Samuel Smiles Selbsthilfe »Zuerst dies eine: sei dir selber treu! So muß drauf folgen, wie auf Nacht der Tag, Daß du nicht falsch kannst gegen andere sein!« Shakespeare. »Wenn ich einem jungen Manne einen Rat zu geben hätte, so würde ich zu ihm sagen: Suchen Sie sich unter den Büchern, wie unter den Menschen solche Gefährten, die über Ihnen stehen; denn diese sind in jedem Fall die nützlichste Gesellschaft! Lernen Sie würdige Gegenstände bewundern! Sie werden davon einen großen Genuß haben! Beachten Sie, daß große Männer nur Großes bewundern, wogegen kleine Geister Niedriges schätzen und Gemeines verehren.« W. M. Thackeray Vorbemerkung Es ist verwunderlich, daß über das Leben eines Mannes, der durch seine Werke einen so bedeutenden Einfluß auf seine Zeitgenossen gewann und der, wie wir aus seinen Schriften schließen können, seinem Wesen und Charakter nach selbst kein unbedeutender Mann sein kann, so wenig bekannt ist. So viel steht fest, daß seine moralphilosophischen Schriften, und diese haben wir hier zunächst ins Auge zu fassen, aus einem warmen, überzeugungstreuen Herzen hervorgegangen und von einem reichen, edlen Geiste durchleuchtet sind. Samuel Smiles , 1816 zu Haddington in Schottland geboren, war von Hause aus Wundarzt, als welcher er längere Zeit in Leeds thätig war. Dann übernahm er die Redaktion der »Leeds Times,« scheint diese Stelle aber nur kurze Zeit innegehabt zu haben, denn wir finden ihn bald darauf als Sekretär bei verschiedenen Eisenbahngesellschaften, zuletzt bei der South-Eastern-Railway in London. Schon in diese Zeit fällt der Beginn seiner Thätigkeit als Schriftsteller, denn seine »Physikal-Education, oder die Natur der Kinder« erschien 1837; Smiles schrieb dieses Buch, dessen Titel auf seinen ärztlichen Beruf hinzudeuten scheint, also im Alter von 21 Jahren, und dieser Umstand in Verbindung mit den kurzen Andeutungen, die mir zu geben imstande waren, will es uns wahrscheinlich machen, daß auch Smiles zu denen zählt, denen der Kampf ums Leben nicht leicht wurde und der sich mühsam durchringen mußte. Einer gewaltigen Überanstrengung auch wird es zuzuschreiben sein, daß er krank wurde und fünf Jahre gelähmt war. Aber wunderbar! er gewann seine volle Gesundheit wieder, und nun erst scheint seine eigentliche schriftstellerische Thätigkeit begonnen zu haben, denn seine »Selbsthilfe« war die erste einer Reihe moralphilosophischer Schriften, die, man darf es wohl sagen, seinen Namen in ganz Europa bekannt gemacht haben. Für »Selbsthilfe« konnte er keinen Verleger finden und mußte sich entschließen, das Buch auf eigene Kosten drucken zu lassen. Das Schicksal der Bücher, welche ein Verfasser auf eigene Kosten drucken läßt, ist, seltene Ausnahmen abgerechnet, sehr bald erzählt: sie werden gedruckt und sind dann vergessen. Mit der Smilesschen »Selbsthilfe« aber war es anders und nie vielleicht haben sich die Wahrheiten, die ein Buch enthält und in einem Titel-Schlagwort zum Ausdruck bringt, in einer Weise an ihm selbst bethätigt wie dieses. Die Mittel und Wege, welche der Verfasser ergreifen und einschlagen mußte, um seinem Buche Eingang zu verschaffen, wollen wir hier unberührt lassen, daß es aber anfangs nur in vereinzelten Exemplaren Absatz fand, wird schwerlich von jemand bezweifelt werden; aber Buch und Verfasser bahnten sich ihren Weg, der Absatz steigerte sich und – – bis Weihnachten 1886 waren davon 160,000 Exemplare verbreitet und Übersetzungen in folgenden Sprachen vorhanden: deutsch, französisch, dänisch, norwegisch, schwedisch, spanisch, russisch, türkisch, böhmisch, japanisch und in zwei indischen Dialekten. In Zwischenräumen folgten nun Charakter, – Pflicht, – das Leben der Ingenieure, 5 Bände, – die Hugenotten, – Industrielle Biographie, – Leben und Arbeit, – das Leben von Thomas Edward, – das Leben von Robert Dick – Männer der Erfindung.– Welche Aufgabe sich nun aber auch der Verfasser gestellt hatte, wer immer der Held eines seiner Bücher sein mochte, die Tendenz derselben ist immer die gleiche: zu zeigen, was Willensstärke und Ausdauer vermögen (eine Bestätigung von Goethes Wort: des Menschen Wille ist sein Himmelreich), zu warnen vor Schwäche, Feigheit und Kleinmütigkeit. Er macht uns in allen seinen Büchern, mögen es Menschen oder Dinge sein, die er in ihnen behandelt, mit wahrhaft großen und edlen Naturen bekannt, die sich siegreich in allen Stürmen behaupteten und ihren inneren Menschen dabei unbefleckt und rein bewahrt haben, die an Hamerlings schönes Wort erinnern: »Wer thut, was er soll, ist groß wie die Größten.« Überall tritt uns klar und unzweideutig der Grundsatz entgegen: »Der Mensch ist seines Schicksals Schmied.« Was im allgemeinen »Glück« genannt wird, giebt es bei Smiles nicht. Wer vom Glück anderer und von eigenem Mißerfolg redet, ist ein schwacher Mensch. Die großen Erfolge im Leben werden durch einfache Mittel und durch Übung gewöhnlicher Eigenschaften erreicht. Gerade im Alltagsleben werden die Erfahrungen bester Art gesammelt, und nur die breitgetretenen Pfade bieten dem Manne von Kopf und Herz den weitesten Spielraum, in vernünftigem Streben sich Raum zu erkämpfen. Es ist unmöglich, eine Charakteristik Smiles' und seiner Werke in wenig Worten zusammenzufassen, er zählt zu jenen seltenen Menschen, welche das Ganze unserer sittlichen Aufgaben erfassen und als Lehrer für Tugend und alles Schöne und Edle zu begeistern vermögen. Vorwort zur ersten Ausgabe Die Entstehung dieses Buches soll hier in der Kürze erzählt werden. Vor etwa fünfzehn Jahren wurde der Autor aufgefordert, eine Vorlesung zu halten – und zwar für die Mitglieder einer »Abendschule,« die in einer der nördlichen Städte zum Zweck gegenseitiger wissenschaftlicher Förderung unter folgenden Umständen gegründet worden war: Zwei oder drei junge Leute aus den untersten Ständen faßten den Entschluß, an den Winterabenden zusammenzukommen, um sich durch Austausch ihrer Kenntnisse und Ansichten gegenseitig zu bilden. Ihre ersten Zusammenkünfte hielten sie in der Wohnstube eines Häuschens, in welchem eins der Mitglieder sein Heim hatte; da sich ihre Zahl aber bald vergrößerte, wurde der Raum zu enge. Als es Sommer geworden war, verfügten sich die jungen Leute in den Garten des Häuschens und hielten dort ihre Schule unter freiem Himmel vor einer kleinen Bretterbude, die als Gartenhaus diente, und in welcher die als Lehrer Fungierenden die Arbeiten prüften und die Aufgaben erteilten. Bei schönem Wetter drängten sich die Jünglinge bis zu später Stunde gleich einem Bienenschwarm um die Thür der Bude; aber oft genug kam es vor, daß ein plötzlich eintretender Regen ihnen die Zahlen von den Schiefertafeln löschte und sie zu ihrem Leidwesen auseinandertrieb. Nun kam der Winter mit seinen kalten Abenden heran, und wo sollten sie Obdach finden? Ihre Zahl hatte sich unterdessen so vermehrt, daß die Stube einer gewöhnlichen Arbeiterbehausung nicht mehr ausreichte. Obgleich fast alle diese jungen Leute nur einen verhältnismäßig geringen Wochenlohn verdienten, so entschlossen sie sich doch zu dem Wagnis, ein Lokal zu mieten. Nach einigem Suchen fanden sie ein großes, dumpfiges Gelaß, das einst interimistisch als Cholerahospital gedient hatte, und für das sich bisher kein Mieter hatte finden wollen, da man sich noch immer vor Ansteckung fürchtete. Aber die unerschrockenen, wissensdurstigen Jünglinge mieteten das Cholerahospital, sorgten für Beleuchtung, stellten ein paar Bänke und einen Tisch von Tannenholz hinein und eröffneten ihre Winterschule. Das Zimmer war nun bald an den Abenden ein Bild geschäftiger und fröhlicher Thätigkeit. Der Unterricht war ohne Zweifel sehr primitiver und unvollkommener Art, aber er wurde mit Energie betrieben. Diejenigen, welche wenig wußten, unterrichteten andere, deren Kenntnisse noch geringer waren; auf solche Weise lernten sie, indem sie lehrten, und gaben ihren Schülern auf alle Fälle ein nachahmenswertes Beispiel des Fleißes. So übten sich diese Jünglinge – unter denen sich übrigens auch einige erwachsene Männer befanden – im Lesen, Schreiben, Rechnen und in der Geographie; ja, sie trieben sogar Mathematik, Chemie und neuere Sprachen. Als die Zahl der jungen Leute fast bis auf 100 gestiegen war, bemächtigte sich ihrer der ehrgeizige Wunsch, Vorträge zu hören; und gerade um diese Zeit wurde der Autor mit ihren Bestrebungen bekannt. Einige von ihnen machten ihm nämlich ihre Aufwartung; und nachdem sie eine bescheidene Darstellung ihrer Bemühungen gegeben, baten sie den Autor, er möchte ihnen doch einen ersten Vortrag halten oder – wie sie sich ausdrückten – »ihnen etwas erzählen.« Der bewunderungswürdige Geist der Selbsthilfe, den diese Jünglinge bewährt, rührte den Verfasser dieses Buches; und obwohl er keinen besonders großen Glauben an die Wirkung populärer Vorträge hatte, so meinte er doch, ein paar ehrliche und herzliche Worte der Aufmunterung könnten hier eine gute Wirkung haben. In diesem Sinne hat er jenen jungen Leuten mehr als einen Vortrag gehalten. Er hat es sich dabei angelegen sein lassen, Beispiele aus dem Leben anderer Menschen anzuführen, um daran zu zeigen, was jeder in höherem oder geringerem Grade seinerseits zu leisten vermöchte; er hat sich auch bemüht, seinen Hörern zu beweisen, daß naturgemäß ihr individuelles Glück und Wohlergehen im späteren Leben hauptsächlich von ihnen selbst abhängen würde – von ihrer fleißigen Selbstvervollkommnung, Selbstzucht und Selbstbeherrschung – vor allem aber von jener ehrlichen und gewissenhaften Erfüllung der individuellen Pflicht, die den Ruhm des männlichen Charakters darstellt. Diese Ratschläge waren durchaus nicht neu oder originell; sie waren so alt wie die Sprüche Salomonis und vielleicht auch ebenso bekannt. Aber trotzdem wurden diese altmodischen Ermahnungen freundlich und dankbar aufgenommen. Die Jünglinge setzten ihre Bemühungen fort; sie arbeiteten mit Energie und Entschlossenheit; und als sie Männer geworden waren, zerstreuten sie sich nach den verschiedensten Orten der Welt, wo viele von ihnen jetzt verantwortliche und einflußreiche Stellungen einnehmen. Mehrere Jahre nach den erwähnten kleinen Begebenheiten wurde der Autor von neuem an dieselben durch den Besuch eines jungen Mannes erinnert, der – wie es schien – soeben aus einer Eisengießerei und von der Arbeit kam. Der Besucher erzählte, er sei nun selbst ein Arbeitgeber und ein wohlhabender Mann; aber er erinnere sich noch oft dankbar der guten Ratschläge, die der Autor vor vielen Jahren ihm und seinen Mitschülern gegeben, und die ihn – wie er meinte – hauptsächlich zu den Anstrengungen veranlaßt, die ihm schließlich zu seinem Erfolge verholfen. Da sich das Interesse des Autors in solcher Weise auf den Gegenstand der Selbsthilfe gerichtet, so nahm er die Gewohnheit an, die Aufzeichnungen, die er sich einst zum Zweck seiner Vorträge gemacht, allmählich zu erweitern, indem er in seinen freien Augenblicken nach der Arbeit des Tages sich alle merkwürdigen Beweise von Selbsthilfe notierte, denen er in seiner Lektüre oder in seinen Beobachtungen und Lebenserfahrungen begegnet war. Eins der hervorragendsten Beispiele aus den erwähnten Vorträgen des Autors war das des Ingenieurs George Stephenson; und da ihm dieser Gegenstand außerordentlich interessant erschien und er selbst auch über das Leben und die Laufbahn des Herrn Stephenson besonders gut informiert war, so führte er die Biographie jenes Mannes in seinen Mußestunden genauer aus und übergab sie schließlich der Öffentlichkeit. Das vorliegende Buch ist in einem ähnlichen Geiste geschrieben und ist auch auf ähnliche Weise entstanden. Freilich sind die darin vorkommenden Charakterschilderungen weniger ausführlich – eher mit Büsten als mit Standbildern zu vergleichen. In manchen, Fällen hielt es der Verfasser für ausreichend, nur einige charakteristische Züge anzuführen – da sich ja im Leben der Individuen wie der Völker der Glanz und das Interesse oft auf wenige Punkte konzentriert. Der Autor übergiebt nun das Buch – so wie es ist – den Händen des Lesers und hofft, daß die darin enthaltenen Beispiele des Fleißes, der Beharrlichkeit und der Selbsterziehung sich nicht nur als allgemein nützlich und lehrreich, sondern auch als allgemein interessant erweisen werden. London , im September 1859. Vorrede. Es ist dies eine revidierte Ausgabe eines Buches, welches in der Heimat wie auch in anderen Ländern mit großem Beifall aufgenommen worden ist. Man hat es in verschiedenen Ausgaben in Amerika nachgedruckt; es sind Übersetzungen davon in holländischer und französischer Sprache erschienen; und es wird gegenwärtig auch ins Deutsche und Dänische übersetzt. Das Buch ist ohne Zweifel den Lesern aus den verschiedensten Ländern darum interessant gewesen, weil es eine Fülle von Anekdoten und Charakterzügen aus dem Leben bedeutender Männer mitteilt, und weil jeder an den Mühen, Prüfungen, Kämpfen und Erfolgen seiner Mitmenschen einen gewissen Anteil nimmt. Niemand kann besser als der Autor selbst den fragmentarischen Charakter dieses Werkes erkennen, an welchem die eigentümliche Art seiner Entstehung schuld ist. Es ist nämlich aus einer Reihe von Aufzeichnungen zusammengestellt, die der Autor im Laufe vieler Jahre gemacht hatte, und die ursprünglich als Vorlesungen oder Vorträge für junge Leute dienen sollten, ohne daß dabei an eine spätere Veröffentlichung gedacht worden wäre. Das Erscheinen dieser neuen Ausgabe hat dem Verfasser Gelegenheit gegeben, manches Überflüssige aus dem Buche zu entfernen und dafür eine Menge neuer Beispiele anzuführen, die – wie er hofft – von allgemeinem Interesse sein werden. Wie es sich gezeigt hat, ist der Titel dieses Werkes, der nun nicht mehr geändert werden kann, in einer Beziehung etwas unglücklich gewählt; denn er hat manche Leute, die eben nur nach dem Titel urteilten, veranlaßt, darin eine Verherrlichung der Selbstsucht zu vermuten – d. h. gerade das Gegenteil dessen, was es wirklich ist oder doch nach dem Wunsche des Verfassers sein sollte. Obwohl dieses Buch ohne Zweifel in erster Linie den Zweck verfolgt, junge Leute dazu anzutreiben, daß sie sich fleißig – ohne Scheu vor der damit verbundenen Arbeit, Mühe oder Selbstverleugnung – mit würdigen Gegenständen beschäftigen und sich lieber auf die Kraft der eigenen Anstrengung als auf die Hilfe oder Gunst anderer Leute verlassen, so werden doch die angeführten Beispiele aus dem Leben von Schriftstellern, Gelehrten. Künstlern, Erfindern, Lehrern, Philantropen, Missionären und Märtyrern den Leser darüber aufklären, daß die Pflicht der Selbsthilfe in ihrer edelsten Auffassung auch die Pflicht in sich schließt, dem Nächsten Hilfe angedeihen zu lassen. Man hat dieser Arbeit auch vorgeworfen, daß darin zu viel Rücksicht auf diejenigen genommen sei, die es aus eigener Kraft im Leben zu etwas gebracht – wogegen der Autor zu wenig auf die vielen anderen geachtet habe, deren Bemühungen erfolglos blieben. »Warum,« hat man gefragt, »sollte der Mißerfolg nicht ebensogut seinen Plutarch haben als der Erfolg?« Freilich könnte auch der Mißerfolg seinen Plutarch haben; nur meinen wir, ein Bericht bloßer Mißerfolge müßte auf den Leser sehr deprimierend wirken und außerdem sehr wenig belehrend sein. Wir haben aber auf den folgenden Seiten nachgewiesen, daß für einen treuen Arbeiter der Mißerfolg eine treffliche Schule ist, die ihn zu neuen Anstrengungen treibt, seine besten Kräfte hervorlockt, ihn in der Selbstvervollkommnung und Selbstbeherrschung fördert und ihm wachsende Weisheit und Erkenntnis verleiht. In diesem Lichte betrachtet, ist das durch Beharrlichkeit überwundene Mißgeschick immer interessant und lehrreich – was wir an vielen Beispielen nachzuweisen gesucht haben. Der Mißerfolg an und für sich aber – wenn man sich auch am Ende seines Lebens darüber trösten kann – ist unserer Ansicht nach kein Gegenstand, auf den man einen Jüngling, der doch erst am Anfang seiner Laufbahn steht, besonders aufmerksam machen müßte. »Wie etwas nicht gemacht wird,« ist nicht schwer zu erlernen; man braucht dazu weder Unterricht, Bemühung oder Selbstverleugnung – noch Fleiß, Geduld, Beharrlichkeit oder Verstand. Außerdem haben die Leser wenig Interesse für einen General, der seine Schlachten verlor – einen Ingenieur, dessen Maschinenkessel platzten – einen Architekten, der nur unförmliche Bauten schuf – einen Maler, der nie über Schmierereien hinauskam – einen Projektenmacher, der seine Maschine nie erfand – oder einen Kaufmann, der beständig fallierte. Freilich können die Besten in den besten Bestrebungen zu Fall kommen; aber diese Besten hatten weder die Absicht zu fallen, noch betrachteten sie ihr Mißgeschick als etwas Verdienstliches. Sie wünschten im Gegenteil, ihr Ziel zu erreichen, und sahen ihr Mißgeschick als ein Unglück an. Das Fehlschlagen guter Bestrebungen bringt dem Menschen keine Unehre; aber das Gelingen schlechter Pläne gereicht ihrem Urheber zur Schande. Gleichwohl ist in einer guten Sache der Erfolg natürlich immer besser als der Mißerfolg. In jedem Fall jedoch kommt es weniger auf das Resultat als auf den Zweck und die Mittel – auf die Geduld, die Tapferkeit und Beharrlichkeit an, mit welcher man nach wünschenswerten und würdigen Zielen strebt. – »Nicht kann der Mensch sich den Erfolg erzwingen – Doch kann er suchen, seiner wert zu sein!« Dies Buch verfolgt – kurz gesagt – den Zweck, dem Leser einige alte, aber heilsame Wahrheiten ins Gedächtnis zu rufen, auf die nicht oft genug hingewiesen werden kann. Es will ihn daran erinnern, daß ein Jüngling arbeiten muß, wenn er genießen will – daß keine verdienstliche That ohne Fleiß und Anstrengung vollbracht werden kann – daß ein Student sich nicht durch Schwierigkeiten entmutigen lassen darf, sondern versuchen muß, dieselben durch Geduld und Beharrlichkeit zu überwinden – und daß er vor allem danach trachten muß, sich einen ehrenwerten Charakter anzueignen, weil ohne einen solchen das Wissen wertlos und der irdische Erfolg nichtig ist. Wenn es dem Autor nicht gelungen sein sollte, diese Wahrheiten zu beweisen, so müßte er in der That bekennen, daß dies Buch seinen Zweck verfehlt hätte. Neu eingeschaltet sind in der vorliegenden Ausgabe die folgenden Stellen: Berühmte Ausländer von bescheidener Herkunft; französische Generäle und Marschälle, die aus den Reihen der Gemeinen hervorgingen; De Tocqueville und gegenseitige Hilfe; William Lee, Mitglied des Parlaments – der Strumpfwirkerstuhl; John Heathcoat, Mitglied des Parlaments – die Klöppelmaschine; Jacquard und sein Webstuhl; Vaucanson; Josua Heilmann und die Krempelmaschine; Bernard Palissy und seine Kämpfe; Böttger, der Entdecker des harten Porzellans; der Graf von Buffon in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen; Cuvier; Ambrose Paré; Claude Lorraine; Cacques Callot; Benvenuto Cellini; Nicolas Poussin; Ary Scheffer; die Strutts aus Belper; Franz Xaver; Napoleon als Geschäftsmann; Unerschrockenheit der Dealer Schiffer; u.a.m. London, im Mai 1866. Erstes Kapitel. Nationale und individuelle Selbsthilfe. »Der Wert eines Staates besteht schließlich in dem Welt der Individuen, welche ihn bilden.« – J. S. Mill. »Wir vertrauen zuviel auf Systeme und achten zu wenig auf die Menschen.« – B. Disraeli. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!« – das ist ein alterprobtes Sprichwort, welches das Resultat reicher menschlicher Erfahrungen in wenige Worte zusammenfaßt. Der Geist der Selbsthilfe ist die Wurzel aller echten individuellen Entwicklung und stellt auch in dem Leben der Gesamtheit die wahre Quelle nationaler Kraft und Gesundheit dar. Hilfe, die von außen kommt, hat nicht selten eine schwächende Wirkung; aber Selbsthilfe kräftigt in jedem Fall den, der sie übt. Was für einzelne Menschen oder ganze Klassen gethan wird, raubt denselben bis zu einem gewissen Grade den Antrieb und die Notwendigkeit selbständigen Handelns; und wer allzusehr geleitet und beherrscht wird, muß mit Notwendigkeit mehr und mehr in einen Zustand verhältnismäßiger Hilflosigkeit geraten. Selbst die besten Gesetze vermögen nicht, dem Einzelnen thatkräftige Hilfe zu leisten. Das Höchste, was sie für ihn thun können, besteht vielleicht darin, daß sie ihm gestatten, sich frei zu entwickeln und seine individuelle Lage zu verbessern. Aber die Menschen sind zu allen Zeiten zu dem Glauben geneigt gewesen, ihr persönliches Glück und Wohlergehen könne eher durch Staatseinrichtungen als durch ihr eigenes Verhalten gesichert werden. Aus diesem Grunde hat man den Wert der Gesetzgebung als eines Mittels zur Beförderung des menschlichen Fortschritts häufig sehr überschätzt. Daß man den millionsten Teil einer Legislatur bilden hilft, indem man in einem Zeitraum von drei oder fünf Jahren einmal seine Stimme für ein oder zwei Personen abgiebt – das kann selbst bei gewissenhaftester Erfüllung dieser Pflicht nur einen geringen aktiven Einfluß auf das Leben und den Charakter eines Menschen ausüben. Außerdem zeigt es sich mit jedem Tage deutlicher, daß die Funktionen der Regierung eher negativ und einschränkend als positiv und schöpferisch sind, da sie hauptsächlich in Schutzmaßregeln zerfallen – zur Sicherung des Lebens, der Freiheit und des Eigentums. Weise und wohlangewandte Gesetze werden es den Menschen ermöglichen, die Früchte ihrer geistigen oder körperlichen Arbeit in Sicherheit und mit verhältnismäßig kleinen persönlichen Opfern zu genießen: aber keine noch so strengen Gesetze können den Trägen fleißig, den Verschwender sparsam, den Trunkenbold nüchtern machen. Solche Wandlungen sind nur vermöge individueller Anstrengung, Sparsamkeit und Enthaltsamkeit zu bewirten – nicht durch größere Rechte, sondern durch bessere Sitten. Die Regierung eines Volkes erweist sich gewöhnlich nur als ein Spiegelbild der Individuen, aus denen sich dasselbe zusammensetzt. Eine Regierung, die über dem Volke steht, wird unvermeidlich auf das Niveau desselben herabgezogen: während eine solche, die einen niedrigeren Standpunkt einnimmt, schließlich emporgehoben wird. Nach der Ordnung der Natur muß sich der Gesamtcharakter einer Nation ebenso notwendig in angemessenen Gesetzen und Regierungsformen ausdrücken, als der Wasserspiegel immer wieder in seine wagerechte Lage zurückkehrt. Ein edles Volk wird eine edle Regierung, ein unedles und verderbtes aber eine unedle haben. In der That liefert die Erfahrung allgemein den Beweis, daß der Wert und die Bedeutung eines Staates weit weniger von seiner Regierungsform als von dem Charakter seiner Bewohner abhängt. Denn das Volk ist nur eine Gesamtheit individueller Existenzen, und die Civilisation selbst ist nur der Inbegriff all der persönlichen Bildung der Männer, Frauen und Kinder, aus denen die Gesellschaft besteht. Der nationale Fortschritt ist die Summe individueller Tüchtigkeit, Energie und Rechtschaffenheit – wie der nationale Verfall aus individueller Trägheit, Selbstsucht und Lasterhaftigkeit hervorgeht. Was wir gewohnt sind, als große sociale Übel zu bezeichnen, erweist sich in den meisten Fällen nur als eine Folge der verderbten Lebensweise einzelner Personen: und wenn wir uns auch bemühen, jene Übel vermittelst der Gesetze zu beseitigen und auszurotten, so werden sie doch immer wieder in irgend einer anderen Form üppig emporsprießen, sofern es nicht gelingt, die Beschaffenheit des individuellen Lebens und Charakters zu verbessern. Wenn diese Ansicht richtig ist, so folgt daraus, daß die höchste Vaterlandsliebe und Menschenfreundlichkeit nicht in einer Abänderung der Gesetze oder Umwandlung der Staatseinrichtungen, sondern darin besteht, daß man die Menschen in hilfreicher Weise aneifert, sich durch freie und selbständige individuelle Thätigkeit zu erheben und zu vervollkommnen. Es kann für einen Menschen von verhältnismäßig geringer Bedeutung sein, wie er von außen her regiert wird: während alles davon abhängt, wie er sich selbst innerlich beherrscht. Der bedauernswerteste Sklave ist nicht der, welcher unter einem Despoten steht – so groß dieses Übel auch sein mag; sondern jener, welcher in den Banden seiner eigenen moralischen Unwissenheit, Selbstsucht und Lasterhaftigkeit liegt. Nationen, die solchergestalt Sklaven in ihrem Inneren sind, können nicht durch einen bloßen Wechsel ihrer Herren oder Verfassungen befreit werden, und so lange der verhängnisvolle Irrtum herrscht, daß die Freiheit nur von der Regierungsform abhänge oder darin bestehe: so lange werden solche Veränderungen – mit welchen Opfern sie auch erkauft sein mögen – ebensowenig praktische und dauernde Resultate liefern als die flüchtigen Bilder einer Zauberlaterne. Der individuelle Charakter allein bildet die solide Grundlage der Freiheit, und in ihm allein liegt auch die einzige zuverlässige Bürgschaft der socialen Sicherheit und des nationalen Fortschritts. John Stuart Mill behauptet sehr richtig, daß »selbst der Despotismus seine schlimmsten Wirkungen noch nicht hervorgebracht habe, so lange es noch eine Individualität unter ihm gebe, und daß anderseits alles, was die Individualität vernichte, Despotismus sei – unter welchem Namen es auch gehen möge.« In Bezug auf den menschlichen Fortschritt tauchen immer von neuem alte Irrtümer auf. Die einen wünschen einen Cäsar herbei; die anderen rufen nach einer Vertretung der Nationalitäten, noch andere nach Parlamentsakten. Auf einen Cäsar muß man warten, und wenn er gefunden ist: »wohl dem Volke, das ihn anerkennt und ihm folgt!« (Napoleon III.: »Das Leben Cäsars«.) Dieser Ausspruch bedeutet in Kürze, daß alles »für,« nichts »durch« das Volk geschehen soll – eine Lehre, die, wenn man sie als Richtschnur annimmt, jeder Art von Despotismus schnell den Weg bahnen muß, indem sie das freie Bewußtsein der Völker zerstört. Der Cäsarismus ist menschlicher Götzendienst in schlimmster Form – eine Vergötterung der bloßen Gewalt, die in ihren Wirkungen ebenso erniedrigend ist als es eine Anbetung des bloßen Reichtums sein würde. Weit heilsamer wäre es, wenn man den Nationen den Grundsatz der Selbsthilfe einprägte. Wo dieser richtig verstanden und zur Ausführung gebracht wird, muß der Cäsarismus verschwinden. Diese beiden Principien stehen sich diametral entgegen; was Victor Hugo von Schwert und Feder sagt, gilt auch für sie: » Ceci tuera cela « (Eins tötet das andere). Die Macht der Volksvertretungen und Parlamentsakte ist auch ein vorherrschender Aberglaube. Es mag hier ein Ausspruch angeführt werden, den William Dargan, einer der aufrichtigsten irischen Patrioten, beim Schluß der ersten Dubliner Gewerbeausstellung gethan hat. »In Wahrheit,« sagt er, »allemal, wenn ich das Wort ›Unabhängigkeit‹ nennen höre, muß ich an mein Vaterland und an meine städtischen Mitbürger denken. Ich habe viel von der Unabhängigkeit reden hören, die wir von einer oder der anderen Seite erlangen könnten, und auch von großen Vorteilen, die wir von Personen erwarten dürfen, welche aus anderen Ländern zu uns kommen. Aber obwohl ich so sehr als irgend einer den großen Nutzen erkenne, der uns aus einem solchen Verkehr erwachsen muß, so bin ich doch zu jeder Zeit innig von der Überzeugung durchdrungen gewesen, daß unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit nur von uns selbst abhängt. Ich glaube, daß wir bei einfachem Fleiß und redlicher Sorgfalt in der Nutzbarmachung unserer Kräfte nie bessere Chancen oder glänzendere Aussichten hatten, als wir sie gegenwärtig besitzen. Wir haben einen Schritt vorwärts gethan, aber die Beharrlichkeit ist die große Vermittlerin des Erfolgs, und wenn wir nur eifrig auf der betretenen Bahn weiterschreiten, so bin ich in meinem Gewissen überzeugt, daß wir uns in kurzer Zeit in einem Zustand befinden werden, der an Behaglichkeit, Glück und Unabhängigkeit hinter dem keines anderen Volkes zurückbleibt.« – Alle Nationen sind das, was sie sind, erst durch das Denken und Schaffen vieler menschlicher Generationen geworden. Geduldige und ausdauernde Arbeiter in allerlei Stellungen und Lagen des Lebens – Ackerbauer und Bergleute, Erfinder und Entdecker, Fabrikanten, Mechaniker und Handwerker, Dichter, Philosophen und Politiker – sie alle haben zu dem großen Resultat beigetragen, indem eine Generation auf den Leistungen der anderen weiterbaute und ein Stockwert auf das andere setzte. Dieses beständige Aufeinanderfolgen edler Arbeiter – der Handlanger der Civilisation – hat dazu gedient, auf dem Gebiete der Industrie, Wissenschaft und Kunst die Ordnung an Stelle des Chaos zu setzen, und das gegenwärtige Geschlecht ist so im natürlichen Verlauf der Erbe des reichet! Vermögens geworden, welches unsere Vorväter durch ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit erworben und unseren Händen überantwortet haben, damit wir es verwalten und es einst – nicht nur unvermindert, sondern vermehrt – den nach uns Kommenden hinterlassen. Der Geist der Selbsthilfe, der sich in einer energischen Thätigkeit der Individuen offenbart, ist zu allen Zeiten ein hervorstechender Zug des englischen Volkscharakters gewesen und liefert den rechten Maßstab für unsere nationale Macht. Stets erhob sich über die Häupter der Menge eine Anzahl von Individuen, die vor anderen ausgezeichnet waren und die Bewunderung des Volkes erregten. Aber wir verdanken unsere fortschreitende Entwicklung auch ganzen Scharen kleinerer und nicht so bekannter Männer. Wenn man sich in der Geschichte eines großen Feldzuges auch nur an die Namen der Heerführer erinnert, so sind die Siege doch zum großen Teil durch die individuelle Tapferkeit und den Heldenmut der gemeinen Soldaten gewonnen worden. Und das Leben ist auch »eine Heerschlacht« – zu allen Zeiten sind die größten Arbeiter Kämpfer gewesen. Es existiert von zahlreichen Männern keine Lebensbeschreibung, die nichtsdestoweniger einen ebenso mächtigen Einfluß auf die Civilisation und den Fortschritt ausgeübt haben als die glücklicheren Großen, deren Namen uns durch die Biographien gemeldet werden. Auch der bescheidenste Mensch, welcher seinen Genossen das Beispiel eines fleißigen, mäßigen und rechtschaffenen Lebens giebt, ist für das Wohl seines Landes nicht nur von augenblicklicher, sondern auch von zukünftiger Bedeutung; denn sein Leben und sein Charakter gehen unmerklich auf das Leben der anderen über und verpflanzen das gute Beispiel auf die kommenden Zeiten. Die tägliche Erfahrung lehrt, daß es die thatkräftige Individualität ist, welche die mächtigsten Wirkungen auf das Leben und Treiben der anderen Menschen ausübt und thatsächlich die beste praktische Erziehung darstellt. Schulen, Akademien und Universitäten geben, hiermit verglichen, nur die bloßen Anfänge der Kultur. Weit einflußreicher, ist die Lebenserziehung, welche wir daheim, auf der Straße, hinter dem Ladentisch, in der Werkstätte, am Webstuhl und hinter dem Pfluge, im Comptoir oder in der Fabrik und an den lebhaften Tummelplätzen menschlicher Thätigkeit erhalten. Das ist die Vollendung unserer Ausbildung zu Mitgliedern der Gesellschaft, welche Schiller »die Erziehung des Menschengeschlechts« nennt, und deren Wesen in Thätigkeit, guter Lebensführung, Selbstbildung und Selbstbeherrschung besteht – kurz, in allem, was dazu dient, den Menschen wahrhaft zu schulen und ihn zu der gehörigen Ausübung seiner Pflichten und Verrichtungen im Leben zu befähigen – eine Art von Bildung, die weder aus Büchern gewonnen, noch durch irgend ein Maß bloßen litterarischen Unterrichts verliehen wird. Mit seiner eigentümlich bezeichnenden Ausdrucksweise bemerkt Bacon, daß »kein Studium seine eigene Anwendung lehrt, sondern daß es eine außerhalb desselben liegende höhere Weisheit giebt, die durch Beobachtung gewonnen wird,« – eine Wahrheit, die ebensowohl für das wirkliche Leben als auch für die geistige Bildung gilt. Denn alle Erfahrung dient dazu, diese Lehre zu erläutern und zu bekräftigen: daß der Mensch mehr durch Arbeit als durch Lektüre lernt; daß dasjenige, was dazu beiträgt, die Menschheit beständig zu verjüngen, eher das Leben als die Litteratur, eher die Arbeit als das Studium, eher der Charakter als die Biographie ist. Trotzdem sind Lebensbeschreibungen großer und vor allem guter Menschen äußerst lehrreich und nützlich, indem sie eine fördernde, leitende und aneifernde Wirkung auf den Leser ausüben. Einige der besten kommen fast einem Evangelium gleich; denn wie ein solches lehren sie uns ein edles Leben, eine edle Anschauungsweise und ein thatkräftiges Wirken für unser eigenes Wohl und für das der Welt. Die wertvollen Beispiele, welche sie von der Macht der Selbsthilfe, des beharrlichen Strebens, der entschlossenen Arbeit und der unbestechlichen Redlichkeit liefern, aus welchen sich der wahrhaft edle und männliche Charakter zusammensetzt, lehren uns in einer nicht mißzuverstehenden Sprache, was jeder von uns für sich selbst zu thun vermag, und sind eine anschauliche Erläuterung der dem Selbstvertrauen und der Selbstachtung innewohnenden Kraft, den Menschen auch in der bescheidensten Stellung zu befähigen, sich ein anständiges Auskommen und einen geachteten Namen zu erwerben. Die großen Männer der Wissenschaft, Litteratur und Kunst – die Apostel großer Gedanken und hochherziger Anschauungen – haben keiner ausschließlichen Klasse oder Lebensstellung angehört. Sie sind ebensowohl aus hohen Schulen als aus Werkstätten und Bauernhäusern hervorgegangen – aus den Hütten der Armen und aus den Palästen der Reichen. Einige der größten Apostel des Herrn sind den untersten Klassen entsprossen. Die Ärmsten sind oft zu den höchsten Würden gelangt; und die anscheinend unüberwindlichsten Hindernisse haben sie auf ihrem Wege nicht aufzuhalten vermocht. In vielen Fällen scheinen gerade jene Schwierigkeiten die besten Gehilfen solcher Männer gewesen zu sein, indem sie denselben Arbeitskraft und Geduld verliehen und Fähigkeiten in ihnen erweckten, die sonst vielleicht ewig geschlummert hätten. Die Beispiele derartig überwundener Hindernisse und errungener Triumphe sind in der That so zahlreich, daß sie fast das Sprichwort rechtfertigen, nach welchem »der Wille alles vermag.« Man denke nur beispielsweise an die überraschende Thatsache, daß nicht nur Jeremy Taylor, der poesievollste aller Gottesgelehrten, sondern auch Sir Richard Arkwright, der Erfinder der Spinnmaschine und Begründer der Baumwollenmanufaktur, sowie auch Lord Tenterden, einer der ausgezeichnetsten Lord-Oberrichter und Turner, der größte aller Landschaftsmaler, aus der Barbierstube hervorgingen! Niemand weiß mit Sicherheit zu sagen, was Shakespeare eigentlich gewesen ist; aber so viel steht fest, daß er aus bescheidenen Verhältnissen herkam. Sein Vater war Fleischer und Viehhändler; von Shakespeare selbst nehmen einige an, daß er in seiner Jugend Wolle kämmte, während andere behaupten, daß er als Hilfslehrer an einer Schule und später als Schreiber bei einem Notar fungiert habe. Er scheint in Wahrheit »nicht ein individueller Begriff, sondern ein Allerweltsbegriff gewesen zu sein.« Denn seine seemännischen Ausdrücke sind so genau, daß ein nautischer Schriftsteller meint, er müsse dem Seemannsstand angehört haben; wogegen ein Geistlicher aus deutlichen Anzeichen in seinen Schriften schließt, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach Kirchendiener gewesen sei, und ein ausgezeichneter Kenner von Pferdefleisch die Behauptung aufstellt, er sei ein Roßkamm gewesen. Ohne Zweifel war Shakespeare ein Schauspieler und »spielte« im Laufe seines Lebens »viele Rollen,« während er seinen wunderbaren Reichtum an Kenntnissen aus einem weiten Felde der Erfahrung und Beobachtung sammelte; und noch bis auf diesen Tag üben seine Schriften unausgesetzt einen mächtigen Einfluß auf die Bildung des englischen Volkscharakters aus. Der niedrigen Klasse der Tagelöhner entsprossen sowohl der Ingenieur Brindley als auch der Seefahrer Cook und der Dichter Burns. Die Steinsetzer und Maurer dürfen sich nicht nur Ben Jonsons rühmen, welcher bei dem Bau von »Lincolns-Inn« mit einer Maurerkelle in der Hand und einem Buch in der Tasche mitarbeitete, sondern auch der Ingenieure Edwards und Telford, sowie des Geologen Hugh Miller und des Schriftstellers und Bildhauers Allan Cunningham. Unter den ausgezeichneten Zimmerleuten aber finden sich die Namen des Baumeisters Inigo Jones, des astronomischen Uhrmachers Harrison, des Physiologen John Hunter, der Maler Romney, und Opie, des als Orientalist bekannten Professors Lee und des Bildhauers John Gibson. Aus dem Stande der Weber gingen nicht nur der Mathematiker Simson und der Bildhauer Bacon, sondern auch die beiden Milners, Adam Walker, John Foster, der Ornithologe Wilson, der Missionar und Afrikareisende Dr. Livingstone und der Dichter Tannahill hervor. Das Schuhmachergewerbe hat uns den großen Admiral Sir Cloudesley Shovel, den Elektrizitäts-Physiker Sturgeon, den durch seine Abhandlungen bekannten Schriftsteller Samuel Drew, sowie auch Gifford, den Herausgeber der »Quarterly Review,« den Dichter Bloomfield und den Missionar William Carey geschenkt und was Morrison, einen anderen eifrigen Missionar, anbetrifft, so war er ein Verfertiger von Schuhleisten. In den letzten Jahren hat man einen gelehrten Naturforscher in der Person eines in Bauff wohnenden Schusters, Namens Thomas Edwards, entdeckt, welcher sich durch sein Handwerk ernährte, seine Mußestunden aber dem Studium der Naturwissenschaft in all ihren Zweigen widmete, und dessen Forschungen hinsichtlich der kleineren Krustentiere durch die Entdeckung, einer neuen Species belohnt wurden, welcher die Naturforscher den Namen » Praniza Edwadsii « gegeben haben. Nicht minder ausgezeichnet ist das Schneidergewerbe. Der Historiker John Stow arbeitete eine Zeitlang in diesem Beruf; und der Maler Jackson machte Kleider, bis er das Mannesalter erreichte. Der wackere Sir John Hawkswood, welcher sich so sehr bei Poitiers auszeichnete und wegen seiner Tapferkeit von Eduard III. zum Ritter geschlagen wurde, stand in seiner frühen Jugend bei einem Londoner Schneider in der Lehre. Der Admiral Hobson, welcher im Jahre 1702 die Hafensperre bei Vigo durchbrach, gehörte demselben Handwerk an. Er arbeitete als Schneiderlehrling in der Nähe von Bonchurch auf der Insel Wight, als die Nachricht durch das Dorf flog, daß ein Geschwader von Kriegsschiffen von der Insel absegeln sollte. Da sprang er vom Schneidertisch herab und lief mit seinen Kameraden an den Strand, um das prächtige Schauspiel mit anzusehen. Urplötzlich wurde der Bursche von dem Ehrgeiz erfaßt, ein Seemann zu werden, und in ein Boot springend, ruderte er auf das Geschwader los, erreichte das Admiralschiff und wurde als Freiwilliger angenommen. Nach Jahren kehrte er, reich an Ehren, in sein Heimatdorf zurück und verspeiste ein Mittagsessen von Eiern und Schinken in derselben Hütte, in welcher er einst als Lehrling gearbeitet hatte. Der größte aller Schneider ist aber ohne Zweifel Andrew Johnson, der Präsident der Vereinigten Staaten, gewesen – ein Mann von außerordentlicher Charakterstärke und Geisteskraft. Als er in Washington seine große Rede hielt, in welcher er seine politische Laufbahn schilderte, die mit der Stellung eines Ratsherrn begann und alle Zweige der Legislatur durchlief, schrie eine Stimme aus der Menge: »Und das war ein Schneider!« – Es war, für Johnson charakteristisch, daß er diese spöttisch gemeinte Äußerung nicht übel nahm, sondern sie vielmehr in seinem Interesse verwertete. »Irgend ein Gentleman sagt hier, daß ich ein Schneider gewesen bin. Das bringt mich nicht im geringsten aus der Fassung! Denn als ich ein Schneider war, stand ich in dem Rufe, ein tüchtiger Arbeiter zu sein und gut sitzende Kleider zu machen; ich war meinen Kunden gegenüber immer pünktlich und lieferte stets eine gute Arbeit.« – Der Kardinal Wolsey, De Foe, Akenside und Kirke White waren Fleischerssöhne; Bunyan war ein Kesselflicker und Joseph Lancaster ein Korbmacher. Unter den großen Namen, welche mit der Erfindung der Dampfmaschine verknüpft sind, bemerken wir diejenigen Newcomens, Watts und Stephensons, von denen der erste ein Grobschmied, der zweite ein Verfertiger mathematischer Instrumente und der dritte ein Maschinenheizer war. Der Prediger Huntingdon war ursprünglich Kohlenträger; und Bewick, der Vater der Holzschneidekunst, arbeitete seiner Zeit in einem Kohlenbergwerk. Dodsley war Diener, Holcroft Stallknecht. Der Seefahrer Baffin begann seine seemännische Laufbahn als Jungmatrose, Sir Cloudesley Shovel als Schiffsjunge. Herschel spielte die Hoboe in einem militärischen Musikcorps. Chantrey war der Gehilfe eines Bildhauers. Etty ein Schriftsetzer, und Sir Thomas Lawrence der Sohn Schankwirts. Michael Faraday, der Sohn eines Grobschmieds, war in früher Jugend Buchbinderlehrling und arbeitete in diesem Gewerbe bis zu seinem zweiundzwanzigsten Jahre; jetzt aber nimmt er unter den Philosophen den ersten Rang ein und übertrifft selbst seinen Lehrer Sir Humphry Davy in der Kunst, die schwierigsten und dunkelsten Punkte der Naturwissenschaft klar zu beleuchten. Unter den Männern, welche der erhabenen Wissenschaft der Astronomie den größten Aufschwung gegeben haben, finden wir Kopernikus, den Sohn eines polnischen Bäckers; Kepler, den Sohn eines deutschen Schankwirts, der selbst als » garçon de cabaret « fungierte: D'Alembert, der als Findling in einer Winternacht von den Stufen der Kirche St. Jean le Bond zu Paris aufgelesen und von der Frau eines Glasers großgezogen wurde, sowie Newton und Laplace, von denen der eine der Sohn eines kleinen Besitzers in der Nähe von Grantham, der andere der Sohn eines armen Bauern zu Beaumont-en-Auge bei Honfleur war. Trotz der verhältnismäßig ungünstigen Lebensumstände ihrer Jugend gelangten diese ausgezeichneten Männer durch die Arbeit ihres Geistes zu einem so ehrenvollen und dauernden Ruhm, wie ihn alle Reichtümer der Welt nicht hätten erkaufen können. Vielleicht wäre der Besitz des Reichtums sogar ein größeres Hindernis für sie gewesen als jene bescheidenen Mittel, die ihnen in die Wiege gelegt wurden. Der Vater des Astronomen und Mathematikers Lagrange bekleidete das Amt eines Kriegsschatzmeisters in Turin; da er sich aber durch Spekulationen ruinierte, geriet seine Familie in verhältnismäßige Armut. Diesem Umstand pflegte Lagrange im späteren Leben zum großen Teil seinen eigenen Ruhm und Erfolg zuzuschreiben. »Wäre ich reich gewesen,« sagte er. »so wäre ich vermutlich kein Mathematiker geworden.« Besonders ausgezeichnet haben sich in der Geschichte unseres Landes die Söhne von Geistlichen und Theologen. Unter ihnen finden sich Namen wie Drake und Nelson, berühmt durch seemännische Tapferkeit; Wollaston, Young, Playfair und Bell, ausgezeichnet in der Wissenschaft; Wren, Reynolds, Wilson und Wilkie, hervorragend in der Kunst; Turlow und Campbell in der Rechtswissenschaft; Addison, Thomson, Goldsmith, Coleridge und Tennyson in der Litteratur. Predigerssöhne waren auch Lord Hardinge, der Oberst Edwardes und der Major Hodson, welche sich in den indischen Feldzügen einen so ehrenvollen Ruf erworben. In der That waren diejenigen, durch welche Englands Herrschaft über Indien hauptsächlich gewonnen und behauptet wurde, Männer aus dem Mittelstande – wie Clive, Warren Hastings und ihre Nachfolger – Männer, die zum großen Teil in Faktoreien aufgewachsen und in kaufmännischen Gewohnheiten erzogen waren. Unter den Söhnen von Rechtsanwälten finden sich Edmund Burke, der Ingenieur Smeaton, Scott, Wordsworth und die Lords Somers, Hardwick und Dunning. Sir William Blackstone war der nachgeborene Sohn eines Seidenhändlers. Lord Cliffords Vater war ein Gewürzkrämer in Dover; Lord Denman hatte einen Arzt zum Vater; der Richter Talfourd einen ländlichen Brauer; und Pollock, der Lordoberrichter der Schatzkammer, war der Sohn eines namhaften Sattlers in Charing Croß. Layard, der Entdecker der Baudenkmäler von Niniveh, war in dem Bureau eines Londoner Rechtsanwalts als Schreiber angestellt; und Sir William Armstrong, der Erfinder der hydraulischen Presse und der nach ihm benannten Geschütze, war auch für die Gerichtscarrière erzogen und amtierte einige Zeit als Notar. Milton war der Sohn eines Londoner Sachwalters; und Popes Vater war wie derjenige Southeys ein Leinwandhändler. Der Professor Wilson war der Sohn eines Fabrikanten aus Paisley und Lord Macaulay der eines afrikanischen Kaufmanns. Keats war Drogenhändler und Sir Humphry Davy Lehrling in einer ländlichen Apotheke. Davy bemerkte einmal mit Bezug auf seine eigene Person: »Was ich bin, verdanke ich mir selbst; ich sage dies ohne Überhebung, in reiner Offenherzigkeit.« – Richard Owen, der Newton auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, begann seine Laufbahn als Seekadett und widmete sich der wissenschaftlichen Forschung, in welcher er sich nachher so auszeichnete, erst in verhältnismäßig späten Jahren. Er legte die Grundlage zu seiner umfassenden Gelehrsamkeit, indem er sich damit beschäftigte, das wundervolle, durch den Fleiß John Hunters zusammengebrachte Museum zu ordnen – eine Arbeit, welche ihn an der wundärztlichen Schule zehn Jahre lang in Anspruch nahm. Die biographischen Berichte anderer Länder liefern ebensowohl wie die Englands zahlreiche Beispiele von Männern, welche das Los der Armut durch ihre Arbeit und ihr Genie geadelt haben. Auf dem Gebiete der Kunst begegnen wir Claude, dem Sohne eines Pastetenbäckers; Geefs, dessen Vater ein Bäcker war; Leopold Robert, der einen Uhrmacher, und Haydn, der einen Stellmacher zum Vater hatte – während Daguerre Dekorationsmaler des Opernhauses war. Der Vater Gregors VII. war Zimmermann; Sixtus V. war der Sohn eines Schäfers; Hadrian VI. derjenige eines armen Schiffers. Da Hadrian als Knabe außer stande war, sich eine Kerze zu kaufen, bei deren Schein er hätte studieren können, so gewöhnte er sich daran, seine Lektionen bei dem Licht der Straßenlaternen und der an den Kirchenthüren angebrachten Lampen zu lernen, wobei er ein Maß von Geduld und Fleiß entwickelte, welches der sichere Vorbote seiner künftigen Größe war. Von ebenso bescheidenem Herkommen waren: der Mineraloge Hauy, der Sohn eines Webers aus Saint-Just; der Mechaniker Hautefeuille, der Sohn eines Bäckers aus Orleans; der Mathematiker Joseph Fourier, dessen Vater ein Schneider zu Auxerre war; der Baumeister Durand, der Sprößling eines Pariser Schusters; und der Naturforscher Gesner, dessen Vater als Gerber oder Lederzurichter in Zürich lebte. Der letztgenannte begann seine Laufbahn mit all den Nachteilen, welche mit Armut, Krankheit und häuslichem Elend verbunden sind; aber keiner derselben war imstande, seinen Mut zu dämpfen oder seine Entwicklung zu hindern. Sein Leben ist in der That ein schlagender Beweis für die Wahrheit der Behauptung, daß diejenigen, welche am meisten zu thun haben und gern arbeiten, die meiste Zeit übrig haben. Pierre Ramus war ein ähnlicher Charakter. Er war der Sohn armer Eltern in der Picardie und mußte als Knabe die Schafe hüten. Da er aber diese Beschäftigung nicht liebte, so entwischte er nach Paris. Nachdem er mannigfaches Elend durchgekostet, gelang es ihm endlich, am »Kollegium von Navarra« als Bedienter angestellt zu werden. Dieser Platz aber eröffnete ihm den Weg des Studiums, und er wurde bald einer der ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit. Der Chemiker Vauquelin war der Sohn eines Bauern aus Saint-André-d'Herbetot in dem Departement Calvados. Schon als Schulknabe zeigte er trotz seiner armseligen Kleidung einen scharfen Verstand; und der Lehrer, welcher ihn lesen und schreiben lehrte, pflegte ihn wegen seines Fleißes zu loben und dabei zu sagen: »Fahre so fort, mein Junge! Arbeite, studiere, Colin! Dann kannst du dich eines Tages ebenso fein kleiden wie unser Kirchenvorsteher!« – Ein ländlicher Apotheker, welcher der Schule einen Besuch abstattete, bewunderte die kräftigen Arme des Jungen und erbot sich, ihn in sein Laboratorium zu nehmen, damit er ihm seine Pulver reibe – worauf Vauquelin in der Hoffnung einging, daß er dort seine Studien würde fortsetzen können. Da ihm der Apotheker aber nicht gestattete, den kleinsten Teil seiner Zeit dem Lernen zu widmen, so war der Bursche nach Feststellung dieser Thatsache sofort entschlossen, den Dienst zu quittieren. Mit seinem Quersack auf dem Rücken verließ er Saint-André und schlug den Weg nach Paris ein. Hier angekommen, suchte er vergeblich eine Stelle als Apothekerlehrling. Durch Mangel und Anstrengung entkräftet, wurde Vauquelin krank und in diesem Zustand in ein Hospital gebracht, wo er glaubte sterben zu müssen. Aber dem armen Burschen stand Besseres bevor. Er wurde gesund und erneuerte nun seine Bemühungen um eine Stelle, welche er endlich bei einem Apotheker fand. Bald danach wurde er mit dem ausgezeichneten Chemiker Fourcroy bekannt, welchem der junge Mensch so gefiel, daß er ihn zu seinem Privatsekretär machte; und als viele Jahre später der große Philosoph starb, folgte ihm Vauquelin in seinem Amt als Professor der Chemie. Schließlich – im Jahre 1829 – erkoren ihn die Wähler des Departements Calvados zu ihrem Vertreter in der Deputiertenkammer, und er kehrte im Triumph in das Dorf zurück, das er vor so vielen Jahren arm und unbekannt verlassen hatte. England hat keine Fälle aufzuweisen, welche den in Frankreich zur Zeit der ersten Revolution üblich gewordenen Beförderungen gemeiner Soldaten zu den höchsten militärischen Ämtern analog wären. » La carrière ouverte aux talents « – dieser Satz ist dort vielfach durch glänzende Beispiele illustriert worden, denen wir ohne Zweifel ähnliche an die Seite stellen könnten, wenn bei uns das Avancement ebenso ungehindert wäre. Hoche, Humbert und Pichegru begannen ihre Laufbahn als gemeine Soldaten. Hoche pflegte, während er noch in der Armee des Königs stand, Westen zu besticken, um in den Besitz des Geldes zu gelangen, dessen er zum Ankauf militärwissenschaftlicher Bücher bedurfte. Humbert war in seiner Jugend ein Taugenichts; mit sechzehn Jahren lief er von Hause fort und war abwechselnd Diener bei einem Krämer in Nancy, Arbeiter in Lyon und Hausierer mit Kaninchenfellen. Im Jahre 1792 trat er als Freiwilliger ein, und im Laufe eines Jahres wurde er Brigadegeneral. Kleber, Lefèvre, Suchet, Victor, Lannes, Soult, Massena, St. Cyr, D´Erlon, Murat, Augerau, Bessières und Ney – alle gingen aus den Reihen der gemeinen Soldaten hervor. In einigen Fällen war die Beförderung rasch, in anderen langsam. Saint Cyr, der Sohn eines Lohgerbers aus Toul, war zuerst Schauspieler, dann trat er bei den Jägern ein und wurde innerhalb eines Jahres Kapitän. Victor, der Herzog von Belluno, trat im Jahre 1781 bei der Artillerie ein; wahrend der Ereignisse vor der Revolution wurde er entlassen, aber sofort nach dem Ausbruch des Krieges wurde er wieder eingezogen und erreichte im Laufe weniger Monate durch seine Unerschrockenheit und Tüchtigkeit seine Beförderung zum Bataillons-Adjutanten. Murat, » le beau sabreur, « war der Sohn eines ländlichen Schankwirts in Perigord und hatte dort die Pferde zu besorgen. Er trat zuerst bei einem Jägerregiment ein, wurde jedoch wegen Insubordination entlassen, aber nach seiner abermaligen Aufnahme stieg er in kurzer Zeit zu dem Range eines Obersten. Ney trat mit achtzehn Jahren in ein Husarenregiment ein und stieg allmählich, Stufe um Stufe, empor; Kleber entdeckte bald seine Verdienste, gab ihm den Beinamen des »Unermüdlichen« und beförderte ihn, den erst Fünfundzwanzigjährigen, zum General-Adjutanten. Anderseits erreichte Soult Soult empfing in seiner Jugend nur eine geringe Bildung und hatte so gut wie nichts von Geographie gelernt; – erst als er französischer Minister der auswärtigen Angelegenheiten wurde, widmete er sich dem Studium dieses Zweiges der Wissenschaft, und zwar – wie man sagt – mit vielem Vergnügen. – » Oeuvres etc. d´Alexis de Tocqueville. Par G. de Beaumont.« Paris 1861. I. 52. erst sechs Jahre nach seinem Eintritt in die Armee den Rang eines Sergeanten. Aber Soults Beförderung war doch noch schnell im Vergleich mit derjenigen Massenas, der vierzehn Jahre dienen mußte, ehe er Sergeant wurde; und obgleich der letztere später stufenweise und allmählich zu dem Range eines Obersten, eines Divisionsgenerals und Marschalls emporstieg, so erklärte er doch, die Erringung des Sergeantenpostens hätte ihm mehr Mühe gekostet, als alles andere. Ähnliche Beförderungen von unten herauf sind in der französischen Armee bis auf den heutigen Tag vorgekommen. Changarnier trat im Jahre 1815 als gemeiner Soldat bei der königlichen Leibgarde ein. Der Marschall Bugeaud diente vier Jahre als gemeiner Soldat, worauf er zum Offizier befördert wurde. Der Marschall Randon, der dermalige französische Kriegsminister, Das Wort: »dermalige« bezieht sich hier auf die Zeit, da die erste Ausgabe dieses Buches erschien, d. h. auf das Jahr 1859. begann seine militärische Laufbahn als Trommelschläger, und auf seinem Bilde in der Galerie zu Versailles ruht seine Hand auf dem oberen Teil einer Trommel, wie er sich selbst gemalt zu sehen wünschte. Solche Beispiele begeistern die französischen Soldaten für den Heeresdienst, da jeder Gemeine fühlt, daß er möglicherweise den künftigen Marschallsstab in seinem Tornister trägt. Die Beispiele von Männern, welche durch ausdauernde Beharrlichkeit und Energie aus den bescheidensten gewerblichen Verhältnissen zu einer höchst nützlichen und einflußreichen gesellschaftlichen Stellung emporgestiegen sind, zeigen sich in der That hier wie in anderen Ländern so zahlreich, daß man längst aufgehört hat, sie als Ausnahmen anzusehen. Fast könnte man mit Bezug auf einige der merkwürdigsten dieser Beispiele sagen, daß gerade die frühe Bekanntschaft mit Schwierigkeiten und Mißgeschick die notwendige und unentbehrliche Bedingung des Erfolgs war. Das englische Unterhaus hat immer eine beträchtliche Anzahl solcher aus eigener Kraft emporgestiegener Männer enthalten, welche die passenden Repräsentanten des industriellen Charakters des Volkes abgaben; und es gereicht unserer Legislatur zur Ehre, daß sie dort gern aufgenommen und geehrt worden sind. Als der verstorbene Joseph Brotherton, der Abgeordnete für Salford, im Verlauf der Debatte über die Zehn-Stunden-Bill mit ergreifendem Pathos die Mühen und Beschwerden schilderte, denen er als jugendlicher Fabrikarbeiter in einer Baumwollenmühle unterworfen gewesen, und dann von dem damals in ihm reifenden Entschlusse sprach, aus allen Kräften auf die Verbesserung des Loses der arbeitenden Klassen hinzuwirken, falls er je dazu imstande sein sollte, da erhob sich unmittelbar nach ihm Sir James Graham und erklärte unter lautem Beifall des Hauses, er habe nicht gewußt, daß Herr Brotherton aus so bescheidenen Verhältnissen herstamme, aber der Gedanke, daß ein Mann aus so einfachem Stande dazu gelangen könne, mit gleicher Berechtigung an der Seite des englischen Erbadels zu sitzen, mache ihn auf das Unterhaus nur um so stolzer! Der verstorbene Herr Fox, der Abgeordnete von Oldham, pflegte seine Erinnerungen an die Vergangenheit mit den Worten einzuleiten: »Als ich noch als Weberlehrling in Norwich arbeitete,« und es giebt viele noch lebende Parlamentsmitglieder, deren Herkunft gleich bescheiden ist. Herr Lindsay, der wohlbekannte Schiffseigentümer, welcher bis vor kurzer Zeit Abgeordneter für Sunderland war, erzählte einmal den Wählern von Weymouth – als Antwort auf einen Angriff seiner politischen Gegner – die einfache Geschichte seines Lebens. Mit vierzehn Jahren war er eine Waise; und als er – um in der Welt sein Glück zu suchen – von Glasgow nach Liverpool reisen wollte und doch nicht imstande war, die Überfahrt zu bezahlen, da willigte der Kapitän des Dampfers ein, seine Arbeit statt des Geldes zu nehmen, und der Knabe trug seine Schuld ab, indem er im Kohlenraum die Kohlen einschaufelte. In Liverpool war er sieben Wochen lang ohne Stellung, während welcher Zeit er in Schuppen hauste und sich jämmerlich durchschlug; endlich fand er Aufnahme an Bord eines Westindienfahrers. Er trat als Schiffsjunge in Dienst, bevor er aber sein neunzehntes Jahr erreicht hatte, war er durch ein fortgesetzt gutes Betragen bis zu dem Range eines Schiffskapitäns emporgestiegen. Mit dreiundzwanzig Jahren gab er den Seedienst auf und wurde eine »Landratte,« in welcher Eigenschaft er schnell vorwärts kam – und zwar, wie er sagte, »durch beharrlichen Fleiß, stete Arbeit und beständiges Festhalten an dem Grundsatz, andere so zu behandeln, wie er sich selbst behandelt zu sehen wünschte.« Die Laufbahn des Herrn William Jackson aus Birkenhead, des Abgeordneten von North-Derbyshire, zeigt eine große Ähnlichkeit mit derjenigen des Herrn Lindsay. Sein Vater, ein Wundarzt zu Lancaster, starb, indem er eine aus elf Kindern bestehende Familie hinterließ, von welchen William Jackson der siebente Sohn war. Die älteren Knaben hatten bei Lebzeiten des Vaters eine gute Erziehung erhalten; aber nach seinem Tode sollten die jüngeren für sich allein sorgen. Der noch nicht zwölf Jahre alte William wurde aus der Schule genommen und an Bord eines Schiffes in harten Dienst gegeben, der ihn täglich von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends in Anspruch nahm. Da sein Herr krank wurde, kam der Knabe in ein Comptoir, wo er mehr freie Zeit hatte. Jetzt fand er Muße zum Lesen, und als ihm eine Ausgabe der » Encycopaedia Britannica « in die Hände fiel, las er die Bände von A bis Z durch, teils bei Tage, hauptsächlich aber bei Nacht. Später fing er selbst ein Geschäft an, war fleißig und hatte Erfolg. Jetzt segeln seine Schiffe auf fast allen Meeren, und seine Handelsverbindungen erstrecken sich beinahe auf alle Länder der Erde. Zu ähnlichen Männern der gleichen Klasse kann man auch Richard Cobden rechnen, dessen Leben unter gleich bescheidenen Umständen begann. Als der Sohn eines kleinen Farmers zu Midhurst in Sussex wurde er in früher Jugend nach London geschickt und in einem Warenhause der City als Lehrling untergebracht. Er war fleißig, ordentlich und lernbegierig. Sein Prinzipal, ein Mann von der alten Schule, warnte ihn vor zu vielem Lesen; aber der junge Mensch ging seinen eigenen Weg und speicherte in seinem Gedächtnis all die Reichtümer auf, welche er in den Büchern fand. Er wurde von einem Vertrauensposten zum anderen befördert – wurde Reisender für sein Geschäftshaus, erwarb bedeutende Konnexionen und etablierte sich schließlich in Manchester als Kattundrucker. Während er sich für alle öffentlichen Fragen, ganz besonders für den Volksunterricht, interessierte, wurde seine Aufmerksamkeit allmählich auf die »Korngesetze« hingelenkt, für deren Aufhebung er, wie man wohl sagen kann, sein Leben und sein Vermögen geopfert hat. Es mag hier als eine merkwürdige Thatsache angeführt werden, daß er mit seiner ersten öffentlichen Rede vollkommen durchfiel. Aber er besaß ein hohes Maß von Ausdauer, Fleiß und Energie: und durch Beharrlichkeit und Übung wurde er schließlich einer der hinreißendsten und sprachgewaltigsten Redner, der sich sogar das uneigennützige Lob des Sir Robert Peel erwarb. Herr Drouyn de Lhuys, der französische Gesandte, hat mit beredter Anerkennung über Herrn Cobden geäußert, er sei »ein lebender Beweis dafür, was Verdienst, Beharrlichkeit und Arbeit zu leisten vermögen – eines der vollkommensten Beispiele jener Männer, welche, obwohl aus der bescheidensten Gesellschaftsklasse herstammend, doch vermöge ihres eigenen Wertes und ihrer persönlichen Verdienste schließlich den ersten Platz in der öffentlichen Wertschätzung einnehmen – eins der vorzüglichsten Beispiele der dem englischen Volkscharakter eigentümlichen wertvollen Tugenden.« In allen diesen Fällen war angestrengter persönlicher Fleiß der Preis, welcher für die Auszeichnung bezahlt wurde – denn Bedeutung irgendwelcher Art bleibt der Trägheit stets versagt. Nur die arbeitsame Hand und der thätige Verstand können reich machen – das gilt sowohl für die Selbsterziehung als auch für das Wachsen in Weisheit und für das geschäftliche Leben. Selbst wer durch seine Geburt zu Wohlstand und hoher gesellschaftlicher Stellung berufen ist, kann sich eine wirkliche persönliche Berühmtheit doch nur durch energischen Fleiß erwerben; denn es kann wohl Landbesitz vererbt werden, aber nicht Gelehrsamkeit und Weisheit. Der wohlhabende Mann kann andere dafür bezahlen, daß sie seine Arbeit für ihn verrichten; aber er kann nicht einen anderen für sich denken lassen oder sich irgend eine Art von Bildung mit Geld erkaufen. In der That bewahrheitet sich der Satz, nach welchem sich eine hervorragende Bedeutung auf allen Gebieten nur durch arbeitsamen Fleiß erringen läßt, sowohl in dem Fall des reichen Mannes als in demjenigen von Drew und Gifford, deren einzige Schule eine Schusterbude, oder von Hugh Miller, dessen einzige Universität ein Steinbruch zu Cromarty war. Es ist vollkommen klar, daß Reichtum und Behagen nicht notwendige Bedingungen höchster menschlicher Veredlung sind: denn sonst würde die Welt nicht zu allen Zeiten so vielen Dank denjenigen schuldig gewesen sein, die aus den einfachsten Verhältnissen hervorgingen. Eine angenehme oder gar üppige Existenz treibt den Menschen nicht zur Anspannung seiner Kräfte oder zum Kampf mit Schwierigkeiten, auch erweckt sie in ihm nicht jenes Kraftbewußtsein, welches für eine energische und erfolgreiche Thätigkeit im Leben so wesentlich ist. In der That – die Armut ist nicht nur weit davon entfernt, ein Unglück zu sein: sie kann vielmehr durch thatkräftige Selbsthilfe in einen Segen verwandelt werden; denn sie eifert die Menschen zu jenem Kampfe mit der Welt an, in welchem zwar mancher sich seinen Wohlstand durch Selbsterniedrigung erkauft, die Rechtschaffenen und Edlen aber Kraft, Selbstvertrauen und Sieg erringen. Bacon sagt: »Die Menschen verstehen anscheinend weder ihren Wohlstand noch ihre Kraft richtig zu schätzen; von dem ersteren haben sie eine zu hohe, von der letzteren eine zu geringe Meinung. Selbstvertrauen und Selbstverleugnung lehren den Menschen, aus seinem eigenen Brunnen zu trinken, sein eigenes Brot süß zu finden, für seinen Unterhalt redlich zu lernen und zu arbeiten und mit den seiner Fürsorge anvertrauten Gütern gewissenhaft Haus zu halten.« Der Reichtum ist eine so große Versuchung zur Trägheit und Selbstgefälligkeit, zu welchen die Menschen schon von Natur geneigt sind: daß der Ruhm derjenigen um so größer ist, die – obwohl im Schoße des Reichtums geboren – doch einen thätigen Anteil an den Bestrebungen ihrer Zeit nehmen und »der Wollust feind, sich ernster Arbeit weihn.« – Es gereicht den wohlhabenderen Klassen unseres Landes zur Ehre, daß sie keine Müßiggänger sind, denn sie nehmen den gebührenden Anteil an den Geschäften des Staates und gewöhnlich auch einen mehr als billigen Anteil an seinen Gefahren. Als jemand zur Zeit des spanisch-portugiesischen Befreiungskrieges einen Subalternoffizier einsam neben seinem Regiment durch Schmutz und Schlamm einherschreiten sah, that er mit Bezug auf ihn den hübschen Ausspruch: »Da geht ein Jahreseinkommen von 15,000 Pfund!« – Und in unseren Tagen legen die düsteren Felsenabhänge Sebastopols und die brennende Sonne Indiens Zeugnis ab von einer gleich edlen Selbstverleugnung und Aufopferung seitens unserer höheren Klassen: manch tapferer und edler Jüngling von Rang und Vermögen hat auf einem oder dem anderen jener Kampfplätze sein Leben im Dienste des Vaterlandes gewagt oder verloren. Aber auch in den friedlicheren Bestrebungen der Philosophie und Wissenschaft haben sich Mitglieder der wohlhabenderen Stände ausgezeichnet. Man denke beispielsweise nur an den großen Bacon, den Vater der modernen Philosophie, und auf dem Gebiet der Wissenschaft an Worcester, Boyle, Cavendish, Talbot und Rosse! Den letztgenannten darf man als den großen Mechaniker des englischen Erbadels bezeichnen, der, wäre er nicht als Pair geboren worden, wahrscheinlich den ersten Rang unter den Erfindern eingenommen hätte. Seine Kenntnisse in der Schmiedekunst waren so gründlich, daß man von ihm erzählt, er sei einmal von einem Fabrikbesitzer, der seinen Rang nicht kannte, gebeten worden, die Leitung einer großen Wertstätte Zu übernehmen. Das berühmte Rossesche Teleskop, welches er selbst angefertigt hat, ist sicherlich das außerordentlichste derartige Instrument, das bis jetzt konstruiert worden. Aber die thätigsten Arbeiter aus den höheren Klassen finden sich hauptsächlich auf dem Gebiet der Politik und Litteratur. Auch auf diesen Arbeitsfeldern wie auf allen anderen kann der Erfolg nur durch Fleiß, Übung und Studium erzielt werden, und ein großer Minister oder leitender Parlamentarier muß notwendigerweise zu den fleißigsten Arbeitern gehören. Das trifft bei Palmerston zu und auch bei Derby, Russel, Disraeli und Gladstone. Diese Männer haben nicht die Wohlthat der »Zehnstunden-Bill« genossen, sondern haben oft während der Hochflut der Parlamentssaison »doppelschichtig« gearbeitet, fast Tag und Nacht hindurch. Einer der berühmtesten derartigen Arbeiter der modernen Zeit war ohne Zweifel der verstorbene Sir Robert Peel. Er besaß in hohem Grade die Fähigkeit unausgesetzter geistiger Beschäftigung und schonte sich selbst durchaus nicht. Seine Laufbahn ist in der That ein merkwürdiges Beispiel dafür, was ein Mensch von relativ mäßiger Begabung durch ausdauernde Beharrlichkeit und unermüdlichen Fleiß erreichen kann. Während der vierzig Jahre, die er im Parlament saß, hat er erstaunlich viel geleistet. Er war ein außerordentlich gewissenhafter Mann, und was er that, das that er gründlich. Alle seine Reden geben Zeugnis von der Sorgfalt, mit der er alles studierte, was über den zu behandelnden Gegenstand geredet oder geschrieben worden. Er war von einer fast übermäßigen Genauigkeit und sparte keine Mühe, um sich den verschiedenen Fähigkeiten seines Zuhörerkreises anzupassen. Außerdem besaß er viel praktische Einsicht, eine große Willenskraft und die Gabe, eine Bewegung mit starker Hand und festem Auge zu leiten. In einer Beziehung übertraf er die meisten Menschen: seine Grundsätze erweiterten und vertieften sich mit der Zeit, und das zunehmende Alter beschränkte seine Natur nicht, sondern diente nur dazu, dieselbe zu mildern und zu reifen. Bis zum Ende seines Lebens blieb er empfänglich für neue Ansichten, und obgleich ihn manche für übertrieben vorsichtig hielten, gestattete er selbst sich doch nie jene urteilslose Bewunderung der Vergangenheit, welche so viele ähnlich herangebildete Geister lähmt und das Alter derselben bemitleidenswert macht. Der unermüdliche Fleiß des Lord Brougham ist fast sprichwörtlich geworden. Seine öffentliche Wirksamkeit hat sich über einen Zeitraum von mehr als sechzig Jahren erstreckt und sich auf vielen Gebieten bethätigt – in der Rechtskunde, der Litteratur, Politik und Wissenschaft – und überall mit Auszeichnung. Wie er dies fertig gebracht, ist vielen ein Rätsel gewesen. Als Sir Samuel Romilly einmal zu irgend einem neuen Unternehmen aufgefordert wurde, entschuldigte er sich damit, daß er keine Zeit habe, fügte aber hinzu: »Gehen Sie damit doch zu jenem Brougham, der Mensch scheint für alles Zeit zu haben!« – Broughams Geheimnis bestand darin, daß er keine Minute unbenutzt ließ und obendrein eine eiserne Konstitution besaß. In einem Alter, in dem die meisten Menschen sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen haben würden, um ihre sauer verdiente Muße zu genießen und vielleicht ihre Tage in einem Sorgenstuhl zu verträumen, unternahm Lord Brougham eine fortlaufende Reihe gründlicher Untersuchungen über die Gesetze des Lichts und unterwarf die Resultate seiner Forschung den kompetentesten wissenschaftlichen Autoritäten, welche London oder Paris stellen konnten. Fast zu derselben Zeit ließ er seine bewunderungswürdigen Skizzen – »Die Männer der Wissenschaft und Litteratur unter der Regierung Georgs III.« – drucken und nahm nebenher seinen vollen Anteil an der Gesetzgebung und den politischen Debatten des Oberhauses. Sidney Smith gab ihm einmal den Rat, er möchte sich doch nicht mehr Arbeit übernehmen, als drei starke Männer bewältigen könnten. Aber Broughams Arbeitslust war so groß und ihm seit so langer Zeit zur Gewohnheit geworden, daß ihm anscheinend keine Anstrengung zu viel wurde, und sein Ehrgeiz war so feurig, daß man von ihm gesagt hat, er würde, falls er nur die Lebensstellung eines Schuhputzers gehabt hätte, nicht geruht haben, bis er der beste Schuhputzer in ganz England gewesen wäre. Ein anderer schwer arbeitender Mann derselben Klasse ist Sir E. Bulwer Lytton. Wenige Schriftsteller haben mehr geleistet oder einen höheren Ruhm erlangt, als er ihn auf so verschiedenartigen Gebieten erworben – als Novellendichter, Dramatiker, Historiker, Essay-Schreiber, Redner und Politiker. Er hat sich seinen Weg Schritt für Schritt gebahnt, alle Bequemlichkeit verachtend, nur von dem brennenden Verlangen nach Auszeichnung beseelt. Was den bloßen Fleiß anbetrifft, so giebt es unter den noch lebenden englischen Schriftstellern wenige, die soviel geschrieben wie er, und soviel Vorzügliches hat keiner hervorgebracht. Bulwers Emsigkeit verdient ein um so höheres Lob, als er sie sich vollkommen freiwillig auferlegt hat. Auf Jagden oder auf Anstand zu gehen und behaglich zu leben – die Klubs zu besuchen und in die Oper zu fahren, die bunte Abwechselung des Londoner Visitenmachens und Herumflanierens während der »Saison« zu genießen und dann auf sein Landgut zu gehen und dessen reiche Konservenvorräte und die tausenderlei Vergnügungen im Freien durchzukosten – auf dem Kontinent herumzureisen und Paris, Wien oder Rom zu sehen; alles dies ist außerordentlich anziehend für einen Menschen, der das Vergnügen liebt und über ein großes Vermögen verfügt, und erscheint keineswegs geeignet, ihn zur freiwilligen Übernahme irgend einer länger dauernden Arbeit zu veranlassen. Doch Bulwer muß – im Gegensatz zu seinen Standesgenossen – sich diese Vergnügungen, die ihm alle erreichbar waren, freiwillig versagt haben, indem er die Stellung und Laufbahn eines Schriftstellers erwählte und auch festhielt. Gleich Byron trat er zuerst mit einem poetischen Versuch hervor (» Weeds and wild flowers «), der sich als ein Mißgriff erwies. Darauf schrieb er eine Novelle (» Falkland «), die ebensowenig Anklang fand. Ein Mann von schwächeren Nerven würde jetzt das Schriftstellern aufgegeben haben; aber Bulwer besaß Mut und Ausdauer, er arbeitete weiter, entschlossen, sein Ziel zu erreichen. Er war unermüdlich thätig, las außerordentlich viel und bahnte sich tapfer seinen Weg vom Mißerfolg zum Erfolg. Auf » Falkland « folgte innerhalb eines Jahres » Pelham ,« und der übrige Teil von Bulwers litterarischer Laufbahn, die sich jetzt d. h. im Jahre 1859. über einen Zeitraum von dreißig Jahren erstreckt, ist eine ununterbrochene Reihenfolge von Triumphen gewesen. Auch Herr Disraeli ist ein Beispiel dafür, daß Fleiß und Beharrlichkeit einen hoben Anteil an der Gewinnung einer hervorragenden politischen Bedeutung haben. Gleich Bulwer versuchte er sich zuerst auf litterarischem Gebiet, und wie jener gelangte er erst durch eine Reihe von Mißerfolgen zum Erfolg. Seine Erstlingswerke – » Wondrous Tale of Alroy « und » Revolutionary Epic « – wurden verlacht und als Anzeichen litterarischer Verrücktheit betrachtet. Aber er ging auf andere Gebiete über, und die Werke » Coningsby «, » Sybil « und » Taucred « bewiesen, daß er ein Dichter von echtem Schrot und Korn war. Auch als Redner machte er bei seinem ersten Auftreten im Unterhaus Fiasko. Man behauptete davon, es sei »noch lachenerregender gewesen als eine Komödie des Terenz.« Jeder Satz, obwohl in pomphaftem und hochtrabendem Stil abgefaßt, wurde mit »schallendem Gelächter« begrüßt. Die Tragödie »Hamlet,« als Posse dargestellt, würde nichts dagegen gewesen sein! Aber der Redner schloß mit einem Satz, der eine Prophezeiung enthielt. Noch bebend vor Zorn über das Gelächter, mit welchem man seine wohleinstudierte Rede aufgenommen, rief er aus: »Ich habe schon viele Dinge mehrmals versuchen müssen und bin doch zuletzt damit fertig geworden. Ich werde mich jetzt hinsetzen, aber es wird die Zeit kommen, da Sie mich anhören werden!« – Und diese Zeit kam in der That, und wie es Disraeli schließlich gelang, die Aufmerksamkeit der hervorragendsten Männer der Welt zu fesseln – das ist ein schlagender Beweis jener Macht, die der Energie und Entschlossenheit innewohnt; denn Disraeli erwarb sich seine Stellung durch geduldigen Fleiß. Er zog sich nicht wie andere junge Männer nach einem einmaligen Mißerfolg verdrossen in einen Winkel zurück, um dort zu maulen und zu wimmern, sondern ging aufs neue eifrig an die Arbeit. Er gewöhnte sich sorgfältig seine Fehler ab, studierte den Charakter seiner Zuhörer, übte sich eifrig in der Kunst der Rede und suchte sich unverdrossen die Elemente parlamentarischen Wissens anzueignen. Er bemühte sich geduldig um den Erfolg, und derselbe kam endlich, wenn auch langsam: denn das Haus lachte letzt mit ihm statt über ihn. Die Erinnerung an seinen ehemaligen Mißerfolg war ausgelöscht, und schließlich wurde er allgemein als einer der vorzüglichsten und hinreißendsten Redner des Parlaments anerkannt. Obgleich viel durch individuelle Beharrlichkeit und Energie geleistet werden kann, wie diese und die auf den folgenden Seiten angeführten Beispiele darlegen, so muß man doch zu gleicher Zeit anerkennen, daß die Hilfe, welche wir auf unserer Lebensreise seitens anderer Menschen empfangen, dabei von sehr wesentlicher Bedeutung ist. Sehr richtig sagt der Dichter Wordsworth: »Diese zwei Dinge, die einander zu widersprechen scheinen, gehen dennoch Hand in Hand – männliche Abhängigkeit und männliche Unabhängigkeit; männliches Vertrauen und männliches Selbstvertrauen.« Von der frühesten Jugend bis ins späteste Alter verdanken wir unsere Pflege und Bildung mehr oder minder anderen Menschen, und gerade die Besten und Stärksten unter uns sind gewöhnlich am ersten bereit, eine solche Hilfe anzuerkennen. Man erinnere sich zum Beispiel an die Laufbahn des verstorbenen Alexis de Tocqueville, der doppelt vornehm geboren war, da er einen hervorragenden französischen Edelmann zum Vater und die Tochter von Malesherbes zur Mutter hatte. Durch mächtige Familienverbindungen erhielt er mit einundzwanzig Jahren den Posten eines Militärrichters zu Versailles; da er aber wahrscheinlich fühlte, daß er diese Stellung nicht durch sein Verdienst erworben, so beschloß er, sie aufzugeben und sein künftiges Fortkommen im Leben nur sich selber zu verdanken. »Das war ein thörichter Entschluß!« wird mancher sagen, doch De Tocqueville hat ihn mutig ausgeführt. Er legte sein Amt nieder und rüstete sich zu einer Reise durch die Vereinigten Staaten, deren Resultate er in seinem großen Werk über »Die Demokratie in Amerika« veröffentlichte. Sein Freund und Reisegenosse Gustave de Beaumont hat seinen auf dieser Reise bewiesenen unermüdlichen Fleiß geschildert. »Seine Natur,« sagte er, »war jeder Trägheit abhold und sein Geist war unausgesetzt thätig – ganz gleich, ob er reiste oder rastete. – – – Für Alexis war die lehrreichste Unterhaltung die angenehmste. Als den schlimmsten Tag betrachtete er den verlorenen oder schlecht angewandten Tag; denn der geringste Zeitverlust ärgerte ihn.« Tocqueville selbst schrieb an einen Freund: »Es giebt keine Zeit des Lebens, in welcher wir vollkommen unthätig sein könnten; denn eine außer uns – und mehr noch eine in uns liegende Thätigkeit ist im Alter ebenso notwendig, wenn nicht gar notwendiger als in der Jugend. Ich vergleiche den Menschen in dieser Welt mit einem Wanderer, der ohne Aufhören in kältere und immer kältere Regionen hinaufsteigt. Je höher er kommt, desto schneller sollte er gehen: denn das Hauptleiden der Seele ist die Kälte. Um diesem schrecklichen Übel zu widerstehen, muß man sich nicht nur der Hilfe eines thätigen Geistes, sondern auch der Berührung mit der Welt in den Geschäften des Lebens bedienen.« (» Oeuvres et Correspondance inédite d'Alexis de Tocqueville. Par G. de Beaumont .« I. 398.) Aber obwohl De Tocqueville so fest von der Notwendigkeit einer Bethätigung persönlicher Energie und individuellen Selbstvertrauens überzeugt war, so konnte doch niemand mit größerer Bereitwilligkeit als er jene Hilfe und Unterstützung anerkennen, welche alle Menschen in höherem oder geringerem Grade ihren Mitmenschen verdanken. So sprach er oft mit Erkenntlichkeit von seinen Verpflichtungen gegen seine Freunde De Kergorlay und Stofells – dem ersteren fühlte er sich wegen seines geistigen Beistands, dem letzteren wegen seiner moralischen Unterstützung und Sympathie verbunden. An De Kergorlay schrieb er: »Du bist die einzige Seele, zu der ich unbedingtes Vertrauen habe, und deren Einfluß eine wahrhaft gute Wirkung auf mich ausübt. Viele andere beeinflussen meine Handlungen aber keiner hat einen so großen Anteil wie du an der Entstehung fundamentaler Gedanken und jener Grundsätze, welche die Lebensführung bestimmen.« – De Tocqueuille war auch nicht minder bereit, anzuerkennen, wieviel Dank er seiner Gattin Marie für die Erhaltung jener Stimmung und Geistesverfassung schuldete, welche ihm den erfolgreichen Betrieb seiner Studien ermöglichte. Er war davon überzeugt, daß eine hochherzige Frau den Charakter ihres Mannes unmerklich veredelt, während eine gemeine Natur ihn ganz sicher zu sich herabzieht. »Ich habe,« sagt er, »im Laufe meines Lebens hundertmal gesehen, daß ein schwacher Mann wahrhaft patriotische Tugenden bewährte, weil ihm eine Frau zur Seite stand, die ihn in seinem Streben unterstützte – nicht nur dadurch, daß sie ihm zu dieser oder jener That riet, sondern noch vielmehr dadurch, daß sie einen veredelnden Einfluß auf die Auffassung der Pflicht und selbst des Ehrgeizes ausübte. Ich muß aber gestehen, daß ich noch viel öfter davon Zeuge gewesen bin, wie das private und häusliche Leben einen von der Natur mit Großmut, Uneigennützigkeit und einer Anlage zur Größe begabten Menschen allmählich in ein ehrgeiziges, engherziges, gemeines und selbstsüchtiges Geschöpf verwandelte, das schließlich die Angelegenheiten seines Vaterlandes nur noch unter dem engen Gesichtswinkel des eigenen Nutzens und Behagens sah.« – » Oeuvres de Tocqueville. « II. 349. Kurz – der menschliche Charakter wird durch tausenderlei subtile Einflüsse gebildet: durch Beispiel und Lehre, durch Leben und Litteratur, durch Freunde und Nachbarn, durch die Welt, in der wir leben, und auch durch die Geister unserer Vorväter, deren Vermächtnis von guten Worten und Thaten wir erben. Aber so groß unzweifelhaft und anerkanntermaßen auch diese Einflüsse sind, so steht es dennoch fest, daß die Menschen mit Notwendigkeit selber die thätigen Schöpfer ihrer eigenen Wohlfahrt und Rechtschaffenheit sein müssen, und daß trotz allem, was die Weisen und Guten anderen Personen verdanken mögen, sie doch – der Natur der Sache nach – ihre eigenen und besten Helfer sind. Zweites Kapitel. Führer auf dem Gebiet der Industrie – Erfinder und Produzenten. »Le travail et la science sont désormais les maîtres du monde.« – de Salvandy. »Man nehme alles hinweg, was Männer aus den unteren Ständen nur allein auf dem Gebiet der Erfindungen für England gethan, und man sehe zu, wie es dann dort ausschauen würde!« – Arthur Helps Einer der markiertesten Charakterzüge des englischen Volkes ist der gewerbliche Sinn, der sich scharf und deutlich in seiner Vergangenheit ausprägt und noch heute ebenso merkbar hervortritt als zu irgend einer früheren Zeit. Dieser dem englischen Bürgertum innewohnende Geist hat die industrielle Größe des Reiches gegründet und aufgebaut. Der mächtige Aufschwung der Nation ist hauptsächlich das Resultat der freien Kraftbethätigung der Individuen gewesen und hat auf der Anzahl der Hände und Geister beruht, die von Zeit zu Zeit darin beschäftigt gewesen sind – sei es als Bodenbebauer, Produzenten von Nutzartikeln, Erfinder von Gerätschaften und Maschinen – oder auch als Schriftsteller und Künstler. Und indem dieser Geist des thätigen Gewerbefleißes das Lebensprincip der Nation ausgemacht hat: ist er auch gleichzeitig das Rettungs- und Heilmittel gewesen, welches von Zeit zu Zeit den Wirkungen der Irrtümer unserer Gesetze und der Unvollkommenheit unserer Verfassung entgegengearbeitet hat. Die industrielle Richtung, in welcher die Nation beharrte, hat sich als ihr bestes Erziehungsmittel erwiesen. Wie für ein jedes Individuum, so ist auch für einen Staat die andauernde Beschäftigung mit der Arbeit die heilsamste Schule. Der ehrenhafte Fleiß ist ein Gefährte der Pflicht; und beide sind durch die Hand der Vorsehung eng mit dem Glück verbunden. Nach dem Wort des Dichters haben die Götter den Weg, der zu den elysäischen Gefilden führt, mit Arbeit und Mühe belegt. Sicherlich ist dem Menschen kein Brot so süß als das, welches er durch seine eigene körperliche oder geistige Arbeit gewinnt. Durch die Arbeit hat der Mensch sich die Erde unterthan gemacht und sich selbst aus den Banden der Barbarei befreit; auch ist kein Schritt in der Civilisation ohne dieselbe gemacht worden. Die Arbeit ist nicht nur eine Notwendigkeit und eine Pflicht, sondern auch ein Segen: nur der Träge empfindet sie als einen Fluch. Von der Pflicht rüstigen Schaffens reden die Sehnen und Muskeln unserer Glieder, der Mechanismus unserer Hand, sowie die Nerven und Zellen unseres Gehirns; und die Summe der gesunden Thätigkeit aller dieser Organe heißt Befriedigung und Freude. In der Schule der Arbeit erlernt man die beste praktische Weisheit; auch ist ein Leben voll körperlicher Beschäftigung durchaus nicht unverträglich mit hoher geistiger Bildung, wie wir später sehen werden. Hugh Miller, der so gut wie kaum ein anderer die Vorteile und Nachteile des Arbeiterloses kannte, konstatierte als das Resultat seiner Erfahrungen, daß auch die schwerste Arbeit Vergnügen gewährt und ein Mittel der Selbstvervollkommnung ist. Seiner Ansicht nach ist die ehrliche Arbeit der beste Lehrmeister und ihre Schule die beste aller Schulen – mit Ausnahme derer, welche die christliche Religion lehren – denn in der Schule der Arbeit erwirbt man die Fähigkeit, sich nützlich zu machen, gewinnt den Geist der Unabhängigkeit und eignet sich die Gewohnheit ausdauernder Anstrengung an. Er war sogar der Meinung, daß die technische Ausbildung des Arbeiters, welche vermittelst der täglichen Beschäftigung mit wirklichen und praktischen Dingen die Beobachtungsgabe schärft und gründliche Lebenserfahrung verleiht, denselben besser für die Lebensreise ausrüste und seiner männlichen Entwicklung – emphatisch gesprochen – zuträglicher sei als die Erziehung zu irgend einem anderen Stande. Die stattliche Zahl der von uns schon in der Kürze angeführten großen Männer, welche aus den Reihen der gewerblichen Klassen hervorgingen und doch auf den verschiedenartigsten Gebieten des Lebens – in der Wissenschaft, dem Handel, der Litteratur und Kunst – sich Ruhm erwarben, beweist auf alle Fälle, daß die durch Armut und Arbeit bedingten Schwierigkeiten nicht unüberwindlich sind. Was die großen Entdeckungen und Erfindungen anbetrifft, die der Nation so viel Macht und Wohlstand verschafften, so ist es unzweifelhaft, daß wir den größten Teil derselben Männern aus dem niedrigsten Stande verdanken. Wenn wir alles entfernen wollten, was gerade sie in dieser besonderen Richtung geleistet, so würden wir wenig übrig behalten, was andere gethan. Die Erfinder haben einige der größten Industrien der Welt ins Leben gerufen. Ihnen verdankt die Gesellschaft viele ihrer hauptsächlichsten Nutzgegenstände, Annehmlichkeiten und Luxusartikel; durch ihr Genie und ihre Arbeit ist das tägliche Leben in jeder Beziehung leichter und erfreulicher geworden. Unsere Nahrung und Kleidung; die Einrichtung unserer Häuser; das Glas, welches das Licht in unsere Wohnräume einläßt und gleichzeitig die Kälte ausschließt; das Gas, welches unsere Straßen erleuchtet; unsere Verkehrsmittel zu Wasser und zu Lande; die Werkzeuge, vermittelst deren unsere verschiedenen Bedarfs- und Luxusartikel verfertigt werden: sie alle sind das Resultat der Arbeit und Erfindungsgabe vieler Männer und Geister. Die Menschheit, als ein Ganzes betrachtet, wird durch solche Erfindungen glücklicher gemacht und erntet täglich die Früchte derselben in einer Zunahme des individuellen wie auch allgemeinen Wohlbehagens. Obwohl die Erfindung der Dampfmaschine – der Königin aller Maschinen – im relativen Sinne unserer gegenwärtigen Zeit angehört, so entstand der Gedanke derselben doch schon vor vielen Jahrhunderten. Gleich anderen Erfindungen und Entdeckungen kam sie stufenweise zustande, indem immer der eine die Resultate seiner damals nutzlos erscheinenden Arbeit dem anderen als seinem Nachfolger überlieferte, der sie aufnahm und bis zu einer höheren Stufe weiterführte – sodaß die Reihenfolge der Versuche sich über viele Generationen erstreckte. So ging der von Hero aus Alexandria ausgesprochene Gedanke nie ganz verloren; sondern gleich dem Weizenkorn in der Hand einer ägyptischen Mumie blieb er keimfähig und sproßte kräftig empor, sobald er in das volle Licht der modernen Wissenschaft gerückt wurde. Die Dampfmaschine blieb aber unbrauchbar, bis sie aus dem Bereich der Theorie in die Hände Praktischer Mechaniker überging; und jene wunderbare Maschine erzählt uns eine glorreiche Geschichte von geduldigen, mühevollen Untersuchungen; von sich auftürmenden? durch heroischen Fleiß überwundenen Schwierigkeiten. Wahrhaftig! sie stellt an sich ein Denkmal der Kraft männlicher Selbsthilfe dar. Um sie gruppieren sich Gestalten der Militäringenieur; Newcomen, der Grobschmied aus Dartmouth; der Glaser Cawley; Potter, der Heizerjunge; Smeaton, der Civilingenieur; und – alle überragend – der arbeitsame, geduldige, unermüdliche James Watt, der Verfertiger mathematischer Instrumente. Watt war einer der fleißigsten Menschen. Die Geschichte seines Lebens beweist den durch alle Erfahrungen bestätigten Satz, daß nicht derjenige die größten Resultate erzielt, welcher das höchste Maß natürlicher Kraft und Begabung besitzt, sondern der, welcher seine Fähigkeiten mit dem größten Fleiß und der sorgfältigst geschulten Geschicklichkeit gebraucht – mit jener Geschicklichkeit, die man durch Arbeit, Übung und Erfahrung erwirbt. Viele Männer seiner Zeit wußten viel mehr als Watt, aber keiner war so emsig wie er beflissen, seine Kenntnisse praktisch nutzbar zu machen. Vor allem war er überaus beharrlich in der Feststellung von Thatsachen. Er übte sich eifrig in der Gewohnheit fleißigen Aufmerkens, auf welcher in der Hauptsache alle höhere Geistesthätigkeit beruht. Herr Edgeworth war sogar der Ansicht, daß die verschiedenartige geistige Begabung der Menschen mehr von einer rechtzeitigen oder versäumten Pflege dieser Gewohnheit des Aufmerkens, als von irgend einem Unterschied zwischen den Geisteskräften des einen und denen des anderen abhänge. Schon als Knabe suchte Watt in seinem kindlichen Spiel Belehrung. Die Quadranten, welche in der Tischlerwerkstatt seines Vaters umherlagen, führten ihn zum Studium der Optik und der Astronomie; seine Kränklichkeit veranlaßte ihn, den Geheimnissen der Physiologie nachzuspüren, und seine einsamen Spaziergange durch die Felder zogen ihn zu dem Studium der Botanik und Geschichte hin. Während er sich mit der Verfertigung mathematischer Instrumente beschäftigte, erhielt er den Auftrag, eine Orgel zu bauen; und ohne musikalisches Gehör begann er die Gesetze der Harmonie zu studieren, und konstruierte das Instrument ohne Fehler. Und ebenso unternahm er es – als man ihm das kleine, der Universität Glasgow gehörige Modell der Newcomenschen Dampfmaschine zur Reparatur übergab – sich mit allem vertraut zu machen, was man damals über die Hitze, die Expansion und Kondensation des Dampfes wußte; dabei setzte er gleichzeitig seine Forschungen auf dem Gebiet der Mechanik und des Maschinenbaues fort und legte deren Resultate endlich in dem von ihm erfundenen Kondensator nieder. Zehn Jahre lang war er unausgesetzt damit beschäftigt, zu grübeln und zu erfinden – mit geringer Hoffnung auf beglückenden Erfolg und wenigen Freunden, die ihn in seinem Streben bestärkten. Mittlerweile fuhr er, um den Unterhalt für seine Familie zu erwerben, damit fort, Quadranten anzufertigen und zu verkaufen: Geigen, Flöten und andere Musikinstrumente herzustellen und zu reparieren; Häuser zu taxieren; Straßen zu vermessen; den Bau von Kanälen zu leiten – kurz, alles zu thun, was Vorteil brachte oder einen ehrlichen Gewinn versprach. Endlich fand Watt einen passenden Partner in einem anderen hervorragenden Führer auf dem Gebiet der Industrie – nämlich in Matthew Boulton aus Birmingham, einem geschickten, energischen und weitschauenden Manne, welcher es mit allem Eifer unternahm, den Kondensator als Arbeitskraft allgemein in Gebrauch zu bringen, und heute ist der Erfolg jener beiden Männer eine geschichtliche Thatsache. Nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe dieses Buches hat sich der Verfasser in dem Werk: »Das Leben Boultons und Watts« bemüht, den Charakter und die Leistungen dieser beiden merkwürdigen Männer genauer zu schildern. Eine Anzahl geistreicher Erfinder hat der Dampfmaschine von Zeit zu Zeit neue Kräfte verliehen, und durch mannigfache Abänderungen ist sie befähigt worden, fast allen gewerblichen Zwecken zu dienen – Maschinenwerte in Bewegung zu setzen; Schiffe zu treiben; Korn zu mahlen; Bücher zu drucken; Geld zu prägen; Eisen zu hämmern, zu glätten und zu walzen – kurz, jede Art mechanischer Arbeit zu verrichten, zu welcher Kraft erforderlich ist. Eine der nützlichsten Modifikationen der Dampfmaschine ist die von Trevithick geplante und schließlich von George Stephenson und seinem Sohne gebaute Eisenbahnlokomotive, welche sociale Umwälzungen von so ungeheuerer Wichtigkeit hervorrief, daß man wohl sagen kann, sie habe ihren Wirkungen nach auf den Fortschritt und die Civilisation der Menschheit einen größeren Einfluß ausgeübt als selbst der Wattsche Kondensator. Eine der bedeutendsten Folgen der Wattschen Erfindung – wodurch eine fast unbegrenzte Macht in die Hände der Produzenten gegeben wurde – war die Begründung der Baumwollenmanufaktur. Als die Person, deren Name am engsten mit der Entstehung dieses großen Industriezweiges verknüpft ist, muß man ohne Zweifel Sir Richard Arkwright ansehen, dessen praktische Thatkraft und wunderbarer Scharfsinn vielleicht noch merkwürdiger waren als seine Erfindungen auf dem Gebiet der Mechanik. Seine Originalität als Erfinder ist allerdings in Zweifel gezogen worden, wie ja auch diejenige Watts und Stephensons. Arkwright stand vermutlich zu der Spinnmaschine in derselben Beziehung wie Watt zur Dampfmaschine und Stephenson zur Lokomotive. Er sammelte die bereits vorhandenen Gedankenfäden und verwob sie nach seinem eigenen Plan zu einem neuen und originellen Gewebe. Obgleich Lewis Paul aus Birmingham auf seine Erfindung eines Spinnwerks mit Walzen schon dreißig Jahre vor Arkwright ein Patent genommen hatte, so waren doch die von ihm konstruierten Maschinen in ihren einzelnen Teilen so mangelhaft, daß sie sich nicht praktisch verwenden ließen und die Erfindung demnach als ein Fehlschlag angesehen werden mußte. Von Thomas Highs aus Leigh, ein anderer unbedeutender Mechaniker, der Blätter für Webstühle verfertigte, heißt es ebenfalls, daß er die Spinnmühle und Spinnmaschine erfunden habe; aber seine Erfindungen waren gleichfalls unbrauchbar. Sobald die Bedürfnisse der Industrie dringende Anforderungen an das Ingenium der Erfinder stellen, so pflegt gewöhnlich ein und derselbe Gedanke mehrere Köpfe gleichzeitig, zu beschäftigen – das ist der Fall gewesen mit der Dampfmaschine, der Sicherheitslampe, dem elektrischen Telegraphen und anderen Erfindungen. Viele scharfsinnige Geister ringen mit der Idee einer Erfindung, bis endlich der Meister, der starke Mann der Praxis, hervortritt und ihren ungeborenen Gedanken mit einem Schlage ins Leben ruft, indem er das Princip erfolgreich anwendet und so die Aufgabe vollbringt. Dann erhebt sich ein großes Geschrei unter den kleineren Erfindern, welche sich in dem Wettlauf überholt sehen, und so haben denn Männer wie Watt, Stephenson und Arkwright gewöhnlich ihren Ruf und ihre Rechte als praktische und erfolgreiche Erfinder gegen mancherlei Angriffe zu verteidigen gehabt. Richard Arkwright ist gleich den meisten unserer großen Mechaniker aus den unteren Ständen hervorgegangen. Er wurde im Jahre 1732 zu Preston geboren. Seine Eltern waren sehr arm, und er war das jüngste von dreizehn Kindern. Er ging nie zur Schule: den einzigen Unterricht, den er genoß, verdankte er sich selber, und bis zu seinem Lebensende verursachte das Schreiben ihm große Mühe. Als Knabe kam er zu einem Barbier in die Lehre, und nachdem er das Gewerbe erlernt hatte, etablierte er sich in Bolton, wo er eine Kellerwohnung bezog, an deren Außenseite er diese Inschrift anbrachte: »Kommt zu dem unterirdischen Barbier! er rasiert euch für einen Penny.« – Als aber die anderen Barbiere sich von ihren Kunden verlassen sahen und deshalb ihre Preise nach seinem Vorbild herabsetzten, kündigte Arkwright – fest entschlossen, sein Geschäft in Flor zu bringen – an, daß er bereit sei, seine Gönner »sauber für einen halben Penny zu rasieren.« Nach einigen Jahren gab er seine Kellerwohnung »auf und begann einen Hausierhandel mit Haaren. Zu jener Zeit wurden Perücken getragen, und das Perückenmachen bildete einen wichtigen Zweig des Barbiergeschäfts. Arkwright pflegte nun auf die Gesindemärkte in Lancashire zu reisen, um sich die langen Zöpfe der jungen Frauen und Mädchen zu sichern, welche jene Märkte besuchten, und wie man sagt, hatte er in Geschäften dieser Art recht viel Glück. Er handelte auch mit einem chemischen Haarfärbemittel, welches er geschickt anzuwenden verstand, und woran er viel verdiente. Aber trotz seiner Strebsamkeit scheinen seine Einnahmen doch nur zum bloßen Lebensunterhalt hingereicht zu haben. Als die Perücken aus der Mode kamen, gerieten die Perückenmacher in Not, und Arkwright, der einen Hang zur Mechanik hatte, kam nun auf die Idee, Maschinen zu erfinden oder – wie das Volk es nannte – ein »Hexenmeister« zu werden. Man bemühte sich damals vielfach, eine Spinnmaschine zu erfinden, und unser Barbier war entschlossen, sich gleich den anderen mit seinem Lebensschifflein aus das Meer der Entdeckungen zu wagen. Ganz ebenso wie viele Autodidakten derselben Richtung hatte er sich schon früher in seinen Mußestunden mit der Herstellung eines perpetuum mobile beschäftigt, und der Weg von einem solchen zu einer Spinnmaschine war nicht weit. Er betrieb seine Experimente so eifrig, daß er darüber sein Geschäft versäumte, seine kleinen Ersparnisse einbüßte und in große Armut geriet. Seine Frau – denn er hatte inzwischen geheiratet – ärgerte sich über diese vermeintliche Vergeudung von Zeit und Geld dermaßen, daß sie in einem plötzlichen Wutanfall seine Modelle ergriff und zerbrach, in der Hoffnung auf solche Weise die Ursache ihres häuslichen Elends zu beseitigen. Arkwright aber, eine hartnäckige und feurige Natur, war durch dies Benehmen seiner Gattin so erbittert, daß er sich augenblicklich von ihr trennte. Auf seinen Reisen über Land war Arkwright mit einem Menschen, Namens Kay, einem Uhrmacher aus Warrington, bekannt geworden, der ihm bei der Herstellung einiger Teile seines Perpetuum mobile geholfen hatte. Manche vermuten daß dieser Kay ihn mit dem Princip der Walzenspinnwerke bekannt machte; andere aber behaupten, diese Idee sei zuerst in seinem eigenen Kopfe entstanden, als er zufällig einmal beobachtete, wie ein zwischen eisernen Rollen durchgleitendes Stück rotglühenden Eisens in die Länge gezogen wurde. Wie dem auch sei – jedenfalls nahm der Gedanke sogleich seinen Geist völlig in Anspruch, und da ihm Kay hinsichtlich der Ausführung keinen Rat zu geben vermochte, so grübelte er allein darüber nach. Arkwright gab nun das Auflaufen von Haaren auf und widmete sich ganz der Vervollkommnung seiner Maschine, deren Modell – unter seiner Leitung von Kay angefertigt – in der Aula des städtischen Gymnasiums zu Preston aufgestellt wurde. Als einer der Wahlmänner der Stadt hatte er bei der Stichwahl, durch welche der General Burgonne wiedergewählt wurde, mitzustimmen; aber seine Armut und die Dürftigkeit seiner Kleidung war so groß, daß eine Anzahl von Personen eine Geldsumme zusammenlegte, durch die ihm erst ein anständiges Erscheinen im Wahlraum ermöglicht wurde. Die Ausstellung seiner Maschine in einer Stadt, wo so viele Leute von der Arbeit ihrer Hände lebten, erwies sich als ein gefährliches Unternehmen. Draußen vor der Schule wurde von Zeit zu Zeit ein verdächtiges Murren laut, und eingedenk der Erfahrungen Kays, welcher infolge seiner Erfindung der Schnellschütze (Weberspule) vom Pöbel mißhandelt und zur Flucht aus Lancashire gezwungen wurde – sowie derjenigen des armen Hargreaves, dessen Spinnmaschine erst vor kurzem durch den Blackburner Jan-Hagel in Stücke geschlagen worden – faßte Arkwright den weisen Entschluß, sein Modell einzupacken und es an einem minder bedenklichen Orte aufzustellen. Er begab sich demgemäß nach Nottingham, wo er mehrere der dort ansässigen Bankiers um pekuniäre Unterstützung anging und solche auch schließlich von den Messrs. Wright erhielt, welche sich dazu verstanden, ihm eine Summe unter der Bedingung vorzustrecken, daß sie selbst an dem Nutzen der Erfindung beteiligt sein sollten. Die Maschine wurde jedoch nicht sobald vollendet als man gedacht, und die Bankiers empfahlen Arkwright, sich an die Messrs. Strutt und Need zu wenden, von denen der erstere der geistreiche Erfinder der patentierten Strickmaschine war. Herr Strutt erkannte sofort den Wert der Erfindung und associierte sich mit Arkwright, dem nun der Weg zum Glück geebnet war. Das Patent wurde auf den Namen des »Uhrmachers Richard Arkwright aus Nottingham« ausgestellt, und es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß dies im Jahre 1769, d. h. zu derselben Zeit geschah, als Watt seine Dampfmaschine patentieren ließ. Zuerst richteten die Unternehmer in Nottingham eine Baumwollenspinnerei ein, die durch ein Roßwerk getrieben wurde; bald danach gründeten sie zu Cromford in Derbyshire eine weit großartigere Spinnfabrik, deren bewegende Kraft ein Wasserwerk darstellte, welchem letzteren Umstand die Spinnmaschine den Namen »Spinnmühle« verdankte. Aber Arkwrights Werk war gewissermaßen erst begonnen. Es galt noch alle funktionierenden Teile seiner Maschine zu vervollkommnen. Dieselbe war in seiner Hand der Gegenstand fortwährender Abänderungen und Verbesserungen, bis er ihr endlich einen hohen Grad praktischer und nutzbringender Vollkommenheit verlieh. Aber dieser Erfolg wurde erst durch lange und geduldige Arbeit erzielt; jahrelang blieben die Unternehmungen entmutigend und unvorteilhaft, indem sie große Summen ohne jeden Nutzen verschlangen. Als sich sichere Aussichten auf Erfolg zeigten, fielen die Fabrikanten von Lancashire über Arkwrights Patent her, um es in Stücke zu reißen; wie seiner Zeit die Minenbesitzer von Cornwall gegen Boulton und Watt zu Felde zogen, um ihnen die Vorteile der Erfindung ihrer Dampfmaschine zu rauben. Arkwright wurde sogar für einen Feind der Arbeiter erklärt, und eine Spinnerei, die er in der Nähe von Chorley einrichtete, wurde von einer Volksmenge in Gegenwart einer starten polizeilichen und militärischen Macht zerstört. Die Bewohner von Lancashire weigerten sich, seine Fabrikate zu kaufen, obwohl dieselben anerkanntermaßen die besten des Marktes waren. Dann wollten sie auch nicht die Patent-Taxe für die Benutzung seiner Maschinen zahlen und verschworen sich, ihn durch die Gerichte zu »zerschmettern.« Trotz der Empörung aller rechtlich denkenden Leute wurde Arkwrights Patent aufgehoben. Als er nach der Gerichtsverhandlung an dem Hotel vorüberging, in welchem seine Gegner wohnten, sagte einer derselben so laut, daß er es hören konnte: »Na, nun haben wir den alten Bartkratzer endlich matt gesetzt!« – worauf er kalt erwiderte: »O, das macht nichts! ich habe noch ein Rasiermesser übrig, mit dem will ich euch alle über den Löffel barbieren!« – Er gründete neue Spinnereien in Lancashire, Derbyshire und New-Lanark in Schottland. Auch die Spinnereien von Cromford gingen nach dem Ablauf seines Associations-Vertrags mit Strutt in seine Hände über, und die Menge und Güte seiner Fabrikate war so groß, daß er in kurzer Zeit den Handel völlig beherrschte und nicht nur die Preise festsetzte, sondern auch das Verhalten der anderen Baumwollspinner in der Hauptsache beeinflußte. Arkwright war ein Mann von bedeutender Charakterstärke, unbezwinglichem Mut, großer Weltklugheit und fast genialer kaufmännischer Begabung. Während einer Periode seines Lebens nahm die mit der Organisation und Leitung seiner zahlreichen Fabriken verbundene schwere und andauernde Arbeit seine Zeit öfters von vier Uhr morgens bis neun Uhr abends in Anspruch. Im Alter von fünfzig Jahren machte er sich daran, die englische Grammatik zu studieren und sich im orthographischen Schreiben zu üben. Nach Überwindung aller Hindernisse hatte er die Genugthuung, die Früchte seiner Unternehmungen zu ernten. Achtzehn Jahre nach der Herstellung seiner ersten Maschine gelangte er in Derbyshire zu solchem Ansehen, daß man ihn zum Oberrichter der Grafschaft ernannte, und bald danach erhob ihn Georg III. in den Adelsstand. Er starb im Jahre 1792. Sei es zum Guten oder Schlimmen – in jedem Fall ist Arkwright der Begründer des modernen englischen Manufactursystems gewesen, d. h. eines Industriezweiges, welcher unzweifelhaft eine Quelle beträchtlichen Wohlstandes für zahlreiche Individuen wie für die ganze Nation dargestellt hat. Auch in allen anderen großen Industriezweigen Englands begegnen wir energischen Geschäftsleuten, welche den in der Nachbarschaft ihres Wirkungskreises liegenden Orten reichen Nutzen brachten und nicht minder der Gesellschaft im allgemeinen zu erhöhter Macht und Wohlhabenheit verhalfen. Dahin gehören die Strutts aus Belver, die Tennants ans Glasgow, die Marshalls und Gotts aus Leeds; die Peels, Ushworths, Birleys, Fieldens, Ashtons, Heywoods und Ainsworths aus South-Lancashire, deren Nachkommen sich zum Teil in der politischen Geschichte Englands hervorgethan haben. Das ist vorzüglich mit den Peels aus South-Lancashire der Fall gewesen. Der Begründer der Familie Peel war ein in der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebender kleiner Freisasse, der die Besitzung Hole-House bei Blackburn bewirtschaftete, von welcher er später nach jener Stadt zog, wo er in einem Hause der Fischgasse wohnte. Robert Peel sah im Laufe seines Lebens eine große Familie, von Söhnen und Töchtern um sich aufwachsen; da aber das Land um Blackburn ziemlich unfruchtbar war, so schien ihm die Landwirtschaft für den Fleiß seiner Kinder gar zu geringe Aussichten zu bieten. Der Ort war jedoch schon seit langer Zeit der Mittelpunkt einer Lokalindustrie, deren unter dem Namen »Blackburner Sackleinen« gehendes Erzeugnis – aus leinenen Kettenfäden und baumwollenem Einschlag bestehend – hauptsächlich in der Stadt und deren Umgegend verfertigt wurde. Es war dazumal – d. h. vor der Einführung des Fabriksystems – üblich, daß fleißige Landleute mit ihren Familien die nicht von der Bodenbestellung in Anspruch genommene Zeit daheim mit Weberarbeit ausfüllten; und so fing denn auch Robert Peel einen kleinen Privathandel mit selbstgewebtem Kattun an. Er war reell und lieferte reelle Ware, und da er außerdem sparsam und fleißig war, so gedieh sein Geschäft. Er war aber auch unternehmend und einer der ersten, welche sich des jüngst erfundenen Krempelcylinders bedienten. Doch bald lenkte sich Robert Peels Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Kattundruckerei – eine damals noch ziemlich unbekannte Kunst, und wahrend längerer Zeit beschäftigte er sich mit einer Reihe von Versuchen, welche das Drucken mit Maschinen zum Gegenstand hatten. Die Experimente wurden heimlich in seinem eigenen Hause angestellt, und das erforderliche Plätten der Stoffe besorgte eine der Frauen der Familie. Bei Leuten wie Peels pflegte man dazumal mittags aus zinnernen Tellern zu essen. Als er einmal auf einem solchen Teller ein Muster entworfen hatte, kam ihm plötzlich der Gedanke, man könnte davon einen umgekehrten Abdruck nehmen und denselben mit Hilfe von Farbe auf Kattun übertragen. In einer Hütte neben dem Gutshause wohnte eine Frau, die eine Wäschemangel zu vermieten hatte. Er ging zu ihr, ließ den Teller, dessen gravierte Stellen er mit Farbe bestrichen und mit einem Stück Kattun belegt hatte, unter der Mangel durchgehen und fand, daß ein befriedigender Abdruck entstanden war. Dies ist – wie man sagt – der Ursprung der mit Walzen betriebenen Kattundruckerei gewesen. Robert Peel vervollkommnete bald danach sein Verfahren, und das erste Muster, das er auf den Markt brachte, war ein Petersilienblatt – weshalb man ihn noch bis heutigen Tages in der Nachbarschaft von Blackburn »den Petersilien-Peel« nennt. Die Kattundruckerei vermittelst der Mule-Maschine – d. h. eines Holzcylinders mit erhabenem, und eines Kupfercylinders mit vertieftem Muster – kam später durch einen seiner Söhne, den Chef der Firma »Mssrs. Peel und Compagnie« zu Church, in Gebrauch. Durch seinen Erfolg ermutigt, gab Robert Peel bald nachher die Landwirtschaft auf und zog nach dem etwa zwei Meilen von Blackburn entfernten Dorf Brookside, wo er sich ausschließlich der Kattundruckerei widmete. Mit Hilfe seiner ihm an Energie gleichenden Söhne betrieb er dort das Gewerbe nutzbringend mehrere Jahre hindurch, und als die jungen Leute zu Männern herangewachsen waren, verzweigte sich das Unternehmen in mehreren Firmen des Namens »Peel,« von denen jede ein Mittelpunkt industrieller Thätigkeit und eine Quelle einträglicher Arbeit für viele Menschen wurde. Nach allem, was man über den Charakter des ersten, titellosen Robert Peel erfahren kann, muß er ein merkwürdiger Mann gewesen sein – pfiffig, scharfsinnig und weitschauend. Aber was man über ihn weiß, ist fast nur noch Tradition, und die Nachkommen derer, die ihn kannten, sterben rasch hinweg. Sein Sohn, Sir Robert Peel, äußerte sich mit bescheidenem Sinn folgendermaßen über ihn: »Mein Vater gilt mit Recht für den Begründer unserer Familie, und was den kommerziellen Wohlstand betrifft, so schlug er die Wichtigkeit desselben in nationaler Beziehung so hoch an, daß wir ihn oft sagen hörten, der Gewinn der Individuen sei klein im Vergleich zu dem nationalen Nutzen, welcher aus dem Handel erwachse.« – Sir Robert Peel, der erste Baronet und zweite Fabrikant dieses Namens, hatte die ganze Unternehmungslust, Fähigkeit und Emsigkeit seines Vaters geerbt. Seine Stellung war bei seinem Eintritt ins Leben nicht viel höher als die eines gewöhnlichen Arbeiters: denn obwohl sein Vater die Grundlage zu dem künftigen Reichtum legte, hatte derselbe doch noch immer mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, die aus ungenügendem Kapitalbesitz entspringen. Erst zwanzig Jahre alt, faßte Robert den Entschluß, sich in der Kattundruckerbranche, die er mittlerweile von seinem Vater erlernt hatte, selbständig, zu etablieren. Zu diesem Zweck associierte er sich mit seinem Onkel James Haworth und mit William Yates aus Blackburne das ganze Kapital, das sie zusammenbringen konnten, betrug nur ungefähr 500 Pfund, wozu William Yates das meiste beigetragen hatte. Der Vater des letzteren lebte als Hauseigentümer in Blackburn, wo er sehr bekannt und geachtet war. Da er selbst sich durch sein Geschäft ein Vermögen erworben hatte, so war er jetzt auch bereit, mit einer gehörigen Summe herauszurücken, um dem Sohne das Fortkommen in dem einträglichen, aber damals noch in den Kinderschuhen steckenden Kattundruckergewerbe zu erleichtern. Robert Peel – obwohl fast noch ein Knabe – vertrat in diesem Fall die praktische Geschäftskenntnis: aber man hat nicht unrecht gehabt, wenn man von ihm behauptete, »er trage einen alten Kopf auf seinen jungen Schultern.« Mit einer verhältnismäßig kleinen Summe kaufte man eine verfallene Kornmühle samt den anstoßenden Feldern in der Nahe der damals unbedeutenden Stadt Bury, in welcher man die Fabrikanlage noch lange Zeit danach »den Mühlengrund« nannte. Nachdem ein paar Holzschuppen errichtet worden waren, eröffnete die Firma im Jahre 1770 unter sehr bescheidenen Umständen ihre Kattundruckerei, mit welcher sie einige Jahre später eine Baumwollenspinnerei verband. Die einfache Lebensweise, in der sich die Geschäftsteilhaber einrichteten, erhellt aus den nachfolgenden Einzelheiten, die uns über den Anfang ihres Zusammenwirkens bekannt sind. William Yates war Familienvater und richtete sich eine bescheidene Häuslichkeit ein, in welcher er den unverheirateten Peel auf dessen Wunsch als Kostgänger aufnahm. Die Summe, welche der letztere anfänglich für Kost und Logis bezahlte, betrug nur acht Schillinge die Woche. Aber Yates hielt dies für zu wenig und bestand darauf, daß wöchentlich ein Schilling mehr gezahlt werden sollte. Darüber war Peel zuerst ungehalten, und es entstand eine Spannung zwischen den Partnern, die schließlich dadurch ausgeglichen wurde, daß Peel wöchentlich einen Sixpence zulegte. Das Älteste Kind von William Yates war ein Mädchen, Namens Ellen, und diese Kleine wurde bald der ausgesprochene Liebling des jungen Kostgängers. Wenn er von seinem sauren Tagewerk im »Mühlengrund« heimkehrte, pflegte er das kleine Mädchen auf seine Knie zu setzen und es zu fragen: »Nelly, du süßes, kleines Ding! willst du meine Frau werden?« – Und das Kind antwortete dann rasch: »Ja!« – wie es jedes andere Kind auch gethan haben würde. »Dann will ich auf dich warten, Nelly! Ich will dich heiraten und keine andere!« – Und Robert Peel wartete wirklich. Daß das Mädchen mit der Zeit immer hübscher wurde, bestärkte ihn nur in seinem Entschluß, und nach zehn Jahren angestrengter Thätigkeit und rasch wachsenden Wohlstandes heiratete er Ellen Yates, als diese eben ihr siebzehntes Jahr vollendet. So wurde das hübsche Kind, welches der Kostgänger der Mutter und Geschäftsteilhaber des Vaters so oft auf den Knien geschaukelt, jetzt Frau Peel und schließlich Lady Peel, die Mutter des nachmaligen englischen Premierministers. Lady Peel war eine edle und schöne Dame, wohl geeignet, jede Lebensstellung mit Würde und Anmut auszufüllen. Sie besaß ausgezeichnete Geistesgaben und erwies sich in jeder Lage als die hochherzige und treue Beraterin ihres Gatten. Nach ihrer Verheiratung fungierte sie viele Jahre hindurch als sein Amanuensis, indem sie den größten Teil seiner Korrespondenz besorgte; denn Herr Peel selber drückte sich mit der Feder schwerfällig, wenn nicht gar unverständlich aus. Sie starb im Jahre 1803, nur drei Jahre nach der Erhebung ihres Gemahls in den Baronetsstand. Wie man sagte, hatte das Londoner Gesellschaftsleben – das so wenig der Lebensweise glich, an die sie von daheim gewöhnt war – ihre Gesundheit zerstört, und der alte Yates pflegte später öfters zu äußern: »Wenn der Robert unsere Nelly nicht zu 'ner Dame gemacht hätte, so lebte sie am Ende noch!« – Die Laufbahn der Firma »Yates, Peel u. Compagnie« war eine ununterbrochene Reihe großartiger Erfolge: Sir Robert Peel selbst war die Seele des Geschäfts; er verband mit einer bedeutenden Energie und Ausdauer viel praktischen Scharfsinn und hervorragende kaufmännische Fähigkeiten – d. h. Eigenschaften, an denen es vielen der älteren Baumwollenspinner stark mangelte. Er war ein Mann von eisernen Nerven und Muskeln, den keine Arbeit ermüdete. Kurz, er war für die Kattundruckerei das, was Arkwright für die Baumwollenspinnerei bedeutete, und sein Erfolg war nicht minder groß. Die Vortrefflichkeit der verfertigten Artikel sicherte der Firma, die in Lancashire den allerbesten Ruf genoß, die Herrschaft über den Markt. Das Unternehmen gewährte nicht nur der Stadt Bury viele Vorteile, sondern auch in der Nachbarschaft – an den Flüssen Irwell und Roch – legten die Geschäftsinhaber ausgedehnte Werte an, und man sagte zu ihrem Lobe, daß sie nicht nur die Güte ihrer Fabrikate zur höchsten Vollkommenheit zu bringen suchten, sondern sich auch auf alle Weise bemühten, das Wohlbehagen und Gedeihen ihrer Arbeiter zu fördern, denen sie selbst in den ungünstigsten Zeiten lohnende Beschäftigung gaben. Sir Robert Peel wußte den Wert neuer Erfindungen und verbesserter Produktionsmethoden wohl zu schätzen; zur Illustrierung dieser Thatsache mag auf die Bereitwilligkeit hingewiesen werden, mit welcher er in seinen Fabriken jene Neuerung einführte, welche man in der Kattundruckerei mit dem Namen der »Schutzpaste« bezeichnet. Das Verfahren besteht darin, daß man eine Paste oder Kleistermasse auf diejenigen Stellen des Stoffes aufträgt, welche weiß bleiben sollen. Diese Paste war von dem Geschäftsreisenden eines Londoner Handelshauses erfunden, welcher sie für eine unbedeutende Summe an Herrn Peel verkaufte. Der letztere mußte noch ein oder zwei Jahre experimentieren, bis er das Verfahren vervollkommnete und praktisch nutzbar machte; aber die schöne Wirkung und genaue Zeichnung der hervorgebrachten Muster stellte die Fabrik zu Bury mit einem Schlage an die Spitze aller Kattundruckereien des Landes. Andere, von dem gleichen Geist geleitete Firmen wurden durch Mitglieder derselben Familie zu Burnley, Foxhill-Bank und Altham in Lancashire, zu Salley-Abbey in Yorkshire, sowie später zu Burton-on-Trent in Straffordshire gegründet, und diese verschiedenen Fabrikanlagen erhöhten nicht nur den Wohlstand ihrer Besitzer, sondern beherrschten auch den ganzen Baumwollenhandel und waren die Schule, in welcher viele der tüchtigsten Kattundrucker und Fabrikanten aus Lancashire herangebildet wurden. Zu beachten sind unter anderen hervorragenden Begründern von Industriezweigen der Reverend William Lee, welcher die Strickmaschine oder den Strumpfwirkerstuhl erfand, und John Heathcoat, der Erfinder der Klöppelmaschine – beides Männer von großer mechanischer Geschicklichkeit und Ausdauer, durch, deren Bemühungen der Arbeiterbevölkerung Nottinghams und der umliegenden Distrikte ein reiches Maß einträglicher Arbeit verschafft wurde. Die vorhandenen Berichte über die mit der Erfindung der Strickmaschine zusammenhängenden Umstände sind sehr verworren und widersprechen einander in vielen Punkten, obwohl über den Namen des Erfinders kein Zweifel besteht. Derselbe war kein anderer als William Lee, welcher ums Jahr 1563 zu Woodborough, einem sieben Meilen von Nottingham entfernten Dorfe, geboren wurde. Nach einigen Angaben war er der Erbe eines kleinen Freilehns; nach anderen aber war er ein armer Student, Die folgende Angabe, welche sich in einem Bericht über die von den Sheffielder Bürgern im Jahre 1573 verausgabten Geldsummen vorfindet, wird von manchen auf den Erfinder des Strumpfwirkerstuhls bezogen: »Item gegeben an William Lee, einen armen Scholaren aus Sheafield, um selbigen auf der Universität von Chambrydge unterzubringen und ihm Bücher und andere Dinge zu kaufen (welches Geld aber rückeistattet ward) XIII IIII (13 Schillinge und 4 Pfennige).« – Hunter: »History of Hallamshire« 141. der seit seiner frühesten Jugend mit der Armut zu kämpfen hatte. Er trat als Studierender niederen Grades im Mai 1579 in das Christus-Kollegium zu Cambridge ein und siedelte später in das St. Johannis-Kollegium über, wo er im Jahre 1582 oder 1583 den Grad eines Baccalaureus erlangte. Man glaubt, daß er sich um den Grad eines Magisters im Jahre 1586 beworben habe; doch scheint über diesen Punkt in den Berichten der Universität eine gewisse Unklarheit zu herrschen. Die gewöhnliche Angabe, daß er wegen einer den Statuten zuwiderlaufenden Heirat relegiert worden sei, ist unrichtig; denn da er nie ein Fellow – d. h. Stiftungsteilhaber – der Universität war, so konnte ihm ein solcher Schritt nicht zum Nachteil gereichen. Zu der Zeit, da Lee die Strickmaschine erfand, amtierte er als Pfarrer zu Calverton bei Nottingham, und einige Schriftsteller wollen wissen, daß verschmähte Liebe den Anstoß zu seiner Erfindung gab. Der Pfarrer soll sich nämlich sterblich in eine junge Dame aus dem Dorfe verliebt haben, die aber ihrerseits seine Gefühle nicht erwiderte und bei seinen Besuchen ihrem Strickstrumpf und der von ihr geleiteten Strickschule mehr Aufmerksamkeit widmete als den Huldigungen ihres Verehrers. Diese Nichtachtung soll in seinem Gemüt einen solchen Groll gegen die Handstrickerei erzeugt haben, daß er den Entschluß faßte, eine Maschine zu erfinden, welche jener Kunst den Rang ablaufen und sie zu einer unnützen Beschäftigung machen sollte. Drei Jahre hindurch nahmen ihn die auf diese Erfindung hinzielenden Versuche in Anspruch, und er brachte seiner neuen Idee große Opfer. Als sich endlich eine Aussicht auf Erfolg zeigte, gab er sein Pfarramt auf und widmete sich ganz der Maschinenstrickerei. Diese Version der Geschichte verdanken wir Henson, »Geschichte der Strumpfwirker«] der sich seinerseits auf die Glaubwürdigkeit eines alten Strumpfwirkers beruft, welcher im Alter von zweiundneunzig Jahren im Collins-Hospital zu Nottingham starb, seine Lehrzeit aber unter der Regierung der Königin Anna verlebt hatte. Auch Deering und Blackner bezeichnen diesen Bericht als den in jener Gegend traditionellen, und es läßt sich vermuten, daß man durch eine solche Darstellung das Wappen der Londoner Strumpfwirker-Innung zu erklären versucht hat, welches eine Strickmaschine ohne Holzgestell aufweist, die von der einen Seite durch einen Geistlichen, von der anderen Seite durch eine Frau gestützt wird. Es giebt aber auch andere, abweichende Berichte. Nach einem derselben hat sich Lee mit bei Erfindung des Strumpfwirkerstuhls beschäftigt, um die Arbeitslast einer ihm nahestehenden ländlichen Schönen zu erleichtern, die sich mit Strickarbeit plagen mußte. Ein anderer wieder behauptet, Lee sei verheiratet und so arm gewesen, daß seine Frau durch Strickarbeit zu ihrem Unterhalt habe beitragen müssen; da sei ihm bei der Beobachtung ihrer Finger der Gedanke gekommen, die Bewegung derselben vermittelst einer Maschine nachzuahmen. Diese letztere Geschichte scheint Aaron Hill, Esquire, in seinem Buche: »Bericht über den Aufschwung und die Entwicklung der Buchölfabrikation« (London, 1715) erfunden zu haben. Seine Angaben sind ganz und gar unzuverlässig. So behauptet er z.B., Lee sei Stiftsteilhaber (Fellow) eines Oxforder Kollegiums gewesen und wegen seiner Heirat mit einer Gastwirthstochter relegiert worden; wogegen es feststeht, daß Lee weder in Oxford studierte, noch daselbst heiratete, noch eine Stiftsstelle auf irgend einem Kollegium inne hatte, – Und der Schlußsatz des Herrn Hill, wonach Lees Erfindung die Wirkung hatte, »ihn und seine Familie glücklich zu machen,« ist ebenso unrichtig; denn der Strumpfwirkerstuhl brachte seinem Erfinder nur Elend und Not, und Lee ist in armseligen Verhältnissen in der Fremde gestorben. Welches aber auch die mit der Erfindung des Strumpfwirkerstuhls oder der Strickmaschine zusammenhängenden Umstände gewesen sein mögen, soviel steht zweifellos fest, daß ihr Erfinder eine außerordentliche mechanische Begabung besessen haben muß. Daß ein in einem abgelegenen Dorfe wohnender Geistlicher, der den größten Teil seines Lebens in der Gesellschaft von Büchern verbrachte, der Erfinder einer Maschine von so seiner und komplizierter Konstruktion werden und die Strickkunst von dem langweiligen Verfahren des Aneinanderreihens von Maschen mit Hilfe von drei oder vier Nadeln in der Hand einer Frau plötzlich zu dem schönen und schnellen Webeprozeß der Strickmaschine erheben sollte: das ist eine in der Geschichte der Erfindungen vielleicht einzig dastehende Erscheinung. Lees Verdienst war um so größer als die mechanischen Künste damals noch in den Kinderschuhen steckten und man der Erfindung von Maschinen zum Zweck der Manufaktur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Er war gezwungen, die einzelnen Teile seiner Maschine, so gut er's vermochte, aus dem Stegreif herzustellen und sich bei auftauchenden Schwierigkeiten der verschiedenartigsten Auskunftsmittel zu bedienen. Seine Werkzeuge waren unvollkommen und seine Materialien desgleichen: auch standen ihm keine geübten Arbeiter zur Verfügung. Der Überlieferung nach hatte der erste von ihm gefertigte Strumpfwirkerstuhl ein Preßgewicht von zwölf Pfund, aber keine Bleibarren – war auch fast ganz von Holz; selbst die Nadeln staken in Holzhebeln. Eine der Hauptschwierigkeiten, welche sich Lee entgegenstellten, war das Schlingen der Maschen, da die Nadelöhre fehlten; aber er half diesem Übelstand schließlich dadurch ab, daß er mit einer dreikantigen Feile Löcher in die Nadeln feilte. Blackner: »Geschichte Nottinghams.« Der Autor fügt hinzu: »Wir haben eine sichere, vom Vater auf den Sohn überlieferte Kunde, daß vor dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein einzelner Mann nicht imstande war, den Wirkstuhl in Bewegung zu setzen. Der eigentliche Wirker oder Weber brauchte einen Gehilfen, welcher das Streichen und Pressen besorgte; aber die Anwendung der Tritte und Schemel machte schließlich diese Arbeit überflüssig.« Allmählich wurde ein Hindernis nach dem anderen glücklich überwunden: und nach dreijähriger Arbeit war die Maschine so weit vervollkommnet, daß sie in Gebrauch genommen werden konnte. Nun begann der ehemalige, von seiner Kunst begeisterte Pfarrer in dem Dorfe Calverton Strümpfe zu wirken, und setzte diese Beschäftigung jahrelang fort, indem er auch seinen Bruder James und mehrere seiner Verwandten in der Ausübung der neuen Kunst unterwies. Nachdem Lee seiner Maschine einen hohen Grad der Vollkommenheit verliehen, empfand er den Wunsch, sich die Gunst der Königin Elisabeth zu sichern, deren Vorliebe für gestrickte seidene Strümpfe bekannt war; er reiste demgemäß nach London, um seinen Strumpfwirkerstuhl Ihrer Majestät zur Ansicht zu stellen. Zunächst jedoch zeigte er ihn mehreren Mitgliedern des Hofes, unter anderen dem Sir William (späteren Lord) Hunsdon, den er mit Erfolg darauf stricken lehrte; und durch Vermittlung dieser Herren erhielt er endlich eine Audienz bei der Königin, wobei er seine Maschine in Thätigkeit setzte Elisabeth ließ ihm indessen nicht die gehoffte Unterstützung zu teil werden: wie man sagt, stellte sie sich sogar der Erfindung feindlich gegenüber, weil sie meinte, dieselbe würde eine große Anzahl armer Leute, die sich mit Handstrickerei ernährten, brotlos machen. Ebensowenig gelang es Lee, andere Gönner in seinem Vaterlande zu finden; und da er sich samt seiner Maschine hier mißachtet zu sehen glaubte, so nahm er das ihm von Sully, dem klugen Minister Heinrichs IV. gemachte Anerbieten an und ging nach Rouen, um die Handwerker jener Stadt – die damals einen der wichtigsten gewerblichen Mittelpunkte Frankreichs bildete – in der Anfertigung und Handhabung des Strumpfwirkerstuhls zu unterweisen. So kam denn Lee mit seinen Maschinen, von seinem Bruder und sieben Arbeitern begleitet, im Jahre 1605 nach Frankreich. Er wurde in Rouen freundlich aufgenommen und begann schon die Strumpfwirkerei in großartigem Maßstabe – mit neun Stühlen zu gleicher Zeit – zu betreiben, als das Unglück ihn plötzlich von neuem heimsuchte. Sein Gönner Heinrich IV., von welchem er Belohnungen, Ehren und die zugesicherten Privilegien erhofft hatte, wurde durch den fanatischen Ravaillac ermordet; und damit hörte die Unterstützung und Begünstigung, deren er sich bisher erfreut, mit einem Schlage auf. Um seinen Ansprüchen bei Hofe Geltung zu verschaffen, reiste Lee nach Paris; doch da er Protestant und obendrein ein Ausländer war, blieben seine Vorstellungen unbeachtet. So kam es, daß der ausgezeichnete Erfinder, von Ärger und Kummer aufgerieben, bald danach zu Paris in äußerster Armut und Verlassenheit starb. Dem Bruder Lees und den sieben Arbeitern gelang es, mit Verlust zweier Stühle nach England zu entkommen. Nach, Nottinghamshire zurückgekehrt, verband sich James Lee mit einem gewissen Ashton, einem Müller aus Thoroton, den der Erfinder selbst vor seiner Abreise von England in der Kunst des Strumpfwirkens unterrichtet hatte. Diese beiden eröffneten nun mit Hilfe ihrer Arbeiter und Maschinen in Thoroton den Betrieb einer Strumpfwirkerei, womit sie bedeutende Erfolge erzielten. Der Ort war für ihre Zwecke sehr günstig gelegen, da die in dem benachbarten Sherwooder Distrikt gezüchteten Schafe eine sehr langhaarige Wolle lieferten. Ashton soll die Konstruktion der Wirkstühle durch Einführung der Bleibarren bedeutend verbessert haben. Die Zahl der in den verschiedenen Teilen Englands gebrauchten Strumpfwirkmaschinen vergrößerte sich allmählich, und die fabrikmäßige Anfertigung von Strümpfen wurde schließlich ein wichtiger Zweig der einheimischen Industrie. Eine der bedeutsamsten Abänderungen des Strumpfwirkerstuhls war diejenige, durch welche er zu einer im großen Maßstabe betriebenen Spitzenfabrikation brauchbar wurde. Im Jahre 1777 beschäftigten sich zwei Arbeiter, Namens Frost und Holmes, mit dem Anfertigen von Spitzen vermittelst eines von ihnen selbst verbesserten Wirkstuhls, und nach etwa dreißig Jahren hatte sich dieser Industriezweig so ausgebreitet, daß. 1500 Spitzenwebstühle im Gange waren, welche mehr als 15,000 Leuten Beschäftigung gaben. Aber infolge von Krieg, Modewechsel und anderen Umständen geriet die Nottinghamer Spitzenmanufaktur rasch in Verfall und fristete nur ein kümmerliches Dasein, bis John Heathcoat, der Tivertoner Parlaments-Abgeordnete, die Klöppelmaschine erfand, durch welche die Spitzenindustrie auf solider Grundlage wiederhergestellt wurde. John Heathcoat war der jüngste Sohn eines ehrenwerten kleinen Farmers zu Duffield in Derbyshire, wo er im Jahre 1783 geboren wurde. In der Schule machte er stetige und rasche Fortschritte; doch kam er schon früh zu einem Verfertiger von Wirk- und Webstühlen in die Lehre, der in der Nähe von Loughborough wohnte. Der Knabe wußte bald mit seinem Handwerkszeug geschickt umzugehen und erwarb sich eine genaue Kenntnis aller Teile des Strumpfwirkerstuhls und auch des komplizierteren Kettenstuhls. In seinen Mußestunden grübelte er darüber nach, wie er diese Maschinen verbessern könnte; und sein Freund, der Parlamentsabgeordnete Bazley, konstatiert, daß er schon in dem frühen Alter von sechzehn Jahren den Plan faßte, eine Maschine zu erfinden, mit deren Hilfe sich ein Gewebe herstellen ließe, das den mit der Hand gefertigten Buckinghamer und französischen Spitzen gliche. Die erste praktische Verbesserung führte er an dem Kettenstuhl durch Anbringung eines sinnreichen Apparats ein, vermittelst dessen er spitzenartige »Fäustlinge« zu liefern vermochte; und dieser Erfolg veranlagte ihn dann, sich mit dem Studium der mechanischen Spitzenfabrikation noch weiter zu beschäftigen. Der Strumpfwirkerstuhl war in modifizierter Gestalt bereits zur Anfertigung gewebter Spitzen verwendet worden, wobei die Maschen ähnlich wie bei einem Strumpfe geschlungen wurden; aber das Fabrikat war lose und undauerhaft, daher auch nicht zufriedenstellend. Viele scharfsinnige Mechaniker Nottinghams hatten sich seit langen Jahren mit dem Problem beschäftigt, eine Maschine zu erfinden, durch welche die Fäden des Gewebes bei der Bildung der Schlinge oder des Knotens zusammengedreht würden. Viele dieser Männer starben in Armut, andere wurden irrsinnig – alle aber in gleicher Weise sahen ihre Bemühungen scheitern. Die alte Kettenmaschine behauptete ihren Platz. Kaum mehr als einundzwanzig Jahre alt, ging Heathcoat nach Nottingham, wo er schnell eine sehr gut bezahlte Stelle als Monteur für Strumpfwirker- und Kettenstühle fand und sich sowohl durch seine Erfindungsgabe als auch durch seinen hellen Verstand und seine verständige und solide Lebensführung allgemeine Achtung erwarb. Er grübelte auch hier über denselben Gegenstand nach, der seinen Geist schon so lange beschäftigte, und bemühte sich, eine Spitzenwebmaschine zu erfinden, welche die Fäden nicht nur verknüpfte, sondern auch doublierte. Zunächst studierte er die Anfertigungsmethode der Buckinghamer Spitzen, welche mit der Hand gearbeitet wurden; dabei überlegte er, auf welche Weise sich wohl dieselben Manipulationen mit Hilfe von Maschinen ausführen ließen. Es war eine langwierige und mühselige Aufgabe, die viel Beharrlichkeit und Scharfsinn erforderte. Sein Brotherr Elliot schilderte ihn zu jener Zeit als einen erfindungsreichen, geduldigen, genügsamen und stillen Menschen – ungebeugt durch Mißerfolg oder Irrtum, nie verlegen um Hilfsquellen oder Auskunftsmittel – und vor allem fest überzeugt, daß es ihm gelingen müsse, seine Theorien zu praktischer Anwendung zu bringen. Es hält schwer, eine so komplizierte Erfindung wie die Klöppelmaschine mit Worten zu beschreiben. Sie stellte in der That ein mechanisches Klöppelkissen dar und ahmte in sinnreicher Weise die Fingerbewegungen der Spitzenmacherin bei der Teilung oder Verknüpfung der Faden des Gewebes nach. Bei der genauen Betrachtung einer mit der Hand gefertigten Spitze vermochte Heathcoat die Fäden in Längs- und Querfäden einzuteilen. Er begann seine Versuche damit, daß er gewöhnliche Bindfäden der Länge nach zur Herstellung der Kette auf einer Art Rahmen befestigte und dann die Einschlagsfäden vermittelst gewöhnlicher Drahtzangen zwischen den Kettenfäden durchzog und sie auf der entgegengesetzten Seite zwischen andere Drahtzangen klemmte; nachdem die Einschlagsfäden dann eine seitliche Wendung erhalten und doubliert worden, führte er sie in rückgängiger Bewegung durch die zunächst liegenden Kettenfäden, wobei die Knoten in derselben Weise geschlungen wurden wie bei der Handklöppelei. Er hatte also einen Mechanismus zu erfinden, der alle diese anmutigen und zierlichen Bewegungen ausführte, und dazu bedurfte er keiner geringen geistigen Anstrengung. Lange Zeit danach äußerte er einmal: »Die alleinige Schwierigkeit, die Querfäden an den bestimmten Stellen zusammenzudrehen oder zu doublieren, war so groß, daß ich die Aufgabe mir heute schwerlich übernehmen würde.« – Seine nächste Sorge war, sich kleine Metallscheiben zu verschaffen, die als Klöppel zur Hin- und Herführung der Fäden durch die Kette dienen sollten. Diese Scheiben wurden in beweglichen Leisten zu beiden Seiten der Kette eingefügt und durch eine zweckmäßige Maschinerie derart hin- und hergeschoben, daß sie die Fäden von einer Seite zur anderen leiteten und so das Gewebe herstellten. Schließlich gelang es ihm, seine Idee mit außerordentlicher Geschicklichkeit und großem Erfolg zur Ausführung zu bringen und im Alter von vierundzwanzig Jahren konnte er bereits ein Patent auf seine Erfindung nehmen. Während dieser Zeit hatte sich seine Frau in fast ebenso großer Aufregung befunden als er selbst: denn sie kannte sehr wohl alle die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich seiner Erfindung entgegenstellten. Viele Jahre nach der glücklichen Überwindung derselben erinnerten sich beide noch lebhaft eines Gespräches, welches an einem ereignisreichen Abend zwischen ihnen stattfand. »Nun,« sagte die besorgte Gattin, »ist sie im Gange?« – »Nein,« war die niedergeschlagene Antwort; »ich habe sie noch einmal ganz auseinandernehmen müssen.« – Obgleich er selbst noch ziemlich hoffnungsvoll und heiter sprach, konnte die arme Frau ihre Gefühle doch nicht länger beherrschen, sondern ließ sich auf einen Stuhl sinken und weinte bitterlich. Sie brauchte aber nur noch wenige Wochen zu warten, bis der langersehnte und wohlverdiente Erfolg kam; und John Heathcoat war ein stolzer und glücklicher Mann, als er den ersten schmalen Spitzenstreifen, den seine Maschine geklöppelt, heimbrachte und in die Hände seines Weibes legte. Wie es fast bei allen brauchbaren Erfindungen der Fall gewesen ist, wurden Heathcoats Rechte als Patentinhaber bestritten und seine Ansprüche als Erfinder angefochten. Auf die vermeintliche Hinfälligkeit des Patents pochend, bemächtigten sich die Spitzenfabrikanten keck der Klöppelmaschine und boten dem Erfinder Trotz. Andere Leute wieder nahmen Patente auf angebliche Verbesserungen und Abänderungen der Maschine; und erst als diese neuen Patentinhaber in Streit gerieten und miteinander prozessierten, wurden Heathcoats Rechte festgestellt. Als nämlich ein Spitzenfabrikant gegen einen anderen eine Klage wegen angeblicher Verletzung seines Patents anstrengte, gab die Jury in Übereinstimmung mit dem Richter ein Verdikt zu Gunsten des Angeklagten ab, welches sie mit der Erklärung begründete, daß eine wie die andere der in Frage stehenden Maschinen Verletzungen des Heathcoatschen Patents seien. Anläßlich dieses Prozesses – »Boville contra Moore« – erlernte Sir John Copley (der spätere Lord Lyndhurst), welcher in diesem Fall das Interesse des Herrn Heathcoat zu vertreten hatte, die Maschinenklöppelei, um sich über die Einzelheiten der Erfindung zu orientieren. Als er nämlich die Beschwerdeschrift seines Klienten durchgelesen, mußte er bekennen, daß ihm die Sache nicht ganz klar sei. Da sie ihm jedoch sehr wichtig erschien, erbot er sich, sofort über Land zu reisen und die Maschine so lange zu studieren, bis er sie völlig verstände. »Alsdann,« sagte er, »will ich Sie nach besten Kräften verteidigen.« – Er stieg demgemäß noch an demselben Abend in die Postkutsche und fuhr nach Nottingham, um den Fall in einer Weise zu ergründen, wie dies vorher wohl noch kein Advokat gethan. Den folgenden Morgen saß der gelehrte Rechtsanwalt an einer Klöppelmaschine und stand nicht eher auf, bis er eigenhändig und säuberlich ein Stückchen Spitze zu klöppeln vermochte und sowohl die Grundidee als auch die Einzelheiten der Maschine völlig begriffen hatte. Als der Fall zur Verhandlung kam, war der Rechtsgelehrte imstande, das Modell auf dem Tische mit solcher Leichtigkeit und Geschicklichkeit zu handhaben und die Eigenart der Erfindung mit solch einer glücklichen Klarheit darzustellen, daß Richter, Jury und Zuhörer darüber in gleiches Erstaunen gerieten; auch übte die gründliche Gewissenhaftigkeit und Meisterschaft, womit er diese Rechtssache behandelte, ohne Zweifel einen wesentlichen Einfluß auf die Entscheidung des Gerichtshofes aus. Nachdem der Prozeß entschieden war, stellte Herr Heathcoat durch Nachforschungen fest, daß ungefähr sechshundert Maschinen nach seinem Patent in Gebrauch waren, und er beanspruchte nun von den Eigentümern derselben eine Taxe, die eine ansehnliche Summe ausmachte. Weil aber der Nutzen der Spitzenfabrikanten trotzdem ein sehr großer war, so wurde die Anwendung der Klöppelmaschine eine immer ausgedehntere, wobei freilich der Preis der Ware im Laufe von fünfundzwanzig Jahren von fünf Pfund pro Quadrat-Elle auf etwa fünf englische Pfennige herunterging. Während derselben Periode hat sich der durchschnittliche Ertrag des Spitzenhandels auf mindestens vier Millionen Pfund Sterling belaufen, und ungefähr 150,000 Arbeiter haben dadurch lohnende Beschäftigung gefunden. Kehren wir nun zu der Leidensgeschichte des Herrn Heathcoat zurück! Im Jahre 1809 finden wir ihn in Loughborough in Leicestershire, wo er sich als Spitzenfabrikant niedergelassen. Dort betrieb er mehrere Jahre hindurch ein blühendes Geschäft, in welchem zahlreiche Arbeiter angestellt waren, deren Wochenlohn zwischen fünf und zehn Pfund variierte. Trotz der vermehrten Anzahl der Hände, die seit der Einführung der neuen Maschinen in der Spitzenmanufaktur verwendet wurden, begannen die Arbeiter doch heimlich untereinander zu flüstern, daß sie durch eben jene Maschinen geschädigt würden, und es bildete sich eine weitverzweigte Verschwörung, die den Zweck hatte, dieselben allerorten zu zerstören. Schon im Jahre 1811 brachen in den Strickwaren- und Spitzenfabriken der südwestlichen Teile von Nottinghamshire und der benachbarten Distrikte von Derbyshire und Leicestershire zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern Streitigkeiten ans, infolge deren sich zu Sutton in Ashfield ein Pöbelhaufe zusammenrottete, der sich am hellen Tage daran machte, die Strumpfwirkerstühle und Klöppelmaschinen der Fabrikanten zu vernichten. Nachdem einige der Rädelsführer ergriffen und bestraft worden, gingen die Mißvergnügten vorsichtiger zu Werke, betrieben jedoch die Zerstörung der Maschinen heimlich weiter, wo sich nur eine günstige Gelegenheit dazu bot. Da die Apparate eine so zarte Konstruktion hatten, daß ein einziger Hammerschlag sie unbrauchbar machen konnte, und da der Betrieb meistens in alleinstehenden Gebäuden, oft auch in weit von der Stadt entfernten Privathäusern stattfand, so bot sich die Gelegenheit zur Zerstörung der Maschinen außerordentlich leicht dar. In der Umgegend der Stadt Nottingham, die den Herd der Empörung bildete, organisierten sich die Maschinenstürmer zu regelrechten Verbindungen, welche ihre Pläne in nächtlichen Versammlungen verabredeten. Wahrscheinlich um sich ein Ansehen zu geben, breiteten sie das Gerücht aus, daß sie unter dem Oberbefehl eines Führers, Namens Ned Ludd oder General Ludd, ständen, weshalb sie auch den Namen »Ludditen« führten. Durch diesen Bund wurde nun die Zerstörung der Maschinen im Winter 1811 mit großem Nachdruck betrieben, wodurch schreckliches Elend entstand und viele Arbeiter brotlos wurden. Inzwischen machten sich die Eigentümer der Maschinen daran, dieselben aus den Dörfern und entlegenen ländlichen Gebäuden zu besserem Schutz in städtische Geschäftshäuser überzuführen. Die milden Strafen, welche die Gerichte über einige aufgegriffene Bundesmitglieder verhängten, scheinen die Ludditen ermutigt zu haben; denn bald nachher brach die wahnsinnige Bewegung von neuem los und verbreitete sich schnell über die nördlicheren und mittleren Fabrikdistrikte. Die Verbindung befleißigte sich jetzt einer größeren Heimlichkeit: die Mitglieder mußten einen Eid ablegen, durch den sie sich zum Gehorsam gegen die Befehle der Bundeshäupter verpflichteten, und wer die Pläne der Gesellschaft verriet, sollte mit dem Tode bestraft werden. Allen Maschinen wurde der Untergang geschworen – ganz gleich, ob sie zur Fabrikation von Tuch, Kattun oder Spitzen dienten, und es begann nun ein Schreckensregiment, welches mehrere Jahre dauerte. In Yorkshire und Lancashire wurden die Fabriken von bewaffneten Banden frech angegriffen und in vielen Fällen verwüstet oder verbrannt, sodaß man sie durch Soldaten oder Gendarmen schützen mußte. Die Fabrikherren wurden für vogelfrei erklärt; viele von ihnen wurden angefallen, einige getötet. Endlich schritt die Regierung energisch ein. Ein großer Teil der verblendeten Ludditen wurde festgenommen, und etliche büßten ihre Schuld mit dem Tode. So wurde die mehrjährige heftige Bewegung, welche die Maschinenstürmer hervorgerufen hatten, endlich gewaltsam unterdrückt. Zu den zahlreichen Fabrikbesitzern, deren Werke von den Ludditen angegriffen wurden, gehörte auch der Erfinder der Klöppelmaschine. An einem sonnenhellen Sommertage des Jahres 1816 drang eine mit Fackeln ausgerüstete Pöbelschar in seine Fabrik zu Loughborough und zündete dieselbe an, wobei siebenunddreißig Klöppelmaschinen zerstört wurden und ein Eigentumsschaden von 10,000 Pfund entstand. Zehn Aufrührer wurden wegen des Frevels verhaftet, und acht davon wurden hingerichtet. Herr Heathcoat verlangte eine Entschädigung von seiten der Grafschaft, die seine Forderung indes nicht bewilligte. Darauf entschied aber der Gerichtshof von Queens Bench zu seinen Gunsten und bestimmte, daß die Grafschaft ihm seine zehntausend Pfund zu ersetzen hätte. Die Beamten der Grafschaft suchten nun bei der Zahlung der Entschädigungssumme von Herrn Heathcoat die Zusicherung, zu erhalten, daß das Geld in der Grafschaft Leicester verausgabt würde: aber hierauf ging er nicht ein, da er schon beschlossen hatte, seine Fabrik nach einem anderen Orte zu verlegen. Zu Tiverton in Devonshire fand er ein großes Gebäude, welches ehemals als Wollwarenfabrik gedient hatte: seitdem aber der Tivertoner Tuchhandel in Verfall geraten, stand das Gebäude leer, und die Stadt selbst befand sich in einem Zustande allgemeiner Armseligkeit. Herr Heathcoat kaufte die alte Fabrik, renovierte und vergrößerte sie und begann dort eine Spitzenmanufaktur in noch größerem Maßstäbe zu betreiben als zuvor, indem er 300 Maschinen in Gang setzte und eine große Anzahl von Arbeitern zu hohem Lohn beschäftigte. Er betrieb nicht nur die Spitzenfabrikation, sondern noch verschiedene, damit zusammenhängende Industriezweige – Wie das Zwirnen von Garn und Seide, die Netzstrickerei und Appretur. Er richtete in Tiverton auch eine Eisenhütte und Fabriken zur Anfertigung landwirtschaftlicher Geräte ein – was sich für den Distrikt als eine große Annehmlichkeit erwies. Es war eine Lieblingsidee von ihm, daß die Dampfkraft sich dazu verwenden ließe, alle die mühselige Arbeit des Lebens zu verrichten, und er beschäftigte sich lange Zeit mit der Erfindung eines Dampfpfluges. Im Jahre 1882 war er damit so weit gediehen, daß er ein Patent darauf nehmen konnte, und obwohl der Heathcoatsche Dampfpflug seitdem durch den Fowlerschen verdrängt worden ist, so galt er doch seiner Zeit für die beste derartige Maschine, die bisher erfunden worden. Herr Heathcoat war ein Mann von großen natürlichen Gaben. Er besaß einen gesunden Verstand, eine scharfe Beobachtungsgabe und hervorragende kaufmännische Gaben. Hiermit verband er Aufrichtigkeit, Redlichkeit und Unbestechlichkeit – d. h. diejenigen Eigenschaften, welche den wahren Ruhm des menschlichen Charakters ausmachen. An sich selbst unermüdlich arbeitend, ermutigte er gern strebsame junge Leute, – die in seinen Diensten standen– indem er ihre Talente förderte und ihre Energie aufmunterte. Wahrend seines eigenen arbeitsreichen Lebens erübrigte er doch noch Zeit genug, um Französisch und Englisch zu lernen, in welchen beiden Sprachen er sich genaue grammatikalische Kenntnisse aneignete. Außerdem bereicherte er seinen Geist durch das sorgfältige Studium der besten litterarischen Erzeugnisse, und es gab wenige Gegenstände, über die er sich nicht eine selbständige, durch Scharfsinn und Bestimmtheit ausgezeichnete Meinung gebildet hätte. Die zweitausend in seinen Diensten stehenden Arbeiter betrachteten ihn fast als ihren Vater, da er unermüdlich für ihr Wohlergehen und Fortkommen sorgte. Das Glück verdarb ihn nicht, wie es das mit so vielen thut: auch verhärtete er sein Herz nicht gegen die Ansprüche der Armen und Bedrängten, die allezeit seiner Teilnahme und Hilfe sicher sein durften. Um für die Erziehung der Kinder seiner Arbeiter zu sorgen, baute er für sie Schulen, welche ihn gegen 6000 Pfund Sterling kosteten. Dazu besaß er ein merkwürdig heiteres und lebhaftes Temperament, war bei allen Ständen gern gesehen und wurde von denen, die ihn am besten kannten, am meisten bewundert und geliebt. Im Jahre 1831 erkoren die Wähler Tivertons Herrn Heathcoat, den sie als einen wahrhaften Wohlthäter ihrer Stadt betrachteten, zu ihrem Vertreter im Parlament, und er hatte diesen Vertrauensposten fast dreißig Jahre inne. Während eines großen Teils dieser Zeit war Lord Palmerston sein Kollege, und der edle Lord gab bei mehr als einer öffentlichen Gelegenheit der hohen Achtung Ausdruck, die er für seinen verehrungswürdigen Freund empfand. Als dieser sich im Jahre 1859 infolge hohen Alters und zunehmender Hinfälligkeit von seiner parlamentarischen Thätigkeit zurückzog, schenkten ihm dreizehnhundert seiner Arbeiter als Zeichen ihrer Verehrung ein silbernes Tintenfaß und eine goldene Feder. Er genoß seine Muße jedoch nur noch zwei Jahre: im Januar 1861 starb er im Alter von siebenundsiebzig Jahren, indem er den Ruhm eines redlichen, tugendhaften, männlichen und erfindungsreichen Geistes hinterließ, auf den seine Nachkommen wohl stolz sein dürfen. Wir wenden uns nun zu einer Lebenslaufbahn ganz anderer Art – zu der des berühmten, aber unglücklichen Jacquard, dessen Leben gleichfalls in bemerkenswerter Weise den Einfluß zeigt, den ein genialer Mensch selbst in der bescheidensten Lebensstellung auf die Industrie eines Landes auszuüben vermag. Jacquard war der Sohn eines schwer arbeitenden Ehepaars zu Lyon; sein Vater war ein Weber, seine Mutter punktierte Muster. Infolge ihrer großen Armut konnten die Eltern ihm nur eine äußerst dürftige Erziehung geben. Als er so weit war, daß er ein Handwerk erlernen sollte, that ihn sein Vater zu einem Buchbinder in die Lehre. Ein alter Buchhalter, der die Geschäftsbücher des Lehrherrn führte, gab dem jungen Jacquard etwas Unterricht in der Mathematik. Der Bursche zeigte aber bald eine merkwürdige Begabung für die Mechanik, und einige seiner Erfindungen setzten den alten Buchhalter so in Erstaunen, daß er dem Vater des Jünglings riet, seinen Sohn in einem anderen Berufe unterzubringen, wo derselbe zur Entfaltung seiner Talente einen weiteren Spielraum fände als in dem Buchbindergewerbe. Der junge Mensch wurde nun Lehrling bei einem Messerschmied, derselbe behandelte ihn aber so schlecht, daß er ihm bald danach entlief, worauf er zu einem Typengießer in die Lehre kam. Nach dem Tode seiner Eltern war Jacquard gewissermaßen gezwungen, die beiden Webstühle seines Vaters zu übernehmen und damit dessen Handwert fortzusetzen. Er machte sich sogleich daran, die Stühle zu verbessern, und wurde von seinen Erfinder-Ideen so in Anspruch genommen, daß er darüber das Arbeiten vergaß und bald mit seinen Mitteln zu Ende war. Nun verkaufte er seine Webstühle, um seine Schulden zu bezahlen: zu gleicher Zeit bürdete er sich eine neue Last auf, indem er sich eine Frau nahm, für deren Unterhalt er jetzt auch noch zu sorgen hatte. Er geriet in immer größere Armut, und um seine Gläubiger zu befriedigen, verkaufte er sein Häuschen. Vergeblich suchte er Beschäftigung – die Leute hielten ihn für einen Müßiggänger, der die Zeit mit seinen Erfinderträumen vergeudete. Endlich fand er Arbeit bei einem Leinwandweber in Bresse; doch ging er allein dorthin – seine Frau blieb in Lyon und ernährte sich kümmerlich durch die Anfertigung von Strohhüten. Während einiger weiterer Jahre hören wir nichts von Jacquard; doch scheint er sich unterdessen fortgesetzt mit Verbesserungen des Webstuhls – zum Zweck der leichteren Herstellung gemusterter Zeuge – beschäftigt zu haben; denn im Jahre 1790 trat er mit einem von ihm erfundenen Apparat zur Teilung der Kettenfäden hervor, welcher, wenn er an dem Webstuhl angebracht wurde, die Dienste eines Gehilfen überflüssig machte. Die verbesserte Maschine verschaffte sich langsam, aber sicher Eingang, und zehn Jahre nach ihrer Erfindung waren in Lyon 4000 Exemplare davon in Thätigkeit. Jacquards Bemühungen wurden, durch die französische Revolution gewaltsam unterbrochen, und im Jahre 1792 finden wir ihn in den Reihen der Lyoner Freiwilligen, welche gegen die Konventsarmee unter dem Oberbefehl Dubois Crancés fochten. Die Stadt wurde genommen, und Jacquard floh zur Rheinarmee, in welcher er bis zum Range eines Feldwebels avancierte. Er hätte Soldat bleiben können; da aber sein einziger Sohn an seiner Seite erschossen wurde, desertierte er und kehrte nach Lyon zurück, um sich wieder mit seiner Frau zu vereinigen. Er fand sie in einer Dachkammer, wo sie sich noch immer mit der Anfertigung von Strohhüten beschäftigte. Während er mit ihr in der Verborgenheit lebte, kehrte sein Geist zu den Erfindungen zurück, über die er in früheren Jahren so viel nachgegrübelt; aber zur Anstellung von Versuchen fehlte es ihm an Mitteln. Jacquard sah sich jedoch bald in die Notwendigkeit versetzt, sein Versteck zu verlassen und Arbeit zu suchen. Schließlich nahm ihn ein intelligenter Fabrikant in Dienst, und während er nun bei Tage arbeitete, beschäftigte er sich nachts mit seinen Erfindungen. Es war ihm der Gedanke gekommen, daß man die Webstühle in Bezug auf die Herstellung der Muster noch sehr verbessern könnte, und er sprach davon eines Tages mit seinem Herrn, wobei er sein Bedauern darüber äußerte, daß seine beschränkten Mittel ihm nicht die Ausführung seiner Ideen gestatteten. Glücklicherweise hatte der Fabrikant Verständnis für den Wert dieser Pläne; mit lobenswerter Großmut stellte er seinem Untergebenen eine beträchtliche Geldsumme zur Verfügung, damit derselbe die beabsichtigten Verbesserungen mit Muße ausprobieren könne. In der Zeit von drei Monaten hatte Jacquard einen Webstuhl erfunden, welcher die Maschinenleistung an die Stelle der lästigen und mühsamen Arbeit des Handwebers setzte. Der verbesserte Webstuhl figurierte auf der nationalen Industrie-Ausstellung zu Paris im Jahre 1801 und erhielt eine bronzene Medaille. Jacquard hatte auch die Ehre, in Lyon von dem Minister Carnot besucht zu werden, der ihm persönlich zu dem Erfolge seiner Erfindung gratulieren wollte. Im folgenden Jahre setzte die Londoner »Gesellschaft der Künste« einen Preis für die Erfindung einer Maschine aus, durch welche man Fischernetze und Schutznetze für Schiffe herstellen könnte. Jacquard hatte hiervon gehört, und als er eines Tages seinen gewohnten Spaziergang durch die Felder machte, sann er über den Gegenstand nach und entwarf den Plan zu einer derartigen Maschine. Sein Freund, der Fabrikant, gab ihm abermals die Mittel zur Ausführung seiner Ideen, und in drei Wochen war Jacquards Erfindung fertig. Das Gerücht hiervon kam dem Präfekten des Departements zu Ohren; der Erfinder mußte vor ihm erscheinen und ihm den Mechanismus des Werkes erklären, worauf ein Bericht über diesen Gegenstand an den Kaiser abgeschickt wurde. Jacquard ward nun nach Paris berufen und dem Kaiser vorgestellt, der ihn mit all der Achtung empfing, die dem Genius gebührt. Die Audienz dauerte zwei Stunden, und durch die Leutseligkeit des Kaisers zutraulich gemacht, beschrieb Jacquard demselben die weiteren Verbesserungen, die er zum Zweck des Musterwebens noch an den Webstühlen anzubringen gedachte. Das Resultat dieser Unterredung war, daß ihm eine Wohnung in dem Museum der Künste und Gewerbe angewiesen wurde, wo er wahrend der Dauer seines Aufenthalts die Werkstätte benutzen durfte und ein angemessenes Fahrgeld zu seinem Unterhalte empfing. Nachdem er sich im Museum eingerichtet, machte sich Jacquard daran, die einzelnen Teile seines verbesserten Webstuhls zu vervollkommnen. Er hatte hier den Vorteil, die vielen vortrefflichen mechanischen Apparate, welche in diesem großen Schatzhause des menschlichen Geistes enthalten waren, genau besichtigen zu dürfen. Unter den Maschinen, die seine Aufmerksamkeit in besonderem Grade erregten und ihn auf die Spur seiner Erfindung führten, befand sich ein zur Herstellung geblümter Seidenstoffe bestimmter Webstuhl, welchen der berühmte Automaten-Fabrikant Vaucanson angefertigt hatte. Vaucanson war ein Erfindergenie ersten Ranges. Der Erfindungsdrang war in ihm so mächtig, daß er fast zu einer unbezwinglichen Leidenschaft wurde. Der Ausspruch, daß ein Dichter »geboren,« nicht »gemacht« wird, läßt sich mit gleicher Berechtigung auf den Erfinder anwenden; denn wenn dieser auch ebenso wie jener vieles der Kultur und den günstigen Zeitumständen verdankt, so plant und konstruiert er seine Maschinen und Apparate doch hauptsächlich zur Befriedigung des ihm innewohnenden Triebes. Dies war in hervorragender Weise bei Vaucanson der Fall; denn seine künstlichsten Werke zeichneten sich nicht sowohl durch Nützlichkeit als durch den merkwürdigen Scharfsinn aus, der sich in ihnen offenbarte. Schon als Knabe, wenn er am Sonntag mit seiner Mutter zu einem nachbarlichen Plauderstündchen ging, unterhielt er sich während desselben damit, daß er durch die Ritzen einer Bretterwand die Pendelbewegungen einer Uhr im Nebenzimmer beobachtete. Er bemühte sich, den Vorgang zu begreifen, und nachdem er mehrere Monate über den Gegenstand nachgedacht hatte, wurde ihm der Mechanismus der Hemmung klar. Seit jener Zeit war sein Geist ganz von dem Gegenstand der mechanischen Erfindungen in Anspruch genommen. Mit einigen selbstgefertigten rohen Werkzeugen stellte er eine hölzerne Wanduhr her, welche die Stunden mit einer merkwürdigen Genauigkeit anzeigte; zugleich schnitzte er für eine kleine Kapelle mehrere Engelfiguren, welche die Flügel bewegen konnten und einige Priestergestalten, die verschiedene gottesdienstliche Handlungen verrichteten. Um etliche andere von ihm geplante Automaten anfertigen zu können, begann er Anatomie, Musik und Mechanik zu studieren, was ihn Jahre hindurch in Anspruch nahm. Der Anblick des Flötenspielers im Tuileriengarten weckte in ihm den Entschluß, eine ähnliche, auf einem Instrument spielende Figur zu erfinden, und nach mehrjähriger Bemühung und Arbeit, worin er noch durch Krankheit behindert wurde, gelang es ihm, seinen Plan auszuführen. Er verfertigte zunächst einen Flageolettspieler, auf welchen – als die sinnreichste seiner Erfindungen – eine Ente folgte, welche schwamm, tauchte, trank und gleich einer wirklichen Ente schnatterte. Danach konstruierte er für die Tragödie »Kleopatra« eine Natter, welche zischte und der Schauspielerin an die Brust fuhr. Vaucanson beschränkte sich indes nicht auf die Anfertigung von Automaten. Im Hinblick auf seinen Scharfsinn bestimmte ihn der Kardinal Fleury zum Inspektor der französischen Seidenfabriken, und kaum hatte er dies Amt angetreten, so plante er auch schon mit seinem unbezwinglichen Erfindungstrieb neue Verbesserungen an den zur Verarbeitung der Seide dienenden Apparaten. Eine dieser Verbesserungen war seine Maschine zum Spinnen und Zwirnen der Seide. Dieselbe brachte aber die Lyoner Seiden-Arbeiter, welche dadurch brotlos zu werden fürchteten, dermaßen gegen ihn auf, daß sie nach ihm mit Steinen warfen und ihn fast umbrachten. Trotzdem setzte er seine Erfindungen fort und konstruierte nun eine Maschine zur Anfertigung geblümter Seidenstoffe, mit einem Apparat versehen, welcher die Fäden so zurichtete, daß sie in den verschiedenen Docken oder Strähnen alle die gleiche Stärke hatten. Als Vaucanson im Jahre 1782 nach langer Krankheit starb, vermachte er seine Maschinensammlung der Königin, welche aber wenig Wert darauf gelegt zu haben scheint, da die Sammlung bald danach aufgelöst wurde. Doch die Maschine zur Anfertigung geblümter Seidenstoffe wurde glücklicherweise in dem Museum der Künste und Gewerbe aufbewahrt, wo sie Jacquard unter den vielen merkwürdigen und interessanten Stücken der Sammlung fand. Sie erwies sich ihm sehr nützlich; denn sie brachte ihn sofort auf die Spur der wichtigsten Verbesserung, die er an seinem Webstuhl einführte. Ein Hauptteil der Vaucansonschen Maschine war ein durchlöcherter Cylinder, der durch die bei der Umdrehung erscheinenden Löcher die Bewegung gewisser Nadeln regelte und die Kettenfäden derartig verteilte, daß ein bestimmtes, allerdings einfaches Muster entstand. Jacquard griff diese Idee mit Eifer auf, machte sich aber mit dem Genie des wahren Erfinders sogleich an ihre Verbesserung. Nach Verlauf eines Monats war seine Webmaschine fertig. Mit dem Vaucansonschen Cylinder verband er einen langen Streifen durchlöcherter Pappe, vermittelst dessen die Kettenfäden dem Weber dargereicht wurden – während ein anderer Apparat demselben die Farbe des Weberschiffes andeutete, welches er zu werfen hatte. Auf solche Weise wurde der Schaftzieher wie der Musterstecher überflüssig. Der erste Gebrauch, den Jacquard von seinem Webstuhl machte, bestand darin, daß er mehrere Ellen prächtigen Stoffes webte, welche er der Kaiserin Josephine zum Geschenk machte. Napoleon war mit den Leistungen des Erfinders außerordentlich zufrieden: er ließ mehrere Webstühle nach dem Jacquardschen Modell von den besten Fabrikanten anfertigen und verehrte sie seinem Günstling, welcher darauf nach Lyon zurückkehrte. Dort hatte er das gewöhnliche Schicksal der Erfinder. Seine Mitbürger sahen ihn als ihren Feind an und ließen ihm die Behandlung zu teil werden, die seinerzeit Kay, Hargreaves und Arkwright in Lancashire erfuhren. Die Arbeiter glaubten, der neue Webstuhl würde ihrem Gewerbe schaden und sie um ihr Brot bringen. Auf der Place des Terreaux fand eine stürmische Versammlung statt, in welcher die Zerstörung der Maschinen beschlossen wurde. Die Ausführung dieses Vorhabens wurde zwar durch das Militär vereitelt: aber Jacquard ward für vogelfrei erklärt und in effigie gehängt. Der »Conseil des Prud'hommes« bemühte sich vergeblich, die Aufregung zu dämpfen; er wurde selbst in Acht und Bann gethan. Schließlich teilte sich die Erbitterung der Massen auch den »Prud'hommes« mit, welche zum größten Teil aus ehemaligen Arbeitern bestanden und daher mit dieser Klasse sympathisierten; einer von Jacquards Webstühlen wurde weggeschleppt und auf offener Straße in Stücke gebrochen. Es erfolgten darauf Zusammenrottungen des Pöbels; und bei einer solchen Gelegenheit wurde Jacquard von einer wütenden Menge, die ihn ertränken wollte, den Quai entlang geschleppt und nur mit Mühe gerettet. Trotzdem konnte der hohe Wert des Jacquardschen Webstuhls nicht in Abrede gestellt werden, und sein Erfolg war nur eine Frage der Zeit. Von einigen englischen Seidenfabrikanten wurde Jacquard aufgefordert, nach England herüberzukommen und sich dort niederzulassen. Aber ungeachtet der rohen und grausamen Behandlung, die er von seiten seiner Mitbürger erfahren, gestattete sein großer Patriotismus ihm doch nicht, dies Anerbieten anzunehmen. Nun aber bemächtigten sich die englischen Fabrikanten seines Webstuhls, und die Lyoner Fabriken mußten jetzt auch, um nicht überflügelt zu werden, schleunigst die Jacquardsche Maschine einführen, die bald danach in allen Zweigen der Weberei gebraucht wurde. Die Resultate zeigten, daß die Besorgnisse der Arbeiter ganz unbegründet gewesen. Statt die Arbeit zu vermindern, hat der Jacquardsche Webstuhl dieselbe mindestens um das zehnfache vermehrt. Die Zahl der Personen, welche in den Lyoner Fabriken mit der Herstellung gemusterter Seidenstoffe beschäftigt waren, wurde von Herrn Leon Faucher im Jahre 1833 auf 60,000 angegeben, und seitdem ist ihre Zahl noch beträchtlich gewachsen. Was nun Jacquard selbst anbetrifft, so verlebte er den Rest seiner Tage in Frieden – nur daß dieselben Leute, welche ihn einst den Quai entlang schleppten, um ihn zu ertränken, sich bald darauf dazu drängten, ihn zur Feier seines Geburtstages im Triumph auf ihren Schultern dieselbe Straße entlang zu tragen. Doch seine Bescheidenheit lehnte eine derartige Demonstration ab. Als aber der Magistrat von Lyon ihn bat, sich zum Nutzen der Lokalindustrie mit der Verbesserung seiner Maschine zu beschäftigen, ging er gern darauf ein und empfing dafür ein mäßiges Jahrgehalt, dessen Betrag er selbst festgesetzt hatte. Nachdem er die geplante Verbesserung ausgeführt, zog er sich im Alter von sechzig Jahren nach Oullins, dem Geburtsorte seines Vaters, zurück, um dort sein Leben zu beschließen. Daselbst hat er im Jahre 1820 den Orden der Ehrenlegion erhalten und ist dann im Jahre 1834 dort auch gestorben und begraben. Es wurde zu seinem Gedächtnis ein Standbild errichtet, aber seine Verwandten blieben arm, und zwanzig Jahre nach seinem Tode sahen sich seine beiden Nichten gezwungen, die goldene Medaille, welche Ludwig XVIII. ihrem Onkel verliehen, für einige hundert Franken zu verkaufen. »Das,« sagt ein französischer Schriftsteller, »war die Erkenntlichkeit der Lyoner Seidenfabrikanten gegen einen Mann, dem sie einen so großen Teil ihres Erfolges verdankten.« Es wäre leicht, die Märtyrergeschichte der Erfinder noch weiter auszuspinnen und die Namen anderer, gleich ausgezeichneter Männer zu nennen, welche – ohne entsprechende eigene Vorteile – die Entwicklung unserer zeitgenössischen Industrie gefördert haben. Denn es ist in der That nur zu häufig vorgekommen, daß der Genius den Baum pflanzte, dessen Früchte nachher der geduldige Stumpfsinn pflückte. Aber wir wollen uns für jetzt auf den kurzen Lebensabriß eines Erfinders von verhältnismäßig neuerem Datum beschränken und dabei auf die Schwierigkeiten und Entbehrungen hinweisen, mit denen ein erfinderischer Geist so oft zu kämpfen hat. Wir reden von Josua Heilmann, dem Erfinder der Krempelmaschine. Heilmann wurde im Jahre 1796 zu Mülhausen, dem Mittelpunkte der elsässer Baumwollenmanufaktur, geboren. Sein Vater hatte ein derartiges Geschäft, und Josua trat mit fünfzehn Jahren in dasselbe ein. Er blieb zwei Jahre darin thätig, während welcher er sich in seinen Mußestunden mit Maschinenzeichnen beschäftigte. Darauf arbeitete er weitere zwei Jahre in dem Bankhause seines Onkels zu Paris, wo er gleichzeitig das Studium der Mathematik in den abendlichen Freistunden fortsetzte. Als einige seiner Verwandten eine kleine Baumwollenspinnerei in Mülhausen gründeten, wurde der junge Heilmann bei den Messrs. Tissot u. Reh in Paris untergebracht, um die Geschäftspraxis dieser Firma zu erlernen. Zu gleicher Zeit machte er Studien in dem Museum der Künste und Gewerbe, wo er den Vorlesungen beiwohnte und die dort aufgestellten Maschinen gründlich besichtigte. Er ließ sich auch von einem Spielzeugfabrikanten praktischen Unterricht im Drechslerhandwerk erteilen. Nachdem er eine Zeitlang so fleißig gearbeitet, kehrte er nach dem Elsaß zurück, um den Bau der Maschinen für die neue Fabrik in Vieux-Thann zu beaufsichtigen, welche bald danach fertiggestellt und in Betrieb gesetzt wurde. Das Gedeihen der Fabrik erlitt jedoch durch eine eintretende Handelskrisis eine so schwere Schädigung, daß sie in andere Hände überging, worauf Heilmann nach Mülhausen zu seinen Eltern zurückkehrte. Er hatte sich mittlerweile vielfach mit Erfindungen beschäftigt, die speziell auf das Weben und Spinnen der Baumwolle Bezug hatten. Eins seiner ersten Projekte war eine Stickmaschine mit zwanzig gleichzeitig arbeitenden Nadeln: es gelang ihm, dieselbe in sechs Monaten zu vollenden. Für diese Erfindung, die er auf die Ausstellung von 1834 schickte, erhielt er eine goldene Medaille und den Orden der Ehrenlegion. Andere Erfindungen folgten in rascher Reihenfolge – ein verbesserter Webstuhl; eine Maschine zum Abmessen und Zusammenlegen der Stoffe; eine Verbesserung der »Spindelbäume« der englischen Baumwollenweber und ein Apparat zum Aufwinden der Kette, sowie verschiedene Abänderungen an den zum Herrichten, Spinnen und Weben von Seide und Baumwolle dienenden Maschinen. Eine seiner sinnreichsten Erfindungen war sein Webstuhl zur gleichzeitigen Herstellung zweier Stücke Sammet oder sammetartigen Stoffes, welche durch die gemeinsame Oberkette miteinander verbunden waren und nach ihrer Fertigstellung vermittelst eines Messers und beweglichen Hebels voneinander getrennt wurden. Aber die allerschönste und allersinnreichste seiner Erfindungen war die Krempelmaschine, deren Geschichte wir nun kurz erzählen wollen. Heilmann hatte sich seit mehreren Jahren eifrig mit der Erfindung einer Maschine zum Krempeln langfaseriger Baumwolle beschäftigt, da die gewöhnliche Flockenmaschine sich zur Zubereitung des zu spinnenden Rohmaterials – besonders der feineren Sorten – unzulänglich gezeigt hatte und zudem viel Material vergeudete. Um diesen Übelständen abzuhelfen, setzten die elsässer Baumwollenspinner für eine verbesserte Krempelmaschine einen Preis von 5000 Franken aus, und Heilmann war sofort entschlossen, sich an der Konkurrenz zu beteiligen. Was ihn dazu veranlaßte, war nicht Gewinnsucht; denn er war verhältnismäßig reich, da ihm seine Frau ein beträchtliches Vermögen zugebracht hatte. Man konnte ihn häufig sagen hören: »Es wird niemand etwas Großes vollbringen, der sich beständig fragt, was für einen Nutzen er davon haben könnte.« Ihn trieb hauptsächlich der unwiderstehliche Drang des Erfinders, der ein Problem lösen muß, sobald es sich ihm darstellt. Das Problem war aber in diesem Fall schwerer als er dachte. Das eingehende Studium dieses Gegenstandes beschäftigte ihn mehrere Jahre hindurch, und die Ausgaben, in welche es ihn stürzte, waren so groß, daß das Vermögen seiner Frau aufgebraucht wurde und er selbst in Armut geriet, ohne imstande zu sein, seine Maschine zu vollenden. Seit jener Zeit hing für ihn die Möglichkeit, seine Idee zur Ausführung zu bringen, einzig von der Hilfe seiner Freunde ab. Während er noch mit pekuniärer Bedrängnis und anderen Schwierigkeiten kämpfte, starb seine Frau – in dem Glauben, daß ihr Gatte ruiniert sei. Derselbe ging bald darauf nach England, wo er noch weiter an seiner Maschine experimentierte. Von den ausgezeichneten Maschinenfabrikanten Sharpe, Roberts und Compagnie ließ er sich ein Modell davon anfertigen; als dasselbe aber nicht in gewünschter Weise arbeiten wollte, geriet er fast in Verzweiflung. Um seine Familie zu besuchen, kehrte er nach Frankreich zurück, immer noch mit dem Gedanken beschäftigt, der seinen Geist ganz in Beschlag nahm. Als er eines Abends vor seinem Kamin saß und über das harte Los der Erfinder und das Unglück nachdachte, welches so oft deren Familien trifft, sah er halb unbewußt zu, wie sich seine Töchter kämmten und ihr langes Haar zwischen den Fingern durchgleiten ließen. Da kam ihm plötzlich der Gedanke, daß er aller Bedrängnis ledig wäre, wenn es ihm nur gelänge, vermittelst einer Maschine jenes Verfahren nachzuahmen, bei welchem die langen Haare ausgekämmt, die kurzen aber durch eine umgekehrte Bewegung des Kammes zurückgeschoben wurden. Wir wollen hier daran erinnern, daß diese Begebenheit aus Heilmanns Leben der Gegenstand eines schönen Bildes des Hofmalers Elmore ist, welches im Jahre 1862 auf der Gemälde-Ausstellung der königlichen Akademie zu sehen war. Diese Idee verfolgte er weiter, ersann einen Apparat für das scheinbar einfache, aber in Wirklichkeit sehr komplizierte Verfahren des mechanischen Kämmens oder Krempelns und brachte so endlich nach langer Bemühung seine Erfindung zustande. Die besondere Schönheit des Verfahrens kann nur von demjenigen gewürdigt werden, der die Maschine arbeiten gesehen und dabei beobachtet hat, wie sehr ihre Bewegungen dem Prozeß des Kämmens der Haare gleichen, durch welchen Lee recht eigentlich auf diese Erfindung gebracht worden war. Man hat von seiner Maschine gesagt, daß sie »mit dem zarten Druck menschlicher Finger arbeite.« Sie kämmt die Baumwollenschicht an beiden Enden, legt die Fasern genau einander parallel, trennt die langen von den kurzen und vereinigt jene zu einem Vließ, diese zu einem anderen. Mit einem Wort – die Maschine arbeitet nicht nur mit der Zartheit und Genauigkeit der menschlichen Hand, sondern auch mit der sinnreichen Feinheit des menschlichen Geistes. Der kommerzielle Wert der Erfindung besteht hauptsächlich darin, daß durch sie auch die gröbere Baumwolle für feinere Gespinste verwendbar wird. Die Fabrikanten wurden dadurch instand gesetzt, die passendsten Fasern für die teuersten Stoffe auszuwählen und die feineren Garnsorten in viel größeren Quantitäten herzustellen. Man vermochte vermittelst dieser Maschine die Baumwolle so sein zu spinnen, daß ein einziges Pfund der zubereiteten Baumwolle einen Faden von 334 Meilen Länge lieferte und sich, wenn es zu einer der feineren Spitzenarten verarbeitet wurde, von dem ursprünglichen Wert eines Schillings bis zu seinem Übergang in die Hände des Konsumenten zu einem Wert von 300 bis 400 Pfund Sterling erhob. Die Schönheit und Nützlichkeit der Heilmannschen Erfindung wurde sogleich von den englischen Baumwollenspinnern anerkannt. Sechs Firmen aus Lancashire vereinigten sich und kauften das Patent auf die Baumwollenspinnerei für England zum Preise von 30,000 Pfund: die Wollenspinner zahlten die gleiche Summe für das Privilegium, das Verfahren auch auf die Wolle anzuwenden, während die Messrs. Marshall aus Leeds für das Vorrecht, auch den Flachs mit jener Maschine bearbeiten zu dürfen, 20,000 Pfund hergaben. So strömte dem armen Heilmann schließlich der Reichtum in Fülle zu. Aber er lebte nicht lange genug, um ihn zu genießen. Er starb, als der Erfolg nur eben seine mühselige Arbeit gekrönt, und sein Sohn, der seine Entbehrungen geteilt, folgte ihm bald nach. Die Wunder der Zivilisation vollziehen sich auf Kosten solcher Existenzen wie dieser. Drittes Kapitel Drei große Töpfer: Palissy, Böttger, Wedgwood. »Die Geduld ist der schönste und wertvollste Bestandteil der Seelenstärke und der seltenste obendrein ..... Die Geduld ist sowohl die Wurzel aller Freuden als auch aller Fähigkeiten. Die Hoffnung selbst hört auf, ein Glück zu sein, wenn sich die Ungeduld zu ihr gesellt.« – John Ruskin. »Il y a vingt et cinq ans passez qu'il ne me fut monstré une coupe de terre, tournée et esmaillée d'une telle beauté que – – – dèslors, sans avoir esgard que je n'avois nulle connoissance des terres argileuses, je me mis à chercher les émaux, comme un homme qui taste en ténèbres.« Bernard Palissy. Die Geschichte der Töpferkunst liefert uns zufällig einige der merkwürdigsten Beispiele geduldiger Beharrlichkeit, die auf dem Gebiet der Biographie zu finden sind. Wir wählen davon drei der frappantesten aus, die wir in den Lebensbildern des Franzosen Bernard Palissy, des Deutschen Johann Friedrich Böttger und des Engländers Josiah Wedgwood finden. Obwohl die Kunst, gewöhnliche Thongefäße zu verfertigen, schon den meisten alten Völkern bekannt war, so hatte die Fabrikation glasierter Töpferwaaren doch eine sehr viel geringere Verbreitung. Sie wurde zwar von den alten Etruskern betrieben, wie das einzelne Stücke in antiquarischen Sammlungen beweisen; aber diese Kunst ging verloren und wurde erst in einer uns verhältnismäßig naheliegenden Zeit wieder ins Leben gerufen. Die etruskischen Thongefäße hatten im Altertum einen hohen Wert und wurden zur Zeit des Augustus mit Gold aufgewogen. Die Mauren scheinen unter sich das Geheimnis dieser Kunst bewahrt zu haben; denn sie übten dieselbe noch auf Majoren aus, als diese Insel ums Jahr 1115 von den Pisanern erobert wurde. Unter der fortgeschleppten Beute befanden sich viele thönerne Teller maurischen Ursprungs, die als Siegeszeichen in die Wände mehrerer alter Kirchen Pisas eingemauert wurden, wo man sie noch heute sehen kann. Etwa zwei Jahrhunderte später begannen die Italiener eine Nachahmung jener glasierten Thonwaren in den Handel zu bringen, der sie nach der eigentlichen, maurischen Stätte ihres Ursprungs den Namen »Majolika« gaben. Der Mann, welcher die Kunst des Glasierens oder Emaillierens in Italien neu belebte oder zum zweitenmal entdeckte, war ein florentiner Bildhauer, Namens Luca della Robbia. Vasari nennt ihn einen Mann von unermüdlichem Fleiß, der den Tag über mit dem Meißel arbeitete und während des größeren Teils der Nacht zeichnete. Diese letztere Kunst betrieb er mit solchem Eifer, daß er für die späten Arbeitsstunden einen Korb mit Hobelspänen bereit zu stellen pflegte, in welchen er die Füße hineinsteckte, um sie und damit seinen ganzen Körper vor der Kälte zu schützen und sich solchergestalt fähig zu erhalten, an seinen Zeichnungen weiter zu schaffen. »Und ich bin darüber keineswegs erstaunt,« fährt Vasari fort. »Wer sich nicht frühzeitig daran gewöhnt, Hitze, Kälte, Hunger, Durst und andere Unannehmlichkeiten zu ertragen, wird sich nie in irgend einer Kunst hervorthun, und diejenigen sind vollständig im Irrtum, die da meinen, sie könnten behaglich alle Freuden der Welt genießen und doch dabei eine ehrenvolle Bedeutung erlangen – denn nicht durch Schlafen, sondern durch Wachen, Beobachten und beständiges Arbeiten steigt man empor und erwirbt sich Ruhm.« Aber Luca vermochte sich trotz allen Fleißes, aller Emsigkeit nicht durch seine Bildhauerkunst zu ernähren. Nun kam ihm der Gedanke, er könnte seine Modellierarbeiten vielleicht an einem Material fortsetzen, das weicher und billiger wäre als Marmor. So begann er denn seine Modelle aus Thon herzustellen und machte allerhand Versuche, sie in einer Weise zu glasieren und zu brennen, die ihre Haltbarkeit erhöhte. Nach mannigfachen Bemühungen entdeckte er endlich eine Methode, nach welcher der Thon mit einer Masse überzogen wurde, die sich in einem Ofen bei starker Hitze in eine fast unzerstörbare Glasur verwandelte. Später entdeckte er noch ein Verfahren zum Färben der Glasur, wodurch die Schönheit derselben bedeutend erhöht wurde. Der Ruhm der Erfindung Lucas verbreitete sich über ganz Europa, und die Proben seiner Kunst wurden weithin verschickt. Viele davon gingen nach Frankreich und Spanien, wo sie hoch im Preise standen. In jenen Tagen waren rohe, braune Krüge und Töpfe fast die einzigen Töpferwaren, die man in Frankreich anfertigte, und dieser Zustand hielt mit geringen Verbesserungen bis zur Zeit Palissys an – eines Mannes, der gegen ungeheuere Schwierigkeiten mit einem Heldenmut ankämpfte, der über die Ereignisse seines buntbewegten Lebens einen fast romantischen Schimmer ausgießt. Bernard Palissy soll um das Jahr 1510 im südlichen Frankreich in der Diöcese Agen geboren sein. Sein Vater war wahrscheinlich ein Glasmacher, und Bernard erlernte dasselbe Handwerk. Seine Eltern waren arme Leute – so arm, daß sie ihm die Wohlthat irgendwelcher Schulbildung nicht zu teil werden lassen konnten. Er selbst äußerte später einmal: »Ich hatte keine anderen Bücher als den Himmel und die Erde, die allen zugänglich sind.« Er eignete sich jedoch die Kunst der Glasmalerei an; dazu lernte er zeichnen und später auch lesen und schreiben. Als er etwa achtzehn Jahre alt war, geriet die Glasfabrikation in Verfall; und Palissy wanderte mit einem Felleisen auf dem Rücken aus dem väterlichen Hause in die Welt hinaus, um sich irgendwo einen Platz darin zu erobern. Er reiste zuerst nach der Gascogne; unterwegs arbeitete er in seinem Handwerk, wo man ihm nur Beschäftigung gab, und füllte auch gelegentlich einen Teil seiner Zeit mit Landvermessungen aus. Dann wandte er sich nordwärts und hielt sich eine Zeitlang in verschiedenen Orten Frankreichs, Flanderns und Niederdeutschlands auf. In dieser Weise verbrachte Palissy weitere zehn Jahre seines Lebens, worauf er sich verheiratete, das Wandern aufgab und sich als Glasmaler und Feldmesser in der kleinen Stadt Saintes im Departement Basse-Charente niederließ. Dort wurden ihm Kinder geboren; und nicht nur seine Pflichten, sondern auch seine Ausgaben vermehrten sich, während er beim besten Willen nicht so viel verdienen konnte, als er brauchte. Er mußte sich daher zusammennehmen. Wahrscheinlich fühlte er, daß er noch zu etwas Besserem fähig war als zu dem mühseligen und unsicheren Geschäft der Glasmalerei, und so richtete er denn seine Aufmerksamkeit auf die verwandte Kunst des Bemalens und Glasierens von Töpferwaren. Doch war er auf diesem Gebiet vollkommen unwissend; denn er hatte, ehe er mit seinen Versuchen anfing, noch nie das Brennen von Thongefäßen mit angesehen. Er mußte sich die betreffenden Kenntnisse ohne jede Anleitung erwerben. Aber er hatte frohen Mut, Wißbegierde, unendliche Ausdauer und unerschöpfliche Geduld. Was Palissy zu dieser neuen Kunst hinführte, war der Anblick eines eleganten italienischen Kruges, der wahrscheinlich aus den Händen Luca della Robbias hervorgegangen war. Ein scheinbar so geringfügiger Umstand würde auf einen gewöhnlichen Menschen – und vielleicht zu einer anderen Zeit auch auf Palissy – keinen besonderen Eindruck gemacht haben. Da der letztere aber damals gerade über einen Berufswechsel nachdachte, so erweckte jener Umstand in ihm den Nachahmungstrieb. Der Anblick des italienischen Kruges wandelte seine ganze Existenz um; und der Wunsch, den Schmelz zu entdecken, mit welchem jenes Gefäß glasiert war, nahm seinen Geist gleich einer Leidenschaft gefangen. Wäre er ledig gewesen, so würde er nach Italien gereist sein, um dort das Geheimnis zu erforschen; aber er war an Weib und Kind gebunden und konnte dieselben nicht im Stich lassen. So blieb er denn bei ihnen und tappte im Dunkel umher, in der Hoffnung, er werde das Verfahren der Anfertigung und Glasierung irdener Gefäße aus eigener Kraft entdecken. Zuerst konnte er die Bestandteile der Glasur nur erraten; aber er stellte mannigfache Versuche an, um ihre Natur mit Sicherheit festzustellen. Er zerstampfte alle nur möglichen Substanzen, von denen er glaubte, daß sie den Schmelz hervorzubringen vermöchten. Dann kaufte er sich gewöhnliche thönerne Töpfe, brach sie in Stücke, bestrich die Scheiben mit den vermischten Droguen und setzte sie darauf der Glut eines von ihm selbst zu diesem Zweck angefertigten Ofens aus. Seine Experimente mißlangen, und das Ergebnis derselben, bestand nur in zerbrochenen Töpfen und in einer Vergeudung von Brennmaterial, Droguen, Zeit und Arbeit. Die Frauen, haben im allgemeinen keine besondere Sympathie für Bestrebungen, deren einziges, wahrnehmbares Resultat eine Verringerung der Mittel ist, die zur Anschaffung von Nahrung und Kleidung für die Kinder verwandt werden sollten; und so pflichtgetreu Palissys Gattin auch in anderen Beziehungen war, so wollte sie doch durchaus nicht in den Ankauf neuer irdener Töpfe willigen, die ihrer Meinung nach doch nur zum Zerbrechen da sein würden. Indes mußte sie schließlich nachgeben; denn Palissy wurde von dem Verlangen, das Geheimnis der Glasur zu ergründen, dermaßen beherrscht, daß er nicht davon abgebracht werden konnte. Eine Reihe von Monaten und Jahren hindurch beschäftigte sich Palissy mit seinen Experimenten. Da sich der erste Ofen als unpraktisch erwiesen, so machte er sich daran, einen neuen im Freien zu errichten. Damit verschwendete er wiederum Holz, Droguen und Töpfe und vergeudete die Zeit, bis das Gespenst der Armut ihm und seiner Familie ins Gesicht grinste. »Auf solche Weise,« berichtet er, »verbrachte ich mehrere Jahre wie ein Narr mit Kummer und Seufzern, weil ich durchaus nicht zu meinem Ziel gelangen konnte.« In den zwischen seinen Experimenten liegenden Pausen arbeitete er gelegentlich in seinen alten Berufszweigen – bemalte Glas, zeichnete Portraits und vermaß Land; aber der aus diesen Quellen fließende Erwerb war nur gering. Endlich war er außer stande, seine Versuche an seinem eigenen Ofen fortzusetzen, da er das Brennmaterial nicht mehr zu erschwingen vermochte. Aber er kaufte sich neue Töpfe, zerbrach sie wie vorher in drei- bis vierhundert Scherben, überzog diese mit Chemikalien und trug sie dann nach einer etwa ein und eine halbe Meile von Saintes entfernten Ziegelei, damit sie dort in einem gewöhnlichen Ziegelofen gebrannt würden. Nach dem Brennen überwachte er das Herausnehmen der Scherben und mußte zu seinem Kummer sehen, daß auch dieser Versuch gescheitert war. Aber obwohl enttäuscht, war er doch nicht entmutigt; denn er beschloß sofort, »von vorne anzufangen.« Sein Feldmesserberuf hinderte ihn eine Zeitlang an der Fortsetzung seiner Experimente. Einem Regierungserlaß zufolge sollten die Salzsümpfe in der Nähe von Saintes zum Zweck der Grundsteuer-Erhebung vermessen werden. Palissy wurde mit dieser Vermessung und der Anfertigung der erforderlichen Karte betraut. Diese Arbeit nahm ihn einige Zeit in Anspruch und wurde ihm ohne Zweifel gut bezahlt; aber kaum war er damit fertig, so machte er sich auch schon mit verdoppeltem Eifer daran, »dem Geheimnis der Glasur weiter nachzuspüren.« Er zerbrach wiederum drei Dutzend irdene Töpfe, bestrich die Scherben mit den zubereiteten Mischungen und trug sie zu einem benachbarten Glasofen, um sie darin brennen zu lassen. Das Resultat erweckte ihm einen Hoffnungsschimmer, die größere Hitze des Glasofens hatte einige der Chemikalien zum Schmelzen gebracht; aber so eifrig Palissy auch nach der weißen Glasur suchte, vermochte er doch nichts davon zu entdecken. Während weiterer zwei Jahre experimentierte er ohne ein befriedigendes Resultat: inzwischen wurden die Erträge seiner Vermessung der Salzsümpfe aufgebraucht, und er geriet wiederum in Armut. Aber er beschloß, noch eine letzte, große Anstrengung zu machen, und zerbrach mehr Töpfe als je. Über dreihundert mit seinen Chemikalien bestrichene Thonscherben wanderten in den Glasofen, und er selbst stand dabei, um die Resultate des Brennens festzustellen. Vier Stunden stand er so Wache; dann wurde der Ofen, geöffnet. Nur auf einer der dreihundert Scherben war der Überzug geschmolzen, und diese eine wurde zum Abkühlen herausgenommen. Als die Glasur erhärtete, wurde sie weiß – weiß und glänzend! Ja! die Thonscherbe war in der That mit einer weißen Emaille überzogen, die Palissy als »außerordentlich schön« beschreibt. Und zweifellos mußte sie ihm nach all dem langen und mühseligen Warten wunderschön erscheinen. Er lief damit zu seiner Frau, während er sich nach seiner eigenen Aussage »wie neugeboren« fühlte. Aber noch war das Ziel keineswegs erreicht. Der teilweise Erfolg dieser – seinem Vorhaben nach letzten – Anstrengung hatte nur die Wirkung, ihn zu weiteren Versuchen und Enttäuschungen zu führen. Um die Erfindung, die er bereits gemacht zu haben glaubte, weiter zu vervollkommnen, beschloß er, in der Nähe seiner Wohnung einen Glasofen zu bauen, an welchem er seine Experimente heimlich fortsetzen könnte. Er errichtete den Ofen mit seinen eigenen Händen und schleppte die notwendigen Ziegel auf seinem Rücken vom Ziegelhof herbei. Er war Maurer und Handlanger in einer Person. Darüber vergingen sieben bis acht Monate. Endlich war der Ofen fertig und zum Gebrauch bereit. Palissy hatte indessen selbst eine Anzahl von Thongefäßen geformt, die ihrer Emaillierung harrten. Nachdem er sie einem vorbereitenden Brennprozeß unterworfen, überzog er sie mit der Emaille-Mischung und unterwarf sie wiederum der großen Feuerprobe im Ofen. Trotz seiner nahezu erschöpften Mittel hatte Palissy doch schon seit längerer Zeit für diesen letzten Versuch einen großen Haufen Brennmaterial aufgespart, der seiner Meinung nach genügen mußte. Endlich brannte das Feuer, und die Prozedur begann. Den ganzen Tag saß er vor dem Ofen, um das Feuer zu unterhalten. Auch die ganze Nacht hindurch wachte er und schob Brennmaterial nach. Aber die Glasur schmolz nicht. Darüber ging die Sonne auf. Seine Frau kam und brachte ihm sein kärgliches Frühstück – denn er mochte sich nicht vom Ofen wegrühren, den er von Zeit zu Zeit mit neuem Brennmaterial speiste. Der zweite Tag verrann, ohne daß die Glasur schmolz. Die Sonne ging unter, und eine zweite Nacht verstrich. Der bleiche, verstörte, unrasierte Palissy saß noch immer, zwar gebeugt, doch nicht gebrochen, vor seinem Ofen und wartete auf das Schmelzen der Glasur. Ein dritter Tag verstrich samt der Nacht – dazu ein vierter, fünfter und sechster. Ja! sechs lange Tage und Nächte wachte und arbeitete der unerschütterliche Palissy und mühte sich in einem hoffnungslosen Kampfe – und immer noch wollte die Emaille nicht schmelzen. Da kam ihm der Gedanke, daß möglicherweise die Mischung der Glasur mangelhaft sei – daß vielleicht ein Flußmittel darin fehle; er begann daher neue Chemikalien zu zerstoßen und durcheinander zu mengen, um damit einen abermaligen Versuch anzustellen. So vergingen weitere zwei oder drei Monate. Aber woher sollte er neue Töpfe nehmen? Die, welche er zum Zweck des ersten Versuchs mit seinen eigenen Händen geformt hatte, waren durch das zu lange Brennen für das zweite Experiment unbedingt unbrauchbar geworden. Sein Geld war zu Ende, aber er konnte ja borgen. Sein Ruf war noch immer makellos, obwohl seine Frau und auch die Nachbarn ihm vorwarfen, daß er die Zeit mit thörichten Spielereien vergeude. Trotzdem gelang es ihm, von einem Freund eine genügend große Summe zur erneuten Anschaffung von Brennmaterial und Töpfen zu borgen, und nun war er zu weiteren Versuchen bereit. Die Töpfe wurden mit einer neuen Mischung überzogen und in den Ofen gestellt, worauf Palissy das Feuer entzündete. Es war dies ein letztes, verzweifeltes Unternehmen. Das Feuer flammte auf; die Hitze wurde sehr stark – aber die Glasur kam nicht in Fluß. Das Heizmaterial ging zu Ende! Wie sollte er das Feuer unterhalten? Da war ja der Gartenzaun – der würde wohl brennen! Lieber den Zaun opfern als das Experiment aufgeben! Der Gartenzaun wurde abgebrochen und wanderte in den Ofen. Umsonst! Die Glasur schmolz nicht. Aber vielleicht würden weitere zehn Minuten genügen. Brennmaterial mußte um jeden Preis herbeigeschafft werden! In seiner Wohnung gab es ja noch Möbel und Wandbretter. Plötzlich hörte man in Palissys Hause ein krachendes Geräusch, und unter dem Geschrei seiner Frau und seiner Kinder, die allen Ernstes glaubten, der Hausherr habe den Verstand verloren, wurden Tische und Stühle zerbrochen und in den Ofen gesteckt. Doch die Emaille schmolz noch immer nicht. Jetzt waren noch die Wandbretter übrig. Wieder hörte man im Hause ein Geräusch, als ob Holz zerbrochen würde, und die Wandbretter wurden zerschlagen und gleich den Möbeln ins Feuer geworfen. Nun stürzte die Frau mit den Kindern auf die Straße hinaus und rannte wie rasend durch die Stadt, indem sie überall erzählte, der arme Palissy sei verrückt geworden und zerschlage seine eigenen Möbel zu Brennholz! Palissys eigene Worte sind diese: »Le bois m'ayant failli, je fus contraint brusler les estapes (étaies) qui soustenoyent les tailles de mon jardin, lesquelles estant bruslées, je fus contraint brusler les tables et planches de la maison, afin de faire fondr la seconde composition. J'estois en une telle angoise que je ne sçaurois dire: car j'estois tout tari et deseché à cause du labeur et de la chaleur du fourneau; il y avoit plus d'un mois que ma chemise n'avoit seiché sur moy, encore pour me consoler on se moquoit de moy, et mesme ceux qui me devoient secourir alloient crier par la ville que je faisois brusler le plancher; et par tel moyen l'on me faisoit perdre mon credit et m'estimoit – on estre fol. Les autres disolent que je cherchois à faire la fausse monneye, qui estoit un mal qui me faisoit seicher sur les pieds; et m'eu allois par les ruës tout baissé comme un homme honteux – – – – – personne ne me secouroit: Mais au contraire ils se mocquoyent de moy, en disant! Il luy apparient bien de mourir de faim, par ce qu'il delaisse son mestier. Toutes ces nouvelles venoyent à mes aureilles quand je passois par la ruë.« – Oeuvres Complètesde Palissy, Paris 1844«; De l'Art de Terre. p. 31. Seit einem ganzen Monat hatte er nicht sein Hemd gewechselt, und er war vollkommen erschöpft – aufgerieben durch Arbeit, Sorgen, Nachtwachen und Nahrungsmangel. Dazu war er verschuldet und anscheinend am Rande des Ruins. Aber er hatte endlich das Geheimnis entdeckt; denn die letzte große Glut hatte die Emaille zum Schmelzen gebracht. Die gewöhnlichen braunen Küchentöpfe waren, als er sie aus dem abgekühlten Ofen herausnahm, mit einer weißen Glasur überzogen! Dieser Erfolg gab ihm die Kraft, Vorwürfe, Schmach und Verachtung zu ertragen und geduldig auf eine Gelegenheit zu warten, die ihm gestatten würde, seine Entdeckung in kommenden besseren Tagen zu verwerten. Palissy engagierte nun einen Töpfer, damit dieser nach Zeichnungen des Auftraggebers irdene Gefäße anfertige; er selbst aber machte sich daran, mehrere Medaillonbilder aus Thon zu modellieren, die er gleichfalls zu glasieren gedachte. Aber womit sollte er sich und seine Familie so lange ernähren, bis seine Waren zum Verkauf fertig sein würden? Glücklicherweise wohnte in Saintes ein Mann, der, wenn auch nicht an Palissys Verständigkeit, so doch an seine Redlichkeit glaubte. Dies war ein Gastwirt, welcher sich bereit fand, dem Bedrängten auf sechs Monate Kost und Logis zu geben, damit er während dieser Zeit in seiner Töpferarbeit fortfahren könne. Palissy sah sich bald außer stande, dem angeworbenen Gehilfen den bedungenen Lohn zu zahlen. Nachdem er schon seine Wohnung geplündert, konnte er nur noch seine eigene Person berauben, und wirklich trat er einige seiner Kleidungsstücke als Abschlagszahlung auf den fälligen Lohn an den Töpfer ab. Palissy baute zunächst einen verbesserten Ofen, aber unglücklicherweise mauerte er ihn innen zum Teil mit Kieselsteinen aus. Diese platzten und zersprangen beim Heizen, und die Splitter fielen auf die Töpfe und blieben daran kleben. Obwohl die Glasur sich regelrecht bildete, war die Arbeit doch unheilbar verdorben und die sechsmonatliche Bemühung vereitelt. Zwar fanden sich Leute, welche die Waren trotz der erlittenen Beschädigungen zu einem niedrigen Preise kaufen wollten, aber Palissy ging nicht darauf ein, weil er meinte, er würde dadurch seine Ehre »schimpfieren und schänden;« so brach er denn den ganzen Schub entzwei. »Trotzdem,« berichtet er, »gab ich die Hoffnung nicht auf, sondern hielt mich tapfer; wenn mich zuweilen Bekannte besuchten, scherzte ich mit ihnen, obwohl mein Herz traurig war. – – – – – Das schlimmste Leid, das ich erdulden mußte, waren die Spöttereien und Anfeindungen von seiten meiner eigenen Hausgenossen, die in ihrer Unvernunft von mir verlangten, daß ich meine Arbeiten ohne die erforderlichen Mittel ausführen sollte. Jahrelang hatten meine Öfen kein Schutzdach, und während ich dabei saß, war ich aller Wut des Windes und Wetters ausgesetzt, ohne Hilfe und Trost – außer etwa dem, welchen mir das Miauen der Katzen auf der einen, und das Heulen der Hunde auf der anderen Seite gewähren konnte. Manchmal rüttelte der Sturm so heftig an den Öfen, daß ich gezwungen war, sie im Stich zu lassen und ins Haus zu flüchten. Vom Regen durchnäßt und in einer Verfassung, als wäre ich durch einen Morast geschleift worden, ging ich um Mitternacht oder bei Tagesanbruch mich niederlegen, indem ich ohne ein Licht ins Haus stolperte, von einer Seite zur anderen schwankend, als wäre ich betrunken, während ich doch in Wirklichkeit nur müde war vom nächtlichen Wachen und betrübt über die Nutzlosigkeit meiner Arbeit nach so langer Bemühung. Aber ach! mein Haus war für mich kein Zufluchtsort; denn durchnäßt und beschmutzt wie ich war, fand ich daheim eine schlimmere Verfolgung als da draußen, und ich muß mich noch heute wundern, wie ich so vielen Kummer habe überstehen können.« Als sich seine Angelegenheiten in diesem Stadium befanden, wurde Palissy so schwermütig und niedergeschlagen, daß er fast zusammenbrach. Er wanderte in düsterem Trübsinn durch die Felder in der Umgegend von Saintes, mit zerlumpten Kleidern und selber fast zum Skelett abgemagert. In seinen Schriften beschreibt er in einer bemerkenswerten Stelle, wie feine Waden so zusammenschrumpften, daß die Strümpfe trotz, der Strumpfbänder nicht mehr darauf festhalten wollten, Toutes ces fautes m'ont causé un tel lasseur et tristess d'esprit, qu'auparavent que j'aye rendu mes émaux fusible à un mesme degré de feu, j'aye cuidé entrer jusque à la porte sepulchre aussi en me travaillant à tels affaires, je me suis trouvé l'espace de plus de dix ans si fort escoulé en ma personne, qu'il n'y avoit aucuno forme ny apparence de bosse aux bras ny aux jambes: ains estoyent mes dites jambes toutes d'une venue: de sorte que les liens de quoy j'attachois mes bas de chaussees estoyent, soudain que je cheminoissur les talons avec le residu de mes Chausses.« – Oeuvres sondern ihm beim Gehen bis auf die Hacken herabrutschten. Seine Familie machte ihm noch immer wegen seiner Unordentlichkeit Vorwürfe, und die Nachbarn verhöhnten ihn wegen seiner hartnäckigen Thorheit. So kehrte er denn für einige Zeit zu seinem früheren Gewerbe zurück, und nachdem er etwa ein Jahr lang durch fleißige Arbeit für den Unterhalt seiner Familie gesorgt und seinen Ruf unter den Nachbarn einigermaßen wiederhergestellt hatte, wandte er sich von neuem seiner Lieblingsbeschäftigung zu. Aber obgleich er sich um die Entdeckung der Glasur schon zehn Jahre vergeblich bemüht hatte, mußte er doch noch fast acht Jahre mühselig experimentieren, bis es ihm gelang, seine Erfindung zu vervollkommnen. Er eignete sich allmählich Geschicklichkeit und Sicherheit durch die Erfahrung an und sammelte praktische Kenntnisse aus seinen mannigfachen Mißerfolgen. Jeder gescheiterte Versuch war für ihn eine Lektion, die ihn etwas Neues über das Wesen der Glasur, über die Beschaffenheit der thonartigen Erden oder die Mischung der Thonsorten, sowie über den Bau und die Behandlung der Öfen lehrte. Nach sechzehnjähriger Arbeit faßte sich Palissy endlich ein Herz und nannte sich »Töpfermeister.« Diese sechzehn Jahre hatte er zur Erlernung seiner Kunst gebraucht, war dabei sein eigener Lehrer gewesen und hatte mit den ursprünglichsten Anfangsgründen angefangen. Nun war er imstande, seine Waren zu verkaufen und seiner Familie eine behagliche Existenz zu schaffen. Aber er begnügte sich nie mit dem, was er erreicht. Er verbesserte sein Verfahren mehr und mehr, indem er nach einem möglichst hohen Grad der Vollkommenheit strebte. Er verwandte allerlei Gegenstände aus der Natur als Muster und bildete sie mit solcher Treue nach, daß der große Buffon von ihm sagte, »er sei ein so ausgezeichneter Naturforscher gewesen, wie ihn die Natur nur hervorzubringen vermöge.« Seine ornamentalen Schöpfungen gelten heute in den Sammlungen der Kunstliebhaber für kostbare Perlen und werden mit fast fabelhaften Preisen bezahlt. Bei der vor einigen Jahren in London stattfindenden Versteigerung der Kuriositätensammlung des Herrn Bernal erzielte eine kleine Palissysche Schüssel von zwölf Zoll Durchmesser, in deren Mitte eine Eidechse gemalt war, einen Preis von 162 Pfund. Die darauf angebrachten Verzierungen sind größtenteils genau dem Leben nachgebildet und stellten wilde Tiere, Eidechsen und Pflanzen dar, die er auf den Feldern von Saintes beobachtet hatte, und die er dann in geschmackvoller Zusammenstellung zur Ornamentierung eines Tellers oder einer Vase verwandte. Als Palissy auf der Höhe seiner Kunst stand, nannte er sich »Ouvrier de Terre et Inventeur des Ristics Figulines.« Wir haben jedoch über die Leiden Palissys noch nicht zu Ende berichtet; es bleiben noch einige Worte darüber zu sagen. Da Palissy zu einer Zeit, als der Kampf gegen die protestantische Religion im südlichen Frankreich heiß entbrannte, dort als Bekenner derselben lebte und seine Ansichten furchtlos aussprach, so kam er in den Ruf eines gefährlichen Ketzers. Nachdem seine Feinde ihn denunziert hatten, drangen eines Tages die Diener der »Gerechtigkeit« in sein Haus und öffneten seine Werkstatt dem Pöbel, der die vorhandenen Kunstwerke zertrümmerte; während der Künstler selbst bei Nacht weggeschleppt und in einen Kerker zu Bordeaux geworfen wurde, um dort abzuwarten, ob man für gut fände, ihn an den Brandpfahl oder aufs Schafott zu schicken. Er wurde zum Feuertode verurteilt; aber ein einflußreicher Edelmann, der Connétable von Montmorency, verwandte sich für sein Leben – nicht weil er für Palissy oder dessen Religion eine besondere Achtung empfand, sondern weil kein anderer Künstler imstande war, die glasierten Fliesen für das prächtige Schloß anzufertigen, welches er sich damals zu Ecouen, etwa vier Meilen von Paris, erbauen ließ. Auf seine Veranlassung wurde Palissy durch ein königliches Edikt zum »Erfinder ländlicher Terrakotten« im Dienste des Königs und des Connétables ernannt, wodurch er sofort der Gerichtsbarkeit der Stadt Bordeaux entzogen wurde. Man gab ihn demgemäß frei, und er kehrte nun nach seinem Hause in Saintes zurück, welches er verwüstet und zerstört fand. Seine Werkstätte war des Daches beraubt, und seine Gefäße und Figuren lagen in Trümmern. Indem er den Staub der Stadt von seinen Füßen schüttelte, verließ er Saintes auf Nimmerwiederkehr und begab sich nach Paris, wo man ihm eine Wohnung in den Tuilerieni In den letzten Monaten hat Herr Charles Read, ein bemerkenswerter Kenner französisch-protestantischer Altertümer, einen der Öfen entdeckt, worin Palissy seine Meisterwerke brannte. Verschiedene Formen zur Herstellung von Köpfen, Pflanzen, Tieren und dergleichen wurden in wohlerhaltenem Zustande ausgegraben, alle mit seinem bekannten Stempel versehen. Der Ofen befindet sich unter der Louvre-Galerie auf der Place du Carrousel. einräumte, damit er dort die vom Connétable und der Königin-Mutter bestellten Arbeiten ausführe. Palissy aber fertigte nicht nur mit Hilfe seiner beiden Söhne Töpferwaren an, sondern beschäftigte sich in den letzten Jahren seines Lebens auch mit der Abfassung und Veröffentlichung mehrerer Bücher über die Töpferkunst, um dadurch seine Landsleute zu belehren und sie vor den vielen Irrtümern zu bewahren, in die er selbst verfallen war. Er schrieb auch über Ackerbau, Festungsanlagen und Naturgeschichte und hielt sogar über den letzteren Gegenstand vor einer beschränkten Anzahl von Personen Vorlesungen. Er kämpfte gegen die Astrologie, die Alchimie und Zauberlehre, sowie gegen jeden ähnlichen Aberglauben. Er erweckte sich mannigfache Feinde, die ihn als einen Ketzer verschrieen und ihn abermals um seiner Religion willen in den Kerker – und zwar in die Bastille – brachten. Er war nun ein Greis von achtundsiebzig Jahren, der schon mit einem Fuß im Grabe stand; aber sein Geist war noch so mutig als je. Man drohte ihm mit dem Tode, falls er nicht seinen Glauben abschwören würde; aber er hing an seiner Religion mit derselben Hartnäckigkeit, mit welcher er dem Geheimnis der Glasur nachgespürt hatte. Der König Heinrich III. ging selbst zu ihm in den Kerker, um ihn umzustimmen. »Mein guter Meister,« sagte der König, »Ihr habt mir und meiner Mutter jetzt fünfundvierzig Jahre gedient. Wir haben es mit angesehen, daß Ihr inmitten der Scheiterhaufen und Metzeleien an Eurer Religion festhieltet. Aber jetzt werde ich von der Partei der Guisen und auch von meinem eigenen Volke so bedrängt, daß ich gezwungen bin, Euch den Händen Eurer Feinde zu überliefern, und wenn Ihr Euch bis morgen nicht bekehrt, so werdet Ihr verbrannt!« – »Sire,« antwortete der unerschütterliche Greis, »ich bin bereit, mein Leben zur Ehre Gottes hinzugeben. Ihr habt oft zu mir gesagt, daß ich Euch leid thäte; aber heute thut Ihr mir leid, weil Ihr es ausgesprochen habt, daß man Euch ›zwingt!‹ Das ist nicht königlich gesprochen, Sire! Nicht Ihr und auch nicht Eure Bedränger – die Guisen und Euer ganzes Volk – vermöchten so viel über mich; denn ich weiß zu sterben!« D'Aubigné, »Histoire Universelle« Der Geschichtschreiber fügt hinzu: »Nun seht die Unverschämtheit dieses Schelmes an! Sollte man nicht meinen, daß er den Vers des Seneca gelesen hätte: »On ne peut contraindre celui qui sait mourir: Qui mori scit, cogi nescit?« Palissy starb wirklich bald darauf als Märtyrer, wenn auch nicht am Brandpfahl. Er verschied nach etwa vierjähriger Gefangenschaft in der Bastille und beschloß dort still und friedlich ein Leben, das durch heldenhafte Arbeit, außerordentliche Geduld, unbeugsame Redlichkeit, sowie durch viele seltene und edle Tugenden ausgezeichnet war. Palissys Leben und Arbeiten sind in talentvoller und ausführlicher Weise von Professor Morley in seinem wohlbekannten Werke beschrieben worden. In dem vorstehenden kurzen Bericht sind wir im allgemeinen der Darstellung gefolgt, welche Palissy selbst von seinen Experimenten in seiner »Art de Terre« giebt. Das Leben Johann Friedrich Böttgers, des Erfinders des harten Porzellans, steht zu demjenigen Palissys in einem merkwürdigen Gegensatz, obwohl es auch einige eigentümlich interessante, fast romantische Umstände aufweist. Böttger wurde zu Schleiz im Voigtlande im Jahre 1685 geboren und kam mit zwölf Jahren zu einem Berliner Apotheker in die Lehre. Er scheint sich frühzeitig für Chemie interessiert und den größten Teil seiner Muße auf chemische Experimente verwandt zu haben. Diese hatten fast sämtlich ein und dasselbe Ziel – die Auffindung des »Steins der Weisen,« d. h. jener Kunst, durch welche gemeines Metall in Gold verwandelt werden soll. Nach Verlauf mehrerer Jahre behauptete Böttger, er habe jenes Universal-Zaubermittel der Alchimisten entdeckt und damit bereits Gold fabriziert. Er zeigte seine Kunst vor seinem Lehrherrn, dem Apotheker Zörn; und durch irgend einen Kniff machte er sowohl diesen als auch einige andere Zeugen glauben, daß er thatsächlich Kupfer in Gold verwandelt habe. Das Gerücht, daß der Apothekerlehrling im Besitz des großen Geheimnisses sei, verbreitete sich mit Windeseile, und das Volk lief vor der Apotheke zusammen, um den merkwürdigen jungen »Goldkoch« zu Gesicht zu bekommen. Der Königs selbst wünschte ihn zu sehen und zu sprechen, und als Friedrich I. ein Stück Gold, das angeblich aus Kupfer hergestellt war, zum Geschenk erhielt, erschien ihm die Aussicht, eine unbegrenzte Menge davon anfertigen zu können, bei der damaligen großen Geldnot Preußens so lockend, daß er den Entschluß faßte, sich der Person Böttgers zu bemächtigen und ihn auf der starken Festung Spandau als »Goldmacher« zu beschäftigen. Aber der junge Apotheker, der des Königs Absicht ahnte und sich wahrscheinlich vor der Entdeckung seines Betrugs fürchtete, beschloß sogleich, über die sächsische Grenze zu entweichen, was er auch glücklich ausführte. Vergeblich wurde auf Böttgers Ergreifung eine Belohnung, von 1000 Thalern gesetzt. Der Flüchtling entkam nach Wittenberg und stellte sich dort unter den Schutz des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, Friedrich Augusts I., welchen man »den Starken« nennt. Dieser selbst war dazumal in großer Geldverlegenheit und außer sich vor Freude bei der Vorstellung, daß er mit Hilfe des jungen Alchimisten Gold in jeder beliebigen Menge würde erhalten können. Böttger wurde demgemäß in aller Stille unter dem Schutz einer königlichen Eskorte nach Dresden gebracht. Er hatte Wittenberg kaum verlassen, als auch schon ein Bataillon preußischer Grenadiere vor den Thoren der Stadt erschien und die Auslieferung des Goldmachers verlangte. Aber es war zu spät; Böttger war bereits in Dresden angekommen und wohnte hier in dem »goldenen Hause,« wo er zwar mit aller Achtung behandelt, aber doch streng beaufsichtigt und überwacht wurde. Der Kurfürst sah sich jedoch gezwungen, den »Goldmacher« für einige Zeit zu verlassen, da seine Gegenwart in Polen wegen der dort herrschenden, fast anarchischen Zustände dringend notwendig war. Aber voll Ungeduld nach dem kostbaren Metall, schrieb er von Warschau aus an Böttger, er möge ihm das Geheimnis mitteilen, damit er selbst das Umwandlungswerk vornehmen könne. So gedrängt, übersandte der junge »Goldkoch« dem Kurfürsten eine kleine Phiole mit einer »rötlichen Flüssigkeit,« welche nach seiner Behauptung alle in geschmolzenem Zustand befindlichen Metalle in Gold verwandelte. Diese wichtige Phiole nahm der Prinz Fürst von Fürstenberg in seine Obhut und eilte damit unter dem Schutze eines Garderegiments nach Warschau. Dort angekommen, gedachte man sogleich das Verfahren zu erproben. Der König und der Prinz schlossen sich in ein geheimes Zimmer des Palastes ein, umgürteten sich gleich richtigen »Goldköchen« mit einem Schurzfell und machten sich nun daran, Kupfer in einem Schmelztiegel zu schmelzen, um nachher die von Böttger gelieferte rote Flüssigkeit hinzuzuthun. Aber das Resultat war unbefriedigend: denn trotz all ihrer Anstrengungen blieb das Kupfer hartnäckig Kupfer. Nun fiel dem König aber ein, daß nach den Anweisungen des Alchimisten das Verfahren nur Erfolg haben könne, wenn die Flüssigkeit »in großer Herzensreinheit« angewandt würde, und da sich Se. Majestät bewußt war, den Abend in schlechter Gesellschaft zugebracht zu haben, so wurde das Mißlingen des Experiments dieser Ursache zugeschrieben. Als jedoch auch ein zweiter Versuch kein besseres Resultat lieferte, geriet der König in Wut; denn er hatte vor dieser zweiten Probe gebeichtet und die Absolution empfangen. Friedrich August war nun entschlossen, Böttger zur Enthüllung des Geheimnisses der Goldmacherkunst zu zwingen, weil er darin für sich die einzige Möglichkeit sah, aus seiner pekuniären Bedrängnis herauszukommen. Als der Alchimist die Absicht des Königs erfuhr, entschied er sich abermals für die Flucht. Es gelang ihm, seinen Wächtern zu entwischen, und nach dreitägiger Reise erreichte er Ens in Österreich, wo er sich sicher glaubte. Doch die Häscher des Kurfürsten waren ihm auf den Fersen. Sie spürten ihn im »goldenen Hirsch« auf, umstellten das Gebäude und holten ihn selbst aus seinem Bett, und obwohl er sich heftig sträubte und die österreichischen Behörden um Beistand anrief, ward er dennoch gewaltsam nach Dresden zurückgebracht. Seit dieser Zeit stand er unter strengerer Bewachung als je und wurde bald danach auf die starke Festung Königstein übergeführt. Hier teilte man ihm mit, daß die königliche Schatzkammer vollkommen leer sei, und daß zehn polnische Regimenter ihren rückständigen Sold forderten und auf sein Gold warteten. Der König selbst besuchte ihn und drohte ihm in strengem Tone, er werde ihn hängen lassen, falls er nicht sofort Gold mache! (»Thu mir zurecht, Böttger, sonst laß ich dich hängen!«) Jahre vergingen, ohne daß Böttger Gold machte, und trotzdem wurde er nicht gehängt. Ihm war es vorbehalten, eine Kunst zu entdecken, die wichtiger war als die Verwandlung des Kupfers in Gold – nämlich die Verwandlung des Thons in Porzellan! Die Portugiesen hatten aus China einige seltene Proben dieses Geschirrs herübergebracht welche mehr wert waren als ihr Gewicht in Gold. Böttgers Aufmerksamkeit wurde auf diesen Gegenstand zuerst durch Walter von Tschirnhaus hingelenkt, welcher ein Verfertiger optischer Instrumente und daneben auch ein Alchimist war. Tschirnhaus war ein Mann von Bildung und guter Herkunft, der sowohl bei dem Fürsten Fürstenberg als auch bei dem Kurfürsten in großem Ansehen stand. Er gab Böttger, der sich noch immer vor dem Galgen fürchtete, den vernünftigen Rat: »Wenn Ihr nicht Gold machen könnt, so macht etwas anderes – macht Porzellan!« – Der Alchimist nahm diesen Wink auf und experimentierte Tag und Nacht. Er betrieb seine Forschungen eine Zeitlang mit großem Eifer, aber ohne Erfolg. Schließlich führte ihn eine rote Thonart, die man ihm zur Anfertigung seiner Schmelztiegel gebracht hatte, auf die richtige Spur. Er fand, daß dieser Thon in starker Hitze – ohne seine Form zu verändern – verglaste und sich dann in seiner Beschaffenheit vom Porzellan nur durch seine Farbe und seine Undurchsichtigkeit unterschied. Er hatte in der That durch einen Zufall das rote Porzellan entdeckt, das er nun herzustellen und als Porzellan zu verkaufen begann. Böttger sah indessen wohl ein, daß die weiße Farbe eine wesentliche Eigenschaft des echten Porzellans sei, und er setzte daher seine Experimente in der Hoffnung fort, es werde ihm gelingen, auch dies Geheimnis zu ergründen. So vergingen mehrere Jahre, ohne daß er zum Ziel kam: bis wiederum ein Zufall sich ihm hilfreich erwies und ihn die Kunst lehrte, weißes Porzellan anzufertigen. Als er sich eines Tages im Jahre 1707 seine Perücke aufsetzte, fand er sie ungewöhnlich schwer und fragte den Diener, wie das käme. Dieser antwortete, daran wäre der zu der Perücke verwendete Puder schuld, welcher aus einer damals häufig zu diesem Zweck benutzten Erdart bestand. Böttgers lebhafte Einbildungskraft erfaßte sofort diesen Gedanken. Jenes weiße, erdartige Pulver war möglicherweise gerade die Substanz, nach welcher er suchte: jedenfalls wollte er nicht verabsäumen, die Natur desselben zu ergründen. Seine fleißige Sorgfalt und Aufmerksamkeit wurde belohnt; denn es ergab sich bei der Untersuchung, daß der Hauptbestandteil des Haarpuders Kaolin war, dessen Fehlen bisher der Hauptgrund seiner Mißerfolge gewesen war. Diese Entdeckung führte in Böttgers geschickten Händen zu wichtigen Resultaten und erwies sich weit bedeutsamer als die etwaige Auffindung des »Steins der Weisen.« Im Oktober des Jahres 1707 legte er dem Kurfürsten sein erstes Stück Porzellan vor, wodurch er ihn sehr erfreute, und es wurde nun sogleich beschlossen, daß Böttger die nötigen Mittel zur Vervollkommnung seiner Erfindung erhalten sollte. Nachdem man ihm einen geschickten Arbeiter aus Delft zum Gehilfen gegeben, begann er mit großem Erfolg Porzellan zu »drehen,« d. h. auf der Töpferscheibe zu formen. Er wandte sich nun gänzlich von der Alchimie ab und der Töpferkunst zu, was er durch folgende zweizeilige Strophe andeutete, die er über der Thür seiner Werkstätte anbrachte: »Es machte Gott der große Schöpfer, Aus einem Goldmacher einen Töpfer.« Böttger stand jedoch noch immer unter strenger Aufsicht, weil man befürchtete, er könnte anderen das Geheimnis mitteilen, oder sich der Gewalt des Kurfürsten entziehen. Die neuen Werkstätten und Öfen, welche man für ihn baute, wurden Tag und Nacht von Truppen überwacht, und sechs höhere Offiziere wurden für die persönliche Sicherheit des Töpfers verantwortlich gemacht. Böttgers weitere Versuche mit den neuen Öfen waren außerordentlich erfolgreich, und da das Porzellan, welches er anfertigte, hohe Preise erzielte, so wurde alsbald die Anlage einer königlichen Porzellanfabrik beschlossen. Man wußte, daß Holland einen Teil seines Reichtums der Delfter Fayence-Fabrikation verdankte. Warum sollte der Kurfürst nicht in gleicher Weise seine Finanzen durch die Anfertigung von Porzellan verbessern können? Demgemäß wurde am dreiundzwanzigsten Januar 1710 ein Regierungserlaß veröffentlicht, welcher die Gründung »einer großen Porzellanfabrik« auf der Albrechtsburg in Meißen anordnete. In diesem Erlaß, welcher auch in lateinischer, französischer und holländischer Sprache abgefaßt und durch die Gesandten des Kurfürsten allen europäischen Höfen zugestellt wurde, erklärte Friedrich August, er hätte – um das Wohl Sachsens zu fördern, welches unter dem Einfall der Schweden stark gelitten – seine Aufmerksamkeit den unterirdischen Schätzen des Landes zugewandt, und einigen fähigen Leuten, die er mit der Untersuchung betraut, wäre es gelungen, »eine Art roter Gefäße herzustellen, die der indischen Terra sigillata Alles chinesische und japanische Porzellan wurde früher »indisches Porzellan« genannt, wahrscheinlich weil es – nach Entdeckung des Kaps der guten Hoffnung durch Vasco de Gama – zuerst von den Portugiesen aus Indien nach Europa gebracht wurde. weit überlegen wären« – sowie ferner »buntes Geschirr und Tafeln, welche man schneiden, schleifen und polieren könnte, und welche den indischen Gefäßen in ihrer Beschaffenheit vollkommen glichen;« schließlich hätte man auch schon »einige Proben von weißem Porzellan« erzielt, und es stände zu hoffen, daß man auch diese Art bald in beträchtlicher Menge würde herstellen können. Der königliche Erlaß richtete zum Schluß an »fremde Künstler und Handwerker« die Einladung, nach Sachsen zu kommen und sich in der unter dem Patronat des Königs stehenden Fabrik zu hohem Lohn als Gehilfen zu verdingen. Dieser königliche Erlaß läßt vielleicht am deutlichsten erkennen, wie es damals mit der Böttgerschen Erfindung stand. Es ist in deutschen Berichten behauptet worden, daß Böttger in Anbetracht der großen Dienste, die er dem Kurfürsten und dem Lande Sachsen geleistet, zum Leiter der königlichen Porzellanfabrik ernannt worden sei und später den Baronstitel erhalten habe. Ohne Zweifel hätte er diese Ehren verdient, aber seine Behandlung war in Wirklichkeit eine ganz andere: sie war schäbig, grausam und unmenschlich! Zwei königliche Beamte, Namens Matthieu und Nehmitz, wurden als Direktoren der Fabrik über ihn gesetzt, während man ihm selbst nur die Stellung eines Aufsehers unter den Arbeitern einräumte und mit ihm im übrigen wie mit einem königlichen Gefangenen verfuhr. Als die Anlage der Fabrik seine Gegenwart in Meißen notwendig machte, wurde er durch Soldaten von Dresden aus hin- und zurücktransportiert, und selbst nach der Fertigstellung des Baues schloß man ihn nachts in sein Zimmer ein. Alles dies lastete schwer auf seinem Gemüt, und in wiederholten Briefen an den König bat er um Milderung seines Schicksals. Einige dieser Briefe sind sehr ergreifend. »Ich will mich mit ganzer Seele der Kunst der Porzellanmacherei widmen,« schreibt er bei einer Gelegenheit: »ich will mehr thun als irgend ein Erfinder je zuvor gethan; geben Sie mir nur die Freiheit, die Freiheit!« – Aber gegen solche Bitten war der König taub. Er war bereit, Geld und Gunstbezeugungen auszuteilen, doch die Freiheit wollte er ihm nicht gewähren. Er sah Böttger als seinen Sklaven an. In dieser Stellung arbeitete der unglückliche Mann noch ein oder zwei Jahre: dann wurde er lässig. Der Welt und seiner selbst überdrüssig, ergab er sich dem Trunk; und so groß ist die Macht des Beispiels, daß – sobald dies bekannt wurde – fast sämtliche Arbeiter der Meißener Fabrik demselben Laster verfielen. Die Folge davon waren Streitigkeiten und Schlägereien, sodaß die Truppen häufig einschreiten und unter den »Porzellanern,« wie man die Arbeiter der Fabrik scherzweise nannte, Frieden stiften mußten. Nach einiger Zeit wurden sie allesamt – d. h. mehr als 300 – in die Albrechtsburg eingesperrt und als Staatsgefangene behandelt. Schließlich wurde Böttger ernstlich krank, und im Mai des Jahres 1713 erwartete man stündlich seine Auflösung. Der König war durch die Aussicht, einen so wertvollen Sklaven zu verlieren, sehr beunruhigt und gab ihm nun die Erlaubnis, unter militärischer Bedeckung spazieren zu fahren; als sich Böttger infolgedessen etwas erholte, wurde ihm gelegentlich auch gestattet, nach Dresden zu gehen. In einem Briefe, den der König im April des Jahres 1714 an Böttger schrieb, versprach er ihm die volle Freiheit; aber das Anerbieten kam zu spät. Körperlich und geistig gebrochen – abwechselnd arbeitend und trinkend, trotz gelegentlicher guter Vorsätze – dabei beständig kränkelnd infolge der langen Haft: so schleppte sich Böttger noch ein paar Jahre hin, bis er in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre am 13. März 1719 durch den Tod von seinen Leiden erlöst wurde. Er ward wie ein Hund zur Nachtzeit auf dem Johanniskirchhof zu Meißen begraben. Solcher Art war die Behandlung und das unglückliche Ende eines der größten Wohlthäter Sachsens. Die Porzellanfabrikation erwies sich sogleich als eine wichtige Einnahmequelle für den Staat und brachte dem Kurfürsten so reiche Erträge, daß bald die meisten europäischen Fürsten seinem Beispiel folgten. Obwohl man in St. Cloud schon vierzehn Jahre vor Böttgers Entdeckung weiches Porzellan hergestellt hatte, so wurden doch die Vorzüge des harten Porzellans bald allgemein anerkannt. Im Jahre 1770 fabrizierte man es zuerst in Sèvres; und seitdem hat es das weichere Material fast ganz verdrängt. Gegenwärtig bildet die Porzellanmanufaktur einen der blühendsten Industriezweige Frankreichs und die vorzügliche Güte der dort gefertigten Waren läßt sich sicherlich nicht bestreiten. – Die Laufbahn Josiah Wedgwoods, des englischen Töpfers, war weniger verworren und bedeutend glücklicher als diejenigen Palissys oder Böttgers: sie fiel auch in bessere Zeiten. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Engländer hinter den anderen Großmächten Europas in Bezug auf industrielle Geschicklichkeit zurückgeblieben. Obgleich es in Staffordshire viele Töpfer gab – Wedgwood selbst gehörte einer umfangreichen Töpferfamilie gleichen Namens an – so waren die Produkte ihrer Kunst doch rohester Art, größtenteils einfache braune Gefäße, in die man, solange der Thon noch feucht war, Muster einkratzte. Den Bedarf an besseren Töpferwaren lieferte fast ausschließlich die Stadt Delft in Holland, und Trinkgefäße aus Steingut kamen von Köln herüber. Zwei ausländische Töpfer, die Gebrüder Elers aus Nürnberg, ließen sich für einige Zeit in Staffordshire nieder und führten einige Verbesserungen in der Töpferei ein: aber sie zogen bald darauf nach Chelsea, wo sie sich ausschließlich mit der Anfertigung ornamentaler Gegenstände beschäftigten. Bis jetzt hatte man in England noch kein Porzellan hergestellt, das von einem harten Instrument nicht hätte zerkratzt werden können, und lange Zeit hindurch war das aus Staffordshire kommende »weiße Tafelgeschirr« nicht von weißer, sondern von schmutzig-gelblicher Farbe. So stand es, kurz gesagt, mit der Thonwarenfabrikation, als Josiah Wedgwood im Jahre 1730 zu Burslem geboren wurde. Als er vierundsechzig Jahre später starb, hatten sich die Umstände völlig geändert. Durch seine Thatkraft. Geschicklichkeit und Genialität gab er dem Gewerbe eine neue, solide Basis und »verwandelte« – nach den Worten seiner Grabschrift – »ein rohes, unbedeutendes Handwert in eine elegante Kunst und einen wichtigen Zweig des nationalen Handels.« Josiah Wedgwood war einer jener unermüdlichen Männer, welche von Zeit zu Zeit aus den Reihen des einfachen Volkes hervorgehen und durch ihren energischen Charakter nicht nur die Arbeiterbevölkerung praktisch in industriellen Fertigkeiten unterweisen, sondern auch durch das von ihnen selbst gegebene Beispiel der Emsigkeit und Beharrlichkeit daß öffentliche Leben in all seinen Erscheinungen mächtig beeinflussen und so in hohem Grade zur Bildung des nationalen Charakters beitragen. Er war gleich Arkwright der Jüngste aus einer Familie von dreizehn Kindern. Sein Großvater wie auch sein Großonkel waren Töpfer, und dasselbe Gewerbe betrieb sein Vater, der bei seinem Tode den Sohn als unerwachsenen Knaben mit einem Erbteil von zwanzig Pfund hinterließ. Der junge Wedgwood hatte in einer Dorfschule lesen und schreiben gelernt; doch beim Tode des Vaters mußte er dieselbe verlassen und kam zu seinem älteren Bruder in die Lehre, in dessen kleiner Töpferwerkstätte er als »Dreher« beschäftigt wurde. Hier begann sein Arbeiterleben – um seine eigenen Worte zu gebrauchen – »auf der untersten Sprosse der Leiter,« als er kaum elf Jahre alt war. Er erkrankte bald danach an den Blattern, an deren Folgen er sein ganzes Leben hindurch zu tragen hatte, weil davon ein häufig wiederkehrendes Leiden am rechten Knie zurückblieb, von welchem er erst viele Jahre später durch die Amputation des Gliedes befreit wurde. In der schwungvollen Lobrede auf Wedgwood, welche Herr Gladstone vor nicht langer Zeit in Burslem hielt, machte er die sehr treffende Bemerkung, daß jenes Leiden möglicherweise die Veranlassung zu Wedgwoods späterem Ruhm gewesen ist. »Es verhinderte ihn, der thätige, kräftige englische Arbeiter zu werden, der im Vollbesitz aller seiner Glieder ist und sie wohl zu gebrauchen weiß; aber es ließ ihn darüber nachdenken, ob er statt dessen nicht etwas anderes, vielleicht Größeres werden könnte. Es lenkte seinen Geist nach innen und trieb ihn an, den Gesetzen und Geheimnissen seiner Kunst nachzuforschen. Das Resultat bestand darin, daß er eine Auffassung und Handhabung derselben erlangte, die ein athenischer Töpfer vielleicht beneidet, sicherlich aber anerkannt haben würde.« Wedgwood, eine Rede, gehalten zu Burslem am 26. Oktober 1863 von dem Parlamentsmitglied W. E. Gladstone Als Josiah seine Lehrzeit bei seinem Bruder beendet, verband er sich mit einem anderen Arbeiter und begann einen kleinen Handel mit selbstgefertigten Messergriffen, Schachteln und sonstigen häuslichen Gebrauchsartikeln. Danach associierte er sich mit wieder einem anderen Bekannten und beschäftigte sich jetzt mit der Anfertigung von Melonentellern, grünen, blattartigen Schälchen zu Eingemachtem, Leuchtern, Schnupftabaksdosen und dergleichen. Doch war sein Gewinn verhältnismäßig gering, bis er im Jahre 1759 auf eigene Rechnung ein Geschäft in Burslem eröffnete. Dort bethätigte er sich fleißig in seinem Gewerbe, indem er neue Artikel in den Handel brachte und sein Unternehmen immer mehr ausdehnte. Sein Hauptziel war die Herstellung einer gelblichen Fayence, die hinsichtlich der Form, Farbe, Glasur und Dauerhaftigkeit diejenige übertreffen sollte, welche man in Staffordshire anfertigte. Um die Sache gründlich zu erlernen, widmete er seine Mußezeit dem Studium der Chemie und stellte mannigfache Versuche bezüglich der Flußmittel, der Glasurarten und der verschiedenen Thonsorten an. Da er ein gründlicher Forscher und scharfer Beobachter war, so bemerkte er, daß eine gewisse kieselhaltige Erdart von ursprünglich schwarzer Farbe in der Hitze des Brennofens weiß wurde. Die Wahrnehmung und Erwägung dieser Thatsache brachte ihn auf den Gedanken, die Kieselerde mit dem roten Töpferthon zu vermengen, und dies wiederum führte ihn zu der Entdeckung, daß eine solche Mischung durch das Brennen eine weiße Farbe annimmt. Nun erübrigte ihm nur noch, dieses Material mit einer durchsichtigen Glasur zu überziehen, um eins der wichtigsten Produkte der Töpferkunst zu erhalten – jenes Produkt, welches unter dem Namen der »englischen Fayence« dazu bestimmt war, die größte kommerzielle Bedeutung und den ausgedehntesten Gebrauch zu erlangen. Wedgwood hatte eine Zeitlang vielen Ärger mit seinen Brennöfen, wenn auch nicht annähernd in dem Maße wie Palissy; doch er überwand die Schwierigkeiten in derselben Weise wie jener: durch wiederholte Experimente und unermüdliche Geduld. Seine ersten Versuche in der Anfertigung von Tafelporzellan bildeten eine Reihe kläglicher Mißerfolge, durch welche die Arbeit von Monaten oft in einem Tage zerstört wurde. Erst nach vielfachen Bemühungen, bei denen er Zeit, Geld und Arbeit verlor, gelang es ihm, die geeignete Glasur zu entdecken; da er sich durch kein Mißlingen entmutigen ließ, so errang er sich endlich den Erfolg mit Hilfe der Geduld. Die Vervollkommnung der Töpferkunst wurde seine Lieblingsidee, die er keinen Augenblick aus den Augen ließ. Selbst als er alle Schwierigkeiten überwunden hatte und ein reicher Mann geworden war, der weißes Steingut und gelbliche Fayence in großer Menge für das In- und Ausland fabrizierte – selbst da noch arbeitete er weiter an der Verbesserung seiner Fabrikationsmethode, sodaß sein nach allen Seiten hin wirkendes Beispiel einen anregenden Einfluß auf die Thätigkeit des ganzen Distrikts ausübte und einen großen Zweig der englischen Industrie auf festere Grundlagen stellte. Er strebte nach der höchsten Vollendung und erklärte, er sei entschlossen, »lieber sein Gewerbe aufzugeben, als es zu erniedrigen.« Wedgwood fand bei vielen Personen von Rang und Einfluß freundliche Unterstützung; denn da er selbst mit dem treuesten Pflichteifer arbeitete, so wurde ihm Hilfe und Ermutigung von seiten anderer pflichtgetreuer Arbeiter leicht zu teil. Er lieferte für die Königin Charlotte das erste königliche Tafelservice englischen Fabrikats – von jener Sorte, die man später »Königinnen-Fayence« nannte, und er erhielt dafür den Titel eines »königlichen Töpfers,« worauf er stolzer war, als wenn man ihn zum Baron gemacht hätte. Manches wertvolle Porzellanservice wurde ihm zur Nachahmung anvertraut, die ihm stets wunderbar gelang. Sir William Hamilton lieh ihm antike Kunstgegenstände aus Herkulanum, von welchen er genaue und schöne Kopien anfertigte. Die Herzogin von Portland überbot ihn bei der Versteigerung der Barberinischen Vase. Er bot dafür siebzehnhundert Guineen: aber Ihre Gnaden erstand das Objekt für achtzehnhundert Guineen. Als sie indes Wedgwoods Absicht erfuhr, lieh sie ihm die Vase großmütig zur Nachbildung. Er fertigte davon fünfzig Kopien mit einem Kostenaufwand von 2500 Pfund, der durch den Verkauf der Vasen nicht gedeckt wurde: aber er hatte doch seinen Zweck erreicht und bewiesen, daß englische Geschicklichkeit und Energie alles zu vollbringen vermag, was je von anderen geleistet wurde. Wedgwood rief den Schmelztiegel des Chemikers, die Kenntnisse des Antiquars und die Geschicklichkeit des Künstlers zu seinen Bundesgenossen auf. Er wurde mit dem jungen Flaxman bekannt, und während er sein Talent großmütig unterstützte, erlangte er von ihm eine beträchtliche Anzahl schöner Muster für sein Thon- und Porzellangeschirr, mit deren Hilfe er Gegenstände von vortrefflichem Geschmack anfertigte, die dazu beitrugen, die Kenntnis der klassischen Kunst unter dem Volke zu verbreiten. Durch sorgfältiges Experimentieren und Studieren entdeckte er von neuem die Kunst, Porzellan- oder Thongefäße und ähnliche Artikel zu bemalen – eine Kunst, die schon von den alten Etruskern geübt wurde, aber zur Zeit des Plinius verloren ging. Wedgwood zeichnete sich auch auf wissenschaftlichem Gebiet aus, und der von ihm erfundene Pyrometer erinnert noch heute an seinen Namen. Er förderte unermüdlich alle Bestrebungen, die dem Gemeinwohl dienten, und der Trent- und Mersey-Kanal, welcher die Schiffahrtsverbindung zwischen der Ost- und Westküste der Insel vervollständigte, verdankt seine Entstehung hauptsächlich seinem gemeinnützigen Wirken in Verbindung mit dem Genie Brindleys. Da sich die Landstraßen des Distrikts in einem schauderhaften Zustand befanden, so plante und baute er eine zehn Meilen lange Chaussee, die durch seine Fabrikanlagen führte. Der Ruhm, den er sich erwarb, war so groß, daß seine Fabriken in Burslem und später auch diejenigen, welche er in Etruria gründete und baute, ein Anziehungspunkt für viele vornehme Gäste aus allen Teilen Europas wurden. Durch Wedgwoods Thätigkeit wurde die Töpferei, die er auf der niedrigsten Stufe vorgefunden, ein Hauptindustriezweig Englands und anstatt den heimischen Bedarf von auswärts zu beziehen, exportierten wir bald Thongeschirr in großer Menge nach anderen Ländern – trotz der hohen Einfuhrzölle, die man dort von britischen Produkten erhob. Wedgwood stattete im Jahre 1785 – erst dreißig Jahre nach Beginn seines Wirkens – dem Parlament einen Bericht über seine Fabriken ab. Aus demselben ging hervor, daß er nicht etwa nur gelegentlich eine kleine Anzahl unbedeutender und schlecht bezahlter Arbeiter beschäftigte, sondern daß ungefähr 20,000 Personen direkt durch seine Thonwarenfabriken unterhalten wurden – ganz abgesehen von der noch größeren Zahl derer, welche indirekt dadurch in den Kohlenbergwerken oder beim Land- und Seetransport Beschäftigung fanden, oder auch ihr Brot der gesteigerten Unternehmungslust verdankten, die sich als eine Folge von Wedgwoods Thätigkeit in mannigfacher Weise in den verschiedenen Teilen des Landes offenbarte. Aber obwohl die zu seiner Zeit gemachten Fortschritte in der Töpferei sehr groß waren, so meinte Herr Wedgwood doch, daß sich diese Industrie noch in ihrer Kindheit befände, und daß die von ihm selbst eingeführten Verbesserungen klein seien im Vergleich zu dem, was in dieser Kunst durch fortgesetzten Fleiß und wachsende Einsicht der Fabrikanten, sowie durch weitere Ausnutzung der natürlichen Hilfsquellen und politischen Vorzüge Großbritanniens noch erreicht werden könnte. Und man muß gestehen, daß diese Ansicht durch die seitdem in diesem wichtigen Industriezweige gemachten Fortschritte bestätigt worden ist. Im Jahre 1852 wurden nicht weniger als 84,000,000 Stück Thongeschirr aus England nach anderen Ländern exportiert – abgesehen von dem, was für den inländischen Gebrauch angefertigt wurde. Aber nicht nur die Quantität und der Wert des Produkts verdient Beachtung, sondern auch die verbesserte Lage jenes Teils der Bevölkerung der in diesem wichtigen Industriezweige beschäftigt ist. Als Wedgwood seine Arbeiten begann, befand sich der Staffordshirer Distrikt in einem nur halb civilisierten Zustande. Die Einwohner waren arm, roh und an Zahl gering. Als Wedgwoods Fabrikthätigkeit fest begründet war, fand dort eine Arbeiterschar von der dreifachen Kopfzahl der ursprünglichen Bevölkerung reichliche Arbeit und guten Lohn, und die Hebung des moralischen Zustandes hielt mit der Verbesserung der materiellen Lage gleichen Schritt. Männer wie diese dürfen mit Recht beanspruchen, als die industriellen Helden der civilisierten Welt angesehen zu werden. Ihr unerschütterliches Selbstvertrauen inmitten aller Prüfungen und Schwierigkeiten, ihr Mut und ihre Beharrlichkeit in dem Streben nach edlen Zielen – sind in ihrer Art nicht weniger heroisch als die Tapferkeit und der Opfermut des Soldaten oder des Seemanns, der seine Pflicht und seinen Stolz darin findet, mit Heldenmut das zu verteidigen, was iene wackeren Leiter der Industrie so mutig errungen haben. Viertes Kapitel Fleiß und Beharrlichkeit » Der Fleiß beherrscht die Zeit; drum ist er reich! Und ob ihr auch das Stundenglas entfalle: Die Körnlein Sandes schätzt er Sternen gleich Und rastet nicht, bis er gesammelt alle.« D'Avenant Allez en avant, et la foi vous viendra! D'Alembert Die größten Resultate im Leben werden meistens durch einfache Mittel und die Anwendung gewöhnlicher Fähigkeiten erzielt. Das Alltagsleben mit seinen Sorgen, Bedürfnissen und Pflichten bietet uns reichlich Gelegenheit, Erfahrung der besten Art zu gewinnen, und auf seinen ausgetretensten Pfaden findet der, welcher sich treulich müht, genug Spielraum zur Anstrengung und Selbstvervollkommnung. Der Weg des menschlichen Glücks ist die altbekannte Landstraße der strengen Rechtschaffenheit, und den meisten Erfolg haben im allgemeinen diejenigen aufzuweisen, welche am beharrlichsten und pflichteifrigsten sind. Man hat das Glück oft »blind« genannt; aber seine Blindheit ist minder groß als die der Menschen. Wer sich im praktischen Leben umschaut, der wird finden, daß das Glück gewöhnlich auf Seiten des Fleißigen steht – wie Wellen und Wind sich auf die Seite der besten Seeleute stellen. Auch auf den edelsten Gebieten menschlichen Strebens erweisen sich die einfacheren Tugenden – Verständigkeit, Aufmerksamkeit, Fleiß und Beharrlichkeit – von höchstem Nutzen. Nicht jeder braucht ein Genie zu sein: aber selbst der größte Genius darf nicht die Übung jener alltäglichen Tugenden verschmähen. Die bedeutendsten Männer haben am wenigsten an die Macht des Genies geglaubt und sind genau so weltklug und beharrlich gewesen wie hervorragende Persönlichkeiten einfacherer Art. Einige haben das Genie nur als einen »verschärften gesunden Menschenverstand« bezeichnet. Ein vorzüglicher Lehrer und Leiter eines Kollegiums nannte es die Kraft, Anstrengungen zu machen. John Foster meinte, es wäre die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft zu begeistern. Buffon aber sagte: »Genie ist Geduld.« Newton war ohne Zweifel einer der hervorragendsten Geister, und doch antwortete er, als man ihn fragte, durch welche Mittel er zu seinen außerordentlichen Entdeckungen gelangt sei, mit Bescheidenheit: »Dadurch, daß ich beständig darüber nachdachte.« Ein andermal sagte er über die Art seines Studierens: »Ich halte mir meinen Gegenstand fortwährend vor Augen und warte, bis endlich aus dem ersten Aufdämmern das volle, klare Licht der Erkenntnis entsteht.« Newton erwarb sich wie jeder andere große Mann seinen hohen Ruhm nur durch dauernde Emsigkeit und Beharrlichkeit. Selbst seine Muße war nur eine andere Art des Studiums, wobei er einen Gegenstand fallen ließ, um einen anderen dafür aufzunehmen. Gegen Dr. Bentley äußerte er einmal: »Wenn ich der Welt irgend einen Dienst geleistet habe, so ist es durch Fleiß und geduldiges Nachdenken geschehen.« Kepler, ein anderer großer Philosoph, sprach sich über seine Studien und Erfolge in folgender Weise aus: »Wie Virgil sagt: ›Fama modilitate viget, vires acquirit eundo‹ – so verhielt es sich auch mit mir; denn das fleißige Nachdenken über diese Dinge erzeugte immer neue Gedanken, bis ich zuletzt mit der ganzen Kraft meines Geistes über den Gegenstand nachsann.« Die außerordentlichen Resultate, welche oft durch bloßen Fleiß und dauernde Bemühung erzielt wurden, haben in vielen vortrefflichen Männern den Zweifel erregt, ob das Genie wirklich eine so exceptionelle Gabe sei, wie gewöhnlich angenommen wird. So behauptete Voltaire, es gebe nur eine schmale Scheidelinie zwischen dem Genie und gewöhnlichen Geistern. Beccaria meinte sogar, es könnte jeder ein Dichter und Redner sein; und Reynolds war der Ansicht, daß alle Menschen sich zu Malern und Bildhauern qualifizierten. Wenn dies sich wirklich so verhielte, so dürfte niemand über jenen Engländer lächeln, der beim Tode Canovas dessen Bruder fragte, ob »er die Absicht habe, das Geschäft fortzusetzen.« Locke, Helvetius und Diderot schrieben allen Menschen eine gleiche geniale Beanlagung zu und nahmen an, daß alles, was der eine nach den die Geistesthätigkeit regelnden Gesetzen zu leisten vermöchte, auch von jedem anderen vollbracht werden könnte, der sich unter den gleichen Umständen, den gleichen Bestrebungen zuwendete. Aber wenn man die wundervollen Erfolge der Arbeit auch im weitesten Umfange anerkennt und sich ebensowenig der Thatsache verschließt, daß die größten Geister allezeit die unermüdlichsten Arbeiter, gewesen sind, so scheint es doch trotz alledem klar genug erwiesen, daß ohne die natürlichen Herzens- und Geistesgaben keine noch so große und emsige Arbeit einen Shakespeare, Newton, Beethoven oder Michel Angelo hätte schaffen können. Der Chemiker Dalton verschmähte es, sich einen Genius nennen zu lassen, da er alle seine Erfolge ausschließlich dem Fleiß und der beharrlichen Forschung zuschrieb. John Hunter sagte über sich selbst: »Mein Geist gleicht einem Bienenkorb: er ist voll Gesummes und anscheinender Verwirrung: aber dennoch findet sich darin Ordnung und Regelmäßigkeit und reiche Nahrung, die aus den besten Vorratskammern der Natur mit unermüdlichem Fleiße zusammengetragen worden ist.« Ein Blick in die Biographien großer Männer zeigt uns, daß die ausgezeichnetsten Erfinder, Künstler, Denker und Arbeiter aller Art ihren Erfolg hauptsächlich ihrem unentwegten Fleiß und Arbeitseifer verdankten. Es hat Männer gegeben, die alles – selbst die Zeit – in Gold verwandelten. Der jüngere Disraeli meinte, das Geheimnis des Erfolgs bestehe darin, daß man seinen Gegenstand bemeistere, und diese Meisterschaft lasse sich nur durch beharrlichen Fleiß und unermüdliches Studium erreichen. Daher kommt es, daß diejenigen, welche die Welt am stärksten erschüttert haben, weniger Männer von eigentlichem Genie als vielmehr solche von verstärkten mittelmäßigen Fähigkeiten und ausdauernder Beharrlichkeit gewesen sind; nicht sowohl Männer von glänzender, in die Augen fallender Begabung als vielmehr solche, die sich mit Eifer ihren Zielen widmeten, auf welchem Gebiet dieselben auch liegen mochten. »Ach,« seufzte eine Witwe mit Bezug auf ihren talentvollen, aber leichtsinnigen Sohn, »ihm fehlt die Gabe der Ausdauer!« – Solche haltlosen Naturen werden infolge ihres Mangels an Beharrlichkeit auf der Rennbahn des Lebens von den Fleißigen, oft sogar von den Dummen überholt. Ein italienisches Sprichwort sagt: »Che va piano, va longano : Wer langsam geht, geht lange und geht weit.« Es ist daher eine große Hauptsache, daß man »arbeiten« lernt. Wenn das der Fall ist, wird die Lebensaufgabe verhältnismäßig leicht sein. Wir müssen wiederholen und immer von neuem wiederholen; denn Gewandtheit kommt nur durch Übung. Ohne die letztere wird auch die leichteste Kunst unmöglich; aber wie viele Schwierigkeiten können nicht mit ihrer Hilfe überwunden werden! Durch frühzeitige Übung und Wiederholung bildete der verstorbene Sir Robert Peel jene merkwürdigen und doch ursprünglich mittelmäßigen Fähigkeiten aus, die ihn schließlich zu einer so berühmten Zierde des britischen Senates machten. Als er noch als Knabe auf dem Schloß Drayton lebte, gewöhnte ihn sein Vater daran, bei Tische aus dem Stegreif Reden zu halten; und ebenso mußte er sich schon früh darin üben, die Sonntagspredigt – so gut er's vermochte – aus dem Gedächtnis zu wiederholen. Zuerst waren die Fortschritte nur gering, aber durch stete Bemühung wurde die Fähigkeit des Aufmerkens so gestärkt, daß er die Predigt zuletzt fast wörtlich wiedergeben konnte. Wenn er später die Argumente seiner parlamentarischen Gegner Punkt für Punkt widerlegte – eine Kunst, in der er unübertroffen war – so hatten wohl die wenigsten eine Ahnung davon, daß er die außerordentliche Gedächtnisschärfe, welche er bei solchen Gelegenheiten zeigte, in erster Linie der Anleitung seines Vaters in der Dorfkirche zu Drayton verdankte. Es ist in der Thai wunderbar, was ein beharrlicher Fleiß bei den alltäglichsten Dingen zustande bringen kann. Es erscheint einfach und leicht, eine Geige zu spielen; aber was für einer langen und mühsamen Übungszeit bedarf es, um darin Meister zu werden! Giardini antwortete einst einem jungen Manne, der ihn fragte, wie lange er wohl daran zu lernen hätte: »Zwanzig Jahre hindurch täglich zwölf Stunden!« – »Der Fleiß,« sagt der Franzose, »fait l'ours danser.« Die arme Figurantin muß Jahre unaufhörlicher Arbeit ihrer undankbaren Aufgabe opfern, ehe sie darin glänzen kann. Wenn sich die Taglioni auf ihre Abendvorstellung vorbereitete, so pflegte sie nach einer zweistündigen strengen Lektion von seiten ihres Vaters erschöpft und vollkommen bewußtlos zusammenzubrechen, sodaß man sie entkleiden und durch kalte Abreibungen wieder zum Leben erwecken mußte. Die Gelenkigkeit und die eleganten Entrechats, mit denen sie abends die Zuschauer entzückte, wurden nur um diesen Preis erkauft. Auf den edelsten Gebieten schreitet man indes nur verhältnismäßig langsam vor. Große Resultate lassen sich nicht plötzlich erzielen, und wir müssen zufrieden sein, wenn wir im Leben auch nur schrittweise vorwärts kommen. Nach De Maistres Worten »besteht das große Geheimnis des Erfolgs darin, daß man zu warten weiß.« Die Saat muß der Ernte vorangehen, und oft müssen wir lange warten und uns an der Hoffnung genügen lassen! denn gerade diejenigen Früchte, die am meisten des Wartens wert sind, reifen am langsamsten. »Doch Zeit und Geduld verwandeln« – wie ein orientalisches Sprichwort sagt, »das Maulbeerblatt in Atlas.« Um aber geduldig warten zu können, muß man fröhlich arbeiten. Die Heiterkeit ist eine vortreffliche Arbeitertugend, welche dem Charakter eine große Spannkraft verleiht. Wenn nach den Worten eines Bischofs »die Sanftmut neun Zehntel des Christentums ausmacht,« so stellen Heiterkeit und Fleiß neun Zehntel der praktischen Weisheit dar. Sie sind Leben und Seele des Erfolgs wie des Glückes; und die höchste Freude, die diese Erde uns gewährt, entspringt vielleicht aus klarer, frischer, zielbewußter Arbeit, womit Energie, Selbstvertrauen und alle anderen guten Eigenschaften in enger Verbindung stehen. Als Sydney Smith zu Foston-le-Clay in Yorkshire das Amt eines Dorfgeistlichen versah – das nach seiner Meinung nicht ganz seinen Fähigkeiten entsprach – ging er fröhlich und mit dem festen Vorsatz ans Werk, sein Bestes zu leisten. »Ich bin entschlossen,« sagte er, »mein Amt zu lieben und mich damit auszusöhnen – was mir männlicher erscheint, als wenn ich mich darüber erhaben dünken und mit der Post Klagen in die Welt senden wollte – des Inhalts, daß ich mich hier nicht am Platze, oder daß ich mich elend fühle, und was dergleichen Redensarten mehr sind.« So äußerte auch Dr. Hook, als er Leeds verließ und in einen neuen Wirkungskreis eintrat: »Was ich auch sei, ich werde mit Gottes Hilfe die mir zugewiesene Arbeit nach besten Kräften verrichten, und wenn ich keine Arbeit vorfinde, so werde ich mir welche schaffen.« Diejenigen, welche für das Gemeinwohl wirken, müssen besonders lange und geduldig arbeiten – oft ohne die ermutigende Aussicht auf unmittelbaren Lohn oder Erfolg. Die Saat, welche sie ausstreuen, liegt zuweilen lange unter dem Schnee des Winters verborgen, und ehe der Frühling kommt, muß der Sämann vielleicht zur ewigen Ruhe eingehen. Nicht jeder Förderer der Volkswohlfahrt sieht wie Rowland Hill schon bei seinen Lebzeiten seine großen Ideen Frucht bringen. Adam Smith streute an jener schmutzigen, alten Universität zu Glasgow die Saat einer großen socialen Reform aus und begann dort, wo er so lange wirkte, sein Wert über den »Wohlstand der Völker« ( »Wealth of Nationes« ), aber es gingen zwanzig Jahre ins Land, bis sein Werk wahrnehmbare Früchte trug, und noch heute sind dieselben nicht alle eingesammelt. Nichts kann den Menschen für den Verlust der Hoffnung entschädigen; derselbe verwandelt den ganzen Charakter. »Wie kann ich arbeiten – wie kann ich fröhlich sein,« sagte ein großer, aber unglücklicher Denker, »wenn ich alle Hoffnung verloren habe?« Der Missionar Carey war infolge seiner Hoffnungsfreudigkeit einer der heitersten und mutigsten Arbeiter. Als er in Indien war, kam es nicht selten vor, daß er während eines Tages mehr leistete als die drei Brahminen, die ihm als Schreiber dienten; denn die Muße war bei ihm nur ein Arbeitswechsel. Carey, der Sohn eines Schuhmachers, wurde in seinen Bestrebungen von Ward, dem Sohne eines Zimmermanns, und Marsham, dem Sohne eines Webers, unterstützt. Durch ihre Bemühungen entstand in Serampore eine prächtige Schule; auch wurden sechzehn blühende Stationen angelegt. Außerdem ward die Bibel in sechzehn Sprachen übersetzt und die Saat einer wohlthätigen moralischen Umgestaltung im britischen Indien ausgestreut. Carey schämte sich zu keiner Zeit seiner ärmlichen Herkunft. Als er einst bei dem Generalgouverneur zu Tische geladen war, hörte er, wie ein ihm gegenüber sitzender Offizier einen anderen mit vernehmlicher Stimme fragte, ob Carey nicht vordem ein Schuster gewesen sei. »Nein, mein Herr,« rief Carey sogleich, »nur ein Schuhflicker!« – Die Beharrlichkeit, welche er schon als Knabe bewies, wird in hervorragender Weise durch folgende Anekdote illustriert: Als er eines Tages auf einen Baum kletterte, glitt sein Fuß aus und er fiel zu Boden, wobei er ein Bein brach. Er mußte wochenlang zu Bett liegen: aber als er wieder gesund war und ohne Unterstützung gehen konnte, war es sein Erstes, von neuem auf jenen Baum zu klettern. Carey bedurfte dieses unerschrockenen Mutes, um das große Missionswerk seines Lebens zu vollbringen, das er so edel und entschlossen ausführte. Dr. Young, der Philosoph, hatte den Grundsatz: »Jeder kann thun, was ein anderer gethan hat.« und es steht fest, daß er nie vor einer der Proben zurückgewichen ist, die er sich selbst auferlegte. Wie man erzählt, befand er sich, als er zum erstenmal ein Pferd bestieg, in der Gesellschaft des Enkels des Herrn Barclay aus Ury, jenes wohlbekannten Sportsmans. Ein voraussprengender Reiter setzte über eine hohe Umzäunung; Young wollte es ihm gleichthun, fiel aber dabei vom Pferde. Ohne ein Wort zu sagen, stieg er von neuem auf und machte einen zweiten Versuch mit demselben Mißerfolg; doch fiel er diesmal nur auf den Hals des Pferdes, an dem er sich festhielt. Der dritte Versuch endlich glückte – der Reiter nahm das Hindernis. Die Geschichte von dem Tatarenfürsten Timur, der im Unglück von einer Spinne Geduld lernte, ist wohlbekannt. Nicht minder interessant ist die Anekdote, die der amerikanische Ornithologe Audubon von sich selbst erzählt. »Ein Unfall, von welchem zweihundert meiner Originalzeichnungen betroffen wurden,« so berichtet er, »hätte beinahe meinen ornithologischen Forschungen ein Ziel gesetzt. Ich will die Sache mitteilen, nur um zu zeigen, wie der Enthusiasmus – denn keinen anderen Namen kann ich meiner Beharrlichkeit geben – einen Naturforscher befähigen kann, die betrübendsten Mißhelligkeiten zu überwinden. Ich verließ das am Ohio gelegene Dorf Henderson in Kentucky, wo ich während mehrerer Jahre wohnte, um in Geschäftsangelegenheiten nach Philadelphia zu reisen. Ehe ich aufbrach, sah ich meine Zeichnungen durch und legte sie sorgfältig in eine Holzkiste, die ich einem Verwandten mit der dringenden Bitte übergab, darauf zu achten, daß sie nicht zu Schaden käme. Meine Abwesenheit dauerte mehrere Monate, und als ich mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage den Freuden der Häuslichkeit gewidmet, fragte ich nach meiner Kiste und ihrem Inhalt, den ich scherzweise »meinen Schatz« nannte. Die Kiste wurde hervorgeholt und geöffnet; aber, Leser, stelle dir mein Entsetzen vor: ein Lemmingspaar hatte sich darin häuslich niedergelassen und seine Jungen inmitten der Fetzen des zernagten Papiers großgezogen, auf welchem noch vor einem Monat fast tausend Bewohner der Luft im Bilde zu sehen waren! Die brennende Hitze, die ich augenblicklich im Hirn verspürte, war zu groß, als daß sie nicht mein ganzes Nervensystem hätte erschüttern sollen. Ich verschlief jetzt nicht nur die Nächte, sondern auch mehrere Tage gingen mir wie im Traum vorüber, bis endlich meine starke Konstitution die animalischen Kräfte wieder wach rief. Nun nahm ich meine Flinte, mein Notizbuch und meine Bleistifte und ging so heiter in die Wälder, als wenn nichts passiert wäre. Ich freute mich, daß ich nun besser zeichnen würde als vorher, und ehe drei Jahre vorüber waren, hatte sich meine Mappe schon wieder gefüllt,« Die zufällige Vernichtung von Sir Newtons Papieren durch sein Hündchen »Diamant,« welches eine brennende Kerze auf seinem Schreibtisch umwarf und so die mühsamen Berechnungen vieler Jahre in einem Augenblick zunichte machte, ist zu bekannt, als daß darüber genauer berichtet zu werden brauchte. Wie man sagt, verursachte dieser Verlust dem Philosophen einen derartigen Kummer, daß seine Gesundheit ernstlich dadurch geschädigt wurde, und daß sogar sein Verstand darunter litt. Ein Unfall ähnlicher Art traf das Manuskript des ersten Bandes von Herrn Carlyles »Französischer Revolution.« Er hatte dasselbe einem sich gleichfalls mit der Litteratur befassenden Nachbar zum Durchlesen gegeben. Durch irgend einen unglücklichen Zufall blieb es auf dem Fußboden des Wohnzimmers liegen und wurde vergessen. Darüber vergingen Wochen, und der Historiker sandte endlich nach seiner Arbeit, da die Drucker bereits ungestüm danach verlangten. Man stellte nun Nachforschungen an, und es ergab sich schließlich, daß das »Mädchen für alles« einen – wie sie meinte – unnützen Haufen Papier am Boden liegen gesehen und daraus Fidibusse gemacht hatte, mit denen sie das Feuer im Küchenherd und in dem Ofen der Wohnstube ansteckte! Das war die Antwort, die Herr Carlyle erhielt; was er dabei empfand, kann man sich denken. Es war hier aber nichts zu machen, als entschlossen ans Wert zu gehen und das Buch zum zweitenmal zu schreiben, was er auch that. Er hatte kein Konzept und war daher gezwungen, sich Thatsachen, Ideen und Ausdrücke wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, die ihm längst entschwunden waren. Die Abfassung des Buches war im ersten Fall ein Vergnügen gewesen; im zweiten war sie eine unglaublich mühselige und qualvolle Arbeit. Daß er unter solchen Umständen den Band weiterschrieb und vollendete, war ein Beweis von Willenskraft, der wohl selten übertroffen worden ist. Das Leben großer Erfinder illustriert in hervorragender Weise dieselbe Tugend der Beharrlichkeit. Wenn George Stephensen mit jungen Leuten redete, pflegte er seinen besten Rat für sie in das kurze Wort zusammenzufassen: »Machen Sie es wie ich – beweisen Sie Ausdauer!« Er arbeitete etwa fünfzehn Jahre an der Vervollkommnung seiner Lokomotive, bis er endlich zu Rainhill einen entscheidenden Sieg errang, und Watt beschäftigte sich mit seinem Kondensator dreißig Jahre, bevor es ihm gelang, der Maschine ihre richtige Gestalt zu geben. Indes lassen sich ebenso schlagende Beispiele von Beharrlichkeit auch in allen anderen Zweigen der Wissenschaft. Kunst und Industrie finden. Eines der interessantesten ist vielleicht die Ausgrabung der Baudenkmäler von Ninive und die Entzifferung der längst vergessenen Keilschrift, mit der sie beschrieben sind – einer Schriftart, deren Kenntnis schon zur Zeit der Eroberung Persiens durch die Macedonier verloren ging. Ein intelligenter Avantageur der ostindischen Compagnie, der in Kermanschah in Persien stationiert war, studierte eifrig die Keilschrift auf den alten Baudenkmälern der Umgegend, über die es keinerlei historische Kunde mehr gab. Unter den Inschriften, die er kopierte, befand sich auch diejenige des berühmten Felsens von Behistun – einer Bergwand, die steil, fast senkrecht bis zu einer Höhe von etwa 1700 Fuß aus der Ebene emporsteigt und an ihrem unteren Teil in einer Ausdehnung von circa 300 Fuß mit Inschriften in persischer, scythischer und assyrischer Sprache bedeckt ist. Durch Vergleichung des Bekannten mit dem Unbekannten – der lebenden Sprache mit der toten – gelang es dem Avantageur, sich eine teilweise Kenntnis der Keilschrift zu erwerben und sogar ein Alphabet davon zusammenzustellen. Herr (später Sir) Henry Rawlinson sandte seine Kopien zur Begutachtung in die Heimat. Damals wußte noch kein Universitätsprofessor etwas über die Keilschrift; aber ein ehemaliger Buchhalter der ostindischen Compagnie – ein bescheidener, unbekannter Mann, Namens Norris – hatte sich dies noch unerforschte Gebiet zu seinem Studium erwählt, und ihm legte man die Kopien vor. Seine Kenntnisse in diesem Fache waren so genau, daß er – obwohl er den Felsen von Behistun nie mit Augen gesehen – doch sogleich behauptete, der Avantageur habe die rätselhafte Inschrift nicht ganz richtig abgebildet. Rawlinson, der sich noch immer in der Nähe des Felsens aufhielt, verglich seine Kopie mit dem Original und fand, daß Norris recht hatte, worauf er durch weitere Vergleichung und sorgfältiges Studium immer tiefer in die Kenntnis der Keilschrift eindrang. Um aber die Gelehrsamkeit dieser beiden Autodidakten praktisch nutzbar zu machen, bedurfte es noch eines dritten Arbeiters, der ihnen das nötige Material zur Ausübung ihrer Kunst lieferte. Ein solcher bot sich ihnen in der Person Austen Layards dar, der vordem als Schreiber in dem Bureau eines Londoner Rechtsanwalts fungiert hatte. Man hätte kaum denken sollen, daß diese drei Männer – ein Avantageur, ein Buchhalter der ostindischen Compagnie und ein Schreiber aus dem Bureau eines Rechtsanwalts – die Entdecker einer vergessenen Sprache und der begrabenen Denkmäler Babylons werden würden, und doch war dem so. Layard bereiste als Jüngling von zweiundzwanzig Jahren den Orient, getrieben von dem Wunsche, in die Regionen jenseits des Euphrats einzudringen. Mit »einem einzigen Begleiter passierte er – dem Schutz seines Armes und mehr noch seiner Heiterkeit, Höflichkeit und Ritterlichkeit vertrauend – das Gebiet von Stämmen, die miteinander in tödlicher Fehde lebten, und nach Verlauf vieler Jahre gelang es ihm, mit verhältnismäßig kleinen Mitteln, aber mit großer Emsigkeit und Beharrlichkeit, entschlossener Willenskraft und fast erhabener Geduld – unter dem Antrieb eines leidenschaftlichen Forschungs- und Entdeckungseifers – eine Menge historischer Schätze bloßzulegen und auszugraben, wie sie wohl noch nie zuvor durch den Fleiß irgend eines Menschen gesammelt worden. Layard förderte Basreliefs zu Tage, die eine Strecke von zwei Meilen bedeckten. Die Sammlung dieser wertvollen Altertümer, die sich gegenwärtig in dem Britischen Museum befindet, bildete zu den schriftlichen Berichten von Ereignissen, die sich vor mehr als 3000 Jahren zutrugen, einen so merkwürdigen Kommentar, daß sie der Welt fast wie eine neue Offenbarung erschienen. Und die Geschichte der Ausgrabung dieser großartigen Überreste, die Herr Layard selbst in seinem Buch von den »Denkmälern Ninives« erzählt, wird immer als eine der anziehendsten und lebensvollsten Schilderungen gelten, die je von individueller Unternehmungslust, Emsigkeit und Energie entworfen worden sind. Die Laufbahn des Grafen Buffon ist ein anderes merkwürdiges Beispiel von der Macht des geduldigen Fleißes und gleichzeitig eine Erläuterung seines eigenen Ausspruchs, der das Genie mit der Geduld identifiziert. Trotz der großen Erfolge, die Buffon später als Naturforscher erzielte, galt er als Knabe für nur mittelmäßig begabt. Sein Geist entwickelte sich langsam und vermochte das, was er erfaßte, nur schwerfällig wiederzugeben. Seiner Konstitution zufolge neigte er zur Bequemlichkeit, und da er von Hause aus reich war, so schien man zu der Annahme berechtigt, daß er sich dem Wohlleben und der Weichlichkeit ergeben würde. Statt dessen aber faßte er schon frühe den Entschluß, dem Vergnügen zu entsagen und sich dem Studium und der Selbsterziehung zu widmen. Da er die Zeit als einen Schatz von beschränktem Umfang betrachtete, so meinte er, durch spätes Aufstehen würden täglich viele Stunden verloren, weshalb er sich dieser Gewohnheit entschlagen wollte. Er kämpfte eine Zeitlang ernstlich mit seiner Trägheit, war aber außerstande, sich zu der beabsichtigten Stunde zu erheben. Nun rief er seinen Diener Joseph zu Hilfe und versprach ihm für jedesmal, wo er ihn vor sechs Uhr aus dem Bett befördern würde, eine Krone zur Belohnung. Zuerst wollte Buffon nicht aufstehen, wenn er geweckt wurde; er schützte Unwohlsein vor oder stellte sich ärgerlich über die Störung, und wenn der Graf sich schließlich erhob, so erntete Joseph nur Vorwürfe, weil er seinen Herrn gegen dessen ausdrücklichen Befehl so lange hatte zu Bett liegen lassen. Endlich war der Diener fest entschlossen, sich seine Krone zu verschaffen, und wieder und immer wieder drängte er Buffon zum Aufstehen, so sehr dieser auch bat, schalt oder gar mit augenblicklicher Dienstentlassung drohte. Als Buffon eines Morgens besonders eigensinnig war, griff Joseph zu der außerordentlichen Maßregel, ihm eine Schale eiskalten Wassers unter die Bettdecke zu gießen – womit er einen augenblicklichen Erfolg erzielte. Durch konsequente Anwendung solcher Mittel besiegte Buffon zuletzt seine üble Gewohnheit und pflegte später gern zu sagen, daß er seinem Joseph drei oder vier Bände seiner Naturgeschichte verdanke. Vierzig Jahre seines Lebens arbeitete Buffon täglich von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags und dann wieder von fünf bis neun des Abends an seinem Schreibtisch, Sein Fleiß war so anhaltend und regelmäßig, daß er ihm zur Gewohnheit wurde. Sein Biograph sagt von ihm: »Die Arbeit war ihm eine Notwendigkeit; seine Studien waren der Reiz seines Lebens, und gegen das Ende seiner glorreichen Laufbahn äußerte er häufig, er hoffe denselben noch einige Jahre widmen zu können.« Er arbeitete höchst gewissenhaft und war immer beflissen, dem Leser seine besten Gedanken in der besten Form darzubieten. Er wurde niemals müde, an seinen Werken zu feilen, sodaß der Stil derselben als nahezu vollkommen bezeichnet werden muß. Er schrieb die »Époques de la Nature« nicht weniger als elfmal um, ehe er mit ihnen zufrieden war, und dennoch hatte er über das Werk fünfzig, Jahre lang nachgedacht. Er war durch und durch praktisch und in jeder Beziehung sehr ordnungsliebend; er pflegte zu sagen, das Genie verliere drei Viertel seiner Bedeutung, wenn es nicht mit Ordnung verbunden sei. Sein großer schriftstellerischer Erfolg war hauptsächlich das Resultat seiner gewissenhaften Arbeit und seines eifrigen Fleißes. Nach Madame Neckers Bericht erzählte Buffon, »er habe – in der festen Überzeugung, daß das Genie das Resultat einer eingehenden, auf einen bestimmten Gegenstand gerichteten Aufmerksamkeit sei – trotz der Ermüdung, die er nach Abfassung seiner ersten Werke empfunden, sich immer wieder gezwungen, dieselben zur Hand zu nehmen und von neuem durchzulesen, selbst wenn er sie schon zu einer gewissen Vollendung gebracht zu haben meinte, und zuletzt habe diese lange und gründliche Korrektur ihn nicht mehr ermüdet, sondern ergötzt.« Man muß noch, hinzufügen, daß Buffon alle seine großen Werke schrieb und veröffentlichte, während er von einem der schmerzhaftesten Leiden geplagt war, denen der menschliche Körper ausgesetzt ist. Das literarische Leben bietet uns zahlreiche Beispiele einer ähnlichen Beharrlichkeit, und vielleicht ist in dieser Beziehung kein Lebenslauf lehrreicher als der des Sir Walter Scott. Seine bewunderungswürdige Arbeitskraft wurde in dem Bureau eines Rechtsanwalts ausgebildet, wo er jahrelang eine Art Frohndienst verrichtete, der sich wenig über die Arbeit eines Kopisten erhob. Sein ödes Tagewerk machte ihm die Abende, die ihm gehörten, um so lieber, und er widmete sie gewöhnlich der Lektüre und dem Studium. Er selbst meinte, daß er jene Gewohnheit des emsigen, nüchternen Fleißes, an der es den ausschließlich literarisch beschäftigten Personen so häufig fehlt, in erster Linie seiner prosaischen Berufsthätigkeit verdanke. Als Kopist empfing er für jede Seite, die eine bestimmte Anzahl von Wörtern enthielt, drei Pence. Zuweilen wurde es ihm durch Extraarbeit möglich, in vierundzwanzig Stunden 120 Seiten abzuschreiben und somit 30 Schillinge zu verdienen: alsdann war er imstande, sich gelegentlich ein Buch zu kaufen, wozu andernfalls seine Mittel nicht ausgereicht hätten. Während seines späteren Lebens spielte sich Scott gern als Geschäftsmann auf und behauptete im Gegensatz zu dem »Gewäsch der Dichterlinge« (wie er sich ausdrückte), daß das Genie keineswegs unbedingt mit einer Abneigung gegen die Pflichten des Alltagslebens oder gar mit einer Verachtung derselben verbunden sein müsse. Er war im Gegenteil der Ansicht, daß es den höheren geistigen Fähigkeiten schließlich zum Nutzen gereiche, wenn man einen ansehnlichen Teil des Tages irgend einer praktischen Beschäftigung widme. Während er später als Aktuar an dem Gerichtshof von Edinburg fungierte, schrieb er an seinen literarischen Arbeiten hauptsächlich vor dem Frühstück, während er tagsüber auf dem Gericht beschäftigt war, wo er Urkunden und Schriftstücke der verschiedensten Art zu beglaubigen hatte. »Überhaupt,« sagt Lockhart, »ist es ein merkwürdiger Zug in seiner Lebensgeschichte, daß er während der thätigsten Periode seiner litterarischen Laufbahn – zum mindesten in der einen Hälfte des Jahres – einen großen Teil seiner Zeit der gewissenhaften Erledigung seiner Berufspflichten geopfert haben muß.« Er machte es sich zum Princip, seinen Lebensunterhalt durch das Geschäft, nicht aber durch die Schriftstellerei zu verdienen. Er sagte gelegentlich einmal: »Ich beschloß, daß die Litteratur mein Stab, nicht aber meine Krücke sein sollte, und daß ich die Erträge meiner litterarischen Arbeiten – so erwünscht sie mir auch wären – doch nie, wenn es irgend anginge, zur Bestreitung meiner gewöhnlichen Ausgaben verwenden wollte.« Die Pünktlichkeit war eine bei ihm besonders stark ausgebildete Gewohnheit – sonst wäre es ihm unmöglich gewesen, eine so ungeheuere litterarische Arbeitslast zu bewältigen. Er machte es sich zur Regel, jeden Brief, den er empfing, sofort zu beantworten, falls es dazu keiner weiteren Erkundigungen und Erwägungen bedürfte. Auf keine andere Weise hätte er der Flut schriftlicher Mitteilungen standhalten können, die von allen Seiten auf ihn eindrang und seine Gutmütigkeit oft auf die härteste Probe stellte. Er hatte die Gewohnheit, um fünf Uhr aufzustehen und selbst sein Kaminfeuer anzumachen. Dann rasierte er sich, zog sich gemächlich an und saß um sechs Uhr vor seinem Schreibtisch und seinen sorgfältig geordneten Papieren. Auf dem Fußboden reihten sich seine Nachschlagebücher rund um ihn her, und hinter denselben lag wenigstens einer seiner Lieblingshunde, ihn mit aufmerksamem Blick beobachtend. Wenn sich zwischen neun und zehn Uhr die Familie zum Frühstück versammelte, hatte Scott – um seine eigenen Worte zu gebrauchen – »bereits genug gethan, um seinem Tagewerk das Genick zu brechen.« Aber trotz seines emsigen und unermüdlichen Fleißes, trotz seiner großen Gelehrsamkeit, die das Resultat einer vieljährigen geduldigen Arbeit war, sprach Scott doch stets mit der größten Bescheidenheit von seinen eigenen Fähigkeiten. Bei einer Gelegenheit äußerte er: »Zu jeder Zeit meines Lebens habe ich mich von meiner eigenen Unwissenheit bedrückt und gehindert gefühlt.« Das ist die wahre Weisheit und Demut; denn je mehr ein Mensch wirklich weiß, um so weniger selbstbewußt wird er sein. Jener Student des Trinitatis-Kollegiums, der sich von seinem Professor mit der Äußerung verabschiedete, daß er »mit seinem Studium fertig sei,« wurde von dem Gelehrten gebührend mit den Worten beschämt: »Wirklich? ich habe nur eben mit dem meinigen angefangen!« – Der oberflächliche Mensch, der sich eine teilweise Kenntnis von vielen Dingen angeeignet hat und doch nichts gründlich weiß, mag sich seiner Gaben rühmen; aber der Weise wird demütig bekennen, daß die Summe seines Wissens die Erkenntnis seiner Unwissenheit sei; oder er wird mit Newton eingestehen, daß er nur Muscheln am Meeresstrande gesammelt habe, während der große Ocean der Wahrheit noch unerforscht vor ihm liege. Auch das Leben der minder hervorragenden Schriftsteller liefert uns merkwürdige Beispiele von der Macht der Beharrlichkeit. Der verstorbene John Britton, der Verfasser des Buches: »The Beauties of England and Wales« und vieler wertvoller Werke über Architektur, wurde zu Kingston in Wiltshire in einer elenden Hütte geboren. Sein Vater war Bäcker und Mälzer gewesen, hatte aber Bankerott gemacht und den Verstand verloren, als Britton noch ein Kind war. Bei geringem Schulunterricht empfing der Knabe ein schlechtes Beispiel von seiner Umgebung, das ihn aber zum Glück nicht verdarb. Er wurde frühe zu einem Onkel – einem Schankwirt in Clerkenwell – in Dienst gegeben, bei welchem er während einer Zeit von mehr als fünf Jahren damit beschäftigt war, Wein abzufüllen und danach die Flaschen zu verkorken und in den Keller zu tragen. Als er kränklich wurde, steckte ihm sein Onkel zwei Guineen als den Lohn seiner fünfjährigen Arbeit in die Tasche und jagte ihn dann in die Welt hinaus. Während der folgenden sieben Jahre seines Lebens machte er mannigfache Wechselfälle und Beschwerden durch. Trotzdem erzählt er in seiner Selbstbiographie: »In meiner armseligen, dunkeln Kammer, welche 18 Pence die Woche kostete, habe ich studiert und oft an den Winterabenden im Bett gelesen, weil ich mir kein Feuer gönnen konnte.« Nachdem er zu Fuß bis Bath gereist war, fand er dort eine Stelle als Kellner; aber bald danach treffen wir ihn wieder in der Landeshauptstadt, fast ohne einen Pfennig, ohne Schuhe und ohne Hemd. Es gelang ihm jedoch, als Kellerknecht in der »London Tavern« Beschäftigung zu finden, woselbst er von sieben Uhr morgens bis abends um elf im Keller sein mußte. Seine Gesundheit litt durch den langen Aufenthalt in dem dunkeln, feuchten Raum und durch die ihm dort obliegende schwere Arbeit. Daher trat er gegen ein wöchentliches Salair von 15 Schillingen bei einem Rechtsanwalt in Dienst – denn er hatte sich in den wenigen freien Augenblicken, die er sein eigen nennen durfte, fleißig im Schreiben geübt. Während er sich in dieser Stellung befand, verwendete er seine Muße hauptsächlich auf die Besichtigung der Bücherstände der Antiquare, wobei er Werke, die er nicht kaufen konnte, bruchstückweise las und sich so eine Menge unzusammenhängender Kenntnisse aneignete. Dann trat er mit einem bis auf zwanzig Schilling erhöhten Wochenlohn in ein anderes Bureau ein und fuhr auch jetzt fort, in seiner Mußezeit zu lesen und zu lernen. Mit achtundzwanzig Jahren war er imstande, ein Buch zu schreiben, welches er unter dem Titel: »Die kühnen Abenteuer Pizarros« drucken ließ, und von dieser Zeit ab bis zu seinem Tode – während einer Periode von etwa fünfundfünfzig Jahren – war Britton emsig mit literarischen Arbeiten beschäftigt. Die Zahl der von ihm herausgegebenen Werke beträgt nicht weniger als siebenundachtzig; das wichtigste darunter ist sein Buch über die »kirchlichen Altertümer Englands« – ein prächtiges Wert in vierzehn Bänden, welches das beste Denkmal von John Brittons unermüdlichem Fleiße darstellt. Der Landschaftsgärtner London war ein Mann von ähnlichem Charakter und gleichfalls im Besitz einer außerordentlichen Arbeitskraft. Als Sohn eines in der Nähe von Edinburg lebenden Farmers wurde er früh mit der Arbeit vertraut. Seine Geschicklichkeit im Planzeichnen und Skizzieren von Landschaften bewog seinen Vater, ihn zum Landschaftsgärtner ausbilden zu lassen. Während seiner Lehrzeit blieb er jede Woche zwei Nächte hindurch auf und studierte, und doch arbeitete er am Tage eifriger als ein Tagelöhner. Durch seine nächtlichen Studien erlernte er die französische Sprache, und ehe er noch achtzehn Jahre alt war, übersetzte er eine Lebensgeschichte Abälards für eine Encyklopädie. Er war so eifrig darauf bedacht, im Leben vorwärts zu kommen, daß er mit erst zwanzig Jahren, während er als Gärtner in England arbeitete, die Worte in sein Tagebuch schrieb: »Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt; ein Drittel meines Lebens liegt vielleicht hinter mir – und was habe ich für das Wohl meiner Mitmenschen gethan?« Das ist für einen erst zwanzigjährigen Jüngling gewiß eine ungewöhnliche Reflexion. Vom Französischen ging er zum Deutschen über und eignete sich die Kenntnis dieser Sprache auch bald an. Er übernahm nun ein großes Landgut in der Absicht, den Ackerbau nach einer verbesserten, schottischen Methode zu betreiben; und es gelang ihm wirklich, in kurzer Zeit bedeutende Erträge zu erzielen. Da nach Beendigung des Krieges der Kontinent den Reisenden offen stand, so ging er hinüber, um die Systeme des Garten- und Ackerbaues anderer Länder kennen zu lernen. Er wiederholte seine Reisen zweimal und veröffentlichte ihre Resultate in seinen Encyklopädien, die zu den merkwürdigsten Werken ihrer Art gehören und sich durch die ungeheuere Fülle des in ihnen enthaltenen Materials auszeichnen, das mit einem Fleiße und einer Arbeitskraft zusammengetragen ist, wie sie sich wohl selten in gleichem Maße vorfindet. Die Lebensgeschichte Samuel Drews ist nicht minder merkwürdig als diejenige irgend eines der von uns angeführten Männer. Sein Vater war ein schwer arbeitender Tagelöhner aus dem Kirchspiel St. Austell in Cornwall. Trotz seiner Armut machte er es möglich, seine beiden Söhne in eine Schule in der Nachbarschaft zu schicken, wo das Schulgeld einen Penny die Woche betrug. Jabez, der ältere Sohn, lernte gern und machte gute Fortschritte in seinen Lektionen: aber Samuel, der jüngere, war ein Faulpelz und dazu ein notorischer Unheilstifter und Schulschwänzer. Mit acht Jahren mußte er in Arbeit gehen und verdiente sich täglich drei halbe Pence als Grubenjunge in einem Zinnbergwerk. Mit zehn Jahren kam er zu einem Schuhmacher in die Lehre und erduldete hier manche Mühsal, indem er – nach seinen eigenen Worten – »wie eine Kröte unter einer Egge« lebte. »Er dachte oft daran, wegzulaufen und Seeräuber oder etwas Ähnliches zu werden; überhaupt scheint er damals ebensosehr an Leichtsinn als an Alter zugenommen zu haben. Beim Plündern der Obstgärten pflegte er der Anführer zu sein; und als er älter wurde, war es ihm ein Hauptvergnügen, zu wildern oder zu schmuggeln. Mit ungefähr siebzehn Jahren – noch vor Beendigung seiner Lehrzeit – lief er weg, um an Bord eines Kriegsschiffes zu gehen; aber eine Nachtruhe auf einer abgemähten Wiese dämpfte seinen Enthusiasmus ein wenig, und er kehrte zu seinem Handwerk zurück. Danach zog Drew in die Umgegend von Plymouth, um dort sein Schuhmachergewerbe fortzusetzen, und während er sich in Cawsand aufhielt, gewann er einen Preis im Knüttelspiel, worin er Meister gewesen zu sein scheint. In eben jener Gegend hätte er fast sein Leben bei einem Schmuggelgeschäft eingebüßt, an dem er halb aus Abenteuerlust, halb aus Gewinnsucht teilnahm, da sein regelmäßiger Wochenlohn nicht mehr als acht Schillinge betrug. Eines Nachts verbreitete sich in Crafthole die Kunde, daß ein Schmugglerschiff in der Nähe der Küste kreuze, um womöglich seine Ladung zu bergen, worauf die männliche Bevölkerung des Ortes – zum größten Teil aus Schmugglern bestehend – sich an den Strand begab. Ein Teil der Leute blieb auf den Uferfelsen zurück, um Signale zu geben und die gelandeten Güter in Sicherheit zu bringen, die anderen – unter denen sich auch Drew befand – bemannten die Boote. Die Nacht war außerordentlich finster; und man hatte erst wenig von der Ladung bergen können, als sich ein heftiger Wind und eine »schwere See« erhob. Die Männer in den Böten waren jedoch entschlossen, auszuharren, und fuhren mehrmals zwischen dem nun weiter in See liegenden Schmugglerschiff und der Küste hin und her. Einem der Leute aus dem Boot, in welchem sich Drew befand, wurde der Hut vom Kopfe geweht; und durch den Versuch, ihn wieder zu erhaschen, brachte er das Boot zum Kentern. Drei der Insassen ertranken augenblicklich; die anderen hielten sich eine Zeitlang an dem Boote fest, als sie aber merkten, daß es in die See hinaustrieb, ließen sie los und versuchten ans Ufer zu schwimmen. Sie waren zwei Meilen vom Lande entfernt, und die Nacht war rabenfinster. Nachdem Drew etwa drei Stunden geschwommen, erreichte er eine Klippe in der Nähe des Strandes und hielt hier mit ein oder zwei anderen – starr vor Kälte – bis zum Morgen aus, wo er samt seinen Gefährten entdeckt und mehr tot als lebendig fortgeschafft wurde. Nun brachte man ein Branntweinfaß von der eben ausgeschifften Ladung herbei, schlug den Deckel desselben mit einer Axt ein und bot einen Becher des Getränks den Geretteten dar – wodurch Drew so gestärkt wurde, daß er bald darauf den zwei Meilen langen Weg nach Hause durch tiefen Schnee zurücklegen konnte. Dies war kein vielversprechender Lebensanfang, und dennoch überwand eben derselbe Drew – der Taugenichts, Obstdieb, Schuster und Knüttelspieler – den Leichtsinn seiner Jugend und wurde ein ausgezeichneter Verkündiger des Evangeliums und ein Verfasser guter Bücher. Denn zum Glück lenkte die ihm eigentümliche Energie noch beizeiten in bessere Bahnen ein und ließ ihn nun ebenso hervorragend in guten Werken werden, als er es ehedem in der Gottlosigkeit gewesen war. Sein Vater nahm ihn wieder nach St. Austell zurück und verschaffte ihm Arbeit als Schuhmachergeselle. Vielleicht hatte die erst kürzlich empfundene Nähe des Todes den jungen Mann ernster gemacht; denn wir finden ihn bald danach unter den eifrigen Hörern der eindringlichen Predigten des Dr. Adam Clarke, eines Pastors der Wesleyanischen Methodisten. Der um dieselbe Zeit eintretende Tod seines Bruders vertiefte noch seinen Ernst, und von nun an war er ein anderer Mensch. Er fing das Werk seiner Erziehung von neuem an; denn er hatte das Lesen und Schreiben fast ganz verlernt, und noch nach mehrjähriger Übung verglich ein Freund seine Schrift mit den Spuren, die eine in Tinte getauchte und auf ein Stück Papier gesetzte Spinne beim Umherkriechen darauf zurücklassen würde. Drew selbst sagt über seinen damaligen Bildungszustand: »Je mehr ich las, um so mehr fühlte ich meine Unwissenheit, und je mehr ich meine Unwissenheit fühlte, um so fester wurde mein Entschluß, sie zu überwinden. Jeder freie Augenblick wurde nun von mir dazu angewandt, irgend etwas zu lesen. Da ich mich durch die Arbeit meiner Hände unterhalten mußte, so hatte ich für Lektüre wenig Zeit übrig, und um diesen Nachteil zu überwinden, pflegte ich beim Essen ein Buch vor mir liegen zu haben und bei jeder Mahlzeit fünf oder sechs Seiten zu lesen.« Durch die Bekanntschaft mit Lockes »Untersuchung über den Verstand« erhielt sein Geist eine metaphysische Richtung. »Ich wurde dadurch,« erzählt er, »aus meinem Stumpfsinn aufgerüttelt und zu dem Entschluß gebracht, mich von meinen bisherigen niedrigen Anschauungen loszusagen.« Drew fing nun an, sein Geschäft auf eigene Rechnung zu betreiben – obwohl er nur über ein Kapital von wenigen Schillingen verfügte; aber er galt bereits für so tüchtig, daß ein benachbarter Müller ihm ein Darlehn anbot, welches er auch annahm, und da der Erfolg seinen Fleiß belohnte, so wurde die Schuld am Ende des Jahres abgezahlt. Alsbald faßte er den Entschluß, »keinem Menschen etwas schuldig zu sein;« und er blieb demselben unter vielen Entbehrungen treu. Oft ging er ohne Abendbrot zu Bett, um nicht mit Schulden aufzustehen. Es war sein Ehrgeiz, sich durch Fleiß und Sparsamkeit unabhängig zu machen; und dies gelang ihm auch allmählich. Trotz unaufhörlicher Arbeit war er emsig bemüht, seinen Geist durch das Studium der Astronomie, Geschichte und Metaphysik zu bilden. Zur Beschäftigung mit der letztgenannten Wissenschaft veranlaßte ihn hauptsächlich der Umstand, daß er dazu nicht so viele Bücher brauchte wie zu irgend einem anderen Studium. »Es schien mir ein dorniger Pfad zu sein,« sagte er, »aber ich entschloß mich trotzdem, darauf vorzudringen, und betrat ihn demgemäß.« Drew beschäftigte sich aber nicht nur mit seiner Schusterei und seinen metaphysischen Studien, sondern wurde auch Lokalprediger und Leiter einer Sonntagsschule. Er nahm ein lebhaftes Interesse an der Politik; und seine Werkstätte wurde ein beliebter Sammelplatz der Dorfpolitiker. Wenn diese nicht zu ihm kamen, so suchte er sie auf, um mit ihnen über öffentliche Angelegenheiten zu sprechen. Dies kostete ihm so viel Zeit, daß er es zuweilen nötig fand, bis Mitternacht zu arbeiten, um die verlorenen Tagesstunden zu ersetzen. Sein politischer Eifer wurde bald zum Dorfgespräch. Als er eines Abends spät an einer Schuhsohle hämmerte, legte ein kleiner Junge, welcher durch das Licht in der Werkstätte angelockt war, seinen Mund an das Schlüsselloch der Thür und rief mit schriller Stimme: »Schuster. Schuster! arbeite du nur bei Nacht und renne am Tage umher!« Ein Freund, dem Drew diese Geschichte später erzählte, fragte ihn: »Bist du denn dem Jungen nicht nachgelaufen und hast ihn durchgewichst?« – »Nein, nein!« war die Antwort, »wäre eine Pistole dicht an meinem Ohr abgefeuert worden, so hätte mich das nicht mehr erschrecken und verwirren können. Wahr, sehr wahr! sagte ich zu mir selbst; indem ich meine Arbeit fallen ließ, aber du sollst mir das nie wieder sagen dürfen. Jener Ruf erschien mir wie die Stimme Gottes und war für mich ein Wort zur rechten Zeit, welches mein ganzes Lehen durchklang. Ich lernte daraus, die Arbeit von heute nie auf morgen zu verschieben – und nie zu faulenzen, wenn ich arbeiten sollte.« Von jenem Augenblick an entsagte Drew der Politik und widmete sich seiner Arbeit. In seinen freien Stunden las und studierte er; wenn aber diese letztere Beschäftigung auch häufig seine Ruhe schmälerte, so gestattete er ihr doch nie, sein Geschäft zu beeinträchtigen. Er verheiratete sich und dachte daran, nach Amerika auszuwandern, blieb jedoch schließlich im Lande und arbeitete weiter. Seine litterarischen Neigungen wandten sich zuerst poetischen Schöpfungen zu; und einige Bruchstücke, die uns erhalten geblieben sind, scheinen zu beweisen, daß seine Anschauungen über das Geistesleben und die Unsterblichkeit der Seele in seinem poetischen Empfinden wurzelten. Sein Studierzimmer war die Küche, wo der Blasebalg, dessen sich sonst seine Frau bediente, ihm die Stelle eines Schreibpults vertrat; und wo er inmitten des Kindergeschreis und des Knarrens der Wiege sich mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigte. Als Paines »Zeitalter der Vernunft« erschien und viel Aufsehen erregte, veröffentlichte er eine Flugschrift, in welcher er die Behauptungen jenes Buches widerlegte. Er sagte später häufig, daß das »Zeitalter der Vernunft« ihn zum Schriftsteller gemacht habe. Bald danach erschienen verschiedene Flugschriften aus seiner Feder in rascher Reihenfolge; und einige Jahre später – wahrend er noch als Schuster arbeitete – schrieb und veröffentlichte er seine bewunderungswürdige »Untersuchung über die Unkörperlichkeit und die Unsterblichkeit der Seele,« welche er für zwanzig Pfund – eine ihm damals groß erscheinende Summe – verkaufte. Das Buch erlebte viele Auflagen und wird noch heute geschätzt. Drew wurde durch seine Erfolge nicht eitel gemacht, wie das sonst bei vielen jungen Autoren der Fall ist, sondern als er längst ein berühmter Schriftsteller war, konnte man ihn noch häufig die Straße vor seinem Hause fegen oder mit seinen Lehrlingen die Winterkohlen hereintragen sehen. Auch dauerte es eine ganze Weile, ehe er sich daran gewöhnte, die Litteratur als Lebensberuf zu betrachten. Seine erste Sorge war, sich durch sein Handwerk ein anständiges Auskommen zu sichern und in »die Lotterie des litterarischen Erfolgs« – wie er sich ausdrückte – nur den Überschuß seiner Zeit zu setzen. Endlich jedoch widmete er sich ganz der Litteratur, allerdings hauptsächlich im Interesse der Wesleyanischen Sekte – indem er ihre Zeitschriften herausgab und den Verlag mehrerer ihrer religiösen Schriften besorgte. Er war auch Mitarbeiter der » Eclectic Review « und schrieb und veröffentlichte außer zahlreichen anderen Werken auch eine wertvolle Geschichte der Grafschaft Cornwall – seiner Heimat. Gegen das Ende seines Lebens äußerte er einmal über sich selbst: »Aus einer der niedrigsten Gesellschaftsklassen hervorgehend, bin ich lebenslänglich bemüht gewesen, meiner Familie durch redlichen Fleiß, Einfachheit und hohe moralische Selbstachtung zu einer angesehenen Stellung zu verhelfen. Die göttliche Vorsehung hat auf meine Bemühungen freundlich herabgeschaut und meine Wünsche mit Erfolg gekrönt.« – Der verstorbene Joseph Hume verfolgte eine ganz andere Laufbahn, bewies aber in seinen Bestrebungen eine ebenso große Ausdauer. Er war ein Mann von bescheidenen Talenten, aber von großem Fleiß und unantastbarer Redlichkeit des Willens. Das Motto seines Lebens hieß: »Beharrlichkeit«; und damit stimmte seine Handlungsweise überein. Noch im Kindesalter stehend, verlor er seinen Vater; worauf seine Mutter einen kleinen Kramladen in Montrose eröffnete und sich schwer abplagte, um ihre Kinder unterhalten und anständig erziehen zu können. Ihren Joseph übergab sie einem Wundarzt, damit er für den ärztlichen Beruf vorbereitet würde. Nachdem er sein Diplom erhalten, machte er als Schiffsarzt Es charakterisiert Herrn Hume, daß er – während er in seinem Beruf zwischen England und Indien hin- und herreiste – sich in seiner freien Zeit eingehend mit nautischen Studien beschäftigte, was ihm viele Jahre später in bemerkenswerter Weise zu statten kam. Als er im Jahre 1825 auf einer Segelschmacke von London nach Leith fuhr, erhob sich –nachdem das Fahrzeug kaum die Themsemündung verlassen – ein plötzlicher Sturm, der das Schiff aus seinem Kurs trieb und es in der Dunkelheit der Nacht auf die unter dem Namen der »Goodwins« bekannten Sandbänke geraten ließ. Da der Kapitän seine Geistesgegenwart verloren hatte und außer stände zu sein schien, zusammenhängende Befehle zu erteilen, so wäre das Schiff wahrscheinlich ein völliges Wrack geworden, wenn nicht einer der Passagiere plötzlich das Kommando ergriffen und die notwendige» Arbeiten geleitet hätte – wobei er selbst das Steuer regierte, bis die Gefahr vorüber war. Auf solche Weise wurde das Fahrzeug gerettet – und der Retter war Herr Hume. mehrere Reisen nach Indien und trat später als Avantageur in den Dienst der ostindischen Compagnie. Keiner konnte eifriger arbeiten oder mäßiger leben als er, und da er sich durch seine Pflichttreue das Vertrauen seiner Vorgesetzten erwarb, so wurde er allmählich zu immer höheren Stellungen befördert. Im Jahre 1803 nahm er mit der Division des Generals Powell am Mahrattenkriege teil, und als der Dolmetscher starb, trat Hume, der unterdessen die einheimischen Sprachen studiert und erlernt hatte, an seine Stelle. Bald danach wurde er zum Chef des Sanitätscorps ernannt; aber als ob dies noch keine genügende Beschäftigung seiner Arbeitskraft gewesen wäre, übernahm er gleichzeitig die Pflichten eines Zahlmeisters und Postdirektors und erfüllte dieselben gleichfalls in befriedigender Weise. Außerdem ließ er sich die Lieferungen für das Kommissariat übertragen, was der Armee und ihm selbst zum Vorteil gereichte. Nach etwa zehnjähriger, unermüdlicher Arbeit kehrte er mit einem beträchtlichen Vermögen nach England zurück, wo es seine erste Sorge war, die ärmeren Mitglieder seiner Familie zu unterstützen. Aber Joseph Hume war nicht der Mann dazu, die Früchte seines Fleißes in träger Ruhe zu genießen. Arbeit und Beschäftigung gehörten zu seinem Behagen und Glück. Um sich mit dem thatsächlichen Zustande seines Vaterlandes und der Lage der Bevölkerung bekannt zu machen, besuchte er jede Stadt des Königreichs, die sich eines gewissen industriellen Rufes erfreute. Danach reiste er ins Ausland, um sich auch über fremde Staaten zu unterrichten. Nach England zurückgekehrt, trat er im Jahre 1812 ins Parlament ein, dem er mit kurzer Unterbrechung während eines Zeitraums von vierunddreißig Jahren angehörte. Die erste Rede, die von ihm bekannt geworden ist, behandelte das Thema der Volkserziehung, und während seiner langen und ehrenvollen Laufbahn nahm er ein lebhaftes und ernstliches Interesse an dieser und jeder anderen Frage, die sich auf die Förderung und Hebung des Volkswohls bezog. Solche Fragen waren: Abänderung der Strafgesetze; Sparkassenwesen; Freihandel; Sparsamkeit und Einschränkung der öffentlichen Ausgaben: Erweiterung der Volksvertretung und ähnliche Maßregeln, die alle in ihm einen unermüdlichen Fürsprecher fanden. Was er unternahm, betrieb er mit redlichstem Eifer. Er war kein hervorragender Redner; aber von allem, was er sagte, durfte man überzeugt sein, daß es von den Lippen eines ehrlichen, treuherzigen und tüchtigen Mannes kam. Wenn Shaftesbury mit jenem Ausspruch recht hat, wonach die Lächerlichkeit die Probe der Wahrheit ist: so hat Joseph Hume diese Probe gut bestanden. Über keinen Menschen ist wohl je mehr gelacht worden als über ihn, und dennoch stand er beharrlich und buchstäblich »auf seinem Posten.« Er wurde gewöhnlich mit seinem Anhang geschlagen, aber sein Einfluß machte sich trotzdem bemerklich, und manche wichtige finanzielle Reform wurde indirekt durch ihn veranlaßt, obwohl man direkt gegen ihn stimmte. Die große Arbeitslast, die er bewältigte, muß Bewunderung erregen. Er stand um sechs Uhr auf, schrieb Briefe und ordnete seine Papiere für das Parlament; dann – nach dem Frühstück – empfing er geschäftliche Besuche, oft zwanzig an einem Vormittag. Das Haus trat selten ohne ihn zusammen, und wenn die Debatten auch bis zwei oder drei Uhr morgens dauerten, so fehlte sein Name doch selten unter den Mitgliedern seiner Partei. Kurz – es muß als eins der merkwürdigsten biographischen Beispiele von der Macht menschlicher Ausdauer gelten, daß dieser Mann eine so unausgesetzte Arbeit, die sich über einen so langen Zeitraum erstreckte und unter so vielfach wechselnden Ministerien stattfand, Woche für Woche, Jahr für Jahr vollbrachte, daß er – obwohl oft überstimmt, besiegt, verlacht und bei vielen Gelegenheiten fast allein dastehend – dennoch angesichts aller Schwierigkeiten standhaft blieb, sich die Heiterkeit seines Geistes bewahrte, nie in seiner Energie oder Hoffnung schwankend wurde und es schließlich erlebte, daß der größte Teil seiner Vorschläge mit Einstimmigkeit angenommen ward. Fünftes Kapitel Hilfsmittel und Gelegenheiten – wissenschaftliche Bestrebungen »Weder die bloße Hand noch der Verstand an sich vermag etwas zu vollbringen; ein jedes Werk wird durch Instrumente und Hilfsmittel ausgeführt, die dem Verstand nicht weniger nützlich und notwendig sind als die Hand.« Bacon. »Das Haupt der Gelegenheit ist nur über der Stirn mit Haaren bewachsen; hinten ist es kahl. Ergreifst du die Gelegenheit bei der Stirnlocke, so kannst du sie festhalten; läßt du sie dir aber entschlüpfen, so vermag Jupiter selbst sie nicht wieder, einzusaugen.« Aus dem Lateinischen Der Zufall hat wenig mit den großen Resultaten zu schaffen,, die im Leben erzielt werden. Obgleich einer oder der andere gelegentlich mit einem kühnen Wagnis einen sogenannten »glücklichen Treffer« macht, so stellt doch die gemeine Landstraße des zielbewußten und beharrlichen Fleißes die einzige sichere Reiseroute dar. Wie man sagt, pflegte der Landschaftsmaler Wilson, wenn er ein Bild in einer recht sauberen, korrekten Manier nahezu vollendet hatte, einige Schritte zurückzutreten und es dann – seinen langgestielten Pinsel in der Hand – eine Weile ernsthaft zu betrachten; worauf er plötzlich rasch darauf zuging und dem Gemälde mit ein paar kühnen Pinselstrichen noch einige brillante Effekte verlieh. Aber solche Effekte würde nicht jeder erzielen, der – in der Hoffnung, ein Bilde zustande zu bringen – mit seinem Pinsel über die Leinwand fahren wollte. Die Fähigkeit, solche letzten vollendenden Striche anzubringen, läßt sich nur durch die Arbeit eines Lebens erwerben: und es ist höchst wahrscheinlich, daß ein Künstler, dem eine vorausgehende sorgfältige Ausbildung fehlt, durch einen derartigen Versuch nicht »einen brillanten Effekt,« sondern einen Klecks hervorbringen würde. Beharrliche Aufmerksamkeit und emsiger Fleiß haben allezeit den gewissenhaften Arbeiter gekennzeichnet. Die größten Männer sind nicht diejenigen, welche die »alltäglichen Dinge verachten,« sondern jene, welche dieselben mit Sorgfalt zu veredeln suchen. Michel Angelo erklärte eines Tages einem Besucher seines Ateliers, welche Änderungen er seit seinem letzten Dortsein an einer Statue vorgenommen. »Ich habe diese Partie verbessert – jene geglättet – diesen Zug gemildert – jenen Muskel stärker hervortreten lassen – dieser Lippe mehr Ausdruck, jenem Glied mehr Kraft gegeben.« – »Aber das sind Kleinigkeiten,« bemerkte der Besucher. »Möglich,« versetzte der Bildhauer, »aber bedenken Sie, daß die Vollkommenheit aus Kleinigkeiten besteht, und daß die Vollkommenheit selbst keine Kleinigkeit ist.« So erzählte man auch von Nicholas Poussin, dem Maler, daß er es sich zur Lebensregel machte, »alles, was der Mühe wert war, möglichst gut auszuführen,« und als er in seinen späteren Jahren von seinem Freunde Vigneul de Marville gefragt wurde, wodurch er zu einem so hohen Ruhm unter den italienischen Malern gelangt sei, antwortete Poussin mit Nachdruck: »Dadurch, daß ich nichts vernachlässigt habe!« Obgleich man von Entdeckungen spricht, die durch Zufall gemacht sein sollen, so wird man doch meistens bei näherer Prüfung finden, daß der Zufall in Wirklichkeit wenig damit zu schaffen hatte. Diese sogenannten Zufälle sind größenteils nur Gelegenheiten gewesen, die der Genius geschickt zu benutzen verstand. Der Apfel, welcher Newton zu Füßen fiel, ist oft als Beweis für die Zufälligkeit einiger Entdeckungen angeführt worden. Aber Newtons Geist hatte sich schon seit Jahren mühevoll und geduldig mit der Erforschung der Gravitationsgesetze beschäftigt; und der vor ihm niederfallende Apfel war nur ein Umstand, der von seinem Genius erfaßt wurde und ihm blitzartig den ersten Strahl der herrlichen Wahrheit zeigte, die er zu entdecken berufen war. In ähnlicher Weise führten die einer gemeinen Tabakspfeife entsteigenden, prächtig gefärbten Seifenblasen – die in den Augen der meisten Menschen »Spielereien, leichtwiegend wie die Luft,« gewesen wären – den Dr. Young zu seiner schönen Theorie von der Interferenz der Lichtstrahlen und zu neuen Entdeckungen bezüglich der Brechung derselben. Obwohl man gemeinhin anzunehmen pflegt, daß große Männer sich nur mit großen Dingen befassen, so sind doch Leute wie Newton und Young allezeit bereit gewesen, die Bedeutung der alltäglichsten und einfachsten Umstände anzuerkennen: und ihre Größe hat sich hauptsächlich in der weisen Auffassung derselben offenbart. Der Unterschied zwischen den Menschen besteht vorzüglich in der verschiedenen Schärfe ihrer Beobachtungsgabe. Ein russisches Sprichwort sagt in Bezug auf unaufmerksame Leute: »Sie gehen durch den Wald und finden kein Brennholz.« und der weise Salomo läßt sich so vernehmen: »Der Weise hat seine Augen im Kopfe; aber der Narr wandelt im Dunkeln.« »Mein Herr,« sagte Johnson einmal zu einem vornehmen Touristen, der gerade aus Italien zurückgekehrt war »manche Leute beobachten und lernen mehr in der Hamsteader Postkutsche als andere auf einer Rundreise durch Europa.« Nicht nur das Auge, sondern auch der Geist muß sehen. Wo der unaufmerksame Beobachter nichts wahrnimmt, dringt ein intelligentes Auge in das tiefste Wesen der Erscheinungen ein, beachtet sorgfältig alle Unterschiede, stellt Vergleichungen an und sucht die zu Grunde liegenden Gesetze zu erforschen. Schon mancher hatte vor Galileis Zeit ein – vielleicht an einer Schnur – aufgehängtes Gewicht in regelmäßiger Bewegung hin und her schwingen sehen; und doch war jener Gelehrte der erste, der die Bedeutung dieser Erscheinung ernannte. Einer der Kirchendiener des Domes zu Pisa füllte eine von der Decke herabhängende Lampe mit Öl und versetzte sie dadurch in Schwingungen, die auch nach seiner Entfernung noch weiter dauerten; Galilei, damals ein Jüngling von achtzehn Jahren, beobachtete aufmerksam diese pendelartigen Bewegungen und kam dabei auf den Gedanken, sie zur Messung der Zeit zu benutzen. Indessen mußte er noch fünfzig Jahre lang forschen und studieren, bevor er das Pendel erfand, dessen Bedeutung für die Messung der Zeit und auch für astronomische Berechnungen nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Auf ähnliche Art wurde Galilei durch die zufällige Mitteilung, daß ein gewisser, Lippershey, ein holländischer Optikus, dem Grafen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht habe, mit dessen Hilfe ferne Gegenstände dem Beschauer näher gerückt erschienen, dazu veranlaßt, sich mit der Erforschung der Ursache einer solchen Erscheinung zu beschäftigen – was ihn schließlich zu der Erfindung des Teleskops führte, welches für die Wissenschaft der Astronomie den Anfang einer neuen Ära bedeutete. Derartige Entdeckungen würde ein unaufmerksamer Beobachter oder ein bloß passiver Zuhörer nie gemacht haben. Der Kapitän (und nachmalige Sir Samuel) Brown ging einmal – zu einer Zeit, da er eine billige Brücke über den benachbarten Tweed zu bauen beabsichtigte und sich demgemäß eifrig mit dem Studium der verschiedenen Brückenkonstruktionen beschäftigte – an einem taufrischen Herbstmorgen in seinem Garten spazieren und sah über seinem Wege ein Spinnennetz hängen. Augenblicklich kam ihm der Gedanke, daß man in ähnlicher Weise eine Brücke aus Drahtseilen oder Eisenketten herstellen könnte; und das Resultat dieser Erwägung war die Erfindung seiner Hängebrücke. Als James Watt einen Rat über die Art und Weise zu erteilen hatte, in welcher man Wasser mit Hilfe von Röhren unter dem unebenen Bett des Clyde fortführen könnte, wandte sich seine Aufmerksamkeit einst bei Tische der Schale eines ihm dargereichten Hummers zu: und nach dem Modell derselben erfand er eine eiserne Röhre, die sich bei ihrer Anwendung als zweckmäßig erwies. Sir Isambert Brunel ließ sich über die Konstruktion des von ihm zu erbauenden Themsetunnels zuerst von dem winzigen Bohrwurm unterrichten. Er sah, wie dies kleine Geschöpf mit seinem wohlbewaffneten Kopfe die Planken zuerst in der einen, dann in der anderen Richtung durchbohrte, bis der Bogengang fertig war; worauf die Decke und die Seitenwände mit firnisartigem Schleim beschmiert wurden. Durch Nachahmung dieser Arbeit in vergrößertem Maßstabe brachte Brunel schließlich das Schirmdach seines Tunnels zustande und vollendete sein großartiges Bauwerk. Das intelligente Auge des aufmerksamen Beobachters allein vermag den Wert solcher zumeist als unbedeutend geltenden Erscheinungen zu erfassen. Ein so geringfügiger Umstand wie der Anblick eines an seinem Schiff vorübertreibenden Bündels Seegras befähigte Kolumbus, die ausbrechende Meuterei seiner an der Entdeckung des Landes verzweifelnden Seeleute zu unterdrücken und in denselben die Zuversicht zu erwecken, daß die ersehnte neue Welt nicht mehr fern sei. Nichts ist so klein, daß es nicht der Beachtung wert wäre; und die geringfügigste Thatsache kann in irgend einer Weise nützlich werden, wenn sie nur richtig verstanden wird. Erscheint es nicht fast unglaublich, daß die berühmten »Kreidefelsen Albions« von winzigen, erst mit Hilfe des Mikroskops entdeckten Lebewesen erbaut sein sollen, die eben derselben Tierklasse angehören, welche den Ocean mit Koralleninseln durchsetzt hat? Und wer wollte es angesichts solcher außerordentlichen und doch mit so geringen Mitteln erzielten Resultate wagen, die Bedeutung auch der kleinsten Dinge anzuzweifeln? Gerade in der genauen Beobachtung von Kleinigkeiten liegt das Geheimnis des Erfolgs sowohl im Geschäftsleben als auch in der Kunst, der Wissenschaft und jeder anderen Bestrebung. Das menschliche Wissen stellt nur eine Anhäufung kleiner Thatsachen dar, die durch die aufeinander folgenden Generationen der Menschen gesammelt wurden – geringfügige Bruchstücke der Erkenntnis und Erfahrung, die – sorgfältig aufgespeichert – allmählich zu einer mächtigen Pyramide heranwuchsen. So unbedeutend viele dieser Thatsachen und Beobachtungen auch anfänglich zu sein schienen, so haben sie sich doch alle gelegentlich als nützlich erwiesen und im Bau der Wissenschaft ihre Stelle ausgefüllt. Selbst mancher wunderlich anmutende Gedanke wurde in der Folge zur Basis höchst greifbarer und praktischer Resultate. Nachdem Apollonius Pergäus die Kegelschnitte entdeckt, verstrichen zwei Jahrtausende, bis dieselben zur Grundlage der Astronomie gemacht wurden – jener Wissenschaft, welche es dem modernen Seefahrer ermöglicht, unbeirrt durch unbekannte Meere zu steuern, und welche ihm in den Gestirnen des Himmels untrügliche Wegweiser giebt, die ihn zu dem ersehnten Hafen führen. Und hätten sich die Mathematiker nicht so lange – und nach der Meinung der Laien ohne Zweck – mit den abstrakten Verhältnissen der Linien und Flächen beschäftigt, so hätten wahrscheinlich wenige unserer mechanischen Erfindungen das Licht erblickt. Als Franklin den Zusammenhang zwischen dem Blitz und der Elektrizität entdeckt hatte, wurde er ausgelacht, und die Leute fragten ihn: »Was nützt das?« Seine Antwort darauf lautete: »Was nützt ein Kind? – Es kann ein Mann werden!« – Als Galvani die Wahrnehmung machte, daß ein Froschschenkel bei der Berührung mit verschiedenen Metallen in Zuckungen geriet, konnte wohl noch niemand ahnen, daß ein anscheinend so geringfügiger Umstand einst zu so wichtigen Resultaten führen würde. Und dennoch lag darin bereits der Keim des elektrischen Telegraphen, welcher eine geistige Verbindung zwischen den verschiedenen Erdteilen herstellt und in nicht zu langer Zeit »den Erdball umspannen wird.« Kleine Bruchstücke von Steinen und Fossilien, die aus der Erde gegraben wurden, haben bei verständiger Deutung die Wissenschaft der Geologie geschaffen und zu den praktischen Bestrebungen des Bergbaues geführt, in welchen beträchtliche Kapitalien angelegt sind und eine große Anzahl von Personen lohnende Beschäftigung findet. Die gewaltige Maschinerie, welche zum Auspumpen unserer Minen oder zum Treiben unserer Mühlen und Fabriken – unserer Dampfer und Lokomotiven gebraucht wird, findet die Quelle ihrer Kraft in kleinen Wasserköpfen, die durch die Hitze ausgedehnt werden – in jenem wohlbekannten Agens, welches als harmloser »Dampf« der Gußröhre unseres Theekessels entströmt; welches aber – sobald es in einen sinnreich erfundenen Mechanismus eingeschlossen wird – eine Wirkung haben kann, die Millionen Pferdekräften gleichkommt und der Gewalt des Sturmes und der Wogen zu trotzen vermag. Dieselbe Kraft ist durch ihr Wirken in den Eingeweiden der Erde die Ursache jener vulkanischen Ausbrüche und Erderschütterungen geworden, die in der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten eine so große Rolle gespielt haben. Wie man erzählt, wurde der Marquis von Worcester erst während seiner Gefangenschaft im Tower auf die Kraft des Dampfes aufmerksam und zwar dadurch, daß ein dichtschließender Deckel, der auf einem Gefäß mit heißem Wasser lag, plötzlich vor seinen Augen herunterflog. Er veröffentlichte das Resultat seiner Beobachtungen in seinem »Jahrhundert der Erfindungen,« welches eine Zeitlang eine Art Handbuch für diejenigen war, welche sich mit der Erforschung der Dampfkraft beschäftigten; bis Savary, Newcomen und andere dieselbe praktisch nutzbar machten und die Dampfmaschine auf jene Stufe der Vollendung hoben, auf welcher sie Watt vorfand, als er dazu aufgefordert wurde, jenes der Glasgower Universität gehörige Modell der Newcomenschen Maschine zu reparieren. Dieser zufällige Umstand war für Watt eine Gelegenheit, die er nicht zögerte auszunützen, und die Vervollkommnung der Dampfmaschine wurde die Aufgabe seines Lebens. Das große Geheimnis des Erfolgs besteht darin, daß man Gelegenheiten und selbst Zufälligkeiten mit Geschick zu ergreifen und nutzbar zu machen weiß. Nach Dr. Johnsons Definition ist der Genius »ein Geist von bedeutender allgemeiner Begabung, die sich zufällig einer bestimmten Richtung zuwendet.« Diejenigen, welche entschlossen sind, sich einen Weg zu bahnen, werden immer Gelegenheiten dazu finden, und wenn diese ihnen nicht gleich zur Hand liegen, so werden sie sich dieselben zu schaffen wissen. Die größten Leistungen in Kunst und Wissenschaft haben nicht jene Leute vollbracht, welche sich der Vorteile der Gymnasien, Museen und öffentlichen Galerien haben bedienen dürfen, und ebensowenig sind die größten Mechaniker und Erfinder aus technischen Schulen hervorgegangen. Die Not ist häufiger die Mutter der Erfindungen gewesen als das Wohlleben, und die nützlichste aller Schulen ist die Schule der Mühsal. Einige der allerbesten Arbeiter haben sich der armseligsten Wertzeuge bedienen müssen. Die Tüchtigkeit des Arbeiters hängt eben nicht von der Güte der Werkzeuge, sondern von der wohlgeschulten Geschicklichkeit und Beharrlichkeit des Mannes selber ab. Es ist eine landläufige Entschuldigung des schlechten Arbeiters, daß es ihm nur an einem guten Werkzeug gefehlt habe. Opie wurde einmal von jemand gefragt, durch welches Kunststück er seine wundervollen Farbenmischungen hervorbringe, worauf er die Antwort gab: »Ich mische die Farben mit meinem Verstand, mein Herr!« Ähnlich muß jeder Arbeiter verfahren, der sich auszeichnen will. Ferguson schuf Wunderwerke – z. B. eine Wanduhr aus Holz, die genau die Stunden anzeigte – mit Hilfe eines gewöhnlichen Federmessers, wie es von jedermann gebraucht wird; aber es ist eben nicht jedermann ein Ferguson. Eine Schale mit Wasser und zwei Thermometer – das waren die Instrumente, mit welchen Dr. Black die latente Wärme entdeckte, und ein Prisma, eine Linse und ein Bogen Pappe machten es Newton möglich, die Zusammensetzung des Sonnenlichts und den Ursprung der Farben zu ergründen. Ein hervorragender Gelehrter des Auslands sprach einmal bei Dr. Wollaston vor und bat um die Erlaubnis, sein Laboratorium sehen zu dürfen, in welchem die Wissenschaft mit so vielen wichtigen Entdeckungen bereichert worden war. Darauf führte der Doktor seinen Gast in sein kleines Studierzimmer, zeigte ihm ein altes, auf dem Tische stehendes Theebrett, auf welchem sich mehrere Uhrgläser, ein paar Blätter Lackmuspapier, eine kleine Wage und ein Lötrohr befanden, und sagte: »Das da ist mein ganzes Laboratorium!« Stothard erlernte die Kunst der Farbenmischung dadurch, daß er genau die Flügel der Schmetterlinge beobachtete; er sagte häufig, niemand wisse, wie viel er diesen kleinen Insekten verdanke. Ein angebranntes Stückchen und eine Scheunenthür dienten Wilkie als Pinsel und Leinwand. Bewick machte seine ersten Versuche in der Zeichenkunst an den Wänden der Hütten seines heimatlichen Dorfes, die er mit Kreideskizzen bedeckte, und Benjamin West fabrizierte sich seine ersten Pinsel aus den Schwanzhaaren einer Katze. Ferguson legte sich zur Nachtzeit, in eine Bettdecke gehüllt, aufs Feld und entwarf eine Karte von den Himmelskörpern mit Hilfe eines Fadens mit aufgereihten kleinen Perlen, den er zwischen seinem Auge und den Gestirnen ausspannte. Franklin entriß der Wolke ihren Blitzstrahl zuerst durch einen Drachen, den er aus zwei über Kreuz gelegten Holzstäben und einem seidenen Taschentuch hergestellt hatte. Watt fabrizierte seinen ersten Kondensator aus einer alten anatomischen Spritze, mit welcher ehedem vor den Sektionen Einspritzungen in die Arterien der Leichen gemacht worden waren. Gifford löste als Lehrling eines Schuhflickers seine ersten mathematischen Probleme auf einem Lederläppchen, welches er zu diesem Zweck glatt geklopft hatte, und der Astronom Rittenhouse berechnete die Eklipsen zuerst auf einer der Sterzen seines Pfluges. Die alltäglichsten Umstände können für uns eine Gelegenheit oder ein Antrieb zur Vervollkommnung werden, sofern wir sie nur zu benutzen verstehen. Der Professor Lee wurde dadurch zum Studium des Hebräischen veranlaßt, daß er in einer Synagoge, in welcher er als einfacher Zimmermann die Bänke ausbesserte, eine in jener Sprache gedruckte Bibel vorfand. Sogleich erfaßte ihn der leidenschaftliche Wunsch, das Buch im Original lesen zu können, und nachdem er sich bei einem Antiquar ein billiges Exemplar einer hebräischen Grammatik gekauft, machte er sich an die Arbeit und erlernte die Sprache ohne Lehrer. Als der Herzog von Argyle Edmund Stone fragte, wie er als Sohn eines armen Gärtners es möglich gemacht habe, Newtons »Principia« in lateinischer Sprache zu lesen, gab der Gefragte Seiner Gnaden zur Antwort: »Man braucht nur die vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets zu kennen, um alles lernen zu können, was man sonst noch zu lernen wünscht.« Fleiß und Beharrlichkeit nebst sorgfältiger Benutzung der Umstände thun das übrige dazu. Sir Walter Scott fand in jeder Beschäftigung ein Mittel zur Selbstvervolllommnung und wußte sich jede Gelegenheit zu nutze zu machen. Während er die Funktionen eines Gerichtsschreibers erlernte, machte er seinen ersten Ausflug ins Hochland und schloß jene Freundschaften mit den damals noch lebenden Helden von 1745, welche ihm hernach den Stoff zu einem großen Teil seiner Werke lieferten. Als er in seinem späteren Leben das Amt eines Quartiermeisters der leichten Kavallerie zu Edinburg bekleidete, wurde er durch einen unglücklichen Zufall von einem Pferdehuf getroffen, welcher Umstand ihn für einige Zeit dienstunfähig machte und an das Zimmer fesselte. Aber Scott war ein geschworener Feind aller Trägheit und fing sogleich an, sich geistig zu beschäftigen. In drei Tagen war der erste Gesang von seinem »Lay of the last Ministrel« (»Lied des letzten Minnesängers«) fertig, und bald darauf beendete er das ganze Werk – seine erste große Originaldichtung. Die Aufmerksamkeit des Dr. Priestley, des Entdeckers so vieler Gasarten, wurde auf das Gebiet der Chemie durch den zufälligen Umstand hingelenkt, daß er in der Nähe einer Brauerei wohnte. Als er dieselbe eines Tages besichtigte, fielen ihm die eigentümlichen Erscheinungen auf, die das Verlöschen der brennenden Späne begleiteten, welche man in die über der gärenden Flüssigkeit lagernden Gase hineinhielt. Er war zu jener Zeit vierzig Jahre alt und verstand nichts von der Chemie. Er zog Bücher über die Sache zu Rate, fand durch sie aber wenig Aufschluß, da noch so gut wie nichts über den Gegenstand bekannt war. Nun fing er mit einem primitiven Apparat eigener Erfindung zu experimentieren an. Die merkwürdigen Resultate seiner ersten Versuche führten zu weiteren Experimenten, wodurch schließlich unter seinen Händen die Wissenschaft der Pneumatik ins Leben trat. Ungefähr zu derselben Zeit war der damals noch unbekannte Scheele in einem entlegenen schwedischen Dorfe auf dem gleichen Gebiet thätig und entdeckte mehrere neue Gasarten – thatsächlich ohne andere Apparate als ein paar Probiergläser und etliche Schweinsblasen. Auch Sir Humphry Davy stellte als Apothekerlehrling seine ersten Versuche mit Instrumenten primitivster Art an. Er fabrizierte den größten Teil derselben mit eigener Hand aus dem mannigfaltigen Material, welches der Zufall ihm darbot – aus den Töpfen und Tiegeln der Küche und aus den Probiergläsern, Flaschen und Krügen der Apotheke seines Lehrherrn. Nun begab es sich, daß ein französisches Schiff an dem Kap Landsend scheiterte, wobei jedoch der Schiffsarzt mit dem Leben davonkam und auch seinen Instrumentenkasten rettete, in welchem sich unter anderem eine altmodische Klistierspritze befand. Dieses letztere Instrument verehrte er Davy, mit welchem er bekannt geworden war. Der Apothekerlehrling zeigte sich über das Geschenk sehr entzückt und verwandte es sofort als Teil eines selbstkonstruierten pneumatischen Apparats, während es ihm später als Luftpumpe bei einem der Versuche dienen mußte, durch welche er das Wesen und die Entstehung der Wärme ergründen wollte. In ähnlicher Weise machte Sir Humphry Davys wissenschaftlicher Nachfolger – der Professor Faraday – zu der Zeit, da er noch als Buchbinder arbeitete, seine ersten Experimente auf dem Gebiet der Elektrizität mit Hilfe einer alten Flasche. Und es ist eine merkwürdige Thatsache, daß Faraday zu dem Studium der Chemie dadurch veranlaßt wurde, daß er eine Vorlesung mit anhörte, welche Sir Humphry Davy über diesen Gegenstand in der »Royal Institution« hielt. Als ein Mitglied derselben eines Tages in dem Laden vorsprach, in welchem Faraday als Buchbindergehilfe fungierte, fand er den jungen Mann damit beschäftigt, sich über den Begriff »Elektrizität« durch eine Encyklopädie zu unterrichten, die man ihm zum Einbinden übergeben hatte. Da nun der betreffende Herr durch Erkundigungen erfuhr, daß sich der junge Buchbinder für dergleichen Dinge interessierte, so verschaffte er ihm eine Eintrittskarte für die »Royal Institution,« in welcher Faraday auf solche Art einem Cyklus von vier Vorlesungen, die Sir Humphry hielt, beiwohnen durfte. Er machte sich darüber Notizen, die er dem Professor zeigte; dieser lobte ihre wissenschaftliche Genauigkeit und wunderte sich, als er hörte, welche bescheidene Stellung der junge Reporter bekleidete. Faraday sprach nun von seinem Wunsche, sich dem Studium der Chemie zu widmen, wovon Sir Humphry ihm anfänglich abriet. Da aber der junge Mann fest blieb, so fand er zuletzt als Assistent in der »Royal Institution« Aufnahme; und schließlich fiel der Mantel des genialen Apothekerlehrlings auf die würdigen Schultern des ebenso genialen Buchbindergehilfen. Die Worte, welche Davy mit ungefähr zwanzig Jahren – zu der Zeit, als er in Dr. Beddons Laboratorium arbeitete – in sein Tagebuch eintrug, sind für ihn außerordentlich charakteristisch; sie lauteten: »Ich kann zu meiner Empfehlung weder Reichtum noch Macht oder vornehme Geburt aufweisen; aber wenn ich am Leben bleibe, so hoffe ich zuversichtlich, daß ich der Menschheit und meinen Freunden trotzdem nicht weniger nützen werde, als wenn ich mit all jenen Vorzügen zur Welt gekommen wäre.« – Davy besaß die auch Faraday eigentümliche Fähigkeit, die ganze Kraft seines Geistes darauf zu verwenden, einen Gegenstand praktisch und experimentell in seinem ganzen Umfange zu erforschen; und solch einem Geist wird es in den meisten Fallen gelingen, durch bloßen Fleiß und geduldige Gedankenarbeit Resultate von höchstem Wert zu erzielen. Coleridge sagte von Davy: »Sein Geist besitzt eine Elastizität und Energie, die ihn befähigt, alle Fragen zu erfassen, zu analysieren und bis in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. In Davys Geist gewinnt jeder Gegenstand Leben. Unter seinem Fuß sprießen lebendige Gedanken hervor wie Gras auf dem Rasen.« Davy seinerseits urteilte über Coleridge, dessen Talent er sehr bewunderte, wie folgt: »Trotz, seines erhabenen Genies, seiner hochherzigen Anschauungen, seines warmen Gemüts und erleuchteten Geistes wird er das Opfer seines Mangels an Ordnung, Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit werden.« Der große Cuvier war ein merkwürdig genauer, sorgfältiger und fleißiger Beobachter. Schon als Knabe wurde er durch den Anblick eines Bandes von Buffons Werken, der ihm zufällig in die Hände fiel, lebhaft für die Naturgeschichte interessiert. Er begann sogleich die Abbildungen nachzuzeichnen, und sie nach den Beschreibungen des Textes zu kolorieren. Auf der Schule erhielt er von einem Lehrer das » Systema naturae « von Linné (Linnacus) zum Geschenk; und während eines Zeitraumes von mehr als zehn Jahren stellte dies Wert seine naturwissenschaftliche Bibliothek dar. Mit achtzehn Jahren nahm er eine Stelle als Hauslehrer bei einer in der Nähe von Fécamp in der Normandie lebenden Familie an. Da er nun so dicht an der See wohnte, lernte er die Wunder des Meeres aus eigener Anschauung kennen. Als er eines Tages am sandigen Ufer der See einherspazierte, bemerkte er einen gestrandeten Tintenfisch. Das seltsame Geschöpf erregte sein Interesse; er nahm es mit nach Hause, um es dort zu secieren; und hiermit begann er seine Forschungen auf dem Gebiet der Mollusken, welche ihm einen so großen Namen gemacht haben. Er besaß keine anderen Hilfsbücher als das eine große Buch der Natur, das vor ihm aufgeschlagen lag. Das Studium der neuen und interessanten Gegenstände, die sich täglich seinen Augen darboten, machte auf seinen Geist einen tieferen Eindruck, als es textliche oder bildliche Darstellungen vermocht hätten. Während der drei Jahre, die in solcher Weise verstrichen, verglich er die noch existierenden Arten der Seetiere mit den in der Umgegend gefundenen fossilen Überresten, secierte die ihm unter die Finger kommenden lebenden Exemplare und bahnte durch sorgfältige Beobachtungen eine vollständige Umwälzung in der wissenschaftlichen Einteilung des Tierreichs an. Um diese Zeit wurde Cuvier mit dem gelehrten Abbé Teissier bekannt, welcher an Jussieu und andere Pariser Freunde über die Untersuchungen des jungen Naturforschers in so lobenden Ausdrücken berichtete, daß Cuvier aufgefordert ward, einige seiner Aufzeichnungen an die »naturwissenschaftliche Gesellschaft« einzusenden, worauf er in kurzer Zeit zum Unterinspektor des »Jardin des Plantes« ernannt wurde. In dem Briefe, welchen Teissier an Jussieu schrieb, empfahl er seinem Freunde den jungen Naturforscher mit den Worten: »Sie wissen, daß ich der Akademie in einem anderen Zweige der Wissenschaft Delambre zugeführt habe – dieser wird ein zweiter Delambre sein!« Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, daß die Prophezeiung Teissiers sich reichlich erfüllte. Was also den Menschen im Leben vorwärts bringt, ist weniger der Zufall als der feste Wille und der beharrliche Fleiß. Schwachen, trägen und willenlosen Menschen können die glücklichsten Umstände nichts nützen; sie gehen an ihnen vorüber, ohne ihre Bedeutung zu erkennen. Dagegen ist es erstaunlich, wie viel derjenige zu leisten vermag, der die sich fortwährend darbietenden Gelegenheiten zum Handeln und Wirken ergreift und ausnützt. Watt beschäftigte sich mit dem Selbststudium der Chemie und Mechanik, während er sein Gewerbe als Verfertiger mathematischer Instrumente ausübte und gleichzeitig von einem Färber aus der Schweiz die deutsche Sprache lernte. Als Stephenson noch Maschinist war, studierte er wählend der Nachtschichten Arithmetik und Meßkunst ohne jede Unterweisung; und wenn er am Tage in den für die Mahlzeiten gewährten Ruhepausen einige Augenblicke erübrigen konnte, so rechnete er seine Exempel mit einem Stückchen Kreide auf den Wänden der Güterwagen aus. Bei Dalton machte der Fleiß eine lebenslängliche Gewohnheit aus. Er hat diese Tugend schon als Knabe bewiesen; denn er richtete – als er erst zwölf Jahre alt war – eine kleine Dorfschule ein, in welcher er im Winter Stunden gab, wogegen er im Sommer auf der Farm seines Vaters arbeitete. Obwohl er als Quäker erzogen war, eiferte er doch zuweilen seine Gefährten und sich selber durch eine Wette zum Lernen an. Bei einer derartigen Gelegenheit gewann er durch glückliche Lösung eines Problems so viel, daß er dafür einen Vorrat von Lichten für den Winter kaufen konnte. Er setzte seine meteorologischen Beobachtungen fast bis zu seinem letzten Tage fort und hat im Laufe seines Lebens deren mehr als 200,000 gemacht und aufgezeichnet. Durch beharrlichen Fleiß können die kleinsten Zeitreste zu wertvollen Resultaten verarbeitet werden. Eine Stunde den Tag, die dem Müßiggang oder wertlosen Bestrebungen entzogen würde, könnte es bei verständiger Anwendung einem Menschen von durchschnittsmäßiger Begabung möglich machen, eine Wissenschaft zu studieren. In weniger als zehn Jahren würde sich dadurch ein Unwissender in einen wohlunterrichteten Mann verwandeln. Wir sollten die Zeit nicht verstreichen lassen, ohne Früchte von ihr zu ernten: wir sollten etwas Wissenswertes lernen, uns edle Grundsätze aneignen und uns in guten Gewohnheiten üben. Dr. Mason übersetzte den Lukretius, während er auf den Londoner Straßen in seinem Wagen umherfuhr, um seine Krankenbesuche zu machen. In ähnlicher Weise verfaßte Dr. Darwin fast alle seine Werke auf seinem Einspänner, mit welchem er von einem ländlichen Patienten zum anderen kutschierte – wobei er seine Gedanken auf schmale Papierstreifen schrieb, die er zu diesem Zwecke bei sich trug. Hale hat seine »Betrachtungen« auf seinen Rundreisen geschrieben. Dr. Burney lernte Französisch und Englisch auf den Ritten, welche ihn zur Ausübung seines Berufs von einem Musikschüler zum anderen beförderten. Kirke White eignete sich die Kenntnis der griechischen Sprache auf den Gängen an, die ihn nach dem Bureau eines Rechtsanwalts oder wieder heim führten: und wir selbst kennen persönlich einen Mann in hervorragender Stellung, welcher Latein und Französisch lernte, während er als Laufbursche durch die Straßen Manchesters eilte. Daguesseau, einer der großen französischen Kanzler, schrieb mit sorgfältiger Benutzung jedes freien Augenblicks ein umfangreiches und wertvolles Buch fast ausschließlich in den kurzen Zeiträumen, während deren er auf sein Mittagessen warten mußte; und Madame de Genlis verfaßte mehrere ihrer reizenden Schriften in den Minuten, um welche sich das Eintreffen der Prinzessin verzögerte, der sie ihre täglichen Stunden zu geben hatte. Elihu Burritt schrieb seine ersten Erfolge in der Selbstvervollkommnung nicht seinem Genie zu, welches er leugnete, sondern einzig der sorgsamen Benutzung jener unschätzbaren Zeitsplitter, die man »freie Augenblicke« nennt. Während er als Grobschmied arbeitete und sich seinen Lebensunterhalt verdiente, erlernte er achtzehn alte und neuere Sprachen, sowie zweiundzwanzig europäische Dialekte. Welch eine feierliche und treffliche Ermahnung an die Jugend ist doch die Inschrift auf dem Zifferblatt der Uhr des Allerseelen-Kollegiums zu Oxford: »Pereunt et imputantur« – die Stunden verrinnen und werden auf unsere Rechnung geschrieben. Die Zeit ist das einzige kleine Bruchstück der Ewigkeit, welches dem Menschen gehört; und wenn sie entschwunden ist, kann sie – wie das Leben selbst – nicht wieder zurückgerufen werden. »Bei der Vergeudung irdischer Güter,« sagt Jackson von Exeter, »vermag zukünftige Sparsamkeit die gegenwärtige Verschwendung gut zu machen; aber wer darf sagen: Ich will aus den Minuten des morgenden Tages diejenigen ersetzen, die ich heute verlor?« Melanchthon merkte sich die verlorene Zeit an, um sich dadurch zu größerem Fleiße anzuspornen und keine Stunde seines Lebens ungenutzt zu lassen. Ein italienischer Gelehrter setzte über seine Thür eine Inschrift des Inhalts, daß jeder, der zu ihm käme, an seinen Arbeiten teilnehmen möchte. »Wir fürchten Sie zu stören,« sagten einmal einige Herren, die Baxter besuchen kamen. »Natürlich thun Sie das,« erwiderte der aus seiner Arbeit aufgescheuchte Theologe in seiner derben Weise. Die Zeit war das Kapital, mit dessen Hilfe diese und alle anderen großen Arbeiter jenen reichen Schatz von Gedanken und Werken sammelten, den sie der Nachwelt hinterlassen haben. Die Mühe, der sich manche Menschen bei der Ausführung ihrer Unternehmungen unterzogen haben, ist außerordentlich gewesen; aber sie sahen in derselben eben den Preis, der für den Erfolg gezahlt werden mußte. Addison schrieb drei Folianten Manuskript zusammen, ehe er sich an seinen »Spektator« heranwagte. Newton arbeitete seine »Chronology« fünfzehnmal um, bevor er damit zufrieden war; und Gibbon schrieb seine »Denkschrift« neunmal ab. Hale studierte während vieler Jahre täglich sechzehn Stunden; und wenn er durch die juristischen Studien ermüdet war, so suchte er Erholung in der Beschäftigung mit der Philosophie und Mathematik. Als Hume an seiner »Geschichte Englands« arbeitete, schrieb er täglich dreizehn Stunden. Indem Montesquieu mit einem Freunde über eine seiner Schriften sprach, äußerte er: »Du wirst dies in einigen Stunden durchlesen; aber ich sage dir, mir hat es so viel Mühe gemacht, daß ich davon graue Haare bekommen habe.« Besonnene und fleißige Männer haben vielfach die Gewohnheit gehabt, Gedanken und Thatsachen niederzuschreiben, um sie festzuhalten und ihr Entweichen in die dunkeln Regionen der Vergessenheit zu verhindern. Lord Bacon hinterließ viele Manuskripte mit der Aufschrift: »Flüchtige Gedanken, für späteren Gebrauch fixiert.« Erskine machte sich aus Burkes Schriften lange Auszüge; und Eldon schrieb Cokes Auslassungen über Littleton zweimal eigenhändig ab, sodaß er sie dadurch zu seinem geistigen Eigentum machte. Der verstorbene Dr. Pye Smith pflegte zu der Zeit, da er als Buchbinderlehrling bei seinem Vater arbeitete, sich umfangreiche Notizen mit Auszügen und kritischen Bemerkungen über alle Bücher zu machen, die er las. Dieser unermüdliche Sammelfleiß zeichnete ihn sein ganzes Leben hindurch aus; und sein Biograph erzählt von ihm, »er sei stets bei der Arbeit gewesen – immer vorwärts strebend, immer sammelnd.« Diese Merkbücher stellten – ähnlich wie Richters »Zettelkasten« – eine große Fundgrube dar, aus welcher er seine Beispiele herholte. Auch der treffliche John Hunter eignete sich diese Gewohnheit an, um dadurch seinem mangelhaften Gedächtnis nachzuhelfen. Er pflegte die Vorteile, welche man von einer solchen schriftlichen Aufzeichnung seiner Gedanken hat, in folgenden Worten zu schildern: »Man gleicht auf solche Art einem Kaufmann, der Inventur aufnimmt, ohne welche Maßregel er nie wissen könnte, was er eigentlich hat, oder was er braucht.« John Hunter, dessen Beobachtungsgabe so scharf war, daß Abernethy ihn meistens als den »Argusäugigen« bezeichnete, liefert uns ein schlagendes Beispiel für die Macht des geduldigen Fleißes. Fast bis zu seinem zwanzigsten Jahre hatte er wenig oder keinen Unterricht; und nur mit Mühe erlernte er die Kunst des Lesens und Schreibens. Er arbeitete einige Jahre als einfacher Zimmermann in Glasgow; dann aber zog er zu seinem Bruder, der sich in London als Lektor und Lehrer der Anatomie niedergelassen hatte. John fungierte nun als Assistent in dem Seciersaal seines Bruders, überflügelte den letzteren aber bald – teils kraft seiner natürlichen Begabung, hauptsächlich aber vermöge seines unermüdlichen Fleißes und beharrlichen Eifers. Er war in der Grafschaft einer der ersten, die sich dem mühsamen Studium der vergleichenden Anatomie widmeten; und zum Ordnen der von ihm hergestellten und gesammelten Präparate brauchte der Professor Owen nicht weniger als zehn Jahre. Die Sammlung enthält einige zwanzigtausend Nummern und ist der kostbarste Schatz dieser Art, der je durch den Fleiß eines einzelnen gesammelt wurde. Hunter brachte jeden Morgen von Sonnenaufgang bis acht Uhr in seinem Museum zu; tagsüber lag er dann seiner umfangreichen Privatpraxis ob; erledigte seine schweren Pflichten als Wundarzt des St. Georgshospitals und stellvertretender Generalarzt der Armee; hielt Vorlesungen für die Studenten; leitete in seinem eigenen Hause eine Schule der praktischen Anatomie und fand bei alledem noch Zeit zu eingehenden Untersuchungen über den Bau der Tiere wie auch zur Abfassung verschiedener Schriftwerke von hohem literarischen Wert. Um diese riesenhafte Arbeit bewältigen zu können, schlief er nur vier Stunden in der Nacht und eine Stunde nach Tische. Als ihn jemand fragte, auf welche Weise er sich denn bei seinen Unternehmungen den Erfolg sichere, erwiderte er: »Ich fange keine Arbeit an, ohne vorher zu überlegen, ob sie auch ausführbar ist. Erscheint sie mir das nicht, so unterlasse ich sie. Ist sie aber ausführbar, so muß ich imstande sein, sie mit dem nötigen Aufwand von Mühe zu bewältigen; und habe ich eine Sache erst einmal angefangen, so höre ich nicht eher damit auf, als bis sie fertig ist. Diesem Grundsatz verdanke ich alle meine Erfolge.« Hunter verwandte einen großen Teil seiner Zeit darauf, bestimmte Fakta über Gegenstände zu sammeln, die bisher für außerordentlich gleichgiltig angesehen wurden. So war es in den Augen vieler seiner Zeitgenossen nur eine Verschwendung Don Zeit und Mühe, wenn er so sorgfältig die Entwicklung eines Hirschgeweihs studierte. Aber Hunter hatte die Überzeugung, daß die genaue Kenntnis jeder wissenschaftlichen Thatsache von Wert sei. Durch das erwähnte Studium kam er zu der Erkenntnis, daß die Arterien sich den Umständen anpassen und sich erforderlichenfalls erweitern. Diese Erkenntnis gab ihm den Mut, bei einer Pulsadergeschwulst, die er zu behandeln hatte, den Hauptstrang der Arterie an einer Stelle zu unterbinden, wo dies noch kein Wundarzt vor ihm zu thun gewagt hatte; und auf solche Weise wurde, das Leben seines Patienten gerettet. Gleich vielen genialen Männern hat Hunter lange Zeit sozusagen »unterirdisch« gearbeitet, indem er grub und Fundamente legte. Er war ein selbstständiger und unabhängiger Geist, der seinen Kurs ohne die Aufmunterung der Sympathie oder des Beifalls verfolgte – denn nur wenige seiner Zeitgenossen begriffen den eigentlichen Zweck seiner Bestrebungen. Aber wie allen treuen Arbeitern fehlte es auch ihm nicht an jener besten Belohnung – die weniger von anderen als von uns selbst abhängt – dem Beifall des eigenen Gewissens, der unfehlbar jedem rechtschaffenen Menschen für redliche und energische Pflichterfüllung zu teil wird. Ambrose Paré, der große französische Wundarzt, stellt ein anderes hervorragendes Beispiel scharfer Beobachtungsgabe, geduldigen Fleißes und unermüdlicher Ausdauer dar. Er war der Sohn eines Barbiers aus Laval in Maine, wo er im Jahre 1509 geboren wurde. Seine Eltern waren zu arm, um ihn zur Schule zu schicken: aber sie brachten ihn als Dienstjungen bei dem Pfarrer des Dorfes unter, da sie hofften, der Knabe würde bei dem gelehrtem Herrn einige Brosamen der Bildung auflesen. Indessen hatte der Kleine mit der Versorgung des Maulesels seines Gebieters und mit anderen Dienstleistungen so viel Arbeit, daß ihm keine Zeit zum Lernen blieb. Während er noch in seiner Stellung war, begab es sich, daß der berühmte Steinoperateur Cotot eines Tages nach Laval kam, um einen der geistlichen Brüder des Pfarrers zu operieren. Paré war bei der Operation zugegen und wurde dadurch so lebhaft interessiert, daß er – wie man sagt – alsbald den Entschluß faßte, sich gleichfalls der Chirurgie zu widmen. Paré verließ nun das Haus des Geistlichen und trat bei einem Bader Namens Vialot in die Lehre, bei welchem er das Zuraderlassen und Zähneziehen sowie die Ausführung, kleinerer Operationen erlernte. Nach vierjähriger Vorbildung, dieser Art ging er nach Paris, um dort auf der anatomisch-chirurgischen Schule zu studieren, wobei er nebenher zur Beschaffung seines Unterhaltes das Gewerbe eines Barbiers betrieb. Später gelang es ihm, eine Anstellung als ärztlicher Gehilfe im Hôtel Dieu zu erhalten. Hier war nun seine Führung so musterhaft, und was er leistete, so vorzüglich, daß Goupil – der leitende Chirurg – ihm diejenigen Patienten anvertraute, mit denen er sich nicht selbst beschäftigen konnte. Nachdem Paré den üblichen Unterrichtskursus absolviert hatte, erhielt er das Diplom eines Wundarztes zweiter Klasse und bald danach eine Charge bei der unter Montmorench in Piemont stehenden französischen Armee. Paré war nicht der Mann dazu, sich in den alten ausgefahrenen Gleisen seines Berufes zu bewegen, vielmehr machte er sich bei seinem Wirken die Hilfsquellen seines feurigen und originellen Geistes zu nutze, der durch selbständiges Denken die Ursachen der Krankheiten und die entsprechenden Heilmittel zu finden suchte. Vor seiner Zeit hatten die Verwundeten mehr durch die Hände der Chirurgen als durch die der Feinde zu leiden. Um die Blutungen der von Flintenkugeln herrührenden Wunden zu stillen, bediente man sich des barbarischen Mittels, die letzteren mit siedendem Öl zu behandeln. Hämorrhoidale Blutungen stillte man durch Ausbrennen der Wunden mit rotglühendem Eisen; und wenn eine Amputation nötig war, so vollzog man sie mit einem rotglühenden Messer. Zuerst behandelte Paré die Wunden auch nach der hergebrachten Weise; zum Glück aber fehlte es ihm bei einer Gelegenheit an siedendem Öl, und er wandte daher ein mildes, erweichendes Mittel an. Die ganze Nacht durch quälte ihn die Furcht, daß er mit dieser Behandlung möglicherweise einen großen Fehler begangen habe: doch am nächsten Morgen machte er die beruhigende Wahrnehmung, daß sich seine Patienten verhältnismäßig wohl fühlten; während sich diejenigen, deren Wunden auf die alte Art behandelt worden waren, in Schmerzen wanden. Dies war der zufällige Ursprung einer der größten Verbesserungen, die Paré in der Behandlung der Schußwunden einführte, und die er selbst in allen folgenden Fällen zur Anwendung brachte. Eine andere, noch wichtigere Verbesserung bestand darin, daß er zur Stillung von Hämorrhoidal-Blutungen die Adern unterband, statt – wie damals üblich – das Brenneisen zu gebrauchen. Paré hatte jedoch das gewöhnliche Schicksal aller Neuerer und Reformatoren. Seine Kollegen erklärten seine Methode für gefährlich, berufswidrig und charlatanmäßig; und die älteren Chirurgen verbündeten sich, um eine allgemeine Annahme derselben zu verhindern. Sie warfen Paré seinen Mangel an Bildung, namentlich seine Unkenntnis der lateinischen und griechischen Sprache vor und griffen ihn mit Citaten aus den alten Schriftstellern an, die er weder prüfen noch widerlegen konnte. Aber die beste Antwort auf solche Angriffe waren die Erfolge, die er in seiner Praxis erzielte. Überall riefen die verwundeten Soldaten nach Paré; und jederzeit stand er ihnen zu Diensten. Er behandelte sie mit Sorgfalt und Freundlichkeit und verabschiedete sich gewöhnlich von ihnen mit den Worten: »Ich habe euch den Verband angelegt; Gott möge eure Wunden heilen!« Nachdem Paré drei Jahre als Militärwundarzt thätig gewesen, kehrte er nach Paris zurück; und so groß war der Ruf, der ihm voranging, daß er sogleich zum Leibchirurgen des Königs ernannt ward. Als Metz unter Karl V, von der spanischen Armee belagert wurde, erlitt die Garnison schwere Verluste: und die Zahl der Verwundeten war sehr bedeutend. Die Wundärzte waren gering an Zahl und außerdem unfähige Leute, sodaß wahrscheinlich mehr Soldaten durch ihre schlechte Behandlung als durch das Schwert der Spanier umkamen. Da schrieb der Herzog von Guise, der die Garnison befehligte, an den König und flehte ihn an, ihm Paré zur Hilfe zu schicken. Der wackere Wundarzt begab sich sogleich auf die Reise, und nachdem er mannigfachen Gefahren glücklich entgangen (nach seinen eigenen Worten: »d'estre pendu, estranglé ou mis en pièces«) gelang es ihm, die feindlichen Linien zu passieren und ohne Schaden die Stadt Metz zu erreichen. Der Herzog, die Generäle und Kapitäne empfingen ihn sehr freundlich; die Soldaten aber riefen, als sie von seiner Ankunft hörten, mit Entzücken: »Nun fürchten wir nicht mehr, daß wir an unseren Wunden sterben werden: denn unser Freund ist bei uns!« – Im folgenden Jahre befand sich Paré unter ähnlichen Umstanden in der belagerten Stadt Hesdin, die sich nach kurzer Zeit dem Herzog von Savoyen ergeben mußte, wobei auch Paré gefangen genommen wurde. Da es ihm aber gelang, einen höheren Offizier der feindlichen Armee von einer schweren Wunde zu heilen, so wurde er ohne Lösegeld entlassen und kehrte wohlbehalten nach Paris zurück. Den Rest seines Lebens verwandte er zum Studium, zur Selbsterziehung, zu religiösen Übungen und guten Werten. Auf die Aufforderung einiger der berühmtesten Männer seiner Zeit berichtete er über die Resultate seiner wundärztlichen Praxis in achtundzwanzig Büchern, die er zu verschiedenen Seiten erscheinen ließ. Seine Schriften sind hauptsächlich dadurch wertvoll und merkwürdig, daß er in ihnen eine große Anzahl von Thatsachen und Beispielen anführt, es aber sorgfältig vermeidet, rein theoretische, nicht durch die Erfahrung bestätigte Ansichten auszusprechen. Obwohl Paré Protestant war, blieb er doch der ständige Leibarzt des Königs: und in dem Gemetzel der Bartholomäusnacht wurde ihm sein Leben nur durch die persönliche Freundschaft Karls IX. erhalten, den er bei einer Gelegenheit von den gefährlichen Folgen einer Verwundung gerettet hatte, die ihm ein ungeschickter Chirurg bei einem Aderlaß beigebracht. Brantôme beschreibt in seinen »Memoiren« die Art, in welcher der König seinen Leibarzt wahrend der Bartholomäusnacht beschützte, mit folgenden Worten: »Der König ließ ihn holen und behielt ihn die Nacht über in seinem Schlaf- und Ankleidezimmer, mit dem Befehl, sich nicht zu regen; denn er sagte, es wäre ein Wahnwitz, wenn ein Mann, der das Leben so vieler Menschen gerettet, selbst ermordet werden sollte.« So entging Paré den Schrecknissen jener fürchterlichen Nacht, nach welcher er noch viele Jahre lebte, bis er endlich – reich an Jahren und Ehren – in Frieden von dieser Welt Abschied nahm. Harvey war ein ebenso unermüdlicher Arbeiter wie irgend einer der vorerwähnten Männer. Er verbrachte nicht weniger als acht lange Jahre mit Forschungen und Untersuchungen, ehe er seine Theorie von der Cirkulatiun des Blutes veröffentlichte. Er wiederholte und prüfte seine Experimente immer von neuem – wahrscheinlich in Vorahnung der Anfeindungen, denen er später – bei dem Bekanntwerden seiner Entdeckung – seitens seiner Berufsgenossen ausgesetzt war. Die Abhandlung, in welcher er endlich seine Ansichten darlegte, war im Ton sehr bescheiden, aber in der Darstellung einfach, klar und logisch. Trotzdem wurde sie als das Werk eines hirnverrückten Betrügers gebrandmarkt und verlacht. Während langer Zeit fand der Verfasser nicht einen einzigen Anhänger und erntete nichts als Schimpf und Spott. Er hatte die geheiligte Autorität des Althergebrachten angegriffen: ja, man behauptete sogar, daß seine Ansichten darauf hinausliefen, das Ansehen der heiligen Schrift zu erschüttern und die Grundlagen der Moral und Religion zu untergraben. Seine kleine Praxis geriet in Verfall, und er wurde fast von allen Freunden verlassen. So blieb es lange Zeit, bis die große Wahrheit, an der Harvey in allem Mißgeschick festhielt, nach einer Periode von fünfundzwanzig Jahren – während welcher sie in vielen denkenden Geistern Wurzel geschlagen und sich bei weiterer Beobachtung immer deutlicher offenbart hatte – endlich allgemein als eine feststehende wissenschaftliche Thatsache anerkannt wurde. Mit fast noch größeren Schwierigkeiten hatte Dr. Jenner bei der Bekanntmachung und beabsichtigten Einführung der von ihm erfundenen Schutzblattern zu kämpfen. Schon viele vor ihm hatten die Kuhpocken beobachtet und kannten den unter den Milchmädchen von Gloucestershire verbreiteten Glauben, daß man nach Überstehung jener Krankheit vor den echten Pocken sicher sei. Man sah dies aber nur für ein nichtssagendes Pöbelgeschwätz an, das keinerlei Beachtung verdiente, und niemand hatte sich die Mühe genommen, dasselbe näher zu untersuchen, bis zufällig Jenner darauf aufmerksam wurde. Er lag als junger Mann seinen Studien in Sodbury ob, als eines Tages sein Interesse durch eine gelegentliche Bemerkung von seiten eines Landmädchens erregt wurde, das seinen Lehrherrn in seinem Baderladen um Rat fragen kam. Man sprach von den schwarzen Blattern, wobei das Mädchen sagte: »Ich kann die Krankheit nicht bekommen; denn ich habe die Kuhpocken gehabt.« Diese Worte blieben in Jenners Gedächtnis haften, und er machte sich sogleich daran, über den Gegenstand Erkundigungen einzuziehen und eigene Beobachtungen anzustellen. Seine Kollegen, denen er seine Ansichten über die prophylaktische Wirkung der Kuhpocken mitteilte, verlachten ihn und drohten sogar, ihn aus ihrem Verein auszustoßen, wenn er sie noch weiter mit diesem Thema belästigen würde. In London hatte er das Glück, unter der Leitung John Hunters zu studieren, welchen er mit seinen Ideen bekannt machte. Der Rat, den der große Anatomiker ihm erteilte, war äußerst charakteristisch: »Denken Sie nicht, sondern probieren Sie! seien Sie geduldig und beobachten Sie scharf!« Dieser Rat ermutigte Jenner und führte ihn zu der wahren Kunst der philosophischen Forschung. Er ging aufs Land zurück, um seinen Beruf auszuüben und Beobachtungen und Experimente anzustellen, die er zwanzig Jahre lang fortsetzte. Er hatte einen so unbedingten Glauben an seine Entdeckung, daß er seinen eigenen Sohn bei drei verschiedenen Gelegenheiten impfte. Endlich veröffentlichte er seine Ansichten in einem Quartheft von etwa siebzig Seiten, worin er auf genaue Weise dreiundzwanzig Fälle von erfolgreicher Pockenimpfung beschrieb, bei welchen sich die geimpften Personen später vollkommen unempfindlich sowohl gegen die ansteckende Wirkung als auch gegen eine Einimpfung der schwarzen Pocken gezeigt hatten. Diese Abhandlung erschien erst im Jahre 1798, obwohl Jenner sich mit den darin enthaltenen Ideen schon seit dem Jahre 1775 beschäftigte und dieselben für ihn bereits damals greifbare Gestalt anzunehmen begannen. Und wie nahm man die Entdeckung auf? Zuerst mit Gleichgültigkeit, dann mit geschäftiger Gehässigkeit. Jenner reiste nach London, um seinen Berufsgenossen das Verfahren und die Erfolge der Pockenimpfung zu demonstrieren. Aber nicht ein einziger Mediziner wollte sich herbeilassen, eine Probe damit zu machen, und nachdem Jenner fast drei Monate vergeblich gewartet, kehrte er in sein Heimatsdorf zurück. Man karikierte und verspottete ihn sogar wegen seines Versuchs, die Menschheit durch Einimpfung eines Krankheitsstoffes aus dem Euter einer Kuh zu »bestialisieren.« Auf den Kanzeln wurden die Schutzblattern für eine »teuflische« Erfindung erklärt. Es wurde behauptet, daß geimpfte Kinder »Ochsenstirnen« bekämen; daß sich »an Stelle der hervorbrechenden Hörner« Geschwüre bildeten, und daß sich »die Physiognomie allmählich in die einer Kuh, die Stimme aber in das Brüllen eines Stieres verwandle.« Bei alledem waren die Schutzblattern eine Wahrheit, und trotz der Heftigkeit der Opposition breitete sich der Glaube daran allmählich immer mehr aus. In einem Dorfe, wo ein Besitzer die Pockenimpfung einführen wollte. wurden die ersten Personen, welche sich derselben unterzogen, geradezu mit Steinwürfen in ihre Häuser zurückgetrieben, sobald sie sich auf der Straße zeigten. Als aber zwei vornehme Damen – die Lady Ducie und die Gräfin von Berkeley – den des Rühmens und Berichtens werten Mut hatten, ihre Kinder impfen zu lassen, wurde die Macht der herrschenden Vorurteile mit einem Schlage gebrochen. Die Ärzte gaben allmählich klein bei, und einige derselben versuchten sogar, dem Dr. Jenner das Verdienst der inzwischen zur Anerkennung gelangten Entdeckung streitig zu machen. Indes triumphierte schließlich Jenners gerechte Sache, und er wurde öffentlich geehrt und belohnt. Er blieb aber im Glück genau so bescheiden, wie er es in ungünstigeren Verhältnissen gewesen war. Man forderte ihn auf, sich in London niederzulassen, und stellte ihm dort eine Praxis in Aussicht, die ein Jahreseinkommen von 10,000 Pfund repräsentierte. Seine Antwort lautete: »Nein! Am Morgen meines Daseins habe ich die abgelegenen und niederen Pfade des Lebens aufgesucht – die Thaler und nicht die Berge, und jetzt – am Abend meiner Tage – ziemt es sich nicht für mich, auf steilem Wege dem Glück oder Ruhm nachzujagen.« Noch bei Jenners Lebzeiten wurde die Pockenimpfung in der ganzen civilisierten Welt eingeführt, und als er starb, galt er in allen Landen als ein Wohlthäter der Menschheit. Cuvier hat gesagt: »Wenn die Schutzblattern die einzige Entdeckung der Epoche wären, so würden sie derselben dennoch ewigen Ruhm verleihen, und trotzdem hat diese Erfindung zwanzigmal vergeblich an die Thüren der Akademien geklopft.« Nicht weniger geduldig, entschlossen und ausdauernd zeigte sich Sir Charles Bell bei seinen Forschungen und Entdeckungen hinsichtlich des Nervensystems. Vor seiner Zeit herrschten die verworrensten Ansichten über die Funktionen der Nerven, und die Wissenschaft war auf diesem Gebiet nicht viel weiter gekommen als zu den Zeiten der dreitausend Jahre früher lebenden Demokritos und Anaxagoras. Sir Charles Bell vertrat in einer wertvollen Reihe von Schriften, mit deren Herausgabe er im Jahre 1821 begann, eine ganz neue Auffassung des Gegenstandes, die auf einer langen Reihe sorgfältiger, genauer und oft wiederholter Experimente beruhte. Indem er eingehend die Entwicklung des Nervensystems aller Lebewesen – von der niedrigsten Tiergattung an bis hinauf zum Menschen, der Krone der belebten Schöpfung – verfolgte, stellte er dasselbe »so vollkommen dar, als ob es« – um seine eigenen Worte zu gebrauchen – »in unserer Muttersprache geschrieben wäre.« Seine Hauptentdeckung bestand in der Erkenntnis der Thatsache, daß die aus dem Rückgrat kommenden Nerven sowohl eine doppelte Wurzel im Rückenmark als auch doppelte Funktionen haben – indem der aus der einen Wurzel entspringende Faden die Willensthätigkeit, der andere das Gefühl vermittelt. Sir Charles Bell war mit diesen Untersuchungen vierzig Jahre lang beschäftigt, bis er im Jahre 1840 seine letzte Abhandlung der »Königlichen Gesellschaft« (»Royal Society«) vorlegte. Es erging ihm wie Harvey und Jenner; nachdem der Spott und Widerspruch, dem seine Ansichten zuerst begegneten, verstummt und ihre Wahrheit anerkannt worden war, suchte man ihm die Priorität in der Entdeckung von allen Seiten streitig zu machen, sowohl in der Heimat als auch in anderen Ländern. Wie bei jenen beiden Männern verschlechterte sich auch bei ihm die Praxis nach der Veröffentlichung seiner Schriften, und er selbst berichtet, daß er bei jedem weiteren Schritt, den er in seinen Entdeckungen machte, gezwungen war, schwerer zu arbeiten als zuvor, um seinen Ruf als praktischer Arzt zu behaupten. Trotzdem wurden die großen Verdienste dieses Mannes noch bei seinen Lebzeiten anerkannt; und als Cuvier auf seinem Sterbebette lag und im Spiegel sah, daß sein Gesicht verzerrt und schief erschien, erklärte er dies Symptom den Anwesenden als einen Beweis von der Richtigkeit der Theorie des Sir Charles Bell. Ein ebenso eifriger Jünger desselben Zweiges der Wissenschaft war der verstorbene Dr. Marshall Hall, den die Nachwelt nicht minder hoch stellen wird als Harvey, Hunter, Jenner und Bell. Während der ganzen Dauer seines langen und nützlichen Lebens war er ein äußerst sorgsamer und scharfer Beobachter, und keine, anscheinend noch so geringe Thatsache entging seiner Aufmerksamkeit. Seine wichtige Entdeckung des diastaltischen Nervensystems, um derentwillen sein Name nicht so bald in der Wissenschaft vergessen werden wird, entsprang einem äußerst geringfügigen Umstand. Er wollte eines Tages die Atmungsorgane eines Salamanders untersuchen und hatte zu diesem Zwecke das seines Kopfes beraubte Tier vor sich auf den Tisch gelegt. Er schnitt nun den Schwanz ab, als er aber hinterher noch einmal in die äußere Haut desselben stach, bemerkte er, daß das abgetrennte Glied sich heftig zu bewegen und sich auf mannigfache Art zu winden anfing. Er hatte weder einen Muskel noch einen Nervenstrang berührt – woher also kamen diese Bewegungen? Dieselben Erscheinungen waren vermutlich schon oft zuvor beobachtet worden, aber Dr. Hall war der erste, der sich ernstlich mit der Erforschung ihrer Ursachen beschäftigte, und er rief bei jener Gelegenheit aus: »Ich will nicht eher ruhen, als bis ich alles ergründet und klargelegt habe.« Er verwandte auf diesen Gegenstand eine fast unausgesetzte Aufmerksamkeit, und man hat nachgerechnet, daß er im Laufe seines Lebens nicht weniger als 25,000 Stunden seinen experimentellen und chemischen Untersuchungen gewidmet hat. Zu gleicher Zeit besorgte er seine umfangreiche Privatpraxis und wirkte als Lektor am St. Thomas-Hospital und anderen ärztlichen Schulen. Man sollte es kaum glauben, daß die Schrift, in welcher er seine Entdeckung niederlegte, von der »Königlichen Gesellschaft« zurückgewiesen und erst nach siebzehn Jahren angenommen wurde, nachdem die Wahrheit seiner Behauptungen bereits von zahlreichen Männern der Wissenschaft des In- und Auslandes bestätigt worden war. Das Leben Sir William Herschels ist ebenfalls ein bemerkenswerter Beweis für die Macht der Beharrlichkeit, wenn auch auf einem anderen Gebiet der Wissenschaft. Sein Vater war ein armer deutscher Musiker, der seine vier Söhne für denselben Beruf erzog. William kam nach England, um hier sein Glück zu versuchen, und trat in die Durhamer Militärkapelle ein, in welcher er die Oboe blies. Das Regiment stand in Doncaster, und hier wurde Dr. Miller zuerst auf Herschel aufmerksam und mit ihm bekannt, nachdem er ihn ein sehr schönes Violinsolo hatte vortragen hören. Der Doktor ließ sich in eine Unterhaltung mit dem jungen Manne ein und fand an ihm ein so großes Wohlgefallen, daß er ihm zuredete, aus der Militärkapelle auszutreten und einige Zeit bei ihm zu wohnen. Herschel that dies und wirkte während seines Aufenthalts in Doncaster in vielen Konzerten als Violinspieler mit, während er in seinen Mußestunden die Bibliothek des Dr. Miller durchstudierte. Als die Kirche zu Halifax eine neue Orgel erhielt, suchte man für sie einen Organisten, und als Herschel sich um diese Stelle bewarb, wurde sie ihm verliehen. Das Wanderleben eines Künstlers führend, ging er bald darauf nach Bath, wo er Mitglied der Badekapelle wurde und gleichzeitig als Organist an der Oktogon-Kapelle fungierte. Da einige neue Entdeckungen auf dem Gebiet der Astronomie sein Interesse erregt und ihn außerordentlich wißbegierig gemacht hatten, so lieh er sich von einem Freunde ein zwei Fuß langes Gregorysches Teleskop. Die Wissenschaft zog den armen Musiker so mächtig an, daß er sogar auf den Gedanken kam, sich ein Teleskop zu kaufen; aber der Preis, den der Londoner Optikus forderte, war so verblüffend, daß er selbst eins anzufertigen beschloß. Diejenigen, welche die Konstruktion eines Reflexions-Teleskops kennen, und welche wissen, was für eine Geschicklichkeit zur Herstellung des konkaven Metallspiegels erforderlich ist, welcher den wichtigsten Teil des Instruments bildet, werden imstande sein, sich eine Vorstellung von der Schwierigkeit dieses Unternehmens zu machen. Trotzdem gelang es Herschel nach langer und mühsamer Arbeit, einen fünf Fuß langen Reflektor herzustellen, durch welchen er zu seiner Freude den Ring und die Monde des Saturn beobachten konnte. Nicht zufrieden mit diesem Triumphe, fertigte er hintereinander noch mehrere Instrumente von sieben, zehn und selbst zwanzig Fuß Länge an. Als er den sieben Fuß langen Reflektor konstruierte, stellte er nicht weniger als zweihundert Hohlspiegel her, ehe ihm der eine gelang, welcher allen Anforderungen genügte – wahrlich ein überraschendes Beispiel von dem unermüdlichen Fleiße dieses Mannes! Während er so mit seinen Instrumenten den Himmel erforschte, spielte er zur Gewinnung seines Unterhalts geduldig vor dem eleganten Publikum des Kursaales. So sehr lagen ihm seine astronomischen Beobachtungen am Herzen, daß er sich oft während einer Konzertpause aus dem Saal schlich, um einen Blick in sein Teleskop zu werfen, worauf er dann wieder geduldig zu seiner Oboe zurückkehrte. Indem Herschel so weiter arbeitete, entdeckte er den Georgsplaneten (Uranus), dessen Bahn und Umlaufsgeschwindigkeit er sorgfältig berechnete. Als er das Resultat seiner Forschungen der »Königlichen Gesellschaft« berichtete, wurde der arme Oboebläser mit einem Schlage in einen berühmten Mann verwandelt. Er wurde bald darauf zum »königlichen Astronomen« ernannt und erhielt durch die Gnade Georgs III. ein anständiges Jahreseinkommen. Er trug seine Ehren mit derselben Sanftmut und Bescheidenheit, die ihn in den Tagen seiner Niedrigkeit ausgezeichnet hatten. Ein zweiter Jünger der Wissenschaft, der gleich ihm in allen Schwierigkeiten so freundlich und geduldig blieb und obendrein so ausgezeichnete Erfolge erzielte, ist vielleicht auf dem ganzen Gebiet der biographischen Geschichtschreibung nicht zu finden. Das Leben des William Smith, des Vaters der englischen Geologie, ist möglicherweise weniger bekannt, aber darum ein nicht minder interessantes und lehrreiches Beispiel von geduldiger, mühevoller Arbeit und kluger Benutzung der Umstände. Er wurde im Jahre 1769 als der Sohn eines ländlichen Besitzers zu Churchill in Oxfordshire geboren. Da er schon in jungen Jahren seinen Vater verlor, so erhielt er nur den sehr dürftigen Unterricht der Dorfschule, und auch dieser wurde noch durch seine kindische Neigung zum Umhertreiben und Faulenzen beeinträchtigt. Als seine Mutter sich zum zweitenmal vermählte, wurde er von einem Onkel, der gleichfalls Landwirt war, aufgenommen und erzogen. Obwohl der Oheim mit der Wanderlust des Knaben und seinem Sammeln von »Donnerkeilen«, »Blitzröhren« und anderen merkwürdigen, sich in der Umgegend vorfindenden Versteinerungen nicht sonderlich zufrieden war, so gewährte er ihm doch die Mittel zur Anschaffung einiger notwendiger Bücher für den Selbstunterricht in den Rudimenten der Geometrie und Feldmessung: denn er hatte den Neffen bereits für den Beruf eines Feldmessers bestimmt. Es war eine hervorstechende Eigentümlichkeit des jungen Menschen, daß er scharf und genau beobachtete und nie vergaß, was er einmal gesehen. Er begann zu zeichnen und zu kolorieren, zu nivellieren und zu vermessen – ohne irgendwelchen regelrechten Unterricht, und er arbeitete an seiner Selbstvervollkommnung mit solchem Erfolg, daß ein tüchtiger Feldmesser aus einem benachbarten Orte ihn zu seinem Gehilfen annahm. Bei der Ausübung seines Berufs mußte er fortwährend Oxfordshire und die anstoßenden Grafschaften passieren. Eines der ersten Dinge, über die er ernstlich nachdachte, war die Lage der verschiedenen Bodenschichten und Gebirgsformationen, welche er in den von ihm vermessenen oder bereisten Landstrichen antraf – namentlich die Lage des roten Stratums im Verhältnis zu den Liasschichten und dem darüber liegenden Felsgestein. Die ihm übertragenen Vermessungen zahlreicher Kohlenlager gaben ihm weitere Aufschlüsse, und mit erst dreiundzwanzig Jahren unternahm er es, ein Modell von der Anordnung der verschiedenen Gebirgsschichten anzufertigen. Während er sich mit Nivellierarbeiten für den beabsichtigten Bau eines Kanals in Gloucestershire beschäftigte, kam ihm der Gedanke, daß in der Anordnung der Bodenstrata jenes Distrikts ein bestimmtes Gesetz herrsche. Er meinte, daß die über den Kohlenlagern ruhenden Schichten nicht senkrecht lägen, sondern sich nach der einen Seite zu – und zwar gegen Osten – senkten, und daß sie in vergrößertem Maßstabe »das Ansehen übereinander geschichteter Butterbröte hätten.« Beobachtungen, die er bald danach in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit zweier Parallelthäler anstellte, bestätigten die Richtigkeit jener Theorie: denn nicht nur das rote Stratum und der Lias, sondern auch der Sandstein und der Oolith senkten sich, von der wagerechten Richtung abweichend, gegen Osten, um der nächstfolgenden Schicht Platz zu machen. Er wurde bald darauf instand gesetzt, die Wahrheit seiner Behauptungen in größerem Maßstäbe zu erproben, da er mit der persönlichen Überwachung etlicher Kanalbauten in England und Wales betraut wurde. Auf seinen Reisen, die sich von Bath bis Newcastle am Tyne erstreckten und ihn auf dem Rückwege durch Shropshire und Wales führten, waren seine scharfen Augen nicht einen Moment müßig. Er erfaßte mit schnellem Blick den Charakter und die Bodenstruktur der Landstriche, die er mit seinen Gefährten durchreiste, und hob sich seine Beobachtungen für künftigen Gebrauch auf. Sein geologischer Scharfblick war so groß, daß er, obwohl die Landstraße, auf welcher er mit der Post von York nach Newcastle fuhr, fünf bis fünfzehn Meilen von den im Osten liegenden Kreide- und Oolithhügeln entfernt war, dennoch deren Natur zu erkennen vermochte – und zwar aus ihren Umrissen und aus der Lage und Richtung ihrer oberen Schicht im Verhältnis zu der gelegentlich auf der Landstraße zu Tage tretenden Liasformation und roten Erdschicht. Die allgemeinen Resultate seiner Forschungen waren anscheinend folgende: Er fand, daß die Gebirgsländereien des westlichen Englands sich meistens nach Osten und Südosten zu verflachen; daß die über den Kohlenlagern ruhenden Schichten von rotem Sandstein und Mergel sich unter den Lias-, Thon- und Kalksteinschichten hinziehen, und daß diese wiederum unter den das Tafelland der Cotswold-Hügel bildenden Schichten von Sand, gelbem Kalkstein und Thon ruhen, auf welchen sich die mächtigen Kreideablagerungen des östlichen Englands auftürmen. Er bemerkte ferner, daß jede Thon-, Sand- und Kalksteinschicht ihre eigentümlichen Fossilienarten enthält, und indem er über diese Dinge eingehend nachdachte, kam er endlich zu dem damals unerhörten Schluß, daß das Vorkommen besonderer Arten versteinerter Seetiere in den einzelnen Schichten allemal auf einen besonderen Meeresboden deute, und daß jede Thon-, Sand-, Kalk- oder Steinablagerung eine besondere Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Erde darstelle. Diese Idee beschäftigte seinen Geist so unausgesetzt, daß er von nichts anderem sprechen, an nichts anderes denken konnte. In der Klanalbau-Kommission, bei der Schafschur, bei Grafschafts-Versammlungen und im landwirtschaftlichen Verein – überall redete der »Strata-Smith,« wie man ihn nunmehr nannte, unfehlbar über sein Lieblingsthema. Er hatte in der That eine große Entdeckung gemacht, obwohl sein Name in der Wissenschaft bis jetzt vollkommen unbekannt war. Er beschloß, eine Karte von der Anordnung der Bodenschichten Englands anzufertigen, wurde daran aber durch die seiner Aufsicht unterstellten Arbeiten am Somerset-Kohlen-Kanal gehindert, welche ihn sechs Jahre hindurch in Anspruch nahmen. Nichtsdestoweniger beobachtete er unermüdlich jede Thatsache. Er wurde in der Kunst, aus der äußeren Gestalt des Bodens auf dessen innere Struktur und die Anordnung der verschiedenen Schichten zu schließen, dermaßen geschickt, daß man ihn oft bei der Drainage ausgedehnter Ländereien zu Rate zog, und da er sich in solchen Fällen vermöge seiner geologischen Kenntnisse außerordentlich tüchtig zeigte, so wurde sein Ruf immer bedeutender. Als Smith eines Tages die Fossiliensammlung des Reverend Samuel Richardson in Bath besichtigte, überraschte er seinen Freund dadurch, daß er die von demselben angewandte systematische Einteilung der Versteinerungen plötzlich umänderte und die Fossilien nach ihrer geologischen Reihenfolge ordnete, indem er sagte: »Diese da kommen aus der blauen Liasschicht, diese aus dem darüber lagernden Sand und Sandstein, jene dort aus der Walkererde und jene anderen aus dem Oolith von Bath.« Diese Äußerungen durchzuckten Herrn Richardsons Geist wie ein Blitz der Erkenntnis, und es dauerte nicht lange, so bekehrte er sich zu William Smiths Theorie und wurde ein eifriger Anhänger derselben. Aber die damaligen Geologen waren nicht so leicht zu überzeugen; es deuchte ihnen ganz unleidlich, daß ein unbekannter Feldmesser sie in ihrer eigenen Wissenschaft unterweisen sollte. Doch das Auge und der Geist William Smiths drangen tief unter die Oberhaut der Mutter Erde und schauten jeden Muskel und Knochen ihres Riesenleibes gewissermaßen in seiner ursprünglich geplanten Gestalt. Seine Kenntnisse hinsichtlich der Bodenstrata in der Nachbarschaft von Bath waren so genau, daß er eines Abends, als er bei dem Reverend Joseph Townsend zu Tische geladen war, dem Herrn Richardson die Namen der verschiedenen Schichten – dreiundzwanzig an der Zahl – der Reihe nach in absteigender Ordnung diktierte, von der Kreide an bis herunter zur Kohle, bei welcher er aufhörte, da die tiefer liegenden Schichten noch nicht genügend erforscht waren. Diesen Angaben fügte er noch ein Verzeichnis der merkwürdigsten Fossilien bei, welche man in den verschiedenen Gebirgsformationen gefunden hatte. Die betreffenden Aufzeichnungen wurden im Jahre 1801 gedruckt und fanden eine weite Verbreitung. Smith entschloß sich nun, die Bodenschichten in der Umgegend von Bath in einem so weiten Umkreis zu erforschen, als seine Mittel es irgend gestatten würden. Jahrelang reiste er hin und her – manchmal zu Fuß, manchmal zu Pferde oder auf dem Dach einer Postkutsche – indem er oft die Nacht zu Hilfe nahm, um die am Tage verlorene Zeit wieder einzubringen und nicht seine gewöhnlichen Berufsangelegenheiten versäumen zu müssen. Wenn er durch sein Geschäft von Hause fortgerufen wurde – wie z.B. in dem Falle, als er von Bath nach Holkham in Norfolk reisen mußte, um die Bewässerung und Drainage der Ländereien des Herrn Coke in jener Grafschaft zu leiten – so pflegte er zu Pferde zu steigen und häufig von der Landstraße abzubiegen, um die geologische Beschaffenheit der betreffenden Gegend zu erforschen. So machte er wahrend mehrerer Jahre weite Reisen durch England und Irland, die im Durchschnitt wohl jährlich einen Weg von mehr als 10,000 Meilen darstellten, und trotz dieses fortwährenden geschäftlichen Umherreisens brachte er es fertig, die ihm immer klarer werdenden Grundzüge der neuen Wissenschaft zu Papier zu bringen. Keine anscheinend noch so kleine Beobachtung wurde vernachlässigt, keine Gelegenheit zur Sammlung neuer Fakta übersehen. Wenn irgend möglich, besorgte er sich genaue Angaben über stattgehabte Bohrungen sowie über natürliche oder künstliche Bergprofile, von welchen er dann Karten in dem konstanten Maßstab von 1 : 96 (8 Yards = 1 engl. Zoll) zeichnete und kolorierte. Von der Schärfe seiner Beobachtungsgabe zeugt das folgende Beispiel: Als er einst auf einem seiner geologischen Ausflüge in die Gegend von Woburn kam und sich dem Fuß der Dunstabler Kreidehügel näherte, äußerte er gegen seinen Begleiter: »Wenn es am Fuße dieser Berge ein Stück aufgepflügtes Land gäbe, so könnten wir darauf Haifischzähne finden,« und sie waren kaum eine kleine Strecke weiter gekommen, als sie auch schon auf dem weißen Rande eines eben aufgeworfenen Grenzgrabens deren sechs bemerkten. Er sagte einmal über sich selbst: »Die Gewohnheit, alles gründlich zu beobachten, bemächtigte sich langsam, aber sicher meines Geistes und wurde der ständige Gefährte meines Lebens, der bei dem ersten Gedanken an eine Reise lebendig wurde. Daher begab ich mich gewöhnlich, wohlversehen mit Karten und Beschreibungen des Reiseziels oder der auf dem Wege anzutreffenden Gegenstände, auf die Fahrt, deren Einzelheiten ich schon auf dem Papier kennen gelernt, ehe ich sie in Wirklichkeit sah. Mein Geist war solchergestalt gleich der Leinwand eines Malers bereit, jedes beliebige Bild auszunehmen.« Trotz des wackeren und unermüdlichen Fleißes des William Smith verhinderte ein Zusammenwirken verschiedener Umstände die von ihm beabsichtigte Veröffentlichung seiner »Karte der Bodenschichten von England und Wales;« und erst im Jahre 1814 war er mit Hilfe einiger Freunde imstande, der Welt die Früchte seiner zwanzigjährigen, unausgesetzten Arbeit vorzulegen. Um seine Nachforschungen betreiben und die Menge der für seinen Zweck erforderlichen Fakta und Wahrnehmungen sammeln zu können, opferte er während jener Periode den ganzen Ertrag seiner Berufsarbeiten; ja, er veräußerte sogar sein kleines Besitztum, damit er die Mittel hätte, auch die entlegeneren Teile der Insel aufzusuchen. Unterdessen hatte er sich an einem Unternehmen beteiligt, das die Ausbeutung eines in der Nähe von Bath gelegenen Steinbruches bezweckte. Da diese Spekulation mißglückte, so sah er sich gezwungen, seine geologische Sammlung an das »Britische Museum« zu verkaufen und auch seine Möbel und seine Bibliothek loszuschlagen, sodaß ihm schließlich nur seine Manuskripte, Karten und Risse blieben, die einzig für ihn allein einen Wert hatten. Er ertrug sein Mißgeschick und seine Verluste mit musterhafter Fassung und arbeitete inmitten aller Prüfungen unverzagt und geduldig weiter. Er starb im August 1839 zu Northampton, als er gerade im Begriff stand, nach Birmingham zu reisen, um dort einer Sitzung der »britischen Gesellschaft« beizuwohnen. Wir könnten kaum zu viel zum Lobe dieser ersten geologischen Karte von England sagen, die wir dem Fleiße jenes mutigen Pioniers der Wissenschaft verdanken. Ein hervorragender Schriftsteller äußerte sich darüber folgendermaßen: »Diese Karte war eine so meisterhaft gedachte und in ihren allgemeinen Umrissen so korrekt ausgeführte Arbeit, daß darauf im Princip die Anfertigung aller späteren geologischen Karten – sowohl von den britischen Inseln, als auch von allen anderen Ländern der Welt – basierte, sofern eine derartige Darstellung derselben überhaupt unternommen wurde. In den Räumen der »geologischen Gesellschaft« ist Smiths Karte noch zu sehen – ein großes historisches Dokument, alt und vergilbt, in seinen verblichenen Farben nach einer Auffrischung verlangend. Wenn jemand, der mit dem Gegenstand vertraut ist, diese Karte mit den späteren, in ähnlichem Maßstabe entworfenen Arbeiten vergleicht, so wird er finden, daß sie den Vergleich in allen wesentlichen Punkten aushalten kann; denn die einzige Ergänzung, welche ihre in großen Grundzügen entworfene Zeichnung erfahren hat, ist die genauere Zergliederung der silurischen Gebirgsformationen von Wales und Nordengland durch Murchison und Sedgwick.« (»Saturday Review,« den 3. Juli 1858.) Das Genie des Feldmessers aus Oxfordshire wurde schon bei dessen Lebzeiten von der wissenschaftlichen Welt gebührend anerkannt und geehrt. Im Jahre 1831 verlieh ihm die Londoner »geologische Gesellschaft« die Wollaston-Medaille »für seine großen Originalentdeckungen auf dem Gebiet der englischen Geologie und insonderheit dafür, daß er – als der erste von allen – in diesem Lande die Bestimmung der Bodenschichten entdeckte und lehrte und auch ihre Aufeinanderfolge nach den in ihnen vorkommenden Fossilien feststellte.« So erwarb sich William Smith in seiner einfachen, ernsten Weise einen Namen, der ebenso dauernd sein wird als die Wissenschaft, die er so sehr liebte. Um mit den Worten des oben angeführten Schriftstellers zu reden: »So lange die erste Erscheinung der aufeinander folgenden Lebensformen nicht der Sache und den Umständen nach völlig aufgeklärt sein wird, läßt sich kaum annehmen, daß irgend eine geologische Entdeckung gemacht werden könnte, die an Wert derjenigen gleichkäme, welche wir dem Genie des William Smith verdanken.« Auch Hugh Miller war ein Mann von scharfer Beobachtungsgabe, der mit Eifer und Erfolg litterarische und wissenschaftliche Studien betrieb. Das Buch, in welchem er seine Lebensgeschichte erzählt (»Meine Schulen und Lehrer«) ist außerordentlich interessant und lehrreich. Es ist die Geschichte der Entwicklung eines wahrhaft edlen Charakters unter den bescheidensten Verhältnissen und verkündigt sehr eindringlich den Wert der Selbsthilfe, Selbstachtung und Selbständigkeit. Als Hugh noch ein Kind war, kam sein Vater – ein Seemann – auf dem Meere um; und der Knabe wurde von der verwitweten Mutter erzogen. Er empfing eine Art Schulunterricht; aber seine besten Lehrer waren doch die Knaben, mit denen er spielte – die Männer, mit denen er arbeitete – die Freunde und Verwandten, in deren Gesellschaft er lebte. Er las viele und verschiedenartige Bücher und sammelte sich ein buntscheckiges Wissen von hierher und dorther – von Arbeitern, Zimmerleuten, Fischern und Matrosen – und vor allem von den großen Steinen, mit denen die Ufer der Bucht von Cromarty bestreut sind. Mit einem großen Hammer, der einst seinem Urgroßvater, einem Seeräuber, gehört hatte, schlug der Knabe Steinsplitter ab und verschaffte sich Proben von Glimmer, Porphyr, Granat und dergleichen. Zuweilen brachte er einen Tag im Walde zu; und auch dort wurde die Aufmerksamkeit des Burschen durch die besonderen geologischen Merkwürdigkeiten gefesselt, die er ans seinem Wege antraf. Wenn er auf den Uferfelsen umherkletterte, wurde er zuweilen von den Ackerknechten, die ihre Karren mit Seegras füllen kamen, ironisch gefragt, ob er »Silber in den Steinen fände;« doch war er nie so glücklich, darauf mit »ja« antworten zu können. Als er das nötige Alter erreicht hatte, sollte er das von ihm selbst erwählte Handwerk eines Steinmetzen erlernen; und er begann seine Arbeiterlaufbahn in einem Steinbruch, von dem man die Aussicht auf die Bucht von Cromarty hatte. Dieser Steinbruch war eine seiner besten Schulen. Die merkwürdigen geologischen Formationen, die sich darin vorfanden, erregten seine Neugier. Der junge Steinmetz beobachtete die dunkelrote Felsschicht, die unten, und die blaßrote Thonschicht, die darüber lag, und fand in diesen scheinbar geringfügigen Dingen Stoff zum Forschen und Grübeln. Wo andere nichts sahen, da entdeckte er Ähnlichkeiten, Unterschiede und Eigentümlichkeiten, die ihm zu denken gaben. Er hielt einfach Augen und Sinne offen; war mäßig, fleißig und beharrlich; und hierin lag das Geheimnis seines geistigen Wachstums. Die merkwürdigen organischen Überreste – namentlich diejenigen alter, lange ausgestorbener Arten von Fischen, Farnkräutern und Ammonshörnern – die längs der Küste von den Wogen ausgespült oder auch durch die Schläge seines Hammers zu Tage gefördert wurden, hielten seine einmal erwachte Aufmerksamkeit beständig rege. Er verlor den Gegenstand nicht einen Moment aus dem Auge, sondern fuhr fort, über die Gebirgsformationen Beobachtungen und Vergleiche anzustellen, bis er endlich viele Jahre später, als er längst kein Steinmetzgeselle mehr war, der Öffentlichkeit sein hochinteressantes Werk über den »alten roten Sandstein« übergab, durch welches sein Ruf als wissenschaftlicher Geologe mit einem Schlage begründet wurde. Aber dieses Buch war die Frucht einer jahrelangen geduldigen Beobachtung und Forschung. Er sagt darüber sehr bescheiden in seiner Selbstbiographie: »Das einzige Verdienst welches ich in diesem Fall in Anspruch nehmen darf, ist das der geduldigen Forschung – ein Verdienst, in dem jeder Beliebige mir gleichzukommen oder mich auch zu übertreffen vermag; und diese bescheidene Tugend der Geduld kann bei richtiger Entwicklung zu größeren geistigen Zielen führen als das Genie selber.« Der verstorbene John Brown – jener ausgezeichnete englische Geologe – war gleich Miller in seiner Jugend ein Steinmetz gewesen und hatte in diesem Handwerk als Lehrling in Colchester und später als Geselle in Norwich gearbeitet. Danach etablierte er sich in Colchester als Bauunternehmer für eigene Rechnung und erwarb sich durch Sparsamkeit und Fleiß ein Vermögen. Während er in seinem Gewerbe thätig war, wurde seine Aufmerksamkeit auf das Studium der Fossilien und Muschelarten gelenkt; und er legte sich davon eine Sammlung an, die allmählich zu einer der schönsten in England heranwuchs. Seine Forschungen längs der Küsten von Essex, Kent und Sussex förderten einige prachtvolle fossile Überreste der vorsündflutlichen Elefanten- und Rhinocerosarten zu Tage, von welchen er die wertvollsten dem »Britischen Museum« schenkte. In seinen letzten Lebensjahren verwandte er beträchtlichen Fleiß auf das Studium der Foraminiferen (Wurzelfüßer), welche in Kreidegebirgen vorkommen, und hinsichtlich deren er verschiedene wichtige Entdeckungen machte. Sein Leben war nützlich, glücklich und ehrenvoll; er starb im November 1859 zu Stanway in Essex in dem hohem Alter von achtzig Jahren. Vor nicht langer Zeit entdeckte Sir Roderick Murchison zu Thurso im äußersten Norden Schottlands einen gründlichen Geologen in der Person eines dortigen Bäckers, Namens Robert Dick. Als Sir Roderick ihn in dem Backhause aufsuchte, in welchem er sein Brot buk und verdiente, zeichnete Robert Dick mit dem in Mehl getauchten Zeigefinger die geographischen Grundzüge und geologischen Erscheinungen der heimatlichen Grafschaft auf dem Tische auf und erklärte dabei seinem Besucher die Fehler der existierenden Karten, die er dadurch entdeckt, daß er in seinen Mußestunden das Land durchstreifte. Durch weitere Fragen stellte Sir Roderick fest, daß das bescheidene Menschenkind, welches da vor ihm stand, nicht nur ein ausgezeichneter Bäcker und Geologe, sondern auch ein vortrefflicher Botaniker war. »Ich fand,« berichte der Präsident der »geographischen Gesellschaft,« »zu meiner großen Beschämung, daß dieser Bäcker viel mehr – wohl zehnmal mehr – von der Botanik verstand als ich selber: und daß in seinem Herbarium kaum einige zwanzig oder dreißig Blumenspecies fehlten. Manche hatte er zum Geschenk erhalten, manche auch gekauft: aber der bei weitem größte Teil war durch seinen eigenen Fleiß in der heimatlichen Grafschaft Caithness gesammelt worden: und alle Exemplare waren aufs schönste geordnet und mit ihren wissenschaftlichen Namen versehen.« Sir Roderick Murchison selbst hat sich auf diesen und verwandten Gebieten der Wissenschaft als namhafter Forscher bewährt. Ein Mitarbeiter der »Quarterly Review« sagt in Bezug auf ihn: »Er liefert das merkwürdige Beispiel eines Mannes, der – obwohl er in seiner Jugend Soldat gewesen und nie den Vorteil oder Nachteil einer gelehrten Bildung gehabt – sich dennoch in seinen späteren Jahren nicht in dem Rufe eines Jagdliebhabers und Landedelmanns begnügte, sondern sich durch eigene Kraft und Begabung, durch unermüdlichen Fleiß und Eifer in der wissenschaftlichen Welt einen Namen schuf, der wahrscheinlich ebenso dauernd sein wird, als er bekannt ist. Er beschäftigte sich zuerst mit einem noch unerforschten und schwer zugänglichen Distrikt in seiner Heimat. Durch die Arbeit vieler Jahre verschaffte er sich Aufklärung über dessen Gebirgsformationen, ordnete sie in natürliche Gruppen, teilte jeder ihre charakteristischen Fossilienarten zu und war der erste, welchem die Entzifferung zweier großer Kapitel der geologischen Weltgeschichte gelang, die hinfort für alle Zeit seinen Namen auf ihrem Titelblatt tragen müssen. Hiermit nicht zufrieden, wandte er die so erworbenen Kenntnisse zur Erforschung weiterer Distrikte in der Nähe und Ferne an, sodaß er der geologische Entdecker manches großen Landes wurde, das bis dahin eine »terra incognita« gewesen.« Aber Sir Roderick Murchison ist nicht bloß Geologe. Seine unausgesetzten Arbeiten auf vielen Gebieten der Wissenschaft haben ihn in die Reihe der vorzüglichsten und hervorragendsten Gelehrten gestellt. Sechstes Kapitel Arbeiter auf dem Gebiet der Kunst »Wenn, was leuchtend vor dir stand, Wild zu Staub in deiner Hand: Vorwärts nur! der Tugend Krone Liegt im Kampf und nicht im Lohne!« – R. M. Milnes. »Excelle, et tu vivras« Joubert. Eine hervorragende Bedeutung kann in der Kunst – wie überall – nur durch Arbeit und Mühe erworben werden. Nichts hängt weniger vom Zufall ab als das Zustandekommen eines schönen Gemäldes oder einer trefflichen Bildsäule. Jeder meisterhafte Pinselstrich des Malers, jeder geschickte Meißelstoß des Bildhauers ist – wenn auch unter der Leitung des Genius stehend – doch das Resultat eines unausgesetzten Studiums. Sir Joshua Reynolds hatte von der Macht des Fleißes eine so hohe Meinung, daß er behauptete, jede künstlerische Befähigung – »ob man sie als Genie, Geschmack oder angeborene Begabung bezeichne – könne erworben werden.« In einem Briefe an Barry äußerte er: »Wer sich in der Malerei oder in irgend einer anderen Kunst auszeichnen will, muß seinen Geist vom Augenblick des Aufstehens bis zu dem des Zubettegehens unentwegt auf diesen einen Gegenstand gerichtet halten.« Und bei einer anderen Gelegenheit sagte er: »Diejenigen, welche sich auszeichnen wollen, müssen sich – ob gern oder ungern – morgens, mittags und abends mit ihrem Werk beschäftigen und darin keine Spielerei, sondern eine wirkliche, schwere Arbeit sehen.« Aber obgleich man ohne Zweifel ein fleißiger Arbeiter sein muß, um die höchste Stufe künstlerischer Vollendung zu erreichen, so könnte doch ganz gewiß kein noch so großer und verständiger Fleiß aus einem Menschen, dem das angeborene Genie fehlte, einen Künstler machen. Die Begabung wird von der Natur verliehen, aber vervollkommnet durch die Selbstschulung, die nützlicher ist als alle Bildung, die Schulen irgendwelcher Art uns geben können. Einige der größten Künstler haben sich den Weg zu ihrem hohen Ziel durch Armut und mannigfache Hindernisse gebahnt. Dem Leser werden sogleich berühmte Beispiele einfallen – Claude Lorraine, der Pastetenbäcker; Tintoretto, der Färber; die beiden Caravaggios, von denen der eine ein Farbenreiber war, der andere aber als Maurergesell am Vatikan arbeitete; Salvator Rosa, der eine Zeitlang in der Gesellschaft von Banditen lebte; Giotto, der Bauernjunge; Zingaro, der Zigeuner; Cavedone, den sein Vater zum Betteln ausschickte; und Canova, der Steinmetz. Diese und viele andere Künstler von Ruf gelangten unter den ungünstigsten Umständen durch eifriges Studium und ernsten Fleiß zu ihrer künstlerischen Bedeutung. Auch die hervorragendsten Künstler unseres eigenen Landes sind nicht in Lebensverhältnissen geboren worden, die man als besonders günstig für die Entwicklung des künstlerischen Genies bezeichnen dürfte. Gainsborough und Baron waren die Söhne von Tuchwebern; Barry war der Sohn eines irischen Matrosen; und Maclise war Lehrling in einem Corker Bankgeschäft. Opie, Romney und Inigo Jones waren Zimmerleute; West war der Sohn eines der Quäkersekte angehörigen kleinen Grundbesitzers in Pennsylvanien; Northcote war Uhrmacher, Jackson Schneider, Efty Drucker. Reynolds, Wilson und Wilkie waren die Söhne von Geistlichen; Lawrence hatte einen Schankwirt, Turner einen Barbier zum Vater. Einige von unseren Malern hatten freilich von vornherein eine – wenn auch nur sehr bescheidene – Beziehung zur Kunst – z. B. Flaxman, dessen Vater Gipsfiguren verkaufte; Bird, welcher Theebretter dekorierte; Martin, der Kutschen lackierte; Wright und Gilpin, die Schiffsverzierungen malten; Chantrey, der das Gewerbe eines Bildschnitzers und Vergolders betrieb; sowie David Cox, Stanfield und Roberts, welche Dekorationsmaler waren. Diese Männer haben sich ihren Ruhm nicht durch Glück oder Zufall, sondern ausschließlich durch Fleiß und harte Arbeit erworben. Wenn einige auch reich wurden, so war Gewinnsucht doch selten oder nie bei ihnen das leitende Motiv. Die bloße Liebe zum Gelde könnte dem Künstler unmöglich jene Kraft der Selbstverleugnung und des ernsten Strebens verleihen, deren er im Anfange seiner Laufbahn bedarf. Die Befriedigung des Schaffens ist immer der beste Lohn gewesen der herbeiströmende Reichtum war ein nebensächlicher Umstand. Viele hochherzige Künstler folgten dem Antrieb ihres Genius, ohne mit dem Publikum um die Preise zu schachern. Spagnoletto machte in seinem Leben den schönen Roman des Xenophon zur Wahrheit: nachdem er sich die Mittel zu einem üppigen Leben erworben, entzog er sich freiwillig ihrem Einfluß und kehrte zur Armut und Arbeit zurück. Als Michel Angelo einst um seine Meinung hinsichtlich eines Bildes befragt wurde, welches der Maler mit vieler Mühe gemalt und dann ausgestellt hatte, um damit Geld zu erwerben, entgegnete er: »Ich denke, er wird ein armseliger Tropf bleiben, so lange er eine so große Sucht zeigt, reich zu werden.« Wie Sir Joshua Reynolds – glaubte auch Michel Angelo fest an den hohen Wert der Arbeit: er war der Ansicht, daß alles, was die Phantasie erdacht, auch in Marmor dargestellt weiden könnte, wenn die Hand nur streng daran gewohnt würde, dem Geist zu gehorchen. Er selbst war einer der unermüdlichsten Arbeiter; und er schrieb seine Fähigkeit, länger arbeiten zu können als die meisten seiner Zeitgenossen, seinen einfachen Lebensgewohnheiten zu. Ein wenig Brot und Wein – das war alles, dessen er bei seiner Arbeit während des grüßten Teils des Tages bedurfte; und sehr oft erhob er sich mitten in der Nacht, um seine Arbeiten wieder aufzunehmen. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er die Kerze, bei deren Licht er meißelte, auf einer Mühe von Pappe zu befestigen, die er auf dem Kopfe trug. Manchmal war er zu müde, um sich auszuziehen; dann schlief er in seinen Kleidern – bereit, gleich wieder an die Arbeit zu gehen, sobald der Schlaf ihn erfrischt haben würde. Er hatte ein Lieblingswappen, welches einen alten Mann in einem Rollwagen darstellte, auf welchem ein Stundenglas mit der Inschrift zu sehen war: »Ancora imparo« – ich lerne noch! Auch Tizian war unermüdlich fleißig. An seinem berühmten, »Pietro Martire« arbeitete er acht, an seinem »letzten Abendmahl« sieben Jahre. In seinem Briefe an Karl V. sagte er: »Ich sende Eurer Majestät das »letzte Abendmahl.« nachdem ich daran sieben Jahre hindurch fast Tag für Tag gearbeitet habe – dopo sette anni lavorandovi quasi continuamente.« Wohl wenige sind sich darüber klar, von welch einer geduldigen Arbeit und langen Übung die Entstehung eines Meisterwerkes der Kunst abhängt. Es scheint leicht und rasch geschaffen zu sein; aber durch was für eine große Mühe wurde jene Leichtigkeit erworben! »Ihr fordert mir fünfzig Zechinen für eine Büste ab, die euch nur eine zehntägige Arbeit gekostet,« sagte einst ein venezianischer Edelmann zu einem Bildhauer. »Ihr vergeht,« entgegnete der Künstler, »daß ich dreißig Jahre lernen mußte, um eine derartige Büste in zehn Tagen herstellen zu können.« Als man einst Domenichino tadelte, weil er zu lange zögerte; ein bei ihm bestelltes Gemälde zu vollenden, gab er zur Antwort: »Im Geiste male ich beständig daran.« Es war für den Fleiß des verstorbenen Sir Augustus Callcott sehr bezeichnend, daß er vor der Vollendung seiner berühmten »Ansicht von Rochester« nicht weniger als vierzig verschiedene Skizzen dazu anfertigte. Solch eine beständige Wiederholung ist in der Kunst wie im Leben eine der Hauptbedingungen des Erfolgs. Wie großmütig aber auch die Natur in der Verleihung der geistigen Gaben gewesen sein mag, das Studium der Kunst bleibt darum doch immer eine langwierige und mühevolle Arbeit. Manche Künstler haben sich frühzeitig entwickelt; aber ohne Fleiß hätte ihre Frühreife zu keinem guten Ende geführt. Die Anekdote, welche man von West erzählt, ist bekannt. Erst sieben Jahre alt, wurde er von der Schönheit des schlummernden Kindes seiner ältesten Schwester, dessen Wiege er bewachen mußte, so frappiert, daß er sich ein Stück Papier holte und das kleine Wesen darauf mit roter und schwarzer Tinte abkonterfeite. Diese kleine Begebenheit offenbarte seine künstlerische Begabung; und es war unmöglich, seiner Neigung eine andere Richtung zu geben. West wäre wahrscheinlich ein bedeutenderer Maler geworden, wenn der zu frühe Erfolg ihm nicht geschadet hätte. Sein Ruhm – obwohl groß – wurde nicht durch Studien, Prüfungen und Schwierigkeiten erkauft und ist daher nicht dauernd gewesen. Richard Wilson amüsierte sich als Kind damit, daß er vermittelst eines Stückchens Holzkohle die Wände des väterlichen Hauses mit Abbildungen von Menschen und Tieren bemalte. Er wollte sich anfangs ganz der Porträtmalerei widmen; aber während seines Aufenthalts in Italien begann er bei einem Besuch im Hause seines Freundes Jucarelli, den er nicht daheim getroffen, und den er mit Ungeduld erwartete, aus Langerweile die Aussicht zu skizzieren, die sich ihm vom Fenster aus darbot. Als Zucarelli nach Haufe kam, war er von dem Bilde so entzückt, daß er Wilson fragte, ob er auch Landschaftsmaler sei, was jener verneinte. »Dann rate ich Ihnen, es zu werden,« sagte der andere; »Sie sind eines großen Erfolges sicher!« Wilson kam diesem Rate nach, studierte und arbeitete fleißig und wurde einer unserer größten englischen Landschafter. Sir Joshua Reynolds vernachlässigte als Knabe seine Schularbeiten und fand nur am Zeichnen Vergnügen, wofür sein Vater ihn häufig tadelte. Der junge Mensch sollte Medizin studieren; aber seine große Liebe zur Kunst konnte nicht unterdrückt werden, und er wurde ein Maler. Gainsborough skizzierte schon als Knabe in den Wäldern von Sudbury und war mit zwölf Jahren ein wirklicher Künstler – ein scharfer Beobachter und emsiger Arbeiter, der jeden malerischen Zug des einmal geschauten Landschaftsbildes durch seinen fleißigen Pinsel wiederzugeben verstand. William Blake, der Sohn eines Strumpfwarenhändlers, machte sich das Vergnügen, die Rückseiten der Geschäftsrechnungen seines Vaters – sowie auch dessen Ladentisch – mit Zeichnungen und Skizzen zu verzieren. Edward Bird pflegte als Knabe von drei oder vier Jahren auf einen Stuhl zu steigen und die Wände mit Figuren zu bemalen, die er »englische und französische Soldaten« nannte. Er erhielt einen Tuschkasten zum Geschenk, und sein Vater, der die künstlerische Begabung des Knaben verwerten wollte, that ihn zu einem Verfertiger von Theebrettern in die Lehre! Aus diesem Gewerbe hat Bird sich allmählich durch Studium und Fleiß zu dem Range eines Mitgliedes der königlichen Akademie emporgearbeitet. Hogarth, der in der Schule sehr schwer lernte, hatte seinen großen Spaß daran, die Buchstaben des Alphabets zierlich auszumalen, und seine Exercitien waren bemerkenswerter durch die darin angebrachten Ornamente als durch den Wert der Arbeit selber. In letzterer Beziehung wurde er von jedem Dummkopf in der Schule überholt; aber im Dekorieren war er unerreicht. Sein Vater gab ihn zu einem Silberschmied in die Lehre, bei welchem er die Kunst erlernte, Wappen und Initialen auf silberne Gabeln und Löffel zu zeichnen und sie dann einzugravieren. Bald gravierte er nicht nur auf Silber, sondern auch auf Kupfer – und zwar mit Vorliebe Greife und andere heraldische Ungeheuer, in deren Zeichnung er die verschiedenen Eigenschaften des menschlichen Charakters zum Ausdruck zu bringen bemüht war. Die wunderbare Vollendung, die er in dieser Kunst erreichte, war hauptsächlich das Resultat gründlicher Beobachtung und fleißigen Studiums. Er hatte die durch eigene Bemühung sorgfältig ausgebildete Gabe, die charakteristischen Züge jedes merkwürdigen Gesichts scharf zu erfassen und sie später aus dem Gedächtnis mit Stift oder Pinsel wiederzugeben. Kam ihm aber eine ausnehmend phantastische Gestalt oder ein besonders groteskes Gesicht in den Weg, so entwarf er davon sofort eine Skizze auf seinem Daumennagel und trug sie zu gelegentlicher Ausführung nach Hause. Alles Seltsame und Originelle übte auf ihn eine wunderbare Anziehungskraft aus, und er suchte oft weit entlegene Orte auf, um charakteristische Erscheinungen anzutreffen. Durch diese sorgfältige Bereicherung seines Geistes war er später imstande, eine ungeheuere Fülle von aufgespeicherten Gedanken und Beobachtungen in seinen Werken niederzulegen. Daher sind Hogarths Gemälde so treue Spiegelbilder des Charakters, der Sitten und selbst der Gedanken seiner Zeit. »Die wahre Malkunst,« äußerte er gelegentlich, »kann nur in der Schule der Natur erlernt werden.« Aber er besaß keine hervorragende Bildung, außer in seinem eigenen Fach. Sein Schulunterricht war so mangelhaft gewesen, daß er dabei kaum lesen gelernt hatte; was er sonst noch wußte, verdankte er sich selbst. Während langer Zeit lebte er in sehr dürftigen Verhältnissen, arbeitete aber trotzdem fröhlich weiter. Trotz seiner Armut wußte er sich mit seinen Mitteln einzurichten und nannte sich mit berechtigtem Stolze einen »pünktlichen Zahler.« Als er bereits alle Schwierigkeiten überwunden hatte und ein berühmter und wohlhabender Mann geworden war, erinnerte er sich noch oft und gern seiner früheren Mühen und Entbehrungen und focht in Gedanken noch einmal den Kampf durch, den er als Mann und als Künstler zu einem so ehrenvollen und ruhmreichen Ende geführt hatte. »Ich erinnere mich noch der Zeit,« sagte er einmal, »wo ich mißmutig, fast ohne einen Schilling in der Tasche, zur Stadt ging, um dann – nachdem ich dort zehn Guineen für eine meiner Kupferplatten erhalten – fröhlich wieder heimzukehren, mein Schwert umzugürten und mich mit der Zuversicht eines Mannes in den Kampf zu stürzen, der Tausende in seiner Tasche trägt.« »Fleiß und Beharrlichkeit« – das war das Motto, welches sich der Bildhauer Banks zur eigenen Lebensregel erwählt hatte, und das er auch anderen ernstlich empfahl. Seine allbekannte Freundlichkeit veranlaßte viele strebsame Jünglinge, ihn aufzusuchen und sich seinen Rat oder Beistand zu erbitten. Wie man erzählt, erschien in derselben Absicht eines Tages ein kleiner Knabe an seiner Thür; aber die Dienerin, die sich über sein lautes Klopfen geärgert, schalt ihn und wollte ihn eben fortschicken, als Banks, der die Stimmen gehört, selbst herauskam. Der kleine Bursche stand an der Thür und hielt einige Zeichnungen in der Hand. »Was willst du von mir?« fragte der Bildhauer. »Mein Herr! ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, in der Akademie zeichnen zu dürfen.« Banks erklärte, daß er selbst ihm diese Erlaubnis nicht geben könne, verlangte aber, der Knabe solle ihm seine Zeichnungen zeigen Indem er sie musterte, sagte er: »Mit der Akademie hat es noch Zeit, mein kleiner Mann! Geh nur nach Hause – lerne eifrig – versuche diesen Apollo besser zu zeichnen – dann komm in einem Monat wieder und zeige ihn mir!« Der Knabe ging heim, skizzierte und arbeitete mit verdoppeltem Eifer und sprach am Ende des Monats wieder bei dem Bildhauer vor. Die Zeichnung war diesmal besser geraten, aber von neuem schickte Banks den Kleinen mit dem guten Rat fort, noch weiter zu arbeiten und zu studieren. Nach einer Woche war der Junge wieder da, und zwar mit einer noch viel besseren Zeichnung. Da sagte ihm Banks, er solle guten Mutes sein; wenn er am Leben bliebe, würde er es zu etwas bringen. Der Knabe hieß Mulready, und die Prophezeiung des Bildhauers hat sich vollkommen erfüllt. Auch Claude Lorraine verdankt seinen Ruhm zum großen Teil seinem unermüdlichen Fleiße. Er wurde zu Champagne in Lothringen als der Sohn armer Eltern geboren und kam zuerst zu einem Pastetenbäcker in die Lehre. Später nahm ihn sein Bruder, welcher Holzschneider war, in seine Werkstätte, um ihn in seiner Kunst zu unterweisen. Da Claude hierbei einige künstlerische Begabung verriet, so redete ein reisender Händler seinem Bruder zu, er möge den jungen Mann in seiner Gesellschaft nach Italien ziehen lassen. Dem Wunsche ward willfahrt, und Claude kam nach Rom, wo er bald darauf von dem Landschaftsmaler Agostino Tassi als Diener engagiert wurde. In dieser Eigenschaft erlernte der Lothringer Künstler die Landschaftsmalerei und wagte sich allmählich an die selbständige Herstellung von Gemälden. Danach machte er eine Tour durch Italien, Frankreich und Deutschland, wobei er sich gelegentlich auf seinem Wege aufhielt, um Landschaften zu malen und dadurch seine Börse zu füllen. Bei seiner Rückkehr nach Rom fand er, daß seine Bilder schon stärker begehrt wurden, und schließlich breitete sich sein Ruhm über ganz Europa aus. Er studierte unermüdlich die Natur in allen ihren Erscheinungen, Er hatte die Gewohnheit, einen großen Teil seiner Zeit damit zuzubringen, Gebäude, Gebüschgruppen, Bäume, Blätter und dergleichen abzuzeichnen und in den Einzelheiten genau auszuführen – worauf er die Zeichnungen aufbewahrte, um sie gelegentlich in seinen Landschaftsstudien zu verwerten. Er widmete auch dem Himmel eine große Aufmerksamkeit, indem er ihn oft tagelang vom Morgen bis zum Abend beobachtete und jede daran vorgehende Veränderung wahrnahm, die durch die vorüberziehenden Wolken oder das ab- und zunehmende Licht verursacht wurde. Wie man sagt, erwarb er sich – wenn auch sehr langsam – durch diese beständige Übung eine solche meisterhafte Sicherheit der Hand und des Auges, daß er schließlich den ersten Rang unter den Landschaftsmalern einnahm. Turner, den man »den englischen Claude« nennt, führte ein gleich arbeitsames und fleißiges Leben. Sein Vater bestimmte ihn für das von ihm selbst betriebene Barbierhandwerk, welchem Vater und Sohn in London oblagen. Aber eines Tages erregte die Zeichnung eines Wappens, das der Knabe auf einem silbernen Präsentierteller entworfen hatte, die Aufmerksamkeit eines Kunden, der gerade von dem alten Turner rasiert wurde. Dieser Kunde riet dem Vater dringend an, er möge dem Sohn gestatten, seinen künstlerischen Neigungen zu folgen, und der Rat fand Gehör. Gleich allen jungen Künstlern hatte Turner mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, die um so größer waren, weil er in so kümmerlichen Verhältnissen lebte. Aber er war immer bereit, zu arbeiten und sich bei seiner Arbeit Mühe zu geben, wie bescheiden dieselbe auch sein mochte. Er war froh, für eine halbe Krone pro Abend auf anderer Leute Aquarellbildern die Himmel zu tuschen und dafür noch ein Abendbrot obendrein zu erhalten. So verdiente er Geld und erwarb sich Geschicklichkeit. Dann warf er sich auf das Illustrieren von Reisehandbüchern, Kalendern und allen Arten von Büchern, die billige Titelbilder brauchten. »Was hätte ich Besseres thun können?« sagte er später. »Es war eine vortreffliche Übung!« Er machte alles sorgfältig und gewissenhaft und pfuschte nie eine Arbeit ab, weil sie schlecht bezahlt wurde. Er wollte nicht nur seinen Unterhalt gewinnen, sondern sich auch vervollkommnen; daher leistete er stets sein Bestes und gab nie ein Bild aus der Hand, ohne einen Schritt vorwärts gekommen zu sein. Ein Mann, der so arbeitete, mußte es weit bringen, und seine Darstellungskraft und Gedankentiefe nahm nach Ruskins Worten »so stetig zu wie das erwachende Licht beim Sonnenaufgang.« Aber Turners Genius bedarf keiner Lobrede; sein bestes Denkmal ist die Reihe herrlicher Gemälde, die er seiner Nation hinterlassen hat, und die noch lange das Gedächtnis seines Namens wach halten wird. Es ist meistens der höchste Ehrgeiz eines Jüngers der Kunst, Rom, die Vaterstadt der schönen Künste, zu erreichen. Aber die Reise nach Rom ist kostspielig, und Kunstjünger sind meistens arm. Doch mit einem entschlossenen Willen, den auch Schwierigkeiten nicht abschrecken, läßt sich Rom immer noch erreichen. So gab sich François Perrier, einer der älteren französischen Maler, in seinem brennenden Verlangen, die ewige Stadt zu sehen, dazu her, einem blinden Landstreicher als Führer zu dienen. Nach langen Wanderungen erreichte er den Vatikan, erlernte die Malkunst und wurde ein berühmter Mann. Nicht weniger Enthusiasmus zeigte Jacques Callot bei seinem Entschluß, nach Rom zu gehen. Obwohl sein Vater sich seinen künstlerischen Neigungen widersetzte, ließ sich der Knabe doch nicht davon abbringen, sondern entwich von Hause und begab sich auf die Wanderschaft nach Italien. Da er seine Reife ohne Geldmittel antrat, geriet er bald in große Not, und als er einer Zigeunerbande begegnete, schloß er sich derselben an und wanderte mit ihr von einem Jahrmarkt zum anderen, ihre zahlreichen Abenteuer teilend. Auf dieser merkwürdigen Reise sammelte Callot hauptsächlich jene außergewöhnliche Kenntnis der menschlichen Gestalt, Gesichtsbildung und Charaktereigentümlichkeit, die er später – meistens in so grotesk-komischer Weise – in seinen wundervollen Kupferstichen verwertete. Als Callot endlich Florenz erreichte, brachte ihn ein Edelmann, dem der geniale Eifer des jungen Menschen gefiel, bei einem Künstler als Schüler an; aber Callot wollte sich nicht so kurz vor Rom aufhalten und befand sich bald auf dem Wege nach jener Stadt. In Rom wurde er mit Porigi und Thomassin bekannt, die ihm nach Prüfung seiner Kreideskizzen eine brillante Künstlerlaufbahn voraussagten. Aber ein Freund der Callotschen Familie, der dem Ausreißer zufällig begegnete, traf Anstalten, denselben zur Heimkehr zu zwingen, was ihm auch gelang. Doch in dem jungen Callot war der Hang zum Wandern mittlerweile so stark geworden, daß er nirgend Ruhe hatte; so lief er denn zum zweitenmal davon und wurde zum zweitenmal von seinem älteren Bruder zurückgeholt, der ihn in Turin einfing. Endlich gab der Vater – in der Erkenntnis, daß jeder Widerstand vergeblich war – mit schwerem Herzen seine Einwilligung dazu, daß Callot seine Studien in Rom fortsetzte. So ging dieser denn wieder hin und blieb auch dort, indem er sich unter der Leitung tüchtiger Lehrer fleißig im Zeichnen und Kupferstechen übte. Auf dem Rückwege nach Frankreich wurde er durch Cosmos II. veranlaßt, noch einige Jahre in Florenz zu bleiben, wo er sich mit Studien und Arbeiten beschäftigte. Nach dem Tode seines Gönners kehrte er zu seiner Familie nach Nancy zurück, wo er sich mit Hilfe des Grabstichels und der Ätznadel bald Reichtum und Ruhm erwarb. Als Nancy während der Bürgerkriege belagert und eingenommen wurde, sollte Callot nach Richelieus Wunsch die Eroberung der Stadt in einer Zeichnung und einem Kupferstich bildlich darstellen. Aber der Künstler verspürte keine Lust, das Unglück seines Geburtsortes zu verewigen, und wies das Ansinnen schroff zurück. Da Richelieu ihn nicht umzustimmen vermochte, warf er ihn ins Gefängnis; und hier traf der Künstler mit alten Bekannten, d.h. mit einigen jener Zigeuner zusammen, die ihm auf seiner ersten Reise nach Rom aus der Not geholfen hatten. Als Ludwig XIII. von seiner Einkerkerung hörte, gab er ihm nicht nur die Freiheit wieder, sondern forderte ihn auch auf, sich eine beliebige Gunst zu erbitten, die ihm ohne weiteres gewährt werden sollte. Darauf verlangte Callot sogleich, man möge jene gefangenen Zigeuner freigeben und ihnen die Erlaubnis erteilen, ungehindert in Paris betteln zu dürfen. Diese seltsame Bitte wurde unter der Bedingung gewahrt, daß Callot ihre Porträts in Kupfer stechen sollte; und so entstand jene merkwürdige Serie von Stichen unter dem Titel: »Die Bettler.« Wie man sagt, bot Ludwig dem Künstler für den Fall, daß er in Paris bliebe, eine Pension von 3000 Livres an; aber Callot war selbst schon viel zu sehr Zigeuner und schätzte seine Freiheit zu hoch, um dies Anerbieten anzunehmen. So kehrte er denn nach Nancy zurück und arbeitete dort bis zu seinem Tode. Wie groß sein Fleiß war, geht aus der Zahl seiner Stiche und Radierungen hervor, deren er nicht weniger als 1600 hinterließ. Er liebte hauptsächlich groteske Gegenstände, die er mit großer Geschicklichkeit behandelte; ganz besonders zart und wunderbar fein ausgeführt sind seine aus freier Hand gezeichneten Radierungen, die er mit dem Grabstichel überarbeitete. Noch romantischer und abenteuerlicher war die Laufbahn des Benvenuto Cellini, jenes merkwürdigen Goldschmieds, Malers, Bildhauers, Kupferstechers, Ingenieurs und Autors. Seine von ihm selbst herrührende Lebensbeschreibung ist eine der wunderbarsten Autobiographien, die je verfaßt wurden. Sein Vater Giovanni Cellini lebte in Florenz als einer der Hofmusiker Lorenzos von Medici; und sein höchster Ehrgeiz hinsichtlich seines Sohnes Benvenuto zielte dahin, daß dieser eines Tages ein geschickter Flötenbläser würde. Als Giovanni aber seine Stelle verlor, mußte er seinen Sohn ein Handwerk erlernen lassen und gab ihn daher zu einem Goldschmied in die Lehre. Der Knabe hatte schon früher Neigung zum Zeichnen und zur Kunst überhaupt gezeigt; und da er sich nun mit Eifer seinem Beruf widmete, wurde er bald ein geschickter Arbeiter. Wegen Teilnahme an einer Schlägerei, die zwischen etlichen Bürgern stattgefunden, wurde er auf sechs Monate verbannt, während welcher Zeit er bei einem Goldschmied in Siena arbeitete und sich noch weitere Erfahrung als Juwelenkenner und Goldarbeiter erwarb. Da sein Vater noch immer an dem Gedanken festhielt, daß er ein Flötenbläser werden sollte, so fuhr er fort, sich auf diesem Instrument zu üben, obgleich er es verabscheute. Sein Hauptvergnügen war seine Kunst, der er sich mit Enthusiasmus hingab. Nach Florenz zurückgekehrt, studierte er sorgfältig die Gemälde Leonardo da Vincis und Michel Angelos; und um sich in der Goldschmiedekunst noch mehr zu vervollkommnen, wanderte er zu Fuß nach Rom, wo er zahlreiche Abenteuer erlebte. Er kehrte nach Florenz mit dem Rufe eines der geschicktesten Gold- und Silberarbeiter zurück; und seine Kunstfertigkeit wurde bald stark in Anspruch genommen. Aber da er ein leidenschaftliches Temperament besaß, geriet er fortwährend in Ungelegenheiten und mußte häufig die Flucht ergreifen, um sein Leben zu retten. So entwich er einmal aus Florenz in der Verkleidung eines Mönches und suchte erst in Siena und dann in Rom Schutz. Bei seinem zweiten Aufenthalt in Rom fand Cellini zahlreiche Gönner und wurde vom Papst in der doppelten Eigenschaft eines Goldschmieds und Musikers engagiert. Dabei bildete und vervollkommnete er sich beständig, indem er die Werke der größten Meister studierte. Er faßte Edelsteine ein, verfertigte emaillierte Schmuckgegenstände, gravierte Petschafte und führte nach eigenen Entwürfen Arbeiten in Gold, Silber und Bronze aus, die durch ihren Stil den Leistungen aller anderen Künstler überlegen waren. Sobald er von einem Goldschmied hörte, der sich in irgend einer besonderen Beziehung auszeichnete, war er augenblicklich entschlossen, es ihm zuvorzuthun. So kam es, daß er mit den Medaillen des einen, den Emaille-Arbeiten des anderen und der Juwelierkunst des dritten wetteiferte; und daß es schließlich keinen Zweig seines Geschäfts gab, in welchem er nicht das Bedürfnis fühlte, sich auszuzeichnen. Da Cellini in diesem Geiste arbeitete, so ist es begreiflich, daß er so viel zu leisten vermochte. Er besaß eine unermüdliche Regsamkeit und wechselte beständig seinen Aufenthaltsort. Zu einer Zeit finden wir ihn in Florenz, zu einer anderen in Rom; dann sehen wir ihn in Mantua, Rom, Neapel und abermals in Florenz; dann wieder begegnen wir ihm in Venedig und Paris – wobei es merkwürdig ist, daß er alle diese langen Reisen zu Pferde zurücklegte. Er konnte nicht viel Gepäck mitnehmen; daher mußte er meistens überall, wo er hinkam, sich sein Handwerkszeug neu beschaffen. Er entwarf nicht nur seine Arbeiten, sondern führte sie auch selber aus – hämmerte und schnitzte, goß und modellierte sie mit seinen eigenen Händen. Und wahrlich! seinen Werken ist der Stempel des Genius zu deutlich aufgedrückt, als daß sie von einer Person entworfen und von einer anderen ausgeführt sein könnten. Der unbedeutendste Gegenstand – eine Schnalle für einen Damengürtel, ein Petschaft, ein Armbandschloß, eine Brosche, ein Ring, ein Knopf – alles wurde unter seinen Händen zu einem wundervollen Kunstwerk. Cellini besaß eine merkwürdige manuelle Geschicklichkeit und Gewandtheit. Eines Tages trat ein Chirurg in den Laden des Goldschmieds Raffaello del Moro, um dessen Tochter an der Hand zu operieren. Der gerade anwesende Cellini betrachtete die Instrumente des Chirurgen und fand, daß sie nach dem Gebrauch jener Zeit roh und plump waren. Er bat nun den Chirurgen, die Operation um eine Viertelstunde aufzuschieben, rannte in seinen Laden, ergriff ein Stück des feinsten Stahles und verfertigte daraus ein vollendet schönes Messer, mit welchem die Operation erfolgreich ausgeführt wurde. Unter den von Cellini geschaffenen Statuen sind die wichtigsten die silberne Bildsäule des Jupiter, welche in Paris für Franz I. hergestellt wurde, und der für den Großherzog Cosmo von Florenz aus Bronze gegossene »Perseus.« Außerdem führte er die Bildsäulen des Apollo, Hyacinthus, Narcissus und Neptun in Marmor aus. Die außerordentlichen Umstände, welche den Guß seines »Perseus« begleiteten, sind besonders bezeichnend für den merkwürdigen Charakter des Künstlers. Der Großherzog hatte die entschiedene Ansicht ausgesprochen, daß das ihm vorgeführte Wachsmodell unmöglich in Bronze gegossen werden könnte; aber diese vermeintliche Unmöglichkeit war für Cellini gerade ein Antrieb, die Sache nicht nur zu versuchen, sondern auch auszuführen. Er verfertigte zuerst ein Thonmodell, brannte dasselbe und überzog es dann mit Wachs – worauf er ihm die vollkommen ausgeführte Gestalt der zukünftigen Bildsäule verlieh. Nachdem er dann die Wachsschicht noch mit einer Lehmmasse überzogen, brannte er den zweiten Überzug, wodurch das darunter liegende Wachs schmolz und verschwand, indem es den Raum zwischen dem Kern und der obersten Schicht für die Aufnahme des Metalls freiließ. Um Unfälle zu vermeiden, sollte der eigentliche Gießprozeß in einer unmittelbar unter dem Ofen liegenden Grube stattfinden. In dieser Grube stand die Form, in welche das geschmolzene Metall aus dem Ofen durch Röhren und Öffnungen hinabfließen konnte. – Cellini hatte für den Guß, der nun beginnen sollte, schon im voraus mehrere Wagenladungen Fichtenholz gekauft und aufgestapelt. Jetzt füllte er den Ofen mit Bronze- und Messingstücken und machte Feuer. Das harzige Fichtenholz loderte bald so heftig auf, daß die Werkstätte in Brand geriet, und daß ein Teil des Daches zerstört wurde. Gleichzeitig aber verhinderte ein starker Wind im Verein mit dem auf den Ofen niederrieselnden Regen eine kräftige Hitzeentwicklung., sodaß das Metall nicht schmelzen konnte. Stundenlang schürte Cellini das Feuer, indem er unaufhörlich frisches Holz hineinwarf: aber schließlich war er so erschöpft und unwohl, daß er fürchtete, er könnte sterben, ehe die Bildsäule gegossen wäre. Er trug daher, der Notwendigkeit folgend, seinen Gehilfen auf, das Metall – sobald es geschmolzen sein würde in die Form strömen zu lassen; worauf er sich zu Bett verfügte. Während die Anwesenden ihn über sein Mißgeschick zu trösten suchten, stürzte plötzlich ein Arbeiter ins Zimmer und jammerte laut, daß nun »die Arbeit des armen Benvenuto unheilbar verdorben sei.« Bei dieser Nachricht sprang Cellini augenblicklich aus dem Bett und stürzte in die Werkstätte. Dort sah er, daß das Feuer nahe am Ausgehen und das Metall bereits wieder hart geworden war. Nachdem er sich von einem Nachbar eine Fuhre junges Eichenholz hatte holen lassen, welches zum Trocknen mehr als ein Jahr Zeit gehabt, brachte er das Feuer bald wieder in Glut und das Metall zum Schmelzen und Glänzen. Doch der Wind blies noch immer heftig; und es regnete so stark, daß sich Cellini einige mit Teppichen und alten Kleidern behangene Tische bringen ließ, hinter denen er sich verschanzte, während er die Holzscheite in den Ofen warf. Eine Portion Zinn wurde nun zu dem anderen Metall gethan, worauf ein fleißiges Umrühren mit einem eisernen Löffel und langen Holzstangen schnell ein vollständiges Schmelzen der Masse bewirkte. Aber jetzt, da der entscheidende Augenblick nahe war, ertönte plötzlich ein schrecklicher, donnerartiger Krach, wobei ein Feuerschein vor Cellinis Augen aufblitzte. Der Verschluß des Ofens war aufgesprungen, und das Metall begann auszuströmen! Da der Meister fand, daß es nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit floh, so stürzte er in die Küche, holte jedes darin befindliche Stück Kupfer- und Zinngeschirr heraus – wohl an zweihundert Suppennapfe, Schüsseln und Kessel der verschiedensten Art – und warf alles miteinander in den Ofen. Nun endlich strömte das Metall kräftig aus, und der Guß der prächtigen Bildsäule des Perseus gelang. Der göttliche Wahnsinn des Genius, der Cellini veranlaßte, in seine Küche zu stürzen und sie zu Gunsten seines Gußofens all ihrer Gerätschaften zu berauben, wird den Leser an ein ähnliches Verhalten Palissys erinnern, der seine Möbel zerschlug, um seine Töpferwaren brennen zu können. Aber abgesehen von der Ähnlichkeit ihres Enthusiasmus, konnten zwei Männer einander kaum weniger in ihrem Charakter gleichen als jene beiden. Cellini war ein Ismael, gegen den sich – nach seinem eigenen Bericht – jedermanns Hand erhob. Aber über seine außerordentliche Geschicklichkeit als Handwerker und sein Genie als Künstler kann kein Zweifel obwalten. Viel weniger stürmisch war die Laufbahn des Nicolas Poussin – eines Mannes, der ebenso rein und erhaben in seiner Auffassung der Kunst als in seinem bürgerlichen Leben war, und der sich ebensosehr durch seine Geisteskraft als durch die Rechtschaffenheit seines Charakters und seine edle Einfachheit auszeichnete. Er wurde in sehr bescheidenen Verhältnissen zu Andelys in der Nähe von Rouen geboren, wo sein Vater eine kleine Schule leitete. Der Knabe genoß den väterlichen Unterricht – so gut oder schlecht er war – soll ihn aber nicht allzu eifrig ausgenutzt, sondern den größten Fleiß darauf verwandt haben, seine Schulhefte und seine Schiefertafel mit Zeichnungen zu verzieren. Ein ländlicher Maler, dem die Skizzen des Knaben sehr gefielen, riet den Eltern, seinen Neigungen nicht entgegenzutreten. Derselbe Maler ließ sich herbei, dem jungen Poussin Unterricht zu erteilen, und dieser machte bald solche Fortschritte, daß sein Lehrer ihm nichts mehr beibringen konnte. Von Unruhe und dem Wunsche nach weiterer Vervollkommnung getrieben, begab sich Poussin im Alter von 18 Jahren auf die Reise nach Paris und malte unterwegs Ladenschilder, um sich seinen Unterhalt zu verdienen. In Paris eröffnete sich ihm eine neue Welt der Kunst, die seine Bewunderung erregte und seinen Ehrgeiz anstachelte. Er arbeitete fleißig in verschiedenen Ateliers – zeichnete, kopierte und malte eigene Bilder. Nach einiger Zeit faßte er den Entschluß, nach Rom zu gehen, wenn ihm dies irgend möglich wäre. Er trat auch wirklich die Reise an, kam aber nur bis Florenz; worauf er wieder nach Paris zurückkehrte. Mit einem zweiten Versuch, Rom zu erreichen, hatte er noch weniger Glück; denn diesmal kam er nur bis Lyon. Aber dabei versäumte er keine sich darbietende Gelegenheit zur Weiterbildung und fuhr fort, so fleißig zu studieren und zu arbeiten wie bisher. So vergingen zwölf Jahre – Jahre, in denen der unbekannte Künstler Mühsal, Mißerfolge und Enttäuschungen, wahrscheinlich auch manche Entbehrungen zu erdulden hatte. Endlich gelang es Poussin doch, Rom zu erreichen. Dort studierte er fleißig die alten Meister – besonders die antiken Statuen, deren Schönheit einen großen Eindruck auf ihn machte. Mit dem Bildhauer Duquesnoi, der ebenso arm war wie er selbst, lebte er eine Zeitlang zusammen und war ihm behilflich, Bildwerke nach antiken Mustern zu modellieren. Er maß mit ihm mehrere der berühmtesten Statuen Roms – namentlich den »Antinous« – sorgfältig aus, und man nimmt an, daß diese Übung einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung seines späteren Stils gehabt hat. Zu gleicher Zeit studierte er Anatomie; zeichnete nach dem Leben; legte sich eine große Skizzensammlung an, worin er Gestalt und Haltung der ihm in den Weg kommenden Menschen kopierte, und las alle maßgebenden kunstgeschichtlichen Bücher, die er sich von seinen Freunden verschaffen konnte, in seinen Mußestunden aufmerksam durch. Während dieser ganzen Zeit war er zwar sehr arm, aber doch zufrieden in dem Bewußtsein, daß er sich beständig vervollkommnete. Er war froh, seine Gemälde für irgend einen Preis loszuschlagen. Das Bild eines Propheten verkaufte er für acht Livres; die »Plage der Philister« – ein Kunstwerk, das der Kardinal Richelieu später für tausend Kronen erstand – brachte dem Künstler nur deren sechzig. Um seine Not zu vermehren, befiel ihn eine schwere Krankheit, die ihn vollkommen hilflos machte; doch wurde er in dieser Zeit von dem Chevalier del Posso mit Geld unterstützt. Für diesen Herrn malte Poussin später »Die Rast in der Wüste« – ein schönes Bild, das alle Ausgaben, welche die Krankheit des Künstlers dem Gönner verursacht hatte, reichlich zurückzahlte. Der wackere Mann arbeitete und lernte weiter trotz körperlicher Leiden. Immer höheren Zielen zustrebend, ging er nach Florenz und Venedig, wo er den Kreis seiner Studien erweiterte. Die Früchte seiner gewissenhaften Arbeit erschienen endlich in einer Serie großer Gemälde, die er jetzt auszustellen begann. Seinem »Tode des Germanicus« folgte die »letzte Ölung,« das »Testament des Eudamibas,« das »Manna« und der »Raub der Sabinerinnen.« Doch Poussins Ruhm wuchs nur langsam. Er liebte die Zurückgezogenheit und mied die Geselligkeit. Die Leute hielten ihn eher für einen Denker als für einen Maler. Wenn er gerade nicht mit Malen beschäftigt war, machte er lange, einsame Spaziergänge durch die Felder, bei welchen er über die Sujets künftiger Gemälde nachdachte. Einer der wenigen Freunde, die er in Rom besaß, war Claude Lorraine, mit welchem er eine Zeitlang viele Stunden des Tages auf der »Piazza di Trinita de' Monti« zubrachte und sich über Kunst und Altertumskunde unterhielt. Die Eintönigkeit und Ruhe der ewigen Stadt entsprachen seinem Geschmack, und er fühlte sich dort zufrieden, wenn er sich nur mit seinem Pinsel ein bescheidenes Auskommen sichern konnte. Aber allmählich breitete sich sein Ruhm über die Grenzen Roms aus, und er wurde wiederholt eingeladen, nach Paris zurückzukommen. Der König ließ ihm die Stelle eines Hofmalers anbieten. Poussin zögerte und äußerte – eingedenk des italienischen Sprichworts: »Chi sta bene non si muouve« – daß er, nachdem er fünfzehn Jahre in Rom gelebt und sich dort vermählt, daselbst auch sterben und begraben werden wollte. Doch nach abermaliger Aufforderung willigte er ein und ging nach Paris, wo sein Erscheinen so sehr den Neid seiner Berufsgenossen erregte, daß er sich bald wieder nach Rom zurücksehnte. In der Seinestadt malte er einige seiner bedeutendsten Bilder – den »Heiligen Xaver,« die »Taufe« und das »letzte Abendmahl.« Er war unaufhörlich bei der Arbeit. Anfänglich führte er jeden Auftrag aus, den man ihm gab – entwarf Titelbilder für die königlichen Bücher – besonders für eine Bibel und einen Virgil – und zeichnete Kartons für den Louvre, sowie Tapeten- und Teppichmuster. Aber schließlich lehnte er sich gegen diese Überbürdung auf. »Es ist mir unmöglich,« schrieb er an Herrn de Chanteloup, »gleichzeitig an Titelbildern für Bücher, an einer heiligen Jungfrau, einer Darstellung der Brüderschaft des heiligen Ludwig und verschiedenen Entwürfen für die Galerie zu arbeiten und dabei auch noch die Muster für die königlichen Gobelins zu entwerfen. Ich besitze nur zwei Hände und einen schwachen Kopf, kann mir auch von niemand bei meinen Arbeiten helfen oder raten lassen.« Aufgebracht über die Feindschaft, die ihm sein Erfolg erweckte, und die er nicht beschwichtigen konnte, faßte er nach kaum zweijährigem Aufenthalt in Paris den Entschluß, nach Rom zurückzukehren. Nachdem er wieder seine bescheidene Wohnung auf dem Monte Pincio bezogen, widmete er sich bis zu seinem Ende fleißig der Kunst und führte ein sehr bescheidenes und zurückgezogenes Leben. Über die Leiden, die ihm seine Krankheit verursachte, tröstete er sich durch das Studium und das beständige Streben nach Vervollkommnung. »Je älter ich werde,« sagte er, »desto mehr fühle ich mich von dem Wunsche entflammt, mich selbst zu übertreffen und den höchsten Grad der Vollkommenheit zu erreichen.« In dieser Weise arbeitend, strebend und duldend, verbrachte Ponssin seine letzten Lebensjahre. Er hatte keine Kinder; sein Weib starb vor ihm; alle seine Freunde wurden dahingerafft, sodaß er in seinem Greisenalter in Rom, dieser Gräberstadt, ganz vereinsamt dastand. Er starb im Jahre 1665, indem er seinen Verwandten in Andelys die etwa 1000 Kronen betragenden Ersparnisse seines Lebens, der Menschheit aber als kostbareres Vermächtnis die großen Schöpfungen seines Genius hinterließ. Unter den Malern der neueren Zeit liefert uns Ary Scheffer eins der besten Beispiele hochherziger Hingabe an die Kunst. Als Sohn eines deutschen Künstlers zu Dordrecht geboren, zeigte er schon frühe eine Neigung zum Zeichnen und Malen, in welcher er von seinen Eltern bestärkt wurde. Nach dem frühen Tode des Vaters beschloß die Mutter trotz geringer Mittel nach Paris zu ziehen, um ihrem noch sehr jungen Sohne die beste Gelegenheit zu seiner Ausbildung zu verschaffen. In Paris wurde nun der junge Scheffer unter die Leitung des Malers Guérin gethan. Aber die Mittel seiner Mutter waren zu beschränkt, um ihm eine ausschließliche Beschäftigung mit seinen Kunststudien zu gestatten. Sie hatte die wenigen in ihrem Besitz befindlichen Juwelen verkauft und versagte sich jeden Genuß, um ihre anderen Kinder erziehen zu können. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß Ary ihr beizustehen wünschte, und kaum achtzehn Jahre alt, begann er kleine, anspruchslose Bilder zu malen, welche er für mäßige Preise rasch los wurde. Er übte sich auch in der Portraitmalerei, wodurch er sich Erfahrung erwarb und gleichzeitig auf ehrliche Weise Geld verdiente. Allmählich wurden seine Bilder immer vollendeter in Zeichnung, Farbengebung und Komposition. Die »Taufe« bezeichnete in seiner Künstlerlaufbahn eine neue Epoche; und von da ab machte er mit jedem neuen Bilde einen Schritt vorwärts, bis sein Ruhm durch seine Illustrationen zum »Faust,« seine »Francisca de Rimini,« den » Christus Consolator ,« die »heiligen Frauen,« »St. Monika und St. Augustinus« und viele andere herrliche Gemälde auf seinen Höhepunkt gebracht wurde. »Auf seine ›Francisca‹.« sagt Herr Grote, »muß Scheffer außerordentlich viel Mühe, Nachdenken und Aufmerksamkeit verwandt haben. Da seine technische Ausbildung nur unvollkommen gewesen: so war er thatsächlich gezwungen, die steilen Höhen der Kunst aus eigener Kraft zu erklimmen und seinen Geist und seine Hand gleichzeitig arbeiten zu lassen. Er probierte verschiedene Arten der Darstellung und Farbengebung, malte und übermalte mit mühevollem und unermüdlichem Fleiße. Aber die Natur hatte ihm Gaben verliehen, welche die technischen Mängel gewissermaßen ausglichen; denn der Adel seines Charakters und sein tiefes Gefühl verliehen ihm die Kraft, durch das Medium seines Pinsels auf die Gemüter der Menschen einzuwirken.« ( Grote: Memoir of the Life of Ary Scheffer, p. 67. ) Einer der von Scheffer am meisten bewunderten Künstler war Flaxman. Über diesen sagte er selbst einmal zu einem Freunde: »Wenn es in der Darstellung meiner ›Francisca‹ etwas geben sollte, das ich unbewußt einem anderen entlehnt, so müßte es etwas sein, das ich in den Flaxmanschen Zeichnungen gesehen.« John Flaxman war der Sohn eines in bescheidenen Verhältnissen lebenden Gipsfigurenhändlers aus der New-Street am Covent-Garden. Als Kind war er so kränklich, daß er gewöhnlich, in Kissen gepackt, hinter dem Ladentische seines Vaters saß, wobei er sich mit Zeichnen und Lesen unterhielt. Ein wohlwollender Geistlicher – der Reverend Matthews – sprach einmal in dem Laden vor, sah den Knaben mühsam an einem Buche herumbuchstabieren und, erfuhr auf Befragen, daß dies Buch der »Cornelius Nepos« war, den der alte Flaxman für etliche Pence bei einem Antiquar gekauft hatte. Nachdem der Pastor sich eine Weile mit dem Knaben unterhalten, sagte er ihm, dies wäre für ihn kein passendes Buch – er würde ihm ein anderes bringen. Schon am folgenden Tage übergab er ihm eine Übersetzung der Dichtungen Homers und eine solche des »Don Quixote,« welche beide von dem Knaben mit großer Begier gelesen wurden. Der kindliche Geist entflammte sich bald für das Heldentum, von dem die Verse des alten Griechen erzählen, und bei dem Anblick all der aus Gips geformten Ajax- und Achillesfiguren, die auf den Repositorien des Ladens aufgereiht standen, erwachte in ihm der Ehrgeiz, selber jene majestätischen Helden, bildlich und plastisch darzustellen. Gleich allen Jugendarbeiten waren seine ersten Entwürfe unvollkommen. Als der eitle Vater sie eines Tages dem Bildhauer Roubilliac zeigte, wandte sich derselbe mit einem verächtlichen »Pah!« davon ab. Aber der Knabe war aus dem Holze eines echten Künstlers geschnitzt; er hatte Fleiß und Geduld und beschäftigte sich unaufhörlich mit seinen Büchern und Zeichnungen. Dann versuchte er seine junge Kraft daran, Figuren aus Pariser Gips, Wachs und Thon zu modellieren. Einige von diesen Jugendarbeiten sind noch erhalten – nicht wegen ihres Wertes, sondern als die ersten lebenskräftigen Regungen eines beharrlichen Genies. Es dauerte lange, bis der Knabe gehen konnte, und er erlernte es nur dadurch, daß er zuerst mühsam an Krücken einherhumpelte. Aber endlich war er doch kräftig genug geworden, um die Hilfe derselben entbehren zu können. Der gute Herr Matthews lud ihn in sein Haus, wo seine Frau dem jungen Gast die Dichtungen Homers und Miltons erklärte. Das Ehepaar half ihm auch bei seiner Selbstvervollkommnung, indem es ihm lateinische und griechische Stunden gab, zu denen er sich daheim präparierte. Durch Geduld und Beharrlichkeit vervollkommnete er sich im Zeichnen so sehr, daß eine Dame ihm die Ausführung von sechs Original-Illustrationen in schwarzer Kreide übertrug, welche Scenen aus Homer darstellen sollten. Sein erster Auftrag! Welches Ereignis in dem Leben eines Künstlers! Das erste Honorar eines Arztes, der erste Klient eines Rechtsanwalts, die erste Rede eines Abgeordneten, das erste Auftreten eines Sängers auf der Bühne, das erste Buch eines Schriftstellers – alles dies ist für einen nach Ruhm dürstenden Geist nicht bedeutungsvoller als der erste Auftrag eines Künstlers. Der Knabe machte sich sogleich an die Ausführung der Arbeit und wurde dafür nicht nur hoch belobt, sondern auch gut bezahlt. Mit fünfzehn Jahren trat Flaxman als Schüler in die königliche Akademie ein. Trotz seines zurückhaltenden Wesens wurde er bald unter den Studenten bekannt und man erwartete Großes von ihm. Und diese Hoffnungen wurden auch nicht getauscht: noch ehe er sein sechzehntes Jahr vollendet, gewann er die silberne Medaille: und im folgenden Jahre trat er als Bewerber um die goldene auf. Jedermann prophezeite ihm dieselbe; denn keiner war geschickter oder fleißiger als er. Und dennoch wurde die goldene Medaille nicht ihm, sondern einem Schüler zugesprochen, von dem man später nichts mehr gehört hat. Dieser Mißerfolg aber gereichte dem Jüngling gerade zum Nutzen; denn entschlossene Geister werden durch Niederlagen nicht entmutigt, sondern vielmehr veranlaßt, ihre volle Kraft zu entfalten. »Gebt mir nur Zeit!« sagte er zu seinem Vater; »und ich will noch Kunstwerke schaffen, auf welche die Akademie stolz sein wird.« Er verdoppelte seine Anstrengungen, sparte keine Mühe, zeichnete und modellierte unaufhörlich und machte stetige, wenn auch nicht schnelle Fortschritte. Aber mittlerweile drohte sich die Armut als Gast in seinem väterlichen Hause einzunisten; denn der Gipsfigurenhandel lieferte kaum die Mittel zum dürftigsten Lebensunterhalt. Da verkürzte der junge Flaxman mit mutiger Selbstverleugnung seine Studienzeit und half seinem Vater bei den bescheidenen Verrichtungen seines Geschäfts. Er legte seinen Homer beiseite, um die Gipskelle zu ergreifen. Er war bereit, in dem unbedeutendsten Gewerbe zu arbeiten, wenn er dadurch nur seiner Familie nützen und den Wolf des Hungers ihrer Thür fern halten konnte. In diesem Frohndienst mühte er sich lange Zeit; aber derselbe that ihm gut. Er gewöhnte ihn an ausdauernde Arbeit und pflegte in ihm den Geist der Geduld. Es war eine schwere, aber nützliche Schule, die er durchmachte. Glücklicherweise drang die Kunde von dem Zeichentalent des jungen Flaxman auch zu den Ohren Josiah Wedgwoods; und dieser suchte den Jüngling auf, um ihm die Erfindung schöner Muster für Porzellan- und Thonwaren zu übertragen. Wenn jemand glauben sollte, daß eine solche Kunstbethätigung für einen Künstler wie Flaxman allzu bescheiden gewesen sei, so irrt er sich. Ein Künstler kann in seinem eigensten Berufe arbeiten, indem er eine gewöhnliche Theekanne oder einen gemeinen Wasserkrug, dekoriert. Bedarfsartikel, welche von den Menschen täglich gebraucht werden und ihnen bei jeder Mahlzeit vor Augen kommen, können die Mittel einer allgemeinen erziehlichen Einwirkung und die Verbreiter einer höheren Kultur sein. Es kann also ein ehrgeiziger Künstler auf solche Art seinen Landsleuten einen sehr viel wertvolleren Dienst erweisen als durch die Ausführung eines Kunstwerkes, das von einem reichen Manne für mehrere tausend Pfund angekauft und dann in seiner Galerie vor den Augen der Menge verborgen gehalten wird. Vor Wedgwoods Zeit waren die Muster der Porzellan- und Thonwaren sowohl in der Zeichnung als auch in der Ausführung so abscheulich, daß er in beiden Beziehungen Verbesserungen einzuführen beschloß. Flaxman bemühte sich nach Kräften, die Absichten des Fabrikanten zu verwirklichen. Er versorgte ihn von Zeit zu Zeit mit Modellen und Mustern zu allerlei Arten von Thongeschirr, deren Idee meistens der Poesie oder Geschichte des Altertums entlehnt war. Viele davon sind noch vorhanden; und einige kommen in ihrer Schönheit und Einfachheit den Entwürfen gleich, die er später zu seinen Skulpturen lieferte. Die berühmten etruskischen Vasen, welche in allen öffentlichen Museen und in allen Kuriositätensammlungen vertreten waren, lieferten ihm die besten Vorbilder für die Formen, die er noch durch selbsterfundene, elegante Muster verschönerte. Stuarts vor kurzem herausgegebenes »Athen« bot ihm Proben von Gefäßen reinsten griechischen Stils; von diesen suchte er sich die besten aus und modernisierte sie in vollendet eleganter und schöner Weise. Flaxman begriff nun, daß er an einem großen Werke arbeitete – an nichts Geringerem als einer Förderung der Volksbildung; und er erinnerte sich in seinem späteren Leben gern und mit Stolz an jene frühere Beschäftigung, vermöge deren er gleichzeitig seinen Schönheitssinn ausbildete, das Verständnis für Kunst unter dem Volke verbreitete, seine eigene Börse füllte und den Wohlstand seines Freundes und Gönners vermehren half. Im Jahre 1782 verließ er endlich, siebenundzwanzig Jahre alt, das väterliche Haus, mietete sich ein Häuschen und Atelier in der Wardour-Street in Soho und – was noch bedeutsamer für ihn war – verheiratete sich mit Anna Denman, einem heiteren, frohherzigen und edlen Weibe. Er war überzeugt, daß er durch die Verbindung mit ihr imstande sein würde, noch eifriger zu arbeiten; denn gleich ihm besaß sie ein seines Gefühl für Poesie und Kunst und empfand außerdem für den Genius ihres Mannes eine enthusiastische Bewunderung. Doch als Sir Joshua Reynolds – der selbst ein Junggeselle war – mit Flaxman bald nach dessen Vermählung zusammentraf, sagte er zu ihm: »Hören Sie einmal, Flaxman, man hat mir erzählt, daß Sie sich verheiratet haben. Wenn das wahr ist, mein Lieber, dann sage ich Ihnen, daß Sie als Künstler ruiniert sind.« Flaxman ging geradeswegs nach Hause, setzte sich neben seine Frau, ergriff ihre Hand und sagte: »Anna, ich bin als Künstler ruiniert!« – »Aber John! wie ist das gekommen? Wer ist daran schuld?« – »In der Kirche hat es sich zugetragen, und Anna Denman ist daran Schuld!« Hierauf teilte er ihr die Bemerkung des Sir Joshua mit, von welchem man wohl wußte, daß er die oft geäußerte Meinung hegte, kein Studierender könne sich auszeichnen, wenn er nicht alle seine Geisteskräfte vom Augenblick des Aufstehens bis zu dem des Zubettegehens auf seine Kunst richte: und niemand könne ein großer Künstler werden, wenn er nicht zuvor die Schöpfungen Raphaels, Michel Angelos und anderer Meister zu Rom und Florenz studiert habe. »Und ich,« fuhr Flaxman fort, indem er seine kleine Gestalt zu ihrer vollen Höhe emporreckte, »ich wäre doch so gern ein großer Künstler geworden.« – »Und du sollst ein großer Künstler werden!« rief seine Frau: »und du sollst auch nach Rom gehen, wenn das wirklich nötig ist, um dich groß zumachen.« – »Aber wie wäre das möglich?« fragte Flaxman. »Arbeite und spare!« entgegnete ihm das wackere Weib. »Man soll nicht von Anna Denman sagen dürfen, daß John Flaxman als Künstler von ihr ruiniert worden sei!« Und so beschloß denn das junge Paar, daß die Reise nach Rom angetreten werden sollte, sobald ihre Mittel es gestatten würden, »Ja, ich will nach Rom gehen,« sagte Flaxman, »und will dem Präsidenten zeigen, daß die Ehe einem Manne eher nützlich als schädlich ist; du aber, Anna, sollst mich begleiten!« So arbeitete nun das liebende Paar fünf Jahre hindurch geduldig und fröhlich in seinem bescheidenen, kleinen Heim in der Wardour-Street, immer mit der Aussicht auf die lange Reise nach Rom. Dies Ziel wurde keinen Moment aus dem Auge verloren: und kein Pfennig wurde unnütz ausgegeben, der für die notwendigen Ausgaben zurückgelegt werden konnte. Sie sprachen mit niemand über ihren Plan, erbaten sich auch keine Hilfe von der Akademie, sondern wollten die Erreichung ihres Zweckes einzig ihrer geduldigen Arbeit und Liebe verdanken. Während dieser Zeit stellte Flaxman sehr wenige Kunstwerke aus. Die Ausführung freier Entwürfe mußte unterbleiben, da er sich nicht den erforderlichen Marmor kaufen konnte; aber er wurde häufig mit der Anfertigung von Grabdenkmälern betraut, und von dem Ertrag dieser Arbeiten lebte er. Auch zeichnete er noch immer für Wedgwood, der ein pünktlicher Zahler war. So ging es ihm im ganzen recht gut, und er fühlte sich zufrieden und hoffnungsfroh. Sein Ansehen unter seinen Mitbürgern war bereits so groß, daß es ihm lokale Ehren und Ämter eintrug. Es wurde ihm nämlich die Einziehung des Wächterzinses für den St. Annenbezirk übertragen; und man konnte ihn in Ausübung dieser Pflicht mit einer aus seinem Knopfloch herabbaumelnden Tintenflasche herumgehen sehen. Nachdem Flaxman und seine Frau endlich eine genügend große Summe zusammengespart hatten, traten sie die Reise nach Rom an. Dort angelangt, widmete Flaxman sich eifrig seinen Studien, während er sich gleich anderen armen Künstlern seinen Unterhalt dadurch erwarb, daß er Kopien von antiken Kunstwerken anfertigte. Englische Kunstfreunde besuchten sein Atelier und erteilten ihm Aufträge; und aus jener Zeit stammten seine schönen Illustrationen zu den Dichtungen des Homer, Äschylos und Dante. Der Preis, den man ihm dafür zahlte, war mäßig, nur fünfzehn Schilling für das Stück; aber Flaxman arbeitete nicht nur um des Geldes, sondern auch um der Kunst willen; und seine schönen Zeichnungen erwarben ihm neue Freunde und Gönner. Für den freigebigen Thomas Hope schuf er »Cupido und Aurora,« für den Grafen von Bristol den »wahnsinnigen Athamas.« Nachdem er so seinen Geschmack durch sorgfältige Studien geläutert und gebildet, beschloß er nach England zurückzukehren: aber bevor er Italien verließ, erkannten die Akademien von Florenz und Carrara seine Verdienste dadurch an, daß sie ihn zu ihrem Mitglied ernannten. Sein Ruf eilte ihm nach London voraus, sodaß er auch dort bald reichliche Beschäftigung fand. Noch während seines Aufenthalts in Rom hatte er das berühmte Monument des Lord Mansfield geschaffen, welches bald nach seiner Rückkehr in dem nördlichen Kreuzflügel der Westminsterabtei aufgestellt wurde. Es steht dort in erhabener Majestät, ruhig, einfach, ernst – ein Denkmal, das der Künstler seinem eigenen Genius errichtet. Kein Wunder also, daß der Bildhauer Banks, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand, beim Anblick dieses Meisterwerkes ausrief: »Dieser kleine Kerl sticht uns alle aus!« Als die Mitglieder der königlichen Akademie von Flaxmans Rückkehr hörten; und besonders, als sie Gelegenheit gehabt, seine Portrait-Statue des Lord Mansfield zu sehen und zu bewundern, waren sie sehr beflissen, ihn in ihre Reihen aufzunehmen. Er hatte nichts dagegen, daß sein Name auf die Liste der Kandidaten gesetzt wurde, und man wählte ihn ohne Zögern. Bald danach konnte er sich von einer ganz neuen Seite zeigen. Der kleine Junge, welcher seine Studien hinter dem Ladentisch des Gipsfigurenhändlers in der Newstreet am Covent-Garden begonnen, sollte jetzt – als ein Mann von hoher geistiger Bedeutung und anerkannter Meisterschaft in der Kunst – die Studierenden der königlichen Akademie in der Eigenschaft eines Professors der Skulptur unterrichten! Und niemand hatte begründetere Ansprüche auf jene hervorragende Stellung; denn keiner versteht so gut, andere zu unterweisen, als der, welcher imstande gewesen ist, Schwierigkeiten und Hindernisse aus eigener Kraft zu überwinden. Nach einem langen, friedlichen und glücklichen Leben fühlte Flaxman, daß er alt wurde. Der Verlust, den er durch den Tod seines geliebten und liebenden Weibes erlitt, war für ihn ein schwerer Schlag. Doch überlebte er sie um mehrere Jahre und schuf in dieser Zeit seinen berühmten »Schild des Achilles.« sowie den herrlichen »Sieg des Erzengels Michael über den Satan« – welche beiden Werke vielleicht die Krone seiner Schöpfungen sind. Chantrey war eine robustere Natur – etwas derb, aber herzlich in seinem Wesen: dabei stolz auf seinen erfolgreichen Kampf mit den Schwierigkeiten seiner Jugend, und vor allem stolz auf seine Unabhängigkeit. Er war als der Sohn armer Eltern zu Norton bei Sheffield geboren. Als er noch ein Knabe war, verlor er seinen Vater; und seine Mutter ging eine zweite Ehe ein. Der junge Chantrey mußte täglich einen mit Milchkannen beladenen Esel in die benachbarte Stadt Sheffield treiben, um dort die Kunden seiner Mutter mit Milch zu versorgen. Das war der bescheidene Anfang seiner gewerblichen Laufbahn; aber aus eigener Kraft arbeitete er sich empor und erhob sich zu der höchsten künstlerischen Bedeutung. Da der Knabe sich mit seinem Stiefvater nicht gut zu stellen wußte, sollte er ein Geschäft erlernen und wurde zuerst bei einem Gewürzkrämer in Sheffield untergebracht. Seine neuen Pflichten waren ihm höchst widerwärtig: und als er eines Tages an dem Schaufenster eines Bildschnitzers vorüberging, wurde sein Auge von den darin ausliegenden glänzenden Artikeln angezogen; und er fühlte den Wunsch in sich erwachen, selbst ein Bildschnitzer zu werden. Er bat daher seine Angehörigen, ihn aus dem verhaßten Gewürzkram zu erlösen und ihn jenes ersehnte Gewerbe lernen zu lassen. Man willfahrte seinem Verlangen; und er wurde auf sieben Jahre zu jenem Bildschnitzer und Vergolder in die Lehre gegeben. Sein Lehrherr betrieb nebenbei noch einen Handel mit Kupferstichen und Gipsfiguren: und Chantrey machte sich sogleich daran, die einen wie die anderen nachzuahmen, indem er es bei seinen Bemühungen weder an Fleiß noch an Energie fehlen ließ. Seine Mußezeit füllte er damit aus, daß er zeichnete, modellierte und studierte – oft bis tief in die Nacht hinein. Noch ehe seine Lehrzeit abgelaufen war, überließ er – einundzwanzig Jahre alt – seinem Lehrherrn den ganzen Betrag seiner Ersparnisse, d. h. eine Summe von fünfzig Pfund, um dadurch von seinen Verpflichtungen loszukommen; denn er war entschlossen, sich der Kunst zu widmen. So bald als möglich ging er nach London und verschaffte sich dort mit dem ihm eigentümlichen praktischen Sinn eine Stelle als Bildschnitzergehilfe, während er in seinen Mußestunden malte und modellierte. Zu den ersten Arbeiten, bei welchen er als Bildschnitzergehilfe mitwirkte, gehörte die Dekoration eines Speisesaales für den Dichter Rogers – eines Saales, in welchem er selber in späteren Jahren ein willkommener Gast war. Und er fand in jener Folgezeit ein Vergnügen daran, die Gäste, welchen er an der Tafel seines Freundes begegnete, auf die einst von ihm gefertigten Arbeiten aufmerksam zu machen. Als er sich in Geschäftsangelegenheiten einige Zeit in Sheffield aufhalten mußte, empfahl er sich in den Lokalblättern zur Anfertigung von Portraits und Miniaturbildern in Kreide oder Öl. Für seine erste Portraitzeichnung zahlte ihm ein Messerschmied eine Guinee; und für ein Portrait in Öl empfing er von einem Konditor fünf Pfund Sterling nebst einem Paar Stulpenstiefeln! Chantrey war bald wieder in London, um an der königlichen Akademie zu studieren; und als er dann abermals nach Sheffield kam, erklärte er sich durch Inserate bereit, die Bürger der Stadt sowohl in Gipsbüsten als auch in gemalten Portraits zu verewigen. Man übertrug ihm sogar die Ausführung eines Denkmals für einen verstorbenen Sheffielder Hilfsprediger; und er entledigte sich seines Auftrags zu allgemeiner Zufriedenheit. Während seines Aufenthalts in London diente ihm ein über einem Stalle liegender Bodenraum als Atelier: und dort schuf er sein erstes für die Ausstellung bestimmtes Originalkunstwerk. Es war ein riesenhaftes Satanshaupt. Als in den letzten Lebensjahren Chantreys einer seiner Freunde einmal in sein Atelier kam, fiel dem Besucher das in einem Winkel liegende Modell jenes Kopfes auf. »Der Kopf da.« sagte der Bildhauer, »war die erste Arbeit, welche ich nach meiner Ankunft in London ausführte. Ich arbeitete daran in einer Bodenkammer und hatte mir dazu eine Mütze aus Pappe aufgesetzt; und da ich mir nur eine einzige Kerze leisten konnte, so befestigte ich dieselbe oben auf meiner Mütze, damit sie sich immer mit mir fortbewegte und mir überall leuchtete, wo ich auch ging oder stand.« Flaxman sah und bewunderte das erwähnte Teufelshaupt in der akademischen Ausstellung und schlug Chantrey für die Ausführung der vier, dem Seemannsasyl zu Greenwich zugedachten Admiralsbüsten vor. Dieser Auftrag zog andere Bestellungen nach sich; und die Malerei mußte bald aufgegeben werden. Bis vor acht Jahren hatte Chantrey mit seinen Modellierarbeiten noch keine fünf Pfund verdient. Sein berühmter Kopf Horne Tookes aber hatte einen derartigen Erfolg, daß er ihm Aufträge im Wert von etwa 12,000 Pfund einbrachte. Chantrey war jetzt am Ziel; aber er hatte schwer gearbeitet und sich sein Glück wacker erkämpft. Er wurde unter sechzehn Bewerbern dazu auserwählt, die Bildsäule Georgs III. für die Stadt London auszuführen. Wenige Jahre später schuf er die wundervolle Gruppe der »schlafenden Kinder« die sich jetzt in der Lichfielder Kathedrale befindet – ein Kunstwerk von großer Zartheit und Schönheit; und von nun an strömte ihm Ehre, Ruhm und Reichtum in immer größerer Fülle zu. Seine Geduld, sein Fleiß und seine ausdauernde Beharrlichkeit – das waren die Mittel, durch welche er zu seiner Größe gelangte. Die Natur hatte ihm Genie verliehen; und sein gesunder Verstand befähigte ihn, die kostbare Gabe so anzuwenden, daß sie ihm zum Segen gereichte. Er war vorsichtig, und lebensklug – gleich den Menschen, unter denen er geboren war; das Tagebuch, welches ihn auf seiner Reise durch Italien begleitete, enthielt nicht nur vermischte Notizen über Kunst sondern auch ein Verzeichnis der täglichen Ausgaben und der jeweiligen Preise des Marmors. Sein Geschmack war einfach; aber gerade durch ihre Einfachheit erscheinen seine schönsten Schöpfungen so großartig. Seine Bildsäule Watts in der Handsworther Kirche macht uns den Eindruck höchster künstlerischer Vollendung; und doch ist sie vollkommen schmucklos und einfach. Seine Großmut gegen bedürftige Kunstgenossen war außerordentlich, aber still und anspruchslos. Er hinterließ den größten Teil seines Vermögens der königlichen Akademie zur Förderung der britischen Kunst. Derselbe ehrliche und standhafte Fleiß zeichnete das Leben David Wilkies aus. Als der Sohn eines schottischen Geistlichen geboren, zeigte er schon früh künstlerische Neigungen; und obwohl ein nachlässiger und untüchtiger Schüler, war er doch sehr eifrig im Zeichnen von Gesichtern und Figuren. Schon in der Schweigsamkeit des Knaben offenbarte sich jene ruhige, starke Energie des Charakters, die ihn sein Leben lang auszeichnete. Er sah sich fortwährend nach einer Gelegenheit zum Zeichnen um; und die Wände der väterlichen Wohnung wie der glatte Sand des Ufers waren ihm gleich genehm für seine Zwecke. Jedes Werkzeug war ihm recht. Wie Giotto fand er in einem Stück Holzkohle einen Pinsel, in einem glatten Stein eine präparierte Leinwand und in irgend einem zerlumpten Bettler, der ihm begegnete, den Vorwurf zu einem Bilde. Wenn er ein Haus besuchte, ließ er gewöhnlich auf den Wänden desselben ein Merkzeichen seiner Gegenwart zurück, über welches sich die reinlichen Hausfrauen oft genug ärgerten. Kurz und gut – obwohl sein Vater als Geistlicher einen großen Widerwillen gegen das »sündhafte« Gewerbe der Malerei empfand, war Wilkies starte Neigung doch nicht zu unterdrücken; und er wurde ein Künstler, welcher mannhaft auf der steilen Leiter der Mühsal zu der erwünschten Höhe hinanklomm. Obwohl er bei seiner ersten Kandidatur um die Aufnahme in die schottische Akademie zu Edinburg infolge der groben und ungenauen Zeichnung seiner Probearbeiten durchfiel, so fuhr er doch mutig fort, sich zu üben und sich weiter zu vervollkommnen, bis er endlich aufgenommen wurde. Indessen machte er nur langsame Fortschritte. Er beschäftigte sich eifrig mit der Darstellung der menschlichen Gestalt und war entschlossen, ans Ziel zu kommen, auch von der festen Überzeugung durchdrungen, daß es ihm gelingen müsse. Er zeigte nichts von der excentrischen Laune und dem ungleichen Fleiß mancher anderen Jünglinge, die sich für Genies halten: vielmehr verfolgte er so standhaft den Weg des unausgesetzten Fleißes, daß er selbst später seinen Erfolg mehr seiner hartnäckigen Ausdauer als einer höheren geistigen Begabung zuzuschreiben pflegte. »Das Grundelement in all den fortschreitenden Bewegungen meines Pinsels war der beharrliche Fleiß.« äußerte er. In Edinburg erhielt er einige Prämien; auch beschloß er in Anbetracht der besseren und gewisseren Bezahlung – sich auf die Portraitmalerei zu legen; aber schließlich wandte er sich doch derjenigen Richtung zu, in welcher er sich Ruhm erworben hat; er malte seinen »Jahrmarkt in Pitlessie.« Und dann faßte er den noch kühneren Entschluß, nach London zu gehen, wo er gewiß war, ein soviel weiteres Feld zum Studieren und Arbeiten zu finden. Und der arme schottische Jüngling kam in die Riesenstadt und malte seine »Dorfpolitiker« in einer kleinen Wohnung, die achtzehn Schillinge die Woche kostete. Trotz des großen Erfolgs dieses Bildes und trotz der dadurch hervorgerufenen neuen Aufträge blieb Wilkie noch lange Zeit hindurch arm. Die Preise, welche er für seine Arbeiten erhielt, waren nicht groß; denn er verwandte auf die letzteren so viel Fleiß und Mühe, daß seine Einnahmen während vieler Jahre verhältnismäßig klein waren. Jeder neue Entwurf wurde vor seiner Ausführung sorgfältig geplant und ausgedacht; nichts wurde übereilt; viele seiner Gemälde nahmen ihn jahrelang in Anspruch, indem er daran malte, nachmalte und verbesserte, bis er sie schließlich aus der Hand gab. Gleich Reynolds hatte auch er den Wahlspruch: »Arbeite! arbeite! arbeite!« Und wie jener empfand auch er einen ausgesprochenen Widerwillen gegen schwatzhafte Künstler. Schwätzer säen wohl, aber nur die Schweigsamen ernten. »Lassen Sie uns etwas thun!« das war die indirekte Manier, in welcher er die Schwatzhaften zu schelten und die Trägen zu ermahnen liebte. Wie er seinem Freunde Constable erzählte, pflegte zu der Zeit, da er auf der schottischen Akademie studierte, Graham – der Direktor derselben – mit den Worten Reynolds öfters zu den Studenten zu sagen: »Wenn Sie Genie haben, so wird der Fleiß dasselbe vervollkommnen; wenn Sie keines haben, wird er es ersetzen.« »Daher,« sagte Wilkie, »beschloß ich, sehr fleißig zu sein; denn ich wußte, daß ich kein Genie hatte.« Und wenn seine Londoner Studiengenossen Linnell und Burnett über Kunst sprachen, war er – wie er Constable gleichfalls mitteilte – immer sehr bemüht, ihnen so nahe als möglich zu kommen, um nur ja alle ihre Worte zu hören: »denn sagte,« er, »sie wissen sehr viel, und ich weiß außerordentlich wenig.« Dies war vollkommen aufrichtig gemeint; denn Wilkie war von Natur bescheiden. So ziemlich das erste, was er mit der von Lord Mansfield für seine »Dorfpolitiker« gezahlten Summe von dreißig Pfund anfing, war, daß er dafür Mützen, Tücher und Kleider kaufte, um dieselben als Geschenke für seine Mutter und Schwester nach Hause zu schicken – obwohl es ihm selbst an manchem fehlte. Durch seine ursprüngliche Armut war Wilkie an eine strenge Sparsamkeit gewöhnt worden; aber trotzdem übte er eine edle Freigebigkeit, wie dies aus verschiedenen Stellen der Selbstbiographie des Graveurs Abraham Raimbach hervorgeht. Auch William Ettin giebt uns ein edles Beispiel von unentwegtem Fleiß und unermüdlicher Beharrlichkeit in der Kunst. Sein Vater war ein Pfefferkuchenfabrikant aus York, und seine Mutter – eine Frau von bedeutender Energie und Originalität des Charakters – war die Tochter eines Seilers. Der Knabe zeigte schon früh eine große Vorliebe für die Zeichenkunst, indem er Wände, Fußböden und Tische mit den Proben seiner Geschicklichkeit bedeckte – wobei ihm zuerst ein Stück Kreide im Werte eines Hellers (Farthings) als Bleistift diente, welches dann später durch ein Stück Kohle oder verkohltes Holz ersetzt wurde. Seine Mutter, die nichts von der Kunst verstand, wollte ihn ein Gewerbe erlernen lassen und gab ihn zu einem Buchdrucker in die Lehre. Aber in seinen Mußestunden setzte er seine Zeichenübungen fort, und als er seine Lehrzeit hinter sich hatte, war er entschlossen, seiner Neigung zu folgen, er wollte Maler werden – nichts anderes! Glücklicherweise waren sein Onkel und sein älterer Bruder imstande und auch geneigt, ihn in seiner neuen Laufbahn zu unterstützen; sie waren es, die ihm die Mittel dazu gewährten, als Schüler in die königliche Akademie einzutreten. Aus Leslies Selbstbiographie geht hervor, daß Ettin unter seinen Studiengenossen für einen nur schwach begabten und mühselig vorwärtskommenden Menschen galt, der sich nie auszeichnen würde. Aber er trug in sich die göttliche Kraft der Arbeit und bahnte sich mit unermüdlichem Fleiß den Weg zu den höchsten Höhen der Kunst. Viele Künstler mußten, ehe sie ihr Ziel erreichten, Entbehrungen durchmachen, die ihren Mut und ihre Geduld auf die härteste Probe stellten. Wie viele dabei zu Grunde gegangen sein mögen, kann niemand sagen. Martin hatte im Laufe seines Lebens mit Prüfungen zu kämpfen, wie sie wohl wenigen auferlegt werden. Während er sich mit der Ausführung seines ersten großen Gemäldes beschäftigte, war er mehrmals nahe daran, Hungers zu sterben. Alan erzählt von ihm, daß er bei einer Gelegenheit nur noch einen einzigen Schilling besaß – einen blanken Schilling, den er wegen seines hübschen Aussehens aufgehoben, den er aber doch schließlich weggeben mußte, um dafür Brot einzutauschen. Er ging in einen Bäckerladen und kaufte sich ein Brot: aber als er es forttragen wollte, riß der Bäcker es ihm aus der Hand und schob dem hungernden Künstler sein Geldstück wieder zu. Der blanke Schilling hatte sich ihm in der Stunde der Not treulos erwiesen – er war falsch. Nach Hause zurückgekehrt, durchwühlte er seinen Koffer, um eine übrig gebliebene Brotkruste zur Stillung seines Hungers zu suchen. Durch die siegreiche Macht der Begeisterung getragen, verfolgte er sein Ziel mit ungebeugter Energie. Er arbeitete und wartete mutig weiter, und als er nach einigen Tagen eine Gelegenheit fand, sein Bild auszustellen, war er von Stund an ein berühmter Mann. Gleich vielen anderen großen Künstlern hat er durch seine Laufbahn den Beweis geliefert, daß bei ungünstigen Lebensumständen das Genie unter Beihilfe des Fleißes sein eigener Gönner ist, und daß der Ruhm, wenn er auch langsam kommt, doch schließlich seine Gunst dem wahren Verdienst nicht versagt. Die sorgfältigste Ausbildung und Schulung nach akademischen Grundsätzen wird keinen zum Künstler machen, der nicht selbst an dem Erziehungswerk einen thätigen Antheil nimmt. Die Erziehung des Künstlers muß gleich der jedes anderen hochgebildeten Mannes hauptsächlich in der Selbstzucht bestehen. Als Pugin, welcher in dem Bureau seines Vaters ausgebildet wurde, von der Architektur so viel gelernt hatte, als man aus den üblichen theoretischen Formeln lernen kann, schien es ihm, als ob dies doch allzu wenig wäre; sodaß er noch einmal von vorne anzufangen und die Schule der Arbeit durchzumachen beschloß. Der junge Pugin stellte sich demgemäß als gemeiner Zimmermann in den Dienst des Covent-Garden-Theaters, an welchem er zuerst unter der Bühne, dann hinter den Coulissen und schließlich auf der Bühne selbst arbeitete. So wurde er mit der Arbeit vertraut und bildete außerdem seinen Geschmack in architektonischer Beziehung, wozu die Mannigfaltigkeit der mechanischen Beschäftigung bei einem großen Theater sehr günstige Gelegenheit bietet. Wenn das letztere am Ende der Saison seine Vorstellungen schloß, dann fuhr er mit einem Segelschiff zwischen London und einigen französischen Hafenplätzen hin und her, indem er zugleich einen einträglichen Handel betrieb. Dabei versäumte er nicht, an Land zu gehen, sobald sich nur die Gelegenheit bot, und irgend ein altes Gebäude oder gar ein kirchliches Bauwerk zu skizzieren, das auf seinem Wege lag. Später bereiste er den Kontinent ausdrücklich zu diesem Zweck und kehrte dann, reich mit Skizzen beladen, heim. So mühte er sich und arbeitete weiter, indem er die sichere Grundlage zu der hervorragenden Tüchtigkeit und Bedeutung legte, die er später erlangte. Ein ähnliches Beispiel arbeitsamen Fleißes auf demselben Gebiet liefert uns das Leben George Kemps, des Schöpfers des schönen Scott-Denkmals zu Edinburg. Er war der Sohn eines armen Schäfers und hütete gleich diesem die Schafe auf dem Südabhange der Ventland-Hügel. In jener ländlichen Einsamkeit hatte der Knabe keine Gelegenheit, Kunstwerke irgendwelcher Art zu sehen. Es begab sich jedoch, daß er in seinem zehnten Jahre von dem Besitzer, dessen Schafe sein Vater hütete, mit einer Botschaft nach Roslin geschickt wurde, und der Anblick des schönen Schlosses und der Kapelle, die er dort sah, scheint auf seinen Geist einen tiefen und dauernden Eindruck gemacht zu haben. Wahrscheinlich um seiner Neigung zur Architektur folgen zu können, bat der Knabe seinen Vater, ihn Tischler werden zu lassen, worauf er zu einem benachbarten Dorfzimmermann in die Lehre gegeben wurde. Nachdem er bei ihm einige Zeit gearbeitet, wollte er sich in Galashiels Beschäftigung suchen. Als er mit seinem Handwerkszeug auf dem Rücken das Tweed-Thal entlang wanderte, wurde er in der Nähe von Elibank-Tower von einem Wagen eingeholt. Der Kutscher – der wahrscheinlich im Auftrage seines im Wagen sitzenden Herrn handelte – fragte den Jungen, wie weit er noch zu gehen hätte, und als er hörte, daß der Bursche auf dem Wege nach Galashiels war, lud er ihn ein, sich neben ihn auf den Bock zu setzen und mitzufahren. Es kam nun heraus, daß der freundliche Herr im Wagen niemand anderes war als Sir Walter Scott, welcher als Sheriff von Selkirkshire eine Amtsreise machte. Wahrend Kemp in Galashiels arbeitete, hatte er häufig Gelegenheit, die Abteien Melrose, Dryburgh und Ledburgh zu besuchen und sorgfältig zu studieren. Von seiner Liebe zur Architektur getrieben, bereiste er als Zimmergesell den größten Teil des nördlichen Englands, wobei er keine Gelegenheit versäumte, alle gotische Schlösser zu besichtigen und zu skizzieren. Als er einst in Lancashire arbeitete, wanderte er fünfzig (englische) Meilen weit – bis nach York, wo er acht Tage damit zubrachte, die Kathedrale gründlich in Augenschein zu nehmen: worauf er – wiederum zu Fuß – den Rückweg antrat. Danach hielt er sich vier Jahre in Glasgow auf und studierte dort in seinen Mußestunden den herrlichen Dom. Nach England zurückgekehrt, durchwanderte er in Ausübung seines Berufs den Süden, indem er Canterbury, Winchester, Tintern und andere in architektonischer Beziehung merkwürdige Orte besichtigte. Im Jahre 1824 faßte er den Plan, zu dem gleichen Zwecke eine Reise durch Europa zu machen und sich dabei durch sein Handwerk zu ernähren. Von Boulogne aus reiste er über Abbeville und Beauvais nach Paris, indem er sich an jedem Orte einige Wochen aufhielt, um Skizzen und Studien anzufertigen. Seine Geschicklichkeit als Mechaniker, besonders aber der Umstand, daß er mit Maschinen umzugehen wußte, verschaffte ihm Arbeit, wohin er auch kam, und er wählte sich den Ort seiner Thätigkeit gewöhnlich in der Nähe eines schönen, alten, gotischen Bauwerks, das er in seinen Mußestunden studierte. Nachdem er sich so ein Jahr lang arbeitend und lernend in der Fremde herumgetrieben, kehrte er nach Schottland zurück. Hier setzte er seine Studien fort und vervollkommnete sich sehr im perspektivischen Zeichnen. Melrose war seine Lieblingsruine, und er fertigte von dieser Abtei mehrere künstlerisch ausgeführte Zeichnungen an, von welchen eine, die das Gebäude in »restauriertem« Zustande darstellte, später in Kupfer gestochen ward. Er wurde jetzt öfters mit der Modellierung architektonischer Entwürfe beauftragt und lieferte auch Zeichnungen zu einem Wert in dem Genre der Britonschen »Cathedral Antiquities« (Kirchenaltertümer), welches ein Edinburger Kupferstecher herauszugeben gedachte. Dies war eine Aufgabe, die vollkommen seinem Geschmack entsprach, und er arbeitete daran mit einem Enthusiasmus, der eine rasche Förderung des Werkes sicherte. Im Interesse desselben durchwanderte er halb Schottland zu Fuß und lebte wie ein gewöhnlicher Handwerker, während er gleichzeitig Zeichnungen anfertigte, die den besten Künstlern zur Ehre gereicht haben würden. Da aber der Herausgeber des Werkes Plötzlich starb, wurde die Veröffentlichung desselben aufgeschoben; und Kemp suchte sich eine andere Beschäftigung. Als das Komitee, welches sich zum Zweck der Stiftung eines Scott-Denkmals gebildet, einen Preis für den besten Entwurf aussetzte, hatten nur wenige eine Ahnung von dem Genius dieses von Natur sehr schweigsamen und bescheidenen Mannes. Unter den zahlreichen Bewerbern befanden sich die größten Namen der klassischen Architektur. Aber der einstimmig erwählte Entwurf war der des George Kemp, welcher zu der Zeit, wo er den die Entscheidung des Komitees meldenden Brief empfing, von den Preisrichtern durch eine Entfernung von vielen Meilen getrennt war, da er gerade an der Kilwinninger Abtei in Airshire arbeitete. Der arme Kemp! Bald nach jenem Erfolg ereilte ihn ein früher Tod; und es war ihm nicht mehr vergönnt, die steinerne Verkörperung des ersten Resultats seiner rastlosen Arbeit und Selbstvervollkommnung zu sehen – jenes Monument, welches eins der schönsten und angemessensten Denkmäler ist, die je literarischen Berühmtheiten errichtet wurden. Auch John Gibson war von einer echten Begeisterung und Kunstliebe erfüllt, die ihn hoch über jene gemeinen Versuchungen hinaushob, welche niedrigere Naturen dazu antreiben, die Zeit zur Dienerin des Eigennutzes zu machen. Er wurde zu Gyffin bei Conway im nördlichen Wales als der Sohn eines Gärtners geboren. Sein Talent verriet sich schon früh in den Holzschnitzereien, die er mit Hilfe eines gewöhnlichen Taschenmessers anfertigte; und da sein Vater die besondere Art seiner Begabung wohl beachtete, so gab er ihn zu einem Liverpooler Kunsttischler und Bildschnitzer in die Lehre. Der junge Mensch vervollkommnete sich rasch in seinem Gewerbe; und einige von seinen Schnitzereien erregten große Bewunderung. So wurde er naturgemäß zur Skulptur geführt und modellierte mit achtzehn Jahren eine kleine Statue der Zeit in Wachs, welche ein nicht geringes Aufsehen erregte. Nachdem die Bildhauerfirma der Messrs. Franceys in Liverpool den Burschen von seinem Lehrkontrakt losgekauft, nahm sie ihn selbst auf sechs Jahre als Lehrling an; und während dieser Zeit konnte sich sein Genius in vielen Originalschöpfungen bethätigen. Von dort ging er nach London und später nach Rom, worauf er bald eine europäische Berühmtheit wurde. Gleich John Gibson stammte auch Robert Thorburn von armen Eltern ab. Sein Vater lebte als Schuhmacher in Dumfries. Außer Robert waren noch zwei andere Söhne, von denen der eine ein geschickter Bildschnitzer wurde. Eines Tages sprach eine Dame bei dem Schuhmacher vor und fand Robert, der damals noch ein kleiner Junge war, damit beschäftigt, auf einem Stuhl, der ihm als Tisch diente, allerhand Figuren zu zeichnen. Sie prüfte seine Arbeit; und da sie sein Talent erkannte, suchte sie ihm Zeichenunterricht zu verschaffen und nahm in seinem Interesse die Dienste solcher Leute in Anspruch, die ihm zum Studium der Kunst verhelfen konnten. Der Knabe war fleißig, gewissenhaft, beharrlich und schweigsam; er gab sich selten mit seinen Kameraden ab und schloß nur wenige Freundschaften. Ums Jahr 1830 versah ihn ein Herr aus der Stadt mit den Mitteln, nach Edinburg zu gehen wo er als Student in die »schottische Akademie« aufgenommen wurde. Dort hatte er den Vorzug, unter ausgezeichneten Lehrern zu studieren; und er machte rasche Fortschritte. Von Edinburg ging er nach London, wo er – wie wir hören – durch seinen Gönner, den Herzog von Buccleuch, der Beachtung der Gesellschaft empfohlen wurde. Aber wie nützlich eine solche Gönnerschaft, die ihn in die besten Kreise einführte, auch für Thorburn gewesen sein mag, so brauchen wir doch wohl kaum zu sagen, daß keine Begünstigung irgendwelcher Art ihn zu dem großen Künstler hätte machen können, der er unzweifelhaft ist, wenn er nicht angeborenes Genie besessen und fleißig gearbeitet hätte. Noel Paton, der wohlbekannte Maler, begann seine Laufbahn damit, daß er in Dunfermline und Paisley Muster für Tischdecken und Musselinstickereien zeichnete; während er sich nebenbei fleißig an bedeutenderen Gegenständen übte, namentlich auch die menschliche Gestalt wiederzugeben versuchte. Gleich Turner war er zu jeder Arbeit bereit; und im Jahre 1840 sehen wir ihn als einen noch sehr jungen Menschen unter anderem damit beschäftigt, den »Renfrewshirer Kalender« zu illustrieren. Er bahnte sich seinen Weg Schritt um Schritt, langsam, aber sicher. Dennoch blieb er unbekannt bis zur Ausstellung der Konkurrenzzeichnungen für die Parlamentshäuser, bei welcher Gelegenheit ihn seine Darstellung des »Geistes der Religion« – für die er einen der ersten Preise erhielt – der Welt als einen echten Künstler offenbarte. Seine seitdem ausgestellten Bilder – wie »die Versöhnung Oberons und Titanias,« »die Heimat« und »das blutige Stelldichein« – beweisen einen stetigen Fortschritt in der künstlerischen Darstellungskraft und Auffassung. Ein anderes glänzendes Beispiel fleißigen und beharrlichen Kunststudiums inmitten bescheidener Verhältnisse giebt uns das Leben des James Sharples, eines Schmiedegesellen aus Blackburn. Er wurde zu Wakefield in Yorkshire im Jahre 1825 als Mitglied einer mit dreizehn Kindern gesegneten Familie geboren. Sein Vater arbeitete als Eisengießer und zog seines Gewerbes halber nach Bury. Die Knaben erhielten keinen Schulunterricht, sondern wurden so früh als möglich in die Arbeit geschickt; und so kam James mit etwa zehn Jahren in eine Gießerei, wo er ungefähr zwei Jahre hindurch als Schmiedelehrling beschäftigt war. Danach wurde er in derselben Fabrik untergebracht, in welcher sein Vater als Maschinenschmied arbeitete. Des Knaben Aufgabe bestand darin, die Nietnägel für die Kesselschmiede glühend zu machen und herbeizubringen. Obgleich seine Arbeitszeit von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends dauerte, brachte sein Vater es doch fertig, ihm nach den Arbeitsstunden noch etwas Unterricht zu erteilen, sodaß er dadurch notdürftig lesen lernte. Während er unter den Kesselschmieden arbeitete, traten zufällige Umstände ein, die in ihm die Lust zum Zeichnen erweckten. Der Werkmeister stellte ihn zuweilen dazu an, die mit Kreide bestrichene Schnur zu halten, welche er dazu gebrauchte, die Kesselmodelle auf dem Fußboden der Wertstätte aufzuzeichnen. Gelegentlich aber hielt der Werkmeister selbst die Schnur und leitete den Knaben an, die erforderlichen Messungen vorzunehmen. James wurde hierin bald so geschickt, daß er dem Werkmeister große Dienste leistete; und daheim war es in seinen Mußestunden sein höchstes Vergnügen, auf dem Fußboden der Wohnstube Kesselmodelle zu entwerfen. Als die Familie einst eine Verwandte aus Manchester zum Besuch erwartete und das Haus zu deren Empfang so schmuck als möglich gemacht worden war, unternahm der am Abend aus der Fabrik heimkehrende Junge seine gewöhnlichen Zeichenübungen auf dem Fußboden. Er hatte eben ein großes Kesselmodell mit Kreide aufgezeichnet, als seine Mutter mit dem Gast ankam und zu ihrem Ärger den Buben ungewaschen, den Fußboden aber mit Kreide beschmiert vorfand. Die Verwandte jedoch versicherte, daß ihr der Fleiß des Knaben sehr gefiele: sie lobte seine Zeichnung und riet seiner Mutter, dem kleinen »Schornsteinfeger,« wie sie ihn nannte, Papier und Bleistifte zu besorgen. Durch seinen älteren Bruder ermutigt, begann er sich im Zeichnen von Figuren und Landschaften zu üben, indem er Lithographien kopierte – ohne eine Ahnung von den Regeln der Perspektive oder den Gesetzen des Lichts und Schattens. Er arbeitete indes ruhig weiter und eignete sich eine gewisse Geschicklichkeit im Kopieren an. Mit sechzehn Jahren trat er in die Fortbildungsschule zu Bury ein, um an dem Zeichenunterricht teilzunehmen, den ein Dilettant erteilte, welcher im übrigen das Gewerbe eines Barbiers betrieb. Dort hatte er drei Monate lang wöchentlich eine Zeichenstunde. Der Lehrer gab ihm den Rat, sich aus der Bibliothek Burnets »Praktische Abhandlung über die Malkunst« zu leihen; aber da er nicht fließend lesen konnte, mußte er seine Mutter oder seinen älteren Bruder bitten, ihm Stellen aus dem Buche vorzulesen, während er dabei saß und zuhörte. Da er sich durch seine Unkenntnis der Lesekunst behindert fühlte und den dringenden Wunsch hatte, den Inhalt des Burnetschen Werkes kennen zu lernen, so blieb er nach dem ersten Vierteljahr dem Zeichenunterricht des Instituts fern und übte sich zu Hause im Lesen und Schreiben. Hierin machte er bald gute Fortschritte; und als er wieder in das Institut eintrat und den »Burnet« zum zweitenmal zur Hand nahm, konnte er ihn nicht nur lesen, sondern war auch imstande, sich daraus zu späterem Gebrauch schriftliche Auszüge zu machen. Er studierte das Buch so eifrig, daß er um vier Uhr morgens aufzustehen pflegte, um darin zu lesen und Stellen daraus abzuschreiben. Darauf ging er um sechs Uhr in die Fabrik und arbeitete dort bis sechs oder wohl gar acht Uhr abends, um sich nach der Heimkehr mit neuem Vergnügen an seinen Burnet zu machen, dessen Studium er oft bis tief in die Nacht hinein fortsetzte. Einen Teil seiner Nächte füllte er auch mit Zeichnen und Kopieren von Bildern aus. Auf eine Kopie des »Heiligen Abendmahls« von Leonardo da Vinci verwandte er eine ganze Nacht. Zwar ging er schließlich zu Bett; aber sein Geist war von dem Gegenstand so erfüllt, daß er nicht zu schlafen vermochte; weshalb er wieder aufstand und von neuem zum Zeichenstift griff. Danach wollte er sich auch in der Ölmalerei versuchen. Zu diesem Zweck kaufte er sich von einem Krämer ein Stück Leinwand, spannte es in einen Rahmen, überzog es mit Kremser Weiß und begann darauf mit Farben herumzupinseln, die er sich von einem Stubenmaler gekauft hatte. Aber dieser Versuch schlug gänzlich fehl; denn die Leinwand war rauh und knotig, und die Farben wollten nicht trocknen. In seiner Verlegenheit wandte er sich an seinen alten Lehrer, den Barbier, von dem er jetzt erst erfuhr, daß es präparierte Leinwand und besondere Farben und Firnisse zum Zweck der Ölmalerei gäbe. Nun kaufte er – sobald seine Mittel es ihm gestatteten – einen kleinen Vorrat der notwendigen Artikel und begann seine Malversuche von neuem, wobei sein alter Lehrer ihm die erforderliche Anleitung gab; und der Schüler machte so gute Fortschritte, daß er den Lehrer im Kopieren bald übertraf. Sein erstes Bild war die Kopie eines Kupferstiches, der »die Schafschur« betitelt war; er verkaufte es später für eine halbe Krone. Mit Hilfe einer billigen »Anleitung zur Ölmalerei« übte er sich noch weiter in seinen Mußestunden und lernte immer besser mit seinen Malutensilien umgehen. Er verfertigte sich seine eigene Staffelei und Palette, seinen Spatel und Malkasten: er kaufte sich selbst seine Farben wie auch Pinsel und Leinwand, sobald er nur das erforderliche Geld durch Extraarbeit zusammengebracht hatte. Über diese kleine Summe gestatteten ihm seine Eltern frei zu verfügen; während die Sorge für eine sehr große Familie sie abhielt, mehr für ihn zu thun. Oft wanderte er abends nach Manchester, um für zwei oder drei Schillinge Farben und Leinwand zu kaufen, und kehrte dann von diesem achtzehn (englische) Meilen betragenden Gange gegen Mitternacht heim – nicht selten durchnäßt und völlig erschöpft, aber aufrecht erhalten durch seine siegesfreudige Hoffnung und seine unbeugsame Entschlossenheit. Die weitere Entwicklung dieses Künstlers aus eigener Kraft schildern wir am besten mit den Worten, in denen er sich selbst darüber in einem Briefe an den Verfasser äußert. »Danach malte ich« – so schreibt er – »eine Mondlandschaft, ein Fruchtstück und noch einige andere Bilder; worauf mir der Gedanke kam, die »Schmiede« zu malen. Ich hatte schon einige Zeit darüber nachgedacht, aber noch nicht versucht, meine Idee in einem Bilde zu verkörpern. Jetzt jedoch skizzierte ich den Gegenstand auf Papier und machte mich dann daran, ihn auf Leinwand zu malen. Das Gemälde stellt einfach das Innere einer großen Werkstätte von der Art derjenigen dar, in welcher ich zu arbeiten gewohnt war. Gleichwohl war hier nicht eine bestimmte Schmiede gemeint, sodaß meine Idee in dieser Beziehung originell genannt werden durfte. Nachdem ich die Umrisse gezeichnet, fand ich, daß ich zu weiterer, erfolgreicher Ausführung meines Bildes anatomischer Kenntnisse bedurfte, um die Muskulatur der Gestalten richtig wiederzugeben. In dieser Verlegenheit kam mir mein Bruder Peter zu Hilfe, indem er so liebenswürdig war, mir Flaxmans »Anatomische Studien« zu kaufen – ein Werk, das mit seinem Preis von vierundzwanzig Schilling damals meine Mittel bei weitem überstieg. Dies Buch war in meinen Augen ein großer Schatz. Ich studierte darin so eifrig, daß ich oft um drei Uhr morgens aufstand, um etwas daraus abzuzeichnen; und daß ich gelegentlich meinen Bruder Peter dazu heranbekam, mir zu jener ungemütlichen Stunde Modell zu stehen. Obwohl ich mich durch diese Übung allmählich vervollkommnete, dauerte es doch ziemlich lange, bis mein Selbstvertrauen soweit gewachsen war, daß ich mich an mein Bild heranwagte. Da ich mich auch durch meine Unkenntnis der Perspektive gehindert fühlte, so suchte ich vor Wiederaufnahme meiner Malerei diesem Übelstand durch ein sorgfältiges Studium der Brook Taylorschen »Principien« abzuhelfen. Während ich daheim die Perspektive studierte, erbat ich mir in der Fabrik die schwereren Schmiedearbeiten – und zwar deshalb, weil bei diesen das Eisen zum Glühendwerden längere Zeit gebrauchte als bei den leichteren. Auf solche Weise erübrigte ich im Laufe des Tages einige freie Minuten, die ich fleißig dazu benutzte, auf die vordere Eisenplatte des Herdes, an welchem ich arbeitete, perspektivische Figuren zu zeichnen.« Indem er so fleißig arbeitete und studierte, wurde James Sharples immer mehr mit den Principien der Kunst vertraut und erwarb sich in der Ausübung der letzteren eine immer größere Geschicklichkeit. Etwa achtzehn Monate nach Ablauf seiner Lehrzeit malte er ein Portrait seines Vaters, welches gleich seiner »Schmiede,« die er bald darauf vollendete, ein ziemlich großes Aufsehen in der Stadt erregte. Sein Erfolg in der Portraitmalerei verschaffte ihm von seiten des Werkmeisters der Fabrik den Auftrag, ein Familienbild zu malen, und Sharples machte seine Sache so gut, daß der Werkmeister ihm nicht nur die ausbedungenen achtzehn Pfund, sondern noch dreißig Schillinge obenein zahlte. Wahrend er an dieser Familiengruppe malte, stellte er seine Arbeit in der Fabrik ein und dachte sogar daran, das Handwerk ganz und gar aufzugeben und sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Er malte nun verschiedene Bilder, zum Beispiel einen selbständig concipierten Christuskopf in Lebensgröße, sowie eine Ansicht von Bury. Da aber die Aufträge, die er als Portraitmaler erhielt, seine Zeit nicht genügend ausfüllten und ihm auch nicht die Aussicht auf ein festes Einkommen gewährten, so war er verständig genug, sich sein Schurzfell wieder vorzubinden und von neuem in dem ehrlichen Gewerbe eines Grobschmieds zu arbeiten, während er seine Mußestunden dazu anwandte, seine seitdem ausgestellte »Schmiede« in Stahl zu stechen. Zur Stahlstecherkunst wurde er durch den folgenden Umstand hingeführt: Ein Bilderhändler aus Manchester, welchem er das Gemälde zeigte, äußerte, dasselbe würde in den Händen eines geschickten Kupfer- oder Stahlstechers einen guten Stich abgeben. Sharples faßte sofort den Gedanken, das Bild selbst in Stahl zu stechen, obgleich er von dieser Kunst keine Ahnung hatte. Die Schwierigkeiten, die sich ihm bei seinem Vorhaben entgegenstellten, und die er erfolgreich überwand, beschreibt er selbst folgendermaßen: »Ich hatte die Annonce eines Sheffielder Stahlplattenfabrikanten gelesen, welche ein Verzeichnis der Preise enthielt, für die der Fabrikant Platten von verschiedener Größe lieferte. Ich gab nun dem Manne die Dimensionen der von mir gewünschten Platte an und übersandte ihm den Betrag nebst einer kleinen Extrasumme, für die er mir einige zum Gravieren erforderliche Werkzeuge schicken sollte. Ich konnte ihm die einzelnen Instrumente nicht näher bezeichnen, da ich nicht das mindeste von der Stahlstecherkunst verstand. Indessen trafen mit der Platte richtig drei oder vier Grabstichel nebst einer Ätznadel ein, welche letztere ich verdarb, ehe ich noch ihren Gebrauch erlernt hatte. Während ich an der Platte arbeitete, setzte die ›Vereinigte Genossenschaft der Maschinenbauer‹ einen Preis für ein allegorisches Bild aus; ich beschloß, an der Konkurrenz teilzunehmen, und hatte das Glück, den Preis zu gewinnen. Bald darauf zog ich nach Blackburn, wo ich in der Maschinenfabrik der Messrs. Yates als Kesselschmied arbeitete, während ich meine Mußezeit wie vorher mit Zeichnen, Malen und Gravieren ausfüllte. Mit dem letzteren kam ich nur sehr langsam vorwärts, da es mir an den passenden Instrumenten gebrach. Ich beschloß, mir selbst solche anzufertigen, die meinen Zwecken entsprächen; und nach verschiedenen Mißerfolgen gelang es mir endlich, eine ganze Anzahl von Werkzeugen herzustellen, die ich seitdem bei meiner Kupferstecherei vielfach gebraucht habe. Was mich auch sehr in Verlegenheit setzte, war der Mangel eines geeigneten Vergrößerungsglases; und bei der Ausführung eines Teils meiner Platte stand mir als einziges Instrument dieser Art nur meines Vaters Brille zur Verfügung. Indessen gelang es mir später, ein passendes Vergrößerungsglas zu erhalten, welches mir vortreffliche Dienste leistete. Doch nun trat ein Umstand ein, der mich die Arbeit beinahe hätte aufgeben lassen. Es passierte häufig, daß ich die Platte wegen anderer dringenderer Arbeiten für längere Zeit beiseite legen mußte; und um sie in solchen Fällen vor dem Rosten zu schützen, pflegte ich die gravierten Stellen mit Öl einzureiben. Als ich nun einmal nach einer längeren Pause meine Platte wieder vornahm und betrachtete, bemerkte ich, daß das Öl zu einer dicken, zähen Masse geworden war, die sich außerordentlich schwer entfernen ließ. Ich versuchte sie mit einer Nadel herauszustechen, fand aber, daß dies fast ebensoviel Zeit kostete, als wenn ich die Stellen frisch gravierte. Ich war ganz verzweifelt; aber schließlich verfiel ich auf das Mittel, die Platte in sodahaltigem Wasser zu kochen und die gravierten Stellen nachher mit einer Zahnbürste abzureiben; und zu meinem Entzücken bewährte sich das Verfahren vollkommen. Nachdem ich die größten Schwierigkeiten überwunden hatte, bedurfte ich nur noch der Geduld und Beharrlichkeit, um meine Arbeit zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Mir hat bei der Herstellung meines Stahlstichs niemand Rat oder Beistand gewährt. Wenn also die Arbeit einiges Verdienst besitzt, so darf ich dasselbe für mich allein in Anspruch nehmen; und wenn ich durch ihre Fertigstellung gezeigt habe, was ausdauernder Fleiß und fester Entschluß zu leisten vermögen, so ist das der einzige Ruhm, den ich begehre.« Es würde uns zu weit führen, wenn wir den Stahlstich der »Schmiede« kritisieren wollten; seine Vorzüge sind durch die Fachblätter völlig gewürdigt worden. Der Ausführung dieser Arbeit opferte Sharples fünf Jahre lang seine abendlichen Mußestunden; und als er seine Platte zum Drucker trug, sah er bei diesem zum erstenmal einen Stahlstich, den ein anderer gefertigt hatte. Dieser wahrheitsgetreuen Schilderung seines Fleißes und Genies fügen wir noch einen Zug hinzu – und zwar einen solchen, der sich auf sein häusliches Leben bezieht. »Ich bin seit sieben Jahren verheiratet,« sagt er, »und während dieser Zeit ist es immer mein größtes Vergnügen gewesen, daheim – nach Beendigung meines Tagewerks in der Fabrik – meinen Stift oder Grabstichel zu ergreifen und damit, oft bis zu später Stunde, zu arbeiten, indes mein Weib an meiner Seite sitzt und mir aus einem interessanten Buche vorliest.« Wahrlich! das ist ein einfaches, aber schönes Zeugnis für die gesunde Tüchtigkeit und echte Biederkeit dieses merkwürdigen und verdienstvollen Arbeiters! Derselbe Fleiß, dieselbe Ausdauer, deren – wie wir gesehen – ein Künstler bedarf, um sich in der Malerei und Skulptur auszuzeichnen, wird auch in der Schwesterkunst, der Musik erfordert, welche – während jene beiden anderen die Poesie der Form und Farbe darstellen – die Poesie der Töne bedeutet. Händel war ein unermüdlicher und beharrlicher Arbeiter; ungebeugt durch Fehlschläge, schien seine Energie mit jedem Mißgeschick zu wachsen. Zu der Zeit, da er als insolventer Schuldner vielen Kränkungen ausgesetzt war, verzagte er nicht einen Augenblick, sondern schuf in einem einzigen Jahr seinen »Saul« und »Israel,« sowie die Musik zu Drydens »Ode,« seine »zwölf großen Konzerte« und die Oper »Jupiter in Argos« – welche Werke zu seinen schönsten Schöpfungen gehören. Nach den Worten seines Biographen »trotzte er jedem Mißgeschick und verrichtete ohne Beistand die Arbeit von zwölf Männern.« Haydn äußerte mit Bezug auf seine Kunst: »Sie besteht darin, daß man einen Gegenstand erfaßt und ausführt.« »Die Arbeit,« sagte Mozart, »ist mein größtes Vergnügen.« Beethovens Lieblingswort war: »Es giebt keine Schranke, die dem strebsamen Talent oder Fleiß zurufen könnte: Bis hierher und nicht weiter!« Als Moscheles seine Bearbeitung des »Fidelio« für Klavier Beethoven zur Beurteilung vorlegte, sah dieser ganz unten auf der letzten Seite die Worte stehen: » Finis ! mit Gottes Hilfe.« Sofort schrieb Beethoven darunter: »O Mensch, hilf dir selber!« Dies war der Wahlspruch seines Künstlerlebens. Johann Sebastian Bach sagte von sich selbst: »Ich war fleißig: wer ebenso eifrig ist, wie ich es gewesen bin, wird auch ebensoviel Erfolg haben.« Aber ohne Zweifel besaß Bach eine angeborene Neigung zur Musik, welche die Haupttriebfeder seines Fleißes und das wahre Geheimnis seines Erfolges darstellte. Als er fast noch ein Knabe war, wurde ihm von seinem älteren Bruder, der seinen Fähigkeiten eine andere Bahn anweisen wollte, eine Anzahl von Partituren vernichtet, die der junge Sebastian in Ermangelung einer Kerze beim Mondschein niedergeschrieben, und in denen sich schon die große Begabung des genialen Knaben aussprach. Über Meyerbeer schrieb Bayle im Jahre 1820 von Mailand aus: »Er ist ein Musiker von einigem Talent, aber kein Genie: er lebt einsam und beschäftigt sich täglich fünfzehn Stunden mit Musik.« Jahre vergingen; und Meyerbeers gewissenhafter Fleiß ließ endlich seinen Genius zu Tage treten, der sich deutlich in seinem »Robert dem Teufel,« in den »Hugenotten,« dem »Propheten« und anderen Opern offenbarte, die anerkanntermaßen zu den besten Tonschöpfungen gehören, die in der neueren Zeit komponiert worden sind. Obgleich die musikalische Komposition eine Kunst ist, in welcher sich die Engländer bisher nicht sonderlich ausgezeichnet haben, weil ihre Bestrebungen sich größtenteils einer anderen, mehr praktischen Richtung zuwandten, so fehlt es doch auch uns nicht an einheimischen Beispielen für die Macht der Beharrlichkeit auf diesem besonderen Gebiet. Arne war der Sohn eines Tapezierers und von seinem Vater für die juristische Laufbahn bestimmt; doch seine Liebe zur Musik war so groß, daß er ihr nicht widerstehen konnte. Während er in dem Bureau eines Rechtsanwalts arbeitete, verfügte er nur über sehr gelinge Mittel; aber um seiner Neigung folgen zu können, pflegte er sich eine Dienerlivree zu borgen und auf die Galerie der Oper zu gehen, die damals fast ausschließlich von Dienstboten besucht wurde. Ohne Vorwissen seines Vaters machte er große Fortschritte im Violinspiel, und sein Vater erfuhr dies erst durch einen zufälligen Besuch in dem Hause eines benachbarten Herrn, wo er zu seiner Überraschung und Bestürzung seinen Sohn in einem Orchester die erste Geige spielen hörte. Dieser Umstand entschied das Schicksal des jungen Arne. Sein Vater trat seinen Wünschen jetzt nicht mehr entgegen, und die Welt verlor hierdurch einen Rechtsanwalt, gewann aber dafür einen Musiker von Geschmack und zarter Empfindung, dem die englische Musiklitteratur viele wertvolle Werte verdankt. Die Laufbahn des verstorbenen William Jackson, des Komponisten der »Befreiung Israels,« – eines Oratoriums, welches in allen größeren Städten seiner Heimat, der Grafschaft York, mit Erfolg aufgeführt worden ist – zeigt in interessanter Weise, welche Schwierigkeiten auf musikalischem Gebiet die Beharrlichkeit zu überwinden vermag. Er war der Sohn eines Müllers aus Masham, einem Marktflecken im Thal der Yore, in dem nordwestlichen Winkel von Yorkshire. Die Neigung zur Musik scheint ein Erbteil der Familie gewesen zu sein; denn sein Vater spielte die Querpfeife in dem Musikcorps der Mashamer Bürgerwehr und gehörte zu den Sängern des Kirchenchors. Auch sein Großvater war ein Hauptsänger der Mashamer Kirche, an welcher er als Glöckner fungierte, und einer der ersten musikalischen Genüsse des Knaben bestand darin, daß er dabei sein durfte, wenn in der Sonntagsfrühe die Glocken geläutet wurden. Während des Gottesdienstes ward sein ganzes Interesse von dem Spiel des Organisten auf der Drehorgel in Anspruch genommen. Die Rückwand des Instruments war dabei geöffnet, um den Schall ungehindert in die Kirche dringen zu lassen, und so wurde vor den staunenden Augen der kleinen, hinten auf der Galerie sitzenden Buben – besonders vor den bewundernden Blicken unseres jungen Musikers – das Innere der Orgel mit seinen Klappen, Pfeifen, Walzen, Dämpfern, Registern und Bälgen enthüllt. Mit acht Jahren begann Jackson auf der alten Querpfeife seines Vaters zu spielen, die jedoch leider das » D « nicht angab. Seine Mutter stillte diesen Kummer dadurch, daß sie ihm eine einklappige Flöte kaufte, und bald danach schenkte ihm ein Herr aus der Nachbarschaft eine Flöte mit vier silbernen Klappen. Da der Knabe in der »Bücherweisheit« keine Fortschritte machte und am Cricketspiel, seiner Querpfeife oder einer Boxerei weit mehr Gefallen fand als an seinen Schulstunden, so gab es der Dorfschulmeister als »ein schlechtes Geschäft« auf, sich weiter um ihn zu kümmern, und seine Eltern schickten ihn nach Pateley Bridge zur Schule. Während seines dortigen Aufenthalts fand er eine ihm zusagende Gesellschaft in einem ländlichen Gesangverein zu Brighouse-Gate, und bei diesem lernte er das Solfeggieren der Tonleiter in altenglischer Weise. So gewann er eine Sicherheit im Treffen der Töne, die erstaunlich war. Seine Fortschritte erregten die Bewunderung des Vereins, und von musikalischem Ehrgeiz entflammt, kehrte er heim. Er lernte nun auf dem alten Klavier seines Vaters spielen, aber der Effekt befriedigte ihn nicht. Sein höchster Wunsch zielte jetzt auf den Besitz einer mit Tasten versehenen Orgel; doch fehlte es ihm an den Mitteln, sich eine solche zu verschaffen. Um diese Zeit kaufte ein benachbarter Dorfküster für eine unbedeutende Summe eine kleine, unbrauchbar gewordene Drehorgel, die mit einem Schaubudenbesitzer die Reise durch die nördlichen Grafschaften gemacht hatte. Der Küster versuchte vergeblich, das Instrument wieder in Ordnung zu bringen. Endlich verfiel er auf den Gedanken, die Geschicklichkeit des jungen Jackson in Anspruch zu nehmen, welchem schon verschiedene Abänderungen und Verbesserungen an der mit einer Klaviatur versehenen Orgel der Pfarrkirche gelungen waren. Er brachte demgemäß das Instrument auf einem mit einem Esel bespannten Karren vor das Haus des jungen Menschen, und in kurzer Zeit war die Drehorgel so trefflich repariert, daß sich darauf zum Entzücken ihres Eigentümers wieder die alten Weisen spielen ließen. Nun kam dem Burschen die Idee, daß er selbst eine Drehorgel anfertigen könnte, und er war sogleich dazu entschlossen. Sein Vater und er selbst machten sich an die Arbeit, und obwohl sie im Orgelbau nicht die mindeste Erfahrung besaßen, gelang es ihnen doch, mit saurer Mühe und nach vielen Mißerfolgungen eine Orgel herzustellen, die zehn Töne ganz gut zu Gehör brachte und in der Umgegend für ein Wunderwerk galt. Der junge Jackson wurde nun häufig aufgefordert, alte Kirchenorgeln zu reparieren und die Walzen, die er einsetzte, für neue Musikstücke einzurichten. Alle diese Arbeiten erledigte er zur Befriedigung seiner Auftraggeber, worauf er sich mit der Konstruktion einer Orgel mit vier Registern beschäftigte, zu welcher er die Klaviatur eines alten Klaviers verwandte. Auf dieser Orgel lernte er spielen, und während er abends »Callcotts Generalbaß« studierte, arbeitete er tagsüber als Müllergesell oder machte auch auf einem mit einem Esel bespannten Karren als »Höker« eine Fahrt durch die Umgegend. Wenn er im Sommer auf dem Felde mit den Rüben, dem Heu oder der Ernte beschäftigt war, so entbehrte er am Feierabend doch nie den Trost der Musik. Er versuchte sich nunmehr an musikalischen Kompositionen, und zwölf seiner Chorgesänge wurden dem damals noch lebenden Herrn Camidge aus York als »Schöpfungen eines vierzehnjährigen Müllerburschen« vorgelegt. Herr Camidge fand daran Gefallen; er strich die fehlerhaften Stellen an und schickte die Partituren mit der ermutigenden Bemerkung zurück, daß sie dem jungen Menschen alle Ehre machten, und daß er »mehr schreiben müsse.« Als sich in Masham eine Musikkapelle bildete, trat der junge Jackson derselben bei und wurde schließlich zu ihrem Dirigenten erwählt. Er spielte abwechselnd die verschiedenartigsten Instrumente und erwarb sich auf solche Weise bedeutende praktische Kenntnisse in seiner Kunst; auch komponierte er zahlreiche Lieder für die Kapelle. Als die Kirche eine neue, mit einer Klaviatur versehene Orgel zum Geschenk erhielt, wurde er zum Organisten bestimmt. Er gab nun das Müllergewerbe auf und verlegte sich auf die Seifensiederei, wobei er jedoch seine Mußestunden nach wie vor dem Studium der Musik widmete. Im Jahre 1839 gab er seinen ersten Chorgesang: »Ihr reichen Thäler, jubelt laut!« heraus, und im folgenden Jahre verlieh ihm der Huddersfielder »Heiterkeits-Klub« den ersten Preis für seine »Schwestern des Thales.« Ein anderer von ihm komponierter Chorgesang: »Gott mög' uns barmherzig sein« und der 103. Psalm, für einen Doppelchor mit Orchesterbegleitung geschrieben, sind wohlbekannt. Neben diesen kleineren Arbeiten beschäftigte sich Jackson mit der Komposition seines Oratoriums, der »Befreiung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft.« Er hatte die Gewohnheit, die Gedanken, die ihm kamen, kurz niederzuschreiben und sie abends, nachdem er seinen Seifensiederladen geschlossen, in Partitur auszuführen. In den Jahren 1844 und 1845 erschienen nach und nach die verschiedenen Teile seines Oratoriums, und den letzten Chor dieses Werkes gab er an seinem neunundzwanzigsten Geburtstage heraus. Das Oratorium wurde außerordentlich gut aufgenommen und ist in den nördlichen Städten häufig und mit großem Erfolg aufgeführt worden. Herr Jackson ließ sich schließlich als Musikdirektor in Bradford nieder und hat in nicht geringem Grade zu der Bildung des musikalischen Geschmacks jener Stadt und der Umgegend beigetragen. Vor etlichen Jahren hatte er die Ehre, seinen schönen Bradforder Gesangverein vor Ihrer Majestät im Buckingham-Palast zu dirigieren, und sowohl bei dieser Gelegenheit als auch im Krystall-Palast fanden mehrere von ihm komponierte Chorgesänge großen Beifall. Während die Bogen dieser revidierten Ausgabe durch die Druckerpresse gehen, zeigen die Lokalblätter an, daß Herr Jackson im Alter von fünfzig Jahren gestorben ist. Seine letzte, kurz vor seinem Tode veröffentlichte Komposition war die Kantate: »Das Lob der Musik,« Er selbst teilte die oben angeführten Details seines früheren Lebens dem Autor vor mehreren Jahren mit, als er noch sein Seifensiebergeschäft in Masham betrieb. Dies ist in kurzer Darstellung die Laufbahn eines musikalischen Autodidakten, dessen Leben abermals den Beweis liefert, daß die Kraft der Selbsthilfe und des mutigen Fleißes den Menschen befähigt, auch ungewöhnlich große Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, die sich ihm zu Anfang in den Weg stellen. Siebentes Kapitel. Fleiß und Adelsverleihung. »Zu bange um sein Leben zagt, Zu arm an Kraft sich fühlt, Wer's nicht aufs Spiel zu setzen wagt, Wenn's hohem Preise gilt!« – Marquis von Montrose. »Und siehe, es sind Letzten, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein,« St. Lukas. Wir haben schon auf einige berühmte Männer aus dem Volke hingewiesen, die sich aus bescheidenen Verhältnissen durch Fleiß und Ausdauer zu bedeutenden Stellungen emporgeschwungen: wir können aber auch in den Reihen des Adels ebenso lehrreiche Beispiele finden. Der Grund dafür, daß der englische Adel sich so gut zu behaupten gewußt, liegt zum Teil darin, daß er im Gegensatz zu dem Adel anderer Länder sich von Zeit zu Zeit durch das beste Blut der englischen Industrie erneuert hat, die recht eigentlich »Leber, Herz und Hirn Großbritanniens« darstellt. Gleich dem mythologischen Antäos hat er sich erfrischt und gekräftigt durch die Berührung mit der Mutter Erde und durch die Vermischung mit dem ältesten Ritterorden – dem der Arbeit. Das Blut aller Menschen entstammt demselben Urquell, und wenn viele auch nicht imstande sind, ihre Abstammung bis über ihre Großeltern hinaus deutlich nachzuweisen, so haben doch ohne Zweifel alle das Recht, an das obere Ende ihrer Stammtafel die Namen der großen Erzeuger des Menschengeschlechts zu setzen und es damit dem Lord Chesterfield gleichzuthun, welcher so begann: »Adam de Stanhope – Eva de Stanhope.« Keine Klasse hat dauernden Bestand. Die Hohen kommen zu Fall, und die Niedrigen steigen empor. Neue Familien treten an die Stelle der alten, welche in der Menge des gemeinen Volkes verschwinden. Burkes » Vicissitudes of Families « (Familienschicksale) weisen deutlich dieses Steigen und Fallen der Familien nach und zeigen, daß die Reichen und Vornehmen verhältnismäßig größeren Unglücksfällen ausgesetzt sind als die Armen. Dieser Autor macht auch darauf aufmerksam, daß es heute in dem Hause der Peers nicht mehr einen einzigen männlichen Nachkommen jener fünfundzwanzig Barone giebt, welche einst zu Hütern der Magna Charta ernannt wurden. Bürgerkriege und Aufruhr haben viele der alten Adelsfamilien vernichtet oder zerstreut. In zahlreichen Fällen aber leben ihre Nachkommen noch und sind nur in der Masse des Volkes verborgen. Füller behauptet in seinen » Worthies « (Berühmtheiten), »daß einige Familien, die mit Recht die Namen Bohun, Mortimer und Plantagenet führen, jetzt in den Reihen des gemeinen Volkes zu finden sind.« Ebenso erzählt Burke, daß zwei direkte Nachkommen des Grafen von Kent, des sechsten Sohnes Eduards I., in einem Fleischer und einem Zolleinnehmer entdeckt wurden: daß der Urenkel der Margarete Plantagenet, der Tochter des Herzogs von Clarence zu dem Stande eines Flickschusters zu Newport in Shropshire herabsank, und daß zu den direkten Nachkommen des Herzogs von Gloucester, des Sohnes Eduards III., der verstorbene Küster der St. Georgskirche am Hannover-Square gehörte. Wie man sagt, stammt ein Sattler aus der Tooley-Street in direkter Linie von Simon de Montfort, dem Führer der englischen Barone, ab. Ein Nachkomme der »stolzen Perchs,« der auf den Titel eines Herzogs von Northumberland Anspruch machen durfte, lebte als Kofferfabrikant in Dublin; und vor nicht langer Zeit fand sich in einer Kohlengrube in Northumberland ein Arbeiter, der ein Anrecht auf den Titel eines Grafen von Perth zu haben behauptete. Während Hugh Miller als Steinmetz in der Nähe von Edinburg arbeitete, wurde er von einem Handlanger bedient, welcher einer der zahlreichen Prätendenten des gräflich-Craufordschen Erbtitels war, und den nur das Fehlen eines Trauscheins daran hinderte, seinen Ansprüchen Geltung zu verschaffen. Während die Arbeit vor sich ging, tönte es von den Mauern des Neubaues oft mehrmals am Tage: »Heda, John! Graf Crauford! bring uns noch eine Mulde Mörtel!« Einer von Oliver Cromwells Urenkeln war Gewürzkrämer auf dem Snow-Hill und andere seiner Nachkommen starben in großer Armut. Viele Barone von stolzem Namen und Titel sind auf ihrem Familiensitz gestorben wie das Faultier auf seinem Baum stirbt, wenn es alle Blätter desselben verzehrt hat; andere sind von Unglücksschlägen betroffen worden, von denen sie sich nicht erholen konnten, sodaß sie zuletzt in Armut und Elend versanken. So groß ist die Unsicherheit des Ranges und Vermögens. Die Masse unseres Adels ist verhältnismäßig modern, was die Titel anbetrifft: aber er ist darum nicht weniger edel, weil er sich in so ausgedehntem Maße aus den Reihen der ehrenwerten Industrie rekrutiert hat. In alten Zeiten war der Reichtum und der Handel Londons, von energischen und unternehmenden Männern geleitet, eine reiche Quelle von Adelspatenten. So wurde die Peerschaft der Grafen von Cornwallis durch Thomas Cornwallis, den Cheapsider Kaufmann, begründet, sowie diejenige der Grafen von Essex durch den Tuchhändler William Capel, und der erste Graf Craven war William Craven, ein ehemaliger Schneider und Garderobenhändler. Der gegenwärtige Graf Warwick ist nicht ein Nachkomme des »Königmachers,« sondern des Wollhändlers William Greville; während die modernen Herzöge von Northumberland ihren Urahn nicht unter den Percys, sondern in Hugh Smithson, einem respektabeln Londoner Apotheker zu suchen haben. Die Begründer der Familien Dartmouth, Radnor, Ducie und Pomfret waren ein Gerber, ein Seidenhändler, ein Schneidermeister und ein Kaufmann aus Calais; während die Stifter der Adelsfamilien Tankerville, Normer und Coventry Krämer waren. Die Ahnen des Grafen Romney, des Lord Dudley und Lord Ward waren Goldschmiede und Juweliere, und Lord Dacres war Bankier unter der Regierung Karls I., wie Lord Overstone unter derjenigen der Königin Viktoria. Edward Osborne, der erste Herzog von Leeds, war Lehrling bei William Hewet, einem reichen Tuchwirker auf der Londoner Brücke, dessen einzige Tochter er mutig vom Tode des Ertrinkens errettete, indem er ihr in die Themse nachsprang – worauf er sie später heiratete. Ebenfalls aus dem Kaufmannsstande hervorgegangen sind die Adelsfamilien Fitzwilliam, Leigh, Petre, Cowper, Darnley, Hill und Carrington. Die Begründer der Häuser Foley und Normanby sind in vielen Beziehungen merkwürdig, und die Geschichte ihres Lebens verdient berichtet zu werden, da sie uns das leuchtende Beispiel eines thatkräftigen Charakters vorführt. Der Vater Richard Foleys, der Stifter der Familie, lebte zur Zeit Karls I. als kleiner Besitzer in der Nahe von Stourbridge. Jener Ort war dazumal das Centrum der Eisenindustrie der mittleren Distrikte, und Richard wurde in einem Zweige dieser Industrie – als Nagelschmied – ausgebildet. Er konnte auf solche Weise täglich beobachten, wieviel Arbeit und Zeitverlust das plumpe, damals übliche Verfahren verursachte, vermittelst dessen man die Eisenstangen zum Zweck der Nagelfabrikation spaltete. Wie es scheint, verfiel das Gewerbe der Stourbridger Nagelschmiede allmählich infolge der Einführung schwedischer Nägel, welche auf dem Markt zu billigerem Preise verlauft wurden. Man erfuhr, daß die Schweden ihre Nägel so viel wohlfeiler anfertigen konnten, weil sie sich zum Spalten des Eisens einer Maschinerie bedienten, welche das mühsame Verfahren der englischen Nagelschmiede vollständig in den Schatten stellte. Nachdem Richard Foley sich hierüber Klarheit verschafft, beschloß er, das neue Verfahren kennen zu lernen und seinen Zwecken dienstbar zu machen. Er verschwand plötzlich aus der Stourbridger Gegend und ließ mehrere Jahre nichts von sich hören. Keiner – auch seine Familie nicht – wußte, wo er geblieben: er hatte niemand seine Absicht mitgeteilt, da er des Gelingens nicht sicher war. Fast ohne einen Heller in der Tasche brachte er es fertig, bis Hull zu kommen, wo er sich an Bord eines nach einer schwedischen Hafenstadt abgehenden Schiffes verdingte, auf welchem er sein Passagiergeld abarbeitete. Sein einziges Eigentum war seine Geige, und als er in Schweden gelandet war, bettelte und fiedelte er sich bis zu dem Bergwerk Dannemora bei Upsala durch. Als tüchtiger Musikant und liebenswürdiger Mensch setzte er sich bald bei den Grubenarbeitern in Gunst, Er hatte zu allen Teilen des Bergwerks Zutritt und ergriff begierig die gebotene Gelegenheit, seinen Geist durch Beobachtungen zu bereichern und womöglich das Verfahren des Eisenspaltens kennen zu lernen. Nachdem er sich zu diesem Zweck längere Zeit bei seinen gütigen Freunden, den Bergleuten, aufgehalten, verschwand er plötzlich – niemand wußte, wohin. Nach England zurückgekehrt, teilte er die Resultate seiner Reise dem Herrn Knight und noch einem anderen Stourbridger Bürger mit, und diese setzten in ihn so viel Vertrauen, daß sie ihm die erforderlichen Mittel zur Errichtung der Gebäude und zur Anschaffung der Maschinen lieferten, welche die Einführung der neuen Methode des Eisenspaltens erheischte. Aber als die Maschinerie in Gang gesetzt werden sollte, zeigte es sich zur großen Betrübnis und Enttäuschung aller Beteiligten, besonders Foleys, daß sie nicht gehen – jedenfalls keine Eisenstangen spalten wollte. Abermals verschwand Foley, Man nahm an, Scham und Arger über das Mißlingen seiner Pläne habe ihn für immer aus der Gegend vertrieben. Das war aber durchaus nicht der Fall. Foley hatte einmal den Entschluß gefaßt, das Geheimnis des Eisenspaltens zu ergründen, und daran hielt er auch jetzt noch fest. Er war wieder in Begleitung seiner Fiedel nach Schweden gereist und kam auch diesmal glücklich bis zu den Eisengruben, wo ihn die Bergleute freudig bewillkommneten und ihn – um ihres lustigen Fiedelmanns sicher zu sein – in dem Spaltwerk selber unterbrachten. Dieser Musikant erschien ihnen in allem außer seinem Geigenspiel so thöricht, daß sie nicht den mindesten Argwohn gegen ihn hegten und ihn so instand setzten, Ziel und Zweck seines Lebens zu erreichen. Er prüfte nun sorgfältig die Einrichtung des Spaltwerks und entdeckte bald die Ursache seines eigenen Mißerfolgs. Er fertigte sich Zeichnungen von den Maschinen an, obwohl er in der Zeichenkunst ganz ungeübt war, und nachdem er sich lange genug in den Gruben aufgehalten, um seine Beobachtungen auf ihre Richtigkeit prüfen und die mechanischen Vorgänge klar und deutlich seinem Geist einprägen zu können, verließ er die Bergleute wiederum, erreichte einen schwedischen Hafen und schiffte sich nach England ein. Ein Mann von so großer Entschlossenheit mußte Erfolg Haben. Nachdem er wieder bei seinen überraschten Freunden eingetroffen war, vervollständigte er seine Einrichtungen, und die Resultate waren durchaus befriedigend. Durch Geschicklichkeit und Fleiß legte er bald den Grund zu einem großen Vermögen, wahrend er gleichzeitig die Industrie eines ausgedehnten Distrikts neu belebte. Er selbst blieb lebenslang seinem Gewerbe treu, wobei er nicht unterließ, alle wohlthätigen Bestrebungen in jener Gegend zu fördern und zu ermutigen. Er stiftete und unterstützte eine Schule in Stourbridge; und sein Sohn Thomas (ein großer Wohlthäter der Stadt Kidderminster), welcher zur Zeit des »Rumpfparlaments« Obersheriff von Worcestershire war, gründete und unterhielt in Old-Swinford eine noch bestehende Anstalt zur unentgeltlichen Erziehung armer Kinder. Die älteren Foleys waren sämtlich Puritaner. Richard Baxter scheint mit mehreren Mitgliedern der Familie auf freundschaftlichem und vertrautem Fuße gestanden zu haben und erwähnt ihrer häufig in seinem Buche: » Life and Times « (Lebens- und Zeitbilder). Als Thomas Foley zum Obersheriff der Grafschaft ernannt wurde, bat er Baxter, vor ihm die übliche Predigt zu halten: und Baxter sagt über ihn in » Life and Times ,« daß er »in seiner Handlungsweise so gerecht und makellos gewesen sei, daß alle, die je mit ihm zu thun gehabt, seine große, unzweifelhafte Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit rühmten.« Die Familie wurde unter Karl II. in den Adelsstand erhoben. William Phipps, der Stifter der Familie Mulgrave oder Normanby, war in seiner Art ebenso merkwürdig als Richard Foley. Sein Vater – ein robuster Engländer – war Büchsenmacher und wohnte zu Woolwich im Staate Maine, der damals noch einen Teil unserer englischen Kolonien in Amerika bildete. William wurde im Jahre 1651 in einer Familie geboren, die nicht weniger als sechsundzwanzig Kinder (darunter einundzwanzig Söhne) zählte, deren einziges Vermögen in ihren mutigen Herzen und kräftigen Armen lag. Der Knabe scheint einen Tropfen normannischen Seefahrerbluts in seinen Adern gehabt zu haben: denn er bequemte sich nur ungern, zu dem ruhigen Schäferleben, das er in seiner frühen Jugend führen mußte. Von Natur kühn und abenteuerlustig, sehnte er sich danach, ein Seemann zu werden und die Meere zu durchkreuzen. Da er kein Schiff fand, das ihn an Bord nahm, ging er zu einem Schiffszimmermeister in die Lehre und erlernte sein Gewerbe gründlich, während er sich gleichzeitig in seinen Mußestunden die Kunst des Lesens und Schreibens aneignete. Nach Ablauf seiner Lehrzeit zog er nach Boston. Hier bewarb er sich um eine Witwe mit einigem Vermögen,, die er auch heiratete. Er richtete nun einen kleinen Schiffsbauplatz für eigene Rechnung ein, baute ein Schiff und ging, selbst damit in See, um etwa zehn Jahre lang einen mühseligen und beschwerlichen Holzhandel zu betreiben. Als er eines Tages durch die krummen Straßen des alten, Boston ging, belauschte er zufällig das Gespräch einiger Matrosen, die von einem in der Nähe der Bahama-Inseln stattgefundenen Schiffbruch redeten, der ein spanisches, angeblich mit reichen Schätzen beladenes Fahrzeug betroffen. Seine Abenteuersucht war sogleich entfacht; und indem er ohne Zeitverlust eine passende Mannschaft zusammenbrachte, segelte er nach den Bahama-Inseln ab. Da das Wrack in der Nähe der Küste lag, so fand er es bald und rettete einen großen Teil seiner Ladung, erbeutete aber nur so wenig Geld, daß er damit kaum seine Kosten bestreiten konnte. Trotzdem hatte dieser Erfolg seinen unternehmenden Sinn nur stärker gereizt; und als er von einem noch reicher beladenen Schiff hörte, das vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Nähe von Port de la Plata untergegangen sein sollte, faßte er sofort den Entschluß, das Wrack zu heben oder wenigstens doch die versunkenen Schätze aus dem Meere heraufzuholen. Da er indes zu arm war, um sich ohne eine mächtige Beihilfe an solch ein Unternehmen zu wagen, fuhr er nach England hinüber, in der Hoffnung, dort Beistand zu finden. Das Gerücht von seiner erfolgreichen Hebung des Wracks bei den Bahama-Inseln war ihm schon vorausgeeilt. Er wandte sich direkt an die Regierung; sein feuriger Enthusiasmus überwand die gewöhnliche Bedächtigkeit der Beamtenseelen; und schließlich stellte ihm Karl II. die »Rose von Algier« – ein Schiff mit achtzehn Kanonen und fünfundneunzig Mann – zur Verfügung, indem er ihn selbst zum Kapitän des Fahrzeugs ernannte. Phipps segelte nun ab, um das spanische Schiff aufzusuchen und den Schatz zu heben. Er erreichte glücklich die Küste von Hispaniola (Haiti), aber wie sollte man das gesunkene Schiff finden? Der Unfall hatte sich vor mehr als fünfzig Jahren zugetragen; und statt sicherer Nachrichten, an die man sich hatte halten können, gab es über das Ereignis nur ein unbestimmtes Gerücht. Es galt, längs eines ausgedehnten Küstenstreifens und in dem weiten Ocean, der keine Spuren aufwies, nach einem Fahrzeug zu forschen, das irgendwo auf dem tiefen Meeresgrunde lag. Aber Phipps hatte ein starkes, hoffnungsfreudiges Herz. Er wies seine Leute an, mit Zugnetzen längs der Küste zu fischen: doch wochenlang holten sie nichts herauf als Seegras, Kieselsteine und Holzstücke. Keine Beschäftigung hätte die Geduld der Matrosen auf eine härtere Probe stellen können; und sie begannen heimlich zu murren und einander zuzuflüstern, daß der Kapitän sie zu einem Narrengeschäft brauche. Allmählich gewannen die Unzufriedenen die Oberhand, und es brach eines Tages eine offene Meuterei auf dem Schiffe aus. Ein Teil der Mannschaft stürzte auf das Quarterdeck und verlangte, daß die Reise aufgegeben werden sollte. Indessen war Phipps nicht der Mann dazu, sich einschüchtern zu lassen; er nahm die Rädelsführer fest und schickte die anderen wieder an ihre Arbeit. Nun stellte sich jedoch die Notwendigkeit heraus, bei einer kleinen Insel vor Anker zu gehen, da das Schiff einer Reparatur bedurfte: und um das Fahrzeug zu erleichtern, wurde der größte Teil der Ladung ans Land gebracht. Inzwischen wuchs die Unzufriedenheit der Mannschaft; und die an Land Gegangenen faßten den verbrecherischen Plan, sich des Schiffes zu bemächtigen, Phipps über Bord zu werfen und dann einen Piratenzug gegen die Spanier in der Südsee zu unternehmen. Dazu mußte man sich aber der Dienste des ersten Schiffszimmermanns versichern und denselben in die Verschwörung einweihen. Der Mann war jedoch rechtschaffen und unterrichtete den Kapitän sogleich von der drohenden Gefahr. Phipps versammelte nun seine Getreuen um sich, ließ die das Ufer bestreichenden Schiffskanonen laden und befahl, die Landungsbrücke aufzuziehen. Als die Meuterer erschienen, rief der Kapitän ihnen zu, daß seine Leute auf sie schießen würden, falls sie es wagten, sich den noch an Land liegenden Vorräten zu nähern. Darauf zogen sich die Rebellen zurück. Nunmehr ließ Phipps die Vorräte unter dem Schutz seiner Kanonen wieder an Bord bringen; die Meuterer aber, welche sich davor fürchteten, auf der öden Insel allein gelassen zu werden, warfen die Waffen weg und flehten um die Erlaubnis, zu ihrer Pflicht zurückkehren zu dürfen. Der Kapitän gab ihren Bitten nach, traf aber geeignete Vorkehrungen, um sich vor künftigem Unheil zu sichern. Bei erster Gelegenheit setzte er die Meuterer an Land und heuerte andere Leute; als er aber mit seinen Nachforschungen fortfahren wollte, stellte es sich heraus, daß das Schiff notwendigerweise nach England zurückkehren mußte, um dort ausgebessert zu werden. Doch hatte Phipps jetzt eine genauere Vorstellung von dem Ort, wo das spanische Schiff untergegangen war; und wenn er vorläufig auch keinen Erfolg gehabt hatte, so vertraute er doch mehr als je auf das schließliche Gelingen seines Unternehmens. Nach London zurückgekehrt, teilte Phipps die Resultate seiner Reise der Admiralität mit; dieselbe belobte ihn wegen seiner Bemühungen, wollte ihm aber – da er keinen Erfolg gehabt – kein neues königliches Schiff anvertrauen. Damals saß Jakob II. auf dem englischen Thron; und die Regierung hatte mit so viel Wirren zu kämpfen, daß Phipps mit seinem Goldprojekt vergeblich an sie appellierte. Er versuchte nun die erforderlichen Mittel durch eine öffentliche Subskription aufzubringen. Zuerst lachte man ihn aus; aber schließlich drang er mit seinen unaufhörlichen Vorstellungen doch durch; und nachdem er seinen Plan vier Jahre lang allen großen und einflußreichen Männern in die Ohren posaunt – während er selbst diese Zeit über in bitterer Armut lebte – erreichte er zuletzt seinen Zweck. Es bildete sich nämlich ein Konsortium von zwanzig Mitgliedern, deren bedeutendstes der Herzog von Albemarle – der Sohn des Generals Monk – war, welcher in hervorragendster Weise sich an der Zeichnung beteiligte und den größten Teil der zur Ausführung des Unternehmens erforderlichen Summe hergab. Gleich Foley hatte Phipps auf seiner zweiten Reise mehr Erfolg als auf der ersten. Das Schiff kam ohne Unfall in Port de la Plata und bei den Klippen an, welche einst der Schauplatz des Unglücks gewesen sein sollten. Es war nun sein Erstes, daß er ein starkes, acht- bis zehnrudriges Boot baute, an welchem er eigenhändig mit zimmerte. Wie man sagt, konstruierte er auch einen Apparat nach Art der Taucherglocke, um damit den Meeresboden zu erforschen. Ein solcher Apparat war schon in Büchern beschrieben worden; aber Phipps hatte wenig gelesen: und man darf wohl annehmen, daß er den Apparat zu seinem eigenen Gebrauch neu erfunden hat. Er engagierte auch indianische Taucher, die in der Perlfischerei und anderen unterseeischen Arbeiten eine merkwürdige Geschicklichkeit besaßen. Nachdem das Vorratsschiff und das Boot in der Nähe der Klippen Anker geworfen, machten sich die Leute an die Arbeit, ließen die Taucherglocke hinab und suchten während vieler Wochen den Meeresboden auf die verschiedenste Art ab – doch ohne eine Aussicht auf Erfolg. Trotzdem hielt Phipps sich tapfer und hoffte noch immer auf den Triumph einer scheinbar verlorenen Sache. Da ereignete es sich eines Tages, daß ein Matrose, welcher über den Schiffsbord in das klare Wasser hinabsah, unten ein seltsames Seegewächs bemerkte, das aus einer Felsenspalte hervorzusprießen schien. Sogleich rief er einen Indianer herbei und befahl ihm, hinabzutauchen und die Pflanze für ihn heraufzuholen. Als die Rothaut das Gewünschte brachte, berichtete sie, daß auf derselben Stelle des Meeresbodens eine Anzahl Schiffskanonen lägen. Die Nachricht wurde zuerst ungläubig aufgenommen, erwies sich aber bei weiterer Nachforschung als wahr. Man stellte neue Untersuchungen an: und plötzlich kam ein Taucher herauf, der eine massive Silberbarre in seinen Armen trug. Als man Phipps den Fund zeigte, rief er: »Gottlob! nun ist jeder von uns ein gemachter Mann!« Die Taucherglocke und die Taucher gingen nun, wie von einem gemeinsamen Willen beseelt, an die Arbeit; und in wenigen Tagen wurde ein Schatz heraufbefördert, der einen Wert von ungefähr 300,000 Pfund Sterling repräsentierte. Mit diesem segelte Phipps nach England hinüber. Bei seiner Ankunft suchte man den König zu überreden, daß er sich des Schiffes samt seiner Ladung bemächtigte – indem man vorgab, Phipps habe damals, als er die Erlaubnis Seiner Majestät nachsuchte, keine genaue Auskunft über das beabsichtigte Unternehmen gegeben. Doch der König erwiderte, ihm sei Phipps als ein ehrlicher Mann bekannt: darum sollte er sich den ganzen Schatz mit seinen Freunden teilen, wenn derselbe auch noch einmal so groß wäre. Der Anteil, den Phipps erhielt, betrug etwa 20,000 Pfund; und in Anerkennung seiner Energie und Redlichkeit bei der Leitung des Unternehmens verlieh ihm der König den Adel. Er wurde auch zum Obersheriff von Neu-England ernannt; und während er dies Amt verwaltete, leistete er dem Mutterlande und den Kolonisten durch seine Expeditionen gegen Port Royal und Quebec große Dienste gegen die Franzosen. Er bekleidete auch den Posten eines Gouverneurs von Massachusetts, worauf er nach England zurückkehrte und im Jahre 1695 in London starb. Phipps schämte sich in seinen späteren Jahren durchaus nicht seines niedrigen Ursprungs, sondern war mit Recht stolz darauf, daß er, der aus der bescheidenen Stellung eines Schiffszimmermanns hervorgegangen, in den Adelsstand erhoben und mit der Regierung einer Provinz betraut worden war. Wenn die öffentlichen Angelegenheiten ihn allzu stark in Anspruch nahmen, dann sagte er wohl, daß er es viel leichter haben würde, wenn er wieder zu seiner Zimmeraxt zurückkehrte. Er hinterließ den Ruf eines ehrlichen, rechtschaffenen, vaterlandsliebenden und mutigen Mannes; und dieser Ruf ist sicherlich nicht das schlechteste Erbteil des Hauses Normanby. William Petty, der Stammvater der Familie Landsdowne, besaß die gleiche Energie und hat seinem Lande seiner Zeit ebenso große Dienste geleistet. Er war der Sohn eines in bescheidenen Verhältnissen lebenden Tuchhändlers aus Romsey in Hampshire, wo er im Jahre 1628 geboren wurde. Als Knabe empfing er einen leidlich guten Unterricht auf der lateinischen Schule seiner Vaterstadt; später beschloß er, seine Studien auf der Universität zu Caen in der Normandie fortzusetzen. Weil ihn sein Vater nicht unterstützen konnte, suchte er sich dort selbst dadurch zu erhalten, daß er »mit einem kleinen Warenvorrat« eine Art Hausierhandel betrieb. Nach England zurückgekehrt, verheuerte er sich auf ein Schiff, dessen Kapitän ihn wegen seiner schlechten Augen »mit einem Tauende traktierte.« Er wandte sich mit Ekel von dem Seemannsberuf ab und widmete sich dem Studium der Medizin. In Paris nahm er vielfach an Sektionen teil und fertigte gleichzeitig Zeichnungen für Hobbes an, der damals seine Abhandlung über die Optik schrieb. Er geriet in solche Armut, daß er zwei oder drei Wochen ausschließlich von Walnüssen lebte. Aber wieder erwarb er sich durch einen kleinen Handel auf ehrliche Weise so viel, daß er bald – mit etwas Geld in der Tasche – nach England zurückkehren konnte. Mit entschiedenem Talent für mechanische Erfindungen begabt, nahm er ein Patent auf eine Kopiermaschine. Alsdann begann er über Kunst und Wissenschaft zu schreiben und daneben chemische und physikalische Versuche anzustellen – und dies alles mit solchem Erfolg, daß er in kurzer Zeit berühmt wurde. Im Verein mit gelehrten Männern faßte er den Plan, eine Verbindung zur Förderung der Wissenschaft zu stiften; und in seiner Wohnung fanden die ersten Versammlungen der neugebildeten »königlichen Gesellschaft« ( Royal Society ) statt. In Oxford fungierte er einige Zeit als Stellvertreter des dortigen Professors der Anatomie, welcher einen großen Widerwillen vor Sektionen hatte. Im Jahre 1652 wurde sein Fleiß durch die Verleihung einer Stelle als Militärarzt in Irland belohnt, die er auch antrat, und während er sie inne hatte, war er der ärztliche Begleiter dreier aufeinander folgender Vicekönige von Irland: Lambert, Fleetwood und Henry Cromwell. Als große Pläne konfiszierten Landes unter die puritanischen Soldaten verteilt wurden, machte Petty darauf aufmerksam, daß die Ländereien nicht ordentlich vermessen waren; und trotz seiner mannigfachen Pflichten unterzog er sich selbst dieser Arbeit. Seine Ämter wurden so zahlreich und einträglich, daß die Neidischen ihn der Bestechlichkeit ziehen und bewirkten, daß er aller seiner Würden enthoben ward; doch wurde er nach der Restauration wieder zu Gnaden angenommen. Petty war ein unermüdlicher Plänemacher, Erfinder und industrieller Unternehmer. Eine seiner Erfindungen war ein Schiff mit doppeltem Boden, das gegen Wind und Strömung zu segeln vermochte. Er gab Abhandlungen über Färberei, Nautik, Tuchweberei, politische Arithmetik und viele andere Gegenstände heraus. Er gründete Eisenhütten, eröffnete Bleigruben und verlegte sich auf den Heringsfang und Holzhandel; dabei fand er noch Zeit, an den Beratungen der »königlichen Gesellschaft« teilzunehmen und deren Bestrebungen thatkräftig zu fördern. Seine Söhne, von welchen der älteste den Titel eines »Baron Shelburne« erhielt, erbten von ihm ein großes Vermögen. Sein Testament – eine merkwürdige Urkunde – war sehr bezeichnend für seinen Charakter; es enthielt eine Schilderung der Hauptereignisse seines Lebens und der allmählichen Vergrößerung seines Vermögens. Seine Ansichten über das Pauperwesen sind charakteristisch. »Die Sitte, Legate für die Armen auszusetzen, bringt mich in Verlegenheit,« schreibt er. »Bettlern von Beruf und Neigung gebe ich nichts; solche, die Gottes Hand arbeitsunfähig gemacht hat, sollten von der Gemeinde unterhalten werden; und diejenigen, welche für keinen Beruf oder Stand erzogen sind, mögen ihrer Sippe zur Last fallen. – – – Ich für meinen Teil lasse mir an dem Ruhm genügen, daß ich alle meine armen Verwandten unterstützte und viele von ihnen instandsetzte, sich selbst ihr Brot zu verdienen; daß ich mich um das öffentliche Wohl bemühte und durch meine Erfindungen wirkliche Werke der Barmherzigkeit vollbrachte. Und hierdurch beschwöre ich jeden meiner Erben, daß er von Zeit zu Zeit auf seine Gefahr das Gleiche thue. Um aber dem Herkommen zu entsprechen und mit der Majorität zu gehen, vermache ich 20 Pfund dem Bedürftigsten des Kirchspiels, in welchem ich sterbe.« Man setzte ihn in der schönen, alten, normannischen Kirche zu Romsey bei – in derselben Stadt, wo er als der Sohn eines armen Mannes geboren wurde – und an der Südseite des Chores ist noch eine einfache Steinplatte mit der von einem ungebildeten Arbeiter eingravierten Inschrift zu sehen: »Hier ruht Sir William Petty.« Eine andere Familie, welche wegen ihrer Verdienste auf dem Gebiet der Erfindungen und des Handels in unseren Tagen geadelt wurde, ist die Familie Strutt aus Belper. Ihr Adelspatent wurde virtuell dadurch vorbereitet, daß Jedediah Strutt im Jahre 1758 seinen Wirkstuhl zur Herstellung gerippter Strümpfe erfand und so den Grund zu einem Vermögen legte, das die späteren Träger des Namens sehr vergrößert und in edler Weise angewandt haben. Der Vater des Jedediah – ein Farmer und Mälzer – that für die Erziehung seiner Kinder nur wenig; und dennoch gediehen sie alle. Jedediah war der zweitälteste Sohn und half seinem Vater bei den ländlichen Arbeiten. Schon früh zeigte sich bei ihm eine Neigung zur Mechanik, und er verbesserte die rohen Ackergeräte jener Zeit in mannigfacher Weise. Nach dem Tode seines Onkels erbte er ein Pachtgut zu Blackwall bei Normanton, das die Familie lange inne gehabt, und bald danach heiratete er Fräulein Wollatt, die Tochter eines Strumpfwirkers aus Derby. Als er von dem Bruder seiner Frau hörte, daß man mehrfach – aber stets vergeblich – versucht habe, gerippte Strümpfe zu weben, fing er selbst an, sich mit diesem Gegenstand zu beschäftigen – in der Absicht, etwas auszuführen, was anderen mißlungen war. Er besorgte sich demgemäß einen Strumpfwirkerstuhl, und nachdem er sich mit der Konstruktion und Handhabung desselben vertraut gemacht, begann er allerlei Verbesserungen daran anzubringen, vermittelst deren er das einfache Maschengewebe des Stuhls variierte und schließlich auch das »gerippte« Muster hervorbrachte. Sobald er auf seinen verbesserten Wirkstuhl ein Patent genommen, zog er nach Derby und betrieb dort die Fabrikation gerippter Strümpfe in großem Maßstäbe, womit er viel Glück hatte. Später associerte er sich mit Arkwright, von dessen Verdiensten als Erfinder er vollkommen überzeugt war. Er machte es möglich, sein Patent zu sichern und mit ihm gemeinschaftlich eine große Baumwollenspinnerei zu Cranford in Derbyshire einzurichten. Nachdem der Societäts-Kontrakt mit Arkwright abgelaufen, legten die Strutts ausgedehnte Baumwollenspinnereien in Milford bei Belper an, welche letztere Stadt dem gegenwärtigen Haupt der Familie mit Recht den Namen gegeben hat. Der Begründer des Hauses hatte Söhne, die sich gleich ihm durch mechanische Geschicklichkeit auszeichneten. So soll William Strutt, der älteste Sohn, eine selbstthätige Mulemaschine erfunden haben, deren Erfolg nur dadurch verhindert wurde, daß die mechanische Geschicklichkeit jener Zeit nicht mit ihrer Industrie im Einklang stand. Edward, Williams Sohn, besaß eine hervorragende mechanische Begabung. Frühe schon erfand er das System der »Suspensionsräder« und ließ sich nach demselben einen Schubkarren und zwei Wagen anfertigen, die er auf seiner Farm bei Belper benutzte. Wir wollen noch hinzufügen, daß die Strutts den Reichtum, welchen sie sich durch Fleiß und Geschicklichkeit erwarben, allezeit in hervorragend edler Weise verwandten; daß sie auf alle Art die moralische und sociale Stellung der von ihnen beschäftigten Arbeiter zu heben suchten; und daß sie für gute Zwecke stets eine offene Hand hatten – wofür der schöne Park (das »Arboretum«) zu Derby, welches Herr Joseph Strutt den Bürgern der Stadt zum ewigen Eigentum schenkte, nur ein Beweis unter vielen ist. Die Schlußworte der kurzen Rede, welche er bei der Übergabe dieses wertvollen Geschenkes hielt, sind des Berichtens und Erinnerns wert. Sie lauteten: »Da mir die Sonne während meines Lebens so hell geschienen hat, so würde es undankbar sein, wenn ich nicht einen Teil meines Vermögens dazu anwenden wollte, das Wohl derjenigen zu fördern, unter welchen ich lebe, und deren Fleiß mir bei meinen Bestrebungen behilflich gewesen ist.« Nicht weniger Eifer und Energie haben die vielen wackeren Männer der Gegenwart und Vergangenheit bewiesen, die durch ihre Tapferkeit zu Lande oder zur See den Adel errangen. Wir denken dabei nicht nur an die alten feudalen Lords, deren Lehen von militärischen Diensten herrührten, sondern mehr noch an Nelson, St. Vincent und Lyons – an Wellington, Hill Hardinge, Clyde und viele andere Männer der neueren Zeit, die sich ihren Rang durch ausgezeichnete Leistungen rechtschaffen verdienten. Doch am häufigsten hat sich der gewissenhafte Fleiß seinen Weg in den Adelsstand durch den ehrenwerten juristischen Beruf gebahnt. Nicht weniger als siebzig Adelsfamilien – darunter zwei herzogliche Häuser – sind durch hervorragende Rechtsanwälte begründet worden. Mansfield und Erskine waren freilich von vornehmer Geburt; aber der letztere pflegte Gott dafür zu danken, daß es in seiner eigenen Familie keinen Lord gab. Mansfield verdankte seinen vornehmen Verwandten nichts: denn diese waren selber arm und ohne Einfluß, Sein Erfolg war das wohlverdiente und logische Resultat fleißig geübter Fähigkeiten. Als Knabe legte er den Weg von Schottland nach London auf einem Pony zurück – zu welcher Reise er zwei Monate brauchte. Nach Absolvierung der Schule und Universität widmete er sich dem juristischen Beruf und beschloß ein Leben geduldiger, unaufhörlicher Arbeit als Lord-Oberrichter von England – d.h. als Inhaber eines Postens, dessen Funktionen er nach allgemeinem Urteil mit unübertrefflicher Geschicklichkeit, Gerechtigkeit und Ehrenhaftigkeit erfüllte. Die anderen waren größtenteils Söhne von Sachwaltern, Krämern, Geistlichen, Kaufleuten und schwer arbeitenden Männern aus dem Mittelstand. Aus solchen Verhältnissen gingen die Adelsfamilien Howard und Cavendish hervor, deren beiderseitiger Stifter Richter waren; ferner die Familien Aylesford, Ellenborough, Guildford, Shaftesbury, Hardwicke, Cardigan, Clarendon, Camden, Ellesmere, Roßlyn – und viele andere, die unserer Zeit noch näher stehen, wie die Häuser Tenterden, Eldon, Brougham, Denman, Truro, Lyndhurst, St. Leonards. Cranworth, Campbell und Chelmsford. Lord Lyndhursts Vater war Portraitmaler, und derjenige St. Leonards war ein Parfümeriehändler und Friseur aus der Burlington-Street. Der junge Edward Sugden war ursprünglich Laufbursche bei dem verstorbenen Herrn Groom, einem Rechtsanwalt und Notar, dessen Bureau Ecke Henrietta-Street und Cavendish-Square lag; und dort nahm der spätere Großkanzler von Irland seine ersten juristischen Anschauungen in sich auf. Die bescheidenste Herkunft war vielleicht die des Lord Tenterden: doch schämte er sich derselben durchaus nicht, weil er fühlte, daß er seine hervorragende Stellung in erster Linie dem eigenen Fleiß, der eigenen Strebsamkeit und Tüchtigkeit verdankte. Man erzählt von ihm, daß er bei einer Gelegenheit seinen Sohn Charles zu einer kleinen Bude führte, die der Westseite der Kathedrale von Canterbury gegenüber lag, und daß er, darauf hinweisend, zu ihm sagte: »Sieh dir diesen kleinen Laden an, Charles! Ich habe dich hierhergebracht, um ihn dir zu zeigen. Dort pflegte dein Großvater seine Kunden für einen Penny zu rasieren – das ist der stolzeste Gedanke meines Lebens.« Als Knabe mußte Lord Tenterden in der Kathedrale mitsingen, und es ist ein merkwürdiger Umstand, daß eine Enttäuschung seinem Leben eine andere Bestimmung gab. Als er in Gesellschaft des Richters Richards den heimatlichen Bezirk bereiste, wohnten sie gemeinschaftlich dem Gottesdienst in der Kathedrale bei. Herr Richards lobte die Stimme eines Chorsängers, und Lord Tenterden erwiderte darauf: »Ach! dies ist der einzige Mensch, den ich je beneidet habe. Als wir noch als Knaben in dieser Stadt zur Schule gingen, bewarben wir uns beide um die Stelle eines Chorsängers, und ihm wurde sie verliehen.« In nicht weniger merkwürdiger Weise gelangten der rauhe Kenyon und der stämmige Ellenborough zu der hervorragenden Stellung eines Lord-Oberrichters; und dasselbe Amt bekleidete vor nicht langer Zeit ein ebenso bedeutender Mann – der scharfsinnige Lord Campbell, der verstorbene Großkanzler von England, welcher der Sohn eines Landpfarrers aus Fifeshire war. Viele Jahre arbeitete er und mühte sich als Zeitungsreporter, während er sich gleichzeitig auf die Ausübung seines Berufs vorbereitete. Man erzählt von ihm, daß er zu Anfang seiner Laufbahn bei seinen amtlichen Rundreisen von einer Stadt der Grafschaft bis zur anderen zu Fuß zu gehen pflegte, da er noch zu arm war, um sich den Luxus einer Postfahrt zu leisten. Doch Schritt um Schritt stieg er langsam, aber sicher zu jener Höhe und Bedeutung empor, welche ein ehrenhafter und energischer Fleiß allemal – sowohl auf juristischem, als auch auf jedem anderen Gebiet – erreichen wird. Es giebt noch weitere berühmte Beispiele von Großkanzlern, welche die steile Höhe des Ruhms und der Ehre mit der gleichen Energie und dem gleichen Glück erklommen haben. Die Laufbahn des verstorbenen Lord Eldon liefert hierfür Vielleicht eins der merkwürdigsten Beispiele. Er war der Sohn eines Kohlenhändlers aus Newcastle und als Knabe eher zu unnützen Streichen als zum Lernen aufgelegt – in der Schule ein großer Faulpelz und Taugenichts, der oft furchtbar durchgeprügelt wurde, da das Plündern der Obstgärten zu den beliebtesten Heldenthaten des späteren Großkanzlers gehörte. Sein Vater, der zuerst daran gedacht hatte, ihn zu einem Gewürzkrämer in die Lehre zu geben, war später halb und halb entschlossen, ihn in sein eigenes Geschäft zu nehmen und ihn auch das Gewerbe eines Kohlenhändlers erlernen zu lassen. Aber um diese Zeit schrieb ihm sein ältester Sohn William (der spätere Lord Stowell), welcher ein Stipendium an der Oxforder Universität erhalten hatte: »Schicke Jack zu mir! Ich weiß Besseres mit ihm anzufangen.« John wurde demgemäß nach Oxford gesandt, wo er durch seines Bruders Einfluß und durch eigenen Fleiß eine Stiftsstelle erlangte. Aber als er zu den Ferien nach Hause kam, hatte er das Unglück oder vielmehr – wie es sich später zeigte – das Glück sich zu verlieben. Er entführte seine Braut, floh mit ihr über die Grenze und heiratete sie, wodurch er sich nach der Ansicht seiner Freunde für sein ganzes Leben ruinierte. Er hatte, als er sich vermählte, weder Haus noch Heimat und nicht einen Heller Einnahme. Er verlor seine Stiftsstelle; und gleichzeitig verschloß ihm seine Handlungsweise die geistliche Laufbahn, für die er bestimmt war – weshalb er sich dem juristischen Studium zuwandte. Er schrieb damals an einen Freund: »Ich habe mich mit meiner Heirat übereilt; aber ich bin entschlossen, aus allen Kräften zu arbeiten, um für den Unterhalt der Frau zu sorgen, welche ich liebe.« John Scott kam darauf nach London und mietete ein kleines Haus in der Cursitor-Lane, wo er sich an das Studium der Rechte machte. Er arbeitete mit großer Emsigkeit und Energie – von vier Uhr morgens bis spät in die Nacht – indem er sich oft ein nasses Handtuch um den Kopf band, um sich wach zu erhalten. Zu arm, um sich unter der Leitung eines Advokaten auszubilden, schrieb er drei Foliobände aus einer handschriftlichen Sammlung von Präcedenzfällen ab. Lange danach, als er bereits Großkanzler war, ging er einmal die Cursitor-Lane entlang und sagte dabei zu seinem Sekretär:, »Hier hatte ich mich zuerst niedergelassen. Ich denke noch daran, wie oft ich mit einem Sixpence in der Hand diese Straße durchwandert habe, um Sprotten zum Abendessen zu kaufen.« Nachdem er endlich als Rechtsanwalt zugelassen worden, mußte er lange auf Klienten warten. Er nahm vier Jahre hindurch eifrig an den Sitzungen der Londoner Gerichtshöfe und an den richterlichen Rundreisen im Nordbezirk teil, aber mit nicht viel besserem Erfolg. Auch in seiner Heimatstadt waren es fast immer nur arme Klienten, die sich an ihn wandten. Diese Resultate waren in Wahrheit so entmutigend, daß er nahe daran war, das Geschäft in London ganz aufzugeben und sich in irgend einer Provinzialstadt als Volksanwalt niederzulassen. Sein Bruder William schrieb nach Hause: »Bei dem armen Jack geht das Geschäft flau, sehr flau!« Aber wie er dem Schicksal entgangen war, ein Gewürzkrämer, ein Kohlenhändler oder Landpfarrer zu werden, so blieb ihm auch die Stellung eines Volksanwalts erspart. Endlich fand sich eine Gelegenheit, bei welcher John Scott die eingehende Gesetzeskenntnis zeigen konnte, die er sich mit so großem Fleiß erworben. Als er einst vor Gericht eine Sache verfechten sollte, verlangte er gegen den Wunsch des Staatsanwalts und selbst gegen den seines eigenen Klienten die Heranziehung eines bestimmten Gesetzesparagraphen. Der Gerichtshof entschied gegen ihn; aber nach einem Appell an das Haus der Lords verwarf Lord Thurlow diese Entscheidung auf Grund desselben Paragraphen, auf den sich Scott berufen hatte. Als er an diesem Tage das Haus verließ, klopfte ihm ein Advokat auf die Schulter und sagte: »Junger Mann, jetzt ist Ihr Glück gemacht!« Und diese Prophezeiung erfüllte sich. Lord Mansfield pflegte zu sagen, daß er keine Mittelstufe zwischen »keiner« Einnahme und einem Einkommen von 3000 Pfund jährlich kenne; und Scott hätte dasselbe sagen können; denn er kam nun so rasch vorwärts, daß er im Jahre 1783 mit erst zweiunddreißig Jahren königlicher Rat, Präsident der Gerichtskommission für den Nordbezirk und parlamentarischer Vertreter der Stadt Weoblay war. Durch die gewissenhafte und unermüdliche Arbeit zu Anfang seiner Laufbahn legte er den Grund zu seinen späteren Erfolgen. Er errang sich die Sporen durch Beharrlichkeit, Gelehrsamkeit und sorgfältig ausgebildete Begabung. Er wurde der Reihe nach zu den Ämtern eines Generalprokurators und Kronanwalts berufen und erhob sich, beständig aufsteigend, zu dem höchsten Amt, das die Krone zu verleihen hat – dem des Groß- oder Lordkanzlers von England, welches er während eines Vierteljahrhunderts innehatte. Henry Bickersteth war der Sohn eines Wundarztes aus Kirkby-Lonsdale in Westmoreland und wurde für denselben Beruf erzogen. Als Student der Edinburger Universität zeichnete er sich durch die Stetigkeit aus, mit welcher er arbeitete, und durch den Fleiß, den er auf das Studium der Medizin verwandte. Nach Kirkby-Lonsdale zurückgekehrt, half er dem Vater in seiner Praxis; doch fand er an dieser Beschäftigung wenig Gefallen und wurde auch des eintönigen Lebens in dem kleinen Marktflecken bald überdrüssig. Dennoch studierte er eifrig weiter und beschäftigte sich mit Untersuchungen auf den schwierigeren Gebieten der Physiologie. In Übereinstimmung mit seinen eigenen Wünschen wurde er von seinem Vater nach Cambridge geschickt, wo er zum Doktor promovieren wollte, um sich dann als Arzt in der Metropole niederzulassen. Ein allzu eifriges Studium jedoch erschütterte seine Gesundheit; und um dieselbe wiederherzustellen, nahm er ein Engagement als Leibarzt und Reisebegleiter bei Lord Oxford an. In der Fremde lernte er italienisch sprechen und die italienische Literatur bewundern, während sich seine Liebe zur medizinischen Wissenschaft durchaus nicht steigerte. Im Gegenteil kam er zu dem Entschluß, ihr ganz zu entsagen. Dennoch erwarb er sich bei seiner Rückkehr nach Cambridge die Doktorwürde; und wie fleißig er zu diesem Zweck gearbeitet, geht aus dem Umstand hervor, daß er der Bestgraduierte seines Jahrgangs war. Da sich seinem Wunsch, in die Armee einzutreten, Hindernisse entgegenstellten, so wandte er sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu und wurde als Student in den »Inneren Tempel« aufgenommen. Er war als Rechtsbeflissener ebenso eifrig wie er es als Mediziner gewesen. An seinen Vater schrieb er: »Jedermann versichert mir, daß ich durch beharrlichen Fleiß ans Ziel kommen werde; und obwohl ich nicht recht verstehe, wie dies möglich ist, versuche ich doch nach Kräften daran zu glauben, und werde nicht unterlassen, alles zu thun, was ich irgend vermag.« Mit achtundzwanzig Jahren wurde er Rechtsanwalt (Barrister) und hatte noch nichts vor sich gebracht. Seine Mittel waren beschränkt; und er lebte von den Unterstützungen seiner Freunde. Jahre hindurch studierte und wartete er; aber es wollten sich keine Klienten finden. Er beschränkte sich im Vergnügen, in der Kleidung und selbst in der Nahrung, während er sich unermüdlich durch alle Schwierigkeiten durchkämpfte. In einem Briefe an die Seinigen bekannte er, »daß er kaum noch wisse, wie er sich weiter durchschlagen solle, wenn er nicht Zeit und Gelegenheit finde, sich zu erholen.« Nachdem er noch drei Jahre vergeblich gewartet, schrieb er an seine Freunde, er wolle ihnen nicht länger zur Last fallen, sondern lieber die Sache aufgeben und nach Cambridge ziehen; dort sei er sicher, »Unterstützung und auch einigen Verdienst« zu finden. Darauf sandten ihm die Freunde aus der Heimat noch eine kleine Geldsumme, die ihn zum Bleiben veranlaßte. Und nun fanden sich allmählich die Klienten. Da er kleinere Rechtsfälle geschickt behandelte, wurde er bald mit wichtigeren Angelegenheiten betraut. Er war ein Mensch, der nie eine Gelegenheit ungenützt vorübergehen und sich nie einen redlichen Vorteil entschlüpfen ließ. Sein unermüdlicher Fleiß hatte bald Einfluß auf seine Vermögenslage. In wenigen Jahren konnte er nicht nur die Unterstützungen von daheim entbehren, sondern auch seine Schulden mit Zinsen abzahlen. Die Wolken hatten sich zerteilt; und das spätere Leben des Henry Bickersteth war reich an Ehre, Gewinn und edlem Ruhm. Er beschloß seine Laufbahn als Urkundenbewahrer, während er gleichzeitig unter dem Namen eines Baron Langdale im Oberhaus saß. Sein Leben zeigt abermals, in wie hohem Maße Geduld, Beharrlichkeit und gewissenhafte Arbeit imstande sind, den Charakter des Individuums zu veredeln und seine Arbeiten mit vollem Erfolg zu krönen. So haben wir dem Leser einige von den ausgezeichneten Männern vorgeführt, die durch den gewissenhaften Gebrauch oft nur mittelmäßiger, aber durch Fleiß und Übung verstärkter Fähigkeiten sich in ehrenvoller Weise den Weg zu den höchsten Stellungen bahnten und in ihrem Beruf die größten Erfolge errangen. Achtes Kapitel. Energie und Mut. »A coeur vaillant rien d'impossible. – Jacques Coeur. »Dem Mutigen gehört die Welt.« – Deutsches Sprichwort. »Denn alles Thun, das er anfing,– – – – – –das that er von ganzem Herzen; darum hatte er auch Glück.« – II. Chron. XXXI, 21. Ein alter Norweger that den folgenden berühmten Ausspruch, der das Wesen des teutonischen Volksstammes charakterisiert: »Ich glaube weder an Götterbilder noch an Dämonen, sondern setze meine Zuversicht allein auf die Kraft meines Körpers und Geistes.« Die auf dem Helm der alten Spitzaxt angebrachte Devise: »Ich finde einen Weg oder schaffe ihn mir« – war ein Ausdruck derselben trotzigen Freiheitsliebe, welche den Nachkommen der alten Normannen noch heute eigen ist. Nichts kennzeichnet den Geist der nordischen Mythologie besser als der Umstand, daß darin ein Gott mit einem Hammer vorkommt. Der Charakter der Menschen offenbart sich oft in kleinen Dingen; und selbst nach der Art, wie ein Mann seinen Hammer schwingt, kann man – so geringfügig dies Merkmal auch erscheinen mag – einigermaßen die Stärke seiner Energie taxieren. So kennzeichnete ein geistvoller Franzose mit einem kurzen Ausspruch die charakteristischen Eigenschaften der Bewohner eines bestimmten Distrikts, in welchem einer seiner Freunde sich niederzulassen und anzukaufen gedachte. »Hüte dich davor, dort einen Kauf abzuschließen,« sagte er, »ich kenne die Leute aus jenem Departement! Die Schüler, welche von daher auf unsere Pariser Tierarzeneischule kommen, schlagen nicht kräftig auf den Amboß – es fehlt ihnen an Energie, und ein Kapital, das du dort anlegst, wird sich nicht in erwünschter Weise verzinsen.« Das ist eine scharfe und richtige Charakterzeichnung, welche den denkenden Beobachter verrät und in treffender Weise die Thatsache veranschaulicht, daß es die Energie des Individuums ist, welche einem Staate Kraft giebt und sogar dem Boden, den die Bewohner bebauen, einen höheren Wert verleiht. Es ist so, wie das französische Sprichwort sagt: »Tant vaut l'homme, tant vaut sa terre.« Die Pflege der Energie ist von größter Wichtigkeit: denn feste Entschlossenheit in der Verfolgung würdiger Ziele ist die Grundlage aller wahren Charaktergröße. Thatkräftiges Streben Verleiht dem Manne die Fähigkeit, sich über die öde Plackerei einer niedrigen Beschäftigung zu erheben, und trägt ihn in jeder Lebensstellung vorwärts und empor. Es leistet mehr als das Genie und bringt nicht die Hälfte der Enttäuschung und Gefahr. Um auf irgend einem Gebiet Erfolg zu haben, bedarf man weniger eines hervorragenden Talents als eines festen Vorsatzes – nicht nur der Fähigkeit, sondern auch des entschlossenen und beharrlichen Willens zur Arbeit. Man könnte daher sagen, daß die Energie des Willens die Centraltraft des männlichen Charakters – mit einem Wort: den Mann selber – darstelle. Sie ist es, die jeder Handlung Nachdruck, jeder Anstrengung eine lebendige Wirkung verleiht. Sogar die Hoffnung beruht darauf; und diese bedeutet den Lebensodem unserer Existenz. Auf einem zerbrochenen Wappen in der Abtei zu Battle ist eine schöne heraldische Devise zu lesen; sie lautet »L'espoir est ma force« und diese Worte sollte sich jeder Mann zu seinem Wahlspruch nehmen. »Wehe den Verzagten!« sagt Jesus Sirach – und mit vollem Recht; denn es giebt in Wahrheit keinen größeren Segen als ein unerschrockenes Herz. Selbst wenn ein Mensch in seinen Bemühungen keinen Erfolg hat, so wird ihm doch das Bewußtsein, sein Bestes geleistet zu haben, eine gewisse Befriedigung gewähren. In bescheidenen Verhältnissen giebt es keinen erfreulicheren und schöneren Anblick als einen Mann, der das Leiden mit Geduld bekämpft, unerschütterlich an seiner Redlichkeit festhält und seinen Weg mutig fortsetzt, ob auch seine Füße bluten und seine Glieder ermatten. Bloßes Wünschen und Verlangen, das sich nicht rasch in Thaten und Handlungen verkörpert, erzeugt in jugendlichen Gemütern nur eine Art bleichsüchtiger Schlaffheit. Es nützt nichts, daß man einfach wartet, »bis Blücher anrückt,« sondern man muß unterdessen selbst beharrlich weiter kämpfen, wie es Wellington that. Der einmal gefaßte Vorsatz muß unverzüglich und unentwegt ausgeführt werden. In den meisten Lebenslagen gilt es, Mühe und Plage als, die beste und heilsamste Zucht mit Heiterkeit zu ertragen. »Jede Frucht, die das Leben uns bringen soll,« sagt Ary Scheffer, »müssen wir uns durch körperliche oder geistige Arbeit verdienen. Kämpfen und nochmals kämpfen – das ist unser Leben; und in dieser Beziehung ist das meinige vollkommen gewesen. Doch darf ich mit gerechtem Stolze sagen, daß nichts meinen Mut erschüttert hat. Mit einem starken Herzen und einem edlen Ziel vermögen wir in moralischer Beziehung alles, was wir wollen.« Nach Hugh Millers Behauptung war die einzige Schule, in welcher er wirklichen Unterricht erhalten hatte, »die große Schule des Lebens, worin Arbeit und Mühsal die strengen, aber edlen Lehrer sind.« Wer in seinem Fleiße nachläßt oder seine Aufgabe unter nichtigen Vorwänden versäumt, befindet sich auf dem sicheren Wege zum Mißerfolg. Wenn wir alles, was wir unternehmen, als etwas unbedingt Notwendiges betrachten, so werden wir es auch behende und fröhlich vollbringen! Karl IX. von Schweden glaubte fest an die Kraft des Willens, selbst bei jungen Menschen. Als er seinen jüngsten Sohn mit einer schwierigen Aufgabe beschäftigt sah, rief er, indem er ihm die Hand auf den Scheitel legte: »Er bringt es fertig! Er bringt es fertig!« Die Gewohnheit des Fleißes wird dem Menschen mit der Zeit so leicht wie jede andere Gewohnheit. Daher vermögen Personen von mittelmäßiger Begabung viel zu vollbringen, wenn sie sich ganz und unermüdlich einer einzigen Sache widmen. Fowell Buxton hatte das meiste Vertrauen zu Menschen von gewöhnlichen Gaben und außergewöhnlicher Gewissenhaftigkeit – eingedenk der biblischen Ermahnung: »Was du zu thun hast, das thue mit allem Fleiß;« und er selbst schrieb seinen Erfolg im Leben dem Umstand zu, daß er »allemal nur eine Sache zu einer Zeit betrieben und seine ganze Persönlichkeit darangesetzt.« Nichts wirklich Wertvolles kann ohne ein rüstiges Schaffen vollbracht werden. Der Mensch verdankt sein Vorwärtskommen hauptsächlich jenem thatkräftigen Wollen, jenem Bekämpfen von Hindernissen, welchem wir den Namen »Anstrengung« geben: und es ist erstaunlich, wie viele anscheinend unerreichbare Resultate auf solche Weise möglich wurden. Das intensive Verlangen allein schon macht die Möglichkeit zur Wirklichkeit; unsere Wünsche sind meistens nur Vorahnungen der Dinge, die wir zu vollbringen vermögen. Anderseits ist für furchtsame und unentschlossene Gemüter alles unausführbar, weil es ihnen so erscheint. Man erzählt von einem jungen französischen Offizier, daß er in seinem Zimmer auf und ab zu gehen und dabei auszurufen pflegte: »Ich will Marschall von Frankreich und ein großer General werden!« – Dieser feurige Wunsch war der Vorbote seines Erfolgs, denn der junge Offizier wurde ein ausgezeichneter Feldherr und starb als Marschall von Frankreich. Herr Walker, der das Buch: »Das Original« verfaßt hat, glaubte so fest an die Wirkung des Willens, daß er sagte, er habe bei einer Gelegenheit den Entschluß gefaßt, gesund zu sein; und es sei ihm gelungen. Das mag in einem Fall angehen: aber wenn dies Rezept auch besser ist als manche ärztliche Vorschrift, so wird es doch nicht immer helfen. Der Geist hat ohne Zweifel eine große Gewalt über den Körper; doch wenn er die Zügel seiner Herrschaft zu straff anzieht, bricht die physische Kraft darunter zusammen. Das beweist der Bericht, den man uns über den Tod Muley Molucs, des maurischen Feldherrn, giebt. Während er krank, fast aufgerieben durch ein unheilbares Leiden, daniederlag, fand eine Schlacht zwischen seinen Truppen und den Portugiesen statt. Da sprang er plötzlich im entscheidenden Augenblick von seinem Lager auf, sammelte sein Heer und führte es zum Siege, um selbst unmittelbar darauf erschöpft zu Boden zu sinken und zu sterben. Der Wille – der kraftvolle Entschluß – ist es, der den Menschen befähigt, dasjenige zu werden oder zu vollbringen, worauf er seinen Sinn gesetzt hat. Ein frommer Mann pflegte zu sagen: »Wir sind, was wir sein wollen; denn so groß ist die Kraft unseres Willens – wenn er sich mit dem göttlichen Willen vermählt – daß wir alles zu werden vermögen, was wir ernstlich und aufrichtig zu sein wünschen. Jeder, der das eifrige Verlangen hat, ergeben, geduldig, bescheiden und edel zu sein, kann dies Ziel erreichen.« Von einem Zimmergesellen erzählt man folgendes: derselbe hatte eine Ratsherrnbank zu reparieren und behobelte sie mit besonderer Sorgfalt. Als jemand ihn fragte, warum er das thäte, entgegnete er: »Ich will sie recht glatt machen, weil ich selbst einmal darauf zu sitzen gedenke.« Und merkwürdig genug! der Mann wurde thatsächlich später Ratsherr und saß auf derselben Bank. Zu was für theoretischen Schlüssen die Logiker auch hinsichtlich der Freiheit des Willens gekommen sein mögen, so fühlt doch jedes Individuum, daß es frei zwischen dem Guten und Bösen wählen darf – daß es nicht ein bloßer Strohhalm ist, der, auf dem Wasser treibend, die Richtung der Strömung andeutet, sondern daß ihm selbst die Kraft eines starten Schwimmers innewohnt, der sich mit kräftigen Stößen vorwärts treibt, mit den Wogen ringt und sich seinen Kurs in der Hauptsache nach eigenem Wunsche wählt. Es giebt keine absolute Herrschaft, der unser Wille unterthan wäre: wir fühlen und wissen, daß wir in unserem Handeln nicht wie durch einen Zauber gebunden sind. Der Gedanke, daß es sich anders verhielte, müßte jedes edle Streben lahm legen Alle Geschäfte und Obliegenheiten des Lebens – die häuslichen Pflichten, die gesellschaftlichen Beziehungen und die Staatsgesetze – beruhen auf der Voraussetzung, daß der Wille frei ist. Wäre dem nicht so – wo bliebe dann die Verantwortlichkeit? und was würde alles Lehren, Raten, Predigen, Tadeln und Ermahnen nützen? Welchen Zweck hätten die Gesetze, wenn man nicht allgemein an die universelle Thatsache glaubte, daß der Mensch sie nach freier Wahl befolgen oder übertreten kann? In jedem Augenblick unseres Lebens erinnert uns das Gewissen daran, daß unser Wille frei ist. Er ist das einzige Eigentum, das uns uneingeschränkt gehört; und bei uns allein steht es, ihm eine gute oder schlechte Richtung zu geben. Unsere Gewohnheiten und Versuchungen sind nicht unsere Herren; sondern wir herrschen über sie. Wo wir ihnen nachgeben, sagt uns das Gewissen, daß wir wohl zu widerstehen vermöchten; und daß der Entschluß und die Kraft, sie zu besiegen, durchaus in unserer Macht liegt. »Sie sind nun in dem Alter, wo Sie eine Entscheidung treffen müssen,« sagte Lamennais einst zu einem jungen, leichtsinnigen Menschen. »Wenn Sie es noch eine Weile so forttreiben, so werden Sie vielleicht Ihr ganzes Leben in dem Grabe verseufzen müssen, in das Sie sich selbst hineingelegt – ohne doch die Kraft zu besitzen, den Stein hinwegzuwälzen. Was uns am leichtesten zur Gewohnheit wird, ist der Wille. Darum lernen Sie ernstlich und nachdrücklich »wollen«! Geben Sie Ihrem schwankenden Leben auf solche Weise einen Halt und lassen Sie sich fortan nicht mehr wie ein welkes Blatt von jedem Winde hin und her treiben!« Buxton war überzeugt, daß ein junger Mann so ziemlich alles werden könnte, was er wollte – vorausgesetzt, daß er fähig wäre, einen ernstlichen Entschluß zu fassen und auch danach zu handeln. In einem Briefe an einen seiner Söhne äußerte er: »Du befindest dich jetzt in jenem Lebensstadium, in welchem du dich entscheiden mußt, ob du dich zur Rechten oder zur Linken wenden willst. Es handelt sich nunmehr darum, ob du Grundsätze, Entschlossenheit und Charakterstärke beweisen, oder ob du in Trägheit versinken und, die Gewohnheiten und den Charakter eines wankelmütigen, untüchtigen jungen Menschen annehmen willst; sinkst du erst einmal auf dies letztere Niveau, so wird es dir schwer werden, dich wieder emporzuarbeiten. Ich bin der Meinung, daß ein junger Mann so ziemlich alles werden kann, was er will. In meinem eigenen Fall war es so. – – – Mein Glück und meinen Erfolg im Leben verdanke ich zum großen Teil der Entscheidung, die ich in deinen Jahren traf. Wenn du dir ernstlich vornimmst, energisch und fleißig zu sein, so kannst du dich darauf verlassen, daß du dich dein ganzes Leben hindurch darüber wirst freuen dürfen, daß du weise genug warst, einen solchen Entschluß zu fassen und festzuhalten.« Da der Wille – ohne Rücksicht auf seine Richtung – einzig in Beständigkeit, Festigkeit und Beharrlichkeit besteht, so ist es klar, daß alles davon abhängt, ihm die rechte Richtung und edle Triebfedern zu geben. Wenn ein starker Wille sich ausschließlich auf die Befriedigung der Sinne lenkt, so kann er ein Dämon werden, der den Geist zu einem elenden Sklaven erniedrigt: wenn er sich aber edlen Zielen zuwendet, so gleicht er einem Könige, der durch den Geist als seinem Minister, dem Menschen das höchste Wohlergehen bereitet. »Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg,« sagt ein altes und wahres Sprichwort. Ein starker Entschluß ist gewissermaßen eine Sturmleiter, mit der die hemmende Mauer erstiegen und der Sieg gewonnen wird. Der Gedanke der Möglichkeit kommt fast der Erfüllung gleich: und der Entschluß der That ist fast die That selber. Daher hat es in vielen Fällen den Anschein gehabt, als ob dem festen Vorsatz etwas von dem Wesen der Allmacht innewohnte. Suwarows Charaktergröße lag in seiner Willenskraft, und gleich den meisten entschlossenen Männern glaubte er daran wie an ein Dogma. »Ihr könnt nur halb gewollt haben,« pflegte er zu Leuten zu sagen, denen etwas mißlungen war. Gleich Richelieu und Napoleon wollte er das Wort »unmöglich« aus seinem Wörterbuch streichen. »Ich weiß nicht,« »ich kann nicht« und »unmöglich« – das waren Worte, die er außerordentlich verabscheute. »Lernt es!« »thut es!« »versucht es!« pflegte er darauf zu erwidern. Sein Biograph sagt von ihm, seine Laufbahn habe in merkwürdiger Weise gezeigt, was eine energische Ausbildung und Übung der Fähigkeiten, deren Keime in jedem Menschenherzen vorkommen, zu leisten vermag. Ein Wahlspruch Napoleons lautete: »Die beste Weisheit ist ein mannhafter Entschluß.« Sein Leben zeigt so klar wie kaum ein anderes die Macht eines starken und rücksichtslosen Willens. Er setzte seine ganze Persönlichkeit – seinen Körper und seinen Geist – an die Ausführung seines Werkes. Unfähige Herrscher samt den von ihnen regierten Völkern kamen nacheinander vor ihm zu Fall. Man sagte ihm, daß die Alpen seinen Heeren, den Weg versperrten. »Sie sollen uns nicht im Wege stehen!« erwiderte er; und alsbald ward eine Heerstraße über den zuvor fast unzugänglichen Simplon gebaut. »Das Wort »unmöglich«,« sagte er, »findet sich nur in dem Wörterbuch der Narren!« Er war ein Mann von unerschöpflicher Arbeitskraft, mit dem oft vier Sekretäre auf einmal nicht gleichen Schritt halten konnten. Er schonte niemand, auch sich selber nicht. Sein Beispiel begeisterte andere Männer und hauchte ihnen ein neues Leben ein, »Ich habe meine Generäle aus Erdklumpen gemacht,« pflegte er zu sagen. Aber das alles nützte nichts, Napoleons ungeheuere Selbstsucht war sein Verderben und auch das Verderben Frankreichs, welches er der Anarchie überlieferte. Sein Leben verkündigte der Welt die große Wahrheit, daß auch eine kraftvoll geübte Herrschaft dem Gebieter samt den Unterthanen zum Fluche wird, wenn ihr nicht die Barmherzigkeit zur Seite steht; und daß selbst die vollkommenste Erkenntnis ohne Güte nur das verkörperte Princip des Bösen darstellt. Dagegen war unser Wellington ein viel größerer Mann – ebenso entschlossen, fest und beharrlich wie der Korse; aber selbstverleugnender, gewissenhafter und vaterlandsliebender. Napoleons Ziel war »der Ruhm«; Wellington hatte sich gleich Nelson »die Pflicht« als Losungswort erwählt. Das erstgenannte Wort kommt wie man sagt, in seinen Depeschen nicht ein einziges Mal vor; das letztere aber recht häufig, doch nie in Begleitung hochtrabender Phrasen. Wellington konnte selbst durch die größten Schwierigkeiten nicht verwirrt oder entmutigt werden; seine Energie stieg allemal in demselben Maße, als sich die zu überwindenden Hindernisse mehrten. Die Geduld, die Festigkeit und Entschlossenheit, womit er die fürchterlichen Beschwerden und riesenhaften Anstrengungen des spanisch-portugiesischen Befreiungskrieges ertrug, gehören zu den leuchtendsten Beispielen der Weltgeschichte. In Spanien hat Wellington nicht nur das Genie des Feldherrn, sondern auch die einsichtsvolle Weisheit des Staatsmannes bewiesen. Obwohl sein Temperament von Natur heftig war, wußte er es doch durch sein hohes Pflichtgefühl zu zügeln; und seiner Umgebung gegenüber erschien seine Geduld unerschöpflich. Seinen großen Charakter befleckte weder Ehrgeiz noch Habsucht oder sonst eine niedrige Leidenschaft. Trotz kraftvoller Eigenart zeigte er eine große Mannigfaltigkeit der Begabung, In seiner Feldherrnkunst war er Napoleon ebenbürtig, und Elive glich er in seiner Schnelligkeit, Kraft und Kühnheit. In seiner Staatsweisheit erinnerte er an Cromwell; in seiner Reinheit und Hochherzigkeit an Washington. Mit Wellingtons Namen verbindet sich ein dauernder Ruhm, gegründet auf glorreiche Feldzüge, die er durch kluge Taktik, unerschöpfliche Kraft, erhabenen Mut und vielleicht noch erhabenere Geduld gewann. Die Energie offenbart sich gewöhnlich in Schnelligkeit und Entschlossenheit. Als der Reisende Ledyard von der »afrikanischen Gesellschaft« gefragt wurde, wann er bereit sein würde, nach Afrika abzureisen, gab er alsbald zur Antwort: »Morgen früh!« Blüchers Ungestüm erwarb ihm in der preußischen Armee den Beinamen des »Marschall Vorwärts.« John Jervis, der spätere Graf St. Vincent, gab auf die Frage, wann er an Bord seines Schiffes zu gehen gedenke, die Antwort: »Sogleich!« Und als man sich bei dem zum Befehlshaber der indischen Armee ernannten Sir Colin Campbell erkundigte, wann er aufbrechen würde, erwiderte er: »Morgen!« – womit er gewissermaßen eine Bürgschaft seines künftigen Erfolges gab. Denn was den Sieg verleiht, ist in den meisten Fallen ein rascher Entschluß und eine entsprechende Schnelligkeit im Handeln, die sich jeden Fehler des Feindes augenblicklich zu nutze macht. »Bei Arcole,« äußerte Napoleon, »gewann ich die Schlacht mit fünfundzwanzig Reitern. Ich benutzte einen Augenblick der Ermüdung auf Seiten der Feinde, gab jedem meiner Leute eine Trompete und gewann den Sieg mit dieser Handvoll Menschen. Zwei Armeen sind zwei Gegner, die sich gegenseitig bedrohen und einander einzuschüchtern suchen. Sobald bei der einen Partei ein Augenblick der Panik eintritt, muß die andere Partei diesen Augenblick ergreifen und zu ihrem Vorteil ausnutzen.« Ein andermal sagte er: »Jeder verlorene Augenblick ist eine Chance für das Unheil:« und er behauptete, er habe die Österreicher nur darum schlagen können, weil sie den Wert der Zeit nicht zu schätzen gewußt – während sie dieselbe vertrödelten, habe er sie überrumpelt. – In dem letzten Jahrhundert hat sich die Energie der Engländer in hohem Maße in Indien bethätigen können. Die indische Regierung und die indischen Kriege weisen eine lange und ehrenvolle Reihe ausgezeichneter Namen auf, von Clive bis auf Havelock und Clyde – Namen wie Wellesley, Metcalfe, Outram, Edwardes und Lawrence. Ein ebenfalls großer, aber nicht unbefleckter Name ist der des Warren Hastings, eines Mannes von unerschütterlichem Willen und unermüdlicher Arbeitskraft. Er gehörte einer alten und berühmten Familie an; dieselbe war aber durch Vermögensverluste und durch ihre übel belohnte Treue gegen die Stuarts in solche Armut geraten, daß ihr Stammgut zu Daylesford, dessen Schloß Hunderte von Jahren in ihrem Besitz gewesen, in andere Hände überging. Der letzte Hastings von Daylesford hatte jedoch seinem zweiten Sohn die Pfarre geschenkt; und in dem Pfarrhause kam viele Jahre später jener Warren Hastings – sein Großsohn – zur Welt. Der Knabe lernte in der Dorfschule lesen und schreiben und saß dort auf derselben Bank mit den Kindern der Bauern und Tagelöhner. Er spielte auf den Feldern, die seinen Vätern gehört hatten; und vor seinem geistigen Auge schwebte beständig das Bild der alten königstreuen und tapfern Hastings von Daylesford. Dadurch wurde sein jugendlicher Ehrgeiz entflammt; und als der damals erst siebenjährige Knabe an einem Sommertage – so erzählt man – an dem Ufer des Flusses lag, der die Besitzung durchströmte, reifte in ihm der Entschluß, das alte Familiengut wieder in seine Hände zu bringen. Es war der romantische Traum eines Knaben; aber er hat ihn zur Wirklichkeit gemacht. Die Idee wurde in ihm zu einer Leidenschaft, die sein ganzes Leben beherrschte. Sein Entschluß begleitete ihn aus der Jugend ins Mannesalter; und er hielt daran mit jener ruhigen, aber unbezwinglichen Willenskraft fest, die ein hervorragendes Merkmal seines Charakters bildete. Aus dem verwaisten Knaben wurde einer der mächtigsten Männer seiner Zeit. Er gewann das Vermögen der Familie zurück, brachte das alte Erbgut seines Hauses wieder in seinen Besitz und baute das Stammschloß von neuem auf. »Als er unter einer tropischen Sonne fünfzig Millionen Asiaten beherrschte,« sagt Macaulay, »wies seine Hoffnung inmitten aller Sorgen, die ihm der Krieg, die Verwaltung der Finanzen oder die Regierung bereitete, doch – ähnlich der Magnetnadel – nur nach einer Richtung: nach Daylesford. Und als er sein langes staatsmännisches Wirken, in welchem sich Gutes und Böses, Ruhm und Unehre so seltsam paarten, für immer beschloß, zog er sich nach Daylesford zurück, um dort zu sterben.« Auch Charles Napier, ein anderer Heerführer aus den indischen Kämpfen, war ein Mann von außerordentlicher Tapferkeit und Entschlossenheit. Er selbst sagte einmal in Bezug auf die Schwierigkeiten, welche er auf einem seiner Feldzüge überwinden mußte: »Sie befähigen mich nur, noch nachdrücklicher aufzutreten.« Sein Sieg bei Miani war eine der außerordentlichsten Leistungen, von welchen die Weltgeschichte berichtet. Mit 2000 Mann, unter denen sich nur 400 Europäer befanden, griff er ein Heer von 35,000 kräftigen und wohlbewaffneten Belutschen an. Es war dies offenbar ein äußerst verwegenes Unternehmen; aber der General vertraute auf sich selber und auch auf seine Leute. Er versuchte das Centrum der Belutschen, das sich auf einem hohen Berge verschanzt hatte, zu erstürmen; und drei schreckliche Stunden hindurch tobte die Schlacht. Endlich mußten die Belutschen, obwohl sie zwanzig gegen einen waren, sich zurückziehen; doch blieben ihre Gesichter dem Feinde zugekehrt. Solche Tapferkeit, Zähigkeit und entschlossene Beharrlichkeit siegt im kriegerischen wie in jedem anderen Kampfe. Eine Kopfeslänge mehr gewinnt beim Rennen den Preis und beweist das Vollblut; ein Marsch mehr gewinnt den Feldzug; fünf weitere Minuten mutiger Ausdauer erringen den Sieg. Wenn du auch schwächer bist als dein Gegner, so vermagst du ihm doch gleichzukommen und ihn zu überwinden, wenn du länger beharrst und deine Kraft mehr konzentrierst. Als sich ein junger Spartaner bei seinem Vater beklagte, daß sein Schwert zu kurz wäre, antwortete der Alte: »So mache einen Schritt mehr!« Und das gilt auch für uns in allen Lagen des Lebens. Napier verstand es vortrefflich, seinen Leuten seinen eigenen Heldengeist einzuflößen. Er ertrug dieselben Beschwerden wie die gemeinen Soldaten. »Das Geheimnis der Feldherrnkunst,« sagte er, »besteht darin, daß man an den Strapazen des Krieges seinen vollen Anteil nimmt. Wer an der Spitze eines Heeres steht, kann nur Erfolg haben, wenn er alle Kräfte seines Geistes auf seine Aufgabe richtet. Je größer die Schwierigkeiten sind, desto mehr Eifer muß gezeigt werden; je drohender die Gefahr erscheint, desto unerschrockener muß der Mut sein, der nicht eher rasten darf, als bis er sie überwunden hat.« Ein junger Offizier, der unter Napier den Feldzug in dem Bergland von Cutch mitmachte, äußerte einmal: »Wie könnte ich junger und starker Mensch träge sein, wenn ich jenen alten Mann dort unermüdlich auf seinem Pferde sitzen sehe?! Ich würde mich einer geladenen Kanone entgegenwerfen, wenn er es mir geböte.« Als man Napier diese Worte wiederholte, sagte er, er fühle sich dadurch reichlich für alle Mühe belohnt. Die Anekdote, welche man von seiner Begegnung mit einem indischen Gaukler erzählt, kennzeichnet in treffender Weise sowohl seine Kaltblütigkeit, als auch die merkwürdige Harmlosigkeit und Redlichkeit seines Charakters. Nach Beendigung der indischen Kämpfe kam einst ein berühmter Gaukler in das englische Lager, um vor dem General, seiner Familie und seinem Stabe allerlei Kunststücke zu zeigen. Unter anderem hieb der Inder mit einem Streich seines Schwertes eine Limone oder Citrone entzwei, die sich in der Hand seines Gehilfen befand. Napier war der Ansicht, daß eine geheime Verabredung zwischen dem Gaukler und seinem Begleiter bestehe. Es erschien ihm unmöglich, daß man durch einen Schwertstreich einen so kleinen Gegenstand in der Hand eines Menschen zerteilen könne, ohne die Hand selbst zu berühren – obwohl Scott in seinem »Talismann« etwas Ähnliches erzählt. Um der Sache auf den Grund zu kommen, bot der General seine eigene Hand zu dem Experiment an und streckte den rechten Arm aus. Der Gaukler betrachtete aufmerksam die dargebotene Hand und sagte dann, daß er die Probe nicht machen wolle. »Aha! ich habe Euch durchschaut!« rief Napier. »Aber halt!« fuhr der andere fort; »zeigen Sie mir Ihre linke Hand!« Die Linke wurde ihm dargereicht; und der Mann sagte mit fester Stimme: »Wenn Sie den Arm steif halten, will ich das Kunststück ausführen.« – »Aber warum mit der linken Hand und nicht mit der rechten?« – »Weil Ihre rechte Hand in der Mitte vertieft ist, sodaß ich riskieren würde, Ihnen den Daumen abzuhauen. Die linke ist erhaben und daher die Gefahr minder groß.« Napier war bestürzt. »Ich erschrak,« sagte er; »denn ich sah nun, daß es sich hier wirklich um eine meisterhafte Führung des Schwertes handelte; und ich gestehe es ehrlich: hätte ich nicht zuvor den Mann im Angesicht meines Stabes geschmäht und selbst zu der Probe herausgefordert, so hätte ich jetzt gern auf das Kunststück verzichtet. Indessen nahm ich die Limone in die Hand und streckte den Arm steif aus. Der Gaukler wiegte sich in den Hüften und schlug dann mit einem raschen Streich die Limone in zwei Teile. Ich fühlte die Berührung der Schneide, als ob ein kalter Faden über meine Hand gezogen würde. So viel (fügte er hinzu) sei über die tapferen Krieger Indiens gesagt, die durch unsere wackeren Jungen bei Miani geschlagen wurden.« Die jüngsten schrecklichen Kämpfe in Indien haben vielleicht mehr als irgend ein anderes Ereignis unserer Geschichte die entschlossene Energie und das hohe Selbstvertrauen des englischen Nationalcharakters hervortreten lassen. Obgleich die britische Regierung oft in thörichter Verblendung große Irrtümer beging, so hat die Nation es doch meistens durch einen nahezu erhabenen Heldenmut fertig gebracht, sich von den bösen Folgen derselben zu befreien. Als im Mai 1857 der indische Aufstand wie ein plötzlich eintretendes Gewitter losbrach, waren die britischen Streitkräfte auf ihr äußerstes Minimum herabgesetzt und standen, über ein ausgedehntes Gebiet verstreut, zum Teil in weit entlegenen Cantonnements. Von den bengalischen Regimentern empörte sich eins nach dem anderen gegen seine Offiziere, um zu entweichen und auf Delhi loszurücken. Eine Provinz nach der anderen schloß sich der Meuterei und Empörung an; und von der Ost- bis zur Westgrenze erscholl ein allgemeiner Hilferuf. Überall befanden sich die Engländer in äußerster Bedrängnis – belagert und umringt, augenscheinlich unfähig, lange zu widerstehen. Ihre schließliche Niederlage erschien unvermeidlich: und die britische Herrschaft in Indien war dem Anschein nach so unrettbar verloren, daß man wie ehedem hätte sagen können: »Diese Engländer wissen niemals, wann sie geschlagen sind.« Menschlicher Berechnung nach hätten sie damals einem unvermeidlichen Geschick unterliegen müssen. Während der Ausgang des Aufstandes noch zweifelhaft erschien, befragte Holkar – einer der einheimischen Fürsten – einen Astrologen um die Zukunft. Die Antwort lautete: »Wenn alle Europäer bis auf einen erschlagen wären, so würde dieser eine bleiben und kämpfend das Land zurückerobern.« In dem dunkelsten Augenblick jenes Kampfes – als sich zu Lucknow eine Handvoll britischer Soldaten nebst etlichen Beamten und Frauen gegen eine empörte Stadt und Provinz zu behaupten suchte – selbst damals hörte man kein Wort der Verzweiflung, kam keinem der Gedanke an eine Übergabe. Obwohl die Bedrängten auf Monate von jeder Verbindung mit ihren Freunden abgeschnitten waren und nicht wußten, ob die Engländer Indien räumten oder behaupteten, so wurden sie doch keinen Augenblick in ihrem Glauben an den Mut und die Aufopferung ihrer Landsleute wankend. Sie wußten es, so lange in Indien noch eine unzersprengte Schar Engländer stand, würde man sie in ihrer Not nicht ohne Hilfe lassen. Sie dachten an keinen anderen Ausgang als eine Befreiung ans ihrer bedrängten Lage und einen schließlichen Sieg der englischen Sache. Und falls es zum Schlimmsten kommen sollte, so verlangten sie nichts Besseres, als auf ihrem Posten zu fallen und in der Ausübung ihrer Pflicht zu sterben. Brauchen wir den Leser an die Namen Havelock, Inglis, Neill und Outram zu erinnern? – an jene Männer von wahrhaftem Heldenmut, von deren jedem man mit Recht sagen könnte, daß er das Herz eines Helden, die Seele eines Gläubigen und die Geduld eines Märtyrers besessen? Montalembert sagte von ihnen, daß sie »der Menschheit alle Ehre machten.« Aber in jener schrecklichen Prüfungszeit bewiesen fast alle die gleiche Charaktergröße – die Frauen, die Beamten und Soldaten – vom General bis herunter zum Gemeinen und Trompeter. Es waren keine auserlesenen Truppen, sie setzten sich aus dem gewöhnlichen Volk zusammen, wie wir es täglich daheim auf den Straßen, in den Werkstätten, auf den Feldern und in den Wirtshäusern antreffen. Aber als das Unglück plötzlich über sie hereinbrach, zeigte jeder von ihnen eine Fülle persönlicher Fähigkeiten und Kräfte und verwandelte sich gleichsam in einen individuellen Helden. »Nicht einer von ihnen,« sagt Montalembert, »erschrak oder erbebte – alle, das Militär und die Beamten, die Jungen und die Alten, die Feldherren und die Soldaten – leisteten Widerstand, kämpften und starben mit einer unerschütterlichen Fassung und Unerschrockenheit. In diesem Umstand offenbart sich der ungeheuere Wert einer tüchtigen Volkserziehung; denn durch eine solche werden die Engländer von Jugend auf daran gewöhnt, ihre Kraft und Freiheit zu gebrauchen, sich aneinander zu schließen, dem Feind zu widerstehen, nichts zu fürchten, über nichts zu erschrecken und sich durch eigene Kraft auch aus den schlimmsten Lebenslagen zu befreien.« Wie man sagt, hat der individuelle Charakter des Sir John Lawrence die Eroberung Delhis und die Zurückgewinnung, Indiens bewirkt. Schon allein der Name »Lawrence« bedeutete in den nordwestlichen Provinzen eine Macht. Der Träger desselben stellte an sich selbst in Bezug auf Pflichttreue, Fleiß und persönliche Anstrengung die höchsten Anforderungen; und auf jeden, der unter ihm diente, schien etwas von seinem Geist überzugehen. Man sagte von ihm, daß sein Charakter allein so viel wert sei als eine Armee. Dasselbe hätte man von seinem Bruder, dem Sir Henry, sagen können, welcher die Pendschab-Armee organisierte, die bei der Erstürmung Delhis eine so hervorragende Rolle spielte. Beide Brüder flößten ihrer Umgebung das höchste Maß von Liebe und Vertrauen ein. Beide bewiesen jene zarte Rücksichtnahme, welche ein Grundelement des heroischen Charakters bildet. Beide lebten mitten unter ihren Leuten und übten den trefflichsten Einfluß auf sie aus. Vor allem aber – wie Col. Edwardes sagt – »gaben sie der männlichen Jugend ein Beispiel, welches von dieser in den verschiedensten Berufsarten nachgeahmt wurde. Sie schufen eine Religion und bildeten Jünger heran, die noch heutigen Tages leben.« Sir John Lawrence hatte neben sich Männer wie Montgomery; Nicholson, Cotton und Edwardes, die ebenso energisch, entschlossen und hochherzig waren wie er selbst. John Nicholson war einer der schönsten, tapfersten und edelsten Männer – »jeder Zoll ein ›Hakim‹,« wie die Eingeborenen sagten; »ein Turm der Kraft,« wie ihn Lord Dalhousie charakterisierte. In welcher Eigenschaft er auch auftrat, immer war er groß, weil er stets mit ganzer Seele und ganzer Kraft bei der Sache war. Eine Gesellschaft von Fakiren begann – von ihrer enthusiastischen Bewunderung für diesen Mann hingerissen – den großen »Niktil-Seyn« als Heiligen zu verehren; und obwohl er einige von ihnen für diese Thorheit bestrafte, vermochte er sie doch nicht davon zu heilen. Einen Beweis seiner unerschütterlichen Energie und Beharrlichkeit gab er bei der Verfolgung des meuterischen 55. Seapoy- (Sipahi-) Regiments, bei welcher er zwanzig Stunden hintereinander im Sattel saß und mehr als siebzig Meilen zurücklegte. Als die Feinde ihr Banner in Delhi aufpflanzten, strengten Lawrence und Montgomery – auf die Unterstützung der Pendschabbewohner rechnend, deren Bewunderung und Vertrauen sie zu gewinnen wußten – jeden Nerv an, um ihre eigene Provinz in vollkommener Ordnung zu erhalten; während sie alle brauchbaren Soldaten – Europäer und Sikhs – gegen die Stadt entsandten. Sir John schrieb dem Oberbefehlshaber der vor Delhi stehenden Truppen, er möchte »den Rebellen so dicht als möglich auf den Hals rücken« – indes sich in Eilmärschen das Hilfsheer unter Nicholson näherte, »dessen Schlachtroß mit seinen Hufschlägen das Nahen des Feldherrn schon auf Meilen voraus verkündete« – wie später ein rauher Sikhkrieger weinend an seinem Grabe versicherte. Die Belagerung und Erstürmung Delhis ist eines der berühmtesten Ereignisse dieses Riesenkampfes – obwohl die Berennung Lucknows, bei welcher sich das bloße Skelett eines britischen Regiments (des zweiunddreißigsten) unter dem heldenmütigen Inglis sechs Monate hindurch gegen zweihunderttausend bewaffnete Feinde verteidigte, vielleicht ein noch lebhafteres Interesse in Anspruch nimmt. Auch bei Delhi waren die Briten – wenn auch dem Namen nach die Belagerer – doch in Wirklichkeit die Belagerten. Sie waren nur eine Handvoll Leute im offenen Felde – aus Europäern und Eingeborenen bestehend – nicht mehr als 3700 Bajonette stark; und sie wurden täglich von einem Rebellenheer angegriffen, das zu einer Zeit 75,000 Mann zählte, die von englischen Offizieren an europäische Disciplin gewöhnt waren und fast unerschöpfliche Kriegsvorräte besaßen. Die heldenhafte kleine Schar lagerte sich vor der Stadt unter den sengenden Strahlen der tropischen Sonne. Weder die Schrecken des Todes noch Verwundungen oder Fieber konnten diese mutigen Männer in ihrem Entschluß wankend machen. Dreißigmal wurden sie von einer gewaltigen Übermacht angegriffen; und dreißigmal trieben sie die Feinde in ihre Verschanzungen zurück. Der Kapitän Hodson – einer der Tapfersten aus jenem Kampfe – sagte: »Ich wage zu behaupten, daß keine andere Nation der Welt hier standgehalten haben oder einer Niederlage entgangen sein würde, wenn sie den Versuch gemacht hätte.« Nicht einen Augenblick verzagten diese Helden an ihrer Aufgabe, mit erhabener Ausdauer hielten sie daran fest, kämpften weiter und ruhten nicht eher, als bis sie durch die »todbringende Bresche« als Sieger in die Stadt drangen und das englische Banner von neuem auf Delhis Mauern entfalteten. Alle zeigten sich hier groß – die Gemeinen, die Offiziere, die Feldherren. Einfache Soldaten, die an ein mühevolles Leben gewöhnt, und junge Offiziere, die im Luxus aufgewachsen waren, sie alle erwiesen sich hier als echte Männer und gingen aus der schrecklichen Prüfung mit gleichen Ehren hervor. Die natürliche Kraft und Tüchtigkeit des englischen Volkscharakters, der englischen Volkserziehung und Mannszucht hat sich nie glänzender bewährt als hier, wo der deutliche Beweis geliefert wurde, daß Englands größte Produkte noch immer seine Männer sind. Jenes ruhmreiche Kapitel unserer Geschichte hat zwar einen ungeheueren Preis gekostet; aber wenn die Überlebenden und die nach uns Kommenden sich daran eine Lehre und ein Beispiel nehmen, so ist der Preis nicht zu hoch gewesen. Indessen haben in Indien und anderen Ländern des Orients Männer aus verschiedenen Nationen ebensoviel Energie und Mut auch in anderen Berufsarten bewiesen, die friedlicher und wohlthätiger waren als das Kriegsgewerbe. Während man die Helden des Schwertes feiert, darf man die Helden des Evangeliums nicht vergessen. Von Xaver bis auf Martyn und Williams giebt es eine lange Reihe berühmter Missionare, die sich mit erhabener Selbstverleugnung ihrer Aufgabe widmeten – ohne einen Gedanken an weltliche Ehre – einzig von dem Wunsche beseelt, ihre verlorenen und gefallenen Brüder zu suchen und zu retten. Voll unerschütterlichen Mutes und unerschöpflicher Geduld haben sie allen Entbehrungen, Gefahren und Seuchen getrotzt – haben Mühen, Beschwerden und Leiden ertragen und dabei frohlockend ihren Weg fortgesetzt, um selbst den Märtyrertod mit Freuden zu begrüßen. Einer der ersten und berühmtesten dieser Männer war Franz Xaver. Von vornehmer Geburt – in der Lage, Vergnügen, Macht und Ehre zu genießen – bewies er doch durch sein Leben, daß es ein höheres Ziel giebt als eine hervorragende Stellung und edlere Bestrebungen als die Jagd nach Reichtümern. Er war in seinem Benehmen und in seiner Gesinnung ein echter Edelmann – tapfer, ehrenhaft, großmütig; leicht lenkbar und doch fähig, selbst zu regieren; leicht zu entflammen und doch imstande, andere mit sich fortzureißen; im höchsten Grade geduldig, entschlossen und energisch. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren erwarb er seinen Unterhalt als Magister der Philosophie an der Universität zu Paris. Dort wurde er der vertraute Freund und Genosse Loyolas; und bald danach führte er die erste kleine Proselytenschar auf ihrer Pilgerschaft nach Rom an. Als Johann III. in den seiner Herrschaft unterworfenen indischen Gebieten das Christentum einzuführen beschloß, wurde zuerst Bovadilla als Missionar erwählt; da derselbe jedoch erkrankte, mußte man eine andere Wahl treffen und verfiel nun auf Xaver. Nachdem dieser seine zerrissene Soutane ausgebessert, machte er sich mit keinem anderen Gepäck als seinem Brevier auf den Weg nach Lissabon und schiffte sich dort nach dem Orient ein. Das Fahrzeug, mit welchem er nach Goa absegelte, hatte den Gouverneur an Bord – nebst einer Verstärkung von tausend Mann für die Garnison jener Stadt. Obgleich man Xaver eine Kabine zur Verfügung gestellt hatte, schlief er doch während der ganzen Reise auf dem Verdeck, wobei sein Haupt auf einem zusammengerollten Tau ruhte; auch teilte er die Mahlzeiten der Matrosen. Da er sich um ihre geistige und körperliche Pflege kümmerte, unschuldige Vergnügungen für sie erfand und sie bei Krankheitsfällen pflegte, gewann er sich ihre Herzen und wurde von ihnen mit Verehrung betrachtet. Bei seiner Ankunft in Goa erschrak Xaver über die Sittenlosigkeit der Einwohner – sowohl der Ansiedler als auch der Eingeborenen. Denn die Europäer hatten, ungehindert durch die Schranken der Civilisation, ihre Laster in die Kolonie eingeführt, und die Inder waren nur zu sehr geneigt gewesen, das schlechte Beispiel nachzuahmen. Mit einem Glöckchen läutend, durchwanderte Xaver die Straßen der Stadt und beschwor die Menschen, ihre Kinder von ihm unterrichten zu lassen. Es gelang ihm in kurzer Zeit, eine große Schülerschar um sich zu sammeln, die er Tag für Tag sorgfältig unterwies; wobei er doch nicht versäumte, die Kranken, die Aussätzigen und die Elenden aller Stände regelmäßig zu besuchen, um ihre Leiden zu lindern und ihnen die göttliche Wahrheit zu verkündigen. Kein Schrei menschlichen Jammers, der sein Ohr erreichte, blieb unbeachtet. Als er von der Armut und sittlichen Erniedrigung der Perlfischer von Manaar hörte, begab er sich sogleich zu ihnen; und sein Glöckchen erscholl wiederum als ein Ruf der Gnade. Er taufte und lehrte – letzteres mit Hilfe von Dolmetschern. Aber sein wirksamster Unterricht war die Barmherzigkeit, mit welcher er der Not und dem Elend der Unglücklichen abhalf. Mit seinem Glöckchen in der Hand wanderte er die Küste von Komorin entlang und rief in den Städten und Dörfern, den Tempeln und Bazaren die Eingeborenen zusammen, um ihnen Unterricht zu erteilen. Er hatte den Katechismus, das apostolische Glaubensbekenntnis, die Gebote, das Vaterunser und etliche Kirchenlitaneien ins Indische übersetzt und beschloß nun, dies alles dem Gedächtnis der Eingeborenen einzuprägen. Er sprach den Kindern die heiligen Worte in ihrer Muttersprache so lange vor, bis sie dieselben auswendig wußten; dann entließ er sie mit der Weisung, das Gelernte daheim auch den Eltern und Nachbarn mitzuteilen. Am Kap Komorin erwählte er dreißig Lehrer, welche unter seiner Leitung dreißig christlichen Kirchen vorstanden, die freilich ein äußerst bescheidenes Aussehen hatten und in den meisten Fällen nur Hütten waren, auf deren Dach man ein Kreuz aufgerichtet. Von dort ging er nach Travancore, in jedem Dorfe sein Glöckchen schwingend; überall die Menschen taufend, bis ihm die Hände vor Müdigkeit herabsanken; unaufhörlich seine Formeln wiederholend, bis ihm die Stimme den Dienst versagte. Nach seinem eigenen Bericht übertraf der Erfolg seiner Mission seine höchsten Erwartungen. Sein reines, ernstes, schönes Leben und die unwiderstehliche Beredsamkeit seiner Thaten erweckten ihm Jünger, wo er auch hinkam; und durch die bloße Wirkung der Sympathie ging auf diejenigen, die ihn sahen oder ihm lauschten, unmerklich ein Teil seines Eifers über. Bedrückt durch das Wort: »Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter« – segelte Xaver zunächst nach Malakka und Japan, wo er ganz neue Menschenrassen antraf, die unbekannte Sprachen redeten. Das Beste, was er hier zu thun vermochte, war zu weinen und zu beten, den Kranken die Pfühle zu glätten und bei ihnen zu wachen – wobei er zuweilen den Ärmel seines Chorhemds in Wasser tauchte, um ein paar Tropfen herauszupressen und die Sterbenden damit zu taufen. Alles erhoffend, nichts fürchtend, wurde dieser wackere Kämpe der Wahrheit durch Glauben und Energie aufrecht erhalten und auf seinem Wege weitergeführt. »Welche Form des Todes oder der Tortur mich auch erwartet,« sagte er, »ich bin bereit, eins wie das andere zehntausendmal zu erdulden, wenn ich dadurch eine einzige Seele erretten kann.« Er kämpfte mit Hunger, Durst, Entbehrungen und Gefahren aller Art, indem er rastlos und unermüdlich seine Mission der Liebe erfüllte. Endlich starb nach elfjährigem Wirken dieser große und vortreffliche Mann – während er sich auf der Reise nach China befand – auf der Insel Sancian an einem bösartigen Fieber und erwarb sich so die Märtyrerkrone. Einen Helden, der edler, reiner, selbstverleugnender und mutiger gewesen wäre, hat unsere Erde wohl nie getragen. Andere Missionare sind Xaver auf demselben Arbeitsfelde nachgefolgt – z. B. Schwartz, Carey und Marshman in Indien; Gützlaff und Morrison in China; Williams in der Südsee: Campbell, Moffatt und Livingstone in Afrika. John Williams, der Märtyrer von Erromanga, war ursprünglich Lehrling in einem Eisen- und Klempnergeschäft. Obgleich er als Knabe für unbegabt galt, war er in seinem Gewerbe flink und brauchbar, sodaß ihm sein Lehrherr jede Arbeit anvertraute, die eine mehr als gewöhnliche Geschicklichkeit erforderte. Es machte ihm auch Vergnügen, Klingelzüge anzubringen und andere Geschäfte zu besorgen, die ihn nicht an den Laden fesselten. Das zufällige Anhören einer Predigt gab seinem Geist eine ernste Richtung, und er wurde Lehrer an einer Sonntagsschule. Als bei einer seiner religiösen Versammlungen die Frage der Mission zur Sprache kam, beschloß er, sich selbst dieser Aufgabe zu widmen. Die Londoner Missionsgesellschaft war bereit, ihn in ihre Dienste zu nehmen; und auf seinen Wunsch entließ ihn sein Prinzipal vor Ablauf der Lehrzeit aus dem Geschäft. Die Inseln des Stillen Oceans waren der Hauptschauplatz seiner Thätigkeit – besonders Huahine im Tahiti-Archipel, sowie Raiatea und Rarotonga. Gleich den Aposteln ernährte er sich durch seiner Hände Arbeit – als Schmied, Gärtner und Schiffszimmermann; und während er die Insulaner in den Wahrheiten der Religion unterrichtete, bemühte er sich gleichzeitig, sie die Kunstfertigkeiten der civilisierten Völker zu lehren. Mitten in seinem rastlosen Schaffen wurde er – als einer der würdigsten Gewinner der Märtyrerkrone – von den Wilden am Strande von Erromanga erschlagen. Einer der interessantesten Lebensläufe ist der des Dr. Livingstone. Er selbst hat ihn in jener bescheidenen und anspruchslosen Weise beschrieben, die eine hervorragende Eigentümlichkeit seines Charakters bildet. Seine Vorfahren waren arme, aber redliche Hochlandbewohner; und von einem derselben, der in seiner Gegend wegen seiner Weisheit und Erfahrung berühmt war, erzählt man, daß er, auf seinem Sterbebette liegend, alle seine Kinder um sich versammelte, um ihnen als einziges Vermächtnis Worte der Weisheit zu hinterlassen. »Während meines Lebens,« sagte er, »habe ich eifrig nach alten Überlieferungen unserer Familie geforscht; und ich habe unter unseren Vorfahren nicht einen einzigen unredlichen Mann entdecken können. Wenn also einer von euch oder euren Nachkommen auf böse Wege geraten sollte, so ist das nicht ein Erbteil unseres Blutes; denn die Unredlichkeit liegt nicht in unserer Art. Ich hinterlasse euch daher diese Mahnung: Seid rechtschaffen!« Mit zehn Jahren kam Livingstone als »Ansetzer« in eine Baumwollenspinnerei bei Glasgow. Mit einem Teil seines ersten Wochenlohns kaufte er sich eine lateinische Grammatik; und dann warf er sich auf das Studium dieser Sprache, das er in einer Nachtschule jahrelang fortsetzte. Um sich seine Lektionen einzuprägen, saß er abends bis zwölf Uhr und wohl noch länger auf; aber oft schickte ihn seine Mutter früher zu Bett; denn er mußte um sechs Uhr morgens schon wieder in der Fabrik und bei der Arbeit sein. Auf solche Weise bewältigte er seinen Virgil und Horaz und las auch – mit Ausnahme von Romanen – mit großer Gründlichkeit alle Bücher, die ihm in die Hände kamen – besonders wissenschaftliche Werte und Reisebeschreibungen. Seine sparsam bemessene Mußezeit füllte er mit botanischen Studien aus, indem er die Nachbarschaft durchstreifte und Pflanzen sammelte. Er brachte es sogar fertig, inmitten des sausenden Lärms der Maschinen zu lesen. Er legte zu dem Zweck das Buch so auf den Spinnstuhl, daß er bei der Bedienung desselben Satz um Satz überfliegen konnte. Auf solche Art erwarb sich der fleißige Knabe viele nützliche Kenntnisse; und als er älter wurde, ergriff ihn das lebhafte Verlangen, ein Apostel der Heiden zu werden. In dieser Absicht suchte er sich auch medizinisches Wissen anzueignen, um für den ersehnten Beruf geschickter zu sein. Er machte Ersparnisse von seinem Lohn und brachte so viel Geld zusammen, daß er davon mehrere Winter hindurch leben konnte – während welcher Zeit er den medizinischen, griechischen und theologischen Vorlesungen an der Glasgower Universität beiwohnte. In den übrigen Monaten des Jahres dagegen arbeitete er als Baumwollenspinner. So hat er sich während seines Universitätsstudiums vollkommen selbständig durch seine Fabrikarbeit unterhalten und nie einen Heller Unterstützung von irgend einer Seite empfangen. »Wenn ich jetzt auf jene arbeitsreiche Zeit zurückblicke,« sagt er mit vollkommener Aufrichtigkeit, »so kann ich nur Befriedigung darüber empfinden, daß sie einen so wesentlichen Anteil an meiner Jugenderziehung hatte. Und wäre es möglich, daß ich mein Leben noch einmal von vorne anfangen könnte, so möchte ich es in derselben niedrigen Sphäre beginnen und dieselbe harte Schule zum zweitenmal durchmachen.« Endlich war er mit seinem medizinischen Studium fertig, schrieb seine lateinischen Thesen, bestand die Prüfungen und wurde als Licentiat zu der Fakultät der Ärzte und Wundärzte zugelassen. Zuerst dachte er daran, nach China zu gehen; aber der Krieg, den England damals mit jenem Lande führte, hielt ihn von der Ausführung seines Planes zurück. Als er dann seine Dienste der Londoner Missionsgesellschaft anbot, wurde er von derselben nach Afrika geschickt, welches er im Jahre 1840 erreichte. Er hatte die beabsichtigte Reise nach China aus eigenen Mitteln machen wollen und sagt, es sei ihm peinlich gewesen, auf Kosten der Londoner Missionsgesellschaft nach Afrika zu reisen, »weil er bisher einen Stolz darein gesetzt, allein für sich zu sorgen und von keinem anderen abhängig zu sein.« Sobald er in Afrika angekommen war, ging er mit großem Eifer an sein Werk. Er konnte den Gedanken, daß er nur einfach die Arbeiten anderer Missionare aufnehmen und weiterführen sollte, nicht ertragen und schuf sich daher einen großen, selbständigen Wirkungskreis, auf welchen er sich dadurch vorbereitete, daß er sich nicht nur im Lehren, sondern auch im Häuserbau und anderen handwerksmäßigen Beschäftigungen übte, die ihn – nach seinen eigenen Worten – »gewöhnlich ebenso müde machten und ihm das abendliche Studium ebenso sehr erschwerten als dies ehedem seine Arbeit in der Baumwollenspinnerei gethan.« Während er als Missionar unter den Betschuanen wirkte; grub er Kanäle, baute Häuser, bestellte Felder, zog Vieh auf und unterrichtete die Eingeborenen sowohl in der Arbeit als auch in der Religion. Als er einst mit einer Betschuanenschar eine lange Fußreise antrat, hörte er zufällig, wie seine Begleiter sich über ihn unterhielten und über sein Aussehen und seine Körperkräfte urteilten. »Er ist nicht stark,« sagten sie; »er ist ganz hager und sieht nur so kräftig aus, weil er in jenen Säcken (Hosen) steckt. Er wird bald zusammenbrechen.« Diese Worte machten das Blut des Missionars aus dem Hochlande wallen, sodaß er aller Anstrengungen spottete und es tagelang an Schnelligkeit und Ausdauer allen zuvorthat – bis er hörte, daß sie von seinen Fußgängerleistungen mit gebührender Achtung redeten. Was er in Afrika vollbracht, und wie er dort gearbeitet, erfahren wir durch seine »Missionsreisen,« eins der anziehendsten derartigen Bücher, die je der Öffentlichkeit übergeben worden sind. Eine seiner jüngsten Thaten kennzeichnet den ganzen Mann. Da der Versuch mit dem Dampfboot »Birkenhead,« das er nach Afrika herübergebracht, mißlungen war, so bestellte er in der Heimat einen neuen Dampfer zum Preise von 2000 Pfund. Diese Summe gedachte er von dem Gelde zu bezahlen, welches er für seine Reisebeschreibungen eingenommen und ursprünglich für seine Kinder zurückgelegt hatte. »Die Kinder müssen sich schon selber durchbringen,« schrieb er, als er den Seinigen mitteilte, zu welchem Zweck das Geld verwendet werden sollte. Die Laufbahn John Howards veranschaulicht in gleicher Weise die Macht eines beharrlichen Willens. Sein erhabenes Leben hat bewiesen, daß selbst ein physisch schwacher Mensch Berge zu versetzen vermag, wenn er ein durch die Pflicht gestecktes Ziel verfolgt. Der Wunsch, die Lage der Gefangenen zu verbessern, beherrschte alle seine Gedanken mit der Gewalt einer Leidenschaft; und weder Mühen noch Gefahren oder körperlichen Leiden konnten ihn von dieser großen Aufgabe seines Lebens abziehen. Obgleich er kein Genie war und nur eine mittelmäßige Begabung besaß, so war sein Herz doch rein und sein Wille stark. Schon bei Lebzeiten hatte er bedeutende Erfolge; und sein Einfluß starb nicht mit ihm, sondern dauerte fort bis auf den heutigen Tag und hat nicht nur auf die Gesetzgebung Englands, sondern auch auf die aller anderen civilisierten Völker mächtig eingewirkt. Auch Jonas Hanway gehört zu den vielen geduldigen und fleißigen Männern, welche England zu dem gemacht haben, was es ist – zu jenen Männern, die sich daran genügen ließen, die ihnen zuerteilte Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen; und die sich dankbar zur Ruhe legten, wenn dieselbe vollbracht war – »Als einzig Denkmal lassend eine Welt, Gebessert durch ihr Leben.«– – – Er wurde im Jahre 1712 zu Portsmouth geboren. Der Vater – einer der Lageraufseher des Seemagazins – kam durch einen unglücklichen Zufall ums Leben, als der Sohn noch sehr jung war. Die Mutter begab sich darauf mit ihren Kindern nach London, wo sie dieselben zur Schule schickte und sich schwer abmühte, um sie anständig erziehen zu können. Mit siebzehn Jahren wurde Jonas nach Lissabon geschickt und in einem Geschäft untergebracht, wo er sich durch seine kaufmännische Genauigkeit, Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit bald die Achtung und das Vertrauen aller derer erwarb, die mit ihm bekannt wurden. Als er im Jahre 1743 nach London zurückkehrte, bot ihm ein englisches Kaufmannshaus in St. Petersburg, das sich um den damals noch in den Kinderschuhen steckenden kaspischen Handel bemühte, eine Association mit der Firma an, auf welche Hanway auch einging. In der Absicht, das Geschäft zu erweitern, begab er sich nach Rußland; und bald nach seiner Ankunft in der Hauptstadt des Zarenreichs brach er mit einer Karawane, die zwanzig Wagenladungen englischer Tuchballen mit sich führte, nach Persien auf. Von Astrachan segelte er nach Astrabad an der südöstlichen Küste des Kaspischen Meeres. Kaum aber hatte er seine Ballen an Land gebracht, so brach ein Aufruhr aus, bei welchem ihm seine Waren geraubt wurden. Zwar erlangte er den größten Teil derselben später zurück, aber der Erfolg seines Unternehmens war unter diesen Umständen nur gering. Da er Kenntnis von einer Verschwörung erhielt, durch die man sich seiner Person und seiner Begleiter bemächtigen wollte, so ging er zu Schiff und erreichte nach Überstehung großer Gefahren glücklich die persische Provinz Ghilan. Diese Rettung ließ ihn zum erstenmal an die Worte denken, die er danach zum Wahlspruch seines Lebens machte: »Verzweifle nie!« Später lebte er fünf Jahre in St. Petersburg, wo er ein blühendes Geschäft betrieb. Da er aber von einem Verwandten etwas erbte, und da auch seine eigenen Mittel sich beträchtlich vermehrt hatten, so verließ er Rußland und kehrte im Jahre 1750 in sein Vaterland zurück. Sein Zweck dabei war – wie er sich selbst ausdrückte – »seine Gesundheit zu berücksichtigen (die außerordentlich zart war) und sich und anderen möglichst viel Gutes zu erzeigen.« Während seines übrigen Lebens wirkte er in thätiger Weise zum Wohl und Nutzen seiner Mitmenschen. Eine der nützlichen Einrichtungen, an deren Zustandekommen er Anteil hatte, war die Ausbesserung der in die Hauptstadt mündenden Landstraßen, die er zum großen Teil durchsetzte. Als sich im Jahre 1755 das Gerücht von einem bevorstehenden Einfall der Franzosen verbreitete, überlegte Hanway, auf welche Weise man am besten die Marinetruppen vollzählig erhalten könnte. Er bewirkte eine Zusammenkunft von Kaufleuten und Schiffseigentümern auf der »königlichen Börse« und schlug denselben dort vor, sich zu einer Gesellschaft zu konstituieren, welche Freiwillige der Landarmee und junge Burschen so ausrüstete, daß sie an Bord der königlichen Schiffe gehen könnten. Sein Vorschlag wurde mit Enthusiasmus aufgenommen, es bildete sich eine derartige Gesellschaft; es wurden Offiziere ernannt, und Herr Hanway erhielt die Oberleitung des ganzen Unternehmens. So entstand im Jahre 1756 die Marinegesellschaft – ein Institut, das der Nation großen Vorteil gebracht hat und ihr noch bis auf den heutigen Tag von wesentlichem Nutzen ist. Schon in den ersten sechs Jahren nach ihrer Gründung wurden 5451 Schiffsjungen und 4787 Freiwillige von der Gesellschaft für den Seedienst ausgebildet und ausgestattet, und noch heute ist sie in voller Thätigkeit, indem sie jährlich etwa 600 arme Knaben durch eine sorgfältige Erziehung zu Seeleuten heranbildet, die größtenteils auf Kauffahrteischiffen Verwendung finden. Den übrigen Teil seiner freien Zeit füllte Herr Hanway damit aus, daß er wichtige öffentliche Einrichtungen in der Hauptstadt veranlaßte oder die bestehenden verbessern half. Von jeher interessierte er sich lebhaft für das vor vielen Jahren von Thomas Coram gegründete Findelhaus, welches leidet dadurch, daß es viele gewissenlose Eltern ermutigte, ihre Kinder der öffentlichen Wohlthätigkeit zu überlassen, mehr Schaden als Nutzen zu stiften drohte. Hanway beschloß, diesem Übel zu steuern, und stellte sich dadurch in einen schroffen Gegensatz zu der damals gerade in Mode stehenden Art von Philantropie. Indem er konsequent an seinem Vorsatz festhielt, gelang es ihm endlich, die Wohlthätigkeit auf ihr richtiges Maß zu beschränken, und Zeit und Erfahrung haben gelehrt, daß er daran wohlgethan. Das Magdalenen-Hospital wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen gegründet. Aber am thätigsten und dauerndsten wirkte er für die Kinder der Stadtarmen. Das Elend und die Vernachlässigung, worin diese Kleinen aufwuchsen, und die unter ihnen herrschende Sterblichkeit waren schreckenerregend, und doch machte sich durchaus nicht – wie im Fall der Findelkinder – in den tonangebenden Kreisen eine Bewegung zur Abhilfe ihrer Leiden bemerkbar. Jonas Hanway aber widmete sich der Aufgabe mit seiner ganzen Energie. Allein und ohne Beistand stellte er, zunächst durch persönliche Untersuchungen den Umfang des Übels fest. Er besichtigte die Wohnungen der ärmsten Klassen der Londoner Bevölkerung, besuchte die Pflegebefohlenen der Hospitäler und orientierte sich genau über die Einrichtung aller Arbeitshäuser in und bei London. Darauf bereiste er Frankreich und Holland und sah sich auch dort die Armenhäuser an, um etwaige Verbesserungen kennen zu lernen und sie später in der Heimat einzuführen. Hiermit beschäftigte er sich fünf Jahre, und als er nach England zurückkehrte, veröffentlichte er die Resultate seiner Forschungen. Die Folge davon war, daß viele Arbeitshäuser umgestaltet und verbessert wurden. Im Jahre 1761 veranlaßte er eine Parlamentsakte, durch die jedes Londoner Kirchspiel angehalten wurde, ein Jahresregister aller aufgenommenen, ausgeschiedenen und verstorbenen Kinder zu führen, und er trug selbst dafür Sorge, daß diese Akte auch durchgeführt wurde, indem er scharf und unermüdlich die betreffenden Beamten kontrollierte. Des Morgens ging er aus einem Arbeitshause in das andere, am Nachmittag von einem Parlamentsmitglied zum anderen, und das that er Tag für Tag, Jahr für Jahr, indem er geduldig jede Zurückweisung ertrug, jedem Einwand begegnete und sich jeder Laune anpaßte. Endlich erwirkte er durch eine Beharrlichkeit ohnegleichen und eine fast zehnjährige Bemühung unter pekuniären Opfern eine neue Akte, welche bestimmte, daß alle Kinder von Gemeindearmen, die zu Kirchspielen mit besonders großer Sterblichkeit gehörten, bis zu ihrem sechsten Lebensjahre nicht in Arbeits- oder Armenhäusern, sondern in einer gewissen Entfernung von London auf dem Lande aufgezogen werden sollten – und zwar unter der Aufsicht einer alle drei Jahre wechselnden Vormundschaft. Die armen Leute nannten dies Gesetz »die Akte der Kinderrettung;« und eine Vergleichung der Kirchenregister der folgenden Jahre mit denen der vorausgehenden Zeit bewies, daß Tausende von Leben durch die verständige Fürsorge dieses trefflichen und gefühlvollen Mannes erhalten worden waren. Wo es sich in London um ein menschenfreundliches Werk handelte, war auch Jonas Hanways Hand sicherlich dabei thätig. Eins der ersten Gesetze, die zum Schutz der Schornsteinfeger-Lehrlinge erlassen wurden, ist auf seinen Einfluß zurückzuführen. Ein verheerendes Feuer, das in Montreal, und ein anderes, das in Bridgetown auf Barbados wütete, veranlaßte ihn, zu rechter Zeit eine Subskription zu Gunsten der Geschädigten zu veranstalten. Sein Name stand auf jeder Sammelliste, und seine Uneigennützigkeit und Aufrichtigkeit wurden allgemein anerkannt. Aber man wollte ihn nicht sein ganzes ohnehin kleines Vermögen im Dienste seiner Mitmenschen verbrauchen lassen. Fünf angesehene Londoner Bürger, an deren Spitze der Banquier Hoare stand, machten ohne Hanways Vorwissen in corpore dem damaligen Premierminister – dem Lord Bute – ihre Aufwartung und baten im Namen ihrer Mitbürger, daß die Regierung von den uneigennützigen Diensten, die der treffliche Mann dem Vaterlande geleistet, Notiz nehmen möchte. Das Resultat dieser Unterredung war, daß Herr Hanway einen Kommissärposten am Proviantamt der Marine erhielt. In seinen letzten Lebensjahren war Jonas Hanway sehr kränklich; aber obwohl er es für nötig erachtete, seine Stelle am Proviantamt aufzugeben, so mochte er doch nicht müßig sein, sondern wirkte für die Einrichtung von Sonntagsschulen, die damals noch wenig verbreitet waren – oder für die Unterstützung armer Neger, von denen viele vollkommen mittellos die Straßen der Hauptstadt durchwanderten – oder für die Linderung der Leiden irgend einer vernachlässigten und im Elend lebenden Gesellschaftsklasse. Wenngleich mit menschlichem Jammer in allen seinen Gestalten vertraut, war er doch einer der fröhlichsten Menschen, und ohne diese Fröhlichkeit wäre er bei seinem schwachen Körper wohl kaum imstande gewesen, ein so großes Maß freiwillig übernommener Arbeit zu bewältigen. Er fürchtete nichts so sehr als die Unthätigkeit. Trotz seiner Schwächlichkeit war er kühn und standhaft und besaß einen hohen moralischen Mut. Man wird uns vielleicht für kleinlich halten, wenn wir erwähnen, daß er der erste Engländer war, der mit einem aufgespannten Regenschirm durch die Straßen Londons zu gehen wagte. Aber möge es doch heute irgend ein Londoner Kaufmann versuchen, mit einem spitzen chinesischen Hut auf dem Kopfe Cornhill zu passieren! Er würde dabei sicherlich die Entdeckung machen, daß die Ausführung eines solchen Unternehmens keinen geringen moralischen Mut erfordert. Nach dreißigjähriger Benutzung seines Regenschirms erlebte es Herr Hanway schließlich, daß der Artikel allgemein in Aufnahme kam. Hanway war ein Mann von strengster Ehrenhaftigkeit, Wahrheitsliebe und Rechtschaffenheit; auf sein Wort konnte man sich jederzeit verlassen. Für den Charakter redlicher Kaufleute empfand er eine an Ehrfurcht grenzende Hochachtung und wurde dadurch zuweilen zu Lobsprüchen veranlaßt, mit denen er sonst sehr sparsam war. Er handelte aber auch nach seinen Grundsätzen und war als Kaufmann wie auch später als Proviantkommissär tadellos in seiner Führung. Er nahm von seiten der Lieferanten nicht die geringste Gunst an. Sandte man ihm ein Geschenk auf das Proviantamt, so pflegte er es höflichst mit dem Bemerken zurückzuweisen, »er hätte es sich zur Regel gemacht, von Personen, die mit dem Proviantamt in Verbindung ständen, nicht das Geringste anzunehmen.« Als es mit seinen Kräften zu Ende ging, bereitete er sich auf seinen Tod mit solch einer Heiterkeit vor, als ob es sich um eine Reise über Land handelte. Er schickte zu allen Krämern und Kaufleuten, denen er etwas schuldete, und ließ sein Konto begleichen; er nahm Abschied von seinen Freunden, ordnete seine Angelegenheiten, bestimmte alles Nähere über sein Begräbnis und verschied dann heiter und friedlich in seinem vierundsiebzigsten Jahre. Das Vermögen, welches er hinterließ, belief sich noch nicht auf zweitausend Pfund, und da er keine bedürftigen Verwandten besaß, so wurde es nach seinem letzten Willen unter mehrere Waisenkinder und arme Leute verteilt, mit denen er sich bei seinen Lebzeiten befreundet hatte. Dies ist die kurzgefaßte Biographie Jonas Hanways – eines der redlichsten, thatkräftigsten, arbeitsamsten und hochherzigsten Männer, die je gelebt. Das Leben Granville Sharps ist ein ebenso frappantes Beispiel für die Macht, welche der individuellen Energie innewohnt – eine Macht, die sich in diesem Falle auf jene edle Schar von Männern übertrug, die bei der Abschaffung des Sklavenhandels thätig waren, und zu deren hervorragendsten Mitgliedern Clarkson, Wilberforce, Buxton und Brougham gehörten. Aber wieviel diese Männer auch für die große Sache gethan, Granville Sharp ging ihnen voran und hat sie wohl auch an Beharrlichkeit, Energie und Unerschrockenheit übertroffen. Er begann seine Laufbahn als Lehrling in einem Leinwandladen am Towerhill; aber nach Ablauf seiner Lehrzeit verließ er das Geschäft und nahm eine Schreiberstelle am Zeughaus an. Während er diesen bescheidenen Posten bekleidete, arbeitete er in seinen Mußestunden an dem Werk der Negeremancipation. Schon als Lehrling war er schnell bereit, sich jeder freiwilligen Arbeit zu unterziehen, die einen guten Zweck hatte. Während er das Leinwandgeschäft erlernte, hatte er mit einem anderen Lehrling, der in demselben Hause wohnte und Unitarier war, häufig wiederkehrende Debatten über religiöse Fragen. Der junge Unitarier behauptete, daß Granvilles trinitarische Mißdeutung verschiedener Bibelstellen von seiner Unkenntnis der griechischen Sprache herrühre. Das hatte zur Folge, daß Granville sich in seinen Abendstunden sogleich an die Erlernung der genannten Sprache machte, in welcher er sich gründliche Kenntnisse erwarb. Mit einem anderen Lehrling seines Geschäfts, der ein Jude war, hatte er einen ähnlichen Streit über die Auslegung der biblischen Weissagungen – wodurch er veranlaßt wurde, auch die schwierige hebräische Sprache zu erlernen. Aber die Haupttriebfeder seiner Handlungen und seines Wirkens lag in seiner Großmut und Wohlthätigkeit. Sein Bruder William – ein Wundarzt aus der Mincing-Lane – behandelte die Armen unentgeltlich: und unter seinen zahlreichen Patienten befand sich auch ein armer Neger, Namens Jonathan Strong. Wie es scheint, war dieser Afrikaner durch Mißhandlungen von seiten seines Herrn – eines damals sich in London aufhaltenden Rechtsanwalts aus Barbados – nicht nur lahm, sondern auch halbblind und vollkommen arbeitsunfähig geworden – weshalb sein grausamer Eigentümer ihn wie ein unbrauchbar gewordenes Haustier zum Verhungern auf die Straße hinausjagte. Dieser, arme Mensch – ein wahrer Lazarus – unterhielt sich eine Zeitlang durch Betteln, bis er eines Tages den Weg zu William Sharp fand, welcher ihm eine Medizin gab und ihm bald danach Aufnahme im St. Bartholomäushospital verschaffte, wo er geheilt wurde. Als der Neger aus dem Hospital entlassen wurde, unterstützten ihn die beiden Brüder, um ihm das Betteln zu ersparen: aber sie hatten damals nicht den geringsten Argwohn, daß irgend jemand auf seine Person Anspruch machen könnte. Sie verschafften Strong sogar eine Stelle bei einem Apotheker, in dessen Diensten er zwei Jahre blieb. Als er eines Tages hinter seiner Herrin auf dem Trittbrett einer Mietskutsche stand, wurde er von seinem früheren Besitzer – dem Rechtsanwalt aus Barbados – erkannt; und dieser beschloß sogleich, sich des Sklaven zu bemächtigen, welcher durch die Wiederherstellung seiner Gesundheit von neuem brauchbar geworden war. Der Rechtsanwalt bewirkte durch zwei städtische Polizeibeamte die Ergreifung des Negers, welcher bis zu seiner Einschiffung nach Westindien in dem »Compter« (Gefängnis) untergebracht wurde. In seiner Gefangenschaft erinnerte sich der Unglückliche an die Wohlthaten, die ihm Granville Sharp vor etlichen Jahren in seiner großen Not erwiesen: und brieflich erbat er sich auch jetzt seine Hilfe. Sharp hatte Strongs Namen vergessen: aber er ließ durch einen Boten Erkundigungen einziehen; und dieser kam mit der Nachricht wieder, daß die Gefangenwärter einen derartigen Menschen nicht in ihrem Gewahrsam zu haben behaupteten. Nun wurde Sharps Argwohn rege; er ging selbst in das Gefängnis und bestand darauf, Jonathan Strong zu sehen. Er wurde auch wirklich zu ihm gelassen und erkannte den Neger, welcher sich jetzt als ein entlaufener und wieder eingefangener Sklave in Gewahrsam befand. Herr Sharp ersuchte den Gefängnisaufseher, er möge – auf seine Verantwortung – Strong an niemand ausliefern, bis derselbe dem Lordmayor vorgestellt sei. Zu diesem begab sich Sharp unverzüglich und erwirkte von ihm, daß er jene Personen, welche Strong ohne Vollmacht festgenommen und eingekerkert hatten, vor sein Forum citierte. Die Parteien erschienen demgemäß vor dem Lordmayor; und es ergab sich aus den Verhandlungen, daß Strong von seinem früheren Herrn bereits an einen anderen Besitzer abgetreten worden war, welcher den Kaufkontrakt vorzeigte und den Neger als sein Eigentum reklamierte. Da Strong keines besonderen Verbrechens angeklagt war, und da der Lordmayor sich inkompetent fühlte, eine gesetzliche Entscheidung hinsichtlich der Freiheit des Negers zu treffen, so wurde der letztere entlassen und ging mit seinem Wohlthäter aus dem Gerichtsgebäude, ohne daß jemand ihn zurückzuhalten wagte. Doch benachrichtigte sein Eigentümer Herrn Sharp sogleich, daß er gegen ihn auf Rückgabe seines ihm widerrechtlich vorenthaltenen Sklaven klagen würde. Um jene Zeit (1767) war die in der Theorie so hochgehaltene persönliche Freiheit der Engländer in Wirklichkeit traurigen Eingriffen ausgesetzt, die fast täglich vorkamen. Daß man Leute für den Seedienst »preßte.« war etwas ganz Gewöhnliches; und neben den sogenannten »Preßgängen« gab es in London und allen großen Städten des Königreichs regelrecht organisierte Banden von Seelenverkäufern, welche ihre Opfer mit List oder Gewalt in die Dienste der ostindischen Compagnie brachten. Wenn aber die Leute nicht in Indien gebraucht wurden, so führte man sie zu Schiff nach Amerika und überlieferte sie dort den Pflanzern der Kolonien. Negersklaven wurden in den Londoner und Liverpooler Zeitungen ganz öffentlich zum Verkauf ausgeboten. Für die Ergreifung, und sichere Überführung flüchtiger Sklaven auf näher bezeichnete, im Flusse liegende Schiffe wurden Belohnungen ausgesetzt. Die Stellung eines mutmaßlichen Sklaven war in England sehr unbestimmt und zweifelhaft. Die von den Gerichtshöfen gefällten Urteilssprüche waren schwankend und wenig übereinstimmend, da sie sich auf keine feststehenden Rechtsprincipien gründeten. Obgleich es eine volkstümliche Vorstellung war, daß es in England keine Sklaven geben dürfe, so hatten sich hervorragende Rechtsgelehrte doch in einem ganz entgegengesetzten Sinn ausgesprochen. Die Anwälte, welche Herr Sharp zum Zweck seiner Verteidigung in der Sache des Jonathan Strong konsultierte, schlossen sich sämtlich dem Urteil ihrer Kollegen an; und der Eigentümer des Jonathan Strong teilte ihm mit, daß der ausgezeichnete Lordoberrichter Mansfield samt dem ganzen Richterkollegium entschieden der Ansicht wäre, daß Sklaven durch ihr Herüberkommen nach England nicht frei würden, sondern gesetzlich gezwungen werden könnten, auf die Plantagen zurückzukehren. Jeden anderen, minder mutigen und entschlossenen Mann hätten solche Mitteilungen von seinem Vorhaben abgeschreckt; Sharp aber wurde dadurch nur in seinem Entschluß bestärkt, die Befreiung der Neger wenigstens in England durchzusetzen. »Von meinen berufsmäßigen Verteidigern verlassen,« erzählt er, »sah ich mich in Ermangelung eines regelrechten gesetzlichen Beistandes gezwungen, einen hoffnungslosen Versuch in der Selbstverteidigung zu machen, obwohl ich nicht nur mit der Anwendung, sondern auch mit den Grundbegriffen der Rechtswissenschaft vollkommen unbekannt war. Denn bis zu dieser Zeit, wo ich mich mit großem Widerstreben an das Studium einer Sammlung von juristischen Werken machte, die mein Buchhändler gekauft, hatte ich noch nie in meinem Leben ein anderes Gesetzbuch als die Bibel in der Hand gehabt.« Den ganzen Tag über war er in dem Bureau des Zeughauses beschäftigt, wo er gerade den mühevollsten Posten bekleidete. So war er gezwungen, seine neuen Studien entweder spät in der Nacht oder am frühen Morgen zu betreiben; und er bekannte, daß er sich schon selbst fast wie ein Sklave vorkomme. In einem Briefe an einen geistlichen Freund entschuldigte er sich wegen der späten Beantwortung eines Briefes mit diesen Worten: »Ich gestehe, daß ich mich ganz unfähig fühle, eine litterarische Korrespondenz zu unterhalten. Die geringe Zeit, welche ich mir nachts oder früh am Morgen vom Schlafe absparen konnte, habe ich notwendigerweise der Prüfung einiger gesetzlichen Fragen widmen müssen, die keinen Aufschub duldeten und doch die fleißigsten Forschungen und Studien erforderten.« Während der nächsten zwei Jahre widmete Herr Sharp jeden freien Augenblick dem emsigen Studium derjenigen englischen Gesetze, welche sich auf die persönliche Freiheit bezogen. Dabei arbeitete er sich durch eine große Menge trockener und wenig anziehender Schriftwerke durch und machte sich aus den wichtigsten Parlamentsakten, gerichtlichen Entscheidungen und Aussprüchen berühmter Rechtsgelehrten fortlaufende Auszüge. Bei dieser langweiligen und langwierigen Arbeit hatte er keinen Lehrer, keinen Gehilfen, keinen Ratgeber. Er konnte nicht einen einzigen Rechtsanwalt finden, dessen Meinung seinem Unternehmen günstig gewesen wäre. Die Resultate seiner Forschungen waren jedoch ebenso befriedigend für ihn selbst als überraschend für die Herren Rechtsgelehrten. »Gott sei Dank!« schrieb er, »in keinem englischen Gesetz oder Statut habe ich eine Bestimmung entdecken können, welche einem Menschen das Recht gäbe, den anderen zu seinem Sklaven zu machen.« Jetzt hatte er festen Grund unter den Füßen und zweifelte nicht mehr an seinem Erfolg. Nun stellte er die Resultate seiner Untersuchungen in summarischer Form zusammen. Es war eine freimütige, klare und kühne Schrift, die den Titel führte: »Über die der Gerechtigkeit hohnsprechende Duldung der Sklaverei in England;« und zahlreiche, von ihm selbst gefertigte Kopien jener Schrift schickte er an die hervorragendsten Rechtsgelehrten jener Zeit. Als Strongs Eigentümer merkte, daß der Mann, mit welchem er es zu thun hatte, das gerichtliche Verfahren unter verschiedenen Vormunden zu verzögern suchte, bot er schließlich einen Vergleich an, der aber zurückgewiesen wurde. Granville ließ nun seine handschriftliche Broschüre unter den Rechtsanwälten so lange cirkulieren bis diejenigen, welche gegen Jonathan Strong engagiert waren, nicht weiter gegen ihn vorzugehen wagten; und dies hatte zur Folge, daß der Kläger seine Klage zurückziehen und dreifache Kosten bezahlen mußte. Die Broschüre aber wurde im Jahre 1769 gedruckt. Mittlerweile war es in London mehrfach vorgekommen, daß Neger Seelenverkäufern in die Hände gerieten und nach Westindien zum Verkauf eingeschifft wurden. Allemal, wenn Sharp einen solchen Fall entdeckte, traf er sogleich Anstalten zur Befreiung des Negers. Als die Frau eines Afrikaners Namens Hylas auf ein Schiff geschleppt und nach Barbados gebracht worden war, strengte Sharp im Namen des Gatten eine Klage gegen den Menschenräuber an und erwirkte einen Urteilsspruch, kraft dessen Hylas sein Weib mit Schadenersatz zurückerhielt. Eine andere gewaltsame und mit großer Grausamkeit bewerkstelligte Entführung eines Negers fand im Jahre 1770 statt; und wiederum machte sich Sharp ohne Zögern an die Verfolgung der Übelthäter. Ein Afrikaner, Namens Lewis, wurde in einer dunkeln Nacht von zwei Schiffern, die von seinem angeblichen Herrn gedungen waren, ergriffen, ans Wasser geschleppt, in ein Boot geworfen und darin geknebelt und gebunden. Darauf ruderten seine Peiniger das Boot den Fluß hinunter und brachten ihn an Bord eines Schiffes, das für Jamaika gefruchtet hatte, wo er bei seiner Ankunft als Sklave verkauft werden sollte. Aber das Geschrei des armen Negers hatte die Aufmerksamkeit einiger Nachbarn erregt: und einer derselben begab sich sogleich zu Herrn Granville Sharp, dem allbekannten Negerfreund, um ihn von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Mit einer Vollmacht versehen, kraft deren er die Herausgabe des Negers verlangen konnte, begab sich Sharp sogleich nach Gravesend, erfuhr dort aber, daß das Schiff bereits nach den »Downs« abgesegelt war. Nunmehr verschaffte er sich einen Freilassungsbefehl, den er nach Spithead sandte: und ehe das Fahrzeug die englische Küste verlassen konnte, wurde der Befehl vollzogen. Man fand den Sklaven an dem Mittelmast des Schiffes angekettet, von wo aus er – in Thränen gebadet – kummervolle Blicke auf das Land richtete, von dem er fortgeführt werden sollte. Er wurde alsbald in Freiheit gesetzt und nach London zurückgebracht, während gleichzeitig ein Haftbefehl gegen den Urheber des Vergehens erlassen wurde. Die Schnelligkeit im Denken, Fühlen und Handeln, die Herr Sharp bei dieser Gelegenheit bewies, hätte kaum übertroffen werden können; und doch klagte er sich selbst der Langsamkeit an. Der Fall kam vor Lord Mansfield zur Verhandlung – dessen Ansicht, wie man sich erinnern wird, derjenigen des Herrn Sharp geradeswegs zuwiderlief. Der Richter vermied es jedoch, die Sache zum Austrag zu bringen; er riskierte es auch nicht, eine juristische Meinung über die persönliche Freiheit des Negers zu äußern, sondern sprach denselben auf Grund dessen frei, daß der Kläger auch nicht einmal ein nominelles Eigentumsrecht auf Lewis nachzuweisen vermochte. Die Frage der persönlichen Freiheit der sich in England aufhaltenden Neger war also noch immer ungelöst. Aber mittlerweile setzte Herr Sharp unverdrossen seine menschenfreundlichen Bemühungen fort; und infolge seiner unermüdlichen Anstrengungen und seiner Energie im Handeln kamen noch viele zu der Zahl der Geretteten hinzu. Endlich ereignete sich der wichtige Fall des James Sommerset – ein Fall, der, wie man sagt, auf den gemeinsamen Wunsch des Lord Mansfield und des Herrn Sharp dazu ausersehen wurde, diese wichtige Frage zu einer klaren gesetzlichen Entscheidung zu bringen. Sommerset war von seinem Herrn nach England gebracht und dort zurückgelassen worden. Später aber suchte sein Herr sich seiner wieder zu bemächtigen, um ihn zum Verkauf nach Jamaika zu schicken. Wie gewöhnlich nahm sich Herr Sharp sogleich der Sache des Negers an und engagierte einen Rechtsanwalt zu seiner Verteidigung. Lord Mansfield erklärte, der Fall hätte ein so allgemeines Interesse, daß er die Meinung aller Richter darüber einholen wolle; und Herr Sharp begriff nun, daß er mit dem ganzen Aufgebot der feindlichen Macht zu kämpfen haben würde; das konnte aber seinen Entschluß nicht erschüttern. Es war in diesem schweren Kampfe für ihn ein Glück, daß seine bisherigen Anstrengungen schon einige Früchte getragen, man begann sich immer lebhafter für die Frage zu interessieren; und viele hervorragende Rechtsgelehrte standen bereits offen auf seiner Seite. Die Sache der nunmehr in Frage stehenden persönlichen Freiheit wurde vor Lord Mansfield und den drei beisitzenden Richtern regelrecht verhandelt und geprüft – und zwar nach dem allgemeinen Princip, daß jeder in England lebende Mensch das wichtige, durch die Verfassung gesicherte Recht der freien Verfügung über seine Person besitze, wofern er dasselbe nicht durch eine ungesetzliche Handlung eingebüßt. Es ist überflüssig, auf diese großartige Untersuchung genauer einzugehen. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge; die Sache wurde auf einen anderen Termin vertagt, um dann wiederum aufgeschoben und nochmals aufgeschoben zu werden, – bis Lord Mansfield endlich das Urteil fällte. In dem mächtigen Geist dieses Mannes hatte sich allmählich eine Wandlung vollzogen – und zwar infolge der Argumente des Verteidigers, die hauptsächlich auf Granville Sharps Broschüre basierten. Der Lord erklärte nun, daß der Gerichtshof so vollkommen einer Meinung sei, daß eine Verweisung des Falls an die zwölf Richter unterbleiben könne. Sodann fällte er die Entscheidung, daß das Recht des Sklavenbesitzes niemals anerkannt werden dürfe, da es in England nie existiert habe und auch nie gesetzlich festgestellt worden sei. Demzufolge wurde James Sommerset in Freiheit gesetzt. Durch Erwirkung dieses Urteils schaffte Granville Sharp den bisher auf den Straßen Liverpools und Londons offen betriebenen Sklavenhandel thatsächlich ab. Aber er erreichte auch, daß jenes herrliche Wort, nach welchem jeder Sklave frei wird, sobald sein Fuß den englischen Boden berührt, zu einer feststehenden Wahrheit wurde – wie es auch keinem Zweifel unterliegen kann, daß Lord Mansfields Entscheidung in erster Linie durch die Festigkeit, Entschlossenheit und Unerschrockenheit herbeigeführt wurde, mit welcher Herr Sharp diese Sache von Anfang bis zu Ende betrieb. Es bleibt nur noch wenig über die Laufbahn Granville Sharps zu berichten. Er beteiligte sich auch ferner an allen gemeinnützigen Werken – so z. B. an der Gründung der Kolonie auf der Küste Sierra Leone, welche ein Zufluchtsort für befreite Negersklaven werden sollte. Er bemühte sich um die Verbesserung der Lage der Indianer in den amerikanischen Kolonien. Er regte die Ausdehnung und Erweiterung der politischen Rechte des englischen Volkes an und suchte einen Parlamentsbeschluß zu erwirken, welcher die »Preßgänge« abschaffte. Granville war der Ansicht, daß der britische Seemann ebenso gut ein Recht auf den Schutz der Gesetze habe als der afrikanische Neger; und daß er durch die Wahl des Seefahrerberufs sich in keiner Weise seiner Rechte und Privilegien als Engländer begeben habe, als deren vornehmstes er die persönliche Freiheit betrachtete. Auch war Herr Sharp – freilich ohne Erfolg – bemüht, die guten Beziehungen zwischen England und dessen amerikanischen Kolonien wiederherzustellen; und als die brudermörderischen Kämpfe des Amerikanischen Befreiungskrieges ausbrachen, gab Sharp seinen Posten am Zeughaus auf, weil es seiner Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit widerstrebte, in irgend einer Weise an einem so unnatürlichen Vorgange beteiligt zu sein. Bis an sein Ende hielt er an dem großen Ziel seines Lebens – der Abschaffung des Sklavenhandels – fest. Um dieses Werk auszuführen und die Bestrebungen der immer zahlreicher werdenden Freunde der guten Sache planmäßig zu organisieren, wurde die »Gesellschaft zur Bekämpfung des Sklavenhandels« gegründet, und Sharp fand immer neue Anhänger, die sich an seinem Beispiel und seiner Thatkraft begeisterten. Seine Energie übertrug sich auf diese Männer, und der opfermutige Eifer, mit welchem er so lange ohne Beistand gearbeitet, teilte sich endlich der Nation mit. Sein Mantel fiel auf Clarkson, Wilberforce, Brougham und Buxton, welche das von ihm begonnene Werk mit der gleichen Energie und Stetigkeit fortsetzten, bis endlich die Sklaverei in allen britischen Landen abgeschafft wurde. Aber wenn man auch die letztgenannten Namen am häufigsten mit dem Triumph dieser großen Sache in Verbindung bringt, so gehört das Hauptverdienst doch unzweifelhaft Herrn Granville Sharp. Er wurde von keinem Hochruf begrüßt, als er sein Werk anfing. Er stand mit seiner Ansicht vollkommen vereinzelt da – im Widerspruch mit der Meinung der tüchtigsten Rechtsanwälte und den am tiefsten eingewurzelten Vorurteilen der Zeit, und allein – aus eigener Kraft und auf eigene Kosten – hat er zu Gunsten der Verfassung dieses Landes und der Freiheit der britischen Unterthanen den denkwürdigsten Kampf ausgefochten, von welchem die neuere Zeit zu berichten weiß. Was danach kam, war in der Hauptsache eine Folge seiner unermüdlichen Beharrlichkeit. Er zündete die Fackel an, durch die andere Geister erleuchtet wurden, und die so lange von Hand zu Hand ging, bis die Aufklärung allgemein ward. Schon vor Granville Sharps Tode hatte sich Clarksons Aufmerksamkeit dem Sklavenhandel zugewandt. Er wählte diesen Gegenstand sogar zum Thema einer Universitätsarbeit, und sein Geist beschäftigte sich damit so unausgesetzt, daß er kaum an etwas anderes zu denken vermochte. Man zeigt noch heute bei Wades-Mill in Hertfordshire die Stelle, wo er eines Tages vom Pferde sprang und sich trostlos an dem grasbewachsenen Rande des Weges niederließ, um nach längerem Nachdenken den Entschluß zu fassen, sich ganz und gar der großen Sache zu widmen. Er übersetzte seine Arbeit aus dem Lateinischen ins Englische, brachte neue Beispiele darin an und übergab sie dann der Öffentlichkeit. Nun fand er bald Mitarbeiter. Ohne daß er es wußte, hatte sich bereits die »Gesellschaft zur Bekämpfung des Sklavenhandels« gebildet, und als er davon hörte, schloß auch er sich derselben an. Um der guten Sache dienen zu können, opferte er seine Carrière. Wilberforce wurde dazu ausersehen, das Interesse der Feinde des Sklavenhandels im Parlament zu vertreten; aber Clarkson wurde fast ausschließlich mit der Aufgabe betraut, das ungeheuere Beweismaterial zu sammeln und zu ordnen, welches die Anträge jener Partei unterstützen sollte. Wir wollen hier ein merkwürdiges Beispiel von Clarksons Beharrlichkeit erwähnen, die fast der eines Schweißhundes glich. Die Freunde des Sklavenhandels führten zur Verteidigung desselben an, daß nur solche Neger als Sklaven verkauft würden, welche man in der Schlacht gefangen genommen, und denen, falls man sie nicht verkaufte, in ihrer Heimat ein noch viel schrecklicheres Schicksal bevorstände. Clarkson hatte Kenntnis von den Sklavenjagden, welche von den Sklavenhändlern veranstaltet wurden: er konnte aber keine Beweise oder Zeugen dafür beibringen. Wo sollte er welche finden? Auf einer seiner Reisen traf er zufällig mit einem Herrn zusammen, der ihm erzählte, daß ein junger Seemann, in dessen Gesellschaft er sich vor etwa einem Jahre befunden, thatsächlich an einer solchen Sklavenjagd teilgenommen. Der Herr kannte den Namen des Seemanns nicht und konnte auch nur eine ungenaue Beschreibung seiner Person geben. Hinsichtlich seines Aufenthalts vermochte er nur mitzuteilen, daß er zu einem aufgelegten (im Hafen liegenden) Kriegsschiff gehöre; aber wie der betreffende Hafen hieß, war ihm nicht bewußt. Trotz dieser höchst ungenauen Angaben war Clarkson sofort entschlossen, den betreffenden Mann als Zeugen herbeizuschaffen. Er besuchte persönlich alle Seehäfen, in denen abgetakelte Schiffe lagen; ging an Bord jedes einzigen und stellte Nachforschungen an – immer vergeblich, bis er endlich in dem allerletzten Hafen den ersehnten jungen Mann auf dem allerletzten Schiff fand, das noch zu untersuchen war. Dieser junge Seemann erwies sich in der Folge als einer seiner wertvollsten und wirksamsten Zeugen. Mehrere Jahre hindurch korrespondierte Clarkson mit ungefähr vierhundert Personen, während seine gleichzeitigen, zum Zweck von Nachforschungen unternommenen Reisen eine Gesamtlänge von mehr als 35,000 Meilen betrugen. Diese beständigen Anstrengungen machten ihn endlich krank und erschöpften seine Körperkräfte: aber er wurde nicht eher vom Schlachtfelde getragen, als bis sein Eifer den Gemeinsinn völlig wachgerufen und die wärmsten Sympathien aller guten Menschen auf die Seite der Sklaven gelenkt hatte. Nach vieljährigen, heftigen Kämpfen wurde der Sklavenhandel endlich abgeschafft. Aber noch ein anderes großes Ziel mußte erreicht werden, die Abschaffung der Sklaverei selbst in allen britischen Landen. Und auch hier gewann entschlossene Energie den Sieg. Unter den Führern dieser Bewegung that sich keiner mehr hervor als Fowell Buxton, welcher im Unterhause dieselbe Stellung einnahm, die ehedem Wilberforce innehatte. Buxton war als Knabe stumpf und schwerfällig und nur durch einen starten Eigenwillen ausgezeichnet, der sich zunächst in einer heftigen, herrschsüchtigen und widerspenstigen Halsstarrigkeit offenbarte. Schon als Kind verlor er seinen Vater; aber zum Glück hatte er eine verständige Mutter, die seinen Willen sorgfältig zügelte – indem sie ihn an Gehorsam gewöhnte, ihn aber ermutigte, in Angelegenheiten, die ihm ohne Gefahr überlassen werden konnten, selbständig zu entscheiden und zu handeln. Diese Mutter war nämlich der Ansicht, daß ein starker Wille, der auf würdige Ziele gelenkt und richtig geleitet würde, eine wertvolle männliche Tugend sei, und sie handelte demgemäß. Wenn Leute aus ihrer Bekanntschaft den Eigensinn des Knaben tadelten, so pflegte sie bloß zu erwidern: »Lassen Sie ihn nur! Er ist jetzt eigenwillig – aber Sie werden sehen, schließlich wird alles gut werden!« Fowell lernte in der Schule nur wenig und genoß dort den Ruf eines Dummkopfs und Faulpelzes. Er ließ sich seine Aufgaben von anderen Knaben machen und tobte und tollte derweil umher. Mit fünfzehn Jahren kehrte er nach Hause zurück – ein großer, hochaufgeschossener, ungeschickter Bursche, dem nichts Spaß machte als Bootfahren. Schießen, Reiten und Jagen, und der den größten Teil seiner Zeit in der Gesellschaft des Wildhüters verbrachte – eines gutherzigen Menschen und scharfen Beobachters des Lebens und der Natur, der jedoch weder lesen noch schreiben konnte. Buxton war aus gutem Stoff geschaffen, aber nicht genügend gebildet, erzogen und entwickelt. Zu dieser Zeit seines Lebens, wo seine Neigungen zu guten oder bösen Gewohnheiten erstarken mußten, kam er zu seinem Glück mit der Familie Gurney in Berührung, die sich ebensosehr durch ihre seinen gesellschaftlichen Formen als durch ihre geistige Bildung und hochherzige Menschenfreundlichkeit auszeichnete. Nach seiner eigenen Aussage bestimmte dieser Verkehr mit den Gurneys die Richtung seines Lebens. Sie ermutigten ihn in seinen Bildungsbestrebungen, und als er die Dubliner Universität besuchte und dort hohe Ehren errang, war es – wie er selber sagte – »sein brennender Wunsch, zu ihren Füßen die Preise niederzulegen, zu deren Gewinnung sie ihm den Antrieb und die Befähigung gegeben.« Er heiratete eine der Töchter dieser Familie und begann seine Laufbahn als Buchhalter und Gehilfe bei seinen Oheimen Hanbury, den Londoner Brauern. Jetzt bildete seine Willenskraft, infolge deren er als Knabe so schwer zu behandeln gewesen, den Rückgrat seines Charakters und machte ihn außerordentlich beharrlich und energisch in allen seinen Unternehmungen. Er warf sich mit seiner ganzen Körper- und Geisteskraft auf seine Arbeit, und der große Riese – »der Elephant Buxton,« wie man ihn in Anbetracht seiner stattlichen Länge von sechs Fuß vier Zoll nannte – wurde einer der thatkräftigsten und praktischsten Menschen. »Ich konnte,« berichtet er, »in der einen Stunde brauen, in der nächsten rechnen und wieder in der nächsten schießen – und bei jeder dieser Beschäftigungen war ich mit Leib und Seele.« In allem, was er that, bewies er eine unbesiegliche Energie und Entschlossenheit. Nachdem er Teilhaber der Firma geworden, nahm er thätigen Anteil an der Leitung des Geschäfts, das seinen Einfluß bald in allen Beziehungen zu spüren begann und sich weit blühender gestaltete als bisher. Dabei gestattete er seinem Geist nicht, brachzulegen, sondern widmete sich in den Abendstunden eifrig seiner Fortbildung, indem er Blackstone, Montesquieu und tüchtige, auf die englischen Gesetze bezügliche juristische Werke las und in sich aufnahm. Seine Wahlsprüche hinsichtlich der Lektüre lauteten: »Fange nie ein Buch an, ohne es zu Ende zu lesen;« »glaube nie mit einem Buche fertig zu sein, ehe du seinen Inhalt verstanden hast;« »sei mit all deinen Gedanken bei dem Gegenstand deiner Lektüre!« – Mit zweiunddreißig Jahren kam Buxton ins Parlament und erlangte darin sogleich die einflußreiche Stellung, deren jeder rechtschaffene, ernsthafte und wohlunterrichtete Mann, der in jene, aus den besten Männern des Landes gebildete Versammlung eintritt, sicher sein darf. Die Hauptaufgabe, der er sich widmete, war die vollständige Befreiung der Negersklaven in den britischen Kolonien. Er selbst schrieb das Interesse, welches er schon früh für diese Frage empfand, dem Einfluß eines Mitgliedes der Earlhamer Familie, der Priscilla Gurney, zu – einer Frau von scharfem Verstand und warmem Herzen die an hohen Tugenden reich war. Als sie im Jahre 1821 auf ihrem Sterbebette lag, berief sie Buxton wiederholt zu sich und beschwor ihn, »die Sache der Sklaven zu dem großen Zweck seines Lebens zu machen.« Sie verschied bei dem vergeblichen Versuch, ihre feierliche Mahnung noch einmal zu wiederholen. Buxton vergaß ihren Rat nie. Er benannte nach ihr eine seiner Töchter, und als die junge Priscilla am 1. August 1834 – dem Tage der Sklavenbefreiung – heiratete und nach dem Abschied von den Ihrigen in Gesellschaft ihres Gatten das Haus verließ, setzte sich Buxton hin und schrieb an einen Freund: »Die junge Frau ist abgereist; alles ist nach Wunsch gegangen, und es giebt jetzt keinen Sklaven mehr in den britischen Kolonien!« Buxton war kein Genie – kein großer geistiger Vorkämpfer oder Entdecker: wohl aber ein durch und durch ernsthafter, gerader, entschlossener und thatkräftiger Mann. Sein ganzer Charakter offenbart sich am deutlichsten in den folgenden, von ihm selbst ausgesprochenen Worten, die sich jeder junge Mann ins Herz prägen sollte: »Je länger ich lebe,« sagte er, »um so mehr wird es mir zur Gewißheit, daß der Hauptunterschied zwischen den Menschen – den schwachen und den mächtigen – den großen und den unbedeutenden – in der Energie, dem unbesieglichen Willen, dem festen Vorsatz und dem Entschluß, zu siegen oder zu sterben, liegt! Mit solchen Eigenschaften läßt sich alles in der Welt vollbringen, und ohne sie vermögen keine Talente, keine günstigen Umstände oder Gelegenheiten aus einem zweibeinigen Geschöpf einen Mann zu machen,« Neuntes Kapitel. Geschäftsleute »Siehest du einen Mann endelich (fleißig) in seinem Geschäfte: der wird vor den Königen stehen.« – Spr. Salomonis 22, 29. »Ein Mann, der nicht geschäftlich und praktisch gebildet ist, gehört nur zu den untergeordneten Gliedern der Menschheit.« – Owen Feltham. Hazlitt stellt in einer seiner geistvollen Abhandlungen den Geschäftsmann als ein recht alltägliches Menschenexemplar dar, das – in einem Rollwagen sitzend, vor welchen ein Gewerbe oder Beruf statt eines Pferdes gespannt ist – nichts weiter zu thun hat, als darauf zu achten, daß der Karren nicht aus dem Gleise kommt, während im übrigen das Geschäftsroß laufen darf wie es will. »Das Haupterfordernis für die gedeihliche Führung eines gewöhnlichen Geschäfts,« sagt er, »ist der Mangel an Phantasie und solchen Ideen, die sich nicht mit den Gebräuchen und Interessen der eigenen engen Sphäre vertragen.« (» On Thought and Action « – »über das Denken und Handeln.«) Aber nichts könnte einseitiger und thatsächlich unwahrer sein als diese Definition. Natürlich giebt es engherzige Geschäftsleute, wie es engherzige Gelehrte, Schriftsteller und Gesetzgeber giebt; aber man findet auch Geschäftsleute von großem und aufgeklärtem Geist, die der hochherzigsten Handlungen fähig sind. Burke sagte in seiner Rede über die »India-Bill« (Gesetzentwurf für Indien), er kenne Staatsmänner, die eigentlich Krämer seien, und Kaufleute, die im Geiste großer Staatsmänner gehandelt. Wenn wir uns diejenigen Eigenschaften vergegenwärtigen, die zur erfolgreichen Leitung irgend eines wichtigen Unternehmens gebraucht werden – als da sind: besondere Begabung; Geistesgegenwart auch in außergewöhnlichen Fällen; Organisationstalent in der Beaufsichtigung einer größeren Arbeiterschar; Takt und Menschenkenntnis; beständige Selbsterziehung und immer zunehmende Erfahrung in den praktischen Angelegenheiten des Lebens – wenn wir uns das alles vorstellen, so wird es uns wohl klar werden, daß eine geschäftliche Thätigkeit keine so beschränkte Schule sein kann, wie manche Schriftsteller uns glauben machen wollen. Herr Helps kam der Wahrheit viel näher, als er sagte, daß hervorragende Geschäftsleute fast ebenso selten seien als große Dichter – vielleicht noch seltener als wirkliche Heilige und Märtyrer. Von keinem Beruf kann so emphatisch wie von diesem gesagt werden, daß »das Amt den Mann mache.« Die Dummköpfe aller Zeiten haben mit Vorliebe die falsche Behauptung aufgestellt, daß geniale Menschen für geschäftliche Angelegenheiten untauglich seien; und daß wiederum geschäftliche Verrichtungen einen Menschen zu genialen Bestrebungen unfähig machen. Jener unglückliche Jüngling, der sich vor etlichen Jahren das Leben nahm, weil er zu einem »Manne« geboren war und dazu verdammt wurde, ein »Gewürzkrämer« zu sein, bewies durch seine Handlungsweise nur, daß sein Geist nicht einmal der Würde eines Gewürzkrämers gewachsen war. Denn nicht der Beruf erniedrigt den Menschen, sondern der Mensch erniedrigt den Beruf. Jede Arbeit, die einen ehrlichen Gewinn abwirft, ist ehrenwert – ganz gleich, ob sie mit der Hand oder dem Kopfe ausgeführt werde. Mögen die Finger immerhin beschmutzt sein, wenn das Herz nur rein bleibt! Denn nicht die körperliche, sondern die moralische Unsauberkeit befleckt uns; Habsucht ist verächtlicher als Schmutz – Laster schlimmer als Grünspan. Die größten Geister haben es nicht verschmäht, zur Gewinnung ihres Unterhalts in ehrlicher und nützlicher Weise zu arbeiten, obwohl sie gleichzeitig nach höheren Zielen strebten. Thales, der erste der sieben Weisen – Solon, der zweite Gründer Athens – und auch der Mathematiker Hyperates – waren Handelsleute. Plato, den man wegen seiner erhabenen Weisheit den »Göttlichen« nannte, bestritt die Kosten seiner Reise nach Ägypten durch den Ölverkauf, welchen er unterwegs betrieb. Spinoza unterhielt sich, während er sich seinen philosophischen Forschungen widmete, durch das Schleifen optischer Gläser. Der große Botaniker Linné lag nicht nur seinen Studien ob, sondern verarbeitete außerdem Leder zu Schuhen. Shakespeare war ein geschickter Theaterregisseur, der sich vielleicht mehr auf seine praktischen Talente in dieser Richtung als auf die von ihm verfaßten Schauspiele und Gedichte zu gute that. Pope war der Ansicht, daß Shakespeare bei seiner Schriftstellerei hauptsächlich den Zweck hatte, sich auf ehrliche Weise ein Vermögen zu erwerben. In der That scheint er gegen litterarischen Ruhm vollkommen gleichgiltig, gewesen zu sein. Man weiß nichts davon, daß er die Herausgabe eines einzigen Theaterstückes geleitet oder auch nur seinen Druck gestattet hätte; und die chronologische Reihenfolge seiner Schriften ist noch heute ein Geheimnis. Dagegen ist es gewiß, daß er in seinem Geschäft Glück hatte und so viel Vermögen erwarb, daß er sich in seiner Heimatstadt Stratford am Avon zur Ruhe setzen konnte. Chaucer war in seiner Jugend Soldat und später ein tüchtiger Zollaufseher und ein gewissenhafter Forst- und Domänen-Inspektor. Spencer, welcher Sekretär beim Lord-Statthalter von Irland und danach Sheriff von Cork war, soll ein kluger und rühriger Geschäftsmann gewesen sein. Milton – ursprünglich ein Schulmeister – stieg unter der Republik zu der Würde eines Staatssekretärs empor; und das noch existierende Ordonnanzbuch des Staatsrates giebt im Verein mit Miltons noch vorhandenen Briefen genügend darüber Auskunft, wie thätig und nützlich er in jenem Amte gewesen ist. Sir Isaac Newton erwies sich als ein tüchtiger Obermünzmeister. Das Prägen der neuen Münzen vom Jahre 1694 geschah unter seiner unmittelbaren persönlichen Leitung. Cowper rühmte sich seiner geschäftlichen Pünktlichkeit, sagte jedoch, daß er »außer sich selber keinen anderen pünktlichen Dichter kenne.« Aber dieser Behauptung können wir das Leben von Wordsworth und Scott entgegenstellen. Der erstere war Stempelausgeber, der letztere fungierte als Anwalt am Edinburger Gerichtshof; und beide waren nicht nur große Dichter, sondern auch außerordentlich pünktliche und praktische Geschäftsleute. David Ricardo brachte es neben seinem Tagewerk als Londoner Börsenmakler, das ihm ein bedeutendes Vermögen eintrug, noch fertig, seinen Geist in eingehender Weise mit seinem Lieblingsstudium – den Principien der Nationalökonomie – zu beschäftigen und darüber ein helles Licht zu verbreiten: denn in ihm waren die Eigenschaften eines klugen Kaufmanns mit denen eines tiefsinnigen Philosophen vereinigt. Auch der ausgezeichnete Astronom Baily war ein Börsenmakler, der Chemiker Allen aber ein Seidenfabritant. Auch in unserer Zeit finden wir zahlreiche Beispiele dafür, daß sich die höchste geistige Begabung sehr wohl mit der thätigen und tüchtigen Erfüllung geschäftlicher Pflichten verträgt. Grote, der große Geschichtsschreiber Griechenlands, war ein Londoner Bankier. Und es ist noch nicht sehr lange her, daß John Stuart Mill, der größte unserer modernen Denker, aus dem Dienst der ostindischen Compagnie austrat und die Bewunderung und Achtung aller seiner Kollegen mit sich nahm – nicht wegen seiner erhabenen philosophischen Ideen, sondern wegen der edlen Pflichttreue, die er in seinem Amte bewiesen, und der durchaus befriedigenden Weise, in welcher er die Geschäfte seines Departements verwaltet hatte. Der Weg des geschäftlichen Erfolgs ist gewöhnlich der Weg des gesunden Menschenverstandes. Geduldige Arbeit und emsiger Fleiß sind hier ebenso notwendig als da, wo es sich um die Aneignung von Kenntnissen oder das Studium einer Wissenschaft handelt. Die alten Griechen sagten: »Um in irgend einem Beruf tüchtig zu sein, braucht man drei Dinge – natürliche Begabung. Studium und Übung.« Im geschäftlichen Leben stellt eine durch verständigen Fleiß erworbene Übung das große Geheimnis des Erfolgs dar. Mancher macht vielleicht einmal einen »glücklichen Coup;« aber gleich einem Spielgewinst kann solch ein »glücklicher Coup« unter Umstanden nur dazu dienen, den Menschen ins Verderben zu locken. Bacon pflegte zu sagen, daß in geschäftlicher wie in örtlicher Beziehung der nächste Weg meistens der schlechteste sei, und daß man, um den besten Weg zu gehen, gewöhnlich einen kleinen Umweg machen müsse. Die Reise dauert auf solche Art vielleicht etwas länger; aber das Vergnügen der damit verbundenen Anstrengung und die Freude an dem erreichten Ziel ist um so größer und ungetrübter. Eine bestimmte tägliche Aufgabe – selbst eine ganz gewöhnliche Plackerei – läßt uns die Mußestunden des Lebens nur um so süßer erscheinen. Die Mythe von den Arbeiten des Herkules ist typisch für alles menschliche, Handeln und allen menschlichen Erfolg. Jeder Jüngling sollte zu der Erkenntnis gebracht werden, daß sein Glück und Wohlergehen im Leben notwendigerweise mehr von ihm selbst und dem Gebrauch seiner Kräfte als von der Hilfe und Gunst anderer Menschen abhängt. Als der verstorbene Lord Melbourne um eine »kleine Versorgung« für einen der Söhne des Dichters Moore angegangen wurde, antwortete er darauf dem Lord John Russell, der die Sache vermittelt hatte, in einem Briefe, welcher eine Menge nützlicher Ratschläge enthielt. »Mein lieber John,« schrieb er. »ich schicke Dir Moores Brief zurück. Ich bin bereit, nach deinem Wunsch zu handeln, sobald wir die Mittel dazu haben werden. Doch meine ich: was man thut, sollte man für Moore selbst thun. Das ist deutlicher, bestimmter und klarer. Jungen Leuten eine »kleine Versorgung« zu verschaffen, erscheint mir wenig gerechtfertigt und für sie selbst äußerst schädlich. Sie halten das, was sie haben, immer für größer, als es ist, und strengen sich nicht weiter an. Junge Leute sollten nie eine andere Sprache hören als diese: ›Ihr müßt euch allein forthelfen! Von euren eigenen Anstrengungen hängt es ab, ob ihr hungern werdet oder nicht.‹ Ich verbleibe etc. Melbourne.« Praktischer Fleiß, der sich in verständiger und energischer Weise bethätigt, wird immer die gewünschte Wirkung haben. Er bringt den Menschen vorwärts, entwickelt seinen individuellen Charakter und eifert auch andere zu regerer Thätigkeit an. Alle können nicht gleich hoch steigen; aber im allgemeinen steigt doch jeder so hoch, als er es verdient. »Wenn auch nicht jeder auf der Piazza wohnen kann,« sagt das toskanische Sprichwort, »so kann doch jeder den Sonnenschein genießen.« Im ganzen ist es für den Charakter des Menschen nicht gut, wenn ihm sein Lebensweg gar zu leicht gemacht wird. Es ist besser, sich schwer Plagen und aus der Niedrigkeit emporarbeiten zu müssen, als daß man alles schon fertig bei der Hand hat und sich nur auf ein Pfühl oder Polster zu träger Ruhe niederzulassen braucht. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln ins Leben zu treten, scheint für den Menschen in der That ein so vorzüglicher Sporn zur Arbeit zu sein, daß man eine niedrige Geburt fast eine wesentliche Bedingung des Erfolgs nennen könnte. Daher gab ein ausgezeichneter Jurist auf die Frage, was einem Jünger der Rechtswissenschaft am ehesten Zum Erfolg verhelfe, zur Antwort: »Manche gelangen dazu durch hervorragende Begabung, andere durch hohe Konnexionen, noch andere durch ein Wunder – die meisten aber dadurch, daß sie mittellos anfangen.« Man hat uns von einem begabten Architekten erzählt, der sich nach fleißigem Studium und längerem Umherreisen in den klassischen Ländern des Ostens in der Heimat niederließ, um daselbst seinen Beruf praktisch auszuüben. Er war entschlossen, jede Arbeit zu übernehmen, um nur Beschäftigung zu haben. Er unterzog sich daher ohne Murren der Aufgabe, Häuser abzubrechen – d. h. einer der niedrigsten und schlechtbezahltesten Verrichtungen des Baugewerbes. Er war zu verständig, um sich darüber erhaben zu dünken – aber auch entschlossen, sich so schnell in die Höhe zu arbeiten, als es nur auf ehrliche Weise geschehen könnte. An einem heißen Julitage sah ihn ein Freund auf dem Dachfirst eines ihm zum Abbruch übergebenen Hauses sitzen. Mit der Hand seine schweißbedeckte Stirn abwischend, rief er dem Untenstehenden zu: »Das ist hier eine nette Arbeit für einen Mann, der ganz Griechenland bereist hat!« Trotzdem führte er seinen Auftrag gut und gründlich aus und arbeitete unverdrossen weiter, bis ihm allmählich immer einträglichere Arbeiten überwiesen wurden, und bis er schließlich in den edelsten Zweigen seines Berufs Beschäftigung fand. Man kann die Notwendigkeit der Arbeit in der That als die vorzüglichste Wurzel und Quelle alles dessen bezeichnen, was wir beim Individuum »Fortschritte« und bei Völkern »Civilisation« nennen; und es ist zweifelhaft, ob dem Menschen ein größerer Fluch auferlegt werden könnte als die Fähigkeit der mühelosen Befriedigung jedes Verlangens, die ihm keine Gelegenheit zum Hoffen, Wünschen und Kämpfen böte. Das Bewußtsein, daß es in unserem Leben keinen Antrieb und keine Notwendigkeit zum Handeln gäbe, müßte für uns als vernünftige Wesen überaus qualvoll und unerträglich sein. Als der Marquis von Spinola Sir Horace Vere fragte, woran sein Bruder gestorben sei, antwortete Sir Horace: »Er starb an mangelnder Beschäftigung, mein Herr!« – »Ach,« entgegnete Spinola, »das wäre genug, um auch einen General von meinem Schlage umzubringen ..« Diejenigen, welchen es im Leben nicht glückt, sind meistens sehr geneigt, für ihr Unglück jeden anderen als sich selbst verantwortlich zu machen. Ein hervorragender Schriftsteller veröffentlichte kürzlich ein Buch, in welchem er seine zahlreichen geschäftlichen Mißerfolge aufzählte – wobei er ganz naiv eingestand, daß er das Einmaleins nie habe bewältigen können. Trotzdem kam er zu dem Schlüsse, die wirkliche Ursache seines Mißerfolgs im Leben müsse der Krämergeist der Zeit sein. Auch Lamartine bekannte ohne Zaudern, daß die Arithmetik ihm Verachtung einflöße. Wäre diese Verachtung aber minder groß gewesen, so hätten wir wahrscheinlich nicht das traurige Schauspiel jener Sammlungen erlebt, welche von seinen Verehrern zur Unterstützung des darbenden Greises veranstaltet wurden. Andere wiederum meinen, daß sie zum Unglück geboren seien, und daß ihnen – ganz ohne ihr Verschulden – alles fehlschlage. Ein Mann dieser Art hat sich, wie man uns erzählt, einmal zu der Äußerung verstiegen, er glaube, daß die Menschen ohne Köpfe zur Welt kommen würden, wenn er ein Hutmacher wäre. Es giebt aber ein russisches Sprichwort, nach welchem das Mißgeschick der Nachbar der Dummheit ist; und man wird häufig finden, daß Leute, die beständig über ihr Unglück klagen, nur die Früchte ihrer eigenen Nachlässigkeit, Unordnung, Unvorsichtigkeit oder Faulheit ernten. Dr. Johnson, welcher mit einer einzigen Guinee in der Tasche nach London kam und sich in der Unterschrift eines an einen vornehmen Lord gerichteten Briefes mit voller Wahrheit als »Impransus« – d. h. als einen »Mann mit leerem Magen« – bezeichnete, bekennt ehrlich: »Alle Klagen über die Ungerechtigkeit der Welt sind unbegründet. Ich habe nie gesehen, daß ein Mann von Verdienst vernachlässigt wurde. Wer keinen Erfolg hatte, war gewöhnlich selbst daran schuld.« Washington Irving, der amerikanische Autor, war derselben Ansicht. »Was man so von bescheidenen, unbeachteten Verdiensten redet,« sagt er, »ist meistens nur ein leeres Geschwätz, durch welches träge und unentschlossene Menschen ihren Mangel an Erfolg dem Publikum zur Last legen möchten. Solch ein »bescheidenes« Verdienst ist in den meisten Fällen nur ein unthätiges, nachlässiges oder unwissendes Verdienst. Ein reifes und ausgebildetes Talent wird immer einen Markt finden, wenn es die nötigen Anstrengungen macht. Freilich darf es nicht immer zu Hause hocken und erwarten, daß man es aus seinem Winkel hervorhole. Man hört auch häufig darüber klagen, daß kecke und unverschämte Leute vorwärts kommen, während würdigere Personen von zurückhaltenderem Wesen beiseite geschoben werden. Aber meistens besitzen jene »kecken« Leute die überaus wertvolle Eigenschaft der Entschlossenheit und Energie, ohne welche selbst ein hoher innerer Wert nur ein totes Kapital ist. Ein bellender Hund ist oft nützlicher als ein schlafender Löwe.« Aufmerksamkeit. Fleiß. Genauigkeit. Methode. Pünktlichkeit und Schnelligkeit – das sind die hauptsächlichsten Eigenschaften, welche zur ersprießlichen Führung eines Geschäfts – welcher Art es auch sei – unbedingt erforderlich sind. Sie erscheinen uns im ersten Augenblick als Kleinigkeiten: und doch sind sie von hervorragender Bedeutung für das Glück, das Wohlergehen und das nützliche Wirken des Menschen. Es sind nur Kleinigkeiten – freilich! aber das menschliche Leben stellt eine Reihenfolge verhältnismäßig geringfügiger Vorgänge dar. Durch die Wiederholung unbedeutender Handlungen entsteht nicht nur die Summe des menschlichen Charakters, sondern auch der Charakter der Völker wird dadurch bestimmt. Und wo Menschen oder Nationen zu Grunde gingen, da war fast immer das Übersehen einer Kleinigkeit die Klippe, an welcher die einen wie die anderen scheiterten. Jedes menschliche Wesen hat Pflichten zu erfüllen und muß daher die zur Ausübung derselben erforderlichen Fähigkeiten ausbilden – ganz gleich, ob der Wirkungskreis die Führung eines Haushalts, den Betrieb eines Geschäfts oder Gewerbes oder auch die Regierung eines Volkes umfasse. Die schon angeführten Beispiele großer Arbeiter aus verschiedenen Zweigen der Industrie, Kunst und Wissenschaft überheben uns der Notwendigkeit, die Bedeutung des beharrlichen Fleißes auf jedem beliebigen Arbeitsfelde noch weiter zu betonen. Die tägliche Erfahrung lehrt, daß eine beständige Beachtung aller Einzelheiten die Wurzel des menschlichen Erfolgs, und daß der Fleiß mehr als alles andere der Vater des Glückes ist. Auch die Genauigkeit ist außerordentlich wichtig und ein Zeichen guter Erziehung – Genauigkeit nicht nur in der Beobachtung, sondern auch in der Sprache und in der Arbeit. Jedes Geschäft muß so gut als möglich ausgeführt werden; denn es ist ehrenvoller, ein kleines Quantum Arbeit tadellos zu vollenden, als ein zehnmal so großes zur Hälfte fertig zu bringen. Ein weiser Mann pflegte zu sagen: »Halte ein wenig an, damit wir um so eher zum Ziel kommen!« Trotz alledem schenkt man dieser so überaus wichtigen Tugend der Genauigkeit noch immer nicht die genügende Beachtung. So sagte ein auf dem Gebiet der praktischen Wissenschaft ausgezeichneter Mann neulich zu uns: »Es ist erstaunlich, wie wenige von den Menschen, mit denen ich im Laufe meines Lebens zusammen gekommen bin, imstande waren, eine Sache genau zu definieren.« Und doch ist in geschäftlicher Beziehung oft gerade die Art, in der wir mit Kleinigkeiten verfahren, dasjenige, was andere Leute für oder gegen uns einnimmt. Trotz seiner Tugend, seines Talents und seiner sonstigen guten Führung wird man einem Menschen, der von Natur unpünktlich und ungenau ist, nicht trauen. Seine Arbeit muß kontrolliert werden; und er verursacht dadurch unendlich viel Plage, Ärger und Mühe. Es war eine der charakteristischen Eigenschaften des Charles James Fox, daß er sich bei allem, was er that, die größte Mühe gab. Als er zum Staatssekretär ernannt wurde, ärgerte ihn eine Bemerkung über seine schlechte Handschrift so sehr, daß er sogleich Unterricht im Schönschreiben nahm und wie ein Schulknabe so lange nach Vorschriften schrieb, bis er sich in der Kalligraphie genügend vervollkommnet hatte. Trotz seiner Korpulenz war er außerordentlich behende im Aufsammeln der Bälle beim Lawn-Tennisspiel; und als jemand ihn fragte, wie ihm das nur möglich sei, antwortete er scherzend: »Das kommt daher, weil ich es so fleißig geübt habe.« Dieselbe Genauigkeit, die er in kleinen Dingen zeigte, offenbarte er auch in Sachen von größerer Wichtigkeit; und gleich einem Maler erwarb er sich seinen Ruf dadurch, daß er »nichts außer acht ließ.« Um ein größeres Arbeitsmaß in befriedigender Weise zu bewältigen, braucht man auch Methode. »Die Wichtigkeit der Methode,« sagt der Reverend Richard Cecil, »erkennt man, wenn man Sachen in eine Kiste packen will. Ein guter Packer bekommt um die Hälfte mehr hinein als ein schlechter.« Die Schnelligkeit, mit welcher Cecil arbeitete, war erstaunlich. Er befolgte dabei den Grundsatz: »Um in kürzester Zeit möglichst viel zu verrichten, muß man nur immer eine Sache auf einmal abthun;« auch unterbrach er nie eine angefangene Arbeit unter dem Vorwand, daß er sie zu einer gelegeneren Zeit vollenden wolle. Wenn die Geschäfte drängten, so verkürzte er lieber seine Essens- und Schlafenszeit, als daß er seine Pflichten mangelhaft erfüllte. Ähnlich wie Cecils Devise lautete auch diejenige de Witts: »Nie mehr als ein Ding zu einer Zeit!« »Wenn ich dringende Geschäfte vorhabe.« sagte er, »so sind dieselben – so lange sie noch nicht erledigt sind – mein einziger Gedanke; und wenn häusliche Angelegenheiten meine Aufmerksamkeit erfordern, so widme ich mich ihnen mit Leib und Seele, bis ich sie geordnet habe.« Ein französischer Minister, der ein ebenso flotter Arbeiter als Gesellschafter war, gab auf die Frage, wie er jene beiden Eigenschaften in sich vereinigen könne, zur Antwort: »Einfach dadurch, daß ich nie etwas, was heute gethan werden sollte, auf morgen verschiebe!« Lord Brougham erzählt von einem gewissen englischen Staatsmann, welcher die entgegengesetzte Gewohnheit hatte und es sich zur Regel machte, nie etwas schon heute zu thun, was bis morgen aufgeschoben werden konnte. Leider huldigen außer dem erwähnten, halb vergessenen Minister noch viele andere Menschen diesem Grundsatz, welcher die Devise der Trägheit und Untüchtigkeit darstellt. Solche Leute sind meistens auch sehr geneigt, sich auf Stellvertreter zu verlassen, denen durchaus nicht immer zu trauen ist. Wichtige Geschäfte müssen persönlich besorgt werden. Ein Sprichwort sagt: »Liegt dir daran, daß dein Werk gethan werde, so thue es selbst! Liegt dir nichts daran, so schicke einen anderen!« Ein untüchtiger Landwirt besaß ein Freigut, welches ihm jährlich ungefähr 500 Pfund abwarf. Da er in Schulden geriet, verkaufte er die eine Hälfte der Besitzung und verpachtete die andere auf zwanzig Jahre an einen fleißigen Farmer. Noch vor Ablauf des Pachtkontrakts fragte der Pächter bei Gelegenheit der Pachtzahlung den Eigentümer, ob er ihm die Farm verkaufen wolle. »Sie wollen sie kaufen?« fragte der Besitzer erstaunt. »Ja, wenn wir uns über den Preis einigen können.« – »Das ist äußerst merkwürdig,« versetzte der andere; »erklären Sie mir doch, wie es kommt, daß – während ich als Besitzer des ganzen Gutes mich nicht darauf ernähren konnte – Sie als Pächter der halben Besitzung mir nicht nur zweihundert Pfund jährliche Pacht regelmäßig zu zahlen vermochten, sondern auch jetzt – nach wenigen Jahren – bereits imstande sind, mir das Gut abzukaufen!« – »Der Grund dafür ist leicht zu finden,« lautete die Entgegnung. »Sie saßen still und sagten zu Ihren Leuten: ›Geht!‹ Ich dagegen stand auf und sagte: ›Kommt mit!‹ Sie lagen im Bett und dachten an Ihr Vergnügen; ich erhob mich in der Frühe und ging an mein Geschäft.« Sir Walter Scott erteilte einem jungen Manne, der eine Stellung erhalten hatte und ihn um Rat fragte, brieflich diese gute Lehre: »Hüten Sie sich vor einer gefährlichen Neigung, die sich leicht bei einem Menschen entwickelt, dessen Zeit nicht vollkommen ausgefüllt ist – ich will sagen: hüten Sie sich vor dem sogenannten ›Trödeln!‹ Ihr Wahlspruch muß sein: Hoc age ! Was Sie zu thun haben, das thun Sie ohne Zaudern! und gehen Sie nie Ihrem Vergnügen nach, bevor Sie Ihre Arbeit vollendet! Bei einem auf dem Marsche befindlichen Regiment geraten die hinteren Kolonnen oft in Verwirrung, weil die vorderen sich nicht stetig und ununterbrochen fortbewegen. So ist es auch im Geschäft. Wenn die zunächstliegenden Pflichten nicht augenblicklich, stetig und regelmäßig erfüllt werden, so häufen sich andere, dahinter auf – bis zuletzt alle Arbeiten auf einmal erledigt werden sollen und kein menschliches Gehirn das Chaos zu ordnen vermag.« Wenn wir den Wert der Zeit richtig erkennen, so kann uns dies ein Sporn zu rüstigerem Schaffen sein. Ein italienischer Philosoph pflegte zu sagen, die Zeit sei sein Landgut – ein Landgut, das bei richtiger Beackerung und Bestellung nie verfehle, Früchte zu bringen und die Mühe des fleißigen Arbeiters zu belohnen; während es – brach liegend – nichts als schädliches Unkraut und häßliche Wucherpflanzen erzeuge. Eine der weniger hervorragenden nützlichen Wirkungen der fortgesetzten Arbeit besteht darin, daß sie uns von bösen Gedanken abhält; denn fürwahr! ein müßiges Hirn ist des Teufels Werkstatt, und ein müßiger Mensch des Teufels Ruhekissen! Wer beschäftigt ist, hat gewissermaßen einen Mieter im Hause, während dem Faulen die Wohnungen leer stehen; und öffnen sich dann die Thüren der Einbildungskraft, so findet die Versuchung bald den Zugang zu den öden Räumen, und ein Heer böser Gedanken zieht darin ein. Man hat bei den Seeleuten beobachtet, daß dieselben nie so sehr zur Unzufriedenheit und Meuterei geneigt sind, als wenn sie wenig zu thun haben. Daher ließ ein alter Kapitän, wenn es an anderer Arbeit fehlte, an seine Mannschaft den Befehl ergehen: »Scheuert den Anker!« Geschäftsleute pflegen die Redensart im Munde zu führen: »Zeit ist Geld.« Aber die Zeit ist viel mehr als Geld; richtig verwertet, bedeutet sie Selbsterziehung, Selbstvervollkommnung und Entwicklung des Charakters. Eine Stunde den Tag, die man mit Tändeleien oder in Müßiggang verbringt, würde – dem Selbstunterricht gewidmet – in wenigen Jahren aus einem unwissenden einen kenntnisreichen Menschen machen oder – zu guten Werken angewandt – das Leben fruchtbringend und den Tod zur Ernte einer Aussaat von guten Thaten gestalten. Wenn wir täglich nur fünfzehn Minuten unserer Vervollkommnung widmen, so werden wir die Wirkung davon schon am Ende des Jahres spüren. Gute Gedanken und sorgfältig gesammelte Erfahrungen beanspruchen keinen Raum und können als Begleiter überall mitgenommen werden, ohne Kosten oder Last zu machen. Eine gewissenhafte und haushälterische Benutzung der Zeit ist die beste Methode, sich Mußestunden zu sichern, sie befähigt uns, unsere Geschäfte zu bewältigen und dieselben zu führen, statt uns von ihnen drängen zu lassen. Anderseits verursacht Zeitvergeudung beständige Eile, Verwirrung und allerlei Schwierigkeiten; das Leben wird dadurch zu einem Gemisch von Notbehelfen und Verlegenheitsauskünften, denen das Unheil auf dem Fuße zu folgen pflegt. Nelson äußerte einmal: »Ich verdanke alle meine Erfolge im Leben dem Umstande, daß ich immer eine Viertelstunde vor der bestimmten Zeit auf dem Platze war.« Manche Leute denken an den Wert des Geldes nicht eher, als bis sie damit zu Ende sind; und viele machen es genau so mit der Zeit. Sie lassen die Stunden ungenützt verfließen; und erst wenn das Leben rasch dahinebbt, erinnern sie sich der Pflicht, einen weiseren Gebrauch davon zu machen. Aber dann ist vielleicht die Gewohnheit der Unachtsamkeit und Trägheit schon zu tief eingewurzelt; und sie sind nicht mehr imstande, die Ketten zu brechen, mit denen sie sich binden ließen. Verlorener Wohlstand läßt sich durch Fleiß zurückgewinnen, verloren gegangenes Wissen durch Studium, verlorene Gesundheit durch Mäßigkeit oder Arzenei – aber die verlorene Zeit ist unersetzlich. Wer den Wert der Zeit richtig begreift, wird sich auch der Pünktlichkeit befleißigen. »Die Pünktlichkeit.« sagt Ludwig XIV., »ist die Höflichkeit der Könige.« Sie ist aber auch die Pflicht jedes anständigen Menschen – und für Geschäftsleute eine Notwendigkeit. Nichts flößt uns mehr Vertrauen zu einen. Manne ein, als wenn wir ihn jene Tugend üben sehen; und nichts macht uns mißtrauischer gegen einen Menschen, als wenn wir merken, daß er unpünktlich ist. Wer zur verabredeten Stunde erscheint und uns nicht warten läßt, beweist damit, daß er unsere Zeit ebensosehr schätzt als die seinige. Daher ist die Pünktlichkeit einer der Wege, wie wir denjenigen, mit welchen wir geschäftlich oder anders zu thun haben, unsere persönliche Achtung beweisen können. Sie ist auch eine Art von Gewissenhaftigkeit; denn eine Verabredung ist ein ausdrücklicher oder stillschweigender Kontrakt; und wer sie nicht einhält, begeht damit nicht nur einen Wortbruch, sondern vergreift sich auch in unredlicher Weise an der Zeit seiner Mitmenschen und sinkt dadurch selbstverständlich in ihrer Achtung. Wir kommen naturgemäß zu dem Schlusse, daß ein Mensch, der mit der Zeit gewissenlos umgeht, es mit der Arbeit nicht anders machen wird und daher nicht mit wichtigen Angelegenheiten betraut werden darf. Als der Sekretär Washingtons die Schuld seines Zuspätkommens auf seine Uhr schob, entgegnete ihm sein Herr mit großer Ruhe: »So müssen Sie sich eine andere Uhr besorgen – oder ich bin gezwungen, mir einen anderen Sekretär zu suchen.« Leute, welche mit ihrer Zeit schlecht umgehen, stören gewöhnlich die Ruhe und das Behagen anderer Menschen. Lord Chesterfield bemerkte sehr witzig über den alten Herzog von Newcastle: »Seine Gnaden verliert am Morgen eine Stunde und sucht hinterher den ganzen Tag danach herum.« Unpünktliche Leute versetzen jeden, der mit ihnen zu thun hat, von Zeit zu Zeit in fieberhafte Aufregung: denn sie kommen regelmäßig zu spät und sind nur systematisch in ihrer Unregelmäßigkeit. Sie vertrödeln so hartnäckig ihre Zeit, als ob sie damit eine Pflicht erfüllten; sie erscheinen immer erst, wenn die bestimmte Stunde längst geschlagen hat; sie treffen auf der Bahnstation ein, wenn der Zug eben abdampft, und bringen ihre Briefe zur Post, wenn dieselbe bereits geschlossen ist. So geraten ihre Geschäfte in Verwirrung; und jeder, der mit ihnen zu thun hat, verliert die Geduld. Solche unpünktlichen Leute haben meistens keinen Erfolg im Leben; sie werden beiseite geschoben und vermehren die Zahl der Unzufriedenen und Weltverbesserer. Hervorragende Geschäftsleute müssen aber nicht nur tüchtige Arbeiter sein, sondern auch eine scharfe Beobachtungsgabe und Energie in der Ausführung ihrer Pläne besitzen. Auch Takt ist erforderlich. Derselbe ist zwar in der Hauptsache eine Gabe der Natur; aber er kann doch durch Beobachtung und Erfahrung ausgebildet und entwickelt werden. Menschen, die Takt besitzen, erkennen leicht den richtigen Weg und führen bei entschlossenem Willen ihre Unternehmungen schnell zu einem glücklichen Ende. Die genannten Tugenden sind aber besonders wertvoll – ja unentbehrlich – für diejenigen, welche in größerem Maßstabe die Thätigkeit anderer Menschen zu leiten haben, wie dies beispielsweise bei dem Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee der Fall ist. Der General muß nicht nur ein großer Krieger, sondern auch ein hervorragender Geschäftsmann sein. Er muss viel Takt, Menschenkenntnis und Organisationstalent besitzen, um die Bewegungen einer großen Menschenmasse zu lenken – die er gleichzeitig zu bespeisen, zu bekleiden und mit allem Notwendigen zu versehen hat, um sie instandzusetzen, das Feld zu behaupten und den Sieg zu gewinnen. In dieser Beziehung waren Napoleon und Wellington Geschäftsleute ersten Ranges. Obwohl Napoleon es außerordentlich liebte, auf Einzelheiten einzugehen, so besaß er doch eine lebhafte Einbildungskraft, die ihn befähigte, ein weites Arbeitsfeld zu überschauen und auch jene Einzelheiten nach einem großen Maßstab – d. h. mit scharfem Urteil und schneller Auffassungsgabe – zu behandeln. Seine Menschenkenntnis war so groß, daß er mit fast unfehlbarer Sicherheit die besten Werkzeuge für die Ausführung seiner Pläne herauszufinden wußte. Aber in wichtigen Angelegenheiten, die schwerwiegende Folgen haben konnten, vertraute er seinen Gehülfen so wenig als möglich an. Dieser Zug seines Charakters tritt in merkwürdiger Weise in der soeben erscheinenden »Korrespondenz Napoleons« hervor – ganz besonders in dem Inhalt des 15. Bandes (» Correspondance de Napoléon I., publiée par ordre de l'Empereur Napoléon III. Paris 1864 ). Dieser Band enthält die Briefe, Befehle und Depeschen, welche der Kaiser im Jahre 1807 – bald nach dem Siege bei Eylau – zu Finkenstein, einem kleinen Schloß an der polnischen Grenze, geschrieben hat. Die Franzosen kampierten damals längs der Passarge – wo sie die Russen im Angesicht, die Österreicher zur Rechten, die geschlagenen Preußen im Rücken hatten. Es galt, die lange Verbindungslinie mit Frankreich inmitten des feindlichen Landes festzuhalten; und dies wurde mit solcher Umsicht bewerkstelligt, daß Napoleon auch nicht einen Posten übersehen haben soll. Die Bewegungen der Heere; die Heranziehung frischer Truppen aus den entlegeneren Teilen Frankreichs, Spaniens, Italiens und Deutschlands; die Eröffnung von Kanälen und die Anlage von Chausseen, auf welchen die Produkte Polens und Preußens schneller zu seinen Heerlagern transportiert werden konnten – alles dies nahm unaufhörlich seine Aufmerksamkeit in Anspruch und wurde bis in die kleinsten Einzelheiten von ihm beachtet. Wir sehen ihn Anweisungen über die Beschaffung neuer Pferde und der erforderlichen Sättel geben; sehen ihn Schuhe für die Soldaten bestellen und die Zahl der Brot-, Zwieback- und Spiritusrationen bestimmen, welche entweder ins Lager gebracht oder zum Gebrauch der Truppen in Magazinen aufbewahrt werden sollten. Gleichzeitig sehen wir ihn einen Brief nach Paris schreiben, in welchem er die Umgestaltung des » Collège de France « anordnet. Daneben arbeitet er ein neues Programm des Volksunterrichts aus; diktiert Bulletins und Zeitungsartikel für den »Moniteur«; revidiert die einzelnen Posten der verschiedenen Budgets; ordnet bauliche Veränderungen an den Tuilerien und der Madeleine-Kirche an; läßt einen gelegentlichen Sarkasmus gegen Frau von Staël und die Pariser Zeitschriften los; schlichtet einen zwischen den Sängern der »Großen Oper« ausgebrochenen Streit und korrespondiert sowohl mit dem Sultan der Türkei als auch mit dem Schah von Persien – sodaß eigentlich nur sein Körper in Finkenstein war, während sich sein Geist an hundert verschiedenen Orten zu gleicher Zeit – in Paris, Europa oder irgend einem Teil der Welt – zu befinden schien. Dann wieder hören wir ihn in einem an Ney gerichteten Briefe fragen, ob der Marschall die übersandten Flinten erhalten habe: in einem anderen Schreiben beauftragt er den Prinzen Jerôme mit der Beschaffung von Hemden, Mänteln, Uniformen, Schuhen, Tschakos und Waffen für die württembergischen Regimenter; in wieder einem anderen drängt er Cambacérès, der Armee einen doppelt so großen Kornvorrat zu liefern. »Das Wenn und Aber,« sagt er, »ist hier nicht am Platze: wohl aber die größte Eile.« Dann wieder benachrichtigt er Daru, dass die Armee Hemden brauche, und daß solche noch nicht eingetroffen seien. An Massena schreibt er: »Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Zwieback- und Brotangelegenheit geordnet ist!« Dem Großherzog von Berg erteilt er Befehle über die Ausrüstung der Kürassiere: »Ich höre darüber klagen, daß es den Leuten an Säbeln fehle; senden Sie einen Offizier nach Posen und lassen Sie ihn von dorther welche besorgen! Man sagt auch, daß es an Helmen mangele: bestellen Sie welche in Elbing! – – – – Mit Schläfrigkeit wird nichts erreicht.« So wurde kein Detail vernachlässigt und die Energie jedes einzelnen bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit angespannt. Obgleich die Zeit des Kaisers durch Truppeninspektionen – bei welchen er an einem Tage oft dreißig bis vierzig französische Meilen zu Pferde zurücklegte – sowie durch militärische Revuen, durch Empfänge und Staatsangelegenheiten in einer Weise in Anspruch genommen wurde, die ihm für rein geschäftliche Dinge nur wenig Muße ließ, so wurden doch auch die letzteren nicht von ihm vernachlässigt; und wenn es notwendig war, wandte er den größten Teil seiner Nächte dazu an, die verschiedenen Budgets zu prüfen, Depeschen zu diktieren und die tausend kleinen Räder in der Maschinerie der kaiserlichen Regierung zu kontrollieren, deren treibende Kraft sich in seinem Haupte konzentrierte. Wie Napoleon war auch der Herzog von Wellington ein hervorragender Geschäftsmann; und man dürfte vielleicht ohne Übertreibung behaupten, daß die geniale geschäftliche Begabung des Herzogs in nicht unbedeutender Weise dazu beigetragen hat, denselben unüberwindlich zu machen. Als Subalternoffizier war er mit dem langsamen Tempo seines Avancements unzufrieden; und nachdem er sich zweimal von der Infanterie zur Kavallerie und dann wieder zu jener zurück hatte versetzen lassen, ohne befördert zu werden: wandte er sich an Lord Camden, den damaligen Vicekönig von Irland, mit der Bitte ihm eine Anstellung bei der Finanzkammer oder am Schatzamt zu besorgen. Hätte er eine solche erhalten, so wäre er ohne Zweifel ein ausgezeichneter Staatsbeamter in hervorragender Stellung geworden; wie er in einem anderen Fall auch sicher einen vorzüglichen Kaufmann oder Fabrikanten abgegeben haben würde. Aber seine Bemühung war erfolglos; und er blieb in der englischen Armee, um deren größter General zu werden. Wellington begann seine aktive militärische Laufbahn unter dem Herzog von York und dem General Walmoden in Flandern und Holland, wo er aus den Schlappen und Niederlagen der Armee erkannte, wie sehr eine schlechte Leitung der geschäftlichen Angelegenheiten und ein schlechtes Kommando die »Moral« der Truppen untergraben. Zehn Jahre nach seinem Eintritt in die Armee sehen wir ihn als Obersten in Indien, wo er bei seinen Vorgesetzten als ein Offizier von unermüdlicher Thatkraft und großem Fleiße galt. Er ging auf die kleinsten Einzelheiten des Dienstes ein und bemühte sich, seine Leute an eine ausgezeichnete Disciplin zu gewöhnen. »Das Regiment des Obersten Wellesley,« schrieb der General Harris im Jahre 1799. »ist ein Musterregiment, dessen militärische Haltung, Disciplin, Instruktion und gutes Betragen nicht genug gerühmt werden können.« Da der Oberst auf solche Art seine Befähigung für größere Vertrauensposten nachgewiesen, wurde er bald darauf zum Gouverneur der Stadt Mysore ernannt. In dem Mahrattenkriege wurde ihm die erste Gelegenheit geboten, sich als Feldherr zu versuchen; und im Alter von vierunddreißig Jahren gewann er die denkwürdige Schlacht bei Assane mit einer aus 1500 Briten und 5000 Seapoys (Sipoys) zusammengesetzten Armee gegen 20,000 Fußsoldaten und 30,000 Reiter der Mahratten. Aber dieser glänzende Sieg störte nicht im mindesten das Gleichgewicht seiner Seele oder die Redlichkeit seines Charakters. Bald danach bot sich ihm eine Gelegenheit, sein wunderbar praktisches Verwaltungstalent zu beweisen. Unmittelbar nach der Einnahme von Seringapatam wurde er mit der Beaufsichtigung eines großen Distrikts betraut und ließ es nun seine erste Sorge sein, unter seinen eigenen Leuten die strengste Ordnung und Disciplin herzustellen. Vom Sieg berauscht, waren die Truppen zu Ausschweifungen und Meutereien geneigt. »Man muß den Generalprofoß herschicken und unter meinen Befehl stellen,« sagte er; »ehe nicht einige von diesen Marodeuren gehängt sind, ist Ordnung und Sicherheit nicht zu erwarten.« Obwohl die eiserne Strenge, welche Wellington in Kriegszeiten übte, der Schrecken seiner Truppen war, gereichte sie denselben in seinen Feldzügen doch vielfach zum Heil. Hiernach war seine nächste Sorge, den Handel wieder zu beleben und die Zufuhrquellen von neuem zu erschließen. Der General Harris empfahl in einem Briefe den Obersten Wellesley mit warmen Worten der Beachtung des Generalgouverneurs, indem er ihm nachrühmte, daß er eine so vortreffliche Disciplin hielte und »durch verständige, geradezu meisterhafte Anordnungen in betreff der Zufuhr einen ungehinderten Marktverkehr hergestellt und den Händlern aller Art Vertrauen eingeflößt hätte.« Dieselbe scharfe Achtsamkeit, dasselbe Eingehen auf Einzelheiten zeichnete Wellington während seiner ganzen indischen Laufbahn aus; und es ist merkwürdig, daß eine seiner bedeutsamsten Depeschen an Lord Clive, welche viele praktische Winke über die Führung des Feldzuges enthielt, zu einer Zeit geschrieben wurde, wo die von ihm befehligte Kolonne im Angesicht der auf dem anderen Ufer stehenden, bedeutend stärkeren Armee von Dhoondiah den Toombuddra überschritt; während gleichzeitig tausenderlei Dinge von höchster Wichtigkeit seinen Geist in Anspruch nahmen. Aber es war eine seiner merkwürdigsten Fähigkeiten, daß er seine Aufmerksamkeit zeitweise von den augenblicklichen Geschäften abzulenken und mit ganzer Kraft auf völlig andere Dinge zu richten vermochte; und daß bei solchen Gelegenheiten selbst die schwierigsten Umstände ihn nicht verwirren oder einschüchtern konnten. Als Sir Arthur Wellesley mit dem Rufe eines vortrefflichen Heerführers nach England zurückkehrte, fand sich für ihn sogleich eine passende Verwendung. Im Jahre 1808 wurde eine Armee von 10,000 Mann, welche die Befreiung Portugals bewerkstelligen sollte, unter seinen Oberbefehl gestellt. Er landete, kämpfte, gewann zwei Schlachten und unterzeichnete die Konvention von Cintra. Nach dem Tode des Sir John Moore wurde er mit der Führung einer neuen Expedition nach Portugal betraut. Aber während aller seiner Feldzüge auf der Pyrenäenhalbinsel hatte Wellington es mit einer furchtbaren Übermacht zu thun. Von 1809 bis 1813 befehligte er nie mehr als 30,000 britische Soldaten; während ihm 350,000 Franzosen – meist altgediente Krieger – gegenüberstanden, die von einigen der besten Generäle Napoleons angeführt wurden. Wie sollte er gegen eine so ungeheure Übermacht mit irgend einer Aussicht auf Erfolg kämpfen? Sein klares Urteil und sein scharfer Verstand lehrten ihn bald erkennen, daß er eine andere Taktik befolgen müsse als die spanischen Generale, die regelmäßig in die Flucht geschlagen wurden, sobald sie eine Schlacht im offenen Felde wagten. Er begriff, daß die Armee, welche mit einiger Hoffnung auf Erfolg gegen die Franzosen kämpfen könnte, von ihm erst geschaffen werden müßte. Als er sich daher nach der Schlacht bei Talavera im Jahre 1809 allseitig von überlegenen französischen Heeren umringt sah, zog er sich nach Portugal zurück, um dort konsequent die Taktik zu befolgen, zu welcher er sich mittlerweile entschlossen hatte. Er wollte eine portugiesische, unter englischen Offizieren stehende Armee bilden, die daran gewöhnt werden sollte, mit seinen eigenen Truppen gemeinsam zu operieren; wobei die Gefahr einer Niederlage durch vorläufige Ablehnung jeder Schlacht vermieden werden sollte. Auf solche Weise hoffte er die »Moral« der französischen Soldaten, die nur durch Siege aufrecht erhalten werden konnte, zu untergraben und wenn dann endlich seine eigene Armee kriegstüchtig und der Feind demoralisiert sein würde, wollte er mit seiner ganzen Macht über ihn herfallen. Die außerordentlichen Fähigkeiten, welche Lord Wellington in diesen glorreichen Feldzügen entfaltete, können nur richtig gewürdigt werden, wenn man seine Depeschen liest, welche in ungeschminkter Darstellungsweise dem Leser die mannigfachen Mittel und Wege vorführen, durch die er seine Erfolge erzielte. Nie hatte ein Mann in höherem Maße mit Schwierigkeiten und Hindernissen zu kämpfen, die in seinem Fall nicht weniger aus der Dummheit, Falschheit und Ränkesucht der damaligen britischen Regierung, als aus der Selbstsucht, Feigheit und Eitelkeit des Volkes entsprangen, welches er retten wollte. Man kann in der That sagen, daß er die Fortsetzung des Krieges in Spanien nur durch sein Selbstvertrauen und seine persönliche Festigkeit ermöglichte, die ihn auch inmitten der niederdrückendsten Erfahrungen nicht im Stiche ließen. Er hatte nicht nur mit den Veteranen Napoleons zu kämpfen, sondern mußte sich auch mit den spanischen Juntas und der portugiesischen Regentschaft herumschlagen. Auch verursachte es ihm die größte Mühe, Proviant und Kleidung für seine Truppen zu erhalten; und kaum glaublich erscheint die Thatsache, daß die Spanier, während der Herzog gegen ihre Feinde in der Schlacht bei Talavera kämpfte, zum großen Teil die Flucht ergriffen und plündernd über das Gepäck der britischen Armee herfielen. Diese und andere Ärgernisse ertrug der Herzog mit erhabener Geduld und Selbstbeherrschung, indem er seinen Weg trotz aller ihm entgegentretenden Undankbarkeit, Verräterei und Widerspenstigkeit mit unbeugsamer Festigkeit verfolgte. Er versäumte nichts und kümmerte sich persönlich um die kleinsten geschäftlichen Angelegenheiten. Als das Ausbleiben des aus England erwarteten Proviants ihm bewies, daß er die Verpflegung seiner Truppen selbst in die Hand nehmen mußte, eröffnete er sogleich in Gemeinschaft mit dem britischen Gesandten in Lissabon einen großartigen Kornhandel. Es wurden Lieferungsverträge abgeschlossen und eine Menge Korn in den Häfen des Mittelmeeres und in Südamerika aufgekauft. Nachdem er seine Magazine gefüllt, verkaufte er den Überschuß an die Portugiesen, denen es auch sehr an Proviant mangelte. Er überließ nichts dem Zufall, sondern sah jede Möglichkeit voraus. Auch die kleinsten Einzelheiten des Dienstes wurden von ihm berücksichtigt; und er pflegte sich von Zeit zu Zeit energisch mit solchen geringfügigen Dingen zu beschäftigen, wie es Soldatenstiefel, Feldkessel, Zwiebäcke und Pferdefutter dem Anscheine nach sind. Seine hervorragenden geschäftlichen Talente machten sich in ihren Wirkungen überall fühlbar; und es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er jeden möglichen Fall berücksichtigte, und die persönliche Aufmerksamkeit, die er auch dem geringfügigsten Umstand widmete, die Wurzel seiner großen Erfolge waren. Die kürzlich veröffentlichte Korrespondenz Napoleons mit seinem Bruder Joseph, sowie die Memoiren des Herzogs von Ragusa bestätigen diese Ansicht im vollsten Maße. Der Herzog überwand Napoleons Generale durch seine größere Routine. Er pflegte zu sagen, daß er, wenn nichts anderes, so doch die Kunst verstände, eine Armee zu verpflegen. Auf solche Weise verwandelte er eine Armee von ungeschulten Rekruten in die besten Krieger der Welt, mit denen er – wie er sagte – bereit gewesen sein würde, überall hinzugehen und jede Aufgabe auszuführen. Wir haben schon auf die merkwürdige Fähigkeit hingedeutet, kraft deren er sich von der augenblicklichen Arbeit – wie dringend dieselbe auch war – loszureißen und seine ganze Energie auf die kleinsten Details einer völlig anderen Angelegenheit zu konzentrieren vermochte. So erzählt Napier, daß er während der Vorbereitungen zur Schlacht bei Salamanca den englischen Ministern auseinandersetzen mußte, wie unsicher es sei, sich auf eine Anleihe zu verlassen. Auf den Höhen von San Christoval – auf dem Schlachtfelde selber – demonstrierte er die Thorheit des Versuchs, eine portugiesische Bank zu gründen; in den Laufgräben von Burgos kritisierte er Funchals Finanzsystem und den blödsinnigen Vorschlag, die Kirchengüter zu verkaufen; und bei jeder dieser Gelegenheiten zeigte er sich mit den betreffenden Gegenständen so genau vertraut wie mit den kleinsten Details des militärischen Organismus. Ein anderer, den ehrenwerten Geschäftsmann verratender Zug seines Charakters war seine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Während Soult das Land brandschatzte und zahlreiche kostbare Gemälde aus Spanien wegschleppte, eignete sich Wellington auch nicht eines Hellers Wert an. Was er requirierte, bezahlte er – selbst in Feindesland. Als er die französische Grenze mit 40,000 Spaniern passierte, die durch Raub und Plünderung »ihr Glück zu machen« gedachten, tadelte er zuerst ihre Offiziere; und als er fand, daß sie nicht zu zügeln waren, schickte er sie in ihr Vaterland zurück. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß in Frankreich die Bauern vor ihren eigenen Landsleuten flohen und ihr Eigentum unter den Schutz der britischen Truppen stellten! Zu derselben Zeit schrieb Wellington an das britische Ministerium in der Heimat: »Wir sind mit Schulden überbürdet; und ich kann mich kaum aus dem Hause rühren wegen der vielen öffentlichen Gläubiger, die mir auflauern, um die Bezahlung ihrer Forderungen zu verlangen.« Jules Maurel sagt in der Schilderung, die er von dem Charakter des Herzogs entwirft: »Nichts kann größer oder im edelsten Sinne origineller sein als dies Geständnis. Dieser alte Soldat, der auf eine dreißigjährige Dienstzeit zurückblicken kann – dieser eiserne Mann und siegreiche Feldherr, der an der Spitze einer ungeheueren Armee in Feindesland steht, fürchtet sich vor seinen Gläubigern! Diese Art der Furcht hat selten das Gemüt der Eroberer und Länderverheerer beunruhigt; und ich glaube kaum, daß sich in den Annalen des Krieges irgend etwas findet, das dieser erhabenen Einfalt gleich käme.« Hätte man aber die Sache vor dem Herzog selbst zur Sprache gebracht, so würde er höchstwahrscheinlich die Behauptung, daß er in diesem Falle groß oder edel gehandelt, energisch zurückgewiesen haben; denn eine pünktliche Bezahlung seiner Schulden war nach seiner Meinung die beste und ehrenwerteste Art, in welcher er seine Geschäfte führen konnte. Die Wahrheit jenes alten Spruches, nach welchem »die Redlichkeit die beste Politik ist,« wird täglich durch die Erfahrung bestätigt; und im geschäftlichen Verkehr haben Rechtschaffenheit und Unbestechlichkeit genau so viel Erfolg als irgendwo anders. Daher erteilte Hugh Millers würdiger Onkel dem Neffen öfters diesen Rat: »Wenn du mit deinem Nachbar ein Geschäft abschließest, so laß ihn dabei nicht zu kurz kommen: gieb ihm ›ein voll gerüttelt und geschüttelt Maß!‹ du wirst selbst dabei schließlich nichts verlieren,« Ein wohlbekannter Bierbrauer schrieb seine Erfolge dem freigebigen Gebrauch zu, welchen er von seinem Malz machte. Indem er an den Bottich ging und die Maische kostete, pflegte er zu sagen: »Noch immer ein bißchen schwach, Jungens! gebt noch 'ne Schaufel Malz dazu!« So nahm das Bier gewissermaßen den großmütigen Charakter des Brauers an und erlangte in England, Indien und den Kolonien einen Ruf, der die Grundlage eines großen Vermögens wurde. Redlichkeit in Wort und That sollte der Eckstein jedes geschäftlichen Verkehrs sein. Dem Handelsmann, dem Kaufmann und dem Fabrikanten sollte sie dasselbe sein, was die Ehre dem Soldaten, die Barmherzigkeit dem Christen ist. Auch in dem bescheidensten Beruf wird der Mensch Gelegenheit finden, die Rechtlichkeit seines Charakters zu beweisen. Hugh Miller sagt von dem Maurermeister, bei welchem er seine Lehrzeit durchmachte, daß er »in jeden Stein, den er setzte, sein Gewissen hineingelegt habe.« So wird ein ehrenhafter Arbeiter auf die Tüchtigkeit und Dauerhaftigkeit seiner Arbeit, ein anständiger Lieferant auf die gewissenhafte Erfüllung auch der kleinsten Punkte seines Kontraktes stolz sein. Der redliche Fabrikant wird durch die Trefflichkeit des von ihm produzierten Artikels, der Kaufmann durch die Echtheit und wirkliche Güte seiner Ware nicht nur Ehre und Ruf, sondern auch pekuniären Vorteil gewinnen. Der Baron Dupin hat in Bezug auf die fast allgemeine Redlichkeit der Engländer, in welcher er die Hauptursache ihres Erfolgs erblickte, gelegentlich geäußert: »Es ist möglich, daß wir für einige Zeit durch Betrug, Überrumpelung oder Gewalt allerlei Vorteile erlangen; aber einen dauernden Erfolg können wir nur durch die geradezu entgegengesetzten Mittel erzielen.« Was einem Lande hinsichtlich seiner Produkte und seines Volkscharakters einen Vorzug vor anderen Ländern verleiht, ist weniger der Mut, die Intelligenz und Tüchtigkeit seiner Kaufleute und Fabrikanten, als deren Weisheit, Sparsamkeit – und ganz besonders ihre Redlichkeit. Sollten die fleißigen Bewohner der britischen Inseln je diese Tugenden einbüßen, so dürften wir sicher sein, daß es England in diesem Falle wie jedem anderen Lande ergehen würde: die Schiffe eines entarteten Handels würden von jeder Küste zurückgewiesen werden und bald aus jenen Meeren verschwinden, über deren Oberfläche sie jetzt die Schätze des Weltalls tragen, die sie gegen die Erzeugnisse der heimischen Industrie eingetauscht.« Der Handel stellt den Charakter vielleicht auf eine härtere Probe als irgend ein anderer Lebensberuf. Er ist der trefflichste Probierstein der Redlichkeit, Selbstverleugnung, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit; und Geschäftsleute, die aus solcher Prüfung makellos hervorgehen, verdienen vielleicht ebenso hohen Ruhm als Krieger, die ihren Mut inmitten des Feuers und der Gefahren des Kampfes beweisen. Und zur Ehre der vielen Männer, die in den verschiedenen Zweigen des Handels thätig sind, glauben wir behaupten zu dürfen, daß sie im allgemeinen die Probe gut bestehen. Wenn wir nur einen Augenblick an die großen Wertobjekte denken, welche täglich ganz untergeordneten Personen anvertraut werden, die nicht mehr als ihren bloßen Unterhalt verdienen – an das Bargeld, das beständig durch die Hände der Ladendiener, Agenten, Makler und Bankbeamten geht – und wenn wir uns dann vergegenwärtigen, wie verhältnismäßig selten trotz der großen Versuchung ein Vertrauensbruch vorkommt, so werden wir wohl zugeben müssen, daß diese standhafte, täglich bewiesene Redlichkeit in der Lebensführung ein höchst ehrenvolles Zeugnis für die menschliche Natur ist, auf welches wir fast stolz sein dürfen. Ein gleich großes, auf Gegenseitigkeit beruhendes Vertrauen der Geschäftsleute untereinander spricht sich in dem auf dem Princip der Ehre basierenden Kreditsystem aus, welches überraschen müßte, wenn es nicht im geschäftlichen Verkehr etwas so Alltägliches wäre. Wie Dr. Chalmers sehr richtig bemerkt, bedeutet das unbedingte Vertrauen, welches die Kaufleute in entfernt (vielleicht auf der anderen Hälfte der Erdkugel) wohnende Agenten zu setzen pflegen – dergestalt, daß sie ungeheuere Summen solchen Personen in die Hand geben, die sie zwar ihrem Ruf und Namen, aber nicht ihrer Erscheinung nach kennen – vielleicht eine der schönsten Huldigungen, die ein Mensch dem anderen darbringen kann. Obwohl in den breiteren Volksschichten die Ehrlichkeit zum Glück noch vorherrscht; und obwohl auch das Gros der englischen Geschäftsleute noch redlich denkt und diese Gesinnung in seinen verschiedenen Berufszweigen offenbart, so ereignen sich leider doch heute wie zu allen Zeiten auch zahlreiche Fälle schnöder Unredlichkeit und Betrügerei von seiten gewissenloser, allzu berechnender und maßlos selbstsüchtiger Menschen, die mit Gewalt reich werden wollen. Es giebt Krämer, die ihre Waren verfälschen; Lieferanten, die Unterschleife machen; Fabrikanten, die uns Wollabgänge als Wolle – appretierte Schundware als guten Baumwollenstoff, – gußeiserne Werkzeuge als Stahlwaren – Nadeln ohne Öhre – Rasiermesser, die nur »für den Verkauf« gearbeitet sind – und Schwindelfabrikate aller Art »anschmieren.« Aber solche Handlungen sind exceptionell und werden nur von gemeinen und habsüchtigen Personen begangen, die sich wohl Reichtümer erwerben können, – möglicherweise ohne sie je zu genießen – die aber unter keinen Umständen den Ruf eines redlichen Mannes oder dasjenige erlangen werden, ohne welches der Wohlstand wertlos ist – den Frieden des Herzens! »Der Schelm hat nicht mich, sondern sein eigenes Gewissen betrogen.« sagte der Bischof Latimer von einem Messerschmied, der ihm ein Messer, welches kaum einen Penny wert war, für zwei Pence verkauft hatte. Das Geld, welches durch Gaunerei, Betrug und Übervorteilung gewonnen wird, mag eine Zeitlang die Augen gedankenloser Menschen blenden; aber die Blasen, welche durch das Wirken gewissenloser Schurken an der Oberfläche der Gesellschaft aufsteigen, zerplatzen meistens, wenn sie am größten und glänzendsten sind. Leute wie Sadleir, Redpath und der Dekan Paul nehmen gewöhnlich schon in dieser Welt ein schlimmes Ende; und wenn die Schwindeleien anderer Schurken nicht »herauskommen,« und die Früchte ihrer betrügerischen Manipulationen ihnen auch verbleiben, so werden sie ihnen zum Fluch und nicht zum Segen gereichen. Es ist möglich, daß der gewissenhafte und redliche Mensch nicht so schnell reich wird als der gewissenlose und unredliche; aber dafür ist der Erfolg des ersteren echter und dauerhafter, da er nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit erworben wurde. Und sollte ein ehrenhafter Mensch selbst längere Zeit hindurch keinen Erfolg haben, so muß er dennoch an seiner Redlichkeit festhalten; denn jeder Verlust ist klein gegen die Einbuße des Charakters, der an sich ein Vermögen darstellt. Wenn ein hochherziger Mann nur mutig und unbeirrt seinen Weg fortsetzt, so wird der Erfolg nicht ausbleiben und auch der schönste Lohn ihm nicht vorenthalten werden. So schildert Wordsworth in trefflicher Weise den »fröhlichen Kämpfer« als einen Mann: »Der seine Pflicht erkennt und sie erfüllt; Des Denken nur dem einen Ziele gilt; Und der nicht zaudert und nicht wartet lang Auf Reichtum, Ehre oder ird'schen Rang; Auf dessen Haupt doch diese drei vor allen Gleich Manna-Regen segnend niederfallen.« Als Beispiel eines edel gesinnten Kaufmanns, der schon früh in redlichen Geschäftsgrundsätzen unterwiesen wurde und sich als Mann durch Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit in allen seinen Handlungen auszeichnete, wollen wir den wohlbekannten David Barclay, den Enkel Robert Barclays aus Ury – des Verfassers der berühmten »Quäkerapologie« – nennen und eine kurze Schilderung seines Lebens entwerfen. Während vieler Jahre stand er an der Spitze eines großen Handelshauses in Cheapside, welches hauptsächlich mit Amerika Geschäfte machte; aber wie Granville Sharp hatte auch er eine so starte Antipathie gegen den Krieg mit unseren amerikanischen Kolonien, daß er den Entschluß faßte, sich gänzlich von den Geschäften zurückzuziehen. Als er noch Kaufmann war, zeichnete er sich ebensosehr durch seine Talente und Kenntnisse, seine Redlichkeit und Tüchtigkeit aus als er dies später durch seinen Patriotismus und seine großmütige Menschenfreundlichkeit that. Er war ein Muster von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit; und wie es einem guten Christen und echten Ehrenmann geziemt, galt sein Wort allemal so viel als seine Unterschrift. Seine Stellung und sein hohes Ansehen veranlaßten die damaligen Minister, bei verschiedenen Gelegenheiten seinen Rat einzuholen; und als er vor dem Unterhaus seine Ansicht über den amerikanischen Streit aussprechen sollte, that er dies in so klaren Ausdrücken und unter Anführung so einleuchtender Gründe, daß Lord North öffentlich erklärte, David Barclay habe ihn besser belehrt, als dies irgend ein gewiegter Sachwalter hätte thun können. Als Barclay sein Geschäft aufgab, hatte er nicht die Absicht, fortan in üppigem Müßiggang zu leben, sondern war entschlossen, sich neuen gemeinnützigen Unternehmungen zu widmen. Mit reichen Mitteln versehen, empfand er der Gesellschaft gegenüber noch die Verpflichtung, ein gutes Beispiel zu geben. Er gründete in der Nähe seines Wohnsitzes zu Walthamstow ein Industriehaus, welches er jahrelang mit großen Geldopfern unterhielt, bis es ihm endlich gelang, dasselbe zu einer Quelle des Behagens und Wohlstandes für die wohlgesinnten Armen der Nachbarschaft zu machen. Als ihm eine Besitzung in Jamaika zufiel, beschloß er sofort, allen zu dem Gute gehörigen Sklaven die Freiheit zu geben, obwohl dies für ihn einen Verlust von etwa 10,000 Pfund bedeutete. Er schickte einen Agenten hin, welcher ein Schiff mietete und das Sklavenvölkchen nach einem der freien amerikanischen Staaten brachte, wo es angesiedelt wurde und ein gedeihliches Fortkommen fand. Herr Barclay hatte sagen hören, daß die Neger zu unwissend und roh seien, um die Freiheit vertragen zu können; und es lag ihm daran, die Hinfälligkeit dieser Behauptung praktisch zu beweisen. Durch die Art und Weise, in welcher er über seine reichen Ersparnisse verfügte, machte er sich gleichsam zu seinem eigenen Testamentsvollstrecker; und anstatt bei seinem Tode ein großes, unter seine Verwandten zu verteilendes Vermögen zu hinterlassen, ließ er denselben schon bei seinen Lebzeiten seine großmütige Hilfe angedeihen. Er beobachtete und unterstützte sie auf ihren verschiedenen Lebenswegen und legte dadurch nicht nur den Grund zu einigen der größten Londoner Handelshäuser, sondern erlebte auch deren Blüte. Wir glauben, daß bis auf den heutigen Tag einige unserer bedeutendsten Kaufleute – z. B. die Gurneys, Hanburys und Burtons – mit freudiger Dankbarkeit ihre Verpflichtungen gegen den großmütigen David Barclay anerkennen würden, der ihnen ihren Eintritt in die Geschäftswelt erleichterte und ihnen auch in den späteren Stadien ihrer Laufbahn mit Rat und That zur Hand ging. Solch ein Mann steht in seinem Lande da als ein Markstein kaufmännischer Rechtschaffenheit und Redlichkeit und als ein Muster und Vorbild für die Geschäftsleute aller kommenden Zeiten. Zehntes Kapitel. Das Geld – sein guter und schlechter Gebrauch. »Nicht in die Erd' es zu vergraben, Nicht um ein stolz Geleit: Nur um das edle Recht zu haben Der Unabhängigkeit!« Burns. »Sorgt, daß ihr Schuldner nicht noch Gläub'ger seid! Das Darlehn leicht verliert man samt dem Freund; Und stumpf durch Borgen wird der Ehre Schneid'!« Shakespeare. »Behandle Geldangelegenheiten nie leichtfertig – im Geldpunkte offenbart sich der Charakter!« Sir E. L. Bulwer Lytton. Die Art, in welcher man mit dem Gelde umgeht – wie man es gewinnt, spart oder ausgiebt – ist vielleicht eine der besten Proben der praktischen Weisheit. Obwohl das Geld keineswegs als der Endzweck des menschlichen Lebens betrachtet werden darf, so ist es doch auch durchaus keine unwichtige Sache, die man philosophisch verachten dürfte; denn es stellt immerhin ein Hauptmittel unseres physischen und gesellschaftlichen Behagens dar. Es stehen sogar einige der schönsten menschlichen Tugenden – wie die Großmut, Redlichkeit, Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit – sowie die praktischen Vorzüge der Sparsamkeit und Vorsicht in engem Zusammenhange mit dem rechten Gebrauche des Geldes. Anderseits finden jene Tugenden ihren Widerpart in dem Geiz und Betrug, in der Ungerechtigkeit und Selbstsucht jener Leute, die von der Geldgier geplagt werden; sowie in der Mißwirtschaft und gedankenlosen Verschwendung anderer Personen, welche die ihnen anvertrauten Mittel mißbrauchen. Henry Taylor sagt in seinen »Beobachtungen über das Leben« ( Notes from Life ) sehr richtig, daß »das rechte Maß und die rechte Weise im Verdienen, Sparen, Ausgeben, Schenken, Nehmen, Leihen, Borgen und Vermachen des Geldes fast die Vollkommenheit des Menschen darstelle.« Behagliche Lebensumstände sind eine Sache, nach welcher mit ehrenwerten Mitteln zu streben, jeder Mensch berechtigt ist. Sie gewahren ihm eine physische Befriedigung, deren er bedarf, um die höheren Kräfte seiner Natur ausbilden zu können; und sie setzen ihn auch in stand, seinen Angehörigen jene Fürsorge angedeihen zu lassen, ohne welche er – nach den Worten des Apostels – »schlimmer als ein Heide« sein würde. Wir dürfen um so weniger gegen ein ehrenvolles Fortkommen im Leben» gleichgiltig sein, als die Achtung, welche unsere Mitmenschen für uns empfinden, in nicht geringem Maße von der Art und Weise abhängt, in welcher wir die sich darbietenden Gelegenheiten zu einem solchen Fortkommen benutzen. Schon die bloße Anstrengung, deren es bedarf, um in dieser Beziehung Erfolge zu erringen, übt eine erziehliche Wirkung aus; denn sie schärft unser Ehrgefühl, entwickelt unsere praktischen Fähigkeiten und übt uns in Geduld, Beharrlichkeit und ähnlichen Tugenden. Der Vorsichtige und fürsorgliche Mann muß notwendigerweise auch ein denkender Mann sein; denn er lebt nicht bloß für die Gegenwart, sondern trifft auch mit weitschauendem Blick Vorkehrungen für die Zukunft. Er muß gleichzeitig ein mäßiger Mensch sein und die Tugend der Selbstverleugnung üben, die mehr als alles andere den Charakter festigt. John Sterling sagt sehr richtig: »Die schlechteste Erziehung, welche uns in der Selbstverleugnung unterweist, ist mehr wert als die beste Erziehung, die uns alles andere außer jener Tugend lehrt;« und die Römer brauchten feinsinnig dasselbe Wort ( virtus ) zur Bezeichnung des Physischen und des moralischen Mutes – denn der höchste Triumph der Tugend ist der Sieg, den wir über uns selbst erringen. Daher wird das Gebot der Selbstverleugnung – die Forderung, einen augenblicklichen Genuß einem noch in der Zukunft liegenden guten Zweck zu opfern – am langsamsten begriffen und befolgt. Man sollte glauben, daß diejenigen Klassen, welche am schwersten arbeiten, naturgemäß den Wert des erworbenen Geldes am meisten schätzen müßten. Aber die schnelle Bereitschaft, mit der so viele ihren Verdienst augenblicklich verzehren, ist zum großen Teil daran schuld, daß sie in eine hilflose Lage geraten und darben müssen. Es giebt unter uns zahlreiche Personen, die – trotz eines reichlichen Einkommens – in Zeiten der Not kaum einen Groschen übrig haben; und darin liegt wiederum eine Hauptursache des socialen Elends. Als einmal eine Deputation bei Lord John Russell erschien, um ihm wegen der Besteuerung der arbeitenden Klassen des Landes Vorstellungen zu machen, fühlte sich der edle Lord zu der folgenden Bemerkung gedrungen: »Sie können sich darauf verlassen, daß die Regierung dieses Landes es nicht wagen würde, die arbeitenden Klassen auch nur annähernd in dem Maße zu besteuern, wie diese sich selbst schon allein durch ihre Ausgaben für berauschende Getränke schröpfen!« Von allen wichtigen öffentlichen Fragen ist diese vielleicht die bedeutendste – es giebt vielleicht kein Reformationswerk, das dringender nach Arbeitern verlangte. Aber wir müssen freilich zugeben, daß »Selbstverleugnung und Selbsthilfe« kein besonderes effektvolles Schlagwort für die Wahlbühne ist; und es steht zu befürchten, daß der moderne Patriotismus solche einfachen Dinge wie individuelle Sparsamkeit und Vorsicht nur wenig schätzen wird – obwohl die wahre Unabhängigkeit der industriellen Klassen einzig durch die Übung jener Tugenden gesichert werden kann. »Vorsicht, Sparsamkeit und gute Wirtschaft.« sagte Samuel Drew, der philosophische Schuhmacher, »sind ausgezeichnete Künstler, welche es verstehen, schlechte Zeiten zu verbessern. Sie nehmen in den einzelnen Wohnungen nur wenig Raum ein: aber sie sind trotzdem ein wirksameres Heilmittel für die Schäden des Lebens als irgend einer von all den Reformvorschlägen, die je im Parlament durchgingen.« Wenn Sokrates äußerte: »Wer die Welt ändern will, muß sich zuerst selber ändern,« so meinte er damit nichts anderes, als was der alte Reim besagt: »Thät' jeder nur bei Zeit Der eignen Bosheit wehren: Man könnt' mit Leichtigkeit Ein ganzes Volk bekehren!« Wir Menschen machen im allgemeinen die Erfahrung, daß es leichter ist, Staats- und Kirchenreformen durchzuführen, als auch nur die kleinste Besserung in den eigenen schlechten Lebensgewohnheiten zu erzielen. In dieser Beziehung entspricht es mehr dem menschlichen Geschmack und ist in der That durchaus üblich, daß man eher die Fehler des Nachbars als seine eigenen in Angriff nimmt. Jede Menschenklasse, die aus der Hand in den Mund lebt, wird stets eine untergeordnete Stellung einnehmen. Sie muß notwendigerweise ohnmächtig und hilflos sein und wird, an den Rockschößen der Gesellschaft hängend, einen Spielball der Zeiten und Konjunkturen bilden. Da sie sich selbst nicht achtet, so wird ihr auch nicht die Achtung anderer Leute zu teil werden. Tritt eine industrielle Krisis ein, so kommen solche Menschen unfehlbar in Bedrängnis. Da es ihnen an jener wirtschaftlichen Kraft fehlt, die eine noch so kleine Sparsumme ihnen ohne Zweifel verleihen würde, so sind sie in jedermanns Gewalt: und wenn ihr Gefühl nicht abgestumpft ist, so können sie nicht ohne Furcht und Bangen an das Schicksal denken, das möglicherweise ihren Weibern und Kindern droht. »Die Welt,« sagte einmal Herr Cobden zu den Arbeitern von Huddersfield, »ist stets in zwei Klassen geteilt gewesen – in eine, die gut, und in eine andere, die schlecht wirtschaftete – in die Sparer und die Verschwender. Der Bau aller Häuser, Mühlen, Brücken und Schiffe ist gleich allen anderen großen Werten, welche zur Civilisation und zum Wohlbefinden der Menschheit beitrugen, von den wirtschaftlichen und sparsamen Leuten ausgeführt worden – denen gegenüber jene anderen, die ihre Mittel verschwendeten, stets zu Sklaven herabsanken. Daß dies sich so verhält, beruht auf einem Gesetz der Natur und der Vorsehung; und ich wäre ein Betrüger, wenn ich einer verschwenderischen, gedankenlosen und trägen Klasse Erfolge prophezeien wollte.« Ebenso vernünftig war der Rat, welchen Herr Bright einer im Jahre 1847 zu Rochdale tagenden Arbeiterversammlung erteilte. Nachdem er die Ansicht ausgesprochen, daß sich die Redlichkeit in ziemlich gleichem Maße in allen Bevölkerungschichten vorfände, fuhr er folgendermaßen fort: »Es giebt für die Menschen als Individuen wie als Gesamtheit nur ein einziges Mittel, durch welches sie sich in einer guten Stellung behaupten oder sich aus einer schlechten emporarbeiten können – dies Mittel besteht darin, daß sie die Tugenden des Fleißes, der Sparsamkeit, Mäßigkeit und Redlichkeit üben. Es giebt nur einen aufsteigenden Weg, der uns aus einer in physischer und moralischer Beziehung unbehaglichen und unbefriedigenden. Lage herausführen kann – und dieser Weg ist eben die Übung, jener Tugenden, durch welche zahlreiche Menschen – wie wir es alle Tage sehen können – vorwärtskommen und ihre Lage verbessern.« Es giebt keinen Grund, weshalb der gewöhnliche Arbeiter nicht nützlich, ehrenvoll, geachtet und glücklich zu sein vermöchte. Die ganze Gesamtheit der Arbeiter könnte (mit wenigen Ausnahmen) ebenso sparsam, tugendhaft, wohlunterrichtet und gutsituiert sein, als es viele Individuen derselben Klasse bereits durch eigene Kraft geworden sind. Was einigen Leuten möglich gewesen ist, werden ohne allzugroße Mühe auch andere vollbringen können. Man wende dieselben Mittel an, und man wird dieselben Resultate erzielen! Daß eine Menschenklasse sich in ihren verschiedenen Berufsarten ihr Brot durch tägliche Arbeit verdiene, ist ein Gebot Gottes – und ohne Zweifel ein weises und gerechtes Gebot! Wenn aber diese Klasse anders als sparsam, zufrieden, gescheit und glücklich ist: so liegt dies nicht in dem Willen der Vorsehung, sondern wird allein durch die Schwäche, Selbstverzärtelung und Verderbtheit der Menschen verursacht. Wenn man den gesunden Geist der Selbsthilfe unter den Arbeitern wachzurufen vermöchte, so könnte derselbe mehr als alles andere dazu beitragen, ihre Lage zu verbessern – nicht etwa dadurch, daß die anderen Klassen herabgedrückt, sondern vielmehr dadurch, das; die Arbeiter selbst in religiöser, geistiger und sittlicher Beziehung auf ein höheres und noch beständig steigendes Niveau gehoben würden. »Alle Moralphilosophie,« sagt Montaigne, »läßt sich in gleicher Weise auf ein alltägliches und schlichtes, wie auf ein glänzendes Leben anwenden. Ein jeder von uns trägt unverkürzt alle Eigenschaften der menschlichen Natur an sich.« Wer seinen Blick in die Zukunft richtet, wird finden, daß die drei hauptsächlichsten zeitlichen Gefahren, gegen die er seine Maßregeln zu treffen hat, Arbeitsmangel, Krankheit und Tod sind. Den beiden ersten entgeht er vielleicht; aber dem Tode entrinnt niemand. Es ist aber die Pflicht jedes verständigen Mannes, so zu leben und sich einzurichten, daß – falls eine jener drohenden Möglichkeiten zur Thatsache wird – der Druck der Not nicht nur für ihn selbst, sondern auch für diejenigen, welche mit ihrem Behagen und ihrer Existenz von ihm abhängen, so viel als möglich gemildert werde. In diesem Lichte betrachtet, erscheint der ehrliche Erwerb und der sparsame Gebrauch des Geldes außerordentlich wichtig. Redlich erworben, stellt es das Produkt geduldigen Fleißes, unermüdlicher Anstrengung, überwundener Versuchung und belohnter Hoffnung dar; und richtig angewandt, beweist es, daß sein Inhaber Klugheit, Vorsicht und Selbstverleugnung – die Grundlagen des wahrhaft männlichen Charakters – besitzt. Obwohl man gegen Geld eine Menge von Gegenständen eintauscht, die keinen wirklichen Wert oder Mühen haben: so können wir dadurch doch auch viele außerordentlich wertvolle Dinge erlangen – nicht nur Nahrung, Kleidung und häusliche Bedarfsartikel, sondern auch Selbstachtung und Unabhängigkeit! Daher ist für den Arbeiter ein erspartes Kapital eine Schutzwehr gegen den Mangel; es giebt ihm einen festen Halt und befähigt ihn, heiter und hoffnungsvoll zu warten, bis bessere Tage kommen. Schon die Bemühung, sich eine festere Stellung im Leben zu verschaffen, verleiht dem Menschen eine gewisse Würde und macht ihn kräftiger und besser. Auf alle Fälle erlangt er dadurch eine größere Freiheit der Bewegung und stählt seine Kräfte für kommende Anstrengungen. Wer aber beständig mit Nahrungssorgen zu kämpfen hat, befindet sich in einem der Sklaverei ziemlich gleichkommenden Zustande. Er ist in keiner Weise sein eigener Herr: sondern er schwebt unausgesetzt in der Gefahr, von anderen Menschen abhängig zu werden, und kann sich leicht gezwungen sehen, jede Bedingung anzunehmen, die sie ihm vorschreiben. Er wird auch notgedrungen ein knechtisches Wesen annehmen müssen; denn er wagt es nicht, der Welt frei ins Gesicht zu sehen: und in Zeiten der Not bleibt ihm nichts anderes übrig, als um Almosen oder Unterstützung von seiten der Gemeinde zu bitten. Wenn es ihm an Arbeit fehlt, so ist er unfähig, sich auf einem anderen Gebiet Beschäftigung zu suchen; er klebt an der Scholle – wie die Tellermuschel an ihrem Felsen – und kann weder wandern noch auswandern. Um sich seine Unabhängigkeit zu sichern, bedarf der Mensch einzig und allein der Sparsamkeit. Um aber sparsam zu sein, braucht man weder einen außerordentlichen Mut, noch eine hervorragende Tugend: es genügt dazu vielmehr schon eine gewöhnliche Energie und eine mittelmäßige Begabung. Die Sparsamkeit ist im Grunde nur der Geist der Ordnung, der sich in der Verwaltung der häuslichen Angelegenheiten bethätigt; sie bedeutet zweckmäßige Einteilung, Regelmäßigkeit, Vorsicht und Vermeidung aller Verschwendung. Der Geist der Sparsamkeit drückte sich in den Worten unseres, göttlichen Meisters nus: »Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkomme!« Seine Allmacht verschmähte es nicht, sich mit den Nichtigkeiten des Lebens zu beschäftigen; und während er der Menge seine göttliche Kraft offenbarte, erteilte er ihr jene eindringliche Lehre der Sparsamkeit, deren jeder noch heute so sehr bedarf als zu jener Zeit. Sparsamkeit bedeutet aber auch die Fähigkeit, auf einen augenblicklichen Genuß im Hinblick auf einen zukünftigen Gewinn zu verzichten; in diesem Lichte betrachtet. stellt sie den Sieg der Vernunft über die animalischen Triebe dar. Die Sparsamkeit unterscheidet sich indessen gewaltig vom Geiz: denn sie ist stets am ehesten imstande, großmütig zu sein. Sie macht das Geld nicht zu ihrem Götzen, sondern zu einem nützlichen Diener. Der Dechant Swift sagt mit Recht: »Wir müssen das Geld im Kopfe und nicht im Herzen tragen.« Man könnte die Sparsamkeit die Tochter der Vorsicht, die Schwester der Mäßigkeit und die Mutter der Freiheit nennen. Sie hat augenscheinlich eine konservative Tendenz – sie konserviert den Charakter, das Familienglück und das Wohl der Gesellschaft. Sie ist – kurz gesagt – eine der besten Formen der Selbsthilfe. Francis Horners Vater erteilte dem Sohne bei dessen Eintritt ins Leben die folgenden Lehren: »Indem ich wünsche, daß es dir in jeder Beziehung wohlergehen möge, kann ich dich nicht eindringlich genug zur Sparsamkeit ermahnen. Es ist eine Tugend, deren wir alle bedürfen, und wenn leichtfertige Leute dieselbe auch verachten, so ist es doch zweifellos,, daß gerade die Sparsamkeit zur Unabhängigkeit führt, die jedem hochherzigen Manne wert sein muß.« Die zu Anfang dieses Kapitels angeführten Verse von Burns enthalten denselben richtigen Gedanken; aber unglücklicherweise war seine Poesie erhabener als sein Leben, waren seine Ideale schöner als seine Sitten. Als er auf dem Sterbebette lag, schrieb er an einen Freund: »Ach, Clarke! mir ist entsetzlich elend zu Mute! Da steht die Witwe von Burns mit einem halben Dutzend süßer, kleiner, hilfloser Waisenkinder – das macht mich weich wie eine Weiberthräne! Genug hiervon! Diese Gedanken sind die Hälfte meiner Leiden.« Jeder sollte sich nach seiner Decke strecken. Darin liegt das eigentliche Wesen der Redlichkeit. Wer sich nicht so einrichtet, daß er auf ehrenhafte Art von seinen eigenen Mitteln leben kann, der wird gezwungen sein, sich in unehrenhafter Weise auf anderer Leute Kosten zu nähren. Diejenigen, welche im Geldausgeben leichtfertig sind und immer nur an das eigene Vergnügen, nicht aber an das Behagen der anderen denken, erkennen den wirklichen Wert und Nutzen des Geldes gewöhnlich erst dann, wenn es zu spät ist. Obwohl von Natur großmütig, werden solche Verschwender doch nicht selten durch ihren Leichtsinn zu recht häßlichen Handlungen getrieben. Sie vergeuden nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Zeit: sie ziehen gleichsam Wechsel auf die Zukunft: verzehren ihren Verdienst im voraus und schleppen eine Last von Schulden und Verpflichtungen mit sich herum, die sie daran hindert, sich als freie und unabhängige Menschen zu bewegen. Lord Bacon war der Ansicht, daß da wo Sparsamkeit not thäte, eine kleine Ersparnis besser wäre als ein kleiner Verdienst. Das Geld, welches von vielen Leuten in nutzloser – wenn nicht gar schädlicher – Weise weggeworfen wird, könnte in vielen Fallen die Grundlage eines Vermögens und einer unabhängigen Lebensstellung werden. Diese Verschwender sind ihre eigenen und schlimmsten Feinde, obwohl sie sich meistens in den Reihen derer befinden, welche über die Ungerechtigkeit »der Welt« klagen. Aber wie kann ein Mensch erwarten, daß andere seine Freunde seien wenn er selbst sein eigener Feind ist? Ordentliche Menschen mit mäßigen Mitteln haben immer noch ein Übriges in der Tasche, womit sie andern helfen können; wogegen verschwenderische und leichtfertige Burschen, die alles Geld verschleudern, nie imstande sind, einem anderen in der Not beizuspringen. Eine jämmerliche Art der Sparsamkeit aber ist die Knauserei. »Engherzigkeit im Leben und Handeln ist im allgemeinen gleichbedeutend mit Kurzsichtigkeit und führt zu Mißerfolgen. »Eine Pfennigseele kommt zu keinem Zweipfennigstück,« sagt ein alter Spruch. Großmut und Freigebigkeit bilden ebenso wie die Ehrlichkeit stets die beste Politik. Obgleich Jenkinson im »Vikar von Wakefield« seinen gutherzigen Nachbar Flamborough alle Jahre auf eine oder die andere Art betrügt, bekennt er schließlich doch: »Flamborough ist immer wohlhabender geworden, während ich an den Bettelstab und ins Gefängnis gekommen bin!« Und das praktische Leben ist reich an Fallen, in welchen das Handeln nach großmütigen und redlichen Grundsätzen glänzende Erfolge erzielt hat. Wie das Sprichwort sagt, »kann ein leerer Sack nicht aufrecht stehen;« und ein Mensch, der in Schulden steckt, vermag das ebensowenig. Es ist für einen solchen Menschen sogar schwer, wahrhaftig zu sein; daher pflegt man zu sagen, daß »die Lüge der Schuld auf den Buckel springe.« Um die Rückzahlung des geborgten Geldes zu verzögern, muß der Schuldner Ausflüchte – vielleicht sogar Lügen – ersinnen und dieselben seinem Gläubiger auftischen. Einem Manne, der den ernstlichen Willen dazu hat, wird es leicht werden, sich vor dem Eingehen der ersten Verbindlichkeit zu hüten. Aber die Leichtfertigkeit, mit welcher eine solche erste Verpflichtung so oft eingegangen wird, birgt schon die Gefahr einer zweiten Unbesonnenheit in sich; und bald wird der unglückliche Borger in ein Netz pekuniärer Schwierigkeiten verwickelt, aus dem er sich durch keine noch so große Anstrengung mehr zu befreien vermag. Der erste Schritt zur Verschuldung ist der erste Schritt zur Unredlichkeit: denn er bedingt fast mit Notwendigkeit ein Weiterschreiten auf derselben Bahn, auf welcher eine Schuld der anderen, eine Lüge der anderen folgt. Der Maler Haydon datierte den Anfang seines Ruins von dem Tage, an welchem er sich zuerst Geld borgte. An ihm bestätigte sich die Wahrheit des Sprichworts: »Borgen macht Sorgen.« Die bedeutsamen Eingangsworte seines Tagebuchs lauten: »Hier begannen meine Schulden und Verpflichtungen, aus denen ich nie herausgekommen bin und nie herauskommen werde, so lange ich lebe.« Seine Selbstbiographie zeigt in betrübender Weise, wie zerrüttete Vermögensverhältnisse bitteren Kummer, gänzliche Unfähigkeit zur Arbeit und beständig wiederkehrende Demütigungen verursachen. Der schriftliche Rat, den er einem jungen Manne bei dessen Eintritt in die Marine erteilte, lautete: »Verzichten Sie auf jedes Vergnügen, das Sie sich nicht verschaffen können, ohne von anderen Geld zu borgen! Machen Sie nie Schulden – Sie würden sich dadurch erniedrigen! Ich sage nicht, daß Sie nie Geld ausleihen sollen; aber unterlassen Sie auch das, wenn Sie sich dadurch unfähig machen würden, Ihren eigenen Verpflichtungen nachzukommen! Auf keinen Fall aber borgen Sie sich selbst etwas von einem anderen!« Fichte wollte als armer Student von seinen noch ärmeren Eltern nicht einmal Geschenke annehmen. Dr. Johnson war der Ansicht, daß Schulden zum Ruin führen. Was er über diesen Gegenstand sagt, ist bedeutsam und verdient Beachtung. »Man darf sich nicht daran gewöhnen,« sagt er, »Schulden nur als eine Unbequemlichkeit zu betrachten; man wird finden, das sie ein Elend sind! Die Armut raubt uns so viele Gelegenheiten, Gutes zu thun und macht uns so oft – in physischer und moralischer Beziehung – unfähig dem Bösen zu widerstehen, daß wir mit allen erlaubten Mitteln danach streben müssen, ihr zu entgehen. – Es muß daher unsere erste Sorge sein, niemand etwas schuldig zu werden. Man fasse den Entschluß, der Armut zu entrinnen! Besitzt man wenig, so gebe man noch weniger aus! Die Armut ist eine große Feindin des menschlichen Glückes; sie zerstört sicherlich die Freiheit und macht einige Tugenden unmöglich, während sie andere bedeutend erschwert. Die Sparsamkeit ist nicht nur die Basis der Zufriedenheit, sondern auch die der Wohlthätigkeit. Wer selbst Mangel leidet, kann anderen nicht helfen; wir müssen erst genug haben, ehe wir etwas erübrigen können.« Es ist die ernstliche Pflicht jedes Menschen, in seine Verhältnisse Klarheit zu bringen und seine Einnahmen und Ausgaben zu kontrollieren. Eine bescheidene Anwendung der Arithmetik ist in dieser Beziehung sehr nützlich. Die Vorsicht gebietet, daß wir – unseren Mitteln nach – eher zu einfach als zu großartig leben. Hierin das rechte Maß zu treffen, ist aber nur dann möglich, wenn man sich einen vernünftigen Lebensplan ausarbeitet und daran getreulich festhält. John Locke empfahl das nachstehende Verfahren. »Nie,« sagte er, »wird es einem Manne leichter sein, sich mit seinen Mitteln einzurichten, als wenn er den Stand seines Vermögens in Gestalt einer regelrechten Buchführung beständig vor Augen, hat.« Der Herzog von Wellington führte genau Buch über alle Gelder, die er einnahm oder ausgab. »Ich mache es mir zu einer Gewissenspflicht,« schrieb er an Herrn Gleig, »alle meine Rechnungen persönlich zu bezahlen; und ich rate jedem, das Gleiche zu thun. Früher pflegte ich einen vertrauten Diener damit zu beauftragen; aber von dieser Thorheit wurde ich an jenem Morgen geheilt, an welchem ich zu meiner großen Überraschung zwei Mahnbriefe erhielt, die sich auf ein bis zwei Jahre zurückdatierende Forderungen bezogen. Der Bursche hatte mit meinem Gelde spekuliert und meine Rechnungen unbezahlt gelassen.« Über das Schuldenmachen bemerkte der Herzog: »Es erniedrigt den Menschen zu einem Sklaven. Ich bin oft in Geldverlegenheit gewesen, aber – gottlob! – nie in Schulden.« Washington war in geschäftlichen Angelegenheiten genau so gewissenhaft wie Wellington; und es ist eine merkwürdige Thatsache, daß er – in dem Bestreben, sich ehrlich mit seinen Mitteln einzurichten – es nicht verschmähte, die kleinsten Ausgaben seines Haushaltes zu kontrollieren, und dies selbst dann noch that, als er bereits den hohen Posten eines Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas einnahm. Der Admiral Jervis, Graf St. Vincent, berichtet über die Schwierigkeiten, mit denen er in seiner Jugend zu kämpfen gehabt, und erzählt unter anderem auch von seinem Entschlüsse, keine Schulden zu machen. »Mein Vater,« sagt er, »hatte eine sehr große Familie, aber nur beschränkte Mittel. Als ich zur See ging, gab er mir zwanzig Pfund; und das war alles, was ich je von ihm erhielt. Nachdem ich schon eine beträchtliche Zeit auf der Seestation gewesen war, zog ich auf meinen Vater eine Wechsel über weitere zwanzig Pfund; derselbe wurde aber protestiert. Diese Zurückweisung kränkte mich; und ich faßte nun den seither streng befolgten Vorsatz, nie wieder einen Wechsel auszustellen, wenn ich nicht sicher wäre, daß er auch bezahlt würde. Ich änderte sogleich meine Lebensweise. Ich speiste nicht mehr in der Offiziersmesse, sondern lebte für mich allein und begnügte mich mit der Schiffsration, die ich ganz ausreichend fand. Ich wusch und besserte eigenhändig meine Kleider aus und verfertigte mir ein Paar Hosen aus einem Bettbezug. Als ich auf solche Weise genug, Geld erspart hatte, löste ich meine verpfändete Ehre samt meinem Wechsel ein und trug dafür Sorge, daß ich mich fortan mit meinen Mitteln einrichtete.« Jervis unterzog sich sechs Jahre hindurch harten Entbehrungen; aber er bewahrte seine Rechtschaffenheit, widmete sich erfolgreich seinem Beruf und erreichte – allmählich und stetig aufsteigend – durch seine Verdienste und seine Tapferkeit schließlich den höchsten Rang. Herr Hume traf den Nagel auf den Kopf, als er vor dem Unterhause die – freilich mit »Gelächter« aufgenommene – Behauptung aufstellte, daß man in England im allgemeinen »zu gut« lebe. Der Mittelstand hat die verhängnisvolle Neigung, über seine Verhältnisse zu leben und einen »vornehmen Ton« zu affektieren, der auf die Gesellschaft als Gesamtheit eine schädliche Wirkung ausübt. Man setzt seinen Ehrgeiz darauf, die Knaben zu »feinen« oder gar »vornehmen« Herrn zu erziehen; obwohl man sie dadurch vielfach nur zu Gecken macht. Sie gewinnen auf solche Art ein lebhaftes Interesse für Toilette, Stil, Luxus und Vergnügungen – d. h. für lauter Dinge, die nie die Grundlage eines wahrhaft männlichen oder vornehmen Charakters sein werden. Die Folge davon ist, daß statt junger Männer eine Anzahl Modeherrchen auf dem Markte des Lebens erscheint, deren jeden an ein treibendes Wrack erinnert – wie man es zuweilen auf der See antrifft – ohne Mannschaft, mit einem verlassenen Affen an Bord! Es herrscht unter den Menschen ein schrecklicher Ehrgeiz »vornehm« zu sein. Man hält auf Repräsentation – oft auf Kosten der Redlichkeit; und wenn man nicht reich ist, so möchte man doch so erscheinen. Wir wollen »respektabel« sein, aber nur in dem gemeinsten Sinne des Wortes – nur dem äußeren Scheine nach. Wir haben nicht den Mut, geduldig in der Lebenssphäre zu verharren, die uns Gott in seiner Weisheit angewiesen hat, sondern müssen durchaus in einem eleganteren Stil leben, den wir uns in unserer Thorheit selbst vorschreiben – und das alles nur, um, der Eitelkeit jener unwirklichen »vornehmen Welt« zu huldigen, von welcher wir einen Teil bilden wollen. Es findet ein beständiges Schieben und Drängen um die besten Plätze in dem gesellschaftlichen Amphitheater statt; und dabei wird alle edle Selbstverleugnung zu Boden getreten, jedes zarte Gefühl erstickt. Wir brauchen nicht darauf aufmerksam zu machen, wie viel Verschwendung, wie viel Elend, wie viele Bankerotte durch die Sucht hervorgerufen werden, andere mit dem Glänze eines scheinbaren weltlichen Erfolges zu blenden. Die traurigen Konsequenzen zeigen sich auf mannigfache Art – in den gemeinen Betrügereien, die von Leuten begangen werden, denen es minder schimpflich deucht, unredlich zu sein, als arm zu erscheinen; und in den verzweifelten Spekulationen, bei welchen weniger diejenigen zu beklagen sind, welche zu Fall kommen, als die Hunderte unschuldiger Familien, die in ihren Fall verwickelt werden. Als der verstorbene Sir Charles Napier sein Kommando in Indien niederlegte, vollbrachte er eine kühne und ehrenwerte That durch die Veröffentlichung des energischen Protestes, welchen er in seiner letzten Generalordre an die Offiziere der indischen Armee gegen das »flotte« Leben aussprach, durch welches sich so viele junge Offiziere, die in jenem Lande dienen, in schmachvolle Schulden und Verbindlichkeiten stürzen. Sir Charles wies in jenem berühmten Dokument in nachdrücklichster Weise auf eine Wahrheit hin, die man fast aus dem Auge verloren hat – auf die Wahrheit nämlich, daß »die Redlichkeit von dem Charakter eines wirklich vornehmen Mannes unzertrennlich ist;« und »daß das Trinken unbezahlten Champagners oder unbezahlten Bieres, sowie das Reiten unbezahlter Pferde nicht zu den Gepflogenheiten eines Gentleman, sondern zu denen eines Gauners gehört!« Der Oberbefehlshaber war der Ansicht, daß Leute, die wegen ihrer – durch ein unordentliches Leben entstandenen – Schulden häufig von ihren eigenen Dienern gerichtlich verklagt würden, nicht mehr zu den »anständigen« Leuten zu rechnen seien. Die Gewohnheit, beständig in Schulden zu stecken, meinte er, mache den Menschen unempfindlich gegen die Gebote der Ehre. Es sei nickt genug, daß man zu kämpfen wisse; das verstehe die Bulldogge auch! Es komme aber darauf an, ob man sein Wort halte – ob man seine Schulden bezahle! Das seien die Tugenden, welche den Charakter des wahren Ehrenmannes und des braven Soldaten kennzeichnen. Sir Charles Napier wünschte, das sämtliche Offiziere das wären, was seinerzeit der Ritter Bayard gewesen. Daß sie »ohne Furcht« waren, wußte er; aber er wollte, daß sie auch »ohne Tadel« sein sollten. Es giebt jedoch sowohl in Indien wie bei uns daheim zahlreiche junge Burschen, die imstande sind, im Notfall unter krachendem Geschützfeuer eine Bresche zu erstürmen und die verwegensten Thaten der Tapferkeit zu vollbringen; die aber nicht den moralischen Mut besitzen oder zeigen mögen, dessen man bedarf, um selbst kleinen Lockungen der Sinne widerstehen zu können. Sie sind unfähig, ein tapferes »Nein!« oder »es geht nicht!« auszusprechen, wenn man sie zu einem Genuß oder Vergnügen auffordert; und sie möchten eher dem Tode als dem Spott ihrer Gefährten trotzen. Der junge Mann schreitet auf seinem Lebenswege durch eine lange Reihe von Versuchern hindurch, die zu beiden Seiten aufgestellt sind. Jede Nachgiebigkeit gegen sie erniedrigt ihn mehr oder weniger. Jede Berührung mit ihnen entlockt ihm unmerklich einen Funken jener göttlichen Elektrizität, mit welcher die Natur ihn geladen hat; und die einzige Art, wie er ihnen widerstehen kann, ist die, daß er entschlossen und mannhaft sein »Nein!« ruft und das Wort auch durch die That bekräftigt. Er muß sich sogleich entscheiden und nicht schwanken oder das »Für und Wider« prüfen; denn nicht nur Frauen, sondern auch Jünglinge sind verloren, wenn sie überlegen. Die Bitte: »Führe uns nicht in Versuchung!« dringt mit tiefem Verständnis in das Wesen der menschlichen Natur ein. Aber die Versuchung wird an den Jüngling herantreten und seine Kraft erproben; und je öfter er ihr nachgiebt, um so schwächer wird seine Widerstandsfähigkeit werden. Wer einmal unterliegt, verliert dadurch einen Teil seiner Tugend; wer jedoch mannhaft widersteht, gewinnt durch die erste Entscheidung erhöhte Kraft für das weitere Leben – bis durch wiederholte Siege die Tugend zu einer Gewohnheit erstarkt. Unsere Jugendgewohnheiten aber sind das Bollwerk, in welchem unsere eigentliche Wehrkraft liegt. Denn es ist eine weise Einrichtung, daß die Funktionen unseres moralischen Lebens sich hauptsächlich durch das Medium der Gewohnheiten vollziehen; es werden uns auf diese Weise viele innere Kämpfe erspart, wie sie leicht aus einem Konflikt der Grundsätze entstehen könnten. Die guten Gewohnheiten sind es, welche den Menschen zu den tausend kleinen Handlungen veranlassen, die in ihrer Gesamtheit seine moralische Führung darstellen. Hugh Miller hat uns berichtet, wie er sich durch einen jugendlichen Entschluß aus einer der schweren Versuchungen errettete, an denen ein mühevolles Leben so reich ist. Zu der Zeit, da er als Steinmetz arbeitete, pflegten seine Arbeitsgenossen einander gelegentlich mit Branntwein zu bewirten; und eines Tages wurden auch ihm zwei Gläser zugeteilt, die er austrank. Als er nach Hause kam und sein Lieblingsbuch – »Bacons Abhandlungen« (»Essays«) – aufschlug, bemerkte er, daß ihm die Buchstaben vor den Augen tanzten, und daß er den Sinn nicht zu fassen vermochte. »Ich fühlte,« erzählt er, »daß der Zustand, in den ich mich versetzt hatte, mich erniedrigte. Ich befand mich momentan auf einem tieferen geistigen Niveau als jenem, auf welchem ich bisher zu meiner Freude gestanden; und obgleich der Augenblick für eine Entschließung nicht sonderlich günstig war: so reifte doch in jener Stunde in mir der feste Vorsatz, nie wieder durch Trinkgelage meine Empfänglichkeit für geistige Genüsse abzustumpfen – ein Vorsatz, dem ich mit Gottes Hilfe treu geblieben bin.« Derartige Entschlüsse bezeichnen oft einen Wendepunkt in dem Leben eines Mannes und bilden nicht selten die Grundlage seines künftigen Charakters. Vor dieser Klippe, an welcher Hugh Miller wahrscheinlich gescheitert wäre, wenn er nicht mit Aufbietung seiner ganzen moralischen Kraft sein Lebensschiff davon abgestoßen hätte, haben sich Männer wie Jünglinge in gleicher Weise beständig zu hüten. Sie stellt eine der schlimmsten, schädlichsten und kostspieligsten Verführungen dar, welche den Weg der Jugend bedrohen. Sir Walter Scott pflegte zu sagen, daß »von allen Lastern sich der Trunk am wenigsten mit der Größe vertrage.« Aber damit nicht genug! er verträgt sich ebensowenig mit Sparsamkeit, Anständigkeit, Gesundheit und Rechtschaffenheit. Wenn ein Jüngling sich nicht zurückhalten kann, so muß er vollständige Enthaltsamkeit üben. Es befinden sich viele in demselben Fall wie Dr. Johnson, welcher einmal mit Bezug auf seine Gewohnheiten sagte: »Mein Herr! ich kann Enthaltsamkeit üben; aber ich kann nicht Maß halten.« Wenn wir jedoch kräftig und erfolgreich unsere bösen Gewohnheiten bekämpfen wollen, so genügt es nicht, daß wir uns nur durch die Rücksichten der weltlichen Klugheit zum Kampfe antreiben lassen – obwohl auch dies von Nutzen ist; wir müssen uns vielmehr auf einen höheren moralischen Standpunkt stellen. Äußerliche Hilfsmittel – wie Gelübde und dergleichen – mögen in einigen Fällen von Nutzen sein; aber die Hauptsache ist, daß wir uns für unser Denken und Handeln ein höheres Ziel suchen und uns bemühen, nicht nur unsere Gewohnheiten zu bessern, sondern auch unsere Grundsätze zu stärken und zu veredeln. Zu diesem Zweck muß der Jüngling sich selbst und seine Handlungsweise beobachten, seine Gedanken und Thaten mit seinen Grundsätzen vergleichen. Je mehr er sich selbst erkennen lernt, um so bescheidener wird er sein; und um so leichter wird er sich vor einer Überschätzung seiner eigenen Kraft hüten können. Am praktischsten aber hat sich immer jene Disciplin erwiesen, welche man sich dadurch aneignet, daß man auf einen augenblicklichen kleinen Genuß im Hinblick auf zukünftige größere und edlere Freuden verzichtet. Es ist dies die vornehmste Bethätigung der Selbsterziehung; denn »Der wahre Ruhm Entstrahlt dem Mute, der sich selbst bezwingt; Ohn' diesen ist der größte Sieger nur Der erste Sklav'!« – Es sind viele populäre Bücher geschrieben worden, welche sich die Aufgabe stellten, dem Publikum das große Geheimnis des »Geldmachens« mitzuteilen. Aber die Sprichwörter aller Nationen beweisen zur Genüge, daß diese Kunst gar kein Geheimnis ist. »Hüte die Pfennige, so werden sich die Pfunde schon selbst hüten!« »Der Fleiß ist die Mutter des Reichtums.« »Kein Lohn ohne Arbeit.« »Kein Preis ohne Schweiß.« »Erwirb es, so hast du's!« »Dem Geduldigen und Fleißigen gehört die Welt.« »Lieber ohne Abendbrot zu Bett gehen, als mit Schulden aufstehen.« – Das sind Proben sprichwörtlicher Philosophie, in welchen die von vielen Generationen gesammelten Erfahrungen hinsichtlich der besten Mittel des weltlichen Erfolgs niedergelegt sind. Sie gingen schon lange von Mund zu Mund, ehe noch Bücher gedruckt wurden; und gleich anderen volkstümlichen Sprüchen bildeten sie die ersten Gesetze der Volksmoral. Zudem haben sie die Probe der Zeit bestanden; und die tägliche Erfahrung beweist ihre Richtigkeit, Kraft und Nützlichkeit. Die Sprüche Salomonis enthalten viele weise Lehren über die Wirkung des Fleißes, sowie über den guten und schlechten Gebrauch des Geldes: »Wer laß ist in seiner Arbeit, ist ein Bruder des, der das Seinige umbringt.« »Gehe hin zur Ameise, du Fauler! siehe ihre Weise an und lerne!« Nach den Worten des königlichen Predigers wird die Armut über den Trägen kommen »wie ein Wanderer, und der Mangel wie ein gewappneter Mann.« Aber hinsichtlich des redlichen Fleißes bemerkt er: »Der Fleißigen Hand macht reich.« Weiter sagt er: »Die Säufer und Schlemmer verarmen: und ein Schläfer wird zerrissene Kleider tragen.« – »Siehest du einen Mann endelich (fleißig) in seinem Geschäfte: der wird vor den Königen stehen!« Vor allem aber verkündigt er von der Weisheit: »Ihr Einkommen ist besser denn Gold. Sie ist edler denn Perlen; und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu gleichen.« Schon Fleiß und Sparsamkeit allein können einem Menschen von mittelmäßiger Arbeitskraft eine relativ unabhängige Existenz sichern. Selbst ein Arbeiter kann sich eine solche verschaffen, wenn er seine Mittel gut zu Rate hält und alle unnützen Ausgaben vermeidet. Ein Pfennig hat einen geringen Wert; aber das Behagen vieler tausend Familien hängt von dem verständigen Ausgeben und Sparen der Pfennige ab. Wenn ein Arbeiter sich das kleine Geld, den Ertrag seines harten Tagewerks, durch die Finger schlüpfen läßt – entweder in der Bierkneipe oder auch auf irgend eine andere Art – so wird seine Existenz sich nicht viel über die eines geplagten Haustiers erheben. Wenn er dagegen seine Pfennige zu Rate hält – indem er wöchentlich davon einen Teil einer Renten- oder Versicherungsanstalt, einen anderen einer Sparkasse und den Rest der wirtschaftlichen Hand seines Weibes anvertraut, damit sie die Häuslichkeit behaglich machen und die Kinder erziehen könne – so wird er bald finden, daß dies Achten auf Kleinigkeiten reiche Früchte trägt; denn es vermehrt seine Mittel, steigert das häusliche Behagen und läßt ihn minder zaghaft in die Zukunft blicken. Und wenn ein Arbeiter einen edlen Ehrgeiz und hervorragende Geistesgaben besitzt – eine Art des Reichtums, die mehr wert ist als alle weltlichen Güter – so wird er auf seinem Lebenswege nicht nur sich selbst, sondern auch anderen in erfolgreicher Weise helfen können. Daß dies selbst für einen gewöhnlichen Fabrikarbeiter kein Ding der Unmöglichkeit ist, können wir an der merkwürdigen Laufbahn des Thomas Wright aus Manchester nachweisen, von welchem – während er auf Wochenlohn in einer Eisengießerei arbeitete – die Bekehrung vieler Verbrecher nicht nur versucht, sondern auch bewerkstelligt wurde. Thomas Wrights Aufmerksamkeit ward zuerst durch einen Zufall auf die Schwierigkeiten gelenkt, mit welchen freigelassene Sträflinge zu kämpfen haben, wenn sie sich um redliche Arbeit bemühen. Sein Geist beschäftigte sich sogleich lebhaft mit diesem Gegenstand; und er betrachtete es fortan als seinen Lebenszweck, dem genannten Übel abzuhelfen. Obwohl er von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends in Arbeit war, so hatte er doch freie Augenblicke, die er sein eigen nennen durfte – vor allem an seinen Sonntagen – und diese wandte er zu Nutz und Frommen bestrafter Verbrecher an – einer Klasse, um die man sich damals weit weniger kümmerte als heutzutage. Aber wenn man sich täglich nur ein paar Minuten eifrig mit einer Sache beschäftigt, so kann man viel damit ausrichten; und man wird es kaum glauben – obwohl es eine Thatsache ist – daß dieser Arbeiter in der Zeit von zehn Jahren durch standhaftes Festhalten an seinem Vorsatz mehr als dreihundert Verbrecher vor einer Fortsetzung ihres gottlosen Lebens bewahrte! Man betrachtete ihn schließlich gewissermaßen als den Seelenarzt der Insassen des Kriminalgefängnisses von Manchester; und wo der Kaplan und alle anderen nichts vermochten, da errang Thomas Wright noch oft einen Erfolg. Auf solche Weise gab er verwahrloste Kinder gebessert ihren Eltern zurück; führte Söhne und Töchter, die ohne ihn verloren gewesen waren, wieder ihrer Familie zu und verwandelte manchen entlassenen Sträfling in einen ehrlichen und fleißigen Arbeiter. Die Aufgabe war keineswegs leicht. Sie erforderte Geld, Zeit, Energie, Klugheit – und vor allem Charakter nebst dem Vertrauen, welches ein charaktervoller Mensch unfehlbar anderen Menschen einflößt. Der merkwürdigste Umstand war der, daß Wright viele der armen Ausgestoßenen von dem verhältnismäßig kleinen Arbeitslohn unterstützte, den er in der Eisengießerei erhielt. Er vollbrachte all dies mit einem Jahreseinkommen, das durchschnittlich nicht mehr als 100 Pfund betrug. Und doch unterstützte er hiervon nicht nur Verbrecher, denen er nichts weiter als die kleinen Liebesdienste schuldete, zu denen ein Mensch dem anderen verpflichtet ist: sondern schuf auch seiner Familie eine behagliche Existenz und wurde durch Mäßigkeit und Wirtschaftlichkeit, sogar befähigt, einen Spargroschen für seine alten Tage zurückzulegen. Jede Woche disponierte er über seinen Verdienst mit bedächtiger Sorgfalt: einen Teil bestimmte er für den notwendigen Bedarf an Nahrung und Kleidung; einen anderen für die Wohnungsmiete: einen dritten für das Schulgeld und einen vierten für die Armen und Notleidenden; und diese Disposition wurde gewissenhaft festgehalten. Auf solche Weise vollbrachte jener bescheidene Arbeiter das große Werk, dessen Erfolge wir kurz beschrieben haben. Seine Laufbahn ist in der That einer der merkwürdigsten und schlagendsten Beweise für die Macht eines entschlossenen männlichen Willens; für die bedeutsamen Wirkungen kleiner, aber sorgfältig und gewissenhaft angewandter Mittel – sowie endlich und hauptsächlich für den großen Einfluß, den ein energischer und rechtschaffener Charakter unfehlbar auf das Leben und die Führung anderer Menschen ausübt. Jede redliche Arbeit ist ehrenwert und nicht schimpflich – ganz gleich, ob der Arbeiter den Boden anbaue, Gerätschaften anfertige, Stoffe webe oder die Produkte hinter dem Ladentisch verkaufe. Ein Jüngling kann die Elle handhaben und ein Stück Band damit abmessen, ohne daß er sich dessen zu schämen brauchte – nur muß sein Geist sich über die Elle und das Band erheben und nicht so kurz wie die eine und so schmal wie das andere sein. »Nicht diejenigen,« sagt Fuller, »welche einen ehrlichen Beruf haben, mögen erröten, sondern jene, die keinen haben!« Und der Bischof Hall äußerte: »Jede Arbeit kostet Schweiß – entweder der Stirn oder dem Geiste.« Leute, die sich aus einer bescheidenen Stellung emporgearbeitet, brauchen sich dessen nicht zu schämen: sie dürften eher stolz darauf sein, so viele Schwierigkeiten glücklich überwunden zu Haben. Als man einen amerikanischen Präsidenten fragte, was für ein Wappen er führe, gab er – eingedenk des Umstandes, daß er in seiner Jugend ein Holzhacker gewesen – zur Antwort: »Ein Paar Hemdsärmel!« Ein französischer Doktor warf einst Flechier, dem Bischof von Rismes – welcher in seiner Jugend Seifensieder gewesen – höhnend seinen niedrigen Ursprung vor, worauf Flechier erwiderte: »Wären Sie unter den gleichen Verhältnissen geboren wie ich, so würden Sie noch heute ein Seifensieder sein!« Nichts wird mit größerem Eifer betrieben als das »Geldmachen,« wobei man gewöhnlich keinen höheren Zweck im Auge hat als die Anhäufung des Vermögens. Wer sich diesem Bestreben mit Leib und Seele widmet, wird meistens reich werden. Es gehört nicht so sehr viel Verstand dazu – man gebe nur weniger aus, als man verdient! man häufe Guinee auf Guinee! man kratze und scharre das Geld zusammen: so wird sich der Mammon bald merklich mehren! Der Pariser Banquier Osterwald begann seine Laufbahn als ein armer Mann. Er pflegte allabendlich in seiner Stammkneipe einen Schoppen Bier zum Nachtessen zu trinken und dabei alle Korke, deren er Habhaft werden konnte, zu sammeln und in die Tasche zu stecken. In acht Jahren hatte er eine solche Menge Pfropfen zusammengebracht, daß er beim Verkauf acht Louisdor dafür erhielt. Mit dieser Summe legte er den Grund zu seinem Vermögen, welches er hauptsächlich durch Börsenspekulationen gewann, und welches bei seinem Tode drei Millionen Franken betrug. John Foster berichtet ein merkwürdiges Beispiel, welches uns zeigt, wie viel man mit einer derartigen Energie im Gelderwerben zu leisten vermag. Ein junger Mann hatte durch eine ausschweifende Lebensweise sein väterliches Erbteil verpraßt und war zuletzt in äußerste Armut und Verzweiflung geraten. In diesem Zustand stürzte er aus dem Hause, um seinem Leben ein Ende zu machen – hielt aber auf einem Hügel an, von wo aus er sein ehemaliges Besitztum übersehen konnte. Hier setze er sich nieder, dachte einige Zeit nach und stand dann mit dem festen Vorsatz auf, das Verlorene zurückzugewinnen. Er kehrte wieder um; und als er auf den Straßen umherwanderte, sah er vor einem Hause einen Haufen Kohlen liegen, die der Fuhrmann soeben von dem Wagen aufs Pflaster geworfen hatte. Er erbot sich sogleich, dieselben ins Haus zu tragen, und wurde auch zu diesem Geschäft angenommen. Auf solche Weise verdiente er sich ein paar Pence; und da er auf seine Bitte noch etwas Essen und Trinken obenein erhielt, konnte er das Geld beiseite legen. Indem er sich ähnlichen niedrigen Dienstleistungen unterzog, machte er weitere kleine Ersparnisse – bis er genug Geld gesammelt hatte, um einige Rinder aufzukaufen, deren Wert er richtig zu taxieren wußte, und die er dann wieder mit Vorteil verkaufte. Allmählich ließ er sich auf immer größere Unternehmungen ein und wurde zuletzt ein reicher Mann. Das Resultat war, daß er nicht nur sein ehemaliges Besitztum zurückgewann, sondern außerdem noch ein großes Vermögen erwarb, bis er schließlich als eingefleischter Geizhals starb. Als man ihn begrub, sank Erde zu Erde. Mit einem edleren Gemüt hätte er bei gleicher Energie ein Wohlthäter anderer Menschen wie seiner selbst werden können. Aber Leben und Streben waren in diesem Falle gleich gemein. Für andere zu sorgen und auch dafür Vorkehrungen zu treffen, daß man selbst im Alter behaglich und unabhängig leben könne, ist ehrenwert und sehr zu empfehlen; aber Reichtümer nur um ihrer selbst willen anzusammeln, ist das Merkmal der Engherzigkeit und des Geizes. Ein verständiger Mann muß sich sorgfältig davor hüten, daß der Hang zum Geldsparen in ihm nicht überhand nehme. Anderenfalls kann sich die Sparsamkeit seiner Jugend in seinem Alter leicht in Geiz verwandeln und so aus dem, was ursprünglich eine Pflichterfüllung war, schließlich ein Laster werden. Nicht das Geld ist die Wurzel des Übels, sondern die Liebe zum Gelde – eine Liebe, durch die das Herz vertrocknet und zusammenschrumpft und zu allen großmütigen Regungen und Thaten unfähig wird. Daher läßt Walter Scott eine der in seinen Werken vorkommenden Personen erklären, daß »mehr Seelen durch das Silber des Pennys getötet seien als Körper durch das bloße Schwert.« Wenn ein Mensch sich dem geschäftlichen Leben zu ausschließlich widmet, so hat dies die nachteilige Wirkung, daß es ihn unmerklich zu einem Pedanten, macht. Der Geschäftsmann kommt gewissermaßen in ein feststehendes Gleis, von dem er oft nicht einmal den Blick erhebt. Wenn er für sich allein lebt, gewöhnt er sich leicht daran, von anderen Menschen nur insofern Notiz zu nehmen, als sie seinen Zwecken dienen. Wenn man das Hauptbuch eines solchen, eingefleischten Geschäftsmannes durchblättert, so hat man sein. Leben vor sich. Weltlicher Erfolg in der Gestalt aufgehäuften Reichtums hat ohne Zweifel sehr blendende Eigenschaften; und alle Menschen sind von Natur mehr oder weniger geneigt, diese Art des Erfolgs zu bewundern. Aber wenn beharrliche, schlaue, geschickte und gewissenlose Leute, die jede Gelegenheit erspähen und wahrnehmen, in der Welt auch »vorwärts kommen«, so ist es doch leicht möglich, daß sie dabei nicht ein Atom von Charaktergröße oder wirklicher Güte besitzen. Wer keine höhere Logik anerkennt als die des Schillings, kann ein sehr reicher Mann werden und trotzdem ein außerordentlich armseliges Geschöpf sein. Denn Reichtümer sind kein Beweis moralischen Wertes: ihr Glanz dient häufig nur dazu, die Aufmerksamkeit auf die Unwürdigkeit ihres Besitzers zu lenken – wie das Licht des Glühwurmes die Madengestalt des Tierchens erkennen läßt. Die Art, in welcher sich viele aus Liebe zum Gelde kasteien, erinnert an die Lüsternheit des Affen – jener Karikatur des Menschen. In Algier binden die kabylischen Bauern eine zur Hälfte mit Reiskörnern gefüllte Kürbisflasche, deren Hals nur gerade so weit ist, daß der Affe seine Hand hindurchzwängen kann, recht fest an einen Baum. Der Affe schleicht bei Nacht heran und steckt – um den Reis zu stehlen – seine Hand in die Flasche, fühlt aber, – wenn er sie herausziehen will – daß sie darin festsitzt. Da er nicht schlau genug ist, um sich befreien zu können, so bleibt er bis zum Morgen auf dem Platze stehen, wo er sich selbst gefangen hat; und er sieht dabei so dumm wie möglich aus, obwohl er den Raub in der Hand hält. Die Moral dieser kleinen Geschichte läßt sich in einem sehr ausgedehnten Maße auf das menschliche Leben anwenden. Die Macht des Geldes wird im allgemeinen überschätzt. Die größten Wohlthaten sind der Welt nicht durch reiche Leute oder durch Subskriptionslisten erwiesen worden, sondern durch Menschen, deren Mittel meistens beschränkt waren. Männer aus der ärmsten Gesellschaftsklasse haben das Christentum über die halbe Welt verbreitet; und die größten Denker, Entdecker, Erfinder und Künstler sind so wenig wohlhabend gewesen, daß die pekuniäre Lage vieler derselben sich kaum über das Niveau einer gewöhnlichen Arbeiterexistenz erhob. Und so wird es immer sein. Der Reichtum ist öfter ein Hindernis als ein Sporn der Thätigkeit und in vielen Fällen ist er eher ein Unglück als ein Segen. Der Jüngling, welcher Reichtümer erbt, schwebt in der Gefahr, daß ihm das Leben zu leicht gemacht werde, und daß er – aus Mangel an Wünschen – der Blasiertheit verfalle. Da er kein besonderes Ziel hat, dem er nachstreben könnte, so wird ihm die Zeit lang; er versinkt in eine moralische und geistige Trägheit und nimmt in der Welt oft keine bedeutendere Stellung ein als ein Seepolyp, über den die Fluten hinrauschen. »Sein einz'ger Zweck nur ist – die Zeit zu töten; Ein schwer Geschäft, das saure Mühe macht!« Wenn der Reiche aber ein rechtschaffenes Gemüt besitzt, so wird er die Trägheit als unmännlich verachten; und wenn er der Verantwortlichkeit gedenkt, welche mit dem Besitz des Reichtums und Vermögens verknüpft ist: so wird er sich in noch höherem Maße zur Arbeit verpflichtet fühlen, als dies Leute in bescheideneren Verhältnissen thun. Doch muß man zugeben, daß dieser Fall nicht die Regel ist. Vielleicht ist das beste Los von allen – wenn auch leider die wenigsten dies erkennen – jene goldene Mitte, die sich Agur (Verfasser des 30. Kapitels der Sprüche Salomonis) in seinem mustergiltigen Gebet erflehte: »Armut und Reichtum gieb mir nicht; laß mich aber mein beschiedenes Teil Speise dahinnehmen!« – Der verstorbene Joseph Brotherton – seinerzeit Mitglied des Parlaments – hinterließ auf seinem Denkmal im Peelpark zu Manchester einen schönen Spruch, dessen Worte mit voller Wahrheit sein Leben kennzeichneten; derselbe lautete: »Mein Reichtum bestand nicht in der Größe meiner Besitztümer, sondern in der Kleinheit meiner Bedürfnisse.« Durch einfache Redlichkeit, Thätigkeit, Pünktlichkeit und Selbstverleugnung stieg er aus der bescheidenen Sphäre eines Fabrikjungen zu einer bedeutenden Stellung empor, die ihm ein segensreiches Wirken ermöglichte. Bis zu seinem Lebensende predigte er – wenn er nicht durch seine Parlamentspflichten daran gehindert wurde – in einer kleinen Kapelle zu Manchester, an welcher er angestellt war; und aus all seinen Handlungen konnten diejenigen, welche ihm im Privatleben näher traten, erkennen, daß er nicht den Ruhm suchte, »von den Leuten gesehen zu werden« oder ihren Beifall zu gewinnen: sondern daß es ihm vielmehr eine Gewissenssache war, die täglichen Pflichten des Lebens – auch die kleinsten und bescheidensten – in dem Geiste der Rechtschaffenheit, Wahrhaftigkeit, Treue und Liebe zu erfüllen. »Achtbarkeit« im besten Sinne des Wortes ist etwas recht Gutes. Ein »achtbarer Mann« ist ein solcher, welcher »Beachtung verdient,« d. h – wörtlich genommen – welcher verdient, daß man nach ihm hinschaut. Aber jene Achtbarkeit, welche nur in einem Festhalten des äußeren Scheins besteht, ist es in keiner Weise wert, daß man um ihretwillen den Kopf wendet. Ein redlicher Arbeiter ist weit besser und achtbarer als ein gottloser Reicher – ein stiller, bescheidener und ehrenhafter Mann weit besser als der glatte, elegante Schurke, der sich eine Equipage hält. Ein harmonisch gestimmter und gebildeter Geist, ein Leben voll nützlicher Arbeit – ganz gleich in welchem Beruf – hat eine höhere Bedeutung als das, was die Welt im Durchschnitt unter »Achtbarkeit« versteht. Unserem Dafürhalten nach müßte ein Mann es als seinen vornehmsten Lebenszweck betrachten, sich einen männlichen Charakter anzueignen und dafür zu sorgen, daß sich bei ihm Körper und Geist, Gemüt. Gewissen, Herz und Seele aufs beste entwickeln. Dies ist der Zweck – alles andere sollte nur als Mittel gelten. Demgemäß dürfen wir nicht dasjenige Leben für das erfolgreichste halten, welches das meiste Vergnügen oder den höchsten Grad des Wohlstandes, der Macht, des Ranges, der Ehre oder des Ruhmes gewährt, sondern jenes, in welchem sich die edelste Männlichkeit offenbart, und welches das größte Maß nützlicher Arbeit und gewissenhafter Pflichterfüllung aufzuweisen hat. Das Geld stellt allerdings eine Macht dar: aber Intelligenz, Gemeinsinn und sittlicher Wert sind auch Mächte, und zwar weit edlere. »Mögen andere sich um Pensionen bemühen,« schrieb Lord Collingwood an einen Freund: »ich kann auch ohne Geld reich sein, indem ich mich bemühe, mich über alle Armseligkeit zu erheben. Ich möchte die Dienste, die ich meinem Vaterlande erweise, nicht durch Eigennutz beflecken; und mein alter Scott Sein alter Gärtner. – Collingwoods Lieblingsbeschäftigung war der Gartenbau. Bald nach der Schlacht bei Trafalgar sprach ein anderer, ihm befreundeter Admiral bei ihm vor – entdeckte Seine Herrlichkeit aber erst nach Durchsuchung des ganzen Gartens in einem tiefen Graben, an dessen Aufwerfung Collingwood in Gesellschaft seines alten Scott emsig arbeitete. und ich – wir können unseren Kohl weiter bauen, ohne daß es viel mehr kostet als zuvor.« Bei einer anderen Gelegenheit äußerte er: »Ich lasse mich bei meiner Handlungsweise von Grundsätzen leiten, die ich nicht gegen hundert Pensionen eintauschen möchte.« Ohne Zweifel verdanken manche Menschen den Vorzug »der Gesellschaft anzugehören« – wie die landläufige Redensart lautet – dem Umstand, daß sie sich ein Vermögen erworben haben. Aber um in der Gesellschaft Ansehen zu gewinnen, müssen sie auch gute Manieren und Vorzüge des Geistes und Herzens besitzen – anderenfalls sind sie eben nur reiche Leute und nichts weiter. Wir treffen heutzutage in der Gesellschaft Männer an, welche reich sind wie Krösus und doch weder beachtet noch respektiert werden. Warum? – Weil sie eben nur Geldprotzen sind, deren einzige Bedeutung in ihrem Reichtum steckt! Die hervorragenden Männer der Gesellschaft – diejenigen, welche die Herzen der anderen leiten und beherrschen, dabei Erfolge erringen und nützlich wirken – brauchen nicht reich zu sein: sie müssen aber unbedingt einen festen Charakter, eine reife Erfahrung und einen hohen moralischen Wert besitzen. Auch ein armer Mann, dem nur wenig von den Gütern dieser Erde zufiel, kann – wenn er wie Thomas Wright einen gebildeten Geist besitzt, seine Gaben weise gebraucht und sein Leben nach bestem Wissen und Können nützlich anwendet – ohne das geringste Gefühl des Neides die Verkörperung des rein weltlichen Erfolgs betrachten – den Mann, der auf seinen Geldsäcken und Kornäckern thront! Elftes Kapitel. Die Selbsterziehung – günstige und ungünstige Lebensumstände. »Jeder Mensch empfängt eine doppelte Erziehung – eine, die ihm andere angedeihen lassen; und eine viel wichtigere, die er sich selber giebt.« – Gibbon. »Ist hier einer, den Schwierigkeiten entmutigen? der sich vor dem Sturme beugt? Der Mann wird wenig ausrichten! Ist hier aber jemand, der entschlossen ist, zu siegen? Solchen Leuten mißglückt nichts!« – John Hunter. »Die kluge Thatkraft übersteigt das Hemmnis Mit Wagemut; indes die blöde Thorheit Erschrickt und flieht vor Arbeit und Gefahr Und nichts vermag, weil's ihr unmöglich dünkt.« – Rowe. »Die beste Erziehung jedes Menschen,« sagt Sir Walter Scott, »ist die Selbsterziehung.« Der verstorbene Sir Benjamin Brodie erinnerte sich gern an dies Wort und pflegte sich der Thatsache zu rühmen, daß er in seinem Berufe ein Autodidakt war. Aber dasselbe ist notwendigerweise bei allen Männern der Fall, welche sich in der Litteratur, Wissenschaft oder Kunst ausgezeichnet haben. Die Erziehung, welche die Schule oder Universität verleiht, ist nur der Anfang und nur insofern wertvoll, als sie den Geist schult und ihn an beharrlichen Fleiß und emsiges Studium gewöhnt. Was andere in uns hineinlegen, gehört uns nicht so sehr als das, was wir uns durch eigene eifrige und ausdauernde Bemühung erringen. Das Wissen, welches wir uns durch unsere Arbeit erwerben, wird unser Besitz – unser ausschließliches Eigentum. Die Eindrücke, die man auf solche Art erhält, sind lebhafter und dauernder – und die so gewonnenen Kenntnisse prägen sich dem Geiste tiefer ein als mündliche Mitteilungen. Diese Art der Selbsterziehung lockt auch verborgene Kräfte hervor und stärkt dieselben. Die Lösung einer Aufgabe verhilft uns zur Bewältigung einer anderen; und so setzen sich die Erfahrungen in Fähigkeiten um. Unsere persönliche Anstrengung ist die Hauptsache: keine Hilfsmittel, keine Bücher, keine Lehrer und keine auswendig gelernten Lektionen können uns der eigenen Bemühung entheben. Die besten Lehrer haben allezeit am ersten die Wichtigkeit der Selbsterziehung und die Notwendigkeit anerkannt, den Lernenden dazu anzueifern, daß er sich das Wissen durch den fleißigen Gebrauch seiner Fähigkeiten selbstthätig aneigne. Sie haben sich mehr auf das »Einüben« als auf das »Vortragen« verlassen und sich immer bemüht, ihre Schüler dazu zu bringen, daß sie an ihrem Erziehungswerk mitarbeiteten – ein Verfahren, durch welches das Lernen etwas Höheres wird als die bloß passive Aufnahme der Splitter und Brocken der Wissenschaft. In diesem Geiste wirkte der große Dr. Arnold; er suchte seinen Schülern Selbstvertrauen einzuflößen und ihre Kraft dadurch zu entwickeln, daß er sie zu energischen Anstrengungen veranlaßte – während er selbst sie nur führte, leitete, anspornte und ermutigte. »Ich möchte.« sagte er einmal, »einen jungen Menschen weit lieber nach Bandiemensland schicken, wo er um sein Brod arbeiten müßte, als nach Oxford, wo die jungen Leute in Saus und Braus leben und nicht daran denken, sich der gebotenen Vorteile zu bedienen.« Bei einer anderen Gelegenheit äußerte er: »Wenn es auf Erden etwas giebt, was wir bewundern müssen, so ist es ein Mensch, dessen geringe natürliche Gaben von Gottes Weisheit gesegnet wurden, weil ihr Besitzer sie redlich, treu und fleißig ausbildete.« Mit Bezug auf einen ehemaligen Schüler von diesem Schlage sagte er: »Vor einem solchen Manne ziehe ich den Hut ab!« In Laleham hatte Arnold einst einen ziemlich schwach beanlagten Knaben zu unterrichten. Als er ihn einmal etwas hart anließ, blickte ihm der Schüler voll ins Gesicht und sagte: »Warum sind Sie so böse auf mich, Herr Arnold? Wirklich! ich gebe mir alle Mühe!« Noch nach Jahren pflegte Arnold seinen Kindern diese Geschichte zu erzählen und hinzuzufügen: »Ich war nie in meinem Leben so bewegt – jenen Blick und jene Worte habe ich nie vergessen.« Aus den zahlreichen, bereits angeführten Beispielen von Männern, die sich aus einer bescheidenen Stellung zu einer Hervorragenden Bedeutung in der Wissenschaft und Litteratur aufgeschwungen haben, geht hervor, daß sich die Arbeit sehr wohl mit der höchsten geistigen Bildung verträgt. Arbeit, die nicht im Übermaß betrieben wird, ist der menschlichen Konstitution ebenso gesund als angenehm. Sie erzieht den Körper wie das Studium den Geist bildet; und jener gesellschaftliche Zustand wäre der beste, in welchem ein jeder in seiner Mußezeit einige Arbeit, und bei seiner Arbeit einige Muße hätte. Auch die im Müßiggang lebenden Gesellschaftsklassen unterliegen bis zu einem gewissen Grade der Notwendigkeit der Arbeit: zuweilen suchen sie dadurch der Langenweile zu entfliehen; meistens aber folgen sie damit nur einem unwiderstehlichen Naturtriebe. Daher gehen einige in den englischen Grafschaften auf die Fuchsjagd; andere schießen Birkhühner im schottischen Hochland; noch andere begeben sich jeden Sommer auf die Wanderschaft, um die Gebirge der Schweiz zu ersteigen. Daher rührt auch der Ruder- und Rennsport, das Cricketspiel und die Turnübungen und Ringkämpfe unserer öffentlichen Schulen, durch welche unsere jungen Leute neben dem Geist auch den Körper in gesunder Weise ausbilden. Wie man sagt, machte der Herzog von Wellington, als er einst zu Eton die Belustigungen der Schüler auf dem Spielplätze beobachtete, auf welchem er selbst in seiner Jugend so manchen Tag zugebracht hatte, die folgende Bemerkung: »Hier wurde die Schlacht von Waterloo gewonnen!« Daniel Malthus ermahnte seinen Sohn, welcher auf der Universität war, nicht nur, sich eifrig dem Studium zu widmen, sondern auch solche Belustigungen zu suchen, die eine körperliche Bewegung im Freien bedingten, und die er als das beste Mittel betrachtete, die Arbeitskraft und Genußfähigkeit des Geistes frisch zu erhalten. »Jede Art der Erkenntnis.« sagte er, »jede nähere Bekanntschaft mit der Natur oder Kunst wird deinen Geist erfreuen und kräftigen; und es wäre mir lieb, wenn das Cricketspiel das Gleiche mit deinen Armen und Beinen thäte. Ich würde es gern sehen, wenn du dich in körperlichen Übungen auszeichnetest; denn ich bin überzeugt, daß die besten und bei weitem angenehmsten Freuden des Geistes nur so lange recht genossen werden, als man noch auf den Beinen ist.« Einen noch wichtigeren Nutzen der Arbeit führt der große Theologe Jeremias Taylor an. »Fliehe den Müßiggang,« sagt er, »und fülle deine Zeit mit einer ernstlichen und nutzbringenden Thätigkeit aus! denn die böse Lust beschleicht dich am ersten in jenen unausgefüllten Augenblicken, in denen der Geist unbeschäftigt ist und der Körper ruht. Kein empfänglicher, gesunder und dabei müßiger Mensch bleibt tugendhaft, wenn er in Versuchung kommt; aber von allen Mitteln erweist sich hiergegen am wirksamsten die körperliche Arbeit, welche am leichtesten den Teufel aus dem Felde schlägt.« Der praktische Erfolg im Leben hängt in höherem Maße von der physischen Gesundheit ab, als man im allgemeinen denkt, der Rittmeister Hodson schrieb eines Tages an einen Freund in der englischen Heimat: »Ich glaube, wenn ich hier in Indien gut vorwärts komme, so werde ich das – im wahren Sinne des Wortes – hauptsächlich meinem gesunden Magen verdanken.« Die Fähigkeit, in irgend einem Berufe ausdauernd zu arbeiten, hängt naturgemäß zum großen Teil von dem körperlichen Befinden ab; daher muß man eben auf die Gesundheit achten, durch welche die geistige Arbeit erst ermöglicht wird. Vielleicht ist auf den Mangel an körperlicher Bewegung jene unter hochgebildeten Männern häufig anzutreffende Neigung zur Unzufriedenheit, Trübseligkeit, Trägheit und Träumerei zurückzuführen, welche sich in einer Verachtung des wirklichen Lebens und in einem Abscheu vor Gebrauch und Herkommen offenbart – eine Neigung, als deren typischer Vertreter in England Lord Byron, in Deutschland aber die Romanfigur des Werther gilt. Dr. Channing nahm dieselbe Erscheinung auch in Amerika wahr, was ihn zu folgender Bemerkung veranlaßte: »Es wachsen gar zu viele unserer jungen Leute in der Schule des Weltschmerzes auf.« Das einzige Heilmittel für diese Bleichsucht jugendlicher Gemüter ist physische Bewegung – Thätigkeit. Arbeit, körperliche Beschäftigung! Welchen Nutzen eine frühe Übung in freiwilligen mechanischen Arbeiten gewährt, läßt sich an der Jugend des Sir Isaak Newton nachweisen. Wenn er ein verhältnismäßig schwacher Schüler war, so handhabte er desto kräftiger Säge, Hammer und Handbeil – unbekümmert um den Lärm, den er damit auf seiner Stube verursachte. Er fertigte Modelle von Windmühlen, Wagen und Maschinen aller Art an; und als er älter wurde, machte es ihm Spaß, für seine Bekannten kleine Tische und Büffets zu fabrizieren. Smeaton, Watt und Stephens wußten als Knaben schon ebenso geschickt mit den verschiedensten Werkzeugen umzugehen; und wenn sie diese Art der Selbsterziehung nicht von früher Jugend an geübt hätten, so würden sie in ihrem Mannesalter wohl kaum das geleistet haben, was sie thatsächlich vollbrachten. In ähnlicher Weise bildeten sich auch die großen Erfinder und Mechaniker heran, deren Leben wir auf den vorausgehenden Seiten beschrieben haben, und bei denen die Erfindungsgabe und die Intelligenz durch die früh erlangte Geschicklichkeit der Hände praktisch unterstützt wurde. Selbst solchen Leuten, die sich aus dem Arbeiterstande zu einer mehr den Geist in Anspruch nehmenden Beschäftigung emporschwingen, ist ihre frühere Erziehung in ihrem späteren Berufe von Nutzen. Elihu Burritt behauptete, er bedürfe schwerer Arbeit, um erfolgreich studieren zu können: und mehr als einmal gab er das Unterrichten und Studieren auf, band sich seinen Lederschurz vor und stellte sich wieder in seiner Schmiede hinter den Amboß, um sich die Gesundheit seines Körpers und Geistes zu erhalten. Wenn man die jungen Leute an die Handhabung mechanischer Werkzeuge gewöhnte, so würde man sie dadurch nicht nur mit Dingen aus dem gewöhnlichen Leben bekannt machen, sondern sie auch den Gebrauch ihrer Arme und Hände lehren, sie in gesunder Arbeit unterweisen, ihre Fähigkeiten auf greifbare und reale Gegenstände richten und ihnen einige praktische Kenntnisse in der Mechanik, sowie die Fähigkeit nützlichen Schaffens und die Gewohnheit ausdauernder physischer Anstrengung verleihen. Ein Vorzug, den die eigentlichen »arbeitenden Klassen« sicherlich den wohlhabenden Ständen gegenüber besitzen, besteht darin, daß sie sich von Jugend auf irgend einer mechanischen Beschäftigung unterziehen müssen, wodurch sie sich eine gewisse Geschicklichkeit der Hände und ein erhöhtes Maß Physischer Kraft aneignen. Der hauptsächlichste Nachteil, welcher mit dem Los der arbeitenden Klassen verknüpft ist besteht nicht darin, daß sie sich mit körperlicher Arbeit beschäftigen, sondern darin, daß sie sich ihr zu ausschließlich widmen müssen und darüber oft ihre moralische und geistige Bildung vernachlässigen. Die Jünglinge aus den bevorzugten Ständen werden in der Anschauung erzogen, daß die Arbeit gleichbedeutend mit Dienstbarkeit sei; sie fliehen sie demgemäß und bleiben in praktischer Beziehung vollkommen unwissend. Im Gegensatz dazu schließen sich die Leute der ärmeren Klassen allzu fest in den engen Kreis ihres Arbeiterberufs ein und wachsen in vielen Fällen auf, ohne lesen oder schreiben zu lernen. Es wäre aber doch wohl möglich, beide Mißstände dadurch zu vermeiden, daß man die körperliche Übung oder Arbeit mit der Pflege des Geistes vereinigte; und es machen sich bereits im Auslande verschiedene Anzeichen bemerkbar, welche eine allmähliche Einführung dieses gesunderen Erziehungssystems in Aussicht stellen. Selbst der professionelle Erfolg hängt in nicht geringem Grade von der physischen Gesundheit des Menschen ab: und ein Journalist hat sogar zu behaupten gewagt, daß »die Größe unserer großen Männer ebensosehr eine Sache des Körpers als des Geistes sei.« (In einem Artikel der »Times«). Gesunde Atmungsorgane sind für den Erfolg eines Rechtsanwalts oder Politikers nicht minder unentbehrlich als ein geschulter Verstand. Die gründliche Oxydierung des Blutes durch die ungehinderte Berührung mit einer möglichst großen Luftmasse in den Lungen ist zur Erhaltung jener ungeschwächten Lebenskraft erforderlich, von welcher die energische Thätigkeit des Gehirns zum großen Teil abhängt. Der Jurist erklimmt die Höhen seines Berufes in dicht geschlossenen und heißen Gerichtsräumen; und der eifrige Parlamentsredner hat die Anstrengung und Aufregung langer und hitziger Debatten vor einem überfüllten Haufe zu ertragen. Daher werden an einen viel beschäftigten Rechtsanwalt oder thätigen Parlamentarier hinsichtlich der physischen Ausdauer und Arbeitskraft noch höhere Anforderungen gestellt als hinsichtlich der geistigen Fähigkeiten – Anforderungen, wie sie Brougham, Lyndhurst, Campbell, Peel, Graham und Palmerston (lauter Männer mit starken Lungen) in so bemerkenswerter Weise erfüllten. Obgleich Sir Walter Scott auf der Edinburger Universität den Namen des »griechischen Dummkopfes« führte und außerdem einen lahmen Fuß hatte, so war er doch ein merkwürdig gesunder Jüngling. Im Lachsstechen nahm er es mit dem geschicktesten Fischer auf dem Tweed, im Bändigen eines wilden Pferdes mit jedem Jäger in Narrow auf. Als sich Sir Walter im späteren Leben literarischen Bestrebungen zuwandte, verlor er keineswegs seinen Geschmack an Vergnügungen in freier Luft; und wenn er vormittags an »Waverley« arbeitete, so hetzte er nachmittags Hasen. Der Professor Wilson war geradezu ein Athlet; er war im Schleudern des Wurfhammers genau so geschickt als in der Redekunst und Poesie. Auch Burns zeichnete sich als junger Mensch hauptsächlich durch seine Kunstfertigkeit im Laufen. Stoßen und Ringen aus. Einige unserer größten Theologen thaten sich in ihrer Jugend durch ihre physischen Kraftleistungen hervor. So war Isaac Narrow auf der Schule zu Chatterhouse als Faustkämpfer berühmt, in welcher Eigenschaft er sich oft genug eine blutige Nase holte: Andrew Fuller wurde als Ackerknecht in Soham hauptsächlich wegen seiner Geschicklichkeit im Boxen respektiert: und Adam Clarke befaß in seiner Knabenzeit anscheinend nur den Vorzug einer wunderbaren Körperkraft, durch die er große Steine weiterzurollen vermochte, und in welcher vielleicht schon die geheimnisvollen Ursachen jener anderen Kraft lagen, durch die er später in seinem Mannesalter gewaltige Gedanken in die Welt schleuderte. Wenn es aber in erster Linie erforderlich ist, daß man sich die feste Basis der physischen Gesundheit sichere, so muß man doch bemerken, daß der Studierende sich ebenso notwendig, an einen regen geistigen Fleiß gewöhnen muß. Das Wort, nach welchem »die Arbeit alles überwindet« gilt besonders für die Aneignung des Wissens. Der Weg zur Gelehrsamkeit steht allen frei, die sich der erforderlichen Mühe und Anstrengung unterziehen wollen: und es giebt keine Schwierigkeiten, die so groß waren, daß sie der Lernende nicht mit festem Willen überwinden könnte. Chatterton that den charakteristischen Ausspruch: »Gott habe seine Kreaturen mit Armen in die Welt gesetzt, die lang genug wären, um alles zu erreichen, wonach sie ausgestreckt würden.« In wissenschaftlichen wie in geschäftlichen Dingen ist die Energie die Hauptsache. Wir müssen die Arbeit als »dringend« betrachten und das Eisen nicht nur schmieden, so lange es heiß ist, sondern auch so lange, bis es heiß wird! Es ist erstaunlich, wie viel in der Selbsterziehung von jenen energischen und beharrlichen Menschen geleistet werden kann, die sorgfältig jede dargebotene Gelegenheit benutzen und jeden müßigen Augenblick, den der Träge vergeuden würde, in nützlicher Weise anwenden. So studierte Ferguson die Astronomie durch Betrachtung des Firmaments, wahrend er, in einen Schafpelz gehüllt, auf den Hügeln des Hochlandes lag – und Stone die Mathematik, während er als Gärtner im Tagelohn arbeitete. Drew beschäftigte sich beim Schuhflicken mit den höchsten philosophischen Problemen: und Miller stellte geologische Untersuchungen an, während er als Tagelöhner in einem Steinbruch angestellt war. Sir Joshua Reynolds glaubte – wie wir schon gesagt haben – so fest an die Macht des Fleißes, daß er behauptete, alle Menschen könnten Hervorragendes leisten, wenn sie nur fleißig und geduldig arbeiten wollten. Er meinte, der Weg des Genius sei reich an saurer Mühe, und es gebe für die Leistungsfähigkeit des Künstlers keine andere Grenze als seinen Fleiß, Er glaubte nicht an die sogenannte »Inspiration,« sondern traute allein dem Studium und der Arbeit. »Kein Mensch,« sagte er. »erlangt Bedeutung, wenn er nicht arbeitet.« »Habt ihr große Talente, so wird der Fleiß sie vervollkommnen; habt ihr mäßige Gaben, so wird er das Fehlende ersetzen. Nichts wird der zielbewußten Arbeit versagt: und nichts wird ohne sie erreicht.« Sir Fowell Buxton glaubte ebenso fest an die Macht des Studiums und war der bescheidenen Meinung, er könne ebensoviel leisten als andere Leute, wofern er nur das doppelte Maß der Zeit und Arbeit anwendete, das jene gebrauchten. Gewöhnliche Gaben, die sich mit ungewöhnlichem Fleiße verbanden, flößten ihm das meiste Vertrauen ein. »Ich habe,« sagt Dr. Roß, »in meinem Leben verschiedene Leute kennen gelernt, die in späteren Zeiten vielleicht für Genies gelten werden, und die sich doch alle in schwerer, zielbewußter Arbeit plagten. Der Genius wird an seinen Werken erkannt; ein Genius ohne Werke ist ein blinder Glaube, ein stummes Orakel, verdienstliche Werke aber sind das Resultat von Zeit und Arbeit und können nicht durch den bloßen Willen oder Wunsch vollbracht werden. – – – Jede große Leistung erfordert eine lange Vorbereitung. Die Geschicklichkeit kommt erst durch die Übung. Alles, was leicht erscheint – selbst das Gehen – ist im Anfang schwer gewesen. Der Redner, aus dessen Blicken das Feuer der augenblicklichen Begeisterung sprüht, und von dessen Lippen eine Flut edler Gedanken strömt, die uns durch ihre Neuheit überraschen und durch ihre Weisheit und Wahrheit erheben, hat das Geheimnis seiner Kunst nur durch geduldige Übung und nach vielen bitteren Enttäuschungen erlernt. »Die Selbstvervollkommnung – eine Ansprache an die Studenten« von George Roß, Doktor der Medizin, S. 1–20, aus dem »medizinischen Rundschreiben« (Medical Circular) abgedruckt. Diese Ansprache, der wir unser Kompliment machen, enthält viele ausgezeichnete Gedanken über die Selbsterziehung und ist in so verständigem Tone gehalten, daß sie in erweiterter Gestalt bekannt zu werden verdient. Gründlichkeit und Genauigkeit sind beim Studium zwei sehr wichtige Erfordernisse. Als Francis Horner sich einen Plan für seine geistige Ausbildung machte, legte er einen besonderen Wert darauf, daß er seinen Fleiß möglichst ausschließlich auf einen Gegenstand richtete, um desselben völlig Herr zu werden: demzufolge beschränkte er sich auf die Lektüre weniger Bücher und widerstand mit großer Festigkeit »jeder Versuchung, oberflächlich zu lesen.« Der Wert unseres Wissens besteht nicht in seiner Menge, sondern in dem guten Gebrauch, den wir davon machen. Daher ist ein kleineres Maß genauer und gründlicher Kenntnisse für das praktische Leben, wertvoller als eine größere Menge oberflächlichen Wissens. Ein Ausspruch Ignaz Loyolas lautete: »Wer ein Werk zu seiner Zeit gut vollbringt, leistet das Beste.« Wenn sich unsere Bestrebungen über ein zu großes Feld verbreiten, so wird dadurch unfehlbar unsere Kraft geschwächt und unser Vorwärtskommen gehindert – während wir selbst die Gewohnheit annehmen, unregelmäßig und ohne Energie zu arbeiten. Lord St. Leonards sprach einmal mit Sir Fowell Buxton über die Art, in welcher er studiert hatte, und enthüllte damit das Geheimnis seines Erfolges. »Als ich meine juristischen Studien begann.« sagte er, »beschloß ich, mir alles was ich lernte, völlig zu eigen zu machen, und nie zu etwas Neuem überzugehen, ehe ich das vorige vollkommen begriffen. Viele meiner Kommilitonen lernten in einem Tage so viel als ich in einer Woche: aber am Ende des Jahres saßen meine Kenntnisse noch so fest als zu der Stunde, da ich sie mir aneignete, während ihnen die ihrigen bereits aus dem Gedächtnis geschwunden waren.« Nicht der ist weise, welcher viel gelernt oder studiert hat, sondern der, welcher das gelernt hat, was für seine Zwecke paßt: und welcher gleichzeitig seinen Geist mit voller Energie auf den augenblicklichen Gegenstand der Betrachtung zu lenken vermag, weil das gesamte System seiner geistigen Kräfte in einer gewohnheitsmäßigen, strengen Disciplin steht. Abernethy meinte sogar, sein Geist besäße gleich der Luft einen Sättigungspunkt: und wenn er mit mehr Wissen beschwert würde, als er fassen könnte, so hätte dies nur zur Folge, daß bei Aufnahme der neuen Kenntnisse ein Teil der alten ausgestoßen würde. Hinsichtlich des Studiums der Medizin bemerkte er: »Wenn ein Mensch eine klare Vorstellung von dem hat, was er eigentlich will, so wird er meistens auch die geeigneten Mittel zur Erreichung seines Zweckes finden.« Das nützlichste Studium ist dasjenige, welches planmäßig und mit Verfolgung eines bestimmten Zieles betrieben wird. Je gründlicher wir uns irgend eine Art des Wissens aneignen, um so besser können wir uns seiner in jedem Augenblick bedienen. Es genügt daher nicht, daß wir Bücher besitzen, oder daß wir wissen, wo wir Auskunft über etwas finden können. Die praktische Weisheit, welche den Zwecken des Lebens dient, müssen wir mit uns herumtragen, damit sie uns zum augenblicklichen Gebrauch zur Hand sei. Es ist nicht genug, daß wir ein Kapital im Kasten verwahren, aber keinen Heller in der Tasche haben, wir müssen etwas von dem Bargelde des Wissens mit uns führen, um es gelegentlich in Umlauf setzen zu können; anderenfalls sind wir ziemlich hilflos, wenn eine derartige Forderung an uns herantritt. Entschlossenheit und Schnelligkeit sind bei der Selbsterziehung ebenso notwendig als in geschäftlichen Angelegenheiten. Die Entwicklung dieser Eigenschaften wird dadurch befördert, daß man junge Leute zum fleißigen Gebrauch der eigenen Kraft ermutigt und ihnen schon frühe so viel Aktionsfreiheit gewährt, als irgend angänglich ist. Zu viel Bevormundung und Zwang lassen die Gewohnheit der Selbsthilfe nicht erstarken; sie gleichen Schwimmblasen, die man einem Menschen unter die Arme bindet, der nicht schwimmen gelernt hat. Die Zaghaftigkeit ist vielleicht ein größeres Hindernis der Selbstvervollkommnung, als man im allgemeinen glaubt. Jemand hat gesagt, die Hälfte aller Mißerfolge im Leben, rühre daher, daß man sein Pferd zurückhalte, wenn es laufen wolle. Dr. Johnson pflegte seinen Erfolg seinem Selbstvertrauen zuzuschreiben. Die wahre Bescheidenheit verträgt sich sehr wohl mit dem Bewußtsein des eigenen Wertes und verlangt durchaus nicht das Bekenntnis absoluter Verdienstlosigkeit. Wenn es auch Leute giebt, die sich selbst betrügen, indem sie eine zu große Zahl vor ihre Nullen setzen, so ist doch andererseits der Mangel an Mut und Selbstvertrauen, mit welchem wiederum der Mangel an energischer Thätigkeit zusammenhängt, ein Charakterfehler, der die individuelle Entwicklung arg behindert; und der Grund dafür, daß so wenig geleistet wird, liegt meistens darin, daß man so wenig unternimmt. Im allgemeinen möchten die Menschen recht gern die Früchte der Selbsterziehung genießen; aber sie sind größtenteils durchaus abgeneigt, den unvermeidlichen Preis dafür zu zahlen, welcher in ernster Arbeit besteht. Dr. Johnson meinte, »der Widerwille gegen das Lernen sei eine Krankheit der derzeitigen Generation«; und diese Bemerkung läßt sich auch auf unsere Tage anwenden. Wir wollen nicht an die Wahrheit glauben, daß es nur einen »königlichen« Weg zur Weisheit giebt, sondern scheinen vielmehr sehr fest von der Existenz einer »volkstümlichen« Straße überzeugt zu sein, die uns zum gleichen Ziele führen könnte. Wir suchen uns das Lernen so viel als möglich zu erleichtern; wir schlagen, um uns Zeit und Mühe zu ersparen, wissenschaftliche Richtstege ein; wir lernen die französische und lateinische Sprache »in zwölf Lektionen« oder »ohne Lehrer.« Wir gleichen jener Modedame, die einen Lehrer nur unter der Bedingung engagierte, daß er sie nicht mit Verben und Participien plagte. Auf solche Weise eignen wir uns auch oberflächliche Kenntnisse in der Wissenschaft an; wir studieren Chemie, indem wir einen kleinen Cyklus von Vorlesungen anhören, die uns durch Experimente erläutert und interessant gemacht werden; und wenn wir Lachgas eingeatmet, oder gesehen haben, wie grünes Wasser in rotes verwandelt und Phosphor in Sauerstoff verbrannt wird, dann haben wir uns jenes Halbwissen angeeignet, das vielleicht besser ist als nichts, aber doch eigentlich zu nichts gut ist. So bilden wir uns zuweilen ein, belehrt zu sein, während man uns doch nur unterhalten hat. Wenn man jungen Leuten Gelegenheit giebt, sich Kenntnisse auf so leichte Art – ohne Studium und Arbeit – anzueignen, so verleiht man ihnen damit keine Bildung. Ihr Geist wird beschäftigt, aber nicht bereichert. Er wird für den Augenblick angespornt und gewinnt eine gewisse Schärfe und Gewandtheit; wenn er aber keinen festen Willen und kein höheres Ziel als das Vergnügen hat, so wird er keinen wirklichen Gewinn davontragen. In solchen Fällen kann das Wissen nur einen flüchtigen Eindruck machen, eine vorübergehende Empfindung erregen – nichts weiter. Es ist dies in der That der reinste Epikuräismus des Verstandes, der sicherlich mehr sinnlicher als geistiger Natur ist. So liegen vielfach die besten Kräfte des Geistes – alle diejenigen, welche durch eine energische Anstrengung und selbständige Thätigkeit wachgerufen werden – in tiefem Schlummer und treten wohl nie in Aktion – wofern nicht der Alarmruf eines plötzlich hereinbrechenden Unheils oder Leides erschallt, das in solchem Falle einen Segen bedeutet, wenn es dazu beiträgt, die Kraft der Energie zu wecken, die sonst vielleicht nie aus ihrem Schlafe aufgeschreckt würde. Wenn die jungen Leute daran gewöhnt werden, die Belehrung in der Gestalt des Vergnügens zu suchen, so werden sie natürlich nicht Lust haben, sich dieselbe durch Fleiß und Arbeit zu erwerben. Da sie sich ihre Kenntnisse und ihr Wissen »spielend« aneignen, so sind sie bald nur zu sehr geneigt, beides als eine Spielerei zu betrachten; und die hieraus resultierende Gewohnheit geistiger Zersplitterung muß im Laufe der Zeit auf ihren Geist und Charakter eine völlig entnervende Wirkung ausüben. »Ein Lesen ohne Auswahl,« sagt Robertson von Brighton, »schwächt – ähnlich wie das Rauchen – den Verstand und ist nur eine Entschuldigung des faulen Müßiggangs. Es stellt die schlimmste Art der Trägheit dar und erzeugt eine größere Unfähigkeit als irgend etwas anderes.« Das Übel hat die Tendenz, weiter um sich zu greifen, und macht sich in mannigfacher Weise bemerklich. Das geringste Unheil, das daraus entsteht, ist die Oberflächlichkeit; das größte aber die daraus entspringende Abneigung vor ernster Arbeit und die geistige Energielosigkeit, die damit zusammenhängt. Wenn wir uns wirkliches Wissen aneignen wollen, so müssen wir uns eifrig anstrengen und denselben beharrlichen Fleiß anwenden, den unsere Vorväter bewiesen; denn heute wie zu allen Zeiten ist die Arbeit der unvermeidliche Preis, der für alles wirklich Wertvolle gezahlt werden muß. Wir müssen uns damit begnügen, energisch unseren Zweck zu verfolgen – während wir in Geduld die Resultate erwarten. Gerade auf den edelsten Gebieten kommt man nur langsam vorwärts; aber wer treu und eifrig arbeitet, wird sicherlich der einst seinen Lohn finden. Ein Mensch, in dessen Leben sich der Geist des Fleißes bethätigt, wird allmählich dazu geführt werden, sich mit immer würdigeren und nutzbringenderen Gegenständen zu beschäftigen. Aber immer weiter noch müssen wir streben; denn das Werk der Selbsterziehung ist nie vollendet. »Das Glück liegt in der Arbeit,« sagt der Dichter Oray; und der Bischof Cumberland erklärt: »Es ist besser, aufgebraucht zu werden als zu verrosten.« »Können wir uns nicht in der Ewigkeit ausruhen?« fragt Arnauld; und Marnix de St. Aldegonde, der energische, allezeit thätige Freund Wilhelms des Schweigsamen, hatte den Wahlspruch: » Repos ailleurs .« Nur der gute Gebrauch, welchen wir von den uns verliehenen Kräften machen, giebt uns einen begründeten Anspruch auf Achtung. Wer ein einziges Talent hat und dasselbe auf rechte Art anwendet, verdient ebensoviel Ehre als ein anderer, der über zehn Talente verfügt. In dem Besitz hervorragender Geistesgaben liegt kein höheres Verdienst als in dem Antritt einer großen Erbschaft. Es kommt ganz darauf an, wie man jene Gaben gebraucht – wie man das ererbte Vermögen verwaltet. Der Geist kann große Schätze des Wissens ansammeln, Ohne sie in irgend einer Weise nutzbringend zu verwenden; auch hat die Gelehrsamkeit nur dann einen wirklichen Wert, wenn sie sich mit Herzensgüte, Weisheit und Lauterkeit des Charakters verbindet. Pestalozzi behauptete sogar, daß die ausschließliche Bildung des Geistes verderblich sei; daß alles Wissen in dem Boden eines veredelten Willens wurzeln und daraus Nahrung ziehen müsse. Der Besitz geistiger Bildung kann den Menschen vielleicht vor gemeinen Verbrechen bewahren; aber er ist keineswegs imstande, ihn vor der Selbstsucht und anderen Lastern zu schützen, wenn nicht daneben gesunde Grundsätze und gute Gewohnheiten vorhanden sind. Daher begegnen wir im täglichen Leben so vielen Menschen, die bei hoher geistiger Bildung einen erbärmlichen Charakter aufweisen – die alle Bücherweisheit in sich aufgenommen haben und doch so wenig Lebensweisheit besitzen, daß ihr Beispiel eher abschrecken als zur Nacheiferung reizen sollte. Man hört heutzutage so oft den Ausspruch: »Das Wissen ist eine Macht;« aber dasselbe könnte man ebenso gut vom Fanatismus, Despotismus und Ehrgeiz behaupten. Wenn das Wissen nicht unter der Leitung eines weisen Willens steht, so könnte es unter Umständen nur dazu dienen, schlechte Menschen noch gefährlicher zu machen und die Gesellschaft, in welcher es als das edelste Gut galt, in eine Art Hülle zu verwandeln. Es ist sogar möglich, daß wir heutzutage der litterarischen Bildung einen zu hohen Wert beimessen. Wir bilden uns leicht ein, große Fortschritte zu machen, weil wir viele Bibliotheken, Institute und Museen besitzen. Aber für die edelste Art individueller Selbsterziehung sind derartige Hilfsmittel ebenso oft ein Hindernis als ein Vorteil. Der Besitz oder die freie Benutzung einer Bibliothek schließt ebensowenig den Begriff der Gelehrsamkeit in sich, als in dem Besitz des Reichtums der Begriff der Großmut liegt. Wenn wir auch unzweifelhaft große Hilfsmittel besitzen, so gilt doch noch heute wie einstmals die Wahrheit, daß der Einzelne Weisheit und Erkenntnis nur auf dem alten Wege der Beobachtung, Aufmerksamkeit, Beharrlichkeit und emsigen Bemühung erlangen kann. Der Besitz des bloßen Materials der Wissenschaft bedeutet noch keineswegs Weisheit und Erkenntnis; diese werden durch eine höhere Disciplin als die des Lesens gewonnen – welches letztere doch oft nur die rein passive Aufnahme der Gedanken anderer Leute darstellt und geringe oder gar keine geistige Anstrengung erfordert. Vielfach ist unser Lesen nur eine Art geistigen Rausches, welcher uns für den Augenblick in eine angenehme Erregung versetzt, aber nicht im mindesten dazu beiträgt, unseren Geist zu bereichern oder unseren Charakter zu bilden. So wiegen sich viele in dem angenehmen Wahn, daß sie sich geistige Bildung aneignen – während sie in Wirklichkeit doch nur das minder edle Geschäft des Zeittötens betreiben, das im besten Fall nur insofern nützt, als es sie von schlimmeren Dingen abhält. Man darf auch nicht vergessen, daß alle Bücherweisheit, wie wertvoll sie auch sein mag, nur die Natur der Gelehrsamkeit an sich trägt; wogegen das Wissen, welches uns durch das praktische Leben verliehen wird, das Wesen der Weisheit besitzt; ein kleiner Vorrat der letzteren aber ist weit wertvoller als ein noch so großes Maß der ersteren. Lord Bolingbroke sagte sehr richtig: »Jedes Studium, das nicht direkt oder indirekt dazu beiträgt, uns zu besseren Männern oder Bürgern zu machen, ist im besten Falle nur eine verkappte, sinnreiche Art des Müßiggangs: wie auch das dadurch erworbene Wissen nichts weiter als eine anständige Form der Unwissenheit ist.« So nützlich Und lehrreich eine gute Lektüre auch sein mag, so stellt sie doch nur ein besonderes Mittel der geistigen Bildung dar und hat auf die Entwicklung des Charakters einen minder großen Einfluß als die praktische Erfahrung oder das gute Beispiel. Es gab weise, tapfere und ehrenwerte Männer in England, lange bevor die Kunst des Lesens unter dem Volke verbreitet war. Die Magna Charta wurde durch Männer erwirkt, die an Stelle ihres Namens ein Zeichen unter die Urkunde setzten. Aber wenn sie die Bestimmungen der neuen Verfassung auch nicht auf dem Papier zu lesen vermochten, so wußten sie doch die Sache an sich sehr wohl nach ihrem Wert zu schätzen und haben sie wacker verteidigt. So wurde das Fundament der englischen Freiheit von Männern geschaffen, die den edelsten Charakter besaßen, obwohl sie weder lesen noch schreiben konnten. Und wir müssen in der That zugeben, daß der Hauptzweck der Bildung nicht darin liegt, daß wir unseren Geist mit den Gedanken anderer Leute anfüllen und so die passiven Recipienten ihrer Beobachtungen weiden, sondern vielmehr darin, daß wir unsere eigenen Geisteskräfte ausbilden und uns auf solche Art fähig machen, immer nutzbringender und nachhaltiger in der Lebenssphäre zu wirken, in welche wir gestellt sind. Viele unserer Landsleute, die sich durch Energie und nützliche Leistungen hervorthaten, haben nur wenig gelesen. Mindley und Stephenson erlernten die Kunst des Lesens und Schreibens erst in ihrem Mannesalter; und doch haben sie Großes geleistet und sind tüchtige Männer gewesen; John Hunter konnte mit zwanzig Jahren nur sehr mangelhaft lesen und schreiben, nahm es aber im Verfertigen von Tischen und Stühlen mit jedem Tischler auf. »Ich lese nie,« sagte der große Physiologe, als er einst seinen Hörern eine Vorlesung hielt;, »dies hier« – damit deutete er auf irgend einen Teil des vor ihm liegenden Objekts – »das ist der Gegenstand, den Sie studieren müssen, wenn Sie sich in Ihrem Berufe auszeichnen wollen.« Als man ihm erzählte, einer seiner Zeitgenossen habe es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er die toten Sprachen nicht verstehe, entgegnete er: »Ich würde es übernehmen, ihm an dem toten Körper Dinge zu zeigen, die er in keiner toten oder lebenden Sprache würde bezeichnen können.« Es kommt also nicht auf die Menge, sondern auf den Zweck der Kenntnisse an. Alles Wissen sollte das Ziel haben, uns höhere Weisheit und Charakterfestigkeit zu verleihen – uns besser, glücklicher und nützlicher zu machen – d. h. wohlthätiger, energischer und leistungsfähiger in allen edleren Bestrebungen des Lebens. »Wenn die Menschen erst einmal in die Gewohnheit verfallen, das Talent an sich zu bewundern und zu ermutigen, ohne auf den moralischen Charakter – der in seiner konkreten Gestalt durch das religiöse und politische Glaubensbekenntnis dargestellt wird – einen Wert zu legen: so befinden sie sich bereits auf dem breiten Wege des Verderbens« (»Saturday Review«). Wir müssen selbst etwas sein und leisten und uns nicht damit zufrieden geben, darüber nachzulesen und nachzudenken, was andere Menschen gewesen sind oder geleistet haben. Es liegt uns ob, unsere beste Erkenntnis im Leben zu bethätigen, unsere besten Gedanken in Thaten umzusetzen. Wir sollten wenigstens wie Richter sagen können: »Ich habe aus mir gemacht, was aus diesem Stoff gemacht werden konnte: und mehr kann kein Mensch von mir verlangen;« denn es ist jedes Menschen Aufgabe, sich mit Gottes Hilfe so zu bilden und zu führen, wie es seinen Pflichten und den Fähigkeiten entspricht, die ihm verliehen worden sind. Selbsterziehung und Selbstbeherrschung sind der Anfang der Lebensweisheit und haben ihre gemeinsame Wurzel in der Selbstachtung. Hieraus aber entspringt die Hoffnung, welche die Gefährtin der Macht und die Mutter des Erfolgs ist: denn wer zuversichtlich hofft, ist mit Wunderkraft begabt. Auch der Bescheidenste darf sagen: »Mich selbst zu achten und meine Kräfte zu entwickeln – das ist die vornehmste Pflicht meines Lebens! Als integrierender und verantwortlicher Teil des großen gesellschaftlichen Systems bin ich es der Gesellschaft und ihrem Urheber schuldig, daß ich meinen Leib, meine Seele oder meine geistigen Instinkte weder erniedrige noch zerstöre. Ich habe im Gegenteil die Verpflichtung, alle Teile meiner Konstitution so viel als möglich zu vervollkommenen. Ich soll nicht nur meine bösen Triebe bekämpfen, sondern auch die in meiner Natur schlummernden guten Keime zum Leben erwecken. Und indem ich mich selbst achte, muß ich auch andere respektieren – wie sie ihrerseits verpflichtet sind, mich zu achten.« Das ist das Gebot der gegenseitigen Achtung, Gerechtigkeit und Ordnung, dessen schriftliche Beglaubigung und Bürgschaft die Gesetze sind. Die Selbstachtung ist das stolzeste Kleid, in welches der Mensch sich hüllen – das erhebendste Gefühl, das seine Seele durchdringen kann. Einer der weisesten Lehrsprüche aus den »goldenen Versen« des Pythagoras ist derjenige, welcher den Schüler ermahnt, »sich selbst zu ehren.« Von diesem erhabenen Grundsatz geleitet, wird er seinen Körper nicht durch Ausschweifungen, seine Seele nicht durch gemeine Gedanken beflecken. Diese Gesinnung, im täglichen Leben bethätigt, bildet die Wurzel aller Tugenden – der Reinheit. Mäßigkeit, Züchtigkeit, Sittlichkeit und Religion. »Die fromme und gerechte Selbstehrung,« sagte Milton, »darf als der Lebenssaft und Urquell gelten, aus welchem alle löblichen und würdigen Unternehmungen ihre Kraft ziehen.« Wer von sich selbst gering denkt, erniedrigt sich dadurch nicht nur in seiner eigenen Achtung, sondern sinkt auch in der Achtung der anderen. Und der Gesinnung werden die Thaten entsprechen. Der Mensch kann nicht zur Höhe streben, wenn er den Blick zur Erde richtet; will er emporsteigen, so muß er das Auge erheben. Auch der bescheidenste Mensch vermag durch diesen Gedanken Kraft zu gewinnen. Sogar die Armut wird durch die Selbstachtung geadelt und erleuchtet; und es ist wahrlich ein erhabener Anblick, den ein armer Mann gewährt, wenn er inmitten der Versuchungen standhaft bleibt und es verschmäht, sich durch gemeine Handlungen zu erniedrigen. Man muß sich aber hüten, den Wert der Selbstvervollkommnung dadurch herabzusetzen, daß man dieselbe zu ausschließlich als ein Mittel des weltlichen Erfolgs betrachtet. In diesem Lichte betrachtet, ist die Bildung ohne Frage eines der besten Anlageobjekte für Zeit und Arbeit. Auf jedem Gebiet des Lebens befähigt die Intelligenz den Menschen, sich schneller den Umständen anzupassen, bessere Arbeitsmethoden zu erfinden und sich in jeder Beziehung geeigneter, geschickter und leistungsfähiger zu zeigen. Sowohl der, welcher mit dem Kopfe, als auch ein anderer, der mit den Händen arbeitet wird seine Aufgabe mit klarerem Blick erfassen und die Empfindung einer wachsenden Kraft haben – die vielleicht das köstlichste Bewußtsein ausmacht, welches den menschlichen Geist erfüllen kann. Die Fähigkeit der Selbsthilfe wird allmählich zunehmen und im Verein mit der gesteigerten Selbstachtung den Menschen gegen Versuchungen niederer Art wappnen. Die Gesellschaft mit ihrem Treiben wird für ihn ein höheres Interesse gewinnen; seine Sympathien werden sich vertiefen und erweitern; und er wird so dazu geführt werden, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu arbeiten. Die Selbsterziehung wird aber nicht immer eine so hervorragende Bedeutung verleihen wie in den zahlreichen, bisher angeführten Fällen. Die große Mehrheit der Menschen – so gebildet sie auch sein mag – wird sich notgedrungen in den gewöhnlichen Zweigen der Industrie beschäftigen müssen; und kein noch so hoher Bildungsgrad, den man der Gesamtheit verleihen könnte, vermöchte sie – was übrigens auch durchaus nicht wünschenswert wäre – von dem notwendigen Tagewerk der menschlichen Gesellschaft zu befreien. Auch glauben wir, daß sich dasselbe recht wohl vollbringen läßt. Wir können den Wert der Arbeit dadurch erhöhen, daß wir sie mit edlen Gedanken verbinden, welche sowohl der niedrigsten als auch der höchsten Stellung zur Zierde gereichen. Wie arm oder bescheiden ein Mensch auch sein mag: so könnte ihn doch der größte Denker der Gegenwart oder irgend einer anderen Zeit in seiner Wohnung – und wäre es die armseligste Hütte – besuchen und ihm eine Zeitlang Gesellschaft leisten. So kann uns also die Gewohnheit, gute Bücher zu lesen, ein großes Vergnügen und eine erhöhte Bildung verschaffen, während sie gleichzeitig einen sanften, wohlthätigen Zwang auf die ganze Haltung unseres Charakters und Lebens ausübt. Und wenn die Bildung uns keine weltlichen Schätze verleiht, so bringt sie uns doch jedenfalls in die Gesellschaft erhabener Gedanken. Ein Edelmann fragte einst einen Weisen in verächtlichem Tone: »Was habt Ihr mit all Eurer Philosophie erreicht?« – »Zum wenigsten habe ich an mir selbst einen guten Gesellschafter gewonnen,« lautete die Antwort des weisen Mannes. Aber viele verzagen an dem Werk der Selbstvervollkommnung und verlieren gänzlich den Mut, weil sie in der Welt nicht so vorwärts kommen, wie sie es zu verdienen meinen. Wenn sie ihre Eichel in die Erde gesteckt haben, soll mit einem Schlage eine Eiche daraus werden. Sie betrachten das Wissen – so zu sagen – als einen Handelsartikel und fühlen sich nun enttäuscht, wenn sie sehen, daß es nicht so hoch im Preise steht, als sie dachten. Herr Tremenheere erzählt in einem seiner Schulberichte (von 1840-1841) die folgende Geschichte: Ein Schulmeister in Norfolk sah zu seinem Kummer die Zahl seiner Schüler rasch abnehmen. Als er die Eltern fragte, warum sie ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickten, antworteten ihm die meisten, sie hätten gedacht, »ihre Kinder würden durch den Unterricht besser daran sein als bisher:« aber da sie gesehen, »daß er ihnen doch nichts nütze,« so hätten sie die Kleinen aus der Schule genommen und wollten nun überhaupt nichts mehr von der Bildung wissen! Auch in anderen Klassen treffen wir dieselbe niedrige Auffassung der Bildung an: und die falschen Lebensanschauungen, welche in der Gesellschaft mehr oder weniger verbreitet sind, bestärken dieselben noch. Wer aber die Bildung nicht als eine Kraft betrachtet, die den Charakter stärkt und den Geist entwickelt, sondern darin nur ein Mittel sieht, durch das man anderen in der Welt den Rang abläuft oder sich geistig zerstreut oder unterhält – der stellt sie in der That auf ein sehr niedriges Niveau. »Das Wissen ist,« sagt Bacon, »nicht ein Kaufladen, sondern ein reiches Schatzhaus – zum Ruhme des Schöpfers und zur Aushilfe für die menschliche Kraft.« Es ist ohne Zweifel sehr löblich, wenn ein Mensch sich emporzuarbeiten und seine gesellschaftliche Stellung zu verbessern sucht; aber dies darf nicht auf Kosten seiner Persönlichkeit geschehen. Wer seinen Geist zum bloßen Sklaven des Körpers macht, erniedrigt ihn; und wenn wir mit einer Jammermiene umhergehen und unser trauriges Los beklagen, das uns nicht den weltlichen Erfolg gebracht, der schließlich mehr von den geschäftlichen Tugenden des Fleißes und der Aufmerksamkeit als von dem eigentlichen Wissen abhängt – so beweisen wir damit einen beschränkten Geist und ein mürrisches Gemüt. Solche Menschen können nicht besser zurechtgewiesen werden als durch die Worte Robert Southeys, der einem Freunde, welcher sich seinen Rat erbat, folgendes schrieb: »Ich möchte dir einen Rat geben, wenn es etwas nützen könnte; aber es giebt kein Heilmittel für Leute, die krank sein wollen. Ein guter und verständiger Mann kann zuweilen der Welt zürnen oder auch zu Zeiten um sie trauern; wer aber seine Pflicht in ihr erfüllt, kann sicherlich nicht ewig mit ihr unzufrieden sein. Wenn es einem Manne von guter Erziehung, der Gesundheit, Augen, Hände und Muße besitzt, an würdigen Zielen fehlt, so kann dies nur daher kommen, daß der allmächtige Gott alle diese Segnungen an einen Mann verschwendete, der ihrer nicht wert war.« Man setzt die Bildung aber auch herab, wenn man sie als ein bloßes Mittel der geistigen Zerstreuung und Unterhaltung betrachtet. Dieser Anschauung huldigen in unseren Tagen gar viele. Das Wohlgefallen an leichtfertiger und aufregender Lektüre ist fast zu einer Manie geworden, deren Einfluß sich in mannigfacher Weise in unserer modernen Litteratur bemerkbar macht. Um dem Geschmack des Publikums zu schmeicheln, müssen unsere Bücher und Zeitschriften scharf gepfeffert, amüsant und komisch sein; es dürfen darin weder vulgäre Redensarten, noch zahlreiche Beispiele von Verletzungen göttlicher und menschlicher Gesetze fehlen. Douglas Ferrold bemerkte einmal bezüglich dieser Tendenz: »Ich bin überzeugt – oder vielmehr ich hoffe – daß die Welt endlich dessen müde werden wird, daß man alle Dinge ins Lächerliche zieht. Schließlich hat das Leben doch etwas Ernsthaftes, und die Geschichte der Menschheit kann nicht ganz und gar eine Komödie sein. Aber manche Menschen, glaube ich, möchten sogar eine komische »Bergpredigt« schreiben. Man denke sich einmal eine komische »Geschichte Englands;« eine Posse, die Alfred den Großen, einen Schwank, der Sir Thomas More zum Helden hätte; oder ein Lustspiel, das die Geschichte seiner Tochter behandelte, die sich das Haupt des Toten ausbat und bestimmte, daß es auf ihre Brust gelegt würde, wenn sie selbst im Sarge ruhte! Wahrhaftig – die Welt wird dieser Blasphemien müde werden!« – John Sterling äußerte sich in ähnlichem Sinne. »Die Zeitschriften und Romane dieser Generation,« sagte er, »sind für uns alle – und ganz besonders für diejenigen, deren Charakter noch in der Bildung begriffen ist – ein neuer und sehr wirksamer Ersatz für die Plagen Ägyptens – ein Ungeziefer, das uns das gesunde Wasser verdirbt und uns in unseren Wohnräumen belästigt.« Als eine Erfrischung nach der Arbeit und eine Erholung nach ernsteren Beschäftigungen ist die Lektüre einer gut geschriebenen Erzählung, die von einem begabten Autor herrührt, ein hohes geistiges Vergnügen, das für alle Arten von Lesern – alte wie junge – einen großen Reiz hat; auch würden wir niemand, der sich dabei in vernünftigen Grenzen hält, in diesem Genuß beschränken wollen. Bildet aber – wie bei manchen Leuten, welche die Schmöker aus den Bücherfächern der Leihbibliotheken förmlich verschlingen – die Romanlitteratur die einzige geistige Kost, und werden die Mußestunden fast ausschließlich mit dem Studium jener trügerischen Bilder des menschlichen Lebens angefüllt, welche sich in so vielen Romanen vorfinden, so ist dies viel schlimmer als Zeitverschwendung – es ist geradezu verderblich! Der gewohnheitsmäßige Romanleser giebt sich so oft künstlich erzeugten Empfindungen hin, daß darüber sein gesundes und natürliches Gefühl leicht verdorben oder abgestumpft wird. »Ich mag durchaus kein Trauerspiel sehen.« sagte einmal ein lustiger Herr zu dem Erzbischof von York, »es würde mir das Herz zerreißen.« – Das Mitleid, welches durch die poetische Fiktion hervorgerufen wird, setzt sich nicht in Thaten um; die Gefühle, die dabei erregt werden, legen uns weder Unbequemlichkeiten noch Opfer auf; und so kommt es, daß ein Herz, welches allzuoft durch die Phantasie gerührt worden ist, unempfindlich gegen die Wirklichkeit wird. Indem sich so allmählich der Stahl des Charakters abnutzt, verliert dieser selbst seine Elastizität. »Daß ein Mensch sich in seinem Geiste schöne Bilder der Tugend ausmale,« sagt der Bischof Butler, »ist weder nötig noch trägt es dazu bei, in ihm die Gewohnheit der Tugend auszubilden: es kann vielmehr ganz im Gegenteil darauf hinwirken, sein Gemüt zu verhärten und es allmählich immer unempfänglicher zu machen.« Wenn das Vergnügen auf das richtige Maß beschränkt wird, so ist es gesund und empfehlenswert: im Übermaß genossen, verdirbt es aber die menschliche Natur und ist etwas, wovor wir uns sorgfältig hüten müssen. Man führt oft den alten Reimspruch an: »Lauter Arbeit ohne Spiel Macht' den Hans so dumm und still;« aber Spiel ohne Arbeit würde auf ihn sicher einen noch viel schädlicheren Einfluß ausgeübt haben. Nichts ist für einen Jüngling verderblicher, als wenn seine Seele mit Vergnügungen übersättigt wird. Die besten geistigen Kräfte werden dadurch geschwächt; einfache Freuden verlieren den Reiz; der Geschmack an edleren Vergnügungen geht verloren; und den Arbeiten und Pflichten des Lebens gegenüber empfindet der Blasierte gewöhnlich nur Abneigung und Ekel. Die »flottlebenden« jungen Leute erschöpfen nicht nur ihre Lebenskraft, sondern verschließen sich auch die Quellen des wahren Glückes. Da sie ihrer Jugend vorausgeeilt sind, kann von einer gesunden Charakter- oder Geistesentwicklung bei ihnen nicht die Rede sein. Ein Kind ohne Einfalt, ein Mädchen ohne Unschuld, ein Knabe ohne Wahrhaftigkeit – sie alle gewähren keinen traurigeren Anblick als der Mann, der seine Jugend in leichtfertigen Genüssen verschwendet und vergeudet hat. Mirabeau sagte von sich selbst: »Meine Jugendjahre haben schon viel von dem Vermögen meines Mannesalters aufgebraucht und einen großen Teil meiner Lebenskraft verzehrt.« Wie sich das Unrecht, das wir heute einem anderen zufügen, gegen uns selber kehrt, so steigen die Sünden unserer Jugend in unserem Alter vor uns auf, um uns zu peinigen. Wenn Lord Bacon sagt, daß »die natürliche Kraft der Jugend manche Excesse überstehe, die das Konto des Mannes bis ins Alter belasten,« so spricht er damit eine physische und moralische Wahrheit aus, die wir in unserer Lebensführung nicht genug beherzigen können. »Ich versichere dir,« schrieb der Italiener Giusti an einen Freund, »daß ich für mein Dasein einen schweren Preis zahle. Unser Leben steht uns wahrlich nicht frei zur Verfügung. Die Natur stellt sich im Anfang so, als ob sie es uns schenke; aber nachher schickt sie uns ihre Rechnung zu.« Die schlimmste Folge der jugendlichen Thorheit ist nicht, daß sie die Gesundheit zerstört, sondern vielmehr, daß sie auch das Mannesalter befleckt. Der ausschweifende Jüngling wird ein lasterhafter Mann, der kaum tugendhaft leben könnte, wenn er es auch wollte. Die einzige Möglichkeit der Rettung liegt für solche Menschen darin, daß in ihrem Geist ein lebhaftes Pflichtgefühl erweckt wird, und daß sie sich ernstlich mit nützlicher Arbeit beschäftigen. Hinsichtlich der geistigen Begabung war Benjamin Constant sicherlich einer der bedeutendsten Franzosen; aber da er schon mit zwanzig Jahren blasiert war, so stellte sein Leben nicht eine Ernte der großen Thaten dar, die er mit einem gewöhnlichen Maße von Fleiß und Selbstbeherrschung hätte vollbringen können, sondern ein langes Trauerspiel. Er plante so viele Dinge, die nie zur Ausführung kamen, daß man ihn bald »Constant l' Inconstant« nannte. Er hatte einen fließenden, brillanten Stil: und er hegte den ehrgeizigen Wunsch, Bücher zu schreiben, »welche von der Welt nicht sobald vergessen werden sollten.« Aber während Constant in den erhabensten Gedanken zu schwelgen schien, befleißigte er sich leider eines höchst verächtlichen Wandels; und der transcendentale Idealismus seiner Bücher konnte unmöglich eine Entschuldigung für die Gemeinheit seines Lebens sein. Er besuchte Spielhöllen, während er sein Werk über die Religion schrieb; und er hatte einen unehrenhaften Liebeshandel, während er an seinem »Adolphe« arbeitete. Trotz all seiner geistigen Kräfte war er kraftlos, weil er nicht an die Tugend glaubte. »Pah!« sagte er, »was ist Ehre oder Würde! Je länger ich lebe, desto klarer wird es mir, daß nichts daran ist!« – Das war der Verzweiflungsschrei eines Elenden. Er nannte sich selbst »Asche und Staub.« »Ich gleite über die Erde wie ein Schatten« sagte er, »und Elend und Langeweile sind meine Begleiter.« Er wünschte sich Voltaires Energie, die ihm noch lieber gewesen wäre als sein Genius. Aber er hatte keine Willenskraft, sondern nur Wünsche: sein Leben, frühzeitig erschöpft, war nur noch ein Trümmerhaufen. Er sprach von sich selbst als von einem Menschen, der mit einem Fuße in der Luft schwebte. Er gestand, daß er keine Grundsätze und keinen moralischen Halt habe. Daher hat er trotz seiner glänzenden Talente doch schließlich nichts geleistet: und nachdem er viele Jahre ein erbärmliches Leben geführt, starb er in Verzweiflung und Jammer. Die Laufbahn Augustin Thierrys, des Verfassers der »Geschichte der normannischen Eroberung,« bildet einen merkwürdigen Gegensatz zu derjenigen Constants. Sein ganzes Leben war ein überraschendes Beispiel von Beharrlichkeit, Fleiß, Selbsterziehung und unermüdlicher Hingabe an die Wissenschaft. In diesen Bestrebungen ging ihm sein Augenlicht und seine Gesundheit – aber nie seine Liebe zur Wahrheit verloren. Selbst als er so schwach war, daß er sich – wie ein hilfloses Kind auf dem Arm der Wärterin – aus einem Zimmer ins andere tragen lassen mußte, selbst da verlor er nicht seinen tapferen Mut: und blind und kraftlos, wie er war, beschloß er seine literarische Laufbahn mit diesen erhabenen Worten: »Wenn das Interesse der Wissenschaft – wie ich es hoffe – zu den großen nationalen Interessen gehört, so habe ich meinem Vaterlande ebensoviel gegeben als der Soldat, welcher verstümmelt auf dem Schlachtfelde liegt. Was auch das Schicksal meiner Werke sei, dies Beispiel, denke ich, wird nicht verloren gehen. Ich wünschte wohl, daß es zur Bekämpfung der eigentümlichen moralischen Schwäche – der Krankheit unserer heutigen Generation – beitrüge, und daß es einige jener entnervten Naturen, denen es an Glauben und Arbeit fehlt, und die nirgend einen Gegenstand der Verehrung oder Bewunderung entdecken können, auf den rechten Weg zurückführte! Wie darf man mit solcher Bitterkeit sagen, daß es in unserer Welt – so wie sie nun einmal ist – nicht Luft für alle Lungen, nicht Beschäftigung für alle Geister gehe?! Können wir denn in ihr nicht Ruhe und ernstes Studium finden? und ist dieser Zufluchtsort, diese Hoffnung, dies Arbeitsfeld nicht jedem erreichbar? Hierdurch können wir die bösen Tage ertragen, ohne ihren Druck allzusehr zu empfinden. Jeder kann sich sein Geschick selbst schmieden – jeder sein Leben edel anwenden. Das habe ich gethan; und das würde ich wieder thun, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte. Blind und – ohne Hoffnung auf Genesung – fast ununterbrochen leidend, darf ich dies Zeugnis ablegen, ohne fürchten zu müssen, daß es verdächtig erscheine. Es giebt etwas in der Welt, das besser ist als der Sinnengenuß, besser als das Glück – ja, selbst besser als die Gesundheit: es ist dies die Hingabe an die Wissenschaft!« Coleridge hatte in vielen Beziehungen Ähnlichkeit mit Constant. Er besaß bei ebenso glänzenden Fähigkeiten einen fast ebenso unbeständigen Sinn. Unter seinen großen geistigen Gaben fehlte die des Fleißes; und methodische Arbeit war ihm zuwider. Ihm mangelte es auch an Stolz und Selbständigkeit; denn er hielt es für keine Schande, daß sein Weib und seine Kinder von der Geistesarbeit des edlen Southey lebten, während er selbst sich nach Highgate-Grove zurückzog, um dort seinen Schülern Vorlesungen über Transcendentalphilosophie zu halten und verächtlich auf die ehrliche Arbeit herabzusehen, die drunten in dem Lärm und Rauch von London vollbracht wurde. Obwohl er sich recht gut seinen Unterhalt hätte verdienen können, so kam es ihm doch nicht schimpflich vor, die Wohlthaten seiner Freunde anzunehmen; und trotz seiner erhabenen philosophischen Ideen unterzog er sich Demütigungen, vor denen mancher Tagelöhner zurückgeschreckt wäre. Wie anders war dagegen Southey! Er arbeitete – außer an Werken eigener Wahl – nicht nur oft an langweiligen und reizlosen Aufträgen, sondern beschäftigte sich auch fortgesetzt und höchst eifrig mit gelehrten Forschungen – aus reiner Liebe zur Wissenschaft. Jedem Tag, jeder Stunde war eine bestimmte Arbeit zugeteilt, bald drängten ihn seine Verleger zur Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen; bald mußten, die laufenden Ausgaben des großen Haushaltes in verständiger Weise geregelt werden. Für Southey gab es keine Ernte, wenn seine Feder ruhte. »Meine Wege,« pflegte er zu sagen, »sind so breit wie eine königliche Chaussee; aber meine Mittel liegen in einem Tintenfaß.« Als Robert Nicoll »Coleridges Erinnerungen« gelesen, schrieb er an einen Freund: »Welche reichen Geistesgaben wurden von diesem Manne aus Mangel an ein wenig Energie und Entschlossenheit vergeudet!« Nicoll selbst war ein redlicher und tapferer Mann. Er starb jung – aber erst, nachdem er in seinem Leben vielen Schwierigkeiten begegnet war und dieselben überwunden hatte. Als er seine Laufbahn als Besitzer eines kleinen Buchladens begann, drückte ihn eine Schuld von nur zwanzig Pfund so sehr, daß er sagte, »sie hinge ihm wie ein Mühlstein am Halse, und er würde – wenn er sie erst einmal abgezahlt hätte – sich von keinem Sterblichen mehr etwas borgen.« In einem Briefe, den er um jene Zeit an seine Mutter schrieb, äußerte er: »Fürchte nichts für mich, teure Mutter! ich fühle, daß ich täglich kräftiger und hoffnungsfreudiger werde. Je mehr ich denke und überlege – denn das Denken, nicht das Lesen ist letzt meine Beschäftigung – um so mehr fühle ich, daß ich, wenn nicht reicher, so doch immer weiser werde – und das ist viel wertvoller. Dem Schmerz, der Armut und all den anderen wilden Bestien, die unser Leben bedrohen und meine Mitmenschen so in Schrecken setzen, glaube ich furchtlos ins Auge schauen zu können, ohne meine Selbstachtung, den Glauben an die hohe Bestimmung des Menschen oder mein Gottvertrauen zu verlieren. Es giebt einen geistigen Standpunkt, den man nur nach schweren inneren Kämpfen erreicht, von dem aus man aber auch – wie ein Wanderer von einem hohen Berge – auf die unten tobenden Stürme hinunterblickt, während man selbst im Sonnenschein wandelt. Ich will nicht sagen, daß ich diesen Standpunkt schon erreicht habe; aber ich fühle, daß ich ihm täglich näher komme.« Nicht das Behagen, sondern die Anstrengung – nicht die günstigen, sondern die schwierigen Lebensumstände bilden den menschlichen Charakter. Es giebt wohl keine Lebensstellung, in welcher wir irgend eine Art von Erfolg erringen könnten, ohne daß sich uns Schwierigkeiten entgegenstellten, die besiegt werden müßten. Die letzteren sind aber unsere besten Lehrer, wie wir unseren Fehlern oft unsere besten Erfahrungen verdanken. Charles James Fox pflegte zu sagen, daß er mehr Vertrauen zu einem Manne habe, der trotz seiner Mißerfolge seinen Weg mutig fortsetze, als zu der glänzenden Laufbahn eines Glückspilzes. »Es klingt ja recht schön,« meinte er, »wenn man mir erzählt, daß ein junger Mann sich durch eine glänzende erste Rede ausgezeichnet habe. Er kann dann weiterstreben oder sich auch an seinem ersten Triumph genügen lassen. Aber wenn man mir einen jungen Mann zeigt, der – obwohl ihm der erste Versuch mißlang – dennoch mutig seinen Weg fortsetzt: so will ich dafür bürgen, daß jener junge Mensch mehr leisten wird als der größte Teil derer, welche bei der ersten Probe Glück hatten.« Wir lernen die Weisheit eher durch Mißerfolge als durch Erfolge. Wir finden oft das rechte Mittel erst dadurch, daß wir zuvor ein falsches gebraucht; und wahrscheinlich hat noch nie jemand eine Entdeckung gemacht, der nicht zuvor einen Irrtum begangen. Der vergebliche Versuch, eine Saugpumpe in Thätigkeit zu setzen, deren Kolben mehr als dreiunddreißig Fuß über der zu hebenden Wasserfläche stand, veranlaße denkende Männer, die Gesetze des Luftdruckes zu studieren, und eröffnete dem Genius eines Galilei, Torrecelli und Boyle ein neues Forschungsgebiet. John Hunter pflegte zu sagen, daß die Chirurgie keine Fortschritte machen würde, so lange die Wundärzte nicht den Mut hätten, neben ihren Erfolgen auch ihre Mißerfolge bekannt zu machen. Der Ingenieur Watt äußerte, dem Ingenieurwesen thäte vor allem eine Geschichte der Irrtümer not: »wir brauchen,« sagt er, »ein Verzeichnis unserer Fehler.« Als Sir Humphry Davy einmal einem geschickt ausgeführten Experiment beiwohnte, bemerkte er: »Ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht ein gewandter Experimentator bin; denn meine wichtigsten Entdeckungen verdanke ich meinen Irrtümern.« Ein anderer berühmter Forscher auf dem Gebiet der Physik erzählte, er sei allemal, wenn er bei seinen Untersuchungen einem anscheinend unüberwindlichen Hindernis begegnete, einer Entdeckung auf der Spur gewesen. Die größten Dinge – große Gedanken, Entdeckungen oder Erfindungen – wurden unter Schwierigkeiten geplant, in Kummer überdacht und schließlich mit Mühe ausgeführt. Beethoven sagte von Rossini, er hätte einen guten Musiker abgeben können, wenn er nur als Junge tüchtig geprügelt worden wäre; nun aber habe ihn die Leichtigkeit, mit welcher er komponierte, verdorben. Wer Kraft in sich fühlt, braucht einen Zusammenstoß mit feindlichen Meinungen nicht zu fürchten; viel eher hätte er Grund, sich vor ungerechtfertigten Lobsprüchen und einer allzu freundlichen Kritik in acht zu nehmen. Als Mendelssohn in den Birminghamer Konzertsaal trat, in welchem sein »Elias« zum erstenmal aufgeführt wurde, sagte er lachend zu einem seiner Freunde und Kritiker: »Nun lassen Sie mich Ihre Krallen fühlen! Sagen Sie mir nicht, was Ihnen an meinem Werk gefällt, sondern was Ihnen daran mißfällt!« Man hat sehr richtig bemerkt, daß die Niederlage die Tüchtigkeit des Feldherrn besser erprobe als der Sieg. Washington verlor mehr Schlachten als er gewann; aber schließlich hatte er doch Erfolg. Die Römer begannen ihre ruhmreichsten Feldzüge fast immer mit Niederlagen. Moreau pflegte von seinen Freunden mit einer Trommel verglichen zu werden, von der man nur etwas hörte, wenn sie geschlagen würde. Wellingtons militärisches Genie bildete sich im Kampfe mit anscheinend unüberwindlichen Schwierigkeiten aus, die aber nur dazu dienten, seinen Willen zu stählen und ihm Gelegenheit zu geben, seine hohen Gaben als Mensch und Feldherr um so glänzender zu beweisen. Ebenso sammelt der tüchtige Seemann seine besten Erfahrungen aus Stürmen und Orkanen, durch die er Selbstvertrauen, Mut und hohe Disciplin gewinnt; und unsere britischen Seeleute verdanken ihre unübertreffliche Erziehung wahrscheinlich in erster Linie schweren Seegängen und stürmischen Winternächten. Die Not ist vielleicht eine harte Lehrmeisterin; trotzdem ist sie immerhin die beste, die man finden kann. Die Feuerprobe des Mißgeschicks muß uns naturgemäß erschrecken; aber dennoch müssen wir sie im gegebenen Fall tapfer und mannhaft bestehen. Burns sagt sehr richtig: »Siehst Scheiden und Leiden Du an als bittre Pein: Belehren, belehren Thun sie dich nur allein!« – »Süß ist die Frucht der Leiden;« denn sie offenbaren unsere Kraft und erwecken unsere Energie. Wenn der Charakter einen wirklichen Wert hat, so wird er denselben im Unglück zeigen – wie würzige Kräuter den kräftigsten Wohlgeruch ausströmen, wenn sie gerieben werden. »Die Leiden,« sagt ein altes Sprichwort, »sind die Leiter, auf der man zum Himmel emporsteigt.« »Was hat denn die Armut so Schlimmes an sich, daß man darüber murren müßte?« fragt Richter. »Sie gleicht nur dem Schmerz, den ein Mädchenohr empfindet, wenn man es durchbohrt, um es mit köstlichem Geschmeide zu schmücken.« Die Erfahrung hat gelehrt, daß die segensreiche Schule des Unglücks starke Naturen im allgemeinen befähigt, ihren Charakter zu behaupten. Schon manche, die Entbehrungen tapfer ertrugen und Hindernisse mutig bekämpften, sind später außer stande gewesen, den gefährlicheren Einflüssen des Glückes zu widerstehen. Nur den Schwachen beraubt der Wind des Mantels; ein Mann, von mittelmäßigen Kräften ist viel eher in Gefahr, ihn zu verlieren, wenn ihn die Strahlen einer allzu freundlichen Sonne bescheinen. Daher bedarf es – um rechtschaffen zu bleiben – im Glück oft einer besseren Selbstzucht und eines stärkeren Charakters als im Unglück. Einige großmütige Naturen werden durch die guten Tage noch menschenfreundlicher und wärmer; aber auf viele hat der Reichtum durchaus nicht diesen Einfluß. Er verhärtet die schlechten Herzen nur noch mehr und macht die, welche vorher gemein und knechtisch gesinnt waren, gemein und übermütig. Aber während das Glück zum Stolz verführt, verleiht das Unglück den entschlossenen Herzen eine hohe Kraft. »Die Mühsal,« sagt Burke. »ist eine strenge Zuchtmeisterin, die uns von einem väterlichen Beschützer und Erzieher verordnet ist, der uns besser kennt und auch mehr liebt, als wir selbst dies thun. Wer mit uns kämpft, stärkt unsere Nerven und erhöht unsere Geschicklichkeit; unser Feind ist daher unser Gehilfe.« Ohne den notwendigen Kampf mit Schwierigkeiten wäre das Leben leichter; aber die Menschen würden weniger wert sein. Denn weise bestandene Prüfungen erziehen den Charakter und lehren uns die Kunst der Selbsthilfe – sodaß die Trübsal oft unsere beste Lehrerin ist, wenn wir es auch nicht einsehen. Als der wackere junge Hodson ungerechterweise seines indischen Kommandos entsetzt und durch unverdiente Vorwürfe und Verleumdungen schwer bedrängt wurde, hatte er doch den Mut, zu einem Freunde zu sagen: »Ich will dem Schlimmsten – wie dem Feinde auf dem Schlachtfelde – kühn ins Antlitz schauen und die mir zugewiesene Arbeit entschlossen und nach besten Kräften ausführen; denn ich bin überzeugt, daß alles seinen Zweck hat; und daß selbst unangenehme, aber gewissenhaft erfüllte Pflichten ihren Lohn mit sich bringen – oder anderenfalls doch eben »Pflichten« sind und daher erfüllt werden müssen.« In den Kämpfen des Lebens handelt es sich meistens um die Erstürmung einer Höhe; wenn man dieselbe ohne Kampf erreichte, so würde keine Ehre damit verbunden sein. Ohne Hindernisse ist kein Erfolg, ohne Bemühung kein Resultat möglich. Schwierigkeiten mögen den Schwachen erschrecken; aber dem Entschlossenen und Tapferen dienen sie nur als nützlicher Sporn. Alle Erfahrungen lehren, daß die auf dem Wege des menschlichen Fortschritts aufgetürmten Hindernisse größtenteils durch standhaftes Streben und ehrlichen Eifer – durch Thätigkeit, Beharrlichkeit und vor allem durch jene Entschlossenheit überwunden werden können, die sich weder durch Schwierigkeiten noch durch Mißgeschick einschüchtern läßt. Die Schule der Not ist die beste Schule moralischer Zucht – sowohl für Völker als auch für Individuen; und eine Geschichte dieser Schule würde zugleich eine Geschichte alles Großen und Edlen sein, das je von Menschen vollbracht wurde. Es läßt sich schwer nachweisen, wieviel die nördlichen Völker den Einflüssen eines verhältnismäßig rauhen und wechselnden Klimas, sowie denen eines ursprünglich unfruchtbaren Bodens verdanken; beide bilden einen Faktor ihrer Existenz, der sie zu einem beständigen Kampfe mit Schwierigkeiten zwingt, von denen die Bewohner sonnigerer Himmelsstriche nichts wissen. So mag es denn auch kommen, daß, wenn auch unsere schönsten Produkte exotisch sind, doch der Fleiß und die Geschicklichkeit, die zu ihrer Gewinnung notwendig waren, von Männern ausgeübt wurden, die in unserer Heimat aufwuchsen und hinter den Bewohnern keines Landes der Erde zurückstehen. Die Schwierigkeiten, welche dem einzelnen Menschen entgegentreten, dienen zu seiner Vervollkommnung. Der Kampf mit ihnen stählt seine Kraft, vermehrt seine Geschicklichkeit und stärkt ihn zu künftiger Anstrengung – wie ein Rennpferd, das daran gewöhnt wird, bergauf zu laufen, schließlich seine Aufgabe mit Leichtigkeit erfüllt. Der Weg zum Erfolg mag steil sein und die Energie dessen, der den Gipfel erreichen möchte, auf eine harte Probe stellen. Aber die Erfahrung lehrt den Menschen bald erkennen, daß sich alle Hindernisse mit der erforderlichen Anstrengung überwinden lassen – daß sich die Brennessel weich wie Seide anfühlt, wenn man sie herzhaft anfaßt – und daß das beste Mittel zur Erreichung des gewünschten Zwecks die moralische Überzeugung ist, daß man ihn erreichen kann und wird. So verschwinden die Schwierigkeiten von selbst, wenn man den festen Willen hat, sie zu überwinden. Wir vermögen viel zu vollbringen, wenn wir es nur versuchen; aber wenige machen den Versuch, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. »Wenn ich nur dies oder das thun könnte!« seufzt der verzagte Jüngling. Aber mit Wünschen allein richtet man nichts aus! Der Wunsch muß zum festen Vorsatz und zur Bemühung werden; und ein einziger energischer Versuch ist mehr wert als tausend Wünsche. Diese dornigen »Wenns« – welche das Murren der Ohnmacht und Verzagtheit bedeuten – umhegen gar oft gestrüppartig das Feld der Möglichkeit und verhindern, daß irgend etwas gethan oder auch nur versucht wird. »Schwierigkeiten,« sagt Lord Lyndhurst, »lassen sich überwinden; man kämpfe nur mit ihnen! Gewandtheit wird durch Übung – Kraft und Festigkeit durch wiederholte Anstrengung gewonnen. So können Geist und Charakter zu einer fast vollkommenen Selbstzucht erzogen, und befähigt werden, mit einer Anmut, Lebhaftigkeit und Freiheit zu wirken, die denjenigen fast unbegreiflich ist, welche nicht ähnliche Erfahrungen durchgemacht haben.« Alles Lernen beruht auf einer Bewältigung von Schwierigkeiten; und das Überwinden einer derselben verhilft immer zum Besiegen einer anderen. Viele Dinge, die bei oberflächlicher Betrachtung wenig Wert für die Erziehung zu haben scheinen – wie z. B. das Studium der toten Sprachen oder jene Lehre von den Verhältnissen der Linien und Flächen, die wir als Mathematik bezeichnen – sind in Wahrheit von dem größten Nutzen: weniger wegen der Kenntnisse, welche sie verleihen, als wegen der geistigen Entwicklung, welche sie bewirken. Die Beschäftigung mit diesen Studien ruft ungewöhnliche Anstrengungen hervor und läßt die Kraft des Fleißes sich in einer Weise bethätigen, wie sie sonst wohl nie zum Vorschein gekommen wäre. So führt eins zum anderen; und die Arbeit dauert das ganze Leben hindurch, weil der Kampf mit den Schwierigkeiten erst aufhört, wenn es mit dem Leben und der Weiterbildung zu Ende ist. Die Hingabe an das Gefühl der Mutlosigkeit hat aber noch keinem über ein Hindernis hinweggeholfen und wird das auch nie thun. Sehr verständig war der Rat, welchen D'Alembert einem Studenten erteilte, der sich bei ihm darüber beklagte, daß er die Anfangsgründe der Mathematik nicht zu fassen vermöge; der betreffende Rat lautete: »Fahren Sie nur fort, mein Lieber! dann werden Sie schon Zuversicht und Kraft gewinnen.« Die Tänzerin, die eine Pirouette schlägt, der Geigenspieler, bei eine Sonate vorträgt – beide haben ihre Geschicklichkeit nur durch geduldige Übung und nach vielen Mißerfolgen errungen. Als jemand Carissimi wegen der Leichtigkeit und Anmut seiner Melodien lobte, rief er: »Ach! Sie haben keine Ahnung, mit wie viel Mühe diese Leichtigkeit erworben wurde.« Sir Joshua Reynolds gab auf die Frage, wieviel Zeit er wohl zur Fertigstellung eines gewissen Gemäldes gebraucht habe, zur Antwort: »Mein ganzes Leben.« Henry Clay, der amerikanische Redner, beschrieb zur Belehrung einiger junger Leute das Geheimnis seines rhetorischen Erfolges in folgender Weise: »Was ich im Leben erreicht habe,« sagt er, »verdanke ich hauptsächlich dem einen Umstände, daß ich im Alter von siebenundzwanzig Jahren die dann jahrelang fortgesetzte Gewohnheit annahm, täglich einen Abschnitt aus einem historischen oder wissenschaftlichen Werke zu lesen und darüber einen Vortrag zu halten. Diese Übungen im freien Sprechen fanden zuweilen auf einem Spaziergange durch die Felder oder Wälder, zuweilen aber auch in einem entlegenen Stallgebäude statt, wo Pferde und Rinder meine Zuhörer waren. Dieser frühen Übung der Kunst aller Künste verdanke ich die ersten und stärksten Impulse, die mich auf meiner Bahn weitergeführt und auf mein späteres Schicksal bestimmend eingewirkt haben.« Der irische Redner Curran hatte als Knabe eine so mangelhafte Aussprache, daß man ihn in der Schule den »stotternden Jack Curran« nannte. Während er die Rechte studierte und immer noch mit seinem Sprachfehler zu kämpfen hatte, wurde er einmal von einem Mitgliede des von ihm besuchten Debattierklubs als »Redner Stumm« verspottet und dadurch zu einer ungeahnten Beredsamkeit entflammt. Gerade so, wie es einst Cowper bei einer ähnlichen Gelegenheit ergangen war, vermochte Curran, als er aufstand, kein Wort hervorzubringen; der Spott aber wirkte auf ihn wie ein Sporn; und er antwortete mit einer glänzenden Rede. Nachdem er so zufällig die Gabe der Beredsamkeit in sich entdeckt, wandte er sich seinen Studien mit verdoppelter Energie zu. Er verbesserte seine Artikulation dadurch, daß er laut, emphatisch und deutlich mehrere Stunden hindurch hervorragend schöne Stellen aus den besten Büchern las, – wobei er seine Gesichtszüge in einem Spiegel betrachtete und sich diejenigen Handbewegungen anzugewöhnen suchte, welche am besten zu seiner etwas linkischen und schwerfälligen Gestalt paßten. Er erfand auch zu seiner Übung Rechtsfälle, in denen er die Sache seines fingierten Klienten mit einem so großen Eifer verfocht, als ob er vor einer Jury spräche. Wenn Lord Eldon es als die erste Bedingung künftigen Ruhmes bezeichnete, daß man »nicht einen Schilling wert sei«: so besaß Curran zu Anfang seiner Laufbahn diese Qualifikation vollkommen. Während er sich eifrig in seinem juristischen Berufe weiter bildete und noch immer mit jener Schüchternheit rang, die ihn damals in seinem Debattierklub überkam, wurde er bei einer Gelegenheit durch den Richter (Robinson) zu einer ungemein scharfen Erwiderung veranlaßt. Im Laufe der betreffenden Verhandlung bemerkte Curran, »er sei dem von Seiner Herrlichkeit angeführten Gesetze in keinem der in seiner Bibliothek befindlichen Bücher begegnet.« »Das ist wohl möglich, mein Herr,« sagte der Richter in verächtlichem Tone; »ich vermute aber, daß Ihre Bibliothek sehr klein ist.« Seine Herrlichkeit war als ein politischer Fanatiker und als Verfasser mehrerer anonymer Flugschritten bekannt, die sich durch eine ungewöhnliche Heftigkeit und Pedanterie auszeichneten, Curran, den die Anspielung auf seine beschränkten Mittel reizte, erwiderte folgendermaßen: »Es ist wahr, mein Lord, daß ich arm bin, und daß dieser Umstand eine größere Ausdehnung meiner Bibliothek verhindert hat; meine Bücher sind nicht zahlreich, aber vortrefflich und von mir – wie ich hoffe – mit Verständnis gelesen worden. Ich habe mich auf meinen hohen Beruf lieber durch das Studium weniger guter, als durch die Abfassung vieler schlechter Bücher vorbereitet. Ich schäme mich meiner Armut nicht; aber ich würde mich eines Reichtums schämen, den ich mir durch Gemeinheit und Bestechlichkeit erworben hätte. Wenn ich mir nicht eine vornehme Stellung erringe, so werde ich doch wenigstens ehrlich bleiben. Wäre das letztere nicht der Fall und stiege ich durch schlechte Mittel zu Rang und Würde empor: so würde ich, wie ich es aus so manchem Beispiel ersehen, dadurch zwar eine größere Bedeutung gewinnen, aber auch um so allgemeiner und gründlicher verachtet werden.« Die äußerste Armut ist kein Hindernis für die gewesen, welche sich der Selbstvervollkommnung befleißigten. Der als Sprachforscher bekannte Professor Alexander Murray lernte schreiben, indem er seine Buchstaben mit einem verkohlten Heidekrautstengel auf eine alte Wollkratze malte. Das einzige Buch, welches sein Vater – ein armer Schäfer – besaß, war eine Penny-Ausgabe des »Kleinen Katechismus:« aber dies Büchlein galt für zu kostbar, um zum allgemeinen Gebrauch zu dienen: es wurde sorgfältig in einem Tassenspind für die sonntäglichen Katechisationen aufbewahrt. Da der Professor Moor als junger Mann zu arm war, um sich Newtons »Principia« zu kaufen, so borgte er sich das Werk und schrieb es von Anfang bis zu Ende eigenhändig ab. Viele arme Studenten, die sich ihren täglichen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen mußten, waren nur imstande, gelegentlich hier und da ein Körnlein des Wissens aufzulesen – wie sich die Vögel mühselig ihr Futter zur Winterszeit suchen, wenn die Felder mit Schnee bedeckt sind. Aber sie strebten vorwärts – mit wachsender Zuversicht und Hoffnung. William Chambers, ein wohlbekannter Autor und Verleger aus Edinburg, beschrieb einst in jener Stadt vor einer Versammlung von jungen Leuten zu deren Aufmunterung den bescheidenen Anfang seiner Laufbahn kurz in folgender Weise: »Ich stehe vor Ihnen als ein Autodidakt,« sagte er. »Meine Bildung war derart, wie man sie auf einer einfachen schottischen Dorfschule empfängt; und erst seitdem ich als armer Junge nach Edinburg gekommen, widmete ich – nach der Arbeit des Tages – meine Abende der Pflege jener geistigen Kräfte, die der Allmächtige mir verliehen. Von sieben oder acht Uhr morgens bis neun oder zehn Uhr abends war ich als Buchhändlerlehrling beschäftigt; und nur die Nachtstunden, welche ich dem Schlafe entzog, konnte ich dem Studium widmen. Ich las keine Romane, sondern wandte meine Aufmerksamkeit der Physik und anderen nützlichen Wissenschaften zu. Ich erlernte auch die französische Sprache. Wenn ich auf jene Zeit zurückblicke, so thue ich dies mit großem Vergnügen und empfinde fast ein Gefühl des Bedauerns darüber, daß ich sie nicht noch einmal durchleben kann; denn ich genoß – während ich nicht einen Sixpence in der Tasche hatte und in einer Bodenkammer zu Edinburg meinen Studien oblag – mehr Freuden, als ich jetzt empfinde, wenn ich in einem eleganten und behaglichen Wohnzimmer sitze.« Was uns William Cobbett über die Art berichtet, wie er die englische Grammatik erlernte, ist interessant und belehrend für alle, die sich unter Schwierigkeiten zu bilden suchen. »Ich studierte die Grammatik,« sagt er, »während ich als gemeiner Soldat diente und als täglichen Sold einen Sixpence erhielt. Der Rand meiner Koje oder meines Feldbettes war mein Studiersessel; mein Tornister diente mir zum Bücherschrank; und ein Brett, welches auf meinen Knien ruhte, war mein Schreibtisch; trotzdem nahm das Studium noch nicht ein Jahr meines Lebens in Anspruch. Ich besaß kein Geld, um mir Kerzen oder Brennöl zu kaufen; und an den Winterabenden hatte ich selten ein anderes Licht als das des Feuers – und auch das nur gelegentlich. Wenn ich nun unter solchen Umständen – ohne einen Verwandten oder Freund, der mich hätte beraten oder ermutigen können – mein Unternehmen ausführte: darf sich dann wohl ein anderer Jüngling mit seiner Armut, seiner allzugroßen Arbeitslast oder seinem Mangel an Raum und anderen Bequemlichkeiten entschuldigen? Das Geld, welches ich zum Anlauf einer Feder oder eines Bogens Papier brauchte, mußte ich mir von meiner Nahrung absparen, obwohl ich halb verhungert war. Ich war keinen Augenblick ungestört; ich las und schrieb unter dem Geschwätz, Gelächter, Gesang, Gejohle und Gezänk von mindestens zehn höchst leichtfertiger Menschen, die gerade um jene Stunde unter keinerlei Kontrolle standen. Man schätze den Heller, den ich dann und wann für Tinte, Feder oder Papier ausgeben mußte, nicht gering! Ach, er war für mich eine bedeutende Summe! Ich war damals so groß wie heute; ich war kräftig und hatte viel Bewegung. Das Geld, was für uns nicht zum Ankauf der Lebensmittel verausgabt wurde, betrug wöchentlich zwei Pence pro Mann. Ich erinnere mich – ach, nur zu wohl! – daß ich einmal an einem Freitag nach Bestreitung aller notwendigen Ausgaben einen halben Penny erübrigt hatte, für den ich mir am nächsten Morgen einen geräucherten Hering kaufen wollte. Als ich mich aber abends entkleidete, während ich einen fast unerträglichen Hunger empfand, bemerkte ich, daß ich meinen halben Penny verloren hatte! Ich vergrub meinen Kopf in die elende Bettdecke und weinte wie ein Kind! Und wiederum sage ich: wenn ich unter diesen Umständen mein Unternehmen fortsetzen und durchführen konnte – sollte dann irgend ein Jüngling in der Welt sich mit der Ausrede entschuldigen dürfen, daß er solches nicht vermöchte?« Man hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß ein in London lebender Franzose, der aus politischen Gründen die Heimat meiden mußte, ebenso merkwürdige Beweise von Beharrlichkeit und Fleiß gegeben hat. Sein eigentlicher Beruf war der eines Maurers, und als solcher war er auch eine Zeitlang beschäftigt: als aber die Arbeit knapp wurde, verlor er seine Stelle, und das Gespenst der Armut grinste ihn an. In dieser Not wandte er sich an einen gleichfalls im Exil lebenden Landsmann, der als Lehrer der französischen Sprache ein gutes Einkommen hatte, und fragte ihn, was er wohl thun könnte, um sich seinen Unterhalt zu verdienen. Die Antwort lautete: »Werden Sie Lehrer wie ich!« – »Lehrer?« rief der Maurer erstaunt; »ich, ein Handwerker, der doch nur ein schlechtes Französisch spricht! Sicherlich soll das nur ein Scherz sein!« – »Im Gegenteil,« antwortete der andere; »ich meine es ganz im Ernst und rate Ihnen nochmals: werden Sie Lehrer! Vertrauen Sie sich meiner Leitung an; ich will Ihnen schon beibringen, wie man andere unterrichtet!« – »Nein, nein!« versetzte der Maurer; »das ist unmöglich; ich bin zum Lernen zu alt; ich bin auch nicht gebildet genug; ich kann auf keinen Fall Lehrer werden.« – Damit ging er weg und suchte wieder Beschäftigung in seinem Handwerk. Von London ging er in die Provinzen und legte mehrere hundert englische Meilen zurück, ohne daß es ihm gelang, eine Anstellung zu finden. Nach der Hauptstadt zurückgekehrt, suchte er wieder seinen früheren Ratgeber auf und sagte: »Ich habe mich überall nach Arbeit umgethan und keine gefunden; so will ich denn nun versuchen, Lehrer zu werden!« – Er stellte sich sogleich unter die Leitung seines Mentors; und da er einen großen Fleiß, eine rasche Fassungsgabe und einen scharfen Verstand besaß, so erlernte er nicht nur bald die Anfangsgründe der Grammatik, sondern auch die Regeln des Satzbaues und Stils, sowie (was ihm besonders not that) die korrekte Aussprache des klassischen Französisch. Als er nach der Meinung seines Freundes und Lehrers genügend vorbereitet war, um selbst Unterricht erteilen zu können, bemühte er sich um eine ausgebotene Stelle und erhielt dieselbe auch: und so wurde aus unserem Handwerker wirklich und wahrhaftig ein Lehrer! Es traf sich so, daß das Seminar, an welchem er angestellt wurde, in einer Vorstadt von London lag, in welcher er früher als Maurer gearbeitet hatte; und das erste, was er jeden Morgen erblickte, wenn er durch das Fenster seines Ankleidezimmer schaute, war eine Reihe von Hausschornsteinen, die er selbst gebaut hatte! Er fürchtete eine Zeitlang, er könnte im Dorfe als der ehemalige Arbeiter erkannt werden und dadurch das in sehr gutem Rufe stehende Seminar in Mißkredit bringen. Doch diese Furcht war unbegründet; denn er erwies sich als ein sehr tüchtiger Lehrer, dessen Schüler bei mehr als einer Gelegenheit öffentlich wegen ihrer guten Kenntnisse in der französischen Sprache belobt wurden. Unterdessen erwarb er sich die Achtung und Freundschaft aller, die ihn kennen lernten – seiner Kollegen wie seiner Schüler; und als dieselben die Geschichte seiner Vergangenheit – seiner Kämpfe und Bedrängnisse – erfuhren, bewunderten sie ihn mehr als je. Ebenso unermüdlich arbeitete Sir Samuel Romilly an seiner Selbstvervollkommnung. Als Sohn eines von einem französischen Refugié abstammenden Goldschmieds empfing er in seiner Jugend nur eine geringe Bildung; aber er wußte diesem Mangel durch Fleiß und zielbewußte Arbeit abzuhelfen. »In meinem sechzehnten Jahre,« sagt er in seiner Selbstbiographie, »faßte ich den Entschluß, mich ernstlich dem Studium der lateinischen Sprache zu widmen, von welcher ich zu jener Zeit nicht viel mehr als einige der bekanntesten grammatikalischen Regeln wußte. Im Laufe der drei oder vier Jahre, die ich darauf verwendete, las ich fast alle Prosaschriftsteller aus dem Zeitalter des klassischen Lateins – mit Ausnahme derer, welche sich speciell mit einer Fachwissenschaft beschäftigen, wie Varro, Columella und Celsus. Livius, Sallustius und Tacitus habe ich dreimal von Anfang bis zu Ende durchgelesen. Ich habe die berühmtesten Reden Ciceros studiert und einen großen Teil des Homer übersetzt. Terentius, Virgil, Horaz, Ovid und Juvenal habe ich wieder und immer wieder gelesen.« Er beschäftigte sich auch mit Geographie, Naturgeschichte und Naturphilosophie und erwarb sich eine bedeutende allgemeine Bildung. Mit sechzehn Jahren wurde er als Aktuar an dem Kanzleigericht (Court of Chancery) angestellt, wo er schwer arbeiten mußte; später wurde er in den Advokatenstand aufgenommen und gewann schließlich durch Fleiß und Beharrlichkeit eine hervorragende Bedeutung. Unter dem Ministerium Fox wurde er im Jahre 1806 Generalprokurator und erlangte eine immer größere Berühmtheit in seinem Berufe. Trotzdem plagte ihn beständig eine peinliche und fast niederdrückende Furcht vor der eigenen Unzulänglichkeit, die ihn antrieb, unaufhörlich an seiner Weiterbildung zu arbeiten. Seine Selbstbiographie ist reich an belehrenden Thatsachen, die so viel als ganze Bände von Lebensregeln wert sind und mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdienen. Sir Walter Scott liebte es, die Laufbahn seines jungen Freundes John Leyden als eins der merkwürdigsten, ihm bekannten Beispiele von der Macht der Beharrlichkeit anzuführen. Als Sohn eines Schäfers aus einem der wildesten Thäler in Roxburghshire hatte dieser Freund sich seine Kenntnisse fast ausschließlich durch Selbstunterricht erworben. Wie so manche Söhne schottischer Schäfer – z. B. wie Hogg, der dadurch schreiben lernte, daß er, während er seine Schafe auf dem Bergabhange hütete, die Buchstaben aus einem gedruckten Buche nachmalte – oder wie Cairns, der sich von dem Amte eines Schäfers auf den Lammermoor-Hills durch Fleiß und Tüchtigkeit zu der Professur aufschwang, die er nun so ehrenvoll verwaltet – oder auch wie Murray, Ferguson und viele andere – war Leyden schon früh von einem lebhaften Wissensdurst erfüllt. Als armer, barfüßiger Junge wanderte er täglich sechs bis acht Meilen durch das Moor, um in der kleinen Dorfschule zu Kirkton lesen zu lernen: und dies war der einzige Unterricht, den er empfing – alles übrige eignete er sich selbst an. Er machte es möglich, die Edinburger Universität besuchen zu können, und bot dort dem äußersten Mangel Trotz. Er wurde zuerst als Besucher eines kleinen Buchladens bemerkt, dessen Inhaber der später als Verleger so bekannt gewordene Archibald Constable war. Er hockte bei demselben oft stundenlang auf einer an dem Büchergestell lehnenden Leiter, mit irgend einem großen Folianten in der Hand, über dessen Inhalt er die kärgliche Mahlzeit von Brot und Wasser vergaß, die ihn daheim in seiner elenden Wohnung erwartete. Er hatte keinen höheren Wunsch als den, zu Büchern und Vorlesungen zu gelangen. So arbeitete und kämpfte er vor den Thoren der Wissenschaft, bis seine unbezwingliche Energie alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Ehe er sein neunzehntes Jahr erreicht hatte, setzte er alle Professoren der Edinburger Universität durch seine gründliche Kenntnis der griechischen und lateinischen Sprache, sowie durch seine ungewöhnlich hohe allgemeine Bildung in Erstaunen. Da er eine Vorliebe für Indien hatte, bemühte er sich, dort eine Anstellung als Civilbeamter zu erhalten, was ihm jedoch nicht gelang. Indessen teilte man ihm mit, daß die Stelle eines Assistenzarztes frei wäre und ihm eventuell verliehen werden könnte. Er war nicht Arzt und verstand von dem medizinischen Beruf nicht mehr als ein Kind; aber er konnte ja lernen, was er nicht wußte. Man machte ihn darauf aufmerksam, daß er in sechs Monaten zur Abfahrt bereit sein müsse. Unerschrocken ging er ans Werk und eignete sich in der genannten kurzen Zeit die Kenntnisse an, zu deren Erlangung sonst gewöhnlich drei Jahre gebraucht wurden. Nach Ablauf der sechs Monate bestand er mit Glanz sein Examen. Scott und noch ein paar Freunde sorgten für seine Ausrüstung; und er segelte nach Indien ab, nachdem er das schöne Gedicht »die Bilder der Kindheit« veröffentlicht. In Indien versprach er einer der bedeutendsten Orientforscher zu werden; aber unglücklicherweise wurde er von einem ansteckenden Fieber ergriffen und starb in jungen Jahren. Das Leben des verstorbenen Dr. Lee, des Professors der hebräischen Sprache an der Universität Cambridge, ist eins der merkwürdigsten Beispiele der Neuzeit, für den Erfahrungssatz, daß der geduldige Fleiß und der feste Wille imstande sind, dem Menschen zu einer ehrenvollen literarischen Laufbahn zu verhelfen. Er empfing seinen Unterricht in einer Armenschule zu Lognor bei Shrewsbury, wo er sich so wenig hervorthat, daß sein Lehrer ihn als einen der ärgsten Dummköpfe bezeichnete, die ihm je durch die Hände gegangen. Danach kam er zu einem Zimmermann in die Lehre und beschäftigte sich mit dem erlernten Handwerk, bis er sein Mannesalter erreichte. Seine Mußestunden füllte er mit Lesen aus; und da in einigen seiner Bücher lateinische Citate vorkamen, so erwachte in ihm der Wunsch, die Bedeutung derselben zu verstehen. Er kaufte sich demgemäß eine lateinische Grammatik und machte sich daran, die Sprache der Römer zu erlernen – in unbewußter Übereinstimmung mit Stone, dem Gärtner des Herzogs von Argyle, der lange zuvor die Äußerung gethan: »Wird man nicht durch die bloße Kenntnis der vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets befähigt, alles zu lernen, was man sonst noch wissen möchte?« Indem Lee früh aufstand und spät zu Bett ging, gelang es ihm, die lateinische Sprache zu erlernen, ehe noch seine Lehrzeit abgelaufen war. Als er eines Tages in einem Betsaal arbeitete, fiel ihm eine griechische Ausgabe des Neuen Testaments in die Hände, die in ihm sofort den Wunsch wachrief, auch die Sprache der Athener zu verstehen. Er verkaufte daher einige seiner lateinischen Bücher und erwarb dafür ein grammatikalisches Lehrbuch sowie ein Lexikon der griechischen Sprache, welche letztere er bald bewältigte, da das Lernen ihm eine Lust war. Dann tauschte er durch Kauf und Verkauf seine griechischen Bücher wieder gegen einige hebräische ein und erlernte auch die Sprache der Juden ohne den Beistand eines Lehrers – ohne Hoffnung auf Ruhm oder Lohn, einzig dem Triebe seines Genius folgend. Danach wandte er sich dem Studium des chaldäischen, syrischen und samaritanischen Dialektes zu; aber die damit verbundene Anstrengung schadete seiner Gesundheit, und die nächtliche Beschäftigung mit den Büchern rief bei ihm ein Augenleiden hervor. Nachdem er eine Zeitlang pausiert und seine Gesundheit gekräftigt, machte er sich von neuem an die Arbeit. Da er für einen vorzüglichen Handwerker galt, so blühte sein Geschäft empor, und er durfte daran denken, sich zu verheiraten – was er mit achtundzwanzig Jahren that. In der Absicht, jetzt nur noch an den Unterhalt seiner Familie zu denken und auf den Luxus der Litteratur zu verzichten, verkaufte er seine sämtlichen Bücher. Er wäre nun vielleicht sein ganzes Leben lang ein Zimmermann geblieben, wenn ihm nicht ein Schadenfeuer seine Werkzeuge, von denen seine Existenz abhing, zerstört und ihn selbst in bittere Not gebracht hätte. Er war zu arm, um sich neue Werkzeuge zu kaufen; so beschloß er denn, Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen, zu welchem Beruf möglichst wenig Kapital gehört. Aber obwohl er mehrere Sprachen verstand, waren seine sonstigen Kenntnisse so mangelhaft, daß es anfangs mit dem Unterrichten nicht recht gehen wollte. In seiner zielbewußten Entschlossenheit machte er sich sogleich mit Eifer daran, die Rechen- und Schreibekunst so gründlich zu erlernen, daß er kleine Kinder in diesen Wissenszweigen zu unterweisen vermochte. Sein einfacher, gerader und edler Charakter erwarb ihm bald Freunde: und die Talente des »gelehrten Zimmermanns« machten in weiteren Kreisen von sich reden. Dr. Scott, ein benachbarter Geistlicher, verschaffte ihm die Stelle eines Lehrers an einer Armenschule in Shrewsbury und machte ihn mit einem hervorragenden Orientalisten bekannt. Diese beiden Freunde versahen ihn auch mit Büchern: und Lee erlernte nacheinander die arabische, persische und hindostanische Sprache. Er setzte seine Studien fort, während er als gemeiner Soldat in der Miliz der Grafschaft diente, und erwarb sich dadurch mit der Zeit immer umfassendere Sprachkenntnisse. Endlich ermöglichte ihm sein gütiger Gönner, der Dr. Scott, den Eintritt ins Königinnen-Kollegium zu Cambridge. Nachdem er dort eine Zeitlang studiert und sich dabei hervorragende mathematische Kenntnisse erworben, wurde die Professur der arabischen und hebräischen Sprache vakant: und er ward verdientermaßen für diese ehrenvolle Stellung ausersehen. Während er gewissenhaft die Pflichten seiner Professur erfüllte, wandte er freiwillig einen Teil seiner Zeit dazu an, Missionäre, die den Völkern des Ostens das Evangelium in deren eigener Sprache predigen wollten, für ihren Beruf vorzubereiten. Er übersetzte auch die Bibel in verschiedene asiatische Dialekte; und nachdem er die neuseeländische Sprache erlernt, schrieb er für zwei damals in England weilende neuseeländische Häuptlinge ein Wörterbuch und eine Grammatik, die beide noch heute in den Schulen Neuseelands allgemein benutzt werden. Dies ist die kurze Darstellung der merkwürdigen Lebensgeschichte des Dr. Samuel Lee, welche nur ein Seitenstück zu den zahlreichen ebenso belehrenden Beispielen einer beharrlichen und erfolgreichen Selbstvervollkomnmung ist, die wir in dem Leben vieler der hervorragendsten Vertreter unserer Litteratur und Wissenschaft finden können. (Man lese das bewunderungswürdige und wohlbekannte Buch: »Wissenschaftliches Streben unter Schwierigkeiten« (The Pursuit of Knowledge under Difficulties.) Es ließen sich wohl noch viele andere berühmte Namen anführen, welche die Wahrheit jenes volkstümlichen Sprichwortes zu beweisen vermöchten, wonach »man zum Lernen nie zu alt ist.« Selbst in vorgerückten Jahren kann man noch viel leisten, wenn man sich nur entschließt, einen Anfang zu machen. Sir Henry Spelman wandte sich dem Studium der Wissenschaft erst zu, als er zwischen seinem fünfzigsten und sechzigsten Lebensjahre stand. Franklin wurde fünfzig Jahre alt, ehe er sich ganz dem Studium der Naturphilosophie zu widmen beschloß. Dryden und Scott wurden erst in ihrem vierzigsten Jahre als Schriftsteller bekannt. Boccaccio war fünfunddreißig Jahre alt, als er seine litterarische Laufbahn begann; und Alfieri hatte sein sechsundvierzigstes Jahr erreicht, als er es unternahm, die griechische Sprache zu studieren. Dr. Arnold erlernte erst in vorgerücktem Alter die deutsche Sprache, um Niebuhr im Original lesen zu können; und in ähnlicher Weise eignete sich James Watt mit ungefähr vierzig Jahren – während er als Instrumentenmacher in Glasgow arbeitete – die Kenntnis des Französischen, Deutschen und Italienischen an, um imstande zu sein, die wertvollen Werke über mechanische Theorie zu lesen, welche in den genannten Sprachen existierten. Thomas Scott hatte sein sechsundvierzigstes Jahr zurückgelegt, ehe er daran dachte, die hebräische Sprache zu erlernen; und Robert Hall lag einst in seinem hohen Alter, von Schmerzen geplagt, auf dem Fußboden seines Zimmers und lernte Italienisch, um die Parallele, welche Macaulay zwischen Milton und Dante gezogen, besser beurteilen zu können. Händel vollendete sein achtundvierzigstes Jahr, ehe er eins seiner großen Werke veröffentlichte. Und so könnte man wohl noch mehrere hundert Beispiele von Männern finden, die in einem verhältnismäßig späten Lebensalter ihren Beruf mit einem ganz anderen vertauschten und sich erfolgreich neuen Bestrebungen zuwandten. Nur der Leichtfertige oder der Träge kann sagen: »Ich bin zum Lernen zu alt!« – Und hier möchten wir die schon früher von uns gemachte Bemerkung wiederholen, daß es weniger die Genies sind, welche die Welt bewegen und leiten, als vielmehr solche Männer, die einen beharrlichen und festen Willen neben einem unermüdlichen Fleiße besitzen. Trotz der vielen unleugbaren Beispiele von der Frühreife genialer Menschen ist es doch nichtsdestoweniger wahr, daß eine frühzeitige geistige Entwicklung noch kein Maßstab für die künftige Geistesbeschaffenheit des erwachsenen Menschen ist. Die Frühreife ist eher ein Symptom geistiger Krankheit als Gesundheit. Was wird aus all den »merkwürdig klugen« Kindern? Wo bleiben schließlich die kleinen Weltwunder und Musterknaben? Wenn man ihren Lebenslauf verfolgt, so findet man nicht selten, daß sie von den Dummköpfen, die in der Schule Schläge erhielten, überholt worden sind. Die klugen Knaben werden belohnt; aber die Prämien, welche sie durch ihre größere geistige Regsamkeit und Gewandtheit gewinnen, thun ihnen nicht immer gut. Was man eher belohnen sollte, ist die Bemühung, die Anstrengung und der Gehorsam; denn der Knabe, welcher bei geringer natürlicher Begabung sein Bestes leistet, verdient vor allen anderen ermutigt zu werden. Man könnte ein interessantes Kapitel über berühmte Dummköpfe – d. h. über dumme Knaben schreiben, die sich später zu hervorragenden Männern entwickelten. Wir wollen des beschränkten Raumes halber nur ein paar Beispiele anführen. Der Maler Pietro di Cortona galt als Knabe für so dumm, daß man ihm den Spottnamen »Eselskopf« gab; und Tomaso Guidi war allgemein unter der nicht schmeichelhafteren Bezeichnung: »Tom, der Schwerfällige« (Massaccio Tomasaccio) bekannt, obwohl er sich später durch Fleiß zu der höchsten Bedeutung aufschwang. Newton saß in der Schule als Vorletzter auf der untersten Bank. Als aber der über ihm sitzende Junge ihn stieß, zeigte der Dummkopf, daß er Mut hatte; denn er forderte den anderen zum Kampfe heraus und walkte ihn durch. Danach faßte er den Entschluß, fleißig zu sein und seinen Gegner auch im Lernen zu besiegen; und dies gelang ihm ebenfalls so gut, daß er schließlich den obersten Platz in der Klasse erhielt. Viele unserer größten Theologen sind nichts weniger als frühreif gewesen. Isaac Barrow war als Knabe auf der Schule zu Charterhouse wegen seiner Heftigkeit, Zanksucht und sprichwörtlichen Trägheit berüchtigt und bereitete dadurch seinen Eltern solchen Kummer, daß sein Vater zu sagen pflegte, er hoffe, Gott werde, wenn er ihm eins seiner Kinder sollte nehmen wollen, sich hierzu Isaac ausersehen, von welchen doch am wenigsten zu erwarten sei. Adam Clarke wurde als Junge von seinem Vater für einen »heillosen Dummkopf« erklärt obwohl er große Steine weiterzurollen verstand. Der Dekan Swift wurde von der Dubliner Universität »geschwenkt« und nur »speciali gracia« unter die Studierenden der Oxforder Hochschule aufgenommen. Der wohlbekannte Dr. Chalmers und der Dr. Cook, weiland Professor der Moralphilosophie zu St. Andrews, gingen zusammen in die Gemeindeschule der letztgenannten Stadt und zeigten sich dort so unfähig und ungezogen, daß der aufs äußerste gereizte Lehrer sie bei ihrer Entlassung als unverbesserliche Faulpelze und Dummköpfe bezeichnete. Der geniale Sheridan erschien als Knabe so unbegabt, daß seine Mutter ihn einem Lehrer mit der angenehmen Empfehlung vorstellte, daß er ein hoffnungsloses Schaf wäre. Auch Walter Scott war in der Schule durchaus kein Licht und zeigte sich immer eher zu einer »Keilerei« als zum Lernen bereit. Auf der Edinburger Universität fällte der Professor Dalzell über ihn das Urteil, daß »er ein Dummkopf sei und auch ein Dummkopf bleiben werde.« Chatterton schickte man seiner Mutter als »einen Idioten zurück, mit dem nichts zu machen sei.« Auch Burns war ein unfähiger Knabe, der sich nur in athletischen Übungen auszeichnete. Goldsmith sagte von sich selbst, er sei eine spät blühende Pflanze. Alfieri kam aus der Schule nicht klüger heraus, als er in sie eingetreten war; er begann die Studien, in denen er sich später auszeichnete, erst nachdem er halb Europa durchreist hatte. Robert Clive war in seiner Jugend ein Dummkopf, wenn nicht gar ein Taugenichts; aber er bewies stets Energie, selbst in der Schlechtigkeit. Seine Familie, die ihn nur zu gern los sein wollte, schickte ihn nach Madras; und er blieb am Leben, um die englische Macht in Indien zu begründen. Napoleon wie Wellington waren scheinbar unbegabte Knaben, die sich in der Schule in keiner Weise auszeichneten. Ein Mitarbeiter der »Edinburgh Review« (Juli 1859) bemerkt: »Die Fähigkeiten des Herzogs scheinen sich nicht eher entwickelt zu haben, als bis ein Feld praktischer Thätigkeit unmittelbar vor ihnen lag. Seine spartanisch gesinnte Mutter; die ihn für einen Dummkopf hielt, bezeichnete ihn lange Zeit nur als »Kanonenfutter.« Weder zu Eton noch auf der französischen Militärakademie zu Angers erwarb er sich irgend eine Auszeichnung.« Es ist sogar sehr möglich, daß er heute – falls er noch lebte – bei dem Offiziersexamen durchfallen würde. Von dem ersteren berichtet die Herzogin d'Abrantes, »er habe eine gute Gesundheit gehabt, sei aber im übrigen durchaus wie andere Knaben gewesen.« Ulysses Grant, der Oberbefehlshaber der nordamerikanischen Armeen, wurde von seiner Mutter »Useless Grant« (der unnütze Grant) genannt, weil er als Knabe so einfältig und ungeschickt war; und Stonewall Jackson, der bedeutendste Offizier des Generals Lee, zeichnete sich in seiner Jugend hauptsächlich durch seine Langsamkeit aus. Als Schüler der Militärakademie zu West-Point that er sich jedoch durch unermüdlichen Eifer und eben solche Beharrlichkeit hervor. Stellte man ihm eine Aufgabe, so ließ er nicht eher davon ab, als bis er sie gelöst; auch gab er sich nie den Anschein, ein Wissen zu besitzen, das er sich nicht wirklich aneignet. Jemand, der ihn kannte, berichtete über ihn, wie folgt: »Wenn man ihn über das Pensum des Tages befragte, so pflegte er allemal zu sagen, »er habe es noch nicht recht begriffen, da er sich noch mit dem gestrigen oder vorgestrigen habe beschäftigen müssen.« Das Resultat hiervon war, daß er der siebzehnte in einer Klasse von siebzig Schülern wurde. Unter all diesen gab es wahrscheinlich nicht einen einzigen, dem Jackson nicht zu Anfang an Kenntnissen und Fähigkeiten nachgestanden hätte; aber am Ende des Wettlaufes hatte er nur noch sechzehn vor sich, sodaß er nicht weniger als dreiundfünfzig hinter sich gelassen. Seine Zeitgenossen behaupteten, er wäre der Erste der Klasse geworden, wenn der Kursus nicht vier, sondern zehn Jahre gedauert hätte. (Der Korrespondent der »Times,« den 11. Juni 1863.) John Howard, der Philantrop, war auch ein berühmter Dummkopf, der während seines siebenjährigen Schulbesuchs so gut wie nichts lernte. Stephenson zeichnete sich als junger Mensch besonders durch seine Geschicklichkeit im Stoßen und Boxen, daneben freilich auch durch gewissenhaftes Arbeiten aus. Der talentvolle Sir Humphry Davy war seinerzeit nicht klüger als andere Knaben; sein Lehrer, der Dr. Cardew, äußerte einmal über ihn: »So lange er unter meiner Aufsicht war, konnte ich von seinen hervorragenden Gaben nichts entdecken.« Davy selbst sah es in seinem späteren Leben als ein Glück an, daß er es sich auf der Schule »so bequem gemacht hatte.« Watt war ein unbegabter Schüler trotz allem, was man von seiner Frühreife gefabelt hat. Aber er besaß die wertvolleren Eigenschaften der Geduld und Beharrlichkeit; und durch diese, sowie durch sein sorgfältig gepflegtes Erfindungstalent vermochte er seine Dampfmaschine herzustellen. Wenn Dr. Arnold mit Bezug auf verschieden beanlagte Knaben sagte, daß der Unterschied zwischen denselben weniger in der Begabung als in der Energie liege, so läßt sich dieser Ausspruch mit gleicher Berechtigung auch auf Männer anwenden. Eine angeborene Geduld und Energie wird bald zur Gewohnheit. Falls der Einfältige Beharrlichkeit und Fleiß besitzt, wird er sicher den klügeren Gefährten, dem diese Eigenschaften fehlen, überholen. Die zielbewußte Langsamkeit läuft der unstäten Hast den Rang ab. Der verschiedene Grad der Beharrlichkeit ist der Grund für die Umwälzung, welche die Rangordnung der Schüler so oft im späteren Leben erfährt; und es ist merkwürdig zu beobachten, wie so viele Wunderkinder sich schließlich in so gewöhnliche Menschenexemplare verwandeln – während aus einfältigen Knaben, von denen man nichts erwartete, die aber langsam und sicher ihren Weg fortsetzten, schließlich Führer der Menschheit wurden. Der Autor dieses Buches saß als Knabe auf der gleichen Klasse mit einem der größten Dummköpfe. Ein Lehrer nach dem anderen hatte vergeblich seine Kunst an ihm versucht. Körperliche Züchtigung, Spott, gütliches Zureden und ernste Ermahnungen – alles blieb erfolglos. Zuweilen setzte man ihn versuchshalber auf den ersten Platz der Klasse; und es war dann spaßhaft anzusehen, mit welcher Geschwindigkeit er bis auf den unvermeidlichen letzten Platz herunterrutschte. Endlich wurde er als ein hoffnungsloser Einfaltspinsel von allen Lehrern aufgegeben und von einem derselben für »ein Wunder von Dummheit« erklärt. Aber bei aller Langsamkeit besaß dieser Dummkopf eine Art eigensinniger Willenskraft, die mit seinen Muskeln und seiner körperlichen Entwicklung zunahm; und – seltsam genug! – als er schließlich an den Geschäften des praktischen Lebens teilnahm, kam er vielen seiner Schulgefährten zuvor und ließ mit der Zeit den größten Teil derselben weit hinter sich zurück. Als der Autor zum letztenmal von ihm hörte, war er der oberste Beamte seiner Heimatstadt. Die Schildkröte, welche auf dem rechten Wege kriecht, besiegt den Renner, der eine falsche Straße verfolgt. Ein Jüngling mag immerhin langsam sein, wenn er nur fleißig ist. Ein rascher Verstand ist unter Umständen ein Nachteil, weil der Leichtlernende meistens auch ebenso leicht vergißt; und weil er es nicht nötig hat, jene Tugenden des Fleißes und der Beharrlichkeit zu üben, die der langsamere Schüler bewähren muß, und die für die Charakterentwicklung von so hoher Bedeutung sind. Davy äußerte einmal: »Was ich bin – das habe ich selbst aus mir gemacht,« und das könnten viele von sich mit gleicher Berechtigung sagen. Kurz – die beste Erziehung ist nicht die, welche uns unsere Lehrer auf der Schule oder Universität geben, sondern jene, die wir uns als Männer durch unsere eigene fleißige Fortbildung verleihen. Daher sollten Eltern nicht solche große Eile damit haben, die Talente ihrer Kinder zur Blüte zu bringen. Ihre Sache ist es, geduldig zu beobachten und zu warten, gutes Beispiel und stille Arbeit wirken zu lassen und das übrige der Vorsehung anheimzustellen. Mögen sie dafür sorgen, daß der Knabe durch reichliche Übung seiner Körperkräfte mit einem gehörigen Vorrat physischer Gesundheit versehen werde! Mögen sie ihn treulich auf den Weg der Selbsterziehung führen und ihn sorgsam an Fleiß und Ausdauer gewöhnen! Dann wird er schon – wenn er nur überhaupt etwas wert ist – imstande sein, kräftig und Wirksam an seiner eigenen Vervollkommnung zu arbeiten. Zwölftes Kapitel. Beispiele und Muster. »Immer als Schatten sie bei uns weilen – Höher an Geist, doch an Blute uns gleich – Und zwingen uns, Lager und Tisch zu teilen. An Worten mild und an Schönheit reich.« John Sterling »Kinder kann man erwürgen, aber Thaten nicht! Sie haben ein unzerstörbares Leben – sowohl innerhalb als außerhalb unseres Bewußtseins.« George Eliot. »Jede Handlung des menschlichen Lebens ist der Anfang einer langen Kette von Folgen, deren Ende kein menschliches Auge abzusehen vermag.« Thomas von Malmesbury Das Beispiel ist einer der tüchtigsten Lehrer, obwohl es stumm ist. Es stellt die praktische Schule der Menschheit dar, welche durch Thaten unterweist, die immer wirksamer sind als Worte. Eine Vorschrift kann uns den Weg zeigen: aber das stille, dauernde Beispiel, an das wir uns gewöhnen, weil wir es alle Tage vor Augen haben, reißt uns mit sich fort. Ein guter Rat hat seinen Wert; aber wenn das gute Beispiel ihn nicht begleitet, wird sein Einfluß verhältnismäßig gering sein: und die Erfahrung lehrt, daß die scherzhafte Ermahnung: »Richtet euch nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Thaten!« in der Praxis gewöhnlich umgekehrt wird. Die Menschen sind im allgemeinen mehr geneigt, durch das Auge als durch das Ohr zu lernen; was man als Thatsache vor sich sieht, macht einen weit tieferen Eindruck als etwas anderes, wovon man nur hört oder liest. Dies gilt besonders für das Kindesalter, in welchem das Auge die Haupteingangspforte des Wissens ist. Was die Kinder sehen, das ahmen sie unbewußt nach. Unmerklich werden sie den Personen ihrer Umgebung ähnlich – wie manche Insekten die Farbe der Blätter annehmen, von welchen sie sich nähren. Daher ist die häusliche Erziehung von so ungeheurer Wichtigkeit. Denn wie groß auch der Einfluß der Schule sein mag, es wird doch das im Hause gegebene Beispiel immer sehr viel stärker auf die Entwicklung des Charakters unserer künftigen Männer- und Frauenwelt einwirken. Das Haus ist das Krystallisationscentrum der Gesellschaft – der Kern des Volkscharakters – die reine oder unreine Quelle, aus welcher die Gewohnheiten, Grundsätze und Regeln fließen, die das Staats- und Privatleben beeinflussen. Die Nation bildet sich in der Kinderstube. Selbst die Volksmeinung ist meistens nur das Echo des Hauses; und die beste Philantropie beginnt am häuslichen Herd, »Die Liebe zu dem kleinen Gemeinwesen, dem wir in der Gesellschaft angehören,« sagt Burke, »bildet den Keim aller Menschenliebe,« Von diesem kleinen Mittelpunkt aus kann sich die Sympathie auf immer weitere Kreise erstrecken, bis sie die ganze Welt umfaßt; denn wenn die wahre Menschenfreundlichkeit auch gleich der Barmherzigkeit im eigenen Hause beginnt, so hört sie doch keinesfalls dort auf. Selbst in anscheinend kleinen Dingen ist das Beispiel des Betragens durchaus nicht unwichtig, da es beständig das Leben anderer Menschen beeinflußt und dazu beiträgt, daß ihre Natur sich im guten oder bösen Sinn entwickelt. So wiederholt sich der Charakter der Eltern beständig in ihren Kindern; und die Thaten der Liebe, der Ordnung, des Fleißes und der Selbstbeherrschung, die sie täglich ausüben, leben und wirken noch fort, wenn alles andere längst vergessen ist, was durch das Ohr gelernt wurde. Daher pflegte ein weiser Mann von seinen Kindern als von »seiner Zukunft« zu sprechen. Selbst eine stumme That, ein unbewußter Blick von seiten eines Vaters kann dem Charakter seines Kindes ein unauslöschliches Merkmal aufprägen; und wer vermag zu sagen, wie viel Böses durch die Erinnerung an fromme Eltern verhindert worden ist, deren Andenken ihre Kinder nicht dadurch beflecken wollten, daß sie eine unwürdige That begingen oder sich einem unreinen Gedanken überließen? Die geringfügigsten Kleinigkeiten erhalten so eine Wichtigkeit, indem sie die Charaktere der Menschen beeinflussen. »Ein Kuß meiner Mutter,« sagte West, »machte mich zum Maler.« Der Impuls, den solche scheinbaren Kleinigkeiten einem Kinde geben, bestimmt oft das künftige Glück und Gedeihen des Mannes. Fowell Buxton schrieb – als er bereits eine hervorragende und einflußreiche Stellung im Leben einnahm – an seine Mutter: »Ich fühle beständig – besonders, wenn ich mich zu Gunsten anderer anstrenge und bemühe – die Wirkung jener Grundsätze, die du früh meinem Geiste eingepflanzt hast.« Buxton pflegte sich auch dankbar seiner Verpflichtungen gegen einen ungebildeten Mann zu erinnern. Es war dies ein Wildhüter, Namens Abraham Plastow, mit welchem er als Knabe spielte, ritt und auf die Jagd ging – ein Mann, der weder lesen noch schreiben konnte, aber dafür eine tüchtige Portion gesunden Menschenverstandes und heiteren Mutterwitzes besaß. »Was ihn mir besonders wert machte,« sagt Buxton, »waren seine redlichen und ehrenhaften Grundsätze. Er sagte oder that in Abwesenheit meiner Mutter nie etwas, das sie hätte mißbilligen können. Er faßte den Begriff der Rechtschaffenheit in dem edelsten Sinne auf und erfüllte unsere jugendlichen Gemüter mit so reinen und großmütigen Gedanken, wie wir sie in den Schriften Senecas oder Ciceros finden. Das war mein erster und – ich muß es sagen – mein bester Lehrer.« Indem Lord Langdale auf das bewunderungswürdige Beispiel seiner Mutter zurückblickte, sagte er: »Wenn man die ganze Welt in die eine, meine Mutter aber in die andere Wagschale legte, so würde die Welt hoch emporschnellen.« Frau Schimmelpenninck pflegte sich noch in ihrem hohen Alter des persönlichen Einflusses zu erinnern, den ihre Mutter auf die Gesellschaft ausübte, in welcher sie sich bewegte. Wenn sie in ein Zimmer trat, so nahm die Unterhaltung darin sogleich einen feineren Ton an; und als ob ihre Gegenwart die moralische Atmosphäre reinigte, schienen alle alsbald freier zu atmen und sich gerader zu halten. »Ihre Anwesenheit,« sagt die Tochter, »verwandelte mich für die Zeit, die sie dauerte, in eine ganz andere Person.« So sehr hängt die moralische Gesundheit von der moralischen Atmosphäre ab, in welcher man atmet; und der Einfluß, den die Eltern täglich durch das Beispiel ihres Lebens auf ihre Kinder ausüben, ist so groß, daß der beste Rat, den man elterlichen Erziehern geben könnte, sich vielleicht in die Worte zusammenfassen ließe: »Bessert euer Leben!« Es liegt etwas Feierliches und Furchtbares in dem Gedanken, daß jede That, jedes Wort eines menschlichen Wesens eine Reihe von Folgen nach sich zieht, deren Ende wir nicht abzusehen vermögen. Jede unserer Handlungen oder Äußerungen giebt bis zu einem gewissen Grade unserem Leben seine Färbung und beeinflußt unmerklich auch das Leben derer, die uns umgeben. Die guten Thaten und Worte leben weiter, wenn wir sie auch nicht Frucht tragen sehen – und ebenso verhält es sich mit allem Bösen, was wir thun oder sagen. Niemand ist unbedeutend genug, um sicher zu sein, daß sein Beispiel nicht im guten oder bösen Sinne wirken könnte. Der Geist der Menschen stirbt nicht, sondern lebt weiter und wandelt mitten unter uns. Herr Disraeli sprach gelegentlich des Todes Richard Cobdens vor dem Unterhause einen schönen richtigen Gedanken aus, als er erklärte, daß »der Verstorbene einer jener Männer wäre, die trotz ihrer Abwesenheit nie aufhörten, Mitglieder jenes Hauses zu sein – unabhängig von allen Parlamentsauflösungen und von jedem Wechsel der Regierungen oder Zeiten.« Das menschliche Leben enthält schon in dieser Welt ein Moment der Unsterblichkeit. Kein menschliches Individuum steht in dem Universum für sich allein da: es ist ein integrierender Teil eines Ganzen, dessen einzelne Glieder von einander abhängen; daher bewirkt es auch durch seine verschiedenen Handlungen nicht nur für jetzt, sondern für immer eine Vermehrung oder Verminderung des gesamten Menschenwohls. Wie die Gegenwart in der Vergangenheit wurzelt, und wie das Leben und Beispiel unserer Vorväter uns noch heute in hohem Maße beeinflußt; so tragen wir wiederum durch unsere täglichen Handlungen dazu bei, die Beschaffenheit und den Charakter der Zukunft zu bilden. Der Mensch ist gewissermaßen eine Frucht, die durch die Kultur aller vorausgehenden Jahrhunderte ihre Gestalt und Reife erlangt hat; und die lebende Generation setzt durch That und Beispiel den magnetischen Strom fort, welcher die früheste Vergangenheit mit der fernsten Zukunft verbindet. Die Handlungen des Menschen gehen nie völlig verloren; wenn sich auch sein Leib in Staub und Luft auflöst; so fahren seine guten oder bösen Werke doch fort, Frucht nach ihrer Art zu tragen und die künftigen Geschlechter für alle Zeit zu beeinflussen. In dieser bedeutsamen und ernsten Thatsache liegt die große Gefahr und Verantwortlichkeit des menschlichen Daseins. Herr Babbage hat an einer Stelle seiner Schriften diesen Gedanken in einer so kraftvollen und schönen Form ausgedrückt, daß wir hier seine Worte anführen möchten. »Jedes zum Guten oder Bösen bestimmte Atom,« sagt er, »nimmt sogleich jene Bewegung an, welche die Philosophen und Weisen ihm zuschreiben, und mischt und verbindet sich auf zehntausend Arten mit allem Nichtswürdigen und Gemeinen. Die Luft selbst stellt eine ungeheuere Bibliothek dar, in deren Blätter für immer alles eingetragen wird, was ein Menschenmund je gesprochen oder geflüstert. Da find in unverlöschlichen, nimmer irrenden Buchstaben – vermischt mit den frühesten und spätesten Seufzern der Kreatur – alle gebrochenen Gelübde, alle unerfüllten Versprechungen aufgeschrieben, um in der vereinigten Bewegung ihrer Moleküle das Zeugnis des veränderlichen Menschenwillens zu verewigen. Aber wenn die Luft der keinem Irrtum unterworfene Geschichtsschreiber unserer ausgesprochenen Gedanken ist: so sind Erde, Luft und Ocean in ähnlicher Weise die ewigen Zeugen unserer Thaten, bei welchen sich dasselbe Princip der Übereinstimmung zwischen Aktion und Reaktion offenbart. Keine Bewegung, die durch eine natürliche Ursache oder eine menschliche Handlung hervorgerufen wurde, hört jemals völlig auf. Wie der Allmächtige auf die Stirn des ersten Mörders das unverlöschbare und deutliche Zeichen seiner Schuld drückte: so hat er auch Gesetze geschaffen, kraft deren jeder spätere Verbrecher ebenso fest an die Folgen seines Vergehens gekettet ist; denn jedes Atom seiner sterblichen Gestalt – welche Wechselfälle deren Moleküle auch durchmachen mögen – setzt in jeder neuen Kombination unverändert jene Schwingungen fort, in welche es durch die Muskelanstrengung versetzt wurde, die zur Ausführung des Verbrechens erforderlich war.« So hat jede That, jede Äußerung, die von uns selber ausgeht oder deren Zeugen wir sind, einen Einfluß, der bestimmend nicht nur auf unser eigenes künftiges Leben, sondern auch auf das der ganzen Gesellschaft einwirkt. Wenn wir diesen sich nach allen Seiten fühlbar machenden Einfluß auch nicht einmal in dem Leben unserer Kinder, Freunde oder Gefährten zu verfolgen vermögen: so steht es doch fest, daß er existiert und fortdauert. Darum eben ist das gute Beispiel von einer so gewaltigen Bedeutung; es ist ein stummer Unterricht, den auch der Ärmste und Unbedeutendste durch sein tägliches Leben erteilen kann. Niemand ist so gering, daß er diese einfache, aber kostbare Unterweisung nicht seinem Nächsten schuldig wäre. Selbst in dem niedrigsten Stande kann man sich hierdurch nützlich machen; denn ein Licht, das im Thale scheint, leuchtet an seiner Stelle nicht minder hell als ein anderes, das auf dem Berge steht. Überall und fast unter allen Verhältnissen – wie äußerlich ungünstig dieselben auch sein mögen – in den Hütten des Marschlandes, in den Häuschen der Dörfer oder in den engen Straßen der großen Städte – überall können lautere Menschen gedeihen. Wer ein Stückchen Land beackert, das nicht viel größer ist als der Raum, den er zu seinem Grabe braucht, kann ebenso treulich und in ebenso edler Absicht arbeiten als der Erbe von Millionen. Die einfachste Werkstatt kann in dem einen Fall eine Schule des Fleißes, der Belehrung und der guten Sitte – oder in dem anderen eine Brutstätte der Trägheit, Thorheit und Lasterhaftigkeit sein. Es hängt alles von der Beschaffenheit der Individuen und von dem Gebrauche ab, welchen sie von den sich darbietenden Gelegenheiten zu guten Thaten machen. Es ist kein kleines Vermächtnis, das ein Mensch seinen Kindern oder der Welt mit einem wohlangewandten Leben und einem unbefleckten Ruf hinterläßt: denn diese beiden sind die beredteste Lehre der Tugend, die strengste Verurteilung des Lasters und eine unerschöpfliche Quelle der besten Art des Reichtums. Wohl denen, die von sich dasselbe sagen können, was Pope auf den Sarkasmus des Lord Hervey zur Antwort gab. »Mir erscheint es genug,« sagte er, »daß meine Eltern mir durch ihr Leben keinen Grund gaben, über sie zu erröten: und daß das Leben ihres Sohnes ihnen selbst keine Thräne erpreßt hat.« Es genügt nicht, daß wir anderen Vorschriften machen: wir müssen auch durch unser Beispiel belehrend auf sie einwirken. Was Frau Chisholm der Frau Stowe als das Geheimnis ihres Erfolges bezeichnete, hat die gleiche Bedeutung auch in jedem anderen Leben. »Ich habe gefunden,« sagt sie, »daß wir allemal, wenn wir eine Arbeit vollbracht sehen möchten, uns selbst daran machen und sie ausführen müssen; das bloße Reden ist nichts – gar nichts wert!« Das ist eine jämmerliche Art der Beredsamkeit, die nur beweist, wie tüchtig eine Person im Schwatzen ist. Hätte sich Frau Chisholm mit ihren Vorträgen begnügt, so würde ihr Projekt nach ihrer eigenen Überzeugung nie aus dem Stadium der Erörterungen herausgekommen sein; als aber die Leute sahen, was sie leistete und bereits erreicht hatte, stimmten sie ihren Ansichten bei und kamen ihr zu Hilfe. Daher wirkt nicht der am segensreichsten, welcher die größte Beredsamkeit entwickelt oder die erhabensten Gedanken faßt: sondern jener, welcher die überzeugendsten Thaten verrichtet. Edeldenkende Menschen von energischem Charakter können auf solche Art auch in der bescheidensten Lebensstellung einen Impuls zu guten Werken geben, dessen Stärke anscheinend in keinem Verhältnis zu ihrem thatsächlichem gesellschaftlichen Range steht. Thomas Wright hätte über die Rettung der Verbrecher, und John Pounds über die Notwendigkeit der Armenschulen immerzu schwatzen können, ohne doch irgend etwas zu leisten, statt dessen aber gingen sie einfach an ihr Werk und dachten nicht ans Schwatzen. Und hinsichtlich des Einflusses, den auch das Leben des ärmsten Mannes auf die Gesellschaft ausüben kann, wollen wir hören, was Dr. Guthrie, der Apostel der Armenschulbewegung, uns von der Art und Weise erzählt, in der sein eigenes Wirken durch das Beispiel des John Pounds – jenes bescheidenen Portsmouther Schuhflickers – beeinflußt wurde: »Die Art, in welcher mein Interesse für diese Sache erweckt wurde,« berichtet er, »beweist, daß die Vorsehung das Geschick oder den Lebenslauf eines Menschen – wie den Lauf eines Stromes – durch außerordentlich unbedeutende Umstände bestimmt und beeinflußt. Es ist geradezu wunderbar – und für mich selbst eine interessante Erinnerung – daß dasjenige, was meine Aufmerksamkeit zuerst auf die Frage der Armenschulen lenkte, ein Bild war – ein Kupferstich, den ich in einem alten, unbekannten und verfallenen Landstädtchen sah, das an den Ufern das Firth of Forth liegt und der Geburtsort des Thomas Chalmers ist. Ich besuchte diesen Ort vor vielen Jahren und sprach in einem Wirtshaus« vor, um eine Erfrischung einzunehmen. Ich fand die Wände des Gastzimmers mit wenig interessanten Darstellungen von Schäferinnen – mit Hirtenstäben in der Hand – oder sonntäglich geputzten Matrosen bedeckt. Aber über dem Kamin hing ein alter Kupferstich, der sehr viel wertvoller war als seine Nachbarn und der die Arbeitsstube eines Schuhflickers darstellte. Da saß der Schuhflicker selbst, eine Brille auf der Nase, einen alten Stiefel zwischen den Knien; die mächtige Stirn und der energische Mund deuteten auf große Charakterstärke; und unter den buschigen Augenbrauen hervor drang ein freundlicher Strahl des Wohlwollens und glitt über eine Schar armer, zerlumpter Knaben und Mädchen, die mit ihren Schulaufgaben den fleißigen Schuhflicker umstanden. Meine Neugier war erregt: und aus der Unterschrift ersah ich, daß dieser Mann – John Pounds, ein Schuhflicker aus Portsmouth – Erbarmen hatte mit den vielen armen und zerlumpten Kindern, die von Predigern und Stadtvätern, Damen und Herren im Stiche gelassen und in Gefahr waren, auf der Straße zu verkommen; daß er – gleich dem guten Hirten – diese kleinen Ausgestoßenen um sich sammelte und sie für diese und jene Welt erzogt und daß er – während er sich im Schweiße seines Angesichts sein tägliches Brot verdiente – auf solche Weise nicht weniger als fünfhundert dieser Kleinen aus dem Elend errettete und sie der menschlichen Gesellschaft erhielt. Ich schämte mich vor mir selber und empfand es als einen Vorwurf, daß ich so wenig geleistet. Ich war tief gerührt und voll Bewunderung für das, was dieser Mann bewerkstelligt. Ich erinnere mich noch sehr wohl der Worte, die ich im Augenblick der Begeisterung zu meinem Begleiter sprach, und die ich auch in einer ruhigeren und kühleren Gemütsstimmung nicht hätte widerrufen mögen. ›Jener Mann,‹ sagte ich, ›macht der Menschheit Ehre und verdient das größte Denkmal, das je innerhalb der Grenzen Englands errichtet wurde.‹ Ich verfolgte das Leben des wackeren Schusters und fand es von dem Geiste dessen durchdrungen, den ›des Volkes jammerte.‹ Aber John Pounds war auch ein weiser Mann von der Art des Paulus; und wenn er einen Knaben nicht auf andere Art zu bekehren vermochte, so bekehrte er ihn durch eine wohlwollende List. Er lief oft einem zerlumpten Jungen längs des ganzen Hafendammes nach und nötigte ihn, in die Schule zu kommen – nicht mit Hilfe eines Polizeidieners, sondern vermittelst einer heißen Kartoffel. Er kannte die Vorliebe, die der Irländer für die Kartoffel hat; und als ob der Junge ein Irländer gewesen wäre, hielt John Pounds ihm eine recht heiße geröstete Kartoffel unter die Nase, deren Kruste so zerlumpt aussah wie der Ausreißer selbst. Wenn dereinst jener Tag kommt, an welchem demjenigen Ehre zu teil werden wird, der Ehre verdient: dann – denke ich mir – wird die Schar der Männer, deren Ruhm von Dichtern besungen, deren Gedächtnis durch Denkmäler verherrlicht wurde, sich teilen wie die Meeresflut vor dem Bug eines Schiffes; und mitten hindurch – die Großen, Vornehmen und Mächtigen des Landes hinter sich lassend – wird dieser arme, unbekannte alte Mann vorwärtsschreiten, um die besondere Anerkennung dessen zu empfangen, der da gesagt hat: ›Was ihr einem dieser Geringsten gethan habt, das habt ihr mir gethan!‹« Die Erziehung unseres Charakters hängt zum großen Teil von unseren Vorbildern ab; wir formen uns unbewußt nach dem Charakter, den Sitten, den Gewohnheiten und Meinungen der Menschen, die unsere Umgebung bilden. Gute Lehren vermögen viel; aber gute Vorbilder wirken noch mächtiger, denn sie unterweisen durch Thaten – stellen die Weisheit bei der Arbeit dar. Gute Ermahnungen und schlechte Beispiele bauen mit einer Hand auf, was sie mit der anderen niederreißen. Daher ist die Wahl unserer Gefährten, besonders in unserer Jugend, von so ungeheuerer Wichtigkeit. Es existiert zwischen jungen Leuten eine magnetische Verwandtschaft, welche die Tendenz hat, dieselben einander ähnlich zu machen. Herr Edgeworth hielt – weil er davon überzeugt war, daß jugendliche Menschen aus Sympathie unwillkürlich den Ton der Gesellschaft nachahmen oder annehmen, in welcher sie sich bewegen – es für höchst wichtig, sie zur Wahl der besten Vorbilder anzuleiten. »Keine Gesellschaft oder gute Gesellschaft!« war seine Devise. Lord Collingwood schrieb an einen jungen Freund: »Mache es dir zum Grundsatz, lieber allein zu sein als in schlechter Gesellschaft. Suche dir solche Gefährten, die dir gleich oder dir überlegen sind; denn der Wert des Mannes wird immer an seinem Umgang zu messen sein.« Der berühmte Dr. Sydenham machte die Bemerkung, daß ein jeder für einige Zeit besser oder schlechter würde, wenn er sich mit einem guten oder schlechten Menschen unterhielte. Wie Sir Peter Lely seine Malkunst durch Betrachtung eines schlechten Bildes zu schädigen fürchtete und daher einen solchen Anblick nach Möglichkeit vermied, so schwebt der, welcher seine Augen oft auf einem gemeinen Menschen weilen laßt und gern dessen Gesellschaft aufsucht, in Gefahr, dem bösen Vorbild gleich zu werden. Es empfiehlt sich daher für junge Leute, die Freundschaft der Besten zu suchen und über sich selbst hinauszustreben. Indem Francis Horner der Vorteile gedachte, die er aus dem direkten persönlichen Verkehr mit hochherzigen, gescheiten Männern gezogen, sagte er: »Ich gestehe ohne Zögern, daß ihr Umgang mir einen höheren geistigen Gewinn eingebracht hat als alle Bücher, die ich je gelesen.« Lord Shelburne (der spätere Marquis von Lansdowne) machte als junger Mann dem ehrwürdigen Malesherbes einen Besuch und empfing von dessen Persönlichkeit einen so starken Eindruck, daß er darüber äußerte: »Ich bin viel gereist: aber nie hat die persönliche Berührung mit einem Menschen mich so gewaltig beeinflußt. Wenn ich je etwas Gutes in meinem Leben vollbringe, so bin ich überzeugt, daß die Erinnerung an Herrn de Malesherbes meine Seele dazu anfeuern wird.« Auch Fowell Buxton war immer bereit, den mächtigen Einfluß anzuerkennen, den das Beispiel der Familie Gurney in seinen jüngeren Jahren auf die Bildung seines Charakters ausübte. »Es gab meinem Leben seine Färbung,« pflegte er zu sagen. Hinsichtlich seiner Erfolge auf der Dubliner Universität bekannte er: »Ich verdanke sie einzig meinen Besuchen in Earlham.« Die Gurneys »steckten ihn mit ihrem Streben nach Selbstvervollkommnung an.« Der Umgang mit guten Menschen hat eine bessernde Wirkung und verleiht uns einen Segen – wie die Kleider der Reisenden die Düfte der Blumen und Sträucher festhalten, an welchen die Betreffenden vorüberkommen. Diejenigen welche den verstorbenen John Sterling naher kannten, haben von dem wohlthätigen Einfluß berichtet, den er auf alle ausübte, die mit ihm in persönliche Berührung kamen. Viele wurden durch ihn gleichsam zu einem höheren Sein erweckt, indem sie durch ihn erkennen lernten, was sie waren, und was sie sein sollten. Herr Trench sagt von ihm: »Es war unmöglich, mit seiner edlen Natur in Berührung zu kommen, ohne daß man sich selbst bis zu einem gewissen Grade veredelt und erhoben fühlte – wie es auch mir nach einem Gespräch mit ihm stets so vorkam, als ob ich mich in einer höheren Region von Wünschen und Plänen bewegte als gewöhnlich.« Das eben sind die sicheren Wirkungen eines edlen Charakters; wir werden unmerklich durch seine Nähe sittlich gehoben und nehmen unbewußt seine Empfindungs- und Anschauungsweise an. Hierin offenbart sich die Aktion und Reaktion, die zwischen den Geistern stattfindet. Auch Künstler fühlen sich durch die Berührung mit größeren Künstlern emporgehoben. So wurde Haydns Genie zuerst durch Händel angeregt. Als Haydn den großen Musiker spielen hörte, erwachte sogleich sein musikalisches Kompositionstalent: und er selbst war überzeugt, daß er ohne den genannten Umstand nie seine »Schöpfung« geschrieben hätte. In Bezug auf Händel äußerte er: »Wenn er will, schleudert er den Donnerkeil;« und ein andermal: »Er hat keine Note geschrieben die nicht das Herz aufrührt.« Scarlatti war ein so feuriger Bewunderer Handels, daß er ihm durch ganz Italien nachreiste; und daß er sich später allemal, wenn er von ihm sprach, bekreuzigte, um dem großen Meister seine Ehrfurcht zu bezeugen. Ein wahrer Künstler wird immer neidlos die Größe eines Kollegen anerkennen. So war Beethovens Bewunderung für Cherubini ungemein groß: und auch Schuberts Genie wurde von ihm freudig begrüßt. »Wahrhaftig,« sagt er, »in Schubert wohnt ein göttliches Feuer.« Northcote empfand als blutjunger Mensch für Reynolds eine solche Bewunderung, daß er sich – als der große Maler einst einer Volksversammlung in Devonshire beiwohnte – durch die Menge drängte und sich so nahe an Reynolds heranmachte, daß er seine Rockschöße berühren konnte, was ihm – wie er selbst sagte – »die größte Herzensbefriedigung gewährte.« Es war dies ein echter Beweis jenes schönen Enthusiasmus, den die Jugend für den Genius empfindet. Die Furchtsamen werden von dem Beispiel der Tapferen entflammt und durch ihre Gegenwart elektrisiert. Daher kommt es, daß ganz gewöhnliche Menschen unter der Führung von Helden so oft Wunder der Tapferkeit verrichten. Die bloße Erinnerung an heroische Thaten erregt gleich einem Trompetenstoß das Blut des Mannes. Ziska bestimmte bei seinem Tode, daß seine Haut auf eine Trommel gespannt werden sollte, um den Mut der Böhmen anzufachen. Als Skanderbeg, der Fürst von Epirus (Albanien) starb, wünschten die Türken in den Besitz seiner Knochen zu gelangen, damit jeder Krieger ein Stück davon auf seinem Herzen trüge und so einen Teil jenes Mutes erhielte, den der Held in seinem Leben bewiesen, und den sie selbst so oft in der Schlacht empfunden. Als der edle Douglas das Herz des Robert Bruce ins heilige Land hinüberführte und, dort angelangt, einen seiner Ritter von den Sarazenen umringt und hart bedrängt sah, nahm er die silberne Kapsel vom Halse, in welcher das Herz des Schottenkönigs ruhte, und rief, indem er sie in den dichtesten Haufen der Feinde schleuderte: »Geh im Kampfe voran, wie du es zu thun pflegtest! der Douglas wird dir folgen oder sterben!« Mit diesen Worten stürmte er auf die Stelle zu, wo das Kleinod niedergefallen war, und wurde daselbst erschlagen. Der hauptsächlichste Nutzen der Biographien besteht darin, daß sie uns edle Vorbilder vor Augen stellen. Unsere großen Vorfahren weilen noch unter uns durch die Berichte, die wir von ihrem Leben haben, und durch die Thaten, die sie einst ausführten, und die unvergänglich sind. Sie sitzen noch mit uns an unserem Tische und fassen unsere Hand; sie geben uns ein heilsames Beispiel, das wir noch betrachten, bewundern und nachahmen können. Wer den Ruhm eines edlen Lebens hinterläßt, vermacht damit der Nachwelt eine dauernde Quelle des Heils; denn er stellt den Menschen ein Vorbild auf, nach dem sie sich in allen kommenden Zeiten richten können: er haucht ihnen ein neues Leben ein und befähigt sie, sein eigenes Leben gleichsam neu erstehen, seinen Charakter in anderen Formen wiedererscheinen zu lassen. Daher ist ein Buch, welches uns das Leben eines echten Mannes schildert, an kostbaren Samenkörnern reich. Es spricht daraus eine lebendige Stimme, eine unsterbliche Seele. »Es stellt« – um mit Milton zu reden – »das kostbare Lebensblut eines erhabenen Geistes dar, das einbalsamiert und aufgespart ist für ein Leben über das Grab hinaus.« Solch ein Buch hört nie auf, einen erhebenden und veredelnden Einfluß auszuüben. Aber vor allem giebt es ein Buch der Bücher, welches uns das erhabenste Vorbild aufstellt, nach dem wir unser Leben in dieser Welt gestalten können, und das am besten allen Bedürfnissen unseres Geistes und Herzens entspricht – ein Vorbild, dem wir in unserem Thun und Empfinden nur von ferne zu folgen vermögen: »Wie Pflanzen, die die Sonne nie geschaut, Doch still im Traum die Lebensspend'rin ahnen Und sehnsuchtsvoll zu ihrem Licht sich drängen.« Kein Jüngling wird die Biographie Buxtons oder Arnolds aus der Hand legen, ohne sich geistig und seelisch erhoben und in seinen besten Entschlüssen bestärkt zu fühlen. Solche Lebensbeschreibungen steigern unser Selbstvertrauen, indem sie uns zeigen, was Menschen sein und leisten können: und indem sie gleichzeitig unsere Hoffnungen kräftigen und unsere Lebensziele erhöhen. Zuweilen lernt ein junger Mann erst aus einer Biographie sich selbst erkennen – wie Correggio bei der Betrachtung der Werke Michel Angelos die Regungen seines Genius empfand und ausrief: »Ich bin auch ein Maler!« Sir Samuel Romilly bekennt in seiner Selbstbiographie, daß das Leben des großen und hochherzigen französischen Kanzlers Daguesseau auf ihn einen mächtigen Einfluß ausgeübt habe. »Mir waren,« berichtet er, »die Werke von Thomas in die Hände gefallen, und ich las mit Bewunderung seine ›Lobpreisung Daguesseaus.‹ Seine Beschreibung der ehrenvollen Laufbahn dieses berühmten Staatsmannes entflammte gewaltig meine Begeisterung und meinen Ehrgeiz, indem sie meiner Einbildungskraft neue Pfade des Ruhms eröffneten.« Franklin pflegte die Kraft seines nützlichen und bedeutenden Wirkens aus dem Umstand herzuleiten, daß er in seiner frühen Jugend Cotton Mathers Buch von den »Bestrebungen, Gutes zu thun« gelesen hatte – ein Buch, das aus dem Leben des Verfassers selbst hervorgegangen war. Und man beachte, wie das gute Beispiel andere Menschen nach sich zieht und sich durch künftige Generationen in allen Landen fortpflanzt. So behauptet Samuel Drew, daß er sein Leben und besonders seine geschäftlichen Gewohnheiten nach dem Muster gebildet habe, welches uns in Benjamin Franklin von dessen Biographen vor Augen gestellt wird. Demzufolge vermag niemand zu sagen, wie weit die Macht des guten Beispiels reicht, oder wo sie aufhört – wenn letzteres überhaupt möglich ist. Darum ist es in der Litteratur wie im Leben von Nutzen, sich in der besten Gesellschaft zu bewegen, die besten Bücher zu lesen und das Beste, was man darin findet, verständnisvoll zu bewundern und nachzuahmen. »In der Litteratur,« sagte Lord Dudley, »beschränke ich mich gern auf die beste Gesellschaft, welche hauptsächlich aus meinen alten Bekannten besteht, mit denen ich immer vertrauter werden möchte; und ich vermute, daß es in neun Fällen unter zehn nutzbringender und wohl auch angenehmer ist, ein altes Buch zum zweiten- als ein neues zum erstenmal zu lesen.« Schon manchmal hat die Beschreibung eines edlen Lebens, die man zufällig – vielleicht aus Langerweile – zur Hand nahm, Kräfte erweckt, deren Vorhandensein niemand bisher geahnt. So fühlte sich Alfieri erst leidenschaftlich zur Litteratur hingezogen, nachdem er »Plutarchs Lebensbilder« gelesen. Als Loyola wahrend seiner Soldatenzeit bei der Belagerung Pampelonas eine gefährliche Verwundung am Bein davontrug und infolgedessen zu Bett liegen mußte, bat er sich ein Buch aus, um sich die Zeit damit zu verkürzen. Man brachte ihm das »Leben der Heiligen«; und die Lektüre dieses Werkes begeisterte ihn derartig, daß er einen religiösen Orden zu gründen beschloß. In ähnlicher Weise wurde Luther zu der großen Arbeit seines Lebens dadurch getrieben, daß er »das Leben und die Schriften des Johann Huß« las. Dr. Wolff wurde zu seinem Missionswerk durch die »Biographie des Franz Xaver« angeregt, welche sein jugendliches Gemüt mit der aufrichtigsten und feurigsten Begeisterung für seinen zukünftigen Beruf erfüllte. Ebenso empfing William Larry den ersten Antrieb zu seinem erhabenen Missionswerk durch die »Reisen des Kapitän Cook.« Francis Horner pflegte in seinem Tagebuch und in seinen Briefen die Bücher anzugeben, von deren Lektüre er den größten Gewinn gehabt und den stärksten Einfluß verspürt. Dazu gehörten Condorcets »Lobrede auf Haller«, die »Reden des Sir Joshua Reynolds«, die Schriften Bacons, sowie Burnets »Biographie des Sir Matthew Hale.« Die Lektüre des letztgenannten Buches, welches die Darstellung eines wunderbar arbeitsreichen Lebens ist, erfüllte Horner – wie er selbst berichtet – mit Begeisterung. Über Condorcets »Lobrede auf Haller« äußerte er: »Ich lege nie die Biographie solcher Männer aus der Hand, ohne daß mich eine zitternde Erregung befällt, von der ich nicht zu sagen vermag, ob ich sie Bewunderung, Ehrgeiz oder Verzweiflung nennen soll.« Hinsichtlich der »Reden des Sir Joshua Reynolds« bemerkte er: »Nächst den Schriften Bacons ist dies dasjenige Buch, welches mich am mächtigsten zur Selbstvervollkommnung angetrieben hat. Reynolds ist eins der ersten Genies, die sich herabgelassen, der Welt die Mittel und Wege anzugeben, welche zur Größe führen. Die Zuversicht, mit welcher er die Allmacht der menschlichen Arbeit verkündet, macht den Leser mit dem Gedanken vertraut, daß das Genie weniger verliehen als erworben wird; und daneben kommt so natürlich und beredt die erhabenste und leidenschaftlichste Bewunderung für alles Große zum Ausdruck, daß es in der ganzen Welt kein Buch geben kann, das eine zündendere Wirkung hervorzubringen vermöchte.« Es ist merkwürdig, daß Reynolds selbst den ersten starken Antrieb zum Studium der Kunst dadurch erhielt, daß er die von Richardson geschriebene Lebensgeschichte eines großen Malers las: und daß wiederum Haydon durch Reynolds' Biographie in ähnlicher Weise für denselben Beruf begeistert wurde. So entzündet das mutige und strebsame Leben des einen Mannes ein Feuer im Herzen jener anderen, welche die gleichen Fähigkeiten und Triebe besitzen: und wo die gleiche kraftvolle Anstrengung stattfindet, wird die gleiche Auszeichnung, der gleiche Erfolg nicht ausbleiben. So pflanzt sich das Beispiel wie eine endlose, vielgliedrige Kette durch die Zeiten fort – indem die Bewunderung immer wieder zur Nachahmung antreibt und auf solche Art die wahre Aristokratie des Geistes verewigt. Eins der nützlichsten und anregendsten Beispiele, welche man der Jugend vorführen kann, ist das eines fröhlichen Schaffens. Die Fröhlichkeit giebt dem Geiste Spannkraft. Die Gespenster fliehen vor ihr: die Schwierigkeiten verlieren ihre Schrecken, weil ihnen die Hoffnung entgegentritt: und der Mensch gewinnt jene glückliche Fähigkeit, die Gelegenheit beim Schöpfe zu fassen, die ihm den Erfolg nahezu gewiß macht. Ein feuriger Geist ist auch immer ein gesunder und glücklicher Geist, der nicht nur selbst fröhlich arbeitet, sondern auch andere zur Arbeit antreibt. Er verleiht der alltäglichsten Beschäftigung eine gewisse Würde. Die wirksamste Arbeit ist gewöhnlich diejenige, welche mit ganzem Herzen gethan – d. h. von der Hand oder dem Kopfe eines Menschen ausgeführt wird, dessen Herz heiter ist. Hume pflegte zu sagen, daß es ihm besser deuchte, ein heiteres Gemüt zu besitzen, welches geneigt wäre, das Leben von der vergnüglichen Seite aufzufassen – als mit einem düsteren Gemüt der Besitzer eines Jahreseinkommens von 10,000 Pfund zu sein. Granville Sharp erfrischte sich nach der Anstrengung seiner sklavenfreundlichen Bemühungen dadurch, daß er abends an den Rundgesängen und Instrumentalkonzerten im Hause seines Bruders teilnahm und dort selbst sang oder auch die Flöte, Klarinette oder Oboe blies; wahrend er an den Sonntagabenden in Händels Oratorien als Paukenschläger mitwirkte. Er beschäftigte sich auch – obwohl selten – mit dem Zeichnen von Karikaturen. Fowell Buxton war gleichfalls eine außerordentlich heitere Natur: er fand ein besonderes Vergnügen an Belustigungen im Freien und liebte es, mit seinen Kindern über Feld zu reiten oder an ihren häuslichen Spielen teilzunehmen. Auf einem anderen Gebiet der Thätigkeit war Dr. Arnold ein ebenso edler und fröhlicher Arbeiter, der sich der großen Aufgabe seines Lebens – der Erziehung und Belehrung junger Leute – mit ganzer Seele widmete. In seiner bewunderungswürdigen Biographie wird konstatiert, daß »das Merkwürdigste an der Lalchamer Schule der außerordentlich gute Ton war, welcher darin herrschte. Es war ein Ort, der in jedem neuen Ankömmling das, Gefühl erweckte, daß hier ein großes und ernstes Werk ausgeführt werde. Jedem Schüler wurde zum Bewußtsein gebracht, daß auch er etwas zu thun habe, und daß sein Glück wie seine Pflicht in der gewissenhaften Erfüllung seiner Aufgabe liege.« Auf solche Weise erhielten die Lebensanschauungen der jungen Leute eine unbeschreibliche Würze; eine seltsame Freude ergriff sie bei der Erkenntnis, daß sie gleichzeitig nützlich und glücklich sein konnten; und ihre Herzen ergaben sich mit tiefer Verehrung und warmer Zuneigung dem Manne, der sie das menschliche Leben und ihr eigenes Dasein mit seinen Pflichten und Zielen erkennen und begreifen lehrte. Alles dies beruhte auf Arnolds reichbegabter, verständnisvoller Natur – auf der Wahrhaftigkeit und Tüchtigkeit seines Charakters – auf der hohen Achtung, die er vor jeder Art der Arbeit empfand – und auf der ihm innewohnenden Überzeugung von dem Wert, den sie sowohl für die gesamte Gesellschaft als auch für die gedeihliche Entwicklung des Individuums hat. Und in alledem offenbarte sich keine Übertreibung – keine Bevorzugung einer Arbeit vor der anderen – keine einseitige Begeisterung für einen bestimmten Gegenstand, sondern nur der bescheidene, tiefe und echt religiöse Glaube, daß die Arbeit das dem Menschen zuerteilte Erdenlos ist – der Zweck, zu welchem ihm seine verschiedenen Fähigkeiten verliehen wurden – das Element, in welchem seine Natur sich entwickeln und sein stufenweises Vordringen zur himmlischen Heimat stattfinden soll« Zu den vielen tüchtigen Männern, die Arnold für das öffentliche Leben und Wirten erzogen, gehörte der tapfere Rittmeister Hodson, welcher sich in einem Briefe, den er aus Indien nach der Heimat sandte, folgendermaßen über seinen verehrten Lehrer äußerte: »Sein Einfluß ist in seinen Wirkungen außerordentlich dauernd und stark gewesen. Er hat sich sogar in Indien fühlbar gemacht, und damit denke ich genug gesagt zu haben!« Der segensreiche Einfluß, den ein rechtschaffener, energischer und fleißiger Mann auf seine Nachbarn, seine Untergebenen und selbst auf sein Vaterland ausüben kann, läßt sich vielleicht nirgend besser erkennen als in dem Leben des Sir John Sinclair, den der Abbé Gregoire den »unermüdlichsten Mann Europas« genannt hat. Er war ursprünglich Grundbesitzer und besaß ein großes Landgut bei John o' Groats House, welches fast außerhalb der Grenzen der Civilisation – in einer öden, wilden Gegend – nahe dem Strande der stürmischen Nordsee lag. Mit sechzehn Jahren verlor er seinen Vater und mußte die Verwaltung des Familiengutes übernehmen; und im Alter von achtzehn Jahren führte er in der Grafschaft Caithneß mit Energie ein System nützlicher Neuerungen ein, das bald in ganz Schottland Verbreitung fand. Die Landwirtschaft stand damals auf einer sehr niedrigen Stufe. Die Felder waren nicht eingehegt; die Ländereien entbehrten der Drainage; die kleinen Ackerbauer von Caithneß waren so arm, daß sie sich kaum ein Pferd oder Ponny halten konnten; die Frauen mußten fast allein die mühseligsten Arbeiten verrichten und die schwersten Lasten tragen; und wenn einem der Kossäten ein Pferd fiel, so heiratete er wohl, um an seiner Frau einen billigen Ersatz für das verlorene Tier zu haben. Es gab im Lande weder Chausseen noch Brücken; und die Viehhändler, die ihr Vieh nach dem Süden trieben, mußten mit den Tieren die Ströme durchschwimmen. Der Hauptpaß, der in die Grafschaft Caithneß hineinführte, lief am Rande eines hohen Bergabhanges entlang, der sich – senkrecht aufsteigend – einige hundert Fuß über die unter ihm brausende See erhob. Trotz seiner großen Jugend faßte Sir John den Plan, eine neue, über die Höhen des Ben Cheilt führende Verkehrsstraße anzulegen– unbekümmert um das Mißtrauen und den Spott, mit welchem sein Plan von den alten, bedächtigen Besitzern aufgenommen wurde. Er steckte selbst die Straße ab und versammelte an einem frühen Sommermorgen etwa zwölfhundert Arbeiter, die sich sogleich, mit vereinten Kräften ans Werk machen mußten – währender ihre Arbeiten überwachte und sie durch seine Gegenwart und sein Beispiel aneiferte. Noch vor Einbruch der Nacht war eine gefährliche Schaftrift von sechs Meilen Länge, über die man kaum ein Pferd am Zügel führen konnte, wie durch Zauberkunst für Fuhrwerke passierbar geworden. Es war dies ein bewunderungswürdiges Beispiel von Energie und zielbewußter Arbeit, das nicht verfehlen konnte, einen heilsamen Einfluß auf die ganze umwohnende Bevölkerung auszuüben. Dann machte Sinclair es sich zur Aufgabe, weitere Straßen anzulegen, Mühlen und Brücken zu bauen und die öden Ländereien einzuhegen und urbar zu machen. Er führte Verbesserungen in dem Betriebe des Landbaues, sowie eine regelmäßige Fruchtfolge ein und teilte kleine Prämien aus, um die Industrie zu heben. Auf solche Weise belebte er das ganze gesellschaftliche Gebiet, das innerhalb der Grenzen seines Einflusses lag, und hauchte vor allem der Landwirtschaft einen neuen Geist ein. Ursprünglich einer der unzugänglichsten Distrikte des Nordens – eine wirkliche Ultima Thule der Civilisation – wurde die Grafschaft Caithneß nunmehr durch ihre Straßen, ihren Ackerbau und ihre Fischerei bald ein, Musterland. In Sinclairs Jugend wurden die Postsachen nur einmal in der Woche durch einen Boten gebracht; und schon damals erklärte der junge Baronet, er würde nicht eher ruhen, als bis die Postkutsche alle Tage nach Thurso käme. Die Leute aus der Nachbarschaft wollten an eine solche Möglichkeit nicht glauben; und es wurde in der Grafschaft bald üblich, daß man mit Bezug auf irgend einen höchst aussichtslosen Plan die Redensart gebrauchte: »Na ja! das wird geschehen, wenn Sir John die tägliche Post nach Thurso kommen sieht!« – Aber Sir John erlebte die Verwirklichung seines Traumes und sah die Postkutsche in der That alle Tage durch Thurso fahren. Der Kreis seiner gemeinnützigen Bestrebungen erweiterte sich allmählich immer mehr. Als er die bedenkliche Verschlechterung der Qualität wahrnahm, welche sich bei der britischen Wolle – einem der Haupterzeugnisse des Landes – bemerkbar machte, beschloß er sogleich, obwohl er nur ein der Öffentlichkeit fernstehender, wenig bekannter Landedelmann war, sich mit der Hebung des genannten Artikels zu beschäftigen. Zu diesem Zweck bewirkte er durch seine persönlichen Bemühungen die Gründung der »Gesellschaft zur Verbesserung der britischen Wolle« und bahnte selbst praktische Reformen an, indem er auf seine eigenen Kosten 800 Schafe aus den verschiedensten Ländern importierte. Das Resultat hiervon war, daß die berühmte Cheviotrasse in Schottland eingebürgert wurde. Zwar meinten die Schafzüchter, daß die Tiere aus südlicheren Ländern im hohen Norden nicht gedeihen würden; aber Sir John beharrte auf seiner Ansicht; und in einigen Jahren gab es allein in den vier nördlichen Grafschaften nicht weniger als 300,000 Cheviotschafe. Hierdurch wurde der Nutzen der Weideländereien in ungeheuerem Maße gesteigert: und die schottischen Landgüter, die vorher einen verhältnismäßig geringen Wert hatten, begannen hohe Renten abzuwerfen. Als Sinclair von den Bewohnern von Caithneß ins Parlament gewählt wurde, in welchem er dreißig Jahre verblieb und kaum eine Sitzung versäumte, gab ihm seine Stellung weitere Gelegenheiten zu nutzbringendem Schaffen, deren er sich eifrig bediente. Herr Pitt, der die unermüdliche Energie bewunderte, welche Sinclair in allen gemeinnützigen Bestrebungen entfaltete, ließ ihn nach Downing-Street zu sich holen und erbot sich freiwillig, ihn in all seinen Plänen zu unterstützen. Ein anderer Mann hätte in solchem Fall vielleicht an sich selbst und sein eigenes Fortkommen gedacht: aber Sir John gab die charakteristische Antwort, daß er für sich selbst keine Gunst begehre, daß es aber für sein Gefühl höchst wohlthuend sein würde, wenn ihm Herr Pitt seinen Beistand zur Gründung einer nationalen Ackerbau-Kommission leihen wolle. Arthur Joung wettete mit dem Baronet, daß hieraus nie etwas werden würde, indem er hinzufügte: »Ihre Ackerbau-Kommission wird im Monde sein!« Aber Sinclair machte sich mit Energie ans Werk; er lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf seinen Plan, brachte im Parlament die Majorität auf seine Seite und gründete wirklich die ersehnte Kommission, zu deren Präsidenten er erwählt wurde. Wir wollen die Wirkung dieser Maßregel nicht eingehend schildern, sondern nur bemerken, daß dieselbe sowohl in dem Ackerbau als auch in der Viehzucht der drei vereinigten Königreiche einen Aufschwung herbeiführte, kraft dessen Zehntausend von Acres öden Landes der Kultur gewonnen wurden. Ebenso unermüdlich war Sinclair in seinen Bestrebungen, die Fischerei zu heben: und die erfolgreiche Einführung dieses großen britischen Industriezweiges in Thurso und Wick ist hauptsächlich durch seine Bemühungen möglich geworden. Er trug jahrelang darauf an und erwirkte es schließlich auch, daß der letztgenannte Ort, welcher vielleicht unter allen sich mit dem Fischfange beschäftigenden Städten der größte und blühendste ist, einen gesicherten Hafen erhielt. Sir John widmete sich jedem seiner Werte mit seiner vollen Energie, indem er die Gleichgiltigen aufrüttelte, die Trägen anfeuerte, die Zuversichtlichen bestärkte und mit allen gemeinschaftlich arbeitete. Als eine französische Invasion befürchtet wurde, machte er Herrn Pitt das Anerbieten, auf eigene Hand ein Regiment auszurüsten – und ließ seinem Wort auch die That folgen. Er ging nach dem Norden und warb ein Bataillon von 600 Mann an, dessen Stärke er später auf 1000 Mann erhöhte, und welches nach allgemeinem Urteil eins der schönsten, je existierenden Freicorps war – völlig durchdrungen von dem edlen und patriotischen Geiste seines Gründers, Während er Kommandant des Feldlagers zu Aberdeen war, bekleidete er gleichzeitig die Ämter eines Direktors der »schottischen Bank,« eines Vorsitzenden der »Gesellschaft zur Verbesserung der britischen Wolle,« eines Gemeindevorstehers von Wick, eines Direktors der britischen Fischereigesellschaft, eines Beauftragten für die Ausgabe von Schatzkammerscheinen, eines parlamentarischen Vertreters der Grafschaft Caithneß und eines Präsidenten der Ackerbaukommission. Inmitten dieser vielfältigen selbsterwählten Arbeiten fand er noch Zeit, Bücher zu schreiben, die an sich hingereicht hatten, seinen Ruhm zu begründen. Als Herr Rush, der amerikanische Gesandte, nach England kam, erzählte er, er habe sich bei Herrn Coke aus Holkham nach dem besten Werk über Ackerbau erkundigt, worauf ihm ein Buch des Sir John Sinclair genannt worden sei: alsdann habe er Herrn Vansittart, den Kanzler der Schatzkammer, nach dem besten Wert über das britische Finanzwesen gefragt, und man habe ihn wiederum auf ein Buch des Sir John Sinclair – seine »Geschichte der Staatseinkünfte« – hingewiesen. Aber das größte Denkmal seines unermüdlichen Fleißes – ein Werk, das jeden anderen abgeschreckt hätte, aber bei ihm nur dazu diente, seine Energie anzuspornen und rege zu erhalten – war seine »Statistik Schottlands« in einundzwanzig Bänden, eins der wertvollsten praktischen Schriftwerke aller Zeiten und Länder. Inmitten unzähliger anderer Bestrebungen kostete ihn seine »Statistik« fast acht Jahre schwerer Arbeit, während welcher er mehr als 20,000 Briefe Wer den Gegenstand empfing und beantwortete. Es war dies ein durchaus patriotisches Unternehmen, von welchem er außer der Ehre, die es ihm einbrachte, nicht den geringsten Vorteil hatte. Den ganzen Ertrag überwies er dem »Verein zur Unterstützung schottischer Pfarrerssöhne.« Die Veröffentlichung des betreffenden Werkes führte bedeutende gemeinnützige Reformen herbei. Eine unmittelbare Folge davon war die Abschaffung verschiedener drückender Feudalrechte, auf welche der Verfasser die Aufmerksamkeit zu lenken gewußt hatte; eine weitere Folge war die Erhöhung des Gehaltes der Schullehrer und Geistlichen in vielen Kirchspielen und ein lebhafter Aufschwung des Ackerbaues in ganz Schottland, Danach erklärte sich Sir John öffentlich zu der noch viel größeren Arbeit bereit, ein ähnliches statistisches Material über England zu sammeln und zu veröffentlichen. Aber unglücklicherweise versagte der damalige Erzbischof von Canterbury diesem Plan seine Zustimmung, weil er fürchtete, derselbe könnte darauf hinwirken, die Einkünfte der Geistlichkeit zu schmälern: so mußte denn die Sache unterbleiben. Ein merkwürdiges Beispiel von Sinclairs schnellem und energischem Handeln war die Art, in welcher er einst bei einem drohenden Notstand den Fabrikdistrikten zu Hilfe kam. Die durch den Krieg herbeigeführte Handelskrisis des Jahres 1793 war Veranlassung, daß ungewöhnlich zahlreiche Bankerotte vorkamen, und daß viele der ersten Handelshäuser von Manchester und Glasgow ins Wanken gerieten – weniger aus Mangel an Vermögen als infolge der zeitweiligen Absperrung der gewöhnlichen Quellen des Handels und Kredits. Eine Periode schrecklichen Elends schien den arbeitenden Klassen bevorzustehen. Da beantragte eines Tages Sir John im Parlament, daß Schatzkammerscheine im Gesamtbeträge von fünf Millionen Pfund emittiert und als Darlehn an solche Kaufleute ausgeliehen würden, die Sicherheit leisten könnten. Der Vorschlag wurde angenommen – ebenso sein Anerbieten, denselben persönlich in Verbindung mit gewissen, von ihm selbst bezeichneten Parlamentsmitgliedern zur Ausführung zu bringen. Die Abstimmung erfolgte erst am späten Abend; und schon in der Frühe des nächsten Morgens begab sich Sir John, welcher das bureaukratische Verschleppungssystem fürchtete, zu den Banquiers der Stadt und lieh von ihnen auf seine persönliche Sicherheit die Summe von 70,000 Pfund, welche er noch am Nachmittag desselben Tages an diejenigen Kaufleute absandte, welche am dringendsten des Beistandes bedurften. Als Herr Pitt danach dem Sir John im Parlamentsgebäude begegnete, sprach er ihm sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß er die bedrängten Kaufleute von Manchester und Glasgow nicht so schnell unterstützen könnte, als er es wünschte: zum Schluß sagte er: »Das Geld kann leider erst in einigen Tagen flüssig gemacht werden.« – »Es ist schon abgeschickt! es hat London bereits mit der Nachmittagspost verlassen!« war Sir Johns triumphierende Antwort; und wenn er später diese Anekdote zum besten gab, pflegte er mit einem vergnügten Lächeln hinzuzufügen: »Pitt war so bestürzt, als ob ich ihm einen Dolchstich beigebracht hätte.« – Bis zu seinem letzten Augenblick setzte dieser vortreffliche Mann sein fröhliches und gemeinnütziges Schaffen fort, indem er damit seiner Familie und seinem Lande ein nachahmenswertes Beispiel gab. Während er nur den Vorteil der anderen suchte, fand er sozusagen sein eigenes Glück – nicht Reichtum, denn seine Großmut schädigte sein Privatvermögen in bedenklicher Weise: aber Herzensfröhlichkeit, inneres Genügen und den Frieden, der »höher ist als alle Vernunft.« Als ein großer Patriot von wunderbarer Arbeitskraft erfüllte er in edelster Weise seine Pflichten gegen das Vaterland, ohne darüber sein Haus oder seine Familie zu vernachlässigen. Seine Söhne und Töchter wuchsen in Ehren zu nutzbringender Thätigkeit heran; und es gereichte dem Sir John zur stolzesten Befriedigung, daß er in seinem achtzigsten Lebensjahre sagen durfte, er habe sieben Söhne aufwachsen sehen, von denen nicht einer eine Verpflichtung eingegangen, die er nicht auch eingelöst, oder ihm einen Kummer bereitet habe, den er ihm hätte ersparen können. Dreizehntes Kapitel. Der Charakter. – Der wahrhaft »vornehme Mann.« »Wer könnte je ihm kommen gleich, Dem tausendfach Erinnrung gilt? An Großmut unerschöpflich reich, Die als sein Wesen sich enthüllt: An Güte, die in Freundlichkeit Und zarten Diensten sich erweist Und Anmut der Erscheinung leiht Und nur erblüht aus edlem Geist! Nur Männern solcher Art gebührt Der stolze Name: »Edelmann.« –« Tennyson. »Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.« – Goethe. »Was einem Lande Bedeutung. Kraft und Würde giebt – was seine Macht ausdehnt, ihm moralischen Einfluß verleiht und ihm Achtung und Gehorsam erzwingt – was ihm die Herzen von Millionen zuwendet und den Stolz der Völker vor ihm in den Glaub beugt – das Mittel der Herrschaft, die Quelle der Gewalt, der wahre Thron, die Krone und das Scepter einer Nation: das ist jener Adel, der nicht im Blut, nicht im eleganten Auftreten und nicht im Talent, sondern einzig im Charakter liegt, und der dem Manne sein bestes Wappenschild verleiht.« – Die »Times« Der Charakter ist die Krone und der Ruhm des Lebens. Er ist das edelste Besitztum eines Menschen, welches an sich einen Rang und einen Anspruch auf die allgemeine Achtung darstellt – wie es jeden Beruf adelt und jeder Lebensstellung Würde giebt. Der Charakter besitzt eine größere Macht als der Reichtum; gleich dem Ruhm verschafft er uns Ehren, ohne doch wie jener Eifersucht zu erregen. Er übt eine nie versagende Wirkung aus; denn er ist das Resultat der erprobten Ehrenhaftigkeit, Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit – welche Eigenschaften vor allen anderen das allgemeine Vertrauen und die Achtung der Mitwelt gewinnen. Der Charakter repräsentiert die menschliche Natur in ihrer besten Gestalt; er ist die Verkörperung der moralischen Ordnung im Individuum. Die charaktervollen Menschen stellen nicht nur das Gewissen der Gesellschaft dar, sondern bilden auch in jedem wohlorganisierten Staate die beste Triebfeder; denn die Welt wird hauptsächlich durch moralische Einflüsse regiert. Napoleon war der Ansicht, daß selbst im Kriege das Kraftverhältnis zwischen moralischer und physischer Gewalt wie 10 zu 1 sei. Die Stärke, die industrielle Entwicklung und die Civilisation der Völker – sie alle hängen von dem individuellen Charakter ab, auf welchem die Grundlagen der bürgerlichen Sicherheit ruhen, und aus welchem auch die Gesetze und Einrichtungen des Staates hervorgehen. Die gerecht abwägende Natur giebt den Individuen, Völkern und Rassen genau so viel, als sie verdienen – aber auch nichts weiter; und da Ursache Und Wirkung in engem Zusammenhange stehen, so werden die Charaktereigenschaften eines Volkes nicht verfehlen, ihre entsprechenden Resultate hervorzubringen. Ein Mann von verhältnismäßig geringer Bildung, bescheidenen Fähigkeiten und kleinem Vermögen wird doch – wenn er einen tüchtigen Charakter besitzt – immer einen gewissen Einfluß ausüben – sei es in der Werkstätte, im Comptoir, auf dem Markt oder im Senat. Canning schrieb im Jahre 1801 die verständigen Worte: »Ich will auf dem Wege des Charakters zur Macht gelangen. Ich bin entschlossen, kein anderes Mittel zu versuchen; denn ich bin sanguinisch genug, zu glauben, daß dies Mittel, wenn auch nicht das am schnellsten wirkende, so doch das sicherste ist.« Man wird einen geistreichen Mann bewundern; aber es gehört noch etwas mehr dazu, damit man ihm vertraue. Daher machte Lord John Russel einmal die folgende, sehr wahre Bemerkung: »Der englische Parteigeist pflegt den Beistand genialer Männer zu suchen, aber der Leitung charaktervoller Männer zu folgen.« Dies zeigte sich in frappanter Weise in dem Leben des Verstorbenen Francis Horner – eines Mannes, von welchem Sidney Smith sagte, daß die zehn Gebote auf seinem Gesicht geschrieben ständen. »Die wertvolle und merkwürdige Lehre, welche jeder rechtlich denkende Jüngling aus seinem Leben ziehen kann,« sagt Lord Cockburn, »ist diese: Er starb im Alter von achtunddreißig Jahren und hat dabei einen größeren Einfluß besessen als irgend ein anderer Privatmann; denn alle haben ihn bewundert, geliebt, geachtet und beklagt – mit Ausnahme der Herzlosen und Schlechten. Keinem dahingegangenen Mitglied des Parlaments hat man je in diesem Hause ein größeres Lob nachsagen können. Nun wird ein Jüngling fragen: Wie wurde solches erreicht? Durch Rang? – Er war der Sohn eines Edinburger Kaufmanns! – Durch Reichtum? – Weder er noch seine Verwandten hatten je einen Sixpence übrig! – Durch ein einflußreiches Amt? – Er hat nur ein einziges, unbedeutendes Amt bekleidet, welches er wenige Jahre inne hatte, und wofür er nur eine geringe Besoldung erhielt! – Durch Talente? – Die seinigen waren nicht glänzend, denn er war kein Genie. Vorsichtig und schwerfällig, hatte er nur den Ehrgeiz, rechtschaffen zu sein! – Durch Beredsamkeit? – Er sprach ruhig und geschmackvoll, aber ohne eine Spur jener Redekunst, die einschüchtert oder hinreißt! – Durch bezaubernde Manieren? – Die seinigen waren nur korrekt und angenehm! – Aber worin lag denn seine Macht? – Einzig in seinem gesunden Menschenverstand, seinem Fleiße, seinen guten Grundsätzen und seinem guten Herzen – d. h. in solchen Vorzügen, die sich jeder normale Mensch aneignen kann! Die Kraft seines Charakters hob ihn empor; und diesen Charakter hatte ihm nicht die Natur verliehen, sondern er selbst hatte ihn aus ganz gewöhnlichen Elementen gebildet. Es gab im Unterhause viele, die reichere Talente und eine größere Beredsamkeit besaßen; aber es gab nicht einen unter ihnen, der daneben das gleiche Maß moralischen Weites aufzuweisen gehabt hätte. Horner ist ein Beispiel dafür, was eine mäßige Begabung – ohne andere Hilfe als Bildung und Herzensgüte – selbst dann zu leisten vermag, wenn sie sich inmitten des Wettstreites und der Eifersucht des öffentlichen Lebens bethätigt.« Auch Franklin schrieb seine Erfolge als Staatsmann nicht seiner Begabung oder Redekunst zu, die beide nur mäßig waren, sondern der bekannten Rechtschaffenheit seines Charakters. »Hierdurch,« sagt er, »erlangte ich einen so großen Einfluß auf meine Mitbürger. Ich sprach schlecht, war keineswegs beredt, schwankte oft in der Wahl meiner Worte, drückte mich zuweilen unrichtig aus – und drang doch fast immer mit meiner Ansicht durch.« Vermittelst eines tüchtigen Charakters gewinnt sowohl der hochgestellte als auch der einfache Mann das Vertrauen seiner Mitmenschen. Man hat von dem Kaiser Alexander I. von Rußland gesagt, daß sein persönlicher Charakter so viel wert gewesen sei als eine Konstitution. Während der Kriege der Fronde war Montaigne der einzige Edelmann in Frankreich, der die Thore seines Schlosses nicht verriegelte; man sagte von ihm, sein persönlicher Charakter schütze ihn besser, als dies ein Reiterregiment zu thun vermöchte. Daß der Charakter eine Macht bedeutet, ist in höherem Sinne wahr als die Behauptung, daß das Wissen eine Macht sei. Verstand ohne Herz, Geist ohne Charakter, Klugheit ohne Güte sind auch Kräfte in ihrer Art; aber sie dienen oft nur zu bösen Zwecken. Wir können uns zwar durch sie belehren und unterhalten lassen; doch bewundern kann man sie bisweilen nur in der Weise, wie man etwa die Geschicklichkeit eines Taschendiebes oder die Reitkunst eines Straßenräubers bewundert. Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit und Güte – Tugenden, die jeder erwerben kann – bilden das eigentliche Wesen des männlichen Charakters oder, um die Worte eines unserer älteren Schriftsteller anzuführen, »jene tiefgewurzelte Treue gegen die Tugend, welche ihr dienen kann, ohne eine Livree zu tragen.« Wer neben jenen Eigenschaften noch einen starken Willen besitzt, verfügt über eine unwiderstehliche Gewalt. Er hat die Kraft, Gutes zu thun, Böses zu meiden und in Not und Mißgeschick standhaft zu bleiben. Als Stephan von Colonna in die Hände seiner schändlichen Feinde fiel, fragten diese ihn höhnisch: »Wo ist nun deine Festung?« Hier!« antwortete Colonna kühn, indem er die Hand auf sein Herz legte. Im Unglück zeigt sich der Charakter des redlichen Mannes in seinem hellsten Glanze; und wenn alle anderen Stützen brechen, so hält er sich aufrecht an seiner Rechtschaffenheit und seinem Mut. Die Lebensregeln, welche von Lord Erskine – einem Manne von unbeirrten Grundsätzen und gewissenhaftester Wahrheitsliebe – befolgt wurden, wären es wert, daß jeder Jüngling sie sich ins Herz prägte. »Als eins der ersten Gebote,« sagt er, »empfing ich in meiner frühen Jugend den Rat, immer zu thun, was mein Gewissen mir befehlen würde, und die Folgen davon Gott zu überlassen. Ich werde mich dieser väterlichen Vorschrift bis an mein Lebensende erinnern und ihr auch – wie ich hoffe – allezeit gehorchen. Ich habe dies bisher stets gethan und kann nicht darüber klagen, daß mein Gehorsam mir zeitliche Opfer gekostet. Ich habe im Gegenteil gefunden, daß er der Weg zum Glück und Wohlstand ist, auf den ich auch meine Kinder leiten will.« Jeder Mensch soll nach der Aneignung eines guten Charakters als einem der höchsten Lebenszwecke trachten. Schon das Bestreben, dies Ziel durch würdige Mittel zu erreichen, giebt unseren Kräften einen heilsamen Antrieb; und je mehr sich unsere Auffassung von dem Wert der Menschen veredelt: um so stetiger und lebhafter wird dieser Antrieb sein. Es ist nützlich, daß wir uns ein hohes Ziel stecken, wenn mir auch nicht imstande sind, es völlig zu erreichen. Herr Disraeli sagt: »Ein Jüngling, der nicht aufwärts schaut, wird den Blick auf die Erde heften; und ein Geist, der sich nicht emporschwingt, wird vielleicht einst im Staube kriechen müssen.« George Herbert giebt den weisen Rat: »Paar' schlichte Haltung mit erhab'nem Streben! So wird zur Demut edler Stolz gesellt! Der Himmel kann dem Pfeil des Schützen geben Ein höher Ziel, als es die Erd' enthält.« Wer edle Grundsätze und eine vornehme Anschauungsweise hat, wird sicherlich ein besseres Leben führen als ein anderer, dem beides fehlt. »Zupfe an einem goldenen Rock,« sagt ein schottisches Sprichwort, »und du kannst einen Ärmel davon haben.« Wer sich das höchste Ziel steckt, wird gewiß einen Punkt erreichen, welcher denjenigen, von welchem er ausging, weit zurücklaßt: und wenn das erreichte Ziel auch nicht mit dem ersehnten zusammenfällt, so muß doch schon das bloße Vorwärtsstreben eine heilsame Wirkung ausüben. Es giebt viele wertlose Nachahmungen des Charakters; aber der echte Artikel kann nicht damit verwechselt werden. Viele, die den pekuniären Wert des Charakters kennen, möchten sich den trügerischen Schein desselben aneignen, um mit seiner Hilfe die Unvorsichtigen zu übertölpeln. Der Oberst Charteris sagte zu einem durch Ehrenhaftigkeit ausgezeichneten Manne: »Ich möchte Ihnen tausend Pfund für Ihren guten Namen geben.« – »Warum?« – »Weil ich damit zehntausend gewinnen könnte!« lautete die Antwort des Schurken. Redlichkeit in Wort und That ist das Rückgrat des Charakters, und unerschütterliche Wahrhaftigkeit bildet sein hervorragendstes Merkmal. Eins der schönsten Zeugnisse über den Charakter des verstorbenen Sir Robert Peel ist dasjenige, welches der Herzog von Wellington dem großen Staatsmanne wenige Tage nach dessen Tode vor dem Oberhause ausstellte. »Meine Lords!« sagte er, »Sie alle müssen den edlen und ehrenwerten Charakter des verstorbenen Sir Robert Peel anerkennen. Ich habe im öffentlichen Leben lange an seiner Seite gestanden. Wir gehörten beide zu den Ratgebern unserer Gebieterin; und ich hatte lange Zeit die Ehre, seine vertraute Freundschaft zu genießen. Während der ganzen Dauer unserer Bekanntschaft ist mir kein Mann begegnet, zu dessen Wahrhaftigkeit oder Gerechtigkeit ich ein größeres Vertrauen gehabt, oder bei welchem ich ein regeres Verlangen wahrgenommen hätte, das Wohl des Staates zu fördern. Während der ganzen Zeit, die ich mit ihm verkehrte, ist mir kein Fall vorgekommen, in welchem er nicht die strengste Wahrhaftigkeit bewährt hätte; und in meinem ganzen Leben habe ich nie die geringste Ursache gehabt, zu argwöhnen, daß er irgend etwas behauptet, was er nicht auch wirklich für eine Thatsache gehalten.« Und ohne Zweifel lag hauptsächlich in dieser edlen Wahrhaftigkeit des berühmten Staatsmannes das Geheimnis seines Einflusses und seiner Macht. Zum Wesen eines redlichen Charakters gehört aber nicht nur eine Wahrhaftigkeit in Worten, sondern auch eine solche in Thaten. Der Mann muß in Wirklichkeit das sein, als was er erscheint oder erscheinen will. Als ein Amerikaner über Granville Sharp schrieb, daß er aus Achtung vor seinen großen Tugenden einen seiner Söhne nach ihm benannt habe, sandte ihm Sharp die Antwort: »Ich möchte Sie bitten, Ihrem Sohne einen Lieblingswahlspruch jener Familie einzuprägen, deren Namen Sie ihm gegeben haben; der betreffende Spruch lautet: ›Bemühe dich, allezeit wirklich das zu sein, was du scheinen möchtest!‹ Mein Vater hat mir erzählt, daß der seinige diesem Gebot getreulich und demütig gehorchte und sich infolgedessen im bürgerlichen und häuslichen Leben durch die unverfälschte Biederkeit und Redlichkeit seines Charakters auszeichnete.« Jeder, der sich selbst achtet, und dem etwas an der Achtung der anderen liegt, wird, diesen Grundsatz befolgen, indem er sich jeder Aufgabe mit ehrlicher Bemühung und mit ganzem Herzen widmet – indem er nichts abpfuscht, sondern einen Stolz darein setzt, redlich und gewissenhaft seine Pflicht zu erfüllen. Cromwell sagte einmal zu Bernard, einem gescheiten, aber wenig skrupulösen Rechtsanwalt: »Man hat mir berichtet, daß Ihr in der letzten Zeit sehr vorsichtig in Eurem Benehmen gewesen seid. Verlaßt Euch aber nicht allzusehr darauf. Die Schlauheit kann sich selbst eine Grube graben, die Redlichkeit nie!« – Menschen, deren Thaten ihren Reden direkt zuwiderlaufen, erringen sich keine Achtung ihre Worte haben kein Gewicht; und selbst Wahrheiten scheinen in ihrem Munde den Wert zu verlieren. Ein echter Charakter handelt immer rechtschaffen, sowohl im Verborgenen als auch vor den Blicken der Welt. Das war ein wohlerzogener Knabe, der auf die Frage, warum er keine Birnen in die Taschen steckte, da es doch niemand sähe, die Antwort gab: »Es sieht's doch jemand – ich selber! und ich möchte mich nie auf einer unredlichen That ertappen!« – Dies ist ein einfaches, aber nicht unpassendes Beispiel, an welchem wir erkennen können, wie die Grundsätze und das Gewissen den Charakter bestimmen und eine edle Schutzherrschaft ausüben – nicht bloß einen passiven Einfluß, sondern eine wirkende Kraft, die das ganze Leben regelt. Solche Grundsätze formen den Charakter täglich und stündlich mit einer stetig wachsenden Gewalt. Ohne diesen zwingenden Einfluß ist der Charakter schutzlos und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, der Versuchung zu erliegen. Jede Nachgiebigkeit aber gegen die böse Lockung, jede gemeine That – wie geringfügig sie auch erscheinen möge – bedeutet eine Selbsterniedrigung. Es ist vollkommen gleichgiltig, ob die That Erfolg hat oder nicht, ob sie entdeckt wird oder verborgen bleibt: der Schuldige ist nicht mehr derselbe, der er war, sondern ein anderer Mensch; er wird von einer geheimen Unruhe und von nagenden Selbstvorwürfen gequält, welche die Wirkungen dessen sind, was wir »das Gewissen« nennen, und welche das unvermeidliche Schicksal der Schuld ausmachen. Und hier wollen wir darauf hinweisen, wie sehr der Charakter durch die Pflege guter Gewohnheiten gekräftigt und gestärkt werden kann. Man hat den Menschen ein »Gewohnheitstier« und die Gewohnheit die »zweite Natur« genannt. Metastasio hatte von der Wirkung oft wiederholter Thaten und Gedanken eine w hohe Meinung, daß er sagte: »Alles am Menschen ist Gewohnheit – sogar die Tugend.« Buttler betont in seiner »Analogie« die große Bedeutung einer sorgfältigen Selbsterziehung und eines festen Widerstandes gegen die Versuchung, da diese beiden Dinge seiner Meinung nach die Tendenz haben, die Tugend derartig zur Gewohnheit zu machen, daß es schließlich leichter ist, gut zu sein als zu sündigen. »Wie die Gewohnheiten des Körpers durch äußerliche Handlungen entstehen,« sagt er. »so werden die Gewohnheiten des Geistes durch die Ausführung innerlicher heilsamer Entschlüsse – durch die Bewahrung der Grundsätze des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit – erzeugt, welche man in Thaten umsetzt, oder nach welchen man handelt.« Und wiederum bemerkt Lord Brougham, indem er auf die ungeheuere Wichtigkeit hinweist, welche die Erziehung und das gute Beispiel für die Jugend haben: »Nächst Gott flößt mir das größte Vertrauen die Gewohnheit ein, auf welche sich die Gesetzgeber und Schulmeister aller Zeiten am meisten verlassen haben – die Gewohnheit, welche alles leicht macht und nur die Abweichung von dem gewohnten Pfade schwer erscheinen laßt.« Man mache die Mäßigkeit zur Gewohnheit, und die Unmäßigkeit wird verabscheut werden! Man lasse eine verständige Lebensführung, zur Gewohnheit erstarken, und gegen Ausschweifung und Leichtfertigkeit werden sich alle Grundsätze empören, die das Leben des Individuums lenken! Daher muß das Platzgreifen einer bösen Gewohnheit mit der größten Sorgfalt und Wachsamkeit verhindert werden; denn der Charakter ist immer am schwächsten an der Stelle, an welcher er einmal nachgegeben hat; und es dauert lange, bis ein erneuerter Grundsatz so fest wird wie einer, der nie erschüttert wurde. Von einem russischen Schriftsteller rührt die folgende hübsche Bemerkung her: »Die Gewohnheiten gleichen einem Halsband von Perlen: wird der Knoten gelöst, so fällt die ganze Kette auseinander.« Gefestigte Gewohnheiten wirken unwillkürlich und ohne Anstrengung! erst wenn man sich ihnen widersetzt, merkt man, wie stark sie sind. Die öftere Wiederholung einer Handlung erzeugt bald Geschicklichkeit und Neigung. Die Gewohnheit ist zuerst vielleicht so schwach wie ein Spinngewebe; ist sie aber erstarkt, so fesselt sie uns wie mit eisernen Ketten, Die kleinen Ereignisse des Lebens mögen – einzeln betrachtet – außerordentlich unbedeutend erscheinen – so unbedeutend wie die leise fallenden Schneeflocken, die doch in ihrer Anhäufung die Lawine bilden. Selbstachtung, Selbsthilfe, Fleiß, Thätigkeit, Rechtschaffenheit – sie alle sind ihrer Natur nach Gewohnheiten, nicht Überzeugungen. Unsere Grundsätze sind in der Thal nur Namen, die wir unseren Gewohnheiten beilegen. Der Grundsatz ist die Bezeichnung, aber die Gewohnheit ist das Ding, an sich – unser Wohlthäter oder Tyrann, je nachdem sie gut oder böse ist. So rauben unsere Gewohnheiten uns mit der Zeit einen Teil unserer freien Selbstbestimmung und Individualität; unsere Handlungen nehmen etwas von der Natur des Fatums an; und wir fühlen uns von den Ketten gefesselt, die wir uns selbst angelegt haben. Daß junge Leute in tugendhaften Gewohnheiten erzogen werden, ist von einer Wichtigkeit, die nie zu hoch angeschlagen werden kann. Gerade in der Jugend bilden sich am leichtesten jene Gewohnheiten aus, die, wenn sie erst einmal gefestigt sind, das ganze Leben hindurch vorhalten und – gleich den in die Rinde eines Baumes geschnittenen Buchstaben – mit den Jahren wachsen und zunehmen. »Gewöhne einen Knaben an den Weg, den er wandeln soll, und er wird im Alter nicht davon abweichen!« Der Anfang schließt schon das Ende in sich; das erste Betreten der Lebensstraße bestimmt bereits die Richtung und das Schicksal der Reise, ce n'est que le premier pas qui coûte. »Denken Sie daran,« sagte Lord Collingwood zu einem jungen Manne, den er liebte, »daß Sie vor Ihrem fünfundzwanzigsten Jahre einen Charakter haben müssen, der Ihnen Ihr ganzes Leben lang dienen soll!« Da mit den Jahren die Gewohnheiten erstarken und der Charakter sich festigt, so wird ein Abweichen von dem alten Pfade immer schwieriger. Deshalb ist das Verlernen oft weniger leicht als das Lernen; und so hatte denn der griechische Flötenbläser ganz recht, wenn er von denjenigen Schülern, die vorher bei einem schlechteren Lehrer Unterricht genommen, das doppelte Honorar forderte. Die Ausrottung einer alten Gewohnheit verursacht oft weit mehr Schmerz und Mühe als das Ausziehen eines Zahnes. Man mache den Versuch, Faulenzer, Verschwender oder Trunkenbolde zu bekehren, und man wird finden, daß in den meisten Fällen die Bemühung keinen Erfolg hat. Bei den Unverbesserlichen haben eben die Gewohnheiten das Leben derartig umsponnen und durchdrungen, daß sie ein integrierender Teil desselben geworben sind und nicht mehr daraus entfernt werden können. Herr Lynch bemerkt daher sehr richtig: »Die beste Gewohnheit von allen ist die Gewohnheit, sich in guten Gewohnheiten zu üben.« Selbst das Glücksgefühl kann zu einer Gewohnheit werden. Der eine pflegt das Leben von der heiteren Seite aufzufassen, der andere hat sich daran gewöhnt, die dunkeln Seiten unseres Daseins zu betrachten. Dr. Johnson aber meinte, die Gewohnheit, alle Dinge im freundlichsten Lichte zu sehen, sei mehr wert als ein Jahreseinkommen von 1000 Pfund. Und wir besitzen in hohem Maße die Fähigkeit, unseren Willen so zu erziehen, daß sich unsere Gedanken nicht auf trübselige Gegenstände, sondern auf solche Dinge richten, die uns Freude und Nutzen gewähren. Demgemäß kann man sich die Gewohnheit einer fröhlichen Lebensanschauung ebensogut aneignen als irgend eine andere; und wenn Knaben und Mädchen in Gesellschaft solch einer frischen, gutmütigen und herzensfrohen Natur aufwachsen, so ist dies für ihr Leben vielleicht von höherer Bedeutung als die Aneignung reicher Kenntnisse und Fertigkeiten. Wie es möglich ist, das Tageslicht durch die winzigsten Öffnungen zu sehen, so kann ein unbedeutender Zug den Menschen charakterisieren. Der Charakter ist tatsächlich die Summe kleiner Handlungen, die mit Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit ausgeführt werden; aus dem Steinbruch des täglichen Lebens gewinnen wir das Material zu seinem Aufbau: und ebendaselbst hauen wir uns aus dem Groben die Gewohnheiten zurecht, durch welche er gebildet wird. Eine der sichersten Charakterproben ist die Art, in welcher wir uns gegen andere betragen. Ein anmutiges Benehmen gegen Vorgesetzte, Untergebene und Gleichgestellte ist eine beständige Quelle des Vergnügens. Es gefällt anderen, weil sich darin Achtung vor ihrer Persönlichkeit offenbart; aber es gewährt uns selbst eine zehnmal größere Befriedigung. Wie alles Übrige können wir uns durch Selbsterziehung auch ein gutes Benehmen aneignen; wir können – wenn wir es nur wollen – gütig und höflich sein, wenn wir auch keinen Heller in der Tasche haben. Ähnlich dem stillen Einfluß des Lichtes, welches der ganzen Natur Leben und Farbe verleiht, wirkt die Freundlichkeit belebend auf die Gesellschaft ein. Sie ist mächtiger und ersprießlicher als der herrische Befehl oder die Gewalt. Sie verfolgt ihren Weg mit Ruhe und Standhaftigkeit – gleich der sprossenden Frühlingsnarcisse, die durch die bloße Beharrlichkeit ihres Wachstums die Erdscholle lockert und zur Seite schiebt. Schon ein freundlicher Blick kann Vergnügen und Freude bereiten. So erzählt Robertson von Brighton in einem seiner Briefe, eine Dame habe ihm »von dem Entzücken, den Thränen der Dankbarkeit« berichtet, die sie an einem armen Mädchen wahrgenommen, welchem er an einem Sonntage beim Verlassen der Kirche einen freundlichen Blick zugeworfen. »Was für eine Lehre!« fährt er fort, »mit wie leichter Mühe kann man jemand glücklich machen! Wie viele Gelegenheiten zu engelhaften Thaten lassen wir unbenutzt verstreichen! Ich erinnere mich, daß ich jenes Mädchen ansah, als ich – mit trüben Gedanken beschäftigt – an ihr vorüberging, ohne nachher weiter an sie zu denken. Und dennoch verlieh ich damit einem Menschenleben eine Stunde des Sonnenscheins und erleichterte einem Menschenherzen für eine Weile die Last des Daseins!« (Robertsons »Leben und Briefe.«) Die Sitten und Manieren, welche dem Leben seine Färbung geben, sind viel wichtiger als die Gesetze, die nur aus jenen hervorwachsen. Das Gesetz berührt uns hier und da; aber den Manieren begegnen wir überall, sie durchdringen die Gesellschaft gleich der Luft, die wir einatmen. Gute Manieren – wie wir uns auszudrücken belieben – sind nichts mehr und nichts weniger als ein gutes Benehmen. Sie bestehen hauptsächlich in Höflichkeit und Güte: denn in jedem menschlichen Verkehr, der nach allen Seiten wohlthuend und erfreulich wirken soll, muß gegenseitiges Wohlwollen das vorliegendste Element sein. »Die Höflichkeit,« sagt Lady Montague, »kostet nichts: aber man kann alles damit kaufen.« Der billigste Artikel ist die Freundlichkeit, deren Bewährung das geringste Maß der Mühe und Selbstverleugnung erfordert. »Gewinnt Euch die Herzen,« riet Burleigh der Königin Elisabeth, »und Ihr werdet nicht nur über die Herzen der Menschen, sondern auch über ihre Börsen verfügen!« Wenn wir uns nur mit natürlicher Freundlichkeit, ohne Verstellung und Ziererei benehmen möchten, so würde dadurch die gesellige Heiterkeit und der gesellige Frohsinn ungemein gefordert werden. Die kleinen Höflichkeiten, welche die Scheidemünze des Verkehrs bilden, erscheinen uns – einzeln betrachtet – von geringem Wert: sie erhalten aber eine Bedeutung durch ihre Wiederholung und Häufung. Sie gleichen dem täglichen Grot (kleine Silbermünze) oder den ersparten Augenblicken, welche anerkanntermaßen im Laufe eines Jahres oder eines Lebens so wichtige Resultate erzielen können. Die Manieren sind die Zierde der Handlungen. Es giebt eine Art, freundliche Worte zu sprechen oder freundliche Thaten zu verrichten, durch welche der Wert der einen wie der anderen bedeutend erhöht wird. Was man uns widerwillig oder mit einer Miene der Herablassung gewahrt, wird von uns kaum als eine Gunst empfunden. Es giebt aber Menschen, die sich auf ihre Grobheit etwas zu gute thun und trotz ihrer Tugend und ihrer Talente durch ihr Benehmen fast unerträglich werden. Es fällt uns schwer, einen Menschen zu lieben, der – ohne uns gerade Nasenstüber zu versetzen – doch beständig unser Selbstgefühl verwundet und es sich zur Pflicht macht, uns unangenehme Dinge zu sagen. Andere wieder sind von einer schrecklichen Herablassung und ergreifen mit Wonne die kleinste Gelegenheit, um ihren Mitmenschen ihr Übergewicht fühlen zu lassen. Als Abernethy sich um die Stelle eines Wundarztes am St. Bartholomäushospital bemühte, besuchte er eine derartige Persönlichkeit – einen reichen Gewürzkrämer, der zu den Vorstandsmitgliedern gehörte. Als der große Mann hinter dem Ladentisch den großen Chirurgen eintreten sah, nahm er sofort jene erhabene Miene an, die er dem Manne gegenüber für passend erachtete, der sich – wie er meinte – um seine Stimme bewerben wollte. »Ich vermute, mein Herr,« sagte er, »daß es Ihnen in diesem wichtigen Augenblick Ihres Lebens um mein Votum und meine Befürwortung zu thun ist.« Abernethy, der allen Humbug haßte und sich über den Ton des anderen ärgerte, versetzte kalt: »Durchaus nicht; ich möchte nur für einen Penny Feigen haben. Bitte, packen Sie mir dieselben rasch ein! Ich habe Eile.« – Die Pflege guter Manieren ist – obwohl ihr Übermaß geckenhaft und thöricht erscheint – doch höchst notwendig für einen Menschen, der mit anderen geschäftlich verkehrt. Leutseligkeit und seines Benehmen sind sogar eine wesentliche Bedingung des Erfolges für jeden, der eine hervorragende Stellung einnimmt und sich in einer erweiterten Lebenssphäre bewegte denn der Mangel der genannten Vorzüge hat nicht selten die Erfolge eines sehr thätigen, rechtlichen und ehrenwerten Charakters arg beeinträchtigt. Es giebt ja ohne Zweifel starke, tolerante Seelen, welche ein mangelhaftes, eckiges Benehmen entschuldigen und nur auf die wertvolleren Eigenschaften blicken, aber im allgemeinen ist die Welt nicht so duldsam, sondern bildet sich ihr Urteil und ihre Sympathien meistens nach der äußeren Erscheinung und Haltung der Menschen. Eine andere Art echter Höflichkeit beweisen wir dadurch, daß wir die Meinungen der anderen achten. Man hat von der Rechthaberei gesagt, daß sie nur die ausgebildetste Form der Flegelhaftigkeit sei; und die schlimmste Gestalt, die jene Eigenschaft annehmen kann, ist sicherlich die des starren Vorurteils und der Arroganz. Mögen die Menschen doch eingestehen, daß sie verschiedener Meinung sind, und sich dann gegenseitig ertragen und dulden! Man kann sehr wohl an seinen Grundsätzen und Ansichten festhalten, ohne deshalb mit anderen handgemein zu werden oder in einen heftigen Wortstreit zu geraten; und es giebt Umstände, unter denen ein Wort die Wirkung eines Dolchstiches hat und schwerer heilende Wunden schlägt als solch ein Mordinstrument. In Bezug hierauf wollen wir ein lehrreiches, kleines Gleichnis anführen, welches vor einiger Zeit von einem Wanderprediger des »evangelischen Bundes« im Grenzland von Wales seinen. Hörern erzählt wurde. »Als ich an einem nebligen Morgen aufs Gebirge stieg,« sagte er, »erblickte ich auf einem Bergabhänge ein seltsames Wesen, das mir – aus der Ferne betrachtet – wie ein Ungeheuer erschien. Als ich näher kam, bemerkte ich, daß es ein Mensch war; und als ich es erreicht hatte, erkannte ich in ihm meinen Bruder.« Die natürliche Höflichkeit, welche aus einem warmen, freundlichen Herzen kommt, ist nicht das ausschließliche Eigentum eines bestimmten Ranges oder einer besonderen Stellung. Der Tischler an seiner Hobelbank kann sie ebensogut besitzen als ein Geistlicher oder ein Mitglied des Oberhauses. Rohheit oder Grobheit ist durchaus nicht ein notwendiges Attribut des arbeitenden Standes. Die Höflichkeit und Bildung, welche in vielen Ländern des Kontinents allen Klassen der Bevölkerung eigen ist, beweist, daß auch die Gesamtheit der Engländer sich jene Eigenschaften erwerben könnte – was ohne Zweifel auch eines Tages infolge der erhöhten Kultur und des allgemeiner werdenden geselligen Verkehrs geschehen wird – ohne daß uns dadurch eine unserer echt menschlichen Tugenden verloren ginge. Keinem Rang und keiner Lebensstellung – ob hoch oder niedrig, reich oder arm – versagt die Natur ihre edelste Gabe: die Hochherzigkeit. Es hat noch nie einen wahrhaft anständigen Menschen gegeben, der nicht hochherzig gewesen wäre. Und diese Tugend kann sich ebensogut in den groben Kittel des Bauern als in den zobelverbrämten Rock des Edelmanns hüllen. Robert Burns wurde einmal von einem jungen, etwas hitzigen Edinburger, mit welchem er spazieren ging, gescholten, weil er einen schlichten Pachter auf offener Straße begrüßt hatte. »Aber du lächerlicher Mensch!« rief Burns, »ich sprach ja nicht mit dem Flauschrock, der Kegelmütze und den Kniehosen, sondern mit dem Mann, der darin steckte; und der, mein Bester, ist so viel wert als ich und du – und noch zehn andere von unserer Sorte obendrein.« Die Schlichtheit der äußeren Erscheinung mag denjenigen gemein erscheinen, welche das darunter verborgene gute Herz nicht zu erkennen vermögen; aber dem Redlichen werden die Merkmale des echten Charakters bald offenbar werden. William und Charles Grant waren die Söhne eines, Farmers aus Inverneßshire, welcher durch eine plötzliche Überschwemmung alles – sogar das Land verlor, welches er bebaute. Der Farmer und seine Söhne, vor denen nun die Welt offen lag, wanderten. Arbeit suchend, gen Süden, bis sie in die Nähe von Bury in Lancashire kamen. Von dem Gipfel des bei Walmesley liegenden Berges blickten sie weit in das vor ihnen ausgebreitete Land, dessen Ebene der Irwell in geschlängeltem Laufe durchströmte. Sie waren in der Gegend vollkommen unbekannt und wußten nicht, wohin sie sich wenden sollten. Um ihrer Ungewißheit ein Ende zu machen, warfen sie einen Stock in die Höhe und beschlossen, die Richtung einzuschlagen, in welcher er niederfallen würde. So trafen sie ihre Entscheidung und setzten ihren Weg fort, bis sie das benachbarte Dorf Ramsbotham erreichten. Dort fanden sie Beschäftigung in einer Druckerei, in welcher William seine Lehrzeit durchmachte; und vermöge ihres Fleißes, ihrer Mäßigkeit und strengen Rechtschaffenheit erwarben sie sich das Wohlwollen ihrer Prinzipale. Die beiden Brüder arbeiteten weiter und stiegen von Stufe zu Stufe, bis sie endlich selbst Arbeitgeber und – nach langen Jahren fleißigen, mutigen und wohlthätigen Wirkens – reiche Leute waren, die von allen, welche sie kannten, geehrt und geachtet wurden. Ihre Baumwollenspinnereien und Kattundruckereien beschäftigten ein großes Arbeiterheer. Ihre verständige Betriebsamkeit schuf in der Gegend eine Fülle von Thätigkeit, Heiterkeit, Gesundheit und Wohlstand. Von ihrem reichen Vermögen spendeten sie große Summen für wohlthätige Zwecke. Sie bauten Kirchen, gründeten Schulen und förderten auf alle Art das Wohl der arbeitenden Klasse, aus welcher sie selbst hervorgegangen waren. Später bauten sie auf der Spitze des den Ort Walmesley überragenden Berges einen hohen Turm zur Erinnerung an jenes Ereignis ihres früheren Lebens, welches die Wahl ihres Wohnsitzes bestimmt hatte. Die Gebrüder Grant wurden durch ihre Wohlthätigkeit und Güte bald weit und breit berühmt: und man behauptet, daß Herr Dickens an sie gedacht habe, als er den Charakter der Gebrüder Cheeryble zeichnete. Wir wollen unter zahlreichen ähnlichen Anekdoten eine herausgreifen, um zu beweisen, daß der genannte Dichter sich bei der Schilderung des Brüderpaares keiner Übertreibung schuldig gemacht hat. Ein Geschäftsmann aus Manchester veröffentlichte eine außerordentlich grobe Schmähschrift gegen die Gebrüder Grant, in welcher der ältere Teilhaber der Firma als » Billy Button « (Willychen, der Knopf) verspottet wurde. William wurde durch irgend jemand von dem Inhalt des Pamphlets unterrichtet und that dabei die Äußerung: »Der Mann wird die Sache sicherlich noch einmal bereuen.« Als dem Verfasser der Schmähschrift diese Bemerkung wiedererzählt wurde, meinte er: »Aha! Grant denkt vermutlich, daß ich sein Schuldner werden könnte; aber ich will mich davor wohl in acht nehmen.« Ein Geschäftsmann ist aber nicht immer in der Lage, vorauszusehen, wer einst sein Gläubiger sein wird; und so geschah es, daß Grants Beleidiger bankerott wurde und zur Wiederaufnahme seines Geschäfts einer Accordbestätigung bedurfte, welche auch von den Gebrüdern Grant unterschrieben werden muhte. Eine Gunst von jener Firma zu erbitten, erschien ihm als ein ganz aussichtsloses Unternehmen: aber die Notlage seiner Familie bestimmte ihn schließlich doch dazu, den Versuch zu wagen. Er erschien also vor dem Manne, den er als » Billy Button « verspottet hatte; er erzählte ihm seine Geschichte und legte ihm das Attest vor. »Sie haben ja wohl einmal eine Schmähschrift gegen uns geschrieben?« fragte Herr Grant. Der Bittsteller dachte nun nicht anders, als daß sein Dokument ins Feuer fliegen würde; aber statt dessen wurde es von Herrn Grant mit dem Namen der Firma unterzeichnet und auf solche Art wirkungskräftig gemacht. »Wir haben die Gewohnheit,« sagte der reiche Mann, indem er dem anderen die Schrift zurückgab, »nie unsere Zustimmung zu dem Accord eines ehrlichen Kaufmanns zu verweigern; und es ist uns nicht zu Ohren gekommen, das Sie sich je anders als ein solcher gezeigt hatten.« Dem Manne traten die Thränen in die Augen. »Aha!« fuhr Herr Grant fort, »sehen Sie wohl, ich hatte doch recht mit der Prophezeiung, daß Ihre Schmähschrift Ihnen eines Tages leid sein würde. Ich meinte das gar nicht als eine Drohung – ich meinte nur, daß Sie uns einst besser kennen lernen und dann bereuen würden, uns beleidigt zu haben.« – »Ich bereue es auch! ja, wahrhaftig, ich bereue es!« – »Gut, gut! Sie kennen uns jetzt. Aber wie geht es Ihnen? Was werden Sie anfangen?« – Der arme Mann erzählte, daß er Freunde hätte, die ihm helfen wollten, wenn er die Bestätigung erwirkte »Aber wie sind Sie in der Zwischenzeit daran?« – Die Antwort des bankerotten Kaufmanns lautete, er habe jeden Heller seinen Gläubigern überlassen und seine Familie selbst in den notwendigsten Lebensbedürfnissen beschränkt, um nur das Attest bezahlen zu können. »Aber mein guter Mann, das geht doch nicht! Ihre Frau und Ihre Kleinen dürfen nicht Not leiden! Seien Sie so gut und bringen Sie Ihrer Gattin diese Zehnpfundnote! Na, na! weinen Sie doch nicht so – es wird schon noch alles gut werden; fassen Sie nur Mut und arbeiten Sie wie ein Mann! dann werden Sie eines Tages Ihren Kopf wieder so hoch halten können als der Besten einer« – Der Mann war so überwältigt, daß er nicht imstande war, ein Wort des Dankes hervorzustammeln; er schlug die Hände vors Gesicht und verließ das Zimmer, schluchzend wie ein Kind. Ein wahrhafter Edelmann ist ein solcher, der sich nach den besten Mustern gebildet hat. Der Name »Edelmann« hat von altersher einen stolzen Klang und ist als Rang und Macht in allen Stadien der Gesellschaft anerkannt worden. »Ein Edelmann,« sagte jener alte französische General zu seinem schottischen Adelsregiment bei Roussillon, »ist immer ein Edelmann und bewährt sich als ein solcher in jeder Not und Gefahr.« Einen derartigen Charakter zu besitzen, ist schon an sich ein Vorzug, der die Sympathie jedes edlen Herzens gewinnt, und der selbst diejenigen zur Ehrfurcht zwingt, die sich vor dem Titel allein nicht beugen würden. Die Merkmale des echten Edelmanns liegen nicht in seiner vornehmen Erscheinung oder in seinen feinen Manieren, sondern in seinem moralischen Wert – nicht in seinen persönlichen Besitztümern, sondern in seinen persönlichen Tugenden. Der Psalmist beschreibt ihn kurz als einen Mann, der »ohne Wandel einhergehet und recht thut und redet die Wahrheit von Herzen.« (Psalm 15; 2.) Ein edler Mensch zeichnet sich vor allem durch seine Selbstachtung aus. Er halt seinen Charakter hoch – nicht nur da, wo er von anderen gesehen wird, sondern auch da, wo er selbst sein einziger Zeuge ist – zufrieden, wenn ihm nur die Billigung seines inneren Beraters zu teil wird. Und wie er sich selber achtet, so hat er naturgemäß auch Achtung vor anderen. Das Menschentum ist ihm heilig; und aus dieser Gesinnung entspringen Höflichkeit, Duldsamkeit, Güte und Barmherzigkeit, Man erzählt von Lord Edward Fitzgerald, daß ihn auf einer Reise durch Kanada, die er in Begleitung von Indianern machte, die Unbarmherzigkeit eines Häuptlings empörte, der sein schweres Gepäck von seiner armen Squaw schleppen ließ, während er selbst unbeladen einherging. Sofort nahm Lord Edward dem Indianerweibe die Last ab und legte sie auf seine eigenen Schultern, indem er so ein schönes Beispiel jener dem wahrhaft vornehmen Manne angeborenen Höflichkeit gab, welche die Franzosen als »politesse de coeur« bezeichnen. Der wahrhaft vornehme Mensch besitzt ein seines Ehrgefühls er vermeidet sorgfältig jede gemeine Handlung. Er hat von der Redlichkeit in Wort und That die höchste Auffassung. Er braucht keine Schliche und Winkelzüge, keine Vorwände und Ausflüchte, sondern ist ehrlich, aufrichtig und offenherzig. Sein Gesetz ist die Rechtschaffenheit – das Handeln nach ehrenhaften Grundsätzen. Wenn er »Ja« sagt, so darf man sich fest auf dies Wort verlassen: aber er hat auch den Mut, zur rechten Zeit ein tapferes »Nein« zu sagen. Ein edler Mann läßt sich nicht bestechen: nur Menschen von niedriger Gesinnung und fadenscheinigen Grundsätzen verlassen sich an diejenigen, die ein Interesse daran haben, sich auf solche Art ihres Beistandes zu versichern. Als der redliche John Hanway als Kommissär des Proviantamts fungierte, lehnte er jedes Geschenk von seiten eines Lieferanten ab, um sich nicht in der Ausübung seiner Amtspflichten beeinflussen zu lassen. Ein ähnlicher hübscher Charakterzug wird aus dem Leben des Herzogs von Wellington berichtet. Bald nach der Schlacht bei Assaye machte eines Morgens der erste Minister des Hofes von Hyderabad dem Herzog seine Aufwartung, um unter der Hand zu erfahren, welches Gebiet und welche Vorteile seinem Herrn in dem Friedensvertrage zwischen den Mahrattenfürsten und dem Nizam bewilligt wären. Für die ersehnte Auskunft bot der Minister dem britischen General eine sehr hohe Summe – weit über 100,000 Pfund. Sir Arthur sah ihm ruhig ein paar Sekunden lang ins Gesicht: dann sagte er: »Sie glauben also imstande zu sein, ein Geheimnis zu bewahren?« – »O sicherlich kann ich das!« rief der Minister. »Nun, ich kann es auch!« versetzte der englische Feldherr lächelnd und komplimentierte dann seinen Besucher zur Thür hinaus. Es gereicht Wellington zum höchsten Ruhm, daß er in Indien, wo er so große Erfolge errang und sehr wohl imstande gewesen wäre, sich auf die angedeutete Weise ungeheuere Reichtümer zu erwerben, dennoch sein Vermögen nicht um eines Hellers Wert vermehrte, sondern als ein verhältnismäßig armer Mann nach England zurückkam. Ebenso feinfühlig und hochherzig war sein edler Verwandter, der Marquis von Wellesley, der energisch ein Geschenk von 100,000 Pfund ausschlug, welches ihm gelegentlich der Eroberung von Mysore von den Direktoren der ostindischen Handelscompagnie angeboten wurde. »Ich halte es für überflüssig,« sagte er, »mich auf die Unabhängigkeit meines Charakters und auf die Würde meines Amtes zu berufen: noch andere Erwägungen und Gründe als die genannten bestimmen mich, eine derartige Anerkennung – als mir nicht geziemend – abzulehnen. Ich denke einzig an unsere Armee: es würde mir sehr leid thun, wenn der Anteil unserer wackeren Soldaten um meinetwillen verkürzt würde.« Und der Marquis war durch nichts zur Annahme des Geschenks zu bewegen. Die gleiche edle Selbstlosigkeit zeichnete Sir Charles Napier während seiner indischen Laufbahn aus. Er wies alle die kostbaren Geschenke zurück, welche die Barbarenfürsten ihm zu Füßen legen wollten, und bemerkte ganz richtig: »Sicherlich hätte ich seit meiner Ankunft in Scinde (Sindiah) schon 30,000 Pfund gewinnen können: aber ich brauche meine Hände noch nicht zu waschen. Das Schwert unseres teueren Vaters, welches ich in beiden Schlachten trug (bei Meane und Hyderabad) ist unbefleckt.« Reichtum und Rang sind nicht notwendige Attribute des echten Adels. Auch ein armer Mann kann seinem Geist und Leben nach ein wahrer Edelmann sein. Er kann ehrlich, wahrheitsliebend, aufrichtig, höflich, mäßig und mutig sein – kann Selbstachtung und Selbsthilfe beweisen – kann, mit einem Wort, ein Mann von echtem Adel sein. Der arme Mann, welcher einen reichen Geist besitzt, ist dem reichen, aber geistlosen Manne in jeder Beziehung überlegen. Der erstere gehört – um mit Paulus zu reden – zu denen, »die nichts haben und doch alles haben;« während der andere, der alles besitzt, doch in Wahrheit nichts sein eigen nennt. Der erstere hofft alles und fürchtet nichts; der letztere hofft nichts und fürchtet alles. Nur der Geistesarme ist wirklich arm. Wer alles verloren, aber seinen Mut, seine Heiterkeit, seine Hoffnung, Tugend und Selbstachtung bewahrt hat, ist immer noch reich. Solch ein Mann hat gewissermaßen Kredit bei der Welt. Dasein Geist seine materiellen Sorgen beherrscht, darf er sein Haupt hoch tragen – als ein Mann von echtem Adel. Ein tapferer und edler Charakter erscheint zuweilen im schlichtesten Gewände. Das nachstehende Beispiel ist alt, aber schön. Einst hatte die Etsch ihre Ufer überschwemmt und die Brücke von Verona mit Ausnahme des Mittelpfeilers zerstört. Auf dem letzteren stand ein Häuschen, dessen Bewohner aus den Fenstern um Hilfe riefen, wahrend die Zertrümmerung des Brückenpfeilers sichtbare Fortschritte machte. »Ich gebe jedem, der die Rettung dieser Unglücklichen versucht, hundert Louisdor,« rief der anwesende Graf Spolverini. Darauf trat ein junger Bauer aus der Menge, sprang in ein Boot und ruderte in den Strom hinein. Er erreichte den Brückenpfeiler, nahm die ganze Familie in seinen Kahn und brachte sie glücklich ans Land. »Hier ist Euer Geld, mein wackerer junger Freund!« rief der Graf. »Nein!« lautete die Antwort des Jünglings: »ich verkaufe mein Leben nicht! Gebt das Geld dieser armen Familie, die es nötiger braucht als ich!« – Aus diesen Worten sprach der Geist eines echten Edelmannes, wenn der Sprecher auch nur in die schlichte Tracht eines Bauern gekleidet war. Nicht weniger rührend war das heldenhafte Benehmen einer Anzahl von Schiffern aus Deal, welche die Mannschaft einer bei den »Downs« (Dünen) gestrandeten Kohlenbrigg vor nicht allzulanger Zeit retteten (am 11. Januar 1866). Ein plötzlich eintretender Nordoststurm riß verschiedene Schiffe von ihren Ankern los und eins derselben geriet – da gerade Ebbe war – in beträchtlicher Entfernung vom Ufer auf den Grund, sodaß die Wellen über das Fahrzeug hinwegspülten. Es gab für das letztere allem Anschein nach nicht die geringste Hoffnung – so groß war die Wut des Sturmes und so heftig die Gewalt der Wogen. Es gab auch nichts, was die Schiffer am Ufer dazu verlocken konnte, ihr Leben für die Rettung des Schiffes oder der Mannschaft zu wagen; denn nicht ein Heller Bergungsgeld stand in Aussicht. Aber in diesem kritischen Augenblick blieb den Dealer Schiffern ihr kühner Wagemut treu. Die Brigg war kaum gestrandet, so warf Simon Pritchard, einer der vielen am Ufer versammelten Leute, seinen Rock ab und rief: »Wer kommt mit mir und versucht es, die Mannschaft zu retten?« Augenblicklich drängten sich zwanzig andere aus der Menge vor und riefen: »Ich, ich!« Aber nur sieben wurden gebraucht. Eine Schaute (flaches Boot) wurde in die schäumende Brandung geschoben; und dann sprangen die Leute in das Fahrzeug, welches wie ein Pfeil durch die sich überstürzenden Wellen schoß, begleitet von dem Beifallsgeschrei derer, die am Strande zurückgeblieben waren. Trotz der empörten See entging das Boot wie durch ein Wunder der Zertrümmerung. Von den kräftigen Ruderschlägen der wackeren Leute getrieben, erreichte es bald, »auf dem Kamm einer Woge schwebend,« das gestrandete Schiff; und noch war keine Viertelstunde seit dem Augenblick verflossen, da das Boot vom Ufer abstieß, als auch schon die sechs Leute, aus denen die Mannschaft der Kohlenbrigg bestand, sicher bei Walmer-Beach ans Land gesetzt waren. Ein schöneres Beispiel von dem unerschütterlichen Mut und der uneigennützigen Tapferkeit der Dealer Schiffer kann wohl kaum angeführt werden, obwohl diese immer als wackere Männer gegolten haben. Uns aber freut es, daß wir hier Gelegenheit fanden, diese That zu berichten. Herr Turnbull erzählt in seinem Buche über »Österreich« eine Anekdote von dem verstorbenen Kaiser Franz, aus welcher hervorgeht, wie sehr die Regierung jenes Landes ihre Beliebtheit beim Volke den persönlichen Eigenschaften der habsburgischen Fürsten verdankt. Zu der Zeit, da die Cholera in Wien wütete, ging der Kaiser eines Tages mit einem Adjutanten durch die Straßen der Stadt und der Vorstädte. Dabei begegnete er einem Sarge, der auf einer Bahre getragen wurde, ohne daß dem darin liegenden Toten auch nur ein einziger Freund das Trauergeleit gab. Dieser ungewöhnliche Umstand erregte die Aufmerksamkeit des Monarchen, welcher auf seine Anfrage erfuhr, daß der Verstorbene ein armer Mensch gewesen, den die Cholera hinweggerafft, und dessen Verwandten es aus Furcht vor Ansteckung nicht wagten, ihn zur letzten Ruhe zu geleiten. »Dann,« erklärte Franz, »wollen wir ihre Stelle vertreten! denn keiner meiner Untertanen sollte zu Grabe getragen werden, ohne diese letzte Ehre zu empfangen.« Und so folgte er denn mit dem Adjutanten dem Sarge bis zu dem entlegenen Begräbnisplatze und stand barhäuptig neben dem Grabe, bis jeder Brauch und jede Sitte getreulich erfüllt war. Wie schön dies Beispiel auch das Wesen des wirklich vornehmen Mannes kennzeichnet, so können wir ihm doch ein ebenso schönes zur Seite stellen, welches eine Morgenzeitung vor etlichen Jahren von zwei englischen Kanalarbeitern berichtete, die sich vorübergehend in Paris aufhielten. Eines Tages fuhr ein Leichenwagen mit einem Sarge aus Pappelholz, in welchem ein Toter lag, auf dem Wege nach dem Dorfe Montmartre die steile Rue de Clichy hinauf. Keine lebende Seele folgte dem Verstorbenen, nicht einmal sein Hund – wenn er überhaupt einen gehabt. Der Tag war regnerisch und unfreundlich; die Passanten lüfteten den Hut, wie man das zu thun Pflegt, wenn man einem Leichenzug begegnet: das war aber auch alles. Endlich gingen zwei englische Kanalarbeiter vorüber, die auf dem Wege von Spanien nach England in Paris Station gemacht hatten. Unter der Leinwandbluse dieser beiden Männer schlug ein edles Herz. »Der arme Bursche!« sagte der eine zum andern; »kein Mensch giebt ihm das Geleit. Komm, wir wollen ihm folgen!« Und die beiden nahmen ihre Hüte ab und folgten unbedeckten Hauptes dem Sarge eines unbekannten Toten zum Kirchhof von Montmartre. Ein Mann von vornehmer Gesinnung ist vor allen Dingen ein Feind der Lüge. Er betrachtet die Wahrheit als »die Krone des menschlichen Charakters,« als die Seele der Redlichkeit. Lord Chesterfield erklärte, daß erst die Wahrheitsliebe die Vornehmheit zur Vollendung bringe. Als der Herzog von Wellington mit dem General Kellermann, der ihm auf der Pyrenäenhalbinsel gegenüberstand, wegen der »Gefangenen auf Ehrenwort« verhandelte, schrieb er ihm, daß es für den englischen Offizier neben dem Mute noch etwas gebe, das ihm höher stehe als alles andere, – nämlich seine Wahrhaftigkeit. »Wenn englische Offiziere,« schrieb er, »ihr Ehrenwort gegeben haben, keinen Fluchtversuch zu machen, so können Sie sicher sein, daß sie dies Gelübde nicht brechen werden. Glauben Sie mir dies und vertrauen Sie jenen Braven! Das Wort eines englischen Offiziers ist eine bessere Bürgschaft als der Pflichteifer der Schildwachen.« Wahrer Mut und wahre Güte gehen Hand in Hand. Der Tapfere ist großmütig und nachsichtig, nie hart und grausam. Parry fällte ein schönes Urteil über seinen Freund, den Sir John Franklin, als er ihn als einen Mann bezeichnete, »welcher nie der Gefahr den Rücken wandte und dabei doch so sanftmütig war, daß er keiner Fliege ein Leid zufügen mochte.« Einen edlen Charakterzug – in welchem sich eine wahrhafte Güte verriet, die des Geistes eines Bayard würdig gewesen wäre – zeigte ein französischer Offizier in dem Reiterkampfe bei El Bodon in Spanien. Er hatte bereits sein Schwert erhoben, um Sir Felton Harvey niederzuschlagen; da bemerkte er plötzlich, daß sein Gegner nur einen Arm hatte; und augenblicklich senkte er seine Waffe und salutierte damit vor Sir Felton in der üblichen Weise, worauf er von dannen ritt. Hierbei wollen wir auch eine That des Edelmutes und der Güte berichten, welche der Marschall Ney in demselben spanisch-portugiesischen Befreiungskriege vollbrachte. Charles Rapier wurde bei Corunna schwer verwundet und gefangen genommen; seine Freunde in der Heimat aber wußten nicht, ob er tot war oder noch lebte. Ein besonderer Bote wurde mit einer Fregatte von England abgesandt, um sein Schicksal festzustellen. Der Baron Clouet empfing den englischen Parlamentär und benachrichtigte Ney von dessen Ankunft. »Der Gefangene darf sich von seinen Freunden besuchen lassen, um ihnen sagen zu können, daß er sich wohl befindet und von uns gut behandelt wird,« sagte Ney. Als Clouet zögerte, fragte der Marschall lächelnd, »was denn sonst noch gewünscht würde.« – »Er hat eine alte, blinde Mutter, die Witwe ist.« – »So? dann soll er sie selbst besuchen und ihr sagen, daß er noch lebt!« – Da die Auswechslung der Gefangenen zwischen den feindlichen Parteien damals nicht gestattet war, so hatte sich Ney – wie er selbst recht wohl wußte – durch die Freilassung des jungen Offiziers leicht den Zorn des Kaisers zuziehen können; doch glücklicherweise billigte Napoleon die edle That. Trotz der gelegentlich laut werdenden Klagen über die entschwundene Ritterlichkeit hat doch auch unsere Zeit Thaten der Tapferkeit und Güte – der heroischen Selbstverleugnung und männlichen Großmut – aufzuweisen, die hinter keiner historischen Heldenthat zurückstehen. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, daß unsere Landsleute noch nicht entartet sind. Auf dem öden Plateau von Sebastopol – wie in den nassen, gefahrvollen Laufgräben bei jener zwölfmonatlichen Belagerung – haben sich Männer aus allen Volksklassen als würdige Erben des Ruhmes ihrer Ahnen erwiesen. Aber am hellsten erstrahlten die Tugenden unserer britischen Landsleute in jener schweren Prüfungszeit in Indien. Der Marsch Neills nach Cawnpore und der Marsch Havelocks nach Lucknow – wobei Offiziere und Mannschaften in gleicher Weise durch den Wunsch, die Frauen und Kinder zu retten, angetrieben wurden – sind Ereignisse, die in der ganzen Geschichte des Rittertums nicht ihresgleichen haben. Outrams Benehmen gegen seinen Unterfeldherrn Havelock, dem er die Ehre der Führerschaft bei dem Angriff auf Lucknow überließ, ist ein Charakterzug, der Sidneys würdig gewesen wäre, und der allein schon den Namen des »indischen Bayard« rechtfertigt, welchen man Outram gegeben hat. Der Tod des Henry Lawrence – jenes tapferen und milden Mannes, dessen letzte Worte lauteten: »Macht nicht so viel Aufhebens mit mir! begrabt mich mit den Leuten zusammen!« – Der treue Eifer, mit welchem sich Sir Colin Campbell bemühte, die bedrängte Besatzung von Lucknow zu retten und den langen Zug der Weiber und Kinder bei Nacht von dort nach Cawnpore zu führen, was ihm trotz aller Angriffe des übermächtigen Feindes gelang – die Sorgfalt, mit welcher er seine Schutzbefohlenen dann über die gefährliche Brücke geleitete und sein Hüteramt nicht eher aufgab, als bis er sie sicher auf die nach Allahabad führende Straße gebracht – das Ungestüm, mit dem er sich danach auf die Armee von Gwalior stürzte: das alles sind Charakterzüge, die uns auf unsere Landsleute stolz machen und uns die Überzeugung einflößen, daß der beste und reinste Glanz der Ritterschaft noch nicht erloschen ist, sondern noch hell in unserem Lande erstrahlt. Selbst die gemeinen Soldaten haben sich in der Stunde der Prüfung als Männer von edler Gesinnung bewährt. Bei Agra wurden viele der armen Burschen bei dem Zusammenstoß mit dem Feinde verwundet und verstümmelt und in diesem Zustande ins Fort gebracht. Hier wurden die rauhen, wackeren Leute von den zarten Händen der Damen gepflegt und benahmen sich dabei so sanft wie Kinder. Während der vielen Wochen, die ihre Pflege dauerte, enthielten sich die verwundeten Soldaten jedes Wortes, das ein zartfühlendes, weibliches Ohr hätte verletzen können. Und als alles vorüber war – als die tödlich Verwundeten gestorben, die Überlebenden aber von ihren Wunden geheilt und imstande waren, ihren Dank abzustatten, da veranstalteten die rauhen Veteranen, die durch Narben und Verstümmelungen entstellt waren, für ihre Pflegerinnen und die hervorragendsten Persönlichkeiten aus Agra ein Fest in den schönen Gärten des Taj, wo sie unter Blumen und Musik ihren freundlichen Landsmänninnen dafür dankten, daß sie ihnen in der Zeit der Not beigestanden – sie gekleidet, gespeist und gepflegt hatten. Auch in den Spitälern von Skutari priesen viele verwundete und kranke Soldaten die Güte der englischen Damen, die sich ihrer Pflege widmeten; und nichts kann an Zartheit die dankbare Gesinnung jener armen Dulder übertreffen, die in ihren schlaflosen Schmerzensnächten den Schatten der Miß Florence Nightingale segneten, wenn derselbe über ihr Kopfkissen glitt. Der Schiffbruch der »Birkenhead,« welcher sich am 27. Februar 1852 in der Nähe der afrikanischen Küste ereignete, liefert einen anderen denkwürdigen Beweis dafür, daß sich auch in unserem neunzehnten Jahrhundert in einfachen Leuten ein ritterlicher Geist offenbaren kann, auf den jedes Zeitalter stolz sein könnte. Der Dampfer fuhr mit 472 Männern und 166 Frauen und Kindern an Bord an der afrikanischen Küste entlang. Die Leute gehörten verschiedenen am Kap stationierten Regimentern an und bestanden hauptsächlich aus Rekruten, die erst kurze Zeit im Dienst waren. Gegen zwei Uhr morgens, als alle unten schliefen, stieß das Schiff mit großer Gewalt auf eine verborgene Klippe, die seinen Boden so arg beschädigte, daß über seinen bevorstehenden Untergang kein Zweifel obwalten konnte. Das Wirbeln der Trommeln rief die Soldaten auf das Oberdeck, wo sich die Leute wie zur Parade aufstellten. Die Parole lautete: »Rettet die Frauen und Kinder!« Und die hilflosen Geschöpfe wurden, kaum notdürftig bekleidet, aus den unteren Räumen heraufgeholt und stillschweigend in die Boote geschafft. Als alle Frauen und Kinder das Schiff verlassen hatten, gab der Kapitän des Dampfers den unbesonnenen Befehl: »Wer schwimmen kann, springe über Bord und suche die Boote zu erreichen!« Aber der Hauptmann Wright von den Bergschotten des 91. Infanterieregiments rief dagegen: »Nein! wenn ihr das thut, müssen die Boote mit den Frauen sinken!« und die wackeren Leute standen regungslos. Es waren keine Boote mehr vorhanden! es gab keine Hoffnung auf Rettung: aber trotzdem erbebten die tapferen Herzen nicht, und keiner schrak in diesem fürchterlichen Augenblick vor seiner Pflicht zurück. Der Hauptmann Wright – einer der Überlebenden – berichtet: »Es wurde kein Murren, kein Schrei unter ihnen laut, bis das Fahrzeug von den Wellen verschlungen wurde.« Zu Grunde ging das Schiff, und zu Grunde ging die Mannschaft, welche ein feu de joie abfeuerte, während sie in den Fluten versank. Ruhm und Ehre den Edeln und Tapferen! Die Thaten solcher Männer werden nie vergessen werden – sie sind unsterblich wie ihr Andenken. Es giebt viele Merkmale, an denen sich die vornehme Gesinnung eines Mannes erkennen läßt; aber eins ist das sicherste: die Art, in der er sich gegen seine Untergebenen oder gegen schwache Frauen und Kinder benimmt. Wir müssen darauf achten, wie der Offizier seine Leute, der Herr seine Diener, der Lehrer seine Schüler – kurz, wie der Mensch in jeder Stellung diejenigen behandelt, welche ihm untergeordnet sind. Die Rücksicht. Geduld und Güte, mit welcher die Macht in solchen Fällen gebraucht wird, ist die Feuerprobe des vornehmen Charakters. Als La Motte eines Tages durch eine dichtgedrängte Menge ging, trat er zufällig einem jungen Burschen auf den Fuß, worauf dieser ihm sogleich einen Schlag, ins Gesicht versetzte. »Ach, mein Herr!« rief La Motte; »ich bin gewiß, Ihre Thai würde Ihnen leid sein, wenn sie wüßten, daß ich blind bin.« Wer diejenigen mißhandelt, die nicht fähig sind, ihm Widerstand zu leisten, ist ein Flegel, aber nicht ein vornehmer Mann. Wer die Schwachen und Hilflosen unterdrückt, ist überhaupt kein echter Mann, sondern eine Memme. Wie jemand sehr richtig bemerkt hat, ist der Tyrann nur ein mit äußerlicher Macht bekleideter Sklave, während der echte Mann durch das Bewußtsein seiner Kraft innerlich veredelt wird und im Gebrauch derselben sehr vorsichtig ist: denn »Ein Vorzug stolzer Art Ist eines Riesen Kraft; doch der ist ein Tyrann, Der sich der Kraft bedient.« Die Sanftmut ist eins der sichersten Kennzeichen des vornehmen Mannes. Ein solcher nimmt unter allen Umständen Rücksicht auf die Gefühle seiner Mitmenschen – seiner Untergebenen wie auch derer, die ihm gleichgestellt sind – und er hütet sich, ihr Selbstgefühl zu verwunden. Er erträgt lieber selbst eine kleine Kränkung, als daß er der Handlungsweise eines anderen eine übelwollende Deutung giebt und so in Gefahr kommt, eine große Ungerechtigkeit zu begehen. Er ist nachsichtig gegen die Schwächen, Fehler und Irrtümer derer, denen das Leben nicht so leicht gemacht wurde wie ihm. Er ist selbst gegen seine Haustiere barmherzig. Er rühmt sich weder seines Reichtums, noch seiner Macht oder seiner Talente. Er wird durch den Erfolg nicht aufgeblasen, durch das Mißgeschick nicht entmutigt. Er drängt seine Ansichten niemand auf, sagt aber seine Meinung bei passender Gelegenheit gerade heraus. Er erteilt seine Gunstbezeugungen nicht mit gönnerhafter Miene. Sir Walter Scott sagte einmal von Lord Lothian: »Er ist ein Mann, von dem man eine Gunst annehmen kann; und das will heutzutage viel sagen.« Lord Chatham hat einmal geäußert, was den vornehmen Mann kennzeichne, sei seine Selbstverleugnung und Opferwilligkeit im Verkehr des täglichen Lebens. Als ein Beispiel solcher rücksichtsvollen Gesinnung eines edlen Mannes wollen wir eine Anekdote aus dem Leben des tapferen Sir Ralph Abercromby berichten. Derselbe wurde in der Schlacht bei Abukir tödlich verwundet und in einer Tragbahre an Bord des »Foudroyant« gebracht, wo man ihm zur Linderung seiner Schmerzen das Bettlaken eines Soldaten unter den Kopf schob, was ihm in der That eine große Erleichterung verschaffte. Auf seine Frage, was es wäre, antwortete man ihm: »Das Bettlaken eines Soldaten.« – »Wem gehört es?« fragte er, sich halb aufrichtend. – »Einem der Leute!« – »Ich will den Namen des Mannes wissen, dem dieses Laken gehört.« – »Dem Duncan Roy von den Zweiundvierzigern, Sir Ralph!« – »Dann achtet darauf, daß Duncan Roy noch diese Nacht sein Bettlaken zurückerhält!« (Browns »Horae Subsecivae«). Selbst mit dem Tode ringend, wollte der General den gemeinen Soldaten auch nicht für eine einzige Nacht seines Bettlakens berauben. Diese Erzählung ist in ihrer Art ebenso schön als jene von dem sterbenden Sydney, der seinen Trunk Wasser dem gemeinen Soldaten auf dem Schlachtfelde von Zütphen überließ. Der biedere alte Fuller faßt die Kennzeichen des wahrhaft vornehmen Mannes kurz in der Beschreibung zusammen, die er uns von dem großen Admiral Sir Francis Drake giebt: »Er war rein in seiner Lebensführung, gerecht in seinem Handeln, wahrhaftig in seinen Worten, milde gegen seine Untergebenen und nichts war ihm so verhaßt wie die Trägheit. In wichtigen Angelegenheiten verließ er sich nie auf einen anderen – wie vertrauenswürdig und geschickt derselbe auch sein mochte – sondern war mit Nichtachtung aller Gefahr und Mühe immer der erste auf dem Platze (ohne nach einem zweiten zu fragen), wenn es sich darum handelte, Mut, Geschicklichkeit oder Fleiß zu beweisen.«