Oscar A. H. Schmitz Brevier für Weltleute Essays über Gesellschaft, Mode, Frauen, Reisen Lebenskunst, Kunst, Philosophie Meiner Schwester Tilly Inhalt     Vorworte Gesellschaft     Der Wert der Konventionen     Natürlichkeit     Geschmack     Das Schamgefühl     Der Künstler in der Gesellschaft     Weltverbesserer     Was ist ein Barbar?     »Rückkehr zur Natur« Mode     Zur Psychologie der Mode     Eleganz     Nacktheit und Kleidung     Herren- und Frauenkleidung     Die Magie des Anzuges Frauen     Was den Frauen gefällt     Das weibliche Genie     Die männliche Dummheit     Charakterologie der dummen Gans     Ritterlichkeit     Die junge und die alte Dame     Der Zwiespalt der geschiedenen Frau     Zur Psychologie der Curtisane     Die Frauen und das Geld     Der Stolz der Frau     Was den Frauen erlaubt ist     Der Umgang mit Frauen     »Der enigmatische Mann«     Einfälle und Gespräche     Dialoge Reisen     Der Baedeker oder die Technik des Reisens     Deutsche auf Reisen     Das Trinkgeld Lebenskunst     Lebenskunst     Der Wille und das Glück     Der Rhythmus des Alltaglebens     Zur Technik des Lernens     Fingerzeige Kunst     Theaterblut     Das heitere Theater     Die Wirkung der Kritik     Was kann man an einem Kunstwerk erklären?     Die Verstandesmenschen und die Kunst     Gespräch zweier Weltleute über Kunst     Die Überschätzung der Musik     Genie und Genialität     Die graue Gefahr Philosophie     Die Macht der Unlogik Aphorismen und Glossen     Der Aphorismus     Zur Philosophie der Form Vorworte Vorwort zur zehnten Auflage Nicht ohne Bangen habe ich mich mitten im Krieg daran gemacht, dieses Buch vor der Ausgabe der zu meiner Überraschung gerade jetzt notwendig gewordenen zehnten Auflage noch einmal durchzusehen. Würde ich in dieser Zeit alles aufrechterhalten können, was ich in jenen heute versunkenen, ja gerichteten Jahren vor dem Weltkrieg über Gesellschaft und Lebenskunst gesagt habe? Aus dem Wirrwarr der unzufriedenen Meinungen suchte ich damals ein grünes Eiland heiterer Weltlichkeit zu retten. Zwar will ich bekennen, daß ich mich selbst schon in der letzten Zeit vor dem Krieg nicht mehr zu den Weltleuten rechnete, an die sich die folgenden Ausführungen wenden. Mir ist das Buch so fremd geworden, wie der Baedeker eines vielbereisten Landes, das ich nun nicht mehr besuchen werde. Für die neue Generation von Reisenden aber bleibt er der Baedeker. Ich glaube nicht, daß sich das neue Geschlecht im Hochmut der Unerfahrenheit von Welt und Gesellschaft abwenden wird, ehe es sie kennen gelernt hat. Wem aber die Gesellschaft noch erstrebens- oder erkennenswerte Wirklichkeit ist, für den behält das hier Gesagte seine Gültigkeit. Einiges wenige habe ich freilich doch gestrichen, und zwar solche Sätze, die in der Relativität aller Lebenswerte eine absolute Weltanschauung sehen wollten. Diese Auffassung, zu der ich hie und da neigte, ohne sie jemals wirklich ganz zu teilen, habe ich als falsch erkannt. Vielmehr gibt es absolute seelische und geistige Werte. Alles aber, was außerhalb ihrer liegt, behält, da wir es nun einmal nicht missen können, nur relativen Wert. Wer überhaupt einwilligt mit der »Gesellschaft« zu leben, der erkenne ihre Gesetze und Spielregeln und übe Lebenskunst. So kann ich den relativen Wert des in diesem Brevier Gepriesenen neben absoluten Werten auch heute noch gelten lassen, ohne länger selbst auf dem Standpunkt dieses Buches zu stehen, noch es widerrufen zu müssen. Freilich habe ich darin manches scharf betont, woran ich heute gleichgültig vorübergehe. So ist denn das Bangen verschwunden, mit dem ich an die Durchsicht des Buches gegangen bin. Es ist und bleibt, was es war: Ein Brevier für Weltleute. Berlin, April 1916. Vorwort zur ersten Auflage (1910) Die Philosophie unserer Zeit hat aufgehört Weltweisheit zu sein und ist dadurch für weltliche Menschen unfruchtbar, ja bedeutungslos geworden. Die Weltweisheit hat aufgehört philosophisch zu sein und ist dadurch zur flachen Fertigkeit gewöhnlicher Streber hinabgesunken. In diesem Buch soll das leichte Thema der gesellschaftlichen Sitte mit der Philosophie der Form in Verbindung gebracht, bei der Erörterung des Sittengesetzes niemals die Buntheit der Welt und das Fließende der menschlichen Natur aus dem Auge gelassen werden. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis wird den Titel des Bandes rechtfertigen, ein Blick auf die eine oder die andere Seite mag vielleicht auf eine Stelle fallen, wo die Weltlichkeit von der Theorie erstickt zu werden droht, aber diese Gefahr ist nur scheinbar. Eine unglückliche Denkrichtung unserer Zeit hat alle Gebiete des weltlichen Lebens – Kunst, Bühne, Gesellschaft, Sitten, die Fragen der Frau – in ein Netz von Abstraktionen verwebt. Um seine Knoten zu entwirren, bedarf es manchmal derselben Werkzeuge, die sie geknüpft haben. Nur mit dem Rüstzeug der Logik bewaffnet kann man Irrtümern der Unlogik erfolgreich entgegentreten. Wenn der Leser an einigen Stellen dieses Buches auf Dialektik oder Analyse zu stoßen meint, so vertraue er dem Versprechen des Verfassers, der ihn nicht in die Wüsten der Abstraktion verlocken, sondern vielmehr aus den ästhetisch und ethisch zerschwatzten Fragen der Zeit in eine heitere Weltlichkeit zurückführen will. Unsere Epoche hat die Insel der Weltlichkeit verlassen. Viele sind des Hinausschwimmens müde und halten sich nun, verzweifelt die Fluten tretend, mühsam über Wasser. Mancher Blick sehnt sich nach dem verlassenen Grün der Weltlichkeit zurück. Die logischen Bemühungen dieses Buches sind nichts anderes, als die paar Schwimmbewegungen, die das verlassene Eiland wieder erreichen wollen. Gesellschaft Der Wert der Konventionen Kultur ist ein Komplex von Werten, die nicht erworben, nicht erlernt, allenfalls entwickelt werden können. Sitte, Gebärden, Geschmack, Takt, Sensibilität, Welterfahrung usw. gehören dazu. Zivilisation ist ein Komplex von Werten, die man sich aneignen, erlernen, kaufen, nachmachen kann; zu ihr gehören alle materiellen Vervollkommnungen des Lebens, – Hygiene, Wissen, Gesetze u. a. Die Konventionen sind gleichzeitig Erzeugnisse der Kultur und der Zivilisation. Soweit sie ein äußeres Tun und Lassen regeln wie Grüßen, Besuche machen, Tageseinteilung, Kleidervorschriften, überhaupt soweit sie auf irgendwelchen Erwägungen und auf Ökonomie beruhen, gehören sie der Zivilisation an. In seinen Gruß Distanz oder Grazie legen, sich mit dem Modezwang anmutig auseinandersetzen, das erfordert Kultur. Die Konventionen sind gewissermaßen die Spielregeln der Kultur. Wer bei ihrer Erfüllung dies nicht vergißt, wird niemals unter ihnen leiden. Nichts ist unkultivierter, als sie zu ernst zu nehmen, sei es als ihr gefügiger oder empörter Sklave, sei es als ihr feindseliger Freigelassener. Es gibt freilich Gesellschaftsklassen, für welche die Konvention ein Fetisch ist, dem alles geopfert wird, Geschmack, Behagen, Gefühle, ja das Glück. »Was werden die Leute zu meinem Leben sagen?« Die Leute! Ein Götze, ein Ungeheuer, das im Dunkeln wirkt, und sich höchstens von Zeit zu Zeit durch seinen unwillkommenen Geruch bemerkbar macht; will man es fassen, so entgleitet es, denn niemand will zu den »Leuten« gehören. Man selbst denkt ja ganz vernünftig, aber die Leute! Die jüngere Generation sucht sich nun diese Mittelstandsfurcht abzugewöhnen. Die moderne Literatur des gebildeten Bürgertums kämpft an gegen den Zwang solcher Konventionen, die sie als lügnerische Nachahmungen aristokratischer, in der Hoflust, meist in französischer gewachsener Formen empfindet. Diese Formen werden von vielen nicht mehr als eine Erleichterung, sondern als eine Hemmung des auf Vernunft zu gründenden Lebens empfunden. Darin liegt ein zweifellos gesunder Kern. Was sollen die Urteile und Sitten einer » société polie « für den, der ihre Wohltat nicht genießt? Für ihn werden sie Vorurteile und Unsitten. Warum soll sich jemand einen ihm unbequemen Ehrenkodex aneignen, wenn er von den Vertretern dieses Kodex doch nicht für ganz voll genommen wird? Warum soll in engen Verhältnissen die strenge Bindung des Liebeslebens gelten, die nur vom Standpunkt starker Familieninteressen aus berechtigt ist? Warum muß ein besitzloses Mädchen verkümmern, um nicht gegen die Familienüberlieferungen zu verstoßen, von denen sie ganz und gar nichts hat, während das voraussetzungslose Geschöpf aus dem Volke wie ein Singvögelchen den Frühling seiner Jugend genießt? Warum soll man den Luxus eines Salons bezahlen, wenn man nicht empfängt, warum auf Reisen, Schauspiele und dergleichen verzichten, weil die allein standesgemäßen Gasthöfe, die höheren Klassen der Eisenbahnen, die vornehmen Theaterplätze teuer sind? Nichts ist echter und aufrichtiger als das Abschütteln solcher Konventionen durch einen Stand, für den sie nicht gemacht sind. Nur glaube man nicht, daß damit irgendein objektives Urteil über den Wert der Konventionen an sich gewonnen ist; denn alle diese abgeschüttelten Konventionen sind dadurch nicht als schlecht, sondern nur für bestimmte Menschen als unfruchtbar erkannt. Die, denen zur Erleichterung oder zur Stilisierung des Lebens Konventionen wertvoll sind, werden ganz von selbst jenes alte aristokratische Erbe antreten und es ihren heutigen Bedürfnissen entsprechend verwalten und wohl auch umformen. Nur der aber wird sich vernünftigerweise einem solchen Gruppenzwang unterwerfen, dem die Gruppe dafür alle Vorteile der Zugehörigkeit gewährt, denn für ihn ist dies kein Zwang, sondern ein natürlicher sozialer Trieb. Leider gehen die Bekämpfer der Konventionen so weit, das für sie nicht Passende als überhaupt schlecht abschaffen, entwurzeln zu wollen und begehen damit den Fehler, in den jeder geistige oder praktische Radikalismus verfällt. So recht sie für ihre kleinen Privatverhältnisse haben, so unrecht tun sie, wenn sie den einen Heuchler nennen, der sein Privatleben fremden Blicken nur in einer verallgemeinernden Stilisierung darbieten will, wie er es, ohne sich vor Hinz und Kunz rechtfertigen zu müssen, jeden Augenblick vertreten kann. Diesem Zweck dienen die Konventionen. Es gibt viele Handlungen, die man vor sich und dem, den sie wirklich angehen, zu verantworten vermag, die aber so persönlicher, zarter Natur sind, daß man sie dem Urteil der Leute nicht aussetzen darf. Es gibt Dinge, die, durch das vergröbernde Prisma der Öffentlichkeit gebrochen, ihren Charakter gänzlich verändern. Darum ist es eine große Erleichterung, daß die Konventionen davon entbinden, den Leuten unsere Liebe zu Fräulein X. oder den Grad dieser Liebe anzuzeigen, indem sie uns die Pflicht auferlegen, einfach die eindeutige Tatsache einer Verlobung oder Vermählung den Bekannten mitzuteilen. Dadurch wird der persönliche Charakter unseres Schrittes vor neugierigen Augen verhüllt. Wir und Fräulein X. werden schon Bescheid wissen, die Welt aber erfährt nur, was sie angeht, nämlich, daß wir von jetzt ab zu zweit erscheinen werden. Wer allzu harmlos seine Handlungen und die ihnen zugrunde liegenden Empfindungen der Kritik seiner Umgebung aussetzt, wird sich regelmäßig über die Gemeinheit und Dummheit der Welt zu beklagen haben. Die Schuld liegt aber allein an ihm; er kann nicht verlangen, daß jedes Wesen auf ihn eingeht und ihn versteht. Die Menschen, die durch Mißverständnis und Entstellung einen bösartigen Klatsch brauen, brauchen noch nicht sehr bösartig zu sein. Etwas Schwatzhaftigkeit, Freude am Flunkern, an witzigen Übertreibungen, ironischen Wortspielen genügen häufig, ohne die Beihilfe von Neid und Ränken, um einen guten Ruf langsam zu untergraben. Um sich gegen die Entstellungen zu schützen, die nach einem Naturgesetz die Tatsachen erleiden, wenn ihr Bericht durch den Mund mehrerer gegangen ist, hat man zum Schutz die Konventionen erfunden, welche die persönlichen Angelegenheiten für die Allgemeinheit so stilisieren, wie man sie aufgefaßt zu sehen wünscht. Dadurch werden die Konventionen gerade nicht zum Hemmnis, sondern zum Schutz des persönlichen Lebens. Wenn jemand erzählt: ich liebe Fräulein X., so gibt er jedem das Recht, über seine Liebe zu urteilen, zu lächeln, zu spotten usw. Wenn er dagegen sagt, ich heirate Fräulein X., so mag man über die Vernunft eines solchen Schrittes reden soviel man will, die Zartheit der Empfindungen kann in keiner Weise berührt werden. Wie aber, wenn man Fräulein X. liebt und sie nicht heiratet? Dann hat man erst recht die Verpflichtung, die Konventionen aufs Äußerste zu beachten, um Fräulein X. vor allen Unannehmlichkeiten zu schützen, die diese gewagte Situation für sie hat. Die Liebe ist bekanntlich der Punkt, wo die göttliche und die tierische Natur des Menschen am engsten zusammenstoßen. Nichts ist entsetzlicher, als wenn über die Art dieses Zusammenstoßes die Öffentlichkeit sich ein Urteil erlaubt. Es ist einfach nicht möglich, die zartesten Liebesbeziehungen in einer rohen Umgebung aufrecht zu erhalten, die davon nur oberflächlich weiß, sie als Schmutz betrachtet, dies Tag für Tag äußert und dadurch eine Luft der Unreinheit und des Hasses um diese Beziehungen schafft. Nicht als ob eine solche Liebe dadurch unrein würde, aber sie verliert ihre Unbefangenheit, ihre Blumenhaftigkeit, ihren Schmelz. Sie sucht sich vor sich selbst anzuerkennen, zu rechtfertigen, was sie vorher nicht nötig hatte, sie wird zum Grundsatz, womöglich zur kriegerischen Forderung; so wird sie häßlich oder sie erstickt in Dornen. Warum sind aber die Menschen so schlecht? fragen harmlose Gemüter, daß sie in dieser Vereinigung des Göttlichen und Tierischen, genannt Liebe, immer mit Vorliebe das Tierische sehen? Ach, das ist eine sehr einfache Geschichte: Die Liebe zweier Menschen wirkt nun einmal auf Unbeteiligte immer mehr oder weniger humoristisch oder fordert zum mindesten zu Scherzen heraus, deren Grenze je nach Temperament und Bildung sehr weit gezogen ist. Darum haben auch die besten Witze meist eine erotische Beziehung. Gewöhnlich kann man sie gar nicht einmal in Damengesellschaft erzählen. Ernstgemeinte Theaterstücke stürzen am leichtesten über den häufig unfreiwilligen Humor einer Liebesszene. Der ungeheuere Gegensatz, in dem die Liebe häufig zu dem ganzen übrigen Ich eines Menschen steht, zu seiner Haltung, seiner Stellung, seinem Alter, seinem Äußeren, seinen Grundsätzen, seinem Beruf, alles das war, seit die Welt besteht, eine Fundgrube menschlichen Witzes und Humors. Die heitere Literatur aller Völker beruht darauf. Das Allerkomischste ist vielleicht, daß die beiden von der Liebe selbst betroffenen Wesen ihren für jeden andern auf den ersten Blick erkenntlichen Ausnahmezustand nicht sehen. Dazu kommt, daß die Liebe meist mit derjenigen Leidenschaft verknüpft ist, die in unserem zivilisierten Leben vielleicht noch als die derbste, ursprünglichste gelten kann, mit der Eifersucht. Kein Besitz wird rücksichtsloser gehütet, beneidet und geraubt, als der eines geliebten Wesens. Selbst wenn wir ganz absehen wollen von dem Schamgefühl, das heute manche nur für eine Konvention halten, schon die zweifellos unschönen körperlichen Dinge, die mit der Liebe häufig zusammenhängen und nur für die Liebenden selbst unsichtbar werden, werden jederzeit, wie auch Sitte und Recht sich immer gestalten mögen, die Geheimhaltung der Liebesbeziehungen verlangen. Der Schutz durch Konventionen ist jedenfalls bereits eine sehr gesittete Milderung gegenüber dem durch Haremsmauern. Die Konventionen sind oft Lügen, gewiß; aber diese Lügen beeinträchtigen den Charakter weniger als die Entstellungen, welche die Tatsachen durch das Geschwätz der Umgebung erfahren. Daß man andere über seine Privatangelegenheiten, sei es durch Worte, sei es durch Gebärden, belügt, muß erlaubt sein. Es gibt nur eine Lüge, die unbedingt unsittlich ist, weil sie den Charakter verdirbt: die Lüge gegen sich selbst. Sonst hat niemand uns gegenüber ein bedingungsloses Recht auf Wahrheit. Die Wahrheit ist meistens so verwickelt, daß man sie unmöglich jedem Außenstehenden klar machen kann. Um sich vor mißverstehenden Anmerkungen zu schützen, muß man die Wahrheit häufig verhüllen. »Wenn ich etwas, was ich tue, für gut halte, dann kann ich es auch in der Öffentlichkeit vertreten.« So sagen viele Schwärmer der Aufrichtigkeit und vergessen das eine: Wären die Dinge so einfach, daß man sie in ihrem Wesen jederzeit der Öffentlichkeit klar machen könnte, wie sie wirklich sind, dann sollte man allerdings, was man vor sich selbst verantworten kann, auch vor der Öffentlichkeit verantworten. Aber welches noch so anständige Privatleben ist nicht leicht zu beschmutzen, wenn z. B. im Falle eines Rechtsstreits ein gegnerischer Anwalt ohne Tatsachenentstellung nur das Was und nicht das Wie darlegt? Was aber nützt es, die Wahrheit zu sagen, wenn sie so verwickelt ist, daß sie notgedrungen eine falsche Auffassung hervorrufen muß? Wieso ist sie dann besser als eine Lüge? Gerade die psychologische Erkenntnis unserer Zeit sollte das anerkennen. Wäre mit dem öffentlichen Zugeständnis einer ungesetzlichen Liebe z. B. tatsächlich etwas Wesentliches zugestanden, so könnte man es vielleicht sittlich begründen, daß man sich ihrer nicht schämen und nicht heucheln soll. Weil aber damit gar nichts über das Wie gesagt ist, sondern nur dem Spottbedürfnis, der Eifersucht, dem Neid oder der Bosheit Nahrung gegeben wird, wollen wir uns der Konventionen freuen, die uns, besonders aber den Frauen, verbieten, andere als eheliche Beziehungen der Geschlechter zuzugeben. Da wir nun schon einmal von Sittlichkeit sprechen: es gehört häufig eine sehr viel stärkere sittliche Kraft dazu, ein nicht alltägliches Privatleben hinter den Konventionen von Besudelung und Hemmung unberührt zu halten, als zu jener Allerweltstreuherzigkeit und dem Bedürfnis nach Geständnissen und Aussprache, die gerade schwächliche und oft auch innerlich verlogene Menschen so häufig haben. Ein selbstbewußter Charakter, der die Konventionen beherrscht, ist eine höhere Blüte der Menschlichkeit, als der unzufriedene Intellekt, der sie mit billigen Einwänden bekrittelt. Man darf freilich kein pedantischer Sittenrichter sein, um in einer gewissen gesellschaftlichen Heuchelei, die manches verschweigt, eine tiefere Achtung vor eigener und fremder Menschlichkeit zu erkennen, als in haltloser Offenheit. Wer die Formen beherrscht, wird sie nicht mehr als Hemmnisse, sondern als Stützen erkennen. Er wird lernen, sich mit Hilfe der Konventionen, ohne anzustoßen, abzusondern, wenn es ihm paßt, und ohne ihr Sklave zu werden, sich der Geselligkeit zu erfreuen, wenn sein Herz danach begehrt. Nur die Unfähigkeit, die Konventionen zu meistern, läßt viele Leute sich in der Gesellschaft unbehaglich fühlen, sie als eine Last empfinden. Sie verfallen darum einer Einsamkeit, die sie auch eigentlich nicht wollen und die sie deshalb verbittert. Würden sie sich zu kleinen befreienden Unwahrheiten verstehen, so könnten sie leicht den Strom freundlicher und feindlicher Besuche, die an ihre Tür klopfen, regeln. Jene anspruchsvolle Weltfernheit findet sich in zahllosen neuen Romanen verherrlicht. In Deutschland findet man noch zu viele kleinliche Sklaven der Übereinkömmlichkeiten, und darum als notgedrungenes Gegengewicht wildgewordene Sanskulotten. Ganz anders als ihre grobe Beweisführung muten die Scharmützel an, welche die skeptischen französischen Moralisten des achtzehnten Jahrhunderts, z. B. Chamfort, den Vorurteilen des »monde« lieferten. Jedes Wort dieses die Gesellschaft höhnenden Schriftstellers setzt feinste gesellschaftliche Kultur als selbstverständlich voraus und wird seines ganzen Wertes beraubt, wenn es ein Barbar für seine Zwecke anführt. Dasselbe Urteil ist ein anderes im Mund eines Zugehörigen und eines Draußenstehenden. Diejenigen aber, welche die Konventionen angreifen, sind meistens solche, die ihren Wert zu erproben zu wenig Gelegenheit hatten. Der Haupteinwand gegen die Konventionen wird im Namen der Überzeugung gemacht, die man angeblich immer auszusprechen habe. Dieser Irrtum ist der Grund, warum deutsche Geselligkeit so leicht in Zank ausartet. Aber ist es denn wirklich sittlich wertvoll, wenn jemand auf die Frage, ob er Geschwister habe, antwortet, in Preußen müsse das allgemeine Wahlrecht eingeführt werden, oder auf die Frage nach dem Wetter sich für einen Republikaner erklärt? Daraus ließen sich übrigens Beispiele für eine neue Ollendorfgrammatik zusammenstellen. »Gehen Sie diesen Sommer aufs Land?« »Nein, aber meine Großmutter lebt in wilder Ehe mit einem Tenor.« Natürlichkeit Mitten in einer geselligen Veranstaltung, die sich bisher in den üblichen Formen bewegt hatte, wird in plötzlich entstehender Faschingslaune beschlossen, einmal alle Gesetze mutwillig zu brechen. Im Nu lagern alle auf dem Fußboden, Herren und Damen duzen sich, einige Frauen entfalten in dieser Freiheit eine Grazie, die es bedauern läßt, daß es überhaupt Stühle und Sofas und »steife« Formen gibt. Andre stehen oder hocken etwas linkisch herum und passen sich schwer der ungewohnten Freiheit an. Sie sind die Aufrichtigen, die ihre eigne Gebundenheit schmerzlich empfinden und sich darum diese Freiheit verbieten müssen. Sie sind rührend und werden in ihrer etwas schweren Art so lange natürlich und sympathisch bleiben, bis ihnen eines Tages eine wohlmeinende Individualistin einredet, sie müßten ihrer Bescheidenheit einen Stoß versetzen, ihre Persönlichkeit entwickeln, sich »entfalten«. So weit ist bereits eine dritte Gruppe von Frauen fortgeschritten, die, ebenso schwer und linkisch wie jene, die Aufrichtigkeit ihrer Natur vergessen haben und nun Dinge tun, die zu ihnen nicht passen. Sonderbarerweise sind gerade unter ihnen mehrere Künstlerinnen. Wie plötzlich entfesselte Tiere wälzen sie sich am Boden, ahnungslos, wie fern ihnen die Grazien geblieben sind. Es ist kein Zweifel: die erste Gruppe der wirklich Freien, ganz Natürlichen besteht aus den kultivierten Frauen, die im Alltagsleben nicht Sklavinnen, sondern vollkommene Herrinnen der Konvention sind und mit und ohne Konventionen immer aus echter Natur handeln, diese beiden Worte enthalten für sie keinen Widerspruch. Die Frauen der zweiten Gruppe sind nicht Herrinnen, sondern Dienerinnen der Konvention, aber ihr echter Instinkt läßt sie dieses Dienstverhältnis als das ihnen allein zukommende nicht aufgeben. Die dritten sind barbarisch, geschmacklos und vertreten, indem sie ihre zuchtlose Persönlichkeit vordrängen, die Weltanschauung des Individualismus. Kaum ist die Lustigkeit vorbei, so finden die Freien ihre gewohnte Gehaltenheit im Augenblick wieder und erscheinen den wieder Gefesselten wie immer »steif und heuchlerisch«. Diese »Heuchlerinnen« sind dieselben Frauen, die im Karneval mit einem wildfremden Manne scherzen und plänkeln können, ohne sich etwas zu vergeben, die königlich mit der Konvention zu spielen vermögen. Warum ist diese wahre, stolze Natürlichkeit so selten? Weil man aus der Natur einen starren theoretischen Begriff gemacht hat, der etwas bedeuten soll, was gewissermaßen vor oder im Gegensatz zu aller Kultur und Zivilisation besteht. In Wahrheit ist Natur überall, auch in den verwickeltesten Verhältnissen der Zivilisation zu finden. Es gibt eben eine natürliche Art, auch auf das Verwickelte zu antworten, nicht indem man es verneint und ihm den theoretischen, das heißt unnatürlichen Naturbegriff Jean Jacques Rousseaus entgegenstellt, sondern indem man es lebendig erfaßt und zu einem Teil seines Lebens macht oder aber ihm instinktiv (nicht theoretisch) aus dem Wege geht, wenn es einem nicht zusagt. Sich in Felle zu hüllen und von rohen Früchten zu leben war im Urwald natürlich und wäre am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein unnatürlicher Narrenstreich. Grobheit ist im Bauernwirtshaus natürlich, der Natur eines gebildeten Hauses aber widersprechen schlechte Manieren; darum wirkt hier jede Art von Grobschlächtigkeit »deplaciert«, das heißt der Natur des Ortes widersprechend. So ist Natürlichkeit nichts andres als ein sicheres Erfassen des Charakters einer Umgebung oder einer Lage und die Fähigkeit, sich diesem Charakter entsprechend zu verhalten. Kultur ist die Form, mit der bewußt gewordene Persönlichkeiten, Gruppen oder Zeiten den unbewußten Gesetzen des Lebens folgen, Natürlichkeit ist unbewußte Kultur, aber darum ist freilich noch nicht alles unbewußte Handeln natürlich. Durch die intellektuelle, theoretische Verbildung unsrer Zeit ist nämlich sehr vielen Menschen eine künstlich gezüchtete Unkultur zur zweiten unbewußten Natur geworden. Diese zweite Natur ist Unnatur. So ist Unnatur der größte Feind der Kultur. Man lernt in Deutschland, falls man eine Kinderstube gehabt hat, sich knapp bewegen und mit Mäßigung reden, das ist als allgemeiner Erziehungsgrund gut, man kann lernen Fehler zu vermeiden, aber Natürlichkeit lernt man nicht, man findet sie vielleicht einmal. Der freie Wettbewerb macht Menschen zu Befehlenden, denen diese Gebärde durchaus unnatürlich ist. Die sogenannten einfachen Leute sind aber heute auch fern davon, Natürlichkeit zu besitzen; ihr sozialer Ehrgeiz läßt sie etwas andres zu scheinen wünschen als sie sind. Der Intellektualismus unsrer Zeit hat die natürliche Ungleichheit der Menschen einfach wegdekretiert, theoretisch gleiches Recht für alle verkündet und ermutigt damit jeden, das zu tun, was ihm nicht zukommt, das heißt das Unnatürliche. Echte Natürlichkeit ist heute das seltenste Kulturgut einzelner Unverdorbener, Unentwurzelter geworden und kann sich so gut im Palast wie in der Hütte finden. Das beste Beispiel für das Gesagte ist der Zustand, in dem sich unsre Umgangssprache befindet. Die gebildete Sprache war immer der Gefahr ausgesetzt, sich in höfische Zierlichkeit oder abstrakte Farblosigkeit zu verlieren, dagegen war das Volk lange Zeit eine unverfälschte Quelle sprachlicher Neubildung. Sein naiver Bilderreichtum, den die ewig verjüngende Berührung mit der Scholle und den Werkzeugen, die Abhängigkeit von den Jahreszeiten im Wechsel von Glück und Unglück schuf, hat unsrer Sprache das Beste ihres Gehalts gegeben. Was ist aber heute das Volk? Eine von theoretischen Meinungen und halber Bildung verwirrt, materialistisch und respektlos gewordene Masse. Seine Sprachquelle fließt trüb, es spricht weniger Mundart als Kauderwälsch, statt Volksliedern singt es Brettellieder, statt an derben Sprichwörtern und Parabeln erfreut es sich an Kalauern und dem traurigen Humor der Witzblätter. Darum ist die Neigung unsrer Wissenschaft und Literatur zum »Populären« etwas ganz andres als die Neigung früherer Dichterschulen zum Volkstümlichen. Das »Populäre« ist heute das Triviale. Es liegt auf einer Ebene, wo sich zwei Entwurzelte treffen: halbgebildetes Volk und halbgelehrte, halbliterarische Schriftsteller. Ich will die Frage offen lassen, ob die alten Volkslieder wirklich von Leuten aus dem Volk gedichtet worden sind. Jedenfalls sind sie aus dem Geiste des Volks geschaffen und von dem Volke verstanden worden, vielleicht von manchem fahrenden Scholasten bäuerlicher Herkunft, dem seine junge, aber echte Bildung die ursprünglichen Gefühle nicht zerstört, sondern dichterisch geformt hat. Ganz anders jene neueren, meist aus dem Kleinbürgertum stammenden Dichter, die einen populären Ton anschlagen. Hier ist nichts mehr von Natürlichkeit, sondern die Form- und Stillosigkeit dieser modernen Lyrik ist reine Unnatur. Sie ist voll von Erinnerungen an frühere Dichter, an Zeitungsphrasen, an Rotwälsch aller Art. Am betrübendsten zeigt den Mangel an Natur die Singspielhalle. Aus dem fast ausgestorbenen wundervollen Volkssänger, wie der Münchener Papa Geis einer war, ist dieses elende Geschöpf von »Salonhumoristen« geworden, diese Ausgeburt von Unnatur, von Halbheit, von Geschmacks- und Gemütsroheit, der das Volk zujubelt. Ja, der Begriff der Natur selbst hat eine Wandlung erfahren, er ist gleich geworden mit Formlosigkeit. Man vergißt, daß die straffste Form einem zuchtvollen Geist vollkommen Natur sein kann. Dante und Petrarka sind natürlich, der Volkston wäre ihnen unnatürlich gewesen. Die Volksdichterin Johanna Ambrosius dagegen ist ein Gemisch von verblasener Sehnsucht, halber Bildung und Vergreifen in der Form. Laßt heute einen einfachen Menschen ein paar Verse machen, sie werden oft nicht etwa holprig und rauh ausfallen, im Gegenteil, sie sind meistens anspruchsvoll glatt, denn er beherrscht dieses abgegriffene Kauderwälsch der Zeitungen und Singspielhallen, das heute überall in der Luft liegt. Niemand redet mehr, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, jeder schämt sich dessen, weil er von tausend intellektuellen und sozialen Mißverständnissen umsponnen ist. Natürlichkeit ist heute hier und da wieder das Ergebnis feiner, erfahrener Kultur, die kritisch durch alle Irrtümer der Zeit hindurchgegangen ist, um schließlich bei der einfachen Echtheit anzukommen. Diese wahre Natürlichkeit hat nichts zu tun mit jener begrifflich ideologischen Rückkehr zur Natur, wie sie die Naturapostel und » simple lifers « verlangen. Nichts scheint heute schwerer als die Natürlichkeit, als zu reden und zu wissen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Meist erfährt es erst der, der ihn wie ein Specht an zahllosen Rinden gewetzt hat. Geschmack Man hört öfters sagen: wir Deutsche stehen an gesellschaftlicher Kultur und Geschmack den Franzosen nach, dafür haben wir größere Natürlichkeit. Aus dieser Ansicht spricht die Meinung, Geschmack sei eine Gabe, ein Talent wie jedes andere, das man haben könne oder nicht. Das ist richtig, wenn man den besonderen künstlerischen Geschmack meint, sei es, daß er sich nur wählend oder urteilend oder aber schöpferisch verhält. Das aber, was man im alltäglichen Leben Geschmack nennt, ist etwas ganz anderes, etwas eher zum Charakter als zum Geist Gehörendes, was ebenso unbedingt erforderlich ist wie körperliche Sauberkeit. Es ist kein schöpferischer Geschmack nötig, um sogenannte Geschmacklosigkeiten zu vermeiden, sondern nur wahre Natürlichkeit, das instinktive Erkennen der eigenen Art, die einen nichts tun läßt, was einem unnatürlich ist. Zu wissen, daß Manet besser ist als Thumann, beweist jenen natürlichen Geschmack noch lange nicht. Man kann sogar einen »Kitsch« in seinem Zimmer haben und in »unpersönlichen« Möbeln wohnen, und doch mehr Geschmack in seinem Leben und Verhalten beweisen als manche Künstler und von »Kultur« Besessene. Der natürliche Geschmack kennt keine ästhetischen Regeln, die bestimmen, ob man modernes Kunstgewerbe anerkennt oder nicht. Da aber die wenigsten Menschen mehr diese angeborene Natürlichkeit besitzen, sind die konventionellen Regeln heute notwendiger als je. Unter geschmacklosen Menschen versteht man nicht etwa solche, die keinen Wert aufs Äußere legen, sondern gerade solche, die es tun, aber nicht aus ästhetischen Gründen, sondern um aufzufallen, Besitzunterschiede zu bezeichnen und dgl. Hier hängt das Ästhetische eng mit dem Ethischen zusammen. Sagen: ich richte mein Leben einfach nach meinen Bedürfnissen ein, das ist weit davon entfernt, das zu sein, was man Geschmacklosigkeit nennt. Dieses scheinbar nur ein Fehlen ausdrückende Wort meint vielmehr ein positives Übel. Erst der wird geschmacklos, der Ansprüche macht, die ihm nicht zukommen, ohne es in seiner verbildeten Unnatur zu ahnen. Man sollte etwas weniger auf den guten einfachen deutschen Reisenden schimpfen, so lange er wirklich keinen Wert aufs Äußerliche legt, sich von eleganten Orten fernhält und keinen Menschen stört. Aber leider legen manche Deutsche einen übertriebenen Wert aufs Äußere, und gerade das macht sie geschmacklos. Gewisse groteske Auswüchse in den Sitten und den Formen der Kleidung, in kleinstädtischen Konventionen, in überladenen Gebrauchsgegenständen und nicht minder die dagegen verkündeten Reformen drücken nicht etwa eine harmlose Gleichgültigkeit gegen das Äußere aus, sondern eine nur allzu bewußte Absichtlichkeit. Zu diesen Ansprüchen kommt seit einiger Zeit die des deutschen Snob, der den Leuten in die Ärmel schielt, ob sie keine »Röllchen« tragen, von dem Bade erzählt, das er neuerdings täglich nimmt, im Einhalten der englischen Vorschriften englischer ist als der »King«. Dies geht heute schon so weit, daß man sicher sein kann: sitzt irgendwo in einem Gasthof, der kein Luxushotel ist, ein einzelner Mann im »Smoking« unter einer internationalen Gesellschaft in Touristen-Kleidung, so ist er ganz gewiß ein Deutscher, der kürzlich gelernt hat, was » evening-dress « ist und noch eine allzu sichtliche Freude daran hat. Er ist genau so geschmacklos, wie sein größter Feind, der Herr im Jägerhemd, der laut für Deutschtum und Turnfahrten eintritt. Beide sind gleich absichtlich und unnatürlich. Was man dem heutigen jungen Deutschen wünschen möchte, ist, daß er wieder harmloser werde; fühlt er sich etwas ungelenk und bäurisch, nun, so überlasse er den Smoking und den Frack andern. Will er ihn aber tragen, so frage er sich erst, ob seine ganzen Lebensgewohnheiten diesem Stil entsprechen. Sonst setzt er sich der Gefahr aus, die neuen Formen des Weltmannes falsch zu gebrauchen und am hellichten Tage mit tief ausgeschnittener Weste zu erscheinen. Je mehr Wert jemand aufs Äußere legt, desto mehr positiven Geschmack muß man von ihm verlangen; wer aber bescheiden auftritt, braucht keinen besonderen Geschmack zu besitzen, um Geschmacklosigkeit zu vermeiden. Das Schamgefühl Das echte Schamgefühl bezieht sich nicht auf die Nacktheit, sondern auf die Begierden. Der Nacktheit schämt man sich nur mittelbar, indem sie Begierden zu entfachen vermag oder zeigt. Darum besitzen wirklich unschuldige Kinder, d. h. solche, die noch nichts von Begierden wissen, von Natur kein Schamgefühl, und Adam und Eva schämen sich erst in dem Augenblick, da sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Etwas ganz anderes ist das konventionelle, auf Moral beruhende Schamgefühl. Es findet sich naturgemäß in dem moralistischeren Norden mehr als in dem harmloseren Süden. Dieses konventionelle Schamgefühl kann gleichzeitig mit vollkommener natürlicher Schamlosigkeit vorkommen. Man hat oft das Betragen gewisser Brautpaare und Hochzeitsreisenden der anständigen Haltung der Kurtisanen französischen Stils entgegengehalten. Diese erlauben öffentlich keinerlei Freiheiten, während jene Brautpaare in dem Irrtum befangen sind, ihre öffentlichen Liebkosungen seien darum nicht schamlos, weil sie gesetzlich sind, d. h. der bestehenden Moral nicht widersprechen. Hier ist die Moral vollkommen an Stelle des Schamgefühls getreten, und nirgends wird der Unterschied der beiden Begriffe klarer. Man hat manche etwas verwahrloste Karnevalsbälle dadurch entschuldigen wollen, daß die Öffentlichkeit dieser Verwahrlosung sie eigentlich ungefährlich mache. Das Schamgefühl hat aber mit Gefährlichkeit gar nichts zu tun. Eine Frau kann nach dem siebenten Geliebten noch Schamgefühl besitzen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß eine Jungfrau ein schamloses Geschöpf ist. Ja, gerade eine allzu bewußte Keuschheit kann einen Mangel an Scham verraten. Wahre Unschuld und körperliche Keuschheit können bei manchen Temperamenten nicht lange nebeneinander bestehen, denn eines Tages wird sich die Keuschheit zu sehr ihrer selbst bewußt. Dann wäre es manchmal unschuldiger, nicht mehr keusch zu sein. Wer in einer der großen Tanzhallen der Halbwelt seine Hände nicht hinreichend beherrschte, würde wahrscheinlich von der belästigten Schönen etwas Gründliches zu hören, wenn nicht zu fühlen bekommen. Wer dasselbe auf einem unserer »harmlosen« Künstlerfeste tut, wo man viele ihrer Keuschheit sehr bewußte Mädchen trifft, dem wird seine Freiheit oft genug durch ein beglücktes Lächeln gedankt. Man beachte den Unterschied zwischen der Pariser und der Münchener Unmoral: Jeder hat von dem Bal des quat'z' arts der Künstler und Modelle in Paris gehört. Eine Inschrift über der Garderobe erläßt folgende Bitte an die Weiblichkeit: Les dames sont instamment priées de laisser leurs chemises au vestiaire . Dieser Aufforderung wird von vielen mit Freuden gefolgt. Trotzdem Jugend, Tanz und Alkohol dort zu allen möglichen Bejahungen des Lebens verführen, würde doch niemand wagen, eine der Damen, die so vertrauensvoll ihre Schönheit dem Schutze des Publikums empfehlen, irgendwie zu belästigen. Dagegen betrachte man die Szenen auf gewissen von jungen Damen besuchten Karnevalsfesten in München. Ein Knäuel von unbeherrschten Menschen mit unbefriedigten Sinnen. Eine Provinzfrau ruft neckisch: »Ein Küßchen in Ehren kann niemand verwehren« und versinkt mit irgendeinem Epheben in einer halbdunklen Nische. Was würden die Freundinnen in Braunschweig oder Koburg sagen, wenn sie solchen »heidnischen Lebenskult« sähen und das kleine Gänschen mitten darin! Einer ist sogar so dionysisch, das Licht auszudrehen. Was ist denn dabei? Das ist doch so harmlos. Was Ernstes kann ja gar nicht geschehen, dazu sind viel zu viele Menschen da. In einer Ecke brüllt eine etwas derber veranlagte Schar von Kunstakademikern das schöne Lied: Menschen, Menschen san's ma alle, Föhla hat a jedes gnua. Brüderchen und Schwesterchen liegen umher, zu lieblichen Klumpen geballt, und finden das alles so poetisch. Sie wissen ja kaum, wie ihnen geschieht, und nach Wochen noch findet man: Wie man sich doch in Süddeutschland menschlich so viel näher kommt als in dem kalten Norden. Niemals wird sich eine bessere Halbweltlerin öffentlich in Lagen begeben, wie sie im Fasching viele Frauen aufsuchen, die in dem grotesken Irrtum befangen sind, sie seien Damen und stünden sittlich höher als die Halbwelt, weil sie billiger und weniger gründlich sind. Nur die wirklich gute und die wirklich schlechte Gesellschaft ( monde und demi-monde ) wissen, was sich ziemt; was dazwischen liegt, ist meistens unsicher, das Kleinbürgertum sowie die heute vorwiegend aus ihm stammende Bohême. Das Kleinbürgertum kennt nur die Bindung der landläufigen Moral, die dem Brautpaar gegenüber im Hinblick auf die künftige Gesetzlichkeit seiner Beziehungen etwas gelockert wird. Die Bohême zieht dagegen unerschöpfliche Freuden aus der Beleidigung dieser von ihr abgeworfenen Moral. In beiden Schichten findet das echte Schamgefühl nur vereinzelt seinen Boden. Beide erklären es, wo es sich in seiner Zurückhaltung zeigt, oft für Heuchelei. Sie verachten den Menschen als Heuchler, der nach außen stets seine Haltung bewahrt, obwohl ihm die Lästerchronik allerlei geheime Geschichten nachsagt, anstatt ihm dafür dankbar zu sein, daß er die Welt mit dem Anblick seiner Privatangelegenheiten verschont. Dagegen ist man nachsichtig gegen das formlose Wesen, das sich rückhaltlos in allerlei halbe Beziehungen eingelassen hat, dem Gerede durch jeden Schritt Nahrung gibt, von alledem gar nichts hat und schließlich in der Meinung, etwas erlebt zu haben, sich bloß »unmöglich« macht und wie ein Fetzen herumgeschmissen wird. Gewiß, es mag ganz harmlose Gemüter geben, die in solchen zweideutigen, unklaren Beziehungen ein paar Wochen lang ahnungslos bleiben. Sehr bald aber müssen sie fühlen, was für Begierden hier im Spiele zu sein pflegen, und wer unter ihnen natürliches Schamgefühl besitzt, zieht sich bald angeekelt von solchem Brüderchen-und-Schwesterchen-Spielen zurück, dessen betonte Harmlosigkeit viel eher den Vorwurf der Heuchelei verdient. Der Mangel an Schamgefühl hält sich oft selbst für gerade offene Ehrlichkeit. Es gibt aber eine ganze Menge von Dingen, die man allerdings heimlich, aber nicht offen tun darf. Vor einigen Jahren ging die Erzählung durch die Blätter, irgendwo im Orient sei eine Reisegesellschaft in die Hände von Räubern gefallen, Herren und Damen seien entkleidet und in eine Höhle eingesperrt worden, bis das erwartete Lösegeld eingetroffen war. Die Herrschaften sollen sich sehr bald an ihre Nacktheit gewöhnt und sie nicht mehr anstößig empfunden haben, während in dem Augenblick, als ihnen die Kleider zurückgegeben wurden, die Damen entschieden eine Wand verlangten, da sie sich nicht vor den Herren anziehen wollten. Das ist keinesfalls lächerlich oder frauenzimmerhaft, sondern es zeigt ein feines Schamgefühl dafür, daß Halbangezogensein ein zweideutiger Zustand ist, während die Nacktheit, von den Umständen bedingt, natürlich sein kann, aber freilich nur dann. Altmodische Leute sind oft von der »Schamlosigkeit« der modernen Kunst entsetzt, die jüngere Generation verhöhnt diesen Standpunkt. Beide haben recht und unrecht. Zur Erklärung dieses Widerspruchs ist eine kleine Abschweifung auf das Gebiet der Ästhetik nötig. In der Kunst steigert sich das feine Schamgefühl, das alle körperliche Notdurft zu verhüllen trachtet, zum Ästhetischen. Ein Irrtum unserer Zeit ist, die Nacktheit sei an sich schön. Sie kann geradesogut häßlich sein. Nun ist zweifellos auch die Häßlichkeit ein berechtigter Gegenstand künstlerischer Darstellung. Kein künstlerisches Auge wird sich vor der prächtigen Derbheit z. B. Jordaensscher Leiber entsetzen. Der Grund ist der, daß hier die Nacktheit gar nicht schön sein soll, daß sie ohne jedes Pathos auftritt. Ebenso hat eine Dirnenszene von Goya das Vorrecht der Häßlichkeit im künstlerischen Sinne, denn hier soll ja gar nicht das Verführerische einer Aspasia, sondern gerade das an Tragik grenzende Groteske des Dirnendaseins dargestellt werden, und die Frage ist nur, ob dies wirklich herauskommt. Hier von Schamlosigkeit sprechen, ist ein psychologischer Irrtum. Ganz anders ist es, wenn jemand eine Idealgestalt auf ein Einhorn setzt und durch einen fabelhaften Wald reiten läßt, oder wenn einer eine nackte Frau auf eine Wiese stellt. In beiden Fällen benutzt er schöne Gestalten als Stoff, im einen Fall mit symbolischem, im anderen mit rein ästhetischem Anspruch. Der Künstler will in diesen Fällen Schönheit darstellen, und das muß ebenso herauskommen wie bei jenen anderen die Darstellung des Grotesk-Häßlichen. Wirken solche Gestalten dann kümmerlich oder aufgeschwemmt oder gemein sinnlich, dann fragt man mit Recht: Warum werden uns solche Häßlichkeiten enthüllt? Das künstlerische Schamgefühl ist verletzt. Das ist etwas ganz anderes als die sattsam abgedroschene Phrase, das Leben sei an sich häßlich genug, der Künstler solle daher nur das Schöne bilden. Alles vielmehr darf der Künstler bilden, das Häßliche, das Bizarre, das Lächerliche, nur soll man ihm auch deshalb das objektiv Schöne nicht verbieten. Wenn uns ein Frühlingsreigen nackter Mädchen dargestellt wird, so ist die Darstellung objektiver, schon im Stoff liegender Schönheit bezweckt, und wir können verlangen, daß uns nicht Aktstudien ausgemergelter Betschwestern oder aufgedunsene Köchinnen zugemutet werden. Solche Nacktheit wirkte in solchem Falle schamlos. Warum soll aber der Künstler, fragt man vielleicht, wenn er alles bilden darf, nicht auch ausgemergelte Betschwestern oder aufgedunsene Köchinnen darstellen? Gewiß darf er auch das, aber nicht unter dem Vorwand eines Frühlingsreigens, sondern in der Absicht, das Kümmerliche oder das Derbe, vielleicht als Zerrbild, auszudrücken. In diesem Falle hebt die künstlerische Form den Stoff auf eine Stufe, die jenseits der individuellen Scham steht. Die Alten haben die Darstellung der Nacktheit immer dadurch der Sphäre der Begierden entrückt, daß sie sie irgendwie begründeten, meistens durch Attribute, die auf das Bad oder auf das Gymnasium hinwiesen. Erst in sehr bewußten Kulturen wagt man die Nacktheit um ihrer Schönheit willen darzustellen. Dies ist in allen Zeiten, auch in Athen, ein ungeheurer Durchbruch der Sitte gewesen. Nur die Schönheit der nackten Form konnte eine solche Tat rechtfertigen. Ein häßlicher weiblicher Akt sann im Hinblick auf ein Schicksal – z. B. eine Hagar in der Wüste – durch diese Beziehung zu einem starken Mittel künstlerischen Ausdrucks werden. Wo es aber einfach heißt: nackte Frau, badendes Mädchen oder dergleichen (übrigens nicht nur heißt, sondern auch nichts anderes dargestellt ist), wirkt die beziehungslose Ausbreitung der Häßlichkeit schamlos. Daß die Schönheit eine große Reihe von Verstößen gegen die Sitte loszukaufen vermag, ist ganz zweifellos. Daß unzeitgemäße oder dem Ort widersprechende Freiheiten des Verhaltens oder Entblößungen bei häßlichen Menschen doppelt schamlos wirken, ist so klar, daß man fast versucht sein könnte, das ganze Problem leichthin zu lösen, indem man sagt: Alles ist erlaubt, wenn es sich nur durch seine Schönheit rechtfertigt. Nun, das verallgemeinert zu sehr, zumal die Meinungen darüber sehr verschieden sein können, bis zu welcher Grenze das Verhalten eines Liebespaares noch schön ist. Eine wie große Rolle aber das Ästhetische hier spielt, geht besonders hervor aus der ganz verschiedenen Scham südländischer und nordländischer Mütter. Nordische Frauen entsetzen sich oft darüber, daß die Frauen des Südens ihre Kinder vor den Blicken aller säugen. Den Südländerinnen dagegen fällt wiederum auf, mit welcher Unbefangenheit viele Frauen des Nordens bis in die letzten Tage vor ihrer Niederkunft in der Öffentlichkeit erscheinen. Die südliche Schamhaftigkeit ist bei weitem feiner, weil von dem Schönheitsgefühl eingegeben, denn während der Anblick schwangerer Frauen zweifellos leicht an Tiere in ähnlichem Zustand erinnert, gemahnt die nährende Mutter unfehlbar an die Madonna. Der Künstler in der Gesellschaft Die moderne Kunst und die moderne Gesellschaft sind im Grund Feinde. In den Kreisen der Industrie, des Handels, der Bank, der Technik, ja der Wissenschaft finden die Künstler (ich rechne die Dichter dazu) heute keinen natürlichen Platz mehr. Trotzdem ist ihre Anzahl, wohl auch verhältnismäßig, größer als in jenen Zeiten, da ihr Beruf und das Bedürfnis nach ihnen anerkannt und ihre gesellschaftliche Stelle bestimmter war. Ein anderer, eng damit zusammenhängender Zug der modernen Künstler ist, daß ihre Werke sich nicht an die Gesellschaft der tätigen Menschen wenden, daß ihre Probleme häufig genug abseits von ihr liegen, ja sehr oft sogar eine Spitze gegen sie zeigen. Niemals wurden so viele Bücher geschrieben, in denen der Stoff aus dem Leben der Künstler und Schriftsteller selbst genommen ist, in denen Kämpfe und Leiden der sogenannten Schaffenden dargestellt sind. Oft findet man darin den Standpunkt eines »höheren« Menschentums vertreten und den Anspruch, die Gesellschaft der Tätigen verachten oder belehren zu dürfen. Dieser halbversteckte Ärger der Künstler, dieses »Beleidigtsein« wird von der Gesellschaft nicht im selben Grade erwidert. Sie fühlt sich vielmehr selbst ein wenig getroffen und zeigt ein nicht ganz gutes Gewissen. Durch die Geselligkeit schlägt sie eine Brücke in das feindliche Lager, und man sieht nun zunächst diejenigen, welche einen Frack besitzen, zu Gastereien und Bällen herüberkommen. Aber auch gerade die, welche keinen Frack haben, die eigentliche Bohême holt man sich bisweilen, staunt über ihr seltsames Gebaren und ihr scheinbares Erhabensein über die Konventionen. Besonders die Lästerchronik dieser Klasse reizt heftig, und die Frauen, ja viele junge Mädchen sind genau unterrichtet, mit wem gerade der Maler X. oder der Schriftsteller Y. in »freier Ehe« lebt. Dieser Reiz aber beseitigt nur scheinbar die Feindschaft der beiden Klassen. In allen wesentlichen Fragen, sowie es sich um Familien- oder Vermögensangelegenheiten handelt, zeigt sich die Kluft. Das Vorhandensein der Überläufer bestätigt die Regel. Die Teilnahme der Gesellschaft für den Künstler gleicht der für den zoologischen Garten. Es ist seltsam und manchmal schauerlich zu sehen, wie sonderbare Tiere fressen, lieben und sich verständigen. Dieses fast perverse Interesse der Gesellschaft, sowie die wachsende Anzahl der Künstler, die sie, genau wie die modernen Arbeiter, selbst zu einer beträchtlichen Konsumentenklasse macht, läßt sie leben, häufig gut leben. Bei weitem die größere Zahl, und unter ihnen sind vielleicht gerade die Sonderbarsten, bleiben der Gesellschaft überhaupt fern, verhöhnen oder hassen sie und kennen sie nicht. Die Folge von alledem ist, daß wir nur wenige Dichter haben, welche die Probleme der Zeit umfassend zu begreifen und zu gestalten wissen, sondern nur solche, die sich für die Kämpfe der mit der Zeit nicht Mitkommenden einsetzen. Natürlich spielt auch hier immer die Zeit hinein, aber meist als die mißverstandene Feindin. Ich denke an jene Romane, in denen Schuster, Schneider, Nachtwächter, Pfarramtskandidaten und andere Pächter der Ideale im Kampfe mit den Forderungen der Zeit scheitern. Ich denke ferner an die Malerei der Heimatskünstler, der modernen Präraffaeliten usw., ohne zu vergessen, daß die bildende Kunst in ihren hervorragenden Vertretern doch dem modernen Leben bei weitem kühner zu Leibe gegangen ist als die Literatur. Der Grund mag darin liegen, daß das einmal erzogene Künstlerauge sich nicht um soziale, moralische und ähnliche Probleme der Zeit zu kümmern braucht, um vortreffliche Bilder ihrer Menschen sowie von deren Umgebungen und Vorfällen hervorzubringen. Der Schriftsteller hingegen muß die zentralen Fragen erlebt und durchdacht haben, um zu gestalten. Das tut er jedoch heute selten, sondern er begnügt sich meist mit einer ablehnenden Sonderstellung mit mehr oder weniger revolutionärer Note. Alle die aus dem Lager der Künstler gegen die moderne Gesellschaft erhobenen Vorwürfe gipfeln in dem einen, daß sie überaus unkünstlerisch sei. Dieser Vorwurf ist ebenso zweideutig wie der eines Vaters, der seinen erwachsenen Sohn unerzogen schelten wollte. Damit trifft er nur sich selbst, warum hat er ihn nicht erzogen? Kein Mensch hat irgendwelche Verpflichtung, künstlerisch zu sein, außer dem Künstler selbst. Dessen Aufgabe ist es, das Künstlerische in die Welt zu tragen, es ihr zu deuten, den Alltag selbst künstlerisch zu sehen. Wo dies nicht gelungen ist, ist es Schuld des Künstlers, der, statt an der Brust des Lebens zu liegen, sich in verstiegene Träumereien verspinnt, deren Niederschlag in Werken kein Mensch des tätigen Lebens begreifen kann. Vielmehr hat die Gesellschaft ein Recht, zu klagen: Warum ist das Dasein so eintönig, warum ist aller Reiz des Märchens von uns geflohen, warum haben wir keine Geschichtenerzähler, die uns den Sinn unseres Daseins deuten? Wenn wir genauer zusehen, so ist es selten die Kunst, sondern meist etwas Persönliches, was den modernen Künstler von der Gesellschaft scheidet. Die Künstler sind in der Regel Söhne des großen oder des kleinen Bürgertums. Im ersten Falle sind ihre Brüder, Vettern und Schwäger Ärzte, Juristen, Industrielle usw. Sie selbst sind oft schon als Kinder nervenmüde und für praktische Berufe unfähig gewesen. Solche Menschen finden nun häufig im Betrachten von Kunstwerken und im Grübeln über Probleme einen Ersatz für die ihnen fehlenden Befriedigungen der Tätigkeit. Sie studieren allerlei, wozu die Tätigen keine Zeit haben. Nachdem sie jahrelang unter ihren Knüffen gelitten haben, entwickelt sich leise ein kritisches Überlegenheitsgefühl in ihnen, und damit ist schon fast alles gegeben, woraufhin sich ein moderner junger Mann einbilden mag, er habe das Zeug zum Künstler. Noch deutlicher wird das bei jungen Mädchen. Sich mit den Eltern über Liebe und Heirat nicht verstehen können ist gleichbedeutend mit Talent für Malerei oder mindestens für Buchschmuck. Die Hoffnung, sich in Künstlerkreisen »auszuleben«, womöglich in München, ist die verbindende Vorstellung. Nun ist heute die Gelegenheit ungewöhnlich leicht, technisch einiges zu lernen und dann ein Werk hervorzubringen, das die künstlerisch unerzogene Gesellschaft nicht versteht. Ist gar irgendein origineller Wurmstich darin, so ist die Möglichkeit zur Berühmtheit gegeben. Bisweilen äußert sich ein atavistischer Rückschlag auf einen schon »entarteten« Onkel, von dem die Familie ungern spricht, als moderne Kunst. Vielleicht hält man mir jetzt vor, daß ich nicht vom Dilettanten, sondern vom Künstler sprechen wollte. Nun, ein Drittel der heutigen Künstler, wenn nicht mehr, sind solche Dilettanten. Die berühmtesten Ausstellungen, die bekanntesten Verlage sind voll von ihren Werken, Werken für Abseitige, Traumverlorene, ohne jeden Wert für den Tätigen und Welterfahrenen, der neues Leben oder neue Deutung bekannten Lebens in Literatur und Kunst sucht. Viel gesunder ist der aus dem Kleinbürgertum oder dem Volk stammende Teil der Künstler. Unter ihnen sind häufig diejenigen, welche als Maler die Zeit verstehen. Für das geistige Begreifen ihrer Probleme werden sie jedoch auch nur dann fähig, wenn ein glückliches Schicksal sie von der Bohême fern gehalten hat. Geraten sie hinein, so empfinden sie diese Klasse als die höhere Bildungs- und Gesellschaftsstufe, nehmen ihre Urteile über den »Philister« und den »Bourgeois« ungeprüft hin, zumal ihre meist enge Lage sie oft einer mehr oder weniger sozialistischen Beurteilung der Gesellschaft geneigt macht. Es ist also nicht die Kunst, die die Feindschaft zwischen dem modernen Künstler und der Gesellschaft sät, sondern die einen macht Nervenschwäche zu Feinden der Tätigen, die anderen mangelhafte Erziehung zu Gegnern der Konvention. Welches ist nun die wünschenswerte Stellung des Künstlers zur Gesellschaft? Allerdings hat Leben und Tätigkeit des Künstlers etwas von dem übrigen beruflichen und gesellschaftlichen Tun und Treiben ganz Verschiedenes. Aber nur der hat ein Recht für dieses Verschiedensein, dessen Außenstehen ein heiteres Darüberstehen, nicht ein erbittertes Beiseitestehen ist. Der wahre Künstler gleicht dem verkleideten Harun al Raschid, der freudig und freundlich, auch ein wenig neugierig, unter die Menschen geht und, über die Einzelzwecke der Tätigen erhaben, den Sinn ihres Gesamtzweckes errät und dadurch ihren Alltag zum Märchen wandelt. Der Künstler unterliegt in Monte Carlo weniger dem Reiz des Spiels, als dem der Spieler. Er besucht Moulin Rouge weniger, um sich Frauen zu kaufen, sondern um sich über das Leben dieser Frauen zu wundern oder zu entzücken, er geht weniger in die Gesellschaft, um eine Partie zu machen, sondern, weil für ihn die Gesellschaft selbst eine Partie wird. Er trinkt von den Quellen der Wissenschaft, um sich zu nähren oder bloß um sich zu erfrischen, nicht, um ein Gelehrter zu werden. Er beschäftigt sich mit der Politik, mit den sozialen Fragen, aber sein Ziel ist weder der Politiker, noch der Zukunftsstaat, sondern die Seele des Menschen. Er ist ein echtes Weltkind und liebt alle Orte der Weltlichkeit, aber oft unbewußt sucht er dort etwas ganz anderes als die anderen Weltkinder, etwas Unvergänglicheres, das ihn unverwüstlich, unenttäuscht und jung erhält. Das Leben ist ihm ein Märchen. Weltverbesserer Jeglichen Schwärmer schlagt mir an's Kreuz im dreißigsten Jahre! Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogene der Schelm. Goethe, 53. venezianisches Epigramm. Der höchste und letzte Zweck jedes Menschen ist die proportionierliche Ausbildung seiner Kräfte und ihrer individuellen Eigentümlichkeit, die notwendigen Bedingungen der Erreichung derselben: Freiheit des Handelns und Mannigfaltigkeit der Situationen.« Es ist vielleicht am Platze wieder einmal an dieses bekannte Wort Wilhelm v. Humboldts zu erinnern, in einer Zeit, deren geistiges Leben von radikaler Weltverbesserungssucht aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Anstatt sich der eigenen Kräfte bewußt zu werden und die möglichen Situationen zu erwägen, zieht es der moderne junge Mensch, der nach geistiger Entwicklung strebt, vor, sich mit irgendeinem erlauschten prinzipiellen Satz zu durchdringen, daraus eine Reihe von Schlußfolgerungen zu ziehen und das so gewonnene »System« kritisch auf die Welt der Tatsachen anzuwenden. An der Ordnung dieser Welt hat er nicht teilgenommen, er wird in sie geboren. Kaum öffnet er die Augen, und schon findet er es unerträglich, daß er in ihr noch nichts bedeutet. Anstatt ihre und seine Art zu erforschen und zwischen beiden eine fruchtbare Ehe herzustellen, wendet er sich verächtlich und träge weg und versenkt sich schwelgerisch in eine billige Kritik. Wer eine südliche Landschaft mit dem Maßstabe nördlicher Schönheit oder eine nördliche mit dem Maßstabe südlicher mißt, wird natürlich unendlich viel auszusetzen haben, irrt sich aber sehr, wenn er das für Ideenreichtum hält. Daher entwickelt unsere Zeit so wenig Persönlichkeiten und so viele unzufriedene Individuen, die sich für Persönlichkeiten halten. Ich will zunächst den Einwand vorwegnehmen, daß gerade die bedeutendsten Geister, mit der sie umgebenden Wirklichkeit unzufrieden, einen ausgesprochenen kritischen und weltverbessernden Drang gezeigt haben. Dagegen etwas zu sagen, sei ferne, solange es spontan ist und rein von allem verdächtigen »Außenseitertum«. Lord Byrons großartige Gesellschaftskritik stammt aus der Fülle eines auf den Höhen der Menschlichkeit dahinfließenden Lebens. Anders die Weltverbesserungssucht der geduckten Lakaien des Lebens, welche die Aussichtslosigkeit fühlen, selbst in festlichen Räumen wohnen zu können und diese darum zerstören möchten. Diese Weltverbesserung ist Ohnmacht, denn ein fähiger Mensch wird sich instinktiv zunächst mit seiner eigenen Verbesserung beschäftigen, nur dadurch kann die Welt wirklich besser werden, daß jeder sich selbst möglichst vollkommen macht, indem er sein eigenes Wesen aufrichtig erlebt und entfaltet ohne Hinblick auf außer ihm liegende Werte gesellschaftlicher oder auch revolutionär individualistischer Art. Die einzige aussichtsreiche Friedensbewegung z. B. ist, daß möglichst viele Menschen sich selbst mit Frieden erfüllen und dadurch die Macht des Friedens stärken. Der Friede aber als intellektuelles Programm ist wie jedes Programm verfehlt. Es ist ein geheimnisvolles Gesetz des Lebens, daß so gute Dinge, wie Nächstenliebe, Bildung, Lebensformung in dem Augenblick, wo sie, vom Intellekt berührt, Programm werden, die Farbe des Lebens verlieren, grau und langweilig werden und in jedem lebendigen Geist aus Widerspruch die Aufstellung des entgegengesetzten Grundsatzes hervorrufen. Es ist uns Menschen kein anderes fruchtbares Material gegeben als das eigene Selbst. Dessen Kräfte können wir erforschen und entwickeln in den mannigfaltigen Situationen, die uns das Schicksal schenkt. Heute fühlen nur wenige, wie grotesk und ungeheuerlich es ist, daß so viele im Namen des Fortschritts meinen, es sei selbstverständlich, dem Leben als Reformer gegenüberzutreten. So sehr sind wir an diese Gebärde gewöhnt. Diese Art der Gesellschaftskritik gehört heute geradezu zum guten Ton der »Intellektuellen«. Wer sie nicht übt, ist ein »Opportunist« oder ein »Reaktionär«. Die Heuchelei der sich als Weltverbesserer berufen Fühlenden geht so weit, ihr aus Neid und unbefriedigter Eitelkeit hervorgehendes Gebaren Altruismus und jenes harmonische Arbeiten an sich selbst Egoismus zu nennen, ein Vorwurf, der bekanntlich dem größten jener »Egoisten«, Goethe, nicht erspart geblieben ist. Abgesehen von dem objektiven Wert eines solchen »Egoismus« für die Welt, ist er subjektiv schon dadurch kein Egoismus mehr, daß er sich selbst formuliert und mitteilt. Der wirkliche Egoismus kann sich nicht freiwillig mitteilen, Eigennutz wird ihm vielmehr gebieten, sich zu verbergen und nach außen Altruismus zu heucheln, wie es ja jene Weltverbesserer, die meist aus kleinlichen Ichtrieben handeln, mit Erfolg tun. Was mich betrifft, so liebe ich jene »Egoisten« mit bestimmten Bedürfnissen und formulierten Ansprüchen, sie haben etwas Beruhigendes und dadurch, daß sie ihre Grenzen verteidigen, wissen sie Abstand zu halten. Man betrachte dagegen jene zerflossenen unharmonischen Naturen, die beanspruchen, erlauscht und erraten zu werden, sich immer wieder gekränkt in ihr Inneres verschließen, um in ihrer Ohnmacht das Leben in seiner Kraft und Buntheit zu verklagen. Jeder reiche Instinkt ist eine Erweiterung und Erhöhung des Selbsts. Aus dem Drange dieses Selbsts handeln wir alle, ob wir es nun, an der Mannigfaltigkeit des Daseins genährt, befreien und erhöhen, oder ihm die kleinen Ressentimentbefriedigungen kümmerlicher Weltverbesserer verschaffen. Der Schenkende ist ebenso selbstbedingt wie der Geizige, nur fühlen sich ihre beiden Selbste durch andere Mittel befriedigt. Dennoch ist der Individualismus als Weltanschauung verwerflich. Er will vom individuellen Hirn aus die Welt verbessern, statt eine Vermählung des Selbsts mit der Gemeinschaft einzugehen, und so diese aus jenem, jenes aus dieser zu bereichern. Es darf indessen nicht verkannt werden, daß eine Neigung zur Opposition und zum Radikalismus geradezu ein Zeichen der kraftvollen Jugendlichkeit ist. Wer sich in dieser Welt, in die er, ohne gefragt zu werden, hineingeboren wird, restlos zufrieden fühlt, muß ein laues Blut und einen flauen Geist haben. Der jugendliche Kampftrieb verschafft sogar fruchtbare Situationen, bereichert den Geist und stählt den Charakter, aber diese Möglichkeiten erschöpfen sich in den Jahren der Reife. Grundsätzliche Feindschaft gegen die Wirklichkeit ist bei reichen Naturen ein vorübergehender, gesunder Spannungszustand, der Berührungen mit dem Leben und Erfahrungen verschaffen kann, wenn er auch in sich selbst nicht fruchtbar ist. Wer sich aber nicht zu einem intellektuellen Anarchismus verdammen will, der schließe in den Jahren der Reife einen ehrenvollen Frieden mit der Wirklichkeit und ihren Mächten. Die Jugend vermag sich, ohne leer zu werden, an Worten zu berauschen, der Mann will endlich das Material des Lebens in seinen formenden Händen spüren, ein unfruchtbares Opponieren aber verhindert ihn, überall da zugelassen zu werden, wo sich Kräfte als wirkliche Macht auswirken. Die Macht, woher sie auch kommt, gibt Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten, die dem Außenseiter verschlossen sind. Die Gesellschaft, so fehlerhaft sie sein mag, ist ein Hort von Wirklichkeiten, die der intellektuelle Sonderling und Individualist nicht ahnt. Wir sehen im politischen Leben die glänzendsten Köpfe ideologischem Doktrinarismus erliegen, wenn sie sich einer Partei anschließen, die niemals die Aussicht hat, aus Worten Taten werden zu lassen. Es ist aber ein Naturgesetz, daß unbenutzte Organe verkümmern. Der tiefste Geist muß notgedrungen dem Geschwätz verfallen, wenn er den Maßstab der Tatsachen, der praktischen Möglichkeiten verliert. »Jede direkte Opposition wird zuletzt platt und grob. Die Zensur zwingt zu geistreicherem Ausdruck der Ideen durch Umwege. Gerade zu gehen ist meist täppisch.« (Goethe an den Kanzler Müller.) Suchen wir die Welt und ihre Gesetze zu erforschen, um zwischen ihr und uns eine Harmonie herzustellen! Klagen wir nicht über den Egoismus anderer, sondern stärken wir uns im Kampf mit ihm, entrüsten wir uns nicht über die Dummheit, sondern suchen wir sie zu beherrschen, schmähen wir nicht das Weib, sondern vertragen wir uns mit ihm, erziehen wir unsere Söhne nicht zu Ideologen, sondern befähigen wir sie, sich einen Platz zu erobern, verhindern wir unsere Töchter Märtyrerinnen einer neuen Moral zu werden, indem wir ihnen eine gute Welterziehung geben! Es gibt drei Arten, sich den Mißständen des Lebens gegenüber zu verhalten: die jugendliche, die reife und die hoffnungslose. Jugendlich ist es, an diese Mißstände noch nicht hinreichend angepaßt zu sein, von ihnen plötzlich verwundet zu werden und sie radikal zu bekriegen. Reif ist es, sie hinzunehmen, womöglich Friede zu schließen, wenn aber Krieg nötig ist, dann einen Krieg der Mächte, nicht der Doktrinen zu führen. Hoffnungslos ist es, an die Wirklichkeit mit »idealen Forderungen« zu treten, überall den »edlen« oder »hochstehenden« Menschen anzurufen, weil es ja so außerordentlich bequem wäre, wenn alle Menschen so »edel« oder so »hochstehend« wären, unsere idealen Anforderungen zu erfüllen. Die unausbleibliche Enttäuschung dieser Idealisten verursacht dann eine verbitterte und unfruchtbare Menschheitsverachtung. Oft hört man den Trugschluß, ohne diese Schwärmer käme die Welt niemals weiter, es sei gut, wenigstens »Adelsmenschentum« oder ähnliches als Ideal zu fordern, wenn es auch unerreichbar ist. Nein, selbst das Streben nach solchen luftigen Idealen ist schlecht, weil es die Kräfte verzettelt, vom Ziele wirklicher Menschenwerte abführt und nur dem großschnauzigen Faulenzer zu Ansehen verhilft, der zu allem unfähig ist, am wenigsten aber ein schlichter Mensch sein kann, von dem nicht viel geredet wird. Seien wir nicht so eitel, uns einzubilden, wir hätten eine »Sendung« im Dienste der Menschheit. Niemand in der Welt hat eine »Sendung«, und, wer es von sich behauptet, wird unsachlich und benutzt seine realen Kräfte zum Schaden anderer. Wer wirklich den Frieden der Einsamkeit und Armut gefunden hat, der freue sich, aber strafe sich nicht Lügen, indem er sich unter die Kinder der Welt drängt und sie mit Bekehrungsversuchen belästigt. Wer ernstlich ein Glück der Innerlichkeit besitzt, der tritt nicht mit der Miene des Anklägers, des Weltverbesserers auf den Markt. Das tut nur der, welcher nicht mit sich fertig werden kann und die Zwiespälte seines Innern mit lauten Reden an die Menschheit überschreien muß. Eine Entwicklung der Menschheit herbeiführen wollen, ist blinder Wahn. Die höchsten Entwicklungsstufen, die nur unsere Phantasie ausdenken kann, wurden schon erreicht und der Weg zu ihnen ist offen: Buddha, Christus, Alexander, Cäsar, Shakespeare, Goethe. Um auf diesem Weg auch nur einen Schritt vorwärts zu kommen, durch Liebe, Erkenntnis, Tat oder Werk, hat man so unendlich viel mit sich und dem, was einem begegnet, zu tun, daß es vielmehr ein Zeichen von Unausgefülltheit ist, Phrasen an die Adresse der »Menschheit« zu senden. Alle Großen haben sich mit ihrer Wirklichkeit (der geistigen, seelischen und körperlichen) befaßt, erst nachträglich konnte die Menschheit etwas damit anfangen. Die Menschheitsbeglückung ist Sozialdemokratie der Gefühle auf Kosten der Werte. Also sollen die besten Dinge den meisten verschlossen bleiben? Keineswegs. Sie sind in einem nach allen Seiten freien Tempel zu finden. Der steht jedem Kletterer offen auf steilem Berg. Der Himmel aber bewahre uns vor modernen Verkehrsmitteln, die auf den Gipfel führen. Was ist ein Barbar? Das Wort Barbar ist bekanntlich von den Griechen zur Bezeichnung jedes Nicht-Griechen geprägt worden und hat dadurch die Bedeutung eines an Kultur Minderwertigen angenommen. Dieser Sinn ist dem Wort in den verschiedenen klassischen Wiedergeburten der neueren Zeit geblieben, während die Bedeutung der nationalen Fremdheit durch die Weltverbreitung der antiken Kultur verloren gegangen ist. Je schwankender der Begriff Kultur ist, desto unsicherer wird auch der Begriff Barbar. Der Musiker nennt vielleicht so bereits einen Mann, der eine kleine Terz nicht von einer großen unterscheiden kann, ein Damenschneider empfindet vielleicht schon einen Verstoß gegen die letzte Modeform als barbarisch. Eines ist sicher: in unserem Sprachgebrauch ist der Barbar nicht gleichbedeutend mit dem Wilden, der überhaupt nichts mit Kultur zu tun hat, sondern der Barbar ist etwas im Hinblick auf eine Kultur, er setzt eine Kultur voraus, die er mißversteht und entstellt. Er ist heute ein ungewolltes Nebengewächs der Kultur. Über keinen Begriff hat man in der letzten Zeit mehr gesprochen und geschrieben, als über den Begriff Kultur, ohne zu einer übereinkömmlichen Klarheit gelangt zu sein. Vielleicht kann man ein wenig zur Klärung beitragen, indem man festzustellen unternimmt, was Kultur nicht ist und der Frage Beantwortung sucht: Was ist ein Barbar? Der Barbar vergreift sich entweder an der Natur, ohne diesen Eingriff durch das Schaffen eines Kulturwertes zu sühnen: gescheiterte Kulturversuche wie diese kasernenartigen Hotelbauten in Gebirgstälern. Darüber gibt es bereits eine Literatur, die zu fassen der Kölner Dom vielleicht gerade groß genug wäre. Oder der Barbar vergreift sich an der Kultur selbst, er fühlt nicht ihre Werte, sondern er ist als Emporkömmling von ihr verblüfft (auch dies ist bekannt genug), oder, was schlimmer ist, als Pedant von ihr geärgert. Im einen Falle äfft er die Kultur sinnlos nach, im andern verdammt er sie von intellektuell vorgefaßten Grundsätzen aus. Bald legt er an das organisch Gewordene Maßstäbe einer willkürlichen Logik an, indem er z. B. die Unsinnigkeit der geselligen Sitten nachweist, ohne ihre Schönheit zu sehen, bald tötet er das Künstlerische mit den Forderungen einer schulmeisterlichen Ästhetik, oder das Menschliche mit den Gesetzen einer doktrinären Sittlichkeit. Von den barbarischen Emporkömmlingen ist oft genug gesprochen worden. Beschäftigen wir uns daher einmal mit dem pedantischen Barbaren. Der pedantische Barbar ist weder wild noch kultiviert, er ist unorganisch und darum unnatürlich, naturfeindlich, künstlich. Aus seiner Theorie heraus möchte er an einem beliebigen Punkte heute oder morgen zerstörend in das Wachstum eingreifen, um der Natur seine Reformpläne aufzuprägen. Es kann vorkommen, daß er diese für den Inbegriff der Kultur hält und alles Blühende, Lebendige für das Barbarische, weil von seinen Ideen Unberührte, erklärt. Dem Naturapostel z. B. erscheint der natürliche Weltmensch barbarisch, weil er Fleisch ißt, die kleinen Lügen der Konvention nicht verschmäht usw. Als Wertmesser dient dem Barbaren niemals Wesen oder Kraft der Erscheinung selbst – das schiene ihm »oberflächlich« –, sondern er muß immer etwas Intellektuelles der Erscheinung unterschieben. Da ihn das Leben selbst verwirren würde, schwelgt er in seinen künstlichen Maßstäben, nach denen er die Erscheinung zwingen möchte. Ihr Abweichen und gelegentliches Übereinstimmen mit seinen »Forderungen« bestimmt ihm, was gut und böse, schön und häßlich, vernünftig und unvernünftig ist, er muß gewissermaßen immer erst in der Ethik, der Ästhetik oder der Logik nachschlagen, ehe er zu irgendeiner natürlichen oder kulturlichen Erscheinung eine Beziehung findet. Das Wertvolle, das Adelige, das Göttliche ist ihm niemals das, was in seinem Busen wurzelt, nicht ein Symbol seiner Art, denn die ist ihm halb unbewußt das Gemeine, Unreine, Tierische. Seine Tugend ist aus anderem Stoff als er selbst, sie ist etwas außer ihm, ein Jenseitiges, Schwer-zu-erreichendes, Außermenschliches, etwas Quälendes. Sie gräbt eine Kluft zwischen Gefordertem und Erfüllbarem, verdammt dadurch zur ewigen Unfertigkeit, zum Zweifel an sich selbst, zur chronischen inneren und äußeren Verlegenheit, die dann oft genug in ihr verzweifeltes Gegenteil umschlägt: die Anmaßung aus überspanntem Menschentum, die Frechheit aus innerer Befangenheit. Die inneren Qualen ohnmächtiger Zweifel und des zuchtlosen Fanatismus preist der Barbar als heilsam, gehaltvoll, tief, er nennt sie wahres Innenleben. Das Wesen der Kultur dagegen ist stets Vollkommenheit, welche die barbarische Fragestellung: »Inhalt oder Form?«, »Tiefe oder Oberfläche?« nicht etwa entgegengesetzten Sinnes löst, sondern überhaupt ausschließt, so etwa wie wortklaubende Erörterungen darüber, ob ein Werk subjektiv oder objektiv, realistisch oder idealistisch ist. Dem pedantischen Barbaren fehlt ebenso die Blickschärfe, die das Leben mutig und klar betrachtet, wie jener zuzeiten freiwillig die Maßstäbe verwirrende oder umkehrende Humor, der gern einmal das Prinzip opfert und fünf gerade sein läßt. Der Wilde frißt, der kultivierte Mensch speist, der Pedant ernährt sich. Daß auch der Speisende ein Augenmerk auf den hygienischen Wert der Gerichte hat, ist denkbar vernünftig und solange nicht tadelnswert, als es nicht zum selbstgefälligen Ausdruck kommt, man soll aber nicht vergessen, daß mit Kultur die Hygiene nicht das Mindeste zu tun hat. Gewiß, die Hygiene ist etwas Gutes, aber sie liegt in einer ganz anderen Ebene. Dem pedantischen Barbaren ist das nicht klar zu machen, er verzichtet auf das Blühen, er bleibt gesund und reizlos. Alle gesellschaftliche Kultur beruht auf dem Unsichtbarbleiben der zur Lebenserhaltung notwendigen Notdurft, im weiteren Sinne gehört dazu alles Praktische und Moralische. In verkünstelter Form drückt sich dieser Standpunkt in der Furcht englischer Damen aus, man könne annehmen, sie hätten einen Magen. Dieser Körperteil darf in der englischen Unterhaltung nicht genannt werden. Die den Fortbewegungsapparat nicht verbergende Hosentracht wird von den Völkern, die sie nicht besitzen, als barbarisch empfunden. Zweifellos hat die Tracht etwas Großartigeres, die den Mechanismus des Gehens verhüllt und dadurch diese Bewegung zum Schreiten werden läßt. Für die Kultur eines Gastmahls ist es gleichgültig, ob die dazu nötigen äußeren Mittel durch Erbschleicherei oder durch Straßenräuberei erworben sind, ob der Koch und der Kellermeister ihre Bezahlung erhalten haben, ob draußen tausende Hungers sterben, ob die, welche das Gastmahl genießen, arglistig, verderbt und grausam sind, während der Küchenjunge von einem Jammerlohn eine starblinde Mutter erhält und die Gouvernante des Hauses auf ihre Mitgift verzichtet hat, um einem lockeren Bruder die höhere militärische Laufbahn und vielleicht das Mitspeisen bei diesem so außerordentlich kultivierten Gastmahl zu ermöglichen. Daß römische Schwelger ihre Muränen mit Sklavenfleisch fütterten, läßt die verschiedensten Beurteilungen moralischer, sozialer und religiöser Art zu, vom Kulturstandpunkt aus, der hier nur scharf umrissen, weder für den einzigen, noch für den wichtigsten erklärt werden soll, ist allein die Frage entscheidend, ob die Muränen dadurch wirklich an Wohlgeschmack gewannen, oder ob das Opfer von Sklaven nur ein gastronomisches Pfuschertum war. Das ist dem Pedanten unangenehm zu hören, denn er möchte gern alles Gute auf der einen, alles Böse auf der anderen Seite haben. Die einfache Zerschneidung des Lebens in Gut und Böse, wie einen Braten in Fleisch und Knochen, hat den englischen Schriftsteller Thomas de Quincey in einem Aufsatz über den Mord als Kunstwerk zu einer reizenden Satire veranlaßt (» On murder considered as one of the fine arts «). Fern davon, irgendwelche Stellung zum fünften Gebot zu nehmen, das in seiner Ehrwürdigkeit unangetastet bleibt, betrachtet der Verfasser die »schönsten« Morde der Geschichte, die ja nun doch einmal begangen sind, auf ihre reine Vollkommenheit als Morde und stellt betrübt fest, daß auch hier die Kunst der großen Meister bei einem dilettantischen Epigonengeschlecht in Vergessenheit geraten ist. Es ist heute das Merkmal eines guten Hauses geworden, daß man die Dienstboten in gutgelüfteten Räumen wohnen, baden und sich vernünftig ernähren läßt. Das ist außerordentlich erfreulich, nichts ist zweckmäßiger, aber mit der eigentlichen Kultur hat auch das nicht das mindeste zu tun. Der edle Typus des wahren Dieners ist trotz zunehmender Reinlichkeit im Aussterben begriffen. Wo sind die Leduc unserer Zeit? Die Kardinaltugenden des pedantischen Barbaren sind guter Wille, Fleiß und Wissen. Hier soll keineswegs zur Verachtung dieser Eigenschaften angeleitet, nur betont werden, daß das Wort Tugend viel erhabenere Inhalte in sich schließt, als jene sekundären, praktischen, selbstverständlichen Eigenschaften, die nur mechanische Mittel, Notdürfte des Lebens, nicht selbst Lebenswerte sind, wie Güte, Schönheit, Mut, Geist usw. Jene als Tugenden preisen, setzt eine im ganzen böswillige, träge, unwissende Umgebung voraus. Treten sie als Selbstzweck hervor, so entsteht biedere Selbstzufriedenheit, gequältes Hasten oder geistlose Gelehrsamkeit. Alles Gelungene muß den Schein des Mühelosen behalten. Man weiß, daß die Alten alle nicht geistigen, nicht unmittelbar das Lebensgefühl steigernden Beschäftigungen als kleinlich ächteten, selbst die Bildhauerei und den Erzguß, weil sie besonders sichtbar der Technik unterworfen sind. Während sie die Werke der Kunst nicht müde wurden zu preisen, war ihnen der Künstler ein banausischer Handwerker, bis Perikles durch seine Freundschaft für Phidias jenes geschichtliche Beispiel gab, das vielleicht nicht nur gute Früchte getragen hat. Der Barbar ist stolz darauf, wenn seine Werke nach Schweiß und Lampe riechen. Er will nicht den » kalos kagthos «, den Galantuomo, den Weltmann bilden, sondern Schulbuben wie Fässer mit gelehrtem Wissen auffüllen. Statt Kultur preist er »allgemeine Bildung«. Sie soll auch dem Volke eingeflößt werden. Der Barbar ahnt nicht, daß sie im Blut wie ein Fremdkörper schwärt. Er fühlt nicht, daß die Gebärde des italienischen oder spanischen Bettlers, der Mutterwitz unserer Handwerker wertvollere Lebensgüter sind, als der tote Besitz allgemeinen Wissens. Er weiß nicht, daß es auch geistig und seelisch nicht auf das ankommt, was man verzehrt, sondern auf das, was man verarbeitet, zu Leben geformt hat, und daß gewohnheitsmäßige Mast die Rasse mehr verschlechtert, als zeitweilige Dürftigkeit der Ernährung. Der Barbar weiß nicht, daß jede, selbst seine Torheit reizvoll werden könnte, wenn sie sich geistreich gäbe; ist doch selbst die eigentliche Philosophie der Barbarei, das System Jean Jacques Rousseaus, von anmutigen Geistern geformt bis auf die Toilettentische der Herzoginnen und Marquisen gedrungen, denn »im Grunde gibt es nur ein verbotenes Genre, das Langweilige«. »Rückkehr zur Natur« Seit dem 18. Jahrhundert wird die Rückkehr zur Natur gepredigt. Was ist natürlich? Was vernünftig ist, antworten jene Prediger, womit sie verraten, daß Natur für sie ein Vernunftbegriff ist. Nun ist aber die Natur gerade das, was vor aller Vernunft, trotz aller Vernunft und über alle Vernunft hinaus ist. Wir haben kein Recht, die Entwicklung der Welt bis zu einer bestimmten Stelle, etwa bis zur Erfindung des Geldes oder der Einführung des Christentums natürlich, von da ab unnatürlich zu nennen. Erst die Vernunft schafft diese Begriffe. Das was zum Untergang führt, wird gern als das Unnatürliche, Unvernünftige bezeichnet. Aber ist es etwa wider die Natur, wenn der Efeu einer Eiche alles Mark aussaugt und auf ihre Kosten lebt? Man bezeichnet den Vorgang mit Schmarotzertum. Im sozialen Dasein denkt man dabei an etwas Verdorbenes und nennt es unvernünftig, unnatürlich. Es ist nun gerade nicht »natürlich«, sondern zeugt vielmehr von einer Entwicklungsstufe, über die Natur hinaus, wenn man solche begriffliche Maßstäbe anzulegen imstande ist. Man geht dabei von dem geschädigten Einzelnen aus, der nicht mehr die Natur, sondern sein (verstandesmäßig abgegrenztes) Ich für das Wesentliche setzt. Von diesem Standpunkt aus ist Schmarotzertum unvernünftig. Wer die Einzelform der Eiche erhalten will, wird vernünftigerweise den Efeu entfernen, aber die Natur will nicht die Einzelform erhalten, sondern das Leben schlechthin. Ihr gilt die Einzelform nichts. Damit soll nur gesagt werden, daß das Natürliche nicht das Vernünftige ist, sondern sogar das Unvernünftige sein kann, unvernünftig von irgend einem Standpunkt, der erst durch einen geistigen Prozeß seiner selbst bewußt wird, sich selbst an Stelle der Natur setzt und alles, was ihm schädlich ist, für unnatürlich erklärt. So ist zum Beispiel die »naturgemäße« Lebensweise vielleicht eine sehr vernünftige und nützliche Lebensweise, aber natürlich ist sie ganz gewiß nicht. Natürlich ist, daß man ißt, was einem im Augenblick Appetit erregt, daß man nicht zu bestimmten Stunden zu Bett geht, sondern angenehmen Reizen folgt, die einen den Schlaf vergessen machen, um dann gelegentlich todmüde zusammenzufallen. Erst die vernünftige Erkenntnis unserer individuellen Lebensbedingungen veranlaßt uns, zu einer »natur«gemäßeren Lebensweise, die in Wirklichkeit eine vernunftgemäße ist, überzugehen. Die Vernunft ist das Mittel, mit welchem wir, der Natur zum Trotz, unser Einzelsein behaupten. Die Natur will das Leben schlechthin, nicht das Individuum, ihr gilt Efeu und Eiche, Mensch und Bazillus, Blume und giftiges Insekt gleich. Unser Geist erst bringt in uns Werturteile zur Erkenntnis, grenzt einzelne Naturerscheinungen ab, nennt sie gut und sucht sie zu erhalten, nennt andere schlecht und sucht sie zu zerstören. In dieser geistigen Tätigkeit liegt zweifellos die Möglichkeit aller menschlichen Kulturentwicklung, aber der dabei so wertvolle und unerläßliche Diener Intellekt ist zugleich die größte Gefahr, wenn er sich nämlich zum Herrn macht und Gesetze gibt. Er darf nur ein Mittel der Erkenntnis sein und muß sich stets vor der Natur und ihrem Geschehen beugen, der gegenüber er sich auswählend verhalten soll. Die Gefahr besteht immer, daß er seine Denkgesetze für die Naturgesetze erklärt und statt der Natur das Individuum und seine willkürlichen Vorstellungen für das Absolute nimmt. Ohne auf die natürlichen Erfahrungen zu warten, scheidet er gern alles, was ihm nicht paßt, von vornherein als wertlos aus, verzichtet auf Leben und Erfahrung, indem er meint, in sich selbst das »wahre« Leben zu finden. Er vergißt, daß alles, was er abseits vom Lebendigen in sich zu finden glaubt, abstrakte Spekulation, nichtiges Blendwerk ist, und häufig genug liegt der Grund dieser Selbstüberschätzung und Selbstverwechslung des Intellektes mit dem Leben in einer gewissen Schwäche des Individuums, das aus Angst vor dem Leben in sich selber zurückgetrieben wird und sich an Theorien genug sein läßt. Die Theorie von der Rückkehr zur Natur ist eine dieser Verirrungen und zeigt am deutlichsten den begangenen Fehler, indem hier der Intellekt ganz offen sich selbst, das heißt einen aus sich selbst geborenen Begriff für die Natur erklärt, Verstand für Natur setzt, ein relatives Werkzeug des Individuums für den Hebel des großen, notwendigen Weltgeschehens hält. Hier wird die Verwechslung am klarsten. Die intellektuelle Erkenntnis hat vor der natürlichen, das heißt der Erfahrung, das voraus, daß sie für nervöse Menschen bequemer ist. Der Intellekt kann von ferne einen großen Teil der Welt spiegeln, ohne sich zu den gespiegelten Gegenständen selbst hinzubemühen. Wem dieser Spiegel völlig fehlt, der wird freilich niemals das Bild der Gesamtheit haben und dadurch nie die richtige Entfernung zum einzelnen finden. Wer aber nur in diesen Spiegel schaut, sieht das Leben nur zweidimensional, er vermag es weder zu hören, noch zu schmecken, zu riechen oder zu tasten. Der Unterschied läßt sich auch durch folgenden Vergleich erklären: ein beschwerlicher Talweg führt durch Gestrüpp und Geröll zur Quelle eines Flusses. Andere Wege gibt es nicht. Gleichzeitig geht aber eine aussichtsreiche Straße oben am Hange der Bergwand, auch dieser Weg führt anfangs von Schritt zu Schritt dem Talgrund näher, kann ihn aber nie erreichen, weil er in einer anderen Ebene liegt. Er ist bequem, aber er führt nicht zur Quelle, sondern über sie hinaus, läßt sie höchstens von weitem sehen und weiß nichts von ihrem Rauschen, ihrer Frische und dem dunklen Grün, das um ihre Wände blüht. Der andere Weg ist unbequem. Die meisten bleiben am Anfang stecken, fast keiner kommt ans Ende und doch ist er der einzige Weg, der wirklich in den Talgrund führt. Wer in der Mitte seines Lebens die Quelle einmal erreicht hat, der mag dann in getroster Weisheit die hohe aussichtsreiche Bergstraße hin und her wandeln. Wer ohne diese Erfahrung auf der Höhe zu gehen bestrebt ist, vergißt sogar oft genug die Quelle selbst, ja, sie ärgert ihn vielleicht und er versucht, sie von oben zu verschütten. Der auf sich selbst gestellte Intellekt ist so sehr der Willkür unterworfen, daß er vollkommen vergessen kann, was das Ziel seiner Erkenntnis sein sollte. Er ist imstande, das Leben selbst für nichts anderes als seine eigene Spiegelung zu erklären und sich ganz von ihm abzuwenden. Wir sehen viele Intellektuelle vollkommen auf Leben und Handeln verzichten, sie haben es aufgegeben, intuitiv erkannte Werte dem Chaos der Tatsachen aufzuprägen. Für den handelnden oder nach wahrer Lebenserkenntnis strebenden Menschen ist der Spiegel seines Intellektes das unvergleichliche Werkzeug, einen Überblick über das Leben zu gewinnen und zu erkennen, wo und wie er mit seinem Geiste formend einzugreifen vermag. Er sucht gewissermaßen eine Gleichung zwischen seinem Selbst und dem Weltgeschehen hervorzubringen, und je stärker sein Selbst, desto neuer ist die Gleichung. In demselben Maße aber, als er sein Individuum in das flüssige Erz des, Lebens prägt, empfängt er Stoff von diesem Leben und wird hineinbezogen. Er tut das wahrhaft Natürliche, indem er zwar das Äußerste erstrebt, was sein Selbst zu begreifen vermag, aber es soweit beschränkt, daß es in den Strom der Lebenstatsachen einbeziehbar wird. Dieser Strom ist die im Wesen unwandelbare Natur, und alle intellektuellen Vorstellungen, die sich abseits von ihm bilden, sich in seinen Stoff nicht prägen lassen, sind Unnatur, intellektuelle Willkür, die sich häufig selbst für die Natur setzt und die Rückkehr zur Natur darzustellen glaubt. Die Philosophien dieser Unnatürlichen sind oft daran zu erkennen, daß ihr reformatorisches Programmwort mit den Silben »anti« beginnt, oder daß ihnen leicht ein solches Wort zur Charakteristik gegeben werden kann. Wer ohne etwas hervorzubringen, uns gegen die Kunst oder gegen den Kapitalismus, gegen die Religion, gegen die Börse, gegen das Theater, gegen die Unsittlichkeit oder gegen was es auch immer sei, eifert, zeigt meist auch Disharmonie seines Seelenzustandes, seiner Erscheinung und meistens auch seiner Verdauung. Jedes System, gleichgültig ob Kapitalismus oder Sozialismus, ob Staatskirche oder Ketzertum, ist für einzelne Individuen unbequem, wenn nicht verderblich, es hat daher gar keinen Zweck, nichts als Theorien gegen irgend ein einzelnes System aufzustellen. Der Logiker weiß, daß es eine Kleinigkeit ist, für und gegen jedes Ding ebenso gute Gründe als Gegengründe zu finden. Wessen Individualität es nun aber nicht erlaubt, sich einfach vom Strom des Lebens mitreißen zu lassen, für den gibt es nur eine Möglichkeit, mit sich, der Natur und dem Unendlichen in Harmonie zu kommen: indem er statt Doktrinen aufzustellen und dafür Proselyten zu werben an der ihm nächsten Stelle Richtung und Form der Tatsachen, wenn auch in bescheidenstem Maße mitbestimmt. Er wird so weder ein Anarchist, noch ein Reaktionär sein, er wird weder diese Zeit im Vergleich zu einer anderen verdammen, noch irgend etwas für hoffnungslos erklären. Er wird nicht die Hände in den Schoß legen und reden, noch wird er aus seiner grundsätzlichen Überzeugung heraus einfach tun, was er für gut hält, gleichgültig, ob und wie es wirkt, sondern der Sinn seines Kampfes wird, wie der jedes gesunden Kampfes, Friede sein, was freilich um so schwerer wird, je stärker sein Selbst ist. Die Probe aber, ob es individuelle Stärke oder Lebensschwäche war, die seinen Frieden mit den Tatsachen so schwer machte, ist die, daß ihn der Starke eines Tages immer findet und sich dadurch mit der Natur in Einklang bringt, so wenig sein Leben dem des für so besonders natürlich geltenden Landbewohners gleichen mag. Oft hört man heute jene »Anti«geister von der Brutalität der Dinge philosophieren, gegen die der höhere Intellekt nicht aufzukommen vermöchte. Daran sind die »Intellektuellen« selber schuld. Nie wäre das heutige Massendasein so brutal geworden, hätte der Geist sich besser mit den Tatsachen auseinandergesetzt, statt sich als weltfremder Kritiker von ihnen zurückzuziehen. Warum konnte die Macht der Zahl so furchtbar anschwellen, daß sie unser ganzes politisches, soziales und das bischen geistige Leben, das wir noch haben, erdrückt und beherrscht? Weil nur selten noch ein eigenartiger Geist mit einem dem Leben gewachsenen Kraftmaß erscheint. Unsere Intellektuellen denken im Namen dessen, was ihnen als Natur erscheint, so Unnatürliches, daß sich der Körper rächt, denn nicht ungestraft können wir unwahre, das heißt dem Leben unverwandte Gedanken in uns tragen. Unsere Intellektuellen rechnen sich ihre Einsamkeit zum Ruhme an, sie hat aber Nichts zu tun mit der großen religiösen Einsamkeit der Anachoreten, sondern sie ist nur ein ganz pathosloses, spießbürgerliches Abseits-seinen-Kohl-bauen-wollen, das sich mit intellektuellen Redensarten aller Art, wie »Individualität« und dergleichen verbrämt. Die Sprache besitzt dafür das Wort »Eigenbrödler«. Der »Eigenbrödler« flieht häufig die Großstadt und geht aufs Land, womit er den Begriff der Natur verbindet. Aber er vergißt, daß sein Land bloß Nicht-Stadt ist, ohne die positiven Inhalte dessen, der wirklich vom Lande stammt, mit ihm zu tun hat, von seinen Gesetzen auch materiell abhängt. Auch die Naturfreuden dieser »Eigenbrödler« sind alles, nur nichts Natürliches. Die Freude an der Natur ist vielmehr ein Kulturerzeugnis des in die Stadtmauern verschlossenen Intellektualmenschen. Sie soll hier keineswegs gescholten werden, im ganzen ist sie eines unserer besten Dinge, nur dürfen wir uns nicht einbilden, sie bringe uns dem Landmann näher, im Gegenteil, nichts unterscheidet uns mehr von ihm. Ich will hier nicht auf die vielerörterte Frage eingehen, ob der Bauer die Natur genießt oder nicht. Er genießt sie selbstverständlich, genau wie der Schauspieler das Theater, wie der König das Herrschen genießt, aber es ist etwas ganz anderes, der Natur gegenüber Publikum zu sein. Der einsame Intellektualmensch unserer Zeit läuft sogar auf dem Lande besonders Gefahr, sich von der Natur zu entfernen, denn das ihm natürliche Element, in dem er sich läutern und seine Wahrheit finden kann, ist die Kultur und ihr Sitz ist die Stadt. Durch allerlei Gedrucktes bleibt er ja auch auf dem Lande fortgesetzt in Verbindung mit ihr, ohne dem Leben des Landes wirklich verwandter zu werden, begnügt er sich einfach mit einer spärlicheren Ernährung durch Stadterzeugnisse. Er verliert den Abstand, die Wohltat der Aufsicht, die das städtische Zusammenleben über unsere Narrheiten ermöglicht, er kann sich in die tollsten Spekulationen einlassen, ohne sich vor irgend jemand lächerlich zu machen, ohne sich an irgend welchen Tatsachen schmerzlich zu reiben. Der »Eigenbrödler« auf dem Lande ist die Mensch gewordene Unnatur selbst, der Herd der unwahrsten Gedanken, der unsinnigsten Doktrinen, der unreinsten Gefühle, der unklarsten Blicke. Etwas ganz anderes ist die Abkehr eines Mannes wie Gauguin von Europa. Sie war nicht intellektuell auf jene billige Erkenntnis gegründet, daß die Konventionen wertlos sind, sie kam nicht aus der schwächlichen Ermattung, die sich ohnmächtig fühlt, die Verknüpftheit des modernen Lebens zu bewältigen, sondern dieser starke Geist war wirklich hinausgewachsen über Europa, dessen Rätsel er für sich gelöst hatte. Er war nicht müde, sondern unersättlich, nicht überreizt, sondern nach reicherem Borne dürstend. Unter einem »Natur«volk lebend, beginnt er neu zu sehen und gelangt zu ähnlichen Zielen wie die, denen am Anfang unserer modernen Kultur die Augen aufgingen: Giotto, Signorelli. Mit viel mehr Glück erreicht er ähnliches wie das von Marées Erstrebte: die Unmittelbarkeit der Erscheinung in einer spontanen Synthese des Blicks zu ordnen. Die Stadt hat den Vorzug, daß sie alles lächerlich macht. Aus diesem harten Kampf ums geistige Dasein geht nur das Echte lebensstark hervor. Das übrige verfällt als kurzlebige Mode. Nehmen wir an, der »Eigenbrödler« verläßt die Stadt in einer Zeit, wo irgend eine hysterische Dummheit wie zum Beispiel »Nacktkultur«, »Heimatkunst« oder dergleichen in Blüte steht. Während die in die Stadt Zurückkehrenden schon im nächsten Winter finden, daß das vor einem halben Jahr Gepriesene lächerlich geworden ist, sitzt der »Eigenbrödler« jahrelang auf seinem Land, ohne die Wohltat des Zweifels. Nach einigen Jahren besucht ihn ein Freund und traut seinen Ohren kaum, ihn in der Entwickelung noch da zu finden, wo er ihn verlassen hat, nur noch ein gutes Stück verrückter. Ich will keineswegs die Großstadt verteidigen. Sie ist eine Lebenserscheinung mit vielen Nachteilen, von der die Menschen mit der Verbesserung des Verkehrs langsam zurückkommen werden, aber die Großstadt hat für alle ihre Gifte Gegengifte, und dem schadet sie am meisten, der nur die Gifte in sich aufnimmt. Gewiß, sie ersinnt das Wahnwitzigste, aber sie entwickelt dafür auch wieder den Spott und das Lachen, so daß die meisten mit halbwegs unverletztem Verstand in ihr leben können. Bringt man aber eine ihrer Torheiten aufs Land, wo alles ernst genommen wird, dann ist der Teufel los. Aus diesem Grunde kann mancher, der die Großstadt tadelt, doch die Kleinstadt nicht loben. Man denke sich »Nacktkultur « in Eberswalde. Das wäre eine Katastrophe, während sie in Berlin bloß komisch ist. Wer heute die Großstadt flieht, aber ihre Bücher und Zeitschriften liest, saugt oft genug ihr Gift ein, ohne ihre Gegengifte zu besitzen, er verliert den Blick für Distanzen. Verlangen wir statt Rückkehr zur Natur Streben nach Echtheit. Darauf kommt alles an, aber nicht nur das Biedere Einfache kann echt sein, sondern auch das Verwickelte und Widerspruchsvolle. Niemand wird zweifeln, daß Baudelaires »Künstliche Paradiese« echter sind, als unsere sogenannte Heimatkunst, welche die Rückkehr zur Scholle erstrebt. Baudelaire war ein sonderbarer Mensch, dem das Künstliche die echte Heimat war, während das Land niemals die echte Heimat der Intellektuellen sein kann. Was nun die Heimatkünstler mit der Scholle machen, das tun gewisse junge Dichter mit Baudelaire. Bei ihnen ist die Künstlichkeit unecht. Nun ist zweifellos in einem Menschen, der zur »Natur« zurück will, meist ein Stück echten Gefühls, zugunsten dessen der Intellekt den ganzen übrigen Menschen ins Ursprüngliche umwandeln will. Das Naturgefühl der Intellektuellen ist nun einmal nicht ursprünglich, sondern zweiter Hand, es ist idyllisch, romantisch, sentimental, und auch die Erhabenheitsgefühle, die ihnen der Alpensport vermittelt, sind nichts anderes. In unserer modernen Welt ist der englisch angezogene Mensch natürlicher, echter, als der Sandalenmann. Es gibt echte Lügner, echte Dirnen, ja, fast möchte man sagen, echte Unechtheit. Der Lorbeerkranz des Agathokles, die Toilettenkünste Cäsars, die Pose Barbey d'Aurévillys sind echter als Naturmenschentum. Den intellektualisierten Philister bringt das aus dem Häuschen, denn er verliert nun seine intellektuellen sicheren Maßstäbe. Die Zahl derer, die »Rückkehr zur Natur« predigen, beweist, daß ein Empfinden für die Unnatürlichkeit und Unechtheit der Zeit weitverbreitet ist, aber die dagegen vorgeschlagenen Maßnahmen sind selbst der Ausdruck der Unnatur. Die Rückkehr zur Scholle, zur Bodenständigkeit, die Forderungen der Heimatkunst und der Reformkleidung, das Streben nach »organischer« Entwicklung der Kunstformen gegenüber der »geschmacklosen« Verwilderung des Rokokos, alles dies hat nichts mit wahrer Natürlichkeit zu tun, sondern verrät einen erkrankten Intellekt, der in Natur und Natürlichkeit auch nur abstrakte Begriffe, »Forderungen« erblickt. Diese Prediger der Natur vergessen, daß Natur überall ist, wo von Abstraktionen ungehemmtes Leben fließt. Die natürliche Landschaft vieler moderner Menschen ist nicht das Heimatdorf, sondern die Großstadt; wer seiner ganzen Natur nach in den Salon oder ein Boudoir gehört, beginge eine Unnatürlichkeit, wenn er auf »Gottes grünem Rasen« schlafen wollte. Was der Zirkus, die Matrosenkneipe, das Nachtkaffeehaus manchem modernen Künstler gegeben hat, war echter als die Ergebnisse einer aus Müdigkeit oder abstrakten Forderungen beschlossenen »Rückgewöhnung« zur Scholle. Der deutlichste Ausdruck mißverstandener Natur unsrer Zeit ist eben jene Forderung der Rückkehr zur Natur, denn sie faßt die Natur nicht als das in immer neuen Formen webende Leben, sondern sie wird diesen Aposteln ein durch Abstraktionen willkürlich hervorgebrachter Begriff. Mode Zur Psychologie der Mode Die Macht der Mode beruht auf einer Fiktion; es wird eine mustergültige Gesellschaft angenommen, die in ihren Bedürfnissen besonders verfeinert und in deren Ausdruck besonders vollkommen ist, die täglich von neuem die Formel findet für das Gleichgewicht zwischen aristokratischer Überlieferung und den Forderungen einer neuen Zeit, sie ist bis zu einem gewissen Grade konservativ, doch skeptisch gegen alles Veraltende, bis zu einem gewissen Grade fortschrittlich, doch viel zu sehr Erbe, um zu radikalen Reformen oder Versuchen behufs allgemeiner Weltverbesserung zu neigen. Erst das dem siedenden Kessel des Fortschrittes schlackenlos und lauter entströmende Metall, das nur noch der Prägung harrt, dünkt ihr der Beachtung wert, und sie ist der Präger. Praktische Entdeckungen und Erfindungen, wie Elektrizität und Automobilismus, deren Vorzüglichkeit leicht kenntlich ist, werden naturgemäß schneller von ihnen angenommen als die vielumstrittenen Sätze moderner Weltanschauung, Sozialpolitik, Ästhetik, Mystik. Auf diesen Gebieten charakterisiert jene Olympier eine mehr konservative Skepsis. Scheinen sie auch in ihrem Kern sehr abgeschlossen, so verbürgt doch schon der vollkommene Besitz ihrer Formen die Zugehörigkeit zu ihnen, denn man bedarf einer, dieser Gesellschaft verwandten, ganz bestimmten Triebrichtung und Begabung, um ihrer Formen wirklich mächtig zu sein. Diese Gesellschaft ist nicht gleichbedeutend mit den Adeligen, den Reichen, nicht einmal mit dem, was man unbestimmt »die gute Gesellschaft« nennt, sondern sie ist überall zwischen den Klassen eingeschichtet. Wie gesagt, diese gleichzeitig konservative und fortschrittliche Gesellschaft ist eine Fiktion, wie der ewig blaue Himmel Italiens, die Selbstlosigkeit der Mutterliebe oder die Überlegenheit der germanischen Rasse. Es gibt bekanntlich gewisse höchst großartige und zahllose achtbare Existenzen, die sich der Herrschaft der Mode absichtlich, noch öfter aus Gleichgültigkeit entziehen, und ausgemachte Trottel tänzeln häufig hochbegabt hinter dem Karren der Mode einher. Aber etwas Wahres steckt nun doch hinter dem ewig blauen Himmel Italiens trotz den Äquinoktialstürmen, hinter der Selbstlosigkeit der Mutterliebe trotz Medea und dem Märchen vom Machandelboom, hinter der Überlegenheit der germanischen Rasse trotz den deutschen Sittlichkeitsvereinen. Ganz gewiß haben nicht die allerbesten Franzosen, sondern teilweise sogar die allerschlechtesten an den Höfen Ludwigs des Vierzehnten, Fünfzehnten und Sechzehnten gelebt, aber der Ausdruck des jeweiligen französischen Lebensstils, der Mode, wurde an diesen Höfen gefunden, und auch die Allerbesten fügten sich ihr ohne viel Nachdenken, als einer ganz hübschen Sache. Im Leben ist das Wichtigste, daß überhaupt etwas geschieht, daß sich ein paar Leute, gescheite und dumme, wie sie der Zufall durcheinander wirft, zusammen tun und etwas aufbauen. Es ist sehr leicht, klug beiseite zu stehen und zu sagen: »Was diese Leute schaffen, wird etwas Unvollkommenes werden, ich tue nicht mit, denn mir schwebt eine höhere Vollkommenheit vor«. Schwebt vor! Diesen anspruchsvollen Ideologenstandpunkt nennt man Individualismus. Er sollte nach § 218 des Strafgesetzbuchs als Verbrechen gegen das keimende Leben bestraft werden. Alles nicht durch Hinz oder Kunz von Hirnes Gnaden Aufgestellte, sondern spontan und anonym Gewordene hat Recht auf Anerkennung; so auch die Mode, die man mit dem Troste skeptischer Ironie lächelnd im Ganzen annehmen sollte, womit nicht gesagt ist, daß jemand etwas tun oder tragen muß, was ihm nicht steht, nur weil es Mode ist. Wer sie recht begreift, sieht in der Mode keinen Zwang, sondern eine Erlaubnis. Auch heute sehen wir die Mode aus gewissen, keineswegs das ganze Leben der Zeit zusammenfassenden, aber doch beträchtlichen Kreisen kommen. Die heutige Herrenmode ist englischer Herkunft und hat ihre Prägung durch den klügsten europäischen Monarchen unserer Tage erhalten, der während seiner reichlichen Mußestunden als Thronfolger in einem internationalen Kreise lebte, wo sich alter Aristokratismus mit modernen Neigungen berührte, mit amerikanisch-geschäftlicher »Smartneß« und mit diesen neuartigen Reizen, die das Sportleben hervorbringt, also kein ganz Unberufener zum Schaffen oder richtiger zum Erlauschen werdender Formen und zum Festhalten. Der Geist dieser Mode ist genaue Knappheit und Ächtung allen pittoresken Ungeschmacks. Der Charakter der Herrenmode ist vorwiegend Zweckmäßigkeit, den Charakter der Frauenmode bestimmt vorwiegend Phantasie, aber die moderne Frau ist ein wenig unsere Kameradin geworden, sie ist nicht mehr bloß Hüterin des Hauses und Herrin des Salons, wo sie, auf französische Manier unpraktisch und hübsch angezogen, die Huldigungen derer entgegennimmt, die von draußen aus der rauheren Welt des Mannes kommen: sie ist selbst bei vielem dabei, sie treibt z. B. Sport. Die Ausdehnung der Großstädte, die Zerstückelung des Lebens in kleine Haushalte mit wenig Dienstboten stellt an ihre Beweglichkeit bedeutende Ansprüche, und so sehen wir – selbst in Paris – die lakonische Solidität der Herrentracht in das liebenswürdige Firlefanzreich der Frauenmode eindringen: das von einem Manne gearbeitete Schneiderkleid hat einen entscheidenden Sieg davongetragen, es ist das typische Alltagskleid der modernen Frau geworden; die anmutige Phantasie der Schneiderinnen muß sich an Gesellschaftskleidern schadlos halten. Die heutige Mode befriedigt Industrielle, Geschäftsleute aller Art, Techniker, Theater-, Variete- und Zirkusleute, impressionistische Maler, Komödienschreiber, die besseren Zuhälter, die Oberkellner großer Hotels, Chauffeure, Sportsmen usw., kurz, die ausgesprochenen Typen des modernen Lebens und ihre Damen. Alle diese Menschen haben Gründe, ihre Modernität wenigstens formal an den Faden der Überlieferung anzuknüpfen. Von der heutigen Mode vollkommen übergangen ist der Ideologe: der Oberlehrer und seine modernen Erscheinungsformen als Kunstvernünftiger, Lebensreformer usw. Diese Klasse hat eine charakteristische Abneigung gegen steife Hüte, Tennisanzüge, Pyjamas, besonders gegen den modernen Frack. Alles dies bedeutet ihnen das feindliche Prinzip des Amerikanismus, gegen das sie ein verwässertes Humanitätsideal vertreten. Entweder bleiben sie ganz nach rückwärts gekehrt in vormärzlicher Verträumtheit sympathisch dem schwarzen Bratenrock treu mit schwarzer Hose und einer Form Umlegkragen und fester schwarzer Halsbinde, deren Bezugsquelle ihr Geheimnis ist (denn in den Auslagen der Geschäfte sieht man so etwas seit 20 Jahren nicht mehr), oder aber sie machen, vollkommen überlieferungslos, bewußt Front gegen die »konventionelle Schablone«, das Modejournal, das »Gigerltum«, den Salon, um aus willkürlich zusammengesuchten antiken und Biedermeier-Erinnerungen sowie philosophischen, besondere ethischen Theorien die dem in ihrem Sinne modernen, d. i. individualistischen Menschen entsprechende Kleidung abzuleiten. Hier ist der Herd des Widerstandes gegen die Mode, die Parole heißt: Persönlichkeit, die Losung: Innerlichkeit, das Schlachtgeschrei: ästhetische Kultur. »Ist das nun nicht idealer, als sich herdenmäßig dem Zwange der Mode zu fügen?« fragen viele durch verkehrte Bildung gelähmte Geister, die man gelehrt hat, alles Unzweckmäßige als edel und groß zu empfinden. Nein, es ist nicht idealer, sondern bloß schief gedacht. Nichts ist, wie gesagt, leichter, als vom individuellen Gesichtspunkte aus die Mängel des spontan Gewordenen zu erkennen, nichts ist z. B. billiger, als den lieben Gott zu kritisieren und im einzelnen die Unsinnigkeiten seiner Welt zu erweisen. Die pessimistische Philosophie hat das mit einigem Geist versucht und die impulsive Genialität unseres alltäglichen Ärgers stellt beständig Fragen, die für den Urheber dieser Welt sehr peinlich sein, müssen. (Warum sind wir Menschen z. B. so entsetzlich dumm, bösartig und unsauber, wozu haben wir den Wurmfortsatz des Blinddarms, was soll die Laus in der Welt, was der indische Sandfloh, was bedeuten die Balkanstaaten, der sächsische Dialekt, die Sittlichkeitsbewegung deutscher Frauen, usw.?) Alle diese Fragen sind sehr berechtigt, aber jedes unfruchtbare Hirn vermag sie zu formulieren, ohne daß darum das schöpferische Talent des Welterschaffers oder die Pracht der Erde in Frage gestellt wird. Versucht ein Individualhirn verbessernd in den Strom der unpersönlichen anonymen Lebenserscheinungen einzugreifen, so entsteht immer etwas Furchtbares: zunächst ein System, dann kommen Schulmeister und Pedanten, die es vertreten, Fanatiker, die es übertreiben, und wenn sie können, revolutionären Henkern das Schwert in die Hand drücken, um in dem Fleisch der Menschheit zu metzgern. Alle dem Hirn einzelner entstammenden Reformen haben das bisher gezeigt. Robespierre war nichts als ein Pedant mit unbegrenzter Vollmacht, ein Schulmeister, der statt der Gewalt, nachsitzen zu lassen, die Gewalt besaß, Köpfe abzuschlagen. Sätze und Aussprüche wie diese: »Alle Menschen sind gleich«, »die allgemeinen Menschenrechte«, »Recht auf persönliche Ausgestaltung des Lebens«, »individuelle Kleidung«, das alles sind vollkommen gleichwertige Ausgeburten grober Individualschädel, welche die reizvolle Kristallisation sozialer Gruppenbildung im warmen bunten Fluß des Werdens und Vergehens nicht begreifen, aus dem ungerufen Formen tauchen, um einen Augenblick zu bezaubern und wieder zu verschwinden. Die Asiaten finden solche Lebensmißverständnisse unendlich lächerlich. Man kann ein Gemeinwesen durch kluge Steuergesetzgebung vom Zusammenbruch retten, man kann Aktiengesellschaften sanieren, man kann verfettete Vielfraße durch Holzhacken und Diät dem Menschlichen näher bringen, man kann ein gespanntes Eheverhältnis durch Einstreuung von Kindern erträglich machen, überhaupt bleibt dem Willensmenschen vieles Wertvolle zu tun auf der Welt, aber das zwang- und sinnlos Gewordene, die Sitte, die Kultur, die Mode, läßt sich nicht vom archimedischen Punkt eines Einzelhirnes beeinflussen, zerstören kann natürlich ein einzelner immer, falls er die Macht hat, aber Kultur kann man ebensowenig machen wie Natur, man kann sie bloß tottreten oder still wachsen lassen. Bis zu einem gewissen Grad bedarf freilich dieser Satz einer Einschränkung. Es gibt Einzelwesen, wie der frühere Prinz von Wales, oder große Schauspielerinnen und Halbweltdamen, deren persönliche Art einer Mode die Prägung zu geben vermag. Ich stelle mir vor, daß im Winter 1905/06 einmal in Paris eine liebenswürdige Dame vorm Spiegel saß und durch Zufall ihre Toque schräg auf den Kopf setzte, oder daß ein Freund sie ihr mutwillig (mit der für die Frisur notwendigen Vorsicht) quer auf den Kopf legte. Ich stelle mir weiter vor, daß die liebenswürdige Dame von diesem Mutwillen nicht lange gekränkt war, sondern plötzlich einen kleinen entzückten Schrei ausstieß und rief: »Das steht mir ja ausgezeichnet, ich behalte den Hut heute abend so auf, du wirst sehen, ich werde gefallen.« In einem Restaurant sahen das andere liebenswürdige Damen, und da die Erfinderin für ihren guten Geschmack bekannt war, wurde das Quersetzen gewisser Hüte für einige Zeit Mode, ich glaube, ein Jahr später wußte man's schon in Berlin und in weiteren sieben Jahren haben es auch die kleinen Bürgersfrauen in Winsen a. d. Luhe oder in Irrelohe begriffen. Solch ein Modewechsel wird allerdings meist durch ein bestimmtes Individuum verursacht, so wie das Volkslied irgendeinen, wenn auch gewöhnlich unbekannten Urheber hat. Ja, das Individuum kann sogar bekannt sein und der Mode seinen Namen geben, auf keinen Fall aber tritt es wie ein Professor hervor, erhebt die Rechte und beweist, daß a) aus organischen, b) aus konstruktiven, c) aus hygienischen Gründen (was manche Leute bei uns zusammen ästhetische Gründe nennen) gerade gesetzte Frauenhüte eine Verirrung des Geistes sind, wie Witwenverbrennung, konventionelle Ehen oder die Erasmussche Aussprache des Griechischen, daß nur der schiefgesetzte Hut hinfort der sittlichen Forderung aufrichtiger, modern-individualistischer Lebensauffassung entspreche. Alle diese antipathischen Vorgänge haben nicht stattgefunden, sondern ein liebenswürdiges Menschlein hat aus der zufälligen Chemie seiner Lebenssäfte, bedingt durch das letzte Frühstück und die letzte Liebesangelegenheit, einen glücklichen Einfall entbunden, der nun wie ein guter Witz ein paarmal wiederholt wird, verblaßt und später vielleicht einmal eine Auferstehung erlebt. Wann kann ein solcher Einfall zur Mode werden? Wenn er für eine als bedeutend oder anmutig empfundene typische Art zu leben bezeichnend erscheint. Heute ist z. B. folgende Art zu leben typisch: Acht bis zehn Stunden täglich Cityleben oder am Schreibtisch, geschäftliche Besuche, Empfänge und Sitzungen, jeden Monat fünf oder sechs Schlafwagen- oder Hotelnächte (Voraussetzung: bequeme, haltbare und doch der Persönlichkeit schmeichelnde, d. i. elegante Kleidung), eine Stunde später in einer Gesellschaft (Voraussetzung: vollkommener Wäschewechsel, repräsentative Feierlichkeit mit doch etwas Anmut), manchmal eine Woche Unterbrechung durch Sport und Jagd, oft in Gesellschaft von Frauen (Voraussetzung: Unverwüstlichkeit des Materials und äußerst diskrete Hervorhebung körperlicher Vorzüge). Wer so typisch lebt, gleichzeitig Sinn für Anmut und Zweckmäßigkeit besitzt und eine weithin sichtbare Persönlichkeit ist, dessen Angaben beim Schneider, Hemdenmacher und Schuster fallen für die Gestaltung der Mode ins Gewicht, er erzieht diese Leute und veranlaßt, oft absichtslos, zunächst seine Umgebung, schließlich vielleicht Europa zur Nachahmung, weil seine Ansprüche aus einem tatsächlichen, von vielen geteilten und von den meisten begriffenen Leben hervorgehen, nicht aus einer willkürlichen, Jünger werbenden Theorie, wie Quäkertum, Vegetarismus oder Frauenbewegung. So ist z. B. in den Tropen das Pyjama entstanden, dieser klassische Nachtanzug, der erlaubt, bei großer Hitze unbedeckt zu schlafen und morgens unangezogen (doch nicht ausgezogen) im Zimmer umherzugehen. Es ist ferner das unerläßliche Kleidungsstück dessen geworden, der zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang aus Gründen der Verdauung oder der Galanterie die Korridore der großen Gasthöfe oder Ozeandampfer zu überschreiten hat. Es bietet dem Manne größere Möglichkeiten, als das veraltete Nachthemd, an dessen Komik gewiß schon manche Ehe gescheitert ist. Dieses ist ästhetisch nicht anders zu werten, als die weibliche Nachtjacke oder die Zipfelmütze. Moralisch und ästhetisch bedeutet das Pyjama das der »Nacktkultur« entgegengesetzte Prinzip der Toilettenkultur. Es wird in unserem an originellen Mißverständnissen reichen Land noch manchmal verkannt. Es will nämlich ebensowenig den Strand-, Tennis- oder Schwimmanzug, wie den Frack »ersetzen«. Es kann nicht einmal zu einer Gartengesellschaft getragen werden, selbst, wenn es aus Seide ist. Ich weiß allerdings eine Frauenrechtlerin, die in ihrem Garten im Pyjama mit Herrenstrohhut zum Tee empfängt. Die Formel für das Gleichgewicht zwischen aristokratischer Überlieferung und neuen Richtungen, wie sie die Mode ausdrückt, muß täglich etwas geändert werden, sonst stimmt sie nicht mehr; der Spannungszustand dieser beiden Kräfte wechselt, wenn auch im Augenblick unmerklich, doch auf die Dauer sehr ersichtlich. Im einzelnen, besonders im Ornamentalen, das in der Frauenkleidung vorwiegt, spielt freilich viel Laune und Willkürlichkeit hinein, ja, die Formen von vorgestern können morgen wieder modern werden. Ich weiß z. B. nicht, welchen neuesten Umwälzungen in der weiblichen Seele die kurzen Ärmel entsprechen, die noch vor kurzem so hübsch die Vorderarme und Handgelenke freiließen, sie waren wahrscheinlich der »Evolution der weiblichen Psyche« einiger Saisons so gemäß, wie vorher die bis an die Fingerwurzeln reichenden Ärmel, die wir heute nicht mehr ertragen würden, und wie haben sie uns vor Jahren entzückt! Es ist mir auch unbekannt, welchen Wandlungen des modernen Mannes es entspricht, daß man seit ein paar Jahren wieder schwarze Jackettanzüge mit Seidelitzen einfaßt. Vorher hätte man das für das Ergebnis eines nur allzu praktischen Übereinkommens zwischen einem sächsischen Philologen und seinem gefügigen Flickschneider gehalten. Das beweist die Verrücktheit der Mode, wird man sagen. Aber ist sie verrückter als irgend eine andere menschliche Erfindung, z. B. die sittliche Weltordnung, trotz welcher so oft das Laster über die Tugend siegt, oder die poetische Gerechtigkeit, die so leicht zum Verfassen schlechter Tragödien aufreizt? Die Mode ist, als gegenwärtige Tatsache, höher als alle Kunstvernunft, sie bringt z. B. fertig, daß Tournüren wirklich nur dann gemein sind, wenn gerade keine getragen werden. Weite Westenausschnitte wirken, wenn hohe Westen Mode sind, als aufdringliches Prahlen mit frischer Wäsche, und hohe Westen beunruhigen in der Zeit weiter Ausschnitte über die Reinlichkeit des hoch zugeknöpften Herrn aufs äußerste. Alles dies vermag die dumme Mode, während das hochentwickelte Hirn, zu dem Herr Schulze-Naumburg gehört, nicht erreicht, daß z. B. Reformkleider und quadratförmige Schuhe schön werden. Drückten sie wenigstens das Leben der irregeleiteten, manchmal lieblichen Opfer aus, die darin stecken, so wie der » cul de Paris « unbedingt dem Geschmack jener derben Generation entsprach, die in den ersten Semestern war, als wir in Sexta saßen! Gegen das Grundsätzliche der heutigen Mode, z. B. die schwarze Nüchternheit unserer vielgeschmähten Herrentracht, ist nichts zu sagen: sie entspricht ganz der Zeit zwischen 1870 und 1890, ja, sie ist das einzige nicht lügenhafte Kunstgewerbe, das jene gottverlassene Zeit hervorgebracht hat. Seitdem redeten der gelbe Schuh, der Flanellanzug, der Panamahut von einem neuen, lustigeren Geist, der uns vielleicht noch den farbigen Frack bescheren wird, vielleicht auch Escarpins und kurze Hosen, wenn einmal die Sportwade die Ideologenwade ganz verdrängt haben wird. Diese sich ankündigende neuartige Schönheit hat nichts zu tun mit jenen gewaltsamen Kleidungsreformen, in denen nur ein ohnmächtiger Pariaprotest gegen die Überlieferung zu erblicken ist. Mag eine Kultur noch so unvollkommen sein, das, was der Paria an ihr angreift, ist immer gerade das, was der Erhaltung wert ist. War das ancien régime hundertmal zum Untergang reif, der Jakobiner ist doch im Unrecht. Mag unsere Kleidung auch verbesserungsbedürftig sein, ein gutes hat sie, daß sie überhaupt gewisse Bindungen schafft. Und gerade das greift der Paria an, der neuerdings alles auflösen will. Es ist ein Zeichen unästhetischen Empfindens, instinktbarer Vernünftelei, wenn jemand behauptet, seine Seele sei auf der Flucht vor moderner Häßlichkeit und erlabe sich nur noch an vergangener Schönheit. Wer die Schönheit seiner Zeit nicht versteht, versteht die vergangene noch weniger. Man kann zu dieser erst von jener aus gelangen. Wer für Velasquez schwärmt und Manet nicht begreift, wer das Peplon schätzt und ein gutsitzendes Gesellschaftskleid ablehnt, der sucht im Alten die Geschichte oder Gott weiß was, auf keinen Fall die Schönheit. Glauben im Ernst die Leute mit langen Haaren und flatternden Halsbinden schöner zu sein als die knapp Gekleideten? Ein Hauptgrundsatz, der freilich seltene Ausnahmen zuläßt, ist: Es genügt nicht, daß ein gutes Kleidungsstück aus vorzüglichem Material besteht, ausgezeichnet geschnitten ist und der Erscheinung des Trägers entspricht, es darf auch das gegenwärtige Gesamtbild der bekleideten Menschheit nicht stören. Gewiß können jene Vorzüge eine gewisse über allen Modelaunen stehende Überlegenheit geben, wenn man alles Übertriebene vermeidet. Wer sich aber irgendwie »ausgesprochen« anzieht, kann es nur ausgesprochen modern tun, falls er nicht barbarische Mißklänge mit der Umwelt schaffen will. Dem Worte »barbarisch« haben absolute Geister einen falschen Begriff gegeben; es ist unrichtig, die moderne Kleidung im Vergleich zur griechischen barbarisch zu nennen, denn sie hat ihren Stil; wer aber den sogenannten »Mut« besitzt, im Peplon oder in der Toga auf der Marine-Parade in Brighton zu erscheinen oder als Christus stilisiert auf der Strandpromenade in Nizza aufzutauchen, der ist barbarisch, er tut ästhetisch genau dasselbe, wie der barfüßige Stänker im Jägerhemd oder der alle Formen vernachlässigende Bohémien, er schafft Mißklänge. Die Behauptung, sein Gewand sei an sich schön, ist falsch. Nichts ist an sich schön. Wenn einer wunderschönen Frau etwas Wunderschönes, z.B. ein Stück Apollo von Belvedere aus dem Ohr wüchse, so wäre das noch gräßlicher als ein Weichselzopf, während man an Bäumen Flechten beobachten kann, die wie Weichselzöpfe aussehen, und prachtvoll sind. Es gibt nichts Geschmackloseres, als das Individuelle in der Kleidung zu betonen, wie es viele Künstler, Vegetarier, Antivivisektionisten und sonstige Lebensreformer tun. Überhaupt, es muß einmal gesagt werden, nirgends gibt es heute mehr Ungeschmack als in gewissen Künstlerkreisen, die meinen, damit wär's getan, daß man Raffael für »Kitsch« hält. Freilich: diese grundsätzliche Bejahung der Mode bejaht nicht die Gepflogenheiten des heutigen Händlertums, Ihrer Herrschaft, nicht der Modeherrschaft gilt es, sich zu entziehen. Die Modeherrschaft zwingt die Händler, den Käufern immer wieder Neues zu bieten. Die Händler aber zwingen heute, immer wieder Neues zu kaufen, indem sie künstlich den Modewechsel beschleunigen. Die Mode soll wechseln, aber langsam, nur so kann sie Stil werden. Dies aber verhindert der heutige Händler aus Gewinnsucht. Eleganz Eleganz ist, genau genommen, der Gegensatz zur Intimität. Sie will gesellschaftliche Festlichkeit ausdrücken, in der persönliche Verschiedenheiten auf einen allgemeinen Hauptnenner gebracht werden müssen. Natürlich ist Eleganz nicht Uniformierung, und darum bleibt in ihren Formen ein Teil Individualität möglich, eine diskrete Andeutung des Persönlichen innerhalb der allgemeinen Grenzen ist sogar einer ihrer Hauptreize. Ohne diesen wird sie starr und verrät, daß ihr Träger sich etwas angeeignet hat, dessen Sinn er nicht ganz begreift. Aus Angst, einen Fehler zu machen, ahmt er sklavisch nach, was Leute tun, deren Eleganz für ihn über allen Zweifel erhaben ist. Dies ist der bezeichnende Fehler der Provinz und war ein besonders deutscher Fehler, ehe Reichtum und Luxus bei uns eingezogen waren. Heute wird unter dem Einfluß der Künstlerkreise der entgegengesetzte Fehler gemacht: Intimität und Eleganz werden nicht genügend auseinander gehalten. Durch die hastige Verbreiterung unseres gesellschaftlichen Lebens sind manche Menschen, besonders Frauen, die aus enger Umgebung stammen, so berauscht durch die Entdeckung ihrer Individualität und fühlen sich denen gegenüber, die »es noch nicht wissen«, so sehr im Vorsprung, daß sie um keinen Preis der Welt zu überreden sind, dieses neugefundene Juwel ein wenig zu verhüllen. Sie sind es, die gerade in der Betonung der Individualität vorläufig die Eleganz erblicken, und die kühnsten unter ihnen glauben sogar, daß sie eines Tages Monte Carlo und Ascot mit sich reißen werden. Frau Kunstmaler X., Frau Privatdozent Y. und die ledige Buchschmuckzeichnerin Z. glauben, sie müßten die Umrisse ihres Leibes zeigen, nicht etwa, weil diese Umrisse schön, sondern weil sie individuell sind, und sie machen Schule bei allen jenen Frauen, die nicht unter dem beratenden Kennerblick weltlicher Männer leben. Ihre gesellschaftfremde Beweisführung ist: Ich will nicht für schöner gelten, als ich bin; wem ich nicht mit meinen individuellen Abweichungen von der Schönheitsregel gefalle, für den danke ich überhaupt. Nun ist es vollkommen richtig, daß sich Liebe und Neigung mit Vorliebe an individuelle Unvollkommenheiten heften und bisweilen an der Vollendung kühl vorübergehen. Die Unvollkommenheit hat den außerordentlichen Reiz der Intimität, aber darin liegt ein Gegensatz zur Eleganz. Jener Reiz ist ganz persönlicher Art, hat keinerlei allgemeinen Wert und gilt ausschließlich für den Liebhaber. Daraus ergibt sich schon, daß er den Augen der Fremden durch dezente Verhüllung entzogen werden muß. Über nichts ist man sich unklarer als über die Gründe des Schamgefühls und das Wesen der Keuschheit. Es sind ganz oberflächlich urteilende Menschen, die sich darüber wundern, daß keusche Frauen sich ohne Scham mit halbnacktem Oberkörper im Ballsaal zeigen während selbst etwas vorurteilsfreiere Damen sich nicht ohne weiteres im Schlafzimmer überraschen lassen wollen, obwohl sie vielleicht ganz verhüllt sind. Um Verhüllung und Entblößung handelt es sich nämlich gar nicht, sondern um Öffentlichkeit und Intimität. Ist eine Dame nach der herrschenden Mode gekleidet, und diese erlaubt gewisse Entblößungen, so wirken nackte Schultern nicht mehr intim, sondern festlich, elegant. Dieselbe Kleidung um elf Uhr morgens wäre schamlos, und wenn sie nur halb so viel zeigte. Auch die Beine der Damen sind etwas ganz anderes im Seebad und im Toilettenzimmer. Ein zufälliger kleiner Riß in einer Bluse enthüllt in Wahrheit mehr als manches gewagte Badekostüm; denn er öffnet den Blick in die Intimität, der nur dem Liebhaber gebührt. Guterzogene Frauen, die gleichzeitig noch natürliches Schamgefühl besitzen, das allein die Koketterie anmutig macht, pflegen für diese Dinge ein sichereres Verständnis zu besitzen als wir Männer, vor deren sinnlicher Neugier sie immer auf der Hut sein müssen. Frauen, auch solche mit großer Garderobe, haben bekanntlich sehr häufig »nichts anzuziehen«. Der Hinweis auf die gefüllten Kleiderschränke wird mit einem Blick der Verachtung bestraft. Darin liegt eine tiefere Berechtigung, als man glaubt. Durch das Tragen geht bekanntlich in die Kleidungsstücke etwas von uns über, was ihnen, ehe sie wirklich schadhaft werden, etwas Alltagshaftes, Abgegriffenes gibt. Wir empfinden das selbst häufig, lange bevor es die Umgebung sieht, und gehen dann vielleicht mit einem schlechten Gewissen herum, das alle unsere Schritte unsicher macht. Trägt nun jemand solch ein Kleidungsstück vollkommen auf, später vielleicht nur noch auf dem Lande oder bei beschmutzenden Verrichtungen, so wird es zum Sinnbild aller seiner kleinen und kleinsten Sorgen und Fehler, zur höhnischen Parodie auf alle seine Eitelkeiten und Ansprüche. Bei der Frau, die viel mehr als wir von ihren Kleidern abhängt, geht dieser Prozeß noch bedeutend schneller vor sich, zumal sie empfindlichere Stoffe trägt, die nur auf kurze Dauer berechnet sind. Es gibt Frauen, die ein Kleid unerträglich finden, nachdem sie es ein paarmal mit ihrer Körperwärme durchdrungen haben. Es ist zu intim geworden und darum nicht mehr elegant. Solchen für den Mann oft rätselhaften Abneigungen liegt in Wahrheit nicht selten ein verfeinertes Schamgefühl zugrunde. Ganz anders steht der Liebhaber solchen Kleidern gegenüber. Er, den anfangs nur die Eleganz bezaubert hat, liebt in Wahrheit nur die Intimität der Frau und wird schließlich sogar eifersüchtig auf die Eleganz, obwohl es doch nur diese ist, die ihm die Intimität durch den Gegensatz immer wieder reizvoll macht, sie nie zum Ekel werden läßt. Der Liebhaber verehrt die Intimität der getragenen Kleider, die aus der Mode gekommene Bluse, die sie an dem oder jenem Tage trug, während ihn die neue Toilette anfangs immer ein wenig verwirrt, indem sie ihn daran erinnert, daß die Geliebte auch der Welt gehört. Wie oft kann man beobachten, daß ein Kleid einer Frau, das die einstimmige Bewunderung ihrer Freunde findet, »ganz alt«, »xmal getragen«, »gar nichts Besonderes« ist, halb schämt sie sich, es anzuhaben, halb kokett nimmt sie den Beifall hin. Eine Frau, die den Sinn für diese Dinge verliert, verliert ihren Hauptreiz, die Scham. Die Intimität gehört ausschließlich der Liebe, in der Öffentlichkeit verhüllt sich die Frau durch Eleganz oder, wenn ihr dazu die Mittel fehlen, durch Nettigkeit. Ein mitleidiges Bedauern, wenn nicht Verachtung zeigt sich in den Gesichtern aller erfahrenen Männer und Frauen, wenn ein schlechtberatenes Hascherl die Intimitäten seines Leibes ahnungslos in die Gesellschaft trägt. Alles Niedliche, was in der Intimität beglücken könnte, wird hier kümmerlich, alle Kraft frech und schamlos. Die Löwinnen, die der letzten Mode folgend keine Hemden mehr tragen, um die ganze Schlankheit der Hüftlinie zu bewahren, wirken durch die Stilisierung der Mode verhältnismäßig keusch gegenüber dem, was das korsettlose »Eigenkleid« enthüllt. Daß sich eine bestimmte Art von Männern mit Vorliebe auf das ihnen so billig Gebotene stürzt, ermutigt diese Frauen in ihrem Ansturm gegen die »heuchlerische« Eleganz. Das Schamlose der sogenannten Reformtracht beruht darauf, daß das in der Intimität reizende Individuelle zur Schau gestellt ist. Dadurch werden die Blicke auf Einzelheiten gelenkt, die wir nicht zu sehen gewohnt sind und Kontrastwirkungen hervorrufen, die, wie wir freundlich annehmen wollen, nicht beabsichtigt sind. Während die weibliche Eleganz immerhin mit den intimen Reizen insofern rechnet, daß sie sie durch Stilisierung dezent macht (ohne welchen Vorgang sie in der Öffentlichkeit zur Unanständigkeit würden), ist die männliche Eleganz von vorneherein die grundsätzliche Leugnung aller Intimität. Nichts ist für einen Mann uneleganter, als intime, körperliche Vorzüge hervorzuheben. Es ist charakteristisch, daß hier England, das trotz seiner behaglichen Kamine unintimste Land, den Ton angibt. Französischen und italienischen Elegants wird es mitunter schwer, so streng gegen sich selbst zu verfahren. Ebenso ungern entschließt sich mancher deutsche Jüngling, den »Siegfriedsleib« in gutgeschnittenen Kleidern zu verbergen. Dieselbe männliche Nüchternheit, die England in der Herreneleganz so erfolgreich gemacht hat, läßt es vollkommen unbegabt erscheinen in allem, was weibliche Kleidung betrifft, welche die Intimität nicht puritanisch leugnen, sondern elegant stilisieren soll. Nacktheit und Kleidung Nacktheit, lehrt eine neue Ästhetik oder Ethik, sei das Natürliche. Sie findet sich jedoch vollständig in kaum einer primitiven Gemeinschaft, ihre Schönheit und Hygiene werden erst auf intellektuell-ästhetischer Kulturstufe – wie in der Renaissance – entdeckt. Wenn die Natur wollte, daß wir Kleider trügen, so wird erörtert, dann hätte sie uns, wie den Tieren, ein Fell gegeben. Darauf kann man erwidern: Wenn die Natur wollte, daß wir uns mit Nahrungsmitteln füllen, dann würden in unserem Bauche junge Hasen mit Kohlköpfen spielen. Andere sagen, die Nacktheit sei das klassische! Manche Leute stellen sich vor, die Athener wären zur Zeit des Perikles nackt auf den Straßen herumgelaufen, und dies aus dem Grunde, weil sie Hellenen waren. Der antike Mensch war nicht verletzt, wenn jemand bei Nacktheit fordernden Gelegenheiten sich entkleidete. Das ist der ganze Unterschied. Die Nacktheit als das an sich Menschenwürdige, Freie hinzustellen, ist niemand eingefallen. In Sparta zum Beispiel entkleidete man sich bei den körperlichen Übungen aus der vernünftigen Erkenntnis, daß man dann besser üben kann, weder weil es natürlich, noch weil es ästhetisch ist. Die Barbaren haben sich über diese Kühnheit nicht genug erstaunen können. Ziemlich spät entdeckte der Künstler die Schönheit einzelner nackter Körper, nicht etwa der Nacktheit an sich, aber man wagte nicht, diese Nacktheit ohne einen Grund darzustellen, das schien zunächst unnatürlich. Die Nacktheit mußte stets irgendwie durch einen Vorgang begründet sein. Erst Praxiteles wagte die Aphrodite (von Knidos) nur um der Schönheit willen nackt zu meißeln. Bewußte Nacktheit ist nicht nur das Gegenteil aller Ursprünglichkeit, sondern eine ästhetische Entdeckung der Kultur. Auf einer bestimmten Kulturhöhe mag es daher hie und da natürlich sein, wenn sich eine schöne Frau einmal einem Künstler gegenüber für sein Werk entblößt, aber nicht, weil »doch gar nichts dabei ist«, sondern weil es schön ist und diesen beiden Menschen die Schönheit allerdings natürlich geworden ist. Vollkommen unnatürlich, unanständig und rein intellektuell ist es, aus solchen Einzelfällen eine Nacktkultur abzuleiten, nach der sich mit linkischer Schamlosigkeit alle entblößen dürfen, weil sich einmal eine Göttin nackt gezeigt hat. In unserer Zeit ist Nacktheit unnatürlich und darum anstößig. Abgesehen davon ist sie meistens häßlich. Aus diesem Grunde werden gerade stark ästhetisch veranlagte Menschen für ihre Verhüllung eintreten müssen. Die Apostel der »Nacktkultur« lassen nur ihre unnatürliche, häßliche Sinnlichkeit toben und vergessen, daß natürliche Menschen nicht phanerogam sind. Für uns ist die Kryptogamie das Natürliche und Echte, und darum Anständige. Nacktheit ist ein künstlicher Zustand, erst eine hohe Kultur entdeckt ihre gelegentliche Schönheit, und die gibt sich nicht auf der Gasse preis. Die Nacktheit ist also weder natürlich, noch an sich klassisch. Sie ist aber auch nicht ohne weiteres schön. Jene neue Ästhetik dagegen lehrt: Das schönste ist der nackte Körper. Ihm sei die Kleidung möglichst angepaßt. Was klingt einleuchtender? Nur ein Dummkopf, sollte man denken, kann dieser Logik widersprechen. Und doch liegt der Trugschluß auf der Hand. Der nackte Körper ist nämlich nicht das Schönste, sondern er kann das Schönste sein und damit zugleich das Häßlichste. Unser Dasein schwingt sozusagen in Pendelbewegung. Weil wir der höchsten Vernunft fähig sind, können wir zugleich unvernünftiger sein als ein Tier, das nichts frißt, was ihm schädlich ist. So kann kein Frosch, keine Kröte so häßlich sein wie ein verkrüppelter, vertierter Mensch, kein Raubtier ist so grausam wie ein fanatischer oder krankhafter Zweifüßler. Aber sie können auch nicht so herrlich sein wie Lionardo da Vinci oder Shakespeare. So kann man mit genau demselben Recht sagen: »Der nackte Körper ist das Häßlichste, was es gibt. Also muß er möglichst verhüllt werden.« Es ist also ein auf der Hand liegender Irrtum, daß die Kleidung der organische Ausdruck natürlicher Linien sein soll. Geschmackvolle Leute sind immer entgegengesetzter Ansicht gewesen, sie haben die Göttin der Mode gepriesen, die es erlaubt, nicht besonders wohlgelungene aber natürliche Linien zu verhüllen, d. h. am organischen Ausdruck zu hindern. Wer solche »Unaufrichtigkeiten« verabscheut, mag ein trefflicher Moralist sein, er soll nur nicht in Fragen der Schönheit hineinsprechen. Falsche Zähne sind zweifellos schöner als zahnlose Kiefer, zwischen denen vielleicht noch hie und da wie ein bemoostes Felseneiland eine grünliche Spitze emporragt. Die Verteidiger der Schönheit verlangen ja nicht, daß gesunde Zähne oder gesundes Haar ausgerissen werden sollen, um sie durch künstliches zu ersetzen. Eine Frau von untadeligen Körperlinien kann wohl gar nichts Besseres tun, als ihrer Schneiderin auf die Finger klopfen, wenn sie, auf das Modejournal schwörend, ihr etwas zurechtwursteln will, was diese Linien stört. Für solche Frauen gibt es kaum etwas Schöneres als Kleider, die sich ihren Formen anpassen, ohne freilich zu sehr über Einzelheiten aufzuklären. Noch nie hat eine unabhängige Frau, deren Körper es nicht verlangt, ein Korsett getragen. Gerade in Paris, der Hochburg des Korsetthandels, war die Korsettlosigkeit stets verbreitet, lange, ehe man sie in Deutschland hygienisch und ethisch begründete, doch wohlgemerkt, nur unter den Frauen, die kein Korsett brauchen. Aber wieviele Brüste, Beine, Hüften vertragen diese stolze Offenheit? Die meisten Frauen – und darunter solche, die als Gesamterscheinung berauschend reizvoll sind – bedürfen für einzelne kleine und große Unvollkommenheiten oder für zu ausgesprochene Einzelheiten der wohltuenden Milderung durch Toilettenkünste. Eine Frau muß wissen – und die klugen wissen es stets – was sie zeigen darf. Das ist die Grundlage der weiblichen Schamhaftigkeit. Die geringste gesellschaftliche Erziehung verlangt von jedem, daß von seinem Körper nichts fremden Sinnen Peinliches bemerkbar werde. Warum dürfen denn gerade die Augen so sehr durch »organischen Formenausdruck« beleidigt werden, und dies vorzüglich von Fräuleins, deren drittes Wort »Ästhetik« lautet, und die nicht einmal wissen, welche Farben zu ihrem Haar und ihrer Hautfarbe passen? Die Schönheit soll heute wie das Kapital sozialisiert werden. Privatanmut soll nichts mehr gelten. Schönheit – so wird befohlen – ist organischer Ausdruck der wahren Körperformen. Alles andere zählt nicht mehr – Laune, Flitter, Prickelndes, kurz alles, was aus dem » ancien regime « stammt, wird »geschmacklos«, der modernen Frau für unwürdig erklärt. Eine wahre Körperform aber haben sie alle (Gott sei's geklagt!). Die Anmutlosen jauchzen, weil sie nun heraushaben, was Anmut ist. Die Schönheit wird aufgeteilt. Die Schönheit für alle, ohn Ansehen der Person! Diese jauchzende Ehrlichkeit des wahren Formenausdrucks, die vor allem das Korsett abgeworfen hat, hat nun eine Häßlichkeit ans Licht gebracht, deren Umfang bisher nur Ärzten und Masseusen bekannt war. Nun dürfen wir sie alle bestaunen. Ihr Rahmen ist das sogenannte Reformkleid. Aber selbst, wenn die meisten Frauen untadelige Körperformen besäßen, wäre es falsch, diese allein zur Grundlage der Kleidung zu machen. Schöne Nacktheit und schöne Kleidung sind so verschiedenen Gesetzen unterworfen wie die Motive des Lebens und die des Dramas oder wie innerhalb der Künste Plastik und Malerei. Die Modeentwicklung aller Zeiten zeigt, daß die Schönheit der Kleidung bald im Verhüllen, bald im Entblößen, bald im Betonen, bald im Verschweigen bestand. Es ist richtig, daß manche Luxusfrauen, die auffallen wollen, durch Schnüren und dergl. die Linien ihres Körper in einer Art umgestalten, die den eindeutigen Zweck hat, auf die Sinne zu wirken. Ich weiß nicht, warum man nicht auch diese Sorte am Leben lassen soll, da sie keinerlei programmatische Propaganda macht und nur einen geringen Bruchteil der Frauenwelt umfaßt. Im Gegensatz zum Reformkleid hat die gewiß unbequeme und unpraktische Tracht der Weltdame oft die feinsten Blüten des Stils hervorgebracht, von den Reifröcken bis zu den unter den Knien eng werdenden Kleidern. Ihre Tollheiten halten sich immer im Rahmen der allgemeinen Mode, deren stärkste Akzente sie darstellt. Dadurch wirken sie trotz aller prickelnden Sinnlichkeit nicht so schamlos, wie das lotterige »Eigenkleid«. Dieselben Frauen übrigens, die für organischen Ausdruck ihrer Natur schwärmen, sündigen, wenn es ihnen gerade paßt, durch Unnatur mehr als die Modedamen. Ich sah auf einem Münchener Fest eine Malerin in einem schlampigen Reformsack herumgehen, vollkommen form- und tonlos, aber auf die Brust hatte sie sich zwei richtige weiße Engel gemalt. Es war ein Greuel; nicht etwa weil die Engel schlecht gemalt waren (das natürlich auch), sie hätten von Rubens oder Raffael sein können, es wäre dasselbe. Sich schön anziehen heißt nämlich nicht, schöne Gegenstände an sich befestigen. So glauben offenbar jene Frauen, die sich nach alten Bildern frisieren, mit buntem Volksschmuck, antikem Gerät und altmodischen Stoffen behängen, was alles zusammen noch keinen Stil gibt. Es sind naive Gemüter, die aus vernünftigen oder vorgefaßt ästhetischen Gesichtspunkten die Mode oder den Lebensstil ändern wollen, ohne zu fühlen, daß alle Reformen den kümmerlichen Lampengeruch der Vernunft verbreiten, Krinoline oder Mieder sind zur Zeit ihrer Herrschaft schön, weil sie mit einer Atmosphäre von Adel, spielerischer Lebenslust, Koketterie, bester Gesellschaft und einem guten Teil Tollheit parfümiert scheinen. Diese Atmosphäre geht freilich verloren, sobald die geschmackvolle Gesellschaft den Dingen ihre Gunst entzieht. Wurden sie aber zur Zeit ihrer Mode gemalt, so bleibt der Reiz. Italienische Renaissanceprinzessinnen wirkten gewiß großartig (wie heute noch ihre Bilder), in ihren anliegenden Haaren mit geflochtenen Schnecken an den Ohren, während heute dieselbe Tracht als unschickliche Vordringlichkeit schlecht beratener Künstlerfrauen erscheint. Die Assoziationen sind eben verschieden: dort selbstsichere Vornehmheit, hier Außenseitertum, das sich durch Gesuchtheit zur Geltung bringen will. Zum Schluß noch ein Wort über die hygienische Seite der Mode, die eigentlich mit dieser ästhetischen Betrachtung nichts zu tun hat. Es berührt den Wert eines Kunstwerks nicht, wenn die geistige Verausgabung den Künstler ins Tollhaus gebracht hat. Ebenso ist es eine Privatangelegenheit, wie der einzelne seinen Organismus abfindet mit den Anforderungen, die zum Beispiel die Gesellschaft an ihn stellt. Ein Philister, der das Tanzen abschaffen will, weil es Bakterien aufwirbelt! Jeder finde selbst die Wege, wie er seinen Magen durch kargere Tage von den Strapazen einer Gasterei, durch Bewegung in freier Luft seine Lunge vom Aufenthalt im Theater erhole. Ein gut gearbeitetes Korsett tragen, das ohne zu drücken dem Rücken einen Halt gewährt, und sich durch Schnüren die Form einer Sanduhr geben, ist zweierlei. Aber das sind Privatangelegenheiten. Das mache jede Frau so vernünftig wie möglich. Wenn man in Miedern nicht arbeiten kann, dann sollen arbeitende Frauen sich eine praktische Arbeitstracht ersinnen, meinetwegen das Reformkleid. Das geht niemand etwas an. Ein lächerliches Mißverständnis ist nur, den Arbeitskittel als Muster neuartiger Schönheit, als ästhetisches Evangelium zu preisen. Harmonische Naturen werden stets Mittel und Wege finden, die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Sie brauchen deshalb weder »Schnürlebern« zu haben (die man zu den neuentdeckten »Berufskrankheiten« zählen möchte) noch Luxustierchen zu werden. Herren- und Frauenkleidung Die englische Kleidung legt sich um die Persönlichkeit wie ein schmuckloser Rahmen um ein gutes Bild, sie ermöglicht gerade durch ihre Nüchternheit die freie Bewegung des Individuums, sie erlaubt ihm, ungestört in der Menge zu leben, weil sie nicht durch ärgerliche Ansprüche zum Widerspruch aufreizt. Ein Mensch, der durch individuelle Kleidung überall die Blicke auf sich zieht, wird jeden Augenblick an sich selbst erinnert, was auf die Dauer zu einer unsäglichen Verflachung seines Gedanken- und Seelenlebens führen muß. Ein ganz ideologischer Einwand gegen die englische, sagen wir ruhig europäisch-amerikanische, Mode ist, sie sei nicht deutsch. Die moderne Technik und Wissenschaft hat europäische Bedürfnisse geschaffen. Es gibt keine Extra-Elektrizität für Südslawen oder Autobusse mit finnländischer Note. Warum sollen nun die Deutschen eine Sondertracht haben, gerade die Deutschen, welche zwar die ganze Welt mit Musik, elektrischen Anlagen und manchem anderen versehen, aber gerade in den, sagen wir: gesellschaftlichen Künsten der Kleidung, der Tafel, des Plauderns, unbegabt sind, wir sollten froh sein, wenn hier Europa für uns arbeitet. Unter »deutscher« Kleidung, »deutscher« Eleganz stellt sich kein Mensch, auch kein Deutscher was Schönes vor. In dieser Verbindung ist das Wort »deutsch« etwa so empfehlend wie das Attribut »berlinisch« für ein Denkmal oder für einen Bordeauxwein. Deutsch gekleidet sein, heißt schlecht gekleidet sein, übrigens ist französische, italienische, spanische Herrenkleidung nur wenig besser. Die Europäer fügen sich darum der europäisch-amerikanischen Eleganz, nur Deutsche fallen immer noch auf Regentstreet, den Boulevards und dem Ring aus dem Rahmen, und zwar noch weniger wegen mancher Nachlässigkeiten ihrer Kleidung (das wäre ein harmloses Zeichen einer gewissen Gleichgültigkeit gegen Äußeres) als wegen der anspruchsvollen Form dieser Bratenröcke, tief ausgeschnittenen Westen und verfehlten Feierlichkeit. »Wir sind eben zu innerlich, um soviel Wert aufs Äußere zu legen.« Kein Volk legt soviel Wert aufs Äußere wie wir. Alles muß persönlich sein. Auch der Anzug. Wie lächerlich ist das alles! Ein Mensch, der wirklich seinen übertriebenen Wert auf die Außendinge legt, begnügt sich damit, allen geschmacklosen Unrat von seiner Erscheinung fern zu halten und im übrigen die seinen Bedürfnissen entsprechenden Gegenstände bei sich zu tragen. (Es gibt nämlich Menschen, die, ohne Individualität zu erkünsteln, persönliche Bedürfnisse haben und ihnen nachzuleben wagen.) Er wird sich nicht individuell kleiden, sondern zum besten Schneider gehen, den er bezahlen kann oder der ihm pumpt (je nach seinen finanziellen Gewohnheiten) und die neuste und solideste Tracht verlangen. Nur Leute, die den Wert des Äußeren überschätzen, kleiden sich individuell. Eine wachsende Anzahl im Leben stehender Deutscher handelt schon heute so, und ihre Tracht steht tatsächlich auf höherer Stufe als die französische. Es ist ein Kapitel für sich, warum sich die französischen Männer so schlecht anziehen. Diesen Meistern des geistreichen Impromptus fehlt der Sinn für die so nüchterne Angelegenheit der heutigen Herrenmode. Bei der Frauenkleidung kann oft eine reizende Verwirrung des Zufalls die Künste eines »prima Konfektionshauses« verdunkeln, farbige Launen können manche Sünden der Zuschneiderin verbergen, wenn auch nicht annähernd in dem Maße, wie unsere Maler sich einbilden. Aus diesem Grunde ist auch die Frauenkleidung in allen Übergängen für den Anblick geeignet: Gesellschaftskleid, Unterröcke mit oder ohne Mieder, Hemd mit Strümpfen oder Strümpfe ohne Hemd. Der Mann ist viel engergebunden. Für ihn gibt es eigentlich nur zweierlei: ganz angezogen oder ganz ausgezogen sein. Wessen körperliche Verhältnisse das letzte nicht erlauben, der findet in dem von den Engländern in den Kolonien angenommenen Pyjama, das ja eigentlich auch ein ganzer Anzug ist, eine Möglichkeit des »Deshabillé«. Die männliche Kleidung besteht aus zwei Hüllen von verschiedenem Charakter; verhältnismäßig erträglich zum Anschauen ist ein Mann, wenn wenigstens die untere Hülle (Hemd mit Kragen, Unterhose und Socken) vollständig ist. Nichts ist indezenter als ein Mann im bloßen Hemd oder aber in der unvollkommenen zweiten Hülle, in Hemdärmeln oder gar in Hosenträgern. Im Pyjama mag man morgens das Badezimmer aufsuchen, man zeigt sich aber nie in Hemdsärmeln. Wir können unsere persönliche Note in der Kleidung nur dadurch zeigen, daß das Hemd rätselhaft gut sitzt, daß der Rock bei jeder Bewegung so faltenlos bleibt, als sei der Teufel im Spiel, Abstufungen, die dem ungeübten Auge entgehen. Diese Mathematik der Herrenkleidung verstehen unter den Frauen fast nur die großen Welt- und Halbweltdamen, und auch unter diesen nur ein Teil. Die Herrenkleidung sei nur Rahmen der Individualität, je diskreter, desto eleganter. Bei der Frau ist die Kleidung mehr als Rahmen, sie gehört ein wenig zum Gegenstand (mehr oder weniger, je nachdem), und darf unter Umständen sogar ein ganz klein wenig indiskret sein. Darum kann die Frau für ihre Kleidung ins ungemessene Geld ausgeben: Fracks zu tausend Mark dagegen sind noch nicht erfunden. Der Frack eines Millionärs und der eines schlecht bezahlten Attachés, der aber gute Figur machen muß, unterscheiden sich nicht, während der Unterschied zwischen dem Wert der Frauenkleider im selben Salon Kapitalien ausmacht. Wenn nun auch der Preis nicht die mindeste Gewähr für Schönheit gibt, so muß doch eines ausgesprochen werden: das Billige ist nie schön, kann nicht schön sein, was auch die Ästhetiker sagen mögen. Die Schönheit ist entweder von Natur da, dann ist sie preislos wie die Natur, oder sie hat einen hohen Preis. Ein Weib ist entweder schön von Gottes Gnaden oder von der Schneiderin Gnaden. Das kostet entweder garnichts oder sehr viel. Die Schönheit ist eine große Kurtisane, manchmal gibt sie sich umsonst, aber nie ist sie billig. Weil die Phantasie umsonst mitarbeitet, ist freilich das für eine leidliche Frauentoilette Unerläßliche billiger, als das, was die englische Herrenkleidung als Mindestes verlangt, weil aber die Phantasie unerschöpflich ist, eröffnet die französische Frauenmode dem Luxus der Frauen ein unabsehbares Feld. Die beiden Extreme des Typus »Mann« sind vom Toilettenstandpunkt aus der zu farblose Oberlehrer und der zu farbige Konfektionär. Sie gilt es zu vermeiden und ein verhältnismäßig geringer Kostenaufschlag für den Anzug genügt manchmal dazu. Für eine elegante Frauentoilette aber ist ein geringer Aufschlag nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Absichtlich spreche ich hier nicht von dem Dandysmus, der hohen Magie des guten Geschmacks. Er beruht auf der Zauberkunst, bei genauer Befolgung der Mode durch Abstufungen doch wieder überraschend individuell zu sein, aber die Kenntnis und Ausübung dieser Kunst erfordert die Einsetzung der ganzen Persönlichkeit, des ganzen Lebens. Solcher Heroismus ist selten. Die Magie des Anzuges »Eine männliche Erscheinung, fehlerlose Schuhe und Kleider, eine glückliche Ungebundenheit der Manieren werden einem Manne ebensoviel helfen, wie ein großes Bankkonto.« Thackeray, Vanity fair. Man gestatte mir bei der Frage der Kleidung ein wenig an ein tiefes Menschheitsproblem zu streifen und wundere sich nicht zu sehr über diese Mischung von amerikanisch anmutendem Opportunismus mit mittelalterlich berührendem Wunderglauben. Gute Kleidung ist Sinnbild der Macht, des glücklichen Gelingens, der Zugehörigkeit zu den oberen Klassen. Schlechte Kleidung bedeutet nun einmal in der sinnenfälligen Welt etwas Verneinendes, sozusagen Unglück. Ich muß ein wenig ausholen: Unglück ist nichts anderes als ein Bewußtseinszustand, mit dem wir auf bestimmte Ereignisse antworten. Je nach unserem augenblicklichen Vorrat an Lebenskraft betont unser Bewußtsein die Ereignisse anders. Ja, wenn wir uns am stärksten vom Leben erfüllt fühlen, übersetzen wir sogar den Tod, das feindlichste Ereignis, das uns treffen kann, in Pathos und Schicksal. Armut, Häßlichkeit, Mißerfolge sind also negative Betrachtungsweisen, welche die Ereignisse in Augenblicken der Lebensschwäche in uns auslösen. Es sei Gesetz des Handelns, sie nicht als Ohnmacht zu empfinden. Wir sind nicht arm, weil wir kein Geld haben, sondern weil wir unser Bedürfnis statt Geldverlegenheit Armut nennen. Wir sind nicht erfolglos, weil wir »Pech« haben, sondern weil wir uns auf Grund einiger mißlungenen Pläne für »Pechvögel« halten, meidet uns der Erfolg. Eine Frau wird häßlich, weil sie gewisse Eigenarten ihrer Erscheinung mißversteht, statt sie unbedingt positiv zu deuten und für die Mitwelt durch die Kunst der Toilette überzeugend zu kommentieren. Häßlichkeit ist oft nur eine mißverstandene Eigentümlichkeit. Beispiele: Eine Frau hat nicht viel Fleisch; sie hat es ganz und gar in der Hand, dies als klägliche Dürrheit oder als prickelnde Schlankheit zu deuten. Oder eine Frau hat nicht viel Geist: es liegt an ihr, dies als Dummheit oder als »Seele« wirken zu lassen. Geben wir dem Unglück Macht über uns, so läßt es uns nicht mehr los. Autosuggerieren wir uns Armut, Häßlichkeit oder Erfolglosigkeit, so werden wir arm, häßlich und erfolglos. Unsere Klagen suggerieren die Mitmenschen und deren Meinung suggeriert wieder uns: der circulus vitiosus des Unglücks, in den Personen, Familien, Stände, ganze Völker geraten können, wenn sie sich erst einmal angewöhnt haben, unvermeidliche Verluste gefühlsschwach Unglück zu nennen, anstatt sie, wie der Buchhalter eines großen Handelshauses, kühl auf die Debetseite zu buchen. Er ist überzeugt, daß ein verwickeltes Unternehmen ohne ein großes Verlustkonto undenkbar, daß es aber kapitalkräftig genug ist, um sie stets wett zu machen. Die meisten Menschen stehen ihrem Schicksal gegenüber wie feige Geizhälse, die sich über jede Rechnung aufregen, obwohl sie aus Erfahrung wissen könnten, daß ihre Mittel bequem zur Bezahlung ausreichen. Um nun stets in uns das Bewußtsein wach zu erhalten, daß augenblickliche Mißhelligkeiten gewissermaßen ein Exil bedeuten, währenddessen wir Kräfte für unsere bevorstehende Thronbesteigung sammeln, vor der wohl noch einige Schwierigkeiten wegzuräumen sind, um ferner in der Mitwelt den Glauben an unsere Thronrechte zu bestärken, müssen wir uns mit Zeichen umgeben, mit Talismanen sozusagen, in denen unsere Macht gewissermaßen verborgen und angehäuft liegt. Ein solcher, besonders wirksamer Talisman, der uns stets eine bestimmte Haltung auferlegt und eine unentrinnbare Wirkung auf die Menschen hat, ist die Kleidung. Um irgend ein irdisches Gut zu erreichen und dessen Wesen in einen Talisman zu bannen, muß man die Art dieses Gutes kennen und erforschen. Jeder Mensch möchte ganz im allgemeinen wirken. Das alles aber führt an sich zu gar nichts. Man muß vielmehr das Wesen des Wirkens erkennen. Nichts ist falscher, als einfach nachzumachen, was man bei anderen sieht, denn man kennt ja nicht die elementare Zusammensetzung ihrer Talismane. Ebenso falsch ist es, Eigenschaften, die man in sich findet, ohne weiteres individualistisch verwerten zu wollen, ohne sich über ihre Brauchbarkeit klar zu werden. Man muß vielmehr erkennen, was überhaupt wirken oder gefallen kann und welche entwicklungsfähigen Elemente in einem sind. So hat es eine Frau in der Hand, aus allerlei Unvollkommenheiten durch ein gutes System von Unterkleidern, beherrscht durch ausgezeichnete Gebärden, Schönheit zu schaffen. Die Mittel der Eleganz, richtig verstanden – dies ist natürlich Bedingung –, müssen die Eleganz hervorbringen. Die Eleganz aber gebiert leicht das, was sozial und materiell zu ihr gehört. Sie ist ein Talisman erster Ordnung und verhindert, daß man als »Außenseiter« eines Kreises gilt, für den man sich geeignet glaubt, ohne schon eine feste Beziehung zu ihm gefunden zu haben. Der wie ein Außenseiter Aussehende findet sie niemals; vielmehr müssen die Zugehörigen sich eines Tages fragen, warum ein Mann, der doch ganz ist wie sie, nicht enger mit ihnen verbunden ist. Man muß ein geborener »Zugehöriger« sein, um niemals ein Emporkömmling zu werden. Wir bewegen uns hier an der Grenze zwischen der Magie und der flüchtigsten, gewichtlosesten der Lebenserscheinungen, der Mode. Die richtige Halsbinde – es muß aber wirklich die richtige sein, nicht die vom Verkäufer als » dernier cri « gepriesene – entscheidet mit, dem Entscheidenden unbewußt, die Verleihung einer Stellung oder den Erfolg einer Rede. So wie manche geheime Weisheit heute auf die Stufe der Kartenschlägerinnen und Kaffeeschwestern hinabgesunken ist, so finden wir auch das Wissen von der Magie des Anzugs, zur Unmöglichkeit entwürdigt, nur noch von einer Klasse bewußt angewendet, dem Handlungsreisenden, der je nach den Kunden bald achtbar-bürgerlich, bald »schneidig«-flott auftritt. Nutzanwendung» Solange du einen gutgeschnittenen Rock, ein Paar Lackstiefel, einen kleidsamen Hut und zwei bis drei einwandfreie Hemden hast, hoffe! Jede Viertelstunde kann deinen Fuß auf eine höhere Stufe der Leiter des Glücks stellen. Erst wenn die Mittel des Gentleman verloren sind, wird deine Lage verzweifelt, die besten Zufälle helfen dir nichts, wenn dein Äußeres unmöglich macht, sie auszunutzen. Also: zögere nicht zu hungern, wenn es nötig ist, aber trage feste Manschetten. Eine gutgekleidete Frau mit erzogenen Manieren findet immer Leute, denen es eine Ehre ist, sie zu versorgen. Jeder erachtet es hingegen als unwirtschaftlich, einer schlechtgekleideten Frau ein Paar Handschuhe zu schenken (denn es ist ein Tropfen auf einen heißen Stein), geschweige denn, daß er sich irgendwo mit ihr in der Öffentlichkeit zeigt. Eine Frau muß immer, wie die sieben weisen Jungfrauen, genug Öl auf der Lampe haben, denn jeden Abend kann sie in die Lage kommen, den Bräutigam empfangen zu müssen. Also: versetze dein Bett (wenn du eines brauchst, findet es sich immer), aber niemals dein Pelzjackett. Frauen Was den Frauen gefällt Frauen lieben Helden, manche lieben einen Mann, weil er einen Kneifer auf hat, manche lieben das Genie, andere den, der teure Zigaretten nicht zuende raucht, sondern sie nach ein paar Zügen hochmütig wegwirft. Trotzdem liegt darin, wenn man es untersucht, mehr Einheit und Folgerichtigkeit, als in der Liebe des Mannes zur Frau, die noch bedeutend unsinniger und blinder ist. Der Mann vermag zu lieben im Gegensatz zu allem, was er für schön, recht oder bewundernswert hält. Seine Liebe kann sein ganzes übriges Wesen auf den Kopf stellen. Die Frau dagegen liebt immer das, was ihr als Vollkommenheit erscheint, das kann freilich je nach ihrem Bildungsgrad, ihrer Erfahrung, ihrer Jugend grundverschieden sein. Ob es das Genie ist, oder der Mann mit dem Kneifer, es ist immer der für sie Vollkommene – die Verwirklichung eines Traumes. Der Kneifer ist für das harmlose Mädchen des Volkes das Sinnbild des höheren Standes, der Gescheitheit, der Überlegenheit gegenüber den meistens noch nicht kurzsichtigen Männern ihres Standes. Wenn sich die Schwester und die Tochter von Börsenleuten in den Leutnant, oder die solide Kaufmannsfrau in den Tenor, das Bauernmädchen in den Banditen die Dirne in den Zuhälter verliebt, es ist immer das Staunen über eine bisher noch nicht gesehene Verwirklichung, die das weit hinter sich läßt, was die Männer der gewohnten Umgebung im allgemeinen zeigen. Die Tochter eines Klempnermeisters liebte junge Adlige. Sie folgte diesem Drange heftiger, als ihrer Tugend gut war. Nach einigen Jahren war sie Halbweltlerin, sie brauchte stärkere Reize, und jetzt liebte sie verkommene, deklassierte Adlige. Das verantwortungslose, unberechnete Geldhinauswerfen, das tollkühne Aufs-Spiel-setzen des Daseins für einen lustigen Augenblick, die ganze Amoralität der Lebenswertung, alles das empfand sie während ihrer glorreichen Laufbahn mit dem Instinkt der Klempnermeisterstochter durch den Gegensatz zu der Welt ihrer Abstammung als das große Leben. Die Verwirklichung, die ein männlicher Typus darstellt, muß für die Frau bis zu einem gewissen Grad übersehbar oder wenigstens fühlbar werden. Die Überlegenheit an sich reizt sie nicht, nur die in ihren Gesichtskreis fallende Überlegenheit. Der Entdecker eines neuen Planeten dürfte für die meisten Frauen nicht viel Reiz haben, ehe er zum Held des Tages geworden ist. Aus diesem Grunde kann zwar ein Bauernknecht für eine Städterin, aber verhältnismäßig selten ein Städter für eine Bäuerin Reiz besitzen: der »Stadtfrack«, wie man den Städter in Oberbayern nennt, ist für sie mehr oder weniger lächerlich, seine Manieren erscheinen ihr possenhaft, solange sie noch ein Naturkind ist. Hat sie erst einmal in der Stadt gedient, ist sie gar zur Kammerjungfer in einem guten Hause aufgestiegen, so findet sie meist den Schlüssel zu diesem Hort geheimnisvoller männlicher Reize. Der erste »Herr Doktor«, der ihr das Taschentuch zuwirft, trägt vielleicht Stehkragen von 8 Zentimeter Höhe. Das wird zum erotischen Sinnbild. Von jetzt ab liebt sie nur Männer mit Stehkragen von mindestens 8 Zentimeter Höhe (es ist dieselbe Geschichte wie mit dem Kneifer), und falls ihre soliden Triebe sie noch einmal in eine brave Ehe treiben, so wird das Männchen wenigstens an Sonntagnachmittagen den Hals in die lästige Fessel des Stehkragens zwängen müssen. Er tut es gern, weil er die feinen Manieren seiner Frau ehrt, die nur in guten Häusern gedient hat. Diese Geschichte ist nichts als ein Schema. Wenn eine Prinzessin mit einem Sprachlehrer durchgeht, ist es genau dasselbe. In den Kreisen, wo die Männer meist martialische Schnurrbärte und blanke Glatzen haben, besitzen langhaarige Künstler mit glattrasierten Gesichtern eine natürliche Aussicht. Die Frauen des Tiergartenviertels schwärmen für Anarchisten, und je besser sie selbst zu speisen pflegen, desto enttäuschter sind sie, einen Künstler kennen zu lernen, der noch nicht gehungert hat. Es liegt darin gewiß mehr als Sensationslust und Frivolität. Wenn sie ihre Brüder anschauen, die schon mit 14 Jahren blasiert waren, und mit 30 die ersten Anzeichen liebenswürdiger Zerbröckelung verraten, so ist ihre Neigung für einen Mann, der sich in ehrlichem Kampf bis zum Gipfel seiner heutigen Aufgeblasenheit emporgerungen hat, zweifellos ein moralischer Fortschritt. Überhaupt, wenn die Frau sich verliebt, hat sie immer recht; ihr Realismus sagt: Dies gefällt mir, dies will ich haben; und wenn es auch für den Draußenstehenden nicht der Rede wert ist, von ihrem Standpunkt aus handelt es sich tatsächlich immer um eine, wenn auch einseitige Überlegenheit. In einer bestimmten Richtung ist der Mann, der seine Zigarette nach wenigen Zügen wegwirft, tatsächlich eine Höherentwicklung gegenüber dem, der eine Hülse bei sich trägt, in der man halbverbrauchte Rauchartikel für eine bessere Gelegenheit aufsparen kann. Gegenüber einer frömmelnden Schar von Kirchenratten ist der freche Materialist ein Typus der Kühnheit, in einer platt materialistischen Gesellschaft ist der Gläubige eine Höherentwicklung. Beide werden auf das Herz von Frauen wirken, denn die Frauen suchen niemals das Absolute, sondern immer das Relative, und darin ist ihre Liebe durchaus nicht blind, sondern viel sehender als die Liebe des Mannes. Was sie dagegen nicht sehen, ist der absolute Wert, den die von ihnen geliebte Verwirklichung in der Gesamtheit menschlicher Erscheinungen besitzt. Aber beschützen die Frauen nicht mit Vorliebe das noch nicht entwickelte Genie, den jungen Mann, der sich noch verwirklichen will? Gewiß, aber auch immer wieder nur im Hinblick auf die künftige Wirklichkeit. An dem Werden einer solchen Entwicklung selbst mitzuwirken, das ist ihnen sogar eine Hauptfreude. Selber in einem Menschen schon erkennen, was die Welt noch nicht erkannt hat, d. h. an die Zukunft eines Mannes glauben, das ist die höchste Form ihrer Liebe. Wie leicht sie sich darin täuschen, wie häufig sie der Suada eines angeblich verkannten Genies unterliegen, wie oft sie das wirkliche Genie, das sich häufig für ihren Gesichtskreis nicht zu formulieren weiß, verkennen, alles das ist bekannt genug. Nie aber werden sie grausamer, als wenn sich ihr Gesichtspunkt erweitert und sie nun entdecken, daß ihr Held ein Hasenfuß, ihr Genie ein Schwätzer war. Es ist keineswegs Untreue, Laune oder dergleichen, was die Liebende nun zur Feindin macht, sondern ihre eigenste Natur, die das Mittelmäßige und Erfolglose verachtet; inzwischen ist sie nur von der Erfahrung aufgeklärt worden, daß das, was sie früher für etwas Wertvolles hielt, ein Nichts ist. Es ist kein Leichtsinn, hohle Nüsse wegzuwerfen, auch wenn man sie teuer bezahlt hat. Ein so durchschauter Seladon mag sich vor den Spiegel stellen und sich fragen: Sind meine Halsbinden weniger schön, als in dem Lenz unserer Liebe? Sie sind noch gerade so schön, aber aus 21jährigen weiblichen Augen gesehen sind sie etwas anders als aus 17jährigen. In der Liebe ist der Mann viel unberechenbarer als die Frau. Fast immer ist man enttäuscht, wenn man die Genossin eines hervorragenden Mannes kennen lernt. Es ist meistens unergründlich, was er wohl an ihr finden mag. Es müssen hier geheimnisvolle Umstände ausschlaggebend sein, zweifellos auch Gegensatzwirkungen, aber nicht nur sozialer, oder geistiger, sondern tief biologischer Natur. Diese Dinge lassen sich nicht formulieren und bleiben rätselhaft. So sehr sich dagegen das »Publikum« über »Eheirrungen« bekannter Damen wundert, für den Psychologen sind diese Dinge zu fassen. Wenn man eine Frau kennt, so mag man die Wege, die ihr Gefühl nimmt, vielleicht beklagen, verstehen lassen sie sich von ihrem relativen Standpunkt aus immer: wenn man an dem einen Gedanken festhält, daß der Frau jede ihr neue, aber übersehbare männliche Verwirklichung gefällt, so kann man ebensogut begreifen, daß sie einen schönen, aber dummen, wie einen geistreichen, aber häßlichen Mann liebt. Der Apache rührt an genau denselben Trieb der Frau, wie der Held oder der Dichter: an ihren Drang zur Bewunderung. Was sie bewundert, das hängt von ihrem jeweiligen persönlichen Zustand ab. Selten gefällt ihr der Mann (auch wenn sie ihn heiratet), der eine Reihe braver, mittelmäßiger Tugenden hat, an dem sie aber nichts zu bewundern findet. Doch mag sich eine enttäuschte oder mißbrauchte Frau, die bisher mit wortbrüchigen Egoisten zu tun gehabt hat, in Biederkeit und Zuverlässigkeit ernsthaft verlieben, Eigenschaften, die ihr »den Glauben an den Mann« wiedergeben. Das Höchste und das Tiefste, das Edelste und das Gemeinste, das Seltenste und das Alltäglichste vermag die Frau zu fesseln, wenn es sich aus irgend einem Grund in einer ihrer Bewunderung verständlichen Form verwirklicht. Daß wahre Bedeutung eines Mannes und sein Glück bei Frauen keineswegs zusammenfallen, verrät, daß die Frauen, unbekümmert um die absoluten Werte, ihren eigenen Maßstab anlegen. Wie groß dieser Maßstab ist, erkennt man, wenn man die Männer betrachtet, die am meisten im Mittelpunkt des allgemeinen weiblichen Interesses stehen, es sind selten die ganz blöden, aber noch seltener die ganz klugen. Oh, sie lieben ein bißchen Intellekt! Das weibliche Genie Was die Weiber lieben und hassen, das wollen wir ihnen gelten lassen, wenn sie aber urteilen und meinen, da will's oft wunderlich erscheinen. Goethe, Sprüche. Wenn es auch kaum jemals weibliche Genies gegeben hat, – die wenigen Frauen, die man so nennt, sind es nicht annähernd so unbestritten, wie etwa Cäsar oder Friedrich der Große, Shakespeare oder Beethoven – so möchte ich doch behaupten, daß es unter den Frauen mehr genialische Naturen gibt als unter uns; ebenso wie sie weniger Poeten, aber mehr poetische Gemüter, weniger Apostel, aber mehr fromme Seelen, weniger Ärzte, aber mehr Pflegerinnen haben. Vielleicht ist das gesamte auf die Frauen verteilte Genie ebenso groß wie das auf die Männer fallende, aber die Verteilung ist bei den Frauen kommunistischer; bei uns steht einer Klasse von geistigen Kapitalisten, die zwar dem geistigen weiblichen Mittelstand überlegen ist, ein ungeheures männliches Proletariat gegenüber, das hinter ihm zurückbleibt. Es kann also durchaus mit rechten Dingen zugehen, wenn kluge Frauen nach langer Erfahrung mit Vätern, Onkeln, Brüdern, Gatten und Freunden schließlich zu der Ansicht kommen, daß die Frauen doch eigentlich gescheiter sind als die Männer, während andererseits nichts wahrscheinlicher ist, als daß männliche »Kapitalisten« ewig an der Unzulänglichkeit der Frau leiden. Es ist das größte Unrecht, das man den Frauen tun kann, wenn man ihre Genialität an ihren wägbaren geistigen Einzelleistungen messen will; die Frauen selbst sollten sich nicht auf diese berufen, so wie es die tun, welche heute neben die Männerkunst eine Frauenkunst stellen wollen, und die behaupten, ein Fehler der bis her sich geistig betätigenden Frauen sei gewesen, daß sie Männerkunst nachzuahmen versuchte. Die ganze Problemstellung ist falsch. Es gibt nur gute Kunst und schlechte Kunst, Männer- und Frauenkunst gibt es ebensowenig wie Heimatkunst, patriotische Kunst, Volkskunst, und wie alle diese rein äußerlichen Einteilungen heißen. Aus einer bestimmten Landschaft stammen, gibt noch nicht die mindeste Gewähr dafür, daß man diese Landschaft besser malen kann als ein anderer, und es ist erwiesen, daß noch keiner Frau so starke weibliche Gestalten wie Anna Karenina oder Hedda Gabler gelungen sind. Manche Frauen behaupten, es sei eine primitive Zurückgebliebenheit der männlichen Instinkte, daß wir das sich selbst formulierende Weib nicht lieben und uns mehr durch eine Art Sphinxrätsel reizen lassen. Nun, die Frauen hätten recht, wenn ihre Formulierungen bisher irgend etwas Wertvolles hervorgebracht hätten, aber leider sind sie fast sämtlich durch falsche Betonung der Werte ungenau. Was mich betrifft, so gebe ich offen zu, daß ich das Beste, was ich vom Leben weiß, von Frauen erfahren habe, aber niemals aus ihren Büchern. Die Frauenliteratur hat dem Manne nichts Neues über das Weib gesagt. Sie hat vielmehr etwas Unkünstlerisches in das Schrifttum gebracht, indem sie den Wert des Bekenntnisses so maßlos überschätzte. Das Bekenntnis ist nur wertvoll, wenn in dem Bekenntnisakt selbst eine überzeugende Gebärde liegt; seine Privatnöte mitteilen, hat nicht einmal den Wert eines menschlichen Dokuments. Die Gebärde erhebt das Bekenntnis bereits in die Nähe des Kunstwerks, und damit wird unmöglich, daß ein Roman zwar künstlerisch wertlos, aber als Bekenntnis irgendwie wichtig sei. Die Gebärde der sich literarisch formulierenden Frau überzeugt aber fast niemals; so hübsch auch hie und da ein weibliches Buch anmutet, noch besser wäre immer gewesen, die Verfasserin hätte einem klugen Knaben oder liebenswerten Mädchen das Leben geschenkt. Das Verhältnis der Geschlechter ist die Grundlage des Lebens; jedes Opfer, das zu seiner glücklichen Gestaltung beitragen kann, muß von Mann oder Weib gleichermaßen gebracht werden. Je weiter sich nun der Mann als Persönlichkeit entwickelt, es kommt der Frau zugute, selbst wenn diese Weiterentwicklung ihr den Mann zeitweise entzieht, und damit gewinnt die Ehe bald materiell, bald geistig. Ja, man möchte fast sagen, jede Ehe, die seine Weiterentwicklung nicht hindert, ist für den Mann erträglich. Aber nicht jede persönliche Weiterentwicklung des Weibes nützt dem Zusammenleben. Hier gibt es ziemlich enge Grenzen, viele weibliche Entwicklungsbahnen verhalten sich zur Ehe und Liebe exzentrisch, sie entfernen sich vom Lebensmittelpunkt. Daß sie bald unfruchtbar werden, beweist, wie verkehrt sie sind, auch wenn sie dem Manne weniger unbequem wären. Die objektive Einzelleistung der Frau hat bis heute noch nicht die Berechtigung erwiesen, um ihretwillen Liebe, Haus und Familie zu zerstören, was die Leistungen manches Mannes bisweilen vom Standpunkt einer höheren Ethik aus geradezu verlangen, falls Ausgleiche unmöglich sind. Die einzelne Frau trifft hier kein Vorwurf. Nur zu oft ist sie das Opfer sozialer Verhältnisse, die meisten wären glücklich, ihren Beruf mit der Ehe vertauschen zu können. Es ist unbedingt zuzugeben, daß die Frau zu gewissen geistigen Höherleistungen, die heute noch häufiger vom Manne verrichtet werden, gezüchtet werden kann. Es ist schließlich auch möglich, einen Stuhl als Tisch oder ein Billard als Bett zu benutzen, aber es ist fraglich, ob das der Ökonomie der Lebenskräfte entspricht. Daß die Frauen den Männern Gleiches leisten, behaupten meines Wissens nicht einmal die äußersten Frauenrechtlerinnen. Behauptet wird nur, und das muß zugegeben werden, daß viele Frauen mehr leisten und als Individuen mehr sind als der Durchschnitt der Männer. Um bei dem Gebiet zu verweilen, auf dem sich schon seit Jahrhunderten viele Frauen betätigen: der Reihe lebender europäischer Schriftsteller wie George, Hofmannsthal, Schnitzler, Mann, Shaw, Wells, Remy de Gourmont, Gide usw. (ich stelle absichtlich möglichst ungleiches zusammen) läßt sich nicht nur keine gleiche weibliche Reihe entgegenstellen, es läßt sich nicht einmal ein einziger gleichwertiger weiblicher Name im heutigen Europa diesen angliedern. Und dabei habe ich nur die Namen einer literarisch schwachen Epoche genannt, keinen Shakespeare, keinen Goethe, nicht einmal Ibsen, Strindberg oder Verlaine. Aber natürlich schreiben Frau Ricarda Huch und Madame de Roailles besser als die meisten männlichen lebenden Autoren. Worin nun die weibliche Genialität eigentlich besteht, möchte ich durch einige kluge Sätze der Frau Lilli Braun beantworten, die ich in ihrem Kapitel »Das geistige Leben der Frau« in dem Sammelwerke »Mann und Weib« finde: »Von altersher sind zwei Tatsachen in den unveräußerlichen Grundstock der auf Jahrhunderten beruhenden langen Erfahrungen übergegangen: daß hervorragende Männer stets bedeutende Mütter gehabt haben – bedeutend durch ihre Persönlichkeit mehr als durch ihre selbständigen Geistesleistungen, und daß in fast jeden großen Mannes Leben ein Weib die Rolle der Egeria gespielt hat ... Beides kennzeichnet die Bedeutung der Frau als Inspiratorin ... Derselbe Instinkt der Mütterlichkeit, der sich auch als geistige Hingabe bezeichnen läßt, – eine Hingabe, die die Kraft besitzt, das Beste aus dem eigenen Innern auszulösen, nur um es hinzugeben – ist es auch, der sich in den Frauen abspiegelt, die das Leben der Führer der Menschheit mit Glück erfüllten, ihrem Schaffen Schwungkraft verliehen... Es sind vielfach von der gebildeten Welt verachtete Hetären gewesen, aber auch an denen, die es nicht waren, hat die bürgerliche Welt fast immer Anstoß genommen. Erst die Nachwelt hat ihnen Altäre gebaut ... Goethes Briefe an sie (Frau v. Stein) sind die Blätter des schönsten Unsterblichkeitskranzes, den je eine Frau getragen hat ... So überragt ihr eigentliches Lebenswerk (Rahel Varnhagens und M. von Meysenbugs), das sich nicht wägen und messen läßt, doch turmhoch ihren literarischen Nachlaß. Die größten Geister ihrer Zeit sind, angezogen wie von einem Magnet, mit diesen Frauen in Verbindung getreten und wurden durch sie untereinander verbunden. In ihren stillen Stuben fanden sie Teilnahme, Freundschaft, Hilfe, Lebenskraft... Solche Frauen sind wie ein Jungbrunnen der Seele, sie besitzen den Stab Moses, der aus dem toten Felsen noch lebendige Quellen zaubert.« – Aber man muß diese Zeilen selber nachlesen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß nur sehr bedeutende Frauen diese erleuchtende, befruchtende Wirkung besitzen. Auch von der einfacheren, ja mittelmäßigen Frau kann sie in geringerem Grade ausgehen, und jeder Mann wird sie dankbar spüren, wenn eine solche Frau einwilligt, ganz sie selbst zu bleiben. Es ist sehr die Frage, wem Goethe mehr verdankt, der Stein oder der Vulpius. Schlimm ist es nur, wenn eine Vulpius durchaus eine Stein sein will, und dies sehen wir heute so oft infolge des ungebundenen Durcheinanderheiratens, das in das einfache Leben eines Mädchens häufig zu überraschende materielle, soziale oder intellektuelle Umschwünge bringt, wodurch nur zu leicht der das weibliche Geschlecht so stark bloßstellende Typus entsteht: die anspruchsvolle dumme Gans. Es ist wirklich nicht bloß jene geheimnisvolle Kontrastsinnlichkeit oder gar Bequemlichkeit, die dem gebildeten Manne manchmal gestattet, sich mit dem ungebildeten Weibe zu »begnügen«, denn das ungebildete Weib kann himmlisch sein, während der ungebildete Mann meist ein Tölpel ist. Ein Mann in subalternem Beruf ist fast immer subaltern, eine Frau bleibt zunächst immer Frau, das heißt Natur, auch wenn sie Gouvernante werden oder in ein Geschäft gehen muß. Darum gestattet man dem Mann leicht Liebe und Heirat mit tieferstehenden Frauen. Die Frau, die einen tieferstehenden Mann heiratet, verfällt der Verachtung. Dennoch ist es ein Irrtum, wenn Frauenrechtlerinnen sagen, die Männer verlangten ihre Vorrechte wegen der paar Genies, die freilich unter ihnen waren, aber ihre große Mehrheit sei doch recht mittelmäßig. Allerdings, nicht weil Goethe ein Mann war, soll alles, was männlich ist, herrschen, sondern weil irgendwie in Betracht kommende männliche Arbeit jede Frauenarbeit durch eine gewisse Selbständigkeit schlägt, die in guten Stunden Originalität wird, mag sie sich in der Fabrik, im Kontor, am Schreibtisch, an der Staffelei, ja am Herd und an der Nähmaschine betätigen. Die Frau leistet selten mehr – aber nach ihren Leistungen sollen wir sie nicht werten – als fleißige Schüler- und zuverlässige Helferarbeit. Manche macht den Doktor magna cum laude und versagt völlig bei selbständiger Forscherarbeit. Alle bewußte Kultur ist bisher, falls sie was getaugt hat, männlich gewesen; das hindert nicht, daß einzelne Frauen in den Blütenkranz manche duftende Blume, manchen frischen Zweig hineingeflochten haben. Aber nicht darin liegt der Wert der weiblichen Kulturarbeit. Diese ist mindestens so wichtig wie die männliche. Aber sie ist unwägbarer und anonym. Die Frau ist die geborene Hüterin des Poetischen im Leben, wir können ihr Leichtfertigkeit und Unwissenheit eher verzeihen als eine nüchterne Seele, denn dann kann sie nur trockene Früchte hervorbringen. Wer seinen Kindern Lieder singen und Märchen erzählen kann, hat schon eine Spur Genialität. Wessen geistiger Sohn ist Goethe? Des alten Philisters aus dem Frankfurter Bürgerrat oder der lustig fabulierenden Frau Aja, deren Orthographie nicht immer über allem Zweifel erhaben war? Die männliche Dummheit Während wir boshaft genug sind, gewisse logische Entgleisungen weiblich zu nennen, sind sich die Frauen untereinander darüber klar, daß es auch eine gewisse Dummheit gibt, deren nur Männer fähig sind. Wer sich dieser Dummheit nicht selbst schuldig machen will, muß den Frauen recht geben. Beruf, Politik, Nationalität vermögen einseitigen Geistern Scheuklappen anzulegen, welche die eigene Dummheit verbergen, oft erst verursachen und die fremde nicht gleich erkennen lassen. Es laufen unter den Gelehrten, den Beamten, den Politikern bekanntlich Gestalten herum, deren von ihrer Umgebung unentdeckte Dummheit kluge Frauen in die äußerste Verwunderung setzt. Jeder Beruf züchtet seine eigene Dummheit: dem Arzt droht die Dummheit des Materialismus, dem Juristen der Formalismus, dem Gelehrten der Dünkel der Autorität, dem Kaufmann die Beschränktheit des Krämergeists, dem Künstler der weltfremde Ästhetismus, dem Schriftsteller die ärgste der Dummheiten, die literarische. Es gibt ferner eine Parteidummheit, die meist Doktrinarismus ist, die sozialistische und die liberale Dummheit, so gut wie die konservative, es gibt nicht zuletzt eine nationale chauvinistische Dummheit, die französische, die deutsche, die großserbische und die venezolanische Dummheit. Daß die Welt dennoch nicht hoffnungslos verdummt ist, liegt daran, daß die eine Hälfte der Menschheit, die weibliche, bisher jenen einengenden Schranken entrückt war. Die Frau hatte keinen Beruf, keine Partei, ihre Nationalität ist die des Mannes. Diese scheinbare Benachteiligung ist ihr unendlicher Vorzug, der ihr – es ist ohne Ironie gemeint – bisher den von Sachkenntnis ungetrübten Blick verlieh. Erst seitdem der Frau Beruf und öffentliche Wirksamkeit offenstehen, läßt sie sich von der männlichen Dummheit anstecken und beginnt Prüfungen, Schulbildung, Lehrmeinungen, Autoritäten, Rassetheorien und die Verba auf mi zu schätzen, anstatt aus ihrem unbefangenen Instinkt die tiefste aller Philosophien zu bekennen, die Philosophie von der Relativität dieser Werte. Es ist geradezu tragisch, daß sie es aufgeben will, fernerhin das unersetzliche Heilmittel für die unerschöpfliche Männerdummheit zu sein. Was soll aus uns werden, wenn übermütige Frauenskepsis aufhören wird, alte Exzellenzen und große Namen durch kecke Unlogik zu entwaffnen, wenn diese unbeirrten, gesunden Kindergemüter nicht mehr den an den Scheidewegen des Lebens zagenden Mann in die Wirklichkeit drängen wollen? Früher hieß es in der Gesellschaft: der große Philologe Soundso kommt, oder der Erste Staatsanwalt oder sonstwer. Alles erstirbt in Ehrfurcht bei seinem Hereintreten. Aber eine 21jährige junge Frau findet, daß er ein Trottel ist, für sie ist er nur der faselnde Greis mit unappetitlichen Gewohnheiten und banalen Späßen, der nicht mit Anstand alt zu werden versteht. Und die 21jährige Frau hat recht im Namen des Lebens gegen Fakultäten und Senate. Während die Frau, wenn sie in unsere Schule geht, wohl unsere Dummheit lernen kann, ist es uns fast unmöglich, die sichere Unbefangenheit eines klugen Frauenurteils zu erreichen. Eine durch die Männerschule gegangene Frauenrechtlerin hat das verblüffende, für uns Männer so vernichtende Wort ausgesprochen: »Für das Kinderkriegen ist das Weib schlechthin unersetzlich!« Wie recht hat diese Philosophin! Aber nicht nur den fruchtbaren Leib der Frau, auch ihren befruchtenden Geist können wir nicht entbehren. Wir erleben heute, daß die körperliche Jungfräulichkeit der Frau etwas im Kurse sinkt, ihre geistige Jungfräulichkeit aber sollten wir nicht so leichten Herzens schwinden sehen; denn der besondere weibliche Geist verliert jene unbewußt lenkende Überlegenheit in dem Augenblicke, wo er sich den Formalismus des männlichen Denkens auferlegt; dann wird die Frau noch dümmer als der Mann. Sie, die von Haus aus voraussetzungslos Helläugige, wird pedantischer, autoritätsgläubiger, engherziger, als er je werden kann. Die Frauen, die Völkerschicksale lenkten oder geniale Hirne befruchteten, waren vielleicht belesen und beredt, aber niemals gelehrt. Frauen, die es verstanden, in verschlungene, problematische Seelen Festigkeit zu bringen, waren niemals Fanatikerinnen irgendeiner neuen gesellschaftlichen oder sittlichen Doktrin. Und wie mildem Erkennen, so steht es mit dem Handeln: die Frau besitzt oft eine Güte, die der im Kampf ums Dasein gehärtete Mann kaum begreift und die ihn mildert. Nichts aber bekommt der Frau schlechter, als eben dieser Kampf ums Dasein. Die Möglichkeit, ihn durch persönliche Reize zu erleichtern, wird stets ihre Waffenehre zweifelhaft machen. Dazu kommt die schwächere, durch die Pflichten der Gattung beeinträchtigte Leiblichkeit, welche ihr die glänzende Vereinsamung des Mannes unmöglich und für sie gemeine und kleine Mittel im Kampfe fast entschuldbar macht. Unfruchtbare Verbitterung ist stets das Ergebnis eines dauernd kämpfenden Frauenlebens. Daß den Mann der Beruf oft genug verengt, der Kampf verhärtet, ist nicht so wichtig. Es genügt, daß sich – dank klugen Müttern – einzelne Talente und Charaktere über das Mittelmaß erheben, mögen die andern – falls sie nicht geeigneten, sie erziehenden Frauen unter die Hände kommen – dumpfe Krämer und bärbeißige Büttel bleiben. Daß aber die Frauen in möglichst großer Zahl ihr weibliches Genie entfalten und ihre dann unbedingte Überlegenheit über die Durchschnittsmänner zeigen, ist sehr wichtig, denn abgesehen von ihrer stündlichen Wirkung auf die Umgebung, können nur instinktiv kluge Frauen bedeutende Söhne hervorbringen; aber die Klugheit der Frau Rat Goethe ist eine ganz andere, als die von den heute sich befreien wollenden Frauen erstrebte; sie kann nicht gezüchtet werden und ist den meisten unerreichbar, die heute stolz in männlichen Berufen stehen. Von diesen weiche ich, um es kurz zu sagen, darin ab, daß ich in allen Frauenberufen, mit Ausnahme der auf ganz besonderer Begabung beruhenden Tätigkeiten, denen man sich unabhängig vom materiellen Zwang widmet, nur eine traurige Notwendigkeit erblicke. Man soll um Gottes willen diese Not nicht verschärfen, indem man den Frauen die Zugänge zu den Berufen erschwert; aber man erkenne die verderbliche, die Entfaltung hemmende Fessel, die der Beruf einem menschlichen Wesen anlegt, und man muß der Frau, die geistig, seelisch und leiblich reizvoll ist, wünschen, daß ihr edles und darum gebrechliches Material nicht von solcher Not zersplittert oder entstaltet werde. Es ist bezeichnend, daß die Frau durch die Berufe am wenigsten seelisch und körperlich leidet, die ihr keine fremde Disziplin auferlegen, sondern aus der Qualität ihres eigenen Daseins Kapital schlagen: Musik, Tanz, Mimik. Der Wert des Mannes liegt in dem, was er aus sich macht. Der Wert der Frau liegt in ihrem Dasein schlechthin. Das zwanzigjährige Mädchen ist etwas Vollkommenes, es ist einfach da, hat nichts geleistet, braucht nichts zu leisten, und ein hochverdienter Mann schätzt sich glücklich, wenn sie nur einwilligt, an seiner Seite da zu sein, so lieblich und klug wie sie ist, das heißt mit all ihrer weiblichen Genialität. Wenn Eltern an ihren Kindern Freude haben, so ist es bei den Knaben mehr die Hoffnung auf die Zukunft, bei den Mädchen ihre anmutige Gegenwart selbst, was die Familie beglückt. Die Gegenwart eines Knaben in den Entwicklungsjahren ist dagegen oft, je vielversprechender er ist, desto weniger erfreulich. Die Dummheit des Mannes hat der Frau höhnisch den Sinn für Logik, Ästhetik und Ethik abgesprochen. Die Frau nimmt den Fehdehandschuh auf und weist auf das logische Genie der Sonia Kowalewska, die Kunst Rosa Bonheurs und das Ethos des Muttertums hin. Darauf erwidern die Männer nicht unzutreffend, diese großen Namen seien Ausnahmen, welche die Regel bestätigen, das Muttertum sei nichts Ethisches, sondern etwas triebhaft Animalisches. Dennoch ist nichts törichter, als solcher Streit, der niemals zwei gleichgerüstete Gegner auf freiem Schlachtfeld zur Entscheidung ruft, sondern ein stets unentschiedener, listiger Buschkrieg bleibt, bis die Frau wieder den Mut finden wird, anstatt sich mit der Männerdummheit zu messen, ihr, was sie ja unbewußt stets getan hat, triumphierend die Waffen vor die Füße zu werfen und zu rufen: Ihr habt recht, wir haben keine Logik, keine Ästhetik und keine Ethik, denn wir können ohne Formalismus klug sein, ohne Abstraktionen Geschmack besitzen und ohne Normen uns selber treu bleiben. Charakterologie der dummen Gans Es gibt Schimpfworte, deren Wirkung gewissermaßen tödlich ist, denn sie greifen unmittelbar den Kern der Persönlichkeit an, so wie ein vergifteter Pfeil das Mark des Lebens. Wenn man von allen Individualempfindlichkeiten oder den Voreingenommenheiten bestimmter Moralen absieht, so gibt es nichts, was einen Mann stärker trifft als der Vorwurf, er sei ein »Schwein« (im Sinn von »Schweinehund«), nichts, was eine Frau tiefer berührt als die Bezeichnung einer »dummen Gans«. Das männliche Schimpfwort richtet sich auf den Charakter und die aus ihm entspringende, von keiner Intelligenz völlig zu deckende Gesinnung, das weibliche Wort trifft in erster Linie die Intelligenz, und das scheint zunächst verwirrend, da es doch gerade nicht geistige Qualitäten sind, die wir als wichtigstes von der Frau verlangen. Aber es gibt Dummheit und Dummheit. »Dumme Gans« und »dummes Schaf« treffen ganz verschiedene Eigenschaften. Die Franzosen haben den Begriff der Dummheit in zwei Worte gespalten: bête und sot . »Bêtise« ist die etwas langsam begreifende, harmlose, im Hirn sitzende Dummheit, die man hinnimmt wie ein schwer bewegliches Glied oder einen Schönheitsfehler; die »Sottise« dagegen ist jene anspruchsvolle Dummheit, d. h. eine Dummheit, die Ansprüche macht auf etwas, was ihr nicht zukommt, sie greift auf die ganze Natur eines Menschen über. Für die mit ihr begabten Frauen haben wir im Deutschen den treffenden Vergleich mit der wichtig daherwackelnden Gans gewählt. Natürlich kommt die anspruchsvolle Dummheit ebenso häufig beim Mann vor, sie zeichnet besonders den Typ des verknöcherten Beamten und Schulmeisters aus. Aber der männliche Dummkopf kann, falls er keine zu einflußreiche Stellung erhält, noch ein ganz »nützliches Mitglied der Gesellschaft« sein, die mittelmäßige, ja beschränkte Männer in ungeheuren Massen nötig hat; er ist oft ein braver »Gatte und Papa« und kann von einer instinktiv klugen Frau stark gemildert und erzogen werden. Ja, für manche Frauen gehört eine gewisse Pedanterie zu den sekundären Geschlechtscharakteren des Mannes, es gewährt ihnen Befriedigung, männliche Verbohrtheit zu überwinden. Anders die dumme Gans. Mit ihr wird kein Mann fertig (das hält sie oft für eine Macht), denn bei ihr hat fast immer die Sottise die so überaus empfindliche weibliche Geschlechtsnatur und den Charakter angefressen. Der männliche Dummkopf ist sich stets gleich, ja gerade seine Zähigkeit ist das, was an ihm verzweifeln macht, aber man kann mit ihm rechnen, hie und da äußert sie sich sogar als Charakterfestigkeit. Sie ist oft eine ins Laster übertriebene Tugend, so wie weibliche Güte bisweilen Schwäche wird. Die »femme sotte« aber ist ganz und gar falsch; sie will etwas anderes sein, als sie ist, sei es materiell, sozial oder intellektuell, ihre Triebe und Gefühle sind verrenkt, und darum ist ihr nicht beizukommen. Das »Schwein« und die »Gans« sind Entartungen der innersten Natur der Geschlechter und unverbesserlich, darum trifft kein Vorwurf beleidigender, »Schwein« und »Gans« sind Todesurteile. So wie es männliche Dummheit gibt, kann man natürlich auch »schweinhafte« Veranlagung bei Frauen finden, aber man hat gegenüber ungeliebten Menschen dieselben Frauen das Schwein herauskehren sehen, die, liebend, der Aufopferung und hohen Edelmutes fähig waren. Die »Schweinhaftigkeit« sitzt bei den Frauen nicht so tief, die Geschlechtsnatur ist oft stärker, während einem Manne, wie wir sahen, die Sottise nicht das Mark der Persönlichkeit anzufressen braucht. Kurz, dem »Schwein« fehlt die Haupttugend des Mannes: Zuverlässigkeit des Charakters und der Gesinnung, die beim Weibe durch Liebe und Hingabefähigkeit ersetzt werden kann. Der »Gans« fehlt dagegen die echte Weiblichkeit: die triebsichere Natur, die beim Manne hohe Intelligenz und strenge Offenheit gegen sich selbst aufzuwiegen vermag. Dem »Schwein« und der »Gans« fehlt das Beste. Von der dummen Gans muß man wohl unterscheiden das »Gänschen« oder »das dumme Mädel« usw. So wie wir Männer alle einmal dumme Jungen waren, so hat jede Frau den Zustand des Gänschens einmal durchgemacht, mit Ausnahme der dummen Gans, der dazu immer die Liebenswürdigkeit gefehlt hat; darum beleidigt es eine Frau nicht – außer wiederum die dumme Gans –, wenn man sie in zärtlichem, ja geärgertem Tone einmal »dummes Mädel« schilt. Einmal aber nur eine Frau als dumme Gans empfinden, das vernichtet alle Liebe, alle Kameradschaft, das kann nie vergessen, nie wieder gut gemacht werden. (Dasselbe geschieht, wenn eine Frau einmal in ihrem Manne das Schwein entdeckt hat.) Dumme Gans ist die einzige Beschimpfung, die jede Frau übel nimmt und übel nehmen muß. Selbst das Wort »Dirne« kann zurückgenommen werden (ebenso wie »Schafskopf«), es enthält sogar heimlich eine tiefe Anerkennung der Geschlechtsnatur, und viele Frauen fühlen diesen Kitzel. Aber »dumme Gans« – alles ist aus. Wenn das männliche »Schwein« seine weiblichen Korrelateigenschaften hinzunimmt – Prostitution und Kuppelei –, dann entstehen der Einöd und der Zuhälter, höchst gefährliche und antisoziale Typen, die man vielleicht einstecken muß, denen aber etwas vom Pathos der Niedertracht anhaftet. Nimmt dagegen die dumme Gans den Harnisch ihres männlichen Vetters, des pedantischen Dummkopfes, um, so steigert sie sich zu ihrer Höhe, zur gelehrten Gans. Die dumme Gans ist nämlich nie ganz dumm. Sie ist unter Umständen sogar sehr lernbegierig, sie »begreift« schnell und darin liegt gerade ihre Hauptdummheit, daß sie glaubt, die Dinge, auf die es ankomme, könne man lernen: die Gelehrsamkeit erweitert noch ihre Dummheit. Harmlosen Naturen gilt sie daher oft für eine gescheite Frau. Hätten wir im Deutschen ein Wort für sot , so würden wir solche Minderwertigkeit, für die unser Wort Dummheit nicht eigentlich paßt, kennzeichnen können und wären besser vor ihr gewarnt. Die » femme bête «, die wohltuend untalentiert und ein bißchen schwerfällig im Denken ist, kann – eine sonst echte Natur vorausgesetzt – ein wertvoller, erfreulicher Mensch sein, die » femme sotte « dagegen ist schlimmer als Heuschrecken und Pestilenz. Die heutige Frauenwelt, die nach neuen Lebensformen sucht, hat in ihrer Hilflosigkeit leider nicht immer das rechte Unterscheidungsvermögen gegenüber der »Sottise« gezeigt, und dem Einfluß einiger geradezu sagenhaft dummer Gänse ist viel von der heutigen Verwirrung des Frauenlebens zuzuschreiben. Denn die dumme Gans macht Propaganda für ihre Dummheit, und hier liegt der Hauptgrund ihrer Gefährlichkeit, während der männliche Dummkopf sich meist im stillen betätigt. Schon seine Eitelkeit hält seine Dummheit zurück, denn nichts fürchtet er mehr, als übers Maul gefahren zu bekommen. Aber Frauen übers Maul zu fahren, das verbietet uns immer noch ein Rest von Erziehung, und diejenigen, die einen vielleicht doch durch ein Übermaß von anspruchsvollem Geschwätz und durch das Fehlen aller Merkmale der Dame dazu herausfordern könnten, erfreuen sich meist einer solchen Hartmäuligkeit, daß sie eine derartige Antwort nicht empfinden würden. Man wird keine dumme Gans, wenn man es nicht von Geburt war, ebensowenig hört man jemals auf, eine zu sein, wenn man dazu geschaffen ist. Freilich kann in einfachen Verhältnissen, die zu keinerlei Ansprüchen reizen, die Anlage geheim bleiben. Die meisten dummen Gänse brütet das Standesamt aus, wenn es in das Leben eines Mädchens einen zu überraschenden Umschwung bringt. Dann entstehen die Frauen, die in den Boden sinken möchten vor Scham, wenn man sie im Juli noch in der Stadt sieht, die beleidigt sind, wenn man sie nicht mit dem Titel ihres Mannes anredet, oder die literarischen Gänse. Wie gesagt, die dumme Gans erhebt den Anspruch, etwas zu sein, was sie nicht ist, sei es, daß sie als Gattin mit Dirnenneigungen liebäugelt, sei es, daß sie als Dirne kleinbürgerliche Rücksichten verlangt, sei es, daß sie ihre Geschlechtsbedürfnisse ausposaunt oder den geistigen und seelischen Unterschied der Geschlechter leugnet, sei es, daß sie, je nach ihren Einfällen, alle diese Dinge abwechselnd oder auch gleichzeitig betreibt. Immer geschieht es mit unliebenswürdiger Anmaßung und einer dem Manne unfaßbaren Oberflächlichkeit. Und nun fällt mir ein, warum wir Männer sie im Grunde mehr verachten als die Dirne: weil es auf geistigem Gebiete gerade die Aufgabe der Frau ist, der hoch in die Halme schießenden männlichen Sottise, Beschränktheit, Berufsdummheit, Dünkelhaftigkeit, Autoritätsanbetung durch eine echtere Lebensklugheit entgegenzutreten. Die dumme Gans dagegen beugt sich vor männlicher Pedanterie, prahlt damit, daß sie z. B. gelehrte Arbeiten »über lucanische Prellsteine« würdigt, oder sie tut so, als ob sie den Wert einer politischen Rede übersähe. Sie sieht nicht mehr die Häßlichkeit eines belehrenden Daumens, hört nicht mehr die anspruchsvolle Weitschweifigkeit barbarisch gelehrter Satzgefüge, denn sie weiß selbst, was eine Swastica ist, was man unter Apperzeption versteht, und daß man für Liebe heute besser Erotik und für Seele Psyche sagt. Ritterlichkeit Ritterlichkeit ist der edelste Ausdruck der Kraft, die sich so bewußt und selbstverständlich geworden ist, daß sie auf ihre Betonung verzichten, ja bisweilen die Maske des Dienens annehmen kann. Im Mittelalter hat die Ritterlichkeit wohl erst ihre ausgesprochene Beziehung auf das Verhalten der Geschlechter gewonnen. Ihre Grundlage ist in erster Linie körperliche Stärke, und da in ihr (so weit sonst auch die Wertung der Geschlechter schwankt) der Mann eine unbestrittene Überlegenheit besitzt, haben auch durch Verstandes- und Seeleneigenschaften hervorragende Frauen, vielleicht gerade zum Schutz ihrer veredelten Art, sich die männliche Ritterlichkeit gefallen lassen, ja sie gefordert. Es ist bekannt, daß diese Eigenschaft heute im Schwinden ist, und es kann nicht geleugnet werden, daß die Schuld daran wenigstens teilweise die Frauen trifft. Der Gegenstand der Ritterlichkeit ist die Dame, jener eigenartige Typus der europäischen Sitte, eine Mischung von Schutzbedürftigkeit und Herrlichkeit. In allem, was körperliche Kraft, Rücksichtslosigkeit, Fähigkeit zum Kampfe betrifft, beugt sie sich vor dem Mann und verlangt seinen Schutz. Durch diesen unausgesprochenen Frieden steht sie außer Wettbewerb mit ihm. Sie hat ihm seine natürliche Waffe im Verkehr mit ihr entwunden und kann nun unbehelligt jene feinere Herrschaft ausüben, die auf seelischen und ästhetischen Eigenschaften beruht. Man kann daher nicht entscheiden, ob die Ritterlichkeit in allen Fällen Großmut ist oder der Erfolg jenes Zaubers, den die Frauen aus ihren Reizen zu mischen verstehen und der in der Weltgeschichte eine ebenso bedeutsame Rolle gespielt hat, wie das Rüstzeug der Männer. Solange das Schwert über dem Lager hängt, dürfen wir uns in Frauenarmen vergessen. Aus diesem Widerspiel sind die hohen Kulturen der Vergangenheit entstanden. Oft ist das Verhältnis so verworren geworden, das Schwert des Mannes derart eingerostet, daß die Frau als das wirklich stärkere Geschlecht erscheinen konnte. Auch heute noch stehen wir Männer unter der Annahme, daß wir diejenigen Mittel, die unsere Überlegenheit in einer Sekunde beweisen würden, kaum anwenden dürfen. Meist wollen wir lieber nicht siegen, als körperliche Unterlegenheit ausnutzen. Wenn dennoch die Ritterlichkeit im Schwinden ist, so liegt es daran, daß der Typus der Dame seltener wird. Der Ausdruck der Ritterlichkeit ist die Galanterie. Diejenigen Frauen, welche mit dem Mann in scharfen Wettbewerb treten und die vollkommene Gleichberechtigung der Geschlechter fordern, sind teilweise folgerichtig genug, sich jede Ritterlichkeit zu verbitten. Leider fordert ihre Erscheinung nur selten dazu auf, sonst würden wir noch häufiger jene unbezahlbaren Szenen erleben, bei denen freundliche Herren angeschrien werden, weil sie einer Virago einen Sitzplatz in der Trambahn anzubieten oder ihr in den Pelz zu helfen wagen. Aber dies sind Ausnahmen, sie kommen in einer Betrachtung der allgemeinen Zustände kaum in Frage. Viel bedenklicher ist die Klage des Durchschnitts der gebildeten Frau über das Schwinden der Ritterlichkeit. Es gibt unter ihnen kaum eine, an deren Ohr nicht das Programm der Frauenemanzipation gedrungen ist, und die nicht, wenn auch noch so gemäßigt, manches Gute darin findet. Diese Frauen müssen sich nun darüber klar werden, daß sie damit den Typus der Dame in sich, wenn auch vorläufig nur leise, entstellen, und daß es nur die vollkommene Dame ist, die vollkommene Ritterlichkeit erwarten darf. Wird der stillschweigende Vertrag, daß Männer und Frauen keine Wettbewerber sein sollen, im mindesten angezweifelt, so muß naturgemäß an Stelle der Galanterie das Kriegsgesetz des Daseinskampfes treten. Auch dieses ist ja unter gesitteten Menschen durch manche Konventionen gemildert und vermenschlicht. Man vermeidet unnötige Rücksichtslosigkeit, aber Galanterie gegen den Gegner wäre hier Schwäche, Lächerlichkeit und Dummheit. Beobachten wir, wie sich auf den drei großen Gebieten der Menschlichkeit, im Logischen, Ethischen und Ästhetischen, heute der Typus der Dame verwischt: Ebenso wie wir der Frau ohne weiteres in einem schwachen Körper ein starkes Herz zutrauen, so verehren wir in ihr eine Klugheit des triebhaften Erkennens, unabhängig von dem Rüstzeug männlicher Logik und Wissenschaften, ja sie ist davon gleichsam befreit. Eine Frau ist (auch geistig) schon etwas durch ihr bloßes Dasein, junge Mädchen können eine anerkannte gesellschaftliche Stellung haben und sitzen, wenn sie keine Gänse sind, zwischen angesehenen Männern. Ein junger Mann aber ist nur das, was er leistet, und es ist meist noch nicht viel. Sagt er wiederholt Dummheiten, so wird ihm von Zeit zu Zeit über den Mund gefahren; manchmal vielleicht mit Unrecht, denn auch er mag bisweilen eine natürliche Klugheit besitzen, die unabhängig von Lernen und Wissen ist, aber gleichviel, » decet pueros modestos esse «. Ganz anders ist die Rolle einer gleichalterigen jungen Frau. Der Erfahrene setzt sich gern dem Urteil ihrer natürlichen Unbefangenheit aus, belehrt sie hie und da, wo ihr Interesse nähere Sachkenntnis verlangt, und beide entwickeln in gegenseitiger Berührung jene vergeistigte Plauderei, in der das Tiefste einer Zeit die menschlichste Form annimmt, in der sich unter Umständen das Grobkörperliche der Erfahrung durch die Berührung einer lichten Seele entstofflicht. Verneint nun eine Frau absichtlich dieses Verhältnis, will sie ihrer Leistungen, ihres Wissens wegen »eingeschätzt« werden, so fällt jede Möglichkeit dieser Geistigkeit fort. Falls ihr Partner geistlos ist, so wird er bei ihr den Mangel echter weiblicher Geistigkeit nicht vermissen und ihr fabelhaftes Gedächtnis und ihren Fleiß vielleicht bewundern. Besitzt er aber Geist, so wird ihm eine solche Unterhaltung eine Marter sein, denn was ihn schon bei dem männlichen Wissenschaftsbetrieb abstößt, das ideenlose Aufschichten von Tatsachen, das findet er nun als das Ideal einer solchen gelehrten Frau. Versucht sie sich selbst in Ideen, so sind es fast ausnahmslos tendenzhafte, entstellte Ideen, auf die sie ihre an sich folgerichtigen Schlüsse baut. Er wird sich manchmal wundern über die störrische Logik, mit der sie ihre Folgerungen aus falschen Voraussetzungen zieht. Es ist nämlich falsch, zu sagen, die Frauen besäßen keine Logik. Im Gegenteil: wenn sie erst einmal den Schacht ihrer Natur verschüttet haben, ist ihre Logik unerbittlich, und es gibt kein natürliches Empfinden mehr in ihnen, das sie zur Erkenntnis ihrer falschen Voraussetzungen und zum Umreißen ihres starren Gedankenbaues führen könnte. Ist es nun ein Wunder, wenn diesem neuen Typus gegenüber die männliche Ritterlichkeit versagt? Unsere »passive Resistenz«, mit der wir die Marter ihrer ahnungslosen Oberflächlichkeit zu ertragen versuchen, kann fast noch als Ritterlichkeit gelten. Wie anders wirkt auf den Mann der Widerspruch, den er in einer seiner Art fremden doch bedeutenden Frauennatur findet, die sich nicht in »Forderungen« äußert. Das Gespräch erlahmt nie und obgleich man vielleicht niemals einig ist, fühlt man ihren Wert. Der Mann wirbt um sie, und indem er sich leise erschließt, findet er zu ihrer eigenen Verwunderung den Schlüssel zu ihr. Fast noch bedenklicher ist die Art, wie in unserer Zeit auf moralischem Gebiete der Typus der Dame entartet. Hier ist das Gesetz, unter dem sie steht, von scheinbar äußerster Härte, in seiner Ausübung aber macht es sie wiederum zur Herrin. Die Frau muß warten, bis der Mann um sie wirbt, ist das nicht schrecklich? Nein, es ist entzückend, auch für sie, denn in Wirklichkeit werben um fast jede, die wirklich eine Dame ist (und auch um die meisten, die es nur halb oder ein viertel sind), so viele, daß sie sich auf ihren Thron zurückziehen und die Welt zu ihren Füßen sehen kann. Liegt in ihrem Wartenmüssen also nicht ein feiner Schutz ihrer zartesten Gefühle, die sie selbst nicht zu enthüllen braucht? Man wird sagen, ich schildere die Welt zu rosig, nicht jeder sei ein solcher Thron errichtet. Aber glaubt man denn das Unglück der Entthronten dadurch besser zu machen, daß man ihnen das Recht der Werbung gibt? Die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, besitzt jede Frau und damit die Fähigkeit, die Blicke auf Eigenschaften zu lenken, die zwischen blendenderen Erscheinungen im Augenblick übersehen werden könnten. Wieviel reizende Schleichwege zeigt die Koketterie, die ganze Kunst des Anzuges hat ja nur diesen einen Zweck. Zweifellos sind wir Männer die Verführten, die Frau fängt immer an, und wäre es bloß durch dies allgemeine Glückversprechen ihrer Gebärden und Kleidung. Aber ein offenes Werberecht der Frau, wie wir es ihr gegenüber haben, scheitert an unseren Trieben, die zwar ein leises Winken, niemals aber ein ernstliches Entgegenkommen ertragen. Man mag von der Ungerechtigkeit dieser Tatsache vielleicht im Verstand überzeugt sein, trotzdem wird jeder Mann instinktiv eine Liebeserklärung oder einen Heiratsantrag, den ihm eine Frau machen könnte, ehe er sich selbst ausgesprochen hat, als etwas äußerst Peinliches fürchten, und zwar aus einer Ritterlichkeit heraus, welche die Frau nicht in ihren feinsten Empfindungen zurückstoßen will. Deshalb müssen diese Empfindungen verhüllt bleiben, ehe um sie vom Manne geworben worden ist. Man stelle sich also vor, wie auf unsere Sinne das Geschrei nach dem Kinde, nach freier Mutterschaft, nach freier Liebe wirkt, oder die geschmacklose Aufrollung von Angelegenheiten des Schlafzimmers durch schreibende und redende Frauen. Diese Frauen, die meist nur das sich in Bohême auflösende Bürgertum sehen, kennen die Halbwelt nicht, sonst würden sie erstaunen über das Schamgefühl, mit dem hier die Frauen ihre wahren Empfindungen für die Vertraulichkeit aufbewahren. Auch solchen Liebesreformerinnen gegenüber ist es kein Wunder, wenn die männliche Ritterlichkeit versagt, beruht sie doch auf dem heimlichen Zugeständnis unserer angriffslustigen Begierden, die wir aber mit fast wollüstigem Reiz durch die überzeugende Gegenwart einer Dame so gerne in Schranken gehalten sehen. Nichts bereuen wir mehr, als wenn Frauen uns ermutigt haben, am falschen Orte diese Schranken einzureißen. Unsere Natur ist nur zu leicht dazu bereit, aber die Haltung der Dame soll uns ritterlich machen. Man hat das früher etwas poetischer den veredelnden Einfluß des Weibes genannt. Ich würde nichts gegen diese Bezeichnung sagen, wenn sie nicht wieder nach einer anderen Seite hin zu Mißverständnissen, und zwar puritanischen, geführt hätte. Man vergißt zu leicht, daß jeder Ort und jede Tageszeit anderen Gesetzen unterliegen. Auch die ästhetischen Mißverständnisse der Frau vermindern die Ritterlichkeit des Mannes. Ich glaube, ich brauche nicht mehr viele Worte zu verlieren über jene unglückliche, schon halb gescheiterte Bewegung, welche die Verführungskünste der Mode darum verwirft, weil sie auf die Sinne des Mannes wirken. Hier ist die Reaktion zuerst eingetreten, weil die betrübenden Folgen für die armen Mädchen augenblicklich fühlbar sind. Die Frau, die nicht gefallen will, die offen die Mittel des Gefallens verschmäht, stirbt aus. In einem Vorort Münchens werden wohl noch einige Überlebende gesehen, aber ich erfahre, daß sie von der Stadtverwaltung absichtlich erhalten werden (so wie die Indianer im Yellowstonepark), um die seltsame Art der Nachwelt zu überliefern. Viel schlimmer sind die ungewollten und unbeabsichtigten Geschmacklosigkeiten der auffallenden Kleidung, der burschikosen Sprache, des emanzipierten Betragens. Alle Männer, heißt es, stünden in der Straßenbahn auf, wenn eine hübsche Frau hereinkomme, bei einer häßlichen aber blieben sie sitzen. Nun kann man diese unfreundliche Erscheinung wirklich nicht ganz leugnen, aber man bedenke doch, was die Ritterlichkeit im Grunde ist: ein Dank des Stärkeren für die feineren und zarteren Werte, welche die Frau vielleicht gerade aus ihrer Schwachheit entwickelt. Je unbedingter nun eine Frau diese Werte verkörpert, desto triebsicherer wird der Mann in ihrer Gegenwart jenen eigentümlichen federnden Druck in den Kniegelenken empfinden, der ihn aufspringen und ihr Platz machen heißt. Und hier muß ich zur Entschuldigung der Männer sagen, daß sie diesen Stoß nicht so ausschließlich der Hübschheit, sondern der Dame, der jungen wie der alten, gegenüber empfinden. Wessen Erscheinung diesen Typus schlecht erfüllt, wird in eben dem Maße geringerer Ritterlichkeit begegnen. Man darf hier natürlich nicht mit Ritterlichkeit verwechseln, wenn jemand einer armen alten oder sichtlich ermüdeten Frau Platz macht. Das ist Menschenfreundlichkeit, die sich an alle richtet; die Ritterlichkeit aber gebührt ausschließlich der Dame, weder der Magd, noch der Emanzipierten. Diese wünscht, wie gesagt, die Ritterlichkeit abzuschaffen und an ihre Stelle dieselbe Höflichkeit zu setzen, mit der der Mann dem Manne begegnet. Wir haben in der Kinderstube gelernt, daß man gegen Männer höflich, gegen Frauen mehr als höflich, nämlich ritterlich sein müsse. Was ist der Unterschied? Die Höflichkeit verlangt nur, daß wir unsre Ecken ein wenig abrunden, damit es bei Zusammenstößen mit den Ecken andrer zu keiner Verwundung kommt. Irgendwelche Opfer fordert die Höflichkeit nicht. Sie ist eine reine Frage der Form und verlangt nicht, daß jemand sich irgendeine wesentliche Last um andrer willen aufbürdet. Es genügt, daß man seinem Nachbar nicht auf die Füße tritt, wenn man sich neben ihn setzt. Ihm seinen Sitz zu überlassen, weil er vielleicht seinen Mantel darüberhängen will, wäre zu viel. Die Ritterlichkeit beansprucht bedeutend mehr. Der Ritter war bereit, alles, sein Leben und seine Habe den Frauen hinzugeben, wenn es verlangt wurde. Die Ritterlichkeit setzt also auch noch in ihrem blassesten Abglanz voraus, daß man zu Opfern, nicht nur zur Milderung der Formen bereit ist, in denen man seine Rechte ausdrückt. Die Ritterlichkeit verzichtet auf alle Rechte. In ihrer letzten Folge würde sie verlangen, daß ihr Vertreter lieber ohnmächtig zusammenfällt, als eine Dame bittet, ihre Bonbonniere von dem Stuhl wegzunehmen, auf dem er sitzen möchte. Es besteht keine Gefahr, daß die heutige Männerwelt einer so hochgetriebenen Auffassung der Ritterlichkeit zum Opfer fällt, und darum darf sich die Phantasie ungestraft jene letzten Folgen einer nur noch in schönen Resten bestehenden Pflicht ausmalen. Manche schwarzsehende Damen gehen sogar so weit, zu behaupten, die Ritterlichkeit sei ganz ausgestorben, und man möchte ihnen manchmal recht geben. Wieviel Ritterlichkeit aber doch noch vorhanden ist, wird einem erst klar, wenn man die Frage erwägt, die radikale Frauenrechtlerinnen aufwerfen, ob man die Ritterlichkeit nicht ganz abschaffen und den Frauen nur höflich wie Männern entgegentreten soll. Diese Kämpferinnen glauben dahinter gekommen zu sein, daß die Ritterlichkeit die Frauen gar nicht zu Herrinnen, sondern zu Sklavinnen macht. Für ihre tatsächliche Rechtlosigkeit sollen die Frauen durch das Zuckerbrot der Galanterie entschädigt werden. Dieses, heißt es, widerstrebe ihrer Würde. Also »Los von der Ritterlichkeit!« Das hat nun eine sehr bedenkliche Seite. Nehmen wir einmal an, wir wollten gegen die Frauen genau dieselbe Höflichkeit einführen wie gegen die Männer, so würden wir notgedrungen auch denselben Maßstab an alles das legen müssen, was sie sagen. Nun scheinen aber gerade die Frauen, welche die Ritterlichkeit so leichten Herzens abschaffen wollen, nicht zu ahnen, in welch ungeheuerem Maße sie diese Eigenschaft vorläufig selbst noch in Anspruch nehmen. Wüßten sie nur, wie man Männern antworten würde, die mit ähnlicher Erfahrung und Logik wie sie öffentlich oder privat eine neue Moral, einen neuen Menschentypus, eine Reform der Ehe und der Liebe verlangten! Ohne beleidigend zu werden, können wir unwissende vorlaute Männer in ihre Grenzen zurechtweisen. Dies einer Frau gegenüber zu tun, wäre bereits äußerste Grobheit. Einen Mann, der zu pedantisch oder übertrieben wird, behandelt man mit mehr oder weniger Ironie, man macht ihn ein wenig lächerlich. Wie, wenn man Frauen gegenüber soweit gehen wollte? Die einen, die noch Unverdorbeneren, würden instinktiv ihr Recht auf männlichen Schutz aufs gröbste verletzt fühlen und Dinge übelnehmen, die zwischen Männern noch durchaus erlaubt sind. Andre fahren mit der Gesetzmäßigkeit eines Pendels ebensoweit nach der entgegengesetzten Richtung übers Ziel hinaus. Sie werden grob, wie nur eine Frauenrechtlerin grob werden kann. Solange sie uns nur die ja allgemein bekannte Männerdummheit vorwerfen, geht es noch. Aber aller denkbaren Gemeinheiten werden wir beschuldigt, wir werden für herzlose, verantwortungslose Egoisten erklärt, die harmlose unschuldige Mädchen vernichten, die Frauen zur Ehe bereden, um sie dann als Mägde zu halten, während wir mit schnödester Kaltblütigkeit außer dem Hause unsern Vergnügungen nachgehen. Erinnerungen an die entsetzlichsten Haremsgreuel des Ostens werden bisweilen hervorgezogen, und der letzte Trumpf ist die indische Witwenverbrennung, die doch auch nur von Männern ersonnen werden konnte. Gerade diese Frauen vergessen, wie sehr sie noch die Ritterlichkeit in Anspruch nehmen, denn oft schützt sie nur ihr Geschlecht vor der männlichen Pflicht, für das Rasen der Zunge Genugtuung zu leisten, möglicherweise mit der Waffe. Die Frau hat von Haus aus mehr angeborene Klugheit als der Mann, aus diesem Grunde sieht man ihr gern manche artige Ungereimtheit des Augenblicks nach. Manche etwas kindliche oder übertriebene Meinungen lassen sich ganz gut bei einer Frau denken, die in wesentlichen Dingen doch richtig sieht. Weil sie so beschaffen ist, verlangt die Ritterlichkeit, daß man die Worte einer Frau nicht so sehr auf die Wagschale legt wie die eines Mannes. Finden wir aber statt solcher harmloser Ungereimtheiten in den Worten einer Frau jene pedantische Beschränktheit, die uns oft genug schon beim eignen Geschlecht peinlich ist, womöglich verdichtet und verstärkt, dann ist es ein wahres Glück, daß es noch ritterliche Instinkte gibt, und in solchen Augenblicken können wir sie an der bloßen Tatsache merken; daß uns doch etwas hindert, einfach zu sagen: Dumme Gans! Die bewußt gewordene Frau sündigt nach zwei Richtungen: entweder sie überschätzt den männlichen Verstand und sucht ihn auf Kosten ihres weiblichen nachzuahmen, oder aber sie sucht die angeborene weibliche Klugheit in ein System zu bringen und vergißt, daß sie damit ihr Wesen zerstört. Ist sie wissenschaftlich, so verlernt sie bald, den Dingen echt weiblich auf den Leib zu rücken und sie irgendwo herzhaft anzupacken, sie würdigt »objektiv« und wirft uns, wenn wir nicht Wissenschaftler sind, unsre Verkennung wissenschaftlicher Zusammenhänge vor. Was soll man mit einer solchen Frau anfangen? Ich denke nach, in meiner Kinderstube ist der Fall nicht vorgesehen. Oder umgekehrt: Eine moderne Frau hat gelernt (immer hat sie es wo gelernt), gerade der weibliche Verstand sei der rechte, er sei berufen, die Einseitigkeit des männlichen Verstandes zu ergänzen, sie sei da, um Wärme und Gefühl ins Leben zu tragen, wo bisher des Mannes frostige Logik ausschließlich gewaltet hat. Wie wahr, solange sie es nicht sagt! Wie vollkommen falsch, wenn es als Anspruch geäußert wird. Gewiß, die Welt wäre tot, wenn sie von der Logik des Mannes aufgebaut und das Gefühl der Frau ausgeschaltet würde, aber im Augenblick, wo das Gefühl sich formuliert und sagt: Hier will ich mitreden, dies muß gefühlsmäßig gemacht werden und so weiter, da ist es ja nicht mehr Gefühl, sondern etwas Formuliertes, Logik, aber eine schlechte Logik, eine Gefühlslogik, wenn man diese Contradictio in adjecto überhaupt aussprechen darf. Aus dieser Wirrnis, in der weibliches Gefühl und männliche Logik abgedankt haben, um mit falschen Schlüssen und mit unklaren Empfindungen zu arbeiten, entsteht die Forderung all jener utopischen Ideale, die ausgehen von irgendeiner Hoffnung, wie die Menschen einmal sein werden. Fragt man solche Idealistinnen ein wenig eingehender, so wird man mit Entgegnungen geohrfeigt, man wolle alles in kalte Verstandeskategorien pressen, Gründe und Erklärungen könne man natürlich nicht geben, solches verstaubte Rüstzeug überlasse man den am Boden kriechenden Verstandesmenschen, nur das lebendige Gefühl könne gelten, daß es einmal anders werden müsse, ja, es sei schon anders. Das wäre ja traurig, wenn es nicht schon anders wäre! Wenn man solche Dinge hört – und man hört sie heute fast überall, wo Männer und Frauen zusammen sind –, kann man sehen, wieviel Ritterlichkeit noch in den meisten Männern steckt, die das alles über sich ergehen lassen, und sich meistens bemühen, geduldig zuzuhören oder nachsichtig aufzuklären. Dies ist der Zustand, in dem heute der Kampf sich befindet, und es kommt mir fast vor, als hätte ich durch diese Ausführungen selbst dazu beigetragen, die Unhaltbarkeit der Ritterlichkeit in manchen Fällen zu begründen, obwohl ich gerade für ihre Aufrechterhaltung eintreten wollte. Nicht wissen, wo Korsika liegt, ist zweifellos ungebildet, man muß es in der Schule gelernt haben. Nicht genau wissen, wo Rhodesia liegt, ist verzeihlich, denn als wir in der Schule waren, gab es das noch nicht. »Wir haben es nicht gehabt.« Ebenso: unritterlich gegen Frauen sein, verrät eine schlechte Erziehung, aber der emanzipierten Frau gegenüber, die keine Frau mehr ist und es auch nicht sein will, manchmal nicht ritterlich, sondern nur höflich, das heißt für weibliches Gefühl grob zu sein, das kann manchem sonst wohlerzogenen Mann vorkommen. Es soll nun nicht etwa dazu aufgefordert werden, ihr auf ihre Füße (in Normalschuhen) zu treten oder ihrer Reformfigur zu nahe zu kommen oder sie an den Schnecken ihrer Frisur zu zerren oder sie wegen der Unverantwortlichkeit ihres Mundes zu beleidigen. Ich möchte nur für mildernde Umstände für den eintreten, der ihr gegenüber manchmal vergißt, daß er eine Frau vor sich hat. Sie war in unsrer Erziehung nicht vorgesehen. »Wir haben sie nicht gehabt.« Die junge und die alte Dame Das Wort: die Frau gehört ins Haus, hat für viele, sonst ganz zahme Frauen wohl darum einen so aufreizenden Beigeschmack, weil unter Haus gewöhnlich Küche, Speicher, Wohn- und Schlafzimmer, selten der Salon erstanden wird. Deutsche Salons, das heißt neutrale Gebiete, auf denen sich traf, was an Geburt, Schönheit, Geist und Reichtum hervorragte, hat es nur wenige gegeben. Wenn man von einigen Aristokratinnen und einigen geistreichen Frauen absieht, muß man wohl den übereinstimmenden Berichten fremder Reisender vor 1880 Glauben schenken, die in Deutschland stets lebhafte Schwärme junger Mädchen, aber nur wenig bemerkenswerte Frauen wahrgenommen haben. Schon im Anfang seiner zwanziger Jahre wird Gretchen für ein alterndes Mädchen gehalten, und es ist nur zu begreiflich, daß es sich erregt in den Strudel stürzt, der seine Jugend möglichst schnell in den Schlund der Ehe hinabspülen soll. Dann aber ist ihre Rolle nach außen zu Ende. Daß das junge Mädchen bei uns eine so ausschließliche gesellschaftliche Schätzung besaß, hat die Stellung der Frau bei uns oft wirklich dürftig gemacht. Worin besteht der Reiz der Jugend? In dem Entzücken darüber, daß die ganze Welt offen vor ihr liegt, daß sie noch nicht gewählt hat, von nichts enttäuscht ist, daß noch alles möglich ist. Aber man vergißt, daß diese Möglichkeit doch nur in der Theorie besteht, solange noch keine tatsächliche Wahl getroffen wurde. Jedes Mädchen träumt in irgendeiner Form von dem Märchenprinzen, der eines Tages kommen wird. Gewiß ist es theoretisch nicht ganz unmöglich, daß er kommt. Nun erscheint aber in Wahrheit bloß ein prosaischer Beamter oder Kaufmann. Indem er das Mädchen heiratet, »raubt« er ihm die Möglichkeit des Märchenprinzen. Wird sie nicht glücklich mit ihm, so heißt es: sie hat ihm alles geopfert, er hat ihr alles genommen. Dies »Alles« ist der Märchenprinz, dies Alles, das eigentlich nichts ist wie die Perlen des Champagners, dieser holde Traum, der eben nur darum möglich ist, weil ihn noch keine Wirklichkeit stört, macht die Jugend so anmutig und so reich. Nach den ersten bestimmten Entscheidungen, die alle anderen Möglichkeiten ausschließen, geht dieser Reiz verloren und nun fragt es sich, ob eine Frau stark genug ist, den Märchenprinzen zu verschmerzen. Wenn sie es kann, so beginnt ihr Leben erst, wenn nicht, so wird sie je nach ihrer Natur, entweder im Kleinbetrieb des Haushaltes ihre Seele zum Schweigen bringen oder aber eine schlechte, sentimentale Frau werden, die ihrem Gatten das Leben schwer macht. Es ist ja sehr nett, wenn jemand siebzehn bis neunzehn Jahre alt, rotbäckig und etwas töricht ist, dieser Spannungszustand der ersten Jugend kann ein paar Jahre lang dauern und hübsch anzusehen sein, aber darin den Haupt-, ja einzigen Reiz der Frau suchen, heißt sie unterschätzen, da sie doch erst gegen das Alter von 25 Jahren in die glänzende Zeit der Reife eintritt, falls sie mehr in sich trägt als jenen Duft der Jugendlichkeit, der jeder, die nicht allzu blutarm ist und einigermaßen gerade Glieder hat, für einige Jahre anfliegt. Man hat nach verschiedenen Merkmalen gesucht, die auf einen Blick die Kulturhöhe eines Volkes zeigen sollen: die Zahl der Analphabeten, das Durchschnittseinkommen des einzelnen, der Verbrauch an Seife usw. Mir scheint als wichtigstes Merkmal, das das ganze Geistes- und Empfindungsleben eines Volkes verrät, die Länge der weiblichen Jugend . Bei den Wilden ist die Frau oft schon vor dem zwanzigsten Jahre nur noch als Arbeitstier brauchbar. Auf der Höhe der Kultur – hier geht Frankreich voran – vermag die Vergeistigung Frauen bis in ihre vierziger Jahre begehrenswert, bis ins unbegrenzte anmutig zu erhalten. Wenn es auch schwer ist, sich in eine alternde Frau zu verlieben, so ist es leicht zu ihr zurückzukehren oder bei ihr zu verharren. Wir Deutsche standen bisher in dieser Hinsicht den Wilden näher, als wir zugeben möchten. Ein fünfundzwanzigjähriges Mädchen hält sich in der Provinz wohl noch heute für alt, und infolge der allgemeinen Suggestion, unter der sie steht, ist es eine Frau von dreißig in der Regel wirklich. Nichts macht schneller alt, als der Glaube, es bald zu werden. Im Gegensatz zum Manne, der bis in seine vierziger Jahre hinein Umwälzungen erlebt, die ihn erst zu dem machen, was er ist und vielleicht der Nachwelt sein wird, muß die Grundlage für ein reiches Alter bei der Frau während ihrer Geschlechtsblüte gelegt werden. Eine alternde Frau kann wohl plötzlich erkennen, was sie versäumt, daß sie ihren Weg verfehlt hat; sie kann noch lernen und fleißig sein, aber ihr wird das Fehlende nicht mehr Fleisch und Blut, denn eine Frau verarbeitet nur, was ihr auf den Flügeln der Sehnsucht, der Liebe, der Begierden, der Gefühle zugebracht wird. So wie Blumen von Insekten, die Blütenstaub an sich tragen, befruchtet werden, während diese nur den Honig trinken wollen, so wird der Frau das Geistige oft absichtslos von den Männern gebracht, die sich ihr, nur weil sie ein anmutiges Weib ist, nahen. Darin liegt gar nichts Tadelnswertes oder Minderwertiges, es ist gleich, auf welche Art der Blütenstaub den Fruchtboden erreicht. Hat aber eine Frau während ihrer Blüte diese Berührung mit der geistigen Welt der Männer gefunden, so ist es meist leicht, sie auch nach der Blüte bis ins Greisenalter zu erhalten, das heißt solange nur der Geist, in Erinnerungen täglich erfrischt, jung bleibt. Spätestens Ende ihrer dreißiger Jahre entscheidet sich daher, ob eine Frau, wenn sie einst der letzte Schimmer der Jugend verlassen hat, eine alte Dame oder ein altes Weib werden wird. Über die gesellschaftliche Sendung der alten Dame ist bei uns noch wenig gesprochen worden. Man fängt zwar in Deutschland an, darüber zu lachen, daß sich in der Provinz in Gesellschaften nach dem Essen Männer und Frauen noch immer streng getrennt halten wie in der Kirche auf dem Lande. Viel ernster und folgenschwerer ist unsere Trennung in Junge und Alte. Das macht unser geistiges Leben so uneinheitlich und stellenweise so unfruchtbar. Auch der alte Herr und der junge Mann sind bei uns himmelweit getrennt und verstehen einander nicht. Suchte das Alter mehr die Neigung der Jugend und wäre die Jugend weniger durch die Erinnerung an Schule, Prüfungen und den dummen Vorgesetztendünkel verdrossen oder eingeschüchtert, so würde unser Leben weniger zwischen greisenhafter Verknöcherung und ungestümem Übermaß schwanken, und spielte die alte Dame bei uns eine größere Rolle, so würde der Deutsche im Auslande seltener durch seine ärgerlichen Erziehungsfehler auffallen. Es ist unmöglich, daß die Welterziehung eines jungen Mannes, wenn er mit sechzehn bis zwanzig Jahren das Elternhaus verläßt, vollendet ist. Was er bis dahin nicht gelernt hat, lernt der Deutsche selten noch später, denn diese strenge und doch auch gütige Instanz, deren Rat und Vorwurf ein Mann, ohne sich etwas zu vergeben, stets annehmen kann, die ihn ein wenig begönnernde alte Dame fehlt in unserer Gesellschaft fast gänzlich. Er trifft nur zu oft mißgünstige, verärgerte alte Weiber, die sich vorübergehend mit einer falschen Liebenswürdigkeit schminken, weil sie Töchter an den Mann zu bringen haben. Und damit kommen wir wieder zu den jungen Mädchen zurück. Die französische Gesellschaft konnte darum eine solche Blüte erreichen, weil das junge Mädchen ausgeschlossen war. Das junge Mädchen hat den natürlichen Wunsch, zu heiraten, und ehe diese Sehnsucht erfüllt wird, ist es nicht reif für den Reiz einer uninteressierten und darum interessanten Geselligkeit. Ferner legt ihre Anwesenheit oft eine lästige Schranke auf, sie ist sein Kind mehr, aber auch noch kein vollständiger Mensch. Der Zwang, die Unterhaltung stets so zu führen, daß junge Mädchen zuhören können, bringt diesen Gartenlaubenton hervor, von dem sich die Männer später im Wirtshaus erholen müssen; denn dieser Zwang, den die Anwesenheit sehr junger Mädchen ausübt, ist nicht befruchtend und bereichernd wie der einer geistreichen Frau oder welterfahrenen alten Dame, in deren Gegenwart kein Thema verpönt ist, wenn es gelingt, ihm eine würdige Form zu geben. Unter einem solchen Zwange pflegen sich die Gedanken selbst zu läutern, ja bisweilen zu vertiefen. Die Flachheit und Geistlosigkeit der englischen Gesellschaft kommt daher, daß alles auf die dauernde Anwesenheit einer unnatürlich großen Zahl unverheirateter Mädchen zugeschnitten ist. Aber noch lieber diese Flachheit als das, was neuerdings bei uns versucht wird, nämlich die jungen Mädchen »aufzuklären« und vor ihnen zu reden, als wären sie erfahrene Frauen. Dadurch wird die Halbjungfrau gezüchtet. Ob sie eine Übergangserscheinung ist oder durch ihre verblüffende Vorurteilslosigkeit jede edlere Form der Gesellschaft dauernd zerstören wird, steht dahin. Der Zwiespalt der geschiedenen Frau In der Halle einer Pension des Berliner Westens sitzen Herr und eine Dame. Er ist Anfang der vierziger Jahre, dunkel, mager, rasiertes Gesicht, leise ergrauendes Haar. Sie ist zierlich, liebenswürdig. Gute Haltung, aber kindliche, wie hilfesuchende Augen. Anfang der zwanziger. Sie (hat soeben von ihrer Ehe und Scheidung gesprochen): Wenn ich nur wüßte, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen soll! Ich langweile mich. Können Sie mir nicht einen Rat geben? Er : Dann müssen Sie mir erst eine Frage erlauben: Sind Sie eine Geschiedene aus Überzeugung? Sie : Wie meinen Sie das? Er : Ich meine: ist es ein persönlicher Zufall, daß Sie sich mit Herrn X. nicht vertragen konnten, oder betrachten Sie die Stellung der geschiedenen Frau als die angenehmste in unserer Zeit? Sie : Ach, ich weiß es nicht. Ich möchte zwar von keiner meiner verheirateten Freundinnen ihr eheliches Joch übernehmen, aber eine alleinstehende Frau kann schließlich auch nichts mit ihrem Leben anfangen. Er : Unbegreiflich! Wie können Sie das sagen, die Sie alle Eigenschaften besitzen, um aus Ihrem Leben etwas zu machen: Jugend, Schönheit und vollkommene soziale Unabhängigkeit? Sie : Was soll ich denn damit anfangen? Er : Erwerben Sie sich das Verdienst, in unserer bürgerlichen Zeit eine vollendete Weltdame zu sein. Sie : Dazu braucht man einen Mann, der einem den Rahmen schafft, und das gerade will ich fürs erste nicht. Er : Ich glaube, daß das heute nicht mehr so ist. Die moderne Ehe mit ihren starken Gemüts- und seelischen Forderungen hebt wohl die Frau gegenüber dem Manne bisweilen auf eine höhere Stufe, als es früher im deutschen Bürgertum geschah. Dadurch aber, daß das Zusammenleben heute einen so großen Einsatz an Persönlichkeit fordert, ist es kein günstiger Boden für die große Dame. Diese betrachtet die Ehe, wie Sie selbst sagten, mehr oder weniger als den Rahmen ihrer Stellung in der Welt. Wozu aber brauchen Sie den Rahmen, da Sie unabhängig sind? Entwickeln Sie Ihr Selbstbewußtsein, Ihren Charakter, lernen Sie Ihre Wünsche, Ihre Stimmungen beherrschen, dann beherrschen Sie das Leben um sich herum (das Zeug dazu haben Sie ja) und Sie werden sich nicht mehr langweilen. Sie : Weiter. Ich glaube, von Ihnen kann ich etwas lernen. Er : Geben Sie mir Ihren Fächer, ich will Ihnen ein kurzes Wort von Beaumarchais daraufschreiben. (Nachdem er geschrieben hat) Sois belle si tu peux, sois sage si tu veux, sois considerée, il le faut. Muß ich Ihnen das erklären? Sie : Wenden Sie es ein wenig auf meinen Fall an. Er : Also: »Sei schön, wenn du kannst!« Nun, da Sie das ja so ausgezeichnet können, brauchen wir dabei nicht zu verweilen. »Sei tugendhaft, wenn du willst!« Es wäre taktlos, wenn ich mich da hineinmischen wollte. Die Hauptsache aber ist dies: »Sei geachtet, es ist nötig.« Sie : Ist das alles? Mit diesem Grundsatz habe ich mich bei modern denkenden Menschen schon lächerlich genug gemacht, und ich glaube, die Leute haben recht mit ihrem Spott, denn was habe ich anderes von meinem guten Ruf, als daß ich mich langweile? Er : Weil Sie es falsch anfangen. Daß Sie bis jetzt den sogenannten modernen Menschen zuliebe Ihren guten Ruf nicht geopfert haben, zeigt, was Sie für einen richtigen weiblichen Instinkt für die Wirklichkeit besitzen. Daß Sie sich aber deshalb Ihr Leben durch unnötige Einsparung verderben, beweist, was Sie noch für ein Kind sind. Sie : Aber was soll ich denn tun? Neulich, als ich einmal ausnahmsweise mit dem Afrikareisenden im Theater war, hat uns ein Herr aus der Pension gesehen und den andern Tag klatschten bereits alle davon. Er : Da können Sie sehen, wie falsch Ihre gewohnte Einsperrung ist. Wagen Sie einmal einen selbständigen Schritt, so müssen natürlich alle glauben, es ginge etwas Besonderes vor. Wären Sie aber in der Pension gleich als selbständige Persönlichkeit erschienen, die Bekannte an der Riviera, in London und in Petersburg hat, die niemandem verantwortlich ist, sich heute von einem japanischen Attaché in die Philharmonie, morgen von einem Journalisten in den Reichstag begleiten läßt, so würden Sie den Leuten von vorneherein einen ganz anderen als den kleinbürgerlichen Maßstab für Ihr Verhalten in die Hand gegeben haben. Sie : Und glauben Sie, daß dann nicht über mich geklatscht worden wäre? Er : Zweifellos, vielleicht sogar noch mehr, aber in einer Art, die Ihrem Ruf nicht gefährlich wäre. Sehen Sie einmal: geklatscht wird über jede Frau, die über das Mittelmaß hübsch ist, und die Frage liegt auch wirklich nahe, ob und wie sie die Macht ihrer Schönheit benutzt. Das Interesse wird natürlich noch lebhafter, wenn man keinen Mann neben ihr sieht. Sie dürfen nun nicht Ihre Lebenskraft mit dem fruchtlosen Streben verzetteln, daß man über eine hübsche, unabhängige Frau nicht klatschen soll. Das können Sie durch die klösterlichste Vorsicht doch nicht erreichen. Also geben Sie es auf; geklatscht wird über Sie. Es handelt sich nur darum, diesen Klatsch selbst zu meistern und zu lenken. Sie : Ja, wie kann man denn das? Er : Erscheinen Sie mit einem Herrn, so richten sich natürlich alle Blicke auf ihn. Da haben Sie bereits Ihre Waffe. Sie müssen öfter mit verschiedenen Herren erscheinen und zwar ganz offen, damit sich die Blicke verteilen und bedeutungslos werden. Andere Frauen werden Sie natürlich beneiden, aber man wird nicht so weit gehen, zu behaupten, daß Sie mit allen diesen Männern beklatschenswerte Beziehungen unterhalten. Ihr Verhältnis mit jedem einzelnen erscheint harmlos durch die gleichzeitigen Verhältnisse zu den andern. Das Publikum weiß nichts und kann höchstens für möglich halten, daß sich unter Ihren verschiedenen Freunden ein Liebhaber verbirgt. Diese Möglichkeit liegt aber ohnehin bei einer hübschen Frau vor, die niemand Rechenschaft schuldet. Ob Ihnen in Wirklichkeit einer dieser Männer nahesteht, bleibt daher ganz ausschließlich Ihre Sache. Sois sage, si tu veux . Ich will gar nicht davon reden, wie bequem, nützlich und bildend es für eine Frau ist, für alle ernsten und heiteren Lagen des Lebens einen solchen Stab von Männern aus den verschiedensten Berufen um sich zu haben, vortragende Räte. Sie : Aber glauben Sie denn, daß die Männer für nichts als hie und da einen liebenswürdigen Blick zu solchen Knappendiensten zu haben sind? Er : Zweifellos, wenn Sie ihre Eitelkeit genügend zu benutzen verstehen. Jeder zeigt sich gern mit einer so gut aussehenden Frau in der Öffentlichkeit. Dann aber müssen Sie einige wirkliche Freundschaften haben; ein paar Flirts, die auf die Schäferstunde warten, werden sich immer daneben finden. Natürlich dürfen Sie keinem alle Hoffnung rauben und falls einer dringlich wird, müssen Sie ihn auf später vertrösten ... Sie seien gerade in einer Krise Ihrer Gefühle, Ungeduld könne alles zerstören, oder, wenn es überhaupt möglich wäre, würden Sie nur an ihn denken, aber im Augenblick sei es überhaupt nicht möglich. Sie lächeln? ... Weil Sie diese Dinge besser wissen als ich. Natürlich dürfen solche Herren nicht Ihr einziger Umgang sein; Sie müssen zu ihnen aus einem festen Kreis erstklassiger Familien zu treten scheinen, wo man auf Ihre Tugend schwört und es der »armen, einsamen Frau« nicht verdenkt, daß sie ihr Leben ein wenig genießen will. Sie: Das wäre alles ganz hübsch, aber ... Gott, wie soll ich Ihnen das erklären ... wenn ich mich nun in einen wirklich, ernstlich verliebe ... und diese verschiedenen Freundschaften und Flirts, hinter denen er versteckt werden soll, passen ihm nicht? Dann muß ich mir doch wieder gefallen lassen, was er ... Er: Gefallen lassen? Kann ich meinen Ohren trauen? Müssen Sie sich etwas gefallen lassen? Das mag eine Frau, die froh ist, wenn sie überhaupt einer nimmt. Aber Sie? Da können Sie sehen, wie Sie noch Ihr Selbstbewußtsein entwickeln müssen. Wenn Sie bei Ihren Beziehungen nicht selbst die Bedingungen angeben, dann sind Sie ja ... gar nicht wert, geschieden zu sein. Sie: Aber was wollen Sie, wenn man jemand wirklich lieb hat? Er: Dann müssen Sie erst recht auf der Hut sein, um ihn nicht zu verlieren, und dazu gehört in erster Linie, daß Sie stets geheimnisvoll und neu aus der für ihn niemals ganz durchdringlichen Wolke Ihres intimen Lebens hervortauchen. In der Ehe mag dies unmöglich sein, solange Sie aber frei sind, gebe ich Ihnen den einen Rat: wen Sie im mindesten im Verdacht haben, daß es ihm am nötigen Takt fehlt, Ihr Privatleben und dessen Gewohnheiten zu achten, den halten Sie von sich entfernt. Er wird sonst notgedrungen Ihr Feind, nachdem er Ihre Nerven gequält und Sie an den Rand des Sanatoriums gebracht hat. Sie : Sie haben recht; wenn man das will, kann man ja gleich wieder heiraten. Ach, ich sehe, das Leben ist schwer, wo man es auch immer anfaßt. Er : Gewiß; und je höher man steht und je mehr man von ihm verlangt, desto angespannter muß man seine Stellung behaupten. Sie : Eine Frau hat es doppelt schwer. Er : Und unsere Zeit mit ihrer moralischen Verwirrung macht es ihr nicht leichter. Die sogenannten modernen Anschauungen über Liebe und Ehe locken die Frau geradezu aufs Glatteis, indem sie sie lehren, der Gesellschaft ins Gesicht zu schlagen. Statt sich eine gute Welterziehung zu geben und zu lernen, wie die Dinge, die man ahnt und fühlt, in der Wirklichkeit aussehen, grübelt die moderne Frau über das Recht auf freie Liebe, auf freies Muttertum. Diese Lehren hindern sie nur, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erkennen, und was man nicht erkennt, kann man auch nicht beherrschen. Sie : Sie meinen die Frauen, die sich »ausleben« wollen? Die hasse ich auch. Er : Ich hasse sie nicht, ich beklage sie nur. Ich habe zu viele flügellahme Geschöpfe gesehen, die auszogen, um zu leben, und sich nur bloßgestellt haben. Sie : Haben nicht manche doch wenigstens gelebt? Er : Sie haben Freuden, die man auch so haben kann, hoch bezahlt, nämlich mit ihrem Ruf, und alle sehen schließlich traurig ein, daß das gar nicht nötig war. Sois considerée, il le faut . Sie : Aber ist das nicht eigentlich eine schreckliche Heuchelei? Er : Eine Heuchelei vielleicht. Aber warum schrecklich? Die Achtung vor den eigenen und fremden Vertraulichkeiten erfordert die taktvolle Verhüllung des Liebeslebens und dazu sind gewisse Notlügen, die man Heuchelei nennen mag, unerläßlich. Ihre besonnene Anwendung ist die Grundlage aller guten Erziehung. Es ist wirklich nicht abzusehen, warum die Welt wissen soll, in was für Beziehungen Herr X. und Frau Y. stehen. Ich halte es für ein Zeichen sinkender Kultur, daß man heute in bestimmten Kreisen der Heuchelei die Schamlosigkeit vorziehen will. Sie : Finden Sie nicht wenigstens, daß es nicht besser wäre, die Menschen würden harmloser und unbefangener von diesen Dingen denken? Er : Darüber habe ich keine Meinung und brauche auch keine. Ich lege mehr Wert auf den Charakter, der mit den Tatsachen fertig wird, als auf den Intellekt, der Meinungen über sie aufstellt. Ob Meinungen gut oder schlecht sind, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß man aufhört, eine Dame zu sein, wenn man in der Öffentlichkeit als Befreierin des Liebeslebens auftritt. Sie : Darin gehen Sie aber zu weit. Er : Ein solches Apostolat erweckt den Verdacht, daß seine Vertreterin unter dem alten System der Gesellschaft unbefriedigt geblieben ist und unter einem neuen Befriedigung erhofft. Eine Frau aber, die so etwas vermuten läßt, begeht einen Skandal. Wir müssen – wenn nicht alle Ritterlichkeit aufhören soll – die Fiktion aufrecht erhalten, daß die Damen uns nicht brauchen, daß das, was sie gewähren können, Gnaden sind. Sie : O, ich sehe, eine alleinstehende Frau ist im Grund eine Unmöglichkeit. Er : Ich bin überzeugt, in spätestens zwei Jahren den Ehering wieder an Ihrer Hand zu sehen. Sie : (seufzt entsagungsvoll). (Der Gong zur Tafel ertönt.) Zur Psychologie der Curtisane »Le moindre défaut des femmes qui se sont abandonnées à faire l'amour c'est de faire l'amour.« La Rochefoucauld, Maximes, CXXXI Darin hat die moderne Frauenbewegung recht, daß schändlich ist, wenn sich ein Weib unfreiwillig preisgeben muß, es ist ebenso schändlich im Hinblick auf die anständigen Frauen, wie im Hinblick auf die Halbwelt, die unter dem unlauteren Wettbewerb nicht berufener Pfuscherinnen leidet, wie die Kunst und die Literatur. Wer ist eine berufene, eine wahre Curtisane? Natürlich nicht die, welche, um für notleidende Kinder oder einen arbeitsunfähigen Mann oder Vater zu sorgen, auf die Gasse geht. Auch nicht die, welche »für jeden zu haben« ist. Das ist die Dirne, die in allen Gesellschaftsschichten vorkommt, vom Hof bis hinab zur Gasse, vom Theater bis zu den Pfarrerstöchtern, von den Militärkreisen bis zur Bohême. Also: sich für Geld geben und sich jedem geben, das sind noch nicht die wesentlichen Merkmale der Curtisane. Das sind für sie nur mögliche Wege. Curtisane ist die, welche die Umwelt zwingt, ihrem begnadeten Leib und ihrer schillernden Seele den würdigen, goldenen Rahmen zu schaffen. Sie ist von Haus aus arm oder für ihre märchenhaften Ansprüche zu wenig bemittelt, oder sie ist vielleicht erst in enge Verhältnisse geraten. Ist sie im Reichtum oder auf dem Thron geboren, so wird sie eine aller Konventionen spottende große Dame sein. Solchen Frauen ist die Curtisane, was ihr körperliches und seelisches Wesen betrifft, überhaupt am ähnlichsten. Es ist bekannt, daß ehemalige Halbweltdamen oft wie alte Herzoginnen aussehen. Also die Curtisane ist von Haus aus arm, hat aber immer so viel Geld zur Verfügung, wie sie braucht oder sie scheint es wenigstens zu haben. Das ist wesentlich. Insofern gehört es zu ihr, daß sie sich bezahlen läßt, doch das allein ist's nicht. Sie hat oder vielmehr sie kriegt den Luxus, das ist's. Im übrigen gibt sie sich vielleicht oft ganz umsonst, und eine andere, die immer rechnet, erreicht den Luxus nicht und ist höchstens eine kleine, böse Hure. Anderen Frauen ist der Luxus nicht wesentlich, sie haben ihn zufällig oder sie entbehren ihn nicht, sie sind keine Curtisanen, und wenn sie zehnmal den Liebhaber wechseln und vielleicht Vorteil davon haben. Sie können reizvolle Frauen sein, ideale Geliebten, hinreißende Künstlerinnen, gute Kameradinnen, rührende Freundinnen: Curtisanen im guten oder im bösen Sinne sind sie nicht. Dazu gehört Luxus und Luxusinstinkt in erster Linie. Dagegen ist der erotische Zug nicht unbedingt nötig. Da die Curtisane mit sich selbst bezahlt, wird sie sich zwar in der Regel oft und mehreren hingeben müssen, aber auch das ist Mittel, nicht Zweck, insofern sie Curtisane ist. Es ist grundsätzlich denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Jungfrau Curtisane ist; es gibt sicher Curtisanen, die ziemlich selten sich einem Manne hingeben, die, wie manche kalte Gattinnen, einen Abscheu vor allem Geschlechtlichen haben. Ihre Kunst ist, reiche Männer zu finden, die aus irgendwelchem Grunde auf die letzten Dinge in der Liebe keinen besonderen Wert legen. Ich hörte eine solche Curtisane behaupten, sie habe das Glück, immer nur an »ideale« Männer zu geraten. Ideal sagte das gute Kind. Ich bemerke dazu: eine Curtisane kann sehr wohl das Hirn eines Huhns haben. Nur selten ist sie sogar eine geistige Kraft, wie wohlmeinende Literaten wollen. Die berühmten Namen des Altertums und der Renaissance sind Ausnahmen. Der Durchschnitt, den Lucian und Aretin beschreiben, gleicht aufs Haar dem, was wir kennen. Die weibliche Natur ist nur selten stark genug, um wirklichen »Geist« zu beherbergen. Meist wird sie von ihm zerfressen, wie die Wände eines Gefäßes von seinem zu scharfen Inhalt: der bedauerliche Blaustrumpf entsteht, womöglich mit erotischer Note, oder fürchterlichsten Falles die intellektualisierte spiritualisierte Curtisane, ein Auswurf der Hölle und Geniestreich Satans, mit der er die fleischliche Curtisane, dies Gottesgeschöpf, so entsetzlich verzerrt. Heute meinen manche Frauen, sie seien von Anlage Curtisanen, aber weil die Zeit der Curtisane noch nicht gekommen oder vorbei sei, müßten sie verkümmern oder einstweilen ihre purpurnen Lebensträume auf Leinwand, Papier oder sonst wohin ergießen. »Ja,« so gestehen sie zu, »unsere Kunst ist uns nur unweiblicher Notbehelf, eigentlich wollen wir das Leben. Wir sind auch gar nicht einmal für die Frauenemanzipation, das Weib soll Weib sein. Aber in dieser Zeit der Philistermoral! Was soll man da tun?« Arme Hascherln! Jede Zeit war eine Zeit der Curtisane. Sie gedeiht im Schloß wie bei der Börse, im bischöflichen Palast wie um die Zeitungsredaktionen, im Feldlager wie an Wallfahrtsorten und hat mit dem, was man heute »Kultur« nennt, aber auch ganz und gar nichts zu tun. Die Curtisane ist keine zufällige Zeiterscheinung wie z. B. der »denkende« Schauspieler, der dichtende Professor, der Versicherungsagent und Hauptmann a. D., oder die kunstgeschichtlich gebildete Tänzerin, die Curtisane ist vielmehr eine symbolische Erscheinung der Menschheit, wie der Fürst, der Bauer, der Händler, der Dichter, der Krieger, der Diplomat; sie kann und soll so wenig je ausgerottet, noch ermutigt werden, wie Spiel und Spekulation und alle jene anderen Menschlichkeiten, die nun einmal zum Leben gehören und für die neben der Tugend genug Platz ist. Ihre Zeit ist immer da, sie erscheint im Gewand jeder Zeit, aber das moderne Literatencafé hat aus ihr eine Allegorie gemacht. Ein Malmädchen rief einmal in modern aufrichtiger Entrüstung aus dem neuneckigen Halsausschnitt seines Reformkleides heraus: »Wenn mir mein Alter (sie meinte den Urheber ihrer Tage) das Geld entzieht, dann suche ich mir ein reiches Verhältnis!« Ach, das ist ja noch schwerer als modernes Kunstgewerbe oder Buchschmuck, wofür es doch seit einiger Zeit unfehlbare Rezepte, mit Umgehung des Talentes, gibt! Die Curtisane ist ganz Stand, Klasse, wie der Adel. Das Persönliche kann da sein, kommt aber nicht in Frage für ihr Curtisanentum. Sie wird getragen von ihrer Gruppe. Eine Kokotte bei Maxims erzielt nicht darum höhere Preise, weil sie persönlich mehr wert ist als eine andere, sondern weil sie von Maxims ist. Anders die Abenteurerin. Sie ist ganz Individualität (es gibt naturgemäß keine Klasse der Deklassierten) und sie verhält sich zum »Stand« der Curtisanen, in welchem sie unter Umständen lebt, wie die Persönlichkeit zur Adelskaste, in der sie natürlich so gut wie in jeder andern vorkommen mag. Die Abenteurerin ist kein Typus, Abenteurer wird man durch die Umstände. Curtisane ist man durch natürliche Anlage. Die Abenteurerin ist keine »Dame von Maxims«. Sie trägt höchstens einige Zeit ihre Maske, vorgestern war sie vielleicht große Dame, gestern Zuchthäuslerin und morgen wird sie auf der Bühne stehen. Die Abenteurerin ist rührend und oft tragisch, die Curtisane ist ganz unpersönlich dekorativ. Ein Rest von Persönlichem in ihr ist oft peinlich und kleinlich. Er soll ganz aufgesogen sein von der Klasse und der ist ein Narr, welcher in ihr »Seelenschwingungen« belauscht. Dafür sind alle anderen Frauen geeigneter, aber auch alle. Das Menschliche in der Curtisane gehört dem Zuhälter, allein ihm, und selbst der uninteressierte Freund (oft ein Literat oder »Psycholog«) und das junge Kerlchen ohne Bedeutung, der béguin , der gigolo , der sie vielleicht umsonst hat, ist nur eine Maske, mit der sie sich selbst täuscht, mit der sie sich beweisen will, daß sie auch uninteressiert spielen kann. Aber ihr Schicksal hat damit nichts zu tun. Ihr Schicksal ist der Zuhälter und ihr reines Curtisanentum, die beiden Pole, zwischen denen ihr Leben flutet. Man wird nicht Curtisane durch böses Beispiel oder Not. Man ist es von Haus aus. Man beobachte auf der Straße gewisse kleine Mädchen von herrischen, feinen Gebärden, aber von auffallender Phantasielosigkeit bei den Spielen, man folge den Bewegungen junger Damen auf Wohltätigkeitsbazaren, wie sie ein Glas Champagner, aus dem sie selbst getrunken haben, um den doppelten Preis an den Mann bringen, man sehe auf bäuerlichen Tanzböden die schnippischen Schönen reiche Bauernsöhne im Auge behalten und den nur scheinbar mehr versprechenden Städter als zu unsicher ablehnen. (Nur die romantische Sentimentale fällt auf ihn hinein.) Nein, hier ist nicht der Verführer schuld, wenn sie auf »Abwege« geraten. Sie sind von allen Frauen am schwersten zu verführen, weil sie nie ganz bei der Sache sind, sondern nur bei ihrem, freilich oft sehr köstlichen Ich. Sie sind Curtisanen von Geburt. Psychologen und Arzte neigen in letzter Zeit zu der Meinung, in jeder Frau lägen Curtisaneninstinkte. Das mag so wahr sein, wie der Satz: in jedem Deutschen stecke ein Dichter. (Glücklicherweise wird diese unheilversprechende Anlage zum Nutzen der Befallenen und unserer Dichtung, wenn auch noch lange nicht genug, in den meisten Deutschen unterdrückt, so daß sie gewöhnlich ganz tüchtige Menschen werden.) Es gibt heute einen Frauentypus in dem großstädtischen, der Literatur und Kunst benachbarten Bürgertum, der sich folgendermaßen beklagt: »Ach, mein Mann ist ein sehr achtbarer Gatte, aber er hat nicht das mindeste Verständnis für die in mir, wie in jedem Weibe lebenden Curtisaneninstinkte!« Bitte: wie macht man das, Verständnis für die Curtisaneninstinkte seiner Frau haben, falls man nicht das Zeug zum Zuhälter hat? Curtisaneninstinkte in die Ehe tragen, heißt so viel, wie zur Haager Friedenskonferenz Maximkanonen und Schrapnells mitbringen. Man muß sich entscheiden können für das eine oder das andere, aber eine geniale Curtisane wird vielleicht aus ihrem Gatten ihre Haupt»wurzen« machen. »Es gibt nur wenig anständige Frauen,« sagt La Rochefoucauld, »die dieses Handwerk nicht müde sind.« Ob sie aber deshalb gleich Talent zur Curtisane haben? Viel eher kann sich eine Curtisane mit der Ehe auseinandersetzen, als eine der »Anständigkeit« müde, leidenschaftliche Frau mit dem Curtisanentum. Leidenschaft und Temperament sind hier geradezu Hindernisse, während sie in der Ehe doch wenigstens manchmal Befriedigung finden. Bloße Sinnlichkeit mag der Curtisane ungefährlich sein, denn, sie nimmt augenblicklich zurück, was sie eben gegeben, ja sie paßt sogar gerade zu ihr, denn die von keiner Leidenschaft getragene Sinnlichkeit muß immer frisch und neu sein wie ein sprudelndes Getränk, darum ist temperamentlose Sinnlichkeit, wie sie manche Eheleute zeigen, so schal und ekelhaft wie saures Bier. Wie die Abenteurerin muß man auch die Geliebte – la maîtresse – von der Curtisane trennen, der sie oft äußerlich ähnlich sieht, ja, mit der sie hie und da befreundet ist. Es gibt gemeine Naturen, die sagen: »Ich will mir von einem Manne nichts schenken lassen« und ihn deshalb in die Lage bringen möchten, daß seine Geschenke Pflichtgabe werden, auf Grund des Ehescheins oder eines Scheidungsurteils. So brauchen sie sich nichts schenken zu lassen, kriegen aber doch. Wie sind da die großen Ausbeuterinnen in ihrer Echtheit vorzuziehen, die lachend einen Mann nach dem andern ausbeuten und dafür mit der Lust ihres Leibes zahlen! Die echte Geliebte hat niemals Angst, sich etwas schenken zu lassen. Was sie gibt, ist so unwägbar viel, daß äußere Güter gleichgültig werden. Wenn sie da sind, genießt sie sie lächelnd. Das ist keine Romantik, sondern klar wie eine Rechenaufgabe. Und wenn es ein Weib gibt, welches die Curtisane zu beklagen, ja vielleicht sie zu verachten ein Recht hat, dann ist es die große unerschrockene Geliebte in ihrer rührenden Vollkommenheit. Außer der Curtisane und der leidenschaftlichen Geliebten gibt es noch einen dritten großen Frauentypus: die Tugendhafte. Sie ist heute leider in Mißkredit gekommen. Der seelische Kommunismus unsrer Zeit begünstigt jene haltlos sinnlichen Geschöpfe, die meinen, weil sie nicht das Zeug dazu haben, tugendhaft zu sein, sie seien zur Geliebten oder zur Curtisane berufen. Ihr Leben ist meist ein ewig scheiterndes Abenteuer. Sie haben nicht das mindeste Recht, die Tugend zu verachten. Die Frauen und das Geld Daß der Besitz oder Nichtbesitz von Geld eine ausgesprochene Wirkung auf den Charakter hat, dürfte wohl allgemein zugegeben werden. Anziehend wäre es, festzustellen, inwiefern die beiden Geschlechter auf jene Ursachen verschieden antworten. Diese Ausführungen sollen nur einen bescheidenen Versuch darstellen, aus dem noch ganz unerforschten Gebiete einige Richtlinien zu zeichnen. Es scheint, daß die Frauen mehr den absoluten, die Männer mehr den relativen Wert des Geldes erkennen. Das bedarf einer Erklärung: Wie man auch immer von der Zulassung der Frauen zu den Berufen denken mag, die Frauenberufe sind weniger einträglich als die männlichen, d. h. der Kampf ums Dasein ist für die Frau schwerer. Das liegt in ihrer Natur begründet, deren wahre Verwirklichung nun einmal außerhalb des Berufslebens liegt. Ihr Streben geht nach dem Heim, dem Kind, der Ordnung, und nur der Umstand, daß viele Frauen heute dieses Ziel nicht erreichen, hat zur Öffnung der Berufe für den weiblichen Wettbewerb geführt. Die Schwierigkeit, ja die Tragik des weiblichen Schicksals ist, daß zu dem, was jede Frau im Grunde ersehnt, zwei gehören, und darin liegt zugleich die dauernde Möglichkeit der Nichterfüllung. Dazu kommen die Gefahren, welche Empfindung und Leidenschaft in sich bergen, die fortgesetzt die Frau bedrohen, das Opfer einer Gefühlsirrung zu werden, so daß sie sich vor der Erreichung des Zieles verzettelt. Alles dies wird noch erheblich erschwert, wenn Lebenssorgen hinzukommen. Ist die Frau besitzlos, so wird das Ziel einer baldigen Verheiratung um ebensoviel wünschenswerter, als es schwerer zu erreichen ist. Nach alledem ist es kein Wunder, wenn die Frau den Besitz absolut schätzt, und niemand nimmt es ihr übel, wenn sie sich vor der Bindung vergewissert, ob der Mann, dem sie ihr Schicksal anvertraut, eine »Situation« hat, denn was jede, selbst die ärmste Frau naturgemäß will, ist teuerer als mancher Luxus, den sich ein Einzelner leicht leistet. Es ist dazu ein Einkommen nötig, von dem mehrere Personen leben müssen. Die Wichtigkeit des eigenen Besitzes dauert aber für die Frau auch noch während der Ehe fort. Wo auf beiden Seiten große Liebe herrscht, verliert diese Frage ihre Bedeutung. In allen Schwierigkeiten aber, die sich zwischen Gatten ergeben können, erleichtert die Sicherung aus eigenen Mitteln der Frau ihre Stellung ungemein. Gleichzeitig werden manche ungünstige Eigenschaften der Frau von dem Manne leichter ertragen, wenn sie ihn nicht auch noch große äußere Opfer kostet. Es ist daher eine ausgemachte Dummheit, wenn in einem wirren modernen Frauenroman ein junges Mädchen folgendes sagt (und später auch tut): »An dem Tage, wo ich heirate, verteile ich mein Vermögen unter meine Geschwister und Freundinnen, denn ich will, daß mein Mann mich um meiner selbst willen liebt.« – Aus all diesen Gründen besteht heute die nirgends aufgeschriebene, aber überall, besonders unter Männern, zugestandene Moral, die gegenüber manchen Mitteln, die wirtschaftliche Lage zu sichern, bei Frauen nachsichtiger macht, als bei Männern. Gewiß, die Preisgabe der Frau für äußere Gegenwerte, Entschädigungsansprüche auf Grund ehemaliger Liebesschwüre, werden öffentlich mehr oder weniger verurteilt, aber man läßt sie doch geschehen und will meistens über den Einzelfall nicht allzu genau unterrichtet sein, um nicht allzu hart verurteilen zu müssen. Kommt ein Mann dagegen in den Verdacht, hinter seiner wohlhabenden Frau herzusagen, sie durch Geheimpolizei beobachten zu lassen, nur um wirtschaftlicher Vorteile willen (ganz von einer wirklichen Preisgabe an eine reiche Dame zu schweigen), so dürfte das allgemeine Urteil mit Recht bedeutend strenger ausfallen. Gewiß, man empört sich auch über manche Mißstände, denen bei der Bühne junge Frauen ausgeliefert sind, aber man empört sich doch immerhin öffentlich und gibt die Tatsachen zu. Man möchte, daß es besser wird, aber daß die am meisten betroffenen Frauen selbst davon reden, beweist die allgemeine Nachsicht, die aus der Erkenntnis kommt, daß die besitzlose Frau im Kampf ums Dasein oft in einer beklagenswerten Lage ist. Der Mann kann, was ihm auch zustößt, nur sein Geld oder sein Leben verlieren, die Frau hingegen hat noch einen dritten Wert zu wahren, dessen Beeinträchtigung ihrem ganzen Schicksal eine andere Wendung zu geben vermag und im Gegensatz zu Geldverlusten niemals rückgängig gemacht werden kann. Kann sie daher für ungesetzliche Hingabe eine äußere Entschädigung erlangen, so ist das nur ein sehr geringer Ausgleich für nicht wieder Gutzumachendes, und man sollte ihn ihr noch weniger mißgönnen, als einem armen Mädchen eine gute Heirat. Das Geld haben schlechthin ist daher für die Frau von absoluterer Bedeutung als für den Mann, weil dadurch alle die genannten Gefahren und Verlegenheiten erheblich vermindert werden, das Gelingen ihrer weiblichen Hoffnung erheblich wahrscheinlicher wird. Es ist also für die Frau sehr viel wichtiger als für den Mann, daß überhaupt etwas Besitz da ist, wobei die Summe zunächst von geringerer Bedeutung ist, falls sie nur hinreicht, um die weiblichen Hoffnungen zu sichern. Vollkommen ändert sich die Stellung der Frau zum Geld in dem Augenblick, wo sie es in hinreichender Menge besitzt. Indem sie plötzlich seinen absoluten Wert zu unterschätzen beginnt, überschätzt sie den relativen. Kaum ist sie von der eben geschilderten Not frei, so meint sie leicht, das Geld dürfe überhaupt keine Rolle spielen, die Beziehungen der Geschlechter seien reine Gefühlsangelegenheiten und dergl. Andererseits ist sie nur zu leicht geneigt, das, was sie besitzt, für unerschöpflich zu halten. In dieser relativen Schätzung des Wertes ist ihr der Mann überlegen. Wieviele Frauen wissen überhaupt, wie viel und wie wenig 100+000 Mk. innerhalb der vielfachen Zusammenhänge des Lebens bedeuten, was man dafür haben kann, was nicht. Aus diesem Grunde ist die besitzende Frau meist großmütiger, zugleich aber auch verschwenderischer als der Mann. Sie hat die Fehler ihrer Vorzüge. Wie leicht lassen sich wohlhabende Frauen, ja solche, die nur ein paar Groschen haben, ihr Geld entlocken! Religiöse, künstlerische, soziale, wohltätige Zwecke verfehlen auf sie selten ihre Wirkung. Vielleicht mag stets eine erotische Unternote in ihren Triebfedern mitklingen; jedenfalls, wenn sie erst einmal lieben, sind sie meistens bereit, alles herzugeben, was sie besitzen. Zweifellos ist ihnen das Geld im Grunde etwas Fremdes, Unangenehmes, sie möchten, daß das Gefühl die Welt lenkt, und darum sind sie geborene Anarchisten. Nur da, wo ihr Gefühlsleben gehemmt wird, jagen sie dem Geld als Schutzmittel nach. (Der eigentliche Geiz, die Anhäufung des Geldes um des Geldes willen zur eigenen heimlichen Freude, kommt wohl bei beiden Geschlechtern gleich oft vor. Er ist eine Ausnahme, ein Laster, eine Entartung und hat mit den gewöhnlichen Beziehungen zum Geld nichts zu tun.) Sobald Frauen Geld haben, sind sie meist nur zu froh, es Gefühlswerten wieder opfern zu können. Gewiß, sie können praktisch, haushälterisch und oftgenug kleinlich sein, mehr als der Mann, aber dann sind sie es oft genug für den Mann, oder worin sie noch großherziger sind, für den Sohn. Man kann das Idealismus nennen; da er aber nur vom Gefühl eingegeben ist, nimmt er in diesem, wenigstens teilweise auf Vernunft gegründeten Dasein bisweilen die seltsamsten Formen an. Dieselbe Frau kann einen Mann ausbeuten – ihm gegenüber ist sie die Arme –, um einen anderen, meistens einen Taugenichts, zu beschenken – ihm gegenüber ist sie die Reiche. Von diesem Gefühlsidealismus liegt sogar ein gut Teil in der entsetzlichen Frage des Zuhältertums verschlossen. Was ein verlorenes Mädchen dazu veranlassen kann, einem solchen Lumpen ihren Gewinn auszuliefern, ist nichts anderes, als der Rest von Gefühlsidealismus, der noch in ihr ist. Gewiß, eine Frau kann sich nicht vollständiger wegwerfen, aber in ihrem Gefühl kauft sie sich von der Preisgabe an die Vielen dadurch los, daß sie es nicht für ihren Nutzen tut, sondern für einen, dem ihre Neigung gehört. Die Widersprüche in den moralischen Fragen sind so groß, daß man wohl in einer solchen, auf die letzte Stufe Gesunkenen hie und da mehr Idealismus finden kann, als bei der, welche ihr Gewerbe mit bürgerlicher Ordnung betreibt und von jedem erzielten Gewinn einen Bruchteil auf die Sparkasse legt, um eines Tages vielleicht als begüterte Witwe in der Provinz ihr Glück zu machen. Die erste kann möglicherweise, wenn es ihr Schicksal will, in eine Heilige umschlagen und mit derselben Einheitlichkeit des Gefühls sich Gott hingeben, wie sie sich früher dem Laster verschrieben hatte. Die andere wird als Hausfrau wie als Dirne gleich hausbacken, kalt und berechnend sein. Ein anderer Widerspruch in der Stellung der Frau zum Gelde zeigt dieser Fall: ein Mädchen nahm einem reichen jungen Manne im Laufe der Jahre all sein Geld ab, so daß ihn sein Vater wegen seines Leichtsinns obendrein enterbte. Als alles, was er besaß, von seinem auf ihr Konto übergegangen war, empfand sie das großmütigste Mitleid mit ihm. Zunächst eröffnete sie ihm einen Freitisch und sorgte freigebig dafür, daß er weiter so schöne Halsbinden tragen konnte, wie die, welche sie im Lenz ihrer Liebe so sehr bezaubert hatten. Dieses Verhältnis mußte notgedrungen zu einer Ehe werden. »Was bleibt Dir zu tun übrig,« sagte sie, »als reich zu heiraten? Da kannst Du doch gerade so gut mich wie jede andere nehmen. Erstens sind wir einander gewöhnt, zweitens weißt Du, daß ich Dich gern habe, Dir Dein Taschengeld nicht zu knapp bemesse und Dir niemals vorwerfen werde, daß Du mich des Geldes wegen geheiratet hast.« Dies ist wirklich vielleicht der einzige Weg, auf dem Mißheiraten erträglich werden. Wenn die Frau den Mann auf diese Weise vor der Ehe zugrunde richtet, dann aber durch die Ehe wieder rettet, kann er sich nie vorwerfen, er hätte dumm geheiratet. Dadurch bleibt beiden der Fluch erspart, der sonst über Mißheiraten lauert. Es ist gewissermaßen eine Vereinigung der Worteile, die eine Geldehe bietet, mit dem Zauber, den die Liebesehe unter dem eigenen Stande zu haben scheint. Dieses höchst verwickelte Verhältnis erklärt mit seltener Deutlichkeit die doppelte Stellung der Frau zum Geld, wenn sie es hat und wenn sie es nicht hat. Aus diesem Grunde verstehen Frauen selten die Stellung des Mannes zum Gelde richtig. Häufig scheint ihnen der ein Narr, der den absoluten Wert des Geldes nicht so klar sieht wie sie, und in einer Dachkammer bei ein paar Büchern und mit einem Sonnenstrahl glücklich ist. Dann aber erscheint ihnen der wieder ein Geizhals oder ein Pedant, der sich nach der Decke streckt, weil er ganz genau den relativen Wert seiner Mittel kennt, d. h. was er dafür kaufen kann und was nicht. Am liebsten verurteilen sie den Mann, der bei dem, was er wirtschaftlich für eine Frau tut, »Hintergedanken« hat, wie man es schamhaft auszudrücken liebt. Sie würden ja, hätten sie Geld, einem geliebten Mann alles geben – gleichgültig, ob ihre Beziehungen körperlicher oder rein seelischer Natur sind. Dabei vergessen sie nur das eine: Wie auch immer die Beziehungen eines Mannes zu den Frauen sind, immer kosten sie ihn Geld, außer er heiratet eine reiche Frau. Der lockerste gesellige Verkehr stellt an die Börse des Mannes mit Recht eine Fülle von Ansprüchen, denen sich nur der entziehen kann, der überhaupt das Zusammensein mit Frauen meidet. Auch eine Frau, die weiß, daß sie wohlhabender ist als ein Mann, und nicht duldet daß er Geld für sie ausgibt, veranlaßt ihn doch zu einer ganzen Reihe von Ausgaben, ohne es zu ahnen. Zu den kostspieligsten Beziehungen gehören bekanntlich manchmal die zu wohlhabenden Damen, die um keinen Preis der Welt von einem Mann Geld annehmen würden. Wenn zum Beispiel eine Dame zu einem Freund sagt: »Mein Lieber, mein Wagen und meine Pferde sind eben von Wien am Bahnhof angekommen; bitte lösen Sie sie mir aus, die Fracht ist vorausbezahlt,« so ahnt sie vielleicht wirklich nicht, was für Ausgaben ihr Freund schweigend trägt. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Das zu zweit sein aber kostet den Mann immer Geld. Gibt ein Mann nun das, was er übrig hat, einer Frau aus reiner Freundschaft, so ist das nicht nur ein Geldopfer, sondern er verzichtet zugleich darauf, mit einer etwa unterstützungsbedürftigen Geliebten, für die doch irgendwie gesorgt werden muß, »zu zweit« zu sein, oder aber er ist, wie die wohlhabenden Frauen es richtig finden, darauf angewiesen, sich von jener anderen, »um seiner selbst willen« lieben zu lassen. Diese Liebe um ihrer selbst willen ist aber, von seiten des Mannes wenigstens, meist eine große Heuchelei. Sie ist jedenfalls sehr sparsam. Man mag ein Idealist sein, wenn man sich von einem armen Mädchen um seiner selbst willen lieben läßt, ritterlich ist man jedenfalls nicht. Mancher junge Herr entzieht einem solchen Mädchen das Nötigste, um es für seine mondänen, mehr oder weniger platonischen Beziehungen auszugeben. Wenn man aus alldem eine praktische Schlußfolgerung ziehen kann, so wäre es diese: Erbt ein junger Mann eine halbe Million, so bedeutet das für ihn, wenn er irgendwelche ausgesprochene Gaben besitzt, die Möglichkeit, alle diese Gaben zu verwirklichen, er kann sich dem Zwang des Berufes entziehen, Gelehrter, Künstler, Entdecker, Gründer werden. Für ein junges Mädchen bedeutet diese Summe nichts mehr als eine ziemlich stattliche Mitgift, und es ist noch nicht gesagt, ob dadurch gerade die wertvollsten Männer angezogen werben. Erbt ein junger Mann dagegen während seiner Studienzeit 50 000 Mark, so hat er damit gewiß einen Vorteil vor besitzlosen Kommilitonen, aber es unterscheidet ihn doch nicht allzu wesentlich von ihnen. Dieselbe Summe dagegen in der Hand eines bisher armen Mädchens, sei es, daß sie auf die Ehe rechnete, sei es, daß sie sich zu einem Beruf vorbereitete, führt einen völligen Umschwung herbei in ihrer Stellung zu allen im Mittelpunkt des Frauenlebens stehenden Fragen. Für ihre Freundinnen und Kolleginnen wird sie plötzlich eine andere Art Mensch, der das Leben ganz anders anschauen kann. »Nun ja, eine, die fünfzigtausend Mark hat!« Sie kann nun bescheiden von ihren Renten leben. In kurzen Worten: Überhaupt etwas zu haben ist für eine Frau viel wichtiger als für den Mann. Eltern mit kleinem Vermögen sollten daher ruhig die Töchter besser bedenken als die Söhne. Die relative Ziffer des Vermögens dagegen ist für den vielseitiger lebenden und veranlagten Mann bedeutend wichtiger als für die Frau, und es ist nicht ohne weiteres zu tadeln, wenn in wohlhabenden Familien mehr auf die Söhne als auf die Töchter verwendet wird, vorausgesetzt, daß für die Töchter noch genug übrig bleibt, um sie dem Kampf ums Dasein wie dem bedingungslosen Heiratsmarkt zu entziehen. Der Stolz der Frau Der Stolz der Spanierin ist sprichwörtlich, er beruht darauf, daß sie ihrer weiblichen Ehre nicht zu nahe kommen läßt, außer wenn sie liebt. Kein Land ist daher so wenig lasterhaft wie Spanien. Die liebende Frau ist vollkommen zuverlässig, andere Männer gibt es für sie nicht. Kommt sie zu der Überzeugung, daß sie sich einem Unwürdigen geschenkt hat, dann kehrt sich ihre Leidenschaft leicht in Rachedurst um, und jene bisweilen tödlichen Liebestragödien entstehen, von denen wir so häufig in südländischen Blättern lesen. Italien hat eine viel verwickeltere Kultur als Spanien, sein gesellschaftlich entfaltetes Leben hat den Typus der ursprünglich leidenschaftlichen Frau hie und da verwischt, aber seine Grundlinien sind auch in Italien noch häufig zu finden. Man weiß, mit welcher Begeisterung dort bei Prozessen die öffentliche Meinung für das Verbrechen aus Leidenschaft Partei nimmt, während sie Frivolität durchaus ablehnt. In einer Mittelstadt Oberitaliens lockte ein Mann der ersten Kreise seine Braut in seine Wohnung, und unter den Beteuerungen seiner leidenschaftlichen Liebe ergab sie sich ihm, darauf ließ er zunächst nichts mehr von sich hören. Auf einen Brief von ihr antwortete er, er habe nur versuchen wollen, ob sie wirklich besser sei als andere Frauen. Da der Versuch mißglückt sei, verzichte er auf weitere Beziehungen. Das empörte Mädchen trat ihm noch einmal in den Weg und fragte ihn, ob dies sein letztes Wort sei. Als sie die Überzeugung gewann, daß es ihm Ernst war, stand es für sie fest, daß er nicht länger leben dürfe. Eines Abends lauerte sie ihm mit der Flinte ihres Vaters auf, schoß ihn nieder, begab sich sofort auf die Polizei und erzählte den Vorfall. Der Polizeioffizier wagte nicht, sie zu verhaften, geleitete sie vielmehr persönlich in ihr Elternhaus zurück. Ein Prozeß fand nur der Form halber statt, denn ihr Freispruch war unzweifelhaft. Aus allen Gegenden Italiens erhielt dieses Mädchen Heiratsanträge. Das ist ein Beispiel dafür, worin der Stolz der südländischen Frau besteht. Auch von den englischen Frauen hört man häufig behaupten, sie seien stolzer als Frauen anderer Länder. Ich habe dieser Frage in England etwas nachgeforscht, indem ich jedesmal, wenn mir diese Behauptung aus weiblichem Munde entgegentönte und die Gelegenheit günstig war, um nähere Aufklärung bat, worauf eigentlich dieser englische Frauenstolz beruhe. Da hörte ich denn fast jedesmal die überraschende Antwort: während sich die deutschen oder französischen Frauen so leicht von ihren Gefühlen hinreißen lassen, habe die Engländerin viel mehr » self-control «. Eine englische Frau erlaube vielleicht einem Manne, daß er sie liebe oder sie küsse, aber sie sei sehr schwer dazu zu bewegen, selbst zu lieben und selbst zu küssen. Wenn nun auch niemand geneigt sein wird, einer derartigen Behauptung Glauben zu schenken – die menschliche Natur ist wohl überall ähnlich –, so ist es doch bezeichnend genug, daß sehr viele englische Frauen in einem solchen passiven Sichhuldigenlassen ein stolzes Ideal erblicken. Ohne rechten Grund sind manche unserer Frauen in dem Übergangszustand, worin sie sich befinden, so unsicher und bescheiden, daß ihnen ein solches ihrer Natur so fremdes Ideal aus der Ferne Eindruck macht. Eine triebsichere Südländerin dagegen würde diese Art des Frauenstolzes, die gewissermaßen das Wesen des Weibes aufhebt, ohne dadurch aber männliche Tugenden hervorzubringen, von Herzen verachten. Sie kann darin nur Kälte, Berechnung und Gefallsucht erblicken. Ein Mann, der die Angelegenheit kühler betrachtet, sieht in diesem Ideal in erster Linie das Unwahre, Unnatürliche und darum Undurchführbare. Die Enttäuschung über diese Undurchführbarkeit aber führt zu den verkniffenen englischen Moralanschauungen, die jedem Ausländer in jenem Lande auffallen, und zu der angelsächsischen Form der Liebe, dem Flirt, dessen eigentliches Wesen in südlichen Ländern überhaupt nicht, in Deutschland nur ungenau bekannt ist. Er hat nichts mit dem harmlosen Tändeln und Kokettieren zu tun, das in allen Ländern bald der Liebe vorausgeht, bald eine bloße gesellschaftliche Konvention ist. Sein Ziel ist vielmehr, unerfahrene Jungen in Lagen zu bringen, in denen Mädchen gewisse Abschlagszahlungen auf die Ehe herauslocken können ohne Rückzahlung. Die Situation erlaubt in jedem Augenblicke, so zu tun, als sei nichts vorgefallen, im Falle der Überraschung aber den Mann als verruchten Bösewicht hinzustellen und ihm die Verantwortung für eine Lage öffentlich aufzubürden, die man selbst herbeigeführt hat. Geschickt Vorgehende können auf diesem Wege unter Umständen eine Verlobung oder aber eine entsprechende Entschädigungssumme erpressen. Daß eine »Lady« so etwas nicht tut, liegt auf der Hand, aber auch die bis ins Einzelne veröffentlichten englischen Ehescheidungsprozesse, die sich der hohen Kosten wegen fast nur Ladies und Gentlemen leisten können, zeigen eine Fülle weiblicher Kampfmittel, die den Glauben erwecken sollen, daß eine Frau immer für eine unnahbare »Lady« zu halten ist. Dabei gibt es kein Land, wo die Frauen häufiger die Beginnenden sind. Haben sie dann so einen Jüngling-Mann in eine Lage gebracht, wo er den Kopf verliert und Dummheiten macht, dann äußert sich jene puritanische Heuchelei, die von nichts weiß und sich über die unerwartete Sündhaftigkeit der anderen beschwert. Dieser englische Stolz, kein Gefühl haben zu wollen, ist kein Instinkt wie der südländische, sondern wie so vieles in England, z. B. die Freiheit, nur eine nützliche Theorie, eine » opinion «. Die berüchtigten » breach of promise cases « sind ihr Ausdruck. Der Stolz der französischen Frau ist sehr verwickelter Natur und wird oft mißverstanden. Die Französin gilt für berechnend, sie verstehe es ganz besonders, Liebesangelegenheiten mit Geldfragen zu verquicken. Es ist richtig, daß die Französin verhältnismäßig leicht den Schritt von der Gesellschaft zur Halbwelt macht. Sie kennt nicht so sehr die Gewissenskämpfe der protestantischen Länder, wo die »Gefallene« weniger durch das, was sie tut, als durch die Verachtung der Gesellschaft hinabgestoßen wird. Aber wie häufig ist es, daß gerade in Frankreich aus einer anfangs eng mit Geldfragen zusammenhängenden Liebe ein »Ménage«, ja ein Idyll entsteht. Ich glaube, der Stolz der französischen Frau ist nichts anderes, als der durch Vernunft gemäßigte Stolz der Südländerin. Auch hier ist der Grundsatz nicht etwa, sich zu versagen, sondern sich nicht an jemanden wegzuwerfen, der morgen über einen lacht, kein Gefühl aufkommen zu lassen, wo es dem andern nur um den Reiz des Augenblicks zu tun ist. Die unübersehbaren Verhältnisse einer galanten Weltstadt wie Paris, dazu die Leichtigkeit des gallischen Charakters, worin doch noch viel von der Stürmischkeit des Südens enthalten ist, alles dies hat viele Frauen, die nicht selbst in Überfluß leben, erkennen gelehrt, daß die Annahme einer Geldentschädigung von einem Liebhaber das einfachste Zeichen dafür ist, daß der Mann dem Augenblicke einen gewissen Wert beilegt. Die unbemittelte Französin kann durchaus nicht begreifen, daß in der blinden Hingabe eines Gretchens ein höherer moralischer Wert liegen soll, als in der klarsehenden Hingabe einer Frau, die genau weiß, daß der Mann nichts so verächtlich behandelt, als eine Frau, die rein ihrer Sinnlichkeit folgt und sich ihm und vielleicht vielen anderen an den Hals wirft. Sie meint, so lange sie von ihm eine Geldentschädigung angenommen hat, darf er nicht behaupten, er habe ihre Liebe genossen. Ihr Stolz gebietet ihr, einen solchen Sieg nur dem zu gönnen, der ihr dessen wert erscheint. Diese doppelte Buchführung stößt außerhalb Frankreichs auf wenig Verständnis. Sie beweist immerhin, daß es sehr häufig nicht niedrige Gewinnsucht, sondern weiblicher Stolz ist, der einer Frau verbietet, als Geliebte eines wohlhabenden Mannes selbst dürftig zu leben. Wenn von seinen Beteuerungen nur ein Funke wahr ist, scheint doch das Geringste, womit er es beweisen kann, daß er die äußeren Annehmlichkeiten des Lebens, die er genießt, auch ihr zukommen läßt. Die Goldstücke, welche die Curtisane am Morgen auf dem Kamin findet, sind ihr das Zeichen dafür, daß sie sich nicht ganz weggeworfen hat. Der Mensch, und ganz besonders der Mann, ist geneigt, das Billige gering zu schätzen und sich dort angezogen zu fühlen, wo er ein gewisses Kapital »investiert« hat. Bei wohlhabenden und dadurch unabhängigen Frauen liegt die Frage anders; für sie besteht die Gefahr nicht so sehr, am Straßenrand liegen zu bleiben. Auch die wenigen gut bezahlten Frauenberufe, wie die Bühne, geben eine solche Sicherheit. In Deutschland hat vor dem Krieg 1870 in breiten Schichten wohl derjenige weibliche Typus vorgeherrscht, den Goethe in Gretchen und Klärchen verkörpert hat. Diese harmlosen Dinger meinten, es sei genug, »jemand einfach lieb zu haben«. Es mag für die damaligen Verhältnisse von Klein-Deutschland auch wirklich genug gewesen sein, aber das deutsche Mädchen von heute, soweit es nicht unter dem Schutze wohlhabender Eltern steht, dürfte doch inzwischen erkannt haben, daß dies nicht genug ist, daß man mit diesen rein auf dem Gefühl beruhenden Ansichten zu leicht in Gefahr kommt, auf die Seite geworfen zu werden. Die Entwicklung des deutschen Mädchens in dieser Richtung wird nun leider dadurch auf Jahrzehnte gehemmt, daß die verbrecherischen Schriften gewisser Gefühlspolitikerinnen, die für idealistisch gelten, bei uns eine so überraschende Verbreitung gefunden haben. Ihre Hauptopfer sind diejenigen Mädchen, denen es noch nicht gelungen ist, ihr Gefühlsleben durch einen Panzer weiblichen Stolzes gegen die rauhen Luftzüge des modernen Lebens zu schützen. Ihnen klingt es besonders verheißungsvoll, daß nur das freie Gefühl der Liebe die Geschlechter verbinden solle. Die sogenannte »Schmutzliteratur« ist weniger gefährlich als solche Lehren. Jene Literatur hat wenigstens den Vorzug, daß man auf den ersten Blick sieht, womit man es zu tun hat. Die meisten Menschen werden ohnedies davon angewidert werden, und wem sie wirklich hie und da die Phantasie erhitzt, der weiß doch genau, was das bedeutet. Ganz anders, wenn alte Fräulein Kulturgeschichte, Sozialwissenschaft, Hygiene und neue Moral predigen. Indem sie sich an das Bildungsbedürfnis, das Denken und die besten Gefühle ihrer Opfer wenden, empfehlen sie sich als wohlwollende Führer, aber das Ziel ihrer Führung ist Verderben. Ein sechzehnjähriges Mädchen kam weinend aus einer Vorlesung der Ellen Key. Auf die Frage nach dem Grund ihrer Trauer antwortete sie: »Ich schäme mich so, daß ich noch kein Kind habe.« Anstatt den Frauen zu zeigen, wie die Welt ist, wie die Männer sind, was sie wollen und ihrer ungebundenen Natur nach wollen dürfen, was man ihnen aber zunächst verwehren muß, anstatt dessen wird unerfahrenen Mädchen eine ideale Welt vorgeschwindelt, in der sie als Märtyrerinnen eines neuen Glaubens ihren Gefühlen folgen sollen, anstatt, mit dem Stolze des Weibes umgürtet, sich der männlichen Begierden so lange zu erwehren, bis die nötige Gewähr da ist, daß für die sozialen, seelischen und körperlichen Folgen der Hingabe vorgesorgt ist. Worin diese Gewähr besteht, mag von Fall zu Fall verschieden sein, ein armes Mädchen wird andere Sicherheiten verlangen müssen als eine reiche Witwe, eine Künstlerin andere als eine Familientochter. Es gibt nur einen Wegweiser für die Frau, der ihr zeigt, was sie geben und was sie verlangen darf, und das ist ihr Stolz. Was den Frauen erlaubt ist Ein Mangel an Takt ist schlimmer als ein Mangel an Tugend. Man hört von manchen Frauen, die ganz gut ohne Tugend gegen den Strom schwimmen; ich kannte keine, die dies ohne Takt wagte, und nicht sank. Lord Beaconsfield. Die Gesetze der herrschenden Moral erlauben der Frau keinerlei Gefühle, die nicht von einem gesetzlichen Band anerkannt sind oder werden sollen. Da nun aber die Frauen unter Umständen auch noch andere Gefühle haben, besteht eine ziemlich tiefgehende Bewegung mit einem radikalen und einem gemäßigten Flügel, welche die Freiheiten der Frau auch auf dem Gebiete der Liebe erweitern will. Die äußerste Forderung verlangt die Abschaffung der Ehe, »jenes Gefängnisses der Gefühle«, und vollständige Gleichberechtigung des weiblichen Begehrens mit dem männlichen. Es wird mit Recht erwidert, daß dadurch die Grundlagen der bestehenden, auf der Ehe beruhenden Gesellschaft zerstört würden. Ohne jene radikale Abschaffung der Ehe ist dagegen der Vaterschaft wegen eine wesentliche Erweiterung weiblicher Gefühlsrechte nicht recht vorstellbar. Dieser Verlegenheit der Liebesreformer gegenüber möchte man fast glauben, daß die Triebe, zu deren Anwälten sie sich machen, überhaupt erst seit den neunziger, frühestens seit den achtziger Jahren da sind, und man fragt sich: Wie waren denn die Menschen, ehe sie durch diese lästige Erscheinung heimgesucht wurden? Der Geschichtskenner und die Dame, deren Teetisch die eleganten Neudrucke der Erotika früherer Jahrhunderte schmücken, wissen, daß die Frauen auch vor den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ziemlich temperamentvoll gewesen sind. Wie haben sie es angefangen, um nicht zu verkümmern? Manche naive Leute sind wohl der Meinung, daß den Marquisen der Rokokozeit der Ehebruch erlaubt war. Das ist diese kindliche Art, die in der Vergangenheit stets gern das goldene Zeitalter der Gefühle erblickt. Vielmehr hat es keine Zeit gegeben, wo den Frauen mehr »erlaubt« war als heute, kein Land, wo die Konventionen weniger galten als Deutschland. Jeder Blick in vergangene Jahrhunderte oder über die deutschen Grenzen kann uns beweisen, daß überall bedeutend strengere Bindungen bestehen, die das Gefühlsleben der Frau unter oft harte Vorschriften stellen. Aber wir wissen freilich auch von einer ganzen Anzahl von Frauen der Vergangenheit, sowie von französischen und italienischen Frauen unserer Zeit, mit welcher Freiheit sie ihr Liebesleben geführt haben. Gewiß, das haben sie getan, aber erlaubt war es ihnen nicht, und dies ist der springende Punkt. Es liegt etwas Pöbelhaftes, an kaum abgestreifte Sklavenketten Erinnerndes in dem hitzigen Drang nach ausgesprochenen, verbrieften Rechten. Man vergißt, daß das ganze Leben sich aus Handlungen zusammensetzt, die nicht erlaubt sind, nicht erlaubt werden können, aber trotzdem stattfinden. Man kann viele Leute, die irgend eine Macht besitzen, durch nichts mehr in Verlegenheit bringen, als wenn man sie jedesmal um eine Erlaubnis fragt, sobald man ihr Machtgebiet betritt. Man tut es im Notfall ganz einfach; das Gefühl, daß man es eigentlich nicht tun sollte, macht einen verschwiegen und bescheiden, und solange man sich nicht »mausig« macht, ist der Machthaber froh, wenn er nicht einzuschreiten braucht. So steht es mit der Macht der Gesellschaft und den Wünschen der Frauen. Einem jungen Mädchen z. B. kann es nicht »erlaubt« werden, sich von einem Mann küssen zu lassen, der ihr gefällt. Geschieht es aber doch hie und da in einer verschwiegenen Ecke, so ist es kein Unglück. Dadurch, daß es Ausnahme bleibt, hat es nicht den abstumpfenden und entsittlichenden Einfluß, den der fast erlaubte, gewohnheitsmäßige »Flirt« in gewissen Kreisen Englands auf die Mädchen ausübt. Noch weniger können einer Frau ungesetzliche Beziehungen »erlaubt« werden, aber zweifellos gibt es einzelne Fälle, in denen man eine solche Beziehung entschuldbar findet, solange sie nicht in taktloser Weise auftritt. Hier kann man nun den Einwand erheben: Ja, wenn alle Leute so duldsam wären, dann ginge es, aber solange die Frau ihre Rechte nicht nach dieser Richtung hin erweitert, hängt sie immer von dem Zufall ab, ob die Menschen duldsam sein wollen oder nicht. Nun, vom Zufall hängen wir in einem fort ab, wenn einer für uns ausschlaggebenden Persönlichkeit unsere Nase nicht gefällt, so hilft es uns nichts, daß wir ein unbestreitbares Recht auf diese Nase haben. Ferner ist es gerade das Wagnis, das solche nur ausnahmsweise zu rechtfertigende Verhältnisse zwingt, sich verschwiegen zu verhüllen und nicht als maßgebendes Beispiel wirken zu wollen. Drittens soll auch nicht behauptet werden, daß die Welt nicht reformbedürftig sei, nur dürfte die Reformlust nicht in radikal-oberflächlicher Weise das Gewordene zu vernichten suchen, um es durch theoretisch Ersonnenes, Unerprobtes wie freie Liebe oder dergleichen zu ersetzen, sondern die Reform sollte es in geistigerer Weise auf eine Erziehung der öffentlichen Meinung zu etwas größerer Duldsamkeit absehen. Einem solchen Streben käme das wachsende psychologische Verständnis unserer Zeit helfend entgegen. Man erkennt heute bereits das Fehlerhafte einer auf die absoluten Begriffe gut und schlecht gestellten, leicht zur Verurteilung geneigten Ethik. Durch unser ganzes Leben geht der Wunsch nach psychologischem Verstehen der Vorgänge, und »alles verstehen, heißt alles verzeihen«. Leider sind aber fast alle Menschen, die sich aufs Reformieren legen, von solcher psychologischen Auffassung ebenso fern wie jene einseitigen Moralisten. Was sie an Stelle des starren Gut und Böse setzen wollen, ist ein moralischer Kommunismus, der die große Verschiedenartigkeit der menschlichen Veranlagung, sowohl der natürlichen wie der gezüchteten, verkennt und ganz einfach die Triebe befreien will, damit sie alles andere in grauer Eintönigkeit überwuchern. So verurteilt man z. B. nicht mehr so streng die Moral des Theaters. Wäre man psychologisch, so würde man sagen: Das Theater ist ein Organismus mit eigenen Gesetzen, die Frauen sind dort so vollkommen anderen Lebensbedingungen unterworfen als in der Ehe oder in den anderen weiblichen Berufen, daß man auf sie jene starren kleinbürgerlichen Sittlichkeitsbegriffe nicht anwenden soll. Gerade früher, als man das Wort Psychologie noch nicht im Munde führte, hat man instinktiv ungefähr so über das Theater geurteilt. Die Bühne mit ihrer Moral, sagte man sich, hat andere Gesetze als die bürgerliche Familie und Gesellschaft. Natürlich gestattete man sich die kleine Genugtuung, die Theatermoral für schlechter zu halten. Unsere psychologischere Zeit sollte sich nun sagen: Was wissen wir viel von schlechter und besser, die Moral der Bühne ist eben anders, sie ist organisch aus ganz bestimmten Voraussetzungen entstanden und hat deshalb ihr Lebensrecht. Die bürgerliche Gesellschaft dagegen kann ungefährdet und ruhig weiter nach ihren Gesetzen leben. Was tut man statt dessen? Man verlangt diesen ebenso unpsychologischen moralischen Kommunismus, der der Schauspielerin die vollen gesellschaftlichen Ehrenrechte gäbe, nach denen sie selten verlangt, der Bürgerfrau aber Freiheiten verleihen will, die das monogame Eheleben unmöglich machen würden. Dieser Kommunismus macht das Leben eintönig. Er zerstört ebensosehr die Tugend, wie er die Sünde spießbürgerlich machen will. Gott und der Teufel verlieren gleich viel dabei. Kann man nicht die Buntheit des Lebens bestehen lassen, die mannigfachsten Formen nebeneinander dulden, ohne ihre Schranken niederzureißen, so wie auch die besten Nachbarn nie auf den Gedanken kommen würden, aus reiner Menschenliebe die Grenzen ihrer Grundstücke zu verwischen? Ich vermute hinter dem Streben nach erotischer Freiheit eine Verschwörung der geschlechtlich besitzlosen Klassen. Indem man zwanglos jedem Trieb einen Ausweg erlaubt, verhindert man die Kristallisation fester Formen, die bestimmter Gesetze bedarf, damit nicht alle Einzelteilchen auseinanderstieben. Menschen mit gemäßigtem Triebleben können in gewissen beschränkenden Gesellschaftsformen bestimmte sympathische und wertvolle Eigenschaften entfalten. Unter dem Zwang ihrer Klasse entwickeln sie Pflichtgefühl, Zuverlässigkeit, oft auch Ehre und Stolz. Wo aber die Leidenschaft zu stark ist, um sich in ein solches Gattungsdasein zu fügen, da soll sie erst an den einschließenden Mauern ihre Kraft erproben, und das Zerstören dieser Mauern soll ihr nicht zu leicht gemacht werden, damit man nicht jede Wallung für Leidenschaft hält. Die meisten Menschen werden nach den Gärungen der Jugend froh sein, sich unbeschädigt in ihren vier Wänden zu finden. Nur der wahren Leidenschaft kann es verziehen werden, wenn sie Schranken niederreißt, und darum darf dies der Frau nicht zu leicht gemacht werden– zu ihrem eigenen Schutze. Der hemmende Zwang gibt dem Trieb die Möglichkeit, seine Heftigkeit zu erkennen und sich klar zu werden, ob er wirklich das Opfer der Stellung und des Rufs wert ist. Das Unsinnige der modernen Lebensreformer ist, daß sie der bloßen Sinnlichkeit und Genußsucht gestatten wollen, was nur der Leidenschaft gebührt. Auch darin zeigen sie sich wieder als moralische Kommunisten. Wie entsetzlich gemein und langweilig wäre es, wenn Hans und Grete grundsätzlich zur Polygamie berechtigt wären und in der Volksschule lernen würden, wie man sich malthusianisch gegen ihre Folgen schützt. Das Naturrecht der persönlichen Leidenschaft, das allen Formen der Überlieferung widerspricht und sie gefährdet, kann niemals in soziale Formen einbezogen, d. h. erlaubt werden, sondern kann nur wie ein großartiger Naturvorgang im Gegensatz zu menschlichen Einrichtungen bestehen. Entweder die Leidenschaft zertrümmert die Formen, dann wird sie oft zur Tragik, oder sie weiß sie zu umgehen, dann entstehen meist komische Situationen. Das Recht der Kultur verlangt den Schutz gegen die Gewalt der Leidenschaft, die Leidenschaft aber fußt auf dem Recht der Natur, der Kampf zwischen Kultur und Natur ist das Leben. Sinnlichkeit und Genußsucht aber haben keine Rechte, sie müssen darauf angewiesen bleiben, hie und da einmal zu naschen, wo etwas Vergnügliches in ihre Greifweite kommt. Man soll diese Naschhaftigkeit zwar nicht als Diebstahl betrachten, aber, ihr ein Recht geben, wäre gemein. Es ist etwas ganz anderes, ob man etwas als menschliche Schwäche verzeiht oder durch Gesetze gestattet. Die Verwirrung der Lebensreformer geht so weit, das Beispiel Christi heranzuziehen und aus seinem Verhalten gegen die Ehebrecherin beinah zu schließen, er habe den Ehebruch gewissermaßen entschuldigen wollen. Nichts liegt dem Sinne des Evangeliums ferner. Der Ehebruch bleibt nach wie vor verboten, aber wer ist so rein, daß er einen Stein auf die Ehebrecherin werfen darf? In diesem Wort Christi liegt die Lösung der ganzen Frage. Der Grund dieser Mißverständnisse liegt im Individualismus, der den Wert alles Gruppenmäßigen verkennt. So ist z. B. die weibliche Tugend, die abgeschafft werden soll, eine vorwiegend soziale, aber darum nicht weniger wertvolle Eigenschaft. Sie ist das Ergebnis der Aufspeicherung gewisser Gemüts-, körperlicher und gesellschaftlicher Werte für eine bestimmte Gelegenheit, nämlich die Ehe. Die damit zusammenhängende Zucht ist eine Charaktereigenschaft erster Ordnung, die zur Zeit unserer Großeltern vielleicht übermäßig, als die einzige weibliche Eigenschaft, geschätzt wurde, heute aber doch wohl stark unterschätzt wird. Das kommt daher, daß diese Zucht fälschlicherweise auch da versucht wird, wo sie keinen Sinn hat, wo nämlich die Gelegenheit, auf die sie zielt, die Ehe, niemals kommt oder wenigstens nicht in einer so wünschenswerten Form kommen kann, daß sie die Opfer, die eine solche Zucht verlangt, wert ist. Daher hat jede Klasse ihre eigene Tugend, und man sollte mehr anerkennen, daß dies berechtigt ist. Mädchen mit geringen Aussichten auf eine angenehme Ehe die Tugend der wohlgehegten Familientöchter aufzwingen, ist eine der größten sozialen Grausamkeiten. Auch dies berechtigt zwar nicht zu dem Verlangen, die Tugend überhaupt abzuschaffen, sondern es kann auch hier nur eine Erweiterung der Duldsamkeit verlangt werden. Unsere moralischen Kommunisten und Kommunistinnen gehen so weit, auch den Familientöchtern, die jederzeit heiraten können, in Büchern über »Liebe und Ehe« die freie Liebe zu empfehlen. Das würde an Niederträchtigkeit grenzen, wenn es nicht ausgemachte Dummheit wäre. Die Folge davon ist die: Unerfahrenen Mädchen wird vorgelogen, die Welt wäre anders geworden, einer Frau sei heute vieles erlaubt, wovon unsere Mütter und Großmütter nichts geahnt hätten; hochstehende Frauen bekämen uneheliche Kinder und wären gesellschaftlich nicht nur vollkommen anerkannt, ja man betrachte sie sogar als Märtyrerinnen einer neuen Weltanschauung. Mir selbst sind eine Reihe von Fällen bekannt, wo junge Mädchen mit bester Kinderstube, mit guten Überlieferungen und allen Vorbedingungen zu einer glücklichen Ehe diesen namenlosen Bestrebungen zum Opfer gefallen sind und ihr Schicksal zerstört haben. Die wichtigste Forderung ist, daß eine Frau, wenn sie irgendeinen Schritt von dem Pfade der bürgerlichen Moralvorschriften abweicht, ganz genau weiß, was sie tut, und nicht durch falsche Lehren oder Gedankenlosigkeit die Tragweite ihres Schrittes verkennt. Solange eine Dame, die sich einmal in Maske in den Strudel eines Faschingvergnügens stürzt, das Gefühl behält, daß sie damit eigentlich nichts Berechtigtes tut, sondern eine heimliche »Eskapade« begeht, wäre es langweiligste Pedanterie, ihr mit Moral zu kommen. Eigentlich gehört sie nicht hierher, aber weil sie das ganz genau weiß, ja dieses Wissen durch die Erkenntnis des Gegensatzes der unerlaubten Umgebung mit der ihr zukommenden noch steigert, darum kann sie ruhig da bleiben. Kurz, eine »Eskapade« ist stets erlaubt. Wer wollte jene leichte Frivolität missen, die wie Champagnerschaum am Rande der Gesellschaft perlt, sie ist etwas ganz anderes als diese traurige Nacktkultur der freien Liebe mit ihrem kommunistischen Moralgesetz. »Etwas Libertinage mildert die Sitten«, sagte ein weiser Moralist des 18. Jahrhunderts. Aber nur die Libertinage kann erlaubt sein, die sich als Libertinage bewußt bleibt und sich nicht mit dem Pathos einer neuen Weltanschauung selbst betrügt. Früher gaben sich die Frauen aus Temperament oder Gewinnsucht, vielleicht auch aus Gleichgültigkeit. Heute kommt eine dritte Klasse hinzu: die Amoureuse aus Weltanschauung. Nie hat im Garten der Venus eine häßlichere Distel gegrünt. Gerade weil es nicht ohne Gefahr ist, ist das Spiel mit solchen Dingen so vergnüglich. Die freie Liebe aber will dem Leben diesen Zauber nehmen, indem sie ihn zum »Recht« entwürdigt, d. h. moralisch macht. Darum ist die freie Liebe gar nichts so entsetzlich Wüstes, sondern die letzte Folge trauriger Spießbürgerei: gewissermaßen alkoholfreier Champagner. Dem Abenteuer soll sein Wagnis genommen werden. Gleiches Recht für alle, auch für die Feigen und Garstigen. Man soll die freie Liebe nicht bekämpfen, weil sie wild und sündhaft, sondern weil sie so bodenlos langweilig ist. Wird sie eingeführt, dann bleibt reinlichen Menschen nichts anderes übrig als die Askese des Klosters. Auf die Frage also, was der Frau außerhalb der Gesetzlichkeit erlaubt ist, gibt es nur eine Antwort: Nichts. Auf die Frage aber, was sie trotzdem unter Umständen wagen kann, gibt es auch nur eine Antwort: Alles. Der Umgang mit Frauen Als Lord Monmouth gestorben war und sein Testament eröffnet wurde, fand man eine Menge von Vermächtnissen für die einstigen Genossen seiner Freuden und für zahlreiche, bereits alternde Frauen in den verschiedensten Ländern Europas. Dazu kam eine überraschende Zahl von Jahresgehältern für treue Dienstboten, gescheiterte Schauspieler und dunkle Fremde. Sein Enkel Conningsby, ein vielversprechender junger Mann, den ganz London für den künftigen Gesamterben gehalten hatte, war eines kleinen Streites wegen, den er mit seinem hochtorystischen Großvater kurz vor dessen Tode in einer politischen Frage gehabt hatte, geflissentlich übergangen worden. Das einzige, was ihm zufiel, war ein Manuskript, was jedoch der Erzähler dieser Tatsachen, der Earl of Beaconsfield, verschweigt. Zufällig ist es mir in der Privatbibliothek eines englischen Landbesitzes in die Hand gefallen. Es enthält den Niederschlag von Mylords reichen Lebenserfahrungen. Der Abschnitt, welcher den Umgang mit Frauen behandelt, sei hier ohne Anmerkungen wiedergegeben. Heute geschrieben, würde er vielleicht das moralische Empfinden verletzen; als kulturgeschichtliches Dokument betrachtet, gibt er einen Einblick in die Erfahrungen eines englischen Großen Herrn aus der Zeit Georgs IV. »Die Frau ist die Hüterin der Sitte. Willst du sie gewinnen, dann sei so sittsam, daß sie vor Ungeduld außer sich gerät und sich verzweifelt fragt: Bis in welche Lagen wird diese Sittsamkeit noch dauern? Erst wenn ihre Neugier die von dir ersehnte Lage herbeigeführt hat, ist es Zeit, die Sittsamkeit aufzugeben, nicht einen Augenblick früher. Bist du reich, so entfalte um die Frau den ganzen Zauber deines Reichtums, so daß sie Reichsein als die einzige Lebensmöglichkeit empfindet. Bist du arm, so webe aus deiner Armut einen Mantel, stolzer und erhabener als ein Königsmantel, und lasse sie fühlen, wie nichtig im Grunde der Reichtum, gewogen mit einer Leidenschaft, ist. Bist du berühmt, so blende sie mit deinem Glanze, lebst du unbemerkt, so zeige ihr die heldenhafte Erhabenheit über den Ruhm. Du überzeugst sie, wenn sie fühlt, daß du das, was du bist, aus Überzeugung sein willst. Das Weib liebt nicht den, der ihr zu Füßen stürzt, ihr rückhaltslos sein Herz gibt und sagt: Tu mit mir, was du willst! Sie entzündet sich nur für den, dessen sie nicht sicher ist. Ich warne dich daher noch einmal vor dem zu frühzeitigen Kniefall. Deine Jugend fragt mich: Woher nehme ich zu solcher Beherrschung die Kraft? Die Erfahrung antwortet: Indem du eine gegen die andere ausspielst. Halte dir eine kleine Liebe, die dich gegen die Gefahren der Einsamkeit feit, deine Ungeduld zähmt, dein Selbstbewußtsein durch Bewunderung mit Kühnheit magnetisiert, während du im Begriff bist, eine große Liebe zu erkämpfen. Ist der Kampf entschieden, dann magst du lange treu sein, sogar fürs Leben. Aber vorher, solange sich die Frau noch mit allen ihren Listen wehrt, sei dein Grundsatz: à corsaire corsaire et demi ! Der Glanz, den dir die Liebe der einen gibt, bezaubert die andere. Männer, die anders reden, sind nie geliebt, sondern nur geschätzt worden. Solange du das Interesse einer Frau erwecken willst, sei kühl, beachte sie kaum. Bist du irgendwo fremd, oder sind viele Nebenbuhler da, dann mache ihr einmal so eindringlich (aber nicht aufdringlich) den Hof, daß sie unbedingt bei eurem nächsten Zusammentreffen eine Fortsetzung erwartet. Das nächstemal sei, als ob nichts vorgefallen. Manchen unerfahrenen Frauen muß ein Mann freilich, wenn er selbst sehr glänzend und gefeiert ist, etwas Mut machen. Erst wenn die Situation der Situationen gekommen ist, darfst du ihr deine ganze Liebe zu Füßen legen, und dann nicht ein Gran weniger. Eine Frau, die sich für weniger als eine große Liebe gibt, ist eine Hetäre. Sie ist darum nicht verächtlich, falls sie Geist besitzt. Ihre Liebe ist verantwortungslos, wie die des Mannes. Ihr Herz zu berühren, ist viel schwerer, als das der keuschen Frau, da die Erfahrung ihr Vergleichmöglichkeiten gibt. Für den jungen Mann, der selten mehr als ihren Körper besitzt, ist sie meist nur ein Ersatz, denn er möchte eine große Liebe gegen eine andere austauschen. Die Hetäre aber wird nicht durch die große Liebe, sondern durch die besondere Persönlichkeit gewonnen. Dem Erfahrenen gewährt sie die höchsten Siege, dem Unerfahrenen die gefährlichsten Niederlagen. Das Schwerste, aber das durch die Erfahrung Erlernbare ist, zu wissen, wann diplomatisch sein und wann – »so, wie es einem ums Herz ist«. Willst du wissen, ob dich eine verschlossene Frau liebt, so erdichte eine Liebe zu einer anderen, und mache sie zur Vertrauten. Sie wird darauf irgendwie antworten und sich dem Seelenkenner durch irgendeine Kleinigkeit verraten. Du hast es in der Hand, die erdichtete Liebesgeschichte von Tag zu Tag so weiter zu spinnen, wie du willst, und endlich vor der Vertrauten den Faden abzureißen und sie selbst zur Nachfolgerin zu machen. Wie wird man eine Frau los? Indem man genau das Gegenteil von dem tut, was ich bisher empfohlen habe. Dann läuft sie von selbst davon. Man versichert ihr täglich, daß man ohne sie nicht mehr leben kann, man wird weichlich, süßlich und schmachtend. Sie wirft sich dem ersten besten an den Hals, der ihr »ein Mann« erscheint, und man hat die Sympathie der Welt und der zärtlichen Herzen auf seiner Seite. Alle bequemeren Mittel sind brutaler und gefährlicher. Die Brünetten sind uns Männern ähnlicher als die Blonden. Ihre Liebe kennt Höhepunkte, infolgedessen auch Erschlaffungen. Sie können genug bekommen, sie wissen von der Liebe. Die Liebe der Blonden ist eine dauernde Erregung, ohne Zäsuren. Sie sind unersättlicher, ihre Liebe hat keinen Anfang und kein Ende. Sie machen keine Erfahrungen, so viel sie auch durchgemacht haben mögen. Sie wissen nie, sie fühlen nur. Sie sind weiblicher, beglückender, aber viel ermüdender. Die Brünetten sind interessanter, aber sie werden vielleicht nie so unwiderstehlich geliebt. Warum essen die wenigsten Frauen gerade so viel, wie ihnen gut steht? Entweder sie sind »ästhetisch« und essen nichts, oder sie essen gleich so viel wie ein Mann. Ich habe in Sizilien ein schlankes schwarzes Mädchen mit einer edlen, ein wenig zu langen Nase gekannt, das aß zu jeder Mahlzeit ein Klümpchen rotes Fleisch wie eine Eule; dazu nahm sie etwas grünen Salat, dann ein Glas Wein, in den sie zum Nachtisch einige Biskuits tauchte. Sie war vollkommen. Eine Frau kann, ohne ihrem Reiz zu schaden, ziemliche Mengen von Austern, Champagner, Süßigkeiten usw. zu sich nehmen. Hüte dich aber vor denen, die für die anerkannten Leckerbissen laut »schwärmen«. Sie sind Gänse und enttäuschen, sobald die Schäferstunde schlägt, genau wie die, welche mißtrauisch jedes neue Gericht betrachten. Beachte dagegen die Romantikerinnen der Küche, die Liebhaberinnen exotischer Gerichte, die durch ihre Einfachheit verblüffen, wie Pilaf, türkischer Kaffee u. dgl. und die auf einer südlichen Terrasse nicht ausrufen: »Pfui, hier wird ja mit Öl gekocht«. Schon die Vorliebe für Tomaten spricht etwas für verfeinerte Sinne.« Hier gibt die etwas geschwätzige Erfahrung des greisen Lords viele weitschweifige Ratschläge über Küche und Keller, man erfährt, wie gründlich er über die Führung eines großen Hauses nachgedacht hat. Zuletzt verliert sich das Manuskript in theologischen Erörterungen gegen die Sekten, was für deutsche Leser von geringem Belang ist. »Der enigmatische Mann« Unter diesem Titel ist ein Roman von Hans von Kahlenberg erschienen, der Name ist ein Pseudonym, hinter dem sich bekanntlich die geistreichste und witzigste unserer schreibenden Frauen verbirgt. Sie zergliedert mit großer Schärfe den Zusammenbruch des intellektuell und ästhetisch überfeinerten bürgerlichen Mannes von heute und stellt ihm als sympathisches Gegenstück den aussterbenden ungebrochenen Mann alter Schule mit ritterlichen Instinkten gegenüber. Wir alle wissen, auf wie verschiedene, teils tragische, teils komische Art die moderne Frau diesem männlichen Zusammenbruch gegenüber antwortet. In dem vorliegenden Buch ist Frau von F. das Opfer eines solchen enigmatischen Mannes geworden. Sie teilt seine Briefe mit, sowie die Ansichten einer Reihe sehr verschiedener Personen, die sie über den Fall befragt hat. Darunter ist am interessantesten die Meinung der Engländerin Lucy Aurelia Pattieson, welche der Frau die bisherige Stelle des Mannes geben und den Knaben eine Erziehung angedeihen lassen will, wie sie vor kurzem bei uns noch die Mädchen erhielten. Ferdinand wird nicht mehr, wie es noch Shakespeare wollte, eine vom Luftzug rauher Wirklichkeit verschonte Miranda, sondern Ferdinande wird sich einen jungfräulichen Mirandus wünschen. Dieser Gedanke ist neu und interessant. Mit uns Männern wird nun gründlich aufgeräumt, die Zeit unserer Herrschaft ist aus. Was bleibt uns da übrig, als nach dem Beispiel gestürzter Geschlechter uns mit dem Sieger gut zu stellen, uns ihm vielleicht nützlich zu machen und bescheiden Anerkennung zu suchen für die 70 Gerechten, die sich vielleicht unter unserer verworfenen Schar finden mögen. Der folgende Brief versucht einen solchen Kompromiß mit dem Sieger. Wird er angenommen, so wären wir Männer wenigstens vorm Versinken in völlige Bcdeutungslosigkeit gerettet. Offener Brief an Frau von F. Verehrte gnädige Frau! Wollen Sie mir erlauben, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten, der durch die Gedanken des von Ihnen mitgeteilten Fragments »Mirandus, über die Erziehung eines Knaben« Dieses Fragment befindet sich in dem Buch: »Der enigmatische Mann« und enthält die Meinungen der Miß Pattieson über die wünschenswerte Erziehung der ci devant Männer. eingegeben ist? Ich entsinne mich, während des sonst dornenvollen Lesens erzieherischer Schriften nur einmal ein ähnliches Vergnügen wie bei diesem Bruchstück empfunden zu haben, und zwar bei dem Buch »Minehaha« des enigmatischen Herrn Frank Wedekind. Sie werden zuerst über diesen Widerspruch erstaunt sein, denn was Lucy Aurelia Pattieson für die Knaben verlangt, wünscht Herr Wedekind für die Mädchen anzuwenden, nämlich eine blumenreiche poetische Klausur, in der sie, im Hinblick auf ihre künftigen Aufgaben, nichts anderes, als liebenswürdig werden sollen. Während ich Ihnen meine Ansichten entwickle, wird sich dieser scheinbare Widerspruch klären. Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß das menschliche Denken bis jetzt darum so unfruchtbar für die gesellschaftlichen Einrichtungen geblieben ist, weil man sich – sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Entzücken über die Symmetrie – zu sehr auf gewaltsame Einteilungen, wie z. B. Gut und Böse gestützt hat. Nur wenige Köpfe erkannten, daß das Leben solche Gewaltsamkeiten nicht erträgt und sich in seiner Vielfältigkeit der Erkenntnis dessen entzieht, der es nach so willkürlichem Schema ordnen will. Eine der gefährlichsten solcher mythologischen Zweiteilungen ist – wie die Führerinnen der Frauenbewegung längst lückenlos bewiesen haben – die Trennung der Menschen in Männer und Frauen. Männer und Frauen im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs gibt es nicht. Soweit der Unterschied männlich und weiblich nur das umfaßt, was innerhalb des Gesichtsfeldes einer gewöhnlichen Hebamme liegt, wollen wir ihn beibehalten. Auch die Beobachtung bleibt unangetastet, daß es selbständige Naturen gibt, die bisweilen von einem guten Intellekt zu hohen Leistungen geführt werden, und daß diesen Charakteren lenksame Naturen gegenüberstehen, die nicht nur widerspruchslos das tun, was man ihnen sagt, sondern bisweilen geradezu Befehle verlangen. Man hat nun den Fehler gemacht, in Gedanken männlich und selbständig, weiblich und lenksam zu verbinden, während doch die Geschichte deutlich zeigt, daß je nach Orten und Zeiten bald die Männer, bald die Frauen die Initiative besaßen. Aus diesem Irrtum sind alle die Ungerechtigkeiten entstanden, welche die heutige Frauenbewegung so klar erkennt, aber aus Mangel an Folgerichtigkeit nicht immer sachgemäß zu bekämpfen sucht. Ich möchte nun versuchen, die letzte Folge dieser Gedanken auszudenken. Mein Vorschlag geht dahin, statt die Menschen durch einen Querschnitt in Männer und Frauen zu teilen, sie durch einen Längsschnitt in ein selbständiges und ein lenksames Geschlecht zu sondern. Um aber nicht in denselben Fehler willkürlicher Zweiteilung zu verfallen, lasse man die Grenzen unbestimmt. Die Geschlechter sind zunächst gemeinsam in harmlosen Spielen zu erziehen. Die Einbildungskraft, der Körper und ein allgemeines Moralgefühl müssen sorgfältig entwickelt werden. Diejenigen, welche dieses Kinderparadies durch stärkere Willenstriebe zu stören beginnen und dort nicht mehr am Platz sind, werden, ohne Rücksicht auf ihr körperliches Geschlecht, ausgesondert und durch das, was wir heute noch männliche Erziehung nennen, zu Charakteren entwickelt. Sie werden sich später dem Kriegswesen, der Politik, dem Handel, der Wissenschaft, der Kunst widmen. Ich bitte Sie, diese Stufenleiter zu beachten, auf der die Willenskraft im selben Maß abnehmen mag, wie die Intelligenz wächst. Der Künstler ist bereits als Zwitter zu betrachten zwischen den selbständigen Naturen und den Bewohnern des Kindheitsparadieses. In diesem bleiben die initiativelosen, lenksamen Naturen ihr Leben lang, falls sie sich durch Gesundheit und Anmut als reine Geschlechtswesen erweisen. Die Schwächlichen und Reizlosen werden ebenfalls ausgesondert und zu jenem Heer von Mittelmäßigkeiten organisiert, deren im einzelnen bescheidene Arbeit, zusammengeschlossen, die großartige Grundlage jeder Kultur bilden muß. Aus dem Paradies (wie es sich in der Kinderstube jedes besseren Hauses finden wird) werden sich jene selbständigen Charaktere später den Lebensgefährten suchen. Hier sollen Ferdinand und Ferdinande ihren Mirandus und ihre Miranda finden, jene, wie wir heute noch sagen würden, echt weiblichen Naturen mit träumerischen Augen, schamhaft geröteten Wangen und schmiegsamen Seelen, wie sie nun einmal das Entzücken und die Lebensnotwendigkeit starker Charaktere und hervorragender Intellekte bilden. Nur wo die privaten Mittel zu jener paradiesischen Erziehung nicht ausreichen, mag der Staat sich um die Kleinen kümmern und, so gut er vermag, die Auslese treffen. In den von ihm eingerichteten (sagen wir der Kürze halber: weiblichen) Erziehungsanstalten mögen die Grundsätze der Minehaha befolgt werden, während sich das Buch »Mirandus« in seinen Erziehungsgrundsätzen wohl ausschließlich auf die Kinderstuben der höheren Klassen beziehen dürfte. Stellen Sie sich vor, gnädige Frau, wie in einer so geordneten Gesellschaft jeder Mensch an seinem Platz stünde. Verschwinden würde dieses törichte Herrchen, das in seinem Beruf untüchtig ist, weil es stets den letzten verliebten Schlager im Kopfe hat und an nichts als seine Schnurrbartspitzen denkt, sich dabei aber für den Herrn der Schöpfung halten darf. Seine Anmaßung würde einer natürlichen, liebenswürdigen Grazie Platz machen, wenn er als bescheidener Günstling einer Amazone wirkte, und er selbst würde größere Genugtuungen finden, als sie ihm heute seine schäbige » bonne fortune « bietet. Verschwinden würde so manches reizlose Reformmädchen, das, weil es nicht begehrt wird, sich zu allerlei intellektuellen Ausschweifungen hingerissen fühlt. Sie würde als untergeordnete Bürgerin eine passende Beschäftigung finden und in ihrer Sphäre leicht heiraten können. Ihr heutiges Unglück besteht darin, daß sie bald als Charakter, bald als Intellekt, bald als Geschlechtswesen gelten möchte, während sie einfach wacker mittelmäßig ist. Verschwinden würde jenes gewissenlose Freibeutertum der selbständigen Männer, die heute, um ihren berechtigtesten Trieben Genüge zu tun, zu Mitteln greifen müssen, die oft die Gemeinheit streifen. Minehaha würde ihnen das bieten, was sie brauchen, bis sie ihre »Miranda« zum Bund fürs Leben gefunden haben. Verschwinden würde – und das wird den kämpfenden Frauen von heute das Wichtigste sein – die von einem Laffen geschändete und um ihr Leben geprellte, wertvolle Frau. Sie wird künftig ihren »Mirandus« fest in der Hand haben, ob er nun ihr Gatte ist, oder nur den » menus plaisirs « ihres Alkovens dient. Es versteht sich, daß die Selbständige für ihren Mirandus wirtschaftlich aufzukommen hat und absolute Treue von ihm verlangen darf. Die Scheidung kann von beiden Teilen verlangt werden, aber Ehebruch der selbständigen Persönlichkeit gilt, wenn er sich nicht mit besonderer Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen den hilflosen Mirandus oder die schwache Miranda verknüpft, nicht ohne weiteres als Scheidungsgrund. Besonders muß es auch dem selbständigen Geschlecht freistehen, zur Erhaltung der Rasse einen anderen Genossen zu wählen, als zur Erheiterung müßiger Stunden. Zum Schluß sei noch davor gewarnt, einen törichten Paragraphen einzuführen, der den Selbständigen die Liebe untereinander verbietet. Mirandus und Miranda müssen freilich in dieser Hinsicht ein wenig beaufsichtigt werden, obgleich man Verfehlungen unter ihnen nicht zu schwer, sondern mehr als Kindereien nehmen soll. Aus solchem verbotenen Umgang entstehende »Mirandinen« finden bei Minehaha liebevolle Aufnahme und Pflege. Zwischen den Selbständigen werden trotz dem körperlichen Geschlechtsunterschied Liebesabenteuer ohnehin zu den Ausnahmen gehören. Ehen zwischen ihnen erfordern einen eingehenden Vertrag, in dem sie alle ihrer »Individualität« entsprechenden Vorbehalte festsetzen, besonders inwieweit sie sich gegenseitig den Verkehr mit Miranden gestatten wollen. Im allgemeinen werden sie wohl vorziehen, zusammen in einem strenglinigen Herrenzimmer bei altem schottischem Whisky und Importzigarren die Fragen der Politik und Wissenschaft zu erörtern und sich vielleicht nach Mitternacht in die Ohren zu flüstern, wie sie ihre verlorenen Augenblicke durch einen Mirandus oder eine Miranda beleben. In einer Gesellschaft, die auf diese Art Harem und Emanzipation vereint, würde kein enigmatischer Mann aufkommen, denn er ist nichts anderes, als ein schlecht erzogener Mirandus. Sind damit nicht alle Fragen der Frauenbewegung gelöst? Ich küsse Ihnen die Hand, gnädige Frau. Oscar A. H. Schmitz. Einfälle und Gespräche Wenn man heiraten will, soll man sich's vorher überlegen. Wenn man sich's aber vorher überlegt, heiratet man nicht. Wenn man heiraten will, soll man sich's also nicht vorher überlegen. Studierte Frauen muß man eine Zeitlang in Quarantäne legen, ehe man sie zur Frau nimmt. Sie kommen aus pestverdächtigen Häfen, aber es kann natürlich vorkommen, daß sie trotzdem nicht angesteckt sind. Das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin zeigt, daß unter dem Klima der Mark Brandenburg nicht der Monat Mai, sondern der Juni der wunderschöne ist, in dem alle Knospen springen, denn im Monat Februar werden die meisten Kinder geboren, am wenigsten im Oktober, was dem Januar den Charakter dürftiger Nüchternheit in den Gefühlen gibt. Diese poetische Harmonie mit den Jahreszeiten verschwindet vollkommen in der Statistik der Eheschließungen, die, prosaisch genug, ihre höchste Kurve in den sogen. Ziehmonaten, April und Oktober hat. Eine Frau wird, weil ihr Schoß unfruchtbar ist, ebensowenig die geistige Schöpferkraft erwerben, als ein Mann, der an Gehirnschwund leidet, darum Kinder zur Welt bringen kann. Manche Frauen glauben, weil sie eine »Seele« haben, dürften andere Frauen keine Jupons tragen. Manche Männer glauben, weil sie Jupons lieben, dürften Frauen keine Seele haben. Ehefrauen brauchen niemals Kinder anderer Frauen zu bekommen, Ehemänner bekommen aber sehr leicht Kinder anderer Männer. Aus diesem Grund wird man mir niemals einreden, der Mann sei im Kampf der Geschlechter im Vorteil. Frauen, die viel geliebt worden sind, pflegen gut von den Männern zu denken. Männer, die viel geliebt worden sind, werden oft zu Verächtern des Weibes. Wenn Mann und Frau darüber abrechnen, wer in der Liebe mehr gibt, wird es sehr unerquicklich. Beide haben recht, wenn jedes sich für freigebiger hält. Der Mann gibt oft absolut mehr, als die Frau, aber für ihn bedeutet es in seinem Lebenshaushalt verhältnismäßig viel weniger; die Frau empfindet das, was sie gibt, auch wenn es absolut weniger ist, verhältnismäßig als mehr, da es oft alles ist. Man kann die Eier gewisser niederer Seetiere bereits auf chemischem Wege befruchten. Wenn dies erst mit den menschlichen Eiern möglich sein wird, sind wir Männer vollkommen überflüssig. Wir werden dann wahrscheinlich versuchen, uns mit Hilfe des »schnöden Mammons« in den Besitz menschlicher Eier zu setzen und chemische Zeugungen vorzunehmen. Die Frauen, die sich für einen solchen Handel hergeben, werden von den Frauen, die dies nicht tun, der sozialen Ächtung überantwortet werden und eine neue Art Prostitution darstellen. Die Frauenfrage tritt in eine neue Phase und es wird ein kolossaler Überschuß von Ethos und Seele verpufft werden. Dialoge I Er : Du solltest nicht, wenn in Gesellschaft das Gespräch auf heikle Gebiete kommt, so viel Freude daran zeigen oder gar selbst Beiträge liefern. Sie (bereits verstimmt): Warum nicht? Er : Es steht Dir schlecht. Sie : Warum soll mir das nun wieder schlecht stehen? Er : Nun, es steht überhaupt Frauen schlecht. Sie : Aha, da haben wir's, wieder eine von den Unterdrückungen durch den Herrn der Schöpfung... Er : ... damit Ihr Euren Reiz nicht verliert, mit dem Ihr ihn beherrscht. Sie (mit Größe): So wollen wir nicht herrschen. Er : Gut, dann versucht es damit, daß Ihr zweideutige Geschichten erzählt. Sie : Als ob wir das wollten! Er : Warum tatest Du es dann heute? Sie : Taten es nicht alle? Er : Die Männer, ja. Sie (ethisch erglühend): Wenn es nichts Schlechtes ist, so darf es eine Frau so gut wie irgendein Mann, und ist es schlecht, so sollen's die Männer auch nicht. Er (voll Reue, daß er es so weit hat kommen lassen, und ermüdet): Wenn ich Dir aber sage: es steht Dir schlecht. Sie : Glaubst Du, daß es den Männern gut steht? Er : Das mußt Du wohl gefunden haben, sonst hättest Du Dich nicht so lebhaft beteiligt. Sie (Ibsenisch herausbrechend): Weil ich keine konventionelle Heuchlerin bin, wie Fräulein B., der man ihr heimliches Vergnügen wohl anmerkte, obwohl sie sich auf verlegenes Grinsen beschränkte. Er (aphoristisch): Das Lächeln von Fräulein B. hat die Männer in den Grenzen gehalten, innerhalb deren ihnen ihre Keckheit noch gut stand. (Verläßt befriedigt das Zimmer.) Sie (stürzt auf die Bibliothek, schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf und sinnt über den durch den Gebrauch schon zerknitterten Seiten, welche die Ehescheidungs-Paragraphen enthalten). Er (kommt nach einigen Minuten wieder zurück und will ihr über das Haar streichen): Kind, laß uns wieder vernünftig sein! Sie : Nein, das ist ja gerade das Feine an mir, daß ich so kolossal unvernünftig bin! II Sie : Nein, daß Du Fräulein X. auszeichnest. Gewiß, ich bin nicht vollkommen, ich habe manchen Fehler, aber das sehe ich wohl, gerade Fräulein X. hat meine Fehler in höherem Maße. Er : Merkst Du denn nicht, daß ich sie für eine komplette Gans halte? Sie : Damit willst Du mich nur beruhigen. Aber ich weiß wohl, daß Du jede Frau, die Du kennen lernst, höher schätzest als mich. Er : Du bist eben nicht komplett. Reisen Der Baedeker oder die Technik des Reisens Leute, die einen unabhängigen Geist zeigen wollen, pflegen auf den guten Baedeker zu schimpfen. Haben sie es vielleicht nötig, sich durch einen Stern oder gar durch zwei darauf hinweisen zu lassen, welche Bilder gut, welche Bauten sehenswert, welche Gebirgsaussichten unvergleichlich sind? Nein, sie wollen ihrer eigenen Individualität folgen, die wird sie schon richtig bedienen. Andere bescheidenere Menschen stellen sich in den Zeiten des regsten Verkehrs mitten auf die Piazza della Signoria oder Trafalgar Square, entfalten einen riesenhaften Stadtplan, während die Flut der Weltstadt um sie brandet oder das südliche Volksleben, von ihnen ungesehen, seine Reize zeigt. Sie entdecken plötzlich am Abend vor der Abreise, daß sie einen Baedekerschen Stern außer acht gelassen haben und ihr Gewissen quält sie, wie das eines Schülers, der seine Aufgabe nicht gelernt hat. Man kann behaupten, daß beide Menschen die Technik des Reisens nicht besitzen. Wozu, wird mancher fragen, ist zum Reisen überhaupt eine Technik nötig? Die meisten Leute müssen mit Zeit, Geld und Kräften sparsam sein. Nun befinden sie sich plötzlich in der Lage, über ein kleines Kapital von Zeit, Geld und Kräften zu verfügen, und deshalb hängt alles davon ab, ob sie die Kunst der Ökonomie besitzen. Technik des Reisens ist also nichts anderes, als Ökonomie mit Geld, Zeit und Kräften. Ich denke hier nicht an Menschen, die in einseitiger Absicht reisen, z. B. solche, die ein paar Wochen lang »ausspannen« wollen und aufs Geratewohl in einem Land herumreisen, gleichgültig, was sie sehen. Sie mögen sorglos mit Zeit und Geld umgehen. Ebenso sehe ich ab von Gelehrten, die in einer beschränkten Zeit eine bestimmte Anzahl von Dingen unbedingt sehen müssen, auch auf die Gefahr hin, ihre Kräfte etwas zu überspannen. Ich stelle mir vielmehr einen Reisenden vor, welcher in einer bestimmten Zeit ein bestimmtes Land kennen lernen will, der nicht die Wut der Vollständigkeit hat, aber auch nichts Wesentliches auslassen will. Für ihn ist es wichtig, daß er von seiner Reise »etwas hat«, daß er sich nicht durch ihm langweilige Dinge erschöpft, sondern bis zum Schlusse der Reise genießt. Gerade Menschen der letzten Art pochen oft auf ihre Individualität und lehnen jeden gedruckten oder lebendigen Führer ab, um sich ganz dem Zufall zu überlassen. Nun ist nichts wahrer, als daß ein auf zufälligem Spaziergang erstiegener Berggipfel oder eine beim Umherschlendern gefundene abliegende Kirche uns erheblich mehr erfreuen, ja uns sogar mehr von dem Wesen eines Landes mitteilen kann, als die Sehenswürdigkeiten mit Baedekerschen Sternchen. Wer sich aber rein auf diese Zufälle verläßt, macht den großen Fehler, welchen so viele »individuelle« Menschen heute in ihrer ganzen Lebensführung begehen: sie mißachten Überlieferung, Gewohnheit und Konventionen. Sie verdammen sich freiwillig zu einem gewissen Außenseitertum und verlieren schließlich alle Fühlung mit dem Wirklichen. Wer die nun einmal aufgestellten Wegweiser geflissentlich mißachtet, kann wohl von Zeit zu Zeit einmal in ein besonders liebliches Wiesental geraten, meistenteils aber wird er sich verlaufen. Gerade dieses Unvorhergesehene sollte man dem Zufall überlassen. Wer aus dem Zufall ein System macht, eine Reise (oder auch das Leben) auf den Grundsatz aufbaut, an den Wegweisern vorbei zu laufen, ist ein Narr, meinetwegen ein individualistischer. Eine möglichst gute Vorbereitung für eine Reise ist also Hauptbedingung, zumal wir die Erfahrung machen können, daß unsere Interessen mit unseren Kenntnissen steigen. Die meisten Dinge, die uns langweilig sind, sind es bloß, weil wir nichts davon verstehen. Die Vorbereitung auf eine Reise soll in uns gewissermaßen die Gefächer »immer«, in die wir die Eindrücke aufnehmen werden, oder wenn wir das Andrängen der Eindrücke mit einem Strom vergleichen wollen: wir müssen Gefäße mitbringen, um aus der Flut schöpfen zu können. Ich habe ganz Europa und einen Teil von Afrika und Asien bereist und habe es immer für ein Unglück gehalten, wenn für ein Land noch kein Baedeker da war. Welchem Bildungs- und Wissensgrade ein Reisender auch angehören mag, er soll zum Baedeker greifen. Indem ich das anerkenne, enthülle ich mich vor den Augen vieler als Pedant und Philister, aber ich freue mich dennoch, eine alte Dankesschuld an den Urheber der roten Bände abtragen zu können, über den es Sitte ist, sich lustig zu machen. Wer sogenannte Kulturinteressen hat, findet im Baedeker die ersten notwendigen Literatur- und Quellenangaben, die wissenschaftlich durchaus zuverlässig sind. Ich gebe zu, daß die kunstgeschichtlichen Aufsätze aus bewährten Federn dem dilettantischen, rein verstandesmäßigen Kunstbetrieb unserer Zeit zu weit entgegenkommen und damit die Manteltaschen der nicht von dieser Kunstwut Angesteckten mehr als nötig beschweren. Ich würde vorziehen, statt dessen in jedem Bande ein ganz kurzes alphabetisches Wörterbuch zu finden, das auf die dem Reisenden täglich auftauchenden Fragen über die Hauptereignisse und -personen des Landes bündige Auskunft gibt. Darin dürfte aber die Kunst keinen weiteren Raum einnehmen, als andere Gebiete, besonders Geschichte und Politik, es wäre wichtiger, in diesem Wörterbuch eine Angabe zu finden über einen im Mittelpunkt des modernen Lebens stehenden Mann, als über halbvergessene Lehrer und Schüler großer Meister der Kunst. Was nun die praktischen Angaben im Baedeker betrifft, so sind sie fast ganz zuverlässig. Man muß bloß das einfache System seiner Sternchen und Beiworte begriffen haben, um schon in der Bahn den Gasthof herauszufinden, der einem passen wird. Besonders bezeichnend ist es, wenn bei dem Namen einer Stadt der erstgenannte Gasthof weder ein Beiwort noch ein Sternchen hat, dem zweiten etwa das Wort »Gelobt« beigefügt ist, über dem dritten aber ein Sternchen strahlt. Das soll wohl heißen: Der erste Gasthof ist anspruchsvoll und schlecht, der zweite ist wahrscheinlich ein Konkurrenzunternehmen, das notgedrungen ein bißchen besser sein muß, um sich halten zu können. Das dritte ist ein altes, gutes aber nicht anspruchsvolles Haus. In dieser Beziehung folge ich Baedeker so unbedingt, daß ich lieber in ein Haus zweiten Ranges mit Stern, als in eines ersten Ranges ohne Stern gehe, denn die Sterne werden, wie ich höre, nur auf Grund eines » concensus omnium « verliehen, der sich aus den zahlreichen, an den Verlag gelangenden Zuschriften ergibt. Persönlicher wird man bei der Auswahl der Sehenswürdigkeiten verfahren. Der Guide Joanne oder die Führer von Brown und Murray geben die Beschreibung der Sehenswürdigkeiten, ohne sie irgendwie nach dem Rang zu ordnen. Individualisten ziehen das vor, weil sie sich weniger in ihrem Selbstbestimmungsrecht beeinflußt fühlen. Ich habe es sehr ermüdend und zeitraubend gefunden. Wenn ich eine Anzahl von Moscheen oder antiken Tempeln gesehen habe und ich lese nun, daß in irgendeiner nur mit Anstrengung oder großen Kosten zu erreichenden Einöde noch ein solches Denkmal steht, so gibt es nur eine Frage bei der Entscheidung, ob man die Reise machen soll: Welchen Rang nimmt der Bau in der Schätzung der Kenner ein? Es ist daher vollkommen berechtigt, dem Tempel von Paestum zwei Sterne zu geben und einem anderen gar keinen. Wer überhaupt noch keinen gesehen hat und auch so bald keine andere Gelegenheit dazu haben wird, mag auch zu den ungestirnten Tempeln pilgern und vielleicht einen stärkeren Eindruck haben, als ein anderer vor der Akropolis. Baedekers Vorzug ist, daß er nach konventionellen Maßstäben urteilt. Wer heute in den Louvre oder den Prado geht, will an ganz bestimmten Bildern nicht vorbeilaufen und wird, besonders wenn seine Zeit drängt, für jeden Wegweiser dankbar sein. Individuellen Entdeckungen kann ja außerdem jeder so viel Raum geben, wie er mag. Dafür kann es naturgemäß keinen anderen Führer geben, als die eigene Laune, aber selbst einer individuellen Minderheit kommt Baedeker so weit entgegen, daß er in eng gedruckten Absätzen auf vieles aufmerksam macht, woran der konventionelle Durchschnittsreisende vorübergehen, was aber den Liebhaber von Seltenheiten erfreuen mag. Zweifellos gehört es zu den unangenehmsten Dingen auf Reisen, wenn man überall sofort als Fremder erkannt und behandelt wird. Daran soll auch häufig der Baedeker schuld sein. Er ist es nur da, wo er falsch benutzt wird. Dank dem Baedeker sind wir vielmehr in der Lage, an jedem Bahnhof so anzukommen, als wären wir hier bekannt. Wir lesen im Baedeker, daß wir in Budapest bei der Ankunft »Hordar« rufen müssen. Das heißt Gepäckträger. Wir sagen dem Mann den Namen des im Baedeker gefundenen Hotels, kennen die Taxe, die er zu beanspruchen hat, und nichts kann den Mann hindern, uns für echte Magyaren zu halten, wenigstens liegt ihm der Gegenbeweis ob, daß wir es nicht sind. Wir haben die Zeit in der Bahn dazu benutzt, zu erforschen, ob wir, falls uns der Gasthof nicht gefällt, in einem uns vielleicht mehr verlockenden Haus speisen können. Wir unterliegen daher nicht den Vorschlägen des Gasthofbesitzers, Geschäftsführers oder Oberkellners. Wir wissen die Namen der besten Zeitungen, in denen wir die Theateranzeigen finden, wir haben den Stadtplan im Kopf, so daß wir nicht öfter einen Kutscher brauchen, als zu Hause, Wir wissen die Sehenswürdigkeiten, die wir auf alle Fälle sehen wollen, und können daher, dank Baedeker, viel Zeit zum »individuellen« Bummeln gewinnen. Wir wissen, ob wir auf einem Spaziergang ein erträgliches Speisehaus finden werden, oder ob wir an einem Sommerabend ein Flußbad nehmen können. Wir sind nicht auf das gönnerhafte Gutachten des Oberkellners angewiesen, um zu erfahren, ob wir an dem oder jenem Ort Frack oder Straßenanzug tragen sollen. Kurzum, durch die richtige Benutzung des Baedekers, den wir hübsch in der Tasche behalten, fallen wir so wenig wie irgend möglich als Fremde auf. Deutsche auf Reisen Ein deutscher Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, das Ansehen der Deutschen im Auslande zu heben. Es scheint also die Überzeugung zu bestehen, daß der Deutsche draußen nicht seinem Wert entsprechend geachtet wird. Damit stimmen häufig wiederkehrende Bemerkungen in ausländischen Blättern überein, welche die deutschen Reisenden tadeln oder verhöhnen. Viele mögen sich, ihres eigenen Wertes bewußt, an solche Urteile nicht kehren. Immerhin lohnt es die Mühe, einmal den Ursachen der immer wiederkehrenden Erscheinung nachzuspüren. Deutschlands Kultur im Mittelalter und der Frührenaissance erreichte oder übertraf, mit Ausnahme Italiens, die aller europäischen Völker. Die Religionszwiste des 16. Jahrhunderts zerstörten unser geistiges Leben, der Dreißigjährige Krieg vernichtet allen Wohlstand und den größten Teil der Bevölkerung. Während unsere Nachbarvölker organisch an ihre Überlieferung anknüpfen, sie weiter entwickeln und ein modernes gesellschaftliches Leben ausbilden konnten, mußten wir, nachdem wir uns ein wenig erholt hatten, ganz von neuem beginnen. Das Ergebnis war zunächst unsere ganz aufs Geistige gerichtete klassische Kultur des 18. Jahrhunderts, neben der die größte äußere Armut möglich war. Erst nach dem Krieg von 1870 hat sich eine breitere Klasse Wohlhabender gebildet, die mit ähnlichen Schichten des Auslandes in der Höhe der Lebensführung wetteifern können. Wenn wir alles dies erwägen, brauchen wir uns nicht zu schämen, ja, sind wir zu der aufrichtigen Anerkenntnis gezwungen, daß wir an gesellschaftlicher Kultur den übrigen west-, ja sogar südeuropäischen Völkern unterlegen sind, soweit wir sie in anderer Beziehung auch überflügelt haben mögen. Man mag dies für unwichtig halten, will man aber erfahren, woran die Unbeliebtheit der Deutschen im Ausland liegt, so ist dies der einzige Grund. Diejenigen Deutschen, die von Haus aus oder durch spätere Erfahrungen jene Welterziehung besitzen, haben sich niemals über Mangel an Freundlichkeit oder Achtung auf Reisen zu beklagen. Indem ich einige Beispiele gebe, verkenne ich nicht, daß manche deutsche Fehler die Begleiterscheinungen großer Vorzüge sind. So treibt zum Beispiel ein aufrichtiges Bildungsbedürfnis bei uns viele gering Bemittelte hinaus, die in anderen Ländern zu Hause bleiben. Gerade ihnen fehlt natürlich besonders häufig jene gesellschaftliche Erziehung. Sie sind es, die mit Vorliebe in Vereinen reisen. Niemand wird ihnen ihre Freude mißgönnen, aber wenn man z. B. in Konstantinopel oder in Madrid in jedem Kaffeehaus, auf jedem öffentlichen Platz zwei oder drei dieser meist etwas unbeholfenen Gestalten mit demselben grünen Hut, demselben Vereinsabzeichen, die Frauen mit denselben hinaufgeknöpften Lodenröcken das Vaterland vertreten sieht, so kann man sich schwer des Lächelns enthalten, zumal wenn sie abends wieder an langen Tischen beim Bier zusammensitzen, in meist harmloser Rücksichtslosigkeit gegen die Umgebung lärmend ihre Eindrücke tauschen, in lautes Entzücken über Gasthöfe ausbrechen, wo das Essen besonders reichlich war, ja bisweilen sogar Chorgesänge anstimmen. – Eine andere Gruppe deutscher Reisenden sind Studenten mit Umgangsformen, die aus dem vormärzlichen Kleindeutschland stammen. Zum Erstaunen aller Ausländer sind sie fähig, zu jeder Stunde des Tages und in jedem Klima Bier zu trinken und diese Tätigkeit mit Zeremonien zu begleiten, die für den Uneingeweihten sinnlos, wenn nicht abstoßend sind. Eine der vornehmsten deutschen Studentenverbindungen hatte einmal die »Bieridee«, am nächsten Sonntag den Frühschoppen in Rom abzuhalten. Die jungen Leute nahmen in vollem Wichs den Nord-Süd-Expreß, kamen rechtzeitig um 11 Uhr in Rom im »Gambrinus« an, vollführten ein ungeheures Geschrei, rieben Salamander, tranken »Bierjungen«, ließen die »Füchse« in die »Kanne steigen«, machten dann eine »Renommierfahrt« durch die ewige Stadt und fuhren mit dem Abendzug nach Hause zurück. Es kamen keinerlei Ausschreitungen vor, kein allzu sichtlicher Einzelrausch, vom studentischen Standpunkt aus war alles korrekt, dafür bürgte Ruf und Name der Korporation, aber dennoch sprachen noch jahrelang die Römer von diesem Einfall teutonischer Barbaren. Ich erwähnte schon die breite Schicht der wenig bemittelten deutschen Reisenden, die im Ausland besonders ins Auge fallen. Wenn Ausländer in engen Verhältnissen reisen, so haben sie meist ein sehr bescheidenes Auftreten. Nicht aus Demut, sondern vielleicht gerade aus Stolz und mit gutem Geschmack bleiben sie Orten fern, wo sie ihrer Erscheinung wegen fürchten müssen, an die Wand gedrückt zu werden. Viele Deutsche denken nicht darüber nach, drängen sich vielmehr in ihrer »praktischen« Reisetracht in die Eleganz der Promenade des Anglais in Nizza oder in ein Londoner Westendspeisehaus, wo sie vielleicht für einen Schilling ein Getränk nehmen, um den »Rummel« einmal gesehen zu haben. Dieser Standpunkt ist durchaus falsch. Jeder Mensch hat das Recht, den »Rummel« zu verachten, dann soll er ihm fernbleiben. Wer sich aber einmal hineinmischt, muß das Stilgefühl haben, die vorgeschriebene Maske zu tragen. Diese Art von Reisenden ist es, die fortgesetzt wegen der Rechnungen, der ihnen zugewiesenen Zimmer usw. mit den Kellnern in Zank gerät. Es ist zugegeben, daß das Gasthofwesen schreiende Mißstände enthält, schreiender als jene Gelegenheitsreisenden selbst vermuten. Es würde sich lohnen, einmal klarzulegen, nach was für pfiffigen Systemen eine Minderzahl von Geschäftsmenschen jeden einzelnen, der sich ein wenig in der Welt bewegen will, besteuert, ja ganze Gegenden und Länder wie mit einer hohen Zollmauer umschließt. Wie sehr man diese Mißstände verurteilen mag, es gehört zur Welterziehung, daß man sie kennt, sich im einzelnen Fall nicht darüber aufregt und jedenfalls nicht mit dem zufälligen Vertreter dieses falschen Systems einen Streit anfängt, in dem man, so sehr man materiell im Recht sein mag, formal immer unterliegt. Ich empfehle zwar durchaus, bei der Ankunft im Hotel nach dem Zimmerpreis zu fragen, »Irrtümer« in den Rechnungen zu verbessern, aber nur, wenn man imstande ist, dies mit vollkommenster Ruhe, ohne jede Entrüstung zu tun. Die Erfahrung schmiedet mancherlei Waffen. Viele Deutsche sind beim Trinkgeldergeben von auffallender Unsicherheit und bringen sich dadurch um das, wofür man Trinkgelder gibt: um zufriedene Gesichter. Die zaghaft gereichte Gabe befriedigt nicht. Ist man einmal wirklich im Zweifel, ob man genug gegeben hat, so frage man ruhig: »Sind Sie nicht zufrieden?« Vielleicht hört man nun einen berechtigten Anspruch vertreten oder aber faule Ausflüchte. In beiden Fällen weiß man, was man zu tun hat. Im allgemeinen spare man am wenigsten mit Trinkgeldern, kein Geld ist besser angelegt. Nichts muß eine Reise mehr verbittern, als das beständige Gefühl, überall wie der Gottseibeiuns mit Gestank von hinnen gefahren zu sein. Die alleinreisenden Damen nehmen heute so sehr an Zahl zu, daß auch über sie ein Wort zu sagen lohnt. Die Frage, an welche Orte Damen allein gehen »können«, läßt sich auf zweierlei Art beantworten. Rein physisch gesprochen, »können« sie heute überall hingehen, außer vielleicht in ein Herrenschwimmbad. Eine andere Frage ist, durch welche Schritte sie aufhören, für Damen zu gelten. Außer dem Speisesaal des Gasthofs, wo sie wohnen, sowie den Konditoreien und Speisehäusern auf Ausflugsorten sollten sie ohne Herrenbegleitung öffentlichen Lokalen fernbleiben. Kaffee- und Speisehäuser (wenigstens am Abend) werden im Ausland niemals und glücklicherweise in Deutschland auch nur selten ohne Herrenbegleitung von Frauen besucht, die den Anspruch machen, Damen zu sein. Für ihr Bedürfnis sind jetzt überall Teestuben errichtet. Sind sie erfahren und taktvoll genug, so steht ja nichts im Weg, gelegentlich die Begleitung eines Reisebekannten anzunehmen. Damen allein im Kaffeehaus der Großstadt, diesem von Männern für Männer bestimmten Versammlungsort, wirken meist zweideutig; Reizlosigkeit und Dürftigkeit kann eine Frau verhindern, dies zu bemerken. Es sei hier absichtlich nicht darauf eingegangen, daß es stets einzelne weibliche Persönlichkeiten gegeben hat, besonders ehe man an Frauenemanzipation dachte, denen eine das Geniale streifende innere und äußere Sicherheit zu allen Zeiten das Recht verleiht, in ihrem Auftreten ausschließlich der Stimme ihres Taktgefühls zu folgen; bei weitem die meisten, die sich heute zur Zeit der Frauenbewegung zu dieser verschwindend kleinen Auslese rechnen, gehören jedoch ganz und gar nicht dazu. Außerdem kann eine Auslese niemals ausschlaggebend sein für die Gesetze der Allgemeinheit. Die bis jetzt genannten Fehler gehen alle mehr oder weniger auf eine gewisse Gleichgültigkeit gegen äußere Formen zurück. Aber auch durch das Gegenteil, durch übertriebene Steifheit, fehlen manche unserer Landsleute. Die Abneigung vieler Deutschen gegen die Konventionen beruht darauf, daß die deutschen Konventionen den Verkehr oft hemmen, anstatt ihn, wie etwa die romanischen oder englischen tun, zu erleichtern. So ist z. B. die vielverspottete englische Gewohnheit, Gespräche mit einer Bemerkung über das Wetter zu beginnen, eine große Erleichterung der Anknüpfung, die zu nichts verpflichtet. Ist man zu einer Unterhaltung bereit, findet man leicht den Übergang vom Wetter zu dem, was man gerade unternommen hat. Es geht doch nun einmal nicht, daß man ganz unvermittelt zu einem Fremden sagt: »Ich habe eine Korkfabrik«, oder »Raffael wird meiner Meinung nach außerordentlich überschätzt«. Dagegen sind verkehrhemmende Konventionen der Zwang, die Leute, und gar Frauen, mit Titeln anzureden, oder die vollkommen nichtssagende und dabei unschöne Gewohnheit, sich selbst vorzustellen, ehe man noch erprobt hat, ob sich irgendwelche, wenn auch nur oberflächliche Beziehungen bilden werden. Auch das tiefe Abnehmen des Hutes beim Grüßen erweckt im Ausland Befremden und bringt manchem unter Umständen aus dem Munde eines ganz untergeordneten Menschen die gönnerhafte Bemerkung ein: »Bitte, bedecken Sie sich doch!« Obgleich eine offene Besprechung dieser Mängel nur Gutes bringen kann, ist doch die Art, wie sich gewisse Witzblätter ihrer bemächtigen, aufs äußerste zu mißbilligen, da sie ohne Notwendigkeit für die Wirksamkeit der Satire uns vor dem Ausland lächerlich machen. Auch die Franzosen lachen über ihren Monsieur Prud'homme, den Typus des französischen Spießbürgers, aber sie meinen dann eben den M. Prudhomme, und nicht den Franzosen an sich. Macht sich hingegen der »Simplizissimus« über einen Herrn Meyer auf Reisen lustig, so steht unfehlbar dabei: »Der Deutsche auf Reisen.« – »Herr Meyer auf Reisen« könnte sich jeder gefallen lassen, und der Witz wäre um nichts schlechter. Der »Punch« gibt häufig ausgezeichnete Beispiele wie sich Takt mit einer äußerst witzigen Satire auf nationale Schwächen verbinden läßt. Ich wiederhole, was ich eingangs angedeutet habe, daß viele ernsthafte und wertvolle Menschen auf dem Standpunkt der Gleichgültigkeit gegen ihre äußere Wirkung stehen. Sie reisen einfach, um etwas zu sehen. Damit die Mittel recht weit reichen, tragen sie alte Kleider auf, gehen in den Städten, selbst abends, im Reiseanzug herum, rechnen die Trinkgelder auf den Pfennig aus und beschränken ihr Gepäck auf ein Köfferchen. Was wäre vom rein individualistischen Standpunkt aus dagegen einzuwenden? Wenn aber in einem vielreisenden Volk, bei dem solche Typen die Mehrheit bilden, die Frage aufgeworfen wird, warum trotz ihrer Menge seine Vertreter im Ausland weniger angesehen und willkommen sind als andere Nationen, so darf der wahre Grund nicht verschwiegen werden. Ernsthafte Selbsterkenntnis setzt nicht herab, sondern begegnet der Übertreibung eines Fehlers durch den Gegner. Das Trinkgeld Nichts bezeichnet die Natur des Trinkgeldes besser als die Bezeichnung » Douçeur «, es ist eine Besänftigung der sozialen Gegensätze, eine Milderung der unausbleiblichen Härten, die jede Einrichtung, jedes System, auch das beste, mit sich bringt. Das Trinkgeld erweicht den jeweiligen Vertreter der ihrer Art nach schematischen starren Einrichtungen, indem es an seine nicht gerade erhabene, doch harmlose Menschlichkeit rührt. Damit ist übrigens weniger die Begehrlichkeit als die Eitelkeit gemeint, der mehr, als der Geber vermutet, durch ein Trinkgeld geschmeichelt wird. Es unterscheidet sich nämlich vom Almosen dadurch, daß man es nicht ganz gleichgültigen Personen gibt, sondern jenen kleinen Machthabern, von deren Geneigtheit es abhängt, ob sie uns ärgern oder verhätscheln wollen. Darum hat eine erstaunlich geringe Summe oft einen großen Erfolg. Im Spanischen nennt man das, jemand seine » consideracion « zeigen. Man beachte die fast gönnerhafte Gebärde, mit der der wahrhaft erhabene Kellner großer Häuser das Trinkgeld einzustecken versteht, wie einen Tribut, den durchreisende Fremde an einen Herrscher zu entrichten haben. Dafür weiß er aber auch ganz genau, welche gastlichen Pflichten ihm einem »Gentleman« gegenüber obliegen. Es gibt eine Strömung in unserer Zeit, die, von einem demokratischen Grundsatz allgemeiner Menschenwürde ausgehend, das Trinkgeld verwirft. Wer etwas Bestimmtes leiste, habe ein Recht auf bestimmte Bezahlung, wer eine bestimmte Leistung empfange, solle ihren festen Preis entrichten, nicht mehr und nicht weniger. Nur dies entspreche dem Adel freier Menschen. Dies klingt durchaus einleuchtend, ist aber doktrinär und unwahr wie viele ähnliche »vernünftige« Sätze, die sich bei der Berührung der Wirklichkeit als unvernünftig erweisen. Die Leistungen, die wir bezahlen, lassen sich, sobald wir über die Lieferung bestimmter Gegenstände hinausgehen, nicht mehr nach einem festen Satz begrenzen. Man legt uns mit Recht Speisekarten mit festen Preisen vor, es läßt sich auch erwägen, ob man nicht lieber für Bedienung in Gasthäusern 10 v.H. auf die Rechnung setzen will, um den Kellner nicht lediglich auf das Trinkgeld anzuweisen. Die Qualität seiner Bedienung hingegen, seine empfehlenden Vorschläge, seine Bereitwilligkeit, einen von uns bevorzugten Platz festzuhalten, einem nach uns fragenden Bekannten unsere Anwesenheit je nachdem zu verschweigen oder anzuzeigen, dies sind Dinge, die nicht in Prozenten bewertet werden und zwischen Menschen, deren Bildungsabstand andere Gegendienste ausschließt, nur durch Trinkgelder gelohnt werden können. Es gibt in Deutschland und England Einrichtungen, wo der Dienerschaft das Annehmen von Trinkgeldern bei Strafe der Entlassung verboten ist. Ich habe gefunden, daß das den Verkehr mit den Leuten schwieriger macht. An Stelle einer freundlichen, menschlichen Beziehung tritt verdrossene Pflichterfüllung und hoffnungslose Entsagung, weil jede Mehrleistung doch ungewürdigt bliebe. Ein allzu genaues Pflichtgefühl kann unmenschliche Starrheit sein. Eine gewisse harmlose Überredbarkeit, nennen wir es meinetwegen Bestechlichkeit, ist natürlicher, freundlicher, sympathischer. Wem ist überhaupt mit dieser stolzen Menschenwürde gedient? Die Leistung wird liebloser und dadurch schlechter; der, welcher sie tut, wird mißgelaunt und anmaßend und steht an Menschenwert keineswegs höher, als der, welcher für individuelle Leistungen individuelle Bezahlungen erwarten darf. Freilich wäre er dann weniger ausgesprochen der Angestellte in seiner abstrakten Freiheit und Gleichheit, sondern mehr der Diener. Aber läßt sich eine an sich untergeordnete Leistung dadurch veredeln, daß man in dem Diener eine innere Stimmung züchtet, die ihm die Freude an seiner Arbeit verekelt und ihn selbst weniger brauchbar macht? Sie wird vielmehr gerade dadurch vermenschlicht, daß eine freundliche Beziehung zwischen Diener und Herr erhalten wird, die sich auf der einen Seite durch gutwillige Bemühung, auf der andern durch anerkennende dem Einzelfall jeweils angemessene Bezahlung ausdrückt. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß es keine absoluten moralischen Maßstabe gibt. Man verlangt z. B. von einem Künstler geringere Zuverlässigkeit in wirtschaftlichen Dingen als von einem Kaufmann, dagegen werden an dessen Mut, für eine Überzeugung einzutreten, kleinere Anforderungen gestellt als an einen Politiker. Diese Relativität der Moral geht noch weiter. Für einen Offizier z. B. ist die Milde, welche etwa einem Geistlichen ansteht, nicht nur nicht erforderlich, sondern sogar schädlich. Und so gibt es auch einen gewissen Stolz, welcher ohne die Ergänzung einer entsprechenden Bildung und gesellschaftlichen Unabhängigkeit einen Menschen unglücklich und untauglich machen kann. Deshalb soll man nicht den Leuten einreden, Trinkgelder seien etwas Unwürdiges. Es ist ganz und gar doktrinär und lebensfremd, von einem Eisenbahnschaffner denselben Grad der Unbestechlichkeit zu verlangen wie von einem Finanzminister. Wenn der gute Mann gegen eine » Douçeur « die Reisenden zu ihrem und seinem Nutzen »vernünftig« im Zug zu ordnen weiß, so soll man ihn lächelnd gewähren lassen. Ihm dies als Recht zu verbriefen (durch eine »Vorschrift«) bekäme ihm natürlich moralisch nicht gut, er verfiele in unerträglichen Beamtendünkel. Drückt man aber ein Auge zu, so bewahrt man die freundliche Bescheidenheit des Mannes und schafft zugleich einen Ausgleich für die grundsätzlich nun einmal nicht vermeidbare Unsinnigkeit, daß in der II. Klasse die Reisenden fast ersticken, während drei oder vier leere Abteile I. Klasse im Zuge sind. Das Fluidum dieser harmlosen Bestechlichkeit schafft einen nicht zu unterschätzenden Ausgleich zwischen den Klassen. Freundlich geht der bestochene Eisenbahnschaffner, der sich sonst ein wenig wie der Vorgesetzte der Reisenden vorkommt, auf dem Bahnsteig spazieren und freut sich seiner Macht, durch leises Walten die Härten der Weltordnung mildern zu können. Die mißgelaunte Logenschließerin, die stets »bessere Tage« gesehen hat, bekommt wieder etwas Glauben an die Bedeutung ihrer Leistung, wenn sie einem »Kavalier«, der einen schlechten Hinterplatz bekommen hat, gegen eine Douçeur lächelnd eine leere Loge aufschließen darf. Der Hausmeister, der zufällig einen Einblick in beklagenswerte Familienverhältnisse bekommen hat, vergißt hämischen Klassenhaß und gewinnt plötzlich ein wahrhaft menschliches Verständnis für unsere Schwächen, wenn man seine Verschwiegenheit zu würdigen weiß. Solche Gewohnheiten wären moralisch äußerst bedenklich, wenn sie gesetzliche Gültigkeit haben sollten; ihre moralische Fähigkeit, Härten und Widersprüche des Daseins auszugleichen, behalten sie nur, solange sie willkürlich und halb unerlaubt sind. Auch auf den, der das Trinkgeld gibt, hat es eine erzieherische Wirkung. Es zwingt ihn, die Blicke von dem abzulenken, was nach der Meinung lehrhafter Ideologen sein sollte, und auf das zu richten, was wirklich ist. Es lehrt den Herrn die Macht des Dienenden, d. h. dessen Menschliches, so wenig es sein mag, zu berücksichtigen. Es erlaubt ihm seine durch irgendein nervöses Wort erschütterte Stellung als »Herr« neu zu befestigen, denn ein »Herr« darf nie zerfahren und nervös sein, sondern muß immer sicher und zielbewußt erscheinen. Da man nun einmal unmerklich die Rolle zu spielen beginnt, die einem die Umgebung auferlegt, fühlt man einen deutlichen Zwang, immer beherrscht zu sein. Spürt man einmal eine üble Laune, so erinnern ringsum freundliche Gesichter an die Pflicht des gütigen Herrn, so wie einen eine elegante Gesellschaft ganz von selbst daran hindert, sich so bequem auf den Möbeln auszustrecken, wie man es in seinen eigenen Zimmern tun mag. Das Trinkgeld ist ein Talisman, um den sich Ströme von Wohlwollen schlingen. Es ist die einfachste Versöhnung der Klassengegensätze auf Grund allgemeiner Menschlichkeit. Es ist ein Akt der Nächstenliebe und zugleich eine Behauptung der Eigenliebe. Durch die Gabe wird dem Bedürftigen genützt, gleichzeitig freilich der Abstand betont. Aber dieser Abstand bezieht sich nur auf den durch keine gesellschaftliche Entwicklung verrückbaren, weil psychologisch mitbedingten Standesunterschied, nicht auf die Person, deren Menschliches ja gerade durch die » consideracion « anerkannt wird. Gleichzeitig durchbricht das Trinkgeld allen Gleichheits-Doktrinarismus. Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme blüht es in den politisch »freiesten« Ländern, Frankreich, England und Amerika ebensosehr wie in Österreich und Rußland, wenn auch in anderen Formen. Folgende Tatsache ist bezeichnend: In einer amerikanischen Stadt haben die Kellner einen Klub, genau wie Gentlemen. Dort sitzen sie in Ledersesseln, rauchen, spielen, wetten, lesen Zeitungen und sind vollkommen einwandfrei gekleidet. Die Ballotage soll ziemlich streng sein, um die zweifelhaften Vertreter des Berufs fernzuhalten. Zu der Trinkgelderfrage nimmt der Klub absichtlich keine Stellung. Die allgemeine Meinung aber steht der Abschaffungsbewegung ablehnend gegenüber. Die Vernunft des Dienenden wird niemals einen Unterschied zwischen ihm und dem Herrn anerkennen wollen, seitdem die Täuschung herrscht, alle Menschen seien gleich. Dieser verhängnisvolle Irrtum ist nur durch Wirkung auf die Einbildungskraft zu zerstören, durch eine Gebärde, die den Herrn von dem Diener unterscheidet. Gegen diese ist nicht aufzukommen, und wären beide gemeinsam an dieselbe Galeere gefesselt. Vor der Gebärde des Herrn beugt sich jede zum Dienen berufene Natur. Fragen wir daher nicht im einzelnen Fall, ob ein Trinkgeld berechtigt oder vernünftig ist, sondern geben wir es, weil es zur Gebärde des Herrn gehört, ohne welche die Pflicht des Dienens nicht verlangt werden kann und stets schlecht erfüllt wird. Lebenskunst Lebenskunst Das Kunstwerk ist gewissermaßen eine Aufspeicherung von Kräften, die der Künstler aus dem Chaos der ihn umgebenden Welt abgeleitet hat. Durch seine Tätigkeit werden Unglück und Leiden aller Art so unter ein Gesetz geordnet, daß ihre Betrachtung für uns lustvoll wird. Der Künstler setzt also vor die negativen Ereignisse positive Vorzeichen. Lebenskunst ist die Anwendung dieses Grundsatzes der Umformung auf das Leben. An sich ist unser Leben ein sinnloses Chaos kleiner, vorzugsweise unlustvoller Ereignisse. Aber wir haben Mittel, diesen Ereignissen einen positiven Sinn zu geben. Natürlich will jeder Mensch positives: Glück, Ansehen, Liebe, Reichtum usw. Um aber Positives wirklich zu erreichen, müssen wir es – das klingt zunächst selbstverständlich – mit äußerster Schärfe erkennen und mit äußerster Inbrunst lieben. Wie wenig selbstverständlich das ist, merken wir, wenn wir beobachten, was die meisten Menschen tun. Zunächst: Erkennt ihr Geist das Glück? Keineswegs. Sie haben vielmehr nur ganz unklare Vorstellungen von sehr viel Geld, von Erfolg-haben beim anderen Geschlecht, von Berühmtheit usw. Nur die wenigsten sind sich klar, was alle diese Dinge gerade für sie bedeuten würden, ob die Art, wie ihre Natur solche Güter verarbeiten würde, wirklich Glück zu nennen wäre. Die meisten haben vielmehr ganz konventionelle Glücksschätzungen. Zweifellos würden nun sehr viele tatsächlich glücklicher sein, wenn sie etwas mehr Geld hätten oder etwas mehr Liebe fänden. Dann könnten sie wirklich vorhandene, von ihnen selbst erkannte Wünsche befriedigen. Wir sehen nun, daß fast jeder, der seinen Geist mit Zähigkeit auf solche ganz klare, nicht zu fern liegende Ziele richtet (die ja einem fernen und großen Zweck dienen mögen), seine Ziele schließlich erreicht. Es ist, als ob seine Gedanken die magnetische Kraft besäßen, das, was sie klar vorstellen, anzuziehen, so daß sie das Chaos des alltäglichen Lebens beherrschen. Was wir aber nicht einmal klar zu denken und vorzustellen vermögen, werden wir unmöglich beherrschen und verwirklichen können. Sehr viele, besonders Frauen, verzehren sich in unfruchtbarem Sehnen nach einem romantischen Ideal der Liebe oder des Reichtums; sie denken vielleicht an Max Piccolomini oder den Trompeter von Säckingen, an einen Märchenprinzen oder den fliegenden Holländer, anstatt ihren Geist gewissermaßen als Wünschelrute zu benutzen. Ihre Erkenntnis würde ihnen die tatsächlichen Quellen des Glückes verraten, die dicht unter dem Boden ihres Alltagslebens fließen und nur befreit werden müssen. Ganz von selbst wirken klare Vorstellungen auf unser Handeln und wir werden schnell einen Schatz ererbter Lebensklugheit in uns finden, wenn wir erst genau wissen, was wir eigentlich wollen, und unser Ziel fortgesetzt klar in unserer Vorstellung tragen. Aber nicht bloß um das Erkennen handelt es sich, sondern auch um das Lieben. Nun glaubt man wohl, jeder liebe das Glück, den Reichtum usw. Keineswegs. Ich behaupte sogar, die meisten Menschen hassen oder verachten diese Dinge, wo sie ihnen begegnen, oder haben zum mindesten sehr gemischte Gefühle. Vielmehr ist es so: Sie würden den Reichtum lieben, wenn sie ihn selbst hätten, sie würden die Liebe schätzen, wenn sie sich an sie wendete. Sie lieben nur, wenn man das lieben nennen darf, dieses Phantom von Glück, das sie für sich erstreben. Wo ihnen aber Glück in Wirklichkeit begegnet, verhindert sie der Gedanke, daß es mit fremden Personen und nicht mit ihnen verknüpft ist, es wirklich zu lieben. Hier sind wir am wichtigsten Punkt: Noch mehr als ein verwirrter Geist steht ein verwirrtes Herz dem Glück im Wege. Es gibt nichts Unfruchtbareres, Verneinenderes, Selbstzerstörerischeres als den Neid. Er ist der größte Fehler in der Lebenskunst. So wie Erkenntnis und Liebe ihre Gegenstände anziehen, so stoßen Unklarheit und Neid sie ab. Es ist, als wollte das Glück angebetet werden von denen, zu welchen es kommen soll. Man hat es oft genug mit einer launischen Dirne verglichen. Nichts zwingt sie mehr zu uns zurückzukehren, als wenn wir sie eifersuchtslos immer und überall lieben, gleichgültig, ob sie uns im Augenblick lächelt oder anderen. Wir müssen der Macht unserer Liebe zu ihr so gewiß sein, daß wir fühlen, sie wird immer zu uns, ihren standhaften Liebhabern, zurückkehren. Und diese Macht ist unwiderstehlich. Durch die Liebe zum Glück und zu den Glücklichen werden wir gewissermaßen eins mit der Substanz des Glücks auf Erden. Lächeln wir dem Glück zu und fragen wir nicht danach, ob der, zu welchem es kommt, es verdient oder nicht. Was wissen wir denn überhaupt von Verdienst? Freuen wir uns über das im Augenblick reizende Liebespaar, ohne uns über seine Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen. Sie geht uns ja ganz und gar nichts an. Neid und Mißgunst machen den Menschen unbedingt zum Außenseiter des Glücks. Nichts ist gefährlicher als die geistige Verhüllung dieser verneinenden Gefühle, z. B. der vielverbreitete Glaube der entsagungsvoll Neidischen, nur denen, die es nicht verdienen, nähere sich das Glück; oft bleibe der Fleißige arm, während der Träge spielend gewinne, gerade leichtfertige Menschen würden am meisten geliebt, während die Standhaftigkeit oft unbelohnt bleibe; der wahre Künstler sterbe unbekannt, während der gesinnungslose Diener der Masse im Luxus lebe. Solche Erwägungen mögen wohl fremdem Leid gegenüber am Platze sein, weil sie dann in uns die bejahenden Gefühle der Teilnahme und der Anerkennung hervorrufen. Wer aber solche Ansichten als trügerischen Trost für sein eigenes Unglück benutzt, der macht sein Unglück dauernd. Die weite Verbreitung dieser manchmal für erhaben geltenden Lebensauffassung ist sogar wahrscheinlich daran schuld, daß so viele fleißige Arbeiter, standhafte Liebhaber und ringende Künstler ihr Ziel nicht erreichen. Solche verneinenden Gedanken, die im Grunde nichts anderes als eine Philosophie des Neides sind, vergiften ihre Lebenslust und stoßen das Glück ab. Wer sich auf Grund einiger Mißerfolge einredet, er sei ein Ausgestoßener, wird wirklich einer. Häufig sehen wir solches Philosophieren zu Systemen anschwellen, zur Sozialdemokratie in der wirtschaftlichen Welt, zum Puritanertum in der moralischen Welt, zu den verschiedenen Formen des Pessimismus und Nihilismus in der geistigen Welt. Das sind die verfluchtesten Sackgassen, in die ein Mensch geraten kann. Wir brauchen darum nicht tatlos und mit geschlossenen Augen den Mißständen des Daseins gegenüberzustehen. Wir können überall eingreifen und verbessern. Es handelt sich nur darum, daß vor allen unseren Handlungen das positive Vorzeichen steht. Auch Sozialdemokratie und Anarchismus behaupten zwar, sie handelten im positiven Sinn, um die schlechte Welt besser zu machen, aber das positive Vorzeichen setzen sie nur vor ihre Theorie, die im Grunde negativ ist, richtet sie sich doch gegen eine angeblich schlechte Welt. Alle, die erst zerstören und dann aufbauen wollen, sind Lügner. Sie verneinen das Leben und bejahen die Theorie, auch wenn sie sich auf Menschenliebe berufen. Diese negativen Philosophien haben eine verderbliche Anziehungskraft für schwache Naturen, die immer ernten möchten ohne gesät zu haben. Sie vergessen, daß die geringste Genugtuung die Frucht irgendeiner wenn auch vielleicht unbewußten Anstrengung ist. Um die Morgensonne im Park zu genießen, muß ich aufstehen und das langweilige Verfahren des Anziehens auf mich nehmen. Jedes angenehme Wort, das uns von Menschen gesagt wird, ist die Folge einer kleinen Tat und wäre es nur eines Lächelns, das unsere freundliche Gesinnung verrät. Aber dieses Lächeln ist notwendig. Es zieht Heiteres, Angenehmes herbei, oder vielmehr die ihm zugrunde liegende Gesinnung tut es, so wie eine verdrossene Geistesverfassung Verdrießliches anzieht und sich damit immer mehr zu einem Magneten des Unglücks macht. Wenn ich vorhin behauptete, nur ein scharfvorstellender Geist könne das Glück anziehen, so darf sich das Herz ganz allgemein der Liebe des Daseins hingeben, um sich für das Glück zu magnetisieren. Wir können durch »Talismane« unsere magnetische Kraft vermehren. Alle Handlungen, Vorstellungen und Gegenstände, die der Verwirklichung des Glücks dienen, sind Talismane. Sie erinnern immer wieder an das Ziel, verdeutlichen es, befestigen es, nehmen selbst bis zu einem gewissen Grade etwas von der Substanz des Glücks an, kurz, machen uns eins mit dem Glück. Das aber ist Lebenskunst, daß sich der Geist durch positive Gedanken und das Herz durch positive Gefühle mit dem Glück eins macht. Der Wille und das Glück Von Amerika ausgehend, verbreitet sich immer mehr eine optimistische Lebensphilosophie von der Allmacht des Willens. Gleichzeitig hört man von Ungläubigen immer wieder den einleuchtenden Einwand, daß so viele Menschen so vieles wollen, was sie doch nicht erreichen. Darauf ist zu erwidern, daß die meisten Menschen gar nichts wollen und infolgedessen auch nichts erreichen; denn man darf nicht etwa denken, daß die, welche Geld, Liebe oder Anerkennung wünschen, irgend etwas wollen, was ist, sondern nur ihre ganz unbestimmten, mit keiner Wirklichkeit übereinstimmenden und darum nicht zu verwirklichenden Vorstellungen von Geld, Liebe, Anerkennung. Alle diese Menschen sehnen sich nach etwas, aber Sehnsucht ist noch nicht Wille. Der Wille kann wohl aus der Sehnsucht entstehen, ebenso oft aber zerfrißt sie den Willen, der so gut von der Sehnsucht, wie von des Gedankens Blässe angekränkelt sein kann. Die meisten, die Geld haben wollen, wissen und sehen vom Gelde nichts als die stets gefüllte Tasche. Das ist nur ein Nebenher des Geldhabens, das ohne eine ganze Reihe von Beziehungen, Verantwortungen, Sorgen und Mühen nicht möglich ist. Diesen Apparat aber wollen die meisten nicht. Kein Wunder, daß ihre Wünsche sich nicht erfüllen. Es wird von Rockefeller erzählt, daß er von Jugend auf der reichste Mann der Welt werden wollte. Er ist es geworden, weil er alles wollte, was damit zusammenhängt. Er hat es teuer bezahlen müssen, denn an persönlichen Annehmlichkeiten bietet ihm sein Reichtum weniger, als manchem seine kleine Rente. Sein Gesundheitszustand zwingt ihn, von Hafersuppen zu leben, die Einseitigkeit seiner Interessen schließt ihn von vielen menschlichen Freuden aus, aber er ist der reichste Mann der Welt, genau, was er wollte. Mit einem Wort: wer etwas will, muß auch die Mittel wollen, wobei ich nicht etwa an unlautere Mittel denke, die sich ja nebenbei meistens auch als unpraktische Mittel erweisen. Sehr viele Menschen möchten Geist besitzen, aber trotz diesem Wunsch bleiben sie mittelmäßig. Der Grund liegt nicht in der Ohnmacht des Willens überhaupt, sondern daran, daß sie vor den Mitteln zurückschrecken. Sie wollen nicht geistige Menschen sein, das wäre ihnen viel zu mühsam und wohl auch zu langweilig. Wo irgendein Wille sich nicht erfüllt, liegt es immer am unklaren, halben Wollen oder daran, daß zwei Willenstriebe von ähnlicher Stärke einander aufheben. Hier gilt es dann, sich zu entscheiden. Eine Frau z. B. wünscht mit aller Kraft Liebe. Sie kommt gewiß, aber vielleicht verlangt sie Aufgabe ihrer ganzen bisherigen Stellung. Da wird sie schwankend und schließlich verzichtet sie, vielleicht mit gutem Grund, denn ihr Wille zur gesellschaftlichen Achtung ist noch stärker. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man mehreres zugleich mit Macht will, es ist sogar der Fall der meisten Menschen, die überhaupt wollen. Sie machen oft den Fehler, daß sie, anstatt ihre verschiedenen Wünsche auf ein harmonisches Gesamtbild zu lenken, sich bald nach dieser, bald nach jener Seite mit Heftigkeit wenden. Auf diese Art verzetteln sie ihre Kraft. Es ist darum in solchen Zwiespalten empfehlenswert, seine Wünsche nicht zu sehr zuzuspitzen, sondern nach irgend etwas Allgemeinerem mit aller Kraft zu streben und das Einzelne dem Schicksal zu überlassen, z. B. nach Harmonie, nach reichen Erlebnissen, nach Wohlergehen schlechthin, nach Weisheit, sich dabei aber doch den erstrebten Zustand deutlich auszumalen. Diese Zustände enthalten schon das Meiste, sie verhindern uns, in Sackgassen zu laufen, in denen wir nur unsere Kräfte verschwenden würden. In solchen Sackgassen finden wir besonders leicht jene Menschen von scheinbar krampfhaft angespanntem Willen, die doch nichts erreichen, häufig tragische Idealisten, die so gern zum Beweise angeführt werden, daß der Wille nicht allmächtig ist und oft nicht gegen eine unverständige Umgebung oder übermächtige Verhältnisse ankämpfen kann. Man muß eine Mitte finden zwischen zu eigensinnig zugespitzten und zu allgemeinen, nebelhaften Wünschen. Eigensinnige Menschen machen, ins Große gesteigert, denselben Fehler wie jene unfruchtbaren Sehnsüchtigen, von denen anfangs die Rede war. Sie wollen etwas, ohne die Mittel zu wollen. Sie wollen z. B. die Menschen beglücken, aber ohne die Menschen, denn was sie sich unter Menschen vorstellen gibt es nicht, und kann es nach den Gesetzen dieser Welt unter dem Mond nicht geben. Sie wollen den Bühnenerfolg ohne die Bühne, deren Gesetze sie verachten, aber nur, was wir lieben, wird uns dienstbar in dieser Welt. Wir bekommen ganz genau das, was wir wollen, aber unser Wille ist zum großen Teil unbewußt. Wir wissen nicht immer, was wir wollen. Viele sogar wollen etwas ganz anderes, als sie zu wollen glauben. Die erste Notwendigkeit daher, unseren Willen mächtig, ja allmächtig zu machen, ist Selbsterkenntnis. Eine Frau z. B. meint, sie wolle Liebe, in Wirklichkeit aber wünscht sie nur Befriedigung ihrer Gefallsucht. Sie wird sich daher immer am falschen Ort befinden. Man kann auch die Befriedigung der Gefallsucht wollen, dann muß man es aber ganz genau wissen und sich nicht durch Selbsttäuschung seine Ziele verhüllen. Eine Frau, die bewußt gefallsüchtig ist, wird ebensosehr ihr Ziel erreichen wie eine Frau, die wirklich liebt. Aber die werden zweifellos am Wege liegen bleiben, die weder das eine noch das andere recht wollen, die heiraten und dann neidisch sind auf das Leben der Curtisanen, die eine Geldehe schließen und sich dann über die Unliebenswürdigkeit ihres Gatten beklagen. Beide Arten Frauen haben nicht zu wollen gewußt. Natürlich kann man in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Verschiedenes wollen, es kommt nur darauf an, daß man immer weiß, was man will, es nicht nur zu wissen glaubt. Es gibt Menschen, die sich immer über ihre Mißerfolge und ihr Unglück beklagen. Beobachtet man sie genauer, so wird man entdecken, daß sie gerade diese Leiden lieben, ja daß sie sie wollen. Es ist ein verdrehter Wille, aber auch er erreicht sein Ziel. So sonderbar es klingt, in jedem sind solche verkehrten Selbstvernichtungstriebe. Wer hätte noch nicht die Freude gefühlt, wenn etwas »schief geht«, daß es »ganz schief geht«. Es gewährt einen geheimen, bitteren Spaß, den Tag, der mit einigen Unannehmlichkeiten begonnen hat, zu einem wahren Unglückstag zu machen. Auch diese menschliche Veranlagung kann eine gewisse Größe erlangen. Man kann » épouser son malheur «. Der in der Verbannung lebende große Mann, der abgesetzte Fürst, der seiner Liebe beraubte Liebende, sie alle wollen und lieben ihr Unglück, und es kann ihnen zum großartigen Lebensinhalt werden. Dies ist nicht nur kein Beweis gegen, sondern gerade einer für die Allmacht des Willens, der schließlich sogar die Schrecken des Todes zu überwinden vermag, indem er den Tod will. Den Meisten ist zu empfehlen, ganz allgemein Glück zu wollen. Das ist das halbunbewußte harmonische Wirken von Seele und Geist. Wo es bewußt wird, besteht bereits die Gefahr der Langeweile. Für den Glücklichen ist kein Grund vorhanden, zu schaffen, zu forschen, zu streben. Die Antriebe entstehen erst aus einer gewissen Disharmonie und bedeuten die Flucht aus ihr. Wer aber nach einer dieser Richtungen bewußt will, ordnet alle kleineren Antriebe diesem Willen unter, mag es auch bisweilen schmerzlich sein. Der wahrhaft Wollende strebt nicht nach Glück, kann das Glück gar nicht brauchen. Ein Zwiespalt vieler besteht darin, daß sie sich nicht entschließen können, ob sie Glück wollen oder erfolgreiches Streben. Sie können sich nicht von der allgemeinen Vorstellung befreien, Glück sei notwendig, darum müssen sie sich in seiner Abwesenheit für unglücklich halten. Daher die vielen inneren Zusammenbrüche, Selbstmorde. Glück ist aber ganz und gar unnötig für den, dessen Geist ein Ziel sieht und will. Glück ist sogar eine Gefahr für seine Leistungen. Wer seine Ziele hoch genug steckt, dem werden die Mißerfolge des Alltags im Verhältnis dazu immer kleiner erscheinen, er wird sie, innerlich unberührt, auf die Debetseite seines Schicksals schreiben, so wie er sich nicht darüber aufregt, daß er am Anfang des Jahres Rechnungen zu zahlen hat. Natürlich müssen die notwendigen Bestände da sein, sie liegen in dem vom Geist gelenkten Willen. Wie kommt nun der Geist zu der nötigen Willensfahrung, genannt Selbsterkenntnis? Durch die Lösung einer Reihe von Aufgaben, die ihm ganz klar vorgeschrieben sind. Die Religionen haben uns gelehrt, daß die Begierden, die sich auf Weltliches richten, niedrig sind. Sie sind es, wenn wir uns ihnen geistlos überlassen. Sollen wir sie darum bekämpfen? Die Folge davon ist, daß sie uns immer mehr quälen. Versuchungen, wie sie dem heiligen Antonius in seiner Zurückgezogenheit nahten, bleiben dem Sinnenleben des Weltmenschen fern. Ebenso überschätzt niemand den Wert des Geldes mehr als der, welcher es nicht hat, aber es haben möchte. Die Folgen solchen »Brunst«leidens sind die Ressentimentgefühle des Neides, der Heuchelei, der Verbitterung. Sie alle trüben die Klarheit des Geistes. Weil unsere Eitelkeit, Sinnlichkeit, Bequemlichkeit gewisse äußere Güter stark begehrt, müssen wir den Geist anstrengen, um zu erkennen, auf welche Art wir sie am sichersten und schnellsten erreichen. Nicht eher wird man zu ungetrübter geistiger Betrachtung kommen, als bis man durch gelegentliche Befriedigung seine Begierden zum Schweigen gebracht hat. Wer nicht unter einer bestimmten Summe im Jahre, nicht ohne gewisse Freuden und Bequemlichkeiten leben zu können glaubt, der muß sie sich im Namen seines geistigen Selbst zu verschaffen suchen, andernfalls wird dieses Selbst fortgesetzt durch Unzufriedenheit getrübt und dadurch zu einem von Ressentimentempfindungen verzerrten Weltbild geführt. Wer nach irgendeiner Richtung hin »Brunst« leidet, kann nie zur Weisheit kommen. Dies ist mehr als ein bequemer Rat der Lebensklugheit. Mir scheint vielmehr, daß uns die Begierden gegeben sind, um uns zur Auseinandersetzung mit der wirklichen Welt zu zwingen, andernfalls unser Geist sich völlig im Abstrakten verlöre. Unsere Begierden sind vielleicht nichts anderes, als die dem Willen gestellten Aufgaben, die den Geist immer mehr zur Erfahrung und Selbsterkenntnis führen. Ist er erst auf diesem Wege, dann ist ihm alles möglich. Er braucht nur zu wollen, und es wird ihm genau das Gewollte gegeben, denn er hat nun durch die Erfahrung zu wollen gelernt. Er vergesse aber nie das Eine vor allem zu erstreben: die innere Erhabenheit über die weltlichen Genüsse, die ihm den Alltag erleichtern mögen. Ist man erst soweit, dann fällt einem alles von selber zu. Der Rhythmus des Alltaglebens Die Langeweile, das Unerträgliche, ist die durch keinen Rhythmus belebte Einförmigkeit. Durch Rhythmus wird das Schwere leicht. Darum feuern sich Arbeiter durch Lieder an, darum gestattet die militärische Zucht matten Truppen auf dem Marsch das Singen. Wer einer ermüdenden Arbeit von vier Stunden mit Grauen entgegensieht, schiebe in der Mitte eine Pause von zwanzig Minuten ein, während der er einen kleinen angenehmen Weg geht, eine Zigarette raucht, irgendwo ruhig eine Tasse Tee trinkt, um dann wieder an die Arbeit zurückzugehen, er hat seine Last um ein Drittel erleichtert. Es handelt sich dabei nicht um den Genuß dieser Viertelstunde, die schnell verflogen ist, sondern um den rhythmischen Einschnitt, den sie in die trostlos lange Linie der Zeit macht. Es gibt eine falsche Sparsamkeit mit der Zeit, wie es eine mit dem Gelde gibt. Sie beruht darauf, daß man sich nichts gönnt, und das Sparen zum Selbstzweck macht. So hört es auf, Ökonomie zu sein. Ich bezweifle, daß ein Mann, der von drei bis sieben Uhr in der Bibliothek sitzt, der genau so lange arbeitet wie ein anderer, nur mit dem Unterschied, daß er sich nicht jene zwanzig Minuten gönnt, ich bezweifle, daß er in den vier Stunden mehr zuwege bringt. Wenn der andere an seinen Platz zurückkehrt, blickt er ihn triumphierend an, als wolle er sagen: Nun hast du deiner Genußsucht zwanzig Minuten geopfert, jetzt sind sie vorbei, während ich in meiner Arbeit fortgeschritten bin. Bereust du nicht die verlorene Zeit? Nein, er bereut sie nicht, denn der kleinliche Rechner weiß nicht, was jener an neuen Kräften und neuer Arbeitslust für diese zwanzig Minuten eingewechselt hat. Die Ökonomie dieses Mannes beruht darauf, daß er auf seinem kleinen Kapitälchen sitzen bleibt und so wenig wie möglich davon ausgibt. Er kennt nicht die fruchtbaren Transaktionen, mit denen man ein Kapital verdoppelt und verdreifacht. Die Nervosität vieler Menschen kommt aus dem unrhythmischen Chaos einer übermäßigen Geschäftigkeit oder eines sinnlosen Müßigganges, der ihnen weder Genuß noch Ruhe bringt. Wer die Herrschaft über seine Nerven verloren hat, sollte sich angewöhnen, täglich einige Seiten eines guten Buches Wort für Wort zu lesen, nichts Überanstrengendes wie Astronomie oder Finanzwissenschaft, und nichts zu Zerstreuendes wie einen modernen Roman, sondern etwas Sammelndes, am besten einen anschaulichen Geschichtsschreiber oder klaren Philosophen. Dies wirkt wie eine gelinde Knetkur, die einem seine Kräfte wieder bewußt macht. Um diese eine Stunde der Sammlung wird sich dann ein immer gehaltreicherer Tag kristallisieren. Geistige Sammlung stärkt mehr als Sport und völlige Ruhe, weil sie durch Rhythmus belebt. Es ist zweifellos, daß der Mensch mit einer täglichen Mahlzeit für seine Ernährung auskommen kann. Aber man versuche einmal, eine Zeitlang das Mittag- oder das Abendessen auszuschalten und sich mit etwas Schokolade und Biskuits zu begnügen. Es wird viel weniger der Magen sein, der unter einem solchen Leben leidet, als die Nerven. Die wohltätige rhythmische Unterbrechung des Tages durch die Mahlzeiten ist aufgehoben. Man weiß nicht mehr, wann der Vormittag aufhört, der Nachmittag anfängt. Das Trostloseste tritt ein: man wird der Zeit gewahr, wozu man bei einer rhythmischen Tageseinteilung auch bei nur mäßiger Beschäftigung niemals kommt. Der Zeit gewahr werden ist aber für uns Menschen das Schrecklichste. Darauf beruht die Qual der schlaflosen Nächte, wenn wir eine Viertelstunde nach der andern schlagen hören, oder die Trostlosigkeit des Wartens, während dessen wir zwischen dem Augenblick und dem Erwarteten eine leblose, inhaltlose Zeitkluft fühlen. Am schlimmsten wird es, wenn es immer unbestimmter wird, ob sich diese Kluft überhaupt noch schließen kann, da das Erwartete am Ende gar nicht kommt. Hier gibt es nur den einen Ausweg, diese tote Zeitspanne auszufüllen, indem man irgend etwas anderes beginnt, worin man sich durch das Erwartete überraschen läßt. Es ist nicht wahr, daß das Vergangene ganz vergangen ist, daß es, wenn die Jugend doch einmal vorbei ist, gleichgültig wird, wie man sie verbracht hat. X und Y haben vielleicht als alte Leute in einem Stift ganz das gleiche Leben, und dennoch mag der eine zufrieden, der andere von Selbstquälerei erfüllt sein, weil rhythmisch, im Verhältnis zum ganzen Leben, dieses augenblicklich gleiche Schicksal doch etwas ganz andres bedeutet. Für den einen ist es die organische Fortsetzung einer lebendigen Jugend, ein zufriedenes Ausruhen von ihr. Für den andern ist es nichts als die ewig gleiche Inhaltlosigkeit eines zu allen Zeiten inhaltlosen Daseins. Es hilft einem Manne, der im Gefängnis sitzt, nichts, wenn er sich am Abend sagt: wenigstens könnte ich am Abend zufrieden sein, denn auch wenn ich frei wäre, täte ich jetzt nicht viel andres als hier. Aber die einsame Ruhe ist etwas andres nach einem belebten und nach einem unbelebten Tag. Für den Bettlägerigen ist nachts das Bett nicht dasselbe wie für den sich tagsüber frei Bewegenden. Auch der Wert der Feiertage, des Vergnügens beruht im wesentlichen nur auf den dadurch ermöglichten Einschnitten. Es handelt sich dabei wirklich nicht um das bißchen »Pläsier«, sondern um etwas ganz anderes. Ich erinnere mich, einmal eine nette kleine Geschichte darüber gehört zu haben. In einer glücklichen Ehe in Paris wunderte sich die Frau darüber, daß ihr Mann jeden Abend nach dem Essen auf eine knappe Stunde wegging, angeblich ins Kaffeehaus. Sie versuchte es, ihn dadurch zurückzuhalten, daß sie ihm einen unübertrefflichen Kaffee zu Hause vorsetzte. Er trank ihn schnell, lobte ihn und ging dann doch fort. Schließlich erwachte die Eifersucht der Frau, sie vertraute sich einem Bruder an, der versprach, die rätselhaften Schritte des Gatten zu beobachten. Es fand sich, daß der tatsächlich nur gegenüber eine Tasse Kaffee trank und, meist allein, eine Zigarre rauchte. Nun setzte sich die Frau mit dem nahegelegenen Kaffeehaus in Verbindung, ließ von dort in einer strohumflochtenen Kanne den Kaffee heiß herüberbringen und setzte ihn dem Manne vor. Nach dem ersten Schluck weigerte er sich, das abscheuliche Getränk zu sich zu nehmen. Nach wie vor verbrachte er den Nachmittag in seinem Arbeitszimmer zu Hause, speiste mit seiner Frau, die sich an seinen Rhythmus gewöhnte, unternahm dann seinen geheimnisvollen Gang, und war von zehn Uhr ab wieder ein einwandfreier Gatte. Als er erfuhr, woher der schlechte Kaffee gekommen war, hielt er es für unmöglich, und wenn er nicht gestorben ist, glaubt er es heute noch nicht. Das Unrhythmische ist das Hoffnungslose, und darum kann man auch jenen Mann verstehen, von dem Chamfort erzählt. Dreißig Jahre lang war er mit einer getrennt von ihrem Manne lebenden Frau befreundet, die er jeden Abend besuchte. Schließlich starb der Gatte, und alle Welt, besonders die Dame, nahm an, nun würde ihr Freund sie heiraten. Er machte aber nicht den mindesten Versuch. Ein Bekannter wurde schließlich zu ihm geschickt, um ihm nahezulegen, daß er eigentlich der Dame diesen auch für seine Jahre vernünftigen Schritt schulde. Er antwortete: »Seit dreißig Jahren besuche ich jeden Abend Madame X. Wenn ich sie aber heirate, weiß ich nicht mehr, was ich mit meinen Abenden anfangen soll.« Aus demselben Grunde habe ich bei häufigen Aufenthalten am Genfer See stets vorgezogen, in dem eintönigen Vevey zu wohnen. Bei schlechtem Wetter, wenn Ausflüge nicht möglich sind, kann man dort die Eintönigkeit unterbrechen, indem man nach dem belebten Montreux geht, wo es Konditoreien, Musik, elegante Läden und Toiletten gibt. Wer aber in Montreux selbst wohnt, ist bei schlechtem Wetter verraten und verkauft. Nach dem langweiligen Vevey zu gehen, wird keinem Menschen einfallen, und in Montreux ist man schon. Gewöhnt man sich an einen Rhythmus zu sehr, dann wird er wieder eintönig und man muß ihn unterbrechen. Nichts regt mehr an, als einmal zu nicht gewohnter Stunde aufzustehen oder zu essen. Nach einiger Zeit solcher Unregelmäßigkeiten sehnt man sich nach dem gewohnten Rhythmus zurück. Als die menschliche Phantasie die höchste Qual ersann und die Hölle schuf, gab sie ihr als bezeichnendste Eigenschaft die Ewigkeit. Was das Fegefeuer von der Hölle unterscheidet, ist sein Rhythmus. Seine Strafen sind abgestuft, sie stehen in einem ganz bestimmten Verhältnis zu den begangenen Sünden. Im einzelnen mögen sie den Höllenstrafen gleichen, aber sie sind abwechslungsreicher, nicht »ewig«, und darum zu ertragen. Auch die Seligkeit ist freilich ewig gedacht, aber die Rhythmuslosigkeit ist es, die es den Menschen verbietet, sich eine Vorstellung von ihr zu machen. Oft genug ist scherzhaft gefragt worden, ob sich die Engel in ihrer dauernden Helle und Reinheit nicht tödlich langweilen? Nur der Rhythmus belebt, und ein Erlebnis haben ist nichts andres, als den Rhythmus des Lebens spüren. Warum erlebt der eine, wo der andre stumpf bleibt? Warum können auf einmal viele da etwas erleben, wo einmal ein schöpferischer Geist etwas erlebt und der Mitwelt mitgeteilt hat? Erleben in der Natur, in der Kunst, im Verkehr mit Menschen heißt nichts andres, als einen Rhythmus in den Dingen spüren. Ohne Rhythmus empfindet freilich niemand. Schon daß unser Auge beständig Farbflecken zu Gegenständen zusammenordnet, heißt rhythmisch empfinden. Aber diese Rhythmen sind zu alltäglich, als daß sie noch besonders genußreich wären. Viel reizvoller ist es bereits, aus einzelnen Worten und Gebärden den Rhythmus eines ganz bestimmten Charakters zu erkennen. Die große Masse der Menschen ordnet Farben, Formen, Worte und so weiter nicht in dieser Weise zusammen, sondern sie empfindet sie einzeln, getrennt, das heißt sinnlos. Sie besitzen nur die Buchstaben, nicht die Sprache des Lebens. Obwohl es die Buchstaben sind, die den ganzen Geist eines Buches enthalten, ist es doch nicht die Summe der Buchstaben, die das Buch ausmacht. Die meisten Menschen buchstabieren nur in dem Buche des Lebens. Das einzelne, die einzelne Handlung ist gar nichts, erst die Zusammenhänge geben ihr Wert. Ja, das aus dem Zusammenhang gerissene einzelne, zum Beispiel ein Ausspruch oder eine Handlung eines Menschen, gibt nicht nur ein unvollkommenes, sondern oft genug sogar ein falsches Bild von ihm. Spricht man zum Beispiel von Cäsar als einem fetten Mann mit einer Glatze, von Goethe als einem sächsischen Geheimrat, und wiederholt vielleicht gar noch einen Ausspruch von ihnen, der gewissen Zeitströmungen zuwider ist, so verkehrt man die Bilder dieser Männer vollkommen, obgleich man nur richtige Einzelzüge von ihnen anführt. Die Unwahrheit beruht auf der falschen rhythmischen Einordnung dieser Züge. Daher kommt es auch, daß man niedrigem Klatsch häufig so schwer begegnen kann. Die behaupteten Tatsachen sind als einzelne richtig, aber, aus dem Zusammenhang gerissen, haben sie den Erfolg bösartiger Lügen. Wer in dem Chaos der ihn umgebenden Welt kleine sinnvolle Zusammenhänge findet, wird entdecken, daß sie sich rhythmisch zu tieferen Zusammenhängen gliedern lassen. Dies gibt ihm bald die Fähigkeit, immer leichter alle seine Einzelbeobachtungen einzuordnen. Seine Gesichtspunkte befähigen ihn zu einer Weltanschauung, seine Einfälle verstärken seine Ideen. Sein Geist hat nicht etwa neue Kräfte gewonnen, nur der neue Rhythmus löst die alten in Bewegung auf. Der Rhythmus erst ist es, der den Dingen Wert verleiht. Kein Rhythmus ist in den Dingen selbst, der Mensch trägt ihn hinein und schafft damit erst die Welt. Das ist nicht zu verwechseln mit fanatischem Einzwängen der Tatsachen unter ein vorgefaßtes Schema moralischer oder politischer Art. Es muß immer scheinen, als käme der Rhythmus aus den Dingen, sonst ist es kein Rhythmus, sondern Zwang und Hemmung. Eine Weltanschauung besitzt, wer eine Zauberformel hat, die das ungeordnete Chaos des Alltaglebens zum geordneten Kosmos bannt. Jede Formel, die dies vermag, ist gut für den, dem sie das Gewünschte leistet, und ist schlecht für den, der sie nicht begreift. Daher kommt es, daß dieselben Religionen und Philosophien, in denen das Lebensblut ganzer Zeitalter aufschäumte, die die Besten ihrer Zeit an sich fesselten und ruhig in den Tod gehen ließen, einige hundert Jahre später die schale, abgestandene Bettelsuppe der geistig Armen bilden. Daher kommt es ferner, daß Zeiten oder Persönlichkeiten von besonderem Glanze jedem späteren Geschlecht in neuem Zusammenhange erscheinen und immer wieder neu werden und immer wieder veralten. Welche stets lebensvollen Veränderungen hat zum Beispiel das Gefühl für die Antike im Laufe der Zeiten erfahren! Unter wie verschiedenen Formen ist das Christentum lebendig und tot gewesen! Der völlig vergessene Johann Sebastian Bach ist erst im neunzehnten Jahrhundert wieder lebendig geworden. Man kann sagen, daß das Deutschland der dreißiger bis achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts goethefremd gewesen ist, während augenblicklich wieder Schiller in der Schätzung sinkt. Modefragen, wird man erwidern. Nun, auch die Mode ist ein Rhythmus, dessen Lebenswert nur Pedanten unterschätzen können. Gewiß ist ihr Tempo im Augenblick viel zu rasend, aber wer will ermessen, wieviel Kraft wir eintauschen durch die Freude an dem wechselnden Formen- und Farbenspiel, mit dessen Reizen sie uns umgibt. Alle Einzeltatsachen sind wie reizlose Riffe, die über die Flut ragen. In der Tiefe aber verbindet sie eine Korallenbank zur Einheit. Zur Technik des Lernens »Chemisch reines Wasser ist ungesund: chemisch reines Wissen ist tödlich. Wie zum Wasser der Sauerstoff der Luft, so muß zum Wissen die Persönlichkeit hinzutreten, um es verdaulich zu machen.« Paul de Lagarde. Ueber die Technik des Lernens bestehen zwei Ansichten, die einander widersprechen. Auf der einen Seite hört man immer wieder von dem weicheren, eindrucksfähigeren Gehirn der Kinder reden, welche spielend Tatsachen und Regeln ins Gedächtnis aufnehmen, die in späteren Jahren nur schwer haften würden. Anderseits wundern wir uns über die außerordentlich geringen Kenntnisse in alten und neuen Sprachen, Geschichte und Naturwissenschaft, die wir nach zwölfjährigem Unterricht, häufig mit Arbeiten überbürdet, in uns aufgenommen haben. Für diesen Mißerfolg finden wir kaum eine Entschädigung in dem Gedanken, daß wir die Reihe der Deutschen Kaiser oder die Teile der Alpen noch auf dem Sterbebette vor- und rückwärts aufzusagen vermögen. Wenn wir ferner bedenken, mit welcher Leichtigkeit ein junger Kaufmann oder Gelehrter eine plötzlich für seinen Beruf notwendig werdende Sprache in den Grundlagen erfaßt, wie leicht wir uns den Inhalt eines uns fesselnden Aufsatzes oder Vortrags aneignen, dann scheint uns bisweilen die Behauptung von der größeren Lernfähigkeit der Kinder ein Märchen. Trotzdem ist sie wahr. Der Grund, warum wir in den späteren Jahren geringerer Empfänglichkeit dennoch schneller und eindringlicher lernen, liegt in der besseren Methode, der Technik des Lernens, ja, die Behauptung, das Kindesalter sei das aufnahmefähigste, gewinnt sogar an Kraft, wenn wir bedenken, wieviel es immer noch trotz den oft schlechten Methoden im Geiste festhält. Wollten wir die Lerntechnik der Schule im späteren Leben weiter anwenden, dann würde vor dem 30. Jahre bereits die Erscheinung eintreten, die meist (auch noch zu früh) erst gegen das 60. Jahr eintritt, daß nämlich der Geist nichts mehr hinzuzulernen mag. Die falsche Lerntechnik beruht, kurz gesagt, darauf, daß dem Geist Nahrung zugeführt wird, die er nicht verlangt. Dem Kinde wird ein »Lernstoff« einverleibt, dessen Wert, Wichtigkeit, Nützlichkeit es nicht begreifen kann. Es speist ohne Appetit, und dies ist bekanntlich die unzuträglichste Art der Ernährung. Die Ärzte sind sich heute darüber einig, daß man möglichst das in sich aufnehmen soll, was einem schmeckt; die Erzieher sind teils noch anderer Meinung, sie glauben vielleicht des so außerordentlich ethischen Wertes der Qual in der Erziehung nicht entraten zu können. Für ein in unseren Breiten aufgewachsenes Kind ist nun die Zumutung, sich die Tatsachen der römischen Geschichte oder die Staaten der Union einzuprägen, psychologisch genau dasselbe, wie wenn man einem erwachsenen Menschen einen Warenkatalog zum Auswendiglernen gäbe. Das beste Gedächtnis würde versagen, da jeder ersichtliche Grund für eine solche Anstrengung fehlt. Wie anders verhält sich dagegen, wie gesagt, die Lernfähigkeit eines Menschen, der etwa plötzlich in die Lage versetzt wird, eine langersehnte Reise nach Italien machen zu können. Mit welcher Schnelligkeit wird er in sechs Wochen den Grundriß der italienischen Grammatik begriffen haben, wie leicht wird es ihm, sich mit dem ihm sympathischen Volke zu verständigen, selbst wenn er von Haus aus wenig Sprachtalent besitzt! Man kann sich nicht genug darüber wundern, wie wenig diese bis zur Trivialität einfache Tatsache auch von den Reformpädagogen berücksichtigt wird. Gewiß, es besteht das Bestreben, dem Kinde den »Lernstoff« etwas appetitlicher zu machen, aber im Grunde ist wenig geändert, denn immer noch gibt es einen »Lernstoff«, von dem man ausgeht. Nicht eher aber wird das Kind mit Freude, und deshalb mit Nutzen, lernen, als bis die Tatsachen der Geschichte und Natur wiederum ihres »Lernstoff«-Charakters entkleidet sind. Es ist ein Zeichen adeliger Wohlgeratenheit, wenn jemand unter keinen Umständen einwilligt, sich ohne ersichtlichen Sinn zu schinden. Ein Mensch von Charakter und Geist verlangt zu wissen, warum er sich bemühen soll; hat er einen zureichenden Grund erkannt, dann ist ihm die Arbeit keine sklavenmäßige Schinderei mehr. Im allgemeinen bieten dem Kinde die ersten Schuljahre durch das Zusammensein mit Kameraden so viel Neues, daß sein Freiheitstrieb überlistet wird. Ohne es zu merken, wird es seinen unbefangenen Spielen entzogen und ins Joch gespannt. Es ist bekannt, daß diejenigen, welche sich am widerspruchslosesten hineinfügen, meist ihr ganzes Leben untergeordnet bleiben. Ein bedeutender Mann ist selten Primus in seiner Klasse gewesen, weil er sich instinktiv gegen die Unsinnigkeit vieler Zumutungen der Schule auflehnt. Ich habe selbst die Erziehung eines begabten Knaben zu beaufsichtigen gehabt, deren Schwierigkeit heute darin besteht, seinen allzu großen Lerneifer zu zügeln. Dieses Kind, das in seiner guten Art alles eindringlich zu tun gewöhnt ist, wollte durchaus den Übergang vom freien Spiel zu systematischem Lernen nicht begreifen. Ein paar Tage machte es ihm Spaß, Buchstaben, die ich ihm auf die Tafel schrieb, nachzuzeichnen, und das Zerlegen der Worte in Silben, der Silben in Laute wie eine Art Rätselraten zu betrachten. Sehr bald aber kam er dahinter, daß es hier heimlich auf etwas anderes als Spielen abgesehen war, und er fühlte sich mit Fug in seinen Kinderrechten beeinträchtigt. Er streikte. Hatte er nicht vollkommen recht, sich meinen phantasielosen Zumutungen zu entziehen? Es handelte sich nun darum, für ihn einen Grund zum Lernen zu finden, dabei aber zu bedenken, daß Worte wie Pflicht, nützliches Mitglied der Gesellschaft, Kampf ums Dasein nichts als leere Worte bedeuteten, auf die er nicht hineinfallen würde. Ich sagte ihm deshalb ungefähr folgendes: »Wenn Du nicht schreiben und lesen lernen willst, so kannst Du es lassen und Dich weiter mit Deinen Spielsachen abgeben. Wir hatten uns bloß gedacht, es wäre hübsch, wenn wir uns mehr mit Dir unterhalten könnten, wenn Du verstehen lerntest, worüber wir sprechen, während Du jetzt nur dumm dabei sitzest. Dann haben wir gemeint, Du wolltest auch einmal später etwas studieren und in der Welt herumreisen, schöne Länder sehen und es machen wie der Onkel X. oder der Vetter Z. Na, das scheint Dir ja alles keinen Spaß zu machen, Du willst lieber dumm bleiben und spielen. Auch recht. Natürlich darfst Du Dich nicht wundern, wenn es uns zu langweilig ist, mit Dir viel zu sprechen, der Du nichts kennst und nichts weißt. Du kannst deshalb ja ruhig weiter im Hause wohnen bleiben und mit am Tisch essen, das stört uns weiter nicht.« Nach dieser Ansprache ließ ich ihn mit einem außerordentlich nachdenklichen Gesicht allein. Zunächst ging er trotzig an seinen Spielschrank, öffnete ihn, blieb aber dann unbeweglich davor sitzen. Nach einer Stunde kam seine Mutter ins Zimmer; er saß noch nachdenklich in derselben Stellung. Plötzlich sagte er entschlossen: »So kann das nicht weiter gehen.« Er kam zu mir und erklärte mir, er habe sich's anders überlegt und fragte mich ängstlich, ob ich ihm vielleicht doch weiter Stunden geben wollte. Lesen müsse er auf alle Fälle lernen. »Und dann?« fragte ich. »Das weiß ich noch nicht,« sagte er, »wenn ich erst einmal Bücher lesen kann, dann wird sich's schon finden.« Durch dieses kleine Vorkommnis hatte der Bub den Zweck des Wissens ein für allemal erkannt und das Schicksal der Unwissenden verstanden. Dieses Beispiel läßt sich auf alle Arten des Lernens anwenden. Man kann nicht verlangen, daß jemand sich um Ursprünge einer Sache abquält, deren fertige Form er nicht kennt. Für einen lebendigen Geist ist die Vergangenheit nur anziehend, weil er stark in der Gegenwart lebt. Er verlangt zu wissen, wie die Gegenwart mit all ihren Vorzügen und Fehlern geworden ist, der Tätige sucht in der Vergangenheit Lehren und Erfahrungen für die Gestaltung der Zukunft. Nichts ist daher törichter, als Kinder mit den messenischen Kriegen oder der Völkerwanderung zu plagen. Man beginne vielmehr mit der Lebensgeschichte solcher großer Männer, die noch heute in den Gesichtskreis der Kinder reichen. Es wird nicht schwer sein, einen Knaben für Bismarck zu erwärmen. Von hier führt der Weg leicht zu Friedrich dem Großen, von ihm zu Napoleon und dann zu Cäsar und Alexander. Dann mag man einen Dichter oder Künstler herausgreifen, dessen Werke für das Kind Anziehungskraft besitzen, von ihm zur Antike schreiten und über Perikles wieder zu Alexander kommen; so wird sich langsam ein Netz von bedeutenden Dingen um das Kind bilden, eine immer mehr eindringende Übersicht des Wissens und jetzt, wo es schon eine Vorstellung mit Hellas oder dem Vaterlande oder der Dichtung verbindet, wird es einen zureichenden Grund sehen, auch die trockenen Einzeltatsachen zu erlernen. Das wird ihm ebenso leicht fallen, wie uns das Lesen eines guten Aufsatzes, der uns in dem Augenblick eines bedeutenden Vorfalls in der Türkei oder in Skandinavien schnell mit den Tatsachen der Landesgeschichte vertraut macht, nur mit dem Unterschied, daß unsere nicht mehr so weiche Hirnmasse im Treiben des Tages einen großen Teil des täglich aufgenommenen Wissens ebenso schnell wieder vergißt, wie aufnimmt, während das empfänglichere Hirn des Kindes alles festhält, was ihm in nicht zu großen Gaben in zeitweiliger planmäßiger Wiederholung beigebracht wird. Man wird in den allerverschiedensten Zusammenhängen immer und immer wieder auf dieselben Tatsachen zurückkommen, zuerst in der äußeren politischen und Kriegsgeschichte, vielleicht wieder in der Anthropologie, und schließlich werden die allertrockensten Fragen wie Steuer- und Finanzpolitik bedeutend, weil wir ihnen von irgendeinem bedeutenden Gesichtspunkte aus nahen. Mit einem Wort: Zunächst die bedeutenden Männer zeigen, dann erst die Völker, die nach dem Worte eines Philosophen nur der Umweg sind, den das Schicksal zu den Großen macht. Man muß mit der Methode brechen, den Unterricht mit dem Ei der Leda zu beginnen, und darf sich nicht wundern, wenn ein gescheites Kind einem auf diesen Versuch antwortet: »Ich interessiere mich doch gar nicht für Eierlegen.« Indem man Kinder, ehe sie selbst fühlen, lehrt, wie man früher gefühlt hat, geht das Abc der Menschlichkeit verloren. Fingerzeige Der Luxus, sich wichtige Personen zu verfeinden, ist ein Bettlerluxus, wie etwa die Freiheit, sich nicht waschen zu müssen. A haßt B. B sei sich darüber klar und erstaune nicht darüber, daß der dumme, häßliche oder erfolglose A ihn hassen muß, aber er hasse ihn nicht wieder. Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, schon weil es das beste Mittel für eine gute Verdauung ist. Man halte sich gar nicht bei dieser Selbstverständlichkeit auf, daß die meisten Menschen, weil unbefriedigt, nicht gütig sind. Die gefährlichste Kraftverschwendung ist die, sich über die Fehler von Menschen, mit denen man leben muß, allzu klar zu werden. Der Atem eines Mannes, der uns in seiner Fabrik anstellen soll, dessen Tochter wir heiraten wollen, der unser Drama aufführen wird, ist immer gut. Kunst Theaterblut »Und ich behaupte sogar, daß, je mehr das Theater gereinigt wird, es zwar verständigen und geschmackvollen Menschen angenehmer werden muß, allein von seiner ursprünglichen Wirkung und Bestimmung immer mehr verliert. Es scheint mir, wenn ich ein Gleichnis brauchen darf, wie ein Teich zu sein, der nicht allein klares Wasser, sondern auch eine gewisse Portion Schlamm, Seegras und Insekten enthalten muß, wenn Fische und Wasservögel sich darin wohl befinden sollen.« Goethe, Wilhelm Meisters theatralische Sendung. In unserer Zeit herrscht der Intellekt, der Mensch glaubt alles mit ihm erfassen und nach seinen Werturteilen verändern zu können. Wo er immer auf etwas stößt, das ihm nicht paßt, meint er, es sei nur eine Frage der Zeit, es in seinem Sinne zu »reformieren«. Es gibt kaum ein Gebiet, an dem der Intellekt nicht seine Reformen versucht hätte. Wir hören nicht nur von religiösen und sozialen Reformen, die Medizin, die Küche, die Kleidung, das Theater, das Brettel werden reformiert. Sogar von einer »Reformschmiere« habe ich im Scherz reden hören. Zweifellos ist solcher Optimismus eine starke Lebensmacht: die Wirkung lange gebundener, plötzlich gelöster Kräfte. Gleichzeitig aber sehen wir eine Gegenbewegung, die zu der weiseren Erkenntnis gekommen ist, daß zwar der Intellekt viele Mißstände beseitigen, vielen Schutt hinwegräumen, nicht aber die Grundformen des Daseins zu ändern vermag. Jugend und Alter, Mann und Weib, Herr und Knecht, Armut und Reichtum, der Kaufmann und der Gelehrte, der Bauer und der Soldat, die Heilige und die Dirne, der Tempel und die weltliche Schaubühne, alles dies sind ewig menschliche Gegensätze, und so wundervoll es ist, sich an der Buntheit des Daseins zu erfreuen, das berauschendste Wunder bleibt doch unter dieser Buntheit die ewige Gleichheit und Einheit alles Menschlichen. Daran will der reformlustige Intellekt nicht glauben, und darum erwecken seine Vertreter den Verdacht, daß sie die wesentlichsten Lebenswerte überhaupt nicht kennen. Wir alle wissen, was Goethe von der grauen Theorie und dem Kerl, der spekuliert, gesagt hat. Zu diesen ewig unveränderlichen Menschlichkeiten, die der Reformer mißversteht, gehört auch das, was man »Theaterblut« nennt, unfreundliche Leute sprechen von Komödiantentum. Wie man es auch nennen mag, ob man mehr an seine gute oder mehr an seine schlechte Seite denkt, der Schauspieler ist eine ganz bestimmte Sorte des homo sapiens , die zwar im Leben viel zu lernen vermag, nach außen bald ein großer Herr, bald eine brave Mittelmäßigkeit, bald ein armer Lump sein kann, deren Wesen aber keinerlei Reformen zugänglich ist. Trotzdem hat man auch ihn nicht in Ruhe gelassen. Leute, die nicht einen Tropfen jenes fröhlich-frechen Theaterbluts besitzen, die allenfalls Kunstprofessoren hatten werden können, schreiben über Theater oder betreten gar selbst die Bühne und haben uns den neuen Typus des »denkenden Schauspielers« beschert. Gleichzeitig betrachteten Gouvernanten mit »individuellen« Füßen griechische Vasen und Renaissance-Grotesken mit dem Erfolg, daß sie, ohne das kleinste Teufelchen im Leibe, den Barfußtanz erfanden. Der symbolistische Maler, der etwas in seine Bilder »hineinlegt«, ist eine Parallele auf anderem Gebiet. Aber so wie die Deutschen in der Poesie den lehrhaften Dichter längst überwunden und auf die Kanzel zurückgeschickt haben, so wird auch der denkende Schauspieler wieder in den Hörsaal, die Barfußtänzerin in die Kleinkinderbewahranstalt zurückwandern müssen. Die Dichter betreten gewöhnlich mit einer gewissen Ängstlichkeit das Reich des Schauspielers. Sie wissen daß seine Art und Kunst der ihrigen ganz unverwandt ist, aber sie brauchen diese Kunst, um ihr Werk in Erscheinung treten zu lassen. Eine Verständigung ist schwer, denn der Schauspieler besitzt einen ganz anderen Wortschatz, als der Dichter. Jede »literarische« Ausdrucksweise ist ihm zuwider, und er hat zweifellos recht, wenn er seine allabendliche Bühnenerfahrung dem Manne gegenüber ausspielt, der vom Schreibtisch kommt. Hier tritt häufig der denkende Schauspieler helfend ein. Er rühmt sich, den Dichter zu verstehen (hat er doch selbst meist einige Dramen geschrieben) und geht auf dessen Absichten ein. Der Dichter verträgt sich vielleicht auf den Proben vortrefflich mit ihm, aber was ist der Erfolg? Eine dünne, blutlose Leistung. Der wahre Theatermensch dagegen läßt sich nur ungern hineinreden, und man sollte es darum auch nur dann, und mit großer Vorsicht tun, wenn eine wirklich grundfalsche Auffassung vorliegt. Auf alle Fälle soll man den Schauspieler zunächst einmal gewähren lassen. Häufig geschieht es dann, daß er eine lebendige, wenn auch den Absichten des Dichters nicht ganz entsprechende Leistung bietet. Sie ist jedenfalls dem vorzuziehen, was herauskommt, wenn er wider Willen etwas tun muß. Dann bringt er notgedrungen eine groteske Bastardleistung hervor. Das Wesen guter Schauspielkunst bleibt eine gewisse naive Unbefangenheit. Die darf nicht gestört, sondern kann nur mit großem Takt unmerklich gelenkt und beeinflußt werden. Es ist anzunehmen, daß ein alter gewandter Schauspieler, dem es nicht einfällt, das Stück zu lesen, sondern nur seine Rolle, und der sich überhaupt nichts sagen läßt, der Aufführung mehr nützt, wenn man ihn sanft anpackt, als das auf die Bühne verirrte Fräulein aus gebildeter Familie, das sich sämtliche Werke des Dichters bestellt hat, um seinem Geiste gerecht zu werden. Es dürfte ein unkünstlerischer Irrtum sein, daß man hinter dem Kunstwerk den Menschen sucht. Naturgemäß ist keine Kunst dieser Versuchung mehr ausgesetzt als die des Schauspielers, der in eigener Person vor sein Publikum tritt. Während man aber früher jenen Irrtum für eine Schwäche, besonders des weiblichen Geschlechts gehalten hat, das nur zu gern beim Anblick des Priesters Gott vergißt, hat jetzt eine falsche Ästhetik ernsthaft den Kultus des Menschen im Kunstwerk verkündet. Die Duse zum Beispiel, heißt es, sei darum eine so bedeutende Schauspielerin, weil sie ein so großer, vornehmer Mensch sei. Nichts ist unkünstlerischer, ja plebejischer, als sich angesichts der Hedda Gabler oder der Locandiera um die Privatperson, Frau Eleonora Duse aus Venedig, zu kümmern. Ja, ich schrecke vor der Ketzerei nicht zurück, daß der Kultus ihres »Menschentums« die große Kunst dieser Schauspielerin bereits in hohem Maße beeinträchtigt und zur Maske erstarren läßt. Mich geht das Privatleben der Frau Duse ebensowenig an, wie das einer Kommerzienrätin oder einer Privatdozentin, die zufällig in demselben Haus wohnt, wie ich. Aber eines weiß ich genau, die Art nervöser, überzüchteter »Vornehmheit«, welche angeblich hinter dem Spiel der Duse steht, spielt nicht Komödie. Wenn sie es tut, hebt sie sich selbst auf. Nicht als könnte ein Schauspieler kein durchaus vornehmer Mensch sein, er kann es so gut, wie jeder andere, aber er macht gerade aus seiner Vornehmheit kein Spiel. Auch von Frau Duse muß man, ehe das Gegenteil bewiesen wird, glauben, daß sie ein vornehmer Mensch ist, aber dieses, wie man sagt, »verinnerlichte« Menschentum, das sie hinter jede ihrer Rollen stellt, ist eine auf die Nerven gehende Pose, die ihr das unkünstlerische Publikum der europäischen Theater aufgezwungen hat. Man sollte die Sarah Bernhard schon darum bei weitem vorziehen, weil sie uns mit ihrem Menschentum in Ruhe läßt. Ihr Spiel ist reiner, ihr Menschentum bleibt draußen, ist Privatsache, sie ist ganz Kunst. Zweifellos wurzelt jede Kunst in dem Menschentum des Künstlers, aber man darf diesen Rohstoff nicht zu sehen bekommen. Eine besondere innere Zerrissenheit und Disharmonie erweckt eine besondere Sehnsucht nach harmonischen künstlerischen Formen. Der von Haus aus einfachere, kampflosere, vielleicht mittelmäßige und darum harmonischere Mensch kennt eine solche Sehnsucht nicht, im künstlerischen Formen eine ihm im Leben versagte Harmonie zu schaffen. Unsere Zeit begnügt sich nur zu leicht mit diesem Antrieb zum Schaffen, der aus der problematisch zerrissenen Natur kommt, und fragt viel zu wenig danach, ob denn die erstrebte Harmonie der Form auch wirklich erreicht ist. Das Zerrissene ist ihr an sich reizvoll und das bleibt ethisch wie ästhetisch gleich schlecht. Ohne das aus der Disharmonie eines Menschen entstehende Werk ist die Zerrissenheit keine Überlegenheit, sondern eine Unterlegenheit gegenüber dem ausgeglichenen Durchschnittsmenschen. Deshalb bringt so selten ein moderner Künstler Harmonie in das Leben, sondern er erhöht sogar die allgemeine Verwirrung, wenn er seine gräßlichen Seelenwunden zur Schau stellt. Dies ist der Gegensatz zur Klassik, die das Harmonische aus dem Chaos gebiert. Auch sie zeigt wilde Schmerzen, schwärende Wunden, aber niemals um ihrer selbst willen. Darum verschone uns auch der Schauspieler mit seinem Menschentum, wie wir es von jedem anderen erzogenen Menschen verlangen müssen. Daß er es haben muß, um eine Leistung zu schaffen, bedarf überhaupt keiner Versicherung. Aber Kunst ist was ganz anderes, als hintreten und sagen: Seht, was bin ich für ein Mensch, was für ein Held oder was für ein Dulder! Kunst ist vielmehr eine Welt für sich, sie wurzelt zwar im Erdreich der Wirklichkeit, aber ihre Krone hat nichts mehr mit Erde zu tun, sie besteht aus Blättern, Blüten und Früchten, d. h. aus neuen Formen in einer ätherischen Welt. Die Wurzeln, so nötig sie sind, bleiben unsichtbar. Auch die soziale Stellung des Schauspielers sei kurz berührt. Besonders hier fühlt man etwas von der Reformlust des Zeitalters. Überall wollen sich die Stände, die bisher nicht zu den ersten gehört haben, als Stände heben: der Arbeiter, der Kellner, der Dienstbote, aber auch der Lehrer verlangt höhere gesellschaftliche Wertung. Jeder Künstler sollte derartigen Standeshebungen immer fernbleiben. Welche Berufe suchen als Stand emporzukommen? Die, welche dem einzelnen keine großen Möglichkeiten geben, über das Durchschnittsmaß einer allgemeinen Leistung hinauszugelangen. Der junge Kaufmann, der Aussichten auf künftige Selbständigkeit hat, läßt sich gelegentlich von seinem Chef in ungerechter Weise ausbeuten, ohne deshalb Sozialist zu werden. Er vertraut auf sich selbst und weiß, daß er eines Tages selbst Prinzipal sein wird. Versuche zur Hebung der kaufmännischen Angestellten überläßt er mit einer gewissen Geringschätzung den Ehrgeizlosen, Untüchtigen oder auch Unglücklichen, die nichts von sich selbst, alles von der Gesamtheit des Standes zu erwarten haben. Er weiß, wenn er einst gute Geschäfte macht, wird es ihm auch an gesellschaftlichem Ansehen nicht fehlen. Andererseits ist es nur eine Frage der Zeit, daß die zahllosen bürgerlichen Angestellten in Großbetrieben, die niemals als einzelne weiterkommen können, dem Sozialismus verfallen. Jeder Mensch, der auf Grund eines Talents zur Kunst gegangen ist, wird unbedingt dem nach Selbständigkeit strebenden Kaufmann ähnlicher sein. Was liegt ihm daran, ob der siebente Liebhaber in Wunsen an der Luhe in der gesellschaftlichen Wertung vor oder nach dem Nachtwächter zählt. Er weiß ganz genau: entweder hat er sich mit seinem Talent verrechnet, dann wird er für eine so bittere Enttäuschung darin keine Genugtuung finden, daß der Schauspieler überhaupt heute höher gewertet wird, oder aber er macht seinen Weg, dann liegt kein Grund für ihn vor, warum er nicht als Persönlichkeit den höchsten gesellschaftlichen Ehrgeiz haben soll. Solche Ansichten gelten für grausam, man wird mir vorwerfen, ich dächte nur an die wirklichen Talente, aber man soll in der Kunst nur an die Talente denken und dadurch den Wettbewerb der andern, der eine Ungerechtigkeit gegen das Talent ist, fernhalten. Der Schauspieler hat selbst künstlerisch durch gesellschaftliche Hebung nur zu verlieren. Früher war er »fahrendes Volk«, und auch heute noch ist das Theater eine Welt für sich, mit tausend Unarten und Liebenswürdigkeiten, voll von Glanz und Ränken, Bewunderung und Eifersucht, Naivität und Verlogenheit. Diese Lebensluft darf nicht zerstört werden, denn aus ihr zieht das wirkliche Theaterblut seine Wärme und seinen Rhythmus. Viele Schauspieler mögen aus Instinkt ein kleinbürgerliches Familienleben führen, andere werden den Ton der großen Gesellschaft treffen und in ihr beliebt sein, wieder andere sind echte Bohémiens. Man kann diese Menschen nicht in eine enge bürgerliche Klasse mit engen bürgerlichen Gesetzen und Schablonen zwängen. Der einzelne mag tun und lassen, was er will, er wird sich je nach seiner Art Liebe und Achtung, oder Bewunderung mit Verachtung gepaart, erwerben. Nur wolle man ihn nicht als Klasse heben. Theater ist Schillern und Wechsel, Schauspieler sind fahrendes Volk und mögen es zum Nutzen der Kunst noch lange bleiben. Die intellektualisierten modernen Maler, Dichter, Architekten, Kunstgewerbler, sie alle wirken oft genug wie ästhetische Schwätzer neben dem echten Schauspieler. Im ewigen Ändern der Masken, unter Flitter und Schminke ist er stets sich selber treu und echt, wie alles Glühende. »Keine Kultur«, sagt der Pedant. – Theaterkultur. Das Wesen dieser Theaterkultur muß besonders berücksichtigt werden, wenn man die Stellung der Frau zum Theater betrachtet. Eine bedeutende Schauspielerin hat kürzlich für die Nöte ihres Standes den einzig wahren Grund angegeben: es gehen zu viele junge Mädchen zur Bühne. Man brauche, so sagte die Künstlerin, nur die Theaterzettel anzusehen, um zu erkennen, daß es viel weniger weibliche als männliche Rollen gibt. Dieses Thema läßt sich erweitern. Unter den weiblichen Rollen ist wieder ein ganz kleiner Bruchteil von solchen, die wirklich Charaktere darstellen, die meisten bleiben im Rahmen mehr oder weniger liebenswürdiger Gattungswesen, zu deren Darstellung kein ausgesprochenes schauspielerisches Talent gehört, sondern nur eine angenehme Person, Unbefangenheit, ein paar rein äußere Eigenschaften wie Stimme und einige erlernbare Fähigkeiten. Da dies alles natürliche weibliche Dinge sind, finden sie sich häufiger als die männliche schauspielerische Begabung, und das bewirkt, daß heute jedes hübsche temperamentvolle Mädchen ohne Versorgung zur Bühne strebt. So löst sich auch die Frage, ob Frauen oder Männer mehr Bühnentalent haben. Bühnentalent hat bis zu einem gewissen Grade fast jede nicht ganz temperament- und reizlose Frau, hinreichend für die Naiv-Sentimentale und die Salondame, ja selbst für eine erträgliche Desdemona oder Julia in der Provinz. Aber die wahrhaft schöpferische schauspielerische Begabung, mit der man eine Lady Macbeth, eine Cameliendame, eine Hedda Gabler oder auch nur die Lustigen Weiber von Windsor spielt, ist ebenso selten wie wirkliche weibliche Charaktere selten sind, sie kommen ja auch aus eben diesem Grunde nur in wenigen Stücken vor. Wenn sich dieses wahrhafte Talent irgendwo findet, in der Hütte ober im Palast, so läuft es meistens davon, hungert sich oft genug durch, bleibt »anständig« oder nicht, je nachdem, und erreicht schließlich den großen Mimenerfolg der Gegenwart, wie er keinem anderen Künstler zuteil wird. Um diese wenigen handelt es sich aber nicht, wenn man die sozialen Leiden der Schauspielerinnen erörtert, sondern um die vielen, denen kein Vorwurf daraus gemacht werden soll, daß es mehr weibliche als künstlerische Triebfedern sind, die sie zur Bühne treiben. Nur dürfen sie eines nicht vergessen: Bühne und Bürgerlichkeit sind Gegenpole. Es ist daher lächerlich, die Moralbegriffe der einen Welt auf die andere anzuwenden und von dem »Schandgewerbe« der Kolleginnen zu sprechen, die glänzendere Kleider tragen, als ihr Gehalt erlaubt. Es sind naturgemäß die reizvollen Frauen, die zur Bühne gehen, sie stehen auf sichtbarem Platz und üben eine ganz besondere Anziehungskraft auf die Männer aus. Die bösen Männer, welche die Frauen für ihre Gunstbeweise bezahlen! Nun, das Bezahlen ist häufig noch die einzige gute Eigenschaft solcher Bösewichte. Wird man es durch Stellung der Kleider oder durch Kleiderzuschuß verhindern können? Die Mädchen werden sich dann Liebhaber nehmen, um nicht die ekelhaften, ungesunden, verschwitzten Kleider ihrer Nebenbuhlerinnen tragen zu müssen. Bei der Comédie française bekommen die Schauspielerinnen, wie ich höre, zweihundert Franken Zuschuß für jeden Kleiderwechsel in einem neuen Stück. Brauchen sie vier Kleider, was oft Stilgründe unvermeidlich machen, so können sie nicht eines von diesen achthundert Franken bezahlen. Wollten sich die notleidenden Schauspielerinnen darauf beschränken, die Erhöhung ihrer Gehälter zu verlangen, so könnte man ihnen nur beistimmen. Es ist auch durchaus nicht unmöglich, daß sie einmal eine Steigerung von fünfundzwanzig oder fünfzig vom Hundert durchsetzen. Nur muß die Moral ganz und gar aus dem Spiel bleiben. Das bestverdienende Theaterunternehmen wird niemals in der Lage sein, auch nur die Hälfte oder ein Viertel der Verbindlichkeiten abzulösen, die heute von der edlen Kunstbegeisterung der Jeunesse dorée so freigebig getragen werden. Den Familientöchtern soll die Freude nicht verkümmert werden, diese Zustände als empörend und entwürdigend zu empfinden. Es wird sie neidloser auf die Damen in der Rampenhelle blicken lassen. Aber sie selbst sollen, wenn nicht eine wahre große Künstlerseele in ihnen schläft, jener Welt fernbleiben. Die Bühne mit ihrer Sichtbarkeit und ihrem Zauber kann nicht die Gewähr für die weibliche Tugend geben, auf der sich das bürgerliche Familienleben aufbaut. Alle die häßliche moralische Entrüstung würde in dem Augenblick aufhören, wo man sich abgewöhnen wollte, alles aus dem kleinen Gesichtswinkel des eigenen Standes zu sehen. Das Leben der Bühne ist nicht verächtlich und gemein, sondern bunt und glühend, aber es ist zuzugeben, daß es mit jener anderen Lebensform, der auf Überlieferung aufgebauten Familie, nichts zu tun hat. Wir wollen ebensowenig Zimperlichkeit am Theater haben, als die lustige Theatermoral im Schoß der Familie. Das Leben ist nicht gut oder schlecht, sondern es ist bunt, es wäre geradeso eintönig, in die Familie die freie Liebe einzuführen, wie das Theater zum Mädchenpensionat zu machen. Das hindert durchaus nicht, daß eine Schauspielerin ihre weibliche Würde wahrt, die ja nichts mit einem bestimmten Moralgesetz zu tun hat. Deshalb, ihr höheren Töchter, strebt nicht nach dem Lorbeer der Bühne, und ihr Schauspielerinnen, geizt nicht nach dem Feigenblatte bürgerlicher Ehrbarkeit. Ihr habt den Glanz und die Lust des Lebens neben seinen Abgründen, sie haben die enge Ordnung und den Frieden. Das heitere Theater Die europäische Kulturentwicklung hat zweimal feste Formen des Theaters hervorgebracht: die antike Kultbühne und das romanische – sagen wir: Gesellschaftstheater. Es gibt außerdem eine Reihe hochbegabter, aber keine zehn vollendeten deutschen Dramen. Der Kampf um eine deutsche Bühne hat indessen Bayreuth hervorgebracht; aber an wie viel Gestaltungskraft dieses Wort auch erinnert, es sind nicht die schlechtesten Deutschen, in denen geteilte Empfindungen wach werden, wenn sie von den »Pilgern« hören, die zu dem »geweihten Kunsttempel wallen«, oder wie die anspruchsvollen Phrasen lauten mögen. Diese Verquickung von Kunst und Religion ist eine der vielen Lügen, an denen unser geistiges Leben krankt. Selbst wenn wirklich einige Besucher Bayreuths, die brünstig ihr Ariertum verherrlichen, von den Bekennern der Wotansreligion abstammten, so sind sie doch trotz ihrem andächtigen Deuten der mythischen Symbole der Walhalla ferner, als die griechischen Spötter des fünften und vierten Jahrhunderts den Olympiern waren. In Bayreuth einen Kultus der Götter der Väter oder einen Altar arischer Rassegefühle sehen wollen ist ein literarischer Unfug. Sehen wir von dem Pathos ab, das Bayreuth so vielen klar empfindenden Menschen verleidet, so bleibt immer noch folgendes übrig: Einem elementaren Musiker und bisweilen über die Trivialität emporsteigenden Dichter ist ein Haus gebaut worden, wo man seinen Werken gesammelt, fern von den Lasten und Zerstreuungen des Alltags, lauschen kann. Wenn ein solches Haus einmal aufhören wird, Monopol eines einzelnen zu sein und ohne jeden Schwulst derjenigen Bühnenkunst gewidmet wird, die man schwer zwischen den Ablenkungen der Großstadt voll auf sich wirken lassen kann, so wäre in der Tat ein dritter, seinem Ursprung nach deutscher Theatertyp gefunden. In den Gegenden, wo man im Sommer ausruht, am Meer oder im Gebirg, sollten der ernsten Oper, dem klassischen Drama und der modernen Tragödie Spielhäuser errichtet werden. Man würde um zehn Uhr morgens oder um vier Uhr nachmittags die Vorstellungen besuchen und nicht Zerstreuung, sondern Sammlung finden. Man wird keine große Abendkleidung anlegen, wenn es auch wünschenswert ist, das nationale Lodenkleid verpönt zu sehen. Es soll jedenfalls mehr darauf ankommen, daß man sieht, als daß man gesehen wird. Auch vor den Toren der Städte sollten sich solche Festtheater erheben, damit das große Drama nicht nur, zwischen zwei Gasthausmahlzeiten genossen, als Strapaze des Großstadtlebens gepflegt wird. Aber nicht dieses Theater ist es, von dem ich hier sprechen will, sondern es ist jenes für unsere Zeit ebenso wichtige Gesellschaftstheater, das denselben Phrasen zum Opfer zu fallen scheint, die noch das ernste Theater entstellen. Das Gesellschaftstheater war stets die edelste Vergnügung gut geratener Geister, und auch unsere Zeit bedürfte seiner in hohem Maß, aber wirre Schulmeister enthalten es ihr vor. Es unterliegt ganz anderen Bestimmungen als jene große Bühne. Das Gesellschaftstheater dient weniger der Sammlung als der Zerstreuung. Menschen, die am Tag regiert, gehandelt, gelehrt, geforscht, geschaffen oder bloß geschwatzt haben, Menschen, die am selben Abend noch zu einem Ball gehen, oder morgen eine G.m.b.H. gründen wollen, Frauen, die Kleider oder Schultern zu zeigen haben, Fremde, die den Weg in die Gesellschaft suchen, Liebende, die sich unbemerkt anschauen oder sich etwas zuflüstern wollen, aus solchen und ähnlichen Menschen setzen sich die Besucher des heutigen Großstadttheaters zusammen. Alle diese Erregungen, die mit ins Theater gebracht werden, sind menschlich und berechtigt, und man soll nur den Mut haben, sich ruhig dazu zu bekennen. Für Äschylus, Beethoven oder Strindberg machen sie freilich nicht empfänglich, wohl aber für eine Kunst, die ähnliche Erregungen wie die mitgebrachten in höheren und tieferen Zusammenhängen zeigt. Damit ist bereits gesagt, daß ich nicht an Schwanek und Possen denke, sondern an eine Komödie höheren Stils, die freilich zunächst noch zu zwei Dritteln das Ausland zu liefern hätte. Solche Komödien werden ja wohl auch heute bei uns gespielt, aber meist mit einer Art Heuchelei von der Kritik behandelt. Ist der Kritiker ein Pedant, dem ausschließlich Kult- und Bildungstheater vorschweben, so lehnt er diese heitere Art ohne weiteres ab. Belustigt sie ihn aber selbst, so glaubt mancher, nicht aus vollem Herzen loben, sondern sein Vergnügen an dem Stück erst nach gewissen Vorbehalten gegenüber dem landesüblichen Schulmeistertum ausdrücken zu dürfen. »Wenn wir einmal von der hohen Warte herabsteigen, von welcher wir das große Kunstwerk beurteilen«, oder: »wir verkennen nicht, daß es sich der Verfasser ein wenig leicht gemacht hat, aber...« oder: »von manchen bedenklichen Theaterkniffen abgesehen« – so und ähnlich lauten die Redensarten, mit denen bisweilen der deutsche Theaterkritiker seine Seele rettet, ehe er zugibt, daß er einen außerordentlich angenehmen Abend verbracht hat. Nicht darum übergehe ich hier das Possen- oder Operettentheater, weil ich es ablehnte, im Gegenteil: ich glaube, daß gerade die ernsteste Beschäftigung am meisten zu einer leichten Abendunterhaltung geneigt macht. Sehen wir doch auch, daß die Wagner-Vorstellungen, ähnlich wie die Kirchen, vorwiegend von einem unbeschäftigten Frauenpublikum besucht werden. Aber es ist nicht nötig, für das bloß dem Lachen dienende Theater einzutreten, denn das Bedürfnis danach ist so verbreitet und unabweislich, daß es sich eine bisweilen restlose Befriedigung erzwungen hat. Ich will vielmehr für die feine, heitere Theatergattung eintreten, für ein Theater, das die Franzosen stets in hoher Vollkommenheit besaßen, wie es in Deutschland augenblicklich zu entstehen scheint und vielleicht längst entstanden wäre, wenn nicht törichte Lehrmeinungen diese Art bei uns brandmarkten. Wer sich für einen Dichter hält, schreibt bei uns nicht leicht was Lustiges; wer aber was Lustiges schreibt, verfällt in Deutschland oft genug dem Spießbürger- oder dem Handlungsreisendengeschmack, neuerdings ästhetischem wie moralischem Anarchismus. Ein Hauptfehler unserer Kritik scheint mir, daß sie den Verfassern so streng nachrechnet, ob sie wirklich ganz richtige Dichter sind. Als ob nicht auch ein Stück, das eine bewegende Zeitfrage in fesselndem Dialog behandelt, den Abend eines geistig gut genährten Menschen bisweilen wertvoll ausfüllen könnte! Überhaupt der Dichter! Ich finde, er dürfte etwas mehr Schamgefühl und Verschwiegenheit im Bezug auf den Verkehr mit der Muse zeigen. Man schreibe ein Theaterstück, man erzähle eine Geschichte und man mache dies alles so gut wie man kann. Daß für ein tiefer wirkendes Werk der rätselhafte Vorgang des Dichtens nötig ist, wie für eine vollkommene Ehe die Liebe, ist nicht zu bezweifeln; aber so wie man zwar seine eheliche Haushaltungsgemeinschaft mit einer Dame, nicht aber seine Gefühle zu ihr anzeigt, so spreche man nicht alltäglich von seinen Inspirationen, sondern von seinem Material, nicht von seinen Dichtungen, sondern von seiner Arbeit. Wenn Kritiker oder Publikum nachträglich finden, nur ein rechter Dichter besitze das Geheimnis solcher Wirkungen, wie sie jemand hervorgebracht hat, so mag man sich freuen, aber es ist meist leicht komisch, als Dichter aufzutreten und als Dichter Forderungen an das Publikum zu stellen. Das Theater und seinen Leiter geht der Dichter so gut wie nichts an; für ihn gibt es das Stück und seine Wirkung. Das Theater ist nicht für den Dichter, sondern für das Publikum da. Es ist traurig, wenn dieses Publikum ungebildet oder verbildet ist und das Dichterische eines Stückes nicht begreift, aber es will und kann seiner Art nach nichts anderes wollen als ein Theaterstück, die Poesie kann ihm nur unmerklich und muß ihm schmerzlos eingegeben werden. Die Genugtuung dafür, daß man ein Dichter ist, kann man nur in sich selbst finden, ebenso wie der Arzt, der mehr als ein geschickter Handwerker, nämlich ein edler Helfer ist, sich nicht seine Gesinnung, sondern nur sein Können bezahlen läßt und stets zugeben wird, daß die Heilkunst nicht für die edlen Helfer da ist, sondern für die armen Hilfsbedürftigen, die nicht viel danach fragen können, ob ethische oder wirtschaftliche Triebfedern das Handeln des Arztes bestimmen. Es liegt eine geschmacklose Heuchelei darin, Anerkennung dafür zu suchen, daß man die Dinge nicht aus geschäftlicher Berechnung, sondern – was den Dichter ausmacht – um ihrer selbst willen tut, denn dann tut man sie doch nicht mehr um ihrer selbst willen. Ich trete für das heitere Theater ein, das der Gesellschaft, die es besucht, in seinen äußeren Formen entgegenkommt, nicht vor halb neun anfängt, damit jeder seine Geschäfte erledigt, sich umgezogen und vorher gespeist haben kann. Der Raum soll nicht wie die ansteigenden Sitzreihen des Münchener Künstlertheaters einem physikalischen Hörsaal gleichen, in dem jedes Damenkleid erbarmungslos verschwindet, sondern von einem Kranz von Logen umgeben sein, in denen die Damen ihre Hüte zeigen dürfen. Ein kurzes Vorspiel mag von allzu strenger Pünktlichkeit entbinden, und zwei Zwischenakte sollen ein reizvolles Foyerleben entfalten. Um für das heitere Theater – ohne daß dies das Publikum etwas angeht – auch den Dichter zu gewinnen, möchte ich an das Wort Renans erinnern: »Die tiefste Philosophie ist die gallische Heiterkeit.« Man vergißt ganz, daß es die Heiterkeit ist, die uns über das Tier erhebt. Man findet bei Tieren Traurigkeit und freudige Munterkeit; Heiterkeit, Lächeln und Lachen wird man auch in dem sympathischsten Tiergesicht vergeblich suchen. Die Heiterkeit ist die erstaunlichste Leistung der menschlichen Seele. Die pessimistischen Philosophen haben logisch recht: Wir sind zum Tode Verurteilte, nur der Tag unserer Hinrichtung steht noch nicht fest, die unaufhaltsame Vergänglichkeit aller Werte prägt sich uns täglich ein, und der Glücklichste wird fortgesetzt durch kleinere oder größere Unglücksfälle an das Damoklesschwert erinnert, das über uns hängt. Nichtsdestoweniger lachen und lächeln wir. Die Heiterkeit löst die Schwere des Daseins, an der wir tragen. Freilich gibt es kurze und nachhaltig wirkende Heiterkeit. Wenn auch diese nur ein wirklicher Dichter auslöst, so sind doch die Grenzen nicht so leicht zu ziehen, wie manche unserer Kritiker tun. Sie scheiden mir zu ängstlich zwischen Witz und Humor und denken mir zu ausschließlich an jenen von ihnen allein gebilligten biedermeierisch-deutschen Humor, der ein Lächeln unter Tränen sein soll. Dieses wird gewöhnlich dadurch verursacht, daß ein im Lebenskampf versagendes, goldenes Herz, so eine Art Schlemihl, in unverdiente, lächerliche Lagen gerät, für die er eigentlich zu schade ist. Nein, ich meine jene freimütige, unbekümmerte Heiterkeit, die einen in Deutschland leicht oberflächlich, unkünstlerisch oder unwissenschaftlich erscheinen läßt, die aus Beaumarchais spricht, wenn er keck als Gesetz für die Komödie das Wort ausruft: »Seit wann hebt die Lustigkeit nicht die Unwahrscheinlichkeit auf?« Viele werden hinter solchen Grundsätzen die Gefahr der Verflachung fürchten, aber liegt denn diese Gefahr bei uns nicht viel mehr in der unseligen Neigung zur pathetischen Phrase, die seit zwei Jahrzehnten den deutschen Ernst manchmal verdächtig macht? Die Wirkung der Kritik Weder als Subjekt noch als Objekt der Kritik schreibe ich hier pro domo . Weder bin ich – von einigen Pubertätsirrungen abgesehen – jemals selbst Kritiker Dieser schönen Jungfräulichkeit hat mich inzwischen das rauhe Leben beraubt. gewesen, noch bin ich – wieder von einigen Pubertätsirrungen abgesehen – je von Kritikern mißhandelt worden. Auch diesen Vorzug habe ich nun eingebüßt. »Kritisieren ist leicht, bessermachen ist schwer.« Das ist eine der Grunddummheiten, an denen der Volksmund so reich ist. Bessermachen ist durchaus nicht das, was vom Kritiker zu verlangen ist. Die Fähigkeit der Kritik ist eine Gabe für sich. Wenn eine Frau Männer fragt, wie ihnen ihr neuester Hut gefällt, so ist sie gewiß nicht der Meinung, daß sie bessere Hüte machen könnten als Putzmacherinnen. Man höhnt bisweilen, jeder Theaterkritiker habe eine Reihe unausgeführter und unaufführbarer Stücke im Schreibtisch liegen, und zieht daraus den voreiligen Schluß, er sei Kritiker geworden, weil es zum Dichter nicht ausgereicht habe. Das ist ganz und gar falsch. Die literarische Gemeinsamkeit der beiden Tätigkeiten macht es in den Entwicklungsjahren oft schwer, die kritische von der dichterischen Begabung zu unterscheiden. Daher mag gewöhnlich der Weg zur Selbsterkenntnis des Kritikers durch dichterische Schiffbrüche führen. Mit dieser Eigentümlichkeit steht aber der Kritiker nicht allein. Gewiß hat auch mancher Politiker einmal schönes weißes Papier mit Römerdramen geschwärzt, und die Jugend vieler achtbarer Praktiker des Lebens mag schlechte Lyrik befleckt haben. Ein dichterisches Vorleben ist also gegen den Kritiker kein Einwand. Die Mißachtung des kritischen Talents beruht auf der falschen Vorstellung, es sei verneinender Art. Wer das kleinste Werk vollendet hat, soll mehr wert sein als der, welcher die Mängel fremder Werke noch so scharf erkennt. In vielen Köpfen ist Kritik gleichbedeutend mit Verurteilen und Schimpfen. An diesem Vorurteil mag eine bestimmte Abart der Kritiker selbst schuld sein. Kritik hat nur einen Wert (dann aber einen ebenso hohen wie jede andere geistige Schöpfung) als Ausdruck einer bejahenden Natur. Auch als Ablehnung und Kampf muß sie bejahend sein. Ein wohlgeratener Geist wehrt sich triebhaft gegen das Verneinen. Ich verstehe, daß jemand einen Ekel am Theater oder an der Politik bekommt, d. h. mit anderen Worten, daß diese Gebiete im Augenblick für ihn erschöpft sind und, falls er sich weiter mit ihnen beschäftigt, seinen Geist mit verneinenden Sätzen erfüllen. Ist er ein lebendiger Mensch, so wird er instinktiv diese Wüsten verlassen und sich entweder neuen Gebieten zuwenden ober seine Enttäuschungen zu einer milden Philosophie von der Eitelkeit aller Dinge veredeln. Vielleicht wird er Buddhist werden oder in ein Kloster gehen oder eine Farm in den Kolonien bebauen oder sozialer Fürsorge leben. In keinem Fall wird er in den für ihn nun unfruchtbaren Geländen verweilen und als verdrossener Kritikaster Gift und Geifer sprühen. Ich möchte so weit gehen, jede ablehnende Kritik, die nicht in einem größeren übersichtlichen Zusammenhange steht , zu verwerfen. Wenn einem ein einzelnes Buch oder ein Werk mißfällt, warum schreibt er darüber, warum sucht er nicht eins, das ihm gefällt, um seine Zusammenhänge ins rechte Licht zu setzen? Man wird erwidern: aber der Kritiker soll auch das Schlechte bekämpfen, um dem Guten Platz zu machen. Ein frommer Wunsch! Mißlungene Werke hat es immer gegeben, und gerade sie haben vielleicht den meisten Anspruch auf Nachsicht in der Behandlung. Eine grundsätzlich schlechte Literatur und Kunst, die der Unterhaltung einer voraussetzungslosen Masse dient, die weder den Reiz der Verfeinerung noch den der unverfälschten Derbheit besitzt, die bloß platt, ungebildet und doch nicht volkstümlich, zahm und dennoch nicht vornehm ist, sondern einfach feig und flau, eine solche Produktion besteht freilich erst seit dem neunzehnten Jahrhundert. Die Berufskritik, die ungefähr gleichzeitig ihre heutigen Formen angenommen hat, ist vollkommen machtlos dagegen gewesen. Noch niemals vielleicht hat die Kritik das wirklich Schlechte dadurch vernichtet, daß sie es angriff; wenn es fiel, so ist es dem Schicksal alles Irdischen gefolgt, zu sterben und Neuem Platz zu machen. Diesem Neuen aber den Weg zu ebnen, es zu verteidigen, zu beleuchten, seinen Gedankengehalt hervorzuheben, alles dieses ist die Aufgabe der bejahenden Kritik, die dadurch natürlich mittelbar den Tod dessen beschleunigt, was sie als schlecht erkennt. Ich möchte hier einen kleinen gesundheitlichen Rat einfügen: die Heilkunde hat seit langem erkannt, daß der Inhalt unserer Vorstellungen die Chemie unserer Säfte beeinflußt. Man kennt den Wert, den die Aufheiterung des Gemüts für alle Kranken hat. Darum sollte uns schon der Selbsterhaltungstrieb veranlassen, so weit es irgend geht, keine verneinenden Gedanken in unser Hirn zu lassen, sondern sie als untaugliche Schlacke hinauszuwerfen. Wenn mir ein Verleger den Auftrag gibt, irgendein Stück Leben zu untersuchen und darüber zu schreiben, und ich komme zu rein verneinenden Ergebnissen, so lehne ich die Arbeit aus Rücksicht auf meine und meiner Leser Verdauung und Blutumlauf ab. Ich warte, ob mich diese trüben Erkenntnisse zu bejahenden Gedanken führen werden, so wie ich in diesem Augenblick zu bejahen hoffe, auf Grund der deshalb freilich nicht neuen Erkenntnis, daß eine gewisse Art der Kritik unfruchtbar, d. h. verneinend ist. Verneinend ist besonders jede Art erhitzter Angriffslust, und wenn sie der besten Sache dient. Wegen dieses Fehlers sehen wir fortgesetzt die schönsten Absichten mißlingen, besonders im sozialen Kampf. Verbitterte Ressentimentmenschen, d. h. Menschen mit falschem verneinendem Verfahren, brauchen sich einer Sache nur anzunehmen, um sie scheitern zu machen. Man kann sich deshalb gar nicht genug gegen jene bekannte deutsche Unart wenden, die stets begierig ist, »Denkzettel zu geben«, etwas »niedriger zu hängen«, oder einen zu »verreißen«, kurz Zensuren zu verteilen. Wozu dient das alles, als irgendeinem Zerrbild von Miniaturtyrannen ein bißchen Machtkitzel zu verschaffen, den er durch Bejahung nicht erreichen kann? Entweder sein Eifer wendet sich gegen einen schlechten Gegenstand, dann ist es bedauerlich, daß er ihn nicht für einen besseren verwendet, oder die Nebel des Hasses oder der Dummheit geben solche Urteile ein, dann sind sie erst recht abzuweisen. Ich kann eine kleine groteske Geschichte nicht unterdrücken, obwohl Menschen mit verneinendem Verfahren leicht behaupten werden, sie sei die Ursache meiner Gedanken über Kritik. Aber die Geschichte ist zu bezeichnend. Ich wohnte einen Sommer in einer deutschen Mittelstadt, in der zwei große Zeitungen erscheinen, die eine von allgemeiner politischer und literarischer Bedeutung, die andere ein gut gemachtes, für die Massen bestimmtes Lokalblatt. Jene hat meine literarische Tätigkeit ihren Lesern stets mit Liebenswürdigkeit angezeigt, dieses besaß einen Kritiker, der sich in etwas vorgerücktem Pubertätsalter befand und ein neues Buch von mir »verriß«. Die große Zeitung wurde von Leuten gelesen, bei denen ich bisweilen speiste oder tanzte, schlechte Kritiken würden sie kaum bewegen haben, mir ihre Türe zu verbieten. Das Lokalblatt hingegen lasen viel wichtigere Personen: die würdige Matrone, bei der ich wohnte, sowie ein bei ihr bedienstetes junges Kalb von übertrieben ländlicher Geistesrichtung. Beide betrübte es, daß meine Gewohnheit, spät aufzustehen, den Einklang des Haushaltes störte, aber man hatte bisher Nachsicht geübt, weil ich für einen gelehrten Herrn galt, der viel zu denken hat. Nun aber kam heraus, daß der, für den man bisher mit dem bekannten weiblichen Opfermut Unbequemlichkeiten auf sich genommen hatte, so gut wie nichts wert war, ein Nichtskönner, dazu ein frivoler Mensch, dem nichts für heilig galt. Man entsann sich plötzlich, daß einem schon manches aufgefallen war, kurz, ich wurde von jetzt ab schlecht bedient und mußte ausziehen. Auch Kellner lesen bisweilen Rezensionen und es bleibt nichts anderes übrig, als ihre ungünstigen Eindrücke durch höhere Trinkgelder zu verwischen. Mit Vorliebe erscheinen lieblose Kritiken in unserer Vaterstadt, zur Genugtuung derer, die es immer gesagt haben, daß es mit uns »nichts« sei. Auch das Blättchen des Mannes, um dessen Tochter wir vielleicht morgen anhalten wollen, ist so rückständig, uns manchmal beschimpfen zu lassen, ahnungslos, daß Scherl und Mosse vielleicht bereits für uns gesprochen haben. Das sind so ziemlich die einzigen Wirkungen der rein verneinenden Kritik. Alles dies sind scherzhafte Kümmernisse des Daseins, aber sie haben auch eine ernste Seite. Wer sich die Mühe nimmt, von der Erstaufführung eines Bekannten aus den Zeitungen einen Eindruck zu gewinnen, wird nicht einmal über den Wärmegrad der Aufnahme zuverlässiges erfahren. Wir können von der Aufführung in den verschiedenen Blättern lesen, daß das Publikum sich ablehnend, gleichgültig, freundlich und begeistert gezeigt habe. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Abschaffung der Tages-(oder vielmehr Nacht-)Kritik. Ein in jeder Spielzeit neu zu wählender, aus Presse und Theaterleuten und vielleicht einem oder dem anderen angesehenen Bürger zusammengesetzter Ausschuß sollte nach jeder Uraufführung einen Augenblick zusammentreten und, wie einen Börsenkurs (der auch nichts mit dem inneren Wert der Papiere zu tun hat), den heutigen »Kurs« des Stückes festsetzen. Diese Notiz erschiene gleichlautend in allen Morgenblättern, und würde nach auswärts gedrahtet. Nun steht es den Zeitungen frei, in den nächsten Tagen von ihnen geschätzte Kritiker heranzuziehen, die in der Form von Essays Stücke besprechen, die ihnen wertvoll erscheinen. So kann kein Verfasser um die Tatsache seines Erfolges gebracht werden. Andererseits kann ein Theaterdirektor durch eine ernsthafte Besprechung aus berufener Feder ermutigt werden, ein bei der Uraufführung abgelehntes Stück vor einem nun besser belehrten Publikum noch einmal zu versuchen. Wer es nicht lassen kann, wider die Tantiemenfestung eines erfolgreichen, aber literarisch zweifelhaften Verfassers Sturm zu laufen, der mag es versuchen; aber dadurch, daß niemand mehr berufsmäßig dazu verpflichtet ist (die Kursnotierung macht den oft verdrossenen Nachtkritiker überflüssig), wird auch diese verneinende Kritik nur von Freiwilligen übernommen werden, die damit immerhin eher positive Zwecke verfolgen werden als die, welche vertragsmäßig verpflichtet sind, über jedes Stück etwas zu sagen. Es ließe sich auch denken, daß zwei gleich starke Geister, z. B. anläßlich der so umstrittenen Hoffmannsthal-, Hauptmann- oder Wedekind-Uraufführungen, im selben Blatt die Klingen kreuzten, ein Mittel, wodurch langsam ein Theaterpublikum ersten Ranges erzogen werden könnte. Die Kritik befaßt sich naturgemäß mit Dingen, die noch nicht gewertet und geschichtlich eingeordnet sind. Ihre Vertreter sind daher erfahrungsgemäß ganz anderen Irrtümern unterworfen als vereidigte Taxatoren von Altertümern. Die Zeitungen sollten sich daher Temperament und Neigungen der mit Kritik Betrauten etwas näher ansehen. Ein großes Berliner Blatt bringt gelegentlich tödliche Operettenkritiken aus der Feder eines Mannes, der »Die lustige Witwe« und den »Walzertraum« ablehnt. Gegen die Berechtigung dieses Standpunktes ist nichts zu sagen, für einen Kritiker der Operette aber geht er heute nicht an. Man dürfte nur den in Tageszeitungen urteilen lassen, der das Beste, was es in dem zu beurteilenden Fach heute gibt, anerkennt und an ihm das Neue mißt. Ebensowenig soll man jemand in eine Wedekindaufführung schicken, der von Ibsen an den Verfall der Literatur rechnet. Das Publikum will und soll in der Tageszeitung nur erfahren, was etwas innerhalb eines bestimmten, von ihm durch den Kartenkauf anerkannten »Genres« wert ist. Die Berechtigung des »Genres« überhaupt muß an anderer Stelle besprochen werden. Für das »Genre« selbst den einzelnen Verfasser verantwortlich machen – in der Tageskritik wenigstens, sub specie aeterni mag er in die Hölle geschleudert werden – ist dasselbe, wie einen Kellner für zu hohe Preise ausschimpfen. Erkundige ich mich nach der Anständigkeit eines Kaufmanns, so meine ich sein Verhalten innerhalb der kaufmännischen »Usancen«, nicht vom Standpunkt einer höheren Ethik, die »Usancen« nicht kennt, sondern nur Werte. Zum Schlusse noch (nach der hygienischen Bemerkung für den sterblichen Leib) eine Bemerkung für die Unsterblichkeit: Nur die positive Kritik überlebt, die geistvollsten Schmähschriften bleiben besten Falles literaturgeschichtliche Merkwürdigkeiten. Was kann man an einem Kunstwerk erklären? Ein Jüngling wollte die Geheimnisse des Lebens wissen. Der große Zauberer, an den er sich wandte, verband ihm die Augen und ließ ihm ein Quartett von vier Elementargeistern vorspielen, einem Gnomen der Erde, einer Undine des Wassers, einer Sylphe der Luft, einem Salamander des Feuers. Nun verstand der Jüngling alle Geheimnisse des Lebens. Allwissend verließ er den Zauberer, aber daheim konnte er nicht ein Wort erzählen von dem, was er gehört. Er wußte alles, er wußte nichts. Nicht anders ist unser Verhältnis zu den Werken der Kunst, über das Wesen der künstlerischen Offenbarung läßt sich nichts sagen. Reden kann man nur von der Unkunst, von den Hemmnissen der Kunst, von dem, was an einem Kunstwerk schlecht ist; man kann ein Kunstwerk freilegen von dem Wust, der es oft umgibt oder der uns erfüllt. Dies ist alles, was man von Kritikern und Kunsthistorikern fordern darf. Das Kunstwerk, über dessen »Sinn« wirklich etwas gesagt werden könnte, wäre überflüssig, denn Kunst ist mehr als Sagen. Einfachen Gegenständen gegenüber leuchtet das ja ohne weiteres ein. Niemand betrachtet z. B. die Bilder eines Warenkatalogs oder eines Lehrbuches als Kunstwerke. Nun ist aber ein großer Teil der in Kunstwerken dargestellten Gegenstände an sich für manchen Beschauer seltsam oder phantastisch oder irgendwie auffallend; da fragen denn die meisten: Was stellt das dar? Was meint der Künstler damit? Was bedeutet es? Und sie glauben, wenn man ihnen darauf antwortet, wären sie dem Kunstwerk irgendwie näher. Leider sind die Sinne des modernen Menschen derartig durch eine einseitig intellektuelle Erziehung getrübt, daß die bloße Forderung mancher Künstler, man solle die Leute sich selbst und ihren Augen überlassen, doch nicht haltbar ist. Die intellektuelle Voreingenommenheit der meisten ist bereits zweite Natur geworden, und wenn wir einen Menschen, der irgendeine Schulbildung erlitten hat, sich selbst überlassen und ihm sagen, er solle zeichnen oder schildern, was er sieht, so wird er doch nur wiedergeben, was er von den Dingen weiß, nicht was seine Sinne wirklich empfinden. Wir müssen also den logischen Prozeß zur Natürlichkeit zurückmachen, und hier kann ein lebendiger Kritiker unendlich nützlich sein. Beim Zurückklettern auf dem Abhange des Intellekts kann der Kritiker führen, aber nicht indem er erklärt, was Kunst ist, sondern was Kunst nicht ist. Zweifellos liegen zwischen uns und der Vergangenheit so viele intellektuelle Vorstellungen, daß ohne die Arbeit der Kunsterläuterer das Verständnis für die Kunst früherer Jahrhunderte schwerer, für viele unmöglich wäre. Was sieht ein unbefangener Mann des Nordens vor einer Heiligen Familie des Tizian? Zunächst nur ein Heiligenbild, wie es sein Bekenntnis in der Kirche nicht zuläßt. Handelt es sich gar um Bilder mit Goldgrund, so kann der durchschnittliche moderne Mensch vorläufig nichts anderes sehen, als eine ihm ungewohnte Steifheit, häufig genug ihm unnatürlich erscheinende Gebärden, alles in allem etwas Sonderbares, Befremdendes. Genau so wird es ihm gehen, wenn er Werke der asiatischen Kunst, Ausgrabungen aus Kreta oder mittelalterliche Miniaturen betrachtet. Wer noch eine Spur von Aufrichtigkeit gegen sich selbst hat, wird zugeben, wenn er auch heute noch so künstlerisch empfindet, daß die ersten Eindrücke, die er in früher Jugend bei dem Anblick solcher durch Ort und Zeit entlegener Werke hatte, keine rein künstlerischen waren, sondern ein Gemenge von Staunen über das Seltsame, Neugier nach dem Ungewöhnlichen, oft genug aber auch Interesselosigkeit gegenüber dem Allzufremden. Nun soll beileibe nicht behauptet werden, Geschichte könnte den Sinn eines Ravennesischen Mosaiks erklären. Wohl aber kann durch das Verständnis für die Vergangenheit unser Befremden vor ihren Formen aufgehoben werden, so daß jetzt zwischen uns und der rein künstlerischen Wirkung keine fremde Beziehung mehr steht. Damit schlichtet sich der Streit zwischen denen, welche sagen, die Kunstgeschichte sei überflüssig, da mit geschichtlichen Beziehungen dem Wesen des Künstlerischen doch nicht nahezukommen ist, und jenen, die die Jugend mit geschichtlichen Daten überfüttern wollen. Es ist ganz außer Zweifel, daß die geschichtliche Kenntnis eines Zeitalters uns auch dem Verständnis seiner Kunstwerke näher bringt, nicht indem sie diese erklärt, sondern indem sie den Schleier der Zeit, der vor ihnen hängt, beiseite zieht. Das ist natürlich nicht so aufzufassen, daß man Kriegsgeschichte studieren müsse, um ein Bild zu verstehen, das Don Juan d'Austria in der Schlacht bei Lepanto darstellt, denn im Grunde stellt ein Kunstwerk überhaupt nichts Sagbares dar, und soweit es in der künstlerischen Sphäre da ist, ist das letzte Wort gesprochen. Daß sich der Künstler bestimmter Gegenstandsbilder zum Ausdruck bedient, geschieht nicht um ihretwillen, sondern weil wir, nun einmal an die Kategorien dieser Wirklichkeit gewöhnt, verwickelt Seelisches, wenigstens für das Auge, nicht ohne gegenständliche Symbolik geben können, weil wir ferner in Farben, und Linienzusammenstellungen wie in Worten einen logischen Sinn suchen, dessen Abwesenheit als logischer Unsinn grotesk und störend wirkt. Ein Zimmer, in welchem alles nur koloristisch geordnet wäre, und etwa um eines braunen Fleckes in der Mitte willen z. B. ein Stuhl in der Luft schwebte, würde so auffällig bizarr wirken, daß sich diese auf den Kopf gestellte Gegenständlichkeit zwischen uns und unser ästhetisches Empfinden schöbe. Sonst bedeutet der Gegenstand in der Kunst objektiv nichts, subjektiv den Teil der Weltklaviatur, der in dem schaffenden Subjekt zufällig den stärksten Widerhall gibt. Der eine findet sein Alphabet der Weltsymbolik in sturmgebeugten Wäldern, in blauen Haffs oder goldenen Getreidefeldern, der andere in einfachen oder höchst verwickelten Menschen, in Boudoirs oder in Matrosenschenken, wieder ein anderer in Früchten oder Wildbret. Erst die Auflösung des Stofflichen ins Symbolische macht das Kunstwerk und gibt ihm eine Überzeugungskraft, wie sie weder in wissenschaftlichen Beweisen noch in Gerichtshöfen möglich ist. Eine Jury würde einen Angeklagten schwerer schuldig sprechen, wenn sie, statt eine stets mit Gründen anfechtbare Verteidigung zu hören, in einem ausgezeichneten Roman das Handeln des Angeklagten in überzeugender Menschlichkeit dargestellt sähe. Gründe überzeugen im Innern niemals. Entweder wir sind schon instinktiv überzeugt und die Gründe bedeuten eine beruhigende Probe auf die von uns längst gelöste Frage, oder aber wir beugen uns gegen unsere persönliche Vorliebe vor den Sätzen eines Rechts oder einer Moral, die wir für das Bestehen des sozialen Daseins für unumgänglich halten. Nur Gebärden überzeugen, weil sie ohne Apparat, blitzartig, eine Tatsache in den Rhythmus unseres Lebensgefühls einbeziehen. Darum löst die Kunst alle Rätsel, indem sie den Verstand und die Worte, soweit sie bloß Mitteilungszwecken dienen, ausschaltet, und das Gegenständliche nur so weit als wesentlich nimmt, als es Ausdruck ist. Weil dieser symbolische Sinn des Gegenständlichen nicht logisch deutbar ist (wäre er es, so brauchte man das Symbol nicht), weil die Symbole Wahrheiten enthalten, die jenseits des Verstandes, transzendent, sind, läßt sich auch nichts Bestimmtes über den genauen Wert jener verschiedenen Deutungskünste sagen, wie Physiognomik, Handlesekunst usw. Geschwungene Lippen, gekreuzte Handlinien bedeuten oder vielmehr sind substantiell dieses oder jenes; jede Linie des Gesichts, jedes Zeichen der Hand ist etwas Seelisches, aber man kann es nicht nennen, nur von weitem umschreiben. Man fühlt z. B., der Mund eines Menschen könnte nicht anders sein, die Form dieses Mundes ist der ganze Mensch, man kann aber darum nicht sagen: diese Zeichnung der Lippen bedeutet Grausamkeit oder Sinnlichkeit, sie bedeutet überhaupt nichts, sondern sie ist. Dieses Sein ist nicht weiter deutbar. So bedeutet das ängstliche Gesicht nicht Angst, es ist nicht Ausdruck oder Begleiterscheinung der ängstlichen Seele, sondern es ist die ängstliche Seele. Die Schlüsselblume und die warme Lust sind der Frühling, einen Frühling hinter ihnen, den sie etwa nur darstellen oder bedeuten, gibt es nicht. Der irre Blick eines Menschen ist sein Irrsinn. So bedeutet auch ein Kunstwerk nicht, sondern es ist. Nur die Allegorie (ein rein verstandesmäßiges Spiel) bedeutet etwas. Das Symbol ist selbst höchste Wirklichkeit, wie die Schlüsselblume und die warme Lust. Man kann nicht das Alter darstellen, wohl aber altes Fleisch, alte Augen, alte Hände, das, was alt riecht, sich alt anfühlt, kurz die Art des lebendigen Verhaltens, das wir alt nennen, wenn diese Substanz lebendig wird, ist der Zweck des Kunstwerks erreicht. Dieses Sein ist sein lebendiger Sinn, der nicht das mindeste mit Technik zu tun hat, er kann ebensogut durch zwei oder drei zusammenfassende Linien, durch, wie man sagt, »liebevolles Detail« (die drei Linien sind übrigens ebenso liebevoll) oder durch ein impressionistisches Zusammenrinnen von Tönen entstehen. Manche sagen darum, der Künstler stelle die Idee einer Sache dar, aber auch dies führt wieder zu intellektuellen Mißverständnissen, denn die Idee einer Sache ist nichts Vorbestimmtes, sondern wird immer wieder von neuem und immer wieder anders von dem Künstler geschaffen. Darum gibt Toulouse-Lautrec weder die naturalistische Wirklichkeit von Paris, noch die Idee von Paris, sondern etwas, das er wahrscheinlich als eine ihm wesentliche Bewegtheit empfand, wenn er die Augen schloß und sich Paris vorstellte. Für jeden Künstler ist aber dieser Traum von Paris oder irgendeiner anderen Sache etwas anderes und darum kann auch niemals ein Stoff von einem Künstler erschöpft werden, jeder erlebt und schafft ihn anders. Daß man irgendein Bild von Raffael ebenso wie irgendeines von Giotto mit Madonna bezeichnet, ist daher nichts anderes als eine Aufschrift. Beide Künstler haben in Wirklichkeit etwas ganz anderes dargestellt. Ein Baum und ein Mensch und ein Tier von demselben Künstler sind eher dasselbe wie derselbe Baum oder Mensch, von zwei verschiedenen Künstlern gemalt. Von einem Werk von Toulouse-Lautrec sagt der Kritiker etwa, es habe die »Großstadtseele« erfaßt. Solange das nur eine Aufschrift sein soll, wie Opus 15 oder 75, ist nichts dagegen zu sagen. Wenn aber solche Worte nur einen Hauch von den Werken zu geben vermöchten, so wären die Werke überflüssig. Daß wir uns dennoch bei Worten wie »Zauber des Südens«, »Biedermeierstimmung«, »Karnevalsfröhlichkeit« etwas denken, danken wir einer unbewußt künstlerischen Tätigkeit der eigenen Phantasie oder der Erinnerung an Erlebnisse und Wirklichkeiten. »Und dennoch sagt der viel, der ›Abend‹ sagt: Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.« Die meisten heutigen Menschen leben nur in Bedeutungen, in Allegorien. Theoretisch wissen sie zwar ganz genau, daß es bei einem Kunstwerk darauf ankommt, daß es gut ist, nicht was es bedeutet. Mit dem verkniffenen Lächeln der Bildung wenden sie sich ab von einem »Schinken« der Barockzeit, auf dem etwa die Tugend und die Kraft die Fruchtbarkeit vor dem Laster oder der Pest schützen. Ihr tatsächliches Leben aber besteht nur aus solchen untergelegten Bedeutungen, aus Allegorien, sie leben aus zweiter Hand. Moderne Einrichtungen »bedeuten« ihnen das Moderne, von dem sie wissen, daß es gut ist, mit dessen Zeichen sie sich umgeben. Austern und Champagner bedeuten ihnen das Elegante, Richard Straußsche Musik bedeutet ihnen Kühnheit und Leidenschaft, allgemeines Wahlrecht bedeutet ihnen Freiheit. Das Hoffnungslose der gescheiten Leute liegt eben darin, daß sie immer sofort die Bedeutung heraushaben und dadurch unfehlbar an der Substanz des Lebens vorbeigehen, an der wahren Frömmigkeit so gut wie an der wahren Eleganz, an der wahren Vornehmheit so gut wie an der wahren Freiheit. Sie wissen alles, was Kultur bedeutet (um von ihrem Lieblingsanspruch zu reden), aber nicht eine ihrer Gebärden ist von wahrhafter Kultur getragen. Preise ihnen die Kunst, die Natur, das Glück, die Freiheit, die Wissenschaft, sie werden dir in allem recht geben, aber sofort eine Lehre daraus machen als Kunstvernünftler, Naturapostel, Volksbeglücker. Sie vermögen alles zu erklären, das Leben und die Kunst, und darum wissen sie weder von ihm noch von ihr. Die Verstandesmenschen und die Kunst Es ist merkwürdig, was für eine Vorliebe gerade Dummköpfe oft für die »Verstandeskunst« haben, während der wirklich Denkende sich mit besonderer Vorliebe bei den ursprünglichen Reizen der aus Empfindung und Trieb wirkenden wahrhaften Kunst erfrischt. Unter diesem eigentlich unsinnigen Ausdruck »Verstandeskunst« ist ein der Kunst von weitem ähnliches Gebaren zu verstehen, das sich an den Verstand, nicht an die intuitiven Instinkte wendet. Man hat die Tatsache noch zu wenig beachtet, daß Verstandesmenschen einen sehr schlechten Verstand haben können. Man denkt, wenn es sich um Gefühlsfragen dreht: das versteht Herr X. nicht, denn er ist ein Verstandesmensch. Dafür, meint man, wird er aber besonders richtig urteilen, wenn es sich um Fragen des Verstandes handelt. Das ist leider ein Trugschluß. Unter Verstandesmenschen versteht man solche, die nie ihren Wahrnehmungen und Instinkten trauen, sondern überall Erwägungen und Abstraktionen zwischen sich und die Welt stellen, d. h. stets den Verstand walten lassen. Aber sind diejenigen Menschen Künstler, die den ganzen Tag Klavier spielen? Man findet sogar bei den talentlosesten Menschen, daß sie mit einem Fleiß, der dem Genie leider bisweilen abgeht, stundenlang ein Instrument bearbeiten, ohne zu ahnen, daß fast jeder Ton ein Fehler ist. Sowenig man sie darum Künstler nennt, weil sie sich unaufhörlich eines Klaviers bedienen, so wenig braucht ein Verstandesmensch ein wirklich kluger Mensch zu sein. Man kann sogar noch weiter gehen und ruhig behaupten: Ein wirklich kluger Mensch ist niemals ein Verstandesmensch, denn das Wesen eines wahrhaft guten Verstandes ist, daß er seine eigenen Grenzen zu sehen vermag und sich selbst beurlaubt, wo es sich um Dinge handelt, die höher oder tiefer sind als alle Vernunft. Ein Mensch, der sich sein Leben dadurch zerstört, daß er alles, was ihn angeht, unter verstandesmäßige Kategorien zu zwingen sucht, dürfte kaum ein kluger Mensch sein. (Dadurch ist nichts für den absoluten Wert seines Verstandes bewiesen, sondern nur, daß seine Instinkte und Sinne noch schwächer sind.) Gerade dies aber tut der Verstandesmensch, und darum ist er meistens ein Dummkopf. Sehr oft ist von zwei ungleich begabten Menschen der mit dem kleineren Verstand der ausgesprochene Verstandesmensch, während der andere instinktiv den Verstand zuzeiten auszuschalten vermag. Solche »Intellektuelle« züchtet unsere Bildungswut, welche die Hirne der Jugend, der Frauen, des Volks mit Wissen füllt, für das die Verdauungswerkzeuge fehlen. Anmaßung, Blaustrümpfigkeit, Unzufriedenheit, Untauglichkeit für die Forderungen des Tags sind die Folgen. Das Dümmste, was je über die Kunst gesagt worden ist, haben die Verstandesmenschen gesagt, denn die Kunst ist das ihnen ganz und gar Unwägbare. Die Kunst drückt Werte, ja, wenn man will, Wahrheiten und Erkenntnisse aus, die sich dem logischen Ausdruck entziehen. Wir können logisch sagen: X. sagt Y., daß seine Frau Z. ihm untreu ist. Es ist zwar nicht wahr, aber die Eifersucht des Y. wird so entfacht, daß er die Z. tötet. Dies ist bekanntlich der logische Inhalt des »Othello«. Trotzdem ist damit bedeutend weniger von dem Stück gesagt, als wenn wir zusammenhanglos einige Verse daraus anführen, wie diese: Doch da, wo ich mein Herz als Schatz vergrub. Wo Leben ist oder kein Schein des Lebens, Quell, der allein mein Leben strömen macht Oder versiegt – von dort vertrieben sein! Oder ihn sehn als Höhle ekler Kröten Und ihrer Brut – da wechsle deine Farbe, Geduld, du rosenlippiger Cherub, Schau grimmig wie die Hölle! Was Liebe, was Eifersucht ist, hat noch kein Logiker, aber mancher Künstler gesagt, dadurch, daß er die außerlogischen Kunstmittel des Bildes und des Rhythmus benutzte, indem er nicht von außen an die Erscheinung heranging, sondern sich intuitiv hineinversetzte und aus der Erregung heraus Formen schuf. Weil dieser wesentliche Vorgang des künstlerischen Schaffens logisch nur umschrieben (wie wir es hier versuchen), niemals erfaßt werden kann, bestehen über das Wesen der Kunst so viele Irrtümer. Allgemein weiß man wohl, daß es sich bei ihrem Hervorbringen und Genießen um Erregungszustände handelt, aber darum war man stets bereit, jede Art der Erregung mit ihr zu verwechseln. So hat sich abwechselnd der Enthusiast, der Schwärmer, der von Weltschmerz verzehrte Melancholiker, der Patriot, der Revolutionär, der Empfindsame mit dem Künstler verwechselt. Erst in letzter Zeit hat sich zu diesen Scheinkünstlern auch der lehrhafte Verstandesmensch gesellt, und er ist der Schlimmste, weil er nicht einmal von irgendeiner, wenn auch außerkünstlerischen Erregung glüht. Die Erregung, so wenig sie selbst zur Kunst geneigt ist, die immer nur Schaffen von neuen Formen ist, macht wenigstens vielleicht zum Kunstgenuß in gewissen Grenzen empfänglich. Die an die Kunst geratenden Verstandesmenschen (meist nennen sie sich Ästhetiker) zertreten dagegen alle Keime und Blüten durch das Vivisektionsverfahren ihres wissenschaftlichen Verfahrens. Sie sind es, die häufig auf Grund eines unklaren Gefühls (Verstandesmenschen haben immer flaue Gefühle) eine Lehre oder ein Zweckprogramm aufstellen, von dem aus sie der Kunst ihre Forderungen entgegenhalten. Wir wollen hier ganz von jener Tendenzkunst absehen, die sich mit irgendwelchen aufrührerischen oder sozialen Theorien verbündet und »in künstlerischer Form« den Umsturz alter Götzen besorgen möchte. Dieser Irrtum ist so grob, daß er heute in den weitesten Kreisen der Bildung erkannt worden ist. Auch die platte Vulgärkunst des großstädtischen Alltags ist grundsätzlich nicht so gefährlich, weil sie kaum für etwas Besseres gelten will, als was sie ist. (Diese gemeine platte Kunst schildert nicht Gemeines und Plattes [das könnte künstlerisch sein], sondern sie schildert große Kämpfe und Gefühle auf gemeine und platte Weise. Sie hat nichts zu tun mit jener anderen, dekadent genannten, Kunst des Tages, die aufgelöst, interessant, frivol und geistreich sein mag, sondern es ist die Beleuchtung der geistigen Werte mit der trüben Laterne der Trivialität: die Spießbürgerlichkeit als Tendenz. Dies alles hat es vor dem 19. Jahrhundert überhaupt nicht gegeben, eine Vulgärkunst schlechter Theaterstücke, Romane, Bilder und Lieder. Alles dies hat mit der Entwicklung des Geistigen gar nichts zu tun. Diese Kunst gehört eigentlich nicht dazu und ist trotz ihrer ungeheuren Verbreitung verhältnismäßig harmlos, weil sie ohne jede propagandistische Absicht der weitverbreiteten Nachfrage nach Schlechtem ein schlechtes Angebot gegenüberstellt. Ja, ihre Urheber halten sich selten für wirkliche Künstler, sondern geben aus einem Gemisch von kümmerlicher Daseinsnot und persönlicher Würdelosigkeit zu, daß sie für die Menge arbeiten.) Viel bedenklicher dagegen ist der verstandesmäßige Irrtum, aus einem Gemenge von hygienischen und »naturgemäßen« Forderungen eine »künstlerische« Kleidung zu ersinnen, oder jene Lehre, die den Einzelnen gewissermaßen als Funktion seines Heimatbodens betrachtet und daraus die Forderung der Heimatkunst ableitet. Alle diese Bestrebungen suchen den Sinn des Künstlerischen in einer Programmatik, die höchstens vermag, Irrtümer der Vergangenheit zu beweisen und zu umgehen. Dies ist aber selbst noch nichts Schöpferisches. Ein Teil des modernen Kunstgewerbes ist nichts anderes, als die Auslassung derjenigen Ornamente und Formen, an denen sich das Epigonentum unserer Großeltern entzückt hat. Aber dadurch, daß man den Stil Ludwigs XV. verabscheut und alles vermeidet, was an ihn erinnern könnte, hat man noch nichts Neues geschaffen, sondern höchstens ein paar kahle Möbel gezimmert, bei deren Anblick einen friert, und deren Unerprobtheit für den Gebrauch einem die Knochen verrenkt. Das wird um nichts besser, wenn man nachträglich einige willkürliche Erhöhungen oder Vertiefungen anbringt, z. B. die Seitenlehnen eines Sessels bis über Schulterhöhe ragen läßt, so daß man die Arme nicht darauflegen kann. Eine andere Richtung verschmäht das Rokoko als unecht oder »verlogen«, ahmt aber mit einem Aufwand von großen Theorien den Biedermeierstil nach. Wozu alle diese Prinzipienreiterei bei einem bloßen Modewechsel? Die gefährlichste, weil theoretisch einleuchtendste Forderung der modernen Kunstvernunft (Ästhetik) ist die, daß die Form der sichtbare Ausdruck organischer Kräfte oder mechanischer Funktionen sein muß, d. h. das trübste Banausentum mit dem Ästhetischen verwechseln. Es ist durch die Tat bewiesen worden, daß, zumal in der Nutzkunst, auch die Anpassung der Form an den Zweck schöne Linien hervorbringen kann. Warum aber in einseitigem, schulmeisterlichem Puritanismus die ganze Kunst darauf festlegen? Diese Kunstvernünftler berufen sich auf den griechischen (dorischen) und den frühgotischen Stil, deren Formen nichts anderes als Funktionen, d. h. tatsächliche Kräfte ausdrücken. Wenn dies wahr ist, so ist es ganz gewiß nicht aus schulmeisterlicher Absicht, sondern aus künstlerischer Intuition, nicht als Programm, sondern als notwendige Erfüllung geschehen. Nun gibt es aber außerdem noch den bezaubernden, obgleich unkonstruktiven Irrsinn indischer Tempel oder die verwegene Pracht barocker Palast- und Parkarchitektur. Glaubt man wirklich, daß so ein modernes Ideologengehirn mit der sauberen »Aufrichtigkeit« seiner Sanatorien- und Bethäuserbaukunst gegen solche Kunstblüte aufkommen kann, bloß weil seine Entwürfe gesetzmäßig und, wie es glaubt, ästhetisch »richtig« sind? Wenn wir vielleicht nachträglich auch einen logischen Sinn in die gegeneinander abgemessenen Kräfte einer gotischen Kirche oder eines dorischen Tempels legen können, so sind es doch nicht jene Maße, welche die Erhabenheit solcher Bauwerke ausmachen, vielmehr ist Erhabenheit auch ohne jene Maße mit anderen Mitteln zu erreichen. Was ist der Zweck all dieser verstandesmäßigen Ästhetik? Der Kommunismus. Die Schönheit für alle, auch für die Unbegabten, Unempfindlichen. Der Verstand teilt sie auf, er gibt Rezepte, wie man mit Umgehung des Talents konstruktive Gebilde herstellen kann, die in den Augen der andern Unbegabten von wirklichen Kunstwerken nicht zu unterscheiden sind. Das kann jeder lernen, die Industrie vermag derartige Gebilde leicht zu vervielfältigen, und man glaubt von einer Renaissance des guten Geschmackes sprechen zu können, weil eine Tischklingel heute nicht mehr notwendigerweise wie ein Fahrrad aussieht oder eine Rumflasche wie ein Ritterfräulein. Statt dessen zieht man vor, Stühle aus Formen zusammenzusetzen, die wie fossile Knochen aussehen, und an den Wänden geschwür- und grindartige Ornamente anzubringen. Dagegen sind die Neger in den Hotelvorhallen und die Pilze, auf denen man in Bürgergärten sitzt, anspruchslose, wenn auch nicht gerade feine Späße gewesen. Dieses moderne Kunstgewerbe – gegen dessen schöne Einzelleistungen sich diese Zeilen nicht richten, solange sie kein Programm sein sollen – setzt zu sehr Menschen voraus, die alles neu haben möchten, Emporkömmlinge, die durch nichts an Eltern, Groß- und Ureltern erinnert sein wollen. Wie bequem ist aber diese moderne verstandesmäßige Ästhetik gar für den Touristen! Man verwirft den »Schwulst« des Barocks, die »spielerische« Frivolität des Rokoko. Dreiviertel aller Kunstwerke werden ohne weiteres exkommuniziert, weil sie nicht aus organischer Notwendigkeit, sondern aus ornamentalem Spieltrieb hervorgegangen seien. Man ist von der unbequemen Zumutung befreit, die eigene Schönheit jedes Dinges selbst zu finden. Die Heilige-Geist-Kirche in X. hat eine prachtvolle Barockfassade. Barockfassade? Braucht man nicht zu sehen. Das ist gewiß wieder so eine »theatralische Kulisse, die unorganisch auf ein ungegliedertes Bauwerk gepappt ist«. So gibt es heute für alle Künste rein verstandesmäßige Kriterien, die man erlernen kann, ob man nun von Haus aus zum Bäcker oder zum Mathematiker bestimmt ist. Nur dann nicht, wenn man einiges künstlerische Gefühl besitzt. Alles, was diesen Kriterien nicht entspricht, ist »Kitsch« oder »verlogen«. Das Wissen um diese »Kultur«forderungen, nach deren Maßstäben es sich so bequem preisen und verdammen läßt, wird bekanntlich von den Malknaben und Malmädchen aus der Provinz nach höchstens vierzehn Tagen eines Münchener Aufenthaltes erworben und beängstigend schnell als Weltanschauung einverleibt. Gespräch zweier Weltleute über Kunst Ludwig Parker hat soeben eine kleine Herrengesellschaft an die Tür begleitet und kehrt zu seinem Freund, Heinrich Friesmann, in das Zimmer zurück. Beide sind Anfang der dreißiger Jahre, Parker schlank, dunkel, feine, nervös bewegte Züge; Friesmann etwas behäbig, spärliches blondes Haar. Er ist etwas erschlafft in einen Sessel gesunken. Parker : Na, du hast dich gelangweilt, sag's nur ganz offen. Friesmann : Offen gestanden, ja. Dieses Geschwätz über Kunst und Ästhetik in einer Zeit wie der unsrigen, die doch nach ganz anderen Zielen gerichtet ist! Parker : Es tut mir leid, lieber Freund, daß du es so schlecht getroffen hast, aber ich bin erst seit kurzer Zeit wieder in Deutschland und konnte nicht wissen, daß sich die alten Freunde nach einer so ganz anderen Richtung entwickelt haben, wie du und wohl auch wie ich. Friesmann : Mir war manchmal zumut, wie in einem Tollhaus, besonders als der Malersmann mit den unerlaubt langen Haaren von dem absolut Schönen redete und der Privatdozent behauptete, in dieser Zeit müsse die Kunst die Religion ersetzen, und dann beide Begriffe fortgesetzt durcheinander warf. Na, Religion, dagegen will ich nichts sagen, die muß ja wohl sein. Bei meinen Arbeitern ist mir's jedenfalls lieber, sie lassen sich mit dem Jenseits trösten, als mit dem Zukunftsstaat der roten »Genossen«. Aber was hat denn das alles mit der Kunst zu tun? Parker : Ich bin ganz deiner Meinung, mein Lieber. Wenn ich geahnt hätte, was die paar Bilder und die Kunstsachen, die ich auf meinen Reisen gekauft und jetzt hier um mich gestellt habe, für Leute herbeiziehen, und was für ein gesellschaftswidriges Geschwätz sie verursachen würden, dann hätte ich sie wohl etwas verborgener gehalten. Aber jeder, der hier hereinkommt und die Sachen sieht, schwätzt mir von Innerlichkeit, Seele und anderen schönen Sachen und verdirbt mir fast selbst die Freude an meinen Sammlungen. Friesmann : Du scheinst übrigens einen ziemlichen Batzen in die Sachen hineingesteckt zu haben? Parker : Es ist mein einziger Luxus, ich spiele nicht, lasse keine Pferde rennen ... Friesmann : Aber teuer ist's doch, was? Parker : Natürlich, was du hier so herumhängen und stehen siehst, ist ungefähr so viel wert, wie die große Dynamo, die du mir neulich in deiner Fabrik gezeigt hast. Friesmann : (auffahrend): Mensch, du bist wohl verrückt? Dann bist du ja schlimmer als die, welche eben weggegangen sind, denn die haben wenigstens nicht das Geld, um mit ihrem Wahnsinn Ernst zu machen. Parker : Betrachte doch die Freude an der Kunst wie jedes andere Vergnügen, und daß Vergnügen Geld kostet, das wissen wir alle. Die kleine Nelly wird dich doch wohl auch nicht bloß deiner schönen Augen wegen mit ihrer Anwesenheit erfreuen. Friesmann : Gewiß nicht, aber davon habe ich auch etwas. Übrigens, du, lebt der, welcher diese Frau dort gemalt hat, hier? Wenn ich so ein Bild von der Nelly haben könnte, das ließ' ich mich auch etwas kosten. Parker : Wozu eigentlich, du hast doch die Nelly selbst? Friesmann : Komische Frage! Hast du noch nicht gehört, daß man von Menschen, die man mag, auch gern ein Bild haben mag? Parker : Gewiß habe ich das gehört. Es wundert mich nur bei dir, der du doch von Kunst nichts hören willst. Friesmann : Ich will ja auch gar keine Kunst haben, sondern das Mädel. Parker : Nein, du willst Kunst haben, denn das Mädel hast du ja sowieso. Friesmann : Du willst mich wohl aufs Glatteis führen? Parker : Nein, ich will dir nur beweisen, daß auch du künstlerische Bedürfnisse hast. Das Bildnis hier gefällt dir also? Freismann : Ich kann's nicht leugnen. Parker : Was gefällt dir daran? Freismann : Es ist so natürlich. Parker : Diese Antwort habe ich erwartet. Es ist aber gar nicht natürlich. Freismann : Mir gefällt es. Parker : Mir auch, aber nicht, weil es natürlich ist. Freismann : Sondern? Parker : Sondern weil es künstlerisch ist. Freismann : Das sind Wortklaubereien. Parker : Hast du je in der Natur solche verschwommene Linien, solche ineinanderfließende Farben und dann wieder so ausdrucksvolle Hände und Lippen gesehen? Freismann : Es ist natürlich geschmeichelt. Parker : Auch nicht. Die Frau wirkt doch hier eigentlich gar nicht besonders schön. Freismann : Da hast du allerdings recht. Parker : Und doch ist etwas darin schöner als die Natur, ja man könnte sagen, natürlicher als die Natur, nicht? Freismann : Du drückst es gar nicht schlecht aus. Parker : Ich gebrauche nur einen Ausdruck von dir. Dir gefiel das Bild, weil es so natürlich ist. Das, was dir daran als das Natürliche erscheint, obwohl es doch in der Natur, wie du zugibst, gar nicht vorkommt, das ist eben das Künstlerische. Freismann : Dann wäre ja die Kunst eine ganz einfache Sache? Parker : Ist sie auch, denn wie mit den Bildnissen geht es mit allem Dargestellten. Landschaften, Interieurs, Stilleben, sie alle geben eine Verdichtung des Lebens wieder, die uns trotz ihrer Unwirklichkeit bisweilen mehr erfreuen kann, als das Leben selbst in seinen mehr oder weniger unvollkommenen Erscheinungen. So ist die Kunst weniger und zugleich mehr als das Leben; weniger, weil sie nicht Gegenstand, sondern nur Bild ist, mehr, weil das Bild den Sinn, die Form, den Rhythmus der Gegenstände eindringlicher ausdrückt, als es die Natur selber vermag. Freismann : Ich glaube, du hast recht, nur sprich mir nicht von Rhythmus, sonst muß ich wieder an das abstrakte Geschwätz von vorhin denken. Parker Ich danke dir, daß du mich warnst, denn ich will beileibe nicht abstrakt werden. Ich glaube, die ästhetische Freude setzt sich zusammen aus unbewußten Erinnerungen an Lustgefühle und Schönheiten aus der Wirklichkeit und Sehnsucht danach. In der Freude am Wald, auch an einem gemalten, zittert sicher lebhaft die Erinnerung an einst unter Bäumen genossene schattige Kühle mit. Die Darstellung des menschlichen Körpers faßt gewiß Erinnerungen und träume höchster Liebeserfüllungen zusammen und diese Zusammenfassung kann so vollkommen und groß sein, daß sie tiefer als die reizendste Wirklichkeit berührt, ja daß sie, im Augenblick wenigstens, diese keusch verschmähen lehrt. Friesmann : Sehr wahr. Jetzt wird mir klar, warum ich mir auf Reisen antike Statuen lieber ohne die Nelly ansehe. Ihre wirkliche Anwesenheit stört mich geradezu. Parker (lächelt): Es ist erstaunlich, wie ausgesprochen ästhetisch du zu empfinden vermagst. Friesmann : Das ist also ästhetisch? Parker : Ohne Zweifel. Friesmann : Aber wie erklärst du dir dies, daß auf vielen Bildern Sachen dargestellt sind, an die man doch keine lustigen Erinnerungen mitbringen kann? Parker : Das erklärt sich zum Teil daraus, daß es eine Ausdrucks- und Charakterschönheit gibt, die, von reinen Linien- und Farbenharmonien unabhängig, Lebensinhalte ausdrückt, die uns wertvoll sind; aber ich gebe zu, daß auch das absolut Unangenehme ästhetisch zu einer lustvollen Wirkung gebracht werden kann. Die Römer z. B. haben die Schönheit der Alpennatur nicht erkannt. Sie sprachen von der Scheußlichkeit der Alpen ( foeditas Alpium ), ihnen waren sie nur das feindliche, wüste Gebirg. In dem Maße nun, als der Mensch einer wilden Natur praktisch Herr wird, lernt er, sie auch ästhetisch zu empfinden: aber wir wissen eigentlich nicht, ob wir die Wucht der Bergformen, die Öde der Felsentäler, die Unabsehbarkeit der Schneeflächen genießen oder unser erweitertes Selbst, das sich gegen die » foeditas « dieser Dinge innerlich gewappnet weiß. Dies ist das Rätsel aller Kontrastwirkung. In dem künstlerisch dargestellten Pathos des Todes genießen wir das Leben, denn der Tod ist schlechterdings schrecklich, aber ihn aus Lebenstrunkenheit nicht persönlich nehmen, sondern nur in seiner großen Schicksalstragik fühlen, d. h. seine Furcht individuell überwinden, das ist die herrlichste Kontrasterscheinung, deren die menschliche Seele fähig ist; bei aller ethischen Bedeutung, die es hat, ist es ein wesentlich ästhetisches Phänomen der Lust. Friesmann : Und wenn Regen und Sturm an eine Alpenhütte rütteln, in der man beim Feuer sitzt, genießt man die Hütte und ihr Behagen und nicht, wie man glaubt, den Aufruhr der Elemente. Parker : Niemals würde man Winterlandschaften schön finden, wenn es keine Pelze und Öfen gäbe, die unser Dasein steigern, indem sie es des Winters Herr werden lassen. Am stärksten empfinden wir solche Steigerung natürlich in der künstlerischen Darstellung, die eine Bändigung der Zufälligkeiten des mühseligen Daseins durch den reinen vollkommenen Ausdruck ist. Friesmann : Wie kommt es aber, daß gewisse Dinge uns auf dem Bild oder auf der Bühne Freude machen können, um die wir im Leben einen weiten Bogen beschreiben würden, weil uns ihre Kontrastwirkung rein unangenehm ist? Parker : Das sind die Dinge, denen wir in der Wirklichkeit, falls wir ihnen nahe kommen, zu sehr preisgegeben sind, die wir zu wenig bändigen, um sie als Kontrast genießen zu können. Erst die Darstellung bändigt sie und macht sie dadurch lustvoll. So würden wir z. B. über eine dramatische Darstellung der Gesellschaft, die uns eben verlassen hat, lachen und ihren Kontrast zu dem, was wir für wertvoll halten, genießen, während sie uns in der Wirklichkeit recht auf die Nerven ging. Ja, die Darstellung solcher Dinge kann uns darum besonders interessieren, falls wir nicht jenem Bauer gleichen, der nach der Ouvertüre das Theater verließ, weil ihn die Familienverhältnisse nichts angingen, die auf der Bühne verhandelt wurden. Friesmann : Du findest also im Gegensatz zu dem Maler von vorhin, daß es doch auf den Stoff in der Kunst ankommt? Parker : Ja und nein. Es ist natürlich nicht der Stoff, der uns am Kunstwerk anzieht, sondern es ist seine Meisterung. Die Bedeutung eines Sieges hängt aber wesentlich von der Art des Besiegten ab und von dem Verhältnis, in dem wir zu dem Besiegten stehen. Das drückt sich beim Kunstgenuß in den Assoziationen aus, die jemand ohnehin zu dem Stoff hat. Insofern ergreift auch den künstlerisch Empfindenden der Gegenstand. Während den Unkünstlerischen der interessante Stoff allein, auch falls er nicht oder nur halb bemeistert ist, freuen kann, fühlt sich jener dann besonders unbefriedigt, wenn er besondere Neigung zu dem Gegenstand mitbringt, so wie uns das mißlungene Bildnis einer geliebten Person mehr ärgert, als das einer unbekannten. Friesmann : Das gebe ich zu. Parker : Ästhetische Wirkung ist also: durch sinnliche Eindrücke Empfindungen erregen, die wir zwar einzeln aus der Wirklichkeit kennen, aber doch niemals so tief und rein finden, sie können durch das Mittel der Kunst scheinbar zur phantastischsten Unwirklichkeit gesteigert werden, die ja nur eine verborgene Wirklichkeit ist. Friesmann : Wie erklärst du aber die Tatsache, daß einzelne Dinge und besonders Menschen schon in der Wirklichkeit eine ästhetische oder unästhetische Wirkung haben? Parker : Auch durch die Erinnerungen, die sie, oft ahnungslos, wachrufen. Je mehr wir vom Leben kennen, desto häufiger werden uns seine Formen Erinnerungen erwecken, die daran schuld sind, daß der Erfahrene so empfindlich und wählerisch wird. Friesmann : Wie meinst du das? Parker : Mir fällt seit meiner Rückkehr auf, wie wenig feinhörig man in Deutschland für die Erinnerungen ist, welche die Worte, Manieren und Gebärden hervorrufen. Man verwirft hier so leicht die Konvention als etwas Äußerliches und vergißt, daß sie sehr lebendig wird durch die angenehmen Erinnerungen an gute Gesellschaft, die ihre im einzelnen vielleicht unvernünftigen Formen erwecken. Friesmann : Du sprichst mir aus der Seele. Darum sind mir Frauen so unausstehlich, die gewisse Jargonworte gebrauchen, ohne zu ahnen, daß sie dadurch eine Kneipen- oder Kommisatmosphäre um sich schaffen. Parker : Die Ästhetik ist für die Seele, was die Hygiene für den Körper, oder sie ist vielmehr die Hygiene der Seele. Unser ganzes gegenseitiges Verstehen beruht auf Assoziationen, die aus den paar Eindrücken, die wir von jemand empfangen, einen Menschen ergänzen. Bei uns ist eine feinere Geselligkeit darum so schwer, weil die meisten Menschen aus Mangel an Erziehung neben dem Grundton ihres Wesens ungewollte und unerwünschte Nebengeräusche hervorbringen. Sie selbst ahnen nicht, was für Assoziationen ihr Betragen oft erweckt. Bei uns sind die meisten in jenem an meiner heutigen Gesellschaft auffallenden, religiös-metaphysischen Mißverständnis des Ästhetischen befangen, was ihnen, die so entschieden geschmacklos wirken, gestattet sich »Künstler« zu nennen. Die so denken wie du, Kunst sei ein nebensächliches Spielzeug, bestenfalls eine äußerliche Freude an schönen Formen, sind nicht die geeigneten Bekehrer. Friesmann : Vielleicht wird dir meine Bekehrung noch gelingen; ich merke, daß sich meine Geringschätzung gar nicht gegen die Kunst richtet, sondern nur gegen das Geschwätz, das um sie herum gemacht wird. Vergiß übrigens nicht, mir die Adresse des Mannes zu geben, der die kleine Nelly malen soll. Die Überschätzung der Musik Cave musicam. Nietzsche. Die eigentümliche Stellung der Musik unter den Äußerungen des menschlichen Geistes ist stets erkannt worden. Schopenhauer ordnet sie allen anderen Künsten über, da sie, unabhängig von den menschlichen Vorstellungen, eine unmittelbare Verkörperung des Weltwillens, reine Idee, sei. Dieser ideelle Charakter der Musik ist es, der ihren Wert zum Problem macht. Wer platonisch über oder hinter dem Leben eine realere Ideenwelt annimmt, von der unsere Empfindungen nur einen blassen Abglanz geben (den Schleier der Maja), wird in der Musik die höchst mögliche Erhebung des Menschen über die Schranken der Individualität hinaus erkennen. Wem aber die »Ideen« nichts als eine logisch gewonnene Abstraktion des allein wertvollen Lebendigen sind, nur Zeichen zur besseren geistigen Verständigung, dem wird die Musik mehr ein sanftes, träumerisches Ausruhen der Seele sein. Er wird sie vielleicht der Liebe vergleichen, die im Augenblick so süß erscheint, daß man für nichts lieber die ganze Welt hingäbe, und die dennoch zu wenig ist, als daß ein Mann auf sie allein ein Leben bauen könnte. Ihn drängt es nach Taten und Werken. Er wird daher vielmehr in den sich an die Vorstellung wendenden Künsten, besonders in der Dichtung, die höchste Vermählung von Geistigem und Stofflichem erblicken und in der Musik neben ihren Wonnen die Versuchungen zu dumpfem Einschlafen und Erlahmen fürchten. Der Architektur kann die Musik nur oberflächlich verglichen werden. Wenn sie auch wie diese ungegenständlich ist, so beruht die Architektur doch auf den uns aus der Erscheinungswelt bekannten Kräften der Schwere, des Tragens, der Kohäsion; und dadurch, daß sie eine Nutzkunst ist, gewinnt sie wieder an Beziehungen zu den Tatsachen, was sie durch ihre Gegenstandslosigkeit verliert. Das einzige Gebiet menschlicher Betätigung, das mit der Musik vieles gemeinsam hat, ist ihr wissenschaftliches Gegenstück: die Mathematik. Beide verlassen die Ebene der Vorstellungswelt, die eine, um sich in die zauberischsten und dunkelsten Schächte der Kunst zu versenken, die andere, um sich zu der eisigsten Klarheit zu erheben, die der Wissenschaft möglich ist. Das musikalische wie das mathematische Talent finden sich häufig in Menschen, deren Geist sonst unter dem Durchschnitt steht, andererseits gibt es stark veranlagte Naturen, die zu allen Gebieten Zugänge haben, die sich aber selbst in der Musik für Barbaren, in der Mathematik für Dummköpfe erklären müssen. Dazu kommt dies: alle höheren menschlichen Beschäftigungen bereichern die ganze Persönlichkeit und machen sie wertvoller für das Leben überhaupt. Bei musikalischer und mathematischer Beschäftigung ist eine solche Wirkung nicht zu spüren, ja die Frage erhebt sich, ob diese beiden ideellen Tätigkeiten nicht gar vom Mark, vom Stoff des Lebens selber zehren und dieses bisweilen unterhöhlen und verarmen lassen. Zum mindesten gestatten beide Beschäftigungen eine Flucht aus dem Leben der Vorstellungen. Man hört auch, daß das Aufgehen in Musik und Mathematik die Zeugungsfähigkeit ungünstig beeinflußt. Es gibt noch etwas, womit man die Musik vergleichen kann: die Einsamkeit. Die Einsamkeit ist zunächst nichts anderes als die Aufhebung des Kulturlebens, das sich auf Beziehungen mit Menschen gründet, und dessen Bedeutung auf dem Sichtbarwerden innerer Werte beruht. Der Einsame lebt sich selbst und verzichtet auf die Mitteilung seiner Natur. Wenn sich einer noch durch Werke mitteilen mag, ist er kein ganz Einsamer. Wer sich dauernd der Einsamkeit ergibt, scheidet aus der Kultur aus, hat seine Bedeutung mehr für sie, mag er nun über oder unter ihr stehen, andererseits ist das zeitweise erwählte Fürsichsein ein heilsames Ausruhen für die Ermattungen des Kulturlebens und stählt zu neuen Werken und Taten. Wer nun in der Kultur ein sehr zweifelhaftes Gut erblickt, wird in ihrer Überwindung durch den Einsamen die höchste menschliche Tat sehen; wen aber die Kultur anzieht – sei es durch ihre Ergebnisse, sei es wegen des bewegten Mitwirkens an ihr – für den kann die Einsamkeit nur einen verhältnismäßigen Wert haben. Ebenso wird die Wertung der Musik ganz verschieden ausfallen, wenn wir sie als die süßeste, trostreichste Beigabe des Daseins betrachten oder als einen Ersatz des Daseins selbst, ja als das wahre Dasein, in dem ganz aufzugehen das Ziel der Melomanen ist. Es soll hier nichts über den Wert der Musik überhaupt gesagt, sondern nur der Vermutung Ausdruck gegeben werden, daß ihr ein absoluter Wert als Kulturquelle nicht in dem Maße zukommt, wie man heute annimmt. Die an sich unbegreiflich hohe musikalische Entwicklung des deutschen Geistes neben der Zerrissenheit der sonstigen deutschen Kultur, der sich in der bekannten Form- und Geschmacklosigkeit, staatlichen und gesellschaftlichen Verworrenheit, kurz in allen Mißständen unseres gemeinsamen Daseins zeigt, wird erst begreiflich, wenn man das auflösende Wesen der Musik erkennt. Man kann in manchen deutschen Kleinstädten, wenn auch sonst jedes geistige Leben fehlt und jede Achtung davor, den Amtmann mit dem Apotheker und einem Geschäftsinhaber Kammermusik machen hören, und oft keine üble; aber abgesehen davon sind sie ebenso engherzige Bürger wie die, deren Mußestunden eine Markensammlung belebt. Und der ungeheure Andrang zu den Konzerten, wo Bach und Beethoven herrschen! Er beweist leider nicht das mindeste für die Geistigkeit der Hörer. Dasselbe Publikum stellt oft in der Dichtung und Malerei moralische Werte ober die Sensation über den Lebensgehalt, in der Geselligkeit Belehrung über den Reiz eines gepflegten Beisammenseins. Wir müssen zweierlei Musik unterscheiden. Musikalische Steigerung des menschlichen Gefühlsausdrucks ist mindestens so alt, wenn nicht älter, als die ersten menschlichen Symbole, die man als bildende Kunst ansprechen kann. Liturgische Musik, heilige und profane Tänze, Kriegs- und Marschmusik, Lieder, religiöse Hymnen wie Gesellschafts- und Liebessänge, bleiben im Rahmen der das Zusammenleben der Menschen wertvoll wollenden Kultur. Wenn solche Art der Musik vielleicht für die älteste Gattung der Kunstbetätigung gelten kann, so ist die Musik des modernen Konzertsaales die jüngste. Meines Wissens beginnt erst in der Spätrenaissance der Strom der Musik von dem religiösen und Gesellschaftsleben abzuzweigen, der schließlich in der Symphonie und der Kammermusik sich ein breites Bett gräbt. Von der Oper, die auch von Musikern allgemein als Zwittergattung anerkannt wird, brauchen wir nicht zu sprechen. Die abstrakte Musik des Konzertsaales hingegen birgt die Gefahren in sich, auf die ich anfangs hindeutete. Heldische Kühnheit, elementare Wucht, die Entzückungen und Verzweiflungen der Leidenschaft, religiöse Inbrunst, betäubende Wollust und bestrickender Traum, alle Säfte des Lebens sind in den Partituren dieser Symphonien und Quattuors abgefüllt und können durch den Zauberstab des Dirigenten jederzeit aus dem Gewirr der Notenzeichen entbunden, niemals aber in Werte des Lebens umgeprägt werden, sowenig wie der Goldklumpen, den Robinson auf seiner einsamen Insel findet. Aber während das Liebeslied des Minstrels Liebe weckt, während der Schlachtruf der Trompete Mut entfacht und der Chorgesang der Messe die Herzen zum Glauben erhebt, scheint diese abstrakte Musik nicht nur solche Wirkung nicht hervorzurufen, ja sie scheint die allzu häufig sich einfindenden Hörer von den starken Erregungen des wirklichen Lebens zu befreien, da sie ihnen ein vollkommeneres, von den Schlacken der Individualität befreites Bild davon für ein geringes Eintrittsgeld als Ersatz des Lebens zu bieten vermag. Man beobachte einmal von einer Loge aus die zerflossenen Gesichter einer andächtigen Konzertgemeinde (im Vergleich mit den angespannten Zügen der vor der Madonna Betenden oder einem feurigen Kanzelredner Lauschenden). Welch eine bedenkliche Sache, sich gewöhnheitsgemäß tief erregen zu lassen und niemals, niemals den erweckten Bewegungsantrieben nachzugeben! Da entrollt sich eine Beethovensche heldenhafte Vision und zeigt dem Hörer, was man alles könne (wenn man nämlich der Bey von Tunis wäre) aber nicht kann. Unsere Zeit, die von der »weltverneinenden« Askese des Christentums mit Stolz befreit zu sein glaubt, ahnt nicht, ein wie viel bedenklicheres Gift die Askese der »Innerlichkeit« ist, die der Konzertsaal lehrt. Wie anders muß die Musik des Altertums gewesen sein, welche die Bewegungsantriebe weckte, um sie dann walten zu lassen. Auch von dem Kalifen Jasyd II. wird berichtet, daß er einst vor Freude über einen neuen Gesang so lange tanzte, bis er besinnungslos zu Boden fiel. Solche Gefahren kennt der Konzertsaal nicht, aber viel schlimmere. Solange Musik das Leben durch Inbrunst oder Freude erhöhen oder für eine Stunde Sammlung oder Zerstreuung gewähren soll, gehört sie zu den höchsten Lebensfreuden, die denkbar sind. Verderblich wird sie erst, wenn sie ihr abstraktes Eigendasein betont, und besonders für die, welche in ihr leben und weben! Man könnte glauben, die Richard Wagnerschen Lehren seien ein Schutz gegen das Überhandnehmen der abstrakten Musik. Aber Wagner stellt die Musik nicht in den Dienst des Lebens zurück, sondern in den der Literatur (und was für einer bisweilen!). Er ist wieder eine Besonderheit der Musik, daß sie sich mit seinem anderen Geistigen verbinden läßt. Man erträgt den trivialen Text zum Beispiel des Preisliedes in den »Meistersingern« nur darum, weil man ihn nicht hört, weil er von der Musik aufgefressen wird, es ist genau wie in der alten Oper. Nur ganz anspruchslose, zum Beispiel komische Texte oder schlichte Liebeslieder lassen sich einfacher Musik beiordnen. Alle verwickelten, dramatischen Texte beunruhigen, wenn man sie, durch die Musik halb verdeckt, nicht ganz versteht, und stören den Musikgenuß. Gewisse Häufungen sind barbarisch, weil sie kein Ganzes ergeben, gehäufte Größen sind noch keine Einheiten. Die Chemie unterscheidet eine Verbindung von einem Gemenge. Es ist möglich, daß das Überwuchern der abstrakten Musik in unserer Zeit nur eine natürliche und vorübergehende Episode der geistigen Entwickelung ist. Es scheint, daß die Völker beim Erwachen zur Bewußtheit (Renaissance) viel Musik hervorbringen, und daß sie wieder aufhören, wenn die Bewußtheit zu groß wird. Die Blüte der Musik war in dem halbbewußten Deutschland. Heute sind auch wir ganz erwacht, und unseren Musikern fällt nicht mehr viel ein. Man hört, die musikalische Ausdrucksmöglichkeit sei erschöpft. Ich weiß nicht, ob dieses Zusammentreffen zufällig oder tief begründet ist. Andererseits kann aber die Musik gerade dem bewußten Geist eine immer erwünschtere, notwendigere Gelegenheit zum Ausruhen werden. Es ist für den Wert dieser Ausführungen nicht gleichgültig, wie ihr Verfasser persönlich der Musik gegenüber veranlagt ist. Ich muß daher von meiner Person bemerken, daß sie dem Einfluß der Musik in hohem Maße zugänglich ist. Ich halte sie für die vielleicht am tiefsten erregende, zugleich technisch schwierigste Kunst. Aber gerade darum wird sie zur Gefahr. Sie ist nicht eine Form des an die Vorstellungen geknüpften Lebens, sondern ein Leben für sich. Sie verlangt Aufgehen und Verzicht, das Selbstopfer dessen, der ihr verfallen. Sie ist antisozial, obwohl sie wie keine Kunst in der Gesellschaft gepflegt wird; denn das beweist nur, wie ungesellig unsere Gesellschaft ist. Der Charakter der Geselligkeit ist Wort und Gebärde, und zwar aus dem Stegreif, nicht das Vorführen eingelernter Stücke. Je besser die Musik ist, desto mehr führt sie von der Gesellschaft fort. Nur der Tanz und allenfalls das Lied mögen sich ihr gerne eingliedern. Wenn sich die überall rege Kultursehnsucht unserer Zeit auf Sichtbarwerden, auf Formung des Lebens und seiner Beziehungen, der Sitten, der Feste, der moralischen Werte durchsetzen soll, dann muß der Musikbetrieb, der uns heute zu viele Kräfte entzieht, erheblich beschränkt werden. Ob die ganz auf ihr Inneres gestellten Musikverehrer gegen die Kultur und gegen die Gesellschaft recht haben, ist ein tiefes Problem der Weltanschauung, das wir hier nur berühren, nicht lösen können. Wollen wir auf sichtbare geformte Kultur verzichten, dann laßt uns wieder das lyrisch-musikalische Volk mit den unsichtbaren Innerlichkeitswerten werden und in die politische und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit von ehemals zurücksinken, genug belohnt, daß vielleicht einmal ein bei uns ausbrechendes Werther-Fieber Europa ansteckt, oder daß unsere Musik zeitweise welsche Modesache wird. Die Frage ist jedenfalls zu entscheiden, welches Deutschtum wertvoller ist, das des Volkes der Musiker und lyrischen Dichter, oder das noch größtenteils zu formende der mächtigen Hand, der klaren Blicke und des ordnenden Geistes. Genie und Genialität Jede genial-künstlerische Arbeit unterscheidet sich von rein wissenschaftlichen oder praktischen Arbeit dadurch, daß sie etwas ganz Neues, noch niemals Dagewesenes, selbst von einem übermenschlichen Hirn nicht vorher Auszurechnendes in die Welt setzt. Man spricht zwar auch von genialen Wissenschaftlern, meint aber damit etwas, was der eigentlichen Wissenschaft durchaus fremd ist, denn wissenschaftlich im strengsten Sinn ist nur das Beweisbare, Ausrechenbare, Logische, Zahlenmäßige. »Was beweist das?« fragt ein großer Mathematiker nach der ersten Aufführung der Racineschen Athalie. Das Kunstwerk beweist nichts, sondern es ist selbst. Geniale Forscher sind solche, die etwas bisher wissenschaftlich noch nicht Beweisbares intuitiv erkennen, das heißt damit in die Welt des Bewußtseins erheben. Nachträglich machen sie dann durch Berechnung die Probe darauf. Die Astronomie und Physik sind vollkommen ungeniale Gebiete, weil sich in ihnen alles zahlenmäßig vollzieht. Galilei und Newton aber waren dennoch geniale Entdecker, denn damals, als sie ihre Gesetze fanden, waren die heute eben infolge ihrer Entdeckungen zu berechnenden Erscheinungen noch nicht berechenbar, sondern nur von genialen Geistern intuitiv erkennbar. Darum waren Galilei und Newton insofern genial, als sie Nichtrechner waren. Eine Hypothese gilt für unwissenschaftlich, weil sie nicht beweisbar ist, aber nur mit genialer Intuition aufgestellte Hypothesen, von denen immer wieder eine die andere verdrängt, bis schließlich die letzte wissenschaftlich beweisbar wird, bringen die Wissenschaft weiter. In dem Augenblick, wo eine Hypothese beweisbar ist, wird sie ein Satz der Wissenschaft, ein Lehrsatz, sie hört damit auf, genial, intuitiv zu sein. So könnte man die Wissenschaft fast mit jenem toten Gestein vergleichen, in dem die erstarrten Formen einst beweglicher Lebensblüte bewahrt werden, oder noch besser mit jenen Kohlenschichten in den Tiefen der Erde, die gehäuftes Sonnenlicht in schwarzer Masse festhalten, das jeden Augenblick durch die Berührung mit der Flamme dem praktischen Leben dienstbar gemacht werden kann. Zum Unterschied von dem Künstler, der die Schauer seiner Zeugung selbst in das Kunstwerk bannt, in dem sie bei der Berührung eines verwandten Geistes immer wieder lebendig werden, wird in der Wissenschaft das, was einst geniale Intuition war, Gemeinbesitz aller und kann von jedem ungenialen Individuum für praktische Zwecke verwertet werden. Darum wird der geniale Sucher, solange er noch nichts beweisen kann, von dem Praktiker verlacht, während er, nachdem er bewiesen hat, dessen Taschen zu füllen pflegt. Aber jene genialen Hypothetiker sind in der Wissenschaft äußerst selten, meistens genügen geschickte Kombinatoren, die aus zwei Erscheinungen eine dritte berechnen. Diese landläufige wissenschaftliche Tätigkeit ist der künstlerischen genau entgegengesetzt. Im Grunde ist sie nur eine Zusammenstellung von Quantitäten. Es ist ein Riesenunterschied, ob jemand aus dem Sande eines Flusses mit schlechten Werkzeugen eine Million Gold oder mit wissenschaftlich vervollkommneten Werkzeugen hundert Millionen Gold herauswäscht. Es ist aber gar kein Unterschied, ob jemand durch eine intuitive Entdeckung (die dann jeder Chemiker nachahmen kann) ein kleines Goldkörnchen oder hundert Millionen Gold hergestellt hat. Hier ist das Kleinste schon alles: Er hat Gold hergestellt. Darum hat Ruskin nicht ganz unrecht, wenn er sich vor einer alten starkbeschädigten Grabplatte in Florenz zu dem Paradoxon hinreißen läßt: solange von einem wahren Kunstwerk noch etwas da ist, ist fast noch alles da. Der Künstler ist in dem kleinsten Teil seines Werkes allgegenwärtig, wie Gott in der Welt. Das Wesentliche der Natur ist vollständig schon im kleinsten Organismus enthalten, und wenn von dieser Welt der geringste organische Bestandteil lebend in eine andere gelangte, könnte man sich dort – genügende Intelligenz vorausgesetzt – eine Vorstellung von unseren Vollkommenheiten und wahrscheinlichen physiologischen Begrenzungen bilden, von unserer spontanen Bewegungsfähigkeit und unserer schnellen Vergänglichkeit. Wissenschaft ist die Gabe, aus dem Sande Gold zu sondern, Kunst ist die Gabe, aus Sand Gold zu machen. Dieser Sand, dieser Stoff ist für den Künstler das Leben selbst, sein persönliches Leben; seine Goldmacherei besteht darin, es so groß zu fühlen, daß aus ihm alle Weltgeschehnisse analog begriffen werden und ihr Geheimnis offenbaren. Aus seinem Ehrgeiz heraus muß er Cäsar, aus seiner Frömmigkeit Franz v. Assisi verstehen, aus dem Kampf seiner Leidenschaften muß er den Krieg zwischen Persern und Hellenen begreifen, aus seiner Leichtmütigkeit heraus einen Stuart, aus seiner Düsterkeit einen Savonarola fühlen. Das Genie macht keine »exakten« psychologischen Versuche, wie die Schule des Professors Wundt, sondern es empfindet alles: tout comme chez moi . Ich habe bis jetzt unter Wissenschaft nur die exakte Wissenschaft verstanden, es gibt aber auch noch die Geisteswissenschaften. Daß sie heute den exakten naturwissenschaftlichen Methoden unterliegen, hat sie oft ungeistig gemacht. Man vergißt, daß es ein Unsinn ist, mathematische Gesetze auf ein Geschehen anzuwenden, das wie die Geschichte der Menschheit und ihrer hinterlassenen Denkmale sich nach unberechenbaren, nur intuitiv fühlbaren Gesetzen vollzieht. Wir können die Entwicklungslinie der Demokratie in Athen nicht wie den Lauf eines Planeten widerspruchslos berechnen. Nur ein intuitiver Geist kann sie aus den Ereignissen, in die sich gerade seine Seele aus unerforschlichen Gründen besonders einzufühlen vermag, nachtasten. Wenn wir die konstruktive Vorzüglichkeit griechischer Architektur bewundern, so ist das ein zurückblickendes Feststellen, wie das Finden von Naturgesetzen, die nicht eines Tages gegeben wurden, damit sich der Stoff danach richte. Die griechischen Tempel sind ursprünglich nicht aus konstruktiven Gesichtspunkten entstanden, sondern so unmittelbar aus lebendiger Notwendigkeit gewachsen, daß der prüfende Verstand sie nachträglich nicht anders als konstruktiv findet. Sie sind nicht gleichsam erdgeboren, sondern sie sind erdgeboren. Die heutige konstruktive Kunst ist alles, was sie ist, bestenfalls gleichsam. Die Fanatiker der naturwissenschaftlichen Methode in den Geisteswissenschaften setzen sich daher zwischen zwei Stühle. Sie haben auf die feine Geistigkeit und den edlen Attizismus der früheren Gelehrtenschulen verzichtet, ohne deshalb die Exaktheit der Mathematik oder Astronomie erreichen zu können. Henri Bergson hat nachgewiesen, daß die wissenschaftliche Intelligenz ihre Maße nicht vom Geist, sondern vom Stoff genommen hat, den zu formen und menschlichem Gebrauch zu unterwerfen ihr ursprünglichster und oberster Zweck ist, seit den ursprünglichen Werkzeugen der Steinzeit bis zu den verwickelten Berechnungen der Luftschiffahrt. Niemals ist diese Intelligenz fähig, geistige Vorgänge dadurch zu begreifen, daß sie ihre rein körperlichen Symbole auf die eigentlichen Lebensvorgänge anwendet. Hier vermag nur intuitives Erkennen weiterzuführen. Es soll nicht das mindeste gegen die Naturwissenschaft gesagt werden, nur gegen die über alles Maß seichte materialistische oder monistische Philosophie, die von ihr abgezogen worden und mit ihrer Grobheit in alle Gebiete des wahren geistigen Lebens, der Philosophie, der Kunst, ja der Religion eingefallen ist. Aus diesem Grunde erstaunt uns so sehr die grobe Ungeistigkeit mancher gelehrten Bücher unserer Zeit. Wie ungeheuer viel des wichtigsten Stoffes liegt in den wissenschaftlichen Werken der letzten Jahrzehnte aufgestapelt und wie selten findet man einen Geist, der es mit wirklicher Erkenntnis durchdrungen und dadurch miterlebbar gemacht hat. Warum ist es notwendig, daß ein junger Biolog oder Ethnolog, der von einem wissenschaftlichen Institut mit großen Kosten nach den Sundainseln geschickt wird und dort die fleißigsten Untersuchungen auf Kosten seiner Gesundheit macht, oft nichts anderes mitbringt als einen trockenen Speicher mit Dokumenten, ein unlesbares Buch und eine leere Seele? Daß er nicht mitschwingen, ja nicht einmal wählen, ordnen, beleuchten kann, ist ein Zeichen, wie wenig er mit den Dingen, die er zusammenstellt, eigentlich zu tun hat. Er hätte geradesogut, wie es andere hoffnungsreiche Gelehrte tun, in derselben Zeit einige tausend Ameisenhaufen mit Petroleum vernichten können, um ihre Bewohner zu zählen, und dann festzustellen, wieviel Ameisen durchschnittlich einen Ameisenstaat bilden. Das Berechnen derartiger Beträchtlichkeiten halten viele für geistige Arbeit. Aus dieser dürftigen Auffassung des Geistigen geht auch die Behauptung hervor, die Frau sei ebensosehr zur Forschung geeignet wie der Mann. Zu solcher Forschung allerdings! Die meisten modernen Menschen, die Wissenschaftler so gut wie die Verkäufer von Horn oder Wolle, haben mit den Angelegenheiten, die sie täglich beschäftigen, innerlich nichts zu tun. Der geniale Mensch wäre dazu unfähig. Der Zwang zur rein mechanischen Arbeit macht ihn krank, bringt ihn ins Sanatorium. Der geniale Mensch ist bedeutend häufiger als man glaubt, denn er ist noch lange nicht der Künstler. Seine Unterdrückung durch die »naturwissenschaftliche Methode« macht das Leben unserer Zeit für den so grau, den der Kampf ums Dasein an seinen Beruf schmiedet. Genialität ist freilich noch nicht Schaffen, nur eine hohe und seine Art der Empfindlichkeit für das Lebendige, womit eine ebenso ausgesprochene Abneigung gegen das Materiell-Automatische zusammenzugehen pflegt. Diese Genialität ist bei Frauen vielleicht häufiger als bei Männern, wird nur leider häufig mit wahrhaft schöpferischer Begabung verwechselt, die bei Frauen so gut wie gar nicht vorkommt. Der Widerstand weiblicher Sensibilität gegen männlichen Schematismus ist dagegen ein notwendiger Schutz des Lebens. Diese Sensibilität zu brechen und die Frauen in den männlichen Schematismus zwingen, oder aber sie überschätzen und zum Schaffen tauber Nachahmungen zu ermutigen, das ist der ungeniale Sinn der Frauenbewegung, die ja teilweise auch auf naturwissenschaftlichen Methoden beruht. Was unterscheidet nun den Künstler von dem genialen Menschen? Er weiß nicht mehr vom Leben als dieser, er sieht auch das Leben nicht anders. Stellte er Dinge dar, die nicht durch geniale Intuition mitgefühlt werden könnten, so wäre er ganz und gar unverständlich, widersinnig. Er kann also den übrigen mit genialer Empfindung für das Lebendige begabten Menschen nicht zu fern stehen, um von ihnen verstanden zu werden. Ihre Leiden und Freuden müssen ähnlich sein. Wäre nicht in dem Genießenden die Anlage zu denselben Erlebnissen, dann wäre der Künstler nichts anderes als ein Irrsinniger. Daraus erklärt sich auch die Nachbarschaft von Genie und Wahnsinn. Genau wie die Vorstellungen des Geistesgestörten bewegt sich das künstlerische Erlebnis in einem der praktisch-wissenschaftlichen Intelligenz entgegengesetzten Sinne. Nur während sich der Irre damit vollständig aus dem Gesichtskreis der übrigen Menschen entfernt, macht der Künstler durch seine Vorstellungen gerade Zusammenhänge innerhalb dieses Gesichtskreises offenbar, die andere Menschen auch zu fühlen, nicht aber zu gestalten imstande sind. So vermittelt der Künstler z. B. eine tiefere Menschenkenntnis als die rein beobachtende, kombinierende der lebensgewandten Praxis. Er erlebt vielmehr den lebendigen Gehalt eines Menschen, aus dem seine logisch gar nicht, in Worten kaum, höchstens bildhaft auszudrückende Atmosphäre strömt. Es ist erstaunlich, was für verschiedenartige Charaktere in dieser nur intuitiv fühlbaren Atmosphäre Ähnlichkeit haben, wie verschieden dagegen wiederum jenes – man möchte sagen – transzendentale Wesen materiell ähnlicher Charaktere ist. Dies läßt sich so wenig logisch fassen, wie ein Geruch oder ein Klang. Man kann nur sagen: »Sie ist als ob ein besonders edles Material für ihre Glieder verwendet wäre.« »Er ist als ob Verklärung oder Verwesung, ein Schicksal oder ein Verhängnis in ihm wäre.« Dieses »als ob« zu treffen, dieses »gleichsam« in Wirklichkeit umzugestalten, das ist die dichterische Erfassung eines Charakters, sie ist synthetisch im Gegensatz zur Charakteranalyse, die bekanntlich nie überzeugt. Wer jenen synthetischen Sinn für Menschen hat, täuscht sich freilich oft genug, wie ein Kind über das, was man ihren Charakter nennt. Hierher gehört auch vielleicht die sonderbare und oft beobachtete Tatsache, daß viele Menschen durch Baden nicht reiner werden, während andere, denen die Gelegenheit zum Baden fehlt, doch nur sehr schwer unappetitlich erscheinen. Dafür gibt es besonders in romanischen Ländern Beispiele genug, wo die Frauen durchaus sauber wirken, obwohl sie auf ein Bad mit einem Grauen wie vor einem chirurgischen Eingriff blicken. Sie müssen etwas wie eine »transzendentale Reinlichkeit« der Substanz haben. Der sich vergeblich um Ausdruck quälende Künstler, der auf seine Innerlichkeit pocht, ist ein Mißverständnis. Er ist vielleicht, sogar wahrscheinlich ein genialer Mensch, aber ein Künstler ist er nicht, denn die Gabe der Form, des Ausdrucks ist gerade das, was den Künstler unterscheidet. Darum ist ein Künstler, dem gerade die Form nicht gelingt, ein Widerspruch in sich selbst! Freilich gibt es solche, denen die Form manchmal gelingt, manchmal nicht, aber Künstler sind sie nur, insofern ihnen die Form gelingt. Muskeln, die man nicht innervieren kann, hat man nicht; Muskeln entwickeln heißt: vorhandene Muskelmassen innervieren, d.h. sie erst zu besitzen lernen. Damit fällt auch von selbst die Forderung hin, ein Kunstwerk müsse persönlich sein – auch ein Irrtum der nach Lorbeer strebenden Frauen. Ein Kunstwerk muß gerade unpersönlich sein. Natürlich entsteht es aus einem besonderen Erleben der Welt, das man persönlich nennen mag, aber gerade dieses ist weit verbreitet und beweist nur einen gewissen Grad von Genialität. Erst die Formung dieses aus dem Chaos geholten Eindrucks über das Persönliche hinaus nimmt dem Eindruck das Kleine, Einmalige, persönlich Bedingte, oft genug Peinliche, was an dem jeweiligen Erlebnis haftet. Wenn vorhin gesagt wurde, daß den Frauen die schöpferische Begabung fast niemals eigen sei, so ist diese Gabe der Form damit gemeint. Nichts zeichnet die Frauenliteratur so sehr aus, als dieses Stehenbleiben im Persönlichen. Hat die sich mitteilende Person einen besonderen Reiz, oder erweckt sie durch ihre Verhältnisse ein besonderes Interesse, so kann natürlich etwas davon ihrem Werk mitgeteilt werden, aber ohne eine gewisse freundliche Nachsicht ist es doch nur mit einigen schönen Ausnahmefällen genießbar. Erst dann ist einer wirklich schöpferisch und es ist der Mühe wert, daß er keinen »nützlichen« Beruf ergreift, wenn er ein auch noch so kleines Stück der äußeren oder inneren Welt durch eine neue Form zuerst unter den Menschen bewußt macht. Die »Innerlichkeit« allein ist an sich ebenso wenig wie das persönliche Erlebnis, mit ihr kann man ebensogut Theaterfriseur werden. Auch die Malerei will nicht etwa gesehene Landschaften wiedergeben (dafür ist die Photographie da), sondern sie will noch niemals bewußt Gesehenes auch dem Beschauer bewußt machen. Heute können auch unschöpferische, aber sensible Menschen durch die Augen von Degas oder Beardsley sehen; ehe diese beiden Künstler lebten, war der Menschheit der von ihnen entdeckte Teil der Welt versiegelt, oder vielmehr: er war gar nicht da. Am allerwenigsten zur künstlerischen Schöpfung eignet sich der Enthusiast. Allzu starke Begeisterungsfähigkeit und Gefühlsüberschwang, die so gern mit künstlerischer Begabung verwechselt werden, sind vielmehr fast immer ein Zeichen künstlerischer Unbegabtheit. Das Urbild des Werther hätte nie den Werther schreiben können, aber Goethe, der die Geschichte fühlend miterlebte, sie sich nicht allzusehr zu Herzen nahm und eben darum über seinen Schmerz hinauswuchs, vermochte ihn zu formen. Dies ist gerade ein Beispiel, wie persönliches Erlebnis nur ein Anlaß zum Schaffen ist, nach dem der Dichter gereinigt und frei durch die Form aus seinem Zwiespalt hervorgeht und, ein echtes Kind der Welt, weiteren Schicksalen entgegeneilt. Das Gegenteil tut der, welcher sein Leib in sich vergräbt, es bis ins Tiefste auskostet, der »Innerliche«, der Gefühlsmensch. Die wahren Künstler sind im Gegensatz zu der verbreiteten Anschauung mehr kühl als sentimental, mehr Bändiger als Opfer ihrer Leidenschaft. Die Gewohnheit, künstlerisch zu gestalten, härtet und kühlt, sie macht das Leben leichter. Darum erscheint der Künstler dem Gefühlsmenschen oft als frivol. Die graue Gefahr »Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben. Goethe. Eine Wissenschaft, die nicht frei ist, ist für uns keine Wissenschaft; erst der Ausblick ins Unbekannte, der Entschluß, es zu entdecken und ihm, wenn notwendig, alles bisher für richtig Geltende zu opfern, aber auch alles, erst diese kühnen Voraussetzungen machen eine geistige Beschäftigung zur Wissenschaft. Damit ist noch nicht die Wissenschaft zum Selbstzweck erhoben; Selbstzwecke gibt es im Zusammenhange des Lebens überhaupt nicht, sie können nur begrifflich gesetzt werden. Die Wissenschaft muß vor allem dem Leben dienen, auf die Gefahr hin, eine bestimmte Form des Lebens zu vernichten und durch eine andere zu ersetzen. Hierin liegt ihre Freiheit. Dabei ist unter Leben natürlich nicht die Praxis des Alltags zu verstehen. Im Mittelalter war die Wissenschaft bekanntlich unfrei, denn Forschen war nur so lange erlaubt, als die Ergebnisse nicht im Widerspruch zu den Glaubenssätzen standen. Eine solche Betätigung nennen wir heute gar nicht mehr Wissenschaft. Seit der Renaissance hat sich die Menschheit leidenschaftlich der Erforschung der sichtbaren und unsichtbaren Welt hingegeben. Es ist daraus ein wahrer Kultus der Tatsachen entstanden, ihre Erkenntnis und Anordnung hat ein ganz neues Weltbild geschaffen. Aber es gibt Tatsachen, die zu kennen ziemlich gleichgültig ist, zum Beispiel, wieviel Haare ein Schaf in seinem Pelz hat. Woran erkennt man nun, ob die Erkenntnis einer Tatsache Wert hat? Da es ein objektives Zeichen nicht gibt, sind wir auf das subjektive Gefühl angewiesen: eine Tatsache wird dadurch erforschenswert, daß wir von ihr Einblicke in tiefere Zusammenhänge erhoffen, daß sie das Leben bereichert. Solche Erkenntnisse sind mit Schauern der Glückseligkeit verbunden, denen ähnlich und gleichwertig, die der Künstler beim Formwerden seiner Gesichte empfindet. Das Gegenteil davon ist das vorläufige Aufspeichern von Tatsachen, ohne daß sie in einem wichtigen Zusammenhang erscheinen, ein Magazin von Einzelheiten anlegen, weil man ja nie wissen kann, inwiefern das Unbedeutende eines Tages bedeutend werden kann. Da dieser objektiv vielleicht nicht ganz verlorenen Hamsterarbeit in unserem wissenschaftlichen Betrieb zahllose Opfer an Intelligenz und Lebenskraft gebracht werden, glaube ich von einer grauen Gefahr sprechen zu dürfen, die unser geistiges Leben bedroht. Die Wissenschaft zum Selbstzweck machen heißt ihr ihre Fruchtbarkeit nehmen, indem man außerhalb des Lebenszusammenhanges ein Wolkenkuckucksheim der Ideologen erbaut. Während die exakte Wissenschaft die wirkliche Herrschaft über die Natur erweitert, werden die tatsächlichen Feststellungen der sogenannten Geisteswissenschaften ein müßiges Geduldspiel oder Patiencelegen lebensmüder Stubenmenschen, falls nicht die aus diesen Tatsachen zu ziehenden Schlüsse und Kombinationen der Erweiterung und Vertiefung der Kultur dienen, der Steigerung unserer Instinkte für den großen Zusammenhang und die Einheit des Lebens überhaupt und die besondere Farbe und Kraft des unsrigen. Aber da, wo jene Schlüsse und Kombinationen beginnen, da, wo die Forschung aufhört, Selbstzweck zu sein und für das Leben fruchtbar werden soll, da sind viele ihrer heutigen Vertreter mit dem Worte »unwissenschaftlich« schnell bei der Hand. Zur bloßen Stoffaufschichtung sind als nützliche Emporien für den Forscher die rein wissenschaftlichen Zwecken dienenden Zeitschriften und Fachbücher da, die gar nicht den Zweck haben, gelesen zu werden, sondern zum Lernen, Vergleichen und Nachschlagen benutzt werden sollen. Aber diese durchaus notwendige Literaturgattung grenzt sich bei uns nicht deutlich genug von der wirklich geformten Wissenschaft ab. Mancher Kärrner und Wächter, der sein Leben zwischen den unausgepackten Ballen und dem Rohzeug dieser wissenschaftlichen Magazine verbringt, wagt heute die lebensvollsten Vertreter der Wissenschaft wegen ihrer Unwissenschaftlichkeit anzugreifen. Männer, denen die deutsche Geisteskultur fast so viel verdankt wie ihren Dichtern, deren großzügige Schreibweise unseren Mangel wettmacht, daß wir keinen literarischen Prosastil in Deutschland besitzen, Männer, die wir nennen müssen, wenn man uns das Fehlen der Balzac und Flaubert vorwirft, – ich nenne nur Treitschke und Burckhardt – werden von »Fachleuten« unwissenschaftlich genannt und müssen sich mit den in Deutschland nicht für ganz ernst geltenden Belobungen »interessant«, »anregend«, »gut geschrieben« und »geschmackvoll« begnügen. In Frankreich, wo man das Genie triebsicherer begreift, wären sie, etwa wie Renan und Taine, aus den engen Kreisen der Fachwissenschaft schon zu ihren Lebzeiten herausgetreten und in das Pantheon der wesentlichen Gestalten aufgenommen worden. Gewiß: man soll sich aus den Schriften solcher Männer nicht auf die Prüfung vorbereiten, aber wiewohl manche Tatsachen bei ihnen schief, ja falsch gesehen sein mögen, um ihretwillen ist die ganze Vorbereitungsarbeit der Fachmenschen da. Daß Burckhardts griechische Kulturgeschichte genialer ist als die »richtigere« Arbeit manches fleißigen Gelehrten (die übrigens in ihrem Wert durchaus nicht herabgesetzt werden soll), fällt in Deutschland nur dem fein empfindenden Laien auf, der »Kollege« verhält sich ablehnend. Ein nicht geringer Forscher hat sogar diesem Werke gerade jeden wissenschaftlichen Wert abgesprochen. Die deutsche Geisteswissenschaft erkennt grundsätzlich die Genialität nicht als Eigenschaft eines Werkes an, erst dem, der sich durch Jahrzehnte brav und nüchtern erwiesen, wird sie als berechtigte Eigenart gestattet. Nichts ist in Deutschland für eine Laufbahn ungeeigneter, als sich gleich mit einer »interessanten« Doktorarbeit einzuführen. Erst soll man sein Sitzfleisch beweisen. Die Fakultät vergißt, daß geistreichen Menschen, solange der Geist sie an einer Arbeit festhält, ungemein schnell das Sitzfleisch zu wachsen pflegt, während sie einer schablonenmäßigen Arbeit gegenüber sich flüchtig und nervös verhalten. Ich habe viele in der Unterhaltung geistvolle junge Leute gekannt, die in vieljähriger wissenschaftlicher Arbeit diesen Geist wie eine kindische Schelmerei unterdrückten und in Büchern, die nichts von ihrer Lebendigkeit enthielten, den Beifall der Fakultät und der Kollegen suchten. Dieser Beifall aber ist ein Beifall des Klüngels, der manche – aus Unbefriedigung darüber, daß man sie außerhalb des Klüngels nicht kennt – anmaßend und dünkelhaft macht. Mommsen wird bei uns wie einer behandelt, der über römische Geschichte gearbeitet hat: er hat viele dankenswerte Gesichtspunkte gefunden, ist oft einseitig und willkürlich in seinen Schlüssen verfahren und heute in manchen Fragen bereits überholt. Dieses dumme Wort! Wird ein Genie überholt, weil ein Mikroskopiker etwas entdeckt, was dieses Genie nicht wußte? Und wenn ein Genie etwas dreißig Jahre im voraus ahnt, dann geht es ihm erst recht schlimm, dann ist es ein unwissenschaftlicher Utopist. Ein kultiviertes Land dürfte solche barbarischen Fakultätgewohnheiten nicht ertragen. Wissenschaftliche Bücher müssen durch ihren Stil lesbar sein, und die dahinterstehende Gestaltungskraft muß wie beim Künstler auch auf den wirken, dem der Stoff an sich fern liegt. Dann würde dieser Dünkel verschwinden, jene einseitig gelehrte Erziehung, die gegen Stil und schöpferische Ideen mißtrauisch ist. In Frankreich hat sich ein viel sympathischerer, in gutem Sinne humanistischer Gelehrtentypus entwickelt, der, bescheiden und exakt, die großen Ideen im Auge behält. Er ist in nichts jenem rhetorischen Feuilletonisten ähnlich, den man oft für den Vertreter der französischen Wissenschaft hält. Wahllos Tatsachen zusammenstellen, die niemand etwas angehen, und dies in unlesbaren Büchern, ist ein barbarischer Wahn. Wir können uns nicht angenehm einrichten, solange die Zimmer von unausgepackten Koffern vollstehen; wir können uns auch nicht zum Verbrennen entschließen, da gewiß unschätzbar Wertvolles darin steckt, und zum Ordnen nur sehr langsam. Indessen vermehren wir ruhig die Koffer und freuen uns daran, wie sie immer höhere Gebirge bilden. Und nun die Hauptsache, die soziale Wirkung, derentwegen ich von alledem spreche: der schablonenmäßige Wissenschaftsbetrieb vermehrt die Klasse freudloser Individuen, die, geistlos und mechanisch, einem ungeheuren Ganzen dienen, von ihm fast erdrückt, aber erträglich ernährt werden. Ich will mehr die Menschen sehen als die Sache, und da finde ich, daß unter meinen Bekannten ein kluger Kopf verschwunden ist, der mich durch scharfe Blicke und treffende Urteile in geistigen und materiellen Dingen oft bereichert hat. Was ist aus ihm geworden? Er lebt in Unteritalien und ordnet campanische Ziegelsteine. Ein blühendes, kluges und schönes Mädchen schickt mir ihre Doktorarbeit: »Über die Suturen des menschlichen Schädels«. Sie beginnt ihr Werk mit der bescheidenen Erklärung, sie wisse wohl, daß die Verschiedenheit der Schädelsuturen keine grundlegenden Rassenmerkmale ergäbe, nichts aber sei in der Wissenschaft zu klein, um nicht der Erforschung wert zu sein. Man könnte verstehen, wenn sich ein in allen Lebenshoffnungen gescheiterter Fünfzigjähriger in solchen die Gefühle betäubenden Tätigkeiten vergräbt. Aber wie kann sich ein junges Wesen, vor dem das Leben liegt, so entsagungsvoll begnügen? Eine andere, nicht weniger gut veranlagte junge Dame schreibt, obwohl selbst eine Feindin alles Larmoyanten, über die » Comédi larmoyante « in Italien, diese nachgeahmte Literaturgattung, die schon in ihren ersten Hervorbringungen wertlos war. Dem Verfasser wollte einmal ein bekannter deutscher Literaturprofessor zumuten, über die schwächeren Gedichte eines Autors zu arbeiten, da über die besseren schon geschrieben sei. Wenn die wissenschaftliche Beschäftigung eines wohlgeratenen Menschen würdig sein soll, so muß er nicht bloß den Zusammenhang seines kleinen Tuns mit großen Dingen wissen, sondern täglich fühlen, sonst ist es ein Lebendigbegrabenwerden. Aber diese gewissenhafte Kleinarbeit, heißt es, ist für den Großbetrieb nötig. Gut, dann soll man die Fülle von unbegabten, untergeordneten Menschen heranziehen, so wie man die Blinden Stroh flechten läßt, und das Untergeordnete dieser Tätigkeit kennzeichnen. Da wäre gleichzeitig der Dünkel dieser ungenialen Geister beseitigt, und weniger unberatene, glühende junge Menschen, die nach Bildung hungern, würden dieser scheinbaren Geistigkeit, diesem grauen, lauen Moloch zum Opfer fallen. Denn diese wenn auch notwendige Ameisenarbeit der Wissenschaft ist nicht geistiger als die Tätigkeit eines erwägenden und versuchenden Kaufmanns. Was die Wirkung des wissenschaftlichen Kleinbetriebes auf die einzelnen Intelligenzen betrifft, so kann man, paradox genug, beobachten, daß der sich gerade grundsätzlich von den Ideen ab- und den Tatsachen zuwendende »Wissenschaftler« oft zum lebensfremden Ideologen wird, denn er hat ja nichts mit den Menschen zu tun, sondern nur mit ihren willkürlich aus dem Zusammenhang gerissenen Schädelsuturen, also mit dem Toten, er entwickelt in sich die das Nahe zu groß, das ist falsch sehende Kurzsichtigkeit. Unter Geistigkeit versteht man eine bestimmte gesicherte Art, sich zu physischen und psychischen Tatsachen zu verhalten, die den Dingen ihre grobe Gegenständlichkeit nimmt und sie in den, freilich von jedem Individuum anders empfundenen, Lebensrhythmus hereinbezieht, sei es, daß es sich um Philosophie oder Religion, um Gesellschaft oder Naturempfinden handelt, um die Bewertung des Geldes oder um Berichte antiker Quellen. Für diese Geistigkeit ist der heutige Kleinbetrieb der Wissenschaft keine Schule. Vielmehr läuft die Wissenschaft Gefahr, eine Verschwörung der Geistlosen gegen den Geist zu werden. – Philosophie Die Macht der Unlogik Unser Bewußtsein ist derartig auf eine vernünftige Regelung des Lebens und auf eine logische Erklärung der Welt gerichtet, daß wir uns daran gewöhnt haben, die Macht der Logik in den Geschehnissen außerordentlich zu überschätzen. Besonders das 18. Jahrhundert war diesem Irrtum unterworfen. Ein berühmtes Beispiel ist J. J. Rousseaus » Contrat Social «. In fast rührender Einfalt nahm dieser Philosoph an, daß die Gesellschaft aus einem bewußten Übereinkommen logisch vollkommen klarer Leute beruhe, und daß darum die Vernunft als Grundlage der menschlichen Beziehungen zu betrachten sei. Die Entwicklung der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert hat uns eines Besseren belehrt. Wir haben erkannt, daß sich die Welt zwar organisch, keineswegs aber logisch aufbaut, daß die Logik vielmehr eine ganz späte menschliche Erfindung ist, welche die Dinge rein menschlichen Zweckbegriffen unterordnet. Die Logik ist eine Gesetzgeberin ohne Exekutivgewalt. Der Mensch hat sie im Kampf ums Dasein ausgebildet, um aus dem Chaos des Werdens und Vergehens ein kleines Gebiet abzugrenzen und es nach seinen Zweckmäßigkeitsbegriffen zu ordnen. So notwendig nun die Logik zur praktischen Erkenntnis der menschlichen Verhältnisse ist, so vollkommen versagt sie als Mittel zur Erklärung des Gewordenen, denn, wie sehr auch der einzelne sich bemüht, sein Leben logisch einer Zweckmäßigkeit unterzuordnen, der der Logik wirklich unterworfene Teil unseres Daseins ist verschwindend gering. Überlegen wir z. B., wie weniges von dem, was wir zu tun beabsichtigen, wir wirklich gerade so tun, wie wir es beabsichtigen, wie zahlreich alle die kleinen Vorgänge sind, während wir aus dem Arbeitszimmer ins Eßzimmer gehen, und wie sie, vollkommen unbeobachtet, unser Verhalten beeinflussen. Ja, wir setzen uns zu Tisch und nehmen unsere Mahlzeit zu uns und glauben vollkommen bewußt und zweckmäßig zu handeln, weil dieser Vorgang allein im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht. Wir ahnen nicht, daß gleichzeitig vielleicht viel wichtigere Dinge vorgehen. Wir sprechen Worte, die vielleicht in einem Kind den Keim der zukünftigen Berufswahl legen, wir hören Worte, die, ohne daß wir es ahnen, unsere Überzeugungen umzugestalten beginnen, den Anlaß zu höchst wichtigen Beziehungen geben, vielleicht Freundschaften oder Zerwürfnisse säen. Alles dies ist unserem logischen Bewußtsein so sehr entzogen, wie die Vorgänge des Blutkreislaufes oder der Verdauung. Der Augenblick unseres Mittagsmahles ist also wie jeder andere Augenblick in der Natur nichts anderes, als ein Sichkreuzen von tausendfachem Werden und Vergehen, sowohl von Vorstellungen als von rein körperlichen Vorgängen, ein Meer von Wellen, die eben eine Form annehmen, um sie sofort wieder aufzugeben. Der Vorgang des Essens selbst ist nur ein kleiner Teil von diesen Geschehnissen, nur unserer Logik erscheint er im Augenblick als der wichtigste. Sie ist vielleicht einem Stab zu vergleichen, den wir in ein fließendes Wasser halten. An einer kleinen Stelle vermag er den Lauf des Flusses ein wenig zu stören, aber um ihn herum treffen sich die Wellen wieder und folgen ihrem organischen Gang. Die Macht dieses Flutens im Dasein macht sich bis in die logischen Beziehungen selbst bemerkbar. Es gibt nichts, was bewußter menschlichen Zwecken zu dienen scheint, als die Sprache und dennoch wissen wir, daß sie sich aller Logik zuwider entwickelt hat, worauf die Tragik unserer sprachenlernenden Schuljugend beruht. Fruchtbar und organisch, aber ganz und gar ungeleitet und unlogisch wachsen die Sprachformen. Wie Samenkörner werden sie oft von irgendwo herüber geweht, gehen auf der neuen Erde auf und bringen neue Gebilde hervor: es gehört zu den anziehendsten Beschäftigungen, dem Schicksal der halb- oder nichtverstandenen Lehnworte nachzuspüren. Wer nur immer sich in mehr als einer Sprache auszudrücken weiß, hat erfahren, daß der Sprachbildung keineswegs der logische Zweck möglichst klaren Gedankenausdruckes zugrunde liegt, sondern daß allerlei Stimmungen und Schemen der Einbildungskraft viel fruchtbarer in der Sprachentwicklung gewirkt haben. Erst seitdem die Wissenschaft durch Entdeckungen neuer Dinge neue Worte zu schaffen gezwungen ist, sehen wir ein aus griechischen und lateinischen Wurzeln zusammengesetztes Allerweltskauderwelsch in alle Kultursprachen eindringen, das ausschließlich dem logischen Ausdruck dienen soll. Diese Sprache der Technik, Physik und Chemie ist allen inneren Lebens bar infolge ihrer Armut an anderen, als logischen Beziehungen. Ihre Worte sind starre Fremdkörper in der organischen Welt der unbewußt gewachsenen Sprachen. Wir sehen sogar rein auf die Logik aufgebaute Weltsprachen entstehen, deren Leblosigkeit uns lehren mag, wie tausendfach stärker das organische Leben gegenüber den logischen Beziehungen in den »natürlichen« Sprachen zu walten pflegt. Auf diesen logisch nicht erklärbaren Assoziationen organischen Geschehens beruht auch die Echtheit eines Kunstwerks. Man könnte eine ganze Ästhetik schreiben, um zu erklären, daß die Kunst die »sublogischen« Kräfte der Menschen aufruft, und daß sie nur so lange wirklich Kunst ist, als dies gelingt. Genau denselben Vorgang finden wir in der Entstehung öffentlicher Meinungen, deren Grundlage oft genug ein willkürlicher Klatsch ist. Ich habe von einer Gerichtsverhandlung gelesen, in der ein Mann gegen mehrere Leute klagte, weil sie ihn durch Verleumdungen in den Ruf eines Trunkenboldes gebracht hatten, während er in Wirklichkeit ein Abstinent war. Die Beleidiger hatten an die Wahrheit ihrer Behauptung geglaubt, einer hatte sie vom andern gehört, und schließlich kam heraus, daß der Bruder des Beleidigten ein Asyl für Trinker hatte. Semper aliquid haeret . Für viele Leute wird jemand, der in einer Verhandlung als Zeuge vernommen worden ist, zu einem Manne, »der in einemfort mit den Gerichten zu tun hat«. Auch die Begriffe Scheckzahlung und Wechselfälschung sind in den Köpfen mancher braven Handwerker noch nicht so vollständig getrennt, wie es der Wirklichkeit entspricht. Solche Dinge sind es, aus denen sich öffentliche Meinungen, nationale Vorurteile, ja häufig genug ökonomische und politische Ereignisse bilden. Man erinnere sich, wie sich der Arbeiter »den Junker«, der Bürger »den Künstler«, die Dame »die Halbweltlerin« vorstellt und man wird zugeben, daß der Quell der Legendenbildung in unserer Zeit noch nicht versiegt ist. Zufallsassoziationen sind es, die in den Augen der Menschen den Charakter der Dinge und Personen bestimmen, aus denen sich die Luft webt, in der alles lebt, ja, dieser Schleier ist die Wirklichkeit. Bei denjenigen Worten, die heikle Inhalte bezeichnen, ist der Bedeutungswandel besonders klar, weil sie gleich der allgemeinen Verachtung verfallen. Es wirft vielleicht ein seltsames Licht auf die Menschheit, daß im Laufe der Jahrhunderte fast alle Worte für Liebe und Frauen niedrige Assoziationen annehmen, verworfen und durch neue ersetzt werden. Man denke an das Schicksal von Worten wie Dirne, Weib, Frauenzimmer, im Französischen » Fille « und » Baiser «. Es besteht ein beständig bewegter Kreis der Geschehnisse. Unsere Logik dringt ordnend in das Chaos des Werdens und Vergehens ein, das Chaos dringt wieder ein in die logischen Gehege und umschlingt sie mit unlenkbaren Assoziationen, und nun kommt die Logik wieder, nimmt diese Assoziationen als gegeben und sucht von neuem auf sie einzuwirken. Die Reklame z. B. beruht darauf. Wer jemals in englischen Gebieten gereist ist, hat die Annehmlichkeit jenes unter dem Namen Eno's Fruit Salt bekannten Erfrischungsmittels schätzen gelernt. Angeblich soll dieses Salz aus frischen Früchten gewonnen sein. Niemand weiß, ob das wahr ist, vielleicht ist es nichts anderes als eine Mischung von Natron- und Weinsteinsäure, aber ein farbiger Kranz von üppigen Früchten auf dem Umschlagpapier übt eine so bezaubernde Wirkung auf erfrischungsbedürftige, durstige Menschen aus, daß zweifellos das Mittel dadurch beliebter geworden ist, als es durch logisch begründete Gutachten von Ärzten geschehen wäre. Man beachte ferner die illustrierten Anzeigen, durch die Vergnügungsunternehmen oder Badeanstalten Besucher anzuziehen suchen. Die Abbildung geselliger, prickelnder Szenen wirkt zweifellos auf die Einbildungskraft und auf die Entschlüsse zahlloser Menschen, die, wollten sie ihr logisches Denken in Anspruch nehmen, sich sagen würden, daß derartige Szenen sich keineswegs an jenen Orten abspielen. Auch in der Politik, überhaupt in der öffentlichen Wirksamkeit spielt die Unlogik eine außerordentliche Rolle. In England und Amerika gibt es eine Wissenschaft der im Wahlkampf anzuwendenden Wirkungen auf die »sub-logischen« Seelenkräfte der Wähler. Graham Wallas erzählt in seinem reizenden Buch: » Human Nature in Politics « manches Erleuchtende darüber. Sehr wichtig z. B. ist die Art, wie ein Kandidat sich photographieren läßt. (Auch Bühnenkünstler können davon erzählen.) Die Wähler sehen auf einer Photographie einen dicken Mann in Hemdärmeln mit Panamahut, mit Pfeife im Mund, zwischen seinen Gemüsebeeten herumgehen. Weiter wissen sie nichts von ihm, aber, »das ist ein Mann, wie er uns nottut«. (Wallas.) Was er den Leuten sagt, fällt nun auf fruchtbaren Boden, was es auch sein mag. Man weiß, welche außerordentliche Wirkung die Kleidung der Menschen auf unsere »Sublogik« hat. Vor Jahren las ich in der »Frankfurter Zeitung« einen Aufsatz, der einige Ratschläge für Kaufleute enthielt. Sehr klug wurde dem Verkäufer geraten, sich nicht nach der neuesten Mode zu kleiden. Eine gewisse altmodische »Adrettheit« sei vielmehr das Vertrauenerweckendere. Hier berühren wir die einfachsten Gesetze der Lebenskunst. Wenn man sagen hört, bei allem komme es auf das »Wie« an, so meint man damit die Assoziationen, mit denen jemand seine Handlungen umflicht. Wir erleben täglich, daß ungeschickte Leute mit irgend etwas »hineinfallen«, was manchem andern ungefährlich ist. Man nehme z. B. an, ein junger Mann befreundet sich für ganz kurze Zeit etwas heftig mit einer Mulattin, so wird er nicht verhindern können, daß er auf Jahre hinaus »der Mann mit der Negerin« bleiben wird, kennen wir doch von den meisten Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur drei oder vier bestimmte Züge, gewissermaßen Farbenflecke, aus denen wir selbst Charakterbilder schaffen. Ich habe in einem ligurischen Dorf einen Fischer gekannt, der den Beinamen lo spò , der Bräutigam, hatte. Er war, wie die meisten Männer, einmal Bräutigam gewesen, aber gerade an ihm blieb die Bezeichnung dauernd hängen. Es ist auffallend und oft genug unheilvoll, wie wenig noch die Rechtssprechung solche Tatsachen berücksichtigt und daß sie ihre Urteile oft ahnungslos auf sublogische Assoziationen gründet. So wurde z. B. in dem Prozesse Hau die Jury besonders dadurch gegen den Angeklagten (den ich hier nicht etwa verteidigen will) eingenommen, daß ein Zeuge erklärte: Hau habe sich verächtlich über die Möglichkeiten geäußert, welche die gute Stadt Freiburg liebebedürftigen jungen Leuten bietet, und dagegen auf Berlin als die Stadt feinerer Genüsse hingewiesen. – Ich befand mich einmal eine Woche lang auf einem englischen Dampfer, dessen Passagiere größtenteils schottische Geistliche und ihre wenig anmutigen Familien waren. Zufällig war der Steuermann ein Deutscher, ein reizender junger Mensch, den ich mir jeden Abend, wenn er frei hatte, auf das Verdeck einlud, um seinen fesselnden Seemannsgeschichten zuzuhören. Auf dem Schiffe war ich bald »der Mann, der schlechte Gesellschaft sucht«. Zufällig erzählte ich eines Tages bei Tisch einiges von dem tüchtigen, klugen jungen Mann. Jetzt war ich »der Mann mit sozialen Interessen« und alle versorgten mich mit Stoff aus ihren Erfahrungen. Zum Schluß sei noch auf die Tragik derjenigen hingewiesen, die nicht merken, wie sich liebgewordene Assoziationen um sie lösen, wie sie ahnungslos herunterkommen. Es sind die Menschen, die verzweifelt den Schein einer ehemaligen Herrlichkeit aufrechtzuerhalten suchen: Bühnenkünstler einer ausgestorbenen Generation, Adelige eines vertriebenen Hofes, Fanatiker einer längst widerlegten Wissenschaft oder überlebten Kunstrichtung. Wir sehen, daß solche Menschen durch Kleidung und Gebaren sehr bewußt Suggestionsmittel anwenden, die zu einer bestimmten Zeit, in der sie stehen geblieben zu sein scheinen, vielleicht sehr wirksam waren, heute aber ihre Kraft verloren haben. Nirgends erhebt die Logik grausamer ihre Kritik, als da, wo jemand sie mit untauglichen Mitteln umgehen will. Darauf beruht die verhältnismäßige Beliebtheit gewisser harmloser Originale, daß ihnen gegenüber jeder, auch der sonst der Macht der Unlogik Verfallene, sein bißchen Logik in angenehmer Weise zur Kritik ihrer Unvernunft angeregt fühlt. Aphorismen und Glossen Der Aphorismus ist eine Kunstform wie jede andere. Er ist kein Keim, kein Abfall, kein Rest, kein Bruchstück, sondern ein Ganzes. Er ist weder eine Frühgeburt der Ohnmacht noch ein überhitztes Wunderkind. Er ist kein barbarisches Mißgeschöpf, sondern nicht anders zu wollen noch gewollt. Niemand verlangt vom Lyriker, daß er seine kurzen Gedichte zu Epen oder Dramen blähe oder durch nachträgliche Übergänge logisch verbinde. Das wäre leichte Mühe, verminderte aber den Ausdruckswert seiner Schöpfungen. Unsere Zeit liebt mehr als die dicke, verquetschte Karbonade ein sauber grilliertes Stückchen Fleisch. Ideal Ideal ist ursprünglich ein philosophischer Fachausdruck für eine Weltanschauung, deren Hauptvertreter Plato und Kant sind. Man soll den Fachphilosophen diesen Ausdruck nicht streitig machen. Ideal nennt sich die Weltanschauung der Gebildeten, die das Christentum als Dogma fallen gelassen haben, aber den christlichen Geist festhalten wollen oder auf die Wissenschaft schwören, oder auf die Schönheit, die Menschheit, den Fortschritt oder auf Goethe, Beethoven oder Mrs. Blavatsky. Ideal nennt sich ein Mensch, der, statt das tüchtig zu tun, was er vielleicht könnte, sich nach etwas »Höherem« sehnt oder darin pfuscht, der statt zu arbeiten von seiner »Mission«, seiner »Lebensaufgabe« spricht. Ideal nennt sich ein Künstler, der sich nicht in den Rahmen seines Talentes zu fügen vermag, sondern »titanische Ideen« in das geduldige Material zwängen möchte. Ideal nennt sich die Verherrlichung aller untauglichen Versuche. Ideal nennen sich Frauen, die den zahmen Kitzel sogenannter »platonischer« Beziehungen einer tapferen Hingabe vorziehen. Ideal nennen sich Männer, welche die Schüchternheit armer Mädchen ausnützen, um sie »aus Liebe«, d. h. umsonst, zu besitzen, Männer, die »um ihrer selbst willen« geliebt sein wollen. Ideal heißt ein weniger gelungenes Riechwasser des sonst schätzenswerten Hauses Houbigant. Ideal Vier Jahre später: Das Wort scheint wieder für den guten Stil frei zu werden, nachdem das Publikum, das es belegt hatte, sich jetzt dem Wort »Kultur« zuwendet. heißt eine Klosettschüssel, die, wie Fachleute versichern, Aussicht hat den »Kohinor« und die »Valesca« zu verdrängen. U. s. f. Vorurteile sind anerzogene Unwissenheit. Man verwechselt häufig die Objektivität milder Scheu vor allem Außerordentlichen. Dieses gibt es aber auch, und wer es nicht empfinden kann oder will, der ist bei all seinem Maßhalten nicht objektiv, sondern höchst subjektiv. Sozialismus . Ich hörte einen Mann aus dem Volke einer schönen Frau nachrufen: »Wie kann nur ein einzelner Mensch so schön sein!« Es gibt Egoisten, die grundanständige und zuverlässige Charaktere sind, und Menschen mit stark altruistischem Trieb, sogenannte gute Kerle, die wir, so leid es uns tut, als Schweinehunde bezeichnen müssen. Kosmische Urlandschaft im kleinen: Ich sah einmal in einem zoologischen Garten nach heftigem Regen ein Rhinozeros stehen; auf dem Rücken des Tieres hatte sich ein beträchtlicher See gebildet, aus dem ein Spatz trank. Es ist leichter, kein Schweinefleisch zu essen und Samstags nicht zu rauchen, als an die unbefleckte Empfängnis oder die Dreieinigkeit zu glauben. Das erste kann man ohne weiteres seiner Mutter auf dem Totenbett versprechen, das zweite nicht. Darauf beruht die Zähigkeit des Judentums. Gar mancher würde sich vor Tisch umbringen, wenn er nicht fürchtete, es nach Tisch zu bereuen. Zur Philosophie der Form »Ins Innere der Natur« – O Du Philister! – »Dringt kein erschaffner Geist.« Mich und Geschwister Mögt Ihr an solches Wort Nur nicht erinnern. Wir denken Ort für Ort Sind wir im Innern. »Glückselig, wem sie nur Die äußre Schale weist!« Das hör ich achtzig Jahre wiederholen, Ich fluche drauf, aber verstohlen; Sage mir tausend, tausend Male: Alles gibt sie reichlich und gern. Natur hat weder Kern Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male, Dich prüfe Du nur allermeist, ob Du Kern oder Schale seist. Goethe In der Natur bleibt der Mechanismus hinter der Erscheinung verborgen. Erst das Nachforschen findet die Zusammenhänge von Farbe und Form mit physischen und physiologischen Bedingungen; erst der Verstand leitet uns auf die bewußte Betrachtung der Ursachen. Sichtbar sind sie nicht. Das Formprinzip der Natur – gleichgültig, ob es sich rein aus der Zweckmäßigkeit gebildet hat, oder ob man von etwas wie Kunsttrieb reden kann – läßt tatsächlich Wurzeln, Äste, Adern, Nerven, Kanäle, Knochen, kurz alle der Stützung und Ernährung dienenden Mechanismen verhüllt. Daß ohne sie kein Blühen, keine bunte Oberfläche möglich ist, wird nicht empfunden, sondern erforscht und gewußt. Man darf darum das Gefühl der Befriedigung, das den Forscher belohnt, nicht mit dem unmittelbaren Lebensgefühl verwechseln, das die Oberfläche der Welt durch die Empfindung in uns auslöst. Ihm verdanken wir hienieden die ersten zentripetalen Lebensgefühle, die religiösen, die künstlerischen und die der Weltfreude, welche uns hinter der zentrifugalen Zerrissenheit des Einzeldaseins die Einheit, den Zusammenhang eines Lebens spüren lassen, von dem die Individuen nur Splitter, bisweilen noch glühende sind. Die wissenschaftlich-forschende und die (sagen wir der Kürze halber, dem Zeitgeschmack folgend) künstlerisch-erlebende Bewältigung des Daseins gehen nach zwei entgegengesetzten Richtungen, aber es soll hier nicht als ganz unmöglich hingestellt werden, daß beide Linien sich einmal irgendwo in einem Kreise treffen, sobald nämlich die Forschung die gefühlte Einheit des Lebens auch gesetzmäßig bestätigt finden sollte. Als überwunden kann dagegen heute die Auffassung betrachtet werden, daß der Verstand aus sich selbst heraus durch Abstraktionen dem Leben irgendwie, erkennend oder erlebend, beikommen kann. Aber wie alle entthronten Götter noch lange Zeit hindurch in Winkeln und Klüften lichtscheue Anbeter finden, so hat auch der abgesetzte abstrakte Verstand noch mancherlei geheime Gemeinden, die wie eine unsichtbare Kirche unter uns leben. Es ist klar, daß diejenigen von dem abstrakten Verstand alles Heil erhoffen, die seine Relativität nicht übersehen, und die ihn darum überschätzen, weil sie selbst nur wenig von ihm haben und gern mehr haben möchten. Es sind die, denen die Tätigkeit des Verstandes besonders schwierig und darum verdienstlich erscheint. Da der Verstand, rein örtlich aufgefaßt, seinen Sitz im Innern des Menschen hat und sich auf das unter der Oberfläche Verborgene bezieht, sind die Worte »innerlich« und »tief« im Sprachgebrauch zu Bildern geworden, die das besonders Wertvolle anzeigen sollen. Ebenso haben die Worte »Oberfläche« und »Schein« einen schlechten Sinn bekommen: man will die Kunst dadurch retten, daß man sie ihres Oberflächencharakters entkleidet und dem schönen Schein den tiefen Sinn vorzieht. Dabei hat man vergessen, daß die durch Oberfläche und Schein erweckten Lebensgefühle aus viel tieferen und geheimnisvolleren Gründen unserer Natur kommen, als die verwickeltsten Beziehungen des Verstandes. Für manche ist ein Baum nichts als ein bestimmt geformtes grünes Ding, das unmittelbar, oder durch Versprechen von Schatten und Früchten mittelbar auf ihre Sinne wirkt. Für einen anderen bedeutet er die Summe, die er für Holz und Früchte erzielen kann. Ein dritter bestimmt ihn von einem botanischen oder biologischen Gesichtspunkt. Ein vierter erkennt in dem Baum die Offenbarung der Allmacht eines selbst nicht sichtbaren Gottes. Je weiter sich der Betrachter von dem rein sinnlichen Eindruck entfernt, desto tiefer wird seine Betrachtung gemeinhin genannt: sinnliche, praktische, wissenschaftliche und religiöse Betrachtung bilden eine gebräuchliche allmählich steigende Leiter der Wette, und dennoch sind vielmehr die erste und die letzte und wiederum die beiden mittleren untereinander verwandt, denn sinnliche und wahrhaft religiöse Gefühle gehen unmittelbar von dem Erleben der Welt aus. Nützlichkeit und Wissenschaft dagegen entfernen sich von der Erscheinung, indem sie Beziehungen hinter ihr oder um sie herum suchen. Die allgemeine Wertung stellt nun die sinnlichen und nützlichen Betrachtungen als die minderwertigen, die wissenschaftlichen und religiösen Betrachtungen als die höherwertigen zusammen, sie überschätzt den abstrakten Verstand, indem sie von dem Schein der Welt, von der Oberfläche fortrückt. Fast alles, was seit den Eleaten Philosophie und vieles, was Religion hieß, ist diesen Weg vom Sinnlichen zum Gedanklichen, vom Leben zur abstrakten Beziehung gegangen, ja man hat dem Schein das Prädikat »Sein« geweigert und erblickte das wahre Sein erst in den vom Verstand gefundenen abstrakten Begriffen. Man hielt diese für das einzig Wertvolle, so daß man sich jahrhundertelang mit der flüchtigsten Kenntnis von der Natur der Dinge begnügte und es für das Ziel des Strebens hielt, sich von der unbewußten, sinnlichen Wirkung der Weltoberfiäche tunlichst zu befreien. Das dann übrigbleibende Abstraktum, körperlich das Nichts, erklärte man für das wahre Leben. Das neunzehnte Jahrhundert versuchte, nicht ohne wichtige Vorläufer, Rückwege zuerst mit dem Verstand, der sich mit Hilfe der Sinne der Naturforschung und -verwertung zuwandt, bis sich die Sinne zuzeiten in der Kunst wieder selbstherrlich erklärten und in zitterndes Erstaunen vor der Umwelt gerieten. Zweifellos sind diese Lebensgefühle, welche die Oberfläche der Welt wieder in uns auslöst, nichts Neues, ja, es ist sogar anzunehmen, daß vergangene Zeiten unbewußt oft erregter waren. Sicherlich sind auch unter den Mystikern der Vergangenheit gerade die Stärksten zunächst durch die Oberfläche der Welt erregt gewesen. Wir sind bloß bewußter geworden. Wir wissen z. B., daß die naive Hingabe an die Eindrücke, nicht das Denken darüber die Grundlage der Kunst ist, aber dennoch haben vergangene Zeiten, die in der Kunst, wie man meinte, religiöse Erbauung oder gar Besserung suchten, unbewußt größere, d. h. erregendere Künstler gehabt als wir. Wir wissen, daß nicht das Befolgen gewisser Satzungen, sondern das mutige Entfalten ihrer Natur bedeutende Persönlichkeiten macht, und doch haben durch Moralen eingeengtere Zeiten mehr starke Persönlichkeiten entfaltet. Wir wissen, daß die rücksichtslose Kraft der Männer der Tat, die sinnliche Gewalt der Künstler, eine unbekümmerte Freiheit der Sitte große Epochen schafft. Trotzdem sind andere Epochen rücksichtsloser, sinnlicher, unbekümmerter gewesen. Vielleicht haben wir heute nur darum solchen Mut, uns zu den Instinkten zu bekennen, weil sie nach Jahrhunderte dauernder Verstandeszucht zahm und ungefährlich geworden sind. Chamfort hat einmal gesagt: »Im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft scheint mir der Mensch verderbter durch seine Vernunftgründe als durch seine Leidenschaften. Seine Leidenschaften (ich meine die dem primitiven Menschen eigenen) haben in der gesellschaftlichen Ordnung das bißchen Natur erhalten, das man darin noch findet.« Wir glauben heute zu wissen, worauf es ankommt. Während sich der Verstand immer mehr der Natur zuwendet und ihre praktischen Beziehungen zum Menschen so erstaunlich mehrt, daß unserer bewußten Zivilisation fast nichts mehr unmöglich scheint, suchen einige einen Maßstab der Wertung, d.h. der Moral in dem Maß von instinktiver Kraft, d.h. von elementarer Natur, die sich in den einzelnen Erscheinungen ausdrückt. Es kann unmöglich das Walten solcher Kraft allein sein, welches Wertmaßstäbe gibt, denn diese Kraft räumt alles hinweg, was ihr in den Weg kommt und wirkt dadurch zerstörerisch. Wert gewinnt ihre Erscheinung erst durch die Form. Form ist weder Stoff noch abstrakter Geist. Sie besteht nicht ohne den Stoff, aber sie ist keineswegs der Stoff. Sie ist das große Rätsel, vor dem aller Materialismus zusammenfällt. Er kann immer nur beschreiben, wie aus gewissen sichtbaren Ursachen sichtbare Wirkungen werden, er kann immer weiter ins Kleinste, ins Mikroskopische vordringen, niemals aber erklärt er das Wesen, das Warum und Wie der Form. Diese ist das Ewig-Unstoffliche, Eigentlich-Geistige, Göttliche, in das sich alle Religion, alle Kunst, kurz alles Lebendige kristallisiert, unabhängig davon, wie weit die Einzelerkenntnis der stofflichen Welt vordringen wird. Selbst wenn die Naturforschung ein Uratom fände, aus dem sich in gerader Entwicklungsreihe Mineral, Pflanze, Tier, Mensch entwickelt hätten, so wäre das Wunder der Form nur noch wunderbarer beleuchtet, nicht im mindesten erklärt. Wenn alles Leben nur aus einer einzigen Urzelle käme, dann wäre das an diese Urzelle gebundene Geheimnis nur noch überwältigender. Das Reich Gottes wird durch Naturforschung nicht im mindesten in seinen Grenzen bedroht. Ohne Form lebt kein Stoff, wirkt kein Geist. Ja, leben und wirken ist formen. Gott ist das Geheimnis der Form, das Ewig-Schöpferische, Allmächtige, Sich-Ewig-Erneuernde, mit dessen Strom sich jeder Einzelwille vermählen kann, so daß ihm alles zu formen möglich wird. Dies ist das Unsterbliche in uns, für das der Tod dieses Leibes nur ein Formwechsel bedeutet. Diese formende Kraft, die unseren Willen zu einem Trabanten des göttlichen Willens macht, ist das einzige Wertvolle, das uns nach dem Zusammenbruch so vieler Religionen und Moralen heute im hellen Licht des Wissens bleibt. Es ist nicht abstrakt-geistig und nicht stofflich-sinnlich, es ist nicht diesseits und nicht jenseits, nicht zeitlich und nicht ewig, sondern es ist das Leben selbst, auf das jene Kategorien nur einseitige und darum falsche Blickpunkte liefern. Wo wir diese Kraft finden, die zugleich Natur und Geist ist, beugen wir uns vor dem Gelungenen, vor dem Leben. Form sind die großen Kulturen, Form ist die lebendige Persönlichkeit. Form ist überall das Vollkommene. Das Vollkommene hat nichts mit Quantität zu tun. Es ist nicht das Willkürliche, sondern das Unwillkürliche in uns, oft einfach das, was die Umgangssprache »das Stück Natur« nennt. Wir haben dann nichts zu tun, als ihm die willkürliche Maske, die es oft trägt, abzureißen. In der allgemeinen Verwirrung der moralischen Begriffe, in der wir heute leben, sind wir freilich auf das bewußte Erkennen dieses Stückes Natur angewiesen, das uns stündlich von der Umwelt streitig gemacht wird, von unserem Beruf, von unseren Pflichten, von allen den Umständen, in denen wir leben. Der abstrakte Verstand hat uns verführt, eine fruchtbare, grüne Insel zu verlassen und hinauszuschwimmen in die Wüste des Meeres. Plötzlich erkennen wir, wie unrecht wir hatten, dies zu tun. Unser Schwimmen war nichts Gutes. Aber dürfen wir nun das Schwimmen darum einfach aufgeben? Wir würden hoffnungslos ertrinken. Wir müssen vielmehr zurückschwimmen. Gerade dem Verstand, der uns von dem Lebendigen weggeführt hat, müssen wir es nun als einem Diener auferlegen, uns wieder zurückzuführen, und er wird gehorchen, wenn wir nur wollen. »Um einen gekrümmten Stab gerade zu biegen«, sagt Maimonides, »muß man ihn unbedingt im entgegengesetzten Sinn zurückbiegen.« Der Positivist wird dieser Anschauung, als rein subjektivistisch, entgegen sein, aber er vergißt, daß sie gerade das Äußerste an Positivismus darstellt, indem sie sich ohne alle Spekulation rein an das Erlebte hält, denn außerhalb des Erlebten gibt es kein Leben. Der Gegensatz zwischen Natur und Geist ist aufgehoben, das Erlebte, d.h. das als Form Empfundene oder Erkannte bleibt der einzige Maßstab, der durch seine Wirklichkeit fest und unumstößlich und von keiner Willkür angreifbar ist. Etwas wie Gottvertrauen erfüllt den, der hier das Gute, Echte erkannt hat, er vermag zu einer ganz unbehelligten furchtlosen Aufrichtigkeit zu gelangen, deren Tatsächlichkeit ihre Wahrheit verbürgt. Es bedarf eines langen Zurückdenkens, um wiederum zu der der herrschenden Philosophie unsinnig erscheinenden Erkenntnis zu gelangen, daß nur das Wahrheit heißen kann, was unser Lebensgefühl erhöht. Man kann freilich willkürlich eine Kategorie erfinden und sie Wahrheit nennen, obgleich sie das Lebensgefühl mindert. Aber man vergesse nicht, daß diese Art der Philosophie nichts ist als eine keiner Wirklichkeit entsprechende dialektische Spielerei, die freilich das ganze moderne Geistesleben durchsetzt und so trostlos macht. Wir sind derart an kantische Wertungen gewöhnt, daß wir den darin liegenden Wahnsinn, für den spätere Jahrhunderte einfach verständnislos sein werden, nicht mehr sehen: was nicht ist, sein zu nennen, das Tugend zu heißen, was unlustvoll ist. Solche Abstraktionen, die sich zwischen uns und das Lebendige legen, sind weit gefährlicher, als sinnliche Verblendungen, von denen man leicht gesundet, denn jene Abstraktionen treten mit dem Anspruch auf, ewige Wahrheiten zu sein, und versperren uns dadurch den Weg zur Erkenntnis und zum Leben.