang konnte sie in meinem Zimmer sitzen und plaudern. Sie erzählte mir dann, was sie in der Schule erlebt hatte, was sie draußen gesehen, alles das, was früher unsere Vergnügungen ausgemacht und von dem wir nie müde werden konnten. Aber mit einem Male unterbrach sie ihr heiteres Geplauder. »Du hörst ja nicht, was ich sage«, rief sie aus. »Ja, ja,« versuchte ich zu antworten, »ich höre jedes Wort.« Aber das Kind ließ sich nicht hinters Licht führen. Sie verstand, daß meine Gedanken weit weg waren, wie ich verstand, daß sie unter meiner Zerstreutheit litt. Aber es lag wie ein Nebel über meinen Gedanken, und ich konnte ihn nicht verjagen, ich konnte nicht, und hätte es mein Leben gegolten, mein Gemüt freimachen von der Schwere, die uns beide peinigte. Dann ließ ich sie allein und ging hinaus, trieb mich ziellos stundenlang draußen in den Straßen umher. Oder ich ging in ein Café, am liebsten, wo viele Menschen waren. Da setzte ich mich an einen leeren Tisch, starrte gedankenlos in die Luft, und es war mir, als verflüchtigte sich mein eigenes Ich und schwände dahin, indem es sich mit all den gleichgültigen Ichs mischte, die dort drinnen versammelt waren. Zehntes Kapitel So geschah das, was sich meiner Erinnerung unauslöschlich eingeprägt hat, was mein ganzes Leben veränderte und mich langsam zu einem anderen Menschen machte. Eines Tages kam ich über Norrbro, unschlüssig, ob ich heimgehen oder aus reiner Unlust an der gewohnten Umgebung das Wiedersehen hinausschieben sollte, indem ich allein draußen in einem Restaurant blieb. Da sehe ich vor mir ein Gesicht, das mir bekannt zu sein schien, ein junges, feines Gesicht, das doch ein wenig älter geworden war, seitdem ich es zum letztenmal gesehen. Ich sah eine hohe, schlanke Frauengestalt, und ein Lächeln strahlte mir entgegen, das mich gleichzeitig erwärmte und verwirrte. Und mit einem Male sah ich wieder, wie an meinem Hochzeitsabend, jenen seligen Sommer vor mir, den ich so lange, lange vergessen hatte. Das Ganze erschien mir so natürlich, als ob ich erwartet hätte, daß es so kommen würde. Ich fühlte eine weibliche Hand die meine drücken, und wie in einem Traum lauschte ich einem Strom von Worten, die ich nur dadurch beantworten konnte, daß meine Stimme unhörbar und meine Augen verschleiert wurden. »Komm mit mir nach Hause«, hörte ich Elise sagen. »Es ist ja eine Ewigkeit her, seit wir uns gesehen haben.« Ich sah mich selbst an ihrer Seite gehen und hörte mich antworten. Aber meine eigene Stimme war mir fremd geworden. Und als die Betäubung der ersten Überraschung vorüber war und ich zu begreifen anfing, daß doch eine Art von Wirklichkeit mit im Spiele war, da wurde die Wirklichkeit mir zu einem Traum und das Ganze zu einem Chaos. Was ich sonst überhaupt noch sagte, habe ich vergessen, aber ich entsinne mich, daß ich sie fragte, ob sie verheiratet sei. »Das ist eine schöne Frage«, sagte sie. »Ich habe zwei kleine süße Jungen, die schönsten in ganz Schweden. Und das weißt du nicht? Du bist seit zehn Jahren verheiratet und du hast eine Tochter, daß weiß ich. Sie ist wohl schon groß jetzt?« »Hast du die ganze Zeit hier gewohnt?« sagte ich. »Gewiß«, antwortete sie. »Erst dachte ich jeden Tag, du würdest zu mir kommen, wie in alten Zeiten. Als du aber nicht kamst, dachte ich: na, dann muß ich wohl warten.« Dabei lachte sie laut, und ich hörte aufs neue ihr gutes, weiches, gesegnetes Lachen. Und alles wurde so einfach und offen, so klar und leicht. Ihre lichte Stimmung steckte mich an, aber zugleich ließ mich doch die Erinnerung an mein Heim und an das, was ich durchgemacht hatte, nicht los, ich sehnte mich danach, mit ihr sprechen zu können, ich wußte auch sofort, daß ich es tun würde. Jetzt ging ich nur schweigend an ihrer Seite und genoß ihre Nähe, genoß, daß sie überhaupt da war und daß sie mich nicht vergessen hatte. Und so näherten wir uns ihrem Heim, und zum erstenmal seit vielen Jahren betrat ich eine schöne, feine Wohnung. Zuerst preßte es mir die Brust zusammen. Denn ich konnte nicht umhin, an meine eigenen kleinen Zimmer zu denken, wo die Möbel so verschlissen und alltäglich waren, wo es keinerlei Ausschmückung gab, die anzeigte, daß eine liebevolle Hand das Heim geordnet hatte. Ich dachte an meine Kupferstiche und Kunstsachen, alles, was du hier siehst. Die hatte ich verpackt und nie wieder daran gedacht sie hervorzunehmen. Es war, als fürchtete ich sie zu zeigen, als hätte ich gewußt, daß sie in dieses Heim nicht paßten. Daran dachte ich jetzt. Und zugleich genoß ich es, diese großen, weiten Räume zu sehen, wo die Luft so rein war. Zwei kleine Knaben, beide kleiner als meine eigene Tochter, kamen herbei und gaben mir die Hand, und Elise ließ mich ein Weilchen allein mit ihnen. Ich stellte mich ans Fenster und blickte auf die weite Ebene hinaus, die mit den weißen Flecken vom halbgeschmolzenen Schnee und dem dunklen, feuchtgrünen Tannenwald dahinter vor mir lag. Alles vereinigte sich, um mich friedlich und ruhig zu stimmen, und ich fand es nur ganz natürlich, als Elise hereintrat und mir sagte, während ihrer Abwesenheit sei eine Telephonmeldung angekommen, daß ihr Mann heute nicht zum Mittagessen käme. »Wie schade,« sagte sie, »ich hätte euch so gern einander vorgestellt, nun muß es ein andermal geschehen.« Diese Worte störten mich in einer seltsamen, unbestimmten Weise, indem sie mich daran erinnerten, daß sie einem anderen angehöre. Aber mir war, als sei alles, was geschah, gleichsam vom Schicksal vorausbestimmt. Gerade jetzt sollte es keinen Dritten geben. Nur Elise und ich. Was uns einst miteinander verbunden hatte, sollte ungestört aus der Vergangenheit emporsteigen und wieder verknüpfen, was nie hätte gelöst werden sollen. Die Mahlzeit nahm ich hin wie etwas Notwendiges, dem ich nicht entrinnen konnte. Aber ich wartete die ganze Zeit darauf, daß der Augenblick käme, wo wir vom Tisch aufstehen würden. Alles andere, als dieses Alleinsein mit ihr, das meine Rettung werden sollte, kam mir leer und bedeutungslos vor. Ich glaube, Elise verstand mich während der ganzen Zeit, und ich empfand ihre Sympathie so stark, daß alles andere an mir vorbeiglitt, als wäre es nicht dagewesen. Und als wir nun allein saßen im kleinen Kabinett und die Kinder hinausgeschickt wurden, welch reiches Glück war das für mich! Ich war ja ein Hungernder, der sich plötzlich satt essen durfte. Und ich genoß es, daß wir schweigend dasaßen, als hätten wir beide gefühlt, daß wir Zeit brauchten, um das, was gewesen, in Berührung zu bringen mit dem, was war. »Wir beiden haben aber füreinander geschwärmt, damals, weißt du noch?« Ich nickte lächelnd zu ihren Worten. Aber ich war zu sehr von meinen eigenen Gedanken erfüllt, als daß ich ihre Stimmung ganz hätte teilen können. Instinktiv folgte sie meinen Gefühlen und begriff, wie sehr ich das Bedürfnis empfand zu reden, und deshalb sagte sie: »Nun erzähle mir alles von dir selber.« Und ich begann zu erzählen. Das ging nicht so leicht. Es mag zusammenhanglos genug und oft ohne Sinn gewesen sein. Aber ich erzählte alles von Signe und mir selber, von meinem Kinde und von meinem ganzen Leben, das ein Chaos war, welches ich nicht selbst entwirren konnte. Ich erzählte alles, so wie ich es dir eben erzählt habe. Und viel, viel mehr, dessen ich mich damals noch erinnern konnte, was aber die barmherzige Zeit mich später hat vergessen lassen. Während ich sprach, brannte das Feuer nieder, und es wurde dämmerig um uns. Elise zündete eine kleine Lampe an, wie sie sagte, um mein Gesicht sehen zu können. Die ganze Zeit saß sie neben mir, und als ich zum Letzten kam, zum Schlimmsten, legte sie ihre Hand in die meine und ließ sie da liegen. Als ich aber ausgeredet hatte, fühlte ich ihre Hand, die mich an sich zog, und ermattet wie ich war von allem, was ich so lange verschwiegen und zum ersten Male ausgesprochen hatte, fiel ich nieder mit dem Kopf auf ihr Knie. Und Gott segne sie! sie ließ mich ausweinen. Wie lange ich so lag, weiß ich jetzt ebensowenig, wie ich es damals wußte. Aber während wir in dieser Stellung saßen, kam ihr Mann herein. Ich sah es nicht, aber ich fühlte, wie Elise aufstand, und ich hörte sie flüstern: »Störe ihn nicht.« Darauf müssen sie beide in einem Nebenzimmer verschwunden sein. Denn als ich mich später emporrichtete, war ich allein. Nach einer Weile wurde die Tür wieder geöffnet, und sie kamen beide wieder herein. Ein fremder Mann umfaßte mich mit beiden Händen und streichelte mir die Schulter wie ein alter Kamerad, während Elise uns beide mit ihrem hellen, gesunden Lächeln ansah. Auf diese Weise machte ich zum ersten Male die Bekanntschaft des Bankdirektors Bohrn. Elftes Kapitel Glücklich und stark ging ich, als es Abend wurde, nach Hause. Es war erst acht Uhr, und vor Mittag hatte Elise, obgleich ich erklärte, daß niemand sich über meine Abwesenheit wundern werde, einen Boten abgeschickt, daß ich erst spät heimkäme. Aber ich konnte nicht bleiben. Denn mein Herz war zu voll. Ich hatte das Bedürfnis allein zu sein, um dies wunderliche, neue Gefühl, daß ich so plötzlich reich geworden, so recht empfinden und genießen zu können. Ich war nicht mehr allein, war es eigentlich nie gewesen, hatte es mir nur eingebildet, während dieser schrecklichen Jahre und Monate, in denen ich nur immer tiefer und tiefer zu sinken schien. So ging ich denn die lange Strecke vom Valhallaweg, über die Norrbrücke und an der Skeppsbrücke entlang, und freute mich darüber, wie hübsch alles war. Es schien mir, als wandere ich durch ein Meer von Licht und als gehöre all diese Pracht mir. So schön habe ich nie eine Stadt gesehen. So in Farben gebadet, so voll Leben, Bewegung und Interesse, glaube ich, habe ich überhaupt nie etwas gesehen, seitdem ich jung war und ernsthaft glaubte, daß die ganze Welt mir gehöre. Und wie ich dahinging, begann ich an die Meinen daheim zu denken. Ich dachte an sie ohne Bitterkeit, und ich verstand mit einem unnennbaren Gefühl von Dankbarkeit, daß die Güte anderer mich selber gut machen würde. Ich dachte an Signe und begann zu verstehen, daß ich mich getäuscht hatte, wenn ich glaubte, daß sie sich mit den Jahren verändern würde. Dies wurde mir klar, während ich einen Augenblick über den Strom gebeugt stand und das Wasser in farbigem Schimmer vorbeirauschen sah, weit weg nach der großen, schwarzen Fläche, die auf dem Hintergrunde eines blendenden Lichtringes schaukelte. Nein, sie war nicht eine andere geworden. Sie war noch heute die, die sie immer gewesen war, und wäre meine eigene Selbstberauschung nicht so stark gewesen, hätte ich es früher bemerkt. Ich selber war es, der anfing deutlicher zu sehen. Und wenn ich sie nun haßte, weil sie so war, wie sie war, kam dieser Zorn vielleicht ebensosehr aus machtloser Verzweiflung darüber, daß ich selber einst so blind gewesen. Von diesen Gedanken erfüllt, stieg ich in den Elevator bei der Skeppsbrücke, und ich empfand beinahe eine wohltuende Milde selbst Signe gegenüber, sie mochte nun sein, wie sie war, mochte verschuldet haben, was sie wollte. Während ich heimging, war ich von einem eigentümlichen, unsicheren Gefühl erfüllt, was ich tun sollte, wie ich sie behandeln sollte, wie ich ihr überhaupt begreiflich machen sollte, daß ich künftig alles, was gewesen, mit anderen, mit milderen Augen ansehen würde. Als ich die Treppe hinaufstieg, fühlte ich doch eine heimliche Beklemmung, wie eine Art Warnung, daß alles dieses nicht von Dauer sein könnte. Meine Aufmerksamkeit ward plötzlich erregt durch ein Geräusch, als ob meine Korridortür geöffnet wurde. Es war vollkommen dunkel auf der Treppe, und ich stand still, um zu horchen. Mit einem eigentümlichen, blitzschnellen Übergang von meiner früheren Stimmung erwachte in meiner Brust der alte Haß gegen Signe, den Vampir, so schien es mir, der mir das Blut aussog, und in demselben Augenblick kam mir der Gedanke, daß sie mich ja nicht so früh zurückerwartete. Es war mir, als ob das Blut in meinen Adern dahinrase, um dann plötzlich wieder zu stocken. Ich hörte deutlich, daß meine Tür wirklich geöffnet wurde und daß jemand aus meiner Wohnung herauskam. Ich stürzte hinauf, griff nach der Tür, stellte mich ihm in den Weg und fragte: »Wer ist da?« bekam aber keine Antwort. Ich zündete ein Streichholz an, und vor mir stand ein ganz fremder Mann. Wir betrachteten einander schweigend, und ich wollte anfangs nicht verstehen. Statt dessen schien er verstanden zu haben. Denn er sah weg, machte einen Versuch, den Hut zu ziehen, und verschwand im Dunkel der Treppe, während das Streichholz meine Finger brannte, ohne daß ich es merkte. Da ging ich in meine Wohnung hinein und schloß leise die Tür zu. Ich war nicht mehr betäubt von der Entdeckung, ich war mir völlig bewußt, was ich wollte, und obgleich jedes Glied an meinem Körper vor Aufregung zitterte, wußte ich doch, daß ich mich in der Gewalt hatte und endlich allem ein Ende machen würde. Ich ging direkt zur Schlafzimmertür, öffnete sie und trat ein. In einem Augenblick sah ich alles, ich brauchte keine Erklärung. Ich schloß die Tür hinter mir; und Signe schrie laut: »Ermorde mich nicht! Schlage mich, wenn du willst, aber laß mich leben!« »Schweig'«, sagte ich, »und steh' auf.« Sie gehorchte mir mechanisch. Und während sie sich anzog, setzte ich mich nieder, und alles drehte sich mit mir im Kreis herum. Ich war es nicht, der sprach, sie war es. Unter einem Strom von Tränen berichtete sie mir die ganze Schändlichkeit ihres Lebens, während sie abwechselnd mich anklagte und die Schuld den bösen Männern gab, die eine Frau nicht in Frieden lassen könnten. Ich hörte das alles an und empfand nichts als einen starken Widerwillen, der sich mir wie Eis über die ganze Seele zu legen schien. »Wie lange dauert das schon? – »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Erst jetzt, seit ein paar Jahren, ist es öfters geschehen.« Da stand ich auf und drückte sie aufs Bett nieder. Mit geballten Händen schlug ich sie, einmal über das andere, und sie hielt still unter den Schlägen, wie ein gezüchtigter Hund. Darauf wendete ich mich ab von ihr, ging hinaus und ließ sie allein. Ich ging in mein Zimmer, dort fand ich Gretchen. An sie dachte ich vor allem, und weil mein Herz erfüllt war von dem Gedanken an meine Tochter, war der Ausbruch gegen die Mutter so stark gewesen. Das Kind kam mir mit verwunderter Miene entgegen, und ich tat einen tiefen Seufzer der Erleichterung, als hätte ich befürchtet, daß jemand ihr ein Leid zugefügt haben könnte. »Bist du schon zu Hause, Papa?« sagte sie. »Ja«, sagte ich kurz. »Ich bin gekommen, dich zu holen. Wir beide wollen heute abend ausgehen und uns amüsieren, du und ich.« Ich sah deutlich, daß das Kind mir nicht glaubte, aber ohne jeden Einwand folgte sie mir hinaus. Sie fragte nicht nach der Mutter, fragte überhaupt nicht, stand nur still und sah mich grübelnd an, während ich ihr den neuen Mantel zuknöpfen half, den sie zu Weihnachten bekommen hatte. Dann faßte sie meine Hand, und wir gingen zusammen schweigend die Treppe hinunter, fort von dem Hause, dessen Schwelle wir nie mehr betreten sollten. Zwölftes Kapitel Auf der Straße rief ich eine Droschke an und ließ uns nach einem Hotel fahren. Dort nahm ich ein großes Zimmer und bestellte ein Abendessen. »Wir wollen es gemütlich haben, heut abend«, sagte ich. »Du und ich, mein Töchterchen, nicht wahr?« Aber ich sah fortwährend, daß sie mir nicht glaubte. Da konnte auch ich die Rolle nicht weiterführen, die ich spielte, konnte nicht länger nur ein älterer Mann sein, der zu einem Kinde sprach, sondern fragte sie direkt und ohne Umschweife, als ob ich zu einer Gleichaltrigen spräche: »Wirst du sehr betrübt sein, wenn du nie wieder nach Hause kommst?« Während der ganzen vorhergehenden Zeit hatte ich gemerkt, daß sie unruhig war, gleichsam ihrer selbst nicht sicher und ängstlich vor allem, was geschah, weil sie nichts verstand. »Soll die Mama denn allein da wohnen?« fragte sie. Ich erklärte ihr ganz einfach, daß ich dieses noch nicht wüßte, daß ich aber jedenfalls wegziehen würde und gern wollte, daß mein Kind mir folgte. Da kroch das Mädchen auf meine Knie hinauf, ganz als ob sie alles verstanden hätte, legte ihren kleinen schmalen Arm um meinen Hals und fing leise an zu weinen. Aber ich erkannte auch, daß es nicht vor Kummer allein war. So saßen wir ein Weilchen, und nachdem dies gesagt war, erwähnte keiner von uns wieder den Namen der Mutter. Es dauerte lange, ehe wir es konnten. Wieviel das Kind verstand von dem, was geschehen war, konnte ich sie nie fragen. Aber ich glaube fest, Kinder wissen so gut wie alles, und nur wir Großen sind es, die ihre Kinderzeit vergessen haben. Mir tun die Kleinen leid, die gezwungen werden, ihre Überlegenheit über uns dadurch zu zeigen, daß sie schweigen und sich unserem Willen fügen. Aber während mein kleines Mädchen neben mir saß, fing sie allmählich an zu sprechen. Und da erzählte sie so viel, daß ich allerdings eine Ahnung davon bekam, was da vorgegangen war und welcher Umgebung ich sie entzogen hatte. »Sie schloß mich ein, jeden Abend, wenn du ausgingst«, sagte Gretchen. »Und sie sagte, wenn ich es dir wiedererzählte, würde sie mir soviel Prügel geben wie noch nie.« »Aber wußtest du denn nicht, daß ich dir geholfen hätte«, wendete ich ein. Das Kind überlegte sich die Sache ein Weilchen und sagte dann nur: »Daran dachte ich nicht.« Da hielt ich sie mit ausgestrecktem Arm und betrachtete sie. Ihr Gesicht hatte etwas Durchsichtiges und zugleich Waches bekommen, als wäre sie lange daran gewöhnt, auf eigene Hand zu denken und sich selber zu schützen. Ich sah und sah sie an und verstand, daß all mein eigenes Erleben, mit ihrem verglichen, unsagbar gering war. Ich wagte nicht an die Zukunft zu denken. Mir schien, daß ein Kind, welches so etwas durchgemacht, nie wieder Kind werden könne, sondern fürs Leben geknickt sein müsse. Und auf meiner Zunge brannte während der ganzen Zeit die furchtbare Frage, die ich nicht auszusprechen wagte: »Weshalb schloß sie dich ein? Weißt du es? Verstehst du oder ahnst du?« Plötzlich sagte Gretchen: »Wie leicht alles jetzt werden wird. Du bist immer so gut gegen mich.« Da verstand ich, daß dieses besser war als alle Phantasien darüber, was das Leben mir möglicherweise hätte schenken können, im Fall meine Wünsche überhaupt verwirklicht worden wären. Hier hatte ich einen kleinen weiblichen Freund, den mir keine widerstreitenden Leidenschaften rauben konnten, weil ich, in meinem Verhältnis zu ihr, nie fordern, sondern nur glücklich sein würde, daß ich geben durfte. »Du wirst mich immer lieb haben, Gretchen?« sagte ich »Nicht wahr?« Sie mußte diesen Ausbruch gerade jetzt verstanden haben, denn sie nickte so ernst, als hätte ich ihr einen Eid abgefordert. Darauf aßen wir unsere erste Mahlzeit zu zweien, und als sie beendet war, legte ich Gretchen in das große Hotelbett, in dem sie fast verschwand, und ich hielt noch ihre Hand, als sie einschlief. So still, so feierlich, so reich und warm erschien mir mit einem Male dieses schwere, banale Zimmer mit seinem gewöhnlichen Schmuck und seiner falschen Eleganz, als hätte ich zum erstenmal gefühlt, was ein Heim sei. Ich blieb lange auf, und ich genoß diese Stille und diese Einsamkeit, als hätte ich nie erfahren, was Schmerz sagen wollte. Für das, was gewesen war, hatte ich kein Gefühl. So vieles war inzwischen hinzugekommen, daß es in einer Ferne verschwand, die schon der Erinnerung anzugehören schien. Da träumte ich, daß ich allein in meine alte Straße zurückgekehrt und die Treppen zu meiner früheren Wohnung hinaufgeschlichen sei. Dort irrten die wunderlichsten Gestalten umher. Krokodile mit Menschengesichtern, Schlangen mit Pferdeköpfen und Frauenhaaren, Hunde mit Katzenaugen, Kühe mit Schweinerüsseln, und Elefanten mit großen Mäulern, die ägyptischen Sphinxen ähnlich sahen. Es war mir, als hätten sich alle diese Ungeheuer hier zusammengefunden, um ein kleines Kind zu verschlingen, und ohne mich um sie zu kümmern, lief ich in den Zimmern umher und suchte das Kind. Es war nicht Gretchen, die ich suchte, es war ein anderes Kind, das dort sein mußte, wie mir schien, das aber nicht zu finden war. Da erblickte ich plötzlich ein anderes Tier, das ich vorher nicht entdeckt hatte. Es war ein Geier, der an dem Platze saß oder schwebte, wo der Kronleuchter früher gehangen. Ich sah deutlich seinen langen, nackten Hals mit dem Federkranze, und die unergründlichen Augen, die endlose Fernen in sich aufnehmen, starrten mir entgegen. Auf irgendeine Weise verstand ich, daß der Geier das Kind aufgefressen, mit fiebernder Eile rieb ich ein Streichholz an und riß die Gardinen herunter, so daß sie in einem Haufen auf die Erde fielen. Dann entzündete ich ein Feuer, das hoch aufflammte, und während die wilden Tiere im Rauch und in den Flammen verschwanden, brannte ich mein altes Heim zu Asche. Ich stand selbst dabei und sah, wie durch den Rauch der lange Hals einer Giraffe herausguckte. Die unsäglich schmerzerfüllten Augen begegneten den meinen, und zuletzt fühlte ich, daß es die Augen Elisens waren, die mich mit Kummer und Entsetzen fragten: »Was hast du getan?« Dreizehntes Kapitel Du wunderst dich darüber, daß ich mich an dieses alles erinnern kann. Ach, ich erinnere mich noch an viel mehr. Denn ich habe Zeit genug gehabt zum Denken während der Jahre, da ich nicht gelebt, sondern nur gegrübelt und mit der Seele nach all dem Großen gesucht habe, um das mich das Leben betrog. Als ich erwachte, schlief Gretchen noch, und ich ließ sie schlafen, zufrieden, sie in meiner Nähe zu wissen, und froh, daß ihre Kindernatur sich ihr Recht genommen. Als sie erwachte, beobachtete ich, daß sie sich erst mit erstaunten Augen umsah, als könne sie in der Eile nicht fassen, wo sie sei. Dann schloß sie die Augen, als erinnere sie sich an etwas Furchtbares. Ich merkte sehr wohl, daß sie mich gesehen hatte, ich verstand sofort, daß sie sich nur schlafend stellte, um mir gegenüber Selbstbeherrschung zu gewinnen. Des Kindes zarte und beherrschte Empfindung rührte mich unbeschreiblich, ich konnte ihr ja nicht einmal dafür danken. Da sah sie mich an, richtete sich hastig auf im Bett und rief: »Was ist die Uhr? Muß ich nicht in die Schule?« »Ja,« sagte ich, »morgen, aber nicht heute.« Da legte sie sich wieder nieder und genoß ihre Ferien. Als sie aber angezogen war und wir den Kaffee getrunken hatten, nahm ich sie mit mir und ging geradenwegs zu Elise. Sie sah durchaus nicht überrascht aus, als ich so früh ankam. Ich gab ihr auch nicht Zeit zum Fragen, sondern nachdem ich Gretchen ins Kinderzimmer geschickt hatte, teilte ich Elise ohne Vorbereitung mit, was geschehen war. Jetzt war ich nicht zerrissen, auch nicht weich wie am vorhergehenden Abend. Jetzt war ich ein Mann, der handeln konnte und wollte. Sie war es, Elise, die mich an einem Tage dazu gemacht hatte. Und ich sagte es ihr. Es war, als ob wir einander die ganze Zeit hindurch, Schritt für Schritt, gefolgt wären, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren. So ruhig, so ganz ohne Umschweife konnte ich ihr alles anvertrauen, ich brauchte sie nicht um Verständnis zu bitten, wir wußten beide, daß das zwischen uns unnötig sei. Als ich meinen Bericht zu Ende gebracht hatte, erhob Elise sich und ging mit schnellen Schritten von mir, und als sie zurückkam, waren sie und Gretchen gute Freunde geworden. Sie setzte sich mir gegenüber und zog das Kind an sich. Ungewohnt wie das Kind jeglicher Äußerung von Mütterlichkeit war, betrachtete sie scheu diese feine, stattliche Dame, von der sie nie hatte sprechen hören und die mich wie einen Bruder behandelte. »Jetzt bleibst du bei mir«, sagte Elise zu meiner Tochter. »Willst du?« Gretchen sah unschlüssig von ihr zu mir und wußte nicht, was sie antworten sollte. Sie errötete verlegen und lachte. Und als ich meine Tochter an Elisens Knie sah, während diese ihren Arm um die Schulter des Kindes legte, da stieg ein seltsames Gefühl in mir empor, und ich mußte mich abwenden, um meine Rührung zu beherrschen. Ich dachte ganz einfach an ... ja, an alles, woran ein Mann in gewissem Alter nicht denken darf. Elise verstand das auch. Aber so natürlich faßte sie alles auf, mit soviel weiblichem Instinkt beherrschte sie jede Situation, daß sie dem konventionellen Gefühl, welches mich eben veranlaßt hatte wegzublicken, unzugänglich war. »Ich bin so froh, daß sie mich leiden mag«, sagte sie, und ihr Blick suchte den meinen. »Geh jetzt, und komme zu Mittag wieder. Dem Kinde soll nichts Böses geschehen.« Sie reichte mir die Hand, und ich ging an meine Arbeit, mit leichterem Herzen, als ich es in vielen Jahren getan. Als ich aber ging, wandte ich mich um und blickte sie beide an, und jetzt war die Reihe zu lächeln an mir, als ich sah, daß Elise plötzlich errötete wie ein junges Mädchen. Vierzehntes Kapitel Hätte Elise bestimmen dürfen, so würde sie Gretchen als Pflegekind behalten haben. Diesen Vorschlag machte sie mir eines Nachmittags in der Gegenwart ihres Mannes, und es schien mir, als wäre in einem Nu mein ganzes Leben leichter geworden. Wie sollte ich, der ich ein Mann war, ein Mädchen erziehen? Wie sollte ich ihr in ihrer Entwicklung folgen, wie sie leiten können, so wie nur eine Frau es versteht? Jeden Tag hatte dieser Gedanke mich verfolgt und gequält, ich hatte gefühlt, wie er mich zu Boden drückte mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Verantwortung. Aber dieser Vorschlag stieß auf ernstlichen Widerstand von einer Seite, von der ich es am wenigsten erwartete, von Gretchen selber nämlich. Als Elise in meiner Gegenwart sie fragte, ob sie zu ihr kommen und bei ihr wohnen wolle, antwortete das Mädchen plötzlich und bestimmt: »Nein.« »Weshalb aber?« sagte ich. »Denke mal ...« Und ich zog sie an mich, erklärte ihr, wie sehr sie einer Mutter bedürfe, mit der sie über alles reden könne, ja ich versuchte ihr zu erklären, daß ein Mann schwerlich ein Mädchen erziehen könne. Aber das alles scheiterte an einem kleinen Mädchenherzen, das sich in sich selbst zurückzog, und an einem unergründlichen Gesicht, über welches dieses kleine Mädchenherz zu verfügen hatte. »Ich will bei Papa bleiben«, war ihre einzige Antwort. Da verstand Elise schneller als ich, zog das Kind an sich und sagte, indem sie es küßte: »Wenn dir das dein Gefühl sagt, so sollst du es auch tun.« Nie werde ich den glückseligen, dankbaren Blick vergessen, mit dem Gretchen zu Elise emporblickte. »Sonst ist Papa ja ganz allein«, sagte das Kind. Ihre Augen wurden groß, und der Mund zog sich zusammen, wie unter einem gewaltsam beherrschten Kummer. Aber der Kummer konnte auch nicht länger beherrscht werden. Er gab sich kund in einem so gewaltsamen, fast konvulsivischen Schluchzen, daß es lange dauerte, ehe die Tränen hervorbrachen und ihr Gemüt erleichterten. Während des Weinens ging sie von Elise zu mir, und den Kopf an meine Schulter gelehnt weinte sie sich aus auf meinem Schoß. Elise ging hinaus und ließ uns allein, sie wollte uns nicht stören. Als die Tränen aufhörten, schlang Gretchen die Arme um meinen Hals und rief leidenschaftlich: »Du darfst nicht mit anderen über das sprechen, was nur dich und mich angeht. Nur du und ich! Versprich es mir!« Ich verstand sie, aber versuchte dennoch instinktiv mich zu wehren, als ob ich für die Zukunft eine Gefahr geahnt hätte in dieser leidenschaftlichen Hingebung, die alles gab und alles forderte, einer Hingebung, die ich früher nur hatte ahnen können, die aber während der letzten Tage zur Frühreife und mir zum vollen Bewußtsein gelangt war. »Darf ich nicht mit ...« »Ja, ja!« unterbrach sie mich, »aber erst mit mir. Versprich es mir.« Als ich das Versprechen gegeben hatte, war sie zufrieden, und ihre frohe Miene kehrte zurück. Aber plötzlich kam mir die Einsicht, wie tief ich sie gekränkt hatte, wie gefährlich es war, daß sie so leicht zu verwunden sei. Denn schon seit der Stunde, da sie mit mir allein geblieben war, hatte sie sich da hineingeträumt, daß sie mir alles ersetzen wollte. Mein Freund, mein Helfer wollte sie werden, sie wollte mein Leben leicht machen, auf mich warten, wenn ich aus war, und mir entgegen gehen, wenn ich heimkam. So hatte sie geträumt, und ihr Traum war aus der größten Liebe gewoben, die es geben kann, der Liebe eines Kindes nämlich, die gepaart ist mit dem Mitgefühl für ein Leiden, welches das Kind ahnt, ohne es vollkommen verstehen zu können. Dieser Traum war das Zarteste und Beste in ihrem Wesen, und derjenige, welcher diesen Traum zerstörte, zerstörte damit das Zarteste und Beste in ihr selber. So war sie. In einem widerstreitenden Gefühl von Furcht und Glück verstand ich mein Kind jetzt so vollkommen, wie niemals zuvor. Und während der nächsten Tage wuchs die Gewißheit, daß ich sie recht verstanden habe. Sie konnte mich nicht ansehen, ohne daß ein schwärmerischer Glanz in ihre Augen kam, sich mir nicht nähern, ohne daß ihre ganze Gestalt etwas Weiches und Sanftes annahm von zurückgehaltener Zärtlichkeit, und oft, wenn sie neben mir stand, beugte sie sich nieder und küßte mir die Hand. Sie war voll Dankbarkeit, weil ich ihr erlaubte, für mich zu leben. Während alles dies geschah, reiste Signe nach Amerika; aus verschiedenen Gründen wurde es mir nicht schwer, die Scheidung zu erlangen. Es schien, als ob alle außer mir sie kannten. Ich habe später nie wieder von ihr gehört. Und nicht einmal in bezug auf meine Tochter habe ich späterhin überhaupt etwas für meine zerstörte Ehe gefühlt. Das war eine abgeschlossene Periode. Und mir war zumute wie einem Manne, der lange an einer ansteckenden Krankheit gelitten hat und nun endlich vom Arzt für geheilt erklärt wird. Fünfzehntes Kapitel So zog ich denn zu guter Letzt mit Gretchen in unsere neue Wohnung ein. Es ist dieselbe, die du hier siehst. Sie besteht nämlich nicht aus zwei Zimmern, obgleich es so aussieht. Drinnen in meinem Schlafzimmer hängt eine Draperie, die eine kleine Tür verdeckt. Die führt zu einem hübschen und hellen Zimmer hinein, wo die Gardinen jetzt niedergelassen sind. Dort steht ihr Mädchenzimmer noch unberührt, wie sie es verließ. Ich habe es nie über mich vermocht, von hier wegzuziehen, weil es hier nichts gab, das ich je hätte vergessen mögen. Niemals haben wohl Vater und Tochter ein eigentümlicheres Zusammenleben geführt, als wir beiden. Ein Vater, der allein mit seiner Tochter gelassen wird, bekommt leicht in seinem Benehmen dem Kinde gegenüber ein gewisses Etwas, das zeigt, wie wenig er den Unterschied des Geschlechts zwischen ihnen vergessen kann. So weit ich zurückdenken kann, war Gretchen für mich immer das kleine weibliche Wesen, sie war es von den ersten Tagen an, wo sie sich nachdenklich in der Metallplatte der Ofentür spiegelte oder mich bat, mit ihr zu spielen, daß ich ihr kleines Kind sei, und dann immer so weiter bis zu der Zeit, wo sie den Entschluß faßte, einsam an meiner Seite zu bleiben, weil sie mich über alles liebte. Hier, gerade hier stand sie jeden Mittag, wenn ich nach Hause kam, sie stand ruhig und wartete, bis ich mich meines Überrockes entledigt hatte, um sich mir dann in die Arme zu werfen, mehr wie ein liebendes Weib als wie ein Kind. Hier saß sie während der langen Nachmittage schweigend mit ihren Spielsachen oder mit ihrem Buch und sah zu, während ich arbeitete; sie störte mich nie, sondern war zufrieden, wenn sie mich nur in ihrer Nähe hatte. Wie sie dasitzen und mich ansehen konnte, wenn sie sich unbemerkt glaubte! Das steht mir jetzt so wunderbar deutlich vor Augen, jetzt, wo alles anders ist! Wir hatten eine alte Jungfer, die uns den Haushalt führte. Sie ist übrigens noch immer bei mir. Aber Gretchen sorgte stets dafür, daß wir Blumen im Zimmer hatten, und sie war es auch, die meine Lieblingsgerichte herausfand und alles in einer Weise ordnete, daß mir mein Dasein licht und leicht wurde. Sie war schon ein kleines Weib, während sie noch ein Kind war. Und wäre die Liebe ihr einst genaht, ich glaube, sie hätte sie getötet. Ich glaube es schon deshalb, weil ich nie gesehen habe, daß sie ein Kind, und wäre es auch ein noch so kleines Kind, geliebkost hätte. Die stärksten Frauennaturen sparen, denke ich, ihren Schatz von Zärtlichkeit auf für ihre eigenen. Dieses kleine Weib war bis zum äußersten empfindsam allem gegenüber, was Mißklang im Leben heißt. Wie gut erinnere ich mich aus früheren Zeiten ihres Gesichtchens, wenn die Mutter ein plumpes Wort sagte oder in ihrer ungebildeten Weise ein Gelächter anstimmte, das dem Kinde in die Ohren gellte. Sie konnte mich dann ansehen mit einem hastigen, frühreifen Blick, als wolle sie wissen, ob ich nicht ebenso dächte. Und strich ich ihr dann übers Haar, ohne sie zurechtzuweisen, wurde sie rot vor Dankbarkeit, weil ich sie wie eine Erwachsene behandelte und nicht wie ein Kind. Und ganz dasselbe Verlangen, daß alles vollkommen sein, daß an dem, was ihr lieb war oder sie erfreute, nicht der geringste Fleck zu finden sein sollte, blieb ihr stets und überall, ja, wurde mit den Jahren noch stärker, als ob das Leben, statt sie abzuhärten, sie im Gegenteil immer empfindsamer gemacht hätte. Ein unüberlegtes Wort, so geäußert, daß sie die Gleichgültigkeit oder Irritation dahinter spürte, genügte, sie stumm zu machen. Es war dann, als erstarre ihr Wesen, als ziehe es sich bei der geringsten harten Berührung in schweigender Unerreichbarkeit in sich selbst zurück. Alles aber hing damit zusammen, daß sie mich über alle Maßen liebte. Es gab keine froheren Stunden für mich, als wenn ich ihr irgendeine Freude machen konnte. Kaufte ich ihr ein Geschenk oder auch nur ein Kleidungsstück, überraschte ich sie mit einer Ausfahrt oder nahm sie, als sie älter wurde, mit ins Theater, war es nicht nur das Geschenk oder das Vergnügen, welches die geradezu überströmende Glückseligkeit hervorrief, mit der sie mir dankte. Es war ebenso sehr – vielleicht in noch höherem Grade, das Glück darüber, daß ich an sie gedacht hatte. Und wenn sie mich froh sah, weil sie es war, wirkte ihre stumme Freude fast feierlich auf mich. Trotzdem gab es keine Freude, der sie nicht hätte entsagen können, wenn ihr die geringste Ahnung kam, daß sie mir auf irgendeine Weise zuwider wäre. Ich glaube eigentlich, daß niemand sie mit denselben Augen ansah wie ich, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie sich andern gegenüber nie so zeigte. Nur Elise hat sie gesehen, wie sie wirklich sein konnte, und auch sie nur selten und für kurze Zeit. Denn so klein wie sie war, konnte sie schweigen, wie selten eine völlig erwachsene Frau. Und hatte ein Mißverständnis oder eine Abneigung gegen jemanden sie tief getroffen, konnte sie dieses mit einer ängstlichen Eifersucht verbergen, die eine Kraft des Hasses verdeckte, die nur der Größe ihrer Hingebung vergleichbar war. So glaube ich, haßte sie ihre Mutter, und zwar nicht um ihrer selbst willen, sondern meinetwegen. Das Böse, das wir beide zusammen erlebt hatten, entwickelte in ihr diese hingebende, verschlossene, sich selbst verzehrende Natur. Das hatte sie so empfindsam mir gegenüber gemacht und so unempfindlich gegen alle anderen. Es hatte in ihrem Wesen das fanatische Gefühl groß gezogen, daß sie geboren sei, um mir das zu ersetzen, was das Leben mir versagt hatte. Diese herbe Vergangenheit, von der wir selten redeten, war so schwer, so niederdrückend, ja unmöglich zu überwinden. Aber wir waren beide dadurch miteinander verwachsen, beide waren wir wie Schiffbrüchige von einem sinkenden Schiff geflüchtet, und mitten in unserm neuen und unerwarteten Glück gaben uns diese dunklen Erinnerungen aus jener vergangenen, schweren Zeit den Untergrund, auf dem unser ganzes Leben sich abspielte; alle anderen konnten ihn früher oder später vergessen, nur wir beiden nicht. So spann sich ein Netz von tausend unsichtbaren Fäden zwischen dieser jungen Frauenseele und der meinen, und so seltsam hatte das Leben uns geführt, daß ich mich oft darüber wunderte, wie wenig ich mich als ihr Vater fühlte; wie mich so ganz und gar das Gefühl beherrschte, sie sei ein gutes, lichtes Wesen, das meine Seligkeit in sich trug, so wie ich die seine, das, fast wie ein Traum, plötzlich an meiner Seite emporwuchs zu einem jungen Weibe, das mir seinen ganzen kinderhellen Frühling schenkte. Von dem Vergangenen sprach Gretchen selten, und wenn es einmal geschah, gebrauchte sie das Wort »früher« stets mit einer besonderen Betonung. Es war, als fürchte sie, meine Ruhe durch die Erinnerung an die Vergangenheit zu stören. Aber sie dachte viel daran, das weiß ich jetzt, mehr als ich damals ahnen konnte. Und einmal, als ich sie in Gedanken versunken fand, bekannte sie, daß sie über das Schicksal der Mutter nachgegrübelt habe. Das Wort kam zögernd über ihre Lippen, und eine Röte färbte ihre Wangen, als ob sie etwas Häßliches gesagt habe. »Ich muß dich etwas fragen«, sagte sie. »War Mama ein schlechter Mensch?« Ich wußte, daß es nichts nutzte, ihr etwas vorzulügen. Deshalb strich ich ihr über das Haar, um den Eindruck meiner Worte zu mildern, und antwortete: »Das war sie wohl, mein Kind. Aber trotzdem sollst du sie nicht verurteilen.« »War sie eine solche, die in den Straßen umhergehen und mir häßliche Worte nachrufen, wenn ich an ihnen vorübergehe und es dunkel ist?« »Ist das je geschehen?« »Ja, einmal, Lena hat mir gesagt, daß man sich vor ihnen in acht nehmen soll. War sie eine solche?« Ich setzte mich neben sie und versuchte sie zu beruhigen. Mir selbst bereitete dieses eine Qual, die ich nicht zu zeigen wagte. »Weshalb willst du danach fragen?« sagte ich. »Du sollst es mir sagen«, rief das Kind. »Ich will es wissen. War sie eine solche?« »Das weiß ich selbst nicht sicher, mein Kind«, sagte ich. »Aber ich fürchte es.« »Wie konntest du dich mit ihr verheiraten?« kam es heftig von ihren Lippen. Und ich verstand jetzt, daß sie die ganze Zeit darauf hinaus gewollt hatte. Ich begriff selber nicht, wie ich so ruhig sprechen konnte. Aber ich hob sie auf mein Knie und lachte, um ihr Entsetzen zu verjagen. »Das kann ich dir nicht sagen«, antwortete ich. »Weder jetzt noch später. Ich wußte es nicht besser. Oder vielmehr, es war mein Schicksal. Aber du sollst auch wissen, daß ich deine Mutter lieb hatte, als ich mich mit ihr verheiratete. Und damals war sie auch nicht so, wie sie später wurde.« So erklärte ich es ihr und redete, und während ich redete, fühlte ich, wie ihr Körper, der erst wie steif vor Spannung gewesen, nachließ und in meinen Armen weich wurde, wie sie selber ruhig wurde. »Hast du über dieses nachgegrübelt, Kind?« sagte ich zuletzt. »Ja, lange«, antwortete sie. Und abermals sah ich in ihren Augen einen Widerschein der früheren Angst. Dann küßte sie mich, und ihre Miene wurde fast heiter. »Es ist so gut, wenn man etwas Bestimmtes weiß«, sagte sie. »Und du bist so lieb gegen mich. Du machst mir nichts weis, wie es andere Papas mit ihren Kindern tun.« Dann trocknete sie ihre Augen mit einem kleinen Kindertaschentuch und war wieder so, als wäre nichts geschehen. Sie war damals dreizehn Jahre alt. Sechzehntes Kapitel Während dieser Zeit kann ich ohne Übertreibung sagen, daß ich zwei verschiedene Leben führte. Denn außer diesem eigentümlichen Zusammenleben mit meiner Tochter, teilte ich auch Freude und Kummer mit Elise und ihrem Manne. Oder eigentlich vor allem mit Elise. Und ich genoß in vollen Zügen das Neue, das für mich darin lag, gleichgestimmte Menschen gefunden zu haben, deren Freude und Schmerz ich teilen durfte. Ich gab mich diesem neuen Glücke ohne Vorbehalt und Skrupel hin, es fiel mir nicht im Traume ein, daß ich anders oder mehr sei als ein Mensch, den das Schicksal beiseite geschoben hatte, ein Mensch, der für sein eigen Teil nicht mehr begehrte, als was andere von ihrem Überfluß leicht entbehren konnten. Du weißt alles, was man sich über Karl Bohrn erzählt hat. Du weißt, daß man ihn im Verdacht hatte, eine anerkannte Geliebte zu haben, und daß außerdem von seinen flüchtigen Verbindungen Verschiedenes an die Öffentlichkeit drang. Von alle dem wußte ich damals nichts, so fern lebte ich mitten in der Hauptstadt von allem, was müßige Zungen in Tätigkeit versetzt. Ich wußte nur, daß Karl Bohrn mich bei unserem ersten Zusammentreffen in einer Situation überrascht hatte, die sicher in einer weniger edelmütigen Natur Unwillen gegen mich erzeugt, oder im günstigsten Falle wenigstens ein Gefühl von Unbehagen gegen meine Person hinterlassen hätte. Aber Karl Bohrn stand allem Gewöhnlichen fern oder war darüber erhaben. Dieses war sein großes Geheimnis, obgleich er selber zu stark war, um es auch nur zu ahnen. Aber niemals trat er mir anders entgegen als mit offenster, unverfälschtester Freundschaft, mit einer Sympathie, die ich nur auf Rechnung des Mitgefühls mit all dem Schweren setzen kann, welches ich erlebt hatte. Im Lichte dieser sonnigen Offenheit, die keine der kleinen Desillusionen des Lebens verdunkeln konnte, sah ich seinen Charakter. Ich weiß, wie viel man über ihn redete und wie man seine Frau beklagt hat. Ich weiß aber auch, daß sie selbst sich nicht beklagte, obgleich sie vor allen anderen Frauen, die ich gekannt habe, die Fähigkeit besaß, zu sehen und zu verstehen. Aber es mag wohl sein, daß es gerade diese Eigenschaft war, die ihr die Kraft gab zu ertragen. Dafür verstand er auch sie, was er im übrigen ihr gegenüber auch auf dem Gewissen haben mochte. Und nichts bewies dies besser, als sein Verhalten mir gegenüber. Elise gehörte nämlich zu den Frauen, welche es verstehen, ein wirkliches Freundschaftsverhältnis mit Männern anzuknüpfen und festzuhalten. Ihre Zahl ist nicht groß, denn wenn eine Frau einen Mann gern hat, so kommt es meistens daher, daß dieser von Anfang an der Freund ihres Mannes gewesen. Elise aber lebte ihr persönliches Leben, sowohl in ihrem Heim als außerhalb desselben, und hätte man sie gezwungen, ein Verhältnis, auf das sie Wert legte, abzubrechen oder es auch nur einzuschränken, wäre sie zugrunde gegangen. Dies verstand ihr Mann, und deshalb konnte er ihre Freundschaft für mich nicht nur mit Ruhe sondern auch mit Sympathie ansehen. Denn er wußte sehr gut, daß etwas vom Zartesten, vom Anbetungswürdigsten an dieser Frau gerade in der reinen Freiheit lag, womit sie alles im Leben hinnahm und für alles Raum hatte. Ich rede von Karl Bohrn als Freund, und ich bin überzeugt, daß gerade, wenn man dies kann, man einen Menschen am besten versteht und am gerechtesten gegen ihn ist. Das Leben machte mich zu seinem Schuldner, und ich habe es bei ihm leichter gefunden als bei jedem anderen, in Schuld zu stehen. Er war für mich der Typus für vieles, das wir mit Recht oder Unrecht schwedisch nennen, und zwar für das Allerbeste an dieser eigentümlichen und ziemlich unbestimmten Eigenschaft. Deutlich sehe ich noch seine kleine, wohlbeleibte Gestalt vor mir, mit den lebhaften Bewegungen und dem Ausdruck von Wohlbehagen und Genußfreudigkeit. Alles, was an anderen abstoßend wirken konnte, schien mir bei diesem Manne in einer eigentümlichen Weise unschuldig zu sein. Die Augen, die hinter den Brillengläsern vor lauter Lebenslust in seinen Kopf zu verschwinden schienen, und das noch, als er schon in den Fünfzigern war, konnten bei anderen Gelegenheiten einen traurigen, nach innen gekehrten Ausdruck bekommen, der beinahe kindlich wirkte. Selten habe ich einen Mann gesehen, bei dem die rein physischen Triebe in einem so seltsamen Kontrast standen zu seiner geistigen Überlegenheit. Und diese Überlegenheit war mir besonders deshalb sympathisch, weil er selbst niemals viel Wesens daraus machte. Oft habe ich ihn in Situationen gesehen, wo ich mich wunderte, wie wenig er sich geltend machte. Und erst spät begriff ich, daß er dieses verschmähte, und zwar keineswegs aus Berechnung, sondern weil er hierin, wie in seinem ganzen Leben, ein übermütiger Verschwender war. So sehr er Bankier war, hatte er doch im Grunde viel von einem Stimmungsmenschen, der sich oft anderen gegenüber einfach nicht die Mühe gab, sein Selbst in das rechte Licht zu setzen. Elise hat mir einmal erzählt, daß diese Eigenschaft ihm in seiner Jugend ein großes Hindernis gewesen war. Ich will es gern glauben, und ich begreife auch wohl, daß es gerade diese Eigenschaft war, die sie an ihm in hohem Grade liebte. Allerdings besaß er daneben die kräftige Hand, die, wenn sie einmal die Zügel gefaßt hatte, sie auch energisch festhielt und nicht wieder los ließ. Ich habe ihn auf seinem Kontor gesehen, wenn die Geschäfte sich häuften, wenn es ihm in den Fingerspitzen brannte vor fiebernder Eile. Da war er wie ein Kapitän auf seinem Fahrzeug, wenn böses Wetter ist. Er genoß die Schwierigkeiten, von denen er wußte, daß er sie beherrschte, und war so recht in seinem Element. Doch glaube ich nicht, daß er seinen Beruf eigentlich aus Neigung gewählt hatte. Er war in die Geschäftswelt hineingekommen, weil er einer alten Handelsfamilie angehörte, und als er erst einmal drinnen war, machte er das Beste aus der Situation. Seine Stellung war ihm lieb, weil er durch sie Menschen beherrschen und seinen Willen durchsetzen konnte. Dieses, seinen Willen durchzusetzen, glaube ich, bedeutete für ihn, wenigstens zeitweise, den höchsten Reiz des Lebens. Denn in seinem Leben gab es eben etwas Periodenhaftes, er befriedigte gleichsam stoßweise die widerstreitenden Kontraste seines Wesens. Wenn er gegen Krisen ankämpfte oder mit irgendeinem größeren Coup beschäftigt war, dann bekamen auch seine Leidenschaften die Überhand. War die Spannung vorüber, so kehrte er mit erneuter Wärme zu seinem Heim zurück. Dann konnte er wieder in dem Zusammenleben mit den Seinen in einer Weise aufgehen, als existiere die Außenwelt überhaupt nicht. Sein Leben schwankte von einem Extrem zum andern, ich habe oft darüber nachgesonnen, wie es sich wohl gestaltet hätte, wenn diese Natur sich einmal im gesetzten Alter zur Ruhe begeben hätte. Doch kann ich mich nicht entsinnen, daß er je auf mich den Eindruck eines überanstrengten Mannes gemacht hätte. Er stand früh auf und ging spät zu Bett. Er war auch verschwenderisch mit seinen physischen Kräften. Ein Verschwender war er außerdem mit dem Gelde, und es war wohl dies Bedürfnis, das ihn an den Beruf fesselte, der die Sparsamkeit überflüssig machte. Ich glaube aber, daß er, wie gut er auch in seiner Bank Bescheid wußte, sich seiner persönlichen Ausgaben nur im Bausch und Bogen erinnerte. Er behauptete, daß er seine Ausgaben niederschreibe. Das tat er auch. Aber nach seinem Tode entdeckten wir, daß er sich nie Zeit genommen hatte, sie zusammenzurechnen. Ein Verschwender war er endlich auch im Verbrauch der geistigen Kräfte. Ein Freundschaftsverhältnis mit ihm war so reich, als hätte er alle Energie in das rein Persönliche gelegt, und er vermochte zehn Stunden zu arbeiten und die Nacht in der anstrengendsten und lautesten Gesellschaft zuzubringen, ohne daß jemand ahnte, daß er müde war. Bei solchen Gelegenheiten konnte er noch bis zu allerletzt berauschend wirken wie ein junger Mann, allein durch die ungezähmte Lebenskraft, mit der er das ganze Leben zu umarmen schien, von der trockensten Arbeit an, die er stets mit Leben erfüllte, bis zu der aufrichtigen Freude an den materiellen Gaben des Lebens. Niemand hat wohl je eine gute Mahlzeit so genossen wie er, und niemand, nicht mal die Ausübenden selber, hat je einen lebendigeren Sinn für die Kunst gehabt. So war der Mann, den ich durch Elise kennen lernte und dessen Freund ich wurde. Und dadurch, daß ich ihn so genau kennen lernte, wurde es mir begreiflich, welche Macht ein solch unglaublicher Reichtum auf eine Frau ausüben mußte, die wie sie es verstand, in gleich hohem Grade nach außen wie nach innen zu leben, und die selbst imstande war, ihre Nächsten mit der nämlichen klaren Ruhe zu beurteilen, mit der sie sich selber, als sie noch jung und hübsch war, im Spiegel betrachtete und über die ersten weißen Haare und seinen Runzeln lachte. Siebzehntes Kapitel Und doch konnte Elise mitten in diesem Leben, das sie erfüllte und ihr auf tausenderlei Weise Glück und Genießen bot, sich zuweilen nach etwas anderem, etwas Höherem sehnen. Die Mädchenträume schwebten vor ihrem klaren Blick wie Wolken von weißen Schmetterlingen über grünen Wiesen. Mit der Überlegenheit des reiferen Alters lachte sie über das sonnenschimmernde Spiel der Träume, aber sie genoß sie dennoch und freute sich ihres Spielens über hellen Sommerblumen. Deshalb konnte sie sich von der Großstadt und ihrem Winterleben hinaussehnen nach dem Walde und dem Bache, nach den blumenreichen Wiesen und den lichten Birkenhainen. Sie konnte Sehnsucht spüren nach den weißen Schneefeldern und der Morgensonne, die den Reif rot färbte. Oder auch nur danach, des Morgens zu erwachen, zu lauschen, ob alles still war, und zu hören, daß die alten Bäume draußen vor ihren Fenstern rauschten. Wonach mag sich nicht ein Frauenherz sehnen, wenn wir Männer glauben, daß wir selbst den geringsten ihrer Wünsche erfüllt haben? Am häufigsten sehnt sie sich wohl gerade nach dem, was uns niemals einfällt, und eben darin, daß wir nichts merken von dem, was für sie ein unausgesprochener Traum ist, liegt die Möglichkeit, daß sich früher oder später zwischen Menschen ein Abgrund auftut, der niemals überbrückt werden kann. Ich lernte das alles einsehen und begreifen während der Zeit, da ich mit Elise lebte, wie ich es nie für möglich gehalten, daß ein Mensch mit dem andern leben kann. Still und sicher wuchs das Verhältnis zwischen uns an Innigkeit, und ohne daß ich mir Rechenschaft darüber geben konnte, in welcher Weise sie es tat, füllte sie bei mir einen Platz aus, der immer leer gestanden zu haben schien. Und den ersten wirklichen Einblick in ihr Leben erhielt ich dadurch, daß ich ihr meinen Kummer mitteilte und sie mich mit seiner Bitterkeit versöhnte. Ja, ich lebte während dieser Zeit in Wahrheit zwei Leben, und ich tat es nicht allein dadurch, daß ich meinen inneren Menschen teilte zwischen meinem Heim und dem, was ich damals meine zweite Welt zu nennen pflegte. Ich lebte zwei Leben noch in anderer Bedeutung, weil mir nämlich mein Wesen in zwei Hälften zerschnitten schien. Anfangs war es nicht so. Anfangs glaubte ich, daß, was ich erlebt hatte, mir vorübergegangen sei, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich fühlte mich glücklich und stark, weil all das Alte vergangen und die Erniedrigung meines Lebens wie ein böser Traum verschwunden war. Ich hatte viel zu tun mit der Ehescheidung und mit der Einrichtung meines neuen Heims. Ich mußte daran denken, Geld herbei zu schaffen, um alles zu ordnen für die friedliche Zukunft, die meiner Tochter und meiner wartete. Diese Sorgen gaben mir meine Energie wieder, und diese Energie war derartig, daß sie mir keine Ruhe ließ, ehe das ausgeführt war, was ich wollte. Als aber die Ruhe wiederkehrte und ich einsam mit meiner Tochter in unserer kleinen Wohnung saß, als nichts anderes meine Gedanken beschäftigte und zerstreute, als die Arbeit an einer Übersetzung oder das Ordnen irgendeines der vielen Buchhändlerprodukte, die meinen Namen tragen, da kam mein altes Leben zurück und schaute mir ins Gesicht. Es kam wie ein dunkler Schatten, der sonst nichts von einem menschlichen Gesicht hatte als zwei Augen. Und diese Augen starrten in die meinen und fragten: »Wo bist du in allen diesen Jahren gewesen?« Und ich antwortete gedankenlos: »Weit weg.« Die Augen fragten wieder: »Bist du jetzt nach Hause gekommen?« Eine kalte Angst überfiel mich, und ich antwortete! »Ich weiß nicht.« »Siehst du«, begannen die Augen wieder. »Nicht einmal das weißt du. Du wirst es auch nie erfahren. Denn du bist in meiner Macht, und ich komme, um dich mir wiederzufordern.« Und der Schatten wuchs, bis er das ganze Zimmer um mich herum erfüllte, so daß alles dunkel wurde und ich das Lampenlicht wie einen Punkt mitten in all dem Schwarzen sah. Er kam, wenn ich allein war und die Nacht heranrückte. Da trieb er mich vom Schreibtisch weg und zwang mich, sinnlose Schritte im Zimmer hin und her zu tun, während ich an nichts dachte, nur fühlte, wie der Schatten mein Inneres erfüllte, bis dort nichts mehr zu sehen war als eine einsame, flackernde Flamme. Mir war es, als sei diese Flamme mein Leben und als wolle der Schatten sie auslöschen. Ich fühlte, wie sie ausging, wie ich nicht länger existierte. »Meine Tochter!« sagte ich laut vor mich hin. »Was soll aus ihr werden?« Und ich schlich mich hinein an Gretchens Bett. Dort fiel ich auf die Knie in tränenloser Verzweiflung, beugte mich über das Kind und empfand ihren ruhigen Atemzug an meiner Wange. Aber an der Wand, über ihrem Bette regte sich der Schatten, und die unergründlichen Augen funkelten. »Noch bist du nicht ausgebrannt«, sagten sie. »Noch wird dir die Zeit lang.« »Wenn ich nur still sitzen könnte«, dachte ich. »Wenn ich doch nur still sitzen könnte.« Es war mein altes Leben, das zurückkehrte und mir das unsagbare Weshalb aufzwang, das kein Mensch beantworten kann, weder für sich noch für andere. Ich war jung und konnte mich nicht alt fühlen. Durch unnütze Selbstaufopferung war mein Leben in den Sand geronnen, und ich selber sollte bald nachfolgen, ohne auch nur einen Tropfen gefunden zu haben von jenem reinen Trank, nach dem ich dürstend meine Hand ausgestreckt hatte. Ich hatte ein Kind, das mich anbetete. Ein Kind, das mich glücklich machte, wenn sie nur meinen Blicken begegnete. Aber was ist denn ein Kind? Ein Teil meines Selbst, das Schutz suchend sich an mich drückt, so lange das Bedürfnis es an mich fesselt, das mir aber den Rücken zukehrt und seinen eigenen Weg geht, wenn das Leben einst lockt. Ich hatte Freunde. Was sind denn Freunde? Ein Beweis der eisigen Isolation des Lebens, die wir erst dann verstehen, wenn der Schmerz uns so hart geschlagen hat, daß jedes Gefühl fort ist. Ich hatte eine Frau gehabt ... Wie unter einem brennenden Peitschenhieb beugte ich mich und empfand die Schande alles dessen, was mein Leben mir gebracht hatte. Und ich sah nur eines, daß ich allein stand, allein, entfernt von Gott und Menschen, dazu verurteilt, in der Stille zu verschmachten, ohne daß ich es vermochte, jemandem die Furchtbarkeit der Qualen zu offenbaren, die mich marterten. Kein Mensch kann auf die Dauer allein sein, keiner kann leben, keiner kann sterben allein. Ich weiß, daß das alles geschehen kann und daß es wie alles andere ertragen werden muß. Ja, ich habe gehört, daß Menschen davon sprachen, wie von dem höchsten Gut des Lebens. Aber ich glaube ihren Worten nicht. Sie sind übertrieben oder Torheit, und selbst ihr Gerede birgt die Sehnsucht in sich nach einer anderen Seele, für die nichts in der unsrigen fremd ist. Und als ich damals so allein war, daß mir schien, niemand sei je so einsam gewesen, schrie ich im Zorn auf wider mein Schicksal und konnte keinen Frieden finden. Ich las das Buch Hiob und fand den Ausdruck für meinen Gemütszustand in des hebräischen Dichters einsamem Kampfe gegen Gott. Um mich her glaubte ich die fremden Möbel meines kleinen Doppelzimmers zu sehen, wie ich es bewohnte, ehe ich mich verheiratete und mich glücklich glaubte. Ich sah mich als einen jungen Mann, der sich dem Leben gewachsen fühlt. Dieses Gesicht verfolgte mich wie ein böses Omen. Wer sich selbst erblickt, muß sterben, heißt es. Für mich bedeutete es aber nicht solches Glück. Für mich bedeutete es das Gegenteil. Wer sich selbst erblickt, der stirbt nicht. Aber er muß lebend herumgehen, als sei er schon längst gestorben, und sich über sein eigenes Bild grämen, das er nicht vergessen kann. Während all dieser Lebensqual lebte ich mein tägliches Leben weiter, und niemand merkte mir etwas an. Ich verrichtete meine Arbeit, nicht schlechter und nicht besser als früher. Nur schneller. Es war, als zwänge mich jemand zu eilen, damit ich frei wäre, wenn die bösen Gedanken kämen und mich mir selber zeigten, mich und mein verfehltes Leben. Ich spielte mit meiner Tochter und las ihr vor. Und ich küßte sie jeden Abend zur Gutennacht mit einem Gefühl von Glück, endlich frei zu sein. Ich besuchte Elise und ihren Mann oder Elise allein. Ich hörte sie sprechen und wußte, daß ich ihnen Antwort gab. Aber ich fühlte mich erleichtert, wenn ich die Korridortür hinter mir zufallen hörte und mich wieder draußen auf der Straße befand, wo der Schatten wartete, um mich heim zu begleiten. Kurzum, ich lebte ein Scheinleben, das ich nicht verstand. Und dahinter lockte mich die Versuchung, Hand an mich zu legen und mit unaussprechlicher Genugtuung zu fühlen, wie der Lebensfaden abreißen würde. Und ich vermochte mit niemandem darüber zu sprechen, nicht einmal mit Elise. Auch sie merkte nichts, sie, die sonst so scharf sah. Ich ging umher und wunderte mich darüber, ich fand, daß sie meinen Zustand ahnen und mir zu Hilfe kommen müßte. Ich fühlte Haß gegen sie, weil es nicht geschah. Einen ganzen Winter ging ich so umher und glaubte, ich könnte es nicht aushalten, es müsse zuletzt alles in mir zerspringen. So saß ich denn eines Abends in Elisens Kabinett, und durch die offene Tür hörte ich spielende Kinder. Wir saßen und warteten auf ihren Mann. Er kam aber nicht. Da klingelte es am Telephon, und ich sah Elise hinausgehen. Mit einem Male wurde es mir dunkel vor den Augen, ein Gefühl von wunderbarer Wehmut durchströmte meine Seele. Ich haßte nicht länger, die Bitterkeit wich, der Trotz, die Angst, die Grübelei, die Unruhe, alles wich von mir, nicht, als wäre ich es los, sondern als weigerte ich mich, diese unerhörte Spannung länger zu ertragen, die mir nicht einmal im Schlafe Ruhe ließ. Es war mir, als sänke ich betäubt um, als versagten die Sinne ihren Dienst. Ich bildete mir ein, es sei der Tod, der sich mir als Freund nahe. Ich war nicht bewußtlos. Aber ich hatte auch keine Erinnerung an das, was passierte, bis ich Elisens Stimme hörte und ihre Hand fühlte, die leise an meinen Arm rührte. Ich sah mich um und fühlte dabei, wie mir der kalte Schweiß buchstäblich von der Stirn lief. »Was hast du, Hugo?« hörte ich Elise sagen. »Ist dir nicht wohl?« Ich erhob mich und blickte sie an. »Nein,« sagte ich, »mir ist nicht wohl. Es ist nicht mehr wie früher. Da betrübte ich mich über etwas, dem abgeholfen werden konnte. Jetzt bin ich nicht mehr traurig. Der Grund für meine Traurigkeit ist verschwunden. Aber ich habe meine Kräfte einmal überanstrengt, Elise. Jetzt bin ich lahm. Und meine Glieder tragen mich nicht länger.« Wieder sah ich ihre Augen, die forschend die meinen suchten. »Sieh mich nicht so an«, sagte ich. »Das tut weh.« Sie blickte weg und schwieg, machte nicht einmal eine erstaunte Bewegung. Ich hatte ein undeutliches Gefühl, daß sie es gut mit mir meinte, und es war mir völlig gleichgültig. Aber trotzdem fing ich an, über mich selber zu reden, und Elise antwortete mir. Zuletzt hörte ich auf ihre Worte, und etwas von der Kälte begann in mir zu schmelzen. Aber noch war ich nicht imstande, nur zu begreifen, daß sie meinen Schmerz teilte, ich glaubte, sie müsse mich verachten, und sagte es ihr. Da lachte sie mich aus, als wäre ich ein krankes, eigensinniges Kind, und ich empfand dies. Aber ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Ich wollte ihr keine Macht über mich einräumen, und wäre es auch zu meinem eigenen Besten. Deshalb schüttelte ich den Kopf, als sie mich bat zu bleiben, erhob mich und ging fort, indem ich versuchte, sie zu überzeugen, daß ich nervös gewesen sei und alles übertrieben hätte. Zu Hause aber fand ich Gretchen, die von ihrer Musikstunde gekommen war und mich erwartete. Sie hatte in meinem Zimmer ein Abendessen hergerichtet, den Tisch zierlich gedeckt und Obst darauf gestellt. Und als ich eintrat und sie sah, daß mein Gesicht sich erhellte, hüpfte sie ganz außer sich vor Entzücken im Zimmer herum. Zum ersten Male seit langer Zeit fühlte ich, daß etwas anderes außer mir Wärme und Leben besaß. Ich fühlte es ganz schwach, als ob ich noch nicht imstande sei, es ganz zu empfinden. Als ich aber allein war, machte sich der Kummer Luft in einem Strom von Tränen, und todmüde ging ich zu Bett. Achtzehntes Kapitel Von diesem Abend an suchte ich Elise jeden Tag auf, wenn ich fühlte, daß die Einsamkeit mir gefährlich wurde, und immer hatte sie ein Stündchen für mich übrig. Sie half mir besser als ein Arzt. Denn sie nahm mein ganzes Leiden auf ihre eigenen Schultern und machte mich wieder zu einem gesunden Mann. Wie sie es tat? Welche Mittel sie anwendete? Wie könnte ich das je erzählen? Ich wurde nicht in einem Tage, nicht in einer Woche oder einem Monat geheilt. Es bedurfte langer Zeit dazu. Und ich war kein leichter Patient. Elise aber war unermüdlich. Sie fand Mittel, um mich zu zerstreuen, sie überredete mich zur Arbeit, lockte mich, Musik anzuhören, und führte mich unter Menschen. Alles dieses kann ich in Worten ausdrücken, und doch ist damit nichts gesagt. Was sie auch getan hätte, sie hätte dasselbe erreicht. Es war das Gefühl, daß sie mit mir lebte, mit mir litt, welches mir die Gesundheit wiedergab und mich mit einer grenzenlosen Dankbarkeit erfüllte. Ihre Macht über mich war unbeschränkt. Jedes Wort aus ihrem Munde kam mir wie etwas Selbstverständliches vor, etwas, von dem ich im voraus wußte, daß sie es sagen würde, und das überhaupt nicht anders gesagt werden konnte. Alles, was sie tat, war im Zusammenhang mit einer Natur, deren Ganzheit ich verstand und deren Wert ich schätzte. War ich in einer Gesellschaft zwischen noch so vielen Menschen, brauchte ich Elise nicht einmal anzusehen. Ich erriet ohnedies ihre Gedanken, und sie trafen mich, als hätte ich nur sie allein gesucht. Wenn sie mich ansah, kannte ich ihre Worte, ehe sie sie ausgesprochen hatte. Jede Bewegung ihres Körpers verlieh mir Ruhe und Harmonie, und wenn wir allein waren, genoß ich nichts so sehr, als wenn das Schweigen sich über uns herabsenkte und wir uns still daran freuten, einander nahe zu sein. Ja, es kam vor, daß sie unerwartet in ein Zimmer trat, in dem ich mich befand. Ich hörte sie nicht, weil das Zimmer voller Menschen war und alle laut durcheinander sprachen, ich sah sie auch nicht, aber ich empfand ihre Nähe in meinem ganzen Wesen wie einen elektrischen Strom. Gerade während dieser Zeit sprach Elise oft über sich selber. Anfangs kam es vielleicht daher, weil ich es tat; es ist aber auch möglich, daß sie erst eigentlich über sich mitteilsam wurde, als sie darin ein Mittel zu finden glaubte, mich von meinem eigenen Ich und den trübsinnigen Gedanken abzubringen. Wenn sie über sich und ihre Verhältnisse sprach, tat sie es indessen nicht in der Weise, wie Menschen es sonst bei vertraulichen Mitteilungen zu tun pflegen, wo dann immer etwas wie halber Vorbehalt und scheue Diskretion vorherrscht. Nein, sie sprach, als hätte niemand sie gehört, und ich glaube, daß sie mir sehr wahrscheinlich die Gesundheit und das Gleichgewicht gerade dadurch wiedergab, daß sie sich in dieser Weise ruhig, fast heiter, ohne Spur von Koketterie rückhaltlos offen aussprach. Elise erreichte also ihr Ziel, aber sie erreichte es langsam und schließlich auf einem Wege, von dem sie sich nie hatte träumen lassen. Als aber der Schatten endlich wich, war wiederum alles verändert. Neunzehntes Kapitel Die Erinnerungen, die nun folgen, stehen mir näher, nun an kann ich kaum die Jahre auseinander halten. Es drängt sich soviel in einen kurzen Zeitraum zusammen; mir ist, als könnte ich kaum das eine Jahr vom andern unterscheiden. Was ging voraus und was kam hinterher von den Ereignissen, die ich berichte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß, daß alles einmal gewesen und jetzt vorüber ist. Was macht es mir aus, wie oder wann es geschah? Es war an einem Nachmittage im Februar. Dessen erinnere ich mich jetzt, weil einige Tage später Elisens Geburtstag war. Strahlend und glücklich war Gretchen mit einigen Freundinnen ausgegangen. Auf Nybroviken war Eisbahn, und die Musik spielte. Ich war also allein in diesen Räumen, als Elise kam. Sie setzte sich hier auf mein Sofa, wo sie immer zu sitzen pflegte. Und für mich war es ein Fest, wie immer, wenn sie kam. »Was ist dir?« sagte ich. Denn ich sah sofort, daß sie nicht wie sonst war. »Was sollte mit mir sein?« sagte sie und versuchte das Gespräch auf andere Dinge zu lenken. Aber je länger ich sie betrachtete, je deutlicher sah ich, daß etwas geschehen war. Oder richtiger – ich sah es nicht. Denn ihr Gesicht war nicht blaß, und es trug keine Spuren von Tränen. Aber ich fühlte es so gewiß und sicher, wie ich ohne Worte alles fühlte und verstand, was sie betraf – sie und mich. Plötzlich sagte Elise: »Ist es nicht sonderbar, daß du und ich uns wiedergefunden haben? Während all der Jahre, da wir uns nicht sahen, warst du eigentlich ganz und gar verschollen für mich. Ich wunderte mich nicht einmal darüber, daß du nie geschrieben hast. So sicher war ich, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah oder weil du mich vergessen hättest. Jetzt bin ich so froh, daß ich dich habe. Denn es gibt so wenig Menschen, an denen ich wirklich mit dem Herzen hänge.« Es wurde warm und ruhig in mir. Und wenn sie sprach, konnte niemand mehr hinter ihren Worten suchen, als was sie selber meinte. So rein, so frei von aller Künstelei war ihr Wesen. Nicht einmal ich, der doch schon jetzt keinen höheren Wunsch hatte, als mehr hinter diesen Worten zu suchen, als was sie selbst meinte, nicht einmal ich mißverstand sie auch nur einen Augenblick. Hätte ich es getan, so zweifle ich nicht daran, daß sie es mir verziehen hätte. Aber ich wußte auch, daß ich mir in meinen eigenen Augen lächerlich vorkommen würde. Und doch konnte ich ihr sagen: »Weißt du, weshalb wir beide es am meisten genießen, wenn wir uns allein haben? Und nur dann genießt man ja in Wahrheit einen Menschen. Ich glaube, es kommt daher, weil wir einander nichts vorzuwerfen haben. Vor allem nicht, daß wir uns noch jung fühlen.« Sie lachte und nickte mir zu. Ich hatte eine Flasche Wein herbeigeholt, und nun trank ich ihr zu. »Und doch sind wir alt, Hugo«, sagte sie. »Besonders ich. Du bist viel jünger als ich, obgleich du es nicht glauben willst.« Als sie dies sagte, lachte sie und sah ganz glücklich aus. So saßen wir zusammen, bald plaudernd, bald schweigend, und es wurde licht und heiter um mich her. Gretchen kam nach Hause und setzte sich auf Elisens Schoß. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es glückte mir, Elise zum Bleiben zu bewegen, und beim Abendessen saß meine Tochter zwischen meiner Freundin und mir. Elise machte den Tee. Ich sah das alles, wie ich es jetzt sehe. Ich sah es wie im Traum, in mir waren keine aufrührerischen Gedanken, die darüber grübelten, was gewesen, oder trübe färbten, was war. Gretchen ging zu Bett, und Elise ging mit ihr hinein. Als sie zurück kam, lachte sie vergnügt und nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein. Keiner von uns sprach es aus. Aber wir fühlten beide, wie wir es genossen, gleichsam Papa, Mama und Kind zu spielen. Elise saß lange bei mir, und als sie ging, begleitete ich sie. Als ich zurück kam, leuchtete ich einen Augenblick mit der Lampe in Gretchens Zimmer hinein. Ich tat es nur, weil alles in mir so licht war. Mein ganzes Heim war wie beseelt von ihr, von der, so schien es mir, noch immer etwas hier weilte. Da sah ich zu meinem Erstaunen, daß Gretchen noch wach lag. Und als ich näher kam, merkte ich, daß sie geweint hatte. Ich wurde ganz erschrocken. Aber das Kind wollte meine Fragen nicht beantworten, und ich konnte verstehen, daß es etwas gewesen war, was sie tief ergriffen hatte, denn sie verschloß es in sich und schwieg. »Wir sind ja alle so vergnügt gewesen, heute abend«, sagte ich. »Ja«, murmelte sie. »Bist du betrübt, weil etwas mich froh macht?« wagte ich zu sagen. Da schlug sie die Arme um meinen Hals, so daß ich fühlen konnte, wie das Herz in ihrem seinen, unentwickelten Körper hämmerte. Und sie schluchzte, als sollte ihr das Herz zerspringen. »Weshalb kannst du nicht ebenso froh sein, wenn du mit mir allein bist?« kam es unter Schluchzen hervor. Wie ich mich dessen jetzt erinnere! Wie genau ich mich erinnere! Aber als ich diese Worte hörte, verbitterten sie meine Freude, und es wurde wieder dunkel in meinem Innern. Zwanzigstes Kapitel In der Erinnerung sehe ich die Sonne scheinen, die trügerische, lockende Februarsonne, die den Schnee schmilzt und den Himmel deshalb so blau macht, weil man ihn so lange mit Wolken bedeckt gesehen hat. An einem solchen Tage traf ich Elise zum erstenmal wieder nach diesem Abend. Und sie machte einen Spaziergang mit mir ins Freie hinaus. Ein wenig berauscht von der Frühlingsluft, die so schnell gekommen, gingen wir durch den Hagapark, wo die Bäume feucht und glänzend standen, und der Schnee um uns herum schmolz. Da sagte Elise plötzlich: »Du hast mir neulich so wohl getan.« Damit nahm sie meinen Arm, und über ihr Gesicht kam ein zugleich trauriger und glücklicher Ausdruck. »Habe ich das?« »Ja«, antwortete sie still. »Du tatest mir wohl, schon dadurch, daß ich bei dir sein durfte. Du bist mir an dem Abend eine Stütze gewesen, ohne es zu wissen.« Also hatte mein Gefühl mich nicht betrogen, also war etwas gewesen, das sie niedergedrückt hatte, als sie kam. Aber wir hatten es beide vergessen, bevor sie wieder ging. »Elise,« sagte ich, »alles, was ich denke, was ich fühle und will, vertraue ich dir an.« »Ich auch«, antwortete sie. »Ich habe es ja eben getan.« Da wurde mein Gefühl übermächtig, und mit einer Stimme, die mir selber fremd klang, fing ich an zu sprechen. Ich sah sie nicht an, sprach nur gerade in die Luft hinaus, und ich war ruhig und dachte nicht daran, daß meine Worte etwas anrichten würden, ich sprach nur, weil ich nicht anders konnte, weil ich mußte. »Willst du, daß ich dir alles sagen soll, Elise?« sagte ich. »Ich bin krank gewesen, denn alles, was gewesen ist, war zu furchtbar. Das Alte kam zurück; und ich glaubte eine Zeitlang, daß ich niemals die Sonne leuchten und das Gras grünen sehen würde, wie andere Menschen. Zumal gegen mein Kind, das mich mehr liebt als ihr Leben, mehr vielleicht als du und ich begreifen, war ich kalt; ich fühlte, wie mein Herz reden wollte, es aber nicht konnte. Da tröstete es mich, daß du da warst, Elise. Ich kann es auf keine andere Weise sagen. Denn es war nur das Gefühl, daß du da warst. Kannst du es wohl verstehen? Oder willst du es nicht? Kannst du dich da hineindenken, was es heißen will, ein Mann zu sein und in der Ehe gelebt zu haben, sogar Vater zu sein, und doch nie geliebt zu haben? Hätte ich nur je eine Frau geliebt und Liebe empfangen, wenn diese Liebe mir auch allen Kummer der Erde gebracht und mein Innerstes zermalmt hätte, ich würde es mit Freuden ertragen haben, ja mit Stolz hätte ich hingenommen, was das Leben mir zugeteilt. Dann wärest du mein Freund und meine Schwester gewesen, und ich hätte mir ein Heiligtum aus meinen Erinnerungen errichtet, ich hätte dich bitten können, einzutreten und mit mir die Knie zu beugen. Dann wäre ich nie dazu gekommen, so für dich zu empfinden, wie ich es jetzt tue. Aber ich habe nie wieder geliebt, seitdem ich mich in meiner Jugend von dir trennte. Und nun begegnest du mir wieder. Ist es denn so wunderlich, daß sich alles plötzlich änderte. Ich lebe ja nur durch dich. Und ich besitze keine Erinnerungen, Elise, ich besitze keine Erinnerungen, aus denen ich mir einen Tempel aufbauen könnte. Ich weiß nur, daß ich nur einmal etwas Gutes wollte. Aber was ich damals wollte, hat sich gegen mich gewendet, hat sich in Schmutz verkehrt, in Widerwillen und Ekel. Meine einzigen Erinnerungen sind die, welche ich vergessen muß.« Sie hörte mich an und entzog mir ihren Arm nicht. Sie suchte meine Hand und drückte sie, aber ich mißverstand sie doch nicht. »Ich habe dir dieses gesagt,« sagte ich mit erstickter Stimme, »nicht weil ich etwas zu gewinnen hoffe, sondern weil ich will, daß du es wissen sollst, wie du alles von mir weißt. Verstehst du mich?« Sie nickte abermals, und wieder gingen wir weiter. In ihren Augen aber lag ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. »Ich habe dich so innig lieb,« sagte sie, »daß ich dich niemals verlieren kann.« »Aber doch nicht so sehr wie einen andern«, antwortete ich, und bereute augenblicklich, was ich gesagt hatte. Da sah sie weg und antwortete nicht. Und da ihr Blick mir auswich, kam mir ein Gedanke, an den ich nicht glaubte, der aber doch Macht über mich erhielt. Es war, als lege ein Etwas hoch über mir oder außer mir die Worte auf meine Lippen. Und ich sagte, hart, kalt, fast zwischen zusammengebissenen Zähnen: »Wenn du mich liebst, Elise, oder wenn du mich lieben würdest, könntest du dann alles verlassen und mir folgen?« Da blickte sie mir voll und klar in die Augen und sagte: »Nein, Hugo, so bin ich nicht. Das könnte ich niemals tun.« Als ich diese Worte hörte, wußte ich, daß ich sie verstanden hatte, ehe sie ausgesprochen wurden. Deshalb fühlte ich keinen Schmerz. Und wie Elise nun zu reden anfing, begriff ich auch, daß sie alles gewußt hatte, daß ich nichts gebeichtet hatte, was sie nicht schon im voraus ahnte. Wir gingen lange schweigend nebeneinander, um uns her schlummerte noch der Wald. Aber zwischen den Tannen begann es sich zu regen, und ein einsamer Vogel zwitscherte im Sonnenschein. »Ist es nicht schön, trotz alledem nichts verbergen zu müssen?« sagte Elise. Und wie sie mir in die Augen sah, fühlte ich, ohne daß ich wüßte wie, daß ich fast glücklich war. Nichts hatte sich zwischen uns verändert, alles war wie vorher. Ich brauchte nicht danach zu fragen. Denn ich wußte es sicherer, besser, als Worte es ausdrücken können. »Hast du bemerkt, daß mit Gretchen eine Veränderung vor sich gegangen ist?« sagte ich plötzlich. »Nein.« »Sie ist eifersüchtig.« Ich lachte, indem ich es sagte, aber Elise zog ihren Arm aus dem meinen und wurde plötzlich ernst. »Auf wen?« sagte sie. »Auf dich natürlich.« Ich erwähnte dieses hauptsächlich, um einen anderen Gesprächsstoff zu finden. Zwischen uns beiden war ja alles gesagt, und etwas hinzuzufügen gab es nicht. Sie ging in Gedanken und sagte leise: »Armes Kind.« Ihre Worte gingen damals an mir vorüber, und ich dachte daran, wie wunderlich es war, daß ich jetzt zum erstenmal zu einer Frau von Liebe gesprochen. Ich sollte diese Frau niemals besitzen, und niemals war zwischen mir und jener anderen Frau, die ich einst die meine genannt hatte, ein solches Wort gewechselt worden. Ich hatte das Gefühl, als sei mein ganzes Leben hilflos in Fetzen zerrissen. Einundzwanzigstes Kapitel Als ich mich am selben Tage um die Mittagszeit von Elise trennte, begegnete mir auf dem Wege nach meinem Heim Karl Bohrn. Mit zugeknöpftem Rocke, die Handschuhe in der Hand, ging er das Trottoir entlang. Als er näher kam, merkte ich, daß er zerstreut aussah. Und als wir ein Weilchen nebeneinander dahingegangen, schlug er mir vor, unser Mittagessen draußen in einem Restaurant einzunehmen. »Ich glaube, Elise ist froh, wenn sie heute die Wohnung für sich hat«, fügte er hinzu. »Sie läßt rein machen.« »Davon hat sie mir nichts gesagt«, war meine Antwort. »Ich habe sie getroffen.« Er sah mich von der Seite an und fragte: »Sprachst du sie lange?« »Ja, wir begegneten uns zufälligerweise und machten einen Spaziergang.« Wie gut entsinne ich mich dieser nichtssagenden, alltäglichen Worte. Es ist mir, als könnte ich sie noch hören und die Doppelstimmung, die sie in mir weckten, empfinden. Sie schnitten wie ein Mißton in meine Erinnerungen hinein, in die Stimmung dieses ereignisvollen Tages. Karl Bohrn wiederholte indessen seinen Vorschlag, und ich war froh, daß ich nicht heimzugehen und allein mit Gretchen zu sitzen brauchte. Ich fürchtete ihre forschenden Blicke mehr als die seinen. So saßen wir denn an einem der Fenstertische in »Lilla Rydberg«, wie es damals hieß, dem engen Lokal im Erdgeschoß mit seinen grünen Möbeln, den kleinen Tischen und der Tropfsteingrotte mit der farbigen Gasbeleuchtung. Hier saßen wir hinter niedergelassenen Vorhängen, weil die Sonne schon fort war. Und während die Mahlzeit fortschritt, war es mir ganz kurios zu spüren, wie die Nachwirkung der ersten Frühlingsempfindung und der Gemütsbewegungen, die ich durchgemacht hatte, langsam vor der Einwirkung des Essens und der Weine dahinschwand. »Ich bin ein alter Mann,« dachte ich, »und ich bin zur Ruhe gekommen. Jetzt kann mich nichts wieder stören.« Dann blickte Karl Bohrn auf von seinem Teller und sagte mit einer Miene, die er so unbefangen wie möglich zu machen suchte: »Worüber sprachst du mit Elise heute? War es etwas Besonderes?« »Nein«, antwortete ich. Und im selben Augenblick kam mir der Gedanke, daß ich falsch war gegen ihn, meinen Freund, ohne daß mein Gewissen mir Vorwürfe darüber machte. »Wir sprachen über Dinge, die wir lange wußten.« Karl Bohrn schwieg ein Weilchen, und ich konnte es seiner Miene ansehen, daß er sich genierte, weitere Fragen zu stellen. Zuletzt sagte er aber trotzdem: »Sprach sie nicht von mir?« »Von dir?« rief ich. Und ich mußte dabei an die Gemütsbewegung denken, die ich Elise angemerkt hatte, als sie mich in meiner Wohnung besuchte, und an ihren Dank vorhin am Vormittag. »Ich dachte auch eigentlich nicht, daß Elise es getan hätte«, fuhr Karl fort. »Denn es sähe ihr nicht ähnlich. Aber ich weiß ja, daß sie dir sonst alles sagt. Und selbst eine Frau wie sie mag mitunter wohl eines Vertrauten bedürfen. Dieses Mal hätte sie Grund genug gehabt«, fügte er hinzu. Er sagte dieses in einem ungewöhnlich ernsten Ton, und sein Blick bekam einen verschleierten und nach innen gewendeten Ausdruck, den ich bei ihm nie erwartet hätte. Und als ich ihn bestürzt fragte, was es sei, das ihn augenscheinlich so stark beschäftige, sagte er still: »Dir will ich's gern sagen. Denn du hast sie lieb und mich auch. Einem anderen würde ich's sicher nicht sagen.« Er schwieg und lenkte plötzlich das Gespräch auf andere Dinge. Erst später, als wir gemütlich im Sofa in der dämmerigen Grotte saßen, fing er wieder an: »Du wirst wohl manches von dem gehört haben, was man über mich redet«, sagte er. »Man erzählt sich, Elise sei zu gut für mich. Ich gebe es zu. Ich bin nicht in allen Stücken der Gatte, der ich sein müßte. Ich bin ein Mann wie tausend andere, und ich habe meine Junggesellengewohnheiten beibehalten wie tausend andere. Weshalb man mehr über mich redet als über Herrn so und so, das weiß ich nicht. Vielleicht verstehe ich die Kunst der Verstellung weniger gut. Aber wenn du glaubst, daß ich mir diese Sache nicht zu Herzen nähme, so irrst du dich. Ich will mich nicht verteidigen, aber ich kann dir vielleicht erklären, wie mir zumute ist und wie alles gekommen ist. »Ich war jung zu einer Zeit, da man es ebenso unmöglich hielt für einen jungen Mann, ohne Frau zu leben, wie für einen Fisch, nicht im Wasser zu schwimmen. Diese Meinung sog ich ein mit der Luft, die ich atmete. Sie war von meinen Kameraden als Axiom angenommen, und sie galt als eine von allen anerkannte Wahrheit, die nur den einen Fehler hatte, daß sie verschwiegen werden mußte. Sie sollte verschwiegen werden vor Frauen und Kindern – stets. Selbst vor Kindern vom genus masculinum – bis sie das reife Alter erreicht hatten. Dann, gerade zur Zeit, wenn die Leidenschaft den höchsten Grad von Selbstberauschung besitzt, wird plötzlich die Binde von ihren Augen genommen, und sie entdecken, daß kaum einer jene Tugend, die man sie als Kinder gelehrt, im Ernst von einem jungen Manne fordert. Froh, den unerhörten Kampf wider das eigene Fleisch los zu werden, sucht er Befreiung auf den Wegen, wo das Laster seine Nester baut. Anfangs ist die rein physische Erleichterung so groß, daß er nur die Befreiung empfindet. Später kommt die Zeit, wo er zu reifen beginnt und sich von dem Greuel wegsehnt. So gründet er sich denn eines Tages ein eigenes Heim, und mit Jubel beginnt er das neue Leben, das ihn befreit. Jahre hindurch lebt er glücklich, weil er liebt, er glaubt dann an das Alte nie mehr zu denken zu brauchen. Aber das ist eben das Furchtbare: niemand wird seine Vergangenheit los. Was wir einmal getan haben, ist unsere Hölle, die während einer Zeit schlafen mag, die aber immer wieder erwacht. Es gibt nur wenige, die dann Kraft und Beharrlichkeit genug besitzen, um sich zu Herren über ihre Triebe zu machen. Es ist aber eine grauenvolle Entdeckung, wenn man als erwachsener Mann sieht, daß man wieder durch sich selbst und durch andere betrogen worden ist. Von neuem fällt die Binde von den Augen des Mannes, und er begreift, daß die Ehe kein sicherer Hafen ist, in dem man sich ohne Kampf zur Ruhe legen kann. Seit früher Jugend ist er in seinem innersten Wesen zersplittert, denn er hat sich daran gewöhnt, seinen Körper ohne seine Seele zu geben. Und in der Fieberhitze der Großstadt, im entnervenden Kampf der Arbeit, im Wirbel des Ehrgeizes und aller Reize des Genusses, erwachen die Triebe aufs neue und machen ihn so unglücklich und zerrissen – wie ich es jetzt bin.« Er schwieg einen Augenblick und schien nachzusinnen. »Ich bin ein praktischer Mann«, fuhr er fort. »Und ich bekümmere mich im allgemeinen nicht um Theorien. Über dieses aber habe ich mehr als einmal gegrübelt. Liebte ich Elise nicht, wie ich es tue, würde ich weniger leiden.« Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß es mir bei dieser Beichte wie Feuer vor den Augen loderte. Für mich war alles dieses aus dem Leben der beiden Gatten neu, und die Kenntnis davon zerschmetterte mich, weil ich mich, sonderbar genug, gerade dieser Beichte gegenüber als ein Verbrecher fühlte. »Hast du niemals versucht, mit deiner Frau darüber zu reden?« fragte ich. »Vielleicht würde sie dich verstehen und dir helfen können.« »Glaubst du?« erwiderte er sinnend, und seine Stimme wurde leise. »Dann hätte ich es früher tun sollen. Jetzt ist es zu spät.« Er schwieg ein Weilchen und fuhr dann in seinem gewöhnlichen Ton fort: »Ich fragte dich vorhin, ob Elise dir etwas gesagt hätte über mich. Gerade in diesen Tagen nämlich ist etwas vorgefallen. Eine dumme Geschichte natürlich. Ich weiß, daß Elise sie kennt. Sie hat nichts gesagt. Aber es ist ganz klar, daß sie alles weiß. Es wäre tausendmal besser, wenn wir sprechen könnten.« Ich schwieg, erfüllt von dem Gedanken an die wunderbare Macht des Schweigens, die bald trennt, bald vereint. Und Karl schien meinen Gedankengang zu ahnen. »Woran denkst du?« sagte er. »An nichts Besonderes«, war meine leere Antwort. »Siehst du«, fuhr er fort mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit. »Ich tat nicht mit zu der Zeit, als eine solche Aufrichtigkeit gebräuchlich war. Bei jüngeren Männern, habe ich mir sagen lassen, ist es allerdings wohl der Fall. Vielleicht kann es ihnen helfen. Ich weiß es nicht. Aber so viel weiß ich: Selbstbeherrschung in der Jugend ist nützlicher, als die moderne Literatur glaubt. Wenn meine Jungens aufwachsen, will ich es sie lehren, ehe es zu spät wird. Und ich werde mich keinen Augenblick besinnen, mich selbst als warnendes Beispiel hinzustellen. Vielleicht wird dadurch das Vertrauen zwischen uns besser befestigt, als wenn ich ihnen einzureden versuchte, daß ich ein Muster gewesen sei.« »Sicher«, antwortete ich. »Meine Erfahrung ist freilich eine ganz andere. Vielleicht war mein Blut ruhiger, vielleicht waren meine Versuchungen geringer. Solche Jugenderfahrungen, wie du meinst, habe ich wenige in Erinnerung. Aber, wenn ich nicht so unerfahren gewesen wäre, würde mein Schicksal möglicherweise ein anderes gewesen sein.« Karl Bohrns Augen leuchteten, wie vom Blitze getroffen, und mit dem plötzlichen Stimmungswechsel, der ihm eigen war, rief er aus: »Ja, das ist gerade das Kuriose, diese ganze Frage ist wie ein zweischneidiges Messer. Wie man das Ding auch dreht, man riskiert, sich die Finger abzuschneiden. Gott mag wissen, was man eigentlich seinen Jungens sagen soll!« Es lag etwas vom klugen Humor des Weltmannes in seinem Blick, als fände er sich selber und die ganze Welt diesem ironischen Gesetze des Fleisches unterworfen, das so viel Farcen und Tragödien schafft. Und wie ich die stämmige, kraftvolle Gestalt mit dem wohlgebildeten Kopf und dem offenen, guten Gesichte ansah, empfand ich eine Sympathie mit ihm, die ich kaum beschreiben kann. Mag sein, daß es die ungeschminkte Menschlichkeit seines ganzen Wesens war, welche in diesem Augenblick, ungeachtet seiner großen Schwäche, mich zwang, ihm sogar das Glück zu gönnen, Elisens Mann zu sein. Als wir ein Weilchen von anderen Dingen geredet und ein leichterer Ton die Beklemmung des ernsten Gesprächs abgelöst hatte, sah Karl Bohrn auf seine Uhr und äußerte: »Ich will heute abend in die Oper gehen und die »Zauberflöte« hören. Ich habe ein Bedürfnis nach Musik. Ich werde gehen und Elise hertelephonieren.« Ohne meine Antwort abzuwarten, stand er auf und ging hinaus. Durch die offene Tür konnte ich der Telephonunterredung folgen. Ich hörte, daß Elise Einwendungen machte, die nach einer Weile siegreich bekämpft wurden. Als mein Freund wieder kam, sah er strahlend aus, als hätte er eine wirkliche Erleichterung erfahren. »Ich sehnte mich nach ihr«, sagte er. »Das ist die ganze Sache.« Elise kam auch, und als Karl hinausging, um die Billetts zu besorgen, sah Elise mich mit ihrem offenen, hellen Blick an und sagte: »Karl hat mit dir gesprochen.« »Ja«, antwortete ich, über ihren natürlichen, ruhigen Ton erstaunt. »Mit mir tut er es niemals.« Ihre Augen wurden feucht, und ihre Stimme bekam einen Klang von Wehmut, so voll und reich, wie ich ihn nie in einer Menschenstimme gehört. »Niemals, wenn es sich um solche Dinge handelt. Er weiß nicht, wie gut ich ihn verstehen würde. Ihm helfen vielleicht, auch – jetzt.« Das letzte Wort fiel weich und still und erzählte eine ganze Geschichte. Als Elise es aussprach, fielen ein paar Tränen aus ihren Augen, ohne daß sie wegsah oder es zu hindern suchte, und ihr ganzes Gesicht wurde in einer wunderbaren Weise lebendig. Ich faßte ihre Hand, glücklich, daß sie doch zu mir reden konnte. Da lachte sie, und indem sie ihre Hand zurückzog, sagte sie: »Anfangs war es nicht so leicht.« Darauf gingen wir miteinander hinaus, wo die Gasflammen über den nassen Straßen flackerten. Ich ließ die beiden Gatten allein und ging heim. Trotz ihrer Proteste fand ich, daß ich nicht das Recht hatte, sie zu stören. Ich selber war zu erfüllt von dem, was ich erlebt hatte, um mich nicht nach der Einsamkeit zu sehnen, die von diesem Tage an mehr und mehr das große Glück für mich wurde. Zweiundzwanzigstes Kapitel Als ich heimkam, war es dunkel im Korridor und dunkel in meinem Zimmer. Niemand hieß mich willkommen, und in der kleinen Wohnung war es so still, daß ich beklommen stehen blieb und nach irgendeinem Laut horchte, der dies Schweigen stören könnte, das mir unglückverheißend schien. »Bist du da?« sagte ich. Aber es kam keine Antwort. Als ich in mein Arbeitszimmer eingetreten war, merkte ich, daß die Tür nach Gretchens Zimmer angelehnt stand und daß durch die offene Ritze ein schmaler Lichtstreifen auf den Boden vor mir fiel. Vor diesem Lichtstreifen blieb ich stehen, und ich fühlte einen Stich im Herzen, als ob mein Gewissen mich anklagte, daß ich in einer unerklärlichen Weise mein Allerheiligstes vergessen, versäumt oder verwahrlost hätte. Was war geschehen? Was konnte es wohl sein? Weshalb antwortete mir niemand? Und weshalb war es so still hier? Ich stand noch immer wie gelähmt, und in diesem Augenblick war ich so sicher, daß ein Unglück geschehen war, daß ich Kraft gebrauchte, um hineinzugehen. Ich weiß jetzt, daß ein Unglück wirklich geschehen war. Aber welches und wie, konnte ich mir damals nicht erklären. Ich dachte an Gretchen, an ihre kleine, lebhafte Gestalt und ihre großen, liebevollen Augen. Ich entsann mich ihres Schmerzensausbruchs darüber, daß ich nicht froh sein könne allein mit ihr. Wie ein Stoß durchfuhr der Gedanke meine Seele, wie ich sie während der letzten Tage allein gelassen. Wie war ich doch meine eigenen Wege gegangen und hatte sie vergessen! Und am allerempfindlichsten hatte ich sie allein gelassen, wenn ich still und verschlossen, in meine Gedanken versunken, sie vergessen hatte, trotzdem sie in meiner Nähe war. Woher mir diese Gedanken kamen, weiß ich nicht. Sie kamen mit dem schmalen Lichtstreifen, der durch die angelehnte Tür fiel. Und als ich, von einem wundervollen Gefühl der Reue erfüllt, endlich die Türe leise aufstieß, sah ich Gretchen, den Rücken halb der Tür zugewendet, an ihrem kleinen Tisch sitzen. Sie hörte mich nicht, als ich kam, und von dem Platze, wo ich stand, konnte ich den Tisch und einen Teil von ihrem Gesicht sehen. Es war traurig und sanft, und der Mund regte sich, als hätte sie für sich gesprochen. Vor sich auf dem Tische hatte sie einen kleinen Schrein, einen altertümlichen, roten Schrein mit altertümlichen Bronzebeschlägen und mit Leder überzogen. Das war ihr Erinnerungsschrein, in dem sie alle Kleinigkeiten aufbewahrte, die ihr Freude gemacht. Jetzt hatte sie sie hervorgenommen und auf dem Tische ausgekramt und war nun damit beschäftigt, sie langsam und ordentlich wieder hineinzulegen. Beklommen dachte ich daran, daß alles das Sachen waren, die sie von mir im Lauf der Jahre bekommen hatte, und ich erinnerte mich, wie sie mir einmal gesagt hatte, daß zwischen diesen Reliquien niemals etwas, das sie von anderen bekommen, je einen Platz erhalten würde. Ich konnte alles von der Tür aus, wo ich stand, übersehen. Es waren Blumen und allerlei Kleinigkeiten, Miniaturspielsachen und Bonbons, Papiere, auf die ich hin und wieder einen Vers geschrieben. Da war eine kleine Brosche und eine Nadel, unbedeutende Dinge, die ich selber schon seit langem vergessen, die sie aber aufbewahrt hatte. Und wie sie dort saß, glich sie weniger einem vierzehnjährigen Mädchen, als einem lebenserfahrenen Weib, das sie niemals werden sollte. Zuletzt schlug sie die Augen auf und gewahrte mich. Aber sie erschrak nicht und rührte sich nicht. Sie lächelte mich nur an und fuhr fort, ihre Kostbarkeiten mit ihren kleinen Mädchenhänden umständlich wegzukramen. »Ich habe hier gesessen und an dich gedacht«, sagte sie. Ich versuchte zu lächeln, während ich näher kam, ich wußte aber, daß es mir nicht glückte. Denn ich fühlte mich arm und gering, weil ich mehr empfangen hatte, als ich je hatte geben können. Und die Tränen waren mir nahe, als ich dort stand, die Hand auf ihrem Kopfe, und zusah, wie sie ihren Schatz behutsam einschloß. Sie stellte den kleinen Schrein an seinen Platz, folgte mir langsam und zündete die Lampe an. Aber als ich sie in unsern Zimmern umhergehen sah wie eine kleine Hausfrau, die sie ja war, da fragte ich mich, wie ich das Versprechen gehalten, das ich einst mir selbst gegeben, als wir beide in unserer Wohnung einzogen: nur für sie zu leben, nur an sie zu denken, um ihr Ersatz dafür zu bieten, daß ich ihr zur Mutter ein Weib gegeben, das wir beide vergessen mußten. Aber während mein Gewissen zu mir redete, war ich zugleich in Aufruhr und hatte die Empfindung, als ob das Leben von mir größere Opfer fordere als von anderen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Um diese Zeit hatte ich eine kleine Summe geerbt von einem entfernten Verwandten, welcher starb, ohne direkte Erben zu hinterlassen. Von allem, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist, glaube ich, ist dies das einzige, das wirklich überraschend auf mich wirkte. Dieser Umstand gab mir übrigens die Mittel, meiner Tochter dann und wann eine Freude zu machen, was ich früher nicht gekonnt hatte. Und so viel ist sicher, das an sich unbedeutende Erbe kam zur rechten Zeit. Das erste, was ich tat, als ich das Geld in die Hände bekam, war, Gretchen ein Pianino zu kaufen. Ein Pianino gehört zu den wenigen Möbeln, die die Macht haben, ein Heim in Grund und Boden umzugestalten. Es erhielt seinen Platz in Gretchens Zimmer, und es ließ sich nicht vermeiden, daß seine Nähe mich hin und wieder irritierte, wenn ich bei meiner Arbeit saß. Aber wenn ich jetzt daran denke, möchte ich wünschen, ich würde noch oft so gestört wie damals. Schon seit ihrer frühesten Kindheit war für Gretchen nämlich die Musik das Beste gewesen, was sie auf Erden wußte. Ich erinnere mich, wie sie zum ersten Male, als kleines Kind, ein Orchester zu hören bekam; da wurde sie blaß, ergriff meine Hand und drückte sich an mich, indem sie am ganzen Körper wie vor einer Gefahr erzitterte. Solche zufällige Augenblicke des Genusses machten indessen ihre einzigen Erinnerungen von Musik aus, bis wir unser neues Heim einrichteten und sie ihr elftes Jahr erreicht hatte. Da durfte sie neben mir sitzen und Elise spielen hören. Und während solcher Stunden wurde es mir klar, daß ihr Wesen Musik war und daß sie daher am schönsten redete durch eine Bewegung oder einen Blick. Das erste, was sie in der Oper hörte, war »der Freischütz«, und die Wirkung war so stark, daß ich es lange nicht wagte, ihre Bitte zu gewähren und sie noch einmal hinzuführen. Die ganze Nacht darauf lag sie wach, und als ich sie des Morgens ganz erschrocken fragte, ob sie nicht müde sei, antwortete sie nur, daß es nichts mache. »Ich habe so viel Schönes gehört, als ich wach lag.« Was mir dabei auffiel, war, daß sie mit wirklich musikalischem Geschmack begabt zu sein schien. Was man sonst Kindern vorzuspielen pflegt, um sich ihrem Standpunkt anzupassen, ließ sie häufig unberührt, und sie wurde erst ergriffen, wenn sie solche Musik hörte, von der wir anderen im voraus annehmen mußten, daß sie sie nicht verstehen würde. Wenn sie ergriffen war, erblaßte sie stets; sie äußerte sich dann niemals über ihr Gefühl. Erst wenn es vorbei war, holte sie tief Atem, als ob sie von einer Verzauberung erlöst würde, das Blut schoß ihr in die Wangen und machte sie schön. Elise und ich konnten sie dann ansehen und Blicke austauschen, ohne daß sie es merkte. Auf ein paar Worte von mir antwortete sie nur flüsternd: »Es ist so wunderbar.« Karl Bohrn liebte meine kleine Tochter ganz besonders, und zwischen ihnen entwickelte sich eine Art von heiterer Freundschaft, indem er den aufmerksamen Kavalier spielte und sie es genoß, nicht als Kind behandelt zu werden. Er versuchte sie einmal dazu zu bewegen, von ihm ein Klavier als Geschenk anzunehmen. Aber sie lehnte es ab, ohne einen Grund dafür zu geben. Ich tat meinerseits alles, um sie zu überzeugen, daß es auf keine Weise etwas Verletzendes für mich enthalte, oder daß ich überhaupt etwas dagegen haben könne. Aber sie blieb bei ihrer Meinung. Und als ich selber nun ihr endlich ein Pianino gab, genoß sie das Geschenk doppelt, weil sie gewartet hatte, bis sie es von mir bekommen konnte. Alles dieses wird in den Ohren Fremder wunderlich klingen, und sicherlich war es das auch. Sie zog mich unmerklich in einen Zauberkreis von Zärtlichkeit hinein, und ohne es zu wissen, war sie es, die den letzten Rest meiner eigenen Natur besiegte, die verlangte, für sich und ihre Entwickelung zu leben. Es war mein Kind, das schließlich mein Erstes und Letztes wurde, und sie selbst war es, die sich diesen Platz eroberte, weil ihre Liebe am größten war. Mit wie starken Banden ich auch an Elise und ihren Mann gefesselt war, das Verhältnis zu ihnen wurde doch immer mehr und mehr ein sekundäres. Eine hoffnungslose Liebe kann in ihrer eigenen Flamme nicht ein Leben hindurch brennen, und was uns drei zusammenband – Elise, Karl Bohrn und mich – und was darin groß war – das war gerade, daß keiner von uns dreien mit kaltem Blute sein eigen Glück auf Kosten der anderen hätte haben mögen. Zuweilen schien es mir geradezu, als müsse Gretchen etwas davon fühlen und verstehen. Sie empfand, daß sich ein Umschlag zu ihren Gunsten vollzogen hatte und lebte auf in diesem Gefühl. Mit jedem Tage wurde sie zärtlicher, froher und heller, immer mehr sie selbst. Eine Nuance von Zurückhaltung, die sie früher Elise gegenüber hatte und die ein Weib, wenn es liebt, immer hat, wo sie eine Rivalin ahnt, aber es nicht glauben möchte, verschwand und machte einer Anbetung ohne Grenzen Platz, die sich auf alles erstreckte, was Elise sagte, dachte oder tat. Selbstverständlich war dieses Gefühl auch vermischt mit der rein mädchenhaften Schwärmerei für eine schöne Frau. Am glücklichsten fühlte sie sich aber doch, wenn sie mit mir allein war. Und sie war vor allem eifersüchtig in bezug auf unsere Abende. Im übrigen war sie ganz erfüllt von dem Glück, ein Klavier zu besitzen. Sie liebte das Instrument, glaube ich, fast wie ein höheres Wesen. Ich hatte ihr eine Anzahl Noten verschafft, darunter auch einige Sammlungen von leichteren Gesängen und Volksliedern. Von diesen sang sie viele und lernte sie auswendig, während sie allein war. Als ich sie einst zufällig dabei überraschte, war sie dem Weinen nahe und bat mich, es gegen niemand zu erwähnen. Es dauerte sehr lange, ehe ich sie zu hören bekam. Aber als es geschah, kam es unerwartet und impulsiv wie alles, was sie vornahm. Sie ging einfach ans Klavier, zündete Licht an, setzte sich und fing an zu singen. Als sie aber erst angefangen hatte, sang sie alle ihre Lieder. Sie sang klar, rein und einfach, ohne eine Spur von Kunst, mit einem Gefühl aber, das unbeschreiblich war. Als sie zu Ende war, kam sie zu mir und kroch auf meine Knie. »Sage es keinem«, bat sie. »Nur für dich singe ich.« Ich versprach es ihr heilig, und ich hielt mein Versprechen auch. Später sang sie mir öfters vor mit ihrer hübschen, kleinen Stimme, und ich wurde nie müde sie anzuhören. Immer wenn sie zu Ende war, leuchteten ihre Augen wie von einer heimlichen Freude. Niemand auf der ganzen Erde wußte dieses. Niemand außer ihr und mir. Und eben darin lag ihr Glück. Vierundzwanzigstes Kapitel Es gab einen dunklen Punkt in unserem Dasein. Ohne daß ich wußte, weshalb, beunruhigte mich Gretchens Gesundheit. Sie war niemals eigentlich krank, aber in ihrer Gesichtsfarbe lag etwas, womit ich mich nicht versöhnen konnte. Und eines Tages konsultierte ich einen Arzt. Er untersuchte Gretchen sehr genau. Als die Untersuchung beendet war, äußerte er einige nichtssagende Worte, daß sie der Stärkung bedürfe, und forderte mich auf, ihn am nächsten Tage wieder zu besuchen. Als ich zu ihm kam, sah ich sofort, daß mir etwas Ernstes bevorstand. Der Mann fragte mich nämlich mit auffallender Ausführlichkeit über alles aus, was das Kind betraf, über ihre persönlichen Erfahrungen und was sie erlebt hätte, über ihr Naturell und ihre Eigenschaften, kurzum: über alles. Als ich zu Ende war, sah er bekümmert aus und sagte in einem freundlichen Ton, der mir in die Seele schnitt: »Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen. Aber sie müssen darauf gefaßt sein, Ihre Tochter nicht lange zu behalten. Sie leidet an einem schweren Herzübel. Das einzige, was man tun kann, ist, sie zu stärken. Wir wollen hoffen, daß die Gefahr nicht zu nahe bevorsteht. Sie tun am besten alles zu vermeiden, was sie darauf aufmerksam machen könnte. Und vor allem: jede Gemütsbewegung, welcher Art sie auch sein mag, kann eine Katastrophe hervorrufen.« Er schrieb ein Rezept für den Fall, daß sie einen »Anfall« bekäme. Und ich verließ ihn, ohne ihm auch nur danken zu können für das Mitgefühl, das er einem Fremden erwiesen. In meiner Sorge ging ich direkt zu Bohrns und fand sie beide zu Hause. Mit kurzen Worten teilte ich ihnen mit, was geschehen war und blieb dort sitzen während der Stunden, deren ich bedurfte, um Kräfte zu sammeln, ehe ich es wagen konnte heimzugehen. Viel Güte habe ich von ihnen beiden empfangen, aber niemals mehr als in dieser Stunde. Niemals ist es mir auch fremder, unnatürlicher und unwahrscheinlicher vorgekommen, daß ich einst, um mir das Glück zu ertrotzen, daran hatte denken können, in das einzugreifen, das ändern zu wollen, was das Leben bereits zwischen zwei anderen aufgebaut hatte. Nur während eines Augenblicks freilich empfand ich das. Es durchbrach meinen Kummer wie ein plötzliches, vorübergehendes Erstaunen. Von einem anderen Gefühl ganz erfüllt, ging ich heim; es schien mir, als traure ich eigentlich nicht über das, was ich so plötzlich erfahren hatte, sondern als sehne ich mich nur danach, bei meinem Kinde zu sitzen, sie zu sehen und ihr nahe zu sein. Als ich heimkam, war es mir, als sei alles, was ich sah, neu geworden. Mein kleines Mädchen selber schien mir eine andere geworden zu sein. So wunderbar hatte sich meine Auffassung von ihr während dieser zwei Stunden verändert, daß es mir jetzt schien, als hätte ich immer gewußt, was ich jetzt wußte, und als wäre Gretchen gerade deshalb so geworden, wie sie jetzt war. Wir setzten uns zu Tische, und als der Abend kam, machten wir einen Spaziergang. Wir gingen ganz bis nach Söder und kamen nach Gegenden, wo wir während vieler Jahre nie gewesen. Wir gingen in Straßen, die wir nicht wieder gesehen hatten seit der unglücklichen Zeit in unser beider Leben, von der wir niemals sprachen, und die Erinnerungen wurden milder, deshalb, weil sie näher schienen. Gretchen war es, die dorthin wollte, um die vielen Lichter zu sehen. Wir sahen sie auch über dem dunkeln Wasser schimmern, nach dem die Straßen steil hinunterliefen und phantastische Aussichten eröffneten. Wir aßen in einem kleinen Café zu Abend, unter uns lag die Stadt wie in lichtgesättigtem Nebel. Die ganze Zeit dachte ich an all das Böse, das gewesen war. Aber ich tat es ohne Bitterkeit. Denn ohne das hätte ich niemals das Wunderbare erreicht, das jetzt mein Leben erfüllte. Was Gretchen dachte, weiß ich nicht. Denn sie sprach nur wenig. Aber es war mir, als folgten ihre Gedanken den meinen, und ich genoß es, sie glücklich zu sehen, was sie immer war, wenn sie mit mir allein war. Sie wußte ja nicht, daß ich diesen ganzen Abend arrangiert hatte, um mich ihr gegenüber beherrschen zu können. Ich tat einen tiefen Atemzug der Erleichterung, als ich sie schließlich schlafen sah und mir keinen Zwang mehr anzutun brauchte. Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie segnete ich in dieser Zeit das Geld, das mir erlaubte, alles für mein Kind zu tun! Wie erstaunlich kam es mir vor, daß ich, der während meines ganzen Lebens jeden Pfennig in der Hand umdrehen mußte, gerade jetzt zum ersten Male nicht zu sparen brauchte. Alle vorhergehenden Sommer hatte ich mich auf Ausflüge ins Freie beschränkt oder auf Besuche während der Feiertage. Gretchen pflegte nämlich einige Wochen bei Bohrns zuzubringen, die dann immer auf dem alten Herrensitz an dem Bergstrom wohnten, wo Elise die glückliche Zeit ihrer Jugend und Kindheit von neuem durchlebte. Gretchen hatte sich nie gern von mir getrennt, und diesen Sommer brauchten wir auch nicht daran zu denken. Ich mietete uns ein schönes Landhaus weit draußen in Skärgarden, und wir waren froh wie die Kinder, hinauszukommen. Der Sommeraufenthalt, den ich gewählt hatte, bestand aus einem roten Gebäude mit halboffener Glasveranda, einem alten, zum Teil verfallenen Garten mit bejahrten, moosbewachsenen Apfelbäumen, die längst aufgehört hatten, Früchte zu tragen, und mit großen, verwilderten Stachelbeerbüschen. Das Gebäude lag ganz dicht am Strande, und von der Veranda sah man auf eine große Bucht hinaus, wo die Sonne hinter dem Tannenwalde der Insel unterging. Zweimal, ehe wir dort hinauszogen, hatte Gretchen einen von den Anfällen gehabt, vor denen der Arzt mich gewarnt, ohne daß ich eine besondere Veranlassung hatte finden können. Diese Anfälle äußerten sich ganz einfach auf die Weise, daß das Herz aussetzte. Ich hatte sie nach den Anweisungen, die ich erhalten hatte, behandelt und gefühlt, wie das Leben wiederkehrte in ihren Körper, der tot und starr schien. Als Gretchen das erstemal nach einem solchen Schlafe erwachte, merkte ich, daß sie sich selbst mit Verwunderung betrachtete. Sie sah sich erstaunt um und stellte keine Fragen. Nach dem zweiten Anfall aber wurde es mir klar, daß sie über sich zu grübeln anfing. »Was ist das, Papa?« sagte sie. »Weshalb habe ich das Gefühl, als ob das Herz still stände.« »Es ist nichts, mein Kind«, antwortete ich. »Der Doktor sagt, es sei nur große Schwäche.« Aber ich konnte es dem langen, forschenden Blick, den sie auf mich richtete, anmerken, daß sie meinen Worten nur zur Hälfte Glauben schenkte. Und ich überlegte mir schon damals, ob die Grübelei nicht ebenso gefährlich werden könnte wie der Gedanke, sterben zu müssen. Daran dachte ich, als wir auf dem Verdeck des kleinen Dampfers an dichtbelaubten Ufern entlang unserem neuen Sommerheim entgegenfuhren. Niemals habe ich Gretchen so strahlend glücklich gesehen. Sie saß neben mir, mit einer kleinen Reisetasche auf dem Schoß, und brach in Entzücken aus über alles, was sie sah. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie eine so lange Dampferfahrt gemacht. Die Mahlzeit an Bord, der Kaffee auf dem Achterdeck, die zurückkehrenden Skärgardsbewohner, die in der Stadt Geschäfte gehabt, die hinausziehenden Stockholmer mit Hunden, Vogelbauern und vielen Kindern, das alles machte auf sie den Eindruck von etwas Neuem, Ungewöhnlichem und Zauberhaftem. Eine Möve flog über das Schiff hin, der Dampf wurde zu Wolken, die sich an den Baumwipfeln zerteilten, von der Schraube des Dampfers ging ein Wirbel aus, der zu zwei Reihen Schaumwellen wurde, welche sich am Ufer brachen! Alles sah sie, und sie sprach ohne Aufhören; sie redete davon, was wir nun tun wollten, wie sie sich einrichten würde, welche lange Zeit wir da draußen wohnen würden – von allem, was in ihrer Phantasie kam und ging. Ich weiß kaum, daß ich sie je so viel auf einmal hätte sprechen hören. Und ihre Lebhaftigkeit ängstigte mich. Denn ich mußte an die Worte des Arztes von den Gemütsbewegungen denken. Sie waren zu einem Alb geworden, der mir nun immer auf der Brust lag und mich daran verhinderte, ihre Freude zu genießen. Sie war ja auch nicht wie andere. Bei ihr wurde alles Gemütsbewegung, die geringste Freude wie der geringste Schmerz. Sie glich einem See, den der leichteste Wind zu hohen Wellen emportreiben kann. Und was war denn ihr ganzes Leben? Was war es anders gewesen als eine einzige, andauernde Reihe von Gemütsbewegungen, die hinreichend gewesen wären, selbst die Gesundheit eines Erwachsenen zu untergraben, wieviel mehr also die eines Kindes. Mit unsäglicher Bitterkeit erfüllte mich dieser Gedanke, und er wuchs zu einem ohnmächtigen, marternden Zorn an, in dem ich mich sehnte, wieder einmal das Weib von Angesicht zu Angesicht zu sehen, das mich selber einst fast aus dem Gleise gebracht und das nun schuld daran war, daß mein kleines Mädchen an einem unheilbaren Leiden hinsiechte, das ihre zarten Kräfte zerstören würde. Aber zur selben Zeit fühlte ich: das, was Gretchen geworden war, war sie aus Liebe zu mir geworden, ihre ganze Frühreife – wenn ein solches Wort hier überhaupt am Platze ist – war eine Überverfeinerung, die sie dadurch erhalten hatte, daß sie mit mir gelitten hatte und zum Weibe geworden war, während ihr Körper noch der eines Kindes war. Dieses erfüllte mich mit Stolz und mit Glück. Denn es entfernte sie von der Mutter und näherte sie mir mitten in allem Unglück. Sie stand am Reeling angelehnt an meiner Seite, und ihr Gesichtsausdruck war der eines jungen Weibes, obgleich ihre Freude die eines Kindes war. Nicht einen Augenblick während der drei Stunden langen Reise hatte ihr Entzücken nachgelassen. Und jetzt, als wir uns unserm Landungspunkt näherten, wurde sie fast betrübt, daß die Fahrt schon zu Ende war. Aber im nächsten Augenblick war dieser flüchtige Kummer vorbei. Sie stand neben mir auf der Brücke und sah zu, wie das Dampfboot langsam wendete und schließlich schnell dahindampfte. Sie lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Wellen an der niedrigen Brücke hinaufplätscherten und fast unsere Füße benetzten. Mit einem tiefen Atemzuge und einem Gesichtsausdruck, so seltsam wie ich ihn niemals gesehen, drehte sie sich um und ging neben mir den schmalen Pfad hinauf nach unserem Landhause. Die ganze Zeit sah sie sich um, als wollte sie alles, was sie erblickte, in Besitz nehmen und als wunderte sie sich darüber, daß es das alles da gäbe. »Ist es, wie du es dir gedacht hast?« fragte ich. Sie schüttelte nur den Kopf und legte die Hand auf meine Schulter. Rings um das Gebäude standen die Apfelbäume in Blüte, und die Luft war erfüllt vom Duft der großen Fliederbüsche. Ich sehe sie in dieser Umgebung, wie sie meinen Arm losließ und allein vor mir herging. Mir schien es, als wäre die Erde unter ihren Füßen heilig, und mit seltsamer Beklemmung verstand ich, daß hier der Ort sei, wo sie sterben würde. Aber selbst dieser Gedanke störte die Stimmung des Augenblicks nicht, und als wir in die Veranda eintraten, kam uns auch dort der Duft des Flieders entgegen. Wir gingen miteinander aus einem Zimmer in das andere, und als wir uns müde gesehen und zu Abend gegossen, stand sie eine Weile in der Tür und genoß die schimmernde Abendröte, welche sich in der ruhig daliegenden Bucht spiegelte. »Ich bin müde«, sagte sie und ging zu Bette. Aber ich konnte nicht schlafen, sondern blieb noch lange auf, rauchte Zigarren und wunderte mich drüber, wie es zuging, daß ich, der ich in einer Waldgegend geboren bin und mich nie so recht mit dem nach meinem Geschmack unruhigen Skärgarden habe versöhnen können, ihn jetzt in einer ganz neuen und überraschenden Beleuchtung sah. Sechsundzwanzigstes Kapitel Es war um die Mitte des Sommers. Draußen in der Skärgardsnatur lebten wir beide zum zweiten Male wieder neu auf. Nichts störte uns, und die glückliche Einförmigkeit der Tage wurde nur unterbrochen von den Reisen nach der Stadt, die ich wegen meiner Arbeit häufig genug machen mußte. Niemals habe ich so verstehen gelernt, daß das Glück darin liegt, daß nichts geschieht. Die Zeit der Sonnenwende, mit ihren hellen Nächten, ging an uns vorüber, und der Juli kam, der Monat, den ich immer vor allen geliebt habe, weil er so farbenreich und fruchtbar ist, weil er Fröhlichkeit weckt statt Sehnsucht und Wehmut, weil er reich ist an Wärme und Blumen, Licht und Vogelgesang, an all dem, was die Natur in unerschöpflicher, unbewußter Kraft bieten kann. Noch immer liebe ich diesen Monat, obgleich er mir sehr viel Weh zugefügt hat. Und auf meinem Kalender durchstrich ich jeden Tag mit dem ängstlichen Gefühl, daß auf dem nächsten Blatte nun der August kommen würde, der uns dem Herbste näher brachte. Ich entsinne mich keines einzelnen Vorgangs aus dieser Zeit. Sie ist mir eine einzige Melodie voll stillen Glücks. Ich entsinne mich der Blumen und des Vogelgesangs, der hellen Abende und der strahlenden Sonnenuntergänge. Ich entsinne mich der Bootfahrten auf dem ruhigen Wasser und der stürmischen Sonntage, wo der Wind die Wellen zu Schaum blies und das Wasser um den Bug des Schiffes spritzte. Auch anderer Tage entsinne ich mich, wenn der Regen herabströmte und uns ans Haus fesselte, wenn das Wasser von den Bäumen tropfte und die vertrocknete Erde Nahrung einsog, um treiben und Früchte tragen zu können. Ich entsinne mich der ersten Abende, wenn die Lampe angezündet wurde; dann ging ich hinaus, nur um das Licht von draußen anzusehen, das in der Dämmerung zwischen den Birken vor unseren Fenstern leuchtete. Und am besten entsinne ich mich der langen, stillen Abende, wenn mein kleines Mädchen schlief, und ich stundenlang allein auf der Brücke oder in dem schmalen Gang, der zur Treppe hinaufführte, hin und her ging und sah, wie schön alles wurde, nachdem die Sonne untergegangen und der Tag entwichen war, schön, weil alle Umrisse verschwanden, Bäume und Wasser sich in der Dämmerung abtönten und selbst die Sterne am Himmel matter leuchteten. Ich entsinne mich all dieser Eindrücke, aber nicht dessen, was wirklich geschah. Es war auch eben nicht viel. Denn von allem, was mich umgab, sah ich nur eine kindliche Jungfrauengestalt, mit Haaren, so dunkel wie die meinen einst gewesen, in einer dicken Flechte herabhängend, die doppelt geflochten war, weil das Haar so stark war. Die Augen des jungen Mädchens waren noch tiefer geworden als früher, und in ihrer Stimme lagen Töne, die das Kind früher nicht gehabt hatte. Ihre Hand war weich, wenn sie mich liebkoste, wie ihre Stimme, vor Güte. Ich wußte ja, daß sie bald gehen und mich verlassen würde. Deshalb schien es mir, daß ich sie nur um so besser verstehen könne. Und wie schwer es mir auch wurde, alles zu wissen und nichts sagen zu dürfen, so gewahrte doch mein Auge keinen Schatten auf ihrem Wege. Noch sah ich sie im Sonnenschein, nur wie von einem sanften, stillen Licht umflossen. Sie war ja ein Kind; aber mir schien, daß alle sie mit meinen Augen ansehen müßten. Wenn ich zu entdecken glaubte, daß jemand das konnte, wurde mir selbst ein Fremder oder Fernstehender wert und lieb. Und ich war glücklich über unsere Einsamkeit, weil keine Kritik anderer die Verehrung stören konnte, die ich ihr darbrachte und die vielleicht ihre größte Wonne ausmachte. Meine Gedanken waren erfüllt von dem, was kommen sollte, doch dachte ich selten daran wie an etwas Wirkliches. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Zuweilen kam auch die Stimmung über mich, daß es doch eine Barmherzigkeit geben müsse, die sie mir ließe. Aber mehr und mehr verstand ich, was so schwer zu lernen ist, daß sie nicht für mich allein atmete und lebte. Über ihrem Leben schwebte dieselbe bange Frage wie über meinem eigenen Leben und über dem aller anderen Menschen. Siebenundzwanzigstes Kapitel Dann kam ein Tag, den ich nie vergessen werde. Er begann mit einem Brief, den ich frühmorgens in unserem Briefkasten fand. Er war von Elise und enthielt eine dringende Einladung, ein paar Wochen bei ihr in ihrem Sommerheim zuzubringen. Sie schrieb, in einigen Tagen würde sie sich mit ihrem Manne in Stockholm treffen, sie bat mich mit Gretchen hinzureisen, um dann später in ihrer Gesellschaft nach dem Gute zu fahren. In dem Glauben, daß die Reise mein Töchterchen erfreuen würde, las ich ihr den ganzen Brief vor und blickte auf, als ich ihn beendet hatte, in der Erwartung, auf ihrem Gesicht ein Lächeln zu finden. Statt dessen sah ich, wie sie meinem Blick auswich und wie ihr ganzes kleines Gesicht so traurig wurde, als wäre ein großes Unglück geschehen. »Möchtest du es gern?« fragte sie. »Ja«, antwortete ich zögernd. »Ich dachte, es würde dir Freude machen.« Da schlang sie plötzlich ihre Arme um meinen Hals und sagte: »Ich folge dir, wohin du willst.« Erst wußte ich nicht, was ich ihr antworten sollte, oder wie ich dies verstehen sollte, und während des ganzen Vormittags beschäftigte mich diese Szene, ohne daß ich sie mir erklären konnte. Als wir uns am Mittag trafen, lag doch über Gretchens Auftreten ein gewisses Etwas, das plötzlich meine Gedanken auf die rechte Spur brachte. So impulsiv war ihr ganzes Wesen, daß sie mir oft diese Eigenschaft mitteilte und meine Gefühle zwang, gleichsam mit den ihren Schritt zu halten. Es ist mir, als sehe ich sie noch, wie sie da vor mir auf der Veranda saß. Sie versuchte heiter auszusehen und lachte mich an. Aber in ihrem Blick lag es wie Resignation, als ob sie überwunden und ein großes Opfer gebracht hätte. Ihr Gesichtsausdruck war fest, wie nach einem schweren und anstrengenden Entschluß. Die Augen hielt sie abgewendet, nicht eine Muskel rührte sich in dem kleinen, unnahbaren Antlitz. Aber leichte Blutwellen färbten ihre Züge und verschwanden in einem Nu, die Haut bleich hinterlassend. Es war, als leuchtete ihre Seele hindurch und spräche, ihr selber unbewußt, auch wenn sie schwieg. Und wie ich so dasaß und sie betrachtete, verstand ich plötzlich alles. Einem richtigen Impuls gehorchend, streckte ich meine Hand aus und faßte die ihrige. »Ich dachte, es würde etwas langweilig für dich werden den ganzen Sommer hier, allein mit mir zu sein«, sagte ich. Ich sagte es lachend, im Scherz, so daß sie mich verstehen mußte. Sie erhob sich, und in der nächsten Minute saß sie auf meinem Schoß. Sie zitterte, als fröre sie, und ihre Arme umfaßten meinen Kopf so fest, daß es weh tat. »Allein mit dir«, sagte sie. »Es ist ja gerade das, was mich glücklich gemacht hat.« Ich konnte nicht hören, ob sie lachte oder weinte. Wahrscheinlich beides. Aber aus ihren Worten hörte ich, daß ich richtig getan hatte. Ich war ganz glücklich darüber, und was wir zueinander sprachen, war wie ein einziges, frohes Lachen. »So ist es also dein liebster Traum gewesen,« sagte ich, »daß wir beide hier allein sein und niemand uns stören sollte. Niemand sollte hierher kommen, und wir sollten zu niemandem gehen. So sollte es den ganzen Sommer bleiben, bis der Herbst käme und die dunkeln Abende uns in die Stadt zurückscheuchten. Du und ich. Niemand sonst als du und ich. War es so?« Bei jedem Wort schmiegte sie sich dichter an mich heran, und mit den Lippen nahe an meinem Ohr flüsterte sie: »Ja.« »Dann bleiben wir«, sagte ich, glücklich, sie so froh zu sehen. Sie tat einen Atemzug, so tief, als hätte ich den Kummer der ganzen Welt von ihren Schultern genommen. Als ich später in meinem alten Lehnstuhl unter den Birken halbliegend ruhte, blieb sie nicht wie gewöhnlich, um mir Gesellschaft zu leisten, sondern ging allein in den Garten, wo sie vor meinen Augen verschwand. Ich las meine Zeitungen und schlummerte halbwegs ein. Es schien mir, als ob ich sie zu mir hingehen, sich über mich beugen und wieder fortgehen hörte. Als ich zuletzt aufblickte, ging sie mit einem Arm voll Blumen über die Veranda in mein Zimmer hinein. Ich blieb lange draußen; alles, was an dem Tage geschehen, war für mich nur eine natürliche Episode in unserem ganzen, glücklichen Sommerleben. Nichts kam mir ungewöhnlich und nichts neu vor. Alles war still, draußen und drinnen; über die Bucht, deren Wasser kaum vom Winde gekräuselt wurde, sah ich die Sonne schräge, abendliche Strahlen werfen. Da hörte ich, wie sie auf dem Klavier Töne anschlug – ich hatte das Instrument hinausbringen lassen, ohne ihr Wissen, damit sie nichts entbehren sollte – und zu singen anfing. Es war ein Lied, von dem sie wußte, daß ich es gern hatte, aber sie sang es nicht, um mir zu danken. Sie sang, weil sie sich beruhigt fühlte durch meine Worte, daß alles fortgehen sollte, wie es war, und daß niemand uns stören sollte. Ich freute mich darüber, daß sie mit allem so zufrieden war, und nur aus dem Bedürfnis sie zu sehen, erhob ich mich und ging hinein. Da drinnen war es erst still. Aber dann fing der Gesang von neuem an, ich stand in der Tür, Gretchen gerade gegenüber, und sah ihr ins Gesicht. Es leuchtete wie verklärt, und während des Gesanges lächelte sie mir zu. Da sah ich, wie sie plötzlich erbleichte und ihre Züge wie im Krampf starr wurden. Sie versuchte die Hände gegen ihr Herz zu pressen, aber sie kamen nicht so weit. Sie blieben wie in der Luft hängen, halb zusammengeballt und steif. Und ehe ich sie erreichen konnte, fiel sie hart auf den Boden nieder. Ich hob sie auf in meine Arme und trug sie auf mein Bett hinein. Aber nicht einen Laut konnte ich mehr hören, nicht einen Atemzug. Es war alles zu Ende. Zu Ende, alles. – Die Sonne legte goldenen Glanz über die Bucht, und die Schwalben flogen am Fenster vorbei. Ich sah es wohl, aber ich empfand nichts davon. Nur, daß ich allein war, und daß alles vorbei war. Als mir die Besinnung wiederkehrte, sah ich sie da vor mir. Irgend jemand mußte ihre Augen, die so entsetzlich starrten, geschlossen und ihre Finger ausgestreckt haben. Sie lag da, wie ich sie den ganzen Sommer gesehen hatte. Nicht ein Schatten auf ihren Zügen. Auch nicht der Sonnenschein von draußen reichte an sie heran. Ihr eigenes, stilles, sanftes Licht begleitete sie auch hier. Als ich spät abends in mein eigenes Zimmer hineinging, war es mit Blumen geschmückt. Achtundzwanzigstes Kapitel Alles dieses ist nun lange vorüber. Vorüber, aber nicht vergessen. Verblaßt ist es, wie alles, was der Zeit angehört, aber doch steht es deutlich vor mir, wie es damals war. Und ich entsinne mich noch, daß ich das rote Gebäude nicht verließ, solange mein Kind darinnen war. Trotzdem wurde alles, was getan werden sollte, getan. Wie und von wem, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, daß ich während meines Kummers nichts vergaß, und auch, daß niemand an die Blumen, die sie in mein Zimmer gestellt hatte, rühren durfte. Sie blieben auf dem Platze stehen, wo sie sie selber hingestellt hatte, und sie dufteten noch, als der Sarg über den mit Tannenzweigen bestreuten Abhang zum Dampfschiff hinuntergebracht wurde. Es wurde dreimal Tag und dreimal Nacht während der Zeit, da sie und ich voneinander Abschied nahmen. Ich saß in ihrem Zimmer, wenn es dunkel war, und ich saß auf meinem schönen Platz unter der Veranda. Am liebsten ging ich meinen gewohnten Gang auf der Brücke auf und ab, wo die Wellen im Takt gegen die Steine am Strande schlugen, oder auf dem schmalen Pfad, der zur Treppe hinaufführte. Dort war ich ihr nahe, wie früher, wenn sie innerhalb des offenen Fensters schlief, das ich jetzt nicht mehr zu schließen brauchte, ehe ich mich zur Ruhe begab. Und während ich hier ging, formten sich meine Gedanken zu wirklichen Worten, die ich nicht laut aussprach, die aber doch so deutlich wurden, daß es mir war, als rede ich. Ich sprach von ihr, die tot war, und von allem, was geschehen war. Ich sprach nicht zu ihr, und doch war jedes Wort eine Liebkosung, die, wie es mir schien, ihre Seele treffen mußte. Und davon habe ich nichts vergessen. »Nun ist der Tod gekommen«, sagte ich. »Und nun ist alles verändert. Was früher unbedeutend oder häßlich war, existiert nicht mehr. Was ist groß und was ist klein vor der Liebe oder vor dem Tode? Es geht eine Frau einsam im fernen, fremden Lande, wohin ich sie geschickt habe, weil ich sie los sein wollte und Geld hatte es auszuführen. Was hat sie mir getan? Sie hat mir nicht Böses getan. Vor den Menschen ist sie eine Verstoßene, vor dem aber, was hier geschehen, ist sie es nicht. Ich handelte recht vor den Menschen als ich sie schlug und wegjagte. Und ich habe sie gehaßt und sie verflucht, weil sie mein Leben zugrunde gerichtet hat. Aber es macht mir keine Freude mehr, zu wissen, daß die Menschen mir recht geben. Das sind nur Worte, die nichts bedeuten. Die wirklichen Worte, die kommen erst hier, wenn alles verklärt wird, wie sie es ist, die mir nicht länger antworten kann. »Wenn nun das Weib, vor der ich einst meine Tür verriegelte, dort aus dem Walde käme und hier herausträte, aus der Dämmerung herauswüchse, so daß ich sie erkennen könnte, wie früher, ich würde sie nicht um Verzeihung bitten. Verzeihen ist unnütz. Überhaupt, weshalb haben die Menschen einander etwas zu verzeihen? Alles wird ja ausgeglichen, aber deshalb wird nichts, was gewesen ist, unbedeutend. Nein, in das Zimmer meines schlafenden Kindes würde ich sie führen, und ich würde ihr kein Wort sagen. Aber ich möchte sie dort sehen. Denn sie war die Mutter meines kleinen Mädchens, und sie hat sie mir einst gegeben, damit ich sie behüten sollte. »Dann möchte ich, daß sie wieder ginge. Und selbst dann würde ich ihr nichts sagen. Denn von allem, was hier geschieht, würde sie ja doch nichts verstehen. Das würde aber nicht wie früher meinen Unwillen hervorrufen. Denn weshalb sollte ich mich durch sie beunruhigen lassen, weil sie nicht so ist wie ich? Nichts kann mich hier beunruhigen. Unwillen ist auch nur ein Wort. Wie alle anderen schweigt es gegenüber dem großen Glück und dem großen Unglück, die da Liebe und Tod heißen. Und wenn die leeren Worte schweigen, sprechen die wirklichen. »Es ist seltsam, daß die Menschen das Leben alltäglich finden und daß wir alle es selten so erblicken, wie es in Wirklichkeit ist. Im Tode kommt immer etwas Neues, das hinüber weist in das Jenseits. Aber mein kleines Mädchen, das hier drinnen schläft, hat sich nicht verändert. Sie ist so jung und glücklich gestorben, daß sie, noch während sie lebte, jenseits von dem war, was uns andere stört. Deshalb hat sie die Kleider gewechselt, nur ihre Kleider gewechselt. Auch ich habe andere Kleider angezogen, weil ihre Güte mich dazu zwang. Und ich sehe, daß von allem, was ich im Leben verachtet habe, nichts mehr mir etwas anhaben kann, weder Menschen noch Verhältnisse. Mein Stolz, der mich früher aufrecht hielt, ist verschwunden. Sowohl der Stolz als auch meine Begierden, meine Hoffnungen und mein Streben – alles hat die Kleider gewechselt und ist zu etwas anderem geworden, als es früher war. Ohne einen Seufzer werde ich alles zu Grabe tragen; alles, was ehedem mein war und was ich einst mit nichts anderem hätte vertauschen mögen.« – Solche Worte drängten sich hervor, die nicht meine eigenen sind; und ich begrub meine Freude ohne Murren und ohne lebhaften Schmerz. Neunundzwanzigstes Kapitel Als aber der Sarg an Bord des Dampfschiffes getragen war und ich selber auf dem Verdeck saß, da sah ich den ganzen Sommer, den ich kürzlich erlebt hatte, hinweggleiten. Das Ziegeldach und die Birken verschwanden hinter der Landzunge. Als ich mich aber umwendete, weil ich nichts mehr sehen konnte, fühlte ich mich ruhig und über alles erhaben. Die Menschen betrachteten mich, denn sie sahen meinen schwarzen Anzug, und der Kapitän hatte die Flagge auf Halbmast gehißt. Aber in mir fühlte ich etwas Hartes, das mich aufrecht hielt. Ich wußte, daß ich das mit mir führte, was mich einst reich gemacht hatte, und ich fühlte Mitleid mit allen denen, die um mich herum saßen und mich für arm hielten. Als aber die Reise vorüber war und der Sarg hier stand, drinnen in dem Zimmer, das jetzt verschlossen ist, da dachte ich daran, daß ich an keinen darüber geschrieben, nicht einmal an Elise oder Karl Bohrn. Niemand wußte, was geschehen war, niemand außer mir. Nicht einmal eine Anzeige hatte in einer Zeitung gestanden. Aber das beunruhigte mich nicht. Ich dachte daran wie an etwas, das ohne mein Wissen geschehen war, und ich erinnerte mich, daß in Elisens Brief – dem Brief, welcher den Todestag in meinem Hause einleitete – gestanden hatte, daß sie in der nächsten Zeit nach der Stadt kommen würde mit ihren Kindern und daß sie dort Karl treffen würden. Welcher Tag es war, das wußte ich nicht mehr. Und wo der Brief war, wußte ich auch nicht. Er mußte wohl noch in irgendeiner Schublade liegen oder war abhanden gekommen. Wo er war, wußte ich nicht. Ich wußte nur, daß ich jetzt dorthin gehen müsse, wohin ich während aller dieser Jahre hatte kommen dürfen mit so mancher Freude und so manchem Schmerz, und es fiel mir nicht ein, daß ich vergebens gehen könnte. Als ich indessen nach Bohrns Hause kam, wurde mir der Bescheid zuteil, daß die beiden Gatten ausgegangen seien, aber bald heimkehren würden. Das Dienstmädchen stutzte, als sie meinen Anzug sah, tat aber keine Fragen, und unaufgefordert ging ich in die Wohnung hinein, um meine Freunde dort zu erwarten. Ich ging allein in den Zimmern umher, wo ich so vieles erlebt hatte. Instinktiv suchte ich Elisens Kabinett auf. Dort war es halbdunkel wie in all den andern Zimmern. Die Fenster waren mit Kreide überstrichen und die Vorhänge herabgelassen. Es war kühl, ein leiser Zugwind drang herein von den offenen Fenstern draußen im Entree. Und hier, in diesem kleinen Zimmer mit seinen weißen Möbeln und der großen Bronzeuhr auf dem Gesims des Kamins, setzte ich mich hin. Hier fühlte ich es wieder, aber milder und stiller wie vorher, daß der Kummer zu erheben vermag, er kann reinigen und uns hoch über alles hinwegtragen, uns zeigen, daß alles, wonach wir streben, wofür wir kämpfen, nichts ist, die große Gewißheit dagegen alles. Eines aber vermag er nicht. Er vermag uns nicht als unser einziger, schweigender Freund durch das Leben und seine Schicksale zu folgen; und was angesichts des Todes schwieg, das wacht wieder auf und schlägt mit den Flügeln, um ans Licht zu kommen, und wäre es auch auf die Gefahr hin, sich die Flügel gegen die Schranken der Unmöglichkeit blutig zu schlagen. Ich fühlte dieses, während ich hier saß und mich der Stunde erinnerte, da ich, den Kopf in Elisens Schoß, den ersten großen Kummer meines Mannesalters ausweinte. Ich fühlte es so stark, daß ich mit Erbitterung dachte: Du bist fünfzig Jahre alt, und das Leben ist bald dahin. Ja, ich hatte das Gefühl, als drohe alles in mir zu zerspringen. Und hier forderte die Natur ihr Recht; die übermenschliche Spannung, in der ich während dieser Tage gelebt hatte, ließ nach, und mein Kummer kam zum Ausbruch, mein zweiter, großer Kummer, gegen den nun alles, was ich vorher durchgemacht, mir geringfügig schien. Mein ganzes Leben glitt an mir vorüber wie Schatten, von denen ich nie einen einzigen hatte greifen können, und vor mir sah ich noch eine Reihe von Jahren, die hingehen sollten wie die bereits verronnenen. Aber ich spannte meine ganze Kraft an in angsterfülltem Gebet, daß mir doch etwas noch beschieden sei; in mir spürte ich einen erwachenden Willen, das zu erreichen, was niemals innerhalb meines Bereiches gewesen; und ich saß da schließlich ruhig, ich fühlte, wie die Minuten vergingen, und war mir zugleich bewußt, daß man dasjenige, was man angesichts des Todes zu erreichen glaubt, doch niemals ganz festhält, ehe man selbst dort ist. So saß ich da, in einer Gemütsstimmung, die mir in überquellender Vermessenheit anders und größer, seltsamer und wertvoller erschien, als was mir je ein Mensch, tot oder lebend, in Buch oder Rede, von sich mitgeteilt hatte. Da hörte ich, wie eine Tür geöffnet und geschlossen wurde, ich hörte Stimmen und darunter Elisens Stimme. Aber ich saß wie versteinert, bis Elise und ihr Mann vor mir standen. Ich sah, wie sie ihre Hände nach mir ausstreckten, und wie durch einen Nebel hörte ich, daß sie bei mir gewesen und mein kleines Mädchen gesehen hatten. Sie hatten nichts gewußt, waren nur hereingekommen und hatten sie auf ihrem weißen, blumenbestreuten Lager liegen sehen, still, als ob sie schliefe. So hatten wir einander gleichzeitig aufgesucht; und nun brauchte ich, Gott sei gelobt, nichts zu sagen und nichts zu erklären. Sie standen da vor mir, meine Hände haltend, sie standen schluchzend da, an allen Gliedern zitternd, und ich war der einzige, der nicht weinte. Ich empfand nur, wie mein Schicksal ihre Seelen erfüllte; und es war mir, als wäre die schlimmste Schwere von mir genommen und als fesselten ihre Tränen und ihre Verzweiflung mich an sie, die noch lebten. Da fühlte ich Elisens Arm um meinen Hals und ihre Lippen auf den meinen. Ich war schon ein bejahrter Mann, aber ich fühlte, daß dieser Kuß noch stärker sei, als was der Tod mich ahnen ließ. »Daß ich nicht bei dir sein konnte, wie ich es so gerne gewollt«, sagte sie. »Daß du nicht geschrieben hast!« Da las ich in ihren Augen alles, was sie mir früher nicht hatte sagen wollen. So furchtbar hatte der Tod in ihrer Seele alles durcheinander geschüttelt, alles, was sie an ihr eigenes Leben band, daß das Bekenntnis wie Sonnenglanz über ihrer Gestalt, ihrem Antlitz und ihren Worten lag. »Es war dein Letztes, dein Allerletztes«, rief sie, und alles andere, als ihr eigenes großes Gefühl vergessend, strich sie mir über das Haar, als wäre ich ein Kind ... Da endlich löste sich das Band meiner Zunge, und ich fing wieder an zu sprechen. Ich sah Elise nicht an, ich fühlte aber ihre Nähe, und obgleich die Worte auf meinen Lippen ersterben wollten, machte ich meinem Schmerze Luft. Ich sah meiner Freundin und ihrem Manne gerade ins Gesicht, und ich sagte ihnen alles, von dem die Menschen glauben, daß ein Freund es dem anderen nicht sagen könne. Ich erinnere mich nicht an alles, was er mir antwortete. Vielleicht war ich noch zu aufgeregt, um jedes seiner Worte zu hören. Aber ich erinnere mich, daß Elise darauf seine Hand faßte, sie küßte und ihm in die Augen sah. Keiner von uns hätte sagen können, wie das alles gekommen oder wie es eigentlich war. Auch dachte keiner von uns alten Menschen an Trennung oder neue Ehe oder daran, überhaupt etwas an dem zu ändern, was unser Schicksal geordnet und zusammengefügt. Sondern wir sprachen wie Kinder, die nicht wissen, was gut und was böse ist. Und habe ich armer Mensch, der nun so allein hier steht, je einen Schimmer vom Paradiese gesehen, so war es damals. Es kam daher, weil wir um uns her das Flügelrauschen des Todesengels spürten, der in Gestalt eines Kindes über unseren Häuptern schwebte. Es kam aber auch daher, weil Elise ein ganzes Weib war, und ihr Gatte ein ganzer Mann, er sowohl wie ich. Dreißigstes Kapitel So wunderlich sind meine Erinnerungen, so vermischt mit Gut und Böse, vom Geringsten bis zum Höchsten, und ich bin froh, daß ich sie dir bis zu Ende habe erzählen können. Du selber hast uns alle drei beisammen gesehen, und du wirst also jetzt wissen, daß man nicht immer über eine menage a trois zu lachen braucht. Die Jahre, welche nun folgten, waren in der Tat von einem seltsamen Glück für uns drei erfüllt. Dann kam Karl Bohrns lange Krankheit und zerstörte unseren Kreis. Ich habe mit Elise am Totenbette ihres Mannes gewacht, und ich habe ihn mit ihr in allen diesen Jahren betrauert. Und als sie selber starb – doch dies Ereignis liegt zu nahe. Darüber kann ich noch nicht sprechen. In allem, was ich dir erzählt habe, kannst du das Brausen hören von dem letzten Sturm, der mich noch in diesem Leben hat erreichen können. Aber das will ich dir sagen, niemals hätte ich es über mich vermocht, so zu dir zu sprechen, wie ich es getan habe, wärest du nicht gerade zu dieser Stunde gekommen. Denn als du meinen Schatten von draußen gegen die Gardine sahst, ging ich hier auf und ab in meinen Zimmern, wo noch alles zu weilen schien, was ich im Leben geliebt habe. Die Tür zu meinem Heiligtum stand offen, ich schloß sie, ehe ich dir aufmachte. Ich war schon lange so gegangen, und ganz wie damals, als ich vor vielen Jahren auf dem Pfade draußen vor der Veranda meines ersten und letzten Sommerheims hin und her ging, als mein kleines Mädchen auf ihrem letzten Lager drinnen im Zimmer lag, ganz so ging ich hier und redete mit mir selber. Ganz so erklangen die Worte in mir, ohne daß ich sagen könnte, wer ihnen Leben gab. Es waren nicht dieselben Worte, sie hatten aber denselben Sinn. Von dem Schweigen angesichts jenes großen Unbekannten, vor dem die Stimmen des Lebens verstummen, selbst die der Liebe und des Hungers nach Glück, das uns aber den Weg öffnet zu dem einzigen Glück, an dem der Mensch ein unvergängliches Gut besitzt – zur Einsamkeit. Ich bin alt genug, ich weiß, daß die Stimme, die ich jetzt zum letztenmal gehört habe, künftig von nichts anderem mehr übertönt werden kann.« – Schluß Hugo Brenners Geschichte war zu Ende, und obgleich ich fast atemlos jedem seiner Worte gefolgt war, hatte ich doch staunend beobachtet, wie er sich veränderte, während er sprach. Anfangs sprach er befangen, er unterbrach sich häufig, seine Stimme klang rauh, fast absichtlich kalt, und er lachte dann und wann, als wolle er mich bitten, die Leidenschaft zu vergessen, welche glühend aus diesem Lebensbekenntnis emporflammte. Es schien, als schäme er sich vor mir oder vor sich selber und als hätte er gefürchtet, daß ich ihm Mitleiden zeigen würde, das er verschmähte. Aber je länger er in seinem Bericht fortfuhr, desto freimütiger sah er mir ins Auge, und je näher er dem Entscheidenden in seinem eigenen Leben kam, desto weniger zitterte seine Stimme. Als er zu Ende war, saß er lange schweigend, und nachdem er sich eine Zigarre angezündet hatte, ging er nach einem alten Schrank, der in einer Ecke im Dunkel stand. Dort machte er sich ein Weilchen mit etwas zu schaffen, das ich nicht sehen konnte. Darauf kam er zurück mit einer Flasche, die er sich Gott weiß woher geholt, stellte sie auf den Tisch und sagte: »Dies ist ein seltener, alter Wein. Laß uns diese Flasche leeren auf meine Erinnerungen! Dir hat es ja früher nie etwas ausgemacht, eine Nacht zu durchwachen.« Darauf schenkte er den goldglänzenden, dunkelfarbigen Wein in kleine, schön geschliffene, altertümliche Gläser, hob das seine gegen die Lampe empor, so daß der Wein goldig rot schimmerte, stieß mit mir an und trank es aus. Wir blieben zusammen sitzen, bis der Morgen anbrach, und die ganze Zeit lag der Glanz der alten Erinnerungen über unserem Beisammensein. Ich hatte ein Gefühl, als wäre ich an einem heiligen Orte, mit hohem Dach und weiten Wänden, und doch war unsere Unterhaltung jetzt so ruhig und alltäglich, als hätten wir nie Gedanken ausgetauscht über das Größte, was einem Menschenleben Farbe verleihen kann. Es erschien mir, als erfreue dies Hugo Brenner. Denn er war während dieses Gespräches so frei und erleichtert, wie ich ihn selten gesehen habe; und dies kam mir um so eigentümlicher vor, als ich von unserer langen Bekanntschaft her wußte, daß er sonst fast verschämt wurde, wenn ihm durch irgendeinen Zufall auch nur ein Wort über sich und seine eigenen Angelegenheiten entschlüpft war. Was mich betraf, so war ich erfüllt von dem Gedanken an alles das, was er mir vor kurzem erzählt hatte; und anfangs konnte ich mich nach dieser langen Beichte nur schwer wieder auf dem Alltagswege der gewöhnlichen Gesprächsgegenstände zurecht finden. Der Übergang war mir gar zu plötzlich. Schließlich aber begann ich seinem Gefühlsgange ganz instinktiv zu folgen. Wie er da so vor mir saß, halb aufgerichtet und schlank, mit einem jetzt fast unnahbaren Ausdruck in seinem schwermütigen, aufrichtigen Gesicht, verstand ich, daß er dieses Mal – vielleicht das einzige Mal in seinem Leben – einem Fremden wirkliches Vertrauen geschenkt hatte, sei es auch unter Umständen, die natürlich genug gewesen wären, um die meisten anderen zu einer Fortsetzung zu locken. Für Hugo Brenner aber war dieses Gefühl, daß er sich jetzt selber gegeben hatte, etwas rein Überwältigendes, und eben deshalb saß er nun da in dieser fast ein wenig bewußten, vornehmen Ruhe, die mir die Lust und auch die Fähigkeit nahm, ihm den Dank auszusprechen, der mir auf den Lippen schwebte. Ich meine ganz einfach den Dank für die Ehre, die er mir erwiesen und die ich als eine solche empfand. So, sagte ich zu mir selber, ist der Dichter. Die Menschen lesen sein Werk und wundern sich zuweilen darüber, daß er sich selbst, so ganz und ohne Vorbehalt, gegeben hat. Sie können ja nicht wissen, daß er an dieser äußersten Aufrichtigkeit, die in seinem Innern brennt, so lange getragen hat, daß, wenn er endlich seinem Innern Luft macht, es mit seinem Willen oder gegen ihn geschieht, mit der Gewalt einer Naturmacht, die nichts hindern kann. Und zu den alltäglichen Menschen gesellen sich dann die Bücherschreiber, die nichts durchlebt haben und nichts kennen. Sie sprechen die Gedanken der alltäglichen Menschen aus und derer, welche nicht in Versuchung kommen, offen zu sein, weil ihre Leere ihnen bewußt ist; sie spielen die Vornehmen den großen Leidenschaften gegenüber und nehmen die Brutalität der Alltäglichkeit zum Verbündeten; und da sie sich der Sympathie sicher fühlen, die die Banalität verleiht, überfallen sie den Schweigenden, der ein mal offenherzig gewesen ist, und sagen: Wie kann man sein eigenes Leben preisgeben? Wenn diese Äußerungen aber fallen, hat die Leidenschaft den Einsamen, der nicht schweigen konnte, schon verlassen; und im scheuen Gefühl seiner Tollkühnheit ist er sich bewußt, daß seine Worte in die Welt hinausgegangen sind und daß er sie nicht mehr zurückrufen kann. Und wie dankbar er auch für die Sympathie derer ist, denen die Einwendungen der Alltäglichkeit leere Phrasen sind, so krampft sich doch sein Herz in Angst zusammen bei dem Gedanken, daß seine besten Absichten mißdeutet und sein Ich preisgegeben worden ist. So sah ich Hugo Brenner vor mir sitzen, und so legte ich sein unbewußtes Spiel mit mir und sich selber aus, als er mich mit der Kühle etwa einer angenommenen Maske daran hinderte, mich ihm auch nur mit dem geringsten Worte zu nähern – ihm, der mir vor kurzem so ganz nahe gewesen war. Ich empfand es so stark, daß ich es nicht über mich vermochte, auch nur den leisesten Versuch zu machen, mich diesem schweigenden Willen zu widersetzen, den ich ebenso sicher herausfühlte, als ob er ihn selber mit seiner alten Überlegenheit ausgesprochen hätte. Das einzige, was ich nicht unterlassen konnte zu sagen, war: »Weshalb bist du nicht Dichter geworden?« Er sah weg, als er antwortete: »Deshalb, weil ich nie weniger als alles hätte sagen können. Und alles zu sagen, dazu fehlt mir die Kraft. Aus lauter Ängstlichkeit wäre ich ein Dilettant geworden. Und du weißt, daß ich diese verabscheue, auch in der Dichtung, am meisten aber im Leben.« Darauf hob er sein Glas gegen das meine, und schweigend leerten wir die letzten Gläser bis auf den Grund. Als ich ihm Lebewohl sagte, drückte ich stumm seine Hand, weil ich wußte, daß ich nichts sagen durfte; als ich aber schon in der Tür stand, konnte ich es nicht lassen mich umzuwenden, um ihn noch einmal zu sehen. Er glich einem Kämpen, wie er da stand, und das letzte, was ich von ihm sah, war ein Lächeln. Ende