Schackerl Eine Wiener Geschichte von Karl Adolph     Dresden Verlag von Carl Reißner 1912     Erstes Kapitel (Befaßt sich mit der Schilderung von Schackerls Geburtshaus, dem Charakter einiger seiner Bewohner und macht Mitteilung von einem folgenschweren Beschluß der Mutter des Helden, ohne den dieser nicht das Licht der Welt erblickt hätte.) Einzeln bestehen sie noch heute, diese einstigen lieben, lachenden Wiener Häuser. Aber sie sind schon lange auf die Liste der Pfründner gesetzt. Man läßt sie verfallen, vermorschen, verwittern und sucht aus ihnen noch so viel Profit herauszupressen wie möglich. Nicht einmal der billige Kalk wird angewendet, um sie lichter, heiterer und reinlicher zu gestalten. Sie gleichen den unreinen Greisen, die man in ihrer Hülle von Schmutz und Unrat beläßt, soweit es der Umgebung rätlich erscheint, da doch kein Reinigungsversuch eine nennenswerte Dauer hat und der Marastische sich in seiner Lage wohl befindet. Damals bildeten diese alten, lieben Häuschen noch nicht einzelne Oasen in der öden Ziegelwüste 2 der werdenden Großstadt. (Ich rede nämlich von der Zeit, da Schackerl noch durch sein Verharren im ungeweckten Keimzustand seine Eltern betrübte.) Sie bestanden noch unendlich zahlreich in Gruppen als Gassen und Gäßchen, die sich lange gegen die fahlen, lichtlosen, hochragenden, protzigen Eindringlinge wehrten, welche wie alle Protzen eine unendlich öde Innenseite zeigen. Was sie an billigem Flitter nach der Straßenfront aufweisen, macht die Rückseite tausendfach wett mit ihren Rundbauten, deren kleine Fenster nicht auf die edelste Bestimmung der Menschheit weisen. Wie die Zellen von Gefängnissen gleichen die Wohnungen einander. Die Türen mit ihrem schlechten Ausputz einer meist mißlungenen Naturholzimitation gähnen einander an, als stürben sie selbst vor Langerweile darüber, so gleichmäßig ausgestattet zu sein. Blickte man damals durch einen der breiten, gewölbten Hausflure jener alten Häuschen, nickte einem ein liebliches Gärtchen entgegen. Rote, grüne, gelbe, blaue, silbern- und goldfarbene Glaskugeln auf in die Erde gelassenen grünen Stangen blitzten in der Sonne. Die mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Fußwege des 3 Hofes bildeten zu dem grüngestrichenen Holz- oder Eisengitter des Gartens einen angenehmen Gegensatz. Und erst wenn man den Hof selbst betrat! Wie schimmerten die lichtgelben Mauern; wie blitzten die Fenster; wie leuchteten die weißen Türen; wie glänzten die Vorhänge; wie dufteten, lockten die Blumen in ihren roten Geschirren von allen Fenstersimsen! Da gellten, schrieen, tollten die Kinder um die Wette mit den in ihren Vogelhäuschen an dem Ganggeländer aufgehängten Kanarien, die sich schier so frei und glücklich fühlten wie die freien Sänger des Gartens, über dessen Wunder zu berichten ich mir vorbehalte. Frauen umstanden den ebenfalls grün gestrichenen, mit einer roten Kappe versehenen Schöpfbrunnen und rieben das Holzgeschirr und die Küchengeräte blank, saßen abwechselnd auf dem von einem schier ungeheuren Waldriesen stammenden Hackstock, plauderten und lachten oder zankten nach uralter Weibersitte und Brauch. In den Werkstätten klopfte, hämmerte, sägte, kreischte es – und das alles wurde unterbrochen, gestillt durch die Töne eines Werkels oder einer Harfe. Damals lauschte man noch (und hatte den ruhigen Atem dazu) den linden Tönen jenes 4 Instruments, das heilige Frauen spielten, wie uns die Maler früherer Zeiten erzählen. Man lauschte noch. Denn, Gott sei Dank, in diesen kleinen Betrieben des Gewerbefleißes stand noch nicht das häßliche Motto angebracht: Zeit ist Geld. Nämlich nicht in dem Sinne verstanden wie heute, wo ein sekundenlanges Ausatmen schon den Bruchteil eines Geldverlustes bedeutet. Man kannte damals auch noch nicht die in den Hausfluren angebrachten Warnungen, daß Betteln, Hausieren und Musizieren verboten seien. Letzteres Verbot würde nicht nur die Musikausübenden jeder Sorte, sondern auch alle Hausbewohner grimmig empört haben, denn Musik welcher Art immer war stets willkommen. Das Haus schien Gemeineigentum zu sein. Der Hausherr war Patriarch. In fast allen Fällen Despot, aber in den allermeisten Fällen doch nichts als ein höchst brummiger und dabei höchst friedfertiger Despot. Es gab schon damals arme, wohlhabende und reiche Leute. Aber es gab kein so quälendes, zu Herzen gehendes Elend der Massen, das gemieden wird wie die Pest. Man verkroch sich nicht in seine Behausung, um ja nur jede Berührung mit dem Nachbarn zu vermeiden, der in den meisten Fällen ein Fremder 5 bleibt und bei dem man löblicherweise voraussetzt, er könne einem einmal unangenehm werden. Um auf die Hausherren zurückzukommen, so verboten sie weder das Halten von Hunden und Kaninchen noch das Kindererzeugen. Auch drohten sie nicht gleich mit der Kündigung, wenn eine Partei der Ansicht zuneigte, der Erste des Quartals wäre zu früh erschienen. Da früher in einem solchen ehrbaren Hause Kinder auf sehr anständige Weise ehelich innerhalb der vier Pfähle gezeugt zu werden pflegten und nicht auf freiem Felde, oder vor den Toren wüster Tanzlokale, oder in den kahlen Zimmern eines Hotels während der Hetzjagd einer Hochzeitsreise, so war die Geburt eines Kindes beinahe Angelegenheit des ganzen Hauses. Man brachte dem Erscheinen eines neuen Sprossen am Stamme der Menschheit liebevollste Sympathie entgegen. Ward der Segen auch oft in einer Familie zu groß, so tadelte man die Eltern nicht wie verstockte Verbrecher, sondern tröstete sie mit dem Axiom: Gibt der Herrgott 's Haserl, gibt er auch das Graserl. Und es blieben immer noch die für das jüngste Häschen notwendigen Hälmchen. Das Haus, dem Schackerl die Ehre zuteil werden lassen sollte, ihn geboren und ach! nur so 6 kurze Zeit beherbergt zu haben, war in der stillen, kleinen Gasse das vornehmste. Denn es besaß eine Längsfront von zwölf Fenstern und eine Höhe von zwei Stockwerken. Es hatte selbst eine wenn auch nur mäßig verzierte Fassade und das breite Tor mit einem barocken Volutenaufsatz unter einem vortretenden Rundfenster konnte sich mit einem Herrschaftsportal messen. Also behaupteten wenigstens damals die Leute der Gasse. Jedenfalls besaßen die Baumeister früherer Tage das rühmliche Bestreben, nicht mehr oder weniger zu tun, als unter gegebenen Umständen notwendig war, im vorteilhaftesten Gegensatz zu unseren heutigen Baukünstlern. Hätte das Haus aber nach außen hin noch mehr als die vorerwähnten Reize besessen, so würden sie doch nichts bedeutet haben gegen die Schönheit der Hofseite. Wenn man durch die breite »Einfahrt« an der schweren eichenen Wäscherolle linker Hand vorbei in den Hof trat, mutete es einen gar zu lieb und traulich an. Alles, was von vorbeschriebenen Schönheiten und Eigentümlichkeiten alter Wiener Häuser gesagt wurde, fand sich hier im reichsten Maße. Der Hof, dessen Mitte ein weitästiger, dichtbelaubter Nußbaum beherrschte, war von drei 7 Fronten des Hauses umschlossen, die eine Ergänzung in dem nicht allzu großen Garten fanden, der überdies noch dadurch gewann, daß sich an ihn Gärten der Nachbarhäuser reihten. Alles blitzte vor Reinlichkeit und strömte Heiterkeit und Behagen aus. Und über allem lag viel, unendlich viel Himmel, den unsere geldgierige Zeit uns stiehlt. Es lag noch Verträumtheit über der kleinen, lächerlichen Gasse, die mich im Laufe der Begebenheiten mehrmals nötigen wird, über sie zu erröten. Die Mauerfronten umzogen Galerien unangestrichenen Holzes, sogenannte offene Gänge, von denen man nach Überwindung zweier steiler Schneckenstiegen zu den Wohnungen gelangte. An der rechten Front bis oberhalb der ersten Galerie, schlang sich ein mächtiger Weinstock empor, mit seinem Blätter- und Rankenwerk die ganze Mauer verdeckend. Er war das Schmerzenskind des Hausbesitzers, der zur Lesezeit unbefugten Näschern nicht wehren konnte. Der Nußbaum war großmütigerweise den Plünderungen der Hausjugend preisgegeben worden, da der alte Herr zu wenige und zu stumpfenhafte Zähne besaß um sich an dem Kern der Steinfrüchte zu erfreuen. Jedoch die Trauben des mehr als hundertjährigen Weinstockes, noch von seinem 8 Urgroßvater gepflanzt, waren der Aug- und Zankapfel des biederen alten Hauspatriarchen, der vom ersten leisen Reifen dieser kostbaren Beeren in steter, nicht unbegründeter Aufregung erhalten wurde. Um den verbrecherischen Gelüsten der zahlreichen Kinderschar nach seinen Lieblingen zu begegnen, hatte er einmal versucht, zur Traubenzeit den kleineren und größeren Naschdieben similia similibus beizukommen. Zu diesem Zwecke ließ er auf dem Naschmarkt eine »Butten« der süßesten Weintrauben einkaufen und verteilte sie unter die Schar der unmündigen Eigentumsverächter. Die Wirkung dieser Art hinterlistiger Maßregel war die, daß sich die Schlingel fast zum Krankwerden vollfraßen, aber trotzdem weiterstahlen. Sehr zum uneingestandenen Vorteil Herrn Saltners (daß er einmal in aller Form vorgestellt wird), der ohne diese belebenden Aufregungen der Sorge, Entrüstung, unaufhörlicher Strafpredigten und gelegentlicher Verfolgung eines ertappten Diebes mit geschwungenem Pfeifenrohr ein Opfer seiner beschaulichen Lebensweise geworden wäre. Wo sind sie hin, jene vielen braven, alten, despotischen, topfguckerischen Hauspatriarchen? Vielleicht lebt noch ein oder das andere Exemplar dieser nicht allzu lang untergegangenen Art in 9 einem Versorgungsheim, wie in Menagerien seltene Geschöpfe als letzte Ausläufer ihrer Rasse dahindämmern. In dem Hause Herrn Saltners wie noch in vielen anderen gleich ihm zog man niemals aus noch ein. Man wurde darinnen geboren, erzogen, heiratete hinein oder hinaus und ließ sich endlich nur wegtragen, da man um die Erlaubnis dazu weder gefragt wurde, noch sie gewähren oder verweigern konnte. Herr Saltner hatte die würdigen Traditionen einer Reihe von Ahnen geerbt, die in ihrer Art mindestens so gut waren als manche hochadelige. Es ward ihm aber leicht gemacht, sie aufrecht zu erhalten und sich nichts zu vergeben. Seine Parteien, die seit Menschengedenken niemals mit dem Zins gesteigert wurden, blickten meist wie er selbst auf eine Reihe würdiger Ahnen zurück, denen in diesem Hause das Wiegenlied der Mutter und die Abschiedsseufzer der Kinder und Enkel erklungen. Die stille, abgelegene Gasse hatte seit nahezu zweihundert Jahren ihr Gesicht behalten wie in den Tagen, da sie erstanden. Nach wie vor betrachtete sie das Saltnersche Haus als den Stolz ihres Besitzstandes, denn es war das stattlichste unter den übrigen unscheinbaren, einstöckigen Baulichkeiten. 10 Vielleicht ist die Beschreibung des schlichten Hauses zu weitschweifig und langatmig ausgefallen. Mag sein. Aber wenn von interessanten Männern die Rede ist, schenkt man auch den Stätten ihrer Geburt, ihrer Kindheit und ihres Schaffens eine liebevolle Aufmerksamkeit. Man hat sich um das ehemalige Heim eines mehr oder minder großen Mannes oft erst lange danach bekümmert, als er schon tot war. Ich wollte diesem Beispiel zuvorkommen, indem ich das Geburtshaus Schackerls einer näheren, anschaulichen Beschreibung würdigte. Sonst aber – forscht nach dem Hause nimmer! Ihr würdet erschrecken wie bei dem Anblick eines Menschen, der noch im Liebreiz aller Gesundheit und Schönheit von euch Abschied nahm und den ihr auf seinem Siechen- und Sterbelager findet. Das Gärtchen Herrn Saltners samt den anderen, die es umgaben, ist verschwunden. An seiner Stelle erhebt sich ein stinkender, qualmender Fabriksschlot und eine gellende, mißtönende Dampfpfeife versetzt mit ihrem ohrenbetäubenden, unvermittelt einsetzenden Geheul die ganze Nachbarschaft in stete Aufregung. Die blinkenden Fenster des Hauses sind stumpf und schmierig geworden, viele sind zerbrochen oder mit Papier verklebt. Dahinter hantieren Männer 11 und Weiber. – Tausende Pappschachteln werden aus Wagen verladen, die in dem geräumigen Hofe stehen. Ach! Wie sieht der aus! Wo ist der Nußbaum, wo der alte, ehrwürdige Weinstock? Der eine umgehauen, der andere abgestorben, verstümmelt. Das liebe, hölzerne, stets so reinliche Geländer starrt vor Ruß und Schmutz. Die ehemals so lichten, stets neu gefärbelten Mauern sind ebenfalls von ihm überzogen und trauernd lugen unter dem abgefallenen Mörtel die alten, wackeren Ziegel hervor. Habt ihr den Mut, einen noch lebenden und dennoch schon verwesenden Körper anzusehn? Dann sucht das alte, einst so liebe Haus Herrn Saltners . . . Aber ich werde euch den Weg nicht weisen. Die Werkstätte des Wagnermeisters Konrad Kolb lag mit einem großen Tor und vier Fenstern gegen die Gasse und mündete noch in den Hof hinein. Die Küche bildete den neutralen Raum zwischen Arbeitsort und Wohngemächern, drei in der Anzahl. Sie vermittelte den Eingang vom Hofe sowohl nach der Werkstätte als den anderen Räumen. Mit vier Gesellen und einem Lehrjungen 12 hantierte der Meister den langen lieben Tag fleißig, bedächtig, ohne Hast, mit allen dem Handwerk ziemenden Pausen. Herr Kolb war ein Riese, mit der Gutmütigkeit, die diese Menschengattung auszuzeichnen pflegt. Die niedrigen Türen seiner Wohnung konnte er nicht passieren, ohne sich erheblich bücken zu müssen. Seine Frau, nur um Kopfeshöhe kleiner als ihr gigantischer Gemahl, war eine äußerst hübsche, lustige, lebhafte, gern plaudernde Person. Wenn die Natur ihrem harmlosen Charakter einen verdunkelnden Fleck verliehen, so war es der Neid; aber nur in einer speziellen Abart. Das Ehepaar Kolb besaß trotz seiner körperlichen Stattlichkeit und einem zehnjährigen christlichen Ehewandel nichts, was man einen Leibeserben nennt. Und da der Neid nur das Resultat einer Vergleichung ist, ergibt sich, daß Frau Kolb die Unfruchtbarkeit ihrer Ehe mit der Fruchtbarkeit einer anderen verglich. Gegenüber den Wohnfenstern befanden sich die des Roßhaarkremplers Beugler. Jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit und für eine bestimmte Frist entzog sich die Frau dieses Gewerbsmannes den Blicken der Hausgenossen, um nach Ablauf genannter Frist mit einem Säugling wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. 13 Die Regelmäßigkeit dieser Art weiblicher Berufserfüllung war eine fast sprichwörtliche in der Gasse geworden. Bis zur Stunde tummelte sich in der Wohnung, im Hofe und auf der Gasse eine Schar von Kindern jeder Altersstufe, jeder Größe, jeden Temperaments und jeder Haarfarbe herum. Es war schier wunderbar, wie sie alle gewartet, genährt und in Ordnung gehalten werden konnten. Die Mutter selbst wie der jeweilig ankommende Sprößling bewegten sich in stetig absteigender Größe. Die Gebärerin wurde schon lange von der drittältesten Tochter an Größe übertroffen und die Kleinheit des letzten Säuglings möchte keine Schilderung veranschaulichen. Wäre die Wagnermeisterin nicht eine so gutmütige, harmlose, heitere Frau gewesen, die niemandem auch nur das geringste Böse wünschen konnte, so hätte sie die Fruchtbarkeit der Beuglerin als persönliche Beleidigung auffassen können. Und wenn ihr sanftes Gemüt einer nicht ganz einwandfreien Regung zugänglich war, so war es, wie schon gesagt, der Neid, aber in so verdünnter Form, daß er schließlich doch nichts ward als seufzende Sehnsucht und in seiner Äußerung nichts als eine flüchtige Wolke der Trauer. Und jedesmal, wenn die Roßhaarkremplerin mit einem neuangekommenen Beweise der Liebe 14 ihres Gatten in der Öffentlichkeit erschien, führte ihr erster Weg zur Frau des Wagnermeisters, um dieser einen demütigen Dank für alles auszusprechen, was die kinderlose Frau der kinderreichen an Wohltaten erwiesen. Dann schluchzte wohl die erste: »Mein Gott, Beuglerin, nur ans von den vielen, die Ihner der Herrgott schenkt, nur ans wann er mir gebert!« Und dann weinten beide Frauen zusammen, die eine, weil des Segens zu wenig, die andere, weil des Segens so viel und des Brotes zu wenig war. Da die Menschheit die Schwere ihrer Kümmernisse gern auf die Schultern einer stärkeren, wenn auch ungekannten Macht bürden möchte, war es kein Wunder, wenn die zwei Frauen sich zur befriedigenden Erledigung ihrer Sorgen an den Himmel zu wenden und sich dabei der Vermittlung einer in ihren Augen besonders gut akkreditierten Persönlichkeit zu bedienen gedachten. Der Glaube! Dieses unsichtbare, aber ewige und feste Seil, das von nur geahnten Regionen auf diese harte, steinige Erde reicht, wir ergreifen es alle, und wenn wir nur die Möglichkeit des günstigen Zufalles ins Auge fassen. Es war eben acht Tage nach der Zeit, da die Frau des Roßhaarkremplers zum letztenmal sich 15 den Augen der Nachbarn gezeigt hatte, als Frau Kolb an dem Bette der Wöchnerin saß und die aber- und abermaligen Danksagungen der kleinen, bleichen Frau entgegennehmen mußte. Schier allen Vorrat an Kinderwäsche, den sie in den Jahren ihrer Ehe in Anhoffung endlicher Erfüllung eines Herzenswunsches im stillen verfertigte, hatte sie der Beuglerin nach und nach geschenkt. Hier war Bedarf an solchen Dingen, während sie zu Hause vergilbten und durch ihren Anblick die kinderlose Frau stets aufs neue betrübten. Nachdem der Vorrat an Dankesworten endlich erschöpft war und die Tränenbäche der beiden Frauen versiegt erschienen, machte die Wöchnerin ihrem Besuch einen Vorschlag, der noch des näheren erörtert wird. Dann drang die andere wieder in die Vorschlagspenderin mit einem neuen Vorschlag, der offenbar so überwältigend wirkte, daß er nur zögernd und mit abermaligen heißen Dankesworten angenommen wurde. Aber die leuchtenden, zuversichtlichen Mienen der beiden Frauen gaben Zeugnis für die Vortrefflichkeit, Sicherheit und verblüffende Einfachheit ihrer geheimen Abmachung. Wohl zwei Stunden hatte die denkwürdige Unterredung gewährt, als der Säugling aus einem tiefen und, wie es schien, gesunden Schlummer 16 erwachte und offenbar aus Nahrungstrieb zu weinen begann. »Beuglerin . . . sollt' das a Zeichen sein?« stammelte Frau Kolb tief ergriffen. »Unser Herrgott tuat no Wunder!« erwiderte nicht minder ergriffen Frau Beugler. »Daß 's a Anfang is für Ihner . . . Da hab'n S'. I bind's dem Klan' halt früher für die Tauf' ein. Auf a guat's Werk schaut unser Herrgott. Sunst macht er kane Wunder!« Mit diesen Worten drückte Frau Kolb der Wöchnerin etwas in die Hand, das sich schwer und hart anfühlte, und ohne einem neuen Strom von Danksagungen standzuhalten, verließ sie rasch das Zimmer. 17   Zweites Kapitel (In dem Frau Kolb ihren Gatten für einen gefaßten Beschluß zu gewinnen weiß und diesen unter den denkbar günstigsten Auspizien zur Ausführung bringt) Herr Kolb hatte die löblichen Gewohnheiten einer geregelten Lebensweise. Pünktlich um sechs Uhr früh stand er schon mit seinem Stabe in der Werkstätte. Der Magen ward in Vertröstung auf das Frühstück, das um sieben Uhr stattfand, mit einem, manchmal zwei Gläschen echten, guten Wacholders abgefunden. Dann gab es je nachdem Milch- oder Einbrennsuppe oder Kaffee. Um neun folgte ein ausgiebiges Gabelfrühstück und punkt zwölf Uhr ein noch ausgiebigeres Mittagessen. Der Mittagstisch vereinigte das Meisterpaar, die Gesellen und den Lehrjungen zu gemeinsamem Mahle. Ein Überbleibsel der patriarchalischen Einrichtungen früherer Tage, die Meister und Gesellen einander näherten und in diesen oft eine gewisse Liebe zur Familie aufkommen ließen. Herr Kolb war nicht im mindesten das, was 18 man so gemeinhin fromm nennt. Aber er achtete die Überlieferung seiner Vorfahren, die seit Urgroßvaterszeiten an demselben Tische gesessen, gespeist und vorher ihr Tischgebet gesprochen hatten. Daher wurde vor Beginn des Mahles ein Kreuz geschlagen, je nach Übung, Temperament und Überzeugung jedes einzelnen. Man saß eine Weile mit verschlungenen Fingern, etwas geneigtem Haupte da, bewegte die Lippen, was besonders Peperl, der Lehrjunge, als Gebet auszugeben pflegte, obwohl es meist nichts anderes war als ein zurückgehaltenes Schmatzen nach den Speisen, dann teilte die Meisterin aus. Diese Überlieferungen einer in manchem Sinne guten alten Zeit waren schon seltene Ausnahmen geworden. Aber erst die neueste Zeit hat dem Patriarchismus allüberall die unheilbarsten Wunden geschlagen. Sie hat recht, die neue Zeit, wie das Neue ja stets im Rechte ist. Aber wenn das baufällige Hüttchen zusammengerissen wird, um einem neuen schönen Hause Platz zu machen, nimmt die Harke des Demolierers mit dem verfaulten Stroh oder den Schindeln des Daches das alte, herrliche Moos mit, verwüstet das angebaute Gärtchen und verjagt die lieben, unsichtbaren Geister, die jedes alte Haus bewohnen. Mit dem Unkraut, das jede Revolution, ob 19 blutig oder unblutig, wegzuräumen beauftragt ist, stirbt manche liebe, herzige Blume, die nur zu erfreuen bestimmt war. Und deren blühte so manche im Schatten des endgültig gefällten Patriarchismus. Anhänglichkeit, Treue, Liebe zur Familie des Meisters oder Dienstherrn – diese Tugenden hat unsere mächtige eiserne Zeit mit ihren Schritten zerstampft, ausgerottet. Ein mißtrauisches Geschlecht wacht sorgsam über seine errungenen Rechte. Wie es kein Unrecht dulden will, ist es auch zu keinen Opfern bereit. Die Idylle ist tot. Und wie sehr man das Naturgesetz zu achten gezwungen ist, kann einem die Trauer nicht verwehrt werden beim Anblick eines vom Blitze gespaltenen Baumes, eines vom Hagel vernichteten Blumengartens. Die Abendmahlzeit um sieben Uhr vereinte nur die zwei Gatten im Wohnzimmer, nicht im gemeinschaftlichen Speisezimmer. Dort wurde nur den Gesellen und dem Lehrjungen der Tisch gedeckt und sie wurden sich für den Rest des Abends allein überlassen. Die Zeit während des Abendessens und ein Verdauungsstündlein war den Erörterungen des Ehepaares über die verschiedenen Sorgen des Haushalts und des Geschäftes gewidmet. 20 Denn um halb neun Uhr brach Herr Kolb zu seinem Gange nach dem Stammgasthause auf, um dort inmitten einer fidelen Kneiprunde einige »Stutzen« zu sich zu nehmen. Um dreiviertel elf war Aufbruch und um elf schlief der Meister schon in seinem Bette. Diese gewöhnliche Zeiteinteilung fand nur im Fasching insofern einige Ausnahmen, als er von dem Ehepaar verwendet wurde, auf zehn oder zwölf Haus- oder Wirtshausbälle zu gehen und dort bis in die Frühstunden wacker zu tanzen, Krapfen zu essen und Wein zu trinken, um dann von dem Orte der jeweiligen Lustbarkeit an das gewohnte Tagewerk zu gehen. Die Konstitution der beiden liebenswürdigen Riesen hielt derlei mit Leichtigkeit aus. An dem Abend nach dem Besuch Frau Kolbs bei Frau Beugler seufzte die erste, während ihr Gatte mit der Zermalmung eines Knochens beschäftigt war, einigemal tief auf, was dem Meister stets als Zeichen galt, es bereite sich was vor, zu dem seine Zustimmung gesucht werde. Er widmete daher dem Knochen eine erhöhte Aufmerksamkeit. Weitere drei bis vier aus der Tiefe geholte Seufzer schienen an ein taubes Ohr zu dringen. Mehr an Verstellung konnte aber der gutmütige Riese nicht aufbringen. Er knurrte daher: 21 »Hör' anmal auf mit der Seufzerei! Wannst a so anfangst, waß i scho, daß d' was willst von mir.« Die hübsche Frau preßte noch einmal einen leichten, schon sehr an der Oberfläche geholten Seufzer hervor, dann wischte sie sich die Augen, ein Verfahren, von dem sie wußte, daß es auf den biederen Gatten fast lähmend wirke. »Heut war i bei der Beuglerin«, leitete sie den Schlachtplan ein. »Mein Gott und Herr! Es is wirkli a Jammer. Scho wieder was Klan's und Schmalhans Kuchelmaster.« Herr Kolb, der ein weiches Gemüt befaß, es aber nach Art aller Leute, die wirklich damit bedacht sind, nicht zur Schau tragen wollte, nahm eine schier menschenfresserische Miene an, die, wenn sie die ganze Welt getäuscht hätte, seine Frau nicht zu der Überzeugung gelangen ließ, ihr Gemahl wäre ein verstockter Menschenfeind. »Schafft eahner 's wer?« fragte Herr Kolb, der seinen Knochen glücklich bezwungen zu haben schien. »Muaß denn alle Jahr ans kumma? Da haßt's Schluß machen; fertig, Atzgersdorf!« Er stand auf und holte sich seine Abendpfeife, die er mit dem unerbittlichsten Gesicht zu stopfen begann. Als die ersten Tabakwolken den Raum durchzogen, schien die menschenfeindliche Stimmung abzuebben. 22 »Leut', die so arm san, daß s für zwa net langt«, fuhr er im Tone verletzten moralischen Gefühles fort, »brauch'n ka Regiment Kinder. So viel Matratzen hat die ganze Weanastadt net, die der Beugler umkrampeln müaßt, daß er für alle zum Sattessen verdient. San m'r froh, daß m'r net an eahnerer Stell' san.« Der ehrliche Wagnermeister hielt es mit der Philosophie der sauren Trauben. In Wirklichkeit hätte er gegen einen auch reichlichen Kindersegen nichts einzuwenden gehabt. Er war jung, gesund, mehr als wohlhabend, besaß ein gutgehendes Geschäft und war ebensosehr Kinderfreund wie seine Frau. Weiber besprechen und beklagen gern eine Misere, während Männer einen Widerwillen äußern, sich über Dinge zu beklagen, die ihrer Ansicht nach nicht zu ändern sind. »Mein Gott, Vatta (eine bewußte Selbsttäuschung und Freude am Klang des Wortes), von so viel is ja gar ka' Red'. Das möcht' uns abgehn«, lachte sie lustig. »Wann's wenigstens nur ans war'«, fügte sie schmerzlich hinzu. Herr Kolb schwieg und paffte einen blauen Nebel um sein Haupt. »Desweg'n war i heut so lang mit der Beuglerin beinand' . . .«, lenkte seine Frau nach dem Ziele. 23 »Hör' auf! Darum hast net den ganzen Abend g'seufzt«, unterbrach sie mit vielem Scharfsinn der Meister. »Du willst was und traust di mit der Farb' net heraus.« »Geh, tua net so, als müaßt i vor dir a Angst hab'n, wann i wirklich was verlangen wollt'. Also i war heut bei der Beuglerin und da hab'n mir über so vieles g'redt, wia ma halt scho amal beim Reden is.« »Das glaub i«, nickte der Gatte in so bestätigender Weise, als hätte ihn das Gegenteil zum Verwundern gebracht. »Wia i das Tschapperl anschau«, fuhr Frau Rosa fort, ohne auf den Einwurf zu achten; »klanwunzig, liab wia a Christkindl . . .« »Hör' auf«, sagte Herr Kolb, der, wenn er Lunte roch, sehr stützig wurde, »mit dö paar Täg' schaut so a Kreatur aus wia a Krot.« »I bitt di, Alter . . . versündig' di net! A Kind und a Krot zum vergleich'n . . .« »Is scho guat«, lenkte der Getadelte ein, »kumm nur bald zu an' End'. Es wird Zeit, daß i übri kumm.« Mit dem »übri« war der Besuch des Stammgasthauses gemeint. »Geh, wirst es do no die paar Minuten derwarten können. Also i und die Beuglerin hab'n 24 über so manches g'red't und da bin i erst eigentli so draufkommen, was für a g'scheit's Weib als s' is.« »Meiner Seel, daß s' a Hungerleiderbag . . . familie san, waß i, von der G'scheitheit hab' i bis jetzt bei eahm und bei ihr nix g'merkt. Außer daß s' züchten können wia die Ratzen, no, und das is in eahnern Fall a Dummheit.« Frau Rosa hegte einen unüberwindlichen Abscheu gegen die Blasphemien ihres Gatten. Sie hatte wohl gemerkt, daß er das »Hungerleiderbagage« nur gerade noch rechtzeitig unterdrückt hatte. Dann der Vergleich des jüngsten Kindes mit einer Kröte und nun noch die drastische Illustrierung der Fruchtbarkeit des Ehepaares . . . Aber Frau Kolb wußte, wie alle Frauen, die etwas erreichen wollen, es stets gewußt hatten und immer noch wissen werden, daß man mit der Entrüstung warten müsse, bis die Zeit reif ist. Daher setzte sie anscheinend ganz arglos ihr Gespräch fort. »Na, die Beuglerin is wirkli a g'scheit's Weib, kannst mir's glaub'n, Radl. Wann s' aa net studiert is, so waß s' do mehr als unseraner. Und destweg'n sollt'st di net glei so ausdruck'n.« »Ja, is scho recht, aber i möcht' wissen, was ös zwa auskocht habts. Denn daß auf amal die Beuglerin heut umsunst a g'scheit's Weib sein soll, geht mir net recht ein.« 25 »No, so hör'! Also i und die Beuglerin hab'n wia g'sagt verschiedenes g'red't. Und so kummt uns auf amal die Idee, daß d' Muattergottes schon gar oftmals g'holfen hat, wann ma s' nur aufsuacht.« »Da geht's halt in d' Stephanskirchen«, glaubte der Gatte bereitwillig dem Entschluß entgegenkommen zu müssen. »Zu die Stephaner? Vielleicht zu der Dienstbotenmuattergottes? I suach' do kan' Dienstplatz. Na, so man' i's net. Wir woll'n uns alle zwa, haßt die Beuglerin und i, urndli verloben gehn. Du waßt do, a Wallfahrt mach'n.« »I versteh scho. Aber weg'n was wollts euch denn verloben gehn?« fragte der zuzeiten so schwerfällige und begriffstützige Gatte, besonders wenn man ihm eine Sache nur zum Greifen in die Hände gab. »Waßt do eh«, flüsterte die hübsche Frau und errötete, als wäre die mit Inbrunst erflehte Herzensangelegenheit die einer jungen Braut. »Vielleicht gibt d' Muattergottes, was uns fehlt und was ihr die sieb'n heiligen Schmerzen einbracht hat.« »Himmelfixdunnerwetter!« fuhr Herr Kolb auf, in dessen Hirn eine ganz absonderliche Vorstellung Platz genommen, als er daran dachte, 26 seine Frau wolle in Gesellschaft der Roßhaarkremplerin die Wallfahrt unternehmen. »Geh, am End' will si die Beuglerin no 's zweite Dutzend herausbet'n, weil s' bis jetzt no z' wenig hat. Die hat do Seg'n g'nua, da langert's auf tausend Schmerzen. Hör' auf, Alte, i muaß sunst meiner Seel' kitzelt werd'n, bis i lach'. Aber auf so a Idee . . .« Und Herrn Kolbs nicht minimale Körperlichkeit ward von dem Zwingenden dieser Vorstellung so ergriffen, daß sie in eine Schüttelbewegung geriet. »Geh, was du net denkst«, unterbrach Frau Rosa diesen ganz und gar nicht am Platze stehenden Heiterkeitsausbruch. »Mach' net so dumme G'spaß mit aner heiligen Sach'. Die Beuglerin will si auf an' Terno in der Lotterie verlob'n. I glaub', brauch'n kunnt s' 'n bei der Famülie.« »Das is richtig«, stimmte Herr Kolb bei, der sich nun seiner unangebrachten Lustigkeit schämte. »Aber waßt, i halt auf das Ganze nix. Wer für an' Seg'n, is 's der oder der, net gebor'n is, dem hilft ka Beten und Wallfahrten.« Der sich so skeptisch gebende Meister war keineswegs ein Freigeist. Er hatte für den Hausgebrauch eine Dosis Religiosität, wie man etwa für alle Fälle ein linderndes Elixir gegen Zahnschmerzen im Schranke 27 hat. Seiner Frau legte er wie in allen Dingen auch bezüglich ihrer Frömmigkeit nichts in den Weg, ließ sich aber für seine Person zu keinerlei Konzessionen bewegen, sofern sie eine Ausdehnung der normalen Hausfrömmigkeit betrafen. Peperl, der Lehrjunge, ward verhalten, Sonntags in die Kirche zu gehen (da in diesem Punkte eine Kontrolle fehlte, bin ich geneigt, anzunehmen, daß Peperl es mit dem Kirchenbesuch nicht sonderlich genau nahm), zu Ostern einen Palmbuschen weihen zu lassen und während des gemeinsamen Tischgebetes eine würdige Haltung zu beobachten; das heißt nicht allzu scharf den Speisen entgegenzuschnuppern, mit der Zunge zu schnalzen oder statt die Hände zu falten, diese vergnügt zu reiben. Herr Kolb hatte es mit seiner letzten Äußerung über Kraft und Gewalt von Wallfahrten nicht so ernst gemeint, daß man in Versuchung geraten könnte, ihn für einen rettungslosen Sünder zu halten. Aber seine Frau fiel ihm dennoch erregt in die nach ihrer Ansicht gotteslästerliche Rede. »Radl (die Diminutivform für Konrad), du kummst meiner Seel' no amal in d' Höll', wann du scho an die Muattergottes nimmer glaubst. So was hätt' i von dir net denkt, so was net.« Radl kratzte sich gleich allen schwerfälligen, in 28 eine Zwickmühle geratenen Menschen den Kopf. Er kannte seine Frau, die in wichtigen Momenten erst das schwere Geschütz aufführte, um dann mit irgendeinem Anliegen zu kommen, bei dem sie voraussetzen durfte, daß es auf einen gewissen Widerstand stoßen würde. »Na na, so arg is 's net«, protestierte er; »das hab' i net g'sagt, Roserl.« Wenn er aus beruflicher Erfahrung wußte, daß ein Eisen nur so lange geschmiedet werden kann, als es noch glühend ist, so kannte Roserl diesen Grundsatz aus angeborener weiblicher Weisheit. Sie mußte ihren Mann auf ein Gebiet locken, das er aus bedauerlicher Ignoranz nur tastend betreten und ohne ihre Führung nicht ungefährdet verlassen konnte. Sie fuhr demnach dringend fort: »Du glaubst do an was, Radl, net wahr? Die Aug'n müaßt i mir auswana, wann i glaub'n sollt', du glaubst an gar nix mehr, an was do jeder Christ glaub'n muaß. Sogar a Jud und die Wilden hab'n was, an das s' glaub'n.« O schöner Stil, o rührende, überzeugende Logik der Glaubenseinfalt! Es hätten bedeutendere Dialektiker dieser hübschen, eifervollen Frau gegenüberstehen müssen, um den Triumph ihrer heiligsten Überzeugung 29 abzuschwächen, als der stiernackige, rund- und glotzäugige Koloß, der eine verzweifelte Kalkulation darüber anstellte, wo das Ganze hinauswolle. Eine Wallfahrt? Gut. Zu zweit? Auch gut; aber nach welchem Orte? »Also du glaubst do, daß a Wallfahrt was nutzt?« forschte Frau Rosa hartnäckig weiter. »No ja, von mir aus«, gab Herr Kolb bereitwillig zu. »Aber warum katechierst mi denn grad heut so ab als wia wann i in der Christenlehr' stund'?« »Ja, mein Gott und Herr, frag'n muaß i di do, und . . . waßt d', weg'n 'n Geld is 's do aa. Das kann i mir net von der Wirtschaft erspar'n, was i brauch', wo du alle Tag' mehr ißt, und die G'sell'n und der Peperl gar, und wo von an' Tag zum andern all's teurer wird.« »Hör' scho amal auf, Alte! Jetzt waß i scho gnua. Dös is auf mei Briaftasch'n abg'segn. Jetzt bin i beinand mit mein' Bofesenkammerl. Aber daß du weg'n aner Wallfahrt nach Lanzendorf oder Enzersdorf so a Angehn machst, kummt m'r spanisch vur. Was dös für di und die Beuglerin an' ganzen Tag kost't, is do net der Red' wert, daß d' mi in d' Höll' einiverdammst. I bin do ka so a grauslicher Kerl net . . .« »Ja was red'st denn du von Lanzendorf und 30 Enzersdorf?« fragte Frau Kolb mit so erstaunter Miene, als müsse sie nur an ein Mißverständnis glauben. »I man do . . . Wo sollt'st denn sunst in der Geg'nd hinwoll'n?« warf, durch die erstaunte Miene etwas perplex gemacht, Herr Kolb ein. »Geh, hör' auf!« zürnte Frau Rosa, in der natürlichsten Weise ein höchstentwickeltes Schauspielertalent entfaltend, denn in Wirklichkeit sah sie nicht ohne Besorgnis der Wirkung ihres letzten Schlages entgegen. »Was du glaubst! Wann i mi verlob', so glei urndli, und das kann ma nur in – in Mariazell.« Nun war es doch heraus und die Wirkung auf den Wagnermeister schien keine unbedeutende zu sein. Er glotzte erst fassungslos seine Frau an, dann schlug er mit der Faust auf den Tisch, ließ die Pfeife den Zähnen entfahren und brüllte: »Nach Mariazell? Warum denn nit glei nach . . . nach . . .« Seine Unvertrautheit mit berühmten ausländischen Wallfahrtsorten ließ ihn keinen passenden, möglichst starken Vergleich finden. »Nach Mariazell! Glaubst, i soll mein G'schäft verkauf'n, damit i das derschwingen kann, was die Ras' kost'? Wann sie die dumme Urschl wirkli an' Terno auffibet't, so macht er das net aus, was mi die G'schicht' kosten möcht'. 31 Destweg'n hast so a Angst g'habt, daß i in d' Höll' kumm mit Haut und Haar? Das habts euch schön abg'macht, ös zwa. Natürlich, der Radl ist der guate Batsch, der Täddl. A biß'l schön ums Goderl fahr'n, und er tuat alles. Er hat's ja.« Und Herr Kolb gestattete sich ein verzweifeltes Auflachen, wie es in Momenten höchster Bitterkeit produziert wird, da man an Gott, der Welt und der Menschheit irre geworden. Es war, wie er vermeinte, die tödlichste Art moralischer Niederstreckung. Aber Frau Rosa war bereit. Sie brach in ein herzzerbrechendes Schluchzen aus. Wenn Tränen von einem Seelenanalytiker auf ihre einzelnen Bestandteile erforscht werden könnten, auf die moralischen Ursachen nämlich, die in ihrer Summe geeignet sind, die salzige Flut den Augen zu entlocken, so würde die Analyse im vorliegenden Falle ungefähr folgende Formel gefunden haben: drei Teile weibliche, angeborene Tränenlust, ein Teil mitgebrachte Rührung (nicht ganz aufgebrauchter Vorrat), ein Teil Heuchelei (nur des Anstoßes zur neuen Rührung wegen), zwei Teile Reue wegen der doch vielleicht zu voreilig getanen Abmachung mit der Wöchnerin, ein Teil Scham darüber, daß sie von ihrem Gatten durchschaut worden, und das andere alles Entrüstung. 32 Frau Kolb setzte in ihrem Innern jedoch alles auf Rechnung dieser letzten Empfindung. Und je mehr sie sich in dieser Überzeugung bestärkte, um so weißer wurde das Lammsfell ihrer gekränkten Unschuld und um so schwärzer der Balg des tyrannischen, rundäugigen, stiernackigen, ungläubigen und seelverlustigen Gemahls. »Radl, in unsere alten Tag' willst mi so schlecht machen? Für so hätt' i di net g'halten – für so net. Das is der Dank – daß i immer an dir g'hängt bin – wie aa Kle–e–tten mit aller Liab und Treu. Du – du – glau–aubst, i wollt' di beschwi–i–indeln. O, Jesus, Maria und Josef! I will di z'grund ri–icht'n, weg'n meiner solltst dein G'schäft – verkau–auf'n – und i sollt' Schuld hab'n? Unser Herrgott soll dir verzeihn, Radl!« Dieser urtief christliche Wunsch erstarb in einem Wimmern, das auf Seele und Nerven Herrn Kolbs wirkte wie der Bohrer eines Zahnarztes. Seine Entrüstung war Schmiedefeuer gewesen, in das der Blasbalg des unvermuteten Wallfahrtsprojekts Leben gebracht hatte. Nun aber war es unter dieser salzigen Hochflut gänzlich ertränkt, unrettbar verlöscht. »I bitt' di, Roserl . . .«, stammelte er. »O Radl, daß i das derleb'n muaß«, klagte Frau Rosa nun schon viel gefaßter und 33 zusammenhängender weiter, »hätt' i mir nie denkt. I war das bravste Weib, was d'r wünschen kannst, und nix hab' i bisher verlangt als jetzt, daß i d' Muattergottes aufsuachen kann. Es is do aa a Bitt' für di, Radl. O Gott . . . o Gott . . . o Gott! Hab' i das verdient?« Der Sieg war eigentlich schon längst entschieden. Herr Kolb erkannte auf der Stelle die Berechtigung seiner Frau an, den lieben Gott für ihn um Verzeihung zu bitten. Er hatte sein Pulver im groben Geschütz auf einmal verpufft und trachtete nach Frieden. »Jetzt hör' scho amal auf mit dem Wanen, Roserl. Was hab' i denn g'sagt, daß du gar so außer dir g'rat'st? Von mir aus fahr' nach Mariazell, wannst glaubst, daß dort die Muattergottes mehr auf di hört als bei die Stephaner oder in Enzersdorf.« »Ganz sicher tuat s' durt Wunder«, klang es mit einem schon in Auflösung begriffenen Schluchzen, »wann ma a guat's Werk aufopfert.« »Jetzt red'n ma amal g'scheit. A Woch'n bleibts aus. Wann scho, so kummt's auf an' Tag mehr oder weniger net an. Aber was mach' i mit meine Leut'? Wer kocht denn? Und was machen denn die Beuglerischen Bank . . Kinder ohne Muatta? Und was is 's mit'n Klansten? I kann 34 do net die Ammel machen und Windeln wasch'n? Solang hätt' die Verloberei wohl aa no Zeit g'habt, bis der Pamperletsch aus 'n Gröbsten heraußt is.« »Geh, wia du g'spaßig daherred'st, Vatta«, unterbrach mit einem Lächeln sonniger Aufhellung Frau Kolb die Äußerungen echt männlicher Besorgnis des Gatten. »Du waßt, daß i nix unternimm, bevur net für alles g'sorgt is. Was das Klane betrifft, so hab' i mit der Anderl, der Sauerkräutlerin, g'red't. Die hat a Kind bei d'r Brust, das net recht trinken mag. Die Wirtschaft z' Haus führt d' Katherl. Mit ihre vierzehn Jahr' is s' scho groß gnua dazua, wo s' a so bald in 'n Dienst muaß.« »Laß mi nur an's frag'n, Roserl: hätt'st du net können die Verlobung allan abmachen? I hätt' der Beuglerbag . . . Familie a paar Guld'n geb'n und wär' aa a guat's Werk g'wesen.« »Ja, aber a klanes, denn dann machert s' kan' Terno. (Die Sache mit dem Terno schien im vorhinein günstig entschieden.) Und dann, schau, kost' die Sach'n ja wirklich net viel mehr. Ob i an' Wag'n allan brauch' oder zu zweit. Das bißl Essen und Nachtquartier macht's do aa nimmer aus. Und dann hab' i a Begleitung.« 35 Die Hauptpunkte waren zur Zufriedenheit entschieden. Herr Kolb brauchte sich um das Schicksal der Beugler-Familie mit Einschluß des Säuglings nicht zu sorgen, die Kostenfrage war aus dem Dunkel der Ungewißheit in ein helleres, freundlicheres Licht gerückt. Nichtsdestoweniger hatte der quälerische Mann noch einige lächerliche Bedenklichkeiten. »Ja, aber was is 's denn mit der Wirtschaft z' Haus'? Wer kocht uns denn und ramt z'samm', wascht ab, richt' die Wäsch'?« fragte er mit so sorgenvoller Miene, als könnten diese lächerlichen Nebenumstände die ganze wichtige Hauptangelegenheit in Frage stellen. Aber Frau Kolb begegnete mit nun vollständig lächelndem Gesicht dem törichten Einwand. »Du bist a großes Tschapperl, Vatta« (beide ahnten nicht die Wahrheit dieser Bezeichnung). »Weg'n so was si Sorg'n mach'n! I hab' scho mit der Sagfeilerin g'red't. Die übernimmt die ganze Bedienung. Mit dem Essen wirst z'frieden sein, denn die Manhart war amal Herrschaftsköchin. No, jetzt waßt nix mehr, du Brummbär, du alter, schiacher?« Es ist staunenswert, mit welcher Energie Frauen einen Entschluß mit den zur Ausführung notwendigen Vorbereitungen zu verbinden wissen, 36 wenn es eine Angelegenheit betrifft, die ihnen Herzenssache ist. Um dem »schiach'n Brummbär'n« keine Gelegenheit zu weiteren läppischen Einwendungen zu geben, gab ihm dafür die vollkommen versöhnte und verzeihende Frau Rosa einen herzhaften Kuß und nötigte ihn dringend, seine kostbare Wirtshausstunde nicht zu versäumen. Eine Woche später gab es eine Sensation in der Gasse, deren Bewohner so glücklich waren, die Wallfahrt der beiden Frauen als solche zu betrachten. Es war eigentlich die Entladung einer schon seit acht Tagen vorhandenen elektrischen Spannung. »Die Kolbin und die Beuglerin verlob'n si nach Mariazell.« Das war während der ganzen Zeit das Gesprächsthema der beneidenswert anspruchslosen Gasse gewesen. Man erwartete mit fieberhafter Neugierde den Aufbruch der beiden Pilgerinnen. Endlich erschienen sie, um den schon harrenden Wagen zu besteigen. Jede hatte einen Blumenstrauß von der Größe eines Waschschaffes in den Händen, das Geschenk der Hausparteien und des Hausherrnpaares. 37 Zuvor gab es noch zwei erschütternde Abschiedsszenen. Frau Kolb hing schluchzend am Halse ihres Gatten und der unförmige Blumenstrauß schwebte über seinem Haupte wie der Federfächer eines indischen Potentaten. »Radl, hast dir alles g'merkt, was i dir g'sagt hab? Schau nur, daß d' net krank wirst und d' daß d'r net 'n Mag'n verdirbst. Laß d'r, i bitt' di, nix abgehn. I wir fleißi bet'n für di. Schau aa, daß d'r Peperl beim Essen net aufs Bet'n vergißt. Und die Manhart soll schau'n, daß er net in d' Speiskammer übers Eing'sottene kummt. Dei Wäsch' is für a ganze Wochen g'richt, bis i z'ruckkumm. Die Katherl soll beim Aushelfen nix vom Trummo herunterwerfen, wann s' abstaubt. Wenn die Kinder vielleicht Hunger hab'n, so laß eahna was zuakumma, sunst hat d' Muatta ka Ruah bei der Wallfahrt. Also pfiat di Gott, Radl, und verzeih' m'r alles, wann i di beleidigt hab'. Du waßt, gern is 's net g'schegn. Pfiat di no mal herzli Gott . . .« Herrn Kolbs Gesichtszüge waren vor Erregung und Ergriffenheit verzerrt. Er vermochte nur mit bebenden Lippen zu stammeln: »Pfiat di Gott, Roserl. Kumm nur g'sund ham.« Und er küßte wiederholt ihre tränenbenetzten Wangen. 38 Die Beugler-Familie bildete eine Gruppe für sich, und zwar keine weniger bemerkenswerte als das Ehepaar Kolb. Der Roßhaarkrempler, der in der Erregung des Abschieds sein Handwerkzeug an sich genommen hatte, tätschelte während der Umarmung damit seine Frau auf den Rücken und gab ihr die belehrendsten Ratschläge mit auf den Weg, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß er die meisten Worte dem an sein Gesicht gedrückten Blumenstrauß zusprach. Das Elternpaar wurde von seinen sämtlichen Sprossen umringt, die mit ihrem Gehaben der feierlichen Stimmung etwas Eintrag taten. Der Säugling lag schon an der Adoptivbrust der Sauerkräutlerin, die sich nicht wenig darauf zugute tat, bei der Abschiedsszene gewissermaßen eine Rolle zu spielen. Vor allen Ladentüren standen die Geschäftsinhaber, aus allen Fenstern schauten die übrigen Bewohner, die Kinder der ganzen Gasse waren auf den Beinen und in dem bauchigen Mittelfenster über dem architektonischen Portal standen Herr und Frau Saltner und winkten Grüße herab. Endlich waren die Frauen im Wagen versorgt. Die letzten Grüße schallten hin und her und einige 39 Sprößlinge der Beugler begannen, als sie sahen, daß die Mutter wegfahre, fürchterlich zu heulen. Die Pferde zogen an und von einer schreienden Kinderschar begleitet ging es fort, weit fort von der traulichen Gasse. Am Ende derselben, um die Ecke biegend, begegnete, sein lautes »Handlääah« rufend, ein Hausierer dem Gefährt. Das war ein günstiges Omen und wurde auch allseitig kommentiert: »A Jud bedeut't a Glück. Wann's a Klosterfrau oder a Rauchfangkehrer g'wesen wär, war's net guat.« Herr Kolb aber stand und stand und starrte dem Wagen nach, der nach zehnjähriger glücklicher Ehe zum erstenmal seine Rosl von seiner Seite weit in die Welt führte. Damals bedeutete Mariazell noch eine Reise. 40   Drittes Kapitel (Die Gasse wird durch wundervolle Ereignisse in berechtigte Aufregung versetzt. – Die Wirkungen einer gesegneten Wallfahrt nebst mitlaufenden Ereignissen) Herrn Kolbs Tagesläufte glichen denen eines großen schwarzen Käfers, der sich plötzlich einem Hindernis entgegengestellt sieht. Ohne Roserl ging gar nichts in der Wirtschaft vonstatten. Katherl hatte am ersten Tage schon einiges Geschirr zerschlagen, das sie von der Manhartin mit dem festen Vorsatz übernahm, es tadellos abzutrocknen. War es ihr Unstern oder mangelndes Geschick, da im väterlichen Hause die Geschirrfrage keine Rolle spielte, kurz, Katherl, die nun bald einen Dienst antreten sollte, entledigte sich hier der ersten Kinderkrankheiten eines Dienstmädchens. Peperl hatte, wie ein großes Gezeter der Manhartin gleich am zweiten Tage bewies, sich einiger Gläser »Eingekochtem« bemächtigt. Zu dieser Tat war er, wie er, zur Rechenschaft gezogen, behauptete, nur durch das schimpfliche Mißtrauen 41 der Sagfeilerin gedrängt worden, die hier Hausfrau spielen wolle. Ja, Peperl hatte gar nicht undurchsichtig angedeutet, daß bewußte Gläser Eingesottenen sich nicht an ihrem ständigen Platze befanden, sondern offenbar bestimmt waren, zu gelegener Zeit spurlos zu verschwinden. »Ob i den Hundsbankerten net derschlag'n soll«, kreischte Frau Manhart. »G'scheiter is 's no immer, i hab' das Eing'sottene aufgessen wia Sie und Ihnere – Kinder. I bin nämli aa auf kaner Sau daherg'ritten kumma, wann S' mi an' Bankerten haßen. Und wia mi der Herr Master kennt (hier stockte Peperls Stimme vor innerer Ergriffenheit), so waß er, daß i mir geg'n d' Frau Masterin das niamals derlaubt hätt'.« Herrn Kolbs griffbereite Hand sank herunter. Peperl hatte mit dem größten Raffinement die verwundbarste Stelle getroffen. O, Frau Meisterin! Wo weilte sie zur Zeit? Was tat sie? Wie erging es ihr? Welche weiblichen Zauberkräfte mußten sie zieren, daß Peperl ihre Anwesenheit allein als genügend erachtete, um allen sündhaften Gelüsten zu widerstehen, und ihre schon zweitägige Abwesenheit dieses sittliche Fundament so tief untergraben konnte? (Herr Kolb hatte die Peperl 42 bezüglichen Ermahnungen Frau Rosas gänzlich vergessen.) Desto mehr erinnerte er sich der Mahnung, der hungrigen Mäuler der Beugler-Kinder zu gedenken. Um die Kraft des Verlöbnisses nicht zu stören, glaubte Herr Kolb des Guten eher etwas mehr als weniger tun zu müssen. Die Manhartin kreischte den ganzen Tag (welche Eigenschaft sie wohl der Hantierung ihres Gatten zu verdanken hatte), wenn die »Brut« ohne alle Scheu sich an sie wendete, die ganz einfach den Befehlen des Hausherrn nachzukommen hatte. »Ob mi der Schlag auf der Stell' trifft oder net, aber meiner Seel', so a Wirtschaft hab' i mei Lebtag no net g'seg'n. Die Herrschaften hätten si schön bedankt, für die i amal 'kocht hab', wann so was im Haus vorkumma war'. Aber d' Guatheit is wia der Leichtsinn. D'r Kruag geht so lang zum Brunn', bis er hin is und alle Tag is no net Ab'nd. Mehr will i net g'sagt hab'n, und wann ma mi auf der Stell' bei lebendigem Leib schind't.« Die Orakelhaftigkeit dieser Leibsprüche fand eine Aufhellung, als Peperl seinem Meister am fünften Tage die Mitteilung über unerhörte Malversationen der Manhartin machte, die die Speisekammer systematisch beraube und dann über die Gefräßigkeit der Gesellen mit Einschluß Peperls 43 sowie über die der Beugler-Kinder ein Geschrei anhebe. Herr Kolb kratzte sich während dieser Tage schon mehr als das ganze Jahr den Kopf. Er konnte Peperls Einflüsterungen nicht kurzweg als Verleumdungen erklären und begnügte sich nur, zu sagen: »Jetzt is all's aus, Peperl. Is die Kuah hin, soll 's Kalbl aa hin sein. Destweg'n werd'n m'r no lang net verhungern. In a paar Täg kummt eh die Masterin z'ruck, bis durthin haßt's schweig'n und weiterdienen. I laß m'r von der Manhartin ka Grobheit anhäng'n.« Peperl, der sonst allen Gemütserregungen, soweit sie nicht Dinge betrafen wie seine eigene werte Person, vollkommen fernstand, äußerte eine gewisse Ergriffenheit bei dem Gedanken an die Frau Meisterin. Er gab seiner Ansicht unverhohlen Ausdruck, daß es hoch an der Zeit wäre, wenn wieder feste Hände in die Zügel der häuslichen Regierung griffen. Zugleich beteuerte er seine Bereitwilligkeit, für die Frau Meisterin ans Ende der Welt zu gehen. »Is's wahr, Peperl?« fragte der Meister mit tiefer Rührung über das reine, unverdorbene Anhänglichkeitsgefühl seines Lehrjungen, dem er sich 44 durch göttliche und weltliche Einrichtungen als oberster Schirmherr fast nahe verwandt dünkte. »Für d' Frau Masterin geh i in d' Höll', erklärte Peperl mit Pathos. »Is recht«, gab Herr Kolb seine Zustimmung, »denn, waßt, i . . . i gangt für sie no um a paar Klafter tiafer.« Gibt es Gebetserhörungen und Wunder? Kann die Gesetzmäßigkeit der strengen Natur auch nur für ein Atemholen aussetzen von dem ihr innewohnenden, allmächtigen Triebe? Kann etwas, was nicht geschehen dürfte, nach den weisen Zwecken der großen Verwalterin dennoch geschehen, weil sich eine kindische Menschenseele gegen die Notwendigkeit eines natürlichen Ereignisses sträubt? Nein, unsere Bitten, Beschwörungen, Bußgänge, Aufopferungen vermögen nicht eine Linie in dem ewigen, strengen Gesicht der großen waltenden Mutter zu ändern. Aber da es nicht meine Sache ist, zu philosophieren und der Wissenschaft mit meinen unerbetenen Kräften zu Hilfe zu kommen, und da es für die harmlose Geschichte einer noch harmloseren Gasse ganz gleich ist, will ich mich ganz einfach an Tatsachen halten, die auch ohne Wallfahrt und 45 Bittgang geschehen wären; aber ich hätte nicht von so vielen närrischen und lächerlichen Ereignissen zu sprechen. Mögen die Wundergläubigen entzückt sein, die Ungläubigen mit den Achseln zucken und die Zweifelnden fragen: Wer weiß, was dran is? – ich schildere ganz einfach allerlei Dinge, die sich im Bannkreise der kleinen Gasse und vor allem in dem von Herrn Saltners Hause zugetragen. Die Tage verrinnen, mag es mit Bächleingeschwindigkeit oder sogenannter bleierner Langsamkeit geschehen; und da man eine Woche gemeinhin mit acht Tagen berechnet, so waren auch diese acht Tage verronnen und die zwei Wallfahrerinnen kehrten so gesund und wohlbehalten zurück, wie sie sich vor genanntem Zeitabschnitt den Armen ihrer Gatten entwunden. Sie sahen gebräunt und fast kinderfroh aus. Die Beuglerin hatte sich in einer Weise erholt, daß sie das berechtigte Staunen aller erregte. Die Heimkunft der beiden Pilgerinnen bildete bei den harmlosen, glücklichen Ansprüchen des Gäßchens auf Sensationen wieder durch Tage das Hauptgespräch und hatte sich unter der gleichen Teilnahme aller Bewohner wie die Abreise vollzogen. Frau Kolb hing wieder (jedoch mit Bildchen verziert und einem geweihten »Buschen«, der an 46 einem Pilgerstecken aufgepflanzt war) am Halse ihres Radl; die Beuglerin bildete in ebensolcher Ausstattung im Kreise der Ihren eine nicht minder bemerkenswerte Persönlichkeit und eine neugierige und wohlwollende Nachbarschaft bildete wieder das Auditorium. Die Aufregung hätte vielleicht länger vorgehalten. Aber da das Neueste immer der Gegner des Neuen ist, so verdrängte eine aufregende Begebenheit, die sich in einem anderen Hause der Gasse abspielte, das Interesse an dem Wallfahrtszuge. Die Köchin des betreffenden Hausbesitzers, eine schon überreife Jungfrauenschaft repräsentierend und mit den Traditionen der Familie förmlich verwachsen, wurde plötzlich von einem unüberwindlichen Johannistrieb befallen. Der Gegenstand ihrer etwas verspäteten oder vielleicht zu oft wiederholten Neigung zum Männlichen war ein noch jugendlicher Tischlergeselle tschechischen Mutterlautes, der weniger den Reizungen sinnlicher Gelüste als denen eines Sparkassenbuches von zweitausendfünfhundert Gulden unterlag. Mit diesem Betrag konnte er Meister werden, die höchste Staffel seines einstweiligen Ehrgeizes. Dazu kam noch eine vollständige Aussteuer 47 seitens des Hausherrnpaares, das zwar mit seinen Sympathien nicht auf der Seite des jugendlichen Bräutigams stand (wie es diese auch einem älteren und dem ältesten nicht entgegengebracht hätte), aber sich seiner Würde genug bewußt war, um keine Unterlassung zu begehen. Als Sali, so hieß der dienstbare Geist, dem Ehepaar die Mitteilung von der bevorstehenden »Veränderung« gemacht hatte, befiel die beiden Alten ein solch zitternder Schrecken, wie wenn das einzige Herzenskind die elterliche Schwelle zu verlassen gedachte. Es gab auf beiden Seiten viel Tränen, Erklärungen, Beschwörungen, Bitten, bis sich endlich Salis geläuterte und des Bräutigams nicht minder geläuterte Liebe siegreich über alle Hindernisse emporschwang. Nach Berichten einer alten Augenzeugin soll die Hochzeit eine außergewöhnliche Augenweide geboten haben. Man sah selten so viel »Nachbarschaft« und einander drängende Kinder als an dem Tage, da Hymen ein würdiges Opfer gebracht werden sollte. Der schmächtige, flaumbärtige, mit vortretenden Backenknochen und einem stechenden Blicke hinreichend ausgezeichnete Bräutigam bildete einen sonderbaren Kontrast zur Braut, die ihm an 48 Größe, Umfang und einem sproßenden Bartwuchs an der Oberlippe sowie einem vollmondartigen, gutmütigen Gesicht bedeutend überlegen war. Das Rührendste und Ergreifendste soll der Abschied zwischen dem alten Ehepaar und der scheidenden Dienerin gewesen sein. Diese fiel aus einer Umarmung und Ohnmacht in die andere, so daß ihr der Myrtenkranz und der bis auf den Boden wallende weiße, jungfräuliche Schleier stark in Unordnung gebracht wurden. Tränen, Küsse und Segenswünsche geleiteten die junge Frau auf ihren neuen Pfad und es ist zu hoffen, daß Sali glücklich wurde in ihrem neuen Heim, das sie mit der scheuen Verschämtheit der Braut betrat. Und wieder wäre die Hochzeit wohl länger das Tagesgespräch gewesen, wenn sich das vernachlässigte erste Ereignis nicht an seinem Nachfolger in eklatanter Weise gerächt hätte. Denn mit der katastrophalen Plötzlichkeit einer Bombe fiel die Nachricht in die Gasse: die Beuglerin hat einen Terno gemacht! Nun muß man wenig Phantasie haben und sehr stumpfsinnig sein, um nicht die Wirkung einer solchen Nachricht vollkommen zu würdigen. Der Gewinst nahm im Gerücht eine schwindelnde Höhe an, obwohl er nur einige hundert 49 Gulden betrug. Freilich, für eine so arme Familie hoch genug. Frau Beugler hatte die Unklugheit begangen, in einer benachbarten Lotterie zu setzen, so daß sie ihren Gewinst nicht einmal zu verschweigen vermochte. Wenn dies überhaupt angängig gewesen wäre, wie man später ersehen wird. Aber als hätte das nun gänzlich vernachlässigte Geschick des Ehepaares Kolb im gerechten Unmut darüber, daß es als letztes auf den Plan durfte, zu einem gewaltigen Schlag ausgeholt, erstickte es fast das Gäßchen durch den Alarmruf: »Die Schaffnerin is zu der Kolb 'gangen!« Um zu ermessen, was diese Nachricht bedeutet, genügt es, zu wissen, daß die Schaffnerin die alte Bezirkshebamme war. Herr Kolb sah dieser Konfrontation mit mächtig klopfendem Herzen entgegen und als er die Bestätigung eines so geheimen und doch lauten Herzenswunsches vernahm, fehlte nicht viel und der Riese wäre einer Schwäche unterlegen, die nur für hochempfindsame Damen geschaffen erscheint: er wäre fast ohnmächtig geworden. Also man möge bedenken, ob diese beiden Neuigkeiten nicht imstande waren, alle Usurpatoren für geraume Zeit aus dem Felde zu schlagen! Vielleicht findet man, daß die zwei Ereignisse in 50 einem zu zeitlichen Zusammenhang stehen, um wahrscheinlich zu sein. Aber was ist unwahrscheinlich? Jedes Jahr läßt der Fiskus seinen Krallen einen soundso großen Teil entfahren, denn sonst würde überhaupt kein Mensch mehr Lotterie spielen. Der Zufall hatte diesmal eben die Beuglerin bedacht. Und Frau Kolb? Jeden Tag werden so viele Frauen guter Hoffnung, daß es bei ihrer Jugend und Gesundheit wahrlich nicht wunderzunehmen braucht. Bleibt eben nur die Wallfahrt mit ihren beiden Anliegen. Vielleicht – wäre aber das »Wunder« ebenso eingetreten wie ohne Verlöbnis. Aber dann lohnte es sich wahrlich nicht, die Geschichte eines Ternos und einer Schwangerschaft zu schreiben, und die närrische kleine Gasse hätte von den Ereignissen sicher viel kühler Notiz genommen. Aber das »Wunder«! . . . »Ha, sollt' ma's glaub'n, daß es heutingstags no Wunder gibt?« lautete eine Frage. »Ja, wann ma Geld hat, is der Seg'n leicht z' hab'n, Frau Zinslinger. Wo kummt unserans nach Mariazell. Höchstens anmal in das patscherte 51 Lanzendorf, und das nutzt nix, das hab' i scho g'merkt. Die Beuglerin kann si wirkli bedank'n bei dera guat'n Haut, der Kolbin, und dem Patschachter, der alles tut, was sei' Frau will.« »Herentgeg'n«, sagte Herr Zinslinger im Gasthause zu dem Gatten der anderen Sprecherin, »jetzt ham m'r 's Unglück am Gnack. Was mi mei Alte seckiert, daß i s' net aa nach Mariazell schicken kann, is schon aus der Weis'. Sie tät' si glei an' Haupttreffer ausbitten. No, was sagst zu der ganzen G'schicht' überhaupt? Ma möcht' beinah' wirkli glaub'n, daß die Wallfahrt . . .« »Hör' m'r auf«, erwiderte seufzend der andere, »alles is ja narrisch word'n. A Zuafall, mein Gott, wia so viele. Aber mit meiner Alten is 's jetzt aa ganz aus. Sunst is s' alle zwa Jahr' vielleicht amal mit der Fleischhackerprozession mitg'fahrn, und wann s' a halb's Jahr draus an' Ambo g'macht hat, hat s' es auf die Fürbitt' g'schob'n. Und z'frieden war s' dabei. Am meisten i. Aber jetzt . . .« Die beiden Ehemänner verfielen in ein nachdenkliches Schweigen. Gewiß bemerkenswert, wie aus dem kurzen Gespräch der beiden Frauen zu entnehmen, war die Art und Weise, wie sie einen Wallfahrtsort auf seine Vorzüglichkeit abschätzten, als wäre er 52 ein Modebad gewesen, dem jeweilige gesundheitskräftigende Wirkungen nachgerühmt werden. Wenn ein Sprichwort lautet: »Sage mir, mit wem du umgehst« usw., so könnte man es folgendermaßen variieren: »Sage mir, wie du einen Glücksfall ausnützest, und ich sage dir, wie du bisher gelebt.« Umkehren läßt sich der Satz allerdings auch. Von dem Tage an, als Frau Beugler unter atemloser, platonischer Teilnahme der sämtlichen Bewohner der Umgebung (nicht bloß der Gasse allein) ihren Gewinst behoben und unter die Sicherheit eines Sparkassenbuches gestellt hatte, schien es fast, als wäre das Haus Herrn Saltners das berühmte Schlaraffenland, in welches sich eine Kinderschar nicht allein durch einen Wall von Brei, sondern von Fett, Butter, Obst, Mus und allem Erdenklichen gegessen. Diese beneidenswerte Schar als die Sprößlinge am Beuglerischen Familienstamm zu agnoszieren bedarf wohl keines weiteren Scharfsinns. Wo immer man einem von ihnen begegnete, glänzten seine Wangen von Schmalz oder schienen in Berührung mit einem Powidlfaß gelangt zu 53 sein. Keinem konnte man über den Weg treten, der nicht ein Stück Butterbrot, Fleisch, Obst oder Gebäck in Händen hielt. Nirgendhin im Hofe oder vor dem Hause konnte man den Fuß setzen, ohne auf abgenagte Knochen, Wursthäute, Apfelschalen oder gar Spuren von unvermeidlichem Vomita zu treten. Herr Saltner ließ vergeblich eine Mahnung nach der anderen herabgelangen. Wollte man den Kindern nicht kurzweg das Essen entziehen, wozu weder die Eltern das Herz hatten und das zu verlangen der sanftmütige Hausherr auch nicht die Absicht hegte, so mußte man den Ereignissen ihren Lauf lassen. Das Hausmeisterpaar war durch Verabreichung eines Geldbetrages für die nötigen, oftmaligen Reinigungen des Hofes entschädigt worden. Aber die allgemeine Empörung machte sich doch einmal Luft. Dazu gab nachstehend geschilderter Vorfall Anlaß: In einer kinderreichen Gasse gibt es stets einen oder mehrere Bösewichter, die um einen schlechten Streich nicht verlegen sind. Und da jedes Haus Gemeineigentum der Kinderschar der ganzen Gasse für ihre Spiele war, so wurden Freveltaten meistens von Zuzüglern ausgeführt, die nach vollbrachter Tat sich unsichtbar machten. Ein bis auf das letzte Fäserchen abgenagtes 54 Schinkenbein, dessen sich einer der jüngsten Beuglerischen Vielfraße als Spielzeug bediente, erschien einigen Jungen als geeignetes Mittel, einen früher beliebten Scherz auszuführen, der in unseren Tagen der Hundeverringerung, des Maulkorbzwanges und der elektrischen Klingel auf keine Auferstehung rechnen darf. Man band den delikaten Knochen mittelst einer starken Schnur an den senkrecht zu ziehenden Glockenzug des Hauses, noch angeeifert durch das behagliche, beifällige Schmunzeln einiger aus ihren Ladentüren und Fenstern lugenden Nachbarn, denen das zu erwartende Schauspiel die Schläfrigkeit eines Sommernachmittags zu vertreiben versprach. Das alte Hausmeisterpaar Klingsberger, dessen dienstliche Verpflichtungen der Frühstunden ein reiches Maß von Nickerchen und Schläfchen am Nachmittag bedingten, wurde plötzlich aus einem gesegneten Schlummer in jäher Weise geweckt. Ein Sturmgeläute der Hausglocke erscholl. In unregelmäßigen Intervallen erfolgte ein Riß um den anderen. Die beiden Alten blickten einander erst halbverschlafen und verwundert an. Dann, von dem Instinkt aller Hausmeister getrieben, ergriffen sie je einen Besen und eilten, so sehr ihnen das 55 möglich war, vor das Tor, das schon von einer jauchzenden Kinderschar umstellt war. Der Bösewicht war ein mächtiger, zottiger Straßenköter, der unaufhörlich an dem herabbaumelnden Schinkenknochen zerrte. Zwei Besen mengten sich gleichzeitig störend in dieses Beginnen, ohne jedoch das Biest zu vermögen, davon abzulassen. Er knurrte nur die beiden Störenfriede an, schnappte abwechselnd einmal in diesen, dann in jenen Besen, erneute aber zwischendurch seine Angriffe auf das ersehnte Objekt mit unverminderter Heftigkeit, bis es ihm endlich gelang, seine Beute loszubekommen, mit der es schleunigst enteilte. Diese schnöde Handlung führte zu einer Untersuchung unter dem Vorsitz des Hauspatriarchen, die jedoch kläglich im Sande verlief, da einesteils die Schuldigen nicht eruiert werden konnten, andernteils Herr Saltner zu große Aufregungen scheute. Aber allgemein war man geneigt, für den traurigen Verfall der guten Sitten die Beugler-Schar verantwortlich zu machen, deren unstillbare Gefräßigkeit sich nicht nur das Mißfallen der Hausbewohner, sondern auch fast der ganzen weiteren Nachbarschaft zugezogen hatte. Auch der vorerwähnten Untersuchung hatten 56 sie beigewohnt, in der aufreizendsten Weise jedes mit einem eßbaren Gegenstand bewaffnet. Ihre fettigen, verschmierten Gesichter glänzten vor Vergnügen bei der Erinnerung an die drollige Rauferei des Hausmeisterpaares mit dem fremden Köter. Das erweckte besonders nachhaltige Empörung. »Es is a Skandal überhaupt mit der Fresserei«, eiferte eine Frau, deren neidgelbes Gesicht für die Motive ihrer Entrüstung zeugte. »Den ganzen Tag nix anders als fressen. Das anschau'n müass'n . . . I bin scho selber krank drauf. Der Gusto muaß an' ja vergehn, wann ma so was mitmacht. Alles was recht is. Aber zwischen Essen und Fressen is a Unterschied. Das Schwein frißt aa. Das hat der guate Surm, der Kolb, für sein' Guatheit und sein teuers Geld. Derentweg'n hat müassen a Wunder g'scheg'n, daß die Schweinigln den ganzen Tag einipampfen können?« Kurz, der Unmut, der in den meisten Gemütern aufgespeichert lag, dessen Wurzel der Neid und dessen Krone ästhetische Entrüstung waren, richtete sich gegen die mittelbaren Urheber als Besitzer des Schinkenbeines. Der ebenfalls, und zwar ob seiner unangebrachten Gutmütigkeit gescholtene Wagnermeister, dessen Tasche gewissermaßen das Gründerkapital 57 des geschehenen Wunders entstammte, lachte herzlich über das ganze Gesicht bei dem Anblick der gefräßigen Schar. Sie war ihm sympathisch, denn er liebte es nicht, des Leibes Notdurft zu vergessen. Er war eben bei den letzten Worten der entrüsteten Nachbarin in den Hof getreten. »Unser Herrgott g'seg'n eahners«, sagte er. »Besser, als der Voda versauft das Geld im Wirtshaus, oder d' Muatta tragt's heilig wieder durthin, von wo sie 's g'holt hat. Übrigens a Wunder g'schiecht nur amal im Leb'n.« Frau Beugler selbst, die arme, gute Seele, deren Glücksfall nichts weiter vermocht hatte, als sie noch demütiger, schüchterner und dankbarer erscheinen zu lassen, ließ alle Vorwürfe ruhig über sich ergehen. Mit fast andächtigen Blicken verfolgte sie den Vertilgungsprozeß aller Art Eßbarkeiten, der anderen ein solcher Dorn im Auge war. Auf unschickliche Vorhalte und Meinungsäußerungen pflegte sie zu sagen: »Sie essen si anmal recht wirkli satt. Neiden S' eahner's net hinein. Sie ham dafür oft g'nua hungern müass'n. Wann i m'r a Glück derbitt hab', war's für mei Familie. Mein Mann kann bei sein' staubigen G'schäft aa manchmal a Glasl Bier vertrag'n, der arme Kerl. I verlang' für mi weiter nix, als daß i seg'n kann, wia's eahner allen 58 schmeckt. Wann S' amal Ihner Familie hab'n müassen Hunger leiden seg'n, werden S' mi verstehn.« Als sie den Gewinnst behoben hatte, wollte sie gleich mit einem Teile zu der Vergütung ihrer Mariazellerfahrt schreiten. »Für all's and're kann i ja eh nur mit an' herzlichen Vergeltsgott danken«, sagte sie zu Herrn Kolb. »Und lassen S' das aa alles sein«, erwiderte dieser. »Wo wär' denn nachher das guate Werk? Ha? Wann die Wallfahrt nur Ihner allani g'nutzt hätt', sechert i's ein, daß mir die Auslag'n a bißl in d' Nasen g'stieg'n wär'n. Aber so . . . Wann's unser Herrgott will, gibt er mir an' feschen Buam, das is do die paar Guld'n wert. Im übrigen lass'n ma die G'schicht'. Was i tan hab', hab' i tan. Nur an's möcht' i Ihner bitten, die Kinder soll'n weniger grad vor meine Fenster . . . Na, Sie wiss'n ja.« Mit der letzten Äußerung wollte Herr Kolb auf den Umstand hinweisen, daß die eruptiven Neigungen der überfüllten kindlichen Magen sich häufig den Platz vor seinen Wohnungsfenstern erkoren. So erlitt die Roßhaarkremplerin mit ihrer 59 Absicht der Rückzahlung eine nicht unangenehme Abweisung. Im übrigen mochte man sich nur wundern, für wie groß sie ihren Schatz betrachtete, um an ein Schmelzen desselben gar nicht zu denken. Mittlerweile bemühte sie sich, der werdenden Mutter mit all ihren reichen Erfahrungen in dem gegenwärtigen delikaten Zustand nützlich zu sein. Diese erneuerte nun die erst als so unnütz betrachtete und verschenkte Säuglingsaussteuer. Und halb unbewußt, wie zur Vorbereitung, sang sie dabei durch Vorfahren auf sie überkommene Lieder, die bestimmt waren, in nicht ferner Zeit ihr Kind in den Schlaf zu wiegen. Man hatte früher noch die Zeit und wohl die Liebe dazu, lange Balladen zu singen, die meist einen tieftraurigen Ausgang nehmen. Eine dieser Balladen möge der Vergessenheit entrissen werden, weil sie so kunstlos und dabei doch so kunstvoll ist, wie es der Volksgesang eben sein kann: Es ging ein Knab' spazieren zum Mädchen ihr'm Fensterlein. Schön's Mädchen, wohnst du darinnen? Steh auf und mach' mir auf! Ich steh nicht auf vom Bette, Zum Fensterlein geh ich nicht. Ich bin schon mit einem versprochen, Denjenigen laß ich nicht. 60 Und bist du mit einem versprochen Und laßt du denjenigen nicht – So komm' nur heraus zum Fenster, Vielleicht erkennst du mich. Und als sie das Fenster öffnete, Riecht sie einen Totengeruch: Ich weiß nicht, bist du von der Erde, Oder bist selber der Tod? Wie sollt' ich nicht von Erde riechen, Da ich ein Toter bin. Heut ist das siebente Jahre, Daß ich begraben bin. Weck' auf dein' Vater und Mutter, Weck' auf dein ganzes Haus. Weck' auf dein' Schwester und Bruder, Dein Bräutigam ist schon bereit. Putz' dich schnell rein und sauber, Setz' dir ein grün's Kränzelein auf, Zieh an dein Hochzeitshemde Dann fahr'n wir in Himmel hinauf. In Himmel zum höchsten Herren, In Himmel zu seinem Sohn. Dort wollen als Engel wir singen Vor seinem ewigen Thron. Es war wahrlich kein erheiterndes Lied, aber Frau Rosa sang die Melodie und achtete der Worte kaum. In ihrem Herzen war genug Freudigkeit, 61 um allem Grauen vor einem aus seinem Grabe echappierten Bräutigam zu begegnen. Hatte man schon früher dem Kolbschen Ehepaar alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, jetzt wurden die beiden Riesen für die patentesten Kerle der Welt erklärt. Hatte Frau Kolb schon früher gern geplaudert, jetzt tat sie es zehnmal öfter und lieber. Hatte früher Herr Kolb im Kreise seiner Stammtischfreunde sich an allen Scherzen beteiligt, mehr oder minder derbe Neckereien ertragen, manche Maß auf den Tisch stellen lassen, so tat er es auch jetzt noch lieber zehnmal öfter als einmal weniger. Also, wie gesagt, standen die Kolb-Leute in größerem Ansehen als jemals und man behauptete, die für die Wallfahrt gemachten Auslagen seien das glänzendste Anlagekapital gewesen, das je auf einen öffentlichen Markt geworfen wurde. In Wahrheit profitierte auch alles an den stattgehabten Wundern, als welche sie nun ohne Widerspruch aufgenommen und bezeichnet wurden. Gab es einen Skeptiker, so hütete er sich, seiner Naturanlage die Zügel schießen zu lassen. Ich sagte, es profitierte alles. Die Frauen, indem sich für sie Klatsch an Klatsch, Aufregung an Aufregung reihte. War es die, daß ein Beugler-Kind mit 62 Vermeidung des in der Gasse ansässigen kleinen Zuckerbäckers bei einem entfernteren ein Stück Torte kaufte; war es die, daß der Roßhaarkrempler zwei- oder dreimal nach Torschluß heimgekehrt war und einen »Endstrumm Affen« nach Hause gebracht haben sollte; oder gar die, daß man seine Frau in der Lotterie eines fremden Bezirkes gesehen haben wollte, wo sie Einsätze mit Banknoten beglichen habe. Kurz, jeder Tag brachte etwas, was in Beziehung zu den zwei von der Muttergottes erhörten Frauen stand. Daß der Profit der Männerwelt ein weit realerer war, wurde schon gesagt. Durch zwei Monate dauerte der Freudenparoxysmus des Vaters und der Gasse, dann schlief alles ein. Zurzeit aber war Herr Kolb noch geneigt, die Sitzungen zu verlängern (mit gewährtem Dispens seitens Roserls nämlich). Und da er kein grämlicher Zecher war, sondern in reichlichen Bestgaben die Anregung für seinen eigenen Durst fand, die natürliche Freigebigkeit auch noch eine Verstärkung durch die ihm bisher unbekannten väterlichen Gefühle erhielt, so profitierten alle, die mit ihm in der Gaststube zusammenkamen. Seine Voraussagung: »Leuteln, wenn die G'schicht' guat vorüber is, und wann's a Bua is . . .« konnte nicht für unheilverkündend angesehen werden. 63 Wie Völker in Anhoffnung vieler Gnaden- und Gunstakte auf das Erscheinen eines Thronerben warten, harrte eine wackere Zecherschar auf das Erscheinen des Kolbschen Haus- und Erbprinzen. 64   Viertes Kapitel (Schackerl versetzt, ehe er das Licht der Welt erblickt, seinen Vater in einen qualvollen Seelenzustand. Herr Kolb gibt Peperl einen ernsten Auftrag und bequemt sich selbst, einen guten Rat anzunehmen. Zeigt, welche Folgen das Beschwichtigen seelischer Unruhe haben kann und in welcher Weise Peperl seinem Auftrag nachkam) Wenn man der mehr oder minder gewissenhaften Berichterstattung eines alten Mütterchens (nämlich meiner Gewährsmännin), das in seinen Erinnerungen um mehr als vierzig Jahre zurückforscht, Glauben schenken darf, so war es die achte Morgenstunde eines Maientages, als Herr Kolb wie ein Menagerietiger oder Löwe vor der Tür des Schlafzimmers unausgesetzt auf und ab wandelte. Dieses Aufundabwandeln erfolgte unter so eigentümlicher Beobachtung von Vorsichtsmaßregeln, wie Krümmen des Rückens, Hochziehen der Knie, tastendes Aufsetzen der Fußspitzen, Ballen der Fäuste, daß man gleich den Eindruck eines Mannes hatte, der sich entschlossen hat, um jeden Preis Geräuschlosigkeit zu markieren. 65 Der Meister äußerte in seinem Umherwandeln solche Zeichen von Besorgnis, Angst und Trostlosigkeit, daß er das tiefste Mitgefühl aller erweckte, die ihn sahen. Und deren waren nicht wenige. Nur die ganze weibliche Bewohnerschaft des Hauses mit einigen trotz der frühen Morgenstunde schon anwesenden externen Zuzüglern. Das Speisezimmer, die Küche, der Vorraum waren belebt von ihnen. Es wurde nur geflüstert. Man tauschte besorgliche, mitleidige oder solche Blicke aus, die vom Aufgeben jeder Hoffnung zeugten. Manche der Frauen nickte nur mit gemacht gleichgültiger Miene, als wollte sie sagen: »Wenn mir da vielleicht wer was erzählen will! Das habe ich selbst schon mehr als einmal ausgestanden.« Ein Löwe oder ein Tiger in der Freiheit oder Gefangenschaft mag ein ganz sehenswerter Gegenstand der betreffenden Landschaft oder Menagerieverwaltung sein. Aber ein Zyklop, der auf Bulletins aus der Wochenstube harrt, nicht minder. Ja, es war der zu erwartende Augenblick in der Nähe, der dem monatelangen Herzklopfen des riesengeschlechtigen Paares ein Ende bereiten sollte. Eines des Jubels oder der Trauer. Es gibt Schriftsteller, die sich mit der 66 eingehenden Schilderung des verschwiegenen Aktes befassen und eine eingehende Kenntnis von Wochenbettgeheimnissen entwickeln. Da ich aber in jeder Art zu wenig feminin bin, bleibe ich lieber vor der Tür. Herr Kolb versuchte manchmal, diese sachte (wie er überzeugt war) aufzudrücken, um nur zu seiner Herzensberuhigung einen Blick in das Mysterium zu gewinnen. Aber in solchen Momenten erschienen im Spalt eine spitze Nase, ein ebenso spitzes Kinn, eine dürre, knochige, verwelkte Hand, die den Riesen geradezu vor den Bauch stieß, daß er zurückwich, und die Tür schloß sich wieder. Dann begann die Wanderung mit gelegentlichen Unterbrechungen abermals. Während eines solchen verzweiflungsvollen Stillstandes vernahm das heute außerordentlich verfeinerte Ohr die Erzählung einer Frau, die einen gynäkologischen Vorgang behandelte, dessen Opfer »einer Freundin ihrer Freundin ihre Freundin« gewesen. Eines Falles, der jeden Inhaber eines anatomischen Präparatenkabinetts mit der Begierde erfüllt hätte, ihn plastisch seiner Sammlung einverleibt zu sehen, Herrn Kolb aber beim Anhören alle Weiße, die sein natürliches Erbteil gewesen sein mochte, unter die braune und rußgegerbte Haut trieb. 67 »Der Doktor soll so ka Arbeit g'habt hab'n«, lautete ein Teil des Berichtes, »wia er g'holt is word'n. D' Madam' hat scho a Stund' lang kan' Arm mehr rühr'n können, so hin war s' vor Plag'. Der Doktor allan hat aa nix richten können. So hab'n müassen zwa Professer kumma . . . Na, wia die ang'fangt ham, können S' Ihner denken. Seit achtundvierzig Stund' hat das arme Weib brüllt wia a . . . a . . . no, i kann's gar net ausdruck'n.« Von dem Platze, auf dem der unglückliche Anwärter einer glücklichen Vaterschaft hielt, ließ sich ein dumpfes Knurren vernehmen, das mit seinen sonstigen Vergleichsmerkmalen einer Bestie im glücklichsten Zusammenhang stand. »Marand Anna«, sagte die Frau, der die unvorsichtige Erzählerin den spannenden Vorgang erläutert hatte, zu dieser, »halten S' Ihner do z'ruck. Reden S' vor dem Mann net solche Sachen. I bitt' Ihner, schau'n S' Ihnern an. Meiner Seel', i glaub', der wird no ohnmächtig. San das Mannsbilder, dena wird scho übel vom Zuahör'n und mir müassen's selber mitmachen.« Herr Kolb, den die Last des eben Vernommenen zu vernichten drohte, gab seinen Platz vor der Wochenstubentür auf und eilte in den Hof. Dieser war allmählich schon gefüllt worden von Frauen nicht nur der nächsten Umgebung. Vielleicht war seit Gedenken in der Gasse kein solches Wochenbett gehalten worden wie heute. Der Ruf der Wallfahrt und ihrer Erhörung war über die Grenzen gedrungen. Die Wallfahrt mit ihrem geradezu mystischen Zauber der Verbindung von Lotterieglück und Familiensegen hatte sich bereits zur Legende ausgewachsen. Die Legende hatte Flügel und einige Frauen hatten Wind von der Sache bekommen. Man begann so deutlich hier Gottes Finger zu spüren, daß sich aus dem Füllhorn seiner Gnade noch reichlich einige Abschnitzel in Gestalt von Lotterienummern finden mochten. Herr Kolb achtete in seinem verdüsterten Gemüt all dessen nicht. Er ward zwar manchmal von einer ihm gänzlich unbekannten Dame fixiert, als ob er ein Schauobjekt sei, aber das genierte ihn nicht weiter. In ziellosem Umherwandern vom Hofe nach der Küche, von der Küche nach der Werkstätte, von der Werkstätte auf die Gasse und von der Gasse durch die Einfahrt wieder in den Hof stieß er auf Peperl. Peperl hatte im Nebenhause einen Freund, den Lehrjungen des Schustermeisters Udrzal, der, von den Ereignissen verführt, es nachsah, daß ein Platz am Schusterbankerl eine halbe Stunde länger unbesetzt blieb. 69 Herr Udrzal war nämlich Witwer und da er ebenso neugierig war, als ob er eine Witwe gewesen wäre, gab er seinem Lehrjungen den Auftrag, sich zu erkundigen, wie es Frau Kolb gehe. Er lasse sich dem Meister bestens empfehlen. Der Lehrjunge ging zwar, hatte es aber mit dem Wiederkommen nicht sehr eilig. Im Augenblick stand er in angeregtestem Gespräch mit seinem Freunde Peperl. Dieser freute sich der Gelegenheit, einmal über die gewöhnliche Anfangszeit hinaus den Morgen zu verlängern. Denn er war bis auf weiteres zur Disposition gestellt, falls es sich darum handeln sollte, Wege zu machen, Dringliches berichten zu müssen, kleine Hantierungen vorzunehmen usw. Peperl stand auf dem Boden einer vorurteilslosen Weltanschauung und erklärte die ganze Wallfahrt für »an' Holler«, an den kein aufgeklärter Mensch mehr glauben sollte. Weiter erwog er in einer sehr ernsthaften Auseinandersetzung alle Möglichkeiten eines günstigen oder ungünstigen Ausganges der Geburt, ohne sich übrigens um die Meisterin sonderlich Sorgen zu machen. Er erklärte sie seinen Genossen als »a tüchtige Frau«, die schon durchkommen würde. Ein anderer Ausgang als ein günstiger würde ihn schon wegen der Kochkunst der Meisterin in Verlegenheit setzen. 70 Als er Herrn Kolb auf sich zukommen sah, trennte er sich rasch von seinem Gefährten und stand plötzlich seinem Herrn in der Art gegenüber, als hätte er ihn gesucht. Dabei trugen seine Züge den Ausdruck unbewußter, kindlicher Teilnahme zur Schau, einer Teilnahme, die, scheinbar mit den Ursachen eines fremden Kummers nicht vertraut, dennoch diesen Kummer ebenfalls schwer auf sich wirken läßt. Herr Kolb in seiner Anlehnungsbedürftigkeit war von dieser unschuldigen Demonstration ergriffen. Er brauchte einen uneigennützigen Tröster als Schutz gegen die Stürme einer nie gekannten, wahnsinnigen Aufregung. Die fürchterliche Erzählung der gynäkologischen Herkulesarbeit wirkte mit ihren Schrecken noch in ihm nach. Daher kam ihm Peperl in seiner Unschuld in solchen Dingen als wahres Labsal entgegen. Alle kleinen, nichtssagenden Differenzen, in die er mit Peperl gelegentlich zu geraten pflegte, traten in diesem Augenblick in den Hintergrund. »Na, Peperl«, sagte er weichmütig, »hast aa ka Ruah, gelt ja?« Statt jeder Antwort produzierte der gefühlvolle Peperl eine Grimasse, die andeuten sollte, daß das Weinen ihm näher stände als jegliche andere Äußerung seines übervollen Gemüts. 71 »I glaub' d'r 's, Peperl«, sagte der Meister gerührt und versuchte, wider Willen selbst eine solche Grimasse zu schneiden. »I glaub' d'r 's, Peperl. Möcht'st aa bald wieder so a Masterin find'n?« Zur Schande der sittlichen Natur Peperls sei es gesagt, er brachte es wirklich zu zwei bis drei Tränen, die wie echte Perlen des affizierten Gemüts über die nicht allzu reinlichen Wangen hinabkollerten. Waren sie auch nichts mehr als gewöhnlicher Theaterflitter, so übten sie nichtsdestoweniger auf den harmlosen Meister eine erschütternde Wirkung aus. »Gelt ja, Peperl«, sagte er halb heiser, »so a Masterin kriagerten wir alle zwa nimmer. Es war' Rest mit uns. Gelt ja, Peperl.« Peperl rieb mit beiden Fäusten an den Augen. »Waßt«, würgte Herr Kolb mühsam hervor, »du bist no a Kind, und i hab' g'hört, daß unser Herrgott auf so an's mehr gibt wia auf'n Papst selber. Da hast (und er zog eine Handvoll Kupfer- und Silbermünzen hervor, die er Peperl reichte), geh, wohins di g'freut, aber vergiß net, am Weg in a paar Kirchen z' gehn und aufrichtig z' beten. Ja? Für mein Teil aa, i selber kunnt net, i hab' ka Ruah, mi druckt's da (er brachte die Hand zur Kehle), daß i glaub', i derstick. Gib aa was in' 72 Opferstock und Klingelbeutl. Besunders in d' Sparkassa von der Muattergottes. Hat s' anmal a Wunder tan, so vielleicht das zweitemal aa no. Sunst, meiner Seel'«, fuhr er etwas roh und der Stimmung unangemessen fort, »hätt' i auf das erste Wunder Verzicht g'leist't.« Man sieht, Herr Kolb drückte seine Religiosität etwas drastisch aus. Bisher war er nur ein indolenter Mann gewesen, aber mit jenem stillen Vorbehalt, der es sich mit dem Ungewissen nicht ganz verderben will. Er war nie Ketzer oder Freidenker gewesen. Das hieße doch, alle Brücken hinter sich abbrechen. Aber ebensowenig war er ein hingebender Gläubiger, denn die wahre Frömmigkeit schießt erst unter den Einwirkungen menschlichen Leidens empor. Genau betrachtet ist diese Art von Frömmigkeit der Feigheit sehr ähnlich. Aber was tut es, wenn sie die Düsterkeit unseres Gemütes bannen hilft? Gäbe es in der Welt nur eitel Freude und Sonnenschein, keine menschliche Natur wäre darauf gekommen, das Dasein eines verzeihenden oder rächenden Gottes anzunehmen. Drum keinen Stein auf den kindlichen Riesen! Wer jemals unter anderen Einwirkungen als schmerzlichen so recht inbrünstig gebetet – der tue es! 73 Peperl hatte mit tiefer Rührung das Geld zu sich gesteckt. Er war weit entfernt, das zu sein, was man im besten Sinne Gemütsmensch nennt. Aber er war Gentleman. Im Augenblick war jede Erinnerung an mehr oder minder beschämende Episoden ausgelöscht, in denen die schwere Faust des Meisters zuletzt das gewichtigste Wort sprach. Er betrachtete solche Angelegenheiten als die durch Tradition geheiligte kriegsrechtliche Austragung des Konflikts zweier Mächte und wußte, daß er dem Gegner nichts schenke, mochte dieser auch den Vorteil der autoritativen und brutalen Gewalt für sich haben. Daher verwarf auch der hochsinnige Peperl von vornherein eine etwa auftauchende Absicht, mit Umgehung jeglichen Kirchenbesuchs seine blitzschnell projektierten Vergnügungsabsichten zu realisieren. Daß er im allgemeinen die Zahl der Besuche wie der Opferspenden geringer veranschlagte als sein vertrauensseliger Lehrherr, lag an Einflüssen, denen oft die gewissenhaftesten Sachwalter ausgesetzt erscheinen. Er beeilte sich daher, von der wie vom Himmel gefallenen Gelegenheit eines freien Halbtages (denn höchstens ein solcher verstand sich) Gebrauch zu machen, dankte nochmals und verschwand, und möge verschwunden sein bis zu jener Stunde, da 74 ich genötigt bin, ihn wieder auf der Bildfläche erscheinen zu lassen. Herr Kolb war mittlerweile von mindestens einem Dutzend Frauenstimmen gleichzeitig zur Wohnungstür gerufen worden. In dieser stand die Schaffnerin, die schier uralte Bezirkshebamme. Ebenso den Wöchnerinnen eine Trösterin und liebevolle Helferin, war sie den Männern ein Schrecken und Widersacher ärgster Sorte. Fast lächerlich klein, runzelig, dürr, spitzig und beweglich, mit einer Stimme vom höchsten Diskant und einem Mundwerk scharf wie ein Rasiermesser, jagte sie dem Mutigsten heillosen Respekt ein. Keine Frau in der kleinen Gasse und noch vielen anderen hätte in ihrer schweren Stunde den Beistand einer anderen Hebamme in Anspruch genommen. Ich denke, selbst keine Leibesfrucht hätte sich unter anderer Assistenz in diese Welt der Leiden befördern lassen. Alle, wie sie hier im Hofe und in den Räumen herumstanden, hatten ihren ersten Schrei unter den barmherzigen Händen der alten Schaffnerin ausgestoßen, zum erstenmal in diesen gegen das erste Bad gestrampelt. »No, schleichen S' Ihner no a bißl mehr«, tönte es ihm entgegen. »Ja? . . . Oder dürft' i bitt'n, daß S' Ihnere Elefantenhaxen a wengerl mehr 75 rühr'n? Oder net? Wär'n S' net a wen'g neugierig, wia's dem armen Hascher drin geht? Na? Tuat mir recht lad. A G'fühl hat so a Mannsbild, das is wahr. Können S' verstehn, was i Ihner zum sag'n hab'? Alsdann ja? G'freut mi wirkli!« Dieser ironische Wortschwall betäubte den hilflosen Mann noch mehr. Er vermochte nur zu stammeln: »Schaffnerin . . . um Gottes will'n! Um Gottes will'n! . . .« »Tuat si was, um Gottes will'n, Melak, tepperter! Schicken S' g'schwind zum Dokter! Allan kann i nix machen. Ham S' mi verstand'n? Ja? Oder soll i hundertmal red'n? Ob S' mi verstand'n ham, frag i?« kreischte die Schaffnerin in den grellsten Tönen. »Ja oder na? He?« Es war erbarmungswürdig, zu sehen und zu hören, welchen Ausbruch der Verzweiflung die Ankündigung im Gefolge hatte, daß der Arzt nötig sei. Krampfhaft an den Türpfosten geklammert, brach Herr Kolb in ein Gebrüll aus: »Roserl, Roserl, mein armes Roserl! O Gott! O Gott! Wirst mi do net verlassen woll'n, Roserl, wirst m'r do net sterb'n woll'n, dein' Radl? O Jessas, Jessas! Wann scho d'r Dokter kommen muaß . . . du armes, armes Weib! O Roserl!« 76 Es war trotz allem Rührenden dieser Szene doch sehr ergötzlich, mit welcher Verve und Wut sich die alte Hebamme auf den jammernden Koloß stürzte, umringt von den anderen Frauen, die teils überredend, teils zerrend und drängend auf den unglücklichen Wagnermeister einzuwirken suchten. »Hat ma schon so an' Narrntattl g'sehn!« schrie die Schaffnerin im höchsten Zorn, »so a Rindviech, so a ausg'wachsenes!« Dabei puffte sie ihn, wo sie nur hingelangen konnte, und hämmerte sich schließlich krebsrot. »Werd'n S' 's Maul halten? Ha? Oder net? Macht mir der narrische Lackl das arme Weib da drin rebellisch, daß er mir 's no unter d' Erd'n bringt vor Schrock'n. Wo hab'n S' Ihnan Lehrbuam, den Raubersbuam, den nixnutzigen? Ha? Mach'n S' eahm Füaß. Er soll zum Doktor laufen. Und mach'n S' ka so a Theater, daß ma glaub'n kunnt, die G'schicht' gang't Ihna so nahe. Oder vielleicht ja? Ha? I kenn' die Männer. Brauchen Ihner aber net g'freun, daß S' bald aa Wittiber san. O na! Die Freud' wer' i Ihna versalz'n. Wo is d'r Bua? He?« Die Ankündigung seitens der alten Frau, daß sie den Arzt benötige (die Schrecken des erhorchten gynäkologischen Vorganges krochen aufs neue heran), sowie deren eben entwickelte Energie lähmten 77 die Geisteskräfte Herrn Kolbs in einer Weise, daß er, der ersten Überraschung erliegend, einer Lüge ungewohnt, überhaupt nicht geeignet für schnelles Erfassen von Situationen, die Mission bekannte, in welcher er Peperl entsendet. Er bereute im nächsten Augenblick (ein denkwürdig rascher geistiger Vorgang) das Geständnis. Ein so grelles, höhnisches Lachen, nein, Kreischen folgte diesem, daß er trotz seiner Größe und Stattlichkeit gern einen Spalt zum Verbergen aufgesucht hätte. »Hihihi! Schauts so a Mannsbild an! Das san die Leut', die über a altes Weib lachen, weil's in d' Kirchen geht. Und Sie . . . Sie . . . Esel glaub'n, der Bua, der verdurbene, der mit alle Salb'n g'schmiert is, rutscht si die Knia in der Kirch'n a'? Oder glaub'n S' das selber? Ja oder na? No seg'n S'! Jetzt aber Spaß beiseit', i muaß hinein, i kann die Beuglerin net allan lassen. Laufts an's zum Dokter. Sagts, die Schaffnerin braucht 'hn. Aber rasch! Ha?!« Mehrere Kinder, die trotz dem Einreden und Wehren der Mütter sich ebenfalls vor der interessanten Tür herumtrieben, stoben davon, überzeugt von der Unentbehrlichkeit desjenigen, der am ersten den Doktor herbeibrachte. Welchen? Es konnte sich nur um einen 78 handeln, der am entgegengesetzten Ende der Gasse wohnte. Doktor Plum, ein schon sehr alter Herr, hatte seine eigentliche Praxis aufgegeben. Aber aus Liebe zu seiner kleinen Gasse, mit der er ebenfalls durch Traditionen verknüpft war, sowie auch aus großer Achtung für Frau Schaffner, deren gute Qualitäten er besser zu schätzen wußte als irgendeiner, säumte er nie, einem Rufe dieser zu folgen. Eine eigentliche Behandlung überließ er dann einem jüngeren Kollegen. Doktor Plum war kein kaltsinniger Beinsäger und Honorarschinder. Er heilte vielleicht ebensoviele durch Händeauflegen als er durch Arzeneien der Grube überantwortete. Aber man wandelte von ihm geleitet in lächelnder Weise dieser zu, wie man weinend nur durch die alte Schaffnerin an das rosige Licht des Tages gedrängt hatte. Wenn der alte Arzt im Gegensatze zu den neuen unendlich weniger Methode besaß, so genügte er seiner Zeit und vor allem seiner kleinen Gasse. Er übte eine Heilslehre, die an Krankenbetten oft Wissenschaft ersetzt. Das heißt, er war gütig, freundlich, respektabel aber trotz allem. Er war ein Herzenshelfer für die seiner Obhut Anvertrauten, gleich seiner alten Kollegin, der Schaffnerin. Von einer andern Kollegenschaft 79 hätte man sich in jenen gesegneten Zeiten noch nichts träumen lassen. Da der alte Arzt, der sich in ein kleines Raritäten- und Antiquitätenmuseum zurückgezogen hatte, sehr selten ausging, und das auch erst zu einer späteren Stunde, konnte man mit Bestimmtheit auf sein ehestes Erscheinen hoffen. Er erschien wirklich bald, vornehm, zierlich, fast im Menuettschritt. Seine Beiziehung zu dem Falle Kolb alarmierte die ganze Nachbarschaft, denn die alte Schaffnerin verstand sich auf ihr Metier und trotz einer schier übertriebenen Gewissenhaftigkeit bemühte sie doch nur in den äußersten Fällen den Kollegen. Dieser also schritt jetzt trotz seines Alters so stramm und dabei fast tänzelnd durch die ehrfürchtig Spalier bildenden Frauen mit seinem Besteck nach dem Kreißzimmer, in welchem ihn die Hebamme und Frau Beugler sorgend erwarteten. Nach kurzer Zeit jedoch trat der alte Herr wieder heraus, tat sehr zuversichtlich und gab dem in Todesängsten harrenden Gatten die beruhigendsten Zusicherungen. Die Entbindung sei wohl etwas hartnäckigerer Natur als es gewöhnlich der Fall zu sein pflege, aber von irgendeiner Gefahr könne keine Rede sein. Zugleich erteilte er Herrn Kolb den nicht 80 unangemessenen Rat, sein Standlager von der Wohnungstür nach einem anderen Ort, vielleicht in das Gasthaus zu verlegen, was sowohl seinen eigenen Nerven wie denen seiner Frau und nicht in letzter Linie denen der Frau Schaffner (hier lächelte der alte Herr auf seine Weise) zugute kommen dürfe. Herr Kolb möge sich nur auf die um seine Gattin bemühten Personen verlassen. Der Meister, nunmehr der tödlichsten Sorge entledigt, fand den Rat des alten Arztes der Befolgung würdig. Nachdem ein minutiös klappender Nachrichtendienst eingerichtet worden war, als dessen Stafetten alle im Hofe weilenden Frauen mit Feuereifer zu dienen sich bereit erklärten, begab sich Herr Kolb in die Werkstätte und gab seinen Gesellen den Tag frei. Er selbst vermochte keine Hantierung vorzunehmen. Dann begab er sich in sein Stammgasthaus. Er erschien in diesem zu einer so ungewohnten Stunde, in der der noch halbverschlafene Wirt eben die Laden geöffnet hatte, daß der mit riesigem Erstaunen seinen Gast hereintreten sah. Noch größer wurde aber dieses Erstaunen, als er die Ursache des unvermuteten Erscheinens erfuhr. »Na, so was«, philosophierte der Wirt, »was über d' Nacht net alles passieren kann!« Er sagte das mit einem Kopfschütteln, das man sonst höchst 81 unglaublichen oder zweifelhaften Nachrichten entgegenbringt. »Das muaß i aber glei meiner Alten sag'n, die wird so net kla' schau'n!« Es war, als ob die Mär vom Storch, der zu einer unerwarteten Stunde einen ganz unerwarteten Besuch macht, in diesem Falle eine unumstößliche Wahrheit sei, denn nur so konnte die staunende Verwunderung des Wirtes ihre Erklärung finden. Vorher bedachte er jedoch, daß seine Pflichten als Gastgeber die ersten und dringendsten seien. Er fragte daher, ob er einen Stutzen des »Bewußten« einschenken solle, was bejaht wurde. Nachdem er diese Angelegenheit bereinigt, ging er zum Schiebfensterchen, das die Verbindung mit der Küche behufs schnellerer Speisenversorgung bildete, und brüllte hinaus: »Du, Emma . . . d'r Kolb is da. Es geht scho los bei seiner Alten . . . D' Schaffnerin arbeit't scho a paar Stund' . . . Der Doktor is aa da . . . D'r Kolb is ganz narrisch . . . Komm' a bißl eini!« Auf diesen im Telegrammstil gebrüllten Bericht ertönte aus einem fernen Hintergrund der Küche (wohl einem Nebenraum) eine weibliche Stimme: »Jessas Marand Josef!« und bald darauf wurde die Küchentür aufgerissen und die 82 Wirtin watschelte so eilig, als es ihr Körperumfang erlaubte, heran. »Is 's wahr, Kolb? Jessas, und der Dokter? Hat die Schaffnerin eahm hol'n lass'n? Mein Gott und Herr! Ja sag' m'r nur, wia is das mögli? So a stark's Weib. Aber derzähl'!« Herr Kolb berichtete nun mit Ausschluß des Faktums Peperl die bekannten Tatsachen und starrte dann höchst betrüblich in sein Weinglas. »Trink's aus«, sagte die Wirtin. Herr Kolb befolgte den guten Rat und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen. »Hast recht«, sagte der Wirt, »trink' nur, das nimmt a bißl den Schrocken weg. Es is aa wirkli ka Klanigkeit. Meiner Seel', was über d' Nacht passieren kann . . .« Er ging, um das Glas wieder zu füllen. »Hast scho was g'fruahstuckt?« fragte er mit dem intensiven Interesse aller Wirte an den Bedürfnissen der Leiblichkeit. »Woher denn? Hab' i Zeit g'habt zu an' Fruahstuck? Die Knia zittern m'r no. D' Schrocken, sag' i d'r, wia die alte Fur . . Schaffnerin aussikummt, mi wia an' Buam z'samm'schimpft und sagt, daß d' Dokter kumma muaß. 83 Na glücklicherweis' is 's net so arg, wia i gfurcht'n hab'. Drauf hat ma d'r Dokter die Hand geb'n«, log Herr Kolb mit dem Optimismus eines Hoffenden. »Ja wirkli, was alles auf d'r Welt passieren kann! So über d' Nacht . . .«, war die neuerliche Antwort des Wirtes, der sich von seiner philosophierenden Verwunderung nicht erholen konnte. »Also, willst was essen? A kalt's Kälbernes war' da, a G'selcht's, Frankfurter, auf a Gollasch muaßt no warten. Alsdann vielleicht a G'selcht's?« »Is recht«, sagte Herr Kolb. »Hunger hab' i grad net, aber i fürcht', es kunnt m'r schlecht werd'n vom laar'n Mag'n.« Der Wirt brachte das Gewünschte, dann begann er die Tische frisch zu bestecken, das heißt die baumwollenen, blaugewürfelten Tischtücher abzunehmen, etwas auszubeuteln, wieder aufzudecken, die Zündholzständer ihres abgebrannten Inhalts zu entledigen, frisch zu füllen und noch viele andere Hantierungen, die die Morgenergötzlichkeit eines Wirtes und seines Stabes bilden. Die Wirtin hatte sich schon vorher entfernt und schalt draußen in der Küche mit der Köchin und dem Abwaschmädchen, weil sie während der ganzen Unterredung mit fieberhafter Neugierde an 84 dem Schiebfensterchen gelauscht hatten, um von dem Bericht Herrn Kolbs kein Wort zu verlieren. Ich weiß nimmer, ließen die beiden etwas anbrennen oder dergleichen, aber meine Forschungen nehmen bei derlei untergeordneten Dingen eine Flauheit an, die nur durch das Drängen größerer Ereignisse entschuldigt werden kann. An der Schank hatte während der ganzen Zeit seit Herrn Kolbs Erscheinen ein Bursche gestanden, der sich mit nur geteiltem Eifer der Arbeit des Gläserausspülens gewidmet hatte. Sein Typus war der eines Mikrozephalen: zurückstrebende, niedere Stirn, stumpfe, vorquellende Augen, mächtige Freßwerkzeuge. Er war stets bemüht, eine Unterhaltung mit den Gästen einzuleiten und weiterzuspinnen, wobei er in forcierter, kindischwichtiger Art Tagesereignisse besprach, zu ebenso großem Gaudium der Gäste als zur größten Wut des Wirtes. Heute brannte er nur darauf, Herrn Kolb zu dessen Erheiterung in ein tiefsinniges Thema zu verflechten. Er hub daher, als eine stumpfe, gedankenschwere Stille angebrochen war, in gedehnter Weise an: »Gestern hat's a Murdshitz' g'habt, Herr Kolb. Heute wird's aa so a Murdshitz' ham. Das ganze Monat wird's so a Murdshitz' ham.« 85 Herr Kolb, vielleicht um seine Kümmernisse zu vergessen, vielleicht weil ihm die Stille unangenehm war (denn der Wirt war nichts weniger als redselig), ging auf die Intentionen des Burschen ein. »Heut hat's ja a Murdshitz'. Hast aber scho a Murdsviech g'seg'n?« »Na!« lautete die verblüffte Antwort. »Dann schau di halt amal in' Spiegel.« »Gestert hab' i damisch g'schwitzt«, fing Heinrich abermals an, dessen kurze Verblüffung dem Ansturm neuer, anregender Gedanken gewichen war. »Wann's heut wieder so a Murdshitz' hat, schwitz' i aa wieder wia gestert.« »Is nur gut, daß d' ka Hirn zum ausschwitz'n hast, Heinrich. Sixt, in der Art bist besser dran als unseraner.« »Gestert war d'r Sauhandler da . . .« »Halt's amal z'samm', sunst kumm' i d'r!« rief der Wirt aus dem Extrazimmer herüber. »Tummel di mit dein' Gläserwasch'n! . . . Von an' Tag zum andern wird er tepperter. Schau liaber, ob d'r Herr Kolb no was eing'schenkt hab'n will.« Da dies der Fall war, entledigte sich Heinrich erst seines Auftrages und harrte gläserschwenkend auf eine günstige Gelegenheit, seine Unterhaltung 86 fortzusetzen. Es mußte ihn plötzlich eine glänzende Idee erleuchtet haben. »Zu d'r Frau Kolb is d'r Dokter kumma . . . Und wenn amal d'r Dokter kummt, is 's eh scho Rest. Der arbeit' nur für d' Gruab'n.« Er beeilte sich, diesen lieblichen Faden vollständig auszuspinnen. »Dokter und Totengraber san zwa G'schwisterkinder.« Obwohl nur ein Idiot diese fürchterliche Volkssentenz zum Ausdruck brachte, vielleicht eben deshalb war die Wirkung auf Herrn Kolb eine geradezu niederschmetternde. In ihm webte unbewußt jener uralte Glaube an die Seherkraft geistig Armer, deren sich ein böser Geist bedient, um seine Möglichkeiten des Schreckens zu offenbaren. Die Gabel entsank seinen Händen und mit vorquellenden Augen stierte er den tölpelhaften Unglücksraben an. Der Wirt, der währenddessen in Hör- und Sehweite gelangt war, geriet in wahre Raserei. Mit einigen Schritten war er bei dem in liebenswürdigster Causerie begriffenen Heinrich gelandet, schlug ihm links und rechts ein paar um die nicht allzu kleinen Ohren, faßte ihn beim Genick und warf ihn zur Tür hinaus. Das alles geschah mit so präziser Schnelligkeit, daß das unglückliche Opfer seiner unüberwindlichen 87 Diskutierlust erst auf der Straße zum vollen Bewußtsein seiner jammervollen Lage gelangte. »Emma«, brüllte der Wirt abermals durch das Schiebfenster, »schick' mir 's Madel aussi. Sie soll Gläser a'wasch'n. Der Trottl muaß heut no fort, durthin, wo er hing'hört, zu dö Kropferten aufs Land. Wo kumm' i denn hin, mit so an' Menschen? Wann er nur den gottverfluachten Brotlad'n haltert! . . . D'r Schlag kunnt' an' treff'n. Wirst do net auf das blöde Viech aufpass'n«, wendete er sich entschuldigend zu Herrn Kolb, der mit seinem letzten Bissen bemüht war, den letzten fürchterlichen Eindruck zu verdauen. »Ah . . . is ja zu dumm! Aber waßt, wann ma so aufg'regt is wia i heut, so deut't ma si glei all's aufs schlechteste. Der arme Kerl kann ja nix dafur, daß er a Trott'l is, aber i, daß i a alt's Weib bin wurd'n. Ruaf 'hn z'ruck und schick' eahm mit aner Trag Fruahstuck zu meine Leut überi. I hab' eahna heut freigeb'n, aber i denk', i werd' s' scho in d'r Werkstatt b'halten, wann s' was zum Essen und Trinken hab'n.« Heinrich stand vor der Tür und weinte, so groß er war, nach Art kleiner Kinder, die sich von der Mutter zur Strafe hinausgesperrt sehen. Er stand vor der Tür, heulte laut, schluchzte herzzerbrechend und verschmierte die Tränen mit beiden Handballen. 88 Diesem trostlosen Zustand machte auf Fürbitte Herrn Kolbs der Wirt insofern ein Ende, als er Heinrich bei beiden Ohren in das Lokal zurückzog und an seinen alten Platz stellte, als eben das Mädchen aus der Küche das Ressort bei der »Schank« übernehmen wollte. »Geh wieder in d' Kuch'l!« befahl der Wirt diesem und wendete sich an Heinrich. »Wannst wieder amal dei Maul aufmachst, außer zum Luftschnapp'n und Fress'n, schick' i di ham. Kannst nacha als Dorftrott'l herumrennen, wia's eigentli für di am best'n war'! Marsch, arbeit'! Sunst liegst glei wieder draußt!« Heinrich, ein entfernter Verwandter der Wirtin, aus einem niederösterreichischen Orte stammend, war halb aus Barmherzigkeit, halb aus Spekulation ins Haus genommen worden. Denn waren auch seine Geisteskräfte minimal, so war doch seine Körperstärke eine desto ansehnlichere. Jetzt machte er sich schluchzend und schluckend an seine Arbeit und schwieg einstweilen bis zur neuen günstigen Gelegenheit, sein Plaudertalent zur Geltung zu bringen. Allen, die jemals Kinder recht bitterlich weinen sahen, wird der Schmerz des armen Heinrich ans Herz greifen. Er war in Wahrheit nichts als ein Kind, nur mit dem Körper eines Mannes. Herr 89 Kolb, den Leiden stets rührten, tröstete den Burschen, und hierin zeigte sich die kindische Zurückgebliebenheit Heinrichs, daß er über einige teilnahmsvolle Worte allen Schmerz vergaß. Der Wirt war kein böser Mann. Bewahre! Aber er lebte nach dem Schlendrian Überlieferung. Leute seines Standes lieben es, energische Maßregeln »Reschheit« zu nennen. In Wirklichkeit ist diese »Reschen« nichts als Roheit, gerade wie die »Patzwachheit« unangebrachte Sentimentalität ist. Heinrichs große Schuld war, daß er wirklich ein armer Heinrich war. Er hatte nur eine einzige, ganz kostenlose Leidenschaft: er plauderte gern, und es sei zugestanden, er plauderte Unsinn. Er sprach etwas lallend, wie wir es bei Kindern lieben, bei Trunkenen belächeln, bei Einflußreichen ignorieren, bei Mächtigen aber bewundern. Heinrich war ein Armer im Geiste und deshalb hätte er der Roheit entgehen sollen. Die Indianer als Wilde verehrten sogar diesen Defekt und der geistige Krüppel war ihres vollen Schutzes sicher. Was den Inhalt von Heinrichs Reden betraf, unterschied er sich in Wirklichkeit gar nicht viel von dem Redestoff der meisten Stammgäste, die schon vormittags, mit Nichtigkeiten vollgepfropft, erschienen und nur diesen Nichtigkeiten einen artikulierten Ausdruck gaben. 90 Jetzt kam der erste Nachrichtenposten. Eine Frau vom zweiten Stock, Mutter einiger Kinder, unverbesserliche Neugierige, Tratscherin, Näscherin, Schuldenmacherin, überall dabei und die Zeit als etwas höchst Überflüssiges und Nutzloses verachtend. »Guat geht's«, schrie sie schon draußen vor der Tür. »Ganz guat. Vielleicht no a Viertel- oder höchstens a Stund'. Mein Gott, die Beuglerin want vor Freud' und laßt Ihnen, anstatt der Frau Gemahlin, sag'n, Sie soll'n Ihna hübsch brav z'samm'nehmen. Wirkli, mir is selber zum Wana. I kann m'r net helfen, Herr Kolb. (Dessen Nerven wurden durch ein Taschentuch vor jedenfalls tränenschweren Augen aufgeregt.) Unser Herrgott gab's, daß 's a Bua is, Herr Kolb. I bet' schon seit langen Tag und Nacht drum. I bin selber a Muatta und waß, was das haßt, a Muatta z' sein. Halt ja, daß i 's waß.« Hier folgte ein Seufzer, wie ihn vor ihrer Wallfahrtsangelegenheit Frau Rosa nicht besser an das Tageslicht holte. Herr Kolb hatte nur ein Ohr für die Nachricht gehabt, daß es gut gehe. »Is 's wirkli wahr?« kam er endlich zur Frage. »Geht's wirkli guat?« »Meiner Seel', so wahr i da steh«, war die 91 würdevolle Antwort. »Wann i Ihnen's amal sag' . . .« »He, Zauner!« brüllte Herr Kolb, »hast a paar Krüag? Füll s' an und schick s' überi zu mir. Alle Weiber, dö im Hof und in d'r Wohnung san, soll'n si stärk'n. Das andere kummt später, bis 's Kind da is. He, Frau Turner«, wendete er sich an die Überbringerin der Glücksbotschaft, »Sie trinken auf der Stell' an' halben Liter Gumpers. Heinrich . . .« Doch Heinrich war mittlerweile mit seiner Trage fortgegangen, um vier hungrige Wagnergesellen mit Speise und Trank zu versorgen. Dafür beeilte sich der Wirt, der gleich eine volle Flasche auf den Tisch stellte. Frau Turner genoß mit den Gefühlen größter Wichtigkeit sehr unzimperlich von dem guten Tropfen und beantwortete der rasch herausgeeilten Wirtin in instruktivster Weise verschiedene, auf das sich eben vollziehende Ereignis bezügliche Fragen. Dies alles geschah mit so detaillierter Weitschweifigkeit, daß Frau Turner um die Göttergabe Phantasie beneidet werden muß. Mittlerweile war auch Heinrich zurückgekehrt und zu schleunigem Wiederabzug mit einigen Krügen Wein veranlaßt worden. Gäste hatten sich schon eingefunden, deren jedem einzelnen 92 ebenfalls Bericht zu erstatten war. Man drückte Herrn Kolb die Hand, wünschte ihm Glück und beeilte sich rasch nach Hause zu kommen, um die Neuigkeit brühwarm der Gattin mitzuteilen, die in bedauerlicher Vernachlässigung ihres Geschlechts bisher noch gänzlich ununterrichtet war. Frau Turner, die während des Erzählens fast die ganze Flasche Wein geleert hatte und aus diesem Grunde sehr rot aussah, ward jedoch besorgt, daß während ihrer Abwesenheit sich der wichtigste Teil des Aktes vollziehen und irgendeine Nachbarin die Überbringerin der endlichen Freudenbotschaft sein könnte. Sie nahm daher noch einen Schluck und sagte: »Jetzt muaß i aber überischau'n. Jetzt gibt's ka Aufhalten mehr.« Als wäre ihre An- oder Abwesenheit an einem der beiden wichtigen Orte von irgendwelcher nennenswerten Bedeutung gewesen. Die Verwirklichung ihrer Absicht war jedoch überflüssig, denn in demselben Moment wälzte sich eine Schar von Frauen über die Gasse. Allen voran eine, die, mit dem Organ einer Schlachttrompete begabt, unausgesetzt schrie: »A Bua is's! A Bua is's! D' Muatta und 's Kind san pumperlg'sund. Gratulier', Herr Kolb!« 93 Frau Turner stellte mit zitternder Hand das Glas nieder. Ihre Blicke bedrohten die Überbringerin des glücklichen Endresultats fast tätlich. Also eine andere hatte den Vogel abgeschossen. Eine andere, die sich nicht schon seit Stunden vor der Wochenstube herumgetrieben. Eine, die es nur einem schnöden Zufall dankte, als erste am Platze sein zu dürfen. Und wie gemein, aufdringlich und wichtigtuerisch sich nur diese ganze Person benahm! Dann, was wollte der ganze Rattenschwanz überflüssiger Anhängsel? Frau Turner empfand plötzlich die Melancholie großer Seelen beim keuchenden Wettlauf der Menge nach der Gunst eines Großen. Sie war jetzt überflüssig, das fühlte sie. Hier wenigstens. Aber drüben? Und Frau Turner gedachte des Weines, der dort noch ungetrunken stand. Und sie dachte so nebenbei, daß jetzt die Gelegenheit gegeben war, aus dem Vollen zu schöpfen, das heißt einen ziemlichen Teil des derzeit noch ungenossenen Weines in einen großen, bisher unbenützten Krug für die nächsten Tage zu sammeln. Jeder Tag brachte nicht solche Gelegenheit, auf Regimentsunkosten zu leben. Also verschwand Frau Turner unbemerkt, ehe die »Weiber« vielleicht auf den gleichen 94 Gedanken geraten konnten, die bis nun blödsinnig ihrem Leithammel (Frau Turner schämte sich ihres Geschlechtes) nachbrüllten: »A Bua is's!« . . . Was Herrn Kolb anlangte, so überfiel ihn ein Zittern, eine Schwäche, daß er vorerst nicht vermochte, sich von seinem Stuhle zu erheben. Die runden Glotzaugen starrten bedenklich die mittlerweile sich stets vergrößernde Schar von Eindringenden an. Die Lippen zuckten, die Hände tasteten zitternd umher und dann geschah, was noch niemand gesehen, ja nicht einmal in seiner Phantasie sich vorgestellt: Herr Kolb, der Riese, der Hammerschwinger, der moderne Mimer brach in ein Schluchzen aus. Das war ein Zeichen für die weibliche Empfindsamkeit. Ein Schluchzen hob an, als würde von einem lieben Toten Abschied genommen. Doch jegliche Spannung braucht ihre Lösung. Der Wagnermeister faßte sich zuerst voll Beschämung über die zweite heute schon an den Tag gelegte Schwäche. Aber über allem stand es hell und licht: sein Roserl war am Leben und er hatte einen Sohn. Vor dem geistigen Auge des glücklichen Vaters stiegen infolge einer ganz natürlichen Ideenverbindung die nach Feierabend an die Wand der 95 Werkstätte gelehnten Hämmer auf. Da war der erste, ganz große, gleich dem Bogen Ulisses' nur für die Hand des Herrn bestimmte. Drauf folgten sie in Abstufungen nach unten. Herrn Kolbs Prophetenblick (den alle jungen, närrischen Väter zu besitzen vorgeben) sah seinen Erstgeborenen mit dem Hammer des Vaters aus dem Eisen Funken schlagen. Ein unbezähmbares, nur natürliches Verlangen bemächtigte sich seiner, Weib und Kind zu sehen. Aber gegen diese Absicht erhob sich ein allgemeines weibliches Veto. Man gab dem jungen Vater zu bedenken, daß die Wöchnerin durch die ausgestandenen Schmerzen so erschöpft sei, daß für absoluteste Stille gesorgt werden müsse. Man dürfe die unerläßlichsten Gegenstände nur außer Gehörweite in Flüstertönen erörtern und den Kindern sei laut von allen Parteien einstimmig gebilligten Entschlusses Herrn Saltners der Aufenthalt im Hofe auf das strengste verboten. Um aber jeden rebellischen Gedanken Herrn Kolbs gegen diese vernunftgemäße Anordnung gleich im Keime zu ersticken, unterließ man nicht zarte Hinweise auf gewisse, ganz unzarte Andeutungen der Schaffnerin, die sich ein erstens ganz unnützes und zweitens auch ganz 96 aussichtsloses Aufdrängen des glotzäugigen Barbaren ein für allemal energisch verbeten hatte. Als Ersatz jedoch für diese notwendige Enthaltsamkeit von den Äußerungen nur sehr anständiger und natürlicher Gefühle schwuren sämtliche Frauen, Herrn Kolb stets auf dem laufenden zu erhalten. Und als wäre dieses Versprechen das Signal für jede einzelne gewesen, sich auch gewisser Verpflichtungen gegen die Wöchnerin zu erinnern, verließen sie gemeinsam ebenso eilig und geschlossen das Lokal, wie sie es erstürmt hatten. Ich gestatte mir aber trotzdem nicht die Behauptung, daß das mysteriöse, schnelle Verschwinden Frau Turners damit in einen losen Zusammenhang gebracht werden dürfte. Wenn ich schon einigemal darauf hingewiesen habe, daß sich die glückliche, kleine, kurzsichtige, eingesponnene Gasse gewisser Vorrechte erfreute, deren sich leider keine Gasse unserer Zeit mehr rühmen darf, so kann es nicht wundernehmen,. wenn der Puls der Geschäftstätigkeit besagter örtlicher Umgrenzung des Stadtbildes sich anschickte, in Stillstand zu geraten. Das zur ungewohnten Frühvormittagsstunde nur von Herrn Kolb und auf Minutenlänge von 97 edler Weiblichkeit bevölkerte Lokal begann sich alsbald lebhaft zu füllen. Gott sei Dank jener Zeit! Man hatte noch einbringliche Stunden, Ahle, Nadel, Schere, Hammer, kurz jegliches Handwerksgeräte ruhen zu lassen. Die keuchenden Scheusale Konkurrenz und Profitwut saßen einem noch nicht so auf den Fersen wie heute. In kurzem war Herrn Zauners, des Wirtes, Lokal mit Gästen gefüllt, die teils aus Teilnahme an Herrn Kolbs junger Vaterschaft, teils aus Lust an billigen Frotzeleien (fast das tägliche Brot des Wieners), im großen ganzen aber wie gesagt aus Lust an Unterbrechung ihres Werkeltages sich versammelt hatten. Der glückliche Vater aber saß inmitten einer Schar der ihm nächststehenden Bekannten, darunter der Roßhaarkrempler, und nötigte unaufhörlich den Wirt und Heinrich zur Herbeischaffung von Getränken. Unter anderen mit der glücklichen Tatsache in Verbindung stehenden Themen geriet man auf das nächstliegende und zurzeit gewiß auch brennendste: auf die Berufswahl des Neugebornen. »Was er werd'n soll?« erklärte mit Stolz Herr Kolb. »Was sei' Urgroßvoda scho war und sei' Voda jetzt is: a Wagner!« Allgemeine Protestrufe ertönten. 98 »Waßt«, erklärte ein Spezi, »'s tuat net guat, wann m'r an Buam 'n Vodan sei Handwerk lerna laßt; was d'r Voda is, braucht just net d'r Bua z' werd'n. Das war mein Prinzip. I an deiner Stell' liaßt eahm studier'n. Übrigens tua was d' willst!« »Nix da!« entwickelte ein anderer Freund voll Eifer die Zukunftsaussichten des künftigen Namensträgers der Dynastie Kolb. »Vom Studier'n hat bis heut no kaner was herunterbiss'n. Laufen gnua Studierte herum, dö nix zum Ess'n hab'n. Laß eahm die doppelte Buchhaltung lerna, mit der kummt er vorwärts. I kenn' d'r an, der lebt von der doppelten Buchhaltung wia d'r Herrgott in Frankreich. Wannst auf mi hörst . . .« Die Meinungen über diesen Punkt gingen nun so vielfach auseinander, als Gäste anwesend waren. So wurden zum Beispiel noch folgende Berufsarten zur Wahl gestellt: Offizier mit der höchstwahrscheinlichen Anwartschaft auf den »grean' Busch'n und 'n rot'n Straf'n«, womit die Generalcharge gemeint war; Koch in einem hohen Herrschaftshause; Großfabrikant eines erst zu erfindenden und zu patentierenden Artikels; Bildermaler, der mit »Öl auf Leinwand« malt; Musiker, »der aber aa d' Noten kennt«, usw. Ein Externer, der im Vorübereilen das ihm 99 unbekannte Lokal zwecks Stillung eines offenbar sehr quälenden Durstes betreten hatte und sich mit der Wißbegierde eines karg über seine Zeit verfügenden Menschen über die Ursache des herrschenden Disputs unterrichten ließ, meinte leichtfertig: »A Kanalramer war' aa net schlecht. Der geehrte Herr Vatta 'tschuldigt scho'. Sollt' nur a Witz sein.« »Traurige Witz', Herr Vetter vom Land oder wo S' her san. Wirkli traurige Witz'. Mir scheint, Sie hab'n Ihner in der Adreß g'irrt, i man' immer, in das Lokal san S' hereing'fall'n wia die Maus ins Honigfass'l. Glaub' wirkli net, daß S' selber Kinder hab'n, Sie Surm! Wann d'r Kolb net a so a guate Haut war, hätten S' ane am Dach, daß S' Ihner um ka zweite mehr umschau'n braucherten. Schamen S' Ihna, ja!« Dies alles brachte im Tone schmerzlichster Entrüstung Herr Beugler vor, der sich bemüßigt sah, die Vertretung seines Freundes und Gönners zu übernehmen. Seit der Wundergeschichte hing er an diesem mit einer Art ehrfürchtiger Verehrung. Zu gewöhnlichen Zeiten war der Roßhaarkrempler ein so stiller, friedfertiger Mann, als nur je ein kleiner gedrückter Geschäftsmann mit zahlreicher Kinderschar es sein konnte. Abgesehen von 100 einigem Selbstbewußtsein der letzten Zeit, hatte er zur Stunde schon ein wenig ins Glas geschaut, so daß er es an Mut mit jedem aufzunehmen gedachte. Die Abfertigung, die er dem fremden Vorüberläufer zuteil werden ließ, verfehlte nicht, lebhafte Zustimmung zu erwecken. »I man immer«, sagte ein höchst gutgelaunter Gast der intimen Tafelrunde, »der Herr hat a paar Ratzen daham als Kinder, sunst wußt' er net so an' Bescheid mit 'n Kanal. Pfui Teufel! In a so a Loch steckert i mei Nas'n net eini, net um die Burg.« Diese neuerliche Abfuhr erregte noch weiteren Beifall. Aber der angegriffene Gast war ebenfalls nicht wehrlos und er meinte, auf Herrn Beugler deutend: »Und der Herr wird sicher a Küniglzucht daham hab'n. Er hätt's just net notwendi, daß er si um an' Menschen annimmt, der wirkli an' Buam z'samm'bracht hat.« Er lüftete den Hut nach allen Seiten. »Erlaub'n die Herrschaften, daß i mi vurstell: Salinger zu dienen, Salinger von der Neubaugassen. Bandwaren . . . mein' Laden kennt jed's Kind. Wann S' mi dort hamsuach'n woll'n«, wendete er sich ironisch an Herrn Beugler, »so werd'n Ihna meine Buam die 101 Honnär machen. Vier Stuck und alle net ohne. Kane Ratzen, sondern richtige Buam«, wiederholte er nochmals, um über diesen Gegenstand keinen Irrtum aufkommen zu lassen. Herr Kolb in seiner Gutmütigkeit hatte sich durch den unziemlichen Witz über die Berufswahl seines Sohnes nicht im mindesten aufgeregt. Das Geplänkel des fremden Gastes mit seinen »Spezis« bereitete ihm großes Vergnügen. Aber die Ansicht des ersteren bezüglich der Mannheit des Roßhaarkremplers nötigte ihm ein dröhnen des Lachen ab. »Kommen S'«, sagte er endlich zu Salinger aus der Neubaugasse, »schenken S' Ihner ein. Heut soll all's leb'n. Und weiter ka Streiterei. Was aber den anbelangt«, er deutete auf den kinderreichen Beugler, »so waß in net, san's bei eahm scho anderthalb Dutzend oder fehlt no ans drauf. Schau'n S' Ihnern an, den Mann, – alle Achtung! Da müassen mir uns verstecken. I mit mein' anzigen und Sie mit Ihnere viere, bei all'n Respekt davur.« Er hob das Glas. »Hoch! Alle soll'n leb'n und alle an eahnere Kinder a Freud' derleb'n!« Der Eingeladene hatte sich nicht zweimal nötigen lassen. Alle Bitterkeit sowohl auf seiner 102 wie auf seiten Herrn Beuglers ward in kernigen Schlucken ertränkt. Man stieß lärmend zusammen, brachte unzählige Hochs aus, und als die Stimmung schon bedeutend fortgeschritten war, trank Herr Salinger, der sich der Gesellschaft als fescher Kerl entpuppte, mit allen Bruderschaft. Ab und zu schoß etwas wie eine verwirrte Erinnerung durch sein Hirn, als wäre er in der Früh beim Verlassen seiner Wohnung im Begriff gewesen, einen dringenden Geschäftsgang zu machen. Da er jedoch über den betreffenden Gegenstand der »Dringlichkeit« mit sich nicht ins klare kommen konnte, versenkte er das Gedenken an ihn reulos ins Meer der Vergessenheit. Wer sich dem vermessenen Glauben hingäbe, die ganze männliche Kumpanei sei in den geborgenen Hallen des Gasthauses allen zärtlicheren weiblichen Einflüssen und Heimsuchungen entrückt gewesen, würde sich einen nicht nachzusehenden Irrtum zuschulden kommen lassen. Denn abgesehen von dem stets aufrecht erhaltenen Nachrichtendienst, entwickelten die Ehefrauen der jeweilig in der Gastrunde vertretenen Männer einen sonderbaren Eifer, sie auf die Mittagsstunde, dann auf jede weitere verrinnende Stunde aufmerksam zu machen, sie zu ihrem heute 103 unterbrochenen Tagewerk zu drängen, alles mit mehr oder minderer Liebenswürdigkeit. Aber keine einzige versäumte, ob mit freundlichem oder grollendem Antlitz, zu jeder Zeit den ihr angebotenen flüssigen Beweisen für die Seßhaftigkeitsdauer nachzugeben. Um die Worte meiner schon zitierten Gewährsmänner zu gebrauchen: »I man' allweil, an dem Tag war die ganze Gassen b'soffen. Na, wann das dem Kolb net mindestens an' Hunderter 'kost't hat . . .« Möge es ihn was immer gekostet haben. Herr Kolb besaß es und hatte nichts zu bereuen. Und das große Glück, das, ihm einstweilen neidisch verborgen, daheim lag, war wohl viel, viel mehr wert. 104   Fünftes Kapitel (Ist nur von geringem Umfang und erzählt, wie Peperl in frommer Meinung für seine Meisterin beten geht. Er trifft einen guten Bekannten, der eine Bresche in Peperls Prinzipienfestigkeit legt) Jede Zeit hat ihre Berechtigung – aber nicht jede besitzt Schönheit. Ich meine nicht die aufgeschminkte Palastschönheit unserer Städte, sondern die liebe, beschauliche Schönheit, die den Städter noch dem Klange der Abendglocke lauschen und dem Glanze des Abendhimmels träumerisch nachschauen ließ. Ich meine die Zeit meiner Erzählung, da Wien Gott sei Dank noch keine Ahnung von seinem Weltstadtberuf besaß und Abend- und Sonntagfriede über seinen Gassen lagerte. Aber besonders der Friede über meiner geliebten, dummen, kleinen, schwatzhaften, kindischen Gasse! . . . Es gab noch einen Feierabend, der beschaulich vor Türen und Toren genossen wurde. Dafür gab es nichts Aufregendes, man bekümmerte sich 105 um keine Wahlen, keine Frauenbewegung, lebte nicht im Zeitalter des Kindes; aber man ließ Mütter nicht obdachlos umherirren, Frauen nicht auf abgelegenen Stätten gebären und Säuglinge nicht erfrieren und verhungern. Der eine »eherne Gürtel, der die Brust Mutter Vindobonas zu zersprengen drohte«, war im Begriff, selbst zu zerspringen. Der andere, mehr bildliche, fiskalische lebte noch und bot mit seinen Linienwällen einem vergehenden Geschlecht mehr an Reizen als alle unsere heutigen vernewerten Sommerfrischen. Es war noch ein letztes Aufatmen von Behaglichkeit, Gewerbestolz, Borniertheit, Biederkeit und vor allem – Gesundheit. Man kannte noch keine Nerven, kannte aber auch keine Elektrische, keine Automobile und keine Grammophons. Aber . . . ich will ja mit meiner Schilderung fortfahren, die ich meiner Lust, zu moralisieren, zuliebe, ein wenig hintanstellte. Die Zeit bei Becherklang und Hochgeschrei verrinnt rasch. Es war Abend geworden. Die Glocken der nahen Kirchen tönten halb friedlich, halb aufscheuchend in den wüsten Trubel. Die Frauen wurden jetzt störend und unangenehm. Sie sprachen von Lumpenwesen, 106 besoffener Männlichkeit und machten Herrn Kolb verantwortlich für all das Aus-dem-Geleise-Geraten, ja sie beschuldigten ihn geradezu, Störer und Ruin aller gesetzten Ehemäßigkeit zu sein. Der glückliche Vater jedoch befand sich in einem Zustand der Ahnungslosigkeit, wie er ihn niemals vorher gekannt. Er sah um sich ein Heer von Häuptern, die die Merkwürdigkeit besaßen, sich zu verdoppeln und zu vervierfachen. Nur zeitweise, wenn er mit dem wulstigen Zeigefinger ein oder das andere Auge drückte, näherte sich die Zahl der Anwesenden wieder einer Wahrscheinlichkeitsgröße. Und plötzlich wußte er nichts mehr, als daß ihn frische Luft umfing, gerade so, wie wenn er im Äther schwebte. Dazu trug eine angenehme, schaukelnde Bewegung bei, die, biblischen Traditionen zuliebe, alle jene beglücken muß, die sich unter den »Achseln« erfaßt und aufwärts befördert finden. Auch däuchte es ihm, als blickten viele Frauenaugen mit dem Ausdruck tödlichsten und beschämendsten Abscheues auf ihn. An seine Ohren tönte ein Hallogeschrei und seine hervorquellenden Augen blickten trüb einer sich heranwälzenden Gruppe entgegen, und in dieser Gruppe bemerkte er ein bleiches Angesicht. 107 Und dieses bleiche Antlitz nötigte ihn, an Peperl zu denken. Aber – war das Peperl? Und wo war Peperl zur Stunde überhaupt? So sehr sich Herr Kolb bemühte, seine Augen hervorquellen zu lassen, es war doch alles nur eine Vision. Später hatte er die Empfindung, Engel hätten ihn kurzerhand in seine Werkstätte getragen, dort recht weich gebettet, und ein besonders gütiger Engel hätte sich bemüht, etwas Köstliches, Kühlendes auf die Stirn zu legen. Weiter empfand er nichts mehr. Die Visionen des Herrn Kolb hatten eine sehr reale Unterlage. Denn so stark sein Körper war: aber all den seelischen Aufregungen, verbunden mit einem ungewohnten Zechen, war er nicht gewachsen. Sie hatten einen so tüchtigen Haarbeutel heraufbeschworen, daß er sogar die Kräfte eines Riesen vom Stamme Kolb zu lähmen imstande war. Es war selbst für den noch nüchternen Teil der späteren Zuzügler mit ungeheuren Anstrengungen verbunden gewesen, Herrn Kolb zu vermögen, sich ein wenig von seinem Stuhle zu erheben. Immer wieder sank er mit aller Schwere zurück. Endlich aber gelang es doch, den Riesen auf 108 die Walzen zu bringen. Und da zeigte es sich, daß er ganz bedenklich zu schwanken begann. In jedem anderen Falle genügen zu solcher Gelegenheit zwei halbwegs nüchterne Kumpane, um dem gänzlich heruntergekommenen Dritten über alle Fährlichkeiten hinwegzuhelfen. Die Zeit des Jahres, in der sich für den Militärdienst als tauglich befundene Jünglinge einem gewöhnlichen alkoholischen und einem Rausch gesteigerten Selbstbewußtseins sowie einem Rausch patriotischen Überschwangs hingeben, bestätigt meine Darlegung. Nun hätte ein Regiment von Riesen vom Schlage Herrn Kolbs selbst der alte Korporalstockkönig nicht aufzubringen vermocht (wenn der das Kolbsche Ehepaar gekannt hätte!). Sonst würde bei Gelegenheit der traditionellen feierlichen patriotischen Betrunkenheit der »Behaltenen« die ganze Bürgerschaft zur liebevollen Assistenz bei der Heimbeförderung nicht genügt haben. Der Meister war vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so unzurechnungsfähig, wie es eben ein Mensch sein kann, der seit sechzehn Stunden dem Anblick der Wehen einer geliebten Gattin ausgesetzt ist und der während eines weiteren Zeitraumes von zwölf Stunden seinen Herzensbeklemmungen mit Feuchtigkeit zu Hilfe kommen muß. 109 Und erst die seelischen Aufregungen nach Verkündigung des ersehnten und erfürchteten Resultats. Ich wende mich an alle jungen, neugebackenen, närrischen Väter – ob sie es über das Herz brächten, Herrn Kolb auch nur mit einem linden Vorwurf zu strafen. Wie also gesagt, gelang es den vereinten Bemühungen vieler mehr oder minder tauglichen Kräfte, den schwankenden Koloß in Balance zu erhalten. Unter allen, die um dessen Sicherheit einen lebhaften Eifer an den Tag legten, befand sich Herr Beugler. Er hatte den Tag in Etappen geteilt, die vielen Besuchen bei dem Wirte, vielen Ernüchterungsschläfchen und ganz belanglosen Versuchen in seinem Handwerk gegolten hatten. Zur Stunde war er nicht viel nüchterner als sein großer Freund. Aber machte es seine Kleinheit oder vertrug er mehr oder taten es die vielen Ernüchterungsschläfchen, kurz, Herr Beugler bewahrte ein leidliches Aussehen und es machte den Eindruck, als trüge er wirklich etwas zur Stützung des Gefährten bei, indes er tatsächlich die ganze Aktion mehr erschwerte als sie vereinfachte. War das ein Aufsehen, als die Gruppe durch die Gasse zog. Sie bildete einen wirren Knäuel, aus dem die mächtige Gestalt Herrn Kolbs 110 emporragte wie eine vom Sturme geschüttelte Tanne aus niederem Zwergholz. Aber im selben Augenblick nahte sich vom anderen Ende der Gasse ein Knäuel, gebildet aus lauter jugendlichen Elementen der Staatsbürgerschaft, und in der Mitte dieses Knäuels wankte, einem dem Tode zugeführten Delinquenten gleich, Peperl. Das Gesicht aschfahl, den Hut im Nacken, und zwischen Mittel- und Zeigefinger gepreßt eine angerauchte Virginierzigarre. Peperl wurde in normaler Weise nur von zwei Führern gehalten, zu deren einem sein intimer Freund, der Lehrjunge des Schustermeisters Udrzal, gehörte. Alles andere war Kortege. Es ist erst allgemach an den Tag gekommen, wie Peperl in diesen Zustand geraten war. Aus seinen viel später gemachten Geständnissen und Andeutungen, so verstockt und hinterhaltig sie gewesen sein mochten, und mit Zuhilfenahme des ganzen Charakterbildes Peperls ließ sich ungefähr folgendes konstruieren (gewiß setze ich meine Phantasie nicht an letzte Stelle): Im Besitz eines bisher ungekannten Vorrats an Kleingeld war Herrn Kolbs Produkt lehrmeisterlicher Erziehertätigkeit vor allem bemüht gewesen, sich seiner übernommenen moralischen Verpflichtungen zu entledigen. Und dieser 111 Vorsatz hatte ihn in die nächstgelegene, durch vieles Besuchsschwänzen wohlbekannte Bezirkskirche geführt. Peperls Begriffe vom inbrünstigen Beten waren ziemlich verschwommene und unausgereifte. Seine durchschnittliche Hausfrömmigkeit ward schon geschildert. Eine Bewegung mit dem gestreckten rechten Daumen von der Stirn bis zur Magengegend, ein Händeverschlingen, das in besonderen Fällen zu einem von dem Meister unnachsichtlich gerügten und bestraften Händereiben wurde, dann ein stumpfsinniges Dreinstarren, was ein frommes Insichversenktsein markieren sollte. In besagtem Falle machte es Peperl ebenso, nur daß er sich bemühte, seine Gedanken auf die leidende Frau Meisterin zu konzentrieren. Er malte sich in einem Moment der Gefühlsaufwallung die Möglichkeit aus, Frau Kolb könne sterben, eine andere Meisterin könne Einzug in das Haus halten, eine andere, die nicht so gut kochte und so reichlich vorsetzte wie die seelensbrave Frau Rosa. Bei diesen Vorstellungen fühlte Peperl etwas wie wirkliche Rührung. Zwar mehr über sein vorgestelltes Los als aus menschlichem Mitleid. Aber er war überzeugt, die nötige Herzensinbrunst aufgebracht zu haben, deren wir uns alle rühmen, wenn es ein uns nahegehendes Ereignis betrifft. 112 Und aus dieser momentanen Inbrunst heraus beschloß Peperl, den Lauf seiner überströmenden Gefühle mit einer neuerlichen Beschwörung von Stirn, Brust und der ihm so heiligen Magengegend einzudämmen. Dann warf er in den Opferstock etwas, das einen ganz einfachen dünnen Klang besessen haben mußte. (Peperl ward bei späteren teilnahmsvollen Anfragen über die Höhe seiner Opfergabe an die Muttergottes ziemlich unwirsch.) Von der Kirche aus begab sich Peperl im Schlenderschritt – er versäumte ja nichts – nach einer Tabaktrafik. Dort versorgte er sich mit einem kleinen Vorrat von Zigarren, die ob ihrer Billigkeit, Länge und Güte damals von jugendlichen Amateurrauchern sehr geschätzt wurden. Im Gegensatz zu heute rauchten jedoch diese Amateure sehr verstohlen, denn es gab rückständige Erwachsene genug, ihnen die Zigarre aus dem Munde zu schlagen. Deshalb strebte Peperl hinaus aus dem Weichbild der inneren Bezirksteile. Bei einer ehemalig bestandenen »Lina« gelangte er zu einer der schön grünenden Wiesen, die breit die Linienwälle umsäumten. Auf solch einer Wiese ließ er sich nieder, rückte den Hut ein wenig über die Augen und gab sich dem stimulierenden Genuß des narkotischen Krautes hin. 113 Bis nun wäre alles ruhige Idylle gewesen. Und abgesehen von der zu geringen Opfergabe und dem verbotenen Rauchen würde Peperls Ehrenschild blank geblieben sein. Doch mit einem Reichtum in der Tasche und einem freien Halbtag vor sich – welcher Lehrjunge würde auf die Reinheit seines Ehrenschildes besonders Bedacht nehmen? Peperl, von dem Genuß einer Zigarre ermüdet, erhob sich endlich, schlenderte der nächsten »Linie« zu und landete in dem schattigen Vorgarten eines kleinen Gasthauses. Dort ließ er sich zu kurzer Rast und Stärkung nieder. Das Gollasch duftete so verlockend aus der Küche, die den Gästen kredenzten vollen Biergläser mit ihrer weißen Schaumkappe trieben förmlich den Speichel in den Mund, kurz, Peperl gedachte es sich wohlsein zu lassen. Nicht lange, und ein vollständig blankgewischter Teller, weiter ein halbgeleerter Brotkorb und ein vollständig geleertes Bierglas bekundeten einen gesegneten sowie gestillten Appetit und Durst. Nun wäre aller menschlichen Voraussicht nach Peperl säuberlich aufgestanden und hätte es sich an der einfachen Stärkung genügen lassen. Aber sei es, daß alles, was mit Herrn Kolbs Haushalt 114 im Zusammenhang stand, etwas von Wundern anzog, wie ein mit einem Magnet bestrichenes Eisenstück; sei es, daß die Vorsehung Peperl zu einer erstmaligen, aber gründlichen Prüfung berufen wollte – dieser sah plötzlich in ein bekanntes Gesicht. Besagtes Gesicht gehörte einem Lehrkollegen an, der im Vorjahr von Herrn Kolb zum Tempel hinausgeworfen worden war, nachdem sich etliche kleine Eigentumsdelikte erwiesen hatten. Da der angehende Wagnereibeflissene überdies seinen Beruf als einen gänzlich verfehlten, das Handwerk als niederträchtiges und seinen Lehrherrn als den größten Leuteschinder betrachtete, konnte man Herrn Kolbs Vorgehen nur als ein Entgegenkommen gegen den hoffnungsvollen Gentleman loben. Dieser war hoch erstaunt und tat unendlich erfreut, zu so ungewöhnlicher Zeit seinen ehemaligen Berufskollegen an einem so ungewöhnlichen Orte zu treffen. Er kam auf ihn zu, begrüßte ihn mit Herzlichkeit und Würde, ließ sich an dem Tische nieder, den Peperl zu verlassen eben Anstalt machen wollte, ließ sich vom Kellner den Wein von seinem Tische herüberbringen und ehe sich's Peperl versah, war ein freundschaftlicher Herzensbund geschlossen. Natzl hatte im Anfang wohl mit einem kleinen Vorurteil zu rechnen. Denn nach der ersten 115 Begrüßungsfreude, die mehr auf seiner Seite zu bestehen schien, war eine etwas schwüle Pause eingetreten. Peperl, der im Grunde ein hochachtbares, ehrenhaftes Gemüt besaß, hielt sich von vornherein reserviert, gleich einem Offizier, den ein unmöglich gewordener ehemaliger Kamerad anspricht. Er versuchte, Natzl sozusagen zu »schneiden«. Doch mit nicht viel Glück. Denn wie gesagt, im Verlauf einer nicht allzulangen Spanne Zeit war ein Herzensbündnis geschlossen worden. Natzl hatte mit dem Raffinement aller Seelenfänger den Teufel Alkohol in seinen Dienst gezogen und ohneweiters dem Kellner Auftrag gegeben, vor Peperl ein Glas Wein hinzustellen. Dieser, im Bewußtsein, daß er imstande sei, sich revanchieren zu können, nahm gnädig an. Bald hatte er einen roten Kopf. Der ehemalige Lehrkollege tat über das Haus Kolb sehr von obenhin. Nichtsdestoweniger schien er mit Interesse all den Ereignissen zu lauschen, die sich nach seinem unfreiwilligen Austritt ereignet hatten. Als er von den Kindesnöten der früheren Meisterin vernahm, lachte er höhnisch: »So zwa alte Eseln!« Peperl, der noch nicht von allen guten Engeln und allen Gefühlen des Anstandes verlassen war, 116 verbat sich den Ton. Dann – es war mittlerweile ein zweiter gefüllter »Stutzen« vor ihn auf den Tisch gestellt worden – stärkte er sich gründlich und betrachtete seinen Genossen mit den Augen, mit denen wir alle gewohnt sind, Lumpen zu betrachten, die es zu etwas gebracht haben. Denn es hatte allen Anschein, daß Natzl über reichlich Geld verfüge. Und, mag es uns Religion und Philosophie hundertmal anders beweisen wollen, Besitz adelt. Daher zeigte Peperl auch eine etwas aufdringliche Wißbegierde bezüglich der Einkommensmöglichkeiten seines Freundes – das war Natzl mittlerweile geworden. »Am Roßmarkt bin i jetzt«, war die nonchalante Antwort. »Mein Liaber, da verdienst a Geld und brauchst di net schinden wia bei an' G'schäft. Von d'r Fruah bis auf d' Nacht dastehn bei d'r Arbeit, beutelt und a'g'watsch'nt werd'n . . . Na, so was vertrag' i net. Und dabei 's ganze Jahr ka Geld im Sack . . . Da schau her!« Er griff in die Tasche und zog nebst einer Handvoll von Silbermünzen noch einige zerknitterte Guldenzettel hervor. Peperl traten vor Staunen fast die Augen aus dem Kopfe. »Sixt es«, sagte Natzl, »so lebt das Volk in Wean! Da braucht ma ka notig's Masterg'lumpert. Aber trink do, für an' alten Spezi laß i was springen.« 117 Abermals kam eine frische Füllung. Peperl offerierte dem ehemaligen Kameraden eine seiner Zigarren, die dieser hohnlachend unter den Tisch warf und mit den Füßen zertrampelte. »So was raukst du?« fragte er voll ehrlicher Verwunderung. »Anmal, als Lehrbua, hab' i das aa z'samm'bracht. Aber heut . . .« Natzl schüttelte sich und bestellte dann zwei Trabuccos. Dann gab man sich den Erinnerungen an alte Zeiten hin, hustete und spuckte dazwischen viel und suchte den beißenden Tabakgeschmack mit Wein hinunterzuspülen. Peperl, der sehr neugierig war, wollte nähere Details über die Einkommensmöglichkeiten am Roßmarkt erlangen. Aber in dieser Art versiegte die Mitteilungsbedürftigkeit des Freundes, der offenbar geneigt war, dieses Thema als abgetan zu betrachten. Dafür gelangte man darauf, den wundervollen Zufall zu preisen, der zwei so alte Burschen nach langer Zeit wieder einmal zusammengeführt. Bei Peperl, dem der ungewohnte Wein sogar das Geständnis einer Mordtat entrissen hätte, regte sich die unscheinbare, aber bissige Bestie der Medisance. Er kniff ein Auge ein, blickte Natzl mit einem spitzbübisch sein sollenden, aber schon bedeutend blödsinnigen Grinsen an und sagte geheimnisvoll: 118 »Was glaubst eigentli, warum mir d'r Master heut freigeb'n hat? Da schau aa her.« Und er griff gleichfalls in die Tasche und brachte seinen Schatz zum Vorschein. »Beten hätt' i gehn soll'n«, hauchte er, wie man bei besonders geheimnisvollen, des Humors nicht entbehrenden Dingen zu tun pflegt. »Verstehst? Bet'n für d' Masterin, und da hätt' i soll'n dö Opferstöck' damit anfüll'n. Wia g'fallt d'r so was? Ha? Was sagst da dazua, zu so aner Idee?« Natzl, der im Begreifen frommer Gefühlsausbrüche sehr schwach war, dämmerte erst allmählich die Rolle auf, die man seinem Ex-Kameraden zugemutet. Er starrte den Erzählenden geraume Zeit an wie einen, der eine ganz unerhörte Mär verkündet. Zugleich stand ihm das Bild seines ehemaligen Meisters vor Augen, der es liebte, beim Anhören unglaublicher Dinge sich auf den Schenkel zu klopfen und in ein dröhnendes »Hohohoho!« auszubrechen. Das Männliche dieser Expektoration bewog nun Natzl zu einer Nachahmung, die insofern etwas verunglückt ausfiel, als der Schenkelschlag zu dünn und das Lachen zu unreif-kreischend klang. Peperl, zu seiner Unehre sei es gesagt, überbot seinen Kumpan in einem hysterischen, unnatürlichen Heiterkeitsausbruch. Doch zur teilweisen 119 Entschuldigung mögen die Menge des konsumierten Weines und die Scham über die Rolle, die er nun spielte, herangezogen werden. Man war jedoch seitens der anderen Gäste auf das noch etwas unmündige Zecherpaar aufmerksam geworden. Man machte einige ganz ungescheute Bemerkungen, die mit ausgerissenen Haaren und Ohren in Verbindung standen. Der Wirt, der mißtrauisch geworden, forderte die beiden jugendlichen Zecher zur Bezahlung auf. Natzl war um freche Antworten nicht verlegen, desgleichen Peperl, der mit Mut förmlich zur Explosion gefüllt war. Aber trotz allem: in kurzem hatten sie die Zeche berichtigt und fanden sich hinausgesetzt. Von der anderen Seite der Straße höhnten sie nun aufs unverschämteste das Wirtspersonal und die Gäste. Erst als sie merkten, daß eine Verfolgung eingeleitet werden sollte, nahmen sie Reißaus. »Waßt was«, sagte Natzl, nachdem sie ein wenig ihr durch den reichlichen Weingenuß und das starke Laufen erzeugtes Echauffement überwunden hatten, »gengan m'r in 'n Prater.« Peperl, so verworfen er sich schon gezeigt hatte, war von den Engeln des Pflichtgefühles und Heimtriebes noch nicht so sehr verlassen, um sich 120 nicht zu erinnern, daß es für ihn höchste Zeit sei, heimzukehren. Aber Versucher haben eine geläufige Zunge und finden willige Ohren. In der überzeugendsten Weise legte Natzl Peperl nahe, daß erstens seine Anwesenheit an dem heutigen Tage eine gänzlich entbehrliche, ja vielleicht sogar hindernde sei. Zweitens, daß sich Herr Kolb durch Darreichung des Geldgeschenkes nicht nur aller seelischen, sondern auch seiner materiellen Verpflichtungen, wie der für Peperls leibliche Notdurft, für entbunden erachte. Dann wäre eine Heimkehr in dem jetzigen Zustand viel auffälliger, als wenn sie sich erst durch einen Spaziergang im Prater erfrischt hätten. Kurz, so manche Gründe wurden vorgebracht, bis das Wanken kam, dann das Nachgeben und alle guten Engel sehr kategorisch jeden weiteren Verkehr mit Peperl abbrachen und ihn vollständig schnitten. Das böse Prinzip hohnlachte also und die kleine Gasse hatte Gelegenheit, noch lange in der erbaulichsten Entrüstung über den von Gott und der Welt verlassenen Lehrjungen zu schwelgen. Über den weiteren Etappen dieser »Praterfahrt« liegt wie über so manchem geschichtlichen Ereignis ein Schleier. Peperl, der erst viel später, allen großen Männern gleich, sich entschloß, aus 121 seinem reichen Erinnerungsschatz zu spenden, deutete auf manche Fährlichkeiten hin, auf viele Ringelspielfahrten, Gasthausbesuche, sogar auf einen Konflikt mit dem Gesetz; auf ein Schläfchen in den Praterauen, neuerliche Gasthausbesuche, Rauchen von Zigarren, Ausbrüche von Reue und Ausbrüche alles Genossenen . . . Wie er heimgekehrt, dessen vermochte er sich aber in seinem Leben nimmer zu erinnern. Es schien fast, als ob auch in dieser kurzen Strecke seines jungen Lebens ein mildes Wunder seines lieblichen Amtes gewaltet. Ich meinerseits verhehle den Verdacht nicht, daß Natzl mit der Freude des geborenen Bösewichts sein Opfer ganz nahe an die Gasse geführt und es abgewartet hatte, daß dieses von der Jugend aller Schattierungen erspäht werde; dann hatte er einem Verschwörer gleich, der die Wirkung einer in die Stadt geworfenen Brandfackel mit Genugtuung auf sich wirken läßt, Peperls Einzug von fern beobachtet . . . Meister sowohl als Lehrling wurden in der Werkstätte gebettet. Diese Maßregel hatte sich aus vielen Gründen für tunlich erwiesen. Vor allem aus denen der Einfachheit. Herrn Kolbs Bettvorrat war über ein reines großes Tuch auf die Erde gelagert worden. All diese Anordnungen hatte Frau Beugler getroffen, die, unterstützt von 122 der Schaffnerin, Frau Rosa über das psychische wie leibliche Wohl des Gatten beruhigen mußte. Die arme Frau war von den Qualen der Geburt so erschöpft, daß sie schließlich beruhigt in einen tiefen Schlummer verfiel. Daß Peperl mit seinem Nachtlager schlechter daran war als sein Gebieter (man schob ihm einige alte Werkschürzen unter den Kopf und bedeckte ihn mit einem alten Pferdekotzen), liegt in der Unzulänglichkeit der sozialen Verhältnisse begründet. Und über ihn beugte sich auch nicht Frau Beugler und linderte die Hitze seines Kopfes mit kühlenden Umschlägen. Aber eines hatten Meister und Lehrjunge gemeinsam: sie schnarchten um die Wette. Und viele, viele andere mochten es zur Stunde in der kleinen Gasse den beiden gleichtun. 123   Sechstes Kapitel (Zeigt zwei Helden in etwas katzenjämmerlicher Stimmung. Herr Kolb sieht zum erstenmal seinen Stammhalter, nachdem er die Schrecken Schaffnerischer Dialektik überstanden) Kinder, die nach der Christbescherung, wenn auch später als sonst, doch sehr wider Willen zu Bette gebracht wurden und im seligen Nachkosten einer empfundenen Freude und Aufregung entschlummerten, wachen am nächsten Morgen mit einem ganz besonderen Gefühl auf. Der Schlummer verklebt noch die Augen, die Erinnerung kriecht zögernd aus ihrem Schlupfwinkel in dem kindlichen Gehirn – sie bringt aber das Bewußtsein von etwas Köstlichem, Entzückendem, das den kleinen Schläfer bei seinem Erwachen erwartet. Auch Liebende haben diese Empfindung, wenn der anbrechende Tag ihnen die Erfüllung eines heißen Herzenswunsches, sei es eines Wiedersehens oder einer endlichen Vereinigung, bringen soll. Und die ärmsten aller Freudigen, die ein Gnadenwort vor dem Henker bewahrte und die 124 nach der ersten entsetzenslos verbrachten Nacht nach so vielen schaurigen, entsetzensvollen sich der Freude hingeben, für ein langes, erbärmliches Leben hindurch dennoch Tote zu sein . . . Als Herr Kolb, erwachend, sich auf seinem improvisierten, ungewohnten Lager fand, stierte er vor allem in nicht sehr geistreicher Art umher. Bei ihm ließ sich die Erinnerung mit vieler Umständlichkeit Zeit, aus ihrer Höhle zu kriechen. Aber dennoch – eine Empfindung hatte sich aus dem unterbrochenen Bewußtsein in dessen Fortsetzung augenblicklich erneuert. Die Empfindung, mit der Tatsache eines glücklichen Ereignisses zu Bette gegangen zu sein. Zwar, was letzteres anlangt, so war Herr Kolb noch niemals in seinem Leben so sehr im unklaren über die Art und Weise, wie er zu Bette gelangt sei, als in diesem Augenblick. Er glotzte in der stumpfsinnigsten Weise eine Weile vor sich hin. Dann nötigte ihn ein bohrender Kater, zeitweise vor dem blendenden Tageslicht die Augen zu schließen. Aber, merkwürdig, durch alles rang sich immer wieder die Empfindung hervor: ich bin einem großen Glücke entgegen aufgewacht. Als sich Herrn Kolbs Augen endlich entschlossen hatten, ihren gewöhnlichen, täglichen Funktionen nachzukommen, fielen sie auf Peperl, der sich in einer womöglich noch trostloseren Verfassung befand wie sein Gebieter. 125 »He, Peperl«, sagte dieser und blickte erstaunt umher, »wia kumm i denn da eina?« Wehe Herrn Kolb unter anderen Umständen! Hätte Peperl sein gestriges Abenteuer nicht gehabt und wäre er zur Stunde nicht von dem fürchterlichsten aller Kater geplagt worden – er hätte nicht unterlassen, in geziemender, aber nichtsdestoweniger schonungslosester Art den Erinnerungen seines Meisters rasch auf die Beine zu helfen. So jedoch hatte er mit pochendem Herzen und hämmernden Schläfen dessen Erwachen entgegengesehen. In seinem Gehirn war die Erinnerung an die Art und Weise, wie er zu Bette gebracht wurde, ebenfalls vollständig ausgelöscht. Nur das Bewußtsein beherrschte ihn, der verworfenste, frevlerischeste, niederträchtigste Verbrecher zu sein, den je die Erde getragen. Er hatte keine Ahnung von Herrn Kolbs gestrigem »Unfall« gehabt und meinte nicht anders, als dieser sei in alle Phasen seines Verbrechertums eingeweiht. In dieser Anschauung bestärkten ihn die Gesellen, die ihr Opfer auf dem Roste unbestimmter, aber gräßlicher Andeutungen langsam brieten. Es wurde schon gesagt, daß Peperl ein Gentleman, gar nicht sentimental und am wenigsten feig war. Gelegentliche »Auseinandersetzungen« des 126 Meisters mit seinen Haaren, Ohren oder Backen betrachtete er ganz einfach als die Folgen eines latenten Kriegszustandes. Er hätte zu anderen Zeiten alle zwei »Uhrwascheln« geopfert, ehe er ein Zeichen unwürdiger Schwäche gezeigt hätte. Aber man bedenke die Macht eines Katers! Ihre Kenntnis ist vielleicht als zu allgemein vorausgesetzt. Wer sie noch nie kennen gelernt hat, sich jedoch trotzdem für sie interessiert, möge sich die nötigen Anleitungen geben lassen, um in ihr schauerliches Bereich zu gelangen. Also Herr Kolb hatte gesagt: »He, Peperl«, und glotzte diesen an. Peperl tat geraume Zeit das gleiche. Dann raffte er sich auf und sagte: »Guat'n Murg'n, Herr Master!« »Sag' m'r nur, wia kumm i denn da her?« lautete die Wiederholung der ersten Frage. Peperl zuckte die Achseln. Man hatte es nicht für nötig befunden, ihn über diesen Umstand zu informieren. Daß eine solche Unterlassung, was seine Person betraf, nicht zu den zartfühlenden Eigenschaften der anderen gehörte, ist klar. »Herrgott«, murmelte Herr Kolb, »mir scheint, gestern war a schwarer Tag. Mein Schäd'l . . . mein Schäd'l! . . .« Er preßte die Faust gegen das unglückliche Objekt. Plötzlich besann er sich: »Wia spät hab'n m'r denn?« 127 »Sieb'n Uhr«, wagte Peperl schüchtern zu antworten. »Jessas, und da weckst mi net scho lang?« »I hab' net därfen, d' Frau Beugler hat g'sagt, i soll Ihna schlafen lass'n«, lehnte Peperl jede Verantwortung ab. Das Wort »Frau Beugler« hatte wie mit einem Zauberschlag alle Lähmung der normalen Gehirntätigkeit schwinden gemacht. Die Verbindungskette der Erinnerung in allen Einzelheiten hatte sich zu einem stattlichen, lebenden Glücksbewußtsein ausgewachsen. Herr Kolb sprang mit beiden Füßen auf. O Gott! Er schlief hier auf trunkenem Lager und in dem vierten Raume von hier lag seine Roserl und an ihrer Seite lag der erbetene Stammeserbe. »Wia geht's d'r Frau Masterin«, keuchte er Peperl an, »und 'n Klan?« Peperl, als Wachtposten aufgestellt, um Herrn Kolbs Erwachen abzuwarten, rapportierte: »I soll sag'n, d'r Frau Masterin geht's guat und 's Kind is aa wohlauf.« »Gott sei Dank!« seufzte Herr Kolb. »Jetzt aber tummel di, lauf', bring mir a Wasser zum Waschen eina. Wer is denn bei d'r Frau Masterin?« 128 »D' Frau Beugler und d' Frau Schaffner.« Der junge Vater stöhnte. Dieselben unmännlichen Furchtanwandlungen, die Peperls Knie schlottern machten, hatten auch ihn erfaßt. Er wußte, was ihm bei einem etwaigen Zusammentreffen außerhalb der versöhnenden Nähe der Wöchnerin erwartete. Er wusch sich etwas zögernder, als seine väterliche Ungeduld vorschrieb, kleidete sich etwas umständlicher an, ging zu seinem Schranke (der seinen Platz in der Werkstätte hatte) und trank zwei bis drei Magenwärmer mehr als sonst. »Wo san die G'sell'n?« fragte er dann. »In' Hof draußt'n, sie hab'n nix arbeiten können, so lang der Herr Master g'schlaf'n hat.« »Und das war dir halt recht. Was? Mistbua . . .« Peperl duckte sich zusammen. Wenn sich jetzt der Meister des gestrigen Tages nur nicht erinnern wollte! Aber der dachte wahrlich nicht daran und wenn, so gehörte das Kapitel Peperl mit zu den beschämenden Ereignissen, soweit sie die Angelegenheit mit dem Beten betrafen. Und wie seine eigene Heimkehr war auch die seines Lehrjungen gänzlich vergessen. Das merkte der und atmete erleichtert auf, indem er seinem Herrn aus dem Wege zur Küche folgte. 129 Dessen Unstern ließ ihn die Tür von der Werkstätte eben öffnen, als von der anderen Seite die alte Hebamme heraustrat. Die Küche war unglückseligerweise durch zwei Räume vom Wochenzimmer getrennt, so daß keinerlei Rücksicht auf dieses das alte gefürchtete Weib zur Mäßigung nötigte. Ferner war sie noch der Ein- und Ausgang nach der Hofseite und der Hof war nicht menschenleer, wie er es seit Gedenken nie war; und die Küche lag nicht nur offen für die Blicke und Ohren der Außenstehenden, nein, sie war heute ebenso von teilnahmsvollen Nachbarinnen erfüllt wie am Vortag. Also in dem Augenblick, als Herr Kolb dieses neutrale Gebiet betrat, betrat es von der anderen Seite die Hebamme, um – doch das sind Kindbettgeheimnisse. Kurz, die Schaffnerin befand sich auf freiem Kampffeld. »Hihihi!« kreischte sie, »schon aus dö Federn? Das haßt aus 'n Schweinskober? Wünsch' wohl geruht zu hab'n, Herr von Kolb. So guat wia Sie gestern und heut nacht hat's Ihna Frau net g'habt. Da garantier' i Ihna. No ja, mein liaber Himmel, es is ja nur d' Frau. Gelt'n S', ja? Oder net? Ha? Wann S' an' Hund hätt'n, der Junge kriagt hat, hätt'n S' sicher net schlafen können vor Aufregung. Oder ja? Glaub'n S'? – Saufen wia 's liabe Viech und die ganze Gassen 130 rebellisch machen, daß s' ganz schwarz war vor lauter b'soffene Mannsbilder und Tagdiab, indem 's Weib daham währenddem beinah' sterb'n kunnt. Das macht bei so an' Lackl nix aus. Vielleicht ja? Ha! Oder net?« schrillte sie, daß es gellte. »Aber Schaffnerin«, lallte Herr Kolb, »es war nur aus Freud'. Und dann war' i ja eh glei kummen, aber . . . aber, Sie ham's ja nöt erlaubt.« Er sagte das wie ein gescholtener kleiner Junge, der alle für seine Verteidigung tauglichen Tatsachen vorbringt. »Hihihihi! I – net erlaub'n! Hörn S' es?« wendete sie sich an die umstehenden Frauen, die mit ernsten Mienen und mit von dem Verbrecher abgekehrtem Gesicht dastanden, nur von Zeit zu Zeit düster und bestätigend mit dem Kopfe winkend. »I hätt's net erlaubt! Alle ham S' es g'hört. Oder net? Alsdann ja. An' b'soffenen Viech wir i erlaub'n, a arm's Weib in Tod z' jag'n. Schamen S' Ihner! Ja? Pfui Teufel! Wo a and'rer Mann in an' Winkel kniat und bet', sauft er mit seine Brüaderln und verführt no and're halbwegs anständige Männer dazua, an dö no a bißl was zum verderb'n war. Ah . . .! Weil i beim Beten bin, den Hundsbuam, den niederträchtigen, den gottverlassenen, schickt er beten statt 131 seiner. Ja, di man' i«, wendete sie sich an Peperl, der kreidebleich wie sein Herr hinter diesem Deckung suchte. »Di man' i, schau mi nur an! Herrgott! Daß 's ka Gerechtigkeit gibt und daß ma so a Mißgeburt net vertilg'n därf! Aber natürli – der Herr b'soff'n wia a Ochs, destweg'n d'r Bua b'soff'n wia a Schwein.« Sie sprach wieder zu Herrn Kolb. »Wia i Ihnerer armen Muatta von Ihner g'holfen hab', hätt' i Ihner derwürg'n, dertret'n soll'n. War' viel Elend in der Welt weniger g'west. Vielleicht net, ha? Aber jetzt schau'n S' amal zu dem armen Weib eini, vielleicht interessiert Ihner das Kind. Ja? Is aa a Mannsbild. Unser Herrgott sei derer gnädig, die den amal heirat't, wann er sein' Lackl Vodan nachg'rat.« Es muß wundernehmen, wie viel sich die alte Hebamme herausnehmen durfte. Herr Kolb war ein gutmütiger Riese. Aber wäre er ebenso bösartig gewesen, er so wenig wie irgendein anderer, der die Schaffnerin kannte, hätte eine Auflehnung gewagt. Ihr Alter, ihre Erfahrung, ihre Geschicklichkeit, ihr hohes Ansehen bei den Frauen umgaben ihre Person fast mit dem Zauber der Unverletzlichkeit gleich dem der Stammesältesten eines Zigeunerklans. Und dann spielte eine für die jüngere 132 Generation sagenhafte Lebensgeschichte der alten Frau mit, die tieftraurigen Klang hatte. Sie war einmal eine glückliche junge Frau. Und wie es jungen, glücklichen Frauen zuweilen zu ergehen pflegt, machte der Mann diesem schönen Zustand ein Ende. Er war ein Lump, »Drahrer«, verspielte und vertrank einen Wochenlohn um den anderen, ohne sich um Frau und zwei Kinder viel zu kümmern. Die Kinder starben und im Augenblick, als Frau Schaffner (ich meine die noch junge Frau Schaffner) einem dritten Kinde das Leben geben wollte, kam eine Nachricht, die der Mutter fast das Leben gekostet hätte: ihr Mann sei wegen Totschlages um einer Straßendirne willen eingesperrt worden. Das dritte Kind lebte auch nicht mehr lange. Aber die Frau überlebte sehr, sehr lange, bis zum Tage den Tod ihres Mannes. Von der Zeit an, da sie das Schrecklichste getroffen, die Frau eines Totschlägers zu sein, datierte ihr Haß gegen das männliche Geschlecht. Aus einer einst jungen, lebensvollen, heiteren Frau war allmählich eine mürrische, keifende Greisin geworden, die nur eines kannte: die liebevollste Rücksicht gegen die ihrer Hilfe bedürftigen Mitschwestern. Eine alltägliche, banale Geschichte. Aber wenn sie den Schnee auf dem Haupte einer Greisin 133 verklärt, nicht weniger wert als manche andere, hochdramatische, die nur dem Bedürfnis eines Tages genügt . . . Der Abgekanzelte beeilte sich, die ersehnte Erlaubnis zum endlichen Besuch der Wöchnerin auszunützen, während Peperl gleich einem von Todesängsten gejagten Mäuslein durch die Schar der höhnisch lächelnden oder grimmig blickenden Frauen dem Hofe zu enteilte, wo er sich mit seinem durch die draußen versammelte Menge erst richtig hergenommenen Ehrgefühl abfinden mag wie er will. Als Herr Kolb mit hochklopfendem Herzen so leise als möglich die Türe öffnete, fand er sich nicht gleich in dem verdunkelten Zimmer zurecht. Er blieb einen Augenblick zögernd beim Eingang stehen und glotzte nach dem Lager, auf dem er was Weißes ruhen sah. Frau Beugler trat ihm entgegen, faßte seine Hand und führte ihn dem Weißen zu. Jetzt, wo sich sein Auge an das Dämmerlicht gewöhnt, erkannte er das bleiche Gesicht seiner Roserl, die ihm mit einem glücklichen Lächeln matt die Hand entgegenstreckte und nur leise: »Radl, mein liaber Radl!« zu flüstern vermochte. So übermannte sie die Erregung des Augenblicks. In der Brust des Riesen tobte ein Schluchzen 134 beim Anblick der geliebten Frau. Auch er brachte nichts hervor als ein: »Roserl, mein liab's Roserl!« Dann entstand eine lange Pause, in der sich die beiden großen Kinder unter Tränen anlächelten und bei den Händen hielten. Dann aber siegte der Stolz der neuen Mutter. Sie tastete mit der Rechten nach einem Bündel neben ihr und winkte Frau Beugler zu sich. Diese verstand sogleich die Bewegung. Vorsichtig hob sie das Bündel aus dem Bette und präsentierte seinen Anblick dem Vater. Ja, es war der wirkliche, leibhaftige Sohn. Aber wenn Herr Kolb, was die Eigenschaft zu glotzen anlangte, ein Tüchtiges zu leisten imstande war – nichts kam dem Vermögen dieses Augenblicks gleich. Er starrte mit solchen, förmlich aus dem Kopfe getriebenen Augen auf das winzige Päckchen wie vielleicht ein kleiner Junge, dem man monatelang hindurch täglich von einem großen, schönen, aufgezäunten Hutschpferd als Geschenk gesprochen, ihm den Kopf mit den entzückendsten Beschreibungen verdreht, und der im Augenblick des erhofften Glückes ein kleines, weißes Zehnkreuzerpferd an Stelle des versprochenen Hutschpferdes findet. Förmlich gestielt erschienen die Augen des Kolosses. Seine noch von gestern verwirrte 135 Phantasie hatte ihn einen Jungen so ungefähr von der Größe Peperls sehen lassen und die Enttäuschung glich zur Stunde einem Absturz von irgendeiner Bergeshöhe. »Dös is alles? . . .«, stammelte er endlich, als handelte es sich um die Größe einer Essensportion. Frau Rosa fühlte sich gekränkt wie eine Geschenkgeberin, die für eine gutgemeinte, in ihren Augen sehr wertvolle Gabe kühlen Undank erntet. »So red'st du, Radl? Von dein' Kind?« fragte sie voll tiefen Vorwurfes, dabei einen zärtlichen Blick auf das winzige Päckchen werfend, das sie plötzlich in den ungeschlachten Armen des Gatten schaukeln sah. »Schrei'n möcht' i 'hn anmal hör'n, daß i waß, ob er wirkli lebt«, äußerte Herr Kolb nach einer Weile. »Net wird er leb'n, du graußlicher Ding«, erwiderte mit lächelndem Zürnen die Gattin. Sie kannte ihren Alten zu gut, um ihm lange seine »Dummheiten« nachtragen zu können. »O Gott! Radl!« fuhr sie dann mit einem leisen Schaudern fort; »was i ausg'standen hab' . . . Es war anfach schreckli. I hab' scho im Geist von dir Abschied g'numma. Warum der Himmel aner Mutter ihr Freud' gar so teuer derkaufen laßt! . . . 136 Radl, wann i von dir hätt' gehn müass'n . . . du armer Hascher . . .« Und bei dieser Vorstellung weinte Frau Rosa leise. »Roserl, Roserl!« stöhnte Herr Kolb, »mach' mi net ganz zu an' klan' Buam. I war's gestern gnua. G'want hab' i Lackl Mann . . .« Und er verschluckte die Worte, die sich noch vordrängen wollten, um sich nicht wieder von unmännlicher Rührung fortreißen zu lassen. Nach einer Weile sagte er gefaßt und eindringlich: »Jetzt aber is alles guat, Roserl, Gott sei Dank! Und für das, was d' ausstehn hast müass'n, will i di auf d' Händ' trag'n und hab'n kannst, was dei Herz begehrt. Gelt, Roserl, i war d'r bisher aa no nia a schlechter Mann. Das kannst do net sag'n.« Die Wöchnerin wehrte mit tränenüberströmtem Antlitz ab. »Niemals net, Radl. Unser Herrgott sei mei Zeuge, wia i in die schwer'n Stunden nur an di denkt hab', und hab' die allweil müassen um Verzeihung bitten. Allweil, Radl – weil i mehr Sünden geg'n di hab' g'habt als du jemals geg'n mi. I glaub' aber, i hab' s' abbüaßt und hab' d'r dafür a große Freud' g'macht.« 137 Es versteht sich, daß sich während des Austausches ehelicher Geheimnisse Frau Beugler diskret entfernt hatte und der Säugling wieder wohlgeborgen an der Seite der Mutter lag. Vorher hatte er, offenbar um den Wünschen seines Vaters nachzukommen, einige klägliche Töne von sich gegeben, die jedoch Herrn Kolb aufs höchste befriedigt hatten, da sie ja den Beweis ergaben, daß der Stammeserbe lebe. »Schau m'r nur auf unsern Buam«, sagte nach längerer Pause der Ergriffenheit der glückliche Vater. »Na, net wer i schau'n«, sagte die noch glücklichere Mutter mit einem so überzeugenden Tone, der die anscheinende Negation dem Wiener als heiliges Gelöbnis erscheinen läßt, denn das »net« bedeutet ein hundertfältiges »Ja«. Und in diesem Sinne nahm es auch Herr Kolb, der sein normales Glotzen in ein Schauen voll Zärtlichkeit, Glückseligkeit und Stolz verwandelt hatte. Ein Schauen, wie es zu allen Zeiten jungen, närrischen Vätern zu Gebot steht und stets stehen wird, besonders wenn der Sproß männlichen Geschlechts ist. Ein Umstand, dessen sich alle Männer als einer sehr verdienstlichen, heroischen Leistung rühmen. »Und jetzt sag' mir nur, wia hast denn g'schlafen 138 heut?« erkundigte sich voll ehelicher Teilnahme die junge Mutter. »Hast wohl ka Aug' zuadruck'n könna, gelt ja? Von mir aus hätt'st scho an' Sprung einimachen können, du armer Batsch, aber die Schaffnerin hat's um kan' Preis zuageb'n.« Herr Kolb stöhnte innerlich. So war ihm das fressende Ungeheuer Reue noch nie ans Herz gekrochen, wie in dieser sonst so seligen Stunde, bei den harmlosen, liebreichen Worten seiner Rosl. Erst wollte er mit der Versicherung, ganz gut geschlafen zu haben, über das Thema weggehen. Aber dann beichtete er in wenig beschönigender und rednerisch hervorragender Art über die Vorgänge des gestrigen Abends mit einer Reue, die Frau Rosa ergriff. »Aber hörst, Radl, wird dir net ums Geld lad tuan?« »Ums Geld? Und wann's no amal soviel g'wesen war'. Aber, daß du da in Schmerzen liegst und i Viech sauf . . .« Und plötzlich zerriß der Schleier, der Peperls Sünden bisher gedeckt; die Worte der Schaffnerin und dann die Vision: Peperl bleich, mit ins Genick gedrängtem Hut, die Virginiazigarre zwischen den Fingern, geführt und begleitet von einer johlenden Schar – das alles stand nun klar vor Herrn Kolb als die reale Tatsache, die sie wirklich war. 139 »Aber den leich i mir aus«, endete er mit meisterlichem Ingrimm, als er seiner Frau Peperls skandalöse Heimkehr erzählte. »Radl«, sagte aber die gütige Frau Rosa, »wannst mi gern hast, laßt eahm die G'schicht' durchgehn. Er hat's sicher aa nur aus Freud' 'tan. Und wann der Master . . .« »Hast recht, Alte! I war aa net viel g'scheiter. Also schenk'n m'r eahm's. Aber bet'n schick' i 'n nimmer, und wann no zehn Buam kumma sollten.« 140   Siebentes Kapitel (Schildert einige weitere Reize des Saltnerschen Hauses. Peperl spielt ein wenig Sancho Pansa und es erscheint ihm eine unverhoffte Retterin) Grüße mir meine Gasse, weilende Erinnerung! Grüße Herrn Saltners Haus, Herrn Saltners Hof mit seinem grünenden, schattigen Nußbaum, seinem grünen, rotkäppigen Brunnen und dem biederen, klotzigen Hackstock! Grüße mir seinen streng behüteten Weinstock und sein liebliches Gärtchen mit den schimmernden Glaskugeln, die im Sonnenschein so hell blitzten und sich mit den stets reinlichen, blanken Mauern um die Wette freuten, da sein zu dürfen und Behagen zu erwecken! Grüße mir die nun entweihten Wohnfenster, hinter denen heute schmutzige Leute mit Pappschachteln hantieren, hinter denen jedoch damals Frau Rosa einen friedlichen Wöchnerinnenschlaf schlummerte, der nur durch leise Traumanwandlungen gestört werden konnte: die ganze Welt nämlich hätte sich verschworen, sie des kleinen 141 Bündels an ihrer Seite zu berauben, aus blassem Neide allein über einen so unendlich kostbaren Besitz! Grüße mir Herrn Kolb und Peperl! Grüße mir die kinderreiche Beugler-Bag . . . (bald wäre ich in Herrn Kolbs Dialektik verfallen) die Beugler-Familie! Grüße mir die alte scharfzüngige Hebamme und den Menuett tänzelnden alten Doktor. Grüße alles! Am meisten jene harmlose, noch nicht allzu lange vergangene Zeit, die die rauhen Konflikte unserer Tage nicht ahnte. Am wenigsten ahnte sie aber meine selbst vom damaligen Zeitgeist übersehene Gasse. Sie strahlte noch im Schwindsuchtsrot von Biederkeit, Albernheit, Geschwätzigkeit und eines gesetzten Arbeitsfleißes. Man holte damals in ihr noch tief und lange Atem. Man schlenderte statt zu hasten und machte die vergnügliche Erfahrung, daß sich dadurch der Weg bis zur Grube um ein Bedeutendes verlängere. Man war in seinen Vergnügungen noch sehr anspruchslos und mäßig. Bänkel- und Volkssänger, Theater mit viel Posse, Kegelschieben und Kartenspielen und ein wenig Spazierengehen, 142 wenn man den Frieden der großen, schönen Höfe nicht einer strapaziösen Fußtour vorzog. Gnade dir Gott, meine kleine Gasse! Ein Weilchen noch und der letzte deiner alten Ziegel ist gefallen. Da die sich überstürzenden, oft atembeklemmenden Ereignisse in Herrn Saltners Haus sowohl wie in dessen näherer Umgebung mich nötigten, von Schilderungen etwas untergeordneter Natur abzusehen, so will ich bei solchen einstweilen eine kleine Rast tun. Herr Saltner war, wie schon erwähnt, ein sehr behäbiger, wohlwollender, friedfertiger, etwas pedantischer, aber sein Haus und sein Gärtchen mit allem Rechte liebender Hausherr. Er genoß in weitem Umkreis ein uneingeschränktes Ansehen. Von weitem lüfteten Männer und Knaben die Hüte, knicksten Frauen und Mädchen, wenn der alte Herr durch die Gasse schritt. Es war damals für einen wohlwollenden und noch besser wohlhabenden Mann leicht, gut zu sein. Es gab eine Trauermiene der Armut, aber keine Fratze des verkommenen Elends. Hielt die Population gleichen Schritt mit der Ernährung oder umgekehrt – kurz, das menschenentwürdigende, häßliche, unästhetische Elend unserer Tage war noch unbekannt. 143 Unbekannt alles, was heute an unsere Nerven rührt. Die Weiber krochen nach guter alter Sitte ins warme Ehebett und machten nicht eine unliebsame Konkurrenz demjenigen, den sie in Wirklichkeit alle so gern untertan sein würden. Man kannte noch keine Kontoristinnen, Buchhalterinnen, Tippmamsells, Stenographinnen, Post- und andere Beamtinnen, keine Studentinnen und keine weiblichen Advokaten und Ärzte. Man mag einwenden, daß die Notwendigkeit heute so gebiete. Da ich aber, durch Erfahrungen belehrt, eine Notwendigkeit niemals mit einer Annehmlichkeit verwechsle, sei mir gestattet, mit Trauer an jene Zeit Herrn Saltners zurückzudenken, die um so vieles unkomplizierter war als die unsere des unbarmherzigsten und niedrigsten Kampfes: um ein bißchen Platz am Futtertrog . . . Doch ich vergesse ganz Herrn Saltners Menagerie. In dem Gärtchen kroch vor allem eine als uralt in Ruf gekommene Schildkröte umher. Sie gab Anlaß zu den tiefsinnigsten zoologischen Erörterungen. Nicht nur seitens der Hausparteien, wie ich wohl nicht erst zu erwähnen brauche. Aber alle Dinge, die Herrn Saltners Haus betrafen, waren leidenschaftlich umstrittene Objekte für die ganze Gasse, und deren männliches Sprachrohr 144 (von dem weiblichen zu schweigen) das einzige Gasthaus Herrn Zauners. Von besagter Schildkröte wurden fabelhafte Historien erzählt. So sollte sie weit mehr als hundert Jahre alt sein, ja es sollten sich noch Erinnerungen aus der Türkenzeit an sie knüpfen. Man diskutierte im besagten Gasthause manchmal sehr erregt die Frage, welcher Belastungsprobe der Schild des Kriechtieres eigentlich gewachsen sei. »Mit an' Handwagl, und wann's no so gupft voll is mit Erdäpfeln, druckst es net z'samm', dös Viech«, erklärte der Grünzeughändler. »Was? . . . Dein Wagerl mit dö paar Erdäpfeln? Laß di net auslach'n! A Möbelwagn kann drüber fahr'n und nix is dem Luader g'scheg'n.« Einer verstieg sich sogar zu der zwar sehr bestrittenen Annahme, daß ein voller Lastzug der Schildkröte auch keine irgend nennenswerte Beklemmung zu verursachen imstande sei. Herr Saltner ließ sich derlei Behauptungen mit vielem Behagen übermitteln und hätte sich niemals einen Zweifel an ihnen gestattet. Aber trotzdem, wenn ihm einmal auf den feingeharkten Kieswegen des Gärtchens die Schildkröte entgegengekrochen kam, die ihren Herrn wohl zu kennen und sehr zu lieben schien, hob dieser 145 mit vieler Behutsamkeit das jeweilig ausschreitende Bein, um ein Geschöpf nicht unversehens zu treten, das gelegentlich einem Lastzug Widerstand bieten konnte. Weiter befand sich in dem Garten ein eigentümliches Gerüst, einem altertümlichen, eingeschrumpften Galgen nicht unähnlich. Auf der Querstange hockte ein schon ziemlich kahlköpfiger Rabe mit einem jüngeren Genossen. Auch auf diesen Teil seines zoologischen Besitzes tat sich Herr Saltner viel zugute. Er konnte um die Wette mit den beiden Gesellen den Hals zur Seite neigen, dann ein und später das andere Auge zudrücken und sich einem kurzen philosophischen Schlummer hingeben. Eigentlich schlummerte oder »tunkte« der würdige Hausherr niemals, wenn man seinen Behauptungen trauen darf. Er dachte nur nach. Dasselbe wurde von den beiden Raben behauptet, die wie alle Raben mit einem großen Innenschauen begabt sein sollten. Herr Saltner vermochte oft den Wundern seines Besitzes nicht vollständig gerecht zu werden mit seiner Teilnahme. Denn an einem Baume befand sich noch ein Starenhäuschen befestigt. Und die Nistzeit erforderte des Hauspatriarchen so uneingeschränkte Aufmerksamkeit, daß die schwarzen Philosophen 146 auf ihrem Galgen (vielleicht träumten sie von den besseren Zeiten, da ihre Vorfahren auf wirklichen Galgen hockten) sich eine gewisse Vernachlässigung gefallen lassen mußten, die aber in diesen Tagen außer ihnen und dem Genossen Schildkröte noch ein anderer teilen mußte. Das war der »Hansl«. Welche Begriffe deckt dieser Diminutiv nicht! In diesem Falle jedoch einen, wie er sich nur als höchste Spezialität realisieren kann: einen wahrhaftigen, stelzbeinigen, wenn auch flügellahmen Storch. Das ganze Haus, die ganze Gasse, selbst eine beschränkte weitere Umgebung betrachteten ihn als größten Stolz und Seltenheit. Er war den Kindern der am meisten mystische Vogel. Ach! Raben werden uns erst viel später bedeutsam als Mahner und Künder. Wenn sich jemals die Bewohner der Gasse über die Förderlichkeit des Fremdenzuflusses bewußt gewesen wären (Segen auf sie, daß sie sich dessen jedoch nicht bewußt waren!), und wenn sie die Bedeutung der verschiedenen Sterne im Bädeker gekannt hätten, ihr Ausspruch dürfte Herrn Saltners Haus mit einem Stern erster Größe bedacht haben. Schon wegen seines »Hansls«. Wenn dieser (mit seinem Herrn im Einverständnis) gelaunt war und er die Gittertür des 147 Gartens offen fand, machte er gravitätische Spaziergänge im Hofe, die er dann bis auf die Gasse auszudehnen pflegte. Ein gänzlich ungefährliches Beginnen damals selbst für einen flügellahmen Storch. Die Technik lag noch in den Windeln und keine schnaubenden, rasenden, knatternden, übelriechenden Ungeheuer konnten das kostbare Leben »Hansls« gefährden, der sich überdies im Bewußtsein seines Gebrechens und seiner sonstigen Geborgenheit niemals weiter als um eine Häuserlänge entfernte. Dann gab es aber ein Hallo! Die Kinder klatschten vor fast wahnsinniger Freude in die Hände und schrien unausgesetzt: »Hansl! Hansl!« Das lockte die Großen vor ihre Laden und Werkstättentüren und an ihre Fenster – und alles lachte vergnügt, bejubelte »Hansl«, der steif umherstelzte, gelegentlich seine typische Einbeinstellung annahm und sich mit dem Schnabel das Gefieder richtete. Oben in seinem Rundfenster stand dann gewöhnlich das Ehepaar Saltner (der Hausbesorger war der Behüter des kostbaren Vogels) und freute sich in das Innerste seiner ausgedehnten Leiblichkeit über einen solchen Besitz. Man sieht, daß der alte Hausherr allen Anlaß hatte, sich seines Lebens zu freuen, und er genoß es auch mit Bedacht und Gründlichkeit. Der frühe 148 Morgen schon sah ihn mit seinem Gärtchen beschäftigt, das er unter Beihilfe seines alten Hausmeisters pflegte. Dann folgten Frühstück, Kirchenbesuch, Schlendern über den Naschmarkt, Mittagessen, Nachmittagsschläfchen, Kaffeehaus. Jenes trauliche alte Kaffeehaus, das weniger Luxus, Beleuchtung, Überschwemmung mit den unmöglichsten Zeitschriften, Weiber mit Riesenhüten, poetasternde Jugend, unheimlich geschäftige Kellnerschar, dafür aber eines kannte, was uns unwiederbringlich verloren ist: Behaglichkeit und gesetzte, aber herzliche Lustigkeit. An schönen Abenden saß das Ehepaar Saltner in seinem Garten auf einer weißgestrichenen Bank gleich einem liebenswürdigen Herrscherpaar, das in geziemender Entfernung von seinen Untertanen Hof hält. Die Kinder mochten im Hofe tollen und schreien wie sie wollten, die Weiber schwatzen, die Männer debattieren, die zwei Alten lächelten und nickten allen zu, den Großen wie den Kleinen. Und wahrhaftig, wenn es schöne Menschlichkeit und menschliche Glückseligkeit gibt, so besaßen sie Herr Saltner und seine Frau. Herr Kolb hatte sich von den süßen Schrecken seiner ersten Vaterschaft, den schweren eines Katers und den fürchterlichen seines Zusammentreffens 149 mit der Schaffnerin erholt und durch das Wiedersehen mit Roserl soweit gestärkt, daß er die Pflichten des Alltags ins Auge faßte. Zu diesem Behufe begab er sich nach der Werkstätte zurück, wo er seine Leute schon bei ihrem Tagewerk fand. Peperl war an den Blasbalg gestellt worden als bestes Mittel, seinem verkaterten Gemüt auf die Beine zu helfen. Hätte der Meister nicht selbst einigermaßen Butter auf dem Kopfe gehabt, wären nicht die Hohnreden der Schaffnerin und die Fürbitte Frau Rosas gewesen – Peperl stand noch nie einer solchen toten Gewißheit gegenüber, tüchtig gebleut zu werden, als zur Stunde. Aber der Gestrenge würdigte ihn keines Blickes, was die seelischen Qualen des pflichtvergessenen Lehrjungen steigerte, der in der nicht unbegründeten Anwandlung von Furcht lebte, aufgeschoben sei nicht aufgehoben. Für Herrn Kolb selbst war auch heute noch kein Werktag. Es traten einige andere Pflichten an ihn heran, die ein kinderloser Ehemann ganz einfach nicht kennt. Aber ein so umsichtiger Geschäftsmann er war, so stand der Hausvater in Herrn Kolb diesem nicht nach. Da auch für den heutigen Tag die Magenfrage noch durch die Küche des Zaunerschen Wirtshauses ihre Lösung finden mußte, so erschien, bald nachdem sich der Meister 150 entfernt, eine andere Persönlichkeit auf dem Schauplatz. Und diese Persönlichkeit war niemand anders als der diskussionslustige Heinrich, der mit einer Trage angekeucht kam, die einige Schüsseln duftenden, saftigen Gollasch, einen Laib Brot und als Andeutung, daß die Vaterfreudigkeit Herrn Kolbs noch ihre Nachwirkungen zeigte, einige Liter Bier enthielt. Es gibt Menschen, die von ihren Unterstellten das Unmöglichste verlangen können an Arbeitslast und Kraft. Es würde gemacht, ganz einfach, ohne Widerrede, kraft eines suggestiven Willens oder unter dem Einfluß einer Volkstümlichkeit, die Erdgeruch hat. Hätte der Meister im Augenblick all diesen mit schnuppernden Nasen dastehenden, vor Freude grinsenden Gesichtern aufgetragen, eine für zwei Arbeitstage bestimmte Leistung in einem fertigzustellen, sie hätten nicht eifriger und willenskräftiger der Initiative gehorchen können als jetzt, da sich alle auf die Schüsseln stürzten und sie im Verlauf einiger Minuten so blank ausgeputzt hatten, daß das Abwaschmädchen in Verlegenheit kommen mußte, ob sie an dem Geschirr noch ihre Handfertigkeit zu erproben habe. Der Laib Brot löste sich förmlich unter den Blicken in ein Nichts 151 auf. Das Bier floß wie aus der Piepe durch die Kehlen, um den etwas scharfen Eindruck des roten Pfeffers zu mildern. Peperl, der ungeachtet des Bannes, der auf ihm ruhte, dieses beste aller Wiener Katerfrühstücke in der ihm zukömmlichen Portion erhielt, fühlte es wie ein Auftauchen aus allertiefster Bedrängnis. Man mag sagen, was man will, der Magen regiert die Welt. Ich könnte mir wahrhaftig nicht vorstellen, daß man mit einer Indisposition dieses wichtigen Muskels etwa »Lieder zum Lobe der Geselligkeit, des Weines und der Liebe« dichten könnte. Heinrich hatte dem ganzen Beginnen mit schweigender Sympathie zugesehen. Wenn er imstande war, auf irgendeinem Felde tüchtige Leistungen zu würdigen, so auf dem des Essens. Und da sich sein Herz einmal erwärmt fühlte und die Gelegenheit günstig schien, ohne Zensordruck seines Herrn einen kleinen Plausch einzuleiten, begann er: »A Gollasch iß i aa gern. Und a Banfleisch iß i aa gern. Und a G'selcht's iß i aa gern.« Man war in der Laune, Heinrich auf seine Kosten kommen zu lassen. »Und was ißt denn net gern?« fragte der Altgeselle mit so viel Ernst, als die Angelegenheit verdiente. 152 »A Brot iß i net gern, a Einbrennsuppen iß i aa net gern. Und einbrennte Erdäpfeln iß i aa net gern.« »Sixt, Heinrich, da hast recht. Das ess'n m'r alle aa net gern. Trinkst aber gern was?« Heinrichs Auge leuchtete. »O ja, an' Wein trink' i gern. I trink' immer an' Wein«, fügte er schlau hinzu und stierte im Kreise herum, um alle auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß dieses Trinken eine geheime Tat sei und dafür gelten müsse. Dann, von dem Übergewicht an Eindrücken fast niedergeworfen, suchte sich sein Geist in die Höhe zu ringen. Die kausale Verbindung zwischen Wein und dem gestrigen Tage lag sehr nahe. Triumphierend hob er wieder an: »Gestert is damisch g'soff'n wurd'n bei uns. Alle ham an' Rausch g'habt. D'r Herr Kolb hat aa an' damischen Rausch g'habt. Hihihi! Und d'r Peperl hat aa an' damischen Rausch g'habt.« Es schien, als ob plötzlich alles Interesse an Heinrichs Diskussionskunst sich verflüchtigt habe. Denn ehe er noch imstande war, die Wirkung seiner feinsinnigen Beschreibung der Ereignisse des gestrigen Tages abwarten zu können, sah er sich auf die Straße gesetzt. Er kam erst wieder einigermaßen zur 153 Besinnung, als ihm Peperl seine Trage mit den Gläsern hinausbrachte und hochrot vor Entrüstung ihm einige Püffe als Zugabe versetzte. Auf diese hin nahm er seine Last auf, heulend wie ein kleiner Junge und nach dessen Art sich die vertränten Backen reibend. Peperl, der sein seelisches und moralisches Gleichgewicht gefunden hatte, trabte nach seiner Werkstätte zurück mit dem Bewußtsein, nunmehr die Vergehungen des gestrigen Tages hinreichend gesühnt zu haben. Nach dem Frühstück begann die Fortsetzung des Tagewerks der Hilfskräfte in der Art, daß sie sich vorerst mit Blicken ansahen, die weder das Bewußtsein der Würde und des veredelnden Einflusses der Arbeit, noch die Anerkennung ihrer absoluten Notwendigkeit ausdrückten. Der gestrige ungewohnte Ruhe- und Zechtag lag noch in aller Erinnerung und Gliedern. »Wann ma an' Teil von dem hätten, was ma gestern z'viel g'habt hab'n«, meinte ein Geselle, »so kummert's grad g'leg'n.« »Meiner Seel' . . . jetzt, auf das Gollasch und auf das Bier hin so an' Wein . . .« Der Altgeselle sagte nichts, sondern begab sich nach dem Hintergrund der Werkstätte, wo er in einem tiefen Winkel kramte. Nachdem einige 154 Holzstücke beiseite geworfen waren, kam etwas zum Vorschein, was sich beim hellen Lichte als ein tüchtiger und dabei gefüllter Steinkrug erwies. Der Wackere hatte die Schlauheit besessen, von dem gestrigen unkontrollierten Überfluß, unbemerkt von den anderen, einen »Nottropfen« zu retten, wie er sich ausdrückte. Ein Freudengeschrei begrüßte die Idee. Das einzige in der Werkstätte befindliche Halbliterglas wurde gefüllt und machte die Runde. Peperl, in Erinnerung an das gestrige Übermaß, schüttelte sich. Es stieg ihm jetzt noch säuerlich auf. Der erste Geselle merkte diese Widerwillensäußerung und rief: »Peperl, da kumm amal her.« Der Gerufene folgte ganz ahnungslos. »Du, Peperl, sag' amal«, nahm der erste wieder das Wort und hielt ihm das gefüllte Glas dicht an die Nase, »möchst net trinken? Trink' aus, is ja gnua da.« Die anderen horchten hoch auf. Eine solche Rücksicht wäre dem Verbrecher gegenüber doch gar nicht am Platze gewesen. Aber bald fingen sie ein verstohlenes Zwinkern vom Auge des vierten auf, das die Vorbedeutung einer »Hetz« sein sollte. »O Gott na«, sträubte sich Peperl, »kan' Schluck, net um a G'schloß. I vertrag' kan' Wein.« 155 »So? Das is m'r das neueste. Seit wann is das? Hast di eppa verlobt drauf, daß d' kan' Wein mehr anschaust?« Er schöpfte noch einen anständigen Zug, stellte das Glas beiseite und hub wieder an: »Pass' amal auf. Erklär' m'r das, wia ma so in an' Tag alle Kirch'n a'straf'n kann. Da muaß aner rein 's Fliag'n g'lernt hab'n. Jetzt stell' d'r vor, i war' die erste Kirch'n, wo du das allererste Bittopfer für die Frau Masterin 'bracht hast. Sunst war' die G'schicht' net so guat aus'gangen. Dort d'r Hubert is die zweite, net wahr? Wia kummst durt am g'schwindesten hin?« Peperl, dem der Ernst der Situation klar wurde, wollte sich rasch salvieren. Aber schon hatte ihn der Geselle bei den Ohren erfaßt, ihn umgedreht, den Oberkörper seines Opfers so tief gezogen, bis dessen ausladendster Teil so recht zur Disposition stand, und es mit einem Fußstoß seinem Gegenüber zugesendet, das Peperl in seinen freundschaftlichen Armen auffing. Mit der genialen Intuition, die die meisten Menschen in solchen Sachlagen auszeichnet, hatten die anderen die humoristische Idee aufgegriffen. Der zweite hatte die Manipulation des ersten wiederholt. Im Nu hatten alle einen Abstand zueinander genommen, wie die Ecken eines 156 Quadrats, und nun begann mit Peperl ein Spiel, das dem sportlichen Erfindungsgeist des ersten Gesellen alle Ehre machte. Jeder nannte sich zum Überfluß als eine Kirche, ehe er den verhängnisvollen Tritt anbrachte. Dazu gab es noch viele ironische Bemerkungen. »Hoppla! Ausg'halten! A Engerl kummt g'flog'n!« »Ui je! Das Engerl is kasweiß. Das kummt, weil's schon Zigarrln raukt!« »So da. Mit dem Tritt mach' i 'n ältesten Binkeljuden zu an' Engerl!« Peperl brüllte entsetzlich. Er versuchte es, sich nach Kräften zu wehren. Aber was waren seine Kräfte gegen die von vier Wagnergesellen? Ich wage keine Vermutung, was nach solcher Behandlung eines unserer heutigen jugendlichen Hilfsarbeiter geschähe. Mir schweben Zeitungsartikel, Gewerbegerichtsverhandlungen, polizeiliche Maßnahmen, Verhandlungen vor dem Bezirksrichter, Intervention der Genossenschaft der Wagner, Wechsel der Lehre, Verurteilung zu Freiheitsstrafen und zu Geldbußen und ähnliches vor. Und das alles mit Recht. Denn Roheit tobt sich nie so aus wie gegen Unmündige, Hilflose, was eigentlich für die menschliche Natur beschämend ist. Es ist so viel brutale Feigheit darin, einen uns 157 durch Herkommen, Gesetz oder Vertrag überantworteten Mitbruder zu quälen, statt ihn zu schützen. Frühere Tage waren duldsamer gegen die Übergriffe von Meistern und Gesellen. Selbst das Gesetz blieb so ziemlich lahm und es mußte erst ein Bursche halb erschlagen sein, ehe es sich aufraffte zur Sühne. Wie viel noch bleibt unseren Tagen vorbehalten an Aufklärung, an Mahnung zur Selbstzucht, zur Liebe zu jeder Kreatur! Jene Zeit war duldsamer gegen die Roheit des Starken gegen den Schwachen. Noch in unserer Zeit schrillt ab und zu ein Schrei der gepeinigten Menschenkinder, deren vom Gesetz zum Lehren und Schutze berufene Hüter in ihnen nur ein Mittel sehen, fast kostenlose Arbeitskräfte auszunützen und dabei den in niederen Menschen wohnenden Instinkten der Roheit und Grausamkeit Genüge zu tun. Aber ich spreche ja von Herrn Saltners Hause und Herrn Kolbs Werkstätte. Und daß in beiden derlei Dinge nicht an der Tagesordnung waren, ja von beiden Besitzern sehr stark gerügt worden wären (bei Herrn Kolb muß ich mir für den heutigen Vorfall eine kleine Ausnahme bedingen, wie man später sehen wird), glaube ich bisher jedermann klargemacht zu haben. Und ich will das kleine Reich, in dem ich meine 158 Phantasie herumreisen lasse, nicht verunglimpfen, indem ich von Ausartungen spreche, für die es mir im Interesse der Reputation der ganzen Gasse im innersten Herzen leid tut. Aber nur mein Sinn für streng gerechte Schilderung zwang mich, den Vorfall zu schildern, wie er sich ereignete. Also Peperl brüllte entsetzlich. Sein Schreien drang wohl nicht in den Hof – die Küche war endlich von den Frauen geleert –, wohl aber an ein Ohr in der Gasse, und in seinem Elend erschien ihm niemand anderes als Retterin und Helferin als – die alte Schaffnerin. Diese befand sich eben auf dem Heimweg von Frau Kolb und im Vorüberschreiten durch die menschenleere Gasse, an der Werkstättentür vorbei, erreichten sie Peperls Jammerrufe. Hineinstürzend gelangte sie gerade zum Ende der erheiternden Exekution. Sie übersah rasch die Sachlage. Ihre Tasche schleuderte sie von sich und griff mit beiden Fäusten den ihr Nächststehenden an. Sie glich einer alten, ausgemergelten, gereizten Katze. Mit beiden Händen hämmerte sie gegen die Brust des Gesellen. Höher gelangte sie nicht. Doch bedenke man, daß sie Herrn Kolb nur an den Bauch zu hämmern vermochte und der Geselle seinen Herrn knapp unter dem ausgestreckten Arm passieren konnte. 159 »So Haderlumpen, so b'soffene!« kreischte sie. »Schamts enk denn net, a armes Kind zu malträtieren? Schamts enk wirkli net? Ha? Ja oder na! Is das a christlich's Haus, a christliche Werkstatt? Ha? Oder net? Ja oder na – möcht' i wissen!« Und sie hielt in ihrem Hämmern gegen die Brust des Gesellen nicht ein, der vor Schreck ganz erstarrt war. »In der Näh' liegt a arm's Weib im Wochenbett«, knirschte die Schaffnerin zwischen ihren zwei vorragenden Zahnruinen, »die gestern mehr ausg'standen hat, als ös Lackeln alle z'samm im Leb'n jemals ausstehn werd's. Und so a verruafenes, b'soffenes, schweinisches, übernachtig's G'sindel hat grad so viel G'fühl, daß es a armes Kind z' Tod martert und sein' Jux dabei hat?« In ihrer Erregung ließ die Schaffnerin ihr Opfer los und wendete sich an den Altgesellen. »Und Sie, alter Esel, der für'n Herrn a Stellvertretung sein sollt', pfui Teufel, halten bei solche Sachen mit? Sie halten mit? . . . A paar Watschen g'höreten Ihnen no, wia an' Buam. Schad', daß i auf so an Klachel net auffig'läng. Ham S' mi verstanden? Oder vielleicht net?« Das Erscheinen der gefürchteten alten, kleinen Frau mit ihrer vernichtenden Zungenfertigkeit, ihrer nadelspitzen Ironie und den stets 160 schlagbereiten, knochigen Händen hatte auf alle mit den Schrecknissen eines katastrophalen Ereignisses gewirkt. Peperl, der infolge seiner sozialen Stellung und Wirksamkeit an und für sich niemals wie aus dem Schachterl gekommen aussah, durch seine vortägigen Betäubungen ohne genügende nachherige Restaurierung zu einem sehr landstreicherischen Aussehen gelangt war, glich durch seine entdeckte Eignung als Spielobjekt einer von Herbstwettern verunstalteten Vogelscheuche. »A arm's Kind«, hatte die so gefürchtete Frau von ihm gesagt. Diese Worte bildeten einen Rundtanz in seinem Hirn, der es mit dem anderen, durch überflüssige Bewegung erzeugten aufnahm. »A arm's Kind!« Von der Schaffnerin gesprochen! Wenn er sich kurze Zeit vorher nicht verhört hatte, waren es ganz andere Bezeichnungen gewesen, die sie auf seine Persönlichkeit angewendet. »Armes Kind!« Es gibt ein Mitleiden mit sich selbst, das unter den Einwirkungen eines Katers eine Elementarkraft erlangt. Und Peperl laborierte noch unter den ärgsten, nämlich denen des allerersten. Peperl kam sich so urplötzlich als eine schutz- und heimatlose, verirrte, umhergestoßene, mißhandelte, vom Schicksal verdammte Waise vor, daß 161 er mit Recht hätte staunen können, sich all dieser Merkmale bisher nicht bewußt geworden zu sein. Und so kam es, daß er, der sonst Starke, Vorurteilslose, zu seiner gestrigen und heutigen Niederlage noch eine neue gesellte. Er hub nämlich ganz unvermittelt zu weinen an. Ich betone das Weinen. Denn bisher hatte er gebrüllt, was an und für sich kein Zeichen von Unmännlichkeit ist. Wenn Peperl aber mit den zutage getretenen Gefühlen der alten Dame zu seinen weiteren Gunsten rechnen wollte, so war der Irrtum auf seiner Seite ein vollkommener. Die Schaffnerin tat urplötzlich, als wäre von ihr die eben vorhergegangene Einmischung zur Errettung aus seinen Nöten gänzlich vergessen worden und als sähe sie nur den nichtsnutzigen, hoffnungslos verdorbenen, gänzlich verwahrlosten, aller menschlichen und religiösen Gefühle baren Sünder von gestern und sonst. Daher fuhr sie Peperl an: »Was heulst denn? Schamst di net, z' blazen! Mistbankert, verwahrloster, schau di an, wias d' ausschaust. Blazt vielleicht über dei Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit? Ha? Ja oder na? Is vielleicht a Funken Reu' in di einig'fall'n, Mißgeburt, ausg'wachsene? He? Manst, daß eppa do no a Mensch aus dir werd'n kunnt, du – du 162 Betbruader (sie kreischte das Wort mit dem größten Hohn heraus); ja du Heuchler und Pharisäer. Du schlagerst unser'n Herrgott no amal ans Kreuz, und ös alle mitanand!« wendete sie sich in der Runde an die noch immer wie betäubten Gesellen. »Aber i geh«, schloß Frau Schaffner und hob ihre Tasche auf, mit der sie nicht übel Lust zu haben schien, das »arme Kind« gründlich zu zerbleuen. »I geh, daß i in derer sündhaften, gottverlassenen Werkstatt, die das reinste Sodoma und Gomorrha is, net vom höllischen Schwefel derstickt wir.« Man sieht, daß die alte Hebamme in ihren Stimmungen nichts weniger als einheitlich war und daß sie deren Umschlägen drastischen Ausdruck verleihen konnte. Als sie draußen war, herrschte vor allem noch eine dumpfe Stille. Die fünf sahen sich an, als hätte sich etwas ereignet, das geeignet ist, für eine Zeitlang die Sinne zu lähmen. Am ersten erholte sich Peperl. Er tat es auf die jedenfalls beste Art, indem er in ein Gelächter ausbrach. Das steckte an. Zuerst lachte einer und der andere, dann lachten sie im Quintett. Peperl, der urplötzlich die letzten Spuren des abscheulichen Katers verloren, fühlte sich wieder ganz und vermaß sich, den Altgesellen zu hänseln. »An' Lausbuam hat s' Ihner g'haßen und a paar Watsch'n hat s' Ihner geb'n woll'n, stöhnte er unter übermäßigem Lachen. 163 Der Gehänselte wurde gar nicht einmal böse. Er konnte nur schluchzen: »Und das klane Bubi hat g'want. Das arme Kindi! Hahaha!« Und dann wiederholte er alle nachfolgenden Kosebezeichnungen der alten Dame. Peperl war vor Scham rot geworden. Mit seiner zurückgekehrten gewöhnlichen Natur hatte sich die Reue über seine Unmännlichkeit eingestellt. Und Peperl war wie alle junge Herren seines Alters besonders in diesem Punkte äußerst empfindlich. »Weil S' ma weh 'tan hab'n«, suchte er so viel als möglich zu retten. »Sie ham aa amal blazt vor lauter Zandweh!« »Ja, vur lauter Wut«, entgegnete der Geselle, »und da kann a jeder Mann blazen. Je mehr er blazt, desto mehr Wut hat er, und je mehr Wut und Viechszurn als er hat, desto mehr is er a Mann. Aber net a klan's Bubi wia du, Lausbua, kecker. Wannst di no mal traust . . .« Der Erzürnte mit seiner eigenen Psychologie des Weinens griff nach dem Kruge, füllte das Glas wieder voll und tat einen tiefen Zug. Seinem Beispiel folgten die anderen. Dann siegte das gewohnte Pflichtgefühl und der Älteste trieb zur Arbeit. Feiertage, Arbeitspausen gleichen dem Kruge schäumenden Bieres, 164 dessen erster, zweiter und auch dritter Schluck erfrischend wirkt, aber dessen Neige schal wird und Verdrossenheit erzeugt. Das gewöhnliche Alltagswerk bewirkte rasch, daß auch die gewöhnlichen Gesetze sozialer Ordnung zu ihrem Rechte gelangten. Es ging nunmehr so zu, wie es jeglichen Tag und jegliches Jahr unter der Oberaufsicht des Meisters zugegangen war. Peperl nahm seinen Platz am Schmiedefeuer ein und in kurzem klopfte und hämmerte und klang es wie sonst hinaus in die stille Gasse. Aber einer stopfte in der Küche die Faust in den Mund, um sich nicht zu verraten, wand sich und beschrieb komische Tanzfiguren. Dann, als sei ihm des Erlaubten zu viel, verschwand er spur1os in den Hof, durch den Hof in den Flur und gelangte zur Stiege . . . Doch das alles bedarf einer kleinen Vorbeschreibung. Der »eine«, der die verschiedenen Stadien einer geheim genossenen, unbeachteten Lustigkeit genoß, war niemand anderer als Herr Kolb, der aus seinem Zimmer gekommen war, in dem er Toilette gemacht hatte. Den Zweck dieses Verfahrens schildert das nächste Kapitel. Die Küche war einstweilen, sei es durch Einwirkung der strengen Hebamme, sei es durch den 165 mehr nebensächlichen Umstand geschehen, daß alle versammelte Weiblichkeit der Aufregung satt, sich auch häuslicher Verpflichtungen bewußt war – kurz, die Küche war zur Zeit der Begebenheiten mit Peperl vollkommen einsam. Deshalb hatten dessen Hilferufe auch kein verstärktes Echo gefunden. Nur Herr Kolb allein war durch den Spalt der nur angelehnten Tür Zeuge, wie mit Peperl eine damals noch unbekannte Art der Sportbeteiligung, des heutigen Fußballs, getrieben wurde. Diese, dann das unerwartete Eintreten der sorgsam gemiedenen, gefürchteten Hebamme hatten den Riesen in eine Situation gedrängt, aus der er selbst sich nicht anders als durch schleunige Flucht zu retten vermochte. Und noch lange, bis zu einer gewissen geweihten Schwelle, kollerte das Vergnügen in Herrn Kolb nach. Er fühlte, das rächende Schicksal habe seinen Händen vorgegriffen. Und ich, dem Gange der Historie folgend, die ein Ding um das andere mit manchmal scheinbar unnötiger, aber strenger Genauigkeit schildert, folge nun Herrn Kolbs Spuren. 166   Achtes Kapitel (Berichtet von der Verlegenheit eines jungen Vaters wegen eines Taufpaten und wie sich die Angelegenheit zur Zufriedenheit regelt. Eine Taufe nebst vor- und mitlaufenden Ereignissen) Herr Kolb war mittlerweile die steile Wendeltreppe zum ersten Stocke emporgeklommen. Vor einer blendend weißgestrichenen Tür mit massivem Messingbeschlag, einer Zugglocke und einer mit verschnörkelten Buchstaben gezierten Porzellantafel, die den Namen Jakob Johann Saltner trug, hielt er an. Auf einer Strohmatte putzte Herr Kolb so intensiv die Füße, daß man die Haltbarkeit sowohl des Geflechts als auch des Schuhwerks bewundern mußte, dann klopfte er mit aller Zartheit, deren sein riesiger Zeigefinger fähig war, an. Eine alte Person mit einem Häubchen öffnete. Es war der Dienstbote des Saltnerschen Haushaltes und ein ebenso kostbares Raritätsstück wie der Weinstock, der Garten und die Menagerie. Ein alter Dienstbote. 167 Unsere Zeit kennt nur noch den Namen, kaum mehr den Begriff. Es war ein Ehrentitel und zeigte an, daß man soundso viele Dezennien einem Hause treu, fleißig, redlich und aufopfernd gedient. Es gab damals noch viele so gute Hausgeister, weil die Lust und Nötigung zum Wechsel nicht so gegeben waren wie heute. Weil die Hausfrauen es noch aus Großmutters Zeit her gelernt hatten, den dienenden Hausgenossen wirklich als solchen zu betrachten. Dieser alte Hausgeist, kurz genannt die Leni, begrüßte den Eintretenden mit der Vertraulichkeit alter, erbgesessener Personen. Sie erinnerte sich noch des Tages, da Herrn Kolbs Vater in seiner ersten Eigenschaft als solcher das Haus in große Unruhe versetzt hatte. Ebenso wie heute der Sohn war damals sein Erzeuger zu Herrn Saltner und dessen noch lebendem alten Urheber gekommen, mit der Nachricht: »A Bua is 's, a Bua is 's!« Und die alte Leni mußte sich wundern, daß sie damals aus der zärtlichen Liebe heraus, die alle Frauen für kleine Kinder hegen, öfter ein Bündel in den Armen gehalten hatte, aus dem zwei Augen hervorglotzten, und dieses Bündel war nun zu dem Riesen geworden, der die Leni um das Doppelte überragte, und dieser Riese hatte nun daheim auch 168 so ein Bündel liegen und das wird einmal ebenso groß werden wie jetzt Herr Kolb. Dieser wurde nach der Begrüßung und dem Glückwunsch des alten Mädchens in das Frühstückszimmer geführt, wo das Ehepaar Saltner sich dem Genuß der Lektüre des in zwei Hälften getrennten »Extrablatt« hingab. Man las so: fehlte die Fortsetzung auf dem einen Teile, begann man mit einem anderen Artikel bis zum Austausch. Es geschah wohl, daß sich dann über das Gelesene gewisse Begriffsverwirrungen bemerkbar machten, aber was schadete das? Hauptsache war doch, die Zeit amüsant totzuschlagen. Und über Politik erhitzte man sich damals nicht sonderlich, am wenigsten die kleine Gasse und am allerwenigsten Herr Saltner. Als Herr Saltner nach dem Eintreten Herrn Kolbs von seiner Zeitung aufsah, erhob er sich so rasch, als es ihm seine Körperverhältnisse gestatteten, und schritt dem Gast entgegen. Auch Frau Saltner war würdevoll aufgestanden und dem Beispiel ihres Mannes gefolgt. Herrn Kolb wurden vorerst mit Herzlichkeit die Hände geschüttelt. Je eine von zwei anderen. »Gratuliere, lieber, lieber Kolb. Gratuliere herzlich! Ist doch endlich der Seg'n einkehrt. Ja, ja, der Seg'n . . .« Herr Saltner brach gerührt ab. 169 »Und die arme, arme Frau! Wie geht's ihr denn? Wann is 's erlaubt, daß man sich erkundigt? Mein Gott, so schwer soll s' es g'habt hab'n!« Frau Saltner schluchzte bei der Vorstellung von Frau Rosas Kindesnöten. Man weiß, wie Herrn Kolb die Tugenden der Geistesgegenwart, der Zierlichkeit und der Beredsamkeit zierten. Er hatte sich im Hinaufschreiten eine kleine Ansprache ausgedacht. So ungefähr: »Alsdann, Herr von Saltner und Frau von Saltner, mei Rosl is gestern von an' feschen Buam entbund'n wur'n. I zag' Ihner's mit Respekt z' melden an und hoff', daß S' uns die Ehr' geb'n werd'n, bei der Tauf' dabei z' sein.« Es ist schon berühmteren Rednern geschehen, daß sie plötzlich keinen Zusammenhang mit ihrem ursprünglich Gedachten fanden. Darum kann es niemand dem jungen Vater verargen, daß er angesichts so herzlicher Teilnahme aus dem Konzept kam. Dafür entschädigte er durch eine andere Gabe, die ihm gleich bald niemand besaß. Er glotzte fast in dem Maße wie beim ersten Anblick seines Sohnes. Dazu murmelte er: »A Bua is 's, Herr von Saltner, a Bua . . .« Klang nicht von der Seite, wo die alte Leni stand, die es sich gestatten durfte, Familienszenen beizuwohnen, ein Schluchzen? Ja – jetzt fiel es 170 ihr mit aller Macht so recht aufs Herz: A Bua is 's . . . So alt war sie geworden, daß sie beinahe der neuen Generation nimmer geachtet. Fünfunddreißig Jahre seit diesem Tage. An derselben Stelle stand damals ein anderer, nun schon Ruhender und jauchzte: »A Bua is 's – a Bua . . .« Leni fragte sich vielleicht das erstemal, warum erscholl niemals ein Jubelruf: »A Madl is 's – a Madl . . .?« Herr Kolb fand sich, ohne zu wissen wie, an dem Tische, und Leni, die Zaubereigenschaften besitzen mußte in bezug auf Schnelligkeit und Geräuschlosigkeit und das Verbergen ihrer Gefühle, stand mit lächelndem Gesichte da und füllte ohne einen erhaltenen Auftrag Herrn Kolb eine wunderbar rasch herbeigeschaffte Tasse Kaffee, und mit einem zärtlichen Blick über das ganze, liebe, heimliche Arrangement entschwand sie so still und selbstverständlich, wie nur ein guter Hausgeist zu enthuschen vermag. Herr Kolb ward nun in ein Gespräch verflochten, an dem er sich mit der ganzen Verve, der sprühenden Lebhaftigkeit und glänzenden Oratorik beteiligte, die ihm zu Gebote standen. Er mußte über die verschiedensten Dinge Auskunft geben. 171 Wie es erstens Frau Kolb ginge, was der Bub mache, ob er ein Brustkind oder ein Milchkind sei; ob er schon bestimmte Neigungen äußere, die einen Schluß auf sein ferneres bürgerliches Verhalten gewähren könnten; ob er schwarz, braun, blond oder gar rot sei (eine Vorstellung, bei der alle erschauerten); ob Herr Kolb nicht gesonnen sei, eine große Wachskerze für Mariazell aufzuopfern (Herr Saltner nannte einen vertrauenswürdigen Lichtzieher); ob die Schildkröte, ob der Rabe, ob der Storch nicht auf die seelischen Eigenschaften des Kindes als einzige Objekte in ihrer Art hervorragend durch ihren Anblick wirken könnten; ob Herr Kolb übrigens der Meinung sei, sein Sohn könnte, wenn die Zeit gekommen, Lust und Freude an verbotenem Weintraubendiebstahl haben? Und solcher Fragen noch viele. In die Langweile des alten würdigen Paares fiel Herr Kolb mit seiner Visite hinein wie ein Stein in einen stillen Teich. Herr Saltner überlegte, daß er sich heute den Besuch einer Kirche und des Naschmarktes erlassen könne. Frau Saltner freute sich der Angeregtheit, der blitzenden Augen und des lebhaften Interesses ihres »Alten«. Auch ihr war eine Stunde vergangen, eine Stunde des Alters, die man mit allen Mitteln töten und deren Tausende man noch auf Vorrat halten möchte. Da mit gewissen Ereignissen auch gewisse 172 Folgerungen verbunden sind, gelangte man zu dem nicht ganz nebensächlichen Umstand, wie der Täufling heißen solle. »No, Radl, wia sei Vota«, erklärte mit vieler Wichtigkeit Herr Kolb. Das Ehepaar nickte beistimmend. So was war ja nur selbstverständlich. Nun bezeigte es noch Neugierde bezüglich des Taufpaten. In diesem Augenblick übertraf sich der Wagnermeister selbst. Niemals zuvor und niemals später im Leben hatte er so ratlos geblickt wie jetzt. »Weg'n Göden . . .?« Er konnte nicht weiter. An diese Angelegenheit hatte er wahrhaftig nicht gedacht. Wie denn auch? Gestern? Da waren wichtigere Dinge zu besprechen, wie die Berufswahl, ein Extrafest im Gasthause nach dem Taufakt, und alle hatten lärmend Hoch! geschrien, und wäre Herr Kolb Herr Beugler gewesen, man hätte mit ihm aus Begeisterung Ball gespielt und dies »auf den Schultern tragen« geheißen. War es gar niemandem eingefallen, die Patenschaft an das Licht der Tagesordnung zu ziehen? Jedermann hätte es sich als Ehre angerechnet, Herrn Kolb diesen christlichen Liebesdienst zu erweisen. Und (Herr Kolb stöberte in der Erinnerung) welcher wäre würdig genug gewesen, sich zu dieser beneidenswerten Stelle drängen zu dürfen? Es 173 wimmelte nur von Fleischhauer-, Bäcker-, Tischler-, Schlosser- und vielen anderen Meistern. Alle, die ihrer Zunft sowohl ad personam als hinsichtlich des Besitzes die höchste Ehre machten. Dann war der Großfuhrwerksbesitzer Anderle, dann . . . ach! es waren so viele »dann«. Herr Kolb hatte mit seinen Reflexionen eine geraume Zeit gebraucht, die er indes reichlich mit starrem Glotzen ausfüllte, und nun tat er wie stets, wenn etwas sein Leistungs- oder Fassungsvermögen überstieg: er kratzte sich den Kopf. Er holte tief Atem und sagte: »Meiner Seel', an dö G'schicht' hab' i ganz vergessen!« Herr Saltner lächelte und Frau Saltner lächelte. Dann blickten sich beide an und nickten, als ob sie sich sagen wollten: Nun, was haben wir gesagt? O armer, begriffsstütziger Herr Kolb! Wenn diese Angelegenheiten auf deinen Schultern ruhen würden, so wäre Schackerl, dein Sohn (der noch gar nicht Schackerl heißt), bis auf den heutigen Tag ein ungetaufter Heide. Wenn deine Rosl nicht wäre, die schon lange, lange vor ihrer schweren Stunde durch Vermittlung der Leni im Besitz des künftigen Paten war! Herr und Frau Saltner hatten sich wie hohe und 174 allerhöchste Herrschaften bei Ordensverleihungen, im Wege der Diplomatie an Frau Rosa gewendet, ob es dem künftigen Elternpaar genehm wäre, wenn, je nach dem Geschlecht des zu erwartenden Sprößlings, das eine oder das andere die Patenschaft übernehmen würde? Und ob es genehm war! Es bedeutete ja die höchste Auszeichnung, die die ganze Gasse in ihrer Länge und Breite erhoffen konnte. Die diplomatischen Beziehungen waren während der Einkaufszeit auf dem Wege zum Fleischhauer geschehen, da Leni und Frau Kolb mit ihren Körben einer gleichen Richtung zustrebten. Man einigte sich, wie dies bei diplomatischen Vorgängen der Fall zu sein pflegt, auf strengste Geheimhaltung des Paktes. Und wunderbarerweise gelang diese so vortrefflich, daß wir jetzt Gelegenheit haben, Herrn Kolb aus dem abgrundtiefen Erstaunen über seine Vergeßlichkeit allmählich auftauchen zu sehen. Also es wurde gelächelt und genickt und in der Tür stand plötzlich mit einem so glücklichen Lachen über das verknitterte, zerfurchte Gesicht die Leni, rieb sich die Hände, nickte ihrer Herrschaft zu und verschwand wieder, jedenfalls im Bemühen, die Herrlichkeit dieser von ihr arrangierten Überraschung in ihrer Küche in aller Heimlichkeit 175 auszukosten. Aber nicht lange und Leni ergänzte wirkungsvoll die ewig denkwürdige Gruppe, da sich Herr Saltner erhob und da Frau Saltner das gleiche tat, auch Herr Kolb – und da der Patriarch diesem mit vor Ergriffenheit etwas belegter Stimme die Frage vorlegte, ob Herr Kolb geneigt wäre, sich seine (Herrn Saltners natürlich) Persönlichkeit als Taufpaten gefallen zu lassen. Es gibt Dinge, die man beschreiben kann oder nicht. Es gibt dafür Phrasen, wie: die Feder sträubt sich, die Feder errötet, die Feder versagt . . . Ich lege aber meine Feder nur einen Augenblick beiseite und überlasse mich und die Leser lieber der ausschweifendsten Phantasie. Nun nehme ich die Feder wieder auf und geleite bildlich mittelst ihrer den von dem eben stattgefundenen Ereignis fast wankenden Herrn Kolb nach seiner Wohnung zu seiner Rosl, die, schon lächelnd ahnend, was sich abgespielt, ihrem Gemahl und Gebieter und großen Batschen mit zärtlicher Freudigkeit sagte: »I hab' schon lang g'wußt davon, Radl. Schon lang. I wollt' di überraschen.« »O Rosl – die Ehr' . . .« Eine Stunde lang war die Gasse ein Ameisenhaufen. Ein Gerücht verdrängte das andere. Man war geneigt, das eine und das andere zu glauben und nicht zu glauben, nur ein einziges für 176 übertrieben und unwahrscheinlich zu halten. Endlich hatte sich die Wahrheit durchgerungen. Die Gasse durcheilte die Alarmnachricht: Der Saltner hebt den Kolb-Buam aus der Tauf'. Was war es, das diesen Fall zu einem so unwahrscheinlichen stempelte? War Herr Saltner denn ein Potentat? Man sieht, wie leutselig er war und wie er sich seines Weinstockes wegen nicht abhalten ließ, mit geschwungenem Pfeifenrohr den Missetätern an den Leib zu rücken. Man kennt ihn als den einfachen Hausherrn des zwar größten Hauses der Gasse; aber schließlich Herr Kolb war auch »wer«, hatte auch einen schönen Besitz und der Abstand zwischen einem Hausbesitzer und einem Geschäftsmann war damals noch kein so arg gewaltiger. Das Geheimnis lag darin, daß das Ehepaar Saltner trotz seiner Leutseligkeit und Güte niemals das zuließ, was man Familiarität nennt, außer im nächsten Verwandtenkreis. Zu Dingen der Familiarität jedoch gehörte nach den von seinen Vorfahren übernommenen Anschauungen Herrn Saltners die Patenschaft. Mit ihr übernahm er dem christlichen Glauben gemäß im Ablebensfall der Eltern Vaterstelle. Es mußte dann seiner Ansicht nach nicht nur eine standesgemäße, das heißt bürgerliche Familie 177 sein, sondern auch eine hervorragend christliche, um die es sich handelte. Herr Saltner war, wie seine Kirchengänge bewiesen (vielmehr wie auch sein Leben bewies), sehr fromm. Die Wallfahrt der beiden Frauen, ihre Gebetserhörung hatten auf das Ehepaar Saltner einen großen Eindruck gemacht. Den Schlußstein dieses kühnen Baues, den Frau Beugler schüchtern empfohlen, Frau Rosa energisch ins Werk gesetzt, Herr Kolb widerwillig ausgestattet, den die Mariazeller Muttergottes endlich begnadete, dessen Vollendung Herrn Kolb wie Peperl aus dem Geleise der Alltäglichkeit geworfen – den Schlußstein also wollte Herr Saltner legen, indem er aus seiner sonst stets beobachteten Reserve trat und Herrn Kolb die Patenschaft antrug. Denn nach Ansicht des Patriarchen mußte die Familie im Himmel sehr gute Konditionen haben, indem er doch zwei so sichtbare Wunder offenbarte (Frau Beuglers Terno kam auch auf das himmlische Gewinstkonto des Wagnermeisters). Schöne Einfalt des Glaubens, wenn dieser noch mit so vielen anderen Tugenden Hand in Hand geht, wie sie sonst das Saltnersche Ehepaar zierten. Es fühlte die christliche Verpflichtung des Besitzes und war mildtätig. Manches Wochenbett der Frau Beugler wäre oft mehr ein Jammerbett gewesen, wenn nicht die alte Leni mit ihrem 178 Korbe erschienen wäre. Oder wenn nicht der gestrenge Hausherr den Roßhaarkrempler zu sich zitiert hätte, um ihm im Interesse der öffentlichen Moral und Sittlichkeit Vorstellungen über eine so wüste Überproduktion zu halten. Ganz zerknirscht zerdrückte dann Herr Beugler beim Fortgehen etwas in der Hand, das das leise Knistern einer Banknote hören ließ. Der alte Hausherr lebte noch nach Traditionen. Mögen diese in sehr vielen Fällen dem Nachtrieb der Entwicklung feindlich sein, aber sie haben doch so viel hervorragend Gutes, daß man über sie nicht kurzerhand den Stab brechen darf. Und da in diesem Falle nichts, gar nichts Kulturfeindliches zu künden ist, sondern nur die Tatsache, daß der alte Herr gütig und menschenfreundlich und in innerster Seele religiös war, und da ich in meine Berichte über die kleine Gasse noch nichts bringen will, was deren bisherigen Frieden antasten könnte, so freue ich mich jetzt mit ihr über den erhabenen Entschluß des ehrwürdigen Mannes, dem Bündel an Frau Rosas Seite zur richtigen Menschwerdung zu verhelfen . . . Es war ein Sonntagmorgen, so freudig, wie nur ein solcher Morgen sein kann, besonders in Schackerls Geburtshaus. Der ewige Gärtner oben hatte einige Gießkannen Wasser über Nacht 179 herniedergehen lassen. Und jetzt tropfte und funkelte es noch und die Glaskugeln, so gründlich gereinigt, blinkten noch zehnmal mehr in der Sonne als sonst. Der Brunnen, dessen Leib noch einmal so grün und dessen Kappe noch einmal so rot geworden, blähte sich förmlich vor Wichtigkeit. Und all die Kanarien in ihren Vogelhäuschen! Ob sie nicht für ihre Stimmritze fürchteten? Die alte Schildkröte patschte über den nassen Kies, der junge Rabe hüpfte im Grase umher, der alte hing offenbar tiefsinnigen Betrachtungen nach und der Storch hatte sich steif auf ein Bein gestellt und wendete den Kopf von einer Seite zur anderen. Die vier Gesellen und Peperl stehen, umringt von einer Schar Teilnahmsvoller verschiedenen Geschlechtes und Alters, und warten augenscheinlich voll Ungeduld. Endlich kann sich Peperl nimmer halten: »Soll i hingehn und eahm bei d' Uhrwasch'ln herzarrn?« Peperl hat nun seine volle Männlichkeit wiedergefunden. Die Erinnerung an den bewußten Tag scheucht er von sich wie ein giftiges Gewürm. »San das G'schäftsleut' heutzutags«, zetert eine Frau, die von der ganzen Angelegenheit am wenigsten berührt wurde, denn sie war gar nicht 180 vom Hause, »da sollt' ma nacha no a Derbarmnis mit an' hab'n, wann's eahm schlecht geht.« Herr Beugler hatte das Wort aufgegriffen. Er erklärte sich mit jedem Geschäftsmann solidarisch. Und da ihn heute in aller Früh schon Herr Kolb mit einem aufmunternden Glotzen zu sich gerufen und ihm aus der Flasche, die den bewußten Morgenschnaps enthielt, einige Gläschen »eingeredet« hatte, war der Roßhaarkrempler von merkwürdig kriegerischer Stimmung. »Sie ham's a notwendi, Sie, Frau. Auf Ihner Derbarmnis wird wohl ka G'schäftsmann anstehn. I wenigstens net. Mi werd'n S' net ins Brot setzen mit Ihnere verwahrlosten Strohsäck', die der Millimann nimmer in Stall auslaar'n laßt, sundern in d' Senkgruab'n. Sie ham's wirkli net notwendi g'habt, Frau, über die G'schäftsleut' z' schimpfen.« Herr Beugler brachte seine Anwürfe immer in einem larmoyanten Ton vor, wie ein raunzendes Kind. Der Fehdehandschuh ward aufgenommen. »Was wissen Sie von meine Strohsäck', ha? Und daß S' erst recht wissen, i hab' Matratzen, die i scho zum Umkrempeln geb'n muaß. Da is mir aner rekommandiert wurd'n – billig, guat, sauber. Zu Ihner kummert i vielleicht. Pfui Teufel! Wia da der Kanal stinkt!« 181 Das war nur ein Nachsatz, um das Pfui Teufel! nicht gerichtsfähig zu machen. Denn die betreffende Dame lavierte stets daran vorbei. Man konnte bei ihr ganz einfach den Ton nicht vor Gericht stellen. Wurde sie einmal geklagt, war das Material ein windiges. Denn alles ruhte nur auf der Betonung, auf scheinbar nebensächlichen Vergleichen, einem Räuspern, einem harmlosen Nachsatz wie mit dem aus »der Luft gegriffenen« Kanal. Vielleicht hätte Herr Beugler repliziert, aber in dem Moment keuchte ein Mann mit einem Handwagen durch die Einfahrt und dieser Handwagen war vollgepfropft mit Tannenreisig und Blumen. Blumen zum Winden und Blumen in Gartengeschirren. Die Ankunft des Wagens beugte jeder weiteren Mißhelligkeit vor. Die Gesellen und Peperl stürzten sich darauf, um ihn seines Inhaltes zu entledigen. Die vorgeschilderte Frau meinte nur: »No, ös werd'ts es versamen. Um zwa Uhr is die Tauf' und jetzt hängts scho das G'lumpert aufi? Weil si neamd Zeit lassen kann.« Aber niemand würdigte sie einer Antwort. Auch Herr Beugler nicht, der ebenfalls zugriff. Mittlerweile war Herr Kolb aus der Wohnung 182 getreten und betrachtete mit freudeglänzenden Augen all die blumige Pracht. Der Wagerlmann rieb so ostentativ mit einem roten Taschentuch das Gesicht, daß dieses und das Tuch bald nicht mehr an Röte zu unterscheiden waren. Aber der Wagnermeister, so stumpf er in manchen Angelegenheiten sein konnte, hatte für derlei Demonstrationen einen scharfen Blick. Er beglich die dargereichte Rechnung mit einem solchen Überschuß, nicht zugunsten der liefernden Firma, sondern ihres Angestellten, daß dieser nicht oft genug die Kappe vom Kopfe reißen konnte. »Hätt' m'r's net, so tät' m'r's net«, konnte sich Herrn Beuglers Widersacherin nicht enthalten. »Mein Gott, andere Leut' war'n z' Tod froh, wann s' was z' essen hätten! Aber Übermuat tuat selten guat.« War es die liebe Sonne, war es der Anblick der Blumen, war es die Erwartung all des Freudigen, das heute kommen sollte – niemand gab der Ruhestörerin mehr Anlaß zu einer Erwiderung. Es ging ein fröhliches Hantieren an. Man versteckte die Eingangstür zur Küche förmlich in einem Wust von Reisig und Blumen. Das Arrangement mochte vielleicht einen Fachmann nicht befriedigen, aber den anderen allen 183 gefiel es, mit Ausnahme der nörgelnden Frau vom Nachbarhause, die ihrem Mißmut über die »verpatzte G'schicht'« ganz unverhohlen Ausdruck gab. »Wann ma was machen will, soll ma's aa verstehn. Aber net so Godigkeit i möcht' gern und kann net. A so a Lehrbua versteht aa was vom Blumenbinden? Ehnder no vom Kniaumrutsch'n in d'r Kirchen.« Peperl, den die Geduld verließ, antwortete jetzt bereitwillig: »Wann S' Ihna versegna werd'n lassen, wir i recht andächti für Ihna bet'n. Daß S' nämlich glei drauf a sanftes End' hab'n und daß Ihner der Teufel net in der Luft zerreißt. Zwar der hätt' selber a Angst vur Ihnern Schlapf'n und fahrert o vur dem Bissen.« »Was, du Lausbua, du kecker? Trau di no amal, so leich i m'r deine Ohr'n aus! Mirk d'rs!« »Z'erst frisier i Ihner aber anständig, was Sie, mir scheint, scho a paar Täg vergessen hab'n. So a klane Haararbeit mit dö Wudeln war' net ohne.« Wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, hatte Peperl die Lacher auf seiner Seite. Seine Widersacherin entfernte sich hochrot vor Wut und ließ einige so giftige Bemerkungen zurück, daß ihr die Unterlassung ihrer gewöhnlichen Vorsicht hätte 184 die schönste Ehrenbeleidigungsklage einbringen können, wenn jemand daran gedacht hätte. Ihr Abzug wurde von einem Gelächter der Großen und einem Hallo der Jugend begleitet. Und es gab viel Jugend; diese süße, vordrängerische, nichtstuerische, stets störende Jugend, verstärkt durch massenhaften Zuzug, sehr zum Ergrimmen Peperls, der es übernommen hatte, dieser menschlichen Art von Fliegenlästigkeit zu wehren. Endlich war alle Blumenzier an ihrem Platze. Die ganze Wohnung war erfüllt davon. Auf der weißgedeckten, schimmernden Festtafel im Speisezimmer standen in Vasen ganze Sträuße, von der symmetrischen Anordnung, wie sie ein damaliger Geschmack liebte. Das Wohnzimmer war zur Kapelle umgestaltet worden. Das geschah, indem man auf einen an die Wand gerückten weißgedeckten Tisch einen »Christus im Sturz« stellte, flankiert von zwei verzierten Wachskerzen (einer Darbietung des von Herrn Saltner empfohlenen Lebzelters und Wachsziehers) in zwei massiven, wie Silber glänzenden Pakfongleuchtern. Darüber hing, von Blumen umkränzt, ein kolorierter Stahlstich von Murillos Madonna. Und der Tisch war, einem richtigen Altar gleich, noch mit Blumen in Geschirren besetzt . . . Heute war der Tag angebrochen, an dem der Schackerl, der noch als kleiner Heide seine Fäuste 185 ballte und ein unendlich runzeliges Aussehen zeigte, das gerade nur einer Mutter Bewunderung abnötigen konnte – also heute war der Tag angebrochen, an dem Schackerl getauft werden sollte. Die Zeremonie sollte nach dem früher vielgeübten Brauche der Haustaufe geschehen. Eine spezielle Wiener Eigentümlichkeit, die das Weihevolle mit dem Anheimelnden verbindet. Frau Rosa konnte es kaum erwarten, da sie sich gleich anderen mit ihrem Kinde der Öffentlichkeit zeigen konnte. Vierzehn Tage waren seit der schweren Stunde verstrichen und mit Rücksicht auf den geschwächten Zustand der Mutter hatte die wichtige Handlung, die aus einem zweibeinigen quabbeligen Lebewesen einen matrikenreifen Staatsbürger schaffen sollte, eine Verzögerung erfahren. Erst mußte das Kind getauft sein, dann kam der Reinigungsgang zur Kirche und dann erst konnten sich Mutter und Kind ohne Erröten sehen lassen. Es gibt viel dummen und gerechten, lächerlichen und erhabenen Stolz, aber keinen, der so drollig und dabei so ernst wäre wie der einer jungen Mutter. Er mag vielleicht dem eines Dichters gleichen, der sein Werk durch die Taufe der Druckerschwärze vor ewiger Verdammnis gerettet wähnt. Vielleicht mag er auch dem Stolz 186 gleichen, den Herr Kolb empfand, wenn ein fertiger Wagen seine Werkstätte verließ, oder Herr Beugler, wenn er einen Berg gelockerten Roßhaares betrachtete. Autoreneitelkeit oder Autorenstolz, es läuft auf eines hinaus in allen Dingen, die mit dem ego verquickt sind. Und es ist gut so, sonst strebten wir ins Leere. Es wäre unnötig, die Anteilnahme der Gasse erst des näheren zu würdigen. Schackerl war ja ihr Symbol, ihr Stolz, ihr Eigentum. Man weiß auch, daß sich Herr Kolb in hervorragendem Maße der Tugend Freigebigkeit rühmen durfte. Er ließ sein Metall nicht im Schreine rosten. »Hätt' man's net, so tät' man's net!« war die Losung einer noch behaglich genießenden Zeit. Der Satan Egoismus krallte noch nicht so nach den Herzen, einer stand dem anderen noch nicht so in der Sonne wie in unseren verlogenen Tagen voll Phrase und falscher Humanität, mit ihrer wirklichen abscheulichen Rücksichtslosigkeit. Der Frühschoppen Herrn Kolbs glich abermals einem Gelage, und nur das Gedenken an die Heiligkeit des heutigen Tages, an seine Pflichten der Repräsentation hielt ihn zurück, irgendwelchen Bescheid zu trinken. Mochten andere auf seine Kosten einen Haarbeutel heimtragen, ihm geschah so etwas nimmer. 187 Die Stunden bis zu einer erwarteten Festlichkeit verfließen langsam, die Festlichkeiten rauschen mit Sekundenschnelle vorüber, und glücklich, wem für einige Tage noch ein angenehmes Nachkosten geblieben . . . Keine Nachforschung vermochte mir die genaue Zeit anzugeben, zu der sich die Festgäste im Taufzimmer einfanden. Große Bewegung erregte es, als Herr und Frau Saltner, in würdiges Schwarz gekleidet, erschienen. Dann kam der alte Arzt angetänzelt, der den dringenden Vorstellungen Herrn Kolbs gegenüber sich nicht ablehnend verhalten wollte und auf ein Stündchen gekommen war. Die alte Hebamme, die ebenfalls Staat gemacht hatte, glich auf ein Haar dem Bilde der Frau Holle. Sie steckte in einem Reifrock und hatte eine mächtige Haube auf dem Kopfe. Die Geladenen rekrutierten sich aus entfernteren Verwandten und aus Freundeskreisen. Für das Haus jedoch, das Herr Kolb zu Gaste geladen, standen im Hofe von allen Seiten beigestellte Tische und Stühle. Mit Ungeduld wurde dem Erscheinen des Priesters entgegengesehen. Die Gasse war revolutioniert. Das Haustor war umlagert, die Fenster der nächsten Nachbarschaft besetzt, der Hof und die Einfahrt waren erfüllt von einem Kommen und Gehen. 188 Peperl war in einer steten Balgerei mit unbotmäßigen Elementen begriffen und die Beugler-Kinder trieben sich, ein jedes mit einem Stück Gugelhupf bewaffnet, im Trubel umher. Endlich! Eine Anzahl barfüßiger Stafetten stürzte von der Straße in den Hof mit dem Geheul: »Sie kumman! Sie kumman!« Bald darauf erschien der Pfarrer mit dem Ministranten. Eine ehrfürchtige Stille trat ein. Hüte wurden gezogen, Kreuze geschlagen und heimliche Püffe an die Jugend ausgeteilt, um sie zu einer würdigen Haltung zu bewegen. Der Pfarrer war ein schneeweißer Greis und bildete eine schöne Ergänzung zu dem Saltnerschen Ehepaar, dem alten Doktor und der Hebamme. Mit den vierzehn Tagen des Säuglings beschäftigten sich zur Stunde in den fünf Personen gut dreieinhalb Jahrhunderte. Man mag über Zeremonien denken wie man will. Aber sie sind wichtig und heilig. Für eine aufgehobene würde man doch eine neue setzen, vielleicht weniger erhaben, weniger mystisch, aber trotzdem Zeremonie. Die Feierlichkeit nahm ihren Anfang. Frau Rosa saß in dem alten Sorgenstuhl der Familie, den Kopf durch Kissen unterstützt. Mit tiefer 189 Zärtlichkeit und grenzenloser Besorgnis sah sie auf den Täufling, der aus den Händen der Hebamme in die Arme Herrn Saltners gelangte. Wenn dieser alte Mann, der seit Menschengedenken keine so winzige, kostbare Last gehalten, nicht vielleicht in einem Anfall von Zerstreuung oder Schwäche diese fallen ließe? Aber nichts geschah, was diese Befürchtung gerechtfertigt hätte. Herr Saltner sprach seiner Souffleuse, der Schaffnerin, die gehörigen Worte so eindrucksvoll nach, entsagte für sein Patenkind so energisch dem Teufel und allen höllischen Werken, daß er ganz einfach Bewunderung erregte. Selbstverständlich hatte sich der Geistliche schon früher informiert, auf welchen Namen er das Kind zu taufen habe. »Konrad Jakob«, hatte der Vater gesagt. »Und so taufe ich dich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Konradus, Jakobus . . .« Und der Täufling wurde mit Wasser beschüttet, mit Öl gesalbt und war nun eine so blanke Christenseele, als je eine auf den Himmel Anspruch hatte. Dann ließ sich der greise Pfarrer das Taufbuch reichen, um alle Daten einzutragen und damit erst den Täufling auch staatsbürgerlich an seinen rechten Platz zu stellen. Nachdem er umständlich eine 190 Brille aufgesetzt und sich auf einen Stuhl niedergelassen, fing er mit zittriger Hand zu schreiben an. Alles hielt den Atem an, um den alten Herrn nicht zu stören, der in voller Arglosigkeit Jakobus Konradus eintrug und, da das Versehen von niemandem bemerkt wurde, aus einem Radl endgültig einen Schackerl machte, als der er von Anfang an in dieser Geschichte figuriert. Dann unterschrieb Herr Saltner, der sich von der Verwechslung nichts träumen ließ. Nun löste sich erst der scheue Bann. Der Geistliche wurde von Herrn Kolb und Frau Rosa auf das dringendste gebeten, nur ein Glas Wein wenigstens mitzutrinken, was endlich gewährt wurde. Man begab sich in das zum Festzimmer eingerichtete Speisezimmer, in dem schon alles bereit war, und ließ sich nieder. Die beiden alten Herren saßen mit dem Hausherrnpaar an den Ehrenplätzen, zwischen der jungen Mutter in ihrem Lehnstuhl und dem glotzäugigen Vater, den ein weißer, steifer Hemdkragen so genierte, daß er gezwungen war, Seitenbewegungen des Hauptes auszuführen, gleich einem feisten Ochsen, dem sein Joch unbehaglich geworden. Im Hofe waren ebenfalls alle Stühle besetzt. Ein Faß Bier lagerte auf einem leeren Faß, Weinflaschen standen gefüllt auf den Tischen und 191 dazwischen Schüsseln mit »Aufgeschnittenem« und Schinken und Brotkörbe. Ich will einstweilen kurz Atem holen, um mich über die närrische Vaterfreude und Verschwendungssucht Herrn Kolbs zu verwundern. Welcher Anlaß lag eigentlich vor? Daß ein Ereignis eingetreten, das zum Beispiel den Beuglerschen Eheleuten schon lange kein seltenes mehr war? Welchen Freibrief hatte der wohlhabende Wagnermeister für das künftige Gedeihen seines Sprößlings? Und wenn dieses ein befriedigendes blieb, welche weitere Summen von Glückseligkeit hoffte er im besten Falle zu erwerben? Schackerl konnte ein tüchtiger Wagnermeister werden (wozu bei seiner derzeitigen Konstitution zwar nicht viele Aussichten vorlagen), er konnte ein tüchtiger, geehrter Arzt, gleich dem alten Doktor, oder ein tüchtiger »doppelter« Buchhalter, ein Künstler, aber auch ein Verbrecher, ein Mörder werden. Welche Versuchung Gottes, der Vorsehung, des Schicksals oder eines Naturgesetzes liegt darin, das leise Erscheinen einer Knospe mit dem Jubel zu segnen, der erst der reifen Frucht gebührt! Aber da ich mich doch nur einer bloßen Erzählung unterfange, will ich meine Betrachtung abbrechen und ein Gespräch schildern, das im 192 Wohnzimmer zwischen der Hebamme und Frau Beugler stattfand, die den Täufling für einige Zeit unter ihre alleinige Obhut genommen. Schackerl lag als getaufter Christ genau so apathisch und mit einem verrunzelten Gesicht da wie als ungetaufter Heide, so daß sich Frau Beugler nicht enthalten konnte, seufzend den Kopf zu schütteln. »Frau Schaffner, i waß net, aber i muaß sag'n, das Kind g'fallt mir gar net.« Damit war nur der Gesundheitszustand gemeint. »Daß S' das jetzt erst seg'n«, schnaubte die Hebamme die Bekümmerte an. »Sie als Muatta von so viel Kinder . . . Seg'n S' denn net, daß der da gar net zum leb'n is?« »Um Gottes will'n . . .!« Frau Beugler war fahl vor Schreck geworden. »Schaffnerin, das . . . das kann do net mögli sein.« »San S' stad. Und machen S' net vielleicht a Angehn. Ihner allan sag' i's, wia mir's der Herr Doktor scho g'sagt hat. Über die Tauf' hab'n mir 'hn auffi'bracht. Was weiter sein wird . . .« Und nun geschah etwas selbst für Frau Beugler Unerwartetes, die die alte Hebamme schon genügend und von ihren besten Seiten kannte. 193 Frau Schaffner schluchzte laut auf: »Die armen, armen Batschen! Dö zwa großen Kinder! An's dümmer und besser als 's andere. I hab' die Kurasch net g'habt, Beuglerin, daß i's glei g'sagt hätt'. I hab' die Kurasch net g'habt. Den Jammer möcht' i net anschau'n, da leg' i mi glei liaber an mein Platzl. O Beuglerin, der lange, dumme Trottl . . . das arme, liabe, guate Weib . . .« O Herr Kolb! Peperl! Herr Beugler! Ihr Ehemänner, die ihr in der alten Hebamme nichts als das keifende, zanksüchtige, männerhassende, verbitterte »alte Weib« seht, würdet ihr sie zur Stunde schau'n – welche Abbitte würdet ihr dieser Frau leisten müssen! Zumal du, Peperl, der sich vermaß, die ehrwürdige, greise, warmfühlende Frau Schaffner als eine »Figur wia s' im Buach steht« zu bezeichnen. Frau Beugler rang in maßlosem Jammer die Hände. »Aber . . . aber . . . Schaffnerin . . . das kann do net mögli sein! Das kann net . . . das kann net . . .« »Net is 's mögli?« sagte die Angerufene und deutete auf Schackerl (den ich nun getrost mit seinem wahren Namen weiter nennen darf, wie er in den Registern der Pfarre einzusehen ist). »Da schau'n S' 'hn an!« 194 »Ja, mein Gott! Zu was denn das ganze Wunder? Zu was denn die ganze Freud'? Was hat si's der Mann nur kost'n lass'n . . . Da, horch'n S'! . . .« Man hörte aus dem Festzimmer, gedämpft durch das dazwischenliegende Taufzimmer, ein Hochrufen und Gläserklingen. »Das liegt m'r am Herzen, Beuglerin. Grad denen zwa'n trau i m'r's net z' sag'n. Es is aus der Weis': so zwa Riesenlackeln, wia die Elefanten . . . und so an' Nachwuchs! Dabei a so schwere Entbindung . . . Da war ja Ihner Letzt's no viel größer, und das hab'n S' abbeutelt wia d'r Bam a dürre Zwetschk'n.« »Schaffnerin . . . Gott verzeih' m'r die Sünd' . . . Sie wissen, wie i mei Bruat gern hab'; aber i gebert gern ans in Himmel, wann nur der . . . der derhalten bleibert.« Frau Beugler sah bei diesen Worten mit tränenumflorten Augen auf das apathische, regungslose Bündel, das den stolzen Namen Konrad Jakob Kolb trug, einstmals ein Erbe werden sollte und für mich nur den ein wenig anspruchslosen Namen »Schackerl« führt. Was es jedoch nicht hindert, mein Interesse noch eine kleine Zeitlang wachzuerhalten. »Stad sein«, beruhigte endlich die Schaffnerin. »Wann uns das Weib so verwant siecht, die kriagt 195 an' Schrock'n, daß i für nix steh. Übrigens hat unser Herrgott schon amal a Wunder tan, vielleicht tuat er's no amal. Bleib'n S' bei dem Klan', bis i d' Muatta hereinschick'. Lang därf s' bei der Remasuri net aufbleib'n. Sie is no so schwach, daß m'r für das Beankl Weibl selber no angst wird.« Mit Ausnahme des alten Doktors, der sich inmitten der fidelen Tafelrunde nicht sehr wohl befand und dessen Aufbruchgelüste äußerst offenkundig waren, ahnte niemand in der fröhlichen Gesellschaft, auf wie schwachen Beinen derjenige stand, vielmehr nicht stand, dem alle ausgebrachten Hochs galten. Im Hofe ging es womöglich noch lebhafter zu. Man tat Herrn Kolbs Freigebigkeit alle Ehre an, schwenkte die Gläser gegen die hermetisch abgeschlossenen und verhängten Fenster, hinter denen der Held der heutigen Festlichkeit dahindämmerte, ließ sich's wohl schmecken und der Hof mit seinem weitästigen Nußbaum glich zur Stunde einem der Bilder Tenniers, die eine Volksbelustigung darstellen. Mag innen und außen die Belustigung fortdauern, ich unterbreche sie nur in meiner Schilderung so weit, als zwei Ereignisse eine kleine Störung hervorriefen. 196 Peperl, der heute eine Art Hausmeierrolle übernommen hatte, fühlte sich gedrängt, die Honneurs zu machen, Bier einzuschenken, ungeachtet einer schlimmen, nicht allzu lange vernarbten Erinnerung selbst manch tüchtigen Zug zu tun – kurz, sich als Mittelding zwischen Butler und Pikkolo aufzuspielen. In seinen Obliegenheiten fand er es gehörig, im Verein mit dem Hausmeister und einigen Altersgenossen den Ordnungsdienst gegen draußen zu verwalten. Denn das Haustor war bedenklich umlagert von all denen, die niemals Zutritt haben, weil bloße Füße und eine ungeputzte Nase noch nie die Gesellschaftsfähigkeit verbürgten. Aber seit Bestehen aller Ordnung waren solche Elemente dieser Fähigkeit stets mißgünstig gesinnt, mochten sie nun Ohnehoser oder in diesem Falle Barfüßer sein. Diese Umstürzler betrachteten Peperls Verwaltungsamt mit äußerst mißgünstigen Blicken. Es ist so und wird stets so bleiben, so lange menschliche und göttliche Gerechtigkeit ihr Szepter schwingen, daß barfüßige Leute von Festlichkeiten ausgeschlossen bleiben. Peperl, durch einige unschuldige Glas Bier und Wein etwas erregt, war mit seiner Anhängerschaft gegen den draußen weilenden Gegner in Widerstreit geraten. Die Sanskulottenpartei hatte sich zu äußerst anzüglichen Bemerkungen verstiegen. 197 »Betbruader!« Das Wort der alten Hebamme mußte die Geschwindigkeit der Ansteckung besitzen. »Saufbruader!« »Klingelbeutelmann!« »An' schön' Gruaß von Mariazell . . .« Der feindliche Chor sang mit näselnder Stimme den alten Gesang der aus dem Wallfahrtsort heimkehrenden Gläubigen. Ich glaube, im Wuste und Andrang aller Ereignisse noch eine Tatsache zu erwähnen vergessen zu haben; daß Peperl sich nämlich einer Haarfarbe erfreute, die in Wirklichkeit nur ein grellrötlich schimmerndes Blond war, aber neckender- und boshafterweise als rot verschrien wurde. Daher ertönte es alsbald: Roter, roter Ginginging, Kaiserliche Löschmaschin' . . . Wer dem Begriff Ehrgefühl jemals nahestand,. wird die Situation Peperls begreifen, der sich den erstbesten Sänger in der Weise auslieh, daß er ihn an der Gurgel erwischte und dermaßen bearbeitete, daß sich die Partei des Mißhandelten zur Solidarität verpflichtet fühlte. Peperls Anhang, gleicher Anschauung huldigend, blieb nicht müßig, und in kurzem tobte eine Bubenschlacht, die in den Annalen der Gasse als ewige Denkwürdigkeit bezeichnet werden könnte, wenn man 198 es heute noch der Mühe wert fände, ihnen nachzuforschen. Alle Festgäste strömten aus Zimmer und Hof hinaus. Man beteiligte sich mit gemischten Empfindungen an der Balgerei. Frau Beugler, die ungefähr sechs Söhne in der Schlacht wußte, rang verzweifelt die Hände. Auch einige andere Mütter taten dies, soweit sie dem Kreise der Geladenen des Hauses angehörten. Aber draußen gab es auch Mütter, die ihre Sprößlinge förmlich in den Kampf trieben durch ermunternde Zurufe, sich von der »Bagasche« nichts gefallen zu lassen. Sie schrien es von den Fenstern herab, mischten sich in die kämpfende Schar und vermehrten den Wirrwarr in ungeheurem Maße. Aber alle Revolutionen, Kriege, Aufläufe, selbst Naturgewalten finden ihre Bändiger. Dem Chaos stellt sich zum Schluß stets das Prinzip der Ordnung entgegen. In diesem Falle erschien dieses durch zwei Gewalten vertreten, die in ihrer Gegensätzlichkeit erst volle Harmonie erzielten. Vor allem hatte sich Herr Kolb (jedenfalls durch einige unschuldige Anregungen, gleich denen Peperls, begeistert) in das Chaos gestürzt und den ihm untergebenen Urheber herausgegriffen. Er mußte ihn an Haar und Ohren aus dem Knäuel zerren, so daß Peperl einem widerborstigen, 199 raufenden, verbissenen Köter glich, der am Schwanze aus einer unerquicklichen Situation zum Selbstbewußtsein gerettet werden muß, aber trotzdem noch zähnebleckend nach dem Feinde starrt. Und neben Herrn Kolb, der nach Abfertigung Peperls noch in der Masse, aber lautlos arbeitete, waltete die alte Schaffnerin ihres Amtes, das minder lautlos verlief. Sie hieb, was nur ihre Kräfte gestatteten, in den raufenden Knäuel. »So Hundsbankerten, da – nehmts enk dös no ham. (Sie gab gerade einem raufenden Paar ein paar Schläge auf die Köpfe.) Gehts, gehts, daß i so an gottverlassenes, in Grund und Boden verdorbenes G'sindel nimmer anschau'n brauch'! Das is a Moralität heutingtags? Ha? Das is a Christentum? Ja oder na? – So, da hast! – An an' heiligen Sunntag so was anstell'n? . . . Leb'n m'r denn im Ungarischen, bei dö Betjarn? . . . Ha oder net? Mein Gott! Wann an' da der Schlag net trifft! . . .« In gleichem Moment traf ein Schlag einen verspäteten Nachzügler der Flüchtigen. Denn Flucht war alles geworden. Aber im selben Augenblick kam ein Fiaker herangesaust. Einige schnalzende Peitschenhiebe des Rosselenkers vollendeten die Auflösung. Vor Herrn Saltners Hause hielt das Gefährt mit 200 raschem Ruck. Ein junger, elegant gekleideter Mann hüpfte leichtfüßig heraus und wurde von den vor dem Tor versammelten Taufgästen und Hausbewohnern mit nicht geringem Staunen und Erkennungsfreude begrüßt. »Der Herr Schack! Der Herr Schack!« tönte es und alsbald hing eine alte, behäbige Dame an dem Halse des Angekommenen, ein alter, würdevoller, in Festtoilette gekleideter Herr schüttelte diesem in tiefer Rührung immer und immer wieder die Hand; kurz, Herr und Frau Saltner taten nichts Geringeres, als daß sie mit alter elterlicher Ostentation den einzigen, unvermutet heimgekehrten Sohn begrüßten, ihren – Schack. 201   Neuntes Kapitel (Ist geeignet, an vielen Stellen Wehmut zu erregen. Herr Schack hat wohl nicht seinen letzten Jugendstreich begangen, aber Schackerl begeht seinen ersten und letzten. Die Gasse wird noch durch andere Dinge in ernsthafte Aufregung versetzt. Die Erzählung schließt mit einem Streiche des Beuglerschen und einem wunderbaren Entschluß des Kolbeschen Ehepaares) Zu einiger Wichtigkeit gehört wohl der Umstand, daß Herr und Frau Saltner außer allem anderen lebenden und toten Besitz sich eines Sohnes erfreuten. Der einzige Nachkomme und einstige Erbe aller so oft erwähnten und geschilderten Herrlichkeiten hieß (wie wir alle gehört hatten) nach dem Papa, wie sich's gebührt, Schack und war für den löblichen Beruf des Handels bestimmt. Um ihm Gelegenheit zu geben, die Welt noch von einer anderen Warte zu betrachten als der des alten Steffels, und um seine Sprachkenntnisse zu erweitern, war er, mit väterlichen Mitteln ausgestattet, nach Paris gezogen, um dort in einem Handelshause die elterlichen Ideale verwirklichen zu helfen. 202 Am Tage nach seiner überraschenden Heimkehr und nach Schackerls lärm- und ereignisvoller Taufe saß Herr Schack mit seinen vor Begierde nach Neuigkeiten brennenden Eltern beim Frühstückstisch. Er wußte wirklich glänzend zu erzählen und voltigierte immer geschickt über die verhängnisvolle Frage Papas, was ihn bewogen habe, seinen Posten so ohne Verständigung nach Hause zu verlassen. Bei der Tür stand die alte Leni und wenn es möglich wäre, zwei Mütter zu haben, so hätte der alte Hausgeist den gleichen Anspruch auf den Muttertitel gehabt. Denn mit zärtlicheren Blicken konnte selbst Frau Saltner ihren Einzigen nicht anblicken. Dieser ward aber durch die Nähe der beiden weiblichen Wesen sichtlich immer nervöser und er schlug seinem »Alten« einen Spaziergang vor, der mit einem kleinen Gabelfrühstück irgendwo gewürzt werden könne. Zum Mittagessen sei man wieder zu Hause. Herr Saltner, dem einesteils seine liebgewohnte Ordnung erhalten blieb, und der auch ein wenig schärfer als das stets so blinde Mutterauge blickte, war bereit. Ich will den beiden nicht auf ihrem Wege folgen. Auch interessiert mich der mittlere Schack 203 zu wenig. Ich habe ihn eigentlich nur als Folie zum kleinen Schack, meinem Schackerl nämlich, benützt. Es ist über das Endresultat des Spazierganges nur zu melden, daß das Mittagmahl für den heimgekehrten Sohn sehr frostig und unheimlich ausfiel. Frau Saltner schluchzte zum Herzzerbrechen auf ihrem Platze beim Rundfenster (bei verschlossenen Vorhängen, versteht sich) und in der Küche weinte die alte Leni, der man nichts verborgen hielt und der es das Herz genau so abstieß, die aber genau so geneigt war, nicht bis zur Tragik der Angelegenheit zu schürfen wie die Mutter. Der Vater hatte sich auf sein Zimmer begeben. Was er dort tat – weinte er auch, oder tobte er, oder rechnete er nur, ich weiß es nicht. Es mußte nämlich für die drei alten Leute (Leni rechnete zur Familie) eine wahre Herzensfreude gewesen sein, was Schack auf seinem »Frühstücksgang« dem väterlichen Busen erschloß. Es geschah seinerseits mit einem unendlichen Aufwand von Dialektik und nach der umgekehrten Art des qui s'excuse - s'accuse entschuldigte er sich, indem er sich anklagte. Er hatte sich nämlich ohne bestimmten, noch erteilten Urlaub ganz einfach aus dem Staube gemacht, mit Hinterlassung so kavaliermäßiger 204 Schulden, daß die schleunige Ortsveränderung für Herrn Schacks gesunden Menschenverstand wie den ordnungsgemäßen Besitz seiner fünf Sinne zeugt. Armer Herr Saltner! Arme Frau Saltner! Arme alte Leni! In eure stille, reine, harmlose, heitere Häuslichkeit war der erste Schritt eines nahenden Unheils gepoltert. Es war ja nicht des Geldes wegen allein, es war um die Verletzung einer heiligen Tradition. Das Saltnersche Haus war der Stolz der Gasse, wie ich schon manchmal zu bemerken die Gelegenheit hatte. Und Herr Saltner war Besitzer dieses von Ahnen übernommenen Hauses. Er blickte zu der etwas zweifelhaft allegorischen Verzierung ober dem volutengeschmückten, breiten Haustor, unter dem Rundfenster, mit dem stolzen Behagen eines Angehörigen des Feudaladels empor, der seinem Wappen am Schloß- oder Palaistor zunickt. Tradition! – Wie gering und unscheinbar sie dünken mag – sie verpflichtet. Besonders wenn sie mit der geschlechterreichen Ausübung mannigfacher bürgerlicher Tugenden verbunden ist. Zu den angenehmsten Tugenden für zwei Interessenteile zählt die Abneigung gegen Schuldenmachen. Ein braves Philisterium, das keine nutzlosen Kreuzzugs- und andere nutzlosen Kriegslegenden 205 kennt, hüllte sich in die Toga der unbedingten, prompten Zahlungsfähigkeit, und ich sehe nicht ein, weshalb man es darüber verlachen sollte. Herr Saltner, der gegen erzwungene Zahlungsunfähigkeit oft beide Augen zudrückte, der manch fälligen Zins auf das Verlustkonto buchte, war unerbittlich gegen ein schleuderhaftes, ungeschäftsmännisches Schuldenmachen. Gütige, alte, fast kindisch scheinende Herren können jedoch manchmal sehr energisch und ungemütlich werden. Ich kann nur berichten, daß Herrn Schacks Schulden bis auf den Kreuzer bezahlt wurden, wie sich's für das Saltnersche Haus gehörte, daß aber der Sohn und Erbe die flotte Seinestadt nimmer zu sehen bekam, wie er wohl im stillen erhofft hatte. Einige Tage später saß er in dem Bureau eines alten Wiener Freundes des Herrn Saltner und murrte gegen das Schicksal. Doch äußerte er das Bestreben, sich in Geduld zu fassen, da hochbetagte und hochbegüterte Eltern keinen Garantieschein für ein ewiges Leben besitzen. Und wenn man einmal lachender Erbe ist, wird man zu leben wissen . . . Saltnersches Haus! Nun weiß ich es, warum dein Weinstock verdorrt, der alte Nußbaum umgehauen ist. Wo mag der letzte Sproß sein Haupt 206 gebettet haben? Vielleicht hat ihn die Seine aufgenommen, vielleicht die heimatliche Donau oder ein getünchtes Zimmer des großen Allgemeinen Krankenhauses (in dessen Büchern ich gelegentlich nachforschen will) oder vielleicht das häßliche Amerika? Oder, ach! Vielleicht gar das lebende Grab aller Entgleisten, Entarteten, das Landesgericht? Aber ich will nicht Herrn Schacks Geschichte schreiben. Er hat mit der kleinen Gasse nicht mehr gemein als die Abstammung, und daher nur eine lose Zusammengehörigkeit mit ihr. Aber Schackerl wollte nicht gedeihen. Es war ihm eine Amme verschrieben worden, die sich in einer gesunden, drallen, jungen Frau der Nachbarschaft fand und der Herr Kolb ein fast unbegrenztes Bierdeputat zubilligte. Man lebte nach den Anschauungen jener Tage in dem Glauben, daß viel Bier »Milch« mache. Obwohl unsere heutigen Volkshygieniker dieser Anschauung entgegenstehen, so kann ich wieder nicht anders, als, meiner Pflicht entsprechend, nur zu konstatieren und einfache Geschichte zu schreiben, gestehen, daß seinerzeit der Verfall der Menschheit nicht seinen Anfang genommen. Die arme Mutter war nach allen überstandenen 207 Leiden in allen Sorgen um meinen undankbaren Titelhelden stark abgemagert, was ihrer Riesenhaftigkeit um ein weniges zusetzte. Wenn sie an der Seite ihres Gemahls an dem Bettchen des Kindes stand – sie mit ängstlich großen, überwachten Augen starrend, während er nach angeborner Weise die Augäpfel weit herausquellen ließ, beide in zitternder Sorge um das geringe Nichts, das in seinem Deckchen lag: so war es ein Anblick zum Jammern. Die alte Hebamme, der alte Doktor und sein junger Kollege (der scheinbar seine ganze Praxis in den Dienst Schackerls gestellt), Frau Beugler, auch die Amme taten ihr möglichstes, um ein verzuckendes Flämmchen zu retten. Frau Kolbs Selbsttäuschung war rührend. Immer fragte sie ihre unermüdliche Freundin und Ratgeberin: »Beuglerin, gelten S' ja – er wird doch stärker. Jeden Tag a klan's bisserl, aber er wird do stärker. Denken S' Ihner nur, Beuglerin, heunt hat er mi ang'lacht. Wirkli ang'lacht«, log bewußt die arme Frau Rosa. Es gehörte aller mütterliche Optimismus dazu, aus Schackerls Gesicht ein Lächeln herauszulesen. Ich bin genötigt, mit vollstem Freimut zu sagen, daß sich mein Held nicht auf das 208 vorteilhafteste präsentierte. Es mag dies mit der Verachtung zusammenhängen, die er unserem armseligen Balle entgegenbrachte und die ihn hinderte, auf sein Äußerliches achtzugeben. So jedoch muß ich ihn schildern, wie er in Wirklichkeit und nicht in der Phantasie einer Mutter aussah. Er lag nach Wochen noch so verschrumpft und teilnahmlos da wie an dem Tage seiner Geburt. Aus einem kleinen Kopfe glotzten zwei Augen, die Herrn Kolb von seiner Vaterschaft überzeugen mußten. Denn alles schwur dem Vater zu, der Sprößling sei ihm wie »aus die Aug'n g'rissen«. Aber ich bin genötigt, von dem Schmerzlichsten zu berichten. Wenn ich meiner alten Gewährsmännin Glauben schenken darf, ward Herrn Saltners Haus noch niemals durch einen so gellenden Schrei aus allem Tun geschreckt wie an dem Tage, von dem ich nun sagen muß. Ein Schrei ertönte, daß alles, was im Hause den notwendigen Überschuß an Zeit besaß (und wer hätte ihn damals nicht gehabt?), sich vor der Wohntür des Wagnermeisters ansammelte. Drinnen tönte ein ununterbrochenes weibliches Jammern. »Radl! . . . Radl! . . . Radl!« Man strömte, in der Vermutung, es könne Herrn Kolb etwas zugestoßen sein, in die 209 Wohnung. Im Schlafzimmer lag über das Bettchen Schackerls geworfen Frau Rosa. An ihrer Seite stand mit dem Ausdruck der verzweifeltsten Resignation der riesenmäßige Gatte und starrte nach der Stelle, über die seine Frau die Arme verschlungen hielt. Ja, Schackerl hatte es vorgezogen; seinen Erweckern aus dem köstlichen Nirwana nur einen, aber den grimmigsten Streich zu spielen. Seine Augen glotzten in weiß Gott welch andere Welt. Er hatte es übers Herz gebracht, zwei der besten Menschen untröstbar zu betrüben. Wer jemals einer geliebten Kreatur in das gebrochene Auge gesehen, sei diese ein Kanarienvogel, ein Hund, eine Katze gewesen – es ist einerlei –, weiß, mit welchen Schauern der Wehmut er hinblickte. Was vor kurzem noch gezwitschert, gebellt, gemiaut, gehüpft, gerannt oder schmeichelnd geschlichen, nun . . . Es ist immer traurig, solchen Gedanken nachzuhängen, selbst wenn sie die in unseren Augen unvernünftige Kreatur betreffen. Und nun erst bei Schackerl! . . . Hier lag ein Wesen, das durch Jahre ersehnt und heiß erbeten, durch eine Wallfahrt dem Himmel abgerungen und unter unsäglichen Qualen zur Welt gebracht worden. Ein Wesen, 210 dessen erstes leises Keimen imstande war, einen kleinen, dummen Jahrmarkt, genannt Gasse, kindisch werden zu lassen. Ein Wesen, dem eigentlich die staatliche Lottogefällsdirektion mit Gefühlen höchster Indignation hätte begegnen müssen, da sein Dasein mit einer gewonnenen Terne in fast ursächlichem Zusammenhang stand. Unter den verkrampften Armen seiner armen, törichten Mutter lag Schackerl (der von dieser konsequent als Radl angerufen wurde) und bot ein wenig schönes Bild von Männlichkeit im Gegensatz zu Herrn Schack. Aber Schackerl hatte auch nicht mehr die Fähigkeit, dereinst das Herz einer Mutter stückweise zu zerreißen. Er hatte die Sache rasch abgetan, vielleicht als etwas Langweiliges, dem besser beizeiten auszuweichen ist. Denn Muttertränen tropfen heiß aufs Herz undankbarer Kinder. Ich glaube Schackerl noch keines Undankes beschuldigen zu dürfen. Aber ich meine, er mußte die Welt mit einem Hohne verlassen haben, der noch in seinen greisenhaften Zügen stand. Es lag etwas darin von der egoistischen Zufriedenheit derer, die einen guten Platz im Eisenbahncoupé belegt haben und mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung auf jene blicken, die sich noch am Perron abhasten . . . 211 Schackerl hatte nicht bleiben wollen. Trotz allen Verlöbnisses, trotz aller Freudenräusche der Gasse und trotz aller »Gebetsaufopferungen« Peperls. Er wollte nicht bleiben trotz der hohen Patenschaft Herrn Saltners, nicht zu gedenken der großen Kunstfertigkeit Frau Schaffners und des greisen Doktors . . . Nein, Schackerl hatte nicht bleiben wollen. Er verschmähte es, unter dem grünenden Nußbaum spielen zu wollen. Er verschmähte es, dereinst mit der Schildkröte und dem flügellahmen Hans Freundschaft zu schließen, nach der ausgesprochenen Herzensmeinung seines Paten. Er wollte nichts anderes als das Gründlichste und Beste, was er an der Wende seiner Zeit tun konnte: der Welt mit einer Grimasse adieu zu sagen. Ich hätte es nicht der Mühe wert gefunden, Schackerls bisherigen Lebenslauf bis auf dessen Urgrund nachzuforschen, wenn mir seine wackere Tat nicht imponiert hätte, trotz allem Herzeleid, das ich mit seinen Eltern empfinde. Schackerl zog sich zur rechten Zeit zurück, eine Kunst, die man gewöhnlich großen Politikern, klugen Schauspielern und nicht ganz einwandfreien Kassierern nachrühmt. Er, der an der Grenze zweier Epochen stand, hatte sich entschieden, in die 212 Zeitlosigkeit überzugehen, aus der er beschworen worden. Ich stelle mir seine ursprüngliche Lage ungefähr folgendermaßen vor: Schackerl war als eine sich vergnügende und sich selbst vollkommen genügende Seele durch ein Machtgebot zu einer unerwünschten Materialisation gezwungen worden. Nun haben Machtgebote immer das Bedenkliche, daß sie Widerwillen und Lässigkeit erzeugen. Schackerl dürfte wohl kaum einer der Fügsamsten gewesen sein. Wer weiß, aus welch goldenen Spielen in den Räumen der Unendlichkeit er sich gerufen fand, zur Läuterung durch die Menschwerdung, die er, als lästiges Gebot betrachtend, so bald als möglich abzuschütteln dachte. Was kümmerten ihn die beiden erschütterten und verzweifelten Riesen, die sich an seinem Totenbett in unendlichem Jammer verzehrten? Was kümmerte es ihn, daß sein kurzer Eintritt in das Leben fast das einer jungen, lustigen, stets mitleidigen Frau gefährdete? Daß er eigentlich durch sein kometenhaftes Erscheinen eine ganz ehrbare, gesetzte, wiewohl etwas beschränkte, an Wunder glaubende Gasse in Aufruhr gebracht? Konnte er allein schon seines Vaters unmäßige Freudensäußerungen, Frau Schaffners 213 Zornesanfälle und Peperls eintägiges Abweichen vom rechten Wege verantworten? Konnte er es verantworten, daß seinetwegen eine Bezirksgerichtsklage anhängig war? Denn die streitbare Frau aus dem Nachbarhause hatte den anläßlich der Dekorierung zu Schackerls Tauffest entstandenen Streit mit Herrn Beugler nicht verwunden. Noch weniger die Beleidigung wegen der Strohsäcke, die angeblich statt bürgerlich ehrbarer Roßhaarmatratzen ihr Bett verunzieren und die sich überdies in einem Zustand höchster Verwahrlosung befinden sollten. Aber nein! An all dieses hatte Schackerl nicht gedacht und konnte jetzt noch weniger daran denken, da seine leiblichen, irdischen, gebrochenen Augen nach einem unbestimmten Punkte der Zimmerdecke glotzten, indes seine Seele wohl schon irgendwo mit alten Gefährten spielte . . . Frau Kolb, die sich fast unlöslich mit ihrem Kinde verkrampft hatte, achtete gar nicht der in das Zimmer eingedrungenen Nachbarn und Nachbarinnen. Kniend, wie sie war, hob sie nur die einst so freundlichen, lachenden, jetzt aber in einem Tränenschleier todtraurig gewordenen Augen zu dem Gatten, als läge es in seiner väterlichen und hausherrlichen Macht, Schackerl eines Besseren zu belehren. 214 Der arme Herr Kolb! – Er selbst stand vor etwas Unfaßbarem. Er glich einem plumpen Hunde, der einer Fliege nachstarrt, die sich seinem Schnappen entzogen. Wo war sie hin, die kurze, schöne Täuschung von Vaterschaft? Hatte dieses winzige, unschöne Geschöpf, das die Mutter umklammert hielt, es vermocht, ihn, den gewaltigen, hammerschwingenden Recken, so am Narrenseil zu führen? Erst die Rückkehr seiner Gedanken zu der armen Roserl weckte ihn aus dem Banne von Reflexionen, die für seinen einfachen Geist zu gewaltig waren. Er hob die Kniende sanft empor und bildete im Verein mit ihr eine Gruppe von Einfachheit, Schlichtheit und Größe, die geringen Leuten so oft in aller Einfalt des Schmerzes eigen ist. Und es griff allen ans Herz. Kein Schluchzen wurde laut, kein kreischendes Weinen, das den Tod oft zur widerlichen Komödie macht. Man starrte mit feuchten Blicken nach dem Paar großer Kinder, dem ein unerforschlicher Wille oder ein boshaftes Schicksal oder eine Laune der Natur ein zertrümmertes Spielzeug vor die Füße geworfen, an dem es mit allen Fasern kindlicher Herzen hing. Nur eines will ich nicht ermessen: die Reue Peperls, der mit einer plötzlich aufgestachelten Gottesfurcht gewisse Beziehungen zwischen 215 Schackerls Tode samt allen erschütternden Nachklängen und seiner verfehlten Gebetsaufopferung fand. Peperl erging es nicht anders wie vielen Großen, die über einer Situation zu stehen vermeinen und dann unter dem Gewicht eines schlechten Gewissens und fruchtloser Reue kläglich zusammenknicken. * * * Schackerls winzige Gebeine ruhen unter der etwas lehmigen Erde seines heimatlichen Kirchhofes. Mit ihm endete der letzte Sproß eines zwar nicht ruhmreichen, aber ehrbaren Hauses, wie die wahrheitsgetreue Schilderung seiner Erbittung, Erhörung und Geburt zeigt. Wie diese drei Dinge wäre auch sein frühes Ende eine nicht bald endende Sensation für die Gasse gewesen, wenn sich nicht was anderes, Unerhörtes ereignet hätte. Durch Todesfall (den ich in seltener Pflichtvergessenheit zu konstatieren vergessen) kam ein Haus der Gasse an einige lachende Erben. Das Haus war alt, morsch und sehr weitläufig, mit einem Hofe und einem Garten, die einen wertvollen Grundbesitz darstellten. Nun plötzlich hatte der Geier Spekulation nach 216 dem bisher von ihm übersehenen Winkel geäugt und seine Fänge nach dem von lustigen Erben als lockende Beute hingestellten Grundbesitz gerichtet. Mit Schackerls Ende hätte ich eigentlich keinen Beruf mehr, über weiteres zu berichten. Aber ich habe die kleine Gasse so viel erwähnt und sie in ihrem Zusammenhang mit meinem Helden geschildert, daß ich diese Verpflichtung zu Ende führen muß . . . Es war der plumpe Tritt eines Fußes in einen Ameisenhaufen. Alles rannte hin und her, jammerte, prophezeite schlimme Dinge, ja den Untergang jeglicher Ordnung, alte Frauen behaupteten, daß es in diesem Falle Pflicht des Kaisers wäre, einzuschreiten, denn wozu wäre er sonst Kaiser, wenn nicht, um die Privilegien alter Häuser und Leute zu schützen, mit besonderer Berücksichtigung die einer bestimmten drolligen Gasse. Aber der plumpe, schwere Tritt stampfte weiter. Die Erben hatten bares Geld, die Spekulation wertvollen Besitz und in kurzem war man daran, das alte Haus niederzureißen, seinen Garten auszurotten, und nicht lange danach stand ein dreistöckiges Haus mit einem Rücktrakt versehen an Stelle einer Heimstätte von Generationen einfacher, zufriedener und raumliebender Menschen. Und merkwürdig, als sei Schackerl ein 217 abberufender Geist gewesen, sank auf einmal Greisenhaftigkeit um Greisenhaftigkeit. Den Anfang machte der gute, alte Doktor, der wohl mit Menuettschritten in die Ewigkeit getänzelt war. An seinem offenen Grabe sah alles mit Staunen und Ergriffenheit die alte Schaffnerin weinen und hörte mit dem Ton der Scholle, die sie dem alten Freunde nachsendete, ihr Wehklagen. »Du guater, liaber Dokter! Pfiat di Gott! Pfiat di tausendmal Gott! I kumm bald nach, hörst es, Herr Dokter? I kumm bald nach, und recht – recht gern. Es is ka G'freu'n mehr auf derer Welt! Auf Wiederseg'n, du liaber, guater Herr!« Wie viel Jahrtausende zusammengekoppelter Menschenschicksale mochten die beiden bedeuten! Der alte Arzt und die alte Hebamme. Aneinandergereiht die Jahre aller, die die gute Schaffnerin in die Welt und der gute Doktor aus der Welt gebracht. Die Schaffnerin war stets eine Frau von Wort gewesen; so auch diesmal. Sie hatte ihrem alten Freund versprochen, ihm bald nachzukommen; und das tat sie. Ihr Entschluß wirkte fast katastrophal. Die Gasse ohne Schaffnerin! . . . Wer mochte noch 218 die Lasten des Kindsbettes auf sich laden, wo die einzige, richtige und wirkliche Hebamme nimmer war? Ich denke, allen Ehefrauen graute vor der Möglichkeit, bemüßigt zu sein, eine andere Schwester in ihren Nöten herbeizurufen. Friede mit dir und tausendfacher Segen, alte Schaffnerin! . . . Der Alltag! Er mag Tröster oder Quäler sein in Schmerzen, die betäubt oder in Stille verwunden werden sollten, aber er fragt um nichts, ist stets auf den Beinen, Tag und Nacht (denn Alltag ist heute sehr deplaciert), drängt unablässig ins Joch der Pflicht und ist der ernsthafteste Feind aller hohen Aufwallungen. Ob ein Sieg erstritten wurde, und wenn der Radau noch so viele Tage währt, der Alltag ist der regulierende Katzenjammer. In Revolutions- und Kriegszeiten schwillt der Most der Begeisterung gewöhnlich am stärksten. Auch Festesstimmungen haben wohl das Merkmal erhöhter moralischer (beileibe nicht physischer) Trunkenheit. Aber wie der Wolkenschatten über sonnige Ährenfelder langsam hinzieht und alles Blitzen und Blinken ganz einfach hinweglöscht, so flaut der hochgestimmte Ton der Begeisterung bald ab unter dem Dämpfer Alltag. 219 Bei Herrn Kolb wird gehämmert und geschmiedet wie stets. Die Feier- und Trauertage sind dahin. In das Herz des Ehepaares will keine Freude mehr einziehen. Etwas Ersehntes, das man nicht bekommen kann, bewirkt nur hin und wieder ein Wölkchen der Trauer. Aber ein Verlust ist eine düstere Wolke, die manchmal nie oder sehr spät ein Sonnenstrahl durchbricht. Herr Beugler ist nach wie vor in einem Wust staubigen Roßhaars begraben. Der Terno hat wie alle irdischen Dinge sein Ende gefunden und die Beugler-Bank . . . (Pardon, Kinder) fangen allgemach an, von ihrem in schönen Tagen erworbenen Fett zuzusetzen. Der Zwist mit der streitbaren Nachbarin aus der Gasse, der vor dem Richter seine Austragung fand, endete mit einem matten Vergleich zugunsten der Armenkasse. Alles wäre somit auf dem Status quo geblieben. Aber die Tage, die einander folgen, gleichen sich bekanntlich nicht. Überall webte schon die Erinnerung ihre Schleier. Auf die Gasse, auf Herrn Saltners Haus und noch viele andere Häuser hatte sich etwas gelegt, das man nicht recht zu deuten wußte. Wissenschaftlich konnte man es mit einer Veränderung des Zustandes annähernd bezeichnen. Herr Saltner, Frau Saltner und die alte Leni 220 sahen von Tag zu Tag gedrückter aus. Der Sohn und Erbe hatte Mittel und Wege gefunden, seine Pariser Eindrücke ins Wienerische umzusetzen. Und da das väterliche Herz seinen Panzer umgeschnallt hielt, so war ein Sturm auf die beiden mütterlichen Herzen leichter gewesen. Die alte Leni war schon einigemal nach der Sparkasse gegangen. Die Schildkröte wartete jetzt manchen Tag vergeblich auf die Schuhspitzen ihres Herrn, die beiden Raben wurden stets tiefsinniger und der Storch stets melancholischer und zugeknöpfter. Es waren triste Tage gekommen. Und da begab sich einmal Sonderbares. Die Beuglerin hatte durch Tage hindurch verweinte Augen gehabt. Ihr Gatte strebte förmlich, den Leuten auszuweichen. Er schützte sich durch Berge staubigen, zerknüllten Roßhaars gegen die Außenwelt. Frau Rosa, deren umdüstertes Gemüt keineswegs menschenfeindlich geworden, hatte die Veränderung bemerkt und einmal die Frau in ihre Wohnstube gezwungen. Dort war die Beuglerin förmlich zusammengebrochen. »Dö Schand', Frau Kolb, dö Schand' . . . Sie konnte nicht weiter. »Ja, was gibt's denn, Beuglerin? Was is denn los?« 221 »I und mein Mann dertrag'n 's nimmer. O mein Gott und Herr, dö Schand'! . . .« Und Frau Beugler schluchzte zum Herzzerbrechen. »Frau Kolb, wann das net Bosheit vom Himmel is – unser Herrgott sei mir gnädig, daß i so a Wort in 'n Mund nimm –; aber das – das . . .« Frau Kolb war ernstlich besorgt worden. »Ja, was is 's denn nur? Reden S' do amal deutlicher, Beuglerin!« Und die Beuglerin redete. Nicht viel, aber deutlich genug. War es, daß der Terno mit seinen gastronomischen Folgen die Üppigkeit Herrn Beuglers aufgestachelt, war es, daß durch die vielen Tage der Festesfreude abermals Gedanken von Brautzeit und Vaterzärtlichkeit rege geworden – kurz und gut, das Beuglersche Ehepaar hatte begründete Hoffnung auf einen neuen Sproß auf dem an Sprossen schier überreichen Stamme. Frau Rosa war erst blaß, dann rot geworden, dann hatte sie ihre natürliche Farbe angenommen und gesagt: »Wia unser Herrgott will. So wird's halt für Ihna recht sein, wia's für mi recht sein muaß. Jetzt wanen S' nimmer und sorg'n S' Ihna net. Es bleibt beim alten wia sunst.« »O! . . . Und ka Schaffnerin mehr«, meinte Frau Beugler, »ka Schaffnerin mehr! Frau Kolb, 222 jetzt därf i ihr die Ehr antuan und därfs sag'n, was s' mir bei Lebzeiten immer verboten hat. Unser Herrgott laß s' in sein' schönsten Himmel wohnen! Bei kan' von meine letzten Kinder hat s' an' Kreuzer verlangt. Und Sie wissen, wia g'wissenhaft als s' war. I sag' das net aus an' Grund . . . Verstengan S' mi? . . .« Frau Kolb winkte beruhigend. »I sag's, daß amal alle Welt waß, was die Schaffnerin für a Engel war, trotzdem ihr die Männer weg'n ihr'n Mundwerk so nachg'red't hab'n. Sie wird scho g'wußt hab'n, warum sie si's so ang'wöhnt hat.« Alte Schaffnerin! Keine hochtönende Grabrede hätte dir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen können. »Ob i's waß, Beuglerin? Ob i's waß? Und mein Mann erst recht. Wissen S', der hat g'want wia a Kind, als ihn die Schaffnerin tröst't hat weg'n unsern Radl wia a Muatta. I sag's mit Ihna: Unser Herrgott laß s' in sein schönsten Himmel wohnen! . . . Und jetzt gengan S' ruhig ham, i werd' heut abends mit mein' Alten was bered'n. So, pfiat Ihner Gott! . . . Nur ka Wanerei mehr, das schad't dem Kind . . .« Es war ein Abend wie damals, als Frau Rosa mit der Absicht, ihren etwas störrischen, schwer 223 denkenden Gemahl zu seiner Zustimmung zu der von ihr schon im vorhinein beschlossenen Wallfahrt zu bewegen, mit ihm im Wohnzimmer saß. Herr Kolb war wohl seiner Abendgewohnheit treu geblieben, hatte aber die Zeit seines Aufbruches bedeutend hinausgeschoben, um seine arme Rosl nicht zu lange allein zu lassen, ja er wollte seinen Lieblingsgang zum Abendschoppen ganz aufgeben. Aber Frau Rosa litt dies unter keiner Bedingung. Ihr Gatte sollte nach angestrengtem Tagewerk seine Zerstreuung haben, und ehe er von seinem Stammgasthause zurückkam, war sie genug in den Schlaf eingeweint. Und die Einsamkeit zu zweien ist wohl die fürchterlichste. Kein Auge will dem anderen begegnen, kein Mund sich zuerst zu einem Worte öffnen. Die Liebe fürchtet, zu verletzen, und das Leid fürchtet mit dem Instinkt der Feigheit eine neuerliche Selbstverletzung. Aber heute hielt Frau Kolb ihren Gatten noch zurück wie an dem berühmten Abend, da seine Einwilligung und Beistellung der nötigen Geldmittel zu einer Reise nach Mariazell erlistet werden sollten. Nur galt es heute keine kleine, frauenhafte Überrumpelung des dickköpfigen, stiernackigen, glotzäugigen Riesen. Frau Kolb begann ihrem aufhorchenden 224 Gemahl eine wohl längere Zeit gehegte, aber heute erst reif gewordene Absicht auseinanderzusetzen. Zuerst begann sie von der Unterredung mit der Beuglerin. Der Wagnermeister, wohl in Erinnerung an das unselige Wallfahrtsprojekt, mochte Ähnliches wittern, denn er runzelte die Stirn. Aber seine Frau, die ihn verstand, beruhigte ihn alsbald. »Du waßt, Radl, daß alle Wallfahrten der Welt nix mehr nutzerten. Uns kann der Himmel ka Kind mehr geb'n. Und i wollt' aa nimmer, Radl. Um kan' Preis net. Aber was anders.« Sie begann mit der neuen drolligen Anhoffnung der Beuglerin auf einen neuen kleinen Beugler oder eine neue kleine Beuglerin. Herr Kolb gestattete sich abermals wie an jenem bewußten Abend ein verzweifeltes Auflachen. Dabei hieb er mit der Faust gewaltig auf den Tisch. »Is das mögli?« knirschte er. »Is das net zum Lachen? Dö alten Eseln! Ja, was willst denn von mir? Was geht das mi an? Hab' i die Schuld? So was hat die Welt do no net g'segn. – Eigentli all's um mei Geld«, setzte er ingrimmig hinzu. 225 Frau Kolb legte sanft die Hand auf seinen Arm. »Du waßt, Radl, Hauptsach' is, daß mir a Kind hätt'n. An's, das m'r uns selber aufziag'n. A g'sund's Kind . . .« – sie unterdrückte ein Schluchzen – »das leb'n kann, verstehst mi? Ob jetzt i's unterm Herzen trag'n hab' oder a andere, is alles ans. Und schau – das letzte Kind, was d' Beuglerin auf d' Welt bringt, soll s' uns geb'n, als unser eigenes.« Herrn Kolb machte der Vorschlag dermaßen bestürzt, daß er, wie in seinen besten Tagen, nur fassungslos zu glotzen vermochte. »Schau«, fuhr Frau Rosa fort, »i stell' m'r die G'schicht' so vor. I möcht' fort von dem Haus. I mag nimmer dableib'n. Radl, mir hab'n da was derlebt, was i net vergiß. Und dann – schau, wia schiach unser Gass'n wird. Und wer waß, wie lang's mit unserm Haus dauern kann. Die Saltnerschen, mein Gott und Herr . . . von an' Tag zum andern gengan s' mehr ein. Und der Junge – wann die Alten die Augen zuamach'n, is 's Haus weg.« Herr Kolb starrte nun lange gedankenvoll und schwer vor sich hin. »Du magst recht hab'n, Roserl«, sagte er endlich. »Mir g'fallt's da selber nimmer. Es is, als 226 ob der Holzwurm in an' alten Kasten peckert. Aber dann – da hab'n meine seligen Urgroßeltern g'haust. Das möcht' i m'r do lang überleg'n.« »Du waßt«, fuhr Frau Rosa unbeirrt fort, »daß mein Schwager in Hantal scho lang sei G'schäft samt 'n Haus los werd'n will. Mir zwa und a dritt's hab'n gnua zum Leb'n und san am Land, wo i schon lang gern hin möcht'.« »Is all's recht mit'n dritten«, wendete Herr Kolb in seiner lächerlichen Sucht ein, alle, selbst die einfachsten Dinge von der schmerzlichsten Seite zu nehmen, »aber erstens is 's no net da, zweitens waß ma net, wia's ausschau'n wird, und drittens hab'n do die Beuglerischen aa a Wort mitz'reden. Ob die einverstanden san . . .« »Warum net!« verteidigte Frau Kolb mit all dem Eifer, der ihr bekanntlich zu Gebote stand, wenn es sich um Herzensdinge handelte. »Bitt' di, Radl, bei die viel'n, viel'n Kinder . . . Das letzte wird eahna ka Freud' mehr mach'n. Und dann ans: soll's all'n schlecht gehn oder net wenigstens an' guat? Daß mir eahna für das Kind . . .« »Du manst, mir kaufen's a'!« sagte der aufrichtige Gatte, der für einen einfachen Begriff einen einfachen Ausdruck liebte. »Geh, was red'st denn daher?« zürnte die 227 Gattin, wie an jenem Abend, da Herr Kolb in unwissender Vermessenheit erklärte, jegliches Neugeborne gleiche »aner Krot'«. »Abkaufen! San m'r denn bei die Sklaven? Natürli muaß denen armen Leuteln g'holfen werden, scho weg'n die andern Kinder. Aber abkauf'n . . .« »Is scho wieder guat«, sagte der Meister, der sich mit dem seltsamen Vorschlag überraschend schnell zu befreunden schien. Ja, es war ihm in dem schon seit Urgroßvaterszeit von seinen Vorgängern bewohnten Hause nicht mehr heimisch. Kein Erbe konnte jemals mehr in diesen Räumen walten. Und wie Frau Rosa gesagt, daß keine Wallfahrt der Welt mehr eine zweite Kinderhoffnung bringen könne, so war ihm auch ihre Abneigung gegen diese durch Überlieferung geweihte Stätte begreiflich geworden. Er selbst begann eine Sehnsucht zu hegen nach einer Art stillem Winkel, seitdem in diesem Hause seine stolzen Hoffnungen Schiffbruch erlitten und durch den Fall des einen Hauses die ganze Umgebung ein schier verändertes Gesicht bekommen hatte. Die dumpfen, uneingestandenen Befürchtungen wegen Herrn Saltners Hause hatte Frau Kolb in wenigen Worten zu klarem Ausdruck gebracht. Wie diese beiden aneinanderhängenden Leute 228 gewohnt waren, sich fast in allen Dingen zu ergänzen, so geschah es unbewußt auch in diesem Falle. Und dann war noch eines, was Herrn Kolb ohne weitere erhebliche Schwierigkeiten dem Vorschlag seiner Gattin lauschen ließ. Die Einsamkeit zu zweien bedrückte nun beide, die sie bisher nicht empfunden hatten. Sie hatten Elternfreuden und -Sorgen kennen gelernt. Nur allzu kurze Zeit, und mehr letztere als erstere; aber es war ein neues, wonniges Element herrschend gewesen, geeignet genug, die Stille des bisherigen Haushalts zu unterbrechen. Wie stets in Dingen von Wichtigkeit, wo der dickköpfige Meister sich in die Wirrnis von Bedenklichkeiten zu verstricken drohte, brachte seine Frau die Angelegenheit nach bewährter Weise zum Abschluß. »Jetzt studier' net lang und schau, daß d' furtkummst, du alter Brummbär, du grauslicher. Vielleicht überlegst dir die G'schicht' no a bißl bis murg'n.« Es klang wie in einer glücklichen Zeit, da noch Hoffnungen anderer Art ihre Glocken läuteten und Frau Kolb in schalkhafter Weise ihren Gatten zum Aufbruch nach seinem Stammgasthause trieb . . . Ich nehme Abschied von meinem in einer Art 229 visionären »Schackerl«, der nur geboren zu sein schien, um meiner Gasse ein Relief zu verleihen und meiner anspruchslosen Geschichte einen Namen zu geben. Frau Beugler entledigte sich ihrer Bürde mit der Leichtigkeit und Fertigkeit, die nur in langjähriger Übung erworben wird. Schon lange vorher waren eingehende Besprechungen der beiden Ehepaare auf der Tagesordnung gewesen. Frau Beugler sah verweint und doch wieder getröstet aus; ihr Mann jedoch schien der Sachlage vollkommen gewachsen zu sein. Alles schien in Richtigkeit. Der letzte Beuglersche Sproß war ein Mädchen von überraschender Entwicklung, wie es seinen Vorgängern nach zu schließen nicht zu erwarten stand. Ein halbes Jahr später – und Herrn Kolbs Werkstätte und Wohnung lagen verödet. Mein Interesse an allen ferneren Ereignissen der kleinen Gasse ist versiegt. Mein Schritt wird von nun ab schwerer. Es gilt, keine Idyllen mehr zu beschreiben, keine Schicksale eines »Schackerl« werden meine Feder mehr in Bewegung setzen. Vorbei! Vorbei! Ein neues, äußerlich prächtiges, aber ach! ebenso häßliches Wien hat seine Leiden und Freuden, die der Schilderung wert sind. 230 Ich fuhr mit der Elektrischen jüngst über die Hauptstraße, in die meine kleine Gasse einmündete. Es war dort eine Haltestelle. Ich warf nur einen Blick hinaus, halb Sehnsucht, halb Haß. Die Gasse war durchbrochen, verlängert und dazu verbreitert worden und bildete eine »Verkehrsader«. Lauter protzige Neubauten mit Spiegelscheiben, aufdringlichen Portalen und schreienden Auslagen hatten die alten Häuschen verdrängt. Nur Herrn Saltners Haus, weit bis gegen die Mitte der nunmehrigen Straße vorspringend, steht noch, wie ich es eingangs beschrieben. Es winkte mir entgegen wie ein Kind in Fremde und Verwahrlosung, das in irgendeinem Bekannten einen Retter erspäht. Ich wendete mich ab wie einer, der nicht helfen kann und sein Mitleiden und seinen Jammer hinter einer fremden, unnahbaren Miene verbirgt. Man soll nicht weich werden.   Ende .