Fedor von Zobeltitz Der Beutezug der Liebe Roman   H. Fikentscher Verlag – Leipzig Druck von G. Kreysing in Leipzig. I Vor dem ›Gasthof zum Anker‹ am Markte standen der Ritterschaftsrat, der dicke Baron Brenkenhoff und der Wassergraf aus Freilehningen und waren neugierig, wie die Geschichte ablaufen würde. »So eine Zwangsversteigerung haben wir lange nicht gehabt«, sagte Baron Brenkenhoff, den erkalteten Zigarrenstummel im linken Mundwinkel, über dem sich der schwarzgefärbte, kurzgeschnittene Schnurrbart spitzte. »Das letztemal, es sind an die dreißig Jahre her, ja, so lange mag es her sein, da kam Burgersroda unter Subhasta, das dann der verrückte Zwiesel, der selige Simmens kaufte.« »Wir sind gedeckt«, erwiderte Herr von Protzen, der Ritterschaftsrat, ein kleiner, sehr beweglicher Mann, dessen Glieder außerordentlich locker in den Gelenken zu sitzen schienen, denn er zappelte beständig. »Bärwalde ist immer noch seine runde Million wert, und wir schließen mit viermalhundertachtzigtausend ab. Schlimmstenfalls beantrage ich Zwangsverwaltung.« »Will denn der Diesberg selber kommen?« fragte wieder der dicke Brenkenhoff und spuckte seinen schwarzen Zigarrenrest wie einen Priem nach Seemannsart auf das Pflaster. »Ich habe eigentlich geglaubt, du würdest ihm noch einmal aus der Bredouille helfen, Pakisch. Er ist doch sozusagen dein Schwiegersohn, sozusagen.« Der lange Graf Pakisch, den man den Wassergrafen nannte, weil er für die Kneippsche Heilmethode schwärmte, verzog keine Miene in seinem hageren, gelben Gesicht ... »Erstens mal ist er nicht mein Schwiegersohn,« antwortete er mit seiner langweiligen, öligen Stimme, »na, und im übrigen, wenn schon. Bis achtmalhunderttausend gehe ich mit, nicht einen Groschen drüber. Wenn ich meine Hypothek in Sicherheit weiß, können die andern bieten, was sie wollen.« »Sie werden nicht,« sagte Brenkenhoff, »Bärwalde ist arg devastiert, und es gehört schon ein Klotz Geld dazu, den Rummel wieder in Gang zu bringen. Diesberg ist ein tüchtiger Reitersmann, hat aber keine Ahnung von Landwirtschaft.« »Will ich auch nicht behaupten,« erwiderte der Wassergraf, »er hat mannigmal einen ganz guten Blick; mit dem Senfanbau hat er sein Geschäftchen gemacht, aber er ist ein leichtsinniger Schlingel. Und dann die verrückte Pferdezucht! Wer so etwas in die Hand nimmt, muß genügende Reserven hinter sich haben.« Der Ritterschaftsrat hüpfte von einem Bein auf das andere und schlenkerte mit den Armen. »Da hat ihn der Simmens reingeritten«, sagte er. »Mir kommt's überhaupt so vor ... na, ich will mir nicht das Maul verbrennen, aber dem Simmens trau' ich nicht recht. Bärwalde liegt ihm bequem, das grenzt so hübsch an Burgersroda – und unten die Wiesen im Bruch – und Simmens hat zu wenig Wiesen, die braucht er. Die braucht er ...« Ein kleiner, gelber, schnittiger Selbstfahrer ratterte über das Holperpflaster rings um das alte Rathaus. »Schnute halten,« sagte der Wassergraf, »da ist der Simmens!« Ein junger Herr in einem Waterproof mit einem grünen Jagdhut auf dem Kopfe lenkte das Gespann mit sicherer Hand. Es waren ein paar hübsche dunkelbraune Galizier, deren lebhaftem Kopfspiel man das Temperament anmerkte. Der Fahrer umkreiste den Marktplatz, als wolle er erst seine Künste zeigen, schnürte dann die Fäuste ein wenig und hielt vor dem ›Anker‹. Die Gäule standen wie angewurzelt. »Die Ehre, meine Herren«, rief der Burgersrodaer, warf die Zügel dem livrierten Bengel zu, der hinten auf dem Wagen klebte, und sprang ab. Man begrüßte sich. Die Herren schritten langsam um die Pferde und musterten sie. »Wie alt?« fragte der Wassergraf und riß mit geschickter Handbewegung einem der Gäule das Maul auf, um nach den Kunden zu sehen. »Vierjährig. Knapp. Nette Jucker, was? Eigentlich Damenpferdchen. Wollen Sie sie nicht für die Komteß Annelene kaufen, Graf Pakisch? Ich gebe sie ab, billig, ich habe keinen Platz mehr.« »Nee, Simmens,« ölte der Wassergraf, »mit Ihnen schachre ich nicht. Sie sind mir zu gerissen.« Brenkenhoff, der den Gäulen sachgemäß über die Sprunggelenke strich, richtete sich auf und lachte schallend. Der ganze Mensch wackelte dabei. »Ja, verflucht,« rief er, »der Simmens nimmt es mit allen Pferdejuden auf zwanzig Meilen auf! Na, Simmens, wie ist es? Wollen Sie Bärwalde koofen?« Der junge Herr hatte sich bei dem in der Tür des Gasthofs erscheinenden Kellner einen Schoppen Mosel bestellt. Brenkenhoff fragte, ob das Bier frisch sei, der Ritterschaftsrat wünschte ein Glas Sherry, Graf Pakisch ein Gieshübler. Man setzte sich auf die Bank vor dem Gasthof, unter die schon herbstlich gelb gewordene, blätterschüttelnde Akazie. Edward Simmens streckte die Beine lang unter den Tisch und legte sein silbernes Zigarettenetui vor sich hin. »Ja, lieber Baron,« antwortete er, »ich trage mich mit der Absicht, Bärwalde zu kaufen. Das bin ich Diesberg schuldig – einen Weg der Verständigung über die gemeinsame Verwaltung werden wir schon finden. Vielleicht bringe ich mein Gestüt herüber, damit wäre auch Diesberg gedient. Also Ihre Hypothek überbiete ich mit acht guten Groschen, Graf Pakisch – oder wollen Sie höher gehen?« »Nicht in die Hand,« rief der Wassergraf und goß sich seinen Gieshübler ein, »ich habe an Freilehningen genug. Übrigens glaube ich nicht, daß die Nachfrage lebhaft sein wird. Brenkenhoff treibt bloß die Neugierde her, und sonst sehe ich noch keinen Menschen.« »Der Zug kommt erst um halb elf,« entgegnete Herr von Protzen, »der bringt die Berliner und das Agentengesindel aus der Umgegend. Aber ich meine auch, der Anreiz wird nicht allzu groß sein. Die Konjunktur ist nicht danach, und die hohe Anzahlung schreckt. Denn wie ich Pakisch kenne, wird er seine Hypothek nicht stehenlassen.« »Ich denke nicht daran«, brummte der lange Graf. »Bei Diesberg war das etwas anderes, der war mein Mündel, und ein bißchen verwandt sind wir ja auch. Aber in fremde Hand geb' ich mein Geld nicht – hab's außerdem selber nötig.« »Ja, du armer Deibel,« lachte Brenkenhoff, »du bist immer am Verhungern ...« Nun wurde es allgemein lebhafter auf dem Marktplatz der kleinen Bezirksstadt. Es kamen auch noch ein paar weitere Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, die sich die Sache ansehen wollten und im ›Anker‹ ausspannen ließen, meist behäbige Leute mit wetterbraunen Gesichtern, die zunächst einen Kognak hinter die Binde gossen und dann ungeheuer viel zu fragen und zu erzählen hatten. Die Zwangsversteigerung von Bärwalde erhitzte doch die Köpfe. Daß der Diesberg überall in der Kreide stand, wo man gegen gute Sicherheit pumpte, wußte man ja, er hatte Bärwalde schon recht verschuldet übernommen und es dann seinem schludrigen Inspektor überlassen, um ganz seinen sportlichen Neigungen leben zu können. Nun ja, er war ein famoser Reiter, und eigentlich, das mußte man sagen, war er es, der den Simmensschen Stall binnen drei Jahren zu einer gewissen Beachtung gebracht hatte. Aber es kann einer der beste Reiter sein und von der Aufzucht der Gäule doch nicht viel verstehen – außerdem gehören dazu bedeutende Mittel, die Diesberg sich erst zusammenschnorren mußte – und dann lebte er ja wie ein Grandseigneur und nicht wie ein Habenichts, der er doch war. Übrigens sprach man allgemein mit großer Sympathie von ihm, schon des Wassergrafen wegen; man hatte den Bärwalder Windhund aber auch recht gern und bedauerte allgemein seinen Zusammenbruch. Vor dem Gasthofe hatte man noch einen zweiten Tisch ansetzen müssen, denn nun nahten die Honoratioren des Städtchens, der Herr Bürgermeister mit einer Miene der Weltweisheit und halb geschlossenen Augen, was den Eindruck seiner Gelehrsamkeit erhöhte, und der Herr Landgerichtsrat Stauber, der die Versteigerung zu leiten hatte, ein fideler Herr mit rötlichen Adern auf der Nase, und der Getreidehändler Seligmann mit dem Pferdeschmeißer Fuchs als Vertreter der Plutokratie, beide in weißen Westen, was man auch symbolisch auffassen konnte, aber von den Anwesenden nicht geschah. Ein offener Landauer brachte den Landrat von Gaedechens herbei, einen strammen Weißkopf mit fröhlichem Burgundergesicht, der leichtfüßig aus dem Wagen sprang. »Morjen, meine Herren,« rief er, »morjen allerseits! August, eine Cantenac, von meiner Sorte! ...« Aller Hände streckten sich ihm entgegen, er setzte sich neben den Bäckermeister und hatte den Apotheker auf der anderen Seite. Die Gesellschaft mischte sich, ein gewichtiger Großbauer fand sich ein, auch der alte Lehnschulze aus dem nahen Neschwitz, eine Figur wie aus einem Gubitzschen Volkskalender. Hier kannte sich jeder, es kam nicht auf Stände und Konfessionen an, Ernte und Ställe bildeten das gemeinsame Interesse, außerdem klagte alles, und alles schimpfte, und alles grölte und lachte dabei. Der Landgerichtsrat hatte den Wassergrafen an einen Knopf seiner verschossenen Jägerjoppe gefaßt, unter der eine wollengestrickte Weste Falten schlug. »Na also, Herr Graf,« sagte Stauber, »ich denke mir, es wird nicht gefährlich werden. Schriftliche Anmeldungen sind überhaupt nicht eingelaufen. Wenn Sie oder der Simmens die Klitsche pro forma , kaufen, wird man den Diesberg ja noch einmal retten können. Sagen Sie mal, haben denn seine hohen Verwandten nicht eingreifen können?« Pakisch winkte ab. »Haben ja alleene nischt«, antwortete er. »Außerdem – es sind doch nu schon zweihundert Jahre her, daß mal ein verdrehter kleiner Fürst auf die Idee kam, die Zofe seiner Schwester zu heiraten, und in den zwei Jahrhunderten hat sich die Verwandtschaft ein bißchen aufgetruselt. Gott bewahre, es besteht seit Ewigkeiten gar keine Verbindung mehr zwischen den Diesbergs und dem Anhaltschen Hof. Sonst hätte der Erni sie schon ausgenützt, darauf können Sie sich verlassen ... Aha,« unterbrach er sich, »nu ist der Zug gekommen, nu kann's bald losgehen ...« Der Gasthofsomnibus fuhr vor und ein zweiter Omnibus vor den Eingang zum ›Treuen Preußen‹ an der Ecke des Marktes und der Fischergasse, wo die kleinen Agenten und Handlungsreisenden abzusteigen pflegten. Da war man denn neugierig am Tische, ob sich noch weitere Interessenten für Bärwalde einfinden würden, aber es sah nicht so aus. Ein dicker Herr, der bei dem schönen Herbstwetter einen schäbigen Pelz trug, konnte ein Privatgläubiger sein, das war möglich, und auch der elegante junge Mann in dunkelbraunem Raglan schien der Versteigerung beiwohnen zu wollen. Er zog höflich den Hut, als er an den besetzten Tischen vorüberging, und wandte sich fragend an den Kellner, der nach dem Rathaus hinüberwies. Dann erhob sich auch der Landgerichtsrat. »Na, meine Herren,« sagte er, »wenn ich nun bitten darf ...« Man schnellte in die Höhe, reckte sich und trank die Gläser aus. Der Ritterschaftsrat ließ sich den Wirt kommen und fragte nach dem Mittagessen. Er war ärgerlich und zappelte. Rehkeule konnte man zu Hause alle Tage haben, bei solcher Gelegenheit hätte Herr Martin weiß Gott für ein paar Delikatessen sorgen können. Wozu hatte die Landschaft denn durchgesetzt, daß der Kurierzug an dem verdammten Neste hielt? Für alle Fälle ließ er ein halbes Dutzend Flaschen Rheingold kaltstellen, und dann schlenkerte und zappelte auch er hinüber nach dem Rathaus. Hier tagte im ersten Stockwerk das Gericht. Im großen Schwurgerichtssaal sollte die Versteigerung stattfinden. Durch die kleinen regengrünen Fensterscheiben fiel das Sonnenlicht des Herbsttages. An einer Wand hing eine vergilbte Lithographie Friedrich Wilhelms des Vierten, gegenüber ein schreckliches Öldruckbild des letzten regierenden Herrn. Sonst war das Zimmer kahl und nüchtern, in einem Winkel oben an der Decke schaukelte sich eine Spinne. Die Schritte der Herren knirschten auf dem weißen Sande, mit dem die Dielen des Fußbodens bestreut waren. Ein paar Bänke waren aufgestellt worden, davor einige Stuhlreihen. Man setzte sich, wie es sich gerade traf. »Darf man hier roochen?« fragte der dicke Brenkenhoff. »Ich habe nichts dagegen«, antwortete der Landgerichtsrat, und nun zog Baron Brenkenhoff eine seiner schwarzen, gelbgefleckten Zigarren aus der Tasche und begann sie umständlich anzuzünden. Der Wassergraf, der neben ihm saß und als begeisterter Anhänger Kneipps sowohl Antialkoholiker wie Nichtraucher war, rümpfte die Nase und schnüffelte. »Du hast immer noch deinen niederziehenden Tobak, Brenkenhoff«, nölte er mit seiner Kleinkinderstimme. Da schlug der amtierende Richter mit dem Auktionshammer auf den Tisch. Zwei Schreiber für das Doppelprotokoll saßen rechts und links von ihm und fuhren zusammen. Jetzt hatte alles Platz genommen. Nur der junge elegante Herr im dunkelbraunen Raglan war stehengeblieben. Es war ein Berliner Rechtsanwalt, der in seinen Mußestunden zuweilen den Parnaß bestieg, Gedichte machte und Novellen schrieb. Das Bild vor ihm war eine Milieustudie. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den riesenhaften, braunen, eiskalten Kachelofen, und seine klugen dunklen Augen schweiften beobachtend über die Versammlung. Eine fabelhaft spaßige Gesellschaft, diese agrarischen Edelleute mit ihrem putzigen Anhang. Alle verschieden voneinander, aber landbeherrschender Junkerschlag, Charakterköpfe, auch wo Linien der Groteske hinzutraten, und Originale, wie sie nur noch zwischen Acker und Heide wachsen. Wenig äußere Pflege, hier war man ja unter sich, der Stallgeruch verflog erst in Berlin, beim Bummel in der agrarischen Woche, oder wenn man auf Bälle ging und der Frack aus der Mottenkiste geholt wurde. Da ließ man sich auch das Haar scheren und den Bart stutzen und zwängte sich Lackstiefel an, da kam man mit seinen Leuten zusammen, die immer geschniegelt und gebügelt waren, und wollte natürlich nicht zurückstehen. Aber daheim ließ man sich gern ein bißchen gehen, man kannte sich und sah nicht auf den Rock ... Der Blick des Rechtsanwalts machte bei den Gestalten des Wassergrafen und des Barons Brenkenhoff halt. Seltsame Gegensätze. Der eine lang, hager, mit gelbem Eulengesicht und horngefaßter Brille, der andere eine kleine, dicke Husarenfigur, knallige Backen, vergnügte Äugelchen, ein spitz aufgewichstes schwarzes Schnurrbärtchen auf der Oberlippe. Beide gar nicht aristokratisch und doch unverkennbare Rasse. Und wieder da drüben der glattrasierte junge Mann, der Herr Simmens genannt wurde, das war bürgerlicher Nachwuchs, der von der Scholle aus in die Kaste hineinglitt – und nun die Zwischenglieder, breitgeschulterter Bauernschlag, der noch selber den Pflug führte und den Mist über das Feld streute, dann die Fuchsgesichter der Agenten, der Allesmacher und Allesbesorger, die immer zwischen Stadt und Dorf unterwegs waren, und die köstlichen Typen der Pferde- und Getreidejuden in den symbolischen weißen Westen, mit gespitzten Ohren und verdienstsuchendem Augenfunkeln ... Auf die einleitenden Formalitäten hörte der Rechtsanwalt kaum. Das kannte er: die Grundbuchakten, den Reinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge und Servituten, die Schätzungssumme und andere Dinge. Langweilig. Dann kam man der Sache näher. Der Antrag auf Zwangsversteigerung war von der Ritterschaftlichen Darlehnskasse gestellt worden, und es hatte sich kein Widerspruch dagegen erhoben. Herr von Protzen gab denn auch das erste Gebot ab: viermalhundertachtzigtausend Mark, den Hypothekenstand der Ritterschaftsbank. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Ein Vogelschatten huschte an den Fenstern vorüber. Die Spinne an der Decke zog sich an ihrem Faden empor. Der Herr am Ofen rührte sich nicht, er hatte noch Zeit. Ein Mann in roter Krawatte und mit einem dicken Brillantring am Goldfinger, irgendein unbekannter Geldgeber Diesbergs, stieg zwanzigtausend Mark höher, dann aber kam gleich ein gewaltiger Sprung. Der Wassergraf schlug die langen Beine übereinander, so daß zwischen Hosenrand und Stiefel ein Streifen höchst gewöhnlichen, grauen Wollenstrumpfs sichtbar wurde, beugte den schwippen Oberkörper etwas vor und rief in seinem psalmodierenden Nölton: »Achtmalhunderttausend Mark!« Der Landgerichtsrat wiederholte das, und beide Protokollführer setzten die Federn an und schrieben: »Graf von Pakisch auf Freilehningen und Remten achtmalhunderttausend Mark.« Jetzt ging ein starkes, geräuschvolles Aufatmen durch das Zimmer. Na also! Nun war die Geschichte so gut wie abgemacht, nun konnte man schließen. Mit dem Gebot des Wassergrafen liefen die Hypotheken aus, und mehr zu bieten, war unter den obwaltenden Verhältnissen riskant. Aber Herr Simmens auf Burgersroda bot dennoch mehr. Zunächst nur zehntausend Mark. Er war aufgestanden und an das Fenster getreten, und während er eine Zigarette aus seinem Etui nahm, sagte er gleichmütig: also achtmalhundertzehn.« Das › Well ‹ schob er gelegentlich gern in die Unterhaltung, auch dann und wann ein paar andere rasch herausgestolperte englische Worte und Floskeln. Vater und Großvater hatten ihr Vermögen in der Nähmaschinenbranche jenseits des Kanals verdient, und Mister Edward (nicht Eduard) liebte es, sich seiner englischen Erziehung zu erinnern. Seine Kleidung und Wäsche bezog er aus London, und wenn er in den Spiegel schaute, freute er sich, daß er eine etwas kurze Oberlippe und dahinter breite, weiße, kräftige Zähne besaß. Er sah wirklich wie ein junger Engländer aus – aber die Ahnen waren ehrliche Deutsche gewesen und hatten den Namen Simons geführt. Sagte man wenigstens. Der Vater Edwards hatte Burgersroda jedenfalls schon als Herr Simmens gekauft. Vielleicht hatte er die Namensänderung bei der Rückwanderung nach Deutschland beantragt – warum, wußte der Teufel, denn Simmens klang auch nicht viel anders als Simons. Herr Simmens hatte kaum ausgesprochen, als der junge Mann am Kachelofen eine Bewegung machte. Er knöpfte seinen braunen Raglan auf und sagte laut, mit einem Zucken der Mundwinkel: »Achtmalhundertzwanzig.« Nun fuhren die Köpfe auf den Schultern herum, Erstaunen trat aus die Gesichter, die Augen weiteten sich verwundert. Teufel, wer war denn das?! – Das Mehrgebot des Burgersrodaers hatte man noch verstanden, der trat für den Freund ein – man plante eine Zusammenlegung der Gestüte, davon hatte man schon gehört. Aber was wollte der Unbekannte? War das ein Privatgläubiger, der seine Wechsel in Sicherheit zu bringen wünschte? Denn das wußte man ja: Erni Diesberg hatte auch viel mit Wechseln gearbeitet. »Darf ich um Ihren Namen bitten?« fragte der Landgerichtsrat. »Rechtsanwalt Detmold in Vertretung des Geheimen Justizrats A. W. Lipsius, Berlin«, antwortete der junge Mann, zog seine Brieftasche, trat an den Tisch des Vorsitzenden und zeigte ihm seine Legitimation. Stauber verneigte sich. Es war alles in Ordnung. Sein Hammer schlug auf die Tischecke. Er rief das Gebot noch einmal in den Saal, und die Federn seiner Schreiber kratzten über das Papier. Der Name Lipsius klang allen völlig fremd. Nur der Wassergraf neigte den Kopf. Erinnerungen dämmerten in ihm auf. Er hatte diesen Lipsius einmal in Bärwalde gesehen – vor langen Jahren, als der alte Freiherr von Diesberg noch lebte –, die beiden waren Studienfreunde gewesen, und ihm war auch so, als hätte ihm Erni gelegentlich von dem Geheimrat gesprochen. Er mußte einen gehörigen Pump bei ihm angelegt haben. So erklärte sich die Sachlage ... Die Spannung wuchs, die Hälse reckten sich. Der Ritterschaftsrat begann wieder zu zappeln. Herr von Brenkenhoff setzte seine kohlende Zigarre neu in Brand. Das Gesicht des Herrn Simmens hatte sich gerötet. Er witterte Erpressung und Wucher hinter dem Angebot. Und er gierte nach den zweihundert Morgen Bärwalder Wiesen. Rasch steigerte er um weitere zehntausend Mark, ließ dann sein Zigarettenetui in die Tasche gleiten und holte seine englische Stummelpfeife hervor. Die Bewegung sollte seine Gleichgültigkeit betonen. Aber auch der Rechtsanwalt Detmold blieb gleichgültig. Er ging auf achtmalhundertvierzigtausend Mark. »Fünfzig«, rief Simmens. »Sechzig«, rief der Rechtsanwalt. »Siebzig!« »Achtzig!« Simmens zog die Stirn in Falten. Er überlegte. »Einen Augenblick, Herr Rat«, rief er. »Bitte,« entgegnete Stauber, »Endgebot achthundertachtzigtausend Mark.« Herr Edward Simmens strich sich mit einem buntbordierten Taschentuch über das Gesicht. Er lächelte und zeigte die Zähne. Seine linke Schulter zuckte. »Ich wäre dem Erni gern entgegengekommen«, sagte er halblaut zu Pakisch gewendet. »Ich hatte gehofft ... Also Schluß: neunhunderttausend!« rief er mit erhobener Stimme. »Und zehn«, setzte der Mann am Kachelofen hinzu. »Neunmalhundertzehntausend«, rief Stauber und hob seinen Hammer. Alle Wetter, das war eine hübsche Summe! In guten Zeiten konnte man Bärwalde immerhin auf eine Million bewerten. Aber heute kaum noch. Inventar und Gebäude waren in schlechtem Zustande, die Ländereien ebenso, selbst den Wiesen fehlte die Nachhilfe. Freilich, da war das Gestüt. Ja, wo war das? Die Laufställe waren noch da, doch die Pferde nicht. Die hatte Herr Simmens »übernommen«, natürlich ganz rechtmäßig. Es waren auch nicht mehr viel und keine Perlen – der beste Gaul, der »Hamilkar«, war an einer unbegreiflichen Kolik binnen weniger Stunden zugrunde gegangen. Aber Edward Simmens hatte seine Absichten mit Bärwalde. Er war wütend, daß es ihm dieser Berliner Rechtsanwalt zu entreißen gedachte. Lepsius, Lipsius – Donnerhagel, wer war das? Hatte Erni nicht einmal von einem Lepsius oder Lipsius gesprochen, als er die Zucht einrichten wollte? Oder war es damals gewesen, als er in Hamburg so blödsinnig gespielt hatte? Sei's wie es sei, der Herr Geheime Justizrat schien ein zäher Gläubiger zu sein. Aber was wollte der Jurist mit Bärwalde? Vielleicht hatte er die Absicht, es instand bringen zu lassen, um es dann weiterzuverkaufen. Die Konjunktur konnte sich bessern, er mochte auch schon seine Leute an der Hand haben. Herr Simmens spielte wieder den Gleichgültigen. Er begann seine Pfeife zu stopfen, er hatte dazu eine praktische, kleine Maschine aus Silber oder Platin, natürlich englisches Fabrikat. Die kurze Oberlippe zog sich höher. Er wollte abermals lächeln und wandte sich wieder an den Wassergrafen. »Soll ich denn noch weitergehen?« fragte er. »Ich hatte mit Diesberg verabredet –« »Bitte, meine Herren,« fiel Stauber ein, »keine Privatunterhaltung. Neunmalhundertzehntausend sind geboten. Zum ersten –« »Also Schockschwerbrett,« rief Simmens, »noch zehntausend drauf!« »Und noch zehntausend dazu«, sagte der Mann am Ofen. Das schien der dramatische Höhepunkt zu sein. Die Summe war schließlich das wenigste, aber der Kampf der Überbleibenden regte auf. Man rückte auf den Stühlen, man flüsterte, die Köpfe neigten sich zueinander, der Ritterschaftsrat tobte mit allen Gliedern, nur die bäuerlichen Grundbesitzer saßen wie versteinert da. Der alte Lehnschulze aus Neschwitz hatte unwillkürlich den von grauen Stoppeln umrahmten zahnlosen Mund geöffnet. »Darf ich mir eine Zwischenfrage erlauben, Herr Stauber?« hub Simmens von neuem an. »Bitte, wenn sie zur Sache gehört.« »Aber ja, sie gehört verdammt dazu ...« Er wischte wieder mit seinem Taschentuch über die Stirn und wandte sich an den Mann am Ofen, der jetzt seinen Raglan ausgezogen und über eine Stuhllehne gehängt hatte ... »Entschuldigen Sie, Herr Rechtsanwalt,« fuhr Simmens fort, »es hat, schätze ich, keinen Zweck, wenn wir uns gegenseitig treiben – –« »Vergebung,« warf der andere ein, »ein Zweck wäre schon da. Je höher Bärwalde bezahlt wird, um so günstiger wäre das natürlich für den Herrn Baron von Diesberg.« Ein Scharren und Schurren hub wieder an. Ein paar nickten, beifällige Stimmen wurden laut, plötzlich wollte alle Welt dem Bärwalder hilfreich sein. Nun die Hypothekengläubiger ihre Forderungen in Sicherheit hatten und die beiden Kampfhähne allein standen, kostete diese Herzensgüte ja nichts. Die meisten meinten es übrigens ehrlich. Der Diesberg war sicher ein leichtsinniger Strick, aber auch ein netter Kerl, ein ganz famoser Bengel. Edward Simmens stieg wieder die Scharlachfarbe heimlicher Wut in das Gesicht. »Ist richtig,« entgegnete er, »bloß ... es schwimmt ja alles in die Masse. Die Privatschulden sind zu groß. Da langt eine Million knapp.« »Bis zu einer Million würde ich gehen«, sagte der Rechtsanwalt ruhig. »Vielleicht auch noch ein bißchen höher.« Nun hatte Herr Simmens genug. Jetzt war er ganz ruhig. »Na schön«, antwortete er und setzte sich. »Da verzichte ich. Ich habe meine Grenzen, die muß ich einhalten.« Herr von Brenkenhoff beugte sich zu ihm hinüber. »Lassen Sie sich doch, nicht ins Bockshorn jagen, Simmens«, flüsterte er. »Das is ja bloß so 'n Getue. Legen Sie noch wat druff, oller Englishman.« »Ich habe meine Pflicht getan, damit sela«, entgegnete Simmens mit Würde. Aber die Würde fiel ihm schwer. Innerlich kochte er. Die zweihundert Morgen Wiesen! – »Zur Sache«, rief wieder der Landgerichtsrat. »Herr Rechtsanwalt Lipsius – nein, Verzeihung, das ist der Auftraggeber – wie war gleich der Name?« »Detmold – so wie die Stadt.« »Herr Rechtsanwalt Detmold, es ist Ihnen doch bekannt, daß das Gesetz ein Drittel Anzahlung verlangt, in bar oder entsprechenden Papieren!« »Jawohl, Herr Landgerichtsrat, es ist mir bekannt. Herr Hirsch Seligmann hat genügende Deckung für mich in Händen.« Das war eine neue Überraschung. Dieser Seligmann – dieser verfluchte Kerl hatte so getan, als kenne er den Rechtsanwalt gar nicht! War ja auch möglich, daß er ihn nie gesehen hatte, aber jedenfalls wußte er, natürlich wußte er, daß der Rechtsanwalt den Auftrag hatte, sich mit einer großen Summe an der Versteigerung zu beteiligen – und Hirsch Seligmann hatte kein Wort davon gesagt! Das war nicht recht, das war gegen den Korpsgeist, das widersprach allen Gepflogenheiten im Kreise. Hier mußte man zusammenstehen ... Seligmann saß auf einer der Hinteren Bänke und hatte die dicken, roten Hände über der weißen Weste gefaltet. Er neigte zustimmend den Kopf, als Rechtsanwalt Detmold gesprochen hatte, und machte ein freundliches Gesicht, da aller Blicke sich ihm zuwandten. Dabei kniff er die Augen zu, zog die borstigen Brauen hoch und den Mund ungewöhnlich in die Breite. Es war das Gesicht, das er immer annahm, wenn man mit ihm handelte. Es war sein Geschäftsgesicht bei besseren Aufträgen. Nun ging es übrigens rasch zu Ende. Neunmalhundertdreißigtausend Mark war das Schlußgebot. Einen Augenblick schien es, als wollte Edward Simmens doch noch eingreifen, aber der Wassergraf legte seine spinnenfingrige Hand auf die Schulter des jungen Mannes und meinte zurückdämmend: »Lassen Sie man – der Lipsius ist ein Freund des Hauses Diesberg, der wird wohl schon alles mit Erni verabredet haben ...« Simmens zuckte die Achseln. »Schön,« sagte er, »da brauch' ich mich ja nicht weiter bemühen ...« * Bärwalde wurde der Vollmacht des Rechtsanwalts Detmold zufolge dem Geheimen Justizrat A. W. Lipsius in Berlin zugesprochen. Der Rechtsanwalt und Herr Seligmann traten an den Vorstandstisch, um ihre Angelegenheit zu ordnen, wurden aber aufgehalten. Man umdrängte die beiden. Man stellte sich Detmold vor und schimpfte auf Seligmann. »Oller Heimlichtuer«, sagte der dicke Brenkenhoff und puffte ihn in die Seite. »Kommen Sie mir bloß noch einmal nach Burgersroda,« fügte Simmens hinzu, »da können Sie was erleben ...« Seligmann schob die weiße Weste vor. »Ich weiß nicht, was Sie wollen, Herr Simmens,« entgegnete er, »ich hatte den Auftrag, über die Sache zu schweigen, und damit war's abgemacht. Ich bin doch kein Schmuser ...« »Nee,« sagte ein anderer, »Sie sind ein Geheimbuch auf zwei Beinen ...« Dann ging man wieder hinüber in den Anker. Der Ritterschaftsrat zappelte voran, um nachzusehen, ob der Schaumwein in Eis stand. Ja natürlich – auch der Tisch war schon gedeckt, und Herr Martin, der Wirt, hatte sogar für ein Vorgericht gesorgt: harte Eier, auseinandergeschnitten und kreuzweise mit zwei Sardellen und vier Kapern belegt. Das war ebensogut wie Austern oder Kaviar. Nach der Rehkeule sollte es noch Eierkuchen geben, zusammengerollt und mit Kirschkompott gefüllt. »Eier vorn, Eier hinten,« sagte Herr von Protzen, »Sie müssen Traiteur in Berlin werden, Martin ...« Aber er fügte sich. Mit diesem Walroß war nichts anzufangen. Nun kamen nach und nach die anderen. Das Gastzimmer füllte sich. Es war sehr laut zwischen den verräucherten Wänden. Alle Herren hatten gewaltige Stimmen, man sprach nicht, man schrie, als sei man in einer Gesellschaft von Harthörigen. Wer wußte etwas von diesem Justizrat Lipsius, der nun Nachbar werden sollte? – »Der Wassergraf kennt ihn«, rief Simmens. »Pakisch, erzählen«, rief der Landrat. »Nu schieß doch man los«, sagte Brenkenhoff und ging an den Tisch, um seinen Sektkelch gegen ein größeres Glas umzutauschen, denn er liebte die Finkennäpfchen nicht. Pakisch hatte sich schon seinen verschossenen Havelock über die Schultern gehängt, er wollte heimfahren, er pokulierte nie mit. »Da ist nicht viel zu erzählen«, antwortete er. »Der selige Diesberg war auch Jurist, eh' er Bärwalde übernahm – und hat mit dem Lipsius zusammen studiert. Daher die Freundschaft. Weiter weiß ich nichts.« »Er muß doch wohl Bimse haben«, sagte Herr von Protzen. »Aber feste. Wartet mal, das muß so Mitte der Achtziger gewesen sein, da habe ich ihn in Bärwalde gesehen. Da kam er in einem Automobil aus Berlin, es war eins der ersten Daimlerschen und noch eine verflucht kostspielige Sache. Also Geld muß er schon haben.« »Er hat auch eine Tochter«, setzte Edward Simmens hinzu und verzog ein wenig den Mund. »Jetzt entsinne ich mich, Ernst hat mir gelegentlich mal von dem alten Geheimrat Lipsius erzählt und auch von seiner Tochter. Sie soll schön sein, kühl, unnahbar und höchst gebildet, seine Tochter. Natürlich entsinne ich mich – es war damals, es ist ja egal, wann es war, jedenfalls riet ich ihm, er solle sich doch an dies Wunderwerk der Natur heranmachen. Aber er erklärte mir, er heirate nur, wen er liebhabe. So verrückt ist er.« »Na, Pakisch, da gratulier' ich dir«, rief Brenkenhoff. Der Wassergraf knautschte sein gelbes Gesicht wie einen Gummiball zusammen, er ärgerte sich. »Keine Ursache«, antwortete er und rief den Kellner, um seine Flasche Gieshübler zu bezahlen. Er beeilte sich, davonzukommen. Er hatte zwar mit seiner Annelene schon ein ernstes Wörtchen geredet, aber das genügte nicht. Es mußte ihr völlig klargemacht werden, daß diese kindische Schäkerei mit dem Diesberg zu nichts führte. Es lag da eine Gefahr vor, es ging so nicht weiter, alle Welt quatschte schon über die beiden ... Es nahte nun auch das Mittagsmahl. Zwei Dienstmädchen erschienen mit schwappenden Suppentellern auf schwarzen Anrichtebrettern, und Herr Martin wisperte Brenkenhoff zu: »Wenn ich jetzt recht schön bitten dürfte, Herr Baron ...« »Es wird zum Futtern geblasen«, schrie Brenkenhoff. »Unser Hoflieferant hat bestens für uns gesorgt. Es gibt Brühsuppe mit Eierklößchen, dann harte Eier mit Sardellen und zum Schluß Eierkuchen. Ei ei! ...« Er lachte dröhnend über seinen Witz und packte den Kellner am Frackschoß. »Den Schampus, August!« »Aber wo steckt denn der Stauber?« fragte Simmens. »Und der Rechtsanwalt Bückeburg – nee, Detmold? Essen die denn nicht mit? –« Nein, das taten sie nicht. Es war nämlich so. Die Herren hatten bei Hirsch Seligmann die Anzahlungsfrage zu erledigen, und als dies geschehen war, öffnete Herr Seligmann die Tür seines Kontors, so daß man in das Speisezimmer nebenan schauen konnte, mit dem Blick gradeswegs auf einen hübsch gedeckten Tisch und ein Büfett dahinter, das in gefälliger Weise mit Flaschen besetzt war. Und dabei sagte Seligmann: »Meine Herren, ich habe mir erlaubt, für ein kleines Frühstück zu sorgen. Lüdeke in Küstrin hat mir Kaviar geschickt, und den Tokaier von Goldstein in Posen kann man schon trinken. Und dann habe ich da noch einen neunundsechziger Léoville Lascazes, der auch nicht ganz ohne ist. Ich würde mich freuen, wenn es Ihnen schmeckt ...« Für so etwas war der Landgerichtsrat immer zu haben. Über sein fröhliches Junggesellengesicht ging ein Hauch der Verklärung. Die rötlichen Adern aus seiner Nase traten lebhafter hervor. »Na, was meinen Sie, verehrter Herr Rechtsanwalt?« sagte er zu dem Bevollmächtigten von A. W. Lipsius, »sollen wir's riskieren? Seligmanns Keller kenne ich, der hat es in sich. Und ich erinnere mich, daß sein Fräulein Nichte uns einmal Krammetsvögel vorgesetzt hat, die ihrer Kochkunst alle Ehre machten.« »An diese Drosselart habe ich auch heute gedacht«, entgegnete Seligmann und verbeugte sich. So traten die Herren denn nebenan und setzten sich zu Tische. Seligmann war ein kinderloser Witwer, doch er hatte immer eine entfernte Nichte im Hause, die ihm die Wirtschaft führte. Sie verheiratete sich dann gelegentlich, und hierauf trat eine andere in die Erscheinung. Irgendeine Nichte half auch diesmal servieren, ein hübsches dunkles Mädchen mit freundlichem Gesicht und starkem Busen. Aber sie nahm nicht mit Platz, sie half nur und reichte den Kaviar im Eisblock. Es war alles mögliche. Herr von Brenkenhoff nebenan im ›Anker‹ wäre schwarz geworden vor Ärger, wenn er das gesehen hätte. »Wir fangen mit einem Yquem an«, sagte Hirsch Seligmann und griff nach einer gut aussehenden Flasche; »davon könnte ich Ihnen noch etwas ablassen, Herr Landgerichtsrat ...« Er handelte nämlich nicht nur mit Getreide, er handelte mit allem, und es lohnte sich immer bei ihm. Langsam ließ er den fetten weißen Wein in die Gläser rinnen. II Im Jahre 1703 lebte zu Zerbst an der Nuthe ein vergnügtes junges Prinzlein, von den Bewohnern des freundlichen Städtchens gewöhnlich Prinz Springinsfeld genannt, weil dieser fürstliche Knabe ein überaus munteres Gebaren hatte, das den getreuen Untertanen gut gefiel. Er besaß auch eine Schwester, die Prinzessin Mangold, und die hatte wiederum eine Kammerjungfer, die Käthe Kleinpeter, ein nettes schwarzes Mädelchen, Tochter des Hofbäckermeisters hinter der Nikolaikirche. Prinz Springinsfeld verliebte sich in die Käthe, wie es junger Menschen Art ist, und da es nicht anders ging, so trachtete er in der Heftigkeit seiner Gefühle danach, sie zu heiraten. Natürlich machte sich das nicht so rasch, denn diese Herzensgeschichte erregte bedeutendes Aufsehen; alle Fürsten des Hauses Anhalt, eine ganze Menge dazumal, traten in Bernburg zu einem Familientage zusammen, um über die geplante Mesalliance zu beraten. Der Dessauer Fürst war sogar vom Niederrhein gekommen, wo es derzeit Kämpfe gab; und da dieser Herr selbst ein kleines Bürgermädchen geehelicht hatte, so gab er auch in diesem Falle die Entscheidung und meinte, man solle dem Springinsfeld nur seine Käthe gönnen, es käme um so weniger darauf an, als der Prinz ja voraussichtlich doch nie zur Regierung kommen würde. Da gab man denn nach, die Zerbster widerstrebend, den anderen war es ziemlich gleichgültig; Springinsfeld verzichtete feierlich auf jedes Sukzessionsrecht und beschwor dies auch stotternd (er stotterte ein wenig), legte geräuschlos seine Würden und Titel ab und nannte sich von da ab Freiherr von Diesberg, nach einem Gutsbesitz, den er übernahm, um etwas zu tun zu haben. Von ihm stammten also die Diesbergs ab, und sie verkrümelten sich langsam im Laufe der Jahrhunderte. Als die Zerbster Fürstenlinie erlosch, kümmerte sich keiner von den Anhaltischen mehr um die bäckermeisterliche Verwandtschaft, das hatten sie übrigens auch vorher nur in geringem Maße getan. Die Diesbergs kamen dahin und dorthin, traten in Kriegsdienste und in die preußische Verwaltung, fielen auf dem Schlachtfelde und starben in den Sielen, und schließlich blieb nur noch ein einziger übrig, Karl Ernst, der genau so ein Springinsfeld war wie der erste seines Geschlechts. Sein Vater war ein bißchen vernünftiger gewesen, doch nicht allzuviel. Er hieß August mit Vornamen, als Referendar der »schöne August«, und er war in der Tat ein bildschöner Mann. Er wurde auch noch Assessor und übernahm hierauf Bärwalde, nachdem er vorher ein gleichfalls sehr schönes und sehr armes Mädchen geheiratet hatte, ein Komteßchen aus dem Hause Pakisch, aber von der böhmischen Linie. Die gemeinsame Schönheit erbte der einzige Sohn und dazu Bärwalde, das war indes so ziemlich alles. Ernst hatte man nach häufigem Wechsel seiner Hauslehrer in das Kadettenkorps gesteckt, es war da billig und eine stramme Zucht. Er machte sich dort auch ganz gut, bis er als Sekundaner mit der hübschen Tochter eines Feldwebelleutnants anbändelte, eine Geschichte, die aus dem Dunkel einer Nacht an das hellste Tageslicht kam und ihn nötigte, die Anstalt zu verlassen. Nun wurde er auf einer sogenannten Presse geistig so lange geknetet, daß er das übliche Examen bestehen konnte, und trat dann in ein Dragonerregiment ein, wo er sich durch seinen wundervollen Leichtsinn und seine sportliche Begabung hervortat. Das Regiment war stolz auf ihn. Es gab keinen lustigeren Burschen und keinen besseren Offizier als den Erni Diesberg. Er war ein tüchtiger Frontsoldat und ein ganz famoser Herrenreiter, er war nie Spielverderber, weder beim Jeu noch hinter der Sektflasche, er hatte erstaunliches Schürzenglück und war der einzige unter den blauen Kameraden, der den Hipparchicus, die Anweisungen des alten Tenophon über die athenische Reitkunst, im Urtext lesen konnte. Griechisch hatte er nämlich zufolge einer Wette binnen Jahresfrist gelernt. So etwas bekam er fertig. Auf Bärwalde aber geriet er bald auf die schiefe Ebene. Solange die stille sanfte Mutter noch lebte, ging es ja leidlich. Sie regierte den halsstarrigen, heftigen und doch wieder sehr gutmütigen Menschen durch einen Augenaufschlag und ein Senken der Mundwinkel. Aber dann starb sie sehr plötzlich an einem raschen Erlöschen aller Kräfte, und nun jagten sich die Dummheiten Ernis. Er blieb immer in guter Laune und in rosigster Stimmung, und immer blühten Blumen der Hoffnung auf seinen Wegen. Die Zwangsversteigerung seines Besitzes hatte ihm keinerlei Kopfschmerzen bereitet. Sie kam ihm auch nicht unerwartet, sie drohte schon seit Jahren. Seit er gelegentlich seinen Rendanten auf einer Unregelmäßigkeit ertappt, verprügelt und davongejagt hatte, blieb jede Buchführung liegen. Die Ritterschaftsbank ließ es an Mahnungen nicht fehlen. Aber Diesberg öffnete die Briefe gar nicht mehr, und dann sauste eines schönen Tages das Gewitter mit Donner und Einschlag auf ihn herab. Da fuhr er hinüber nach Burgersroda und kneipte sich mit Simmens fest. »Gut, daß es so weit ist«, sagte Sir Edward. »Es mußte einmal zum Klappen kommen. Nun laß mich freundlichst die Sache in die Hand nehmen. Ich werde den Rummel schon fingern. Ich kaufe die Klitsche zum Hypothekenstand, darüber geht keiner, das steht fest. Dann machen wir es so. Wir bringen das Gestüt nach Bärwalde. Feld und Wiese müssen es erhalten. Wir führen gemeinsame Wirtschaft. Ich schaffe die neue Beleihung, und für die Hälfte verschreibst du mir als Sicherung deine Gäule und die Schloßeinrichtung. In drei Jahren, das garantiere ich dir, sind wir so weit, daß du alle deine Schulden los bist. Ich will dir auch innerhalb einer bestimmten Frist das Rückkaufsrecht freistellen – unter gewissen Kautelen. Bärwalde eignet sich besser zur Zucht als Burgersroda. Es hat die wunderschönen Weiden, und wenn wir den Acker instand bringen, haben wir auch Körnerfutter im Überfluß. Wir werden den ewigen Druck von Grabitz und Trakehnen zu brechen versuchen. Wir werden einmal zeigen, daß sich auch ein Privatgestüt auf der Höhe halten kann. Das soll mein Ehrgeiz sein ...« * Diesberg war begeistert. Er schlief ruhig bis in den verhängnisvollen Morgen hinein. Durch die geschlossenen Fenstervorhänge wand sich ein Strahl der Herbstsonne und glitzerte über seine Augen. Da wachte er auf, gähnte und reckte sich. Sofort fiel ihm ein, daß sich heute seine Zukunft entscheiden sollte. Aber er lächelte. Über das hübsche, glattrasierte, brünette Gesicht flog ein Reflex der Frühsonne. Er richtete sich auf und schlug mit der flachen rechten Hand auf die Bettdecke. Nun konnte also endlich einmal Ordnung in die Bude kommen! Ein bißchen verfahren war die Geschichte in letzter Zeit gewesen, das war richtig. Auf seinem Schreibtische lagen Stapel unaufgebrochener Briefe – er wußte aus den Firmen aus den Kuverts, daß sie vom Schneider kamen, vom Schuster, vom Juwelier, vom Wäschehändler, von einer Handlung für künstliche Düngemittel, von einer Motorenfabrik, Gott weiß von wem. Noch ein paar Wechsel mußten im Umlauf sein – warum meldeten die Leute sich nicht auch? Diesberg lachte. Vergessen würden sie ihn schon nicht. Er klingelte. Gerrlich schob sich durch die Tür, der alte Diener, an dessen zeitlosem Gesicht sonst jede Erregung spurlos vorüberging. »Guten Morgen, Herr Baron«, sagte er und setzte das Rasierwasser vor den Spiegel. »Morgen, Gerrlich. Na, nun könnten wir wohl so sachteken aufstehen. Hat Herr Simmens oder Graf Pakisch etwas von sich hören lassen?« »Ein Briefchen aus Freilehningen ist gekommen, Herr Baron, aber ich weiß nicht, ob von dem Herrn Grafen ... Der Milchmann aus Freilehningen hat es abgegeben, als er zur Bahn fuhr.« Gerrlich legte die Wäsche seines Herrn zurecht. »Welchen Anzug, Herr Baron?« fragte er. Diesberg warf die Beine aus dem Bett. »Irgendeinen. Den dunkelgrauen. Kann man noch auf der Veranda frühstücken?« »Es ist ein schöner Tag«, sagte Gerrlich und seufzte ganz leise. Erni schaute ihm in das feiste alte Gesicht. »Hallo, treue Seele,« rief er, »was ist denn los? Das war doch eben ein hörbares Seufzerchen. Na, und nu – liebes altes Kluckhuhn, jetzt kullern dir gar die Tränen über die Backen! Bist du denn rein des Deubels?« Gerrlich heulte wahrhaftig. Er verlor Gleichmaß und Würde. »Es kommt mal so«, schluchzte er und wischte mit dem Handrücken über die Augen und kramte dann wieder im Kleiderschrank. »Ja, aber warum bloß um Gottes willen? Ich bin doch nicht über Nacht gestorben. Hier sitze ich auf dem Bettrand und bin immer noch da!« Jetzt wandte Gerrlich sich um und zog die Breeches aus dem stählernen Hosenschoner. »Aber wie lange noch?« sagte er mit einer Jammermiene. »Wir wissen ja doch Bescheid, gnädiger Herr. In der Küche sitzen die Mamsell und die Mädchen und flennen auch. Der Inspektor sieht aus, als ob er ...« Er schluckte, legte mit geschickter Bewegung die Hosen in die Bügelfalte und hing sie über die Stuhllehne. Erni hatte sich, noch im Nachthemd und mit nackten Beinen, eine Zigarette angesteckt. Er blies den Rauch durch die Nase. »Also das ganze Haus jammert«, sagte er mit einem Lächeln, das nur den linken Mundwinkel bog. »Warum? Ich will annehmen aus Anhänglichkeit. Gerrlich, hat dir Isenau pünktlich deinen Monatslohn ausgezahlt? Seit der Rendant fort ist, sollte Isenau die Lohnzahlungen übernehmen. Ich habe mich nicht darum bekümmert. Ist das immer geschehen?« Der Alte winkte nur mit der Hand. Da stieg vom Halse auf eine starke Röte in das Gesicht Diesbergs. »Himmeldonnerwetter,« rief er, »ich werde dem Inspektor aufs Dach steigen, wenn er sich so wenig um meine Befehle schiert! Ich kann den Lodderjahn überhaupt nicht mehr brauchen. Er ist ein Quartalssäufer, er verduselt alles. Also wie lange hast du keinen Lohn bekommen? Heraus mit der Sprache!« »Es sind drei Monate her,« antwortete Gerrlich schüchtern, »aber es hat nichts auf sich, Herr Baron. Wir leben hier ja alle so schön und gut –« »Quatsch«, fiel Diesberg ein. »Da drüben liegt meine Brieftasche, gib sie her ...« Er nahm ein paar Banknoten aus der Tasche und reichte sie Gerrlich zwischen gespreizten Fingern ... »Behalte den Rest – als Zinsen. Ich werde mir nachher den Isenau vorbinden. Und nu hör mal zu. Ich weiß, warum die Wasserleitung bei euch fleußt. Ihr habt Angst vor dem heutigen Tage. Ich nicht, ich bin ganz vergnügt. Tröstet euch mit mir. Bärwalde geht mir nicht verloren, aber die alte Wirtschaft hört auf. Von morgen ab beginnt eine neue Zeit. Da sollst du mal sehen. Nu mach, daß du rauskommst, und ersuche die Herrschaften in der Küche, die tropfenden Äuglein zu trocknen. So 'n Trauergeklöhne kann ich nicht leiden.« Er fuhr in die Unterbeinkleider und griff nach den Strümpfen. Der alte Gerrlich ordnete wieder sein Gesicht. Er wollte gehen, wandte sich aber nochmals und ergriff die Hand seines jungen Herrn. Es schien, als wolle er sie küssen. »Nee – nich«, rief Erni ärgerlich und zog die Hand zurück. »Du bist in Gnaden entlassen, geliebte Schleiereule.« Gerrlich verschwand, und Diesberg ging an den Waschtisch. Während er sich umzog, strichen streitende Gedanken durch seinen Kopf. Die Miene lachte und kleidete sich in Ernst. Von innen heraus huschte der Widerschein wechselnden Empfindens über seine Züge. Also, weiß Gott, es war schon so weit gekommen, daß man Tränen des Mitleids über ihn vergoß. Die Leute hatten ihn gern, selbst die Mamsell, die ihn sicher mordsmäßig betrog. Alles beschluchzte ihn. Ekelhaft. Und das Rindvieh von Inspektor hatte wahrscheinlich wieder kein Geld in der Kasse. Seligmann hatte doch eben erst die Kartoffeln bezahlt. Der Isenau stahl auch wie ein Rabe. Der mußte weg. Verschiedene sollten fliegen; nicht vom Schloßpersonal, aber vom Hofe. Da wurde aufgeräumt und zwar gleich energisch. Mit dem Gestüt begann ein anderer Zug. Ein paar neue Paddocks mußten erbaut werden, und die Feldwirtschaft diente zunächst dem Gestüt. Das stand immer im Mittelpunkt, das war die Hauptsache. Wenn Simmens nicht knauserte, konnte man Graditz wahrhaftig ein Paroli bieten. Das Graditzer Übergewicht begann lästig zu werden. Gottlob, daß Simmens so reich war ... Der lachende Zug kam wieder. Diesberg bearbeitete den kurzgeschorenen Kopf mit zwei Bürsten. Dann sah er auf die Uhr. In einer Stunde sollte die Versteigerung beginnen. Aber er war ganz ruhig. Zuerst kam die bangebüchsige Ritterschaft und dann der Wassergraf und dann Simmens mit seinem Endgebot. Blieben noch die Privatschulden, die Rechnungen und die Wechsel. Die Rechnungen waren nicht weiter gefährlich, aber die Wechsel – alle Wetter, die drei Wische mußten doch schon fällig sein! Den einen hatte der Seligmann; der prolongierte. Die beiden anderen waren in Berlin gut untergebracht. Wo blieben die? Im Schlafzimmer, dicht neben dem Bett, lag ein Safe in der Wand. Erni öffnete es und zählte seine Habe. Beim Bac nach dem letzten Grunewaldrennen hatte er Glück gehabt. Sein Gewinnanteil am Siege der ›Undine‹ kam hinzu. In dem Stahlkämmerchen lagerten ein paar Häufchen von Tausendmarkscheinen. Davon sollten die Berliner Akzepte beglichen werden. Es war freilich noch mehr zu bezahlen, aber diese Papierfetzen gingen vor. Merkwürdig war nur – – – Diesberg warf die Safetür in das Schloß, und damit riß der Gedanke ab. Bah – man lief nicht hinter seinen Gläubigern her! Die kamen schon von selbst. Er steckte eine neue Zigarette unangezündet zwischen die Lippen und verließ das Schlafzimmer. Es war das seines seligen Vaters, und daran schlossen sich die übrigen Räume, durch die noch die Erinnerung an die Eltern wehte. Das Arbeitskabinett war groß, hinter grünverhängten Glasschränken stand eine stattliche Bibliothek. Der alte Herr war ein Mann gewesen, der zu leben verstand, doch auch eine schöngeistige Natur und ein feiner Kopf. Seine ganze Daseinsführung dünkte dem Sohn nachahmenswert. Aber die Zeitverhältnisse hatten sich geändert, die Kopie reichte nicht an das Original heran. Damals war das Leben ein Gewirke von buntschillernden Maschen, in dem man die grauen Abnützungsflecke der Alltagssorgen kaum sah, heute war das Gewebe verdammt fadenscheinig geworden. Die Pace der Hetzjagd verdarb vieles. Immerhin, gewisse geistige Interessen hatte auch der Sohn geerbt, keine tiefgehenden und von Ehrgeiz beflügelten, dazu war er zu ruhelos. Doch er griff gern einmal nach den Büchern, weil er den Gedankenwechsel liebte, und am meisten nach stürmischen Stunden. Es war wie ein Ausschalten der Gegenwart, mehr ein unbewußtes als ein klar gewolltes. Seit er einer Wette halber Griechisch gelernt hatte, waren die Klassiker Alt-Athens seine Freunde: nur im geheimen, er sprach nie davon. Auf dem Tische lag noch ein Buch, in dem er in der Nacht vor dem Schlafengehen ein halbes Stündchen gelesen hatte: Wilhelm Humboldts metrische Übersetzung des Äschyleischen »Agamemnon«. Übrigens gefiel sie ihm nicht. Er reihte den Band wieder sorgfältig ein – darin war er ordentlich – und schritt weiter. Nebenan lag das ehemalige Wohnzimmer der Mutter. An der einen Wand hingen zwei ovale Ölbilder: ein schönes, junges Paar, ein lockiger Jüngling ohne Kopfbedeckung, aber in brüniertem Küraß und mit einer unmilitärischen Halskrause, und ein naiv dekolletierte junge Dame in blauem Atlas mit einem winzigen weißen Seidenspitz im Arm. Das waren die Ahnen, der Prinz Springinsfeld und das Bäckermeisterstöchterchen. Es gab noch mehr Ahnenbilder im Schlosse, der alte Diesberg hatte sie ererbt und zusammengesucht, sie hingen in allen Zimmern und schauten durchweg so hochmütig drein, als stammte ihre Lebendigkeit aus grauester Vorzeit. Nur Ernis Vater trug einen ironischen Zug auf dem breiten, feinen, geistreichen, rosig getönten Lebemannsgesicht und ein merkwürdig verzetteltes Lächeln um den Mund. So war er auch durch das Leben geschritten, mit ethischer Zweifelsucht, fern allem Autoritätsglauben, aber mit einer Seele voll beweglichster Atome. Erni stieg die Treppe hinab, durch die untere Halle mit ihrem Kreuzgewölbe und ihrem alten Waffenschmuck am Mittelpfeiler. Das Schloß war nicht groß, ein zweistöckiger friderizianischer Bau auf massiven Fundamenten, gut erhalten und mit einem Sinn für Behagen eingerichtet, der den Luxus der Zeit ebenso verschmähte wie ein unbequemes Einfühlen in eine garantiert echte Stileinheit. Es hatte sich viel schönes, altes Mobiliar angesammelt, einige Stücke stammten noch von dem Begründer des Geschlechts; aber das alles war so verteilt, daß man keinen Augenblick das Gefühl einer Einzwängung in vergangene Tage hatte. Die Stimmung überwog, auch der Reiz des Persönlichen. Erni trat durch die Glastür auf die Veranda und blieb hier einen Augenblick stehen. Und in diesem Augenblick ging ein starker Strom von Heimatsliebe durch sein Herz und zugleich ein rasches, heftiges Erzittern der Angst, die Heimat verlieren zu können. Die Veranda führte nach der rückwärtigen Seite des Parks hinaus, der sich im Farbenbehang des Frühherbstes bis an die Wiesen des Bruchs erstreckte. Die Sonne hatte schon an Glanz verloren, aber ihr Altgoldton paßte wundervoll zu dem letzten fröhlichen Karneval der Natur, zu dem Tiefrot des wilden Weins, dem Blauschwarz der Taxushecken, dem bunten Kleide der Laubbäume. In der Ahornallee harkten der Gärtner und ein Junge das über Nacht herniedergerieselte Blattwerk zusammen, und beide hielten in der Arbeit inne und grüßten, als sie den Herrn sahen. Diesberg nickte freundlich zurück, auch mit einem leichten Verwundern: es war eigentlich seltsam, daß sich hier alles noch so gleichmäßig und friedfertig abrollte, als sei nichts in der alten Ordnung gestört worden. Freilich: durch Ställe und Scheunen durfte man nicht gehen ... Er setzte sich an den Frühstückstisch und nickte wieder. Es war an diesem Tage wie immer. Der Tisch blendend sauber gedeckt, der Samowar blinkend, Astern blühten in einer Vase. An der Tür standen Gerrlich und ein hübsches Mädchen in weißer Schürze, beide fast unbeweglich. Das hatte Gerrlich so eingeführt, sie warteten darauf, servieren zu dürfen. Aber Diesberg bereitete sich seinen Tee selbst, und heute wie immer sagte er mit einer kurzen Fingerbewegung: »Danke, ich brauche euch nicht ...« Ein schneller Blick streifte dabei das Mädchen. Jesses, auch die kleine Emma hatte verweinte Augen! Es war schon richtig: im ganzen Schlosse rührten sich die Tränendrüsen. Man bejammerte ihn, ehe es an der Zeit war. »Hö, Gerrlich – noch ein Wort!« »Gnädiger Herr –?« »Ich möchte den Isenau sprechen.« Gerrlich neigte den Kopf und zog sich zurück. Erni goß den Tee auf und griff dann nach Briefen und Zeitungen. Die Zeitungen schob er wieder zur Seite, von den Briefen las er nur die Adressen. Aber obenauf lag ein kleines Kuvert ohne Marke, die Aufschrift steil und halb schief, darunter der Fingerdruck einer schmutzigen Hand, dies Briefchen zog Diesberg neben seinen Teller. Die Handschrift war die der Annelene Pakisch, und die Befingerung stammte zweifellos von dem Liebesboten, dem Milchmann von Freilehningen. Erni frühstückte zunächst, steckte sich eine Zigarre an und öffnete dann erst den Brief. Er las: »Lieb Häseken, also heute geht es los. Vater ist schon fort, die Schwestern toben umher, ich heule, und Fräulein von Hübner mauzt, ich soll mich nicht albern haben. Sie kann mich sonst was, ich heule doch, ich habe so gräßliche Angst. Komm herüber und tröste mich. Aber gleich, ich gehe Dir bis zur Schleuse entgegen und warte da. Deine Änneli.« Diesberg faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in die Brusttasche. Der Anruf war ihm ganz recht. Er wollte hinüber nach Freilehningen. Das vertrieb ihm den nervösen Vormittag. Ach ja, er spürte ganz plötzlich ein Zupfen an seinen Nerven. Wenn er auch seiner Sache so ziemlich sicher war – es war doch ein Hangen und Bangen ... Der Inspektor erschien unten am Fuß der Treppe. Er hielt seine Mütze an beiden Händen über dem Bauch und plierte mit den geröteten Augen. Den Oberkörper hatte er ein wenig gekrümmt, aber die Hacken stramm geschlossen. Diesberg winkte. Isenau trappste mit seinen schweren Kniestiefeln die Steinstufen hinauf und stand vor dem Tische abermals stramm, reckte jetzt auch die Brust heraus. »Guten Morgen, Herr Oberleutnant«, sagte er. »Morgen, Isenau. Wieviel haben Sie noch in Ihrer Kasse?« »Gar nichts, Herr Oberleutnant.« »Was hat der Seligmann für die zwanzigtausend Zentner Kartoffeln gezahlt?« »Gar nichts, Herr Oberleutnant.« »Was heißt das, Himmelelement!« »Er hat gesagt, er würde mit dem Herrn Oberleutnant alleine verrechnen.« Diesberg bezwang sich. »Gut. Ist das Lohnjournal in Ordnung?« Isenau schien die Frage erwartet zu haben. Der Oberkörper duckte sich wieder, der Kopf versank zwischen den Schultern. »So weit ja – bis auf die letzten Löhne, die habe ich noch nicht auszahlen können, es war nichts mehr da, Herr Oberleutnant.« »Lassen Sie doch den militärischen Titel, ich habe schon mehrfach darum ersucht. Ich nenne Sie ja auch nicht Herr Unteroffizier. Ist genügend Wintersaat vorhanden?« »Nein, Herr Ober – nein, Herr Baron, es fehlt uns so ziemlich an allem. Die Ernte war bemänglich, viel wurde verkauft; was übrigblieb, genügte grade zur Fütterung.« Erni trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Das konnte richtig sein. Im Sommer standen allein zwölf Luxuspferde in seinen Ställen. »Wie ist's mit der Düngung?« fragte er weiter. »Schlecht. Wir brauchen noch Kali und Thomasschlacke und Chilisalpeter und Kainit. Wir müssen auch wieder mal den Wiesen nachhelfen. Ich habe zweimal an die Fabrik geschrieben, aber die antwortet gar nicht.« Das war begreiflich. Die alte Rechnung war noch nicht bezahlt. Mahnungen lagen wahrscheinlich oben – uneröffnet. Seit die Ritterschaft bockbeinig geworden war, hatte sich Diesberg überhaupt nicht mehr um diese Kleinigkeiten gekümmert. »Es ist noch Zeit,« sagte er, »das Wetter wird sich halten. Also zuerst die Löhne, dann schleunige Bestellung der Winterung. Wieviel brauchen Sie dazu?« Isenau überlegte. Er kniff die Augen zu, daß sie wie ein roter Strich unter der Stirn standen. Seine Lippen bewegten sich, er rechnete. Dann schlug er mit der Mütze auf seinen Schenkel und antwortete: »Ich denke, mit fünfundzwanzig Mille werde ich mich einrichten können, Herr Baron. Dann bleibt aber die Brache wie sie ist.« Diesberg erhob sich und ging in sein Schlafzimmer. Dort schloß er den Safe auf und steckte ein Paket Banknoten ein. Die Berliner Wechselgläubiger hatten sich ja noch nicht einmal gemeldet! Was war mit den Kerlen? Wenn sie morgen kamen, war das Stahlnest leer. Morgen! Da war Simmens schon Mitbesitzer von Bärwalde und konnte die Taschen öffnen. Auf der Veranda räumte Gerrlich den Frühstückstisch ab. Isenau sah zu. »Gerrlich,« sagte er in heiser abgedämpftem Ton, »der Herr hat Geld.« »Warum denn nicht«, antwortete der Alte und klirrte mit den Tellern. »Bloß daß er's Ihnen gibt, ist eine Dummheit.« Isenau zog die Lippen auseinander und zeigte die gelben Zähne. »Es muß alles unter Beweis gestellt werden, lieber Herr Gerrlich.« Gerrlich nahm das Tablett vom Tisch. »Wird schon. Warten Sie morgen ab.« »Morgen ist Bärwalde verkauft ...« Und dann lichterte auf einmal ein Blitzstrahl sengender Angst über sein Kupfergesicht. Er trat näher an Gerrlich heran ... »Oder nicht?« fuhr er flüsternd fort. »Oder was ist los? Gerrlich, wenn ihm morgen Bärwalde nicht mehr gehört, warum steckt er heute noch ein paar Tausend rein?« Durch die Glastür sah er Diesberg die Hallentreppe herabspringen, lebhaft und schnellfüßig wie sonst. Isenau nahm wieder seine Mütze in beide Hände und legte sie vor den Bauch. »Hier«, sagte Diesberg und zählte die Geldscheine auf den Tisch. »Fünfundzwanzig. Die Löhne werden heute noch ausgezahlt. Dann bestellen Sie bei Lorenz in Kottbus, nicht bei Hülsen Söhne, sondern bei Lorenz in Kottbus den nötigen Kunstdünger. Machen Sie das telephonisch. Telephonieren Sie, gegen bar. Und ferner: bereiten Sie sich vor, mir morgen Ihre Bücher abzuliefern. Allesamt. Die Inventarverzeichnisse, die Lohnlisten, Arbeitsjournale, Tagebücher, Konten, alles. Von morgen ab übernehme ich selbst die Buchführung.« Isenau war so maßlos überrascht, daß er gar nicht zu antworten vermochte. Er strich schweigend das Geld ein. Das Kupfer in seinem Gesicht nahm eine graue Färbung an. Er wollte abtreten. Aber ein klügliches Sinnen ließ ihn noch verweilen. Er zog sein schmutziges Taschentuch, preßte eine Träne in sein Auge und sagte wehmütig: »Ach du lieber Gott, Herr Baron, wenn heute doch man bloß alles gut ablaufen wollte! Wir sitzen ja so in der Angst.« Diesberg fuhr ärgerlich auf. Dann lachte er. »Stecken Sie Ihren Sabberlappen wieder ein, Isenau,« antwortete er, »und scheren Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Wenn wir uns morgen etwa zanken sollten, es würde für Sie unangenehmer sein als für mich. Und nun adje. Halt – sagen Sie dem Strygowski, er soll anspannen. Den gelben Wagen und die Rosa ...« Er nahm ein paar starke Züge aus seiner Zigarre. Der Geruch Isenaus war ihm unangenehm. Dann stieg er hinab in den Park. Er war unruhig geworden. Es war ganz plötzlich gekommen, das Gefühl einer Belastung, etwas Bedrückendes, eine Unsicherheit. Blödsinn, sagte er sich. Ganz ausgeschlossen, daß Pakisch überboten wird – außer von Simmens, so liegt ja die Verabredung ... Wer zahlt heute achtmalhunderttausend Mark für eine verlotterte Klitsche! Gar kein Gedanke ... Er blieb stehen und plauderte mit dem Gärtner, Gleichgültiges, es war nur eine Ablenkung. Dann fuhr der Wagen vor die Veranda, und Gerrlich stand mit Mütze, Mantel und Decke daneben. Die schöne Stute Rosa war in die Schere gespannt, ein hurtiger Läufer, sonst ein närrisches Tier. Es war ein Rotschimmel oder eigentlich ein Muskatschimmel, aber die rötliche Farbe hatte das Weiß, Grau und Gelb der Nebenfarben völlig verdrängt, die Stute Rosa trug nun ihren Namen zu Recht, es war ein ganz verrücktes Pferd – man blieb unwillkürlich stehen und lachte, wenn man es sah. Über dem Rücken hatte es einen Aalstrich, und um die Füße zottelte bräunliches Haar, es hatte ferner sogenannte Glasaugen, hell wie klares Wasser, und eine hübsche Ramsnase, die seinem Profil etwas sinnend Philosophisches gab. Rosa war also im Grunde genommen nach den Schönheitsregeln der Pferdeästhetik eine absonderliche Häßlichkeit, doch im Trabrennen nahm es keiner mit ihr auf. Diesberg hätte sie schon zu einem hohen Preise an den Zirkusbesitzer Schumann verkaufen können, aber er liebte das verdrehte Geschöpf, weil es so ganz aus der Rasse gefallen schien. Er klopfte Rosa den feisten Hals und stieg dann auf den Wagen. Den Mantel wünschte er nicht; die Decke schlug Gerrlich um seine Knie. Strygowski, der Kutscher, ein kleiner sehniger Pole, saß in Stulpenstiefeln und zebragestreifter Jacke neben dem Herrn und hielt die Peitsche. Die Peitsche war nur Attribut, Rosa brauchte keinen Antrieb, sie schoß gleich los und warf die Beine, daß es eine Freude war. III Solange es durch Bärwalder Gebiet ging, schaute Diesberg nicht gern nach rechts und links. Es gab da manches zu sehen, was wenig erfreulich war. Nun ja, er hatte die Landwirtschaft um der Gäule willen liegen lassen, und mit den Gäulen hatte er auch viel Pech gehabt. Aber das sollte nun anders werden. Ein Reuegefühl beschlich ihn bei seinen guten Vorsätzen nicht. Geschehenes lag hinter ihm, das strich er aus. Immerhin, man konnte die Sache praktischer anfassen. Und Simmens war ein geriebener Praktikus. Einmal hätte Erni am liebsten die Augen geschlossen. Da fuhr man quer durch gewesenen Waldbestand. Vor zwei Jahren hatte er ihn niederschlagen lassen. Mit der Neuaufforstung sollte gleich begonnen werden. Die Reisighaufen waren schon zusammengetragen und verbrannt worden, das gab einen guten Humus. Aber aus der verdunkelten Erde starrten noch die schwarzen Baumstümpfe, man hatte weder gerodet noch frisch angepflanzt, und als der Förster vorsichtig mahnte, war auch das Geld schon wieder flöten. Das war auf den Spieltischen nach dem Hamburger Derby liegengeblieben – ein schlimmer Tag, ein Teufelstag. Diese schwarze Erde war wie ein boshaft grinsendes Maul voller Zahnlücken. Diesberg tat einen starken Atemzug, als die Blöße hinter ihm lag. Im Oberland war es fröhlicher, da stand noch die Heide in Blüte. Der Frühherbst hatte ihr ein rosig schimmerndes Schleppenkleid übergezogen, schon hie und da mit dem weißen Spinnwebenglast des Altweibersommers behängt. Am Waldrand tanzte das Sonnenlicht um die goldenen Laubkronen der Birken, das Brombeergesträuch am Wege trug Rubinfärbung, an der Tränke zitterten die Espen, Krähenschrei ging durch die Lust. Dann wieder abwärts durch die Kiefernschlucht. Der Wagen riß tiefe Spuren, hier war die Erde feucht; zwischen den welk gewordenen Farn am Hange standen blauweiße Pilze. Wiesenland tat sich auf, dampfend, rostbraun mit flachsgelben Grasbüschen auf den Kuppen, und in den Wasserpfützen brannte die Sonne wie Schwefel mit bläulichkalten Reflexen. Drüben sah man schon den Fluß und die neue Bahnbrücke. Das Eisenwerk ihres Oberbaus hob sich in seinen Linien vom durchsichtigen Hell der Luft ab. Auf dem Telegraphendraht saß ein Schwarm von Spatzen. Diesberg lachte. Es sah aus wie eine Notenreihe. Der Wagen bog in die Chaussee ein. Da griff die schöne Rosa aus, als wollte sie zeigen, was sie konnte. Es ging heidi in leichter Biegung abwärts, dann wieder rechtsseitig in einem Landweg, an Moorstichen vorüber, dem Kanal zu. Es war so still in der Natur, daß man weithin das Brausen des Schleusenwerkes hörte. Auf der hölzernen Jochbrücke bewegten sich helle Punkte, fanden sich zusammen und stoben wieder auseinander. Herrjeh, das war ja die ganze Mädelfuhre aus Freilehningen! Der Wassergraf hatte nur Mädel, sechs Stück, sie hießen: Annelene, Annemarie, Annelotte, Annefrede, Annetreu, Anneliese. Die Mutter war vor zwei Jahren gestorben, auch eine Pakisch, eine lange, magere Frau, so lang und so mager wie ihr Gatte. Und nun war es ein merkwürdiges Naturspiel, daß die sämtlichen Göhren dieser beiden langen, mageren Menschen verhältnismäßig klein geraten waren und rund wie die Wachteln. Der gemeinsame Vorname Anna ging durch die ganze Familie. Die Pakisch stammten irgendwoher aus Böhmen, und es hatte in diesem alten Hause auch einmal eine heilige Anna gegeben, die allerhand Wunder verrichten konnte. Da hielt man denn an dem Namen fest, es war eine hübsche Tradition und sie kostete nichts. Um aber die Mädel voneinander zu unterscheiden, wurde die Älteste Änneli genannt und die übrigen Mieze, Lotti, Fred, Treue und Liese. Änneli war vor kurzem zwanzig geworden, und dann stuften sie sich ab. Der Klapperstorch, der in der Gegend auf Ordnung hielt, war es gewöhnt gewesen, alle zwei Jahre Einkehr in Freilehningen zu halten. Die Mädel liefen dem Wagen entgegen. Hinterher ging Fräulein von Hübner als Ersatz der Hausfrau, ein anstrengendes Amt in einer Baulichkeit, durch die beständig helle Stimmen schrien, in der ungeheuer viel Wasser verbraucht wurde und eine ewige Zugluft herrschte. Diesberg schwenkte seine Mütze, ließ den Wagen halten und sprang ab. Sofort hingen sich an seine Arme, seinen Hals, seinen Rücken lebendige Klettergewächse, und alles rief durcheinander: »Was hast du mitgebracht, Erni? Pralinés? Schokolade? Lebkuchen? Katzenzungen? Marzipan?« »Aber Kinder – Kinder«, mahnte Fräulein von Hübner und hob ihren Sonnenschirm. Änneli riß die Kletterpflanzen vom Leibe des sich nicht Wehrenden. »Schämt euch – verfressene Bande«, rief sie unwirsch. Dann gab sie Erni einen Kuß, doch nur einen verwandtschaftlichen, auf die rechte Wange. Fräulein von Hübner war zugegen, da ging es nicht anders. »Das nächste Mal, Kinder,« sagte Diesberg, »heute hab' ich gar nischt ...« Das erregte Unwillen. Aber Änneli machte kurzen Prozeß. »Marschiert voran – allehopp«, befahl sie. »Ich komme mit Erni nach.« Die Hübner hatte Einsehen. Die beiden waren ein verliebtes, doch noch kein verlobtes Paar, und der Graf hatte ihr gelegentlich einen andeutenden Hinweis gegeben, seine Annalene mit dem Baron Diesberg nicht allzu oft und allzu lange allein zu lassen. Aber jetzt blieb sie ja in der Nähe, außerdem begriff das fünfundvierzigjährige Herz der Hübner das zwanzigjährige Ännelis. Sie rangierte ihre bande joyeuse der Reihe nach, Mieze auf den rechten Flügel, Liese auf den linken, wie die Orgelpfeifen, hob dann wieder ihren Sonnenschirm gleich einem Kommandostab und sagte: »Freiluftatmen. Wir singen dazu das Lied ›Dort unten in der Mühle, da geht ein Mühlenrad‹ Ich wähle das Lied, weil ihr dabei am besten rhythmisch atmen könnt. Ihr müßt bei jedem Atemzuge mindestens zwanzig Volumprozent Sauerstoff schlucken. Vorwärts – marsch ...!« Sie wackelte wie eine große, dicke Henne voran, und die Kinder folgten ihr singend, im Gleichschritt und mit gereckten Köpfen. Alle hatten rote Backen und klare Augen. Alle waren barhäuptig und trugen das Haar in Doppelzöpfen und glatt aus der Stirn gestrichen. Alle waren trotz der Herbstfrische in ziemlich kurzen Kattunkleidern mit Matrosenblusen, die den Hals freiließen. Und alle waren nacktbeinig, ohne Strümpfe und Schuhe, nur mit Ledersandalen an den Füßen. Die kleinen Komtessen von Freilehningen bildeten eine Berühmtheit im Kreise. Aber man spöttelte schon längst nicht mehr über ihre bloßen Waden, und ein schielender Männerblick störte sie nicht. Es lebte eine wundervolle freie Keuschheit in den Mädchen. * Diesberg hatte den Wagen vorangeschickt. Annelene hing sich an seinen Arm. »Es ist lieb von dir,« sagte sie, »daß du gekommen bist. Ich bin so schrecklich aufgeregt. Du gar nicht?« »Nee – unbedeutend. Es kann ja nicht allzu schlimm werden.« »Sagst du , Vater denkt anders. Lieb Häseken, er hat mir eine lange Rede gehalten, eh' er abfuhr. Wenn er mit Bärwalde hängen bleibt, sagt er, mußt du fort. Du wirtschaftest alles in Grund und Boden, sagt er.« »Da hat er recht«, antwortete Diesberg heiter. »Ich war manchmal ein bissel unvernünftig – und hatte nie Geld – und wenn ich welches hatte, ging es gleich wieder zum Deubel. Nun, also ja – das weiß ich alleine. Das braucht er auch dir nicht erst zu erzählen. Was weiter?« »Er will dir,« hub Annelene wieder zögernd an, und ein Schluchzlaut blieb ihr in der Kehle stecken, »will dir Freilehningen verbieten.« »Hallo«, rief Diesberg und blieb stehen. »Das wird Ernst.« »Ja, Erni, das hat er in vollem Ernst gesagt ...« Annelene faßte ihn mit ihren beiden arbeitsderben Händen um seine Arme, als wollte sie ihn festhalten. Sie war gut einen Kopf kleiner als er und mußte zu ihm aufschauen. In ihrem frischen, runden Gesicht hing ein Zug herzlichster Kümmernis. Das Blau der Augen hatte sich verdunkelt, sie schnüffelte durch das Näschen, um nicht loszuheulen. »Blödsinn«, sagte Diesberg und zog sie weiter. »Nein, nicht Blödsinn«, rief Annelene und klapperte mit ihren Sandalen neben ihm. »Wir seien nicht verlobt, sagt er –« »In der Tat nicht«, fiel er ein. »Demgemäß werden wir uns heute in aller Form Rechtens verloben und ihm damit eine freudige Überraschung bereiten.« »O Gott, Erni, faß' das doch alles nicht so leichtsinnig auf! Vater ist dir gewiß nicht feindselig gesinnt, das hat er bewiesen. Er ist schrecklich sparsam, und trotzdem hat er deine zweite Hypothek, ich glaube die zweite, in einer Höhe beliehen, über die alle Leute den Kopf schüttelten. So ist es doch. Und nun kommt es zum Klappen. Er weiß, daß wir uns heiraten möchten. Aber es ist doch erklärlich, daß er meine Zukunft gesichert haben möchte. Ist sie das? Nein. Ich kriege eine jährliche Rente von sechstausend Mark. Das verbrauchst du in einem Monat. Das verspielst du in einer Viertelstunde.« »Ich spiele nicht mehr«, erwiderte Erni ruhig. »Du wirst lachen, wenn ich dir sage: ich war nie ein leidenschaftlicher Spieler. Bakkarat und Trente et quarante war für mich nichts anderes als Schach oder Domino, ein Zeitvertreib oder meinetwegen ein Mittel zur Gedankenkonzentration. Aber ich war immer ein gründlicher Geldverächter. Andre behaupten, ein heilloser Verschwender. Simmens meint, ich verstände die Kunst zu leben. Das ist Übertreibung. Richtig ist, daß ich mein Leben genossen habe, ohne Pedanterie – gut, auch ohne Überlegung, ohne die Bremse rechnerischer Klugheit. Nach vulgärer Ansicht war ich unerhört leichtsinnig. Einverstanden. Ich könnte achselzuckend erwidern, daß dieser Leichtsinn nichts ist als ein Gehorchen höherer Bestimmung. Da würdest du schaudern. Ich könnte auch antworten, daß der Zauber des Genießens lebendiger wirkt als jedes Moralsystem, und könnte dafür meine Jugend und mein Temperament ins Feld führen. Das würdest du wieder nicht verstehen. Aber nun bin ich rund dreißig geworden und, was wichtiger ist, ich will dich heiraten.« Annelene preßte ihre Finger wie einen Schraubstock um seinen Arm. »Willst du das wirklich?« fragte sie. »Schafchen«, gab er zurück. »Du brauchst eine sehr reiche Frau, Erni.« »Eigentlich brauchte ich sie. Fände sie wohl auch. Aber das würde dann wieder eine verfehlte Invite sein. Denn in dem Augenblick, da ich mich an eine Ungeliebte hänge, würde mein Genießerdasein zu Ende sein. Ich genieße ja auch mit dem Herzen.« »Schön gesagt. Auch mit dem Herzen. Muß eine reiche Frau immer eine Ungeliebte sein?« »Das ist insofern eine ungemein dumme Frage, Kleinchen, als du ja weißt, daß ich dich mit meiner Liebe zu beglücken wünsche.« »Und meine sechstausend Mark jährlich. Es steht also so: du mußt einen Trennungsstrich ziehen zwischen dem Leben des Herzens und dem der Äußerlichkeit.« »Richtig. Jetzt fängst du an, logisch zu werden. Ich muß dem Regenbogen über meinem Dasein sanftere Farben geben. Und diese Tüncharbeit möchte ich mit dir besprechen, auch mit deinem Vater.« Er schwieg. Die Mädel hatten ihren Singsang beendet. Fräulein von Hübner schob sich in ihrem Schleifschritt näher. »Gehen wir hintenherum?« fragte sie. »Ja, nicht durch das Dorf«, antwortete Annelene. Das Dörfchen lag unten im Tale, eine ehemalige freie Ansiedlung, daher der Name, ein Runddorf mit der Kirche in der Mitte. Abseits erhob sich der Gutshof auf leichter Anhöhe, der Park in seinem Farbengewirr stieg hangab bis zur Bahnlinie, die hier einen weiten Bogen beschrieb. Die Kinder hatten genug von ihrer Atemgymnastik. Sie umschwärmten Erni und Annelene und schnatterten viel. Es ging über den Wiesenweg durch den Park nach dem Schlosse. Natürlich hieß es das Schloß, doch es war nur ein einfacher Bau, einstöckig, langgestreckt und langweilig, mit verwittertem, gelbem Anputz, als hätte es eben die Gelbsucht überstanden. Nach vorn heraus hatte es einen runden Vorbau mit Säulen und hohen Glasfenstern, den man im Sommer als Gartensaal benutzte, nach hinten heraus eine offene Holzveranda, mit purpurrotem wildem Wein bekleidet. Die Fenster sämtlicher Wohnzimmer waren weit geöffnet, und da sah man denn, daß nirgends Gardinen hingen. Es lag auch in keinem Gemach ein Teppich oder ein Fell, es gab weder ein Sofa noch einen Diwan, es gab keinerlei Polstermöbel. Dennoch erschienen die Zimmer nicht leer, es stand viel Mobiliar umher, doch nur aus Holz, auch mancherlei Kostbarkeiten darunter aus der Empire- und Biedermeierzeit, die wieder Mode geworden waren. Im Gartensaal hing über der Innentür eine geschnitzte Holztafel mit der eingebrannten Inschrift: »Das Beste ist das Wasser. Pindar, Olymp. 1, 1.« Dieses schöne Werk ihrer kunstreichen Hände hatte Annelene einmal ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt. Der kleine Pastor Knab aus dem Dorfe wartete schon: er hatte den drei Jüngsten Unterricht zu geben. Es war übrigens auch noch eine Engländerin im Hause, Miß Fairholme, die gewöhnlich eine dicke Backe hatte, weil sie sich nicht an den beständigen Luftzug gewöhnen konnte, der durch die Zimmer ging. Die Kinder verteilten sich nun an ihre Tagesarbeit, und Annelene nahm Diesberg mit in ihr Stübchen, das sie als Älteste allein bewohnte, während die übrigen paarweise untergebracht waren. »Erlaube, daß ich zunächst einmal das Fenster schließe«, begann Erni. »Ich bin zwar auch leidlich abgehärtet, doch gegen euch komme ich nicht auf. Willst du eine Zigarette?« Annelene bejahte. »Wenn's Vater merkt, schimpft er,« sagte sie, »aber gib schon her. Und dann setz' dich.« Er ließ sich auf einem der Bauernstühle nieder, in deren Rückenlehne ein mangelhaftes Herz geschnitten war. Der Tischler im Dorfe hatte dies Mobiliar geliefert, und Annelene hatte es bemalt. Es sah hübsch und sauber aus. Das ganze Stübchen gab die Frische einer unberührten Mädchenseele wieder. Änneli hatte auch versucht, die Herbigkeit der Einrichtung ein wenig geschmackvoll auszugestalten. Sie hatte in irgendeiner Bodenkammer ein paar englische Stahlstiche gefunden und neu rahmen lassen, über der Tür hingen Teller aus Bauernporzellan mit naiver Bemalung, an der einen Wand tickte laut und schwerfällig eine alte Standuhr, auf dem Gesims daneben standen Krüge, ein Messingleuchter, eine seltsam geformte Öllampe, eine Geburtstagstasse mit goldenem Rand und sehr breitem Henkel. Annelene lief gern im Dorfe von Haus zu Haus und kaufte Gerümpel aus vergangenen Tagen zusammen. Erni gab ihr Feuer und sah sich um. Sein Blick glitt über den Arbeitstisch am Fenster und über das schmale eiserne, weiß behängte Bett in der Ecke. »Ganz gemütlich«, sagte er. »Spotte nicht«, antwortete sie und zog das Kleid tiefer über die bloßen Knie. »Glaubst du nicht, daß ich nicht auch manchmal Sehnsucht nach einem bißchen Komfort habe, nach einem wärmeren Zimmer mit Sesseln und Teppichen, nach hübschen Toiletten und seidenen Strümpfen?...« Nun lachte sie... »Wenn Besuch da ist, ziehen wir uns Strümpfe über die Beine, bloß nicht von Seide. Stiefel und Schuhe passen mir nicht mehr, sie drücken, ich behaupte, die Sandalen deformieren die Füße. Ich schimpfe nicht auf Papa wegen unserer Nacktbeinigkeit, es ist eine gesunde Schrulle, keine von uns ist je krank gewesen, nie kommt der Arzt ins Haus. Aber ich möchte nicht barfuß durchs Leben wandern, verstehst du, wie ich das meine?« »O ja, ich bin ja nicht gar so beschränkt. Alles hat lange gelacht über den Wassergrafen und seine Manie und über die barfüßigen Fräulein von Freilehningen. Ich lachte nicht mit. Abgesehen von der Sache selbst – ich habe deinen Vater immer bewundert, daß ihm die Ansichten der Welt so schnuppe sind. Er ist ein Eigenbrötler, aber doch ein Eigenmensch. Er ist ein ganzer Charakter. Und da er das ist, wird er mir auch erlauben, desgleichen zu sein und nicht von dem abzugehen, was ich mir vorgenommen habe.« »Und das ist?« »Dich zu heiraten, Komteß Annelene.« Diesmal sprach er mit völlig ernstem Gesicht. Sie zog das Kleid noch etwas weiter über die Knie und schaute ihn mit Augen an, in denen die Lebenssehnsucht der ganzen Frauenwelt lag. »Erni,« sagte sie, »es geht jetzt um die Wurscht. Du hast noch Zeit zur Überlegung. Vater ist reich, aber geizig. Du kannst viel bessere Partien machen.« »Bitte recht sehr – du«, antwortete er. »Wir haben ja auch reiche Leute im Kreise – Simmens zum Exempel. Er findet deine lieben Füße nicht deformiert, er schwärmt grade für deine Füße. Er hält es für ein Naturwunder, daß sie immer so reingewaschen aussehen, obwohl du durch Staub, Moder und Pfützen tappst. Für ihn sind sicher deine Füßchen Symbol deiner Seele. Also was die Partien betrifft ... Änneli, willst du wirklich den Habenichts von Bärwalde nehmen? Es geht um die Wurscht, sagst du in der schönen Klarheit deiner Ausdrucksweise. Nun ja, bedenke das.« Sie erhob sich, sprang mit einem kurzen Katzensatz zu ihm und kauerte sich auf seinen Schoß, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn leidenschaftlich. Da wurde ihm auch warm, und in der Spanne eines Augenblicks überschaute er sein bisheriges Leben, und es erschien ihm kläglich einem Besitz gegenüber, der schon sein war und den er doch erst gewinnen mußte. Er erwiderte ihre Küsse, drückte seine runde Liebe noch einmal fest und herzlich an sich, nahm sie dann und trug sie zurück zu ihrem Stuhl, wo er sie vorsichtig niedersetzte und ihr verschobenes Kleid artig zurechtzupfte. »So,« sagte er, »dies war unser Verlobungsknutscher. Nun sind wir vor Himmel, Hölle und Menschheit Braut und Bräutigam. Morgen bringe ich dir den Trauring meiner Mutter, er wird dir passen. Morgen beginnt ein neues Kapitel im Roman meines Lebens, jetzt wird er seriös, aber er soll nicht langweiliger werden. Ich tu mich mit Simmens zusammen. Er ist Kapitalist, ich bin die Arbeitskraft. Er hat Bärwalde gekauft –« »Hat er das?« fragte Annelene. »Weißt du es schon?« »Nein, aber ...« Diesberg schlug sich vor die Stirn ... »Alle Wetter,« rief er und zog seine Uhr, »jetzt wird die Auktion beendet sein. Man könnte telephonieren.« Annelene sprang auf. »Aber sofort – dann wissen wir Bescheid! Komm mit in Vaters Zimmer.« Nun hatten beide es eilig. Die Sandalen Annelenes klapperten wieder. Diesberg schritt hinterher. Sein Herz schlug stärker. Er spürte einen leisen Druck auf der Brust. Das Arbeitsgemach des Wassergrafen war ein Saal. Die Fenster standen auch hier offen. Der Wind hatte von draußen falbe Blätter in das Gemach geweht. An allen Wänden stiegen Repositorien empor mit Briefordnern und dicken Aktenstücken, aus denen beschriebene Zettel hingen. Ein Mammutschreibtisch stand in der Mitte, ein wundervolles altes Möbel aus geschnitztem Eichenholz. Auf den Papieren lagen gewöhnliche Feldsteine in jeder Form und Größe als Briefbeschwerer. Erni stand an dem Fernsprecher. Er ließ sich mit der Kreisstadt verbinden, mit dem ›Goldenen Anker‹. Herr Martin, der Wirt, meldete sich. »Hier Baron Diesberg,« rief Erni, »ist Graf Pakisch zu sprechen?« »Der ist vor einer Viertelstunde fortgefahren, Herr Baron.« »Ist Herr Simmens-Burgersroda noch da?« »Der ist eben beim Essen, soll ich ihn holen?« »Bitte.« Simmens kam sofort. »Bist du es, Diesberg?« fragte er. »Ja. Wie verlief die Versteigerung?« »Anfänglich wie man voraussah. Protzen gab das Erstgebot, dann folgte Pakisch. Dann ich.« »Und Bärwalde wurde dir zugeschlagen?« »Nein, doch nicht.« » Nein –?!« rief Diesberg. Annelene stand zitternd hinter ihm. Sie hörte jedes Wort. »Aufpassen«, rief drüben Simmens von neuem. »Ich wurde überboten. Es war ein Berliner Anwalt da, der wollte über eine Million gehen. Das ist natürlich Unsinn. Ich bin nicht verrückt. Und ich gab die Sache erst recht auf, als ich hörte, wen der Anwalt vertrat.« »Wen denn? So rede doch weiter, Edward!« »Warte ab. Es handelt sich um einen alten Bekannten eures Hauses, um den Geheimrat Lipsius.« »Lipsius?! Um Lipsius?« »Jawohl. Ich denke mir, das liegt nicht ungünstig für dich.« Diesberg atmete schwer. »Nein. Es sind wenigstens Aussichten vorhanden.« »Sprichst du von Bärwalde aus?« »Von Freilehningen. Ich warte auf Pakisch.« »Ach so. Der muß gleich drüben sein. Wann seh ich dich?« »Ich weiß noch nicht, jedenfalls bald. Ich muß erst Überblick gewinnen.« »Selbstverständlich. Ich lege mich der Komteß Annelene zu Füßen. Addio derweilen.« »Adje.« Erni hing den Fernsprecher an und wandte sich nach Annelene um. »Hast du verstanden?« fragte er. Sie war blaß und nickte. »Bärwalde ist futsch«, sagte sie tonlos. Er küßte sie. »Das ist es, aber ... die Sache liegt kompliziert. Es ist möglich, daß der Geheimrat Lipsius zu meiner Rettung eingegriffen hat. Ich schulde ihm noch ein paar tausend Mark, doch um die kann es sich nicht handeln. Kein Bein. Lipsius ist vielfacher Millionär, das ist eine Bagatelle für ihn. Aber er ist ein Jugendfreund meines Vaters. Sie haben zusammen in Heidelberg studiert. Er hatte auch Interesse für mich. Nur seine ewigen Standpauken paßten mir nicht – und dann ist der arme Mann herzleidend – wenn er ein bißchen gesprochen hat und in Erregung gerät, kriegt er einen Anfall, japst nach Luft und leert ein kleines Medizinfläschchen, das er immer in der Westentasche trägt. Da bin ich nicht mehr zu ihm gegangen.« Er lehnte mit dem Rücken gegen den Schreibtischrand. Annelene stand dicht vor ihm und hielt ihn wieder an den Armen fest. »Das ist unrecht von dir«, sagte sie. »Alte Freundschaften soll man nicht vernachlässigen.« »Er war nur ein Freund meines Vaters. Immerhin ... Ich frage mich: was will er mit Bärwalde? Er selbst ist schwer leidend, er hat nicht einmal einen Sohn, für den er es hätte kaufen können, er hat nur eine Tochter ...« Ein sinnender Ausdruck ging über sein Gesicht und ein Lächeln fröhlichen Begreifens ... »Ja, eine Tochter,« fuhr er fort, »Fräulein Regina, und vielleicht ... alle Hagel, Änneli, vielleicht hat die für mich gesprochen!« »Ist sie schön?« fragte Annelene sofort. »Ich glaube. Sie ist nicht mein Geschmack, aber man hält sie wohl für schön.« »Warum ist sie nicht dein Geschmack?« »Gott bewahre, was kannst du fragen!« rief er lachend. »Weil – weil sie das Gegenteil von dir ist. Sie ist groß, gut gewachsen, brünett, irre ich mich nicht, mit grünen Augen und mit einem sogenannten klassischen Profil. Stirn, Nase, Mund, Kinn, das alles harmoniert miteinander. Alles ist sehr edel und vornehm. Sagen wir griechisch. Und du bist deutsch.« »Das Gegenteil von ihr. Du schmeichelst mir nicht.« Er nahm ihr Apfelgesichtchen in beide Hände und lachte ihr in die Augen. »Ach, du geliebtes Hammelchen,« sagte er, »ist es denn nicht eine Schmeichelei für dich, wenn du mehr mein persönlicher Geschmack bist als diese stolze Schöne? Ich halte sie für stolz, sie macht den Eindruck, und andrerseits habe ich doch auch wieder die Empfindung, daß sie mich gern hat, meine Art, mein Wesen, vielleicht sogar meinen Leichtsinn. Die Gegensätze berühren sich, das ist ein alter Witz. Grade, weil sie aus einem so ursoliden, fest fundierten ehrenhaften Bürgerhause stammt, mag ihr meine lockere Lebensauffassung zusagen – im übrigen weiß ich es nicht. Aber ich glaube fast, daß sie ein gutes Wort für mich bei ihrem Vater eingelegt hat – wie käme er sonst auf den Gedanken, eine Million und darüber für Bärwalde fortzuwerfen! Nun ja – ein Geschäft kann es für ihn nicht sein, es muß also eine andere Absicht dahinterstecken.« »Vielleicht möchte er dich als Schwiegersohn haben«, sagte Annelene. »Hoi, da kennst du ihn schlecht! Ich bin in seinen Augen eine Art Verbrechernatur – wahrhaftig, er hat mir einmal unumwunden erklärt, ein Mensch, der Schulden mache, ohne zu wissen, daß er sie pünktlich zurückzahlen könne, sei ein Schädling an der Allgemeinheit. Er ist ein gräßlicher alter Knurrhahn. Aber – Gott, es ist ja möglich, daß er mich bessern will, daß er ein Experiment mit mir vorhat – vielleicht in Erinnerung an meinen Vater ...« Er brach hastig ab und lauschte. »Der Papa«, rief Annelene. »Ja, ich höre den Wagen rollen. Gehen wir ihm entgegen, Arm in Arm, damit er gleich sieht, daß wir zusammengehören.« Er nahm Annelene an seine Seite. Sie seufzte. »Ist das ein Leben«, klagte sie. »Ich wollte – ich wollte – ich wollte ... ich wollte, wir säßen irgendwo auf einer ganz einsamen Insel ...« IV Sie trafen sich mit dem Wassergrafen im Gartensaal. Pakisch stutzte ein wenig, als er Diesberg sah, schien aber nicht ungehalten zu sein. »I sieh, du bist hier«, sagte er und reichte ihm die Hand. »Ja, Onkel Malte,« erwiderte Diesberg, »wir waren doch beide ein bißchen unruhig, Änneli und ich, und haben uns gegenseitig zu trösten versucht. Und bei dieser Gelegenheit haben wir uns verlobt. Eigentlich waren wir es ja schon, aber nun möchten wir dich auch um deine offizielle Anerkenntnis bitten.« Annelene hielt es jetzt für richtig, ihren Vater zu umarmen, was bei ihrer Kleinheit und seiner Länge immer etwas schwierig war, wenn er sich nicht zu ihr herabbeugte. Und das tat er diesmal nicht. Er winkte mit beiden Händen ab und sagte in erzwungener Ruhe: »Kommt in mein Zimmer ...« Da saßen sie nun, und Diesberg wagte auch nicht, die Fenster zu schließen, um den künftigen Schwiegervater in seiner Liebhaberei für den Pleinairismus nicht zu stören. Es war draußen windig geworden. Blätter von dem wilden Wein der Veranda und der großen Ulme unter den Fenstern flatterten in das Gemach und tanzten umher. Auf den Regalen rauschte es in den Aktenstücken. Der Graf hatte sich in den drehbaren Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch gesetzt, Annelene und Diesberg saßen wie Angeklagte vor ihm. »Weißt du schon, wie die Versteigerung abgelaufen ist?« fragte Pakisch mit seiner kindlichen Quarrstimme. »Ich habe vorhin mit Simmens telephoniert«, erwiderte Diesberg. »Geheimrat Lipsius hat Bärwalde gekauft.« »So ist es. Ich ahne die Gründe nicht, die ihn dazu veranlaßt haben. Ich habe den Herrn auch nur einmal ziemlich flüchtig zu Lebzeiten deines Vaters kennengelernt. Du bist öfters mit ihm zusammen gewesen, nicht wahr? Was ist das für ein Mann?« »Wenn ich ehrlich urteilen soll, muß ich sagen, daß er mir wenig gefällt. Er ist sehr schroff, aber er ist leidend und mag ein Hypochonder sein.« »Und seine Tochter? Wie Simmens behauptet, hat er eine Tochter.« »Jawohl, ein hübsches, etwas zurückhaltendes Mädchen. Ich war zwei-, dreimal mit ihr zusammen, im Hause ihres Vaters, bei einem Antrittsbesuch, zu einer Teestunde. Seit einem halben Jahr oder darüber habe ich sie nicht mehr gesehen.« »Und du hast mit dem alten Herrn auch nie über deine pekuniären Verhältnisse gesprochen?« »O doch. Eigentlich jedesmal, wenn ich mit ihm zusammen war. Und dann kam es gewöhnlich zu wenig erfreulichen Auseinandersetzungen.« »Kann ich mir denken«, nölte der Graf und zog sein Taschentuch. Es war ein ungeheuer großes, rotseidenes Sacktuch. »Wahrscheinlich hast du ihn auch angepumpt. Bitte, du brauchst mir darüber keine Konfessionen zu machen. Was mich mehr interessiert, ist folgendes: Hast du einmal mit Lipsius über die Möglichkeit einer Versteigerung oder eines Verkaufs von Bärwalde gesprochen?« »Andeutungsweise ja. Und ich hatte den Eindruck, als ob er so etwas erwartete.« »Hm ... Die Tatsache liegt so, daß er nunmehr Besitzer von Bärwalde ist. Aber zwischen seinem Hause und deinem herrscht immerhin – immerhin eine alte Freundschaft. Mir schoß unwillkürlich durch den Kopf, daß es zwischen euch vielleicht zu einer Verabredung, einer Vereinbarung wegen des Ankaufs gekommen sein könne. Aber das ist nicht der Fall?« »Nein, das ist nicht der Fall. Ich bin lange nicht bei dem Geheimrat gewesen.« »Sehr dumm. Was will er mit Bärwalde?« »Das frage ich mich auch.« Pakisch nahm seine Nase zwischen zwei Finger. Das tat er gewöhnlich, wenn er nachdenklich wurde. »Ich bin kein Optimist,« fuhr er fort, »aber wie die Dinge liegen, dürfte es nicht völlig ausgeschlossen sein, daß er Bärwalde nur gekauft hat, weil ihm an der Erhaltung des alten Besitzes seines Jugendfreundes liegt.« »Daran habe ich ebenfalls schon gedacht.« »Er könnte dir beispielsweise unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen die weitere Verwaltung überlassen – was natürlich eine Torheit sein würde, wenn du ihm keine Garantien dafür gibst, daß eine grundlegende Änderung des bisherigen Systems eintritt. Das wäre deine Sache. Jedenfalls halte ich es für nötig, daß du dich schleunigst mit Lipsius in Verbindung setzest.« Erni erhob sich. »Soll ich ihm telephonieren?« fragte er. »Nein. So etwas macht man persönlich. Fahre zu ihm und sprich dich mit ihm aus.« »Einverstanden. Es soll gleich morgen geschehen.« Der Graf ließ seine Nase los und richtete den biegigen Oberkörper höher auf. »Und nun zu eurer sogenannten Verlobung«, sagte er. »Sie existiert für mich nicht. Bitte, nicht auffahren – bitte, keine Szene. Habe die Güte, dich in meine Lage zu versetzen. Als Vater habe ich die Pflicht, für meine Kinder zu sorgen. Du bist augenblicklich gar nichts. Dein Besitz ist durch deine Schuld, durch deine Schuld unter den Hammer gekommen. Dir droht sogar der völlige Bankerott. Wärst du der Vater Annelenes, was würdest du da tun? Als Ehrenmann.« Annelene begann leise zu weinen. Diesberg stand kerzengrade vor dem Onkel. »Du hast das Recht, so zu fragen«, antwortete er. »Aber vielleicht weißt du auch, was ich vorhatte. Ich hatte die Absicht, gemeinsam mit Simmens –« Pakisch unterbrach ihn. »Halte dich an das Tatsächliche«, rief er. »Simmens spricht nicht mehr mit.« »Das Tatsächliche«, sagte Diesberg, »ist mir so überraschend gekommen, daß ich dir kaum Rede stehen kann. Meine Pläne mit Simmens wurden dadurch über den Haufen geworfen – vorläufig wenigstens. In andrer Form können sie immer noch aufgenommen werden, wir sind ja in gewisser Weise aufeinander angewiesen. Aber erst muß ich natürlich den Geheimrat Lipsius hören.« »Du antwortest nicht auf meine Frage«, entgegnete Pakisch ungeduldig. Aber auch Diesberg verlor seine Ruhe. »Was soll ich dir denn antworten, Onkel Malte«, rief er. »Was du hören möchtest, weiß ich: die Erklärung, daß ich verrückt sei, an eine Heirat mit Annelene zu denken. Schön, halte mich für so verrückt. Ich nehme auch Notiz davon, daß für dich unser Verlöbnis nicht existiert. Was nun weiter? Annelene deutete mir schon an, daß du meine Besuche nicht mehr wünschest. Soll ich mich als aus deinem Hause gewiesen betrachten?« Annelene stellte sich tapfer neben ihn. »Ich bin deine Braut«, sagte sie. »Vater kann mir nicht verbieten, dich liebzuhaben.« »Spiel' keine Komödie«, warf der alte Herr ärgerlich ein. Nun sprang auch er auf, der Wind fuhr durch sein ergrautes Haar, die Blätter von draußen fielen auf seine Flauschjoppe. »Herrgott, Kinder, so nehmt doch Vernunft an! Soll ich dich ins Unglück jagen sehen, Änneli? Ehe Ernst nicht in gesicherter Stellung ist, ehe seine verfahrenen Verhältnisse nicht in Ordnung gekommen sind, gebe ich dich ihm nicht . Das steht fest. Nenne dich seine Braut, für mich bist du es nicht ...« Er marschierte auf und ab, etwas schief, den linken Fuß vor den rechten schiebend, und fuchtelte mit den Armen ... »Ich habe dich immer gern gehabt, Ernst,« fuhr er fort, »trotz deines bodenlosen Leichtsinns. Es steckt auch ein guter Kern in dir. Du bist gar kein so schlechter Landwirt, das habe ich so aus diesem und jenem ersehen – du bist bloß verbummelt. Ich bin selber in meinen jungen Jahren ein eifriger Sportsmann gewesen und kenne die Gefahren der Rennplätze. Das verfluchte Spiel hat so manchen ruiniert.« »Er spielt nicht mehr,« rief Annelene, »er rührt keine Karte mehr an! Das hat er mir versprochen.« »Schön. Will's zu glauben versuchen. Aber wovon will er leben? Wie dich ernähren? Was ist er denn heute? Er hängt in der Luft, er schwebt zwischen Himmel und Erde. Ein letztes Wort, Ernst. Sprich mit Lipsius. Bei ihm ruht die Entscheidung. Einigst du dich mit ihm auf irgendeiner vernünftigen Basis, so lasse ich auch mein Geld auf Bärwalde stehen, obwohl ich seit zwei Jahren oder länger keine Zinsen gesehen habe. Von deiner Heirat kann, wenigstens vorläufig, keine Rede sein. Es eilt auch nicht. Eilt gar nicht. Ihr könnt beide noch warten. Nennt's eine Prüfungszeit, nennt's wie ihr wollt. Bist du erst auf dem Festen gelandet, Erni – und kein Mensch kann dir das herzlicher und ehrlicher wünschen als ich –, dann komme wieder her und halte von neuem um Annelene an. Abgemacht.« »Abgemacht«, wiederholte Diesberg. Er warf einen Blick auf die kleine Uhr an seinem linken Arm. »Ich kann noch den Zweiuhrzug nach Berlin erreichen. Meine rote Rosa hat ein gutes Tempo. Dann bin ich um vier drüben, könnte gegen fünf bei Lipsius sein, da hat er noch Sprechstunde. Mit dem Neunuhrzug fahre ich zurück und werde dir, wenn du es erlaubst, telephonisch Bericht erstatten.« »Soll mir recht sein«, antwortete Pakisch mürrisch. Diesberg zog hastig die Hände Annelenes an die Lippen und stürmte davon. »So ist er,« sagte der Wassergraf, »eine kleine Hoffnung am Horizont, da vergißt er das Donnerwetter, das über seinem Kopfe hängt. Nun möchte ich noch ein Wörtchen mit dir reden, Annelene. Ich will diese alberne Verlobung als einen unüberlegten Streich auffassen. Vermutlich habt ihr mir damit imponieren wollen. Es ist aber nur überaus kindisch. Ich wäre ein schlechter Vater, wollte ich dich einem Menschen anvertrauen, der es mit dreißig Jahren noch nicht einmal fertiggebracht hat, sich einen Erwerb zu schaffen. Ich verkenne die mannigfachen guten Seiten Ernis keinen Augenblick. Er hat Herz, Gemüt und Verstand. Selbst in seinem Leichtsinn liegt eine gewisse Philosophie. Ihm gilt das Leben als Beute. Er rafft es mit vollen Händen auf und verschleudert es wieder. Das Heute ist ihm alles, an morgen und übermorgen denkt er nicht. Das hat etwas Bestechendes, es ist nur glücklichen Naturen beschieden, den Augenblick mit voller Intensität zu genießen. Solange er allein steht, mag er das halten, wie er will. An dem Tage aber, da er eine Familie gründen will, wird es zum Wahnsinn. Er hat gute Vorsätze, doch Versprechungen sind keine Taten. Deshalb erkläre ich dir: wie es auch kommen möge, ihr werdet noch zwei Jahre warten. Das ist das wenigste, was ich verlange, und ich bitte dich, richte dich danach.« Er umschlang Annelene, zog die Kleine zu sich empor und küßte sie. Und sein hartes Vaterherz schmerzte, da ihre heißen Tränen auch seine Wangen netzten. – * Inzwischen trabte die schöne Rosa in weitausholendem Beinwurf nach der Station. Erni traf eine Minute vor Abgang des Zuges ein und stürzte in ein Coupé. Der Vorsteher brachte ihm das Billett, bezahlt konnte nach Rückkunft werden, hier kannte man ihn. Die Lokomotive pfiff, es ging weiter. Diesberg lehnte sich in die Polster und steckte sich eine frische Zigarre an. Es war ganz richtig, was Pakisch zu seiner Tochter gesagt hatte: eine kleine Hoffnung am Horizont war für ihn Morgenröte. Er lächelte über sich selbst. Eine geschichtliche Erinnerung fiel ihm ein. Als Alexander von Mazedonien nach Persien aufbrach, verschenkte er sein Eigentum an seine Feldherren, und als der nüchterne Parmenius ihn fragte, was ihm denn nun verbliebe, antwortete er: das Beste – die Hoffnung ... Die Hoffnung zog wieder mit munterem Flügelschlage durch Ernis Seele. An einem war nicht zu zweifeln: der alte Geheimrat Lipsius nahm ein gewisses Interesse an ihm. Ein borstiger Mensch, der nichts Buntes und Glänzendes kannte. Ein kranker Mann, der das graue Elend seiner Tage auf die ganze Welt übertragen wollte. Ein Millionär, der von Milch und Hühnerbrühe lebte. Ein Ehrenmann der alten Schule, der keine Torheit verzieh. Erni rechnete nicht nach, was er ihm schuldete. Lipsius hatte ihn nie gemahnt, aber bei jedem neuen Besuch ihm eine neue Strafpredigt gehalten. Und dabei wählte er die Worte sorgsam, er wurde nicht grob, er war nur bitter, und diese höhnende, sarkastische Bitterkeit traf tiefer und aufwühlender als eine ehrliche Grobheit. Und da war Diesberg eines Tages empfindlich geworden und hatte auch seine Besuche bei Fräulein Regina nicht wiederholt. Gewiß war das eine Dummheit gewesen, zumal gerade Regina ihn mit freundlichen Augen zu betrachten schien. Sie lebte sicher ziemlich vereinsamt in dem alten Patrizierhause ihres mürrischen Vaters und atmete jede Frische, die von der Welt draußen kam, mit Wohlbehagen ein. Erni war dann und wann zu einer Plauderstunde bei ihr gewesen: in einem großen Gemach voller altmodischer Möbel, an einem Teetisch mit schönem Porzellan und schwerem Silber, in einem Zuständlichen, in dem nur noch ein leichter Lavendelduft fehlte, um die Erinnerungen an jene Zeit zu vervollständigen, da die kurzen Taillen der Damen unmittelbar unter der Brust schlossen und die Herren den Frack sogar auf der Straße trugen. Die schöne Regina war freilich ganz Gegenwart, im Geschmack ihrer Toilette wie in ihrer geistigen Bewegung, in gelegentlichen Bemerkungen sogar von einer Vorgeschrittenheit, die förmlich lustig aus dem Rahmen der Umgebung sprang, und im nächsten Augenblick wieder von kühler Zurückhaltung. Sie ist kokett, sagte sich Diesberg und korrigierte bald darauf seine Meinung. Nein, sie war nicht kokett, das konnte man unmöglich behaupten, dazu fehlte ihr das anreizende Spiel der Augen und das Geklügelte der Geste, die gefällige Dialektik, das anscheinend unbeabsichtigte und doch klug berechnete Eingehen auf das Wunschgebiet der Männer. Sie war eher geradezu, doch auch das gewissermaßen nur aus Laune, aus einem raschen Einfall heraus, um sich im nächsten Augenblick wieder in eine verhaltene Stimmung zurückzuziehen, als suche sie Schutz vor sich selbst. Sie war ein eigentümliches Mädchen, vielleicht interessant, auch nicht ohne sinnliche Reize, aber ... Das Aber lag in der Geschmacksrichtung Diesbergs. Sie hatte ihm zuviel Ruhe, und, es war merkwürdig, sie war ihm auch zu schön. Alles an ihr war formalste Ausgeglichenheit, es war jenes »Klassische«, für das er nichts übrig hatte. Als Frau mußte sie langweilig sein. Er liebte quirliges Wesen und mehr die Unart der Natur als ihre Harmonie. Er liebte Annelene und zog vor Regina respektvoll den Hut. Übrigens sagte er sich, daß der alte Lipsius ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen haben würde, wenn er um seine Tochter hätte anhalten wollen. Immerhin, Fräulein Regina gehörte ganz sicher nicht zu seinen Feinden. Er hatte sympathische Gegenwellen zu spüren vermeint. Es lag etwas in ihrem Lachen, wenn er einen raschen Scherz hingeworfen hatte, es lag etwas in ihrem Blick, wenn er ernster sprach, in ihren Antworten, in ihrem Sichgeben ihm gegenüber lag etwas, was den Eindruck eines gewissen Freundschaftsgefühls in ihm erweckte, beinahe einer wohlmeinend verstehenden Kameradschaft. Und da war es in der Tat schon möglich, daß sie sich in der Frage der Versteigerung von Bärwalde seiner angenommen haben konnte. Lipsius selbst war viel zu leidend, um sich mit der Bewirtschaftung des Gutes zu befassen. Spekulative Momente waren erst recht ausgeschlossen. Für Regina konnte er den Besitz nicht gekauft haben, die war ein Großstadtkind und vergrub sich nicht auf dem Lande. Und so wiederholte sich denn Diesberg zum fünfzigsten Male: was will Lipsius mit Bärwalde? – Werden's ja hören, sagte er sich, als er am Alexanderplatz aus dem Coupé sprang. Er suchte den Waschraum auf, um sich flüchtig zu säubern, und ging dann zu Fuß nach dem Lipsiusschen Hause. Es war nicht weit. Der Geheimrat wohnte mitten im lebhaftesten Geschäftsviertel, in einem noch aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts stammenden Hause, das schon seinem Großvater gehört hatte. Damals war die Speditionsfirma A. W. Lipsius gegründet worden, und hier in der engen Straße, dem alten Zentrum Berlins, hatten in langer Reihe die Frachtwagen mit ihren Viergespannen gehalten, und die Markthelfer hatten Kisten, Tonnen und Ballen herbeigeschleppt, die dann verladen wurden, um hinaus in die Provinz zu gehen und oft auch über die Grenzen des Landes. Als in späteren Jahren das Geschäft sich vergrößerte, mußte es verlegt werden; das alte Haus aber trotzte jeder Spekulation und dem Fieber der Bauwut, das blieb im Besitz der Familie, und man war stolz darauf, es äußerlich so erhalten zu können, wie es gewesen war, als der erste A. W. Lipsius von hier aus die ersten Gütersendungen durch seine Frachtführer nach allen Richtungen der Windrose schickte. Unter dem Vater des Geheimrats war dann das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt worden, der Sohn hatte sich für den juristischen Beruf entschieden, es war niemand da, der es hätte weiterführen können, es hatte zudem so an Umfang gewonnen, daß die Übernahme durch ein Konsortium sich als zweckmäßiger erwies. Der Geheimrat war als Anwalt eine Spezialität in fremden Rechten gewesen, hatte auch das deutsche Gesetzbuch in zahlreiche fremde Sprachen übersetzt oder durch seine Vermittlung übersetzen lassen und war dafür mit einer langen Reihe von Orden geschmückt worden, mit Sternen, Drachen, Elefanten, Adlern, Kronen, Blumen, Monden und Sonnen als Sinnbildern und den schönsten, kühnsten und lächerlichsten Devisen. Als ihm eines Tages auch noch durch den russischen Botschafter der Stern von Bochara überreicht wurde, hatte Regina sich den Spaß gemacht, durch ihren Juwelier die sämtlichen glitzernden Herrlichkeiten verkleinern und an eine Goldkette hängen zu lassen. Bei Gelegenheit irgendeiner großen wissenschaftlichen Festlichkeit sollte der Vater diese Kette tragen, aber als er sie angelegt hatte und sich im Spiegel betrachtete, weigerte er sich mit Entschiedenheit dieser Schaustellung der Eitelkeit, und da er ein praktischer Mann war, so gab er dem Juwelier das Ordensgeschmeide zum halben Anfertigungspreise zurück, und dieser hängte es nunmehr im Fenster seines Geschäfts zu allgemeiner Bewunderung auf. Seit Lipsius sich mit dem Rechtsanwalt Detmold assoziiert hatte, beschränkte er die eigene juristische Tätigkeit nur noch auf besonders interessante Fälle. Sein altes Herzleiden hatte sich so verschlimmert, daß er sich große Schonung auferlegen mußte. Um sich in der Stille zu zerstreuen, beschäftigte er sich viel mit seinen graphischen Sammlungen, die er mit ideellem Sportssinn und seiner Kenntnis der Meister des Kupferstichs pflegte. Das war auch das einzige Gebiet, auf das Regina ihm folgte. Sie lernte durch ihn das Verständnis für die Schaffensart der alten Künstler und die Druckschönheit der Blätter, für die Kennzeichen der einzelnen Zustände und dadurch die Entstehungsweise des Werks, wenn auch alles das nur aus einem Unterhaltungsbedürfnis heraus und nicht mit der gründlichen Wissenschaftlichkeit des Vaters. – Diesberg war dem Lipsiusschen Hause gegenüber einen Augenblick stehengeblieben. Dies alte Haus barg sein Schicksal. Die ersten Dämmerschatten rannen durch die schmale Straße, in den Schauläden flammten schon die elektrischen Lichter auf, über das Trottoir ergoß sich ein Strom geschäftiger Menschen, auf dem Fahrdamm schob sich langsam eine Kette von Wagen rechts und links einer statuenhaften Schutzmannsgestalt. Diesberg schlüpfte behende zwischen einem Omnibus und einer Autodroschke hindurch und mußte neben dem Schutzmann abermals stehenbleiben. Er sah nun, wie sich auch im Lipsiusschen Hause, das mit seinem sichtbaren Balkengefüge und dem leicht überbauten ersten Stockwerk sich merkwürdig unmodern von den benachbarten Geschäftspalästen abhob, ein paar Fenster erhellten, und wie hierauf die Gardinen vorgeschoben wurden. Nun sprang er rasch an den schnaufenden Gäulen eines Bierwagens vorüber auf die andere Seite der Straße und zog die Klingel neben der schwereichenen, mit schmiedeeisernem Bandwerk beschlagenen Haustür. Eine alte Frau öffnete, Biene, die Wirtschafterin, und erkannte den Ankömmling. Sie lächelte freundlich mit ihrem leicht nach links verschobenen Munde. »'n Abend, Frau Biene,« sagte Erni, »der Herr Geheimrat zu sprechen?« »Er ist daheim, Herr Baron,« antwortete die Alte kopfnickend, »und wird wohl auch zu sprechen sein.« »Sagen Sie ihm, daß ich ihn nur auf einige Minuten in Anspruch nehmen würde. Aber in wichtiger Angelegenheit.« Frau Biene nickte wieder und ließ ihn voran. Aus der schmal geformten Eingangshalle stieg er eine teppichbelegte Treppe mit geschnitztem Holzgeländer hinauf und wurde in ein Vorzimmer gelassen, das er kannte. Es hieß im Hause das »Zimmer des alten Herrn« und war einmal das Privatkontor des Geschäftsbegründers gewesen. Nur die Ölampel über dem Stehpult war durch eine elektrische Birne ersetzt worden, sonst hatte man das Gemach in seiner ganzen Einrichtung durchaus so belassen, wie es vor hundert Jahren gewesen war. Diesberg war wieder unruhig geworden. Er schritt auf und ab, betrachtete das Bildnis des »alten Herrn« und einige Berliner Ansichten, die an der Wand hingen, und blieb dann vor einer Karte Preußens stehen, auf der die damaligen Postwege mit roter Tusche nachgemalt waren. Und er zuckte nervös zusammen, als er hinter sich einen leisen Schritt hörte – diesmal war es David, der fast siebzigjährige Diener, der ihm meldete, daß der Herr Geheimrat bitten lasse. Diesberg rückte an Rock und Weste und folgte ihm. Lipsius saß an dem langen Tische, auf dessen spiegelblanker Mahagoniplatte er seine Kunstblätter auszubreiten, zu betrachten und zu ordnen pflegte. Das ganze Zimmer war dieser Sammelpassion gewidmet, alle Wände deckten Schränke, in deren ausziehbaren Fächern die Holzschnitte, Radierungen und Steindrucke zwischen Seidenpapier lagen, und oberhalb der Schränke glänzten die vergoldeten Lederrücken einer sorgsam ausgewählten Handbibliothek. Lipsius hatte sich erhoben, als Diesberg eintrat, legte nun seine Brille ab und schob dafür ein großes Monokel in die tiefliegende Höhlung des rechten Auges. Dies Einglas, an das er sich gewöhnt hatte, gab seinem ungewöhnlich kleinen, länglichen, nach dem Kinn sich zuspitzenden Gesicht einen Zug der Groteske. Es war ein Gesicht von Bedeutung, in der Jugend wohl auch einmal anziehend gewesen, jetzt in allen seinen Linien und Falten und in dem launenhaften Krakeele an den Schläfen und unter den Augen wie erstarrt. Es war gleichsam zu einer Larve geworden, immer noch ungemein charakteristisch in seinen feinen, roten, grauen, bläulichen, selbst grünlichen Tonübergängen, aber hart, stolz und abweisend wie das eines Menschen, der liebeleer und einsam das Leben durchwandert hat. Als er nun Diesberg gegenüberstand, sah man, daß er fast ebenso groß war, und diese Größe paßte wiederum nicht zu dem auffallend kleinen Kopfe, der, aus einem hohen Halskragen fremdartig hervorwachsend, auf scharfgeeckten Schultern saß. Diesberg war kaum in das Zimmer getreten, als Lipsius sofort unter einer leichten Verneigung das Wort nahm. »Guten Abend, Herr von Diesberg,« begann er, »ich kann mir denken, daß Sie wegen der Einlösung Ihrer Wechsel kommen, nicht wahr?« Ernis Fuß stockte unwillkürlich. Er blieb in der Nähe der Tür stehen. Sein Gesicht beschattete sich, er spürte so etwas wie einen Griff nach dem Herzen und wie ein prickelndes Rieselgefühl über dem Rücken. »Pardon,« entgegnete er fassungslos, »ich verstehe nicht – wegen welcher Wechsel?« »Der beiden, die Sie den Herren Reinecke und Schiemann ausgestellt haben – ah, sind Sie denn nicht benachrichtigt worden, daß man mir die Akzepte zum Kauf angeboten hat?« »Ich bin ahnungslos«, stammelte Erni. Ein niederschmetterndes Empfinden bedrückte ihn plötzlich. Den Reizton des Mannes kannte er ja und war dagegen gewappnet. Aber das Unerwartete der Begrüßung verwirrte ihn. Der Geheimrat wies auf einen Sessel. »Bitte,« sagte er, »die Aufklärung ist schnell gegeben ...« Er ging an seinen Schreibtisch und entnahm ihm eine Ledermappe ... »Ich weiß nicht, was die beiden Leute veranlaßt hat, sich Ihrer Wechsel halber an mich zu wenden. Es ist auch gleichgültig. Jedenfalls habe ich sie übernommen ...« Seine wunderschön geformte und gepflegte Hand fuhr in die Mappe und zog ein paar Papiere hervor ... »Da sind sie. Zusammen achtzehntausend Mark. Außerdem habe ich – hier – noch ein paar ältere Schuldscheine von Ihnen ... lassen Sie mich einen Augenblick rechnen ... es würde alles in allem eine Summe von fünfunddreißigtausend Mark ergeben.« Nun setzte auch er sich und schaute Diesberg an. Dieser eisige, unbarmherzige Blick aus den jettdunkeln harten Augen traf ihn wie eine Abrechnung auf Tod und Leben. Unwillkürlich senkte er ein wenig den Kopf. »Ich werde schon in den nächsten Tagen die Angelegenheit ordnen können«, erwiderte er. Lipsius nickte. »Lassen Sie sich Zeit, bis Ihnen der Überschuß für den Verkauf von Bärwalde ausbezahlt worden ist. Wir rechnen dann miteinander ab. Rechtsanwalt Detmold hat mir das Ergebnis der Versteigerung telephoniert. Ich freue mich, daß er Herrn Simmens überboten hat. Auf diese Weise bleibt Ihnen immer noch ein kleines Kapital zum Arrangement Ihrer persönlichen Schulden.« Das klang ein wenig warmherziger. Diesberg hoffte wieder. »Darf ich annehmen,« fragte er, »daß die Überbietung in meinem Interesse geschah, Herr Geheimrat?« Lipsius schwieg einen Augenblick, die Härte seiner Züge löste sich, um den schmalen, scharfen Mund trat etwas wie ein versöhnliches Lächeln. Aber es ging sofort vorüber. Fast hastig schüttelte er den Kopf. »Doch nicht,« erwiderte er, »wenigstens nicht so, wie Sie das auffassen dürften. Ich möchte Sie nicht täuschen. Ich wollte grade Herrn Simmens Bärwalde nicht lassen. Das war das Maßgebende.« Diesberg rückte sich tiefer in seinen Sessel. Seine Stimme klang klarer und ruhiger, als er weiter fragte: »Sie beabsichtigen, Bärwalde in eigene Wirtschaft zu nehmen, Herr Geheimrat?« »Nein. Das kann ich nicht. Aber ich habe eine außerordentlich tüchtige Kraft für die Verwaltung gewinnen können.« »Schon vor dem Termin,« sagte Diesberg bitter, »so sicher waren Sie also Ihres Kaufs!« »Ganz sicher. Ich hätte jeden Betrag bezahlt. Ich wollte den Besitz meines lieben seligen Freundes nicht in die Hände eines Spekulanten fallen lassen.« »Aber den Sohn Ihres Freundes vertreiben Sie damit von der ererbten Scholle!« »Das war nie meine Absicht. Das Wohnrecht im Schlosse verbleibt Ihnen. Ich bin bereit, dies Anrecht grundbuchamtlich eintragen zu lassen. Der Verwalter findet im Inspektorhause genügend Raum. Er ist unverheiratet. Ich könnte nötigenfalls anbauen lassen.« Das wurde ganz sachlich gesprochen. Auch Diesberg bemühte sich nun, seiner Erbitterung Herr zu werden. Es wurde ihm nicht leicht. »Herr Geheimrat,« erwiderte er, »ich erkenne dankend Ihr Entgegenkommen an. Aber ich muß es ebenso dankend ablehnen. Es widerstrebt mir, in Bärwalde gewissermaßen nur noch geduldet zu werden.« Lipsius zuckte die Achseln. »Das ist eine Auslegung, die mir fernliegt«, sagte er. »Es ist klar,« fuhr Diesberg fort, »daß es ein beschämendes, jedenfalls ein niederdrückendes Gefühl für mich sein muß, in Bärwalde zu bleiben und zuzusehen, wie die Bewirtschaftung durch eine fremde Hand und vielleicht ganz gegen meine Intentionen geleitet wird. Aber erlauben Sie mir einen Vorschlag: verpachten Sie mir das Gut.« Er brach kurz ab und hob den Kopf. Die Augen beider trafen sich. Im Blick des Geheimrats lag keine Feindseligkeit, nur eine feste Entschlossenheit. »Mir fehlt jede Gewähr,« erwiderte er, »daß ich in diesem Falle einigermaßen auf meine Kosten kommen würde.« Eine Blutwelle stieg in das Gesicht Diesbergs. Doch wieder bezwang er sich. »Ich hatte gehofft,« sagte er, »Simmens' Angebot würde auf der Auktion den Ausschlag geben. Ich hatte auch mit ihm bereits Vereinbarungen getroffen, auf deren Grundlage ich zuversichtlich erwarten konnte, Bärwalde wieder in die Höhe zu bringen. Lassen Sie mich bitte in andrer Weise darauf zurückgreifen. Würden Sie geneigt sein, Bärwalde an Herrn Simmens zu verpachten? Sie kennen seine äußeren Verhältnisse und haben bei ihm die absolute Sicherheit pünktlicher Pachtzahlung.« »Das genügt mir nicht, Herr von Diesberg. Sie sprachen vorhin von Ihren Intentionen in der Bewirtschaftung, die wohl auch die des Herrn Simmens sind. Aber es sind nicht die meinen. Bei allem Respekt vor Ihren sportlichen Fähigkeiten glaube ich nicht, daß Sie im Gestütswesen eine glückliche Hand haben.« »Ich gebe zu, daß mir Fehlschläge nicht erspart wurden. Aber man lernt. Sie werden sich künftighin vermeiden lassen. Und die Chancen steigen wesentlich, wenn man die Pferde des eigenen Stalles auf die Rennbahn bringen kann. Auf dem grünen Plan hatte ich mehr Glück als in der Zucht.« »Das mag wahr sein. Und daher klingt es vielleicht paradox, wenn ich hinzufüge, daß der grüne Plan auch Ihr Unglück wurde. Ich habe Ihr Leben seit dem Tode Ihres Vaters so ziemlich in allen seinen Phasen verfolgen können. Nicht Ihre sportlichen Neigungen haben Sie ruiniert, sondern das Drum und Dran des Rennplatzes. Anfänglich hatten Sie ein ausgesprochenes Interesse für Ihre Wirtschaft, aber das versickerte allgemach, je mehr Sie der Rennplatz mit seinen Nebenerscheinungen in Anspruch nahm, und es erlahmte vollends, als Sie das Gestüt anlegten. Nun kann sich ja auch ein Gestüt kapitalkräftig entwickeln – nur gehört dazu neben der fachmännischen Befähigung eine gewisse kaufmännische Routine, die Ihnen durchaus abgeht. Sie fingen in viel zu großem Stil an – das war der erste Fehler. Aber er ist bezeichnend für Ihre ganze Lebensauffassung. Wenn Geiz und Verschwendung gleich verurteilenswert sind, so ist die Verschwendung sicher das liebenswürdigere Laster. Doch sie bleibt ein Laster und pflegt sich gewöhnlich noch bitterer zu rächen als ihr Gegenteil.« »Ich glaube, Sie urteilen zu hart, Herr Geheimrat«, sagte Diesberg. »Ist der immer schon ein Verschwender, der mehr ausgibt, als er besitzt?« »Ganz gewiß, und meines Erachtens noch in erhöhterem Maße als jene großzügigen Verschwender, die über den Privatgenuß hinaus zum gemeinen Besten depensieren. Es gibt in der Tat auch eine gewisse noble Verschwendung – die aber besitzt der Schuldenmacher nicht. Man spricht von Ehrenschulden – ich bin der Ansicht, daß in jeder Schuld eine Ehrenverpflichtung liegt, nämlich die der zugesagten Abtragung. Bin demgemäß auch der Ansicht, daß der an seiner Ehre Schiffbruch leidet, der dieser Pflicht nicht genügt.« Diesberg zuckte leicht zusammen. » Merci «, erwiderte er in einem Tone, dessen ironischer Beiklang seinen Ärger verbarg. »Der Pfeil saß, Herr Geheimrat.« Lipsius rückte an seinem Einglas. »Ich bin ein Philister in Ihren Augen,« sagte er, »ein Prediger des Nützlichkeitsprinzips, ein Feind alles Lebensschönen, ein Mann striktester Ordnung, der lieber auf den Schlag der Uhr hört als auf die Stimme des guten Geschmacks. In Wahrheit bin ich das alles nicht. Ich bin nur ein ehrlicher Mensch. Ich kann eine Lebensanschauung aus der Kavalierperspektive begreiflich finden – wie jede andere. Aber dahinterstehen muß immer eine volle Persönlichkeit, ein Mann von Wert, nicht nur ein mit dem Dasein spielender Müßiggänger. Herr von Diesberg, wir verlieren uns in Dissertationen. Ich weiß noch immer nicht, was Sie zu mir führt.« Er tupfte die Spitzen seiner Finger gegeneinander und schaute Diesberg wieder fragend an. Erni überlegte einen Augenblick, ob es nicht das richtigste sein würde, sich höflich zu empfehlen. Vorwürfe und gute Ratschläge hatte er nun genug gehört. Aber das letzte entscheidende Wort war immer noch nicht gesprochen worden. »Sie hatten die Güte, mir das Wohnungsrecht im Bärwalder Schlosse anzubieten«, begann er von neuem. »Ich lehnte zunächst ab. Sie sprachen von mir auch als einem, habe ich Sie recht verstanden, mit dem Leben spielenden Müßiggänger – so oder so ähnlich. Nun gut. Wenn ich das Wohnrecht akzeptiere, will ich es nicht umsonst haben – und nicht als Müßiggänger. Der Verwalter, den Sie bereits engagiert haben, wird leicht eine andere Stelle finden. Verpachten wollen Sie mir Bärwalde nicht – setzen Sie mich als Oberinspektor ein! Es könnte mich freuen, Ihnen zu beweisen, daß ich doch nicht Idiot genug bin, um in der Kunst des Lebens nur dem Müßiggange zu huldigen.« Als Diesberg so gesprochen hatte, erhob sich Geheimrat Lipsius und wandte sich ab. Erni glaubte, den alten Herrn packe wieder einer seiner Herzanfälle. Aber es schien nicht so. Er zog nur sein Taschentuch, wedelte damit durch die Luft, schnäuzte sich und wandte sich unter rascher Vorschiebung der linken Schulter zurück. Doch blieb er stehen, und da die Ampel über dem Mitteltisch grün beschirmt war und ziemlich niedrig hing, so spann sich über die hartfelsigen Züge seines rassigen Gesichts ein grünlicher Dämmer. Er antwortete, wie immer gleichsam aus dem Hochmut der nach oben gewölbten Mundwinkel: »Das ist ein erfreuliches Zugeständnis, Baron Diesberg. Aber Sie werden begreifen, daß die Versprechung für mich auch eine feste Grundlage haben muß. Mir fehlt nicht der Glauben, doch die Sicherheit. Die künftige Bewirtschaftung Bärwaldes soll jedes Experiment ausschließen. Herr von Otten, der neue Verwalter, bietet mir dafür volle Gewähr. Er würde auch für Sie ein ausgezeichneter Lehrmeister sein. Wir wollen einen Vertrag schließen. Ich engagiere Sie – engagiere Sie sozusagen als Mitinspektor. Gegen ein Gehalt, mit dem Sie zufrieden sein werden. Sie bleiben im Schlosse, Otten kommt in das Amtshaus. Damit wird der Welt gegenüber die Fiktion aufrechterhalten, als seien Sie nach wie vor der regierende Herr – falls Ihnen am Urteil der Welt überhaupt etwas liegen sollte, was ich nicht weiß. Aber tatsächlich wünsche ich, daß Herr von Otten die Leitung aller Geschäfte übernimmt.« »Somit würde ich der Untergebene des Verwalters sein«, sagte Diesberg in trocken aus der Kehle kommendem Tone. »Ein Beamter des Oberinspektors.« »Ich würde das nicht so auffassen. Betrachten Sie sich als Volontär.« »Oder als Lehrling.« »Gut, als Lehrling ...« Unter dem Einglas blitzte das dunkle Auge, nicht böse, doch in knochigem Widerstand ... »Warum nicht als Lehrling? Haben Sie nicht noch viel zu lernen im Leben, wenn Sie wieder mit beiden Füßen auf Grund und Boden kommen wollen?« Ein Wirbelschauer der Erregung durchsprühte Diesberg. Es war immer nur der Ton, der ihn so unsäglich reizte und abgrauende Schatten in die Farbe seiner Wangen mischte. Er hatte ruhig mit diesem ewig nervgespannten, kantigen, krankhaft aszetischen Manne verhandeln wollen. Er hatte an Annelene gedacht und sich ihr flügges Lenzgesicht in die Erinnerung gerufen, hatte sich bescheiden wollen – vielleicht war doch noch auf irgendeine Weise in irgendeiner Form eine Verständigung möglich. Aber nein, sie scheiterte an der Panzerung des anderen, an seinem verbissenen Eifertum, an der Überalterung seiner Instinkte. Das war es. Der Lipsius seiner Jugend hatte mit ausbalancierten Instinkten der Anpassung den aristokratischen schöngeistigen Vater geliebt. Nun waren die Jahre und die Krankheit über ihn gekommen, eine Verkalkung aller Gefühle, und was ihn einst dem Vater näher gebracht hatte, die Inbrunst des Lebensdrangs und das geschmeidige Moralempfinden, die glücklich-heitere Dekadenz, der Sinn für Farbenspiele und die wechselnden Prismen eines Daseins jenseits braver Bürgerlichkeit, das alles haßte er in der Abgetriebenheit seines Empfindens an dem Sohn. Diesberg stand langsam auf, neben den Stuhl tretend, mit den Fingern der Linken sich in das Polster der Lehne krampfend. »Herr Geheimrat,« antwortete er, fast heiser im Aufsteigen seines Grolls, »Sie fragten mich vorhin, was mich zu Ihnen geführt hat. Eine Dummheit, nichts weiter, eine Illusion, eine alberne Hoffnung. Sie haben mich rasch kuriert. Sie hatten einen einzigen Grund, mir Vorwürfe zu machen: die Nichtbezahlung meiner Schuld. Doch Sie nützen dies Übergewicht aus zu einer Kraftprobe auf die Anständigkeit meiner Gesinnung, und das – das muß ich zurückweisen. Es steht Ihnen frei, an der Ehrlichkeit meiner Versprechungen zu zweifeln, aber den kalten Hohn und die – ja wahrhaftig, die grausame Mordlust, mit der Sie den Sohn Ihres Freundes behandeln, die verbitte ich mir!« Er neigte den Kopf zu einer Grußbewegung und ging. Lipsius schaute ihm fast erschrocken nach. Seine Hand griff nach der Herzseite und zerknüllte den Rock. Ein kurzes Stöhnen kam, dann rief er: »Baron Diesberg!« Erni hatte die Türklinke in der Hand. Er kehrte den Kopf über die rechte Schulter und sah, daß im fahl gewordenen Gesicht des Geheimrats die Muskeln unter dem Druck eines inneren Schmerzes zuckten. Es war wie ein dramatisches Mienenspiel, aber auch nur wie ein verzerrtes Augenblicksbild, dann strammte sich wieder der Mund, Glättung kam in die Züge und etwas wie verdoppelte Ruhe nach dem Sturm eines Moments. Die Hand hob sich zu einer bittenden Geste. »Baron Diesberg, was Sie Hohn und Mordlust nennen, ist eine mißverständliche Auffassung Ihrerseits. Ich bin allerdings keine konziliante Natur, war es nie und bin durch mein Leiden vielleicht noch schroffer geworden ...« Das klang fast entgegenkommend, doch sofort spitzte die Tonfärbung seiner Sprache sich wieder zu, als er fortfuhr: »Im übrigen, Herr von Diesberg, was wollen Sie? Ich glaube, Sie verkennen die Sachlage. Sie kommen als Bittsteller zu mir. Sie wollen Bärwalde in Pacht nehmen, nachdem Sie den Besitz in Subhasta getrieben haben. Das ist ein merkwürdiges Verlangen. Lächelte ich darüber? Es ist möglich. Aber ich machte Ihnen auch einen Gegenvorschlag.« »Sie boten mir eine Lehrlingszeit an.« »Jawohl, und nicht ohne Absicht. Sie sollten die Arbeit lernen. Etwas Ihnen ganz Fremdes, denn was Sie bisher so nannten, war nur Liebhaberei. Ich will nicht sagen Zeitvergeudung – aber sie kam dazu. Das ganze Leben wurde Ihnen zu einem Sportfeld. Von Müßiggang sprach ich, hatte ich unrecht? Hinter dem Rennplatz stand der Spieltisch, standen die Sektflaschen, lauerten die Weiber. Leichtsinn vernichtete den gezählten Erfolg, das achteten Sie gar nicht in Ihrer Ichberauschtheit ...« Er holte Atem, er wollte weitersprechen in seiner scharfen Mentorart, Merkmale hinzusetzen und Menschenfehler hochschrauben mit dem Härtewillen seiner eigenen Natur. Aber Diesberg kam ihm zuvor. Das Blut stand ihm im Gesicht, die Lippen preßten sich gegen den Kiefer, der Grimm schwoll. Sollte er sich wie ein dummer Junge abkanzeln lassen? Er ging wortlos hinaus. Lipsius hörte die Tür fallen. Er ließ sich müde nieder. Die eckigen Schultern zuckten wie in dem Empfinden großer Nutzlosigkeit. Nun hatte Regina ihren Willen gehabt. Sie hatte immer auf den alten Diesberg hingewiesen, auf den Freund im Grabe. Zur Ehre seines Andenkens durfte man den Sohn nicht untergehen lassen. Aber der Alte war ein anderer gewesen, mit Rhythmus im Blut, mit verfeinerten Wünschen und gesteigertem Edelmannstum. Lipsius ließ den Kopf tiefer fallen. Er selbst war damals jung gewesen, und die weiteren Lebensvorstellungen des Freundes hatten ihn angezogen. Jetzt war die Distanz gewaltig gewachsen, und ob er heute noch bei reiferer Erkenntnis und unter veränderten sozialpolitischen Bedingungen diesen aller Erdenschwere entrückten Aristokratismus so bewundernswert finden würde, war fraglich. Fest stand für ihn nur, daß der Sohn nichts von der geistig vornehmen Selbstdarstellung des Vaters ererbt hatte, und es war ihm in der Tat nicht recht begreiflich, warum Regina eine so warme Anteilnahme für ihn zeigte. Da er dies dachte, zuckte wieder ein Stich durch sein Herz. Aber diesmal war es kein rein physischer Schmerz, es war nur ein erregender Gedanke, den er schnell zu verscheuchen sich mühte. Bah, die beiden kannten sich ja kaum, zwei-, dreimal hatte Herr von Diesberg einen pflichtschuldigen Besuch gemacht – das mußte er schon, der Weg zu des Vaters Kassenschrank führte über den Teetisch Reginas ... Freilich, Regina hatte ihre seltsamen Launen. Sie konnte herrisch und heischend sein, als stammte sie nicht aus ruhig fließendem Bürgerblut, sondern aus einer Kriegerkaste. Sie konnte einsam leben und in sich gekehrt, oft gelangweilt wie eine blutleere Königstochter, oft in emsiger Beschäftigung mit ihren Büchern und seinen Kunstblättern, und dann wieder Abend für Abend in den Gesellschaften, im Theater, in den Konzerten, auf Routs und Bällen Abwechslung suchen. Lipsius wußte, man hielt sie für ein wenig »überspannt« – überspannt sagte man. Herrgott nein, das war sie gar nicht! Ist es Überspanntheit, wenn ein junger, glücklich fesselloser Geist ohne Schulpedanterie, ohne die Kieselbrocken erlernter Weisheit allen neuen Regungen in der Kunst und Literatur mitfühlendes Verstehen entgegenbringt? Ihre »Modernität« bespöttelte man heimlich. Der Vater hütete sich vor einem spöttischen Wort, er ließ ihre Ansichten gelten, wenn sie auch nicht die seinen waren. Er sah durch den modernen Firnis tiefer in ihres Wesens Kern. Er vernahm zuweilen in den Stunden ihrer Einsamkeit etwas wie einen lautlosen Schrei, er verfolgte das Tieferpflügen ihrer Phantasie, wenn sie mit ihm über seinen Sammelmappen saß, er fühlte sehr wohl, wie ihre Seele ihm zuweilen entschlüpfte und Selbstisches suchte, fern von dem Faßbaren ihrer Umgebung in dem altwürdigen Patrizierhause. Es steckte Originales in ihr und in der Suche nach ungewohnten Spannungen sicher auch ein Teil Launenhaftigkeit, aber alles in allem war das doch nur ein geistiges Dehnen und Strecken, Freudigkeit am Neuen, Temperamentssache, sprunghaftes Üben erst halbgeweckter Fähigkeiten. So überlegte Lipsius. Doch gerade zu dieser Stunde kam er zu keiner rechten Klärung des Empfindens. Dinge, an die er vorher kaum gedacht hatte, einten sich zu Zusammenhängen und dünkten ihn symbolisch. Nun ja, es war nur natürlich, daß man dem Sohne eines verstorbenen Freundes aus der Verlegenheit half. Aber war es nicht merkwürdig, daß sie so genau über ihn Bescheid wußte, als lese sie Blatt für Blatt in seinem Lebensbuche? Sie hatte darauf bestanden, Bärwalde zu kaufen. Schön, das war eine Kapitalsanlage, die später, später vielleicht einmal Zinsen tragen konnte. Und sie hatte gemeint, man müsse versuchen, irgendeine Grundlage zu finden, auf der es sich ermöglichen lasse, daß Herr von Diesberg in Bärwalde verbleiben könne. Wieder ein Schulterzucken. Der Versuch war mißlungen. Oder sollte Regina sich mit dem verschrobenen Gedanken getragen haben, den Besitz nur zu kaufen, um ihn dann wieder dem leichtsinnigen jungen Menschen in dankbarer Erinnerung an seinen Vater zu Füßen zu legen? O nein, so verrückt war sie nicht. Lipsius schritt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und nieder. Gab es Mißverständnisse zwischen ihm und der Tochter in bezug auf Herrn von Diesberg? Es war kaum möglich. Oder doch – es war möglich. Sie faßte seinen Leichtsinn harmloser auf. Es war das rasche Blut seines Vaters, nur ungezügelter und vegetativer brausend. Sie war duldsam, wo er herbe urteilte. Sie gestand zu, bei ihrem kaum anders als flüchtigen Begegnen mit ihm seinen Charakter noch keineswegs voll erkannt zu haben, aber sie sah doch unter der Krume seines marksteinlosen flüchtigen Seins fruchtbare Keime und sagte, man müsse ihn schonend behandeln. Schonend behandeln, dieser Mahnung Reginas entsann sich Lipsius. Schulterzucken und ein aufblitzendes Lächeln aus dem Hochmut der Mundwinkel. Er rückte an seinem Augenglase. Schonung üben war nicht seine Art, wo er eine strengere Auffassung für richtig hielt. Aber auch er hatte es gut gemeint mit dem jungen Diesberg. Er wollte erzieherisch auf ihn einwirken, er wollte ihn zur Arbeit zwingen, er sollte seine Schulden abverdienen. Da war der Mensch einfach davongelaufen. Wie konnte man diesem unverbesserlichen Hartkopf gegenüber eine »Grundlage« finden, um ihm ein Verbleiben auf der alten Scholle zu ermöglichen? – Ein Klopfton erklang an der Tür. Die Tür öffnete sich, Regina lugte in das Zimmer. »Stör' ich den väterlichen Freund?« fragte sie. »Biene sagt, Baron Diesberg sei hier gewesen, da bin ich neugierig geworden ...« V. Regina trat ein. Sie war in Hut und Mantel. »Ich komme von einer Vorlesung bei der Gräfin Düren«, fuhr sie fort, dem Vater die Hand reichend. »Ein neuer Autor sollte eingeführt werden, ein Neoimpressionist. Er stieß mit der Zunge an und las durch die Nase. Also Herr von Diesberg war hier. Erzähle.« Sie setzte sich an den großen Tisch. Lipsius ließ sich ihr gegenüber nieder. In die Steinkohlenfarbe seiner Augen trat ein ängstlich zögernder Ausdruck. Der Tochter gegenüber fühlte er sich immer etwas befangen. »Ja,« antwortete er, »Diesberg kam her – er hatte schon gehört, daß mir Bärwalde zugeschlagen worden ist –« »Ah, also doch«, fiel Regina freudig ein und lüftete ihren Schleier. In den matten Amaryllton ihrer Wangen mischte sich noch eine lebhaftere Blutfarbe von dem raschen Gange in freier Luft. Sie war dunkel wie der Vater, nur die Augen hatten eine helle Tönung, wie Seewasser, in das der Morgenschein fällt. »Ja,« erwiderte Lipsius, »ich habe es gegen Herrn Simmens behalten können. Freilich glaube ich, daß ich es überzahlt habe. Ein Geschäft ist es nicht.« »Soll es ja auch nicht sein. Nun weiter.« »Diesberg wollte es mir wieder abpachten.« »Sehr gut! Ganz meine Idee.« »Aber nicht die meine. Regina, das wäre unmöglich. Ich muß doch ein wenig, ein wenig kaufmännisch denken. Die jammervolle Wirtschaft unter Diesberg kann nicht weitergehen.« »Du sprachst von einem tüchtigen Administrator. Den könnte man ihm zur Seite geben.« »Richtig. Diesberg hatte zunächst andere Pläne, seine alten Gestütspläne gemeinsam mit seinem Nachbarn Simmens.« »Ich weiß. Seine Liebhaberei. Er ist ein glänzender Sportsmann.« »Leider ein schlechter Rechner. Simmens ist ein guter Rechner, aber ein kaltblütiger Spekulant, der über Leichen geht. Seine Beteiligung paßt mir nicht. Diesberg ließ denn auch den Vorschlag fallen und wollte sich mit einer Stellung als Oberinspektor begnügen.« »O – sieh da!« rief Regina, ihre Handschuhe abstreifend. »Soviel Vernunft hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Aber er hängt an Bärwalde. Oberinspektor, eine bescheidene Stellung für den bisherigen Besitzer!« »Doch auch eine, die er nicht ausfüllen kann. Liebe Regina, Bärwalde ist so heruntergewirtschaftet, daß da eine sehr kräftige und zugleich umsichtig schaffende Hand vonnöten ist. Das sagte ich Diesberg unumwunden und bot ihm daher an, zunächst – zunächst unter Herrn von Otten, dem neuen Verwalter, zu arbeiten.« Regina überlegte. Sie stützte das Kinn in die schmale Hand, eine Hand so fein und sprechend geformt wie die des Vaters. »Ich verstehe das nicht ganz«, antwortete sie. »Diesberg sollte Untergebener des Verwalters sein, Unterinspektor, Beihilfe?« Lipsius wurde verlegen. Von neuem zuckten die Schulterknochen. »Es war nicht so gesagt,« erwiderte er, »aber Diesberg wurde gleich heftig und hochfahrend und – brach die Verhandlung ab.« Irgendein rasch einsetzender neuer Denkvorgang überschattete das Gesicht Reginas mit tiefem Ernst. »Brach die Verhandlung ab«, wiederholte sie. »Was heißt das?« »Herrgott,« rief Lipsius, »er ließ mich kaum aussprechen, es paßte ihm schließlich alles nicht mehr, da ging er sans adieu davon! Sollt' ich ihm nachlaufen?« Regina ballte ihre Handschuhe zusammen. »Also Bruch zwischen euch?« fragte sie. »Ich wollte ihn nicht. Der junge Herr wird wiederkommen.« »Das bezweifle ich ...« Sie zog im Sitzen ihren Mantel aus und ließ ihn hinter sich über die Stuhllehne fallen. Dabei sprach sie weiter, anscheinend gleichmütig, doch mit einem dunkleren Fall der Stimme: »Papa, ich bedauere, daß du so wenig auf meine Wünsche eingegangen bist.« »Wie waren diese Wünsche?« »Diesberg auf Bärwalde zu belassen.« »Wollte ich. Er sollte auch das Wohnrecht im Schlosse behalten. Aber freie Hand in der Bewirtschaftung konnte ich ihm nicht geben. Ausgeschlossen. Später vielleicht, wenn ich erst sehe, daß man ihm Vertrauen schenken kann. Ist das so unverständig?« »Nein. Es ist nur die Frage, wie du ihm das alles gesagt hast. Das Wie wird das Maßgebende gewesen sein. Ich kenne ja deine Art, du verzeihst mir. Du gehst immer im Angriff vor und wirst erbittert über jede Defensive. Du bist leicht verletzend, auch wenn du es nicht so meinst. Und Leute, die bitten müssen, haben ihre besondere Empfindlichkeit. Haben zuweilen auch einen knabenhaften Trotz – diese Menschen vom Schlage Diesbergs. Papa, ich bin sowieso deine Erbin: schenke mir Bärwalde.« Lipsius fuhr auf. Ein kurzes gewolltes Lachen kam. »Um es ihm weiterzuschenken«, rief er. »Das würde er nicht annehmen. Aber es könnte mir gelingen, ihm mehr Entgegenkommen zu zeigen als du. Damit wäre viel gewonnen.« »Inwiefern gewonnen?« »Er würde bleiben – und eins ist sicher: wenn er Bärwalde für uns verwaltet, würde sein Verantwortungsgefühl sich steigern. Eigener Besitz zerrinnt ihm zwischen den Fingern. Wenn er für Fremde arbeitet, wird es sein Stolz sein, zu zeigen, was er leisten kann.« »Du setzest viel Gutes bei ihm voraus, Regina. Begreifst du, daß dein auffallend warmes Interesse für diesen Bankerotteur mich eigentümlich berührt?« Regina senkte den Blick. In der glatten Mahagoniplatte des deckenlosen Tisches spiegelte sich ihr Gesicht. Sie sah den Niederschlag ihrer Augen und hob wieder in rascher Bewegung den Kopf, als wollte sie andeuten, daß sie keine Scham fürchte. Es flockte nun auch ein Widerschein wie von innerer Sonne, der Glanz eines beglückenden Gedankens, über den Schnitt ihrer Züge und ließ die herbe Regelmäßigkeit ihrer Schönheit weich und zärtlich-anmutsvoll erscheinen. Sie sagte: »Ja, Papa, ich begreife das. Aber sieh, ich liebe diesen Mann.« Das sprach sie ruhig und sanft, mit einem Unterton, der um Verständnis zu bitten schien. Und das war nötig, denn sie wußte, daß nun eine harte Auseinandersetzung kommen würde. Doch der Vater achtete auf seine Gesundheit. Er wollte nicht heftig werden, weil sein Herz das nicht vertrug. Er vermied auch eine gallige Antwort, gespickt mit den kleinen Bosheiten seiner erzwungenen Aszese, weil ihm sehr wohl bekannt war, daß Regina derlei nur als »dialektisches Geräusch« zu betrachten pflegte. Er behielt anscheinend seine Gelassenheit und auch seine väterliche Würde bei, stützte sich stark auf die Armlehnen seines Sessels und entgegnete: »Ein Geständnis, Regina, gut. Ich danke dir für die Ehrlichkeit. Aber du mußt mir als Vater zu deiner Herzenssache schon einige Fragen erlauben.« »Bitte.« »Hast du dich mit Herrn von Diesberg bereits aussprechen können?« »Nein.« »Bist du des Glaubens, daß er deine Neigung erwidert?« »Nein.« »Ist dir bekannt, daß man in seinen Kreisen davon spricht, Graf Pakisch auf Freilehningen betrachte ihn bereits als seinen Schwiegersohn?« »Ich habe unter der Hand das Gegenteil gehört. Graf Pakisch wünscht keineswegs eine Verbindung seiner ältesten Tochter mit Herrn von Diesberg. Das Verhältnis der beiden, die Vetter und Cousine und in der Nachbarschaft miteinander aufgewachsen sind, soll zudem mehr ein harmloser Flirt als ein ernsthafterer Herzensbund sein.« »Du bist gut orientiert. Vielleicht haben deine Quellen dich auch darüber aufgeklärt, daß Herr von Diesberg ein liederlicher Verwalter seines Eigentums, ein törichter Verschwender, ein Spieler und Frauenjäger ist.« Reginas ebereschenrote Lippen umspielte ein aus phantastischer Vorstellung geborenes Lächeln. »Das würde mich nicht stören«, antwortete sie. Unwillkürlich schlossen die Finger des Vaters sich zu Fäusten zusammen. Er wollte auffahren, doch er atmete nur schwer und tief. Seine Stimme klang verändert, kam wie aus zugeschnürter Kehle, als er sagte: »Du bist mir unverständlich. Du weißt nicht einmal, ob der Mann dich wiederliebt.« »Es genügt, daß ich ihn liebhabe.« »Aber mein Gott, das ist unter den obwaltenden Verhältnissen doch eine aussichtslose Neigung, armes Kind!« »Ich glaube nicht, Papa. Ich glaube, daß ich in Jahresfrist seine Frau sein werde.« Lipsius schnellte mit dem Oberkörper aus dem Lederpolster des Sessels. Im Schwarz seiner Augen stiegen Funken auf. »Und ich?« rief er. »Habe ich – habe ich denn gar nichts zu dieser Verrücktheit einer hemmungslosen Mädchenseele zu sagen?« Sie hob bittend die linke Hand. »Rege dich nicht auf, Papa. Wir plaudern nur miteinander. Wir tauschen unsre Ansichten aus. Und fragst du mich nach der meinen, so muß ich dir antworten, daß ich über mich und mein Schicksal allein zu bestimmen habe. Ich lebe mein eigenes Leben und trage die Verantwortung dafür in mir selbst.« »Nein,« zürnte Lipsius, »ich bin auch noch da, ich bin der Vater, und die größere Verantwortung ruht auf mir! Und ich werde nicht dulden, daß du dich – im sinnlichen Rausche eines Augenblicks in dein Verderben stürzst!« Bei diesen Worten stieg ein stärkerer Blutfluß in ihr Gesicht. »Ich verstehe, was du damit sagen willst«, entgegnete sie. »Du möchtest mir Niederes anhängen, rein Triebhaftes. Ja, Papa, ich müßte nicht eine gottlob gesunde Natur sein, wollte ich nicht auch ein frohes Begehren kennen. Aber unabhängig von der Leidenschaft ist mein sittliches Wollen – oder laß mich so sagen: es geht Schritt für Schritt mit meinem Gefühl. Ich habe die tiefinnere Überzeugung, daß ich für Diesberg glückbringend sein werde. Was du an ihm verurteilst, steigt nicht aus dem Inneren. Glaube mir, er ist ein sehr guter Mensch. Er braucht nur eine Frau, die ihm nicht allein Liebe zu geben vermag, sondern die auch klug genug sein muß, ihn durch ihre Liebe zu leiten.« Der Geheimrat lachte kurz und heiser. Sein in krankhafte Mischfarben getauchtes Gesicht hatte den Ausdruck einer stilisierten Maske. »Phrase«, sagte er. Jetzt ging seine Stimme zum Angriff vor, und der Ton biß. »Aufgelesene Redensarten. Du eignest dich trefflich zur Erzieherin dieses Wüstlings. Du ihn leiten – ich fürchte, es wird umgekehrt kommen! Hätte ich schon früher gewußt, was du mir heute verraten hast, ich würde anders gehandelt haben, meine liebe Regina. Aber noch ist es ja nicht so weit, noch hast du ihn nicht gefangen, und ich werde dafür Sorge tragen, daß dir das nicht gelingt. Ich sagte dir vorhin, er wird wiederkommen. Laß es meine Sache sein, daß er dies Haus nicht mehr betritt. Aber ich stelle dir frei, ihm nachzulaufen. Dann würden auch wir beide geschiedene Leute sein.« Nun kam der Anfall, den Regina gefürchtet hatte, als schon zwischen die ersten spitz herausgeschleuderten Worte verkürzte Atemzüge traten. Lipsius sank in den Stuhl zurück. Die bräunlichen Töne in seinem Gesicht hoben sich stärker ab, die blaugrünlichen verdämmerten. Die zitternde Rechte suchte unter dem Rock nach der Weste. Regina sprang auf und stürzte zu ihm. Sie griff in seine Westentasche und zog ein schmales, kleines Fläschchen hervor, das sie an seine Lippen setzte. Dabei berührte ihr Mund küssend seine Stirn. – * – – Als Diesberg aus dem Hause trat, war der Herbstabend völlig über die Stadt gesunken. Erni schritt rasch die Straße hinab, ohne zu grübeln, ein leeres Gefühl im Hirn. Er wußte noch nicht, daß man ihm hier in ähnlicher Weise wie in Freilehningen die Schwelle zu verbieten gedachte, aber er wußte, daß nun Bärwalde auf immer für ihn verloren war. Er ging an den weißverhängten, von innen hellerleuchteten Fenstern eines Weinrestaurants vorüber. Da meldete sich plötzlich sein Magen. Er hatte seit dem ersten Frühstück nichts genossen, er hatte Hunger. Ohne zu zögern, trat er in das Lokal, ließ sich die Speisekarte geben und bestellte eine Flasche Champagner. Dann steckte er sich noch eine Zigarette an, streckte die Beine und versank in Nachdenken. Verflucht, verflucht! Was war nun zu machen? Vom Hinterschädel an ging ein prickelndes Empfinden über seine Kopfhaut. Verkaufen, sagte er sich, was noch zu verkaufen ist, dann einpacken und nach Amerika auswandern, um Cowboy zu werden. Dazu langte es gerade. Der Kellner brachte den Sekt, hastig leerte Diesberg das erste Glas und versuchte seine Gedanken zu gliedern. Bei einem Glase Schaumwein gelang ihm das immer am besten. An den Geheimrat dachte er grollend zurück, doch ohne Wut. Die war verschwirrt. Er sah das Gesicht des grimmigen Alten wieder vor sich, und unwillkürlich züngelte ein Lächeln um seinen Mund. Ein Gesicht wie eine japanische Maskenschnitzerei. Und der Mann hatte Gift in den Adern, das er verspritzen mußte, der Mann war auch ein Banause, der Mann mochte ein berühmter Anwalt sein, war aber ein kleinlicher Mensch. Wohnrecht im Schlosse hatte er ihm gnädigst bewilligt – als Unterbeamtem seines Verwalters, der ihn nach Gefallen schurigeln konnte. Vielleicht kam auch der Herr Geheimrat mit der gnädigsten Tochter einmal nach Bärwalde, und der Besitzer von vorgestern konnte dann zum Empfange bereitstehen ... Ja, dies Fräulein Tochter. Das war also gleichfalls eine Täuschung gewesen. Hätte sie wirklich etwas für ihn übriggehabt, dann würde sie den Herrn Vater ... aber es lohnte sich nicht, über die Leute sich noch den Kopf zu zerbrechen, die Geschichte war aus, und auch die fünfzigmal wiederholte Frage: warum hat Lipsius Bärwalde gekauft? fand ihre Lösung. Das Gut war einfach Spekulationsobjekt für ihn. Ex est cantus – – und wie nun weiter?« Der Kellner servierte den Hummer, und Diesberg speiste mit gutem Appetit. Bärwalde war also verloren. Natürlich durch seine Schuld – er hatte gewaltige Dummheiten gemacht und mußte Reugeld bezahlen. Das ließ sich nicht ändern. Aber ganz verzweifelt stand die Situation doch noch nicht. Zahlenreihen gingen durch seinen Kopf. Im Grunde genommen war augenblicklich Geheimrat Lipsius sein Schuldner, nicht mehr sein Gläubiger. Denn er mußte den Betrag für Bärwalde auszahlen, und da verblieb für den Vertriebenen noch immer eine recht hübsche Summe, die es ihm ohne weiteres ermöglichte, sich mit den Manichäern auseinanderzusetzen. Schön. Dann kam Simmens an die Reihe. Der hatte noch ein Paar Pferde von ihm, aber es war die Frage, ob Lipsius nicht behaupten würde, die Gäule gehörten mit zum lebenden Inventar von Bärwalde. Auch die Verrechnung mit Simmens hatte seine Schwierigkeiten. Das Kontokorrent mit ihm beschränkte sich auf flüchtige Eintragungen in dem Notizbuch. Indessen Simmens war ein ehrlicher Freund, und mit seiner Hilfe hoffte Erni sich eine neue Zukunft aufzuzimmern. Man konnte zusammenbleiben und das Gestüt in Burgersroda weiterführen. Der Verkauf der Bärwalder Schloßeinrichtung, die ja persönliches Eigentum war, mußte unbedingt einige hunderttausend Mark bringen, und die wurden natürlich in das Gestüt gesteckt ... Diesberg leerte schluckweise sein Glas. Er dehnte die Grenzen seiner Phantasie, er sah wieder rosiger in das Leben. Er konnte vorläufig bei Simmens auf dem Schloßvorwerke wohnen, und wenn das Gestüt sich entwickelte und alles gut ging, traf er mit Simmens ein Abkommen, kaufte oder pachtete das Vorwerksschlößchen, richtete sich da behaglich ein und heiratete die Annelene ... Nun brachte der Kellner das Fleischgericht. Während Erni weiterspeiste, wohnte er schon im Schloßvorwerk. Das war ein kleiner Rokokopavillon, den ein früherer Besitzer von Burgersroda, ein Graf Tessin, für seine verwitwete Schwiegermutter hatte erbauen lassen, reizend gelegen, etwas verwahrlost, aber leicht wieder auf anständigen Fuß zu bringen. Und da schwankte Diesberg denn doch, ob es zweckmäßig sein würde, das Mobiliar in Bärwalde schlankweg zu verkaufen. Nein, zuerst mußte das Vorwerksschlößchen hübsch und geschmackvoll eingerichtet werden; doch das enthielt nur vier oder fünf Räumlichkeiten, es blieb also noch genug übrig, was man verkloppen konnte. Bärwalde war ja vollgestopft mit allerhand Antiquitäten! – Erni sah nach der Uhr. Er hatte noch Zeit, einen Schluck Kaffee und einen Kognak zu trinken, dann zahlte er und machte sich langsam auf den Weg zum Bahnhof. Er ging wieder zu Fuß, fand noch ein Juweliergeschäft offen und sah im Schaufenster einen schmalen goldenen Armreifen mit einem Herzchen als Anhängsel, den er für Annelene kaufte. Sie sollte wissen, daß er an sie gedacht hatte. Im Coupé drückte er sich in eine Ecke und schlief ruhig und sorgenlos. Auf der Station wartete bereits Strygowski mit der schönen Rosa und fuhr ihn in raschem Tempo durch dickgeballte herbstliche Nebelschwaden nach Bärwalde zurück. Gerrlich und die Mamsell standen am erleuchteten Portal, die Mamsell hatte auch Abendbrot vorbereitet, doch Erni dankte für alles und schickte die Leute zu Bett. An ihren Mienen sah er, daß die Nachricht von dem Verkauf Bärwaldes schon durch die Luft geflogen war, daß man Bescheid wußte. Zunächst versuchte er noch eine telephonische Verbindung mit Freilehningen zu erreichen. Es gelang, der Wassergraf meldete sich auf der anderen Seite. »Guten Abend, Onkel Malte«, rief Erni. »Ich will nur kurz berichten. Der Herr Geheimrat hat einen so flegelhaften Ton angeschlagen, daß ich auf weitere Verhandlungen mit ihm verzichten mußte. Ich will morgen zu Simmens und mache bei dir auf ein Viertelstündchen halt, um dir noch Näheres zu erzählen.« »Also nichts mit Lipsius,« nölte Pakisch in das Telephon, »also alles perdü?« »Bärwalde ist perdü,« gab Erni verärgert zurück, »aber meine Wenigkeit ist noch da und quietschlebendig und wird sich erlauben, dir neue Vorschläge zu unterbreiten.« »Na, da bin ich begierig«, sagte der Wassergraf. Dann mußte er das Sprechrohr abgehängt haben, denn Erni hörte nichts mehr von ihm. Er steckte sich noch eine Beruhigungszigarre an, nahm einen Band von Sybels Deutscher Geschichte zur Hand und setzte sich vor den Kamin. Für Feuer hatte Gerrlich gesorgt. * Beim Frühstück am nächsten Morgen erschien Isenau mit den Büchern. In seinem verquollenen Gesicht glimmten die roten Augen. Aber er hatte den Mund wehmütig verzogen und schnaufte durch die Nase, als ob er das Heulen zurückhalten wollte. »Es ist alles in Ordnung, Herr Oberleutnant – Herr Baron, wollte ich sagen. Die Leute sind ausbezahlt, und auch der künstliche Dung ist bestellt. Bloß wenn er nicht bald kommt, ist es zu spät für diesmal.« »Das ist Sache des neuen Herrn«, erwiderte Diesberg. Isenau machte eine erschreckte Bewegung. »Es soll ja ein Herr aus Berlin sein«, sagte er. »Da werd' ich wohl packen können.« »Das können Sie auf alle Fälle, Isenau. Je schneller Sie sich drücken, um so besser für Sie. Aber nehmen Sie nur das mit, was Ihnen gehört. Strygowski soll vorfahren. Adieu.« Es war noch immer Nebelwetter. Die Krähen hatten nasses Gefieder und hüpften schwerfällig über die Felder. Durch die Luft ging ein leichtes klingendes Tropfen. Bei der Einfahrt in den Park von Freilehningen sah Erni die jüngsten vier Komtessen. Sie kamen trotz der Kälte aus dem Badehaus am Flusse, hatten blaurote Gesichter und schwenkten jubelnd ihre Frottiertücher. Der Wassergraf war in den Ställen und mußte erst geholt werden. Erni traf im Schlosse Fräulein von Hübner und fragte nach Annelene. »Stubenarrest«, antwortete die Hübner in bedauerndem Tone. »Hörrjö, warum denn?!« rief Erni. »Ich weiß es nicht, Herr von Diesberg. Der Herr Graf hat befohlen, daß sie auf ihrem Zimmer bleibt.« Da schob sich Pakisch in seinem Schiefschritt in das Gartenzimmer. Er sah verrückt aus. Er trug seine Flauschjoppe, aber darunter anscheinend nichts, denn ein Stück der Brust war nackt und ebenso der lange Hals mit dem knochigen Adamsapfel. Auf dem Kopf saß eine uralte farblose Mütze, weit in den Nacken geschoben, die Beine steckten in grauen Hosen aus dickem Stoff, die oberhalb der Knöchel mit Bindfaden zusammengeschnürt waren. Er ging barfuß, und die Füße waren im Hof und in den Ställen sehr schmutzig geworden. »Guten Morgen, Ernst«, sagte er und reichte Diesberg den rechten Zeigefinger. »Geh immer in mein Zimmer, ich will mich bloß säubern.« Die Säuberung betraf nur die Füße. In seinem Schlafgemach stand schon die Wanne mit eiskaltem Wasser. Dann legte er seine Sandalen an und begab sich in sein Arbeitszimmer, durch dessen offene Fenster jeder Windstoß den Nebel wehte. Aber Diesberg war es gleichgültig, er hatte sich bereits unterwegs den Schnupfen geholt, eine im Gutsbezirk von Freilehningen unbekannte Krankheit. Nun sollte er berichten und tat es und knüpfte an die mit realistischem Humor vorgetragene Schilderung seiner Niederlage bei Lipsius auch gleich mit sieghafter Hoffnungsgebärde die Aussichten, die ihm für die Zukunft vorschwebten. Aber er hatte damit wenig Glück bei dem alten Grafen, der ihm schweigend und mit ziemlich finsterer Miene zuhörte und nun in seinem gewöhnlichen langweiligen Nörgelton sagte: »Ich kann nicht beurteilen, ob du dich bei Lipsius leidlich verständig oder ungewöhnlich dämlich benommen hast. Aber mir scheint doch mehr das letztere der Fall gewesen zu sein, denn ganz gewiß steckte hinter seinem Anerbieten einer Lehrzeit ein gesunder und für dich günstiger Gedanke. Der Mann hat einfach zunächst sehen wollen, wie du dich weiter entwickeln wirst. Du hast ihm Versprechungen gegeben, wie du sie mir gemacht hast – aber das kann jeder. Lipsius hat eine Beweisführung verlangt, und ich kann ihm darin nur recht geben. Hättest du seinen Vorschlag angenommen und dich bewährt, mir scheint, da wäre es gar nicht so ausgeschlossen gewesen, daß er dir später allein die Verwaltung von Bärwalde übertragen hätte. Darauf deutet auch schon seine Geneigtheit hin, dich im Schlosse wohnen zu lassen. Er hat augenscheinlich gar nicht die Absicht, sich selbst in Bärwalde festzusetzen ... ich kann mir nicht helfen, ich habe immer noch die Idee, daß er es in Erinnerung an deinen Vater quasi für dich gekauft hat, daß er sich aber erst einmal davon überzeugen wollte, ob du nun wirklich gesonnen bist, das alte Lotterleben aufzugeben. Das kann ich ihm keinen Augenblick verdenken. Ich glaube, du hast die Situation gehörig verbubanzt. Vielleicht hätte dir Lipsius Bärwalde testamentarisch vermacht, wer kann es wissen!« »Wenn du bei meiner Unterredung mit dem Geheimrat Zeuge gewesen wärst,« erwiderte Erni, »würdest du jedenfalls andrer Ansicht sein. Schließlich packte er mich an meiner Ehre – und da hab' ich mich denn empfohlen, um nicht noch gröber zu werden als er.« »Na, nu sieh nur zu, was von deiner Ehre übrigbleibt«, quarrte der Graf. »Bei Simmens wird sie ja gut aufgehoben sein.« »Kannst du ihm etwas Unehrenhaftes nachsagen, Onkel Malte?« »Hab' ich gar nicht getan. Er ist mir bloß zu merkantil veranlagt. In dieser Beziehung könntest du freilich ein bißchen von ihm lernen. Das wird ja auch geschehen, wenn ihr euch erst als Pferdeschmeißer etabliert habt.« Diesberg griff nach seinem Hut. »Darf ich Annelene begrüßen?« fragte er. »Nein, mein Junge, die bleibt auf ihrem Zimmer. Der möchte ich nun endlich mal diese ganz unnötigen Aufregungen ersparen, und deshalb habe ich ihr gestern abend – als du weg warst, hatten wir noch ein kleines Pourparler – habe ich ihr erklärt, daß ich die Verlobung unter allen Umständen erst nach zweijähriger Bedenkzeit zugeben werde. Richte auch du dich danach, wenn ich geneigtest bitten darf.« »Und so lange soll ich Änneli überhaupt nicht sehen?« rief Diesberg empört. »Das wird von dir selbst abhängen, lieber Sohn. Ich stehe auf dem Standpunkt des Geheimrats Lipsius, ich bin durchaus seiner Ansicht, daß du gewissermaßen zur Arbeit genötigt werden mußt. Ein Zwang muß hinter dir her sein, anders geht es nicht. Du hast noch Zeit vor dir, und Annelene hat es erst recht nicht eilig. Merke ich, daß du auf dem Wege bist, ein tüchtiger Kerl zu werden, so sollst du mir wieder willkommen sein. Das fasse ganz freundschaftlich auf, ich stehe dir durchaus nicht feindlich gegenüber, im Gegenteil, ich habe dich lieb, du bist auch vom Blute der Pakisch, und wenn ich dir irgendwie einmal helfen und nützen kann, es soll gern geschehen, gern. Aber über meine Brut bin ich Wächter. Das Getändel mit der Änneli ist so ernst geworden, daß ich einschreiten muß. Ich sage nicht, daß ich sie dir verwehre. Ich sage: hol' sie dir, doch erst, mein Junge, wenn du ihrer wert geworden bist.« Diesberg neigte den Kopf und drückte stumm die Hand des Grafen. Er wollte gehen, jedes weitere Wort war unnütz. Aber er hatte noch den Armreif für Annelene in der Tasche, den zog er nun hervor. »Ein Abschiedsgeschenk für Änneli, Onkel Malte«, sagte er. »Gib es ihr, sie soll an mich denken, wenn sie es trägt.« Pakisch öffnete das Etui. »Torheit«, antwortete er. »Das bist du, wie du im Buche stehst. Hast eben eine Million verloren und kaufst nutzloses Geschmeide ...« Er klappte das Etui wieder zu ... »Ich werde das Armband einschließen. Es soll dein Verlobungsgeschenk sein – wenn es so weit ist ...« Nun fuhr Diesberg weiter durch leise rieselnden Regen und fühlte, daß das Herz ihm doch verdammt schwer in der Brust hing. Nicht nur Bärwalde war futsch, auch seine kleine Annelene entzog man ihm und setzte ihn auf Wartezeit. Arbeiten sollte er lernen – Teufel, war er denn bisher ein Faulpelz, war er wirklich ein Müßiggänger gewesen? Er sträubte sich dagegen, das war zum Donnerwetter nicht wahr! Als der Vater gestorben war, hatte er sich kopfüber in die Landwirtschaft gestürzt – keine leichte Tätigkeit für den bisherigen Dragoneroffizier, aber er lernte den Rummel, er war in aller Frühe auf den Beinen und rackerte über die Felder, und in dieser ersten Zeit hatte er auch Glück gehabt, er konnte mit den Ernten zufrieden sein, er konnte seine Zinsen bezahlen. Freilich, der eine Vorwurf war nicht zu umgehen: als er sich passionierter dem Sportlichen zuwandte, blieb die Landwirtschaft liegen. Man kann nicht so recht zweien Herren dienen – oder man muß sich auf Teilung der Arbeit verstehen, ein Kunststück, das nicht jeder fertig bringt. Immerhin, faul war er auch damals nicht gewesen – das Zureiten der Gäule nahm allein schon gehörig seine Zeit in Anspruch, und als er dann mit der Zucht begann, hatte er alle Hände voll zu tun. Hatte auch Pech – und natürlich, das »Nebenbei des Rennplatzes«, wie Geheimrat Lipsius sich ausdrückte, das sprach ja auch mit ... leichtsinnig war er schon gewesen, aber kein Müßiggänger ... Es war ein schwacher Trost, den er sich selbst zurief. Es war überhaupt kein Trost. Seine Zigarre kohlte in der Nieselluft. Er saß zusammengedrückt, den Kragen seines Gummimantels über die Ohren geschlagen, den lockeren Hutrand tief in die Stirn gewulstet, auf dem Wagen und ließ Strygowski fahren. Es dämmerte wieder die Lust in ihm auf, den ganzen Krempel liegen zu lassen und auszuwandern. Ein alter Kamerad, auch dermaleinst ein leichtsinniger Hund, hatte sich in Argentinien eine Estanzia gekauft, und es ging ihm gut. Er lockte in seinen Briefen. Da saß man in der Wildnis, aber war doch ein freier Mann und brauchte sich nicht von Hinz und Kunz belehren und Grobheiten sagen zu lassen. Annelene würde sich schon trösten. Zwei Jahre lang sollte er sie überhaupt nicht sehen – Zeit genug zum Vergessen ... »Hallo, wer da!« rief eine Stimme. Aus dem Nebel wuchs ein Reitersmann. Simmens galoppierte heran, die Hufe des dicken Braunen klatschten auf der feuchten Erde, der Schmutz spritzte. Über den gelben Waterproof rann Helles Wasser. » How do you do , Erni, das ist ein Schweinewetter, willst du zu mir?« »Ja, Edward, wir haben doch noch mancherlei zu besprechen.« »Natürlich. Ist deine Sache all right ?« »Nee, im Gegenteil, gar nicht.« »Ich reite voran und braue uns einen Grog ...« Es klatschte wieder und spritzte. Diesberg wischte sich einen Schmutzer aus dem Gesicht. Er brummte ... Nun saß er mit Simmens in der sogenannten Kajüte des Herrenhauses von Burgersroda, einem gemütlichen kleinen Zimmer, das ganz wie eine Schiffskabine eingerichtet war. Gläser und Whisky standen auf dem Tische, im silbernen Kessel unter der Spiritusflamme sang das Wasser. Simmens hatte seine kleine Stummelpfeife zwischen den Zähnen, Diesberg kaute an einer dicken Upmann. Sie schmeckte ihm nicht, er war bestürzt und verärgert über die Art, wie der Burgersrodaer seine Mitteilungen aufnahm. »So geht das nicht, wie du dir das denkst«, sagte Simmens. »Ich hatte mit Sicherheit auf Bärwalde gerechnet, und schließlich hoffte ich noch auf einen Ausgleich mit diesem Untier, dem Lipsius. Daraus ist nichts geworden, und wir sind die Reingefallenen. Ohne deine Wiesen ist an eine wirksame Fortführung des Gestüts nicht zu denken, jedenfalls an keine Vergrößerung. Ich werde natürlich meinen Stall nicht aufgeben, will ihn aber verkleinern. Nun habe ich noch die drei Gäule von dir in Pension. Da müssen wir uns erst mal auseinandersetzen. Einen Augenblick, ich hole die Bücher.« Er wollte sich erheben, doch Diesberg hielt ihn am Arm fest. »Laß heute die Rechnerei,« bat er, »ich habe nicht den Kopf danach. Also die Gestütsfrage ist erledigt?« »Notgedrungen. Für den Stall behalte ich noch Cullon als Trainer und Stone für die Jockeirennen.« »Und für die Herrenreiten?« »Ich denke, da wirst du mir treu bleiben, old boy .« »Ich denke nicht so. Früher war das etwas anderes. Da machten wir gemeinsame Sache. So etwas schwebte mir wieder vor. Aber ich merke, du zuppst zurück. Mir lag an einer Befestigung des Stalles, bei dir gehen die Tiere hin und her.« »Falls ich auf diese Weise ein Geschäft machen kann, of course !« »Diese Weise paßt mir eben nicht mehr. Wenn ich einen Gaul so eingeritten habe, daß er mir im Sattel die besten Chancen bietet, will ich ihn auch nicht wieder verlieren, weil es dir plötzlich einfällt, ihn zu verkaufen. Ich denke anders über die Tendenzen des Rennwesens.« Mister Edward blies eine dicke Rauchwolke aus seiner Pfeife. »Du bist von gestern zu heute verflucht moralisch geworden«, antwortete er. »Übrigens hat sich mir Reitzenstein schon vor Wochen angeboten, auch Kronau, als ich seine Tuberose kaufte. Warum bist du so ausfallend? Ich weiß wahrhaftig nicht, was du willst. Du kannst doch mir keine Vorwürfe machen, daß dieser ekelhafte Geheimrat Bärwalde partout hat an sich bringen wollen. Ich bin mitgegangen, soweit ich es verantworten konnte. Frage den Wassergrafen. Na, und nun biete ich dir an, es bei dem alten kameradschaftlichen Verhältnis zu belassen. Du bist doch bisher mit deinen Gewinnritten auf meinen Gäulen zufrieden gewesen. Selbstverständlich stelle ich dir auch das Schloßvorwerk zur Verfügung, wenigstens ein paar Zimmer, die werden dir ja vorläufig genügen.« »Natürlich genügen sie mir,« rief Diesberg erregt, »ich kann in einem Schuppen wohnen, wenn es darauf ankommt, das schiert mich nicht! Aber es handelt sich um etwas anderes. Ich muß mir eine neue Existenz zimmern. Drüben in Freilehningen wartet ein liebes Mädel auf mich. Die gemeinsame Gestütsgründung hätte Grundlagen für den Wiederaufbau schaffen können. Alles war verabredet, aber nun schnappst du. Daß die Bärwalder Wiesen eine Notwendigkeit sein sollen, ist eine plundrige Ausrede. Wir können uns unten am Fluß neue Wiesen anlegen. Du willst nicht mehr. Als Reiter möchtest du mich behalten, Seite an Seite mit deinem Jockei – dafür danke aber ich wieder, das ist nicht die Zukunft, die ich mir wünsche.« Simmens quirlte mit dem Löffel in seinem Glase. »Mit dir ist nicht zu streiten«, erwiderte er. »Ich habe dir von vornherein erklärt, daß ich ohne Bärwalde mich auf eine Zucht in größerem Stile nicht einlasse. Dabei bleibe ich. Erni, nimm mir's nicht übel, du bist ein Narr. Pakisch hat dich an die Luft gesetzt, aber in Freilehningen hängt dein Herz noch fest. Wenn man gezwungen ist, alle Brücken hinter sich abzubrechen, räumt man auch mit unnötigen Sentiments auf. Du kannst verdammt bessere Partien machen als das Barfüßele da drüben. Mein lieber Bursche, du hast die Wahl: Amerika, die Kugel oder eine reiche Frau. Ich würde mich an deiner Stelle für das letztere entscheiden. Kapital verbleibt dir ja noch, verkaufe deinen Schloßplunder und gehe auf Reisen. In Sankt Moritz erwartet man vielleicht dich schon.« »Danke schön für den guten Rat«, sagte Diesberg und erhob sich. Bei strömendem Regen fuhr er nach Bärwalde zurück. Am nächsten Morgen mußte er im Bett bleiben. Gerrlich telephonierte gegen den Willen seines Herrn an den Kreisarzt, der einen Luftröhrenkatarrh konstatierte und weitere Bettruhe in Verbindung mit feuchten Umschlägen verordnete. Nun hatte Erni genügend Zeit, über seine Lage nachzudenken. Mit Simmens war er fertig. Der war kein Helfer in der Not, sondern ein kühler Geschäftsmann. Er konnte sich Reitzenstein für seine Gäule heranholen oder den kleinen Kronau. Diesberg ließ sich Schreibzeug und Briefpapier an das Bett bringen und schrieb an Simmens, er möge ihm seine Abrechnung schicken. Aus den paar Bleistiftnotizen in seinem Taschenbuch wurde er nicht klug. Die sehr höflich gehaltene Antwort traf umgehend ein. Danach schuldete er Simmens rund einundzwanzigtausend Mark. Die Aufstellung war eine ganz genaue, auch der Pensionspreis für die drei Pferde in Ansatz gebracht. Doch bot ihm Simmens den Ankauf der Gäule für siebzigtausend Mark an. Diesberg lachte. Lieber verschenkte er sie, ehe er sie dem Burgersrodaer ließ. * An dem Tage, da er zum erstenmal wieder aufstehen durfte, wurde ihm Herr von Otten gemeldet. Das war der neue Verwalter, jetzt ging die Geschichte im Galopp. Diesberg empfing ihn im alten Arbeitszimmer seines Vaters. Er wollte sehr kühl und förmlich sein, aber Auftreten und Erscheinung des Mannes war so, daß er sofort eine sympathische Regung spürte. Auf einem hünenhaften Körper saß ein Kopf von aristokratischer Prägung mit einem höchst eindrucksvollen, besonnenen, wohlmeinenden Gesicht, energisch, fast heroisch im Schnitt der Züge, doch mit einem liebenswürdigen Lächeln um den Mund. »Verzeihung, Herr von Diesberg,« sagte er, »ich höre vom Diener, daß Sie krank gewesen sind. Wenn ich heute störe, spreche ich ein andermal vor.« »Sie stören nicht, Herr von Otten, es war nur eine leichte Erkältung, die mich ein paar Tage an das Bett fesselte. Hat man Ihnen denn einen Wagen an die Station geschickt?« »Ich habe mir da selbst einen Bauernwagen genommen, ich bin ja eigentlich noch nicht zuständig, denn die Auflassung ist noch nicht erfolgt. Aber Fräulein Lipsius war der Ansicht, daß ich Ihnen in dieser Zeit des Übergangs vielleicht dienlich sein könnte, und so hielt ich mich nicht weiter an die Formalität.« Diesberg wurde fast ein wenig verlegen. Er bot Herrn von Otten einen Stuhl an und erwiderte: »Selbstverständlich, daß diese Formalitäten bei mir ebensowenig mitsprechen. Ich betrachte mich nicht mehr als den Besitzer von Bärwalde, wenn auch die Auflassung an den neuen Herrn noch nicht stattgefunden hat.« »Sie wird aufgeschoben werden müssen, da Geheimrat Lipsius unpäßlich ist. Jedenfalls hat sein Fräulein Tochter mich ausdrücklich beauftragt, Sie zu bitten, das Schloß nach wie vor als Ihr Eigentum zu betrachten, da es zu andern Wohnzwecken doch nicht benutzt werden soll. Und wenn ich Ihnen im übrigen irgendwie hilfreich oder nützlich sein kann, so bitte ich nur über mich zu verfügen. Ich bin in ähnlichen Verhältnissen wie die Ihren sozusagen groß geworden, verstehe mich auf die Behandlung von Gläubigern arischer und semitischer Abkunft und habe in Chile sogar einmal den Abgesandten eines römisch-katholischen Bischofs verprügeln müssen, weil er bei meiner damaligen Wirtschafterin den Seelenfang allzu realistisch betrieb.« Herr von Otten sagte dies alles wie beiläufig, aber der etwas kratzige Humor seiner Äußerungen wirkte auf Diesberg erheiternd. »Sie waren in Südamerika?« fragte er. »Ja. Mein Vater besaß eine Herrschaft in Ostpreußen und ging dort koppheister. Weniger durch eigene Schuld als durch betrügerische Manipulationen eines sogenannten Freundes. Damals war ich erst neunzehn Jahr, lernte aber die Schlechtigkeit der Menschen bereits zur Genüge kennen. Das ekelte mich an, und so wanderte ich denn aus.« »Ich trage mich mit ähnlichen Absichten«, sagte Diesberg, und sofort fiel Herr von Otten ein: »Bei Ihnen liegt doch noch alles anders, Baron Diesberg. Soweit ich die Sachlage überschauen kann, ist es die Absicht des Geheimrats Lipsius, Ihnen keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten – im Gegenteil, sie Ihnen nach Möglichkeit aus dem Wege zu räumen. Er würde es gern sehen, wenn Sie hierblieben, wenn Sie auch mittätig sein wollten in der Betreuung des Guts. Wobei ich hinzufügen möchte, daß für mich selbst das natürlich ungemein erfreulich sein würde, ich bin ein alter Praktikus und gewissermaßen Spezialität in der Aufwirtschaftung devastierter Besitzungen – verzeihen Sie die Offenherzigkeit –, aber ich kenne hier Land und Leute noch nicht und würde es sehr dankbar begrüßen, wenn Sie, sagen wir, mich einführen wollten. Daß wir uns bei gemeinsamer Tätigkeit gut vertragen würden, dafür glaube ich bürgen zu können.« Erni unterdrückte ein Lächeln. Jetzt spricht Dame Regina, sagte er sich. Sie möchte sich doch noch als guter Engel bewähren. Sie hat mit ihrem Vater ein Palaver gehabt, sie hat diesen Herrn von Otten bearbeitet, sie will mich zurückführen zur reinen Tugend und auf die Wege des Guten. Alle Welt will mich »Arbeit lehren«. »Der Geheimrat selbst schlug mir Ähnliches vor«, antwortete er. »Aber sein Stimmklang war mir zu unmusikalisch. Sie kennen den Herrn?« »Ich habe ihn nie gesprochen und nie gesehen. Mein Engagement erfolgte durch den Rechtsanwalt Detmold, mit dem ich weitläufig verwandt bin. Er hat mir auch die nötigen Aufklärungen gegeben und als Vertreter des Geheimrats Lipsius eine Bescheinigung zu meiner Legitimierung, die ich Ihnen vorlegen möchte.« Er zog seine Brieftasche und öffnete sie. Doch Diesberg verwahrte sich dagegen. »Ist nicht nötig,« sagte er, »ich bitte Sie, lassen Sie stecken, Herr von Otten; für die nächste Zeit bin ich allerdings gezwungen, noch hierzubleiben, und da bin ich denn natürlich auch gern bereit, Ihnen nach Möglichkeit zur Hand zu gehen. Es ist vieles vernachlässigt worden, es muß manches geändert werden.« »Dazu wurde ich genötigt, wohin ich kam. Es ist mir auch immer eine besondere Freude. Je verwahrloster der Besitz ist, auf dem ich Ordnung schaffen soll, um so lieber ist es mir. Dann kann ich vom Fundament aus anfangen.« »Das Fundament ist das Wackligste«, entgegnete Diesberg. »Seine letzte Stütze war eine brüchige Säule ...« Er klingelte und befahl Gerrlich, Isenau zu rufen. »Isenau ist schon vor drei Tagen ausgerückt«, meldete Gerrlich. Diesberg fluchte, und Herr von Otten lachte. »War Isenau der Inspektor?« fragte er. »Ja – ein versoffener Satansbraten.« »Seien Sie froh, daß er fort ist. Ich soll seine Wohnung übernehmen.« »Das geht nicht so schnell. Ich muß mich erst umtun, wie es da aussieht. Gerrlich, die Mamsell soll für Herrn von Otten das gelbe Fremdenzimmer herrichten. Herr von Otten nimmt auch mit mir die gemeinsamen Mahlzeiten ein. Gib mir vom Schreibtisch die Bücher des Inspektors. Dann kannst du wieder gehen ... Herr von Otten, wenn es Ihnen recht ist, gehen wir nun einmal die Rechnungsbücher, die Inventarlisten, die Leutejournale durch und was da noch vorliegt. Ich gebe Ihnen zu den einzelnen Punkten die nötigen Erklärungen. Nachher können wir durch die Ställe gehen. Viel ist da freilich nicht mehr zu sehen.« »Wir werden sie wieder auffüllen.« »Reparaturen sind überall nötig. Nur die Paddocks sind neu. Dabei eine Frage. Ich hatte es aus Liebhaberei mit einer kleinen Gestütsanlage versucht, beim drohenden Zusammenbruch aber die letzten Zuchtpferde – es sind noch drei – bei einem Nachbar untergebracht. Gelten diese Gäule als mein persönliches Eigentum oder zählen Sie die mit zum Inventar des Guts?« Herr von Otten schob den Kopf ein wenig zur Seite. Er hatte sehr hübsche stahlfarbene Augen, die manches zu verbergen wußten, jedenfalls nicht immer gleich alle Seelenhintergründe entschleierten. Jetzt aber trugen sie sichtlich den Ausdruck heiterer Verschmitztheit. »Da ich den Auftrag habe,« entgegnete er, »Ihnen in jeder Weise entgegenzukommen, so möchte ich Ihnen die Entscheidung überlassen. Ich übernehme Ihre Vierbeiner auch gern zu einem zivilen Preise – die Paddocks sind ja doch einmal angelegt, und Pferdezucht in vernünftigen Grenzen rentiert sich immer.« »Das ist auch meine Ansicht, aber der Geheimrat will nichts davon wissen.« »Ist mir unbekannt. Ich habe zudem völlig freie Hand in allen Bewirtschaftungsfragen. Nur unter dieser Bedingung habe ich die Stellung akzeptiert. Also, Herr von Diesberg, nun wollen wir uns einmal mit Ihren Büchern beschäftigen. Zunächst die Inventarverzeichnisse, wenn ich bitten darf ...« Am Mittagstische saßen sich die beiden gegenüber. Der Keller Diesbergs war noch gut gefüllt. Rubinfarbiger Haut-Brion leuchtete in den Gläsern. »Auf Ihr Wohl, Herr von Otten«, sagte Diesberg. »Vorläufig kann ich Sie ja noch als Gast begrüßen. Oder nein – wir sind Gäste des Geheimrats Lipsius, so ist es. Gleichviel. Jedenfalls freue ich mich, daß er Sie zu der Verwaltung bestallt hat. Bärwalde liegt nun in guten Händen.« »Es fällt Ihnen sehr schwer, es fortgeben zu müssen, nicht wahr?« »Ich dachte rascher darüber hinwegzukommen. Aber es ist die alte Heimat. Vielleicht vergesse ich das schneller, wenn ich erst transatlantisch geworden bin.« »Lieber Herr von Diesberg, lassen Sie doch Ihre argentinischen Pläne. Ich erzähle Ihnen gelegentlich, wie es mir in Chile ergangen ist. Das Leben da unten ist ein beständiger Faustkampf. Bleiben Sie ruhig auf der väterlichen Scholle.« »Als ewiger Gast eines Fremden – nein.« Herr von Otten hielt sein Glas gegen das Licht. Dann nippte er und stützte in sinnender Gebärde den Kopf in die Hand. »Ich schaue noch nicht klar in die Verhältnisse hinein«, entgegnete er. »Detmold sagte mir, der Geheimrat habe Bärwalde aus alter Freundschaft für Ihren Herrn Vater ersteigert. Das hat wohl seine Richtigkeit, denn er verzichtet darauf, sich hier sässig zu machen. Auch sein Fräulein Tochter. Und es wäre schon möglich, daß dies Fräulein Ihnen späterhin den Rückkauf erleichtert.« »Aber, Herr von Otten,« rief Erni, »ich bitte Sie, wenn Fräulein Lipsius mir auch weitgehende Erleichterungen gewährt – ich muß doch bezahlen, bezahlen! Und wovon? Sie vergessen, daß ich ein armer Deubel bin.« »Sie sind noch unverheiratet, jung, hübsch, Freiherr.« »Versteh' schon. Die berühmte gute Partie. Dazu hat mir erst vor ein paar Tagen mein Nachbar Simmens geraten. Fräulein Regina Lipsius, nicht?« »Es wäre die beste Lösung.« »Nachdem mich der Vater ...« Er stürzte den Wein in die Kehle ... »Phantasien, Herr von Otten. Die Leute wissen ganz genau, was sie wollen. Außerdem – bin ich gebunden.« Herr von Otten schaute ihn interessiert an. »Schon verlobt?« »Gebunden«, wiederholte Diesberg. »Reich?« »Nee.« Herr von Otten wurde wieder sinnend. Seine Augen tieften in die Röte des Bordeaux. Diesberg zwang ein Lächeln um seine Lippen. »Ich weiß, was Sie denken«, sagte er. »Daß ich ein Dummkopf bin, denken Sie.« »Nein,« antwortete sein Gegenüber, »ich dachte, daß der Detmold, mein Vetter Detmold, doch ein ziemlicher Esel ist. Aber es ist schon am besten, wir lassen das Thema fallen. Also morgen geht's über die Felder. Der letzte Dung muß schleunigst in die Erde, ehe der Frost beginnt. Und Ihren verflossenen Isenau, den bringen wir vor den Staatsanwalt ...« VI Es kamen unruhige Tage. Natürlich wußte man schon über den Kreis hinaus bis in alle Winkel des Regierungsbezirks, daß Bärwalde verkauft worden war; auch die kleinen Klatschblätter hatten sich damit beschäftigt, und eine Zeitung hatte sogar eine genealogische Ausgrabung versucht und erzählte ihren Lesern von dem Prinzen Springinsfeld und der schönen Bäckermeisterstochter, den Stammeltern des Freiherrn von Diesberg. Das war Erni nun freilich ziemlich gleichgültig, er machte selbst zuweilen sein Scherzchen über die Ururgroßmutter aus dem Bäckerladen hinter der Nikolaikirche zu Zerbst. Unangenehmer war ihm dagegen die erhöhte Beachtung seiner Gläubiger, die sich plötzlich in ungeahnter Fülle meldeten. Sie trafen zum Teil auch persönlich ein; ein Düngemittelgeschäft und eine Motorenfabrik schickten ihre Vertreter, ein Berliner Schneidermeister erschien höchstselbst, Hirsch Seligmann fuhr in einem eleganten Einspuz vor das Schloß und hatte seine Nichte bei sich, kam aber nur, wie er sagte, um sich einmal nach dem Befinden des Herrn Barons zu erkundigen, und tat auch sonst sehr leutselig. Es ratterte und klapperte jetzt viel auf die Rampe. Irgendwie war verbreitet worden, Diesberg wolle die ganze Schloßeinrichtung verkaufen, Agenten meldeten sich, der dicke Baron Brenkenhoff, eine seiner schwarzen Zigarren im rechten Mundwinkel, wollte zwei Waschtische und ein paar Schränke haben, der Landrat von Gaedechens telephonierte, er reflektiere auf das Mobiliar eines Fremdenzimmers. Herr von Otten hatte sich inzwischen im Amtshause angesiedelt. Da hatte er vier Zimmer für sich, sie waren mäßig ausgestattet, aber eigene Möbel schon unterwegs. Er ging mit Feuereifer ins Geschirr, er war im Morgendämmer auf, und oft sah man ihn noch vor dem Schlafengehen mit einer Laterne in der Hand durch die Ställe wandern. Geld schien keine Rolle zu spielen. Das eiserne Inventar wurde vervollständigt, der laue Herbst gestattete noch umfangreiche Reparaturen an den Gebäuden, Maurer und Zimmerleute arbeiteten im Hofe, neue Scharwerker wurden eingestellt, das Brillengesicht eines Sekretärs tauchte auf, ein Tippfräulein in roter Bluse erschien und brachte die Maschine mit. Vorläufig speiste Herr von Otten noch im Schlosse, später wollte er sich eine Köchin in das Amtshaus nehmen. An den Abenden saß er gewöhnlich ein Stündchen mit Diesberg zusammen, dem der kluge und tätige Riese von Tag zu Tag besser gefiel. Dieser Otten mit dem harten Stahl in den Augen war guter ostpreußischer Schlag, aber in der Fremde gewitzigt geworden, in Wissen und Können hatte er eine unverlegene Art, in seinem festen Draufgängertum weitsichtige Ziele. »Herr von Diesberg,« sagte er ihm gelegentlich bei einer Flasche Steinberger (denn Diesberg wollte den Weinkeller leeren, ›ehe es zu spät wurde‹), »lassen Sie mich die Sache mit Ihren Gläubigern in die Hand nehmen. Setzen Sie mir eine Liste auf, geben Sie mir Ihre Rechnungen, in vier Wochen sind Sie ein freier Mann und singen.« Mit Herrn Simmens in Burgersroda wurde zuerst abgerechnet. Herr von Otten fuhr hinüber und kam lachend zurück. »Dieser Master ist aus der Schule von Manchester,« sagte er, »aber ich bin auch kein Greenhorn. Zweitausend Mark in seiner verwickelten Aufstellung habe ich schlankweg gestrichen, der Mann rechnet wie Jules Verne, und sein Pensionspreis für die Gäule ist eine Frechheit. Ich weiß auch nicht, ob er die Prämien für Ihre Gewinnritte immer nach Recht und Pflicht notiert hat – das wollen wir auf sich beruhen lassen. Von Ihren Gäulen nehme ich die beiden Stuten zurück, den Hengst habe ich ihm verkauft, da hat er gehandelt wie ein Mühlendammer, aber blechen mußte er doch, er braucht die Kreatur. Dreißigtausend Mark, Herr von Diesberg – die legen wir für Hirsch Seligmann zurück, der kommt morgen an die Reihe ...« Auch die Auflassung erfolgte nun, der kranke Lipsius wurde dabei durch Detmold vertreten, der Diesberg den überschüssigen Rest der Kaufsumme in bar auszahlte. Jetzt wollte Erni schleunigst seine Wechsel- und Schuldangelegenheit mit dem Geheimrat geordnet wissen, aber es stellte sich heraus, daß das für den Augenblick unmöglich war, Lipsius mußte das Bett hüten, und Detmold erklärte, für diese Privatsachen nicht zuständig zu sein. Inzwischen durchfegte Herr von Otten weiter die Gläubigerliste Diesbergs. Alle Rechnungen wurden auf Heller und Pfennig bezahlt, doch es wuchsen in der Umgegend auch noch einige Wucherpflanzen, die einer Sonderbehandlung bedurften. Es waren dies kleine Agenten, Holz-, Getreide- und Pferdehändler, die sich nebenbei mit Geldgeschäften befaßten und unverschämte Prozente verlangten. Die gedachte Herr von Otten auf seine Art zu kurieren. Er lud sie zu einem bestimmten Abend in sein Amtszimmer, es waren ihrer sechs Kerle mit schlauen Gaunergesichtern und unterwürfigen Mienen, mit vorgeschobenen Schultern geduckt schreitend, ein galizischer Handelsmann darunter mit tatarischen Zügen und gefettetem Haar und ein aus Rasse und Art gefallener reicher Bauer, der jeden Satz mit seinem Ehrenwort bekräftigte. Sie schurrten vor der Stube lange mit ihren Stiefeln auf dem eisernen Schmutzbrett, traten dann ein, wünschten gesegneten guten Abend und drängten sich an der Wand. Nun las ihnen Otten erst den Wucherparagraphen aus dem Strafgesetzbuch vor und eröffnete ihnen sodann, daß er von dem Herrn Baron von Diesberg beauftragt worden sei, gegen die geehrten Anwesenden Klage wegen Bewucherung zu erheben. Einen Augenblick herrschte dräuende Stille, eine halbe Minute lang lebte alles im Bann der Furcht, hierauf hub ein zeterndes Durcheinander an, jeder beschwor die getroffene Abmachung, der Galizier beim Gott seiner Väter, der brave Bauersmann mit seinem Ehrenwort. Es war ein wildes Geschrei, doch Otten blieb zähe, sechs Prozent Verzugszinsen bewilligte er und als Zugabe noch eine feine Zigarre, direkt aus der Havanna bezogen, und ein Glas Punsch. Dabei rief er mit einer Stimmgewalt, als gelte es Sturm: »Fräulein Schauroth!« – und nun öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer, und das Tippfräulein mit der roten Bluse trat ein, lieblich lächelnd, unter dem Arm eine Zigarrenkiste und in den Händen eine mächtige Terrine, der Dampf und Duft entquollen. Allmählich legte sich das Getöse, man lenkte ein, man wollte verhandeln, man machte Vorschläge, doch Otten hatte bereits das Geld für jeden einzelnen abgezählt und die Quittungen ausgeschrieben und donnerte jetzt wieder los: »Also, meine Herren, entweder – oder! Hier liegt meine Uhr, fünf Minuten warte ich noch. Wer nicht will, mache die Tür von außen zu ...« Wispern und Flüstern, erregte Mienen, heftige Gesten, zugleich rasches Erfassen der Lage – die fünf Minuten waren noch nicht verflossen, da hatte männiglich unterzeichnet und sein Geld eingestrichen. Nun waren alle sehr freundlich und griffen fußkratzend in die Zigarren und ließen sich Punsch einschenken. »Auf das Wohlgedeihen des Herrn Barons«, rief Otten. Da nahm der ehrliche Bauer das Wort, das hielt er für schicklich. »Auf Ehrenwort,« sagte er mit starker Betonung, »das ist ein Edelmann. Wir trinken zu seinem Wohle!« – Es gab auch noch ein zweites Glas, und eine zweite Zigarre, eine Havanna von der tiefbraunen Sorte mit gelben Flecken, bekam jeder in die Hand. Hierauf empfahl man sich. Manche gelangten erst nach Überwindung von Widerständen und Hemmnissen an den heimischen Herd, andere legten sich zu Hause gleich in die Betten und klagten, ihnen sei schlecht. Otten hatte dem Punsch nämlich einen Zusatz gegeben, bestehend aus einer Flasche Rhabarberwein, und was diese Tinktur nicht zuwege brachte, vollendete der prima Tabak aus der pfälzischen Havanna. »Es ist die lindeste Strafe und zugleich eine gesunde,« sagte er, als er in das Schloß kam, »hier sind die Quittungen, Herr von Diesberg, nun sind Sie ein schuldenfreier Mann.« Diesberg bedankte sich herzlich und lachte über den Rhabarberpunsch. »Sie sind ein erfindungsreicher Kopf, Herr von Otten,« antwortete er, »das gehört mit zu Ihrem Wesen, es ist verwirklichte Phantasie und Sinn für lustige Abenteuer. Also jetzt bin ich wirklich sozusagen ein freier Mann, das kommt mir ganz komisch vor, und fast ist mir, als fehle mir etwas. Aber ich glaube, man gewöhnt sich auch daran, nicht jeden Morgen auf dem Frühstückstische ein paar Rechnungen zu finden und seinen Gläubigern in lieber Erinnerung zu sein. Ganz zu Ende gekommen bin ich übrigens immer noch nicht, ein Gläubiger ist mir geblieben. Mit Lipsius käme ich gern ins Reine – hoffentlich ist er bald wieder gesund.« Aber er gesundete überhaupt nicht mehr. Als der erste Schnee fiel, erhielten Diesberg wie Otten die von Regina unterzeichnete Anzeige, daß ihr Vater nach längerem Leiden sanft an einem Herzschlage verschieden sei. Otten wollte der Einäscherung beiwohnen, auch Erni entschloß sich dazu, er hatte im Hause des Verstorbenen verkehrt und wünschte Regina seine versöhnliche Stimmung zu zeigen. In der Kuppelhalle des Krematoriums lag die Stille der Feier über einer großen Trauerversammlung. Zahlreiche Berufsgenossen des Geheimrats hatten sich eingefunden, auch Herren der Regierung und die Vertreter gemeinnütziger Vereine, des Gerichts, des Magistrats, der Parlamente – sie standen stumm vor ihren Plätzen, die Zylinderhüte in den Händen, und zwischen sie schoben sich die dunkel verschleierten Gesichter der Damen, meist Freundinnen Reginas, die ganz allein auf einem Sessel, von Zwergpalmen und Rhododendren umgeben, vor dem Sarge saß. Rechtsanwalt Detmold hatte sie in die Halle geführt, Verwandte besaß sie nicht, außer einem Bruder ihres Vaters, der Professor in Bonn war, derzeit aber in Florenz weilte und sich mit einer Beileidsdepesche begnügt hatte. Diesberg hatte noch einen freien Stuhl in der zweiten Sitzreihe gefunden, von der aus er zwischen den Schultern eines behäbigen Börsianers und einer kleinen hüstelnden Frau Regina deutlich sehen konnte. Sie hatte, als der Chorgesang begann, den langen Schleier über die rechte Schulter gelegt und zeigte das blasse Gesicht, das Diesberg heute zum ersten Male ungewöhnlich schön fand. Es lag doch ein großer ästhetischer Reiz in der stolzen Regelmäßigkeit ihrer Züge, der harmonischen Gliederung des Profils, das etwas kühl und herbe erscheinen konnte, aber durch das Auge belebt wurde. Das Auge, von langen dunkeln Wimpern umkränzt, war seegrün, doch vielleicht infolge eines Lichtreflexes hatte Diesberg den Eindruck, als sei diese Grundfarbe goldig überpudert. Regina weinte nicht. Sie saß fast regungslos in ihrem Sessel und schaute mit leicht gesenktem Blick in das Grün der Pflanzen und in die ungeheure Blumenfülle, die einen Bogen über den Sarg spannte. Die Feier währte endlos. Ein halbes Dutzend Redner pries den Verstorbenen als Menschen, als Juristen, als Politiker, als Mitglied der Kinderhilfe, als Ehrenvorsitzenden des Vereins für graphische Künste, als Begründer des Lipsiusschen Waisenhauses – es war eine zähe Ruhmredigkeit, die endlich der Geistliche mit dem Segen abschloß. Dann hub wieder Orgelspiel und Gesang an, und langsam versank der Sarg in die Tiefe, und jetzt ging über die Züge Reginas ein Ausdruck lösender Weichheit – sie schloß die Augen und drückte ihr Taschentuch gegen das Gesicht. Ein Schwarm von Menschen umdrängte sie, um ihr ein paar gleichgültige Beileidsworte zu sagen. Diesberg fand diese übliche Kondolationskur herzlos und grausam und hielt sich zurück. Aber als der Rechtsanwalt Detmold Regina aus der Halle führte, traf ihn ihr Blick. Sie blieb einen Augenblick stehen, ihr Gesicht hellte sich auf, sie gab ihm die Hand und sagte: »Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr von Diesberg ...« Er verneigte sich tief, und sie schritt weiter. Draußen hielt ihr Auto, der Diener stand am Schlage, Detmold, immer den Hut in der Hand, half ihr beim Einsteigen und setzte sich dann ihr gegenüber auf den Rücksitz. Sie blieb stumm und hatte wieder den verdüsternden Schleier vor dem Gesicht, auch Detmold sprach nicht, er dachte an einen Prozeß, der ihn in Anspruch nahm, und nebenbei auch an eine neue Novelle, die seiner Abendstunden Muße füllte. Aber da sah er, daß Regina sich bewegte und den Schleier ein wenig über dem Munde lüftete. »Lieber Freund Detmold,« sagte sie, »bei Herrn von Diesberg ist mir eingefallen – es müssen im Geheimschrank Papas noch irgendwelche Papiere von ihm liegen, die bitte ich mir zu übergeben.« Der Rechtsanwalt neigte den Kopf. »Sehr wohl, gnädiges Fräulein«, erwiderte er. – * Am Nachmittag ließ sich die Gräfin Düren bei Regina melden und wurde angenommen. Die rundliche kleine Frau stürzte ihr in der ewigen Hast ihres Temperaments mit ausgebreiteten Armen entgegen und schloß sie an sich. »Meine liebe, liebe Regina,« rief sie, »seien Sie mir nicht böse, daß ich der Trauerfeier nicht beiwohnen konnte. Es ging beim besten Willen nicht, ich hatte nämlich – erschrecken Sie nicht – wieder einmal eine Vernehmung beim Staatsanwalt.« Regina führte sie zu einem Sessel. »Ich würde auch nicht böse gewesen sein, wenn ein anderer Grund Sie verhindert hätte«, erwiderte sie. »Ich hatte auf Schlichtheit und warme Herzen gehofft, aber es war eine frostige Feier voll akademischer Steifheit. Sechs Leute sprachen in Leitartikeln ... Was hatten Sie mit dem Staatsanwalt zu tun, Pauline?« Sie saßen sich gegenüber, die kleine Gräfin in einer dunklen Pelzjacke, mit einem etwas auffallenden Riesenhut, der sich über einem hübschen brünetten, sehr regsamen Gesicht türmte. »Ach – die alte Geschichte«, sagte sie, »wegen meines letzten Vortrags im Neuen Frauenverein – Sie waren nicht da.« »Thema: die freie Liebe«, schaltete Regina ein. Sie vermied dabei ein Lächeln. »Nein – die Hörigkeit des Weibes hieß das Thema. Aber allerdings, die Freiheit in der Liebesfrage spielte mit hinein, und da ich, wie immer, kein Blatt vor den Mund nahm, hat sich der Staatsanwalt entrüstet.« Regina lächelte nun doch. Sie hatte viel für die lebhafte Frau übrig und lag dabei häufig in Streit mit ihr. Die Gräfin Düren spielte eine große Rolle in der Frauenbewegung und war infolge ihrer radikalen Ansichten mit ihrer ganzen Familie zerfallen. Sie lebte getrennt von ihrem im Rheinischen ansässigen Gatten, verbarg aber nicht ihr Freundschaftsverhältnis zu einem jungen Komponisten, den sie aus dem Elend gezogen hatte. »Sie kennen meinen Widerstand gegen eine ungeregelte Form der Ehe,« sagte Regina, »wir haben öfters darüber gesprochen. Sie stößt jede Gesetzmäßigkeit des Eherechts über den Haufen.« »Es gibt Ausnahmefälle. Sehen Sie mich an. Seit vier Jahren dränge ich auf Scheidung meiner Ehe und kann sie nicht durchsetzen, weil die Gegenseite immer wieder neue Ausflüchte findet. Nach dem Gesetz bin ich also eine Ehebrecherin, wenn ich inzwischen ein Liebesverhältnis mit einem andern Mann eingehe. Da ich nun aber nicht geneigt bin, mich selbst auf Eis zu legen, so pfeife ich auf das Gesetz. Übrigens war das nur ein vereinzelter Punkt in meinem Vortrage, die Frage der Scheidungserschwerung. Ich habe das ganze Gebiet des Geschlechtsverkehrs behandelt und mich vor allem für die freie Liebeswahl des Weibes eingesetzt.« »Was verstehen Sie darunter?« »Das Allernatürlichste: daß auch ein Mädchen das Recht hat, dem Manne ihrer Neigung ihre Liebe zu gestehen. Das wird man heute noch unweiblich finden. Unweiblich ist ja unser ganzer Kampf um die Gleichberechtigung.« »Sie wissen, daß ich mich in diesem Kampfe auf Ihre Seite gestellt habe. Nur gegen Übertreibungen wehrte ich mich. Die Geschlechtsverschiedenheit macht auf manchem Gebiete Abweichungen unumgänglich. Das erkannte auch Bebel. Aber darin haben Sie zweifellos recht, daß an der Gleichberechtigung nicht nur der Kopf, sondern ebenso das Herz der Frau teilnehmen soll.« »Da wären Sie also nur theoretisch gegen das Recht der freien Liebe, Reginchen?« fragte die Gräfin, und Spottgekräusel überwölbte ihre Lippen. Regina wurde wärmer bei der raschen Wendung im flüchtigen Hin und Her der Unterhaltung. »Ich möchte nicht mißverstanden werden«, sagte sie. »Es gibt ganz gewiß unsichtbare Ordnungen im Leben der Gesellschaft, die den Menschen als geistiges und sittliches Wesen über das Animalische stellen. Zerstört man sie, so vernichtet man die Gesellschaft selbst.« »Das wäre an sich kein Unglück.« »Lassen Sie mich bei dem bleiben, was Sie vorhin berührten. Es zerbricht noch nicht die Fundamente der Gesellschaft, wenn die Frau in ihrer Liebeswahl für die Ehe so frei und ungehindert ist wie der Mann. Es wäre nicht einmal eine Erweiterung unserer Moralbegriffe, sondern nur eine Änderung in der gesellschaftlichen Gepflogenheit. Das, was wir heute Takt nennen, wurde zu anderen Zeiten belächelt. Es gilt nicht als taktlos, einen Mann durch die Miene und die Sprache der Augen fühlen zu lassen, was man für ihn empfindet, aber ihm zu sagen , daß man ihn lieb hat, ehe er selbst gesprochen, das würde unerhört sein.« »Ja, natürlich,« rief die Gräfin lebhaft, »unerhört, unweiblich, unschicklich, wahrscheinlich auch unsittlich! Es widerspricht ja der sogenannten guten Sitte. Und in diesem Falle noch mehr, weil bei der Liebe doch immer der eigensinnige geschlechtliche Instinkt der treibende Faktor ist, und den darf wohl der Mann ahnen lassen, doch nie das Weib. Und sehen Sie, Regina, das ist's, was ich so abscheulich finde, daß wir verbergen sollen, was die Natur uns schenkte, daß uns die Sitte quält, den Blutumlauf unsres Herzens zu hemmen statt ihn zu beschleunigen. In hundert-, hunderttausend Fällen ist die Ehe noch immer eine Zwangsinstitution. Äußere Gründe sprechen mit, Geld- und Sippenfragen, und gewöhnlich ist ein dritter der leitende Teil, sei's Vater oder Onkel, der Agent oder ein guter Freund. Der Mann wird dem Mädchen zugeführt, und immer ist nur er der werbende Teil, der Pfau, der das Rad schlägt und sein schönes Gefieder brüstet – der das Weib sich erobert. Versuchen Sie es einmal umgekehrt, Regina, zeigen Sie einem Mann Ihr offenes Herz und mühen Sie sich, ihn zu gewinnen, dann sind Sie sicherlich eine schlaue Kokette – und erzählen Sie ihm, wie lieb Sie ihn haben, dann steht die Gesellschaft Kopf!« »Es würde mich nicht anfechten«, erwiderte Regina, und ein Schatten des Sinnens strich durch ihr Auge. »Alles ist möglich – ich fand noch keinen, aber alles ist möglich. Möglich ist, daß ich einmal einem Mann begegne, der gleichgültig an mir vorüberschreitet, und der doch den Wunsch in mir weckt, ihn wiederzusehen – und ich lerne ihn kennen, und er verstrickt mich in einen unzerreißbaren Zauber –« »Alles ist möglich«, warf die Gräfin ein. »Und ich fühle, daß er nicht hellsichtig genug ist, mich zu begreifen, denn das Netzauswerfen verstehe ich nicht – glauben Sie, es würde mir an Mut gebrechen, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe?« Nun lachte die kleine Gräfin hell und lustig, erhob sich und gab Regina einen hörbaren Kuß. »Ja, das glaube ich, mein Schatz,« rief sie, »denn dazu würde eine nicht gewöhnliche Courage gehören, und die Gesellschaft hat uns zur Feigheit erzogen...« Sie schloß die Riegel an ihrer Pelzjacke und warf einen Blick in den Spiegel auf ihren Hut ... »Die Gesellschaft ist schuld an der Verkehrung aller Begriffe,« fuhr sie fort und schlug mit der flachen Hand wie in straffer Züchtigung auf das goldbraune Fell ihrer Muffe, »sie war immer die Erzieherin zur Falschheit und zur Komödie! Ist es nicht Blödsinn, daß das weibliche Geschlecht nicht wählen darf, sondern einfach gewählt wird ? Damit legt man den Weg frei zu einem psychologischen Betruge – jawohl! Wie es mir ergangen ist, so ergeht es unzähligen. Als man mir den Mann zuführte, den man mir zu geben wünschte, sah ich, er war hübsch und stattlich, und merkte auch, er war von leicht spielendem Geiste. Er gefiel mir, es war zweifellos eine gegenseitige Anziehung da, er belebte meine Phantasie, mit allem, was ich dachte, verknüpfte sich sein Bild. War es eine den Himmel zur Erde ziehende Liebe? Nein, es war Selbsttäuschung, Regina, er war der mir vorbestimmte Bräutigam, und da vollzog sich nun der übliche Prozeß, daß zu dem äußeren Gefallen an dem Mann ein gewisses Seelenverhältnis trat, daß man sich im übrigen bei den bräutlichen Schäkerstunden ganz gut amüsierte – und daß ich schließlich zu dem Glauben kam, ihm nun auch ein Herz voll Liebe schenken zu müssen. Aber das Herz ließ sich nicht belügen, das merkte ich nach der Hochzeit. Es war ein gegenseitiger Betrug, von meiner Seite aus ganz gewiß kein gewollter, es war mehr eine Nutzanwendung, wie der gesellschaftliche Schliff und sein ewiges Theaterspiel sie uns lehrt. Es war kein Funke dabei von dem, was Liebe heißt.« Auch Regina hatte sich erhoben, die Gräfin stand vor ihr, kleiner als sie, den Kopf gereckt, ein Leuchten in den dunklen Augen und ein hübsches Lächeln um den Mund. »Heut' weiß ich, was Liebe ist,« sprach sie hastig weiter und griff nach den Händen Reginas, »keine Anpassung geistiger Werte, nicht Achtung und Freundschaft und Pflichtgefühl, das alles ist Unsinn. Liebe ist eine seligmachende und auch verfluchte Realität, ist der höchste Instinkt und der vollkommenste Egoismus. Über Täuschungen und Verhüllungen bin ich hinweggeglitten. Illusion ist mir Wahrheit geworden. Ich ließ mich nicht mehr wählen, ich wählte selbst. Das konnte ich, die ich abseits der Gesellschaft stehe, wenigstens der meiner Kreise. Aber ob Sie das können, Regina? Nein, Regina, und ich rate auch nicht dazu. Man muß der Welt gegenüber sehr rücksichtslos sein, wenn man der eigenen Stärke nachgeben will ...« Sie schaute wieder in den Spiegel, rückte an ihrem Hut und zupfte an ihrer Jacke ... »So, nun bin ich fertig«, sagte sie. »Ich kam her, um Ihnen einen Kondolenzbesuch zu machen, und habe Ihnen eine Vorlesung gehalten. Streichen Sie aus in Ihrem Köpfchen, was ich geschwatzt habe, es braucht nicht haften zu bleiben. Addio, Liebchen ...« Wieder küßte sie Regina rechts und links auf die Wangen und huschte hinaus. Es war bei ihr immer ein Huschen und Fliegen, etwas eigentümlich Schwerloses, ein Temperament, das nur durch den Vorzug guter Nerven einigermaßen Bändigung fand. Regina streckte sich auf ihren Liegestuhl und zog ein Fell über die Beine. Sie fröstelte ein wenig, obwohl die Luft warm durch das Zimmer strich. Sie fühlte sich auch ermüdet durch die herzglanzlose Feier des Vormittags und hätte gern ein halbes Stündchen geschlafen. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Das Geplauder der Gräfin läutete noch durch ihr Hirn, ein Läuten wie von Osterglocken mit schrill aufschreienden Tönen dazwischen. Lebte diese frische, kleine Frau wirklich in restlosem Glück mit dem von ihr Erwählten, oder war auch das nur Einbildung und Selbstüberredung, ein phantastisches Schwärmen, das die Wirklichkeit betrog? Sie wirbelte durch eine Jagd von Eindrücken, sie ging immer mit dem Modernsten und liebte heftigen Widerspruch gegen das von gestern, sie griff auf, was der Allgemeinsinn verketzerte, und war lustig in der Opposition gegen Alteingeführtes. Sie war gut zu leiden, auch in ihren Übertreibungen, und Regina stritt gern mit ihr, weil sie lockeren Geistes war und eine behende Zunge hatte in der Verteidigung ihrer Ansichten. Freilich, ihren Herzauserwählten, den Pol ihrer Sehnsucht, hätte Regina nicht lieben können, dagegen wehrte sich ihr Geschmack. In einer musikalischen Soiree bei der Gräfin war ihr der junge Künstler einmal vorgestellt worden, ein bleicher Gesell von haarbuschigem Typus, mit Gluderaugen und der Gebärde der Genialität, ein Geigenspieler aus einer verschobenen Ahnenkette Paganinis. Aber darauf kam es nicht an. Für sie war er der Begehrte, aus metaphysischen und physischen Gründen, ganz gleich, und da hatte sie ihn sich erwählt, zum Spott und Lachen einer kleinen Welt, die in anderen Anschauungen lebte. Regina bohrte den Kopf tief in das weiche Seidenkissen. Das war die »freie Liebe«, für die schon die George Sand in ihren Emanzipationsbestrebungen mit theoretischem Feuer eingetreten war, dem auch das Feuer der Praxis nichts nachgab. Regina fühlte, wie der Blutzulauf in ihre Wangen das Kissen hitzte, wie in Gedankenübertragung und gestaltender Phantasie ererbte Scham ihr Gesicht rötete – o nein, sie war nicht wie Gräfin Düren, sie war keine Revolutionärin gegen die bürgerliche Moral! Sie war nur ein verliebtes Mädchen, das im heißen Drange seiner Natur nach Mitteln und Wegen suchte, den zu gewinnen, der ihr Herz in allen Höhen und Tiefen füllte. Und da sie noch so dachte, in unbewußt grübelnder Selbstentschuldigung, fühlte sie etwas, das sie in schauerndes Empfinden tauchte: das sichere Bewußtsein, daß zwischen der freien Liebe der kleinen Gräfin und der Freiheit der Liebeswahl, wie sie sich sie auslegte, nur ein winziges Schrittmaß lag. Und in diesem Augenblick verlor sie das Begreifen von etwas Natürlichem, von dem Ewigkeitsfrühling junger Herzen und der Widerspruchslosigkeit ihres Sehnens, sie hörte wieder das Wort der Gräfin von der »verfluchten Realität« – und da kamen die Tränen ... * – – Diesberg hatte vor einigen Tagen einen Brief seines alten Freundes und Regimentskameraden aus Argentinien erhalten, der ihm alle halbe Jahre einmal schrieb und dem er auch regelmäßig antwortete. Diesmal zeigte Herr von der Gloehn ihm an, daß er sich mit einer reizenden (übrigens in Deutschland erzogenen) Argentinierin verheiratet und nun die Absicht habe, seine Estanzia zu vergrößern. Dazu suche er einen Kompagnon mit etwa zwei- bis dreimalhunderttausend Mark Einlage und frage an, ob Diesberg ihm in dieser Angelegenheit nicht behilflich sein könnte, falls er nicht selbst Lust hätte, den Sprung über das Wasser zu machen. Davon war schon früher die Rede gewesen, als Erni ihm in seinen Briefen mit Galgenhumor seine Nöte geklagt hatte, aber Gloehn ließ durchblicken, daß ihm in diesem Falle außer an fröhlicher Kameradschaft doch auch an einem beträchtlichen Kapitalseinschuß liege. Er begründete dies damit, daß alles in Argentinien der Natur des Landes gemäß auf den Großbetrieb zugeschnitten sei, zumal die Viehzucht, und daß die Preise für Zuchtstiere zur Veredlung der Herden ungeheuer hoch seien. Der Brief interessierte Diesberg lebhaft, vor allem das, was Gloehn über die gleichfalls beabsichtigte Vermehrung seines Pferdebestandes schrieb, den er durch die beliebt gewordenen Hackneys auffrischen wollte. Erni sprach mit Herrn von Otten über den Brief; der abermalige argentinische Lockruf erregte ihn, er suchte nach Neuland und fühlte sich hier nur als fünftes Rad am Wagen. Allerdings ging er Otten tatkräftig zur Hand, die ganze Art des Eingreifens dieses Mannes machte ihm Freude, und seine eigentümlich rhythmische Energie teilte gewissermaßen ihm selbst sich mit. Aber er empfand stark, daß er auf früherem Eigentum immer nur für Fremde tätig war, daß er auf seltsame Weise »in der Luft schwebte«. Er gab den Auswanderungsplan noch nicht auf, und um einmal klar zu übersehen, was ihm der Verkauf des Schloßmobiliars bringen könne, schrieb er einem Berliner Antiquitätenhändler, er möge eine Taxierung vornehmen. Es war ein alter Herr namens Fröbel, der sich schon einmal gemeldet hatte, als die Nachricht von der Versteigerung durch die Zeitungen gegangen war, und der eilends eintraf, um gleich acht Tage zu bleiben, denn die Aufnahme des Inventars und die Abschätzung ging natürlich nicht so rasch. Otten beobachtete diesen Hergang mit ironischem Lächeln. »Wollen Sie denn alles verkümmeln?« fragte er Diesberg, »wollen Sie nicht wenigstens Ihren Stiefelknecht behalten?« »Den fabriziere ich mir drüben selbst«, erwiderte Diesberg. »Natürlich alles – wenn ich schon auswandere, will ich auch die letzte Erinnerung an die alte Heimat löschen.« Dabei blieb er, er war jetzt hartnäckig geworden. Eines Nachmittags erklärte Herr Fröbel, nun sei er fertig, und legte Erni die seitenlange Aufstellung vor. Dazu gab er kurze Erklärungen. Ölbilder, Waffenschmuck, Teppiche, wertvolle alte Möbel, kostbare Nippes und derlei mehr hatte er mit festen Preisen versehen, den gewöhnlicheren Hausrat nur so ungefähr taxiert, es war möglich, daß der noch einen höheren Ertrag bringen konnte, darüber wollte er erst mit einigen kleineren Kollegen vom Fach verhandeln. Immerhin schloß die Aufstellung mit dreihundertzwanzigtausend Mark ab. »Lieber Otten,« sagte Diesberg am Abend, nachdem man Herrn Fröbel glücklich losgeworden war, »es liegt noch eine vereinsamte Magnumflasche Ayala im Keller, die müssen wir heute leeren. Mir ist unheimlich zumute. Ich bin plötzlich ein ungeahnt wohlhabender Mann geworden. Wenn der Antiquitätengreis mich auszahlt, besitze ich alles in allem ein rundes halbes Milliönchen. Das ist ein förmlich erschreckender Zustand, wenn ich mir daneben noch klarmache, daß kein Schuster und kein Schneider mir mahnend entgegentreten kann, und daß kein Wechselchen von mir mehr im Umlauf ist – mit Ausnahme ...« Er machte eine kleine Pause und schaute Herrn von Otten fragend an ... »Hatten Sie die Güte,« fuhr er fort, »noch einmal an Rechtsanwalt Detmold in meiner Angelegenheit zu schreiben? Ist er überhaupt der Nachlaßordner des Geheimrats?« »Jawohl, er ist es«, erwiderte Otten, »und hat mir auch heute geantwortet. Er stellt fest, daß sich im Lipsiusschen Nachlaß weder ein Wechsel noch irgendeine anders geartete Schuldverschreibung von Ihrer Hand vorgefunden hat.« Diesberg starrte in das kühlgewölbte Gesicht des Verwalters. »Bin ich denn verrückt geworden?« rief er. »Ich kann doch unmöglich ein halbes Jahr lang in Trance gelegen haben! Lipsius selbst hat mir gesagt, daß er die beiden Akzepte von den Kerlen, dem Schiemann und Reinecke, gekauft hat, und hat mir vorgerechnet, daß ich ihm insgesamt noch fünfunddreißigtausend Mark schuldig bin – ohne Zinsen oder mit Zinsen, das weiß ich nicht, aber der Summe erinnere ich mich genau! Die Papiere müssen doch da sein! Er hat sie vor meinen Augen in seinen beneidenswert geräumigen Geldschrank gelegt.« Herr von Otten zog die Schultern sehr hoch und zeigte ein völlig gepanzertes Gesicht. »Bedaure – ich kann nur wiedergeben, was mir der gute Detmold auf einem Briefbogen mit seiner Firma hat zutippen lassen. Und danach sind Sie ein völlig schuldenloses Menschenkind.« Diesberg schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das will ich aber nicht sein«, rief er heftig. »Jetzt habe ich Ehrgeiz bekommen, jetzt will ich tabula rasa machen. Ich will mir auch nichts schenken lassen, fällt mir ja gar nicht ein! Hören Sie, lieber Otten, es läge ja immerhin die Möglichkeit vor – die Möglichkeit, sage ich, daß Fräulein Regina, als Detmold ihr von meiner Schuld gesprochen, so von oben herab geäußert haben kann: Ach Gott, dem armen Plöter wollen wir die paar Kröten schenken! Sie kann sie natürlich entbehren, das macht ihr nichts. Aber mir ist es unangenehm, mich in eine Abhängigkeit der Dankbarkeit zu bringen, wo ich es nicht nötig habe. Otten, Sie haben ja nun doch einmal in Ihrer Allbarmherzigkeit für mich nutzloses Subjekt das Arrangement meines Debets übernommen, ich werde Ihnen einen Scheck über die fünfunddreißigtausend Mark geben – tun Sie mir den Gefallen und senden Sie ihn an Detmold mit der Bitte um Quittung. Ja?« »Natürlich – gern«, erwiderte Otten. »Den Erfolg müssen wir abwarten. Im übrigen habe ich nichts gegen die flüchtig erwähnte Magnumflasche. Bei ihrer Bergung können wir uns darüber unterhalten, ob wir den Hengst von dem Grafen Pakisch kaufen wollen oder nicht. Ein tüchtiger Kerl ist es, und gekört ist er auch schon. Freilich, wenn Sie nach Argentinien wollen – –, aber Ihr Stiefelknecht steht ja noch im Schlosse ...« Nach einigen Tagen traf die zweite Antwort des Rechtsanwalts Detmold ein. Er sandte den Scheck zurück und ließ dazu kurzerhand bemerken, es müsse ein Irrtum vorliegen, der Herr Baron von Diesberg schulde der Erbmasse des verstorbenen Geheimrats Lipsius keinen Pfennig. »Lieber Freund Otten,« sagte Erni, »das geht nicht mit rechten Dingen zu. Wenn Sie gelegentlich nach Berlin kommen, müssen Sie Detmold persönlich Aufklärung geben – oder besser vielleicht noch Fräulein Regina, denn sie ist die Erbin.« »Lieber Freund Diesberg,« entgegnete Otten, »tun Sie das bitte selbst. Ich halte eine Rücksprache mit Fräulein Lipsius in Ihrem Interesse sowieso für gut und verständig. Über den toten Mann können wir nun zur Tagesordnung übergehen. Jetzt ist seine Tochter die Besitzerin von Bärwalde, und mit ihr haben wir zu verhandeln. Stellen Sie den Campo von Argentinien einstweilen in den Hintergrund Ihres Denkkreises und schlagen Sie Fräulein Regina statt dessen vor, daß Sie sich mit Kapital und Hand an unserm kleinen Gestüt beteiligen wollen. Ich bin überzeugt, sie wird darauf eingehen, und dann finden Sie hier eine ebenso interessante und fruchtbringende Arbeit wie da unten auf der Estanzia Ihres Freundes – und brauchen nicht das Gesamtmobiliar des Schlosses zu verkaufen. Denn der Stiefelknecht macht es ja nicht allein – es steht, steckt und hängt hier doch mancherlei, das schon der Erinnerung halber des Aufhebens wert ist ...« Es lag etwas überzeugendes in den Worten Ottens, das Diesberg unwillkürlich zu neuem Nachdenken stimmte. Die Idee mit Argentinien irrlichterte zwar noch immer durch seinen Kopf, es war im entscheidenden Grunde aber doch mehr die Lust am Abenteuer, mehr ein phantastisches Gedankenspiel als der feste Entschluß, sich von allem loszureißen, was ihm die Heimat bot. Es war so, daß er den alten Fröbel bei seiner ameisenhaften Tätigkeit unter dem Hausinventar am liebsten an die Luft gesetzt hätte – er hatte den Mann herbeigerufen, und als er da war, wurde er den Eindruck nicht los, daß ihm nun seine ganze Habe gestohlen werden sollte. Er hatte auch keine Freude an dem bevorstehenden Reichtum, es war ein bitteres Gefühl dabei, es war eine Umsetzung von Werten, bei der es zweifelhaft blieb, ob er damit günstig abschnitt. Der Geheimrat Lipsius konnte nicht mehr seine Wege kreuzen. Regina aber war sichtlich anders geartet als der Vater. Möglich, daß sie von der Steilhöhe ihres Hochmuts und ihrem goldenen Thron aus in ihm nur den »armen Plöter« sah, dem man sich mitfühlend geben konnte – was kam es darauf an, es machte sich gut und war ein billiges Vergnügen! Zweifellos aber ließ sich mit ihr besser verhandeln als mit dem bissigen alten Herrn, und es war in der Tat gar nicht so unwahrscheinlich, daß sie ihre Einwilligung zu seiner Beteiligung an dem Gestüt geben würde. Und damit änderte sich die ganze Sachlage, dann schwebte er hier nicht mehr »in der Luft«, und er arbeitete für die eigene Tasche. Das Wohnrecht im Schlosse war ihm ja zugesagt worden, er wollte dafür auch gern einen Mietspreis zahlen, das war ihm lieber als ein Geschenk der Gnade. Vom Personal hatte er nur den alten Gerrlich behalten (der nicht gehen wollte), die Mamsell und ein Küchenmädchen. Das genügte für ihn. Der Gärtner gehörte schon zu der neuen Herrschaft, und das Gesinde für den Hofdienst ging ihn gar nichts mehr an. Für das Gestüt brauchte man allerdings ein paar geschulte Leute – das mußte mit Otten besprochen werden, wenn erst alles so weit eingerenkt war, daß man mit frischen Kräften an die neue Arbeit gehen konnte. Arbeiten, arbeiten, arbeiten – das hatte man ihm von allen Seiten zugerufen! Also schön, nun wollte er zeigen, daß es ihm Ernst damit war. Jetzt hieß es Geld verdienen und zusammenhalten an Stelle des raschen Geldverstreuens, es hieß sparsam wirtschaften. Der Begriff der Sparsamkeit lebte freilich vorerst noch auf schwankendem Untergrunde in ihm, kleine häusliche Einschränkungen genügten da nicht, die Hauptsache war, das »Nebenbei« des Rennplatzes geschickt zu umsteuern. Denn an sich sollte der Rennplatz natürlich das Feld der klingenden Erfolge bleiben, und zwar künftighin in Verbindung mit der eigenen Aufzucht an vierbeinigem Material. Nun hatte er einen Mann wie Otten als Mitarbeiter am Werke, einen Menschen voll zäher Willenskraft, Fachkenntnis und Beharrlichkeit, und in Gemeinsamkeit mit ihm ließ sich schon ein festeres Gerüst für die Zukunft aufschlagen als mit dem einseitig berechnenden Egoismus des Mister Simmens. Die Hoffensfreude Diesbergs war wieder im Steigen, die Phantasie begann ihren Startgalopp wie draußen die Gäule auf grünem Plan. Fünf Jahre Arbeit, sagte er sich, dann lag es wirklich nicht mehr so ganz außerhalb des Bereichs aller Möglichkeiten, daß er Bärwalde zurückkaufen konnte. Zwei Jahre Bedenkzeit hatte der Wassergraf gestellt. Doch Diesberg hoffte schon früher seine Annelene heimführen zu können – nicht mehr auf das Vorwerksschlößchen von Burgersroda, sondern hierher in das alte Herrenhaus von Bärwalde, das er zur freien Verfügung hatte. Aber er wollte es mieten, das wiederholte er sich, er wollte es nicht umsonst haben, er wollte Regina Lipsius einen regelrechten Vertrag vorschlagen. Einen regelrechten Vertrag ... Den Entwurf besprach er zunächst mit Otten und machte sich seine Notizen. Er gedachte, völlig geschäftsmäßig vorzugehen, das schien ihm das richtige, und als Einleitung in die Verhandlung wollte er nochmals die Angelegenheit mit den fünfunddreißigtausend Mark vorbringen. Auch das mußte aufgeklärt und geordnet werden ... Draußen in der Natur war es nun völlig winterlich geworden. Ein dicker weißer Pelz lag über der Landschaft, durch die Luft stäubte ein glitzerndes Rieseln. An einem Dezembermorgen klingelten zwei Schlitten vor die Bärwalder Schloßrampe. In dem einen saß Otten, der nach Freilehningen wollte, um mit dem Grafen Pakisch den Hengstankauf zu besprechen, im zweiten brachte die schöne Rosa Diesberg zur Bahn. Erni hatte sich vor dem Spiegel seine Gesichtszüge zurechtgelegt, er wollte diesmal nicht den liebenswürdigen Plauderer spielen, wie sonst am Teetisch Reginas, er wollte sich ernst, würdig und gehalten geben und nach Möglichkeit kaufmännisch. Gerade das Kaufmännische wollte er sich angelegen sein lassen, eine kühle Sachlichkeit, von der er glaubte, daß sie in diesem Falle einen ganz besonders günstigen Eindruck in Regina erwecken würde. Und sein ruhiges, gleichmäßiges, selbst das gefällige Lächeln gesellschaftlicher Gewohnheit ausschaltendes Gesicht im Spiegelbild gefiel ihm. So fuhr er desselben Weges wie vor einigen Wochen in das Rosenrot seiner Hoffnungen hinein. VII Otten trug keinen Pelz im Schlitten, nicht einmal einen Mantel, nur eine kurze Joppe aus derbem Stoff, eine dunkelbraune Velvethose, Kniestiefel und eine Mütze mit hochgebundenen Ohrenklappen. Er war abgehärtet wie ein Urwald-Squatter, und so dachte er auch dem Wassergrafen zu imponieren. Er wußte, mit dem mußte geschachert werden, und daraufhin stellte er sein Sichgeben ein. Das hatte er erlernt, oben bei dem Zusammenbruch in Ostpreußen und unten in der chilenischen Wildnis und in jahrelangem Verkehr mit allerhand absonderlichen Menschenkindern auf den meist böse heruntergewirtschafteten Besitzungen, die er wieder auf den Stand der Erträgnis bringen sollte. Das war wirklich seine Spezialität, darin hatte er Übung. Sein Leben war ein von Grund aus verfahrenes, dem Schiffbruch in der Heimat war der in der Fremde gefolgt, aber er war immer Herr über seine Nerven geblieben und hatte in allen Stürmen gewaltig gelernt. Sässigkeit war nicht seine Sache. Oft genug war ihm unter günstigen Bedingungen ein fester Posten als Administrator angeboten worden, doch wenn er auf einer Herrschaft in Westfalen saß und von der russischen Grenze her drang ein Hilferuf zu ihm, auf einer halbpolnischen Klitsche wieder die Karre aus dem Morast zu ziehen, so reizte ihn unbedingt das Neue, und dann packte er seine Koffer und wanderte weiter. Er war tüchtig in seinem Fach und ein Mensch von starkem Eigenwillen. Er nahm jede Verpflichtung auf sich, aber in seiner Tätigkeit verlangte er freie Hand. Das hatte er sich auch in seinem Vertrag mit dem Geheimrat Lipsius ausbedungen und hielt es für doppelt notwendig, da Lipsius selbst kein Landwirt war. Die Verhältnisse auf Bärwalde waren für ihn nicht schwer zu übersehen. Es war da viel verlottert worden, aber er hatte seine Tatkraft schon an ungünstigeren Verhältnissen erprobt. Hier bedurfte es nur eines gewissen Kapitals, um wieder Ordnung in den Wirrwarr zu bringen. Es handelte sich weniger um eine Devastierung als um eine Vernachlässigung, der man leicht Herr werden konnte. Es war weiter kein Kunststück, und sicher wäre ihm der ruhige Vorwärtsgang der Entwicklung bald langweilig geworden, hätte er nicht in dem verdrehten Menschen, diesem Baron Diesberg, innerhalb des Zuständlichen neuen Anreiz für sein Interesse gefunden. Sein Vetter Detmold hatte ihm geheimnisvolle Andeutungen gemacht, es schiene, als bringe Fräulein Regina Lipsius Herrn von Diesberg ein entschiedenes Neigungsgefühl entgegen. Nun ja – vielleicht – und warum nicht? Aber es fehlte an der nötigen Gegenliebe, und hätte man dafür auch Ersatz an Hochachtung und Sympathie und gescheiter Erwägung gefunden – das Üble war, daß Diesberg sein Herz schon in Ketten gelegt hatte. Wenn man dem armen Kerl helfen wollte, mußte es also auf andere Weise geschehen. Und Otten war fest entschlossen zu dieser Hilfe. Menschen wie Diesberg brauchten nur ein Leitseil, um vernünftig zu werden, sonst gingen sie rettungslos unter. Menschen wie Diesberg taumelten zahlreich durch die Gesellschaft, Otten hatte sie in mannigfacher Wesensschattierung kennengelernt. Aber auch unter diesen auf einem Boden der Haltlosigkeit schwankenden Gestalten bildete Diesberg eine Ausnahme. Seinem Leichtsinn lag doch wohl mehr eine herrenhafte Verachtung des Geldes zugrunde als der Drang nach einem ausschweifenden Leben. Denn seinem Genießertum fehlte jede brutale Geste. Er war eine durchaus vornehme Natur, und es mochte schon wahr sein, daß auch der Spieltisch ihm nur als ein zerstreuender Wechsel im gesellschaftlichen Leben galt oder als ein Nervenreiz oder ein unterhaltender Versuch der Bändigung des Zufalls, doch nicht als Tummelplatz für eine rüde Leidenschaft. Jedenfalls glitten in seine Charakterentwicklung deutlich wahrnehmbare Vererbungsmomente hinein. Diesberg war wie die meisten gutmütigen Menschen sehr aufrichtig, immer lag ihm das Herz auf der Zunge, und so hatte er denn an den gemeinsamen Plauderabenden dem neuen Kameraden auch viel von den Eltern erzählt, wie sie in seiner Erinnerung hafteten, und von der kurzen Ahnenreihe, wie er sie aus geschichtlichen Überlieferungen, Memoirenklatsch, Belehnungsurkunden und derlei mehr kannte. Es lief, so meinte Otten, ein verbindender Faden von dem leichtherzigen Prinzen Springinsfeld bis zu dem Letztlebenden des Geschlechts aus dem Schoße des Zerbster Bäckertöchterchens. Es steckte in Diesberg eine kuriose Blutmischung, fürstliche Art und bürgerliche Anständigkeit, ein restlicher Niederschlag der Flatterhaftigkeit des Rokoko und doch auch ein derber Wirklichkeitssinn, der nur in die Bahn einer verständigen Tätigkeit gelenkt werden mußte. Otten war im allgemeinen keine Natur von rascher Anschlußfreudigkeit. Aber für Diesberg regte sich ein ehrliches Freundschaftsempfinden in ihm. Es lag das wohl an manchem Ähnlichen ihrer tieferen Wesenheit, nur war bei Diesberg alles impulsiver und stürmischer, bei Otten gezügelter. Er war um einige Jahre älter, war auch der Lebenserfahrenere. Und aus dieser Erfahrung heraus und auf Grund seiner Beobachtung und Beurteilung glaubte er Diesberg helfen zu können. Zunächst mußte der Gedanke der Auswanderung endgültig aufgegeben werden. Da hatte er als Gegenlockung das Gestüt. Eine Lockung von starker Wirkung, das wußte er, auch das Sprungbrett für den neuen Arbeitsaufbau, wenn Fräulein Lipsius mit dem Vorschlag Diesbergs einverstanden war. Und daran zweifelte Otten so wenig, daß er schon heute mit dem Grafen Pakisch das Pferdegeschäft abschließen wollte. Selbstverständlich, daß er damit auch noch hätte warten können. Aber es sollte auch eine Art harmloser Pression sein. Wenn Fräulein Regina widerstandslustig war, wollte er ihr einfach erklären, das Unternehmen sei bereits in Gang gebracht und alle Vorbereitungen für die Weiterführung seien getroffen. Er hatte ja die vertraglich festgesetzte »freie Hand«. Er kutschierte selbst, und als er nun Freilehningen vor sich liegen sah, wußte er nicht recht, mußte man östlich oder westlich abbiegen, um auf den Wirtschaftshof zu kommen. Er wählte den falschen Weg und landete mit seinem Schlitten vor dem rückseitigen Schloßeingang. Bei der Einfahrt in den Park huschte ein niedliches Bildchen an ihm vorüber. Unter den weißbehängten Birken neben dem Treibhause war der Schnee zu drei langgestreckten Reihenhaufen hintereinander zusammengefegt worden. Und da exerzierten die sechs Komtessen unter der Aufsicht von Fräulein von Hübner nach allen Regeln der Kneippschen Makrobiotik. Sie trugen ihre leichten Blusen, die den Hals frei ließen, und in der rechten Hand einen festen Weidenstecken, mit dem sie gegeneinander fochten. Fräulein von Hübner kommandierte; Otten verstand nicht, was für Befehle sie erteilte, er hörte nur ihre Stimme und sah, wie die Mädel ganz fachgemäß auslegten und durch Hieb und Stoß zum Angriff vorgingen, sich durch Paraden deckten, avancierten, retirierten, passadierten und in kecken Seitensprüngen die Stellung änderten, als hätten sie das freie Kontrafechten auf dem Mensurboden erlernt. Otten machte große Augen, es war ein lustiges und anmutiges Bild voller Kraft und Grazie, die Röckchen flogen, unter den Blusen spannten sich die jungen Brüste, die nackten Beine traten und zerpatschten den Schnee, und dabei schwirrten helle Lachtöne durch die Luft. Jetzt aber hörten die Damen das Näherklingeln des Schlittengespanns und sahen den fremden Herrn in ihrem Gehege, der die Peitsche senkte und ihnen ein munteres »Habe die Ehre« zurief. Und war es nun die Fremdheit der Erscheinung oder der Ton der Stimme oder weiß Gott, was sonst, es fuhr ein Schrecken in die Kompagnie, die Mädelchen schrien und ergriffen die Flucht und liefen mit wehenden Kleidern nach dem Schlosse. Fräulein von Hübner blieb natürlich zurück, eine dicke plustrige Henne, die ihre Kücken verloren hat. Der Schlitten hielt vor dem Schlosse, sie winkte dem Insassen und kam dann näher und sagte in streng erzieherischem Tonfall: »Es steht eine Tafel hinten an der Einfahrt, der Zugang ist da verboten, der Weg führt über das Gehöft oder für Herrschaften vorn durch den Park.« Otten lächelte entgegenkommend und zog die Mütze mit den Ohrenklappen. »Verzeihung, meine Gnädigste,« antwortete er, »ich sah die Tafel nicht, ich bin noch fremd in der Gegend und habe auch die Zufahrt für Herrschaften verfehlt. Aber muß es sein, so will ich gern kehrtmachen, um mir des rechten Weges bewußt zu werden. Links herum oder rechts um die Ecke, wenn ich fragen darf?« Der ironische Unterklang wies auf einen besseren Bildungsgrad hin, der Mann schien ein Herr zu sein. »Zu wem wünschen Sie?« begann Fräulein von Hübner von neuem. »Zum Grafen Pakisch, in geschäftlicher Angelegenheit, Pferdehandel in Verbindung mit persönlicher Aufwartung.« Nun trat Annelene aus dem Schlosse. Sie trug jetzt ein Wollentuch um die Schultern und hohe derbe Stiefel nach polnischer Art und fragte ziemlich herrisch nach des Fremden Begehr. Otten hatte noch seine Mütze in der Hand, schwenkte sie höflich unter einer Neigung des Kopfes und fragte zurück: »Komteß Annelene?« Diese Vertraulichkeit ärgerte wieder die Hübner. Sie plusterte sich und sagte: »Der Herr kommt wegen eines Pferdehandels.« Annelene wurde rot. »Wir haben keine Pferde zu verkaufen«, entgegnete sie schroff. »Außerdem halten bei uns die Pferdehändler nicht vor dem Schlosse. Der Herr Graf ist auch gar nicht zu Hause, sondern im landwirtschaftlichen Verein. Und endlich: was fällt Ihnen denn ein, mich mit dem Vornamen anzureden!« Otten lächelte freundlich: »Nehmen Sie's nicht übel, gnädigste Komteß«, sagte er, und der Schalk sprang in seine Augen. »Ich soll Ihnen einen schönen Gruß bestellen von meinem Freunde, dem Baron Diesberg auf Bärwalde, und der Auftrag ging an die Komteß Annelene, nicht an eine Gräfin Pakisch im allgemeinen, weil es hier, so erklärte er, von jungen Gräfinnen dieses Namens wimmeln soll. Davon glaube ich mich auch überzeugt zu haben, und ich bedaure nur, daß mein plötzliches Erscheinen störend in den Schneekampf des gräflichen Amazonenkorps eingegriffen hat.« Das Gesicht Annelenes heiterte sich auf, der Schalk im Blick Ottens hüpfte nun auch in ihre Augen. »Oh,« rief sie, »Sie sind der neue Administrator von Bärwalde, Herr von Otten, nicht wahr? Das ist etwas anderes. Sie wollen unsern Rapphengst kaufen, ich weiß schon, aber Vater ist leider nicht da. Immerhin, die einleitenden Verhandlungen kann auch ich übernehmen – rücken Sie ein bißchen zur Seite, ich fahre Sie nach dem Stall!« Sie schürzte den Rock, schwang sich behende hinauf und setzte sich neben ihn. Dann nahm sie ihm die Zügel ab, und die Gäule klingelten los. Kopfschüttelnd schaute Fräulein von Hübner dem Schlitten nach und hob hierauf drohend die Hand gegen die Fenster des ersten Stockwerks. Hinter zwei Fensterscheiben wurden nämlich die Gesichter von Annemarie, Annelotte, Annefrede, Annetreu und Anneliese sichtbar. Sie pusteten warme Atemwellen gegen die Eisblumen und schauten durch das triefende Glas neugierig herab auf den fremden Mann im Schlitten. Ein fremder Mann bildete immer eine Art Sensation in Freilehningen. – Inzwischen lenkte Annelene das lustig läutende Gespann mit fester Hand zurück durch den Park. »Wie geht es Herrn von Diesberg?« fragte sie. »Ganz ausgezeichnet«, erwiderte Otten. »Er findet sich überraschend gut in sein schuldenfreies Dasein. Einige Wochen lang phantasierte er von einer Auswanderung nach Argentinien. Doch davon habe ich ihn abgebracht. Man geht nicht über das Wasser, wenn man keine Gläubiger hat. Jetzt bleibt er, heute ist er in Berlin, um mit Fräulein Lipsius die letzten Verabredungen wegen seiner Beteiligung an dem Gestüt zu treffen. Die Dame heißt Regina, ich hoffe also auf ihre königliche Huld, und dann sitzt Diesberg fest, und ich denke, in drei, vier Jahren wird er genügend Kapital angesammelt haben, um eine Anzahlung für den Rückkauf von Bärwalde leisten zu können.« »Gott, wäre das schön«, rief Annelene begeistert. »Wenn er nur erst rechnen lernen wollte!« »Das tut er bereits, er rechnet mit Leidenschaft. Er rechnet den ganzen Tag. Ich muß ihn förmlich zurückhalten. Er steht morgens mit Subtraktionen auf, und wenn er sich abends zu Bett legt, addiert er rasch noch ein bißchen.« Annelene schielte den neben ihr Sitzenden aus den Augenwinkeln an. »Herr von Otten, Sie uzen mich«, sagte sie. »Das würde ich mir nie erlauben, gnädigste Gräfin. Zugestanden, ich übertreibe. Aber täte ich es nicht, würden Sie mir vielleicht nicht glauben. In der Übertreibung liegt doch ein Kern von Wahrheit. Das ist so wie in der Karikatur. Das Spottbild geht immer von der Wirklichkeit aus.« »Na ja,« meinte Annelene, »es ist schon gut. Sie scheinen mir auch ein fideler Herr zu sein. Und ich weiß nicht recht, wenn Sie mit Diesberg zusammen wirtschaften, ob da Ersprießliches herauskommen wird. Aber nun sollen Sie unsern Teut sehen. Teut vom Michel Strogoff aus der Kassiopeia.« Otten winkte ab. »Ich kenne das Pedigree bis auf die Großeltern. Es ist nicht maßgebend für mich. Ebensowenig wie die Ahnenreihe bei einem Gentlemops vom Uradel. Man erlebt da Täuschungen. Persönlicher Eindruck ist mir lieber bei Mensch und Tier.« »Sie sprechen wie ein Buch«, sagte Annelene. »Aber damit imponieren Sie mir nicht ...« Der Schlitten hielt vor den Stallungen, sie sprang ab und rief: »Krautmann!« Hierauf pfiff sie mit gespitzter Lippe ihr Stallmotiv, das jeder auf dem Hofe kannte. Krautmann erschien denn auch gleich und wischte sich respektsvoll die Nase mit der Hand. Teut wurde vorgeführt, schlug sofort vorn und hinten aus und wieherte lustig in die Winterluft. Aber Krautmann hielt ihn fest an der Halfter. Annelene erging sich in Lobeserhebungen. »Der Widerrist,« sagte sie, »die Rückenlinie, die reinen Sehnen, diese klaren Sprunggelenke! Der kleine trockene Kopf und der feine Hals. Eine Mähne wie Seidenhaar. Und wie er den Schweif trägt!« »Gnädigste,« erwiderte Otten, »das seh' ich alles allein. Auf Ihren Hymnus hin zahle ich keinen Goldfuchs mehr.« »Wenn ich weniger gut erzogen wäre, würde ich sagen, Sie sind ein grober Mensch.« »Sie sagen es sogar, aber das schadet nichts ...« Er untersuchte den Gaul sehr genau. Annelene wandte sich ab. Die Untersuchung wurde ihr zu intim. Sie währte fast ein Viertelstündchen, denn Teut war ungebärdig, und Otten mußte vorsichtig sein, um nicht geschlagen zu werden. Endlich war er fertig und trocknete sich den Schweiß auf der Stirn. »Fester Preis?« fragte er. »Wir schachern nicht«, antwortete Annelene. »Fünfundvierzigtausend Mark.« »Fünftausend zuviel«, gab Otten zurück. »Dann malen Sie sich einen Hengst!« »Das hätte für die Zucht keinen Wert. Ich werde morgen mit Ihrem Herrn Vater telephonieren. Es wäre nett von Ihnen, wollten Sie sein Herz zur Nachgiebigkeit stimmen. Ich handle ja auch für meinen Freund Diesberg. Er ist mit der Hälfte beteiligt.« Annelene ließ den Hengst in den Stall zurückführen. »Gehen wir ein bissel auf und ab, Herr von Otten«, bat sie. »Sind Sie wirklich mit Diesberg befreundet?« »Ja, das bin ich, Komteß. Er hat mich im Sturm gewonnen. Das passiert mir nicht oft. Aus der dicksten Tinte ist er Gott sei Dank. Auch die Gewinnchancen sind da. Wir wollen sie ausnützen.« Er sprach von den gemeinsamen Plänen. »Komteß, es liegt so«, schloß er. »Ich arbeite im Solde von Fräulein Lipsius. Ich arbeite aber auch für ihn. Ich bringe Bärwalde nicht für die junge Dame in die Höhe, sondern für den früheren Besitzer, der zugleich der künftige sein wird. Ich glaube, ganz klar zu sehen. Bilde ich mir wenigstens ein. Der alte Lipsius hat Bärwalde nicht zu seinem Vergnügen gekauft. Es war sicher eine Rettungsaktion für Diesberg. Fräulein Regina weiß das und handelt dementsprechend. Es geht aus allerlei Nebendingen hervor, die wie Scheinwerfer ferne Ziele erleuchten. Aber – Diesberg soll erst vernünftig werden.« »Das will auch Vater. Das wollen wir alle.« »Ich will es erst recht. Auf dem besten Wege ist er. Ach Gott, er ist ja so leicht zu leiten!« »Er ist ein schwacher Charakter.« »Aber einer von guter Art. Der selige Lipsius war eine schroffe Natur. Dies Fräulein Lipsius hat weichere Hände und ist eine angenehme Testamentsvollstreckerin. Ich verspreche mir viel von Diesbergs heutiger Audienz bei ihr.« Annelene seufzte vernehmlich. »Wenn doch Ihr Hoffen in Erfüllung ginge!« sagte sie. »Bleiben Sie noch in Bärwalde?« »Ja, natürlich. Ich bin ja in sogenannter fester Stellung. Ich bleibe, bis Diesberg seinen Sicherheitspunkt erreicht hat. Es sind noch etzliche Berghöhen zu nehmen. Aber ich betrachte mich als seinen Führer. Wir kraxeln mitsammen weiter. Und verlassen Sie sich darauf: wir kommen auf eine freie Aussicht. Dann drücke ich mich. Ich bin kein Kleber. Ich sagte schon Diesberg gelegentlich: ich bin eine Spezialität für die Aufwirtschaftung. In diesem Falle ist auch ein Mensch das Objekt. Das macht mir Freude.« Annelene blieb stehen und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen, Herr von Otten«, sagte sie und unterdrückte dabei ein Tränchen der Rührung. Aber es floß zauberweich in den Stimmklang. »Was Sie dem Diesberg Gutes antun, tun Sie auch mir. Und wegen des Teut werde ich mit Vatern sprechen. Er ist nicht mehr wert als vierzigtausend.« Otten drückte freundschaftlich fest die hartgearbeitete Mädchenhand. Er sah dem Kind auch in die klaren Augen und spürte Bergluft wehen. Als er zurückfuhr, beschäftigten sich seine Gedanken mit ihr. Das war ein merkwürdiger Nachwuchs in Freilehningen. Nichts von hochgetriebener Zucht, aber auch im Anschluß an die Natur doch nur Spielzeug der Einsamkeit. Er wurde sinnend und ließ die Zügel locker. Sie schleiften beinahe im Schnee. * – – Um die gleiche Zeit ungefähr klingelte Diesberg am Lipsiusschen Hause und fragte die öffnende Frau Biene, ob das gnädige Fräulein daheim sei. Die Biene zog die Schultern hoch. »Ja, sie ist da, Herr Baron,« antwortete sie, »aber ich weiß nicht –« Doch Diesberg, verärgert bei dem Gedanken, nicht vorgelassen zu werden, fiel ihr in das Wort: »Melden Sie mich nur an, Frau Biene, ich bin ja kein Fremder in diesem Hause!« – Regina hatte einen leichten Grippeanfall überwunden und schonte sich noch. Sie lag auf ihrer Chaiselongue und träumte, als ihr der angesagt wurde, bei dem im Augenblick die Schwermut ihrer Gedanken weilte. Sie konnte nicht verhüten, daß in das Blaßgesicht ihrer Wangen ein Blutstrom schoß, und daß unter einer inneren Erschütterung ein Zucken, durch ihre Glieder ging. »In den Salon«, sagte sie. Die Biene ging wieder, und nun jagte die Erregung Regina in die Höhe. Sie fühlte sich noch ein wenig angegriffen; als sie aufsprang, taumelte sie wie bei einem Schwindelanfall, aber der Wille kämpfte die Schwäche nieder. Sie trat vor den Spiegel, sie trug ein Morgengewand und wollte der Zofe klingeln, um sich rasch umzukleiden. Doch sie unterließ es, es hätte unnötig Zeit erfordert, und die Sitte erlaubte, im Kimono Besuche zu empfangen. Sie fand auch, daß die Farbe des Stoffes wie eine Ergänzung zu dem leichten Leidenston ihres Gesichts wirkte. Mit flinken Fingern ordnete sie nur noch ihr Haar, und dabei fuhr ein Sprühfeuer von Gedankenblitzen, Erwägungen, Mutmaßungen, Hoffnungen und Zweifeln durch ihr Hirn und betäubte sie fast. Sie fragte sich: was will er? Sollte es ein verspäteter Kondolenzbesuch sein, ein Besuch wie jeder andere? Das war möglich, aber auch aus dieser Gelegenheit ließen sich Ansätze zu neuen Anknüpfungen schöpfen, die wiederum zu jener erobernden Besitznahme führen konnten, von der sie in süßer Ekstase geträumt hatte. Die Unterredung mit der kleinen Gräfin Düren glitt aufreizend in ihr Erinnern. Durfte man einem Mann sagen, daß man ihn liebe, ehe er nach dem Kodex der Formen sich selbst erklärt hatte? Gewiß, wenn man den Mut hatte, mit der Überlieferung zu brechen. Es war dann eine Kraftprobe des Willens, die durch die Poesie des Ewiggöttlichen Triebkraft des Schönen erhielt. Regina stand aufrecht vor dem Spiegel und sah ein Leuchten in ihren Augen. Sie fühlte auch etwas wie ein rhythmisches Schwingen in ihren Adern und im laut schlagenden Herzen den Mut zu einer unschuldigen Eroberung. War hier ein Problem zu überwinden? Nein, es war wirklich nur ein Bruch mit der Formenwelt, bei dem das Sieghafteste im Weibe triumphieren sollte. – Diesberg erhob sich, als Regina eintrat, mit ernstem und ruhigem Gesicht, ohne das gefällige Lächeln gesellschaftlicher Gewohnheit, und er behielt auch die kühle Sachlichkeit bei, die er sich vorgenommen hatte, als sie ihm mit freundlicher Gebärde die Hand reichte. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Herr von Diesberg,« sagte sie, »daß Sie mich einmal in meinem einsam gewordenen Hause aufsuchen.« Es war eine einleitende Redewendung, die er in ähnlicher Weise hätte beantworten können. Aber er wollte nicht den gleichgültigen Plauderer spielen, er versteifte sich auf das »Kaufmännische«, er hatte ein Ziel im Auge, das er am besten und raschesten durch eine zurückhaltende Gelassenheit zu erreichen dachte. So entgegnete er denn mit einer Verneigung: »Lassen Sie mich ob meiner Störung um Verzeihung bitten, gnädiges Fräulein. Ich komme in einer geschäftlichen Mission, die ich mir gehorsamst erlauben möchte, Ihnen in aller Kürze auseinanderzusetzen.« Ein sprunghaftes Verändern ging über die Züge Reginas. Sie stieg gleichsam von einer Bergeshöhe zu Tale und sah bisher unbeachtete allernächste Dinge vor sich. Ein Mißverständnis mußte gelöst werden. »Bitte, Herr von Diesberg,« sagte sie mit einladender Handbewegung, »ich höre gern zu.« Man setzte sich. Regina versank in die Polster eines weichen Sessels und stützte die Schläfe in die Hand. Sie fühlte eine körperliche Müdigkeit, eine plötzliche Erschlaffung des Lebenstriebs. Nur der Denkvorgang blieb rege. Das Geschäftliche mußte erledigt werden. Also gut. Diesberg hielt sich gerade und spielte den rechtschaffenen Kaufmann. Er zog seine Brieftasche aus dem Rock. »Ich schulde Ihrem Herrn Vater noch fünfunddreißigtausend Mark«, begann er. »Die Papiere darüber sind anscheinend verlorengegangen. Dennoch möchte ich die Schuld loswerden. Darf ich gnädiges Fräulein bitten, einen Scheck über die Summe in Empfang zu nehmen.« Er reichte ihr den Schein, doch sie hob abwehrend die Hand. »Rechtsanwalt Detmold sprach mir von der Angelegenheit,« sagte sie, »aber, Herr von Diesberg, ich kann unmöglich eine Forderung an Sie stellen, für die ich keine Belege besitze.« »Die Forderung ist eine Tatsache«, erwiderte Erni ruhig. »Ihr Herr Vater hat mich noch bei meiner letzten Unterredung mit ihm daran erinnert, und die Art und Weise, in der er es tat, würde es mich doppelt peinlich empfinden lassen, meiner Verpflichtung nicht nachkommen zu können, nun ich dazu in der Lage bin. Vermutlich sind Wechsel und Schuldschein bei der Nachlaßordnung nur verlegt worden und werden sich gelegentlich wiederfinden – jedenfalls möchte ich ganz ergebenst bitten, die Summe bis dahin bei Ihnen deponieren zu dürfen.« Es lag nichts Befremdendes in diesen Worten Diesbergs und dennoch etwas; was in Regina das Empfinden erweckte, als tue sich zwischen ihr und ihm ein klaffender Spalt auf, der notwendig überbrückt werden mußte. Sie neigte mit verbindlicher Bewegung den Kopf und entgegnete: »Sie fassen dramatisch und fast feierlich auf, Herr von Diesberg, was wahrhaftig kaum der Rede wert ist. Ich kann natürlich auch das Depot nicht annehmen, aber es steht Ihnen ja frei, die Summe bei Ihrer Bank zurückzulegen, bis – nun, bis sich eben die Papiere gefunden haben, um die es sich handelt.« Diesberg schürzte die Stirn in Falten und ließ sein Portefeuille mit unmutiger Gebärde wieder in die Tasche gleiten. »Gnädiges Fräulein,« sagte er mit hartklingender Stimme, »ich habe den Eindruck, verzeihen Sie, als wollten Sie mir eine Gunst erweisen, die ich nicht beanspruche. Allerdings komme ich auch mit einer Bitte zu Ihnen, aber Sie würden mich außerordentlich verbinden, hätten Sie die Güte, sie durchaus nur vom Geschäftsstandpunkt aufzufassen und nicht anders. Ich habe weder Sinn für Feierlichkeit noch für dramatisches Wesen – das liegt mir wirklich nicht und am wenigsten in der eigentümlichen Zwangslage, in der ich mich befinde. Ich bin immer noch Ihr Schuldner, wenn Sie das auch bestreiten, und als solcher möchte ich mir erlauben, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten, den ich rein kaufmännisch zu beurteilen bitte.« Er schwieg ein wenig betroffen, da er sah, daß Regina mit einem lauten Zug des Schmerzes im Gesicht die Augen schloß. Aber es war sichtlich nur ein rasch vorübergehender Anfall, sie hob sich wieder im Sessel, die auf den Armlehnen ruhenden Hände fausteten sich unter dem Drucke von innen steigender Energie, und dann sagte sie mit einem matten, in Schwermut getauchten Lächeln: »Vergebung, Herr von Diesberg – ich war einige Zeit gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe – da kommt noch zuweilen ein kleiner Rückfall. Aber nun bin ich wieder ich. Bitte sprechen Sie weiter.« Diesberg erhob sich. »Gnädiges Fräulein, ich gehe gern. Es braucht nicht heute zu sein –« »Nein,« fiel sie hastig ein, »bleiben Sie! Ich bin wieder ganz wohl – und begierig auf Ihren Vorschlag. Und ich verspreche Ihnen auch, ihn rein kaufmännisch beurteilen zu wollen, freilich nur, soweit ich kaufmännisch denken kann.« Er ließ sich von neuem nieder und mühte sich, nicht aus dem Gleichgewicht seiner Sachlichkeit zu kommen. »Sie kennen das Vorspiel, gnädiges Fräulein«, begann er. »Ich habe unklug gewirtschaftet und meinen Besitz verloren. Ihr Herr Vater kaufte ihn in der Subhastation. Anerbietungen, die ich mir erlaubte, wies er schroff ab. Darunter war eine, auf die ich mir gestatten möchte zurückzukommen. Ich wollte das in Bärwalde begründete Gestüt mit einem wohlhabenden Nachbar weiterführen. Nun interessiert sich auch Herr von Otten lebhaft für das Unternehmen und möchte es unter meiner Beteiligung dem Gutsbetrieb angliedern ...« Er holte seine Notizen hervor und erläuterte an ihrer Hand die Vorteile der Zucht für den ganzen Besitz, die Weideverhältnisse, die rationellen Prinzipien für die Erzielung einer konstanten Rasse. Er wollte bei diesen Erörterungen völlig leidenschaftslos sein und sich nur durch praktische Überlegung leiten lassen, aber zuweilen wurde er hilflos und begann zu stottern. Was ihn störte, war die Haltung Reginas. Sie lehnte wie in Erschöpfung in ihrem Sessel, und die Finger ihrer rechten Hand, die den Kopf stützten, verdeckten das eine Auge. In ihrem Gesicht lag ein schlaffer Ausdruck, die Züge senkten sich müde, als langweile sie das alles. Dann kam Erni wieder in lebhafteren Fluß. Die Worte fügten sich, er sprach schneller. »Ich bitte wiederholt, gnädiges Fräulein,« sagte er, »meinen Vorschlag von der kaufmännischen Seite zu prüfen. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß der Herr Geheimrat Bärwalde aus Gründen der Zweckmäßigkeit gekauft hat. Die Verbindung der Landwirtschaft mit der Zuchtstätte wird den Wert des Besitzes in wenigen Jahren erheblich steigern. Jetzt ist es ein schlechtes Geschäft, es kann aber ein ausgezeichnetes werden. Und da kommt nun mein letztes Anliegen. Meine Teilhaberschaft an dem Gestüt verfolgt natürlich auch materielle Ziele. Die Zucht soll den Rennsport fördern. Ich gebe den Stall nicht auf. Ihr Herr Vater war allerdings der Ansicht, der Rennplatz sei die Grundursache meines Ruins gewesen. Ich betrachte ihn als die Grundlage meines Wiederaufstiegs. Bärwalde wird auch für Sie vermutlich nur ein Geschäftsobjekt sein. Und deshalb möchte ich bitten, mir unter Bedingungen, die Sie festsetzen mögen, das Vorkaufsrecht zu sichern.« Er zog den Atem hoch und schwieg. Hatte das Fräulein überhaupt zugehört? Er hatte das Gefühl, in die Luft gesprochen zu haben. Ein heimlicher Groll saß ihm wieder in der Kehle. Doch nun regte sich Regina im Sessel. Sie dachte: Er hat keine Spur Neigung für mich. Er handelt mit mir und sieht in der Besitzerin von Bärwalde seine natürliche Feindin. Wenn ich ihm sage, daß ich ihn liebe, wird der Hohn triumphieren ... Sie richtete sich straff auf. Heißes Blut strömte in ihre Wangen. Rebellische Kraft des Wollens ließ ihre Seele schwellen. Die Sehnsucht wurde zu einem fortreißenden Impuls. Er war ihr Erwählter! »Ich will«, rief sie sich zu. Der Augenblick wurde zu einem harten Kampf um ein vermeintliches Glück, um das Recht des Weibes, um die Selbstbehauptung. In einer winzigen Spanne Zeit wurde ein Strudel von Begriffen zu bloßen Abkürzungen tiefwühlender Eindrücke. Ein Nebeneinander heftiger Empfindungen drängte sich zu einer Forderung unumwundener Entscheidung zusammen. Irrende Gedanken durchschwirrten ihr Hirn, daß es um Leben und Tod gehe, und als letzte Wahrheit blieb das durchaus klare Bewußtsein, daß sie den Tod nicht fürchten würde, wenn ihres Lebens Ziel ihr versagt werden sollte. Auch das Wort der Gräfin Düren von der »verfluchten Realität« sprang wieder in ihrem Erinnern auf, mit einem Begreifen der Rücksichtslosigkeit ihrer Leidenschaft, die wie ein Ringen zweier Welten war, ein Kampf der innersten Natur gegen eine verstandesmäßige Reflexion. Und so wurde der Augenblick zu ihrem Schicksal. Sie strich mit flacher Hand über die Falten ihres Kimonos und zwang ihre Stimme zu einem gleichmütigen Tonfall. »Der Verlust Bärwaldes ist Ihnen sehr schmerzlich gewesen?« fragte sie. »Das leugne ich nicht, gnädiges Fräulein«, antwortete Diesberg. »Anfänglich glaubte ich gar nicht daran. In meinem Optimismus hoffte ich – ich gestehe es ehrlich zu –, daß Ihr Herr Vater aus alter Anhänglichkeit an meine Familie mir hilfreich entgegenkommen würde. Aber er hat mich rasch eines anderen belehrt. Und da kam allerdings in verstärktem Maße das schmerzliche Empfinden, daß ich eselhaft leichtsinnig gehandelt hatte. Der materielle Verlust, mein Gott, der ist das wenigste. Aber ... ja, gnädiges Fräulein, wenn ich mit Gefühlswerten antrete, werden Sie mich vielleicht gar nicht verstehen. Es ist auch besser, wir bleiben auf der Basis des Geschäftlichen. Meinen Vorschlag kennen Sie nun. Darf ich gehorsamst bitten, ihn in Überlegung zu ziehen, mit Ihren Beratern zu besprechen und noch Herrn von Otten zu hören? Schließlich bin ich auch auf Ihr Nein gefaßt. In diesem Falle würde ich auswandern. Die nötigen Vorbereitungen habe ich schon getroffen.« Reginas Gesicht war jetzt ganz weiß geworden. »Sie sind also der Ansicht,« sagte sie, »daß mein Vater zu Unrecht an Ihnen gehandelt hat?« »So habe ich mich nicht ausgedrückt«, erwiderte er. »Aber allerdings, den Eindruck bin ich nicht losgeworden, daß ihm das business über die alte Freundschaft ging. Natürlich sind auch das nur Gefühlsfragen.« »Bleiben wir beim Geschäftlichen«, fuhr Regina fort, fast eintönig, doch mit einer Schattierung von äußerstem Ernst. »Es läßt sich manches anders arrangieren. Heiraten wir uns , dann bleiben Sie der Besitzer von Bärwalde.« Diesberg warf mit starkem Ruck den Kopf in den Nacken Er starrte Regina an und sah keine Bewegung in ihren verblaßten, geschlossenen Zügen. Seine Achseln spielten, er erhob sich. »Vergebung, gnädiges Fräulein,« sagte er, »mir ist im Augenblick wahrhaftig nicht scherzhaft zumute.« Sie behielt ihre karge Ruhe bei, ein stilisiertes Gelassensein. Die Lippen bewegten sich gleichsam automatisch, das Auge blieb ausdruckslos, vermied aber nicht seinen Blick. »Ich scherze keineswegs«, erwiderte sie. »Ich beantworte nur Ihren Vorschlag mit einem anderen, der mir besser zusagt. Ich möchte Baronin Diesberg werden. Im Ehevertrag würde ich Ihnen Bärwalde verschreiben, mit der halben Million, die mein Vater für die Meliorationen ausgesetzt hat. Das ist die geschäftliche Grundlage.« Diesberg war drei Schritt vor ihr stehengeblieben. Er kämpfte noch mit einer vagen Fassungslosigkeit. Was ihm dies schöne, kühle Fräulein da sagte, dünkte ihn so unerhört, daß er vergeblich nach der rechten Formel für seine Antwort suchte. »Mein Gott,« rief er unter kurzem, krampfhaftem Auflachen, »sind wir denn in einem Heiratsbureau?« »Nehmen Sie es an«, entgegnete Regina. »Sie können auch annehmen, daß bereits der Ankauf Bärwaldes mit bestimmten Absichten meinerseits verbunden war, die leider durch die Eigenart meines Vaters durchkreuzt wurden. Nehmen Sie an, was Sie wollen, nur verstehen Sie mich nicht falsch, Herr von Diesberg. Es entspringt nicht der Laune eines überspannten Mädchenhirns, daß ich Ihnen meine Hand anbiete, sondern dem Vorsatz – dem festen Vorsatz, mich unter die Obhut eines guten Namens und eines Mannes, dem ich Achtung entgegenbringe, zu flüchten vor den Verfolgungen, denen mein Reichtum mich aussetzt.« »Ah,« rief Diesberg, »nun seh' ich klarer! Sie wollen nicht Ihres Geldes halber geheiratet werden. Schön und anerkennenswert. Aber können Sie mir dann noch die Achtung entgegenbringen, von der Sie sprechen, wenn ich Sie als Quittung für den Besitz von Bärwalde auf das Standesamt führe?« Der Widerschein eines verlorenen Lächelns blühte in ihren Mundwinkeln auf. »Sie vergessen, daß der Antrag von meiner Seite ausgeht«, sagte sie. »Die Gesellschaft ist ein großer Heiratsmarkt, auf dem fast ausschließlich die Frage des Eigentums und der Vererbung das Maßgebende ist. Diesem Zwange will ich mich entziehen. Wir schließen einen Privatvertrag, laut dem Sie mir Ihren Namen geben und ich Ihnen die Rückerstattung Ihres väterlichen Besitzes gewährleiste. Das ist ein Abkommen, wie es ähnlich in jedem Ehekontrakt vorgesehen wird. Es ist doch aber auch insofern eine freiere Einigung, als ich Herrin über mein Privatvermögen bleibe. Das ist der Vorteil für mich. Überlegen Sie, ob der Ihre ihn aufwiegt.« »Ich kann nicht überlegen,« klagte Diesberg – es war wirklich ein Ton der Klage –, »ich bin verwirrt, ich bin nicht mehr denkfähig! Ich frage mich immer noch, ich kann mir nicht helfen – gnädiges Fräulein, ich frage mich immer noch: ist das alles ernsthaft gemeint oder nur ein Spiel, ein frivoles Spiel?« Es lag zweifellos ein heimlich drohender Unterklang in diesen letzten Worten, die Erregung eines Mannes, der auf die traditionelle persönliche Ehre hält. Regina schien das zu überhören. Sie saß jetzt gerade, mit gerecktem Oberkörper im Sessel, so daß der dunkle, mit Phantasieblumen in violetten Tönen bestickte Stoff ihres Gewands über den Hüften sich spannte. Aus ihrem Gesicht sammelte sich ein nervöser Zusammenhang angestrengten Denkens, das nichts verfehlen und unsicher gestalten wollte. Das Geleise, auf dem sie vorwärts trieb, mußte eingehalten werden. Einen Rücklauf gab es nicht mehr, auch keine Verstellung der Fahrt; keinen anderen Weg zum Ziele. »Der Ausdruck frivol klingt anklägerisch, Herr von Diesberg«, entgegnete sie. »Er trifft auch nicht zu, da die Entscheidung bei Ihnen liegt und da ich durchaus kein Spiel mit Ihnen treibe – nein, ganz und gar nicht. Sie können sich denken, daß schon eine große Anzahl freundlicher Männer um mich angehalten hat. Schreiben Sie es meinethalben auf das Konto meiner Emanzipation vom Hergebrachten, daß diesmal ich selbst die Wahl treffe, statt mich wählen zu lassen. Da biege ich nur einen zur gesellschaftlichen Sitte gewordenen Gebrauch – aber auch das werden Sie nicht als frivol bezeichnen können.« »Nein,« sagte Diesberg mit starkem Kopfschütteln, »im Gegenteil, das würde ich mit Genugtuung als ein Zeichen von – von fröhlich sich über albernen Krimskrams hinwegsetzender Selbständigkeit begrüßen, wenn...« Er beendete den Satz nicht, sondern fragte unvermittelt: »Warum habe gerade ich die Ehre, als Erster auf Ihrer Wahlliste zu stehen, gnädiges Fräulein?...« Es kam jetzt ein Augenblick, da die feine Kritzelkunst ihrer Komödie zu versagen drohte. Es kam ein Augenblick mühsamster Beherrschung, die sie durch eine Bewegung der Anmut, eine leichte Geste und ein Lächeln verbarg, das eigentlich nur ein flüchtiges Heben der Oberlippe war. »Die Frage ist nicht mit einer raschen Antwort abzutun«, entgegnete sie. »Aber ich erkenne bei dem immerhin Ungewöhnlichen unsrer Verhandlung ihre Berechtigung an und will versuchen, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich war immer entschlossen, nur eine Ehe einzugehen, die mir meine Freiheit als Mensch läßt, auch meine Gleichheit dem Manne gegenüber. Das ist ein durchaus sittliches Verlangen, und es wird nicht unsittlich dadurch, daß ich mir das Recht der Wahl vorbehielt. Fiel sie auf Sie, so sprach dabei zuvörderst ein Gefühl der Neigung mit, das ich am besten als Sympathie bezeichne. Ich kann das ohne Erröten sagen und ohne eine falsche Scham, weil eine ehrliche Freundschaft meiner Ansicht nach ein reinerer Quell bewußten Seelenlebens ist als eine große Leidenschaft. Bei Ihnen aber lag auch noch die Möglichkeit einer ruhigen Verständigung in freundschaftlichem Sinne vor, eines geschäftlichen Abkommens – sei es so –, das keiner Vermittlung durch einen Dritten bedurfte. Ich konnte Ihnen entgegenkommen wie Sie mir – und Sie wie ich, als freie Leute, die sich gegenseitig respektieren. Genügt Ihnen das als Antwort auf Ihre Frage?« Er stand jetzt weiter von ihr entfernt, in der Nähe des Kamins, und zwischen ihr und ihm lag der blühende Wiesengrund eines altmodischen Teppichs. Es war ein unbewußtes Abrücken, es klopfte wahrhaftig etwas Ängstliches in seinem Herzen, ein Scheugefühl packte ihn, aber es war auch eine geheime Anziehungskraft dabei, es war, als spanne sich ein Bannkreis um ihn. »Ja«, sagte er zögernd, in unwillkürlich theatralischer Pose, und wollte auf einen ironischen Ton sich einzwingen, doch es gelang ihm nicht. Er hüstelte, strich mit der Hand über die Stirn und wiederholte: »Ja ... ja, es genügt – natürlich – ich übersehe alles. Es ist ein klares Geschäft – und auch voll Redlichkeit der Gesinnung. Es ist ein Vertragsentwurf, mit dem ich zufrieden sein könnte, wenn nicht ...« Pause. Dann hub er wieder an: »Wenn nicht ein Hindernis da wäre. Ich wurde von dem Vater eines Mädchens, das ich lieb habe, auf zwei Jahre Wartezeit gesetzt. Die muß ich einhalten.« Regina schwieg. Sie senkte den Blick. In die Seewasserfarbe ihrer Augen trat ein zartes Verdämmern. Sie schwieg lange. Ihr Atem ging kurz, die Brust hob sich kaum. Dann steifte sie langsam den Hals, und mit einer gezogenen Kopfwendung zu dem jungen Mann sagte sie: »Schauen Sie mich an, Herr von Diesberg. Meine Pupillen sprechen eine eigene Sprache. Wenn ich in den Spiegel sehe, erzählt er mir, daß ich nur noch ein Jahr zu leben habe. Ich habe das Herzleiden meines Vaters geerbt. Besser als mein Hausarzt hat mich ein amerikanischer Spezialist belehrt, der es für unnütz hielt, zu einer Notlüge zu greifen. Herr von Diesberg, es soll volle Klarheit zwischen uns herrschen. Wir werden auch diesen Punkt in unserm Ehevertrag berücksichtigen und zwar in unanfechtbarer Weise. Sterbe ich in Jahresfrist, so sind Sie mein Gesamterbe. Für den Fall einer Scheidung verbleibt Ihnen Bärwalde ...« Der Bannkreis lag noch immer um Diesberg, Wie angewurzelt stand er vor dem Kamin. Schattentupfen strichen über sein Gesicht, seine Seele war unruhvoll, sein Hirn verblasen. Er rang nach Verständnis und fand es nicht. Es war alles so wunderlich, so unbegreiflich. Es war ein bizarrer Handel um ein Stück Zukunft, um die Scholle, um ein Riesenvermögen, um Tod und Leben. Es war eine verrückte Geschichte. Er grübelte und schnellte dann rasch in die Höhe. »Gnädiges Fräulein,« sagte er, »ich bin unfähig, auf der Stelle ja oder nein zu sagen. Es jagt wie ein Sturm auf mich ein. Geben Sie mir drei Tage Zeit. Darf ich am Sonnabend wiederkommen?« Sie erhob sich, wie verwandelt, freundlich lächelnd im leicht fließenden Wesen gesellschaftlicher Übung, und neigte zustimmend den Kopf. »Ich erwarte Sie, Herr von Diesberg«, entgegnete sie und reichte ihm die Hand. Er verbeugte sich tief. Ihre Hand war trocken und heiß. Einen Augenblick hielt er sie in der seinen und glaubte auf einmal, einen stärkeren Druck zu spüren. Ihre Fingernägel bohrten sich sacht in sein Fleisch. Da stürmte er kopflos hinaus, verwirrt, in Unfreiheit, mit verlorenen Gedanken. Sie hörte, wie die Tür hinter ihm zufiel, und noch draußen seine enteilenden Schritte. Dann brach alles in ihr zusammen unter dem Wahn der Natur. Sie warf sich, schütternd vor Scham, auf den Diwan und beweinte die »verfluchte Realität« ihrer Liebe. VIII Diesberg blieb vor dem Lipsiusschen Hause am Fuße der kleinen Portaltreppe stehen und nahm den Hut ab. Die Vorübergehenden schauten ihn an, mancher verwunderte Blick traf ihn, er achtete nicht darauf. Er fühlte sich eigentümlich benommen, aber die kalte Winterluft tat ihm wohl, die seinen bloßen Kopf spülte. Mechanisch zog er die Uhr. Er konnte erst den Abendzug benutzen und hatte noch lange Stunden vor sich. Das war ekelhaft. Wie sollte er den Nachmittag totschlagen? Zuvörderst wollte er etwas essen und trinken, vor allem trinken, er brauchte einen Nervenkratzer. Er war sonst mäßig im Alkohol und pokulierte eigentlich nur, wenn ein guter Freund ihm gegenüber saß, aber vom Rennplatz her liebte er ein gelegentliches »Aufkantern« durch einen kräftigen Schluck Champagner. So ging er denn, immer den Hut in der Hand haltend, in dieselbe Weinstube, in der er im Frühherbst zum Abend gegessen hatte, als er seine letzte Unterredung mit dem Geheimrat Lipsius gehabt hatte, setzte sich an den gleichen Tisch und bestellte. Die Situation lag verdammt anders als damals, aber Kopfzerbrechen machte sie ihm auch. Wie war es? Es war ganz toll. War so etwas schon einmal dagewesen in der Weltgeschichte? Ein schönes, junges Mädchen bot ihm ohne viel Federlesen ihre Hand an. Warum? Ja, da lohnte sich, weiß Gott, das Nachdenken, denn dies Warum ließ sich nicht so leicht beantworten. Flucht vor der Mitgiftjagd und der Wunsch nach »Freiheit und Gleichheit« in der Ehe waren die erklärenden Motive gewesen. Freiheit als Mensch und Gleichheit mit dem Manne, ein Stück sozialen Programms, das ihr ja lag und einen der Kernpunkte der modernen Frauenfrage bildete. Es war der Widerstand gegen die Schranken einer geistig längst überholten gesellschaftlichen Kultur, der zugleich aus ihrem tapferen Bekenntnis sprach, sich das Recht der Wahl des Gatten durch keinerlei äußere Einflüsse beschränken zu lassen. Das ließ sich allenfalls aus dem Wesen Reginas verstehen, wie Diesberg es in Stunden flüchtiger Unterhaltung glaubte kennengelernt zu haben. Und dem entsprach auch die ruhige ökonomische Ordnung der materiellen Angelegenheiten und die bündige Erklärung, daß er ihr aus Gründen der »Sympathie« der gewünschte Gatte sei. Sie hatte das noch erläutert, in ihrer ruhigen, kaltblütigen Art. Ein gewisses persönliches Neigungsgefühl hatte dabei den Ausschlag gegeben, aber weder Liebe noch Leidenschaft. Diesberg neigte den Kopf. Auch das stand in engstem Zusammenhang mit dem Nützlich-nüchternen ihrer Lebensanschauung und ihrer Erhabenheit über allem Gefühlsmäßigen. Sie war souverän in ihrer Individualität. Sie war eine kluge Denkerin, aber in der Freiheit ihres Empfindens herzenskühl und stellte als Ersatz für die Liebe die Phrase von der »ehrlichen Freundschaft« auf. Diesberg war kein strenger Logiker, immerhin auch kein untergeordneter Geist. Er fand sich in ein mähliches Begreifen hinein. Der starke Subjektivismus Reginas trieb wunderliche Blüten. Schablonenhaftes war ihr verhaßt. Die Umwerbung ihres Reichtums widerte sie an. Da suchte sie Verständigung mit einem Mann von gutem Namen und vornehmer Natur auf der Grundlage eines praktischen gegenseitigen Entgegenkommens. Man schloß eine Vernunftehe im besten Sinne. Gut. Aber nun stieg im Umkreis des Begreifenwollens etwas Unfaßliches auf: Regina hatte von ihrem Herzleiden gesprochen. Das war sicher tragische Wahrheit, man sah es ihr an. Es war eine Erbschaft des Vaters. Noch ein Jahr Leben hatte der Arzt ihr gegeben, ein einziges Jahr. Das hatte sie betont, gewissermaßen als Gegenwirkung zu seiner Äußerung über die Wartezeit, die Graf Pakisch ihm gestellt, und hatte dabei auch die Frage einer möglichen Scheidung erwähnt. Es klang so: In einem Jahr kannst du unbedingt frei sein, ob ich tot bin oder noch lebe! – Das war das nicht Begreifliche. Glaubte Regina ihrem Arzte, so war es doch Wahnsinn, daß sie noch eine Ehe schließen wollte. Man mußte da nach psychologischen Momenten suchen. Magie der Wirkung von Seele zu Seele, Triebhaftes im Unterbewußtsein, Gefühlsüberschwenglichkeit, Instinktives, alles das war ausgeschlossen bei diesem Mädchen, dessen Stimmungsleben gewissermaßen nur eine Projektion ihrer Denktätigkeit auf die Fläche des unmittelbar Zweckmäßigen war. Ihre Neigung zu ihm hatte sie auf den bezeichnenden Ausdruck »Sympathie« begrenzt, auf eine mitempfindende Gleichstimmigkeit. Auch an den Ehrgeiz, sich ein Jahr lang Baronin Diesberg nennen zu können, war nicht zu denken. Aber sie mochte sich vereinsamt fühlen, und das war immerhin möglich: daß sie für die verbleibende karge Lebenszeit Anschluß an ein verstehendes Herz suchte, an einen Menschen von anständiger Gesinnung, der auch ihre geistige Beweglichkeit teilte, an einen Gefährten, der ihr ein lieber Freund, ein gütiger Pfleger und – ein treuer Gatte war. Und wie es schien, sollte diese eheliche Treue auch Belohnung finden in der Vererbung ihres großen Vermögens ... Diesberg goß den Sekt in die Kehle. In diesem Gedankenaustausch mit sich selbst empfand er ein Unbehagen, das fast körperlich war. Die Spekulation auf den Tod war erbärmlich. Und auch nicht der flüchtigste Wunsch zog ihn zu ihren Millionen. Die brauchte er nicht, wenn er Bärwalde behielt und sich da alles so entwickelte, wie er hoffte. Freilich – Bärwalde! Das war die Lockung, war der Köder, den sie ihm zuwarf. Wieder leerte er sein Glas. Seine Brauen stiegen zueinander, Gefälte trat auf seine Stirn, ein bitterer Zug um den Mund. Gleichsam explosiv sprang ein lächerlicher Haß gegen Regina in ihm auf. Was wollte diese Närrin von ihm! War es Mannstollheit, war es Launenhaftigkeit, war es krankhafte Überreizung oder irgendeine verborgen liegende kluge Berechnung, die ihm ihren Willen aufzuzwingen versuchte? – Es war ein Gedankenklettern im Dunkeln. Seine Schultern zuckten. Er schob das Geschirr von sich, er hatte keinen Appetit, aber er griff nach einer Zigarre. Ganz gleichgültig, was es ist, sagte er sich, Begreifliches oder Unbegreifliches, Spleen oder nicht, ich habe es mit einer Tatsache zu tun. Und er grübelte weiter: Wäre ich frei, ich überlegte nicht lange. Es ist die Partie, die Otten mir zugedacht hatte. Ich will mich mit Otten aussprechen. Nein – noch nicht, erst will ich Pakisch hören – und Annelene! Ich werde beiden die volle Wahrheit sagen: daß ich mit dieser Heirat Bärwalde zurückkaufe – und daß ich in Jahresfrist ... da verzog sich sein Gesicht unter einer jähen inneren Krise ... nicht an den Tod wollte er denken, sondern an eine freiwillige Lösung der Fessel, wie sie in ihrer Andeutung einer Scheidung lag! Ein absonderlicher Handel, dachte er, aber er ging nicht von mir aus. Das war wie eine Entschuldigung. Er ließ den Rest der Flasche in das Glas schäumen. Annelene – ja, Annelene soll entscheiden! – – – Als er in später Abendstunde wieder in Bärwalde eintraf, trat ihm Otten auf der Rampe entgegen. »Alles gut abgelaufen?« fragte er. »Anders als ich es erwartet habe«, entgegnete Diesberg. »Nicht schlechter, nein, aber kurioser. Morgen Näheres, lieber Freund, ich muß erst alles überschlafen.« Otten zog sich sofort mit einem »Gute Nacht« zurück. Das Auge Diesbergs gefiel ihm nicht, es glitt über ihn hinweg, es hatte etwas Scheues. Was ist passiert? fragte er sich und schritt mit seiner Blendlaterne über den Wirtschaftshof nach dem Amtshause, wo Fräulein Schauroth, das Tippfräulein, ihn mit einem Blick aus Babylon erwartete. Aber ihm fehlte die Laune zu einem Kosestündchen. »Du bist blaß, Luise,« sagte er zu dem Fräulein, »du mußt mehr Milch trinken. Geh in die Klappe ...« Unterdessen arbeitete Diesberg oben am Fernsprecher. Er bekam Anschluß nach Freilehningen. »Onkel Malte,« rief er, »schönsten guten Abend! Entschuldige die späte Störung.« »Aha, du bist es, Erni«, quarrte der Wassergraf. »Kann mir schon denken, was du willst. Also höre: dreitausend Mark will ich noch ablassen, für zweiundvierzig könnt ihr den Hengst kriegen. Weil ihr es seid – da komme ich euch sehr entgegen.« »Es handelt sich im Augenblick nicht um den Gaul, Onkel Malte. Es handelt sich um Wichtigeres, um – – kurzweg, um so eine Art Lebensfrage.« »Nana!« »Ich muß dich morgen früh sprechen – und Annelene auch. Unbedingt.« »Warum Annelene?« »Weil – weil meine ganzen Verhältnisse sich plötzlich und unerwartet ändern können.« »Wieder mal Auswanderung?« »Nein. Am Telephon läßt sich das nicht erklären.« »Gut. Ich erwarte dich gegen zehn.« * – Es taute wieder am andern Tage. Das Schneewasser überspülte die Wege, die schöne Rosa bekam schwarze Beine, der Schmutz spritzte in den offenen Wagen, der dunkle Havelock Diesbergs tigerte sich. Erni ließ es spritzen. Mechanisch wischte er ein paarmal mit der Hand über sein Gesicht. Im Quirlen der Gedanken suchte er nach einer angemessenen Form für seine Erklärung. Er überlegte: so wollte er anfangen – nein, so – nein, so. Er verwarf wieder alles. Der Augenblick mußte die Sätze fügen. Pakisch begrüßte ihn freundlich. Dann wurde Annelene gerufen. Die Kleine sah frisch und flügge aus wie immer. Sie gab Erni keinen Kuß, sondern reichte ihm nur die volle Hand und setzte sich hierauf wie ein artiges Schulmädchen auf einen Stuhl, den Rock tiefer über die Knie ziehend. Diesberg schloß heute die Fenster. »Ihr erlaubt«, sagte er. Dann nahm auch er Platz. Stille herrschte in dem großen Arbeitszimmer. Der Wassergraf zog bedächtig seine Nase durch die Finger: er war auf Unangenehmes gefaßt. Wenn dieser Diesberg sich zeigte, lauerte immer etwas Fatales im Hintergrunde. Annelene schaute neugierig in das Gesicht Ernis. Er räusperte sich. Auch sein Temperament schien heiser geworden zu sein. Der Furchtlose hatte Furcht vor der nächsten halben Stunde. Er schluckte und begann: »Bitte unterbrecht mich mal nicht. Ich muß erst aussprechen, dann könnt ihr loslegen. Es hat sich etwas sehr Verwunderliches zugetragen. Gestern war ich in Berlin zu einer geschäftlichen Aussprache mit Fräulein Lipsius. Wegen meiner Beteiligung am Gestüt. Da ergab sich nun – da ergab sich nun ... es entwickelte sich im Laufe der Unterhaltung – es kam sozusagen von selbst, es kam aus der Luft, ich kann mich nicht anders ausdrücken ... es ergab sich, daß Fräulein Lipsius mich heiraten möchte.« Der Wassergraf ließ seine Nase los. »Ei du Donnerwetter!« rief er. Annelene wurde blaß, ihre blauen Jungmädelaugen vergrößerten sich. Hastig fuhr Diesberg fort: »Wenn ich sage, es kam aus der Luft, so hat das wahrhaftig seine Richtigkeit. Nicht etwa, daß ich ihr eine Erklärung gemacht hätte – ausgeschlossen, auf Ehrenwort – Änneli, du mußt mir schon glauben ... es kam so, daß sie mich plötzlich fragte, ob es nicht das Gescheiteste sei, wenn wir uns heirateten. Das erörterte sie auch, in klugen Worten, und ich muß hinzufügen, nicht ohne Herzlichkeit – im Gegenteil, mit Sympathie ! Sie setzte mir alles auseinander – ich bin wieder Besitzer von Bärwalde – mit der halben Million, die der alte Herr für die Verbesserungen ausgeworfen hat – das würde vertraglich gemacht werden, versteht ihr? ...« Sein Blick irrte von Annelene zu Pakisch, und dann rief er in jach ausbrechender, unerklärlicher Wut: »Versteht ihr mich? So redet doch! So sagt doch auch einen Ton und laßt mich nicht immer bloß schwatzen!« »Entschuldige, entschuldige,« warf Pakisch ein, »du hast uns ja selbst ersucht, dich ausreden zu lassen. Also nu mal langsam mit die wilden Pferde. Dieses Fräulein hat dir, soweit ich dich verstehe, klippeklar zu erkennen gegeben, daß sie dich haben möchte. Sie ist hübsch, nicht wahr?« »Sehr hübsch.« »Und reich?« »Sehr reich.« »Na, da nimm sie dir doch, du Esel!« »Nein«, schrie Annelene und fuhr vom Stuhl in die Höhe. »Das ist eine Gemeinheit!« »Halt's Maul«, sagte der Wassergraf grob. »Hier geht's um Gewichtigeres als um eine dalbrige Kinderei. Du wirst nicht die Zukunft Ernis aufs Spiel setzen wollen, Annelene.« Sie biß die Lippen zusammen. Über den Brauen schattete sich eine Falte, aber sie schwieg und ließ sich wieder nieder. »Annelene,« hub Diesberg von neuem an, mit sanfter Stimme und bittender Gebärde, »es liegt alles so seltsam, daß wir doch immer noch Aussichten haben. Dies Fräulein Regina ist keine alltägliche Natur. Sie will Baronin Diesberg werden, aber – nun paß' einmal auf: sie sagt, wenn wir uns in der Ehe nicht verstehen könnten – sagte sie ganz offen –, dann würden wir uns in Frieden wieder trennen. Wieder auseinandergehen. Nach Jahr und Tag meinetwegen.« »Halt«, rief Pakisch. »Na und wie in solchem Falle? Behältst du da Bärwalde?« »Das wird mir im Ehevertrag verschrieben.« Pakisch nickte. »Ein verständiges Mädchen«, meinte er. Die Finger glitten über die Hakennase. »Mein lieber Ernst,« sprach er gewichtig weiter, »ich sehe, wie alles liegt. Diese junge Dame möchte Baronin werden, du gefällst ihr wohl auch. Du stehst noch immer, darüber wollen wir uns doch nicht täuschen, am Rande des Abgrunds –« »Nicht mehr, Onkel Malte.« »Na also gut. Ich will sagen, du hast noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, um wieder fest in den Sattel zu kommen. Nun wird dir das Geschäftliche geebnet. Und die Dame ist nicht bloß eine vulgäre Geldpartie. Sie ist eine Schönheit, sie ist die Tochter eines berühmten Vaters. Ich möchte beinah glauben, daß schon damals, als der alte Lipsius Bärwalde in der Versteigerung erwarb ... aber das kann ich nicht beschwören. Factum est , du kannst eine glänzende Partie machen. Du wärst ein Narr, wolltest du sie ausschlagen.« Wieder schnellte Annelene in die Höhe. »Darf ich nun auch etwas sagen?« fragte sie. Das Wasser stand ihr in den Lichtern. Aber sie hielt sich tapfer. »Ich habe das Recht dazu, denn ich bin die Verlobte Ernis.« »Das bist du nicht!« rief ihr Vater »Ich fühle mich als seine Verlobte. Du hast nur erklärt, wir hätten noch zwei Jahre zu warten.« »Da warte gefälligst.« »Ich warte nicht. Ich gebe Erni frei ...« Ihr Blick suchte Diesberg. Die Frische ihrer Natur geriet in Aufruhr. Sie theaterte nicht, sie holte keine Würde aus ihrem Schmerz. Ihre Unverdorbenheit stand unter einer eigenen Gefühlsauffassung. Sie klagte nicht melodramatisch an. Sie schluchzte, schrie und wütete wie ein ungezogenes Kind ... »Geh zu deiner Dame,« rief sie, »meinen Segen hast du! Aber laß dich vor mir nicht mehr sehen! Pfui Teufel, du verkuppelst dich! Du verkaufst deinen Namen! Dich selbst verkaufst du! Das ist das Schändlichste, was es gibt! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Wir sind fertig miteinander. Du bist ein – bist ein – ganz – gemeiner Kerl!« »Annelene!« schrie Diesberg außer sich. »Nimm das zurück! Herrgott, wie kann man so kindisch sein! Ich denke ja auch an dich – an unsre gemeinsame Zukunft! Du beschimpfst mich grundlos. Ich habe euch in Offenherzigkeit erzählt, wie sich alles verhält. Ich wollte hören, was du dazu sagst. Du sollst entscheiden, denn ich bin noch gebunden an dich – freiwillig – ich habe dich doch lieb, du dumme, dumme Göhre! Ein Wort von dir, und die Geschichte ist aus, ist aus!« Annelene stand schon an der Tür, das ganze Gesicht verzogen und in Tränen gebadet. »Ich will mir nicht nachträglich Vorwürfe von dir machen lassen«, schluchzte sie. »Heirate nur, es schiert mich nicht. Zwischen uns ist alles vorbei ... Rühr' mich nicht an!« schrie sie wild, als er zu ihr sprang und sie an den Armen faßte. »Ich spucke nach dir!« Sie tat es wirklich und schlug hinter sich mit Dröhnen die Türe zu. »Teufel,« stieß der Graf hervor und kratzte sich den Kopf, »was nützt das Wasser bei meinen ungebärdigen Katzen!« Diesberg ließ sich müde auf den Stuhl zurückfallen. »Sie ist ein Kind«, sagte er. »Was liebe ich an ihr? Das Kind. Laß sie sich ausheulen, Onkel Malte, es ist Flackerfeuer und brennt ab. Und bei Gelegenheit, bei Gelegenheit nimm sie dir noch einmal vor. Ich halt' ihr die Treue, ich halt' sie ihr doch. Ich weiß recht gut, mein Heiratsgeschäft ist nicht Gentlemansart. Nein, ich müßte mich durchschinden, vielleicht durchhungern, denn lehne ich ab, wird sie es ebenso machen, und dann ist wieder der Kamp in Argentinien mein letztes Eisen im Brand – und die Änneli ist mir für immer verloren.« Pakisch setzte sich ihm gegenüber und kreuzte die langen Beine. Er hatte die Hornbrille über das Graugefieder der Brauen geschoben. »Quack«, erwiderte er. »Deine moralischen Anwandlungen sind ungefährliche Bockstöße. Hast du die Partie gesucht? Vielleicht beim Vermittler oder im Inseratenblatt? Hat dich ein andrer mit der Nase draufgestoßen? Auch das kommt tausendmal vor, und kein Hahn kräht danach. Wir leben in der Welt , mein Junge. Du hast die Partie sozusagen gegen deinen Willen gefunden. Auf dem Präsentierteller ist sie dir gereicht worden. Greif zu! Wisch' dir die Annelene aus dem Herzen – das hab' ich mir längst gewünscht. Und sorge dich nicht, die tröstet sich, ich kenne meine Brut.« »Onkel Malte,« sagte Erni und dämpfte seine Stimme, »ich muß noch etwas hinzufügen – ich erwähnte es absichtlich nicht in Gegenwart Ännelis, es soll auch nur zu dir gesprochen sein. Es ist der heikelste Punkt in der – der ganzen Angelegenheit. Fräulein Regina gestand mir, sie habe nur noch ein Jahr zu leben.« »Was?« rief Pakisch und schlug die Beine auseinander. Ein maßloses Erstaunen verstreute sich über sein Quittengesicht. Er beugte den langgezogenen Oberkörper vor, als wollte er besser hören. »Wie soll man das verstehen, Potzkotz?« »Der Arzt hat ihr darüber keinen Zweifel gelassen – ein fremder Spezialist, den sie wohl geschickt ausgefragt hat. Sie steht nur scheinbar in der Blüte der Gesundheit, sie ist schwer herzleidend, wie ihr Vater es war.« »Alle Wetter, alle Wetter«, sagte der Graf, ließ durch ein Muskelzucken die Brille auf den Nasenrücken fallen und erhob sich. In sein Mienenspiel floß eine nachdenkliche Stimmung. Er drückte mit Daumen und Zeigefinger das Kinn gegen die Unterlippe und bewegte die Nasenflügel wie bei einer Arbeit am Schreibtisch. Es waren Zeichen innerer Anspannung. »Und siehst du, Onkel Malte,« fuhr Diesberg fort, »das ist's, was mich stutzig macht. Man kann bei Fräulein Regina schließlich alles verstehen, was man bei einer andern befremdlich finden würde. Sie ist eben nicht wie die andern. Aber die Motive für ihren Antrag, die sie mir aussprach und die ich als Möglichkeiten auffasse, mein Gott, die zerfallen doch angesichts eines nahen Todes! Es wäre ja Wahnsinn, glauben zu wollen, sie heirate mich nur, um noch ein Jahr als Baronin Diesberg unter den Menschen zu wandeln!« Pakisch war vor dem Neffen stehengeblieben und packte ihn mit beiden Händen an den Schultern. »Bengel,« rief er, »bist du denn so vernagelt, daß du nicht erkennst, was sie will? Sie weiß, daß der Tod vor ihrer Türe steht, und da will sie nichts anderes als noch ein Jahr glücklich sein !« Diesberg hob langsam den Kopf. Sein Gesicht war wie ein Regenhimmel, den die Sonne durchbricht. Ein ungläubiges Lächeln flog, rasch vergehend, um seinen Mund. »Da müßte sie mich ja lieben«, sagte er zag. »Frag' sie! Frag' sie doch einfach!« rief Pakisch. Erni sank in sich zusammen. »Nein ...« Er sprach tonlos und wie nur zu sich selbst ... »das geht nicht. Aber ich ... Herrgott, wenn das wirklich so ist – wenn das wirklich so ist – dann käme ja auch etwas wie – ein veredelnder Zug in die ganze verdammte Materie!..« Er sprang in die Höhe ... »Onkel Malte, da verstehe ich auch eine letzte Äußerung von ihr, die sie gleichfalls in den Vertrag aufnehmen will. Stirbt sie in Jahresfrist, so erbe ich ihr ganzes Vermögen!« Der Wassergraf knickte in die Knie und setzte sich unwillkürlich. »Acht Millionen«, sagte er. »Ich weiß es.« »Was scheren mich diese Millionen,« rief Diesberg, »verkenne mich nicht! Ich habe Bärwalde verloren und kann es wiederbekommen. Das ist etwas anderes. Bärwalde ist das Feld meines Neuaufbaus. Da hab' ich gesündigt und kann wieder gutmachen. Da kann ich arbeiten. Aber glaubst du, ich werde jeden Morgen in das Gesicht meiner Frau stieren und ... pfui Teufel, ja dann hätte Annelene recht mit ihrem Pfui Teufel! Nein, Onkel Malte, ich laure nicht auf den Tod und die Millionen, die er mir bringen kann. Und diese Erbbestimmung will ich nicht. Das werd' ich ihr sagen. Die will ich nicht, die will ich nicht!« »Sei nicht voreilig, sei nicht unvernünftig«, nölte Pakisch von seinem Stuhle aus. »Der Mann ist übrigens de jure der Erbe seiner Frau, wenn nicht anders verfügt wird.« »Mag sie mit ihrem Gelde machen, was sie will! Jedenfalls ...« Diesberg verschränkte die Arme über der Brust und schaute aus dem Fenster in das Wetter hinein. Im verhängten Himmel, in ferner Weite verlor sich sein Blick ... »Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Onkel Malte, wir wollen das Thema abschließen. Wie ist das mit deinem Hengst? Was soll ich Otten bestellen?« Der Graf knautschte die Falten seines Gesichts zusammen. Die abgerissene Gedankenreihe paßte ihm nicht. Er hätte gern noch mehr gehört. Es war ja nun eine ganz andere Entwicklung. Aber er fügte sich. »Wie ich dir schon gestern abend telefonierte«, sagte er. »Äußerster Preis zweiundvierzigtausend Mark. Du hast es ja jetzt dazu. Und es ist ein Staatsgaul.« »Schön. Abgemacht. Otten wird alles in die Hand nehmen. Nun will ich mich empfehlen. Grüß' mir die Annelene und tu mir den Gefallen, beruhige sie. Wenn sie ruhiger wird, wird sie auch gerechter denken.« »Keine Sorge. Die wartet auf dich.« Diesberg warf heftig den Kopf zurück. Sein Blick begegnete der skrupellosen Verschmitztheit im Auge des Alten. Er wurde dunkelrot und griff mit Hast nach seinem Hut. – Sonst kam er täglich mit Otten zusammen. Es galt ja auch gemeinsamer Arbeit. Aber in diesen Tagen vermied er ihn. Er gab sich keine Rechenschaft darüber, warum die stummen Fragen Ottens ihm unangenehm waren. Jedenfalls wollte er erst seine Angelegenheiten ins reine gebracht haben, dann mußte sowieso eine neue geschäftliche Einigung mit ihm besprochen und festgesetzt werden. Das war nötig. Übrigens ließ auch Otten sich nicht sehen. Diesberg hatte ihm nach dem Amtshause durch den Fernsprecher zugerufen, daß er mit der Forderung des Wassergrafen für den Zuchthengst einverstanden sei, und nichts weiter hinzugefügt. Es mußte also irgend etwas Unbestimmtes in der Luft schweben, vielleicht eine Wolke, vielleicht ein verfangener Sonnenstrahl. Sichtlich war im Kreislauf dieses Einzellebens eine Hemmung eingetreten, und zwar am Tage der letzten Unterredung Diesbergs mit Fräulein Lipsius. Hallo, was war da los? Aber Otten hatte keine Eile, es zu erfahren. In den linden Tagen der Schneeschmelze nahmen ihn auch wieder die Felder in Anspruch. Die Eggen zogen reinigend über das Land, die Wiesen wurden gedüngt, unter den Stümpfen des gemordeten Waldes arbeitete die Rodemaschine. – Inzwischen rang Diesberg mit sich selbst. Was gut und schlecht in ihm war, was vornehm und minderwertig, was ihm zweckmäßig erschien und ihn doch häßlich dünkte, das führte Kampf gegeneinander. In aller Verwirrung und Verwicklung der Gegensätze hatte er sich schließlich hinter eine deckende Idee geflüchtet. Die Äußerung des weltklugen, trotz seiner Verbissenheit immer klar die Wirklichkeit durchschauenden alten Onkels Malte: »Sie will noch ein Jahr glücklich sein« – dieser Ausspruch schien ihm eine Erkenntnis zu bedeuten. Und die Erkenntnis trug einen gewissen poetischen Duft in die Nüchternheit seines Heiratshandels, auch einen – wahrhaftig, einen dramatischen Anreiz! War es so, daß die »Sympathie«, die Regina ihm entgegenbrachte, aus tiefer gelegenen Quellen strömte, daß hier ein gleichgültiges Wort die Maske für einen Gefühlsdrang war, dann hatte er sozusagen eine Mission zu erfüllen. Dieser Frau ein letztes Jahr des Glücks zu schaffen, das war die »Idee«, hinter die sich die Selbstsucht verkriechen konnte. Doch nicht vertreiben ließ. Sie blieb wach. Dachte er an seine kleine Änneli, so tat das Herz ihm weh, und er sehnte sich nach einer Vereinigung mit ihr. Er fühlte nicht, daß das sinnliche Begehren dabei stärker wirkte als die Kraft der Seele, jedenfalls lag es nicht in seinem Bewußtsein. Es war der Trieb einer gesunden Natur nach dem Gesunden und Unverfälschten. Und das Empfinden dieses Ganzmenschlichen lenkte seinen Blick unwillkürlich weiter, über die Front der Tage hinaus in eine neue Zeit, da er Arm in Arm mit Annelene ein Grab im Park von Bärwalde besuchen konnte, um das Andenken einer toten Freundin zu grüßen ... So keuchten seine Gedanken durcheinander und befehdeten sich voller Gewalttätigkeit, ohne zum Siege zu kommen. Am Sonnabend früh war jedenfalls sein Entschluß gefaßt. Der Termin lief ab, jetzt hieß es sich entscheiden. Der Wagen hielt auf der Rampe, und als Diesberg einsteigen wollte, sah er Otten und winkte ihm. »Halten Sie sich den Abend frei für mich, lieber Freund«, sagte er mit dem Versuch eines Lächelns. »Heute ist ein Tag kritischer Ordnung.« »Weidmannsheil«, antwortete Otten und drückte ihm die Hand. Er blieb stehen und sah dem davonfahrenden Wagen nach und simulierte. Fräulein Lipsius –? Oho, und die kleine Komteß? – Kopfschüttelnd stieg er die Rampe hinab. Es war eine verrückte Welt. * – – In Berlin fuhr Erni zu einem weltbekannten Arzt, und da er zufällig etwas vor Beginn der festgesetzten Sprechstunde kam, so wurde er als Erster vorgelassen. Der berühmte Mann hatte nur flüchtig auf die ihm überbrachte Visitenkarte gesehen. »Was steht zu Diensten, Herr Baron?« »Ich will mich verheiraten, Herr Geheimrat,« erwiderte er, »und möchte mich daraufhin einmal auf meine Gesundheit untersuchen lassen.« Der Geheimrat nickte. »Gern. Das ist vernünftig. Das sollten alle tun, die im Begriffe stehen, eine Familie zu gründen. Es sollte obligatorisch eingeführt werden. Bitte entkleiden Sie sich. Mir notwendig erscheinende Fragen werde ich erst nach der Untersuchung stellen.« Die Untersuchung währte lange und war ungemein sorgfältig. »Sie sind der robusteste Mensch, den ich seit langem unter den Fingern gehabt habe«, erklärte der Arzt endlich. »Heiraten Sie in Gottes Namen. Haben Sie sich überhaupt je krank gefühlt?« »Nie, Herr Geheimrat.« »Und Sie wissen auch nicht, ob in Ihrer Familie sogenannte erbliche Krankheitsfälle vorgekommen sind, Rachitis, Krämpfe, Nervenleiden, Herzleiden?« »Ich glaube nicht. Sicher nicht. Aber, Herr Geheimrat, gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit eine Frage. Eines guten Freundes wegen, der schwer herzleidend ist. Vererben sich Herzerkrankungen auf die Kinder?« »Das kommt auf die Natur der Krankheit an ...« Der liebenswürdige Arzt erging sich in längeren wissenschaftlichen Erklärungen über die entwicklungsgeschichtlichen Möglichkeiten der Heredität wie auch über die verschiedenen Arten der angeborenen und erworbenen Herzleiden. Im allgemeinen verneinte er die gestellte Frage. »Aber,« fügte er hinzu, »andererseits ist es zweifellos, daß unter den zur Vererbung neigenden Krankheiten konstitutionelle Leiden, die lange auf den elterlichen Organismus eingewirkt haben, obenan stehen. Und so können natürlich auch Herzfehler der Eltern ihre unmittelbare Fortsetzung in den Kindern finden, die ihnen in solchen Fällen gewöhnlich schon in den ersten Lebensjahren erliegen. Ist Ihr Freund verheiratet?« »Nein, Herr Geheimrat. Aber ich weiß, daß auch sein Vater nach längerem Leiden an einer Herzstörung verstorben ist.« »Äh,« sagte der Professor, »dann soll er lieber die Heirat lassen. Es muß ja doch auch Junggesellen geben. Ich bin selbst einer und immer recht vergnügt dabei gewesen.« Erni lachte, legte seinen Obolus auf den Tisch und verabschiedete sich. Es war draußen kalt, ein scharfer Ostwind fegte durch die Straßen. Diesberg schlug den Kragen seines Pelzrocks in die Höhe und drückte den Hut fester. So kämpfte er gegen den Wind. Er nahm keine Droschke, er ging zu Fuß. Er hatte es nicht eilig. IX Regina erwartete ihren künftigen Gatten. Die tückische Grippe hatte sie glücklich überwunden, aber die seelische Unruhe bereitete ihr ein schmerzlicheres Leid, als es die Krankheit vermocht hatte. Sie machte sich keine Vorwürfe über die gespielte Komödie. Die hatte sich aus der Entwicklung des Augenblicks ergeben. Was sie in der Kraft ihres Eigenwillens und mit dem Rechte des Herzens gewollt hatte: den Mann durch das Geständnis ihrer Liebe zu gewinnen, war an der geschäftlichen Kühle der Begegnung gescheitert. Aber sie gab nicht auf, was sie sich vorgenommen hatte, jenes erobernde Moment, das in der Welt der Konventionen gewöhnlich nur dem Manne zusteht und das in der Bewegung der Zeit das Weib theoretisch nun auch für sich in Anspruch nahm. Bei ihr lag der Fall so, daß der doktrinäre Hinweis auf die Gleichheit der Geschlechter in Angelegenheiten des Gefühls sich in wesenerschütternde Praxis übertrug. Ihre Liebe zu Diesberg war der Inbegriff ihrer Individualität. Bei ihrem Reichtum und ihrer Schönheit genügte ein Blick und eine Geste, um die Männer zu fesseln. Aber gerade in dem Bewußtsein der Macht, die sie ausübte, verachtete sie die Werbungen der Männer. Sie selbst wollte den sich wählen, dem ihr Herz und Leib gehören sollte. Das war zweifellos ein richtiges und adliges Empfinden, getragen von echt weiblichem, sittlichem Stolze. Nur stieß sich die Ausführung an den gesellschaftlichen Gebräuchen. Die kleine Düren machte es einfacher. Sie nahm sich einen Geliebten und kümmerte sich nicht um den Tratsch der Welt. Über das Urteil der Sippen hätte auch Regina sich hinweggesetzt. Aber die bürgerliche Ehe galt ihr als Krönung des sozialen Lebens. Der Zusammenstoß der Gegensätze bei der Unterredung mit Diesberg machte jede Gefühlsäußerung unmöglich. Und in dem Moment, da Regina dies einsah, änderte sie ihr Verhalten. Ausschauende Klugheit trat an die Seite der Leidenschaft. Sie lenkte ihr Problem, ohne das Ziel aus dem Auge zu lassen, in den Weg, auf dem der Mann ihr entgegenkam, auf eine Vereinfachung, auf den Nützlichkeitswert. Das war eine diplomatische Wendung, die sie nachträglich sich selbst gegenüber als eine »Politik der Liebe« zu rechtfertigen suchte. Und diese psychologische Strategie wäre bei dem eigenartigen Zusammenfluß aller äußeren Umstände sicher auch von Erfolg gekrönt gewesen, hätte sich Diesberg nicht durch sein Verhältnis zu Annelene Pakisch in seiner Unabhängigkeit beschwert gefühlt. Aber freilich hat Hegel recht, wenn er sagt, daß das Wesen der Liebe sich nicht durch den Verstand erklären läßt. Sie scheut keine Gefahr und kennt kein Hindernis, sie ist Roman und Drama und Abenteuer. Für Regina war die kleine barfüßige Komteß keine ernst zu nehmende Nebenbuhlerin. Eine neue Wendung im Spiel der Herzensliste räumte sie vorläufig aus dem Wege. Gegen die zwei Jahre Wartezeit setzte sie das eine Jahr ihres Zusammenlebens. Gewiß, daß sie in der verfeinerten Organisation ihres Empfindens Scham empfand über die Verschleierung der Wahrheit. Doch es war keine Reue dabei und kein Selbstvorwurf. Ihre Liebe war konzentrierter Lebensdrang, der Wunsch einer Auslösung ihres Seins in dem des andern, ein »Stirb und Werde«. Was ihr an Diesberg begehrenswert erschien, der Mann, die Art, die geistige Mischung, bewußte Wahrnehmung oder hellseherisches Unbewußtes – sie hatte nie darüber sich in Gedanken gesponnen. Nicht der Gedanke riß die Führung an sich, sondern der alte unbegreifliche Zauber, der in den Sinnen webt und in den leisesten Schwingungen der Seele sein Echo findet. So wartete sie seiner mit Bangen, immer in Sorge, einen Brief von ihm zu erhalten, der ihre Hoffnung vernichten könnte. Aber es kam kein Brief, und heute war nun der Tag, an dem sein gesprochenes Ja oder Nein ihr Schicksal erfüllen sollte. Sie wußte: auch ein Nein würde er als Mann von Welt mit geschickten Phrasen zu umkleiden verstehen. Er konnte weithergeholte Bedenken in gewählter Dialektik zu Felde führen und wieder von dem Plan seiner Auswanderung sprechen. Und da war sie zu einem letzten Trumpf entschlossen: sie wollte ihm gemeinsame Auswanderung vorschlagen. Gut – räumen wir auf in Europa, fegen wir alle Bedenken in den Winkel, die hier die Freiheit unseres Lebens umlauern, und ziehen wir in die Fremde! Wir sind reich genug, uns da ein Paradies zu schaffen ... Das war die Wendung zum Abenteuer. Es kam nicht dazu. Diesberg ließ sich anmelden, auf die Stunde genau wie vor drei Tagen. Als sie ihn sah, ging ein Blühen durch ihr Herz, und sie errötete unwillkürlich. Er trug zwei Rosen in der Hand, die er ihr mit schweigender Verneigung reichte. »Danke, Herr von Diesberg,« sagte sie, »Vorboten des Frühlings ...« Eine triviale Bemerkung. Der Übergang von gesellschaftlicher Phraseologie zu sinnvollerem Inhalt war nicht anders. Sie wies auf einen Stuhl und ließ sich selbst nieder. Sie trug das Schwarz der Trauer, steckte nun aber eine der roten Rosen an ihre Brust. Diesberg überwand rasch die erste Verlegenheit durch eine leichte Keckheit des Tons. »Gnädiges Fräulein,« begann er, »ich möchte zunächst um Entschuldigung bitten, daß ich bei meinem letzten Besuch mich in etwas stürmischer Weise verabschiedet habe. Es sah fast wie eine Flucht aus, aber es war in der Tat nur ein Zurückziehen aus erregter Stimmung in ein ruhigeres Beisichselbstsein. Das läßt sich erklären, nicht wahr? Ich kam als Bittsteller zu Ihnen und sollte als Verlobter entlassen werden. Da jagte ein Wirbel in mein Gefühlsleben und blies alle Denkkraft aus. Nun laboriere ich zuweilen an philosophischen Anwandlungen, und die haben mir glücklich über Unklarheiten und Ungewißheiten fortgeholfen. Ich weiß nicht, ob Sie sich entsinnen, daß ich Ihnen schon sagte, auch das weibliche Anrecht bei der Ehewahl für vernünftig, verständig, zutreffend, menschlich zu halten. Daß also die starren Satzungen der Gesellschaft für freier Empfindende nicht maßgebend sein können. Das habe ich mir inzwischen noch des längeren und breiteren durch den Schädel gehen lassen und möchte wiederholen, daß ich Ihren Standpunkt begreife und respektiere.« Sie neigte ein wenig den Kopf. Dabei fragte sie sich: Was redet er? Was soll diese Einleitung? – Doch er fuhr fort: »Befremdender war mir, daß Ihre Wahl auf mich fiel. Ich unterschätze mich nicht. Aber ich übe doch auch Selbstkritik. Meine äußeren Verhältnisse liegen ziemlich zerfahren. Was Sie von mir gehört haben können, wird nicht allzuviel Gutes sein. Nun sprachen Sie von Sympathie. Das ist ein Fremdwort, ein anmutig klingendes, und irre ich nicht, so gibt es sogar Ethiker, die diese Sympathie als subjektive Grundlage aller Sittlichkeit betrachten. Sie selbst übertrugen den Begriff auf den einer ehrlichen Freundschaft. Gut, Regina, wenn wir auf dem Fundament einer treuen Freundschaft unser Ehehaus errichten wollen – gut, so tuen wir uns zusammen!« Er war aufgestanden. Durch den leichten Ton schwang ein Akkord schönen Ernstes. Auch Regina erhob sich, langsam, etwas zögernd, schwer. Die Teerosenfarbe ihrer Haut färbte sich tiefer, in das Seegrün ihrer Augen stieg ein eigenes mystisches Halblicht. »Ich danke Ihnen«, sagte sie. »Ich darf keine höhere Forderung stellen. Aber ich darf Sie lieb haben, nicht wahr? Das darf ich.« Ihre Stimme war süß, war wie ein musikalisches Farbenspiel. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, und, ergriffen von dem Augenblickszauber einer in seine Melancholie getauchten Poesie, zog er sie an sich und küßte sie sanft auf den Mund. Es war der erste Kuß auf den Mund, den sie von einem Manne empfing. Auch des Vaters Lippen hatten die ihren nie berührt. Der vorsichtige Pedant vermied dies schon aus hygienischen Gründen. Erni fühlte das schamhaft lustvolle Erzittern Reginas. Aber der Moment sollte nicht lyrisch werden. Auch diesmal hatte er sich in der geschäftsmäßigen Abgliederung der Angelegenheit eine Schutzwehr geschaffen. Er behielt ihre Hände noch und lachte fröhlich. »Regina, nun ist es heraus«, rief er. »Ist die Wahrheit so fürchterlich? Konntest du mir das nicht schon vor drei Tagen sagen?« »Wer war schuld an meiner Umgehung der Wahrheit? Du. Ich hatte mir vorgenommen, dir zu gestehen, was jeder Mann ungestraft jedem Weibe gestehen darf. Ich hätte es gewagt. Aber dein abweisender Ton erschreckte mich.« Er küßte nun auch ihre Hände. »Ich habe dafür nur die eine Entschuldigung, daß ich in dir immer die Tochter deines Vaters sah.« »Und in meinem Vater sahst du deinen Feind. Er war es nie, Ernst. Er war lediglich der ewige Erzieher. Nicht immer mit gleichem Glück. Die einzige Tochter entschlüpfte seinen pädagogischen Grundsätzen.« » Quod erat demonstrandum «, scherzte er. »Er wird uns das Resultat im Grabe verzeihen. Regina, nun sind wir Verlobte. Da gibt es noch viel zu besprechen.« »Ich höre«, sagte sie ruhig. Der erste Abschluß war da. Sie konnte zufrieden sein. Allgemach kehrte ihre Ausgeglichenheit zurück. Sie hatte ihn, und wenn sie auch wußte, daß bei ihm mehr kluges Denken als der Herzschlag mitgesprochen: sie hatte ihn und hielt ihn, es war wie ein geglückter Beutezug der Liebe, und mit einem inneren Lächeln überschlug sie triumphierend die Zukunft – sie wollte den Sieg sich sichern! – Man setzte sich. Diesmal auf das Sofa – wie ein solides gutbürgerliches Brautpaar, dachte Diesberg. Das gehört auf das Sofa in der guten Stube. »Regina,« begann er von neuem, »du mußt mir gestatten, noch einmal auf deinen Vorschlag eines Ehevertrages zurückzukommen. Ich sehe vollkommen das Zweckmäßige eines solchen Arrangements ein – es ist ja auch allgemein üblich –, ich wehre mich nur mit Entschiedenheit gegen die Aufnahme eines Paragraphen, der gewissermaßen – nun ja, gewissermaßen dein Leben befristet. Du hast mir in voller Ehrlichkeit die Aussage deines Arztes wiedergegeben – Gott sei Dank sind die Ärzte ebenso dem Irrtum unterworfen wie wir alle –, und wenn ich auch die ruhige Gelassenheit bewundere, mit der du über diese Dinge sprichst: solange wir atmen, haben wir ein Recht auf Hoffnung, und solange wir leben, wollen wir den Gedanken an den Tod nicht fürchten!« »Ich fürchte ihn nicht«, entgegnete Regina, und ein Schwanken stieg in ihr auf, ob sie nicht recht täte, ihm in dieser Stunde die Wahrheit nicht weiter vorzuenthalten. Doch ein Gefühl der Angst hieß sie schweigen, ein Gefühl der Scham vor dieser letzten Lüge, die im Sturm ihres Herzens zu einer Schlinge werden sollte – oder zu einem Kompromiß. Die Zeit mußte sprechen – die ganze Rechnung ihrer Liebe war ja auf die erlösende Zeit gestellt! – »Ich weiß,« sagte er, »du bist tapfer, Regina. Wir werden auch nichts unversucht lassen, dir Heilung zu bringen – wir werden noch andre Spezialisten aufsuchen, ein milderes Klima, ein Sanatorium ...« Es war ein Jagen der Worte, als wollte er rasch über dies peinliche Thema fortkommen ... »Aber was ich nicht will, ich wiederhole das, ist die Aufnahme der Lebensfrage in den Ehevertrag! Ich akzeptiere den Besitz von Bärwalde, weil er mir freie Hand für meine Tätigkeit gibt, über dein Vermögen hast du allein zu verfügen.« »Ich kann darüber testieren, wie ich will«, erwiderte Regina. »Gut, ich bin einverstanden. Ich werde das mit Detmold besprechen. Er erledigt alles Geschäftliche. Sind deine Personalpapiere in Ordnung?« »Gewiß. Du willst nicht das Trauerjahr abwarten?« »Kann ich denn das?« entgegnete sie, und wieder huschte ein Verräterrot in ihre Wangen. Er nickte hastig. »Es ist auch nicht nötig. Die sogenannte Gesellschaft wird plärren und skandalieren, mag sie. Also, Regina, wann wollen wir die standesamtliche Anmeldung vornehmen?« »Morgen.« »Gut. Wünschest du eine kirchliche Trauung?« »Nein – falls dir nicht daran liegt.« »Durchaus nicht. Wir müssen zwei Zeugen für die Kopulation haben.« »Ich werde Detmold darum bitten.« »Und ich Herrn von Otten. Ist über die Frage der Ausstattung noch etwas zu sagen?« »Nichts,« erwiderte sie lächelnd, »ich bin versehen.« »Und wo wollen wir unser Heim aufschlagen?« »Dies Haus ist groß, und auch in Bärwalde wird genügend Platz sein.« »Versteht sich. So haben wir Stadt und Land. Aber ich bin nicht für ein Hochzeitsmahl in Bärwalde. Ich schlage ein Frühstück mit unsern Zeugen in irgendeinem Hotel vor und dann eine kleine Reise – nach Dresden, Wiesbaden, Baden-Baden, wohin du willst.« »Soll mir recht sein.« Eine kleine Pause trat ein. Diesberg empfand, er mußte jetzt etwas Liebes sagen, ein gütiges Wort – es mußte ein Ersatz da sein für die übliche erste Kosestunde eines jungen Brautpaars. Wenigstens ein Schein von Poesie mußte auf die unsäglich nüchterne Alltagsfläche fallen. Aber auch die glatte Technik gleichgültig-gefälligen Plauderns versagte bei ihm in diesem Augenblick. Sein Allerinnerstes widersprach einer Mache, die sie unmöglich für Ernst nehmen konnte. Nein, das war unwürdig. Und wie er sie kannte, erwartete sie das auch nicht – ganz gewiß noch nicht. Da nahm sie selbst das Wort. Sie legte ihren rechten Arm um seine Schulter und sagte: »Lieber Freund, vergib, wenn ich einen wehen Punkt berühre. Ich weiß, du trägst eine Jugendliebe im Herzen. Weiß auch, zu wem. Unsre Ehe wird in eurem Landkreise verdoppeltes Aufsehen erregen, das ist nur natürlich. Ist es da nicht zweckmäßiger, ich nehme in Bärwalde vorläufig noch nicht Quartier? Laß mich hierbleiben – und du besuchst mich, sooft es deine Zeit erlaubt. Ich möchte dir gern jede Unannehmlichkeit aus dem Wege räumen, will auch vermeiden, daß man mich bei euch gewissermaßen als nicht zugehörig betrachtet.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. »Ich danke dir für deine Rücksichtnahme«, entgegnete er. »Aber sie ist schon deshalb nicht nötig, weil man daheim gewohnt ist, in mir einen Menschen zu sehen, der sich den Teufel um die Nachbarn rechts und links und ihre Meinungen schiert. Ich habe im übrigen auch gar keinen Verkehr, was man so nennt – der einzige war der mit Freilehningen – und dahin sind nun die Wege verweht und alle Brücken zerstört ... Ja, Regina, ich hatte eine Jugendliebe – nenn' es Jugendliebe, es ist wohl der richtige Ausdruck, denn sie war der letzte Rest Sturmjugend in mir. Sie war ein ganz naives Empfinden, etwas Elementares, etwas Erdiges – Erdiges, etwas Kitschiges, Albernes, eine Bauernliebe, eine Primanerliebe – aber sie saß doch sehr fest. Vielleicht hätte sie nie zu einer Ehe geführt – der alte Herr hat mir schon einmal sein Haus verboten ... nun also, jetzt rüttle und schüttle ich an mir, um die Erinnerungsspreu loszuwerden, und es wird mir gelingen – ich weiß ja, daß der Riß unheilbar ist, wie sich auch alles gestalten mag – es ist für immer vorbei ... und vielleicht ist es gut so ... Aber, Regina, da wir doch einmal davon reden, und ich begrüße das, es soll Klarheit zwischen uns sein – unser Seelisches läßt sich schließlich nicht von einem Tage zum andern auswechseln – du wirst in erster Zeit, es ist möglich, noch Stimmungen in mir fühlen, die natürlich verwunden werden sollen, die aber wider Willen auftauchen können ... Ich weiß nicht, ob du mich verstehst. Ja, du verstehst mich. Ich will dir ein treuer, anhänglicher, liebevoller Gatte und Freund sein –« Sie unterbrach ihn. Sie lehnte sich an seine Schulter und führte seinen Gedankengang weiter. »Aber das Herz, das Herz muß ich mir noch erkämpfen,« sagte sie in wiegendem Rhythmus der Stimme, »und das ist die Aufgabe, die mich glücklich machen wird. Küsse mich noch einmal, geliebter Ernst – und dann wollen wir zur Prosa unsrer Aussprache zurückkehren ...« Sie umschlangen sich, und sie küßte ihn. Sie nahm in diesem Kusse Besitz von ihm. – – * Am Abend saß Diesberg mit Otten zusammen vor dem Kamin in der Bibliothek von Bärwalde. Erni war vorher wieder einmal in den Weinkeller gestiegen und hatte unter den Resten Auslese gehalten. Sie verringerten sich zusehends, aber er fand doch noch ein paar Flaschen Sechsundvierziger Rüdesheimer, von denen er annahm, daß sie Otten schmecken würden. Und gerade heute lag ihm daran, ihn in Stimmung zu bringen. Das Zuständliche ließ an Behaglichkeit nichts zu wünschen übrig. Draußen fiel dichter Schnee. Man hörte sein leises Ballern gegen die Fensterscheiben. Im Kamin loderten die Holzkloben, knisterte es, sprühten die Funken, zerknallte ein Kienspan. Gerrlich hatte den kleinen Tisch mit den Flaschen zwischen die Ledersessel gerückt und sich wieder entfernt. Die Herren saßen sich gegenüber, Diesberg füllte die Römer, Otten betrachtete sinnend das Etikett auf einer der Flaschen. »Eine gute Nummer«, sagte er. »Liegt irgend etwas Besonderes vor, lieber Diesberg, daß Sie sich zu dieser Höhe der Kultur aufgeschwungen haben?« »Ja, es ist so«, antwortete Diesberg. »Es ist ein Bestechungstropfen. Ich wollte Sie bitten, gemeinsam mit Rechtsanwalt Detmold Ende des Monats meiner Trauung mit Fräulein Regina Lipsius als Zeuge beizuwohnen.« Otten hatte das Glas an die Lippen gehoben. Er hielt inne und stand auf. »Auf Ihrer beider Wohl,« sagte er, »auf glückliche Ehe.« Er leerte den Römer und setzte sich wieder, gemessen und ruhig. »Ich danke«, erwiderte Diesberg. »Es war an einem Herbstabend, Otten, da schlugen Sie mir die Partie vor.« »Ich erinnere mich, doch Sie machten mir die Unmöglichkeit klar. Sie fühlten sich an eine andere gebunden.« »Ich habe mich frei machen können.« »Seien Sie ehrlich und gestehen Sie zu, daß Sie den größeren Vorteil wahrnahmen.« »Erwägungen sprachen mit. Ich bin wieder Herr auf Bärwalde. Aber ich muß etwas hinzufügen. Vor mir hatte Graf Pakisch die Verlobung mit Annelene aufgehoben. Er hatte mich einfach an die Luft gesetzt. Und wie alles lag, wäre es doch sehr zweifelhaft gewesen, ob er mich je als Schwiegersohn willkommen geheißen hätte. Nun habe ich mich mit ihm und Annelene ausgesprochen. Da hat mir auch Annelene den Laufpaß gegeben.« Otten lachte kurz und trocken. »Kann ich mir denken«, sagte er. »Sie wird mit Furioso zurückgetreten sein, ich sehe sie vor mir, den Wetterblitz in ihren Augen, sie mag auch mit den Füßen gestampft haben. Nicht ganz in der Ordnung, aber begreiflich. Das Wasser allein tut's nicht. Also, lieber Diesberg, es versteht sich von selbst, daß ich Ihre Bitte um meine Zeugenschaft nicht ablehne. Ich halte mich zur Verfügung. Doch dann bin ich wohl aus den Diensten von Fräulein Lipsius entlassen und kann mein Wanderpäckchen schnüren.« »Ich sagte schon, daß die Heirat mich wieder in den Besitz von Bärwalde einsetzt. Das ist übrigens die einzige Vergünstigung, die ich angenommen habe. Indessen, der Besitzer wechselt, nicht das System. Ich möchte Sie herzlich bitten, bei mir zu bleiben, Otten. Natürlich unter anderen Verhältnissen und Bedingungen als bisher. Wir wollen nicht über den Titel streiten. Es ist gleichgültig, ob Sie sich Inspektor, Verwalter oder Oberbeamter nennen. Sie sollen als Freund bleiben. Wir wollen gemeinsam wirtschaften. Ich stelle Sie auf Tantieme – oder wie Sie es sonst wünschen. Ich gehe auf alles ein. Aber ich möchte Sie nicht entbehren. Ihre Hand, Otten!« Er gab sie ihm nicht. Er streckte sich und sagte: »Ich kann nicht bleiben, Diesberg.« »Warum nicht?« »Weil ...« Er brach ab, trank und erhob sich. Er ging im Zimmer auf und ab, blieb stehen, schritt wieder weiter ... »Weil mir vieles nicht zusagt. Ich muß offen sein, ich habe mir diese Offenheit verdient. Es sagt mir vieles nicht zu. Ich wollte mit Ihnen zusammen arbeiten. Das geht aber nur auf dem Wege einer gewissen Gleichberechtigung. Die wird nunmehr, auch bei Ihrem besten Willen, kaum noch möglich sein. Sie sind plötzlich vielfacher Millionär geworden –« »Bitte,« warf Diesberg ein, »nicht übertreiben. Was ich Ihnen jetzt sage, Otten – Ehrenwort, daß es buchstäblich wahr ist. Ich habe allerdings Bärwalde zurückgenommen und dazu die für den Weiterbetrieb von Lipsius ausgesetzte Barsumme. Aber ich habe ausdrücklich auf jede andre Beteiligung an dem Vermögen Reginas, auch in erblicher Beziehung, verzichtet. Jawohl, verzichtet!« Otten hielt wieder den Fuß an. »Das wäre immerhin«, sagte er langsam, »ein sogenannter anständiger Zug. Entschuldigen Sie, Diesberg, es muß noch etwas aus mir heraus. Richtig, daß ich Ihnen mal gesagt habe: bewerben Sie sich doch um Fräulein Lipsius! Ich folgte da gewissen Andeutungen Detmolds – na also, gleichgültig! Aber in dem Augenblick, da ich hörte, daß Sie der Kleinen drüben in Freilehningen verpflichtet sind, war für mich die Sache erledigt. Nun haben Sie Bärwalde wieder und dafür Ihre Kleine sitzen lassen. Es kommt schließlich nicht darauf an, ob Sie mit schöner Geste auf ein paar Millionen Verzicht geleistet haben. Die Tatsache bleibt bestehen: Sie opferten das Mädel, das Sie lieb hat, weil die Hand der andern Ihnen einen Besitz bot. Hallo, Diesberg, ehe Sie auffahren und mir Ihr Glas an den Kopf werfen, lassen Sie mich weitersprechen! Ich bin kein feiner Moralist, verdammt nein, ich wurde zu viel in der Welt umhergeworfen, um nicht die Mangelhaftigkeit unsrer Moral, zumal der angewandten, zur Genüge zu kennen. Aber in Herzensdingen soll man sauber sein. Bitte, eine Frage: wen lieben Sie denn nun eigentlich, die abgesetzte Braut noch immer oder schon die gegenwärtige?« Das Rotlicht des Kaminfeuers überstrahlte das Gesicht Diesbergs, sonst hätte man sehen können, wie blaß er geworden war. »Mein Glas steht noch fest auf dem Tisch,« antwortete er, »und ich fahre auch nicht auf, ich bleibe ruhig sitzen. Freilich, ein andrer hätte mir die Frage nicht stellen dürfen. Zum Teufel, Otten, eine seltsame Frage! Ich will die Antwort umschreiben. Als ich mich heimlich mit Annelene verlobte, ließ ich mein Herz sprechen. Und als ich Regina das Jawort gab, sprach der Verstand. Nun brüllen Sie los und nennen Sie das unehrenhaft – ich fordre Sie doch nicht! Ich schieße mich nicht mit einem, der mich zum erstenmal Freundschaft gelehrt hat – wenn er auch auf dem Wege ist, mein Feind zu werden.« »Das bin ich nicht«, sagte Otten. »Und grade weil ich mir meiner Freundschaft zu Ihnen bewußt bin, grade darum spreche ich so, wie ich will und muß. Diesberg, ich schaue über den Tag hinaus, ich sehe weiter, und das beunruhigt mich. Lassen wir mal auf sich beruhen, daß die Verführung für Sie groß gewesen sein mag. Ich will menschlich denken. Aber was nun? Annelene hat Ihnen den Laufpaß gegeben, sagen Sie. Ach, so ein Mädchenherz! Heute Herbststurm und morgen Sommertag. In so einem armen verliebten Mädchenherz wohnen Fluch und Jubel Türe an Türe. Glauben Sie, daß Ihre Treulosigkeit ihre Liebe zu Ihnen gelöscht hat? Ich glaube es nicht. Auch wenn Sie verheiratet sind, werden Sie Freilehningen nicht vermeiden können, die Güter grenzen aneinander, schon die Gestütsgeschäfte führen herüber und hinüber – Sie können keine neutrale Zone um Bärwalde ziehen – Sie werden Annelene zweifellos wiedersehen. Ich möchte nicht abwarten, was sich da anspinnen kann, des Mädels wegen nicht und nicht Ihrethalben – deshalb lassen Sie mich ruhig meiner Wege gehen. Es braucht ja nicht morgen oder übermorgen zu sein, ich helfe Ihnen die Zucht einrichten und bleibe bis über die Frühjahrsbestellung – und dann Packe ich ein ...« Er nickte dazu freundschaftlich, warf sich wieder in den Sessel und roch behaglich an der Blume des Rüdesheimers. Aber Diesberg neigte den Kopf. Eine frostige Traurigkeit finsterte über seine Züge. Was der da sagte, traf und tat weh. Er schaute wirklich »über den Tag hinaus« und ahnte dabei nicht einmal etwas von dem, was man schon als ferne Hoffnungen an ferne Möglichkeiten geknüpft hatte, an eine Scheidung, an eine Todesstunde. Diesberg schwieg und starrte in den Feuerzauber des Kamins. In der Tiefe seiner Seele meldete sich ein heftiger Widerstand. Aus dieser Tiefe rang sich ein unhörbarer melancholischer Schrei. Mit jäher Gewalt wurde der Wunsch in ihm wach, die Verlobung mit Regina rückgängig zu machen. Den Fluch der Lächerlichkeit konnte man mit Achselzucken beantworten – aber wieder wurde ein Herz zerstört ... Diesberg fühlte die Schlinge, in der er sich gefangen hatte, als liege sie wie ein Strick um seinen Hals. Sein Gesicht war blutleer, die Muskeln spielten nervös. Das ganz natürliche Anständigkeitsempfinden Ottens, das Größe und Würde hatte, ohne ins Pathetische zu verfallen, bedrückte ihn namenlos. Er hätte heulen können. Herrgott, verteidigen wollte er sich wenigstens! – Er hob die rechte Hand, sie fuhr durch die Luft. »Unsinn«, sagte er heiser. »Ich bin kein Schuft. Ich habe auch überlegt, Otten. Ich habe so eine Art Selbstprüfung vorgenommen. Ein Perspektiv ins Herz gesteckt und hineingeschaut. Muß man blindlings jeder Liebe folgen? Ich sage nein. Das sage ich mit ruhigem Gewissen. Sie kennen Annelene nicht oder kaum. Ein reizendes Geschöpf, Rousseausche Ursprünglichkeit, Temperament, Sinn und Fiber, Ungezügeltes, Liebenswertes, Widerspruchvolles. In der Ehe mit ihr würden hundertundeine Nacht Glückseligkeit sein, und alle Tage würde Sturm durch das Haus fegen wie der Wind durch die ewig offenen Fenster in ihrem heimatlichen Schlosse. Wir sind uns im Blute zu gleich, Otten, wie soll ich mich ausdrücken, wir sind sinnverwandt, aber, nicht seelisch. Und ich bin nicht mehr wie früher. Der tolle Diesberg bin ich nicht mehr. Ich bin ruhiger geworden – heiliger Himmel, fast möchte ich sagen, müder! Von weit her kommt ein Anflug des Morbiden. Aus der Zeit des Springinsfeld. Der holte sich noch sein Bäckermädel, und sie kriegten ein halb Dutzend Kinder. Ist's damit genug getan? Otten, ich weiß nicht, ob ein Stundenglück ein Gegengewicht bildet zu der Leere von Tagen, Monaten, Jahren. Das überlegte ich auch – und sagte ich Ihnen, bei meiner Verlobung mit Regina ließ ich den Verstand sprechen, so war das das Resultat dieser Überlegung. Im übrigen: soll ich mich vor Ihnen noch entschuldigen? Nein. Aber ich möchte gern, daß Sie mich begreifen .« Otten streifte ihn aus dem Stahl seiner Augen und sah einen Niedergangszug in Diesbergs Gesicht. »Lieber Freund,« entgegnete er, »glauben Sie doch nicht, daß ich Sie nicht von Grund aus kenne. Ich soll Sie begreifen, rufen Sie mir zu – ja doch, ich begreife Sie, es ist ja so leicht bei einem Menschen wie Sie es sind! Wissen Sie, daß an Ihnen die Natur einen großen Aufwand von Gaben nutzlos vertan hat? Auch das zog mich zu Ihnen, das Gesamtbild, Ihre körperliche Kultur, Ihr geistiges Leben, Ihre ganze Vitalität, Ihre Herzensgüte, das Saftige und Verdrehte, die Aufzucht und die Dekadenz, alles, Sie sind gar nicht leichtsinnig im vulgären Sinne, Sie leben nur aus dem Stegreif, Sie improvisieren Ihr Dasein. Ja wahrhaftig, ich sehe im Abrollen Ihres Lebens nichts als plötzliche Einfälle, anmutige, gescheite, fast geniale und ganz verfehlte, aber nie eine einheitliche Linie. Und, entschuldigen Sie, auch das, was Sie mir da in bezug auf Ihre Stellung zu der Komteß Annelene als Produkt längerer Überlegung erklären, auch das halte ich nur für einen Augenblickseinfall, der sehr rasch von einem anderen überholt werden kann. Gewiß mögen Sie recht haben: das, was für Sie anziehend ist an dem Mädchen, und umgekehrt, auch umgekehrt, ist vielleicht nichts als eine gegenseitige physische Kraft. Aber sind Sie sicher, daß der Moment der Einsicht von Dauer sein wird?« »Otten,« stöhnte Diesberg, es klang wahrhaftig wie ein Aufstöhnen, »ich bitte Sie nochmals, bleiben Sie bei mir! Bleiben Sie hier, ich brauche jemand, der mich vor dem Zerbröckeln und Zerfallen schützt! Einen, der mich zusammenrafft, der mich am Guten packt – ich brauche auch praktische Arbeit und einen frischen Organismus. Ich brauche einen Freund!« Otten lachte wieder, gutmütig und zustimmend. »Komischer Kerl«, sagte er. »Ein Mensch, wie geschaffen, immer nur geradeaus zu gehen, und wählt nichts als Kurven und Umwege. Hören Sie zu, Diesberg. Ihre Verlobung mit Fräulein Lipsius ist eine gegebene Tatsache. Wie sich die Ehe entwickeln wird, weiß ich nicht. Ich hoffe gut. Dazu ist aber eine völlige Lösung Ihres Verhältnisses zu Annelene Notwendigkeit.« »Sie hat vor mir ausgespuckt«, rief Diesberg. »Wahrhaftig, das tat sie!« »Es sieht ihr ähnlich. Ein drastisches Zeichen ihrer Verachtung. Nein, Diesberg, nur eine kindische Ungezogenheit. Fahren Sie morgen zu ihr und geben Sie ihr einen Kuß und alles ist wieder beim alten. Die Lösung ist Ihre Sache, die Lösung, wie sie sein muß, die für immer! Wär' ich ein Prediger, so würde ich von der Moral des Christentums sprechen, aber es dünkt mich besser, ich appelliere an die Moral der reinen Vernunft, für die solche Lösung eine Selbstverständlichkeit ist. Eine ohne Hintergedanken, Diesberg, und ohne ein Zukunftshoffen. Eine absolute Trennung muß da sein – natürlich keine auf feindseliger Basis – ah bah, so etwas passiert tausendmal in der Welt, und das spuckende Fräulein wird bald wieder ein lachendes sein! Und wenn Heloise weiß, daß von Abälard nichts mehr zu hoffen ist, und wenn Abälard weiß, daß Heloise noch Chancen hat, glücklich zu werden ohne ihn – dann sehe ich gar nicht ein, daß ihr beide euch nicht bei einem unvermeidlichen Wiedersehen freundschaftlich die Hände drücken könntet. Ein Mädelchen um die Zwanzig vergißt leicht, wenn ihr von der anderen Seite das Vergessenwollen nicht absichtlich schwer gemacht wird. Und das also, Diesberg, das ist meiner längeren Rede kurzer Sinn: soll ich bei Ihnen bleiben, so fordere ich auf Treu und Glauben und auf Ehre und Gewissen von Ihnen, daß Sie nun, bei Beginn Ihrer Ehe, Annelene mit jenem Vergessenwollen entsagen, das für Sie wie für die arme Kleine das einzig, einzig Richtige ist!« Ohne Besinnen erhob sich Diesberg, völlig beherrscht von der Wirkung des Augenblicks und seinem Gefühl, glücklich über die Zusage Ottens, ihn nicht verlassen zu wollen. »Meine Hand darauf,« sagte er fest, »auf Treu und Glauben, auf Ehre und Gewissen, so soll es sein!« Kräftig schlugen die Hände ineinander. »Nun laß uns Brüderschaft trinken«, rief Otten. »Lieber alter Junge, auf du und du!« Er füllte die Gläser von neuem. Die Arme kreuzten sich, man machte die Nagelprobe und küßte sich auf die Wangen. »Also, ich bleibe – das vorweg«, sagte Otten, als sie sich wieder gegenübersaßen. »Und jetzt erzähle. Wie kamst du auf die Idee, ihr einen Antrag zu machen? Es war wieder einmal ein plötzlicher Einfall, he, eine glückliche Improvisation?« »Doch nicht. Sie hatte den Einfall.« »Ah ... i du Donnerwetter ... das gefällt mir! Da muß sie dich sehr lieb haben.« »Das gab sie mir zu erkennen.« »Ja, was klönst du da denn noch! Detmold hat mir mal ihr Bild gezeigt. Allerhand Hochachtung. Man sagt, Liebe erwecke gewöhnlich Gegenliebe. Das scheint mir in diesem Falle kein Kunststück zu sein.« Diesberg zerschlug mit dem Feuerhaken die glimmenden Holzstücke im Kamin. »Ich habe dir nichts zu verhehlen«, antwortete er. » Dir nicht. Es liegt ein Schatten über ihrer Liebe. Klaus, es läßt sich schwer darüber sprechen. Wie soll ich dir's sagen? Es fällt ein Keim in die Erde und wächst und blüht – und plötzlich fängt er an zu kränkeln ... Sie hat das Herzleiden ihres Vaters – und das kann sich weiter vererben ...« Otten begriff. »Lieber Gott ... So eine verfluchte Geschichte ... Armer Kerl.« »Nein, Klaus, beklage mich nicht«, gab Diesberg hastig zurück. »In jenem Augenblick, da sie mir das zugestand ...« Er warf den Feuerhaken klirrend in die schmiedeeiserne Buchtung des Kaminvorsatzes ... »Wozu noch reden! Nein, Klaus, mich beklage nicht. Sie ist beklagenswert. Sie möchte noch ein Jahr glücklich sein ... blinder Lebenswille, Poesie der Sehnsucht, die Hoffnung auf Gegenseitigkeit ... neben den Eros stellten die Alten den Anteros ... Aber –« Und wieder schwieg er. Da wurde Otten unwirsch, »Papperlapapp,« rief er, »was heißt das alles! Willst du dich von dem Gespenst einer auf Möglichkeiten fußenden Theorie ins Mauseloch jagen lassen! Mach' dich doch nicht verrückt, mein Junge. Aller Ehren wert, daß sie dir ihr Herzleiden nicht verschwiegen hat. Aber ob es nötig war ...« Diesberg antwortete nicht. Eine Erinnerung quälte ihn. »Was für eine Art Herzleiden hat sie?« fragte Otten. »Ich weiß es nicht, Wohl einen organischen Fehler.« »Einen unheilbaren?« »Ich vermute es.« »Erni, das Herz ist ein eigenes Ding. Das Symbol unsres Lebens, der Sitz alles Fühlens. Bilde dir ein, du wärst ihr Arzt, und an dir läge es, dies Herz wieder gesund zu machen. Bilde dir ein, du könntest das! Laß sie glücklich werden! Und nun bitte ich mir aus, daß du lustiger Bruder dich nicht in Schwermut vergräbst. Anstoßen! ...« Die Gläser klangen ... »Zu mit der Gefühlskiste! Jetzt wollen wir einmal über unsre Arbeit reden. Denn jetzt erst geht die Arbeit los!«– * Die Tage verrannen schnell. Diesberg war viel in Berlin. Die Trauung wurde auf dem Standesamt angemeldet. Anzeigen verschickte man nicht. Dieser und jener Freundin teilte Regina die bevorstehende Hochzeit mit und ließ als Motivierung für das Unerwartete durchblicken, es sei schon eine alte Liebe, aber der Vater habe nichts davon wissen wollen. Doch nun sei sie ja frei ... Der kleinen Gräfin Düren, die mit ihrem Komponisten in Dresden war, um ihm dort ein Konzert vorbereiten zu helfen, schrieb sie ein paar Zeilen. »Es ist meine Wahl,« hieß es in dem Briefchen, »ich habe es durchgesetzt, aber es war gar nicht so leicht ...« Die Gräfin telegraphierte zurück: »Herzliche Glückwünsche. Hurra das Selbstbestimmungsrecht!« Es war noch mancherlei an praktischen Fragen zu erledigen. Man hatte einen doppelten Wohnsitz. Im Berliner Hause wurden die Zimmer des alten Geheimrats für Erni hergerichtet. Den Geist des hypochondrischen Mannes fürchtete er nicht, und die graphische Sammlung interessierte ihn. Sie war eine Zerstreuung für die Winterabende, an denen ihn Bärwalde nicht in Anspruch nahm. Auch in Bärwalde wurde viel umgeräumt und umgestellt. Der kleine Antiquitätenhändler Fröbel erschien eines Tages wieder auf der Bildfläche und fragte nach dem Mobiliar, das er bereits abgeschätzt hatte. Um ihn zu trösten, kaufte ihm Diesberg eine neue Einrichtung für das Schlafzimmer seiner Frau ab. Es war Chippendale-Geschmack und paßte zum übrigen. Die Bibliothek wurde in die Halle verlegt, die Schlafzimmer des Ehepaars trennte sein Ankleidekabinett. Der alte Fröbel fand das ganz in der Ordnung. Natürlich flog die Nachricht von der Verlobung Diesbergs wie ein Wildfeuer durch den Kreis. Aber da kein Mensch eine Anzeige erhielt, so gratulierte auch niemand. Wer mit Simmens zusammenkam, stieß nur auf ein Achselzucken. Im Landwirtschaftlichen Verein wollte man Genaueres von Pakisch hören. Man umstürmte ihn. Aber der Wassergraf gab auch keine genügende Antwort. »Eine glänzende Partie,« sagte er bloß, »acht Millionen – da ist der Diesberg mal verständig gewesen ...« »Ich dachte immer, deine Annelene«, begann der dicke Brenckenhoff zu meckern, die ewige pechschwarze Zigarre im Mundwinkel. »I, kein Gedanke«, wehrte sich der Wassergraf. Im übrigen wollte man abwarten. Der Diesberg würde seine junge Frau ja wohl der Umgegend präsentieren. Wie man ihn schätzte, konnte nun in Bärwalde ein Leben in großem Stil losgehen. »Jedes Jahr eine Million,« sagte Edward Simmens, »macht acht Jahre Lustigkeit. Dann reitet er wieder für mich, wenn er nicht mürbe geworden ist oder verfettet ...« »Ein niederträchtiges Maulwerk, der Simmens,« flüsterte der Ritterschaftsrat von Protzen seinem Nachbar zu und schlenkerte mit den Armen, »ich kann den Kerl nicht ausstehen ...« In Freilehningen war es wieder ruhiger geworden. Aber Aufregungen, du lieber Himmel, hatte es gehörig gegeben. Zuvörderst hatte der Wassergraf eine sogenannte väterliche Aussprache mit Annelene gehabt. Sie sollte abkühlend wirken und begann daher mit einem Donnerwetter. Pakisch tadelte das Benehmen seiner Tochter Diesberg gegenüber. Er sagte, zu spucken sei nur dem Lama im Zoologischen Garten gestattet, doch keiner jungen Gräfin, sie habe sich geradezu flegelhaft aufgeführt und auch taktisch verfehlt. Der Diesberg habe durchaus korrekt gehandelt. Ihm sei für zwei Jahre das Haus verboten worden, da habe er sich inzwischen eben anderweit umgesehen und sozusagen versorgt, das könne man ihm nicht verdenken – und, Potzkotz, was könne in den zwei Jahren nicht alles passieren, Annelene möge gefälligst vernünftig sein und sich durch ihre alberne Heftigkeit nicht alle Aussichten verscherzen! Aber Annelene wollte nicht vernünftig sein, sie schrie und tobte, sie sei kein Ersatzstück, sie danke für Erni und jeden anderen Mann, die Männer seien Lumpengesindel, sie werde überhaupt nicht heiraten, man solle sie in Frieden lassen. Dies letztere geschah denn auch, der Wassergraf kam schließlich zu der Ansicht, sie müsse sich äußerlich und innerlich austoben. Doch als die Nachricht von der Verlobung Diesbergs im Schlosse ruchbar wurde, ging es noch einmal los. Alle Schwestern wußten von der heimlichen Liebe Annelenes, und nun umringten sie die Verlassene und wollten ihr Schönes antun, hatten Tränen in den Augen und beklagten sie. Fräulein von Hübner, die gute dicke Glucke, plusterte sich an ihre Seite und küßte sie von rechts und links, Miß Fairholme steckte ihr eine Tafel Schokolade zu, und der kleine Pastor Knab drückte ihr warm die Hand und sagte: »Mein liebes Kind, die Welt ist schlecht, aber es gibt eine ewige Gerechtigkeit über den Wolken ...« Doch zu aller Verwunderung war Annelene wie umgewandelt. Sie lachte und antwortete: »Was wollt ihr denn eigentlich? Ich freue mich über Ernis gute Partie. Wir haben uns gern gehabt, aber doch unser Lebtag nicht heiraten wollen! Wir beide – na, wir hätten gut zueinander gepaßt!...« Nun wurde von Diesberg überhaupt nicht mehr gesprochen, und als Annefrede sich gelegentlich eine unschickliche Bemerkung erlaubte, gab Annelene ihr eine Backpfeife und verbat sich das. Übrigens sah sie auch gar nicht wie eine arme verlassene Braut aus. Die Rosen auf ihren Bäckchen blühten weiter, und sie fiel nicht ab. – Inzwischen hatte Diesberg alles Nötige für die Hochzeit erledigt. Aus formalen Gründen wurde die Übertragung Bärwaldes an ihn nicht als ein Geschenk betrachtet, sondern auf dem Wege des Rückkaufs geordnet und die halbe Million Meliorisierungsbeitrag einfach auf seine Bank überwiesen. Demgemäß schlug Rechtsanwalt Detmold vor, auf einen besonderen Ehevertrag zu verzichten und das Güterrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs eintreten zu lassen. Das wollte Diesberg indessen nicht und setzte auch durch, daß Reginas gesamtes Vermögen ihr in dem Vertrag als Vorbehaltsgut zugeschrieben wurde. Dagegen sträubte sich nun wieder Regina, die Erni wenigstens die Nutznießung zuzuschieben wünschte. Aber Diesberg blieb fest. Diese ganze Anordnung empfand er wie eine Entlastung. Bärwalde war wieder sein, und das sollte im Verein mit dem Gestüt auch die Kosten des ehelichen Aufwands tragen. Regina empfand sehr wohl, daß diesen Willensäußerungen ihres Bräutigams das Gefühl zugrunde lag, sich seine Unabhängigkeit ihr gegenüber zu bewahren. Sie begriff auch sein nicht kühles, doch zurückhaltendes Wesen. Er war kein feuriger Liebhaber, ach nein, er war immer nur der vornehme Kavalier, der sie mit einem Kuß auf die Stirn begrüßte, der bei jedem Besuch eine Blume in der Hand trug, ein Mann von liebenswürdigstem Sichgeben, der das System des Gesellschaftlichen in allen Feinheiten beherrschte. Doch auch diese Feinfühligkeit übertrieb er nicht, er konnte in seinem Geplauder von gewinnender Herzlichkeit sein, er fand zuweilen ein zärtlich anklingendes Wort, er mühte sich sichtlich, das rechte Ausmaß zwischen Reserviertheit und Vertraulichkeit einzuhalten. Aber dabei verlor er an seiner innersten Natur. Das spürte er, und es zerwühlte ihn. Er dachte daran, wie er als beglaubigter Verlobter Annelenes gewesen sein könnte – da hätte man in jeder dunklen Ecke sich umarmt, man wäre durch den Park getollt und hätte sich im Grase gewälzt und unter einem Hagelschauer süßer Küsse der Natur einen Teil ihres Tributs abgetragen. Das Gemachte in seinem Verkehr mit Regina belästigte ihn, doch er zwang sich dazu, weil er nicht anders sein konnte. Seine Stimmungen wechselten, seine Gefühle verhuschten und zerflatterten. Oft hatte er Mitleid mit ihr, und dann strich eine Hand von Samt über seine Seele, und er erinnerte sich der verklärenden »Idee« seines Handels und Handelns, ihr noch ein Lebensjahr des Glücks zu spenden. Und er wütete gegen sich selbst, daß er dies schöne Mädchen nicht lieben konnte, daß er sogar zuweilen mit einem aus dem Dunkel unbekannter Tiefe springenden Gefühl der Abneigung zu kämpfen hatte. Woher kam das? Alles Forschen wäre vergeblich gewesen, und auch kein anderer hätte ihm sagen können, daß diese seltsam sprunghafte Antipathie lediglich auf der Wirkung unbewußt bleibender Nebenvorstellungen beruhte: auf einem vergrabenen Schamempfinden und einer zum Vergessen verurteilten Erinnerung. Otten hatte ihm gesagt, daß ein Hochzeitsgeschenk üblich sei, und da wußte er nun gar nicht, was er machen sollte. Dem reichen Mädchen ein modernes Schmuckstück zu kaufen, widerstrebte ihm, aber aus der Hinterlassenschaft seiner Großmutter stammte noch ein schönes goldenes, mit Edelsteinen ausgelegtes Diadem, das er aufarbeiten ließ und ihr brachte. Sie fand es wundervoll und war begeistert darüber, daß er ihr ein Stück des alten Familienschmuckes anvertraute, und bedauerte nur, daß sie es nicht zur Hochzeitstoilette anlegen konnte, die sich auf ein schlichtes Kostüm beschränken mußte, da es sich ja nur um die gesetzliche Kopulation handelte. Die freilich war nüchtern und trocken wie gewöhnlich, in einem langweiligen Zimmer und vor einem Standesbeamten, der sich erkältet zu haben schien, denn er sprach völlig heiser und nieste fast ununterbrochen. Erst beim Frühstück im Hotel Adlon taute man wieder auf, da wirkte auch der Humor der beiden Zeugen mit. Otten als der Ältere hielt eine hübsche kleine Rede, und dann griff der Rechtsanwalt in die Brusttasche und zeigte, wie er im Nebenberufe Apoll und den Musen huldigte. Stimmung schlug ein, in den Augen Reginas brannte ein Siegesfeuer, ihr kleiner Finger streifte zuweilen ganz heimlich die Hand Diesbergs. Sie war glücklich, auch froh darüber, daß dieses Hochzeitsfest sich nicht in einen weiten Rahmen spannte, daß man hier wie in einem stillen Winkel saß und keinen beobachtenden, forschenden, mißgünstig lächelnden Blicken ausgesetzt war. Diesberg sah abgespannt aus, war anfänglich auch still, kam aber in Laune, wurde lebhaft und gegen seine Gewohnheit schließlich ein wenig laut. Er trank rasch, er »kanterte« sich wieder in Champagner auf, er peitschte die Nerven, als wolle er so ein verprügeltes Schicksal zwingen. Mit dem Sechsuhr-Zuge fuhr man nach Dresden. X An dem Tage, an dem Diesberg die Firma Langer in Dresden aufsuchte, um sich im Auftrage Ottens nach einem neueingeführten, viel gelobten Dreschsatze zu erkundigen, machte Regina sich auf den Weg zu der Gräfin Düren. Sie hatte sie mit ihrem Manne zufällig in der Gemäldegalerie getroffen und von ihr erfahren, daß sie noch einige Wochen in Dresden zu bleiben gedenke, und da hatte man denn einen gelegentlichen Besuch verabredet. Die kleine Gräfin wohnte in einem Pensionat in der Wettinerstraße und empfing die Freundin mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit. Sie umarmte und küßte sie, betrachtete sie aufmerksam, quirlte ein paarmal zwecklos um sie herum, nahm ihr den Mantel ab und drückte sie in einen Sessel. »So,« sagte sie, »nun laß ich Sie so schnell nicht mehr fort, Regina. Sie haben doch nichts zu versäumen?« »Nein, gar nichts. Ich habe immer Zeit.« »Ich auch«, lachte die Düren. »Ich sitze hier und warte. Das Konzert meines Protegé ist schon zweimal verschoben worden. Darüber hat sich der dumme Junge geärgert und ist nach Berlin zurückgefahren. Ich aber halte aus. Es sind da allerhand kleine Intrigen im Gange. Regina, Regina, Sie sind ein forsches Weibchen! Ich habe sooft an unsre Unterredung von damals zurückgedacht, Sie wissen. Eigene Wahl, nicht wählen lassen! Da dachten Sie schon an den, den Sie nun glücklich erwischt haben, nicht wahr?« »Ja, Pauline, so ist es.« »Na, Kindchen, und sind Sie denn nun so ganz glücklich, so aus allertiefstem Herzen?« »Ich könnte es sein,« erwiderte Regina zaghaft und mit einem leichten, leise verklingenden Seufzer, »wenn er mich so liebte wie ich ihn.« Die Düren wurde aufmerksam. Ihre klugen, immer auf ein suchendes Jagdtempo eingestellten Schlehenaugen umfunkelten das Gesicht Reginas. »Hallo,« rief sie, »was ist das!? ...« Sie sprang wirbelnd auf, huschte nach einem Taburett und kauerte sich zu Reginas Füßen. Nun regte sich auch eine brennende Neugier in ihr. Alle Fragen aus dem Purpurdunkel des Gefühlslebens waren für sie Heiligtümer im Sanktuarium des Lebens ... »Regina,« fuhr sie zärtlich fort, »vertrauen Sie sich mir an. Ist er roh?« »O nein«, gab sie hastig zurück. Und dann verschoben sich ihre Züge. Sie weinte. Es war ein stilles, sanftes Weinen, bei geschlossenen Augen und zuckenden Lippen. Die Gräfin blieb schweigend vor ihr sitzen. Sie glaubte jetzt schon klar zu sehen. Sie bildete sich viel ein auf ihren »psychologischen Guck« und riet gewöhnlich daneben. Sie wartete, bis Regina sich wieder ein wenig beruhigt hatte, umfaßte sie dann mütterlich und fragte: »Sie kamen zu mir, um mir Ihr Herz auszuschütten, Regina – ja?« Regina fuhr mit ihrem Spitzentuch über Augen und Wangen. »Kindisch, diese Tränen«, sagte sie. »Zu verzweifelndem Jammer liegt wahrhaftig kein Grund vor. Achten Sie nicht auf die alberne Stimmung, Pauline. Man ist zuweilen Sklave einer übertriebenen Empfindsamkeit, die aus den Nerven kommt. Ich wollte einen Rat von Ihnen, liebe Freundin, wie ihn mir eben nur eine kluge und vorurteilsfreie Frau geben kann.« Der Übergang aus einem raschen Gefühlsaufruhr in ein gewissermaßen metallisches Ausgleichsstadium vollzog sich im Augenblick. Regina konnte sogar wieder lächeln. Freilich war es ein merkwürdig gefrorenes Lächeln – wie bei einem jungen Mädchen, das ein schamhaftes Geständnis zu überwinden sucht, oder wie in einer geistigen Selbstironisierung. Und ein ähnlicher Gedankengang, der einer gefühlsüberbrückenden Ironie, mochte sie auch beherrschen, als sie leichteren Tones fortfuhr: »Pauline, es handelt sich um nichts Schreckliches. Um – vielleicht nur um eine kleine Tragikomödie. Ein Boulevardpoet würde ein keckes Lustspiel daraus machen – mit Ende gut, Alles gut.« »Ich hoffe, liebe Regina, mein Rat wird Sie zu dieser Schlußszene führen. Aber ungefähr muß ich doch wissen, um was es sich handelt.« »Ja natürlich ...« Sie schwieg wieder und wurde blutrot. »Ach so,« sagte die Gräfin, »mir schwant etwas. Ich entsinne mich einer Novelle Maupassants –« »Nein,« fiel Regina ein, »lassen wir leichtsinnige Vergleiche aus dem Spiel. Es liegt alles tiefer. Es liegt vielleicht an mir « »Oho – Regina!« »Doch. Ich habe in der entscheidenden Unterredung dem Mann meiner Liebe gesagt, daß ich ihn liebe. Aber es ging etwas vorher. Er gestand mir zu, daß er sich an ein Mädchen gebunden fühle. Ihr Vater wollte die Heirat nicht. Er hat ihm für zwei Jahre das Haus verboten. Pauline, wie hätten Sie da an meiner Stelle gehandelt?« Die kleine Gräfin zuckte in die Höhe und machte ein Gesicht, als sei sie mindestens Katharina von Rußland. »Ah,« rief sie, »kein liebendes Weib hat Angst vor einer Nebenbuhlerin! Ich hätte sie mit allen erlaubten Mitteln aus dem Felde geschlagen!« »Dazu zählt auch die List. Ich sagte mir: Zwei Jahre Zeit – da gehört er mir. Entweder meine Liebe ist stark genug, ihn für immer zu fesseln – oder sie ist gar nichts wert. Und so antwortete ich ihm denn: Ich will nur ein Jahr – ich bin herzkrank wie mein Vater und habe nicht länger als noch ein Jahr zu leben.« Die Düren fieberte förmlich vor Aufregung. »Weiter«, rief sie. »Und damit war alles erledigt?« »Ja. Ich nehme an, daß er eine letzte Auseinandersetzung mit seinem Mädchen hatte – vielleicht auch nur mit ihrem Vater. Er kam wieder, und wir verlobten uns. Aber seine Ehrlichkeit ging so weit, daß er mich bat, ihm zu verzeihen, wenn in erster Zeit noch Schatten der Erinnerung in unsre Ehe fallen sollten ...« Und in eiligem Jagen der Worte fügte sie hinzu: »Pauline, gewiß war es maßgebend für ihn, daß ihn die Heirat wieder als Herrn auf seinem väterlichen Gute einsetzte. Aber Sie dürfen ihn deshalb nicht falsch beurteilen. Das will ich nicht. Hinter meiner Liebe stand mein Besitz. Ich machte ihn zur Waffe meiner Liebe. Bärwalde war meine Morgengabe. Durch mein Heiratsgut habe ich ihn mir gewonnen. Was Recht oder Unrecht war –« »Danach frage ich nicht«, fiel die Gräfin ein. »Überlassen wir die Entscheidung den Göttern. Der alte Zeus war ein Kenner des Menschlichen und verzieh jede Liebeslüge. Gehen wir weiter, Regina.« Regina geriet wieder in Verwirrung. Es war nicht so leicht, sich zu erklären. »Pauline, bitte verstehen Sie mich recht«, sagte sie. »Ich bin kein unmündiges Kind, bin auch kein Backfisch mehr. Ich bin die Frau an sich. Das Weib aller Zeiten. Ich liebe und sehne mich nach Gegenliebe. Er versagt sie mir. Warum? Zweierlei ist möglich. Entweder bedrückt ihn noch die Erinnerung an sein Mädchen – oder er fürchtet mein angebliches Herzleiden. Ich will mich deutlicher ausdrücken. Entweder steht er noch unter der Nachgewalt seiner alten Liebe – oder seine Zurückhaltung entspringt einem ungewissen Empfinden physischer Schonung. Im ersten Falle muß ich geduldig die heilende Zeit abwarten, sie ist meine Trösterin – im zweiten müßte ich den Mut des Bekenntnisses haben und ihm sagen können: Ich log aus Liebe zu dir, mein Herz ist gesund wie das deine. Was soll ich tun?« Die Gräfin kauerte auf dem kleinen Polsterkissen. Ihre Hände verschränkten sich über den hochgezogenen Knien, sie hatte den Kopf vorgeschoben und ein wenig geneigt. Unter den dunkeln Wimpern war der Blick sinnend geworden. »Wie ist er sonst zu Ihnen?« fragte sie. »In seiner ganzen Art und Weise?« »Ritterlich, entgegenkommend, von zartester Rücksicht, gütig, auch liebevoll. Ich kenne seine Augen. Ich sehe in seinen Augen zuweilen ein Aufquellen zärtlicheren Gefühls. Und wenn er mir flüchtig über die Wange streicht, es ist wie ein rasches zärtliches Kosen. Wenn er meine Hand nimmt, ist mir's, als zügle sich unser Pulsschlag zu gleichem Takt. Aber nur ein einziges Mal hat er mich auf den Mund geküßt – am Verlobungstage. Der Hochzeitskuß fehlt mir noch.« »Erlauben Sie, Regina,« erwiderte die Gräfin, »daß ich Ihnen mit der Offenheit der Erfahrung antworte. So wie ein alter Grenadier, der die Feuerprobe bestanden hat. Sie haben sich Ihren Mann zum Gefangenen gemacht, aber noch nicht erobert. Sie sind keine Feldherrin in der Ars amandi , Sie sind keine Meisterin in der Kunst zu gefallen.« »Nein,« rief Regina, »das bin ich nicht! Das werde ich nie sein können! Mir fehlt jede Anlage dazu.« »Unsinn«, sagte die Gräfin und lachte. »Die Anlage ist uns angeboren, der Fehler ist nur, daß Sie sie nicht ausnützen. Sind nicht die Reize Ihrer Jugend und Schönheit auch das Gepäck Ihrer Liebe?« »Warum übersieht er es?« »Oh, Regina, Sie Dummchen, Sie sind schwer zu belehren! Dies Gepäck ist Ihr Arsenal, es enthält Ihr Rüstzeug. Waffen sind nicht nur zur Verteidigung da, nein, auch zum Angriff. Bleibt er hinter dem Verhau seiner Kaltblütigkeit, so lassen Sie Ihr Herz Sturm schlagen und gehen Sie zur Offensive vor. Verschmäht er Ihre reizenden Lippen, so zeigen Sie ihm, wie küssenswert sie sind.« »Pauline, das tat ich. Es geschah ohne Koketterie. Es geschah in einer Aufwallung natürlichsten Gefühls. Wir hatten vorgestern abend auf unsern Zimmern gespeist, nicht unten im Restaurant, und blieben noch ein Stündchen plaudernd zusammen. Er ist ein scharmanter Plauderer und hat mehr Geist, als ich erwartet habe. Er hat die mechanische Oberflächlichkeit unsrer jungen Herrn, aber es steckt Tieferes hinter seiner trotzigen Stirn. Es war ein behaglicher und anregender Abend. Als wir uns trennten, um schlafen zu gehen – zwischen unsern Schlafzimmern liegt der sogenannte Salon –, drückte er meine Hand und gab mir wie immer einen Kuß auf die Stirn. Also den Kuß der Gewohnheit. Die Gewohnheit kann Heilkraft haben, in der Ehe aber auch zu einem alles verschlingenden Minotaurus werden. Und in diesem Augenblick sträubte sich mein Herz dagegen. Da umschlang ich ihn und erwiderte seinen Kuß – auf den Mund.« »Gut so,« rief die Gräfin, »– und er?« »Er verlor die Fassung. Ja, so muß ich mich ausdrücken. Er packte mich um die Taille und riß mich an sich. Ich fühlte die Muskelkraft seiner Arme. Man deutet die Liebe als eine Poesie der Sinne. Ich war wie umrauscht, ich war glückselig in diesem Moment. Aber es war nur ein Moment. Dann ließ er mich los, küßte mich wieder, diesmal auf die Wange, und sagte mit einem ganz leichten rätselhaften Lächeln, es war nur ein Huschen um die Lippen: Schlaf wohl, Regina ... Die unsichtbare Scheidewand blieb.« Die kleine Gräfin fluchte. Sie liebte zuweilen einen burschikosen Ausdruck, der wie ein Straßenjunge in das Gewählte ihrer Ausdrucksweise sprang. Dann überlegte sie von neuem. »Man kann auf die seltsamsten Vermutungen kommen«, sagte sie. »Aber das wäre Unsinn, er ist ein Ehrenmann. Und weil er das ist, scheint es mir auch unmöglich, daß Sie ihm zugestehen, Ihr Herzleiden nur vorgeschützt zu haben. Dazu ist es noch zu früh. Im Gegenteil, Sie müssen daran festhalten. Regina, ich schlage folgendes vor. Sie sagen ihm, daß ich Ihnen ein Sanatorium empfohlen habe – in Clarens, ich komme darauf zurück. Er bringt Sie hin, die ärztliche Untersuchung wird ergeben, daß Sie völlig gesund sind – dann hat Ihr vorgeschobener amerikanischer Spezialist sich eben gründlich getäuscht. Auf diese Weise umgehen wir Ihr Geständnis und kommen doch zu der vielleicht entscheidenden Wahrheit.« »Die könnte auch ein Dresdener Arzt konstatieren, Pauline. Schon morgen.« »Liebes Kind, Sie müssen Geduld haben. Das Psychologische liegt verwickelt. Ich weiß noch nicht einmal, ob nicht eine Trennung für Wochen oder Monate das beste sein würde. Entsetzen Sie sich nicht. Es muß eine Klarheit gefunden werden. So, wie Sie mir Ihren Mann schildern, scheint mir, als streite eine Zwietracht der Gefühle in ihm: noch eine Welle der alten Liebe und die beginnende Neigung zu Ihnen. Versuchen Sie nicht, logisch zu denken, das Herz kennt keine Vernunftschlüsse. Ihr Mann gab um Ihretwillen die andere auf. Ist er so ehrenhaft, wie wir glauben, so würde er eine Trennung nicht zu neuen Anknüpfungen benützen – ich weiß auch nicht, ob das möglich sein könnte, da ich die näheren Verhältnisse nicht kenne –, wohl aber könnte diese Trennung noch Schlummerndes und Halbbewußtes in ihm kräftiger werden lassen: es könnte die Sehnsucht nach Ihnen wach werden.« »Und wenn nun doch – – Pauline, sein Mädchen ist die Tochter eines Gutsnachbars, ist eine Cousine von ihm ... ich sage: wenn er nun doch versucht, in meiner Abwesenheit die alten Beziehungen neu zu knüpfen –?« Die Gräfin erhob sich. Ihr lustiges Weltgesicht, das eines überreifen Kindes, wurde sehr ernst. Sie schob die Schultern hoch. »Dann ist er eben nicht der Ehrenmann, für den wir ihn halten. Und dann, Regina, geben Sie ihn auf. In diesem Falle ist er für Sie verloren.« »Und ich selbst«, sagte Regina leise, einem Aufstöhnen des Herzens Ausdruck gebend, »wäre mit ihm verloren!« Da aber ließ die Düren ihren Ärger toben. »Wenn Sie sich so verrückt gebärden, Regina,« rief sie, »dann ist Ihnen nicht zu raten und zu helfen – ist überhaupt nicht mit Ihnen zu reden! Würden Sie imstande sein, auch einen Lumpen zu lieben?« Regina sah vor sich nieder. Langsam senkte sich ihr Kopf. »Ja,« erwiderte sie, »aber es würde zugleich mein Tod sein.« Die Gräfin schwieg. Es gab doch eine kerzengerade und trotzdem der Vernunft widersprechende Logik des Herzens. Pauline sah ein, sie mußte die Angelegenheit, die sie mit einem Feuer rabulistischer Beredsamkeit erfüllte, von einer anderen Seite anfassen. »Ich will so fragen«, lenkte sie ein. »Ist Diesberg in Ihren Augen ein Lump?« »Nein«, rief Regina heftig, und ehe sie weitersprechen konnte, fuhr die Gräfin fort: »Nun also, dann können wir den Fall einer Treulosigkeit ohne weiteres ausschalten und brauchen uns nicht erst darüber aufzuregen. Regina, ich bleibe bei meinem Vorschlag. Bitten Sie Ihren Mann, Sie nach Clarens zu begleiten. Am liebsten möchte ich euch nach Ägypten schicken. Also Clarens – da hat ein junger Deutsch-Schweizer, Doktor Wiesinger, ein Sanatorium, wundervoll gelegen, ein ausgezeichnetes Haus mit guter Verpflegung und dem Komfort erster Hotels – keine eigentliche Heilstätte, mehr ein Ruheplätzchen für Erholungsbedürftige. Und in vollgültiger Erfassung des Begriffs Erholung ist die Aufnahme von Ehepaaren ausgeschlossen.« Regina war soeben dabei, sich die Adresse zu notieren. Nun fuhr sie erschreckt in die Höhe. »Herrgott,« rief sie, »was soll ich denn da, wenn man ihn nicht zuläßt?« Pauline lachte. Sie hatte ein frohes, glucksendes Mädchenlachen. »Das tut man schon,« sagte sie, »bloß darf er nicht da wohnen. Aber es gibt recht gute Hotels in Clarens ganz in der Nähe des Sanatoriums, und am Tage kann er Sie besuchen, sooft er will. Ich schätze, dieser Doktor Wiesinger – ein Original, ein Prachtmensch, er wird Ihnen gefallen – geht von dem Gedanken aus, daß die Ehe sozusagen eine Art Kampffeld ist, ein Turnierplatz. Das ist natürlich nicht so aufzufassen, daß die Parteien sich immer feindlich gegenüberstehen müssen, aber selbst in der glücklichsten Ehe kann es zu Zusammenstößen kommen, zu Katastrophen des Gefühls, zu laut oder lautlos geführten Fechtszenen. Und Wiesingers Sanatorium, Beausite heißt es, soll eben ein Ausruheplatz sein von allen Kämpfen, auch denen, die im Geiste der Liebe geführt werden.« Regina verbarg ihre Enttäuschung nicht. »Das klingt schön,« sagte sie, »und ich leugne nicht, daß Ihr kluger Doktor durch sein Trennungssystem Erfolge erzielt haben kann. Nur glaube ich nicht, daß es mir viel nützen wird.« »Liebes Kind, ich wiederhole, Sie müssen Geduld haben. Auch die Ehephilosophie ist eine Wissenschaft, die erlernt werden will. Lassen Sie sich eins sagen. Bei einem Mann kann sich das kühle Empfinden einer gewissen freundschaftlichen Zuneigung, ja selbst eine anfängliche Abneigung zur Leidenschaft entwickeln, das ist möglich. Aber wenn die Leidenschaft die beginnende Triebkraft war und sich zur Frostigkeit abkühlt, wird der Mann nie wieder den Weg zur Liebe zurückfinden. Sie sind also immerhin noch in einer vorteilhaften Lage.« Regina legte ihren Schleier um. »Jedenfalls danke ich Ihnen«, sagte sie lächelnd. »Sie sind mehr geistreich als praktisch. Und da auch mir die Praxis in der Liebeskunst mangelt, will ich versuchen, mich an den Geist zu halten ...« – – Sie hatte mit Diesberg verabredet, sich zum zweiten Frühstück mit ihm im Restaurant des Englischen Gartens zu treffen. Er war schon da, als sie eintrat, in strahlender Laune, da er alles gefunden hatte, was er suchte, von gesunder Frische, heiter und liebenswürdig. Die Austern standen auf dem Tische, er lockerte sie in der Schale, säuberte sie mit dem silbernen Messer und schob ihr den Teller herüber. »War deine Gräfin zu Hause?« fragte er. »Ja, Erni, sie ist unverändert, und ich glaube, ihr keckes, gar nicht alltägliches Wesen würde dir Spaß machen. Ich sprach übrigens auch mit ihr über meine dumme Herzgeschichte, und da hat sie mir einen Arzt in Clarens empfohlen, den ich gern noch aufsuchen möchte. Was meinst du dazu?« »Ich halte es selbstverständlich für richtig, daß du alles tust, was dein Leiden heilen oder lindern kann. Du sagtest mir einmal, es handle sich um einen Herzklappenfehler, bei dem Kompensationen ausgeschlossen seien. Aber, liebe Regina, auch die Ärzte sind nicht unfehlbar – – in Clarens wohnt der Empfohlene? Also am Genfer See. Das bedeutet die Flucht vor dem Rest des nordischen Winters.« »Wirst du bei mir bleiben können?« fragte sie zaghaft und wagte kaum, den Blick zu heben. »Regina, das wird leider unmöglich sein«, antwortete er bedauernd. »In Bärwalde wartet Otten auf mich. Das Frühjahr steht vor der Tür. Eine ungeheure Arbeitslast liegt vor mir. Und jede Muskel, jede Fiber, jeder Gedanke drängt mich zur Arbeit. Ich habe viel wieder gutzumachen. Du hast mir zwar Bärwalde geschenkt, aber ich möchte es auch noch erwerben. Im übrigen steht es ja noch gar nicht fest, daß dich der Arzt – wie heißt er? –, daß dich der Mann in Clarens behalten wird. Also warten wir zunächst einmal ab, was er sagt. Natürlich lasse ich dich nicht allein fahren – ich komme mit. Wann soll es losgehen?« »Das überlasse ich deinem Ermessen.« »Liebe Regina, ich richte mich ganz nach dir. Meine paar geschäftlichen Besorgungen hier in Dresden sind erledigt. Ich stehe also zur Verfügung. Galerie und Grünes Gewölbe haben wir abgeklappert, in der Oper die ›Meistersinger‹ gehört, waren auch im Schauspiel und in der Hofkirche, sind ein paarmal über die Elbbrücke gegangen und haben sogar das Denkmal Antons des Gütigen bewundert, das sonst kein Mensch anzusehen pflegt. Und das Wetter war tagtäglich so, daß man sich auf eine wärmere Sonne freuen kann. Ich werde mir einmal das Kursbuch kommen lassen. Währenddessen habe du die Güte und vertiefe dich in die Speisekarte. Die Natives waren gut und frisch, aber herzlich klein und verlangen einen substanzielleren Nachschub.« Er rief den Kellner heran und vertiefte sich hierauf in den Fahrplan. Dann klappte er das Buch zu und sagte: »Na, Regina, hast du gewählt? – Also, wenn es dir recht ist, rutschen wir morgen nachmittag fünf Uhr siebenundzwanzig ab.« XI Diesberg stieg mit Regina in Clarens in einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs ab, und da schönes, fast schon frühlingsmäßiges Wetter war, so besichtigten beide gleich am Nachmittag nach ihrer Ankunft das Sanatorium Beausite. Die Lage unten am See war wundervoll: in einem großen Garten mit Eichen, Platanen, Granaten und Zwergpalmen erhoben sich, zerstreut zwischen Rasenplätzen und Laubengängen, vier hübsche kleine Chalets und dahinter ein etwas größeres Gebäude. Das blaue Wasser des Sees leuchtete durch die Anlagen, die Bergreihe der Savoyer Alpen als Hintergrund vereinte sich zu einem abschließenden Panorama von stolzer Pracht. Das junge Paar war vor der offenen Gartenpforte stehengeblieben. »Rechts Byron, links Rousseau,« sagte Diesberg, »die Erinnerungen schweben durch die Luft. Weißt du übrigens, Regina: auch Rousseau war herzleidend und hat hier seine Heilung gefunden. Ein günstiges Omen. Wollen wir nun den Doktor Wiesinger einmal aufsuchen?« Sie nickte gleichmütig. Man ging durch den Garten, an einem Tennisplatz vorüber, den ein Gitterwerk von Feigen umzäunte, und wußte nicht recht, wohin man sich zu wenden hatte, bis ein Gärtner ihnen Bescheid gab. Der Herr Doktor sei im Haupthause. Dies Haupthaus war ein langgestreckter Bau mit dem gemeinsamen Speisesaal und den sogenannten Konversationszimmern. Oben lagen die Ordinationsräume. In den Einzelchalets wurden die Gäste untergebracht, und zwar Damen und Herren gesondert. Alles strahlte im Schmuck blendender Sauberkeit. Ein Odem köstlicher Ruhe ging durch das Gebäude. Diesberg gab einem Diener seine Karte und wurde in ein Vorzimmer geführt. »Ich habe einen guten Eindruck«, sagte er und trat an das Fenster. »Da drüben der weiße Gipfel kann die Dent du Midi sein ...« Er sprach zerstreut und von gleichgültigen Dingen. Er wollte weich sein, aber was er sprach, klang kantig. Doktor Wiesinger trat ein, ein Mann vielleicht Mitte Dreißig, Spannung in der Erscheinung, von einem herben Reiz in dem klaren, ausdrucksvollen Gesicht. Seine hellen, tiefblickenden Augen erinnerten Diesberg an die Augen Ottens. Er verneigte sich weltmännisch. »Soeben habe ich einen Brief von der Gräfin Düren erhalten,« begann er, »sie hat Sie angemeldet; darf ich Sie willkommen heißen. Gnädigste Frau, wenn es Ihnen paßt, können wir gleich zu der Untersuchung schreiten. Das wird vielleicht eine halbe Stunde dauern. Wollen Sie warten, Herr Baron? Sie finden unten auch ein Rauch- und ein Lesezimmer mit den neuesten Zeitungen ...« Diesberg entschied sich für das Lesezimmer. Er ließ sich in einem der Ledersessel nieder und nahm ein Journal zur Hand. Aber der Blick irrte tanzend durch die gedruckten Zeilen und blieb nicht haften. Sein Herz war in Unruhe, er hatte ein merkwürdiges Sehnsuchtsgefühl nach der Heimat und nach der Arbeit – nach körperlicher Ermüdung. Es war zweifellos: er litt. Das Leben kam ihm verbaut vor, er hatte seine Anpassungsfähigkeit verloren, in überhastetem Gedankengalopp kreuzten sich ewige Widersprüche. Wenn er mit Regina allein war, empfand er oft ein herzliches Mitgefühl. Es gab auch Augenblicke, da das Aquarellbild ihrer Schönheit einen magnetischen Reiz auf ihn ausübte. Und dann wurde er furchtsam, und diese verfluchte Furchtsamkeit weckte wieder einen jähen Ärger in ihm und einen Widerstand, der sich zu plötzlicher unerklärlicher Abneigung steigerte. In solchen Momenten spürte er ein Zucken in seinen Fingerspitzen, die bereit zu sein schienen, die Frau zurückzustoßen. Aus tiefsten Tiefen der ganzen Ungleichartung seines Wesens stiegen die unbewußten Nebenvorstellungen auf, ein wirres Durcheinanderströmen von Empfindungen, Schamgefühl über eine erhandelte Liebe, auch die Angst vor einer Nachkommenschaft mit dem ererbten Herzleiden, Erinnerungen an den gräßlichen alten Lipsius und an das liebe Mädel, das er vergessen sollte und mußte. Es waren das seelische Erscheinungen, die gewissermaßen die vielfach gebrochenen Farben seiner Innenentwicklung in einem Prisma vereinigten, und die schließlich ihre einfachste psychologische Erklärung in dem rückfließenden Ideengang fanden, daß seine Ehe ein dreifaches Unrecht war: gegen die Frau, gegen das Mädchen und gegen sich selbst. Er erinnerte sich, daß Otten ihm gelegentlich gesagt hatte, er sei gar nicht leichtsinnig im gewöhnlichsten Sinne des Begriffs, er sei mehr ein »Improvisator des Lebens«, sozusagen ein Stegreifdichter des Daseins, einer, der einen raschen Einfall an den andern reihte, ohne auf den haltgebenden Verbindungsfaden zu achten. Wie das bei Diesberg häufiger vorkam: er hatte damals über diese Äußerung hinweggehört, und dann war sie ihm wieder eingefallen und hatte ihn beschäftigt, und er hatte eine gewisse Richtigkeit zugeben müssen. Er hatte in der Tat immer nur in Episoden gelebt, es war nie zu einer kräftigen Zusammenfassung unter den Gesetzen des Gegenstandes gekommen – und fiel eine der Maschen aus dem lockeren Gewebe, so lag die Gefahr einer Auflösung des Ganzen vor ... Die Tür ging, der Diener trat ein, der Diesberg vorhin die Karte abgenommen hatte, und meldete, daß der Herr Doktor bitten lasse. In dem großen, hellen und luftigen Sprechzimmer des Arztes saßen Regina und Wiesinger sich plaudernd gegenüber. »Ich habe mich bereits mit der gnädigsten Gattin ausgesprochen«, sagte Wiesinger, sich erhebend, »und will Ihnen, Herr Baron, nur kurz wiederholen, was ich als Resultat meiner Untersuchung betrachten möchte. Ich bin allerdings kein Spezialist für Herzleiden,« fuhr er mit flüchtigem Lächeln fort, »ich bin überhaupt kein sogenannter Spezialist, verstehe aber genug von der Anatomie, um mit absoluter Sicherheit erklären zu können, daß ein organischer Herzfehler nicht vorliegt. Der Bau des Herzens ist durchaus normal. Es ist möglich, daß vielleicht infolge einer Influenza sich einmal ein leichter Entzündungsherd gebildet haben kann, der diesen und jenen Kollegen getäuscht haben mag – jedenfalls ist jetzt nichts mehr davon zu spüren. Aber der Nervenapparat ist nicht in Ordnung. Die gnädige Frau leidet an einer starken Herzneurose, einer Teilerscheinung allgemeiner Neurasthenie und Hysterie, die quälend werden kann, doch nicht gefährlich ist. Dafür gibt es eine ganze Anzahl meist sehr einfacher und harmloser Heilmittel, auch psychotherapeutischer Natur – vor allem ist eine durchgreifende Änderung der bisherigen Lebensweise nötig, eine Entfernung aus den gewohnten Verhältnissen, sozusagen ein Bruch mit dem, was gestern war. Wenn Sie die gnädige Frau ein Vierteljahr in meiner Behandlung belassen wollen, kann ich für ihre völlige Wiederherstellung jede Gewähr übernehmen.« Diesberg verbeugte sich. »Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar für Ihre Offenheit, Herr Doktor,« entgegnete er, »Sie haben mich damit von einer schweren Last befreit. Wie Sie gehört haben werden, sind wir erst seit kurzem verheiratet. Eine Trennung von meiner Frau wird mir naturgemäß nicht leicht. Aber selbstverständlich füge ich mich der Notwendigkeit – – wenn auch du, Regina, dazu bereit bist.« Sie fuhr wie aus Sinnen und Grübeln auf. Blaßgrau mischte sich in den Teerosenton ihrer Wangen. »Ja, Erni,« sagte sie, »ich bin dazu bereit – und zwar selbstverständlich wie du. Drei Monate sind eine lange Zeit, aber die Hoffnung wird sie beflügeln.« Diesberg rechnete nach. »Februar, März, April – Anfang Mai hole ich dich ab.« »Ja, Erni,« sagte sie wieder, »ich bleibe, bis du mich holst.« Doktor Wiesinger gab in seinem leichten Unterhaltungston, der zu seiner sonstigen Art wie eine flüchtige Maskierung wirkte, noch einige Erklärungen zu seinem Sanatorium. Die gnädige Frau brauche keine Langeweile zu fürchten. Es handle sich um keine geschlossene Anstalt, die Gäste hätten vollkommene Bewegungsfreiheit, auch für Unterhaltung werde gesorgt. Keine Medizinalquälerei, nur geeignete Hydrotherapie, Massage, Elektrisation, Diät. Aber allerdings ständige ärztliche Beaufsichtigung – die nicht zu fürchten sei. Behagliche Zimmer im Damenhaus, beste Verpflegung, gute Bedienung, an den Abenden gesellige Zusammenkünfte, auch Konzerte und sonstige Abwechslung – – »wenn Sie von der Behandlung absehen,« schloß Wiesinger, »die keine Plage ist, sondern nur eine Nervenauffrischung, leben Sie hier wie in den Gasthäusern nebenan ...« »Der Mann gefällt mir«, sagte Diesberg, als er mit Regina nach seinem Hotel zurückging. »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß er mich an Otten erinnert. Er hat die Stahlfarbe seiner Augen, den grundsuchenden Blick und, ich kann mir nicht helfen, in seinem famosen Gesicht den Hang zum Abenteuer. Das sind Äußerlichkeiten, aber auch die ruhige Art seiner Erklärung sprach mich an. Ich habe die feste Überzeugung, daß er recht hat und daß dein Amerikaner ein Esel ist.« »Und wenn das nun wirklich so ist,« antwortete sie im Weiterschreiten, mit so ruhiger Stimme, als handle es sich um etwas Gleichgültiges, »wenn meinem Leben noch nicht so bald ein Ziel gesetzt werden sollte – wenn ich wahrhaftig noch einmal ganz gesund werde – was dann, Erni?« Er blieb einen Augenblick stehen, unwillkürlich überrascht, wie festgehalten, doch sie ging abermals weiter, und er mußte an ihrer Seite bleiben. »Was dann?« wiederholte er. »Dann werden wir sofort nach deiner Rückkehr ein großes Ballfest in Bärwalde geben, und ich werde zum erstenmal mit dir tanzen.« »Gut,« sagte sie, »und dann werden wir in aller Freundschaft die Scheidung einleiten.« Er nahm ihre linke Hand und preßte sie so heftig, daß sie beinahe einen Schmerzensruf ausgestoßen hätte. »Regina, was heißt das?« rief er. »Soll das eine Drohung sein?« »Aber nein – wie käme ich zu einer Drohung? – Ich bitte dich, Erni, sprich nicht so laut. Du bist ja auch kein Freund von dramatischen Szenen.« »Immerhin – ein so ernsthaftes Thema eignet sich nicht recht zu einer Unterhaltung auf der Promenade.« »Die Straße zwingt uns zur Zügelung. Das ist's, was ich will. Wir haben noch fünf Minuten bis zu unserm Hotel. Sie genügen für die Entscheidung.« »Welche Entscheidung?« »Als wir uns verlobten, trafen wir gewisse Abmachungen. Ich sagte dir – dem Sinne nach – in einem Jahr könntest du wieder frei sein. Selbst wenn ich dann noch leben sollte.« »Das Jahr ist noch nicht um, Regina«, erwiderte er, ein leises Zittern in seiner Stimme. »Auch mache ich dich darauf aufmerksam, daß du so sprachst. Ich habe keine Bedingungen gestellt – ach ja, doch eine – die einer gewissen Rücksichtnahme –« »Ich weiß,« fiel sie ein, »und ich glaube, ich nahm sie. Erni, ich sagte dir vorhin schon, ich bleibe hier, bis du mich zurückholst.« »Im Mai. Alle Türen in Bärwalde sollen bekränzt werden.« Die Sonne am Himmel legte sich auch auf ihr Gesicht. »Ich danke dir und warte auf dich ...« Sie standen vor dem kleinen Gärtchen ihres Hotels. Vorsichtig schaute Regina sich um. Die Straße war menschenleer. Nur in der Ferne klomm ein junges Pärchen hangan. Da zog sie rasch die Hand Diesbergs an ihre Lippen ... »Und nun kein Wort mehr darüber«, fuhr sie fort. »Morgen siedle ich um. Übermorgen fährst du zurück und gehst an deine Arbeit. Und im Mai ...« Sie sprach nicht weiter und schritt rasch voran, durch das Vorgärtchen nach dem Hotel. – * Am nächsten Tage ging der Umzug vor sich. Regina war noch blaßgesichtig, hielt aber ihre Nerven fest. Manches mußte überlegt und erwogen werden. Sie gab ihrem Mann einen Zettel für Frau Biene mit, auf dem sie notiert hatte, was ihr noch an Wäsche und Kleidung und sonstigem Unentbehrlichen für die nächsten Monate nachgeschickt werden sollte. Sie mußte jetzt an praktische Fragen denken, und das war gut. Diesberg brachte sie nach Beausite. Wiesinger mit seiner Hausdame empfing sie und führte sie nach dem Chalet, wo sie wohnen sollte. Es war ein Salon und ein Schlafzimmer mit anliegendem Bad im Parterregeschoß, alles geräumig, behaglich und sehr sauber. Im Obergeschoß wohnte noch eine ältere französische Gräfin, das Sanatorium war augenblicklich wenig besucht, übrigens nahm Wiesinger auch immer nur eine beschränkte Anzahl an Gästen auf. Ein freundliches Hausmädchen in der hübschen Tracht der Frauen des Kantons Waadt stellte sich zur Verfügung. Aber Regina packte ihre Koffer selbst aus und räumte Wäsche und Toiletten in Kommoden und Schränke, und Diesberg ging ihr dabei geschäftig zur Hand. »Ich habe kein Bild von dir«, sagte sie, ihren Schreibtisch ordnend. »Schickst du mir eins?« »Ja, gern. Ich muß mich freilich erst photographieren lassen. Das habe ich seit zehn Jahren vermieden. Aber ich tue es für dich ...« Er war vor einem kleinen Plakat an der Wand stehengeblieben, das die gedruckte Hausordnung enthielt ... »Wie im Kadettenkorps«, meinte er. »Punkt zehn wird das Gartentor geschlossen. Wenn du dann noch bummeln willst, mußt du durch das Fenster kriechen. Das geht, denn das Fenster liegt niedrig, und das Weinspalier draußen erleichtert die Kletterkunst. Bloß über den Gartenzaun kommst du nicht. Eine närrische Bude – und diese keusche Trennung der Geschlechter. Fehlt bloß noch der Wachengel mit dem flammenden Schwert ...« Er plauderte unermüdlich, scherzte und lachte, mit einem billigen Versuch, sie durch erzwungenen Humor über die Bitterkeit der Abschiedsstunde leichter hinwegzuführen. Das zweite Frühstück um ein Uhr nahm man schon im Hause. Man speiste gemeinsam im großen Eßsaal, doch an kleinen Tischen. Gegen zwanzig Damen und Herren waren zugegen, verschiedensten Stammes, Deutsche, Franzosen, ein sehr alter Engländer mit dem Gesicht eines greisen Clowns, ein paar Russinnen, auch ein indischer Maharadscha in europäischer Tracht, der aber stets einen braunen Diener im heimischen Landeskostüm mit einem ungeheueren Turban auf dem Kopf hinter sich hatte. Alle Anwesenden gehörten zweifellos zu den besten Gesellschaftsklassen, Doktor Wiesinger stellte die neuen Hausgäste vor: »Baron und Baronin von Diesberg« – man verbeugte sich und neigte die Köpfe, dann nahm man Platz. Wiesinger führte Diesberg und Regina an ein Tischchen am Fenster, »Ich lasse Ihnen heute noch das sogenannte Menü servieren, gnädige Frau,« sagte er, »ich will erst abwarten, ob ich Sie auf besondere Diät setzen muß. Das eilt nicht. Auch in der Auswahl des Weins beschränke ich Sie vorläufig nicht ...« Er empfahl sich wieder. Er saß allein mit seiner Hausdame (die kurzweg Madame genannt wurde, wie im royalistischen Frankreich die Gemahlin des königlichen Bruders) an einem Tische in der Mitte des Saales, und beider Blicke spähten während der Mahlzeit sehr aufmerksam durch den Raum, erteilten hin und wieder auch durch eine Bewegung der Hand oder des Zeigefingers stumme Aufträge an die Bedienung und an einen Mann im Frack mit ernstem glatten Gesicht, der unweit ihres Tisches stand und die Rolle eines Haushofmeisters zu spielen schien. Im übrigen servierten lediglich weibliche Wesen, und vielleicht hatte man aus ästhetischen Rücksichten in der psychologischen und symptomatologischen Behandlungsweise der Anstalt nur hübsche Mädchen gewählt, die uniforme Kleidung trugen, dunkle Kostüme mit weißen Kragen, weißen Schürzen und kleinen weißen Häubchen. Sie glitten fast unhörbar umher, und Diesberg, der munteren Auges und höchst interessiert um sich schaute, bemerkte, daß sie nach einem gewissen System servierten, gleichsam nach der Numerierung, daß fast jeder Gast sein Sondermenü hatte. Aber es gab keine verdrießlichen Mienen im Saal, auch die Unterhaltung setzte bald ein, etwas gedämpft zwar, doch sichtlich mit einer heiteren Unterströmung, die aus verborgenen Ventilen zu kommen schien. Wein wurde wenig getrunken, nur der alte Engländer mit dem greisenhaften Clowngesicht mischte sich Champagner in sein Vichywasser. Diesberg hatte sich eine Flasche Léoville Lascazes bestellt. »Es stehen keine Preise auf der Weinkarte,« sagte er zu Regina, »es ist ein verflucht fürnehmes Haus. Ich glaube, die drei Monate werden eine Stange Goldes kosten. Vielleicht ist es das beste, ich sende dir einen Kreditbrief auf eine unbeschränkte Summe.« »Nein, mein Lieber,« entgegnete sie lächelnd, »diese drei Monate sind meine eigene Sache, die meines Herzens – ich muß dich schon bitten, mir die Verwaltung meines sogenannten Vorbehaltsgutes selbständig zu überlassen. Ich weiß sowieso nicht, wo ich damit hin soll, wenn du mir nicht hilfst, wenigstens die Zinsen in adliger Weise durchzubringen ...« Ihr Ton klang frischer und gehobener als sonst... »Weißt du, Erni,« fuhr sie fort, »das Zuständliche in dieser Heilanstalt, soweit ich es bis jetzt übersehen kann, scheint mir fabelhaft amüsant zu sein. Ich denke mir, es ist ein Haus für eingebildete Kranke – wobei ich mich selbst nicht ausnehme.« »Es soll nervöse Leiden geben, die lediglich auf der Einbildung beruhen.« »Mag sein. Vielleicht besteht auch die ganze Heilkunst Wiesingers in der Einwirkung auf die Phantasie. Ein interessanter Mensch, nicht? Sieh, er paßt auf wie ein Schießhund. Seine Blicke fliegen umher. Jetzt spießt er die beiden Damen mit den gefärbten Haaren auf –ich glaube, es sind Russinnen –, die unverkennbar mit dem jungen Herrn in Dunkelblau kokettieren, da drüben in der Ecke.« Erni lachte. »Das Prinzip der Geschlechtertrennung ist wohl nur ein Idealprinzip oder ein theoretisches.« »Wiesinger ist ja auch nicht konsequent darin, und sicher mit Absicht. Er verbietet zwar die Aufnahme von Ehepaaren, aber verbietet er auch den Flirt?« »Vielleicht begünstigt er den sogar als Mittel seelischer Aufheiterung. Regina, du hast ein freies Feld deiner Tätigkeit vor dir. Ich rate dir, den indischen Prinzen mit freundlichen Augen anzusehen. Das wäre doch etwas Originelles...« So scherzte man, bis die Mahlzeit zu Ende ging und Wiesinger und Madame sich erhoben. »Ist Ihr Umzug beendet und sind Sie zufrieden mit Ihren Zimmern?« fragte der Arzt. »Danke, durchaus«, entgegnete Regina. »Und wann reisen Sie ab, Herr Baron?« »Morgen früh, Herr Doktor.« »Da darf ich mir also erlauben, Ihnen gegen elf meine Aufwartung zu machen, gnädige Frau.« Er entfernte sich, um diesen und jenen der anderen Gäste in eine kurze Unterhaltung zu ziehen. »Er möchte mich loswerden«, sagte Diesberg heiter. »Ein Ehepaar scheint hier als unsittlich zu gelten. Es ist Zeit, daß ich mich drücke.« Da nun aber die Tischgesellschaft in die Salons des Hauses strömte, so folgte man ihr. Diesberg hielt es für angebracht, vor seiner Abreise Regina noch mit einigen Mitbewohnern der Anstalt bekanntzumachen. Es war nur schwierig, die Geeigneten herauszufinden. Die meisten der Herren suchten das Lese- und Rauchzimmer auf, um sich dort eine der erlaubten »nikotinfreien« Zigarren anzuzünden. Die Damen nahmen in Gruppen in dem großen Salon Platz, wo ihnen je nach Wunsch Milch, Lindenblütentee oder eine Art Malzkaffee serviert wurde. Hier im Salon bildete wieder Doktor Wiesinger den Mittelpunkt. Die Damen scharten sich um ihn, und er benützte nun auch die Gelegenheit, dem Diesbergschen Ehepaar die einzelnen vorzustellen. Regina hörte viel vornehme Namen, die meisten sprachen deutsch, die Ausländerinnen gebrochen, gaben sich aber sichtliche Mühe, es aus Gefälligkeit für den leitenden Chef möglichst schön zu machen. Regina merkte sofort, daß man Doktor Wiesinger jene eigentümlich schwärmerische Verehrung entgegenbrachte, die man gerade bei Damen dem Arzte gegenüber, dem sie unbedingtes Vertrauen schenken, häufig findet. Er bevorzugte übrigens keine einzige, er war zu allen gleich liebenswürdig, aber doch ein ganz klein wenig von oben herab, mit einer seinen Kühle und diszipliniertem Willen. Er war wie ein freundwilliger, herablassender Fürst, der sich gern volkstümlich gibt, ohne von der Höhe seines Thrones zu steigen. Diesberg war zwischen zwei lebhafte Damen aus Liverpool geraten, die unaufhörlich in ihn hineinschnatterten und denen er in schauderhaftem Englisch antwortete, was sie entzückend zu finden schienen. Schließlich bequemten sie sich auch dazu, deutsch zu sprechen, und das klang ebenso schauderhaft wie das Englisch Diesbergs. Er hatte nacheinander die Milch, den Lindenblütentee und den dünnen Malzkaffee gekostet und sehnte sich nun nach einer Nichtnikotinfreien, war daher froh, als Regina ihn mit einem bedeutsamen Augenzwinkern bat, sich langsam zurückzuziehen. »Liebes Kind,« sagte er, als er sie zu ihrem Chalet zurückbrachte, »ich glaube, für mich wäre Wiesingers Sanatorium keine geeignete Besserungsanstalt. Denke dir, was mir die English Ladies anvertraut haben: man muß hier einen Ehrenschein unterzeichnen, daß man alle Vorschriften genau befolgt und alle hygienischen Verbote respektiert, sonst wird man erst gar nicht aufgenommen. Wenn ich aber nur acht Tage lang auf Malzkaffee und nikotinfreien Tabak – ein Widerspruch an sich – angewiesen wäre, dann bekäme ich am neunten Tage einen Tobsuchtsanfall. Die beiden Damen aus der guten Stadt Liverpool haben übrigens so abscheulich quarrende Stimmorgane, daß mir der Kopf ganz benommen ist. Ich möchte mich ein Stündchen hinlegen und dann einen Spaziergang machen. Ich muß mich einmal wieder auslaufen.« »Tu das, Erni,« erwiderte sie, »aber du sagst mir doch noch Lebewohl?« »Ei versteht sich. Bis zehn Uhr abends ist ja diese gastliche Bude geöffnet. Ich klettere nachher ein bissel in die Berge und komme dann zu dir heran. Meine Koffer sind rasch gepackt. Auf Wiedersehn, Regina ...« Er schlief in seinem Hotel eine Stunde fest und ruhig und machte sich hierauf auf den Weg nach Glion. Jetzt begannen auch seine Gedanken zu wandern und traten lebendig in seine Augen und formten sein Mienenspiel auf diesem Spaziergange. Zuweilen schüttelte er den Kopf. Es war, weiß Gott, verrückt. Nun behauptete dieser Doktor Wiesinger wieder das Gegenteil von dem Amerikaner: Regina sei bloß nervös, aber nicht die Spur organisch herzkrank. Konnte man ihm glauben, oder war er ein Schwindelfritze zugunsten seines verdrehten Sanatoriums? Jedenfalls schien es, als glaube Regina an ihn und sein Versprechen, sie nach Ablauf von drei Monaten kerngesund wieder zu entlassen – und das war die Hauptsache ... Diesberg schlug mit seinem Stock einen Hieb durch die Luft. Selbstverständlich, daß er sie abholen würde! War er denn ein brutaler Egoist? Nein, weiß Gott nicht, er war ein Mann von Pflicht und Ehre und wußte, was er zu tun hatte. Deshalb hatte er auch jeden Anspruch auf ihr Vermögen abgelehnt und sich den ekelhaften Paragraphen, der Tod oder Scheidung in die Perspektive der Ehe stellte, energisch verbeten. So etwas machte er nicht ... Er riß den Kopf in den Nacken – und senkte ihn wieder, denn plötzlich war ihm, als gehe Annelene an seiner Seite. Ihre Sandalen klapperten, er hörte ihren raschen Atem, er vernahm ihre Stimme. Sie sagte: »Lieb Häseken ...« Da schwoll ihm das Herz in der Brust, und die Phantasie packte ihn bei Hirn und Seele und führte ihn in jähem Fluge nach Freilehningen zu seinem barfüßigen Mädelchen ... »Blödsinn«, sagte er laut. Er stieß mit den Fußspitzen die Kiesel vor sich her. Natürlich war es Blödsinn. Annelene wollte nichts mehr von ihm wissen, und dem Freunde daheim hatte er sich auf Treu und Glauben verschworen, ihr für immer zu entsagen. Für immer – also war auch an keine Scheidung zu denken. Er stieß einen kurzen Fluch aus. Daran war überhaupt nicht zu denken – nie! Er war ja kein Schweinehund! Das schrie er sich zu. Innere Stimmen riefen es, ein ganzer Chorus. Es ging steiler bergauf. Aber Diesberg schritt kräftig aus. Er hatte den Hut in die Hand genommen, frisch wehte der Bergwind um seine Stirn ... Es mußte anders werden, man kam nicht weiter mit der Gefühlsduselei, mit dem Kampf gegen eine Schattenwelt. Schmähliche Hoffnungen mußten endgültig versinken, und, Donnerwetter, die Vernunft mußte das Leben meistern! Eine verdorbene Ernte ist noch kein Unglück fürs Leben. Die nächste kann besser werden. Erni, Vernunft! Eine reizende Frau liebte ihn. Warum nahm er sie nicht an sein Herz? Warum wollte, wollte, wollte er nicht auch sie lieben? Er wollte es nicht, das war es ... Eine Bank stand am Wege, er setzte sich einsam und sah den letzten tanzenden Sonnenstrahlen unter den Steineichen zu ... Also nun stand es fest: was mit der Vernunft zu fassen war, sollte gehalten werden. Alles andere müßte fürderhin ausscheiden. Die drei Monate waren die letzte kurze Trennung. Regina war damit einverstanden. Dann holte er sie – Vernunft, Erni! Jawohl, es sollte eine vernünftige, harmonische Ehe werden. Konnte er sich im Grunde genommen Besseres wünschen? Fort mit torkelnden Idealen und bleichsüchtigen Phantasien – sie war schön, sie war reich, sie ging völliger Gesundung entgegen ... und er wollte kein Schafskopf sein! Grüß' Gott, Annelene, du wirst dein Glück schon noch finden! – Nun ging er weiter. Im Mai, sagte er sich. Und wahrhaftig, alle Pforten in Bärwalde sollten bekränzt werden! Ah ja, sie sah Bärwalde zum erstenmal und sollte es in neuem Aufblühen sehen! Er spürte ein Muskelzucken, ein Schwellen der Adern. Bei Gott, er jubelte der Arbeit entgegen! Und insofern war auch die Trennung gut. Er war ganz frei, nichts Schleppendes hing ihm nach, nichts Störendes lag auf seinem Wege, er hatte nur eine einzige Pflicht: die der Arbeit. Glücksgefühl durchrauschte ihn. Nun wollte er auch auf alle trüben, unnötigen, albernen Reflexionen verzichten und an nichts anderes mehr denken als an die kommende Freiheit der Arbeit. Abgemacht, Schlußstrich ... Das Hotel Righi Vaudois lag vor ihm. Er ließ sich in genußreicher Reaktion gegen den Lindenblütentee in Beausite einen Café double geben und rauchte eine Importe dazu. Er kam in Bärwalde noch mitten in die Frühlingsbestellung hinein. Ei, da wollte er hinterher sein! Ein neues Reitpferd mußte er haben, selbstverständlich – vermutlich hatte Otten bereits eingekauft, der Hengst aus Freilehningen war ja schon da – und dann ging es auch wieder auf den grünen Plan, aber ohne Jeu und Frauenzimmer und Sektgelage – nee, das waren überwundene Zeiten! – Er zahlte und stand auf, er wollte noch über die Chaudronschlucht, das Wetter lockte trotz sinkender Sonne, und der quellende Gedankenstrom wollte ausgetragen werden. Er war jetzt daheim. Er war auf den Feldern, er war im Gestüt, er hatte die Gäule an der Longe, er ritt sie zu, er war auf dem Rennplatz und setzte über die Hindernisse, er war am Ziel ... Im Feuerwerk des Vorauseilenden achtete er kaum auf die Wege. Sie wurden schmaler, steiniger, unbequemer. Ein Wald nahm ihn auf, die Dämmerung sank rasch, das Abendrauschen kam. Plötzlich stand er vor einem klaffenden Bodenriß. War das die Schlucht des Chaudron? Er wußte es nicht, es war auch gleichgültig. Jedenfalls mußte er die Brücke suchen, den Pont de Pierre. Es ging sich schlecht am Hange der Schlucht, unter seinen Sohlen rollten die Steinchen, es war kaum ein Weg, es war nur ein Saumpfad. Alle Wetter, und es wurde immer dunkler – und Regina wartete auf ihn! Diesberg klomm wieder in die Höhe. Er wollte zunächst einen Weg finden, einen wirklichen Weg, der mußte doch nach irgendeinem der hier überall verstreut liegenden kleinen Dörfer und Gehöfte führen, wo er sich Bescheid sagen lassen konnte! Zapperlot, wo war denn der Weg geblieben, den er gekommen war? Unter den Bäumen braute schon die Schwärze der Nacht. Es war ein mühsames Wandern, Nach welcher Richtung hin lag wohl der See? Ahnungslos. Man mußte sich auf sein gutes Glück verlassen. Er tappte nur noch vorwärts, um nicht mit dem Schädel gegen einen Baumstamm zu fahren. Er hielt die Arme ausgestreckt und fühlte umher. Einmal kam er auf eine Lichtung und sah den Himmel über sich. Das war auch kein erfreulicher Anblick. Kein Mond, kein Stern, da oben hing ein Wetter und konnte sich mit Blitz, Donner und Gußregen entladen. Also weiter, es half nichts. Wieder unter die Bäume, wieder in vorsichtigem Vorwärtsschleichen wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, Dieses In-der-Irre-Laufen war sicherlich kein Vergnügen, doch auch nicht ängstlich – nur der Gedanke an Regina beunruhigte ihn. Er blieb stehen, zog seine Uhr und entzündete ein Schwefelholz, In raschem Flackerlicht sah er, daß der Zeiger schon auf halb Neun stand. Der Ärger grimmte in ihm auf, er fluchte laut. Mein Gott, was mußte Regina von ihm denken! Da saß nun das arme Weib in ihrem Chalet und wartete und wartete – und wartete vergeblich auf den Abschiedskuß! Konnte er unter diesen Umständen denn schon morgen früh fahren? Und er wollte gern fort, es riß ihn zurück mit Fibern und Nerven – auch Otten hatte er bereits telegraphiert und nach Berlin an die Frau Biene – es war ja alles vorbereitet ... Ekelhaft! – Er wand sich durch das Schwarzgestämm der Eichen, in deren Wipfeln nahender Sturm die Harfen schlug. Er stolperte, er fiel auch einmal längslang zu Boden, da hatte sein Fuß sich im Gestrüpp verfangen. Er lachte, um seine Wut zu zerkochen. Dann pfiff er ein Lied vor sich hin. Und plötzlich fuhr er zurück und starrte in eine schwarz-gähnende Tiefe, auf deren Grunde es rauschte und leuchtete. Herrgott, das war ja abermals die Schlucht des Chaudron! Er mußte in einem Bogen umhergelaufen sein. Nun flammte auch der erste Blitzstrahl durch das Wolkendunkel, ein Donnerschlag krachte, schwere Tropfen fielen. Ein Wintergewitter erlebt man nicht alle Tage, aber Diesberg hätte es den Göttern gern geschenkt. Immerhin hatte der Blitz in der flüchtigen Erhellung der Nachtschwärze wie ein Wegweiser gewirkt. Diesberg sah ein paar Dutzend Schritte oberhalb der Stelle, an der er stand, das Gemäuer des Pont de Pierre. Er überschritt die Brücke und fand nun einen breiten und bequemen Weg, der abwärts führte, also dem See zu. Jetzt beflügelte er den Fuß, er hatte es eilig. Seine Gedanken stürmten voran – vielleicht war Beausite doch noch geöffnet, es würde ja wohl auch ein Wächter zu finden sein – jedenfalls mußte er noch zu seiner Frau, das war er ihr schuldig ... Es schien, als zerteile sich das Gewitter. Blitz und Donner waren nur ein Schreckschuß gewesen. Auch der Regen setzte nicht stärker ein. Es tröpfelte monoton und schwerfällig. Ein paar alte Häuser stiegen am Wege auf, ein verschlafenes Dörfchen. Hinter trüben Fensterscheiben blinkte ein Gelblicht. Diesberg entschloß sich rasch, klopfte an, trat ein, war in einer niedrigen Bauernstube. Ein Mann saß vor brennendem Kienspan am Kamin, schälte Kartoffeln und stierte den Fremdling unter geröteten Augenlidern voller Staunen an. Diesberg war höflich wie zu seinesgleichen und fragte, ob er wohl einen Wagen nach Clarens bekommen könne. Nein, den gab es hier nicht. Aber angesichts des vornehmen Herrn wurde der alte Bauer gefällig, erhob sich, wischte die Hände an seinen weiten Beinkleidern ab und gab Auskunft: gleich rechtsherum führe die Landstraße nach Chernax, und wenn der Herr sich dann links halte, immer nur links, sei er in einem Stündchen unten in Clarens. Diesberg zog wieder die Uhr. Vor elf konnte er unmöglich in Beausite sein – da war alles zu, verschlossen, verboten – es war zum Verzweifeln ... Der alte Bauer tat ein übriges, er zündete umständlich eine Laterne an und begleitete ihn bis zur Wegkreuzung. Diesberg schenkte ihm ein Fünffrankenstück und setzte sich dann in Trab. Warum er im Laufschritt bergab stürmte, wußte er nicht – er kam ja doch zu spät. Zweck hatte dies Trabrennen nicht. Aber es war merkwürdig: jetzt überlegte er gar nicht mehr. Wie eine fixe Idee, wie eine Seelenklammer bohrte der Gedanke sich ihm ein: du mußt Regina unbedingt heute noch sprechen! – Aus der Dunkelheit wuchsen allmählich Lichterreihen. Der Städtekranz am Seeufer lag noch in heller Fröhlichkeit. Endlich stand Diesberg rasch atmend, fast keuchend vor dem schmiedeeisernen Gartentor des Sanatoriums. Er klinkte und rüttelte und gab den Eisenstäben einen wütenden Fußtritt. Beausite lag abseits des großen Villenzyklus, tief eingebuchtet am Seeufer, eine einsame Schöne. Dunkel dehnte der Park sich aus, nur hinten vor dem langen Haupthause brannte noch eine elektrische Flamme. Diesberg irrte am Gitter entlang. Sein Ingrimm wuchs. Formlose Flüche zitterten auf seinen Lippen. Wer konnte ihm, zum Himmeldonnerwetter, verwehren, von seiner eigenen Frau Abschied zu nehmen! Was gingen die verdammten Narreteien in dieser Anstalt ihn an! – Er hielt in seinem zwecklosen Umlauf inne und stand nun an der Biegung der Umzäunung, wo sie hinab bis zu dem kleinen Hafen des Parks führte. Gerade vor sich sah er das weiße Chalet, in dem Regina wohnte. Ein Dutzend Sprünge, und er konnte bei ihr sein. Da lachte er, ein kurzes übermütiges Lachen, das Lachen eines tolldreisten Jungen. Kleinigkeit – er schwang sich über den Zaun, kletterte drüben am Weinspalier in die Höhe und klopfte an das Fenster Reginas – wie Romeo bei seiner Julia! Das alles bot keine Schwierigkeiten – das Fenster kannte er genau, ringsum war kein Mensch zu sehen, im Chalet wohnte oben nur noch eine stocktaube französische Gräfin – – im übrigen, in welchem Sittenkodex stand ein Paragraph, der es dem Gatten verbot, die Gattin zu besuchen? – Das Gitter hatte oben eiserne Spitzen. In das rechte Hosenbein Diesbergs verfing sich eine der Spitzen, der Stoff riß um die Kniegegend, aber Diesberg war schon auf der anderen Seite. Nun war er doch vorsichtig. Er bückte sich und schlich sich an den Bosketts entlang, an der Feigenhecke des Tennisplatzes vorüber, und war dann mit einem Tigersatz dicht am Chalet. Noch einmal orientierte er sich. Ja, es war richtig, hier lag das Schlafzimmerfenster Reginas, von innen verhängt, dunkel, aber es mußte es sein. Das Weinspalier entsprach der Gediegenheit der ganzen Anstalt, es wankte nicht unter dem Kletterer. Unter dem Fenstergesims hielt Diesberg sich mit der linken Hand fest und klopfte mit der rechten erst leise, dann etwas lauter gegen die Scheiben... * – Regina hatte den Nachmittag noch mit der Ordnung ihrer Zimmer verbracht. Gegen fünf wurde sie unruhig. Wo blieb Erni? Die Zeit verrann, und er kam nicht. Nach jener kurzen letzten Aussprache auf der Promenade, einer Zusammendrängung aller Lebensfragen in wenigen hastigen Sätzen, hatte sie das Empfinden gehabt, daß sie an der Ehrlichkeit seiner Gesinnung nicht mehr zweifeln könne. Es war genau so gekommen, wie die Gräfin Düren vermutet und vorausgesagt hatte. Der Arzt hatte erklärt, daß sie bis auf eine leicht heilbare Neurose völlig gesund sei. Auch die Trennung war nun gegeben. Aber dem Versprechen Ernis, sie im Mai zurückzuholen, lag so viel Aufrichtigkeit zugrunde, daß die Hoffnung sich von neuem beschwingte und das verliebte Herz der Möglichkeit sich zuneigte, die Sehnsucht werde noch eher ihn wieder zu ihr führen. Auch davon hatte die Düren gesprochen: Halbbewußtes und noch Schlummerndes könne in den Monaten der Trennung zur Sehnsucht reifen. O gewiß – hatte sie doch dann und wann in den Momenten, da ihr Zärtlichkeitsbedürfnis überströmte, in der Sprache seiner Augen so etwas wie eine Reflexwirkung zu lesen vermeint. O gewiß, die Sehnsucht konnte kommen, als Purpurschein, als geheimnisvolles Rauschen, als Klang und Duft und Raunen, als eine Stimme von innen, die gehört werden wollte – dann aber mußte die »andere« ihm fernbleiben, der immer noch das Tönende seines Herzschlags gehörte! Und in der Ebbe und Flut ihres Fühlens erhob da doch sich wieder ein Sturmbrecher, ein Felsen der Zuversicht: der Glaube an seine Vornehmheit. Wohl hat Michelet recht: Die Frau schmachtet unter der Wucht einer ungeheuren Notwendigkeit. Die Natur begünstigt den Mann. Die Frau liebt nur um der Liebe willen und verläßt sich in ihrer Hilflosigkeit auf den Adel des Mannes. Die Zeit verrann, und Erni kam nicht. Vergeblich fragte sich Regina, was geschehen sein könne. Es war ja doch undenkbar, daß er sie ohne Abschied verließ! Nein, das war undenkbar, das ließ schon seine Herzenshöflichkeit nicht zu. Um acht Uhr klingelte sie der Zofe und bat, einen Hausdiener nach dem Hotel des Crêtes zu senden: sie erwarte den Herrn Baron. Dann bestellte sie sich Tee, sie war nicht in der Stimmung, an der gemeinsamen Abendtafel im Haupthause teilzunehmen. Der Hausdiener kam mit der Meldung zurück, der Herr Baron sei am Nachmittag ausgegangen und noch nicht wieder heimgekehrt. Da jagte die Sorge durch ihre Seele. Phantastische Möglichkeiten schwebten ihr vor. Nach dem Mont de Caux und Rocher de Naye zu gab es steile Hänge, und er war unvorsichtig, er konnte abgestürzt sein. Dann lächelte sie wieder über ihre Angst. Sie kannte die Umgebung von früheren Reisen her, überall in den Bergen gab es breite Promenadenwege, und steilere Gründe waren umzäunt. Wo war er also? Auch die Eifersucht tastete sich heran mit Ranken der Schlingpflanze – hier unten in den Hotels und Pensionen saßen die Pariser und Genfer Frauenzimmer zu hellen Haufen und spielten drüben im Kurhause von Montreux am Jeu des Petits Chevaux – – und wieder schüttelte sie den Kopf: nein, pfui, das war ein häßlicher Gedanke, der auch unter der Vibration ihrer Nerven nicht aufkommen durfte. Ja, sie war nervös, Wiesinger hatte sie erkannt, ihr ganzes Nervenleben war in Aufruhr. Sie setzte sich an den Tisch und brach in Tränen aus. Sie legte ihre Uhr vor sich hin und bohrte den Blick auf das Zifferblatt. Sie hörte einen vereinzelten Donnerschlag, ein Blitz erleuchtete das Fenster, Regentropfen fielen. Wenn ihn das Unwetter in den Bergen überraschte? Aber im Nachtdunkel klettert kein vernünftiger Mensch in unbekannten Gehegen umher. Sicher war er längst wieder oben in seinem Hotel ... Der kleine Zeiger der Uhr zeigte auf zehn. Nun schlossen sich alle Pforten der Anstalt. Sie brauchte nicht länger zu warten. Sie versuchte ruhig zu werden. Es war klar, daß er sich auf seinem Ausflug verspätet hatte. Er fuhr also morgen noch nicht ab. Morgen nahm er erst Abschied von ihr. Das war klar. Sie entkleidete sich und legte sich zu Bett. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie löschte das Licht und starrte offenen Auges in das Dunkel. Sie dachte immer nur an ihn. Sie verfolgte seinen Weg in die Berge. Das Wetter war vorübergezogen. Aber von tausend Zufälligkeiten hängt ein Leben ab. Er konnte auf dem Steingeröll der Wege ausgeglitten sein und sich verletzt haben ... Sie lauschte. War der Wind wieder wach geworden und spielte mit den Reben unter dem Fenster? Nun hob sie den Kopf. Es klopfte – irgendwo klopfte es. Sie war keine furchtsame Natur – und hier, wußte sie, war sie in völliger Sicherheit. Aber bei Gott, da pochte es abermals – das war an der Fensterscheibe! Sie fuhr in die Höhe und warf den Schlafrock über. Sofort, im Augenblick fühlte sie mit instinktiver Gewißheit: das war Erni! Aus dem Allerinnersten stieg ein Zittern. Sie drehte das elektrische Licht auf dem Nachttisch auf. Sie horchte noch einmal, angespannt, mit allen Sinnen. Wieder klopfte es – ein Dreiklang. Da sprang sie zum Fenster, zog Vorhang und Store zurück und sah nun, draußen, mit breit an das Glas gedrückter Nase, das lachende Gesicht ihres Mannes hinter den Scheiben. Ein süßes Glücksgefühl durchrieselte sie, ein Entzücken ohnegleichen. Sie hätte schreien mögen, aber sie war ganz still unter dem Trommelwirbel ihres Herzens. Geräuschlos öffnete sie das Fenster und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Er schwang sich leicht über die Brüstung und umarmte sie. »Entschuldige die späte Störung«, begann er. »Scht – leise doch«, hauchte sie und hielt ihn fest. »Na ja,« wisperte er, »die verfluchte Hausordnung ... Ich hatte mich im Walde verirrt ... Da bin ich schlankweg über den Zaun geklettert und habe mir die Hosen zerrissen. Ich wollte dir doch noch adieu sagen ...« * – – – Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche, dachte Erni, als er sich wieder durch den Garten zurückschlich und irgendwo ein Vögelchen piepsen hörte. Über den Bergen hing schon ein zarter Morgenschleier, ein Duft von Rosenrot mit Goldlasuren. Erni spähte vorsichtig nach allen Seiten aus. Man kann hier ganz leicht einbrechen, dachte er weiter, man muß es nur geschickt machen ... Aber er kroch jetzt auf allen Vieren an der Feigenhecke des Tennisplatzes vorüber. Immer rücksichtsvoll, sprach er dabei zu sich selbst, Respekt vor der Hausordnung ... Dann kam ein Lachen. Doktor Wiesinger, dir haben wir ein Schnippchen geschlagen! ... Nun richtete er sich auf. Jetzt stand er vor dem Gartenzaun mit den dräuenden Spitzen. Die Hose war doch verloren – immer los! Wieder ein Ausspähen nach rechts und links, nach vorwärts und rückwärts. Kein Mensch weit und breit, nur unten auf dem blauen See die ersten weißen Segel. Diesberg klomm über den Zaun. Rrrr – ein neuer Riß im Beinkleid – aber er war glücklich drüben. Da fiel ihm ein, daß er seinen Stock nicht mehr hatte. Er überlegte: er hatte ihn schon nicht, als er das Zimmer Reginas erstürmt hatte. Vielleicht war er in dem Bauernhause in Sonzier liegengeblieben. Da konnte er bleiben. Gedankenvoll betrachtete er seine Beinkleider, die fast bis zu den Knien aufgeschlitzt waren. Untenherum sehe ich wie ein mexikanischer Pferdedieb aus, sprachen seine Gedanken. Dann schlug er hurtig den Rockkragen hoch, setzte den Hut fester und stieg eilenden Schrittes die Straße hinauf, die nach der Station führte. Über den Alpenwall schwang sich das Purpurlicht des Sonnenaufgangs. Es war aber noch wenig Leben im Orte. Aus den Bergdörfern kamen Maultierwagen mit Gemüseladungen. Ein Straßenfeger hielt in der Arbeit inne und betrachtete offenen Mundes die Unaussprechlichen Diesbergs. So etwas hatte er sein Lebtag noch nicht gesehen. Doch Erni kümmerte sich nicht um die verwunderte Miene, er hatte jetzt zum Laufschritt angesetzt wie ein italienischer Bersagliere. Dabei flog ein holdes Erinnern zurück über den Gartenzaun mit den spitzen Zähnen und über ein haltbares Weinspalier und über ein Fenstergesimse ... Soll mich der Teufel reiten, schwor er sich zu, wenn ich mir das geliebte Weib nicht schon in sechs Wochen nach Bärwalde hole! ... Nun war er an seinem Hotel und klingelte. Der Nachtportier öffnete und war nicht minder voller Erstaunen als der Straßenfeger. »Gucken Sie mich doch nicht an, als ob Sie mich gleich wieder 'rausschmeißen wollten«, sagte Erni heiter. »Ich bin's, Baron Diesberg, Nummer siebenundsechzig. Ich habe mich in den Bergen verlaufen, bin gestürzt und – na, sehen Sie sich mal meine Höschen an! Hübsch, was? Wann geht der Frühzug nach dem Norden?« »Um acht Uhr zehn, Herr Baron.« »Da kann ich noch ein bißchen schnuppern. Punkt sieben wecken!« »Schön, Herr Baron.« Diesberg nahm seinen Zimmerschlüssel und stieg die Treppe hinauf. Ob sie schon schläft? dachte er, und zum ersten Male seit langem lag der Ausdruck eines reinen Glücks auf seinen Zügen. XII Der diesjährige sogenannte Kreisball in der Bezirksstadt fand erst kurz vor Ostern statt, er war immer wieder verschoben worden, weil Herr Martin, der Wirt vom ›Anker‹, krank war, und ein anderes Lokal hatte man nicht zur Verfügung. Nun war es aber auch wunderschön geworden. Der dicke Herr von Brenkenhoff war wie gewöhnlich der Festordner und hatte dafür gesorgt, daß es auch ein anständiges Essen gab. Er hatte selbst das Menü entworfen, denn in dieser Beziehung war auf Herrn Martin kein Verlaß, dessen kulinarische Feinheit in Kalbsbraten mit Kartoffelsalat den Gipfel erreichte. Schwierigkeiten machte dem dicken Brenkenhoff diesmal nur die Tischordnung, und zwar lediglich deshalb, weil er nicht wußte, wo er den Bärwalder hinsetzen sollte. Diesberg hatte auf Zureden Ottens noch im letzten Augenblick zugesagt. Das kam Herrn von Brenkenhoff unerwartet. Der Bärwalder lebte auf seiner Klitsche wie in einem Mauseloch. Natürlich hörte man überall, wie es da zuging: daß neu gebaut worden war, daß die Ernteaussichten glänzend standen, daß es mit dem Gestüt Ernst wurde, daß da kurzum ein neues Leben begonnen hatte. Doch in der Umgegend ließ Erni Diesberg sich nicht sehen. Warum nicht? Wer ihn einmal traf, dem sagte er, er habe zu viel zu tun. Aber vielleicht genierte er sich bloß wegen der närrischen Geschichte mit seiner Frau. Darüber redete man natürlich in jedem Herrenhause. Merkwürdig war es ja auch. Er hatte die reiche Lipsius geheiratet, und die saß nun in irgendeinem Sanatorium in der Schweiz, und Diesberg war als Strohwitwer von seiner Hochzeitsreise heimgekehrt. Was fehlte denn eigentlich der jungen Frau? Durch die Luft ging ein Staunen, kein Mensch wußte, woher es kam. Ein schweres Herzleiden, sagte man. Aber der Wassergraf verneinte das. Er hatte mit Diesberg gesprochen. Kein Gedanke von einem schweren Leiden, die Baronin war einfach ein sehr nervöses Persönchen und sollte den Winter über im Süden bleiben, und nachher, im Sommer, da würde sie sich schon zeigen ... Nun also gut. Brenkenhoff kratzte sich den Kopf und schob seinen schwarzen Zigarrenstummel aus dem rechten in den linken Mundwinkel. Er wußte, man erzählte sich blödsinnige Geschichten über den Erni. Er hätte seine junge Frau auf der Hochzeitsreise geprügelt, weiß Gott, und nun sei schon wieder die Scheidung eingeleitet. Herr von Protzen wollte das von Edward Simmens gehört haben. Aber Simmens bestritt es. Ganz gleich, man klatschte über den Bärwalder, und es war schwer, ihm einen geeigneten Tischplatz zu geben. Der Wassergraf aus Freilehningen wollte seine drei ältesten Mädel mitbringen. Doch zwischen die konnte man ihn nicht setzen, erstens mal nicht wegen der Annelene, da wäre das Getratsch von neuem losgegangen, und dann war der Diesberg ja unbestreitbar verheiratet, er mußte also auch eine verheiratete Dame zu Tische führen. Brenkenhoff entschloß sich endgültig, ihm rechts Frau von Protzen und links Frau Strammin, die Gattin des Apothekers, als Nachbarinnen zu geben. Frau von Protzen war schwerhörig, und Frau Strammin war asthmatisch – mit denen konnte er sich ganz gut unterhalten. Aber Diesberg erschien gar nicht zu der Eröffnungstafel, Herr von Otten trat pünktlich an, der hatte sich auch rasch den Kreis erobert, er fuhr überall herum und kaufte Pferde, Ochsen und Zuchtschweine und schonte das Geld nicht, und sein Wesen, eine Mischung von Gentleman und Knickerbocker, gefiel namentlich bei den aristokratischen Hinterwäldlern. Er entschuldigte Diesberg. Ein Telegramm habe ihn nach Berlin berufen, es handelte sich um die Frühjahrsrennen, aber er käme mit dem Abendzuge und dann sofort hierher. Natürlich fragte man auch mit gespitzten Ohren nach seiner Gattin. Danke, danke, danke, erwiderte Otten lebhaft, die schreibe viel, es gehe ihr gottlob ausgezeichnet, und im Mai oder Juni werde sie wohl in Bärwalde sein ... Nun war der Platz zwischen Frau von Protzen und Frau Strammin leer, aber sonst war hübsch für bunte Reihe gesorgt. Es war selbstverständlich alles da, was im Kreise Ansehen genoß, die alten Krautjunker in vertragenen Fräcken, die jüngeren Herren gebügelter, die älteren Damen in vollem Zubehör der Toiletten des Vorjahrs, die jungen Mädchen in Weiß, Blau und Rosa, vorsichtig ausgeschnitten, lachend, kichernd, wedelnd. Otten hatte die Annelene neben sich, unverändert pausbäckig, ein liebes strammes Landengelchen, quellend in den Gliedern und immer einen Sommerregen kecken Geplauders auf dem Kirschrot der Lippen. Die Schwestern Annemie, Mieze genannt, und Annelotte, die Lotti, waren diesmal auch mitgenommen worden und plätscherten in Seligkeit. Es war schon eine Himmelsfreude, einmal nicht in Sandalen umherklappern zu brauchen, sondern zartrosa Strümpfe und niedliche Schuhchen tragen zu dürfen und dazu die neuen Kleider, weder Pariser noch Berliner Konfektion, nur ländliches Fabrikat, aber duftig und rüschig und wolkenhaft, ein Geflatter um kernfeste Reize. Die Mieze hatte den jungen Protzen als Tischherrn, der ein Vorwerksgut seines Vaters verwaltete, einen hübsch gewachsenen Burschen, dessen wasserblaue Augen vielfach verwegenen Anschluß an dem Halsausschnitt der Nachbarin suchten – und Lotti wurde von Herrn Wolfram von Gaedechens umworben, dem Sohne des Landrats, eben Assessor geworden, doch auf dem Sprunge, den Dienst zu quittieren, um seinem alten Herrn in der Wirtschaft zu helfen. Herr von Brenkenhoff konnte zufrieden sein, es klappte alles, und man amüsierte sich ausgezeichnet. Es gab auch gut zu essen, es fing mit Gänseleberpastete an und endete mit einer Eisspeise, die freilich etwas zu fest geraten war, so daß man sie mit dem Löffel kaum zerteilen konnte. Annelene versuchte es mit der Kraft der Amazone und stieß dabei ihren Glasteller entzwei, das Eis hüpfte auf das Tischtuch, man quiekte und lachte; Otten wollte es mit der Gabel fangen, doch es wanderte, glitschig werdend, weiter und erregte Entsetzen und Heiterkeit. Der dicke Brenkenhoff freute sich, der Abend fing lustig an, der billige Schaumwein spukte schon in den Köpfen. Nur Mister Simmens ärgerte sich. Brenkenhoff hatte ihn neben Fräulein von Zierow gesetzt, das häßlichste Mädchen im Kreise und eine eingebildete Pute, für die nur der nachweisbare Uradel menschlichen Zusammenhang hatte und die den Burgesrodaer infolgedessen wie eine fremdartige Substanz behandelte. Aber Brenkenhoff hatte sich in einem Anflug von Bosheit das so ausgedacht, er konnte Simmens nicht ausstehen. Merkwürdig, daß seit der Zwangsversteigerung von Bärwalde kein Mensch ihn so recht leiden mochte. Nach der Tafel ging es in die sogenannte Scheune, so wurde der Ballsaal im ›Anker‹ genannt, aber man hatte die Wände heute mit Tannengrün und Girlanden geschmückt und kleine Kinderfähnchen dazwischen gesteckt. Es sah mehr beruhigend als festlich aus, doch es störte nicht, und als nun die Stadtmusik auf der Estrade in der Ecke den Eröffnungswalzer spielte, wirbelten auch gleich die Paare los. Otten und Annelene waren die ersten, ein Riese und ein Pygmäenweibchen, der Gigant schwenkte seine Kleine mit Anmut, und wenn sein Blick in die Tiefe fiel, über ihren Blondschopf und das Atlasschleifchen, das auf dem weizenhellen Haar auf- und niederwippte wie ein Vögelchen am Nestrand, dann glitt ein wohliger Ausdruck über sein Gesicht, ein schmunzelndes Behagen. Der Wassergraf und der Ritterschaftsrat von Protzen standen neben der Tür an der Wand und schauten dem Tanze zu. »Seh mal einer den Otten an,« sagte Protzen und schlenkerte mit dem rechten Arm, »das hüpft wie der Jüngste. Wär' das nicht was für deine Änneli, Pakisch? Aber er hat wohl keine Bimse.« »O doch,« antwortete der Wassergraf, der in seinem zu weiten Frack wie eine große Heuschrecke aussah, »er ist in recht guten Verhältnissen, er hat sich viel sparen können und möchte sich wohl auch ankaufen. Aber Diesberg läßt ihn ja nicht los, und er hängt an Erni, es ist eine dicke Freundschaft.« »Na, wenn die Baronin nun endlich kommt,« meinte Protzen, »wenn sie überhaupt mal kommt, dann denke ich mir, wird der Otten sich sowieso verabschieden. Sie können nicht zu dreien mitsammen leben, und den Inspektor wird Otten auch nicht spielen wollen. Es ist doch eine komische Geschichte, das mit der Heirat Diesbergs.« Der Wassergraf zog an seiner Nase. »Gott, wie man es nimmt, Protzen. Es war das Vernünftigste, was der Erni tun konnte. Nun ist er aus allen Schwulitäten. Daß die arme Frau an nervösen oder hysterischen Anfällen leidet oder was weiß ich, dafür kann er schließlich nichts. Übrigens spricht er immer mit großer Liebe und Verehrung von ihr und will sie aus Clarens abholen, sobald es hier ein bißchen wärmer geworden ist. Sie kann unser Klima nicht vertragen, sagt er.« »Ach herjeh, das ist freilich übel! Da werden sie sich wohl öfters trennen müssen.« »Will ich nicht sagen. Vielleicht geht er im nächsten Winter mit ihr nach Ägypten. Er kann sich's ja leisten. Vorläufig hat er Bärwalde wieder in Ordnung bringen wollen. Und das gelingt ihm auch mit Ottens Hilfe. Alles, was wahr ist. Protzen, der Diesberg hat sich gewaltig rausgemausert. Ist das nun der Einfluß der Frau, sozusagen eine Fernwirkung, oder ist es eigene Initiative, jedenfalls hat der Erni sich gründlich geändert. Man muß bloß Otten über ihn urteilen hören. Natürlich, die nötigen Gelder sprechen ja auch mit, denn ohne acht Groschen Kurant wäre aus Bärwalde nichts zu machen gewesen – immerhin, der Diesberg ist fabelhaft hinterher, er ist wie verwandelt, wie verwandelt, seit er die Frau hat –« »Eine Frau für die Hochzeitsreise«, ergänzte der Ritterschaftsrat. Dann erhielt er einen kräftigen Schubs von der Seite. Ein Pärchen hatte ihn angetanzt, der eigene Sohn mit der Mieze Pakisch. Protzen grinste über das ganze Gesicht. »Der ist auch verliebt wie ein Stint mit Sirup«, raunte er dem Nachbar zu. »Wer?« fragte der Wassergraf. »Mein Bengel, der Hanskarle.« »In wen? Wieso verliebt?« »Jösses, Pakisch, du bist eine alte Schlummerrolle! In deine Annemie, in wen denn sonst! Kriegt er 'n Korb, wenn er um die mal anhalten sollte? Es braucht ja nicht gleich morgen zu sein.« Pakisch zog wieder seine Nase durch die Finger. »Jede meiner Göhren kriegt sechstausend Mark Rente«, begann er in einem Tonfall, als wenn er predigen wollte, doch der Ritterschaftsrat ließ ihn nicht erst weiter sprechen. »Weiß ich ja,« sagte er, »weiß ja, daß du ein Geizhals bist. Aber ich rechne darauf, daß du dich einmal bei deiner blödsinnigen Baderei im Winter gehörig erkältest und dann abschnappst. Und in die Gefilde der Seligen oder in die Hölle – du kommst ganz sicher in die Hölle – kannst du deinen Mammon nicht mitnehmen. Hanskarl braucht ihn übrigens gar nicht. Der kann seine Frau alleine ernähren ... sieh mal, da schlängelt der ekelhafte Kerl, der Simmens, sich wieder an deine Annelene heran – und wie süß er lächelt, nu macht er ein Kompliment wie 'ne Gliederpuppe, er möchte mit ihr tanzen, aber sie bedauert – das gönne ich dem Beefsteakkauer – ich kann den Menschen nu mal nicht verknusen ...« »Guten Abend, Onkel Malte,« sagte eine helle Stimme hinter dem Wassergrafen, »grüß Gott, Herr von Protzen.« Diesberg war eingetreten. Verschiedene im Saale sahen ihn in der Tür, dann sahen ihn alle. Die Köpfe wandten sich ihm zu und wandten sich wieder ab. Da war er wahrhaftig! War er nicht schlanker geworden? Ja sicher, gestreckter, mit verlängertem Gesicht, noch besser in Form als früher, vielleicht trainierte er sich schon für die neuen Rennen. Aber er sah gut aus. Auf den wetterbraunen Zügen lag ein Ausdruck von Beharrlichkeit, etwas Hartes und Geschlossenes, um den Mund kräuselte sich ein reizbares Lächeln, das zu sagen schien: Fangt nicht mit mir an, ich bin stachlig geworden! – Sonst war er der elegante Mann von einst. Der junge Herr Wolfram von Gaedechens, der seinen schönen Eigenwuchs von dem ersten Schneider Berlins umkleiden ließ, bewunderte den Sitz des Fracks, zumal im Anschluß der Taillengegend, vertiefte sich gedankenvoll in den glatten Fall der Hose und wurde fast neidisch beim Anblick der schmalen lackierten Stiefel. Übrigens schien Diesberg die allgemeine Aufmerksamkeit ziemlich gleichgültig zu sein. Nachdem er mit Pakisch und Protzen ein paar Worte gewechselt hatte, die wenig besagten, ließ er das Auge, ein wenig zusammengekniffen, in flüchtigem Kreisen durch den Saal schweifen und schlängelte sich dann zwischen die Tanzenden hindurch zu den an der Wand sitzenden Damen. Den älteren küßte er die Hand, die jüngeren begrüßte er freundlich, doch mit feinen Unterschieden, beabsichtigten oder ungewollten, teils höflich kühl, teils kameradschaftlich, teils mit derber Lustigkeit, und stieß endlich auch auf Annelene, die soeben von ihrem Tänzer zum Stuhle geführt wurde. Er hatte sie seit der letzten heftigen Aussprache in Freilehningen mit der lamahaften Abschiedsszene nicht wieder gesehen, streckte ihr nun aber, auf alle Fälle Widerstand erwartend und darauf vorbereitet, die Hand entgegen und sagte lässig: »Guten Abend, Annelene.« Sie wurde rot, es war wie eine fliegende Hitze, die auch ihren Hals färbte und die Stirn bis zu den weißlichen Haarwurzeln, aber sie lächelte dabei mit vollgewölbten Lippen, nahm seine Hand und erwiderte: »Guten Abend, Erni. Wie geht es dir?« »Danke gehorsamst, recht gut. Und dir?« »Ausgezeichnet.« Damit war die Begrüßung erledigt. Diesberg schritt weiter, tauschte ein lachendes Wort mit Annemarie, schlug Otten auf die Schulter und ging dann in das Nebenzimmer, wo die nicht tanzlustigen Herren bei Bier und Zigarren saßen und ihn in ihrer Festlaune mit fröhlichem Hallo empfingen. Edward Simmens war auch dabei, erhob sich nun in sichtlicher Verlegenheit und wußte anscheinend nicht recht, sich sein Benehmen dem Freunde von vorgestern gegenüber zurechtzulegen. Diesberg schaute anfänglich über ihn fort, griff in die Hände der anderen, ein paar derbe Redensarten flogen herüber und hinüber, und dann stand er vor dem Burgersrodaer. »Auf ein Wort, Simmens«, sagte er und zog ihn in die ziemlich weit vom runden Stammtisch entfernte Fensternische. Aller Augen folgten den beiden. »Zackri,« sagte der Landgerichtsrat Stauber halblaut, »da wird's doch nicht etwa Krakeel geben? ...« »Geht uns nichts an«, erwiderte Herr von Brenkenhoff und hob sein Bierglas. Simmens stand blaß am Fenster, auf alles gefaßt, kalte Fremdheit im Gesicht. Diesberg dämpfte seine Stimme. »Ich halte dich nicht lange auf«, sagte er. »Wollte dich nur fragen: ist es richtig, was man sich erzählt, daß du über mich und meine Frau unpassende, ich will bei dem Ausdruck bleiben – unpassende Äußerungen verbreitet hast?« »Verrückt«, antwortete Simmens sofort. »Wie kommst du darauf? Gott, was klatscht man alles zusammen!« »Also dein Ehrenwort, daß es nicht wahr ist?« Simmens zuckte mit den Achseln. »Verlangst du eines Blödsinns halber mein Ehrenwort?« »Ja.« »Ehrenwort, daß es nicht wahr ist«, erwiderte Simmens kurz. Diesberg nickte. »Erledigt«, sagte er. Sie traten wieder an den Tisch und ließen sich nieder. Einer erzählte gerade eine schlüpfrige Geschichte. Das war so Sitte im Rauchzimmer, Mikoschwitze und pikante Historien jagten sich, Brenkenhoff war darin groß, und Stauber veredelte sie literarisch. Er hatte auch immer Zitate guter Autoren zur Hand. Diesberg trank durstig ein Glas Bier und kehrte in den Ballsaal zurück. Sofort lenkte am runden Tische sich das Gespräch auf ihn. Doch war man des Lobes voll, fand ihn vortrefflich aussehend und sang Hymnen auf seine Tüchtigkeit. »Ich bin neugierig auf seine Frau«, sagte Brenkenhoff. »Sie soll epileptisch sein, die Ärmste«, fügte Stauber hinzu. »Simmens,« rief Herr von Gaedechens, »Sie sind ja der Allwissende. Wie ist das mit der Baronin Diesberg?« »Ich weiß nichts,« erwiderte Simmens ruhig, »und wüßte ich etwas, so würde ich es nicht sagen. Man verdreht leicht jede Äußerung. Und Diesberg ist mein alter Freund.« Das betonte er. Im Ballsaal war soeben eine Damentour angesagt worden. Mieze und Lotte Pakisch hatten sich ihre Anbeter geholt, Annelene wirbelte mit Otten umher. Ihr rundes Gesichtchen glühte wie eine Päonie. Sie nickte Diesberg zu, hielt plötzlich inne im Tanze und trat am Arm Ottens an ihn heran. »Wollen wir auch mal walzen?« fragte sie. »Gern,« antwortete er, »aber ich bin nicht mehr in der Übung.« »Immer nur rechts herum,« riet Otten, »links herum drückt sie auf den Zügel.« Diesberg war schon im Schwunge. Es kam ihm gar nicht sonderbar vor, daß er das warme Mädelchen wieder einmal in den Armen hielt. Hatte sie nicht noch gestern auf seinen Knien gesessen und ihn geküßt? – Dies Gestern lag lange Wochen zurück, aber das Empfinden des Augenblicks überbrückte die Zeitspanne. Annelene war wirklich noch das Kind von damals. Ein Schmerz konnte sie wütend durchschütteln, und war er vorüber, so lachte sie wieder. Er führte sie zum Platz. »So,« sagte er, » ex est .« »Hab' auch genug«, erwiderte sie und setzte sich neben ihn. »Wie geht es denn deiner Frau?« »Danke. Wechselnd. Aber im ganzen erheblich besser.« »Was ist es denn eigentlich?« »Nervengeschichte«, sagte er. Sie schwieg einen Augenblick, zupfte aus alter Gewohnheit das Kleid tiefer über die Knie und hub von neuem an: »Du tust mir leid, Erni. Nun hast du eine Frau, und sie soll ja sehr reizend sein, und hast doch keine.« »Ja, Änneli, Pech ist dabei, aber es sah keiner voraus.« Ihre Gedanken sprangen weiter. »Ich habe noch deinen Armreif,« sagte sie, »den du mir mal aus Berlin mitgebracht hast. Vater hat ihn in Verwahrung genommen und wollte ihn mir eigentlich erst zur Verlobung geben. Soll ich ihn dir zurückschicken?« »Gott bewahre. Lege ihn nur an deinem Verlobungstage zum ersten Male an.« »Mich nimmt ja keiner, Erni. Sie spielen bloß alle mit mir. Auch dein Freund Otten – aber sag' ihm das nicht wieder.« »Kannst du ihn leiden?« »Ach ja, ich hab' ihn recht gern. Er hat so etwas Sauberes – und Anständiges; und was mir am meisten an ihm gefällt, ist der Ernst seines Humors. Das klingt, wie sagt man, klingt paradox, ist aber richtig. Er kann das Blödsinnigste ganz ernsthaft erzählen.« »Das ist nur witzige Begabung. Aber er kann mehr. Er bändigt auch das Tragische durch seinen Humor. Er hat eine Kraftauffassung des Lebens, um die ich ihn beneide. Und er ist ein guter Freund.« »Ja, das glaub' ich. Er schwärmt für dich. Und nun will ich dir gestehn: er kommt ja öfters nach Freilehningen, er hat alle Augenblick sein Geschäftchen bei uns – und da hat er mir einmal eine gehörige Standpauke gehalten. Wegen meines Wutanfalls damals, du weißt schon. Es ist gewiß, ich habe mich sehr ungezogen benommen –« »Kann keiner bestreiten.« »Nun ja, aber du mußt auch überlegen ... Es kam mir doch alles so plötzlich. Otten hat mich nachdenken gelehrt. Wenn er spricht, klingt es wie ein lustiges Ritornell, aber es sind immer Choraltöne dazwischen. Er meinte – ach, ich will es lieber nicht wiederholen! Du mokierst dich vielleicht.« »Ich denke nicht dran. Sprich nur.« »Er meinte, was du und ich für Liebe hielten, sei gar keine Anziehungskraft der Seelen, verstehst du, sondern bloß ein aus häufigem Beisammensein sich ergebendes, gewissermaßen gewohnheitsmäßiges Tändeln. Sagte er. Küssen, knutschen und dalbern, es sei sehr hübsch – ja, das ist es schon –, aber es reiche für die Ehe nicht aus. Und siehst du, das glaube ich auch.« »So,« sagte Diesberg, »also das glaubst du nun auch – weil Otten es dir gepredigt hat? ...« Ein wippendes Lächeln zuckte um seinen Mund. »Er predigte gar nicht,« entgegnete Annelene voll Eifer, »nein, Erni, er sprach ohne Salbaderei, aber meinetwegen nenne es Predigt, dann war es wenigstens eine, die in die Herzrinnen ging. Und noch etwas Nachdenkliches sagte er. Er sagte, anders sei es zwischen dir und deiner Frau gewesen. Da habe im Nu der Seelenkontakt eingesetzt, das habe er sofort aus deinen Worten gemerkt – und was du da von einer Vernunftehe gefabelt, sei bloß eine Verkleidung der Gefühle gewesen. Das war's ja aber grade, was mich so geärgert hat, Erni! Du hast sogar von der Möglichkeit einer baldigen Scheidung gesprochen, denke bloß! Ein Ehrenmann wie du!« »Ja,« sagte Diesberg in einem Ton, als stehe er hinter einem Vorhang, »ich war verrückt. Du hast schon recht.« »Und Otten hat auch recht. Darum freue ich mich, daß ich mich mal mit dir aussprechen kann. Nun mußt du auch meine Unart von damals vergessen. Nun sind wir wieder die besten Freunde. Ohne Knutscherei – geknutscht wird nicht mehr. Jetzt bist du verheiratet. Bist du denn glücklich?« »Gewiß – soweit ich das sein kann.« »Deine Frau wird ja bald wieder ganz gesund sein. Dann bringst du sie zu uns. Ich will sie auch recht lieb haben, das verspreche ich dir.« Er drückte heimlich ihre Hand. Sein Herz hämmerte gegen die Brust. »Buh,« sagte sie, »da kommt Mister Simmens. Einen Tanz bin ich ihm schuldig. Du, der kriecht um mich herum! Aber ich danke für Obst ...« Diesberg erhob sich, als Simmens nahte. Eine Unterflut der Überraschung war durch den Saal gegangen, da man Diesberg und Annelene in emsigem Plaudern nebeneinander sah. Auch der Wassergraf reckte den knochigen Hals, und Verwundern regte sich hinter den runden Brillengläsern. I sieh, sieh mal an, da hat die Änneli sich doch in das Unvermeidliche gefunden! Sie muckscht nicht mehr, sie tut wieder ganz betulich mit dem Erni – na ja, das ist ja auch das Verständigste. Arme Kleine – selbst die Wartezeit besteht nicht mehr zu recht. Worauf noch warten? Wenn's Mailüfterl weht, tritt die schöne Baronin ihre Herrschaft in Bärwalde an – kerngesund an der Seite ihres verliebten Mannes. Worauf noch warten ... Der lange Pakisch saß in dem Winkel des Saals, wo ein primitives Gestell aus Blech den eisernen Ofen verdeckte, hatte die Beine geknotet und simulierte. Eigentlich war ihm alles recht verquer gegangen. Zuerst hatte er den Diesberg vor die Tür gesetzt. Natürlich, das hätte jeder Vater so gemacht. Dann war die Verlobung gekommen. Eine herzleidende Frau, eine Ehe auf Kündigung. So hieß es doch. Das hatte der Diesberg ihm gar nicht verhehlt, er war von brutaler Offenheit gewesen. Die Annelene saß ihm noch im Kopf – und andererseits zog die Hoffnung auf den Wiederbesitz von Bärwalde wie ein krachendes Wetter durch seine Hirnspulen. Alles blitzte in ihm – damals, bei jener Aussprache in Freilehningen, war der ganze Mensch wie ein lodernder Vulkan gewesen. Aber dann – ja, dann war er allein von seiner Hochzeitsreise heimgekehrt, und alles hatte sich plötzlich gedreht und gewendet. Nun schwärmte er von seiner Frau – weder Herzleiden noch sonst was – abgebrochene Flitterwochen, die man im Mai wieder aufnehmen wollte – – da konnte Annelene lange warten ... Der Wassergraf schaute nachdenklich auf seine riesigen Stiefel, die an ledernen Schäften aus den Hosen drängten. Also der Diesberg schied aus, da war nichts mehr zu machen. Jetzt schien dieser Herr von Otten sich für die Annelene zu interessieren – und der junge Protzen für die Annemarie. Mal mußten die ältesten Göhren ja doch aus dem Hause – natürlich, sie wollten in die Welt, sie hatten das ewige Kaltwasser und das unbeschuhte Dasein satt, der Lebensdrang wurde stürmischer, gesunder Instinkt kam zum Durchbruch ... Pakisch strich mit zwei Fingern über seinen Nasenrücken. Er sah das ein – man konnte die Mädel nicht anbinden, sonst machten sie Dummheiten. Aber der Geiz krammte sich in ihm fest. Es gab keine Mitgift, bloß Rente. Der alte Protzen zählte auf sein baldiges Abschnappen. Holla, da war er schief gewickelt! Pakisch rechnete noch auf ein Vierteljahrhundert Leben, und so lange wollte er Herr sein auf Freilehningen ... »Antreten zur Quadrille!« schrie die schneidige Stimme des Herrn Wolfram von Gaedechens. Er war jetzt der Maître und stand gestriegelt und gebügelt, den rechten Arm erhoben und den Zeigefinger gekrümmt, in der Mitte des Saals. Die jungen Tänzer schwirrten umher und suchten sich ihre Damen. Es war wie ein großes Flügelschlagen. »Na, Otten,« sagte Diesberg gelangweilt, »wie denkst du? Wollen wir dem Lämmerhüpfen bis zu Ende beiwohnen?« »Das versteht sich«, versetzte Otten eifrig. »Ich habe die Annelene engagiert, nimm du dir die Annelotte, da quirlt sie herum; wir tanzen in einem Karree.« Er war wie ein Fähnrich, der auf seinem ersten Ball die gesammelte Lebenslust ausströmen läßt. Er war auf einmal um zehn Jahre jünger geworden. Gegen zwei Uhr mahnte der Wassergraf zum Aufbruch. Donnerwetter, nun hatte er genug! In dem verqualmten Rauchzimmer konnte er nicht sitzen. Bier trank er nicht, da hatte er sich in Ecken und Winkeln herumgedrückt und sich an der Wand die Beine in den Leib gestanden. Er suchte sich sein Dreiblatt zusammen. »Anziehen«, befahl er. Die Mädel maulten und wollten erst adieu sagen. Das dauerte geraume Zeit. Die Mieze hatte noch mancherlei mit Hanskarl von Protzen zu bereden, Lotti tuschelte mit Wolfram von Gaedechens. Verabredungen wurden getroffen, man sah sich in die Augen, die Blicke sangen Lieder. »Wiedersehn, Komtessel«, sagte Otten und drückte die Hand Annelenes, als sei er der alte Blücher und sie ein Grenadier. »Also nun, also Gott Lob ist ja Bärwalde kein verschlossenes Gebiet mehr für Sie. Da müssen Sie uns mal besuchen, wir führen Sie durch das Gestüt und zeigen Ihnen unsre neuen Herrlichkeiten, Sie werden staunen.« »Es gibt Kaffee und Kuchen und Schlagsahne,« fügte Diesberg hinzu, »und auch einen süßen Schnabus. Adieu, Annelene« Er nickte flüchtig mit dem Kopf. Abspannung lag auf seinen Zügen und etwas Unausgeglichenes, ein nervöses Flackern im Auge, eine müde Linie um den Mund. »Schlaf aus,« antwortete Annelene, »man merkt, daß du in Berlin warst ...« * Vor dem »Anker« hielt schon die Reihe der Wagen, der Damen wegen meist geschlossene Karossen, ein paar elegantere Landauer, unförmige Viktoriachaisen, vorsündflutliche Vehikel. Der Winterwagen aus Freilehningen wurde spöttisch die »Kartaune« genannt, es war ein Riesending mit einem zerknitterten Verdeck und gewaltigen Rädern und sicher schon fünfzig Jahre alt oder darüber. Es krachte, quietschte, sang, seufzte und schrie beim Fahren, doch es hielt immer noch aus. Nur die Polster litten an unheilbarer Verhärtung, und wenn es über die Zerwühlung gefrorener Straßen ging, hüpften die Insassen auf und nieder und stießen sich gegenseitig. Aber der Wassergraf sagte, das sei gut für die Verdauung, und damit basta. Die Gäule wieherten, die Hufe scharrten das Pflaster. Gelblicher Laternenschein fiel durch das Nebelgrau nach rechts und links. Über der Ankertür brannte das Elektrische im Frohmut der neuen Zeit. Da sammelten sich nun vermummte Gestalten, die Damen waren dick verpackt, auch die Herren trugen noch ihre Pelze oder zottige Wettermäntel. Es stand zwar schon Frühlingsanfang im Kalender, und überall knospete es, aber der Wind fuhr scharf, und in den Waldschluchten wollte der Schnee nicht weichen. Der Wassergraf, sehnig und abgehärtet, nur in seinem dünnen, schäbigen Havelock, kroch in die Kartaune, und Diesberg und Otten schoben seine drei Mädel hinterdrein. Sie kicherten und gackerten, und als plötzlich auch noch die beiden jungen Herren von Protzen und von Gaedechens mit abgezogenen Mützen am Wagen erschienen, hub ein rasches Geschnatter an, bis Pakisch borstig rief: »Nu aber los, potzkotz! Erni, der Zademack soll machen, daß er fortkommt!« »Zademack, fahren!« schrie Diesberg. Zademack spuckte erst linksseitig aus und schnalzte mit der Zunge, dann polterte, quietschte und orgelte die Kartaune langsam davon, die Mädel winkten noch einmal aus dem Fenster, und die jungen Herren schwenkten die Mützen. Es ratterte nun schon nach allen Seiten über den Marktplatz. »Hast du deinen Wagen hierbehalten?« fragte Otten. »Nee,« antwortete Diesberg, »ich habe Strygowski gleich nach Hause geschickt, ich wollte mit dir fahren.« »Ist mir recht ...« Otten steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Jemand pfiff ebenso zurück. Dann dröhnte Hufschlag auf der Pflasterung, es sauste etwas durch den Morgennebel, man hörte Stampfen und Prusten. »Tuleweit hält an der Straßenecke«, sagte Otten. »Ich habe die Rappen einspannen lassen, die sind noch unruhig zwischen fremdem Getier.« Otten hatte einen offenen Jagdwagen, aber die Herren trugen dicke Reitermäntel über den Frackanzügen. Sie setzten sich in die Ecken und zogen das Schurzleder über die Beine. »Vorwärts«, rief Otten. Die Rappen donnerten durch die Gasse. »Hast du dich amüsiert?« fragte Otten. »Gott bewahre«, antwortete Diesberg. »Es war zum Auswachsen. »Alter Junge, du hast deine Laune verloren. Es ist Zeit, daß deine Regina kommt. Dir fehlt das Weibliche.« »Bist du nicht auch zum Aszeten geworden? Dein rotblusiges Tippfräulein ist plötzlich verschwunden.« »Intermezzo«, sagte Otten. »Ja, Erni, da wir gerade von deiner Frau sprechen. In vier, fünf Wochen wirst du sie holen können.« »Es kommt auf die Witterung an. Ich will noch wärmere Tage abwarten.« »Schön. Aber mal wird es so weit sein. Dann möcht' ich verduften.« »Du hast mir neulich schon einmal so was angedeutet. Glaubst du, daß Regina dich stören wird?« »Das nicht. Aber die Karre in Bärwalde ist ja nun im Gange, und ich möchte mich selbständig machen. Man wird älter und sehnt sich nach Eigenem.« »Und nach Häuslichkeit und Frau und Kindern, du Cowboy.« »Auf der Farm muß auch ein Weib am Herde stehn.« »Willst du um die Annelene freien?« »Sie wäre das, was ich mir wünschte. Ich bin das Massive, der Erdenkloß. Sie ist das Schwerelose. Ich bin dickblütig, in ihren Adern plätschert es. Wir sind eigentlich Gegensätze. Ich denke, da könnten wir uns gut ergänzen.« Diesberg hatte die Zigarre im Munde und paffte stark in den Nebel hinein. »Und wie steht's mit dem Kontakt eurer Seelen?« fragte er. Otten stutzte. »Was heißt das?« »Nun, mein Gott, die Sache liegt doch vorläufig so, daß du einen niedlichen Flirt angesponnen hast. Das ist das erste Stadium. Das zweite beginnt mit Küssen und Knutschen. Sehr hübsch, aber genügt das für die Ehe?« So recht verstand Otten immer noch nicht. Doch es dämmerte in ihm. »Aha,« sagte er, »du spielst auf unsre Unterhaltung an – ich weiß schon, damals, als du mir von dem entscheidenden Besuch bei Regina erzähltest ... Ja, Erni, ich entsinne mich, wir sprachen da auch von einer elementaren physischen Kraft – und der möchtest du nun in spitzbübischer Ironie den Kontakt der Seelen entgegenstellen. Du, wenn man selber verliebt ist, zergliedert man seine Gefühle nicht nach philosophischen Systemen.« »Sehr richtig.« »Seelischer Kontakt, schön gesagt – ist er schon da? – Ich weiß nicht. Wie ist's mit Annelenes Seelchen? Ist es ein Rosenknöspchen oder eine Lotosblume? Soll ich mir Mühe geben, diese weißrosa Kinderseele nach Aristoteles oder Descartes oder Leibniz auszustudieren? Da halt ich's schon lieber mit Heine und renommiere: Hab selber Seele genug! Dennoch – ich will dir etwas sagen: ich warte auf den sogenannten Kontakt. Bist du zufrieden, Philosoph? Ich warte, bis ich im Auge der Kleinen sehen kann, was ich zu sehen mir wünsche. Einen Funken, ein Flämmchen, einen Strahl des Begehrens. Ich warte, bis ich fühle, daß auch in ihr so etwas von Liebe sich regt. So etwas, das würde mir schon genügen. Du hast recht: vorläufig flirtet sie mit mir. Erni, hörst du auf mich?« »Ja doch, ich höre.« »Und ich flirte auch, aber in tieferer Absicht. Ich kindsche mit ihr, ich bin manchmal ein alberner Tropf, ich habe seit zehn Jahren nicht getanzt und bewegte mich heute wie ein Planet um die Sonne. Erstes Stadium sagst du. Schön. Man muß einmal anfangen. Erni, ich glaube, du schnarchst.« »Noch nicht«, antwortete Diesberg. »Aber es ist bald so weit. Ich höre aus deinen Deduktionen, daß auch der vernünftigste Mensch aus dem Gefüge gerät, wenn er unheilbar verliebt ist. Das ist keine Neuigkeit. Also laß mich ein bißchen schlafen.« Otten entrüstete sich. »So bist du«, sagte er. »Erst fragst du mich nach dem Kontakt der Seelen und verlangst tiefgründige Aufklärung von mir, und dann willst du schlafen. Das kommt davon, wenn man im Union-Klub soupiert. Übrigens, Erni, untersteh dich und necke die Annelene mit mir! Das will ich nicht. Ich will sie mir alleine heranziehen, ganz sacht und zart und auf meine Weise, es soll mir keiner dazwischenkommen. Also ich bitte dich dringend: keine Uzerei, keine verschleierten Anspielungen oder so was – verdirb mir nicht die Geschichte. Ich habe Zeit, ich warte ... Ich glaube, weiß Gott, du schläfst schon, du Murmeltier. Schläfst du?« Diesberg antwortete nicht, und Otten wühlte sich brummend tiefer in seine Wagenecke. Aber Diesberg schlief nicht. Er war wach mit geschlossenen Augen und hatte das Gefühl, als zerrten heiße Hände an seinem Herzen. Es war nicht etwa Eifersucht auf den verliebten Freund, es war noch etwas Herberes, vielleicht ein Empfinden bitteren Neids auf den Glücklicheren, Denn er war glücklos und wußte nicht einmal, warum das so war. XIII Kalt und glasig dämmerte der Frühlingsmorgen. Diesberg hatte sich noch nicht zu Bett gelegt, er fand auf seinem Arbeitstische einen Brief Reginas, der mit der Nachmittagspost gekommen war, während er in Berlin weilte. Aber er öffnete ihn nicht sogleich. Er nahm ihn in die Hand und las, anfänglich völlig gedankenlos, wiederholt die Adresse. Sein Blick huschte nur über das Papier. Dann schaltete sich mählich ein geordneteres Denken ein, die Phantasie wurde zu beweglicher Hilfskraft und schuf eine Bilderreihe voll lebendiger Farben. Das Kuvert trug den Aufdruck »Sanatorium Beausite. Clarens (Suisse)«, und da sah Erni wieder den großen Garten am Genfer See um sich mit seinen weißen Chalets und das kleine Haus unweit des Tennisplatzes mit seiner Feigenhecke und das Fenster oberhalb des Weinspaliers, an das er an jenem Abend nach seinem Irrgang in den Savoyer Bergen gepocht hatte wie einst Romeo an das Fenster der schönen Capulet. Und nun nahmen auch die Schriftzüge Reginas Gestalt an. So stand sie vor ihm, wie er sie zuletzt gesehen hatte, im Nachtgewand, in ihrer statuarischen Schönheit, aber erfüllt von warmem Leben und durchglüht von dem Glück der Stunde, die Arme um seinen Hals geschlungen und auf der Wölbung der Lippen den Abschiedskuß. Das war zehn Wochen her, ein verschwindender Augenblick im Rasen der Zeit. Bei jedem Briefe Reginas tauchte so ihre Erscheinung vor ihm auf im Bilde der verspäteten Hochzeitsnacht. Aber was anfänglich leuchtende Pracht schönen Erinnerns gewesen war, hatte wunderlich an Schmelz und Farbe verloren, von Tag zu Tag mehr wie ein mählich verblassendes Pastell. Dauernde Leidenschaft ist ein Drama des Lebens mit Sturzwellen der Gefühle und einem bunten Szenenwechsel des Begehrens. Und vielleicht hätte dies Phänomen der Leidenschaft währende Kraft behalten und in herzlicher Liebe seine Abklärung gefunden, wenn Regina dem Gatten gefolgt wäre. Aber ein Zusammenschlag zweier Herzen ist wie ein rasch zuckender Blitz, und nach ungeschriebenen Gesetzen verlangt der Übergang vom ersten Sturm der Begierde zur Sommerruhe der Ehe Zeit der Entwicklung. In dem Trubel der Arbeit, der Diesberg daheim empfing und in den er sich leidenschaftlich stürzte, wurde die Erinnerung an die ferne Frau bald nur zu einem flüchtigen Augenblinzeln. Es war kein gewolltes Vergessen, es schwang zuweilen auch noch ein süßes Empfinden mit, ein verhallender Akkord, aber es war doch mehr ein Antrieb der Nerven als ein Sehnsuchtsgefühl von unwiderstehlicher Gewalt. In den Stunden der Arbeit, draußen auf den Feldern, in den Ställen und Koppeln, gab es für Diesberg kein Grübeln. Eine grüblerische Natur war er überhaupt nicht, doch geneigt zu gelegentlicher Selbstschau. Es fiel ihm auf, daß er seltsam rastlos geworden war. Auch der gute Schlaf hatte sich verloren. Er wachte dann und wann mitten in der Nacht auf und spürte die Unruhe seines Herzens und eine Belastung der Seele. Er konnte zufrieden sein mit dem rapiden Aufschwung Bärwaldes, und doch nagte etwas Unbefriedigtes an ihm, eine geheime Freudlosigkeit, die er nicht begriff. Das Morgengrau fiel in heller werdenden Schatten in das Gemach. Diesberg zog den Fenstervorhang dicht zu, damit man von draußen nicht sehen könne, daß er noch wach war, drehte dafür die elektrische Lampe des Schreibtisches auf, setzte sich und las den Brief Reginas: »Clarens, in der Osterwoche. Mein lieber Erni; die Zeit Misericordias Domini naht, da kann auch ich mit einer Klage anheben. Ich finde, Du vernachlässigst mich. Nun ja, wenn man schon über zwei Monate verheiratet ist, ist es an der Zeit, neben dem Altar für die Frau einen zweiten für sich selbst zu errichten, mit einer Flamme zu beliebigem eigenen Gebrauch. Du wirst mir antworten, Du stecktest so wahnsinnig in Deiner Tätigkeit, daß Du nicht immer ein freies Stündchen erübrigen könntest, um mich durch ein paar liebe Worte zu erfreuen. Es braucht aber nur ein Viertelstündchen zu sein, und ein paar Worte genügen mir schon, wenn sie aus dem Herzen kommen. Ich schrieb Dir im Februar, der für mich der Honigmonat war, tagtäglich und schrieb Dir ellenlange Episteln. Deine Antworten habe ich aufgehoben und kann an ihrer Hand mit arithmetischer Genauigkeit verfolgen, wie allgemach die Freude, an mich zu denken, zu einem gewissen Zwange wurde, dem man schon aus anerzogener Höflichkeit des Herzens nachgibt, der aber doch nur zu den gesellschaftlichen Notwendigkeiten zählt. Zuerst standest Du sicher noch unter dem Einfluß jener Stunde des Abschieds, die mir das Buch des Lebens aufschlug und in der auch Du den Einklang zwischen Lust und Seele, die selige Lust der Vereinigung empfunden haben magst. Ein Lodern ging durch Deinen ersten Brief, ein Streicheln und Werben, ein Hauch der Sehnsucht; aus jedem Worte las ich eine Liebkosung, jeder Buchstabe war für mich ein Kuß. Das war noch die Erinnerung an die unvergleichliche Poesie unseres endlichen Sichfindens, und in diesem Erinnern, mein Freund, wurdest Du selbst zum Dichter. Ich glaube, es ist einer der schönsten Liebesbriefe, die je geschrieben wurden, und mir war er ein Nachhall unvergeßlichen Glücks. Aber es blieb einsam in unserm Briefwechsel. Das mache ich Dir nicht zum Vorwurf, Erni, man singt nicht immer, auch die Nachtigall wird still, wenn der Morgen kommt. Doch blieb dieser Brief ein Dokument Deiner Liebe, so wurden die nächsten nur Stichproben Deiner Liebenswürdigkeit. Eine Frau, deren Herz sich nach Zärtlichkeit sehnt, hat ein seines Gefühl für die Echtheit des Ausdrucks. Daß Du mir nicht täglich antwortetest, war verständlich, und um Dich nicht zu ermüden, schränkte ich selbst meine Briefschaft ein. Nun aber habe ich seit zwölf Tagen keine Zeile von Dir erhalten. Und mit einer einzigen Zeile wäre ich zufrieden gewesen, wenn sie mir nur einen leisen Klang aus der Tiefe gebracht hätte. So sind wir Frauen – aus Egoismus, weil wir uns als Zentrum aller Liebe fühlen, vielleicht aus einem dunklen Empfinden, das die Entdeckung des Unendlichen in einem einzigen Wesen sucht. Aber, Erni, ich zürne Dir nicht. Ich weiß, daß meine Liebe Dich hält, auch wenn ich fern von Dir bin. Ich weiß, daß zwischen Dir und mir sich eine Brücke baut, die fester ist als jedes geschriebene und gesprochene Wort. Erni, als ich nach dem Abschied von Dir aus kurzem Schlafe erwachte, begrüßte ich den Morgen als den ersten meiner Tage, als den Beginn eines zweiten Lebens. Ein Tag wird kommen, da das dritte Leben anhebt. Dann stehen wir auf der Höhe der Brücke, die ich zu Dir baute und die nicht brechen kann, so stark ist der stützende Pfeiler. Verstehst Du die Frauensprache? Schau' aus Deinem Fenster, jetzt wo der Frühling da ist. Bäume werden darunter grünen und in den Zweigen Nester liegen. Horch' auf das Zwitschern der Vögel, es ist wie die Frauensprache. Du wolltest im Mai mich holen. Komm, sei es auch nur zu einem Besuch. Denn es ist möglich, daß ich noch länger hierbleiben muß. Wiesinger ist rührend in seiner Pflegschaft. Er wollte Dir schreiben und Dir auseinandersetzen, warum er es für zweckmäßig erachtet, mich noch unter seiner Aufsicht zu behalten. Aber ich bat ihn, den Brief zu unterlassen. Du könntest Dich unnötig sorgen, und das will ich nicht. Es liegt auch kein Anlaß zu Sorgen vor. Komm her und überzeuge Dich. Ansonst, was soll ich Dir noch erzählen? Die Tage gleichen sich hier, Gäste gehen und treffen ein, es ist nicht langweilig, es ist auch kein großer Vergnügungszauber. Ich lese viel, und da es schon sommerlich ist, ersetzt mir tagsüber der Park das Zimmer. Zuweilen gehe ich wohl einmal in Begleitung ein Stückchen in die Berge hinein und versuche die Wege ausfindig zu machen, auf denen Du Dich damals im Dunkeln verirrtest, aber am liebsten bin ich unten am See auf meinem Lieblingsplätzchen, Rousseaus ›Heloise‹ in der Hand, in der ich übrigens nur langsam vorwärtskomme, die mich aber immer wieder fesselt, schon deshalb, weil ich dem Verfasser recht gebe, daß das größte Verhängnis für uns arme Weiber ein Zuviel an Gefühl ist. Wobei mir einfällt, daß Wiesinger die sogenannte Madame des Hauses entlassen hat, weil sie sich auch von einem Zuviel des Empfindens beherrschen ließ. Man tuschelte längst über ein Verhältnis, das sicher gar nicht bestand, und nun hat der Doktor als Vorbeugung eine Dame mit grauem Haar engagiert, der man schwerlich etwas nachsagen wird. Aber ich komme ins Schwatzen und stehle Dir Deine Zeit. Was macht das Komteßchen auf dem Nebengut? Grüße Herrn von Otten und sei herzlich umarmt von Deiner Regina.« Diesberg ließ den Brief sinken und streckte sich, das Papier in der Hand, im Sessel aus. Hatte er in der Tat seit zwölf Tagen, o jetzt waren es schon vierzehn, nichts von sich hören lassen? Es war möglich, die Rennen standen bevor, er war viel in Berlin, er hatte gewaltig zu tun – dennoch, es war unhöflich. Er war auch wahrhaftig gegen sich selbst und gestand sich zu: das Schreiben wurde ihm schwer – ja, gerade das Schreiben an seine Frau. Die Vorwürfe, die sie ihm machte, waren berechtigt. Er nickte – gewiß, aber er konnte nicht anders. War sein erster Brief wirklich ein Dithyrambus der Leidenschaft gewesen, »einer der schönsten Liebesbriefe, die je geschrieben wurden«? Und du lieber Gott, erst wenig über zwei Monate war das her und nicht schon zwei Jahre und länger? ... Regina hatte ein seines Verständnis für die männliche Psyche, das einer klugen Frau, die aus dem eigenen Wesen den Gegenpart zu begreifen sucht. Es war völlig richtig, wenn sie schrieb, daß jener flammende Liebesbrief der letzte Nachhall einer Stunde schöner Leidenschaft gewesen war, getaucht in die Poesie der Erinnerung, eine Übertragung des Temperaments in dichterischer Form – ein »Liebesbrief«. Aber – und da Diesberg in seinem Gedankenspinnen auf dies widerstrebende Aber stieß, spürte er wieder den Seelendruck, der ihn häufig in schlaflosen Nächten belästigte: denselben Brief hätte er auch an irgendeine andere Geliebte einer glücklichen Schäferstunde schreiben können – er war wirklich nichts als der rhythmische Niederschlag eines beliebigen Liebesabenteuers, es war nicht ein Brief an die eigene Frau . Und wie im allgemeinen es flüchtige Männerart ist, eine Liebesfreude rasch zu vergessen – nicht ganz so, aber doch ähnlich war es auch in diesem Falle: für ihn wurde zu einer Episode, was für seine Frau der Beginn eines neuen Lebens war. Schrieb sie nicht so? Diesberg überflog noch einmal den Brief. Sie hatte hübsche Worte gefunden, sie vertraute auf die Kraft ihrer Liebe, die eine Brücke bauen sollte zwischen ihr und ihm – sie sprach auch von einem »dritten Leben« – was meinte sie damit? Sicher die endliche Gemeinsamkeit des Daseins im eigenen Neste, von der draußen unter den Fenstern die Vögel zwitscherten ... Diesberg las nicht mit dem Herzen, sonst hätte er den Sinn ihrer schämigen Andeutungen verstanden. Er empfand nur wieder ein zartes Mitgefühl für die arme Frau, der ihre Liebe zu einer Schwester des Schmerzes wurde, und Bitternis erfüllte ihn, daß er diese Liebe nicht zu teilen vermochte. Und wenn seine Phantasie das Bild jener letzten Nacht in Clarens erneut um sich schuf, es lebte nichts mehr von dem süßen Feuer der Stunden in ihm und keine Freude in dem Gedanken, sie wieder an sich schließen zu können. Er schaute abermals in ihren Brief. Was schrieb sie da: Wiesinger dringe darauf, sie noch länger im Sanatorium zu behalten? Aber besuchen sollte er sie ... ja, das mußte er schon, das verstand sich von selbst, das verlangte die Courtoisie – freilich, gerade in den Mai fielen die großen Rennen – immerhin, auf ein paar Tage kam es nicht an ... »Was macht das Komteßchen auf dem Nebengut?« las er weiter. Und da glitt unwillkürlich ein huschendes Lächeln um seinen härter gewordenen Mund. Bist du eifersüchtig, Regina? fragten seine Gedanken, Nein, dazu lag kein Grund vor. Auf das Komtessel vom Nebengut wartete schon ein anderer, ein guter lieber Freund, dem er in die Hand und auf Ehre und Pflicht versprochen hatte, die Kleine zu vergessen ... Der Brief Reginas raschelte zu Boden, Diesberg bückte sich nicht, ihn aufzuheben. Er blieb gestreckt im Sessel liegen, im Auge Starrheit, das Gesicht ohne Bewegung, doch mit fiebernden Pulsen, in denen das Blut schnellte, O gewiß, er hielt dem Freunde sein Wort! Es kam zu keiner Anknüpfung mehr zwischen ihm und der Annelene, das war für immer vorbei – und war sie erst Frau von Otten und fort – und fort von hier, dann konnte wohl auch das Vergessen kommen ... Aber da war ihm, als tue sein Herz einen Sprung und als höre er eine rufende Stimme, wie einen Schrei der Frage ... War es erklärlich, daß in diesen stürmisch schlagenden Pulsen das Blut noch immer nach Annelene verlangte – war die andere da unten am Genfer See nicht schöner, würdevoller in ihrer Anmut, reicher an Geist, nicht begehrenswerter als dieser ewige Backfisch? – Diesberg schüttelte sich wie unter einem Frostanfall, Ein aphoristisches Wort spielte durch sein Hirn: Die Liebe kennt keine Gerechtigkeit ... Er erhob sich und dehnte die Glieder. Er nahm den Brief Reginas auf und legte ihn auf den Schreibtisch. Du mußt ihr antworten, sagte er sich. Die Uhr auf dem Tische hob aus und begann in seinem Klingen zu schlagen. Schon fünf! Zu schlafen lohnte es sich nicht mehr, um halb sechs trat Gerrlich an. Diesberg ließ sich von neuem nieder und nahm die Feder zur Hand. Antworten! Nein – in der Abendstunde wollte er ausführlicher schreiben, jetzt fehlte ihm die Muße dazu und die innere Ruhe – aber ein Grußtelegramm sollte sie bekommen. Er setzte es auf: »Baronin Diesberg. Beausite. Clarens. Schweiz. Dank für letzten lieben Brief, der mich doch auch sorgend macht. Bitte Dich herzlich, ruhig auszuhalten bis völlig genesen. Besuch Dich im Mai. Schriftlich mehr. Stecke sehr in Arbeit wegen Derby der Dreijährigen und Landbestellung, daher schweigsamer als sonst, aber langer Brief soll folgen. Tausend Grüße Erni.« Er löschte die Schreibtischlampe und zog den Fenstervorhang wieder auf. Dann wollte er ein Bad nehmen und sich umkleiden. Die Zimmeranordnung hier oben war geändert worden, der alte Fröbel hatte von seinem Recht als Raumarchitekt Gebrauch gemacht und viel Hübsches geschaffen. Das Ankleidekabinett Diesbergs mit seinen Wandschränken aus hellem Zirbelholz war englischer Geschmack. Fröbel schwärmte für die praktische Vornehmheit Englands. Nebenan herrschte Chippendale. Das war das Schlafgemach Reginas. Und plötzlich lüftete es Diesberg, dies Zimmer zu öffnen. Es lag im Dunkeln, die Markisen vor den Fenstern waren geschlossen, aber Erni ließ die Elektrizität spielen und blieb dann an der Tür stehen. Sein Blick schweifte gleichsam in Wellenlinien durch den reizenden Raum, ruhte einen Moment, glitt weiter über die warmen Farbentöne des Teppichs, die blitzenden Spiegelscheiben der Toilette, das Geriesel aus blauem Atlas, Spitzen und Damast der Bettdecke. Dies Zimmer wartete auf die Herrin. Es war für sie geschaffen worden. Diesberg lehnte gegen den Türpfosten. Wie sich vereinigen, sagte eine innere Stimme, wenn man eines ist? Um sich zu vereinigen, muß man zwei bleiben ... Einen springenden Augenblick lang faßte Diesberg wieder etwas wie ein aufschäumendes Gefühl von Rührung. Dann sah er auf dem Bett einen blonden lachenden Kinderkopf – und trat zurück, löschte das Licht und warf dröhnend die Türe zu. Er war kindisch. Habe ich noch Ehre im Innersten? fragte er sich. Was schiert mich das Mädchen und ihr plapperndes Mäulchen? Ich habe eine Frau, und sie hat ein Anrecht auf mich. Ein erkauftes, ein erbeutetes, aber ich gab nach, und wir sind handelseinig geworden. Der Schacher hat Brief und Siegel. Weiß man nicht, daß es ein Schacher war? Drüben in Freilehningen habe ich Narr Herz und Seele auf den Tisch gelegt. Was hat mir die Annelene zwischen zwei Tänzen gesagt? »Sogar von der Möglichkeit einer baldigen Scheidung hast du gesprochen – ein Ehrenmann wie du! ...« Es sei nur eine Verkleidung der Gefühle gewesen, hatte die Kleine hinzugefügt, und das Wort hatte Otten ihr auf die Zunge gelegt – aber er wußte es besser. Es war alles so ekelhaft, es war wie ein wirrer Traum, ein Schattenspiel bei halb erloschenem Feuer ... Gerrlich trat ein und erschrak, als er den Herrn angekleidet sah. »Böh«, rief Diesberg. »Mach' nicht ein so dummes Gesicht, Alterchen! Ich bin nicht erst in die Klappe gegangen, lasse Wasser in die Badewanne und leg' meine Reitsachen zurecht ...« * Nach dem Frühstück begann er mit der täglichen Morgenarbeit, dem Besuch des Gestüts und der Erziehung der Gäule. Cullon, der Trainer Simmens', hatte sich bei ihm gemeldet und um Annahme gebeten. Die Schluderwirtschaft in Burgersroda paßte ihm nicht mehr, das war keine konstante Arbeit, da wanderten die Pferde hin und her, das war ein Kaufladen, aber weder Stall noch Zucht. Diesberg nahm den tüchtigen Mann auf der Stelle. Seine Pläne standen nun auf sicherem Boden; man lächelte über seine Nennungen für die Zuchtrennen und taufte ihn den »kleinen Trakehner«, aber er ließ sich nicht beirren. Die Perle seines Stalles war eine Mutterstute, er hielt sie wie eine Königin, die den Thronerben erwartet. Sie war tragend von dem in Freilehningen gekauften Hengst, und das Ungeborene hatte bereits seinen Platz in den Nennungen gefunden. Von der geschlossenen Reitbahn aus, der Schulstätte der Jüngsten, ritt Diesberg auf die Felder, heute auf dem »Edelfried«, einem mittelmäßigen Vollblüter, dessen Verwertung zur Zucht nicht mehr lukrativ erschien, der aber für die geringer dotierten Altergewichtsrennen sich ausgezeichnet eignete. Er war das, was man einen Rückengänger nennt, das geborene Flachrennpferd mit leichtem, elastischem und raumgreifendem Gangwerk. Das Wetter hatte sich geklärt, unter blauem Himmel und Sonnenlachen lag aufblühender Frühling, die grünen Saaten dehnten sich, die Wiesen sprenkelten sich am Bachrand schon mit wilden Blumen, der Wachtelkönig meldete mit schnarrendem Schrei, daß auch er nun da sei und auf die Mäusejagd gehe, um das Land zu säubern. Angesichts des Frohwaltens ringsum und einer Erntehoffnung, wie er sie nie für möglich gehalten hätte, weitete sich die Brust des Reiters, und die lachende Sonne suchte Spiegelung auf seinem Gesicht. Herrgott ja, nun lohnte sich doch die Mühe, nun war man wieder Herr auf seiner alten Scholle! Und sofort setzte eine fragende Mahnstimme hinzu: Wem dankst du das alles? – Der »Edelfried« trabte durch das Gelände, die Gedanken seines Herrn sprangen mit. Alles richtig – wäre Regina nicht gewesen, so säße der verlorene Sohn heute am Urwaldrand oder in der Prärie – und ohne die halbe Million, die der alte Lipsius für Meliorationen ausgeworfen hatte, wäre es gar nicht möglich gewesen, Bärwalde in einem einzigen Herbst einigermaßen emporzuwirtschaften. Alles richtig – man hatte die Freiheit der Entschließung dafür eingetauscht, ein Stückchen Herz verloren und alle Seelenatome durcheinandergeschüttelt zu einem Hexenbrei von Empfindungen – aber man ritt wieder über eigenes Land, man war auf seiner Erde! Danke schön, Regina! – Lenzduft wellte über die Felder, es war wie eine Rückkehr von Welt, Lust und Jugend, und da durchzitterte Diesberg in der Sturmjagd wechselnder Stimmungen abermals eine weich-rührsame Regung, ein elegisches Mitgefühl, und er sprach zu sich: Sie hat mich lieb, das ist ihre Rechtfertigung – also im Mai besuche ich sie, und dann kommt sie her, und hol's der Teufel, dann ist sie eben meine Frau ! ... Er hatte das Pferd nach vorwärts gesammelt und den Oberkörper etwas zurückgelegt, die Schenkel gaben hebenden Druck, und so sprang der »Edelfried« zum Galopp an. Es war ein langes Abkeschern und tat beiden gut, dem Gaul und dem Reiter. Erst als der gerodete Wald in Sicht kam, verkürzte Diesberg das Tempo, der »Edelfried« fiel in Trab und endlich in Schritt und schnaufte behaglich. Auf der umworfenen Halde ließ der Förster neu pflanzen, Otten stand neben ihm, ein Arbeiter hielt ihm das Pferd. Als er Diesberg sah, ging er ihm entgegen und schlug in seine Hand. »Ausgeschlafen?« »Überhaupt nicht geschlafen. Bloß die Kleider gewechselt.« »Dunnerwetter! Bist du nicht tot?« »Noch halb lebend, aber ein bißchen kreuzlahm.« »Willst du ein Schnäpschen?« Diesberg lachte. »Führst du immer eine Destille bei dir?« fragte er. Otten zog ein kleines flaches silbernes Fläschchen aus der Tasche und reichte es ihm. »Jedenfalls immer einen Schluck guten Kognak – mehr als ein Schluck geht nicht in die Buddel, aber es genügt. Es ist das beste Auffrischungsmittel bei jeder Überanstrengung und hilft auch bei Hitzschlag und Sonnenstich. Also gieß den Labetrunk hinter die Binde und hierauf vernimm folgendes: Ich war vorhin in der Försterei, als es heftig am Telephon lärmte. Das älteste Komtessenfräulein aus Freilehningen suchte Anschluß bei mir. Sie gibt uns gegen vier die Ehre ihres Besuchs. Du hättest sie extra zu Kuchen und Schlagsahne eingeladen, sagt sie.« »Aber doch nicht ausgesucht für heute«, rief Diesberg. »Warum hat sie es denn so eilig?« »Das weiß ich nicht. Nun reite gefälligst nach Hause und schlafe noch ein paar Stündchen und sorge für Schlagsahne. Das Gelage muß im Schlosse stattfinden, die Häuslichkeit im Amtshause eignet sich nicht für junge Damen. Adieu, Erni.« »Zu Befehl, Herr Wachtmeister. Sag' mal, kommt die Annelene eigentlich zu dir oder zu mir?« Otten versuchte gar nicht, aus seiner Beglückung ein Hehl zu machen. »Ich denke mir, sie kommt bloß meinetwegen«, antwortete er. »Ich bin sogar davon überzeugt. Aber du darfst dabei sein, vorausgesetzt, daß du dich anständig benimmst. Doch erst schlafe aus. Du plierst mit den Augen und erweckst einen ungemein jämmerlichen Eindruck. Ich empfehle mich dir.« Diesberg jagte davon. Der ist auch verrückt, dachte er. In der Brunstzeit schnappen selbst die Menschen über. Die Änneli ist keine leuchtende Flamme. Was liebt er an ihr? Was liebte ich denn an ihr? Die Erkenntnis geistiger Eigenschaften kann immer nur geistige Beziehungen zustande bringen, Achtung und Freundschaft. Davon ist hier nicht die Rede. Das ist meine Stellung zu Regina, aber Regina überragt auch die Annelene geistig um Haupteslänge. Und Otten, ist er nicht eine innerlich fest geschlossene Persönlichkeit? Kann ihm das Mädelchen nur einen Deut seines geistigen Wesens zurückgeben? Seelischer Kontakt, Harmonie des Bewußtseins – kommt mir nicht damit! Was ist die Liebe? Ein sich spreizender Dämon, sagt Hartmann. Eine Laune der Natur, sagt Chateaubriand. »Blödsinn«, rief Diesberg laut in kindischer Wut und gab seinem »Edelfried« einen ungerechten Hieb mit der Gerte. – – * Annelene klapperte am Nachmittag mit ihrem kleinen Ponywagen auf die Rampe. Sie fuhr allein, ohne Kutscher, auch ohne Fräulein von Hübner. Der Vater war anders geworden. Von Diesberg war weder etwas zu fürchten noch zu hoffen, der spielte nicht mehr mit, und Otten ... na, immerhin. Es waren Geschehnisse eingetreten, die es ihm nicht unlieb erscheinen ließen, wenn seine Älteste bald unter die Haube kam. Und als Annelene ihn fragte, ob sie nach Bärwalde fahren dürfe, die Herren hätten sie eingeladen, sich den Rummel einmal anzuschauen, da hatte er einfach erwidert: »Fahr' wohin du willst« und sich nicht weiter um sie gekümmert. Er hatte Wichtigeres in seinem alten Schädel. Der Annelene merkte man die Tanznacht nicht an. Erni, Otten und Gerrlich standen auf der Rampe. Sie fuhr erst noch einmal um das große Rondell, um das Trabmaß ihrer Ponys zu zeigen, hielt dann und ließ die lange Peitschenschnur um die Beine der Pferdchen sausen. Sofort fielen die Ponys in die Knie. »Zirkus«, rief Diesberg. Lachend sprang Annelene aus dem Wägelchen und gab Gerrlich die Zügel. »Sie sollten euch nur ihre Reverenz erweisen«, sagte sie. »Sie sind gelehrig wie ein paar Pudelhunde. Sie steigen auf den Peitschenschlag und betteln mit den Vorderhufen ...« Kräftig schüttelte sie die Hände der Männer, März in den hellen Augen, das weiße Gebiß zeigend unter dem Rotschwung der Lippen ... »Herrschaften, was habe ich euch alles zu erzählen,« fuhr sie lebhaft fort, »ihr werdet kopfstehn, es ist ganz toll! Aber erst meine Schlagsahne.« »Alles da«, erwiderte Diesberg und verneigte sich gastgeberisch. Er hatte die Halle heizen lassen. Da stand jetzt die Bibliothek, über den Bücherreihen hingen Familienbilder, Geweihe und Waffen. »Ah,« rief Annelene, »du hast umgeräumt! Vorbereitung für den Empfang der Herrin ...« Sie schnupperte neugierig umher und blieb vor dem Kaffeetisch stehen, der auf dem Podest vor dem tief eingebauten Fenster sich seiner Herrlichkeit brüstete. Dreierlei Kuchen, Streuselkuchen, Napfkuchen, Spritzkuchen und in der Mitte eine große Schale mit dem Schneeweiß geschlagener Sahne. Sie schlug die Hände zusammen. »O du mein Magen«, sagte sie. Dann setzte man sich, und sie bewies, daß sie den Magen nicht fürchtete. Der Riesenmensch Otten fand das entzückend. Das war physische Produktivität, das war gesund. Es gab nichts an ihr, was er nicht entzückend fand. Am liebsten freilich sah er sie in ihrer Barfüßigkeit und dem dazugehörigen Freiluftkostüm. Er schob den Kreis der Kuchen um ihre Tasse und stellte den Schlagrahm in Greifnähe. Sie trank und kaute und erzählte dazwischen: »Ihr Herrn, was hat sich begeben? In Freilehningen wird ausgeräumt. Um elf Uhr heut vormittag, etwas früh nach einer Ballnacht, rollt eine Karosse vor das Schloß. Wer steigt aus? Ratet! ...« Man riet es nicht ... »Zwei junge Herren,« rief Annelene, »Wolfram Gaedechens und Hanskarl Protzen!« »Aha«, meinte Otten. »Siehste wie du bist«, sagte Diesberg. »Sie hatten sich verabredet,« fuhr Annelene zwischen zwei Spritzkuchen fort, »einzeln hatten sie's mit der Angst, da kamen sie in Formation, beide in Frack und weißer Binde, als hätten sie eben den Ball verlassen. Sie wollten Vatern sprechen. Der war gerade bei den Schweinen, und da hatte das eine über Nacht den Rotlauf gekriegt. Und nun denkt euch: die befrackten Jungherrn im großen Schweinestall – Erni, du kennst ja Vaters Hofkostüm – und hielten feierlich um Mieze und Lotti an. Vater hatte den Kopf mit dem Rotlauf voll, der ist verdammt ansteckend, die Ställe müssen desinfiziert werden, es gibt allerhand Scherereien – Vater sprach immer abwechselnd mit den Jünglingen und dem Schweinemaster, und dann schrie er nach Mieze und Lotti. Mieze war beim Melken, nun ging's in den Kuhstall. Mieze melkte ihren Liebling selbst und saß im Kopftuch und in rotem Friesrock vor ihrer Simmenthalerin und genierte sich fürchterlich – und ihr Hanskarle blubberte ein paar Worte, und dann fielen sie sich um den Hals, und die Simmenthalerin guckte sich verwundert um, weil sie mit ihrer Milchlieferung noch nicht fertig war. Inzwischen hatten sich Lotti und Herr Wolfram bei den Puten gefunden – die Puten sind Lottis Sache. Da ist nun aber ein bösartiger Truthahn darunter, ein kalkuttisches Vieh, schauderhaft, mit nackligem Halse und roten Warzen, aber famos für die Zucht – also der erschrickt vor der fremden Erscheinung und geht auf den Wolfram los, jähzornig und streitsüchtig wie er ist, fliegt ihm gegen die Brust, hackt mit dem Schnabel auf ihn ein, und mein Wolfram kneift aus – und die Lotti wie besessen hinterdrein. Vor der kleinen Remise haben sie sich wieder zusammengefunden, und dann kamen auch Mieze und Vater dazu, und ich habe den vieren als Älteste der Generation mitten auf dem Hofe meinen Segen erteilt. Ich glaube, so eine Freiwerbung war noch nicht da, von den ältesten Völkern an ...« Die Herren amüsierten sich königlich über diese närrische Hof- und Liebesgeschichte, sprachen ihre Glückwünsche aus, und dann fragte Diesberg: »Also dein Vater war jedenfalls gleich einverstanden mit der Doppelverlobung?« »Ja, Erni. Er war wohl auch schon vorbereitet. Morgen folgt nun die Aussprache mit dem alten Herrn über die sogenannte Mitgiftsfrage, die für Vatern keine Frage ist. Gesträubt hat er sich gar nicht. Er ist nicht mehr so wie früher. Wir wachsen ihm über den Kopf. Wir protestieren heftig gegen die hygienische Tyrannei. Eine Strumpfrevolution war in Vorbereitung. Er kann doch auch seine sechs nicht ewig bei sich behalten! Aber er ist bekümmert, daß der Abbruch nicht ordnungsmäßig von oben herab erfolgt. Ich glaube, jetzt möchte er mich auch ganz gern loswerden.« »Da müßte man ihm eigentlich hilfreich entgegenkommen«, wagte Otten zu sagen. Annelene lachte harmlos. »Nun ist es zu spät, in nächster Woche ist das Verlobungsfest, und dann wird auch bald geheiratet. Messieurs, ich schlage vor, die Ställe zu besichtigen, ehe es dunkel wird. Es ist grade noch Zeit. Ich muß mir auch die Beine vertreten, ich habe zu viel gefuttert.« »Oh,« sagte Otten gefällig, »doch bloß wie ein Vögelchen ...« Dann brach man auf. – * Als Diesberg am nächsten Tag um die Mittagsstunde nach Otten fragte, hieß es, er sei fortgefahren. Wohin, wußte man nicht. Otten hatte über Nacht einen Entschluß gefaßt. Er fuhr nach Freilehningen, nicht in Frack und weißer Binde wie die jungen Freiwerber von gestern, immerhin in dunkler Kleidung und mit einer Miene, die dazu paßte. Hinter dem Schleusenwerk traf er das kleine Kabriolett aus Burgersroda, Simmens saß neben dem Kutscher, mit gelbem Gesicht und grämlichem Ausdruck und rührte kaum die Hand, als Otten ihn grüßte. Schön, dachte Otten, heben wir den Grüßfuß auf, Mister Edward! Was ist dem denn in die Krone gefahren? spintisierte er weiter, der sieht ja aus, als sei ihm eine Wanze über die Leber gelaufen ... Aber er hatte an Nötigeres zu denken, er überlegte, wie er dem Wassergrafen gegenüber sein Anliegen in gutklingende Worte kleiden könne – und als es so weit war, sagte er ganz etwas anderes. Pakisch war zufällig im Schlosse, er rechnete mit seinem Rentmeister und schickte den Mann hinaus, als Otten sich melden ließ. »Sieh da, Herr von Otten,« begrüßte er ihn, »was wollen Sie heute kaufen? Ei nein,« – und er musterte die Würde des Anzugs – »Bratenrock und schwarze Hosen und im Angesicht so ernst wie ein Gesalbter des Herrn. Mann Gottes, wollen Sie vielleicht auch eine meiner Töchter haben?« »Ich bin so frei«, erwiderte Otten. »Ich liebe die Komteß Annelene.« Der Wassergraf setzte sich und schlug mit der Hand auf seinen Schenkel. »Es ist nicht zu sagen,« rief er, »das geht ja auf einmal wie beim Bäcker die Semmeln! Wissen Sie, wen ich eben hinausgesetzt habe? Herrn Simmens. Der hielt auch um die Annelene an und meinte, er liebe sie schon seit drei Jahren. Da hab' ich ihm geantwortet, er möchte noch drei Jährchen warten uns dann abermals antreten, falls die Annelene da noch zu haben sei. Der Simmens fehlte mir gerade! Kein Mensch kann ihn leiden – potzkotz, wie hat er sich dem Erni Diesberg gegenüber benommen – und überhaupt! Frechheit! Ich will's der Annelene gar nicht erzählen, die bringt die Geschichte gleich wieder im ganzen Kreise herum – nee, das möchte ich nicht ... Also, nu sagen Sie bloß – sind Sie sich denn sicher, daß die Annelene Sie auch nimmt?« »Das käme auf die Frage an«, antwortete Otten. »Ja natürlich. Setzen Sie sich. Da auf den Stuhl – schmeißen Sie die Akten auf die Erde. Verständigt haben Sie sich noch nicht mit ihr?« »Ich hielt es für richtiger, erst mit dem Vater zu sprechen« »Ganz meine Ansicht. Ja – nun – mein lieber Herr von Otten, ich habe nichts gegen Sie. Aber ehe wir weiter gehen, möchte ich doch der Klarheit halber betonen: ich gebe jeder meiner Töchter –« »Sechstausend Mark Rente«, fiel Otten geschäftsmäßig ein, »und die nötige Ausstattung, aber keine Mitgift.« Der Wassergraf machte große Augen. »Woher wissen Sie denn das?« fragte er. »Gott, Herr Graf, es gibt Geheimnisse, die jeder kennt. Darf ich mir nun gehorsamst erlauben, Ihnen auch meine Verhältnisse ganz kurz klarzulegen?« Pakisch schmunzelte. »Ist nicht nötig. Sie haben rund eine halbe Million in guten Papieren auf der Deutschen Bank und bei der Diskonto-Gesellschaft liegen. Mit hunderttausend Mark sind Sie bei der Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft in Erfurt beteiligt, die letztjährig fünfzehn Prozent Dividende gezahlt hat, und mit fünfzigtausend bei der Zuckerfabrik Glauchau, auch ein rentables Unternehmen.« Jetzt machte Otten große Augen. »Sie sind gut orientiert, Herr Graf«, sagte er. Pakisch nickte. »Es gibt Geheimnisse, die keine sind«, antwortete er. »Ich habe mich bei meinem Auskunftsbureau über Sie erkundigt. Ich sah ja doch, daß Sie Ihre Absichten mit der Annelene hatten. Also über materielle Fragen brauchen wir uns nicht weiter zu unterhalten. Wir wissen gegenseitig Bescheid. Aber noch etwas. Sie wollen bei der Landwirtschaft bleiben?« »Es ist mein Beruf. Ich will mich ankaufen.« »Ganz einverstanden. Bis dahin warten wir noch. Inzwischen bringe ich die Mieze und die Lotti aus dem Hause.« Otten wagte eine Einwendung. »Wäre es nicht ein Aufwaschen,« sagte er, »wenn gleich eine dreifache Hochzeit stattfände?« »Es käme billiger, man sparte viel, aber ich möchte gern, daß Sie erst Ihre Scholle haben. Ich will keine Verlobung, solange Sie noch drüben in Bärwalde sitzen. Das wird dann ein ewiges Hin- und Hergerudere – und der Diesberg hat das Zusehen ... na ja, ich bitte mich nicht mißzuverstehen, der ist ja nun verheiratet, wenn auch immer noch sozusagen in absentia – aber alte Beziehungen können nachwirken, man muß an alles denken. Es kommt ja auch auf ein paar Wochen nicht an. Und haben Sie erst Ihre Klitsche, dann wird verlobt und dann geehelicht, gleich hintereinanderweg, so wie ich es mit der Mieze und der Lotti halte. Bloß keine lange Zadderei. Die Annelene bleibt Ihnen, haben Sie keine Angst. Die nimmt jetzt jeden – entschuldigen Sie, das soll keine Kränkung für Sie sein, bewahr' mich der Himmel – ich meine nur, die hat's nun auch verflucht eilig, aus dem Hause zu kommen ... sie möchte nach der Doppelhochzeit auf einige Zeit zu einer Freundin, die bei ihrer Mutter im Grunewald wohnt – das kann sie ja, ich habe nichts dagegen, und inzwischen suchen Sie sich Ihr Gut, und die Geschichte ist abgemacht ...« Er zog an seiner Nase ... »Dann bleiben mir noch drei,« nölte er weiter, »die Annefrede ist sechzehn, hat aber auch schon so einen Weltguck in den Augen, und die Annetreu soll im nächsten Jahr konfirmiert werden, und ob ich das Heranwachsen der Anneliese noch erlebe – na, das muß man abwarten. Otten, bloß nicht sechs Mädel! Lieber sechs Jungen!« »Wollen sehen, was sich machen läßt, Herr Graf«, erwiderte Otten. »Da wären wir also im reinen. Es ist nicht alles so, wie ich es mir dachte – immerhin, ich bin zufrieden und danke Ihnen herzlichst für Ihr Entgegenkommen. Diesberg weiß, daß ich mich ankaufen will, zum ersten Juli kündige ich ihm, bis dahin kann ich gefunden haben, was ich suche. Und bis dahin bleibt alles beim alten – es sei denn, es wolle mir irgend jemand in die Quere kommen. Simmens haben Sie selbst schon hinausgefenstert – da hätte ich gern mitgeholfen – und ein anderer, ich wüßte nicht, wer es sein könnte, ich würde ihn jedenfalls mit aufgekrempten Hemdsärmeln begrüßen. Ich boxe auf chilenische Art – moler a palos sagt man da unten – auf deutsch verbleuen.« Der Graf ließ ein kurzes Meckern in Kehltönen hören. »Potzkotz,« meinte er, »mit Ihnen ist nicht gut Kirschen essen, wenn es drauf ankommt, mein lieber Otten. Aber beunruhigen Sie sich nicht, die Annelene ist Ihnen sicher. Ich weiß sie bei Ihnen auch in liebevoller Hand – ein bißchen herumerziehen werden Sie ja noch an ihr müssen – sie ist wie ein junges Füllen, das mannigmal den Martingal und die Trensenkandare braucht. Aber sonst – ist sie meine Tochter.« »Und grade das schätze ich, Graf Pakisch«, erwiderte Otten ernst. »Unter Ihrem Kaltwasser ist sie gesund geblieben, unter Ihrer Anleitung ein praktisches Landmädel geworden. Sie hat die Arbeit gelernt, sie hat sie auch liebgewonnen. Das, was ihr fehlt, weiß ich – es ist das, was sie aus dem Hause drängt – ich will einmal sagen: die kulturelle Befruchtung. Nun bin ich ja freilich ein halber Wildwestler, aber was mir das Trampleben immer doppelt anziehend machte, war doch auch wieder der europäische Einschlag, gewissermaßen der Wechsel von Joppe und Frack, von Muskelspannung und Empfänglichkeit des Geistes ... Annelene erzählte uns,« fuhr er lächelnd fort, »ihre Schwestern seien beim Melken und im Putenhof durch ihre Anbeter überrascht worden, und fand das sehr komisch. Ich entziehe mich der drolligen Wirkung des Augenblicks nicht, aber ich sehe darin doch auch eine Art Symbol, das für die jungen Männer eine Freude gewesen sein muß, eine Illustration zu dem Dichterwort: Tages Arbeit, Abends Gäste – ich will nicht weiter zitieren, es fehlt ja auch das Gegenbild. Und, lieber Graf, dies Gegenbild soll die Annelene keineswegs vermissen – die Hausfrau soll nicht die Dame verdrängen und die Schürze nicht die Toilette und das Ausgabebuch nicht das Allerneueste vom Markte des Schönen ... ich meine damit: was hier in ihrem spartanischen Vaterhause noch ihr kleines und großes Sehnen war, das soll sie an meiner Seite finden – auch das. Verzeihen Sie die längere Expektoration, sie war vielleicht unnötig, aber sie klingt sicher klarer als die übliche Versicherung, mir Mühe zu geben, das Fräulein Tochter über die Maßen glücklich zu machen. Denn das versteht sich von selbst.« Der Wassergraf zwinkerte mit den Augen. Das war hübsch gesprochen, das gefiel ihm. Der junge Protzen und der junge Gaedechens hatten gestottert und gestammelt, und dazwischen hatte der Schweinemaster auf die Nutzlosigkeit der Ferkelimpfung geschimpft und von einem neuen Mittel gegen den Rotlauf erzählt – und nachher hatten der alte Protzen und der alte Gaedechens noch über die fehlende Mitgift gemäkelt, und der eine hatte vier Fohlen extra haben wollen und der andere einen Hausumbau und eine bessere Ausstattung ... Aber bei diesem Otten wußte man doch gleich, woran man war, da gab es kein langes Hin und Her, da war alles klipp und klar ... Pakisch schob seine Brille auf die Stirn und fuhr mit dem gekrümmten Zeigefinger über die Augen. »Sie sind ein braver Mensch, lieber Otten,« sagte er bewegt, »wie heißen Sie doch gleich mit dem Vornamen?« »Klaus, wenn ich bitten darf. Vorne mit einem K, nicht mit C.« »Mein lieber Klaus, ich begrüße Sie als meinen künftigen Schwiegersohn, vorläufig noch in aller Heimlichkeit, aber ich will Ihnen einen Kuß geben, der sei das Sigillum unter meinem Einverständnis.« Damit breitete er die Arme aus und küßte ihn nach slawischer Sitte auf beide Wangen, und hierauf hielt Otten sich zu derselben Gegenäußerung verpflichtet. Aber er dachte dabei an Annelene. XIV Doktor Wiesinger klopfte an die Zimmertür Reginas. »Darf ich eintreten, liebe Baronin?« fragte er durch die Spalte. »Bitte, Herr Doktor,« antwortete Regina, »ich warte auf Sie – ich freue mich ja wie ein Kind auf meinen ersten Ausgehtag.« Sie war noch blaß vom Krankenlager, die Hautfarbe in ihrem perlmuttenen Glanz hatte eine feine Durchsichtigkeit, bläulicher Schatten lag unter den Augen, aber im Blick neuer Lebensmut und etwas wie gesammelte nervöse Kraft. Sie reichte Wiesinger die Hand. Sein Daumen und Zeigefinger glitten an ihren Puls. »Keine Spur mehr von Fieber«, sagte sie lächelnd. Er schwieg noch, führte sie in das Fensterlicht und sah ihr in die Augen. »Nein«, entgegnete er dann mit frohem Atemzuge. »Heut kann ich sagen, daß ich auch keinen Rückfall mehr befürchte. Und kann eine Sie sicher erfreuende Nachricht anknüpfen. Die kleine Düren ist eingetroffen und sehnt sich danach, Sie sehen und sprechen zu dürfen.« »Oh,« rief Regina, »das ist wahrhaftig eine erfreuliche Abwechslung! Was macht sie? Ist sie noch immer so lebhaft wie sonst? Und wohnt sie bei Ihnen?« »Doch nicht. Bei mir geht es ihr zu temperenzlerisch zu – sie ist in Beau-Rivage abgestiegen, aber ihr erster Weg war zu dem alten Freunde. Im übrigen – ja – äußerlich hat sie ihr altes quirliges Wesen behalten und scheint sich wenig verändert zu haben, aber innerlich ... sie hat Erfahrungen gemacht, die ich ihr schon vor Jahresfrist prophezeite – doch das wird sie Ihnen alles selbst erzählen, zu mir sprach sie nur in verschleierten Andeutungen und etwas dunklen Wendungen.« »Wir haben uns so viel zu erzählen«, sagte Regina. »Nun ja,« erwiderte Wiesinger, »und das ist's, was ich fürchte, teuerste Baronin. Die Düren mit ihrem noch ungebrochenen Temperament und ihrer Vorliebe für eine nicht immer sonderlich glückliche Seelenzergliederung wird Sie unnötig aufregen. Das möchte ich gern vermieden wissen.« Die beiden setzten sich. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet, in der Sommerluft lag die frische Würze des Sees und der Rosenduft des Gartens. Regina senkte den Kopf, ein Wimperzucken beschattete die Augen, ein rascher weher Zug ging über ihr Gesicht. Aber sie straffte alles, was an Tapferkeit in ihr war, und antwortete: »Lieber Freund, es dünkt mich schwerer, ein Leid zu verschließen, als es einem mitfühlenden und verstehenden Herzen anzuvertrauen. Gewiß haben Sie recht in der Beurteilung Pauline Dürens. Ihre Lebensauffassung ist eigentlich nur ein lustiges Flanieren der Gedanken, und von ihrem Blick in die Tiefe halte ich nicht viel. Aber sie hat auch ein ehrliches Freundschaftsempfinden und noch etwas, was mir vielleicht nützlich sein kann: sie lebt gern in rückwärtsgekehrten Affekten und hat immer den Trost der Hoffnung.« »Wenn die Hoffnung in Zuversicht übergeht, bin ich damit einverstanden,« entgegnete Wiesinger, »denn die brauchen Sie nötiger als ein vages Hoffen, das nur ein willkommener Rausch oder ein schmeichelndes Traumbild ist. Liebe Gnädige, als Sie mich in den vielleicht schwersten, jedenfalls schmerzlichsten Stunden Ihres Lebens zu Ihrem Vertrauten machten, war ich mir sofort darüber klar, daß dauernde seelische Heilung Ihnen allein ein fester Entschluß, ein Entweder-Oder bringen kann. Ich gebe zu, daß das wahrhaftig nicht leicht ist. Das Problem liegt seltsam genug. Wir wissen noch nicht einmal, welche inneren Gründe bei der Vernachlässigung seitens Ihres Gatten mitsprachen, wir stehen heute noch vor einem psychologischen Rätsel, das wir aus Eigenem gar nicht zu lösen vermögen.« »Genügt nicht die Sprache der Tatsachen?« »Nein, am wenigsten für Sie selbst, Frau Regina. Was ist diese Tatsache? Ein namenloses Ding, über das Sie sich vergeblich den Kopf zerbrechen. Ich fühle ganz genau; daß Sie mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, Ihr Gatte könne eine neue Verbindung mit seiner Jugendliebe angeknüpft haben. Aber steht das denn fest? Und würden Sie nicht ruhiger sein, wenn Sie das wüßten? Zweifellos, denn in diesem Falle kämen Sie über den entscheidenden Punkt hinaus, das Achtungsunwerte würde Sie zu einer festen Stellungnahme zwingen. Ich bot Ihnen an, mit Ihrem Gatten in Korrespondenz zu treten, ich wollte zu persönlicher Rücksprache zu ihm reisen, ich wollte ein Detektivbureau in Bewegung setzen – das alles lehnten Sie ab. Was nun? Soll dieser Zustand der Ungewißheit fortdauern?« Ihre Achseln zuckten in verschämter Hilflosigkeit. »Sie sind hart, Doktor,« sagte sie, »aber Sie haben ein Recht dazu. Nein, ich wollte das alles nicht, weil es mir widerstrebte. Wären Sie selbst nach Berlin gereist, so hätte das wie ein Entgegenkommen meinerseits ausgesehen, und dazu bin ich zu stolz. Und Detektive hinter ihm herzujagen, schien mir wieder nicht würdig. Ich hatte ja auch Pauline, sozusagen an Ort und Stelle – sie hat bessere Beziehungen als ein Detektivbureau, sie hat helle Augen und hört mit allen Sinnen – zugegeben, daß sie sich in ihrem emsig nachschaffenden Geist zuweilen in den Voraussetzungen täuscht, aber sie besitzt doch eine scharfe Beobachtungsgabe – und so habe ich ihr denn geschrieben, und nun ist sie hier, um mir Bericht zu erstatten. Wann kann ich sie sehen?« »Jeden Augenblick – wir brauchen nur nach Beau-Rivage zu telephonieren. Aber ich möchte nochmals betonen, liebe gnädige Frau, daß ich mich ein wenig vor dieser Unterredung sorge. Ich habe Sie nun, Gott sei Dank, so weit gebracht, daß Sie nur noch etwas frischerer Färbung auf Ihren Wangen bedürfen, um Ihre frühere Schönheit in altem Glanze zurückzugewinnen –« »Oh, Doktor – können Sie auch galant sein?« »Selbst wenn es so klingt, bleibe ich immer nur bei der Wahrheit. Also, ich wiederhole, Sie sind wieder gesund geworden, aber Sie befinden sich doch noch in der Rekonvaleszenz, und da möchte ich Sie gern vor nervösen Erregungen bewahren, die leicht zu einem Rückschlag auf Ihr ganzes Befinden führen können.« »Liebster Doktor Wiesinger,« sagte Regina bewegt, »geben Sie mir die Hand! Ich bin Ihnen ja so von Herzen dankbar – ich weiß, daß ich ohne Ihre ärztliche Kunst und Ihre opferwillige Pflege, vor allem aber ohne Ihre seelische Einwirkung nicht so rasch genesen wäre. Aber nun haben Sie auch Vertrauen zu mir. Sie haben ganz recht, wenn Sie sagen, daß es zu einer Entscheidung kommen muß. Möglich, daß Pauline sie mir bringt. Und dann werden Sie sich davon überzeugen können, daß ich Lebens- und Willenskraft zur Genüge besitze, um schließlich nicht doch noch – an mir selbst zugrunde zu gehen. Ich bin ganz und gar Frau – ja, das bin ich. Aber wenn in den Gesetzbüchern der Welt auch der Mann die Gesetze geschrieben hat, die unser Schicksal regeln – es bleibt uns immer noch ein eignes Recht, und das wahre ich mir, verlassen Sie sich darauf!« Sie sprach das mit fester Stimme und einer beweglichen Kraft des Willens, die im Kampf um das letzte an innerem Besitz sich auch das Gefühl zu unterwerfen versteht. Wiesinger erhob sich und küßte ihr die Hand. »Gut«, sagte er kurz. »Ich werde also der Gräfin mitteilen, daß Sie sie zur Teestunde erwarten. Hier, nicht wahr? – auf Ihrem Zimmer, da sind Sie am ungestörtesten. Und vergessen Sie nicht, aus allem, was Ihnen Ihre Freundin erzählen wird, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Und andererseits vergessen Sie auch nicht, daß Ihre reizende Gräfin eine Phantasienatur ist, die gern aus einer Szene ein ganzes Drama gestaltet und Möglichkeiten zu unbeweisbaren Tatsachen verwandelt.« »Ich werde alles erwägen, ich werde vorsichtig sein«, erwiderte Regina. – Sie hatte in dem Chalet noch dieselben Gemächer inne wie bei ihrer Ankunft, nur war die Wohnung um ein Zimmer vergrößert worden, dessen Fenster nach der Seeseite hinausführten und in dem sie ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegte, seit es ihr peinlich geworden war, gemeinsam mit den übrigen Gästen des Sanatoriums im großen Hause zu speisen und ihre neugierigen und mitleidigen Fragen zu beantworten. Freilich hatte die Nachricht von ihrer Fehlgeburt nicht vertuscht werden können, und als es hieß, sie sei wieder auf dem Wege der Besserung, da fanden sich liebevolle Hände, die fast täglich Blumen bei ihr abgeben ließen. Nun blühten in ihrem Zimmer Tulpen und Hyazinthen, Begonien, Heliotrope und Rosen, Rosen in allen Farbenabstufungen, und die schönsten stammten aus dem kleinen Rosarium Wiesingers, der in seinen Mußestunden ein leidenschaftlicher Blumenzüchter war. Das waren nur weiße und rote, und Wiesinger konnte nicht ahnen, daß sie in der Eigenart ihrer Blütenentfaltung und der Launenhaftigkeit ihrer verschwimmenden Farbentöne, die im Kelche anders waren als an den Kronenblättern, Regina an jene weiße und rote Rose erinnerten, die ihr Diesberg am Tage seines Verlöbnisses mit ihr gebracht hatte. Aber sie hatte die glückbringende Kunst gefunden, sich durch das Gewicht der Erinnerungen nicht mehr niederdrücken zu lassen. Wenn sie am Fenster ihres Schlafzimmers stand und in den Garten schaute, raunten wohl noch heimliche Stimmen in ihr, und ein Pochlaut klang gegen die Scheiben wie damals, wie damals ... Und dann senkten sich ihre Wimpern, und ein stärkerer Atemzug kam und etwas wie ein leiser, süß-lockender Ruf aus der Ferne. Aber sie hielt ihr Herz fest, und konnte sie auch das letzte Kämmerchen noch nicht schließen, durch das ein verwehender Rosenduft ging – der Wille war da, und der Wille war stark. Das Bild, das er ihr wenige Tage nach seiner Abreise geschickt hatte, eine ältere Momentaufnahme vom Rennplatz, hatte lange in silberner Umrahmung auf ihrem Schreibtisch gestanden. Als sie von ihrem Krankenlager wieder aufstehen durfte, nahm sie es fort und schloß es ein. Allerdings, sie schaute es noch lange an, als suche sie in den keckfrischen Zügen des Reitersmannes nach weiten Möglichkeiten des Verstehens, aber ihr Herz war doch schon wie ein geheimnisvoller Gerichtshof, der im Namen einer gefällten Leidenschaft und eines verrauschten Glücks Recht sprechen wollte. – * Pauline Düren wirbelte in das Zimmer. Sie trug von draußen den Sommer herein, in ihrer lichten Toilette, die jedem Sonnenstrahl folgte, und mit dem kapriziösen Lachen ihres hübschen Gesichts, das wie ein Verteidigungsmittel gegen frostig werdende Stimmung war. »Regina,« rief sie, »mein schwarzes Lämmchen, mein armes Kleinchen – Gott sei Dank, wie eine Klosterfrau sehen Sie noch nicht aus – ich behaupte sogar, die feine Blässe Ihrer Wangen ist ein koloristisches Kunststück der Natur, ist wie die Blumenkrone einer weißen Kamelie ...« Sie küßte Regina stürmisch und schwatzte weiter, tanzte durch die Zimmer, bewunderte die Rosen und blieb dann wieder vor Regina stehen. »Schwarzspecht, das Leben ist minderwertig, und die Männer – verdienen die es überhaupt, daß wir uns so unentwegt mit ihnen beschäftigen?« sagte sie. »Da habe ich nun einen jungen Menschen aus tiefster Not –« »Einen Augenblick,« fiel Regina ein, »halten Sie den Faden Ihrer Geschichte fest, aber kommen Sie mit an den Teetisch. Wir wollen uns selbst bedienen – ich habe der Zofe gesagt, daß wir sie nicht brauchen ...« Man nahm Platz, Regina schenkte den Tee ein, und die kleine Gräfin fuhr in dem unterbrochenen Satze fort: »Aus tiefster Not zu mir emporgezogen. Habe ihm die Wege geebnet, habe ihn nach besten Kräften materiell unterstützt, habe seinethalben die größten Scherereien in meiner Scheidungsgeschichte gehabt – ich hatte den Jungen auch lieb, man ist ja doch manchmal so dämlich und gibt dem Ungestüm seiner Gefühle nach – und wie hat der Bengel mir dafür gedankt? Reginachen, man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist buchstäblich wahr: er hat mir meine Perlenschnur gemopst und für achtzehntausend Mark versetzt und ist dann mit einer Kellnerin nach Prag durchgegangen. Ich lege dieses Geständnis mit innerem Erröten vor Ihnen ab, denn es ist mein Fehler gewesen, auf eine in untergeordneten Kreisen sich bewegende Liebe einzugehen – das soll man nicht.« Sie strich mit wütender Gebärde Marmelade auf eine Weißbrotscheibe. »Das soll man nicht«, wiederholte sie. »Ein Mann hat noch nie seine Geliebte zu seiner Höhe emporheben können, aber wir törichten Frauen geben dem Manne, dem unser Herz gehört, von vornherein den gleichen Rang mit uns. Und das rächt sich meist. Regina, ich bin vorsichtig geworden. Es hat doch seine Schattenseiten für uns arme Tierchen in der Hilflosigkeit unsrer Natur, dies Selbstwählen, von dem wir so oft gesprochen haben – gewöhnlich fallen wir gründlich herein, weil wir in dem Bedürfnis leben, geliebt zu werden, und ein unbeschränktes Vertrauen besitzen – weil wir eben in Ewigkeit das sogenannte schwächere Geschlecht bleiben werden. Sie haben ja auch Ihre Erfahrungen gemacht, Regina!« »Mein Fall liegt anders als der Ihre, liebe Freundin«, erwiderte Regina mit leichtem Kopfschütteln. »Es wäre albern, wollte ich Ihnen Vorwürfe machen, weil Sie dem Impuls der Leidenschaft zu unüberlegt gefolgt sind. Ihr Fehler war auch nicht der, daß Sie bei Ihrer Herzenswahl um einen Grad gesellschaftlich tiefer stiegen, denn unsere vornehme Welt in ihrer verblasenen Romantik bildet doch nur eine Ausnahme und nicht die Regel in der großen Gemeinschaft der Menschen. Nein, Pauline, Ihr Irrtum lag – vergeben Sie meine Offenheit – in Ihrem Mangel an Persönlichkeitskenntnis. Ich wähle absichtlich dies Wort. Sie ließen sich in der Intensität Ihrer Liebe durch Äußerlichkeiten bestechen, ohne auch nur den Versuch zu machen, in das Wesen des Mannes einzudringen.« »Ich nehme Ihnen nichts übel, Schatz,« entgegnete die Gräfin in hastiger Wortfolge, »Sie mögen ja auch recht haben – aber ist das nicht eben unsre weibliche Schwäche, daß wir blind zu sein pflegen in unsrer heiligen Krisis? Ist es Ihnen denn anders ergangen?« »O ja, ganz anders«, sagte Regina. »Gewiß, ich bin auch die Frau geblieben, die ich war, und die jämmerliche Täuschung wurde mir ebensowenig erspart wie Ihnen. Aber ich habe den Mann, den meine blutende Liebe sich wählte, sehr genau gekannt, seine Persönlichkeit als ein seiner selbst bewußtes Einzelwesen – und will ich mir einen Vorwurf machen, so kann es nur der sein, daß ich über diese Kenntnis hinwegglitt, weil ich glaubte und hoffte, daß meine Liebe auch sein Wesen füllen und wenigstens in Wechselwirkung mit seiner verletzten Gesinnung treten würde. Denn für sein ganzes seltsames und einzigartiges Verhalten gibt es für mich wirklich nur die eine Erklärung: daß er als Mann – als Mann, Pauline, von ausgeprägtem Selbstbewußtsein und großem inneren Stolz nicht vergessen konnte, von mir erobert worden zu sein – statt umgekehrt. Möglich ist ja freilich auch noch ... aber eh' ich weiterspreche, möchte ich erst Sie hören. Haben Sie die erbetenen Erkundigungen eingezogen?« Die Gräfin nickte. Sie griff nach den Zigaretten. »Ja,« entgegnete sie, »ich kann Ihnen ziemlich genauen Bericht erstatten. Ob er Ihnen Klärung bringen wird, weiß ich nicht, Sie gaben mir in Ihren Briefen nur Andeutungen. Kann ich Näheres erfahren?« Eine fein schimmernde Röte huschte über Reginas Gesicht. Sie lehnte sich in den Korbsessel zurück und faltete die Hände im Schoß. Die Lider senkten sich, die dunklen Wimpern verschatteten die Augen. Jetzt kamen die Erinnerungen – wie streichender Schwalbenflug, wie eine Bilderkette. Sie atmete auf und hub an: »Andeutungen genügen. Sie werden sie verstehen. Als wir in Dresden Abschied voneinander nahmen, war ich schon verheiratet und doch noch nicht meines Mannes Frau. Überlege ich heute alles, kühl und nach Möglichkeit objektiv, so war es vielleicht nur ein Zufall, daß wir uns endlich fanden. Hätte Diesberg sich an jenem Abend nicht in den Bergen verirrt, so würde er sich vermutlich mit freundschaftlicher Anteilnahme von mir getrennt haben – das ist denkbar und wäre nur eine Fortsetzung seiner kühlen Zurückhaltung gewesen. So aber wurde aus einem Bedürfnis der Artigkeit, aus dem konventionellen Gefühl, unmöglich ohne Abschied von mir abreisen zu können, eine Erfüllung ... Seine ersten Briefe rückten mir den Himmel näher. Der Himmel war rings um mich her. Ich glaubte an die Stärke meiner Schwäche. Ich war glücklich. Aber das Glück verflog. Schon nach wenigen Wochen wurden seine Mitteilungen karger, kürzer, abgerissener, ich möchte sagen impressionistischer. Das schrieb ich ihm auch. Was mich quälte, Pauline, war nicht etwa Eifersucht auf irgendeine andere, auch nicht die Angst vor einer Entfremdung für immer, sondern das Gefühl, daß ich ihm gleichgültig zu werden begann. Nicht gleichgültig in schlechtestem Sinne, nein. Es gibt eine Gleichgültigkeit, die sich von der landläufigen unterscheidet, für uns Frauen aber um so kränkender ist: die des Liebhabers, der eine glückliche Stunde mitnimmt, noch acht Tage lang in der Erinnerung an sie ein Rauschen des Herzens verspürt und dann, unterstützt durch die Rastlosigkeit seiner Arbeit und durch hundert andere Interessen, in unendlicher Ferne versinken läßt, was uns unvergessen bleibt.« Die Gräfin nickte wieder, es war eine grimmige Zustimmung. »Wie wahr Sie sprechen«, rief sie. »Penelope wartete auf ihren Ulysses und fand in dem fünfzigjährigen Irrfahrer denselben wieder, der sie verlassen hatte, als er nach Troja zog. Der antike Mann blieb im Gleichmaß seiner selbst, der moderne hat an Wert verloren. Ah bah, ich habe die Männer satt!« Erregt stampfte sie ihren Zigarettenrest in die Aschschale. Regina lächelte – ein müde-verlorenes Lächeln. »Die Antike hatte vielleicht eine größere Harmonie,« sagte sie, »die moderne Welt ist unruhiger. Das hielt ich mir vor, so ungefähr, wenn ich darüber nachdachte, warum er in seinen immer seltener werdenden Briefen von tausend Dingen sprach, nur nicht von seiner Liebe zu mir. Ich sagte mir, die Arbeit umfängt ihn, beschränkt ihn, macht ihn einseitig, raubt ihm die letzte Illusion. Ich verlor sie nicht, mir blieb noch die Hoffnung. Ich fühlte mich Mutter werden, und da kam der Glaube an ihn zurück – wie ein heiliger Wahnsinn. Ich schrieb es ihm nicht. Es gibt erhabene Hoffnungen, die man nicht ausspricht. Vielleicht – wäre er bei mir gewesen ... doch er war weit von mir, und das geschriebene Wort klingt anders als ein Flüstern in der Nacht. Aber zwischen meinen Zeilen hätte er lesen müssen, ja müssen, was ich nicht direkt aussprach – wenn die Liebe ihn verstehen gelehrt hätte! Seine Antwort war flüchtig und nichtig – ich solle ruhig bleiben bis zu völliger Genesung – im Mai werde er mich besuchen ... Jetzt ist Sommer geworden – und ich habe ihn nicht wiedergesehen. Zuweilen treffen noch ein paar Zeilen von ihm ein, auch wohl eine Grußkarte vom Rennplatz – neulich eine mit der Ansicht von Bärwalde, die auch Herr von Otten unterzeichnet hatte – aber das alles ist wie ein Winken mit der Hand, nicht mehr ... In der Zeit meiner Krankheit konnte ich ihm überhaupt nicht schreiben. Das hat ihn kaum beunruhigt. Er fragte wohl einmal an: Warum läßt du so selten etwas von dir hören? Er telegraphiert noch dann und wann, und ich antworte auf gleichem Wege. Vielleicht schläft auch dieser Rest einer gefälligen Korrespondenz allmählich ein, und dann kommt es zu der entscheidenden Frage, was aus uns werden soll – nein, Pauline, aus mir !« Über ihr Gesicht schattete sich schon das Zwielicht einer stillen Resignation, Aber die kleine Düren in der ewig vorspringenden Lebhaftigkeit ihrer Empfindungen hatte keinen Sinn für stumme Klagen, sie stellte sich wieder auf den Boden der Wirklichkeit und sagte kurzweg: »Das kommt darauf an, Regina. Lieben Sie ihn noch?« Regina umging die Antwort, Sie sprach mit gesenkter Stimme weiter, weich klingend und fast träumerisch im Tauchbad ihrer Erinnerungen: »Als ich noch in der Hoffnung lebte und das große Wunder erwartete, war ich der innersten Überzeugung, daß nun meine Eroberung auch die Vollendung des Sieges bedeuten würde. Ein Kind, Pauline, ein Kind von ihm – mein Gott, bei dem Gedanken schon sah ich das Glück wie von Fleisch und Blut vor mir, und meine schweigendsten Phantasien erschienen mir wie Weisheit, der törichtste Zukunftswunsch wurde mir zur Vernunft! Ihnen hat die Natur Kinder versagt – Sie können nicht ahnen, wie die dumpfe Aufregung dieser ersten Zeit, da man in sich die rätselhaften Veränderungen spürt, die das neue Leben entwickelt, zu einer förmlichen Umwandlung aller Gefühle führt! Ich hatte keine Sorge mehr um die Zukunft, ich war erfüllt von blühendem Hoffen, ich war sicher, daß er nun ganz mein werden, daß ich ihn durchdringen, daß ich wie er werden würde und er wie ich! Das klingt fast überspannt, aber es ist doch ein unwillkürlicher und tatsächlicher Schwung der Seele, es ist eine fortreißende Einbildungskraft – und sie ist so schön, so schön – vielleicht wie ein Haschischtraum! Es war auch nur ein Traum. Dann kam das furchtbare Erwachen. Wiesinger ist der Ansicht, daß die Fehlgeburt eine Folge meiner sich überstürzenden Gemütsbewegungen war – jedenfalls nicht einer Lageveränderung. Aber was auch immer die Ursachen gewesen sein mögen, ich war auflösender Verzweiflung nahe – ich besiegelte meinen Kontrakt mit dem Schmerz. Ich litt auch körperlich schwer, das hätte ich ertragen – entsetzlich war mir nur das Bewußtsein, daß nun die letzte Hoffnung zuschanden wurde, die ein festes Band zwischen meinem Mann und mir knüpfen konnte ... Pauline, das drücken Worte nicht aus. Ich genas langsam. Wiesinger hatte für die schwerste Zeit einen Spezialisten aus Genf kommen lassen – er selbst war rührend in seiner Umsicht und Unermüdlichkeit –, heut bin ich wieder völlig gesund, nichts Störendes ist zurückgeblieben – ich bin wie eine Frau, die das Wochenbett glücklich hinter sich hat. Nur daß das Glück nicht neben mir lag, als ich nach wildem Schrei aus meiner Ohnmacht erwachte!« Sie schwieg ermattet und erschüttert in dem Erinnern an jenen scharfen schneidenden Schrei, der ihr Erlösung bringen sollte, doch nicht die ersehnte Mutterschaft. Gräfin Düren neigte sich zu ihr und strich zärtlich über ihre Hände. »Arme Freundin,« sagte sie, »ich begreife, wie Sie gelitten haben müssen, ich verstehe alles. Nur eins nicht, Vergebung, daß ich das ausspreche. Sie haben Ihrem Manne nichts von Ihren Hoffnungen geschrieben. Ich an Ihrer Stelle hätte vielleicht einen Triumphgesang angestimmt. Aber ich will auch die Schamhaftigkeit verstehen, die Sie Ihren göttlichen Roman verschweigen hieß. Gut. Immerhin – als es nun so weit war, als Sie alles überstanden hatten, wäre es da nicht richtig, nicht auch zweckmäßig gewesen, Diesberg an Ihr Krankenlager zu rufen? Hätte nicht Ihr blasses Gesichtchen, der wehe Mund und das verdunkelte Auge sein Herz weich stimmen müssen? Denn er ist ja nicht roh im Empfinden, und vielleicht hätte die Stunde dieses Wiedersehens einen Sturm in seiner Seele entfacht, der für Sie zu einem Hymnus hätte werden können. Vielleicht wäre es die Stunde der Wiedervereinigung geworden.« Regina schüttelte den Kopf. »Nein, Pauline,« entgegnete sie, »sein Mitleid wollte ich nicht, wo ich Besseres zu fordern hatte. Pauline, ich habe einmal im Leben meinen weiblichen Stolz zurückgestellt – damals, als ich um ihn kämpfte. Aber ich war nicht seine Geliebte einer Nacht, ich bin seine Frau – und seine Verschmähung hat mich wieder so stolz gemacht, daß ich ... doch es ist jetzt an der Zeit, auch Sie zu hören. Sie wollten mir berichten.« Die Düren warf aus dem Gefunkel ihrer Augen einen erstaunten Blick auf die Freundin. Sie hatte Bewunderung für diese Frau, die so ganz Weib war und sich doch auch wieder fast männlich zu beherrschen verstand und unvermittelt den Ton höchster Leidenschaftlichkeit abbrach, um gleichmütig eine ruhige Bitte auszusprechen. »Ja,« erwiderte sie, »ich will berichten und betone dabei, daß meine Mitteilungen aus zuverlässigsten Quellen stammen, daß also an ihrer Wahrheit nicht zu zweifeln ist. Man ist allgemein verblüfft über die Wandlung im äußeren Leben des Herrn von Diesberg. Der leichtsinnige Mensch von früher entwickelt eine fabelhafte Arbeitstätigkeit. Man hatte wohl erwartet, daß er nun, wieder zu Mitteln gekommen, das sorgenlose Dasein aus dem Handgelenk in lebhafterem Stile fortsetzen würde. Aber Bärwalde hat für die Nachbarschaft geschlossene Pforten. Mit Hilfe dieses Herrn von Otten ist da Erstaunliches geleistet worden. Seit Beginn der Rennzeit ist Diesberg auch viel in Berlin und wohnt dann in Euerm alten Hause.« »Das schrieb mir die Biene,« fiel Regina ein, »sie hält mit David auf Ordnung, sie kocht auch für ihn und findet immer ein Wort schwärmerischen Lobs für den Herrn Baron.« »Sie bürgt sozusagen für ihn,« setzte die Düren hinzu, »und das kann sie auch. In den Kreisen seiner Freunde vom Rennplatz ist man nicht mehr so recht zufrieden mit ihm. Er reitet wieder und erzielt gute Erfolge, er verspricht sich viel von seinem Gestüt, er spielt eine Rolle im Turfleben, zieht sich auch nicht von den üblichen Klubdiners zurück – aber rührt keine Karte mehr an. Er ist ernster geworden, sagen die Vernünftigen, er ist versimpelt, sagen die Schwerenöter. Man sagt auch, er hat eine kranke Frau, und das geht ihm zu Herzen. Ja natürlich, Regina, man fragt häufig nach seiner Frau, und, wie ich höre, spricht er nicht nur mit höchstem Respekt von Ihnen, sondern auch warmherzig und liebevoll. Und noch eins, vielleicht das Wichtigste: er hat keine Geliebte. Ich schwöre nicht darauf, daß er einem amour passant aus dem Wege geht, ich schwöre nicht darauf, daß er wie der heilige Augustin lebt – in dieser Beziehung traue ich selbst dem tugendhaftesten Ehegatten nicht –, aber ich weiß, man mokiert sich darüber, daß er sich den Bummelfahrten der jungen Herren durch die Berliner Nachtlokale und Tanzsäle nicht mehr anschließen will. Er schützt den Strohwitwerkranz vor. Er sei zu alt geworden für derlei Eskapaden, erklärt er. Also, Regina, das Resultat meiner Erkundigungen ist: daß Herr von Diesberg ein im allgemeinen ziemlich streng geregeltes Leben führt – ich will einmal sagen, das solide Leben eines Gentleman, der sich die Hörner abgelaufen hat. Was nach meinen gesellschaftlichen Beobachtungen ja zuweilen vorkommt. Sonst aber gewöhnlich erst nach dem fünfzigsten Lebensjahr, wenn die Tonsur an Umfang zunimmt und Karlsbad zur jährlichen Notwendigkeit wird.« Regina hatte sinnend zugehört, mit etwas geneigtem Kopf und verschleierten Augen. Nun fragte sie: »Haben Sie ihn einmal gesehen. Pauline?« »Ja – in einer Aufführung der ›Elektra‹ des Sophokles. Man zeigte ihn mir. Da saß er still und versonnen in seiner Loge. Sehr hübsch noch immer, Regina, eine stattliche Männererscheinung, ein vornehmes Gesicht von kühnem Schnitt, etwas schwer im Ausdruck, doch das mag an der Augenblicksstimmung gelegen haben – und mich deucht, mit schon leichtem Grau an den Schläfen.« »Ah,« rief Regina, »dazu ist er doch noch zu jung! ...« Und dann huschte eine Blutfarbe über ihr Gesicht, es war ein gleichsam schämiges Erröten wie über eine unbedachte Äußerung, sie neigte wieder ein wenig den Kopf und fuhr wie von unten herauf in leiserem Frageton fort: »Hörten Sie auch etwas von der kleinen Gräfin in Freilehningen?« »Doch – natürlich,« entgegnete die Düren hastig, »auch das ist von Wichtigkeit, und ich hätte es beinah vergessen. Zwei der Komtessen in Freilehningen haben kürzlich geheiratet, und der Hochzeit wohnte Herr von Diesberg bei. Sonst kommt er nie hinüber, alles Geschäftliche mit dem närrischen alten Grafen übernimmt sein Freund Otten, und man behauptet auch, daß der sich jetzt um die kleine Annelene Pakisch bewerbe. Das sagte mir ein Gutsnachbar Diesbergs, den ich auf einem Reiterfest der zweiten Gardedragoner traf, ein dicker Agrarier, ein Baron Brenkenhoff. Ich fragte ihn so apropos aus, mit gebotener Vorsicht, die übrigens kaum nötig war, denn dieser Baron ist ein Walroß von Qualität – also dem sagte ich, es sei früher doch einmal von einer Liebelei zwischen Baron Diesberg und der Komteß Annelene gemunkelt worden. Da lachte er und meinte in seiner verfeinerten Ausdrucksweise, das sei bloß eine Kälberfreundschaft gewesen – was ich dahingestellt sein lasse, denn nach dem, was Ihnen Diesberg selbst gesagt hat, handelte es sich wohl um eine beiderseitig vertieftere Amourschaft. Aber von einer neuerlichen Anknüpfung der alten Beziehungen kann gar nicht die Rede sein – nicht die Rede, Regina! Und damit scheidet auch die Möglichkeit aus, daß er Sie um des Mädelchens willen vernachlässigen könnte.« »Nicht ganz. Pauline,« sagte Regina verschüchtert, »er kann die Kleine immer noch lieben –« »Ah bah,« fiel die Düren ein, »ich habe noch nie gehört, daß eine aussichtslose Liebe einen Reiz für die Männerwelt hat!« »Ja, du lieber Gott,« rief Regina, »wo suche ich dann die Gründe für sein unbegreifliches Verhalten! Lassen Sie mich meinetwegen annehmen, sein Mannesstolz sträube sich noch posthum gegen die halb erzwungene Ehe – habe ich nicht dafür mich selbst ihm als Morgengabe dargebracht, und fand die Stunde der Weihe nicht die holdesten Nachklänge in seinen ersten Briefen? Log er, als er mir von seiner Liebe sprach? Nein, Pauline. es war keine Lüge, es war auch kein leeres Geschwätz, es war Flamme, Verlangen und Seligkeit, es war Poesie und Begeisterung – er hat mich geliebt!.. Warum liebt er mich nicht mehr?« Ihre Stimme tönte sich zu leisem Flüstern ab, Schmerz perlte in ihren Augen. Die Gräfin erhob sich und küßte sie auf die Stirn. »Sind Sie dessen so sicher?« fragte sie. »Ach, Regina, die Männer sind unberechenbar. Sie sind unstet und launisch, sie sind anders als wir. Aber, Regina, auch wir haben Fehler gemacht. Ich ging von falschen Voraussetzungen aus, als ich Ihnen damals in Dresden zu einer Trennung riet, von der ich hoffte, sie würde sein Sehnen steigern. Und Sie selbst hätten ihn nicht mehr verlassen dürfen, als Sie Ihre Eroberung vollendet hatten und seiner Liebe sich sicher fühlten. Der harmlose Trug Ihres Herzleidens war nach der Untersuchung Wiesingers ja hinfällig geworden – und die Luft von Bärwalde hätte Ihren Nerven ebenso gut getan wie die des Genfer Sees. Vor allem: seine Liebe wäre Ihre Heilung gewesen. Wir sind dumm gewesen, Regina. Unsere Rechenkunst krankte an einem Kardinalfehler. Die Unbeständigkeit des Mannes wächst mit der Entfernung. Aber wir sind noch nicht am Ende unsrer Klugheit. Telegraphieren Sie ihm, er soll Sie abholen. Das ist die letzte Probe auf das Exempel.« Regina erhob sich langsam. In ihren Zügen sammelte sich wieder die Herbheit und eine starke Entschlußkraft. »Nein,« sagte sie, »das tue ich keinesfalls. Ich verzichte auf diese Schlußprobe. Sein Weg führt zu mir – ich laufe ihm nicht mehr nach. Das tat ich einmal im Drange meiner Leidenschaft, ich war die Wählende – aber nur eine ungeheure Bitterkeit ist zurückgeblieben. Jetzt wächst der Widerstand in mir, weil unsrer Liebe das Gleichgewicht fehlte. Ich habe mehr geliebt, als ich geliebt wurde. Ich konnte nicht vergessen, ihm wurde das Vergessen leicht. Nun ist der Ausgleich da. Auch ich bin kühl geworden. Pauline. Stürme in der Ehe hätte ich nicht gefürchtet. Aber ich habe ja nie in der Ehe gelebt. Das lag nicht an mir, das lag an ihm. Er wußte, daß ich ihn erwartete. Er kam nicht, er fand mich mit inhaltslosen Briefen ab, er wurde stumm. Er dachte noch einmal zurück an eine Haremsnacht, dann war es aus. Ja, es ist aus, Pauline, es ist ein verlorenes Spiel, und ich muß mich fügen. Ich hielt das Beuterecht des Herzens für ein Manifest der Liebe, ich habe mich getäuscht. Sei's darum.« Sie brach ab. Das Hausmädchen trat ein und brachte ein Telegramm. Regina öffnete und überflog es. Um ihre Mundwinkel zuckten die Muskeln wie zerrissene Gedanken. Schweigend reichte sie die Depesche der Freundin. Die las: »Baronin Diesberg. Sanatorium Beausite. Clarens. Lange ohne Nachricht von Dir. Erbitte Drahtung über Dein Befinden. Herzlichst Erni.« Pauline faltete das Papier mechanisch zwischen den Fingern zusammen. »Was wollen Sie antworten?« fragte sie. Da straffte der gepeinigte Stolz Fibern, Nerven und Sehnen der verlassenen jungen Frau. Die Linien ihres Gesichts wurden scharf, ein Blitz verfing sich in ihrem Auge, hart spannten sich die Lippen. Wütender Widerstand gegen eine Demütigung prägte in ungewollter Pose sich aus. »Was soll ich antworten auf dieses gleichgültige Telegramm?« rief sie. »Sein Verkehr mit mir ist wie die Phrasen eines Handwörterbuchs. Ich antworte gar nicht!« Ihre Stimme schrillte. Dann deckte auf einmal Leichenfarbe ihre Wangen, ein Schwanken kam, sie griff nach der Lehne des Sessels. Die Düren sprang zu ihr und umfaßte sie. Sie hielt sie fest, die kleine Frau hatte eine stählerne Gliederung und die Kräfte einer Akrobatin. Sie hielt sie fest und ließ sie langsam in den Sessel nieder. »Regina,« sagte sie sanft und glitt vor ihr auf die Knie, »liebste Freundin, weinen Sie, weinen Sie! Ihr Stolz fließt in die Tränen. Sie sind auch nur ein Weib .« XV Acht Tage später stieg Diesberg vor dem Hause des Union-Klubs in ein Auto. Er war in die technische Kommission des Klubs gewählt worden, die Sitzung hatte lange gewährt, dann hatte man gemeinsam gefrühstückt, nun war er müde und abgespannt. Er überraschte sich zuweilen in letzter Zeit bei einem Gefühl von Ermattung. Es war vielleicht mehr seelischer Natur als körperlich. Freilich, auch körperlich mutete er sich Erstaunliches zu. Er ritt noch selbst, aber er fühlte doch, daß sein Gewicht dies bald nicht mehr zulassen würde. Es wurde Zeit, Abschied vom Sattel des Herrenreiters zu nehmen. Das fiel ihm schwer, aber er tröstete sich. Sein Stall bevölkerte sich und konnte bald den Rennplatz beherrschen, Cullon war ein unbezahlbarer Trainer, die stahlblaue Jacke mit den gelbweiß gestreiften Ärmeln war schon wie ein Symbol. Fortuna ritt mit. Drüben in Bärwalde ging inzwischen alles am Schnürchen. Otten allerdings raste von einer Provinz in die andere und suchte ein eigenes Gut und hatte noch immer nicht das gefunden, was er haben wollte. Er war wählerisch. Aber nun ging es auch ohne ihn. Es war Verlaß aus den Oberinspektor, genau so wie auf Cullon, der seine große Nase überall hatte, die Maschine lief schon allein. Und das war notwendig, denn die Rennzeit fesselte Diesberg viel an Berlin. Man zog ihn zu Vertrauensposten heran, man wollte ihn auch in Fragen sportlicher Gesetzgebung hören, man begann sein Urteil und seine Anregungen zu schätzen, und nun hatte man ihm sogar angetragen, den Doyen der deutschen Sportwelt nach England zu begleiten, um den Import frischen Blutes im Interesse der Züchtung in neue Wege zu leiten. Aber das ging nicht ... Als Diesberg im Auto durch die sommerlich stickigen Straßen raste, überlegte er noch einmal das Anerbieten. Es war zweifellos eine große Ehrung – aber es ging nicht. Um Reginas willen war das unmöglich. Seine letzte Depesche nach Clarens war unbeantwortet geblieben, und da schlich sich doch so etwas Sorgendes in sein Herz. Ein sorgendes Mitgefühl – wie man es für einen lieben kranken Freund empfindet. Hallo, was war da unten passiert? Nun ja, sie war schon seit längerer Zeit sparsamer in ihren Mitteilungen geworden – genau so wie er. Wie kam das eigentlich? Es kam von selbst, sagte er sich ausweichend. Er durchforschte sich nur noch ungern. Er stieß immer wieder auf das Hindernis seiner Rücksichtslosigkeit, aber er war nicht mehr aufrichtig gegen sich, er suchte nach Ausflüchten. Mein Gott, wenn man nur ein freierer Herr wäre! Im Mai wollte er sie besuchen – da begann gerade die Rennzeit, die Verhandlungen über die Totalisatorbesteuerung setzten ein, das Gestüt hielt ihn fest, ein zweites Vaterpferd war angekommen, Cullon ließ ihn nicht fort, in Bärwalde mußte neues Personal eingeführt werden. Jede Stunde jedes Tages war besetzt. Es war im Grunde genommen recht gut, daß Regina noch nicht hier war, er hätte sich ihr doch nicht mit voller Hingebung widmen können. Sie war ja auch wieder gesund und schien sich sehr wohl in Clarens zu fühlen. Aber nun – ja natürlich, England war eine gewaltige Lockung – vielleicht war es am besten, man fuhr endlich einmal herunter nach Clarens, setzte sich mit Regina auseinander und rutschte dann auf ein paar Wochen über den Kanal. Nun war er so lange von ihr getrennt gewesen, daß es auf ein paar Wochen mehr auch nicht ankam, wahrhaftig nicht. Und sie war ja eine vernünftige Frau ... Diesberg hob den Kopf, »Halt, Kutscher!« rief er dem Fahrer zu. Da bachstelzte Annelene über das Trottoir, in weißem Sommerkleidchen und niedlichen weißen Schuhen über weißen Strümpfen, ganz weiß wie ein gebadetes Lämmchen, und blieb vor einem Schauladen stehen. Diesberg sprang aus dem Wagen und trat hinter sie. »Hübsche Blusen,« sagte er, »besonders die giftgrüne.« Sie schrak leicht zusammen, fuhr herum und lachte. »Erni,« rief sie, »Gott, wie lange hab' ich dich nicht gesehen! Seit der Hochzeit nicht.« »Was machst du denn in Berlin?« fragte er. »Ich bin im Grunewald zu Besuch, bei Geraldingens, und wollte jetzt ein paar Einkäufe besorgen.« »Was keine Eile hat. Komm mit – trink eine Tasse Kaffee bei mir.« »Wo ist das bei dir?« »Ich wohne im Hause meines verstorbenen Schwiegervaters, also im Hause meiner Frau. Keine Junggesellenbude. Ein Drachenpaar behütet mich, zahme Drachen, eine alte Dienerin und ein noch älterer Diener. Du hast nichts zu fürchten.« »Jö,« rief sie, »glaubst du, ich graule mich? ...« Er hob sie in den Wagen. Er war glücklich, daß er im Lipsiusschen Hause sein Berliner Absteigequartier hatte. David und die Biene sorgten väterlich und mütterlich für ihn, er hatte mit seinem freundlichen Wesen rasch ihre Herzen gewonnen. Sie fragten nur zu viel nach seiner Frau, und oft wußte die alte Biene besser über Regina Bescheid als er selbst. Wenn sie ihm erzählte, daß sie wieder einmal ein Briefchen aus Clarens bekommen und daß die Frau Baronin geschrieben hätte, eine Zeitlang sei sie recht elend gewesen, nun ginge es ja aber wieder, Gott sei Dank, dann mußte er immer ein bißchen Komödie spielen und so tun, als seien das leider keine Neuigkeiten für ihn. Und dann jagte auf einmal ein Strudel von Selbstvorwürfen durch sein Herz und verrauschte ebenso schnell, wie er gekommen war. Anfänglich hatte er gerade in diesem Hause viel an Regina gedacht, auch an ihren grimmigen Vater; es quirlten hier so viele Erinnerungen durcheinander wie Staub der Vergangenheit, aber allgemach kam die Gewohnheit mit ihrer glättenden Hand, und wenn er einmal an einem freien Abend im ehemaligen Arbeitszimmer des Geheimrats saß und in den graphischen Sammlungen blätterte, störte ihn kein Gedanke mehr an den Vorbesitzer. Beim Öffnen der Haustür schlug ein elektrisches Läutewerk an. Der alte Diener erschien auf der Treppe. »Ich bringe Kaffeebesuch mit, David,« rief Diesberg heiter, »meine Cousine Komteß Pakisch – Frau Biene soll uns einen Mokka brauen und zwei Bohnen mehr nehmen als sonst und für Kuchen sorgen!« »Befehlen, Herr Baron«, antwortete David. Kein neugieriger Blick traf dabei Annelene. Irregulären Besuch brachte der Herr Baron nicht in das Haus – dazu war er ein viel zu vornehmer Mann. Aber Annelene war neugierig. Sie schwirrte zunächst durch die Wohnung und bestaunte alles, besonders das »Zimmer des alten Herrn«, das ihr wie eine Illustration von Chodowiecki erschien. Dann brachte die Biene den Kaffee und freundete in aller Schnelligkeit mit dem gnädigen Komteßfräulein sich an, und hierauf trank Annelene vier Tassen leer und aß eine Unmenge Kuchen und sagte endlich unter gelindem Aufstöhnen: »Nun brauch' ich nicht mehr zum Kondex, jetzt bin ich satt und habe zwei Mark gespart. Adieu, Erni, hab' schönen Dank.« »Bitte recht sehr,« antwortete er, »so haben wir nicht gewettet. Erst futterst du dich nudeldick und dann willst du heidi davon. Kein Gedanke, mein Kind. Jetzt bleibst du noch ein bissel und unterhältst mich.« »Wovon?« »Von deinen Zukunftsabsichten.« »Ich habe gar keine. Weder Absichten noch Zukunft. Ach Gott, Erni, ich bin wirklich ein armes Luderchen! Seit wir zwei uns auseinandergeliebt haben, fühle ich mich von aller Welt verlassen. Ringsumher heiraten die Menschen, aber ich werde wohl sitzenbleiben. Dein Freund Otten ist mir auch der rechte. Was will er denn nun eigentlich? Er kann doch einmal Ernst machen!« »Möchtest du es gern?« Annelene saß auf dem alten Biedermeiersofa mit den gehäkelten Schondeckchen, hatte die Ellenbogen auf den Tisch und die Fäuste gegen die Wangen gestemmt. Ihre blauen Kinderaugen schauten Diesberg fragend an. »Soll ich die Wahrheit sagen, Erni?« »Sag' sie nur unbesorgt!« Jetzt rückte Annelene sich zurecht, zupfte an ihrem Kleide und blies erst einen Luftstrom durch die Lippen, ehe sie antwortete: »Ja, das möchte ich. Es ist ein ewiges Gezadder. Der Mann hat mich gern und will mich haben. Das merke ich. Warum sagt er es nicht? Warum geht er nicht zu Vatern? Du bist doch sein Intimus und mußt wissen, warum nicht.« »Ich weiß gar nichts, Änneli. Natürlich – daß er verliebt in dich ist und seine Absichten hat, das habe ich längst gemerkt. Aber er spricht sich auch mir gegenüber nicht aus. Er ist zurückhaltender geworden und viel auf Reisen. Vielleicht will er mit der offiziellen Erklärung warten, bis er sich einen Besitz gekauft hat.« »Ist er jetzt wieder in Bärwalde?« »Nein – aber er wollte heute oder morgen zurückkehren. Möglich, daß er etwas gefunden hat, und dann wird er ja sprechen. Liebst du ihn denn?« Annelene sprang auf. »Das hab' ich erwartet, daß die Frage kommen würde«, rief sie. »Wenn man die Mieze und die Lotti gefragt hätte, ob sie die Männer liebten, die damals um sie anhielten, möchte wissen, wie ihre Antwort gewesen wäre! Wahrscheinlich ja, denn sie wollten heiraten. Sie wollten anständige Männer heiraten und in ein eigenes Heim kommen. Und so antworte ich dir denn auch: Jawohl – ich nehme Otten auf der Stelle. Ich weiß, was ich von ihm zu halten habe, und bin der festen Überzeugung, daß wir eine sehr glückliche Ehe führen werden.« Sie war vor Diesberg stehengeblieben. »Glaubst du das nicht?« fragte sie harmlos. Er nahm ihre Hände und zog sie näher an sich. Ein Dunkel ging durch sein Augenlicht, eine verschwimmende Weichheit über seine Züge. »Ja, kleine Änneli, das glaube auch ich«, sagte er. »Ich glaube es, weil du nicht für die Tragik des Lebens geschaffen bist – weil du zu den glücklichen Menschen gehörst, die bei jedem Sturm schon wieder die Sonne sehen. Komm, gib mir noch einen Kuß, gib mir den letzten Kuß, gib mir den Abschiedskuß!« Sie setzte sich ohne weiteres auf seine Knie, und er küßte sie leidenschaftlich. Doch da färbten ihre runden Bäckchen sich dunkelrot, und sie warf den Kopf zurück. »Nicht so, Erni,« bat sie in schwachem Ton, »sei vernünftig ...« Und plötzlich rief sie mit veränderter Stimme, halb erschreckt, halb belustigt: »O Gott, Erni, was sehe ich – du hast ja schon einen silbernen Schimmer am Schläfenhaar! Du fängst an, grau zu werden!« »Ja ja, so ist es«, sagte er gedankenlos. »Perdü die Jugend, das Alter kommt.« »Das Alter – red' keinen Unsinn! Du rackerst dich bloß zu viel ab. Das behauptet auch Otten. Wenn nur deine Frau erst da wäre. Sag', wann kommt sie denn nun?« »Ich weiß nicht, Änneli.« Sie saß noch auf seinem Schoß, dehnte den Oberkörper zurück und schaute ihm in die Augen. »Was heißt das, Erni?« fragte sie. »Es ist doch nicht mehr wie damals. Ich denke noch manchmal an die verrückte Unterredung mit Vater und mir – wo ich mich so borstig benahm. Aber nun hat sich ja alles geändert. Und Otten sagt, du seist so verliebt wie ein Primaner von der Hochzeitsreise zurückgekommen und hättest von deiner schönen Frau geschwärmt. Ist sie immer noch leidend?« »Nein, sie ist wohl wieder gesund.« Annelene rundete ihren Arm um seinen Hals. »Da versteh' ich nicht, warum du sie dir nicht holst«, sagte sie. »Ich auch nicht«, anwortete er. »Ja, liebes Kind, ich verstehe mich selbst nicht mehr. Otten hat recht – als ich zurückkam, Gott, wie lange ist das schon her, da sah ich Regina im Lichte einer Verklärung. Da war all das vorangegangene Häßliche verflogen – ich hatte eine geliebte Frau, und alle Türen in Bärwalde sollten bekränzt werden zum Empfange der neuen Herrin ... Und nun, Annelene, gib acht, wie sich etwas Rätselhaftes vollzog. Du kennst die Leuchtbilder auf weißer Leinewand, die Farbenspiele, die erst in hellstem Glänze erscheinen und dann allmählich verdämmern und blasser und blasser werden. So ein Transparent war auch meine Erinnerung. Aller Glanz zerfloß – und ich wurde irre an mir. Weißt du, daß ich zuweilen mit inneren Wutanfällen kämpfte? Die thessalischen Weiber waren berüchtigt durch ihre Liebestränke. Mir war, als spürte auch ich die Wirkung eines Liebestranks, gegen die meine Natur sich wehrte. Du kennst die Vorgeschichte meiner Ehe. Ich wurde geheiratet. Ich sträubte mich gegen die Liebe meiner Frau – und dann erlag ich ihr willenlos. Aber die Wirkung des Liebestranks hielt nicht an. Du machst große Augen, Annelene, Wunderaugen wie bei einem Märchen der Großmutter – ach Gott, du kannst ja nicht in meiner Seele lesen!« Ja, sie machte große Augen, die fernblaue Unbegreiflichkeiten zu deuten versuchten. Aber auch das Herz wurde ihr schwer, denn aus dem, was Diesberg sprach, klang ein geheimnisvoller Ton tiefstinnerer Schmerzbewegtheit. »Lieb' Häseken,« sagte sie, nach langer Zeit wieder einmal zu dem alten Schmeichelnamen zurückgreifend, »gewiß verstehe ich nicht alles, was in dir vorgeht – aber sieh, ich habe doch ein gesundes Empfinden, du hast selbst mich oft genug ein Naturkind genannt – und da halte ich mich denn auch an die natürlichen Vorgänge und an die Geschehnisse, wie sie sich abspielten. Gut also, du wurdest geheiratet, sie nahm dich, weil sie dich liebte – das ist eigentlich etwas Herrliches, und war ich damals so böse auf dich, so geschah es doch nur, weil ich annahm, daß du dich kaufen ließest.« »War's denn nicht so!« rief Diesberg, »und siehst du, auch das zehrt immer noch in mir nach!« »Ja, Erni, das könnt' ich begreiflich finden, denn du bist ein anständiger Mensch, aber nun sagst du ja, daß du diese Frau lieben gelernt hast, und stemmst und sträubst dich nur aus Lust an der Quälerei gegen die Dauer deiner Liebe! Willst du denn unwahrhaftig gegen dich sein? Ich muß wieder mit Otten sprechen, er ist meine Quelle. Wärst du ohne die Hilfe deiner Frau nicht ruiniert gewesen? Hat sie dir nicht eine neue Zukunft gezimmert? Sei gerecht, Erni, und sei auch dankbar.« »Das bin ich, Kleine, das seh' ich alles ein – sie hat tatsächlich auch, unbewußt freilich, einen neuen Menschen aus mir geschaffen. Denn wenn ich ein rastloses Arbeitstier geworden bin, wirklich und wahrhaftig, ich wurde es in dem Bestreben, dem Gefühl meiner Dankbarkeit entgegenzuarbeiten ! Änneli, wenn man mir Herz und Seele sezieren wollte, kein Anatom würde aus dem Wirrwarr klug werden. Und wenn ich auch alles zugebe, was du mir aus deinem gesunden Empfinden heraus vorhältst – ich komme doch nicht weiter – ich komme über den schwersten Konflikt nicht fort, daß meine Frau meine Hoffnung auf dich zerstörte!« Annelene zog ihren Arm vom Halse Diesbergs zurück und stand auf. Aber er hielt sie noch fest, er ließ ihre Hände nicht los. »Erschrick nicht,« sagte er bittend, ist es so furchtbar für dich, daß ich dich noch immer lieb haben muß, Änneli?« Nun entzog sie ihm auch ihre Hände. Sie hatte jäh die Frische ihrer Farben verloren, ihr rundes Gesichtchen war blaß, kein lustiges Wimpelspiel durchwehte mehr ihre Augen, die Backfischzüge verhärteten sich zu starrem Ernst. »Sprich nicht so«, sagte sie. Es waren fast die gleichen Worte wie vorhin bei der Abwehr seiner leidenschaftlichen Küsse. Nur klang der Ton jetzt scharf und gratig. »Du lebst in falschen Einbildungen, Erni. Wir wären nie zusammengekommen – es brach ja alles unter dir, und glaubst du, mein Vater hätte zugegeben, dir nach Argentinien zu folgen? Deine letzte Hoffnung war die zweijährige Wartezeit – da kanntest du den ›Liebestrank‹ deiner Frau noch nicht! Erni, sei nicht wahnsinnig. Du könntest dich heute scheiden lassen – bei Gott im Himmel, ich würde nicht daran denken, dein Weib zu werden! Da würde ich ewig die arme Frau vor mir sehen, der du ihr inneres Glück nahmst um deines äußeren willen – ist's denn nicht so? – Es ist ja auch nicht wahr, daß du mich immer noch so schrecklich liebst, so schrecklich – mach' mir das doch nicht weis. Du suchst in dem Gestöber deiner Phantasie nach Ausflüchten, dich vor dir selbst zu entschuldigen – aber dabei laß mich aus dem Spiel!« »Lösch' aus!« rief Diesberg mit starker Stimme und schnellte in die Höhe, »lösch' aus deinem Gedächtnis, was ich vorhin gesagt habe – dann sind wir quitt!« »Dann sind wir quitt«, wiederholte Annelene. »Erni, du weißt nicht, was du sprichst! Ich bitte dich, setz' dich wieder – sei nicht so aufgeregt – ich möchte nicht fortgehen ohne eine letzte freundschaftliche Verständigung. Was wir uns einmal waren, liegt in der Vergangenheit – das können wir uns nie mehr sein. Verdenkst du mir, daß ich nach einem neuen Halt für mein Leben suche? Gewiß nicht. Und willst du so töricht sein, den Halt fallen zu lassen, den du doch tatsächlich gefunden hast? Sag' mir,« fragte sie plötzlich, »was hat deine Frau dir Böses getan?« Er hatte sich wieder in den Sessel geworfen. Seine Schultern zuckten. »Nichts«, antwortete er. »Seid ihr denn schon ganz auseinander?« forschte Annelene weiter. »Nein ... Unsinn – ich – ich habe dir ja vorhin erzählt, wie sich so alles allmählich gestaltet hat! Unsre Korrespondenz schlief langsam ein – schlief ein – nicht völlig, aber sie wurde kühler – und immer kürzer ... Im Mai sollte ich Regina holen, das war der bestimmte Zeitpunkt – da trat eine neue Erkrankung hinzu –« »Und du bist nicht zu ihr gefahren?« fiel Annelene erregt ein. Der Kopf Diesbergs sank tiefer zwischen die Schultern. »Es kam allerlei dazwischen,« sagte er müde und grämlich, »Änneli, frag' nicht so viel!« Nun trumpfte sie auf. »Doch,« rief sie, »jetzt will ich sprechen – und fragen! Ich habe noch eine ganze Menge Fragen an dich zu richten. Warum bist du so herzlos zu deiner Frau?« »Ich bin nicht herzlos – ich bin nur wund.« »Durch ihre Schuld? Nein, Erni. Du hattest dein Schicksal in der eigenen Hand. Es zwang dich keiner, die Frau zu heiraten, die dir ihr Herz antrug. Du tatest es, und was du mir da in poetischer Wendung von dem Liebestrank vorfabeltest, den sie dir reichte, beweist mir nur, daß deine Hochzeitsreise immerhin kein Dornenweg war. Du mußt entschuldigen, daß ich nicht imstande bin, mich so ganz in dem Irrgarten deines Empfindungslebens zurechtzufinden. Wenn Rückerinnerungen an dein Verhalten dich peinigen, so weißt du doch, daß du selbst dir diese Wunden geschlagen hast, und daß linde und sanfte Hände da waren, dir Heilung zu bringen. Und wenn du versuchst, noch immer mich in deine Konfliktstimmung hineinzuziehen, so sage ich dir: ich werfe dir deine Liebe in das Gesicht – ich will sie nicht, weil ich mich ihrer schäme !« Es war ein wildes Sprudeln der Worte in der Schütterung eines Gefühls, das sie auf die Seite der Frau stellte und in Gegensatz zu dem Manne brachte. Aber sie bereute ihre Heftigkeit sofort, als sie sah, daß Diesberg wie unter Peitschenschlägen zuckte und mit weißem Gesicht förmlich in sich zusammenkroch. »Lieber Erni, lieber Erni,« fuhr sie weich fort, »ich kann mir nicht helfen, die ungezogene Göhre bricht noch manchmal durch, die ihre Worte nicht auf die Wagschale legt. Lösch' aus, riefst du mir vorhin zu – ja, wir wollen alles auslöschen, was wir einmal von unserm Glück erhofften, einem kindischen Glück in den Wolken – wir wollen uns wieder auf die Erde stellen! Du mußt das Verhältnis zu deiner Frau regeln, das ist unbedingt nötig. Wann schriebt ihr euch zum letztenmal?« Diesberg richtete sich auf. Ihm war, als sei er vom Pferde gestürzt und suche jetzt wieder seine Glieder zusammen. Es regte sich in seinem Reiterhirn, er mußte von neuem in den Sattel kommen. Und er hatte dabei das unbestimmte Gefühl, als stehe das forsche kleine Mädel neben ihm und helfe ihm. Gehorsam antwortete er auf ihre Frage: »Das letztemal – ja, das ist schon Wochen her. Regina hat lange nichts von sich hören lassen. Ich telegraphierte neulich – vor einigen Tagen – bin aber ohne Antwort geblieben.« »Fahr zu ihr. Fahr zu ihr, Erni, – bald – morgen schon. Es ist deine Pflicht. Sie kann noch immer krank sein, sonst hätte sie dir geantwortet. Herrgott, eine Frau, die man geliebt hat, kann man doch nicht so brutal im Stiche lassen! Sagtest du nicht, du hättest sie schon vor Monaten besuchen wollen? Ich wiederhole dir: warum bist du so herzlos?« »Ich wiederhole dir, daß ich nicht herzlos bin. Aber was du von dem Irrgarten meiner Gefühle sprachst, ist richtig. Mir fehlt der Ariadnefaden und die leitende Hand – ich glaube, mir fehlt ihre Gegenwart.« »Suche sie dir, Erni ...« Annelene stand neben ihm und legte wieder ihren Arm um seine Schulter. Sie war jetzt ganz sanft und von liebevoller Zärtlichkeit. Ihre Hand glitt kosend über seine Wangen ... »Willst du mir versprechen, zu ihr zu fahren – ja?« Er nickte. »Ich verspreche es. Ich hatte auch schon die Absicht. Der Union-Klub will mich nach England schicken. Das geht jetzt nicht. Erst muß ich zu meiner Frau.« »Erst mußt du zu deiner Frau ...« Sie lachte. Sie atmete froh ... »Erni, jetzt trolle ich mich vergnügt. Ich habe dein Wort. Und dein Wort gilt.« »Es gilt. Willst du fort?« »Ich muß. Ich habe mich schon vertrödelt ...« Sie setzte den Hut vor dem Spiegel auf, nahm ihren Schirm und reichte ihm die Hand ... »Adieu, Erni. Ich freu' mich, deine Frau kennenzulernen.« Er erhob sich. Sein Auge bettelte sie an. »Änneli,« sagte der große Mensch mit der Stimme eines schmachtenden Troubadours, »früher trug ich dich immer über den Rasenplatz hinter dem Schlosse von Freilehningen. Ich möchte dich gern noch einmal auf die Arme nehmen –« »Du bist nicht gescheit,« entgegnete sie heiter und wandte das Gesicht ab, um ihre Weichheit zu verbergen, »jetzt hab' ich's eilig!« »Da sag' wenigstens zum letzten Male ›Lieb' Häseken‹ zu mir«, bat er. »Lieb' Häseken«, rief sie, drückte fest seine Hand, riß sich los und stürmte davon. Vor der Entreetür blieb sie aufatmend stehen. Gott sei Dank, das war überstanden! Sie lehnte sich gegen die Wand. Sie fühlte sich sehr erschöpft. Das war eine gefährliche Stunde gewesen. Wurde man aus diesem Menschen klug? Sie nickte. O ja, o ja – sie verstand doch manches in dem verwickelten Mechanismus seiner Seele! Sie horchte auf. Die elektrische Glocke der Haustür schlug an. David mochte öffnen. Sie vernahm seine Stimme: »Ja, gnädiger Herr, der Herr Baron sind oben ...« und unmittelbar darauf eine andere wohlbekannte Stimme: »Bleiben Sie man da, David – ich kenne schon den Weg! –« Herrgott, das war Klaus Otten! Warum erschrak sie? Ein zitterndes Lächeln tupfte Grübchen in ihre Wangen. Albern – sie hatte sich doch nichts vorzuwerfen! Mit lärmendem Herzen stieg sie die gewundene Treppe hinab und sah auf dem Podest Otten vor sich Er fuhr förmlich zurück. »Komteß!« rief er, »Annelene!... « Im Stahlgrau seiner Augen ringelte sich ein häßliches Mißtrauen. Vom Hals aufwärts stieg eine brennende Röte in sein Gesicht. Wenn der Jähzorn ihn packte, war er wie die saftstrotzenden Jungen im chilenischen Tramp, die mit den Händen die Wildkatze würgen konnten. »Grüß' Gott, Herr von Otten«, sagte Annelene harmlos. »Wo kommen Sie her?« stieß er rauh durch die Kehle. »Von Erni – von wem denn sonst? Er wohnt ja doch hier.« »Ein Stelldichein mit dem alten Herzliebsten, hö? Habt ihr euch wieder mal geschnäbelt und geknutscht?« Seine Stimme klang, als zerknalle ein Sprengkörper am Feuer. Plötzlich packte er sie an den Armen. »Komm mit hinauf«, rief er drohend und zog sie die Stufen empor. Sie wehrte sich wütend. »Sind Sie verrückt, Herr von Otten!« rief sie zurück. »Was fällt Ihnen ein! Bin ich Ihnen Rechenschaft schuldig für das, was ich tue?« »Sie und auch er. Ja, mein Kind, er auch. Er hat mir sein Wort verpfändet. Will hören, was er zu antworten hat!« Die Klingel schrillte. Die alte Biene öffnete. Erstaunen malte sich in den Falten ihres Gesichts. Da lächelte Annelene freundlich und sagte: »Ich komme noch einmal zurück – ich habe einen guten Freund auf der Treppe getroffen, dem will ich das Geleit geben.« Die Biene wußte, wer Otten war, und öffnete die Türen – und nun standen die beiden Diesberg gegenüber. Das war diesmal im Arbeitszimmer des alten Geheimrats. Diesberg hatte sich soeben auf den Diwan gestreckt; er fuhr in die Höhe, er las sofort in der Miene des Mädchens und las in den verfinsterten Zügen des Freundes, es mußte irgend etwas Unerklärliches geschehen sein. »Hör' zu,« begann Otten, »eh' ich deine Hand nehme –« Doch Annelene fiel ein: »Bitte, Herr von Otten, zunächst hat die Dame das Wort. Erni, ich stieß im Treppenflur auf diesen wilden Indianer. Seine Augen glühten mich an, seine Hände packten mich, daß ich blaue Flecke bekommen habe, seine Stimme war wie ein Erdbeben in Valparaiso. Er bildet sich ein, ich hätte mir mit dir ein heimliches Rendezvous gegeben zum Austausch unsrer Liebe. Kläre ihn auf und dann setze ihn vor die Tür.« Als Otten Annelene so sprechen hörte, flogen Mißtrauen und Eifersucht wie Spreu durch die Luft. Er verbeugte sich gesittet. »Ich mag heftig gewesen sein,« versetzte er, »ich bitte um Verzeihung. Ich wurde überrascht. Ich traf Annelene –« »Für Sie bin ich immer noch die gnädigste Komteß!« rief Annelene. »Nein,« schrie er, »du bist meine Annelene! In vier Wochen heiraten wir! Ich habe ein Gut in Ostpreußen, zweitausend Morgen, siebenhundert Wald, dreihundert Wiesen, der Rest prima Acker!« »Vielleicht setzt ihr euch erst mal ein bißchen«, sagte Diesberg und wies auf die Sessel. »Otten, du kannst mich fordern, ich erkläre dir trotzdem, du bist ein Esel Bileams. Ich habe Annelene in der Leipziger Straße aufgelesen, und sie hat bei mir Kaffee getrunken. Ich berufe mich auf das Zeugnis der Biene.« »Bloß Kaffee getrunken«, stotterte Otten. »Auch Kuchen gegessen,« setzte Diesberg hinzu, »und nicht zu knapp.« Es gab einen dumpfen Knall. Otten war vor Annelene in die Knie gefallen. »Du kannst mir getrost eine 'runterhauen, Annelene«, sagte er im Jammerton seiner kläglichen Erkenntnis. »Ich war nicht nur ein Esel, ich war ein Büffeltier oder, wenn du willst, ein Dromedar, du brauchst nur in der Zoologie zu wählen. Aber so bin ich nicht immer. Annelene, ich schwöre dir –« »Stehen Sie gefälligst auf,« fiel sie abermals ein, »und reden Sie in anständigem Tone zu mir. Ich entsinne mich nicht, daß wir miteinander Brüderschaft getrunken hätten, und wenn Sie sonst noch Wünsche haben – mein Vater wohnt in Freilehningen.« Nun war er wieder auf den Beinen. »Herrgott, mit dem ist ja alles abgemacht«, rief er. »Mädchen meines Herzens, der Herr Vater gräfliche Gnaden haben ja schon vor acht Wochen – nee, es ist länger her – höchstihre Einwilligung gegeben! Ich sollte bloß noch warten, bis ich die Klitsche hätte – sehen wollte er sie auch, selber besichtigen – kann er haben, dieser Kauf ist ein Riesenturkel – Annelene, ein reizendes Schlößchen, hinten Rokoko und vorne Renaissance – oder umgekehrt –, das Mobiliar habe ich mit übernommen, das verringert deine Ausstattung und wird Vatern wieder freuen ... die Wirtschaftsgebäude gewölbt, alle gewölbt, tiptop, Wasserleitung, elektrische Kraft, sogar eine geschlossene Reitbahn mit Spiegelscheiben und ein Teehäuschen im Park, chinesischer Geschmack, das Dach wie ein Mandarinenhut mit kleinen Bimmelglöckchen. Du wirst entzückt sein, sage ich dir!« Ihre Keckheit war jetzt wachsender Verlegenheit gewichen. Was sollte sie diesem Goliath antworten, der sie du nannte und in vier Wochen heiraten wollte und so tat, als sei schon alles in bester Ordnung zwischen ihnen beiden? – Aber da griff Diesberg ein. »Klaus,« sagte er, »benimm dich, wie es sich gehört. Hast du wirklich schon mit Onkel Malte verhandelt?« Otten nickte heftig. »Ja natürlich – Ehrenwort – es lag mir ja oft auf der Zunge, mich dir anzuvertrauen, aber ich sollte noch stille sein, und da habe ich denn das Mau – den Mund gehalten! Alles abgemacht mit meinem Herrn Schwiegervater, auch die Mitgiftfrage, und zu guter Letzt hat er mir sogar einen Kuß mit Hindernissen gegeben.« »Da bleibt dir also nur noch übrig,« fuhr Diesberg fort, »Annelene zu fragen, ob sie dich haben will. Das scheint mir das Wichtigste.« »Selbstverständlich«, gab Otten zu. Er suchte nach Annelene, die sich in dem großen Zimmer zwischen den Mappenschränken der altdeutschen Meister und der Callot-Schule versteckt hatte, weil sie nicht mehr wußte, was sie tun und sagen und lassen sollte. Er zog sie hervor; sie war blutrot und auf das äußerste verwirrt, wollte eigentlich schämig die Augen niederschlagen, was ihr aber auch nicht gelang, und ließ sich wie ein Lämmchen zur Schlachtbank führen ... »Annelene,« fuhr Otten fort, ihre Hände in seinen Fäusten, »zu einer ganz feinen Liebeserklärung reicht's nicht. Umworben habe ich dich ja lange genug und immer aufgepaßt, ob ich so ein gewisses Flämmchen in deinen Augen sehen würde – zur Anfachung meiner Courage. Und manchmal schien's mir auch so, als ob ... und nun will ich kein langes Getratsche machen und frage dich einfach! darf ich deinem Vater telephonieren, daß die Geschichte all right zwischen uns ist?« Die regelrechte Antwort wartete er übrigens gar nicht ab. Er nahm sie und hob sie zu sich empor und drückte sie an sich, daß ihr fast der Atem verging, doch dabei küßte er sie sanft und ritterlich. Sie aber hatte in diesem Augenblick die süße Sicherheit eines verborgenen Gedankens: daß in der breiten Brust des Mannes ein treues und gutes Herz ganz allein für sie schlug. Da umschlangen ihn ihre Arme. Diesberg saß auf dem Diwan. Es gab kein Wehren mehr gegen eine unmännliche Schwäche. Die Tränen stürzten über seine Wangen. »Werdet glücklich, Kinder«, rief er mit erstickter Stimme. Auch Annelene tropften die Augen, und der lange Otten zwinkerte mit den Lidern. »Zu mit dir Wasserleitung«, sagte er. »Erni, mein alter Junge, ein bißchen Rührung ist ja ganz schön, und sogar mir ist was zwischen die Wimpern gekommen, aber ich bin nun doch der Meinung, daß wir über dies unvorhergesehene Gefälle auf den Felsengrund der harten Tatsächlichkeit zurückkehren. Da wäre denn zunächst die Verständigung des Vaters dieses Mädchens zu erzielen, und weil wir doch mal gerade bei dir sind und ich mich in so liebenswürdiger Weise einführte, möchte ich dich bitten, dein Telephon benützen zu dürfen, um unsre Verlobungsanzeige spruchreif nach Freilehningen zu befördern.« Diesberg wischte sich lachend über die nassen Backen. »Tut bitte, als ob ihr zu Hause wärt«, erwiderte er. »Ich werde das Telephon nach dem Wohnzimmer umstellen – da seid ihr auch ungestört, falls ihr euch zwischen Anruf und Abruf noch etwas Wichtiges mitzuteilen habt.« »Häseken, du bist zu lieb«, sagte Annelene. »Mann aus Wildwest, darf ich ihm einen Kuß geben?« »Das versteht sich,« erwiderte Otten großmütig, »nun stört's mich durchaus nicht mehr, und ganz besonders nicht, wenn ich dabei bin.« Annelene näherte sich Diesberg. Er wandte ihr die linke Wange zu, auf die gab sie ihm einen zarten Kuß der Dankbarkeit. Dann hing sie sich an den Arm Ottens, kniff ihn, sagte: » Go on « und ging mit ihm in das Wohnzimmer. – Diesberg blieb zurück. Er erhob sich und lachte wieder – wie vorhin, als er sich die Tränen von den Wangen gewischt hatte: ein kurzes trocknes Lachen. War es denn nicht zum Lachen? Ja gewiß – es konnte ein Hohngelächter sein oder ein Lachen der Ironie, ein bitteres Lachen über sich selbst und die eigene Dummheit. Nebenan jubelten die beiden ihr junges Glück in den Fernsprecher – und hier stand er in der einsamen Größe seiner törichten Verlassenheit, wie ein Philosoph von Abdera, der im Haus seines Lebens die Fenster einzubauen vergessen hat und im luftleeren Raum gegen das Dunkel kämpft. Er hatte ein Gefühl großen Elends, das aus dem Seelischen kam und sich in das Körperliche übertrug. Er spürte einen widerlichen Geschmack auf der Zunge und eine zusammenpressende Trockenheit in der Kehle. Er empfand die Nutzlosigkeit seines Lebens und in einem jähen Ärger über sich selbst mehr als je den Mangel eines zielfesten Willens. Er dachte wieder an das, was ihm Otten dermaleinst gesagt hatte: von der Improvisation seiner Einfälle und dem Episodischen seiner Daseinsführung. Er ließ sich am Schreibtisch nieder und griff zur Feder. Er wollte das Telegramm an Regina aufsetzen und ihr seine Ankunft melden. Das hatte er Annelene zugesagt, und es entsprach auch seiner Absicht. Aber er legte die Feder wieder hin und stützte den heißen Kopf in die Hände. Die Gedanken schwirrten. Wie oft hatte er sich nicht schon vorgenommen, zu ihr zu reisen, und nie war der Entschluß zur Ausführung gekommen! Warum nicht? Vielleicht lag sein ewiges Schwanken nur an der Macht eines persönlichen Faktors jenseits des Kreises der Beweise. Vielleicht hatte er immer nur den Gefühlen des Augenblicks nachgegeben, die ihm im stolzen Bewußtsein seines persönlichen Wesens als die rechten und maßgebenden erschienen. Vielleicht war die glückbringende Nacht in Clarens nur deshalb im Dämmer mählichen Vergessens versunken, weil ein nachträglicher Widerstand gekommen war gegen eine Besitznahme, die kein inneres Wunder, sondern an eine bloße Zufälligkeit geknüpft war. Auf dem Schreibtische des Geheimrats stand noch ein Mädchenbild Reginas. Diesberg zog es näher an sich heran und betrachtete es. Die Aufnahme konnte kurz vor ihrer Hochzeit erfolgt sein. Er vertiefte sich in die Einzelheiten ihrer Schönheit, und Wärme stieg in sein Herz. Es war wieder nur ein Gefühl des Augenblicks, aber es durchdrang ihn doch lebhafter in der Erschütterung seines Seins. Die Sprache ihrer Augen begann zu reden, eine Sprache voll Liebe und Klugheit, die auch eine widerstreitende Welt nicht scheute. Es waren schöne Augen, die vor Dunklem und Feindlichem nicht erschraken. Lag ein Vorwurf in ihnen? Stellten sie nicht die Frage Annelenes: warum bist du so herzlos zu deiner Frau? Er schob das Bild wieder auf seinen Platz. Er war nicht herzlos, hatte er Annelene geantwortet. Nein, das war er nicht. Ihm fehlte nur eine überlegenere Macht über die Zerflatterung seines Innern, in dem Erinnerungen an seinen Leichtsinn, an seinen Ehehandel, an seine Leidenschaft für das Mädelchen, immer wieder sich aufbäumende Scham, verletzter Hochmut und ererbter Trotz ewig im Hader lagen. Seine ganze Arbeitswut war ein unbewußtes Vergessenwollen, und dabei kam er nie zu einer vollen Aufbietung seines Wesens und zu einer umbildenden Kraft seines Ganzen. Er fühlte selbst, daß er haltlos war, und daß es in aller seiner Arbeit und trotz sichtbarer Erfolge nichts gab, was ihn trug und festigte, nichts, was seinem Streben Ziel und seinem Leben dauernden Wert verlieh. Einmal – ja, da hatte er so etwas wie einen neuen Aufschwung in einem neuen Glücksdrang verspürt – damals, als er, schwingenden Rhythmus im Herzen, von der Hochzeitsreise heimgekehrt war. Und wieder hatte das Hineinspielen rückgreifender Reflexion in seine Stimmung ihn beeinflußt und gleichgültig gemacht und rücksichtslos werden lassen – im Grunde genommen gegen Willen und Absicht, aus schwankenden Eindrücken heraus, die nur von dem starken Affekt seiner Neigung zu Aunelene wirksamer unterstützt wurden. Das war nun vorbei – und bei Gott, vielleicht hatte diese Leidenschaft auch nur in seiner Einbildung gelebt, war nicht allein sinnliche Wahrnehmung, sondern mit ihr zu einer phantastischen Verknüpfung zusammengesetzter Vorstellungen geworden, die ganz unlogisch auf den Gedanken zurückführten, daß Regina ihm die Geliebte geraubt hatte. Aber das war ja nun vorbei – nebenan herzte das Brautpaar sich zwischen den Telephonrufen – und dann kam die Kleine obenhin nach Ostpreußen und wurde eine tüchtige Hausfrau und schenkte ihrem Klaus Jungen und Mädel. Der kindische Tränensturz vorhin hatte ihr noch gehört – nun konnte man weiterdenken. Das Telegramm an Regina! Das naiv-gesunde Empfinden Annelenes hatte das Richtige getroffen. Er ertappte sich auch auf einem vagen Gefühl der Notwendigkeit des Wiedergutmachens, auf einer Mitleidsmischung, in die sich eine leise Sehnsucht stahl – Sehnsucht nach einer Befestigung des Selbstlebens, nach seelischer Ruhe und damit auch nach ihrer Verständigkeit und ihrer Fürsorge für sein Menschliches ... Sein Auge fiel noch einmal auf ihr Bild – und wieder kehrte die Wärme in sein Herz zurück, ihm war, als winke sie ihm wie eine selbsterkorene freundliche Macht. Er überlegte: sollte er sich einfach ansagen und morgen losfahren? – Sie hatte sein letztes Telegramm noch nicht beantwortet, vielleicht war sie gar nicht mehr in Clarens – früher, Diesberg entsann sich – ja, früher hatte sie ihm einmal geschrieben, sie erwarte die Gräfin Düren und habe Lust zu einem Ausfluge nach Italien mit ihr, falls ihre Gesundheit dies zulasse. Man mußte sicher gehen. Die Feder glitt über das Papier: »Noch immer ohne Nachricht von Dir, bin sehr beunruhigt. Erbitte dringendes Telegramm nach Berliner Wohnung, ob ich Dich im Laufe der Woche abholen kann. Herzlichst Erni.« Er setzte die Adresse darüber und erhob sich. Aus dem Nebenzimmer stürmten Otten und Annelene mit strahlenden Gesichtern. »Erni,« rief Annelene, »das ist neu in der Geschichte der Brautwerbungen – Vater hat uns durch den Fernsprecher seinen Segen übermittelt! Und dann hat er die Frede, die Treue und die Lisi an das Telephon gerufen, und die haben uns ihre Glückwünsche zugegrölt, ebenso Fräulein von Hübner und Miß Fairholme, letztere schluchzend, die ist immer gerührt. Aber nun etwas Wichtigeres. Ich habe auch mit Geraldingens im Grunewald gesprochen. Morgen muß ich nach Freilehningen zurück, heute wollen wir ausschweifend sein. Klaus gibt um acht Uhr einen ganz intimen Verlobungsschmaus bei Hiller, dazu nehme ich meine Freundin Fifi Geraldingen mit. Sonst ist kein Fremder dabei. Aber selbstverständlich wollten wir auch dich um deine geehrte Anwesenheit bitten.« »Als Elefant«, setzte Otten hinzu und verneigte sich. »Nun ja,« erwiderte Diesberg, »dazu eigne ich mich ja auch vortrefflich. Da ihr jetzt mit euren Ferngesprächen fertig seid, erlaubt ihr wohl, daß ich ein Eiltelegramm aufgebe. Annelene, es ist das an meine Frau.« Sie nahm seine Hand und schüttelte sie kräftig. »Das ist lieb und brav von dir«, sagte sie. »Paß' auf, nun wird noch alles gut ...« XVI Am nächsten Tage hatte Diesberg dem Schiedsgericht eines Reit- und Springturniers beizuwohnen. Als er nach Hause kam, fand er das Antworttelegramm Reginas vor: »Erwarte Dich Donnerstag in Bern, Berner Hof. Regina.« Das war merkwürdig. Vielleicht auch erklärlich. Sie reiste ihm ein Stück Wegs entgegen. Und Donnerstag – heute war Dienstag, da nahm er am besten schon den Abendzug. Er war in freudiger Erregung, sein Herz schlug in hellen Tönen, er klingelte und rief nach David und Frau Biene: »Packt mir meinen Handkoffer, der Handkoffer genügt – und dann bereitet alles vor zum Empfang der Frau Baronin, ich hole sie!« Die alten Leute schrien auf und regten die Beine. Diesberg ließ sich inzwischen mit Bärwalde telephonisch verbinden. Es glückte ihm, noch Ottens habhaft zu werden, der mit dem Frühzug zurückgekehrt war, aber eben im Begriff stand, nach Freilehningen zu fahren. »Was willst du denn schon wieder?« rief der Jungverlobte, »ich habe fürchterliche Eile, ich muß zu meinem Schwiegervater!« »Du wirst wohl für mich auch noch einen Augenblick Zeit haben«, rief Diesberg zurück. »Sei nicht so egoistisch. Paß' auf. Ich hol' meine Frau in Bern ab. Am Sonntag können wir in Bärwalde sein. Bringe alle Leute auf den Schwung, das Schloß muß blitzsauber sein. An alle Außenpforten Girlanden, an das Parktor ein Triumphbogen, in alle Zimmer Blumen. Den Viererzug an die Bahn, die Gäule mit kleinen Sträußen als Kopfputz. Die Leute im Sonntagsstaat, laß die Livreen nachsehen, benachrichtige auch den Kantor, die Schulkinder sollen ein Lied singen, das Hannchen von der Mamsell kann meinethalben ein Carmen aufsagen, das macht die Krabbe ganz nett. Gerrlich im Frackanzug, nicht in seinem blauen Rock, mehr Haushofmeister als Lakai. Und lauter vergnügte Gesichter, wenn ich bitten darf! Klaus, ich vertraue auf dich, es soll kein protziger, aber ein hübscher, würdiger und anständiger Empfang werden.« »Hast du sonst noch Wünsche?« rief Otten wieder von Bärwalde aus. »Na, da hab' ich gehörig zu tun. Aber ich tu's gern, Erni. Ich werde alles schönstens besorgen, du sollst deine Freude haben. Sag' mal, soll ich mit Cullon zu Pferde auf den Bahnhof kommen, damit wir neben eurem Wagen rechts und links kurbettieren oder als Vorreiter voranflitzen? Ich denke mir das äußerst vornehm.« »Mach' bloß keine Witze«, schrie Diesberg in das Schallrohr. »Nichts Auffallendes und keine Albernheiten. Der Pastor wird wohl auch dabei sein wollen, aber sage ihm gleich: keine lange Weihrede und nicht zu viel Schmalz. Bloß ein freundliches Begrüßungswort.« »Abgemacht. Also Sonntag. Gottlob, daß wir so weit sind. Auf fröhliches Wiedersehn.« »Wiedersehn, Klaus!« * Am Mittwochnachmittag war Diesberg in Bern und fragte im Hotel nach seiner Frau. Sie war noch nicht da, aber die Frau Baronin hatte sich für morgen von Clarens aus telegraphisch ein Zimmer bestellt. Diesberg ordnete das anders an: er nahm einen hübschen Salon mit der Fensteraussicht auf die Alpen und ein Schlafgemach daneben. Dann ließ er sich ein Schweizer Kursbuch geben und studierte den Fahrplan. Regina konnte mit dem Vormittagszug um elf Uhr acht Minuten eintreffen – das war das Wahrscheinlichste, da wollte er sie auf dem Bahnhof erwarten. Ein gewaltiger Stimmungsumschwung hatte sich in ihm vollzogen. Ein Gefühl der Freiheit, der Loslösung von unbestimmt Quälendem quoll in ihm auf. Ihre nahende Gegenwart erfüllte ihn mit Beruhigung, als komme nun wieder sein Leben in die festen Hände einer Mitschaffenden. Es war wie eine völlige Umkehrung seiner selbst. Er trug sich mit hundert guten Vorsätzen, vor denen hundert Vorwürfe verstummten. Auf Vorwürfe ihrerseits war er gefaßt, aber ein sieghaftes Lächeln half ihm darüber fort. Wenn die Sprache der Liebe wiederkam, schwieg aller Groll. Die Nacht im Chalet von Beausite rauschte mit Liedern und Harfenklang in ihm auf. Frohgemut benützte er den Rest des Tages zu einem Umherschlendern unter den Arkaden der alten Stadt. Er sah die Läden noch offen und kaufte bei einem Juwelier ein hübsches Geschenk für Regina: zwei kleine, ineinandergefügte Herzen aus Gold, mit Brillanten besetzt, ein Schmuckstück, das sie als Brosche oder Gürtelschnalle tragen konnte. Er fand das Sinnbild reizend und malte sich aus: er wollte ihr sofort zu Füßen stürzen, ehe sie noch das erste Wort gesprochen hatte, und ihr sein Symbolum auf weißen Rosen überreichen. Das dachte er sich poetisch. Um die Zeit totzuschlagen, sah er sich den Eröffnungsakt einer Sommeroperette an, speiste dann im Restaurant des Berner Hofs zu Abend, durchblätterte ein paar Zeitungen und ging hierauf in sein Zimmer. Im Schlafgemach standen die beiden Betten mit aufgeschlagenen Decken nebeneinander. Auf das Kissen des einen Bettes, das morgen seine Frau einnehmen sollte, legte er den Schmuck der verbundenen Herzen und freute sich kindlich über den Einfall. Dann entkleidete er sich, stellte sich in einer raschen Regung von Eitelkeit in seinem Pyjama aus Rohseide vor den großen Spiegel und fand, daß er noch immer recht stattlich aussah. Auch der leichtgraue Schimmer an seinen Schläfen paßte zu den frischen Farben des kecken liebenswürdigen Gesichts von einst. – Seit langem hatte er nicht so gut geschlafen wie in dieser Nacht. Als er erwachte, war sein erster Blick auf das Bett neben dem seinen. Er hatte von Regina geträumt. Doch statt ihres dunklen Kopfes sah er nur die beiden goldenen Herzen auf dem Kissen – und belächelte seine Kindlichkeit. Aber es war ein unendlich wohliges Empfinden dabei, eine eigentümliche innere Schwerlosigkeit, wie eine Aushebung von Raum und Zeit. Die Freude an dem großen, dicken abschließenden Endstrich unter allem Vergangenen zersetzte die bohrende Macht des Gedanklichen und einer unfruchtbaren Zergrübelung dessen, was gewesen war. Diesberg war wieder der Reitersmann, mit einem gewaltigen Sprunge trieb er den Gaul seines Lebens über den Abgrund der Vergangenheit, fest blieb er im Sattel und konnte nun jubelnd seine Kappe schwenken, da er glücklich drüben war und sonniges Neuland vor sich hatte. Keinen Blick wollte er mehr rückwärts werfen, keinen Zweifel mehr aufkommen lassen, die Krise war vorüber; die Erfahrung der Kleinheit war auch eine Lehre gewesen, und lag in der neuen Freiheit ein Zwang höchster Gebundenheit, so gewann er doch durch seine frohe Zustimmung und durch die Idee der Pflicht. Er pfiff, als er aufstand, und summte ein Liedchen vor sich hin, als er in die Badestube trat. Dann bestellte er sich sein Frühstück auf das Zimmer und wollte hierauf in die Stadt, um noch einen Blumenladen zu plündern. Da er den Hut aufsetzte, klopfte es an die Tür, ein Kellner trat ein und brachte ihm einen Brief. Als Diesberg die Adresse las, ging ein Nervenruck durch seinen Körper. Das war ja die Handschrift Reginas! Und das Kuvert trug keine Marke! Hastig riß er es auf. Eine Visitenkarte fiel ihm entgegen: »Regina Freifrau von Diesberg, geborene Lipsius« – und darunter stand: »Bitte um Deinen Besuch auf Zimmer Nr. 103.« Diesberg wurde sehr blaß. Ein physischer Druck ballte sich um sein Herz. Regina war also schon im Hause! Wann war sie gekommen? Gleichgültig – sie war da und bat in formellster Weise um seinen Besuch. Ah, er verstand – sie wollte ihn mit den Vorwürfen empfangen, die er erwartete und für die er gerüstet war! Das waren natürliche Impulse, die sich überwinden ließen. Nun er so weit war, sich von der Tyrannei der Unvernunft endgültig loszusagen, war die kleine Auseinandersetzung nicht mehr zu fürchten. Er steckte das Schmuckstück ein, glättete noch einmal sein Haar vor dem Spiegel und suchte dann nach dem Zimmer Nr. 103. Es lag in einem andern Trakt des Hauses. Er klopfte an und vernahm von drinnen die Stimme Reginas: »Herein!« – Sie trat ihm nicht entgegen. Es war ein großes Zimmer, sie stand an einem Fenster, und als Diesberg die Tür geöffnet hatte, schien ihm, als tue ein endloser Raum zwischen ihm und ihr sich auf. Da er die Tür hinter sich schloß, nahm sie auch schon das Wort und sagte: »Guten Tag, Ernst. Ich kam mit dem Nachtzuge, und du verzeihst, daß ich mir ein eigenes Zimmer wählte. Da ich vermute, daß du mit mir über unsre Scheidung sprechen willst, dünkte mich das richtiger. Nimm Platz, wenn ich bitten darf.« Der kühle Tonfall und das Eindeutige ihrer Erklärung verlieh Diesberg sofort völlige Selbstbeherrschung. Mit einem Kniefall und allem sonstigen Zauber der Verliebtheit war hier nichts zu machen. Darauf mußte er Verzicht leisten, nur eine starke, auch kampflustige Energie der Gegenwirkung konnte ihm helfen. Ja gewiß, es gab noch einen Kampf – aber er hoffte den letzten. Er blieb ernst, wie sie es war, als er antwortete: »Gestatte zunächst, daß ich dir die Hand küsse ...« Er tat es, und sie zog ihre Hand nicht zurück. Er sah ihr schmal gewordenes weißes Gesicht mit dem Leid in den dunklen Augen, und das Herz tat ihm weh. Eine rasende Lust packte ihn plötzlich, sie zu umarmen und einen Schauer von Küssen zu Lethefluten werden zu lassen. Doch er bezwang sich. Sie nahm Platz, und er setzte sich ihr gegenüber an die andere Seite des Tisches. Es war eine frostige, unbehagliche Situation. Es war wie in einem Theaterstück – nun konnte die große Szene beginnen. Aber dramatisch zugespitzte Dialektik war nicht Diesbergs Sache. In diesem Augenblick suchte der weltgewandte Mann nach einleitenden Worten. Sie kam ihm zuvor. »Ich glaube, daß die Scheidung keine gerichtlichen Schwierigkeiten machen wird«, sagte sie. »Ich bin willig, die Schuldfrage durch sogenanntes bösliches Verlassen zu übernehmen. Detmold kann die Angelegenheit ordnen. Die Bestimmungen des Ehevertrags bleiben dabei in Kraft. Du behältst Bärwalde, ich behalte mein Vermögen. Aber ich bin auch zu einem weiteren Entgegenkommen bereit, wenn du mir Vorschläge machen willst.« Das erbitterte ihn. Der alte Schacher ging wieder los. Sie stammte aus einem Kaufmannshause, man merkte es. »Verbindlichen Dank«, antwortete er. »Du verkennst nur die Prämisse. Ich dachte nicht daran, mit dir über eine Scheidung zu verhandeln. Ich wollte dich zu mir holen, um damit unsrer ungewollten Isolierung und einem Zustande ein Ende zu machen, der für uns beide unerträglich zu werden begann.« »Auch für dich?« fragte sie. »Auch für mich. Ich weiß, worauf du anspielst. Ich bin in meinen Briefen nicht immer der liebende Ehemann geblieben, der ich war, als ich dich verließ. Entschuldigungen könnte ich vorbringen, beiläufige wie meine Überhäufung mit Arbeit, auch psychologische. Aber alle Entschuldigungen hätten wenig Wert ohne meine Absicht, diese Sünden der Unterlassung – oder nenne sie Sünden wider den heiligen Geist der Ehe – durch verdoppelte Liebe und Güte auszugleichen. Als ich vorgestern dein Telegramm erhielt, lebte ich in dem törichten Wahne, du wolltest mir bis hierher entgegenreisen. Am Tage vorher fand die Verlobung meiner Cousine Annelene Pakisch mit Klaus von Otten statt. Das war für mich, ich gestehe es dir offen, sozusagen die Erlösung von einem letzten Rest Herzensspannung aus einem Leben und Weben zurückliegender Zeit – und in der vollen Ungebundenheit meiner selbst und einem Gefühl glücklichster Freiheit kam ich her, dich von neuem und für immer an mich zu schließen und mitzunehmen – als meine Frau. Nun sprichst du von der Scheidung. Ich entsinne mich wohl: schon einmal fiel dies Wort aus deinem Munde – es sollte mir damals eine Tür offen lassen. Aber, Regina, die Tür war schon fest geschlossen, als wir uns verlobten. Vorher hatte ich Otten mein Manneswort verpfändet, mich jeder neuen Annäherung an Annelene zu enthalten. Und dies Wort habe ich nicht gebrochen ...« Sicher fiel es Regina unsagbar schwer, ihre Ruhe zu bewahren und wenigstens äußerlich eine unnachahmliche Haltung von Selbständigkeit beizubehalten. Sie saß sehr steif und fast gezwungen in der Körperstraffung auf ihrem Sessel, über ihr Gesicht glitten wechselnde Farbentöne, alle schattenhaft wie die Reflexe einer herbstlichen Dämmerstunde, und in den Winkeln des reizenden Mundes, der immer noch seine frische Röte hatte, spielte ein ungebändigtes Nervenzucken. Aber ihre Stimme klang schwer und geordnet, als sie erwiderte: »Du erinnerst mich nicht umsonst an Tage, in denen jede Stunde einen Vorwurf für mich bedeutet. Ja, Ernst, ich lege reumütig das Bekenntnis ab, daß ich in meiner Liebe zu dir gefehlt habe. Was mir mein Weibsinn zurief und die Leidenschaft mir befahl, ging über die Würde des Weiblichen hinaus. Ich rechne dazu, daß mein angebliches Herzleiden nur eine Täuschung war, um mir wenigstens ein Jahr an deiner Seite zu sichern. Es war eine Liebeslüge, die ich dir zu gelegener Zeit gebeichtet haben würde, hätte Wiesingers Erklärung mir nicht das Geständnis vorweggenommen. Es war mein einziges Verbrechen – und ich habe es wieder gutgemacht. Weißt du wann? In jenen Stunden, da du mir gehörtest und meine Liebe über alle Leiden und Schranken siegte. Aber selten ist ein Weib für das, was es gab, so hart bestraft worden. Ich wollte Liebe, keinen Geliebten. O ja, du besangst mich, wie vielleicht ein griechischer Poet die Phryne besungen hat, als ihre Reize ihn begeisterten – aber deine dichterische Anwandlung war nicht von langer Dauer, dann kam die Prosa und die Nüchternheit und das Vergessen. Da wurde deine Frau für dich zu einem Augenblicksliebchen!« Bei diesem letzten, wie ein Pfeil vom Bogen geschleuderten Satze zitterte ihre Stimme. Empört hob Diesberg die Hände. »Das weise ich zurück«, rief er. »Ich lasse dir die Berechtigung, dich über meine Vernachlässigung deiner zu beklagen – da bin ich ein reuiger Sünder. Aber du selbst entweihst eine Tempelnacht, wenn du mein Glauben, Lieben und Erinnern schmähst, und wenn du mich beschuldigst, für Stunden, die mir heilig sind, nur noch ein faunisches Grinsen übrig zu haben! Soll ich anders deine Worte deuten? Regina, ich bin kein Schurke!« »Das habe ich nicht gesagt,« entgegnete sie eifrig, »du mißverstehst mich absichtlich. Ich habe dich nie für schlecht gehalten, niemals – wohl aber für gleichgültig gegen mein Gefühlsleben. Sag', hast du denn meine Briefe nie aufmerksam gelesen?« »Immer, Regina!« »Aber nie mit dem Auge der Liebe. Als ich dir schrieb, daß ich von neuem leidend geworden sei, gabst du mir ein paar gute Worte. Aber ich schrieb dir auch von einem dritten Leben, das ich erwartete, und von dem unzerstörbaren Brückenbau zwischen unsern Herzen, den ich erhoffte – verstandest du das alles nicht?« Er schaute sie großäugig und fragend an. Ein zages Begreifen dämmerte in ihm auf. »Ich entsinne mich«, stammelte er voller Verwirrung, »und deutete mir diese Wendungen –« »Falsch!« fiel sie ein, »falsch, weil dein Herz nicht bei mir war! Ich erwartete ein Kind von dir.« »Ein Kind!« schrie er. »O Regina – mein geliebtes Weib! ...« Es waren echte Töne. Es war wie ein Feldgeschrei. Er fuhr auf und wollte zu ihr stürzen. »Ich Narr,« rief er, »ich blöder Junge!« Sie hatte sich erhoben, ihre Arme wehrten ihm. Jetzt war ihre Haltung wahrhaft königlich. Das ganze Gesicht in seiner herben Geschlossenheit bewußte sich gleichsam der Vollkraft notwendiger Verteidigung gegen einen Überfall seiner Gefühle. »Bleib«, rief sie zurück. »Dein Jubel kommt zu spät, Ernst, deine Vaterfreude ist hinfällig geworden. Infolge der Gemütserregungen, die du mir nicht erspartest, erlitt ich eine Fehlgeburt.« Diesberg taumelte auf seinen Sessel zurück. Tief, bis in die letzten Herzensfasern, griff die grausame Wahrheit. »Lieber Gott«, stöhnte er. Regina drückte die linke Hand gegen die Brust. Ach, dadrinnen zuckte und fieberte es. Eine nervöse Flut stieg in ihr auf. Sie schloß für einen Moment die Augen und ließ sich wieder langsam nieder. »Es ist überstanden, Ernst,« fuhr sie fort, »ich bin gesundet. Und da nun keine Brücke mehr von mir zu dir führen soll, laß uns in Ruhe, laß uns ohne Erregung über unsre Scheidung sprechen. Und ohne Vorwürfe – es ist alles vorüber.« »Warum schriebst du nicht klarer, Regina«, rief er verzweifelt. »Wir plumpen Männer verstehen ja so wenig von der weiblichen Seele – ihr seid immer Poesie, euer Leben skandiert die Natur – wir sind die rauhe Alltäglichkeit! Mein Gott, hätte ich das geahnt – nichts hätte mich zurückhalten können, zu dir zu kommen! Ich Esel, ich Esel!« schloß er drastisch und schlug sich vor die Stirn. Sie ließ ihn austoben, »Lieber Ernst,« sagte sie, »richte nicht mit mir, daß ich nicht klarer schrieb, wie du dich ausdrückst. Ich wollte es nicht! Es war nicht allein frauenhafte Scham, daß ich das unterließ, ich wünschte von dir verstanden zu werden, auch ohne daß ich Tatsachen berichtete wie in einem Rapport. Aber schon damals verstandest du nichts mehr an mir – ich war dir so fremd gerückt wie hundert andre Frauen, die dir auf deinen Wegen begegneten und an denen du grüßend vorübergingst – du lebtest ein Leben für dich, du hattest kein Sehnen mehr nach mir, und endlich verstummte auch die letzte Rücksicht. Nach Wochen des Schweigens und flüchtiger Eildepeschen kommst du nun selbst – nicht weil die Liebe dich zu mir treibt, sondern weil du gezwungen bist, eine andere Liebe ins Grab zu senken. Das nennst du Befreiung von einer Herzensspannung – es mag sein –, ich aber bin mir zu gut dazu, dir nur als Ersatz zu dienen!« Eine Verfinsterung ging über Diesbergs Züge. Einen Augenblick schien es, als wolle er heftig werden, seine Zähne zerbissen die Lippen, die Brauen schoben sich zusammen. Dann zuckte er mit den Schultern. »Sagtest du nicht vorhin, ich mißverstände dich mit Absicht?« erwiderte er. »Jetzt scheint es mir umgekehrt. Als wir uns heirateten, habe ich dir unumwunden von Annelene gesprochen, Und gewiß, daß noch lange ihr Bild ein – abseits gelegenes Herzkämmerchen füllte. Willst du deshalb eine unbarmherzige Richterin sein? Regina, diese Restneigung für das Mädelchen, ein verwehendes Gefühl, ein Abschied von der Jugend, vielleicht nur eine Einbildung, wie sie selbst behauptet, hat dir nie schaden können. Ich wiederhole noch einmal: du hast tausendmal recht, wenn du über meine Rücksichtslosigkeit bitter, bitter klagst – aber du darfst nicht sagen, daß ich dich vergessen hätte, das darfst du nicht! Unbewußt spürte ich dich immer um mich – bei Gott, du warst mir Leitstern und Führerin! Warum wurde ich denn ein so ganz anderer Mensch? Warum stürzte ich mich in die Arbeit und spielte nicht mehr und rührte kein Frauenzimmer an und war ein Einsamer in der Lustigkeit meiner Kameraden? Weil du doch in mir lebtest, Regina – mit der Wirkung eines unbewußten Willens – und mit dem Zauber einer unvergeßlichen Nacht. Verurteile mich – aber laß dein Urteil gerecht sein. Willst du die Scheidung,« – ein schwerer Atemzug kam – »so geh' ich... Regina, du willst sie nicht!« schrie er. Sie hatte längst ihre stolze Haltung einer Königin aufgegeben. Ihr Körper neigte sich vornüber, ihr Kopf war tief gesenkt, rasch ging ihr Odem, unter fallenden Oberlidern bohrte der Blick sich in die Teppichblumen. Der Schmerz vertiefte die Gedanken. O, sie wußte ganz genau, daß ihre Festigkeit brüchig werden würde bei dem Wiedersehen mit ihm – das hatte ihr gestern auch Doktor Wiesinger gesagt, in seiner ruhigen, geklärten Art, die doch durchblicken ließ, wie innig er um ihr Herz und ihre Seele warb. Und da sie dieses Mannes gedachte, der ihr Retter und ihr bester Freund geworden war, und seiner klug abwägenden, leise warnenden Worte, kehrte ihre Entschlußkraft wie unter elektrischer Einwirkung zurück. »Ja,« sagte sie und schaute Diesberg mit klaren Augen an, »ich will die Scheidung, weil sie auch ein Unrecht gegen dich gutmachen soll. Ich nahm dir deine Freiheit, ich gebe sie dir zurück. Ernst, wir wollen uns in Frieden und Freundschaft trennen. Ich zürne dir nicht mehr – ich habe einsehen gelernt, daß du nicht für die Ehe geschaffen bist, deren natürliche Fesseln unablässig bei dir zur Empfindung kommen und zu beengendem Druck werden. Das Gute in dir habe ich nie verkannt – aber dein ganzer Lebenstypus basiert auf einer großen Freiheit des Wollens – auch in der Liebe. Ja, auch in der Liebe. Sie ist dir ein subjektives Glück, nicht mehr. Wir wollen verständig sein. Täuschungen, wie wir sie erlebten, bringt das Leben Zehntausenden. Wir werden darüber hinwegkommen. Gib mir die Hand, wir wollen Abschied nehmen. Alle Formalien erledigt Detmold – hast du noch Wünsche, so sprich dich mit ihm aus.« Sie reichte ihm die Hand. Er küßte sie wieder, es war nur eine flüchtige Berührung seiner Lippen, dann trat er rasch zurück. Bei dieser kühlen Verabschiedung regte sich sein Mannesstolz. »Ich bettle nicht um Gnade, Regina,« entgegnete er hart, »um so weniger, als ich das Gefühl habe, daß die Trennung, die du forderst, anderen Ursachen entspringt, als du angibst. Aber du hast recht, ein Trauerspiel wie das unsre gehört zu den Alltäglichkeiten. Die Frau empfindet jede Vernachlässigung des Mannes mit dem Herzen, dagegen kommt der Verstand nicht auf. Dann naht ihr der Freund und verschärft den Konflikt.« In ihre Wangen stieg ein glühendes Rot. »Soll ich mich schämen,« antwortete sie, »daß ich einen Freund gewonnen habe, der mir in schweren, schweren Stunden hilfreich und voller Güte zur Seite stand? Gewiß nicht. Aber in einem irrst du, Ernst. Wer so geliebt hat, wie ich, der liebt nicht ein zweites Mal. Die Nacht von Clarens war für mich ein ganzes Leben. Ein zweites Leben, schrieb ich dir damals. Das dritte verlor ich. Glaubst du, ich hätte die Kraft, ein viertes zu beginnen? Meine einzige Rettung ist die Entsagung.« Er stand an der Tür. Sein Blick umfaßte sie noch einmal. Noch waren ihre Wangen gerötet, sie bot das alte Bild blühender Gesundheit und Schönheit. »Du bist zu jung, um zu entsagen,« erwiderte er, »das Verlangen nach Leben und Sein wird wiederkommen und auch ein neuer Kampf um die eigene Seele. Regina, vielleicht denkst du dann ein letztes Mal an mich zurück und an diese Stunde. Ich wollte mich dir zu Füßen werfen, in ehrlicher Reue und in alter Liebe. Es wäre nur eine Komödie für dich gewesen. Ein großes Unglück war über uns: unser Getrenntsein. Wären wir beisammen geblieben, so wäre die Zeit die Dienerin unsrer Liebe geworden und die Frühlingsfäden jener Nacht von Clarens eine Kette, die allen Stürmen getrotzt hätte. Ich hoffte noch, ich hoffte mit Zuversicht. Ich sah keine ungelösten Reste. Aber du bleibst hart. So muß ich denn gehen. Alles Gute für dich.« Die Stimme versagte ihm. Regina hörte die Tür schließen. Da drang ein röchelnder Laut über ihre Lippen, dann ein kurzer Schrei. Sie stürzte ihm nach und faßte nach der Klinke und brach zusammen. – * Diesberg war in sein Zimmer zurückgekehrt. Er dachte an gar nichts, er war wie betäubt. Erst allmählich sammelten sich seine Gedanken. Das Herz schmerzte ihm stark. Er spürte, wie ihm das Wasser in die Augen trat. Er fühlte, wie alle unsichtbaren Ordnungen in ihm zerbrachen. Er hatte mit seiner Liebe gespielt und mit seinem Leben. Nun war alles vorbei. Reißt die Kränze wieder von den Schloßtüren von Bärwalde und werft die Blumen zu den Fenstern hinaus! Die Herrin kommt nicht. Auch nicht der Herr. Eine fürchterliche Scham zerrte an ihm. Er wollte fliehen, er wußte nicht wohin. Er dachte auch wieder an Argentinien – und plötzlich fiel ihm der Auftrag nach England ein. Das war eine Ablenkung, das konnte Monate in Anspruch nehmen. Inzwischen mochte Detmold die Scheidungsangelegenheit ordnen. Wieder kamen die Tränen und der Herzdruck. Es war ihm alles so unfaßlich. Es war nur erklärlich, wenn die Vermutung richtig war, der er andeutenden Ausdruck gegeben hatte. Aber das hatte Regina bestritten – und auch er glaubte es nicht. So blieb also die unabänderliche Tatsache, daß er sich sein Glück verscherzt hatte – in Verkennung der allertiefsten Wesensform des Weibes und in selbstischer Überhebung. Er hatte nichts Böses gewollt, aber in der ewigen Verkettung von Ursachen und Wirkungen hatte das Böse sich gegen ihn gewandt. In aufgeregter Hast packte er seinen Koffer zusammen. Er wollte zunächst nach Berlin zurück, dort in einem Hotel absteigen und alle Vorbereitungen für die englische Reise treffen. Er wollte fort – am liebsten wäre er bis an das Ende der Welt geflüchtet. Da fiel ihm ein, daß der Kurierzug längst abgefahren war, er konnte also erst wieder den Zug Genf–Berlin benützen, der gegen elf Uhr abends in Bern eintraf. Im Hotel wollte er nicht bleiben. Er fürchtete, der Zufall könnte ihn noch einmal mit Regina zusammenführen, und die neue zwecklose Attacke gegen sein Herz wollte er sich ersparen. Er nahm sich einen Wagen und fuhr nach Zimmerwald und stieg von dort aus auf die Bütschelegg, Da hatte er die Alpenwelt im Glanze des Sommertages zu seinen Füßen, aber auch die große Erhabenheit vermochte nicht das Leid zu verdrängen, das auf ihm lastete. Er dachte daran, wie in einem heißstürzenden Augenblick ihn eine wilde Lust gepackt hatte, Regina den Willen seiner Liebe aufzuzwingen und seine Küsse zu Lethefluten werden zu lassen. O, hätte er das nur getan! Es wäre eine Aufrufung des Weibes gewesen und vielleicht ... aber es war zu spät. Es gab keine Lethefluten mehr, aus denen Psyche trinken konnte. Es war alles vorbei... Er stieg wieder bergab. In den Zerfall seines Seelischen mischten sich bittere Gedanken. Er rief das fiebrige Hirn zu Hilfe. War es nicht auch Wahnsinn von Regina, auf diese alberne Scheidung zu drängen, war es nicht Torheit? – Und das arbeitende Hirn gab ihm verstandesklug die ironische Antwort zurück: Jede Torheit der Frau ist eine Dummheit des Mannes! – Richtig, er war verbrecherisch dumm gewesen. Am Abend stand er vor dem Kurierzuge. Der Schlafwagen war besetzt, aber er hatte noch ein leeres Coupé erster Klasse gefunden. Als er vor dem Abteil stand, um seine Zigarre zu Ende zu rauchen, fühlte er den Druck einer Hand auf seinem Arm. Er wandte sich um und sah eine verschleierte Dame vor sich. Da weitete sich sein armes Herz und drohte zu springen. »Mein Gott – Regina«, stammelte er. »Nimm mich mit«, sagte sie mit leiser, sanfter, bittender Stimme. Ihm war es wie Klang von Osterglocken. Er hob sie in den Wagen, sprang nach und schloß die Tür. Es war an der Zeit, die Schaffner schrien, die Maschine gellte ihren Alarm in die Nachtluft. Nun lag er doch noch zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Meine geliebte, geliebte Regina,« schluchzte er, »mein Weib!« Sie neigte sich über ihn und küßte ihn wieder, auf die Stirn, aus die Wange, auf den Mund. »Ja, Erni,« flüsterte sie, »ich bin auch nur ein Weib ...«