Gustaf af Geijerstam Gefährliche Mächte Erstes Kapitel Der Oberlehrer Ake Hjälm war an einer der höheren Lehranstalten von Stockholm angestellt. Er war bei Beginn dieser Erzählung bereits ein Mann in den mittleren Jahren. Seiner Gesinnung nach streng freisinnig, gehörte er ohne Frage zu den Männern, auf die ihre Partei sich verlassen kann. Der Überzeugung, zu der er sich einmal bekannt hatte, war er treu und blieb er auch sicherlich treu bis in den Tod. Treu seinen Freunden, treu seiner Pflicht, treu seiner Frau und treu seiner Überzeugung – das konnte ihm kein Mensch abstreiten. Und das will ja schon ganz viel heißen. Daß er ein Ehrenmann war, darüber gab es nur eine Stimme, zudem wohlgelitten bei Männern und Frauen, was auch nicht gerade wenig sagen will. Ake Hjälms Gedankenwelt war eine wohlgeordnete; sie bot keinerlei Überraschungen. Möglich, daß er ein bißchen langsam dachte, daß sein Gesichtskreis nicht besonders weit umgrenzt war – dafür dachte er logisch und klar, und sein wirklich ehrenhafter Charakter hatte ihm, im Verein mit seinem liebenswürdigen Wesen, trotz eines ihm von Jugend auf anhaftenden gewissen Rufs von Radikalismus, zu einer Stellung in der Gesellschaft verholfen. Ake Hjälm selbst fühlte sich als Freiheitsmann im ganz modernen Sinn. Ein Witzbold hatte einmal von ihm gesagt, er sei »linksfreundlicher Konservativer«. Ein Körnchen Wahrheit lag ja in diesem ironischen Spitznamen. Jedenfalls ließ sich der gute Oberlehrer nicht leicht aus dem Konzept bringen. Mit unerschütterlicher Konsequenz verfolgte er den Weg, den er für den rechten hielt, und da das Leben ihm nicht viele verwickelte Fragen zu lösen gegeben hatte, hatte er sich auch verhältnismäßig rasch darin zurechtgefunden. Obgleich er zu den theoretisch stets Unzufriedenen gehörte, schwamm er in Wirklichkeit ganz vergnüglich mit in dem Strom des modernen Lebens, das er von dem ruhig optimistischen Standpunkt aus betrachtete, wie er dem Fortschrittler und Zukunftsmenschen ansteht. Als er heute aus dem großen Eckhaus in der Drottningstraße trat, wo er wohnte, wurde seine Aufmerksamkeit durch Scharen hastender Menschen gefesselt, auf deren Brust das Arbeiterabzeichen glänzte und die in Massen und von allen Seiten her in der Richtung des Zirkus am Karlaweg dahinströmten, wo sich der große Arbeiterzug versammeln sollte. Im Genuß seines schulfreien Tages beschleunigte der Oberlehrer seine Schritte und folgte dem Strom. Wohin er kam, wanderten die Menschen in Scharen, die sich am Karlaweg und weiterhin noch verdichteten, während die Banner des Arbeiterheeres in der Frühlingsluft flatterten. Es sah aus, als wären die Straßen selber in Bewegung, so dicht wimmelten die Menschenhaufen daher. Wie von einem gemeinsamen Willen geleitet strömten sie einem gemeinsamen Punkt zu – dem offenen Platz um den Zirkus, der sich mehr und mehr anfüllte, auf dem die Menge sich von Minute zu Minute verdichtete, so daß lange, dunkle Reihen in die Seitenstraßen beordert werden mußten, die gleich Strahlen von diesem abseits gelegenen Zentrum ausgehen. Der Oberlehrer fühlte sich von all dieser Bewegung erfrischt und von der Begeisterung, die in der Luft lag, mitangesteckt. Er wanderte durch die ganze Stadt, sah, woher die Scharen alle kamen: Von den Hügeln der Südvorstadt wimmelten sie herab, von Kungsholmen stampften sie herauf, aus der Vasastadt, aus den schlimmsten Vierteln Sibiriens strömten sie herbei, aus jenem ganzen Teil der Stadt, Norrmalm und Östermalm, wo sie noch nicht durch Läden, Geschäftslokale oder Luxuswohnungen verdrängt sind, sammelten sich die Männer und Frauen an. Die Straßenbahnen waren voll von ihnen; wer keinen Platz mehr fand, ging zu Fuß, in verstreuten Gruppen oder in geordnetem Glied, vor dem die rote Fahne wehte. An der Spitze der kleinen Vereine marschierte Musik. Wo sie aufrückten, konnte man aus der Anzahl und Beschaffenheit der Musikanten auf die mehr oder weniger guten ökonomischen Verhältnisse der verschiedenen Gewerbe schließen. Typographen und Maschinenarbeiter kamen mit Musikkorps, die aussahen, als bliesen sie Parademarsch vor einem Garderegiment und würden durch eine Steuer – auf Staatskosten – unterhalten. Andre, minder gut situierte Vereine, begnügten sich mit Geringerem. Aber überall hörte man Musik, überall wehten Fahnen, überall strömten die Menschen zusammen, und auf den Fahnen, um die sie sich sammelten, las man die goldenen Worte von Menschenrecht, Freiheit und Zukunftshoffnung, die sich die Arbeiterscharen von den Klassen, die am Ruder sitzen, erobert, die sie sich zu eigen gemacht haben, als sie den ewigen Kampf der Menschheit gegen die Gewalt des Gesetzes aufnahmen. Es war der erste Mai heute, dieser neue erste Mai, den die Arbeiter zu ihrem Tag gemacht, den sie mit Beschlag belegt, den sie aus einem Festtag der Völlerei zu einem Festtag des Bewußtseins gemacht haben, des Bewußtseins, daß rings auf der ganzen Erde Brüder auf ein und dasselbe Ziel hinarbeiten. Auf der ganzen Erde sammeln sich an diesem Tag alle, die nicht lächeln über den Gedanken, daß die Welt ein großes Vaterland ist für Männer und Frauen aller Nationen. Den großen Bruderring, den die Freimaurer dereinst für wenige Auserwählte zu bilden träumten, – die Arbeiter haben ihn gebildet für die vielen. Er ist kein Märchen mehr. Er ist Wirklichkeit. Und Verkehrsmittel heißt die Zaubermacht, die den Verbrüderungsgedanken zur Wirklichkeit gemacht hat. Der Dampf heißt die äußere Kraft, die im Begriff steht, die Erde umzugestalten, der Dampf und seine Schwester, die Elektrizität. Mit der Schnelligkeit der Elektrizität und der Kraft des Dampfes schreitet der Verbrüderungsgedanke fort. Er ist nicht mehr nur an eine bestimmte Nation gebunden. Tausendfach kühner, umfassender, anspruchsvoller ist er. Die Wahrheit, die heute hier erklingt, fliegt schon auf Schwingen um die ganze Erde und entzündet Feuer, die gleich weißen Funken aus dem Telegraphennetz knistern. Wo man geht und steht, hört man's wie ein zitterndes Flüstern in der Luft; denn überall, wo Menschenhand geschafft, spannen sich durch die Luft die weltumfassenden Drähte; wo die großen Dampfer dahinziehen, liegen sie begraben in der Tiefe des Meeres. Ihr Ziel ist, zu vereinen. Wie lebende Wesen sind sie, die zusammenfügen, was böse Menschen scheiden wollen. Etwas von diesem Einheitsgedanken liegt in der Luft, greifbar, allen zugänglich und verständlich. Die Arbeiter, die da stehen, haben den Gedanken vernommen und ihn weitergetragen. Vielleicht hat er darum so mächtig zu ihnen geredet, weil sie so wenig besitzen von den Gütern dieser Welt, die am Hören hindern. Vielleicht werden sie dereinst, wenn die Güter dieser Welt ihnen zugefallen sind, ein minder feines Gehör haben, werden vergessen, was ihre Väter einmal so mächtig vernahmen. Wer will sie darum richten? Wie fern und leer tönen nicht in unsern eigenen Ohren die Worte, die einst den Staat, die Zukunft, den Glauben bildeten, die jetzt auf dem besten Wege sind, zu Boden getreten zu werden, sich zu verdunkeln, zu verflüchtigen? Was wir erreicht haben, erstarrt. Was der Mensch ergreift, wird durch Abnützung besudelt. Nur was in der Ferne lockt, ist des Strebens wert. Darum wehen an diesem ersten Mai die Fahnen, darum ist die Luft kalt und blau, voll Sonnenschein und frischen Windes, darum mischt sich das Dröhnen der Schritte von Zehntausenden mit dem Klang der Orchester, die einfallen, der Stimmen, die den Arbeitersang singen. Gewaltig ist dieser Aufmarsch; keiner fehlt. Väter tragen Kinder auf den Armen, Kinder, die man nicht daheim lassen kann an einem Tag, an dem auch die Mütter sich ins Glied stellen wollen, um die Luft einzuatmen, die heute mehr als sonst erfüllt scheint von der Hoffnung auf bessere Zeiten. Weiber führen ihre Kinder an der Hand, führen sie mit unter den Erwachsenen, um ihren Sinn beizeiten an den Gedanken der heiligen Zusammengehörigkeit zu gewöhnen, auf der sie dereinst die Zukunft aufbauen sollen, diese heilige Zukunft, diese geträumte Zukunft, die die Alten nicht mehr schauen werden. Hell klingen ihre zarten Stimmen durch den allgemeinen Gesang. Glied um Glied rücken sie vor. Jetzt ist die Hauptmacht auf den großen Exerzierplatz vorgedrungen, wo Gruppen von Schaulustigen, die schon früher gekommen waren, um sich die besten Plätze zu sichern, die niedern Anhöhen am Weg füllen und sich um die Rednertribünen drängen. Wie eine dunkle, rauschende Wand begrenzt der Wald diesen unermeßlichen Versammlungssaal, mit treibenden Wolken bestreut wölbt der Himmel seine Riesenkuppel darüber. Im Takt marschiert der Zug unter der Wölbung einher; fast hat man den Eindruck, als blicke keiner nach rechts oder links, so gar nichts scheinen sie alle von der Anwesenheit der Polizeihelme zu bemerken, die rundum blitzen, oder von den berittenen Vertretern der öffentlichen Ordnung, die den Zug eröffnen und beschließen, um durch ihre Gegenwart die Aufrührerischen an die Gewalt des Staats zu gemahnen. Unbekümmert schreiten die Arbeiter mit Weibern und Kindern daher, wie eine geschlossene, disziplinierte Armee. Kein Überhasten wird gestattet, Trupp um Trupp stellt sich vor den Rednertribünen auf, Glied um Glied ordnet sich, die Fahnen bilden Gruppen, noch einmal spielt die Musik, und von den verschiedenen Tribünen fliegen die Worte über die lauschenden Menge hinaus, die Worte, um die sie sich geschart hat, um ihnen durch ihre Zahl, ihren Ernst Gewicht zu verleihen. Es ist ein großer Tag heute. Ein dem Frieden geheiligter Tag, dem Weltfrieden, der Versöhnung des Gestern, der Siegesbotschaft des Morgen, der Ausrottung des Kriegs, der Verbrüderung des Menschengeschlechts. Der Oberlehrer Ake Hjälm war eigentlich heute von daheim fortgegangen, weil eine Meinungsverschiedenheit mit seiner Frau ihn fortgetrieben hatte, einer jener ruhigen, bitteren Wortwechsel, die ihm schon so viele schwere Stunden in dem schönen Traum einer sonst glücklichen Ehe gebracht hatten. Der Meinungsaustausch drehte sich wie gewöhnlich um Folke, seinen Sohn und seine empfindlichste Gewissensangelegenheit – um so empfindlicher, als dies Kind der Sproß eines Jugendverhältnisses war, den die beiden Gatten gleich nach ihrer Verheiratung ins Haus genommen hatten, der Oberlehrer, weil es ihm Herzenssache war, die Frau, weil sie es für recht und gut hielt, und weil sie in ihrer ersten Liebeszeit jeden Gedanken ihres Mannes wie ihren eigenen zu lieben glaubte. Wie dem auch war – dies Kind fing an, zwischen ihnen zu stehen und ihr Glück zu stören. Während der Oberlehrer umherschlendert und auf das belebte Bild um sich blickt, denkt er, wie so oft schon, daran, daß auch dies Kind, das er zu dem seinen gemacht hat, mütterlicherseits dem Arbeiterstand angehört. Es liegt etwas Schönes hierin, findet der Oberlehrer. Es ist, als bringe es ihn selber der Klasse gewissermaßen näher, für die er, wie so viele seinesgleichen, von Jugend auf eine Art von Schwärmerei empfunden hat. Und während er sich umsieht, packt ihn der Wille, die Festigkeit, die Kraft dieser Gesichter verschiedenen Alters und Charakters. Ein Heer von Gesichtern ist's, Gesichter, die sich voll Spannung emporrichten, um auch nicht ein Wort von dem, was da gesprochen wird, zu verlieren. Wer da sucht nach denen, die – wie die Schrift sagt – hungert und dürstet nach Gerechtigkeit – hier findet er sie, denkt der Oberlehrer. Alte Gesichter erblickt er, Gesichter mit scharfen Linien, dunkler Hautfarbe und tiefliegenden Augen, junge Gesichter mit spöttischen, kraftvollen Lippen, beweglichen, lebhaften Augen und raschem Muskelspiel, vergrämte, müde Gesichter, die sich in einem Lächeln der Begeisterung beleben, erhellen, schwere, gedrückte Gesichter, die verbissenen Schmerz und geheimes Feuer bergen, düstere, müde Gesichter auch, die sich überhaupt nicht mehr aufhellen können. Je länger er über das Menschenmeer hinblickt, desto bestimmter fühlt er, daß hinter all diesen Gesichtern von Männern und Frauen, Greisen und Jünglingen nur ein großer Wille lebt. Und dieser Wille ist so stark, daß er, wenn es gilt, alle Triebe, Instinkte und Begierden dämpft, die sonst Menschen bewegen. Tausende von Willen brechen sich in diesem Menschenmeer, das Tausende von Individuen umschließt. Und doch ist da in diesem Augenblick nur ein Wille, der Wille, der Familien Hunger und Entbehrung tragen, sich des täglichen Brotes berauben, Kälte, Not und Tod erleiden heißt, um den Kameraden und sich selber zu helfen. Weiter denkt der Oberlehrer, und seine eigenen Sorgen werden klein vor den großen, neuen Eindrücken, die ihn hier erfüllen. In aufrührerischen Gedanken ist er von daheim fortgegangen, und vielleicht ist gerade darum seine Empfänglichkeit für die wahren Eindrücke heute so stark und lebendig. Er glaubt diesen Einheitswillen, der alle durchströmt, förmlich zu fühlen. Dieser Wille, der größer ist als der des einzelnen, hat alle die Männer und Frauen hier versammelt, hält sie zusammen und wird sie zusammenhalten. Kraftvoll, groß, unbeugsam ist er, dieser Wille, der alle die kleinen Willen sich unterjocht hat, sie gelehrt, daß der, dessen Wille zerbrochen ist, alles zu erdulden, alles zu gewinnen vermag, was ihm jetzt unmöglich scheint. Vor seinen Augen steigt das Bild des Volkswillens auf, dieses mystischen, oft mißbrauchten Wortes, über das er so oft mit ironischem Lächeln die Achseln gezuckt hat, und das ihm doch heute als eine Macht erscheint, die von Gott ist und die Welt umgestalten wird. Von der Rednertribüne tönen Worte über sein Haupt weg, die alten, ehrlichen Worte, die er so wohl kennt. Vom Frieden sprechen sie, der da kommen, vom Krieg, der unmöglich gemacht werden soll. Was ist Politik? Ein offenes Spiel mit falschen Karten. Ein brutales, betrügerisches Spiel mit Menschenschicksalen. Falsche Interessen, die die Menschen ins Verbrechen und die Völker ins Unglück stürzen. Im Grunde nichts als ein Spiel um Gewinn und Genuß, fabelhafte Gespenster aus dunkleren Zeitaltern, die, vampirgleich, das Blut des Volkes saugen. Sind wir nicht alle Brüder? Wer von euch, die ihr hier steht, möchte seinen Bruder morden? Der Oberlehrer Hjälm stand und horchte auf diese Gedanken, die er so wohl kannte. Solange er zurückdenken konnte, hatte er sie gehört. In den Werken der Denker, in den Träumen der Dichter war er ihnen begegnet. Das erstemal, als er sie hörte, kamen sie von den Lippen seiner Mutter; er stand an ihren Knien, und sie las ihm aus der Bibel vor. Als er sie jetzt hörte, waren sie ihm plötzlich wie neu. Er saß nicht mehr in seiner Studierstube und dachte wägend, grübelnd, zweifelnd über Möglichkeiten und Nichtmöglichkeiten nach. Er stand mitten unter denen, die da glauben, er fühlte sich als Teil eines Ganzen, als einer von den vielen. Und in alles, was er hörte, sah, dachte und empfand, mischte sich auf seltsame Art der Gedanke an sein Kind, den Sohn der Arbeiterfrau. Ein sonderbares und neues Gefühl der Demut bemächtigte sich seiner. Alles, was die hier sagten, war ja so einfach; warum sollte es denn nicht möglich sein? Und alle verwickelten Gedankengänge überspringend, hörte er nur noch auf die Stimme, die in ihm sprach. Deutlich und klar klang sie: es ist möglich. Sieh dich doch um unter diesen Tausenden von Menschen! Die glauben an ihren eigenen Willen. Darum wagen sie auch zu glauben. Darum ist ihnen alles möglich. Wieder blickte er über das Menschenmeer vor sich. Wenn ein Sturm kommt, denkt er, ein Sturm, der stark genug ist, so erhebt sich das ganze Meer in einem einzigen mächtigen Brausen, und keiner denkt mehr an die kleinen Wellen! Alle miteinander erheben sie sich zu den Wolken; nichts hält ihnen stand. Wracke werden ans Land geschleudert, Molen weggefegt, Maste krachen, die Menschen kriechen am Boden, um nicht fortgewirbelt zu werden. Ist nicht der vereinte Wille der Menschen solch ein Meer, dem niemand widersteht, wenn es einmal sich empört? – Unbeweglich steht die Menge vor ihm, nur hie und da geht eine leichte Bewegung über die dicht zusammengedrängten Gesichter, deren Augen dem Redner auf dem Podium entgegenglühen. Er sieht nicht mehr den Redner, nur noch diese Augen sieht er, die da brennen in einer einzigen Flamme, einem Willen, der sich zu einem einzigen Ziel vereint. Und ein Schauder durchfährt ihn. In einem Augenblick sieht er vor sich die Schmach der Zersplitterung, die die Menschen der Klasse, zu der er selbst gehört, voneinander scheidet. Klar und scharf urteilt er über sich selbst und denkt: Was gäb' ich nicht drum, wenn ich einmal im Leben diesen einen Willen mich durchbeben fühlen, wissen dürfte, daß auch ich ein Ziel zu gewinnen habe mit den andern? Aber das wird nie mehr sein. Warum, weiß ich selbst nicht. Ich fühle nur, daß es so ist. Die Rede ist zu Ende, der große Zug rüstet sich zum Marsch nach der Stadt, aus der heute, am ersten Mai, die Equipagen nach dem Tiergarten zu rollen. Der Oberlehrer hat für den Abend eine Verabredung mit ein paar Freunden. Einsam wandert er über den weiten Plan, ganz erfüllt von dem, was er erlebt hat. Er hat das Gefühl, als wäre alles versunken außer den Zukunftsgefühlen, die ihn soeben mit der Menge verkettet hielten, als wären sie in diesem Augenblick das einzig Lebendige. Alles andre scheint ihm so traumhaft und phantastisch, als existierte es gar nicht. Eigentümlich belebt und erhoben durch diese und ähnliche Gedanken geht der Oberlehrer Hjälm langsam den Karlaweg entlang. Ein bißchen schwer geht er, wie ein Mann, der kein Ziel hat und bewegt ist von widerstreitenden Gefühlen. Er ist kein junger Mann mehr, und sein Gesicht mit dem blonden Vollbart um den festgeschlossenen Mund und den tiefliegenden Augen hinter der goldenen Brille weist das auch deutlich genug. Der Ausdruck, der jetzt des Oberlehrers Gesicht belebt, ist nicht der gewöhnliche. Mit den Jahren ist über diese Züge eine gewisse Ruhe gekommen, eine bürgerliche Zufriedenheit, und das Bedürfnis, harmonisch zu leben, hat den Mann gelehrt, seine Gedanken im Zügel zu halten. Heute sieht er aus wie ein Aufrührer. Während er geht, stößt er bei jedem Schritt den Stock hart aufs Straßenpflaster, als möchte er die Gedanken, die ihn quälen, unter den Boden stoßen. Und der Oberlehrer, der sonst aufs schärfste zwischen einem wahrhaft freisinnigen Mann und einem Sozialisten zu unterscheiden weiß, ist von Gefühlen erfüllt, die in scharfem Gegensatz stehen zu der Überzeugung, die dem Mann den Respekt vor Staat und Gesellschaft einprägt. Es ist eine ungewohnte Stimmung für den Oberlehrer. Ehe er an der Sturestraße abbiegt, bleibt er stehen und blickt nachdenklich über den Humlegarten weg. Nicht eine Knospe ist noch zu sehen an den Bäumen, kahl recken sich die Äste, ein tausendfädiges Netz, durch das der blaue Himmel mit seinen weißen, treibenden Wolken glänzt. Ringsum strömen die Menschenhaufen der Stadt zu, um sich über das ganze, weitgestreckte Stockholm, in dem ganze Viertel heute stumm, wie tot daliegen, zu verteilen. Die Straßenbahn saust an ihm vorüber, mühsam zwängt sich der Schaffner durch das Gedränge im Wagen, seine Stimme übertönt die Stimmen auf der Plattform, wo ein Streit losgebrochen ist, weil sich zu viele heraufgedrängt haben. Wie von der Menschenmenge hinausgezwängt, taumelt ein schlecht gekleideter Mann auf die Straße hinunter. Fluchend bleibt er stehen und schüttelt hinter dem davonrollenden Wagen her die Faust. Der Oberlehrer sieht es; mit einer Gebärde, als müsse er etwas Häßliches von sich abschütteln, tritt er in den Park, unter die hohen Bäume, hinter denen die Riesenfassade der Bibliothek sich erhebt. Irgendwie fällt ihm auf einmal das Gedicht Viktor Hugos über die Bibliothek ein, die während der Kommune ein Arbeiter in Brand gesteckt hat, und murmelnd wiederholt er vor sich hin die Schlußworte, des Arbeiters kurze Selbstverteidigung: »Ich kann nicht lesen!« Und den Titel: »Wer hat die Schuld?« Er lächelt in seinen Bart, und, sich in seinen Gedanken unterbrechend, sagt er halblaut: »Das paßt nicht auf uns. Bei uns kann jeder lesen. Über so was kann man sich hier nicht beklagen.« Er denkt an die Arbeit, die daheim auf ihn wartet, eine gründliche, langjährige Untersuchung, die dereinst ihr Licht auf eine der Lebensfragen der Menschheit werfen soll. Aber die Gedanken des Oberlehrers finden keine Ruhe heute. Wie so viele andre seiner Generation hält er in einer seiner Schreibtischladen ein Geheimnis versteckt. Es besteht in einer kurz angelegten Arbeit unter dem Titel: »Gedanken über die moderne Unzufriedenheit« und ist als eine soziale Welterklärung gedacht. Die Arbeit ist schon ein paarmal frisch angefangen und umgeschrieben, aber noch immer nicht fertig. Heute kommt sie dem Oberlehrer – ganz natürlich – in den Sinn. Er glaubt plötzlich einen ganz neuen Gedanken zur Beleuchtung der großen Versöhnungsidee gefunden zu haben, die, seiner Meinung nach, heller als je über dem Klassenhaß emporsteigt. Er denkt an alles, was aufgeklärte Männer seiner eigenen Zeit geschrieben, gewirkt haben. Und das beruhigt ihn. Und dann denkt er an sein Heim, an seine Frau, an Folke, an seine Stellung als Freisinniger unter Freisinnigen, die alle einander achten und stützen, die alle ein Bollwerk bilden gegen die Reaktion, die überall den Kopf hebt. Ihm ist, als sei diese Welt, der er selber mit Leib und Seele angehört, ihm plötzlich fremd geworden. Der Gedanke an sie paßt so gar nicht zu seinen augenblicklichen Gefühlen. Sie kommt ihm heute auf einmal ebenso eng, so vorurteilsvoll und arm an Idealen vor wie die ganze Gesellschaft, die er und seine Gesinnungsgenossen sonst so überlegen kritisieren. Geschahen nicht täglich Wunder? Geschah nicht eben jetzt, während Menschen sich zu Vereinen zusammenscharten, über Reformvorschläge nachgrübelten, in ihren Büchern die Welt verbesserten – geschah nicht eben jetzt das, was keiner sieht, keiner sehen will? Lebten sie nicht alle in einer Zeit, in der alles, was geschah, ihnen über den Kopf wuchs? Stiegen nicht die Geister ihrer eignen Gedanken empor, wurden zu Fleisch und Blut, wirkten, untergruben, stürzten um, weissagten neue Zeiten, ehe noch die Denker, Gelehrten, Dichter und Weltverbesserer mit ihren Werken fertig waren? Eines schönen Tages war vielleicht das, was sie erträumt, wofür sie gearbeitet hatten, geschehen, war schon Wirklichkeit geworden, anders, als je ein Mensch, und wär's der scharfsinnigste, es hatte voraussehen können! Dem Oberlehrer war zumute, als müsse er sich aus einem Wirbel emporkämpfen, der ihn zu verschlingen drohte. »Wie ruhig alles ringsum ist«, dachte er plötzlich. »Wie still es geworden ist!« Einsam schritt er durch die breiten Alleen unter den Linden des Humleparks, das Geräusch des bewegten Menschenmeeres schlug gedämpft an sein Ohr. Einsam wanderte er durch den breiten Mittelgang, drehte um, ging wieder zurück. Die Kinder, die sonst hier spielten, waren längst fort, daheim, die Spielzeit war vorüber. Auf den Straßen ringsum sah man Haufen von Menschen, die heimwärts zogen, einzelne Splitter des vor kurzem noch versammelten großen Volkszuges. Plötzlich schien es dem Oberlehrer, als stocke der Menschenstrom, der durch die Sturestraße flutete, als löse er sich auf, zerteile sich; die Menschen blieben stehen und lauschten – und im selben Augenblick hörte er einen scharfen, kurzen Knall, der von den dichten Häuserreihen widerhallte und über den stillen Park hinrollte. Zugleich sah er, wie die Leute zu rennen anfingen. Sie stürmten über den Rasen, sprangen über die Drahtzäune, dem Polizeiverbot zum Trotz. Auch der Oberlehrer beschleunigte seine Schritte und sah, wie die Menge sich um eine Bank in einem Rondell von niederem Gesträuch drängte, das im Halbkreis um eine Traueresche stand. Als der Oberlehrer zu der Stelle kam, war er so erregt, als erlebe er eine längst geahnte Katastrophe. Er zwängte sich durch all die Menschenrücken, die sich um den Platz zusammengedrängt hatten. Im Anfang konnte er überhaupt nichts unterscheiden, und die Aufmerksamkeit der Menge richtete sich so gespannt auf etwas, das in ihrer Mitte vor sich ging, daß niemand sich umwandte, um auf seine Fragen zu antworten. Mit hochgereckten Köpfen schob und drängte sich der Menschenhaufe immer um einen Fleck, lautlos und still, als hätten sie etwas Entsetzliches geschaut, das sie auf dem Platz festhielt, das ihre Zungen lähmte und sie stumm machte. Flüsternd gab ihm endlich ein Mann Bescheid, der sich mit verstörtem Gesicht aus dem Gedränge herauswand, um zu gehen: »Ein Arbeiter hat sich erschossen. Durch eine Dynamitpatrone im Mund.« Der Oberlehrer fuhr zurück. »Heute?« rief er. »Und hier?« »Ja! Warum nicht heute! Und warum nicht hier?« Der Sprecher war selbst ein Arbeiter. Im Knopfloch trug er das Abzeichen des ersten Mai. »Er hat eben auch mittun wollen bei der Demonstration – auf seine Art. So gut er's konnte.« Der Sprecher lachte kurz auf. Aber das Lachen ward zur Grimasse. Sein scharf markiertes Gesicht mit dem dicken Schnurrbart bebte. In die grauen Augen kam ein hartes, gehässiges Funkeln, und er entfernte sich hastig, als habe er zuviel gesagt oder möchte vielleicht noch mehr sagen, fände es aber besser, zu schweigen. Im selben Augenblick hörte man eine Stimme rufen: »Platz da!« Ein Polizeihelm tauchte über der Menge auf, die langsam und widerwillig zur Seite wich. Der Oberlehrer stand vor Entsetzen wie festgenagelt; er vermochte die Augen nicht loszureißen von der Szene vor ihm. Auf der Bank lag eine zusammengesunkene Gestalt. Von weitem sah man bloß etwas Graues, das sich von dem grüngestrichenen Holz abhob. So zusammengesunken lag die Gestalt da, daß sie kaum menschliche Form zu haben schien. Die Mütze war nicht herabgefallen, sondern bloß über das Gesicht heruntergeglitten. Nichts weiter war zu sehen. Eine bärtige Wange, ein paar magere, behaarte Hände. – – »Merkwürdig, daß der Kopf nicht mehr zerschmettert ist«, dachte der Oberlehrer. Da sah er, daß unter der Bank von dem Teil des Kopfes, der nicht zu sehen war, das rote Blut auf die Erde tropfte, wo es schon eine Lache bildete. Der Oberlehrer mußte sich abwenden. Der Schutzmann hatte den Körper des Toten angefaßt, um ihn umzuwenden und zu untersuchen. »Der Herr kommt zu spät – wie immer!« ertönte eine rohe Stimme. Niemand nahm sich die Mühe, zu antworten oder nachzusehen, wer da gesprochen hatte, so häßlich unterbrach die Stimme die Gedanken der Anwesenden. Einer nach dem andern wandte sich ab und ging still davon. Es war, wie wenn man eine Lästerung hört und sie so schnell wie möglich vergessen möchte. Als sich der Haufe um die Unglücksstelle lichtete, wurde des Oberlehrers Aufmerksamkeit durch eine Frau gefesselt, die augenscheinlich ebenfalls der Arbeiterklasse angehörte. Sie stand bei dem Toten und schien gar nicht zu bemerken, daß es leer um sie wurde. Auch sie trug auf ihrem abgetragenen Mantel das Arbeiterabzeichen. Mit gesenkten Augen stand sie da, als warte sie auf etwas. »Kennen Sie ihn?« fragte der Schutzmann. Die Frau zuckte wie im Schreck zusammen. »Nein«, sagte sie hastig und sah sich mit wirren Blicken um. »Dann gehen Sie doch! Was stehen Sie denn da?« Der Schutzmann wurde ungeduldig. Er setzte das Pfeifchen an den Mund, um Hilfe herbeizurufen und die Leiche wegzuschaffen. Die Frau gehorchte und entfernte sich, doch nur so weit, daß sie noch alles sehen und hören konnte, was vorging. Wieder stand sie unbeweglich auf einem Fleck, als höre und sehe sie nichts von den Menschen, die immerwährend noch ab- und zugingen. Der Oberlehrer vermochte die Augen gar nicht abzuwenden von der Frau. Sie trug einen grauen Mantel, das Band auf dem Hut war einst rot gewesen. Schief, mit breitem, geradem Rand saß er über dem Gesicht mit den seltsam irren Augen, die nichts zu sehen schienen. Wie festgenagelt stand der Oberlehrer auf seinem Platz. »Welch ein Tag heute!« dachte er. Er hatte das Gefühl, als müsse in seinem Hirn etwas stehen bleiben, erstarren. »Was geschieht nur alles heute? Was wird noch geschehen?« Und mit einem Male kam ihm der Gedanke: »Wie soll ich nach all dem heimgehen? Was soll ich sagen daheim? Wer wird mich verstehen? Sie von allen zuletzt!« Der Oberlehrer dachte an seine Frau, und in der Spannung, in der er sich befand, kam es ihm vor, als habe er sie noch nie mit so rücksichtsloser Schärfe betrachtet. Was er heute gesehen und erlebt hatte, hatte gleichsam einen Schleier von seinem Leben gerissen. Er sah sich selber, wie er früher gewesen war, als er noch in einem kleinen möblierten Zimmer gewohnt hatte. Und in diesem kleinen Zimmer, das eng und nichts weniger als hübsch war, sah er ein fröhliches Fabrikmädel, das glückselig war, weil er gut gegen sie und ihr Kind war. Zu ihr, dachte er, hätte er heute gehen mögen; und während er an sie und ihr Schicksal dachte, fröstelte ihn; er war selbst ganz verwirrt ob seiner eigenen Gedanken. Im selben Augenblick errötete er darüber, daß er jetzt an sich denken konnte. Als er aufblickte, bemerkte er, daß zwei Damen, von denen er die eine kannte, zu dem Toten getreten waren. Voller Grauen standen sie da, und wandten sich dann, ohne zu reden, wieder zum Gehen. Der Oberlehrer war ihnen fast dankbar, daß sie nicht gesprochen hatten. Eben als sie gehen wollten, sagte die eine, die der Oberlehrer kannte: »Entsetzlich! Hätte er nicht wenigstens einen Revolver nehmen können?« Die Arbeiterfrau, die er so lange beobachtet hatte, zuckte bei diesen Worten zusammen, als fühle sie sich getroffen. Die Augen in dem graubleichen Gesicht brannten, die Wangen belebten sich leise in einem blassen Erröten. Als die Damen an ihr vorübergingen, blickte sie der, die gesprochen hatte, in die Augen und sagte leise: »Wenn er das Geld zu einem Revolver gehabt hätte, so hätt' er sich nicht erschossen!« Rasch, als würden sie verfolgt, eilten die beiden Damen davon. In den Straßen um den Park sah man noch immer Scharen von Männern und Frauen, die heimwärts wanderten. Hinter der nächsten Ecke verschwand die letzte der roten Fahnen. Zweites Kapitel Im selben Augenblick fühlte der Oberlehrer eine Hand auf seiner Schulter, eine leichte, rasche Berührung. Als er sich umwandte, zuckte er zusammen. Der vor ihm Stehende nickte kurz, fast ohne seine Augen von der Szene vor ihnen abzuwenden. »Weiß man, warum?« fragte er. »Nein«, erwiderte Hjälm. »Komm! Wir wollen gehen.« Der Sprecher war ein kleiner Mann von nervösem Aussehen, mit einem auffallend großen Gesicht, das keinen Augenblick ruhig war. Ob es die Augen waren oder die große Stirn, der Mund mit seinen tiefen Linien oder der kräftige Schnurrbart über dem runden Kinn, was diesem Gesicht seinen Charakter gab, war schwer zu sagen. Denn der Ausdruck wechselte so rasch und so oft, daß man gar nicht dazu kam, die Einzelheiten der Züge zu beobachten. Während sie Seite an Seite dahinschritten, betrachtete Hjälm seinen Begleiter. Eine Menge Erinnerungen erwachten in ihm, Erinnerungen aus Jugendtagen, aus der Zeit der Hoffnungen und Versprechungen, der Zeit, in der sein eignes Blut noch höher wallte. Einst hatte er diesen Mann, der jetzt neben ihm ging, bewundert, hatte ihm – so glaubte er wenigstens – nahegestanden. Und gerade jetzt mußte er kommen, tauchte er auf aus dem Menschengewimmel, das in einer Großstadt die Menschen voneinander trennt. »Er sieht furchtbar nervös aus«, dachte der Oberlehrer. Und im Gehen versuchte er nachzurechnen, wie viele Jahre verflossen waren, seit sie sich zuletzt gesehen hatten. Und er fragte sich: »Was ist aus ihm geworden?« So völlig in Unwissenheit war er über das Schicksal des Mannes, der einst sein Freund gewesen war. Er suchte nach einem Wort, fand aber nichts als die gewöhnliche Bankrotterklärung, die meist das Gespräch zwischen ehemaligen Freunden einleitet: »Es ist lang her, seit wir uns gesehen haben.« »Und jetzt treffen wir uns hier! Ja – so geht's manchmal!« Der andre lächelte still, als beschäftigten ihn ganz andre Gedanken, als die, die er aussprach. »Stockholm hat sich vergrößert«, fuhr er fort. »Ja, man sieht sich selten.« Als halte er es für selbstverständlich, daß sie zusammenbleiben würden, bog der Neuhinzugekommene am Stureplan ab und ging auf das Hotel Anglais zu. Als Hjälm sagte, er müsse noch heim telephonieren, um sein Ausbleiben vom Mittagessen zu erklären, nickte er stumm und verschwand. Als der Oberlehrer gleich nachher den Gesuchten im Speisesaal nicht fand, meldete der dienernde Oberkellner mit einem Flüstern, als habe er eine äußerst vertrauliche Mitteilung zu machen: »Der Herr Rechtsanwalt sind im Café.« Eben erschien der Genannte. Als wäre nichts geschehen, ging er durch den Speisesaal und ließ sich an einem freien Tisch am Fenster nieder. Ake Hjälm saß stumm da und dachte darüber nach, wie schnell auch die stärksten Eindrücke vergehen. Noch vor einer Stunde war er mit einem Gefühl der Stadt zugewandert, als schwanke der Boden unter seinen Füßen und als könne er nie wieder vergessen, daß er und die ganze Welt, der er angehörte, bei jedem Schritt auf einem Vulkan wandelten. Gleich darauf war er Zeuge eines so entsetzlichen Auftritts gewesen, daß er sich für immer in das Herz eines Mannes einprägen mußte, der für seine Mitmenschen fühlt und auch nur eine Ahnung von Gerechtigkeit hat. Und kaum war er wieder in der Umgebung, die er gewöhnt war als die seine zu betrachten, so begann schon der Aufruhr, in dem er sich befunden hatte, zu schwinden. So wenig paßte das, was er erlebt hatte, zu dem wohlgeordneten, heiteren Saal, in dem elegant gekleidete Herren und Damen die Plätze füllten, in dem er selber saß, vor sich einen schimmernd weiß gedeckten Tisch, eine Flasche guten Bordeaux und einen befrackten Kellner, der mit respektvoller Beflissenheit das Diner servierte. So ganz gewöhnt war er an die schroffen Übergänge von den Häßlichkeiten des Lebens zu materiellen und geistigen Genüssen, daß er, wie überhaupt wir alle, diesem Widerspruch im eigenen Leben nichts weiter zu widmen vermochte als eine flüchtige Aufmerksamkeit. »Zum Glück hindert uns unsere eigene Lebensintensität daran, daß wir unter allem so stark leiden«, dachte er. Und als er mit seinem Tischgenossen anstieß, war sein Lächeln wehmütig und mild. Seine Seele war erfüllt von Erinnerungen an die alten Zeiten, in denen sie beide, die das Leben später getrennt hatte, einander noch nahestanden. Und der Oberlehrer war ein freundliebender Mensch; ihm war die Freundschaft die beste Würze des Lebens. »Und du bist, wie immer, glücklich in deiner Familie?« sagte Oskar Steinert. Des Oberlehrers Herz ward warm, wie immer, wenn von seiner Familie die Rede war. Die Gedanken, die seine Seele zerrissen hatten, solange sein Innerstes in Aufruhr war, waren verstummt, als der Aufruhr sich nach und nach legte und verging. Sie erschienen ihm so unwürdig jetzt, daß er sie am liebsten ganz vergessen hätte, und das Gefühl, seiner Frau ganz ohne Grund in Gedanken unrecht getan zu haben, erfüllte ihn mit einer Bewegung, als beuge er in einem Heiligtum die Knie. »Noch schöner hab' ich's als damals, als du mich besuchtest«, lautete seine Antwort. In den letzten Worten lag etwas wie eine Herausforderung; und wie um diesen Eindruck zu verwischen, fragte der Oberlehrer: »Und du?« Steinert lächelte; seine Augen glitten an dem andern vorüber ins Leere. »Sprich nicht von mir«, sagte er. »Ich bin ausgegangen, um zu vergessen.« Der Oberlehrer blickte fragend auf. »Ja«, fuhr der andre fort. »Ist das was so Besonderes? Brauchen wir denn nicht alle Vergessenheit? Merk wohl, ich sage nicht, daß es etwas Unangenehmes sein muß. Man kann auch andre Dinge als unangenehme vergessen müssen. Ich kann mir sehr wohl den Fall denken, daß man in einem solchen Rausch von Glück gelebt hat, daß man auch das vergessen muß. Weißt du, was ich dachte, als wir uns vorhin trafen? Ich dachte: Das war auch einer, der Vergessenheit suchte. Und Gott weiß, ob er sie fand. Das dachte ich. Ich weiß, was du sagen willst. Du besitzest einen geordneten Gedankengang. Du denkst sozusagen systematisch. Fix und klar hast du ein für allemal deine Rechnung mit dir selbst gemacht, und das Resultat ist: was nachkommt, wenn ein Schuß knallt, ein Gift wirkt oder die Natur auf ganz gewöhnliche, gemeine Weise das Ihre getan hat, ist plus minus Null. Ich sah mir den Mann an, der dort lag, und er konnte nicht widersprechen. Aber dann fiel mein Blick auf die Frau, die danebenstand. Ich sah, daß auch du sie beobachtetest. Man konnte ja auch gar nicht anders. Wie ein groteskes Schreckbild stand sie da. Grotesk – denn sie war einfältig – häßlich – ihre ganze Stellung war plump. Und doch mußte man sie ansehen, und man wird sie wohl schwerlich so leicht wieder vergessen. Die dachte auch darüber nach, ob der Tote Vergessenheit gefunden hat oder nicht. Davon bin ich überzeugt.« Der Oberlehrer lächelte. »Davon bin ich nicht so überzeugt«, antwortete er. »Vielleicht deshalb, weil ich heute draußen auf dem Exerzierplatz war.« »Und an den Kundgebungen der Unterdrückten teilgenommen hast? Die ›schwielige Faust‹ gedrückt?« Ake Hjälm zuckte auf. Ein Ausdruck ehrlicher Empörung, der den andern zu amüsieren schien, kam in sein Gesicht. »Von an Kundgebungen teilnehmen ist keine Rede«, sagte er ruhig. »Ob ein armer Schulmeister wie ich sich an einer Kundgebung beteiligt oder nicht, das hat wenig genug zu sagen. Sondern ich ging hin, weil ich einen freien Tag hatte und weil etwas mich gegen meinen Willen hinzog. Und ich ging weg mit dem Gefühl, es wäre gut, wenn's noch mehr so machten wie ich. Vielleicht wären wir alle dann einander weniger fremd.« »Glaubst du?« unterbrach ihn Steinert. »Vielleicht, vielleicht auch nicht«, war die Antwort. »Jedenfalls wär es der Mühe wert, den Versuch zu machen. Aber, was ich sagen wollte: unmittelbar, nachdem ich von dort kam, wurde ich Zeuge jenes Auftrittes. Der Eindruck dessen, was ich draußen gehört und empfunden hatte, hielt mich noch gefangen. Und darum habe ich sie mit andern Augen angesehen als du. In dem Ausdruck versteinerten Entsetzens, der über ihrem Gesicht, ihrer ganzen Erscheinung lag, sah ich klar und scharf bloß den einen Gedanken: muß alles, was wir Armen hoffen, so enden? Ist für uns gar keine Hoffnung? Oder vielleicht auch: wie viele müssen noch so enden, ehe unser Tag kommt?« Oskar Steinert sah vor sich hin. Als er wieder zu sprechen begann, lag ein andrer Klang in seiner Stimme. Seltsam leise und ruhig tönte sie, ganz anders als die, die noch eben so hart und scharf gewesen war. »Man kann auch so denken«, sagte er. Als bereue er, nachgegeben, ein Gefühl, das er hatte für sich behalten wollen, preisgegeben zu haben, fragte er wieder scharf: »Meinst du das, was du da sagst, im Ernst?« »Zweifelst du daran?« entgegnete der Oberlehrer. Seine kleinen, tiefliegenden Augen glühten auf hinter der Brille. »Ja, ja,« sagte der andre, »natürlich meinst du das, was du sagst. Aber was will das heißen? Ich meine auch, was ich sage, wenn man den Sinn des Wortes ein bißchen dehnt. Und doch sitz ich hier und diniere und trinke Bordeaux. Ich nehme vielleicht auch ein Glas Madeira zum Nachtisch, eine Havanna zum Kaffee und ein paar Glas Whisky. Und du ebenfalls. Nichts auf der ganzen Welt kann uns daran hindern. Weder unser Schmerz über all das Unrecht im Leben, noch unser Entsetzen über den Selbstmord. Die Genußsucht beherrscht uns, siehst du. Ob wir nun Dichter oder Denker, Realpolitiker oder Träumer, Pharisäer oder Zöllner sind. Keiner von uns, weder du noch ich, trat vor und bot der Frau den Arm und führte sie fort. Vielleicht war es die Braut, die Frau, die Schwester. Wohl möglich.« »Das ist schon wahr«, gab der Oberlehrer zurück. »Aber das kommt daher, daß wir uns immer durch Scheu und Unentschlossenheit, vielleicht auch durch Standesvorurteile zurückhalten lassen. Darum kann das, was wir fühlen, doch echt sein und gut.« »Ja, aber schwach«, sagte Steinert. »Schwach und darum wertlos.« Der Oberlehrer schwieg eine Weile. Dann sah er auf und sagte, ohne jeden ironischen Beiton, als spreche er etwas ganz Selbstverständliches aus: »Warum schreibst du nicht?« Der andre lachte auf; seine weiche Hand glitt langsam über sein Gesicht, als müsse er dort etwas verbergen oder wegwischen. »Ich kann nicht«, sagte er. »Das weißt du doch. Ich schreibe meine Akten – als Rechtsanwalt.« Der Oberlehrer fühlte wohl, daß er in diesem Augenblick vielleicht zuviel wagte. Aber ehe er sich Einhalt gebieten konnte, war ihm das »Warum?« schon entschlüpft. »So hast du mich schon einmal gefragt«, erwiderte Steinert heiser. »Hast du's vergessen?« Sein Gesicht wurde mit einem Schlage hart, die Augen stachen förmlich. Eine halbvergessene Erinnerung stieg in Ake Hjälm auf, eine Erinnerung an ein Gespräch, das ihm selber gleichgültig und fremd erschienen war, an ein Wort, das er gesprochen hatte, ohne sich etwas dabei zu denken, eine hitzige Szene, die den Worten gefolgt war, und an sein eigenes grenzenloses Erstaunen über die Wirkung, die seine Worte hervorgerufen hatten. Ihm war, als durchlebe er die ganze Szene noch einmal, als sei er plötzlich um Jahre zurückversetzt; er sah sich selber in einer Gesellschaft von Kameraden und hörte dieselbe erzürnte Stimme wie jetzt, sah dieselben stechenden Augen auf sich gerichtet, und dieselbe Bangigkeit wie damals überkam ihn, die Angst, wider Willen einem Menschen weh getan zu haben. Es hatte überhaupt viele derartige Szenen gegeben zwischen Steinert und Hjälm, Szenen, die keiner von ihnen weiter tragisch nahm, die aber die beiden Männer doch schließlich auseinander brachten, weil sie sich im Grunde stets fremd gewesen, nur durch gemeinsame Freunde zusammengeführt und durch gleichartige Interessen damals zu allerhand ziellosen Jugendgesprächen getrieben worden waren. Hjälm dachte jetzt plötzlich daran, daß auch er sich derartiger Szenen erinnern konnte, wenn er nur erst ans Hervorsuchen ging, und während er daran dachte, kam ein unbestimmtes Gefühl von Groll über ihn, das noch von damals her in ihm lebte, trotzdem ihn so viele Jahre von dem Mann schieden, den er heute ganz zufälligerweise getroffen hatte. »Ich seh es, daß du dich daran erinnerst«, fuhr Steinert in etwas milderem Tone fort. »Und ich möchte dir nur eins sagen: mir geht die persönliche Freiheit über alles, und zwar in einem Maß, wie du dir's wahrscheinlich gar nicht träumen lässest, daß Menschen sie überhaupt beanspruchen können. Ich will das Recht haben, mit meinem Leben anzufangen, was mir beliebt. Ich will mich selber ruinieren, zugrunde gehen, mich zu Tode quälen, innerlich verbrennen dürfen, ohne daß ein Mensch mich fragt, warum. Ich verlange, daß ich, wenn ich will, mich zu Tode trinken, durch Ausschweifungen und Leichtsinn zugrunde richten darf, ohne daß das irgend jemand was angeht. Verstehst du?« Ake Hjälm besann sich einen Augenblick, ehe er antwortete. Aber der andere ließ ihm nicht Zeit, zu Worte zu kommen. »All das ist fort – vergessen -« sagte er in ruhigerem Ton. »Wir können gut darüber reden. Und was dir damals fremd erschien, wird dir jetzt vielleicht weniger unerklärlich vorkommen. In jedes Menschen Leben können ja Ereignisse eintreten, die seine Lebenskraft ein für allemal zu Boden schlagen. Nimm an, etwas Derartiges sei mir geschehen. Was es war, oder ob überhaupt etwas war, das brauch' ich ja nicht näher zu erklären. Du erinnerst dich vielleicht noch an den Kreis, zu dem wir Jungen damals gehörten. Er stand in Berührung mit allem, was in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Literatur damals aufblühte. Ein Hauch der Wiedergeburt, der Neugeburt ging damals übers ganze Land. Wie sagt doch ein alter Streiter des Worts aus vergangener Zeit: »Die Geister sind erwacht. Es ist eine Lust zu leben!« Haben wir nicht etwas Ähnliches erlebt? Fühlten wir nicht rings um uns in der Luft den Gesang der Geister? Schien es uns nicht, als finge um uns und in uns ein neues Leben an? War es nicht eine Lust zu leben? In jener Zeit traf auch ich jene Männer und Frauen. Ich mußte ihnen näher treten, meinte ich – mußte ihnen die Hand drücken, ihre Stimme vernehmen. Mit allen schloß ich Duzbrüderschaft, zum mindesten doch mit allen Männern. Jetzt begegnen wir uns als Fremde. Ich hab' ihnen nichts zu sagen, sie mir nichts. Das Einzelleben hat uns in seiner Gewalt – keiner hört auf das, was der andre sagt.« Ake Hjälm unterbrach den Sprecher: »Weißt du das so gewiß, daß keiner hört? Hältst du die Macht des Einzeldaseins wirklich für so fest gegründet?« Oskar Steinert lachte sein kurzes, verschlossenes Lachen. »Ich weiß nicht«, antwortete er. »Es kommt mir so vor. Ein besserer Zeichendeuter als andre bin ich ja auch nicht. Aber es kommt mir so vor, als gingen die Menschen wie in einer Art Nebel aneinander vorüber, in dem keiner sicher ist, wem er eigentlich begegnet, bis die zwei, die sich begegnen, schon so weit voneinander sind, daß es sich nicht mehr lohnt, umzukehren. Aber wie gesagt – damals war's anders. Damals war die Luft – ja, wie soll ich gleich sagen – kühl, durchsichtig, ein bißchen rauh manchmal, aber man konnte doch in ihr atmen. Weißt du noch unsere endlosen nächtlichen Gespräche? Ich glaube, damals erlebte ich Dinge, die nie wiederkehren. Das, was man Jugend nennt, und Leben, und Glauben, und so was. Jedes Buch, das erschien, lasen wir, jeden Zeitungsartikel, der Anlaß zu einem neuen Gespräch gab – wir warteten auf neue Bilder und Skulpturen wie auf weltbewegende Ereignisse, wir hörten die Reichstagsdebatten mit an und zitterten vor Eifer um das Ergebnis jeder Wahl. Wir erbebten vor den Geschehnissen der großen Welt, und wenn der Held des einen starb, trauerten wir alle. Weißt du, was das einzige war, das mich damals die ganze Zeit über gestört hat?« Steinert beugte sich über den Tisch und sah dem Freund in die Augen. Seine eigenen leuchteten; wie Phosphorglanz lag es in ihnen. »Du kannst es nicht wissen«, fuhr er fort. »Es ist auch zu verdreht. Es störte mich, daß du und ihr alle – die Kameraden, mein' ich – in diesem Kreis zu mir aufsaht wie zu einem ganz besonderen Licht. Ich hatte das Gefühl, ihr alle fordertet etwas von mir, erwartetet, daß ich irgend etwas schreiben, etwas tun, auf irgendeine Weise mich betätigen sollte.« »Das taten wir auch«, sagte Hjälm plötzlich mit ganz ungewohnter Energie. »War dir das wirklich so unangenehm?« »Es klingt sonderbar«, entgegnete der andre. »Und doch war es so. Ich wurde dann Rechtsanwalt. Verwertete mein Examen, wie es hieß. Da war's, als hätt' ich ein Verbrechen begangen. Ganz stumm wurde es auf einmal um mich. Vielleicht könnte ich die Ursache erklären. Aber all das ist so alt jetzt, daß man es am besten ruhen läßt. Sag mir nur eins: was hattet ihr, du, die Kameraden, andere Menschen überhaupt für ein Recht, mir Verantwortungen und Aufgaben aufzuerlegen, die ich mir selber nicht auferlegte? Ein Individuum ist ein Individuum. Wer hat das Recht oder die Möglichkeit, sich in einen andern einzudrängen und ihm vorzuschreiben, was er tun soll?« Der Oberlehrer wurde warm. »Niemand hat das Recht, seine Gaben zu verschleudern,« sagte er, »sein Pfund zu vergraben. Gaben, die man hat, verpflichten. Und die Ansichten, die wir über die Dinge haben, noch mehr.« »Muß das nicht jeder mit sich selber abmachen, wozu er verpflichtet ist oder nicht?« »Doch«, erwiderte der Oberlehrer. »Aber dafür haben andere auch das Recht, ihn zu richten.« Steinert lächelte sein. Wenn die Worte ihn verletzten, so ließ er sich's jedenfalls nicht anmerken. Er antwortete: »Es steht geschrieben: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.« Und da der andre nichts erwiderte, fuhr er fort: »Ich will dir etwas sagen. Nicht zuwenig wird geschrieben in unserer Zeit, sondern zuviel. Jeder einzelne will reden. Keiner will zuhören. Beobachte einmal eine Gesellschaft – du wirst sehen, ich hab' recht. Jeder sitzt aus lauter Höflichkeit nur da und wartet auf eine Pause, daß er endlich selber mit dem kommen kann, was er zu sagen hat. Seine eigene Stimme will er hören, sich eine Weile einbilden können, daß die andern auf ihn hören, besser als er auf sie gehört hat. Kann man sich überhaupt vorstellen, daß ein Mensch sich einer solchen Illusion hingibt? Na – der Alkohol tut ja das Seine dazu. Ohne Alkohol reden wir ja nicht. Ohne Alkohol sind wir muckstill. Sieh mich an! Das ist mein zweiter Whisky. Ich bin fast beredt jetzt. Und ich bleib' dabei: es wird zuviel geschrieben bei uns. Wenn hier bei uns einmal etwas geschehen sollte, das Sammlung und nationale Erhebung, das heißt ganz einfach Handeln erforderte, da würden wir schon sehen! Einem nach dem andern würde die Nation Feuer unters Dach setzen – und dann schreien, daß wir nicht einen Mann haben, der uns führen kann. Aber wenn wir auch einen hätten – was würd's nützen? Ach nein – wir hätten ihn ja längst kaput kritisiert, ehe er noch überhaupt zu Wort kommen könnte! Jeder einzelne hat seine eigene Privatidee, wie alle Fragen gelöst werden müßten! Wir sind schlapp geworden, ohnmächtig. Der Ausdruck: ›die dummen Schweden‹ ist viel zutreffender, als die Leute glauben. Es schüttelt mich ordentlich, wenn ich höre, wie Schweden ihn zitieren und noch obendrein über sich selber lachen. Das ist eine furchtbare Selbstkritik. Denk doch einmal, wie's um uns steht. Wir werden von einem Reichstag regiert, der, dank seiner merkwürdigen Zusammensetzung überhaupt nichts ausrichten kann. Das Ganze ist eine Sache, die in allen Fugen kracht und jeden Augenblick auseinandergehen kann. Die Kammern sind dazu da, daß sie einander entgegenarbeiten, was sie auch nach Möglichkeit tun. Wir haben eine obere Klasse, die so übersatt ist, daß sie ihr Essen kaum verdauen und überhaupt nicht mehr denken kann ohne Sprit. Wir haben eine Zweite Kammer, in der keiner Herr sein kann und niemand Knecht sein will. Eine Erste Kammer, die eine Parodie dessen ist, was sie einst war, und die an Unkultiviertheit wetteifert mit unserer Volksleitung, deren Horizont nicht weiterreicht als bis zum Bauch. Weißt du, was unserer Ersten Kammer fehlt und womit wir vor der Linken nur nicht recht herauswollen, weil es gegen unsere Vorurteile stößt? Die Aristokratie fehlt ihr. Hast du die Reichstagsberichte aus den siebziger Jahren oder Anfang der achtziger gelesen?« »Nein.« »Lies sie, so wirst du schon sehen, was ich meine. Welch ein ehrenwerter, welch ein prächtiger Konservatismus! Altmodisch, beschränkt, unzeitgemäß, meinetwegen. Aber grundehrlich und sachkundig. Diese Hüttenbesitzer und Beamte, Bischöfe, Gutsherren und Militärs waren ganz anders gebildet als unsere! Die Bildung saß ihnen im Blut. Ein Hauch vom Geist der alten Geschichte steckte in ihnen; darum konnten sie auch davon reden, ohne daß ihr Pathos falsch klang und ihre Phrasen hohl. Es waren echte Schweden, was für Fehler sie auch haben mochten, und Aristokraten waren sie! Das heißt, sie waren Feinde alles Packs. Damit meinte man aber nicht das Volk. Und was haben wir jetzt?« Ake Hjälm ward eifrig; in starken Worten redete er zur Verteidigung der Neuzeit, und redete lange. »Unsere Zeit hat eine Aristokratie gefunden«, schloß er. »Die Aristokratie der Bildung.« »Unsere Zeit hat eine neue Aristokratie gefunden«, antwortete Steinert kalt, »und sie heißt die Aristokratie des Geldes, was eine contradictio in adjecto ist. Wo ist die andere? Ein kleiner Kreis von wahrhaft Aufgeklärten und Gebildeten, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, sich gegenseitig zu beargwöhnen und zu verkleinern. Hast du je einen Schriftsteller über die Bücher eines andern oder einen Maler über die Bilder eines andern reden hören? Ich sag' dir, ich hab's gehört, und die Erfahrung hat mich erschreckt bis aufs Blut. Und weißt du, was das ist? Das ist der Schreck, der macht, daß der Lotse im letzten Augenblick versagt und sich nicht auf die wilden Wogen wagt, wenn das Notsignal ertönt!« Steinert verstummte plötzlich, sah den andern einen Augenblick an, und ein humoristisches Lächeln erhellte sein Gesicht. »Du findest, ich übertreibe«, fuhr er fort. »Und doch hab' ich noch gar nicht alles gesagt. Wie ich jetzt bin, rede ich nicht oft so, wie ich's eben getan habe. Darum kommt jetzt alles auf einmal, und wenn es keinem andern nützt, so nützt es doch mir selber. Wo war ich doch gleich? Ja, – was haben wir jetzt? Wir haben eine Hauptstadt, die ein geistiges Zentrum sein will, aber nicht kann, überhaupt – Wollen und Können! Das ist ein Kapitel für sich in diesem Land! Die Hauptstadt wird mit Mißtrauen angesehen von den Provinzen, das heißt, vom ganzen Land, das keinen Zusammenhang mit ihr hat; weder mit ihr noch untereinander fühlen sie sich zusammengehörig. Es ist weit von Skane nach Västerbotten, glaub mir, und nicht bloß auf der Karte! Das wissen wir ja alle; und wenn es sich um eine wichtige Sache handelt – was geschieht? Da kommen die Quacksalber mit ihren Broschüren und Zeitungen. Lies einmal die Spalten für »Mitteilungen aus dem Publikum« und sieh, was da steht. Nichts als die häßlichste Zusammenhangslosigkeit. Verrückte Ideechen, ausgebrütet von Gehirnen, die zu lauter Einzelteilchen verknöchert sind, unwürdig überhaupt jeder Diskussion. Jeder einzelne hat ein ganz eigenes Rezept und ist ganz überzeugt, wenn man es befolgte, wäre Schweden und die ganze Welt gerettet. Nirgends gedeihen die Quacksalber so wie hier. Quacksalber in der Frauenfrage, in der Friedensfrage, in der Arbeiterfrage, in der Nüchternheitsfrage. Nein – das ist wahr. Damit ist's besser. Die Leute trinken tatsächlich weniger als früher. Aber weißt du das Ärgste bei all dieser losgelassenen Verbesserungswut – weißt du, was das ist? Das ist, daß man nicht einmal darüber lachen darf! Tut man's, so kriegt man einen sehr verwunderten Blick – ich meine jetzt von unsern Freisinnigen; die andern, die lachen freilich, und ich wundere mich gar nicht drüber! – und man merkt gleich, man ist verurteilt. ›Aha! Jetzt bin ich abgetan! Er glaubt, mir fehlt der Ernst. Ich bin ein Komödiant. Ich habe keinen Respekt!‹ Es mutet einen ganz merkwürdig an, zu wissen, daß man der Nation Bellmans angehört, und dabei zu fühlen, wie der Sinn für Humor immer mehr schwindet.« Der Oberlehrer hörte dem Sprechenden zu und wunderte sich immer mehr über das, was er hörte und sah. Mit dem Mann war eine Veränderung vorgegangen – eine Veränderung, zu der ihm ganz und gar der Schlüssel fehlte. Die beiden Männer verließen das Café. Blaß hoben sich vom lichten Maihimmel die elektrischen Lichter ab, die Straßen waren voll von Menschen, die die neue Frühlingsluft genossen. Die beiden alten Kameraden, die sich so lange nicht gesehen hatten, blieben zusammen. Ake Hjälm fiel plötzlich die Gesellschaft ein, in der er erwartet wurde; er schickte eine telephonische Absage. Er und Steinert waren jetzt auf dem Punkt des Zusammenseins angelangt, wo keiner mehr ans Auseinandergehen denkt, wo die Gedanken, die im Einerlei des Alltags schliefen, erwacht sind, wo keiner mehr weiß, ob ihm eigentlich in der Gesellschaft des andern wohl ist, sondern jeder nur eben bleibt, weil die Macht der Trägheit beide hindert, auseinanderzugehen. Darum fuhren sie fort zu reden, zu trinken, Gedanken auszutauschen, als fürchteten sie sich beide vor der Einsamkeit oder erwarteten, daß aus all den Worten, die geredet wurden, schließlich doch ein Sinn kommen müßte. Sie waren jetzt im Königsgarten; durch das Laub schimmerte, durchzittert von Lichtstrahlen, das dunkelfarbige Wasser mit seinen tiefvioletten Frühlingswogen, auf denen der Schein der Laternen auf und ab schaukelte. Dunkel, schwer, ernst lag über dem Ganzen die Fassade des Schlosses, stumm und verschlossen, als spräche sie allein, abgeschieden vom Alltag, die Sprache vergangener Zeiten. Und immerfort redete Oskar Steinert. Wie ein unaufhaltsamer, nie versiegender Strom flossen die Worte von seinen Lippen. Sein Gesicht drückte eine ganz unnatürliche Spannung aus – sein Mund öffnete und schloß sich krampfhaft und forciert, während die Augen immer leerer und schwermütiger wurden. Schließlich fanden sich die beiden in einer Ecke des großen Operncafés. Die Atmosphäre war drückend, der Lärm geradezu höllisch. Das ganze Café war voll von bekannten Gesichtern, Männern aus der Welt der Finanz, der Politik und der Presse. Es klang, als strengten sich Tausende von Menschen gleichzeitig an, einander zu übertäuben. Kellner drängten sich, riesige Tabletts voll Flaschen und Gläsern auf ausgestreckten Armen hoch emporhebend, zwischen den Tischen durch. Neuangekommene klopften auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen und noch vor Mitternacht bedient zu werden. An einem Tisch mitten im Saal unter der Bronzenymphe redete ganz allein ein Mann. Die Worte verstand man nicht, man hörte nur, daß er etwas erzählte. Denn so oft er eine Pause machte, erschollen Lachsalven von der Gesellschaft, zu der er sprach. Die Gesichter waren rot und erhitzt. Da und dort glänzten ein paar ruhige, schwermütige Augen, die sich das seltsame Bild zu betrachten und darüber nachzudenken schienen. Sie wirkten wie eine wohlbekannte, ferne Musik, die im Menschengetümmel ertrinkt. »Denke nur,« sagte Steinert – »und daran hat man auch einmal ganz ernsthaft teilgenommen! Du, ich, wir alle. Und just zu einer Zeit, als wir noch das Allerhöchste wollten – eigentlich gerade da.« »Ja«, erwiderte Hjälm. »Vielleicht haben wir gerade dadurch den Willen verloren. Und den Glauben ...« Oskar Steinerts Blicke begannen zu funkeln; die Lippen unter dem Schnurrbart kräuselten sich. Es schien, als bereite ihm das Schauspiel, das er hier betrachtete, einen ganz besonderen Genuß. »Ich bin immer ein schlechter Moralist gewesen«, sagte er. »Das hier ist alles einfach Betäubung. Ganz gewiß eine recht grobe Art von Betäubung. Dafür aber eine um so zuverlässigere. Da hilft keine Nüchternheitspredigt, solange noch dies tiefe Lebensbedürfnis vorhanden ist!« Kaum hatte Steinert diese Worte gesagt, als ein fürchterliches Krachen durch den Lärm scholl. Ein grauhaariger, breitschultriger Herr war – durch einen Schritt rückwärts – gegen einen Kellner gestoßen, der ein volles Tablett trug; die Folge war ein Haufen zerschmettertes Glas, eine Unruhe an den Tischen, auf die die Splitter fielen, und heftiges Schreien und Schelten, das sich gegen den unschuldigen Kellner richtete. Wie ein aus seiner Bahn geschleuderter Komet irrte der Grauhaarige umher und befand sich plötzlich Auge in Auge mit Steinert, den er zu kennen schien. Denn kaum hatte er ihn erblickt, so schüttelte er ihm auch schon die Hand, eine nicht ganz saubere Hemdenbrust und eine Reihe unregelmäßiger, gelber Zähne zeigend. Darauf ließ er sich auf einen freien Stuhl sinken, stemmte die Ellbogen auf den Tisch, betrachtete die beiden Herren mit verschleierten, glasigen Augen und sagte mit einem geräuschvollen Lachen, das zwanglos klingen sollte, aber eher wie Kriecherei klang: »Aha – Whisky!« Steinert warf seinem Gefährten einen Blick zu, der gleichsam um Nachsicht für des andern Gegenwart bat, und sagte kurz: »Der Platz ist nicht mehr frei.« »Ich auch nicht« – antwortete der Angeredete schlagfertig. Er sah sich um, als suche er jemand. »Ich suche meine Gesellschaft«, erklärte er. Steinert sah amüsiert aus. »Darf man wissen, wer es ist? Vielleicht haben wir sie gesehen.« Der Grauhaarige machte einen gewaltsamen Versuch, den Nacken steif zu halten, und schielte mit einem mißtrauischen, bösen Ausdruck nach dem Sprecher hin. »Meine politischen Freunde«, sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln. »Ich danke dir, daß du mich daran erinnerst!« Er ergriff Steinerts widerstrebende Hand und hielt sie fest, während er fortfuhr: »Ich werd' dir was sagen. Du bist immer nett zu mir gewesen. Nein, widersprich mir nicht. Du bist nett zu mir gewesen. Darum will ich auch ehrlich gegen dich sein und dir die Wahrheit sagen. Die schwedische Politik ist des Teufels. Warum? Darum, weil noch immer der rechte Mann nicht gefunden ist. Boström taugt nicht mehr. Um das übrige Ministerkonsilium geb ich keinen roten Heller. Es gibt überhaupt in Europa bloß drei Persönlichkeiten – oder vielmehr es gab drei – die sich in unserer Zeit auf Politik verstanden. Der eine von ihnen ist tot.« Damit legte er seine freie Linke an den Mund, stemmte die Rechte, mit der er fortwährend Steinerts Hand krampfhaft festhielt, auf den Tisch und brüllte dem Rechtsanwalt, um sich in dem Lärm verständlich zu machen, ins Ohr: »Bismarck, König Oskar und ich. Oder vielmehr – Bismarck war einer davon. Jetzt sind es bloß noch König Oskar und ich.« Nachdem er das gesagt hatte, ließ er Steinerts Hand los und erhob sich schwankend. Listig blinzelnd fügte er hinzu: »Aber das darf Er nicht wissen!« Wer dieser Er war, erklärte er nicht. Sich von Tisch zu Tisch durchlotsend, verschwand er im Gewimmel. »Hast du gesehen,« sagte Steinert, »wie glückselig er aussah, als er sein großes Geheimnis auskramte? Ich hab's ja schon öfter gehört – und viele haben's schon gehört. Glaub mir, von dem Gedanken lebt er. Ohne ihn könnt' er gar nicht existieren.« »Wer ist er denn?« fragte Hjälm. »Ein Schwede«, erwiderte Steinert trocken. »Oder, wenn ich deutlicher sein soll: einer, der sich gern so nennt.« Er tat stillschweigend einen Zug und fuhr dann, zum andern gewandt, fort: »Ja, du lachst. Ich lach auch. Aber anders als du. Der Mann, der von uns ging, ist einzig in seiner Größe. Er ist so groß, daß er nie etwas ausgerichtet hat. Und da die Menschen ihn nicht verstehen, verbirgt er seine Gedanken, bis er betrunken ist. Wenn er das nicht täte, hätte man ihn schon längst eingesperrt.« »Du meinst, es gehöre zur Charakteristik des Schweden, daß er immer die eine oder andere fixe Idee hat, die ihn völlig beherrscht? Für gewöhnlich verschweigt er sie. Wenn ihm aber die Zunge gelöst ist, kommt der Wahnsinn zutage?« Steinert starrte den Tabakswolken nach, als sähe er etwas ganz Besonderes in dem phantastischen Rauch, der im Luftzug stieg und sank. Es war schwer zu sagen, ob er die Worte des andern überhaupt hörte oder nicht. Seine Miene war plötzlich so zerstreut, als habe sein Denkvermögen aufgehört zu funktionieren. Dann sagte er in müdem Ton, der ganz anders klang als sein vorheriger, von Eifer und Kampflust gefärbter: »Weißt du, wie die eine Klasse von Mitbürgern heißt, in der die Individuen, so wie das Schweden von heute sich entwickelt hat, sich nicht isoliert fühlen?« Der Oberlehrer wurde aufmerksam. Der Ton des Redenden war plötzlich ganz frei von der Possenreißerei, die den ganzen Nachmittag so aufreizend auf ihn gewirkt hatte. »Nein«, sagte er. »Der Arbeiter«, war die Antwort. »Ich könnte den Gedanken noch weiter ausführen. Aber jetzt gerade ist es mir unmöglich.« Der Oberlehrer sah schweigend und nachdenklich auf seine Zigarre. Der andere, der nicht rauchte, ließ gedankenlos die Finger an seinen Westenknöpfen auf und ab gleiten, als müsse er sie wieder und wieder zählen, um sich ihrer Anzahl zu versichern. Plötzlich erhellte ein vieldeutiges Lächeln seine Züge, so daß sein zuvor fast düsteres Antlitz mit einem Male ein ganz gutmütiges Aussehen erhielt. »Ich bin ja so ziemlich in der ganzen Welt herumgekommen«, sagte er. »Habe Reisen gemacht, geträumt, gearbeitet, gefaulenzt, wie's gerade kam. Jetzt habe ich mich in meinen Winkel verkrochen. Und da hocke ich in meiner wohlverschlossenen Stube. Allerhand Leute kommen und gehen. Und ich helfe ihnen, so gut ich kann. Ich habe die Befriedigung, mich als Radikaler zu fühlen, ohne daß es mich was kostet, und jede Sitzung im Rathaus macht mir ein ganz unbeschreibliches Vergnügen. Leider ist dies Vergnügen ein ziemlich einsames, woraus du ersehen kannst, daß ich eben aus Erfahrung sprach. Trotzdem gebe ich mich der Illusion hin, ab und zu ein bißchen nützlich zu sein. Und das ist doch immerhin was.« Diese letzte Mitteilung berührte den Oberlehrer unangenehm. Positiv veranlagt, wie er war, weckte diese lächelnde Bankrotterklärung sein Mißfallen, und da er selber viel zu sehr gewöhnt war, geradlinig und direkt zu denken, kam es ihm gar nicht in den Sinn, daß diese Worte vielleicht eine Nebenbedeutung enthalten könnten, die dem Sprecher wichtiger war als die Worte selbst. Hätte der Oberlehrer diese Worte in einem Buche gelesen, gut unterstrichen und in der richtigen Beleuchtung, so wäre ihm ihr Sinn natürlich nicht entgangen. Nun er sie in Wirklichkeit hörte, erschienen sie ihm brutal und abstoßend und erkälteten ihn plötzlich gegen den Mann, der sie ausgesprochen hatte. Darum antwortete er gar nicht darauf, sondern fuhr, in das frühere Geleise des Gespräches zurückkehrend, in seinem eigenen Gedankengang an der Stelle, wo er kurz zuvor unterbrochen worden war, fort: »Vielleicht hast du recht mit dem, was du von der Zusammenhangslosigkeit sagst. Vielleicht leiden wir hauptsächlich unter der Abgesondertheit aller von allen. Vielleicht ist das unser Unglück. Daß der Arbeiter darin nicht so fühlt, davon habe ich heute einen Eindruck empfangen, den ich so leicht nicht wieder vergessen werde.« »Meinst du damit die Erinnerung an die Bank im Humlegarten?« Steinerts Augen funkelten, um seine Lippen spielte wieder das eigentümliche höhnische Lächeln. »Du weißt recht gut, was ich meine«, erwiderte Hjälm gereizt. Steinert trank seinen Grog aus und sah nach der Uhr. »Natürlich«, sagte er. »Ich wollte nur noch das eine sagen: wenn unser klassenbewußter Arbeiter wüßte, welch ein Glück darin liegt, sich nicht isoliert zu fühlen, so würde er sich weniger beklagen.« »Sei überzeugt, daß er dies Glück zu schätzen weiß«, sagte Hjälm scharf. »Um so besser.« Der Lärm hatte jetzt eine Höhe erreicht, daß man nur noch ein einziges Getöse hörte, das abwechslungsweise anschwoll und wieder sank. Die Hälfte der elektrischen Lampen war schon ausgelöscht; aber die Menschen saßen noch fest auf ihren Plätzen. Aus der Dunkelheit schimmerten Gesichter und Augen halb unkenntlich nach den reichlichen Libationen des Tages. An dem Türpfosten, den die beiden Herren auf ihrem Weg nach dem Vorsaal passierten, stand ein Kellner, müde, halb schlafend, ungestört von dem Lärm, der um ihn her tobte. Die kühle Nachtluft draußen war eine wahre Wohltat. »Gehst du nach Hause?« fragte der Oberlehrer. Und wie um eine Versäumnis nachzuholen, die er sich selber zum Vorwurf machte, fügte er freundlich hinzu: »Wie steht's denn daheim bei dir?« Steinert sah ihm in die Augen und antwortete ruhig: »Schlecht. Es ist nichts zu machen!« Damit sagte er hastig, als fürchte er weitere Fragen, Gutenacht. Der Oberlehrer sah ihn mit raschen Schritten davongehen. Ohne sich umzusehen, rief er bei der Jakobskirche eine Droschke an, stieg ein und verschwand. Langsam schlug der Oberlehrer den Weg nach der Drottningstraße ein. Drittes Kapitel Dem Oberlehrer Hjälm war gar nicht wohl zumute. Dies lange Zusammensein mit seinen aufregenden Gesprächen und hitzigen Gedankenspielen hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Eindruck vom Vormittag war stark und ganz gewesen. Jetzt kam er ihm plötzlich zerrissen vor, verdünnt, aufgelöst in spritvermischtes Wirtshausgeschwätz. Er fühlte sein Hirn gleich einem Chaos unter einem unleidlichen, fremden Druck arbeiten, und dieser Druck rührte von den Gedanken eines andern her, die sich so gewaltsam mit seinen eigenen vermengten, daß es ihm vorkam, als könne er seinen Gedankengang gar nicht mehr von dem des andern trennen. Es war darum vielleicht die reine Selbstverteidigung, daß er den ganzen Heimweg über nichts tat, als Oskar Steinert und alles, was dieser getan und gesagt hatte, kritisieren. Als ginge dieser Mann, in dessen Gesellschaft er den ganzen Tag verbracht hatte, noch immer an seiner Seite, so deutlich sah er sein Gesicht vor sich, einmal von Leidenschaft leuchtend, dann wieder in müdem Überdruß erschlaffend, oder mit dem Ausdruck bitterster Ironie, der ganz plötzlich dem der Milde weichen konnte. Dieser letztere Zug an Steinert war es, der Hjälm so sympathisch war und um dessentwillen er ein gewisses Gefühl, das er dem Manne immer bewahrt hatte, nie ganz vergessen konnte. So recht sicher fühlte er sich nie in Steinerts Gesellschaft. Eine Zeitlang hatte er sogar eine ausgesprochene Antipathie gegen ihn gehabt. Es war, als schnitten sich ihre beiderseitigen Gedanken auf irgendeine Weise, könnten nicht nebeneinander bestehen. Darum brachte ihn auch ein Tag mit Steinert immer mehr oder weniger aus dem Gleichgewicht. Und das war vielleicht auch die Ursache gewesen, daß der Oberlehrer sich einst von dem Freund zurückgezogen hatte. Er hatte hart kämpfen müssen, um das seelische Gleichgewicht zu erlangen, das ihm Rückgrat im Leben gab. Seit einigen Jahren war er der ›zerrissenen Naturen‹ müde. Seine Jugend hatte ihn in Berührung mit so vielen gebracht. Während er jetzt heimwärts ging, schien es ihm, als wäre der Boden, auf den er trat, nicht mehr so sicher. Die ganze Art des Unwillens, den er empfand, drückte sich in dem Gedanken aus: »Nie seh' ich den Mann klar vor mir!« Hätte Steinert diesen Gedanken vernommen, so hätte er wahrscheinlich erwidert: »Aber ich sehe dich klar.« Und damit war auch tatsächlich die Kluft, die die zwei Männer trennte, bezeichnet. Langsam stieg der Oberlehrer die Treppen in dem großen Haus hinauf, in dem er wohnte. Es lag an der Ecke einer der vielen Quergassen der langen Drottningstraße, die im Mittelpunkt Stockholms beginnt und schnurgerade nach dem gewaltigen Kirchhof hinter Norrtull führt. Schon auf der Treppe hatte er das Gefühl, als sei die Tür zwischen ihm und etwas Störendem zugefallen. Und dies Gefühl der Ruhe und Sicherheit ward vollkommen, als er in seinem Studierzimmer angelangt war und das elektrische Licht entzündet hatte. Unter seinem grünen Schirm leuchtete es auf einen alten, vielgebrauchten Schreibtisch alltäglichster Sorte, auf dem eine Reihe von Photographien seiner Frau stand – als Braut – jung verheiratet – und etwas älter. In kleinen Rahmen, zu einem lustigen Ganzen zusammengestellt, kamen dann die Kinderbilder, ein kleines, nacktes Kindchen auf einem Teppich, ein größerer Junge in einer Zipfelmütze, der auf einer Treppe spielte, ein etwa acht Jahr altes Bürschchen, das in Kittel und Kniehöschen auf einem niederen Stuhl saß, zuletzt ein zwölfjähriger Bub in der Schülermütze, den Bücherranzen auf dem Rücken. Es sah aus wie eine ganze Reihe von Kindern, die sich alle ähnlich sahen wie Geschwister; es war aber immer ein und derselbe Junge, in verschiedenen Altersstufen, jedes Bild sorgfältig aufbewahrt und zu den früheren gefügt, eine Auswahl aus der Sammlung von Liebhaberaufnahmen in dem geschnitzten Kasten, den Folke selbst im ersten Jahr, als er in die Kunstgewerbeschule ging und sein eigenes Handwerkszeug bekam, dem Vater gemacht und verehrt hatte. Der Oberlehrer zog seinen kurzen, grauen Arbeitsrock an und setzte sich an den Schreibtisch. Um ihn her war alles still. Und diese Stille, die er nirgends fand, als wenn er allein in seinem Studierzimmer war, schien das ganze Haus zu erfüllen und einen wohltuenden Einfluß auf ihn auszuüben. Er beugte sich vor, über den Tisch weg, und als müsse er sich selber hypnotisieren, um fremde Einflüsse zu verscheuchen, nahm er eine Photographie um die andere, betrachtete sie und stellte sie dann wieder auf ihren Platz. Gedankenvoll lehnte er sich in den Schaukelstuhl zurück. Seine Blicke schweiften über die breite Wand, die von Bücherregalen ganz bedeckt war und in deren Mitte das Schlafsofa stand, dann zu der Wand mit den alten Kupferstichen über der Kommode und der Voltairebüste, die auf rätselhafte Weise sich in dies friedliche Heim verirrt hatte und dunkel und schattengleich in der Ecke hinter dem niederen Lehnsessel grübelte. Ohne sich zu regen, saß der Oberlehrer so, mechanisch ging der Schaukelstuhl auf und ab. Plötzlich erhob er sich, öffnete, mit der Kerze in der Hand, sachte die Tür und ging leise durch das Eßzimmer. Die Tür ließ er hinter sich offen. Dann leuchtete er ins Kinderzimmer. Folke lag mit dem Arm über dem Gesicht und in die Kissen gewühlter Stirn. Er rührte sich nicht, als der Vater eintrat, sondern lag ganz still, eine kräftige, nackte Wade zeigend, die sich unter der Decke vorgeschoben hatte. Der Oberlehrer bückte sich, zog sorgsam die Decke zurecht und stopfte sie gewissenhaft um den Schlafenden fest. Ein warmer Ausdruck glitt über sein Gesicht. Still ging er wieder durch die dunkeln Zimmer zurück. Als er im Eßzimmer war, schlug die Uhr halb zwei. Für den Oberlehrer war diese Wanderung fast wie ein Bußgang gewesen. Er hielt sein Heim heilig und fand, er hätte eigentlich seiner Familie heute einen Freudentag machen müssen, statt seine eigene Ruhe durch desperate Gespräche und Auftritte zu gefährden. Hätte er nicht gefürchtet, seine Frau könne aufwachen, so hätte er gern auch einen Blick ins Schlafzimmer geworfen. So setzte er sich ruhig wieder hin. Seine erste Stunde am zweiten Mai war erst um ein Uhr; der Oberlehrer hatte also alles Recht, auf einen dauerhaften Morgenschlaf zu hoffen. Alles, was ich heute nachmittag gehört habe, dachte er, ist wie die Brandung nach den Stürmen der Jugend. Der Stimmungsausbruch eines Menschen, der in Disharmonie mit sich selber ist. Vielleicht unbewußte Gewissensbisse, daß er sich die Zeit unter den Händen hat weggleiten lassen, die Träume seiner Jugend vergessen und nur sich selber gelebt hat. Seltsam, wie viele Menschen so herumlaufen und ihre Jugend beweinen! Je mehr seine Gedanken wieder in das gewohnte ruhige Geleise kamen, desto zufriedener fühlte sich der Oberlehrer mit sich selber. Er streckte die Hand nach einem Streichholzhalter aus, der an der Wand hing, und während er seine Pfeife wieder anzündete, die am Ausgehen war, fand er sich plötzlich der Voltairebüste gegenüber. Der Schein des brennenden Hölzchens beleuchtete einen Augenblick das strenge, muskulöse Gesicht mit dem zusammengebissenen Mund, der so viel Schmerz verbirgt und so eisenharte Energie verrät. Es fiel ihm ein, daß gerade dieser Zug des großen Fanatikers ihn dereinst bestimmt hatte, diese Büste in seinem Studierzimmer aufzustellen – das Bild eines Mannes, der das Unrecht der Welt niemals vergaß, der Jahre seines Lebens an die Befreiung eines einzigen unschuldig Verurteilten setzte. Der Retter Calas' war es, den er einst verehrt hatte, nicht das Genie. Ob es wünschenswert wäre, daß wir alle wären wie er? dachte der Oberlehrer und schüttelte lächelnd den Kopf in der Erinnerung an die Illusionen der Jugend. Er war ein stiller, ruhiger Mann, in dem noch eine kleine warme Flamme der Menschenliebe flackerte. Hätte seine Frau nur das Kind so lieben können, wie der Oberlehrer selbst diesen Sohn liebte, so hätte nichts auf der ganzen Welt seine Ruhe stören können. Was hatte ihm Voltaire zu sagen? Eine Erinnerung dessen, was ich nie war, das ist er! dachte er weiter. Aber er dachte es ohne Bitterkeit und ohne Ironie. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür hinter ihm mit einem raschen Klinken; der Oberlehrer fuhr aus seinen Träumen auf. Vor ihm stand seine Frau. Ein fußfreies, dunkelrotes Morgenkleid umschloß ihre Gestalt, das lange Haar hing ihr in einer schweren Flechte über die Schulter. Ihre Augen blinzelten vor dem Licht, als habe sie eben geschlafen, und ihre Wangen waren rot, wie bei einem aus dem Schlaf geweckten Kinde. »Ich bin aufgewacht, wie du kamst, und hab' nicht wieder einschlafen können«, sagte sie. »Aufgewacht?« sagte der Oberlehrer. »Hast du geschlafen?« »Ja«, antwortete sie. »Ich lag auf der Chaiselongue und las. Und schlief dabei ein. Ich dachte nicht, daß du so spät kommen würdest.« Dem Oberlehrer wurde warm ums Herz. Wie sie so dastand, schlank und klein, wie Frauen werden, wenn die moderne Tracht ihre wirkliche Gestalt nicht fälscht, sah sie aus wie ein Kind. Alles, was es zwischen ihnen gegeben hatte, ward auf einmal so geringfügig, so fern, verschwand vor dem, was sie beide verband. »Hast du auf mich gewartet?« sagte er. Seine Stimme klang weich, seine Augen blickten sie gütig an. »So darfst du nie wieder zu mir sein, wie heute«, erwiderte die Frau. Ein Gefühl von Bitterkeit durchfuhr des Oberlehrers Seele. Wie oft hatte er diese Worte schon gehört, wie oft hatte er auf sie geantwortet, wenn der Streit vorüber war und sie beide danach verlangte, wieder an ein vollkommenes Glück zu glauben. Der Oberlehrer war überzeugt, – wenn seine Frau nur lernen könnte, jeden kleinen Zankapfel zwischen ihnen beiden so anzusehen, wie er, so würde ihr Glück eines Tages auch vollkommen sein. Gleichzeitig aber hatte er auch die feste Überzeugung, daß der Mann in seiner Frau vor allem den Menschen zu respektieren hat, und darum strebte er ehrlich danach, den Widerspruch zwischen dieser Überzeugung und dem rein männlichen Instinkt, der ungeschwächt unter dem Staub der Theorien lag, auszugleichen. Diesmal wählte er, um ein Gespräch über den empfindlichen Gegenstand zu vermeiden, den Ausweg, einfach zu tun, als wäre zwischen ihnen langst alles vergessen; und ganz überzeugt, daß er damit seinen Zweck erreichen mußte, sagte er: »Daß du so lang auf mich gewartet hast! Weißt du, da hab' ich ein ganz schlechtes Gewissen. Ich hatte dich und mein Daheim fast vergessen. Und weißt du, warum?« »Nein!« lautete die Antwort. »Ja – siehst du – ich bin auf Abenteuer ausgewesen – und nicht gerade die heitersten.« Und der Oberlehrer begann zu erzählen. Er berichtete seiner Frau, wie er den Tag verbracht hatte, glitt über den Nachmittag und das Zusammensein mit Steinert leicht hinweg und hielt sich dafür um so länger bei dem Eindruck auf, den ihm der Arbeiterzug, und was darauf folgte, gemacht hatte. Ihm war, als sähe er alles noch einmal, erlebte alles aufs neue, hörte die zündenden Worte, das Stampfen der Scharen, sähe den Ernst ihrer Gesichter, erlebte noch einmal die Szene bei der Bank, auf der der tote Arbeiter lag. Frau Liese hörte ein bißchen zerstreut zu. Sie war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und es interessierte sie eben gar nicht, daß ihr Mann so über allerhand gesellschaftliche Verhältnisse nachgedacht und sie darüber vergessen hatte. »Ich bin die ganze Zeit daheim gewesen und habe an dich gedacht«, sagte sie ein bißchen scharf. Sie strich das starke, blonde Haar, das sich gelockert hatte, aus der Stirn, dies prächtige, üppige Haar, das des Oberlehrers Freude und Stolz war; dann legte sie die kleinen, weißen Hände übereinander, blickte den Mann ein bißchen unwillig an und fügte hinzu: »Ich war ordentlich böse, als du telephoniertest.« Der Oberlehrer war nicht befriedigt von der Wendung, die das Gespräch genommen hatte. Im Glauben, etwas Beruhigendes zu sagen, fuhr er fort: »Wenn man einen kleinen Zwist gehabt hat, wie das doch manchmal vorkommen kann – ist es da nicht am besten, man bleibt einen Tag lang auseinander? Ich glaub's.« Frau Liese seufzte. »Was weiß ich!« sagte sie. »Wir haben versucht und versucht. Und ich finde, es wird nur immer ärger. Weißt du, was ich manchmal glaube? Ich glaube, wir alle miteinander haben einfach viel zu viele Bücher gelesen. Über die Ehe, über die Liebe, über Entwicklung und Kindererziehung und Gott weiß was. Alles ist so fertig und klar und deutlich, daß man zuletzt gar nicht mehr weiß, an was man sich halten soll.« »Die Bücher sind dazu da, daß sie uns durchs Leben helfen«, sagte der Oberlehrer. »Ja, ich weiß schon«, erwiderte die Frau. Und ihr eifriges Gesicht rötete sich. »Aber tun sie das auch immer? Das ist ja eben die Frage. Wenn ich ganz allein bin und an irgend etwas denke, das mich bewegt, so fängt plötzlich dies oder jenes Buch an in meinen Ohren herumzuspuken. Und da weiß ich dann schließlich nicht mehr – bin ich ich selbst oder irgendeine Person aus meinem Buch!« »Verstehst du denn nicht, daß das, was du da sagst, bloß beweist, daß du die Bücher gelesen hast ohne sie zu verdauen?« »Wohl möglich. Aber was hilft mir das?« erwiderte sie rasch und unerschrocken. »Vielleicht taug' ich überhaupt nicht zum vielen Lesen. Früher – daheim, in unserer kleinen Stadt, haben wir gar nichts gelesen. Und damals hab' ich alles viel besser verstanden als jetzt. Und war nie ratlos. Ich wußte immer, was ich zu tun hatte. Und wenn ich einmal traurig war, so wurde ich auch wieder froh, ohne so hart zu kämpfen und nachzudenken.« Wider Willen fühlte der Oberlehrer, daß in diesen Worten, die er im stillen ein kindisches Geschwätz nannte, doch etwas lag, das ihn rührte. »Wird's dir denn so schwer, klar und geordnet zu denken?« sagte er lächelnd. Liese merkte wohl seine Ironie, ließ sich aber nicht stören. Den ganzen Abend hatte sie hierüber nachgedacht – jetzt mußte es heraus, mochte es kosten, was es wolle. »Ja, vielleicht fehlt's mir eben gerade daran«, sagte sie und lachte, daß ihre weißen, ebenmäßigen Zähne aufblitzten. »Vielleicht denk' ich zuwenig? Aber du, Ake? Denkst du nicht zuviel?« »Das werd ich mir wohl schwerlich abgewöhnen können!« Des Oberlehrers Stimme klang etwas gereizt. »Könntest du's nicht einmal versuchen? Ich würde dich dann so viel besser verstehen!« Er legte seine Pfeife weg, und, sich im Sessel zurechtsetzend, sagte er: »Heut' haben wir uns wegen Folke gezankt. Glaubst du, solche Streitigkeiten kommen davon her, daß man zuwenig oder zuviel denkt?« Er setzte dabei eine überlegene, gereizte Miene auf, die ihm schlecht stand. Frau Liese sah es. »Wenn ich ganz gewiß wüßte, daß du nicht böse wirst, möcht' ich dir sagen, was ich heut' gedacht habe«, sagte sie mit einem ängstlichen Blick auf den Mann. Und als er ihr mit den Augen antwortete, fuhr sie fort: »Als du damals Folke zu dir nahmst, Ake – war das da wirklich etwas, was du selber so recht wolltest?« »Wie meinst du das?« »Ich meine, war es nicht eigentlich etwas, was du dir – angelesen hattest? Du tatest es, weil du glaubtest, es sei deine Pflicht, und weil es in deinen eigenen Augen etwas Schönes war. Du glaubtest, du müßtest es tun – aber du selber wolltest es eigentlich gar nicht so recht.« Der Oberlehrer wollte sie unterbrechen, aber sie fuhr fort: »Oft ist es mir so vorgekommen, und darum hab' ich mich auch nie damit abfinden können, wie mit etwas völlig Natürlichem.« Jetzt wurde der Oberlehrer ganz ernstlich böse. Daß seine Frau einen Zweifel in die Aufrichtigkeit einer Überzeugung setzte, die durchzuführen ihn gar nicht wenig gekostet hatte, verwundete ihn an seiner empfindlichsten Stelle; er erwiderte scharf: »Hast du vergessen, was mich das dereinst gekostet hat?« »Daß man dich in der Rektoratsbesetzung übergangen hat?« sagte Frau Liese. »Ja – übergangen, aus lumpigen, konventionellen Rücksichten, weil ich ganz einfach meine Pflicht tat.« Des Oberlehrers Stirn zog sich zusammen, und zwischen den Augen zeichnete sich ein scharfer, senkrechter Strich ab. »So hab' ich das nicht gemeint«, fiel Frau Liese ängstlich ein. »So gar nicht.« Ihr Gedankengang war mit einem Male gestört, umgestürzt von dieser unbeweglichen Logik, gegen die sie sich nicht verteidigen konnte. Und in dem Gefühl, ihrem Mann, ohne es zu wollen, unrecht getan zu haben, sagte sie: »Jetzt bist du doch böse.« »Gewiß nicht«, erwiderte der Oberlehrer und strich seiner Frau über das schöne Haar. Und bei sich dachte er über das große Unglück ihrer Ehe nach: daß sie keine Kinder hatten. Sonst, dachte er, wäre wahrscheinlich alles anders. Er hätte seine Frau gern gefragt, ob sie sich noch immer darüber gräme, wie sie es – das wußte er – früher getan hatte. Aber er getraute sich nicht. »Es ist spät«, sagte er. »Schon viel zu spät, Liese!« Und zusammen und doch so tief getrennt durch Neigung, Ansichten und Natur gingen die Gatten durch die dunkeln Zimmer zur Ruhe. Viertes Kapitel Auch Oskar Steinert wachte in dieser Nacht. Eine schwere Studierlampe stand dicht vor ihm, hinter ihm ein aufgebetteter Schlafdiwan, der aufs Geratewohl hingestellt schien, damit der arbeitende Mann doch wenigstens gegen Morgen ein paar Stunden Ruhe finden sollte. Er schrieb auf einen großen Bogen Papier, der sich langsam mit kleinen, nervösen, meist halb unleserlichen Buchstaben füllte. Die Rollgardinen waren aufgezogen, so daß das Dämmer der Mainacht hereinschien und sich gegen den Lampenschein brach. Von dem Platz aus, an dem Steinert saß, konnte er den weiten Waldsaum vor dem Valhallaweg überblicken, und wenn er aufstand, hatte er vor sich den Exerzierplatz, unendlich, stumm, düster, im Halbdunkel einer wilden, öden Heide ähnlich. In rasender Eile kratzte die Feder übers Papier, Seite um Seite füllend. Auf dem Gesicht des Schreibenden lag ein gespannter, angestrengter Ausdruck, und während er ganz mechanisch die Gedanken und Sätze formte, deren unfehlbare Sicherheit berühmt war, und die dazu bestimmt waren, am nächsten Tag einen Menschen zu vernichten, beschäftigte sein Gehirn sich inzwischen mit ganz andern Dingen. Oskar Steinert war über sich selbst erbittert. »Warum hab' ich mich dem Mann überhaupt genähert?« dachte er. »Was geht er mich an? Wozu dient es, alles, was doch tot ist und nie wiederkehrt, aufs neue zum Leben zu erwecken? Kann ich ihm sagen, was für ein entsetzlicher Fiebertraum mein Leben schon lang ist? Und wenn ich das nicht kann – was will ich dann von ihm? Ihn daran erinnern, daß der tote Oskar Steinert noch immer lebt?« Mit einer raschen Bewegung zog er seine Uhr, fand, daß es schon über zwei war und wollte sie eben wieder einstecken, als die Tür vorsichtig aufging und ein junges Weib eintrat. Sie war von kleinem Wuchs und bewegte sich mit der sicheren Ruhe, die Krankenpflegerinnen eigen ist. Auf dem Kopf trug sie das weiße Häubchen des Roten Kreuzes; und als sie vor dem Schreibtisch stand, wirkten ihre klugen, freundlichen Augen auf den überanstrengten Mann fast wie eine beruhigende Arznei. Seine Miene erhellte sich augenblicklich. Aber als er auf eine unausgesprochene Frage eine ungünstige Antwort zu erhalten schien, verdüsterte sich sein Antlitz wieder zu einem unheimlich gequälten Ausdruck. »Die gnädige Frau läßt bitten, ob der Herr Rechtsanwalt nicht zu ihr kommen möchte.« Steinert machte eine Gebärde hoffnungsloser Müdigkeit und warf einen verzweifelten Blick auf die halbfertige Arbeit auf dem Schreibtisch. »Eigentlich wär's dringend nötig, daß ich mich jetzt legte, Schwester Emma«, sagte er. »Die gnädige Frau ist so außergewöhnlich unruhig heut' nacht«, lautete die Erwiderung. »Ich kann sie gar nicht zum Einschlafen bringen.« Ohne ein weiteres Wort erhob sich der Rechtsanwalt und ging mit der Krankenschwester. Und wieder sah es aus, als wäre ein ganz neuer Mensch in dem seltsamen Mann erwacht. Seine Schritte waren kaum hörbar, seine sonst so nervösen, unbeherrschten Bewegungen waren ruhig und sicher, und als er ins Schlafzimmer trat, trug sein Gesicht einen Ausdruck von Weichheit und beherrschter Kraft, den nur wenige kannten an diesem Mann, der bei allen, die mit ihm in Berührung kamen, für sein unruhiges Wesen und eine gewisse Unbeherrschtheit der Laune, die die meisten von ihm zurückschreckten, bekannt war. Oskar Steinert stand auf der Stelle, die für ihn alles auf der Welt bedeutete, der Stelle, an die er mit unzerreißbaren Banden gebunden war, vor der alles andere in seinem Leben hatte weichen und in den Schatten treten müssen. Das Gesicht, das sich jetzt aus den Kissen nach ihm emporwandte, war wachsbleich; die kleinen Augen mit ihrer unbestimmbaren Farbe brannten in fieberischer Glut. Alles war hell in diesem Gesicht, dem der kleine Mund etwas Kindliches gab und in dem das Fehlen deutlich gezeichneter Augenbrauen den Ausdruck gleichsam verwischte. Die Augen glühten angstvoll und bittend. Als der Blick des Mannes sich in sie versenkte, sah er dort das Schicksal, durch das er gebunden war. »Liebe Ellen!« sagte Steinert weich. Er bückte sich und küßte die blassen Lippen. »Es ist so schwer heut' nacht«, flüsterte die Frau. »Ich kann nicht allein sein. Schwester Emma ist so hart zu mir!« Der Rechtsanwalt sah sich rasch um und merkte, daß sie beide allein waren. »Sie ist fortgegangen«, fuhr die Kranke fort. »Sie geht immer, wenn du kommst. Schlafen die Kinder?« Sie warf ihrem Mann einen Blick zu, als drohe irgendeine Gefahr. »Ja, ja«, sagte er hastig. »Sie schlafen alle beide. Robin ist mit mir spazieren gewesen, und als wir heimkamen, hab' ich ihm und Ebba Märchen erzählt, bis sie zu Bett gingen.« Der Rechtsanwalt schloß einen Moment die Augen. Es quälte ihn, daß er seiner Frau etwas vorlügen mußte; aber er wußte, es war nötig. Er mußte ausgehen, fort sein, sich betäuben. Sonst hielt er dies Leben nicht aus, das, mit kurzen Pausen, schon jahrelang währte. Darum fuhr er fort, ihr vorzudichten wie einem Kind. Mit sanfter Stimme, als erzähle er ihr Märchen, sprach er von sich und den Kindern, was Robin gesehen und gesagt, wie Ebba gespielt und von Mama gesprochen hatte, die bald wieder gesund sein würde. Er war unermüdlich im Erfinden von Einzelheiten, und während er so sprach, lag die Kranke ganz ruhig und lauschte seinen Worten mit einem schwachen, verträumten Lächeln. Als er verstummte, sagte sie: »Es ist so schwer gewesen heut' nacht. Ich wachte auf und glaubte, du seist tot und niemand kümmere sich um mich. Und dann hab' ich etwas gesehen ...« Ihr Gesicht verzerrte sich in der Erinnerung; sie zog mit beiden Händen den Kopf des Mannes an ihren Mund herab, so daß sie es ihm zuflüstern konnte: »Ich habe Ihn gesehen!« »Wen?« »Ihn. Du weißt schon. Ihn – ich hab' dir ja von ihm erzählt. Die Schwester war fortgegangen und hatte mich allein gelassen. Da kam er. Er brauchte gar nicht die Tür zu öffnen. Er kam so. Er besucht mich, wenn ich allein bin. Er legte seinen Hut auf den Stuhl dort und stellte sich unten ans Bett. Und dann fing er an zu sprechen. Er sprach schlecht von dir, sagte, du würdest mich verlassen und nie mehr zurückkommen. Ich wäre dir eine Last, sagte er, und wenn die Last zu schwer würde, so würfen die Menschen sie von sich. Er hat ein Parfüm an sich, das nach Heu riecht. Ich kannte es wohl. Es war das gleiche, das du hattest – früher, als ich noch jung war und glücklich – ach, so glücklich! Und dann sah ich – der da saß, das warst ja du selber. Du warst es – du standest da und sahst mich an mit kalten Augen und sagtest, du würdest fortgehen und nie wiederkommen. »Du gehst doch nie fort von mir? Nie?« schloß sie. »Nie, Kleinchen, nie!« Die ganze Zeit, solange sie sprach, saß Steinert ganz still, ließ die Kranke reden und streichelte bloß ihre weiße, schmale Hand, die er zwischen den seinen hielt. Ihn fröstelte vor Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit und Grauen, aber er dachte nur immer an das Glück, das so jäh zerbrochen war, als die Krankheit ihr Heim überfallen hatte, an das Glück, das wiederkehren würde, wenn der böse Traum, in dem sie jetzt lebten, entschwunden und sie beide wieder miteinander zum Leben erwacht sein würden. Als seine Frau schwieg, begann er ruhig, als habe er nichts gehört, wieder zu reden, wahrend er die ganze Zeit über fortfuhr, die weiße Hand zu streicheln, die unbeweglich zwischen den seinen lag. Er wußte längst nicht mehr, was er sprach. Aber die Worte flossen ihm in einem unversiegbaren Strom von den Lippen. Er dichtete, erfand, log, erzählte von sich und den Kindern, von den Kindern und sich, bis sich die Augen der kranken Frau schlossen und die Angst in ihrem Antlitz einschlief und still ward. Dann machte er sich sachte los von der kleinen Hand, die zwischen seinen beiden Händen lag, ging zum Toilettentisch und öffnete eine Schieblade; er suchte nach einem Gegenstand, mit dem er sich eifrig, gebückt, im Dämmerlicht beschäftigte. Darauf kehrte er ans Bett zurück, entblößte das eine Bein seiner Frau, führte mit raschem und sicherem Stich die Morphiumspritze unter die Haut ein und drückte zu. Einen Augenblick lang verzog sich das Gesicht der Kranken im Schmerz, aber bald nahmen die Züge ihre empfindungslose Ruhe wieder an. Und schließlich ging ein Schimmer von Glück über das blasse Antlitz auf den Kissen. »Danke!« klang es von den schon halbschlummernden Lippen; und sie schlief ein. Der Rechtsanwalt richtete sich auf und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Jetzt muß ich schlafen«, dachte er. »Auch ich muß schlafen!« Nachdem er noch der Krankenwärterin, die im Lehnsessel vor der Tür schlummerte, ein paar Worte gesagt hatte, ging er durch die dunklen Zimmer und verschwand in der Speisekammer. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, hatte er eine Flasche Pilsner in der Hand, die er gleich darauf hastig leerte. Müde, matt saß er in seinem Sessel vor dem Schreibtisch, außerstande zu denken oder sich zu bewegen. Er sah aus wie ein gebrochener Mann. Eine Weile darauf raste die Feder wieder über die großen Papierbogen. Als der Rechtsanwalt endlich todmüde zusammensank, ging die Uhr auf vier. Fünftes Kapitel Früh am nächsten Morgen saß der Rechtsanwalt Oskar Steinert am Frühstückstisch. Robin war schon in der Schule, und Ebba stand noch im Vorzimmer, eifrig, mit roten Wangen, in einem Frühjahrsmantel, den sie am Tag zuvor erhalten hatte. Auf raschen, eifrigen Füßen kam sie herein, um sich bewundern zu lassen. Steinert tat, als sähe er nichts. Ernsthaft klopfte er die Schale von seinem Ei, ernsthaft strich er sich die Butter aufs Brot und band sich die Serviette vor. »Geh jetzt«, sagte er, ohne aufzublicken. »Du kommst zu spät in die Schule.« »Siehst du mich denn gar nicht an vorher?« erwiderte ein ungeduldiges Stimmchen. »Ansehen? Was soll ich denn ansehen?« Steinert machte große Augen. »Ach so – du hast einen neuen Mantel an! Das hab' ich nicht gewußt!« Das Mädchen lachte laut. »Du hast's die ganze Zeit über gewußt«, sagte sie. »Du glaubst bloß, du könntest mich zum besten haben! Aber das kannst du nicht!« Steinert bewunderte den Mantel, wie sich's die Tochter wünschte, und glaubte, jetzt würde das Kind gehen. Er fühlte sich müde, gequält, wünschte allein zu sein, um die unnatürliche Spannung, in der er sich befand, sobald er scherzen und mit seinen Kindern heiter sein mußte, loszuwerden. Keine Pflicht wurde ihm so schwer. Aber Ebba zögerte noch immer, als wolle sie etwas sagen, und ihr Blick wurde ernst. »Was willst du?« fragte er schließlich, um dem Kind zu helfen und die Unterhaltung so bald als möglich zu beenden. »Von wem hat Mama heute nacht geredet?« sagte das Kind. Oskar Steinert fuhr zusammen. In ihm ward alles leer, dunkel, kalt. Trotzdem zwang er sich zu einem Lächeln. »Mein Mädelchen hat wohl geträumt!« sagte er und strich der Kleinen über die Wangen. Sie wurde eifrig; ihr Gesicht rötete sich. »Nein«, sagte sie sehr bestimmt. »Ich weiß recht gut, daß ich wach war. Die Tür stand ein bißchen offen, und ich weiß, ich sah das Licht durch den Spalt. Ich hörte, daß du bei Mama warst, und daß sie Angst hatte vor jemand, den sie gesehen hatte.« »Mama ist krank, das weißt du doch!« sagte der Vater ausweichend, indem er die Kleine an sich zog und liebkoste. »Denk nicht mehr an das, was du gehört hast. Mama ist bald wieder gesund.« Die Kleine stand so, daß der Vater ihr Gesicht nicht sehen konnte. Es war plötzlich ernsthaft und frühreif geworden. Ohne des Vaters Liebkosungen zu erwidern, stand sie ganz still, als wäre der zarte kleine Körper plötzlich erstarrt, und in ihre kindlichen Züge kam ein Ausdruck von Bitterkeit und Trotz. »Ich hab' doch gehört, was Mama sagte und was du geantwortet hast«, gab sie zurück. »Warum willst du mir denn nicht helfen, wenn ich doch nichts verstehe?« Der Rechtsanwalt ließ seine kleine Tochter los und stützte den Kopf in die Hand. »Ich kann nicht mehr!« dachte er. »Ich kann nicht länger die Lasten aller tragen, all das, was um mich her in Stücke geht, für alle sorgen, für alle arbeiten – arbeiten – arbeiten – und doch nur immer neue Abgründe finden!« Die Kleine sah, daß der Vater litt. Instinktiv ahnend, was ihn beschäftigte, beugte sie sich vor und sagte: »Es ist ja gar nicht so schlimm – wenn du mir nur sagen wolltest, wie es ist!« Oskar Steinert blickte verwirrt auf. Sollte er sich einem Kind anvertrauen? Er, der sich eigentlich nie einem Menschen anvertraut hatte? Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nie in den Sinn gekommen. Und er errötete darüber, daß er die Tochter hatte Zeuge der Gemütsbewegung werden lassen, die ihn erfüllte. Er war müde bis in die tiefste Seele und fühlte, daß seine Selbstbeherrschung nahe daran war, ihn zu verlassen. »Ein andermal«, sagte er mühsam. »Jetzt mußt du in die Schule und ich aufs Gericht.« Ohne ein weiteres Wort ging das Kind. Und Oskar Steinert merkte, daß er, ohne es zu wollen, seine Tochter von sich gestoßen hatte. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Nur ein Gedanke beherrschte ihn. »Das Kind weiß alles!« dachte er. »Und das kann ein Kind nicht tragen. Die Kinder müssen gerettet werden – um jeden Preis!« Ihm schien, das war das Allerärgste, daß ihn überhaupt betroffen hatte – daß das Kind alles wußte. Daß sein eignes Glück drauf und dran war, für immer zu zerbrechen, das erschien ihm fast wie nichts im Vergleich mit diesem neuen Unglück, das er ahnte und das seine Phantasie ihm noch vergrößerte. Er malte sich aus, wie die Kleine das, was sie gehört hatte, dem Bruder erzählen würde. Robin, der frühreif und nervös war, würde dadurch noch viel mehr erschüttert werden als die Schwester. Er war ja auch älter – im nächsten Herbst schon vierzehn. Und würde darum mehr verstehen und mehr leiden. Als ob ein Wirbel ihn zu erfassen, ihn um und um zu drehen und zu ersticken drohe, so war dem Rechtsanwalt zumute. Gedankenvoll saß er noch immer vor dem Frühstückstisch. Auf dem Fußboden vor ihm spielte der Sonnenschein, durchs Fenster schien der klarblaue Himmel. Aus der Küche hörte man das Geräusch von Stimmen. »Wer ist denn da?« dachte er. »Kein Mensch sieht nach dem Haushalt, kein Mensch außer mir!« Im Schlafzimmer war alles still. Er wußte, seine Frau würde jetzt bis gegen Mittag schlafen. Zu ihr zu gehen getraute er sich nicht, – hatte auch gar nicht den Wunsch. Mechanisch suchte er die Papiere zusammen, die er in der Nacht beschrieben hatte, und verließ das Haus. Mechanisch zog er seine Handschuhe an, mechanisch beantwortete er den Gruß der Vorübergehenden. Und die ganze Zeit wühlte in ihm der eine Gedanke, daß jetzt noch ein weiteres Unglück über ihn hereingebrochen war, und daß er seine Kinder schützen müsse. »Warum bin ich gestern ausgegangen?« dachte er. »Hätt' ich ausgeschlafen, so wär' ich heute weniger müde!« Und er wußte doch nur zu gut, weshalb er ausgegangen war. Die Furcht vor daheim hatte ihn hinausgeschreckt, wie schon so oft. Wäre er zu Hause geblieben – er hätte sich ja doch bloß eingeschlossen, wäre ziellos, gedankenlos im Zimmer auf und ab gegangen, hätte unter dem Vorwand der Arbeit alles von sich gewiesen ... Der Rechtsanwalt ist bei seinem Bureau angelangt. Während er sich auf einem Seitengang, den nur die Eingeweihten kennen, nach seinem Sprechzimmer begibt, sieht er schon vom Vorraum aus, daß das Wartezimmer ganz voll ist. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Haufen Zeitungen und Briefe, in denen er zu blättern beginnt. Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, und indem er hastig die Briefe sortiert, überläßt er die Mehrzahl derselben dem Diener; dieser überbringt sie dem Notar, der in einem kleinen Zimmer nach dem Hof hinaus sitzt und heimlich eine Zigarette raucht. Nur einen Brief behält der Rechtsanwalt zurück und öffnet ihn hastig. Er ist in einer fließenden, klaren Damenhandschrift geschrieben; der Inhalt lautet: Stockholm, 1. Mai. Lieber Oskar! Ich hab' Dich heute gesehen, ohne daß Du es merktest. Du gingst mit Oberlehrer Hjälm und warst so eifrig im Gespräch, daß Du weder rechts noch links sahst. In Deinem Aussehen lag etwas so Absonderliches, daß ich Dich seither gar nicht mehr aus meinen Gedanken loswerde. Deshalb schreib' ich noch heute abend diese Zeilen. Morgen könntest Du wohl einmal nach mir sehen. Es ist Dir doch nichts Besonderes zugestoßen? Deine Freundin Tora Ljung. Gedankenvoll steckte der Rechtsanwalt das Briefchen in die Brusttasche. Einen Augenblick sah es aus, als fühle er sich durch diese wenigen Worte erleichtert. Aber das dauerte nicht lange. Wieder verdüstert sich sein Blick und das schwermütige Gesicht wird starr. Gleich darauf beginnt die Sprechstunde. Männer und Frauen lösen einander ab. Da kommt ein Gutsbesitzer, der um eines Prozesses willen nach Stockholm gekommen ist. Es handelt sich um ein Geschäft mit England, das sich endlos lang hinzieht, weil der Gegner die Annahme der Ware verweigert und die schwedischen und englischen Sachverständigen sich nicht einigen können. Dann kommt eine verheiratete Frau, die geschieden sein will. Kleiderraschelnd, aufgeregt tritt sie ein und erfüllt über eine halbe Stunde lang das Zimmer mit ihren Klagen, erzählt in vorurteilsfreister Weise die unglaublichsten Details, während die Federn auf ihrem Hut vor Erregung zittern. Nach ihr kommt ein ruhiger Mann mit abgetragenem Rock und mit verhärmtem Gesicht. Er ist ein Erfinder; leider fehlen ihm die Mittel zu dem Modell, das ihn zum Millionär machen soll. All seine Bewegungen sind voll unaussprechlicher Würde. Nur seine Augen glühen in der unbeherrschten Kampflust des Monomanen, der gegen die ganze Welt angeht, die ihn zu Boden drückt und durch ihren Mangel an Verständnis für das Genie, durch ihre hartherzige Kritik ihn auf allen Seiten hindert und einengt. Es ist, als wäre alles Unglück und alle Unglücklichen der ganzen Welt heute versammelt in diesem Zimmer mit seinem großen amerikanischen Schreibtisch in der Mitte und den steilen Lederstühlen um den runden Lesetisch, über dem auf ihrem messingenen Fuß hell die elektrische Lampe glänzt. Der Rechtsanwalt fertigt sie alle ab; und nichts von allem, was er da hört, stört die Kühle seiner geschäftsmäßigen Stimme und die Beherrschtheit seiner gemessenen Bewegungen. Nichts von allem, was er da hört, dringt weiter als bis zu seinem Ohr. Sein Herz bleibt unberührt. Bei allem, was er hört, denkt er nur: »Was ist das eigentlich alles? Um was streiten denn eigentlich die Menschen?« Das Grauen vor dem Leben, das ihn erfüllt, entfremdet ihn den Leiden anderer. Er kommt sich fast vor wie das Opfer eines bösen Traums, in dem er, der Unglücklichste der Unglücklichen, die das Unheil nicht vom eigenen Heim fernhalten können, dazu verdammt ist, stillzusitzen und zu fühlen, wie jeder, der vorübergeht, eine schwere Last von den eigenen Schultern hebt, um sie auf die seinen abzuladen. Plötzlich springt in seinen Augen ein Funke auf; mit einem Ausdruck, der fast aussieht wie Interesse, beugt er sich über den Schreibtisch und sagt zum letzten der Klienten: »Wie war das? Wollen Sie es mir noch einmal erzählen! Ich bin etwas zerstreut heute!« Der Angeredete ist ein gutgekleideter Arbeiter mit energischen, intelligenten Zügen und offenem, ein bißchen scharfem Gesicht. Er sieht verwundert aus. »Haben der Herr Rechtsanwalt nicht zugehört?« sagt er. »Doch, doch«, erwidert Steinert hastig. »Ich möchte bloß die Einzelheiten noch einmal hören.« Der Arbeiter sieht aus, als füge er sich diesem Verlangen bloß, um seiner Sache nicht zu schaden, und beginnt seinen Bericht von vorn. »Ich wohne draußen am Hammarby-See«, sagt er, »oder wenigstens in der Nähe. Vor ein paar Tagen erwachten meine Frau und ich davon, daß jemand draußen ans Fenster klopfte. Es war dunkel und regnerisch, und meine Frau bat mich, lieber nicht hinauszugehen. Es streichen so viele Vagabunden herum, und es hätte gefährlich sein können.« »Und da stand sie vor dem Fenster?« Der Rechtsanwalt merkte auf einmal, daß er des anderen Worte doch gehört haben mußte; denn nun der Mann sie wiederholte, erkannte er sie wieder. Der Arbeiter sah bei dieser Unterbrechung noch verwunderter aus als zuvor, fuhr aber fort: »Ja – da stand sie – und das Kind hatte sie auf dem Arm. Sie sagte, sie habe sich verirrt, und bat, wir sollten sie für die Nacht da behalten. So kam sie zu uns. Wer sie eigentlich war und was sie wollte, davon sagte sie nichts, und wir mochten sie nicht fragen. Am nächsten Tag ging sie fort und bat uns, wir möchten nach dem Kind sehen. Das tat meine Frau auch; und am Abend kam sie zurück. Sie setzte sich mit dem Kind in eine Ecke und weinte. Erzählen tat sie nichts. Es war ein trauriger Anblick. Darum mochten wir sie auch nicht auffordern zu gehen. Und so kam es, daß sie eben bei uns blieb. Jeden Morgen ging sie fort, und jeden Abend kam sie zurück. Wir dachten, sie ginge aus, um Arbeit zu suchen. Später freilich dachten wir's uns, daß sie etwas ganz anderes suchte! – Ich glaube, ich weiß auch, wer der Vater des Kindes ist. Natürlich so ein Schuft, der sie verführt und sie dann im Stich gelassen hat!« »Warum glauben Sie das?« »Nun – weil Kameraden von mir sie gesehen haben; und einmal habe ich sie auch selber gesehen. Sie lief auf den Straßen herum und in den Fabriken, überall fragte sie nach Arbeit. Aber sie hörte gar nicht auf die Antwort, die man ihr gab. Sie wollte bloß in die Werkstätten und durch die Säle gehen. Da sah sie sich um, wie wenn sie nach jemand ganz Besonderem suchte, und ging dann fort, ohne überhaupt auf Antwort zu warten.« »Woher wissen Sie denn das alles?« »Ich habe nachgefragt. Gestern kam sie früher als sonst heim zu uns, bedankte sich vielmals bei meiner Frau und sagte, sie wolle jetzt gehen. Na – kurz und gut – sie ging – und kurz darauf hat man sie aus dem See gezogen. Sie lebte, aber das Kind war tot. Sie hatte sich und das Kind umbringen wollen.« Der Arbeiter schwieg eine Weile. Dann sagte er nachdenklich – und es lag ein Klang in seiner Stimme, als spräche er zu mehr Zuhörern als dem einen: »Sie sagen, sie sei wegen Mordes angeklagt. Ist denn so was möglich?« »Möglich schon«, erwiderte Steinert. »Wissen Sie, wie sie den gestrigen Tag zubrachte?« »Ich weiß nur, daß man sie im Arbeiterzug gesehen hat.« Dem Rechtsanwalt fällt die Frau ein, die er an der Leiche des erschossenen Arbeiters gesehen hat; unwillkürlich bringt er ihr Bild in Verbindung mit dem eben Gehörten. Ihm deucht, jetzt habe er die Erklärung für den Gesichtsausdruck, über den er und Hjälm gestern gestritten haben. Vielleicht noch während sie davon sprachen, war es geschehen. Er zögerte einen Augenblick. Dann sagte er: »Wissen Sie, ob ... der Vater des Kindes lebt?« »Lebt?« erwiderte der Arbeiter verblüfft. »Doch – sicher lebt er. Es handelt sich bloß darum, ob sie ihn angeben will oder nicht. Ich glaub's nicht, daß sie's tun wird. Vielleicht mag sie ihn zu gern – mag ihm nicht schaden. Das kommt vor.« »Also doch!« dachte der Rechtsanwalt. »Sie stand vor der Leiche eines Menschen, von dem sie weiter nichts wußte, als daß er ein Bruder in Not war. Und das hat ihre Verzweiflung vertausendfacht. Oder auch hat sie schon immerwährend daran gedacht. Und als sie vor der vollendeten Tatsache stand, dachte sie vielleicht: ›schwerer ist's nicht?‹ Und dann ist sie ihm gefolgt. Und ich?« denkt er weiter. Er muß sich Gewalt antun, um nicht vor diesem Unbekannten, der gar nichts von ihm weiß, zusammenzubrechen. Es kommt dem Rechtsanwalt plötzlich wie eine grausame Komödie vor, daß er dasitzen und über etwas reden soll, was ihm so fremd ist – so weit weg. Aber er beherrscht sich und fragt: »Wo ist die Frau jetzt?« »Bei mir«, erwiderte der Arbeiter. »Sie ist zu krank zum Fortschaffen. Wenn sie wieder kräftig genug ist, wird die Polizei die Sache schon in die Hand nehmen.« »Und was möchten Sie nun eigentlich von mir?« »Wir dachten, der Herr Rechtsanwalt würde sich der Frau gewiß annehmen und ihr helfen, daß sie nicht wegen Mordes verurteilt wird.« »Wer, ›wir‹?« Das Wort kam heiser und hart. Der Arbeiter merkte es wohl; ohne die Ursache zu verstehen, antwortete er einfach: »Wir alle, die wir die Sache besprochen haben.« Das kleine Wort »wir«, das der Arbeiter aussprach, hatte eine seltsame Wirkung; es traf den Rechtsanwalt an einem verwundbaren Punkt. Mehr als einmal war er schon auf dies Wort gestoßen. Wo er sich hinwandte, begegnete er ihm. Dies Wörtchen »wir«, als Stütze für eine Ansicht, ein Streben ausgesprochen, war für ihn zum Sklavenmal geworden, das die Geister in Fesseln schlug und freie Männer in die Zwangsjacke der Parteien knechtete. Dies Wörtchen »wir« hatte ihn selbst dereinst losgelöst, ihn so einsam gemacht, wie er sich jetzt fühlte und war. Dies seltsame Wort, das die Menschen stark oder schwach macht, je nachdem es angewandt wird, war ihm zum roten Tuch geworden, das sein Blut unfehlbar in Wallung versetzte. Er sah den Arbeiter, dessen Augen fest, mit einer brennenden Frage, auf die seinen gerichtet waren, gereizt an; in diesem Augenblick war er so unempfindlich für alles, außer für das, was ihn selber anging, daß der Mann, den er da vor sich sah, ihm nicht mehr ein Bruder war, dessen Hand die seine suchte, sondern ein Gläubiger, der mit harten und ungerechten Forderungen kam. »Nicht jetzt!« dachte er. »Nicht jetzt! Daß der Mensch nicht begreift, daß ich ganz einfach nicht kann !« Er biß die Zähne zusammen, um den Schmerz zu ersticken, der übermächtig in ihm zu werden drohte, beugte sich zu dem Mann, der neben dem Schreibtisch saß, vor und sagte hart: »Glauben Sie, ich könne das schwedische Gesetz umschaffen? Das Gesetz sagt: wer vorsätzlich den Tod eines andern verursacht, begeht Mord. Was glauben Sie, daß ich dabei tun kann?« »Wir dachten, der Herr Rechtsanwalt könnte uns vielleicht helfen nach mildernden Umständen suchen und die Sache so hinstellen, daß der Frau geholfen wird.« Oskar Steinert antwortete: »Wenn Sie mir sagen, daß das Gesetz verbessert werden müßte, damit ein Fall wie dieser überhaupt nicht mehr in Frage kommen kann, so haben Sie ganz recht. Ganz unbestritten. Was Sie mir da erzählen, ist himmelschreiend. Hören Sie – ich wiederhole es: himmelschreiend. Die Frau wird wegen Mords verurteilt. Ins Zuchthaus kommen. Und ist doch nichts als eine Unglückliche, die die Gesellschaft übervorteilt hat. Es ist heutzutage nicht mehr Mode, von einer Schuld der Gesellschaft zu sprechen. Aber da ist sie doch. Und das schlimmste dabei ist – ich kann gar nichts tun. Wir können nicht darauf warten, daß das Gesetz geändert wird. Und vorher kann da kein Mensch etwas tun.« Das Gesicht des Arbeiters verfinsterte sich. Die Kluft zwischen den Klassen fiel ihm wieder ein und weckte den Stolz, der aus jahrhundertelangem Mißtrauen und Fremdsein der Menschen untereinander geboren ist. »Dann muß ich es eben der Frau sagen,« erwiderte er, »daß ihr niemand helfen mag. Und den Kameraden auch«, fügte er hinzu. Als wären diese Worte überhaupt nicht gesprochen, so unberührt saß Oskar Steinert da. Er hatte die unklare Empfindung, als habe ihn jemand tief verwundet und als müsse einst – später -, wenn er aus der Betäubung, die ihn jetzt beherrschte, erwacht war, die Wunde zu brennen anfangen. Aber er vermochte sich nicht gegen den Angriff, der sich in diesen Worten auf ihn richtete, zu wehren. Als habe er nichts gehört, saß er ruhig auf seinem Platz. Tiefer und tiefer sank das Gift in den Worten des andern in sein Innerstes. Aber was bedeutete schließlich das alles? Was ging ihn der Mann an, der da saß? Was hatte er zu schaffen mit der Frau, der dieser fremde Mann das Wort redete? Was gingen ihn überhaupt andre Menschen, ihr Wohl und Wehe an? Hatte er nicht etwas mit sich herumzuschleppen, das weit schlimmer war? Trug er nicht Trauer um zwei Kinder, die niemand ihm retten helfen wollte? Daß sein eigenes Schicksal ihn so ganz beherrschte, daß es das anderer mit sich riß und über sie hinwegschritt, sie zertrat, wie – seit die ersten Lebenswogen hoch gegeneinander aufschwollen – ein Menschenschicksal das andere zertritt, das merkte er gar nicht mehr; oder wenn er es merkte, war es ihm so gleichgültig, daß es an ihm vorüberglitt. Oskar Steinert war hart in diesem Augenblick, und doch hatte er das dumpfe Gefühl, wenn er nur weich werden, nur die Hand nach Menschen ausstrecken, den Ruß verjagen könnte, der sich über seine Seele legte und ihn isolierte, so wäre er gerettet gewesen. Er war in einem entsetzlichen innerlichen Aufruhr; ihm war, als müsse er aufspringen, den Mann an der Gurgel packen, ihn schütteln, ihm ins Ohr schreien: »Ich bin ein Mensch wie du! Ich trage an mir selber schwer genug! Wie darfst du's wagen, zu einem andern zu kommen und zu sagen: ›hilf mir!‹ Gibt es auch nur ein einziges lebendes Wesen, das imstande ist, auch nur sich selber zu helfen?« Mit letzter Aufbietung all seiner Kräfte, seines Selbsterhaltungstriebes und der Beherrschtheit, die im Notfall erregte Menschen so eiskalt macht, sagte er: »Ich kann mich einer verlorenen Sache nicht annehmen.« Der Arbeiter stand vor ihm. Daß er zu einer unglücklichen Stunde gekommen war, begriff er natürlich nicht. Er fühlte nur die Kälte, die ihm aus den Worten und dem ganzen Wesen des Rechtsanwalts entgegenströmte; und ihn erbitterte der Gedanke, daß der Arme immer unrecht haben soll. »Die Kameraden und ich sind gern bereit, den Herrn Rechtsanwalt zu bezahlen«, sagte er trocken. Oskar Steinert fuhr auf, wie von einem Hieb getroffen. »Wer hat von Bezahlung gesprochen?« rief er außer sich. »Bin ich einer, der sich für Wohltaten bezahlen läßt? Gehen Sie, Mann, und lassen Sie mich in Frieden!« Der Arbeiter bewahrte auch jetzt noch seine Fassung. Ruhig erwiderte er: »Ich verlange keine Wohltaten, sondern Gerechtigkeit. Und auch die hab' ich nicht umsonst verlangt.« Damit ging er. Einsam bleibt der Rechtsanwalt zurück. Er fühlt, wie ihn ein Schüttelfrost um den andern packt. Er weiß, er hat eine schlechte Handlung begangen. Aber das stört ihn nicht. Ohne mit der Wimper zu zucken, empfängt er die paar Klienten, die noch kommen. Als er ganz allein ist, kehrt ihm eine Art Gleichgewicht zurück, freilich nur ein scheinbares, eine Ruhe, die ihn instand setzt zu sprechen, zu handeln, zu denken, ohne sich zu verraten. Die Entdeckung, die er am Morgen gemacht hat, läßt ihm keine Ruhe. Die ganze Zeit verfolgt ihn die Angst, es könne während seiner Abwesenheit etwas geschehen, etwas, das all sein Streben zunichte macht. Er geht hinunter, setzt sich in eine Droschke und fährt nach dem Valhallaweg; unter dem Arm hat er die schwarze Mappe mit vollgeschriebenen Papieren. Oskar Steinert weiß, jetzt sind die Kinder daheim beim zweiten Frühstück. Fast geräuschlos öffnet er die Korridortür, geht hastig durch sein Arbeitszimmer und tritt ins Eßzimmer. Robin sitzt noch am Tisch, Ebba steht, das eine Knie auf einen Stuhl gezogen, neben ihm und stützt den Kopf in die Hände. Der lange Zopf hängt ihr über die Schulter. Der Rechtsanwalt betrachtet forschend die Gesichter und Mienen der Kinder. »Bist du daheim, Papa?« sagt Robin und steht auf, um ihn zu begrüßen. »Ich hatte etwas vergessen«, antwortet der Rechtsanwalt. »Von was habt ihr denn gerade gesprochen?« »Von nichts«, erwidert Ebba hastig. Robin blickt ihn verwundert an. Er begreift die Unruhe im Wesen des Vaters nicht; die Schwester hat ihm noch nichts erzählt. Aber Ebba versteht. Mit dem rascheren Instinkt des Mädchens ahnt sie dunkel, daß die plötzliche Heimkehr des Vaters in irgendeinem Zusammenhang mit ihrem Gespräch von heute früh steht. Sie wird rot und wendet sich ab. »Schläft Mama noch?« fragt der Rechtsanwalt. »Ja«, erwidert Robin. »Schwester Emma war eben hier.« Ohne weiter etwas zu sagen, nickt der Vater den Kindern zu und geht. Als er wieder in der Droschke sitzt, fühlt er, wie zwecklos sein Besuch gewesen ist. Nichts weiß er, nichts wird er je wissen. Was geschehen soll, wird doch geschehen. Nichts kann er ändern an dem, was er fürchtet und voraussieht. Als die Kinder wieder allein sind, erzählt die Schwester dem Bruder, was sie gehört und gesehen hat. Des Vaters Besuch ist daran schuld. Robin hört zu – fragt – sein Gesicht ist ganz blaß, und als die Schwester fertig ist, stehen ihm die Augen voller Tränen. Sie geloben einander, das, was sie wissen und einander anvertraut haben, ganz für sich zu behalten. Kein Mensch soll es erfahren. Nicht einmal Papa – er am allerwenigsten. Sechstes Kapitel Tora Ljung wohnt in der Johannesstraße, der schmalen Straße, die am Kirchhof gleichen Namens vorüberführt. Kommt man aus dem Vorzimmer, in dem die kleine Gasflamme brennt, so glaubt man erst im Stockfinstern zu stehen. Das Eßzimmer ist dunkel, das Schlafzimmer ebenfalls, der Salon liegt im Halbdämmer. Bloß im hintersten Zimmer brennt eine große Lampe auf einem runden, alten Mahagonitisch mit klauenförmigen Füßen, die sich zierlich über den dicken roten Teppich biegen. Die Vorhänge sind zurückgezogen, trotzdem die Lampe brennt. Von der steilen Höhe, auf der das Haus steht, blickt man weit über den Humlepark bis fern zum Kristinaweg, sieht das ganze Stockholm, das über die allmählich verschwindenden Baracken fortwächst. Die Wohnung, die für eine einzelne Dame sehr geräumig ist, deutet auf Wohlstand und auf die Freude am Alten. Im Eßzimmer stehen schwere, altersbraune Eichenmöbel, der Salon ist fast leer, bis auf einen großen Mahagonitisch, ein gerades Sofa und Empirestühle an den Wänden, die einem prachtvollen Smyrnateppich, der jetzt im Halbdämmer liegt, Platz lassen. An der hinteren Wand steht ein Klavier. Im innersten Zimmer, wo jetzt Licht ist, herrscht überall Wärme – in Farben, in Stoffen, in Menge und Muster der Sofakissen, wie sie auch aus dem Feuer strömt, das im Kachelofen glüht. In einem großen Lehnstuhl sitzt Oskar Steinert; es ist fast merkwürdig, zu sehen, welch sonnige Ruhe jetzt über dem Gesicht liegt, das sonst so düster und erregt oder noch öfter gleichgültig und leer ist. »Es ist eine solche Erleichterung, bei dir zu sein!« sagt er plötzlich. Tora Ljung bewegt sich rasch und lebhaft im Zimmer umher. Sie ist von schlankem Wuchs, und nur die scharfen Linien in ihrem Gesicht verraten ihre Jahre. Sie hat eine ganz besondere Art zu lächeln – nicht bloß mit den Lippen, sondern mit dem ganzen Gesicht, das plötzlich aufstrahlen und ganz licht und warm werden kann. Sie selber ahnt gar nicht, wie anders sie dadurch ist als andere. Oskar Steinert kennt sie in- und auswendig. Eine Art Instinkt hat sie gelehrt, daß dieser Mann mit seinem gewaltsamen, kantigen Wesen eigentlich ein weicher Träumer ist, der den Kampf des Lebens mit hinter einer Maske verstecktem Gesicht kämpft. Sich zu ihm vorbeugend, erwidert sie: »Du brauchst dich bei mir nicht anzustrengen, meinst du.« »Ja, gerade!« sagt er zufrieden und schließt die Augen. Lange sitzt er so; er wundert sich selber drüber, wie alles, was ihm noch kurz vorher so übermächtig schwer schien, plötzlich so viel von seiner Macht verloren hat. So frei fühlt er sich, als könne nichts Schlimmes ihn mehr erreichen, so stark, als wäre die Last, die er zu tragen hat, gar nicht mehr schwer. Das liegt daran, daß er sich hier nie zu erklären, nie zu fürchten braucht, ein Wort könne anders aufgefaßt werden, als er es meint. »Ach,« sagt er lächelnd, »es ist schrecklich anstrengend, sich immer von Fremden umgeben zu fühlen.« Das Bekenntnis, das in diesen einfachen, so ohne Verhüllung ausgesprochenen Worten liegt, entgeht der Freundin nicht. Mehr als einmal schon hat Steinert mit ihr über seine Frau gesprochen, aber auch dann hat er nur selten ihren Namen genannt oder sich überhaupt direkt auf Mitteilungen über seine Ehe eingelassen. Zwischen diesen beiden hat sich ein Verständnis entwickelt, das Andeutungen und halbgeäußerten Ansichten dieselbe Kraft gibt, wie langen Bekenntnissen und ausführlichen Erklärungen. Steinert hat für gewöhnlich überhaupt nicht das Bedürfnis, von dem zu sprechen, was ihn drückt. Auch ohne Worte hilft ihm die bloße Gegenwart der Freundin über alles weg, was ihn sonst verwundet und zerreißt. In ihrer Gesellschaft wird er das, was er sonst nie ist – ein ganzer Mann; und wenn er auch weiß, daß dieser Zustand vorüber ist, sobald er aus dem Zauberkreis ihres Zimmers tritt, macht ihn dies Gefühl doch froh. Mit einem fast heiteren Lächeln sagt er: »Wie ist das eigentlich gekommen, daß wir Freunde geworden sind?« »Es ist wohl so nach und nach gekommen, wie alles Derartige kommt und kommen muß«, ist ihre Antwort. Sie schweigt eine Weile. Dann sagt sie, leicht und lächelnd, als spräche sie etwas ganz Selbstverständliches aus: »Im übrigen kam's wohl daher, daß ich deine ganz spezielle Art von Einsamkeit verstand, so wie auch du ein bißchen für die meine fühltest. Nicht?« »Es wird wohl so sein«, erwidert Steinert. Was die beiden Freunde da reden, klingt, als warte jeder nur darauf, daß der andere das Schweigen bricht. Steinert ist gewöhnt, in diesem Zimmer auszuruhen, ganz einfach auszuruhen, ohne überhaupt viel zu sprechen. Und der Gedanke, daß es jetzt doch einmal sein muß, ist ihm zuwider. So wohltuend empfindet er das bloße Schweigen. Schließlich aber erhebt er sich und geht zu der Freundin hin. Mit einer raschen Gebärde umfaßt er ihren Kopf und drückt einen Kuß auf ihr Haar. Dann wendet er sich schnell ab, als schäme er sich seiner Weichheit, und Tora merkt an seinen Augen, die sich plötzlich verschleiert haben, daß er erregt ist, es sich aber nicht anmerken lassen will. »Ich glaube, ich habe mich nicht geirrt – ich habe dich gestern gesehen?« sagt sie, um ihm zu helfen. »Was ist geschehen?« Steinert hat sich straff aufgerichtet. Jetzt ist sein Gesicht nicht mehr ruhig. Er antwortet erst gar nicht auf die Frage. Es ist, als blicke er in etwas ganz anderes, viel tieferes als sein eigenes kleines Schicksal, das, er fühlt es, der Vollendung nahe ist. Toras Augen folgen ihm, während er spricht, und ohne daß er es erst erklären müßte, begreift sie, daß die Worte, die er jetzt spricht, ihm schon längst auf der Seele brennen. Aber sie fühlt auch – wenn ihm nicht selber etwas begegnet wäre, das er nicht aussprechen kann oder will, so würden diese Worte nie gesprochen. Sie versteht, – er sucht einen Gesprächsstoff, um für eine Weile sich selber zu vergessen; und sie weiß auch, daß Oskar Steinert zu denen gehört, die so intensiv mit ihrer Zeit leben, daß ihr eigenes vereinzeltes Leben sich mit dem Schicksal aller zu einem furchtbaren Ganzen verwebt, dem sie nicht entrinnen können. »Weißt du noch,« sagt er, »das erstemal, als ich zu dir kam? Du hattest mich aufgefordert, und ich stand da am Fenster. Es war ein Frühlingsabend wie heute, und ich sah zum erstenmal dies ganze Stück Stockholm, das sich so verändert hat. So viele Menschen waren da. Ja, ich meine das gerade so, wie ich es sage. Menschen waren da, so viele Menschen. Ich hab' sie im vollen Tageslicht gesehen. Ich saß in ihrem Kreis mitten unter ihnen, drückte ihnen die Hände, hörte auf ihre Worte und redete selber, wie ich jetzt bloß noch vor dir rede. Damals konnte ich zu allen sprechen und, was ebensoviel war: andere konnten zu mir sprechen. Keiner zweifelte an dem guten Willen des andern. Alle hatten wir einen Glauben, eine Hoffnung, eine Liebe. Wir hielten zusammen, aber ohne Berechnung; wir stützten einander, aber ohne Großtuerei, wir freuten uns über unsere Fortschritte, wir hatten ein Herz für alle Niederlagen ... Wir kritisierten einander auch ... Aber ohne Schadenfreude und ohne Anmaßung! Und jetzt ist es, als wäre all das weg, oder als wäre etwas Dunkles, Schweres, Schattendes darübergewachsen, hätte alles zugedeckt, daß alles, was wir einst liebten, nicht mehr atmen kann! Was für Mächte sind das, die da tätig waren? Und wir – wir treten jetzt auf all das, was so zugewachsen ist – wir schreiten darüber weg – und die Erde ist öde geworden und leer!« »Aber aus dem, was jetzt tot scheint, sprießt dereinst die Zukunft.« Steinert hält in seinem Hin- und Herwandern inne. Er hört auf diese Worte, die, von einem andern gesprochen, seinen ganzen satirischen Widerspruchsgeist ins Leben gerufen hätten, hört auf sie, weil sie von der Freundin kommen, hört auf sie, als erwarte er, daß sie vor seinen Augen in Erfüllung gehen müßten. »Ach ja«, sagt er. »Wer das glaubt, der kann leben. Aber wo ist der Glaube? Wo die Hoffnung? Und die Liebe? Sag' einmal ehrlich: was hoffst du denn? Was glaubst du? Daß du liebst, das weiß ich. Sonst würd' ich dich ja nicht fragen.« Tora Ljung beugt das Haupt. Ihr Gesicht ist im Schatten. Sie sieht nicht mehr jung aus jetzt. »Ich lebe so einsam«, sagt sie. »Aber ich seh' doch ab und zu Menschen. In Gesellschaft red' ich nicht viel, sondern hör' zu, was andere sagen. Es sind ein paar Familien, in die ich oft komme. Und ich habe Menschen, mehr als du glaubst, die mich ans Leben binden. Daß du das alles so tief empfindest, kommt einfach daher, daß du so isoliert bist. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen mir gegenüber. Ich weiß, wie du's geworden bist. Aber ich will dir sagen, was ich glaube: es gehen noch mehr herum wie du – mit einem Herzen voll Trauer – und fühlen, daß etwas Dunkles, Schweres, Schlaffes über sie gekommen ist, etwas, das in unserem Land, vielleicht mehr als in irgendeinem andern, die Menschen voneinander trennt. Ich kann ja nichts tun, das weißt du. Schreiben kann ich nicht, noch weniger Vorträge halten. Ich kann nur eins: versuchen, mein Herz jung zu halten und zu warten, warten, bis bessere Tage kommen.« »Und wenn die nie kommen?« Steinert ging noch immer im Zimmer auf und ab. Aber er trat leise auf, wie um jedes Wort zu hören. Seine Freundin erwiderte: »Dann will ich versuchen zu glauben, daß andere, die nach mir kommen, sie dereinst sehen werden.« Sie machte eine Pause; dann fuhr sie, die Blicke auf Steinert gewendet, der jetzt am Fenster stand und in die Dämmerung des Frühlingsabends hinausblickte, fort: »Glaubst du, du seist der einzige, der sich vereinsamt fühlt? Glaub mir, Hunderte von Männern und Frauen im ganzen Land leiden unter demselben Gefühl wie du. Bei manchen äußert sich dies Leiden als geistige Überhitztheit. Andere verfallen einem trägen Gewohnheitsdasein, wieder andere verzehren sich in Haß. Manche suchen Vergessen in Ausschweifung und Trunk. Oder sie suchen ihre Zuflucht in Spott und Hohn. Und alle haben sie ein Gemeinsames: sie fühlen sich vereinsamt. Sobald man sie nahe genug beobachtet, merkt man das. Und unter denen, die diese Vereinsamung am allertiefsten und schmerzhaftesten fühlen, findet man auch die, die sich in sich selbst verschließen und arbeiten – und warten. Das sind die, die den Grund bauen für das neue Schweden, das dereinst kommen wird – wenn der Tag der Isolierung vorüber ist.« »Das neue Schweden? Was ist das für ein Wort?« Oskar Steinerts Stimme klang scharf, fast gehässig. Aber Tora Ljung lächelte ihm zu – wehmütig und doch voll Vertrauen. »Betrüg dich nicht selbst«, sagte sie. »Mich kannst du nicht täuschen. Ich hab' dich doch gesehen und weiß, wie all das gekommen ist. Ich weiß, du hast noch viel mehr übrig für diesen Gedanken, als ich. Das neue Schweden. Das, von dem jetzt noch keiner spricht, und das einmal auf aller Lippen sein wird – und was noch mehr ist – in aller Herzen – lebendig und jung!« »Es gab einmal etwas, was sich ›das junge Schweden‹ nannte«, lautete seine Antwort. »Wenn ich mich recht entsinne, war es ein Schimpfwort und galt auch als solches.« »So alt sind wir noch nicht«, erwiderte sie. »Du bist glücklich, daß du an all das glauben kannst!« Steinert blieb stehen; seine Worte klangen gedämpft: »Einmal in meinem Leben hab' auch ich auf solche Worte gelauscht; und ebendieser Sirenensang ist jetzt meine Hölle. Mein Unglück ist, daß ich ein so verzweifelt gutes Gedächtnis habe. Ich denke an die Männer, die zertreten wurden, an Frauen, die zugrunde gegangen sind. Andere auch weiß ich, die wie durch ein Wunder gerettet wurden. Und die, die diese Schicksale miterlebt haben, die leben weiter; und um die Namen der Toten ist's still geworden. Die lebenden Toten waren mächtiger als die, die da sterben mußten, weil ihr Geist lebendiger war als der der andern. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, Tora, so ist es manchmal, als säh' ich auf lauter Gräber. Ich kam hierher, voll Kraft, jung, hatte mich hergesehnt, weil die Universität mir zu eng schien. Von den Freuden der Jugend wußte ich nicht viel. Ich kam hierher mit dem Gedanken, daß das Leben eigentlich recht bitter ist, und daß das Beste, was mich erwartete, die Arbeit war. Damals war auch ich wie jetzt du. Ich wartete. Du kennst mich, Tora; du weißt, was ich sage, ist wahr. Mein Vater war eben erst gestorben; meine Mutter lebte sorgenfrei. Und ich ging auf Reisen. Ich reiste – ich kam wieder heim – und jedesmal, sooft ich heimkam, war es leerer um mich. Als ich das letztemal heimkam, brachte ich eine Frau mit, meine Frau. Wir hatten einander gefunden in der großen Stadt an der Seine, wo die Wogen des Lebens hochgehen, wo jeder Tag uns zu neuer Freude weckte. Wir waren miteinander gegangen, als zwei einsame Menschenkinder, die sich gefunden hatten; daß je der Tag kommen würde, an dem wir entdecken sollten, daß es besser gewesen wäre, wir hätten uns nie gesehen – das ahnten wir beide nicht. Der kranke Punkt in meiner Frau lag ganz im Verborgenen. Das Leben trug uns so leicht, der Alltag mit seiner Schwere und Unlust lag so tief unter uns. Wir waren glücklich da draußen, unsagbar glücklich. Ich weiß noch, es war damals, als ob alle Menschen strahlten, wenn sie uns nur ansahen. Dann – eines Tages – packte uns das Heimweh, und wir reisten heim. Ich brachte sie dir – hier – in dies Zimmer. Erinnerst du dich noch an jenen Abend? Nie war es in mir so still, so ruhevoll gewesen, wie damals. Nie war ich so weit entfernt von aller Unruhe, von allem Tand, aller Verwirrung. Und doch – als ich kam, fühlte ich's – ich kam zu spät. Die paar Jahre, die so Hohes verheißen hatten, waren zu Ende. Ich war ein armer Mann, der sein Erbe im fremden Land verpraßt hatte; und so, wie ich eben damals stand, mußte ich ein Rechtsanwaltsbureau eröffnen – meine Träume opfern. Ich eröffnete mein Bureau. Ich mußte ja doch leben. Man sagt, ich habe Glück gehabt, alles sei mir gut von der Hand gegangen. Aber von all dem, was ich einst hoffte und erstrebte, ist nichts mehr übrig; und wenn du sagst, ich müßte trotzdem warten und hoffen, so empfind ich das wie einen Hohn, sogar wenn es von dir kommt. Was willst du denn, daß ich hoffen soll? Ich bin ja doch an Händen und Füßen gebunden. Wahrlich, damals, als ich zurückkam, da kam ich mir so verirrt vor, als hätt' ich die Heimat, die große, schöne Welt, in der ich daheim war, verlassen, wär unter lauter Fremde geraten, die mich ebensowenig verstanden, wie ich sie. All das weißt du ja. Warum sag' ich dir's?« Tora Ljung hatte sich erhoben. Schlank und rank stand sie vor ihm und blickte in das Gesicht, dessen Augen ihrem Blick nicht standhalten wollten. »So denkst du in deinen dunkeln Stunden«, sagte sie leise. »Aber so ist es nicht. Du glaubst, unser Volk sei tot. Aber ich sage dir, es lebt. Winter um Winter hockst du in der Hauptstadt und triffst doch keinen Menschen. Denn deine Whiskybrüder und Geschäftsleute, die rechne ich nicht. Du siehst alles schwarz, du und alle unsere Besten, und warum? Weil du der Marktschreierei müde bist, und weil die Marktschreierei so laut spricht und so lang. Schau dich um in der Welt, und du wirst sehen, was Schweden ist. Unsere Wissenschaft, unsere Kunst, unsere Literatur! Ein Volk, das solches hervorbringt, ist das im Niedergang begriffen? Ich sag' dir, so wahr ich hier steh – eine schon fast alte Frau, die keiner kennt, außer dir und ein paar Freunden – das Schweden, das du erträumst, das gibt's. Nur daß du es nicht sehen kannst!« Ihre Wangen glühten, und so stark war die Überzeugung, aus der sie sprach, daß Steinert ihr nicht zu widersprechen vermochte. Sie fügte noch hinzu: »Es braucht ja nur irgend etwas zu geschehen, damit du und ihr alle es seht, wie ich es sehe!« »Was soll denn geschehen?« fragte er zweifelnd. »Das weiß niemand vorher.« Oskar Steinert schwieg. Dann sagte er: »Da wollen wir nur wünschen, daß es bald geschieht. Sonst werd ich – und viele mit mir – zu alt für dein neues Schweden!« »Das wirst du schon nicht. Da laß mir nur meinen Glauben!« erwiderte Tora und streckte ihm die Hand entgegen. Steinert ergriff sie; und während er diese freundliche, warme Hand, die er in Freud und Leid so oft gedrückt hatte, in der seinen hielt, ward er plötzlich weich wie ein Kind; das Widerstreben, das ihn vorhin daran gehindert hatte, von sich zu sprechen, begann zu weichen. Noch beherrschte es ihn, noch versuchte er seinen Willen mit Gewalt zu zwingen, daß er nicht nachgäbe ... »Warum reden wir über all diese Dinge?« sagte er. »Was nützt es mir, wenn das, was du hoffst, auch einmal kommt? Ich würde ja doch außerhalb stehen, ich hab' nicht mehr die Kraft, die man braucht, um andern nahezukommen.« Er ließ ihre Hand los und wandte sich ab. »Ach! ich halte es nicht länger aus!« rief er. »Du denkst, ich sitze hier und rede mit dir. Aber das ist falsch. Ich bin weit weg. Nichts als die Hülle ist es, die du vor Augen hast, ein Schein, ein Schemen, eine Gliederpuppe. Ich kann sprechen und denken – aber das ist nur Verstellung. Wenn ich allein bin, fall ich zusammen wie ein Leichnam. Ich habe kein Teil an deinen Interessen; was tu ich damit? Die Erregung, die du an mir siehst, hat einen ganz anderen Grund, als du glaubst. Alles, was die Dinge betrifft, die früher groß für mich waren – Freunde, Vaterland, Zukunft und Freiheit – das sind tote Worte, die ich im Mund führe, weil es andere von mir verlangen, weil du, ohne es zu wissen, begehrst, daß ich mich so zeigen soll. Damit ich mich vor dir nicht schämen muß, folge ich dir, höre deine eigenen Gedanken aus meinem Mund sprechen. Aber nichts von all dem berührt mich mehr, nichts als mein eigenes, armseliges Leben, das gar kein Leben mehr ist.« Oskar Steinert ließ sich auf den Stuhl gleiten, vor dem er stand, und sein Kopf sank zwischen seine weichen, starken Hände. Tora Ljung war sehr blaß geworden. Der Schmerz, den sie hier sah, war einer, dem sie sich nicht zu nähern wagte. »Was ist es?« sagte sie. »Kannst du mir's nicht sagen?« Der Mann vor ihr regte sich nicht. Still, stumm blieb er in derselben Stellung, fast als schliefe er. Alles, was an unverbrauchter mütterlicher Wärme in diesem starken Weib war, das allein stand zu einer Zeit, in der des Weibes Sehnsucht am größten ist, erwachte vor diesem Schmerz, dessen Ursache sie ahnte, dessen Ausdehnung sie doch nicht begriff. Still setzte sie sich neben ihm. Ohne zu sprechen legte sie die Hand auf Steinerts Schulter und ließ sie da ruhen. Weil sie fürchtete, ihn zu stören, wollte sie die Hand schließlich wieder zurückziehen. Mit einem Zittern, als erschrecke er, nahm Steinert diese Hand und hielt sie in der seinen fest. So saß Tora Ljung, regungslos. Ihre Augen weiteten sich, als wolle sie mit Gewalt das Dunkel durchdringen, um den Weg zu dieser Seele in Not zu finden. Sie sah alt aus, wie eine Mutter, die unter dem Schmerz ihres Kindes leidet und es nicht zu bitten wagt, ihr zu vertrauen. In stummem Warten saß sie so; und als sie lang genug gewartet hatte, da verstand Steinert sie. Mitten in dem dumpfen Schmerz, der ihn beherrschte, verstand er, daß er jetzt reden mußte – um seinetwillen und um ihretwillen, die in dieser Stunde, mehr als in langen Jahren, seine Freundin geworden war. In abgerissenen Worten erzählte er von seinem und seiner Gattin Leben, beichtete, wie er seither immer nur ein halbes Vertrauen gegeben hatte, ausgewichen war, versteckt hatte, wie er nur arbeitete, um zu retten, wie tief er verstrickt, wie verzweifelt seine ganze Lage war. »Ich glaubte, ich könnte doch wenigstens die Kinder schützen«, sagte er zum Schluß. »Jetzt wissen sie alles. Sie geradezu fragen konnt ich nicht. Es war ja auch nicht nötig. Ich weiß es doch. Vergebens war alles, was ich getan habe. Nutzlos, zwecklos ist all das Leid dieser Jahre vorübergegangen. Du verstehst – es ist alles immer in Perioden gegangen. Zum erstenmal merkte ich, daß dieser kranke Punkt, von dem ich dir gesprochen habe, überhaupt da war, nach der Influenzaperiode vor ein paar Jahren. Du erinnerst dich – meine Frau war damals krank.« »Ja, ich weiß.« »Ich sagte, sie sei krank. Damals war's das erstemal ...« Steinert verstummte mit einer unaussprechlich gequälten Miene. Dann fuhr er fort, als sei es ihm eine Erleichterung, zu sprechen, ein Trost, dem Unheimlichen zu Leibe zu gehen, es in Worten, und sei es in noch so starken, um sich lebendig zu machen: »Glaub mir, Tora – ich hab' alles getan, keiner weiß, was ich durchgemacht habe, mehr als du überhaupt hören könntest, mehr als ich dir sagen kann. Mehr als ich überhaupt selber weiß. Immer stärker kamen die Anfälle. Stundenlang hab' ich an ihrem Bett gesessen und sie zur Ruhe geredet. Nächte hindurch hab' ich gewacht, um sie zu hindern, sich selbst ein Leid anzutun oder eine der unzähligen Handlungen zu begehen, die sie vor andern hätten verraten können. Auf meinen Armen hab' ich sie vom Fenster weggetragen, als sie sich auf die Straße stürzen wollte. Ich hab' gekämpft mit ihr, mitten in der Nacht, um zu verhindern, daß sie weglief, Gott weiß weshalb und wohin. Ihr Leiden in all der Zeit war etwas Entsetzliches; dabei war ihre Liebe zu uns allen stärker als in den Tagen der Gesundheit. Und weißt du, worunter sie am meisten leidet? Darunter, daß sie für die Kinder und mich nicht sein kann, was sie gern möchte. Und doch ist weder für sie noch für mich je ein anderer Mensch das gewesen, was sie ist. Niemand kann das auch. Es ist, als verdopple sich ihre Kraft und Zärtlichkeit, wenn die Gesundheit zurückkehrt. Wie oft hat sie nicht unser Heim mit einem Glück erfüllt, das mich alles, alles vergessen ließ und mir den törichten Glauben einflößte, alles, alles sei jetzt vorüber wie ein böser Traum, der nie wiederkehrt! Das Furchtbarste ist, daß sie immer vorauszufühlen scheint, wenn das Schlimme kommt. Schließlich ist das ja gewiß nur natürlich. Wahrscheinlich ist es fast immer so ... in derartigen Fällen. Aber dies Warten ... im voraus wissen ... jetzt kommt es wieder ... wächst ... und wächst ... Auf den Knien ist sie einmal vor mir gelegen und hat gebeten: Was auch geschieht ... wie ich auch werde, schick' mich nicht von dir, laß mich nicht zu fremden Menschen! Was sollt' ich da tun? Ich mußt' es ihr ja versprechen. Und ich weiß, wenn ich mein Versprechen breche, so werd ich mir das nie verzeihen.« Tora Ljung beugt sich vor und sagt: »Also das ist es ... daran denkst du jetzt?« »Ich weiß nicht.« Die Antwort klang wie ein Angstruf. »Wenn's um die Kinder geht, so muß ich ja!« Stunde auf Stunde verrinnt. Zwei Menschen sitzen beieinander in dem stillen Zimmer, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Sie reden nicht mehr. Bloß abgebrochene Worte, kurze Sätze fallen noch zwischen den beiden, die sich gegenseitig so seltsam nahegekommen sind, seit sie beide alles wissen. Als Oskar Steinert sich endlich erhebt, um zu gehen, faßt Tora Ljung seine Hand und sagt: »Wenn du mich brauchst, so laß mich's wissen, ich verspreche dir, ich werde kommen.« »Danke!« sagt er. Dann geht er. Drunten auf der Straße denkt er noch nach über den Sinn dieser Worte, die er vor Müdigkeit nicht verstanden hat. Um ihn fällt der Frühjahrsschnee in großen, nassen Flocken, die auf dem Pflaster zerschmelzen. Siebentes Kapitel Die Maisonne leuchtete auf den Hügeln der Südvorstadt, wo Fliederbüsche und Bäume zu grünen begannen, glänzte auf den Dächern der dunklen Häusermassen, die zwischen den Brücken gedrängt stehen, lag wie ein Schimmer über den Wellen des Wassers, das am Kai entlang schoß und die neuangestrichenen, für die Sommerfahrten gerüsteten Dampfer umspülte, und glitzerte in den Strudeln im Kiel des Skärgardsbootes, das, langsam die Stadt hinter sich lassend, dem breiten Fahrwasser zudampfte. Es war Sonntagmorgen. Gruppen von Herren und Damen standen auf dem Verdeck und betrachteten stumm die frühlingsgrünen Ufer, die vorüberglitten. Sonntagsstimmung und Landlust herrschten auf dem ganzen Boot. All die Menschen, die noch am Tag zuvor eilig und ernsthaft auf der Straße aneinander vorbeigelaufen waren, schienen heute völlig verwandelt. Die Augen strahlten, die Lippen schwatzten heitern Unsinn. Unbekannte tauschten lebhafte Blicke, frohe Ausrufe, freundschaftliche Worte. Männer und Frauen hatten, während sie sich einander näherten, ganz neue Gesichter, lächelten, gingen wieder auseinander und genossen stumm den Anblick der Buchten, die sich weiteten und wechselten, des Wassers, das immer klarer wurde, der Tannenwälder, die so dunkel darüberstanden, und der Möwen, die kreisend dem Boot folgten, untertauchten, sich wieder emporhoben, die Brotstückchen haschend, die eifrige Kinderhände in das schäumende Kielwasser warfen. Auf der Kommandobrücke stand Ake Hjälm. Der Oberlehrer war ein ganz anderer Mensch heute. Der Freiluftmensch, das Landkind, das einst hervorgebrochen war, als er sich in Frau Liese verliebte, eine Natur, die seiner eigentlichen ganz fremd war, trat wieder zutage und jagte den Schulmeister zur Tür hinaus. Der Oberlehrer sah aus wie ein Kapitän in seiner geradschirmigen Mütze und der dicken Sportjoppe mit den Hornknöpfen. Er war in der eigentümlich festlichen und glücklichen Stimmung, die ihn stets beseelte, wenn er im Frühling das erstemal nach dem kleinen Häuschen hinausfuhr, in dem er jeden Sommer, seit er verheiratet war, mit seiner Frau zubrachte. Dies Häuschen mit seinem roten Anstrich und den weißen Fenster- und Türrahmen, das er selber zweimal hatte neu anstreichen lassen, war für ihn ein Heim, wie er es in der Stadt nicht fand. Ihm, dem Landkind, steckte das Bedürfnis nach einer festen Wohnstelle im Blut, und ganz bei sich selber begriff er nie, wie es den Menschen Freude machen konnte, gerade im Sommer, wenn die Natur so mild war und alle Geschöpfe an ihr Herz zog, umherzuflackern und ständig den Platz zu wechseln. »Ein Heim muß man haben,« pflegte er zu sagen, »einen festen Punkt auf Erden, wohin man immer zurückkehrt, ein Heim, und nicht eine Wohnung.« Während er jetzt an das Geländer der Kommandobrücke gelehnt dastand, blickte er hinaus über die Wasser seiner Jugend; und alte Erinnerungen erwachten. Als er und Frau Liese sich eingerichtet hatten, war der Oberlehrer einmal mit demselben Boot, das noch heute seinen alten Weg durch die Schären fuhr, auf gut Glück ausgezogen, um eine Sommerwohnung zu suchen, in der er sich und das Glück, das ihm so unerwartet in den Schoß gefallen war, verstecken konnte. Als das Boot bei Kulma anlegte, ging er an Land. In der Tasche trug er eine ganze Liste voll Adressen. Aber schon beim ersten Haus, das er sich ansah und das »die Kathe« hieß, kam es ihm plötzlich vor, als könne er gar nichts Besseres finden. Immer in Gedanken an Liese ging er lange umher, besah sich alles, ehe er sich entschloß, einzutreten und nach dem Preis und anderen materiellen Kleinigkeiten zu fragen. Ihm schien, als wäre das kleine Häuschen mit dem Verandazimmerchen nach dem See hinaus und den Birken im Garten just der Ort, von dem er immer geträumt hatte. Der Weg zur Bucht war schattig und schmal; und gleich hinter dem Gärtchen begann der Tannenwald. Licht und Dunkel untereinander, gerad wie das Leben auch, hatte er gedacht. Als er dann ins Haus kam mit seinen Tannenmöbeln, niederen Decken und weißen Gardinen, fühlte er sich gleich daheim. Die Kathe wurde sein, und zum erstenmal zog er ein zur lieblichen Mitsommerzeit, an einem Abend als die Sonne sank, die Buchfinken schmetterten und der Kuckuck im Wald rief. Da führte er Liese in das neue Heim und fragte sie, ob sie glaube, hier könnt' es ihr wohl sein. Und Liese, die an des Mannes Stimme hörte, wie glücklich er war, vergoß Freudentränen. Still und ruhig wie sein ganzes Leben, war dieser Sommer verronnen. Seitdem hatten die Gatten die Kathe behalten; jeden Sommer kehrten sie in das freundliche Haus unter den Birken zurück. Jetzt war's schon der elfte. Dem Oberlehrer wurde ganz wehmütig und ernst zumute, als er daran dachte. Alles, was da draußen war, war so ganz nach und nach gekommen; ihm war, als könne er die Jahre am besten nachrechnen, wenn er an all diese Sommer dachte und wie sich die Kathe unter seiner und seiner Gattin Hand nach und nach verwandelt hatte. Er genoß seine Ferien als echter Schulmann; und alles, was er auf seiner Kathe besaß, war ihm im Grunde weit lieber als seine ganze Stadtwohnung. Und während er jetzt daran dachte, freute er sich. Da lag das Fischerboot, wohlverwahrt unter einem Haufen Tannenreisig. Die Angeln hingen an ihren Haken in der Netzhütte, die Aalschnur lag in ihrem Kasten unterm Dach. Tonnen und Eimer, Gartenstühle und Hängematte, das neue Segel für das Fischerboot, das ein für allemal gemietet war – alles war da, wurde von einem Sommer auf den andern verwahrt und erwartete ihn, wenn er kam. Das letzte war die Glasveranda, die er gebaut hatte, als er einmal fand, er hätte die Mittel zu diesem Luxus, von dem er und seine Frau jahrelang gesprochen hatten. »Verandabesitzer bin ich«, pflegte der Oberlehrer zu sagen. »Hausbesitzer werd' ich ja doch nie.« Gegen alle sonstige Gewohnheit standen heute der Oberlehrer und Folke allein auf der Kommandobrücke. Als das Mädchen zum Wecken kam, hatte sich Frau Liese ein bißchen unpäßlich gefühlt, und anfänglich hätte das fast dem Oberlehrer die ganze Freude an diesem Tag verdorben. Der Oberlehrer war gewissermaßen ein sentimental anspruchsvoller Mensch; er wollte, der Festtag, den er sich in der Einbildung so schön ausgemalt hatte, solle ohne Mißklang sein. Um der anderen willen bezwang er aber seine Verstimmung und hoffte, wenn Frau Liese sich in ihrer Kabine ausgeruht hätte, würde der Sonnenschein wiederkehren. Dieser Tag war nämlich ein Familienfest, fast eben so wichtig, wie Weihnachten oder ein Geburtstag. Die Sommerwohnung zu besichtigen war gar nicht nötig; die stand, wo sie stand, und Vesterberg war ein zuverlässiger Kumpan, auf den man sich, wenn er einmal gewonnen war, verlassen konnte. Auch wenn niemand hinkäme und nachsähe, würde der Garten bestellt, das Segelboot im Wasser und das Haus zum Sommer rein und in Ordnung gemacht sein. Aber es gehörte nun einmal zum Frühjahrsprogramm, daß die Familie ein paar kurze Sonntagsstunden auf der Kathe zubrachte, gleichsam als Vorschmack vom Sommer, daß man ruhig am Ufer sitzen und das Dampfboot pfeifen hören konnte, ohne hinunterspringen und die Flagge hissen zu müssen. Frühsommerfest nannte man diesen Sonntag in der Familie, und der Oberlehrer legte ihm fast höheren Wert bei als Folke, der ruhig beobachtend neben ihm auf der Kommandobrücke stand und seine Aufmerksamkeit zwischen den vorübergleitenden Ufern und dem Steuermann teilte, der einförmig an dem großen Rad drehte. Ohne sich vom Platz zu rühren, stand der Oberlehrer, in seine Träume versunken, da. Und ohne sich stören zu lassen, beantwortete er Folkes Fragen und Ausrufe. In seinem Innern redete die Erinnerung, und er freute sich, wie jeder Platz, an dem sie vorüberfuhren, ihm so bekannt war. Wie schön das alles war an solch einem Frühlingsmorgen! Wie reich – wie voll! »Und doch,« dachte der Oberlehrer, »genieße ich das alles nicht so, wie einst. Als ich noch jung war, machte ich mir doch alles, was ich sah, auf weit innerlichere Art zu eigen. Meine Fähigkeit, alles in mich aufzunehmen, war viel intensiver. Ich war einfach jünger. Darin liegt alles. Man kommt eben in die Jahre. Das beste, was uns das Leben schenkt, hab' ich bereits gehabt. In meinen Jahren fängt man leise an, beiseite zu gleiten, zu den Stillen.« Als enthielte dieser Gedanke eine Ungerechtigkeit gegen seine Lieben oder einen Undank gegen das, was das Leben ihm gab, verscheuchte er ihn rasch. »Das Beste, was ich mir vom Leben gewünscht habe, hat es mir doch gegeben. Nicht so, wie ich's mir wünschte, aber vielleicht besser. Ich bin nicht einsam. Die Last, die mir sonst vielleicht schwer geworden wäre, hat sie mir tragen helfen.« Seine Gedanken flogen voll Wärme zu seiner Frau; und wie immer überkam ihn ein unbestimmtes Gefühl von Schuld, als er an sie dachte. Er nahm Folke mit sich in den Speisesaal, und nachdem sie zwischen der Menge am Frühstückstisch Platz gefunden hatten, gab er dem Jungen die Speisekarte und ließ ihn selber wählen. Folke war in strahlender Laune. Er schwatzte und lachte in einem fort, leise, still, weil so viele fremde Menschen da waren, aber dafür um so herzlicher; Vater war doch heute in der Landlaune! Die Dressur, mit der er sonst den Jungen oft quälte, hörte da ganz von selber auf. Machte der Kleine eine Dummheit, so tat der Vater, als merke er es nicht; und diese Gefühlsfreiheit beglückte Folke immer hoch. Papa war froh, weil er froh war. Das war etwas so Großes, weil es so selten vorkam. So gemütlich, wie es war, wenn sie an solch einem lichten Ferientag allein miteinander waren, war es sonst nie. Das wußte Folke sehr wohl; der einzige, der sich über den Sachverhalt täuschte, war der Oberlehrer selber. Er war felsenfest davon überzeugt, er tue alles für seinen Sohn und Folke habe nichts, was ihm das Dasein verdüstern könne. Nach dem Essen ging er mit dem Knaben wieder auf Deck und freute sich, daß sie jetzt draußen in den Schären waren, wo die Bäume kahler wurden und die Luft kühler und frischer wehte. Weit dehnte sich das Wasser zu beiden Seiten des Bootes: hoch in der Luft schrien die Möven. Der Oberlehrer überließ es jetzt Folke, sich auf eigene Faust zu vergnügen. Er selber setzte sich auf die Mittelbank unter dem Zeltdach und zündete eine Zigarre an. Während er sie langsam und sorgfältig zu Ende rauchte, amüsierte er sich damit, die Menschen ringsum zu beobachten, und freute sich, daß auch sie alle, grade wie er, einmal aus der Stadt entrinnen und vom Kulturleben ausruhen durften. Als die Zigarre aus war, sah der Oberlehrer nach der Uhr und fand, jetzt könnte es Zeit sein. Fröhlich, wie vor einem neuen Vergnügen, das ihn erwartete, ging er hinunter, trat vorsichtig in eine der Kabinen und betrachtete stillschweigend Frau Liese, die schlief und sein Kommen nicht gehört hatte. Als er sie weckte, sagte sie ziemlich unfreundlich: »Warum weckst du mich denn? Ich schlief so gut.« Aber der Oberlehrer ließ sich nicht stören. »Du mußt doch frühstücken«, erwiderte er ruhig. »Sonst wird's zu spät.« Frau Liese war keineswegs in derselben Stimmung wie ihr Mann. Sie hatte noch einen etwas schweren Kopf vom Gewecktwerden und war außerdem ein bißchen ärgerlich, weil sie ihrem Mann zuliebe ihre ursprüngliche Abneigung gegen die Reise überwunden hatte. Aber der Oberlehrer ließ sich durch nichts die gute Laune verderben. Er wartete, bis seine Frau fertig war, führte sie in den Speisesalon, bestellte Frühstück und freute sich über ihren Appetit, wie er sich heute überhaupt über alles freute, was ihm unter die Augen kam. In leisem, ruhigem Ton sprach er auf sie ein – wie herrlich der Tag wäre, wie seine Gedanken zu ihrer ersten Reise hier heraus zurückgewandert wären, und wie jede spätere Reise ihm immer reicher und schöner erschiene. Jedesmal war ein neues Jahr dazu gekommen, ein neues Jahr, das ihnen beiden so glücklich miteinander zu leben vergönnt war. Frau Liese taute nach und nach auf. Sie vergaß, daß es überhaupt jemals eine Mißstimmung zwischen ihnen gegeben hatte. Sie reichte ihrem Mann über den Tisch die Hand, die er innig drückte, und er hatte das Gefühl, als habe er bei seiner Frau einen Widerstand besiegt. Als sie landeten, sagte er: »Seht, Kinder, Vesterberg hat geflaggt!« Das hatte der Oberlehrer in all den zehn Jahren jedesmal gesagt; und Vesterberg, der seine Sommergäste kannte, unterließ es nie, ihnen auf jede nur mögliche Weise seinen guten Willen zu zeigen. Sie hatten ihm sein Haus frisch gestrichen, den Garten angepflanzt, neues Land dazu angebaut, die Glasveranda machen lassen. Darum liebte Vesterberg seine Mieter und empfing sie jedesmal mit einer Art mürrischen Sonnenscheins. Jetzt stand er am Landungssteg und grüßte. Das wettergebräunte Gesicht mit dem Backenbart unter dem dichten, graugesprenkelten Haar lächelte. »Wo ist denn Eure Alte?« fragte der Oberlehrer, nachdem die Begrüßung vorüber war. »Sie ist doch nicht krank?« Vesterberg hustete, warf einen Blick nach dem Dampfboot, das schnaubend und rauschend eben vom Steg abfuhr, und erwiderte: »Sie ist mir im Frühjahr gestorben.« Der Oberlehrer wurde ganz erregt. »Und das habt Ihr uns nicht einmal geschrieben?« »Nein«, antwortete der Alte. »Das hätt's ja doch nicht anders gemacht. Und ich dachte, es wär' noch Zeit genug, wenn ich's selber erzählte.« Still wanderte die kleine Gesellschaft den Pfad zum Häuschen hinauf. Vesterberg berichtete von der Krankheit seiner Frau, wie lang sie gedauert hätte und wie schwer es gewesen wäre. »Habt Ihr nicht nach dem Arzt geschickt?« fragte Frau Liese. »Dran gedacht haben wir schon. Aber meine Alte meinte immer, wir sollten noch warten. Und eines Tags, wie ich heim kam, sah ich, daß kein Rauch aus dem Kamin kam. Da merkte ich, daß etwas passiert sein mußte, und ging ein bißchen langsamer. Und als ich hinein kam, lag sie im Bett und war tot.« Folke ging stumm an der Seite des Vaters. Bei den letzten Worten ergriff er seine Hand und blickte mit großen Augen nach dem kleinen Haus, in dem solches geschehen war. Als dann Vesterberg in seine Stube ging, um die Herrschaften nicht länger zu stören, wandte der Junge sich zum Vater und sagte: »Denk', – ganz allein ist sie gestorben!« Daran hatte er die ganze Zeit denken müssen. Frau Liese ging zu dem Kind hin und küßte es auf die Wange, was sie sonst nur selten tat. Der Oberlehrer fühlte sich glücklich, wie immer, wenn seine Frau den Sohn liebkoste. »Alte Leute sterben meist leicht«, sagte er. Sie wanderten hierauf um ihre kleine Sommerwohnung herum, sahen, daß die jungen Obstbäume den Winter gut überstanden hatten, daß Krokus, Hyazinthen und Schneeglöckchen schon aus der Erde guckten, und daß die Tannenhecke um den Garten gewachsen war, seit sie sie nicht mehr gesehen hatten. Um die Veranda waren schon die wilden Reben gezogen und der Rosenstock vor dem Fenster war von seiner Hülle von Moos und Reisig befreit. Dann gingen sie hinunter zum Badeplatz, wo schon das Segelboot bereit lag. Alle drei stiegen ein, der Oberlehrer hißte das Segel, und hinaus ging's aufs Wasser. Hin und her kreuzten sie in dem schmalen Sund; wo er sich weitete und die große Bucht anfing, schoß das Boot mit vollem Segel dahin. Als sie endlich umkehrten und landwärts steuerten, nahm Folke das Steuer, und der Oberlehrer setzte sich neben seine Frau. Wieder begann er von dem zu reden, was ihn am Morgen beschäftigt hatte. Er sprach leise, und Frau Liese antwortete ebenso. Folke war vollauf in Anspruch genommen durch die Freude und Verantwortung des Steuerns. Das Gespräch zwischen den beiden Eheleuten hatte einen vollen, vertraulichen, warmen Klang, wie zwischen zwei Menschen, die einander plötzlich sehr nah gekommen sind und vergessen haben, daß überhaupt jemals etwas die Harmonie zerreißen könnte, in der sie jetzt ruhen. »Wie leicht alles hier wird!« sagte der Oberlehrer. »Ja«, erwiderte sie. »Wenn wir nur nie wo anders sein müßten.« »Auch im Winter nicht, wenn Schnee liegt und Eis?« Der Oberlehrer lächelte heiter. »Was tut das?« Sonnenlichtblau schimmerte die Bucht. Rauschend schlugen die Wellen an den Bug der Bootes. Da sagte Frau Liese plötzlich, gerade wie vorhin Folke: »Denk' – ganz allein sterben müssen.« »Du denkst an die Alte?« »Ja. Und daß wir das jetzt grad hören mußten.« »Wie meinst du das?« »Es wird einem seltsam vorkommen im Sommer, immer zu denken, daß sie da im Winter ganz allein gestorben ist.« Der Oberlehrer lächelte. »Glaubst du, auf der ganzen Erde gäb' es einen Ort, an dem noch kein Mensch gestorben ist?« sagte er. »Nein. Aber ich weiß, hier in der Einsamkeit werd' ich immer daran denken müssen.« »Und vorhin hast du doch immer hier wohnen wollen? Sogar im Winter, wenn Schnee und Eis liegt?« Der Oberlehrer lächelte ein bißchen ironisch; aber, als fürchte er seine Frau zu kränken, fuhr er fort: »Weißt du, warum du jetzt an den Tod denkst?« »Nein.« »Man tut das meist, wenn man glücklich ist.« Mit einer raschen Gebärde nahm Frau Liese die runde Reisemütze, die sie trug, ab, und indem sie näher zu ihrem Mann hinrückte, schmiegte sie sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter. So blieb sie still sitzen, bis das Boot eine Wendung machte und Folke vorsprang, um mit dem Bootshaken den Anprall an die Ufersteine aufzufangen. Und während sie so saß, dachte sie darüber nach, weshalb nur das Leben nicht stets so einfach sein konnte und leicht wie ein Sonnentag im Mai, wenn der Wind in den Segeln spielt. Ein paar Stunden später standen die Gatten mit Folke wieder drunten auf dem Steg, von dem die kleine weiße Flagge flatterte, zum Zeichen für den Dampfer, daß er anlegen mußte. Auch Vesterberg war da, um Adieu zu sagen; und als das Boot davonrauschte, schwenkte der Alte zum Abschied die Mütze; das graugesprenkelte Haar glänzte in der untergehenden Sonne. Und wieder packt Frau Liese der Gedanke an den Alten, der seine Frau, mit der er fast ein Menschenalter zusammen gelebt hatte, verlieren mußte. Sie wandte sich zu ihrem Mann und sagte leise, um nicht von all den Menschen ringsum gehört zu werden: »Siehst du ihn, wie einsam er dort steht?« Der Oberlehrer nickte. Auch er fühlte etwas von dem eisigen Vorgeschmack der Möglichkeit einer Vereinsamung, den das Bewußtsein der Nähe des Todes gibt. »Vielleicht ist er im Grunde ganz zufrieden mit dieser Einsamkeit!« »O, pfui!« sagte Frau Liese. »Wie kannst du so etwas sagen!« »Ja,« erwiderte der Oberlehrer wehmütig, »man kann nie wissen.« Frau Liese saß in Gedanken da. Wie so oft schon, wenn der Oberlehrer etwas gesagt hatte, das sie nicht fassen konnte, dachte sie: »Ist er vielleicht im Innersten unbefriedigt mit mir? Sehnt er sich ganz in der Stille nach dem Alleinsein?« Scheu sah sie zu ihrem Mann auf. Sein Profil zeichnete sich von der Luft ab. Er sah gerade vor sich hin und schien ganz vergessen zu haben, daß sie neben ihm saß. Da wandte er sich um und sah den Ausdruck im Gesicht seiner Frau. Instinktiv ahnte er, was sie dachte, und fühlte auch sogleich, daß über seine eigenen Züge ein Schatten glitt. Er blickte hastig weg, damit sie es nicht merken sollte. »Immer mißtraut sie mir!« dachte er. »Nicht einmal heut ist sie ganz glücklich!« Er mochte aber jetzt nicht darüber sprechen. Er wollte nicht, daß eine ihrer langen, endlosen Streitereien beginnen und die Erinnerung an die schöne Freude dieses Tages trüben sollte. Darum zwang er sich zu einem Lächeln, und es gelang ihm. Und als hätte sie ihn verstanden, lächelte Frau Liese zurück, ein scheues, wehmütiges, dankbares Lächeln, in dem etwas von der lichten Resignation zitterte, die nur so wenige erlangen. So näherten sie sich wieder der Stadt. Die Sonne war untergegangen, die Ufer dunkelten, und als sie wieder hell wurden, glitzerten rundum die tausend und abertausend Lichter Stockholms. Überall tuteten und rauschten die heimkehrenden Dampfer, die Kais waren schwarz von Menschen, und als sie ans Land stiegen, schlug ihnen der eigentümliche Stadtgeruch entgegen, der ihnen heute noch viel dumpfer und drückender vorkam als sonst. Stumm gingen sie miteinander die Drottningstraße hinauf zu der großen Eckkaserne, in der sie, umgeben von Fremden, wohnten. Achtes Kapitel Als der Oberlehrer heim kam, saß in seinem Zimmer ein Mann, der auf ihn wartete. Es war derselbe Arbeiter, der vor einigen Tagen bei Oskar Steinert Hilfe gesucht hatte und erbittert und unverrichteter Dinge fortgegangen war. Der Oberlehrer war nicht besonders verwundert. Als ein gesuchter Redner in Arbeiterschulen und Vereinen war er daran gewöhnt, daß die Arbeiter zu ihm kamen um sich Rats oder Belehrung zu erholen, und daß ein Arbeiter, der in der Woche über so wenig freie Zeit verfügt, auch einmal zu einer etwas ungewöhnlichen Zeit eine Unterredung begehrte, war auch weiter nichts Auffallendes. Diesmal aber kam ihm der Besuch doch recht ungelegen, und sein erster und ganz natürlicher Gedanke beim Anblick des Mannes war, daß ihm nun der Abend verdorben sei. Er kannte jedoch den Mann, wußte, daß er einer der Vertrauensmänner in Arbeiterkreisen war, und hatte auch schon mehr als einmal mit ihm geredet. Darum nahm er die Entschuldigungen des Mannes, daß er so spät noch komme, mit großer Freundlichkeit entgegen, erklärte sich bereit, anzuhören, was jener auf dem Herzen hatte, und bat ihn, Platz zu nehmen. »Sie müssen sich nur ein bißchen kurz fassen, Herr Simonsson«, sagte er aber doch. »Meine Frau wartet drüben auf mich, und wir haben gerade heut abend etwas zu besprechen.« Als aber der Mann erzählte, was er auf dem Herzen hatte, wie er den Rechtsanwalt Steinert aufgesucht, wie dieser ihn aufgenommen hatte und wie unwahrscheinlich es wäre, daß die Strafe des armen Weibes gemildert würde, wenn sie nicht gleich bei der ersten Verhandlung die Hilfe eines geschickten Verteidigers zur Seite hätte, da erhob sich der Oberlehrer von seinem Platz, ging ins Eßzimmer, hatte dort eine kurze Unterredung mit seiner Frau und kam dann wieder zurück. »Ich habe meiner Frau gesagt, daß das Gespräch länger dauern wird«, sagte er und bat darauf den Arbeiter, das soeben Gesagte noch einmal zu wiederholen. Der Arbeiter tat es. Genau und gewissenhaft wiederholte er die Worte, die zwischen ihm und dem Rechtsanwalt gewechselt worden waren. Er sagte weder zu viel noch zu wenig, übertrieb nicht, und kleidete seine eigene Empörung über die Behandlung, die ihm zuteil geworden war, bloß in die Worte: »Das hätten wir von einem solchen Mann nicht erwartet!« Ein aufrichtiger Verdruß umwölkte des Oberlehrers Gesicht. »Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun?« »Nichts – ich weiß nichts.« Der Oberlehrer dachte einen Augenblick nach. »Gibt es keinen andern Rechtsanwalt?« »Wie viele gibt es denn überhaupt, mit denen man so etwas besprechen kann?« Der Arbeiter lächelte scharf bei diesen Worten; seine Blicke wurden stechend. Nach einer Pause fuhr der Oberlehrer fort: »Meinen Sie, daß ich einen Ausweg finden soll?« »Ja, das dachte ich.« »Und was sollte das sein?« »Könnten der Herr Oberlehrer nicht mit dem Rechtsanwalt reden? Die Herren kennen sich doch?« Der Oberlehrer hatte die ganze Zeit über gewußt, daß der andere darauf hinaus wollte. Aber der bloße Gedanke an einen solchen Schritt verursachte ihm ein Gefühl des Unbehagens, das geradezu unüberwindlich war. Sich in Oskar Steinerts Angelegenheiten zu mischen war etwas, wovor die allermeisten, die ihn kannten, zurückscheuten. Der Oberlehrer wußte, er würde auf eine Kälte stoßen, die er sich außerstande fühlte, zu besiegen, für die er übrigens auch nie eine Erklärung hatte finden können. Die Mischung von Wärme und Kälte im Wesen dieses Mannes hatte ihn immer zurückgestoßen, wie alles, was der Mensch nicht versteht, ihn abstößt; und wenn er an das Zusammensein vor ein paar Tagen dachte, schien ihm der Vorschlag noch viel unausführbarer. Denn der stärkste Eindruck, den er von jenem Tag empfangen hatte, war, daß er und Oskar Steinert mit den Jahren einander völlig fremd geworden waren. »Ich versichere Sie,« sagte er, »es wäre ganz vergeblich. Wir stehen nicht so miteinander, daß ich es tun könnte. Und wenn ich es trotzdem versuchen wollte, so würde doch mein Wort bei ihm gar nichts ausrichten.« Der Oberlehrer sah, daß sich das Gesicht des Arbeiters bei dieser Erklärung verdüsterte; und da es ihm unerträglich war, einen Menschen mit betrübter Miene von sich gehen zu lassen, fuhr er nach kurzer Überlegung fort: »Wenn ich einen Ausweg finde, so werde ich Sie benachrichtigen. Ich will über die Sache nachdenken und, wenn es Ihnen recht ist, auch noch mit andern darüber reden. Vielleicht findet sich doch noch eine Möglichkeit.« Der Arbeiter sah nachdenklich aus. Zufrieden war er nicht. Er hatte einen bestimmten Bescheid haben wollen, ja oder nein. Aber da der Oberlehrer ihn wenigstens nicht ganz abwies, mußte er sich doch bedanken. Das tat er auch und fügte noch hinzu: »Ich wußte wohl, daß der Herr Doktor sein Möglichstes tun würde.« »Was ich tun kann, das will ich tun«, lautete die Antwort. Damit schüttelten sich die zwei Männer die Hände, und der Arbeiter ging. Der Oberlehrer begab sich gleich darauf ins Eßzimmer und verzehrte hastig sein einsames Nachtessen. Die andern waren schon fertig, und Folke war schon zu Bett. Darauf ging er in des Knaben Zimmer, küßte den Schlaftrunkenen und sagte ihm viele gute Worte zum Dank für den schönen Tag, den sie heute miteinander verlebt hatten. Im Wohnzimmer fand er dann seine Frau. Die Lampe war angezündet, und der freundliche Raum mit dem Donatello-Knabenkopf auf dem Klavier, den großen Kupferstichen an den Wänden und der Goethemaske über dem niederen Bücherspind lag im warmen Dämmerschein. Und hier erzählte der Oberlehrer, wie so oft schon, auch heute, was ihn bedrückte, die ganze häßliche Geschichte, die er eben gehört hatte, die Geschichte von seinem früheren Freund, der den Arbeiter, der bei ihm Hilfe suchte, im Stich gelassen hatte. Daß hinter diesem Leiden, mit dem sein Herz so warm fühlte, noch ein anderes, ebenso heißes, ebenso bitteres stecken könnte – daran dachte der Oberlehrer nicht. Alles, was er an diesem Mann, der ein paar Jugendjahre lang sein Freund gewesen war, im innersten stets zu kritisieren gefunden hatte, fiel ihm jetzt wieder ein. Und es gewährte ihm unwillkürlich eine große Befriedigung, daß er immer scharfsichtig genug gewesen war, solchergestalt Kritik an dem andern zu üben, wiewohl vielleicht just das die Schuld daran trug, daß die zwei Männer sich damals nicht näher getreten waren. Ihm schien es, als gäbe dies letzte Vorkommnis ihm recht und bestätigte bloß die Ahnung, die er immer gehabt hatte – nämlich, daß mit diesem Mann nicht alles so war, wie es sein sollte. »Verstehst du mich auch recht?« sagte er zu seiner Frau. »Dieser Mann hat seine Tätigkeit begonnen als Advokat der Arbeiter. Begreifst du, was das heißen will, daß er in einem derartigen Fall so handeln konnte? Das will heißen, daß er jetzt seinen guten Klientenkreis hat und die Arbeiter ihm überhaupt immer nur zur Reklame gedient haben. Nun er sie nicht mehr braucht, läßt er sie fallen. Ein Seelenmord ist es, was dieser Mann da begangen hat. Nicht mehr und nicht weniger.« Frau Liese fühlte ihres Mannes Empörung vielleicht noch tiefer als er selber. Sie wurde ganz heiß vor eigenem Empfinden und vor Bewunderung über diese Entrüstung, die sie so redlich teilte. »Für mich hat Steinert immer etwas Abstoßendes gehabt«, sagte sie. »Wenn er einen ansieht, ist's immer, als müsse man denken: kann er dich brauchen oder kann er dich nicht brauchen? Aber für so herzlos hätte ich ihn doch nicht gehalten.« Der Oberlehrer stand auf und ging erregt im Zimmer auf und ab. »Als junge Leute sind wir viel zusammen gewesen«, sagte er nach einer Weile. »Er hatte damals grade sein Examen gemacht. Und als er zum erstenmal in den Kreisen der Hauptstadt auftauchte, setzte man große Erwartungen auf ihn. Mir war er, wie du weißt, nie so recht sympathisch. Aber er interessierte mich. Er steckte damals voller Ideen, und seine ganze Persönlichkeit hatte etwas Blendendes. Wenn man ihn jetzt sieht, so kann man sich keine Vorstellung davon machen, was er damals war, so hat er sich verändert. Ein paar Jahre lang waren wir fast täglich zusammen, schon weil wir im selben Lokal zu Mittag aßen. Er interessierte sich damals für Literatur und moderne Philosophie. Und die meisten glaubten, er würde die Jurisprudenz an den Nagel hängen und Schriftsteller werden. Daß der Mann ein so bedeutendes Talent fürs Praktische, im guten und bösen Sinne, hatte, wie er das später gezeigt hat, das ahnte niemand. Seine Laune war sehr wechselnd. Wenn er eine Zeitlang der Losgelassenste von uns allen gewesen war, konnte er ganz plötzlich verstummen, und es sah aus, als ob da etwas ganz Gefährliches, ich möchte fast sagen, Unterirdisches in ihm ausbräche. Er konnte dann stundenlang stumm dasitzen und trinken, und wenn man ihn störte, so fuhr er in einer Weise auf, die geradezu unheimlich war. Wir vergaßen das ja schnell wieder, die Jugend nimmt es nicht so genau mit der Form. Aber später kam es mir zum Bewußtsein, daß es eben dieser jähe Umschlag in seinem Wesen war, der mich daran hinderte, ihm näher zu kommen. Und jetzt halt' ich das für ein großes Glück.« Der Oberlehrer schwieg. Über den Erinnerungen, die in ihm erwachten, hatte er fast seine Entrüstung vergessen. Er lächelte still vor sich hin. »Ich weiß noch, eines Abends,« fuhr er dann fort, »war er noch wechselnder als sonst in seinen Äußerungen. Er behauptete, er habe herausgefunden, warum er nie mit den Menschen würde auskommen können. Wie schwer das auf ihm lastete, dessen war er sich ganz bewußt. Er sagte dann etwas, was erst ganz amüsant klang: ›Es kommt daher,‹ sagte er, ›daß ich nicht die Gabe habe, Bosheit und Dummheit mit dem gebührenden Respekt zu tolerieren.‹ Wir hatten ein bißchen getrunken, und die Stimmung war sehr heiter. Daß er mehr getrunken hatte als die andern, hatte keiner gemerkt. Jedenfalls war es aber doch so. Denn plötzlich wandte er sich zu mir und sagte ganz laut über den Tisch weg: ›Du bist nicht dumm. Das behaupt' ich gar nicht. Aber du bist mittelmäßig; und das ist viel schlimmer.‹« Der Oberlehrer lachte ein bißchen gezwungen bei dieser Erinnerung, und auch Frau Liese lächelte. »Und weißt du, was ich glaube?« fuhr er dann fort. »Er meinte es auch tatsächlich.« Jetzt mußte Frau Liese lachen. »Dann ist's ja eine noch ärgere Ungezogenheit!« »Natürlich. Im übrigen hab' ich mich ja nie für ein Genie ausgegeben. Aber das ist schließlich nicht weiter interessant. Was ich eigentlich sagen wollte, ist -: er warf immer so gleichsam im Scherz Dinge hin, die er im Innersten tatsächlich auch meinte, aber nicht gut auf andere Weise sagen konnte. Es war, als hätte er ein Bedürfnis, andere zu verletzen, ich möchte fast sagen, grausam zu sein. Es steckte ein kalter, kritischer Mensch in ihm, der uns alle und vielleicht auch ihn selber durch eine Heftigkeit, die wie Wärme aussehen konnte, täuschte.« Wieder verstummte der Oberlehrer und nahm seinen Spaziergang durchs Zimmer auf. »Weißt du, mit wem er jetzt verkehrt?« fragte Frau Liese. »Nein«, antwortete der Mann kurz. »Er hat sich vollständig isoliert.« »So einsam ist er?« »Vollständig. Bekannte hat er genug, aber keine Freunde. Diese Vereinsamung fing mit seiner Heirat an. Er heiratete im Ausland. Keiner von seinen Bekannten wußte davon. Sie hatten sich in Paris kennen gelernt, wo ja der Verkehr zwischen den Geschlechtern freier ist als hier. Über ihre Familienverhältnisse usw. weiß ich nichts und habe auch fast nichts darüber gehört. Es heißt, ihr verstorbener Vater sei eine Art Teilhaber in einem Geschäft in Paris gewesen. Die Mutter soll eine Französin gewesen sein. Ich habe sie selber ja auch ein paarmal gesehen, aber immer nur ganz flüchtig. Übrigens kennst du sie ja auch.« »Ich kann nicht finden, daß sie schön ist, und sonst ist sie doch erst recht nichts«, urteilte Frau Liese kurz. »Wie gesagt,« fuhr der Oberlehrer fort, »nach seiner Verheiratung zog er sich zurück. Er kam hierher, ohne es einem Menschen zu schreiben, ließ sich als Rechtsanwalt nieder, ohne irgend jemand ins Vertrauen zu ziehen. Von alten Plänen und Gedanken wollte er gar nicht mehr reden hören. Er hat sich seinen Weg gewählt und geht durchs Leben als ein Mann, der mit allem fertig ist und bloß noch sich selber lebt. Das merkwürdige daran ist, daß er genau so geworden ist, wie er selber voraussagte.« Frau Liese sah auf. »Das hast du mir nie erzählt.« »Ich hatte es vergessen«, erwiderte der Oberlehrer. »Es war an einem Abend, vor vielen Jahren, als wir noch täglich zusammen waren. Ich hatte es längst vergessen, aber neulich, als wir zusammen zu Mittag aßen, erinnerte er mich daran. So auf seine Weise. Ich berührte nämlich zu jener Zeit einmal ganz zufällig seine Schriftstellerpläne, über die er selber oft gesprochen hatte. Da wurde er plötzlich finster und sagte: ›Hast du nicht gemerkt, daß ich in letzter Zeit ganz still davon war? Ich glaub' nicht mehr daran. Was bei mir wie Wille und Enthusiasmus aussieht, ist nichts als ein gewisser Überschuß an Lebenslust, der eines Tages verbrauchtes Kapital sein wird. Glaub' mir, ich weiß das besser als du.‹« Frau Liese saß ganz still; einen Augenblick lang schien es ihr, als könne in diesen Worten etwas anderes, Tieferes liegen, als die brutale Bankerotterklärung, wofür ihr Mann es hielt. Aber der Groll gegen Steinert, der einem Menschen in tiefster Not den Rücken wenden konnte, saß zu tief in ihr, und ganz im Gedanken hieran erwiderte sie: »Es geschieht ihm nur recht, wenn er jetzt allein ist.« So war denn Oskar Steinert bei den beiden Eheleuten abgetan. In der folgenden Zeit verging kaum ein Tag, ohne daß sein Name auf die eine oder andere Art zwischen ihnen aufs Tapet gekommen wäre. Daß man die Sache näher untersuchen, eine Erklärung finden, mildernde Umstände annehmen könnte, der Gedanke kam ihnen gar nicht. Die Entrüstung, die die Menschen »gerecht« und »heilig« nennen, beherrschte sie ganz und gar, und auf ihrem Altar ward Steinerts Name, Ehre und Persönlichkeit geopfert. Je öfter sie von ihm redeten, desto schwärzer ward sein Bild. Die Handlung, die sie anfänglich so streng verurteilt hatten, ward nach und nach fast vergessen oder wenigstens in den Hintergrund geschoben. Denn es stellte sich gar bald heraus, daß sie keineswegs einzig dastehend war in Oskar Steinerts Leben und Charakter. Sondern dem Oberlehrer und seiner Frau fielen im Lauf der Tage ohne Schwierigkeit immer mehr Aussprüche und Handlungen des Rechtsanwalts ein, die, im Licht dieser letzten Begebenheit gesehen, eine ganz andere Bedeutung erhielten, als man sie ihnen früher beigelegt hatte. All diese Geschichten blieben auch nicht etwa in der Familie Hjälm. Der Oberlehrer nahm sie ins Lehrerzimmer der Schule mit, Frau Liese beschäftigte sich mit ihnen während ihrer Vormittagsbesuche. Im Anfang sprach der Oberlehrer nur ungern von der Sache, höchstens mit einem vertrauten Freund, unter vier Augen. Aber da er nach wenigen Wochen fand, daß sogar Leute, mit denen er selber nie darüber gesprochen hatte, davon wußten, so hielt er die Geschichte für allgemein bekannt und fand es unnötig, sie noch länger als Diskretionssache zu behandeln. Seine Frau wiederum erzählte die Sache überhaupt jedem, der sie hören wollte, und beantwortete ihres Mannes Einwand, daß sie dazu doch wohl nicht berechtigt seien, mit der volltönenden Erklärung, alles was sie tue, geschehe im Interesse der Wahrheit, und sie halte es einfach für ihre Pflicht, allen Leuten die Augen darüber zu öffnen, was für ein Mensch dieser Oskar Steinert eigentlich sei. Und wenn er und ihr Gatte früher einmal Kameraden gewesen seien, so sei das in ihren Augen nur ein Grund mehr, mit dem, was sie wisse und denke, nicht hinter dem Berg zu halten. Tatsächlich gingen auch in dieser Zeit einer ganzen Menge Menschen die Augen über das eigentliche Wesen von Rechtsanwalt Steinerts Charakter auf. Das Interesse für Psychologie ist ja bekanntlich in unseren Tagen ganz außerordentlich stark entwickelt, und da sich dies Interesse noch dazu auf eine bekannte Persönlichkeit konzentrierte, war es ja nur natürlich, daß die vereinten Anstrengungen ein gar nicht zu unterschätzendes Resultat zuwege brachten. In solchen Fällen entwickeln sonst im Grund gutherzige Menschen oft eine Tätigkeit, die um so unheilvoller ist, je mehr ihre Beweggründe in ihren und anderer Leute Augen über jedem Verdacht und jeglicher Kritik zu stehen scheinen. Das solide Interesse, das diese Art von psychologischen Untersuchungen auszeichnet, verleiht dem Klatsch eine Ausdehnung und Autorität, die jeden Zweifel verbannen und um so wirksamer sind, als die Betreffenden selber nicht die geringste Besorgnis zu hegen brauchen, daß sie selbst jemals würdig sein könnten, dem Hohn der Allgemeinheit zum Opfer zu fallen. Der Fall Steinert war eine geradezu unübertreffliche Gelegenheit zur Ausübung dieser Lynchjustiz des zivilisierten Europas. Er erwies sich so reich an Möglichkeiten, daß er die geistig führenden Kreise und alle, die in näherer oder fernerer Berührung mit ihnen standen, volle vierzehn Tage lang in Atem hielt, grade ehe der Sommerlandaufenthalt die Mitglieder jener Gesellschaft von heimlichen Heiligen zersplitterte, in der schon so viele der Persönlichkeiten unseres Landes gewogen und zu leicht befunden worden sind. Hätte Oskar Steinert zu denen gehört, die aus unerforschlichen Gründen bei der Mehrzahl der Einflußreichen persona grata sind, so hätte sich sicherlich zum mindesten eine einflußreiche Stimme zu seinen Gunsten erhoben. Oder zum mindesten wäre irgendein Mensch in gewisse persönliche Verhältnisse eingeweiht gewesen, die doch immerhin eine Art Erklärung gaben. Aber wie seine Aktien nun einmal standen, war er ein Einsamer, und sein Schicksal war besiegelt, noch vor dem Abend, an dem Professor Grape und seine Frau zum letztenmal vor den Sommermonaten ihre Freunde zu einem Abschiedsfest versammelten, ehe der ganze Kreis auseinander splitterte und jeder für sich Natur und Ruhe oder Natur und Arbeit suchte. Professor Grapes Heim war ein Musterheim; alles von dem großen Porträt Herbert Spencers über dem Wohnzimmersofa bis zu den originellen Tannenholzmöbeln in modernem Stil, zeugte davon, daß das Beste, was die Gegenwart hervorbrachte, hier gewürdigt wurde und ein Heimatrecht hatte. Künstler und Schriftsteller, jüngere Gelehrte und ernsthafte Journalisten versammelten sich hier, Frauen, die teilnahmen am Streben der Männer und andere Interessen als die des Alltags hatten. Da war Doktor Sixten Ebeling, noch immer Junggesell, mit seinem leicht graugesprenkelten Haar und dem unvermeidlichen Kneifer. Direktor Gösta Wickner, der sein ganzes Ansehen wiedererlangt hatte, seit er die Übereilung von damals, als er Bob Flodins Frau verführte und heiratete, durch eine neue, kluge Ehe in Vergessenheit gebracht hatte, war auch zurückgekehrt in den Kreis, den er eine Zeitlang hatte meiden müssen. Auch Oberlehrer Ake Hjälm war da, freundlich, glücklich im Bewußtsein, daß die Wellen der Bucht bei seiner geliebten »Kathe« bald allen Schulstaub des Winters von ihm abspülen würden; Frau Liese sah man in vertraulichem Gespräch mit der Wirtin des Hauses. Fräulein Tora Ljung hatte sich heute abend von ihren Studien und ihrer Einsamkeit losgerissen, obgleich man sie sonst nur selten in Gesellschaft traf, und neben ihr saß stumm und verträumt Olof Björk, der junge Dichter mit dem Kindergesicht und den scheuen Augen. Er war neu eingeführt in diesen Kreis, und saß da, ein Fremdling, der sich mit scheuen und doch kritischen Blicken umschaute und sich ganz heimlich wieder zurückwünschte in den freien Kreis der Kameraden, den er nur widerwillig verlassen hatte. Die Unterhaltung floß lebhaft und leicht dahin. Ungehemmt von jeder Verantwortlichkeit konnte hier ein jeder frei die Ansichten und Gedanken aussprechen, die so selten an die Öffentlichkeit gelangen; und im sichern Bewußtsein, daß jedes Wort seine wahre Würdigung fand und nicht mißverstanden wurde, besprachen diese Menschen ihre Eindrücke von Ereignissen des Tages, ihre Urteile über Bücher und Kunstwerke, alles vermischt mit den kleinen persönlichen Einzelheiten, die da und dort ein rasches Lächeln, einen Austausch verstehender Blicke hervorrufen. Es war ein Kreis von Menschen, die sich gegenseitig stützten, aufmunterten und halfen in dem oft so gar nicht leichten Kampf, den alle Menschen kämpfen, die sich der Arbeit im Dienst der Öffentlichkeit weihen. Das Verlangen nach Bildung war hier mehr als ein bloßes Wort, das Interesse fürs allgemeine war wahr, lebendig. Das Urteil war mild und doch streng in diesem Kreis, und keiner war da, der nicht die Stellung des anderen kannte und respektierte. Und ebenso war keiner da, der nicht seinen Platz in der nationalen Kulturarbeit der Zeit eingenommen und ihn zu verteidigen gewußt hätte. Jeder dieser Männer und Frauen kannte die Geschichte von Oskar Steinert und dem hilfesuchenden Arbeiter, die den Oberlehrer Hjälm und seine Frau so heftig erregt hatte. Die einzige in der ganzen Gesellschaft, der die Geschichte fremd war, war jedenfalls Fräulein Tora Ljung. Dank ihrem zurückgezogenen Leben gehörte sie zu den wenigen Beneidenswerten, die das on dit des Tages nur selten erreicht. Wie in einem gemeinsamen Instinkt mochte aber anfänglich keiner die Sache aufs Tapet bringen, und erst nach dem Nachtessen, als die Gesellschaft wieder um den großen Mahagonitisch unter Herbert Spencers Bild versammelt war, fiel Oskar Steinerts Name. Frau Liese war's, die ihn nannte. Der gerechte Groll, der sie seit Wochen erfüllte, ließ ihr den Gedanken ganz unmöglich erscheinen, daß dieser Abend vorübergehen sollte, ohne ihr die Überzeugung zu bringen, daß das Urteil, das ihr als ein gerechtes vorkam, auch innerhalb des Kreises, in dem sie gewöhnt war eine Stütze für ihre Ansichten zu finden, gebilligt wurde. Es war, als müsse sie sich auf diese Weise eine gewisse Sicherheit für die Gültigkeit ihres eigenen Urteils verschaffen. Und voller Spannung wartete sie auf die Worte der anderen, obgleich sie eigentlich im voraus wußte, wie das Urteil lauten würde. Tatsächlich entstand einen Augenblick völliges Schweigen, als dies Thema aufs Tapet kam; und fast als möchte er weiterer Diskussion über den Gegenstand vorbeugen, sagte Professor Grape: »Ich denke, wir sind mit ihm fertig.« Es war, als ersuche er die Gesellschaft in diskreter Weise, sich nicht mehr mit dem Namen eines solchen Mannes zu beschäftigen. Tora Ljung zuckte bei dem geringschätzigen Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, zusammen; und weil sie die Ursache nicht kannte und nicht ahnte, was für einen Sturm sie mit ihren unschuldigen Worten entfesselte, fragte sie ruhig: »Was ist denn geschehen?« Ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens antwortete ihr. Daß jemand das nicht wissen konnte, was in aller Munde war! Teils um seiner Frau zu helfen, die die Sache aufs Tapet gebracht hatte, teils auch aus Rücksicht für Fräulein Ljung, deren jahrelange Freundschaft mit dem Rechtsanwalt ihm bekannt war, ergriff jetzt der Oberlehrer das Wort. In seiner ruhigen Art erzählte er sein Gespräch mit dem Arbeiter, der ihn besucht und ihn um Rat gebeten hatte, und was dabei zutage gekommen war. Hjälm sprach ruhig und wehmütig, fast wie einer, der stillschweigend beklagt, daß er Unvorteilhaftes über einen kürzlich Verstorbenen sagen muß; und er war ganz bestürzt, als er sah, daß Fräulein Ljung während seines Berichts abwechselnd bleich und rot wurde und, als er schloß, mit vor Erregung zitternder Stimme rief: »Also Sie allein sind es, der diese Sache weiter trägt? Oder hat etwa der Arbeiter, von dem Sie gesprochen haben, noch andere aufgesucht?« Der Oberlehrer zuckte zusammen. Der Ton, in dem Fräulein Ljung sprach, war an sich schon eine Kränkung. »Ich gebe mich nicht mit Klatsch ab«, erwiderte er trocken. »Die Sache, von der wir hier sprechen, ist ganz allgemein bekannt.« »Aber wieso?« fuhr Fräulein Ljung mutig fort. »Wieso ist sie bekannt geworden?« Sie sah sich um; und da sie ringsum bloß Gesichter sah, die sie mit einer Mischung kühlen Erstaunens und Unwillens betrachteten, begriff sie, daß Oskar Steinerts Schicksal in diesem Kreis besiegelt war. Er war gerichtet. Von Natur scheu und zurückhaltend, war es ihr sehr peinlich, weiter zu sprechen, schon deshalb, weil sie merkte, welches Aufsehen sie erregte. Ganz plötzlich glaubte sie zu sehen, daß sie eigentlich in diesem Kreis ganz allein stand, und sie wunderte sich nur darüber, daß sie das nicht schon früher gemerkt hatte. Da sie aber um keinen Preis einen Unschuldigen im Stich gelassen hätte, um so weniger, als es sich um einen Freund handelte, raffte sie ihren Mut noch einmal zusammen und sagte, jedes Wort stark betonend: »Ich kenne Oskar Steinert seit vielen Jahren und zweifle nicht, daß er aus der einen oder andern Ursache auch einmal unüberlegt gehandelt haben kann. Aber einer niedrig gesinnten und gemeinen Handlung ist er unfähig, das weiß ich. Hat er so gehandelt, wie alle ihm das jetzt vorwerfen, so gibt es auch eine Erklärung dafür.« Der Oberlehrer zuckte die Achseln und erwiderte: »Ich glaube nicht, daß es in diesem Fall mehr als eine Erklärung gibt oder geben kann.« »Doch,« gab Fräulein Ljung leise zurück, »es gibt eine. Leider kann ich sie nicht aussprechen. Ich habe versprochen zu schweigen.« Frau Liese hatte mit glühenden Wangen zugehört. Jetzt konnte sie sich nicht länger beherrschen. »Das soll wohl heißen, daß er unzurechnungsfähig ist«, rief sie. »Nein«, erwiderte Fräulein Ljung wie vorhin. »Das wollte ich damit nicht sagen.« Jetzt mischte sich der Wirt selbst ins Gespräch, um die Situation, die kritisch zu werden drohte, zu retten. Mit seiner milden, heiteren Stimme äußerte er: »Hätten wir ahnen können, daß Rechtsanwalt Steinert in Fräulein Ljung eine so warme Freundin hat; so hätte sicher niemand dies Gespräch angeschnitten. Wenn man zu den persönlichen Sympathien und Antipathien kommt, hört ja überhaupt jede Diskussion auf.« Des Professors Frau sandte ihrem Mann einen sprechenden Blick zu, zum Dank, daß er auf so feine Art der peinlichen Sache ein Ende gemacht hatte; und Fräulein Ljung fühlte, daß sie hiermit, zusammen mit dem zuvor Abgeurteilten, auch gerichtet war. Gedankenvoll, in sich versunken saß sie da, während das Gespräch weiter glitt. Sie dachte daran, wie in dieser ganzen Gesellschaft jeder einzelne so gut wußte, daß, wo es sich um eine wissenschaftliche Frage handelt, jederzeit irgendein unbekannter Faktor sich offenbaren kann, der eine schon so gut wie fertige Theorie plötzlich über den Haufen wirft. In solchen Fällen galt ein vorschnelles Urteil einfach als eine grobe Inkompetenzerklärung. Und wo es sich um einen Menschen handelte, brauchte eine Ansicht nur weiter entwickelt zu werden, sich geltend zu machen, und keine Macht der Welt vermochte sie später mehr zu erschüttern! Ein Wort gab das andere, eine Leidenschaft reihte sich an die andere, ein Mensch hetzte den andern auf. Wie eine geistige Seuche verbreitete sich die Sympathie oder Antipathie, wo es sich um einen Mann, eine Frau handelte. Die Höchstgebildeten, der roheste Volkshaufe schienen gleich zugänglich für diese Ansteckung, die wie eine Pest um sich greift und jedes Urteil blind macht. »Die bösen Worte,« dachte sie, »die bösen Worte! Wer fesselt sie?« Als sie sich endlich verabschieden konnte und auf die Straße trat, war ihr zu mute, als käme sie aus verdorbener Luft und müsse lange im Freien gehen, um wieder zur Ruhe zu kommen. In Professor Grapes Vorzimmer aber stand noch eine Gruppe in lebhaftem Gespräch beieinander. Sie redeten leise, als fürchteten sie, ein Unberufener möchte sie hören. Sie sprachen von Oskar Steinert, nicht mehr von der Sache, deren er beschuldigt war, sondern von seiner Person, seinen Verhältnissen, seinem ganzen Leben. Sie redeten von einem Mann, den sie alle dereinst hoch geschätzt, an den sie große Hoffnungen geknüpft hatten, und mit dem sie nun plötzlich vollständig fertig waren. »Sie ist zu kostbar, Fräulein Ljung!« sagte eine Damenstimme. »Eine Erklärung, die man nicht aussprechen kann! Was meint sie damit?« Eine ernste Männerstimme erwiderte: »Zu solchen Gründen greift man nur, wenn man das Gefühl über die Vernunft Herr werden läßt!« Nach einer Pause fügte ein anderer hinzu: »Es ist etwas Trauriges um Menschen, die ihre persönlichen Neigungen nicht beherrschen können.« »Ja«, antwortete eine junge Dame. »Wer so handelt, dringt nie zur Wahrheit durch!« »Recht so, Fräulein,« sagte Professor Grape. »Die Wahrheit, das ist das Vornehmste und Erste.« Während dies Gespräch sich noch fortsetzt, geht Fräulein Tora Ljung durch die Straßen heimwärts. Daß sie selber der Gegenstand irgendwelcher Aufmerksamkeit sein könnte, der Gedanke kommt ihr gar nicht. Ihr Herz ist viel zu voll von Bitterkeit gegen die Menschen, die sich so rasch verleiten lassen, ein Urteil zu fällen; und zugleich überkommt sie eine unbestimmte Angst um die Zukunft ihres Freundes. Sie fürchtet ganz ernstlich für sein Schicksal, glaubt, daß diese Geschichte, die doch sicher rasch vergessen sein wird, irgendwie entscheidend eingreifen könnte; und obwohl sie sich sagt, daß diese Verleumdung, wie ja das meiste Böse, was gesagt und geglaubt wird, seine Ohren ganz sicher nicht erreichen wird, so kann sie doch ihre Angst nicht los werden. Furchtbar ist dies Gefühl der Machtlosigkeit, das den Menschen ergreift, wenn er sich, in großen oder kleinen Dingen, mit der Wahrheit ganz alleinstehend fühlt. Furchtbar ist das Bewußtsein von der Ohnmacht der Wahrheit, furchtbar die Entdeckung, daß die Menschen gerade der Wahrheit zuletzt glauben. Und furchtbarer als alles das Bewußtsein, daß die Göttin gerade denen, die sie am lautesten anrufen, ihr Scheinbild gibt, stolz, gleichgültig, als wolle sie zeigen, wie sehr sie alle die verachtet, die ihren Namen anrufen, ohne ihr Wesen zu kennen. »Und wenn ich ihnen auch alles hätte sagen können,« denkt Tora Ljung, »geglaubt hätte mir doch keiner. Wo nur die rohen Tatsachen gelten, da ist der Instinkt für die feinen Unterscheidungen tot. Und was noch schlimmer ist – er ist verachtet.« Fröstelnd geht sie weiter. Sie kann das Angstgefühl, das sie gepackt hat, gar nicht mehr los werden; es beherrscht sie so stark, daß sie an jeder Straßenecke meint, jetzt müsse ihr Oskar Steinert begegnen. Und davor fürchtet sie sich; denn sie weiß, jetzt würde sie sich verraten. Sie fährt darum auch zusammen vor Schreck, als plötzlich aus dem Dunkel heraus eine Stimme ihren Namen nennt; ohne sich mehr beherrschen zu können, dreht sie sich um und sieht hinter sich auf dem Trottoir den jungen Dichter, der während des Gesprächs bei Professor Grape neben ihr gesessen hatte. »Ich wagte nicht gleich, Sie anzusprechen«, erklärte er. »Ich sah, daß Sie erregt waren, und wollte Sie in Ruhe lassen.« Sie gehen zusammen weiter. Tora Ljung beruhigt sich; sie empfindet die Nähe des jungen Menschen fast wie einen Schutz. »Ich muß Ihnen danken«, fährt der Dichter fort. Seine Stimme zittert, die Muskeln in dem jungen Gesicht spielen nervös. »Es muß Ihnen ja freilich sonderbar vorkommen,« spricht er weiter, – »daß ich so rede. Ich kenne Sie ja nicht, und Sie kennen mich nicht. Ich kenne überhaupt niemand hier außer Doktor Ebeling. Er führte mich ein und sagte, es könnte mir nützen. Den ganzen Abend über saß ich ganz für mich allein. Und immer hatte ich den Eindruck: was habe ich denn diesen Menschen zu sagen – oder sie mir? Ich habe mich den ganzen Abend über gefragt, warum ich mich denn so wenig wohl fühlte in jenem Kreis. Ich hab' gekämpft gegen meine eigenen Gefühle, hab' mich selber darum ausgescholten. Seelenmord begehen sie da – im großen Stil – und mein Gefühl hatte ganz recht, viel mehr noch, als ich wußte!« Ein phantastischer Zug kommt in das Gesicht des jungen Mannes mit seinen zarten Muskeln und dem angestrengten, harten Ausdruck. So ernst ist seine ganze Art, so aufrichtig sein Empfinden, daß Tora Ljung vergißt, daß sie sich heut abend zum erstenmal getroffen und erst ein paar gleichgültige Worte gewechselt haben. Sie betrachtet ihn mit ihren ruhigen, forschenden Augen und sagt: »Kennen Sie den Rechtsanwalt Steinert?« Der junge Mann erwidert: »Ich habe seinen Namen heute zum erstenmal gehört. Aber Sie brauchen gar nicht mehr zu sagen, als Sie schon gesagt haben. Ich verstehe doch, daß das, was Sie sagten, wahr ist.« »Nicht nur darum, weil Sie allein waren«, fügt er lächelnd hinzu. Tora Ljung wird ganz warm; es gibt also einen Menschen, der ihre Worte versteht und noch mehr – das, was hinter ihren Worten liegt! Sie streckt die Hand aus und drückt dankbar die des jungen Mannes. Still wandern sie nebeneinander dahin; um sie zittert das Licht des Frühlingsdämmerns und der Gaslaternen. »Vielleicht muß man jung sein, um so zu denken und zu handeln, wie Sie«, sagte sie schließlich. »Wenn ich das glauben müßte, möchte ich lieber gar nicht leben«, entgegnet der junge Mann. Tora Ljung lächelt. »Sie sind sehr jung«, sagt sie. Und einen Augenblick darauf fügt sie hinzu: »Ich habe Sie nicht kränken wollen.« »Sie haben mich auch nicht gekränkt«, erwidert er, halb zerstreut. Wieder gehen sie stumm weiter. Dann sagt Tora Ljung: »Sie haben mir heute abend wohl getan, mehr, als Sie überhaupt wissen.« Der junge Mann nickt stumm; dann beugt er sich zu ihrem Gesicht hinüber und sagt: »Es war mein erster Abend in einem Stockholmer Kreis.« Tora Ljung bleibt stehen und blickt zu ihm auf; der Ton, in dem er gesprochen hat, zwingt sie dazu. Die ganze Verzweiflung der Jugend über getäuschte Erwartungen liegt in seinen Worten. »Wie meinen Sie das?« sagt sie; aber ihre eignen Worte erscheinen ihr sinnlos; sie weiß wohl, daß sie ihn gut versteht. »Ich bin hierher gekommen,« fährt der junge Mann fort, »weil ich dachte, hier würd' ich das Leben kennen lernen. Ich komme aus einer kleinen Stadt, wo jeder einzelne für seine eigenen kleinen Interessen lebt; mir war, als könnte ich da nichts lernen. Jahrelang hab' ich mich hierher gesehnt, gewiß nicht, um Berühmtheiten kennen zu lernen, sondern einfach um Menschen zu treffen, die Ideen haben und für sie leben. Ich bin heut' abend in diese Gesellschaft gekommen, so scheu, wie ich es gar nicht an mir gewöhnt bin. Werden Sie es verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß das, was ich heute gesehen und gehört habe, mein Selbstgefühl gekräftigt hat?« »Sie meinen, Sie verstehen jetzt besser als zuvor, daß es grade die Jugend ist, die man hier braucht?« erwidert Tora. »Ja«, antwortet der Jüngling, und sein Gesicht tragt einen Ausdruck finsterer Energie, der seltsam von seinen Worten absticht. »Sie müssen aber doch immer denken, daß wir heute abend bloß ein paar Menschen gesehen haben, die sich täuschen, die irren und die darum ungerecht urteilen«, wendet Tora lächelnd ein. »Wenn Sie sie besser kennten, würden Sie auch wissen, daß viel Gutes in ihnen ist.« Der junge Mann flammt auf. »Haben Sie soviel Mitleid mit der geistigen Armut?« sagt er hitzig. Fräulein Ljung hat ihre Haustür erreicht. Sie kehrt um. Langsam wandern die zwei, die sich so kurze Zeit erst kennen, auf dem Trottoir auf und ab, die jungen Bäume auf dem Johanneskirchhof rauschen leis über ihren Häuptern. Auf Tora Ljungs Gesicht liegt die klare Mischung von Klugheit und Wärme, die ihr eigen ist, aber ihre Stimme klingt scharf, als sie erwidert: »Böse Geister sind zu den guten gekommen. Ich hab' es lang gefühlt, aber erst heut' abend hab' ich es recht begriffen. Es werden heutzutage bessere Bücher geschrieben, es wird bessere Kunst geschaffen, als je. Und doch fehlt etwas. Wie eine Mißtrauenskrankheit liegt es in der Luft. Ich kann es in einem Bild ausdrücken. Jesus von Nazareth ist für uns so ziemlich vergessen. Aber der Glaube an Judas ist lebendig. Wenn Sie länger hier leben, werden Sie sehen, daß es hier eine Meinung gibt, die viel gefährlicher ist als die öffentliche, weil sie viel schwerer anfechtbar ist: die Meinung der sogenannten führenden Kreise und derer, die mit ihnen in Berührung stehen. Wenn ein Mann oder eine Frau sich im Laufe ihrer Entwicklung von einigen der Anschauungen losmacht, denen der Kreis, dem sie angehören, huldigt, so wird das selten natürlich gefunden; sondern man betrachtet es als eine Beleidigung. Man fragt sich nicht: In welchem Zusammenhang steht das mit seiner oder ihrer Natur, mit seinem oder ihrem Charakter? Sondern man fragt: Welchen Nutzen kann er oder sie davon haben? Wenn diese Frage aufgeworfen wird, so ist der Betreffende schon eine zweifelhafte Persönlichkeit. Dann fängt man an, sentimental zu werden, und beklagt seine oder ihre traurige Entwicklung. Man toleriert sie noch eine Zeitlang. Denn man hofft doch bis zum äußersten, sie werden wieder umkehren. Aber der Verbrecher, der in dem einen oder andern Punkt vom Katechismus abgewichen ist, merkt bald, daß es um ihn leer wird. Die Freunde sind nicht mehr so freundlich wie sonst. Ohne in seiner Unschuld zu begreifen, wieso, merkt das Opfer, daß die Atmosphäre, die Meinungsatmosphäre um ihn eine ganz andere wird, eine, in der ihn friert, und ohne sich die Ursache erklären zu können, fühlt er sich unglücklich, unbehaglich, welkt dahin ... Um ihn wird eine Leere – in ihm sieht es traurig aus ... Er ist, um in der Sprache der Bibel zu sprechen, ›unter dem Gericht‹, und wenn's ihm ganz schlecht ergeht, endet er im höllischen Feuer und wird obendrein noch ein Narr gescholten, oder schlimmeres. Das ist der Satanismus des Parteigeistes. Und es hat nicht den Anschein, als hätten die neuen Parteibildungen in dieser Hinsicht etwas von den alten gelernt.« Tora Ljung hat geendet. Sie bleibt eine Weile stumm stehen, und in ihrem ganzen Wesen liegt etwas, das den jungen Dichter abhält, ihr jetzt zu antworten. Plötzlich füllen sich ihre Augen mit Tränen, und im Gedanken an das Lebensschicksal, das eben am heutigen Abend in die Sphäre des Hasses getreten ist, die sie in ihren Worten geschildert hat, sagt sie langsam: »Früher oder später findet man an einem solchen Menschen etwas, das aussieht wie ein Charakterfehler. Und über diesem einen Fehler wird dann alles vergessen, was er getan oder gelitten hat. Nicht bloß die Regierungen bedienen sich des Begriffs der ›Mißfälligkeit‹. Auch der Freisinn hat seinen Despotismus. Man wünscht, einen Mann zu vernichten, und nichts kann da sein Schicksal mehr aufhalten. Er ist aus dem Leben ausgestoßen. Der Judasglaube trägt den Sieg über ihn davon.« Der junge Mann flammt nicht auf, sondern er ist noch bleicher als zuvor. Er antwortet: »Nie, in meinem ganzen Leben nicht, werd' ich den Haß vergessen, den ich heute abend kennen gelernt habe.« »Ach,« sagt Tora Ljung, »was heißt Haß? Glauben Sie mir, unter den Besten, grade unter den Allerbesten geschieht so etwas. Darin liegt ja das furchtbare aller Geheimnisse!« »Glauben Sie?« wandte er ein. Aber Tora Ljung hört ihn nicht mehr. Sie ist unter dem Torbogen verschwunden, und der Dichter hört nur noch, wie die schwere Tür mit einem Krach zuschlägt. Rasch gleitet seine hohe Gestalt an den Häuserreihen entlang, die ihm plötzlich dunkel erscheinen, drohend, Böses weissagend. Er fühlt sich erregt, verwirrt, und vor seinem Innern steigt das Bild einer kleinen Stadt empor mit engen, dunklen Gassen, spärlich erleuchtet von einzelnen Gasflammen, die wie ertrunken in einem milden, tiefen Dunkel scheinen. Zwischen den Gaslaternen schimmern Schattenbilder niederer, von Gärten umgebener Gebäude, und ein Stück Meer, über dem das Licht des Leuchtfeuers blinkt wie der Widerschein kurzer, hastiger Atemzüge ... Und wie er dereinst sich fortsehnte, so sehnt er sich jetzt nach Haus. Und weiß doch, er ist einsam, und einsam wird er bleiben in einem Leben, das ihm jetzt so endlos, so ziellos erscheint, lang, wie die Ewigkeit. Vor seinem Blick spukt das Gespenst der Vereinsamung. Und die Großstadt schreckt ihn. Neuntes Kapitel Am Morgen nach dem Gespräch mit Tora Ljung erwachte der Rechtsanwalt Steinert nach langem, schwerem Schlaf mit dem eigentümlichen Kraftgefühl, das mitten in der Periode tiefster Niedergeschlagenheit plötzlich bei einem Menschen aufleben kann. Voller Angst, daß die Lahmheit des Willens, die ihn seit Monaten beherrscht, wiederkehren könnte, beschloß er, seine heutige Stimmung auszunützen, und mit einer Art Verzweiflung dachte er darüber nach, was alles er durchzukämpfen hatte, ehe er sich selber sagen konnte, er habe die Schwierigkeiten, die ihn am Leben hinderten, besiegt. Als er ins Schlafzimmer trat, fand er seine Frau wach. Mit glücklichem Lächeln streckte sie ihm die Arme entgegen und sagte: »Es ist besser heute!« Den Rechtsanwalt durchfuhr ein Stich, als er diesem hingebenden Blick begegnete, der ihm dereinst so viel Glück verheißen hatte; er mußte sich Gewalt antun, um sich nicht wieder, wie so oft schon, von der Hoffnung trügen zu lassen, daß diesmal wirklich alles vorüber und die geistige Gesundheit seiner Frau ein für allemal wiedergekehrt sei. Aber er bezwang seine Weichheit, setzte sich auf den Rand des Bettes, und während er zu sprechen begann, betrachtete er das abgezehrte, gelblichbleiche Gesicht seiner Frau und warf sich selber den Vorsatz, den er jetzt durchführen wollte, als eine Grausamkeit vor. Trotzdem fuhr er fort zu sprechen. Zu seiner großen Verwunderung widersprach sie ihm nicht. Auf seine Vorstellungen antwortete sie nicht, sondern sie senkte nur dann und wann unter seinen Worten den Kopf, stumm und gedankenvoll, und aus den Augen, die sie geschlossen hatte, als quäle sie das Tageslicht, tropften schwere Tränen. Als der Rechtsanwalt ging, wußte er, daß seine Frau eingewilligt hatte, aber er konnte noch nicht fassen, daß das, was er soeben begonnen hatte, auch Wirklichkeit werden würde. Was ihn in den Tagen, die jetzt folgten, aufrecht hielt, wußte er ebensowenig. Er hatte die Empfindung, als helfe eine fremde Kraft ihm weiter. Er sah sich im Empfangszimmer des Arztes sitzen. Der Arzt und er waren Freunde, während der Krankheit seiner Frau Freunde geworden, und die Unterhaltung wurde in dem eigentümlich erregten Ton geführt, der ganz von selbst kommt, wo es sich um Geisteskrankheiten handelt. »Es ist ja immer meine Ansicht gewesen,« sagte der Doktor, »daß deine Frau die Pflege, die sie braucht, daheim nicht haben kann.« »Man möchte doch seine Frau so lang wie möglich bei sich behalten«, wandte Steinert ein. »Freilich«, erwiderte der Doktor. »Das versteh' ich gut.« »Glaubst du, sie wird lang fort sein müssen?« Der Arzt machte eine Gebärde der Ungewißheit. »Darauf läßt sich nicht so leicht antworten ... Wir wollen hoffen, daß das Übel nicht zu tief sitzt.« Oskar Steinert blickte zu Boden, als schäme er sich dessen, was er jetzt zu sagen hatte. »Ich wäre dir dankbar,« äußerte er, »wenn es bald geschehen könnte.« Und als der andere das versprach, fügte er nervös hinzu: »Ich fürchte mich vor mir selber. Wenn es nicht jetzt geschieht, so verläßt mich meine Kraft; und dann geschieht es überhaupt nicht.« Er bemerkte den raschen, forschenden Blick, den der Arzt auf ihn warf, und verstand ihn auch. »All das hat mich doch natürlich mitgenommen«, sagte er. Ein paar Tage später saß er mit den Kindern in seinem Arbeitszimmer und teilte ihnen mit, sie dürften heute einen Ausflug machen. Eine Tante, die sie noch nicht kennten, mit der er aber sehr befreundet wäre, würde sie mitnehmen. Er glaubte, in leichtem, halb scherzendem Ton zu sprechen; aber seine Stimme zitterte, und Robin wechselte einen hastigen Blick mit der Schwester, der andeutete, daß sie beide von dem, was sie wußten, schweigen könnten. Dann blieb der Rechtsanwalt eines Vormittags zu Hause. Unruhig wanderte er in seinem Zimmer auf und ab und wartete auf seine Frau und die Krankenpflegerin, die noch immer nicht kamen. Unten auf der Straße hielt die geschlossene Droschke. Um ihn brütete das Schweigen: er fürchtete noch in dieser elften Stunde, er möchte vergebens warten. Gespannt horchte er auf jedes Geräusch. Endlich, als seine Unruhe aufs höchste gestiegen war, kam seine Frau, zur Reise gekleidet. Als Steinert sie sah, mußte er sich abwenden, um nicht schwach zu werden. Ihr Gesicht zeigte keine Tränenspuren; aber der Mund war fest geschlossen, wie hinter einem Entschluß. In diesem Augenblick war ihre Seele wach; das wußte er. Sie sah und verstand alles, wie es wirklich war. Und vor diesem Anblick ward der Mann weich. Er fühlte, es bedurfte nur eines Wortes von seiten seiner Frau, und er hätte sie in die Arme geschlossen und ihr gesagt, es sei alles nur ein böser Traum! Er konnte das, was jetzt geschah, nicht ertragen, konnte es nicht ertragen! Aber die Frau ging an ihm vorüber und schien seine Gegenwart gar nicht zu beachten. In sich verschlossen schritt sie durchs Zimmer, und ihre Augen irrten umher, wie um Abschied zu nehmen. Als sie an ihrem Mann vorbei kam, wandte sie sich instinktiv zur Seite, und um ihre Lippen kam ein verächtlicher, unwilliger Zug. Hinter ihr kam die Wärterin, und dann Oskar Steinert, der noch eine Weile brauchte, um die Korridortür zu schließen. Als er gleich darauf neben seiner Frau im Wagen saß, sah er, daß der entschlossene Zug aus ihrem Gesicht verschwunden war und dem hoffnungslos ausdrucksleeren Starren Platz gemacht hatte, das er so wohl kannte. So völlig verändert war ihr Gesicht, so bar jedes seelischen Ausdrucks, daß er sich fragte, ob das, was er eben noch gesehen hatte, nicht ein Spiel seiner Einbildung gewesen sei. Jetzt scheint an der Kranken nichts mehr zu leben, als die Finger, die, wie die eines Sterbenden am Bettuch, an der leichten Decke pflücken. Oskar Steinert legt seine Hand auf eine der beiden kleinen Hände im Handschuh, die er so oft geküßt hat. Er kann ihre Unruhe nicht länger mit ansehen. »Liebe Ellen!« sagt er. Die Pflegerin, die auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, gab ihm einen stummen Wink, nichts zu sagen. Aber seine Frau hörte ihn nicht. Stumm wie zuvor saß sie da, bis der Wagen vor der großen Gittertür hielt, die bei ihrer Ankunft sogleich aufsprang. Da erwachte Ellen aus ihrer Betäubung. Mit weit offenen Augen sah sie sich um, während sie einfuhren, und als der Wagen vor der Treppe hielt, an der der Arzt sie erwartete, schrie sie laut auf und wollte sich herausstürzen. Als Steinert sie zu beruhigen versuchte, immer noch hoffend, er würde ihr wenigstens Lebewohl sagen können, rief sie: »Wer ist der? Nehmt ihn fort. Ich will ihn nicht sehen!« Der Ausbruch kam so heftig und so unvorbereitet, daß der Rechtsanwalt wie versteinert stehen blieb. Ohne zu fassen, was er hörte, blickte er sich ratlos um; und erst als der Doktor leise seinen Arm berührte und ihn zum Gehen mahnte, erwachte er wieder zur Besinnung. Und während er ging, hörte er seine Frau sagen: »Ich hab' es so schwer gehabt, so schwer. Jetzt wird es besser, das weiß ich. Wenn er nur fort ist!« Wie von Furien gehetzt sprang der Mann in den Wagen und befahl dem Kutscher, zuzufahren. In seinen Ohren klangen unaufhörlich die Worte: »Ich hab' es so schwer gehabt, so schwer!« Und dann: »Es wird besser, wenn er nur erst fort ist!« Noch war er in voller Spannung, noch hatte er Gewalt über sich. Er nahm den Hut ab und merkte, daß seine Stirn naß war von Schweiß. Dann riß er sich die Handschuhe herunter; seine Hände brannten wie Feuer. Unaufhörlich verfolgten ihn die schrecklichen Worte; und vor seinen Augen sah er den bösen, stechenden Blick, der sie begleitet hatte. Halb bewußtlos zog er auch den Überzieher aus. Alles, was er an hatte, drückte ihn, es war, als könne er nichts auf sich dulden. Und in der hellen Maisonne fror ihn so, daß er beide Fenster aufziehen mußte. Schwer fiel er in die Wagenecke zurück, immer den letzten Worten seiner Frau lauschend, die unablässig in ihm wiederhallten. Es war, als wäre sie gestorben und hätte ihm mit ihrem letzten Seufzer geflucht ... Endlich saß er in seinem Zimmer und schaute über den weiten Platz mit dem Waldkranz darum. Im blassen Mondschein lag die breite Ebene, dunkler als sonst hob sich dahinter der Wald. Aus der Erde stiegen Silberstreifen kalten Nebels. Und Oskar Steinert starrte gedankenlos über alles hinweg. Tora Ljung war da gewesen und war wieder gegangen. Die Kinder schliefen in ihren kleinen Stübchen. Alles, was gesagt werden mußte, war gesagt; der Tag, der so voll von Ereignissen und darum so endlos lang gewesen war, war zu Ende. Das Schlafsofa in seinem Zimmer war heut nicht zurecht gemacht. Zum erstenmal seit langer Zeit schlief der Rechtsanwalt wieder im Schlafzimmer. Tora hatte ihn gefragt, ob ihm das nicht schmerzlich sei. Und halb lächelnd hatte er geantwortet: »Jetzt nicht mehr.« Jetzt fuhr plötzlich ein Gedanke auf in Oskar Steinert, der Gedanke: »Warum habe ich Tora Ljung nichts davon gesagt, daß Ellen mich auf einmal von sich stieß und vor mir zurückwich, wie vor einem Feind?« Er war ruhiger jetzt; das Entsetzen, das ihn nach dem Ausbruch seiner Frau gepackt hatte, war dem Nachdenken gewichen. »Habe ich sie schonen wollen?« dachte er. »Meine Frau? Oder Tora schonen, daß sie es nicht hören mußte?« Er entsann sich, gehört zu haben, daß Gemütskranke oft gerade auf die Menschen einen Haß werfen, die sie sonst am liebsten haben. Es war also nichts dabei, was man zu verbergen brauchte. Es war eine ganz natürliche Sache. Weshalb hatte er nicht davon sprechen können? Alles andere hatte er Tora erzählt. Jede Einzelheit, jede Kleinigkeit, von Anfang bis zu Ende des ganzen Tages. Ihre guten, klugen Augen auf ihn gerichtet, hatte sie ihn angehört; und als sie ging, glaubte sie sicher, sie besäße sein vollstes Vertrauen. Weshalb hatte er denn gerade das verschwiegen, was ihm jetzt das Wichtigste schien? Was allen Schmerz, den er je durchgemacht, weit übertraf? Daß sein Weib ihn mit bösen Augen angeblickt und ihm ihr Entsetzen, ihren Haß ins Gesicht geschrien hatte? Warum hatte er das verschwiegen? War es der letzte Rest von Verschwiegenheit, der seine Zunge gebunden hatte, jener männlichen Verschwiegenheit, die Männer auch in der äußersten Not noch davon abhält, einen Schatten auf die Frau zu werfen, die sie lieben? Oskar Steinert war ans Fenster getreten; und während er in die Nacht hinausblickte, ward es ihm klar, daß er so wie heute überhaupt immer geschwiegen hatte. Es ging ihm auf, daß er sein äußerstes, letztes Vertrauen, das wichtigste, nie einem Menschen geschenkt hatte. Männer und Frauen waren in sein Leben gekommen, waren wieder gegangen; gleich Schatten suchten sie ihn jetzt in der Erinnerung auf. Mehr als andere zu anderen reden, hatte er geredet; immer war ein Hunger in ihm gewesen nach Menschen, der Hunger nach Nehmen, nach Geben, der nie gestillt wird. Jeder einzelne, oder doch viele, hatten geglaubt, sie hätten von ihm alles empfangen, was seinem Innersten am nächsten stand. Und auch er hatte sich dieser Illusion hingegeben, nicht nur die anderen. Jetzt sah er zum erstenmal diese Eigenschaft an sich selber. Wenn er am alleroffensten gesprochen hatte, hatte er am tiefsten geschwiegen. Immer kam ein Augenblick, wo er verstummte. Daß sein Schweigen diesmal eine Gefahr bergen könnte, das kam ihm nicht in den Sinn. Es beschäftigte ihn jetzt ausschließlich diese Eigenschaft, die er mit so vielen teilte, die er aber für eine nur ihm eigene Eigenheit ansah. Daß sie ihn einsam machte, das fühlte er. Und zugleich wußte er auch gut, daß er sie nie los werden würde. Sein schwerstes Leiden würde er stets allein tragen müssen; und ihm war, als läge in dem Entsetzen, das er heute empfunden, der Vorbote eines unbestimmten, zukünftigen Dunkels, das ihn dereinst unentrinnbar umschließen würde. Sachte stieg der Nebel im Mondschein über den Plan. Gleich einer Wolke wälzte er sich dem Walde zu, dessen Wipfel schwarz aus dem weißen Silbergewölk aufstiegen. Oskar Steinert ging durch die stillen Zimmer zur Ruhe. Als er ms Schlafzimmer kam und das eine Bett, zugedeckt, leer neben seinem eigenen stehen sah, da war ihm, als begännen die Wände zu sprechen, als hätte jeder einzelne Gegenstand in diesem Raum, den er so gut kannte, etwas zu erzählen, etwas Neues, etwas das hier geschehen war in all der langen Zeit, da er einsam geschlafen hatte, etwas, wovon er noch nichts wußte. Aber er war zu müde, zu matt, um denken zu können. Die Müdigkeit überwältigte ihn, und als er das Licht gelöscht hatte, schlief er auch schon – schwer und traumlos. Er schlief, ahnungslos, daß etwas, was Tora Ljung ihm so gern gesagt hätte, nie gesagt werden würde. Nie würde sie ihm sagen können, daß die Menschen, deren Urteil er trotz all seines Stolzes und Eigenwillens schätzte und brauchte, daß gerade diese Menschen ihn gerichtet, verurteilt, ihm, wenn auch nicht das Leben, so doch die Ehre abgesprochen hatten. Ganz erfüllt vom Gedanken an das Urteil dieser Menschen war Tora Ljung in den letzten Tagen neben Oskar Steinert hergegangen, hatte ihm über die schwere Zeit weggeholfen, hatte ihn wieder verlassen. Jetzt sitzt sie daheim, wach, ruhelos. Sie kennt Oskar Steinert, sie weiß, das Leid kann er tragen, aber das Bewußtsein eines ungerechten Urteils, dem er nicht entgehen, das er nicht in ein gerechtes wandeln kann, das wird ihn zerschmettern. Und so schweigt sie und ängstigt sich vor dem Unrecht, das stumm und unaufhaltsam sein Werk vollbringt. Oskar Steinert aber kann schlafen; er weiß ja nichts. Mit neugestärkten Kräften kann er zum neuen Tag erwachen. Barmherzig ist die Verschwiegenheit zwischen Menschen – barmherzig und erbarmungslos. Zehntes Kapitel Muttergefühl heißt die Macht in Tora Ljung, die sie von Anfang an, seit sie und Oskar Steinert miteinander bekannt sind, Freundschaft für diesen Mann fassen hieß; daß sie wußte, wie nötig er diese Freundschaft brauchte, wie wohl sie ihm tat, das war vielleicht der stärkste Grund dafür, daß ihr Gefühl auch mit den Jahren keinerlei Veränderung erlitt. Instinktiv ahnte sie, daß dieser Mann gleich ihr ein einsamer Mensch war; sie verstand dies sogar zu einer Zeit, da er und die Welt einander zuzulächeln schienen. Als er später in seiner Ehe so glücklich schien, hatte sie, ohne eigentlich eine Ursache dafür zu finden, doch nie glauben können, dies Glück würde für ein ganzes Leben ausreichen. Sie beobachtete Steinerts Frau und sein ganzes Familienleben mit ganz anderen, wacheren und schärferen Blicken als er selber. Für sie war Frau Ellen Steinert eine im Grunde kalte Frau mit Leidenschaften, aber wenig Herz. Und sie wußte auch, daß sich diese Natur nicht verändern würde, auch wenn die psychische Krankheit, die über sie gekommen war, wieder geheilt werden konnte. Es war darum für Tora keine ganz leichte Aufgabe, täglich mit Oskar Steinert den Traum zu teilen, in dem er lebte. Denn ein Traum war es, ein Traum, wie ihn die Liebe, die blind macht, um den Menschen her schaffen kann. Nie war ihr das so klar geworden wie in der letzten Zeit. Sie konnten überhaupt nicht zusammen sein, ohne daß er mit ihr von seiner Frau sprach. Was zwischen ihnen vorgefallen war, schuf er in seiner Phantasie um, oder vielmehr die Liebe schuf es ihm um. In diesem schönen Wahn, in dem er, der sonst so scharfsichtige, sein ganzes Leben umdichtete, ward die Frau zur Gebenden und er selber zu dem, der dankbar alles von ihr entgegen nahm. Tora sah das; und es erfaßte sie vor diesem dankbaren männlichen Frauenkult etwas von dem aus Bewunderung und Grauen gemischten Gefühl, das uns ergreift, wenn wir auf der Bühne einem tragischen Helden folgen, der sich blind der Lösung des dunkeln Schicksals nähert, dessen Ursache in ihm selbst erwächst. Es war ein fieberhaftes Leben, das Oskar Steinert in diesem Sommer führte. Jede Arbeit bürdete er sich auf, mehr als nötig war, als möchte er sich selber recht kräftig davon überzeugen, daß er für sein Weib, dessen Leiden ihm übermenschlich erschienen, sich Anstrengungen auflud, die dem, was sie durchmachte, gleichkamen. Daneben interessierte er sich für alles, las, politisierte, suchte Verkehr. Tora Ljung begann zu ahnen, daß doch etwas in ihm steckte, was er zu betäuben suchte; aber sie begriff nicht, was es war. Manchmal dachte sie, sein Urteil über seine Frau beginne eine Veränderung durchzumachen und die nervöse Spannung, in der er lebte, hänge mit dieser neuen Entdeckung zusammen, die für ihn das ganze Leben umgestalten mußte. Manchmal fragte sie sich, ob er nicht doch eines Tages merken würde, wie nützlich die Einsamkeit für ihn war, und daß gerade in der Abwesenheit der Frau das Heilmittel lag, das seinem überspannten Nervensystem die Ruhe wiedergeben konnte. Es war nichts davon zu merken. Mit scharfer Angst beobachtete Tora Steinerts Gesicht, seine Worte, sein ganzes Wesen. Jedesmal, wenn sie zusammen waren, hatte er etwas Neues von seiner Frau zu berichten. Einmal war ihr Zustand entmutigend, dann wieder gab er einen Schimmer von Hoffnung. Wenn Steinert von seiner Frau sprach, lag in seinen Augen etwas Flehendes, das Tora unbeschreiblich peinigte. Es war, als bäte er sie, alles mit denselben Augen anzusehen, wie er, mit ihm zu fühlen, anzubeten, wie er – blind, treu, sehnsuchtsvoll. Tora litt sehr in dieser Zeit. Ihrer ganzen Natur war es so zuwider, nicht sagen zu dürfen, was ihre Augen sahen; ihr ganzer Instinkt und ihr ganzer Verstand lehrten sie wahr sein. Und innerlich erfaßte sie ein immer stärkerer Widerwille gegen diese Frau, der sie die ganze geistige Überanstrengung, von der alles zeugte was Steinert in dieser Zeit tat und sagte, zuschrieb. Sie sah sie vor sich, schlank und lang, mit dem kleinen wachsbleichen, von goldblondem Haar umrahmten Gesicht. Die kleinen, strahlenden Augen unter der hervortretenden Stirn, das plötzliche Lächeln des Mundes mit seinem Ausdruck von Sinnenfreude und Verstellung, all das Überraschende, ständig Wechselnde, niemals Ruhige und Klare, das dereinst den Mann bezaubert hatte und ihn noch heute fesselte, all das sah die Freundin, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht im Herzen ungerecht und gehässig zu werden. So tief fühlte sie für den Freund und beklagte sie sein Geschick. Ihr war, als könne sie auch gar nichts ausrichten. Was vermochte sie denn? Täglich ging sie in Steinerts Haus, kam, ging wieder ... niemand wußte, wie und wann, aber wenn man sie brauchte, war sie da. Und doch kam sie sich so unnütz vor. Steinert sah aus, als bemerke er sie gar nicht. Die Sehnsucht nach seiner Frau erfüllte ihn ganz. Es war Tora eine wirkliche Erleichterung, als Steinert eines Tages davon sprach, daß er eine Sommerwohnung für sich und die Kinder suchen müsse. »Und was soll dann aus mir werden?« sagte Tora Ljung lächelnd. Sie war glücklich, weil sie glaubte, hier helfen zu können. Auf Steinerts zweifelnde Frage erwiderte sie in leichtem Ton: »Natürlich geh' ich mit. Wer soll denn sonst die Kinder versorgen?« An diesem Abend wanderte der Rechtsanwalt lange in seinem Zimmer auf und ab. Er wunderte sich, daß er sich plötzlich so erleichtert fühlte. Die schlimmste Bürde war ihm im Handumdrehen von den Schultern genommen, die Bürde, die ihn am tiefsten niedergedrückt hatte. In dem Punkt nämlich hatte Tora ihn nicht verstanden. Oskar Steinert sehnte sich vor allem danach, die Kinder los zu werden. Mit ihnen war er kein freier Mann, konnte er die Zwischenzeit nicht überwinden. So schwer hatte er die Last empfunden, daß sie ihn gemartert hatte fast wie ein fixe Idee. Und als er nun frei war, tat er gleichsam einen Atemzug der Erleichterung; jetzt konnte er wieder handeln. Es dauerte auch nicht lange, bis der Rechtsanwalt eine Sommerwohnung gefunden hatte. Sie lag auf einer Insel, anderthalb Stunden von der Stadt; außer ihm wohnte nur noch ein einsamer Fischer mit seinen Kindern dort. Die Villa, die geräumig und hell war, war von einem reichen Mann erbaut und infolge seines Todes frei geworden. Die ganze Insel war voller Tannenwald, kaum eine Birke wuchs dort; um die Klippen des Strandes krochen Brombeerranken. Hier heraus zog Oskar Steinert mit seinen Kindern; und Tora Ljung begleitete ihn. Und hier draußen ließ er sie am nächsten Tag und fuhr zu seiner Arbeit in die Stadt. Abseits von den andern saß er im Boot, scheinbar in die Zeitung vertieft. Aber immer ertappte er sich darauf, daß er dieselbe Spalte noch einmal von vorn begann und trotzdem ihren Inhalt nicht in sich aufnahm. Schließlich ließ er die Zeitung sinken. Um sein Gesicht spielte der Wind, vor seinen Augen glitzerte das Wasser, grünte der Wald, leuchtete die Sonne. Ihm war, als habe er die Sonne vergessen gehabt und nichts gesehen als Nacht ... Langsam rückten die Arbeitsstunden weiter; ihm war, als besäße alles, was ihn beschäftigte, ein neues Interesse für ihn. Lange vor der Zeit schon saß er wieder im Boot, das ihn nach Hause führen sollte; und als die Kinder ihn an der Brücke abholten, sprang er ans Land wie ein Junge und wanderte lächelnd und schwatzend den Sandweg hinan. Er hatte Ruhe gefunden, und er genoß sie wie ein Kind. Die Tage gingen ihren gleichmäßigen Gang; das beste war, daß überhaupt nichts geschah. Die Einförmigkeit dieses ganzen Daseins war erfüllt von Ruhe; und Tora glaubte, der Rechtsanwalt werde in dieser Zeit ein ganz anderer. Er sah aus, als habe die Spannung in ihm nachgelassen; die zwei Falten in den Mundwinkeln waren nicht mehr so hart wie ehedem. Eines Abends saßen er und Tora miteinander auf der grünen Bank unter der großen Kiefer, die einsam weit draußen auf der Klippe wuchs, wo diese jäh in die See abstürzt. »Du weißt gar nicht, wie das hier alles auf mich wirkt«, sagte Steinert. »Du weißt nicht, was das heißt, müde sein und ausruhen dürfen.« Eine Weile später fuhr er fort: »Ich meine, so scharf und klar wie jetzt habe ich mich selber und das bißchen Dasein, das mein ist, überhaupt noch nie gesehen. Ich weiß, das, was mich jetzt am allerglücklichsten macht, ist nicht, daß ich meine Kinder um mich habe und daß ich sie unter deinem Schutz weiß, nicht, daß ich einen guten, ruhigen Sommer vor mir sehe, auch nicht einmal, daß du ihn mit mir teilst. Sondern es ist ganz einfach das, daß meine Frau fort ist und daß es gar nichts hier in der Nähe gibt, was mich an sie erinnert. Findest du das, was ich dir sage, sehr unnatürlich und hart?« Wie ein Blitz des Erschreckens und doch der Hoffnung fährt es durch Tora Ljungs Seele. »Fängt er an zu verstehen?« denkt sie. Aber in der Furcht, sich zu verraten, wagt sie gar nicht zu antworten, sondern begnügt sich mit einem stummen Nicken. Steinert fährt fort: »Es ist nicht leicht, das zu fühlen und doch zu wissen, daß mir das Leben, wenn sie nicht einst wiederkäme, öde scheinen würde. Aber ein Mensch, der einem andern so nahe steht, kann alles auf sich nehmen, alles tragen. Sag' mir eins, Tora! Glaubst du, daß ein Mensch den andern anstecken kann?« »Du meinst, Ellen könnte dich angesteckt haben? Auch dein Gemüt in Verwirrung gebracht haben?« »Etwas Derartiges fühl' ich manchmal, ja.« Tora ist froh, daß sie vornüber gebeugt dasitzt, so daß ihre Gesichtszüge nicht deutlich zu sehen sind. »Ich habe wohl auch schon manchmal daran gedacht«, erwidert sie. Und nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: »Und hab' es gefürchtet – für dich.« Oskar Steinert schwieg. Sie fürchtete, er habe das Gesagte schon bereut. Darum setzte sie das Gespräch nicht fort, obwohl ihr die Worte auf den Lippen brannten. Das Wasser der Bucht lag in lichter Graudämmerung, Bäume, Klippen, der Steg und das Dach der Villa spiegelten sich in den ruhigen Wassern. Die Luft war still; im Westen lagen die Farben des Abendrots wie hinter einem Schleier. Die beiden trennten sich für die Nacht. Durch sein Fenster im Erdgeschoß sah Steinert über die glasglatte Bucht und den Tannenwald weg, der dicht auf der ganzen Insel stand, über sich hörte er Toras leichte Schritte, wie sie leise in ihrem Zimmer auf und ab ging. Und in diesem Augenblick war es Oskar Steinert, als stehe trotz allem, was er sonst empfunden hatte, diese Frau ihm näher als irgend jemand sonst auf der Welt, näher, als wenn sie ihr Bett miteinander geteilt hätten und durch die Ehe vereint gewesen wären. Durch allen Schmerz um sein Weib, durch alle Angst um ihr Schicksal hindurch fühlte und begriff er das. Was Tora ihm war, das sah er heute wie noch nie. Ohne etwas voneinander zu begehren, waren sie einander begegnet, ohne etwas anderes zu fühlen als gegenseitige Dankbarkeit würden sie auseinander gehen. Keines Streites würden sie sich zu entsinnen haben, keiner Zwietracht, keiner Unruhe, keiner Spannung, Zerrissenheit oder Trauer. Sie hatten sich einst getroffen im hastenden Leben, wo die Menschen sich treffen, auseinander oder aneinander vorübergehen, hastig, als würden sie gehetzt, damit neue Raum hätten zu folgen. Sie hatten sich gegenseitig nicht gehalten, hatten einander vielleicht oft lang vergessen. Geliebt hatten sie sich nie. Auseinander gekommen waren sie auch nie. Es kam Steinert plötzlich vor, als wäre Tora Ljung der einzige Mensch im Leben, an den er immer mit einem geheimen Gefühl der Sicherheit gedacht hatte. Sogar damals, als er dem Weib begegnete, das seine Gattin wurde, als die Liebe mit ihrem unnennbaren Gemisch von Lust und Qual ihn in das Schicksal zog, das jetzt so schwer auf ihm lastete, war in der Tiefe seines Herzens stets ein anderes Bild gewesen; und dies Bild hatte er bewahrt, weil er wußte, nie konnte es sich trüben. Immer war es da gewesen, nie hatte es ihm etwas anderes angetan, als Gutes. Der Gegensatz zwischen diesem Verhältnis und der Ehe, die ihn mit einer andern verband, deuchte ihm im klaren, kalten Licht des Augenblicks so schreiend, daß er sich fast entsetzte. Die Gedanken, die durch seine Seele zogen, schienen ihm unwürdig, kränkend für ihn selber und für andere. Und tief im Innersten, wohin sein Blick nicht drang, lag die Furcht vor der Wahrheit, die ihn hätte darüber aufklären können, daß er für eine Illusion lebte und kämpfte ... Am nächsten Morgen war der Rechtsanwalt schweigsam und zerstreut, als er zum Frühstück kam; lange ehe das Boot da war, ging er hinab zum Steg. Er setzte sich und blickte über die Bucht weg, die dunkelblau und weiß in der frischen Brise dalag. Als er in die Stadt kam, fiel ihm ein, daß er heute vor dem Handelsgericht eine größere Forderung in einem Konkurs zu vertreten hatte. Der Fall war ziemlich verwickelt, und er selber war auf den Ausgang sehr gespannt. Er hatte sich in der Zeit verrechnet, war viel zu früh gekommen; und da er zufällig sah, daß viele Leute sich um die Tür der Abteilung sieben drängten, ging er aus Neugierde auch dorthin, um zu sehen, was da vorlag. Drinnen sah er eine blasse, abgezehrte Frau der Arbeiterklasse, die vor den Schranken stand, hinter ihr der Gefängnisschließer. Der Zuhörerraum war gedrängt voll. Steinert sah und sah ... er rang mit sich selber, um Herr seiner Erinnerung zu werden. »Ich habe ja alles, was mir in jener Zeit passiert ist, völlig vergessen. Wo hab' ich dies Gesicht nur gesehen?« dachte er. Er war so an das Versagen seines Gedächtnisses gewöhnt, sobald der verflossene Winter in Betracht kam, daß er ganz instinktiv immer gerade in dieser Zeit nachsuchte, wenn etwas kam, von dem er wußte, er müßte sich eigentlich daran erinnern, und doch merkte er, er hatte es vergessen ... Der Staatsanwalt hatte seine Anklage beendet und beantragte Zuchthaus. Wie viele Jahre, hörte der Rechtsanwalt nicht; aber er spürte es gleichsam, daß es viele waren. Denn ein Murren ging durch die Versammlung, und der Richter warf einen strengen Blick nach dem Zuhörerraum. Dann begann das Verhör. Es wurde in ungewöhnlich leisem Ton geführt, fast als schäme sich der Richter des Amtes, dessen er hier zu walten hatte. Wenn er seine Fragen stellte, sah er auf die Papiere, die vor ihm auf dem Tisch lagen, und die Stimme, der er einen möglichst geschäftsmäßigen Anstrich zu geben suchte, hatte doch immer wieder einen Klang wie von Ehrfurcht vor unverschuldetem Unglück. »Sie geben also zu, daß Sie sich mit voller Überlegung und der Absicht, sich selber und das Kind umzubringen, ins Wasser stürzten?« Die Antwort kam leise, als wäre das Weib all der nutzlosen Fragen müde, die ja doch ohne Bedeutung für sie waren: »Ja.« »Sie erinnern sich klar und deutlich an alles?« »Ja.« »Sie wollten also, daß das Kind sterben sollte?« »Ja.« »Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?« »Ich glaubte, ich würde selber auch sterben.« Der Richter entfaltete sein Taschentuch, schneuzte sich langsam, setzte seinen Kneifer zurecht, warf einen hastigen Blick auf die Angeklagte und sah wieder vor sich nieder. Das Weib wandte den Kopf und sah sich mit einem leeren Blick um. Die Bewegung war ganz mechanisch; man sah, sie war sich dessen, was um sie her vorging, kaum bewußt. Aber Steinert erkannte sie an dieser Bewegung. Es war dasselbe Weib, das er einst mit großen, weit offenen Augen stumm bei der Leiche des toten Arbeiters hatte stehen sehen, empfindungslos für all die Menschen, die um sie her kamen und gingen. Die Worte, die er sie hatte sagen hören: »Hätte er Geld gehabt, sich einen Revolver zu kaufen, so hätt' er sich nicht erschossen«, tönten plötzlich in seinen Ohren. Scharf und deutlich sah er die ganze Szene, die er längst vergessen gehabt, wieder vor Augen, die zusammengesunkene Gestalt auf der Bank, den Schutzmann, die Volksmasse, die auftauchte und verschwand ... Alles sah er wieder, als erlebe er es zum zweitenmal; und zugleich ging es ihm wie ein Stich durchs Herz – er fühlte eine unbestimmte Gewissensqual, deren Ursache er sich nicht erklären konnte, und die ihn doch viel wirklicher und unmittelbarer peinigte als alle Grübeleien, über die er seither Meister geworden zu sein glaubte. Inzwischen fuhr der Richter in seinen zwecklosen Fragen fort, und das Weib antwortete mit derselben gleichgültigen Kälte. Ausgeschlossen von den Menschen und deren Leben stand sie da, und je länger Steinert sie beobachtete, desto besser verstand er sie und ihre Verzweiflung, desto verwandter fühlte er sich ihr. Es war, als ob alles, was er selber gelitten, sein Herz erweitere und ihm das Leiden dieses fremden Weibes auf eine ganz neue und bessere Weise verstehen helfe. Oder vielleicht war es gar nicht das Leiden, das ihm half? Vielleicht kam es nur daher, daß das Leiden vorüber war, daß es jemand gab, der es ihm abnahm? Einerlei – er konnte die Augen nicht abwenden von dem Weib. Sie war müde – müde – weiter nichts, als müde. Wenn sie sprach, war es, als wollte sie sagen: »Ihr wißt ja doch alles! Was quält ihr mich denn? Alle sagen sie's ja, ich habe gemordet. So muß es doch wohl wahr sein. Laßt mich doch ins Gefängnis. Da darf ich arbeiten. Hätt' ich das früher gekonnt, so stände ich jetzt nicht hier.« Solche Worte gingen dem Rechtsanwalt durch den Kopf, während er zuhörte. Sie klangen so deutlich in ihm, daß er fast glaubte, er hätte sie laut gesagt. »Warum ist denn da keiner, der sie ausspricht?« dachte er. »Warum gibt es überhaupt so wenige, die reden, wo es gilt? Sonst reden sie doch genug hier!« Da erklang wieder des Weibes Stimme. Der Richter mußte eine Frage gestellt haben, die Steinert überhört hatte. Im Saal war es totenstill. Jedes Wort hörte man klar und deutlich. Mit seiner müden, gleichgültigen Stimme sagte das Weib: »Ich wußte wohl, was ich tat. Ich habe die ganze letzte Zeit ja an nichts anderes gedacht.« Die Bewegung, die hierauf folgte, glich dem Murmeln des Wassers, wenn es über dem Haupt eines Ertrunkenen zusammenschlägt ... Jetzt zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück, und die Angeklagte ward hinausgeführt. Mechanisch sah der Rechtsanwalt nach der Uhr. Sein Prozeß fiel ihm ein. Es war höchste Zeit. Und zum letztenmal ging er im Warteraum an der Frau vorbei, deren Urteil ja eigentlich schon gesprochen war. Noch einmal sah er sie an, als wolle er ihr Bild seinem Gedächtnis einprägen. Da fühlte er plötzlich, daß ihn jemand fixierte; und im selben Augenblick sah er vor sich zwei glühende Augen, einen Mann in Arbeitertracht, der lächelte – ein höhnisches Lächeln – und sich der Angeklagten näherte, um ihr etwas zuzuflüstern. Als er schon an der Tür war, hörte Steinert hinter seinem Rücken noch die Worte: »Das war er.« Aber schon vorher war die Erinnerung in dem Rechtsanwalt erwacht. Er wußte jetzt, wer hier hätte sprechen müssen, und warum keiner gesprochen hatte. Hastig eilte er die Treppe hinauf in das Zimmer, in dem sein Prozeß verhandelt wurde, indem er dachte: »Das geht vor. Die Gedanken kommen noch früh genug!« Zur gewohnten Zeit saß er auf dem Deck des Bootes und las die Zeitung. Ein Artikel über die Mängel des schwedischen Rechtswesens fiel ihm in die Augen. Um seinen eigenen Gedanken zu entgehen, las er ihn aufmerksam bis zu Ende. Er war sachlich, reich an Gesichtspunkten und stimmte mit dem überein, was er selber in dieser Sache oft gedacht hatte. Der Artikel war mehr als eine gute Stilprobe. Er war eine Tat, die eines Tages vielleicht ihre Früchte tragen würde. Der Verfasser war ein junger, auf irgendeinem Bureau angestellter Jurist. Steinert kannte ihn. Es war ein tüchtiger Mensch, ein Mann, der eine Zukunft hatte. »Warum habe nicht ich das geschrieben?« dachte er plötzlich. Es wehte scharf, und auf dem Deck war es kühl. Mit weißen Kämmen strichen die Spitzen der dunkeln Wogen dahin. Der Rechtsanwalt erhob sich und ging hinunter. Im Salon legte er sich auf ein Sofa, still, mit geschlossenen Augen, als schliefe er. Erst als das Boot schon Vaxholm passiert hatte, ging er wieder hinauf, zwängte sich zwischen Fässern und aufgestapeltem Holz ganz nach vorn und blickte über die dunkle Bucht, auf der der Sturm dahinjagte. Elftes Kapitel Tora Ljung sah bald, daß die Ruhe, die ein paar kurze Tage lang Oskar Steinert beherrscht hatte, nicht von Dauer war; und sie merkte auch an seiner ganzen Art, daß etwas geschehen sein mußte, das er nicht erzählen oder berühren mochte. Er kam und ging, ohne scheinbar sie und die Kinder überhaupt zu bemerken; und als sie einmal die Kinder fragte, war die Antwort: »So ist Papa immer.« Bloß abends, wenn die Kinder zu Bett gegangen und sie beide allein waren, konnte er plötzlich auftauen und mitteilsam sein. Dann konnte er allerhand erzählen in der offenen Veranda mit der Aussicht über die Bucht oder auch im Wohnzimmer mit dem offenen Kamin und den gelben Seidenvorhängen. Er erzählte von seinen Reisen, von den ehemaligen Freunden, lange, verwickelte Geschichten, oft voller Leben und Humor, dann wieder häßlich, quälend ... Sogar Tora, die ihn doch kannte, wunderte sich über die Unmenge von Menschen, die diesem Mann nahe gestanden hatten. Einmal machte sie auch eine Bemerkung darüber. Aber da wurde Steinert plötzlich düster und verstummte mitten in seiner Erzählung. »Alte Pfade wachsen mit den Jahren zu«, sagte er. »Da ist nichts zu machen.« »Kann man gar nichts tun, sie offen zu halten?« fragte Tora vorsichtig. »Doch; wenn man Zeit und Geld hat. Sonst nicht.« Tora kannte diesen Gesichtsausdruck, mit dem er mitten im Wort abzubrechen pflegte, und der zugleich auch wieder um Vertrauen bat; und aus diesem Gesichtsausdruck, der die Worte begleitete, schloß sie, daß Steinert mehr von dem Urteil der Menschen über ihn wisse, als er sagen möge. Ihre Unruhe steigerte sich noch eines Abends. Sie war müde und wollte sich eben zurückziehen. »Geh noch nicht!« bat er da nervös. »Es ist ja fast Mitternacht. Du mußt selber zu Bett gehen.« »Heut' nacht kann ich doch nicht schlafen«, antwortete er. »Und manchmal quält die Einsamkeit mich.« Er sah bei diesen Worten fast furchtsam und zugleich beschämt aus. »Meine Gedanken sind ganz in Unordnung«, sagte er wie zur Erklärung. »Manchmal gehorchen sie mir nicht mehr.« Damit erhob er sich und fuhr in leichterem Ton fort: »Geh, wenn du müde bist. Es ist ja bloß Einbildung.« Und er gab keine Ruhe, bis sie ihn allein ließ. An einem andern Abend hatten sie lang von den Kindern, ihren Anlagen und Neigungen gesprochen, und Tora hatte zu ihrer Verwunderung gemerkt, wie wenig Steinert im Grunde seine Kinder kannte. Das Gespräch ging dann auf Kindheitserinnerungen im allgemeinen über, und plötzlich erhellte sich Steinerts Gesicht wie in einer frohen Erinnerung. Er war überhaupt an diesem Abend bei allerbester Laune, voller Einfälle und Späße. »Hab' ich dir schon vom alten Björken erzählt?« sagte er. »Nein, nie.« »Weißt du, man hat ja nicht viel gelernt in den Schulen zu meiner Zeit«, fuhr Steinert fort. »Und wenn ich so recht darüber nachdenke, so wüßte ich keinen, dem ich überhaupt Dank schuldig wäre, außer gerade dem alten Björken. Was wir an reiner Schulweisheit von ihm lernten, davon will ich nicht reden. Gammelby, wo ich in die Schule ging, war eine Stiftsstadt, und der bischöfliche Geist ruhte über dem ganzen Gymnasium. Na, genug! Aber der alte Björken! Das war ein Mensch für uns – einer, den wir lieb hatten. Wie alt er jetzt ist, weiß ich nicht einmal. Aber er muß weit über die Siebzig sein; denn ich kann ihn mir überhaupt nur alt denken. Ich sag' dir, mit jedem Jahr hatten wir ihn lieber. Drei volle Jahre gab er uns fast alle Stunden. Ich glaube, nur Mathematik und Naturkunde gab er nicht. Das erste war immer, daß er den Jungens Angst einjagte. Ob mit Absicht oder nicht, weiß ich nicht. Aber wir hatten einen furchtbaren Respekt vor dem Alten. Er hatte einen dichten grauen Bart, der bis zu den Ohren ging; und da fing das Haar an, ebenso dick und auch graugesprenkelt, mit einer breiten, riesigen Locke, die er unaufhörlich zurückwerfen mußte, weil sie ihm immer in die Stirn fiel und die Augen verdeckte. Außerdem trug er eine Brille. Die Nase, die von dem immerwährenden Schnupfen ganz rot war, hing krumm wie ein Adlerschnabel über dem Bart. Ich weiß noch, wie schrecklich ich vor ihm Angst hatte, als ich in die Schule kam. Teils weil er so streng und furchtbar aussah, teils auch, weil er streng war und eine ganz besondere Art hatte zu strafen. Er zog die Jungens am Haar, und er rupfte sie nicht wie andere Menschen, sondern er wählte ein kleines Büschelchen dicht am Ohr aus. Das wickelte er um den Finger, und dann schüttelte er einen, daß man hätte schreien können wie verrückt. Ganz ruhig stand er da und schüttelte – dann ließ er einen Augenblick los und redete mit erhobener Hand und barscher, zitternder Stimme Worte der Ermahnung. Und wenn er fand, daß das Vergehen noch mehr Strafe verdiente, packte er den Haarwisch noch einmal; dann ging er grimmig, das mächtige Haar schüttelnd, wieder aufs Katheder zurück. Dort saß er dann in dem gelbgebeizten Lehnsessel, den er beständig schaukelte, und stemmte die Füße gegen den Tisch, so daß wir Jungens seinen Kopf mit der krummen Nase und dem Bart sozusagen immer von Stiefelschäften eingerahmt sahen.« Steinert lachte bei der Erinnerung und fuhr fort: »Aber hinter diesem Äußern steckte das gute Herz eines Kindes und die Gerechtigkeit eines Mannes. Je mehr wir den Alten verstehen lernten, desto mehr schätzten wir ihn. Wir verstanden seine unbestechliche Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit, sein großes Kindergemüt, besser vielleicht als man glauben sollte, und wenn er einmal in Sonntagslaune war und mit seinen Jungens Spaß machte, das war ein Fest für die ganze Klasse. Aber auch noch in anderer Weise lernten wir ihn verstehen. Das kam durch seinen kleinen Jungen, der, als wir in der fünften Klasse waren, in die Abteilung für Anfänger kam. Es war ein kleiner, blasser, buckliger Kerl mit guten Augen und stillem Wesen. Mittags war er eine halbe Stunde vor uns Älteren fertig; wenn es noch eine Viertelstunde bis Schulschluß war, kam er herein, lächelte uns Große schüchtern an und setzte sich auf eine Bank bei der Tür. Er sagte kein Wort zu dem Alten. Er war jedenfalls grade so strenge gehalten wie wir. Aber wir sahen wohl, wie er und der Alte Blicke miteinander wechselten, wie des Alten Augen leuchteten und wie er in seinen Bart lächelte. Wenn er dann den großen Pelz umnahm, und die Mütze aufsetzte, erwartete ihn der Junge unten am Tor, steckte seine schmale kleine Hand in die des Vaters und trottelte mit, so gut er konnte. Denn der Alte nahm große, stete Schritte, ganz als ginge er über einen Acker. Daran war er übrigens auch gewöhnt. Im Sommer war er Landmann. Eine Meile vor Gammelby lag sein kleiner Besitz, Runnarby. Seine Frau hatte ihm den in die Ehe gebracht. Ich weiß, er heiratete erst spät, und ich kann mir gut vorstellen, so wie der ganze Mann war, muß er aus reiner Schüchternheit so lange unverheiratet geblieben sein. Als dann eine wohlhabende Dame aus guter Familie ihn, der aussah wie ein alter Bär und nichts war als ein steifbeiniger Schulfuchs, tatsächlich heiraten wollte, da muß das den Mann mit einer unendlichen Dankbarkeit erfüllt haben. Alles kam spät für den alten Björken. Die Ehe, der Wohlstand und auch das Kind. Ich glaube, die Gatten hatten über zehn Jahre darauf gewartet. Als es dann kam, war es um so willkommener, und eben weil er so lange auf alles hatte warten müssen, lebte der Alte in einer immerwährenden Dankbarkeit für alles, was ihm das Leben geschenkt hatte: Wohlstand, Frau und Kind. Sogar wir Jungens, oder wenigstens die besten unter uns, verstanden das. Es war ein altmodischer Mensch, der Alte, ein Original inmitten der neuen Zeit, die um ihn emporzusprießen begann. Darum fiel es uns auch gar nicht ein, ihn Doktor zu nennen wie die andern jungen Lehrer; sondern wir nannten ihn ›Magister‹. Aber wir gaben unserem Magister einen Ehrenplatz in unsern Herzen, und als die Zeit herankam, da er und wir uns trennen mußten, fühlten wir die Leere schon im voraus, obgleich wir uns darauf freuten, die fünfte Klasse zu verlassen und uns Gymnasiasten zu nennen, wie das in Gammelby so Sitte war.« Steinert machte eine Pause, und Tora fragte: »Hast du ihn seitdem nicht wieder gesehen?« »Mehr als einmal«, antwortete er. »Wir haben sogar korrespondiert, und ich schreibe ihm noch jetzt ab und zu, obwohl der Briefwechsel in letzter Zeit, wie alles andere, darniederliegt. Der Tag unserer Trennung in der Schule wurde übrigens für ihn und uns zu einem denkwürdigen. Das Examen war auf zwei aufeinander folgende Tage verteilt, und schon am ersten Tag verbreitete sich das Gerücht, des Magisters kleiner Junge sei gefährlich krank. Der Magister selber sah den ganzen Tag ernst und gedrückt aus, und als die Glocke läutete, ging er gebückt und einsam mit raschen Schritten die Straße hinauf. Am nächsten Tag erfuhren wir, daß der Kleine in der Nacht gestorben war. Wir alle waren gespannt, ob der Magister kommen würde. Aber der Magister war ein altmodischer, strenger Mann, der die Pflicht über alles setzte. Mit dem Glockenschlag ging er den gewohnten Weg aufs Katheder. Aber als er uns dann das Zeichen gab, setzten wir uns nicht, wie sonst. Wir blieben alle stehen, wie beim Eintritt des Lehrers. Wir wollten ihm doch so gern irgendwie zeigen, was uns bewegte. Und der Alte verstand uns; mit einer halberstickten, sonderbaren Stimme, die uns beklemmte sagte er: ›Dank' euch, Jungens, danke!‹ Und damit fuhr er im Examen fort, und als es vorüber war, nahm er zum letztenmal Abschied von uns und ging. Der Alte, der ist meine schönste Schulerinnerung!« »Du sagst, du habest ihn später noch gesehen?« flocht Tora wieder ein. »Einmal ist mir noch ganz besonders in Erinnerung«, entgegnete Steinert. »Die alte Klasse – seine Klasse, zu der ich gehörte – hatte Maturitas gemacht; und natürlich waren das nachher sehr vergnügte Tage. Der Magister war überhaupt nicht mehr an der Schule. Seit dem Tod des Kleinen war er nicht mehr der Alte. Er ging den Menschen aus dem Weg – noch mehr als früher; ich glaube, er grübelte nur immer darüber nach, warum dies Unglück gerade ihn getroffen hatte, wodurch er es verschuldet, und ähnliches. Er ging ab, zog nach Runnarby hinaus und teilte dort seine Zeit zwischen der Landwirtschaft und dem Nachdenken über die Rätsel des Lebens. Viele wunderliche Geschichten über sein Leben dort hat man mir erzählt. Das Gut lag ziemlich nah, und so mieteten wir neugebackenen Studenten eines schönen Junitags gleich nach dem Examen einen Kremser und fuhren hinaus. Sieben Stück waren wir, die bei dem Magister in die Schule gegangen waren und uns gut mit ihm gestanden hatten. Es war ein fröhliches Zusammensein – der Punsch und die Reden strömten nur so. Der Alte war wie verjüngt. Er war mild und weich und gut und dankte uns sozusagen den ganzen Abend lang. ›Großes verlor ich, und Großes ward mein‹ – – wie es von Terje Vigen heißt. So, glaub' ich, war ihm damals zumute. Als wir wegfuhren, lief er noch auf einem kleinen Weg quer über die Wiesen, um uns ein letztes Lebewohl zuzuwinken. Ich sehe ihn noch, wie er da sprang – das graue, dichte Haar, das um ihn her flog, und den großen schwarzen Hut, den er zum Abschied schwenkte. Seither hat er mich ein paarmal aufgefordert, ihn zu besuchen. Es ist aber nie etwas daraus geworden. Nicht einmal damals, als ich soviel reiste.« »Wenn du jetzt einmal hingingst?« sagte Tora. Steinert schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, das weißt du doch!« Tora schwieg; aber sie ließ den Gedanken nicht fallen. Plötzlich sagte sie: »Wenn du von andern sprichst, da hast du einen so guten, klaren Blick. Wie kommt es, daß du nie so klar siehst, wo es sich um deine Nächsten handelt?« Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so bereute sie sie auch schon. Wie sie auf Steinert wirkten, darüber war sie sich nicht klar. Er schien ruhig und äußerlich ganz unberührt. »Darüber hab' ich nie nachgedacht«, sagte er nur. Erst eine ganze Weile später, als sie schon lange über andere Dinge gesprochen hatten und Tora schon anfing zu hoffen, ihre unvorsichtigen Worte seien unbemerkt an ihm abgeglitten, sagte er, als habe er die ganze Zeit an nichts anderes gedacht: »In dem, was um mich her ist, sehen wir beide vielleicht nicht so klar – du nicht und ich nicht.« Die Worte klangen fast ein bißchen scharf; aber der Blick, der sie begleitete, war freundlich. Und Tora hütete sich wohl, das Gespräch weiter, dem gefährlichen Punkt näher, zu führen. Zwölftes Kapitel Wie ein Traum erschien es Oskar Steinert, daß er sich hatte entschließen können, zu reisen. Im Innersten war er Tora dankbar, daß sie ihn, fast gegen seinen eigenen Willen, dazu gezwungen hatte. Da ist die Heimat seiner Kindheit, die er wieder sieht, die kleine Stiftsstadt, die anfängt, groß zu werden, die Straßen, in denen er seine Gassenbubenstreiche verübte, die alten Bäume um den Dom, unter denen er einst seine Knabenträume träumte und sich danach sehnte, ein Mann zu sein. Lang, lang ist's her. Alles, was geschehen ist, scheint ihm wie ein einziger, zusammenhängender Traum, aus dem er nicht weiß, wann er erwachen wird. Ihm wird ganz weich ums Herz bei all den Erinnerungen; er wandert durch die Straßen und muß sich Gewalt antun, um unbewegt und ruhig zu erscheinen. Die Vorübergehenden sehen den Fremden neugierig an, der da an allen möglichen Plätzen stehen bleibt und sich umschaut ... Ein paar Stunden später sitzt er in dem einfachen Stübchen des Magisters mit dem alten Ledersofa, dem vielgebrauchten Schreibtisch aus Birkenholz, den Pfeifen an der Wand und dem kleinen Knabenbildnis über dem Sofa. Der Alte sitzt in der Sofaecke. Er ist sich so gleich geblieben, nur ein bißchen kleiner als früher, als hätte ihn das Alter zusammengedrückt. Steinert fühlt, wie ihm etwas vom Respekt des Schulknaben wiederkehrt, während er so in das bärtige Gesicht schaut mit den Augen, die er jetzt so viel besser versteht als einst. Der Alte ist ganz aufgeregt vor Freude über den Besuch und wiederholt das unaufhörlich. Seine Gattin, eine kleine, brünette Frau mit guten, freundlichen Augen und feinem Wesen geht ab und zu, bleibt eine Weile im Zimmer, um dem Gespräch zuzuhören, verschwindet dann wieder in der Küche -. Eben hat Steinert zu reden aufgehört; er hat erzählt, was er von seinem Leben erzählen kann und will; jetzt wendet er sich zu dem Alten und sagt: »Und du hast die ganze Zeit hier verbracht?« »Ja«, erwidert der Alte. »Freilich. Es wäre schon nett, wenn man auch manchmal hinaus käme. Aber es will sich nie schicken.« Er schweigt eine Weile, wie um nachzudenken, nimmt eine gewaltige Prise aus der Silberdose und wischt sich mit einem riesigen rotgemusterten Taschentuch den Bart. Seine Augen hinter der Brille funkeln; er hustet, als müßte er sich besinnen. Als seine Frau zur Tür hinaus ist, sagt er leise, als fürchte er, sie könne ihn hören: »Es ist ja alles so ganz anders geworden, als der Kleine starb, siehst du. Wenn er noch am Leben wäre, so wär' er jetzt schon ein ganz alter Mann. Ja, ja.« Die Erinnerung sitzt tief in ihm. An der Stimme, der Miene, dem ganzen Gesichtsausdruck sieht Steinert, wie lebendig sie ist. »Wie ist es eigentlich gekommen? Woran ist er denn gestorben?« fragt der jüngere Mann. Wieder blickte der Magister nach der Tür, als fürchte er, man könne seine Worte draußen hören; und mit derselben leisen Stimme erwidert er: »Wir waren über den Sonntag hier herausgegangen. Den letzten Sonntag vor dem Semesterschluß. Er ging den ganzen Weg zu Fuß, jawohl. Er war kräftig für seine Jahre. Und er freute sich so, wenn er mit mir durfte. Nie war er so vergnügt, wie da. Meine Frau sagte immer, ich verwöhne ihn. Manchmal war sie fast eifersüchtig auf das Kind. Ja, ja.« Ein freundliches, humoristisches Lächeln glänzte durch den strengen grauen Bart, wie ein Sonnenstrahl durch dicke Wolken. »Es ist ja alles vorüber jetzt«, fuhr er fort. »Überstanden, kann ich wohl sagen. Aber ich möchte nicht, daß meine Frau es hört, daß wir vom Kleinen sprechen. Ich glaube, ich habe schon zu viel von ihm gesprochen, trotzdem es jetzt schon so lang her ist. Ich sehe ja kein Unrecht dabei. Aber ich denke doch manchmal, ich hab' ihn zu lieb gehabt, darum hat Gott ihn mir genommen. Man darf über solche Dinge nicht zu viel sprechen. Nein, nein. Man darf's wohl nicht.« Der Magister saß im Sofa, das Kinn in die Hand gestützt, als rede er mit sich selber, während ihm die Erinnerungen nach und nach auftauchten. Als geniere ihn die Brille dabei, schob er sie hinauf auf die Stirn, so daß seine klaren Augen mit dem scheuen Kinderblick frei darunter hervorleuchteten. »Ich bin ein bißchen einsam geworden hier«, fuhr er fort. »Darüber sprechen wir nachher noch. Das letztemal, als der Kleine und ich hier waren, das vergess' ich nie. Er war so froh, daß die Schule aus war und daß er ganz allein mit mir hier war. Immer waren wir am allervergnügtesten, wenn wir zwei ganz allein miteinander waren. Wir blieben über Nacht; er schlief in meinem Bett, und ich fühlte seinen kleinen, mageren Körper neben mir, beim Einschlafen und beim Aufwachen. Wahrscheinlich hat er sich da erkältet; und ein paar Tage darauf war er tot. Ja, ja.« Der Alte hustet und bricht ab. Still gleitet die Frau ins Zimmer und setzt sich in den Lehnsessel an der Tür. An ihrer Miene sieht Steinert, daß sie gut weiß, worüber die beiden Männer gesprochen haben, und daß sie daran gewöhnt ist. Eine Weile hört man nichts als das Ticken der alten Wanduhr. Langsam vergehen die Stunden; Steinert genießt die Ruhe. Er begreift, daß sein Besuch wie ein großes Ereignis ist in diesem Haus, eine seltene Unterbrechung im stillen Alltagsleben dieser zwei Menschen. Tagelang hat man an seine Ankunft gedacht, ehe er kam. Darum ist auch alles so fein und so rein. Der Fußboden glänzt, die bunten Läufer sehen aus wie neu. Weiße Gardinen hängen vor den Fenstern, blank schimmern die Mahagonimöbel, das Silber, Kupfer und Porzellan. Der Tisch ist reich besetzt; im Gastzimmer, das ihn erwartet, duftet es von frischem Tannenreisig, das Bett steht so rein und licht mit der bunten Seidendecke unter den weißen Vorhängen, und der alte grüne Kachelofen glänzt so frisch gewaschen an der geblümten Tapete. Steinert glaubt zu sehen, wie die zwei Alten hier auf ihn gewartet, alles besprochen, alles geordnet, ihn mit einer ganzen Atmosphäre von Freundlichkeit umgeben haben, noch ehe er da war. Und all das fühlt er, all diese Freundlichkeit umgibt ihn so wohltuend, und der Gegensatz zwischen seinem eigenen Leben und dem, das er hier sieht, beschäftigt seine Gedanken, ohne doch seine Ruhe zu stören. Er fährt ordentlich zusammen, wie bei einer Erinnerung, die nicht in diese traulichen Heimatgefühle paßt, als die alte Dame ihn fragt: »Lebt Ihr Vater noch, Herr Rechtsanwalt?« »Nein«, erwidert er. »Er ist tot.« »Und auch meine Mutter«, fügt er hinzu, wie um einer zweiten Frage vorzubeugen. »Ja, ja«, sagt der Magister. »Bald sind überhaupt bloß noch wir Alten da.« Oskar Steinert denkt an seine Heimat. Ihn durchfährt der Gedanke, wie wenig er dereinst Vater und Mutter gegeben hat, nachdem er von ihnen gegangen war. Ihm ist fast, als stehe er den beiden Alten hier, die ihm doch im Grunde so fremd sind, näher, als den eigenen Eltern, die er überhaupt kaum gekannt hat. »Man wählt sich seine Eltern nicht«, denkt er; und zugleich merkt er, wie wenig dieser kalte Gedanke zu der Umgebung paßt, in der er sich hier befindet. Wieder verschwindet die alte Frau, lautlos, wie sie gekommen war, und wieder fängt der Alte zu sprechen an. »Viel ist nicht mehr darüber zu sagen«, meint er. »Aber man spricht ja doch am liebsten von dem, woran man immer denkt.« Später gehen der Magister und Oskar Steinert miteinander aus, sehen sich die Ställe an, gehen durch die Äcker, wo der Roggen schon anfängt gelb zu werden und das Heu gehäuft ist. Steinert bemerkt, welch ein herzliches, vertrauliches Verhältnis zwischen dem Alten und den Leuten herrscht. Als hätte er seine Gedanken erraten, sagt der Magister: »Ich bin gewiß recht streng gewesen gegen meine Jungens. Und ich hab' es manchmal bereut, wie so manches andere. Aber es war nie bös gemeint. Hier, unter meinen Leuten, könnt' ich nicht so sein. Ich könnte ja nicht leben ohne sie.« Es ist eine schöne Gegend; der Juliabend ist weich und mild. Birkenhage wechseln mit Walddunkel, mitten im Saatfeld heben sich Sträuße alter Eichen, fern, wo die Sonne untergeht, zittern goldrot die Blätter der Espen gegen den Himmel ... Auf einem Umweg sind sie wieder zu dem alten Garten gelangt, über dem sich des Hauses gewölbtes Ziegeldach erhebt. Die Beete sind frisch geharkt, die Bäume schimmern von unreifen Früchten. In der einen Ecke ist ein Punkt, von dem aus man über Wiesen und Äcker hinausschaut; drunten windet sich der Fluß wie ein schmales, lichtes Band. Eine alte Linde steht da, von einer grünen Bank umschlossen. Sie setzen sich, und der Alte sagt: »Das ist mein Lieblingsplatz. Jeden Abend sitze ich hier, so oft ich kann. Meistens allein. Frederika wird das Gehen ein bißchen schwer. Schön ist's hier!« Er blickt hinaus übers Land. Eine breite, lichte Wolkenwand türmt sich über der Sonne, gleitet in Purpurstreifen über das Himmelsgewölbe und löst sich hoch oben in kleine, wollige Wolken auf, die frei in der klaren Luft zu hängen scheinen. »Wir sind recht einsam geworden«, fuhr der Alte fort. Und, indem er seinen Gast mit scheuer Frage ansah, fügte er hinzu: »Vielleicht hast du davon gehört, was ich in den letzten Jahren hier getrieben habe?« »Nein«, erwidert Steinert ein bißchen erstaunt. Die Stimme des Alten ist ganz feierlich geworden; und dazu sieht er verlegen aus, wie alte Leute oft, wenn sie die Kritik der jungen fürchten. Nachdenklich nickend fährt er fort: »Das ist mir recht. Dann kann ich dir's selber erzählen. Weißt du, daß der Boden hier gar nicht mehr mir gehört?« Steinert fährt zusammen. Er versteht nicht. Der Alte sieht beglückt und doch verlegen aus. »Das ist nämlich so«, fährt er mit ein bißchen zitternder Stimme fort. »Ich habe ihn verschenkt – an die, die hier arbeiten. Und sie bezahlen mir jährlich eine Summe, die für mich und meine Frau reicht.« »Und später – wenn du einmal tot bist?« sagt Steinert. »Dann gehört das Grundstück ihnen ganz. Sie können es untereinander teilen. Ich bin eben auch ein bißchen Sozialist, auf meine Weise.« Die Augen des Alten glänzen vor Zufriedenheit, als wäre er froh, daß er jetzt das Ärgste hinter sich hat. Und da die Kritik, vor der er sich vielleicht gefürchtet hat, ausbleibt, fährt er, zu seinem Zuhörer gewandt, fort: »Ich habe mir immer so meine eigenen Gedanken gemacht, weißt du, darüber, wie wir Menschen eigentlich miteinander leben. So manches, finde ich, ist da nicht in Ordnung.« Die milden Augen glühen in einer sonderbaren Schärfe auf. Mit gesenkter Stimme fährt er fort: »Ich habe ja auch mancherlei gelesen, und schon lange war es mein Gedanke: wenn jeder, der etwas besitzt, teilen wollte, so wäre die Welt glücklicher und besser. Im Anfang sagte ich mir selber: wenn du ganz allein das deine verschenkst – wer dankt es dir? Ich dachte lange, lange nach. Ich lebte hier, auf meinem Besitz, und nahm, was mein war. Sparsam bin ich immer gewesen; und als ich da immerzu auf die hohe Kante legte, fragte ich mich schließlich: Für wen sammelst du eigentlich? Meine Frau und die Verwandten haben ja genug, und mehr als genug. Eine Zeitlang dachte ich, ich sammelte für meinen Sohn, und es brauchte eine gute Weile, ehe ich einsah, daß das nur eine Phrase war, daß ich im Grunde eigentlich nur für mich selber sammelte. Ich merkte, siehst du, daß mir das Geld lieb ward; und das ist gefährlich. Dann kam der Tag, an dem der Herr den Jungen von uns nahm.« Der Alte bricht kurz ab; er zieht das bunte Taschentuch heraus und schneuzt sich mit einer Heftigkeit, die Steinert ein Lächeln ablockt, weil sie ihn an die Schulzeit erinnert. Der Magister merkt das nicht; er fährt in bewegtem Tone fort: »Meine Frau dachte nicht so wie ich. Es hat allerlei Meinungsverschiedenheiten gegeben zwischen uns. Aber als wir dann ganz allein waren, da war es, als kämen unsere Gedanken sich näher. Sie gab nach, Zoll für Zoll, und jetzt klagt sie nicht mehr.« Oskar Steinert hört dieser Beichte eines Menschen im Kampf mit sich selber zu, und keiner von all den Einwänden, mit denen er sich sonst auf die Theorien und Handlungen der Menschen stürzt, erwacht jetzt in ihm. Er sieht nur den Alten an, und mit einemmal geht es ihm auf, daß eine Gewissenszartheit, wie man sie sonst nur in der Einbildung antrifft, die Ursache zu allen Handlungen dieses Mannes sein muß. Gewissenhaft ist er gewesen, in seiner Strenge, als Vater, so gewissenhaft, daß er den Boden, den er trat, nicht sein eigen nennen mochte. Ganz eigentümlich widerspricht das strenge Aussehen dem schwärmerischen Glanz der Augen und den zitternden Lippen ... Der Alte blickt über die Felder hinaus und fährt fort: »Ich kann das alles jetzt so ruhig ansehen, weil es gar nicht mehr mir gehört. Aber ein bißchen einsam hat es uns schon gemacht. Den Herren der Umgegend paßte das, was ich tat, gar nicht recht, den Bauern noch weniger, und dem Pfarrer am allerwenigsten. Er predigte einmal gegen den Hochmut und stellte mich von der Kanzel aus so hin, daß jeder mich erkennen mußte.« Der Alte lächelte bitter. Aber als bereue er sogar diese kleine Selbstverteidigung, fuhr er fort: »Ich habe ja gewiß auch meine Fehler. Und hab' darum so etwas wohl auch ab und zu verdient. Und ich weiß wohl, daß all diese Gedanken viel schwächer waren in mir, solange der Kleine noch lebte. Ich hab' es seither oft gedacht – es war doch wunderbar, daß er sterben mußte, damit ich in mir selber zur Ruhe käme. Solange er lebte, war es, als hätt' ich alle Dankbarkeit vergessen. Alles, was mir gehörte, hatte ich doch von andern. Ich habe geerbt, und meine Frau hat geerbt. Und eigentlich konnte ich mich nie damit abfinden, daß das alles mein sein sollte. Ich dachte an das Wort: ›Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.‹ Aber solange der Kleine lebte, hatte das Wort keinen Sinn für mich. Ja, ja. So war's.« Während sie langsam heimwärts wandern, sagt der Magister – und sein Gesicht wird barsch, wie auf dem Katheder, und doch auch lustig und frisch: »Du glaubst, ich sei ein alter Narr, der sich da an Rätseln abmüht und noch glaubt, er tue damit was Gutes. Aber ich habe nicht anders können. Und getan ist getan.« Als sie nach Hause kommen, ist der Abendtisch gedeckt; und an den Blicken, die die beiden Alten wechseln, sieht Steinert, daß Frau Björken ihren Mann kennt und weiß, wovon sie geredet haben. Früh gehen sie auseinander; Steinert sitzt noch lang wach in dem hellen Gastzimmer mit dem Apfelbaum vorm Fenster und denkt nach über diese persönliche Lösung der Armenfrage, auf die er hier so unvermutet gestoßen ist. Es packt ihn, wie einfach und frei von Eitelkeit, wie stark diese Tat ist, die sich da herausgearbeitet hat als Frucht eines Menschenlebens. Er erinnert sich, daß er von diesem Mann hat sprechen hören als einem Knicker, weil er sparsam war, als einem Original, weil er anders war als andere, als einem harten Menschen, weil er streng war in seinen Forderungen an andere und sich selbst. Und dennoch ist in ihm keine Ironie gegen die Welt. Ihr Widerstand erscheint ihm notwendig, damit die Tat sich so einfach schön davon abhebt, wie sie in Wirklichkeit ist. Drei Tage bleibt er; als er wieder heimfährt, ist ihm, als wäre er lang fort gewesen. So unmerklich vergeht ihm die Zeit, so ausgefüllt ist ihm jede Stunde vom Kampf dieser beiden Menschen gegen das Leben, gegen sich selbst und gegen einander. Die Bücherständer sind ganz voll von Büchern; auf einem kleinen Tisch unter dem Pfeifenbrett liegen die Bibel und Henry George nebeneinander. Auch Tolstoi ist da und Ibsens Brand und Übersetzungen der englischen Philosophen; moderne deutsche Theologie hat ihren Weg hierher gefunden und vieles aus der schwedischen Literatur, altes und neues. Der Magister zeigt ihm das alles; er spricht gern davon. Vor dem Gast, der aus der Hauptstadt kommt und draußen in der großen Welt lebt, setzt sich der Alte gleichsam bescheiden auf die Schulbank und will, der einstige Schüler soll ihn jetzt über vieles belehren, was der alte Lehrer selbst nicht mehr zu verstehen glaubt. Denn kritisieren – das tut der Magister nicht; er wählt nur einfach aus, was er für sich gebrauchen kann. Darum liegt auch sein Henry George neben seiner Bibel. Und Oskar Steinert wird wieder zum Kind und freut sich, daß eins der Lebensrätsel hier gelöst worden ist, gelöst durch die Tat eines einsamen, unbekannten Mannes, der sein ganzes Leben ausgefüllt hat mit einem einzigen, großen, auf jene Frömmigkeit des Kindersinns gegründeten Gedanken, die die Helden und Märtyrer schafft. Als er endlich abreist, stehen die zwei Alten auf der Haustreppe; und als der zwischen Linden und Obstbäumen eingebettete Garten so nach und nach verschwindet, hat Steinert wieder das Gefühl, als sei das Ganze nur ein Traum gewesen, der ihn gefangen genommen, als er den Zug verließ und durch die Straßen seiner Kindheit wanderte ... Ach – wie viel gäbe er nicht für ein Alter, so abgeklärt, so erinnerungsreich, wie dies! Erst im Zug findet er das alte, aufreizende Gefühl ewiger Unruhe wieder, an das er sich gewöhnt hat, wie Menschen sich an alles, und sei's das Schlimmste, gewöhnen. Und als er endlich wieder daheim ist, vermißt er noch lang, lang die Gemütsruhe, die er bei den zwei Alten gefunden hat ... So vergeht der Sommer; je näher der Tag rückt, der ihn wieder in die alten Verhältnisse zurückführt, desto stärker fühlt Oskar Steinert, daß er diesem Tag, nach dem er sich doch so mächtig zu sehnen glaubte, mit geheimem Bangen entgegensieht. Keinem Menschen kann er das anvertrauen, mit niemand kann er darüber reden ... Am allerwenigsten mit Tora Ljung. Bei ihr fühlt er jetzt die Kritik seiner Frau gegenüber, diese Kritik, die ihm früher ganz entgangen ist; und dies Gefühl fesselt ihm die Zunge mehr als alles andere. Er ist ihr zu großem Dank verpflichtet; aber wenn er davon anfangen will, bricht Tora immer ab. Und als der Herbst kommt, trennen sich die beiden wie alte Geschwister, die das Leben zusammengeführt hat, die ruhig wieder auseinandergehen und das ganz natürlich finden. Dreizehntes Kapitel Oskar Steinert war umgezogen. Es hatte ihn erst eine gewisse Selbstüberwindung gekostet. Denn er hatte die hübschen Räume mit ihrer weiten Aussicht liebgewonnen und verließ nur ungern den Ort, wo er sich seit Jahren so wohl gefühlt hatte. Aber die Sorge für seine Frau überwog alle Bedenken. Und als sie ihn beim letzten Besuch bat, sie möchte die alten Räume nicht wiedersehen, kam der Rechtsanwalt diesem Wunsch um so lieber entgegen, als er selber glaubte, eine neue Umgebung müsse für seine Gattin besser sein als die alte mit all ihren traurigen Erinnerungen. In seinem fieberhaften Warten war es ihm ganz willkommen, daß er etwas für seine Frau tun konnte, und er war nicht leicht zufriedenzustellen. Schließlich aber fand er doch eine Wohnung auf der Südseite des Narvawegs. Die Zimmer waren modern ausgestattet, die Aussicht frei. Vom Erker des Salons aus sah man sogar noch ein Stück Wasser und eine Strecke der südlichen Hügel. Als endlich der Tag gekommen war, an dem er seine Frau zurückerwarten durfte, wanderte der Rechtsanwalt den ganzen Morgen in seiner neuen Wohnung herum und betrachtete sich alles genau. Er war voller Spannung und Unruhe. Seine Frau hatte den Wunsch geäußert, er möge lieber nicht anwesend sein, wenn sie zum erstenmal wieder in ihr Heim zurückkehrte. Und obgleich ihm diese Anordnung einen qualvollen Vormittag der Erwartung eintrug, hatte er sich gefügt, wie er sich überhaupt in dieser Angelegenheit in alles fügte. Es war ihm allerdings nicht lieb, daß die Kinder seine Frau vor ihm sehen sollten. Und seine Empfindungen waren darum nicht so froher Natur, als er selber erwartet hatte, während er jetzt über die Bäume der Allee hinblickte, die sich in der kühlen Oktobersonne vor dem Wind bogen. Draußen wirbelten die ersten Blätter von den sterbenden Bäumen; und innen war zum erstenmal Feuer im Kamin angezündet. Der Rechtsanwalt warf einen letzten Blick auf die Wohnung, um sich zu vergewissern, daß alles in Ordnung sei. Das einzige, was noch fehlte, war eine alte Wanduhr, die ihm auf heute sicher versprochen und die doch nicht gekommen war. Ein bißchen nervös ging er zum Telephon und klingelte an. Die Uhr war für Frau Ellen zur Überraschung bestimmt, und das Herrichten hatte viel Zeit in Anspruch genommen. Daß sie jetzt noch nicht auf ihrem Platz stand, wo er doch ausgehen mußte, war ihm höchst unangenehm; und er war keineswegs geneigt, des Uhrmachers Versicherung, ein Unfall habe sich ereignet, für bare Münze zu nehmen. Hastig sah er auf seine Taschenuhr und fand, es sei Zeit für ihn zu gehen. Noch ehe eine halbe Stunde um war, konnte seine Frau kommen. Und um keinen Preis wollte er riskieren, ihrem Wunsch entgegen jetzt mit ihr zusammenzutreffen. Er wechselte rasch ein paar Worte mit den Kindern, denen er auf der Treppe begegnete, bat sie ganz kurz, die Mutter zu grüßen, und ging. Robin und Ebba wanderten müßig in der Wohnung umher. Unbeschreiblich feierlich kam ihnen dieser Tag vor, feierlich und doch auch unheimlich, als könne irgend etwas Schreckliches sich ereignen. Der Vater bedeutete für sie, wie für so viele Kinder ihres Alters, nicht viel. Papa hatte zu arbeiten; wenn er daheim war, war er eigentlich immer auf seinem Zimmer. Mit ihnen spielen hatte er nie können, mit ihnen reden – darauf verstand er sich nicht. Letzten Sommer hatte er sie einfach Tora überlassen und war froh gewesen, daß sie ihm die Last abgenommen hatte, die ihn ja doch nur drückte. Er hatte sich zu Hause gewissermaßen ruhig und sicher gefühlt, weil er überall ihre feste, ordnende Hand spürte, die für alles da zu sein schien. Bei ihr, das wußte er, waren die Kinder gut aufgehoben. Und dies Bewußtsein gestattete ihm, sich selbst zurückzuziehen, zu leben wie ein Einsamer, der von der Arbeit zur Ruhe und von der Ruhe wieder zur Arbeit ging. Und Robin und Ebba hatten das in ihrer Weise auch verstanden, und mehr als je hatte es sie dem Vater entfremdet. Mehr und mehr ward er für sie, was er für die meisten Menschen war, ein Sonderling, der sich von anderen und andere von sich fern hielt. Daß der Vater jetzt, in dieser Stunde, fortging, wunderte sie gar nicht. So sehr waren sie daran gewöhnt, sich ihr Zuhause ohne ihn zu denken. »Glaubst du, Mama ist wie sonst?« sagte Ebba, als der Vater fort war. »Wie kann ich das wissen?« erwiderte Robin. Es klang fast ärgerlich. Robin war, als der ältere, fast in noch größerer Spannung als die Schwester, aber weil sie doch jünger war, glaubte er, ihr gegenüber eine gewisse Vorsicht zur Schau tragen zu müssen. Doch Ebba ließ sich nicht so leicht abspeisen. »Glaubst du, Mama hat Heimweh nach uns gehabt?« fragte sie wieder. »Freilich,« sagte er. »Aber warum hat sie dann nicht ein einziges Mal geschrieben? Und warum hat sie uns nicht einmal Adieu gesagt?« »Sie durfte nicht, verstehst du nicht?« Robin saß zusammengekauert auf einem Stuhl am Fenster. Er hatte ein volles, rundes Gesicht, kleine, lebhafte Augen und gut gekämmtes und frisiertes Haar. Über seinem ganzen Wesen lag etwas Alltägliches, Banales, eine Andeutung des künftigen Snobs. »Wenn jemand so krank ist, wie Mama, darf er keinem Menschen schreiben und zu keinem Menschen sprechen«, erklärte er. »Er wird einfach eingeschlossen und darf nicht einmal heraus, wenn er will.« Ebba schauderte. »Glaubst du, so ist's mit Mama gewesen?« »Freilich. Das weiß ich.« »Aber warum denn?« »Damit sie nichts Schlimmes tun!« Ebbas Augen wurden ganz groß. In diesem Augenblick war es nicht das Kind, das die Mutter bemitleidete. Es war der wache, wißbegierige Mensch, der Antwort wollte auf seine Fragen. »Glaubst du, Mama hätte uns etwas Schlimmes antun können?« Robin dachte nach. »Das ist wohl möglich, weil sie doch nicht bei Verstand war.« »Ja, aber jetzt?« Er setzte eine verächtliche Miene auf. »Jetzt ist sie wieder gesund. Sonst dürfte sie doch nicht heim kommen.« So fuhren die Kinder fort von der Mutter zu reden. Niemand hatte ihnen etwas gesagt; der Vater nicht, weil er nicht konnte, Tora Ljung nicht, weil sie nicht wollte. Die Antipathie, die sie im geheimen gegen Steinerts Frau hegte, hatte sie daran gehindert. So oft sie mit den Kindern über diesen Gegenstand hatte reden wollen, war es ihr gewesen, als stünde sie im Begriff, schlecht von ihrer Mutter zu sprechen. Die Kinder fragten Tora auch gar nicht. Sie war gut zu ihnen, und sie mochten sie gern. Aber es widerstrebte ihnen, mit ihr von der Mutter zu sprechen; denn wenn Mama zu Hause war, kam Tante Tora nie, das wußten sie, und darum vermieden sie instinktiv das heikle Thema. Die Dienstmädchen waren die einzigen, von denen irgend etwas zu erfahren war; und diese Quelle des Wissens hatten die Kinder auch fleißig benutzt. Was Ebba jetzt fragte und was der Bruder antwortete, waren alte Fragen und Antworten, die sich nur zwischen ihnen wiederholten. Sie kehrten immer wieder darauf zurück, nicht weil sie fürchteten, die Mutter zu verlieren – sie wußten ja, sie würde heim kommen, und diese Gewißheit war ihnen genug – sondern sie redeten bloß, um die eigene Spannung zu mildern, während sie auf das Läuten der Vorzimmerklingel warteten, und weil sie auf das erste große Rätsel in ihrem Leben gestoßen waren, das keiner ihnen lösen helfen wollte ... Im Sommer hatten sie es zeitweilig vergessen. Aber das Thema war doch oft zwischen ihnen aufgetaucht, und von dem Moment an, da die Schule wieder begann und sie wieder in der Stadt waren, hatten sie davon gesprochen, so oft sie überhaupt allein waren. »Es klingelt«, sagte Ebba plötzlich und sprang auf. »Nein«, erwiderte Robin. »Das war auf der Straße.« Beide saßen eine Weile schweigend da und horchten auf die Straßenbahn, die vorüber fuhr. Dann sagte Ebba: »Glaubst du, wer so krank gewesen ist, wie Mama, kann wieder ganz gesund werden?« »Freilich«, erwiderte Robin. »Ja, aber ganz richtig, mein' ich. Daß man ganz gewiß weiß, sie wird nie wieder krank, wie früher.« Ebba fühlte eine Unruhe, die ihr eine seltsame Furcht einjagte. Robin war eine weit positivere Natur als die Schwester. Er sah seine Welt mit nüchternem Blick an und war darum kritisch. »Ich bin bang!« sagte die Schwester. »Warum denn?« »Denk' – wenn Mama doch nicht so ganz gesund ist!« Gegen seinen Willen ward Robin ängstlich. So hatte die Schwester noch nie gesprochen. Die Einsamkeit begann auch ihn zu bedrücken. »Du mußt dich nicht fürchten«, sagte er mit einer Art ungeschickter, verlegener Knabenfreundlichkeit. »Nein, nein«, erwiderte Ebba. »Ich werd' schon nicht.« Wieder saßen die Kinder schweigend da, jedes auf seinem Stuhl, ohne Beschäftigung. Zuletzt sprang Robin auf. »Jetzt klingelt es!« rief er. Mit heißen Wangen ging er ins Vorzimmer und öffnete. Da stand die Mutter. Er streckte ihr die Hand entgegen und trat dann zurück, damit sie eintreten konnte. Die Mutter umfing die Kinder mit beiden Armen und zog sie mit sich ins Eßzimmer. Die Vorzimmertür ließ sie offen. Sie trug einen langen, dunkeln Mantel und einen neuen Hut. Die Kinder standen neben ihr, jedes auf einer Seite, und wußten nicht, sollten sie etwas sagen oder lieber anfangen zu weinen. Die Mutter legte den Mantel ab, nahm sie beide aufs neue in den Arm, küßte sie und zog sie mit sich in den Salon. Da sank sie auf einen Stuhl und begann, zu ihnen zu sprechen, kurze, abgerissene Worte, Worte der Freude, der Rührung, wie noch nie. Und die Spannung der Kinder wich der Freude – – jetzt wußten sie es: Mama war wieder da! Im Eßzimmer hörte man die Schritte der Jungfer, die leise hinausging und die Korridortür schloß. Ellen Steinert wanderte durch die Wohnung, besah sich alles, was ihr neu war, alles, was sie schon kannte ... Sie ging in die Küche und begrüßte die Mädchen, dann ins Kinderzimmer, in ihr eigenes Zimmer. Da blieb sie lange. Nachdem sie gegangen war, sahen die Kinder einander an; beide waren erstaunt, daß dies bißchen, was da geschehen war, wirklich alles sein sollte. Sie hatten so unendlich viel mehr erwartet. Inzwischen wurde es Zeit zur Schule zu gehen, und Ebba wagte endlich an die Schlafzimmertür zu klopfen. Fortgehen ohne der Mutter Adieu zu sagen, das, meinte sie, sei doch nicht möglich. Als sie ins Zimmer traten, stand Mama am Fenster, und sie sahen, daß sie geweint hatte. Und in ihnen erwachte plötzlich ein Verstehen dafür, wie die Mutter gelitten, wie einsam sie sich gefühlt haben mußte. Aber keins von ihnen vermochte etwas zu sagen. Viel erregter, als sie selber begreifen und ausdrücken konnten, gingen sie, ohne ein Wort zu wechseln, liefen die Treppe hinunter und riefen die Elektrische an, die eben vorüberfuhr. Einsam wanderte Frau Ellen durch die neuen Räume, in denen ohne ihre Hilfe ihr Heim geschaffen worden war. Sie betrachtete noch einmal alles, und ihr war, als könne sie sich selber nicht klar darüber werden, was eigentlich fehlte. Zuletzt ging sie ins Zimmer ihres Mannes. Sie begann den Schreibtisch aufzuräumen, legte sorgfältig die Papiere aufeinander, ohne an ihrer Reihenfolge etwas zu ändern, staubte das Schreibzeug ab, stellte allerlei Kleinigkeiten auf ihren Platz ... Zuletzt setzte sie sich in den Stuhl, wo sie früher immer zu sitzen pflegte, wenn sie Steinert erwartete. So recht klar und wirklich war ihr das Ganze noch nicht. Das Gewesene überschattete sie – aber ohne Bangen, fast auch ohne Wehmut. Langsam begann die Tatsache, daß sie wieder daheim war, auf sie zu wirken und erweckte in ihr eine Art unbestimmter Angst, als gehe sie Pflichten entgegen, die Anstrengung und Ruhe forderten. Ihr war, als hätte sie noch nie so empfunden, was eigentlich die Einsamkeit für sie bedeutete, die Ruhe dieser langen Einsamkeit, die sie so widerwillig auf sich genommen hatte, und während deren doch Klarheit in sie zurückgekehrt war ... Es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß das, was gewesen, wiederkehren könnte. Schwermut, Zwangsgedanken, Krankheit, alles war fort; sie hatte sich selber wieder in der Gewalt. Wie um sich von ihrer Kraft zu überzeugen, ging sie in die Küche und sprach mit der Köchin wegen des Mittagessens. Ein bißchen länger, als just notwendig gewesen wäre, sprach sie darüber. Als sie wieder im Eßzimmer war, ging sie ans Klavier und prüfte dessen Ton. Es klang gut und rein. Sie merkte – ihr Mann hatte nicht vergessen, das Instrument stimmen zu lassen. Etwas wie Wärme und Dankbarkeit blühte in ihr auf; als sie sich umsah, sah sie auf einmal auch die Blumen. Auf dem Eßzimmertisch stand eine riesige Aster, ein Topfgewächs, und im Salon war eine ganze Vase voll Rosen. Man erwartete sie daheim, alles war für sie geordnet und geschmückt ... Plötzlich kam ihr der Gedanke, sie hätte doch gern ihren Mann hier gehabt; dann hätte sie nicht diesen ganzen ersten Vormittag allein und voller Unruhe zu sein brauchen. Ohne weiter zu überlegen, ging sie ans Telephon und klingelte an – die alte Nummer. Sie fühlte sich ganz enttäuscht, als sie den Bescheid erhielt, der Herr Rechtsanwalt sei ausgegangen. »Sagen Sie ihm, seine Frau hätte angeläutet«, bat sie. Als sie in den Salon zurückkam, blieb sie zufällig vor dem alten Spiegel im Mahagonirahmen stehen, vor dem sie sich einst noch im Elternhaus als Braut angekleidet hatte. Außer dem Empiresofa und dem Kronleuchter aus altem französischen Glas war dies die einzige Erinnerung aus der Seine-Heimat. Lange blieb sie stehen und musterte aufmerksam ihre Züge und die hohe volle Gestalt, die an Umfang zugenommen hatte, dank der Mastkur und dem vielen Schlaf. Sie war unzufrieden, daß ihre Haut alle die feinen Falten noch immer hatte, die doch, wie sie gehofft, fortgehen sollten. Kühl begegnete sie ihrem eigenen Blick in dem klaren Glas. Inzwischen wartete Oskar Steinert voller Unruhe. Arbeiten konnte er nicht, mit Menschen zusammen sein noch weniger. Ziellos trieb er sich in der Stadt umher, nur damit die Zeit vergehen sollte. Ehe seine Frau es wünschte, wollte er nicht heimkommen, und die Stunden wurden ihm lang. Er versuchte, durch die engen Straßen der Stadt zwischen den Brücken herumzuschlendern und sich einzureden, daß ihn die schönen alten Häuser dort interessierten, und daß er einen Haß hätte auf die pietätlosen Neubauten, daß er sich in vergangene Zeiten zurückträumte und in die Gedanken verstorbener Menschen. Aber der Versuch wollte nicht glücken. Die pittoresken Ausblicke auf die engen Gassen, deren Düster ab und zu durch einen Blick auf die Kais unterbrochen ward, wo plötzlich blau das Wasser aufleuchtete, ließen ihn kalt. Die krummen Straßen selber mit ihrem Reichtum an eigentümlich fesselndem Leben harmonierten nicht mit seinem Gedankengang, der sich so entschieden mit der Gegenwart, mit ihm selbst, beschäftigte. Oskar Steinert hatte ganz einfach Sehnsucht, wie der allerunvernünftigste Jüngling, Sehnsucht nach seiner Frau, Sehnsucht, zu sehen, was er aus dem Wesen der Wiedergekehrten für die Zukunft hoffen durfte. Es war, als hielte seine Frau sein Leben in ihrer Hand und als müsse diese erste Begegnung über die ganze Zukunft entscheiden. Um die Zeit totzuschlagen, ging er in ein Restaurant, wo er nicht fürchten mußte, auf Bekannte zu stoßen. Beim Verlassen des Lokals sah er nach der Uhr. Es war Zwei, erst in drei Stunden war seine Essenszeit. Mit raschen Schritten ging er über die Nordbrücke und schlug den Weg nach seinem Bureau ein, als hätte er endlich einen Entschluß gefaßt und sich davon überzeugt, daß die Zeit schneller gehen würde, wenn er sie mit Arbeit ausfüllte. Als er in sein Zimmer trat, teilte ihm sein Laufjunge mit, daß Frau Steinert angeklingelt hatte. »Es ist gut«, sagte der Rechtsanwalt, so ruhig er konnte. Als er allein war, überfiel ihn ein eigentümliches Zittern; er war im ersten Augenblick gar nicht Herr über seine Gedanken. Sein erster Impuls war, sich zum Apparat zu wenden, der neben ihm auf dem Schreibtisch stand. Aber es widerstrebte ihm, daß die Stimme seiner Frau, wenn er sie zum erstenmal wieder daheim hörte, mit dem fremden, fernen Klang an sein Ohr tönen sollte, den die Stimme im Telephon annimmt. Seine Frau war voll Ungeduld, ihn zu sehen; soviel war sicher. Und indem er hastig durch das äußere Zimmer schritt, gab er im Vorübergehen mit ein paar Worten zu verstehen, er würde heute nicht mehr aufs Bureau kommen. Als er auf der Straße war, rief er eine Droschke an und stieg ein. Er lächelte selber über sich, lächelte mitten in all den erregten Gedanken, die über ihn hinwogten. Ihm war zumute wie einem Liebhaber, der zu einer ersten Zusammenkunft eilt – beklommen und doch glücklich, ungewiß, was ihn erwartet, voll Furcht und Hoffnung. Die Fahrt in der Droschke beruhigte ihn etwas. Eine Droschke ist wie ein Schutzzelt. Wer drin sitzt, braucht nicht zu fürchten, daß er von den Vorübergehenden angesprochen wird. Als der Rechtsanwalt jetzt aufsah, merkte er plötzlich, wie schön es war ringsum. Die Luft, das Wasser, die Holzkähne am Kai, Skeppsholmen mit seinen kahlen Bäumen, die Südvorstadt mit dem Sonnenglanz über den steilen Hängen, der Tiergarten der im Schmuck des Herbstes stand, der Dampfer der mit gefälltem Schornstein eben unter der Brücke durchglitt – alles hatte auf einmal Glanz und Farbe von seiner eigenen Gemütsstimmung. »Ein neues Stockholm ist emporgewachsen«, dachte Steinert. »Ein neues Stockholm, das ich nicht kenne, dem ich mich aber nähern will von dem Tag an, an dem das Unglück mich nicht mehr zu Boden drückt.« Ein unbestimmtes Gefühl wie von etwas lang Versäumtem, etwas, das an ihm vorübergegangen war und ihn einsam zurückgelassen hatte, überkam ihn und überschattete einen Augenblick seine Freude, wie eine Wolke, die über die Sonne zieht und sie eine Weile verdunkelt. Jetzt fuhr er den Narvaweg hinauf, jetzt sah er die Sonne wieder, jetzt vergaß er alles über dem Bewußtsein, daß er zum erstenmal wieder seit langer, langer Zeit heim fuhr. Als er eben zur Haustür hinein wollte, begegnete ihm ein ärmlich gekleideter Mann mit einem Vollbart, der ihm bekannt vorkam. Der Mann zog den Hut und grüßte. Da sah Steinert, daß der kleine Mann im Vollbart der Uhrmachergehilfe war; jedenfalls war er erst jetzt mit der Uhr gekommen. Das Gesicht des Rechtsanwalts verfinsterte sich. »Haben Sie die Uhr erst jetzt gebracht?« sagte er kurz. »Es ist ein Unglück geschehen, Herr Rechtsanwalt«, erwiderte demütig der Mann. »Ein Unglück? Was wollen Sie damit sagen? Sie hatten sie doch ganz bestimmt zu gestern versprochen.« Er kämpfte mit seiner Heftigkeit, die nahe daran war auszubrechen. Seit langer Zeit stand diese Uhr als eine Kostbarkeit bei ihm im Haus, ohne hergerichtet zu sein. Es war ein seltenes, altes Stück, eine alte Morauhr, die seine Frau von einer Verwandten geerbt hatte. Steinert hatte jetzt ein neues Werk bestellt, das Gehäuse frisch herrichten lassen und freute sich, bis seine Frau sehen würde, daß er mit dieser kleinen Überraschung ihrer gedacht hatte. Wenn sie heim kam, sollte die Uhr dastehen, und ihr weicher Schlag sollte sie froh machen, grade in diesen ersten Stunden, solang sie allein war im neuen Heim. In der Verzögerung lag etwas so Verfehltes, daß es ihn erschreckte wie eine böse Vorbedeutung; voll Empörung gegen den Mann, der seine Absicht durchkreuzt hatte, wartete er jetzt auf die Antwort. Der Mann verstand natürlich nicht, warum der Rechtsanwalt so zornig war, sah nur seinen Ärger und seine Ungeduld und antwortete: »Man kann beim besten Willen nicht immer alles halten, was man verspricht.« »Nein, freilich«, lautete die höhnische Antwort. »Mein kleiner Junge ist gestern aus dem Fenster gestürzt«, fuhr der Mann fort. »Wir wohnen ganz oben unterm Dach. Darum habe ich gestern nicht arbeiten können.« Des Rechtsanwalts Zorn machte einem Gefühl des Mitleids und der Scham Platz. »Was sagen Sie da?« rief er und griff nach des Mannes Hand. »Das hab' ich nicht wissen können!« Das Gesicht des andern zuckte. »Nein«, sagte er. »Das begreif' ich auch gut.« »Wie ist es denn geschehen?« fragte Steinert. In diesem Augenblick hatte er sich selbst ganz vergessen; er dachte bloß noch an den Mann, der da so arm und traurig vor ihm stand. »Meine Frau war aus dem Zimmer gegangen«, erwiderte dieser. »Es war kaum eine Minute. Da hört sie jemand schreien und stürzt hinein. Aber es war schon zu spät.« »War er tot?« fragte hastig der Rechtsanwalt. »Nein«, war die Antwort. »Das ist's eben – er war nicht tot. Ich mußte ihn ins Spital tragen. Und das nahm den ganzen Nachmittag; darum bin ich mit der Uhr nicht fertig geworden.« Der Rechtsanwalt konnte nichts erwidern. Das kam alles so unerwartet mitten in seine Gedanken hinein, daß er keine Worte fand für das, was er hatte sagen mögen. »Wo wir gehen, treten wir auf andere«, dachte er. »Unser Weg ist voll vom Unglück anderer, über das wir vorwärts müssen.« Im selben Augenblick fiel ihm die Szene vor Gericht wieder ein, die unglückliche Frau, die bei ihm Hilfe gesucht hatte und verurteilt worden war ohne den Beistand eines sachkundigen Verteidigers. »Lebt der Kleine?« fragte er endlich. »Ich weiß nicht«, antwortete der Vater. »Heute morgen lebte er noch – merkwürdigerweise. Die Mutter ist bei ihm.« »Und Sie haben weggehen können, an Ihre Arbeit?« rief der Rechtsanwalt, als wäre dieser Gedanke etwas ganz Neues für ihn. »Man tut eben seine Pflicht«, antwortete der Mann. Langsam steigt Steinert die Treppe empor. Diese letzten Worte hatten ihn stärker gepackt als das ganze Geschehnis, das ihm der Mann erzählt hatte. Er glaubte die ganze Szene vor sich zu sehen -: die kleine Dachstube, die Mutter, die hinausgeht, der tiefe Hof des fünfstöckigen Hauses mit dem Steinpflaster unten, das Kind, das hinabstürzt und nicht einmal tot ist, der Vater, der heimkehrt und das zerschmetterte Kind fortträgt, eilig, rasch, um nicht die paar Kronen Verdienst zu verlieren, die doch nicht einmal fürs Begräbnis ausreichen würden. »Der Mann versteht's, seine Pflicht zu tun«, dachte er. Ein Gefühl der Schwäche, der Minderwertigkeit erfüllte ihn. Jetzt drückte er auf die Klingel und trat ein. Er kam ins Eßzimmer; da stand die Uhr, neu und fertig, und tickte sachte den Takt zur verinnenden Zeit ... Der Rechtsanwalt ging vorbei, in sein Zimmer. Die ganze Zeit über mischte sich in ihm der Eindruck der Szene, die er soeben erlebt hatte, mit dem Gefühl gespannter Erwartung, das ihn den ganzen Tag erfüllte. Fast zögernd trat er über die Schwelle. Da saß seine Frau im Sessel vor dem Schreibtisch. Auf den ersten Blick glaubte er, er habe gut daran getan, zu kommen. Seine Frau erhob sich und ging ihm entgegen. Sie sah müde aus, wie erschöpft vom langen Warten. »Ich habe nicht gewußt, daß du mich so bald schon sehen wolltest«, sagte Steinert. »Das Alleinsein ist mir lang geworden«, erwiderte sie. Die Antwort klang kühler in Steinerts Ohren, als er sie sich erhofft hatte; mit einem forschenden, fragenden Blick sah er die Gattin an. Sie war verändert, ohne daß er sich gleich klar zu machen vermochte, wieso, und er mußte gegen die Enttäuschung ankämpfen, die in ihm aufstieg, um wenigstens etwas von der erträumten Freude zu retten. Das Gespräch zwischen den beiden war anfangs ziemlich scheu, gleichsam zögernd. Hinter den Worten, die gesprochen wurden, ahnten sie beide andere, unausgesprochene; unter allem, was sie berührten, lag etwas anderes, über das man stillschweigend hinwegglitt ... Es war für beide eine Erleichterung, als Steinert schließlich sagte: »Und du bist wieder gesund, Ellen! Das ist doch das allerbeste!« Ellen rückte auf dem Sofa näher zu ihm hin und blickte auf, ihm ins Gesicht. »Du hast es recht schwer gehabt mit mir«, erwiderte sie, ihn voll ansehend. Steinert fuhr sich mit einer ihm eigentümlichen Gebärde übers Gesicht, als wollte er etwas verstecken oder wegwischen, was niemand sehen sollte. »Wenn etwas Schweres vorüber ist, sieht es immer leichter aus«, erwiderte er mit einem Versuch, einen leichteren Ton anzuschlagen. »Der Sommer hat mir auch gut getan, wie dir.« Er hatte die Worte noch kaum gesagt, als er sie auch schon bereute. Über das Gesicht seiner Frau zog eine Wolke; sie kniff die Augen zusammen, wie um zu verbergen, was sie empfand. »Tora Ljung hat dir gut getan«, sagte sie bitter. Und wie um ihre Worte wieder gut zu machen, fügte sie hinzu: »Ich bin ihr auch dankbar.« Steinert zögerte einen Augenblick, ob er noch mehr sagen sollte. Da jedoch das heikle Thema einmal angeschlagen war, fuhr er fort: »Ich allein hätte den Kindern keinen so guten Sommer verschaffen können.« Jetzt polterte es draußen im Vorzimmer. Die Kinder waren aus der Schule gekommen. Wieder wurde die Atmosphäre um die beiden leichter; der gespannte Ausdruck im Gesicht der Frau wich. Langsam kamen die Kinder herein, feierlich fast; auch sie empfanden es als Erleichterung, daß sie nicht allein waren mit der Mutter. Zum erstenmal seit langer Zeit war wieder die ganze Familie versammelt. Und in allen vieren war etwas von dem geheimnisvollen Ganzheitsgefühl, das eine Familie schafft, das aus mehreren eine Einheit macht. Zusammen gingen sie ins Eßzimmer, wo das Mittagessen wartete. Wie voller Freude über eine neu gewonnene, verheißungsvolle Zukunft lächelten sie einander freundlich zu. Das weiße Tischtuch mit seinem Läufer aus grün gewässertem Papier war mit Blumen geschmückt wie zu einem Fest. Aber Oskar Steinert war zumute, als säße er als Zuschauer vor einem Ereignis, das ihn gar nichts anging. Vierzehntes Kapitel Das Glück, das Oskar Steinert so leidenschaftlich ersehnt hatte, kam nicht. Im Verhältnis zwischen den beiden Gatten war etwas zerbrochen, und wie tief auch der Rechtsanwalt in seinem selbstgeschaffenen Glückstraum befangen war, er mußte es dennoch fühlen und erkennen. Ein Zweifel lag auf der Lauer hinter seinem Glück, ein Zweifel, dem er kein Schweigen gebieten konnte; und dieser Zweifel war geweckt worden durch die Bitterkeit, die seine Frau schon am ersten Tag gezeigt hatte, als Tora Ljungs Name erwähnt wurde. Er wurde noch genährt durch mancherlei Umstände, die zufällig zusammentrafen, an sich kleine, unbedeutende Geschehnisse, die aber zusammen doch ein Gewebe von Unruhe und qualvoller Beklemmung bildeten, das sein ganzes Seelenleben umspann. Während er äußerlich die Rolle des glücklichen Ehemannes durchzuführen suchte, beobachtete Steinert in dieser Zeit seine Frau zum erstenmal; und seine bisherige Hingebung begann einer kalten, eigensinnigen Unruhe zu weichen, die er selber nicht verstand. Je mehr er nach einer Erklärung suchte, desto mehr Anlaß zum Zweifel glaubte er zu finden, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, daß seine Frau im innersten etwas barg, was sie vor ihm verheimlichte, was sie ihm entzog. Wie ein geheimnisvolles Schweigen war es, das sie umgab, wenn sie allein waren, und wenn er einmal unerwartet zu ihr und den Kindern ins Zimmer trat, merkte er, daß die Fröhlichkeit sofort verstummte. Mehr und mehr kam es ihm vor, als wäre seine Frau zu den Kindern heimgekehrt, aber nicht zu ihm, und wenn er von Hause fort war, ließen ihm die Gedanken an sie auch keine Ruhe. Was eigentlich ihrem Verhältnis fehlte, darüber wurde er sich jedoch nicht klar. Ihm war, als lebe er in ständiger Erwartung von irgend etwas Geheimnisvollem, Unerklärlichem, wovon ihm nur eine schöne Erinnerung geblieben war, das er nie wieder sehen würde. Manchmal schimmerte es durch das Wesen seiner Frau wie ein Versuch, sich mit etwas von der einstigen Zärtlichkeit dem Mann wieder zu nähern. Aber immer sah es aus, als wäre dieser Wunsch zu schwach oder würde erstickt von anderen, gefährlichen Mächten, die keiner kannte, vielleicht nicht einmal die Frau, in der sie doch tätig waren, selbst. »Vielleicht geht es ihr gerade so wie mir«, dachte Steinert. »Vielleicht trägt auch sie eine heimliche Sehnsucht in sich nach dem, was einst war.« Und bei diesem Gedanken ging es ihm ganz plötzlich auf: »Tag für Tag sehne ich mich, sehne mich nach meiner Frau! Sie ist wieder bei mir – und doch ist sie weit weg. Was einst war, kommt nie wieder.« Aber die Sehnsucht nach dem Vergangenen war so stark in Oskar Steinert, daß sie die Kampflust in ihm weckte, das Verlangen, sich das Verlorene wieder zu erobern. Sonst hatte das Leben keinen Sinn mehr für ihn. Wenn er auf sein Bureau ging, grübelte er über allerhand Mittel und Wege nach; wenn er an der Arbeit saß oder auf dem Gericht war und für einen Klienten das Wort führte, fühlte er dies ständige Nachgrübeln in sich wie einen schmerzhaften kranken Punkt, dessen Qual nur auf einen Augenblick durch die Notwendigkeit, klar zu denken und zu handeln, betäubt wurde. Wenn er heimkam und die Seinen wieder sah, verfolgte es ihn. Und doch kam über seine Lippen nie die Frage, die in ihm brannte: »Warum ist nicht alles wie früher? Was steht zwischen uns?« Ihm war, als müsse sich ihr ganzes Verhältnis von selbst auflösen, sobald er den Versuch machte, zu sprechen. Es ist etwas Zartes und Empfindliches um das Verhältnis zwischen zwei Menschen; fast unmerkbar sind die Fäden, die sie vereinen, noch unmerkbarer die Kräfte, die an diesen unsichtbaren Fäden zehren, sie mürbe machen und schließlich zerreißen. In dem Leid, das da den Menschen packt, sucht er nach Heilmitteln, selbst auf die Gefahr hin, daß das Mittel, das er wählt, sich als Gift erweist. Er handelt aus einer Verzweiflung heraus, die ihn blind macht, und die Sehnsucht nach Glück wird so qualvoll stark, daß er die Gefahr gar nicht sieht. Oskar Steinert kam bald auf den nicht ungewöhnlichen Gedanken, daß er seine Frau vielleicht wieder erobern könne, wenn er ihr Gelegenheit verschaffe, sich zu zerstreuen; und er beschloß, dies Mittel zu versuchen, trotzdem es seiner Natur widerstrebte. Aber die Jahre, in denen seine Frau krank gewesen war, hatten den Rechtsanwalt sehr einsam gemacht; die Notwendigkeit, anderen das Wesen dieser Krankheit zu verschweigen, hatte auch um ihn eine Leere geschaffen. Zufällige Bekannte hatte er wohl, Geschäftsfreunde, Besuche aus der Provinz, die ab und zu die Einsamkeit der beiden Gatten belebten. Aber eigentliche feste Freunde hatte er nicht; die alten, die er früher besessen, hatten in den schweren Jahren seiner Zurückgezogenheit neue Beziehungen angeknüpft und waren anderweitig in Anspruch genommen. Neue Kreise hatten sich rings um ihn und seine Frau gebildet. Aber sie selber standen außerhalb. Es gab jedoch ein einfaches Mittel für den Rechtsanwalt, seiner Frau den Umgang und die Zerstreuung zu verschaffen, die er für nötig für sie hielt. Stockholm hatte sich in den letzten Jahren, während er fern von der Welt lebte, ganz umgestaltet und eine neue Form des Verkehrslebens geschaffen, die die alten Formen nicht verdrängte, sondern sich ihnen nur an die Seite stellte als eine neue, lockende Art der Zerstreuung. Es waren jetzt nicht mehr nur die Männer und Reisenden, die Restaurants und Cafés bevölkerten. Ein Diner im Hotel Rydberg oder Grand-Hotel gehörte nicht mehr zu den seltenen Gelegenheiten, zu denen der Familienvater vielleicht ein einziges Mal seine Frau und die erwachsenen Kinder feierlich einlud. Die Restaurants hatten auch die Frauen an sich gelockt, und die Frauen strömten hin, um nicht mehr abends allein sein zu müssen, um sich den Männern gleich zu fühlen – auch in ihren Unsitten. Dazu kam der Gedanke an die unerträgliche Langeweile und steife Konvenienz der großen Gesellschaften. Im Restaurant tat jeder, was er wollte. Keiner war Wirt, und keiner war Gast. Die Damen gaben sich dem Genuß eines heitern Diners hin, ohne daß ihnen die Angst, ob auch jedes Gericht gelungen sei, die Kehle zuschnürte, ohne Zuschuß zur Haushaltungskasse fordern zu müssen, ohne irgendwelche Mühe mit der Anordnung des Ganzen zu haben. Der Mann konnte binnen einer halben Stunde per Telephon ein Diner arrangieren, die Frau brauchte nur rasch Toilette zu machen und sich in eine Droschke zu werfen. Improvisierte Veranstaltungen sind ja bekanntlich meist die heitersten. Außerdem war im Restaurant der Mann ein ganz anderer als daheim. Daheim war er sparsam und schwerfällig, murrte über die kostspieligen Diners und knickerte, wenn er bezahlen sollte. Draußen war er in seinem Element, an die Restaurantpreise war er von seiner Junggesellenzeit her gewöhnt, er knickerte nicht und brummte nicht, sondern aß und trank und war vergnügt. Wenn's ans Bezahlen ging, war er meist so guter Laune, daß die Ausgabe ihm eine Kleinigkeit schien. Im Restaurant traf man auch immer Menschen. Für den Verkehr im Haus waren doch gewisse Formalitäten nötig, um die Leute überhaupt erst zusammenzubringen; draußen war all das so viel einfacher. Sogar die berüchtigte schwedische Steifheit und Vorliebe für Formen duckte sich geschmeidig vor der maßlosen Genußsucht, die in den obersten Schichten der Bevölkerung herrschte. Die Wirte, die merkten, woher der Wind wehte, richteten sich danach ein. Von den neunziger Jahren an taten sich alle größeren Restaurants gradezu als Familienlokale auf, ohne daß darum die Privatwohnungen sich verkleinert hätten. Und am Ende des Jahrhunderts hatte sich diese Sitte als eine feststehende, wohlorganisierte Einrichtung eingebürgert. Ein langweiliges Pflichtdiner endete gewohnheitsmäßig mit einem Souper im Restaurant, wo die Stimmung frei war und die Heiterkeit ganz von selber kam; ein eintöniges Familiensouper fand am nächsten Tag im vertrauten Kreis in irgendeinem Lokal seine Fortsetzung, bei der sich Wirte und Gäste schadlos hielten für den trübseligen Zwang, der sie tags zuvor in einem langweiligen Heim versammelt hatte. Und während die Restaurants sich füllten, verödete das Heim. Was in diesem vorging, wenn Mann und Frau fort und die Kinder allein waren – wer konnte das wissen! Kinder und Dienstboten verklatschen sich gegenseitig bloß ganz ausnahmsweise, und wenn das Gewissen des Anklägers ganz rein ist. Jedenfalls war es ein lustiges Leben. Damen, die ihrer Lebtag kaum an einem Glas Wein genippt hatten, tranken jetzt ohne Ziererei Likör und Punsch und fühlten sich recht wohl im Lärm dieser eleganten täglichen Orgie, die sie umbrauste. Es amüsierte sie, so viele Menschen um sich zu sehen, und es verlieh ihren Schritten gleichsam neue Sicherheit, daß jetzt auch sie Bekanntschaft gemacht hatten mit diesem Leben, das früher ein Vorrecht der Männer gewesen und mit einem Gemisch von geheimem Grauen und von Begehrlichkeit betrachtet worden war. An Gesprächsstoffen fehlte es bei diesen Zusammenkünften nie. Ganz Stockholm traf sich hier, Tisch an Tisch. Grüße wurden ausgetauscht, man besuchte einander an den verschiedenen Tischen, man trank einander zu, oder man ging steif und fremd aneinander vorbei, einzig vereint durch das gemeinschaftliche Bedürfnis nach Stimulanz und Vergessenheit, das allem künstlichen Genuß zugrunde liegt. Jeder kannte des andern Leben, Eigenschaften, Beziehungen und Geheimnisse. Jeder stellte sich selber aus als willkommenen Gesprächsstoff für eine zufällige Ansammlung von Individuen, die alle dieselbe verdorbene Luft einatmeten, von denselben elektrischen Flammen geblendet wurden, sich alle im gleichen Übermaß betäubten. Alle machten reichlich Gebrauch von dieser Gelegenheit, sich selber und ihre Nebenmenschen zu sezieren und zu verspotten, zu verkleinern, zu verklatschen und zu verleumden. Von Tisch zu Tisch flogen leichtverständliche Blicke, Lächeln, halblaute Worte und Gebärden. Und das Wort, das auf aller Lippen war und alles erklärte, hieß: »Amüsieren muß sich der Mensch!« In diese Welt führte Oskar Steinert seine Frau; und nachdem sie erst an dem Gift geleckt hatte, ward es ihr bald zum Bedürfnis. In diese Welt begleitete er sie, und aus einem Zuschauer, der glaubte, einmal an diesem Leben teilnehmen und dann wieder davongehen zu können, wie er gekommen war, wurde ein Unglücklicher, der gewohnheitsmäßig dorthin strebte. Das Hotel Rydberg wurde Oskar Steinerts ständiges Abendlokal, und es dauerte nicht lange, so war er dort mehr daheim, als in der neuen Wohnung, die für ihn eigentlich bald nur noch eine Schlafstelle war. Früh morgens ging er auf sein Bureau, den Tag verbrachte er mit Erledigung der Massen von Geschäften aller Art, die einen Advokaten so ziemlich in jeden noch so geheimen Winkel des Großstadtlebens führen, mittags oder abends, nicht selten beide Male, aß er außer dem Hause. Im Anfang kam es ihm vor, als tue dieser Wechsel ihrer ganzen Lebensweise seiner Frau gut. Ihre Stimmung ward gleichmäßiger, ihr ganzes Wesen freier, sie konnte lachen wie früher und nahm lebhaft teil am gesellschaftlichen Zusammensein. Wenn auf dem Heimweg das Verdeck der Droschke sie umschloß, konnte sie sich an ihn schmiegen, seine Hand drücken und sagen: »Wieviel du für mich tust!« Wenn er sie dann fragte: »Magst du gern mit Menschen zusammen sein?« so antwortete sie: »Ich glaube, ja.« Die Antwort ließ mancherlei Deutungen zu; da er aber das Gesicht seiner Frau nicht sehen konnte, deutete der Rechtsanwalt sie nach seinem Wunsch und gab sich auch weiter seinen Hoffnungen hin. Der Herbst verging, der Winter kam. Weihnachten rauschte vorüber mit Geschenken und Festlichkeiten, mit Schlittenfahrten und ein paar Abenden des Alleinseins mit den Kindern. Die Neujahrsrechnungen waren bezahlt und vergessen, und schon war das neue Jahr ein paar Monate alt. Die ganze Zeit über hatten der Rechtsanwalt und seine Frau das Stockholmer Leben mitgelebt, wie man das so nennt, und das Verhältnis zwischen ihnen war langsam wieder in den alten Zustand zurückgeglitten, den Steinert einst, als er zuerst begann, unter Fremden Heilung zu suchen, so schmerzlich tief empfunden hatte. Der Unterschied zwischen damals und jetzt war nur, daß er jetzt nicht mehr darunter litt. Seine Gefühle hatten sich abgestumpft, und die Forderungen, die er früher an ein Zusammenleben gestellt hatte, waren bescheidener geworden. Sie waren zusammengeschrumpft, ohne daß er es selber merkte; und wenn er jetzt versuchte, darüber nachzudenken, wie er eigentlich in diese ganze Lebensweise hineingeraten war und was er damit bezweckte, so wußte er das ebensowenig, als aus welchem Grund er sie eigentlich weiterführte. Diese Frage stieg eines Abends plötzlich in ihm auf, während er an einer großen gedeckten Tafel in der innersten Abteilung des Speisesaales saß. Das Souper war zu Ende, der Kaffee kam, die Zigarren wurden angezündet, und durch die offenen Fenster drangen vom Café herüber das Geräusch lachender, schwatzender, essender und trinkender Männer und Frauen und die abgerissenen Klänge des Orchesters, das eben die Schlußnummer spielte. Ohne daß er sich darüber klar wurde, woher eigentlich der Gedanke kam und weshalb er ihn gerade jetzt beunruhigte, tauchte ganz plötzlich in seinem Innern die Frage auf: »Warum sitze ich hier? Was gehen mich diese Menschen an?« Er sah auf seine Frau. Sie trug eine helle Seidenbluse, die leicht ihre üppige Figur umschloß; das Haar war wohl frisiert und saß in einem Knoten auf dem Kopf, in einer Weise, die sie ihm gleichsam fremd machte. Eben lächelte sie ihrem Mann über den Tisch weg zu und nippte an ihrem Likörglas; ihre Augen glänzten hell. Dem Rechtsanwalt kam plötzlich die Empfindung, daß er seine Frau, ohne es zu wissen, auf Irrwegen führe, und daß, wenn er klug gehandelt hätte, dieser Winter, auf den er jetzt in Gedanken zurückschallte, nicht hätte so hoffnungslos zerrissen, unruhig und leer zu sein brauchen. Ihm war, als sähe er in diesem Augenblick alles viel klarer und zugleich auch viel furchtbarer als seit Monaten. Ein neuer Gedanke arbeitete sich in ihm empor, wollte sich mit Gewalt Gehör verschaffen; er sagte es sich endlich selber; nichts war anders geworden – jetzt nicht – und nie – und es würde auch nie anders werden. Er hätte diese letzten Monate zurückrufen, irgend etwas Wichtiges, das sich nicht mehr ändern ließ, doch noch ändern, etwas, das ihm aus den Händen glitt, festhalten, etwas, das er verloren hatte und das er doch um keinen Preis missen mochte, wieder suchen mögen ... Und wie eine Entdeckung kam es plötzlich über ihn: eigentlich müßte er in seinem ganzen Leben alles, alles noch einmal anders machen! Neben ihm lehnte sich Frau Granat in ihrem Stuhl zurück mit unbändigem, halbersticktem Gelächter, das ihr Tischherr zur Linken durch eine Anekdote ihr entlockt hatte. Frau Granat war im Begriff, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen; sie zeigte sich viel in Gesellschaft, um den Schein aufrecht zu erhalten. Rechts von ihm saß Konsul Roßling, schweigsam, langsam eine riesige Importe rauchend, und lauschte mit spöttischem, verstohlenem Lächeln dem Lachen der blonden Frau. »Muß eine gute Anekdote sein, die Direktor Verner Ihnen erzählt hat«, sagte er. »Darf man sie nicht auch hören?« Die Anekdote wurde wieder erzählt, und während die ganze Gesellschaft aufhorchend die Köpfe über dem Tisch zusammensteckte, gingen die Gedanken des Rechtsanwalts weiter und weiter ihre eigenen Wege, forschten, fragten, reizten und peinigten ihn. Um sich zu betäuben, bestellte er Whisky und trank ziemlich viel. Schweigend saß er so am Tisch, von der ausgelassenen Schar Herren und Damen umgeben, folgte ganz mechanisch der Unterhaltung der anderen, lächelte, wenn sie lächelten und warf da und dort ein paar Worte dazwischen, um zu zeigen, daß er sich an dem Gespräch beteiligte. Und die ganze Zeit über wandelten seine eignen Gedanken weiter auf der Bahn, die sie betreten hatten; empfindungslos, kalt für all die Heiterkeit um ihn her, erwachte er, je mehr er trank, mehr und mehr zum Bewußtsein. Allein, einsam, undurchdringlich, gedeckt hinter einem vieldeutigen Lächeln, das auf seinem Gesicht kam und ging, dachte er weiter ... Ein Fremder war er für die Menschen um ihn her, ein Fremder für seine Frau, ein Fremder für sich selber. Von weit her war er gekommen, den Weg zurück hatte er verloren, ihn wieder zu finden, umzukehren, dazu hatte er nicht mehr die Kraft. Seine Umgebung war ihm zum Ekel. War das Freude, Ruhe? Die Menschen, die da mit ihm an einem Tisch saßen, waren durch nichts zusammengeführt als den Zufall. Keiner wollte was vom anderen. Jeder einzelne von ihnen konnte sterben, verschwinden, ohne daß darum sein Stuhl am nächsten Tage leer zu stehen brauchte. Was war denn das überhaupt? Jetzt scheute er nicht länger zurück vor dem Wort. Eine Orgie war es, eine fortgesetzte Orgie; und keiner schämte sich. Es war die Erschaffung einer neuen Menschenklasse, die da erwuchs, und für die er in einer Art bizarrer Erbitterung das Schimpfwort: »Gesellschaftsboheme« erfand. Was war all das ihm? Betäubung! Was war es den andern? Steinert wich dem Gedanken nicht mehr aus: überhitzt waren sie alle, wie er. Durch den Mangel an ruhigem Leben, durch Genußsucht, durch schlechte Geschäfte und durch zu gute Geschäfte, durch Glück und durch Unglück ... Alles überhitzt. Alles ohne Gleichgewicht. Und das einzige war noch, daß man seine Gedanken zum Schweigen brachte und das Leben weiter rauschen ließ. Warum saßen sie alle sonst hier? Wozu kamen sie zusammen? Weshalb hatten sich die Sitten so geändert, daß die Tugend ein Wort war, das in der Sprache überhaupt nicht mehr geduldet wurde? Warum beherrschte die Boheme die Gesellschaft, nicht die Boheme der Bücher mit ihrem sorglosen Lächeln auf den Lippen und dem unschuldigen Herzen, sondern die freche, sittenlose, zynische Gesellschaftsboheme, die als Fundament ihrer Existenz das Geld braucht und mit seiner Hilfe verantwortungslos und prahlerisch den Gesetzen der Gesellschaft Trotz bietet? In Gedanken, in Worten, in Taten. Steinert sah, wie die Tische sich leerten und das Gas heruntergeschraubt wurde. Vom Vorzimmer her klang eine betrunkene Männerstimme, die laut mit dem Portier zankte. Der Oberkellner ging durch den Saal, ruhig, elegant, unzweideutige Blicke nach dem Tisch werfend, dessen Stammgäste dafür bekannt waren, daß sie die Bedienung über die Zeit hinaus wach hielten. Eine entsetzlich qualvolle Beklemmung überfiel Steinert. Der verflossene Sommer fiel ihm wieder ein. Mit schlafwandlerischer Sicherheit vermied er es, auch nur in der Erinnerung an Tora Ljung zu denken. Er dachte bloß daran, was er gehofft hatte von jenem Sommer, der ihm jetzt so fern, so fern schien. Er dachte an die neue Wohnung, in die er gezogen war, an das erste Mittagessen im neuen Heim, als sie alle wieder vereint waren, und sein Blick suchte den seiner Frau. So gewaltig kam die Sehnsucht über ihn, los zu kommen, fort von hier, von dieser Gesellschaft, von den Menschen, die ihn umgaben, daß es ihm ganz unfaßlich erschien, daß seine Frau die stumme Stimme, die in ihm schrie, nicht hören sollte, die Stimme, die da rief, wie ein Mensch in äußerster Not nach dem schreit, der ihm eine Hilfe sein soll im Leben ... Die Vorstellung, daß seine Frau die Worte, die er nicht aussprach, gehört haben müsse, beherrschte den Rechtsanwalt so völlig, daß er noch in der Droschke auf der Heimfahrt darauf wartete, aus ihrem Mund die Bekräftigung des Wunsches zu hören, der ihm einfach menschlich und natürlich erschien. Aus seinen Träumen weckte ihn die Stimme seiner Frau, die sagte: »Du warst so still heut' abend?« Es lag eine Frage in ihren Worten, und Steinert antwortete kurz: »Ich glaubte, du wüßtest warum.« »Was meinst du damit?« klang es aufs neue fragend aus dem Dämmer der Droschke Ohne zu antworten kroch Steinert in seiner Ecke in sich zusammen. Grübelnd saß er so, während die Droschke weiter rollte. Fünfzehntes Kapitel In Steinerts Arbeitszimmer sitzen die beiden Eheleute sich gegenüber. Die Lampe auf dem Schreibtisch ist angezündet: durch die grüne Kuppel fällt der Schein mild über die ernsten und verschlossenen Gesichter der zwei. Steinert kämpft mit sich. Er weiß, er hat getrunken; und dies Bewußtsein verführt ihn eine Weile zum Glauben, seine Gedanken seien nur durch den Rausch hervorgerufene Spukgesichte. Er fühlt sich ruhiger in dieser neuen Umgebung. Gespannt untersucht er sich selber und merkt, daß sein Denken klarer ist als sonst und sein Gehirn freier. »Ein Fieberkranker,« denkt er, »kann viel trinken, ohne es zu merken.« Er wirft einen Blick auf seine Frau und sieht, wie sie die Lippen zusammenkneift, als wolle sie einen aufsteigenden Zorn oder Kummer verbergen. Um etwas zu sagen, fragt er: »Was denkst du?« Sie erwidert ausweichend: »Nichts.« Nach einer Weile fügt sie hinzu: »Aber du hast irgend etwas gedacht heute abend?« Ihre Stimme hat einen scharfen Klang; ihre Augen funkeln. Steinert beugt sich in seinem Stuhl vor; seine Hände schließen sich krampfhaft um die Seitenlehnen. »Warum kann ich dir nicht mehr nah kommen?« fragt er. »Was hast du gegen mich?« Sie zuckt zurück. Ihr Gesicht wird bleich. »So etwas fragt man am besten nicht«, erwidert sie scharf. Steinert weiß, daß er sich gefährlichem Gebiet nähert; er weiß, was er jetzt spricht, das liegt schon lange hinter all ihren Worten und Handlungen verborgen, ist unter dem ganzen wahnwitzigen Leben dieses Winters versteckt gewesen. Er redet nicht mehr mit Überlegung, nicht mehr, um etwas zu erreichen. Er redet nur, weil er muß, weil die Worte über seine Lippen wollen: »Ich frage, weil ich es wissen muß«, sagt er. »Du ahnst ja nicht, wie ich damals auf dich gewartet habe! Jeder einzelne Tag ist mir lang geworden! Jeden Morgen rechnete ich mir aus, daß er mich dem Tag näher führte, der dich mir zurückgeben mußte! Weißt du noch, wie es damals, in der ersten Zeit, zwischen uns war? Weißt du noch, wie ich mich dir näherte und du mich zurückstießest? Oder spreche ich vielleicht nicht die Wahrheit? War es vielleicht alles bloß Einbildung? Hab' ich Unrecht gehabt? So sag's. Ich ertrage das nicht länger!« »Was erträgst du nicht?« »Dies Schweigen zwischen dir und mir.« Frau Ellen sitzt wie unberührt da; ihre Züge werden starr, ihr Kopf sinkt in die Hand. Die Gestalt, die er da vor sich sieht, ist ihm ganz neu; in das Gesicht kommen plötzlich Züge, die er jetzt zum erstenmal entdeckt ... Die Abneigung, die mit einemmal in ihm aufquillt, niederzwingend, sagt Steinert: »Begreifst du denn nicht, daß ich dich noch immer liebe?« Er hat leise gesprochen und hört selber, daß seine Worte kurz, bitter, schneidend klingen. Frau Ellen zuckt zusammen. Ein Frösteln durchläuft sie. Sie beide sind so weit auseinander gekommen, daß nur noch das Ohr hört; das Herz ist taub. Nichts ist zwischen ihnen als eine große Leere; und doch steigt vor ihnen die Erinnerung auf an die Zeit, als noch das Glück in ihnen herrschte, ganz, voll, makellos. Es ward ein Schweigen, so quälend, so lang, so drückend, wie es nur zwischen Menschen sein kann, die einander unbewußt verwunden, einfach dadurch, daß sie allein miteinander sind ... Weil zwischen ihnen böse Gedanken hin und wieder gehen, Gedanken, die zerreißen, zerfleischen, quälen ... Oskar Steinert fängt an zu verstehen; aber noch will er es nicht glauben. Es kann ja nicht wahr sein. All die langen Jahre des Kampfes gegen Krankheit und Leid können ja nicht vergebens gelebt sein. Er sucht nach Worten, die zum Herzen seiner Frau dringen, nach Worten, die stark genug sind, auch seine eignen Zweifel zu verscheuchen, die Zweifel, die es ihm sagen, daß alles, was er jetzt endlich sieht, zu spät kommt ... Er sehnt sich nach seinem Traum, dem blinden Traum, in dem er so lange Jahre durch glücklich gewesen ist ... »Weißt du denn gar nichts mehr?« fragt er schließlich. »Hast du alles vergessen?« Jetzt beginnt Frau Ellen zu reden. Sie sitzt in der Sofaecke, weit weg von ihrem Mann; und von ihren Worten wird um sie beide die Luft kalt. »Du meinst, du hast viel für mich getan«, sagt sie. Er versucht sie zu unterbrechen, nein zu sagen. »Doch«, fährt sie fort. »Das denkst du. Ohne daß du es weißt, läßt du mich fühlen, was ich dir schuldig bin. Vielleicht hast du auch ganz recht. Du hast mehr für deine Frau getan, als irgend ein anderer Mann meiner Bekanntschaft. Aber das hilft nichts. Geben ist seliger denn Nehmen, heißt es, und wer immer nimmt und nicht geben kann, der wird schließlich kalt.« Oskar Steinert starrt in das ruhige Gesicht seiner Frau; wieder geht es ihm ganz plötzlich auf, daß das ja ein neuer Mensch ist, der da zu ihm spricht. Die Frau, die da zu ihm spricht, das ist nicht das Weib seiner langjährigen Träume. Denn ein Traum von Schmerz und Glück war es, in dem er gelebt hat, und noch jetzt kämpft er zwischen Schlaf und Wachen. Seine Augen blinzeln, als tue das Licht ihnen weh. »Ich weiß auch, wann du und ich aufgehört haben, einander zu lieben«, fährt Ellen fort. »Wir haben also aufgehört? Es ist aus zwischen uns?« unterbricht er sie. »Schon längst.« »Warum läßt du mich dann Tag für Tag mich abquälen mit allem, was auf mir lastet? Was willst du denn noch von mir?« möchte Steinert rufen. Aber er nimmt sich zusammen, sagt nichts, lehnt sich nur in seinem Sessel zurück und nickt seiner Frau zu, fortzufahren. Mit einem Gefühl der Erleichterung, daß er endlich, endlich vor einer Entscheidung steht, wartet er auf das, was noch kommen soll. »Du meinst, ich hätte dir das früher sagen sollen, damit du dich hättest frei machen können«, fährt Ellen fort. »Aber es lebt schon so lange in mir, daß ich mich daran gewöhnt habe als an etwas, was gar nicht anders sein kann. Wenn ich hier, daheim, neben dir saß, wenn unsere Blicke sich draußen trafen, wenn ich den Lärm um uns her hörte und wenn die Stille mich quälte – – immer ist es wiedergekommen, immer hab' ich es in mir gehört: zwischen ihm und mir ist es aus. Und wenn du wissen willst, wann das angefangen hat, so will ich dir auch das sagen.« Sie richtet sich im Stuhl auf. Das kleine, kindliche Gesicht sieht plötzlich alt aus, die Augen stehen so seltsam kalt unter der klaren Stirn, an der die Augenbrauen fehlen. Sie spricht hart, ruhig, es sieht fast aus, als ob die Grausamkeit, die sie da begeht, ihr eine unwürdige Freude machte. »Es war, als ich so lange krank war,« fährt sie fort, »und du zu mir kamst und mir sagtest, ich müsse aus dem Hause. Du sprachst von den Kindern und von dir; und auch von mir. Und ich lag ganz still und machte die Augen zu. Ich konnte dich nicht ansehen. Ich dachte nur immer: ›Begreift er denn nicht, was jetzt geschieht?‹ Und du sprachst immer weiter. Ich konnte dir auch nicht widersprechen. ›Ich geh' fort von ihm‹, dachte ich. ›Ich tu', was er von mir will. Wenn er das wünschen kann, so will ich es auch.‹ Als du fort gingst, merkte ich, wie erleichtert du warst, daß ich nicht widersprochen hatte. Und den ganzen Tag damals hörte ich in mir nichts als eine Stimme, die nur immer sagte: ›Er will dich los sein.‹« »Hast du gar nie daran gedacht, daß du krank warst?« sagte Steinert. »Und daß alles, was geschah, eine Notwendigkeit war?« »Doch«, erwiderte Frau Ellen zögernd. »Das wohl. Aber am meisten dachte ich doch daran, daß du mich allein ließest, gerade als ich dich am allernotwendigsten brauchte. Hab' ich dir das nie gesagt?« Sie heftete einen ängstlich fragenden Blick auf ihren Mann. Und blitzschnell erinnerte sich Steinert. Er dachte an die Fahrt im Wagen, an die Szene auf dem Hof des Krankenhauses, an den plötzlichen Hassesausbruch seiner Frau, an die Heimfahrt, an all das, woran er so oft gedacht und was er dann wieder vergessen hatte, all das, was er gern einmal einem Freund erzählt hätte und doch nie hatte über die Lippen bringen können. War es möglich, daß ein Zusammenhang war zwischen diesem Wahnsinnsausbruch und den kalten Worten, die ihn jetzt so ruhig und überlegen von seiner Frau schieden? Das fragte er sich. Als Antwort auf die Frage seiner Frau sagte er: »Du hast es mir einmal gesagt; aber ich habe versucht, es zu vergessen.« »Wann?« In schonenden, kurzen Worten beantwortete Steinert ihre Frage. Ellen lauschte, und ein Ausdruck der Erleichterung, wie wenn man endlich über eine Frage, die lange im Dunkel geschwebt hat, Klarheit erhält, glitt über ihre Züge. »Ja, ja, ich weiß«, murmelte sie wie in Erwiderung auf ihre eigenen Gedanken. Mit einer plötzlichen, unbeherrschten Bewegung erhob sie sich und stand kerzengerade vor ihrem Mann. Der Lampenschein fiel über ihre üppige Gestalt, die seidene Bluse, den Gürtel und den dunklen Rock, während das Gesicht im Schatten lag. »Ich weiß jetzt alles wieder«, sagte sie. »Und ich weiß auch, was ich sagte, war Wahrheit. Und alles andere war Lüge und Schein. Diese Erinnerung steht zwischen uns und wird immer zwischen uns stehen. Und nur eins will ich dir sagen: Wenn die Rollen vertauscht gewesen wären – nie hätte ich so an dir handeln können!« Und damit wendet sie sich um und verläßt das Zimmer. Steinert hört das Rascheln ihrer seidenen Röcke, während sie durchs Eßzimmer geht, das Geräusch einer Tür, die sich schließt. Er sitzt noch immer zusammengesunken in seinem Stuhl, und alles, was er gedacht und geträumt hat, sinkt vor ihm in Asche. Unabänderlich wandelt sich in dieser Minute sein ganzes Leben. Alles ist ihm entglitten. Nichts hat er mehr. Wo er zum besten zu handeln glaubte, hat er Böses noch schlimmer gemacht. Wo er zu heilen glaubte, hat er neue Wunden geschlagen. Wo er zu binden gedachte, hat er zerrissen ... Aber aus all diesen Gedanken ringt sich noch etwas anderes ans Licht, etwas, das ihn mehr demütigt als alles, weil es ihn zwingt, die Wahrheit zu sehen, wie sie ist. Die Frau, die ihm zurückgekehrt ist, die hat nie in unendlicher Dankbarkeit seine Zärtlichkeit entgegengenommen und sich an ihn geschmiegt, desto enger, je dunkler über sie die Schatten fielen ... Nie war dies Bild Wahrheit – seine Einbildung allein hat es geschaffen, seine Einbildung und seine grenzenlose Liebe. Nicht die Krankheit seiner Frau war es, gegen die er kämpfte; etwas viel Schlimmeres war es. Eine Natur war es, deren hoffnungslose Leere er vor heute überhaupt nie begriffen hat. Der Ton hat sie verraten, der Ton, der den Worten des Schmerzes widersprach und den Mangel an Gedanken und an Herz verriet. Die Frau wird nie mehr der Pflege bedürfen. Nie mehr wird das Leiden, das sie betroffen hatte, wiederkehren. Der Zorn, der einst erwachte, als sie sich verlassen, enttäuscht sah, hat sie gestählt, hat den ganzen Menschen um und um gewendet und ihn gezeigt, wie er in Wahrheit ist und immer war. Von nun an wird sie ihren eignen Weg gehen, leer an Liebe, stark im Haß, verschlossen und klug, von ihren Leiden nur sprechend, wo es ohne Risiko geschehen kann, sonst verschwiegen ... ein Weib, das um sich her eine Leere schafft und deren ganzes Dasein ein Scheinleben ist. All das sieht Oskar Steinert; und ihn drückt die Scham darnieder, die Scham, ebenso zwecklos und blind geliebt zu haben, wie er gelebt hat; drückt ihn danieder, so schwer, als könne er nie wieder sich erheben. Und im Sitzen schläft er ein. Als er aufwacht, fröstelt ihn; das Öl in der Lampe ist ausgebrannt. Halb ausgekleidet schleicht er sich ins Schlafzimmer, schlägt einen Teppich um sich und liegt so wach bis zum Morgen, froh, daß wenigstens das Mädchen ihn nicht überrascht hat. Neben ihm schläft mit ruhigen, starken Atemzügen Frau Ellen. Sechzehntes Kapitel Von diesem Tag an hörte das Zusammenleben zwischen Oskar Steinert und seiner Gattin auf. Die nächtliche Unterredung ward kein zweites Mal zwischen ihnen aufgenommen. Beide wußten – es war nutzlos, und was geschehen sollte, ließ sich nicht ändern. Jedes lebte ein Leben für sich, das eben nach besten Kräften ausgefüllt werden mußte. Oskar Steinert tat dies, indem er sich mit verdoppeltem Eifer auf die Arbeit stürzte und dem Daheimsein so viel wie möglich aus dem Weg ging. Frau Ellen dagegen widmete sich ihrem Haushalt und ihren Kindern, suchte ihrerseits Beschäftigung, wo sie konnte, und fand sie, indem sie ein immer eifrigeres Mitglied der vielen Vereine ward, die der verheirateten, materiell unabhängigen Frau so reiche Gelegenheit zum Wirken geben und sie den häuslichen Kummer vergessen lassen. Beide Ehegatten empfanden dies Leben, das so anders war als ihr früheres, das sie so eng verbunden hatte, doch als eine große Erleichterung. Der aufreibende Kampf um die Liebe war zu Ende. Keins von ihnen pochte mehr auf eine Zärtlichkeit, die doch gar nicht da war. Keins von ihnen hegte mehr eine Hoffnung, die immer quälender ward, je trügerischer sie sich erwies. Keins begehrte mehr, was unerreichbar war, und keines quälte das andere mehr als nötig mit seiner Gegenwart. Aber dennoch stand zwischen ihnen die Erinnerung, das demütigende, verletzende Bewußtsein, daß sie das, was sie dereinst besessen, sich nicht hatten wahren können. Es war ihnen unter den Händen entglitten und war zugleich zu einer Last geworden, die jedes von ihnen einsam tragen mußte. Diese Bürde wunder Erinnerung und des Schamgefühls über all das Verfehlte in ihrem Leben war das einzige, was sie noch gemeinsam hatten. Die Kinder hielten sich ganz zur Mutter, und Steinert fand das natürlich und wünschte es sich nicht einmal anders. Sein Heim war ihm fremd geworden, ein Ort, an dem er sich überflüssig wußte. Mehr als einmal wunderte er sich in dieser Zeit darüber, daß er sich nicht wie früher aus dem Gleichgewicht geschleudert vorkam, daß ihm das Dasein überhaupt gar nicht mehr so voller Widersprüche schien, wie einst. Er war einsam, freilich, aber das Einsamkeitsgefühl, das ihn erfüllte, hatte etwas Abhärtendes, etwas, das Klarheit gab. Diese Klarheit war bar jeder Hoffnung, aber die Hoffnungslosigkeit schreckte ihn nicht mehr. Es war, als wäre wie durch Zauberei in ihm eine Art geistiger Klarheit erwacht, die das Chaos bewältigte. Und diese Klarheit begleitete ihn wie ein Licht, das ein Mann im Dunkel trägt, und das ihn froh und sicher macht. Das aufgebettete Sofa, das ihn allabendlich in seinem Zimmer erwartete, gab ihm ein Gefühl der Ruhe; und die Einsamkeit, in der er lebte, die nicht gut war, aber doch besser als die frühere, erinnerte ihn an den Sommer, als er und seine Frau getrennt waren. Das Dasein ward ihm bedeutungsvoller, das Leben wichtiger, jeder Tag, der verging, von höherem Wert ... Das ganze Geheimnis bestand darin, daß Oskar Steinert aufgehört hatte, etwas für sich selber im Leben zu suchen. Heller wurde alles da für ihn, möglicher, neu! Die Rätsel die uns umgeben, sind nicht mehr so fürchterlich. Der Hunger nach Glück zehrt nicht mehr an uns. Die Leidenschaft kommt nicht mehr zu Wort. Still, klar, kühl ist alles; die Luft wird dünn, der Atem leicht. Der Mensch, der nichts mehr für sich selber sucht, der lebt gleich einem, der in Höhenluft wohnt, da, wo man leicht schreitet, wo die Einsamkeit nicht drückt und wo die Sterne der Nacht in reinem Glanz erstrahlen. Darum konnte Steinert auch, ohne daß es ihn besonders schwer getroffen hätte, ertragen, daß die trostlose Gleichgültigkeit, die seine Frau ihm einflößte, von ihr mit einem ständig wachsenden Haß erwidert wurde. Sie wanderten ganz getrennte Wege, und der Mann verstand wohl, daß dieser Haß eben so krank war, wie es dereinst ihre Zärtlichkeit gewesen. Er fühlte den Haß; aber er forschte nie danach, wie er sich äußerte. Wenn ab und zu in ihm der Argwohn erwachte, er habe in seiner Frau einen Feind, der ihm übel wollte, ganz instinktiv übel wollte, so verscheuchte er dies Gefühl und fuhr fort, sein Leben zwischen Arbeit und Geselligkeit zu teilen. Alles war ihm jetzt klar, durchsichtig, wirklich. Alle Illusion war in ihm ertötet worden in jener Nacht, da seine Frau ihm ihr Verhältnis gezeigt hatte, so wie es in Wirklichkeit war. Und im selben Maß, wie er begriff, daß das Weib, das er dereinst geliebt hatte, gar nicht mehr da war, ward auch er selber ein anderer. So verging ein Jahr; schon war zum zweitenmal Weihnachten vorüber gegangen, kalt, leer, freudlos, wie er sich dessen von früher her nicht erinnern konnte. Steinert hatte aufgehört, sich zu fragen, wozu er eigentlich lebe. Dafür fragte er sich recht oft, weshalb er eigentlich seine Ehe nicht löse. Eine bestimmte Antwort auf diese Frage fand er nie. Aber ihm war, als winke in der Ferne eine unbestimmte Möglichkeit, daß seine Kinder, die jetzt fremd an ihm vorüber gingen, ihn eines Tages brauchen könnten und verstehen, daß er nur um ihretwillen geblieben war ... Eine Art Hoffnung war es also doch, die Oskar Steinert in dieser ganzen Zeit aufrecht hielt. Eines Abends, als er eigentlich selber am wenigsten daran dachte, suchte er Tora Ljung auf. Lange schon war er den bekannten Weg ihre Treppe hinauf nicht mehr gegangen. Was zwischen ihm und seiner Frau vorgegangen war, davon konnte er ja nicht sprechen. Und in seinem Gram dasitzen und schweigen – das mochte er nicht. Als er heute doch hin ging, war es ihm, als wären Jahre vergangen seit dem Tag, da er und seine Frau miteinander geredet hatten, ohne Abschied auseinander gegangen und wieder zusammen gekommen waren ohne das Bedürfnis, das Gespräch noch einmal aufzunehmen. Wahrend er jetzt an Tora Ljungs Tür läutete, fühlte er, daß er ein ganz anderer war als der, der früher einmal gekommen war und um Hilfe gebettelt hatte. Als er eintrat, überkam ihn die Empfindung, als müsse sich hier etwas ereignen heute ... Tora kam ihm mit raschen Schritten entgegen; und während er ihr die Hand drückte, sah er durch die Tür zum Schlafzimmer einen offenen Koffer. »Du willst verreisen?« rief er. Sie lachte ihn an, eifrig, fröhlich, jugendlich, und nickte energisch. »Ja.« »Ohne mir Adieu zu sagen?« »Ich bin doch noch nicht fort«, erwiderte sie. »Erst morgen abend reise ich.« Sie betrachtete ihn genau, als wolle sie seine ganze Persönlichkeit genau untersuchen und fühle sich vom Resultat befriedigt. Dann fuhr sie fort: »Ich reise vergnügt. Denn dir geht es gut. Ein bißchen was Gutes hab' ich daheim also doch ausgerichtet, so einsam und nutzlos mein Leben auch war. Komm' doch herein!« Damit führte sie ihn ins innere Zimmer, wo die Vorhänge zurückgezogen waren, so daß man hinaus blickte, weit hinaus über all die Lichter um den Humlegarten und die doppelten Laternenreihen der Straßen, die überall glänzten. »Wohin gehst du eigentlich?« fragte Steinert und setzte sich langsam. »Nach Florenz«, war die Antwort. »Dorthin zieht es mich. Vorige Woche kam es auf einmal über mich. Ganz plötzlich. Ich hatte vorher gar nicht daran gedacht. In den letzten Tagen hab' ich mich dann von allem frei gemacht, und morgen abend geht's fort.« Wieder kam der jugendliche, helle Zug in ihr Gesicht, wie Sonnenschein glitt es über ihre Züge und leuchtete aus den lächelnden Augen. »Bleibst du lange fort?« sagte Steinert. »Ein Jahr«, erwiderte sie. »Nur reisen, um eben zu reisen – dazu bin ich nicht reich genug. Ich muß lange fort bleiben. Sonst kann ich überhaupt nicht fort.« »Du bist schon früher in Florenz gewesen?« fragte er weiter, bloß um etwas zu sagen. »In meiner Jugend«, erwiderte Tora und lächelte wieder. »Und damals gelobte ich mir's – wenn ich einmal das Bedürfnis hätte nach etwas Schönem, nach etwas Mildem und zugleich Großem, Schönheiterfülltem und Gedankenreichem, dann würde ich dorthin zurückkehren. Und bis dahin wollte ich mir Florenz aufsparen, wie ein Geizhals seinen Schatz.« Steinert saß ganz still und dachte an das, was er da verlor. Er dachte an die letzten Jahre, an alles, was diese Frau ihm gewesen war. Er war nicht besonders oft hierher gekommen, und doch oft genug. Immer hatte er gewußt, hier fand er Frieden. Die einsamen Abende bei Tora Ljung waren die Ruhepunkte gewesen in seinem einsamen Leben; und jetzt würden diese Zimmer geschlossen sein, und er selber war allein ... »Wie wird es mit deinen Stunden?« fragte er schließlich. Tora Ljung lächelte. »Ach«, sagte sie. »Die armseligen Musikstunden, das einzige, was ich überhaupt getan habe im Leben! Was ist das für eine Arbeit! Es gibt ja genug andere!« »Ja – aber warum hast du dich denn nie an etwas anderem versucht? Du hast doch Interessen, Bildung, alles ...« Er verstummte; denn es kam ihm auf einmal selber wunderlich vor, daß er danach früher nie gefragt hatte. »Es gibt genug andere überall«, antwortete Tora lächelnd. »Ja«, entgegnete er. »Außerdem ist es ja wohl nur Eigennutz, daß ich davon nie gesprochen habe. Aber vielleicht kommt es auch davon, daß Tora Ljung etwas ganz für sich ist, das sich kein Mensch überhaupt anders vorstellen könnte.« »Lieber Oskar«, antwortete Tora. »Du und ich, wir sind zu alt, um uns Liebenswürdigkeiten zu sagen!« Plötzlich fiel Steinert etwas ein: »Wirst du mir manchmal schreiben?« »Natürlich«, war die Antwort. »Ich kann es dir ruhig sagen – der Gedanke an dich war das einzige, was mich ein bißchen schwankend machte. Das einzige, was mir meinen Entschluß zu reisen und länger fort zu bleiben schwer machte. Gott weiß, wie ich mich fort gesehnt habe – länger als ich überhaupt sagen kann. Aber mit uns Frauen ist es ja nun mal so – das einzige, was uns wirklich bindet, ist, wenn wir wissen, daß uns jemand ein klein, klein wenig nötig hat. Und ganz unnütz bin ich doch nicht gewesen für dich, sag'?« Sie streckte ihm die Hand hin, und Steinert ergriff sie, ließ sie aber gleich wieder los. Was er hätte sagen mögen, das konnte er doch nicht aussprechen. Ihm flog durch den Sinn, daß Tora ja gar nicht wußte, wie er jetzt lebte, wie leer es bei ihm geworden, wie einsam er war. Er hatte es ihr nie sagen können, und sie hatte nie gefragt. Wie ein stillschweigendes Übereinkommen war es gewesen, daß Oskar Steinerts Ehe nicht mehr abgehandelt wurde zwischen ihnen. Daß Tora Ljung schon längst einsah, was er erst auf so langen und qualvollen Umwegen begriffen hatte, das verstand Steinert sehr wohl. Und er war ihr dafür dankbar, daß sie ihn nicht zu einer Beichte zwang, vor der er einen Abscheu hegte. Darum war es ihm auch eine Erleichterung, daß die Freundin so frisch und, wie ihm schien, verjüngt von sich selber sprach. Tora Ljung fuhr fort: »Warum es mich gerade jetzt so fort zieht, weiß ich selber nicht recht. Es ist, als wenn man manchmal das Bedürfnis hätte, Schweden in einem gewissen Abstand zu sehen. Manchmal ist mir, als geschähe hier so wenig, und manchmal, als geschähe so viel. Ich glaube, in Wirklichkeit geschieht Großes und Gutes, nur daß die meisten von uns blind dafür sind.« Oskar Steinert lachte auf; er sah ganz überrascht aus. »Willst du etwa ins öffentliche Leben eingreifen?« fragte er. »Du verstehst gut, wie ich's meine«, erwiderte Tora. »Hab' ich nicht recht? Ist es denn nicht so? Jeder einzelne von uns hat das Bedürfnis, zu fühlen, daß er kein einsames Leben lebt, sondern daß er – mit einem Wort – einem Vaterland zugehört und mit dem lebt!« »Und darum, meinst du, sei es gut, eine Weile hinaus zu kommen?« »Ja«, lautete die Antwort. »Und das ist gar nichts Neues. Hier fühl' ich bloß die Leere, sehe bloß die Zersplitterung, die Begrenztheit. Die Fehler, wenn du so willst. Und ich denke manchmal: Der Abstand idealisiert.« »Ist das nicht eine ziemlich gekünstelte Geschichte?« »Was?« »So gleichsam mit Wissen und Willen sich die Wirklichkeit zu vergolden.« Steinerts Stimme klang gereizt. Der ganze Plan der Freundin war ihm zuwider, weil er seine eigenen Wünsche durchkreuzte. Darum mißverstand er sie absichtlich und begleitete seine scharfen Worte noch mit einem spöttischen Lächeln. Aber Tora schien es nicht zu bemerken. Gedankenvoll blickte sie zu Boden und fuhr fort: »Glaubst du nicht, daß wir alle doch eine Art Glauben brauchen, den Glauben, daß hinter all dem, was rings um uns geschieht und was oft genug häßlich ist, etwas anderes, besseres erwächst, das eine Zukunft in sich trägt?« Das Mißvergnügen in Steinerts Ton legte sich, während er erwiderte: »Du weißt ja, daß ich das glaube – manchmal.« »Wenn man das glauben will, was ich jetzt meine, muß man etwas haben, was den meisten verloren gegangen ist, weil die Jahre an uns fressen und uns abnützen. Nenn' es Elastizität des Geistes oder Herzenswärme oder wie du willst. Es ist nicht leicht, das rechte Wort dafür zu finden. Jedenfalls – wenn man anfängt dies Etwas zu verlieren, dann steht's schlimm.« Steinert sah auf. »Du bist der lebendigste Mensch, den ich kenne«, rief er. »Unter uns lebendigen Toten.« »Das weißt du ja gar nicht«, erwiderte sie. Ohne daß sie es selber wußte, wurde ihre Stimme klangvoll, jung, während sie fortfuhr: »Du glaubst gar nicht, wie sehr ich das Bedürfnis habe, mit allem, was um mich her ist, zu fühlen, warm und voll. Ich bilde mir manchmal ein, hierin liege der Same – bei mir und bei andern – zu dem, was man eines Tages unter verfeinerter Vaterlandsliebe verstehen wird. Aber dabei fühle ich, daß grade dies jetzt im Absterben begriffen ist. Und mit aller Macht möchte ich versuchen, das bei mir zu verhindern.« Steinert lauschte den Worten der Freundin. Er hatte in diesem Augenblick sich selber und das Widerstreben, das ihn anfangs ergriffen hatte, vergessen. »Alles in allem genommen gönn' ich dir's, daß du reisen kannst!« sagte er. »Und das sagst du mir erst jetzt? Solltest du mir's nicht gönnen?« »Doch, doch«, erwiderte Steinert. »Aber was du da sagst, ist nicht die eigentliche Ursache. Du siehst ja aus wie ein ganz neuer Mensch. Soll ich dir grade heraus sagen, was ich finde? Du siehst jung aus. Und ich seh' auch ganz richtig. Was ist's?« Tora Ljung erhob sich und trat ans Fenster. Dort blieb sie eine Weile still stehen; als sie sich umwandte, bemerkte Steinert, daß ihre Augen feucht waren. Auf die Frage in seinem Blick antwortete sie: »Du hast recht. Es ist etwas anderes. Etwas, das für mich mehr bedeutet, unendlich viel mehr. Und doch liegt in den Worten, die ich vorhin aussprach, alles. Ich kann's nur nicht so sagen, wie ich möchte. Wenn es mir möglich ist, schreibe ich dir's vielleicht einmal in einem Brief.« Wieder kam über ihre Züge das unergründliche Lächeln, das ihr Gesicht so verjüngte. Als Steinert sich verabschiedete, war es schon spät; und erst als er im Vorzimmer stand, fiel ihm ein, daß es ihm doch eine Erleichterung sein würde, der Freundin, eh' sie reiste, noch sein Herz auszuschütten. Gleichzeitig aber fuhr es ihm durch den Sinn, wie schade es wäre, sie grade jetzt, während sie wie von einem heimlichen Glück erhoben war, zu stören. »Ich kann ja schreiben, wenn ich es nötig habe«, dachte er. »Draußen sind die Eindrücke reich und wechselvoll, und die Sorgen vergehen leichter.« Mit einem Ausdruck verzweifelten Spottes sah er Tora an und sagte: »Ich habe in japanischen Märchen gelesen: wenn ein Mann an dem Weib vorübergegangen ist, das ihm das höchste ist im Leben, so kann er sie dennoch an sich fesseln für sieben künftige Existenzen. Glaubst du an so etwas?« »Manchmal«, entgegnete Tora. »Und schließlich – weshalb auch nicht?« »So schenk' mir die Existenzen, die uns beiden noch bevorstehen«, sagte er. »Die, die jetzt dran ist, ist nicht viel wert. Wie du mich hier vor dir siehst, bin ich rettungslos alt; und ich werde nicht jünger, wenn du fort bist.« Damit beugte er sich zu ihr nieder und küßte zum Abschied ihre Lippen. Im nächsten Augenblick ging er schwer und langsam die Straße entlang. Der Wintersturm zauste die Bäume des Friedhofs; um den Halbmond über der Turmspitze jagten die Wolken. Siebzehntes Kapitel Ein paar Tage nach Tora Ljungs Abreise saß Oskar Steinert mittags auf seinem Bureau. Es war ungefähr drei Uhr, die Arbeit, die für heute noch vor ihm lag, war beinahe erledigt. Zufälligerweise hatte sich im Laufe des Vormittags keine Gelegenheit ergeben, Gesellschaft zum Mittagessen zu finden, und mit der Unfähigkeit des Melancholikers, einen Entschluß zu fassen, fürchtete sich Steinert ebenso sehr vor der Aussicht, allein im Restaurant essen, als daheim am Mittagstisch sitzen zu müssen. Da klingelte plötzlich das Telephon. Der Anrufende mußte Steinert etwas Angenehmes mitzuteilen haben; denn des Rechtsanwalts Gesicht hellte sich auf und er antwortete mit seiner liebenswürdigsten Stimme: »Sehr willkommen!« Und nach ein paar Minuten des Lauschens: »Je eher, desto lieber. Ich bin allein und erwarte auch niemand mehr.« Darauf setzte er sich wieder und schrieb eifrig weiter. Ein beruhigter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Brief um Brief ward beendet; er legte alle offen vor sich hin, die Umschläge daneben. Als er fertig war, klingelte er nach dem Laufjungen. »Die Briefe hier müssen kopiert werden. Sieh zu, daß sie mit der Abendpost fort kommen.« »Herr Oberlehrer Hjälm ist draußen«, meldete der Bursche. »Laß ihn eintreten.« In den letzten Jahren hatten die beiden Freunde sich nie mehr getroffen. Auf der Straße waren sie mit einem kühlen Gruß aneinander vorbei gegangen, und obgleich er den Grund nicht begriff, hatte der Rechtsanwalt doch zu bemerken geglaubt, daß der andere wünschte, eine Art Abstand zwischen ihnen beiden einzuhalten. Mitten in all seinen inneren Erlebnissen hatte das Steinert mehr als einmal gequält, und er nahm darum die Anmeldung dieses Besuchs mit Befriedigung entgegen, obschon es sich dabei nur um eine ganz gewöhnliche geschäftliche Frage handelte. Oberlehrer Hjälm seinerseits hatte keineswegs seine veränderte Stellung zu Steinert vergessen, der er einmal so stark Ausdruck gegeben hatte. Die Abneigung, die er in den letzten Jahren gegen die Persönlichkeit des Rechtsanwalts hegte, hatte sich nicht abgeschwächt durch die Tatsache, daß der Kreis, zu dem er gehörte, Oskar Steinert auch fernerhin und immer entschiedener als einen geistig Verunglückten betrachtete, der seiner Vergangenheit untreu geworden war. Mehr als einmal war der Name des Rechtsanwalts in jenem Kreis, in dem er damals abgeurteilt worden war, gefallen, und das Sündenregister, von dem er selber nichts wußte und das dafür andere um so mehr interessierte, hatte sich im Laufe der Jahre nicht verringert. Daß der Oberlehrer Steinert jetzt aufsuchte, beruhte auf einer Eigenschaft des Rechtsanwalts, die ihm nicht einmal seine Feinde abstreiten konnten. Das war seine Verschwiegenheit. Der Fall, der den Oberlehrer beschäftigte, forderte Verschwiegenheit vor allen Dingen. Außerdem besaß Steinert für ihn – als Rechtsanwalt – eine Eigenschaft, die in diesem Augenblick alles ausglich: sie kannten einander. Sogar Professor Grape, dem Hjälm sich anvertraut hatte, hatte seinen Entschluß, sich in dieser Sache vertrauensvoll an Rechtsanwalt Steinert zu wenden, gebilligt. Und wie die Dinge lagen, war das für Hjälm eine große Erleichterung gewesen. Immerhin trug er eine gewisse steife Kälte zur Schau, während er Platz nahm und die Unterredung, auf die er sich lange und sorgfältig vorbereitet hatte, eröffnete. Oskar Steinert aber sah nur den vergrämten Ausdruck, der ihm neu war, im Gesicht des anderen, und das an den Schläfen ergraute Haar. »Wir haben uns wieder lange nicht gesehen«, begann der Oberlehrer. »Und als wir damals zusammen waren, dachte ich nicht, daß ich dich einmal in einer solchen Angelegenheit aufsuchen würde.« Es lag etwas Gequältes in seinem Ton, das den Rechtsanwalt aufmerksam machte. Der Mann sah ja fast aus, als schäme er sich dessen, was er zu sagen hatte. Da Steinert jedoch nicht ahnte, wo der andere hinaus wollte, wußte er auch nichts zu erwidern. Um die Pause, die entstand, auszufüllen, sagte er: »Das war ein eigentümlicher Abend damals. Er ist mir noch gut in der Erinnerung.« Der Oberlehrer nickte zerstreut. Er war völlig von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen, für die er eine möglichst gleichgültige, weltmännische Form zu finden strebte. »Wir trafen uns damals vor einem Toten, einem Selbstmörder«, fuhr Steinert fort. »Erinnerst du dich?« »Ja, gewiß«, erwiderte Hjälm, im stillen verwundert, daß Steinert von etwas redete, was so gar nicht zur Sache gehörte. »Und nachher aßen wir zusammen«, fuhr der Rechtsanwalt fort, »und verbrachten den Abend miteinander. Ganz wie früher, in unserer Jugend.« »Ja!« war des Oberlehrers Antwort. »Die schöne Jugend, die so lang schon dahin ist! Auch ich entsinne mich gut an den Abend, wenn auch anders als du. Die Erinnerung daran hängt auf ganz seltsame Weise zusammen mit dem, was ich dir heute zu sagen habe. Warum hast du mich übrigens gerade daran erinnert?« Ein Zug des Unwillens trat in sein Gesicht, das sich verfinsterte; er sah müde aus. »Verzeih'«, entgegnete Steinert. »Ich wollte dir nicht weh tun.« »Gerade in jener Nacht«, fuhr Hjälm fort, »ereignete sich etwas. Es war nicht das erste Mal. Es hatte sich schon oft wiederholt.« Er verstummte plötzlich. Dies war nicht der Ton, den er hatte anschlagen wollen. Der Mann, an den er sich wandte, war ihm ja doch ein Fremder. Jahre des Mißverstehens und Schweigens lagen zwischen ihnen. Und jetzt saß er da und redete Worte, die er gar nicht reden wollte, und äußerte Dinge, die ihm ganz wider Willen entschlüpften. Und das Merkwürdige war, daß dieser Mann, den er seit Jahren innerlich vor sich selber heruntergerissen, den er mit einer ganzen Atmosphäre von herabsetzender Kritik umgeben hatte, ihm gerade jetzt so freundlich und verständnisvoll in die Augen blickte und in nicht mißzuverstehendem Ton sagte: »Du bist erregt. Was willst du damit sagen? Was hat sich schon öfter wiederholt?« Der Oberlehrer hatte sich ausgedacht, er würde die ganze Sache völlig geschäftsmäßig nehmen, nur über Formalitäten und Banalitäten sprechen und ganz ruhig und kalt sagen: »Jedes Ding hat seine geschäftliche Seite. Halten wir uns einzig an diese.« Und während er da saß, vergaß er alles, was er hatte sagen wollen. Es war, als wäre das Mißtrauen, das Schweigen all der langen Jahre wie weggewischt. Ganz natürlich verschmolz das neue Ich, das die Jahre in ihm geformt hatten, mit dem alten; er sah sich Auge in Auge einem Mann gegenüber, der ihm fremd geworden war und es gar nicht zu ahnen schien. Klar und ruhig begegneten die scharfen Augen unter den graugesprenkelten Brauen den seinen. »Was sich schon öfter wiederholt hat, und was mich an jenen Abend erinnert und noch viel weiter zurück liegt,« fuhr Hjälm fort, »ist etwas zwischen meiner Frau und mir. Und ich bin gekommen, um dich zu bitten, du mögest uns dazu verhelfen, daß wir so bald wie möglich geschieden werden. Das war's, was ich dir sagen wollte. Ich habe mich an dich gewandt, weil wir einander kennen und weil es mir – trotz allem – leichter wird, mit dir zu sprechen, als mit einem Fremden.« Die Augen des Rechtsanwalts glitten an denen des anderen vorbei ins Leere. Das Wort »trotz allem« hatte ihn getroffen. Aber er wollte es nicht gehört haben, wollte nicht die Meinung dieses Ausdrucks wissen, der dem Freund entschlüpft war. »Die Ursache?« fragte er kurz und geschäftsmäßig. »Ist es nötig, daß ich sie nenne?« war die Antwort. »Etwas muß ich ja doch wissen.« »Natürlich, ja.« Der Oberlehrer stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Wider Willen fühlte er sich bei Oskar Steinert heimisch, wie schon so oft früher. Es war, als hätte das bloße Zusammentreffen allerlei ausgeglichen. »Du brauchst nicht mehr zu sagen, als du willst«, bemerkte der Rechtsanwalt. »Ich muß nur irgendeinen Ausgangspunkt haben, etwas, woran ich mich halten kann.« Der Ton, in dem Steinert dies sagte, war freundlich, und sein Gesicht drückte so viel Sympathie aus, daß dem Oberlehrer unwillkürlich warm ums Herz ward. Er fuhr fort, im Zimmer auf und ab zu gehen, und nach und nach begann er, sich in der Situation zurecht zu finden. »Es lag vielleicht von Anfang an ein Keim zu Mißhelligkeiten in unserer Ehe«, sagte er endlich. »Weißt du noch, wie wir, du und ich, einmal darüber sprachen, eh' ich mich verheiratete?« Oskar Steinert nickte. »Ich weiß noch gut«, sagte er. »Na, schön! Du sagtest mir schon damals, du wärst mit meiner Ehe nicht einverstanden«, sagte Hjälm plötzlich. Oskar Steinert stutzte. Die Worte des anderen hatten einen bitteren, scharfen Klang wie von altem, tiefgewurzeltem Groll. »Ich wüßte nicht, daß ich das je gesagt hätte«, erwiderte er. »Du hast vermutlich schon viel gesagt, was du vergessen hast«, gab der Oberlehrer zurück. Seine Stimme klang noch immer scharf, seine Augen funkelten. »Ich weiß es jedenfalls noch«, fuhr er ruhiger fort. »Denn was du damals sagtest, traf mich bis ins Innerste. Du kennst meinen Jungen, Folke, und alles, was mit ihm verknüpft ist. Du kanntest auch seine Mutter. Du hast sie einmal bei mir gesehen. Du weißt auch, wie wir, sie und ich, auseinanderkamen, und daß ich ihr Kind behielt. Folke war für mich, was wohl selten ein Kind für seinen Vater ist. Er war es, der mich früh im Leben ernst machte. So jung ich war, so war ich doch damals schon bereit, für meinen Sohn und nur für ihn zu leben. Dann kam Liese in mein Leben. Und du weißt – ich hab' es dir erzählt – daß keinerlei Kampf zwischen uns war wegen des Kindes. Sie sah unsere Zukunft ganz so wie ich. Sie verstand vollkommen, daß ich um meines eigenen Glückes willen nicht mein Kind opfern, meinen Sohn fort, zu Fremden, geben konnte. Ob er die Frucht einer früheren Ehe oder einer zufälligen Verbindung war, das war für sie wie für mich ganz einerlei. Sie gelobte, ihm eine Mutter zu sein. Glücklicher, als ich's unter irgendwelchen andern Verhältnissen je hätte sein können, heiratete ich. Fast zuviel hatte das Leben mir gegeben, meinte ich, und ich liebte meine Frau doppelt, weil sie mir neben meinem Glück noch erlaubte, ihr dafür dankbar zu sein, daß sie sich meines Kindes annahm.« Hjälm holte tief Atem und fuhr dann fort: »Erinnerst du dich, daß ich dir das alles einmal erzählte?« »Ja«, antwortete Steinert. »Du fragtest mich um Rat.« »Jawohl«, gab Hjälm zurück. »So war's. Und du antwortetest mir mit Hohn. Du verspottetest mich, daß ich so etwas von einer Frau verlangen könnte!« »Und das glaubtest du?« unterbrach ihn Steinert. Sein Ton hatte etwas so unsäglich Schmerzliches, Bitteres, daß Hjälm ganz unwillkürlich aus seinem eigenen Gedankengang gerissen und gezwungen ward, zuzuhören. »Was willst du damit sagen?« sagte er kurz und zweifelnd. »Das will ich sagen, daß du dich irrtest«, erwiderte Steinert, »und daß es jetzt zu spät ist, den Irrtum wieder gut zu machen. Aber du kannst mir schon glauben, wenn ich es dir jetzt sage. Ein Verhöhnen, ein Spott, das lag mir am allerfernsten.« »Warum redetest du dann so?« Steinert blickte zu Boden. Es schien, als kämpfe er mit etwas in seinem Innern, ehe er Worte fand. »Warum?« sagte er. »Darauf läßt sich schwer antworten, ohne daß ich dich wieder verletze. Aber wie du damals vor mir standest, ganz voll vom Glauben an die Zukunft und an die Frau, die du dir erwählt hattest, da war es, als riefe in mir eine Stimme: ›der Mann träumt Unmögliches‹. Gerade so, wie du eben erzähltest, sah ich dich vor mir. Und neben dir sah ich deine Braut, jung, weiblich, gut, voll schöner Vorsätze, voll Glück über das Leben. Und gerade während du zu mir von deiner Zukunft sprachst, schien mir das ganze nichts als eine Illusion. Leider hatte ich ja auch nicht unrecht. Für dich war der Gedanke an deinen Sohn weit mehr, als ein bloßes Vatergefühl. Es war das Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Klasse, der seine Mutter angehört hatte und aus der du ihn emporhobst. Ein modern zusammengesetztes Gefühl steckte hinter deinem Tun, so neu und so stark, daß erst wenige es noch teilen. Für deine Braut aber war all das nur ein Wort. Was sie tat, das tat sie, weil sie dich liebte und das Bedürfnis hatte, zu glauben, daß zwischen euch nichts Trennendes war. Das Verlangen, alles zu opfern für den Geliebten, hat mancherlei Formen und täuscht uns oft. Genug. So sah ich euch beide, dich und sie, nebeneinander vor mir; und ich dachte: eines Tages werden die zwei ein Kind haben; was wird dann? Oder so was ähnliches. Was weiß ich? Aber jedenfalls wußte ich – sagen könnt' ich dir all das nicht. Hätt' ich es dir gesagt – du hättest meine Worte nicht einmal angehört. Es wäre einfach an dir vorübergegangen. Darum redete ich so, wie ich's tat, mengte Scherz und Ernst durcheinander, weil ich selber erregt war. Und du nahmst das für Hohn.« Hjälm ging noch immer im Zimmer auf und ab. Seine Schritte waren langsamer geworden, gleichsam stiller. Der Groll, den er solange gehegt hatte, saß tief; aber als er ihn jetzt wieder hervorholen wollte, war alles, was er selber noch eben gesagt hatte, so unwirklich, daß er sich schämte. »Dann hätt' ich dir also ein großes Unrecht angetan«, entschlüpfte es ihm unfreiwillig. »Unrecht tun wir einander fast immer«, sagte Steinert lächelnd. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke, wie glücklich ein solches Geständnis von einem Mann, der ihm wirklich Unrecht getan hatte, ihn vor kurzem noch gemacht hätte, und wie wenig es jetzt für ihn bedeutete. »Ist dir nicht auch aufgefallen,« sagte er, »daß das Beste, was das Leben dem Menschen zu bieten hat, fast immer zu spät kommt?« Hjälm verstand ihn nicht. Er war in Gedanken mit sich selber beschäftigt. Nachdenklich lehnte er sich an den großen Schreibtisch in der Mitte des Zimmers. »So, wie du gefürchtet hast, kam es übrigens doch nicht«, sagte er. »Meine Frau und ich hatten keine Kinder. Wäre das anders gewesen, so wären wir wahrscheinlich nie so weit auseinander gekommen.« »Weißt du das so sicher?« »Sie hat es mir selber gesagt. Eben weil wir keine eigenen Kinder hatten, fing der Junge an, sich zwischen uns zu schieben. Was uns zwei Ärmste dereinst zusammenführte, das trennt uns jetzt.« Hjälm setzte sich; sein Gesicht mit dem lichten Bart und den milden Augen trug einen qualvollen Ausdruck der Müdigkeit. »Wir haben uns gegenseitig erschöpft«, sagte er. »Es geht nicht mehr.« Unwillkürlich dachte Steinert an sich selber; und während er den andern betrachtete, kam ein Gefühl über ihn wie Neid. Sich trennen? Sich frei machen? Er begriff nicht, daß Menschen die Kraft dazu hatten! »Ist es nicht ein wunderliches Gefühl, dieser Entschluß, auseinander zu gehen?« sagte er. »Heißt es nicht, das Weib, das man einmal geliebt hat, einsam in die Welt hinausstoßen? Und die Welt ist grausam!« Die ganze Geschichte, die er da gehört hatte, kam ihm auf einmal so unwirklich vor. Es war nicht eine Geschichte von Menschen, die einen Gewinn davon erhofften, daß sie ihre eignen Wege gingen. Es war das unbewußte Geständnis eines Irrtums, der erst durch die Scheidung unwiderruflich ward ... Aber er bereute seine Worte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Er mochte nicht aufdringlich erscheinen; Andern Rat zu erteilen war ihm geradezu verabscheuenswert. Glücklicherweise war Hjälm viel zu sehr in seinen eigenen Schmerz vertieft, als daß er es so empfunden hätte. »Ja«, sagte er. »Du hast recht. Ich dringe ja auch viel weniger darauf, als sie. Und – ist das nicht merkwürdig? Sie sagt, wenn ich verheiratet gewesen wäre, wäre mein Kind ihr nicht so zuwider. Und jetzt kann sie den Jungen überhaupt nicht ansehen, ohne daran zu denken, daß er der Sohn eines – wie sie sagt – schlechten Frauenzimmers ist.« Der Rechtsanwalt erwiderte nichts. Diese Mitteilung bestärkte ihn nur in der Auffassung, daß es sich hier um Menschen handelte, die sich tief innerlich liebten und einander brauchten, und die sich nur in eine Erhitztheit hineingeredet hatten, in der ein Vorwurf aus dem andern erwuchs, ohne Zusammenhang, ohne Logik ... Er erwiderte nichts, sondern stand nur auf und sah nach der Uhr. »Es ist spät«, sagte er. »Hast du Lust, den Tag mit mir zusammen zu bleiben? Ich bin frei.« Hjälm nickte, und der Rechtsanwalt telephonierte nach einer Droschke. Als er abklingelte, sagte der Oberlehrer: »Ich habe viel an die Vergangenheit gedacht in letzter Zeit. Das tut man ja meist in einer derartigen Situation. Und da ist mir der Gedanke gekommen, wie eifrig sich unsere Generation mit Reformplänen beschäftigt. Wir müssen wohl gleichsam in einer Art hysterischer Erhitztheit leben; alle beschäftigen sich mit der Untersuchung, wie weit die äußeren Formen des Lebens auf sie drücken oder nicht. Nichts ist mehr recht; alles muß umgeformt werden. Jeder einzelne trägt einen Reformgedanken mit sich herum. Wenige nur besitzen Ruhe und Gleichgewicht genug, um innerhalb der gegebenen Formen ein harmonisches Leben zu leben. Die Umformungswut läßt uns ganz einfach nicht Zeit zu leben. Schließlich stürzen wir, zu Tode gehetzt, ins Grab. Der Glücklichen unter uns sind wenige, und als gleichsam Uninteressante stehen sie unter ihrer Umgebung nicht gerade hoch im Kurs.« Steinert antwortete nichts. Nichts hätte ihn mehr verwundern können, als gerade diese Worte und gerade aus Ake Hjälms Mund. Plötzlich fuhr er auf und sagte: »Die Droschke wartet.« Die beiden Herren verließen das Zimmer. Durch die schmutzigen Straßen, in denen der Schnee in der Märzsonne schmolz, führte die rasselnde Droschke sie dahin, über die offenen Plätze, wo unter den Bäumen noch der Schnee lag, vorbei an der Nybrobucht, wo die Eisstücke im Lenzwind schaukelten, während philosophierende Krähen, die schreienden Möven nachäffend, am Rand des Eises umherspazierten und in den Spalten, die Wind und Sonne gerissen, nach Beute spähten. Als die Droschke über die Tiergartenbrücke hinaus war, und der Lärm verstummte, sagte Hjälm mit einem plötzlichen Lächeln: »Na – deine Frau und meine sind ja recht gut Freund jetzt!« Steinert zuckte zusammen. »Seit wann?« entschlüpfte es ihm. »Weißt du das nicht? Schon längst.« Wütend über sich selbst, weil er verraten hatte, wie wenig er von seiner Frau und ihrem Tun und Lassen wußte, entgegnete Steinert: »Gewiß, freilich. Ich weiß wohl.« Er hätte gern noch einmal gefragt, wie das zugegangen war, wann und wo die beiden sich getroffen, was sie zusammengeführt, wie sie ihre alte Antipathie überwunden hatten. Aber weil er nicht willens war, sich selber bloßzustellen und mit einem andern über seine Frau zu sprechen, schwieg er. Er entsann sich, daß seine Frau früher immer gegen Frau Liese die lebhafteste Antipathie gehegt und sie auch keineswegs verborgen hatte; und es fiel ihm auch plötzlich ein, daß er in letzter Zeit, seit ihm die große Veränderung, die mit seiner Frau vorgegangen war, klar geworden, bemerkt hatte, wie Personen, die ihr früher fremd gegenüber standen, ihr auf einmal sympathisch wurden, wie überhaupt ihre Interessen grade das Gegenteil von ihren früheren geworden waren. Und zugleich dachte er an seine ganze Häuslichkeit, und es kam ihm auf einmal vor, als gingen dort, ohne daß er es wußte, Dinge vor, die er zu fürchten hatte. Warum? Das wußte er nicht. Er wußte nur, daß ein unbestimmtes Gefühl in ihm lauerte, und daß er das schon öfter empfunden hatte ... Er setzte sich in der Droschke auf und warf einen raschen Blick auf seinen Begleiter. Hjälm saß ebenfalls tief in Gedanken da und rauchte dabei eine Zigarre, deren graue Rauchwolken hinter der Droschke verschwanden. Durch den Tiergarten, wo der Wind in den alten Eichen rauschte und durch die braunen Blätter raschelte, rollten sie dahin; wohltuend senkte sich das Schweigen über den alten Groll, die alte Freundschaft, die alten Erinnerungen. Auf der Veranda des Restaurants, die die Bucht überblickt, ließen sie sich nieder, voll Freude über die Sonne, über das Stück blauen Wassers, das zwischen den Eisstücken offen lag, über den Wald, der jenseits auf den Hügeln sich erhob ... Wie zwei Alte saßen sie da, redeten von vergangenen Tagen, wichen jedem Streitobjekt aus, hüteten sich, allzu vertraulich zu werden oder allzuviel zu fordern, denn jeder wußte, dieses kurze Beisammensein war für sie beide ein Ruhetag, der nicht so bald wiederkehren würde. Vor allem vermieden sie, das halb vergessene Mißverständnis wieder zu berühren, das die Veranlassung zu der langjährigen Kühle zwischen ihnen gewesen war. Sie wußten beide: allzuviel reden über alten Groll verstärkt die Feindschaft, und beide hatten sie das Bedürfnis, zu vergessen, die ganz eigene Ruhe zu genießen, die uns überkommt, wenn wir mit alten Freunden reden, bei denen es nicht vieler Mühe, nicht vieler Worte bedarf. Die Überhitztheit, die sie noch bei ihrem letzten Zusammensein aufgestachelt hatte, war vorbei. Ruhig sahen sie beim Abendgrog die Sonne sinken, die elektrischen Lichter um sich her aufflammen. Und zufrieden dankten sie einander für den angenehmen Tag und gelobten sich gegenseitig, bald wieder so zusammen zu sein. Und obgleich sie beide wußten, daß ein solches Beisammensein sehr unwahrscheinlich war, machte ihnen das Versprechen doch eine Art Freude. Erst kurz vor dem Auseinandergehen kam der Rechtsanwalt mit einer Andeutung auf die ernste Veranlassung, die sie zusammen geführt hatte. Er sprach von den Papieren und Formalitäten, und nachdem dieser Gegenstand abgehandelt war, fragte er: »Wie denkst du dir denn überhaupt die Zukunft?« Hjälm konnte nicht verhindern, daß bei dieser Frage ein Lächeln, fröhlicher, als er selbst es, streng genommen, für passend hielt, über seine Züge glitt. Die Zigarre, die eben ausgehen wollte, frisch ansteckend, fuhr er fort: »Ich muß eben wieder da anfangen, wo ich aufgehört habe. Ich hatte als Junggesell schon den Jungen zu mir genommen. Wir hatten damals zwei kleine Zimmer, er und ich. Das Mädchen schlief in der Küche. Wir müssen uns eben wieder eine Wohnung suchen und von vorn anfangen.« Er sah ordentlich verlegen aus ob dieser Vaterliebe, die der Quell all des Kummers der verflossenen Jahre war und alles überdauerte ... »Wie alt ist der Junge jetzt?« fragte Steinert. »Fünfzehn«, war die Antwort. Wieder dachte Hjälm daran, wie er dereinst diesen Mann, der da vor ihm saß, verdammt hatte, und etwas wie Gewissensbisse, das unbestimmte Gefühl, als habe er sich trotz allem geirrt, beschlich ihn. Zum erstenmal bemerkte er, daß Steinert gealtert war; und er war nahe daran, es auch auszusprechen. Im selben Augenblick fielen seine Augen auf die Whiskyflasche, die vor ihnen stand. Sie war über die Hälfte geleert; und Hjälm wußte, er selber hatte nur ganz wenig getrunken. Trotzdem saß Steinert gänzlich unberührt und beherrscht da, wie er es den ganzen Abend über gewesen war. Seine Stimme klang ruhig, wenn er sprach, nur an den Augen, die ungewöhnlich hell funkelten, konnte man sehen, daß er getrunken hatte. Hjälm fiel plötzlich ein, was er von seiner Frau über die Ehe des Freundes gehört hatte; und zugleich erinnerte er sich, daß er grade im letzten Jahr recht viel darüber gehört hatte. Frau Steinert hatte ihr Leid der Freundin geklagt, und die Freundin hatte alles ohne Vorbehalt ihrem Mann wieder erzählt. Je weniger ihr eigenes Verhältnis es vertrug, daß man daran rührte, desto eifriger beschäftigten sie sich mit den Angelegenheiten anderer. Es war eine Leidensgeschichte, die Hjälm gehört hatte, die Leidensgeschichte einer Frau, die einen egoistischen Mann hat, der sie nicht verstand, der sie allein ließ, der trank... Mit Hilfe des dilettantisch-psychologischen Kombinationsvermögens, das die Würze des modernen Klatsches ist, war dies Bild Steinerts Hjälm ganz wahr vorgekommen und hatte auch ganz vortrefflich zu der Charakterlosigkeit gestimmt, die er längst als erwiesen und klar angenommen hatte. Als er jetzt Steinert vor sich sah, wieder unter dem Einfluß seiner Persönlichkeit stand, begann er doch zu zweifeln. Das Bild, das er sich aus einem gewissen Abstand gemacht hatte, schien ihm nicht mehr so glaubwürdig, wie zuvor. Ob es vielleicht doch, wie Tora Ljung damals zu allgemeiner Entrüstung gesagt hatte, noch eine andere Erklärung gab? Vielleicht gab es überhaupt immer noch eine andere Erklärung, wo Menschen einander aburteilten? Und wie Hjälm so da saß, kam ihm der Gedanke, er hätte doch vielleicht diesem Mann unrecht getan, nicht nur damals, bei der einen Gelegenheit, sondern viel öfter – immer? Vielleicht ein ganzes Leben lang? Hjälm saß auf seinem Platz und wünschte, er könnte dies aussprechen, dem andern die Hand reichen ... Ihm war, als müßte ein solcher Handschlag mehr auswischen als nur dies zufällige Mißverstehen zwischen zwei Männern, müßte den Weg für Weiteres, Größeres bahnen ... Er wußte nicht recht, was ... Aber während er noch mit diesem Gedanken kämpfte, erhob sich Steinert und knöpfte den Rock zu. »Es ist spät«, sagte er. Und vor diesen Worten erlosch der Vorsatz, der wie ein schwacher Wunsch im anderen aufgeglüht war, und blieb unausgeführt, wie so vieles andere, das aufflammt und zu Asche sinkt. Stumm gingen sie beide hinunter zu der Droschke, die auf sie wartete, und während der Wagen sie durch das Gehölz führte, das dicht und dunkel zu beiden Seiten des Weges stand, empfand Hjälm es fast als Erleichterung, daß kein gefährliches Thema aufs Tapet gebracht wurde, keinerlei Versuch, der zu einem Mißverständnis führen, die Harmonie des Abends hätte stören können ... Ein Zweifel stieg in ihm auf, ob die Erklärung, die der andere über die Jugendgespräche in den alten Tagen gegeben hatte, auch wirklich ehrlich gemeint sei ... Es schien dem Oberlehrer so unfaßbar, daß eine so langjährige Mißstimmung zwischen zwei Männern so grundlos sein sollte ... Sie waren beide stumm. Und Steinert in seiner Wagenecke kämpfte mit sich selbst. »Warum habe ich überhaupt versucht, zu sprechen?« dachte er. »Morgen ist alles vergessen, und ein Groll, je ungerechter er ist, desto fester sitzt er! Warum habe ich mich so zwecklos selber preisgegeben?« Vor ihnen empor stieg die Lichtflut des Horizonts der Stadt, der sie zufuhren; näher kamen sie und immer näher; schon rollte die Droschke durch Reihen von Licht, die gegen das Dunkel ankämpften. Und die zwei alten Freunde trennten sich, und beiden folgte die Wehmut – dem, an dessen Tür die Droschke hielt, und dem, der einsam weiter rollte seinem verödeten Heim entgegen ... Achtzehntes Kapitel In einem Oktoberabend saß Oskar Steinert einsam in seinem Zimmer am Narvaweg; er war mit dem Lesen eines Briefes beschäftigt. Der Brief war dick und schwer, auf großen Quartbogen in einer klaren, kräftigen Frauenhandschrift geschrieben; die Briefmarken – es waren viele – trugen den italienischen Poststempel. Steinert hatte Toras Brief auf seinem Bureau erhalten und ihn, weil er nicht Zeit hatte, ihn zu lesen, in die Tasche gesteckt wie etwas, das man gern in Ruhe genießen möchte. Jetzt beendete er die Lektüre und begann dann langsam im Zimmer auf und ab zu gehen. Er war heute in einer seltsam nervösen Unruhe. Die Ursache war ein Gespräch, das er ganz zufällig mit seinem Sohn gehabt hatte. Robin war zu einem sechzehnjährigen Jüngling erwachsen; er war für sein Alter groß, mit einem feinen, klugen Gesicht, dabei schwach – in seinem ganzen Wesen ein recht frühreifer junger Mensch. Steinert hatte den Sohn nie so recht verstanden. Es schien ihm, als hätte dieser etwas von dem gesellschaftskriecherischen, geschmeidigen, kaltblütigen Wesen, das er selber über alles in der Welt verabscheute. Mehr als einmal hatte er es sich voller Mißmut gesagt: »Der Junge ist dazu geschaffen, Karriere zu machen!« Und in diesen Worten lag sein ganzes Urteil: sein Sohn gehörte zu denen, die es mit den Mitteln nicht so besonders genau nahmen ... Frau Ellen war zu Tisch nicht daheim gewesen. »Die gnädige Frau ist ausgegangen«, hatte das Mädchen gesagt, und der Rechtsanwalt hatte diesem Umstand keinerlei Bedeutung zugemessen. Zufällig aber fielen im Verlauf des Mittagessens ein paar Worte, die Steinerts Aufmerksamkeit ganz besonders erregten. Ebba war es, die sie sagte. »Mama wollte zum Rektor«, sagte sie. Und während ihr die Worte entschlüpften, wurde sie rot und schlug die Augen nieder. Der einzige, der seine Fassung nicht verlor, war Robin. »Mama wollte mit dem Rektor sprechen, ob ich vom Turnen dispensiert werden könnte«, sagte er mit einer Stimme, die sich so deutlich wie möglich bemühte, glaubhaft zu klingen. »Warum denn?« »Ich bin im Latein zurück. Und sonst komm' ich überhaupt nicht mit.« Steinert begriff augenblicklich, daß der Junge log. Und er beschloß ebenso rasch, sich in dieser Sache Klarheit zu verschaffen. Er sagte gar nichts. Denn er sah ein, wenn der Knabe gelogen hatte, so war die Mutter seine Mitschuldige. Und um die Mutter nicht vor dem Kind bloßzustellen, schwieg er. Schweigend beendete er seine Mahlzeit, ging ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Es lag wie ein Gewitter in der Luft zwischen diesen Dreien, den Kindern, die stumm, des Vaters Gedanken durchschauend, da saßen, und dem Vater, der, das Schlimmste ahnend, fortging und die Tür hinter sich zuzog, ohne Heftigkeit, ohne sichtbaren Zorn. Ein Glück für Steinert, daß er das Gespräch nicht hörte, das die Kinder gleich darauf; als sie allein waren, miteinander führten, die lebhafte, blonde, raschäugige, vierzehnjährige Ebba, erfahren, frühreif – und der zwei Jahre ältere Bruder, der sich mit seinen sechzehn Jahren auf den Weltmann hinausspielte. Es war die Mutter, die aus dem Mund der Kinder sprach, die Mutter, so wie sie geworden war in den letzten schweren Jahren ihrer Ehe, die Frau Ellen in eine weltkluge, unruhige Dame verwandelt hatten, die vor allem immer Anstachelung suchte, im Verkehr mit andern, im Interesse für Fremde, in eigenem und fremdem Unglück, ja selbst in der Mutterschaft. Augenscheinlich wieder ganz gesund, hatte sie die Periode ihrer Krankheit weit hinter sich gelassen; sie war in Vergessenheit geraten, man sprach überhaupt nicht mehr davon. Und doch hatte diese Krankheit, die so gänzlich gehoben schien, einen Keim hinterlassen, und dieser Keim war gewachsen im Erdreich der Überkultur, die die moderne Frau, wenn der Mann ihr alles zu geben vermag, von jeder Arbeit befreit und entbindet. In der schwülen Luft, die die Entstehung aller offenen und verborgenen Krankheitserscheinungen der Gegenwart begünstigt, entwickelte sich dieser Seelenzustand, und ihre Verantwortungslosigkeit war jetzt, da sie frisch und gesund im Leben stand, genau dieselbe, wie damals, als sie ans Bett gefesselt und von fixen Ideen belastet war, die sie über die Grenzen des Normalen hinaustrugen. Der Unterschied war bloß der, daß die weiche Passivität, die sie früher niedergezogen und ihr das Aussehen gegeben hatte, als schmiege sie sich dicht an den geliebten Mann an und schenke ihm dadurch die ganze Süße, die der Mensch empfindet, wenn er eines Geliebten Last tragen darf, in einen nervösen Tätigkeitsdrang umgeschlagen war, der sie durchs Leben hetzte, von Wohltätigkeitsbasaren zu Frauenvereinen, vom Verein zum Vergnügen, vom Vergnügen wieder nach Hause. Wohin Frau Ellen kam, verbreitete sie Unruhe um sich, weckte ein Interesse für ihre Person, setzte ihre Wünsche durch. Jeder Widerstand war ihr eine persönliche Kränkung, und um ihn zu überwinden konnte sie eine Tätigkeit entfalten, die fast aussah wie planmäßige Energie. Sie gab und nahm Vertrauen, sie spann die Menschen, die sie gewonnen hatte, Männer wie Frauen, in ein geheimnisvolles Netz ein, daß sie mit ihren Augen sahen, mit ihren Worten redeten, mit ihren Gefühlen fühlten. Den Kindern war sie eine Mutter, die alle ihre Wünsche erriet, ihren Fehlern schmeichelte, sie durch die grenzenlose Nachgiebigkeit, die sie zeigte, gewann – vor allem ihren Schwächen und schlimmen Neigungen gegenüber. Bei alledem galt sie als eine gute Erzieherin; denn die Kinder waren so dressiert, daß sie sich unter Fremden wohl sehen lassen konnten. Ganz besonders aber gewann sie sie dadurch, daß sie, vorsichtig und geschmeidig, mit einer Offenherzigkeit ohne Grenzen mit ihnen über den Vater und die Verhältnisse sprach, die dereinst die Ehegatten auseinander gerissen hatten. Auf diese Weise herrschte sie unumschränkt im Hause. Es war, als sei in ihr eine neue Lebenskraft erwacht an dem Tage, als sie ihr Herz vor dem einst geliebten Mann verschloß, und als wäre sie erst völlig Herr über sich selbst und ihre Kräfte seit jener Nacht, in der sie die Konsequenzen dessen zog, was sie auf diese Weise begonnen hatte, und die Tür hinter sich schloß, so wie sie einst ihr Herz geschlossen hatte. In seinem Zimmer ging mittlerweile Oskar Steinert auf und ab. Wie ein Fremdling kam er sich vor. Er hatte es jetzt so eingerichtet, daß er zwei Zimmer von der Wohnung ganz absondern und zwischen dem äußeren und dem Eßzimmer eine Doppeltür hatte anbringen lassen. Hier lebte er nun sein Leben ganz für sich; nur zu den Mahlzeiten ging er hinüber, wenn er überhaupt einmal daheim war, oder zu Gelegenheiten, bei denen die Anwesenheit eines Familienoberhauptes unerläßlich war. Aber er fühlte sich als Fremdling in dieser neuen Wohnung, in der er keine Spur von Glück, wohl aber viel Leid erlebt hatte. Und er bemühte sich, so wenig als möglich daran zu denken, was hinter den beiden geschlossenen Türen, die ihn von dem trennten, was die Welt »seine Familie« nannte, vor sich ging. Während er, die Heimkehr seiner Frau erwartend, in seinem Zimmer auf und ab schritt, nahm er aufs neue den Brief hervor und suchte darin. Ein ganz bestimmter Teil dieses Briefes war es, den er noch einmal lesen wollte. Er überschlug den Anfang, der die Eindrücke aus der Wunderstadt am Arno, Berichte über den im Gebirge verlebten Sommer, Gedanken, die das Zusammenleben mit der alten Kunst und ihren großen Menschen geweckt hatte, enthielt. Es war ein langer Brief, an dem die Schreiberin lange Zeit, da und dort, geschrieben und den sie lange nicht abgeschickt hatte. Endlich fand er, was er suchte. Genau jedes Wort überlegend, las er: »Eins ist in meinem Leben, was ich Dir nie habe sagen können – nicht weil Du ein Mann bist – weibliche Freunde habe ich nie gehabt – sondern weil ich einfach die Worte nicht über meine Lippen brachte. Wenn ich Dir das jetzt schreibe, so ist es darum, weil ich es Dir doch gern sagen möchte und weiß, mündlich kann ich's nicht. Wenigstens nicht so, wie ich möchte. Und wenn ich im Frühjahr wiederkomme, möchte ich, daß es gesagt ist. Was ich Dir jetzt erzählen will, fängt damit an, daß ich vorigen Herbst oft einem Jungen begegnete, der ganz außergewöhnlich ärmlich aussah; er verkaufte Zeitungen. Es war ein kleines, blauäugiges Kerlchen mit einem erschreckten, scheuen Blick – sehr dünn gekleidet. Ich begegnete ihm meist, wenn ich ab und zu durch die Döbelnstraße nach der Trambahn ging. Anfangs kaufte ich ihm bloß eine Zeitung ab. Aber nach und nach wurden wir miteinander bekannt, und er erzählte mir von daheim. Schrecklich war, was er da erzählte. Hunger, Kälte, Schmutz, Schande! Er hatte große Angst vor der Polizei. Er sei zu klein eigentlich und dürfte noch nicht auf die Straße geschickt werden. Erst fünf Jahre alt. Ich konnte den Kleinen gar nicht mehr vergessen. Eines Tages ging ich mit ihm heim und sah, daß alles, was er mir erzählt hatte, wirklich wahr war. Ich ging dann öfter hin, und die Leute ließen mich, weil ich ihnen immer etwas gab. Aber ich merkte wohl, sehr willkommen war ich nicht. Ein Mißtrauen blickte mich an aus ihren Augen, und mehr als das – Haß. Ich war keine von ihnen. Ich weiß, das, was ich dann tat, war unklug. Aber so wie ich damals fühlte, konnte ich gar nicht anders. Nur wer es weiß, wie die Einsamkeit drückt, kann mich verstehen, und wer es hört, müßte ein Weib sein, um es ganz zu fassen. Wie ich so unnütz und so einsam geworden bin, wie ich es war, das gehört ja nicht zur Sache. Meine Geschichte ist ja nicht anders als die so vieler anderer. Jedenfalls war das, was ich durchgemacht hatte, mein Eigen – und das zwang mich auch, so zu handeln, wie ich's tat. Eines Tages, als ich wußte, der Mann war daheim, ging ich hin zu den Leuten und fragte, ob sie mir den Jungen abtreten wollten – ohne Vorbehalt und für immer. Ich versprach, ihn zu adoptieren. Ich versprach ihnen auch Geld. Und weißt Du, was der Mann mir antwortete? »Alles habt ihr uns genommen,« sagte er, »alles habt ihr für euch genommen. Habt ihr nicht genug an euren Kindern, ihr Reichen? Begehrt ihr auch noch das Recht, uns Armen die Kinder zu nehmen? Habt ihr nicht genug Spielsachen?« Er sagte noch mehr, Schlimmeres ... Und ich konnte ihm nichts erwidern. Denn obgleich ich glaubte das Gute zu wollen, hatte er doch recht. Aber mir war, als hätte ich ein einziges Kind gehabt und als wär' dies Kind gestorben. Monatelang trauerte ich um den Jungen; und als ich reiste, war es nur, um diese unvernünftige, unmögliche, verzehrende Trauer los zu werden. Als Du damals zu mir kamst – erinnerst Du Dich an jenen Abend? – war ich froh, als wäre mir was Glückliches geschehen oder müßt' es mir erst geschehen. Während ich mit Dir redete, sagte ich Worte, die ich jetzt nicht mehr weiß, über die Du Dich aber – das sah ich wohl – verwundertest. Du saßest vor mir und sahst mich an, als wolltest Du meine Gedanken erraten, und ich schwieg, weil ich eben nichts sagen konnte. Aber in die Einsamkeit, aus der ich mich damals flüchtete, hätte ich nie mehr zurückkehren können. Das wußte und begriff ich gut, die ganze Zeit über. Wenn ich jetzt an meine Wohnung denke, bin ich froh, daß ich sie behalten, alles so gelassen habe, wie es ist. Dort habe ich einen wichtigen Teil meines Daseins verlebt, des Lebens, das für andere so unwichtig ist, und das für mich doch so viel bedeutet; denn ich sehne mich zurück, trotz all der Herrlichkeit, die mich hier umgibt. Hier ist's Herbst jetzt, Traubenzeit; und noch blühen die Rosen. Unter meinem Fenster fließt der Arno, zitternd vor Lichtfluten, wenn das Dunkel kommt, ich sehe die Hügel von Bellosguardos, den Palazzo Pitti und eine einsame Pinie, die schön und dunkel gegen den Himmel steht; die Dämmerung sinkt so leicht hier und so rasch, das Sterben muß leicht sein hier. Und doch hab ich Heimweh nach meinem Land, nach den paar Freunden, die ich habe, nach Dir und ein paar andern, nach allem, was sie daheim arbeiten, schreiben, malen, denken, nach dem wunderbaren Schneeland, wo der Winter so lang ist und der Sommer so kurz, nach allem, was ich selber träumte, hoffte, liebte, glaubte, wofür ich lebte dies ganze Leben lang, das so unbedeutend war und so reich ist jetzt. Und weißt Du, warum ich das jetzt kann? Weißt Du, warum ich jetzt das Gefühl habe, als könne kein Zweifel, kein Druck mehr auf mich fallen, als wäre für mich der Tag gekommen, an dem das ganze Leben blüht? Das will ich Dir sagen: wenn ich heimkomme, komm ich nicht mehr allein. Was ich zu Hause einmal gesucht und nicht gefunden habe, was ich dort nicht ein zweitesmal mehr hätte suchen können, das hab' ich hier gefunden. Einen kleinen, braunen, schwarzäugigen Buben, der mir gehört. Ganz und gar mir. Keine Verwandten, keine Angehörigen, keinen Menschen, der mir meinen Platz streitig macht, niemand in der ganzen Welt! Grade wie ich! Wie es zugegangen ist, das erzähle ich Dir ein andermal. Für heute schließe ich; denn einmal muß ja doch dieser Brief, der ein ganzes Buch geworden ist, fort. Bis zum Frühjahr bleibe ich noch hier und sehne mich heim, so wie ich mich früher oft hinaus gesehnt habe, und doch so ganz anders jetzt, da alles neu geworden ist für mich!« Steinert schob den Brief auf dem Schreibtisch von sich und versank in Nachdenken. Ein Hauch von heller, starker und doch wehmütiger Lebenslust hatte ihn gestreift; zwischen der Stimmung, die diesen Brief diktiert hatte, und der, die ihn selber beherrschte, war ein Abstand – so groß, daß er sich ganz außerstande fühlte, die sonnige Freude, die ihn hier berührte, zu teilen. Eine Art Bitterkeit kam über ihn, wie wenn das neue Glück der Freundin ihn selber noch ärmer machte als zuvor, ihm etwas nähme, was er besessen, was er nie glaubte verlieren zu können, ihn noch einsamer zurückließe. In diesem Augenblick hörte er draußen klingeln; er wußte, es war seine Frau, die heimkam. Er hörte ihre Schritte im Vorzimmer; sie klangen leicht und elastisch. Dann verstummten sie, und um ihn ward es still – eine Stille, die ihn beunruhigte, ihn zwang, zu lauschen. Eine lange Weile verging. Dann hörte er dieselben Schritte wieder; diesmal klangen sie kurz und energisch. Sie näherten sich seiner Tür, und es klopfte. Steinert vermutete, seine Frau wolle dadurch ausdrücken, daß ihr Besuch rein formell und nur eine Zwangssache sei. Ein ironisches Lächeln glitt über sein Gesicht und machte, als die Tür geöffnet wurde, einem scharfen, forschenden Ausdruck Platz. Frau Ellen sah erregt aus und atmete heftig. »Ich war beim Rektor und habe alles in Ordnung gebracht«, sagte sie kurz. »Und in meiner Abwesenheit hast du die Kinder ausgefragt.« Steinert war es augenblicklich klar, daß seine Frau so begann, um der Hauptfrage auszuweichen; und er begriff auch, daß er diesmal den Kampf aufnehmen mußte. »Ist Robin vom Turnen dispensiert?« fragte er ironisch. »Ich verstehe nicht, was du meinst.« Die Worte kamen kalt, hochmütig und mit voller Sicherheit. Die Stirn unter dem blonden Haar zog sich zusammen, der kleine Mund lächelte kalt und spöttisch. »Du verstehst mich sehr wohl«, erwiderte Steinert. »Es ist nicht das erste Mal heute, daß wir derartige Dinge besprechen. Du hast irgend etwas entdeckt, was ich nicht wissen soll, und weisest die Kinder an, mich zu belügen.« »Du selber zwingst sie dazu.« »Wie kannst du das sagen?« »Ja, durch dein Fragen.« »Ich habe nicht gefragt. Ein zufälliges Wort verriet sie. Und jetzt will ich wissen, was es ist. Daß es etwas Wichtiges sein muß, soviel habe ich begriffen. Als ich merkte, daß Robin die Unwahrheit sagte, hatte ich keine andere Wahl – ich mußte schweigen. Ich konnte dich doch nicht bloßstellen.« »Das soll heißen, ich bringe den Kindern das Lügen bei?« Steinert zuckte die Achseln. Er konnte nicht antworten. Seine Frau hatte sich gesetzt. Mit kaltem Blick betrachtete sie ihren Mann. Sie hatte gar nicht auf seine Worte geachtet, sondern nur darauf gewartet, bis er fertig wäre, damit sie selber anfangen könnte. Daß er ihre letzte Frage gar nicht beantwortete, schien sie überhaupt nicht zu bemerken. »Ich wollte warten, eh' ich dir's erzählte, bis alles in Ordnung war«, sagte sie. »War das ein Fehler?« Steinert fühlte sich geschlagen und wich aus, obwohl er überzeugt war, daß diese Wendung selbst nur ein Ausweichen war. »Worüber hast du mit dem Rektor gesprochen?« fragte er. »Es war glücklicherweise nicht so gefährlich«, erwiderte Frau Ellen in gleichgültigem Ton. »Es handelt sich um ein paar von den Jungens, die hie und da bei einem Kameraden zusammen kamen und sich ein bißchen amüsierten. Wie Schuljungen nun einmal sind. Sie haben Schulden gemacht. So kam die Geschichte an den Tag. Ich habe das Ganze in Ordnung gebracht.« »Das heißt, du hast bezahlt.« »Ja. Hätt' ich das nicht sollen?« »Und das ist alles?« »Der Rektor hat mir versprochen, für diesmal die Sache totzuschweigen, so daß es keine Relegation gibt. So viel habe ich glücklich herausgeschlagen; aber es hat Mühe gekostet. Ich bin auch ein bißchen müde jetzt.« Frau Ellen sah aus, als habe sie eine große, wichtige Tat vollbracht. Und trotz ihrer Müdigkeit begann sie zu erzählen. Sie erzählte mit viel Geschick und feuerte sich selber an, indem sie allerhand Details herbeizog, berichtete, wie die Geschichte entdeckt wurde, und die Schuld auf den Weinhändler schob, der Kredit gegeben, und auf die Eltern eines stadtbekannten Taugenichts, die den jungen Leuten erlaubt hatten, auf dem Zimmer ihres Sohnes zusammenzukommen, und schließlich die ganze Lehrerschaft von Stockholm kritisierte, weil sie die Knaben zu wenig beaufsichtigte und weil sie sich überhaupt absolut nicht darauf verstünde, eine Sache wie diese, durch die doch der gute Ruf vieler Familien aufs Spiel gesetzt würde, zu behandeln. Trotz des unbefangenen Tones, in dem all dies vorgebracht wurde, lag doch etwas darin, das Steinerts Unruhe erregte, mehr als alles, was er seither in dieser Hinsicht erfahren hatte. Es waren in Frau Ellens Bericht Einzelheiten, die sich geradezu widersprachen, nicht so, daß man leicht einen Einwand hätte erheben können, aber doch so, daß ein Mißtrauen in die Glaubhaftigkeit der Erzählerin sich nicht ganz von der Hand weisen ließ. Grade in dem Eifer, mit dem die Verteidigungsrede vorgebracht wurde, lag etwas von der Verteidigung einer schlechten Sache; und dies Etwas erweckte einen um so heftigeren Mißklang in den Ohren des Mannes, je mehr er innerlich wünschte, er könnte den Worten seiner Frau glauben. Als sie fertig war, erwiderte er darum erst gar nichts. Stumm saß er ihr gegenüber und überlegte, ob er besser daran tue, zu reden oder zu schweigen und die weitere Entwicklung der Sache abzuwarten. So viel jedenfalls war klar – zwischen seiner Frau und den Kindern herrschte ein geheimes Einverständnis, das nicht vom guten war. Sie hielten fest zusammen im Kampf, im Verschweigen und Verstecken; er war überhaupt bloß dazu da, ihnen Geld und Brot zu schaffen, er war der natürliche Feind, gegen den die Familie sich in gemeinschaftlicher Furcht vereinte. Und so heftig kam plötzlich die Schwere dieses Bewußtseins, das er ja längst in sich trug, über ihn, daß er die Worte, die schon so oft auf seinen Lippen gebrannt hatten, jetzt nicht mehr zurückzuhalten vermochte. »Du siehst die ganze Sache so an, als wären die Kinder überhaupt nur deine, nicht unsere. Glaubst du, das kann so weiter gehen?« Frau Ellen hob die Achseln. »Ist es der Mühe wert, wieder davon anzufangen?« Steinert blickte weg. Seine Worte klangen leise und doch gewichtig. »Ellen,« sagte er, »wär's nicht besser, wir gingen auseinander? Ehrlicher, rechtschaffener, klüger?« »Ich soll mit den Kindern allein bleiben?« »Bist du das nicht schon?« Frau Ellen blickte gereizt auf; wieder strömten ihr die Worte über die Lippen. »Der ganze Fehler ist, daß du keine Grundsätze hast!« rief sie. »Nichts ist dir heilig. Du kannst mich verlassen und die Kinder. Du denkst an keinen Menschen als an dich selber. Was kümmerst du dich darum, was andere sagen? Du stehst ja über allem. Hochmütig und egoistisch gehst du deiner Wege, ohne an andere zu denken. Darum hast du auch keine Freunde. Alle wenden sich von dir ab, wie ich's getan habe und mit mir die Kinder.« »Du sagst es also selber, die Kinder haben sich von mir abgewandt?« Steinerts Gesicht zuckte. »Das siehst du ja doch«, lautete die verächtliche Antwort. »Wie könnt' es auch anders sein? Sie sehen dich ja nie, und wenn etwas ist, haben sie keinen Menschen, als mich.« Schon lag dem Mann die Antwort auf den Lippen – die Frage, wie denn alles so geworden sei. Aber er sprach sie nicht aus. Er fürchtete sich davor, noch mehr zu hören, bereute, daß er dies Gespräch angefangen hatte, das doch zu nichts führen konnte als zu bösen Worten und kränkenden Erinnerungen. Außerstande still zu sitzen ging er zum Fenster und blickte hinaus auf die breite, mit Bäumen bepflanzte Straße, über der weiße Wolken reglos in der herbstklaren Luft standen, während die Häuser auf der andern Seite im Sinken der Dämmerung gleichsam zu den Sternen emporzuklettern schienen. Er dachte daran, daß das, was heute geschehen war, doch eigentlich nichts sei. Eine so kleine Sache war es, und wäre sie auch zehnmal so schlimm, als seine Frau sie dargestellt hatte. Seit Jahren kämpften sie beide um diesen Sohn, und immer hatte die Mutter den Sieg davongetragen. Unter ihrer Gewalt stand er; im Schutz ihrer Blindheit würden seine bösen Neigungen sich frei entwickeln. Kaltblütig und frühreif war er schon jetzt. Die Gesellschaft, die sich zynisch, rücksichtslos selber aufgebaut hatte, würde ihn dereinst ganz ihr eigen nennen. Er würde die Laster, die gestattet waren, haben, und was er vom Leben nur erreichen konnte, an sich raffen. Leer würde er in die Welt hinausgehen, über alles, was dem Leben Wert verleiht, würde er lächeln, überlegen, engsinnig, nur hungrig nach Genüssen, nach Reichtum und Macht. Was heute geschehen war, war nichts als eine Konsequenz dessen, was der Vater längst wußte. »Ich stehe ganz außerhalb«, denkt er. »Ich kann nicht mehr.« Etwas, das fast schon einem Entschluß gleich sieht, schießt in ihm auf. »Es ist ja eigentlich alles so einfach«, denkt er. Auch Frau Ellen ist aufgestanden. Als sie an den Schreibtisch tritt, sieht sie den Brief, sieht, daß er lang und in einer Damenhandschrift geschrieben ist. »Du hast Korrespondenz, wie ich sehe«, sagt sie gleichgültig. »Ja, wie du siehst.« »Darf man fragen, von wem der Brief ist?« »Von Tora Ljung.« »Ist sie verreist?« »Ja.« Steinert fühlt, wie der dunkle Entschluß in ihm wächst. Er weiß, es gibt einen Punkt in ihm, wo jede Nachgiebigkeit aufhört und der Selbsterhaltungstrieb einsetzt. Gedankenlos, gleichgültig, mechanisch beantwortet er die Fragen seiner Frau. Bleich, mit funkelnden Augen steht Frau Ellen hinter ihm in dem schon halb dämmrigen Zimmer. »Darum also willst du dich scheiden lassen«, sagt sie, und durch ihre Stimme bebt ein seltsames Gemisch von Verachtung und Groll. »Das glaubst du ja selber nicht, was du da sagst«, erwidert Steinert. »Nie soll dir das gelingen, nie trete ich zurück vor einer andern!« Damit geht sie. Die Tür fällt mit einem Krach zu. Steinert steht reglos am Fenster. Es ist, als habe er gar nichts gehört, als sei er ganz empfindungslos für böse Worte und Gedanken. Nichts berührt ihn mehr. Der Entschluß wächst und wächst in ihm. In diesem Augenblick ist er weit, weit jenseits von Gut und Böse. Er bleibt den ganzen Abend in seinem Zimmer. Als es dunkel wird, klingelt er und bestellt sich sein Essen aufs Zimmer. Am folgenden Tage steht er früh auf und geht fort, ohne gefrühstückt zu haben. Was er zu tun beabsichtigt, sagt er keinem Menschen. Zwei Nächte hindurch kommt er überhaupt nicht heim; über dem ganzen Haus liegt eine Gewitterstimmung. Frau Ellen schließt sich ein; diesmal wagt sie nicht mit den Kindern zu sprechen. Eine Ahnung, daß sie den Bogen zu straff gespannt hat, daß er ihr in der Hand zerbrechen könnte, beschleicht sie. Daß er schon zerbrochen ist – das sieht sie nicht, dazu ist sie viel zu hochmütig blind. Die Kinder sind ganz auf sich selber angewiesen. So oberflächlich sie auch sind und so wenig sie den Vater kennen, es ist ihnen doch von dem Respekt vor ihm eine gewisse Furcht geblieben; sie haben das unbestimmte Gefühl, daß er imstande ist, weiter zu gehen, als andere Menschen. »Papa tut, was er will«, sagt Ebba. »Er kehrt sich nicht an das, was andere sagen!« meint der Bruder. Sie fühlen beide ganz gut, daß sie diesmal an der Mutter keine Stütze haben. Ihre Macht ist zu Ende; und die Kinder fangen an, von ihr wie von einem gleichgültigen Menschen zu sprechen. Am dritten Tage kommen vier Dienstmänner und fangen an zu packen. Der Rechtsanwalt weist sie selber an; dann geht er zu seiner Frau, und die beiden haben hinter verschlossenen Türen eine Unterredung, von der kein Mensch etwas erfährt. Dann geht er fort, ohne von irgend jemand Abschied zu nehmen; und durch das ganze Haus geht es wie eine Todesnachricht: »Papa zieht aus«. Ganz undenkbar. unmöglich, unerhört scheint es. Wie wenn die Wände plötzlich einstürzten und die ganze Welt sehen müßte, daß die Räume dieser vornehmen Wohnung voller Lumpen sind. Hinter diesen Gardinen, die von außen so blütenrein aussehen, hinter denen das Licht abends so friedvoll schimmert, herrschen böse Geister, spukt es Tag und Nacht; die Menschen sind Ruhelose, die sich gegenseitig wie wilde Tiere zerfleischen – Mann und Weib, Vater, Mutter und Kinder. Bald sind die zwei Zimmer oben leer, und ihr ganzer Inhalt ist nach einer kleinen Wohnung in der Südstadt gebracht. Hier richtet Rechtsanwalt Oskar Steinert sich sein einsames Heim ein. Er will möglichst weit weg von dem vornehmen Stadtviertel, vor dem er seinen Namen preisgibt, um zu retten, was noch von seinem Ich zu retten ist. Tief unter seinen Fenstern sieht er den Mälar, die Schleuse, das Gewirr von Häusern und durcheinanderlaufenden Straßen. Über sich hat er den Himmel – weit – frei ... Und als der Abend kommt, glänzt die Stadt, aus der er geflohen ist, wie im Festschmuck auf. Da sitzt er am ersten Abend, als alles fertig ist und still; und er fühlt, wie ihm die Einsamkeit heilende Ruhe schenkt. Er sieht sich um; was ihn umgibt, ist wenig mehr, als was er dereinst als junger Student besaß. Der Schaukelstuhl, der Schreibtisch, das Sofa – – nicht dieselben wie damals, und doch so gleich. Nur die Bücher haben sich fast verhundertfältigt; in dichten Reihen stehen sie an den Wänden, wo nur ein freies Plätzchen ist – alte und neue, große und kleine durcheinander – fest in Reih und Glied wie Soldaten. Über dem Bett im Schlafzimmer hängt in blaugoldenem Florentinerrahmen ein Kupferstich, eine Kopie von Leonardo da Vincis »Mona Lisa«, dem Weib mit dem ewigen Rätsel um die Lippen, dahinter die seltsamen Traumgrotten und Berge. Steinert hat dies Bild in einem Anfall von Selbstironie aus dem alten Heim mitgenommen. Wie ein alter Student, ein bemoostes Haupt, kommt er sich vor, wenn er es betrachtet. Er hat die Abendzeitung vor sich ausgebreitet; und während er liest, graben sich tiefe Falten in seine Mundwinkel. Ein Artikel über Schulverhältnisse hat seine Aufmerksamkeit erregt. Der Verfasser berichtet, als von einer ganz bekannten, für die Eingeweihten schon längst nicht mehr neuen Sache, von einem Skandal, der kürzlich die Schulwelt in Aufregung versetzt hat. Es handelt sich um einen Kreis von lasterhaften, unreifen Jünglingen, die schlechte Häuser besucht, sich halbe Nächte lang auf den Straßen herumgetrieben und es verstanden hatten, sich auf alle mögliche ungesetzliche Weise das Geld zu diesem Lebenswandel zu verschaffen. Der Artikel schließt mit einer scharfen Anklage gegen die Schuldirektion, die viel zu schlapp vorgegangen sein soll; es wird auch geradezu ausgesprochen, daß derartiges ganz undenkbar wäre in einer Schule, wo nicht einflußreiche Eltern durch ihr Eingreifen den Gang der Gerechtigkeit aufhielten. Oskar Steinert legt die Zeitung weg und blickt hinaus über die lichterfunkelnde Stadt. Der Novemberwind ächzt um das alte Haus, in dem er wohnt; der Himmel ist so in dickes, graues Gewölk gehüllt, daß es fast aussieht, als hätte er seinen ganzen Sternenschmuck von sich geworfen, um ihn drunten der Erde überzudecken – kleine glimmende Funken, die das Dunkel der großen Stadt erhellen. Der einsame Mann hat in diesem Augenblick alles, was ihn von daheim vertrieben hat, vergessen. Er bereut nichts, nichts möchte er anders haben. Aber in ihm schreit die Stimme des Bluts, das Gefühl für den Sohn, den er einst auf seinen Armen getragen, den er seine Hoffnung genannt hat! Weit, weit weg ist all das jetzt – weit – unwirklich – -. Das beste, das in ihm ist, wird dereinst sterben in diesem Sohn, der sein Gegenstück geworden ist. Er weiß, er ist an ihn gefesselt, mag er nun sein oder werden, wie er will – gefesselt durch unsichtbare Bande. Und während er so durchs Fenster schaut, wird der Himmel dunkler und dunkler, und drunten die Stadt lichter und lichter. Neunzehntes Kapitel Stockholm, April 1902. Liebe Tora! Es ist mir dieser Tage etwas recht Seltsames passiert, das ich Dir doch erzählen muß. Die Scheidung zwischen Ake Hjälm und Frau Liese kommt nicht zustande. Daß ich Deine Fragen in bezug hierauf nicht eher beantwortet habe, kommt daher, daß ich mich nicht dazu berechtigt fühlte. Ich war ja selber als Rechtsanwalt dabei beschäftigt. Denke Dir – ich sollte andern zu etwas verhelfen, was ich selber mir nicht verschaffen kann, da ja das schwedische Gesetz zur Scheidung den Willen, die Zustimmung beider Teile verlangt -, grade wie zur Eheschließung. Da waren nun zwei Willen, die auf dem Weg der Uneinigkeit so weit gekommen waren, daß sie sich schon an den Rechtsanwalt gewendet hatten, der sich denn auch beeilte, den Betreffenden ihr Verhalten vorzuschreiben. Ake Hjälm sollte die Osterferien zu einem Ausflug nach Kopenhagen benützen ... da plötzlich schlägt der Wind um, die Sonne leuchtet wieder durch die Wolken – und in einem langen, übrigens recht eigenartigen Brief teilt er mir mit, daß die ganze Geschichte eingestellt sei und daß sie sich inniger als je zusammengefunden hätten ... Jetzt aber kommt das Lustige bei der Sache: während die beiden so zerrissen, aufgewühlt und unglücklich waren, und solange die Entzweiung zwischen ihnen dauerte, hatte sich jedes von ihnen seine Vertrauten angeschafft. Es muß dabei nicht bei einem oder zweien geblieben sein, soviel aus dem Brief hervorgeht. Alle Menschen scheinen eingeweiht in die Sache, und der einzige, der pflichtgemäß Verschwiegenheit bewahrt hat, ist der Rechtsanwalt. Jetzt schreibt mir Hjälm und bittet mich in heller Verzweiflung, die Geschichte doch so weit wie möglich zu verbreiten, das heißt, daß die Scheidung nicht zustande kommt. Vermutlich fühlen sich die guten Freunde, die sich auf einen Skandal gefreut hatten, betrogen, weil sie um einen Gesprächsstoff gekommen sind. Und die Versöhnung überall so geradezu zu annoncieren mag ja wohl auch nicht so besonders erhebend sein. Hjälm hat darum auch über Ostern Urlaub genommen, damit die Enttäuschung Zeit hat, sich während seiner Abwesenheit auszutoben. Vor ein paar Wochen hat er seine Reise nach Kopenhagen angetreten, bloß mit dem Unterschied, daß seine Frau mitging. Ich war selber auf dem Bahnhof und kann bezeugen, daß sie aussahen wie zwei Neuvermählte. Leider lebe ich selber jetzt viel zu einsam, als daß ich Hjälm und seiner Frau den Dienst erweisen könnte, den sie von mir verlangen. Darum sende ich die Neuigkeit nach Florenz, in der Hoffnung, daß sie auf diesem Umweg möglichst bald nach Schweden zurückgelangen möge. Die Welt ist ja, wie man neuerdings entdeckt hat, so klein! Ich möchte doch noch hinzufügen, daß ich den beiden diese Lösung gönne. Weder er noch sie eignet sich für den schweren Weg der Einsamkeit, und je weniger Bande hier in unserer Welt reißen, desto besser. Zerschlagen ist leicht, Ganzmachen ist schwer. Erinnerst Du Dich noch an den alten Björken, von dem wir, Du und ich, in unserem guten Sommer oft redeten? Er ist diesen Winter gestorben, und ich dank' es Dir, daß ich ihn noch gesehen habe vor seinem Tod. Ich habe seither oft an ihn gedacht. Er ist mir wie mein eigner und unserer ganzen zerrissenen Gesellschaft Antipode. Und ich stelle darum die Erinnerung an ihn auch auf einen ganz einsamen Ehrenplatz, wo nichts sie stören kann. Wie wird sich sein schöner Traum weiter entwickeln, nun er selber tot und nicht mehr da ist? Das frag' ich mich oft. Und doch ist es mir so gleichgültig. Der Wert seiner Lebenstat liegt viel höher. Was mich selber betrifft, so hat sich nichts geändert. Ich kann bei allem, was in meinem einstigen Heim geschieht, nichts tun. Weißt du noch die Zeit, als ich glaubte, ich hätte dir ein neues Glück zu danken? Seitdem ist in mir vieles anders geworden; und das schwerste für mich war, daß ich mir schließlich selber sagen mußte, der größte Freundschaftsbeweis, den Du mir gegeben hast, war, daß Du meine Blindheit durchschautest und das, was Du wußtest, doch verschwiegst. Jetzt habe ich gelernt, daß es so war, und es kostet mich jetzt auch nichts mehr, es zuzugeben. Wir beide. Du und ich, wissen ja – in unserer Zeit können Menschen selten einander wirklich geistig helfen; die Freundschaft in all ihren Gestalten und Formen ist – ich möchte sagen ein abgedroschenes Wort geworden, das man mit der Jugend von sich abtut. Es gibt eine Naturkraft, die man in der Sprache der Wissenschaft als vis inertiae, die Kraft der Trägheit, bezeichnet. Es ist das Gesetz, das die Körper daran hindert, in Bewegung zu geraten, wenn nicht eine ganz besondere Kraft sie vorwärts treibt. Es ist das, was man das Gesetz des Stillstandes, der Hemmung nennt. Kein Gesetz, scheint mir, wirkt mit größerer Energie oder – wenn Du so willst – mit mehr Mangel an Energie auf das Verhältnis der Menschen zueinander, als dies. Es verhindert uns, die Gefühle zu zeigen, die wir in Wirklichkeit haben. Es hält uns zurück von guten Gedanken und von guten Taten. Es versenkt unsere Seelen in Ruhe, eine Ruhe, die in Gleichgültigkeit und Härte übergeht. In anderen und in uns selber begegnen wir dieser Lebensmacht; und das Wunderbare bei Dir ist, daß Du nie etwas davon empfunden zu haben scheinst. Dich müde zu machen – das ist dem Leben nicht geglückt. Du hast Dich lebendig erhalten. Darum kannst Du auch anderen geben. Und weil Du nicht gibst wie ein Verschwender, sondern wie ein warmer Mensch, der sich vor der Befleckung durch die Vielen zu bewahren weiß, hast Du es verstanden. Dir Geltung zu verschaffen, ohne daß Du es selber merktest. Daß ich Dir das alles jetzt sage, der ich sonst just nicht von guten Worten überfließe, weder Dir noch anderen gegenüber, das kommt davon, daß ich gerade jetzt so lebendig die große Dankesschuld fühle, von der ich vorhin sprach. Glaub' mir, ich verstehe, was es heißen will, einen Freund in der Irre gehen sehen und dennoch stützen, helfen, beispringen, und – während man das tut, schweigen können über alles, was man selber weiß und sieht! Das verstehen bloß wenige, und noch weniger gibt es, die das durchführen können. Es ist schade drum, Tora, daß alles, was Du für mich getan hast, so geringe Frucht trägt! Der Fehler liegt nicht an Dir, und nicht um des Resultats willen hast Du gehandelt, wie Du es tatest. Das weiß ich wohl. Wir Menschen gehen so nebeneinander hin, die vis inertiae spielt noch nicht einmal immer die schlimmste Rolle. Manchmal kommen Kräfte hinzu, die ganz rege genug sind. Diese Kräfte wachsen in uns oder in einem von den unseren auf, und eines schönen Tages stürzt das Haus, das wir uns erbaut haben, uns über dem Kopf zusammen, und man muß noch froh sein, wenn man mit dem nackten Leben davonkommt! Jeder hat ja eine Zeit, in der er alles fordert vom Leben und von sich selber. Dann kommt eine andere, in der man glücklich ist, wenn man sich selber vergessen und nur noch an andere denken kann. Aber für alles Menschliche gibt es eine äußerste Grenze. Das ist, wenn die Stimmen des Lebens schweigen und verstummen, und das große Schweigen einsetzt. Man nennt das im allgemeinen leere Mystik, und treibt damit – wie mit so vielem anderen – Humbug. Ich habe doch angefangen mich zu fragen: wie kommt es, daß man gerade in unserer Zeit sein Ideal in den begrabenen Religionen des Ostens sucht, ganz wie damals – bei den Dekadenten des alten Griechenlands und Roms? Liegt die Religion selber in Todeszuckungen? Oder hat der Menschengeist die Kost des positiven Wissens zu mager und trocken gefunden und möchte sich jetzt selber erneuen, Kraft gewinnen im Schaffen einer neuen Religion, die den Lebensglauben gibt? Ist's nicht der Glaube, den wir im Innersten suchen? Die Gewißheit des Glaubens? Eins fang' ich an einzusehen, und das ist, daß unsere ganze Gesellschaft anders geworden ist, wenn auch die Formen noch dieselben sind. Die Art und Weise des Denkens ist eine andere geworden, der Glaube ist ein anderer, der Blick der Menschen aufs Leben ist ein neuer. Es nützt nichts, noch länger die Augen zu schließen vor dem, was lebendige Wirklichkeit ist. Schweden ist gar nicht so alt, wie die Leute glauben. Seine Ehre ist alt, ja. Aber ist nicht unsere Kultur relativ jung? Und liegt darin nicht eine Stärke? Früher kam es mir so vor, als stagniere alles, und diese Stagnation war eingetreten in der Stunde, da die Gesellschaft zu denen, die sie einst gefürchtet hatte, also sprach: »Um was streitet ihr eigentlich mit uns? Opfert uns euren Willen und eure Überzeugung! Opfert das, was ihr gewollt und geträumt habt! So werdet ihr Platz übergenug auch für euch finden. Wollt ihr lernen, was das Bestehende erhält, so lernt, daß der Unglaube keine Gefahr für die menschliche Gesellschaft bedeutet. Mangel an Glaube erzeugt Stillstand, und der Mangel an Wille ist verwandt mit dem Glaubensmangel. Kultiviert eure Skepsis, ihr Herren und Damen, die ihr dichtet, philosophiert oder Kunstwerke schafft, und laßt uns Freunde sein!« Auf diesem Weg entstand, so schien es mir, etwas, das aussah wie Versöhnung und Friede. Die Gedanken schienen wie zu Ende gedacht, alle waren einig, und die Luft ringsum war schwer und schwül. Alles stand still, nichts regte sich. Der Dichter war eine Art Gedankenkaleidoskop geworden, in das jeder Beliebige gucken konnte, wenn er bezahlte. Man konnte die Maschine nach Belieben drehen und neue Farbenzusammenstellungen, neue, verblüffende Mosaiken erzeugen. Wer die Maschine mit dem größten Glück oder der größten Kunstfertigkeit drehte, dessen war der Preis. Es war ein unschuldiges Spiel, unschuldig, wie ein Zeitvertreib sein soll. Denn es änderte im wesentlichen nichts. Weder im Herzen der Menschen, noch sonstwo. Der Unglaube herrschte über uns, ein Unglaube, gegen den auch ein Hofprediger nichts einzuwenden gehabt hätte. Wenn aber die Luft sehr schwül ist und es lang genug gewährt hat, ist da nicht das Gewitter nah? Und reinigt nicht das Gewitter die Luft, ob auch der Blitz herniederfährt? Alt und lebenssatt, wie es in den Märchen heißt, sitz' ich jetzt hier. Eben geht irgendwo hinter dem Mälar die Sonne unter, funkelt auf dem Turm der Riddarholmskirche und der Deutschen Kirche, fließt unten vor meinen Fenstern wie Gold im Wasser und verschwindet im nächsten Augenblick; nur ein roter Schimmer, der Sturm für morgen kündet, bleibt zurück. Dann – wenn der Sturm kommt, treibt das Wasser aus den Schären herein, hebt die Eisblöcke, die den Strom hemmen, eilt der Flut von Westen her entgegen; die Wasser steigen hoch empor, und einst zerbricht die kämpfende Frühlingsflut den Winter mit Donnern und Tosen und nicht allzu reinlichem Zusammenrauschen von Wassermassen, die miteinander meerwärts stürzen. Dann ist hier Frühling, ein Frühling, der spät kommt dies Jahr, wie oft bei uns im Norden ... Ich aber weiß, ich gehöre nicht mehr zum Frühling, und eigentlich ist es mehr als ich verdiene, daß ich noch sein Nahen zu fühlen vermag. Ich gehöre zu der großen Schar von Männern, die sich selber verzehrt haben in fruchtloser Verzweiflung. Wie auch mein äußeres Leben sich gestaltet – ich bleibe doch immer der gleiche. Das weiß ich wohl, Tora. Das braucht mir kein anderer zu sagen. Die Verzweiflung hat mich heimatlos umhergetrieben und mich gezeichnet. Was ich jetzt sehe, das sah ich schon vor zwanzig Jahren, und vermochte doch nie in Willen umzusetzen, was mein Gedanke sah. Komm heim zu mir, komm bald, und dann sage mir, ob Du glaubst, ich täusche mich. Dein italienischer Junge soll mir willkommen sein. Ich werde nach Kräften versuchen, ihn als guter alter Onkel zu verziehen. Und jedenfalls wünsche ich Dir, daß Du mit Deinem Jungen mehr Glück hast, als ich mit dem meinen. Dein alter Oskar Steinert. P. S. Beim Durchlesen des Briefes finde ich, daß ich ganz vergessen habe. Dir zu sagen, daß ich jetzt in der Südstadt wohne. Ich wollte gern möglichst weit fort sein und keine Bekannten mehr sehen. Und seit ich hier bin, habe ich gemerkt, daß ich auch noch aus anderen Gründen mich hier wohl fühle. Fast alle Menschen, denen ich begegne, sind Arbeitsmenschen, keine, die ausgehen, um ihre Kleider zu zeigen. Es tut mir wohl, sie um mich zu sehen, und wäre ich nicht so nahe der Grenze, von der ich vorhin sprach, so könnten am Ende die alten schriftstellerischen Träume aufs neue erwachen, trotzdem ich Jurist bin. Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, Rechtsanwalt zu werden? Das ist für mich ein Rätsel – – wie schließlich überhaupt alles. D.O. Zwanzigstes Kapitel Ein regnerischer Maitag neigte sich mit klarem Sonnenuntergang zu Ende. Oskar Steinert wanderte langsam am Wasser entlang. Die Luft war durchsichtig klar und rein nach dem langen Regen, dazu weich und mild: der Frühling hatte endlich die lange Kälte überwunden. Sachte plätscherten die Wellen gegen den Kai, und schweigend breitete sich die lichte Dämmerung über das Gewirr von Takel und Tau, von schwarzen Dampferschornsteinen mit ihren weißen und roten Gürteln, von hohen Häusern, die aneinandergedrängt standen, und Lichtern, die matt gegen das Frühlingsdämmer leuchteten. Am Himmel, zwischen zwei Wolken, die auseinandergeglitten waren, glänzte der blasse Maimond und spiegelte sich in der Flut. Steinert ging still seiner Wege, vorüber an allem, was ihm so heimisch und wohlvertraut war. Er ging, wie man in Gedanken dahingeht, halb sich bewußt, daß das, was man um sich her fühlt, schön ist, und doch ohne sich aufzuhalten, um zu genießen und zu sehen. Durch Gruppen von Spaziergängern, die das Frühlingswetter herausgelockt hatte, schritt er dahin und näherte sich einsam und unbemerkt der Nordbrücke. Dort stand er still und blickte über die Wassermassen hin, die unter den Brückenbogen wegströmten. In gelbbraunen Wogen stürzte die Frühlingsflut einher; vor ihm, am Himmel, lichteten sich die Regenwolken. Oskar Steinert hatte just an diesem Abend in ganz ungewohnter und auffallender Weise empfunden, wie die Einsamkeit auf ihm lastete. Er, der seit langem die Einsamkeit als seine Rettung pries, begann mit einemmal sie als Bürde zu empfinden. Und um dieser Einsamkeit zu entfliehen war er ausgegangen und wanderte die altbekannten Wege. Er hatte ein Bedürfnis nach Menschen; und die Frühlingsluft wärmte so mild und schön. Unentschlossen wanderte er von Platz zu Platz, Straße auf, Straße ab, stand manchmal still, wie um zu überlegen, und wanderte doch immer weiter, als wage er es nicht, irgendwo einzutreten. Aus den Restaurants schimmerten die Lichter durch offene und geschlossene Fenster, aus den offenen Cafés schrillte die Musik und lockte Scharen von Lauschern unter die halbbelaubten Bäume, durch die ein Netzwerk zitternder Schatten und wechselnden Lichtes fiel. Und überall ging er vorüber. Nirgends wagte er sich hinein. Es war, als höre er überall Stimmen von früher, Stimmen, die er wiedererkannte, denen er einst gelauscht hatte. Und die Stimmen trieben ihn fort von den alten Plätzen, schreckten ihn mit ihrem Echo von Jugend und Freundschaft. Er wußte, wo er auch hinging, er würde sie hören. Und dennoch wanderte er von Café zu Café, blieb eine Weile unter der Tür stehen und spähte nach einem bekannten Gesicht, das ihm vertraut entgegenlächeln sollte – und nirgends fand er, was er suchte; nichts als fremde Blicke, die ihn anstarrten, gleichgültig – voller Verwunderung. Lang ging er so, und als er endlich umkehrte, um auf demselben Weg, den er gekommen war, wieder zu seiner einsamen Behausung zurückzukehren, sah er todmüde aus. Dennoch ruhte er nicht, bis er die offenen Plätze hinter sich hatte und wieder fühlte, wie die enge Straße, in der er sein Heim aufgeschlagen hatte, sich um ihn schloß. Müde und resigniert stieg er die Treppe hinauf und trat in sein Zimmer. Als er die Tür hinter sich zugemacht und die Lampe angezündet hatte, atmete er tief auf – ein Atemzug der Erleichterung. Jetzt war er wenigstens wieder ruhig zwischen seinen vier Wänden -, nichts mehr, das sein Sehnen weckte. Er kannte sich selber – seine Stimmungen, er wußte im voraus, wonach er sich zu richten hatte, wie er mit sich selber dran war. Heute abend war ihm schlimmer als je zumute. Der Frühling quälte ihn. Als ob alle Irrtümer, die er in seinem langen, unglücklichen Leben begangen, ihn aufsuchten – nicht als Feinde, sondern wie Freunde, die er nur verkannt hatte. Als wäre er umgeben von unsichtbaren Geschöpfen, die, seiner eigenen Natur entsprungen, ihn mit freundlichen, wehmütigen Augen, in denen etwas von einer guten Ironie schimmerte, betrachteten. Diese Ironie war frei von jeder Schärfe. Sie zerbrach ihn, ohne ihm weh zu tun. In ihrem Licht sah er plötzlich sein ganzes Leben, und ihm schien, als wäre all sein Streben, soweit er zurückdenken konnte, nur auf das eine gestellt gewesen: sich selber zugrunde zu richten. Er schenkte diesem Gedanken weiter keine Aufmerksamkeit; aber er glaubte doch zu fühlen, wie sich in diesem Augenblick ein Druck über sein Gehirn legte. Er erinnerte sich, daß er dies Gefühl schon früher hie und da gehabt hatte. »Ich mache mir zu wenig Bewegung«, dachte er. »Morgen geh' ich ganz früh weg und mache einen Spaziergang nach dem Tiergarten.« Seine Gedanken schweiften zurück zu seinem Vater, der so viel für ihn gewesen, zur Mutter, die ihm eine Fremde war. Er sah ein Landhaus mit hohen Bäumen, einen Bach, der sacht am Garten vorüberglitt. Von dort war er einst ausgezogen und war nie wieder zurückgekehrt. Der Weg, den er durchwandert hatte, schien ihm plötzlich so kurz und doch auch wieder lang. Er dachte an seine Frau, sah sie wie in einem Traum, zärtlich, glücklich, an seinem Arm irgendwo durch eine lichte Sommerlandschaft wandeln, wo Birken standen; dann sah er die Kinder, wie sie ganz klein waren, sah ihre Gesichter auf weißen Kissen ruhen, schlafend, mit halboffenen Mäulchen und rosigen Bäckchen. Eine ganze Reihe von Freunden umgab ihn, Männer und Frauen durcheinander; sie verschwanden wie in einem Nebel, machten andern Platz, und mit einer seltsam quälenden Beklemmung fühlte er ganz in seiner Nähe Tora Ljung; er wollte sie sehen und konnte nicht; ihm war, als müsse er durchaus etwas sagen, er rang mit aller Macht nach Worten und fand doch keine. Die Lampe war längst erloschen; in dem Zimmer mit der niedern Decke und den Büchern, die alle vier Wände bekleideten, herrschte Dunkel. Bloß unter der zu kurzen Gardine durch fiel ein Streifen des Frühlingsmondscheins über den Teppich. Oskar Steinert schlief; und noch im Schlaf arbeiteten seine Gedanken. Einundzwanzigstes Kapitel Am nächsten Morgen fand die Aufwartefrau den Rechtsanwalt tot in seinem Bett; und schon am selben Tag brachten die Abendzeitungen die Neuigkeit. Als Todesursache war Gehirnschlag angegeben; viel war auch weiter nicht hinzuzufügen. Oskar Steinert war in den letzten Jahren mehr und mehr ein Vergessener geworden, im öffentlichen Leben hatte er ja auch keine Rolle gespielt. Am folgenden Tag wurde seine Leiche in die Wohnung am Narvaweg verbracht. In dem Zimmer, das seit Herbst leer und abgeschlossen gestanden hatte, ward der Sarg aufgebahrt, mit Blumen und grünen Zweigen; die Wände waren schwarz ausgeschlagen, die Fenster verhängt. Und Oskar Steinert lag da gerade so, wie sie ihn alle im Gedächtnis hatten. Alle Züge waren gemildert, geglättet, bloß über den Lippen zeigte sich etwas, das einem erstarrten Lächeln glich. Über dies Lächeln redeten auch die wenigen, die ihn sahen, die sich der alten Freundschaft erinnert hatten und gekommen waren, den Toten, den sie im Leben längst vergessen gehabt, zu sehen. Auch Ake Hjälm stattete dem Trauerhaus mit seiner Frau einen Besuch ab. Als sie weggingen, sagte Frau Liese: »Wie glaubst du, daß das nun in Wirklichkeit alles war?« Sie meinte die Ehe, die Trennung, an die sich alle schon nach und nach gewöhnt hatten, die aber jetzt aufs neue hervorgezogen, erklärt und besprochen wurde. Aber Frau Liese meinte auch noch mehr. Sie dachte an dies ganze zersplitterte Leben, das mit einemmal allen so rätselhaft erschien. »Ja«, erwiderte gedankenvoll der Oberlehrer. »Ich habe schon lang' das Gefühl, als hätten wir ihm ganz ohne Grund weh getan. Die Menschen urteilen so kalt und hart. Und dann – eines Tages – stehen wir plötzlich da und merken, daß wir unrecht gehabt haben.« Daß just sie beide dereinst zu denen gehört hatten, die Oskar Steinert am härtesten verurteilt, sein Tun, seinen ganzen Charakter am schärfsten verdammt hatten, daran dachten die Ehegatten nicht mehr. Still, von ganz neuen Empfindungen erfüllt, verließen sie das Totenbett und überließen es andern, zu deuten, was das erstarrte Lächeln um die Lippen des toten Mannes zu erzählen haben konnte. Und so wie ihnen erging es allen. In den paar Tagen, die auf den Todesfall folgten, ward Oskar Steinerts Name überall genannt, und überall gleichsam unter einer ganz veränderten – zu seinen Gunsten veränderten Anschauung. An einem schönen Maitag – die Vögel sangen in allen Anlagen der Stadt – war die Beerdigung. Der Sarg war ganz begraben unter Blumen; langsam bewegte sich der Zug den Karlaweg entlang, durch die neuen Stadtviertel, und bog dann gegen Norden ab. Erst in der Norrtullstraße begannen die Wagen schneller zu fahren. Es war kein langer Zug, bloß wenige Wagen. Aber als man an der Kapelle angelangt war, in der die Einsegnung stattfinden sollte, wimmelte es plötzlich von Menschen, die zur Seite wichen, um den Wagen Platz zu machen. In einer Art bestürzter Verwirrung stieg Frau Ellen aus und schritt am Arm des Pastors langsam in die Kapelle. Drinnen war es voll von Leuten; viele von den Gesichtern, die sie sah, waren Frau Ellen ganz unbekannt. »Hat er so viele Freunde gehabt?« dachte sie verwundert, und als sie merkte, wie sich aller Blicke auf sie richteten, glaubte sie zu verstehen ... Dies war ein Begräbnis, das alle, die irgend welchen Anlaß hatten, sich einzufinden, sehen wollten. Ein Mann hatte seine Familie verlassen und war einsam, in einer armseligen Junggesellenwohnung gestorben, und zwar ein Mann, der nicht zu den am niedrigsten Eingeschätzten Stockholms gehörte. Die Frau war einmal in einer Nervenheilanstalt gewesen, und eine Freundin hatte währenddessen seinem Haus vorgestanden und in seiner Familie gelebt. Alles, längst Vergessenes, ward aufs neue zum Leben erweckt. Es sprach aus Augen und Mienen, klang in leisem Geflüster um das Trauergefolge her, während dieses still dahinschritt, weckte überall Fragen, Erinnerungen ... Stumm und starr nahm Frau Ellen ihren Platz im Chor ein, an der einen Seite den Sohn, an der andern die Tochter, zum erstenmal durchdrungen von dem neuen Gefühl, daß sie für alle, vor allen, die sie hier umgaben, die Witwe eines Toten war; und einen kurzen Augenblick lang ging es sogar ihr auf, daß der Tote jetzt zum erstenmal die Lebenden besiegt hatte. Der Pastor redet am Sarg, sagt das Wenige über den Verstorbenen, was er weiß, redet von anerkannter Arbeit im Dienst der Gesellschaft, von einem Mann, der reich war an Freunden, den keinerlei ihn gekannt, je würde vergessen können. Leer, ausdruckslos, alltäglich klingen die Worte, die gar nicht hierher zu passen scheinen, und das rechte Wort, das, worauf alle warten, bleibt unausgesprochen. Still drängt sich die Schar hinter dem Sarg her, der jetzt zu Grabe getragen wird. Etwas wie erwartungsvolle Unruhe liegt über der Menge, als glaubte man, es müsse irgend etwas geschehen. Keiner denkt an die feierlichen Worte, die der Pastor eben geredet hat, es ist, als hätte niemand sie vernommen; aller Augen starren nach der Stelle, wo jetzt der Sarg in die Tiefe gesunken ist, und vor den Augen derer, die den Toten gekannt haben, erhebt sich ein ganz neues Bild, ein neuer Oskar Steinert, den alle längere oder kürzere Zeit hindurch vor Augen gehabt und doch bis zu diesem Tag nicht gesehen haben. Eine kleine Weile später zerstreut sich der Haufe und kehrt auf verschiedenen Wegen nach der Stadt zurück. Ein neues Urteil nehmen sie mit sich über den Toten, den sie bald alle vergessen haben werden. Tora Ljung empfing die Nachricht von Steinerts Tod durch eine Morgenzeitung, die sie im Nachtschnellzug in der Nähe von Stockholm kaufte. Es war eine kurze Notiz über die Beerdigung, die Todesanzeige selbst war gar nicht zu ihr gelangt. Mit der Zeitung offen im Schoß saß sie stumm in ihrer Ecke; sie sah nicht die Birkenhügel, die Wälder und Seen, nach denen sie sich so sehr gesehnt hatte, an sich vorübereilen. Auf dem Sitz neben ihr schlief schwarzlockig, dunkel, der kleine Knabe, dem sie Mutter sein wollte. Sie saß wie betäubt da und vermochte die Eindrücke, die vor diesem plötzlichen Leid über sie hereinstürzten, nicht zu fassen. Träne um Träne glitt aus ihren Augen und tropfte in ihren Schoß – – sie merkte es nicht. Als sie endlich wieder aufblicken konnte, verdichtete sich schon der Dampf der Lokomotive unter der Eisenbahnbrücke, das Wasser mit Masten und Dampfern blitzte vorüber, Häuserreihen drängten sich zu beiden Seiten des vorüberhastenden Zuges, sie war mitten in Stockholm. Die ersten Tage wagte sie sich kaum hinaus. Es war, als fürchte sie sich vor der Leere, scheue sich, ihr zu begegnen .. Als sie dann wieder unter Menschen ging, stieß sie überall auf den Umschlag in der Stimmung, der zugunsten ihres verstorbenen Freundes stattgefunden hatte. In derselben Gesellschaft, in der sie an jenem, wie ihr schien, unvergeßlichen Abend gewesen war, war sie auch in diesem Mai wieder einmal. Es war der Kreis Professor Grapes, der auch jetzt wieder in dem traulichen Wohnzimmer unter Herbert Spencers Bild über dem Sofa versammelt war. Gedämpft und mild klang heute das Gespräch; jeder einzelne wußte irgend etwas aus Oskar Steinerts Jugend und früherem Leben zu erzählen, jeder einzelne hatte ein paar gute Worte für ihn. Das Urteil, das einst so hastig gefällt worden war, war vergessen; und Tora Ljung dachte: »Wie leicht verzeihen doch die Menschen sich selbst!« Und sie, die so viel zu sagen gehabt hätte über den Lebenden, fand kein Wort mehr über den Toten. Sie war froh, als das Gespräch auf andere Dinge überging, an denen gerade heute kein Mangel war. Die Gesellschaft begann über die Ereignisse der letztverflossenen Maitage zu reden; die soziale Frage kam aufs Tapet. Die Polizei hatte einen Zusammenstoß zwischen dem Demonstrationszug der Arbeiter und der öffentlichen Ordnung provoziert, man erwartete eine endlose Reihe von Verhandlungen, ein allgemeiner Streik war erklärt, ganz Stockholm war im Fieber und wartete mit aufgeregter Unruhe auf die Kraftäußerungen der unterirdischen Mächte der Gesellschaft, von denen man einer Eruption gewärtig war. Scharfe Urteile fielen über die Obrigkeit im allgemeinen und über die ganze Entwicklung der letzten zehn Jahre; die Empörung war ehrlich und aufrichtig, die Spannung, mit der man den Tagen der Unruhe entgegensah, stark. Am ersten Abend des Streiks wanderte Tora Ljung einsam die Sturestraße entlang; sie dachte eben daran, wie verändert das Aussehen der Straße heute war. Leer, ohne das gewohnte Publikum, das sie sonst füllte, lag die breite Straße in der Maisonne da; schweigend zogen die Arbeiterhaufen vorüber. Alles ist ihr so neu, weil sie so lang fort gewesen ist; und weil sie die Einzelheiten, die vorausgegangen sind, nicht kennt, wird ihr alles zu etwas Unverständlichem, etwas Erschreckendem, Gespenstischem und Unheimlichem, als wäre eine allgemeine, große Umwälzung nahe. Am Stureplan begegnet sie einem Herrn, den sie zu kennen glaubt, an dessen Namen sie sich aber im Moment nicht erinnern kann. Er kommt auf sie zu und grüßt – zögernd, scheu. »Kennen Sie mich nicht mehr?« sagt er fragend. »Olof Björk.« Toras Gesicht erhellt sich. Freundlich reicht sie ihm die Hand. Sie erinnert sich des Gesprächs über Oskar Steinert, der Sympathie des jungen Mannes für den Toten, all seiner warmen Worte. Ihr wird ganz warm und froh ums Herz beim Anblick des jungen Dichters; und aufs neue erwacht die Erinnerung an den Verstorbenen und verdrängt alles andere, was um sie her geschieht. Der Dichter versteht sie. Ohne zu sprechen geht er langsam neben ihr her und biegt, um den vielen Menschen auszuweichen, in eine der Querstraßen ein, die nach Brunkeberg führen. Dann wendet er sich ihr plötzlich zu, deutet, ganz erfüllt von den Gedanken, die ihn beherrschen, auf die sonntäglich gekleideten Arbeiterhaufen, die still vorüberziehen, und sagt: »Ob es – außer dem schwedischen Reichstag – in der ganzen Welt einen einzigen Menschen gibt, der nicht weiß, was das bedeutet?« Dann wendet er sich wieder zu Tora und sagt, halb scheu: »Verzeihen Sie, daß ich davon spreche. Ich weiß ja, Sie haben Trauer, auch wenn man es Ihrer Kleidung nicht ansieht.« Tora sieht dankbar zu ihm auf. »Wollen Sie mir nicht erzählen, was Sie wissen«, sagt sie. »Ich weiß gar nichts«, erwidert der Dichter. »Ich hab' ihn nicht einmal gekannt. Und das Sonderbare ist – unter allen, die ich habe von ihm sprechen hören, ist nicht einer, der etwas weiß.« Sie sind jetzt am Johanneskirchhof; ohne daß eins von ihnen den Vorschlag gemacht hätte, setzen sie sich beide auf eine Bank, über ihnen recken die Bäume ihre neubelaubten Zweige aus; rundum an den Sandhaufen spielen die Kinder. Und hier redeten sie lang von Oskar Steinert, redeten von ihm, wie Menschen reden, die die Erinnerung an einen kürzlich Verstorbenen zusammenführt; still, langsam fielen die Worte zwischen ihnen, in leisem, gedämpftem Ton, als fürchteten sie sich vor dem Gehörtwerden. Tora vergaß, daß sie zu einem Fremden sprach; sie fing an, von dem Freund zu erzählen, wie sie ihn kennen gelernt hatte, wie er war. Alles, was ihr nur einfiel, erzählte sie; und die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl, als spräche sie zu des Toten Ehre und Andenken, als kenne keiner ihn so, wie sie. Zuletzt erzählte sie auch von seinen Kindern, seiner Einsamkeit, ihrem letzten Brief und der Antwort, die sie darauf erhalten hatte. Die Worte kamen ihr so leicht und einfach, als wäre sie allein mit sich selber. Und das bewegliche Gesicht des jungen Mannes ward gedankenvoll und sinnend, während er ihr zuhörte. »Jetzt sagen sie alle, man habe ihm unrecht getan«, sagte er schließlich. »Was heißt das – einem Menschen unrecht tun?« Tora Ljung sah vor sich nieder. Seine Worte stimmten sie noch wehmütiger. »Schade, daß er es nicht mehr hört!« sagte sie. »Keiner weiß so gut wie ich, wie nötig er es hatte!« Der Dichter zuckte die Achseln. »So was sagt sich eben nicht leicht.« »Nein,« erwiderte bitter Tora; »wir Menschen sind so weit auseinandergekommen.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Es war ein Geheimnis um Oskar Steinert. Wollen Sie es wissen?« Der junge Mann sah sie fragend an. »Ja,« fuhr Tora Ljung fort, »er forderte selbst das falsche Urteil der andern heraus, und wußte das auch.« Damit erhob sie sich, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich habe Pflichten, die auf mich warten, und muß gehen. Schauen Sie einmal zu mir herauf, wenn Sie Lust haben.« Der Dichter verabschiedete sich und wanderte dann allein durch den breiten Gang unter den Bäumen des Friedhofs. Er dachte an das Schicksal des Toten, an sein eignes, das kaum begonnen hatte. Er dachte an Tora Ljung, die eben von ihm gegangen war, und fragte sich: »Was tut sie jetzt? Was ist ihr Leben und sein Gewinn?« Und: »Ein einsames Weib mit einem fremden Kind«, antwortete er sich selber in jugendlicher Ironie. In seine Gedanken vertieft war er wieder auf belebtere Straßen gelangt. Seine hohe Gestalt richtete sich auf, die Augen in dem Gesicht mit den beweglichen Muskeln flammten. Er fand die Gedanken, die durch seine Begegnung mit Tora unterbrochen worden waren, wieder. Sinnend ging er weiter, überall, wohin er kam, waren Menschen, und doch war es überall so still. Die Straßenbahnen klingelten nicht. Die Droschken rasselten nicht. Kein Arbeitsgeräusch störte die seltsame Stille. Wohin er blickte, sah er Menschen, die sich vorwärts bewegten, gruppenweise oder zu zwei und zwei. Eine seltsame, hellwache Stimmung übermannte ihn, während er langsam, grübelnd weiter wanderte. Mit jedem Schritt war ihm, als fühlte er enger die Gedanken all dieser Männer mit, deren stummen Aufruhr er teilte, nur noch tausendfach verstärkt, mehr zusammengesetzt, umfassender, wie er glaubte. Das war kein Gedicht – das war lebende Wirklichkeit! Des Arbeiters Kampftag war es, was er heute sah, der Tag, an dem Mann für Mann aus seinem Hause ging, um seinen stummen Ingrimm in Taten zu weisen, um sein Nein zu sagen, daß alle es hörten, auch ohne Worte, um sich zu erheben gegen alles, was auf seiner Klasse lastet, den Widerstand der Gewaltigen, das Eifern der Frommen, den Druck der Reichen, die Lauheit der Ungläubigen ... Weiter ging der Dichter auf seinem Weg. Langsam folgte er dem Strom, die Drottningstraße entlang, über die Nordbrücke, über die Schiffsbrücke, weiter zur Schleuse. Dort blieb er müde stehen und sah sich nach einer Droschke um. Nein! Es ist ja wahr! Heut' ist keine Droschke zu haben! Keiner tat dem andern einen Dienst. Keiner schaffte dem Hungrigen Essen, dem Müden Ruhe. Das Geld war wertlos heute. Wie ein stummer, unblutiger Aufruhr wirkte es. Still, beherrscht, um nicht mit Ordnung und Sitte in Konflikt zu geraten, wanderten die Scharen auf den Trottoirs hin und wieder. Ernste, verschlossene Gesichter mit zusammengepreßten Lippen und scharfen Augen, wohin man sah. Arbeiter im Feiertagskleid, Arbeiter, die von Stockholm Besitz ergriffen, sich die ganze Stadt aneigneten, sie veränderten, umwandelten wie im Handumdrehen, durch einen einzigen, einfachen Entschluß, an dem alle teilhatten, für den jeder persönlich die Verantwortung übernahm. Der Dichter schlägt den Weg zur Wasabrücke ein. Es sieht aus, als hätten die Arbeiter allen Ernstes die Menschen verjagt, die sonst die Verkehrsstraßen beleben, überall dieselben stillen, drohenden Scharen, die an diesem schönen Maiabend durch den Schein der sinkenden Sonne dahinwandern. Und wie er so weiter geht, wird alles, was er sieht, ihm zu Schatten, zu menschlichen Schatten, die durch die Straßen huschen, während die Tore der großen Steinhäuser fest geschlossen bleiben hinter denen, die sich nicht herauswagen. Und einsam schreitet er durch die Schatten, bei jedem Schritt getroffen von mörderischen Augen ... Und der junge Dichter begreift plötzlich, was ein anderer alter Fortschrittler an einem andern Maitag vor Jahren schon begriffen hatte: daß er hier in Berührung kommt mit einem Willen, der der Eins gewordene Wille Aller ist. Und dies Bewußtsein treibt ihm die Schamröte ins Gesicht. Diese Menschen stehen nicht abgesondert voneinander, die sind nicht vom Lebenskampf zersplittert zu einer Masse von Individuen, die alle ihre eignen Wege gehen. Die sind eine Einheit, wie die obere Klasse sie krampfhaft sucht und doch nie finden kann, solang' die Brücke, die über die Kluft zwischen Hoch und Niedrig führt, nicht geschlagen – nicht tragfähig, fest und stark ist. Dunkel, drohend, selbstbewußt fühlt er diesen Willen rings um sich her; und doch ist in allem, was er empfindet, etwas, das seinen eigenen Willen stählt. Seine Auffassung dessen, was er sieht, ist sehr verschieden von der des älteren Fortschrittlers, schon darum, weil er jung ist. Alles, was er sieht, erfüllt ihn mit einem feierlichen Empfinden wie vor einer Aufgabe, die, daran zweifelt er keinen Augenblick – seine Generation lösen wird. Und dieser Glaube macht ihm das Dasein reich. Er ist kein Demokrat, der junge Mann. Vom Herrscherwillen träumt er, der aus dem Kampf der Massen ums Recht emporwachsen soll ... Freimütig erwidert er alle Blicke, diese Blicke, aus denen der Klassenhaß glüht, freimütig – denn er versteht diese Menschen besser, so deucht ihm, als die andern seiner Klasse, freimütig, wie die Jugend der Zukunft entgegenblickt, wie sie beide zusammengehören. Ruhig, gedankenvoll wandert er immer weiter durch die Scharen von Arbeitermännern und -frauen, die auf leeren Straßen an verschlossenen Toren vorüberziehen, von deren Schlitten das Pflaster wiederhallt. Er sieht sich um, und wieder fällt sein Blick auf all diese Tore, die heute abend so wohl verschlossen sind hinter vollen Börsen und leeren Herzen, hinter wachem Entsetzen und schlummernden Gewissen. Und plötzlich packt ihn das Verlangen nach Einsamkeit. Er will fort – fort von all den Menschen, deren scharfe Augen ihn wider Willen zu beunruhigen beginnen, fort von all den stummen Vorwürfen, deren Last ihn um so schwerer drückt, je mehr er zu verstehen glaubt ... Aber es ist seltsam: er kann sich nicht losreißen von diesen Menschen, deren Tritte in seinen Ohren wiederhallen. Ohne es zu wollen, geht er mit der Menge, die um ihn wogt. Wie verzaubert geht er durch die Gassen, in denen die stillen Menschen an ihm vorübergleiten. Wie in einem nie versiegenden Strom von Menschen wandert er dahin, immer langsamer und stiller werden seine Schritte, als fürchte er, die Stille der andern zu stören. Die schweigende Menge ringsum, die vielen Augen, die ihn ansehen, alles wird dem jungen Dichter auf einmal so unheimlich. In seinen Ohren ist ein Rauschen wie vom Flügelschlag vieler Vögel, die erschreckt im Unwetter umherflattern und doch nicht gegen den Sturm ankönnen, der ihnen übermächtig zu werden droht. Und während er so ruhelos weiter geht, sinkt die Dämmerung; als sei er durch sie ruhiger geworden, blitzt auf einmal ein Gedanke in ihm auf. Ein scharfer, klarer Gedanke, der aus dem Dunkel aufstrahlt und das, was er zuvor sah und fühlte, verbindet mit dem, was er jetzt sieht, und so Klarheit in ihm schafft. Er sieht den Geist der Sonderung, der in ein System gebrachten Sonderung in Staat, Gesellschaft, in Leben und Wirken, der Sonderung, die der Fluch unserer Zeit ist, den Geist der Sonderung, der über Menschenschicksale wegschreitet, der Recht und Unrecht auf den Kopf stellt, der die Besten isoliert und den Schlimmsten vorwärts hilft. Und hinter diesem Chaos erblickt er seinen eigenen lichten Traum: Schweden – das neue, das erwartete – Und plötzlich weitet sich vor ihm der Raum. Er ist auf seiner Wanderung ans Wasser gelangt, das tief und bewegt unter ihm hinströmt. Von der Südstadt blinken die Lichter herüber, die Wolken am Himmel färben sich purpurn in der Sonne, die fern im Westen, dort, wo sein Auge nicht mehr hindringt, versunken ist.   Ende