Emile Gaboriau Aktenfaszikel 113 Kriminalroman 1. Seit drei Tagen sprach ganz Paris von nichts anderem als von dem Diebstahle, der in dem Bankhause André Fauvel verübt worden war. Dem Täter, der ungemein gewandt und schlau zu Werke gegangen sein mußte und den die Polizei bis zur Stunde nicht zu entdecken vermochte, war es gelungen, aus der versperrten Kasse 350 000 Frank zu entwenden. Die Kasse selbst erwies sich als völlig unversehrt und es war unerklärlich, auf welche Weise das Geld dem einbruch- und feuerfesten Schranke entnommen worden. Der Kassenraum war Fremden überhaupt nicht zugänglich und es waren außerdem solche Sicherheitsmaßnahmen getroffen, daß nur ein Eingeweihter die Kasse öffnen konnte. Das durch einen vergitterten Schalter in zwei Hälften geteilte und mit dem Arbeitskabinett des Chefs durch eine geheime Wendeltreppe verbundene Kassenzimmer war wie ein Kriegsschiff gepanzert. Die Kasse selbst, ein mächtiger, drei Meter hoher Eisenschrank, war in eine tiefe Nische eingelassen und mit Klammern befestigt. Das Kassenschloß war ungemein kunstvoll gearbeitet; es wäre unmöglich gewesen, es mit dem Schlüssel ohne weiteres zu öffnen, man mußte das Stichwort kennen, auf das es gestellt war. Das Geheimnis bestand darin, daß sich der Schlüssel nur dann in das Schloß, an welchem bewegliche Stahlbuchstaben angebracht waren, einführen ließ, wenn die Buchstaben in derselben Reihenfolge wie beim Absperren standen. Das Stichwort, das zum Überfluß noch von Zeit zu Zeit geändert wurde, war nur dem Chef des Hauses und dem Kassierer bekannt. Die weitläufigen und geräumigen Bureaus des Bankhauses Fauvel umfaßten das ganze Erdgeschoß des palastartigen Gebäudes, dessen Besitzer der Bankier selber war. Das letzte Zimmer in der langen Flucht der Bureaus war der Kassenraum, welcher durch eine gußeiserne Wendeltreppe mit den Arbeitszimmern des Chefs in Verbindung stand. Am Morgen des Tages an welchem der Diebstahl entdeckt wurde, erschien in den Bureaus ein elegant gekleideter, hochmütig aussehender Herr, mit einem Trauerflor am Hute und begehrte den Kassierer zu sprechen. Als man ihm bedeutete, daß der Kassierer noch nicht anwesend sei und die Kasse erst um zehn Uhr geöffnet werde, wurde er sichtlich ärgerlich. »Ich bin der Marquis Louis von Clameran, Hüttenbesitzer in Oloran und habe Herrn Fauvel von meinem Kommen verständigt,« sagte er hochfahrenden Tones. »Das Geld, das ich zu beheben wünsche, ist hier in der Bank von meinem Bruder, dessen Erbe ich bin, erlegt worden und ich erwartete, die 300 000 Frank sofort zu meiner Verfügung zu finden.« Die Beamten zuckten die Achsel. »Der Kassierer ist noch nicht hier,« entgegneten sie, »wir können nichts machen.« »Dann wünsche ich mit dem Chef zu sprechen,« sagte der Fremde, doch als er vernahm, daß auch dieser noch nicht anwesend sei, bemerkte er, daß er später wiederkommen wolle und entfernte sich, wie er gekommen, ohne Gruß. »Nun, höflich ist der adelige Herr gerade nicht,« bemerkte ein junger Beamter, namens Cavaillon, der müßig am Fenster stand, »und Pech hat er auch, denn eben sehe ich unseren Herrn Kassierer über die Straße kommen.« In der Tat trat Prosper Bertomy, der Kassierer des Hauses Fauvel, einen Augenblick später ein. Er war ein schöner, etwa dreißigjähriger hochgewachsener Mann mit blondem Haupt- und Barthaar und fröhlichen blauen Augen. Er wäre sehr sympathisch gewesen, wenn er sich nicht bemüht hätte, äußerst steif und kalt zu erscheinen, er hielt das für englisch, wie er sich denn auch nach streng englischer Mode kleidete und stets den »Gentleman« markierte. Dies machte ihn in den Augen vernünftiger Leute ein wenig lächerlich, während namentlich die jüngeren Kollegen sich bestrebten, ihm nachzuahmen. »Sind Sie endlich da,« rief ihm Cavaillon entgegen, »man hat schon nach Ihnen gefragt.« »Ein Hüttenbesitzer, nicht? Der wird schon wiederkommen, übrigens liegt sein Geld bereit.« Während Prosper sprach, hatte er die Tür zu seinem Bureau geöffnet und sich von da ins Kassenzimmer begeben. »Den bringt auch nichts aus der Fassung,« bemerkte einer der jungen Beamten. »Und jeden Tag kommt er zu spät, der Chef kann sagen, was er will, Herr Bertomy kümmert sich wenig darum! Natürlich kann er morgens nicht rechtzeitig am Platze sein, wenn er die ganzen Nächte durchschwärmt. Habt ihr bemerkt, wie elend er heute wieder aussieht? Ganz grün!« »Wahrscheinlich hat er wieder gespielt, ich habe mir sagen lassen, daß er vorigen Monat an einem einzigen Abend 1500 Frank verspielt hat.« »Er ist nichtsdestoweniger ein guter Beamter,« sagte Cavaillon, »und an seiner Stelle würdet ihr vielleicht . . .« Er konnte den Satz nicht vollenden, denn plötzlich wurde die Tür zur Kasse aufgemacht und Bertomy wankte herein. Er zitterte am ganzen Körper und seine Züge waren angstverzerrt. »Man hat mich bestohlen,« stieß er mit heiserer Stimme hervor. Alle Beamten erschraken bei seinem Anblick, sie eilten auf ihn zu und fragten: »Was ist Ihnen geschehen? Was soll gestohlen worden sein?« Aber Prosper Bertomy war außerstande zu antworten, er rang vergebens nach Fassung und er zitterte so heftig, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Einer der Kollegen schob ihm einen Sessel hin, auf den er sich schwer fallen ließ. »Und nun sagen Sie uns doch, was geschehen ist?« Prosper konnte noch immer nicht reden. Endlich, als ihm Cavaillon ein Glas Wasser gereicht hatte, kam er soweit zu sich, daß er einige Worte hervorzubringen vermochte. »Das Geld – – aus der Kasse – – weg.« »Alles?« »Ja, was ich vorbereitet hatte: drei Pakete zu je hunderttausend Frank und eines zu fünfzigtausend. Ich hatte alle vier Pakete in einen Umschlag zusammengebunden und jetzt – ist es weg.« »Hat man die Kasse gesprengt?« »Nein, sie ist unverletzt.« »Aber, wie ist das möglich . . .?« »Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich gestern abend 350 000 Frank in der Kasse hatte und daß sie jetzt leer ist.« Alle schwiegen bestürzt, nur ein alter Beamter sagte besonnen: »Aber Bertomy, verlieren Sie doch den Kopf nicht, aus der versperrten Kasse kann ja das Geld nicht verschwinden, der Chef hat wahrscheinlich darüber verfügt.« Der unglückliche Kassierer atmete erleichtert auf: »Ja, so wird es sein, der Chef – – –« Aber plötzlich sank er wieder in sich zusammen, wie gerne er sich auch an die Hoffnung angeklammert hätte, er konnte es nicht. »Nein,« sagte er niedergeschlagen, »nein, das ist nicht möglich, noch niemals, seit ich in der Kasse bin – und das sind nun über fünf Jahre – hat Herr Fauvel Geld, ohne mich zu verständigen, entnommen, ja er hat die Kasse überhaupt nur in meiner Gegenwart geöffnet . . . Nein, es ist keine Hoffnung . . .« »Nun, zur Verzweiflung ist immer noch Zeit, darum ist's am besten, den Herrn doch zu befragen,« meinte Cavaillon. Die Nachricht, daß die Kasse bestohlen worden sei, hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Bureaus des Bankhauses verbreitet und war auch bis zu Herrn Fauvel gedrungen. Er erschien eben in dem Augenblicke, als Cavaillon einen Diener beauftragte, ihn herabzubitten. André Fauvel mochte etwa fünfzig Jahre zählen, er war von mittlerer Größe, hatte sympathische Züge, lebhafte Augen, aus denen Güte und Wohlwollen sprachen; sein Gesicht zeigte noch jugendliche Frische und sein dichtes Haar war nur an den Schläfen leicht ergraut. »Was gibt es, was ist geschehen?« fragte er. Die Beamten, die sich alle um den Kassierer gedrängt hatten, machten respektvoll Platz. Als Bertomy des Chefs ansichtig wurde, erhob er sich sofort, trat ihm entgegen und sagte: »Herr Fauvel, da, wie Sie wissen, heute morgen eine größere Zahlung zu machen war, habe ich gestern zur Bank geschickt und 350 000 Frank holen lassen . . .« »Warum gestern?« unterbrach ihn der Chef. »Habe ich Ihnen nicht schon tausendmal gesagt, daß die Gelder immer erst am Bedarfstage selbst beschafft werden sollen? . . .« »Ja, ich weiß, daß ich unrecht hatte und so ist das Unglück geschehen. Gestern abend schloß ich das Geld in die Kasse und heute ist es verschwunden – der Schrank ist aber nicht erbrochen.« »Sie sind nicht recht bei Troste,« rief Fauvel, »oder Sie träumen, wie kann denn das Geld verschwinden?« Obgleich diese Worte des Chefs Bertomys Hoffnung vernichten mußte, zeigte er sich ziemlich gefaßt, er war nach der jähen Gemütsbewegung, die er eben überstanden hatte, beinahe stumpfsinnig geworden. »Leider bin ich bei voller Vernunft und träume auch nicht,« entgegnete er, »es ist so, wie ich sagte.« Die scheinbare Ruhe des Kassierers brachte Herrn Fauvel auf. Er faßte Bertomy am Arm, schüttelte ihn und rief: »Wer soll denn die Kasse geöffnet haben, Sie Unglücksmensch? . . . So sprechen Sie doch!« »Ich weiß es nicht.« »Aber nur Sie kennen außer mir das Stichwort, und niemand außer uns beiden hat einen Schlüssel!« Bertomy blieb bei diesen Worten, die fast einer Beschuldigung gleichkamen, völlig kalt, er machte seinen Arm von Herrn Fauvels Umklammerung sachte los und sagte ruhig, indem er seinen Chef scharf ansah: »Allerdings, Herr Fauvel, kann niemand anderes das Geld genommen haben als ich – oder Sie! « Der Bankier hob drohend den Arm und es war nicht vorauszusehen, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen einen lauten Wortwechsel vernommen hätte. Einer der Diener bemühte sich, einem Herrn den Eintritt zu verwehren, dieser aber erzwang sich den Eingang und stieß mit zorniger Gebärde die Türe auf. Alle Beamten, welche im Bureau anwesend waren, standen ernst und unbeweglich, das tiefe Schweigen hatte etwas Unheimliches. Aber der Ankömmling – es war der Marquis von Clameran – tat als merkte er nichts; wieder mit dem Hut auf dem Kopfe trat er ein und sagte kurz: »Es ist zehn Uhr vorüber.« Da niemand antwortete, war der Hüttenbesitzer eben im Begriffe, seiner Meinung heftig Ausdruck zu geben, als er Herrn Fauvel erblickte. »Ah gut, daß Sie da sind,« rief er. »Ich bin schon einmal hier gewesen, aber weder Sie noch der Kassierer waren anwesend.« »Sie irren,« entgegnete der Bankier, »ich war in meinem Arbeitszimmer.« »So? man hat mir gesagt, daß Sie nicht da wären – jener Mensch dort behauptete es,« und der Graf wies mit dem Finger nach Cavaillon – »übrigens ist das jetzt Nebensache. Sehr merkwürdig aber finde ich es, daß, wie ich jetzt zum zweitenmal komme, die Kasse noch immer gesperrt ist und man mir den Eintritt verweigerte. Natürlich lasse ich mir so etwas nicht bieten und bin trotzdem hereingedrungen, und nun frage ich Sie, kann ich mein Geld haben oder nicht?« Fauvel, der bei der Eröffnung seines Kassierers aschfahl geworden war, wurde nun bei den Worten des Hüttenbesitzers dunkelrot, er bebte vor Zorn und mußte sich Gewalt antun, um nicht heftig zu werden und sich zu einem höflichen Ton zwingen. »Es wäre mir angenehm, Herr Marquis,« sagte er, »wenn Sie mir noch eine kleine Frist einräumen wollten.« »Ich dächte doch, Sie selbst sagten ausdrücklich . . .« »Allerdings, das Geld lag auch schon für Sie bereit, aber leider bin ich das Opfer eines Diebstahls geworden, es wurden 350 000 Frank ans der Kasse entwendet.« »Ah,« sagte der Graf von Clameran und lächelte ironisch. »Und wie lange soll ich wohl warten?« »Nur so lange, bis ich das Geld von der Bank habe holen lassen.« Und Fauvel kehrte dem Hüttenbesitzer den Rücken und sagte zu seinem Kassierer: »Schreiben Sie rasch eine Anweisung aus und schicken Sie sofort in die Bank; der Diener soll einen Wagen nehmen und das Geld holen.« Bertomy saß wie versteinert da und rührte sich nicht. »Haben Sie nicht gehört?« herrschte ihn der Bankier an. Der Kassierer zuckte zusammen, er war wie ein Schlafwandler, der jäh aufgeschreckt wird. »Es würde nichts nützen, auf die Bank zu schicken,« sagte er, »die Forderung dieses Herrn beträgt 300 000 und wir haben nur noch 100 000 Frank dort stehen.« Der Graf von Clameran stieß eine kurze Lache hervor. »Natürlich . . .« sagte er und seine höhnische Miene drückte deutlich seine Gedanken aus: Das ist natürlich eine abgekartete Komödie, aber ich lasse mich nicht täuschen. Bei der überraschenden Mitteilung des Kassierers, daß nicht genügend Guthaben in der Bank vorhanden sei, drückten die Gesichter der Beamten Erstaunen und Bestürzung aus. Allerdings war es allen bekannt, daß durch finanzielle Krisen selbst alte ehrenwerte Firmen ins Wanken gekommen, das Haus Fauvel aber hatten sie alle für fest gehalten. Und doch – konnte die Szene, die sich soeben zwischen dem Chef und dem Kassierer abgespielt hatte, nicht eine abgekartete Komödie sein, wie der unhöfliche Hüttenbesitzer andeutete . . .? Fauvel war ein viel zu erfahrener Mann, um nicht sofort den Eindruck, den Bertomys Worte hervorgerufen hatten, zu gewahren, stand doch der kränkende Verdacht auf allen Gesichtern deutlich zu lesen. »Seien Sie außer Sorge, Herr Graf,« beeilte er sich zu sagen, »mein Haus hat noch andere Quellen, Ihr Geld ist Ihnen sicher, wollen Sie sich nur einen Augenblick gedulden, ich bin sofort zurück.« Er ging in sein Arbeitskabinett und erschien nach wenigen Minuten wieder, in der Hand hielt er einen Brief und ein Päckchen, das Wertpapiere enthielt. »Rasch Courtier,« sagte er zu einem der Beamten, »fahren Sie mit dem Herrn Grafen zu Rothschild, dort geben Sie diesen Brief und die Wertpapiere ab, Sie werden dafür 300 000 Frank erhalten, die Sie dem Herrn Grafen gegen Bestätigung ausfolgen.« Der Graf von Clameran schien etwas verlegen und versuchte sein unartiges Benehmen gutzumachen. »Seien Sie versichert, Herr Fauvel,« sagte er, »daß es mir fern lag, Sie beleidigen zu wollen; wir stehen ja schon seit Jahren in Verbindung und . . .« »Bitte, es bedarf keiner Entschuldigung,« entgegnete der Bankier kalt. »Bei Geschäften gelten keinerlei Beziehungen, weder Bekanntschaft noch Freundschaft. Sie fordern Ihr Geld und meine Pflicht ist es, Ihnen dasselbe auszuzahlen, begleiten Sie meinen Beamten und Sie werden es sofort erhalten.« Dann drehte er sich um und sagte zu den Leuten, die noch immer neugierig herumstanden: »Nun, meine Herren, ich dächte, es wäre Zeit, daß Sie zu Ihrer Arbeit zurückkehren.« Im Nu war der Kreis zerstoben und das Bureau leer, nur die Beamten, die in demselben zu arbeiten hatten, waren geblieben, sie saßen an ihren Schreibtischen und schrieben, daß die Federn flogen. Fauvel schritt fieberhaft erregt auf und ab, indes Bertomy bleichen Antlitzes an der Wand lehnte und gedankenlos vor sich hinstarrte. Endlich, nach langer Pause blieb der Bankier vor dem Kassierer stehen und sagte: »Wir müssen trachten, Licht in die Sache zu bringen, kommen Sie ins Kassenzimmer.« Ohne ein Wort der Erwiderung, fast mechanisch gehorchte Bertomy und folgte dem Chef ins Kassenzimmer. Hier verriet nicht das geringste Anzeichen, daß fremde Einbrecher eingedrungen waren. Kein Blatt Papier war von seiner Stelle gerückt, alles lag in gewohnter Ordnung. Im offenen Geldschrank – Prosper hatte im ersten Schrecken über seine Entdeckung vergessen, ihn wieder zu schließen – gewahrte man in einem oberen Fach eine Anzahl Geldrollen, die die Diebe übersehen oder verschmäht haben mochten. Fauvel hatte seine Fassung wieder erlangt, und sein Gesicht verriet nichts von der gehabten Aufregung. Er schloß die Tür sorgfältig ab, dann ohne die Kasse oder irgend etwas in Augenschein zu nehmen, setzte er sich, wies seinem Kassierer ebenfalls einen Stuhl an und sprach: »Jetzt sind wir allein, Prosper – haben Sie mir nichts anzuvertrauen?« Der Kassierer schrak aus seiner Geistesabwesenheit auf. »Nichts, Herr Fauvel, was ich Ihnen nicht schon gesagt hätte.« »Wirklich, Prosper, nichts? Sie werden doch diese sinnlose, lächerliche Geschichte, an die niemand glaubt, nicht weiter aufrecht erhalten wollen? Das wäre Wahnsinn. Haben Sie Vertrauen zu mir, Prosper, ich bin nicht nur Ihr Vorgesetzter, ich bin auch Ihr bester Freund. Haben Sie vergessen, daß Sie seit fünfzehn Jahren bei mir sind und ich Ihnen in dieser Zeit nur stets väterliches Wohlwollen bewiesen? Und ich, Prosper, ich will nur daran denken, daß ich diese ganze lange Zeit nur Ursache hatte, mit Ihnen zufrieden zu sein.« Noch niemals hatte Bertomy seinen Chef mit so weichem väterlichen Ton sprechen hören; in seinem Gesichte malte sich höchstes Erstaunen. »Sagen Sie selbst, habe ich Sie nicht wie ein Vater behandelt, stand Ihnen nicht mein Haus offen? Die Meinen nahmen Sie wie einen lieben Anverwandten auf. Sie haben die ganze Zeit mit meinen Söhnen und meiner Nichte Magda wie mit Geschwistern verkehrt. Aber plötzlich gefiel Ihnen dieses häusliche Leben nicht mehr. Seit einem Jahre ungefähr meiden Sie unser Haus und seitdem . . .« Die Erinnerungen, die durch des Bankiers Worte in Bertomy wachgerufen worden, rührten und überwältigten ihn derart, daß er sich der Tränen nicht erwehren konnte, er schlug die Hände vors Gesicht und weinte. »Einem Vater kann man alles anvertrauen,« nahm Fauvel, ebenfalls von Rührung ergriffen, wieder das Wort, »und ein Vater, Prosper, kann verzeihen, vergessen sogar. Ich weiß sehr wohl, daß ein junger Mann in einer Großstadt wie Paris Versuchungen aller Art ausgesetzt ist, er kann straucheln – – und es gibt Stunden der Verirrung, wo man etwas begeht, was man später selbst nicht begreifen kann . . . Sprechen Sie, Prosper, gestehen Sie mir alles.« »Aber was um Gottes willen soll ich Ihnen sagen?« »Die Wahrheit! Man kann fehlen, Prosper, aber ein rechtschaffener Mensch gesteht seinen Fehler. Sagen Sie mir: Ja, ich habe mich hinreißen lassen, ich bin jung, ich habe Leidenschaften, in einem Augenblick der Verwirrung habe ich mich an dem Gelde vergriffen . . .« »Ich! . . .« stöhnte Prosper, »ich!« »Armer Junge,« sagte Fauvel traurig. »Glauben Sie denn, daß ich Ihr Leben seit dem Tage, da Sie sich uns entfremdet haben, nicht kenne? Ihre Kollegen waren offenbar neidisch und mochten es Ihnen nicht verzeihen, daß Sie, trotz Ihrer Jugend, einen Gehalt von 12 000 Frank haben. Es verging kaum eine Woche, in der nicht ein anonymer Brief mir über Ihr Privatleben Aufschlüsse gebracht hätte. Von allen Nächten, die Sie im Spiel verbrachten, von allen Summen, die Sie verloren, hatte ich genau Kenntnis. Und wenn ich auch auf anonyme Angebereien keinen Wert lege und sie verachte, so war ich doch schließlich gezwungen, mich zu erkundigen – denn es ist nur recht und billig, daß ich darüber unterrichtet bin, wie der Mann lebt, in dessen Hände ich mein Vermögen und meine Ehre vertrauensvoll gelegt habe. Ja, meine Ehre,« wiederholte der Bankier mit erregter Stimme, in deren Klang noch die erlittene Demütigung nachzitterte, »meinen Kredit, der heute durch Sie hätte bloßgestellt werden können! Wie, wenn ich die Wertpapiere, die ich hingegeben habe, um den Marquis von Clameran zu befriedigen, nicht besessen hätte?« Der Bankier hielt inne, er erwartete eine Antwort, da aber Bertomy wie vernichtet dasaß, ohne, sich zu regen, fuhr er fort: »Fassen Sie Mut, Prosper, folgen Sie Ihrer guten Regung. Ich lasse Sie jetzt allein und komme erst am Abend wieder, unterdessen suchen Sie noch einmal recht gründlich in der Kasse nach. Ich bin überzeugt, das Geld wird sich im Laufe des Tages finden, wenn auch nicht alles, so sicherlich der größte Teil und damit wollen wir die Sache auf sich beruhen lassen und nicht weiter darüber reden. Abgemacht?« Fauvel hatte sich während dieser Worte erhoben und war auf die Tür zugeschritten, aber Prosper hielt ihn zurück. »Ihr Edelmut ist überflüssig,« sagte er bitter, »ich kann nichts zurückgeben, aus dem einfachen Grunde, weil ich nichts genommen habe. Ich habe mich nicht geirrt, die Kasse ist leer, das Geld ist gestohlen worden.« »Aber von wem, um Himmels willen, von wem?« »Von mir nicht , das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« Die Zornesröte stieg Fauvel ins Gesicht. »Elender,« rief er, »wollen Sie etwa damit sagen, daß ich es genommen habe?« Bertomy senkte den Kopf und gab keine Antwort. »Ah, steht es so,« rief der Bankier außer sich. »Sie wagen es . . .! Nun wohl, so soll das Gericht zwischen mir und Ihnen entscheiden! . . . Ich habe alles, was menschenmöglich war, getan, um Sie zu retten, Sie stoßen die Hand zurück – nun wohl, schreiben Sie sich die Folgen selbst zu . . . Ich habe den Polizeikommissar herbitten lassen – er wartet gewiß schon in meinem Zimmer – soll ich ihn rufen?« Prospers Gesicht und Haltung drückten vollständige Hoffnungslosigkeit aus. »Tun Sie es,« sagte er tonlos. Fauvel, der schon an der Tür stand, öffnete sie, er warf einen letzten Blick auf seinen Kassierer – dann wandte er sich hinaus und rief einem Diener zu: »Anselm, bitten Sie den Herrn Kommissar herabzukommen.« 2. Wenn es auf der Welt einen Menschen gibt, den keinerlei Ereignisse in Erstaunen setzen oder aufregen, der sich nicht durch den Schein trügen läßt und dem nichts unglaublich oder unmöglich erscheint, so ist es sicher ein Polizeikommissar von Paris. Der Kommissar, den der Bankier hatte rufen lassen, erschien mit ruhiger, gleichgültiger Miene, ihm folgte ein kleines schwarzgekleidetes, äußerst bewegliches Männchen. »Ein peinlicher Umstand zwingt mich, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, Herr Kommissar,« sagte Fauvel. »Ich weiß,« entgegnete jener, »es handelt sich um einen Diebstahl.« »Allerdings, um einen unerhörten, niederträchtigen Diebstahl, der an der Kasse, die Sie hier offen sehen, begangen worden und nur mein Kassierer – der Bankier deutete bei diesen Worten auf Bertomy – hatte den Schlüssel und das Stichwort.« Diese Worte, die einer direkten Beschuldigung gleichkamen, rüttelten den unglücklichen Kassierer aus seinem dumpfen Hinbrüten auf. »Entschuldigen Sie, Herr Kommissar,« sagte er mit erloschener Stimme, »auch der Chef besitzt einen Schlüssel und kennt das Stichwort.« Aus diesen beiden Aussagen ward es dem Kommissar sofort klar, daß die beiden Männer einander gegenseitig anklagten, und daß in der Tat nur einer von ihnen der Schuldige sein konnte. Sein Gesicht verriet seine Gedanken nicht, aber er betrachtete abwechselnd den Chef und den Kassierer mit der größten Aufmerksamkeit, als wollte er aus ihrer Haltung Beweise für die Schuld des einen oder des anderen herauslesen. Prosper war auf seinen Stuhl niedergesunken, seine Arme hingen schlaff herab, er war totenblaß und er sah äußerst niedergeschlagen aus. Der Bankier hingegen war stehengeblieben. Sein Gesicht war zornesrot und seine Augen funkelten. Er sprach mit größter Heftigkeit. »Es handelt sich um keine Kleinigkeit, 350 000 Frank sind spurlos verschwunden. Der Diebstahl hätte für mich unabsehbare Folgen haben, meinen Kredit schädigen können.« »Das begreife ich,« versetzte der Kommissar, »an einem Verfallstage zum Beispiel . . .« »Jawohl, ich hatte gerade heute eine größere Zahlung.« »In der Tat, ah?« In dem Kommissar war ein Verdacht aufgestiegen und die Art, wie er diese Worte betonte, ließen Fauvel seine Gedanken erraten, er zuckte zusammen, entgegnete aber schnell: »Ich bin trotzdem meinen Verpflichtungen nachgekommen. – Aber ich muß noch erwähnen, daß sich die 350 000 Frank nicht in der Kasse befunden hätten, wenn meine Befehle befolgt worden wären.« »Wieso?« »Ich behalte nie gern größere Summen über Nacht im Hause. Mein Kassierer war angewiesen, stets bis zur letzten Stunde zu warten, ehe er das Nötige von der Bank von Frankreich, wo ich meine Gelder liegen habe, holen ließ.« »Verhält es sich so?« wandte sich der Polizeikommissar an Bertomy. »Ja, Herr Kommissar,« versetzte dieser. »Kann der Dieb nicht von außen gekommen sein?« fragte der Kommissar aufs neue. Fauvel zögerte mit der Antwort. »Kaum,« entgegnete er endlich. »Und ich bin sicher, daß er nicht von außen kam,« sagte Prosper bestimmten Tones. »Trotzdem dürfen wir nichts unberücksichtigt lassen,« sagte der Kommissar, und sich an seinen unscheinbaren Begleiter wendend, setzte er hinzu: »Sehen Sie doch nach, Fanferlot, ob Sie nicht irgendwelche Spuren finden, die den Herren entgangen sind.« Fanferlot war Beamter der Sicherheitspolizei und wurde von seinen Kollegen wegen seiner ungemeinen Behendigkeit »das Eichhörnchen« genannt. Er war von einem ungeheuern Ehrgeiz beseelt und brannte darauf, sich auszuzeichnen; seit Jahren suchte er nach einem außerordentlichen Fall, der ihn ans ersehnte Ziel führen könnte – bis zur Stunde aber war es ihm noch nicht gelungen. Noch ehe der Kommissar ihm den Auftrag gegeben, hatte er schon überall herumgespürt, Wände und Türen untersucht, sogar in der Asche im Kamin herumgestöbert. »Ein Fremder dürfte hier schwerlich eingedrungen sein,« sagte er endlich. »Wird die Tür abends geschlossen?« »Ja, gewiß.« »Und wer hat den Schlüssel?« »Ich übergebe ihn jeden Abend dem Bureaudiener,« entgegnete Bertomy. Und Fauvel fügte hinzu: »Dieser Diener schläft im Vorzimmer auf einem Feldbette.« »Ist er hier?« fragte der Kommissar. »Ja,« antwortete der Bankier, öffnete die Tür und rief: »Anselm.« Der Diener erschien; er war schon zehn Jahre im Hause und genoß das volle Vertrauen seines Herrn; er wußte, daß kein Verdacht gegen ihn vorliegen konnte und doch entsetzte ihn der Gedanke an den Diebstahl so, daß er wie Espenlaub bebte. »Haben Sie heute nacht im Nebenzimmer geschlafen?« fragte der Kommissar. »Ja, Herr Kommissar, wie gewöhnlich.« »Um wie viel Uhr sind Sie schlafen gegangen?« »Es mochte halb elf sein, ich habe den Abend mit dem Kammerdiener im Kaffeehause nebenan zugebracht.« »Haben Sie nachts kein Geräusch gehört?« »Nicht das geringste, ich habe einen sehr leichten Schlaf und erwache sofort, wenn zum Beispiel der Herr in das Kassenzimmer kommt.« »Pflegt der Herr öfters nachts in das Kassenzimmer zu kommen?« »Nein, Herr Kommissar, im Gegenteil, sehr selten.« »War er heute nacht da?« »Nein, bestimmt nicht, ich konnte lange nicht einschlafen, weil der schwarze Kaffee, den ich getrunken, sehr stark war, ich müßte jedes Geräusch gehört haben.« »Es ist gut,« sagte der Polizeikommissar, »Sie können gehen.« Fanferlot hatte unterdessen seine Nachforschungen fortgesetzt und die Türe, durch die man zur Wendeltreppe gelangte, geöffnet. »Wohin führt diese Treppe?« fragte er. »In mein Arbeitszimmer,« erwiderte der Bankier. »Kann ich es besichtigen? Ich möchte den Eingang untersuchen.« »Gewiß, kommen Sie, meine Herren und auch Sie, Prosper.« Das Privatbureau Fauvels bestand aus zwei Räumen, einem vornehm ausgestatteten Empfangssalon und dem Arbeitszimmer, das außer einem riesigen Eichenschreibtisch nur wenig Möbel enthielt. In das Arbeitszimmer mündete die geheime Wendeltreppe, eine zweite Türe führte in das Schlafzimmer, während der Empfangssalon einen Ausgang nach dem Hausflur und der Haupttreppe hatte. Mit einem einzigen Blick hatte Fanferlot das Arbeitszimmer überschaut und sich sofort überzeugt, daß hier nichts zu entdecken war. Er begab sich in den Empfangssalon, wohin ihm der Kommissar und Fauvel folgten. Prosper blieb allein zurück. Er war noch immer keines klaren Gedankens fähig, aber er fühlte, daß sich seine Lage verschlimmert hatte. Er war sich dessen bewußt, daß es einen Kampf galt zwischen ihm und seinem Chef, und daß der Unterliegende die Niederlage mit seiner Ehre bezahlen würde. Und er wußte auch, daß die Aussichten für ihn weit ungünstiger standen, das drückte ihn völlig nieder. Nein, niemals hätte er's gedacht, daß Herr Fauvel seine Drohungen erfüllen würde und es auf einen Prozeß ankommen ließe, stand doch für ihn ebensoviel, ja noch mehr auf dem Spiele wie für seinen Untergebenen. Prosper war auf einen Sessel gesunken und die trostlosesten Gedanken stürmten auf ihn ein. Da öffnete sich plötzlich die Seitentür, die in das Schlafzimmer führte, und ein wunderschönes junges Mädchen erschien auf der Schwelle. Sie war schlank und hochgewachsen und das enganliegende Morgenkleid ließ ihre jugendlich-schwellenden Formen voll zur Geltung kommen. Ihre großen schönen Augen blickten aus einem wahren Blumengesichtchen und ihre dunklen Flechten hingen lang auf ihr weißes Gewand herab. Es war Magda, die Nichte Fauvels. Als sie statt des Oheims, den sie suchte, Prosper erblickte, konnte sie einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Prosper war emporgesprungen, in seinen erloschenen Augen leuchtete es auf, ihm war als wäre ihm ein Engel des Trostes, der Hoffnung erschienen. »Magda,« stammelte er, »Magda!« Das junge Mädchen war wie eine Rose rot geworden. Sie wich einen Schritt zurück, als wollte sie sich entfernen, aber da Prosper sich ihr genähert hatte, siegte in ihr das Gefühl, das stärker als ihr Wille war und sie streckte ihm die Hand entgegen, die er respektvoll an die Lippen führte. Dann standen sie schweigend und befangen einander gegenüber und wagten nicht, sich anzublicken; sie hatten sich so viel zu sagen und konnten keine Worte finden. Endlich sagte sie leise: »Sie, Prosper, Sie?« Diese Worte brachen den Zauber, der junge Mann ließ die kleine Hand los, die er noch in der seinen gehalten, trat einen Schritt zurück und sagte bitteren Tones: »Jawohl, Prosper ist es, der Spielgefährte Ihrer Kinderzeit, der nun des schmählichsten Diebstahls verdächtig und angeklagt ist, den Ihr Oheim den Gerichten ausliefert, der, ehe der Tag sich neigt, im Gefängnis schmachten wird!« Magda erschrak auf das heftigste. »Mein Gott, was wollen Sie damit sagen?« »Wie, Fräulein Magda, Sie sollten noch nichts davon wissen, hat Ihnen die Tante nichts gesagt?« »Die Tante ist so unwohl, daß ich eben deshalb herübergekommen bin, um den Onkel zu holen. – Ich weiß von nichts, sagen Sie mir um Himmels willen, was Ihnen widerfahren ist?« Prosper zögerte. Einen Augenblick lang war's ihm, als sollte er ihr sein Herz erschließen, aber dann kam die Erinnerung an das, was einst zwischen ihnen vorgefallen war und erstickte die Stimme seines Inneren. Traurig schüttelte er das Haupt und sagte: »Es ist sehr edel von Ihnen, Fräulein Magda, daß Sie mir Ihre Teilnahme bezeigen, aber – es ist besser, ich schweige – was ich zu sagen habe, würde Sie nur unnötig betrüben – wir werden uns ja wahrscheinlich nie wiedersehen – erlassen Sie mir den Schmerz, vor Ihnen erröten zu müssen.« »Ich will alles wissen, sprechen Sie!« »Mein Unglück und meine Schande werden Ihnen kein Geheimnis bleiben, man wird dafür sorgen, daß Sie alles erfahren und dann werden Sie froh sein über das, was Sie getan haben.« Magda drang in ihn, sich deutlicher zu erklären, sie bat, sie beschwor ihn, ihr alles zu sagen, allein er beharrte bei seinem Entschlusse. »Ihr Oheim ist mit den Polizeiorganen hier nebenan,« sagte er, »sie können jeden Augenblick zurückkommen, bitte, gehen Sie, damit man Sie hier nicht findet. Bitte, gehen Sie,« wiederholte er und drängte die Zögernde sanft über die Schwelle. Er hatte eben noch Zeit, die Türe hinter ihr zuzuziehen, als der Kommissar und der Bankier wieder eintraten. Die beiden hatten das Empfangszimmer und die Haupttreppe besichtigt, aber von dem, was im Arbeitskabinett vorgegangen, nichts gehört, aber Fanferlot war auf der Lauer gewesen. Er hatte sich gesagt, »wenn der Kassierer sich allein glaubt, wird manches auf seinem Gesichte zu lesen sein,« und ihn deshalb belauscht. Auf diese Weise war er Zeuge des Gespräches zwischen Magda und Prosper geworden. Zwar war daraus nicht viel zu entnehmen, nur soviel erriet er, daß zwischen den beiden ehemals etwas vorgefallen sein mußte, das sie jetzt nicht berühren wollten. Es galt Fanferlot als ausgemacht, daß der Kassierer das schöne Mädchen liebte, auch sie mochte seine Neigung erwidern, und nun spann der phantasievolle Sicherheitsagent sofort einen Roman daraus, der ihm den Schlüssel zu dem rätselhaften Verbrechen geben sollte: Der Bankier sah das Liebesverhältnis der beiden mit scheelen Augen an, und um sich des jungen Mannes zu entledigen, hatte er den Diebstahl fingiert. Fanferlot war klug genug, seine Vermutung für sich zu behalten, er war von der Unschuld des Kassierers zwar überzeugt, aber er wußte, daß er sie auch beweisen mußte, um andere davon zu überzeugen, und da er den Ruhm, diese verwickelte Geschichte zu entwirren, ganz allein haben wollte, beschloß er, die Untersuchung auf eigene Faust zu führen. Er war ganz vergnügt bei dem Gedanken und schwelgte schon im Vorgeschmack seines künftigen Triumphes. Unterdessen war die Besichtigung im ersten Stocke beendet und alle begaben sich wieder ins Kassenzimmer hinab. Der Polizeikommissar sah sorgenvoll aus. Der Augenblick war gekommen, wo er einen Entschluß fassen mußte und die Entscheidung fiel ihm schwer. »Wir haben also,« sagte er, »unsere erste Meinung bestätigt gefunden, von außen ist niemand eingedrungen. Sie sind doch auch der Meinung, Fanferlot?« Der Angeredete gab keine Antwort, er war damit beschäftigt, das Schloß der Kasse mit der Lupe zu untersuchen und sein Gesicht drückte so unverhohlenes Erstaunen aus, daß es allen auffiel. Der Kommissar, Fandet und Prosper traten hinzu und ersterer fragte: »Haben Sie etwas entdeckt?« »O, nichts von Bedeutung,« antwortete Fanferlot leichthin, innerlich höchlich verstimmt, daß er sein Erstaunen nicht besser verborgen hatte. »Wir möchten aber doch gern wissen, was es ist,« sagte Prosper. »Nun, ich habe einfach den Beweis gefunden, daß der Geldschrank vor kurzem mit einer gewissen Heftigkeit geöffnet oder geschlossen worden ist.« »Woraus schließen Sie das?« fragte der Kommissar mit sichtlichem Interesse. »Hier, Herr Kommissar, bitte, besehen Sie den Strich an der Türe, der am Schlüsselloch anfängt.« Mit diesen Worten überreichte der Sicherheitsagent seinem Vorgesetzten das Vergrößerungsglas und dieser besichtigte lange und aufmerksam die bezeichnete Stelle. Es war deutlich, selbst mit freiem Auge zu erkennen, daß sich ein etwa zwölf bis fünfzehn Zentimeter langer Strich von oben nach unten durch den Firnis zog. »Den Strich sehe ich wohl,« sagte der Kommissar, »allein was soll er beweisen?« »O nichts, ich sagte es ja eben,« erwiderte Fanferlot; in Wirklichkeit aber war er überzeugt, daß der offenbar frische Strich eine Bedeutung hatte, ja er war um die Auslegung nicht verlegen und er sah darin die Bestätigung seiner Vermutung, daß nicht der Kassierer, sondern der Bankier selbst der Dieb war. Der Strich verriet Eile, nun, der Kassierer, der zu jederzeit in die Kasse gehen kann, braucht sich nicht zu beeilen, wohl aber der Chef, der nachts heimlich auf den Fußspitzen herabschleicht, um den Diener nebenan nicht zu wecken – wie leicht konnte da der Schlüssel seinen zitternden Händen ausgleiten und den Firnis ritzen. Da aber Fanferlot entschlossen war, die Angelegenheit allein zu entwirren, so behielt er seine Meinung für sich und war sogar bemüht, des Kommissars Aufmerksamkeit wieder von dem Strich abzulenken. »Meiner Meinung nach,« sagte er zu seinem Vorgesetzten, »kann kein Fremder hier eingedrungen sein, derjenige, der die Kasse öffnete, besaß den richtigen Schlüssel und kannte das Stichwort.« Diese Worte machten der Unentschlossenheit des Kommissars ein Ende. »Darf ich Sie um eine Unterredung bitten, Herr Fauvel?« sagte er. »Ich stehe zur Verfügung,« entgegnete dieser. Prosper begriff, er verließ das Zimmer und ging in das Bureau nebenan, ehe er sich aber entfernte, stellte er seinen Hut absichtlich auf den Tisch, damit man nicht glauben solle, er wolle durchgehen. Der Kommissar gab Fanferlot unauffällig ein Zeichen, er wußte, was es heißen sollte, nämlich: laß den Mann nicht aus den Augen – es hätte dieser Mahnung nicht bedurft. Der Sicherheitsagent folgte dem Kassierer in das Bureau und dort setzte er sich auf ein Bänkchen, das im Hintergrunde stand. Er machte sich's recht bequem, gähnte herzhaft, verschränkte die Arme, lehnte den Kopf an die Wand und schloß die Augen. Prosper hatte sich unterdessen an ein Schreibpult, das unbenutzt war, gesetzt. Die übrigen Beamten waren alle neugierig und hätten gerne das Ergebnis der Voruntersuchung erfahren, aber sie getrauten sich nicht, Bertomy zu befragen. Nur sein Freund, der junge Cavaillon, trat an ihn heran und fragte: »Nun?« Prosper zuckte die Achseln. »Man weiß nichts,« versetzte er. Er war wieder vollkommen Herr über sich selbst geworden und niemand hätte zu erraten vermocht, welcher Aufruhr erst vor kurzem in seinem Inneren getobt hatte. Er trug wieder seine gleichgültig, hochmütig kalte Miene zur Schau, die ihm unter seinen Kollegen soviel Feinde gemacht hatte. Fanferlot, der ihn trotz seiner scheinbar geschlossenen Augen scharf beobachtete, sah, wie er nachlässig mit einem Bleistift spielte, plötzlich aber ein Blatt Papier nahm und hastig einige Worte darauf schrieb. »Zum Henker,« dachte der Sicherheitsagent, »was der für starke Nerven hat . . .« Und nun beobachtete er, wie der junge Mann das beschriebene Blatt zusammenfaltete, sich dann sorgfältig umsah, auch ihn, Fanferlot, der regungslos auf der Bank lehnte, mit einem Blick streifte und dann das Briefchen Cavaillon zuwarf und dabei leise das einzige Wort: »Gypsy« aussprach. Unterdessen setzte der Polizeikommissar den Bankier von der unabwendbaren Folge der Voruntersuchung in Kenntnis. »Es ist kein Zweifel mehr möglich,« sagte er, »Ihr Kassierer hat den Diebstahl begangen und ich bin gezwungen, ihn zu verhaften.« »Schrecklich!« sagte Fauvel traurig. »Armer Prosper!« Und als ihn der Kommissar verwundert anblickte, fügte er hinzu: »Ja, ich bedauere den Unglücklichen; ich habe ihn herzlich lieb gehabt und mein Vertrauen war unerschütterlich . . . Was hätte ich nicht darum gegeben, das Schreckliche von ihm abzuwenden. Ich habe ihn gebeten, beschworen, zu gestehen – es war umsonst! – – Und was für Unannehmlichkeiten und Demütigungen mir noch bevorstehen . . .« »Wie meinen Sie das?« »Nun, werden die Richter nicht Einsicht in meine Geschäftsgebarung begehren? Und wie, wenn ich nicht beweisen könnte, daß meine Aktiven meine Passiven übersteigen? Wie nahe läge die Gefahr, selbst verdächtig zu erscheinen!« Der Bankier war bei diesen Gedanken ganz aufgeregt. »Beruhigen Sie sich, Herr Fauvel,« sagte der Polizeikommissar begütigend, »noch ehe acht Tage vergangen sind, hat das Gericht vollgültige Beweise, die die Schuld Ihres Kassierers auf das untrüglichste dartun. – Jetzt bitte, lassen Sie ihn wieder hereinkommen.« Ruhig und gefaßt hörte Prosper die Ankündigung, daß er verhaftet sei, an, er antwortete nur einfach: »Ich bin unschuldig, Herr Kommissar.« Herr Fauvel war nicht so ruhig. »Ich bitte Sie, Prosper,« sagte er eindringlich, »noch ist es Zeit, um Himmels willen, lassen Sie es nicht zum Äußersten kommen.« Aber der junge Mann schien ihn nicht zu hören. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche, legte ihn auf das Kaminsims und sagte: »Hier ist der Kassenschlüssel, Herr Fauvel, ich hoffe um meinetwillen, Sie werden eines Tages erkennen, daß ich unschuldig bin und um Ihretwillen hoffe ich, daß es alsdann nicht zu spät sein wird!« Er schwieg, und erst nach einer Pause fuhr er fort: »Hier auf meinem Schreibtische sind alle Papiere, Bücher und Verzeichnisse, mein Nachfolger wird alles in Ordnung finden. Nur muß ich, ehe ich gehe, Sie aufmerksam machen, Herr Fauvel, daß ich, abgesehen von den 350 000 Frank, noch ein Defizit in der Kasse zurücklasse.« Ein Defizit! dachte der Polizeikommissar, wie könnte man da noch an seiner Schuld zweifeln, ehe er die Kasse im Großen bestahl, plünderte er sie mit kleinen Beträgen! Ein Defizit! dachte sich Fanferlot, der gerade in dem Augenblick aufgestanden war, als Bertomy vor den Kommissar gerufen wurde und ihm daher gefolgt war, ein Defizit? Jetzt ist doch an der Unschuld des armen Teufels nicht zu zweifeln, denn, wenn er die große Summe gestohlen hätte, würde er doch sicher den Fehlbetrag gedeckt haben! »Ein Defizit?« fragte der Bankier verwundert. »Ja,« entgegnete Prosper, »es fehlen 3500 Frank und zwar habe ich das Geld als Vorschuß genommen. Zweitausend für mich und fünfzehnhundert habe ich einigen Kollegen vorgestreckt, da morgen der Erste ist, wo die Gehalte ausgezahlt werden, so . . .« Der Kommissar unterbrach ihn. »Waren Sie ermächtigt, aus der Kasse beliebig Geld zu nehmen und Vorschüsse zu gewähren?« »Eigentlich nicht, aber Herr Fauvel hätte mir sicher erlaubt, den Kollegen gefällig zu sein und übrigens ist das überall gebräuchlich . . .« Der Bankier bestätigte dies durch Kopfnicken. »Was das Geld anbelangt, das ich für mich entnommen,« fuhr Bertomy fort, »so hatte ich gewissermaßen ein Anrecht darauf, weil ich mein persönliches Eigentum – etwa 15 000 Frank in der Bank stehen habe . . .« »Das ist richtig,« bestätigte Fauvel ebenfalls. Nun war alles erledigt, der Polizeikommissar hatte nichts mehr zu tun, er erhob sich daher und verabschiedete sich von Herrn Fauvel, dann sagte er zu Bertomy die inhaltsschweren Worte: »Folgen Sie mir.« Mit größter Ruhe, die dem Kommissar fast als Frechheit erschien, griff Prosper nach seinem Hut und den Handschuhen und sagte: »Ich bin bereit, Herr Kommissar.« Sie gingen und Fauvel sah ihnen tränenden Auges nach. »Ach Gott,« murmelte er, »es wäre mir lieber, man hätte mir das Doppelte gestohlen, wenn nur nicht Prosper in die Sache verwickelt wäre und ich noch an ihn glauben könnte.« Fanferlot hatte sich von seinem Vorgesetzten die Erlaubnis erbeten, Nachforschungen auf eigene Faust anstellen zu können. Das Briefchen, das Bertomy dem jungen Beamten zugeworfen, gab ihm zu denken. Er vermutete, da er das Wort Gypsy vernommen, daß es für eine dritte Person bestimmt war, und legte sich auf die Lauer. Gegenüber dem Bankhause in einem Torweg nahm er Aufstellung. Von seinem Platze aus konnte er den Eingang genau überwachen und richtig, es dauerte nicht lange, sah er Cavaillon heraustreten. Der junge Mann blieb einen Augenblick zögernd auf der Schwelle stehen, blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um und begann dann so rasch auszuschreiten, daß der Sicherheitsagent Mühe hatte, ihm zu folgen. Endlich, in der Chaptalstraße, auf dem Montmartre, trat er in ein Haus. – Aber kaum hatte er zwei Schritte in dem ziemlich engen und dunklen Flur gemacht, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Er wandte sich um und erkannte zu seinem Schrecken den Polizisten, der bei Prospers Verhaftung gegenwärtig gewesen war. Cavaillon erblaßte und blickte sich suchend nach einem Ausweg um, aber an eine Flucht war nicht zu denken: Fanferlot hatte ihm zu gut den Weg vertreten. »Was wollen Sie von mir?« fragte er mit angstbebender Stimme. Fanferlot war ein äußerst höflicher Mensch, wenn er jemand verhaftete, entschuldigte er sich immer vorher, daß er sich die Freiheit nehme, er begegnete daher auch jetzt Cavaillon mit ausgesuchter Höflichkeit. »Verzeihen Sie mir, wenn ich so frei bin, Sie um eine kleine Gefälligkeit zu bitten,« sagte er zuvorkommenden Tones. »Mich? Ich kenne Sie ja gar nicht.« »Aber ich weiß, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen, Sie sind Herr Eugen Cavaillon, übrigens halte ich Sie nicht für so gedächtnisschwach, daß Sie sich meiner nicht entsinnen sollten. Sie haben mich heute schon ganz genau gesehen. Doch bitte, erweisen Sie mir jetzt das Vergnügen, mich einige Schritte zu begleiten; ich wünsche nur eine kleine unbedeutende Auskunft.« Und ohne Cavaillons Antwort abzuwarten, nahm Fanferlot des jungen Mannes Arm und führte ihn hinaus. Die Straße war abgelegen und wenig belebt, es ließ sich daher ganz gut auf und ab wandeln und plaudern. »Mein lieber Herr Cavaillon,« begann der Agent freundlich, »ich habe heute Ihre und Bertomys Geschicklichkeit bewundert, er warf Ihnen ein Briefchen zu und Sie fingen es auf – wirklich geschickt!« In Cavaillon war längst eine unbestimmte Ahnung aufgedämmert, daß es sich um Prospers Billetchen handelte, und er war entschlossen, zu leugnen. »Sie irren sich,« sagte er, wurde aber dabei bis über die Ohren rot. »Es tut mir unendlich leid, Ihnen widersprechen zu müssen, aber ich weiß, was ich sage.« »Nein, gewiß, Prosper hat mir nichts gegeben.« »Allerdings, gegeben hat er Ihnen nichts, aber zugeworfen , wozu leugnen, es war ein ganz klein zusammengefaltetes, mit Bleistift geschriebenes Blatt –« Da Cavaillon einsah, daß es töricht wäre, auf seiner Aussage zu beharren, gab er den Empfang des Zettels zu. »Nun ja,« sagte er leichthin, »mein Freund hat mir allerdings geschrieben, da aber die Mitteilung nur für mich bestimmt war, habe ich das Blatt, nachdem ich es gelesen, zerrissen und ins Feuer geworfen.« Fanferlot war schon einen Augenblick geneigt, ihm Glauben zu schenken, aber da fiel ihm rechtzeitig das geheimnisvolle Wort, das Prosper ausgesprochen hatte, ein. Auf jeden Fall wollte er mit List die Wahrheit entdecken. »Ich bin betrübt, Ihnen nochmals widersprechen zu müssen, aber das Briefchen war gar nicht für Sie, sondern für Gypsy bestimmt.« An dem verzweifelten Ausdruck in des jungen Mannes Gesicht, erkannte Fanferlot, daß seine List gelungen und er auf der richtigen Fährte war. »Aber ich schwöre Ihnen . . .« versuchte Cavaillon zu sagen. »Verschwören Sie nichts, mein lieber Herr, es nützt nichts. Sie haben den Brief in der Tasche und waren im Begriff, ihn jener Person zu überbringen.« Cavaillon beteuerte, daß dies nicht der Fall sei, aber der Sicherheitsagent beachtete seine Worte nicht und sagte noch immer höflich, aber äußerst eindringlich: »Sie werden gewiß die Liebenswürdigkeit haben, mir den Inhalt des Briefes mitzuteilen.« »Niemals,« versetzte Cavaillon heftig und versuchte sich von Fanferlots Arm loszumachen, der Polizist hielt ihn aber wie in einem Schraubstock fest. »Geben Sie acht,« sagte er, »es täte mir leid, wenn ich Ihnen weh tun müßte. Machen Sie übrigens keine Umstände und zwingen Sie mich nicht, zu unangenehmen Maßregeln zu greifen. Wenn ich einen Stadtsergeanten rufe, so führt er Sie aufs nächste Polizeikommissariat und durchsucht Ihre Taschen – das wäre Ihnen doch gewiß weit peinlicher. Sie sehen also, Ihrem Freund nützen Sie durch Ihre Weigerung nicht und Sie selbst machen sich nur unnötigerweise verdächtig . . .« Cavaillon sah ein, daß der Polizist recht hatte, er war wütend über seine Machtlosigkeit, denn er konnte nicht einmal das Billet vernichten, es blieb ihm also nichts übrig, als sich zu fügen. »Ich muß gehorchen, da Sie der Stärkere sind,« sagte er betrübt, entnahm das unselige Blatt seiner Brieftasche und überreichte es dem Polizisten. Dieser ergriff es hastig, dann aber sagte er in gewohnter Höflichkeit: »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis,« verneigte sich und las: »Liebe Nina! Wenn du mich liebst, tue was ich dir sage sofort, ohne eine Minute zu verlieren. Packe also gleich deine ganzen Habseligkeiten – alles, alles, hörst du? – zusammen und nimm dir eine möblierte Wohnung möglichst am entgegengesetzten Ende von Paris. Zeige dich nicht, halte dich verborgen, als ob du verschwunden wärst. Im Schreibtisch müssen noch 500 Frank sein, nimm sie. Deine neue Adresse teile Cavaillon mit. Ich bin eines bedeutenden Diebstahls angeklagt und werde sogleich verhaftet werden, C. wird dir Näheres darüber sagen. Verliere den Mut nicht und sei gegrüßt, auf Wiedersehen. Prosper.« Fanferlot war über den Inhalt dieses Briefes höchlich enttäuscht. Er hatte gehofft, darin den vollgültigen Beweis von Bertomys Schuld oder Unschuld zu finden, indes war es eine Art Liebesbrief, und entschieden war der Schreiber mehr um das Schicksal des Fräuleins besorgt, als um sein eigenes. Der Brief war weder ein Beweis für noch gegen ihn. Zwar, die Worte alles, alles, hörst du? die unterstrichen waren, gaben zu denken und darum beschloß der Polizeiagent, die Sache weiter zu verfolgen. »Fräulein Nina Gypsy ist wohl die gute Freundin Prosper Bertomys und wohnt in jenem Hause, in das Sie hineingegangen sind?« fragte Fanferlot. Cavaillon bejahte. »In welchem Stockwerke?« »Im ersten, es ist Prospers Wohnung.« »Schön, mein lieber Herr Cavaillon, ich danke Ihnen bestens für Ihre gütige Auskunft, ich werde Ihnen dafür den Weg ersparen und dem Fräulein selbst den Brief überbringen.« Cavaillon wollte dies durchaus nicht zugeben, aber der Sicherheitsagent schnitt ihm das Wort ab und sagte wohlwollend: »Ich möchte Ihnen, mein lieber junger Herr, den guten Rat geben, ruhig in Ihr Bureau zurückzukehren und sich nicht weiter um die Angelegenheit zu kümmern.« »Prosper ist unschuldig, ich bin davon überzeugt, er hat mir stets Gutes erwiesen, er ist mein Freund und Beschützer.« »Das ist alles sehr schön, aber wie gesagt, Sie können ihm nicht helfen und schaden sich nur selbst, wenn man Ihre längere Abwesenheit bemerkt, können Sie nur Unannehmlichkeiten davon haben; wenn Herr Bertomy unschuldig ist, so wird das auch ohne Sie an den Tag kommen – also gehen Sie an Ihre Geschäfte und – ich habe die Ehre, mich bestens zu empfehlen.« Mit diesen Worten ließ Fanferlot den armen Cavaillon stehen, der tief gedemütigt gehorchte. Während er den Rückweg einschlug, schmiedete er tausend Pläne, wie er Prosper nützen, Gypsy warnen und vor allem, wie er sich an diesem entsetzlichen Polizeiagenten rächen könnte. Fanferlot begab sich indessen rasch zu Prospers Wohnung; er hatte nicht lange zu suchen, denn im ersten Stock stand auf einem Porzellanschild Bertomys Name. Fanferlot läutete und ein etwa fünfzehnjähriger Bursche in greller Livree öffnete. Der Geheimagent fragte nach Fräulein Gypsy und da der kleine Bediente mit der Antwort zögerte, fügte er hinzu: »Herr Bertomy sendet mich, ich habe einen dringenden Brief zu bestellen und soll auf Antwort warten.« »So treten Sie ein, ich werde das Fräulein benachrichtigen.« Der Diener führte Fanferlot in einen reizenden kleinen Salon, der mit kostbaren Möbeln, Vorhängen, Teppichen elegant ausgestattet war, und ließ ihn warten. »Potzblitz,« dachte der Polizist, »unser Kassierer ist fein eingerichtet!« Er hatte aber nicht die Zeit, all die hübschen Sachen in Augenschein zu nehmen, denn eine der Portieren öffnete sich und Nina Gypsy erschien. Sie war klein und ungemein zierlich gebaut und ihre Gesichtsfarbe hatte jenen goldigen Schimmer, der die Kreolinnen auszeichnet. Sie hatte ein allerliebstes reizendes Gesichtchen und ihr Anblick ließ es begreifen, daß mancher Mann bereit war, für sie tausend Torheiten zu begehen. Sie trug ein hellfarbenes seidenes Morgenkleid und bewegte sich wie ein anmutiges Kätzchen. Donnerwetter, dachte der Polizist, dem beim Anblick des kleinen Dämchens die edle Schönheit Magdas, die er vor einigen Stunden gesehen, in den Sinn kam, mein Herr Kassierer hat einen guten Geschmack – einen fast allzu guten! Während Fanferlot ziemlich verlegen dastand, musterte Nina ihren Besucher und war entrüstet, daß der Bediente einen so schäbigen Menschen in ihren Salon eingelassen hatte, da fiel ihr ein, daß es vielleicht einer ihrer Gläubiger sein könnte, der sich wahrscheinlich den Eintritt erzwungen und mit gerunzelter Stirn fragte sie kurz: »Was wünschen Sie?« »Meine Gnädige,« versetzte er höflich, »ich bin von Herrn Bertomy beauftragt, Ihnen einen Brief zu bringen.« »Wie, Sie kennen Prosper?« fragte sie verwundert. »Jawohl und ich gehöre sogar, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu seinen Freunden.« »Nicht möglich,« entfuhr es Nina, die mehr aufrichtig denn höflich war. Es erschien ihr höchst unglaubwürdig, daß ihr eleganter Prosper, der zumeist mit Kavalieren verkehrt, einen so schäbigen, unbedeutend aussehenden Freund haben sollte. »Ja,« wiederholte Fanferlot, »ich nenne mich seinen Freund und ich kann Sie versichern, daß im Augenblick wenig Leute den Mut hätten, dies zu bekennen.« Der Agent sprach so ernst, daß Nina betroffen war. »Was wollen Sie damit andeuten?« fragte sie. Statt aller Antwort zog der Polizist den Brief hervor und hielt ihn ihr hin. Ahnungslos ergriff ihn Nina. Aber kaum hatte sie ihn überflogen, als sie tödlich erblaßte und vor Schreck fast umgesunken wäre. Einen Moment starrte sie wie fassungslos auf das Blatt, dann aber trat sie auf den Agenten zu, ergriff ihn so heftig am Arme, daß er beinahe aufgeschrien hätte und rief: »Was soll das heißen, erklären Sie mir, was das zu bedeuten hat?« Fanferlot war ein tapferer Mann, er fürchtete sich nicht vor den gefährlichsten Verbrechern, aber der Zorn des schönen Wildkätzchens flößte ihm Angst ein. Er schwieg. »Ist es möglich, daß man Prosper verhaften will und man ihm eines Diebstahls beschuldigt?« »Leider ja, man behauptet, daß er die Kasse beraubt hätte.« »Das ist eine niederträchtige Verleumdung!« rief sie mit blitzenden Augen. »Die Behauptung ist auch unsinnig,« fügte sie ruhiger hinzu, »Prosper besitzt ja ein großes Vermögen.« »Darin täuschen Sie sich, Bertomy ist nicht reich, er ist nur auf seinen Gehalt angewiesen.« Nina war von dieser Antwort betroffen. »Nicht reich? Aber dann wäre ja  . . .« Sie hielt inne, indes wußte Fanferlot genau, was sie sagen wollte, nämlich: dann wäre ja ich es, die durch meinen Luxus ihn soweit gebracht. Dieser Gedanke war allerdings einen Augenblick durch Ninas hübsches Köpfchen geflogen, sie verwarf ihn aber allsogleich. »Nein,« sagte sie, »Prosper würde nur meinetwillen keinen Pfennig veruntreuen, denn leider liebt er mich nicht und nur die übergroße Liebe kann einen Mann zum Verbrecher machen.« »Wie, Prosper sollte Sie nicht lieben?« rief der höfliche Polizist galant, »Sie glauben wohl selber nicht, was Sie sagen.« Sie schüttelte traurig das Köpfchen. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es bestimmt, er liebt mich nicht; in seinem Leben habe ich nichts zu bedeuten.« »Ja – dann – warum . . . « »Warum? . . . Ich verstehe wohl, was Sie meinen, aber darauf habe ich keine Antwort; seit einem Jahre, seit ich ihn kenne und mit ihm lebe, quält mich der Gedanke und ich frage mich unablässig, warum er mich zur Geliebten genommen, mich mit allen Luxus umgibt, meine törichten Wünsche erfüllt, da er mich doch nicht liebt! Ich beobachte ihn, aber er ist undurchdringlich; er ist gütig und freundschaftlich zu mir – aber von Liebe keine Spur!« Nina vergaß in ihrer Erregung, daß es ein völlig Fremder war, den sie so Einblick in ihr Innerstes gewährte, vielleicht glaubte sie auch, sich keinen Zwang auferlegen zu müssen, da der Mann sich doch Prospers Freund nannte. Fanferlot dagegen freute sich, über Bertomys Charakter auf so untrügliche Weise Aufschluß zu erlangen. »Man behauptet, daß Prosper ein Spieler sei,« warf er ein, »und das Spiel führt weit.« »Er spielt wohl, allein er ist kein Spieler,« entgegnete sie, »ich habe es selbst gesehen, wie er, ohne eine Miene zu verziehen, verloren oder gewonnen hat; er bleibt beim Spiel, wie bei allem anderen, völlig leidenschaftslos, er verliert niemals die Herrschaft über sich selbst und alles scheint ihm gleichgültig zu sein. Nein, Prosper ist kein Dieb, das möchte ich mit meiner Seligkeit verbürgen, aber ich glaube, daß es in seinem Leben ein Geheimnis, ein Unglück, irgend etwas sehr Trauriges gibt, das er zu vergessen wünscht und darum sucht er sich zu betäuben.« Tränen waren in Ninas schöne Augen getreten und rollten langsam über ihre Wangen herab. Aber plötzlich ermannte sie sich, trocknete die Tränen und rief energisch: »Ich will ihn retten, wenn er mich auch nicht liebt, so liebe ich ihn, denn er ist gut, ist edel – nein und tausendmal nein, er ist kein Verbrecher! Ich gehe sofort zu seinem Chef, zum Richter, wenn es sein muß, zum Präsidenten, ich werde beweisen, daß er unschuldig ist! Kommen Sie, kommen Sie, ehe der Tag sich neigt, muß Prosper frei sein!« »Ihre Absicht ist sehr löblich, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete Fanferlot, »aber Sie würden meinem Freunde nicht nur nicht nützen, sondern sich selbst nur schaden, man wird Sie für seine Mitschuldige halten.« »Was liegt daran!« rief Nina opferfreudig, »wenn sie ihn in den Kerker werfen, will ich sein Los teilen.« »Sehr edel von Ihnen, mein liebes Fräulein, aber Ihren Freund retten Sie damit nicht, im Gegenteil, Sie geben ihn um so sicherer dem Verderben preis, außerdem würden Sie direkt gegen seinen Willen handeln. Was schreibt er Ihnen denn? Daß Sie sich verborgen halten sollen, nicht? Nun glauben Sie, daß er dies nicht mit besonderer Absicht geschrieben, begreifen Sie denn nicht, daß er Gründe hat, schwerwiegende Gründe . . .« Nina hatte nur ungeduldig zugehört, sie war im Zimmer erregt auf und ab geschritten, und als sie an einem der Fauteuils ein leicht hingeworfenes schwarzes Spitzentuch erblickte, nahm sie es und schlang es um den Kopf, als mache sie sich zum Fortgehen bereit; die letzten Worte des Sicherheitsagenten machten sie aber stutzen, sie blieb stehen und auf einmal war es, als ginge ihr ein Licht auf. »Ah, jetzt verstehe ich, meine Anwesenheit hier in seiner Wohnung ist schon eine Anklage wider ihn, und wenn man erst meine Kleider, meine Spitzen, meinen Schmuck fände . . . o, Sie haben tausendmal recht, ich muß fort, so schnell als möglich fort – – wer weiß, ob die Polizei mir nicht schon auf der Spur ist und gleich erscheinen wird . . .« Und ohne sich weiter um den Fremden zu kümmern, stürzte sie in ihr Schlafzimmer und rief mit lauter Stimme nach dem Diener und dem Kammermädchen und befahl, rasch Koffer zu bringen und zu packen. Sie selbst machte sich sofort daran, die Schränke und Schubladen zu leeren. Einen Augenblick später kehrte sie wieder, glühend vor Eifer und Aufregung, in den Salon zurück und sagte zu ihrem Besucher: »Ich werde gleich bereit sein, aber wohin soll ich gehen? Prosper schreibt, ans andere Ende von Paris, in eine möblierte Wohnung – aber wie soll ich eine solche so rasch finden?« In Fanferlots Augen blitzte es freudig auf, indes bemühte er sich, völlig gleichmütig zu scheinen. »Ich wüßte wohl ein Hotel garni, freilich so fein wie hier ist es nicht, aber auf meine Empfehlung würden Sie wie eine Prinzessin behandelt werden, außerdem wären Sie dort wirklich gut verborgen.« »Also dann nur schnell hin, bitte schreiben Sie den Empfehlungsbrief, dort am Schreibtisch finden Sie alles Nötige. – Ja, wo liegt es denn?« »Am jenseitigen Ufer der Seine, es heißt Hotel zum Erzengel, die Besitzerin, an die ich Sie wärmstens empfehlen werde, heißt Frau Alexandrine.« Mit diesen Worten trat er an den Schreibtisch und warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt, das er in einen Briefumschlag schob. »So, mein liebes Kind, da ist der Brief und ich hoffe, Sie werden zufrieden sein!« »Danke. Aber wie soll ich Cavaillon meine Adresse zukommen lassen? Richtig, warum ist er denn nicht gekommen? Prosper schreibt doch . . .« »Er war verhindert,« fiel Fanferlot ein, »aber machen Sie sich keine Sorgen, ich komme heute noch mit ihm zusammen und werde ihn verständigen.« Nina wollte den kleinen Diener um einen Wagen senden, aber ihr höflicher Besucher erbot sich, den Auftrag zu übernehmen; er empfahl sich und ging. Er hatte nicht weit zu gehen, denn als er aus dem Hause trat, fuhr eben eine leere Droschke vorüber, er hielt sie an und sagte zu dem Kutscher, nachdem er sich ihm als Detektiv zu erkennen gegeben: »Es wird gleich eine junge Dame mit viel Gepäck herabkommen. Wenn sie zum Hotel Erzengel zu fahren wünscht, ist es gut, dann knalle mit der Peitsche, wenn sie dir aber eine andere Adresse geben sollte, dann steige vom Bock und mache dir etwas am Leitseil zu schaffen, ich werde in der Nähe sein und alles beobachten.« Nachdem er diesen Befehl gegeben, trat er in den Torweg eines der nächsten Häuser und hielt sich verborgen. Er hatte nicht lange zu warten, ein lautes Peitschenknallen verkündete ihm, daß sein Plan gelungen war. »Nun, die ist mir sicher,« sagte er fröhlich und begab sich aufs Gericht. 3. Zur selben Stunde als Nina ihre neue Behausung aufsuchte, wurde Prosper ins Polizeigefängnis gesperrt. Er hatte sich die ganze Zeit über tapfer gehalten. Auf dem Polizeikommissariat, wo er mehrere Stunden warten mußte, saß er ruhig und gleichgültig, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Als es Mittag war, ließ er sich das Essen aus einem nahen Gasthaus holen, er aß mit Appetit und leerte fast eine ganze Flasche Wein. Als man ihm sagte, daß der Wagen, der ihn ins Gefängnis führen sollte, da sei, zündete er sich ruhig eine Zigarre an und rauchte während des Hinuntergehens. Am Haustor stand eine Blumenverkäuferin, er kaufte ihr ein Veilchensträußchen ab und steckte es ins Knopfloch. Als die Frau merkte, daß er verhaftet sei, sagte sie: »Armer Herr, viel Glück!« Dies teilnehmende Wort rührte ihn. »Ich danke, gute Frau, aber ich habe schon lange keines mehr,« antwortete er. Es war ein strahlend schöner Frühlingstag, Prosper blickte sehnsüchtig zum Wagenfenster hinaus und sagte: »Merkwürdig, noch nie habe ich eine so große Lust gehabt, spazieren zu gehen, wie heute.« Der Gendarm, der an seiner Seite saß, brach in ein schallendes Gelächter aus. »Ja, das glaube ich wohl!« meinte er. In der Kanzlei, wo die üblichen Förmlichkeiten abgemacht werden mußten, antwortete Prosper auf die ihn vorgelegten Fragen kurz und kühl, nur als man ihm befahl, die Taschen zu leeren und man sich anschickte, ihn zu untersuchen, stieg die Röte des Unwillens ihm heiß ins Gesicht und eine Träne drängte sich in sein Auge. Aber nur einen Augenblick dauerte die Erregung, er biß die Zähne fest aufeinander und ließ sich von Kopf zu Fuß betasten, ob er nichts Verdächtiges unter seiner Kleidung berge. Diese demütigende Untersuchung würde vielleicht noch länger gedauert haben, ohne die Einmischung eines vornehm aussehenden älteren Herrn mit weißer Halsbinde und goldener Brille, der an dem, trotz des herrlichen Frühlingswetters, geheizten Ofen stand und sich wärmte. Er schien hier wie zu Hause zu sein. Als Prosper mit den Gefängniswärtern eingetreten war, hatte er ihn überrascht angesehen und machte Miene, auf ihn zuzutreten, indes besann er sich eines anderen, blieb auf seinem Platze stehen, beobachtete Prosper aber unausgesetzt. Diesem entging es nicht, daß der Herr ihn beharrlich betrachtete, er schien ihn zu kennen, aber so sehr Prosper auch sein Gedächtnis anstrengte, er erinnerte sich nicht, ihn je gesehen zu haben. Als nun die Männer, die Prosper untersuchten, sich anschickten, ihm auch die Stiefel auszuziehen, um zu sehen, ob er nicht etwa ein Taschenmesser oder dergleichen darin verborgen hätte, wehrte der Herr mit einer Handbewegung ab und sagte: »Genug.« Die Leute ließen sofort von ihm ab, denn der Befehl kam von einer Persönlichkeit, die sich unter dem Gerichtspersonale der größten Wertschätzung erfreute, der Herr war nämlich der berühmteste Detektiv der Polizeipräfektur, Lecoq mit Namen. Endlich waren alle Förmlichkeiten erledigt, der unglückliche Kassierer wurde in eine Gefängniszelle abgeführt und die schwere eisenbeschlagene Tür hinter ihm abgesperrt. Jetzt, wo er allein war – sich wenigstens allein wähnte – denn er wußte nicht, daß die Wände und Türen eines Gefängnisses Augen und Ohren haben – jetzt ließ er die Maske angenommener Gleichgültigkeit fallen und ließ seinen zurückgedrängten Tränen freien Lauf. Er war der Verzweiflung nahe. Man bezichtigte ihn eines Verbrechens, sein ganzes Leben war zerstört, verloren! Das also war der Weg, den er genommen, die Zukunft, die er erträumt! Er war von Jugend auf von einem brennenden Ehrgeiz beseelt gewesen und alles, was er an Intelligenz und Tatkraft besaß, hatte er angewendet, um sich emporzuringen, sich eine schöne Lebensstellung zu schaffen und nun . . .! Er wußte, daß er verloren war, er gab sich keiner Täuschung hin, denn der Verdacht ist wie ein unauslöschliches Brandmal und wer einmal darunter gestanden, der ist gezeichnet für ewige Zeiten! Er hätte rasen, toben können, aber dann überfiel ihn tiefste Mutlosigkeit. »Verloren, verloren!« stöhnte er und warf sich schluchzend aufs Bett. Als am Abend der Gefängniswärter ihm das Essen brachte, lag er noch in derselben Stellung. Auch jetzt, da er allein war, hatte er keinen Hunger, er ließ alles unberührt und lag die ganze Nacht schlummerlos, ein Raub grenzenlosester Verzweiflung. Gegen Morgen überfiel ihn doch eine Art Betäubung, aus der ihn erst die Stimme des Gefängniswärters riß. Er war gekommen, um ihn vor den Untersuchungsrichter zu führen. Mit einem Satze war Bertomy aufgesprungen. Er sollte verhört, sein Schicksal entschieden werden! Und ohne daran zu denken, seine Kleidung in Ordnung zu bringen, sagte er: »Gehen wir, gehen wir!« Der Gefängniswärter führte ihn durch eine endlose Reihe Korridore und Säle, bis er endlich vor einer Tür stehen blieb. »Wir sind am Ziele.« Prosper schrak zusammen; hier also, hinter jener Türe, war der Mann, der sein Schicksal, sein Leben in Händen hielt, der ihn freilassen, oder den Vorführungsbefehl von gestern in einen Haftbefehl verwandeln konnte! Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und legte die Hand auf die Klinke. Aber der Gefängniswärter hielt ihn zurück. »So schnell geht das nicht,« sagte er, »setzen Sie sich, man wird Sie aufrufen, wenn die Reihe an Sie kommt; es sind noch mehr Leute hier.« In der Tat wimmelte es in dem dunklen unsauberen Korridor von Leuten aller Art. Häftlinge, Zeugen, Polizisten kamen und gingen und saßen längs den Wänden auf den Bänken. In kurzen Zwischenräumen ging immer eine von den vielen Türen auf, die in den Korridor mündeten, und ein Gerichtsdiener rief einen Namen oder eine Nummer. Die Luft war so heiß und dunstgeschwängert, daß Bertomy sich einer Ohnmacht nahe fühlte, als endlich die Tür, neben der er saß, geöffnet und sein Name gerufen wurde. Er taumelte empor und stand auf einmal, er wußte selbst nicht wie, im Zimmer des Untersuchungsrichters. Da er aus dem finsteren Raume kam, war er von der Lichtflut, die durch das der Tür gegenüber liegende Fenster breit hereinströmte, so geblendet, daß er gar nichts sah. Erst nach einigen Augenblicken sah er mitten im Zimmer einen mit Akten bedeckten Tisch, hinter dem der Richter saß, zu seiner Rechten stand an einem Schreibpult sein unentbehrlicher Gehilfe: der Gerichtsschreiber. Das Äußere des Untersuchungsrichters war ein ungemein sympathisches, er hatte gütige milde Augen und um seinen schöngeformten Mund lag ein Zug des Wohlwollens. Und in der Tat war Herr Pertingent ein edler Charakter, so recht für seinen schwierigen Beruf geschaffen, er besaß eine unermüdliche Geduld, ließ sich durch keine vorgefaßte Meinung beeinflussen und war von falschem Mitleid ebenso weit entfernt, wie von übermäßiger Strenge. »Setzen Sie sich,« sagte der Untersuchungsrichter. Prosper war von dieser Freundlichkeit angenehm berührt, er hatte befürchtet, geringschätzig behandelt zu werden; die Höflichkeit des Richters erschien ihm als ein gutes Vorzeichen und gab ihm seine geistige Freiheit wieder, ruhig und mit klarer Stimme beantwortete er die Fragen des Untersuchungsrichters nach Namen, Alter, Stand, Wohnung und nur als er über seine Familie befragt wurde, von seinem alten Vater und der jungverheirateten Schwester sprach, zitterte seine Stimme merklich und dem Richter entging diese Bewegung nicht. Herr Pertingent blätterte eine Weile in seinen Akten, dann hob er den Kopf und sagte plötzlich: »Man beschuldigt Sie, Ihrem Chef 350 000 Frank entwendet zu haben.« Seit vierundzwanzig Stunden mußte Prosper darauf gefaßt sein, diese Anklage zu hören und doch, als der Richter sie jetzt aussprach, schmetterte sie den Unglücklichen derart nieder, daß er außerstande war, eine Silbe hervorzubringen. »Nun, was haben Sie darauf zu erwidern?« fragte der Richter. »Ich bin unschuldig, ich schwöre es Ihnen, daß ich unschuldig bin!« »Ich wünsche es um Ihretwillen, und ich meinerseits werde gewiß nichts versäumen, was Ihre Unschuld ans Licht bringen kann. Sie können sicherlich einige Umstände zu Ihrer Verteidigung anführen, sprechen Sie.« »Ach Gott, was kann ich sagen? Es ist mir ja alles völlig unbegreiflich. Ich kann mich nicht verteidigen, ich kann mich nur auf mein ganzes Leben berufen . . .« Der Richter hieß ihn mit einer Handbewegung innehalten. »Sprechen Sie sich klar über die Sache aus. Der Diebstahl ist unter Umständen ausgeführt, daß der Verdacht nur Sie oder Herrn Fauvel treffen kann, verhält es sich so?« »Ja.« »Folglich wäre, da Sie sich für unschuldig ausgeben, Herr Fauvel der Täter?« Prosper schwieg. »Haben Sie einen Grund anzunehmen, daß der Chef sich selbst bestohlen hat? Geben Sie ihn an, und wenn er noch so geringfügig wäre, wir wollen ihn in Erwägung ziehen.« Und da Prosper noch immer schwieg, setzte der Richter freundlich hinzu: »Wohl, ich sehe, Sie bedürfen noch einiger Zeit des Nachdenkens, die sei Ihnen gewährt; jetzt wird Ihnen mein Schreiber das Protokoll vorlesen, und wenn Sie unterschrieben haben, werden Sie in Ihre Zelle zurückgeführt werden.« Nochmals ins Gefängnis zurück! Der Unglückliche war wie vernichtet, er hörte gar nicht, was ihm der Schreiber vorlas und unterschrieb, ohne zu sehen, denn es flimmerte ihm vor den Augen. Als er aus dem Zimmer des Untersuchungsrichters heraustrat, schwankte er so, daß der Gefängniswärter ihn stützen und führen mußte. Prosper kam ganz gebrochen in seiner Zelle an. Er hatte sprechen, sich verteidigen wollen und hatte es versäumt, mußte weitere gräßliche Stunden warten, bis er wieder vorgerufen würde. – Mutlos, verzweifelt saß er da und gab sich verloren. Unterdessen hatte der Untersuchungsrichter, Herr Pertingent, den Bankier André Fauvel als Zeugen vorladen lassen. So weich Fauvel vor Bertomys Verhaftung gestimmt gewesen, so erbittert war er jetzt, und nachdem vor dem Untersuchungsrichter die unvermeidlichen Vorfragen erledigt waren, erging er sich in so heftigen Schmähungen gegen seinen ehemaligen Kassierer, daß der Untersuchungsrichter Einhalt gebieten mußte. »Bitte, wollen Sie sich damit begnügen, auf meine Fragen zu antworten. Haben Sie je an der Redlichkeit Ihres Kassierers gezweifelt?« »Nein, obwohl ich genügende Gründe gehabt hätte.« »Was für Gründe?« »Mein Kassierer spielte, er brachte ganze Nächte beim Bakkarat zu und hat, wie ich erfuhr, einigemal nicht unbeträchtliche Summen verloren. Er soll auch einmal in eine schmutzige Spielgeschichte verwickelt gewesen sein, wie er überhaupt einen schlechten Umgang hatte.« Fauvel erzählte noch einige Beispiele von Bertomys grenzenlosem Leichtsinn und der Richter bemerkte: »Sie müssen es doch selbst eingestehen, Herr Fauvel, daß es von Ihnen unvorsichtig, um nicht zu sagen strafbar, war, einem solchen Manne Ihre Kasse anzuvertrauen.« »Sie würden recht haben, Herr Richter, wenn Bertomy immer so gewesen wäre, aber bis vor einem Jahre war er nicht nur das Muster eines Beamten, sondern eines jungen Mannes überhaupt. Er verkehrte in meinem Hause, wir betrachteten ihn als zu meiner Familie gehörig, meine Söhne liebten ihn wie einen Bruder und er brachte alle Abende bei uns zu. Plötzlich brach er seine Besuche bei uns ab und das wunderte uns um so mehr, als wir alle Ursache hatten anzunehmen, daß er meine Nichte Magda liebte.« »War vielleicht gerade diese Liebe die Ursache von Bertomys Entfernung?« fragte der Richter. »Dazu wäre kein Grund vorhanden gewesen,« entgegnete der Bankier, »ich hätte seine Bewerbung nicht nur nicht verhindert, sondern ihm gerne meine Einwilligung gegeben. Für ihn aber würde diese Verbindung ein Glück gewesen sein; meine Nichte ist ein schönes liebenswertes Mädchen und besitzt eine halbe Million Mitgift.« »So wissen Sie keinen Grund für das Betragen Ihres Kassierers?« Herr Fauvel dachte nach. »Eigentlich keinen, zwar wollte es mir scheinen, als ob Prosper sich geändert hätte, seit er mit einem jungen Mann namens Raoul von Lagors Umgang pflegte.« »Wer ist dies?« »Ein Verwandter meiner Frau, Prosper hat ihn bei uns kennen gelernt. Er ist ein liebenswürdiger, einnehmender junger Mann, der allerdings etwas leichtsinnig ist, aber da er Vermögen besitzt, so kann er seine tollen Streiche bezahlen.« Während der Bankier sprach, notierte der Untersuchungsrichter sorgfältig den Namen Raoul von Lagors und fragte dann weiter: »Sind Sie sicher, daß niemand anderes den Diebstahl ausgeführt haben kann?« »Vollkommen sicher.« »Tragen Sie den zweiten Kassenschlüssel immer bei sich?« »Zumeist, wenn nicht, liegt er in dem obersten Schubfach meines Schreibtisches in meinem Schlafzimmer.« »Trugen Sie den Schlüssel gestern abend bei sich?« »Nein, er lag im Schreibtisch.« »Ja, dann . . .« »Verzeihen Sie, bei meinem Geldschranke genügt der Schlüssel allein nicht, man muß auch das Stichwort kennen, nach welchem sich die Drücker in Bewegung setzen . . .« »Und haben Sie das Wort niemandem gesagt?« »Nein, niemandem. Gewöhnlich wählte der Kassierer das Stichwort, und oft wäre ich in Verlegenheit gewesen, wenn ich es hätte nennen sollen. Prosper sagte es mir zwar jedesmal, wenn er es wechselte, aber ich vergaß es häufig, nur das letzte habe ich behalten, weil es mir aufgefallen war, es lautete: Gypsy.« Der Untersuchungsrichter notierte auch diesen Namen, dann fuhr er fort: »Waren Sie am Abend der Tat zu Hause?« »Nein, ich brachte den Abend bei einem Freunde zu, kam erst nm ein Uhr nach Hause und legte mich gleich zu Bett.« »Und Sie wußten nicht, welche Summe sich in der Kasse befand?« »Nein, da Bertomy gegen meinen ausdrücklichen Befehl das Geld noch am Tage vor der Auszahlung holen ließ.« Dem Untersuchungsrichter war es schon aus dem Protokoll des Polizeikommissars bekannt, daß es sich in der Tat so verhielt: Fauvel wußte nichts von dem Gelde in der Kasse – das belastete Bertomy schwer. »Wenn ich auch glaube, über jedem Verdacht zu stehen,« sagte der Bankier, »so werde ich doch nicht eher ruhig schlafen können, bis die Schuld meines Kassierers klar festgestellt ist. Die Verleumdung wird nicht ruhen und der Verdacht, daß ich mich selbst bestohlen, wird an mir haften, obgleich ich zu jeder Stunde beweisen kann, daß ich dies nicht nötig habe. Sie würden mich verpflichten, Herr Richter, wenn Sie den Stand meines Geschäfts prüfen lassen wollten.« »Das ist überflüssig, es ist vollständig bekannt, daß Sie ein vermögender Mann sind.« Damit war Fauvel entlassen und der nächste Zeuge wurde vorgerufen. Es war des Bankiers ältester Sohn Lucian, ein schöner, intelligent aussehender Jüngling von zweiundzwanzig Jahren. Er sagte, daß er Prosper immer geschätzt, geliebt und für einen Ehrenmann gehalten habe, auch jetzt noch könne er nicht begreifen, durch welche Verkettung von Umständen Prosper dahin gebracht worden sei, sich an dem Gelde zu vergreifen; er habe wohl gespielt, aber seine Verluste waren nicht so bedeutend, daß er sie nicht aus eigenen Mitteln ganz gut hätte decken können. Über das Verhältnis seiner Cousine Magda zu Bertomy befragt, äußerte er, daß alle in der Familie überzeugt waren, daß er sie heiraten werde und der Vater hatte nichts dagegen einzuwenden. Das Wegbleiben Bertomys habe er einem Mißverständnisse zwischen ihm und Magda zugeschrieben und war überzeugt, daß sie sich wieder versöhnen würden. Nach Lucian kam die Reihe an Cavaillon. Der arme Bursche war in einem jämmerlichen Gemütszustande, er hatte sein Abenteuer überdacht und sich heftige Vorwürfe wegen seiner Feigheit gemacht. Die ganze Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager und ward von den ärgsten Gewissensbissen gequält, fürchtete er doch zu Prospers Verderben beigetragen zu haben. Vor dem Untersuchungsrichter wenigstens wollte er sein Unrecht gutmachen, nannte sich mutig Prospers Freund und sagte, daß er von seiner Unschuld so überzeugt sei, wie von seiner eigenen. Nach Cavaillon kamen noch die übrigen Beamten des Bankhauses, ihre Aussagen waren ziemlich gleichlautend und unbedeutend, nur einer behauptete, Bertomy habe durch die Vermittlung des Herrn von Lagors an der Börse gespielt und nicht unbedeutende Verluste erlitten. Damit war das Zeugenverhör zu Ende und der Untersuchungsrichter gab einem Diener den Auftrag, Fanferlot so schnell als möglich zu holen. Es dauerte geraume Weile, bis man den Sicherheitsagenten ausfindig machte, er saß in einer Weinkneipe, wo er sich eine kleine Erfrischung gönnte. »Seit wann lassen Sie so lange auf sich warten?« fragte ihn der Richter ziemlich unwirsch. Fanferlot, der sich beim Eintreten tief bis zum Boden verneigt hatte, verbeugte sich nochmals und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Richter, aber ich habe meine Zeit nicht verloren.« Dann berichtete er, was er alles vollbracht hatte, legte den Brief, den er Cavaillon abgejagt, vor, und erzählte – allerdings mit Einschränkungen – seine Unterredung mit Gypsy; von Magda erwähnte er nichts. Er hatte sich's in den Kopf gesetzt, Prospers Fall auf eigene Faust zu entwirren und so teilte er dem Richter nur soviel mit, als unerläßlich war. Was er aber über Prosper und Gypsy an biographischen Daten in Erfahrung gebracht hatte, berichtete er vollständig. Nachdem er geendet, äußerte Herr Pertingent: »Es ist leider kein Zweifel möglich, daß der junge Mann schuldig ist.« Fanferlot antwortete nicht, er freute sich, daß der Richter auf falscher Fährte war und der Ruhm, den wirklich Schuldigen ausfindig zu machen, ihm ganz allein gebühren würde – nur leider wußte er noch nicht, wie er an dies schöne Ziel gelangen sollte. Der Richter besprach noch verschiedenes mit ihm und sagte schließlich: »Verlieren Sie mir die Nina Gypsy nicht aus den Augen, sie wird wohl wissen, wo das Geld ist und nur durch sie können wir auf die Spur kommen.« Fanferlot lächelte verschmitzt. »Keine Sorge, Herr Richter, das Dämchen ist gut aufgehoben.« »Dann will ich sie morgen vernehmen.« Und sofort fertigte er eine Vorladung aus. Noch zwei andere Zeugen waren vorgeladen worden, nämlich der Bureaudiener, den der Kassierer auf die Bank geschickt hatte, und Herr Raoul von Lagors. Letzterer aber war verreist und so konnte ihm die Vorladung nicht zugestellt werden, der Diener aber lag infolge eines Sturzes schwer krank danieder und war für den Augenblick nicht vernehmbar. Trotzdem aber diese beiden wichtigen Zeugen fehlten, wuchs Bertomys Aktenfaszikel immer beträchtlicher an und bald hatte der Untersuchungsrichter genug moralische Beweise in Händen, um Bertomys Schuld für erwiesen halten zu können. 4. Während Prosper Bertomys ganzes Leben Gegenstand genauester Nachforschung war, saß er selbst im Gefängnisse, in Einzelhaft, und harrte der Entscheidung. Die ersten Tage waren ihm nicht allzu lang geworden, er hatte sich Papier geben lassen und arbeitete an einer Verteidigungsschrift. Als aber der zweite, der dritte Tag verging, ohne daß er aufs neue vorgerufen wurde, fühlte er sich beunruhigt: »Muß ich denn hier ewig bleiben?« rief er wiederholt, »werde ich denn nicht wieder verhört?« »Nur Geduld,« sagte der Gefängniswärter jedesmal, »man wird Sie nicht vergessen.« Endlich am fünften Tage, nachdem er schon der finstersten Verzweiflung anheimgefallen war, hörte der Unglückliche zu einer Stunde, zu der sonst nie der Gefängniswärter erschien, die Riegel klirren. »Endlich!« rief er, denn er hoffte, man käme ihn zum Verhör zu holen, sprang auf und eilte zur Tür, aber er war wie vom Blitz getroffen beim Anblick des weißhaarigen Mannes, der auf der Schwelle erschien. »Vater . . .!« stieß er hervor, »Vater!« Nachdem sich Prosper von der ersten Überraschung erholt hatte, durchflutete ihn ein Gefühl unendlichster Freude. So war er nicht ganz verlassen und vergessen, sein Vater hatte die weite Reise nicht gescheut, um zu ihm zu eilen, ihm beizustehen . . . »Vater,« rief er nochmals froh bewegt, breitete die Arme aus und stürzte ihm entgegen. Aber der alte Bertomy stieß ihn zurück. »Hinweg von mir,« sagte er. Dann trat er vollends ein, die Tür hinter ihm wurde geschlossen und Vater und Sohn standen einander allein gegenüber. Prosper war gebrochen und vernichtet, der Alte zornig, beinahe drohend. »Vater, auch du glaubst an meine Schuld?« rief Prosper schmerzlich aus. »Spare dir die Komödie,« entgegnete der Alte verächtlich, »ich weiß alles!« »Ich bin unschuldig, Vater, beim Andenken meiner Mutter schwöre ich dir . . .« »Entweihe ihren Namen nicht – Wohl ihr, daß sie nicht mehr lebt – deine Schande hätte sie getötet!« »Vater, Vater, du schmetterst mich nieder und ich bedarf doch jetzt meines ganzen Mutes – ich bin ja das Opfer schmählichster Ränke . . .« »Was soll das heißen? Hast du vielleicht die Stirn, den zu beschimpfen, der dich mit Wohltaten überhäuft, dir eine glänzende Stellung verschafft hat und eine glückliche Zukunft bereiten wollte?!« »Höre mich, Vater – –« »Wie, willst du etwa die Güte deines Chefs leugnen, hast du mir nicht selbst geschrieben, du bist seiner Zuneigung so sicher, daß er dir gewiß die Hand seiner Nichte, die du liebst, nicht verweigern wird. Verhält es sich vielleicht nicht so?« »Allerdings,« versetzte Prosper mit gepreßter Stimme. »Das ist nun ein Jahr her – deine Neigung zu dem Fräulein scheint seitdem erloschen zu sein.« »Nein! Ich liebe sie unverändert.« »Wahrhaftig?« rief der alte Bertomy verächtlich. »Die Liebe zu diesem reinen Mädchen hat dich aber nicht vor Ausschweifung bewahrt. Du liebst sie – wie konntest du ohne Erröten vor sie hintreten, wenn du von der schamlosen Gesellschaft kamst, in der du lebtest?« »Laß dir erklären, Vater, durch welches Verhängnis Magda und ich – –« »Genug, du brauchst mir nichts zu erklären, ich weiß schon alles . . . Ich war in deiner Wohnung und habe alles begriffen: Ich sah die seidenen Vorhänge, die vergoldeten Möbel, die kostbaren Teppiche und Bilder – bei solch einen: Luxus ist es kein Wunder, daß du den ehrlichen Namen, den du trägst, schimpflich beflecktest und zum Diebe geworden bist!« Prosper taumelte bei diesen Worten, als ob er einen Schlag ins Gesicht erhalten hätte, er erbleichte, sagte aber kein Wort. Der Vater schwieg einen Augenblick, dann fuhr er veränderten Tones fort: »Aber lassen wir das, ich bin nicht gekommen, um dir Vorwürfe zu machen, ich bin gekommen, um den Schaden zu ersetzen. Wieviel bleibt dir noch von dem gestohlenen Gelde?« »Aber um Gottes willen, Vater,« stöhnte der Unglückliche, »ich sagte dir ja schon, daß ich unschuldig bin.« »Du bleibst also hartnäckig dabei? Wohl, dann werden wir den Schaden allein tragen und gutmachen, was gutzumachen ist. Ich besitze 150 000 Frank und mein Schwiegersohn hat mir sofort, als er dein Verbrechen erfuhr, die Mitgift seiner Frau zurückgegeben, so daß ich Herrn Fauvel 250 000 ersetzen kann.« »Das wirst du nicht tun,« rief Prosper mit ausbrechender Heftigkeit. »Das werde ich tun, und zwar gehe ich sofort hin. Was die noch fehlende Summe betrifft, so wird mir Herr Fauvel Zeit lassen, ich will mich aufs äußerste einschränken und Paul, mein Schwiegersohn . . .« Der alte Bertomy hielt plötzlich erschrocken inne, denn Prospers Gesicht hatte einen entsetzenerregenden Ausdruck und seine Augen sprühten Feuer. »Das wirst du nicht tun,« wiederholte er fast schreiend, »dazu hast du kein Recht! . . .« Und etwas ruhiger fügte er hinzu: »Ich kann dich nicht zwingen, Vater, mir zu glauben, aber du darfst einen Schritt, der einem Geständnis gleichkäme, der mich unrettbar ins Verderben stürzen würde, nicht tun. Wer beweist dir, daß ich schuldig sei? Das Gericht zögert noch und du, mein eigener Vater, bist unbarmherziger und verurteilst mich!« »Ich erfülle meine Pflicht!« »Ich stehe am Abgrunde, du stößt mich hinab und das nennst du Pflicht! Fremde klagen mich an und du glaubst ihnen und nicht deinem Sohne, der dir schwört, daß er unschuldig ist. Warum bist du so ungerecht, Vater? Statt mir zu helfen, meine Ehre, die ja die deinige, die unserer ganzen Familie ist, zu retten, meine Unschuld an den Tag zu bringen, willst du mich ganz zugrunde richten!« Der alte Bertomy war bewegt, aber trotzdem sagte er: »Wie kann ich dir glauben, da alles gegen dich spricht?« »Ach, Vater, eines Tages sah ich mich gezwungen, mich von Magda loszureißen, ich wollte mich betäuben, zerstreuen und stürzte mich in einen Strudel . . . aber Vater, ich habe keine Schlechtigkeit begangen . . . Ich suchte Vergessenheit – konnte ich ahnen, daß ich nur Ekel und Schande finden würde? Aber ich bin unschuldig und werde bis zum letzten Atemzuge kämpfen. Ich weiß, daß ich verurteilt werden kann, denn die menschliche Gerechtigkeit ist dem Irrtum unterworfen, aber wenn ich meine Strafe verbüßt habe, dann . . .« »Unseliger, was sagst du?« »Ich bin ein anderer Mensch geworden, Vater,« fuhr Prosper erregt fort, »mein Leben hat nur einen Zweck, und der heißt Rache! . . . Ich bin das Opfer eines schändlichen Anschlages; im Hause Fauvel ist mein Feind, dort werde ich ihn suchen und finden!« »Der Zorn verblendet dich, Prosper.« »Nein, Vater, das schöne patriarchalische Leben, die Ehrenhaftigkeit dort sind nur Schein, unter denen sich schmähliche Geheimnisse bergen müssen. Warum hat mir Magda plötzlich eines Tages verboten, an sie zu denken? Warum hat sie mich verbannt, da sie mich doch liebt, und sie selbst unter unserer Trennung leidet. Ja, sie liebt mich, ich habe untrügliche Beweise dafür . . .« Die Stunde, die dem Vater zur Unterredung mit dem Sohne gewährt worden, war verstrichen, der Gefängniswärter kam, sie mußten sich trennen. Tränen traten dem Alten in die Augen und die widerstreitendsten Gefühle zerrissen sein Herz. Warum sollte er Prosper nicht Glauben schenken? Und selbst, wenn er schuldig wäre, war er darum weniger sein Sohn? Sein Sohn, den er so sehr geliebt, der bis zu dem unseligen Augenblick seine Freude, sein Stolz gewesen! Und von seinen Gefühlen übermannt, breitete er die Arme aus und zog sein Kind an sein Herz. »O Prosper,« sagte er, »mögest du die Wahrheit gesprochen haben!« Prosper wollte antworten, aber es mußte geschieden sein. Kaum war der Vater fort, erschien der Gefängniswärter nochmals und holte Prosper zum Verhör. Er war von der Unterredung mit seinem Vater noch so erregt, daß er jetzt gern allein geblieben wäre, aber er mußte gehorchen. Doch ging er festen Schrittes mit erhobener Stirn, er war nicht mehr gebrochen und verzweifelt, sondern das Feuer der Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen. Da er den Weg kannte, schritt er dem Gefängniswärter rasch voran, plötzlich trat der Herr mit der goldenen Brille, der ihn in der Aufnahmekanzlei so scharf beobachtet hatte, auf ihn zu und sagte: »Mut, Herr Bertomy, wenn Sie unschuldig sind, wird Ihnen geholfen werden.« Prosper war erstaunt stehen geblieben, doch ehe er eine Antwort finden konnte, hatte sich der Fremde entfernt. »Wer ist der Herr?« fragte Prosper den Gefängniswärter. »Wie, Sie kennen ihn nicht?« versetzte dieser, im Tone größter Verwunderung, »das ist ja Herr Lecoq von der Sicherheitspolizei.« »Lecoq? Ich habe den Namen nie gehört, wer ist das?« »Sie können schon Herr Lecoq sagen, das wird Ihnen nichts schaden. Herr Lecoq ist ein Mann, der alles erfährt, was er erfahren will und dem man nichts weismachen kann; wenn Sie ihn gehabt hätten, statt des einfältigen, zuckersüßen Fanferlot, wäre Ihr Fall schon längst aufgeklärt. Übrigens scheinen Sie ja bekannt mit ihm zu sein.« »Ich habe ihn früher nie gesehen.« »Das läßt sich schwer behaupten, denn sehen Sie, ich glaube, es gibt keinen einzigen Menschen, der sich rühmen kann, Herrn Lecoqs wahres Gesicht gesehen zu haben. Heute ist er blond und morgen braun, bald ist er ein Jüngling, bald ein hundertjähriger Greis. Ich bin schon auf meiner Hut und doch führt er mich jedesmal an. Ich plaudere zum Beispiel mit einem Unbekannten, den ich nie im Leben gesehen zu haben vermeine, und plötzlich ist es Herr Lecoq. Er kann sich verkleiden und verstellen, wie er will, und wenn er sich nicht freiwillig zu erkennen gibt, erkennt ihn keiner, nicht einmal seine eigene Mutter!« Prospers Führer würde noch lange forterzählt haben, wenn sie nicht angelangt wären. Der Untersuchungsrichter erwartete diesmal Prosper, und so wurde er gleich vorgelassen. Pertingent hatte dem alten Bertomy die Erlaubnis gegeben, seinen Sohn zu besuchen, weil er viel von der Unterredung des rechtschaffenen Vaters mit dem des Diebstahls angeklagten Sohn erwartete. Als Menschenkenner sagte er sich, daß ein erschütternder Auftritt stattfinden würde und diese Erschütterung müsse notwendig den starren Sinn Prospers erweichen, ihn geneigt machen, ein Geständnis abzulegen, und darum ließ er ihn sogleich nach der Unterredung zum Verhör vorführen. Er war über die Haltung des Kassierers, die ihm geradezu herausfordernd erschien, nicht wenig erstaunt. »Nun, haben Sie es sich überlegt?« »Ich hatte nichts zu überlegen, da ich nicht schuldig bin.« »O, verschlimmern Sie Ihre Lage nicht, nur Aufrichtigkeit und Reue können Ihnen die Nachsicht der Richter erwerben.« »Ich bedarf weder der Nachsicht noch der Gnade.« Herr Pertingent konnte eine ungeduldige Gebärde nicht unterdrücken. Er schwieg eine Weile, dann fragte er plötzlich: »Was würden Sie antworten, wenn ich Ihnen sagte, was aus den 350 000 Frank geworden ist?« Aber die List – ein Mittel, das die Untersuchungsrichter häufig mit Erfolg anwenden – verfing nicht. Prosper schüttelte traurig den Kopf und antwortete: »Wenn man es wüßte, wäre ich nicht hier, sondern frei.« »Sie bleiben also dabei, Ihren Chef des Diebstahls zu bezichtigen?« »Ich muß es wohl, da nur er das Stichwort kannte. Freilich zerbreche ich mir vergebens den Kopf, welches Interesse er daran haben konnte, sich selbst zu bestehlen?« »Allerdings hat er keines gehabt, aber ich kann Ihnen sagen, welches Interesse Sie hatten. Können Sie mir vielleicht mitteilen, wieviel Sie im letzten Jahre ausgegeben haben?« »Ja,« entgegnete Prosper ohne Zögern, »ich habe über meine Ausgaben Buch geführt, es werden ungefähr 50 000 Frank sein.« »Und wo haben Sie die hergenommen?« »Ich besaß 12 000, die ich von meiner Mutter geerbt hatte, 14 000 beträgt mein Gehalt, an der Börse gewann ich 8000, das übrige bin ich noch schuldig, kann es aber bezahlen, da ich bei Herrn Fauvel noch 15 000 Frank stehen habe.« »Wer lieh Ihnen das Geld?« »Herr von Lagors.« »Schön, aber nun sagen Sie mir, warum Sie das Geld, dem ausdrücklichen Befehl Ihres Chefs entgegen, am Vortag holen ließen?« »Herr von Clameran wünschte das Geld gleich früh zu haben – das wird er Ihnen, wenn Sie ihn rufen lassen, selbst bestätigen. Anderseits fürchtete ich, daß ich an jenem Tage etwas verspätet ins Bureau kommen könnte.« »Sind Sie mit Herrn von Clameran befreundet?« »Nein, ich habe vielmehr eine, wie ich gestehen muß, durch nichts gerechtfertigte Abneigung gegen ihn, aber es ist ein guter Bekannter meines Freundes Raoul von Lagors.« Nach einer Pause fragte der Untersuchungsrichter weiter: »Wie haben Sie den Abend, der dem Diebstahl voranging, zugebracht?« »Ich verließ um fünf Uhr das Bureau und fuhr mit dem Zuge nach Saint Germain, um meinen Freund Raoul in seinem Landhause in Besinet aufzusuchen. Er hatte 1500 Frank von mir zurückverlangt und ich brachte ihm das Geld, das ich ihm schuldete; da er nicht anwesend war, übergab ich es seinem Diener.« »Sagte man Ihnen, daß Herr von Lagors verreisen werde?« »Nein, ich wußte nicht einmal, daß er in Paris ist, sonst wäre ich ja nicht aufs Land hinausgefahren.« »Was taten Sie, als Sie Besinet verließen?« »Ich kehrte nach Paris zurück, traf einen Bekannten und ging mit ihm in ein Boulevardrestaurant essen.« »Und hierauf?« Prosper zögerte. »Sie schweigen, also will ich Ihnen sagen, wie Sie Ihre Zeit verbrachten. Sie gingen nach Hause, um sich umzukleiden und begaben sich sodann zu einem Fräulein Wilson, die dem Namen nach eine dramatische Künstlerin ist, in Wirklichkeit aber eine Spielhölle hält und allerlei zweideutige Gesellschaft bei sich empfängt – ist das richtig?« »Ja, ich war allerdings dort.« »Und zwar nicht zum erstenmal, es ist überhaupt Ihre Gewohnheit, solche Gesellschaften aufzusuchen. Sie waren einmal in eine skandalöse Spielgeschichte verwickelt, nicht?« »Nein, ich wurde nur vorgeladen, weil ich Zeuge eines Diebstahls gewesen.« »In der Tat, das Spiel führt zum Diebstahl. Haben Sie bei der Wilson nicht Bakkarat gespielt und 1800 Frank verloren?« »Entschuldigen Sie, nur 1100.« »Schon gut. Nicht wahr, am Vormittag hatten Sie einen Wechsel von 1000 Frank eingelöst?« »Ja.« »In Ihrem Schreibtische befanden sich noch 500 Frank, bei sich trugen Sie, als Sie verhaftet wurden, noch 4000 Frank, so macht das im ganzen 4500 Frank innerhalb vierundzwanzig Stunden.« Prosper war höchlich überrascht, den Untersuchungsrichter so gut unterrichtet zu sehen, er schwieg daher betroffen, endlich antwortete er. »Ihre Rechnung stimmt vollkommen.« »Woher hatten Sie dieses Geld, da Sie doch am Tage vorher nicht imstande waren, eine unbedeutende Rechnung zu begleichen?« »Ich hatte einige Wertpapiere, die ich verkaufte, außerdem habe ich auf meinen Gehalt 2000 Frank Vorschuß genommen. Ich habe nichts zu verbergen.« »So, wenn Sie nichts zu verbergen haben, wozu dieses Billet, das Sie geheimnisvoll einem Ihrer Kollegen zuwarfen?« Und bei diesen Worten wies der Untersuchungsrichter den an Nina Gypsy gerichteten Brief vor. Diesmal war Prosper noch mehr betroffen, er senkte vor dem Blicke des Untersuchungsrichters die Augen. »Ich wollte . . . ich dachte . . .« stammelte er. »Sie wollten Ihre Geliebte verbergen.« »Das ist wahr, ich wußte, daß man einem Manne, der eines Verbrechens angeklagt ist, alle Schwächen seines Lebens als arge Versündigungen anrechnet.« »Das heißt, Sie haben eingesehen, daß die Anwesenheit eines leichtfertigen Frauenzimmers in Ihrer Wohnung für Sie sehr erschwerend in die Wagschale fällt.« »Fräulein Gypsy ist keine schlechte Person, sie war Erzieherin, als ich sie kennen lernte, sie ist in Oporto geboren und kam mit einer portugiesischen Familie nach Paris.« »Sie heißt weder Gypsy, noch ist sie eine Portugiesin, noch war sie jemals Erzieherin.« Und aus einem Aktenfaszikel entnahm der Untersuchungsrichter mehrere Blätter, las und sagte dann: »Sie heißt in Wahrheit Anna Dupont und ist das Kind armer Handwerkersleute. Früh schon mußte sie als Dienstmädchen ihr Brot verdienen, sie scheint aber nirgends besonders lange ausgehalten zu haben, denn bis zu ihrem sechzehnten Jahre hatte sie mindestens zehn bis zwölf Stellen. Dann versuchte sie es längere Zeit als Ladenmädchen, aber nicht mit besserem Erfolg, endlich kam sie zu einer portugiesischen Familie und ging mit dieser nach Lissabon, nach einem Jahr war sie aber wieder in Paris und hatte sich den Namen Nina Gypsy mitgebracht.« »Ich versichere Sie . . .« versuchte Prosper zu erwidern. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen: natürlich hat man Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, sie ist zwar nicht romantisch, aber wahr, doch das Romantische kommt noch – In Paris lernte sie einen Reisenden, namens Caldas, kennen, der sich in sie verliebte und ihr eine Wohnung einrichtete, ja noch mehr, er erlaubte ihr sogar, seinen Namen zu tragen. Ein Jahr lebte sie mit ihm – dann lernte sie Sie kennen und verließ ihn, um zu Ihnen zu ziehen. Der arme Teufel liebte das falsche Geschöpf so sehr, daß er über ihre Treulosigkeit fast von Sinnen kam. Er schwur, sich an dem elenden Räuber seines Glückes zu rächen, ihn zu töten; indes hat man allen Grund anzunehmen, daß er sich selber umgebracht hat, denn bald nach dem Entweichen seiner Geliebten ist er verschwunden und alle Bemühungen, seine Spur aufzufinden, sind erfolglos geblieben.« Der Richter hielt einen Augenblick inne, dann schloß er mit scharfer Betonung: »Dies ist das Weib, das Sie zu Ihrer Gefährtin gemacht, dem zuliebe Sie gestohlen haben sollen!« Herr Pertingent, durch Fanferlots unvollständigen Bericht irregeführt, hatte absichtlich Nina Gypsys Geschichte so ausführlich erzählt, er hoffte, Prospers Leidenschaft werde zum Ausbruch kommen, zu seinem Erstaunen blieb Prosper völlig kalt. »Gestehen Sie wenigstens, daß die Dirne an Ihrem Verderben schuld ist,« drängte der Richter. »Das kann ich nicht gestehen, da es nicht der Fall ist.« »Wie, wollen Sie leugnen, daß Sie allein im vergangenen Monat 2000 Frank für Kleider und Schmuck ausgegeben haben?« »Das leugne ich nicht, aber ich habe das Geld nicht sinnlos und auf ihr Drängen, sondern aus freiem Antriebe und völlig besonnen ausgegeben.« Der Untersuchungsrichter zuckte die Achseln. »Wollen Sie etwa auch behaupten, daß Sie nicht jenem Frauenzimmer zuliebe Ihre jahrelange Gewohnheit, die Abende im Hause Ihres Chefs zuzubringen, aufgaben?« »Ja, das leugne ich, es geschah nicht ihretwillen.« »Warum aber hörten Sie plötzlich auf, sich um die Nichte des Herrn Fauvel zu bewerben?« »Dazu hatte ich Gründe, die ich nicht angeben kann,« antwortete Prosper und seine bis dahin feste Stimme zitterte merklich. Also hier ist seine Achillesferse, dachte der Richter, laut fragte er: »Sollte Fräulein Magda an Ihrer Entfernung Schuld tragen?« Prosper schien erregt, doch er schwieg. »Sprechen Sie,« drängte der Untersuchungsrichter, »dieser Umstand kann für Sie von großer Bedeutung sein.« »Ich weiß, daß mein Schweigen meine Lage nicht verbessert, allein – ich kann nicht anders.« »Das Gericht läßt sich mit Gewissensskrupeln nicht abfinden, es ist Ihre Pflicht, zu reden.« Prosper antwortete nicht. »Sie schweigen? Sie beharren bei Ihrer Weigerung? Nun, dann zu etwas anderem. Sie geben zu, daß Ihre Ausgaben sich in dem einen Jahr auf 50 000 Frank beliefen, die Anklage spricht zwar von 70 000 – indes – für den Augenblick ist dies gleichgültig. Sagen Sie mir, was dachten Sie zu tun, denn Ihre Mittel sind zu Ende, Ihr Kredit erschöpft – was also wollten Sie beginnen? Die alte Lebensweise konnten Sie nicht mehr fortsetzen.« »Ich hatte keine Pläne, ich dachte, es geht so lange es eben geht und dann – –« »Und dann ist ja die Kasse da, nicht wahr.« »Aber Herr Untersuchungsrichter, wenn ich mich wirklich an fremdem Gelde vergriffen hätte, wäre ich doch nicht so dumm gewesen, wieder ins Bureau zurückzukehren.« »Diesen Einwand erwartete ich; gerade dadurch, daß Sie blieben und dem Sturm standhielten, beweist, daß Sie nicht dumm handelten. Durchgehen wäre dumm gewesen. Die Kassierer, die heute Gelder veruntreuen, haben von anderen Prozessen her gelernt, daß das Durchbrennen ein erbärmliches Mittel ist. Die Eisenbahn ist schnell, aber der Telegraph noch schneller und nirgends in der Welt gibt es eine Zufluchtsstätte. Amerika ist bei den Defraudanten längst in Mißkredit, denn sie können den Fuß nicht auf amerikanischen Boden setzen, ohne sofort verhaftet zu werden. Nein, so dumm waren Sie nicht. Sie blieben und sagten sich: Wahrscheinlich kann ich mich aus der Schlinge ziehen, wo nicht, so gibt es im schlimmsten Fall einige Jahre Haft, dann aber habe ich ein Vermögen.« »Wenn ich wirklich so gedacht hätte, würde ich mich nicht mit 350 000 Frank begnügt, sondern eine Gelegenheit abgewartet haben, um eine Million zu stehlen.« »Das hätte Ihnen vielleicht zu lange gedauert, die Gelegenheit war eben zu günstig.« Prosper antwortete nicht, er schien nachzudenken. »Eben fällt mir ein Umstand ein, den ich in meiner Verwirrung ganz vergessen hatte, ich glaube, er kann zu meiner Entlastung beitragen.« »Dann sprechen Sie.« »Ich glaube mich bestimmt zu erinnern, daß ich das Geld in Gegenwart des Dieners, der es von der Bank gebracht hat, in die Kasse einschloß. Er muß es gesehen haben, in jedem Falle aber bin ich vor ihm weggegangen.« »Es ist gut,« entgegnete der Richter, »ich werde den Diener verhören. Jetzt werden Sie in Ihre Zelle zurückkehren, und wenn Sie meinen Rat befolgen wollen, so werden Sie sich Ihre Sache noch einmal gut überlegen.« Der Untersuchungsrichter hatte Prosper so rasch entlassen, weil er einsah, daß die Aussage des Dieners von ungeheuerer Wichtigkeit war und er vorerst in dieser Sache Klarheit haben wollte. Da aber dieser Diener krank war und nicht zum Verhör kommen konnte, so fuhr Herr Pertingent mit einem Schreiber, um keine Zeit zu verlieren, selbst ins Spital und frug den Arzt, ob der Bureaudiener Antonin vernehmbar sei. Die Antwort lautete bejahend, der arme Mensch litt wohl große Schmerzen, da er sich den Fuß gebrochen hatte, war aber vollständig imstande, auszusagen. Nachdem die Förmlichkeiten, die Fragen nach Namen, Alter, Stand und so weiter erledigt waren, hub der Richter an: »Also Sie haben das Geld, das bei Fauvel gestohlen wurde, von der Bank geholt?« »Ja.« »Können Sie sich erinnern, um wieviel Uhr Sie zurückgekommen sind?« »Da ich mehrere Gänge hatte, war es ziemlich spät geworden, es mag nicht weit vor fünf Uhr gewesen sein!« »Erinnern Sie sich, was Herr Bertomy getan hat, als Sie ihm das Geld überbrachten? Lassen Sie sich Zeit mit der Antwort und denken Sie gut nach.« »O, ich erinnere mich ganz genau. Herr Bertomy überzählte die Banknoten, machte vier Päckchen, band sie zusammen und legte sie in die Kasse, schloß dann ab und dann glaub' ich – ja ich weiß es bestimmt, dann ging er fort.« »Sind Sie sicher, daß es sich so verhält?« fragte der Richter eindringlich. Der feierliche Ton schüchterte den Diener ein. »Sicher?« sagte er unschlüssig, »ich möchte meinen Kopf verwetten, daß es so war, aber freilich eine andere Sicherheit habe ich nicht.« Er schien plötzlich Angst zu bekommen, daß vielleicht nun der Verdacht auf ihn fallen könnte und es fehlte nicht wenig, so hätte er seine Aussage widerrufen. Der Richter drang nicht weiter in ihn, aber als er fortging, war seine Stirn sorgenvoll umwölkt, denn der Fall wurde immer verwickelter und unklarer. 5. Fanferlot hatte Nina Gypsy wirklich nicht zuviel gesagt, als er behauptete, daß man im »Erzengel« gut aufgehoben sei, besonders wenn man von ihm empfohlen war. Denn Frau Alexandrine war niemand anderes, als seine eigene Frau und eine wirklich vorzügliche Wirtin. Sie nahm sich ihrer Logirgäste wahrhaft mütterlich an, wie sie überhaupt eine herzensgute Frau war. Sie hielt ihren Mann für ein Genie und liebte und bewunderte ihn aufrichtig. Zur selben Stunde, als der Untersuchungsrichter ins Spital fuhr, erwartete sie »ihr liebes Männchen,« wie sie Fanferlot zu nennen pflegte, ungeduldig zum Essen. Sie war immer besorgt, wenn er sich verspätete. Endlich erschien er. Sie fiel ihm zärtlich um den Hals und begrüßte ihn, als ob er von einer weiten Reise zurückkehre. »Ich bin todmüde,« sagte er, sich losmachend, »ich habe stundenlang mit dem Kammerdiener des Herrn Fauvel Billard gespielt – er hatte heute einen freien Nachmittag – natürlich ließ ich ihn gewinnen, obgleich er ein elender Spieler ist und nun sind wir die besten Freunde; wenn ich an Stelle des erkrankten Bureaudieners eintreten will, wird er mich seinem Herrn wärmstens empfehlen.« »Du denkst doch nicht im Ernste daran?« fragte seine Frau erschrocken. »Wenn es notwendig sein sollte, gewiß; aus dem Kammerdiener war nichts für mich Brauchbares zu erfahren; seiner Schilderung nach ist sein Herr der reinste Tugendspiegel, ein Millionär, der keine Passionen hat, der einfach bürgerlich lebt, der seine Frau und seine Kinder abgöttisch liebt! Ist das erhört?!« »Ist seine Frau noch jung?« »Nicht mehr besonders, da sie erwachsene Kinder hat.« »Hast du über diese etwas gehört?« »Ja, der Jüngere ist eben erst Offizier geworden und liegt irgendwo in der Provinz in Garnison, der Ältere, Lucian soll ein ebensolcher Ausbund an Tugenden, wie sein Vater sein; dann ist noch eine Nichte da.« »Wenn du aus dem Kammerdiener nichts herausgebracht hast, mein liebes Männchen, so ist das nur ein Beweis, daß nichts herauszubringen war. Der Fall ist eben sehr verwickelt und es wäre vielleicht doch gut, wenn du dich mit Herrn Lecoq beraten wolltest.« Fanferlot, der während des Gesprächs gemütlich seine Suppe gelöffelt hatte, fuhr auf, wie von der Tarantel gestochen. »Du willst wohl, daß ich um meine Stelle komme? Wenn er wüßte, ja, nur eine Ahnung hätte, daß ich auf eigene Faust arbeite, wäre ich verloren!« »Ei, du brauchst ihm ja dein Geheimnis nicht preiszugeben, du horchst nur so beiläufig seine Meinung aus und handelst ganz nach eigenem Gutdünken.« Fanferlot überlegte. »Es wäre vielleicht nicht schlecht, nur – Lecoq ist verteufelt schlau, er wäre imstande, mich zu durchschauen.« »Ei, laß ihn nur schlau sein, mein liebes Männchen ist auch nicht auf den Kopf gefallen – ich meine eben ihr beide zusammen würdet das Richtige aushecken.« »Nun – ich will mir die Sache überlegen. Aber nun sage mir, was macht unsere Kleine?« Damit meinte er die Nina Gypsy. Das arme Mädchen hatte noch immer keine Ahnung, in wessen Hause sie sich befand, vielmehr war sie recht zufrieden, da die Wirtin sie sehr liebenswürdig aufgenommen hatte. Nur eins überraschte sie: die Vorladung, die sie erhalten hatte, und staunte über die Findigkeit der Polizei, da sie doch geglaubt hatte, besonders vorsichtig zu sein, weil sie nicht mit dem Namen Nina Gypsy, sondern mit ihrem wirklichen, Anna Dupont, eingezogen war. Auf die Frage Fanferlots nach der »Kleinen« antwortete seine Gattin: »Es wird täglich schwieriger, sie zu halten, sie hat immer tausend neue Pläne; als sie vom Verhör zurückkam, war sie außer sich und wollte durchaus zu Fauvel, um dort Lärm zu schlagen, und heute hat sie einen Brief geschrieben, den sie durch den Kellner zur Post schicken wollte, natürlich habe ich ihm das Schreiben abgenommen, weil es für dich vielleicht von Wichtigkeit ist.« »Wie, du hast einen Brief und sagst das erst jetzt? Schnell her damit, er birgt vielleicht des Rätsels Lösung.« Die Adresse des Briefes lautete: Herrn Marquis von Clameran,       Hüttenbesitzer, für Herrn Raoul von Lagors.       Hotel Louvre. Und in der Ecke stand noch das Wörtchen: dringend. Mit bewundernswerter Geschicklichkeit öffnete Fanferlot das Schreiben, ohne Umschlag und Siegel zu verletzen und las, während seine zärtliche Gattin hinter seinem Stuhl stand, ihre rundliche Gestalt sanft an seine Schulter lehnte und mitlas. »Lieber Herr Raoul! Prosper ist im Gefängnis, eines Diebstahls, den er, wie ich fest überzeugt bin, nicht begangen hat, angeklagt. Ich habe Ihnen dies sofort geschrieben . . .« »So,« unterbrach sich Fanferlot, »geschrieben hat sie und ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen! Wer hat ihn aufgegeben? Was ist das für eine Wirtschaft!« »Aber liebes Männchen,« beschwichtigte Frau Alexandrine, »sie wird den Brief selbst zur Post gebracht haben, als sie zum Verhör ging.« Das »liebe Männchen« beruhigte sich und las weiter: ». . . geschrieben, bin aber noch immer ohne Antwort. Wer soll Prosper retten, wenn seine besten Freunde ihn im Stich lassen? Falls Sie auch diesen Brief unerwidert lassen, werde ich mich meines Ihnen gegebenen Versprechens für ledig erachten und Prosper das Gespräch zwischen Ihnen und dem Marquis von Clameran, welches ich erlauscht habe, mitteilen. Aber ich hoffe, daß Sie mir beistehen werden und erwarte Sie morgen bestimmt im Hotel Erzengel. Nina Gypsy.« Ehe Fanferlot den Brief wieder in den Umschlag steckte, schrieb er ihn sorgfältig ab. Er hatte diese Arbeit kaum vollendet, als vor der Tür ein eigentümlicher Pfiff erscholl. Fanferlot sprang auf und war im Nu im Nebenzimmer verschwunden, denn der Pfiff war ein Signal, das der Zimmerkellner gab, welches besagte, daß jemand zu Frau Alexandrine kam, den Herrn aber nicht sehen sollte. Kaum war der Sicherheitsagent verschwunden, als die Tür aufgerissen wurde und Fräulein Nina hereintrat. Das arme Mädchen sah recht schlecht aus, ihre Augen waren vom Weinen gerötet und ihre frischen Pfirsichwangen waren entschieden bleicher. »Ich bitte, Frau Alexandrine,« sagte sie, »wenn jemand nach mir fragen sollte, sagen Sie gefälligst, daß ich gleich wieder zurückkomme . . .« »Wie, Sie wollen ausgehen, liebes Kind, jetzt um diese Zeit und wo Sie doch so unwohl sind?« »Ja, ich muß, es ist von großer Wichtigkeit, nun, da Sie so gut gegen mich sind, kann ich es Ihnen ja anvertrauen, eben hat mir ein Dienstmann einen Brief gebracht . . .« »Nicht möglich!« rief Frau Alexandrine bestürzt, »ein Dienstmann soll hier gewesen und zu Ihnen hinaufgegangen sein?« »Freilich, was ist denn da so Erstaunliches dabei?« »O nichts, nichts, nun, und darf man wissen, was der Brief enthält?« »Bitte, lesen Sie selbst.« Frau Alexandrine nahm das Schreiben und las so laut, daß Fanferlot jedes Wort im Nebenzimmer verstehen konnte. »Ein Freund Prospers, der weder zu Ihnen kommen, noch Ihren Besuch bei sich empfangen kann, hat nichtsdestoweniger dringend mit Ihnen zu sprechen und bittet Sie, sich heute abend in dem Omnibusbureau gegenüber dem Jakobsturm einzufinden. Schreiber dieses wird Ihnen dann wichtige Mitteilungen machen. Er schlägt Ihnen diesen Ort vor, um Ihnen jede Furcht zu benehmen.« »Und Sie wollen wirklich zu diesem Stelldichein gehen, liebes Kind?« fragte Frau Alexandrine, »das wäre ja eine furchtbare Unvorsichtigkeit, vielleicht will man Ihnen eine Falle stellen.« »Was liegt daran?« entgegnete Nina trübe, »ich bin so unglücklich, daß mir alles gleichgültig ist.« Und ohne weitere Vorstellungen anzuhören, entfernte sie sich. Kaum war Nina fort, als Fanferlot wie eine Bombe aus seinem Versteck herausflog. Der sonst so sanfte und höfliche Mann war hochrot vor Zorn und schimpfte wie ein Besessener. »Zum Henker, was ist denn das für eine Wirtschaft! Da soll doch gleich das Donnerwetter dreinschlagen! Ist denn der Erzengel ein Taubenschlag, daß man beliebig ein- und ausfliegen kann! Ha, das ist unerhört, ein Dienstmann war da und niemand hat ihn gesehen noch gehört . . .« Er tobte so, daß seine arme Frau erschrocken dastand und sich nicht ein Wort hervorzubringen getraute. »Und zu alledem,« fuhr er nach einer Pause fort – denn er war so atemlos, daß er innehalten mußte – »und zu alledem wollen Sie, Frau Alexandrine, recht klug sein und bemühen sich noch, das kleine Fräulein von dem Stelldichein abzubringen . . .« Wenn Fanferlot böse war, sagte er »Sie« zu seiner Frau, worüber sie stets höchst unglücklich war. »Aber liebes Männchen . . .« »Schweige! Begreifst du denn nicht, daß wenn ich ihr folge, dies zu höchst wichtigen Enthüllungen führen kann? Darum rasch, hilf mir, sie darf mich nicht erkennen.« Im Nu hatte Frau Alexandrine ihrem lieben Männchen eine Perücke aufgesetzt, während er sich selber einen dichten schwarzen Vollbart anheftete. Sie half ihm eine Bluse anziehen und reichte ihm eine alte fettige Mütze. »Hast du deine Karte und deine Waffen bei dir?« fragte Frau Alexandrine besorgt. »Ja, ja,« entgegnete er hastig und eilte zur Tür hinaus. Nina hatte zwar einen Vorsprung von zehn Minuten, da er aber die Richtung, die sie einschlagen mußte, kannte und obendrein im Laufschritt folgte, gelang es ihm, sie einzuholen, noch ehe sie den bestimmten Platz erreicht hatte. Er sah, wie sie unschlüssig war, wie sie vor Anschlagsäulen stehen blieb, als wollte sie Theaterzettel lesen, und wie sie endlich zögernd doch in den Omnibus-Warteraum ging und sich dort auf einer Bank niederließ. Einen Augenblick später trat Fanferlot ebenfalls ein – doch da er trotz seines dichten Bartes fürchtete, Gypsy könnte ihn erkennen, so setzte er sich abseits, wo sie ihn nicht bemerken konnte. Der Warteraum hatte sich nach und nach gefüllt und wieder geleert, fortwährend kamen und gingen Leute, die Nummern verlangten oder umstiegen, und die Beamten riefen die Bestimmungsorte der ankommenden Omnibusse aus. Niemand kümmerte sich um Nina und Fanferlot wurde schon ungeduldig. Endlich erschien ein älterer, ziemlich beleibter Herr, mit rotem freundlichen Gesicht und graublondem Backenbart. Er ging geradeswegs auf Fräulein Gypsy zu, grüßte sie und nahm neben ihr Platz. Der verkleidete Polizist verschlang ihn fast mit den Augen und dachte: Dich, mein Lieber, werde ich schon wiedererkennen, wenn ich dich nächstens treffe und heute noch muß ich erfahren, wer du bist. Fanferlot vermutete, daß der Fremde ein Kaufmann oder dergleichen sei, übrigens hatte er durchaus nichts bemerkenswertes an sich. Leider konnte der arme neugierige Fanferlot auch nicht ein Wort von dem hören, was die beiden miteinander sprachen, so sehr er sich auch anstrengte; das Geräusch um ihn her war zu stark, und er saß zu entfernt; er mußte sich also damit begnügen, ihr Mienenspiel zu beobachten. Nina hatte, als der Fremde sie grüßte, so erstaunt ausgesehen, daß leicht zu erraten war, daß sie ihn nicht kannte. Der Unbekannte sprach dann sehr eifrig auf sie ein und Nina schien bestürzt; sie schüttelte wiederholt den Kopf und war dem Weinen nahe, endlich lächelte sie und zuletzt hob sie die Hand wie zu einem Schwur. Fanferlot zerbrach sich den Kopf, was dies alles bedeuten könne und ärgerte sich, daß er so einfältig gewesen, sich so weit wegzusetzen. Eben versuchte er sich geschickt und unauffällig zu nähern, als die beiden sich erhoben und weggingen. Fanferlot folgte ihnen und sah, wie sie auf eine Droschke zugingen und einstiegen. So, jetzt habe ich euch, dachte der Polizist vergnügt und als sich der Wagen in Bewegung setzte, lief er knapp hinter ihm her. Die Pferde gingen im scharfen Trab, aber Fanferlot hieß nicht umsonst das Eichhörnchen, er blieb immer dicht am Wagen, endlich, als ihm schon der Atem auszugehen drohte, erinnerte er sich eines Kunststückchens, das er, als er noch ein kleiner Gassenjunge war, oft ausgeführt hatte; er schwang sich an den Federn auf, drückte sich an die Radachsen an und hielt sich in der Schwebe. So, lachte er vergnügt in seinen falschen Bart hinein, jetzt fahr' zu, Kutscher, so schnell du willst! Der Kutscher knallte richtig und fuhr ziemlich rasch durch ein ganzes Gewirr von Gassen und Straßen und hielt endlich vor einer Weinschenke. Der Kutscher stieg vom Bock und ließ sich einen Schoppen bringen, Fanferlot war abgesprungen und lauerte auf das Aussteigen der beiden Fahrgäste. Als er aber fünf Minuten vergeblich gewartet hatte, wunderte er sich höchlich und schlich heran, um einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen. O weh! Niemand saß darin! Fanferlot war starr. Einen Augenblick lang wollte er seinen eigenen Augen nicht trauen, dann aber machte sich sein Zorn in einigen kräftigen Flüchen Luft. »Angeführt!« Er, der geriebene schlaue Polizist war so schmählich angeführt und betrogen worden! Natürlich erriet er sogleich, wie das zugegangen. »Der Kerl,« sagte er sich, »ist mit Nina bei einer Tür eingestiegen und bei der anderen hinaus. Aber daß er sich dieser List bediente, beweist, daß er kein gutes Gewissen hatte – folglich . . .« Er schloß seinen Gedankengang nicht, denn der Kutscher hatte sich eben wieder auf den Bock geschwungen und zur Abfahrt bereit gemacht. Fanferlot hoffte, durch ihn etwas zu erfahren, aber der Kutscher maß ihn bei den ersten Worten von Kopf bis zu Füßen und schwang die Peitsche dazu in so beunruhigender Weise, daß der arme Sicherheitsagent gar nicht daran dachte, sich zu erkennen zu geben, sondern sich aus dem Staube machte. Wie ein geschlagener Feldherr trat er betrübt den Rückzug an; es war schon spät und er hatte einen weiten Weg nach Hause, todmüde langte er endlich an. Seine erste Frage lautete: »Ist die Kleine zurück?« »Nein, aber ein großes Paket ist für sie gebracht worden.« »Laß sehen,« sagte er und trotz seiner Müdigkeit machte er sich stehenden Fußes daran, den Inhalt des Paketes in Augenschein zu nehmen. Es enthielt mehrere einfache Kattunkleider und weiße Häubchen, wie sie die Dienstmädchen zu tragen pflegen. Der Polizist war im höchsten Grade erstaunt, er konnte sich nicht vorstellen, was diese Maskerade zu bedeuten habe und seine Verstimmung nahm noch zu. Er hatte sich zwar vorgenommen, seiner Frau nichts von der erlittenen Schlappe zu erzählen, ihren besorgten teilnehmenden Fragen konnte er aber um so weniger widerstehen, als er das Bedürfnis fühlte, sich mitzuteilen. Das Abenteuer gab beiden Ehegatten viel zu denken. Sie beschlossen, Ninas Heimkunft abzuwarten, denn Frau Alexandrine hoffte, ihre hübsche Mieterin, wie so oft, zum Reden zu bringen. Aber diesmal täuschte sie sich. Auch sonst schien ihr Fräulein Gypsy, als sie endlich kam, völlig verwandelt, zwar war sie noch traurig, aber nicht mehr niedergeschlagen und mutlos. »Ich war in großer Sorge um Sie, liebes Kind,« begann Frau Alexandrine. »Besten Dank, es war nicht nötig,« entgegnete Nina, »bitte, hat man nichts für mich gebracht?« »Ja, ein großes Paket. Nun sagen Sie mir, liebes Kind, haben Sie den Freund des Herrn Bertomy getroffen?« »Ja und seine Vorschläge haben meine Pläne so verändert, daß ich Sie morgen zu meinem Bedauern verlassen muß, denn ich verreise.« »Wie, morgen schon wollen Sie uns verlassen, ja, was ist denn vorgefallen?« »O nichts, was Sie interessieren könnte,« entgegnete Nina kühl, zündete ihre Kerze an der Gasflamme an, nahm ihr Paket, wünschte »gute Nacht« und ging. »Wie kommt dir das vor?« fragte Fanferlot, der alles gehört hatte, als seine Frau zu ihm ins Nebenzimmer trat. »Es ist mir unbegreiflich; sie hat doch Herrn von Lagors herbestellt und nun wartet sie seinen Besuch gar nicht ab!« »Sie wird vielleicht gehört haben, wer ich bin und hegt nun Mißtrauen gegen uns.« »Wer sollte ihr das gesagt haben; der Freund des Kassierers?« »Wahrscheinlich, das muß ein geriebener Gauner sein, vielleicht ist er im Komplott, die Spitzbübin hat sicher das Geld und will damit durchgehen.« »Das glaube ich zwar nicht, aber, liebes Männchen, da sich die Sache immer mehr verwickelt, wäre es vielleicht doch gut, Herrn Lecoq zu Rate zu ziehen.« »Schön, ich will es tun, um mein Gewissen zu beruhigen, aber, wenn ich den Faden nicht finden kann, wie sollte er es!« Am nächsten Morgen war er schon um sechs Uhr zum Ausgehen bereit, denn man muß früh kommen, wenn man Herrn Lecoq antreffen will. Nicht ohne Herzklopfen begab er sich zum »Meister,« wie die übrigen Polizisten Herrn Lecoq nannten, und er erschrak sogar ein wenig, als die Magd ihm beim Öffnen der Tür sagte: »O gut, daß Sie kommen, der Herr erwartet Sie.« Bei dieser Ankündigung wäre er am liebsten umgekehrt, aber die Magd hatte schon die Tür zu Lecoqs Arbeitszimmer geöffnet und den Ankömmling gemeldet. In Lecoqs Arbeitszimmer, das mit den hohen Bücherregalen eher der Studierstube eines Gelehrten, denn dem Bureau eines Polizisten glich, saß der »Meister« vor einem mächtigen Eichenschreibtisch und arbeitete. Beim Eintritt Fanferlots, der sich ehrerbietig bis zur Erde verneigte, hob er den Kopf und sagte: »Kommst du endlich, mein Lieber? Du hast endlich eingesehen, daß es mit dem Fall Bertomy doch allein nicht recht vorwärts gehen will?« »Wie, Sie wissen?« stammelte der Polizist. »Ich weiß, daß du die Sache so verwirrt hast, daß du dich nun selber nicht mehr zurecht findest.« »Meister, es ist nicht meine Schuld . . .« Lecoq erhob sich, trat vor Fanferlot, sah ihn mit seinen trotz der Brille scharfen Augen durchbohrend an und sagte: »Was würdest du von einem Manne denken, der das Vertrauen seiner Vorgesetzten mißbraucht, von dem, was er entdeckt, nur gerade soviel enthüllt, als nötig ist, um die Anklage auf falsche Fährte zu führen und aus einfältiger Eitelkeit das Gericht betrügt und der Sache des armen Angeklagten schadet?« Fanferlot war erschrocken zurückgewichen. »Ich . . . ich . . .« stotterte er. »Du bist wohl auch der Meinung, daß ein solcher Mensch bestraft und fortgejagt zu werden verdient, nicht? Du hast nur das Beste des Angeklagten im Auge gehabt? Nun, mein Lieber, wenn der Spürhund ohne Jäger auf die Jagd gehen will, muß er eben schlauer sein, als du es bist.« »Aber Meister, wie soll man es angreifen bei einem Fall, wo gar keine Handhabe gegeben ist?« »Du bist doch ein rechter Stümper, du hast selber das Mittel entdeckt und in Händen gehabt, um herauszubringen, wessen Schlüssel die Kasse aufgesperrt hat, der des Bankiers oder der des Kassierers.« »Das wäre . . .!« rief Fanferlot erstaunt. »Erinnerst du dich nicht des Striches, den du am Geldschrank entdecktest? Er ist dir so aufgefallen, daß du einen Ausruf nicht unterdrücken konntest, du hast ihn sorgfältig mit dem Vergrößerungsglas untersucht, aber es ist dir nicht eingefallen, auch die beiden Schlüssel genau in Augenschein zu nehmen, einer von ihnen mußte, da der Strich, wie du richtig festgestellt hast, ganz frisch war, wenigstens einige Atome von der grünen Lackfarbe, mit der der Schrank angestrichen ist, aufweisen.« Fanferlot hatte mit offenem Munde zugehört, bei den letzten Worten schlug er sich vor die Stirn und rief: »O, ich Dummkopf.« Und bittend fügte er hinzu: »Meister, wenn Sie sich des Falls annehmen wollten . . .« Lecoq, der seine eigenen Pläne nie verriet, entgegnete nur: »Wir wollen sehen . . . Aber jetzt setze dich und erzähle mir alles genau.« Fanferlot berichtete alles wahrheitsgetreu, nur den Schluß, wie ihm der dicke Herr so übel mitgespielt hatte, ließ er aus Eitelkeit weg. »Es will mir scheinen, mein liebes Eichhörnchen, als ob du etwas vergessen hättest . . . Sage mir doch, wie weit du dem leeren Wagen nachgelaufen bist?« Fanferlot errötete wie ein ertapptes Schulkind und schlug die Augen nieder. Ist denn dieser verteufelte Lecoq allwissend? dachte er. Da durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, er sprang vom Sessel auf und rief triumphierend: »Jetzt hab' ich's, Meister, der dicke Herr waren Sie! Und ich habe Sie doch so genau angesehen, aber nicht erkannt! – Auch ich war verkleidet . . .« »Und das ziemlich schlecht, mein lieber Freund, um sich unkenntlich zu machen, genügt ein falscher Bart und eine Bluse nicht. Alles muß verändert werden, der ganze Gesichtsausdruck, sogar der Blick . . .« Fanferlot staunte noch immer über Lecoqs Kunst. Endlich sammelte er sich und fragte: »Da Sie alles wissen, so wird es Ihnen wohl auch bekannt sein, warum Nina den »Erzengel« verläßt?« »Sie handelt meinen Ratschlägen gemäß.« »Und mir bleibt nur übrig, die Sache aufzugeben, da ich vollständig unfähig bin,« sagte Fanferlot, der sich tief gedemütigt fühlte. »Nein, mein Freund, du bist nicht unfähig,« entgegnete Lecoq begütigend, »du hast zwar einen Fehler begangen, aber der läßt sich gutmachen.« »O, Meister,« rief Fanferlot erfreut, Lecoq so freundlich zu finden, »ich bin überzeugt, Sie kennen schon den Schuldigen!« Lecoq lächelte. »Nein, Eichhörnchen, ich kenne ihn so wenig wie du, ja, ich habe mir noch nicht einmal eine feste Meinung gebildet, während du den Kassierer für unschuldig und den Bankier für schuldig hältst. Ich weiß nur eins, daß man von dem Strich an der Tür des Geldschrankes ausgehen muß, um sichere Anhaltepunkte zu finden.« Bei diesen Worten hatte Lecoq am Schreibtisch unter Papieren eine große Photographie hervorgezogen, die er Fanferlot hinhielt. Es war eine vorzügliche Aufnahme des Geldschrankes, alle Einzelheiten am Schlosse waren genau wiedergegeben und deutlich trat der Strich hervor. »Betrachte dir den Strich noch einmal genau,« sagte Lecoq, »du wirst bemerken, daß er sich von oben nach unten, von links nach rechts zieht, das heißt, daß er an der Seite endet, wo sich die Geheimtreppe befindet. Oben beim Schloß ist er tief, nach unten aber verliert er sich allmählich.« »Ja, Meister, so ist es.« »Nun hast du natürlich gedacht, daß diese Ritze durch den Dieb gemacht wurde, wir wollen uns nun überzeugen, ob es sich tatsächlich so verhält. Hier habe ich einen kleinen eisernen grünlackierten Schrank; da, nimm den Schlüssel und versuche damit ihn zu zerkratzen.« Fanferlot tat wie ihm befohlen und fuhr mit dem Schlüssel kräftig auf dein Schrank herum. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen schüttelte er den Kopf und sagte: »Der Lack ist schwer anzugreifen.« »Am Geldschrank wird er unstreitig noch dauerhafter sein, glaubst du nicht? Was ergibt sich also daraus? Daß der Strich, den du entdeckt hast, unmöglich von der zitternden Hand des Diebes, dem der Schlüssel ausglitt, gemacht worden.« »Das ist in der Tat sehr richtig, man muß ja mit aller Gewalt aufdrücken, wenn man den Kasten zerkratzen will. Aber warum . . .?« »Ja, warum? Drei Tage habe ich darüber nachgedacht, aber ich glaube, jetzt hab' ich's, komm, wir wollen uns auch davon überzeugen.« Bei diesen Worten schritt Lecoq an die Tür, die in ein Nebenzimmer führte, zog den Schlüssel heraus und behielt ihn in der Hand. »Jetzt stelle dich neben mich,« sagte er zu Fanferlot, »so, nun nehmen wir an, daß ich diese Tür gegen deinen Willen aufsperren will, und du mich zu verhindern trachtest. Wenn du siehst, daß ich mit dem Schlüssel mich dem Schlüsselloch nähere, was für eine Bewegung wirst du da machen?« »Ich werde mit beiden Händen Ihren Arm drücken und ihn an mich heranziehen, daß Sie den Schlüssel nicht ins Schlüsselloch bringen können.« »Sehr richtig, nun wollen wir's versuchen.« Sie machten das Experiment und der Schlüssel, den Lecoq in der Hand hielt, glitt ab und brachte einen vollkommen deutlichen Strich hervor, der genau wie jener an der Kasse schräg von oben nach unten lief. »O, o!« rief Fanferlot staunend. »Begreifst du nun . . .?« »Wie sollt' ich nicht, jetzt, da Sie es herausgebracht haben, ist es kinderleicht und ich sehe die Szene vor mir, als ob ich dabei gewesen wäre: Es standen zwei Personen vor der Kasse, die eine wollte den Diebstahl verüben, die andere suchte sie daran zu verhindern! Das ist klar.« »Es ist wenigstens wahrscheinlich, mein lieber Fanferlot, aber – welche Schlüsse ziehst du nun aus unserer Annahme?« »Vor allem, daß ich mich nicht getäuscht und der Kassierer unschuldig ist, denn er konnte die Kasse öffnen und schließen, wann er wollte, er würde in Gegenwart von Zeugen sich gewiß nicht zum Stehlen angeschickt haben.« »Sehr richtig, aber da dasselbe auch vom Bankier gilt, so ist auch seine Unschuld erwiesen.« »O,« sagte Fanferlot niedergeschlagen, »das ist allerdings wahr, aber dann sehe ich keine Möglichkeit . . .« »Doch, wir müssen den Dritten, den wirklichen Räuber suchen, der sich jetzt ruhig seines Raubes freut, während der Verdacht auf zwei Unschuldigen ruht.« »Ein Dritter! Unmöglich! Da Sie alles wissen, dürfte Ihnen auch der Umstand bekannt sein, daß nur zwei Schlüssel da sind, die der Kassierer und Fauvel stets bei sich tragen?« »Das ist nicht richtig, an dem Abend, an welchem der Diebstahl ausgeführt wurde, lag der Schlüssel des Bankiers in einer Lade des Schreibtisches, der im Schlafzimmer steht.« »Der Schlüssel allein genügt nicht, zum Öffnen ist auch noch das Stichwort erforderlich.« »Wie lautete das Stichwort?« »Gypsy.« »Der Name von Bertomys Geliebten. Nun – kommst du nicht darauf? – – Ich will dir auf die Spur helfen, mein liebes Eichhörnchen: sobald du den Mann entdeckt hast, der mit dem Kassierer so befreundet ist, um ihm das Geheimnis des Stichworts zu entlocken, und der gleichzeitig bei Fauvel aus und ein geht, dann hast du das Rätsel gelöst und den wirklichen Täter gefunden.« »O, Meister, wenn Sie sich der Sache annehmen, dann muß es gelingen.« »Ich hoffe es, aber höre wohl, ich will dir nur im geheimen beistehen und niemand darf wissen, daß ich mich an der Untersuchung beteilige – meine Gründe kümmern dich nicht, es genüge dir, daß der Erfolg nur dir allein zugeschrieben werden wird. Ich kann auf deine Verschwiegenheit zählen?« »O, Meister, wie können Sie zweifeln, ich bin Ihnen ja zu größtem Dank verpflichtet.« »Schön, dann reden wir nicht weiter darüber. Jetzt nimm die Photographie des Geldschranks und begib dich sofort zum Untersuchungsrichter, der, wie ich weiß, völlig ratlos ist. Erkläre ihm alles, zeige ihm den Versuch mit dem Schlüssel und ich bin versichert, daß er den Kassierer in Freiheit setzen wird. Er muß nämlich frei sein, wenn ich meine Veranstaltungen beginnen soll.« »Ich gehe sofort. Aber bitte, sagen Sie mir noch, soll ich durchblicken lassen, daß ich einen Dritten im Verdacht habe?« »Natürlich, das Gericht muß wissen, daß du den Fall weiter verfolgen willst. Pertingent wird dir den Auftrag geben, Bertomy zu überwachen, sage, daß du ihn nicht aus den Augen verlieren wirst.« »Und wenn er nach Nina Gypsy fragt?« Lecoq zögerte einen Augenblick, ehe er erwiderte: »Dann sage ihm, du habest sie in Bertomys Interesse bestimmt, eine Stelle in einem Hause anzunehmen, wo sie Gelegenheit hat, eine verdächtige Person zu überwachen.« Fanferlot war höchlich vergnügt, er bedankte sich nochmals, nahm die Photographie und wollte sich empfehlen, aber Lecoq hielt ihn zurück. »Noch eins, liebes Eichhörnchen, verstehst du mit Pferden umzugehen?« »Das will ich meinen, ich war doch früher Stallmeister im Zirkus Renz.« »Richtig, ich erinnere mich, das kommt uns nun sehr zu statten. Also, sobald die Angelegenheit beim Untersuchungsrichter erledigt ist, eilst du nach Hause, dort ziehst du dich wie ein Kammerdiener an, machst dir dazu eine passende Frisur zurecht und begibst dich in das Stellenvermittlungsbureau, für welches ich dir einen Brief mitgeben werde.« »Aber Meister . . .« »Keinen Widerspruch, mein Lieber; der Stellenvermittler wird dich zu dem Marquis von Clameran, der einen Kammerdiener sucht, schicken.« »Verzeihen Sie, aber der Marquis ist nicht Bertomys Freund, folglich . . .« »Sei so gut, schweige, tue, was ich dir sage und kümmere dich um das übrige nicht. Der Marquis ist allerdings nicht Prospers Freund, aber er ist der Freund und Beschützer Raoul von Lagors. Wir müssen in Erfahrung bringen, woher die Vertrautheit dieser beiden im Alter so verschiedenen Männer stammt, wir müssen erfahren, was der Hüttenbesitzer, der sich um seine Hochöfen nicht im geringsten kümmert, sondern in Paris lebt, für ein Mensch ist, und weil er im Louvrehotel, das schwer zu überwachen ist, wohnt, sollst du ihn aus nächster Nähe im Auge behalten. Er hat Wagen und Pferde, da du kutschieren kannst, wirst du ihn fahren und auf diese Weise über all seine Schritte genau Bescheid wissen. Noch eins. Der Marquis ist ein sehr mißtrauischer Charakter, also sei auf deiner Hut. Du stellst dich ihm unter dem Namen Josef Dubois vor und weisest dich mit diesen drei Zeugnissen aus, die bestätigen, daß du bei hohen Herren gedient hast und daß sie mit deinen Dienstleistungen zufrieden waren. So, nun kannst du gehen, mach' deine Sachen gut.« »Sie sollen mit mir zufrieden sein, Meister.« Nachdem Fanferlot sich entfernt hatte, eilte Lecoq in sein Schlafzimmer und im Nu hatte er sein Äußeres, sozusagen den offiziellen Lecoq, der aus Brille, Perücke, weißer Halsbinde und so weiter bestand, abgestreift, und stand in seiner wahren Gestalt, die fast noch niemand gesehen hatte, da. Er war ein schöner junger Mann mit dunklem Kraushaar, feurigen Augen und einem beweglichen Schauspielergesicht. Er setzte sich an seinen Toilettetisch, auf dem zahllose Büchschen und Dosen mit allerlei Salben und Essenzen standen und eine Menge Perücken und Bärte in allen Farben lagen, und nicht lange dauerte es, da war der wirkliche Lecoq verschwunden und der freundliche dicke Herr mit dem rötlichen Gesichte und dem graublonden Backenbart schaute aus dem Spiegel heraus. Wenn nur Fanferlot keine Zeit verliert, dann kann ich gleich ans Werk gehen, dachte er, als er seine Wohnung verließ. Nein, Fanferlot verlor keine Zeit, er lief nicht, er flog fast aufs Gericht, er war glücklich, mit seinem Scharfsinn glänzen zu können, daß es nicht sein eigener war und er sich mit fremden Federn schmückte, vergaß er – wahrscheinlich in der Eile – ganz und gar. Der Untersuchungsrichter bewunderte in der Tat die Genialität des Verfahrens und wenn er auch nicht vollständig überzeugt war, so mußte er doch zugeben, daß es den Kassierer wesentlich entlastete. »Ich will in der Strafkammer günstig aussagen,« erklärte er, »und man wird ihn wahrscheinlich sofort freilassen.« Und nachdem Fanferlot sich entfernt hatte, sagte er zu seinem Schreiber: »Das ist nun wieder eines jener Verbrechen, das unaufgeklärt bleibt, und nur unser Archiv um ein Aktenfaszikel vermehrt.« Und mit eigener Hand schrieb er auf den Umschlag die Ziffer, die an der Reihe war: 113. 6. Neun Tage hatte sich Prosper Bertomy in Untersuchungshaft befunden, als ihm der Gefängniswärter endlich seinen Freilassungsbefehl überbrachte. Das Verfahren gegen ihn, hieß es dann, ist wegen Mangel an Beweisen eingestellt worden und er konnte gehen wohin es ihm beliebte. Zuerst händigte man ihm in der Kanzlei alle ihm gehörigen Gegenstände, die man ihm abgenommen hatte, wieder ein, dann öffneten sich die Tore und er war frei. Wohl war er frei, aber die Ehre hatte ihm das Gericht nicht wiedergegeben, der Verdacht ruhte noch auf ihm, wie ein Schandmal. Das Schreckliche seiner Lage kam ihm erst voll zum Bewußtsein, als er draußen stand, von milden Frühlingslüften umweht, mitten im Getriebe der Stadt, in der er nun wie ein Ausgestoßener herumirren sollte! Würde er auch nur eine Tür offen finden, eine einzige entgegengestreckte Freundeshand? Nein, alle würden sich von ihm abwenden, denn seine Ehre war bemakelt! Er stand am Kai, zu seinen Füßen floß die Seine, der Gedanke an den Tod lockte ihn. »Ach,« sagte er seufzend, »ich habe nicht einmal das Recht zu sterben, ich muß leben, um meine Ehre wieder zu erlangen!« Aber was nun beginnen? So lange er noch im Gefängnis schmachtete, war sein einziger Gedanke der gewesen: O, wenn ich nur frei wäre, dann würde ich den Schändlichen entlarven, vernichten! – Nun war er frei, aber was konnte, sollte er beginnen? Er war ratlos! Langsam schlug er den Weg zu seiner Wohnung ein. Neue Sorgen bestürmten ihn: was mochte in diesen neun Tagen, in denen er aus der Zahl der Lebenden ausgestrichen war, vorgefallen sein? Und was sollte er nun beginnen, einsam und freundlos wie er war – denn wie konnte er auf einen Freund zählen, da sein eigener Vater ihm nicht geglaubt – wer würde ihm glauben? Nina! Unwillkürlich kam ihm der Name in den Sinn, und der Gedanke an sie hatte etwas ungemein Beruhigendes für ihn. Zwar hatte er das arme Mädchen nie geliebt, ja, es hatte sogar Augenblicke gegeben, wo er sich widerwillig von ihr abwandte, aber in diesem Augenblick empfand er es als Wohltat, daß er nicht einsam und freundlos sein würde. Ein Weib ist im Unglück immer treu, selbst wenn sie es auch im Glück nicht immer ist. Nina würde an ihn glauben, ihm ein Trost sein! Vor seinem Hause angelangt, zögerte er einzutreten. Er hatte die natürliche Scheu eines fälschlich Beschuldigten und fürchtete einem bekannten Gesicht zu begegnen. Da kam eben der Hausmeister heraus und als er Bertomy erblickte, rief er: »Ah, ich freue mich, daß Sie wieder herausgekommen sind! Na, ich habe es ja gleich gesagt, als ich in der Zeitung las, daß Sie gestohlen haben sollen, nein, sagt' ich, das glaub' ich nicht, unser Mieter vom dritten Stock ist ein Ehrenmann, ein Kavalier . . .« Bertomy fühlte sich von dem Wortschwall peinlich berührt, er unterbrach ihn daher und fragte: »Das Fräulein ist wohl nicht mehr hier, hat sie nicht ihre neue Adresse zurückgelassen?« »Nein, am Tage als Sie verhaftet wurden, ist sie mit ihrem ganzen Gepäck weggefahren und seitdem wissen wir nichts mehr von ihr.« Bertomy war von dieser Mitteilung schmerzlich berührt. »Und die Diener?« fragte er. »Ihr Herr Vater hat sie ausbezahlt und weggeschickt.« »Ist mein Vater hier?« »Nein, er ist heute morgen abgereist, aber er sagte, daß sein bester Freund Ihre Rückkehr in der Wohnung abwarten würde, Sie werden ihn gewiß kennen, es ist ein freundlicher, dicker, älterer Herr, mit rotem Gesicht und graublondem Backenbart.« Prosper war sehr erstaunt: ein Freund seines Vaters, den er obendrein nach der Beschreibung gar nicht erkannte, erwartete ihn – was sollte das bedeuten? Aber er wollte sich seine Verwunderung nicht anmerken lassen. »Ja, ich weiß,« sagte er, eilte rasch die Treppe hinauf und läutete an seiner Tür. Ein Herr, auf den die Beschreibung des Hausmeisters vollkommen paßte, öffnete ihm. Prosper hatte ihn noch nie gesehen. »Ich freue mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft zu machen,« sagte er und tat, als ob er hier zu Hause wäre. »Ich muß gestehen . . .« antwortete Bertomy. »Sie wundern sich über meine Anwesenheit, nicht wahr? ja, das finde ich begreiflich, Ihr Vater wollte eigentlich unsere Bekanntschaft vermitteln, aber er mußte notwendig nach Hause zurückkehren und so hat er es mir überlassen, mich selber vorzustellen. Vorerst aber lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Ihr Vater die Überzeugung von Ihrer Unschuld, an die auch ich fest glaube, mitgenommen hat. Übrigens,« fuhr er fort, noch ehe Prosper ein Wort der Erwiderung finden konnte, »hat Ihr Vater einen Brief für Sie zurückgelassen, hier ist er.« Prosper nahm den Brief und während er las, erhellte sich sein Gesicht und seine bleichen Wangen röteten sich wieder; dann reichte er dem Fremden die Hand und sagte: »Mein Vater nennt Sie seinen besten Freund und mahnt mich, Ihnen zu vertrauen und Ihre Ratschläge zu befolgen.« »Und ich will Ihnen gerne beistehen, übrigens wissen Sie meinen Namen noch nicht, ich heiße Verduret und war bisher Notar, habe mich aber zur Ruhe gesetzt und verfüge frei über meine ganze Zeit, die ich jetzt ausschließlich Ihnen widmen will. Aber zunächst die Frage: Was gedenken Sie zu tun?« »Was ich zu tun gedenke?« rief Prosper mit bebender Stimme und blitzenden Augen. »Den Elenden, der mir meine Ehre geraubt hat, will ich ausfindig machen, mich an ihm rächen und gelte es mein Leben!« »Und auf welche Weise denken Sie an dies Ziel zu gelangen? Haben Sie einen Plan?« »Nein, aber es wird die Aufgabe meines Lebens sein, dies Ziel zu erreichen, und ich glaube, was man so mit ganzer Seele will, das gelingt!« »Ich stimme Ihnen vollkommen bei, Herr Bertomy, und da ich im vorhinein von Ihrer Absicht überzeugt war, habe ich über die Sache bereits nachgedacht und einen Plan entworfen. Fürs erste verkaufen Sie Ihr Mobiliar, verlassen dies Haus und verschwinden vom Schauplatz.« »Verschwinden!« rief. Prosper empört, »das kann Ihr Ernst nicht sein, verschwinden würde soviel heißen, als mich schuldig bekennen und alle würden sagen, daß ich mich mit meiner Beute in Sicherheit gebracht habe.« »Nun, was liegt daran, was die Leute meinen?« entgegnete Herr Verduret. »Waren Sie nicht eben bereit, Ihr Leben in die Schanze zu schlagen, um Ihre Ehre wiederzugewinnen. – Ans Ziel gelangen! Das können Sie nur durch Klugheit. Wenn Ihr Feind Sie ins Wasser stößt, werden Sie als gewandter Schwimmer sofort wieder an der Oberfläche auftauchen? Nein, Sie werden ihn täuschen, ihn in dem Glauben lassen, daß Sie ertrunken seien, indes Sie unter dem Wasser so lange als möglich fortschwimmen und erst an einer Stelle auftauchen, wo Sie außer Sicht sind. Sie haben unzweifelhaft einen Feind; nur wenn Sie verschwunden sind, wird er die Vorsicht außer acht lassen, wird sich verraten, dann erst, wenn er entlarvt ist, erscheinen Sie und nehmen Ihre Rache.« Prosper hörte mit Bewunderung den scharfsinnigen Auseinandersetzungen des Fremden zu und ohne Besinnen antwortete er: »Ich werde Ihren Rat befolgen, Herr Verduret.« »Das freut mich um so mehr, als ich schon im vorhinein darauf rechnete und mit einem Möbelhändler in Unterhandlung getreten bin, er wird heute noch kommen und alles was da ist übernehmen, da Sie ohne Geld sind, wird Ihnen der Erlös sehr zu statten kommen.« »Ich füge mich.« »Schön, mein lieber Freund, und nun sagen Sie mir, sind Sie mit Herrn von Lagors befreundet?« »Er ist mein bester Freund.« »So? Da können Sie mir wohl sagen, was er für ein Patron ist?« Dies Wort schien Prosper zu verletzen. Sein Ton klang etwas gereizt, als er antwortete: »Raoul von Lagors ist der Neffe der Frau Fauvel, der liebenswürdigste, geistreichste Kavalier, der beste, treueste Mensch, den ich kenne und dazu schön wie ein Antinous.« »Das ist viel auf einmal, ein wahrer Ausbund, ich freue mich schon seine Bekanntschaft zu machen. Um es kurz zu sagen, ich habe ihm in Ihrem Namen geschrieben und er hat seinen Besuch angesagt, ich habe nämlich einen Plan und möchte Sie für die Unterredung mit ihm vorbereiten. Nämlich . . .« Ein Klingeln unterbrach Herrn Verduret. »O weh,« sagte er, »zu spät, da ist er schon . . . wo kann ich mich nur verstecken, um Zeuge Ihres Gesprächs zu sein?« »Hier rechts ist mein Schlafzimmer, lassen Sie die Tür offen und die Portiere herunter. Ein zweites Klingeln ertönte. Prosper wandte sich zum Gehen. »Noch eins,« mahnte Verduret mit ernstem, eindringlichem Tone, verraten Sie Ihre Pläne mit keinem Worte und erwähnen Sie auch meiner nicht. Zeigen Sie sich völlig entmutigt und niedergeschlagen.« Verduret verschwand ins Nebenzimmer und Prosper beeilte sich, seinem Freunde die Tür zu öffnen. Das Bild, das Prosper von Raoul entworfen hatte, war durchaus nicht geschmeichelt, der Gesichtsausdruck des schönen Jünglings war ein so edler, daß man an seinen Herzenseigenschaften, sowie Geistesgaben nicht zweifeln konnte. Das erste was er tat, als er eingetreten, war, daß er Prosper um den Hals fiel. »Armer, lieber Freund,« sagte er, »armer, armer Prosper.« Verduret fand den Ton dieser Beileidskundgebung etwas gezwungen, aber Prosper merkte nichts davon. »Dein Brief hat mich schmerzlich berührt,« fuhr Raoul fort, indem er sich auf einem Fauteuil niederließ, »ich war ganz außer mir und fragte mich, ob du denn bei Verstande seist? In der Angst habe ich alles liegen und stehen gelassen und bin zu dir geeilt.« Prosper hörte mit Verwunderung zu, was mochte in dem Briefe, den er nicht geschrieben, gestanden haben? Und wer war der geheimnisvolle Fremde, der ihm seine Hilfe angeboten hatte? Unterdessen sprach Raoul weiter: »Warum willst du verzweifeln? Du bist noch jung, du kannst ein neues Leben beginnen. Und ich werde dich nicht verlassen, ich bin dein Freund, mein halbes Vermögen steht zu deiner Verfügung und du weißt, daß ich reich bin.« Prosper war von dem edlen Anerbieten tief gerührt. »Ich danke dir, mein lieber Raoul,« antwortete er mit bewegter Stimme, »mir aber kann leider alles Geld der Erde nichts nützen.« »Warum? Hast du denn keine Pläne? Denkst du in Paris zu bleiben?« »Ich weiß es nicht, ich habe keinerlei Pläne, ich weiß nicht, was ich beginnen soll, ich habe den Kopf verloren.« »O, das darfst du nicht, du mußt handeln. Laß mich ganz aufrichtig mit dir sprechen, mein lieber Prosper, so lange der rätselhafte Diebstahl nicht aufgeklärt ist, kannst du nicht in Paris bleiben.« »Und wenn er nie aufgeklärt wird?« »Um so mehr Grund hast du, zu verschwinden. Eben erst sprach ich von dir mit Clameran – du bist ungerecht gegen ihn, denn er ist dir wirklich zugetan. – Er sagte: wenn ich an Prospers Stelle wäre, würde ich alles zu Geld machen und nach Amerika gehen, drüben würde ich mir ein Vermögen erwerben und dann als Millionär zurückkehren und meine Feinde vernichten.« Prospers Stolz empörte sich gegen diesen Rat, er wollte auffahren, aber rechtzeitig erinnerte er sich Verdurets Mahnung und er schwieg. »Nun?« drängte Raoul, »was meinst du dazu?« »Ich will es mir überlegen, ich weiß selbst nicht, was ich will und soll – – übrigens – was sagt denn Herr Fauvel?« »Ach, du weißt, daß der Onkel nicht gut auf mich zu sprechen ist, seit ich es abgelehnt habe, in sein Geschäft einzutreten; seit einem Monat war ich nicht mehr dort. Aber deinen Schützling, den jungen Cavaillon, habe ich getroffen und durch ihn habe ich Nachrichten. Der arme Onkel soll entsetzlich aussehen, die Geschichte scheint ihn mehr angegriffen zu haben, als dich . . .« »Und Frau Fauvel . . . und Fräulein Magda?« fragte Bertomy zögernd. »Ach, die Tante,« versetzte Raoul leichthin, »die Tante ist natürlich noch immer fromm, sie läßt sogar für den Täter Messen lesen, meine schöne kalte Cousine aber denkt nicht mehr an den Vorfall, sie hat zuviel mit Vorbereitungen für den Kostümball, der übermorgen bei dem Bankier Jandidier stattfindet, zu tun. Sie wird ein wunderbares Kostüm als Edeldame aus der Zeit Katharinas von Medici haben.« Diese Mitteilung traf Prosper wie ein neuer Schlag. »Ist's möglich, Magda . . . Magda . . .« flüsterte er vor sich hin. Raoul tat, als hörte er nichts, er erhob sich und sagte: »Nun muß ich gehen, lebewohl, mein lieber Prosper und verliere den Mut nicht, nach dem Balle komme ich wieder und erzähl' dir, wie es gewesen, unterdessen überlege dir meinen Rat und wenn du Geld brauchst, du weißt, ich steh' dir gern zu Diensten.« Er drückte Prospers Hand und ging. Dieser stand ganz schmerzversunken da und erst die Stimme Verdurets riß ihn aus seiner Betäubung. »So sind die Freunde,« sagte er. »Ja,« entgegnete Prosper bitter, »und doch hat er mir die Hälfte seines Vermögens angeboten.« »Als ob solch ein Anerbieten zu irgend etwas verpflichten würde, er hätte Ihnen ebensogut sein ganzes Vermögen zur Verfügung stellen können, das hätte noch großmütiger ausgesehen. Übrigens zweifle ich gar nicht, daß der junge Herr gerne ein beträchtliches Geldopfer brächte, nur um den Ozean zwischen sich und Ihnen zu wissen.« »O, warum sollte er . . .?« »Warum? Vielleicht aus demselben Grunde, warum er Ihnen so recht bemerklich erzählte, daß er schon vier Wochen keinen Fuß in seines Onkels Wohnung gesetzt hat.« »Ich glaube, daß es sich wirklich so verhält.« »Aber gewiß, mein Lieber,« versetzte Verduret lächelnd. »Und nun genug von ihm,« fügte er ernst hinzu, »ich weiß jetzt Bescheid, mehr wollte ich nicht. Jetzt haben wir Wichtigeres zu tun. Vor allem anderen müssen Sie sich umkleiden, weil wir zusammen einen Besuch zu machen haben.« »Einen Besuch? Bei wem?« »Bei Herrn Fauvel.« »Niemals,« rief Prosper heftig aus. »Ich will diesen Elenden nie mehr sehen!« »Ich verstehe und entschuldige Ihre Heftigkeit,« erwiderte Verduret gelassen, »aber Sie werden sich überwinden und mit mir kommen. Ebenso wie es nötig war, daß ich Lagors sah und beobachtete, ebenso wichtig ist es für mich, Fauvel kennen zu lernen. Da ich nicht allein hingehen kann, müssen Sie sich eben ein wenig zusammennehmen. Ich werde mich als Ihren Verwandten vorstellen und Sie brauchen kein Wort zu reden.« »Wenn es durchaus sein muß . . .« »Ja, es muß sein; beeilen Sie sich, es ist spät.« Während Bertomy in sein Zimmer ging, um sich umzukleiden, klingelte es wieder, Verduret öffnete; es war der Hausmeister, der einen umfangreichen Brief in der Hand hielt. »Man hat soeben diesen Brief für Herrn Bertomy bei mir abgegeben – er sieht recht seltsam aus, nicht?« Der Brief sah in der Tat ungewöhnlich aus, denn die Adresse war nicht mit der Hand geschrieben, sondern die Worte waren aus ausgeschnittenen gedruckten Buchstaben zusammengesetzt. Verduret nahm das Päckchen, hieß den Hausmeister einen Augenblick im Vorzimmer warten und trat wieder ins Zimmer. »Man hat dies für Sie gebracht,« sagte er zu Prosper, während er den Brief ohne Umstände öffnete. Er enthielt zehn Stück Tausendfrankscheine und einen kleinen Zettel, auf dem ebenfalls, wie auf der Adresse, gedruckte Buchstaben aufgeklebt waren. »Was bedeutet das?« fragte Prosper bestürzt. »Das werden wir sogleich erfahren, wenn wir dies merkwürdige Briefchen lesen, also hören Sie: Lieber Prosper, ein Freund, der deine entsetzliche Lage kennt, beeilt sich, dir zu Hilfe zu kommen und dir zu sagen, daß es ein Herz gibt, das mit dir leidet. Aber es gibt nur einen Ausweg, du mußt Frankreich verlassen; du bist jung, die Zukunft gehört dir. Gehe mit Gott und möge dies Geld dir Glück bringen.« »Haben sich denn alle Leute verschworen, mich fortzuschicken?« rief Prosper wild. Verduret lächelte befriedigt. »Gehen Ihnen endlich die Augen auf? Merken Sie endlich, daß es Leute gibt, denen Ihre Anwesenheit unbequem ist und die Sie um jeden Preis entfernen wollen?« »Aber wer sind diese Leute und wer darf sich unterstehen, mir Geld zu schicken?« Verduret schüttelte traurig das Haupt. »Wenn ich das wüßte, mein lieber Prosper, dann wäre meine Aufgabe erfüllt und wir hätten den Dieb. Aber lassen Sie mich nur machen, jetzt haben wir einen schlagenden Beweis in Händen, das übrige wollen wir schon herausbringen. Zunächst will ich aber den Hausmeister ins Verhör nehmen.« Er öffnete die Tür und rief hinaus. »Sie, guter Mann, kommen Sie herein.« Der Hausmeister näherte sich, er war ein wenig verwundert, weil der Fremde hier den Herrn spielte. »Wer hat diesen Brief gebracht?« fragte Verduret. »Ein Dienstmann, er sagte, der Gang sei schon bezahlt.« »Kennen Sie ihn?« »Ja, er steht an der Straßenecke.« »Holen Sie ihn.« Der Hausmeister ging und Verduret setzte sich an den Tisch, auf welchem das Geld lag, zog ein Notizbuch aus der Tasche und betrachtete bald die Banknoten, bald die Zahlen, die in seinem Buche eingetragen waren. Endlich sagte er entschiedenen Tones: »Diese Bankscheine hat Ihnen nicht der Dieb geschickt.« »Sie meinen?« »Ich bin überzeugt davon, es wäre denn, daß er mit außerordentlichem Scharfsinn begabt ist, aber soviel steht fest, daß diese Tausendfrankscheine nicht zu den aus Ihrer Kasse entwendeten gehören – denn hier habe ich die Nummern der gestohlenen Banknoten.« »Ist es möglich!« rief Prosper verblüfft, »die hatte ich nicht einmal selbst!« »Aber die Bank hatte sie und das ist ein Glück.« »Und Sie denken an alles!« Verduret lächelte schwach, aber er wurde sofort ernst, erhob sich und ging nachdenklich auf und ab, dabei sprach er halblaut vor sich hin und schien die Anwesenheit des anderen vollkommen vergessen zu haben. »Da das Geld nicht vom Diebe herrührt, so kann es nur von jener Person stammen, die zwar anwesend war, den Diebstahl aber nicht abzuwenden vermochte und nun von Gewissensbissen gemartert wird – meine Annahme, auf die mich der Strich an der Kasse brachte, wird nun zur völligen Gewißheit.« Prosper hörte staunend zu, begriff aber nichts, doch wagte er nicht den Freund seines Vaters mit Fragen zu unterbrechen. »Wir müssen nun herausbringen,« fuhr Verduret fort, »wer diese zweite Person ist.« Er nahm den Brief nochmals auf und las ihn aufmerksam durch. »Der Brief ist unzweifelhaft von einer Frau verfaßt,« sagte er dann, »ein Mann hätte seine Ausdrücke sorgfältiger gewählt und nicht ›Hilfe‹ geschrieben, ein Wort, das ja im höchsten Grade verletzend wirkt, aber die Frauen ahnen nicht, wie töricht empfindlich die Männer in gewisser Beziehung sind; die Schreiberin hat wirklich helfen wollen und darum naturgemäß das Wort Hilfe geschrieben, während ein Mann etwas von Darlehen oder dergleichen gesprochen hätte . . . Und vollends der Satz: daß es ein Herz gibt und so weiter, kann nur von einer Frau herrühren . . .« »Wie sollte denn eine Frau in die Sache verwickelt sein?« bemerkte Prosper. Aber Verduret achtete des Einwurfes nicht. Er ging mit dem Brief ans Fenster und betrachtete die Buchstaben auf das sorgfältigste, denn er wollte herausfinden, woher sie ausgeschnitten sein mochten. Es war ihm sofort klar, da die Schrift klein, der Druck sehr sauber und das Papier sehr glatt war, daß der Ausschnitt weder aus einer Zeitung, noch aus einem gewöhnlichen Buche stammen konnte. Es waren besondere Buchstaben, die nicht allen Druckereien eigen sind. »Ich hab's!« rief er plötzlich, »die Worte sind aus einem Gebetbuche ausgeschnitten! Übrigens können wir uns gleich überzeugen . . .« Und rasch befeuchtete er die aufgeklebten Worte und löste sie dann mit einer Stecknadel ab; auf der Rückseite eines der Worte stand lateinisch: » Deus .« »Hab' ich's nicht gesagt?« rief er befriedigt lächelnd. »Nun gilt es, auch das Gebetbuch ausfindig zu machen . . .« Er wurde durch den Hausmeister unterbrochen, der den Dienstmann hereinführte. Verduret zeigte dem Mann den Briefumschlag. »Erinnern Sie sich, diesen Brief gebracht zu haben?« »Gewiß, er ist ja sehr auffällig.« »Und wer hat Ihnen den Brief übergeben, ein Herr oder eine Frau?« »Ein Dienstmann.« »So; kennen Sie ihn?« »Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.« »Hat er Ihnen vielleicht gesagt, wer ihm den Auftrag erteilt hat?« »Ja, er sagte, ein Kutscher habe ihm auf dem Boulevard den Brief übergeben.« Soviel Vorsichtsmaßregeln! dachte Verduret, die Person will im Dunkeln bleiben – es wird ihr aber nichts helfen – wir werden sie finden! und laut sagte er zum Dienstmann: »Würden Sie Ihren Kollegen wiedererkennen?« »Gewiß, wenn ich ihn treffe.« »Schön, jetzt sagen Sie mir, wie viel Sie pro Tag verdienen?« »Das ist nicht gleich, aber acht bis zehn Frank sicher.« »Also, dann gebe ich Ihnen zehn Frank, Sie haben weiter nichts zu tun, als spazieren zu gehen und nach dem Kollegen Umschau zu halten, allabendlich um acht Uhr kommen Sie ins Hotel Erzengel, fragen nach Herrn Verduret, statten mir Bericht ab und holen sich Ihr Geld. Sobald Sie den Mann ausfindig gemacht haben, erhalten Sie noch obendrein fünfundzwanzig Frank. Paßt Ihnen dies Geschäft?« »Das will ich meinen!« »Dann machen Sie sich sogleich auf den Weg!« »Glauben Sie wirklich, daß eine Dame hinter diesem Geheimnis steckt?« fragte Prosper, nachdem der Dienstmann sich entfernt hatte. »Natürlich, ich bin überzeugt davon und zwar ist es eine fromme Dame, die mehrere Gebetbücher besitzt, da sie aus einem die Buchstaben herausgeschnitten hat.« »Und Sie hoffen, des verdorbenen Gebetbuches habhaft werden zu können?« »Ja, mein Lieber, denn mir steht ein Mittel zu Gebote – und dies werde ich sofort in Anwendung bringen.« Bei diesen Worten schrieb er einige Zeilen in sein Notizbuch, riß das Blatt heraus, rollte es zusammen und ließ es in die Westentasche gleiten, dann sagte er: »Kommen Sie, Prosper, nun wollen wir Herrn Fauvel unseren Besuch abstatten und dann zum Essen gehen.« 7. Raoul von Lagors hatte nicht übertrieben, als er von Fauvels schlechtem Aussehen und Niedergeschlagenheit sprach. In der Tat war der Bankier seit dem Tage, an welchem sein Kassierer auf seine Anzeige hin verhaftet worden, von tiefer Schwermut ergriffen und der sonst so tätige Mann kümmerte sich kaum um sein Geschäft. Den ganzen Tag fast saß er in seinem Arbeitskabinett eingeschlossen und war für niemand, nicht einmal für seine Familie zugänglich. Am Tage von Prospers Freilassung saß Herr Fauvel wie gewöhnlich vor seinem Schreibtische, hatte die Ellbogen aufgestützt, den Kopf in die Hände gelegt, und starrte trübsinnig ins Weite. Plötzlich trat der Kammerdiener mit bestürzter Miene ins Zimmer und meldete: »Herr Bertomy ist mit einem zweiten Herrn, einem Verwandten, wie er sagt, hier und will sich durchaus nicht abweisen lassen, er wünscht Sie zu sprechen.« Der Bankier war bei der Meldung aufgesprungen. »Wie, er wagt es . . .« rief er zornbebend . . . aber er faßte sich sogleich, der Diener sollte seine Erregung nicht sehen und in ruhigerem Tone fügte er hinzu: »Ich lasse die Herren bitten . . .« Einen Augenblick später standen sich die beiden Gegner gegenüber und maßen sich mit haßerfüllten Blicken; Fauvel war hochrot, mit zorngeschwollenen Adern auf der Stirne, Prosper dagegen war totenbleich und seine Lippen zitterten. Herr Verduret brach das peinliche Stillschweigen. Er stellte sich als nahen Verwandten Prospers vor und fügte hinzu: »Es wird Ihnen bekannt sein, Herr Fauvel, daß mein Neffe freigelassen worden ist.« »Ja,« entgegnete Fauvel, der sich nur mit Mühe beherrschte, »ja, aus Mangel an Beweisen.« »So ist es, und da dieser Umstand der Zukunft meines Neffen schadet, so hat er sich entschlossen, nach Amerika auszuwandern.« Fauvels Gesicht hellte sich bei dieser Mitteilung auf. »So, so, er wandert aus, so, so,« wiederholte er mehrmals und mit einer Betonung, die einer Beleidigung gleichkam. Prosper hatte Mühe, sich zu beherrschen, Herr Verduret aber blieb vollkommen ruhig, als ob er den Schimpf nicht verstanden hätte. »Ich meine, mein Neffe tut gut daran, nur habe ich gewünscht, daß er sich vor seiner Abreise von seinem ehemaligen Chef verabschiede.« »Herr Bertomy hätte sich den Schritt, der für uns beide peinlich ist, ersparen können,« entgegnete Fauvel finster. »Ich glaube, wir haben einander nichts zu sagen.« Das war eine deutliche Verabschiedung; Verduret verbeugte sich stumm und zog Prosper, der keine Silbe gesprochen hatte, mit sich fort. Erst auf der Straße fand Bertomy die Sprache wieder. »Sie haben es gewollt, sind Sie nun zufrieden, daß ich diese Demütigung, die gar keinen Zweck hat, auch noch erdulden mußte?« »Lieber Freund, es mußte sein, ich konnte nicht allein zu dem Bankier gehen und doch mußte ich ihn sehen, um mir Gewißheit zu verschaffen, jetzt weiß ich, daß er mit dem Diebstahl nichts zu schaffen hat. übrigens hatte ich noch einen anderen Grund, ich wollte auch wissen, ob er argwöhnischer Natur ist – und auch dies weiß ich nun.« Während sie sprachen, waren sie langsamer gegangen und zuletzt stehen geblieben. Verduret hatte den Kopf gewendet, als suche er jemand mit den Blicken und in der Tat kam Cavaillon plötzlich auf sie zugelaufen. Er mußte es sehr eilig gehabt haben, denn er hatte nicht einmal einen Hut aufgesetzt und war so aufgeregt, daß er seinen Freund Prosper gar nicht begrüßte und sich nur an Verduret wandte, dem er die seinem Freunde unverständlichen Worte zuflüsterte: »Sie sind seit einer Viertelstunde fort.« »Schon so lange? da ist Eile nötig. Vorher aber nehmen Sie dies und übergeben Sie es ihr. Und nun machen Sie, daß Sie in Ihr Bureau kommen, es war unvorsichtig von Ihnen, ohne Hut davonzustürzen.« Verduret hatte das Zettelchen, das er vorher bei Prosper geschrieben, hervorgezogen und Cavaillon eingehändigt und dieser eilte was er konnte zurück. Prosper war von der ihm unverständlichen Szene befremdet. »Sie kennen Cavaillon?« »Wie Sie sehen; aber wir haben keine Zeit zu verlieren, kommen Sie rasch.« »Wohin?« »Das werden Sie sehen, folgen Sie mir.« Und fast im Laufschritt eilte er vorwärts. Endlich machte er Halt, wendete sich zu Prosper, der atemlos folgte, und sagte: »Wir sind zur Stelle.« Dann trat er in ein Haus, führte Prosper zwei Stockwerk hinauf und hielt vor einer mit einem Porzellanschild versehenen Tür, auf dem zu lesen stand: »Modesalon.« Ohne anzuläuten, klopfte Verduret leicht zweimal an und als ob jemand auf dies Zeichen gewartet hätte, öffnete sich die Tür sofort. Eine ältere anständig gekleidete Frau empfing die Ankömmlinge mit stummem Gruß und führte sie in einen kleinen Warteraum. Verduret zeigte auf eine Tapetentür und fragte: »Ist sie da drinnen?« »Ja,« entgegnete die Frau, »im kleinen Salon.« Ohne weiteres öffnete Verduret die Tür und schob Prosper sanft hinein. »Kaltes Blut,« flüsterte er ihm zu. Was soll die Mahnung? dachte Prosper und ließ den Blick über das Gemach gleiten – aber schon stieß er einen Schrei der Überraschung aus: »Magda!« In der Tat stand das junge Mädchen in einer Ecke des Salons vor einer Gliederpuppe und glättete an den Falten eines prächtigen goldgestickten roten Samtkleides – das ohne Zweifel ihr Ballkostüm war. Bei Prospers Ausruf wandte sie sich jäh, sie erbleichte und war einer Ohnmacht nahe, sie klammerte sich an eine Sessellehne, um nicht umzusinken. »Magda, Magda,« wiederholte Prosper, noch immer fassungslos. Sie aber hatte inzwischen ihren Schwächeanfall überwunden. Stolz richtete sie sich auf und sagte: »Was gibt Ihnen die Kühnheit, meinen Schritten nachzuspüren? Wie können Sie sich erlauben, mir zu folgen und hier einzudringen?« Prosper hätte ihr gerne gesagt, daß er daran unschuldig war, allein er fühlte sich außerstande, ihr alles zu erklären und deshalb schwieg er. »Hatten Sie mir nicht Ihr Ehrenwort gegeben, niemals den Versuch zu machen, mich wiederzusehen? Sind Sie so wortbrüchig?« »Wohl habe ich Ihnen mein Wort gegeben – allein – –« er hielt inne. »Fahren Sie fort.« »Es hat sich seit jenem Tage, an dem ich so schwach war, jenen Schwur zu leisten, soviel ereignet, daß ich wohl berechtigt wäre, ihn auf einen Augenblick zu vergessen. Aber ein Zufall, oder vielmehr ein Wille, der nicht der meinige ist, führt mich hierher, ich hatte keine Ahnung von dem Glück, das mir bevorstand. Ach, daß ich Sie endlich wiedersehe, wieder in Ihrer Nähe weile! Mein Herz erbebte vor Seligkeit, als ich Sie erblickte, und Sie sind so unbarmherzig und stoßen mich zurück! Als ob ich nicht ohnedies unglücklich genug wäre!« »O, Sie wissen Prosper, daß ich den innigsten Anteil an Ihrem Schicksal nehme, daß ich wie eine Schwester für Sie fühle.« »Wie eine Schwester!« wiederholte Prosper bitter, »ja, das ist das Wort, das Sie an jenem Tage aussprachen, als Sie mich aus Ihrer Nähe verbannten. Wie eine Schwester! Warum haben Sie mich dann drei Jahre lang hoffen lassen, daß ich Ihnen mehr bin, denn ein Bruder? Ja, als wir die Tante auf ihrer Wallfahrt nach Notre Dame de Fourrières begleiteten, haben wir uns da nicht am frommen Ort ewige Liebe geschworen, Andenken getauscht? Ich habe das Madonnenbildchen noch, das Sie mir gaben, aber Glück – wie Sie mir damals wünschten, hat es mir nicht gebracht!« Magda machte eine flehende Bewegung, als wollte sie ihn bitten, ihrer zu schonen, aber er merkte es nicht und fuhr erregt fort: »Wenige Wochen nach jener beglückenden Wallfahrt gaben Sie mir mein Wort zurück und entrissen mir das Versprechen, Sie zu meiden. Wenn ich wenigstens wüßte, was Sie dazu veranlaßt hat, was ich begangen habe, um Ihre Neigung zu verscherzen. Aber Sie würdigten mich keiner Erklärung, Sie sprachen nur von einem unüberwindlichen Hindernis, forderten meine Entfernung und ich mußte die Welt glauben lassen, daß es meinerseits freiwillig geschehe. Ach – warum haben Sie Ihr Herz von mir gewendet, Magda, warum?« Große Tränen waren in Magdas Augen getreten und rollten langsam über ihre bleichen Wangen herab. »O, Prosper, wozu dies alles, Sie sollten mich vergessen . . .« »Vergessen!« rief er, »vergessen, als ob man das könnte! Ach, ich sehe wohl, daß Sie mich nicht mehr lieben und so bleibt mir nur eins – der Tod.« »Unseliger!« . . . stieß Magda hervor. »Jawohl, unselig,« antwortete er traurig, »unselig und unglücklich, mehr als Sie ahnen können. Seit einem Jahr, seit ich Sie verloren habe, gab es für mich kein Glück. Ich sollte Sie vergessen, sagten Sie – ich habe es versucht, ich wollte mich berauschen, betäuben, ich habe aus dem Taumelbecher der Lust getrunken, mich in den Strudel wilder Vergnügungen gestürzt – vergebliches Mühen, ich habe nicht vergessen gelernt, nur wurde mir mein Dasein noch unerträglicher – wundert es Sie nun, wenn ich mich nach dem ewigen Frieden, dem Tode, sehne?« »O, sprechen Sie nicht so,« rief Magda, »o Gott, das ist zuviel des Leidens!« Prosper mißverstand sie, er glaubte, sie sagte die Worte mit Bezug auf ihn und antwortete: »Sie bemitleiden mich, Magda? Ach, was soll ich noch auf der Welt? Ich habe Ihre Liebe verloren, ich komme aus dem Gefängnisse, entehrt, schmachbedeckt, für mich gibt es keine Hoffnung, keine Zukunft mehr, mir bleibt nur die Verzweiflung und der Tod!« »Ach, Prosper, wenn Sie wüßten. . .« »Ich weiß nur eins, daß Sie mich nicht mehr lieben und daß ich Sie unwandelbar liebe und ewig lieben werde!« Er schwieg, aber Magda antwortete nicht. Da ertönte plötzlich durch die Stille unterdrücktes Schluchzen, erstaunt wandten sich die beiden: es war Magdas Kammerjungfer, die im Hintergrunde saß und heftig weinte. Magda hatte ihre Anwesenheit völlig vergessen, Prosper sie nicht bemerkt, aber jetzt erkannte er sie zu seinem nicht geringen Schrecken: das einfach und bescheiden gekleidete junge Mädchen war Nina Gypsy! Und Nina hatte alles gehört! Mitleid beschlich Prospers Herz, sie liebte ihn und mußte Zeugin seines Geständnisses, das er einer anderen machte, sein! Und an seinem eigenen Schmerz, da er sich verschmäht wähnte, konnte er die Qualen, die Nina erduldete, ermessen. Aber zu seinem Mitgefühl schlich sich eine zweite Empfindung: die des Erstaunens; wer und was hatte die wilde, leidenschaftliche Nina Gypsy so verwandelt, daß sie – die wohl nur ihm zuliebe die Stelle einer Dienerin angenommen – jetzt so ruhig sitzen blieb und nur still weinte, statt aufzufahren und ihre Rechte als seine Geliebte geltend zu machen? Magda hatte sich inzwischen etwas gefaßt, sie trat an Prosper heran und sagte weich: »Warum sind Sie gekommen? Wir bedürfen beide unseres ganzen Mutes, denn – auch ich bin unglücklich, Prosper – o, noch viel unglücklicher als Sie! Sie dürfen wenigstens Ihrem Herzen durch Klagen Luft machen, mir ist es sogar verwehrt, auch nur eine Träne zu vergießen und während mein Herz bricht, muß ich lächeln. – – Wir müssen jetzt scheiden und das für immer, aber wenn es Ihnen einen Trost gewähren kann, so will ich Ihnen zum Abschied sagen, daß ich nichts vergessen, ich mich nicht gewandelt habe. Aber aus diesen Worten dürfen Sie keine Hoffnung für die Zukunft schöpfen – für uns kann es kein gemeinsames Glück geben, wir müssen für ewig getrennt bleiben. Leben Sie wohl und geben Sie mir zum Abschied das Versprechen, daß Sie Ihr gräßliches Vorhaben nicht ausführen werden; Sie wollen mich doch nicht noch unglücklicher machen, als ich schon bin . . . Vielleicht wird auch noch dereinst der Tag kommen, an dem ich mich rechtfertigen kann. Und nun zum letzten-, letztenmal Lebewohl, Prosper, Lebewohl – Bruder!« . . . Sie ging, Nina folgte ihr und Prosper blieb allein. Er war von dem eben Erlebten mächtig erschüttert, aber nach und nach wurden seine Gedanken klarer und mit Staunen erkannte er die Macht des fremden Mannes, der sich für den Freund seines Vaters ausgab und den er im Leben vorher nie gesehen! Und dieser Fremde griff nun so in sein Leben ein, wußte alles, kannte alles und lenkte ihn selbst wie eine willenlose Marionette! Heftig erregt trat er Verduret, der eben an der Schwelle erschien, entgegen und herrschte ihn an: »Wer sind Sie, mit welchem Recht mischen Sie sich in mein Leben?« »Wer ich bin? Sie wissen es ja schon, der Freund Ihres Vaters, der mich gebeten hat, Ihnen beizustehen. Soll ich Ihnen etwa meine Lebensbeschreibung geben? Die hätte doch wenig Interesse für Sie, es genüge Ihnen, daß ich Ihnen helfen will und helfen werde.« »Durch welche Mittel? ich muß wissen, ob ich sie annehmen kann oder nicht; auch bin ich nicht länger geneigt, mich meines freien Willens zu entäußern und mich ähnlichen Auftritten auszusetzen, wie dem heutigen. Ich glaube, ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue.« »Wenn einer blind ist, mein lieber Prosper, dann läßt er sich eben führen, das Alter spielt dabei gar keine Rolle . . .« Diese Antwort Verdurets, die Prosper als Hohn erschien, reizte ihn aufs äußerste. »Ah,« rief er, »zum Schaden fügen Sie noch den Spott! . . . Übrigens, ich danke Ihnen, Herr Verduret, ich bedarf Ihrer Hilfe nicht, ich verzichte auf jede weitere Nachforschung. Was gilt mir jetzt noch Ehre, Leben? Magda ist unwiederbringlich für mich verloren – ich gebe den Kampf auf!« »Ich glaube, Sie haben den Verstand verloren.« »Nein, aber was soll mir alles andere, da Magda mich nicht mehr liebt.  . .?« »Haben Sie sie denn nicht verstanden . . .?« »Wie, Sie haben gehorcht?« rief Prosper empört. »Ja, ich bekenne es, es war vielleicht nicht gerade sehr zartfühlend, aber der Zweck heiligt die Mittel und Sie können nur froh darüber sein, weil ich jetzt in der Lage bin, Ihnen zu sagen, daß Fräulein Magda Sie noch immer liebt.« »O, wenn ich das glauben könnte, aber ich fürchte, nur aus Mitleid hat sie . . .« »Nein, nein, sie liebt Sie und sie leidet, haben Sie denn nicht erraten, gesehen, daß dieses edle junge Mädchen ihre Liebe einer übernommenen schweren Pflicht zum Opfer bringt? Wofür sie sich opfert, für wen, das ist eben das Geheimnis, das wir enthüllen müssen und dann werden wir auch gleichzeitig die Umtriebe kennen, denen Sie selbst zum Opfer gefallen sind!« »O, wenn Sie recht hätten!« »Ja, ich habe recht, öffnen Sie doch die Augen und Sie werden die Wahrheit erkennen: Magda weiß, wer der Dieb ist . . .« »Nicht möglich!« »Ja, es ist so, aber irgend etwas bindet ihr die Zunge, sie muß Sie aufgeben, wir dürfen aber ihr daraus keinen Vorwurf machen, denn sie hat sich selber aufgeopfert.« Prosper war erschüttert. Er streckte dem Freunde seines Vaters die Hand entgegen und sagte: »Können Sie mir verzeihen, Herr Verduret? Ich muß in Ihren Augen sehr lächerlich und töricht erscheinen, aber Sie wissen nicht, was ich leide . . .« Traurigen Tones erwiderte Verduret: »Ich habe keine Ursache, Ihrer zu spotten, denn was Sie leiden, habe auch ich einst empfunden. Auch ich habe ein junges Mädchen geliebt – wenn auch kein so edles, reines Fräulein wie Magda. – – Und eines Tages hat sie mich um eines anderen willen verlassen.« »Und Sie kannten den anderen und haben sich nicht gerächt?« »Nein,« entgegnete Verduret und fügte mit eigentümlicher Betonung hinzu: »Aber der Zufall hat meine Rache übernommen.« Beide schwiegen. Prospers Gedanken wandten sich wieder seinen eigenen Angelegenheiten zu und nach einer Pause sagte er: »Ich sehe ein, ich habe kein Recht, mich selber aufzugeben, ich bin es meinen Angehörigen schuldig, meinen bemakelten Namen wieder reinzuwaschen, ich bin bereit, Ihnen bis ans Ende zu folgen, Herr Verduret; bitte, verfügen Sie über mich.« Am selben Tage noch verkaufte Prosper sein Mobiliar und schrieb seinen Freunden, daß er Europa verlasse und sich nach San Francisco begeben werde. Am Abend bezog er mit Verduret das Hotel zum Erzengel, wo ihm Frau Alexandrine ihr schönstes Zimmer zur Verfügung stellte – es war jenes, das Nina Gypsy bewohnt hatte. Prosper hatte sich, von all den Aufregungen und Anstrengungen des Tages erschöpft auf das Sofa geworfen und die Ereignisse zogen noch einmal vor ihm vorbei. Er dachte und grübelte, daß ihm davon der Kopf schmerzte. Er erhob sich, um das Fenster zu öffnen – denn er hatte das Bedürfnis nach frischer Luft – aber ein heftiger Wind, der ihm entgegenschlug, zwang ihn, das Fenster gleich wieder zu schließen. Durch den entstandenen Zugwind waren die Vorhänge aufgeflogen und ein Papierschnitzel wirbelte plötzlich mitten im Zimmer herum. Prosper hob es auf und betrachtete es zerstreut, aber wie staunte er, als er Ninas Handschrift erkannte – es war das Bruchstück eines Briefes. Die unzusammenhängenden Sätze ergaben keinen Sinn und doch gaben sie Prosper unendlich viel zu denken. Immer wieder und wieder las er: ». . . von Herrn Raoul, ich war sehr im . . . gegen ihn geschmiedet . . . Prosper benachrichtigen und dann . . . beste Freund, er . . . Fräulein Magdas Hand . . .« Prosper konnte die ganze Nacht keine Ruhe finden. 8. Für den nächsten Nachmittag hatte Herr Verduret Prosper in eine abgelegene Weinkneipe bestellt, die zu dieser Stunde wenig besucht war. Zur festgesetzten Zeit erschien der dicke Herr und freute sich, Prosper schon anzutreffen, er sah überhaupt recht vergnügt aus. »Haben Sie meine Bestellung ausgeführt?« fragte er, nachdem er an Prospers Tisch Platz genommen und der Kellner Wein gebracht hatte. »Ja, ich war beim Kostümhändler, alles wird morgen im ›Erzengel‹ abgeliefert werden.« »Schön, und auch ich habe meine Zeit nicht verloren, ich erwarte einige Boten, die wichtige Nachrichten bringen werden, unterdessen wollen wir uns zum Zeitvertreib ein wenig mit Ihrem hübschen Freunde Raoul beschäftigen.« Verduret zog sein Notizbuch hervor und blätterte darin, Prosper sah ihn gespannt an, denn das Bruchstück von Ninas Brief hatte seinen Argwohn rege gemacht. »Können Sie mir vielleicht sagen, aus welcher Gegend Herr von Lagors stammt?« »Gewiß, er ist aus demselben Orte, wie seine Tante Frau Fauvel, aus Saint-Remy.« »Ei, ei,« sagte Herr Verduret, indem er in sein Buch blickte, »das ist höchst merkwürdig.« Und indem er den Ton eines Fremdenführers nachahmte, begann er: »Saint-Remy ist ein hübsches, freundliches Städtchen mit sechstausend Einwohnern, es besitzt reizende Parkanlagen, interessante Festungsüberreste, ein schönes altertümliches Rathaus, berühmte Seidenwebereien, ein Irrenhaus.« »Aber, ich bitte Sie,« unterbrach Prosper. Unerschütterlich fuhr Verduret fort: »Saint-Remy besitzt ferner einen sehenswerten römischen Triumphbogen, ein griechisches Mausoleum; es ist die Heimat des Nostradamus, aber – nicht die Ihres Freundes Lagors . . .« »Nicht möglich, er sagte mir doch . . .« »Ich habe Beweise; ich habe mich mit der dortigen Obrigkeit ins Einvernehmen gesetzt und folgende Daten erhalten: Die Lagors, heißt es in jener Zuschrift, sind eine uralte Familie, die sich vor etwa einem Jahrhundert in Saint-Remy angesiedelt haben.« »Nun sehen Sie . . .« fiel Prosper ein. »Wie wär's, wenn Sie mich zu Ende lesen ließen? – Der letzte Lagors – er hieß René-Henri – verehelichte sich mit der Jungfrau Klarisse Fontanet und starb im Jahre 1848, ohne männliche Erben. Im Register des Standesamtes kommt der Name Lagors nicht mehr vor. – Nun, lieber Prosper, was sagen Sie dazu?« Prosper war verblüfft. »Wie kommt aber Fauvel dazu, Raoul als Neffen zu behandeln?« »Sie wollen sagen, als Neffen seiner Frau, darauf wollen wir später eine Antwort finden; hören Sie jetzt, was ich weiter erfahren habe und Sie werden daraus ersehen, wie es um die Rente von zwanzigtausend Frank, über die Raoul angeblich verfügt, in Wahrheit steht: Der letzte Lagors ist völlig verarmt gestorben, nachdem er sein Vermögen in verunglückten Unternehmungen verloren; seine zwei Töchter haben sich verheiratet und sind nach anderen Orten ausgewandert, die Witwe lebt von den Unterstützungen, die ihr eine reiche Verwandte, die Frau eines Bankiers in Paris, zukommen läßt . . .« »Aber,« fragte Prosper in immer wachsendem Staunen, »wenn Raoul kein Lagors und nicht der Neffe der Frau Fauvel ist, wer ist er dann?« »Das weiß ich nicht, mein lieber Prosper, und ich will Ihnen gestehen, daß es leichter war herauszubringen, wer er nicht ist, als wer er ist. Der einzige Mensch, der uns darüber Auskunft geben kann, wird sich wohl hüten, es zu tun.« »Sie meinen den Marquis von Clameran?« »Natürlich.« »Ich habe von jeher einen unerklärlichen Widerwillen gegen ihn gehabt. Wissen Sie etwas Näheres, über ihn?« »Vorläufig noch nicht viel, aber – nichts Günstiges. Louis von Clameran stammt aus Tarascon, er hatte einen älteren Bruder, namens Gaston; der vor etwa vierundzwanzig Jahren das Unglück hatte, bei einer Schlägerei einen Mann zu töten und deshalb ins Ausland fliehen mußte. Er war ein braver, rechtschaffener Mensch gewesen, während sein Bruder Louis immer das Gegenteil war, von Jugend auf schlechte Neigungen hegte und sich überall verhaßt machte. Nach dem Tode seines Vaters kam er nach Paris, verpraßte in kürzester Zeit nicht nur sein eigenes väterliches Erbe, sondern auch noch das seines flüchtigen Bruders und machte ansehnliche Schulden. Hierauf wurde er Soldat, mußte aber wegen schlechter Aufführung den Dienst verlassen. Er begab sich nach England, wo er ein Abenteurerleben führte und in eine schmutzige Spielergeschichte verwickelt war. Plötzlich erschien er wieder in Paris, wo er sich in der schlechtesten Gesellschaft herumtrieb und ganz herabkam. Da erfuhr er eines Tages, daß sein Bruder Gaston nach Frankreich zurückgekehrt sei und ein großes Vermögen mitgebracht habe. Es verhielt sich in der Tat so, Gaston kam aus Mexiko als reicher Mann wieder und da er von drüben her an Tätigkeit gewöhnt war, wollte er auch hier nicht müßig bleiben und kaufte bei Oleron ein Eisenwerk. Offenbar aber ist ihm der Klimawechsel nicht bekommen, denn trotzdem er noch verhältnismäßig jung war, ist er vor einem halben Jahre gestorben. Sein Bruder Louis weilte an seinem Totenbette und erbte nicht nur ein großes Vermögen, sondern auch den Marquistitel.« Prosper hatte mit größter Aufmerksamkeit zugehört, als Verduret eine Pause machte, sagte er: »Aus Ihren Mitteilungen geht klar hervor, daß der Marquis von Clameran – den unseren meine ich natürlich – als ich ihn bei Fauvel kennen lernte, noch tief im Elend steckte und ihm der Marquistitel noch nicht zukam.« »So ist es.« »Kurz darauf erschien Raoul auf der Bildfläche.« »Allerdings.« »Und ungefähr einen Monat später hat mich Magda plötzlich aufgegeben.« »Potzblitz, mein lieber Prosper, Sie werden ja auf einmal scharfsinnig und . . .« Er unterbrach sich, denn ein neuer Ankömmling war in die Gaststube getreten. Es war ein Bedienter in vornehmer herrschaftlicher Livree, der raschen Schrittes auf Verduret zutrat. »Nun, Josef Dubois, wie steht's?« fragte dieser. »O Meister, jetzt geht es los, es wird höllisch heiß.« Prosper betrachtete erstaunt den Herrschaftsdiener und zerbrach sich vergeblich den Kopf, wo er dieses Gesicht mit den lebhaften Äuglein schon gesehen habe? Inzwischen setzte sich Dubois an einen Nebentisch, ließ sich Absinth geben, in den er regelrecht Wasser goß und sagte: »Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Meister, daß man bei dem Herrn Marquis als Kammerdiener und Kutscher nicht gerade auf Rosen gebettet ist –« »Zur Sache, zur Sache.« »Ich bin schon dabei. Also, gestern nachmittag ging der Herr zu Fuß aus, ich ihm natürlich nach. Wissen Sie, wohin er ging? Es war zum Lachen, zum ›Erzengel‹ wo er nach einer gewissen kleinen Dame fragte. Als er erfuhr, daß sie nicht mehr dort sei, war er wütend, und rannte ins Hotel zurück, wo ihn Herr von Lagors erwartete. Nun begann er zu fluchen – ich habe derartiges mein Lebtag nicht gehört, und als ihm der andere fragte, was ihn denn so sehr aufbrächte, antwortete er: gar nichts, nur, daß die Spitzbübin uns durchgebrannt ist und niemand weiß, wo sie steckt. Die Mitteilung schien Herrn Raoul auch zu beunruhigen und er fragte: Weiß sie denn etwas Bestimmtes? Nein, entgegnete der Marquis, nicht mehr als ich dir schon sagte, aber das genügt, um einen Menschen, der etwas Spürsinn besitzt, auf die richtige Fährte zu bringen.« Verduret lächelte. »Dein Herr ist ja recht scharfsinnig,« sagte er, »aber fahre fort.« »Lagors wurde ganz grün im Gesicht und rief: Da muß ja die Dirne unschädlich gemacht werden, ehe sie plaudern kann. Aber mein Marquis zuckte die Achseln und sagte, dazu müßte man sie haben. Darüber haben sie gelacht und dann beraten, wie sie ihrer wieder habhaft werden könnten.« Prosper lauschte den Worten des fremden Bedienten mit atemloser Spannung. Jetzt glaubte er das Bruchstück von Nina Gypsys Brief sich erklären zu können, soviel stand fest, daß Raoul, dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, ein Schurke war. Indessen fuhr Josef Dubois in seinem Bericht fort: »Gestern, nach dem Mittagessen, hat sich mein Herr Marquis wie ein Bräutigam herausgeputzt; ich mußte ihn frisieren, rasieren, parfümieren, kurz, wie einen Stutzer zurichten, dann mußte ich einspannen und wir fuhren zu Herrn Fauvel.« »Nicht möglich!« fiel Prosper erstaunt ein, »nach den beleidigenden Äußerungen am Tage des Diebstahls, hat er die Keckheit wieder hinzugehen?« »Jawohl, er war so keck und blieb noch obendrein den ganzen Abend bis nach Mitternacht, was mir keineswegs angenehm gewesen, denn es regnete in Strömen und ich saß auf meinem Bocke und fror.« »Wie sah er aus, als er wiederkam?« »Nicht gerade sehr vergnügt, und als wir zu Hause angekommen waren und ich das Pferd versorgt hatte, ging ich zu ihm hinauf, um nach seinen Befehlen zu fragen, er aber hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen und rief mir durch die Türe zu, daß ich mich zum Teufel scheren möge.« Josef stärkte sich durch einen Schluck Absinth, ehe er fortfuhr: »Heute ist er spät aufgestanden, aber seine Laune war noch immer nicht besser. Als dann Raoul, der auch verdrießlich war, kam, haben sie sich gezankt und wurden schließlich handgemein. Der Herr Marquis fuhr seinem jungen Freund an die Gurgel, als ob er ihn erwürgen wollte, der aber behende wie eine Katze, zog aus der Tasche ein hübsches Dolchmesser und wenn ihn der Marquis nicht rasch losgelassen hätte, wahrhaftig, ich glaube, der junge Herr hätte Ernst gemacht.« »Worüber stritten sie denn?« »Ja, darüber kann ich leider nichts Genaues sagen, weil die Schufte englisch sprachen, nur soviel ist gewiß, daß es sich um Geld handelte.« »Woher weißt du das?« »Weil von den wenigen englischen Brocken, die ich einmal gelernt habe, ich mir das Wort money , das Geld bedeutet, merkte, nun, und dies Wort kam wiederholt in ihrem Gespräch vor. – Zum Schluß beruhigten sich die sauberen Kumpane wieder und hörten auch auf, englisch zu sprechen, aber sie sagten nichts von Bedeutung, sie sprachen von dem morgigen Kostümball, und erst als sich Raoul zum Weggehen anschickte, und mein Herr Marquis ihn hinausbegleitete, sagte er: Wenn der Auftritt also durchaus unvermeidlich ist, so mag er heute stattfinden, bleibe also heute abend in Besinet zu Hause. Raoul antwortete: 's ist gut.« Unterdessen hatte sich der Saal mit Gästen, die nach Wein oder Absinth riefen, gefüllt. Verduret sagte zu Josef: »Geh jetzt, damit dein Herr dich nicht vermißt; übrigens ist hier jemand, der mich zu sprechen wünscht. Auf morgen also!« Dieser Jemand war niemand anderes als Cavaillon; er blickte ängstlich um sich und sah so verstört aus, als wäre er ein Spitzbube, dem die Polizei auf der Fährte ist. Als er Verduret erblickt hatte, näherte er sich, drückte Prospers Hand heimlich, aber er setzte sich nicht, sondern blieb stehen, blickte nochmals um sich, ob ihn niemand beobachtete und reichte dann Verduret ein Päckchen. »Das hat sie in einem Schranke gefunden,« sagte er. Verduret öffnete das Paket, es enthielt ein schön gebundenes Gebetbuch. Er blätterte darin und bald hatte er die Seiten entdeckt, aus denen Worte ausgeschnitten waren. »Ich war zwar im vorhinein davon überzeugt,« sagte er zu Prosper, indem er ihm das Buch hinreichte, aber nun haben wir einen handgreiflichen Beweis, der allein schon hinreicht, um Ihre Unschuld darzutun.« Beim Anblick des Gebetbuches erschrak Prosper, er kannte es gar wohl, hatte er es doch selbst, damals bei jener Wallfahrt, Magda zum Geschenk gemacht. Auf der ersten Seite stand von seiner Hand die Inschrift: »Andenken an Notre Dame de Fourriéres.« »Magdas Gebetbuch!« rief er aus. Verduret antwortete nicht, er war aufgestanden und einem jungen Burschen entgegengegangen, der ihm einen Brief überreichte. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er in großer Aufregung zu Prosper zurückkehrte und sagte: »Wir haben sie vielleicht, rasch, rasch.« Und ohne dem armen Cavaillon ein Wort zu sagen, zog er Prosper mit sich fort, nachdem er ein Fünffrankstück auf den Tisch geworfen hatte. »Um Himmels willen, was geht denn vor?« fragte Prosper. »Kommen Sie nur, wir haben keine Zeit zu verlieren,« antwortete Verduret und schritt eiligst auf einen Droschkenstandplatz zu. »Was verlangen Sie für eine Fahrt nach Besinet?« fragte er den Kutscher, dessen Pferde ihm die besten schienen. »Ja, bei dem Hundewetter – und spät ist es auch schon« – versetzte der Kutscher, »kann ich unter fünfundzwanzig Frank nicht fahren.« »Sie sollen fünfzig haben, wenn es Ihnen gelingt, einen Wagen, der eine halbe Stunde Vorsprung hat, einzuholen.« »Steigen Sie nur ein,« sagte der Kutscher, »meine Pferde verstehen ihr Handwerk.« 9. Besinet ist ein hübsches freundliches Dörfchen, mit netten Villen, die die Pariser gerne zum Sommeraufenthalt benutzen. An einem Kreuzweg, der in eine Allee einmündete, ließ Verduret halten, der Kutscher hatte seine fünfzig Frank verdient, denn nur etwa dreißig Meter von ihnen fuhr der Wagen, den sie verfolgt hatten. Verduret stieg zuerst aus und hielt dem Kutscher eine Banknote hin. »Da haben Sie Ihre versprochene Belohnung. Halten Sie nun beim ersten Gasthaus, das Sie im Dorfe finden und warten Sie eine Stunde auf uns, wenn wir bis dahin nicht dort sind, können Sie nach Paris zurückkehren.« Der Kutscher dankte wortreich, aber die beiden Herren enteilten. Das Wetter war noch schlechter geworden, es regnete in Strömen und der Sturm heulte, daß es unheimlich klang. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht, vor der eisernen Gittertür einer abgelegenen Villa stand ein Wagen, derselbe, dem Verduret und sein Begleiter gefolgt waren. Der Kutscher saß, in seinen Mantel gehüllt, auf dem Bocke und schlief, trotz Sturm und Regen. Verduret trat an den Wagen heran, rüttelte den Kutscher und sagte: »He, aufgewacht.« Der Kutscher fuhr empor und griff mechanisch in die Zügel, denn er glaubte, sein Fahrgast sei zurückgekommen, als er aber beim flackernden Schein seiner Laternen in dieser abgelegenen Gegend plötzlich zwei fremde Männer erblickte, erschrak er und sagte, indem er die Peitsche ergriff: »Ich bin nicht frei, ich bin bestellt.« »Das weiß ich,« entgegnete Verduret, »ich will weiter nichts als eine Auskunft, für die ich Ihnen fünf Frank gebe. Ist Ihr Fahrgast nicht eine ältere Dame?« Den furchtsamen Kutscher erschreckte Anliegen und Frage noch mehr. »Machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst rufe ich um Hilfe,« sagte er. Verduret trat zurück. »Kommen Sie,« flüsterte er Prosper zu, »der Dummkopf ist imstande, wirklich Lärm zu schlagen und dann ist es mit unserem Plane aus. Nun handelt sich's darum, auf einem anderen Weg als durch das Gittertor hineinzukommen.« Sie schlichen um die Gartenmauer herum und suchten eine leicht übersteigbare Stelle; aber in der Dunkelheit war dies schwer zu finden, zumal die Mauer etwa zehn bis zwölf Fuß hoch und ziemlich gleichmäßig war. Aber Verduret ließ sich nicht abschrecken, war er doch ein gewandter Turner, er suchte nur Raum, um einen Anlauf nehmen zu können und saß mit einem Sprunge rittlings auf der Mauer. Prosper staunte, er hätte dem dicken Mann diese Gelenkigkeit gar nicht zugetraut. Er selbst war weniger geschickt und Verduret mußte ihm beim Überklettern behilflich sein. Als sie in dem Garten, der die Villa umgab, waren, sagte Verduret: »Nun beschreiben Sie mir einmal das Innere des Hauses. Was ist das für ein Zimmer, aus dem wir Lichtschimmer sehen?« »Das ist Raouls Arbeitszimmer, daneben sind zwei Salons . . .« »Wo hält sich die Dienerschaft auf?« »Raoul hat jetzt keine, ein Ehepaar aus dem Dorfe besorgt tagsüber den Dienst und geht abends wieder heim.« »Um so besser, so sind wir ungestört und werden wohl erfahren, was Raoul mit der Person, die zu dieser Stunde und bei diesem Wetter hergekommen ist, zu verhandeln hat.« »Was haben Sie vor?« »Wir wollen uns ins Haus schleichen und horchen, sollte ein Geräusch unsere Anwesenheit verraten – ei, wozu sind Sie denn sein Freund? Sie treten einfach ein, als ob Sie zu Besuch kämen.« Leider ließ sich der Plan nicht ausführen, denn das Haustor war versperrt, Verduret rüttelte vergeblich daran. Auch die Fenster des Erdgeschosses waren geschlossen, die Rolläden herabgelassen, so daß an ein Eindringen nicht zu denken war. Verduret war außer sich, er lief um das Haus herum und brummte. »Die Einbrecher sind wirklich vernünftige Leute, die haben immer Dietriche bei sich, in solch dumme Lage, wie wir uns nun befinden, können sie nicht geraten! . . . Wenn wir nur sehen könnten, was da oben vorgeht,« rief er plötzlich, indem er auf das beleuchtete Fenster hinaufwies – »die Lösung des Rätsels ist vielleicht dort und wir stehen hier ohnmächtig, zur Untätigkeit verdammt!« Er knirschte vor Wut mit den Zähnen und stampfte mit den Füßen. »Und ich muß, ich muß hineinsehen und sollte ich auf der glatten Wand hinaufklettern!« rief er. Plötzlich sagte Prosper: »Wenn ich nicht irre, muß hier irgendwo im Garten eine Leiter sein.« »Und das fällt Ihnen erst jetzt ein? Kommen Sie rasch – wo glauben Sie denn, sie gesehen zu haben?« »Ich glaube ganz rückwärts im Garten, bei einem Lusthäuschen.« Richtig fand sich die Leiter vor und triumphierend trug sie Verduret zum Hause. Als er sie aber an die Mauer anlehnte, erwies sie sich als um mindestens eineinhalb Meter zu kurz. »O weh,« sagte Prosper niedergeschlagen, »wir können das Fenster nicht erreichen.« »Doch, wir werden es erreichen,« entgegnete Verduret und rasch entschlossen, hob er die schwere Leiter empor, legte die unterste Sprosse auf seine Schultern, hielt die Seitenstangen mit den Händen fest und legte sie oben an das Fenster an.»So, nun steigen Sie auf,« sagte er zu Prosper. Prosper war äußerst gespannt und aufgeregt. Obgleich sonst kein besonders geschickter Turner, verlieh ihm die Aufregung eine ihn selber überraschende Gewandtheit. Leicht schwang er sich hinauf und bestieg die Leiter, die unter seinem Gewicht zitterte und schwankte. Aber kaum hatte er das Fenster erreicht und einen Blick hineingeworfen, als er einen furchtbaren Schrei ausstieß, der zum Glück im Tosen des Sturmes verhallte. Er verlor jeden Halt und stürzte herab. Der Boden war vom Regen ganz aufgeweicht, so daß Prosper sich bei dem Sturze nicht erheblich verletzt hatte. Indes erschrak doch Verduret heftig, rasch entledigte er sich der Leiter und eilte zu dem Gestürzten. »Haben Sie sich weh getan? Was ist geschehen, was sahen Sie?« rief er. Prosper sprang empor; er befand sich in einer geistigen Verfassung, die ihn gegen körperliche Schmerzen unempfindlich machte: er wußte nicht einmal, ob er verletzt war. »Der Elende, der Elende!« stieß er hervor. Erst auf wiederholtes Fragen und Drängen Verdurets antwortete er: »Magda ist oben, allein mit Raoul.« Verduret war sprachlos, er hatte einen anderen Namen erwartet. Aus den wenigen Zeilen, die ihm Nina hatte zukommen lassen, vermutete er, daß Frau Fauvel die Fahrt nach Besinet unternommen hätte. »Ist es wirklich Magda?« fragte er, »täuschen Sie sich nicht?« »Nein, es ist keine Täuschung möglich, ich habe Magda genau erkannt, und nun weiß ich auch, was Nina in jenem Briefe, von dem ich ein Bruchstück fand, angedeutet hat, dieses schändliche Geheimnis also war es, das sie entdeckte. – Und ich habe Magda wie eine Heilige verehrt und ihn für einen treuen ehrlichen Freund gehalten, dem ich mein ganzes Vertrauen schenkte und nun – es ist gräßlich, schändlich – er ist ihr Geliebter – ich diente ihnen nur zum Gespött . . .!« Verduret hörte nicht auf Prospers Klagen, er war über seinen Irrtum ganz verblüfft und dachte nach, was ihn eigentlich auf die falsche Fährte gebracht hatte. Trotzdem er aber von seinen eigenen Gedanken ganz eingenommen war und trotz der Dunkelheit bemerkte er, daß Prosper gegen das Haustor stürzen wollte; mit eisernem Griff am Arme hielt ihn Verduret fest. »Was wollen Sie?« »Hinein will ich! Nicht wie ein Dieb mich heimlich einschleichen, sondern als Richter, als Rächer, ich will Lärm schlagen, sie müssen mir öffnen – ich will sie töten! . . . Lassen Sie mich . . .!« Aber Verduret hielt ihn wie in einem Schraubstock fest, und als Prosper sich zur Wehr setzen wollte, entstand ein kurzes Ringen, bei dem Verduret Sieger blieb. »Haben Sie den Verstand verloren? Sie würden nur alles verderben und um Ihre Hoffnung, Ihren ehrlichen Namen wieder zu erlangen, wäre es geschehen.« »Was liegt daran? Ich will mich rächen.« »Ei, so rächen Sie sich doch!« rief Verduret ärgerlich. »Sie reden wie ein kleines Kind. Womit wollen Sie sich denn rächen, wie wollen Sie sie denn töten? Haben Sie Waffen? Nein, Sie wollen sich wahrscheinlich auf Raoul stürzen, mit ihm ringen – sind Sie aber gewiß, daß Sie der Stärkere sind? Indes entflieht Magda, erreicht ihren Wagen und fährt davon.« »Ich werde ihn fordern.« »Man schlägt sich nicht mit einem Manne, der fürs Zuchthaus reif ist.« Prosper war so betroffen, daß er nicht sofort antwortete, er sah ein, daß Verduret recht hatte. »Was soll ich tun?« fragte er endlich kleinlaut. »Warten, die Rache ist eine Frucht, die man ausreifen lassen muß. Ihre Stunde wird kommen; vor allem anderen haben Sie die Pflicht, Ihre Unschuld zu beweisen, Ihre Ehre wieder herzustellen. Und was Magda betrifft – wer sagt Ihnen, daß sie aus eigenem Antriebe hier ist? Wissen wir nicht aus ihrem eigenen Munde, daß sie sich opfert? Ein anderer Wille als ihr eigener zwang sie, Sie aufzugeben, kann es nicht wieder jener andere Wille sein, der sie zu diesem Schritte drängte?« Prosper lauschte mit Begier diesen Worten, die ihm einen Schimmer von Hoffnung wiedergaben und seufzte: »O, wenn Sie recht hätten, wenn ich glauben dürfte.« »Ich würde die Wahrheit sofort wissen, wenn ich nur ins Fenster sehen könnte . . .« »Ich will die Leiter halten, wenn Sie mir versprechen, mir genau zu sagen, was Sie gesehen und was Sie darüber denken.« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie sollen die Wahrheit erfahren.« Sofort nahm Prosper die Leiter, hob sie mit einer Kraft in die Höhe, die er sich selber kaum zugetraut hätte, und legte sie mit der untersten Sprosse auf seine Schultern, wie es früher Verduret gemacht hatte. »Steigen Sie hinauf,« sagte er. Im Nu war Verduret oben und er kletterte so geschickt und leicht empor, daß die Leiter nicht einmal schwankte. Prosper hatte sich nicht getäuscht: es war wirklich Magda, die sich zu dieser Stunde allein bei Raoul von Lagors befand. Aber Verduret merkte sofort, daß er keiner Liebesszene beiwohnte. Magda stand, in Hut und Mantel, mitten im Zimmer und sprach mit großer Lebhaftigkeit. Ihre Mienen, ihre Bewegungen drückten Entrüstung und Verachtung aus. Raoul saß auf einem niederen Sessel am Kamin und stöberte mit einem Schürhaken im Feuer herum. Von Zeit zu Zeit zuckte er die Achseln und seine Miene zeigte deutlich, daß ihm Magdas Worte kein Vergnügen bereiteten. Verduret würde viel darum gegeben haben, wenn er das Gespräch hätte vernehmen können, aber der Sturm blies zu heftig und es drang auch nicht das leiseste Geräusch durch das geschlossene Fenster. Verduret beobachtete Raouls Gesicht, das von der am Kamin stehenden Lampe voll beleuchtet wurde, er hoffte aus seinem Mienenspiel den Sinn der Szene zu erraten. Raouls Gleichgültigkeit war offenbar gemacht, denn zeitweilig zuckte er zusammen, oder er stieß den Feuerhaken heftiger in die Glut – Magdas Vorwürfe mochten ihn allzu schwer treffen. Magda indes schien, da die Vorwürfe nichts halfen, sich aufs Bitten zu verlegen, sie faltete die Hände, ihr Gesicht drückte Verzweiflung aus und nicht viel hätte gefehlt, so wäre sie niedergekniet. Raoul aber wandte den Kopf ab, seine Antwort mochte nur ein kurzes »Nein« sein. Zwei- oder dreimal wandte sie sich zum Gehen, aber immer wieder kehrte sie zurück und ihre Bitten, ihre Vorstellungen schienen immer dringender zu werden. Endlich hatte sie wohl die richtige Seite angeschlagen, denn Raoul erhob sich, öffnete die oberste Schublade eines zierlichen Schränkchens, das neben dem Kamin stand, zog ein Bündel Papiere heraus und hielt es ihr hin. Was bedeutet das? dachte Verduret, sollte das Fräulein Liebesbriefe zurückverlangt haben? Aber Magda war offenbar mit dem Bündel allein nicht befriedigt, aufs neue sprach sie eindringlich auf ihn ein und schien noch anderes zu begehren, Raoul aber weigerte sich entschieden, ihren Wünschen zu entsprechen. Da warf sie das Bündel auf den Tisch, es löste sich und einzelne Blätter fielen heraus. Verduret stutzte, er konnte sie ziemlich genau sehen, es waren farbige Zettel von besonderer Form. Potztausend, dachte Verduret, das sind keine Liebesbriefe, das sind, wenn mich nicht alles täuscht – Pfandscheine aus dem Leihhause! Magda suchte hastig unter den Zetteln, sie wählte einige aus und steckte sie in die Tasche, die anderen ließ sie liegen. Nun wandte sie sich wieder zum Gehen. Raoul ergriff die Lampe und leuchtete ihr hinaus. Da es nichts mehr zu sehen gab, stieg Verduret wieder herab. Er war sehr nachdenklich gestimmt. Aber Prosper wollte er nicht sofort Rede stehen, die Leiter mußte vorerst versteckt werden, wie leicht konnte Raoul, nachdem er Magda an den Wagen begleitet hatte, einige Schritte trotz des schlechten Wetters im Garten auf und ab gehen, um sich nach der stattgehabten Aufregung zu beruhigen und bei dieser Gelegenheit die am Hause lehnende Leiter bemerken. Eilig legte sie Verduret auf den Boden und zog Prosper mit sich unter die Bäume, wo sie völlig im Dunkeln standen, das Haustor und die Gittertür aber vor Augen hatten. Beinahe im selben Augenblick erschien Magda und Raoul am Haustor. Er hatte die Lampe auf den Treppenabsatz gestellt und bot Magda die Hand; mit einer hochmütigen Bewegung wies sie das junge Mädchen zurück – Prosper hätte darüber jauchzen mögen. Raoul schien die Beleidigung kühl aufzufassen, er zuckte die Achsel und schien zu sagen: Wie Sie wollen – dann ging er an die Gittertür, schloß auf, sperrte hinter Magda wieder zu und lief rasch ins Haus zurück, während der Wagen sich im raschen Trab entfernte. »Nun, Herr Verduret, wollen Sie jetzt Ihr Versprechen halten und mir alles sagen? Ich werde stark sein und die Wahrheit, wie bitter sie auch sein möge, ertragen.« »Die Wahrheit wird Ihnen nicht bitter, sondern süß erscheinen. Es wird der Tag kommen, an dem Sie erröten und bereuen werden, auch nur einen Augenblick lang den entehrenden Verdacht gehabt zu haben, daß Magda die Geliebte eines Menschen, wie dieser falsche Lagors ist, sein könnte!« »Ach, mein Gott, was man mit eigenen Augen sieht . . .« »Nichts haben Sie gesehen, es war nur Schein – und dem muß man immer mißtrauen. Natürlich steckt irgend etwas dahinter . . . Doch jetzt genug davon, wir müssen machen, daß wir fortkommen und leider müssen wir denselben Weg einschlagen, den wir hereingenommen haben, weil dieser verwünschte Raoul die Gittertür wieder abgesperrt hat.« Sie überstiegen wieder die Mauer. Kaum hatten sie einige Schritte auf der Straße gemacht, als sie hörten, wie die Gittertür aufgeschlossen wurde und ein Mann heraustrat, der, nachdem er wieder zugesperrt, rasch den Weg nach dem Bahnhof einschlug. »Das ist Raoul,« sagte Verduret, »durch Josef werden wir erfahren, was er Clameran über den Auftritt erzählt – wenn die Schurken nur nicht wieder englisch reden! – – »Wenn nur unser Kutscher noch nicht weggefahren ist,« fügte er nach einer Pause hinzu, während er rasch ausschritt, »wir können nicht daran denken, die Eisenbahn zu benutzen, weil wir Raoul am Bahnhof treffen würden.« Obgleich schon mehr als eine Stunde verflossen war, fanden sie den Kutscher doch noch in dem bezeichneten Wirtshause. Offenbar wollte er das reichliche Trink geld seiner Bestimmung zuführen und tat sich nun am Weine gütlich. Das Erscheinen seiner Fahrgäste freute ihn, so brauchte er also nicht leer nach Paris zu fahren und es gab einen hübschen Verdienst, allein der Zustand, in dem sie sich befanden, befremdete ihn. »Wie sehen Sie aus!« rief er. Prosper erwiderte, sie hätten einen Freund besuchen wollen, wären fehl gegangen und in einen Graben gefallen. »So, so,« brummte der Kutscher, bei sich dachte er aber, die beiden Kumpane haben wohl einen schlechten Streich ausführen wollen, es ist ihnen aber dabei selber schlecht ergangen. Während der Heimfahrt versuchte Prosper, Verduret zum Sprechen zu bringen, da aber dieser nur einsilbige Antworten gab, so schwieg er schließlich ebenfalls und beide hingen ihren eigenen Gedanken nach. Verduret hatte geglaubt, daß ihm der Ausflug Licht bringen werde und nun war die Sache nur noch unklarer und verwickelter als vorher. Und er grübelte und grübelte, um des Rätsels Lösung zu finden. Es schlug eben Mitternacht, als der Wagen endlich vor dem ›Erzengel‹ hielt. Da erinnerte sich Verduret, daß sie beide noch nichts genossen hätten. Zum Glück fanden sie Frau Alexandrine noch auf und im Nu stand ein schmackhaftes Abendessen vor ihnen. Ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, um sich zur Ruhe zu begeben, sagte Verduret: »Morgen werden wir uns tagsüber nicht sehen, aber ich hoffe, daß es mir auf dem Balle bei Jandidier glücken wird, etwas in Erfahrung zu bringen und dann treffen wir uns hier nach Mitternacht.« »Wie, Sie gehen auf den Kostümball? Deshalb sandten Sie mich zum Kostümhändler?« rief Prosper verwundert. »Sind Sie denn eingeladen?« »Natürlich,« entgegnete Verduret, nahm einen Leuchter und schnitt weiteres Fragen mit einem kurzen »Gute Nacht, auf Wiedersehen« ab. Und Prosper dachte, während er traurig sein Zimmer aufsuchte: Glücklicher Verduret, er wird Magda sehen! 10. Der Palast des Bankier Jandidier war einer der schönsten von Paris und mit geradezu märchenhafter Pracht ausgestattet. An dem Abende, an welchem der Kostümball stattfand, erstrahlte er in feenhaftem Lichte, und die elegante Gesellschaft, die sich in den Salon drängte, konnte das glanzvolle und künstlerische Arrangement nicht genug bewundern. Die Gäste, welche den vornehmsten und reichsten Gesellschaftskreisen angehörten, waren alle in kostbare geschmackvolle Kostüme gekleidet, von denen einige sich durch Echtheit besonders auszeichneten. So blieb ein Bajazzo, der ein echtes altitalienisches Kostüm trug und dessen ausdrucksvolles Gesicht merkwürdig zu der gewählten Tracht paßte, nicht unbemerkt. Er fiel dadurch besonders auf, daß er in einer Hand eine leinene, buntbemalte Fahne hielt, während er in der anderen ein Stöckchen hin und her schwang und von Zeit zu Zeit auf die Leinwandbilder schlug, wie es die Quacksalber auf den Jahrmärkten zu tun pflegen, ehe sie ihre Waren ausschreien und anpreisen. Man umringte den Bajazzo, da man einen Spaß von ihm erwartete, als man sich aber in der Erwartung getäuscht sah, ließ man ihn allein. Er stellte sich so auf, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte und verließ diesen Platz erst, nachdem Herr Fauvel mit seiner Familie erschienen war. Zehn Tage waren seit dem Diebstahl bei Fauvel verflossen, aber man sprach noch immer davon und jetzt nahmen viele – Freund und Feind – willkommenen Anlaß, dem Bankier ihre Teilnahme, die bei den einen aufrichtig, bei den anderen nur erheuchelt war, auszusprechen. Fauvel trug kein eigentliches Kostüm, sondern hatte nur, dem Zwange sich fügend, einen schwarzseidenen spanischen Mantel um die Schultern geworfen, er führte seine Frau, die trotz ihrer achtundvierzig Jahre noch blendend schön aussah, am Arme. Sie trug ein Hofkleid aus Samt und Brokat aus der Zeit Ludwigs XIV. und zwar ohne Diamanten noch sonstigen Schmuck, wie es in den letzten Regierungsjahren des großen Sonnenkönigs Mode gewesen, und bewegte sich mit dem vornehmen Anstand einer Königin. Ihr zur Seite, als Edelfräulein gekleidet, schritt Magda, sie war schöner und anmutiger denn je und fand allgemein aufrichtige und ungeteilte Bewunderung. Fauvel geleitete seine Damen in den Ballsaal, in welchem das Orchester unter der Leitung des berühmten Kapellmeisters Strauß die entzückenden Tonweisen spielte, und begab sich dann in das Spielzimmer, wo für die älteren Herren Kartentische aufgestellt waren. Der Bajazzo lehnte vergessen in einer Fensternische und ließ seine Blicke über die bunte wogende Menge schweifen, aber ein Paar, das eben an ihm vorübertanzte, erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Es war Magda, und ihr Kavalier im prachtvollen Dogenkostüm, niemand anderes, als der Marquis von Clameran. Er sah sehr vorteilhaft aus und schien dem schönen Edelfräulein eifrig den Hof zu machen. Wie kommt Magda dazu, sich von dem adeligen Schurken so anschmachten zu lassen? dachte der Bajazzo. Ein Glück, daß Prosper nicht hier ist! Inzwischen war der Tanz zu Ende und der Bajazzo hatte das Paar aus den Augen verloren. Ich finde sie gewiß bei Frau Fauvel wieder, dachte er und schob sich durchs Gedränge, um die Frau des Bankiers zu suchen. Er hatte nämlich bemerkt, daß sie sich, von der großen Hitze des Saales belästigt, in den wundervollen Wintergarten zurückgezogen hatte. Wirklich entdeckte er sie bald in einer Laube, die durch blühende Flieder-, Kamelien- und Orangenbäume gebildet war. Ihr zur Seite stand Raoul, als Edelknabe vom Hofe Heinrichs III. kostümiert. Er sah wirklich bildschön aus und der Bajazzo mußte denken, daß es eigentlich gar nicht verwunderlich wäre, wenn sich ein junges Mädchen in ihn verliebte. Allein Magda schien in dieser Beziehung völlig unempfindlich zu sein, sie saß auf der anderen Seite der Frau Fauvel und sah traurig aus. Sie hatte eine Kamelie vom nächsten Strauche gepflückt, drehte sie gedankenlos zwischen den Fingern und starrte wie geistesabwesend ins Leere. Vom Spielsalon konnte man sehr gut in den Wintergarten sehen, dort an der Tür lehnte der Doge und beobachtete Frau Fauvel und Magda, ohne von ihnen gesehen zu werden. Frau Fauvel und Raoul sprachen miteinander, er bückte sich zu ihr herab und ihr Gespräch schien sehr lebhaft zu sein, der Bajazzo hätte gerne etwas davon erlauscht, doch hielt es schwer, unbemerkt näher zu kommen; er schlängelte sich durch mehrere Gruppen und als er endlich einen günstigen Platz hinter dem Kameliengebüsch gefunden hatte, erhob sich Magda, um einem Tänzer, der sie abholte, in den Ballsaal zu folgen. Gleichzeitig entfernte sich Raoul, ging auf Clameran zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Offenbar sind die beiden armen Damen in den Krallen jener Schufte, dachte der Bajazzo, aber was mag da vorgehen? Plötzlich entstand eine lebhafte Bewegung: Im Hauptsaale sollte ein großer Maskenumzug stattfinden, man wußte, daß prachtvolle Gruppen dazu angemeldet waren und wollte die Herrlichkeit sehen; im Nu war der Wintergarten und die Nebensäle fast leer und nur wenige, die das große Gedränge verabscheuten und lieber bequem im Kühlen saßen, blieben zurück. Nun schien dem Bajazzo die günstige Stunde für sein Vorhaben gekommen. Er schwang seine Fahne, klopfte mit seinem Stöckchen, während er sich nächst der Türe in einiger Entfernung von Frau Fauvel aufstellte. Er begann damit einen Trommelwirbel so geschickt nachzuahmen, daß alle Zurückgebliebenen überrascht aufsprangen und ihn umringten. Nun ließ er ein Konzert von Pauken und Trompeten vernehmen, daß sich seine Zuhörer lachend die Ohren zuhielten und schließlich ließ er eine Rede mit so ungeheuerer Zungenfertigkeit von Stapel, daß ihn seine Kollegen vom Jahrmarkt sicher beneidet hätten. Er stellte sich als Schaubudenbesitzer und Theaterdirektor vor und lud die geehrten Herrschaften zur Besichtigung ein, namentlich rühmte er das chinesische Trauerspiel, das seine Gesellschaft zur Aufführung brächte und um dem hochgeschätzten Publikum einen kleinen Begriff von dem wunderbaren Drama zu geben, sagte er, wolle er den Inhalt erzählen und an den Bildern seiner Fahne erläutern. Nach dieser Einleitung gab es wieder einen Trommelwirbel und einen dröhnenden Paukenschlag und dann fuhr er fort: »Hier, meine verehrten Damen und Herren,« sagte er, indem er auf das erste Bild zeigte, »erblicken Sie die schöne Mandarinenfrau Li-Fo. Sie ist von ihren Kindern umgeben, ihr Gemahl, der große Mandarin Fo-Fo steht ihr zur Seite und sieht sie liebend an. Die Familie ist glücklich, weil die Frau tugendhaft ist und Tugend beglückt, wie Konfuzius so schön sagt.« Unwillkürlich hatte sich Frau Fauvel dem Marktschreier genähert, indem sie sich erhob und auf einem näheren Sessel Platz nahm. »Können Sie das Bild auf der Fahne erkennen?« fragte ein dicker Türke einen mageren Spanier. »Stellt es wirklich das vor, was er sagt?« »Es kann ganz gut eine Mandarinenfamilie vorstellen,« entgegnete der Spanier, »aber ebensogut könnte es ein Rübenfeld sein . . .« Ein neuer Trommelwirbel unterbrach ihn und der Bajazzo rollte ein zweites Bild auf. »Hier sehen wir die schöne Li-Fo wieder, aber o – was ist aus ihrer Schönheit geworden? sie ist entstellt, denn ach, sie hat ihre Tugend und Ehrbarkeit verloren und da floh die Schönheit entsetzt. Nun weint die unglückliche Mandarinenfrau, sie schaut in ihren silbernen Spiegel und erkennt, daß sie über Nacht grau geworden! Verzweifelt rauft sie sich die Haare aus, besonders die weißen – aber es hilft nichts! Was war mit unserer schönen Mandarinenfrau geschehen? Ach, jammervolle Geschichte! Eines Tages erblickte sie in den Straßen von Peking einen bildhübschen jungen Taugenichts und verliebte sich in ihn!« Mit tragischem Tone und Gebärde hatte der Bajazzo die letzten Worte vorgetragen, und sich dabei so gewendet, daß er Frau Fauvel gerade gegenüberstand und ihm keine Bewegung ihres Gesichtes entgehen konnte. »Die Geschichte ist um so jammervoller,« fuhr er salbungsvoll fort, »als Li-Fo auch ihre Jugend verloren hat, und sie, die alternde, die Mutter erwachsener Söhne, liebt einen Jüngling! Ach, sie fühlt ja ihre Torheit, sie sieht ein, daß er ihre Leidenschaft unmöglich teilen kann und doch vermag sie ihr Herz nicht von ihm loszureißen.« Der Bajazzo beobachtete, während er seinen Zuhörern die Bilder erklärte, Frau Fauvel scharf, aber seine Worte machten offenbar nicht den geringsten Eindruck auf sie, sie saß in ihren Sessel zurückgelehnt und blickte klaren Auges und lächelnd die Bilder der Fahne an. Potzblitz, dachte der Bajazzo, sollte ich mich doch geirrt haben? »Am dritten Bild,« fuhr er laut fort, »bitte, meine Herrschaften, betrachten Sie es genau, sehen wir unsere Mandarinenfrau von ihren Gewissensbissen befreit – sie hat offenbar moderne Philosophen gelesen – sie reißt sich nicht mehr die weißen Haare aus, sondern sie färbt sie, und da sie den schönen Jüngling durchaus an sich zu fesseln wünscht, greift sie zu allerlei Auskunftsmittelchen. Sie denkt: wenn schon nicht aus Liebe, so wird er aus Interesse, weil es sein Vorteil ist, bei mir bleiben. Und sie beginnt damit, ihm einen Titel beizulegen, der ihm nicht zukommt, der ihr aber erlaubt, ihn bei allen Mandarinen der Hauptstadt des Himmlischen Reiches einzuführen und damit er nun auch standesgemäß leben kann, entäußert sie sich ihrer ganzen Habe, sie opfert ihm ihre Perlen und Diamanten, ihr ganzes kostbares Geschmeide. Und der junge Schurke trägt alles in die Leihhäuser Pekings und weigert sich dann noch obendrein, die Pfandscheine herauszugeben.« Seit einer kleinen Weile bemerkte der Bajazzo mit Genugtuung, daß Frau Fauvel unruhig wurde, sie versuchte zuletzt aufzustehen, aber die Kraft schien ihr zu fehlen, sie sank auf den Sessel zurück und mußte weiter zuhören. »Aber, meine Damen und Herren,« begann der Bajazzo nach einem Trompetenstoß aufs neue, »der gefüllteste Kleinodienschrein wird endlich leer, wie ein Krug, aus dem man immer trinkt. Die arme Li-Fo hatte nichts mehr zu verschenken, allein er hatte sie umgarnt und begehrte nun, daß sie ihm den kostbaren Jaspisknopf ihres Mannes geben solle. Aber das war nicht leicht, denn Fo-Fo hatte das wundervolle Kleinod, das ja das Abzeichen seiner Würde war, in einem Felsenkellergewölbe, das Tag und Nacht von drei Soldaten bewacht war, verschlossen. Wie soll ich mich dessen bemächtigen? fragte sie. O ja, du kannst es, entgegnete er, von deinen Gemächern führt ein Weg ins Felsengewölbe. Ja, aber man wird die armen, unschuldigen Soldaten verdächtigen und da sie ihre Unschuld nicht beweisen können, zum Tode verurteilen, hinrichten . . .? Es half nichts, Li-Fo mochte einwenden, was sie wollte, mochte weinen, flehen – der schöne Schurke ließ nicht nach, bis sie seinen Willen tat. Dies vierte Bild hier, meine Herrschaften, zeigt Ihnen, wie die beiden Schuldigen über die geheime Treppe hinabschleichen, Sie sehen die Angst auf ihren Zügen . . .« Er brach ab, denn Frau Fauvel war ohnmächtig geworden und einige von den Zuhörern, die es bemerkten, waren erschrocken auf sie zugeeilt, indes erholte sie sich sogleich und man gab der Hitze und dem betäubenden Fliedergeruch an ihrem Unwohlsein schuld. Während der Kreis um den Bajazzo sich gelöst hatte und jetzt alle Frau Fauvel umdrängten, fühlte sich der Bajazzo plötzlich heftig am Arm gefaßt; er drehte sich um und sah sich Herrn von Lagors und dem Marquis von Clameran gegenüber. Beide waren bleich und ihre finsteren Gesichter sahen unheilverkündend aus. »Sie wünschen, meine Herren?« fragte er im verbindlichsten Tone. »Sie zu sprechen,« antworteten beide gleichzeitig. »Ich stehe zur Verfügung,« sagte er und folgte ihnen in eine abgelegene Fensternische. Niemand hatte den Auftritt bemerkt, übrigens war eben der Maskenumzug zu Ende, die Menge strömte und drängte hin und her, man lachte und plauderte und unterhielt sich vorzüglich. Der Marquis von Clameran, der sich kaum zu beherrschen vermochte, begann: »Wer sind Sie?« Der Bajazzo stellte sich, als glaubte er, es handle sich um einen Maskenscherz und antwortete demgemäß: »Wer ich bin? Ei, meine Herren, das sehen Sie doch an meinem Kleide! Die lustige Person bin ich, außerdem noch Theaterdirektor, Seiltänzer, Taschenspieler . . .« Der Marquis unterbrach ihn wütend: »Sie haben sich soeben einen niederträchtigen Scherz erlaubt.« Der Bajazzo zog seine buschigen roten Augenbrauen hoch empor und fragte verwundert: »Ich???« »Ja Sie, was wollten Sie mit der schändlichen Geschichte, die Sie vorgebracht haben?« »Erlauben Sie nur, verehrter Doge, das ist ein ergreifendes Drama, das ich gedichtet habe! Sie verletzen meine Dichtereitelkeit auf das grausamste, wenn . . .« »Genug,« herrschte ihn der Marquis an. »Es ist eine Feigheit von Ihnen, zu leugnen, daß Ihre Geschichte nichts anderes als eine elende Anspielung auf Frau Fauvel war.« Der Bajazzo zog die Augenbrauen noch höher und hörte offenen Mundes zu, er sah ungeheuer einfältig aus – aber einen Augenblick funkelte es wie teuflische Bosheit aus seinen Augen. »Eine Anspielung?« fragte er mit dem Ausdrucke höchster Verwunderung. »Welcher Zusammenhang sollte zwischen meiner Heldin Li-Fo und der von Ihnen genannten Dame bestehen, die ich gar nicht kenne?« »Wollen Sie etwa behaupten, daß Sie von dem Unglück, das Herrn Fauvel betroffen hat, nichts wissen?« »Ein Unglück?« fragte der Bajazzo. »Ist jemand gestorben?« »Ich spreche von dem Diebstahl, der im Bankhause Fauvel stattgefunden hat und von dem alle Zeitungen sattsam berichteten.« »Ja, ja, ich weiß, sein Kassierer ist mit einer halben Million durchgegangen, hieß es, mein Gott, das ist ja sozusagen ein alltägliches Ereignis. Aber welchen Zusammenhang Sie zwischen meinem chinesischen Drama und jenem Pariser Diebstahl sehen, ist mir unerfindlich.« Ehe der Marquis eine Antwort fand, stieß ihn Raoul mit dem Ellbogen in die Seite. Der Stoß schien ihn plötzlich zu ernüchtern, offenbar bereute er seine Heftigkeit und die ihm entfahrenen bedeutungsvollen Worte, er zwang sich zur Ruhe, maß den Bajazzo mit verächtlichem Blick und sagte kalt: »Ich habe mich offenbar getäuscht, Ihre Erklärungen genügen mir.« Der Bajazzo, der bis jetzt einfältig und bescheiden geschienen hatte, warf sich plötzlich in die Brust, stemmte die Faust in die Seite und nahm eine übertrieben herausfordernde Stellung, wie ein richtiger Raufbold, ein und sagte: »Ich habe Ihnen keine Erklärung gegeben und war Ihnen keine schuldig.« »O . . .« versuchte der Marquis einzuwenden. »Lassen Sie mich ausreden. Wenn ich wirklich eine Dame ohne es zu wollen verletzt habe, so ist es, meine ich, an ihrem Manne, mich zur Rede zu stellen. Sie haben mich gefragt, wer ich bin, nun aber frage ich Sie: Wer sind Sie , daß Sie sich unaufgefordert zum Verteidiger der Frau Fauvel aufwerfen? Mit welchem Rechte beschimpfen Sie sie, indem Sie eine Anspielung in einer Geschichte entdecken wollen, die ich nur zum Spaß erfunden habe?« Der Marquis war einen Augenblick über diese Frage betroffen, er faßte sich aber rasch und entgegnete: »Ich bin Fauvels Freund, und noch mehr, binnen kurzem werde ich zu seiner Familie gehören . . .« »Ah. . .?« »Jawohl, Fräulein Magda Fauvel ist meine Braut und in den nächsten Tagen wird die Verlobung öffentlich bekannt gegeben werden.« Diese Mitteilung schien den kaltblütigen Bajazzo doch etwas aus der Fassung zu bringen, aber nur einen Augenblick, dann verbeugte er sich übertrieben tief und sagte mit ironischem Lächeln: »Meine besten Glückwünsche, Ihre Braut ist nicht nur die Ballkönigin des heutigen Festes, sie bekommt, wie ich mir sagen ließ, rund eine halbe Million Mitgift.« Raoul hatte sich während dieser Unterredung fortwährend ängstlich nach allen Seiten umgeblickt und nur mit größter Ungeduld zugehört. »Jetzt ist's genug,« sagte er, und verächtlichen Tones fügte er hinzu: »Ihnen aber, Herr – Possenreißer, sage ich nur das eine, Ihre Zunge ist entschieden zu lang.« »Das mag sein, mein schöner Ritter, aber – mein Arm ist noch länger!« »Genug,« sagte jetzt Clameran seinerseits. »Komm, Raoul, was können wir von einem Manne erwarten, der die Maskenfreiheit derartig mißbraucht und sich nicht zu erkennen geben will.« »Es steht Ihnen frei, den Hausherrn zu fragen, wer ich bin – wenn Sie den Mut dazu haben!« »Sie sind . . .« rief der Marquis zornbebend, »Sie sind . . .« Durch eine rasche Bewegung verhinderte Raoul seinen Freund, die beabsichtigte Beleidigung auszusprechen; sie hätte wahrscheinlich zu einer Herausforderung, zu Lärm und Skandal geführt, und das wollte der besonnenere Raoul vermieden wissen – es wäre für beide zu gefährlich gewesen. Der Bajazzo schien die Beleidigung zu erwarten, er lächelte nur ironisch, als sie aber ausblieb, sah er dem Marquis scharf ins Auge und sagte langsam: »Wer ich bin, fragen Sie? Ich bin der beste Freund, den Ihr Bruder Gaston bei Lebzeiten hatte, ich war sein Vertrauter, sein Ratgeber – bis zur letzten Stunde.« Wenn der Blitz zwei Schritte vor Clameran in den Boden gefahren wäre, hätte er unmöglich entsetzter aussehen können. Er wurde totenbleich und fuhr erschrocken mit vorgestreckten Händen zurück, als wollte er ein Gespenst, das sich dräuend vor ihm erhoben, abwehren. Er versuchte zu antworten, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, er vermochte kein Wort hervorzubringen. »Komm mit mir,« sagte Lagors, der seine Ruhe bewahrt hatte und zog den Willenlosen mit sich fort; er mußte ihn stützen, denn der Marquis schwankte, wie ein Betrunkener. »Ah!« sagte der Bajazzo im höchsten Erstaunen. »Ah!« Er war über die Wirkung seiner Worte selbst im hohen Grade bestürzt, er hatte die geheimnisvollen Andeutungen nur aufs Geratewohl gemacht, vielleicht war es auch sein Polizisteninstinkt, der ihn dazu antrieb, in keinem Fall aber hatte er eine bestimmte Absicht damit verbunden. Was bedeutet das? fragte er sich. Was hat den Schurken so erschreckt? Dem muß ich auf die Spur kommen. Der Bajazzo verließ seinen Platz in der Fensternische und drängte sich durch die auf und ab wogende Menge, um zu sehen, was aus den beiden Spießgesellen geworden. Es dauerte nicht lange, so sah er sie, wie sie von Gruppe zu Gruppe gingen und eine Menge Leute anredeten. Aha, dachte der Bajazzo, die ehrenwerten Herren möchten erfahren, wer ich bin. Fragt nur immerzu, meine ehrlichen Freunde, fraget nur. Ihre Nachforschungen blieben ohne Erfolg und das schien sie noch mehr zu beunruhigen, sie empfanden das Bedürfnis, allein zu sein, und ohne das Souper abzuwarten, entfernten sie sich. Der Bajazzo sah sie zur Garderobe gehen, ihre Mäntel nehmen und das Haus verlassen und da er selber nichts mehr auf dem Feste zu tun hatte, entfernte er sich ebenfalls. Vor dem Hause standen viele Wagen, da aber das Wetter schön war, beschloß der Bajazzo zu Fuß nach Hause zu gehen und seine verworrenen Gedanken in der erfrischenden Nachtluft zu sammeln und zu ordnen. Er zündete sich eine Zigarre an und schlenderte langsam seiner Behausung zu. Plötzlich – er mochte noch keine hundert Schritte gegangen sein – sprang ein Mann aus dem Schatten, in dem er sich verborgen gehalten, hervor und drang mit erhobenem Arm auf ihn ein. Aber der Bajazzo hatte den Mann im Schatten bemerkt, und als er jetzt auf ihn zustürzte, bog er sich rasch zurück und streckte die Arme vor. Diese Bewegung rettete ihm das Leben, und der wütend geführte Dolchstoß, der ihn sonst unfehlbar getötet hätte, traf nur den Arm. »Ha, Schurke,« rief er. Als der Mörder seinen Anschlag vereitelt sah, entwich er eilenden Laufs. Das ist sicher der edle Ritter Lagors, da wird der andere Kumpan auch nicht fern sein, dachte der Bajazzo. Indessen schmerzte ihn die Wunde empfindlich. Er stellte sich unter eine Gaslaterne, um sie zu besichtigen, sie schien ihm nicht sehr gefährlich, doch war sie sehr breit und blutete heftig. Er verband sie mit seinem Taschentuch, das er in Streifen riß, so gut es angehen wollte und setzte seinen Weg gedankenvoll fort. Ich muß sehr bösen Dingen auf der Spur sein, wenn sie zum Dolche greifen, dachte er. Man setzt sich doch nicht einer Geringfügigkeit willen der Gefahr aus, ins Zuchthaus zu kommen. Der Bajazzo ließ, trotzdem ihm seine Gedanken lebhaft beschäftigten, die Vorsicht nicht außer acht, er vermied die dunkeln Ecken und hielt sich mitten auf der Straße. Trotzdem er niemand sah, war er überzeugt, daß seine Verfolger in der Nähe waren und richtig, als er bei einer Kreuzung die Straße überschritt, gewahrte er zwei Gestalten, die ihm wohl bekannt waren. »Es sind geriebene Schufte,« sagte sich der Bajazzo, »die sicher schon mehr derartige Abenteuer bestanden haben, sie folgen mir ganz offenkundig. Jetzt wollen sie mich nicht mehr umbringen, sondern sie wollen ganz einfach wissen, wer ich bin. Es wird schwer halten, sie auf falsche Fährte zu locken. Der Spaß mit dem Wagen, auf den Fanferlot hineingefallen ist, würde bei ihnen nicht verfangen, die sind zu schlau. Die Schurken sind mir knapp an der Ferse und ich kann weder nach Hause noch in den Erzengel gehen; denn, wenn sie herausbekommen, daß hinter dem Bajazzo ein Detektiv steckt, dann ist's mit meinen Plänen vorbei, dann fliegen mir meine Galgenvögel davon – Geld haben sie ja, die Schufte – und ich hätte das Nachsehen, samt meinen Unkosten und dem Messerstich.« Der Gedanke, daß ihm die Spitzbuben entwischen könnten, brachte ihn so auf, daß er Lust bekam, sich ihrer gleich zu versichern, das wäre sehr einfach gewesen, er brauchte nur nach einem Schutzmann zu rufen, der sie dann alle drei aufs Polizeikommissariat führen würde. Aber was wäre das Resultat? Gegen Raoul lagen genügend Beweise vor, aber gegen Clameran? Da sprachen nur Vermutungen; es mußten also erst Tatsachen gesammelt werden und darum ließ der Bajazzo seine Idee, einen Stadtsergeanten zu seiner Hilfe anzurufen, wieder fallen. Indes mußten die Verfolger um jeden Preis irregeführt werden – er konnte unmöglich länger mehr mit seinem schmerzenden Arm ziellos durch die Vororte wandern. Ein Entschluß war bald gefaßt und raschen Schrittes eilte er vorwärts. Als er mehrere Straßen kreuz und quer gewandert war, blieb er plötzlich stehen, zwei Schutzleute kamen ihm entgegen, er grüßte und fragte sie um eine unbedeutende Auskunft. Sein Kunstgriff hatte die erwartete Wirkung, Raoul und der Marquis blieben in einiger Entfernung zurück und wagten sich nicht vorwärts. Dieser Vorsprung genügte dem Bajazzo, noch während er sprach, läutete er an dem Hause, vor welchem sie standen, als er den Riegel klirren hörte, grüßte er die Schutzmänner und trat rasch in das geöffnete Tor. Sobald sich die Wachmänner entfernt hatten, näherten sich Clameran und Lagors dem Hause und läuteten ebenfalls. Sie fragten den Hausmeister, wer der Mann wäre, der eben in einem Maskenanzug nach Hause gekommen sei? »Ich weiß von keiner Maske,« entgegnete der Hausmeister, »von unseren Mietern war niemand auf einem Ball soviel ich weiß, es muß ein Fremder gewesen sein, der nur durchgegangen ist, denn das Haus hat rückwärts noch einen zweiten Eingang.« »Wir sind betrogen,« rief Lagors, »und werden nun und nimmer herausbringen, wer dieser Bajazzo ist!« »Wenn wir es nur nicht zu unserem Schaden allzubald erfahren,« antwortete der Marquis nachdenklich. Während die beiden Spießgesellen voll Besorgnis ihren Heimweg einschlugen, flog der Bajazzo wie ein Pfeil dem »Erzengel« zu. Prosper, der am Fenster lehnte und ihn schon von weitem erblickte, eilte ihm entgegen. »Kommen Sie endlich?« rief er, »seit Mitternacht erwarte ich Sie und jetzt ist es drei Uhr! Haben Sie Magda gesehen? Waren auch Raoul und Clameran anwesend? Haben Sie etwas erfahren?« »Gedulden Sie sich wenigstens, bis wir in Ihrem Zimmer sind, hier ist doch wahrlich nicht der Ort für vertrauliche Mitteilungen,« antwortete der Gefragte, »übrigens, geben Sie mir vorerst etwas Wasser, damit ich meine Wunde auswaschen kann, sie brennt wie Feuer.« »Um Gottes willen, Sie sind verwundet?« »Ja, ein kleines Andenken von Ihrem lieben Freunde Raoul. Nun, er soll nicht so leichten Kaufes davon kommen!« Prosper half Verduret den Arm verbinden und dann sagte dieser: »Ich hatte mich getäuscht, ich war der Meinung, daß Frau Fauvel ein sträfliches Verhältnis mit Raoul unterhalte. Ich dachte, um unauffälliger mit ihm verkehren zu können, habe sie dem hübschen Abenteurer den Namen eines ihrer Verwandten gegeben und ihn ihrem Manne als Neffen vorgestellt. Sie hat ihm ihr ganzes Geld, dann ihren Schmuck – den er ins Leihhaus getragen, gegeben, und als sie nichts mehr besaß, ließ sie ihn die Kasse ihres Mannes berauben. – So dachte ich mir die Sache.« »Und auf diese Weise ließe sich alles erklären.« »Nein, nicht alles, und das habe ich zuerst übersehen. Wie wäre Clamerans Einfluß zu erklären?« »Er ist einfach Raouls Mitschuldiger.« »Das ist eben der Irrtum. Auch ich habe Raoul für die Hauptperson gehalten, aber nun weiß ich, daß er nur das Werkzeug in den Händen des anderen ist. In einem Streit, den Josef gestern erlauschte, sagte Clameran: Übrigens, mein Junge, laß es dir nicht einfallen, mir zuwider handeln zu wollen, ich würde dich zerschmettern wie Glas. – Das läßt tief blicken. Clameran hält alle in seinen Teufelskrallen, Raoul, Frau Fauvel und selbst Magda muß ihm gehorchen.« Gegen letztere Behauptung lehnte sich Prosper auf. Verduret begnügte sich, die Achsel zu zucken. Er hätte ihm ja einen vollgültigen Beweis, durch die Mitteilung von der Verlobung, die er aus Clamerans eigenem Munde hatte, geben können, allein er wollte ihm den Schmerz ersparen, war er ja doch überzeugt, daß es ihm rechtzeitig gelingen werde, die Heirat zu verhindern. »Woher Clameran die Macht über Frau Fauvel hat,« fuhr Verduret fort, »ist ein Rätsel, dessen Lösung nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit zu suchen ist. Es handelt sich also darum, Clamerans Vergangenheit in Erfahrung zu bringen. Ich habe heute zufällig den Namen seines Bruders Gaston ausgesprochen und da erschrak er so, als sähe er ein Gespenst. Dann erinnerte ich mich, daß Gaston während eines Besuches seines Bruders plötzlich gestorben ist.« »Glauben Sie denn an einen Mord?« »Ich kann von Leuten, die einen meuchlings überfallen, alles glauben. Die beiden Schurken mögen mancherlei auf dem Gewissen haben. – Wenn es sich nur mehr um den Diebstahl handelte, wäre die Sache sehr einfach, denn darüber bin ich nicht im geringsten im unklaren.« »Wie, wär's möglich . . .? Sie wüßten . . .?« rief Prosper hoffnungsfreudig bewegt. »Ja, ich weiß, wer den Schlüssel hergegeben, und ich weiß, wer das Stichwort verraten hat.« »Den Schlüssel kann man allenfalls Herrn Fauvel entwendet haben, aber das Stichwort . . .?« »Das haben Sie unglücklicherweise selbst preisgegeben! Sie staunen! Erinnern Sie sich nicht mehr daran? Nun, zum Glück hat Fräulein Nina ein besseres Gedächtnis. Zwei Tage vor dem Diebstahl beklagte sie sich – es war gerade Gesellschaft bei Ihnen, Ihr Freund Raoul war auch darunter – daß Sie sie nicht mehr liebten. Wissen Sie noch, was Sie zur Antwort gaben, Sie unvorsichtiger Mensch? Sie sagten: Du tust Unrecht, mir Mangel an Liebe vorzuwerfen; Beweis, daß ich stets an dich denke, ist, daß eben jetzt dein geliebter Name die Kasse meines Chefs behütet!« Prosper schlug sich vor die Stirn, ja, jetzt erinnerte er sich, er hatte dem Sekt fleißig zugesprochen und leichtsinnigerweise das Stichwort verraten. »Nun wird Ihnen auch das übrige klar sein. Lagors oder Clameran, einer von den beiden, hat Frau Fauvel gezwungen, den Schlüssel ihres Mannes herauszugeben und konnte nun leicht mit dem Stichwort die Kasse öffnen und das Geld entwenden. Die arme Frau müssen sie mit schrecklichen Drohungen eingeschüchtert haben, sie war am Tage nach dem Diebstahl ganz krank und sie war es, die, ungeachtet aller Gefahr, Ihnen die zehntausend Frank geschickt hat. Nun fragt es sich, wer war der Dieb, Raoul oder Clameran, und wer verleiht ihnen eine solche Macht über Frau Fauvel? Und wie kommt es, daß Magda in diese Schändlichkeiten verwickelt ist? All diese Fragen sind noch offen und darum gehen wir noch nicht zum Untersuchungsrichter. Lassen Sie mir noch acht Tage Zeit, mein lieber Prosper, und wenn ich dann nicht alles Wünschenswerte entdeckt habe, dann gehen wir zu Herrn Pertingent und erzählen ihm, was wir wissen – indes denke ich – meine Reise wird nicht fruchtlos sein.« »Wie, Sie wollen verreisen?« »Ja und zwar sogleich, ich fahre nach Beaucaire, denn aus dieser Gegend stammen Clameran und Frau Fauvel, die eine geborene Gräfin von Laverberie ist; dort will ich mich über beide Familien genau erkundigen. Raoul und sein würdiger Freund werden inzwischen nicht entwischen – übrigens ist ja Josef da. Aber Sie, lieber Prosper, bitte ich, seien Sie vorsichtig. Versprechen Sie mir, während meiner Abwesenheit den Erzengel nicht zu verlassen.« Prosper gab das Versprechen, doch ehe Verduret ging, konnte Prosper sich nicht enthalten, zu fragen: »Darf ich noch immer nicht erfahren, wer Sie sind und welchen Umständen ich Ihre Hilfe, Ihre mächtige Unterstützung verdanke?« Der sonderbare Mann lächelte traurig. »Ich werde es Ihnen in Ninas Gegenwart am Tage vor Ihrer Hochzeit mit Fräulein Magda sagen.« Prosper hielt sein Versprechen, er blieb den ganzen Tag in seinem Zimmer und wagte kaum, den Kopf zum Fenster hinauszustecken, aus Furcht, gesehen zu werden. Zweimal schrieb ihm Verduret, daß alles gut ginge und er die Geduld nicht verlieren solle. Prosper verlor auch die Geduld nicht, nur am siebenten Tage nach Verdurets Abreise bekam er heftiges Kopfweh, er hatte schon einige Nächte schlecht geschlafen und meinte, ein kleiner Spaziergang würde ihm gut tun. Frau Alexandrine wollte ihn nicht gehen lassen, aber er sagte: »Jetzt ist es zehn Uhr abends, wer soll mich denn da in diesem fremden Stadtviertel sehen? Ich will nur ein bißchen in den Kaianlagen auf und ab schlendern und komme gleich wieder zurück.« Er ging, dehnte aber seinen Spaziergang weiter aus und als er an einem Kaffeehaus vorüberkam, bekam er Lust, ein Glas Bier zu trinken. Er trat ein, ließ sich an einem Tischchen nieder und während der Kellner das Verlangte brachte, griff er mechanisch nach einer Zeitung, aber er hatte kaum einen Blick hineingeworfen, als er sich, wie vom Blitz getroffen, niedergeschmettert fühlte. Das Blatt enthielt die Verlobungsanzeige der Nichte des Bankiers André Fauvel mit dem Marquis Louis von Clameran. Die schreckliche Nachricht regte Prosper so auf, daß er vollständig den Kopf verlor, er vergaß sein Verduret gegebenes Versprechen, sich ruhig zu verhalten und ihm ganz zu vertrauen; er war nur von dem einen Gedanken beseelt: die Heirat müsse hintertrieben, Magda aus den Krallen dieses Schurken befreit werden! Warten? Konnte, durfte er es? Wie, wenn Verduret zu spät käme? Nein, Magda mußte um jeden Preis gerettet werden! Prosper ließ sich vom Kellner Papier, Tinte und Feder geben und ohne zu bedenken, daß ein anonymer Brief immer eine Gemeinheit und eine Feigheit ist, schrieb er mit verstellter Schrift: »Herrn André Fauvel. Sie haben Ihren Kassierer dem Gerichte überliefert, weil Sie ihn für unredlich hielten. Aber, wenn Sie meinen, daß er Ihre Kasse beraubte, glauben Sie, daß auch er es war, der die Diamanten Ihrer Frau ins Leihhaus getragen? An Ihrer Stelle würde ich die Sache nicht wieder bei Gericht anzeigen, sondern vorher ein wenig meine Frau überwachen, auch würde ich, aufrichtig gestanden, fremden, plötzlich dahergeschneiten Neffen etwas mißtrauen. Was aber den ehrenwerten Herrn Marquis von Clameran betrifft, so täten Sie vielleicht gut, ehe Sie den Heiratskontrakt Ihrer Nichte unterzeichnen, auf die Polizei zu gehen und sich nach ihm zu erkundigen. Ein Freund.« Nachdem der Brief geschrieben war, bezahlte Prosper eilig und ging. Es drängte ihn, sein Schreiben zur Post zu bringen und er fürchtete, es könnte vielleicht zu spät kommen. Kein Bedenken über seine Handlungsweise stieg in ihm auf, bis zu dem Augenblick, als er den Brief in den Sammelkasten steckte, ihn losließ und das dumpfe Geräusch des Falles hörte. Hatte er recht getan? fragte er sich, hatte er nicht überstürzt gehandelt, etwa gar Verdurets Pläne gefährdet? Seine Bedenken verwandelten sich in bittere Selbstvorwürfe und er hätte den Brief am liebsten wieder zurückgenommen, wenn es angegangen wäre. Als er nach Hause kam, fand er eine Depesche von Verduret vor, worin er seine Ankunft für den nächsten Abend anzeigte und guten Erfolg meldete. Prosper war über seine Unbesonnenheit in reiner Verzweiflung und erwartete mit Bangen des Freundes Rückkehr. Dieser erschien zur angekündigten Stunde, er war sehr aufgeräumt und brachte ein umfangreiches Manuskript – seine Aufzeichnungen für den Untersuchungsrichter – mit. »Sie sollen eine hübsche Geschichte zu hören bekommen,« sagte er zu Prosper, »daraus werden Sie sehen, daß ich recht hatte, als ich behauptete, die erste Ursache eines Verbrechens liegt oft in der Vergangenheit. Auch in bezug auf den Diebstahl bei Fauvel bewahrheitet sich dieser Satz. Doch nun hören Sie.« Verduret setzte sich in seinem Lehnstuhl zurecht, schlug sein Manuskript auf und begann zu lesen: 11. Unweit von Tarascon liegt am rechten Ufer der Rhone das alte, nun ziemlich verfallene Feudalschloß von Clameran. Vor etwa dreißig Jahren wohnte dort der alte Marquis von Clameran mit seinen beiden Söhnen Gaston und Louis. Der alte Marquis war ein Überbleibsel aus längstvergangenen Zeiten. In seinen Augen war die große Revolution nichts als eine Meuterei elender Schurken gewesen, und der Adel galt ihm noch immer als eine bevorzugte Rasse, der alles erlaubt sei. Er lebte auf großem Fuße, verbrauchte das Doppelte von seinen Einkünften und rechnete zuversichtlich darauf, daß mit der Wiederkehr des alten Königtums der Glanz und Reichtum seines Geschlechtes wieder hergestellt werden würde. Von seinen beiden Söhnen folgte nur Louis seinem Beispiele, er lebte auf großem Fuße, spielte und trank und ging auf Abenteuer aus, wie die Helden alter Ritterromane; Gaston dagegen versuchte die neue Zeit zu verstehen, er begriff, daß die Vorurteile seines Vaters ungerechtfertigt waren und las und lernte soviel er konnte, auch ließ er sich heimlich Zeitungen kommen, vor deren Namen allein sich der alte Marquis schon entsetzt haben würde. Dem Schlosse von Clameran gegenüber, am anderen Rhoneufer, steht inmitten eines wundervollen Parkes das Kastell Laverberie, in welchem zu damaliger Zeit die alte Gräfin Palmyra von Laverberie lebte. Sie war eine Art Seitenstück zu dem Marquis, auch sie war hochfahrend und adelsstolz, auch sie liebte es, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen, aber Neid und Bosheit, die an ihr zehrten, ließen sie zu keinem Lebensgenusse kommen. Zwischen den beiden benachbarten Familien bestand ein jahrhundertealter Haß – so etwa wie zwischen den Montecchi und Capuletti – sie wußten selber nicht recht warum. Es hieß, daß unter Heinrich IV. ein Laverberie eine Clameran verführt und daß es Duelle, Mord und Totschlag gegeben hätte. Natürlich verkehrten die beiden feindlichen Familien nicht miteinander, aber sie konnten es nicht verhindern, manchmal bei Gutsnachbarn zusammenzutreffen; dann behandelte die Gräfin den Marquis, den sie bei sich nur mit dem Namen »Einfaltspinsel« bezeichnete, wie eitel Luft, während er um die »alte Hexe,« wie er sie nannte, einen möglichst großen Bogen beschrieb. Die alte Gräfin hatte eine wunderschöne junge Tochter, namens Valentine, und bei einem Feste geschah es, daß Gaston und Valentine sich zum erstenmal erblickten, und was seit Romeos und Julias Zeiten sich schon unzähligemal ereignet hatte, ereignete sich wieder: die Kinder der feindlichen Eltern verliebten sich ineinander! Valentine war in völliger Weltabgeschiedenheit herangewachsen, sie war engelsgut und wußte in ihrer Herzenseinfalt nicht was Sünde sei. Als sie daher eines Abends Gaston in den Park, in welchem sie lustwandelte, eintreten sah, fand sie daran durchaus nichts Böses oder Unschickliches, im Gegenteil, sie freute sich, ihn, an den sie seit jenem Feste immerfort denken mußte, wiederzusehen, und sie machte aus ihrer Freude kein Hehl. Gaston kam wieder und wieder und bald schlugen die Herzen der beiden nicht nur füreinander, sondern auch aneinander. Aber ach, sie wußten, daß ihre Liebe hoffnungslos sei, daß nichts den törichten Haß ihrer Eltern brechen könne und darum mischten sich in ihre Liebesbeteuerungen Seufzer und Tränen. Die Liebenden mußten bei ihren Zusammenkünften äußerst vorsichtig zu Werke gehen; zwar waren im Parke keine Späher zu befürchten, der war so groß und hatte so dichte Laubgänge, daß sie sich leicht verbergen konnten; die Schwierigkeit lag für Gaston darin, den Park von Laverberie zu erreichen. Zwischen den beiden Gütern floß die Rhone und der Jüngling wagte nicht, seinen Kahn zur Überfahrt zu benutzen, aus Furcht, das Fahrzeug am Ufer könnte zum Verräter werden, er getraute sich auch nicht mit der Fähre, die allgemein benutzt wurde, sich über den Fluß setzen zu lassen, wie leicht könnten dem Fährmann die häufigen Fahrten auffallen; Gaston machte es also wie Leander und schwamm zu der Geliebten hinüber. Wie erschrak das junge Mädchen, als sie ihn das erste Mal aus den Fluten auftauchen sah! Die Rhone war an dieser Stelle nicht besonders breit, aber ungemein reißend und galt selbst bei kühnen Schwimmern als äußerst gefährlich. Valentine beschwor den Geliebten tränenden Auges, sich nie wieder dieser Gefahr auszusetzen, allein er kam wieder und wieder. Er versicherte ihr, daß das Unternehmen ganz ungefährlich sei, aber damit sie sich nicht beunruhige und die Stunde seines Kommens vorauswisse, zündete er jedesmal, ehe er sich auf den Weg machte, eine Lampe an, die er ins Fenster seines Zimmers stellte; und auch sie machte ein Gegenzeichen; wenn in ihrem Fenster ein Licht erschien, bedeutete es, daß sie ihn erwarte, während es dunkel blieb, wenn sie durch ihre Mutter verhindert war, sich in den Park zu begeben. Die Liebenden glaubten, so allen Vorsichtsmaßregeln genügt zu haben und gaben sich der Wonne des Beisammenseins ganz hin, ach, waren es ja doch nur kargbemessene Augenblicke! Valentine konnte Gastons Kommen kaum erwarten. Sobald das Zeichen am Fenster erschien und sie als Gegenzeichen ihre Lampe entzündet hatte, eilte sie hinab in den Park zur Rhone. Und wenn dann ihr Leander den Fluten entstieg, da warf sie sich in seine Arme, an seine Brust – unbekümmert um ihre hübschen weißen Mullkleidchen – und weinte vor Glück und Leid. Dann – sie ließ es sich nicht nehmen – warf sie ihm einen Mantel über, den sie in einem hohlen Baum verborgen hatte, und lustwandelten Arm in Arm durch die dunkeln Laubgänge oder am Ufer des Flusses. Manchmal sahen sie einen Kahn nahe dem Ufer wie einen Schatten vorübergleiten, sie meinten, daß es verspätete Fischer wären, indes saßen Neugierige in dem Fahrzeug, die sich überzeugen wollten, ob das Gerücht, das bis zu ihnen gedrungen, auf Wahrheit beruhe. Und jetzt sahen sie es mit eigenen Augen und hatten nicht genug Zungen, um es weiter zu verbreiten: Romeo und Julia, Hero und Leander sind wiedererstanden! Wer es zuerst entdeckt, wer es zuerst gesagt, das wußte niemand, genug, in ganz Tarascon und der Umgebung sprach man von nichts anderem. Nur die Liebenden ahnten nicht, daß sie den allgemeinen Gesprächsstoff bildeten, wie auch glücklicherweise weder dem Marquis noch der Gräfin etwas von den Gerüchten zu Ohren gekommen war. Die Gräfin, die mit Genugtuung bemerkte, daß ihre Tochter mit jedem Tage schöner wurde, entwarf schon großartige Zukunftspläne. Trotz der Jugend Valentines gedachte sie sie möglichst bald zu verheiraten. Sie wollte sie im kommenden Winter nach Paris führen und zweifelte nicht, daß sich bald vornehme und reiche Freier einstellen würden. Reich, ungeheuer reich mußte ihr künftiger Schwiegersohn sein, denn die Gräfin hatte das eingeschränkte Leben auf dem Lande satt. Der Sommer, der Herbst verging den Liebenden wie ein Traum, aber als sich mit dem Spätherbste die Regenzeit einstellte, begannen neue Sorgen. Die Rhone war hoch angeschwollen, brandete und brauste und eine Überschwemmung war zu befürchten; Gaston konnte nicht mehr daran denken, den reißenden Strom zu durchschwimmen. Wenn er den Park von Laverberie erreichen wollte, mußte er nach Tarascon gehen, wo eine Brücke ans andere Ufer führte. Eines Abends, im November, erwartete Valentine ihren Freund gegen elf Uhr. Er war nachmittags nach Tarascon gegangen, hatte dort zur Nacht gespeist und war dann mit einem Freunde in ein Kaffeehaus auf dem Marktplatz gegangen, um Billard zu spielen. Das Lokal war sehr voll und besonders machte sich eine Gruppe junger Leute durch lärmendes Benehmen bemerkbar. Sie saßen in nächster Nähe des Billards und als Gaston zu spielen begann, fingen sie zu zischeln an und brachen dann in ein erzwungenes Gelächter aus. Dies Gelächter war offenbar boshaft gemeint, allein Gaston schenkte ihm keine Beachtung, er war viel zu sehr in sein Spiel vertieft, plötzlich aber fiel hinter ihm eine Bemerkung, die laut genug gemacht worden war, um von ihm gehört zu werden. Alles Blut wich aus seinem Gesichte, er warf sein Queue auf das Billard und trat an den Tisch, wo die jungen Männer saßen. Sie spielten Domino und gaben sich plötzlich den Anschein, als wären sie ganz von ihrem Spiel eingenommen. Gaston wandte sich an den Sprecher von vorhin, einen auffallend hübschen jungen Mann, mit herausfordernden Blicken, der sich Julius Lazet nannte, und sagte: »Sie wagten es, eine Bemerkung zu machen, die . . .« »Die ich wiederholen werde, so oft es mir beliebt,« unterbrach ihn der andere höhnisch lachend, »ich sagte, die adeligen Fräulein haben nichts vor den Proletarierinnen voraus, ihr ›von‹ und ihre Titel schützen ihre Tugend keineswegs.« »Sie haben sich unterstanden, einen Namen zu nennen.« »Den ich ebenfalls ohne Scheu nochmals wiederhole: ich habe von der hübschen Komtesse von Laverberie gesprochen.« Der ziemlich laut geführte Wortwechsel erregte natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit, alle Gäste waren aufgesprungen und umringten die Streitenden; an den höhnischen Blicken und boshaften Bemerkungen erkannte Gaston, daß er von lauter Feinden umgeben war. Aber Gaston war nicht der Mann, vor der Gefahr zurückzuweichen, er hätte es auch mit Hunderten aufgenommen. »Nur ein Feigling,« rief er, »kann so gemein und niedrig sein, eine junge Dame zu verleumden und zu beleidigen, die weder Vater noch Bruder hat, um ihre Ehre zu verteidigen!« »Wenn sie auch weder Vater noch Bruder hat, so fehlt ihr doch der Verteidiger nicht, sie hat ja einen Liebhaber,« entgegnete Lazet. Dies Wort brachte Gaston in solche Wut, daß er die Hand hob und sie sausend auf Lazets Gesicht fallen ließ. Ein Entsetzensschrei, wie aus einem Munde, ging durch das ganze Lokal: alle kannten Lazets Leidenschaftlichkeit und seine herkulische Kraft. Mit einem Satze sprang er empor und fuhr Gaston an die Gurgel. Sein Freund wollte ihm zu Hilfe eilen, aber er wurde umringt, mit Billardstöcken gestoßen, zu Boden geworfen, halbtot getreten und unter einen Tisch geschleudert. Eine ungeheuere Verwirrung war entstanden, alle schrien und drängten und wollten Lazet, der mit Gaston rang, zu Hilfe kommen. »Laßt,« rief er, »laßt, ich werde allein mit ihm fertig, zurück mit euch.« Einen Augenblick ließen sie ab und begnügten sich bloß, Zuschauer des Kampfes zu sein. Das Schauspiel war interessant genug. Gaston und Lazet rangen regelrecht miteinander, sie waren beide gleich kräftig und gewandt und es schien, als ob keiner einen besonderen Vorteil über den anderen erlangen könnte. Aber plötzlich hatte Gaston die Oberhand, schon war er im Begriff, seinen Gegner zu Boden zu drücken, als die erregten Zuschauer sich nicht länger zurückhalten konnten, wie die Wahnsinnigen stürzten sie sich auf die Kämpfenden und rissen sie auseinander. Jetzt warfen sie sich auf Gaston, einer versuchte ihm gar einen Riemen um die Beine zu schlingen, die anderen wollten ihn an den Armen zu Boden reißen. Gaston wehrte sich wie ein Verzweifelter, seine Kräfte schienen zu wachsen, und er hielt einem Dutzend Angreifer mutig stand. »Schurken und Feiglinge,« rief er, »schämt ihr euch nicht, wie eine Bande Strolche über einen einzelnen Mann herzufallen?« Es war ihm gelungen, sich frei zu machen, er lief um das Billard herum und suchte die Tür zu gewinnen, aber seine Angreifer waren ihm von der anderen Seite entgegengekommen und schnitten ihm den Weg ab, drei fielen ihm in den Rücken. Mit einer mächtigen Bewegung schüttelte er sie ab, so daß er wieder die Arme frei hatte, schlug einen, der ihm im Wege stand, mit einem Faustschlag nieder, und als sie jetzt alle wie eine Meute toller Hunde über ihn herfielen, ergriff er ein Messer, das auf einem Tische in seiner Nähe lag, und stieß damit blind zu. Unglücklicherweise wollte Lazet ihm eben entgegenkommen, das Messer traf ihn mitten in die Brust und tödlich getroffen stürzte er zu Boden. Eine Sekunde lang waren alle wie von Entsetzen gelähmt, dann eilten einige dem Verwundeten zu Hilfe, während die übrigen sich mit erneuerter Wut gegen Gaston wendeten; »Mörder, Mörder!« schrien sie und schleuderten, was ihnen nur in die Hände fiel, gegen ihn. Er sah sich verloren, schon blutete er aus mehreren Wunden, die Kräfte drohten ihm zu versagen, da faßte er einen verzweifelten Entschluß, er schwang sich aufs Billard und sprang mit einem gewaltigen Satze durch die Spiegelscheibe eines der Fenster. Er durchbrach es, aber die Glassplitter zerrissen ihn so, daß kein heiler Fleck an seinem ganzen Leibe war. Nun war er draußen, aber nicht gerettet. Seine Tollkühnheit hatte seine Feinde allerdings einen Augenblick lang verblüfft, aber dann stürzten sie ihm nach. Er lief über den Platz und wußte nicht, welchen Weg er einschlagen sollte. Das Wetter war schlecht, der Boden aufgeweicht, schwere Wolken zogen, vom Westwind getrieben, am Himmel hin, aber es war trotz der vorgerückten Abendstunde noch immer hell genug und er konnte sich nirgends verbergen. Wohin sollte er? Am besten war's wohl nach Hause, nach Clameran. Er lief nicht, er flog dem Damme zu, der längs der Rhone als Promenade angelegt und mit schönen Bäumen bepflanzt ist. Unglücklicherweise vergaß Gaston, daß querüber ein Schranken, der die Anlagen vor den Wagenverkehr absperrte, stand und er prallte im vollen Laufe dagegen an. Er stürzte und obgleich er, trotz des heftigen Schmerzes, den er in der Hüfte empfand, sofort wieder aufsprang, hatten ihn seine Verfolger doch schon erreicht. »In die Rhone, in die Rhone mit dem Aristokraten, dem Mörder!« schrien sie. Nun war er verloren, aber er wollte sein Leben teuer verkaufen. Er war wie von Sinnen und wußte nicht was er tat. Ein Glassplitter hatte ihn an der Stirn verwundet, das Blut lief ihm über die Augen, daß er wie blind war. Noch hielt er das blutige Messer in der Hand, er stieß zu und wieder fiel ein Mann. Das verschaffte ihm einen Augenblick Ruhe und er konnte, um den Schranken herum, in die Anlagen einbiegen und weitereilen. Aber seine Verfolger zögerten nicht lange, zwei waren bei dem Gestürzten zurückgeblieben, die übrigen jagten Gaston nach. Aber der Verfolgte nutzte seinen Vorsprung aus, die Verzweiflung lieh ihm Riesenkräfte, er fühlte seine Wunden kaum, die Ellbogen fest an den Leib gepreßt, lief er wie ein Schnelläufer in der Rennbahn. Der Vorsprung, den er vor seinen Verfolgern hatte, wurde immer größer und größer, er hörte ihren keuchenden Atem immer weiter hinter sich, das Geräusch ihrer Schritte verhallte immer mehr und mehr, zuletzt war nichts mehr zu vernehmen. Gaston lief aber doch noch weiter und weiter. Längst hatte er die Anlagen verlassen und war querfeldein gerannt, er setzte über Gräben und Hecken und endlich, als er überzeugt war, daß man seine Spur verloren hatte, ihn nicht mehr einholen würde, ließ er sich unter einem Baum zu Boden sinken. Welch gräßliches Ereignis! Vor wenig Stunden noch war er ein froher, glücklicher Mensch gewesen und jetzt war er zum Mörder geworden! Ein Mörder! Er schauderte bei dem Gedanken und mit Entsetzen bemerkte er, daß er das gräßliche Mordwerkzeug noch immer krampfhaft fest in der Hand hielt. Er schleuderte es weit von sich und starrte schmerzverloren in die Dunkelheit. Verloren, verloren! Und nicht er allein, nein, durch seine Schuld, weil er sich nicht zu beherrschen vermochte, war auch sie , deren Ehre ihm teuerer als seine eigene sein mußte, verloren, ihr guter Ruf für immer dahin! Ach, er sehnte sich, sie noch einmal zu sehen, ihre Verzeihung zu erflehen, sie ans Herz zu drücken – ach, vielleicht zum letztenmal, ehe er für immer schied! Für immer! Ja, er mußte fort, weit, weit fort, denn gewiß war schon die ganze Stadt in Aufruhr und suchte den Mörder! Fort, nur fort! Mühsam erhob er sich, jetzt erst fühlte er in allen Gliedern Schmerzen, die Wunden brannten, kalter Schweiß bedeckte seine Stirn und die Zähne schlugen ihm im Fieber zusammen. Nur langsam vermochte er sich vorwärts zu bewegen und doch drängte es ihn, nach Hause zu kommen, sich seinem Vater in die Arme zu werfen. Endlich, nach langem mühseligen Weg langte er im Schlosse an. Bei seinem Anblick fuhr der alte Diener, der ihm die Tür öffnete, entsetzt zurück. »Um Gottes willen, Herr Graf, was ist Ihnen widerfahren?« »Still, still,« entgegnete Gaston mit heiserer Stimme leise, denn er fürchtete, daß draußen jemand lauern könnte. »Wo ist mein Vater?« »Der Herr Marquis ist in seinem Schlafzimmer, er hat einen Gichtanfall gehabt und . . .« Aber Gaston hörte nicht weiter, so rasch als er es vermochte, eilte er die breite Treppe hinauf und trat in das Zimmer seines Vaters. Der alte Marquis saß in einem bequemen Lehnstuhl, das linke, in Tüchern gehüllte Bein weit von sich weggestreckt und spielte mit seinem jüngeren Sohne Louis Domino. Bei Gastons Eintritt hob der Vater den Kopf, aber das Aussehen des Jünglings entsetzte ihn so, daß er den Dominostein, den er in der Hand hielt, fallen ließ. Kein Wunder, Gastons Anblick war wirklich schreckenerregend, sein Gesicht, seine Hände, seine Kleider waren blutüberströmt. »Um Gottes willen, was ist geschehen?« fragte der Marquis. »Vater, ich komme, um von dir Abschied zu nehmen und dich zu bitten, mir die Mittel zur Flucht ins Ausland zu geben.« »Flucht? Wozu?« »Vater, ich muß fliehen und zwar auf der Stelle, ich werde verfolgt, die Gendarmen werden gleich hier sein . . . Ich habe zwei Menschen getötet.« Der Schreck des Marquis über diese Worte war so groß, daß er seine Gicht vollständig vergaß, er wollte aufspringen und auf Gaston zustürzen, denn er glaubte nicht anders, als sein Sohn habe den Verstand verloren. Aber bei der ersten Bewegung, die er machte, zwang ihn der Schmerz wieder auf seinen Sessel zurück. »Was soll das heißen?« fragte er mit bebender Stimme, »bist du von Sinnen?« »Ach, nein, Vater, ich bin nicht wahnsinnig, es verhält sich leider so. Es waren ihrer mehr denn zwanzig, sie fielen alle über mich her, es war im Kaffeehaus in Tarascon – da griff ich nach einem Messer . . .« »Zwanzig gegen einen? Ja, das ist so eine Errungenschaft noch von der großen Revolution her,« konnte der Marquis nicht unterlassen zu bemerken. »Wie kam denn die Sache? Hat man dich beleidigt?« »Nein, aber man hat in meiner Gegenwart abfällig über eine junge adelige Dame gesprochen.« »Und du hast die Buben gezüchtigt, darin hattest du ganz recht, das ist Edelmannspflicht. Wer ist denn die Dame, die du verteidigtest?« »Die Komtesse Valentine von Laverberie.« »Wie, die Tochter der alten Hexe? Ach, diese Familie, die Gott verdammen möge, hat immer Unglück über die unsere gebracht.« Unterdessen konnte der alte Kammerdiener seine Neugierde, oder vielmehr seine wirkliche Teilnahme für den jungen Herrn nicht länger zügeln und obgleich nach der strengen Hausordnung keiner von der Dienerschaft in die Gemächer des Marquis eintreten durfte, außer wenn er geläutet hatte, so überwand der Kammerdiener doch seine Furcht vor dem strengen Gebieter, öffnete leise die Tür und fragte: »Der Herr Marquis hat geläutet?« »Nein, du frecher Geselle, ich habe nicht geläutet und du weißt es sehr wohl. Aber für diesmal will ich dirs verzeihen. Geh und hole schnell Leinwand, Wäsche und Kleider, dann wirst du den Herrn Grafen verbinden und umkleiden.« Gastons Wunden waren weniger schlimm als er selbst geglaubt hatte. All seine Verletzungen waren leichter Art, nur ein Messerstich unter der Schulter war tiefer gegangen, hatte aber glücklicherweise keine edleren Teile verletzt. Der Kammerdiener wusch und verband die Wunden mit großer Geschicklichkeit und Gaston fühlte sich erfrischt und wie neugestärkt. Nachdem sich der Diener entfernt hatte, fragte der Marquis: »Du willst fliehen?« »Mir bleibt nichts anderes übrig, Vater.« »Ja, gewiß,« nahm jetzt Louis das Wort, »Gaston muß fort, wenn er bleibt, nehmen sie ihn gefangen, er kommt vors Schwurgericht und – –« »Und wird verurteilt, jawohl,« vollendete der Marquis, »auch eine Errungenschaft der ›großen‹ Revolution! Ach, warum ist es nicht mehr wie in alten Zeiten, da würden wir drei uns die Lenden gürten, zu Pferde steigen, gegen Tarascon ziehen und sie ›mores‹ lehren! Aber heutzutage muß ein Edelmann, der sein Recht verteidigt, schmählich zur Flucht greifen . . .« »Vater, die Zeit drängt . . .« mahnte Louis. »Du hast recht, aber zur Flucht ins Ausland braucht man Geld und ich habe fast nichts. Ich alter verschwenderischer Narr habe nie hauszuhalten verstanden und nun muß mein armer Sohn darunter leiden. Ich fürchte, es werden kaum hundert Louisdor im Hause sein! Sieh nach, Louis.« Louis öffnete eine Schublade im Schreibtische, zu der ihm der Vater den Schlüssel eingehändigt hatte, es fanden sich 940 Frank in Gold. Der Marquis war in heller Verzweiflung: mit solch einem Bettel konnte ein Clameran unmöglich in die weite Welt gehen! Er versank in Gedanken und schien mit einem Entschluß zu ringen; endlich befahl er Louis, ihm ein Kästchen aus getriebenem Silber, das sich ebenfalls im Schreibtische befand, zu bringen. Er nahm einen kleinen goldenen Schlüssel, den er an der Uhrkette trug, öffnete das Kästchen und betrachtete den Inhalt mit sichtlicher Rührung und Wehmut. Es war ganz mit Schmucksachen gefüllt. »Dieses Geschmeide gehörte eurer Mutter, ich habe mich nie davon getrennt, seit ich sie, die edelste und beste der Frauen, verloren habe – aber jetzt – – nimm es, mein Sohn, die Mutter würde es dir gewiß selber geben – es ist ungefähr fünfzigtausend Frank wert – – nimm es und Gott geleite dich.« Gaston wollte ablehnen, aber der Vater befahl ihm, es zu nehmen und Louis mahnte zur Eile. Gaston sank tränenden Auges vor seinem Vater auf die Knie und führte seine Hand an die Lippen. »Dank, Vater, tausend Dank, ich nehme deine Gabe und hoffe, dir dereinst Rechenschaft darüber ablegen zu können.« Der Marquis schloß seinen ältesten Sohn in die Arme und beide weinten. Aber Louis drängte. »Es ist die höchste Zeit . . .« »Er hat recht,« sagte der Marquis, »geh, Gaston und nochmals, Gott segne dich.« Gaston erhob sich. »Ehe ich dich verlasse, Vater, habe ich noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ich muß dir ein Geständnis machen: ich liebe Valentine von Laverberie . . .« »O!« entfuhr es dem Marquis in höchster Bestürzung. »Ich bitte dich kniefällig, Vater, wirb du für mich bei der Gräfin um die Hand ihrer Tochter, ich bin überzeugt, Valentine wird nicht zögern, mir ins Ausland zu folgen, meine Verbannung zu teilen . . .« Gaston hielt erschrocken inne, der Marquis war blaurot geworden, er sah aus, als sollte ihn auf der Stelle der Schlag rühren. »Um Gottes willen, Vater.« Aber der Alte hatte sich schon etwas erholt, es war nur der Zorn, der ihn übermannte. »Niemals,« rief er, »niemals.« »Sag' das nicht, Vater, denn sie wird und muß mein Weib werden. Ich habe es geschworen, meine Ehre hängt davon ab.« »Unsinn . . .« »Ich habe ihr mein Wort gegeben und ich muß es einlösen, verstehst du denn nicht, Vater, ich muß , wenn ich nicht als ein Ehrloser erscheinen will. Weißt du, was sie heute im Kaffeehause gesagt haben? Daß Valentine meine Geliebte wäre und – – sie haben die Wahrheit gesagt!« Der Marquis horchte erstaunt auf, der Ausdruck seines Gesichtes änderte sich plötzlich und in seinen Augen funkelte eine boshafte Freude. »So, so,« sagte er, »die schöne Komtesse ist also deine Geliebte! Einer ihrer Vorfahren hat eine unseres Geschlechts vom guten Wege abgebracht – nun sind wir quitt!« »Vater,« rief Gaston erregt, »du vergißt, daß ich geschworen habe und daß ich sie liebe!« »Und ich sage dir,« entgegnete der Marquis erzürnt, »daß ich niemals, hörst du, niemals meine Einwilligung geben werde. Du weißt, daß mir die Ehre meines Hauses teuer ist, aber lieber möchte ich dich gefangen und verurteilt sehen, dich lieber im Zuchthaus wissen, als daß ich je eine Laverberie als Schwiegertochter empfange.« »Es geschehe nach deinem Willen, Vater, ich bleibe, man soll mich verhaften, mit mir machen, was man will! Das Leben hat keinen Wert mehr für mich, nimm den Schmuck zurück, ich bedarf seiner nicht.« Ehe der Marquis antworten konnte, wurde die Tür mit großer Heftigkeit aufgerissen, die ganze Dienerschaft drängte sich schreckensbleich im Korridor und rief: »Gendarmen! Gendarmen kommen!« Bei diesem Worte richtete sich der Marquis auf – die Aufregungen, die er eben erst durchgemacht hatte, ließen ihn die Gichtschmerzen nicht mehr fühlen. »Gendarmen,« rief er, »bei mir, auf Clameran! Unerhört! Aber bei Gott, die Frechheit sollen sie teuer bezahlen!« »Ja, ja,« riefen die Diener, »nieder mit den Gendarmen, fort mit ihnen!« Louis hatte seine Kaltblütigkeit nicht verloren. »Es wäre Wahnwitz, sich den Gendarmen widersetzen zu wollen,« sagte er. »Wenn wir sie jetzt vertreiben, so kommen sie verstärkt wieder. – Wo sind sie?« »Am Gittertor,« sagte einer der Diener. »Dann fliehst du durch den Gemüsegarten,« wendete sich Louis an seinen Bruder. »Verzeihung,« sagte ein anderer Diener, »aber sie bewachen auch die hintere Parktür, ich glaube, sie haben sogar längs der Parkmauer Aufstellung genommen und umzingeln uns förmlich, es muß ein ganzes Regiment ausgerückt sein.« »O Gott, dann ist die Flucht unmöglich,« rief der Kammerdiener jammernd. »Donnerwetter, das wollen wir sehen!« rief der Marquis, dem der Augenblick der Gefahr seine ganze Geistesfrische und Tatkraft verlieh. »Wenn wir auch in der Minderzahl sind, so vermögen wir sie doch zu überlisten. Hört mich an. Du, Louis, gehst mit dem Reitknecht in den Stall, ihr besteigt die beiden besten Pferde und nehmt noch jeder eins am Zügel; dann stellt ihr euch so geräuschlos als möglich, du, Louis, bei der Parktür und du, Johann, beim Gittertor auf, ihr übrigen aber beobachtet ebenfalls die beiden Ausgänge. Beim Signal, das ich durch einen Pistolenschuß geben werde, müßt ihr die Tore gleichzeitig öffnen, Louis und Johann lassen ihre Handpferde los und sprengen nach, damit die Gendarmen hinter ihnen dreinjagen.« »Die sollen rennen,« sagte der Reitknecht, »dafür will ich sorgen!« »Unterdessen wirst du,« wandte sich der Marquis an den Kammerdiener, »dem Herrn Grafen helfen, über die Mauer zu klettern, ihr geht dann an dem Flusse entlang bis zur Hütte des alten Fährmanns Peter, er ist ein braver Mensch und uns ergeben, er wird dich, mein Sohn, in seine Barke nehmen und – einmal auf der Rhone – hast du nur Gott zu fürchten! Habt ihr mich alle verstanden? Nun, dann ans Werk!« Als alle sich entfernt hatten und der Marquis mit seinem ältesten Sohne allein geblieben war, öffnete er die Arme und sagte mit zitternder Stimme: »Komm, komm, mein Kind, daß ich dich umarme und segne.« Gaston zögerte. »Komm,« sagte der Vater noch weicher. »Rette dich, Gaston, rette deinen Namen . . . und dann . . . du weißt, wohl, daß ich dich liebe und dir noch keine Bitte versagt habe.« Gaston stürzte in des Vaters geöffnete Arme und sekundenlang hielten sie sich wortlos umschlungen. Aber der Lärm vor dem Tore wurde immer lauter, bedrohlicher. Der Marquis riß sich los. »Da, nimm die Kleinodien,« sagte er, indem er das Päckchen mit dem Schmuck, das Gaston früher auf den Tisch gelegt hatte, ergriff und es dem Sohne reichte, »nimm und nun rasch fort. Aber – noch eins,« fügte er leiser hinzu, indem er von einem Waffengestell zwei Pistolen nahm und sie Gaston abgewandten Gesichtes reichte – – »Man darf dich nicht lebend bekommen, Gaston – geh, und Gott segne dich.« Der Kammerdiener hatte Gaston vor der Tür erwartet und wollte nun mit ihm so rasch als möglich in den Park hinabeilen – allein Gaston dachte, es käme auf ein paar Minuten nicht an, er fühlte das dringende Bedürfnis, Valentine zu sehen und wollte ihr ein Zeichen geben. Er ging in sein Zimmer und stellte die brennende Lampe ans Fenster. Ob sie ihn wohl noch erwartete? Er spähte nach einer Antwort aus. »Kommen Sie, kommen Sie, um Gottes willen,« drängte der Kammerdiener. »Was machen Sie da, wenn Sie noch länger zögern, sind Sie verloren!« Endlich ging Gaston, aber sie hatten erst den Flur erreicht, als schon der Signalschuß ertönte. Und fast gleichzeitig flogen die Tore auf, man hörte Rufen, Schreien, Säbelgeklirr und die hallenden Hufschläge mehrerer Pferde. Der Marquis lehnte in höchster Aufregung am Fenster und erwartete den Ausgang des furchtbaren Dramas. Er hoffte das Beste, hatte er doch vorzügliche Maßnahmen getroffen, um das Leben seines ältesten, seines liebsten Sohnes zu retten. Was er vorausgesehen, geschah, es gelang Louis und dem Reitknecht, sich Bahn zu brechen, mit verhängten Zügeln stürmten sie, der eine rechts, der andere links, hinaus und hinterher flogen die berittenen Gendarmen und ihre Begleiter, die jungen Männer aus der Stadt, die die Anzeige gemacht hatten. Der Marquis atmete hoch auf, als er die Reiter im Dunkel der Nacht verschwinden sah. Da er keine Ahnung von der Verzögerung hatte, meinte er, Gaston müsse schon auf dem Wege zu Peters Hütte sein und er zählte die Minuten: jetzt mußte er sie erreicht haben, der Fährmann löste den Kahn, Gaston stieg ein, ein kräftiger Ruderschlag, das Fahrzeug trieb mitten auf der Rhone. »Gerettet,« flüsterte der Vater mit bebenden Lippen, »jetzt ist er wohl gerettet, Gott, ich danke dir!« Aber das Verhängnis – oder sollte es ein anderer Grund gewesen sein? – machte die Berechnungen des Marquis zunichte; etwa hundert Meter vom Schlosse entfernt strauchelte Louis' Pferd und stürzte mit samt dem Reiter. Der Gestürzte wurde sofort umringt, aber einige von den jungen Leuten, die die Gendarmen freiwillig auf die Menschenjagd begleitet hatten, erkannten den jüngeren Clameran. »Das ist nicht der Mörder,« riefen sie den Gendarmen zu, »rasch zurück.« Sie kehrten um und kamen gerade zur rechten Zeit, um beim schwankenden Schein des Mondes, der eben aus den Wolken brach, einen Mann über die Mauer klettern zu sehen. »Ha, dort, dort ist er!« riefen sie und sprengten auf die Stelle zu, wo Gaston herabgesprungen war. Auf hügeligem Boden ist es – wofern man nur flink zu Fuß ist und einige Geistesgegenwart besitzt – nicht allzu schwer verfolgenden Reitern zu entkommen, und das Terrain war Gaston außerordentlich günstig, vor ihm dehnten sich weite Krappfelder, die bekanntlich durch fast metertiefe Furchen durchzogen sind. Hier war ein Traben unmöglich, die Reiter mußten froh sein, wenn die Pferde nicht stürzten. Die meisten Gendarmen standen auch von der Verfolgung ab, da sie ihre Pferde nicht gefährden wollten, nur vier kühne Reiter unternahmen das Wagnis und verfolgten Gaston, aber ohne Erfolg. Gewandt sprang er über die Furchen, hatte bald die Felder durchquert und eine junge Kastanienanpflanzung erreicht, hier lief er dicht an den Bäumen entlang, er verzweifelte nicht, denn er kannte die Gegend genau, er wußte, daß am Ausgange des Wäldchens sich ein breiter, tiefer Graben befand, dort wollte er hinabspringen und in dem Graben ungesehen weiterlaufen. Aber er hatte an das Steigen des Wassers in der Rhone nicht gedacht, als er an den Graben kam, sah er, daß er voll Wasser war. Einen Augenblick entsank ihm der Mut, allein rasch gefaßt, nahm er einen Anlauf, um hinüberzuspringen, da sah er zu seinem Entsetzen, daß sich Gendarmen drüben befanden; sie hatten einfach die Krappanpflanzungen und das Kastanienwäldchen umritten, um ihn jenseits des Grabens zu erwarten. Unentschlossen stand er da, sollte er es doch wagen hinüberzuspringen und die Hütte des Fährmanns, die am Ende der Wiese stand, zu erreichen suchen? Aber war das möglich? Würden sie ihn nicht sofort einholen? Zurückkehren? Aber Verfolger lauerten auch im Wäldchen und von der Straße her, die zur Rechten lief, schallten Hufschläge, er war also von drei Seiten umstellt. Zur Linken befand sich die Rhone, der Strom war hoch angeschwollen, dem Austreten nahe und die dunkeln schweren Wassermassen brausten und schäumten und rollten mit dumpfem, drohendem Getöse dahin. Gaston stand noch immer zögernd, was sollte er tun, sollte er, angesichts der Gefahr, den Verfolgern in die Hände zu fallen, zur Pistole greifen? Nein, noch nicht, er mußte noch ein Letztes zu seiner Errettung versuchen – blieb ihm doch noch eines übrig: sein Freund und Vertrauter: der Strom! Rasch, die geladenen Pistolen in den Händen, lief er hin und trat auf einen kleinen, durch einen umgestürzten Baum gebildeten Vorsprung, der etwa zwei bis drei Meter in den Strom hineinragte; allerlei angeschwommene Gegenstände, Schlamm und Erdreich hatten sich hier abgelagert und boten genug Raum, um den Fuß darauf zu setzen. Aber unter dem Gewichte Gastons bog sich der Baumstamm und sank tief ins Wasser. Indes waren die Verfolger von rechts und links herangekommen. »Ergeben Sie sich,« rief der Anführer. Gaston antwortete nicht, er erwog die Möglichkeit seiner Rettung, er dachte an Valentine, die gewiß in diesem Augenblicke am Ufer hin und her irrte, den hochgeschwollenen Strom mit Entsetzen anblickte und den Geliebten angstbebend erwartete. »Noch einmal,« rief der Anführer der Gendarmen, »frage ich Sie: wollen Sie sich ergeben?« Auch diesmal antwortete Gaston nicht, er hatte im Tosen und Brausen des Stromes die Frage vielleicht gar nicht gehört, auch war seine Seele weit weg. Ihm war, als stünde er vor den Pforten der Ewigkeit und sein ganzes vergangenes Leben zog vor seinem inneren Auge vorbei. Er gedachte des Vaters, Valentines und empfahl Gott seine Seele. »Was zaudern wir noch?« sagte der Gendarm, »herunter von den Pferden, er scheint auf uns zu warten, nun, wir wollen ihn holen.« Aber während die Gendarmen absaßen, schlenderte Gaston die Pistolen weg und sprang mit ausgebreiteten Armen in die brausende Flut. Durch die Heftigkeit der Bewegung rissen die letzten Wurzeln, die den alten Baum gehalten hatten, er drehte sich um sich selber und wurde fortgeschwemmt. Die Verfolger schrien laut auf, ihre Beute war ihnen entrissen, sie ärgerten sich, daß sie sich vergeblich gemüht hatten und vielleicht empfanden sie auch – uneingestanden einiges Mitleid mit dem unglücklichen Jüngling. »Der ist verloren,« sagte einer der Gendarmen, »gegen die Rhone, wenn sie einmal diese Miene aufgesetzt hat, kämpft keiner an.« »Wenn wir einen Kahn hätten, könnten wir ihn retten, weiß der Teufel, mir tut der Bursche leid.« »Für ihn ist es besser so,« sagte der Anführer, »oder glaubt ihr, daß ihm das Schwurgericht lieber wäre?« 12. Valentine wußte, daß Gaston nach Tarascon gegangen war und um elf Uhr nachts über die Brücke zu ihr kommen wollte, sie hatte sogar versprochen, ihm ein Stück des Weges an der Rhone entgegenzugehen. Plötzlich gewahrte sie, als sie zufällig gegen Clameran hinüberblickte, an den Fenstern wandernde Lichter. Das beunruhigte sie, was mochte drüben geschehen sein? Angsterfüllt starrte sie hinüber. Sie lehnte an ihrem Fenster und horchte hinaus, aber nur das Rauschen und Brausen des Stromes drang an ihr Ohr. Ihre Angst steigerte sich von Minute zu Minute, aber wie ward ihr, als sie plötzlich das bekannte Zeichen erblickte, das ihr Kunde brachte, daß der Geliebte über die Rhone schwimmen wollte. Sie war starr vor Entsetzen und wollte ihren Augen nicht trauen, endlich, nachdem das Zeichen drüben dreimal gegeben worden, antwortete sie, ihrer Sinne kaum mächtig, darauf. Was bedeutete das? Sie eilte in den Park, ans Ufer, kaum trugen sie ihre Füße. Neues Entsetzen bemächtigte sich ihrer, als sie am Ufer stand und die wild tosende Flut sah. Und Gaston konnte auch nur einen Augenblick daran denken, durchzuschwimmen? Etwas Fürchterliches, Unausdenkbares mußte geschehen sein! Sie war ans Ufer niedergesunken und starrte durch die Dunkelheit hinab ins Wasser; bei jedem schwarzen Punkt glaubte sie seinen Leichnam herangeschwemmt zu sehen und durch das Tosen und Branden vermeinte sie Hilferufe zu hören. Gaston war sich, als er sich kopfüber in den Strom gestürzt, der Gefahr wohl bewußt, allein er kannte das feuchte Element und wußte, daß er eher dort, als bei den Menschen Erbarmen finden konnte. Zuerst hatte ihn der Strudel erfaßt und wirbelnd in die Tiefe gerissen, aber er kam wieder an die Oberfläche empor und nun ließ er sich, um seine Kräfte zu sparen, von der Strömung treiben, er war nur bemüht, gegen das jenseitige Ufer zuzusteuern; dies durfte nur ganz langsam und allmählich geschehen, denn er wäre verloren gewesen, wenn ihn die Strömung von der Seite erfaßt hätte. Er rechnete auf einen Strudel, der sich in einer Biegung des Flusses unterhalb Clameran befand, und er täuschte sich nicht, die Strömung trieb ihn in schräger Richtung dein jenseitigen Ufer zu. Leider aber trug ihn die Welle nicht bis ans Ufer, sondern riß ihn mit ungeheuerer Geschwindigkeit am Park von Laverberie vorüber. Trotz der rasenden Schnelligkeit hatte er doch die weiße Gestalt Valentines unter den Bäumen erblickt. Erst viel weiter unten gelang es ihm, dem Ufer näher zu kommen. Zweimal versuchte er, Fuß zu fassen und zweimal rissen ihn die Wasser zurück. Da ergriff er, ehe eine neue Strömung ihn erfaßte, einen überhängenden Weidenzweig und nun endlich gelang es ihm, sich ans Land zu schwingen – er war gerettet. Ohne sich auch nur einen Augenblick Zeit zum Aufatmen zu gönnen, eilte er, was ihn die Füße nur tragen konnten, zurück, dem Parke zu. Endlich war er da! Und es war die höchste Zeit, denn Valentine hatte vor Aufregung und Todesangst die Besinnung verloren. Gaston fand sie ohnmächtig am Boden liegen, er hob sie in seinen Armen empor und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit Küssen. Da schlug sie die Augen auf. »Gaston, bist du es?« rief sie mit ausbrechendem Gefühl. »So hat sich Gott meiner erbarmt und dich mir zurückgegeben!« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihr Köpfchen an seine Brust. »Nein, Valentine, Gott hat kein Erbarmen mit uns . . .« »Was ist geschehen? Sprich; warum hast du dein Leben aufs Spiel gesetzt . . .?« »Unser Geheimnis gehört uns nicht mehr, Valentine; wir sind zum Gespött der ganzen Gegend geworden – – der blinde Haß, der unsere Familien entzweit, ist schuld, daß wir unsere heilige Liebe verbergen mußten und . . .« »O Gott, verraten, verraten . . .!« rief Valentine tödlich erschrocken. »Den Schurken, der deinen angebeteten Namen verhöhnte, habe ich getötet und darum bin ich über die Rhone geschwommen. Ich muß fliehen, Geliebte . . .« Valentine war wie vernichtet. »Fliehen, Gaston, wohin?« »Ich weiß es noch nicht, ins Ausland, ins Weite, unter falschem Namen – denn es gibt wohl kein Land, das einem Mörder Zuflucht gewährte.« Valentine war zu erschüttert, um ein Wort hervorbringen zu können und Gaston fuhr nach einer Pause fort: »Wenn ich dich in dieser fürchterlichen Stunde noch einmal sehen wollte, so geschah es, weil ich auf deine Liebe baue. Wir sind eins in unserem Herzen, eins vor Gott, du bist mein Weib und ich liebe dich über alles; sag', willst du mich allein fliehen lassen?« »Gaston, ich beschwöre dich . . .« »O, ich wußte es wohl,« unterbrach er sie, »du verläßt mich nicht, du gehst mit mir in die Verbannung, ins Elend! Aber wir werden nicht elend sein, Geliebte, da wir uns lieben!« Er hatte sie heiß umschlungen und wollte sie mit sich fortziehen. Sie aber machte sich aus seiner Umarmung los und sagte traurig: »Was du begehrst, ist unmöglich.« »Unmöglich?!« stammelte er. »Ach, Gaston, du weißt wohl, daß du mir teurer als das Leben bist; das schlimmste Los an deiner Seite wäre mir Seligkeit – aber, ich darf der Stimme meines Herzens nicht folgen, die Pflicht bindet mich hier.« »Aber du kannst unmöglich hier bleiben, sie werden mit Fingern nach dir deuten.« »Mögen sie, bin ich plötzlich in Wirklichkeit eine andere, bin ich schlechter geworden? Die Verachtung der Menschen wird mir weniger schmerzlich sein, als die Vorwürfe meines Gewissens.« »Aber wenn deine Mutter alles erfährt?« »Der Mutter willen bleibe ich ja, kann, darf ich sie verlassen – du weißt, sie ist nicht reich, sie ist einsam und wird um meiner willen von allen gemieden werden – muß ich da nicht bleiben? – – Wenn sie alles erfährt, fragst du, Gaston? O, sie wird hart und unbarmherzig sein, aber – ich habe es verdient, ich kann es nur in Demut tragen und muß schweigen.« »Sprich nicht so, Geliebte, es macht mich wahnsinnig, wenn ich denken soll, daß du um meinetwillen Demütigungen ertragen sollst.« »Ich werde noch Schlimmeres erdulden müssen,« sagte sie leise. »Was sagst du da? Was meinst du?« fragte er erregt. »Gaston, ich glaube – doch nein, nichts, es ist Wahnsinn . . . Nein, nichts, nichts.« Gaston mußte plötzlich sich der letzten Worte seines Vaters erinnern und dieser Gedanke verhinderte ihn, den Worten Valentines volle Aufmerksamkeit zu schenken, er ahnte den tieferen Sinn, das Geheimnis seiner Geliebten nicht, sondern ließ sich durch das »es ist nichts« beschwichtigen. »Noch ist nicht alle Hoffnung verloren,« sagte er, »mein Vater schien beim Abschied gerührt, wenn ich außer Gefahr bin, will ich ihm schreiben, und er wird sicherlich bei deiner Mutter für mich um dich werben.« »O, das darf er nicht, er würde sich der Demütigung aussetzen, zurückgewiesen zu werden.« »Warum? So groß kann ihr Haß unmöglich sein!« »Vielleicht, aber sie erwartet durch mich, zu Glanz und Ansehen zu kommen – dein Vater wäre ihr nicht reich genug.« »Und solch einer Mutter willst du dich opfern?« »Muß ich nicht? Das ist die Pflicht, die Gott uns vorgeschrieben hat.« Gaston rang verzweiflungsvoll die Hände. »O, du hast mich nie geliebt, Valentine,« rief er schmerzlich, »wenn du in dieser gräßlichen Trennungsstunde den traurigen Mut hast, Vernunftgründe vorzubringen. Ich liebe dich anders, für mich hat das Leben ohne dich, ohne deine Liebe keinen Wert. Ich bin eben erst wie durch ein Wunder dem Tode entronnen, aber da du mich nicht liebst, so will ich sterben!« Und entschlossen schritt Gaston gegen den Strom. Aber Valentine umklammerte seinen Arm. »Das nennst du Liebe?« rief sie, »du willst mir diesen Schmerz zufügen? –« »Was bleibt mir übrig . . .?« »Vertraue auf Gott, Gaston, in dessen Händen unsere Zukunft ruht.« »Zukunft, sagst du! So glaubst du also, daß es noch eine gemeinsame Zukunft für uns gibt? Ja? O, dann will ich dir gehorchen und leben. Ja, ich will leben, kämpfen und siegen! Gilt es doch, dich zu erringen! Reichtum begehrt deine Mutter? Nun wohl, in drei Jahren, Valentine, komme ich als reicher Mann zurück . . . Aber ehe ich gehe, will ich dir ein heiliges Vermächtnis anvertrauen . . .« Bei diesen Worten zog er den seidenen Beutel, in welchen sein Vater das Geschmeide gelegt hatte, hervor und fuhr fort: »Es ist der Schmuck meiner seligen Mutter, nimm ihn und betrachte ihn als ein Pfand meiner Rückkehr. Wenn ich in drei Jahren nicht wiederkomme, dann bin ich tot, dies Geschmeide aber behältst du als Andenken an den, der dich bis zu seinem letzten Atemzuge lieben wird.« Tränenden Auges nahm Valentine die Gabe entgegen. »Und jetzt habe ich noch eine letzte Bitte; sie werden wohl alle meinen, daß ich in der Rhone umgekommen bin, und das ist gut so, das sichert meine Rettung; aber meinen guten Vater kann ich nicht der Verzweiflung preisgeben, versprich mir, daß du morgen früh selbst zu ihm gehst und ihm sagst, daß ich gerettet bin.« »Ich verspreche es dir.« »Danke, dann lebewohl.« Gaston beugte sich zu Valentine nieder, um ihr einen letzten Kuß zu geben, aber sie hielt ihn noch zurück. »Wohin denkst du zu gehen?« »Nach Marseille, dort will ich mich bei einem Freund so lange verborgen halten, bis eine Überfahrt möglich ist.« »Und wie willst du nach Marseille kommen? Wie leicht kannst du gesehen werden! Komm mit mir, ich habe einen Freund, den alten Schiffer Menoul, er kann dich retten.« Sie gingen durch das Parktor hinaus und waren bald zur Stelle. »Vater Menoul,« sagte Valentine zu dem alten Fährmann, »der Herr Graf ist gezwungen, heimlich fortzugehen und möchte rasch ans Meer gelangen, um sich einzuschiffen, könnten Sie ihn in Ihrem Boote bis zur Mündung der Rhone bringen?« Der Alte schüttelte den Kopf. »Bei dem Wasserstand und in der Nacht ist das eine Unmöglichkeit.« »Lieber Vater Menoul,« sagte Valentine mit einschmeichelnder Stimme, »Sie würden mir einen ungeheueren Dienst erweisen . . .« » Ihnen , Fräulein? Ja, dann wird es wohl gehen.« Jetzt erst sah er Gaston aufmerksamer an und bemerkte, daß er ganz durchnäßt und barhäuptig war. »Kommen Sie, Herr Graf, mit mir in meine Schlafkammer, ich habe von meinem Sohne, der Seefahrer ist, noch einige Kleider in der Truhe, sie werden Ihnen passen und der Bauernanzug wird eine gute Verkleidung für Sie sein.« Die Umkleidung war rasch geschehen und dann gingen alle drei zum Strande hinab. Während der Alte sein Boot bereit machte, umarmten sich die Liebenden noch ein letztes Mal. »Lebewohl, Gaston, lebewohl.« »Lebewohl, Valentine, auf Wiedersehen in drei Jahren.« Sie konnten sich nicht voneinander losreißen, aber der alte Fährmann drängte – es mußte geschieden sein. Mit kräftiger Hand führte Vater Menoul sein Boot mitten durch die Strömung und drei Tage später befand sich Gaston auf dem amerikanischen Dreimaster »Tom Jones,« der schon am nächsten Tage in die See stach. Die Fahrt ging nach Valparaiso. 13. Unbeweglich und marmorblaß blickte Valentine dem Fahrzeuge nach, das ihren Geliebten entführte, bis es in dem Dunkel der Nacht völlig verschwunden war. Jetzt, da Gaston fort war, jetzt erst brach sich ihr Schmerz, ihre Verzweiflung gewaltsam Bahn, sie warf sich zu Boden und weinte herzbrechend. Für sie war alles, alles zu Ende, der ganze Hoffnungsschimmer, der Gaston beseelte, war für sie nicht vorhanden, sie glaubte an kein Glück mehr, ihre Zukunft war finster und gräßlich wie ein Abgrund. Endlich raffte sie sich auf und schlug den Weg nach dem Schlosse ein. Vorsichtig schlich sie sich in ihr Zimmer und schloß sich sofort ein. Sie verbarg ihr durchnäßtes beschmutztes Kleid und betrachtete lange wehmütig das Geschmeide, das ihr Gaston als Andenken zurückgelassen, ehe sie es in ein verborgenes Fach ihrer Kommode legte. Sie konnte in dieser Nacht keine Ruhe finden und erhob sich mit Tagesanbruch. Schweres stand ihr bevor, sie mußte ihr Versprechen einlösen und dem Marquis die Nachricht von der Errettung seines Sohnes bringen. Ihrem Dienstmädchen Milhonne gab sie den Auftrag, der Mutter zu sagen – falls sie nach ihr fragen sollte – daß sie in die Frühmesse gegangen wäre, und da dies in der Tat öfter vorzukommen pflegte, so fiel dem Mädchen der zeitige Ausgang ihrer jungen Herrin nicht auf. Valentine schritt kräftig aus und doch dauerte es eine Stunde, bis sie die Brücke und eine zweite, bis sie Schloß Clameran erreicht hatte. Eben trat der Kammerdiener des Marquis aus dem Gittertor. Er sah zerstört aus und seine Augen waren vom Weinen gerötet. Sie kannte ihn vom Sehen, blieb stehen und wartete, bis er näher käme, dann wollte sie ihn ansprechen. Zu ihrer Verwunderung zog er nicht die Mütze, als er an ihr vorüberkam, sondern fragte barschen Tones: »Sie wollen doch nicht etwa zu uns, aufs Schloß, Fräulein?« »Ja,« antwortete sie kleinlaut. »Wenn Sie etwa Herrn Gaston suchen, da können Sie sich die Mühe sparen, mein junger Herr hat das Leben lassen müssen wegen – wegen seiner Geliebten.« Der Diener sprach die letzten Worte im verächtlichsten Tone und maß dabei das zitternde junge Mädchen von Kopf bis zu Füßen. Valentine erbleichte unter der Beleidigung, aber sie erwiderte nichts. »Ich muß den Herrn Marquis sprechen,« sagte sie. Der Kammerdiener zuckte zusammen. »Dann brauchen Sie sich auch nicht weiter zu bemühen, der Herr Marquis ist auch tot.« »Tot,« rief Valentine entsetzt und mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken. Der Kammerdiener weinte, er war eine treue Seele und dem Marquis, in dessen Diensten er seit vierzig Jahren stand, blind ergeben, so sehr, daß er seine Neigungen und Abneigungen vollkommen teilte. Er verabscheute daher auch die Familie Laverberie und nun, da er Valentinen die Schuld an dem Tode seines jungen Gebieters, den er über alle Maßen liebte, beimaß, war seine Erbitterung aufs höchste gestiegen. »Jawohl, tot,« sagte er nach einer Pause. »Als man dem Herrn Marquis meldete, daß sein ältester Sohn in der Rhone umgekommen sei, hat ihn der Schlag gerührt und lautlos ist der große starke Mann zusammengebrochen. Wir haben sofort den Arzt geholt, aber der Herr war nicht mehr zu retten, wohl hat er noch das Bewußtsein erlangt und mit Herrn Louis eine Weile allein gesprochen, aber bald trat der Todeskampf ein – – sein letztes Wort war: wehe den Laverberie!« Mit einem einzigen Wort hätte Valentine den Haß des treuen Dieners beschwichtigen, seinen Schmerz lindern können, das eine Wort; Gaston ist gerettet, lebt; aber sie glaubte den Geliebten zu gefährden, wenn sie das Geheimnis verriete, nur seinem Bruder wollte sie es anvertrauen. »Ich muß Herrn Louis sprechen,« sagte sie. »Das kann Ihr Ernst nicht sein,« versetzte der Kammerdiener, »nach dem, was vorgefallen ist, werden Sie es wohl nicht wagen, ihm vor Augen zu kommen. Überhaupt möchte ich Ihnen raten, sich so rasch als möglich zu entfernen – die Dienstboten bei uns sind nicht gut auf Sie zu sprechen.« Und ohne Gruß ging er raschen Schrittes fort. Valentine war wie gebrochen; mühsam schleppte sie sich heimwärts. Unterwegs begegneten ihr viele Leute aus der Stadt, alle besprachen die Ereignisse des vorhergehenden Abends und machten das unglückliche Mädchen zur Zielscheibe beleidigender Worte oder Blicke. Endlich zu Hause angelangt, erblickte sie ihre Zofe Milhonne, die sie vor dem Tore erwartete. »Kommen Sie schnell, Fräulein, die Frau Gräfin verlangt nach Ihnen, nehmen Sie sich in acht, sie ist in furchtbarer Aufregung, es war schon Besuch da und nun ist die Hölle los.« Die Frau Gräfin von Laverberie war fürchterlich jähzornig und konnte in diesem Zustande fluchen und wettern, wie ein alter Wachtmeister. Ihre intimste Freundin, eine alte boshafte Betschwester, war schon in aller Frühe gekommen, um unter scheinbarer Teilnahme der Gräfin die Tagesneuigkeit von Tarascon mitzuteilen. Natürlich ließ sie es nicht an giftigen Bemerkungen über die Erziehung junger Mädchen fehlen, so daß die Gräfin in höchste Wut geriet. Ihr erster Gedanke war, daß nun ihre ehrgeizigen Pläne in betreff einer reichen Heirat Valentines scheitern mußten und das brachte sie noch mehr auf. Als nun ihre Tochter vor ihr erschien, überschüttete sie diese mit Schmähungen. Das junge Mädchen hatte den entsetzlichen Auftritt vorausgesehen. Sie sagte sich in ihrer Demut, daß die Mutter recht habe, beugte das Haupt und schwieg. Aber gerade das reizte die alte Gräfin. »Wirst du nicht antworten?« schrie sie. »Was kann ich antworten, Mutter?« »Was? das fragst du noch! Daß sie lügen, die frechen Hunde, die sich zu behaupten erdreisten, eine Laverberie könne sich vergangen haben!« Valentine schüttelte traurig das Haupt. »So wäre es denn wahr?« schrie die Gräfin außer sich. »Verzeihung, Mutter, Verzeihung,« stammelte das junge Mädchen mit gefalteten Händen. »Ha, du elende Kreatur, du gestehst also, du wagst es, um Verzeihung zu bitten, was soviel heißt, als daß du deine Schuld zugibst! Fast möchte ich zweifeln, daß du mein leibliches Kind bist! Begreifst du denn nicht, daß es Dinge gibt, die man niemals und unter keinen Umständen zugeben darf? Du bist wirklich eine freche, unverschämte Person, du wagst zuzugeben, daß du einen Liebhaber hast und errötest nicht einmal?« »Erbarmen, Mutter, Erbarmen!« »Du verdienst keines! Hast du bedacht, daß du Schmach und Schande über mich bringst, daß dies Unglück mein Tod sein wird? Ich habe dich zur Ehrbarkeit erzogen und du wirfst dich an den ersten besten weg.« Dies Wort empörte das demütige junge Mädchen, sie versuchte zu widersprechen. »Ja, du hast recht,« unterbrach sie die Gräfin, »er war nicht der erste beste, er war der schlechteste! Unser Feind, ein Elender, der dich absichtlich dem Gespött preisgegeben hat . . .« »Das ist nicht wahr, Mutter, er würde mich geheiratet haben, wenn du nur eingewilligt hättest.« »So, hätte er die Gnade gehabt? Nun, ich sage dir, lieber möchte ich dich noch tiefer sinken, der Schande ganz verfallen sehen, als je zugeben, daß du einen Clameran heiratest! Übrigens,« fügte sie grausam mit boshaft funkelnden Augen hinzu, »dein Geliebter ist ja ertrunken und den Alten hat der Schlag gerührt, wie ich gehört habe. – Gott ist gerecht!« Das war mehr, als das unglückliche junge Mädchen ertragen konnte. Mit einem Wehlaut sank sie zu Boden, im Fallen schlug sie mit der Stirn gegen die Kante eines Ecktischchens und aus einer tiefen Wunde sickerte das Blut. Aber die Gräfin sah ihre Tochter mitleidlos zu ihren Füßen liegen. Als sie bemerkte, daß Valentine sich nicht regte, läutete sie und sagte zu den eintretenden, vor der Gebieterin zitternden Mägden: »Tragt das Fräulein auf ihr Zimmer, legt sie aufs Bett und sperrt sie ein, den Schlüssel bringt mir.« Die Dienerinnen trugen Valentine fort, aber nach einer Weile erschien Milhonne und berichtete der Gräfin, daß das Fräulein zwar zu sich gekommen sei, es aber schlimm mit ihr stünde. Die Gräfin begab sich in das Zimmer ihrer Tochter und das Aussehen des armen Kindes war wirklich so entsetzlich, daß die Alte sich bewogen fühlte, den Arzt rufen zu lassen. Dr. Raget war nicht nur ein vorzüglicher Arzt, sondern auch ein edler Mensch, der ganz in seinem Berufe aufging, er war nicht nur herzensgut, sondern auch ungemein scharfsinnig und durchschaute die Menschen, als wenn sie aus Glas wären. Als er Valentine sah, wurde seine Miene sehr ernst, er heftete hierauf seine Blicke so durchdringend auf die alte Gräfin, daß sie sich ganz verwirrt fühlte. »Ihre Tochter ist sehr krank,« sagte er, »ich muß sie aber genau untersuchen und bitte daher, mich einen Augenblick allein zu lassen.« Der alte Arzt war der einzige Mensch, welcher der Gräfin imponierte, sie wagte daher nicht, sich ihm zu widersetzen, und ging ins Nebenzimmer. Bald folgte er ihr. Sein Gesicht war ernst und er schien tief ergriffen. »Frau Gräfin,« begann er, »einer Mutter Herz ist immer voll Güte und Nachsicht, nicht wahr? Sie werden Fräulein Valentine verzeihen . . . sie befindet sich in gesegneten Umständen.« »Die Schändliche, die Dirne . . .« »Der Zustand Ihrer Tochter ist nicht lebensgefährlich, aber ernst,« fuhr der Arzt, ohne der Unterbrechung zu achten, fort, »die allzu heftigen Aufregungen haben ihren zarten Organismus erschüttert, sie fiebert stark, doch wird leibliche und vor allem seelische Ruhe sie wieder herstellen. An Ihnen ist es, Frau Gräfin, hier helfend einzugreifen, einige gute beruhigende Worte aus Ihrem Munde werden eine bessere Wirkung erzielen, als meine Arzneien. Ich mache Sie aber für das Leben Valentines und ihres Kindes verantwortlich.« Der alte Arzt hatte die letzten Worte so eindringlich gesprochen, daß die Gräfin erschrak, sie fühlte sich durchschaut. »Gewiß werde ich mein möglichstes tun, um Valentine zu pflegen,« sagte sie scheinheilig; »aber das können Sie doch von mir nicht verlangen, Herr Doktor, daß ich selber meine Schande veröffentliche und mich dem Gespötte der ganzen Gegend aussetze?« »Ich kann Ihnen natürlich nicht verbieten, mit Ihrer Tochter Laverberie auf einige Zeit zu verlassen, aber ich werde Rechenschaft von Ihnen über das Kind fordern. Mehr habe ich Ihnen vorderhand nicht zu sagen.« Damit ging er und ließ die Gräfin in einem Zustande grenzenloser Wut zurück. Sie haßte den alten Arzt, der sich unterstanden, ihre geheimsten Gedanken zu erraten und es gewagt hatte, in solchem Tone mit ihr zu sprechen. Sie haßte Valentine, die schuld war, daß sie sich diese Demütigung gefallen lassen mußte und sie zwang, ihren schönen Hoffnungen auf einen reichen Schwiegersohn zu entsagen! Und ihre Erbitterung wurde so heftig, daß sie ihrer einzigen Tochter den Tod wünschte. Valentine hatte sich nach und nach erholt. Sie sagte sich: »Gott sei Dank, das Schlimmste ist überstanden, meine Mutter weiß alles, nun darf ich auf ihre Verzeihung warten und hoffen.« Aber eines bereitete ihr schweren Kummer, wie sollte sie Nachricht von Vater Menoul erhalten, sie konnte nicht daran denken, hinabzugehen. Der Doktor hatte ihr zwar nach einigen Tagen erlaubt, aufzustehen, aber sie mußte noch das Zimmer hüten. Zum Glück war der alte Fährmann ebenso klug, als er aufopfernd gewesen. Er hatte kaum gehört, daß das Schloßfräulein krank sei, als er auf Mittel sann, ihr Nachricht zukommen zu lassen. Ein Vorwand, aufs Schloß zu kommen, war bald gefunden – er brachte Fische zum Verkauf – und endlich gelang es ihm einmal, das Fräulein zu sehen, sie waren nicht allein, aber aus seinen Blicken konnte sie entnehmen, daß Gaston in Sicherheit war. Einige Wochen später erklärte der Arzt, daß Valentine soweit hergestellt sei, um die Anstrengungen der Reise ohne Schaden für die Gesundheit ertragen zu können. Die Gräfin hatte den Augenblick mit größter Ungeduld erwartet, sie hatte schon alle Reisevorbereitungen getroffen und allen Bekannten erzählt, daß sie sich mit ihrer Tochter nach England zum Besuch reicher Verwandten begeben würde. Valentine konnte nur mit Schaudern an die bevorstehende Reise denken; es war ihr noch nicht gelungen, Louis von Clameran wissen zu lassen, daß sein Bruder noch am Leben sei und nun sollte sie fort! Sie entschloß sich also, das Geheimnis einem Briefe anzuvertrauen und die gute Milhonne, die sich während Valentines Krankheit bewährt hatte, auf Schloß Clameran damit zu schicken. Aber das Mädchen kam unverrichteter Dinge zurück. Herr Louis, den man jetzt Marquis nannte, hatte die Dienerschaft verabschiedet und war verreist. Im Schloß wohnte niemand mehr. Der Tag der Abreise kam, die Gräfin entschloß sich, Milhonne mitzunehmen, nachdem sie diese bei der Messe auf das Evangelienbuch hatte ewige Verschwiegenheit schwören lassen. In England ließ sich die Gräfin in einem kleinen Dorfe bei London nieder. Sie nannte sich dort Frau Wilson und hielt ihre Tochter wie eine Gefangene, aber sie selbst fuhr oft nach London und besuchte Gesellschaften, Theater und Konzerte. Die arme Valentine führte den ganzen Winter über ein trauriges Leben, und als sie endlich im Frühlinge einem Knaben das Leben schenkte, wurde er ihr wenige Stunden nach seiner Geburt schon entrissen. Ihre grausame, kaltherzige Mutter hatte alles voraus ausgedacht und vorbereitet. Das Kind wurde von dem Dorfgeistlichen auf den Namen Raoul Wilson getauft und kam dann zu einer jungen Bäuerin in Pflege. Diese Frau hatte sich verpflichtet, den Knaben als eigen anzunehmen, ihn zu erziehen und ihn ein Handwerk lernen zu lassen, dafür gab ihr die Gräfin als Abfertigung zehntausend Frank. Da die Bäuerin von dem wahren Namen und Stand der Gräfin keine Ahnung hatte, so konnte das Kind niemals die Wahrheit über seine Herkunft erfahren und das war es, was der Gräfin am meisten am Herzen lag. Als die Angelegenheit erledigt war, fühlte sie sich wie von einem Alp befreit und kam ganz vergnügt nach Hause. Aber Valentine weinte und verlangte nach ihrem Kinde. »Du bist wohl verrückt,« versetzte die Gräfin. »Das Kind ist gut aufgehoben, das muß dir genügen. Die Vergangenheit war ein böser Traum, den du vergessen mußt , und damit basta.« Wohl empörte sich Valentines Innerstes gegen die Gewalttätigkeit ihrer Mutter, aber sie hatte nicht den Mut, sich zu widersetzen und duldete klaglos. Im Sommer kehrten sie nach Laverberie zurück. Die Welt hatte wirklich keine Ahnung gehabt, welches der wahre Grund der Reise gewesen und so konnte die Gräfin ihre alten Beziehungen wieder aufnehmen. Sie wußte viel von England zu erzählen und ging täglich in Gesellschaft. Dr. Raget war der einzige, der die Wahrheit wußte. Die Gräfin hatte sich beglaubigte Dokumente verschafft und wies sie dem alten Arzte bei seinem ersten Besuche sofort vor. »Sie sehen,« sagte sie, »das Kind lebt und ist in guten Händen, ich habe es mich genug kosten lassen, ich denke, Sie können zufrieden sein.« »Wenn Ihnen Ihr Gewissen nichts vorwirft, Frau Gräfin – ich muß es sein.« Nein, ihr Gewissen machte ihr keine Vorwürfe, dazu war sie zu herzlos. Sie quälte die arme Valentine unablässig mit den bittersten Vorwürfen und konnte ihr nicht verzeihen, daß sie, statt die Mutter durch eine glänzende Heirat zu bereichern, sie durch ihren Fehltritt noch um Geld gebracht hatte. Das Leben des unglücklichen Mädchens war eine einzige Kette von Leiden, sie duldete still, aber manchmal bereute sie doch, nicht mit Gaston geflohen zu sein. War ihre Aufopferung denn nicht ganz überflüssig gewesen? Unablässig dachte sie an den Geliebten, wo er nur weilen mochte? Lebte er noch, dachte er ihrer? Warum hatte er noch kein einziges Mal versucht, ihr Nachricht zukommen zu lassen? In drei Jahren wollte er wiederkommen. Aber war seine Rückkehr möglich? Man hatte zwar angenommen, daß er ertrunken sei, da man aber keine Beweise für seinen Tod hatte, wurde die Angelegenheit doch vor dem Schwurgericht verhandelt und Gaston von Clameran wegen Totschlags » in contumacia « zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Valentine hatte sofort nach ihrer Rückkehr Milhonne ausgeschickt, um Erkundigungen über Louis einzuziehen, aber der junge Marquis war noch nicht auf sein väterliches Schloß zurückgekehrt und es hieß, daß er in Paris ein lustiges Leben führe. Die Zeit verging. Vier Jahre waren seit Gastons Flucht verflossen, aber er hatte noch immer kein Lebenszeichen gegeben. Die Gräfin, welche auf die Aussicht, einen reichen Schwiegersohn zu bekommen, verzichten mußte, wollte, wie sie sagte, sich nicht länger Entbehrungen auferlegen, und begann, über ihre Verhältnisse zu leben, sie machte ein großes Haus, bestellte für sich glänzende Toiletten aus Paris, ging in Gesellschaft und auf Reisen, kurz, sie brachte es dahin, daß ihre Besitzung binnen kurzem überschuldet war und sie sich in Wuchererhänden befand. Natürlich verbesserte dies ihre üble Laune keineswegs und die arme Valentine hatte übermenschliches zu leiden. Da geschah es, daß ein junger Ingenieur, der die Arbeiten der Rhoneregulierung zu leiten hatte, in die Gegend kam und da er liebenswürdig und sympathisch war, so wurde er bald auf allen Schlössern der Umgebung ein gern gesehener Gast. Bei solchen Gelegenheiten lernte auch die Gräfin den jungen Mann, der sich André Fauvel nannte, kennen, und bald hatte sie mit ihren scharfen Augen die Entdeckung gemacht, daß Valentine ihm zu gefallen schien. Diese Entdeckung entzückte sie, da sie gehört hatte, daß der Ingenieur vermögend sei. Die schon begrabene Hoffnung auf einen Schwiegersohn lebte wieder auf und sie beschloß, den schüchternen jungen Mann nach Möglichkeit zu ermuntern. In der Tat war sie ihm gegenüber die Liebenswürdigkeit in Person. Freilich war er nicht von Adel – aber – ihre Geldverlegenheit war groß und, rasch entschlossen, lud sie André Fauvel zu einem Besuche ein. Er war überglücklich, die schönen traurigen Augen Valentines hatten es ihm wirklich angetan, nur zeigte sich das junge Mädchen so zurückhaltend, daß er es nie gewagt haben würde, seine Bewerbung vorzubringen. Nun aber kam ihm die Mutter mit solcher Freundlichkeit entgegen, daß er hoffen durfte. Sie empfing ihn das erste Mal allein. Sie hatte eben mit einem Geldverleiher einen unangenehmen Auftritt gehabt und war noch in voller Aufregung, als der junge Mann kam. Sie klagte über das Los alleinstehender Frauen, wie die bösen Menschen ihre Unkenntnis in Geldangelegenheiten benützten, um sie auszubeuten und zu betrügen. Sie stellte sich selbst als ein solches Opfer hin und betonte scheinheilig, daß ihr ihre bedrängte Lage nicht um ihrer selbst willen, sondern nur wegen ihrer geliebten Tochter qualvoll sei, denn wie könne sie bei diesen schlechten Zeiten hoffen, das Mädchen ohne Mitgift zu verheiraten. »Das Fräulein besitzt Eigenschaften genug, um einen Mann zu beglücken,« beeilte sich der Ingenieur zu sagen, »um sie zu besitzen, verzichtet man gerne auf jede Mitgift.« »Das wäre ja recht schön, wenn es einen so seltenen Vogel wirklich gäbe,« meinte die Gräfin, »allein der Mann, dem ich das Glück meines einzigen Kindes anvertrauen würde, müßte mehr tun – – Laverberie ist überschuldet.« »Der Mann, den ich meine,« antwortete Andre Fauvel, »ist glücklicherweise reich genug, um das Gut von Lasten frei zu machen, auch würde er sich selbstverständlich glücklich schätzen, der Mutter seiner geliebten Frau ein sorgenfreies Leben zu bereiten.« »Das müßte aber notariell sichergestellt werden,« sagte sie, »ich könnte meine Tochter keinem Manne geben, der nicht so gestellt ist, daß sie keine materiellen Sorgen hat.« Fauvel schämte sich ein wenig für seine künftige Schwiegermutter. »Der Ehevertrag könnte auch diese Frage regeln,« antwortete er. Weiter wurde über diese Angelegenheit nichts mehr gesprochen, als sich aber der junge Ingenieur einige Minuten später erhob, um sich zu verabschieden, reichte sie ihm mit freundlichem Lächeln die Hand und lud ihn für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Die Gräfin war seit langem nicht so vergnügt gewesen. Nun war sie mit einem Schlage aller Sorgen ledig. Das junge Paar würde natürlich in Paris leben und sie als liebende Mutter würde die Wintermonate bei ihnen verbringen und endlich das Leben ein bißchen genießen können! Plötzlich aber kam ihr der Gedanke, daß Valentine eigentlich auch gefragt werden müsse. Und wenn sie sich weigert? Die Gräfin erschrak bei dieser Vorstellung, doch faßte sie sich sogleich, sie war nicht die Frau, der man sich widersetzt, das wußte Valentine. Daher begab sie sich sogleich auf das Zimmer ihrer Tochter und sagte ohne Vorbereitung: »Liebes Kind, ein junger Mann hat sich bei mir um dich beworben, und da gegen ihn nichts einzuwenden ist, so habe ich ihm deine Hand zugesagt.« Bei dieser Eröffnung sprang Valentine entsetzt von ihrem Sitze empor. »Das ist unmöglich, Mutter,« hauchte sie. »Unmöglich, was soll das heißen?« »Vergißt du, Mutter . . . oder hast du ihm alles gestanden?« »Gestanden? Was? . . . du meinst doch nicht die vergangenen Torheiten? Gott bewahre, du hältst mich doch nicht für verrückt?« »Aber Mutter,« entgegnete Valentine empört, »du glaubst doch nicht, daß ich so schlecht bin und einen anständigen Mann auf diese Weise betrügen würde? Das wäre ja eine Niedertracht.« Die Gräfin wollte, ehe sie zu Gewaltmitteln griff, es mit der Milde versuchen. Sie schilderte ihrer Tochter die entsetzliche materielle Lage, in der sie sich befanden. »Man wird mich von Haus und Hof verjagen und ich werde betteln gehen müssen,« sagte sie. »Und was deinen kleinen Fehltritt betrifft – ei, so ist das gar nicht so schlimm, solche Dinge kommen alle Tage vor, das hindert nicht, daß du eine brave, treue Frau wirst, du wirst ihn glücklich machen und selber glücklich werden. Er wird nie etwas erfahren, denn meine Vorsichtsmaßregeln haben die Vergangenheit für dich ausgelöscht.« In dieser Weise sprach die Gräfin lange auf Valentine ein, aber das sonst so willenlose Geschöpf widerstand. »Ich kann nicht, Mutter, ich kann nicht,« wiederholte sie immer wieder. Da aber die Gräfin nicht aufhörte, in sie zu dringen, warf sie sich ihr zu Füßen und bat sie, ihr wenigstens einige Stunden der Überlegung zu gewähren. Die Gräfin triumphierte. Nun hatte sie gewonnenes Spiel. »Schön,« sagte sie, »überlege, wähle, ob dir das Glück und die Ruhe deiner Mutter weniger gelten, als eine höchst überflüssige, sogenannte Aufrichtigkeit.« Sie ging und ließ die arme Valentine unschlüssig, verzweifelt zurück. Durch die Gewalttätigkeit ihrer Mutter, die seit jeher jede freie Willensäußerung in ihr unterdrückte, befand sich die Unglückliche in einem geistigen Zustande, in dem sie nicht mehr zu erkennen vermochte, was Recht und was Pflicht sei. Ihr Gewissen folterte sie, als sie sich die Fragen vorlegte: »Darf ich meine Mutter der Not, dem Elend preisgeben? Aber darf ich denn die Liebe und das Vertrauen eines rechtschaffenen Mannes so schmählich mißbrauchen?« Ach, was sie auch tun mochte, Reue und Gewissensqualen würden sie ihr ganzes zukünftiges Leben lang foltern, sie elend machen! Wie sie sich nach einem Freunde, einem Ratgeber sehnte! Sie war so einsam, so schrecklich allein! Seit Gaston tot war – denn er war gewiß nicht mehr am Leben, sonst würde er ihr doch in diesen vier Jahren ein Zeichen gegeben haben! – Seit sie ihn verloren, hatte sie auf der weiten Welt niemand, niemand, dem sie sich anvertrauen konnte, der sie verstanden hätte! – Valentine hatte einen unruhigen Tag, eine schlaflose Nacht und als der Morgen herandämmerte, sagte sie sich: »Nein, ich kann nicht, ich kann nicht!« Als aber dann der Gast da war, neben ihr saß und sie die drohenden Blicke ihrer Mutter auf sich gerichtet fühlte, fehlte ihr der Mut. Sie nahm sich vor, später mit ihm zu sprechen, vielleicht einmal in Abwesenheit der Mutter, diese aber war viel zu klug, um ihr je diese Möglichkeit zu gewähren, sie ließ sie nie aus den Augen. André Fauvel hatte nach der ersten Einladung von der Gräfin die formelle Erlaubnis erhalten, sich um die Gunst Valentines zu bewerben. Sein Benehmen dem jungen Mädchen gegenüber war so zart, rücksichtsvoll und aufmerksam, daß ihr ganz warm ums Herz wurde. Ihr Leben war so liebeleer, so freudenarm, jetzt fühlte sie sich geliebt, wußte, daß wenn sie die Gattin dieses edlen jungen Mannes würde, sie geborgen wäre. Sie gestand sich: »hier harrt meiner das Glück,« aber gleich darauf fragte sie sich: »darf ich es annehmen, bin ich dessen würdig?« Die Mutter ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden mit Beschleunigung getroffen, Besuche gemacht und empfangen, Einkäufe für die Ausstattung besorgt und ein ganzes Heer von Schneiderinnen beschäftigt. Die Gräfin zeigte sich gegen Valentine ungewöhnlich freundlich, nur klagte sie über die Gläubiger, die sie so ungestüm mahnten und drängten, zeigte ihr Wechsel und Rechnungen, die sie nicht einlösen, nicht bezahlen konnte, und brach zum Schluß jedesmal in die Worte aus: »Gott gebe, daß wir nicht noch vor deiner Verheiratung von Haus und Hof verjagt werden.« Der Vorabend der Hochzeit war gekommen. Eine große Gesellschaft war geladen, aber plötzlich fühlte sich Valentine von quälender Herzensangst gepeinigt, sie flüchtete, um einen Augenblick allein zu sein, in ihr Boudoir, dort warf sie sich aufs Sofa und brach in Tränen aus. Ihr Bräutigam hatte ihre Blässe, ihre Unruhe bemerkt, und als sie sich entfernte, folgte er ihr voll Besorgnis. Es dunkelte, und da er aus dem hellerleuchteten Saal kam, gewahrte er die in die Sofakissen gedrückte Gestalt nicht sogleich, aber ihr Schluchzen drang an sein Ohr. Bestürzt trat er auf sie zu, beugte sich liebevoll über sie und fragte zärtlich: »Warum weinst du? Hast du kein Vertrauen zu mir? Weißt du denn nicht, daß ich dein bester Freund bin, dem du alles, alles, was dir am Herzen liegt, rückhaltlos sagen kannst, sprich, Valentine, mein teueres Herz, sag' mir, was dich bedrückt.« Jetzt war der Augenblick gekommen, jetzt wollte sie ihm alles gestehen. Schon öffnete sie den Mund, da war's ihr, als sähe sie an der Tür das drohende, wutverzerrte Gesicht ihrer Mutter; sie dachte an den Schmerz Andrés, an das Aufsehen, das die zurückgegangene Verlobung machen würde, an das fernere Leben mit ihrer Mutter und sie schauderte. Sie brach in erneuerte Tränen aus und auf Fauvels nochmalige besorgte Fragen antwortete sie nur: »Mir ist so bange.« Er lächelte über dies Geständnis jungfräulicher Schamhaftigkeit, legte sanft seinen Arm um sie und sprach ihr in liebevollen Worten Trost zu, aber diese schienen nur ihren Schmerz zu vermehren. Verwundert drang er mit neuen Fragen in sie, ehe sie aber antworten konnte, erschien die Gräfin, um die lieben Kinder, wie sie sagte, zur Gesellschaft zurückzuholen. – Das Geständnis blieb unausgesprochen. Am nächsten Tag fand in der Dorfkirche von Laverberie die Trauung statt. Die Braut sah in ihrem weißen Kleide entzückend schön aus und der Bräutigam strahlte vor Glück. Sie aber ging an seiner Seite schmerzverloren, ihr war, als müßten alle mit Fingern auf sie zeigen, und der Myrtenkranz, den zu tragen sie sich unwürdig fühlte, drückte ihre Stirn wie eine Dornenkrone. Ein Jahr war verflossen. André betete seine Frau an und fühlte sich in ihrem Besitze unendlich glücklich. Um sie mit allem Luxus, allen Genüssen des Reichtums umgeben zu können, stürzte er sich in Geschäfte und Unternehmungen, die ihm glückten, sein Vermögen, sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag und alle Welt pries Valentine glücklich. Sie war es auch in ihrer Weise und es wäre vollkommen gewesen, wenn sie hätte vergessen können. Aber die Vergangenheit stand immer wie ein Schreckgespenst vor ihrer geängstigten Seele. Anderthalb Jahre nach ihrer Hochzeit schenkte sie ihrem Gatten einen Sohn und das folgende Jahr einen zweiten. Fauvel war selig und zog seine Kinder wie Prinzen auf; wie leidenschaftlich aber Valentine sie auch liebte, sie konnte niemals das arme verlassene Würmchen vergessen, das sie Fremden überlassen mußte und das jetzt vielleicht Not litt! Wenn sie nur gewußt hätte, wo es war, aber ihre Mutter zu fragen, wagte sie nicht! Auch das Vermächtnis Gastons, der Schmuck seiner Mutter, beunruhigte sie, sie verbarg ihn und zitterte doch immer, ihr Mann könnte ihn eines Tages entdecken. So sorgte und quälte sie sich fort und fort und konnte ihres Lebens nicht froh werden. 14. Louis von Clameran war eine verschlossene Natur, die unter einer kalten, gleichgültigen Außenseite die wildesten Leidenschaften verbarg. In frühester Jugend schon gärten in seinem Inneren wilde, schlechte Gedanken, er dürstete nach Freiheit, Reichtum, maßlosem Genuß. Er liebte seinen Vater nicht, den Bruder aber haßte er sinnlos und der alte Marquis nährte, ohne es zu wissen und zu wollen, Louis' Neid und Eifersucht. Unverhohlen zeigte der Vater seine Vorliebe für den ältesten Sohn, der ja auch der künftige Majoratsherr und Erbe war. Trotzdem der offenherzige und ehrliche Gaston alles tat, um die Liebe seines Bruders zu gewinnen, blieb sein Haß unvermindert, obgleich er schlau seine wahren Gefühle, namentlich vor dem Vater, zu verbergen trachtete. Aber die Diener haben allezeit scharfe Augen für die Fehler ihrer Herren, und so war der Haß des Jüngeren gegen seinen älteren Bruder für sie kein Geheimnis. Als durch den Sturz von Louis' Pferd Gaston seinen Feinden ausgeliefert worden, glaubten sie nicht an einen verhängnisvollen Zufall, sondern sahen eine böswillige Absicht darin. Besonders empört war der Reitknecht, der ein Bravourstück der Reitkunst ausgeführt hatte und fast geflogen war, um seine Verfolger irre zu führen. Und der alte Kammerdiener, dessen Abgott Gaston war, sprach geradezu von Brudermord. Anton scheute sich nicht, dem jungen Grafen zu sagen: »Es ist doch eigentümlich, daß ein so geschickter Reiter wie Sie gerade dann das Unglück hat zu stürzen, wenn von seiner Geschicklichkeit das Leben seines Bruders abhängt.« Louis war über die Kühnheit dieser Äußerung so empört und – betroffen, daß er den alten Diener mit der Reitpeitsche gezüchtigt hätte, wenn nicht in dem Augenblick die Nachricht gekommen wäre, daß Gaston sich in die Rhone gestürzt habe, um seinen Verfolgern nicht in die Hände zu fallen. Die Diener waren erschüttert und keiner hatte den Mut, dem Marquis die Hiobsbotschaft zu überbringen . . . Louis aber war gefühllos. Das schreckliche Ende seines Bruders erschütterte ihn nicht, ihn durchzuckte nur der eine Gedanke: »Nun bin ich der einzige Sohn und Erbe!« Und wie Triumph blitzte es in seinen Augen auf. Und was keiner wagte, unternahm er, er ging zu seinem alten Vater und sagte ohne Vorbereitung: »Gaston hatte die Wahl zwischen Ehre und Leben, er hat gewählt – er ist tot.« Bei dieser Eröffnung war der Marquis ohne einen Laut umgestürzt, wie ein vom Blitz getroffener Eichbaum. Tränenlos stand Louis am Totenbette seines Vaters. Nun war er der Herr. Der Vater hatte ihn immer so knapp gehalten, daß er keine fünfzig Frank je in der Tasche gehabt, und jetzt war er Marquis von Clameran, frei, und besaß ein Barvermögen von 200 000 Frank. Dieser plötzliche Reichtum entzückte ihn derart, daß er es kaum erwarten konnte, ihn zu genießen. Er beschleunigte das Leichenbegängnis so sehr als es nur anging und erregte durch sein fast heiteres Benehmen allgemeines Ärgernis. Kaum war die letzte Erdscholle auf den Sarg seines Vaters gefallen, als er im Schlosse alles verkaufte, was sich verkaufen ließ. Am nächsten Morgen entließ er die gesamte Dienerschaft; die armen Leute, die in dem Dienste des alten Marquis ergraut waren und gehofft hatten, ihre Tage unter dem Dache Clameran beschließen zu können, wurden trotz ihrer Bitten und Tränen von ihm auf die roheste und unbarmherzigste Art fortgeschickt. Dann begab er sich nach Paris. Er dürstete danach, das Leben zu genießen. Er stürzte sich in den Strudel wildester Vergnügungen und in kürzester Zeit war seine Barschaft vergeudet. Er schrieb an seinen Notar wegen des Verkaufes seiner Güter, aber auch der Erlös dafür war bald unter seinen Händen zerronnen. – Ihm blieb nichts mehr als Schloß Clameran, für das sich aber augenblicklich kein Käufer fand, das nichts eintrug, ja sogar dem Verfalle nahe war. Louis war, so lange er Mittel besessen, ein ebenso kühner als glücklicher Spieler gewesen, als er sich nun plötzlich mittellos sah, glaubte er im Bakkarat eine sichere Einnahmequelle zu finden, allein das Blatt hatte sich gewendet, das Glück war ihm nicht günstig – da wollte er es erzwingen. Bald munkelte man im Klub, daß er ein Falschspieler sei und um einem Skandal zuvorzukommen, wurde er einfach ausgeschlossen. Nun ging es mit ihm im beschleunigten Tempo bergab. Da sich seine Standesgenossen von ihm losgesagt hatten, trieb er sich in der verrufensten Gesellschaft herum und war auch in eine betrügerische Erpressungsgeschichte verwickelt. Daß er damals nicht gefänglich eingezogen und vor Gericht gestellt worden, verdankte er nur einem alten Freunde seines Vaters, einer einflußreichen Persönlichkeit, dem Grafen von Commarin, der, um die Ehre des Namens Clameran zu retten, veranlaßte, daß die Angelegenheit vertuscht wurde. Er gab Louis die Mittel nach England zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Louis aber setzte in London nur sein altes Spielerleben fort und als ihm der Boden zu heiß wurde, verschwand er, um anderswo wieder aufzutauchen. So trieb er sich in allen Großstädten Europas herum und kehrte endlich nach achtzehnjähriger Abwesenheit nach Frankreich zurück. Sein erster Weg galt der Heimat. Er wollte Schloß Clameran besichtigen, vielleicht fand sich doch noch ein Käufer dafür. Von Tarascon legte er den Weg nach Clameran zu Fuß zurück. Vieles hatte sich in der Gegend geändert, nur das Dörfchen mit dem schiefen alten Kirchturme, dem rebenumrankten Pfarrhaus, der rußigen Schmiede und dem freundlichen Wirtshause mit dem großen Olivengarten war unverändert geblieben. Unwillkürlich überschlich ihn ein eigentümliches Gefühl, war's Wehmut, war's Rührung? Er, der für weichere Regungen sonst nur Spott hatte, fühlte sich weich werden bei der Erinnerung an seine Jugend. Damals war ihm das Leben verheißungsvoll erschienen, er lechzte nach Genüssen – nun kannte er das Leben, hatte es in vollen Zügen genossen, er hatte sein Vermögen, seine Ehre verloren, nichts war ihm geblieben, als der Ekel – er war müde und gebrochen. Ehe er sich auf sein väterliches Schloß begeben konnte, mußte er erst die Schlüssel, die der alte Kammerdiener Anton, der im Dorfe wohnte, in Verwahrung hatte, holen. Als er in das Häuschen trat, kam ihm ein Bauer mit freundlichem Gesichte entgegen und fragte erstaunt nach des Fremden Begehr. »Ich suche den ehemaligen Kammerdiener des Marquis von Clameran.« »Mein Vater ist leider vor fünf Jahren gestorben,« versetzte der Mann betrübt. »Gestorben? Das tut mir leid. Ich kam, um die Schlüssel zum Schlosse zu holen – ich bin der Marquis von Clameran.« »Der Herr Marquis,« rief der Bauer erfreut und streckte ihm die Hand entgegen, »o, seien Sie in der Heimat tausendmal willkommen!« Dieser herzliche Empfang tat Louis wohl; er, der Geächtete, der seit vielen, vielen Jahren keinen Ausdruck uneigennütziger Ergebenheit, aufrichtiger Zuneigung mehr gehört hatte, faßte wirklich erfreut die Hand, die sich ihm entgegenstreckte, und drückte sie mit Wärme. »Ach, daß mein armer Vater diese Freude nicht mehr erlebt hat,« fuhr der Mann fort, »aber ich, Herr Marquis, und die Meinen sind Ihnen so ergeben, wie er selbst. Der Vater hat bis zu seinem letzten Atemzuge immer von der Familie Clameran gesprochen und täglich die Rückkehr seines jungen Herrn erwartet. Aber nun erlauben Sie, Herr Marquis, daß ich Ihnen meine Frau, meine Kinder zeige.« Auf sein Rufen erschien ein hübsches frisches Weibchen mit roten Backen und schwarzen glänzenden Augen und eine Schar Kinder, die alle der Mutter glichen. Die junge Frau wurde verlegen, als sie des Fremden ansichtig wurde, und die Kinder umdrängten sie, wie die Küchlein. Aber Anton sagte: »Das ist unser Herr Marquis. Toinette, Kinder, gebt hübsch die Hand.« Da bewillkommneten ihn alle und die Frau schickte sich allsogleich an, eine Mahlzeit zu bereiten, um den Gast auf das Beste zu ehren. Im Dorfe hatte sich die Nachricht von der Rückkunft des Gutsherrn wie ein Lauffeuer verbreitet und alt und jung kam herbei, um ihn zu sehen und ihm den Willkommgruß zu bieten. Louis war aufrichtig erfreut und gerührt. Nachmittag begab er sich in Begleitung Antons aufs Schloß. Der einst so stolze, stattliche Herrensitz sah trostlos aus. Der scharfe Wind der Provence, der Mistral, hatte an Türen und Fensterläden gerüttelt, bis er sie herausgerissen hatte, Regen und Sonnenschein hatten am Zerstörungswerk weiter gearbeitet und waren ins Innere gedrungen. Die kostbaren Tapeten, Vorhänge, Decken hingen in Fetzen, die Möbelstoffe waren zerfallen, mottenzerfressen – es sah fürchterlich aus. Dumpf widerhallten Louis' Schritte in den hohen öden Sälen und oft stockte sein Fuß, ihm war's, als müsse plötzlich sein Vater erscheinen und ihn drohend fragen: »Was hast du aus unserem Hause, aus unserer Ehre gemacht?« Ihm wurde unheimlich zu Mute und er eilte, wieder ins Freie zu kommen. Als sie im Garten waren, wandte er sich an Anton und sagte: »Ihr guter Vater hätte das wenige Mobiliar, das ich noch zurückgelassen hatte, verwerten sollen, statt es zum Mottenfraß werden zu lassen.« »Ohne Auftrag durfte er es ja nicht.« »Das Schloß wird bald ebenso unbrauchbar sein, wie die Möbel und da ich leider nicht reich genug bin, um es herstellen zu lassen, gedenke ich es zu verkaufen – falls sich ein Käufer für die Ruine findet.« Anton dachte, daß er das Häuschen, das er von seinem Vater geerbt, in welchem der würdige Greis gelebt hatte und gestorben war, um keinen Preis verkaufen würde und der Herr Marquis wollte sich von der letzten Scholle väterlicher Erde, die ihm noch gehörte, trennen! Er konnte es nicht begreifen! Doch machte er darüber keine Bemerkung, sondern sagte nur: »Zu verkaufen wär's schon, nur dürfte es nicht teuer sein. Es ist hier in der Nähe ein Mann, der solche Geschäfte macht, er ist Güterhändler, der gern billig kauft und teuer verkauft – ein geriebener Kerl!« »Wann könnte ich den Mann sprechen?« fragte Louis. »Und wie heißt er?« »Er heißt Tongeroux und wir können gleich zu ihm gehen, er wohnt gerade gegenüber, am anderen Rhoneufer, wir brauchen uns nur durch den Fährmann übersetzen zu lassen.« Während der Schiffer sie über den Fluß ruderte, erzählte Anton dem Marquis, daß Tongeroux ein abscheulich schlechter Mensch sei. Er habe vor Jahren eine alte Dienerin der verstorbenen Gräfin von Laverberie, namens Milhonne, geheiratet, trotzdem sie schon fünfzig Jahre zählte und er um die Hälfte jünger war. »Er nahm sie nur des Geldes wegen,« fiel der Fährmann ein, »denn die Milhonne hatte einen hübschen Sparpfennig.« »Ja,« ergänzte Anton, »aber kaum war er verheiratet, als er ihr alles wegnahm, sie mißhandelte und grausam Not leiden ließ. Er würde sie am liebsten Hungers sterben lassen.« »Aber mit dem Gelde verstand er besser umzugehen,« sagte der Schiffer, »er hat es tüchtig vermehrt und ist heute ein schwer reicher Mann.« Nachdem sie gelandet waren, führte Anton den Marquis auf das Gehöft Tongeroux. Der Bauer, ein kleiner rothaariger Mensch mit unstetem Blicke, war in der ganzen Gegend wegen seiner Grobheit bekannt, als er aber hörte, daß es sich um ein Geschäft handelte – und gar um den Verkauf von Clameran, das ihm schon längst in die Augen gestochen – war er ganz Unterwürfigkeit und Dienstbeflissenheit. Er führte seine Besucher in die »gute Stube« und rief im Vorübergehen einem alten Weibe, das in der Küche hockte, barsch zu, es möge sich sputen und für den hochgeborenen Herrn Marquis von Clameran vom besten Wein aus dem Keller holen. Bei dem Namen fuhr die Alte überrascht empor, sie schien sprechen zu wollen, allein ihr Mann wiederholte den Befehl und erschrocken gehorchte sie, brachte eine Flasche Wein und drei Gläser und ließ sich dann in einem Winkel nieder. Der Anblick des Marquis weckte alte Erinnerungen, ließ längst vergangene Zeiten wieder aufleben. Sie hatte ihren Schwur, den sie damals der alten Gräfin während der Messe leisten mußte, gehalten und das Geheimnis treulich bewahrt, aber jetzt, beim Anblick Louis', fragte sie sich, ob reden nicht Pflicht sei? Und während die Männer verhandelten, wälzte sie die Frage in ihrem armen schwachen Kopfe hin und her. Längst schon wähnte sie, ihr Elend sei nur die Strafe Gottes, weil sie jenen Eid geleistet, und vielleicht würde sich ihr Los zum Besseren wenden, wenn sie sich dem Bruder Gastons anvertraute. Inzwischen wurde der Handel abgeschlossen. Tongeroux hatte einen so lächerlich niedrigen Preis für Clameran geboten, daß die Bretter und Balken am Gebäude, wie Anton sagte, mehr wert waren. Aber der schlaue Bauer hatte sofort bemerkt, daß der Marquis sich in der Klemme befand und entschlossen war, um jeden Preis zu verkaufen, daß er sich nicht zu vielen Zugeständnissen herbeiließ. Endlich wurden sie handelseinig – der letzte Marquis von Clameran gab das Schloß seiner Väter für den schnöden Preis von 5280 Frank hin. Nachdem der Handel mit einem kräftigen Handschlag und den landesüblichen Worten: »Es gilt« abgeschlossen war, begab sich der Güterhändler in den Keller, um aus einem Versteck, der nur ihm bekannt war, eine Flasche »vom allerbesten« zu holen. Die Abwesenheit ihres Mannes schien der alten Milhonne ein günstiges Zeichen. Sie erhob sich, trat auf Louis zu und sagte rasch und leise: »Herr Marquis, ich muß Sie ohne Zeugen sprechen.« »Mich?« fragte dieser verwundert. »Ja, es ist ein höchst wichtiges Geheimnis, das ich Ihnen offenbaren muß. Ich beschwöre Sie, kommen Sie heute abend in unseren Olivenhain, da werde ich Ihnen alles sagen.« Sie kehrte an ihren Platz zurück und als ihr Mann wieder ins Zimmer trat, saß sie so still und in sich versunken in ihrem Winkel, wie vorher. Tongeroux hatte mit vergnügtem Gesichte die staub- und spinnwebbedeckte Flasche entkorkt, die Gläser gefüllt und auf das Wohl des Herrn Marquis von Clameran getrunken. Als Louis mit seinem Begleiter wieder im Boote saß, dachte er an das sonderbare Stelldichein, das ihm die Alte gegeben, und fragte: »Was zum Henker kann denn die alte Hexe von mir wollen? Natürlich fällt es mir gar nicht ein, hinzugehen.« »Das sollte der Herr Marquis vielleicht doch nicht unterlassen,« antwortete Anton. »Die Milhonne war bei der Gräfin von Laverberie in Diensten; sie kann vielleicht etwas wissen, was Ihren verstorbenen Herrn Bruder betrifft.« Diese Worte erregten Louis' Neugierde und mit Einbruch der Dunkelheit begab er sich auf den von der Alten bezeichneten Platz. Sie erwartete ihn schon. »Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er kurz. »O, sehr viel, Herr Marquis. Aber zuerst erlauben Sie mir eine Frage: Haben Sie Nachrichten von Ihrem Herrn Bruder?« »Wie können Sie nur so fragen,« entgegnete Louis, der dachte, die Alte sei nicht richtig im Kopfe. »Mein Bruder ist in der Rhone umgekommen.« »Ist's möglich, daß Sie wirklich nicht die Wahrheit wissen!« rief die Alte. »Nein, Ihr Bruder ist nicht ertrunken, er hat sich gerettet, ist über die Rhone zu meinem Fräulein geschwommen; die Komtesse war am nächsten Tag in Clameran, um es Ihnen zu sagen, aber der alte bärbeißige Kammerdiener ließ sie nicht vor. Später sollte ich Ihnen einen Brief bringen, aber da waren Sie schon verreist.« Louis war von diesen Enthüllungen wie niedergeschmettert. »Sie träumen wohl,« versuchte er abzuwehren. »Ich sehe, der Herr Marquis hält mich für verrückt, ich bin es aber nicht; wenn der alte Schiffer Menoul noch am Leben wäre, könnte er Ihnen erzählen, wie er Gaston in seinem Kahne bis zur Rhonemündung nach Camargue geführt hat, und wie der junge Herr von da nach Marseille entkam. Aber – das ist noch nicht alles: Ihr Bruder hat einen Sohn!« »Einen Sohn!« rief Louis. »Ich glaube, meine gute Frau, Sie faseln!« »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich nicht verrückt bin. Was ich Ihnen da mitteile, ist die volle Wahrheit, und ach, mein Unglück in diesem Leben und, wenn Gott nicht barmherzig ist, auch im jenseitigen. Fräulein Valentine hat einen Sohn geboren und sie mußte das arme unschuldige Kind fremden Leuten ausliefern.« Louis war starr vor Überraschung und Milhonne erzählte ihm die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten, von dem Zorn und der Grausamkeit der Gräfin, dem Leiden der armen Valentine. Sie nannte ihm das Dorf, in dem das Kind zur Welt gekommen, wußte noch genau das Datum seiner Geburt und hatte weder den Namen, auf welchen es getauft, noch jenen der Bäuerin, der es zur Pflege übergeben worden war, vergessen. Schließlich berichtete sie auch, daß die Komtesse, dem Drängen ihrer Mutter nachgebend, einen reichen Pariser Bankier, namens Fauvel, geheiratet habe. – – Die Alte hatte Louis schon lange verlassen, als er noch immer unbeweglich auf demselben Fleck stand. Bei dem Namen des Bankiers war plötzlich ein schändlicher Gedanke in ihm aufgezuckt. Der Bankier war reich, sehr reich und aus dem Geheimnis ließ sich ein schöner Vorteil herausschlagen. Zwar fühlte er selber, daß das, was er im Sinne hatte, eine Niedertracht wäre, allein – »Not kennt kein Gebot,« sagte er sich und damit stand sein Entschluß fest. – 15. Zwanzig Jahre waren verflossen, seit Valentine André Fauvel geheiratet hatte, und sie mußte es selbst bekennen, daß sie diesen Schritt nicht zu bereuen gehabt hatte. Die alte Gräfin, die bis zu ihrem Tode bei ihrer Tochter lebte, sagte ihr in ihrer Sterbestunde: »Gestehe, daß ich recht daran tat, dich zum Schweigen zu überreden. Du hast mir dadurch einen friedvollen Lebensabend bereitet und du selber kannst dich nicht unglücklich nennen.« Nein, in der Tat, unglücklich konnte sich Valentine nicht fühlen, da ihr Mann sie auf Händen trug und ihre Kinder ebenso gutgeartet als schön waren. Die Schreckgespenster ihrer Jugend verblaßten immer mehr und mehr und schließlich war die Erinnerung daran nur mehr wie an einen bösen Traum. Sie widmete sich ganz der Erziehung ihrer Kinder; zu ihren beiden Söhnen hatte sich noch ein drittes Kind gesellt, ein kleines Mädchen, namens Magda, eine elternlose Waise, Nichte ihres Mannes, die sie liebreich in ihrem Hause aufgenommen hatte, und an der sie nun eine liebevolle Tochter besaß. Eines Tages – der Bankier war in Geschäften verreist – wurde ihr ein Brief überbracht, dessen Adresse eine ihr völlig unbekannte Schrift aufwies. Da ihre Wohltätigkeit allgemein bekannt war, wurde sie vielfach in Anspruch genommen, es war daher nichts seltenes, daß Fremde ihr schrieben und darum öffnete sie arglos das Schreiben. Aber ihr Herz erbebte, als sie es mit einem Blick überflogen hatte, sie mußte es nochmals und abermals lesen, um sich zu vergewissern, daß sie nicht träume. Ach, es war keine Täuschung, da standen wirklich die schrecklichen Worte: »Verehrte gnädige Frau! Hieße es zuviel Vertrauen in das Gedächtnis Ihres Herzens setzen, wenn ich mich der Hoffnung hingäbe, daß Sie mir eine halbstündige Unterredung gewähren würden? Ich werde die Ehre haben, morgen zwischen zwei und drei bei Ihnen vorzusprechen. Hochachtungsvoll Marquis von Clameran« Marquis von Clameran! Die Vergangenheit war also nicht tot! Sie hatte ihre Schuld noch nicht ganz gebüßt, gesühnt! Nun stand das Gespenst drohend vor ihr! Die arme Frau war fast sinnlos vor Angst. Aber nach und nach sammelte sie sich und dachte ruhiger über die Sache nach. Der Brief war offenbar von Gaston, er war nach Frankreich zurückgekehrt und wünschte sie wiederzusehen. Das war ja eigentlich ganz natürlich, und von ihm, dem edlen ritterlichen Mann, hatte sie nichts zu fürchten. Er würde kommen, sie als Frau und Mutter wiederfinden, sie würden wehmütige Erinnerungen tauschen; sie konnte ihm endlich sein Vermächtnis zurückgeben und dann würden sie mit einem Händedruck für immer scheiden. Aber ein Zweifel quälte sie, sollte sie Gaston alles offenbaren? Durfte, konnte sie es? Hieß das nicht das Glück und die Ehre ihres Mannes, ihrer Kinder aufs Spiel setzen? Durfte sie aber andererseits jenem armen Kinde, das sie verlassen, den Vater rauben? So peinigten sie zwiespältige Gedanken und der nächste Tag, die gefürchtete Stunde kam heran – sie war noch zu keinem Entschluß gekommen. Sie hatte sich im letzten Augenblick gesagt, daß sie ihn nicht empfangen werde, als es aber zwei Uhr schlug, saß sie hochklopfenden Herzens im Empfangszimmer und wartete. Wenige Augenblicke später meldete der Diener den Herrn Marquis von Clameran. Sie war so aufgeregt, daß sie sich weder erheben, noch sprechen, ja, nicht einmal denken konnte. Er jedoch verneigte sich ehrerbietig und blieb dann ruhig mitten im Zimmer stehen. Er mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen, trug einen ernsten, fast traurigen Gesichtsausdruck. Haupthaar und Schnurrbart waren leicht ergraut. Zitternd betrachtete ihn Valentine und suchte in seinen Zügen die Erinnerung an den Mann wiederzufinden, den sie in ihrer Jugend mit voller Hingebung geliebt hatte. Aber nichts, gar nichts sprach aus seinen Augen zu ihrem Herzen; in dem gereiften Manne war nichts von dem Jüngling wiederzufinden. Sie seufzte, und da er stumm blieb, fragte sie schüchtern: »Gaston?« Er schüttelte das Haupt. »Ich bin nicht Gaston, gnädige Frau. Mein Bruder ist dem Elend der Verbannung erlegen – ich bin Louis von Clameran.« Ein Schauder des Entsetzens schüttelte Frau Fauvel. Nicht Gaston! Was konnte dieser Bruder von ihr wollen? Sie wußte, daß Gaston ihm damals kein Vertrauen geschenkt, ihm ihr Geheimnis nicht anvertraut hatte. Sie gewann endlich soviel Fassung, um Louis einen Sitz anzubieten und ziemlich ruhig fragen zu können. »Darf ich bitten, mir den Zweck Ihres Besuches mitzuteilen?« »Vor allem möchte ich mir die Frage erlauben, gnädige Frau, ob uns hier niemand hören kann?« »Warum? Ich glaube nicht, daß Sie mir etwas zu sagen haben, was mein Mann und meine Kinder nicht hören dürften?« versetzte sie schroff. »Es ist nur in Ihrem Interesse,« erwiderte Louis – »doch wie Sie wünschen.« Er rückte seinen Sessel näher an Frau Fauvel heran und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Gnädige Frau, ehe Gaston starb, hat er sich mir vollständig anvertraut – – Verstehen Sie mich jetzt? – – Ich will Ihnen nicht die unseligen Umstände, die so schrecklich in das Leben meines Bruders eingegriffen haben, ins Gedächtnis zurückrufen. Sie sind eine reiche glückliche Frau geworden, aber ganz werden Sie doch den Freund Ihrer Jugend nicht vergessen haben . . .?« Frau Fauvel antwortete nicht. »Ist Ihr Gedächtnis wirklich so schwach geworden?« fuhr Louis fort, »muß ich Sie erst daran erinnern, daß mein unglücklicher Bruder Sie geliebt hat, daß Sie seine Gefühle erwiderten?« »Sie scheinen zu vergessen, mit wem Sie sprechen, ich bin Frau und Mutter . . . Wenn Ihr Bruder mich geliebt hat, so ist das sein Geheimnis und an Ihnen ist es nicht, mich an die Vergangenheit zu erinnern, er würde das nicht getan haben . . . Für mich ist die Vergangenheit tot . . .« »So haben Sie alles vergessen?« »Ja, vollständig.« »So? Auch Ihr Kind?« Diese Frage traf die unglückliche Frau wie ein Schlag. Woher wußte er . . .? Aber sie sagte sich, sie dürfe sich keine Blöße geben, das Glück und die Ehre ihrer Kinder, ihres Mannes stünden auf dem Spiele. Mit einer Willenskraft, der sie sich selber kaum für fähig gehalten, faßte sie sich und entgegnete mit Würde: »Ich glaube, Sie wollen mich beschimpfen, Herr Marquis.« »Sie erinnern sich also auch nicht mehr an Raoul? « »Ich verstehe Sie nicht.« »Ihr Leugnen hilft nichts, gnädige Frau, ich sagte Ihnen ja schon, daß ich alles weiß. Soll ich Ihnen den Beweis geben? Hören Sie: Vor zwei Jahren kam mein Bruder nach London, dort begegnete er in einer Familie einem Jüngling, namens Raoul Wilson. Der junge Mann gefiel ihm so gut, daß er Erkundigungen über ihn einzog und schließlich in Erfahrung brachte, daß er seinen eigenen Sohn vor sich habe.« »Was habe ich mit diesem Roman zu schaffen?« »War ich noch nicht deutlich genug? Ihre Mutter, die Gräfin von Laverberie, war zwar sehr vorsichtig, sehr klug, aber der Zufall enthüllte das Geheimnis. Eine der Freundinnen, die Ihre Mutter in London hatte, wollte sie in dem Dorfe, das Sie bewohnten, besuchen, Sie waren schon abgereist, aber die Dame hatte vor der Frau, bei der das Kind in Pflege war, Ihren wirklichen Namen genannt, und so kam die Geschichte ans Licht. Gaston hat sich untrügliche Beweise verschafft und hat seinen Sohn anerkannt.« »Ich weiß in der Tat nicht, Herr Marquis –« »Bitte, hören Sie mich noch an, ich bin gleich zu Ende. Mein Bruder ist im Elend gestorben, die Sorge um die Zukunft Raouls verdüsterte seine letzten Stunden, da vertraute er sich mir an und bat mich, zu Ihnen zu gehen, an Ihr Herz zu appellieren –« Valentine erhob sich, sie wollte ein Ende machen. »Sie werden mir zugestehen, daß meine Geduld groß ist.« Louis war von ihrer unerschütterlichen Ruhe so verblüfft, daß er keine Antwort fand. »Ich bekenne Ihnen,« fuhr sie fort, »daß ich ehemals allerdings das Vertrauen Ihres Herrn Bruders besaß, er übergab mir vor seiner Abreise den Schmuck der Frau Marquise, Ihrer Mutter, und den will ich Ihnen übergeben.« Bei diesen Worten zog sie unter dem Diwankissen den Beutel, der den Schmuck enthielt, hervor und reichte ihn Louis. »Es wundert mich nur,« fügte sie hinzu, »daß Gaston dies Vermächtnis nicht von mir zurückverlangte.« Obgleich Louis ungeheuer überrascht war, besaß er doch genug Selbstbeherrschung, um sich nicht zu verraten. »Ich hatte den Auftrag,« versetzte er, »nicht davon zu sprechen.« Frau Fauvel fand zwar, daß das keine Antwort auf ihre Bemerkung war, doch sagte sie darüber nichts, sondern streckte die Hand nach der Klingel aus. »Sie werden begreifen, Herr Marquis, daß ich eine Unterredung abbreche, die ich überhaupt nur in der Absicht zuließ, um Ihnen den Familienschmuck einzuhändigen.« »Gut, ich gehe, aber ich bitte Sie, gnädige Frau, die letzten Worte, die mir mein Bruder auf dem Totenbette sorgte, zu beherzigen: Wenn Valentine sich weigern sollte, die Zukunft Raouls zu sichern, dann befehle ich dir, sie dazu zu zwingen. Ich habe geschworen und – bei meiner Ehre – ich werde den Schwur halten!« Damit verbeugte er sich und ging. Es war die höchste Zeit. Frau Fauvel hatte kaum mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten, und als sie sich endlich allein sah, brach sie zusammen. Ihre Verzweiflung war fürchterlich; ihre schlimmsten Befürchtungen waren zur Wirklichkeit geworden, der Abgrund tat sich vor ihr auf und ach, die ihr die liebsten waren, sollten mit ihr ins Verderben gerissen werden, und büßen, was sie nicht verschuldet! Nur Gott allein konnte sie retten und im inbrünstigen Gebete flehte sie um Erbarmen für ihren guten Mann, für ihre unschuldigen Kinder. Ach, für sie gab es keine Hoffnung mehr, Clameran würde wiederkommen – was dann? Sie erschauderte bei dem Gedanken. Freilich, den armen verlassenen Knaben hätte sie gerne dem Elend entrissen, aber konnte, durfte sie Clamerans Vermittlung annehmen? Der Mann flößte ihr Widerwillen, Mißtrauen ein. Seine Erzählung war lückenhaft und unwahrscheinlich. Warum hatte Gaston, wenn er in Paris gewesen und mittellos war, nicht den Schmuck von ihr zurückgefordert, wenn schon nicht für sich, so doch für das Kind, und warum hat er sich nicht selbst an sie gewendet, warum hatte er erst auf dem Totenbette ihrer gedacht? Nein, Louis von Clameran war nicht vertrauenswürdig und – das fühlte sie deutlich – ein einzig unbedachter Schritt würde sie ganz in seine Hände geben, sie ihm für immer ausliefern. Einen Augenblick dachte sie daran, sich ihrem Manne zu Füßen zu werfen und ihm alles zu gestehen, aber leider führte sie diesen rettenden Gedanken nicht aus, sie stellte sich seinen Schmerz vor, wenn er nach zwanzig Jahren erfahren sollte, daß er hintergangen worden, sie sah ihr glückliches Familienleben für immer zerstört – nein, nein, sie konnte nichts sagen, mußte alles allein tragen, versuchen, das Schreckliche durch eigene Kraft abzuwehren. Sie fühlte sich so krank, daß sie zwei Tage das Zimmer hüten mußte. Zum erstenmal seit ihrer Verheiratung war sie über die Abwesenheit ihres Mannes froh, sie wäre nicht imstande gewesen, ihm in die Augen zu schauen. Sie empfing auch ihre Söhne nicht, sie ließ sagen, daß sie Migräne hätte, die Kinder sich aber nicht sorgen sollten, es würde bald vorübergehen. Magda aber ließ sich nicht abweisen. Sie hatte den Mann mit dem finsteren Blick, der die Tante besucht hatte, beim Weggehen gesehen und bemerkt, daß die Tante seitdem leidend war. »Tantchen,« sagte sie teilnehmend, »möchtest du nicht den Herrn Pfarrer kommen lassen, er wird dich trösten und aufrichten.« »Ich bedarf keines Trostes,« antwortete sie gereizt, »ich habe nur Kopfschmerzen und wünsche allein zu bleiben.« Tag und Nacht dachte die unglückliche Frau nach und suchte nach einem Ausweg und schließlich sagte sie sich, daß sie sich fügen, daß sie alles geduldig tragen müsse, nur um das Schreckliche von dem Haupte ihrer Lieben abzuwenden. Wenn sie Clamerans Wünsche erfüllt, wird sie wohl damit sein Schweigen erkaufen. Herr Fauvel war von seiner Reise zurückgekehrt und seine Frau hatte sich soweit gefaßt, daß sie ruhig und freundlich wie immer scheinen konnte, aber sie schien es nur, in Wirklichkeit lebte sie in steter Angst. Sie erschrak, wenn die Klingel ertönte, fürchtete, so oft die Türe aufging, den Marquis eintreten zu sehen und wagte nicht auszugehen, aus Furcht, daß er in ihrer Abwesenheit kommen könnte. Sie erwartete ihn von Minute zu Minute und es erfüllte sie mit banger Sorge, daß er nicht kam, nichts von sich hören ließ. Die Qual war schier unerträglich geworden, als sie endlich einen Brief erhielt. Er war nicht von ihm selbst geschrieben, sondern von fremder Hand, er ließ sich entschuldigen, er könne krankheitshalber nicht kommen, bitte sie aber dringend am zweitnächsten Tage, in ihrem eigenen Interesse im Hotel du Louvre zu erscheinen. Sie verbrannte den Brief sofort und war fest entschlossen, der Einladung nicht Folge zu leisten. Als aber der Tag kam, ging sie einfach gekleidet und dicht verschleiert aus. Erst in großer Entfernung von ihrem Hause wagte sie es, einen Wagen zu nehmen, der sie zum Hotel brachte. Mit Herzklopfen und Zagen fragte sie sich zurecht und stand endlich vor der bezeichneten Türe. Sie klopfte leise an, als sie aber eintrat, fand sie zu ihrem Erstaunen nicht den Marquis, sondern einen jungen Mann, der sie ehrerbietig grüßte. Sie glaubte sich im Zimmer geirrt zu haben und sagte errötend: »Entschuldigen Sie, man sagte mir, daß hier der Marquis von Clameran wohne . . .« »Man hat Sie recht gewiesen, gnädige Frau,« versetzte der junge Mann. Sie antwortete nicht und machte Miene, wieder zu gehen, da fügte der Jüngling rasch hinzu: »Ich glaube die Ehre zu haben, Frau Fauvel zu sprechen?« Valentine erschrak. Also hatte Clameran ihr Geheimnis verraten! »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau,« sagte der junge Mann, der ihren Schrecken bemerkte, »Sie sind hier so sicher, wie in Ihrem eigenen Heim. Der Herr Marquis läßt sich entschuldigen, er ist zu leidend, um Sie sprechen zu können.« »Warum aber hat er mir so dringend geschrieben?« »Er hatte allerdings Pläne, doch hat er darauf verzichtet . . .« Überrascht fragte Frau Fauvel: »Wie, er verzichtet . . .?« Der Blick des jungen Mannes drückte innigstes Mitgefühl mit der Seelenqual der unglücklichen Frau aus. »Ja, gnädige Frau, der Marquis verzichtet auf das, was er – mit Unrecht, für seine heilige Pflicht ansah. Glauben Sie, er hat lange gezaudert und es ist ihm schwer geworden, zu Ihnen zu gehen. Sie haben ihn abgewiesen – es war Ihr Recht – aber ihn hat die Abweisung erbittert, er dachte nur an das Versprechen, das er seinem sterbenden Bruder geleistet – da ließ er sich hinreißen, Ihnen zu drohen – verzeihen Sie ihm. Er hat Beweise gegen Sie gesammelt – aber fürchten Sie nichts, gnädige Frau, sie werden Ihnen keinen Schaden zufügen, Ihr Glück nicht zerstören.« Während der letzten Worte war er an den Kamin getreten und hatte ein Bündel Papiere vom Sims genommen. »Hier sind die Beweise,« sagte er, indem er ein Blatt nach dem andern durchsah. »Hier ist die Beglaubigung des Geistlichen, Reverend Sedley, die Erklärung der Bäuerin, Frau Doblin, hier sind auch die beglaubigten Aussagen der Leute, die die Gräfin Laverberie gekannt haben. Es fehlt nichts. Nur mit Mühe habe ich dem Marquis die Dokumente entrissen, er wollte sie mir nicht lassen – vielleicht fürchtete er, was ich mit ihnen beginnen will. Und sehen Sie, gnädige Frau, was ich mit den Beweisen tue . . .« Und mit rascher Bewegung warf er die Papiere in die Flammen des Kamins. »Nun sind sie vernichtet,« sagte er. »Die Vergangenheit ist ausgelöscht, gnädige Frau – es gibt keine Beweise mehr – Sie sind frei!« Frau Fauvel fragte sich zuerst, was dies bedeuten solle, aber plötzlich kam es über sie wie eine Erleuchtung. Der Jüngling, der ihre Ehre rettete, ihr ihre Willensfreiheit wiedergab, war niemand anderes als ihr verlassener Sohn! Da vergaß sie alles; das lang zurückgedrängte Muttergefühl brach sich Bahn und mit tränenerstickter Stimme flüsterte sie »Raoul . . .!« »Jawohl, Raoul,« rief er, »Raoul, der tausendmal lieber sterben, als seiner Mutter den leisesten Schmerz bereiten möchte, der all sein Blut vergießen würde, um ihr eine einzige Träne zu ersparen!« Überwältigt breitete sie die Arme nach ihm aus, er sank an ihre Brust und flüsterte: »Mutter, teuere Mutter, hab' Dank, tausend Dank!« Frau Fauvel war auf einen Stuhl gesunken; sie war von dem Glücke, ihren Sohn gefunden zu haben, erschüttert, er kniete zu ihren Füßen nieder, und sie betrachtete ihn mit einer an Andacht grenzenden Liebe. Wie schön er war! Sein goldbraunes Haar war fein und lockig wie Seide, seine Stirn weiß und rein, wie die eines jungen Mädchens und aus seinen großen wunderbaren Augen leuchtete Verstand und Herzensgüte. Und dieser herrliche Jüngling war ihr Sohn, gehörte ihr! »O Mutter,« sagte er, »du weißt nicht, wie mir war, als ich erfuhr, daß der Onkel dich bedrohte, dich, geliebte Mutter! – Glaube mir, als mein Vater dem Onkel befahl, sich an dich zu wenden, war er nicht mehr bei klarem Bewußtsein – er war so edel, so gut. Oft schweiften wir in der Nähe deines Hauses herum und wenn wir dich erblickt hatten, waren wir glücklich. Er sprach immer nur von dir und lehrte mich dich lieben.« Valentine vergoß Tränen der Rührung und Freude, sie vergaß ihren Gatten, ihre beiden Söhne und versenkte sich ganz in den Anblick des schönen Jünglings, der in ihr die holde Erinnerung an ihre Jugendliebe wachrief. Raoul aber fuhr fort: »Erst seit gestern weiß ich, daß der Onkel einige Brosamen deines Überflusses für mich verlangt hat. Aber ich will nichts, Mutter, hörst du, ich will nichts. Wenn ich auch arm bin, so besitze ich doch Jugend und Gesundheit, ich kann und will arbeiten und werde mir den Lebensunterhalt schon verdienen. Von dir, geliebte Mutter, begehre ich weiter nichts, als daß du mir ein Plätzchen in deinem Herzen gönnst.« Frau Fauvel war von soviel Edelsinn gerührt; sie streichelte sein Haar, küßte seine Stirne und nannte ihn ihr liebes, liebes Kind. Dann begehrte sie seinen ganzen Lebenslauf zu kennen, und er erzählte, wie die Bauersfrau, der er übergeben worden, ihn lieb hatte und ihm eine Erziehung über ihren eigenen Stand angedeihen ließ. Er erzählte, daß er mit sechzehn Jahren eine Stelle bei einem Bankier erhalten hatte, dort sei eines Tages ein Herr erschienen, der sich ihm als sein Vater zu erkennen gegeben und ihm mit sich genommen habe. Die Mutter hörte mit Begier zu, sie wollte immer mehr wissen, alle Einzelheiten seines Lebens kennen. Die Zeit verging. Da plötzlich schlug die Uhr sieben. Valentine erschrak, wie leicht konnte ihre lange Abwesenheit bemerkt worden sein. Sie erhob sich. »Werde ich dich wiedersehen, Mutter?« fragte er angstvoll. »Gewiß, mein Kind,« rief sie zärtlich, »täglich, morgen schon.« »O, tausend Dank, geliebte Mutter,« sagte er und küßte ihre Hände. Sie zog ihn an ihr Herz. »Lebewohl, mein süßes Kind, auf Wiedersehen.« Sie kam in großer Erregung nach Hause und es fiel ihr schwer, ihre Gefühle zu verbergen, sich zu bemustern. Sie war froh, als endlich die Abendmahlzeit zu Ende war und sie sich, unter dem Vorwande, Kopfschmerzen zu haben, auf ihr Zimmer zurückziehen konnte. Sie schloß sich ein und durchlebte im Geiste noch einmal die vergangenen Stunden. Sie hatte ihr armes, verlassenes Kind wiedergefunden! Und es war nicht verkommen, es war vielmehr zum herrlichsten Jüngling geworden, schön, edel und gut! Arbeiten wollte er, um sein Brot zu verdienen? War sie nicht reich? Nein, er sollte nicht darben, während die beiden anderen im Überflusse schwelgten. Zum erstenmal seit ihrer Verheiratung bedauerte sie, sich so wenig persönliche Freiheit bewahrt zu haben, es war so ungewöhnlich, daß sie allein ausging – es mußte auffallen. Frau Fauvel war wirklich schon am nächsten und die folgenden Tage ins Hotel Louvre gegangen. Magda, die gewohnt war, die Tante auf ihren Spaziergängen und Ausfahrten zu begleiten, sah sie nur höchst verwundert an, als sie jedesmal zurückgewiesen wurde. Die Blicke Magdas erregten und ärgerten Frau Fauvel. Sie fühlte immerfort die fragenden Augen des jungen Mädchens auf sich gerichtet und ein Gefühl, das fast an Haß streifte, keimte in ihr auf. Es überkam sie wie Reue, daß sie die Waise ins Haus genommen, hatte sie sich doch an ihr nur eine Spionin großgezogen! Tag und Nacht sann sie darüber nach, wie sie Magda entfernen könnte. Da fiel ihr ein, das beste Mittel wäre, das junge Mädchen zu verheiraten. Und das konnte bald geschehen; der Kassierer des Hauses, Prosper Bertomy, interessierte sich für sie schon seit langem, Fauvel war nicht dagegen, es galt also nur die Angelegenheit in Fluß zu bringen. Selbigen Abend noch sprach sie in altgewohnter liebevoller Weise mit Magda, brachte die Rede auf Prosper und entlockte dem jungen Mädchen das Geständnis, daß sie die Gefühle des jungen Mannes erwidere. Die Tante umarmte sie und versprach sogleich, mit dem Onkel zu sprechen, in zwei Monaten könnte die ganze Ausstattung besorgt sein und die Hochzeit stattfinden. Leider war Herr Fauvel an jenem Abend nicht zu Hause und in den folgenden Tagen vergaß sie daran, weil der Gedanke, wie sie Raoul zu einer angenehmen Stellung und zu Vermögen verhelfen könnte, sie unablässig beschäftigte. Längst schon war sie bei ihren Besuchen im Louvrehotel mit Louis von Clameran zusammengetroffen und sie fand ihn nun äußerst sympathisch, weil er ausschließlich nur auf das Wohl seines Neffen bedacht zu sein schien. Sie hatten daher miteinander auch stundenlange Unterredungen, wie die Zukunft Raouls gesichert werden könnte. Der Jüngling freilich, wenn er zufällig anwesend war, wollte von Geldangelegenheiten nichts wissen; »ich will die Liebe meiner Mutter, aber nicht ihr Geld,« war seine stete Rede, der Onkel jedoch kümmerte sich nicht um seine jugendliche Sorglosigkeit und nahm es an, daß Frau Fauvel ihm die Mittel gab, sämtliche Ausgaben Raouls zu decken, der Jüngling aber wollte nichts davon wissen. Der Marquis versprach, Sorge zu tragen, daß Raoul eine Stellung bekäme, nur meinte er, müsse die Sache wohl überlegt und auch die Neigungen des jungen Mannes in Betracht gezogen werden. Um leichter miteinander verkehren zu können, hatte der Marquis Frau Fauvel vorgeschlagen, ihn ihrem Manne als alten Freund ihrer Familie vorzustellen, und sie ging freudig darauf ein, war es ihr doch nicht möglich, Raoul so häufig zu besuchen. Sie schrieb ihm zwar, doch wagte sie nicht, sich Antwort kommen zu lassen, nun konnte der Marquis sie ihr bringen. Der Marquis zeigte sich gegen Herrn Fauvel äußerst liebenswürdig und nicht lange dauerte es, so zählte er zu den Intimen des Hauses: er war zu jeder Stunde ein gern gesehener Gast. Valentine war glücklich, sie fand immer Gelegenheit, einige Augenblicke wenigstens mit ihm allein zu sein und von ihrem Herzenskinde zu sprechen. Aber der Marquis brachte nicht immer gute Nachrichten, er klagte über den Charakter des Jünglings und gestand, daß er sich beunruhigt fühle. Frau Fauvel erschrak. »Um Gottes willen, was kann er denn getan haben?« »O, nichts von Bedeutung, er ist nur leichtsinnig; er weiß nichts von Ihrer Güte, sondern glaubt, auf meine Kosten zu leben; nun scheint er mich für einen Millionär zu halten und treibt die Verschwendung schier ins Maßlose.« Frau Fauvel fand das nicht so schlimm. »Er ist noch so jung, er wird schon zu Vernunft kommen,« meinte sie. »Ihm fehlt eben die Erziehung, er hatte leider keine Eltern,« entgegnete der Marquis ernst. »Aber ich habe seinem sterbenden Vater versprochen, mich seiner anzunehmen, und ich werde Wort halten. Ich kann es nicht dulden, daß er auf der schiefen Ebene, auf die ihn sein Leichtsinn geführt hat, weitergehe. Doch Sie, verehrte Frau, Sie müssen mir helfen, Ihren ganzen Einfluß geltend machen.« »Ach, was kann ich tun, ich sehe ihn ja viel zu selten.« »Das ist's eben, Raoul entbehrt den Segen einer geordneten Häuslichkeit, eines glücklichen Familienlebens.« »Ach, ich kann es ihm nicht verschaffen.« »Sie können es, hören Sie mich an, ich habe einen Plan entworfen. Sie werden Raoul bei sich empfangen.« Frau Fauvel entsetzte sich. Ihre ganze Ehrlichkeit bäumte sich dagegen auf. »Das geht nicht, das geht nicht,« sagte sie. »Und doch ist es die einzige Möglichkeit, Raoul zu retten. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich einen Plan habe, der Ihnen die Sache leicht machen soll. Besitzen Sie nicht in Saint-Remy eine nahe Verwandte?« »Ja, meine Base von Lagors.« »So ist es, und diese Base, die sich in mißlichen Verhältnissen befindet, lebt von Ihrer Unterstützung.« »Wie,« rief Frau Fauvel verwundert, »das wissen Sie?« »Ich weiß noch mancherlei. Ich weiß zum Beispiel, daß Ihr Mann Ihre Verwandten in der Provence nicht kennt und wahrscheinlich von dieser Base keine Ahnung hat. Darauf ist mein Plan gebaut. Dieser Tage erhalten Sie einen Brief aus Saint-Remy, worin Ihnen Ihre Cousine schreibt, daß sie ihren Sohn nach Paris schickt und Sie bittet, sich des Jünglings freundlich anzunehmen. Diesen Brief zeigen Sie Ihrem Manne . . .« »Niemals,« rief Frau Fauvel empört. »Und meine Cousine würde sich auch niemals zu solch schmählicher Komödie hergeben. Übrigens hat sie gar keinen Sohn, nur zwei Töchter.« »Da Ihr Mann von der Existenz der Cousine keine Ahnung hat, bleibt es sich vollkommen gleichgültig, ob ein Sohn in Wirklichkeit existiert, oder nicht. Übrigens habe ich gar nicht gesagt, daß die Cousine ins Vertrauen gezogen werden muß. Den Brief werde ich besorgen und durch eine Vertrauensperson in Saint-Remy zur Post geben lassen. Ihre Verwandte wird also gar nichts wissen; übrigens, selbst wenn sie zufällig etwas erführe – was aber höchst unwahrscheinlich ist – sie ist Ihnen viel zu sehr verpflichtet, um die Verräterin zu spielen – nichts hindert Sie . . .« Frau Fauvel hatte sich, außer sich vor Entrüstung erhoben. »Und Sie glauben, daß ich je in dieses Verbrechen einwilligen würde?« Auch Clameran hatte sich erhoben. »Ehe Sie von Verbrechen reden,« sagte er kühl, »bitte, denken Sie an Ihre Vergangenheit. Sie hatten als junges Mädchen ein Kind, haben dieses unschuldige Geschöpf schnöde verlassen, haben auch keine Skrupel gehabt, sich mit einem ehrenwerten Mann, der keine Ahnung von Ihrem Vorleben hatte, zu verbinden! – Und da wollen Sie plötzlich die Tugendhafte, Ehrliche hervorkehren und von ›Verbrechen‹ reden! Sie haben Gaston zugrunde gerichtet und nun weigern Sie sich, den Sohn zu retten! Aber bei meiner Ehre, das dulde ich nicht – oder Sie sollen nicht länger vor der Welt im unverdienten Ansehen stehen!« Louis halte die letzten Worte drohenden Tones mit verhaltener Heftigkeit gesprochen, und die unglückliche Frau Fauvel war niedergeschmettert, vernichtet. Seine Anklagen hatten sie wie Keulenschläge getroffen, ihr Widerstand war gebrochen. »Ich werde gehorchen,« sagte sie zerknirscht. Und in der Tat, acht Tage später war Raoul als Neffe erschienen und war von nun an täglicher Gast im Hause Fauvel. 16. André Fauvel hatte den Neffen seiner Frau, von dem er bisher nie etwas gehört hatte, auf das herzlichste aufgenommen, und da der junge Mann sehr einnehmende Manieren besaß, heiter und geistreich war, so gewann er rasch die Freundschaft der Söhne Fauvels und Prospers; letzterer war besonders von ihm bezaubert. Als Valentine sah, wie alle im besten Einvernehmen lebten und welch wohltätigen Einfluß der Umgang ihrer Söhne auf Raoul hatte, atmete die unglückliche Frau wieder auf und sie freute sich fast, dem Marquis gehorcht zu haben. Aber die Freude währte nicht lange. Raoul, der bisher sich in Geldsachen unendlich zartfühlend gezeigt hatte, trat jetzt mit immer neuen Forderungen an sie heran, er behauptete, er könne hinter seinen beiden »Vettern« nicht zurückbleiben; die allerdings hätten das Glück, einen reichen Vater zu besitzen, während er –! Er vollendete den Satz nicht und kränkte die unglückliche Frau durch diese Andeutung nur noch mehr. Zuerst freilich hatte sie mit Freuden und ohne zu zählen gegeben, aber endlich sah sie ein, daß sie sich ins Verderben stürzen müßte, wenn sie in ihrer Freigebigkeit nicht einhielt. Ihr Mann verlangte von ihr niemals eine Abrechnung. Er hatte ihr vom ersten Tage ihrer Verheiratung an den Schlüssel zu seinem Privatschreibtisch eingehändigt und ohne Einschränkung konnte sie daraus entnehmen, was sie zur Bestreitung des Haushaltes und ihrer persönlichen Bedürfnisse brauchte. Aber gerade weil sie stets so sparsam gewesen, konnte sie nicht plötzlich über große Summen verfügen, ohne daß es ihrem Manne aufgefallen wäre. Wie, wenn er plötzlich Rechenschaft von ihr gefordert hätte? Was sollte sie sagen? Raoul hatte sie schon ein kleines Vermögen gekostet, sie hatte ihm eine Wohnung eingerichtet, ihn ganz ausgestattet, er hatte ein Reitpferd gewünscht und sie hatte nicht das Herz, es ihm abzuschlagen. Aber er kam täglich mit neuen Wünschen, neuen Bitten, und wenn sie ihm sagte, daß sie außerstande sei, sie zu erfüllen, warf er sich ihr zu Füßen, bat sie mit Tränen in den Augen wegen seiner Schlechtigkeit um Verzeihung, sie sollte ihn nicht für undankbar halten, er wäre ja ohnehin so tief unglücklich.« »Unglücklich?« rief die Mutter verzweiflungsvoll. »Gewiß, unglücklich,« entgegnete er, »bin ich denn nicht rechtlos? Meine Brüder sind glücklich, die sind durch das goldene Tor in das Leben eingegangen, sie haben Vater und Mutter und alles. Ich bin verstohlen zur Welt gekommen, ich habe keinen rechtmäßigen Namen, habe kein Anrecht weder auf deine mütterliche Zärtlichkeit, noch auf deine Wohltaten – – soll ich da nicht unglücklich sein?« Nach solchen Reden war sie wieder vollständig entwaffnet und zu jedem weiteren Opfer bereit. Als der Sommer kam und sich die Familie Fauvel wie alljährlich auf ihr Gut bei Saint-Germain begab, sagte Raoul eines Tages: »Mutter, ich habe mir in der Nähe ein Häuschen gemietet, damit ich beständig bei dir sein kann.« Valentine freute sich darüber und besonders, weil sie hoffte, er werde auf dem Lande weniger Gelegenheit haben, Geld zu verschwenden. Aber er war unverbesserlich. Er besuchte die Rennen und verlor. Das erste Mal nach einem solchen Abenteuer mied er das Alleinsein mit der Mutter und machte das Geständnis, daß er zweitausend Frank verloren, beim Mittagessen in Gegenwart der ganzen Familie. Sie war entsetzt, wagte aber natürlich vor den anderen nur sanfte Vorwürfe und Ermahnungen. Aber Herr Fauvel unterbrach sie lachend und sagte: »Ach, das Unglück ist nicht so groß, Mama Lagors wird schon zahlen, wozu wären denn sonst Mamas auf der Welt?« Frau Fauvel wurde so blaß wie eine Leiche. Jetzt erkannte sie erst, in welch fürchterliches Lügengewebe sie sich verstrickt hatte, als sie, Clamerans Befehl gemäß, gesagt hatte, daß die Lagors reich seien. Unterdessen fuhr ihr Mann heiter fort: »Mache dir nichts daraus, mein Junge, wenn die Tante zankt; wenn du Geld brauchst, komm zu mir, ich leihe dir soviel du willst.« Raoul ließ sich das nicht zweimal sagen, wenige Tage darauf entlehnte er wirklich vom Bankier zehntausend Frank. Frau Fauvel war über diese Frechheit außer sich, sie konnte nicht begreifen, was er mit all dem Gelde anfing und entschloß sich; an Clameran, der sich schon längere Zeit nicht hatte bei ihr blicken lassen, zu schreiben und ihn um seinen Besuch zu bitten. Seine Vormundspflicht, meinte sie, wäre es, den törichten Jüngling zum Maßhalten zu bestimmen. Der Marquis tat äußerst empört, als er von den Streichen seines Neffen – von denen er, wie er sagte, keine Ahnung hatte – hörte, und es kam zwischen ihm und Raoul zu einem heftigen Auftritt. Allein so wenig argwöhnisch auch Frau Fauvel von Natur aus war, so wollte ihr der Streit der beiden doch sehr gemacht erscheinen, und es schien ihr, als lachten die Augen, während der Mund von den bittersten Worten überfloß. Sie wagte keine Bemerkung, aber der Zweifel war in ihrer Seele erwacht. Zwar machte sie Raoul dafür in ihrer blinden Mutterliebe nicht verantwortlich, vielmehr meinte sie, daß der Marquis die Schwachheit und Unerfahrenheit seines Neffen mißbrauche. Aber was konnte sie machen? Sie wußte, daß sie diesem gewissenlosen Menschen preisgegeben war und nur gefaßt sein mußte, daß er mit immer neuen, immer schrecklicheren Forderungen an sie herantreten werde. Sie sollte nur zu bald erfahren, wie sehr ihre Befürchtungen begründet waren. Eines Tages erschien der Marquis ernster denn je. Er klagte heftig über Raoul und sagte: »Der Junge ist schier unverbesserlich, er wird Sie zugrunde richten, wie er mich bereits zugrunde gerichtet hat. Er hat Schulden – es gibt nur ein Mittel ihn zu retten. Ich muß zu Vermögen kommen, dann kann ich ihn aus Wuchererhänden befreien, ihn instand setzen, angemessen zu leben . . .« »Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?« fragte Valentine mit bebenden Lippen, denn sie sah eine ungeheuerliche Forderung voraus. »Die Katastrophe ist unabwendbar,« sagte der Marquis langsam, »wenn ich nicht Magda zur Frau bekomme.« Diese unerwartete Erklärung traf die unglückliche Frau ins tiefste Herz. »Und Sie können glauben, daß ich zu solcher Schändlichkeit die Hand biete?« Mit der ruhigsten Miene von der Welt nickte der Marquis mit dem Kopfe und sagte: »Ja, das glaube ich.« Diese Unverfrorenheit entrüstete Frau Fauvel aufs höchste. »Nun ist es genug,« rief sie, »ich habe mich Ihnen gegenüber lange genug schwach und feige gezeigt und habe vieles erduldet, an meiner Familie aber sollen Sie sich nicht vergreifen!« »Wäre es denn ein Unglück für Fräulein Magda, Marquise von Clameran zu werden?« »Meine Nichte hat schon ihre Wahl getroffen, sie wird sich demnächst mit Herrn Prosper Bertomy verloben.« »Aber sie ist noch nicht verlobt, sie wird diese Backfischneigung vergessen, sobald sie weiß, daß Sie ihre Verbindung mit mir wünschen.« »Ich wünsche sie aber nicht.« »Frau Fauvel,« sagte der Marquis scharf, »vergeuden wir die Zeit nicht mit unnützen Streitigkeiten. Sie wissen, mit solchem Geplänkel haben Sie immer begonnen, um schließlich einzusehen, daß ich recht habe, und daß Sie sich fügen müssen . Sie werden auch diesmal nachgeben.« »Nein,« rief sie mit Festigkeit. »Nein!« Er beachtete ihre Unterbrechung nicht. »Ich bestehe ja auf diese Heirat hauptsächlich Ihretwillen,« fuhr er fort, »Sie sind am Rande Ihrer Mittel – was dann? Sie haben schon bedeutend mehr verausgabt, als Sie vor Ihrem Manne verantworten können – was dann, wenn es ihm einfällt, von Ihnen Rechenschaft über die fehlenden Summen zu verlangen?« Frau Fauvel schauderte, der Marquis hatte nur zu recht, dies Schreckliche konnte jeden Augenblick über sie hereinbrechen. »Magdas Mitgift würde mich in den Stand setzen, Ihr Defizit zu decken, Sie zu retten,« sagte der Marquis. »Um diesen Preis will ich nicht gerettet sein.« »Sie vergessen, daß auch Raouls Zukunft davon abhängt.« »Nein,« rief Frau Fauvel, »und tausendmal nein! Ich bin zum Äußersten entschlossen! O, sehen Sie mich nicht so spöttisch an, ich schwöre Ihnen, daß, wenn Sie von diesem letzten schändlichen Plan nicht abstehen, ich meinem Manne alles gestehen werde. Er liebt mich und wird mir verzeihen.« »Glauben Sie?« fragte der Marquis höhnisch. »Und wenn er mir nicht vergeben kann, wenn er mich von sich stößt, so habe ich es verdient. Nach den schrecklichen Qualen, die ich durch Sie erdulde, gibt es nichts mehr, was mich schrecken könnte!« Der unerwartete Widerstand brachte den Marquis so auf, daß er außerstande war, sich länger zu beherrschen. Sein Ausdruck wurde drohend, seine Stimme grob. »Wirklich,« sagte er höhnisch, »Sie wollen Ihrem Mann ein Geständnis ablegen! Ein rührender Gedanke, nur kommt er leider etwas zu spät. Ihr Mann hätte Ihnen vielleicht einen Jugendfehler verzeihen können, nachdem Sie sich zwanzig Jahre lang als Gattin tadellos betragen haben. Aber jetzt, gnädige Frau – was meinen Sie, wird der gute Mann sagen, wenn er erfährt, daß der angebliche Neffe, der an seinem Tische ißt, dem er Geld borgt, der uneheliche Sohn seiner tugendhaften Gemahlin ist! Ich zweifle, daß er die Sache von der humoristischen Seite auffaßt, und in der Tat gibt es wohl kaum ein ähnliches Beispiel von unerhörter Falschheit.« »Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe zu machen,« rief Frau Fauvel entrüstet. »Aber, was auch geschehen mag – ich sagte es Ihnen schon – ich werde meine Pflicht tun.« »Sie werden tun, was ich will,« rief der Marquis, der jede Selbstbeherrschung verlor, »die Mitgift Magdas ist uns unentbehrlich und übrigens – ich liebe Ihre Nichte.« Er bezwang sich und fuhr in ruhig-höflichem Tone fort: »An Ihnen ist es, gnädige Frau, meine Gründe zu erwägen. Glauben Sie mir, es ist das letzte Opfer, das Sie bringen. Denken Sie an die Ehre Ihres Hauses, die Ihnen doch wichtiger sein muß als die törichte Liebelei eines jungen Mädchens. Ich verlasse Sie jetzt und werde erst in drei Tagen wiederkommen, um Ihre Antwort zu holen.« »Bemühen Sie sich nicht, Herr Marquis, sobald mein Mann nach Hause kommt, erfährt er alles.« Jetzt war Clameran ernstlich besorgt, wie kam die schwache Frau zu soviel Widerstandskraft? Aber er ließ sich von seinen wahren Gefühlen nichts anmerken, machte eine förmliche Verbeugung und sagte: »Ganz wie Sie wollen, doch hoffe ich in Ihrem Interesse, daß die Vernunft siegen wird.« Und er ging. Aber Frau Fauvels Entschluß stand diesmal unerschütterlich fest. »Nein,« rief sie, »keine sogenannten Vernunftgründe mehr, ich sage André alles!« Da schrak sie plötzlich zusammen, ihr war's, als habe sie Schritte hinter sich vernommen, sie wandte sich jäh und starrte entsetzt ihrer Nichte entgegen. Magda war totenbleich und Tränen glänzten in ihren Augen. Angrenzend an den Salon befand sich ein kleines Lesezimmer, das nur durch einen leichten Vorhang abgeschlossen war, in diesem Nebenraume hatte sich das junge Mädchen befunden. »Wir müssen dem Marquis gehorchen, Tante,« sagte sie leise. »Um Gottes willen, du hast gehört . . .?« »Ja, Tante, alles. Verzeihe, ich weiß, daß es unrecht war, als ich aber meinen Namen nennen hörte, blieb ich unwillkürlich und dann war es zu spät . . . Aber es ist besser, daß ich alles gehört habe, denn – nun kenne ich meine Pflicht.« »Unglückselige, du willst damit doch nicht sagen . . .« »Daß ich den Marquis heiraten werde.« »Aber Kind, das Opfer darf ich nicht zugeben, du kannst den Marquis unmöglich lieben!« »Ich hasse und verabscheue ihn, aber das darf mich nicht hindern, seine Frau zu werden.« »Und Prosper . . .?« Magda bekämpfte die Tränen, die neu in ihr aufsteigen wollten und antwortete: »Ich werde heute noch mit ihm brechen.« »Nein,« rief die Tante, »nimmermehr gebe ich zu, daß du, Unschuldige, dich für mich aufopferst.« »Tante,« entgegnete das edle junge Mädchen, »dir verdanke ich alles, du hast dich meiner erbarmt, als ich hilflos und verlassen gewesen, du warst mir Mutter, deine Söhne sind meine Geschwister, dein Haus das meine. Und ich soll nun zugeben, daß Schmach und Unglück unter das Dach einzieht, wo ich soviel Wohltaten empfangen, wo ich so glücklich gewesen, ich soll es zugeben, wo es in meine Hand gegeben ist, es abzuwenden? Nein, Tante, es ist kein Opfer, das ich dir bringe, es ist eine heilige Pflicht, die ich erfülle.« »Nein, nein,« stöhnte die unglückliche Frau, »ich werde dich, Engel, dem Schurken nicht ausliefern.« »Vergißt du den guten Onkel? Denke an seinen Schmerz, wenn er die Wahrheit erführe . . . er stürbe daran . . . Und deine Kinder . . . vergißt du sie . . .?« Frau Fauvel weinte und ihr Widerstand wurde schwächer. »Aber, armes Kind, was für ein Leben hättest du an der Seite dieses Mannes!« »Es wird vielleicht nicht so schlimm sein, wie du denkst, Tante,« antwortete Magda und heuchelte eine Zuversicht, die ihr fern war, »er sagt ja, daß er mich liebt – er wird gewiß gut gegen mich sein. Ich fürchte nur eins, Tante . . . aber ich wage nicht, es zu sagen . . .« »Sprich immerhin; du glaubst, ich habe noch etwas zu befürchten?« »Ja, ich glaube nicht an die Aufrichtigkeit des Marquis, seine Entrüstung über Raoul kam mir gemacht vor, ich halte das Ganze für eine zwischen ihnen abgekartete Komödie.« Wohl fielen Frau Fauvel ihre eigenen Wahrnehmungen bei dem Streit zwischen Raoul und dem Marquis ein, aber ihre Mutterliebe verblendete sie, sie wollte an die Schlechtigkeit ihres Sohnes nicht glauben. »Nein, nein,« sagte sie, »du irrst dich, Raoul ist leichtsinnig, aber er ist nicht schlecht und er liebt mich wirklich, wenn du sehen könntest, wie zerknirscht er ist, wenn ich ihm Vorwürfe mache . . .« »Gebe der Himmel, daß du recht habest, liebe Tante, dann wird meine Heirat nicht vergeblich sein. Wir wollen also sofort dem Marquis schreiben.« Frau Fauvel erschrak. »Wozu sofort, wir können warten, Zeit gewinnen.« Diese Worte waren für die schwache Frau höchst bezeichnend: immer unschlüssig, zögernd – ihr ganzes unglückliches Schicksal war nur die Folge ihrer Charakterschwäche. Magda aber war eine entschlossene, energische Natur. »Es ist besser, die Sache sofort ins reine zu bringen, es muß ein Ende gemacht werden, damit du zur Ruhe kommst. Sieh dich nur an, arme Tante, was die Sorgen aus dir gemacht haben, du hast dich so verändert, daß es ein Wunder ist, wenn der Onkel nicht endlich aufmerksam wird.« In der Tat war Frau Fauvel nur mehr der Schatten ihrer selbst; sie, die noch vor wenigen Monaten die Schönheit einer vollerblühten Rose besessen, sah jetzt welk und alt aus. Ihre Stirn war gefurcht, ihre Augen eingesunken, ihr wundervolles Haar von Silberstreifen durchzogen. Frau Fauvel seufzte tief auf, als sie sich in dem Spiegel, den ihr Magda vorhielt, erblickte. »Tröste dich, Tantchen,« schmeichelte das junge Mädchen liebevoll, »bist du nur erst deiner Sorgen ledig, dann wirst du wieder neu erblühen. Am nächsten Tag erhielt der Marquis von Clameran einen Brief von Frau Fauvel, in welchem sie ihm mitteilte, daß sie in seine Vorschläge einwillige und nur um etwas Zeit bitte, da Magda nicht so schnell mit Herrn Bertomy brechen könne, auch die Einwilligung Herrn Fauvels erst gewonnen werden müsse. Aber Magda wollte auch in diesem Punkte nichts von Verzögerung wissen. Noch am selben Abend hatte sie eine Unterredung mit Prosper. Sie bat ihn, auf sie Verzicht zu leisten und rang ihm das Versprechen ab, sie meiden zu wollen. Auch die Verantwortlichkeit für den Bruch sollte er auf sich nehmen. Er bat und beschwor sie, ihm die Gründe bekannt zu geben, aber sie antwortete nur, daß ihre Ehre und ihr Glück auf dem Spiele stünden und von seinem Gehorsam abhingen. Prosper ging, im Innersten gebrochen, und der Marquis erschien auf der Bildfläche. Er erklärte, daß er sich gern gedulden wolle, er wüßte wohl, daß er erst die Zuneigung des Herrn Fauvel gewinnen müsse, setzte er ironisch hinzu. Innerlich war er überzeugt, daß der Augenblick, wo Frau Fauvel selbst die Heirat beschleunigen würde, nicht mehr fern sein konnte. Raoul sorgte dafür, daß die Ebbe in ihrer Kasse immer mehr zunahm. Er hatte jetzt jede Scham abgestreift und die Heuchelei fallen gelassen, er besuchte die Mutter nur, wenn er Geld brauchte und forderte es in brutaler Weise. Eines Tages fand bei dem Bankier eine große Gesellschaft statt, zu der auch der Marquis geladen war. Bei dem Diner wandte sich Herr Fauvel plötzlich zu Clameran und fragte: »Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten, Herr Marquis; haben Sie Verwandte Ihres Namens?« »Nicht das ich wüßte.« »Ich kenne seit acht Tagen einen anderen Marquis von Clameran.« So sehr Louis auch mit Frechheit gepanzert war, so verlor er doch einen Augenblick die Fassung, er erbleichte und nur mit großer Willensanstrengung gelang es ihm, eine Entgegnung zu finden. »Der Marquistitel ist da auf alle Fälle etwas verdächtig,« sagte er. »Marquis oder nicht,« versetzte der Bankier heiter, »jedenfalls besitzt der Mann die Mittel, den Adeligen zu spielen.« »Ist er reich?« »Ich habe Grund, es anzunehmen, da ich von einem Reeder in Havre den Auftrag erhielt, ihm für die Fracht eines brasilianischen Schiffes 400 000 Frank auszuzahlen.« »Da kommt er wohl aus Brasilien?« »Ich weiß es nicht, aber wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen seinen ganzen Namen sagen.« Er zog sein Notizbuch hervor, blätterte darin und sagte: »Er nennt sich Gaston, Marquis von Clameran.« Louis hatte indes Zeit gehabt, sich zu sammeln, er zuckte mit keiner Wimper, als der Name Gaston an sein Ohr schlug und sagte leichthin: »Ah, jetzt finde ich mich zurecht, Gaston hieß ein Vetter von mir, die Tante, meines Vaters Schwester, hat nach Havanna geheiratet; als ich noch ein Kind war, besuchte uns die ganze Familie einmal und blieb über ein Jahr auf Schloß Clameran. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich hat mein Neffe offenbar den Namen seiner Mutter angenommen, der jedenfalls besser klingt als der seines Vaters, welcher, wenn ich mich recht entsinne, Moriot oder Boiriot hieß.« »Nun, ich denke, Sie werden bald Gelegenheit haben, sich zu überzeugen, ob es Ihr Vetter ist,« antwortete Fauvel, »sobald er nach Paris kommt, werde ich ihn zu Tisch einladen und Sie ebenfalls bitten, unser Gast zu sein.« Clameran verneigte sich. »Es wäre mir wirklich angenehm, seine Bekanntschaft zu machen oder zu erneuern,« antwortete er. Das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu und Clameran schien an die Mitteilung gar nicht mehr zu denken. Weit bestürzter als er waren Frau Fauvel und Magda; bei der Nennung des Namens Gaston hatten sie einen Blick gewechselt und ein Verdacht stieg gleichzeitig in ihnen auf. Am bestürztesten aber war Raoul, er sah wie ein ertappter Bösewicht aus und während der ganzen Mahlzeit war er, sonst ein glänzender und unterhaltender Gesellschafter, ganz still und saß wie betäubt da. Endlich war die Mahlzeit zu Ende und die Gäste begaben sich in den Salon. Clameran war etwas zurückgeblieben, Raoul trat hastig auf ihn zu und flüsterte: »Er ist es.« »Das glaube ich selbst.« »Dann sind wir verloren und müssen schleunigst Reißaus nehmen.« Aber der Abenteurer Clameran war nicht der Mann, die Flinte vorschnell ins Korn zu werfen. »Damit hat es noch gute Wege. Wenn wir nur vorerst wüßten, wo der Unglücks-Clameran zu finden ist . . .?« »Ich glaube, Herr Fauvel hat sein Notizbuch auf dem Tisch liegen lassen,« flüsterte Raoul. Mit fieberhafter Hast stürzte sich Louis darauf, öffnete es dreist und blätterte. »Ah,« sagte er befriedigt, »da ist seine Adresse: Marquis von Clameran Oloron, Basses Pyrenées.« »Und was hast du damit gewonnen, daß du seine Adresse weißt?« fragte Raoul. »Das kann unsere Rettung sein. Doch komm, damit unsere Abwesenheit nicht auffällt, und mehr kaltes Blut, wenn ich bitten darf, um ein Haar hättest du uns durch dein Benehmen verraten.« »Ich fürchte, die beiden Frauenzimmer ahnen etwas.« »Was liegt daran? Sie sind in unserer Gewalt.« Die beiden Spießgesellen trennten sich, als sie aber abends beide das gastliche Haus verließen, nahmen sie das Gespräch wieder auf. Louis hatte seinen Plan schon fertig. »Alles hängt nur davon ab, ob Gaston – daß er es wirklich ist, bezweifle ich nicht – weiß, daß Valentine die Gattin Fauvels ist. Wenn er es weiß, bleibt uns allerdings nichts übrig, als mit Beschleunigung zu verschwinden, wenn er es aber nicht weiß, ist nichts verloren.« »Wie willst du das aber herausbringen?« »Ich werde ihn einfach selber fragen.« »Die Idee ist großartig, scheint mir aber gefährlich.« »Untätigkeit wäre noch viel gefährlicher, daher ist es das beste, ich fahre hin.« »Wie, du wolltest . . .?« fragte Raoul aufs höchste erstaunt. »Und was geschieht inzwischen mit mir?« »Du bleibst ruhig hier. Sollte sich die geringste Gefahr ergeben, so telegraphiere ich dir sofort und du machst dich aus dem Staube. Und nun lebewohl, morgen abend bin ich in Oloron und werde wissen, woran wir sind.« 17. Nur mit großer Gefahr und unsäglicher Mühe war es Gaston von Clameran gelungen, sich zu retten, und daß es gelang, verdankte er in erster Linie dem alten Fährmann Menoul. Nachdem sie in Camargue gelandet waren, versteckte der treue Schiffer seinen Schützling bei einer befreundeten Familie und begab sich auf Kundschaft nach Marseille. Da Gaston Valentine den Schmuck seiner Mutter gelassen hatte, bestand sein ganzes Vermögen aus 920 Frank, eine Summe, die kaum für die Überfahrt hingereicht hätte. Um also seinen Zehrpfennig zusammenzuhalten, wollte er sich auf dem Schiffe nützlich machen, das heißt, die Überfahrt durch seiner Hände Arbeit verdienen, und ein Schiff, wo er in solcher Weise unterkommen konnte, sollte Menoul auskundschaften. Das gelang dem alten Fährmann schon am ersten Abend; in einer Matrosenkneipe erfuhr er, daß der Kapitän eines amerikanischen Dreimasters, der vor Anker lag, ein vorurteilsloser Mensch wäre, der mit Vergnügen kräftige Burschen, die tüchtig zugreifen konnten, in Dienst nähme, ohne sich um ihre Vorgeschichte zu kümmern oder nach Papieren zu fragen. Menoul sprach mit dem Kapitän und kehrte dann zu Gaston zurück. »Es wäre alles in Ordnung,« sagte er, »aber ich fürchte, es wird Ihnen schwer ankommen. Sie müßten Matrosendienste verrichten, und der Kapitän scheint ein geriebener Schurke zu sein.« »Es bleibt mir keine andere Wahl,« entgegnete Gaston. Er hatte sich kaum an Bord von »Tom Johns« befunden, als er wahrnahm, daß Menoul in bezug auf den Kapitän recht hatte, und kaum achtundvierzig Stunden dauerte es, da wußte er, daß er mitten unter eine Schar Verbrecher aller Art geraten war! Ihm war das gleichgültig, seine Gedanken weilten weit fort, in der Heimat, bei seiner geliebten Valentine. Nur, daß er wenig Zeit hatte, sich seinen Gedanken, seinem Schmerz zu überlassen. Er mußte die harte Lehrzeit eines Matrosen durchmachen und bedurfte seiner ganzen körperlichen Kraft und Willensstärke, um die Anstrengung, die der Dienst erforderte, zu ertragen. Aber des Nachts, wenn er Wache hatte, da kamen die Gedanken und mit ihnen die Sorge um die Zukunft. Er hatte Valentine versprochen, in drei Jahren als reicher Mann wiederzukehren. Wie sollte er dies ersehnte Ziel erreichen? Es hatte nicht den Anschein, als ob »Tom Johns« bald Valparaiso erreichen sollte, wenn er überhaupt das Ziel hatte, denn der Kapitän sagte lachend, sie wollten erst einmal einen Abstecher nach Guinea machen, um eine Fracht »Ebenholz« zu holen. Mit dieser Bezeichnung meinte er Neger, denn der ehrenwerte Herr Kapitän war ein Sklavenhändler! Als Gaston dies erfuhr, war er aufs äußerste empört, aber er war klug genug zu schweigen, denn er sah ein, daß er durch seine Worte den Kapitän nicht zum Aufgeben seines unwürdigen Handels brächte, überhaupt mußte er sich hüten, das Ansehen, das er bei der Mannschaft und den Vorgesetzten genoß, aufs Spiel zu setzen. Durch den alten Menoul wußten sie die Geschichte von den ausgeteilten Messerstichen und der kühn durchschwommenen Rhone und das imponierte ihnen. Der Kapitän besonders gewann ihn um seines überlegenen Verstandes willen lieb, und als der zweite Steuermann zufällig starb, übertrug er Gaston dessen Stelle. Drei Jahre waren vergangen, als »Tom Johns« endlich in den Hafen von Rio de Janeiro einlief und Gaston das Schiff verlassen konnte. Der Kapitän hatte ihm seinen Gehalt ausbezahlt und so besaß Gaston ein Vermögen von 12 000 Frank. Trotz der wilden Gesellschaft, in der er drei Jahre unter allerlei Abenteuern und Gefahren gelebt, hatte er weder die Heimat noch die Geliebte vergessen; sein erstes war es daher, als er ans Land kam, einem vertrauten Freund zu schreiben und ihn zu bitten, Valentine in Kenntnis zu setzen, daß er am Leben und seines Versprechens eingedenk sei, er ließe sie bitten, sich noch zu gedulden. Er schrieb auch seinem Vater und erwartete mit Ungeduld Nachrichten aus der Heimat. Aber erst nach einem Jahr kam ihm die Antwort des Freundes zu. Er erfuhr mit einem Schlage, daß sein Vater gestorben und Louis außer Landes sei. Der Brief erhielt auch die Mitteilung, daß er selbst wegen Totschlags zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden und Valentine sich verheiratet habe. Diese Nachrichten schmetterten ihn nieder. Heimatlos, entehrt, und Valentine hatte ihn vergessen, verleugnet! Er war der Verzweiflung nahe, aber dann raffte er sich auf und stürzte sich, um zu vergessen, in einen Strudel von Arbeit und Spekulationen. Tausend Dinge unternahm er, er arbeitete in Bergwerken und verkaufte Felle, er versuchte wilde Ländereien urbar zu machen. Er hatte ungeheuere Summen gewonnen und wieder verloren, doch ließ er sich nicht entmutigen, begann immer wieder aufs neue und endlich, nach jahrelangem Ringen und Kämpfen war er ein Millionär, dessen Gelder sicher angelegt waren. Die Sehnsucht nach der alten Heimat, die er so lange bekämpft, erwachte in ihm aufs neue und er beschloß, nach Frankreich zurückzukehren. Er hatte Erkundigungen eingezogen und sich vergewissert, daß die Gerichte ihn nicht mehr verfolgen würden, und so machte er denn einen Teil seiner Habe zu Geld und schiffte sich ein. Dreiundzwanzig Jahre waren seit seiner Flucht vergangen; nun betrat er die Heimat wieder, aber er kam als Fremder und fühlte sich unsäglich einsam und tieftraurig. Auch der Klimawechsel taugte ihm nicht, er erkrankte und die Ärzte sandten ihn in ein Pyrenäenbad. Die Gegend gefiel ihm überaus gut und als er genesen war, beschloß er, sich dort dauernd niederzulassen. Da ihm die Untätigkeit unerträglich war, so erstand er bei Oloron ein Hüttenwerk und gab sich mit vollem Eifer dem Betrieb seiner Eisenwerke hin. Eines Abends überbrachte ihm der Diener die Karte eines Herrn, der ihn zu sprechen wünschte. Auf der Karte stand: Louis von Clameran. »Mein Bruder,« rief Gaston freudig erregt, »mein Bruder,« und stürmte hinaus, dem Ankömmling entgegen. Gaston bereitete seinem Bruder einen ungemein herzlichen Empfang. Er lachte und weinte gleichzeitig als er ihn umarmte, ihm immer wieder die Hände schüttelte, ihn unverwandt betrachtete. »Du hast dich gar nicht verändert, Louis,« sagte er, »ich habe dich sofort wiedererkannt, an dem Ausdruck deines Gesichtes, deinem Lächeln.« Louis lächelte in der Tat, so mochte er vielleicht auch in jener Nacht gelächelt haben, als durch den Sturz seines Pferdes Gaston dem Verderben preisgegeben war. Gaston war über den Besuch seines Bruders aufrichtig erfreut. »Nun bin ich doch nicht mehr einsam, nicht mehr fremd in der Heimat,« sagte er, »nun habe ich einen Bruder, einen Freund . . . Aber sage mir nur, wie ist es dir gelungen, mich aufzufinden?« Auf diese Frage war Louis gefaßt gewesen, und während der langen Eisenbahnfahrt hatte er die Antwort vorbereitet. Er erzählte, daß im Klub ein Herr, der eben aus dem Pyrenäenbade Eaux-Chaudes gekommen, erzählt habe, er hätte dort von einem Marquis de Clameran sprechen hören. »Ich glaubte,« berichtete Louis weiter, »irgend ein Abenteuerer habe sich unterstanden, sich unseren Namen beizulegen und rasch entschlossen, bin ich hierhergeeilt.« »Und an mich dachtest du nicht?« »Wie konnte ich? Seit dreiundzwanzig Jahren galtest du für tot.« »Wie, du wußtest nichts von meiner Rettung? Hat euch denn die Komtesse von Laverberie nicht benachrichtigt? Sie versprach mir, den Vater aufzusuchen.« »Nein,« entgegnete Louis mit betrübter Miene, »leider hat sie uns nichts wissen lassen.« »Nichts,« rief Gaston erzürnt. »Wie, sie konnte so grausam sein euch meinen Tod beweinen, unseren armen Vater vor Kummer sterben zu lassen? Ach, sie hatte immer eine Angst vor der Meinung der Welt und hat mich ihrem guten Ruf geopfert.« »Aber warum hast du nicht geschrieben?« »Ich schrieb, bekam aber keine Antwort von euch, mein Schulfreund Paul teilte mir mit, daß der Vater gestorben sei und du Clameran verlassen habest.« »Ich verließ Clameran, weil ich dich für tot hielt.« Gaston stand auf und ging im Zimmer einigemal auf und ab, gleichsam als wollte er die tiefe Traurigkeit, die ihn übermannt, abschütteln. »Genug,« sagte er nach einer Pause, »lassen wir die Vergangenheit. Alle Erinnerungen, ob gute oder schlechte, sind nicht so viel wert wie die kleinste Hoffnung und – Gott sei Dank – die Zukunft ist unser!« Und sogleich begann er Zukunftspläne zu schmieden. »Wir bleiben beisammen,« sagte er, »und trennen uns nicht mehr.« Der Diener kam mit der Meldung, daß die Abendmahlzeit bereit sei und die Brüder begaben sich Arm in Arm in den Speisesaal. Gaston war im Fragen, im Erzählen unerschöpflich. Louis war in großer Sorge, ob Gaston nicht in Clameran gewesen, aber zu seiner Beruhigung erfuhr er aus des Bruders Munde, daß er die engere Heimat noch nicht aufgesucht hatte. Die Brüder waren bis in die späte Nacht aufgewesen; von seinem vergangenen Leben hatte Gaston berichtet, aber kein Wort über dasjenige gesagt, was Louis zu wissen wünschte, er mußte sich also gedulden. Am nächsten Tag telegraphierte er an Raoul: »Fasse Mut, alles geht gut.« Als er mit seinem Bruder wieder zusammentraf, gab er dem Gespräch eine Wendung, die ihm Klarheit über die Absichten Gastons geben sollte. »Wir haben bis jetzt über alles mögliche gesprochen, Gaston, nur nicht über das Geschäftliche.« Der Bruder sah ihn verwundert an. »Was meinst du damit?« »Ich meine die Erbschaftsangelegenheit. Da du für tot galtest, so fiel mir alles zu, du hast nun ein Anrecht auf die Hälfte . . .« »Ach, bitte sprich nicht davon, die Sache ist ja verjährt – übrigens weißt du, daß der Vater nur einen Erben wünschte – es bleibe also nach seinem Willen.« »Nein, Gaston, das kann ich nicht annehmen . . .« »Warum? bist du so reich oder hältst du mich für so arm?« Louis erschrak bei dieser Frage. Was sollte er antworten, um sich nicht zu verraten? »Ich bin weder arm noch reich,« entgegnete er leichthin. »Ich wäre beinahe froh, wenn du arm wärst, damit ich die Freude hätte, mit dir zu teilen.« Dieses Gespräch fand während des Frühstücks statt; nach demselben lud Gaston Louis ein, seine Besitzung zu besichtigen. Er zeigte ihm das schloßartige Haus, die Wirtschaftsgebäude, die Stallungen, den schönen Park und das in voller Tätigkeit befindliche großartige Hüttenwerk. Und während sie alles besichtigten, Gaston erklärte und erläuterte, schritt Louis finster und einsilbig neben ihm her. Neid und Mißgunst fraßen an seinem Herzen und der alte Haß gegen den Bruder erwachte wieder aufs neue. »Nun, was sagst du? Habe ich gut gekauft?« fragte Gaston heiter. »Gewiß, du hast dir das herrlichste Gut in der schönsten Gegend der Welt ausgesucht. Man könnte dich beinahe beneiden.« »Es gefällt dir, wirklich, lieber Louis, du wärst imstande dein nebliges Paris aufzugeben? O, dann schlag' ein, bleibe bei mir. Zur Langweile ist keine Zeit, wir haben ja Arbeit vollauf an unserem Hüttenwerk. Und wir wollen es vergrößern, bauen, erfinden – ah, das soll ein Leben werden! Bist du einverstanden, Louis?« Louis schwieg. Vor einem Jahre noch hätte ihm dieser Vorschlag mit Freude erfüllt. Das wäre ein Hafen gewesen, nach so manchem Sturm und Schiffbruch und er wäre kein Abenteurer mehr, nein, wieder ein Mensch geworden, wie früher! Aber jetzt war es zu spät. Mit Wut im Herzen mußte er dies erkennen. Er war nicht frei, er hatte in Paris ein schändliches Spiel angezettelt, das er nicht aufgeben durfte, ohne Gefahr zu laufen mit den Gerichten in Konflikt zu geraten. Und wenn er noch allein gewesen wäre, er hätte einfach verschwinden können, aber – er hatte einen Mitschuldigen! »Du antwortest nicht,« sagte Gaston, über Louis' Stillschweigen verwundert, »gefällt dir mein Vorschlag nicht?« »Dein Vorschlag gefällt mir wohl, aber – ich bekleide in Paris eine Stelle und kann den Gehalt nicht entbehren – – –« »Louis, hast du mich denn nicht verstanden? Wie, du botest mir eben die Hälfte des väterlichen Erbes und nun – o, das ist schlecht von dir!« »Aber Gaston, ich kann dir doch unmöglich zur Last fallen.« »Wie magst du nur so töricht reden! Habe ich dir nicht gesagt, daß ich sehr reich bin? Dies Hüttenwerk ist nur ein Bruchteil meines Vermögens, ich besitze gute Staatspapiere und außerdem habe ich noch Geschäftsverbindungen in Brasilien, vor kurzem erst bekam ich von meinem Geschäftsfreund 400 000 Frank zugewiesen, von denen ich nur 50 000 behoben habe.« Louis zitterte vor freudiger Aufregung, endlich sollte er erfahren, was er zu wissen wünschte. »Du hast noch Geschäfte in Brasilien?« fragte er. »Ja, mit meinem ehemaligen Sozius und er hat mir einen Bankier, namens Fauvel in Paris empfohlen, er soll ein sehr ehrenwerter Mann sein.« »Du kennst ihn nicht persönlich?« fragte Louis ganz blaß vor Aufregung. »Nein, noch nicht, aber ich hoffe baldigst seine Bekanntschaft zu machen, ich beabsichtige nämlich, dich nach Paris zu begleiten, wenn du hinfährst um deine Angelegenheiten vor deiner Übersiedelung hierher in Ordnung zu bringen.« Louis fühlte sich bei dieser Mitteilung wie vernichtet, aber er faßte sich gewaltsam und fragte scheinbar ruhig: »Wie, du willst nach Paris, ich denke, du verabscheust dieses Babel?« »Allerdings, ohne die berühmte Hauptstadt zu kennen, ist sie mir äußerst unsympathisch, mich locken auch nicht ihre falschen Freuden – ich habe eine ernste Pflicht zu erfüllen – – Nun ja, ich will dir's gestehen, die Komtesse von Laverberie soll nach Paris geheiratet haben – ich möchte sie wiedersehen . . .« Gaston schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Dir, Louis, kann ich es ja gestehen, ich habe ihr vor meiner Flucht den Schmuck unserer Mutter anvertraut . . .« »Und den willst du jetzt zurückfordern?« »Ja, das heißt, es soll mir ein Vorwand sein, um sie aufsuchen zu können, ich möchte sie wiedersehen, weil – weil ich sie einst geliebt habe.« »Wie denkst du sie aber ausfindig zu machen?« »Das wird wohl sehr einfach sein, in der Heimat dürfte man wohl den Namen ihres Mannes, vielleicht sogar ihre Adresse kennen. Ich schreibe heute abend noch meinem alten Schulfreunde . . .« Als Louis endlich sein Zimmer aufsuchen konnte, fühlte er sich wie niedergeschmettert, er versuchte seine Gedanken zu ordnen und einen Plan zu entwerfen. Auf den ersten Blick schien seine Lage äußerst verzweifelt. Er hatte in dem Abenteuererleben, das er seit zwanzig Jahren führte, manch schwere Stunde erlebt, aber immer vermochte er die Klippen des Strafgesetzbuches zu umschiffen, und immer war es ihm, selbst in den verwickeltesten Fällen gelungen, sich aus der Schlinge zu ziehen. Aber jetzt sah er, daß er sich in eine Sackgasse verrannt hatte und kein rettender Gedanke erleuchtete ihn – es gab keinen Ausweg! Von allen Seiten drohte Gefahr: Fauvel, Gaston, sie würden sich beide an ihm rächen, sobald ihnen die Wahrheit bekannt würde, ja, selbst seinen Mitschuldigen Raoul hatte er zu fürchten. Die Begegnung zwischen Valentine und Gaston mußte um jeden Preis verhindert werden, aber wie? – Er sann vergebens. Einen Augenblick lang dachte er daran, von seinem Bruder eine größere Summe zu entlehnen und für immer zu verschwinden – aber er verwarf den Gedanken wieder – denn so viel Geld als er benötigte, konnte er ja doch nicht fordern. Der Kopf schmerzte ihm schier zum zerspringen und doch wollte ihm nichts einfallen. Er gab schließlich sein Nachdenken auf. »Vielleicht hilft der Zufall,« sagte er sich mit bösem Lächeln, »er hat mir ja schon öfters geholfen.« Für den Augenblick war weiter nichts zu tun, als Gaston möglichst zu verhindern an die Pariser Reise zu denken. Zu diesem Zwecke äußerte Louis am nächsten Tag den Wunsch, Oloron und die Umgebung genau kennen zu lernen. »Es ist ein herrliches Land,« sagte er. Gaston ging freudig auf den Vorschlag ein und täglich wurden Ausflüge zu Wagen oder zu Pferde unternommen, allein es half nicht viel, denn Gaston ließ den Gedanken an die Pariser Reise nicht fallen, er wollte nur die Antwort auf seine Anfrage abwarten. Nun versuchte es Louis ihn durch ernste Gegenvorstellungen davon abzubringen. »Sie ist die Frau eines andern, hat wahrscheinlich Kinder, denkst du nicht, daß es für sie peinlich sein müßte, dich wiederzusehen und auch für dich selbst kann die Begegnung nur schmerzlich sein.« »Du magst wohl recht haben, es ist töricht, aber – ich kann nicht anders.« Mit fieberhafter Ungeduld erwartete er den Brief aus der Heimat, aber noch größer war Louis' Ungeduld und er ging täglich dem Briefboten entgegen, um ihm die Post abzunehmen. Und endlich war der ersehnte Brief da! Louis ging damit rasch auf sein Zimmer, schloß sich ein und riß das Schreiben auf. Der alte Schulfreund berichtete eine Unmenge Dinge, die Louis nicht interessierten, doch endlich fand er die Valentine betreffende Stelle. Sie lautete: »Die Komtesse Laverberie hat sich mit einem Pariser Bankier, namens André Fauvel verheiratet. Er ist ein Ehrenmann und ich gedenke, bei meiner nächsten Reise nach Paris, mit ihm in geschäftliche Beziehung zu treten. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich auf dich berufe.« Louis war außer sich vor Aufregung. Ich wäre verloren gewesen, wenn Gaston den Brief erhalten hätte, sagte er sich, aber er war keinen Augenblick im Zweifel, daß die Gefahr nicht abgewendet, sondern nur hinausgeschoben war. Gaston würde sich höchstens eine Woche noch gedulden, dann dem Freunde nochmals schreiben . . . Und selbst, wenn ich den zweiten Brief ebenfalls unterschlage, sagte er sich, was hilft das? Dieser Schafskopf von einem Schulkameraden will ja nach Paris, wird von Gaston sprechen – dann ist alles verloren! Nun blieb ihm nur eins übrig: von seinem Bruder Geld ausborgen und das Weite suchen. Eines Abends ging er mit Gaston auf der Straße, die von dem Hüttenwerk nach Oloron führte, spazieren, und war eben im Begriff eine kleine Geschichte zu erzählen, deren Schluß eine Anleihe von 200 000 Frank bilden sollte, als er plötzlich heftig zusammenschrak. Ein wie ein Handwerksbursche gekleideter junger Mann war an ihnen vorübergekommen und Louis hatte in ihm Raoul erkannt. Gaston bemerkte seinen Schreck. »Was ist dir?« fragte er erstaunt. »O nichts,« entgegnete Louis mit vor Aufregung bebender Stimme, »ich bin an einen Stein angestoßen und habe mir wehe getan.« Gaston sprach und erzählte allerlei, aber Louis ging stumm und wie geistesabwesend neben ihm her. Was sollte Raouls Anwesenheit bedeuten? Louis hatte ihm täglich geschrieben, aber keine Antwort erhalten. War in Paris ein unvorhergesehener Fall eingetreten? Kam er, um ihm zu sagen, daß das Spiel verloren sei? Gaston beendete zu Louis' Freude den Abendspaziergang früher als gewöhnlich, er hatte tagsüber sehr viel gearbeitet, fühlte sich müde und begab sich daher zur Ruhe. – Louis war frei! Rasch verließ er wieder das Haus. Er war überzeugt, daß Raoul in der Nähe herumschleichen würde, und richtig hatte er keine hundert Schritte noch gemacht, als ein Mann hinter einem Gebüsch hervortrat und sich ihm in den Weg stellte. »Raoul! was gibt's, was führt dich her?« »Nichts.« »Was tust du dann hier, mit welchem Recht verläßt du deinen Posten, weißt du denn nicht, daß uns das zugrunde richten kann?« »Das ist meine Sache,« antwortete Raoul ruhig. Wie mit eiserner Faust umklammerte Louis des Jünglings Arm, daß dieser hätte aufschreien mögen. »Was soll das heißen, was unterstehst du dich?« rief Louis mit unterdrückter Wut. Raoul machte sich von ihm los. »Etwas zarter, wenn ich bitten darf,« sagte er trotzig, »ich will höflich behandelt sein – sonst antworte ich so.« Und mit diesen Worten ließ er den Lauf eines Revolvers aus der Tasche hervorschimmern. »Was willst du eigentlich?« Sie hatten einen abgelegenen Seitenweg eingeschlagen, waren dann querfeldein gegangen, und erst als sie weit draußen in völliger Abgeschiedenheit waren, sagte Raoul: »So, ich meine hier sind wir ungestört, teuerer Onkel, und ich kann mich deutlich erklären. Deine Briefe, lieber Onkel, waren mit großer Vorsicht abgefaßt, das war natürlich klug, aber ich fand sie zu dunkel. Ich hatte nur die eine Empfindung – Gefahr ist im Verzuge, und da ich der Gefahr gerne ins Auge schaue, so bin ich gekommen.« »Wie, hast du kein Vertrauen zu mir?« »Ungeheueres, verehrter Onkel, dasselbe, das du zu mir hast. Laß dir also in Kürze sagen, daß ich nicht gewillt bin, mich am Narrenseile führen zu lassen – ich weiß ganz genau, daß du mich im Notfalle ohne Zaudern preisgeben würdest – leugne nicht, edler Oheim, denn an deiner Stelle täte ich dasselbe . . . So, nun kennst du meine Meinung, und damit genug gegenseitiger Vorwürfe. – Und nun berichte mir alles.« Louis sah ein, daß er gegen einen solchen Mitschuldigen nicht aufkommen konnte, daher ließ er seine Entrüstung fahren und berichtete alles getreulich, nur über die Vermögensverhältnisse Gastons sprach er nicht wahrheitsgemäß, sondern tat, als wenn der Reichtum seines Bruders nur ganz unbedeutend wäre. »O weh,« sagte Raoul, nachdem er alles gehört hatte, »die Sache steht schlimm.« »Nicht so arg, als es den Anschein hat, verlasse dich auf mich, es wird mir schon gelingen ein Mittel ausfindig zu machen; kehre nur ruhig nach Paris zurück, solange ich hier Gaston festhalte, läufst du dort keine Gefahr.« Raoul dachte einen Augenblick nach. »Allerdings,« versetzte er nach einer Pause, »haben wir von meiner Frau Mutter nichts zu fürchten, aber du hast uns, verehrter Onkel, eine gefährliche Feindin geschaffen . . .« »Du meinst Magda? – bah –« antwortete Louis und machte eine geringschätzende Handbewegung. »Du unterschätzest sie, glaube mir. Sie hat sich allerdings bereit erklärt, sich für ihre Tante zu opfern und dich zu heiraten, aber sie ist kein schwacher Charakter und wird kämpfen, denn – sie liebt. Wenn du klug bist, so verzichtest du freiwillig auf sie.« »Niemals!« stieß Louis fast schreiend hervor. »Niemals! Ich wollte sie zuerst ihrer Mitgift halber, aber jetzt würde ich sie auch ohne einen Pfennig Vermögen nehmen, ich liebe sie, und ich muß und will sie besitzen!« Raoul war von dem leidenschaftlichen Ausbruch betroffen. »So, du liebst sie, nun, dann sind wir so gut wie verloren. – Das Herz geht mit dem Verstande durch und es wird der Tag kommen, an dem du dich ihr auf Gnade und Ungnade ergibst. – Und sie ist eine schlaue Dalila, sie ist unsere Feindin und wird uns vernichten!« »Du scheinst sie ja furchtbar zu hassen, oder – mein schöner Neffe, hättest du vielleicht auch Feuer gefangen und wäre der Haß nichts anderes als – verschmähte Liebe?« Trotzdem die Nacht sternenhell war, so konnte doch Louis den Ausdruck, der Raouls Züge plötzlich entstellte, nicht wahrnehmen. »Nein,« stieß er rauh hervor. »Mir liegt an den Weibern nichts, ich will nur Geld.« »Also gib dich zufrieden, sobald Magda meine Frau ist, bekommst du die Hälfte ihrer Mitgift, was begehrst du mehr?« Die beiden Gesellen sprachen noch hin und her, und Mitternacht war längst vorüber, als sie sich mit dem Versprechen, sich morgen am selben Ort und zur selben Zeit wieder treffen zu wollen, trennten. Auch in dieser Nacht konnte Louis kein Auge schließen, die Frage, warum Raoul Paris verlassen hatte, quälte ihn unablässig, und er begann seinen Spießgesellen zu fürchten und zu hassen. Aber bis zum nächsten Abend hatte er seine Pläne entworfen, und als er mit Raoul zusammentraf, war sein Entschluß gefaßt. »Nun,« sagte Raoul, sobald er seines Onkels ansichtig wurde, »was hast du ausgeheckt?« »Ich hätte dir zweierlei Vorschläge zu machen. Der eine ist, wir verzichten auf das Geschäft, du verschwindest aus Frankreich – natürlich mit einem hübschen Sümmchen in der Tasche.« »Was nennst du ein hübsches Sümmchen?« »Nun, zum Beispiel – Hundertfünfzigtausend Frank.« Raoul lächelte verächtlich. »Mein sehr verehrter Onkel beliebt zu scherzen. Glaubst du, ich kenne dich nicht? Mir bietest du diese Lappalie, während du sicherlich dich mit einer Million aus dem Staube machen wirst.« »Du bist nicht bei Trost,« versetzte Louis. »Leugne nicht, was habe ich von dem ganzen Gelde, das wir Frau Fauvel oft gegen meinen Willen entrissen haben, bekommen? Kaum den zehnten Teil . . .« »Wir haben ja davon noch einen Zehrpfennig.« »Jawohl, aber er ist in deinen Händen, und wenn die Sache schief ginge, dann würde der Herr Onkel sich und die Kasse in Sicherheit bringen, der Neffe aber ohne einen roten Heller dastehen und könnte ins Zuchthaus wandern.« »Das kannst du von mir glauben?« sagte Louis beleidigten Tones. »O ja, das und noch viel mehr. Übrigens kann ich dir sofort beweisen, daß du mich betrügen willst.« »Wieso?!« »Hast du mir nicht gesagt, daß dein Bruder im bescheidenen Wohlstand lebe? Nun, das ist eine Lüge – er ist vielfacher Millionär – ich kann dir haarklein all seine Besitzungen aufzählen – du siehst, werter Onkel, ich habe die Zeit meines Hierseins nicht verloren.« Louis fand keine Antwort darauf. »Das ist aber nicht alles, was ich dir vorzuwerfen habe, ich ärgere mich hauptsächlich darüber, daß das Spiel durch deine Schuld verloren ist. Frau Fauvel war für uns die Henne mit den goldenen Eiern; statt uns nun mit dem was sie freiwillig gab, zu begnügen, mußte ich die arme Frau halb zu Tode quälen, so daß sie jetzt nicht mehr aus noch ein weiß.« »Das war nötig.« »Dann setzest du dir in den Kopf, Magda zu heiraten – sie aber ist imstande, die Anzeige bei der Polizei zu machen . . .« »Das wird sie nicht.« »Die Zukunft wird's lehren, wer recht hat. Am einfältigsten aber hast du dich betragen, als du die ganze Geschichte einfädeltest, du hättest dich eben besser erkundigen müssen. Du sagtest mir: dein Vater ist tot – und siehe da, jetzt lebt er, und wir haben uns in einer Weise betragen, daß ich nicht vor ihm erscheinen kann. Statt der Million, die er mir sicher – wenn nicht mehr – geschenkt hätte – bekomme ich jetzt nichts – und das danke ich dir . . .« »Genug,« fiel Louis heftig ein, »wenn ich alles aufs Spiel setzte, so habe ich auch ein Mittel, um die Partie zu retten.« »Da wäre ich neugierig. Wenn Gaston seine geliebte Valentine aufsucht, wird er alles erfahren und dann – gute Nacht!« » Wenn er sie aufsucht,« versetzte Louis. Raoul antwortete nicht und beide schwiegen, ein furchtbarer Gedanke war beiden gleichzeitig gekommen und sie erschraken selbst darüber. Sie äußerten kein Wort, aber sie verstanden sich. Nach einer langen Pause brach Louis endlich das drückende Schweigen. »Also,« begann er, »willst du die Hundertfünfzigtausend Frank, die ich dir für dein Verschwinden anbiete? Überlege dir die Sache noch einmal gut.« »Ich habe sie schon überlegt, ich weiß, du willst mich betrügen, aber ich weiß auch, daß ein ungeheueres Vermögen zu gewinnen ist. Ich will es entweder erringen oder zugrunde gehen.« »Wohl, es sei. Wirst du mir blindlings gehorchen?« »Ja, denn ich weiß, daß du jetzt nicht mehr versuchen wirst, mich zu betrügen.« »Also höre, vor allem hast du sofort nach Paris zurückzukehren, dann begibst du dich zu Frau Fauvel und bist wieder der liebenswürdige gute Sohn; du erzählst ihr, daß du dich mit mir vollständig überworfen hast und kannst mich in den schwärzesten Farben malen.« »Wie, auch vor Magda?« »Auch vor Magda. Kennst du nicht die Geschichte jenes Mannes, der Feuer in das Haus seiner Geliebten legen ließ, um sie aus den Flammen retten zu können? Nun, wenn der geeignete Zeitpunkt gekommen sein wird, lasse ich durch dich moralisch Feuer in Frau Fauvels Haus legen und rette dann sie und ihre Nichte. Je schwärzer ich ihnen jetzt erscheine, desto lichter wird ihnen der Rettungsengel erstrahlen. Verstehst du jetzt?« Die beiden Kumpane verabredeten noch, daß sie einander schreiben, in wichtigen Fällen aber telegraphieren würden und dann trennten sie sich. Einige Tage nach Raouls Abreise wurde Gaston plötzlich unwohl. Es flimmerte ihm vor den Augen und ein Schwindel befiel ihn, so daß er kaum aufrecht zu stehen vermochte. Er legte sich zur Ruhe und hoffte, daß der Zustand sich in Bälde bessern würde; aber im Gegenteil, er verschlimmerte sich, es stellten sich unerträgliche Kopfschmerzen und ein großes Angstgefühl ein. Louis tat sehr besorgt und ließ sofort den Arzt rufen. Dieser fand die Sache unbedeutend und verordnete nur einige beruhigende und schmerzstillende Mittel. Am nächsten Tag fühlte sich Gaston wieder wohler, er stand auf und ging seiner gewohnten Tätigkeit wieder nach, aber abends erneuerte sich der Anfall, er war sogar weit heftiger als das erste Mal, und als der Arzt kam, fand er zu seiner Verwunderung so beunruhigende Symptome, daß er fragte, ob die verordnete Dosis Morphium überschritten worden wäre. Aber der alte brasilianische Diener, der schon seit zehn Jahren in Gastons Diensten stand und jetzt die Krankenpflege übernommen hatte, versicherte, daß er sich genau an die ärztliche Vorschrift gehalten habe. Der Zustand Gastons verschlimmerte sich von Tag zu Tag, die Gelenke begannen zu schwellen, die Schmerzen waren qualvoll und er besaß kaum so viel Kraft, um sich im Bett aufzurichten. Da gedachte er, sein Haus zu bestellen. Er hatte schon damals, als er nach seiner Rückkehr nach Frankreich erkrankte, ein Testament gemacht und sein Vermögen zu wohltätigen und gemeinnützigen Zwecken bestimmt, jetzt, da er den Bruder wiedergefunden, wollte er das Testament zu seinen Gunsten ändern und Louis zum Universalerben einsetzen. Der Notar, der mit der Abfassung des Testamentes betraut wurde, war ein findiger Herr; er sagte Gaston, wenn er seinem Bruder die Hälfte des Vermögens als eine von ihm gemachte Einlage gut schrieb, so hätte Louis später weniger Erbschaftssteuer zu bezahlen. Gaston war über den Vorschlag sehr erfreut und bat den Notar, sogleich den diesbezüglichen Vertrag aufzusetzen. Dann ließ er Louis holen, da dessen Unterschrift unerläßlich war. Als Louis erfuhr, um was es sich handelte, sträubte er sich es anzunehmen, und zwar in einer Weise, die seine Uneigennützigkeit und sein Zartgefühl ins schönste Licht stellten, ließ sich aber schließlich doch überreden, seinen Namen unter den Vertrag zu setzen. Die sonderbarsten Gefühle bewegten ihn nun. Er war reich, ungeheuer reich, er hätte nun in Frieden leben können – aber es war zu spät, er konnte nicht mehr zurück, mußte wohl oder übel vorwärts auf der abschüssigen Bahn, auf der er sich befand. Gastons Zustand besserte sich nicht, aber inmitten der größten Schmerzen sprach er immer von Valentine und seiner Absicht, sobald er wieder gesund wäre, nach Paris zu fahren. Aber eines Tages sagte er zu Louis: »Ich glaube, der Klimawechsel ist schuld, ich täte vielleicht am besten, wieder nach Brasilien zurückzukehren.« Ja, das war ein Gedanke! Louis stimmte von ganzen Herzen zu und bestärkte ihn nicht nur in seiner Absicht, sondern versprach ihn auch zu begleiten. Er atmete förmlich auf; wenn Gaston seinen Entschluß ausführte, dann war ja keine Gefahr mehr vorhanden, dann war das – Äußerste nicht nötig! Und von diesem Tage an besserte sich Gastons Zustand merkwürdigerweise, und nach Verlauf von einer Woche konnte er schon auf Louis' Arm gestützt, im Garten einige Schritte machen. Die Genesung schritt langsam, aber stetig vor. Gaston konnte wieder freier atmen, das Angstgefühl war gewichen und neue Lebensfreudigkeit durchströmte ihn. Er sprach viel von Brasilien und der bevorstehenden Reise. Louis konnte den Tag der Abreise kaum erwarten und nötigte den Bruder recht zu essen, damit er sich rasch kräftige. Endlich war Gaston so weit hergestellt, daß er das Hüttenwerk wieder besuchen konnte. Als er die Hochöfen in voller Tätigkeit sah und die Arbeiter, die alle an ihm hingen, weil er ihr Freund und Wohltäter war, schlich sich ein leises Bedauern in sein Inneres. Die Arbeit, die er kaum begonnen, die ihm lieb geworden, sollte er verlassen? Sein Entschluß schwankte von Tag zu Tag mehr, und schließlich kam die alte Sehnsucht nach der Jugendgeliebten wieder zurück. »Nein,« sagte er zu Louis, »ich kann Frankreich nicht eher verlassen, bis ich nicht Valentine wiedergesehen habe.« Und am selben Tag noch schrieb er dem alten Schulfreund und bat um Auskunft. Dieser Brief aber ist nie an seine Adresse gelangt – Louis hatte sich anheischig gemacht, ihn selbst zur Post zu tragen. Unerklärlicherweise bekam Gaston einen Rückfall seiner Krankheit, und von dem Augenblick an ging es mit ihm rasch zu Ende. Bald stellte sich ein solcher Kräfteverfall ein, daß der Arzt jede Hoffnung aufgab und wenige Tage später trat die Katastrophe ein. Jetzt war Louis wirklich Marquis von Clameran und vielfacher Millionär. Nachdem er alle Angelegenheiten geordnet hatte, kehrte er nach Paris zurück. 18. Raoul war es unterdessen wirklich wieder vollständig gelungen, Frau Fauvels Herz wiederzugewinnen. Das war nicht schwer gewesen, denn die Ärmste hatte ja niemals aufgehört, ihn zu lieben, und nun er sich wieder von der günstigen Seite zeigte, war sie ganz glücklich. Sie war überzeugt, daß ihr Sohn im Grunde den edlen Charakter seines Vaters besaß und nur Louis' schlechter Einfluß ihn verdarb. Raoul stellte keine Geldforderungen mehr und spielte seine Rolle so gut, daß er selbst Magda täuschte und sie von ihm eine bessere Meinung bekam. Als Louis endlich aus Oloron zurückkam, erfreute sich Raoul allgemeiner Beliebtheit im Hause Fauvel. Der Marquis von Clameran bezog trotz seiner Millionenerbschaft vorläufig noch sein altes Quartier im Hotel Louvre. Erst später wollte er sich ein Palais kaufen und glänzend einrichten, als prächtigen Rahmen für eine schöne Frau. Als Raoul den Onkel besuchte, sagte er: »Ich weiß eigentlich nicht was du willst, wir sind nun reich, gib mir den versprochenen Anteil und laß uns gehen.« Aber das war nicht nach Louis' Geschmack. Er hatte das Abenteuererleben satt; nun er reich war, würde sich niemand um seine Vergangenheit kümmern, er wollte in Paris bleiben, eine Rolle spielen, ein großes Haus führen und vor allem Magda heiraten. Darum antwortete er kurz: »Nein, erst an meinem Hochzeitstage bekommst du das Geld – Magdas ganze Mitgift – gedulde dich aber.« Raoul versuchte keine Einwendungen mehr, er wußte, daß sie vergeblich wären. »Ich bin nur neugierig,« sagte er, »wie du es anstellen wirst zu erklären, daß du Gastons Erbe bist, nachdem du doch bei Fauvels behauptet hast, du kennst den Menschen gar nicht.« »Sehr einfach, ich werde sagen, daß Gaston ein natürlicher, im Ausland geborener Sohn meines Vaters gewesen, den er vor seinem Tode heimlich anerkannt habe. Du selbst wirst die Güte haben, die Geschichte deiner Frau Mutter zu erzählen.« »Das ist höchst genial, aber – wenn man Erkundigungen einzieht . . .?« »Wer sollte das? Dem Bankier kann es ganz gleichgültig sein, ob er das Geld, das auf dem Namen Clameran bei ihm steht, mir oder einem Fremden auszahlt; und Frau Fauvel meinst du? Selbst wenn sie einen Verdacht hätte, wird sie sich hüten, etwas gegen uns zu unternehmen.« »Du magst recht haben, Onkel, aber Geld darf ich jetzt wohl keines mehr von ihr fordern, da du doch reich bist.« »Warum? Das ist kein Grund. Hast du nicht gesagt, daß wir entzweit sind, warst du nicht so entrüstet über mich, daß du erklärtest, du würdest lieber verhungern als etwas von mir anzunehmen? Glaube mir, mein Plan ist gut vorausberechnet, es wird uns alles gelingen.« »Ich möchte eigentlich nur wissen, wie weit du es noch treiben willst.« »Die Sache muß sich naturgemäß entwickeln und kommt dann von selber ans Ende,« entgegnete der Oheim lächelnd, »laß uns einmal Rückschau halten und das Ergebnis zusammenfassen: Also, zuerst erschien ich auf der Bildfläche, so ziemlich wie ein Räuberhauptmann und forderte: die Börse oder – die Ehre! Dann habe ich dich erscheinen lassen. Schon die erste Begegnung war großartig – ganz Cäsar, du kamst, sahest und siegtest. Das Mutterherz war im Sturm erobert.« »Ja, und ohne dich . . .« »Laß mich ausreden. Der liebevolle, wiedergefundene Sohn – das war der erste Akt. Im zweiten Akt begann der junge Herr den leichtsinnigen Kavalier, den Verschwender hervorzukehren, und das ängstliche Mutterherz wendet sich, trotz ihrer ursprünglichen Antipathie, an den Onkel. Dieser ist moralisch entrüstet und die Mutter froh, den Freund gefunden zu haben. Aber der Sohn bessert sich nicht, und da nun gar der Onkel die Nichte begehrt, wird die Lage immer verwickelter, besonders, da das junge Mädchen zwar einwilligt sich zu opfern, aber die Tante gegen beide einzunehmen weiß. Im nächsten Akt aber erscheint der Sohn wieder, er ist lammfromm, schiebt alle Schuld auf den bösen Onkel und gewinnt wieder das Herz der Mutter.« »Ja, so weit sind wir im gegenwärtigen Augenblick.« »Nun muß dem Stück eine neue Wendung gegeben werden, und das wird der letzte Akt sein. Schon morgen wirst du der Frau Fauvel erzählen, daß ich meinen natürlichen Bruder entdeckt und beerbt habe. Inzwischen wird der Bankier durch meinen Notar in Oloron verständigt sein, daß das bei ihm hinterlegte Geld mir gehört; hierauf erscheine ich bei ihm und ersuche, es weiter in Verwahrung zu halten. Und jetzt kommt das Wichtigste, ich begebe mich zu Frau Fauvel und halte folgende Rede: Verehrte Frau, solange ich mittellos war, sah ich mich leider genötigt, Ihre Hilfe für den Sohn meines Bruders, der auch der Ihre ist, in Anspruch zu nehmen. Leider hat sich der Junge undankbar gezeigt, er hat Ihnen schweren Kummer bereitet, er ist, mit einem Wort, ein Taugenichts. Aber er soll Ihnen nicht länger zur Last fallen, jetzt bin ich reich und ich komme Ihnen mitzuteilen, daß ich von nun an allein für Raouls Leben und Zukunft sorgen werde . . .« »Und das nennst du eine dramatische Verwicklung?« »Warte, das Dramatische kommt noch. Unzweifelhaft wird Frau Valentine von meiner schönen Rede gerührt sein und mich bitten, in meiner Großmut einen Schritt weiter zu gehen und auf Magda zu verzichten. Darauf aber erwidere ich: Nein, das kann ich nicht, Sie hielten mich für habgierig, aber ich bin es nicht? ich liebe Fräulein Magda um ihrer selbst willen, und würde sie auf den Knien bitten, mir die Ehre zu erweisen, Marquise von Clameran zu werden, selbst wenn sie völlig unbemittelt wäre. Und um Ihnen, gnädige Frau, die Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu beweisen, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich am Tage meiner Vermählung mit Fräulein Magda Raoul eine Anweisung auf eine Jahresrente von fünfundzwanzigtausend Frank übergebe.« »Bravo! Dieses letzte Argument wird meine Frau Mutter ganz auf deine Seite bringen,« warf Raoul ein. »Gewiß, damit aber der schönen Magda das Opfer nicht gar zu schwer fällt, müssen wir ihren edlen Ritter Bertomy in ihren Augen etwas herabzusetzen suchen. Die Damen müssen erfahren, was für ein schändliches Lasterleben er führt, er spielt, trinkt, lebt im gemeinsamen Haushalt mit einer Dirne . . .« »Die notabene reizend ist; vergiß nicht zu sagen, daß Dame Gypsy wunderschön ist, das wird eine großartige Wirkung hervorbringen.« »Sicherlich, ich werde entrüstet sein und vor Tugend triefen. Nun frage ich, können Tante und Nichte einen Augenblick in der Wahl schwanken? Prosper ein Lump und Habenichts, ich der Träger eines glänzenden Namens, Millionär und Großindustrieller und ein so edler Oheim, der dem bösen Neffen nicht nur verzeiht, sondern sogar glänzend für ihn sorgt. Nun, was sagst du?« »Ich glaube, daß du den richtigen Weg eingeschlagen hast.« »Ja, aber an dir ist es jetzt, weiter zu arbeiten, denn deine neue Rolle beginnt. Sobald dir deine Frau Mama Mitteilung von meinen Vorschlägen gemacht hat – du wirst das Gespräch geschickt zu lenken wissen – also, sobald du erfährst, daß ich für dich sorgen will, bist du entrüstet und empört. Alle Entbehrungen der Welt, Not und Hunger willst du lieber ertragen, als von einem Manne etwas anzunehmen, den du hassen und verachten gelernt hast und so weiter, und so weiter.« »Sehr gut. In pathetischen Rollen bin ich immer großartig – ich sollte eigentlich zum Theater gehen.« »Schön, du bist pathetisch und uneigennützig, aber das hindert dich nicht, plötzlich wieder dein verschwenderisches Leben zu beginnen, du wettest, spielst, verlierst und brauchst Geld und immer wieder Geld . . .« »O, es widerstrebt mir . . .« »Vergiß nicht, daß ich keine Rechenschaft mehr über das verlange, was du erbeutest, alles gehört dir.« »Ja, dann ist es etwas anderes.« »Nur verlange ich, daß es schnell geht, in längstens drei bis vier Monaten muß alles, was Tante und Nichte besitzen, in deine Hände übergegangen sein, sie dürfen kein Geld, keinen Schmuck, nichts Wertvolles mehr haben, müssen völlig ausgeplündert sein.« Louis hatte diese Worte mit so viel Leidenschaft hervorgestoßen, daß Raoul ihn überrascht und verwundert ansah. »Sind dir denn die beiden unglücklichen Geschöpfe so verhaßt?« »Verhaßt!« rief Louis, »du weißt doch, daß ich Magda bis zur Raserei liebe!« »Und da widerstrebt es dir nicht, ihr Kummer zu bereiten?« »Es muß sein. Am Tage, an dem sie durch dich an den Rand des Abgrundes gebracht worden, an diesem Tage erscheine ich als Retter. Sie haßt mich jetzt, aber mein Edelmut, meine Uneigennützigkeit, und vor allem meine große Liebe zu ihr, wird sie entwaffnen. Es gibt kein Weib, das einer großen Leidenschaft auf die Dauer widerstehen könnte . . .« »Du vergißt, daß sie Prosper liebt.« »Sie wird ihn binnen kurzem verachten lernen,« entgegnete Louis mit seinem bösesten Lächeln. »Du weißt, Bertomy befindet sich auf abschüssiger Bahn, er spielt, und Fräulein Nina ist kostspielig – es wird der Tag kommen, wo er mit leeren Händen dastehen wird . . . Er ist Kassierer . . .« »O,« protestierte Raoul, »Prosper ist ehrlich.« »Schön, ich will es glauben, aber wenn man Spielschulden hat, die binnen vierundzwanzig Stunden bezahlt werden müssen, da tritt die Versuchung wohl auch an den Ehrlichsten heran. Und – um es kurz zu sagen, er ist mir im Wege, er muß beseitigt werden, muß so dastehen, daß Magdas Gedanken sich mit Abscheu von ihm wenden. – Und mit deiner Hilfe wird es mir gelingen, ihn in den Sumpf, an dessen Rande er ohnehin steht, hinabzustoßen.« »Du mutest mir da eine Rolle zu, die mir wenig behagt.« »Möchtest du etwa gar auf einmal den Moralischen spielen? Wenn man so noble Passionen hat wie du, und gar keine Mittel, da darf man eben nicht zimperlich sein, wenn es gilt, im trüben zu fischen.« »Ich war leider nie reich genug, um anständig sein zu können,« sagte Raoul seufzend, »aber daß ich zwei wehrlose Frauen foltern, und einen armen Teufel, der mich für seinen Freund hält, ins Verderben stürzen soll, das widerstrebt mir aufrichtig.« Louis lachte und spottete über die »Sentimentalität« seines Herrn Neffen, wie er es nannte, so lange, bis Raoul darüber in Zorn geriet. »Genug,« sagte er, »ich weiß genau, daß ich zu weit gegangen bin, um noch zurücktreten zu können. Es bleibt bei unseren Abmachungen.« Die beiden Spießgesellen schüttelten sich die Hände und trennten sich im besten Einvernehmen. Schon am nächsten Tag begann Raoul seine neue Rolle, er wechselte plötzlich sein Betragen, und aus dem rücksichtsvollen Sohn wurde wieder der leichtsinnige Patron, der immer mit neuen und immer unsinnigeren Geldforderungen an die Mutter herantrat. Sie gab und gab, aber es dauerte nicht lange, so waren ihre Mittel vollständig erschöpft; auch Magda, das Cousinchen, wie er sie nannte, wurde von ihm gebrandschatzt und mußte mit ihren kleinen Ersparnissen und ihrem Taschengelde herhalten. Um sich Geld für ihren leichtfertigen Sohn zu beschaffen, verfiel Frau Fauvel auf schmähliche Auskunftsmittel. Sie kaufte die für den Haushalt nötigen Sachen und Lebensmittel entweder auf Kredit oder sie stellte die Rechnungen, die sie ihrem Manne vorlegte, höher, ja sie erfand sogar Ausgaben, während sie sich in Wirklichkeit auf das Äußerste einschränkte und sich jeden Luxus versagte. Was kommen mußte, kam. Eines Tages stellte Raoul seine Geldforderung ungestümer denn je, er müsse unbedingt sofort 2000 Frank haben. »Aber,« erwiderte Frau Fauvel, »ich besitze nichts mehr, ich habe dir ja alles, alles gegeben – es bleibt mir nur mein Schmuck – wenn er dir helfen kann – so nimm ihn.« Trotz seiner Schlechtigkeit fühlte sich Raoul erröten. Er empfand Mitleid mit der gütigen Frau, die er betrog und beraubte – aber – es blieb ihm keine andere Wahl, er besaß keinen eigenen Willen mehr und mußte den Befehlen eines anderen gehorchen. Er unterdrückte aber gewaltsam seine bessere Regung und sagte barsch: »Gib mir den Schmuck, ich werde ihn verpfänden.« Die unglückliche Frau gab ihm ein Etui mit einem herrlichen Diamantenhalsband. Raoul nahm's mit kurzem Danke und trug es ins Leihhaus. Aber er begnügte sich mit dein einen Stücke nicht, nach und nach leerte sich Frau Fauvels Schmuckkästchen. Armbänder, Ringe, Spangen, Ketten, alles, alles, was sie besaß, wanderte ins Leihhaus, und als er sich noch immer und immer nicht befriedigt zeigte, gab Magda, der unglücklichen Tante zuliebe, auch ihre kleinen Schätze heraus. Frau Fauvel weinte still, aber das junge Mädchen zeigte ihm in ihrem Blicke so viel Verachtung, daß er sich schämte. »Ich kann nicht weiter fortfahren,« sagte Raoul zu seinem Onkel, »wenn es sein muß, will ich auf offener Landstraße die Leute überfallen und ausrauben, aber diese armen wehrlosen Frauen zu Tode martern, dazu fehlt mir der Mut!« Clameran zuckte die Achseln. »Sie tun mir auch leid, aber – Not kennt kein Gebot – übrigens kann die Geschichte nicht mehr lange dauern, je früher du fertig wirst, je besser, dann seid ihr alle erlöst.« Raoul gehorchte, und in der Tat dauerte es nicht lange mehr – der ganze Schmuck war ins Leihhaus gewandert! Da faßte Frau Fauvel den Entschluß, sich an den Marquis zu wenden. Er hatte sich die ganze Zeit über nicht blicken lassen, da er bei seinem ersten Besuche nach seiner Reise von ihr sehr kühl empfangen worden war. Sie fürchtete Magda von ihrer Absicht Mitteilung zu machen, weil sie auf Widerspruch gefaßt war, da sie aber nichts ohne ihr Vorwissen unternehmen wollte, sprach sie mit ihr darüber, und zu ihrer Verwunderung war Magda sofort damit einverstanden. »Je früher du mit dem Marquis sprichst, je besser ist es,« antwortete sie. Frau Fauvel schrieb daher sofort an Clameran und ersuchte ihn, sie am nächsten Tag zu erwarten. Zur festgesetzten Stunde erschien sie im Hotel Louvre. Er empfing sie mit ausgesuchter Höflichkeit, doch ließ er durchmerken, daß er sich noch sehr gekränkt fühle, weil sie ihn verkannt habe. Sie erzählte ihm alles über Raoul und er schien über das Betragen seines Neffen im höchsten Grade entrüstet. »Ich werde den Schelm schon Mores lehren!« rief er. Seine Empörung aber kannte keine Grenzen, als ihm Frau Fauvel mitteilte, Raoul wende sich nur deshalb an sie, weil er von ihm nichts annehmen wolle. »Das ist eine unerhörte Frechheit,« sagte er, »ich habe dem Jungen innerhalb vier Monaten über 20 000 Frank gegeben und zwar nur deshalb, weil er immer drohte, sich an Sie wenden zu wollen, wenn ich ihm nicht willfahre.« Frau Fauvels Gesicht drückte ein Erstaunen aus, das einem Zweifel nicht unähnlich sah. Da erhob sich Clameran, öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und entnahm daraus Schuldscheine, die alle Raouls Unterschrift trugen. Er zeigte sie ihr und sie konnte sich überzeugen, daß die Summe dieser Scheine sich auf 23500 Franken belief. »Und von mir hat er bare 40 000 Frank erhalten, den Schmuck, der über 100 000 wert ist, nicht eingerechnet,« sagte Frau Fauvel außer sich, »was macht der Unglücksmensch mit dem vielen Gelde?« Clameran zuckte vielsagend die Achseln. Dann versprach er Raoul noch selbigen Tages aufzusuchen und zur Rechenschaft zu ziehen, und schließlich sagte er: »Gnädige Frau, wenn Sie durch die Schlechtigkeit meines Neffen in momentane Verlegenheit gekommen sein sollten – mein ganzes Vermögen steht zu Ihren Diensten.« Frau Fauvel lehnte dies Anerbieten zwar mit Dank ab, aber sie war davon gerührt, und als sie nach Hause kam, sagte sie zu Magda: »Ich glaube, wir haben uns geirrt, Clameran ist kein schlechter Mensch.« Aber das junge Mädchen ließ sich nicht so leicht täuschen wie ihre Tante, sie durchschaute das Spiel, war aber machtlos, dagegen anzukämpfen. Inzwischen waren Clameran und Raoul zusammengetroffen. »Bravo,« sagte der Oheim, »du hast deine Sache gut gemacht, die Frauen sind vollständig ausgepreßt, jetzt darfst du keinen Heller mehr verlangen, deine Rolle ist ausgespielt.« »Es ist auch die höchste Zeit, denn wahrlich, ich hab' sie satt. Aber – was denkst du noch zu tun?« »Ich habe noch ein Hindernis aus dem Wege zu räumen.« Raoul verstand, daß er damit Prosper Bertomy meinte. Clameran hatte es sich leicht gedacht, den jungen Mann zu verderben. Raoul hatte mit Geschick den Verleiter gespielt, er zog ihn zu allen kostspieligen Vergnügungen mit, er veranlaßte ihn, hoch zu spielen, aber da Prosper bei allem leidenschaftslos blieb, so verlor er niemals die Herrschaft über sich selbst. Zwar war seine Lage schlimm. Gläubiger drängten ihn und er mußte zu bedenklichen Auskunftsmitteln seine Zuflucht nehmen, allein er wäre unfähig gewesen, eine Schlechtigkeit zu begehen. »Es ist umsonst,« sagte Raoul zu Clameran, »wenn du warten willst, bis sich Prosper an der Kasse vergreift, kannst du bis an den Jüngsten Tag warten, eher schießt er sich eine Kugel vor den Kopf.« »Wir können ja auch das abwarten,« sagte Louis kalt. Und er wartete. Inzwischen war Raoul wieder der gute, liebevolle Sohn geworden. Er stellte seine verschwenderischen Gewohnheiten ein und lebte bescheiden und eingezogen. Um seiner Mutter zu zeigen, wie sparsam er sei, gab er seine kostspielige Stadtwohnung auf und bezog, obgleich es Winter war, ein Landhäuschen in Besinet. Er wollte in der Einsamkeit seine Verirrungen büßen, sagte er; in Wirklichkeit war es ihm sehr angenehm, sich seine Freiheit zu wahren und die Besuche seiner Mutter nicht empfangen zu müssen. Frau Fauvel freute sich der Wandlung und meinte, eine regelmäßige Beschäftigung würde Raoul nur vorteilhaft sein; sie sprach darüber mit ihrem Manne und dieser erklärte sich mit Vergnügen bereit, den jungen Mann in seinem Geschäfte anzustellen. Er hatte Raoul zu verschiedenen Malen nicht unbedeutende Summen vorgestreckt und nahm es der Familie Lagors schon lange übel, daß sie den Jüngling im Müßiggange leben ließe. »Das taugt zu nichts,« sagte er, »ein junger Mensch muß arbeiten, sonst verfällt er auf lauter Dummheiten.« Und der Bankier bot Raoul sofort eine Stelle in seinem Korrespondenzbureau mit einem Anfangsgehalte von 500 Frank monatlich an. Raoul freute sich sehr darüber, aber zu seinem eigenen Leidwesen mußte er auf Clamerans ausdrücklichen Befehl ablehnen und sagen, daß er zum Bankgeschäft keinen Beruf fühle. Herr Fauvel war über diese Ablehnung sehr verstimmt, er sagte Raoul unumwunden seine Meinung und gab ihm zu verstehen, daß er künftig nicht mehr auf ihn rechnen könne. Raoul tat beleidigt und ergriff diesen Vorwand, um seine Besuche einzustellen oder doch einzuschränken; er kam nur hie und da, wenn er den Bankier nicht zu Hause wußte, und nur, um über die Vorgänge im Hause unterrichtet zu bleiben. Clameran begann ungeduldig zu werden. Raoul tat sein möglichstes, um Prosper in die Falle zu locken, aber vergeblich. Eines Tages aber kam den beiden Verbündeten der Zufall zu Hilfe. Raoul hatte ein Spielchen veranstaltet, das ziemlich hoch ging, und nach demselben Prosper, der stark verloren hatte, so viel zugetrunken, daß dieser, der kein besonderer Trinker war, etwas benebelt wurde. Fräulein Gypsy, die mit von der Partie war, wurde gewöhnlich vom Sekt sentimental, und da sie sich über den Mangel an Liebe seinerseits beklagte, verriet er, daß das Stichwort der Kasse ihr Name sei. Raoul begab sich noch in selbiger Nacht zu Clameran, um ihm diese wichtige Mitteilung zu machen. Clameran, der zuerst ärgerlich war, weil Raoul ihn geweckt hatte, geriet vor Vergnügen außer sich. »Jetzt haben wir ihn!« rief er voll Schadenfreude. »Herr Bertomy ist zu tugendhaft, um sich selber an der Kasse zu vergreifen, aber das Stichwort hat der Trunkenbold verraten – das soll er büßen! – Aber warum hast du dich nicht des Schlüssels bemächtigt?« »Es ist nicht nötig, Herr Fauvel läßt den seinen gewöhnlich in der Schublade seines Privatschreibtisches, zu dem die Frau auch einen Schlüssel besitzt.« »Schön, du gehst also zu Frau Fauvel und forderst von ihr durch Güte oder mit Gewalt den Kassenschlüssel . . .« »Es wird nicht viel nützen, denn wie ich weiß, duldet der Bankier keine größeren Summen in der Kasse.« »Ich werde dafür sorgen, daß eine darin ist, ich werde mein Depot für übermorgen früh kündigen, so daß es Prosper schon abends vorher in der Kasse haben wird.« Raoul war verblüfft. Er fürchtete nur Frau Fauvels Widerstand, aber auch diesen Einwand wußte Clameran zu entkräften. Die beiden Verbrecher saßen noch bis zum frühen Morgen beisammen, um genau festzustellen, wie das schändliche Vorhaben ausgeführt werden sollte. Die Sache mußte rasch ins Werk gesetzt werden, damit Prosper nicht etwa inzwischen das Stichwort wechsele, andererseits aber meinte Raoul, könne Clameran das Geld nicht ohne weiteres verlangen, da eine längere Kündigungsfrist bedungen war. »Das allerdings,« versetzte Louis, »aber, wenn ich Fauvel sage, ich benötige das Geld dringend, er erweise mir damit eine besondere Gefälligkeit, wird er einen Stolz darein setzen, mir zu zeigen, daß er jederzeit über große Summen verfügt. Wir haben also nur darauf Bedacht zu nehmen, daß du Frau Fauvel allein zu Hause findest.« »Das trifft für übermorgen zu. Herr Fauvel und Lucian sind zu einem Freunde des Bankiers geladen, und Magda hat wie gewöhnlich ihr Lesekränzchen.« »Also – dann gilt es für übermorgen?« Als sich die beiden Gesellen trennten, konnte sich Raoul eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, ihm graute fast vor dem, was ihm bevorstand. Er war noch jung, kein hartgesottener Verbrecher, ja, er fühlte das Bedürfnis, ehrlich und anständig zu sein. Er begriff Clameran nicht, daß er ohne Not Verbrechen beging und er haßte und verabscheute ihn immer mehr. Aber dies sollte das letzte sein, und er nahm sich fest vor, sich dann von Louis für immer zu trennen. Je näher der Augenblick rückte, desto banger wurde Raoul, und am Abend, als es galt, die Tat zur Ausführung zu bringen, erklärte er Clameran rund heraus, daß er außerstande dazu sei. »Zum Teufel,« rief Louis, »fürchtest du dich etwa?« »Ja,« bekannte Raoul niedergeschlagen, »ich bin kein solcher Henker wie du, ich fürchte mich.« Die völlige Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit Raouls flößte Louis Besorgnis ein. Im letzten Moment durfte sein kühner Plan nicht an der Torheit eines Knaben scheitern. Louis redete ihm daher begütigend zu, erinnerte ihn an das Vermögen, das er ihm dann bar ausbezahlen wolle, versprach ihm noch mehr und sagte schließlich: »Deine ganze Furcht ist weiter nichts als eine nervöse Anwandlung. Ein Gläschen Burgunder wird deine matten Lebensgeister wieder auffrischen.« Er ließ Wein kommen und nötigte Raoul zu trinken. Dieser stürzte rasch einige Gläser des schweren Weines hinunter, aber die Wirkung blieb aus. Die Uhr im Zimmer schlug die achte Stunde. »Es ist Zeit,« sagte Louis. Raoul wurde aschfahl, seine Zähne klapperten. Er wollte sich erheben, aber er vermochte es nicht, die Füße versagten ihm den Dienst. Louis runzelte die Stirne und seine Augen schossen Blitze. Sollten seine Pläne so elend scheitern? Er wollte auffahren, allein er bezwang sich, er sah ein, daß er jetzt Raoul nicht reizen durfte, wollte er nicht alles verderben. Er stand auf und klingelte, als der Kellner erschien, befahl er: »Eine Flasche Portwein und eine Flasche Rum.« Nachdem der Kellner das Verlangte gebracht hatte, mischte Louis ein großes Glas und hielt es Raoul hin. »Trink,« sagte er. Raoul leerte es auf einen Zug. Seine bleichen Wangen röteten sich, er stand auf, schlug auf den Tisch und sagte »Nun zum Henker, ich bin bereit! Vorwärts!« Clameran fand es für geraten, ihn zu begleiten. Als sie auf die Straße traten, verflog aber im Nu die künstliche Energie, die ihm der Alkohol gegeben. Er schwankte und Louis mußte ihn stützen und führen. Raoul glich einem Verurteilten auf dem Wege zum Schafott. Clameran dachte: Wenn er nur einmal im Hause drinnen ist, dann wird sich die Sache ganz von selbst machen. Und laut fragte er: »Hast du alles wohl behalten, was wir ausgemacht haben?« »Ja, ja.« »Und den Revolver . . .?« »Ich habe ihn in der Tasche – laß mich.« Als sie beim Hause angelangt waren, überfiel Raoul ein neuer Schwächezustand. Er zitterte und konnte sich kaum aufrecht halten. »Nein,« stieß er hervor, »es ist zu schändlich, zu feig! Die arme, unglückliche, gute Frau – ich kann nicht!« »Wahrlich,« sagte Clameran verächtlich, »ich habe mich in dir getäuscht, weshalb hast du dich in den Handel eingelassen? Wer keine Courage hat, sollte lieber ehrlich bleiben!« Raoul raffte sich zusammen. Er ging die Treppe hinauf und läutete. Ein Diener öffnete. »Ist die Tante zu Hause?« fragte er. »Die gnädige Frau ist allein im kleinen Salon,« antwortete der Bediente. Und Raoul trat ein. 19. Als Raoul in den kleinen Salon trat, war er so bleich und verstört, blickten seine Augen so irr, daß Frau Fauvel erschreckt auffuhr: »Um Gottes willen, Raoul, was ist dir zugestoßen?« Bei dem Klang dieser Stimme voll mütterlicher Äugst und Zärtlichkeit, erbebte der junge Bösewicht, aber er faßte sich gewaltsam. Es muß sein, sagte er sich und begann dann seine Rolle zu spielen. »Was mir geschehen ist, Mutter, frägst du? . . . Ein Unglück; aber es wird das letzte sein!« »Ein Unglück . . .?« stieß Frau Fauvel zitternd hervor, »o Raoul . . .« Sie wollte ihn umfassen, aber er drängte sie sanft zurück. »Ich bin deiner unwürdig, Mutter, berühre mich nicht . . . Ach, ich weiß ja selbst, daß ich schlecht bin und trotz aller guten Vorsätze immer wieder strauchle. – Ach, ich wäre anders geworden, wenn ich immer dich und meinen edlen Vater gehabt hätte. Aber meine Kindheit war einsam. Fremde, die sich wenig um mich kümmerten und mich mir selbst überließen, waren die Leiter meiner Erziehung. Und so bin ich mit meinen Trieben aufgewachsen, ich bin ehrgeizig und eitel und bin namenlos, ich bin arm und habe Liebhabereien und Laster wie ein Millionär! Als ich dich fand, geliebte Mutter, war es schon zu spät, die bösen Instinkte waren schon erwacht, großgezogen. Dir zuliebe wollte ich mich bessern – ich habe mich oft aufgerafft, aber ach – gerade das neue ungewohnte Leben war es, das mich berauschte; nach so vielen Entbehrungen – ich habe sogar gehungert – konnte ich endlich genießen, und so habe ich den Kopf verloren, mich wie ein Wahnsinniger von dem Taumel der Vergnügungen fortreißen lassen.« Raoul sprach in tiefster Zerknirschung, und Frau Fauvel hörte stumm und entsetzt zu und fürchtete den nächsten Augenblick, der ihr sicher gräßliches enthüllen würde. »Ja,« wiederholte er nach einer Pause, »ich war wahnsinnig und undankbar, ich habe dich durch meine Schlechtigkeit unglücklich gemacht, ich muß mich selber verachten – ich sehe alles ein, aber ach – jetzt ist es zu spät.« »Es ist nie zu spät, ein begangenes Unrecht zu bereuen und gut zu machen, mein liebes Kind,« sagte Frau Fauvel. »O, wenn ich es könnte, aber es ist nicht mehr möglich. Ich bereue, ja, aber meine Besserung hält nicht an – du weißt es ja, Mutter, ich bin ein schwacher Charakter. Meine Absichten sind immer die besten der Welt, aber ich handle wie ein Schurke . . . O Gott, wohin werde ich noch geraten!« »Sprich, was ist geschehen? Ich will alles wissen,« sagte Frau Fauvel angstbeklommen. Raoul zögerte. Als sie aber weiter in ihn drang, ihr alles zu gestehen, sagte er mit dumpfer Stimme: »Ich bin verloren!« »Verloren, du!?« »Ja, denn ich bin entehrt – durch eigene Schuld!« »O Gott!« »Fürchte nichts, Mutter, ich werde den Namen, den du mir gegeben, nicht in den Schmutz ziehen – ich habe wenigstens den Mut, meine Schande nicht zu überleben – und es ist besser, ich verschwinde aus einer Welt, in der ich mich nur eingeschmuggelt habe. – Hast du nicht meine Geburt verfluchen müssen? Habe ich dich nicht unzählige Tränen gekostet? Mutter, ich bin ein Unglücksmensch und darum ist es am besten ich sterbe.« »Du willst sterben, Unseliger?« »Ja, Mutter, es muß sein, die Ehre gebietet es.« »Was hast du getan?« fragte sie leise. »Etwas Ungeheuerliches, Mutter, ich habe fremdes, anvertrautes Geld verspielt.« »Ist die Summe groß?« ' »Nicht übermäßig, aber wir können sie nicht auftreiben. Arme Mutter, habe ich dir nicht schon dein letztes Schmuckstück entrissen, wie ein Räuber?« »Aber der Marquis ist reich, er hat mir sein Vermögen zur Verfügung gestellt, ich will sofort zu ihm fahren . . .« »Mein Onkel ist verreist und kommt erst in acht Tagen zurück, ich muß aber heute gerettet werden, oder – ich bin verloren. Mit zwanzig Jahren hängt man freilich am Leben, aber, wenn es sein muß – ich bin vorbereitet . . .« Und mit diesen Worten zog er den Revolver, den er in der Tasche hatte, halb hervor, lächelte traurig und sagte: »Das ist die beste Arznei für mich.« Frau Fauvel erschrak. »Um Gottes willen, sprich nicht so. Mein Mann wird bald nach Hause kommen, ich will ihm sagen, ich brauche Geld. – Wieviel ist es?« »Dreißigtausend Frank.« »Du sollst sie morgen haben.« »Ich brauche sie heute noch.« »Heute?« rief Frau Fauvel außer sich. »Warum bist du nicht früher gekommen, ich hätte den Kassierer ersucht . . . aber jetzt ist er längst fort.« »Die Kasse!« rief Raoul, als wenn ihn plötzlich ein Gedanke käme. »Weißt du wo der Schlüssel ist?« »Ja.« »Nun, dann . . .« »Sprich nicht weiter, Unseliger!« Er warf sich ihr zu Füßen. »Mein Leben hängt davon ab, Mutter, soll ich sterben?« Ohne eine Antwort erhob sich Frau Fauvel und holte den Schlüssel aus der Schreibtischlade. Aber als Raoul danach greifen wollte, schrak sie wie vor etwas Ungeheuerlichem zusammen. »Nein, nein, es ist unmöglich; es kann, es darf nicht sein.« Raoul machte keinen weiteren Versuch. »Du hast recht,« sagte er traurig. »Ich gehe, lebe wohl, Mutter und gib mir einen letzten Kuß.« »Raoul . . . bleibe noch . . . Was nützt dir auch der Schlüssel, du kennst ja das Stichwort nicht . . .« »Laß es mich immerhin versuchen.« »Aber selbst, wenn du öffnen könntest – André läßt nie viel Geld in der Kasse.« »Laß mich's doch versuchen. Wenn ich wie durch ein Wunder öffnen kann, und durch ein zweites Geld in der Kasse ist, dann soll es uns ein Beweis sein, daß Gott Mitleid mit uns hat.« »Wenn es dir aber nicht gelingt, schwörst du mir, Raoul, daß du nichts Gewaltsames gegen dich unternimmst, sondern bis morgen, bis ich mir Geld beschafft habe, warten willst?« »Ich schwöre bei dem Andenken meines Vaters.« Frau Fauvel gab ihm den Schlüssel und führte ihn zitternd durch das Arbeitszimmer ihres Mannes, die Wendeltreppe hinab zur Kasse. Unterwegs beruhigte sie sich etwas. Das Wunder, das Raoul erhoffte, war unmöglich: ohne Stichwort war die Kasse nicht zu öffnen, und selbst wenn – es waren keine 30 000 Frank darin. Frau Fauvel fürchtete nur eins – den erneuten Verzweiflungsausbruch ihres Sohnes. Als sie im Kassenzimmer angelangt waren, stellte Raoul die Lampe, die er trug, so hoch, daß sie den ganzen Raum erhellte. Dann trat er an die Kasse und schob die Buchstaben auf den Drückern bis sie den Namen Gypsy bildeten. Dabei war er von der Angst gepeinigt, daß Prosper etwa das Stichwort geändert haben könnte, als er den großen Geldvorrat verwahrte. Als Prospers Freund wußte er genau, wie er mit dem Schlüssel zu verfahren hatte. Er hatte ihn oftmals nach Schluß des Geschäfts abgeholt und gesehen, wie er die Kasse öffnete und schloß, ja, auf sein Bitten zeigte ihm Prosper das Verfahren genau. Und jetzt mit Angst und Herzklopfen führte er den Schlüssel zur Hälfte ein und drehte, dann schob er ihn weiter hinein und drehte ein zweites Mal und schließlich stieß er ihn ganz hinein und drehte zum drittenmal – die Kasse sprang auf. Mutter und Sohn stießen gleichzeitig einen Schrei aus. Der seine klang wie Triumph, der ihre war ein Schreckenslaut. »Schließ zu, schließ zu,« rief sie außer sich, »laß sein, komm, komm,« und wie wahnsinnig stürzte sie sich auf Raoul, umklammerte seinen Arm und zog ihn mit solcher Heftigkeit an sich, daß der Schlüssel, den er noch in der Hand hielt, aus dem Schloß an der Schranktür herabglitt, wobei er einen tiefen Strich durch den Firnis zog. Raoul aber hatte schon das Päckchen Banknoten im untern Fache liegen sehen, er ergriff es hastig mit der linken Hand und schob es zwischen Weste und Hemd. Frau Fauvel ließ seinen Arm los, faltete die Hände und bat flehentlich: »Ich beschwöre dich, Raoul, gib das Geld zurück, ich will dir morgen zehnmal mehr verschaffen, nur das tue nicht, um Gottes willen nicht!« Raoul hörte nicht auf sie, mit Gemütsruhe schloß er die Kasse sorgfältig wieder zu. »Raoul, nimm wenigstens nicht mehr als du brauchst, ich werde es dann auf mich nehmen, meinem Manne sagen . . .« »Komm,« unterbrach er sie, »wir dürfen nicht länger hier weilen, man könnte uns überrasche oder der Diener zufällig in den Salon kommen und sich über unsere Abwesenheit wundern.« Frau Fauvel war über Raouls plötzliche Kaltblütigkeit entrüstet. »O, wenn nur André käme, mir wäre es gerade recht,« rief sie außer sich, »ich würde ihm alles sagen, damit er nicht etwa morgen den armen Prosper verdächtigt – nein, einen Unschuldigen lasse ich nicht opfern – das geht denn doch zu weit!« Sie hatte mit so lauter Stimme gesprochen, daß Raoul Angst bekam. Wenn ein Bureaudiener in der Nähe wäre und sie hörte! »Komm,« sagte er und ergriff Frau Fauvel am Arm und versuchte sie fortzuziehen. Aber sie sträubte sich und klammerte sich, an einen Tisch an. »Nein, ich gehe nicht früher als bis du das Geld in die Kasse zurückgelegt hast.« Raoul lachte höhnisch auf. »Aber begreifst du denn nicht, daß ich mit Prosper im Einverständnis handle, daß er mich geschickt hat und die Beute mit mir teilen will?« »Das ist nicht wahr, Prosper ist ehrlich.« »Ei, bin ich es etwa nicht? Aber wir brauchen Geld!« »Du lügst, Prosper ist unschuldig.« »So, also glaubst du wirklich, daß das Geld nur zufällig in der Kasse war und ich das Stichwort erraten habe? Nein, meine teure Mutter, dein tugendhafter Prosper hat die Bankscheine vorbereitet und mir das Stichwort gesagt.« Raoul ergriff die Lampe und drängte Frau Fauvel gegen die Treppe. Die letzte Mitteilung ihres Sohnes hatte sie so erschüttert, daß sie jeden Widerstand vergaß. Sie schwankte und Raoul mußte sie stützen und führen. Oben angelangt, gab er ihr den Schlüssel, damit sie ihn in die Lade zurücklege. Er mußte die Aufforderung zweimal wiederholen, sie schien kaum zu hören, endlich gehorchte sie mechanisch. Dann führte er sie in den kleinen Salon zurück und ließ sie in einem Lehnsessel niedersitzen. Die arme Frau war völlig gebrochen, sie starrte mit leeren Augen vor sich hin und Raoul fürchtete für ihren Verstand. »Komm zu dir, geliebte Mutter,« sagte er und versuchte ihre kalten Hände zu erwärmen, »glaube mir, es ist nichts Schlimmes geschehen, im Gegenteil, du hast mir das Leben gerettet und Prosper einen ungeheuren Dienst erwiesen. Er ist zwar gefaßt, daß man ihn verhaften wird, aber da sich seine Schuld nicht beweisen läßt, muß er freigesprochen werden.« Raoul sprach noch lange auf seine Mutter ein, aber sie schien nicht zu hören oder nicht zu verstehen; sie wiederholte nur von Zeit zu Zeit: »Das ist mein Tod, das überlebe ich nicht.« Ihre Stimme war wie gebrochen und klang so verzweifelt, daß Raoul vom tiefsten Mitleid ergriffen wurde. Schon wollte er ihr das Geld zurückgeben, da aber dachte er an Clameran und seufzend erstickte er seine bessere Regung. Es war Zeit für ihn, sich zu entfernen, wie leicht konnte Magda, konnte der Bankier nach Hause kommen und Aufklärung über den Zustand Frau Fauvels verlangen. Er drückte daher einen leisen Kuß auf die Stirne seiner Mutter und entfernte sich verstohlen. Clameran erwartete seinen Spießgesellen mit größter Ungeduld, als er endlich erschien, eilte er ihm erregt entgegen und fragte nur: »Nun?« »Es ist nach deinem Wunsche geschehen, und dir danke ich es, daß ich der niederträchtigste Schurke von der Welt bin!« Er zog das Päckchen mit den Banknoten hervor, warf sie auf den Tisch und sagte: »Da hast du das Geld, das drei Leuten die Ehre, vielleicht das Leben kostet!« Clameran achtete nicht der Worte Raouls, er betastete mit fieberhaft zitternder Hand die Scheine. »Endlich,« sagte er, »nun ist Magda mein!« Dann wandte er sich an Raoul und fragte lächelnd: »Hat's schwer gehalten?« »Ich verbiete dir,« rief Raoul außer sich, »hörst du wohl, ich verbiete dir je wieder von diesem Abend zu sprechen. Ich will ihn zu vergessen trachten!« Clameran zuckte die Achseln. »Wie du willst,« sagte er ruhig, »aber vielleicht verschmähst du dies Andenken doch nicht. Nimm dies Geld, es sind 35 000 Frank, sie gehören dir.« »Unserem Vertrage nach gebührt mir weit mehr,« versetzte Raoul. »Es soll auch nur eine Abschlagszahlung sein. Das übrige bekommst du, wie vereinbart, an meinem Hochzeitstage.« »Schön, ich will mich gedulden, aber das sage ich dir – mute mir keine Schurkereien mehr zu – ich würde mich entschieden weigern noch mehr solche Aufträge, wie den heutigen, auszuführen.« »Nein, sei außer Sorge, du kannst dir jetzt den Luxus, moralisch zu werden, gönnen, deine Rolle ist zu Ende, nun trete ich auf den Plan.« 20. Eine Stunde war verflossen seit Raoul sich entfernt hatte, und Frau Fauvel saß noch immer in völliger Erstarrung da, unfähig sich zu regen, unfähig zu denken. Erst nach und nach kam ihr das Gefühl ihrer Lage zurück. Jetzt begriff sie, daß sie sich von Raoul hatte schmählich betrügen lassen, daß er sie kaltblütig gefoltert und auf ihre blinde Mutterliebe gerechnet hatte. Ob Prosper wirklich Raouls Mitschuldiger war? Sie mußte es annehmen, nach dem, was ihr Sohn ihr gesagt hatte. Und nun quälte sie auch noch eine andere Frage: konnte, durfte sie Magda von dem Vorgefallenen verständigen? Nach langen Erwägungen beschloß sie das fürchterliche Erlebnis geheim zu halten. Sie begab sich zur Ruhe noch ehe die Ihren heimkehrten. Aber Ruhe fand sie nicht. Die ganze Nacht war für sie eine endlos lange, unerträgliche Qual. Und so lang sie schien, so fürchtete sie doch den kommenden Tag, sie zählte die Stunden: »Noch sechs – noch drei – ach, in der nächsten – in wenigen Augenblicken wird alles entdeckt sein! O Gott, o, großer Gott, was dann, was dann?« So jammerte sie. Der Tag kam, sie wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie fühlte sich unsäglich schwach und Krämpfe schüttelten sie. Sie sank in ihre Kissen zurück und erwartete schaudernd, was kommen mußte. Magda war auf Mitteilung der Kammerfrau, daß die gnädige Frau sehr unwohl sei, besorgt herbeigeeilt. Sie fand den Zustand der Tante so bedenklich, daß sie den Onkel verständigen wollte und entfernte sich, um ihn zu holen. Nach einigen Minuten aber erschien sie wieder. Sie war bleich wie der Tod und bebte am ganzen Leibe. »Weißt du, was vorgeht, Tante? Man beschuldigt Prosper eines Diebstahls und er soll verhaftet werden!« Frau Fauvel stöhnte. »Der Marquis oder Raoul haben da ihre Hand im Spiele,« fuhr Magda erregt fort. »Wie wäre das möglich . . .?« »Das weiß ich nicht, aber Prosper ist unschuldig, ich habe ihn eben gesehen, gesprochen – er hätte es nicht gewagt, mir in die Augen zu sehen, wenn er schuldig wäre.« Schon öffnete Frau Fauvel den Mund, um ihrer Nichte alles zu sagen, als der Bankier eintrat. »Der Elende . . .,« stammelte er zitternd vor Wut, »er wagt es, mich zu verdächtigen . . . und dieser Marquis von Clameran, der meine Solvenz in Zweifel zieht . . .« Und mit kurzen Worten erzählte er, was sich zugetragen hatte. »Aber ich habe es längst kommen sehen,« schloß er, »bei dem schlechten Lebenswandel, den Prosper seit Jahr und Tag führt!« Am Nachmittage, Herr Fauvel befand sich in seinem Arbeitszimmer, meldete der Diener plötzlich den Marquis von Clameran. Der Bankier war über diese Frechheit empört, doch bezwang er sich und sagte: »Ich lasse bitten.« Doch der Diener kam zurück und sagte, der Herr Marquis sei unten im Bureau und lasse den Herrn Fauvel bitten, seinen Besuch dort zu empfangen. Fauvel war über diese Zumutung entrüstet und ohne seinen Zorn zu verbergen, begab er sich hinab. »Was wünschen Sie, Herr Marquis?« sagte er barsch. »Sie haben ja Ihr Geld erhalten.« »Sie sind mir böse, Herr Fauvel,« entgegnete Clameran mit ausgesuchter Höflichkeit, »und ich habe es verdient. Ich habe Ihnen unrecht getan und ich komme, um Ihnen Abbitte zu leisten. Ich habe Sie ersuchen lassen, mich hier zu empfangen, weil ich wünschte, daß die Herren hier, die heute morgen Zeugen meines ungerechtfertigten Betragens waren, auch hören sollen, daß ich Sie bitte, meine Entschuldigungen entgegenzunehmen.« Clamerans gegenwärtiges Betragen stand so im Gegensatz zu seinem sonstigen Hochmut, daß Fauvel aufs äußerste überrascht war. »Ich muß gestehen,« entgegnete er, »Ihre Anspielungen, Ihre Zweifel . . .« »Nochmals bitte ich, verzeihen Sie. Ich war ärgerlich, erregt, und verlor die Herrschaft über mich selbst. Trotz meiner grauen Haare bin ich noch heftig und unbedacht wie ein Jüngling. Aber ich bereue mein Vergehen, ich versichere Sie.« Fauvel, der selbst jähzornig war, aber seine Heftigkeit stets gleich bereute, hatte Verständnis für Clamerans Betragen, und da er ihm jetzt mit solcher Herzlichkeit entgegenkam, war er entwaffnet. Er streckte dem Marquis die Hand entgegen und sagte: »Es sei alles vergessen, Herr Marquis.« Sie unterhielten sich noch einige Minuten freundschaftlich, dann erklärte Clameran, daß er sich gern bei Frau Fauvel melden lassen möchte, aber fürchte, vielleicht lästig zu fallen. »Die gnädige Frau ist sicher sehr aufgeregt wegen der peinlichen Angelegenheit,« sagte er. »Ja, aber ein wenig Zerstreuung wird ihr gut tun und sie wird sich über Ihren Besuch freuen. Ich aber muß leider wegen der unseligen Sache aufs Polizeikommissariat.« Frau Fauvel war noch immer sehr leidend, aber sie hatte ihr Zimmer verlassen und lag nun im kleinen Salon auf dem Ruhebette. Magda saß neben ihr. Als der Marquis gemeldet wurde, fuhren beide entsetzt empor. Er trat ernst und gemessen ein und verneigte sich grüßend. Frau Fauvel wies ihm einen Sitz an, aber er blieb stehen. »Sie werden mich entschuldigen, meine Damen, wenn ich Sie störe, aber ich habe eine Pflicht zu erfüllen . . .« Und da er keine Antwort erhielt, fügte er leise hinzu: »Ich weiß alles .« Frau Fauvel sah nun voraus, daß er das Geheimnis vor Magda enthüllen würde und sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihm am Sprechen verhindern, er aber schien es nicht zu bemerken, er wandte sich Magda zu, welche sagte: »Bitte, wollen Sie sich deutlicher erklären.« »Erst seit einer Stunde weiß ich selbst das Fürchterliche, weiß, daß Raoul seine Mutter zwang ihm den Kassenschlüssel auszuliefern und . . .« Schreckensbleich und entsetzt sprang Magda empor. Sie faßte die Tante am Arme und sagte tonlos: »Ist das wahr?« »Ach Gott, ach Gott,« stöhnte Frau Fauvel und barg ihr Gesicht in beiden Händen. »Und du hast zugeben können, Tante, daß Prosper angeklagt und ins Gefängnis geworfen wurde?« »Prosper war im Einverständnis mit Raoul,« sagte Frau Fauvel mit leiser Stimme. »Wie, das kannst du glauben?« rief Magda empört. »Unglücklicherweise ist das, was Ihre Frau Tante sagt, die reine Wahrheit,« fiel Clameran ein. »Wer anders als er hat das Stichwort verraten, wer das Geld in der Kasse belassen?« Diese Einwände schienen auf Magda keinen Eindruck zu machen. Sie sah den Marquis verächtlich an und fragte: »Wissen Sie etwa, was aus dem Gelde geworden ist?« Diese Beleidigung traf Clameran wie ein Schlag ins Gesicht, er wurde aschfahl, aber er faßte sich sogleich und sagte: »Es wird der Tag kommen, gnädiges Fräulein, an dem Sie bereuen werden, so ungerecht gegen mich gewesen zu sein. Ihnen aber, gnädige Frau, bin ich noch Aufklärung über den Zweck meines Besuches schuldig . . . Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich mich als Onkel und Vormund verpflichtet halte, den durch Raoul angerichteten Schaden gut zu machen; mein Neffe hat 350 000 Frank entwendet. Ich bringe Ihnen diese Summe – es ist mehr als die Hälfte meines Vermögens, aber ich würde freudig alles, was mir noch bleibt, hergeben, wenn ich dadurch Raouls Besserung erkaufen könnte . . .!« Frau Fauvel war tief gerührt. »Nun sind wir gerettet, ich danke Ihnen, Herr Marquis,« sagte sie, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte. »Sie sind gut, Sie sind edel!« Aber Magda war nicht so leicht gewonnen. »Was sollen wir mit dem Gelde?« fragte sie. »Frau Fauvel wird es ihrem Gatten zurückerstatten.« »Das ist unmöglich, die Tante müßte Raouls Verbrechen eingestehen, sich selbst anklagen – das kann nicht, darf nicht geschehen – nehmen Sie Ihr Geld zurück, Herr Marquis, Ihre – Großmut kann uns nicht helfen.« Clameran verbeugte sich. »Ich verstehe Ihre Weigerung und gehorche. An mir aber wird es sein den geeigneten Weg, das Geld zurückzuerstatten, ausfindig zu machen.« Er erhob sich, um sich zu verabschieden. »Sie wissen nicht, gnädiges Fräulein, wie schmerzlich mir Ihre Ungerechtigkeit ist,« sagte er, »ich habe, nach dem Versprechen, welches Sie die Gnade hatten, mir zu geben, auf einen anderen Empfang gehofft.« »Mein Versprechen werde ich halten, aber erst bis ich sichere Bürgschaft habe.« »Bürgschaft? Welche Bürgschaft und wofür? »Wer bürgt mir, daß nach meiner Verheiratung Raoul seine Mutter nicht aufs neue bedroht? Sie wollen ihm meine Mitgift geben, aber für einen Verschwender seiner Art ist dies Geld wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Stehen Sie mir gut dafür, daß die Tante vor ihm für immer Ruhe hat, und wie kann ich Ihnen glauben?« »Was soll ich nur tun, um Sie von der Ehrlichkeit meiner Gesinnungen zu überzeugen? Soll ich versuchen Herrn Bertomy zu retten?« »Ich danke für Ihr Anerbieten,« entgegnete Magda kalt, »wenn Prosper schuldig ist, mag er zugrunde gehen, ist er unschuldig, so wird Gott ihn beschützen.« Clameran verbeugte sich stumm und ging, da sich die Damen zur Verabschiedung erhoben hatten. »Das Mädchen hat Charakter,« dachte er, »und ich liebe sie wahnsinnig, sie ist so schön, so stolz! Sie muß mein werden! Aber wie kann ich ihr die verlangte Bürgschaft geben, wie beweisen, daß Raoul seine Mutter nicht mehr quälen wird?« Clameran war wütend, so nahe am Ziel, gab es ein neues Hindernis, Raoul stand ihm im Wege – ei, der Bursche mußte einfach beseitigt werden! Freilich, er war mißtrauisch und klug, es würde keine leichte Arbeit sein, allein – was halfs – es mußte sein! Magda hingegen freute sich ihres glücklichen Einfalls, nun hielt sie Clameran im Schach, sie hatte Zeit und damit viel gewonnen. Durch Herrn Fauvel erfuhr sie und die Tante das Ergebnis der Untersuchung gegen Prosper, sie wußten, daß er jede Schuld in Abrede stellte, und schließlich wegen Mangel an Beweisen freigelassen worden war. Frau Fauvel glaubte an Prospers Schuld, ja sie hielt ihn sogar für den Verführer ihres trotz alle- und alledem teueren Sohnes. Magda dagegen war von Prospers Schuldlosigkeit in ihrem innersten Herzen überzeugt, und als sie von seiner Freilassung erfuhr, erbat sie sich von ihrem Onkel – für einen wohltätigen Zweck, wie sie sagte – 10 000 Frank, die sie Prosper zukommen ließ. In dem Begleitbriefe, zu dem sie Buchstaben aus ihrem Gebetbuche schnitt, empfahl sie ihm Frankreich zu verlassen und jenseits des Ozeans ein neues Leben zu beginnen. Ein geheimer, ihr vielleicht selbst nicht ganz klarer Gedanke leitete sie, sie wollte, falls sie genötigt war, den verhaßten Clameran zu heiraten, den geliebten Mann weit entfernt wissen. Unterdessen stellten sich für Frau Fauvel die Folgen ihrer allzu großen Freigebigkeit gegen Raoul ein. Die Lieferanten, die sich lange geduldet hatten, drängten endlich auf Bezahlung ihrer Rechnungen und drohten, sich an den Bankier selbst zu wenden. Dazu kamen Toilettesorgen. Die beiden Damen hatten allerlei Vorwände gebraucht, um keine Bälle und Gesellschaften besuchen zu müssen – nur um keine Toiletteausgaben zu haben, aber nun kam der Ball bei Fauvels bestem Freunde, Jandidier, und sie konnten sich nicht weigern hin zu gehen. Woher aber sollten sie Geld zu den Kostümen nehmen? Schon schuldeten sie der Schneiderin eine bedeutende Summe. Da kam ihnen unerwartet Hilfe. Magdas neues Kammermädchen Anna erzählte ganz zufällig von einer geschickten Schneiderin, die erst Anfängerin war, aber genügend Kapital besaß, um Stoffe und alles liefern zu können. Diese Schneiderin würde glücklich sein, durch die Kundschaft der Damen Fauvel zu Ansehen zu gelangen. Das war ein Ausweg, aber nun fehlte es ihnen an Schmuck. Sollte Frau Fauvel ohne ihre Brillanten zum Balle gehen? Auch Magdas Kostüm als Edeldame erforderte Geschmeide. Da kam das junge Mädchen auf den Gedanken, Raoul solle von dem gestohlenen Gelde wenigstens so viel hergeben, um den Schmuck auslösen zu können. »Schreibe Raoul, daß du ihn zu sprechen wünschest,« sagte sie zu Frau Fauvel, »und dann fahre ich hin.« Und in der Tat, am nächsten Abend fuhr das tapfere Mädchen nach Besinet. Aber ihr Schritt war nutzlos. Raoul behauptete mit Prosper geteilt, seinen Anteil aber schon verschwendet zu haben. Auch die Pfandscheine wollte er nicht herausgeben – er handelte nach Clamerans strenger Weisung – und es gelang Magda nur, ihm einige, die geringe Schmuckgegenstände betrafen, zu entreißen – was hätten ihr auch alle geholfen, da sie doch nicht das Geld besaß, die Kostbarkeiten auszulösen! – Frau Fauvel mußte ohne Brillanten, überhaupt ohne Schmuck auf den Ball gehen! – – – Clameran und Raoul lebten in beständigem Hader miteinander, aber angesichts einer gemeinsamen Gefahr söhnten sie sich wieder aus. Der geheimnisvolle Bajazzo und seine Andeutungen erschreckten sie so sehr, daß sie ihn zu ermorden versuchten; als ihr Attentat vereitelt war, und sie gar seine Spur verloren hatten, überfiel sie jäher Schrecken. »Wir müssen auf unserer Hut sein,« sagte Clameran, »ich fürchte, wir erfahren nur zu bald, wer der Mann ist.« Raoul bat und beschwor Louis auf Magda zu verzichten. »Noch ist es Zeit, komm, fliehen wir.« »Nein,« versetzte Clameran leidenschaftlich, »Magda muß mein werden oder ich gehe zugrunde.« Und ruhiger geworden, fügte er hinzu: »Fürchte nichts, wir sind ja jetzt gewarnt – uns kann nichts geschehen!« 21. Verduret schloß das Manuskript, hob den Kopf und blickte Prosper lächelnd an. »Nun, was sagen Sie dazu?« Prosper hatte erstaunt, erschüttert zugehört. Wie war es dem außerordentlichen Manne nur möglich gewesen, all dies in so kurzer Zeit in Erfahrung zu bringen! Verwundert fragte er Verduret, wie das nur möglich gewesen? »Ja,« antwortete dieser heiter, »man kann viel leisten, wenn man nur den guten Willen dazu hat. Und nun, lieber Freund, freuen Sie sich, noch ehe acht Tage ins Land gehen, habe ich unsere beiden Spitzbuben ins Garn gelockt, Ihre Ehre ist wieder hergestellt, und ich habe mein Versprechen, das ich Ihrem Vater gab, eingelöst.« »Ist's möglich – wie kann ich Ihnen danken . . .« »Danken Sie mir nicht, erzählen Sie mir lieber, was Sie die ganze Zeit über gemacht haben?« Prosper wurde verlegen. Er hätte seinen törichten Streich gerne verheimlicht, aber er sah ein, daß er das nicht durfte, vielmehr dem Manne, der sich seiner in so edler selbstloser Weise annahm, die Wahrheit schulde. »Ach Gott, ich war ein Narr,« sagte er, »ich habe in der Zeitung die Verlobungsanzeige Magdas gelesen . . .« »Nun – und . . .?« fragte Verduret besorgt. »Und da habe ich Herrn Fauvel einen anonymen Brief geschrieben. . .« Verduret schlug mit der Faust ingrimmig auf den Tisch. »Sie Unglücksmensch,« rief er zornig, »nun haben Sie mir vielleicht alles verdorben!« »Aber . . .« »Schweigen Sie, wollen Sie Ihre Dummheit etwa gar noch rechtfertigen? Was hatte ich Ihnen denn ausdrücklich gesagt?« »Ich sollte mich ruhig verhalten.« »Nun – und?« »Es war abends,« berichtete Prosper kleinlaut, »ich hatte von der Zimmerluft Kopfschmerzen und ging ein wenig spazieren, unseligerweise bekam ich Lust, in ein Kaffeehaus einzutreten – da las ich in der Zeitung die Unglücksnachricht und habe den Kopf verloren . . .« »Hatte ich Sie nicht gebeten, Vertrauen zu mir zu haben?« »Ja, aber Sie waren fort, ich fürchtete, die Ereignisse würden Sie überraschen . . .« »Nur Dummköpfe lassen sich von Unvorhergesehenem überraschen und aus der Fassung bringen,« versetzte Verduret kurz. »Sie haben mir mit Ihrer – Voreiligkeit einen schlechten Dienst erwiesen und sich selber auch, aber da der Fehler nun einmal geschehen ist, müssen wir wenigstens trachten, die Folgen so gut als möglich abzuwenden. – Wann haben Sie den Brief aufgegeben?« »Gestern abend – ach, ich bereute es sogleich.« » Vorbedacht wäre gescheiter gewesen als nachträgliche Reue. – Fauvel dürfte also den Brief mit der heutigen Morgenpost erhalten haben. Wo ist er um diese Zeit?« »In seinem Arbeitszimmer.« »Also war er allein. – Können Sie sich an den genauen Wortlaut Ihres sauberen Schreibens erinnern?« »Ja, ich schrieb: Sie haben Ihren Kassierer dem Gerichte überliefert, weil Sie ihn für unredlich hielten. Aber wenn Sie meinen, daß er Ihre Kasse beraubte, glauben Sie, daß auch er es war, der die Diamanten Ihrer Frau ins Leihhaus getragen? An Ihrer Stelle würde ich die Sache nicht wieder bei Gericht anzeigen, sondern vorher ein wenig meine Frau überwachen, auch würde ich, aufrichtig gestanden, dem fremden, plötzlich dahergeschneiten Neffen etwas mißtrauen. Was aber den ehrenwerten Herrn Marquis von Clameran betrifft, so täten Sie vielleicht gut, ehe Sie den Heiratskontrakt Ihrer Nichte unterzeichnet, sich auf der Polizei nach ihm zu erkundigen. Ein Freund. – Dies ist der genaue Wortlaut.« »Ein richtiger anonymer Brief – ganz niederträchtig!« rief Verduret. »Merkwürdig! Sie betreiben ja die Sache nicht berufsmäßig! . . . Die Wirkung des Briefes muß eine schreckliche gewesen sein . . . Ist Fauvel heftig?« »Furchtbar heftig und jähzornig.« »Dann ist die Sache vielleicht wieder gut zu machen.« »Sie meinen? Ich fürchte im Gegenteil, eben darum . . .« »Ich meine, jeder gebildete Mensch von hitzigem Temperament kennt sich selbst und trachtet der ersten Aufregung nicht nachzugeben. Wenn sich aber Fauvel nicht beherrschen konnte, wenn er sofort zu seiner Frau gestürzt ist und gefragt hat: wo sind deine Diamanten – dann ist alles verloren . . .« »Wieso?« »Weil, wenn es zwischen dem Ehepaar Fauvel zur Aussprache kommt, uns unsere beiden Galgenvögel davonfliegen und das wäre aus mehrfachen Gründen fatal. Übrigens muß ich noch einiges in Erfahrung bringen – wir wissen noch nichts über Raouls Vorleben. Ich habe in London Verbindungen – in den nächsten Tagen erwarte ich Antwort auf meine Fragen. Aber jetzt, lieber Prosper, lassen wir das Plaudern, es gibt noch mancherlei zu tun.« Verduret ging an die Klingel und läutete, Frau Alexandrine erschien in eigener Person. »Ich muß sobald als möglich Ihren – will sagen Josef Dubois und Fräulein Anna sprechen. Und jetzt möchte ich mich ein wenig ausruhen, ich habe seit drei Nächten nicht geschlafen. Sie erlauben wohl,« sagte er zu Prosper und warf sich ohne Umstände angekleidet auf dessen Bett. »Wenn jemand kommt, wecken Sie mich.« Fünf Minuten später schlief er fest. Prosper, der ebenfalls die ganze Nacht kein Auge geschlossen, warf sich in einen Lehnstuhl. Aber er fand keinen Schlaf, zu lebhaft beschäftigte ihn der Gedanke, wer nur sein Retter sein mochte? Verduret hatte kaum ein Stündchen geschlafen, als es an der Tür pochte und Josef, der Bediente Clamerans eintrat. »Endlich sind Sie wieder da, Meister,« rief er, »es ist, glaub' ich, die höchste Zeit; wenn Sie die Vögel fangen wollen, müssen Sie sich beeilen, denn ich glaube, die Kerle haben nicht übel Lust fortzufliegen.« »Zum Teufel! Da hast du wohl eine Unvorsichtigkeit begangen?« »Sie sind seit dem Balle schon etwas unruhig, der Bajazzo will ihnen nicht aus dem Kopf. Aber gestern hat sich etwas ereignet . . .« »Was? Mach rasch.« »Gestern kommt es meinem Herrn Marquis in den Sinn, seine Papiere im Schreibtisch in Ordnung zu bringen. Plötzlich wird er aschfahl und stößt einen Fluch aus . . . Gräßlich! Er besieht die Papiere nochmals und nochmals, beschnüffelt sie sogar und auf einmal fährt er mit funkelnden Augen in die Höhe und stürzt auf mich los – ich war gerade am Kamin beschäftigt, das Feuer zu schüren, weil es ein naßkaltes Wetter war und er die Wärme liebt. Er also fährt auf mich los und brüllt: Wer war hier, wer hat meine Papiere in Händen gehabt? Ich sage so ruhig wie möglich: Niemand war da, wer sollte auch Ihren versperrten Schreibtisch öffnen? Er aber packt mich, schüttelt mich wie einen Pflaumenbaum, daß ich meine, die Seele fährt mir aus dem Leibe und schreit: Ja, man hat an meine Papiere gerührt, dieser Brief ist sogar photographiert worden. – Ich war sprachlos, wie hat er es nur merken können? Ich bin doch vorsichtig zu Werke gegangen. Aber er ist eben ein geriebener Schuft. Siehst du den Fleck da, rieche – das ist Chlor, sagte er. Und er schrie und tobte weiter, dann ließ er den Zimmerkellner kommen und fragte ihn aus, aber englisch, dann wurde er ruhiger und als der Kellner gegangen war, gab er mir ein Zwanzigfrankstück und sagte, es täte ihm leid, so heftig gewesen zu sein, du bist zu dumm für das, was ich dir zutraute, fügte er hinzu.« »Und du glaubst, daß er das wirklich dachte?« fragte Verduret. »Ja warum denn nicht?« »Nun, es scheint, daß du wirklich nicht sehr schlau bist.« »Es kann schon sein, daß Ihre Meinung die richtige ist, Meister. Er ließ sich nämlich diesmal nicht von mir fahren, sondern nahm den Hotelwagen . . .« »Du bist ihm aber doch gefolgt?« »Natürlich. Er begab sich auf die Bank von Frankreich und dann zu einem Wechsler – ich glaube, der Herr Marquis trifft Reisevorbereitungen. – Das ist alles. Was habe ich jetzt zu tun, Meister?« »Du mußt sofort nach Hause gehen, dein Herr wird deine Abwesenheit bemerkt haben, aber nichts sagen, du fährst also fort . . .« Ein Ausruf Prospers, der am Fenster stand, unterbrach Verduret. »Was gibt's?« fragte er. »Clameran . . .« Mit einem Satze waren Verduret und Josef am Fenster. »Wo?« »Dort, an der Brücke, hinter dem Zelte der Orangenverkäuferin.« In der Tat, der Herr Marquis stand dort und lauerte. Er mußte seinem Diener unbemerkt gefolgt sein und wartete nun offenbar, bis daß er wieder aus dem »Erzengel« heraus käme. »Du siehst nun, wie recht ich hatte,« sagte Verduret zu Josef, »nun hilft nur eins, der Bediente in der hübschen Livree muß verschwinden, geh zu deiner – ich meine zu Frau Alexandrine – du verstehst mich.« Ohne ein Wort der Entgegnung verbeugte sich Josef und ging. Es dauerte keine zehn Minuten, da öffnete sich die Tür wieder und statt des nettgekleideten Dieners mit dem frischrasierten freundlichen Gesichte, trat ein sonderbar aussehender Mann ein. Er trug einen schäbigen schwarzen Anzug, der Rock war hoch zugeknöpft und ließ keinen weißen Halskragen sehen, dafür aber war die Krawatte wie ein Strick um den Hals gebunden und der Hut, den der Mann zwischen den Händen drehte, war so fettig, daß man ihn hätte auskochen können – mit einem Wort, Josef Dubois, der vornehme Lakai, hatte sich wieder in Fanferlot, den Polizeiagenten zurückverwandelt. Bei seinem Eintritt erschrak Prosper, er erkannte den kleinen Mann, der bei seiner Verhaftung gegenwärtig gewesen, gar wohl. »Bravo,« sagte Verduret, »der Polizist, wie man ihn nicht schöner wünschen kann, du hast mich richtig verstanden, mein liebes Eichhörnchen.« Fanferlot errötete vor Vergnügen über das Lob seines Meisters. »Was habe ich jetzt zu tun?« »Geh' zur Hintertüre hinaus und nimm auf dem Kai Aufstellung, aber so, daß dich Clameran bemerken muß. Er wird natürlich sofort die Polizei wittern und merken, daß, während er auf der Lauer liegt, ihm selber aufgepaßt wird. Da wird er Reißaus nehmen und versuchen, dich auf eine falsche Fährte zu führen. Es gilt also, die Augen offen halten. Der Kerl ist schlau, laß ihn dir nicht entwischen.« »Ei, ich bin doch kein Neuling!« »Um so besser. Also vorwärts, rasch, es ist keine Zeit zu verlieren!« Als Fanferlot sich entfernt hatte, nahmen Verduret und Prosper wieder ihren Beobachtungsposten am Fenster ein, aber noch ehe der Polizeiagent unten erschien, klopfte es an der Türe und Nina Gypsy, jetzt Anna Dupont, trat ein. Das arme Mädchen war gänzlich verwandelt, früher lebhaft, fröhlich, heiter bis zur Ausgelassenheit, war sie jetzt ernst und still, und ihren schönen Augen konnte man es ansehen, daß sie in letzter Zeit viel geweint hatten. Sie grüßte Prosper scheu, wie einen Fremden, und wandte sich sogleich an Verduret, der sie mit väterlicher Freundlichkeit empfing. »Nun, mein liebes Kind, was gibt es Neues?« »Ich weiß nichts Bestimmtes, ich vermute nur, daß sich etwas Schreckliches vorbereitet. Frau Fauvel schleicht wie ein Schatten durchs Haus und sieht aus, als ob sie nicht mehr zurechnungsfähig wäre, und der Herr ist seit gestern ganz verwandelt. Sonst die Güte und Freundlichkeit selbst, ist er jetzt höchst gereizt und sieht aus, als müßte er sich gewaltsam zusammennehmen, um nicht loszubrechen. Seine Augen haben einen sonderbaren Ausdruck bekommen, der geradezu schrecklich wird, wenn sein Blick auf seine Frau fällt.« »Habe ich es Ihnen nicht vorausgesagt, Prosper,« rief Verduret, »der unglückliche Mann hat sich beherrscht, hat Beweise gesucht und mag sie schon gefunden haben.« »Ja,« sagte Nina, »jetzt komme ich darauf, kein Zweifel, Herr Fauvel weiß alles.« »Das heißt, er glaubt alles zu wissen, und das ist allerdings noch schrecklicher als die Wahrheit.« »Jetzt verstehe ich erst den Befehl, den Herr Fauvel seinem Kammerdiener gegeben hat.« »Was für einen Befehl?« »Herr Cavaillon will gehört haben, wie Herr Fauvel den Kammerdiener beauftragte, ihm sämtliche Briefe, an wen sie auch seien, zu überbringen.« Verduret schien das Gehörte zu überdenken. »Ich danke Ihnen, liebes Kind,« sagte er nach einer Pause. »Gehen Sie schnell nach Hause und beobachten Sie jede Geringfügigkeit genau, und wenn etwas vorfällt, benachrichtigen Sie mich sofort. Adieu.« Aber Nina ging nicht sogleich. Sie hob schüchtern den Blick und fragte leise: »Und Caldas?« Prosper fiel der Name, den er schon einmal, er wußte nicht mehr wann und wo, gehört hatte, auf, er wollte eine Frage stellen, aber Verduret, der bei Nennung des Namens zusammengezuckt war, antwortete Nina: »Ich habe Ihnen versprochen, daß Sie ihn wiederfinden sollen, ich werde mein Wort halten – jetzt gehen Sie.« Nachdem sich Nina entfernt hatte, schritt Verduret im Zimmer nachdenklich auf und ab. Er runzelte die Stirne, und sein Gesicht drückte schwere Besorgnis aus. »Ich habe Sie wohl in eine schreckliche Verlegenheit gebracht?« fragte Prosper. »Jawohl, schrecklich ist das richtige Wort dafür. Ich weiß nicht mehr was ich tun soll – es ist Zeit, daß der Untersuchungsrichter ins Vertrauen gezogen wird. Kommen Sie mit; Herr Pertingent soll sich über die Bereicherung seines Aktenfaszikels 113 wundern! 22. Wie es Verduret richtig vorausgesehen hatte, war die Wirkung von Prospers anonymem Brief eine furchtbare. Als Fauvel das Schreiben in die Hand bekam, fiel ihm sofort die Schrift auf. Sie war offenbar verstellt und eine böse Ahnung beschlich ihn. Mit zitternden Händen faltete er das Blatt auseinander und blickte zuerst nach der Unterschrift. »Ein Freund.« – Was bedeutete das? Fauvel las und war wie vom Donner gerührt. War es möglich! Seine Frau untreu, seine Frau Hehlerin eines Diebstahls, dessen ein Unschuldiger angeklagt worden, seine angebetete Frau, die Geliebte eines so unerhört gemeinen Menschen! »Aber das ist ja nicht möglich!« sagte er sich, als er die erste lähmende Beklemmung abgeschüttelt hatte, »das kann ja nicht sein! Es ist eine Niedertracht, eine ehrlose Feigheit! Pfui!« Und wütend ballte er den Brief in der Hand zusammen und warf ihn in den Kamin, in dem jedoch kein Feuer brannte. Er wollte an die Schändlichkeit nicht mehr denken, und setzte sich zu seiner Arbeit an den Schreibtisch. Allein die Gedanken wollten nicht gehorchen, immer wieder wanderten sie zu dem anonymen Briefe. »Ha, wenn ich wüßte, wer der Elende ist, der es gewagt hat, diese Verleumdungen zu schreiben!« Er erhob sich, um den Papierknäuel wieder aus der Asche zu ziehen, vielleicht gelang es ihm doch, den Schreiber aus der Schrift zu erkennen. Er glättete das Papier, legte es vor sich auf den Schreibtisch und studierte die Schriftzüge auf das eingehendste, aber er fand keinerlei Anhaltspunkte. Nur, als er die Zeilen nochmals und abermals las, wurde sein Vertrauen wieder schwankend. »Nein,« sagte er sich, »ich kann diese Qual nicht länger ertragen, ich will Valentine diesen Brief zeigen.« Er stand auf und schritt zur Türe. Plötzlich aber hielt er inne. »Wie, wenn es dennoch wahr wäre! Wenn sie mich elend betrügen würde! . . .« Er ließ sich wieder auf seinen Sessel nieder, und versank in tiefes, schmerzliches Nachdenken. Endlich faßte er einen Entschluß, er wollte seine Frau beobachten, wollte um jeden Preis die Wahrheit entdecken. Schon nachmittags bot sich ihm eine günstige Gelegenheit seine Nachforschungen zu beginnen. Seine Frau fuhr mit Magda spazieren, Lucian arbeitete neben dem Bureau – er war allein. Rasch trat er in das Zimmer Valentines und öffnete die Kommode, in der sie ihr Geschmeide verwahrte. Es fanden sich darin nur etwa zehn bis zwölf leere Schmuckkästchen, die übrigen fehlten ganz. So hatte der anonyme Brief doch die Wahrheit berichtet! Fauvel war wie vernichtet! »Nein, es ist nicht möglich, nicht möglich,« stöhnte er, und in seiner Herzensangst durchsuchte er auch noch die anderen Schubfächer – aber er fand nichts! Vielleicht hatte seine Frau den Schmuck in Magdas Zimmer verwahrt! So unwahrscheinlich diese Annahme war, so klammerte er sich doch daran wie an einen Hoffnungsanker. Aber Valentines Schmuck fand sich nicht, Fauvel entdeckte nur, daß auch Magdas Juwelenschrein leer war. Also auch sie wußte von der Schmach, war sogar mitschuldig! Und nun erinnerte er sich, daß er seine Frau vor dem Balle bei Jandidier gefragt hatte, warum sie ihre Brillanten nicht trüge. »Wozu?« hatte sie lächelnd geantwortet, »ganz Paris hatte schon zur Genüge Gelegenheit, sie zu bewundern, übrigens passen sie zu meinem Kostüm nicht.« Und das hatte sie lächelnd gesagt und war nicht vor Scham vergangen, die Falsche, die Elende! Und Magda, das reine unschuldige Mädchen wußte darum! Der Gedanke war so gräßlich, daß er den unglücklichen Mann auf das tiefste erschütterte, gebrochen sank er auf einen Stuhl, Tränen traten in seine Augen und rollten langsam über die Wangen herab. Bald aber übermannte ihn wieder der Zorn, und alles in ihm schrie nach Rache. Doch nach einiger Überlegung sah er ein, daß das Fehlen des Schmuckes noch keinen vollgültigen Beweis für die Treulosigkeit seiner Frau bilde, er mußte sich also noch andere verschaffen. Vorerst gab er dem Kammerdiener den Befehl, alle einlangenden Briefe ihm zu überbringen, dann sandte er an einen Geschäftsfreund in Saint-Remy ein Telegramm, in welchem er um genaue Mitteilungen über die Familie Lagors, namentlich über den Sohn Raoul, erbat. Schließlich gehorchte er auch noch dem letzten Rat des anonymen Briefes und begab sich auf die Polizei, um über Clameran Erkundigungen einzuziehen. Aber die Polizei ist mit ihren Geheimnissen nicht freigebig. Fauvel wurde sehr höflich nach dem Zweck seiner Erkundigungen gefragt, und da er diesen nicht angeben wollte, ebenso höflich abgewiesen. Als er wieder nach Hause kam, war das Antworttelegramm aus Saint-Remy schon eingetroffen, es lautete: »Die Familie Lagors ist vollständig mittellos, ein Sohn Raoul ist hier unbekannt, Frau von Lagors hat nur Töchter.« Fauvel war über diese Enthüllung fast rasend vor Schmerz und Wut. So viel Frechheit und Schamlosigkeit hätte er nicht einmal der verworfensten Person zugetraut! Und seine eigene Frau, die er wie eine Heilige verehrt hatte, wagte es, ihren Geliebten auf diese Weise in sein ehrbares Haus einzuschmuggeln; und er, in seiner dummen Vertrauensseligkeit, hatte die Hand des Schurken gedrückt, ihm gar Geld geborgt! »Wie werden sie sich über mich lustig gemacht haben,« sagte er sich, knirschend vor Zorn. Und, um das Maß voll zu machen, fiel ihm nun ein, daß Raoul der Freund seiner Söhne war! Seiner Söhne! Waren es überhaupt die seinigen? Wenn Valentine ihn jetzt, nach mehr denn zwanzigjähriger Ehe betrog, konnte er da überhaupt an ihre Treue glauben? »Rache, Rache!« schrie alles in ihm, aber er mußte sich noch bezwingen, der Augenblick würde wohl kommen. Am nächsten Morgen überbrachte ihm der Kammerdiener, wie befohlen, die ganze Post. Hastig überflog er die Aufschriften, und richtig fand er einen an seine Frau gerichteten Brief mit dem Poststempel Besinet. Vorsichtig öffnete er den Verschluß und las: »Liebe Tante! Ich muß dich dringend heute noch sprechen und bitte dich, bestimmt zu kommen, mündlich werde ich dir die Gründe sagen, warum ich nicht bei dir erscheinen kann. Dein ganz ergebener Raoul.« »Nun hab' ich sie!« rief Fauvel und in seinen Augen blitzte es unheimlich. Er öffnete eine Lade seines Schreibtisches, nahm einen Revolver heraus und sah die Ladung nach. Dann faltete er den Verräterbrief wieder, schob ihn in den Umschlag und trug ihn hinaus in das Vorzimmer, wo er ihn auf die silberne Platte, die für die Briefe bestimmt war, mit den übrigen Briefschaften legte. Seine Abwesenheit war nicht von langer Dauer gewesen, aber sie hatte Nina, die nach der Weisung Verdurets Fauvel nicht aus den Augen gelassen, genügt, um ins Zimmer zu schlüpfen und die Kugeln aus dem Revolver zu nehmen. »Damit ist die erste Gefahr wenigstens abgewendet,« sagte sie sich, »das übrige ist Herrn Verdurets Sache.« Dann eilte sie hinab, ließ sich Cavaillon herausrufen und bat ihn, schleunigst in den »Erzengel« zu gehen und den Freund von dem Vorgefallenen zu verständigen. Eine Stunde später ließ Frau Fauvel anspannen und fuhr aus. Und der Bankier ließ rasch einen Mietwagen holen und folgte seiner Frau. »O Gott,« dachte Nina, »wenn Herr Verduret nur nicht zu spät kommt, sonst sind Frau Fauvel und Raoul verloren!« 23. Von dem Augenblick an, wo der Marquis von Clameran in Raoul ein Hindernis für seine Verbindung mit Magda sah, hatte er keinen anderen Gedanken als »dieses Hindernis« zu beseitigen. Schon am nächsten Tag hatte er Maßregeln getroffen, und als Raoul nach Mitternacht zu Fuß nach Besinet zurückkehrte, wurde er plötzlich auf der einsamen Straße überfallen. Aber der Jüngling war gewandt und kräftig. Nicht umsonst hatte er in England allerlei Sport betrieben und sich unter den Boxkämpfern geradezu einen Namen gemacht. Es gelang ihm, sich seiner Angreifer zu erwehren und sie in die Flucht zu schlagen, er selbst ging ziemlich unbeschädigt aus dem Kampfe hervor. Seit diesem nächtlichen Überfall wurde Raoul vorsichtiger und ging nie mehr ohne Waffen aus. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, seinen ehrenwerten Oheim zu beargwöhnen. Einige Tage später fing ein Unbekannter im Kaffeehause plötzlich ganz grundlos mit ihm Händel an, warf ihm schließlich seine Karte ins Gesicht und sagte, er sei zu jeder Genugtuung bereit. Der Kerl sah wie ein richtiger Raufbold und Bramarbas aus. Auf seiner Karte stand: W. H. B. Jakobsen Früherer Garibaldianer Ehemaliger Offizier der Südarmee Italien – Amerika. »O, o, ein ruhmreicher Militär, der seine Würden wahrscheinlich im Fechtsaal erworben hat,« sagte Raoul lachend. Doch da die Beleidigung vor Zeugen stattgefunden hatte, mußte er sich mit dem zweifelhaften Gesellen schlagen. Zwei Freunde Raouls begaben sich als Kartellträger zu Herrn Jakobsen und vereinbarten mit seinen Zeugen die Duellbedingungen. Am nächsten Morgen schon fand der Zweikampf im Vincenner Wäldchen statt und schon beim ersten Gange wurde Raoul leicht verwundet. Der Garibaldianer und Offizier der Südarmee wollte den Kampf bis zum Tode eines der Duellanten fortsetzen, und seine Sekundanten stimmten ihm bei, allein Raouls Zeugen behaupteten, der Ehre sei Genüge geschehen, und es sei überflüssig, das Leben ihres Schutzbefohlenen noch einmal aufs Spiel zu setzen. Damit war die Sache abgetan. Raoul aber waren plötzlich die Augen, aufgegangen. Er sah einen Zusammenhang zwischen dem nächtlichen Überfall und dem erzwungenen Duell und erkannte die Hand, die die Fäden so geschickt lenkte. »Also so ist es gemeint?« sagte er, »nun, der Schurke soll es büßen!« Raoul besaß 400 000 Frank, damit wollte er sich begnügen und sich so schnell wie möglich von seinem gefährlichen Genossen trennen, vorher aber wollte er ihn mitten ins Herz treffen und die Heirat mit Magda hintertreiben. Das konnte nicht schwer fallen, er hatte nur offen Magdas Partei zu ergreifen, und um diesen Entschluß auszuführen, schrieb er Frau Fauvel und bat sie um eine Unterredung. Die arme Frau erschien mit Angst und Herzklopfen, sie war auf neue Forderungen, neue Drohungen gefaßt. Aber Raoul war heute wieder der zärtliche, liebevolle Sohn. Er führte sie zu einem bequemen Sitz, kniete vor ihr nieder und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Arme Mutter, was hast du alles um meinetwillen leiden müssen! Vergib mir, ich bereue und . . .« Er konnte nicht weitersprechen, die Tür hinter ihm öffnete sich geräuschvoll und Fauvel erschien mit erhobenem Revolver auf der Schwelle. Er war totenbleich, und es kostete ihm sicher eine übermenschliche Anstrengung ruhig zu scheinen – er kam als Richter, als Rächer. Bei seinem Anblick waren Valentine und ihr Sohn mit einem Schreckenslaut emporgefahren. Fauvel aber lachte höhnisch auf. »Ich komme allerdings unerwartet,« sagte er schneidend. Raoul hatte sich mutig vor Frau Fauvel gestellt, um sie mit seinem Leibe zu decken und erwartete ruhig die Kugel. Nur wollte er den offenbar eifersüchtigen Mann aus dem Irrtum reißen und sagte daher: »Glauben Sie mir, Onkel . . .« »Genug der Lügen und Schändlichkeiten,« unterbrach ihn Fauvel zornsprühend. »Die Komödie ist zu Ende!« »Ich schwöre Ihnen . . ;.« »Schweigen Sie, ich weiß alles. Ich weiß, wo der Schmuck meiner Frau hingekommen ist, ich kenne den Urheber des Diebstahls, um dessentwillen Prosper eingesperrt worden ist!« Frau Fauvel war entsetzt und niedergeschmettert in die Knie gesunken! Nun war der fürchterliche, der gefürchtete Tag doch gekommen! Vergeblich hatte sie Lüge auf Lüge gehäuft, hatte sich geopfert – nun war das Unabwendbare hereingebrochen! Die Wahrheit kommt immer an den Tag! »André,« stammelte sie, »ich beschwöre dich, verzeih!« Bei dem Klang dieser einst so geliebten Stimme zuckte Fauvel zusammen. Die ganze Vergangenheit lebte vor ihm auf. Wie eine Lichtgestalt war ihm Valentine von Laverberie einst erschienen, und er hatte sich für den glücklichsten der Sterblichen gehalten, weil sie seine Hand angenommen. Und zwanzig Jahre hatte er glücklich an ihrer Seite gelebt, sie auf den Händen getragen! »Verzeihung, Verzeihung,« stöhnte die Unglückliche, die sich auf den Knien bis zu Fauvels Füßen geschleppt hatte. »Vergib mir, André, vergib!« »Valentine,« sagte Fauvel traurig, mit tränenerstickter Stimme, »o Valentine, wie konntest du mir das antun, wie konntest du nur deine Ehre aufs Spiel setzen, so tief sinken!« Wieder wollte Raoul den unheilvollen Irrtum, in dem sich Fauvel befand, aufklären und begann: »Erlauben Sie mir, Herr Fauvel . . .« Aber der Ton dieser Stimme genügte, um in dem beleidigten Gatten jede mildere Regung sofort zu ersticken. »Schweigen Sie,« rief er wild. Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich bin gekommen, um euch zu überraschen und zu töten – allein, ich habe mir zu viel zugetraut – ich bin kein Mörder. Nehmen Sie den Revolver, der dort am Kamin liegt, und verteidigen Sie sich.« Raoul ergriff die Waffe. »Barmherziger Himmel,« schrie Frau Fauvel und streckte flehend ihre gerungenen Hände gegen den Gatten empor, »töte ihn nicht, André, ich will dir alles bekennen.« Das war für Fauvel zu viel! Das ehebrecherische Weib wagte es, für ihren Geliebten um Gnade zu flehen! Das Maß war übervoll! »Zurück!« donnerte er und hob die Waffe. Valentine aber sprang auf, breitete die Arme schützend um Raoul und rief: »Töte mich, denn ich bin die allein Schuldige!« Da konnte sich Fauvel, wahnsinnig vor Eifersucht, nicht länger bezwingen und drückte los – aber der Schuß versagte. Er gab ein zweites, ein drittes Mal Feuer – und er wollte eben ein viertes Mal losdrücken, als die Tür aufgerissen wurde, ein Mann hereinstürzte und ihm den Revolver entriß. Verduret war's, den Cavaillon erst nach langem Suchen gefunden, und der nun von den schlimmsten Befürchtungen getrieben, nach Bersinet gejagt war. »Gott sei Dank,« rief er, als er Frau Fauvel noch aufrecht stehen sah, »sie ist nicht getroffen.« Er wußte nicht, daß Nina so klug und vorsichtig gewesen, die Kugeln aus dem Revolver zu entfernen. Unterdessen hatte sich Fauvel von der ersten Überraschung erholt. »Lassen Sie mich,« rief er dem Fremden zu, »ich übe mein Recht aus.« »Der anonyme Brief hat Sie getäuscht, danken Sie Gott, daß der Zufall Ihnen ein furchtbares Verbrechen erspart hat.« »Da kann von keiner Täuschung die Rede sein,« versetzte Fauvel finster, »sie selbst bekennt sich schuldig.« »Aber in anderem Sinne, als Sie meinen. Für wen halten Sie den jungen Mann?« »Er ist ihr Geliebter!« »Nein, er ist nicht ihr Geliebter, sondern – ihr Sohn!« Die plötzliche Dazwischenkunft dieses so wohl unterrichteten Unbekannten verblüffte und entsetzte Raoul mehr, als Fauvels Drohungen, dennoch besaß er genug Geistesgegenwart, um die Aussage des Fremden zu bestätigen. »Das ist wahr,« sagte er. Der Bankier blickte wie geistesverwirrt von Verduret zu Raoul und dann auf seine Frau, die niedergebeugt dasaß als erwarte sie ihr Todesurteil. Aber plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke, daß das ein abgekartetes Spiel sei und man ihn betrügen wolle. »Das ist nicht möglich,« stieß er hervor. »Beweise, schaffen Sie Beweise!« »Die können Sie haben,« antwortete Verduret ruhig »aber vorerst hören Sie.« Und rasch entrollte er in großen Zügen das von ihm aufgedeckte Drama. Gewiß war die Wahrheit für Fauvel noch immer furchtbar, aber doch weniger gräßlich als das, was er geglaubt hatte. An dem was er gelitten, konnte er seine Liebe zu seiner Frau ermessen. Sollte er eine so weit zurückliegende Schuld, die durch ein Leben der Aufopferung und soviel Leiden gesühnt war, nicht vergeben können? Verduret hatte seinen Bericht längst geendet und Fauvel schwieg noch immer. Sein Herz war zum Verzeihen geneigt, Gaston war tot, die Vergangenheit wäre ausgelöscht gewesen, ohne den lebenden Zeugen einer vergangenen Schuld. »Und dieser Elende,« sagte er, seinen Gedanken laut Ausdruck gebend, »dieser Bube, der dich beraubt und mich bestohlen hat, ist dein Sohn!« Frau Fauvel brach aufs neue in Tränen aus, aber an ihrer Stelle antwortete Verduret: »Die gnädige Frau glaubt es allerdings, aber in Wahrheit ist er es nicht, man hat sie schändlich betrogen, um sie leichter ausrauben zu können.« Schon seit geraumer Weile war Raoul bemüht, sich geschickt der Tür zu nähern, um verstohlen das Weite zu suchen, aber in dem Augenblick als er sich unbeachtet wähnte und verschwinden wollte, drehte sich Verduret rasch um, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Ei, wohin so schnell, junger Herr? Sie sind uns noch einige Aufklärungen schuldig, also müssen Sie schon noch verziehen.« Der spöttische Ton war für Raoul wie eine Offenbarung, jetzt erkannte er die Stimme und entsetzt entfuhr ihm das eine Wort: »Der Bajazzo!« »Jawohl, der Bajazzo, hier ist das untrügliche Zeichen, daß er es wirklich ist,« antwortete Verduret, indem er den Ärmel aufstreifte und die frische Narbe sehen ließ. »Erkennen Sie dies kleine Andenken? Ist es Ihnen erinnerlich, wie Sie mich nach dem Balle bei Jandidier auf offener Straße mit dem Messer überfielen?« »O Gott, was werde ich noch alles hören müssen,« stöhnte Fauvel, »ist es der Schmach und Schande noch nicht genug!« »Beruhigen Sie sich, Herr Fauvel,« entgegnete Verduret »und hören Sie den Schluß meiner Geschichte: Nachdem Louis von Clameran von Milhonne das – Unglück der Komtesse von Laverberie vernommen hatte, begab er sich sofort nach England, um die Bäuerin, der das Kind übergeben worden war, aufzusuchen. Zu seiner Enttäuschung aber mußte er erfahren, daß der kleine Raoul Wilson mit achtzehn Monaten an der Bräune gestorben war.« »Das ist nicht wahr,« fiel Raoul ein, »wer will das behaupten?« »Wer? Die Behörden, und Leute, die es wissen müssen,« versetzte Verduret, »hier die beglaubigten Dokumente, die Aussagen der Bauersfrau, ihres Mannes und vier Zeugen, hier der Auszug der Matrikel, der Taufschein, und dies hier ist der Totenschein. Sämtliche Papiere sind, wie Sie sehen, nicht nur vom Notar, sondern auch von der französischen Gesandtschaft beglaubigt.« »Das ist alles falsch,« sagte Raoul frech. »So? Nun dann sagen Sie mir, was Sie von der kleinen Geschichte halten, die mir einer meiner Freunde, der eben aus London kommt und vorzüglich unterrichtet ist, mitteilte. Passen Sie gut auf, vielleicht kommt sie Ihnen bekannt vor. Ein Lord Murray, ein sehr reicher und freigebiger Mann, hatte einen Jockei namens Spencer, auf den er große Stücke hielt. Bei einem Rennen in Epsom stürzte aber der gewandte Jockei so unglücklich, daß er sich das Genick brach. Der Lord war in Verzweiflung, und da er selber kinderlos war, so nahm er sich des kleinen, damals vierjährigen Söhnchens Spencers an. Der kleine James war ein reizendes Kind und bezauberte Lord Murray so, daß er ihn wie einen Prinzen erziehen ließ. Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre betrug sich James zur Zufriedenheit seines Wohltäters, dann aber machte er schlechte Bekanntschaften und geriet auf Abwege. Sein gütiger Ziehvater vergab ihm wiederholt seine schlechten Streiche, als er es aber gar zu bunt trieb und sogar Wechsel fälschte, da jagte ihn Lord Murray entrüstet aus dem Hause. Vier Jahre trieb sich James Spencer in den Londoner Spelunken herum und lebte vom Spiel und anderen dunkelen Erwerbszweigen, als er mit dem Marquis von Clameran bekannt wurde. Dieser adelige Glücksritter bot ihm 25 000 Frank an, wenn er eine Rolle in einem Lustspiele, das er aufzuführen gedachte, übernehmen wolle.« Raoul hatte mit steigender Verwunderung seine eigene Geschichte aus dem Munde des Fremden angehört, aber plötzlich ward es ihm furchtbar klar: »Sie sind ein Detektiv,« sagte er schreckensbleich. »Für den Augenblick bin ich nur Prospers Freund,« entgegnete Verduret, »von Ihnen wird das übrige abhängen.« »Was verlangen Sie von mir?« »Das gestohlene Geld, das Sie dort in jenem Wandschrank aufbewahrt haben und die Versatzzettel ebenfalls.« Raoul sah, daß sein Spiel verloren war, und daß ihm nichts übrig blieb, als zu gehorchen. Er entnahm daher dem Schranke einige Päckchen Banknoten und ein Bündel Pfandscheine und reichte sie Verduret. Während dieser das Geld überzählte, schlich Raoul leise zur Tür, öffnete sie rasch und schloß zu, da der Schlüssel von außen steckte. »Er geht durch!« rief Fauvel. »Selbstverständlich,« entgegnete Verduret ruhig, ohne auch nur den Kopf umzuwenden, »ich war überzeugt, daß er so gescheit sein würde.« »Wie, Sie wollen ihn entkommen lassen?« »Gewiß, oder wäre es Ihnen etwa lieber, die Geschichte an die große Glocke zu hängen? Soll es morgen in allen Blättern stehen, welchen Schurken Ihre Frau in die Hände gefallen ist?« »Um keinen Preis!« »Also lassen Sie ihn laufen. Er hat noch ungefähr 50 000 Frank bei sich, damit kann er ins Ausland reisen und wir werden nie mehr etwas von ihm hören.« Fauvel erkannte, daß Verduret vollkommen recht hatte und er ihm mehr als das Leben verdanke, er sagte daher mit bewegter Stimme: »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für den ungeheueren Dienst, den Sie mir erwiesen, danken soll.« »Darf ich eine Bitte an Sie richten?« entgegnete Verduret. »Sprechen Sie,« rief Fauvel, »alles, alles was ich bin und habe, steht zu Ihrer Verfügung.« »Ich bin, wie Sie gehört haben, Prospers Freund – helfen Sie ihm seine Ehre wiederherstellen. Und dann noch eins: er liebt Fräulein Magda.« »Ja, ich will ihm öffentlich Genugtuung geben, will seine Ehre wiederherstellen und Magda soll seine Frau werden, das gelobe ich Ihnen.« Verduret nahm seinen Hut und schickte sich zum Gehen an. »Es bleibt Ihnen noch etwas zu tun übrig,« sagte er, »Ihre Frau . . .« »André,« flüsterte die arme Frau, »verzeih'.« Fauvel zögerte einen Augenblick, aber dann eilte er auf seine Frau zu, schloß sie in die Arme und sagte: »Nein, ich will nicht so töricht sein, gegen mein eigenes Herz zu streiten. Valentine, ich verzeihe nicht, nein, ich vergesse alles – – mein geliebtes Weib!« Leise entfernte sich Verduret und fuhr rasch nach Paris zurück. Was sollte nun mit Clameran geschehen? Er durfte doch unmöglich ebenfalls straflos ausgehen wie Raoul! Verduret überlegte und sann lange; er sagte sich: Frau Fauvel darf nicht bloßgestellt werden, daher bleibt nur übrig, daß von Oloron aus eine Anklage wegen Vergiftung ausgeht. Aber – das kann nicht von heute auf morgen geschehen – und da hat Clameran Zeit zu entwischen. – Nun will ich einmal versuchen, ein Wörtchen mit ihm zu reden. Es dunkelte schon, als endlich Verdurets Wagen vor dem Hotel Louvre hielt. Vor dem Hotel drängten sich die Leute und wollten sich, trotz der Aufforderung der Stadtsergeanten, nicht entfernen. »Was gibt's?« fragte Verduret. »Ein halbnackter Mensch läuft auf dem steilen Dache herum,« antwortete man ihm, »sehen Sie, jetzt ist er wieder bei der Dachluke. Mit der Behendigkeit eines Affen ist er hinaufgeklettert und hat dabei fortwährend ›Mörder, Mörder‹ geschrien.« Der Mann sprach noch fort, aber Verduret hörte längst nicht mehr, sondern drängte sich durch die dichtgekeilte Menge in den Hof des Hotels. Wenn es Clameran wäre . . . dachte er. Wenn Angst und Schrecken dieses Verbrechergehirn zerrüttet hätten . . .! Als Verduret in den Hof gelangt war, erblickte er Fanferlot mit drei anderen Agenten. »Was gibt's?« fragte er sogleich. »Ist es Clameran?« »Jawohl. Als er mich heute früh am Kai erblickte, nahm er Reißaus und lief wie ein Rennpferd, aber plötzlich machte er kehrt und eilte ins Hotel zurück. Wahrscheinlich wollte er sein Geld nicht im Stich lassen. Hier aber erblickte er meine drei Kameraden, er glaubte sich verloren, und da mag der Verstand mit ihm durchgegangen sein.« Inzwischen hatte man den Irren durch einen Feuerwehrmann vom Dache herabholen lassen. Da er fürchterlich tobte, mußte ihm die Zwangsjacke angelegt werden, ehe er ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Verduret und Fanferlot folgten. Der Arzt war eben damit beschäftigt, dem Kranken eine beruhigende Arznei einzuflößen, aber er sträubte sich und schrie, man wolle ihn vergiften. »Der Fall ist sehr ernst,« antwortete der Arzt auf Verdurets diesbezügliche Frage. »Der Mann leidet an unheilbarem Wahnsinn. Er bildet sich ein, daß man ihn vergiften will und wird jede Nahrungsaufnahme verweigern . . .« Verduret schauderte. »Er büßt seine Verbrechen,« sagte er leise und entfernte sich gedankenvoll. »Was wird nun aus dem Aktenfaszikel 113 werden?« klagte Fanferlot. »Und ich habe Mühe und Unkosten ganz umsonst gehabt!« »Das Aktenfaszikel wird allerdings nie aus dem Archiv herauskommen. Aber tröste dich, nächster Tage schicke ich dich mit einem Briefe zu Herrn Fauvel und der Lohn für deine Mühe wird nicht ausbleiben!« 24. Einige Tage später ging Herr Lecoq – der offizielle Lecoq, der wie ein Kanzleirat aussieht – in seinem Arbeitszimmer ungeduldig auf und ab und blickte alle Augenblicke auf die Uhr. Endlich klingelte es und Nina und Prosper erschienen. »Herr Verduret hat uns zusammen hierher bestellt,« sagte Prosper. »Bitte, wollen Sie sich einen Augenblick gedulden, ich werde ihn sofort benachrichtigen.« Er ging und ließ die beiden allein. Sie saßen und sprachen kein Wort miteinander, und es dauerte geraume Weile, ehe Herr Verduret erschien. Er hatte nicht seine gewöhnliche freundliche Miene, sondern sah so finster aus, daß weder Prosper noch Nina wagten, ihm, wie sie es wollten, freudig entgegenzustürzen. »Sie kommen, um Aufklärung von mir zu fordern,« sagte er, »ich habe Ihnen versprochen, das Geheimnis zu enthüllen und ich werde Wort halten – wenn es mir auch schwer fällt. Also hören Sie: Ich hatte einen Freund namens Caldas. Er liebte ein junges Mädchen und war so töricht zu glauben, daß auch sie ihn liebe, weil sie ihm alles verdankte . . .« »Ja,« rief Nina, »sie liebte ihn!« »Sie liebte ihn so,« fuhr Verduret fort, »daß sie eines Tages mit einem anderen davonlief. Er war fast wahnsinnig vor Schmerz und nahe daran, sich umzubringen, aber er faßte sich und beschloß Rache zu nehmen. – Und Caldas hat sich gerächt. Er hat den Zerstörer seines Glücks, der durch seinen Unverstand und seine Charakterschwäche an dem Rand des Abgrunds stand, mit starker Hand zurückgerissen und ihn gerettet. – Verstehen Sie, Prosper, wissen Sie wer die handelnden Personen sind? Sie sind alle hier versammelt . . .« Und mit rascher Bewegung riß er Perücke und Bart herunter. »Caldas!« rief Nina. »Ich heiße in Wirklichkeit weder Caldas noch Verduret, sondern – ich bin Lecoq, der Sicherheitsagent.« Prosper und Nina waren zu verblüfft, um ein Wort hervorbringen zu können. Lecoq aber fuhr zu Prosper gewendet fort: »Sie verdanken Ihr Heil nicht mir allein; Fräulein Magda war meine getreue Bundesgenossin. Ich hatte ihr versprochen, daß Herr Fauvel nie etwas erfahren würde, allein Sie haben durch Ihren anonymen Brief meine Veranstaltungen vereitelt. – Ich bin zu Ende, nun wissen Sie alles.« Er wollte in sein Schlafzimmer zurücktreten, aber Nina stürzte auf ihn zu und rief flehentlich: »Caldas, ich beschwöre dich, habe Erbarmen – ich bin so unglücklich – ach, wenn du wüßtest . . .!« Prosper sah, daß seine Gegenwart überflüssig war und entfernte sich leise. * * * Wenige Wochen später wurde die Hochzeit Magdas und Prospers gefeiert, nachdem Fauvel den jungen Mann zu seinem Geschäftsteilhaber gemacht hatte. Die Firma des Bankhauses hieß nun: André Fauvel und Prosper Bertomy.   Ende