Ludwig Tieck. Alla-Moddin. Ein Schauspiel in drei Aufzügen. 1790. 1791.     Berlin, bei G. Reimer, 1829.     Personen. Alonzo , Statthalter auf Manilla. Alla-Moddin , gefangner König der Suhlu-Inseln. Amelni , seine Gattin. Lini , sein Sohn, Knabe von acht Jahren. Sebastiano , ein Jesuit. Omal , Befehlshaber Alla-Moddins. Gusmann , ein Spanier. Ein Fremder . Pedro , ein Offizier Alonzo's. Lorenzo , der Kerkermeister. Gonsalvo , ein Offizier Gusmann's. Bedienter Alonzos. Suhluaner:     Schaddin ,     Runval . Andre Einwohner der Suhlu-Inseln. Spanier. Die Scene ist auf Manilla , einer spanischen Besitzung in Ost-Indien.     Erster Aufzug. (Großer gewölbter Gefängnißsaal ohne Fenster; in der Mitte hängt eine Lampe, die einen schwachen dämmernden Schein verbreitet. Im Hintergrunde sieht man eine Art von Verschlägen mit Ruhebetten für die Gefangenen. An den Seiten steinerne Bänke.) Erste Scene. Alla-Moddin . Amelni . Lini . Amelni liegt, mit dem Kopf auf eine steinerne Bank gelehnt, und schläft, Alla-Moddin steht im Vorgrunde und blickt seufzend nach dem matten Schein der Lampe; Lini beschäftigt sich mit einem kleinen Vogel, der in einem Käfig an einer Mauer des Gefängnisses hängt. Lini . Nun Du kleiner gefiederter Freund, wie geht es Dir? – Du hast mir heute noch kein Lied gesungen. – Möchtest wohl gern weiche Safranblättter essen; aber was hilft's, wenn ich es auch dem rauhen unfreundlichen Mann sage, er bringt Dir doch keine! – oder grämst Du Dich, weil Du gern frei sein möchtest? – Bin ich doch auch hier eingesperrt. – Es ist so dunkel, ich kann nicht einmal sehn, ob Du traurig bist; unser kleiner Mond scheint heut so finster. Alla-Moddin in Gedanken verloren für sich seufzend . Ach! Amelni! Lini . Sie schläft dort auf dem steinernen Bette. – Soll ich sie wecken? Alla-Moddin . Sie schläft? – O laß sie schlafen! Lini . Vater – – Alla-Moddin . Was willst Du, mein Sohn? Lini . Mein Vogel will heut durchaus nicht singen, kannst Du mir nicht die Zeit vertreiben? Ich weiß nicht, seit wir hier sind, komm' ich mir schon so alt vor. – Die Tage der Europäer sind weit länger als die auf dem sonnigen Suhlu. – Was soll ich thun? Alla-Moddin . Schlaf! Wohl dem, den der weiche Schlaf mit seinen zarten Armen umfängt, bei seiner Ankunft treten die grauen Sorgen zurück, dann läuft die Woge der Zeit schneller vorüber. – Schlaf! Lini . Das ist es eben, ich kann nicht schlafen, und doch wünsch' ich zu schlafen, wenn ich wache. Wenn ich mich auf mein Bett hinlege und nach der dämmernden Lampe hinblicke, dann ist mir oft, als müßt' ich durchaus irgend etwas thun, ein heller Schein geht durch meine Seele, – ich springe auf, – ach! und dann steht die kalte, kalte Mauer vor mir. Alla-Moddin für sich, ihn traurig anblickend . Des Knaben Geist erwacht, – und ich! Lini . So wie ich nur die Augen zumache und einschlummre, lachen mir sogleich die grünen Fluren Suhlu's entgegen. Ich hüpfe umher und pflücke mir purpurrothe Blümchen, fahre auf meinem kleinen Kahn über den hellen See und tauche mit dem bunten Ruder lachend die schwimmenden Lotosblätter unter, ich sehe alle meine kleinen Freunde wieder, alle freuen sich, wir springen umher, – und dann wach' ich auf. Ach! dann möchte mir hier im finstern Hause die Wehmuth das Herz zerreißen. Dann ist mir, als hätt' ich mich in einen schwarzen Wald verirrt und könnte mich nicht wieder nach Hause finden, und darum mag ich gar nicht gern schlafen. Alla-Moddin . Armer Lini! Lini . Manchmal bin ich wieder, ohne selbst zu wissen warum, auf ein paar kleine Augenblicke so froh – so froh – Du kannst gar nicht glauben, wie sehr. Meine Brust wird so leicht, und ein schöner Sonnenschein glänzt freundlich neben mir. Und, nicht wahr, Vater, die grausamen Spanier können uns auch nicht immer hier eingesperrt halten? Ich werde Suhlu einmal wieder sehn, ich werde meinen kleinen Garten wieder sehn. O wie will ich dann voll Freude jeden alten bekannten Baum umschlingen, bei jeder Blume will ich mich hinlegen und sie küssen. Ich denke immer, lieber Vater, ich sehe doch noch einmal meinen lieben kleinen Palmbaum wieder, der grade so alt ist als ich. Alla-Moddin trocknet sich die Augen . Ich hoffe es. Lini . Ach nein, Du hoffst es nicht, dann würdest Du fröhlicher sein, ich verstehe Dich recht gut. Was kümmert es den Alonzo, ob der kleine Lini gern einmal wieder in seinem Garten spazieren ginge, was kümmert es ihn, ob der Vater weint und die liebe Mutter da auf dem harten Stein schläft. Alla-Moddin . Ach Amelni! er geht zu seiner schlafenden Gattin. Wie lieblich schmiegst du dich ruhend an den drückenden Stein! – Schön, wie eine silberne Blüthe, die der Wind auf einen Fels hintrug. – Du, sonst so glücklich, ruhst hier auf diesem Stein? – Doch, auch itzt bist du glücklich, denn du schläfst! Auf goldenen Wolken schweben die Seligkeiten des Himmels um dich her, denn Du lächelst so süß, und dein Lächeln erhellt diesen Kerker wie die Frühlingssonne den unbelaubten Wald. – O holder Schlaf! Warum fliehst du von meinen bethränten Augen? Laß mich wenigstens von Freiheit träumen! So sanft schläfst du hier auf diesem harten Stein? hart und unfreundlich wie Alonzo! – Ob ich dich wecke? – Nein, so holde Träume würden dich nicht wieder anlächeln. Ist es nicht genug, daß der Gram mein Herz zerreißt, soll auch das deinige bluten? – er setzt sich in eine Ecke des Gefängnisses. Ach Valmont! – gedenkst du noch deines Versprechens? – Omal! – Alle meine Freunde haben mich verlassen, zurückgelassen eine Beute dem Kummer. – Er lehnt den Kopf an die Mauer und sitzt in Gedanken verloren. Lini , der indeß zu seinem Vogel zurückgekehrt ist . Sieh, hier schenke ich dir mein letztes Stückchen Zucker. – Mein letztes, hörst du wohl? – Dafür mußt du mir aber auch ein Liedchen singen! – Nun? der Vogel fängt an leise zu singen. Schön! Schön! er nimmt eine kleine Laute und begleitet damit den Gesang des Vogels. Wie der kleine Stolze mit den Tönen der Laute wetteifert! Alla-Moddin . Itzt hat er vergessen, daß er unglücklich ist, – o ihr seligen Kinderjahre! Lini . Ich danke dir für dein Lied. – Dafür will ich dir auch eins von meinen Liedern singen. – spielt und singt leise, nach und nach wird sein Gesang lauter und munterer.         Der Frühling kömmt!         Die Wolken fliehn,         der Himmel glänzt!               Der Frühling kömmt!         und Regenbogen         sind seines Wagens         gleitende Räder.               Blumengekränzt,         in Sonnenstrahlen         schwebt unter säuselnden Winden         nieder der Gott.         Tausend Blumen bekränzen sein Haupt,         tausend Blumen umflechten         sein blaues Gewand.               Er lächelt –         aus goldenen Locken,         vom blauen Gewande,         fließen zur Erde die Blumen hinab.               Es blüht die Flur,               es grünt der Hain,               und jeder Zweig               tönt süßen Genuß               dem Frühlingsgotte. –                     Wonnegesang!                     Wonnegesang!         Rauscht durch den Palmenhain!         Durch die blühenden Bäume         säuselt der West,                     mit den Blüthen scherzend.               Viele der Blüthen,               viele der Blumen               sinken zur Erde. –         Wenn Mondschein sie küßt,         wenn Thau sie tränkt,               Mondschein des Frühlings,               Frühlingsthau, –                     entschweben ihnen                     mit leisem Fluge                     schöne blaue Schmetterlinge.                     In den Blüthen der rauschenden Bäume,                     unter Blumen der duftenden Wiese,                     flattern und schwärmen sie                     hier und dort.                           Sie suchen die Schwestern,                           sie suchen die Brüder,                           in Blüthen und Blumen,                     und küssen sie alle.                     Haben sie die Zwillingskinder aufgefunden,                     nisten sie sich in dem väterlichen Baum ein,                     bergen sich in Blüthen oder Blumen,                     an der süßen Wiederkennung sterbend. – Amelni , erwachend . Wo bin ich? – Ach Alla-Moddin! – Ein schöner Traum täuschte mich, – ich strecke meine Arme nach dem Glück' aus, und der schwarze Jammer tritt meiner Umarmung entgegen. Alla-Moddin . Du träumtest schön, denn Du lächeltest so süß im Schlafe. Mein ganzes voriges Glück stand bei Deinem Lächeln in seinem hellsten Glanze wieder vor mir. Amelni . Ach! ich träumte von unsrer Freiheit. – Wir saßen beide im Vollgenuß des neuen Freiheitgefühls an jenem silbernen Bach in Suhlu, wo ich Dich zuerst sahe. Bienen summten freudig um uns her im warmen Sonnenstrahl, die Palmen rauschten uns ihren frohen Willkommen entgegen; wir saßen stumm da, Hand in Hand, und betrachteten mit Entzücken die rothen Blümchen, die sich über den Bach bogen und in seinem Spiegel betrachteten. Aus der Ferne tönten durch den Duft der blühenden Bäume die Chöre der Jünglinge und Mädchen, die das Frühlingsfest sangen; Vögel jauchzten aus neigenden Wipfeln in den Chorgesang, wir schwiegen – und weinten! – Ach, es war ein schöner Tag, an dem wir einst wonneberauscht neben jenem Bach saßen, – gedenkst Du noch dieses Tages? Alla-Moddin . Ob ich seiner gedenke? – Es war der erste, an welchem ich Dich meine Gattin nannte. – Jene goldnen Tage liegen weit hinter uns, tief unten in einem blumenvollen Thale; wir aber wandeln verirrt über nackte Felsen, und werden dies Thal nie wieder sehn. – Ewig sei der Tag verwünscht, an dem ich Manilla zuerst erblickte! Amelni . Drücke Dein Haupt nicht so schwermüthig gegen die Mauern, laß der Hoffnung Raum. Kein Mensch kann vor seinem Tode sagen: ich war zum Unglück verdammt. Wir fahren im Boot des Lebens bald blühenden Wiesen, bald kahlen Felsenwänden vorüber. Alla-Moddin . Die Krone ist von meinem Haupte in den Staub gefallen. Hier steht der König, und zählt die Steine der Mauer! – O! – Amelni . Ich erschrecke vor Dir! – Du wirst immer düsterer. Sonst gingst Du umher, sprachest mit mir, erinnertest Dich der frohen Vergangenheit und sahst getröstet in den Spiegel der Hoffnung – Du spieltest auf der Laute und sangest Lieder vom schönen Suhlu: aber itzt! – Du seufzest den Tag hinweg, und wenn die Nacht kömmt, wünschest Du den Tag. Immer sitzest Du dort an die Wand gelehnt, Dein Auge starrt auf einen Punkt, und Dein Geist schwebt in Suhlu umher. – O theurer Gatte! Wenn Du hier im fremden Lande zum ewigen Schlaf hinsänkest, fern von Deinen Freunden und Verwandten, hier, wo über Deinem Grabe Jünglinge und Mädchen keinen Grabgesang sängen – auch mich würde der Gram tödten. – Alla-Moddin . Ich ruhe an dieser Stelle, um die freie Luft des Himmels einzuathmen. Sieh, die Zeit und der Sturmwind oder ein Erdbeben haben hier eine Kluft in die Mauer gerissen. – Ich höre aus der Ferne das dumpfe Rauschen der See, und denke an Valmont und Omal. Hier stehe ich, und blicke mit starrem Auge über das sonnenbeglänzte Meer hin, meine kranke Einbildung schafft aus Schiffern am Ufer meinen Omal; wenn ein Schiff vorbeisegelt, so glaub' ich, es eile zu meiner Rettung herbei, ach! und schon hundertmal färbte der blasse Schein des Abends jene Wogen, und eben so oft ward mein banges Erwarten, meine Sehnsucht getäuscht. Sieh, dort hinter jenen grauen Wogen muß Suhlu liegen, ach säh' ich doch sein fernes Ufer dämmern! Lini . Wo? – O laß mich sehen, Vater! – Ach, endlich seh' ich doch einmal wieder Sonnenschein! – Sieh, welchen glänzenden Mantel die Sonne auf das Meer deckt, tausend leuchtende kleine Sonnen tauchen sich aus den nassen Wogen empor. – O wie wohl ist mir wieder! Ach, mir ist, als könnt' ich das ferne Ufer sehn, als trüge der Wind, der mich mit sanftem Fittig schlägt, den Duft meines Gartens, als könnte ich den Schaum entdecken, den die Wogen mühsam an das Ufer zusammentragen. – Amelni . O sieh! – Wie dort der blaue Himmel sich aus den schwarzen Wolken hervorgießt! – o ja, wir werden wieder glücklich! gewiß! die Götter Suhlu's leben noch, sie umspannen den Himmel und halten Suhlu in ihrer Hand, sie werden Deiner gedenken. Sieh, ein Regenbogen fließt durch das Gewölk, das schönste Bild der Hoffnung! Alla-Moddin . Der Hoffende greift nach einem Schatten, der ihn hiehin und dorthin leitet. – Amelni . Deine Amelni lebt ja noch. Alla-Moddin . Ja sie lebt, – hier im Grabe . – O wär' ich allein hier, unbemerkt sollte mein Schmerz mich hier zerstören, aber Du, – so oft ich Dich ansehe, heben schwere Seufzer meine Brust, jede Deiner Thränen, jeder Deiner Seufzer fällt schwer auf meine Seele. – Amelni . Was ist Dir, Geliebter? Alla-Moddin . Daß er uns verließ, daß er uns Freiheit versprach! schon seit einem Jahre harren wir mit Sehnsucht seiner Rückkehr, harren seiner mit eben der ängstigenden Ungeduld, mit der ein dem Schiffbruch Entronnener jeden Morgen weinend in das Meer hinaussieht, ob nicht endlich ein Schiff erschienen, ihn in sein geliebtes Vaterland zu führen. Amelni . Er versprach uns so gewisse Hülfe. Alla-Moddin . Er war so gerührt, und doch hat er seines Versprechens vergessen. Lini . der sich indeß zu ihnen gesetzt, und aufmerksam zugehört hat . Meinst Du, Vater, daß er uns wirklich vergessen hätte? Alla-Moddin . Gewiß. Lini . Das kann ich Dir doch nicht glauben. Alla-Moddin . Warum nicht? Lini . Weißt Du nicht mehr, wie er abreiste? – Er hob mich vom Boden auf, nahm mich in seine Arme und küßte mich so herzlich, daß ich dem Manne gleich so gut ward, daß ich weinen mußte. Er küßte mich, und sagte: Nun, Lini, bald wirst Du wieder auf Suhlu sein! – In eben dem Augenblick ging die Thür des Hauses auf, und ich sahe ganz tief, ganz tief in der Ferne zum erstenmal wieder einen grünen Baum. Das macht, daß ich das alles nicht wieder vergessen habe. Warum hätt' er mich wohl geküßt, wenn er nicht wirklich mein Freund wäre und sein Versprechen halten wollte. Alla-Moddin . Ach, armer Knabe, Du weißt nicht, daß diese heilige Sitte in Europa nicht so geehrt wird, als bei uns. – Der Europäer küßt seinen Freund auch, und stößt ihm in der Umarmung den Dolch in den Rücken. – Lini . Nein Vater! dann ist Valmont gewiß kein Europäer. – Er liebt mich wirklich. Alla-Moddin . Woher weißt Du es so zuverlässig. Lini . Hat er mir denn nicht den schönen Vogel da geschenkt?– Warum hätte er das gethan? Ich konnte ihm ja dafür nichts wieder schenken. – Und so oft nun mein Vogel singt, so oft denk' ich an Valmont und Suhlu, und wie er mich küßte und sagte: Nun, Lini, bald wirst Du auf Suhlu sein. – Auch Omal, so oft ich ihn fragte: Kommen wir nicht bald nach Suhlu? sagte jedesmal: Bald wird der Fremde Dich dahin abholen. Alla-Moddin . Und doch hat er selbst seine Ankunft nicht erwartet, – ach Omal! – ich nannte Dich meinen edlen Freund, und doch – er versinkt in ein tiefes Nachdenken. Lini . Ja Vater, auf Omal bin ich auch recht böse, von ihm will ich mich gewiß nicht wieder auf den Strom fahren lassen, er soll mir keinen einzigen Kranz wieder flechten. Amelni . Warum denn? Lini . Sieh nur, liebe Mutter, hätte er uns alle nicht mitnehmen können, als er fortging? Oder wenn das nicht möglich war, so hätte er auch hier bleiben müssen, er hätte mir noch manchmal die Zeit vertrieben, er spielte gern mit mir. – Und dann hat er auch gelogen. Amelni . Wann? Lini . Du weißt ja, er riß eine Menge Steine aus der Mauer und sprang hinab. – Einmal konnt' ich in der Nacht gar nicht einschlafen, da hör' ich ein Poltern und finde Omal, der die Steine aushebt; ich mußte ihm versprechen, dem lieben Vater nichts davon zu sagen, weil er es ihm selbst sagen wollte; ich schwieg auch, denn ich hatt' es ihm versprochen. Bei Tage war er immer bei uns, und das Fenster, das er sich gemacht hatte, war nicht da, des Nachts machte er es immer größer und nach ein paar Tagen war er fort. Alla-Moddin . Was hülf' es mir, wenn auch er den stummen Wänden klagte? Er hätte zuviel gewagt, uns alle zu retten. – Aber ich wäre nicht ohne Dich entflohen, Omal. Amelni . Die Schlösser rauschen, es kömmt jemand zu uns! Alla-Moddin . Ich wünsche, wir blieben ewig hier ungestört. Widrig sind mir die Blicke neugieriger Fremden, und jene Pfaffen hasse ich, die täglich meinen Geist bestürmen. Zweite Scene. Vorige . Ein Fremder . Fremder , der in einem Mantel und in spanischer Tracht hereintritt. Er verbeugt sich anständig gegen Alla-Moddin , sieht ihn scharf an und unterdrückt einen Seufzer, er grüßt Amelni und Lini , geht dann auf Alla-Moddin zu und reicht ihm freundschaftlich die Hand. Mit niedergesenktem Blick erwiedert Alla-Moddin die Begrüßung kalt und fremd . Du bist Alla-Moddin? Alla-Moddin , der bei dem Ton der Stimme aufmerksam wird . Der unglückliche Alla-Moddin, der sich jedem Blicke neugieriger Fremden bloßstellen muß. – Nein, sieh mich nicht so mitleidig an; dann fühl' ich mein Elend am stärksten, wenn ein durchreisender Fremder, der aus Neugier auch den gefangenen König sehen will, mich mit seinem Mitleid quält. – Setz Dich nieder! Amelni setzt sich im Hintergrunde auf ein Ruhebett, Lini auf eine steinerne Bank auf der andern Seite und klimpert auf seiner Laute. Fremder . Wie menschenfeindlich hat Dich Dein Unglück gemacht! – Glaube mir, nicht Neugier, wahre Theilnahme führte mich in diesen Kerker. Alla-Moddin . Theilnahme? Fremder . Du mußt es mir glauben, daß Theilnahme eines Freundes mich zu Dir brachte, daß ich über Dein Schicksal Thränen vergoß. Alla-Moddin . Nun wohl, ich will Dir glauben, um den Ton Deiner Stimme willen; ach, sie erinnert mich an so manche selige verfloßne Stunde, sie erinnert mich an meine Freunde, die mich verlassen haben; denn, indem ich Dich sprechen höre, ist es, als stände mein Freund Valmont vor mir, hell dämmert jene Stunde in meiner Seele auf, als wir durch eine Umarmung das heilige Band der Freundschaft knüpften, als er hier vor mir stand und seine Hand in die meinige legte und mir Befreiung verhieß. – Dein Gesicht, – Dein Auge – Du bist Valmont selbst! – Fremder . Ich? Alla-Moddin . Bist sein Bruder, – doch nein, wie kömmst Du zu dieser Tracht meiner Feinde, – er war kein Mitglied dieses Volks, das mich elend gemacht hat; – mein Freund glänzt hell in meiner Seele, – aber Du bist es nicht. – Fremder . Und könnt' ich es nicht werden? – Alla-Moddin . Durch Deine Gegenwart – kehrt Heiterkeit in meine Seele zurück, – nun wohl, wer meinem Valmont gleicht, bei dem ist nichts zu wagen. – Aber Du bist ein Spanier, wer wagt nicht bei der Freundschaft eines Spaniers? – Nein, nein, ich will betrogen sein, wenn Du betrügen kannst, – o wie will ich dann die Welt recht herzlich hassen, ein Schutzort wird mir dieser Kerker scheinen. Fremder , gerührt . Vertraue mir. Alla-Moddin . Ach! schon viele Europäer sahen mich hier im Elende, bedauerten mich, nannten sich meine Freunde, – und verließen und vergaßen mich. – Unter allen meinen Freunden fliegen nur zweien meine Seufzer nach. Fremder . Wem? Alla-Moddin . Valmont und Omal. Fremder . Omal? War er nicht mit Dir im Kerker? Alla-Moddin . Er war. Fremder . Wo ist er jetzt? Alla-Moddin . Vielleicht todt, vielleicht lebend, stets glücklicher als ich. Er stieß eine Oeffnung in die Mauer und entflohe. Fremder . Und Valmont? Alla-Moddin . Er war ein edler Mann, den ich wie meine Seele liebe, wenn gleich vom Schicksal unsre junge Freundschaft nach wenigen Tagen wieder zerrissen ward. – Auf einer Reise aus Frankreich, seinem Vaterlande, kam er zu mir auf Suhlu, ich kannte ihn nur kurze Zeit, als ich ihn liebgewann, – wir fuhren einst auf einem kleinen Nachen beim Schein des Abends auf dem See, das Boot schlug um, er sank, – daß ich ihn rettete, verband unsre Seelen noch inniger. – Je länger ich in Dein offnes Auge sehe, je mehr wächst mein Zutrauen zu Dir, und darum erzähl' ich Dir meine Geschichte, wie ich noch nie that. – Bald darauf rief die Pflicht Valmont von Suhlu aus meinen Armen – und ich unternahm, wie ich schon oft gethan hatte, eine Reise zu den Besitzungen der Europäer, meine Gattin, mein Sohn, und Omal, mein Freund, begleiteten mich. – Ach! zur unglücklichen Stunde setzt' ich den Fuß in das Schiff, denn es trug mich in den Kerker. – Ich reiste hieher, nach Manilla, um manche Künste und Erfindungen von den klügern Europäern nach Suhlu hinüberzubringen, um dadurch das Glück und die Sicherheit meines Volks zu vermehren. Fremder . Und? Alla-Moddin . Der Statthalter schien mein Freund, er und eine Menge Jesuiten umlagerten mich täglich, und schienen um meine Freundschaft zu wetteifern, – o warum traut' ich aber diesen Schlangen? – Kannt' ich nicht die Bosheit der Europäer? – Man wollte mich bereden Christ zu werden, ich weigerte mich: man suchte mich dahin zu bringen, den Jesuiten den Eintritt in Suhlu zu erlauben; auch dieses versagt' ich. – Nun fiel plötzlich wie ein Morgennebel die erheuchelte Freundschaft; in ihrer wahren Gestalt standen die Spanier vor mir. – Ein Kerker verschloß mich, und das, was mir auf dieser Welt am liebsten ist. Fremder . Schändlich! Alla-Moddin . Um einen Vorwand, diese That zu rechtfertigen, war man nicht lange verlegen, so widersinnig er auch sein mochte. Man behauptete, ich sei hiehergekommen, die Lage des Landes und der Vestung auszukundschaften, dann mit meinen schwachen, wehrlosen Indianern zu landen, – und Manilla zu erobern! – Dieser Anklage wegen seufz' ich nun schon zwei Jahr in diesem Kerker, mein Volk ist ohne König, Suhlu steht verlassen, offen der Verrätherei jedes Boshaften. – Nach einem Jahre erschien Valmont in meinem Kerker, er hatte von meinem Unglück gehört, es rührte ihn bis zu Thränen, mit Freundeshandschlag versprach er mir Rettung, Freiheit, und schon dreihundert Tage flossen indessen in das graue Meer der Zeit hinab, – und er kehrt nicht wieder. Fremder . Aber er wird wiederkehren, vertraue ihm. Kannst Du wissen was ihn zurück hält? – Er kömmt gewiß, denn Valmont hält, was er versprach. Lini , der indeß herbeigekommen ist, und den Fremden aufmerksam betrachtet hat . Nicht wahr, lieber fremder Mann, Valmont kömmt gewiß wieder? Fremder . Gewiß. Liebst Du ihn? Lini . Ja, und er liebt mich auch. Sieh, den kleinen niedlichen Vogel dort, hat er mir geschenkt. – Fremder . Willst Du nicht auch mein Freund werden? Lini . Ach, ich wollte wohl, wenn ich nur könnte. Du bist aber ein Spanier, und ein Spanier kann unmöglich mein Freund sein. Fremder . Wenn ich Dir nun sage, daß Valmont auch mein Freund ist? Lini . Dann will ich mir wenigstens Mühe geben. Alla-Moddin . Wie sagtest Du? Valmont sei Dein Freund? – Fremder . Mein vertrautester. Ich lernte ihn vor einigen Jahren in Frankreich kennen, und als ich eben itzt von Spanien abreisen wollte, sah' ich ihn dort. Alla-Moddin . Komm' oft zu mir in meine düstere Wohnung. Deine Freundschaft wird mich wieder etwas mit dem Schicksal versöhnen; Du sollst mir jene verhaßten Stunden ersetzen, die Sebastiano mir raubt. Fremder . Sebastiano? Alla-Moddin . Er ist ein Jesuit, den der Statthalter täglich abschickt, mich zum Uebertritt zum Christenthum zu überreden, und den Jesuiten zu erlauben, auch in Suhlu ihre Lehre auszubreiten. – So ist meine Zeit zwischen trauriger Einsamkeit und verhaßten Gesprächen getheilt, von diesem Boshaften bestürmt. Die Götter meines Landes zürnen auf mich, daß sie mich ein Spiel sein lassen der Schändlichen, daß sie es dulden, daß ich hier im Jammer verschmachte. – Fremder . Fasse Muth, Valmont lebt und gedenkt Deiner, er ist unermüdet in seinen Bemühungen für Dich, er wird bald – Alla-Moddin . Und woher diese Zuverlässigkeit? Du sahst ihn schon seit einem Jahr nicht mehr. Fremder . Nein – aber ich kenne sein Herz. Er liebt Dich, durch Deine Freiheit wird er Dir den Dank für sein Leben bezahlen. Alla-Moddin . Ich mag nicht mehr hoffen. Viel langsamer schleicht der Tag, wenn man die Stunden zählt, auf ein glänzendes Ziel die Augen geheftet, das nimmer näher rückt. Ich überlasse mich der Zeit mit eben der Gleichmuth, mit dem ein Berg sich von Schnee und mit Blumen bekleiden läßt. Das Unglück mag mich bestürmen, ich will nicht murren, ich will das Glück wieder in meine Arme nehmen, ohne mit ungeduldigem Auge ihm entgegenzusehn. – So will ich dulden wie es einem Manne ziemt. Lini . Ach, da hör' ich den schleichenden Mann kommen, der immer so die Augen verdreht. Amelni . Sebastiano kömmt, ich verlasse Dich. Lini . Ich gehe mit Dir Mutter, denn ich fürchte mich, wenn ich die glühenden Augen des hagern Mannes ansehe. Amelni und Lini gehn in eine andre Abtheilung des Saals, die Thür geht auf, und Sebastiano tritt herein. Dritte Scene. Alla-Moddin . Der Fremde . Sebastiano . Sebastiano . Der Himmel segne die Bemühungen des heutigen Tages! – er heftet einen festen Blick auf den Fremden. Alla-Moddin, hast Du meinen gestrigen Worten nachgedacht? Alla-Moddin . Ich habe. Sebastiano . Und Dein Entschluß? Alla-Moddin . Wie immer. Sebastiano . Noch immer Trotz? Alla-Moddin . Entschlossenheit. Sebastiano . Welche Worte soll ich brauchen, um Dein Herz der erhabenen Lehre zu öffnen? Alla-Moddin . Keine, wenn Du mich liebst. Sebastiano . Halsstarriger! Es wird Dich einst gereuen, die Seligkeiten des Himmels so muthwillig zurückgewiesen zu haben. Alla-Moddin . Nie. Sebastiano . An jenem großen Tage wirst Du es bereuen, wenn Gott Dich als seinen Feind wieder zurückweisen wird. Der nimmer endenden quaalenreichen Ewigkeit wirst Du Deine Reue entgegenheulen, wenn Du aus tiefer Ferne durch die brüllenden Orkane die Harfentöne der seligen Chöre vernimmst. Alla-Moddin . Mich täuschest Du nicht durch diese Gemälde des Schreckens. – Und selbst wenn Dein Gott der Gott der Götter ist, wenn ich auch zu falschen Göttern bete, so nennst Du ihn doch selbst den Allgütigen; wie könnte dieser mich also zu ewigen Quaalen verdammen? Sebastiano . Wenn man seiner Langmuth spottet, ist er ein Gott des Zorns. Alla-Moddin . Kann der Gott der Christen zürnen? – Der Gott, der, wie Du mir oft sagtest, die Erde in seiner Linken und in seiner Rechten die leuchtende Sonne hält? – Er sollte zürnen über mich? – Kannst Du über einen Sonnenstaub zürnen? – Sebastiano . Er selbst droht seinen Zorn denen, die ihn verachten, aber seinen Verehrern hat er seine Gnade in den Gesetzen verheißen, die er mit eignen Händen schrieb.. Alla-Moddin . Stolzer Mensch! Du wagst zu behaupten, daß das Auge, das die Welten überschaut, freudig auf Dein Lob herunterblicke? Deinem Allweisen leihst Du Deinen Priesterstolz? – Gott ist meiner Liebe zu groß und meiner Verehrung zu klein. – Erzwungnes und erheucheltes Lob kann ihn nicht freuen, denn wenn ich nun auch, um meine Freiheit zu erkaufen, den Göttern Suhlu's untreu würde, so würd' ich doch nachher Eure Religion wieder von mir werfen, wie ein unbequemes Gewand. Der Mensch muß frei denken, frei und ohne Zwang muß sich seine Ueberzeugung in ihm selbst erschaffen, keine Gewalt muß hinzutreten, und dem Strome der Vernunft seine Ufer setzen wollen, – und diese freiwillige Ueberzeugung kömmt bei mir noch nicht. Sebastiano . Nun wohl. Aber wenn Du verloren gehst, so laß Deine Unterthanen wenigstens der Seligkeiten genießen, die Du zurückstößest. Welcher sterbliche Verstand kann mit Zuversicht zu mir sagen: Du lügst! – Der kühnste Zweifel ist noch lange nicht Gewißheit, und solltest Du so grausam sein, dem Glücke Deiner Unterthanen in den Weg zu treten? – Nicht eines Glücks von wenigen Jahren, von nimmer untergehenden Ewigkeiten. – Wenn die Erfüllung meiner Worte nur noch möglich ist, so darfst Du nicht unsern Eintritt in Suhlu verhindern. – Der Verstand muß frei sein, wie Du selber sagtest, versage diese Freiheit also auch nicht Deinen Unterthanen, laß jeden sich selbst überzeugen; wer nicht überzeugt wird, – der mag dann verloren gehen! Alla-Moddin . Deine verführerischen Worte sollen mich nicht täuschen. – Traust Du mir den Aberwitz zu, bittres Meerwasser in meine süßen Quellen zu tragen? – Tugend muß stets glücklich machen, und meine Suhluaner sind tugendhaft. Aber sieh umher, betrachte die sonst so blühenden Länder, die Christen haben sie vergiftet; betrachte die sonst so redlich gesinnten Insulaner, Eure Lehre hat sie vergiftet! Was hilft die Lehre, die ihre Bekenner nicht besser macht? – Meine lieben Unterthanen auf Suhlu sind besser als Du, und doch kennen sie Deinen Gott nicht! drum geh', ich will Dich nicht länger hören, Du selber spottest Deines Gottes! Sebastiano . Frevler, ich? Alla-Moddin . Gebietet Euer Gott nicht Tugend? Sebastiano . Allerdings. Alla-Moddin . Und doch verstopft Ihr Eure Ohren seinen Gesetzen? – Ihr verletzt das erste göttliche Gesetz; die Gastfreundschaft ist jedem Suhluaner heilig, Ihr aber werft den Fremdling in den Kerker, und laßt ihn im Elende schmachten. Sebastiano . Du wagst es, so zu sprechen? Alla-Moddin . Warum heucheltet Ihr mir Freundschaft, als mein Schiff an Manilla's Küste landete? Ihr wart meine Feinde, Eure Bosheit aber verbarg sich hinter verrätherischen Umarmungen, hinter falschen freundschaftlichen Blicken; bald aber zeigtet ihr Eure Tücke, da ich keinen Eurer Vorschläge annahm. – Und glaubt ihr, mein Auge sei geblendet? O ich durchschaue den Schleier Eurer Heuchelei. – An der Ausbreitung Eurer Religion liegt Euch nichts! die Absicht, meine Unterthanen durch Eure Lehre von der ewigen Verdammniß zu retten und sie glücklich zu machen, ist erlogen! Sebastiano . Erlogen? Alla-Moddin . Was kümmert Euch das Glück meiner Unterthanen? Ich soll Euch Suhlu eröffnen, damit die Spanier dort mit eisernem Scepter herrschen; meine Unterthanen würdet ihr bald zur Sclaverei gewöhnen, denn manchen guten biedern Suhluaner würde Deine glatte Zunge bethören. Man würde Euch als meine Freunde ansehen, und um so mehr hättet ihr Gelegenheit, Aufruhr und Zwietracht, diesen verderblichen Saamen in die Herzen meiner Unterthanen auszustreuen, Empörung und innrer Zwist würden bald die Kräfte Suhlu's zerstören, ein Spanier würde auf meinem Thron sitzen, die Unterthanen Eure Sklaven sein, und das schöne Suhlu von Europäern bevölkert werden. So habt ihr es mit allen friedlichen Völkern dieser Gegend gemacht. Wo sind jene grünen Sprößlinge, die den schönsten Wald versprachen? Ihr habt sie ausgerottet, und Nesseln und Dornen an ihre Stelle gepflanzt. Sebastiano . Thörichter! Verblendeter! – Wäre dies unsre Absicht; was hinderte uns daran, Suhlu mit gewaffneter Hand zu erobern, Dich hier im Kerker verschmachten zu lassen, und Alonzo auf Deinen Thron zu setzen? Alla-Moddin . Was Euch hindert? – Feigheit und Eigennutz. Sebastiano . Ich verstehe Dich nicht. Alla-Moddin . Ihr wißt, daß jeder meiner Unterthanen lieber bis auf den Tod fechten, als Euch gehorchen würde. Alle würden fallen, ihr würdet gerne Suhlu besitzen, allein, ihr müßtet Euch doch dann Sklaven kaufen. Sebastiano . Du wagst es – Alla-Moddin . Wahrheit zu sprechen. – Ihr müßt erst meine Unterthanen gleich dem jungen Stier gewöhnen, das Joch zu tragen; dies ist Eure Absicht. – Aber mögen hier funfzig Jahr über mein Haupt dahinfließen, mag mich nur mein Tod aus diesem Kerker befreien, – ich gebe nicht nach. Sebastiano . Ich gehe, denn es ist Verbrechen Dich anzuhören. Fremder . Sie gehn, weil Sie sich getroffen fühlen. Sebastiano betrachtet ihn zweifelhaft und durchbohrt ihn mit einem grimmigen Blicke . Sie sind – ein Spanier. – Gut. – Du hast bis jetzt die Milde Alonzo's verachtet, Du machst Dich seiner Güte unwerth, und wirst von nun an mit mehrerer Härte behandelt werden. Alla-Moddin . Seiner Güte? – Mit mehrerer Härte? – Wie ist das möglich? – Die Sonne ist für mich auf ewig untergegangen, Mond und Sterne in Finsterniß erloschen, was könnt Ihr noch mehr thun? – Sebastiano mit bedeutenden Blicken . Dafür sorgen, daß keine verdächtige Fremde zu Dir gelassen werden. Alla-Moddin traurig . Ach ja, ich muß es zugeben, – ich muß Euren Scharfsinn verehren, ihr seid gütig gegen mich gewesen, – ihr könnt noch grausamer sein! Sebastiano . Bald wirst Du Deinen Trotz bereuen, wenn Du einsam, von Gattin, Sohn und Freunden getrennt, den feuchten Wänden einer engen unterirdischen Grube Deine Verzweiflung entgegen heulst, im Gerassel Deiner Ketten brüllst – – Alla-Moddin in höchster Wuth . Meiner Ketten? – Verworfner – er eilt auf ihn zu. Fremder hält ihn zurück . Laß ihn – Sebastiano . Wüthe nur! Alla-Moddin . Ich, in Ketten? Wer wagt das? – Die Verzweiflung giebt dem Kinde Riesenkräfte; – ich spotte Deiner Drohung, ich lache Deiner Ketten! – O Omal! – Komm, denn Valmont hat mich verlassen! Fremder . Er hat Dich nicht verlassen! Alla-Moddin . O komm, und zertrümmre die Mauern dieses Kerkers! – Komm und führe mich über die Leichen dieser Unmenschen in mein Vaterland zurück! Sebastiano . Blinde Wuth spricht aus Deinem Munde, sie hat Deinen lang versteckten Plan entdeckt. – Du bist ein Verräther! itzt dürfen wir nicht länger zweifeln. Alla-Moddin wüthend . Fort, Elender! es zuckt meine Faust! – O hätt' ich ein Schwert! – Sebastiano . Ich verlasse Dich, aber bald wirst Du die Folgen dieses Augenblicks empfinden! – Er geht ab, kehrt in der Thür wieder um, und wirft einen forschenden Blick auf den Fremden. Die Thür wird mit großer Gewalt zugeschlagen. Vierte Scene. Alla-Moddin . Der Fremde . Alla-Moddin . Er geht, und seine Augen funkelten Wuth. die Bestätigung seiner schrecklichen Drohung. Fremder . Die er wahrlich nicht erfüllen soll. Alla-Moddin . O wie reut es mich itzt, daß ich über ihn zürnte , er verdient nur meine Verachtung; denn, sahst Du, wie er zitternd da stand, als ich auf ihn zueilte? Ich beklage die Christen, daß dieser einer ihrer Priester ist. Er predigt Sanftmuth und Menschenliebe, und seiner Seele sind diese Kinder des Himmels Fremdlinge, er hat nie das göttliche Gefühl der Freundschaft gekannt, denn sahst Du, welche glühende Blicke er zwischen uns warf, und uns Trennung drohte? Fremder . Er ist zu schwach, seine Drohung zu erfüllen. – Itzt verlasse ich Dich, ehe die Sonne untergeht, bin ich wieder hier. Alla-Moddin . Komm bald wieder. Fremder . Mit Trost und Hülfe hoff' ich zurückzukehren. – Lebe wohl. Alla-Moddin . Hier im Kerker? Der Fremde reicht ihm die Hand, und geht schnell ab. Fünfte Scene. Alla-Moddin . Von Amelni, von Lini getrennt? – O bald werd' ich jammernd meinen jetzigen Zustand glücklich preisen. – O ich Thor! daß ich meinen Quälern selbst die Kluft entdeckte, durch die sich Omal rettete! des unnützen falschen Edelmuths! – Die Flucht wäre nicht schändlich gewesen, da man mich wie einen Verbrecher behandelt, mein Volk und meine Gattin hätten sie fordern können, – doch, es geschahe nicht, und wozu dieser nichtigen Reue? – Wer mag dieser biedre Fremdling sein, der mich mit neuer Hoffnung nährt? – nachdenkend. Wenn auch er ein Abgesandter Alonzo's wäre, – wenn auch er mich ausforschen sollte, um mich dann noch elender zu machen? – Sechste Scene. Alla-Moddin . Amelni . Lini . Amelni , die mit Lini zurück kömmt . Der Fremde hat Dich schon verlassen? Alla-Moddin . So eben, mit den schönsten Versprechungen, die die Götter erfüllen mögen. – Ha! dort segelt wieder ein Schiff vorüber! Wie majestätisch es sich auf dem glänzenden Rücken des Meeres wiegt! Wie die Flaggen im Winde wallen! – O käme dies Schiff zu meiner Befriedigung! – man hört aus der Ferne dumpf drei Kanonenschüsse. Es landet! – Was nützt es mir? – Schon hundert Schiffe landeten, und hundertmal hofft' ich vergebens. – Er stützt traurig das Haupt auf seinen Arm und lehnt sich gegen die Mauer. Amelni . Verscheuche diese finstern Blicke! – Der Frühling vertreibt den Winter, die Donner rollen über's Meer hinweg, und der Sonnenschein kehrt wieder. So lange Du nur lebst, so lange hoff' ich auch. Sie nimmt die Laute, setzt sich neben Alla-Moddin und spielt, Lini sitzt vor ihr auf der Erde.         Hoffnung! Hoffnung! holde Göttin,                 einen Tropfen Linderung         gieß aus deiner goldnen Schaale                 in das Herz des Leidenden!         Hinter fernen Bergen                 sinkt die Nacht hinab,         und mit goldenem Gefieder                 steigt ein schönes Morgenroth                 aus der dunkeln Finsterniß,         Hoffnung! Hoffnung! holde Göttin,                 einen Tropfen Linderung         gieß aus deiner goldnen Schaale                 in das Herz des Leidenden! Sie sieht ihn an, er umarmt und küßt sie, Lini legt seinen Kopf in den Schooß seiner Mutter, und blickt freundlich lächelnd zu seinen Eltern auf. Alla-Moddin . Ja, es muß besser werden! (Der Vorhang fällt.)     Zweiter Aufzug. (Zimmer des Gouverneurs.) Erste Scene. Alonzo , Pedro , ein Offizier, treten herein. Alonzo . Ein spanisches, sagten Sie? Pedro . Ein spanisches Kriegsschiff von achtzig Kanonen. Alonzo . Aus welcher Absicht ist es gelandet? Pedro . Es will sich hier von neuem mit frischem Wasser versorgen, da eine Windstille es unterwegs lange aufgehalten hat. Alonzo . Gut. Pedro geht ab. Zweite Scene. Alonzo . Ein spanisches Kriegsschiff? – Warum können mich die Ueberredungen Sebastiano's nicht ganz beruhigen? – Bin ich ein Verbrecher? – Nein, es ist unmöglich, wem soll ich folgen, als der Religion und ihren Dienern? – Und doch blick' ich mit Bangigkeit in die Zukunft. – Was ist es, das ich fürchte, wenn unvermuthet ein Schiff an diese Küsten landet? – Welche furchtbare Nachrichten erwarte ich? – Wenn doch Sebastiano käme, in seiner Gegenwart fühl' ich mich stärker. – Dritte Scene. Alonzo . Ein Bedienter . Bedienter . Ein Fremder will die Ehre haben aufzuwarten. Alonzo . Wer ist es? Bedienter . Er hat mir seinen Namen nicht gesagt. Alonzo . Sonderbar! Laß ihn hereinkommen. Der Bediente geht ab, öffnet die Thür und läßt den Fremden herein. Vierte Scene. Alonzo . Der Fremde . Der Fremde verbeugt sich gegen den Gouverneur, der ihn mit aufmerksamen Augen betrachtet. Alonzo . Was – verlangen Sie? Fremder . Die Gewährung einer Bitte. Alonzo . Sie ist? Fremder . Mich anzuhören. Alonzo . Das ist meine Pflicht. – er klingelt, ein Bedienter erscheint. – Stühle. – der Bediente setzt Stühle. Setzen Sie sich. – man setzt sich. – Ihr Vortrag? Fremder . Betrifft – den unglücklichen Alla-Moddin. Alonzo . In welcher Rücksicht? Fremder . Für ihn zu bitten komm ich hieher, ich will es versuchen, ob meine Worte Eingang bei Ihnen finden. Alonzo . Für den Verräther? Fremder . O säße auf meinen Lippen die süße Ueberredung, daß ich Sie von der Unschuld dieses unglücklichen Fürsten überzeugen könnte. Alonzo . Was können Sie zu seiner Vertheidigung sagen? Fremder . Gehn Sie in seinen Kerker und ich bedarf keiner Worte, sehn Sie es selbst, wie der, der sonst frei und glücklich war, seufzend dasitzt, das Haupt gegen die gefühllose Mauer gelehnt. – O Alonzo, er war einst König . Alonzo . Aber er ist ein Verräther. Fremder . Er? – O glauben Sie nicht alles, was boshafte Freunde sagen. – Er ein Verräther? O lassen Sie Ihre Großmuth über Ihren Argwohn siegen, hören Sie meine Bitte, geben Sie der Welt ein Beispiel des Edelmuths, erwerben Sie sich die Dankbarkeit eines Fürsten, die Liebe eines Volks, öffnen Sie seinen Kerker; – geben Sie meiner Bitte Gehör! Alonzo . Ich kann nicht. Fremder . Sie können nicht? – Wer darf Ihnen hiebei Gesetze vorschreiben? Alonzo . Er werde Christ – und sogleich werden sich die Riegel seines Kerkers öffnen. Dies sei der Beweiß seiner Unschuld. Fremder . Indem er sich des Verdachtes schuldiger macht? – Wäre Alla-Moddin ein Verräther, schon längst hätte er Ihr Anerbieten angenommen, schon längst hätte er den Schritt gethan, auf den Sie dringen, und wäre längst unsrer Religion wieder untreu geworden. Alonzo . Er werde Christ. Fremder . Der friedliche Alla-Moddin, der mit seiner Gattin und seinem Sohn hieher kam, ein Verräther? – O Sie glauben es selbst nicht, Sie können es nicht glauben; reißen Sie sich von den Ketten los, die Ihre Meinung fesseln, – hören Sie mich, Alonzo! Alonzo . Er werde Christ. Fremder . Sein Sie gerecht! – Es führen mehrere Wege zur Tugend, zum Glück. Alonzo . Sie sprechen kühn. Fremder . Für einen Freund. – Sein Sie gerecht! Kann Ihre Meinung, oder nennen Sie es Religion, nicht auch irren? – Lassen Sie ihm seine Ueberzeugung, die ihn beruhigt, die ihn beglückt, lassen Sie ihn mit dieser leben, und nach seinem Tode selbst dem Rechenschaft geben, der ihn mit diesen Gesinnungen schuf. Alonzo . Sie setzen mich in Erstaunen. Fremder . Sein Sie gerecht! – Ahmen Sie des Allmächtigen Güte nach, dessen Bekenner wir sind, sein Sie gütig, um auch seine Güte zu verdienen. – Er läßt über Suhlu und Manilla regnen, über beide Inseln rollen seine Donner, über beide lächelt sein Sonnenschein. Er straft nicht, warum wollen Sie strafen? – Er erzwingt von keinem Geschöpfe Anbetung und Lob, denn jeder Athemzug der Natur ist sein Lobgesang. – Warum wollen Sie es thun? – Sein Sie nicht grausam, wenn er gütig ist, geben Sie meinen Bitten Gehör –! Alonzo . Sie – – – Fremder . O sprechen Sie es aus das schöne Bekenntniß, das Sie in meinen und den Augen der Welt erheben wird: sprechen Sie die Worte aus: Er sei frei! Alonzo . Aber – – – Fremder . Sprechen Sie es aus, damit ich Ihr Freund sein kann. Alonzo . Bedenken Sie – – Fremder . Er ist frei? Alonzo . Er – – Sebastiano tritt herein . Fünfte Scene. Vorige . Sebastiano . Fremder . Es war vergebens! – Pause. Sebastiano sieht wechselweise Alonzo und den Fremden an. Fremder . Alonzo! – Ist er frei? Sebastiano . Wer? Alonzo verwirrt . Alla-Moddin. Sebastiano mit einem durchdringenden Blick auf Alonzo . Alla-Moddin? Fremder dringend . Ist er frei? Alonzo , die Augen auf Sebastiano gerichtet, verwirrt. – – Nein. Fremder . Nein? – Und Ihr Versprechen – er sieht auf Sebastiano . O warum mußten wir gestört werden! Ein schönes Mitleid fand Eingang in Ihre Brust, – als – Sebastiano . Ich hinzutrat, und dieses eitle Mitleid verscheuchte. – Alonzo, was wollen Sie thun? Alonzo . Ich erkenne mein Unrecht, – ich widerrufe mein Versprechen. Fremder . Sie wollen also dem Edelmuth nicht den Sieg über Vorurtheile einräumen? Sebastiano . Vorurtheile? Fremder . Was anders? – Wie können Sie ein Mitgeschöpf, einen edlen Menschen bloß darum quälen, weil er anders betet als Sie? Sebastiano . Und ein Spanier spricht so in meiner Gegenwart? Fürchten Sie nicht die heilige Inquisition? Fremder . Die Wahrheit darf nichts fürchten. Sebastiano . O des unglücklichen Zeitalters, in dem man Irrthum Wahrheit tauft! Fremder . Wozu des Streits? – Alonzo, soll ich so ohne Hoffnung von Ihnen gehen? Sebastiano . In seinem Namen darf ich antworten: Ja! Fremder . Nun so hab' ich denn alles gethan, was ich konnte; ich gehe, und Sie werden es bereuen, daß Sie mich so haben gehen lassen. – Leben Sie wohl! – Er will gehn. Alonzo . Wo wollen Sie hin? Fremder . Nach Spanien, dort der Regierung Ihre Grausamkeit zu melden. Alonzo . Nach Spanien? Sebastiano . Der Regierung? Fremder . Die Schwachheit eines Mannes anzuzeigen, dem man Manilla vertraute, und die Bosheit eines Priesters, der diese Schwachheit mißbraucht; noch eher, als Sie es glauben, werden Sie den Erfolg meines Unternehmens empfinden. Sebastiano . Wer sind Sie? Fremder . Man soll es untersuchen, ob es erlaubt ist, einen König so zu behandeln? – ob es erlaubt ist, unter einem nichtigen Vorwand grausam zu sein. Sebastiano . Bleiben Sie, wer sind Sie? Fremder . Der Vertheidiger der Menschheit, Ihr unbekannter doch nicht heimlicher Feind. – Alonzo, leben Sie wohl, und trauen Sie diesem Manne nicht. Er geht ab. Sechste Scene. Alonzo . Sebastiano . Alonzo sieht dem Fremden verwirrt nach; Sebastiano überlegt und sieht Alonzo bedeutend an. Alonzo . Sebastiano – – Sebastiano . Alonzo – – Alonzo . Er stürzt hinaus – Sebastiano . In sein Verderben! Alonzo . Wer mag er sein? Sebastiano . Ein verwegner Abentheurer, der in einem nichtigen Enthusiasmus die Rechte der Menschheit vertheidigen will. Alonzo . Wenn er reiste – Sebastiano . Mag er! Alonzo . So sind wir verloren. Sebastiano . Sie kennen ja den Hof. Wird die Regierung jeden Enthusiasten anzuhören würdigen? Sie versperrt so gern ihr Ohr vor dem Geschrei der Noth, das Märchen von Menschenliebe und Menschenrecht findet dort keinen Eingang. Alonzo . Wenn er reiste – Sebastiano . Ein Wort aus Ihrem Munde, und er soll nicht reisen. Alonzo . Wie das? Sebastiano . Ein Gefängniß soll es ihm unmöglich machen. Alonzo . Er im Kerker, ohne etwas verbrochen zu haben. Sebastiano . Hat er Sie nicht gelästert? – Ich traf ihn in Alla-Moddins Gefängniß, in freundlicher Unterredung mit dem Heiden; er blickte mich zornig an, und vertheidigte den Halsstarrigen gegen meine christlichen Ermahnungen. Alonzo . Nun – Sebastiano . Ueberlassen Sie mir die Sorge ihn in Sicherheit zu bringen. Alonzo . Nun wohl, ich verlasse mich ganz auf Sie, handeln Sie, wie es Ihnen gut dünkt, – wie es die Nothwendigkeit gebietet, – nur thun Sie ihm kein Unrecht. Sebastiano . Ich gehe, um die nöthigen Anstalten zu treffen, sogleich bin ich wieder hier. Siebente Scene. Alonzo . Es sei! – Er geht. – Ob ich ihn zurückrufe? – Er hört mich nicht mehr! – Dieser Fremde sprach mit einem Ton, der mir ans Herz drang, sein Blick durchschaute mich auf eine Art, daß mir war, als ob ich erröthen müßte. Sebastiano! Sebastiano! Wenn Deine Worte Irrlichter wären, die mich vom Wege der Wahrheit ablockten. – Er steht nachdenkend. Achte Scene. Alonzo . Sebastiano . Sebastiano . Worüber sinnen Sie, gnädiger Herr? Alonzo . Ich? Sebastiano . Wozu dieser finstre Ernst auf der gefurchten Stirn? Wozu dieser auf den Boden geheftete Blick? Alonzo . O Sebastiano, wir entehren diesen Fremdling, indem wir ihn auf eine so schändliche Art behandeln. Sebastiano . Welche Sprache! Ich hörte sie in Ihrem Munde noch nie. Alonzo . Desto schlimmer, wenn sie Ihnen fremd ist. – Wir handeln nicht recht, Sebastiano! Sebastiano . Nicht recht? – Seit wann ist Ihnen meine Redlichkeit verdächtig geworden? Alonzo . Nicht Ihre Redlichkeit, Sebastiano; aber der Mensch kann irren. In der Entfernung glänzt der Wassertropfen oft eben so hell als der Diamant, und wer giebt Ihnen die Macht, hinausschreiten zu wollen über die Schranken der schwachen Menschheit? – Sebastiano, können Sie nicht auch irren? Sebastiano . Auch wenn ich den Befehlen der Macht gehorche, deren Thron die Wahrheit ist? – Dieser Fremdling beleidigt Sie und die Majestät, deren Spiegel Sie sind, er beleidigt die Gottheit, deren Widerschein Sie bestrahlt, – und dennoch sollte er unbestraft bleiben? Er sollte öffentlich unsrer heiligen Religion in's Angesicht lachen? Wollen Sie dadurch dem Laster die Schranken öffnen? Sie kennen die Macht des Beispiels; Ihre Gewalt würde ein Spott des Pöbels, mein Kleid das Gelächter des Volks werden, die Wahrheiten unsrer Religion würden verhöhnt werden – Alonzo . Hören Sie auf! Wenn um diesen Preis gerungen wird, so will ich mich zum Kampfe rüsten. Ich werfe alle meine Zweifel hinter mir, und vertraue ganz auf Ihre Klugheit. Sebastiano . Wollen Sie das? Alonzo . Gewiß! Sebastiano . Werden Sie stets so denken? Alonzo . Stets! Sebastiano . Nun wohl, so hab' ich eine Bitte. Alonzo . Sie ist gewährt. Sebastiano . Ich besuchte heut Alla-Moddin. Alonzo . Der Unglückliche! Wie geht es ihm? Sebastiano . O beklagen Sie ihn nicht, er ist Ihres Bedauerns unwürdig, nur Ihren Zorn verdient er, und eben ihn betraf meine Bitte. Alonzo . Sprechen Sie. Sebastiano . Ihn von itzt an bloß meiner Behandlung zu überlassen. Alonzo . Warum hassen Sie ihn so? Sebastiano . Ich hasse ihn nicht, aber ich liebe Sie . Er ist unbeugsamer als der Fels, den tausend Wogen nicht erweichen, er steht da in seinem Trotz und spottet meiner Worte. Alonzo . Er spottet? – Und seufzt schon zwei Jahre im Kerker? – Noch Spott? – Oder sollte dieser Spott ein Vorbote der Verzweiflung sein? Sebastiano . Ein Kind der kühnsten Hoffnung, der Hoffnung baldiger Befreiung. Alonzo . Befreiung? Sebastiano . Itzt ist es offenbar, er ist ein Verräther! Als ich ihm heut von neuem drohte, stand er wüthend auf, krampfhaft zuckte seine Faust, jede Muskel bebte, und im Wahnsinn rief er aus: Omal! führe mich über die Leichen dieser Unmenschen in mein Vaterland zurück! – Diese Hoffnung macht, daß er unser Anerbieten zurückweist, mich verspottet, und meiner heiligen Lehren lacht; dies ist die Ursach, die ihn heut antrieb, mit unerhörter Frechheit durch Gotteslästerungen mein Ohr zu zerreißen. Alonzo . Durch Gotteslästerungen? Sebastiano . Ja. – Dein Gott ist meiner Verehrung zu klein! – Halten Sie dies für keine Gotteslästerung? Alonzo . Unerhört! Sebastiano . Er trotzt auf Ihre Güte, die Sie an einen Undankbaren verschleudern, sein Freund wird einst von Suhlu hieherschiffen, auch Alla-Moddin wird die Mauer zu öffnen wissen, entfliehen – und schon hör' ich des Heiden schadenfrohes Gelächter. Alonzo . Nein, dahin soll es nie mit uns kommen! – Ich übergebe ihn jetzt Ihren Händen, er sei der Ihrige, behandeln Sie ihn ganz so wie es ihrer Klugheit gut dünkt. – Aber – er entdeckte den Wächtern selbst zuerst die Oeffnung, durch die Omal entkam, und er gegen unser Leben verschworen? Sebastiano . Schlechtes, übergoldetes Metall, falscher Glanz einer erlognen Tugend, Lieder uns in den Schlaf zu singen, um desto sicherer zu entfliehen. Alonzo . Warum fehlt mir die Ueberzeugung, daß Sie Recht sprechen? Eine innre Stimme sagt mir: wir behandeln diesen unglücklichen König zu hart. Sebastiano . Und was nennen Sie zu hart behandeln? – Sie sorgen für ihn mit eben der Sorgfalt, mit der ein liebevoller Vater für einen ungerathenen Sohn sorgt. Sie wollen nicht, daß an jenem großen Tage der Einsammlung diese Aehre einsam da stehe, ein Spiel der Winde. – Sie wollen ihn glücklich, ewig glücklich machen. Unsre Kirche öffnet ihre liebevollen Arme, er weist sie verhönend zurück. – Ist es Sünde, dem Wahnsinnigen den Dolch aus den Händen zu winden? Den Trunkenen mit Gewalt vom jähen Abgrund zurückzureißen? – Wo ist die Sünde, Alla-Moddin in den Schooß der Seligkeit zu führen? Alonzo . Ich gebe nach. – Sebastiano . Jetzt schriftlich Ihre Vollmacht. Alonzo schreibt und giebt das Blatt an Sebastiano . Sebastiano schreibt wenige Zeilen, klingelt, ein Bedienter tritt auf . Dies dem Gefangenwärter! – Er giebt ihm beides, der Bediente geht ab. Neunte Scene. Vorige . Der Fremde . Man sieht eine Wache durch die halb offen gelassene Thür. Pause, beide sehn ihn schweigend an. Fremder . Sie scheinen verwundert. – Diese Rolle gehört mir! – Ist dies die Gastfreundschaft auf Manilla? – Bewirthet ihr so den Fremdling? Geht der Spanier so mit seinem Landsmann um? Sebastiano trotzig . Wer sind Sie? – Ihren Namen, Ihren Stand! Fremder unwillig . Ich antworte nur dem, der fragen kann. Zehnte Scene. Vorige . Ein Bedienter . Bedienter . Gusmann de Beremona! Alonzo . Beremona? – Dieser vornehme Spanier? – Woher? Bedienter . Er kam mit dem eben angelandeten Schiffe. Alonzo . Ich erwarte ihn. Bedienter ab. Alonzo . Nun, – wer sind Sie? Elfte Scene. Vorige . Gusmann . Gusmann tritt in demselben Augenblick herein, er verbeugt sich, eilt dann auf den Fremden zu und umarmt ihn . Er ist – mein Freund! Alonzo und Sebastiano sehn ihn staunend an. Alonzo nach einer Pause . Er ist mein Gefangener. Gusmann . Den Sie vielleicht auf meine Bitte freigeben werden. Alonzo . Vielleicht auch nicht. Gusmann reicht ihm ein Packet . Auch dann nicht? Alonzo , der es durchsieht . Was ist das? – Himmel! – Sebastiano! Sie hatten sich doch geirrt! – Er geht schnell ab, nachdem er Gusmann und den Fremden aufmerksam angesehen hat. Fremder . Alonzo! Sie selber stießen meine Freundschaft von sich. Sebastiano erstaunt . Was ist das? Gusmann . Hier für Sie. Er reicht ihm Briefe. Sebastiano . sieht sie durch, blickt Gusmann und den Fremden grimmig an, knirscht und murmelt für sich . Verfluchter! – Er geht schnell von der andern Seite ab. Zwölfte Scene. Gusmann . Der Fremde . Fremder , der Gusmann noch einmal umarmt . O Freund, ich bin erstaunt, Sie schon hier zu sehen, – ich glaubte nicht, daß das landende Schiff das Ihrige wäre. – Ich selbst bin erst seit gestern hier. Gusmann . Ich hatte eine sehr glückliche Fahrt, und ich fand Gelegenheit, schon einige Tage nach Ihnen abzusegeln. Fremder . O glücklich, daß Sie gekommen sind! – Kommen sie itzt in den Kerker des unglücklichen Alla-Moddin. Gusmann . Kennt er Sie? Fremder . Nein. Gusmann . Ich bringe eine Nachricht mit, die Ihnen und jedem Rechtschaffenen sehr angenehm sein muß. Fremder . Sie ist? Gusmann . Außer der Absetzung Alonzo's – die Aufhebung des Jesuiterordens in allen spanischen Besitzungen. Wunderbar! daß ich zugleich der Ueberbringer dieser beiden Zeitungen sein muß, – darum sah uns Sebastiano mit so glühenden Augen an. Fremder . Alles entwickelt sich noch glücklicher als wir dachten. Gusmann . Ich habe noch hundert Kleinigkeiten zu besorgen, die nothwendig gethan sein müssen, – leihen Sie mir Ihren Beistand, dann wollen wir den Unglücklichen besuchen und ihm die Nachricht seiner Freiheit bringen. gehn beide ab. (Alla-Moddins Gefängniß.) Dreizehnte Scene. Alla-Moddin . Amelni . Lini . Alla-Moddin sitzt an der Mauer; Amelni neben ihm und stickt mit Gold eine schwarze seidne Leibbinde: Lini sieht ihr aufmerksam zu. Alla-Moddin . Schon zittert ein röthlicher Schein auf jenen Wogen, und der Fremde kehrt noch nicht zurück. Amelni . Du hoffst auf ihn so sehnlich, als ob er Dir Deine Freiheit anzukündigen habe. Alla-Moddin . So ist der Mensch! Heut am Morgen schien es mir, als wäre mir alles gleichgültig, und doch zähl' ich itzt jeden Pulsschlag, horche auf jeden Schall des Windes gegen die Schlösser, ob nicht endlich durch die geöffnete Thür der neugewonnene Freund hereintrete. Ich wünsche seinen Anblick eben so sehr, als der Schiffer das Angesicht der Sonne nach einer stürmischen Nacht. Amelni nachdenkend . Warum muß die Tafel meines Gedächtnisses so düster aussehen? – Dieser Fremde – – alle Erinnerung so ganz verwischt – Alla-Moddin . Amelni, was suchst Du mit Deinen Gedanken? Amelni . Die Wiedererinnerung dieses Mannes. Alla-Moddin . Des Fremden? Amelni . Mir ist in einem Augenblick, als müßt' ich ihn kennen, und dann ist er mir plötzlich wieder ganz fremd; denn ich müßte mich doch erinnern, wenn, und bei welcher Gelegenheit ich ihn sahe. Lini . Mutter, warum bist Du denn nicht fröhlicher? Amelni . Und warum sollt' ich es sein? Lini . Deiner schönen Arbeit wegen. Sieh nur, ich freue mich schon so, daß ich Dir blos zusehe, wie ein Goldfaden sich neben den andern freundschaftlich hinschmiegt, wie hier ein Stern und dort einer aus der schwarzen Nacht hervortritt; wie mußt Du Dich nun erst freuen, wenn Du Dir bei jedem neuen Sterne sagen kannst: das hab' ich gethan! – Es ist doch schön, so künstlich zu sein! – Du mußt mir auch solche Binde schenken, liebe Mutter. Jetzt nicht! – Wenn ich groß und schön bin, wenn – – (habe ich doch in der langen Zeit gar den Namen vergessen) Vater! – Wie heißt das Eisen, mit dem man sich gegen die Spanier vertheidigen muß? Alla-Moddin . Schwert, Knabe, vergiß das Wort nie! Lini . Ja, wenn ich erst ein Schwert schwingen kann, dann, nicht wahr, liebe Mutter, dann schenkst Du mir auch solche schöne schwarze Binde? Alla-Moddin . Itzt erst bemerk' ich Dein Geschäft. – Amelni! Sieh diese Mauern an, sie spotten über Dich. Soll dies mich an mein voriges Glück erinnern? – Ha! sonst! sonst! – Weißt Du noch; Amelni, als Du mit jener Binde mich schmücktest, da ich gegen die wilden Insulaner zog, die Suhlu verheerten? – Aber jetzt – wenn werd' ich diese gebrauchen? Die Zeit wird sie zernagen, zwischen diesen Mauern wird sie zerstäuben, und ich möchte über jeden Stich eine Thräne vergießen, mit dem Du so sorgfältig diesen Flor durchbohrst. – Du weinst, Amelni? – – O laß sie mich wegküssen, diese Thränen. Amelni . Laß sie fließen auf dieses Tuch herab, ein Todtenopfer Deinem gestorbenen Muthe. – Wohin ist Dein Geist entflohen? Ruf' ihn zurück. Alla-Moddin . Er schwärmt in Suhlu's blühenden Hainen. Amelni . Gedenke der Worte des Freundes: Valmont kehrt gewiß zurück, denn er hält, was er versprach . Alla-Moddin . O Du weißt nicht – vor sich. ach Sebastiano! – laut. Kennst Du denn nicht das Märchen von Runal? Amelni . Nein. Lini . Ein Märchen, Vater? – O erzähle, ich will es nachher meinem Vogel wieder erzählen, damit ich etwas zu thun habe. Alla-Moddin . Fern von seinem Vaterlande war Runal in einem schwarzen Walde verirrt, die Winde bliesen mit heiserer Stimme durch die klappernden Zweige, Kälte übergoß mit Zittern seinen Körper. Räuber (es waren Europäer) nahmen ihm seine Kleider, der Regen trieb ihm schneidend entgegen, er zitterte vor Frost. – Der Wald öffnet sich – er tritt heraus. – Der Himmel mit dicht über einander gewälzten Wolken verhüllt, kein Stern, kein Mondenstrahl, vor ihm eine große unendliche Wüste. – Kein Mensch in der Nähe? seufzt Runal, und blickt umher; kein Licht? kein Mensch? – Sein Blick kehrt unbefriedigt, thränenvoll zurück. Noch einmal blickt er rückwärts nach den Wald, die Vergangenheit düster hinter ihm, die Zukunft öde vor ihm. – Ha! dort zwischen schwarzen herabhangenden Wolken, an der fernen Gränze des Horizonts, ein blaues, flimmerndes Licht, dicht an den Boden gedrängt. – Neu gestärkt geht er nach diesem Lichte zu, es erhebt sich, und war – ein Stern! – Schaudernd wirft sich Runal nieder, und weint, itzt noch trostloser als zuvor. Amelni seufzend . Ich verstehe Dich. Lini . Und weinte denn der Stern nicht mit ihm? Amelni greift nach der Laute . Soll ich singen? Alla-Moddin . Itzt nicht. – Diese süßen Töne würden allen Muth aus meiner Brust hinwegschmelzen. Amelni . Wende Dein trübes Auge hieher, sieh auf diese Stickerei. Sieh wie alle Goldfaden sich hier auf den düstern Grund hinlegen, und aus schwarzem Boden emporkeimen, – ein Bild des menschlichen Lebens. Diese Sonnen und Sterne sind des Menschen glückliche Tage, können sie ohne das schwarze Unglück sein, das sie hervorbringt? Horch! – Hörst Du die Tritte? – Der Fremde! Vierzehnte Scene. Vorige . Lorenzo mit einer Wache. Alla-Moddin . O getäuschte Erwartung! Lorenzo . Alla-Moddin! Alla-Moddin . Was verlangst Du? Lorenzo . Folge zum Statthalter. Alla-Moddin . Es sei. – Er geht mit einigen von der Wache ab. Funfzehnte Scene. Vorige ohne Alla-Moddin . Amelni zu Lorenzo . Warum siehst Du uns so düster und bedeutungsvoll an? Es liegt eine Nachricht auf deinen Lippen, die Du auszusprechen fürchtest. Sprich! Lorenzo . Ich bedaure Euch. Amelni . Wie hat sich diese Empfindung zu Dir verloren? Lorenzo . Euren Fluch nicht über mich! – Er winkt, einer von der Wache reicht ihm Ketten. Lini . Was hast Du da? Lorenzo . Ein Geschenk – für Dich. Lini . Für mich? Amelni . Götter! – Alla-Moddin – Deine Ahndung! – Lini . Was soll ich damit? Alla-Moddin hinter der Scene . Unmöglich! Verrätherei! Alle Flüche des Himmels auf Euer Haupt herab, Bösewichter! Lini . Der Vater schreit! – Amelni . Warum hassen mich Suhlu's Götter so sehr, daß ich dies alles erleben muß? Alla-Moddin , hinter der Scene, man hört Ketten rasseln . Zurück! – O Himmel, gieb Deinen Blitz in meine Hand! Lini weinend . Ich muß weinen, wenn ich den Vater so schreien höre. Alla-Moddin ungesehen . Omal! – Valmont! Lorenzo zu Lini . Komm! – Er will ihm die Ketten anlegen. Lini . Lieber Mann, was willst Du thun? Lorenzo , sich die Augen trocknend . Die grausame Pflicht meines Amtes erfüllen. Lini . Du willst mir diese großen Ringe anlegen? – Sie sind zu schwer für meine kleinen Arme. – Lorenzo . Ich muß. Lini . Laß es immer sein, denkst Du mich dadurch fester zu halten? – Ich muß ja doch hier bleiben. Amelni faßt Lini in ihre Arme . Ist denn alles Erbarmen hier todt? – Wenn Du Kinder hast, so schone seiner. Lini . Vielleicht hast Du auch einen kleinen Sohn, wie ich bin, bedenk' einmal, wenn man ihn so binden wollte, würd' es Dir nicht wehe thun? – Laß mir immer die Arme frei, ich kann ja sonst nicht einmal meinen lieben Vogel dort füttern, und Du wirst doch nicht verlangen, daß er vor Hunger sterben soll? – Du siehst mich an. – Sieh mich freundlich an, und ich will Dich auch als einen guten Mann loben, ich will Dich den besten aller Spanier nennen. – Bist Du schon je so gebunden gewesen? – Gewiß nicht, denn sonst würdest Du meinen kleinen Händen diese Quaal nicht anthun wollen. – Lorenzo . Ich vermag es nicht. Er wirft die Ketten hin und geht ab. Sechszehnte Scene. Vorige ohne Lorenzo . Lini . Nun bin ich wieder froh, er geht. Amelni . O traure, daß er ging, mit ihm ging Dein Schutzgeist hinweg, denn sieh nur die Augen dieser Männer, die wie Gewitterwolken auf Dein Angesicht hängen. – Ich kann Dich nicht schützen. – Sie geht zurück, setzt sich auf ein Ruhebett, verhüllt ihr Gesicht und weint. Einer von der Wache nimmt die Ketten auf, und geht damit auf Lini zu. Lini . Du wirst mich doch nicht binden wollen? – Du siehst wirklich so aus. – Schämst Du Dich denn nicht? – Auf Suhlu ist der ein Bösewicht, der einem Kinde wehe thut. – Folge jenem Manne nach, – ich habe Dich nie gesehen, und Du könntest so grausam sein? – Wie starr er mich ansieht! als ob er mich nicht verstände! – Seht, ich weine, denn ich fürchte mich wirklich vor Euch, – bei Euch in Europa weint man wohl nicht, denn Ihr lacht über mich, – freilich spreche ich nur wie ein Kind. – Ihr seid lauter Grausamkeit, und Euer Betragen macht, daß ich wirklich zornig auf Euch werde! – Nun wohl! – Hier sind meine Arme! – Ich will nicht hinsehn, damit Ihr Euch nicht schämt, wenn ich Euch ansehe, – nun bindet mich, denn eben so leicht könnt' ich diese ehernen Ringe zum Mitleid bewegen, als Euch. – Er wendet sich hinweg und wird gefesselt, die Wache geht ab. Siebzehnte Scene. Amelni . Lini . Lini . Ach Mutter! wie glücklich, daß sie Dich vergessen haben, ich will Deine Hände ansehen, und dabei die Last der meinigen vergessen. Amelni . O Lini! – Du bist ein fürchterlicher Anblick. Lini . Ach Mutter! – Du mußt mir zuweilen etwas auf der Laute vorspielen, denn ich kann es nun nicht mehr. Er geht zu seinem Vogel. Sieh einmal, Freund, wie ich aussehe! – Du kannst nun froh sein, daß Du Deine Füße noch frei hast. – Du bist doch ein guter Vogel, ich glaube, Du würdest weinen, wenn es Dich Deine Eltern gelehrt hätten, so wie ich es von meiner Mutter gelernt habe. Achtzehnte Scene. Vorige . Alla-Moddin . Alla-Moddin stellt sich stumm am Eingang des Gefängnisses, in seelenloser Betäubung mit seinen Ketten rasselnd . Amelni fährt bei diesem Geklirre auf, sieht ihn, und stürzt auf ihn zu . O mein Alla-Moddin! Alla-Moddin gleichsam erwachend . Bin ich Alla-Moddin? – Unmöglich! – Er in Ketten? – O Amelni! Amelni! Lini . Vater! Vater! – Leid' es nicht, daß ich so herumgehn muß. Alla-Moddin wüthend . Auch Du? – O Barbaren! – Fluch! tausendfacher Fluch vom Himmel herab auf das Haupt der Bösewichter! – O Alonzo! – Sebastiano! Er schlägt wüthend mit den Ketten gegen die Mauer. O könnt' ich mit diesen Ketten diese Mauern verwunden, bis sie darniederstürzten?– O Wuth! Verzweiflung! – Warum machtet ihr meine Kraft nicht unsterblich? – So tief bin ich gefallen? – So tief Gattin und Sohn? – O Lini, Lini, würge Dich mit diesen Fesseln! stirb Unglücklicher! stirb! der Tod befreit von jedem Ungemach! stirb! Lini . Mutter! – er läuft zu Amelni , und verbirgt sich an ihren Busen. Mutter! – Hilf mir! – Sieh, wie die Augen meines Vaters glühen.– Was hab' ich gethan, daß mein Vater so sehr auf mich zürnt, der sonst immer so freundlich gegen mich war? Neunzehnte Scene. Vorige . Sebastiano . Sebastiano stellt sich vor Alla-Moddin und betrachtet ihn aufmerksam . Alla-Moddin mit kaltem Grimme . Willkommen! – Weide Dich an diesem Anblick. Sebastiano ergrimmt vor sich murmelnd . Nein! Ihr sollt nicht siegen! – Eure Bemühung sei vergebens! – zu Alla-Moddin , dem er einen Becher hinhält. Trink! Lini umfaßt Alla-Moddin . Vater, thu es ja nicht, dieser Mann könnte Dir etwas geben, das übel schmeckt und Dir nachher Schmerzen machte. Amelni tritt hinzu . Alla-Moddin! trink nicht, es ist Gift! Alla-Moddin . Gift? – O nenn' es nicht so! Es ist ein Labetrunk, der mich schnell aus diesem Kerker in lichte Fluren entrücken wird, dann sind diese Ketten nicht mehr um meinen freien Arm geschlungen, dann wird jede Deiner Thränen reichlich bezahlt, alles was hinter uns liegt, ist dann ein schwarzer Traum, den die aufwachende Morgenröthe verscheuchte. Bitte diesen freundlichen Mann, er wird auch für Dich noch einige Tropfen haben. Sebastiano . Trink! Alla-Moddin ergreift den Becher . Die Götter Suhlu's winken mir mit freundlicher Geberde! Ich trinke Seligkeit aus diesem Becher. Man hört aus der Ferne eine schallende Stimme » Alla-Moddin « rufen. Sebastiano dringend . Trink, Verzagter! Stimme . Wo ist er? Schließ eilig auf! Alla-Moddin . War dies nicht des Fremden Stimme? – Ha! er kömmt! – Eine frohe Ahndung fliegt durch meinen Geist, ich trinke nicht! – Er wirft den Becher weg, und Gusmann und der Fremde treten herein. Zwanzigste Scene. Vorige . Gusmann . Der Fremde . Fremder . Alla-Moddin. Lini eilt auf den Fremden zu . Ach, da bist Du ja, lieber fremder Mann, – hilf uns doch! – Fremder . Sebastiano! ich durchschaue Ihre Absicht, Alla-Moddin in Ketten? Und jetzt? – Sie wollten sich rächen, mit teuflischer Bosheit wollten Sie unsre Mühe vereiteln. – O glücklich, daß wir nicht zu spät gekommen sind! Sebastiano . Wenigstens habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben. – Er geht ab. Fremder . In Ketten? – Lorenzo! Der Gefangenwärter kömmt. Hinweg mit diesen Fesseln! – Lorenzo . O! ein angenehmes Geschäft! – Er nimmt ihnen die Ketten ab und geht ab. Lini . O wie leicht ist mir jetzt wieder! – wie wohl! Fremder . Alla-Moddin, Du kennst Deinen Freund nicht mehr. Warum siehst Du so starr? – Wie ist Dir? Alla-Moddin . Sahst Du je, wie ein Heer von furchtbaren Gewitterwolken sich verfolgend über ein Feld dahinzog, wie ein Donner hinter dem andern rollt, ein Blitz dem andern entgegensprang? Die bange Flur wagt es nicht, unter dem geißelnden Hagel sich zu regen: – so ist mir. Ich stehe da, vom Sturm des Unglücks umsaust, voll dunkler Ahndung, unbefriedigt, als sollt' ich auf Sonnenschein hoffen. Fremder . Und Du hoffest nicht vergebens. – Alla-Moddin! er umarmt ihn. Sagt Dir diese Umarmung nichts? – O so fühle in diesem heißen Kusse die Nachricht, die Deiner wartet. – er bringt ihn schnell in die Arme Amelni's . Ihr seid frei! Alla-Moddin und Amelni umarmen sich feurig, sie staunen, die Sprache versagt ihnen. Lini im stärksten Ausbruch der Freude . Frei? – Frei? – Gewiß? – Ach ja! ja! denn der Vater lächelt, und die Mutter lächelt und weint im Lächeln! – Nun so freue Dich doch Vater! – Mutter! weine nicht! – Nun, warum ist denn alles so still? Singt, – tanzt! – Lieber Vogel, wir sind frei! Singe ein Liedchen! – Warum spielt die Laute nicht von selbst? – O die vereinigte Stimme von ganz Suhlu würde mir itzt nicht laut und jauchzend genug sein. – er umarmt schnell Gusmann . Wir sind frei! – eben so den Fremden . Frei! – Du bist ein guter Spanier! – er fliegt in die Umarmung seiner Eltern. Ach, was schwatze ich so lang? ich will mit Euch weinen! Alla-Moddin umarmt Amelni und Lini . Itzt umarmt der freie Alla-Moddin die freie Gattin, den freien Sohn. – Ein neuer Frühling meines Lebens beginnt mit diesem sonnebeglänzten Augenblick, die Blume unsers Glücks ist wieder aufgeblüht – ihr Duft ist Seligkeit! Amelni . Wir sind frei – sie geht auf den Fremden zu. frei – und Du – Sonnenschein in meiner trüben Erinnerung! – und Du bist – Valmont! Alla-Moddin . Valmont? Fremder . Erkenne ihn an dieser Umarmung? sie umarmen sich. Amelni . Wie ein Lichtstrahl flog's durch meine Seele. – Alla-Moddin . Ach! Valmont! – zärtlicher Freund! Lini . Nun Valmont, so umarme mich denn auch einmal wieder, Du hast Dein Versprechen erfüllt, und ich gebe Dir nun den Kuß zurück, den Du mir damals gabst, als Du mir den Vogel da schenktest. – Aber dem Kleinen da muß ich nun mein Versprechen auch halten, ich bin frei, und auch er soll frei werden. Und Dich Valmont will ich lieben, wie ich Runi und die kleine Velda liebe, – ich will – er naht sich dem Vogel. ich verstehe dich! – er nimmt ihn aus dem Käfig. Noch einen Kuß – und nun er läßt ihn durch die Kluft der Mauer fliegen. lebe wohl – Wie freudig er die Flügel schlägt! – Wie wohl wird ihm sein, wenn er im blühenden Hain seine Gespielen wieder findet, die ihm mit Gesängen entgegen kommen, wenn er zu den Gebüschen zurückkömmt, durch die er hüpfte, als er noch nicht singen konnte – sieh! da fliegt er wieder vorbei! – Fahre wohl, schneller Freund, wir sehn uns nun nicht wieder. Amelni . Aber wie war es Dir möglich, Valmont, so schnell Dein heutiges Versprechen zu erfüllen? Gusmann . Es gelang ihm, nach tausend vergeblichen Versuchen, die ihn nie ermüdeten, Gehör zu finden. Sebastiano wird nach Spanien vor Gericht gefordert: zugleich ist sein Orden auf ewig zernichtet, Alonzo wird abgesetzt, und ich bin an seiner Statt hieher geschickt, Statthalter von Manilla zu sein. Alla-Moddin . Aber Valmont, warum kamst Du unter diesem fremden Gewande in meine schwarze Wohnung. Valmont . Um nicht zurückgewiesen zu werden, da Alonzo seit langer Zeit schon alle anscheinende Freunde von Dir entfernte; einem Spanier versagte man den Eingang nicht. – Das Schiff meines Freundes Gusmann landete später als das meinige, ohne ihn war ich ohnmächtig. – Alla-Moddin, sollte Valmont ohne Hülfe, nur mit Versprechungen zu seinem Freunde kommen, der aus ihn hoffte? – Der Fremde konnte trösten, Valmont mußte etwas mehr als Trost bringen. – Amelni . O des zärtlichen Freundes! – Aber ist es nicht wunderbar, daß wir noch hier stehen, daß wir vergessen, des neugewonnenen Gutes zu genießen? – Diese Wände stimmen zu unsrer Freude nicht. Ein und zwanzigste Scene. Vorige . Gonsalvo . Gusmann . Was wollen Sie? Gonsalvo . Sie sprechen, gnädigster Herr. Sie sprechen leise zusammen. Amelni nimmt ihre gestickte Binde . Alla-Moddin! Nun habe ich nicht vergebens gearbeitet. Sieh, wie die Götter unsrer kurzsichtigen Sorgen spotten, nimm diese Binde zum Andenken dieses Tages. Sie umgürtet ihn mit der Leibbinde. Gusmann nach einer Pause . Gewiß? – Ich möchte es für ein Märchen, oder eine Frucht der Einbildung halten. Gonsalvo . Nichts weniger, gnädiger Herr. Mehrere Spanier haben diese Indianer landen sehen, von denen man weder weiß, woher sie kommen, noch was sie auf Manilla wollen. Unter den Felsen gegen Osten halten sie sich verborgen, an hundert Kanots stehn dort in versteckten Buchten. Ein vorübergehender Spanier hat deutlich von ihnen die Worte: Alonzo , Alla-Moddin , Rache gehört. Sein Sie auf Ihrer Hut, gnädiger Herr, diese Heiden haben schon manchen wackern Castilier hintergangen. Gusmann . Schon gut. – Der morgende Tag wird alles entdecken. – Gonsalvo geht ab. Gusmann zieht Valmont auf die Seite und spricht mit ihm heimlich. Valmont . Und Sie können noch zweifeln? Gusmann . Aber die Vorsicht – Valmont . Nein Gusmann, er ist ein edler Mann, so daß Ihnen nachher auch der leiseste Verdacht wehe thun wird. – Gusmann . Aber da es doch möglich ist – Valmont . Ich verbürge mich für ihn. – Sind Sie nun zufrieden? – Gusmann . Wenn er das Gefängniß verläßt, so darf ich also von Ihnen den Gefangenen fordern? Valmont . Ich bins zufrieden. Gusmann . Ich will indeß mehrere Boten aussenden, diese Nachricht ist nicht unwichtig. – Er geht ab. Alla-Moddin . Was ist Deinem Freunde, er sahe mißvergnügt aus? Valmont . O er ist ein mißtrauischer Spanier, – laß ihn. Die Nacht naht heran, komm, wir wollen diesen Abend an einer fröhlichen und freundschaftlichen Tafel feiern. Alla-Moddin . Wir gehn der Freiheit entgegen, die Traurigkeit bleibe ewig hinter diesen Schlössern zurück! Sie gehn, in der Thür bleibt Lini stehen. Lini geht zurück und nimmt die Laute . O du süße Sängerin, hast mich oft froh gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte; meinen Vogel hab' ich fliegen lassen, aber dich will ich mit nach Suhlu nehmen, du sollst mich oft an diese kalten Mauern erinnern, und wie lieb ich dich hier hatte. – Dich will ich nie verlassen. – (Der Vorhang fällt.)     Dritter Aufzug. (Felsengegend am Meer, Nacht, sehr schwaches Mondlicht.) Erste Scene. Omal , er klettert hinter den Felsen herauf, und stellt sich oben auf die Spitze einer Klippe . Wie die Wellen gegen die Felsen schlagen! – Große Wogen klettern aus der Tiefe herauf, und zerschmettern sich mit Brausen gegen die weißen Klippen. Wie der Wind durch die Felsenritzen pfeift, und das Moos am Abhang flüstert! Alles so ruhig, die ganze Gegend in feierlicher Stille. – Auf dieser Felsenbank sollen sie sich versammeln. – Ein verirrter Mondstrahl wandelt durch die schwarzhangenden Wolken, meine Freunde werden mich hier finden. – er bläßt auf einem kleinen Horn. Wie der Ton über die Felsen hinfliegt! – Sie kommen! Ihre leisen Tritte dröhnen durch die gewundenen Klippengänge. Zweite Scene. Omal . Schaddin . Runwal . Mehrere Indianer . Omal . Setzt Euch, Freunde. – Sie setzen sich auf den Steinsitzen umher. Oedes, nächtliches Schweigen liegt um uns her, eine heilige Einsamkeit begeistert die Seele zu erhabenen Gedanken, dies ist die Zeit der Rathschläge. – Diese Klippen tragen uns hoch in die Lüfte hinauf, hier sind wir den unsterblichen Göttern näher: verhüllt Eure Häupter und betet in schweigender Andacht, daß ihre Weisheit auf uns herniederfließe. Alle verhüllen ihr Haupt, und beten schweigend. Eine Pause. Seht dorthin! dort, wo die Wolken so kraus und wild durch einander fluthen, dort liegt Manilla, – dort entsprang ich, und floh in Eure Arme, – dort seufzt Alla-Moddin. – Itzt sprecht, – sprich Du zuerst, Schaddin, Greis mit den silbernen Locken, Deine Weisheit lenkte schon oft unsre kriegerischen Schaaren. – Schaddin . Ihr vertraut meinem Alter und meiner Erfahrung, Ihr wißt, daß mich Alla-Moddin liebte, und meinen Rath gern hörte. Dreimal war ich Heerführer, zweimal schlug ich an Alla-Moddins Seite die wilden Feinde aus unsrer glücklichen Insel, – darum verachtet auch itzt meine Worte nicht. Steckt Eure Schwerter in die Scheide und kämpft mit Güte und Sanftmuth, der Sturmwind jagt die empörten Wogen noch höher, beim Wehen des lauesten Westes ebnet sich die Fluth. Omal . Schaddin, Sanftmuth den Quälern Alla-Moddins? Güte diesen christlichen Barbaren? – Nein, schreckliche Wiedervergeltung, Quaal um Quaal, Unversöhnlichkeit gegen Unversöhnlichkeit! Schaddin . Spottet der Fels nicht aller der tausend Wogen, die gegen ihn hinankämpfen? Gebrochen rollen sie wehklagend ins Meer zurück. Was willst Du mit Deiner Ohnmacht gegen die spanischen unbezwinglichen Mauren? – Was mit Deinem schwachen Bogen gegen ihre krachenden Donnerschlünde? – – Ha! mit scharfsinniger Tücke haben diese Meuter die strafenden Donner der Götter erschlichen, hinter Unüberwindlichkeiten verschanzt, werden sie unsrer und unsres Muthes spotten. Ihre furchtbare Kunst hat alle Tapferkeit des Mannes unnütz gemacht. Sie schicken uns den Tod aus der Ferne, wir fallen, ohne selbst die Wollust der Rache zu schmecken, und sie werfen uns lachend in unsre Gräber. – Ha! brauchte es nichts als Muth, wer würde fragen und zweifeln? Wären Insulaner unsre Feinde, so sollte ein Schlachtgesang meinen Rath beginnen, – aber Eure Feinde sind Wesen, mit übermenschlichen Kräften im Bunde: darum laßt uns mit der Morgenröthe vor Manillas Thoren erscheinen, und von ihnen mit lauter Stimme unsern König fordern, vielleicht daß der Schrecken – der unerwartete Anblick des Heers, oder unsre Rede – – Omal . O schweig, Schaddin; die Alla-Moddins Seufzer nicht rührte, die willst Du durch Beredsamkeit bewegen? – Haben wir darum endlich nach langem Kriege jene Insulaner besiegt, um nun mit sanften Reden vor den Mauern unsrer Feinde zu erscheinen? Schaddin, Deinen Muth hat das Alter gelähmt, Dein Arm ist im Kriege schwach geworden, darum ist Deine Sprache so friedlich. Jener Krieg auf Suhlu hat uns schon über sechs Monden von Alla-Moddins Befreiung zurückgehalten, er ist glücklich geendigt, und unser guter König sollte noch immer in seinem Kerker schmachten? Schaddin . Geben ihn die Spanier nicht frei, nun so mag denn Gewalt, – aber unser nacktes Heer gegen jene unüberwindlichen Bollwerke, ihre donnernden Feuerschlünde, – wir sind wehrlos, was haben wir auf unsrer Seite? Omal . Das Recht, Schaddin. – Dies große Gefühl legt Götterkraft in unsern Busen, die Gewalt des Blitzes in unsre Schwerter, Gefahr und Tod treten vor diesem blendenden Schilde scheu zurück, Mauern stürzen nieder, und Donner spielen furchtsam um diesen Glanz. Nichts vermag den Kämpfer für das Recht zu besiegen, er kennt keine Unüberwindlichkeit, die Götter gehn neben ihm, alles stürzt erbebend auf die Kniee und bekennt sich zitternd überwunden. Ha! wäre nicht diese große Gerechtigkeit des Schicksals, wer wagte es dann, den Bösewicht zu bestrafen? – Frevler würden mit ehernem Stabe die Tugend beherrschen, – – nein, die Götter, Schaddin, die Götter stehn auf unsrer Seite; von ihrem hohen Richterstuhl ausgesandt, sind wir hiehergekommen, die Schändlichen zu strafen, die Götter werden ihre Diener nicht verlassen. Schaddin . Wenn sie uns senden, warum stemmte sich dann ein Sturmwind gegen unsre Schiffe, sie von diesen feindseligen Ufern zurückzuhalten? – O Freunde, hörtet ihr die Wirbelwinde nicht, die in schrecklichen Flüchen zu uns sprachen? – Mir war, als säh' ich zwischen den zerrissenen Wolken eine dunkle Hand, die uns mit ernster Bedeutung zuwinkte, – laßt uns ihr folgen. – Winde und Wogen werfen sich uns ungestüm entgegen, laßt uns den Wink der Götter verstehen. – Omal . Laßt ihn uns verstehen, sie schelten unser Zögern, unsern Kleinmuth, – dies ist mein Glaube. – Schaddin . Sprich Du itzt, Runwal; Du bist nach mir im Rath der nächste. – Runwal . Dort seufzt Alla-Moddin! und dies ist die Loosung unser Schwert zu schwingen, und wie entfesselte Sturmwinde mit unsern Lanzen gegen Manilla's Mauern zu wüthen. Meine Zunge ist nicht geschickt zum Reden, meine Worte sind rauh, – aber laut pocht mein Herz in meinem Busen, und seine Schläge zucken gewaltig bis in meinen Arm. – Auf! unser König seufzt dort! – hört ihr's? – O ich bedarf keiner Ueberredung, in dem Namen Alla-Moddin liegt alles, was ich sagen könnte. Laßt Eure Speere und Schwerter im frühsten Strahl des Morgens glänzen, Alla-Moddin sei frei, und Manilla stürze nieder! dies ist mein Rath: wer anders denkt, der spreche! alle schweigen. Omal . Kein Ton? – Runwal, Du hast die Worte meiner Seele gelesen, auch ich bin der Meinung. In diesem Schwert, in diesem Köcher liegt meine Beredsamkeit. Welcher Mann wird für seinen guten König nur sprechen , wenn er für ihn handeln kann? Kein Wort von Zögerung. Mit der Sonne stehn wir vor Manilla's Thoren, das Schwert der Rache in der Hand, – mag Schaddin doch zurückbleiben. Schaddin . Er wird nicht zurückbleiben. Mein Rath war friedlich, weil er mir der beste schien, aber auch mein Muth erhebt sich höher in Gefahren. – – Ihr habt beschlossen: Nun auf zum Kriege! Auf zum Kampfe! Blast einen Kriegsgesang! Singt Schlachtlieder! Meine Hand bebt, es zuckt mein Schwert in der Scheide, die Pfeile klappern streitlustig in meinem Köcher. – Omal, Du hast mich schwer gekränkt. Omal . Hier hast Du meine Hand, Du bist mein wackrer Bruder. Runwal . Ich wünsche, die Sonne wäre schon aufgegangen. Wenn Pfeile um mich zischen, Schwerter über meinem Haupte schwirren, und Schild gegen Schild sich drängt, – o dann hebt sich meine Seele höher, und mein Auge glänzt vor Freude. – Omal . Und die Wirbelwinde sollen das schöne Suhlu verheeren, wenn ich dies Schwert eher niederlege, bis Alla-Moddin frei ist! – Schaddin, und Ihr, meine übrigen Freunde, geht jetzt wieder zurück, und rüstet Euch und Eure Schaaren zum kommenden Morgen. Schaddin und die übrigen Suhlunaner steigen wieder hinter den Felsen zurück. Du, Runwal, bleibe hier, wir wollen auf diesem Felsensitze den grauen Morgen erwarten. Dritte Scene. Omal . Runwal . Omal reicht Runwal die Hand . Runwal! Du bist mein Freund! – Gieb mir Deine Hand! Du fichtst morgen zu meiner Seite: fall' ich, so kümmre Dich nicht darum, laß meinen Leichnam immerhin zertreten werden, und denke nur an Alla-Moddin. – Eben das thu' ich, solltest Du zu Boden stürzen. Runwal . O wie wird mein Herz emporschwellen, wenn ich über die Steinhaufen Manillas hinschreite, und den Kerker Alla-Moddins sprenge. Omal . Wie lange zögert heut die Sonne! Runwal . Sieh, wie sich schon alle Finsterniß nach Westen hinzieht, wie der schläfrige Tag sich langsam hinter jenem Berge aufhebt, und mit den lichtscheuen Augen blinzelt. Omal springt auf . Es wird heller in Osten! Runwal . Dort schon der lächelnde Bruder des Tags, der ewig junge Morgenstern, der seine goldnen Locken aus den kalten Wogen hebt. Omal . Das Morgenroth zieht sich flammend in Osten herauf, und reicht uns sein feuriges Schwert, die Feinde zu strafen. Runwal . Sieh, wie die Gegend aus der Finsterniß hervorsteigt, wie die Erinnerung vergangener Zeiten. Omal . Steh auf! – Sieh, dorthin, wo der Fels sich öffnet, wo jene schwarze Wolke so eben vorbeischwebt, dort in jene Bucht hinein liegt Manilla! – Ha! dort seh ich seine Thürme, dort seufzt Alla-Moddin, und klagt über unser Zögern. – Itzt komm! – Wir wollen unsre Freunde versammeln. Er bläst auf seinem Horn, eine ähnliche Antwort von unten; sie steigen hinab. Runwal im Hinabsteigen . Wie furchtbar diese Klippen durch einander geworfen sind! Omal . Wie ein Meer, das sich im Sturm versteinerte. Manilla , im Hintergrunde die Festungswerke und die Stadt, vor dieser ein großer Wall, unter Bäumen auf einer Ebne. Vierte Scene. Lini , oben auf dem Wall; er kömmt fröhlich mit seiner Laute . Noch Sterne am Himmel? – Willkommen, was habt ihr indeß gemacht? – Es sind aber nur so wenig goldene Punkte dort, es muß wohl bald Tag sein. – Ach ja, denn noch keine Nacht ist mir so lang geworden, als diese. Lustige Wasser rauschten um mich her, blühende Bäume wehten über meinem Haupte, Suhluaner tanzten nach fröhlichen Flöten, – noch nie war ich so angenehm traurig und fröhlich zugleich, ich sah schon alles im halben Traum, was ich zu sehen wünschte, und weinte dann, daß es noch nicht wirklich da war, daß es immer noch Nacht blieb, so oft ich auch die Augen aufschlug, und von neuem wieder einschlief: – aber jetzt ist es da. – Wie die Winde durch die Bäume rauschen, wie der Himmel im goldenen Scheine glüht! – Ha! dort fährt in purpurnen Fluthen die Sonne mit ihren flammenden Segeln empor!– Wie sich alles freut! die Vögel jauchzen, die Bäume sind fröhlich, die grünen Thale lachen, – alles, Lini, weil du nicht mehr trauerst. – O mir ist, als sollt' ich vor Freude von diesem grünen Berg herunterspringen, daß ich fröhlich im grünenden Haine irrte, den Winden nachjagte, die durch Blumen wehen, daß ich mit den Lerchen zu den rothen Wolken emporflöge! Alles zwitschert, alles singt; singe du auch, Lini! Er spielt und singt.         Bezwungen flieht die Nacht         zu ihrer schauervollen Höle:         im goldenen Triumph         gekrönt mit tausend Strahlen         steigt jugendlich die Sonne auf,         sie schwingt, ein Zeichen ihres Siegs,         des Morgenrothes flammende Standarte.                 So flieht der Kummer,         vor der Freude Glanz,         und stürzt erschrocken         auf ewig in das Meer. Fünfte Scene. Lini . Alla-Moddin . Amelni . Alla-Moddin kommt mit Amelni Arm in Arm . Wir sind mit der Natur erwacht, – freust Du Dich nun, Du kleiner muntrer Sänger? Lini . O ja, Vater, – aber ich muß mich so allein freuen, nun möcht' ich auch wohl den kleinen Runi und meine andern Gespielen wieder sehen, dann würd' ich noch weit fröhlicher sein. Alla-Moddin . Auch dieser Wunsch wird erfüllt werden, denn wir werden nun bald über die grauen Wogen nach Suhlu fahren. Lini . O ja, bald, lieber Vater! es ist hier schön, aber dort ist es noch weit schöner. Mein Garten, meine Palmbäume, meine Rosenstöcke,.– was die machen? Ob mich mein Baum wohl wieder kennen wird? – Was werden wohl meine kleinen Freunde sagen? Amelni . Ach, es wird sich so manches verändert haben. – O wie schön, wie erfrischend weht uns die Luft der Freiheit entgegen, wie lieblich spielen die Lüfte durch die grünen Bäume, goldgesäumte Wolken schweben durch die düstern Wälder. – Wie ein goldner Glanz auf den rieselnden Wellen zittert! – wie der Himmel im purpurrothen Scheine flammt, wie die Vögel jauchzen und die Wiesen duften! – sie sinkt im höchsten Gefühl des Glücks an die Brust Alla-Moddins . Ach Alla-Moddin! – kannst Du denn noch traurig sein? Alla-Moddin . Nein, Amelni, das wäre Undankbarkeit gegen die gütigen Götter; ich fühle mein Glück, ich darf ungefesselt meine Arme wieder ausstrecken, ich sehe in aller ihrer Majestät die Königin des Himmels wieder, ich athme wieder Freiheitslust, der düstre Kerker ist hinter uns verschlossen; – ach, liebe Amelni, sieh dorthin! Sieht dieser Baum da nicht dem ähnlich, der in Suhlu vor unserm Hause grünt. Amelni . Ja, Alla-Moddin, er steht eben so wie dieser auf einem kleinen Hügel, und seine Zweige rauschen auf unserm Dache, rechts fließt, wie hier, ein kleiner Strom vorüber, und schlüpft geschlängelt zwischen blumigen Ufern, – der Baum trägt eben solche weiße Blüthen; – sieh, wie die Morgenwinde in dem Wipfel wühlen, und einen Blüthenregen im Glanz der Morgensonne über den Bach hinstreuen, – ach, gerade so wie an dem Tage, da wir von Suhlu abreis'ten und von unserm Gärtchen Abschied nahmen, – alle jene schönen Bilder kehren in meinen Busen zurück, alles so neu und frisch, ach, unser Leben beginnt heut von neuem, wir wollen von nun an jeden Tag, jede Stunde anhalten, keine soll, ohne Freude zu geben, vorüberfahren. Lini hat sich niedergesetzt, und sieht mit Entzücken in die schöne Gegend . Alla-Moddin . Aber Amelni, bleibt Deine Seele ganz heiter und ungetrübt, wenn Du an Suhlu denkst? – Drängt sich keine ängstliche Empfindung zu deinem Herzen? Amelni . Nur die Freude kann jetzt den Zugang zu meiner Seele finden. Alla-Moddin . Du sagtest vorher: » Ach, es wird sich so manches verändert haben. « – Mancher Baum ist größer geworden, unsre kleinen Palmen an dem See sind emporgeschossen, Lini's Baum ist gewachsen, unsre Rosenstöcke sind uns unkenntlich geworden. – Ach, Amelni, wenn uns ganz Suhlu unkenntlich wäre! Amelni . Woher diese Besorgniß? Alla-Moddin . Mein Volk hat meiner vielleicht vergessen, es vergaß meiner in dieser langen Zeit, fremde Völker haben vielleicht Suhlu verheert, – ach, vielleicht wachsen Dornen da zwischen Steinhaufen, wo sonst unsre Wohnung stand, Disteln überziehn wohl unsern Garten, vielleicht – Lini springt auf . Sieh, Vater, dort hinter jener Mauer saßen wir sonst und weinten, – man kann von hier die kleine Oeffnung sehn, durch die ich meinen Vogel habe fliegen lassen, – wo mag er jetzt wohl sein? Alla-Moddin . Wenn ich meine Freunde wiederfinde, mein Volk noch so, wie ich es verlassen habe, wenn Omal noch derselbe ist, – welch Glück ist dann dem meinen gleich? Lini . O komm Vater, dorthin glänzt der Thau der Wiese so schön, komm nun auch auf jene Seite! Alla-Moddin . Nun wohl, Du Ungeduldiger! Sie gehn ab. Sechste Scene. Gusmann . Valmont von der andern Seite. Valmont . Der edelmüthige Spanier ist noch immer mißtrauisch? – Gusmann . Kein Mißtrauen, nur Vorsicht, wenn Gonsalvo's Aussage anders Wahrheit ist. Valmont . Ha! dort schleicht Alonzo traurig her, – er dauert mich. Siebente Scene. Vorige . Alonzo . Alonzo für sich . Konnt' es denn nicht anders sein? – Ach Sebastiano! – Ist es so weit gekommen, daß ich den Anblick der Menschen scheuen, und wie ein Verbrecher herumschleichen muß? – Wodurch verdiente ich dies Schicksal? Valmont geht auf ihn zu, und faßt freundschaftlich seine Hand . Alonzo! Alonzo . O – lassen Sie mich – ich – Warum folgte ich nicht Ihrem Rathe? – Warum hörte ich nur die Worte Sebastiano's und war taub für die Stimme der Wahrheit?  – Valmont . Dies, Alonzo, war die Absicht meines gestrigen Besuchs; es that mir wehe, Sie zu kränken, da ich Sie kannte; ich wünschte, daß eine That Ihr Amt beschlösse, die Ihnen die Liebe Alla-Moddin's und der Welt verschaffte, doch Sebastiano – – Gusmann . Bleiben Sie bei uns auf Manilla, wenn Sie von keinem wichtigen Geschäfte nach Europa zurückgerufen werden, Sie sollen von meiner Freundschaft überzeugt werden. Kein Betrüger wird nun mehr Ihre Güte mißbrauchen, denn Sebastiano verläßt mit allen Jesuiten diese Gegend. Alla-Moddin kömmt ihnen mit Amelni entgegen. Achte Scene. Gusmann . Valmont . Alonzo . Alla-Moddin . Amelni . Alonzo nähert sich Alla-Moddin . O verzeihe mir, edler Mann, – o daß Du mir nicht danken kannst, daß Du auf mich zürnen mußt, schmerzt mich jetzt tief im Innersten meines Herzens. Alla-Moddin . Ich zürne nicht auf Dich, ich weiß, Du warst nicht die Ursach meiner Leiden; ich bin frei, ich bin glücklich, alles übrige ist nur ein Traum gewesen, ich bin erwacht; itzt laß uns nicht weiter von der Nacht sprechen, sieh, der Morgen lächelt uns entgegen. Neunte Scene. Vorige . Lini , der sehr schnell herbeiläuft. Alla-Moddin . Was ist Dir, lieber Sohn? Du siehst bleich aus, – Du bist außer Athem, – rede! Lini . Ach, Vater, als ich dort voller Freude herumhüpfte, sah ich Sebastiano plötzlich mit glühenden Augen auf mich zukommen, – darum eilt' ich so. Zehnte Scene. Vorige . Sebastiano . Sebastiano eilt schnell herbei . Wo ist Alonzo?– Wo der Gouverneur? Gusmann . Was verlangen Sie? Sebastiano . O Gusmann, – Alonzo, – – ich irrte doch nicht, es hat sich entschieden. Alonzo . Was? Sebastiano . Verrätherei! – Ja, Alla-Moddin, noch einmal nenn' ich Dich einen Verräther, – Deine Freunde sind gelandet, und nahen in großen Schaaren der Vestung. Gusmann . So wäre es dennoch wahr gewesen, Valmont? Valmont . Unmöglich, ich verbürge mein Leben für ihn! Alla-Moddin . Ein Verräther? – Sebastiano, ich fasse Deine Worte nicht. Sebastiano . Ich sahe ihre feindliche Anzahl von einem Felsen herab, – sie nahen mit einem wilden Getümmel, mit einem fürchterlichen Schlachtgesang. – Alonzo, wir hatten uns nicht geirrt, nun ist die Schändlichkeit des Elenden und unsre Unschuld offenbar. Alla-Moddin . Ich bin wie ein Träumender, der aus einem tiefen Schlaf erwacht, und den nicht versteht, der zu ihm spricht. Deine Worte klingen mir wie Räthsel, – und doch ahnde ich – Sebastiano . Hört! hört wie wild ihr Kriegsgeschrei aus der Ferne daherbraußt! – Es ist Dir kein Räthsel, Alla-Moddin, Deine schändlichen Freunde führen endlich Deine Anschläge aus, sie kommen endlich, diese Mauern zu stürmen, uns von unsern Zweifeln zu befreien, und Dir das Brandmahl der Verrätherei aufzudrücken. Alla-Moddin . Im Angesicht des Himmels und der aufgegangenen Sonne, im Angesicht der Götter widersprech' ich Dir laut, mag kommen was da will, ich bin ohne Schuld. Eilfte Scene. Vorige . Die Indianer . Man hört einen wilden Schlachtgesang, von vielen Instrumenten begleitet, der nach und nach immer näher kömmt, bis die Indianer endlich unten auf der Ebne erscheinen. Alla-Moddin steht indeß nachdenkend; Gusmann zweifelhaft in der Ferne; Sebastiano versucht es mehrmals mit Alonzo zu sprechen, der ihm aber immer ausweicht.         Brause daher im wilden Getön,         wie Meeressturm gegen Klippenmauern,         wie des furchtbaren Donners Gang         durch des Himmels unendlichen Raum,                 Schlachtgesang! –             Im Blutgewande,         mit der Vernichtung lodernden Fackel             naht die Rache. –                 Schwert an Schwert,                 Brust gegen Brust,         schwimmen wir kühn den Strom hindurch,         der uns mit tausend Strudeln entgegen kämpft!                 Todesgeröchel,                 Wuthgebrüll,         sind des schwarzen Krieges         furchtbare Wagenlenker. –                 Zur Rache! zum Siege!         Laßt den Blitz um unsre Locken flattern,         den Donner wild um unsre Häupter schelten,         wir brechen kühnes Muths durch Tod und Gefahr!         Wie Wogen spalten sich die Schrecken         vor des Tapfern Brust,         wie Sturmwind fliegen sie mit scharfen Klauen         nach dem Nacken des feigen Frevlers.         Zur Rache! zur Rache! wie schließende Flammen         stürzt den Schändlichen         vertilgend entgegen!             Fahrt triumphirend         auf ihres Blutes purpurrothen Wogen             nach Suhlu zurück. – Gusmann . Sebastiano, gehn Sie zu den Frevlern hinab, und fragen Sie sie in meinem Namen, was sie verlangen? Sebastiano geht ab, der Gesang fährt fort.         Ha! schon fliegt mit fürchterlichem Klang         Vernichtung durch die Luft daher!         An ihren Schwingen hängen Todesseuchen,         von jeder Feder tropft vergiftet Blut. ^             Die Götter sitzen im furchtbaren Rath,         und werfen stumm die schwarzen Würfel,         sie winken den bleichen Dienern,         der Verzweiflung mit dem knirschenden Zahn,         der Todesangst mit den starren Augen,         sie kommen mit wilden Geberden, –         wen werden sie als ihre Beute greifen? Sebastiano ist zu ihnen heruntergekommen, Omal geht ihm entgegen . Wer seid Ihr, die Ihr mit diesem drohenden Gesang die Luft erschüttert? Was ist Euer Verlangen? – Der Befehlshaber dieser Vestung sendet mich zu Euch. – Omal . Ha! das ist der schändliche Priester, der täglich unsern edlen König marterte. Runwal stürzt wild hervor, und sticht mit seiner Lanze Sebastiano nieder . Dieser? – so nimm den Lohn dafür. – Omal . Runwal! schäme Dich, grauer Krieger, er war ja wehrlos. – Runwal steht einen Augenblick nachdenkend, dann wirft er unwillig seine Lanze hin. O, – ich habe wie ein Knabe gehandelt, ich darf diese entehrte Lanze in keiner Schlacht mehr führen. – Alla-Moddin ist indeß mehr hervorgetreten, er ruft laut und mit ernster Stimme . Omal! Omal blickt empor, im wildesten Ausbruch der Freude . Ha! Suhluaner! Suhluaner! da steht er! – Alla-Moddin! Alle werfen sich nieder; ein ungestümes Freudengeschrei verwirrt durch einander. Alla-Moddin . Suhluaner, soll ich mich freuen, oder trauern, daß ich Euch wiedersehe? – Wie oft hab' ich im Kerker nach dem Anblick eines biedern Landsmannes geschmachtet, Ihr streckt mir jauchzend Eure Hände entgegen, aber sie sind mit Blut befleckt, ich kann mich nicht freuen. Omal . O Alla-Moddin, – wir kommen mit der Rache, mit der Freiheit, Du sollst wieder der unsrige werden. Alla-Moddin . Ihr irrt meine Freunde, meine Unschuld ist erkannt, so eben bin ich frei gesprochen, und Ihr werft von neuem einen schweren und gerechten Verdacht auf mich. – O führe Deine Schaaren zurück, Omal, ich folge euch sogleich, Ihr seht, ich bin frei, mein Kerker steht verschlossen, was verlangt Ihr mehr? Omal . Nein, Alla-Moddin, Deine Großmuth will unsre Rache täuschen, mit großem Mitleid willst Du Deine Feinde schonen, Du bist nicht frei; sie fürchten unsern Muth, und Du hast es ihnen versprochen, so zu uns zu reden, – nein, wir sind nicht vergebens hiehergekommen, die Götter haben endlich unser Flehn erhört, und die Feinde Suhlu's durch unser Schwert besiegt; auf, meine wackren Landsleute! nun sind noch diese Feinde übrig, zwar grausamer und unmenschlicher als jene, aber auch sie sind nur Sterbliche! Wir weichen nicht, Alla-Moddin, wir haben's beschworen. Alla-Moddin . Omal, Du warst von jeher mein treuer Unterthan, aber itzt sprichst Du wie ein Aufrührer, – sieh, ich, Dein König, der wissentlich noch keine Unwahrheit sprach, versichert Dich, daß er frei ist, daß er glücklich ist, wenn Du seinen Worten glaubst: darum stecke Dein Schwert ein, das hier so unnütz funkelt. – Geh, und führe Deine Schaaren in ihre Heimath zurück, in Suhlu will ich Dich umarmen, Omal; vergiß nicht, daß Dein König zu Dir spricht, dessen Befehlen Du sonst gern gehorchtest. Omal . Ich darf nicht zurückgehn, wir haben geschworen, die Thür Deines Kerkers zu sprengen – ein Suhluaner darf seinen Eid nicht brechen. Deine edle Seele will uns täuschen, Du bist nicht frei. – Suhluaner, wollt Ihr mit ungerötheten Lanzen wieder nach Suhlu zurückschiffen? Alle . Nein, wir kehren nicht zurück, wir haben geschworen. Alla-Moddin . Geschworen? – Omal, und Ihr alle meine getreuen Unterthanen! – So hört denn die Bitten des ehemals geliebten Alla-Moddin, da Ihr seinen Befehlen nicht gehorchen wollt. – O seht, wie alle meine Freunde von mir, wie von einem Verpesteten zurückweichen, selbst mein zärtlicher Valmont senkt den Blick, und scheint nachzudenken; – mich freut die Liebe, mit der Ihr zu mir kommt, – aber Eure Hartnäckigkeit macht mich traurig. Soll das erste Geschenk, das mir meine Suhluaner bringen, Wehmuth sein? Seht, Sebastiano liegt ermordet, alle Augen wurzeln auf mir, als dem Urheber dieser That, – Eure Liebe, Suhluaner, ist Grausamkeit; nein, Ihr liebt mich nicht, wenn Ihr nicht friedfertig zu Euren Schiffen zurückkehrt, Ihr seid meine Feinde, wenn Ihr nicht sogleich Eure drohenden Lanzen beschämt in die Erde verbergt. – O Amelni, Lini, Valmont, helft mir die Grausamen erweichen. – O Ihr Hartherzigen, seht, ich kann meine Thränen nicht zurückhalten, das Zutrauen meiner Freunde wendet sich schüchtern von mir ab, Ihr bleibt bei meinen Bitten ungerührt, Ihr glaubt nicht meinen Betheuerungen; Eure erlogene Liebe ist Blutdurst, Ihr lechzt nach Mord, mit Tigersinn schwingt Ihr Euer Schwert, wie ein Räuber forderst Du Deine Freunde, Omal, zum Kampf, – o ich muß mich schämen, daß meine unmännlichen Augen weinen, statt mit zornigen und gebieterischen Blicken auf Euch herabzusehn; Ihr trotzt meiner nachgebenden Schwäche, Ihr verachtet meine Stimme, der Ihr sonst gern als Kinder gehorchtet, Ihr kränkt mich schwer. Omal . Wir haben geschworen! – Alla-Moddin . Du Stolzer! – Geschworen? – er wendet sich um. Ha, meine Freunde, warum seid Ihr so stumm? – Warum schlagt Ihr vor meinen Blicken die Augen nieder? – Und auch Du, mein Valmont? Er geht auf Valmont zu. Valmont, erwache aus Deinen Träumen! – Du zweifelst? Valmont . Nein, Alla-Moddin. Alla-Moddin . Deine Freundschaft bleibt mir noch übrig. – Er umarmt ihn, und reißt in eben dem Augenblick Valmont's Schwert aus der Scheide, dann stürzt er zurück und spricht zu den Indianern. Nun, Ihr Hartnäckigen, nun hab' ich auch ein Schwert in meiner Gewalt, nun darf ich Euch wieder trotzen. – Er setzt den Griff gegen die Erde, und die Spitze gegen seine Brust, Amelni fährt zusammen. Die Indianer erschreckend . Alla-Moddin! – um aller Götter willen! Alla-Moddin . Nun stürmt an gegen diese Mauern, nun laßt Eure Waffen leuchten: aber, hier schwör' ich es feierlich bei den Göttern, dem ersten unter Euch, der diese Wälle betritt, springt mein Blut entgegen. – Nun rufe doch Deine Freunde zur Schlacht, blutdurstiger Omal, brüllt doch Euren frechen Schlachtgesang, Ihr lechzt nach Blut, und Eures Königs Blut soll Euch zuerst entgegen strömen. Omal, meinen Befehl hast Du nicht geehrt, meine Bitten hast Du verachtet, was liegt Dir an Alla-Moddins Leben? Renne mit Deiner Standarte herauf, und pflanze sie hieher, und Du kannst die Wonne genießen, sie in Deines Königs Blut zu tauchen. – Warum zögert Ihr? – Warum bist Du so stumm, Omal? – Itzt habt Ihr zu wählen, springt auf meinem Leichnam auf die Mauern, – oder kehrt nach Suhlu zurück. – Nun Omal? – Omal . Ach, Alla-Moddin, Du hast den grauen Krieger unbarmherzig entwaffnet, – ich kann nicht sprechen, – denn brennende Thränen, – schwere Seufzer, – komm Runwal, führe sie zu den Schiffen zurück, – führe sie zurück. Runwal . Willst Du nicht mit uns gehn? Omal . Nein. – Runwal . Warum willst Du zurückbleiben? – Omal . O frag' mich nicht. – Runwal . Alla-Moddin, – wir kehren zu unsrer Heimath zurück, – aber sehn wir Dich in Suhlu, guter König? – Alla-Moddin . Noch ehe die Sonne sinkt, folg' ich Euch über die Wogen, – dann sind wir auf einheimischem Boden, und grüßen uns ohne Pfeil und Köcher, ohne Schwert. – Er läßt das Schwert fallen, und wirft sich in die Arme Valmont's und Amelni's , die Indianer blasen einen traurigen Marsch, und ziehen von der Bühne, Omal bleibt, und wirft sich unten stumm an den Wall nieder, sein Schwert schleudert er weit von sich weg. Zwölfte Scene. Die Vorigen , ohne die Indianer . Gusmann geht schweigend auf Alla-Moddin zu, und küßt ihn feurig . Verzeih', edler Freund, ich dachte klein von Dir. Lini . Vater, wir wollen nach Suhlu fahren, alle meine Landsleute sind schon wieder fort, nur Omal ist noch da, frag' ihn doch, warum er so traurig ist, und nicht zu uns kömmt. Alla-Moddin . Omal, warum bist Du allein zurückgeblieben? Omal . Ich habe es geschworen, und ich kehre nicht ohne Dich nach Suhlu, – schicke doch einen Mörder zu Deinem getreuen Omal herab, – o, seit Alla-Moddin mich so tief gekränkt hat, will Omal gerne sterben. – Sieh, mein Schwert liegt dort, ich werde mich nicht widersetzen. – Einen solchen Augenblick hatt' ich noch nicht erlebt, – den Freund, der aus zu großer Liebe fehlte, behandelst Du wie einen Meuter, – o, weiter, laß mich erwürgen, und sei durch meinen Tod versöhnt. Alla-Moddin . Omal, Du kennst Deinen König nicht mehr, Dein Trotz kränkte mich, aber itzt sind wir wieder Freunde, komm herauf! Omal . Du bist wieder mein Freund? Alla-Moddin . Komm, meine Arme sind Dir geöffnet. Omal rennt den Wall schnell hinauf, und stürzt zu den Füßen Alla-Moddin's , dieser umarmt ihn . O vergieb, vergieb mir! Alla-Moddin . Sieh, ich bin frei, und kehre mit Dir nach Suhlu zurück. Omal O ich bin glücklich! Er kniet zu Amelni's Füßen, dann nimmt er Lini in seine Arme und küßt ihn heftig. Lini . Omal, warum bist Du von uns gegangen? Omal . Um Dich wieder frei zu machen, doch meine Mühe war unnütz, und dafür dank' ich den Göttern. Valmont . O Alla-Moddin, Freund, itzt laß mich sprechen, und gewähre mir eine Bitte. Alla-Moddin . Was kann Valmont bitten, und was kann ihm Alla-Moddin gewähren? Valmont . Ich habe itzt Europa verlassen, und zwar auf ewig. – Eine grausame Tyrannei hält mein Vaterland in ehernen, vielleicht unzerbrechlichen Fesseln, ich kann nicht unter Menschen leben, die sich schämen Menschen zu sein; diese Herrscher und Knechte sind mir ein empörender Anblick, ich will unter freien Menschen gern ein Mensch sein, – in Europa darf ich es nicht, ich werde unterjocht, und soll andre unterjochen, ich mag kein Tyrann, aber auch kein Sklave sein, – wird es einst besser, dann kehre ich wieder zurück, bis dahin vergönne mir, dir nach Suhlu zu folgen. – Alla-Moddin . O Freund, wie unaussprechlich glücklich machst Du mich! – Was meine kühnste Hoffnung nicht zu träumen wagte – Valmont . Dort will ich an dem Busen der gütigen Natur leben, und wieder zum Kinde werden, ich will mit Euch pflanzen und säen, und an der Seite meiner neuen Brüder das Schwert gegen Suhlus Feinde führen, Dein Freund und Unterthan. Alla-Moddin . Mein Freund, Amelni's und Lini's Freund – und wenn ich einst sterbe, ihr Vater. Sie umarmen sich.